summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--77701-0.txt15982
-rw-r--r--77701-h/77701-h.htm17384
-rw-r--r--77701-h/images/cover.jpgbin0 -> 107055 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--images/cover.jpgbin0 -> 107055 bytes
-rw-r--r--ueber_den_umgang_mit_menschen.txt15982
8 files changed, 49364 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/77701-0.txt b/77701-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..aa77722
--- /dev/null
+++ b/77701-0.txt
@@ -0,0 +1,15982 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77701 ***
+
+
+=======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Auf S. 98 ist die fehlende Überschrift (Pkt.18) hinzugefügt worden.
+
+Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter geschaffen. Ein Urheberrecht
+wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt
+genutzt werden.
+
+Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt
+worden:
+
+ ~gesperrt gedruckter Text~
+ +antiqua gedruckter Text+
+
+=======================================================================
+
+
+
+
+ Ueber
+
+ den
+
+ Umgang mit Menschen.
+
+
+ Von
+
+
+ Adolph Freiherrn Knigge.
+
+
+
+
+ In drei Theilen.
+
+
+
+
+ Zehnte Ausgabe.
+
+
+ Durchgesehen und vermehrt
+
+ von
+
+ F. P. Wilmsen.
+
+
+
+
+ Stuttgart,
+
+ bei A. F. Macklot. 1822.
+
+
+
+
+ Vorrede des Herausgebers,
+
+ zur neunten Auflage.
+
+
+Ich habe den Wunsch der Verlagshandlung, Knigge's bekanntes und
+geschätztes Werk über den Umgang mit Menschen für die neunte Ausgabe
+durchzusehen, und mit einer Einleitung, Anmerkungen und Nachträgen
+zu vermehren, gern erfüllt, weil ich glaubte, dadurch nützlich zu
+werden. Dies Werk enthält sehr viel Gutes, und kann für Menschen, die
+auf den mittleren Stufen der Bildung stehen, und wenig Gelegenheit
+haben, Menschenkenntniß einzusammeln, überaus nützlich werden. Da ich
+es für Pflicht hielt, Knigge selbst reden zu lassen, so habe ich mir
+nur da, wo er sich eine offenbare Incorrectheit oder Nachlässigkeit
+im Vortrage erlaubt hat, eine Aenderung und Uebertragung erlaubt,
+und solche Anmerkungen, welche für eine Note unter den Text zu wenig
+Ausdehnung hatten, gleich in den Text selbst verwebt. Dieß glaubte ich
+um so eher mir erlauben zu dürfen, da diese Anmerkungen größtentheils
+nur weitere Ausführungen, oder nähere Bestimmungen, oder eine festere
+Begründung des von K. Gesagten enthalten. Ganz weggestrichen habe ich
+nur solche Stellen, welche eine offenbare Uebertreibung oder eine
+nichtssagende Anekdote, oder eine leere Amplification enthielten. Ein
+zur Vollständigkeit nöthiger Nachtrag enthält besonders die Regeln des
+Umgangs mit Kindern, worüber K. viel zu kurz gewesen ist, und wird die
+Brauchbarkeit des Werkes hoffentlich einigermaßen erhöhen und befördern.
+
+ ~Berlin~, im April 1817.
+
+ ~F. P. Wilmsen.~
+
+
+
+
+ Inhalt.
+
+
+ Erster Theil.
+
+ Einleitung des Herausgebers; Seite 3.
+ Einleitung des Verfassers; Seite 12.
+
+1) Warum man mit großen und glänzenden Eigenschaften dennoch nicht
+immer in der Welt sein Glück mache. Ueber den +esprit de conduite+.
+Mancher will sich nicht nach den Sitten Andrer fügen. Manchem fehlt es
+dazu an der nöthigen Weltkenntniß; Mancher macht zu viel Forderungen.
+Aber auch mit dem besten Willen und guten Anlagen glückt es nicht
+Jedem; warum? 2) In Deutschland ist es schwer, allgemein gute Eindrücke
+in Gesellschaften zu machen; warum? Bilder von Verschiedenheit des
+gesellschaftlichen Tons in einigen Provinzen von Deutschland, und
+Bilder von den Sitten verschiedner Stände. 3) Von meinem Berufe, über
+diesen Gegenstand zu schreiben. 4) Meine eignen Erfahrungen.
+
+
+ Erstes Kapitel; Seite 27.
+
+ Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den
+ Umgang mit Menschen.
+
+1) Jeder Mensch muß sich in der Welt selbst geltend machen. Anwendung
+dieses Satzes. 2) Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem
+~Scheine~ der Vollkommenheit! 3) Sey nicht zu sehr ein Sclave der
+Meinung Andrer! 4) Verliere nicht die Zuversicht! 5) Eigne Dir nicht
+fremdes Verdienst zu! 6) Verbirg Deinen Kummer! 7) Rühme nicht zu laut
+Dein Glück! 8) Enthülle nicht die Schwächen Deiner Nebenmenschen! 9)
+Gib Andern Gelegenheit, zu glänzen! 10) Suche Gegenwart des Geistes
+zu haben! 11) Willst Du etwas in der Welt erlangen, so mußt Du darum
+bitten. 12) Nimm so wenig, wie möglich, von Andern Wohlthaten an! 13)
+Grenzen der Dienstfertigkeit. 14) Halte strenge Wort, und sey wahrhaft!
+15) Sey pünktlich, ordentlich, fleißig! 16) Interessire Dich für Andre,
+wenn Du willst, daß Andre sich für Dich interessiren sollen! 17)
+Verflicht niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und setze Dich immer
+in Gedanken in andrer Leute Stelle! 18) Laß Jeden seine Handlungen
+selbst verantworten, wenn Du nicht sein Vormund bist! 19) Handle nur
+selbst immer folgerecht! 20) Habe stets ein gutes Gewissen! 21) Sey,
+was Du bist, immer und ganz! 22) Unterschied im äussern Betragen. 23)
+Sey nicht zu offenherzig! 24) Suche nie jemand lächerlich zu machen!
+25) Schrecke, zerre, beunruhige und necke nicht! 26) Alle Menschen
+wollen amüsirt seyn. Ueber das Spaßmachen. 27) Sage Jedem etwas
+Lehrreiches oder Angenehmes! 28) Ueber Spott und Medisance. 29) Ueber
+Anekdoten. 30) Trage keine Nachrichten aus einem Hause in das andre!
+31) Sey vorsichtig in Tadel und Widerspruch! 32) Rede nicht zu viel und
+nicht langweilig! 33) Noch von Dingen, die nur Dich interessiren! 34)
+Ueber Egoismus. 35) Widersprich Dir nicht im Reden! 36) Wiederhole Dich
+nicht, und schärfe Dein Gedächtniß! 37) Vermeide Zweideutigkeit; 38)
+Gemeinsprüche; 39) Unnütze Fragen! 40) Lerne Widerspruch ertragen! 41)
+Wo man sich zur Freude versammelt, da rede nicht von Geschäften! 42)
+Ueber Religions-Gespräche. 43) Sey vorsichtig in Gesprächen über Andrer
+Gebrechen! 44) Andre Vorsichtigkeits-Regeln. 45) Bringe bei niemand
+unangenehme Dinge in Erinnerung! 46) Nimm nicht Theil an fremdem
+Spotte! 47) Ueber Disputirgeist. 48) Ueber Verschwiegenheit. 49)
+Wohlredenheit und äusserer Anstand. 50) Ueber kleine gesellschaftliche
+Unschicklichkeiten. 51) Betragen, wenn uns Langeweile gemacht wird. 52)
+Leichtigkeit im Umgange. 53) Man hüte sich vor zu großen Forderungen!
+54) Kleidung. 55) Soll man viel oder wenig in Gesellschaften gehen?
+56) Man kann in jeder Gesellschaft etwas lernen. 57) Mit wem soll man
+umgehen? 58) Ueber den Umgang in großen Städten, in kleineren, und auf
+dem Lande. 59) In fremden Gegenden. 60) Regeln beim Briefwechsel. 61)
+Wie man die Menschen beurtheilen solle. 62) Ob diese Regeln allgemein
+passen? 63) In wie fern auch Frauenzimmer nach diesen Regeln handeln
+können.
+
+
+ Zweites Kapitel; Seite 74.
+
+ Ueber den Umgang mit sich selbst.
+
+1) Es ist nützlich und interessant, über den Umgang mit andern
+Menschen seine eigne Gesellschaft nicht zu vernachlässigen. 2) Es
+kommen Augenblicke, wo wir uns selbst am nöthigsten sind. 3) Gehe
+eben so vorsichtig, fein, redlich und gerecht mit Dir selbst um,
+wie mit Andern! 4) Sorge für Deine Gesundheit, aber verzärtle Dich
+nicht! 5) Respectire Dich selbst, und habe Zuversicht zu Dir selbst!
+6) Verzweifle nicht bei dem Bewußtseyn mangelnder Vollkommenheiten,
+bei den Schwierigkeiten, ein großer Mann zu werden! 7) Sey Dir ein
+angenehmer Gesellschafter! 8) Aber sey Dir auch kein Schmeichler,
+sondern ein aufrichtiger und gerechter Freund! Sey eben so strenge
+gegen Dich, wie Du gegen Andre bist! 9) Wie man Abrechnung mit seiner
+Moralität halten solle.
+
+
+ Drittes Kapitel; Seite 78.
+
+ Ueber den Umgang mit Leuten von verschiednen Gemüthsarten,
+ Temperamenten und Stimmungen des
+ Geistes und Herzens.
+
+1) Ueber die vier Haupt-Temperamente und deren Mischungen. 2) Ueber
+herrschsüchtige Leute. 3) Ueber Ehrgeitzige. 4) Eitle. 5) Hochmüthige,
+im Gegensatze von Stolzen. 6) Ueber sehr empfindliche Leute. 7) Ueber
+den Umgang mit Eigensinnigen. 8) Mit Zanksüchtigen, Widersprechern
+und solchen, die Paradoxie lieben. 9) Mit Jähzornigen. 10) Mit
+Rachgierigen. 11) Mit unentschlossenen, faulen und phlegmatischen
+Leuten. 12) Mit Menschenfeinden, mißtrauischen, argwöhnischen,
+mürrischen und verschlossenen Leuten. 13) Mit neidischen, hämischen,
+verläumderischen, schadenfrohen, mißgünstigen und eifersüchtigen
+Menschen. 14) Ueber den Geitz und die Verschwendung. 15) Ueber das
+Betragen gegen Undankbare. 16) Gegen ränkevolle Leute und Lügner. 17)
+Gegen Windbeutel. 18) Gegen Unverschämte, Müssiggänger, Schmarotzer,
+Schmeichler und zudringliche Leute. 19) Gegen Schurken. 20) Gegen
+zu bescheidne, zu furchtsame Menschen. 21) Gegen Unvorsichtige und
+Plauderhafte, Vorwitzige und Neugierige, Zerstreute und Vergessene. 22)
+Gegen Wunderliche, Sonderlinge und Launenhafte. 23) Ueber den Umgang
+mit dummen, schwachen, übertrieben gutherzigen, leichtgläubigen und
+solchen Menschen, die gewisse Liebhabereien und Steckenpferde haben.
+24) Mit muntern und satyrischen Leuten. 25) Mit Trunkenbolden, groben
+Wollüstlingen und andern lasterhaften Leuten. 26) Mit Enthusiasten,
+Ueberspannten, Romanhaften, Kraft-Genies und excentrischen Leuten. 27)
+Etwas von Andächtlern, Heuchlern und abergläubischen Leuten. 28) Von
+Deisten, Freigeistern und Religions-Spöttern. 29) Ueber die Art, wie man
+Schwermüthige, Tolle und Rasende behandeln müsse. Geschichte zweier
+Wahnsinnigen. Zusatz des Herausgebers.
+
+
+
+
+ Zweiter Theil.
+
+ Einleitung; Seite 125.
+
+ Nachricht von der Art der Eintheilung aller in den drei Theilen
+ dieses Werks verhandelten Gegenstände.
+
+
+ Erstes Kapitel; Seite 125.
+
+ Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter.
+
+
+ Zweites Kapitel; Seite 132.
+
+ Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden.
+
+
+ Drittes Kapitel; Seite 139.
+
+ Von dem Umgange unter Eheleuten.
+
+
+ Viertes Kapitel; Seite 161.
+
+ Ueber den Umgang mit und unter Verliebten.
+
+
+ Fünftes Kapitel; Seite 167.
+
+ Ueber den Umgang mit Frauenzimmern.
+
+
+ Sechstes Kapitel; Seite 182.
+
+ Ueber den Umgang unter Freunden.
+
+
+ Siebentes Kapitel; Seite 198.
+
+ Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern.
+
+
+ Achtes Kapitel; Seite 205.
+
+ Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns in
+ demselben Hause wohnen.
+
+
+ Neuntes Kapitel; Seite 207.
+
+ Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast.
+
+
+ Zehntes Kapitel; Seite 211.
+
+ Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten
+ empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern, Gläubigern
+ und Schuldnern.
+
+
+ Eilftes Kapitel; Seite 215.
+
+ Ueber das Betragen gegen Leute in allerlei besondern Verhältnissen
+ und Lagen.
+
+
+ Zwölftes Kapitel; Seite 228.
+
+ Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen
+ Leben.
+
+ Allgemeine Behandlung der Kinder in den Jahren der ersten
+ Entwickelung; Seite 238.
+
+
+
+
+ Dritter Theil.
+
+ Einleitung; Seite 307.
+
+ Uebergang zu den in diesem Theile verhandelten Gegenständen.
+
+
+ Erstes Kapitel; Seite 307.
+
+ Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen
+ und Reichen.
+
+
+ Zweites Kapitel; Seite 325.
+
+ Ueber den Umgang mit Geringern.
+
+
+ Drittes Kapitel; Seite 328.
+
+ Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen.
+
+
+ Viertes Kapitel; Seite 340.
+
+ Ueber den Umgang mit Geistlichen.
+
+
+ Fünftes Kapitel; Seite 344.
+
+ Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern.
+
+
+ Sechstes Kapitel; Seite 360.
+
+ Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im bürgerlichen
+ Leben.
+
+
+ Siebentes Kapitel; Seite 383.
+
+ Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart und Gewerbe.
+
+
+ Achtes Kapitel; Seite 391.
+
+ Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern
+ derselben.
+
+
+ Neuntes Kapitel; Seite 395.
+
+ Ueber die Art, mit Thieren umzugehen.
+
+
+ Zehntes Kapitel; Seite 399.
+
+ Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser.
+
+
+ Eilftes Kapitel; Seite 404.
+
+ Schluß.
+
+
+
+
+ Ueber den
+
+ Umgang mit Menschen.
+
+
+
+
+ Erster Theil.
+
+ Einleitung des Herausgebers.
+
+
+Der Umgang mit Menschen gehört zu den wirksamsten ~Bildungs-~,
+~Erheiterungs-~ und ~Anregungsmitteln~ des menschlichen Geistes und
+Gemüths; aber wohlthätig werden seine Wirkungen nur dann für uns
+seyn, wenn wir gehörig vorbereitet unter die Menschen treten, und im
+Umgange eben so viel Weisheit, als Klugheit, eben so viel Festigkeit,
+als Geschmeidigkeit, eben so viel Offenheit, als Zurückhaltung zeigen
+und anwenden. Die Vorbereitung besteht in der Fertigkeit, den Schein
+von der Wahrheit zu unterscheiden, die Sprache des feinen Welttons
+zu reden, ohne in's Gezierte und Höfische zu verfallen, und in der
+Sammlung allgemeiner Kenntnisse; endlich in der richtigen Würdigung
+der Menschen, damit ein Bewußtseyn des eigenen Werthes erwache, und
+die Blödigkeit verschwinde, welche unfähig macht, den Umgang mit
+Menschen von höherer Bildung und Erfahrung zu benutzen und zu genießen.
+Man könnte sagen, daß dieß alles, was hier als Vorbereitung auf den
+Umgang mit Menschen dargestellt und erfordert wird, eigentlich das
+Erzeugniß dieses Umgangs selbst sey; allein wenn auch zugegeben werden
+muß, daß alle jene Kenntnisse und Fertigkeiten größtentheils in der
+Gesellschaft gewonnen werden, so ist doch eben so gewiß, daß die
+Gesellschaft ein Recht habe, von ihren Mitgliedern zu fordern, daß
+sie einen Beitrag zur Unterhaltung geben, nicht bloß empfangen und
+genießen sollen. Diese billige Forderung aber kann nur von denjenigen
+erfüllt werden, welche gehörig vorbereitet und ausgestattet in die
+Gesellschaft treten. Dazu soll die Erziehung vor allem mitwirken, und
+daneben die schriftliche Belehrung und Anweisung, welche nicht bloß
+aus Schriften, wie die vorliegende des trefflichen Menschenkenners
+Knigge, sondern auch, und vielleicht noch mehr aus solchen Romanen
+und historischen Darstellungen geschöpft wird, welche sich durch eine
+lebhafte und getreue Charakterschilderung auszeichnen, und Menschen
+von allen Seiten, und in allerlei Lagen, Verhältnissen und Beziehungen
+darstellen. Nicht bloß Menschenkenntniß, sondern auch die Sprache des
+feineren Gesellschaftstones findet sich in solchen Schriften, und sie
+gehören eben deswegen unstreitig zu den wirksamsten Bildungsmitteln.
+In wie fern, und unter welchen Bedingungen auch der ~Umgang~ ein
+Bildungsmittel sey, soll hier nur angedeutet, nicht ausgeführt werden,
+denn für die Ausführung findet sich im Verfolg eine passendere Stelle.
+~Die Weisheit im Umgange~ würde zunächst in der Sichtung der Spreu von
+dem Weizen bestehen, damit sich nicht, zugleich mit den Kenntnissen und
+berichtigten Urtheilen, mit den Ansichten der Welt und der Menschen,
+mit der Erwärmung für das Schöne, Gute und Edle, auch Vorurtheile aller
+Art, schiefe und ungerechte Urtheile, falscher Geschmack, Heuchelei und
+Verstellungskunst, Leichtsinn und Eitelkeit in die Seele einschleiche.
+Ohne diese Weisheit hat die Gesellschaft nur verderblichen Einfluß,
+wird sie endlich selbst die Kraft überwältigen, mit welcher heilsame
+Eindrücke der Erziehung auf unsern Willen wirken, wird sie den, der
+sich sorglos ihrem Einfluß hingibt, zum Sclaven der Mode und Sitte
+machen, und ihn um sein bestes Lebensglück betrügen.
+
+Aber mit der ~Weisheit~ reicht man in der Gesellschaft nicht aus;
+sie fordert eben so sehr jene vorsichtige und besonnene ~Klugheit~,
+welche uns lehrt, erlaubte Vortheile zu erkennen und zu benutzen,
+und den Klippen auszuweichen, an welchen so leicht die Fassung, die
+Heiterkeit und Laune scheitern kann. Wer im Umgange mit der großen Welt
+zu oft in Verlegenheit kommt, zu oft, durch den Schein irre geführt,
+sich zu einer Offenheit verleiten läßt, die er hernach mit Schrecken
+gemißbraucht oder gemißdeutet sieht; wer nicht zu rechter Zeit ein
+Gespräch abzubrechen, oder es auf eine ungezwungene und verständige
+Weise anzuknüpfen und fortzuführen weiß, ohne vorlaut und zudringlich
+zu werden, oder sich selbst zum Thema der Unterhaltung zu machen; wer
+nicht mit Klugheit die Personen, aus welchen die Gesellschaft besteht,
+nach ihren bürgerlichen und Familienverhältnissen berücksichtigt,
+und seine Urtheile ohne alle Rücksicht fällt, seine Bemerkungen ohne
+alle Umsicht mittheilt: der wird für alle diese Verstoße gegen die
+Klugheit im Umgange hart büßen müssen, und sich bald genug von der
+Gesellschaft ausgeschlossen sehen. Jene Weisheit, welche der Umgang
+fordert, und jene Klugheit, welche er voraussetzt, besteht ferner in
+der ~Festigkeit~, die nie in Starrsinn und Rechthaberei ausartet, und
+in der Geschmeidigkeit, welche eben so weit von Heuchelei, als von
+Blödigkeit und Menschengefälligkeit entfernt ist. Wer immer der Meinung
+dessen ist, der zuletzt sprach, oder der das Wort in der Gesellschaft
+führt, nie eine eigene Meinung hat, oder sie wenigstens sogleich
+feigherzig aufgibt, wenn sie Widerspruch findet, wird der Gesellschaft
+eben so wenig verdanken, als der, welcher mit rechthaberischer
+Heftigkeit seine Gegner nur überschreit, nicht mit Gründen bekämpft.
+Aber vorzüglich kommt es hier auf die ~Art~ an, wie man solche
+Meinungen und Urtheile, welche lebhaft bestritten werden, vertheidigt
+und begründet. Es gibt Menschen, welche bei solchen Vertheidigungen
+alle Rücksichten und jede Schonung und Milde, welche zum Wesen
+des Umgangs gehört, bei Seite setzen, und in leidenschaftlicher
+Lebhaftigkeit ihre Gegner mehr anfallen und mißhandeln, als bekämpfen.
+Hier ist die Grenze sehr leicht überschritten, besonders wenn die
+Klugheit nicht von wohlwollenden Neigungen unterstützt wird, oder
+persönliche Mißverhältnisse der Streitenden einwirken und sichtbar
+werden. Dennoch gehört die Festigkeit recht eigentlich zu den
+geselligen Tugenden, weil die Gesellschaft nicht ohne ~Reizmittel~
+bestehen kann, und der Widerspruch zu den wirksamsten Reizmitteln
+gehört; aber auch deswegen, weil nur Festigkeit gegen die gefährlichen
+und verderblichen Eindrücke des Umgangs waffnet und sichert, so wie
+gegen die Verlegenheit und Bedrängniß, in welche wir diejenigen so oft
+in der Gesellschaft gerathen sehen, welche dem Hochmuth, der Anmaßung,
+Unbescheidenheit und leeren Prahlerei nichts entgegen zu setzen wissen,
+und da verstummen, wo sie recht laut werden und mit Nachdruck sprechen
+sollten.
+
+Aber wie der Umgang verderblich werden kann, wenn man seinem Einfluß
+nicht mit Festigkeit zu widerstehen, und durch festen Muth alles
+abzuwehren weiß, wodurch das Vergnügen der Gesellschaft gestört, oder
+das Recht des Einzelnen gekränkt wird; so wird sein Reiz und sein
+Genuß durch die ~Geschmeidigkeit~ erhöht, mit welcher sich Jeder
+in den Ton der Gesellschaft überhaupt, und in die Schwachheiten
+der Einzelnen insbesondere zu finden und zu schicken, Störungen des
+gesellschaftlichen Vergnügens zu entfernen, und alles herbeizuführen
+weiß, was die Unterhaltung nähren und beleben, die Bande der
+Gesellschaft fester knüpfen, und den Genuß Aller erhöhen kann, und
+zwar auf eine solche Art, daß Keinem etwas aufgedrungen, und nichts
+erzwungen wird. Wie leicht diese Geschmeidigkeit ausarte, und wie
+lästig, verächtlich und erniedrigend sie in ihrer Ausartung sey,
+davon finden sich die auffallendsten Beispiele in jeder zahlreichen
+Gesellschaft. Sie muß in theilnehmenden und wohlwollenden Gefühlen, in
+~der~ Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit, welche sich nie vordrängt,
+und keine Auszeichnung begehrt, und in dem Wunsche, sich zu belehren,
+ihren Grund haben, wenn sie für eine gesellschaftliche Tugend gelten
+soll. Häufig erscheint die Geschmeidigkeit als Herablassung zu den
+Schwachen, als Herabstimmung zu einem uns fremden und ungemüthlichen
+Gesellschaftstone, und in so fern sie selbst lauter Schwäche, nicht
+Grundsatz und nicht Wohlwollen oder Klugheit ist, als ein Heulen
+mit den Wölfen, als ein feigherziges und unsittliches Einstimmen in
+einen Ton, den man für schlecht und niedrig erkennt. Hier würde die
+Festigkeit an ihrem Orte seyn. Dagegen ist es hohe Gesellschaftstugend,
+den Schwachen in der Gesellschaft sein Ohr zu leihen, wenn sie über die
+Gebühr von sich selbst und ihren besondern Angelegenheiten sprechen;
+der Mutter theilnehmend zuzuhören, welche von den Anlagen und von
+der Liebenswürdigkeit ihrer Kinder, oder von häuslichen Leiden mit
+großer Ausführlichkeit spricht; den ehrlichen Handwerksmann ausreden
+zu lassen, oder durch Fragen selbst zu veranlassen, vom Handwerk zu
+sprechen und seine Erfahrungskenntnisse gutmüthig mitzutheilen, wobei
+dem Hörenden wohl noch durch manche nützliche Sachkenntniß seine
+Herablassung vergolten wird.
+
+Eben so viel ~Offenheit~, als ~Zurückhaltung~, fordert endlich der
+Umgang mit Menschen. Offenheit ist die Seele des Umgangs; aber
+sie setzt Vertrauen voraus, und wer kann sogleich Vertrauen zu
+Personen fassen, die er nur in ihren Feierkleidern sieht, und nicht
+beobachten kann, wenn sie in ihrer Alltagskleidung einhergehen.
+Es gibt eine Offenheit, welche mit kluger Vorsicht vereinbar ist,
+und diese soll im Umgange herrschen. Niemand soll seine Grundsätze
+und Ueberzeugungen verheimlichen, oder schweigen, wo die Pflicht,
+sich des Verleumdeten anzunehmen, den Splitterrichter zu demüthigen
+und zu strafen, den Heuchler zu entlarven, den Prahler in seiner
+Erbärmlichkeit darzustellen, oder auch nur die Pflicht, seinen
+Beitrag zur Unterhaltung zu geben, das Schweigen verbietet. Aber
+Rücksicht auf Kinder, auf Schwache und Unwissende, auf Schüchterne
+und Aengstliche, auf Horcher und Wortverdreher, auf Neuigkeitsträger
+und Klatschschwestern, gebietet auch oft Zurückhaltung des Urtheils,
+des Spottes, eines witzigen Einfalls, einer wahren, aber bitteren
+Bemerkung, einer Meinung oder Erklärung, die leicht gemißdeutet oder
+gemißbraucht werden kann.
+
+Dieß also wären die Bedingungen, unter welchen der Umgang
+Bildungs-, Erheiterungs- und Anregungsmittel werden
+kann. Wem übrigens die Wahl frei steht, zwischen großen, stark
+gemischten Gesellschaften, und kleineren Gesellschaftskreisen, der
+handelt weise, wenn er diese vorzieht, und jene so viel als möglich
+vermeidet. Denn je zahlreicher die Gesellschaft ist, desto leerer
+ist der Umgang, und nur da ist die Unterhaltung ergiebig
+und lehrreich, wo Alle daran Theil nehmen, und Keiner durch
+Rücksichten der Klugheit und Vorsicht zur Zurückhaltung bestimmt
+wird, sondern Jeder frei und unverhohlen seine Meinung äußert.
+
+Auf der andern Seite ist der Umgang mit Einzelnen, wenn
+sie mit einer ächten Geistesbildung eine reiche Erfahrung verbinden,
+und in mannigfaltigen Verbindungen leben, viel ergiebiger
+und belohnender, als das eigentliche Gesellschaftsleben, und
+diejenigen, welche das Leben in dem edelsten Sinne genießen
+wollen, ziehen sich daher aus der großen Welt zurück, und wissen
+sich in dem Familienleben einen Genuß zu bereiten, welcher
+in großen und gemischten Gesellschaften vergebens gesucht wird.
+Vielleicht ist es auch nur in solcher Zurückgezogenheit möglich,
+das Herz vor Thorheiten und Verirrungen zu bewahren, in welche
+es so leicht durch den Einfluß der Gesellschaft verwickelt wird,
+und die Ausartung des Herzens zu verhüten, welcher diejenigen
+nicht entgehen, die ihrem Umgange die möglichste Ausdehnung
+geben, und darin den höchsten Genuß des Lebens finden. Denn
+neben dem wohlthätigen Einflusse, welchen der Umgang mit
+Menschen aus allen Ständen auf die Entwickelung unseres Geistes,
+Veredlung unseres Herzens, und Erheiterung unseres Gemüths
+haben kann, wenn er ein gewählter ist, und mit Mäßigung
+und Vorsicht genossen wird, übt er auch einen nachtheiligen
+und selbst verderblichen Einfluß auf unbewachte und unbereitete
+Herzen aus.
+
+Wenn auf der einen Seite unsere Begriffe durch den Umgang
+bereichert und berichtigt werden, so verwirrt er sie auf der
+andern. Wir hören Menschen, mit Witz und Scharfsinn ausgestattet,
+ihre vorgefaßten Meinungen, ungerechten Urtheile
+und fixen Ideen mit einer solchen Beredsamkeit und Zuversicht
+als unstreitige und unläugbare Wahrheiten darstellen, daß wir
+uns überreden, ein ganz neues Licht über diese Gegenstände erhalten
+zu haben, und ihre Jünger werden. Ein andermal fällt
+ein witziger Spötter über das Heilige her, und es gelingt ihm,
+den religiösen Gefühlen einiger Schwachen in der Gesellschaft einen
+Stoß zu geben. Er hat ihnen das Unersetzliche genommen,
+und sie werden diesen Verlust nie verschmerzen. Der Umgang
+wird heute Nahrung für unsere wohlwollenden und theilnehmenden
+Gefühle; aber morgen gerathen wir in eine Gesellschaft, in
+welcher der Hofton herrschend ist; wir stoßen auf lauter verlarvte
+Gesichter, hören lauter Redensarten, werden überall durch die
+unverschämten Uebertreibungen einer frechen Schmeichelei verletzt,
+sehen eine ganze Gesellschaft von Schauspielern vor uns,
+von welchen jeder seine Rolle spielt, und nirgends wird uns
+Nahrung für Geist und Gefühl gereicht; was ist natürlicher,
+als daß wir Menschenverachtung aus dieser Gesellschaft mitnehmen,
+und uns nicht sobald wieder mit den Menschen aussöhnen;
+daß sich Mißtrauen unseres Herzens bemächtigt, und der
+Glaube an die Menschheit seine Kraft verliert.
+
+Ein unbewachtes und unbefestigtes Herz geräth in einer Gesellschaft
+unter feine und beredte Schmeichler; der Giftsaame wird in das Herz
+gestreut, und die Früchte werden nicht ausbleiben.-- Und wer hätte
+nicht in der Gesellschaft die Kunst zu scheinen, Gefühle zu verhehlen,
+eine Rolle zu spielen, zu heucheln, und sich zu verstellen, wider
+seinen Willen, und ohne sein Wissen gelernt? Man gewöhnt sich in der
+Gesellschaft an alles, selbst an das Lächerlichste, Erbärmlichste,
+Platteste, an Mangel und Mißbrauch des Verstandes, an die häßlichsten
+Gesichter und Gemüther, die widrigsten Fehler des Körpers und des
+Sprachorgans; man bemerkt am Ende diese Gebrechen kaum mehr. Daher
+sieht man, besonders in den höheren Ständen, die Mitglieder der
+Gesellschaft ihren faden Witz, ihre beredten Verleumdungen, ihren
+ungesalzenen Spott und ihre kläglichen Tagesneuigkeiten mit einer
+Unbefangenheit gegen einander austauschen, als ob die unschuldigsten
+Dinge vorgingen, und es fällt Keinem auch nur von ferne ein, sich
+einer solchen Unterhaltung zu schämen, noch weniger, ihr eine bessere
+Wendung zu geben, oder Salz zu verlangen und zu erwarten. Aber es sind
+nicht bloß die Geistlosen oder Armen am Geist, die es so arg treiben;
+auch Geistreiche lassen sich endlich, wenn sie lange genug Zuhörer
+gewesen sind, zu solchem Kleinhandel herab, und werden aus lauter
+Gefälligkeit, oder um der langen Weile zu entgehen, mit geistlos. Es
+gehört Muth, Geduld und große Gewandtheit dazu, einen faden und dürren
+Gesellschaftston zu beschwingen, und endlich zu verdrängen; aber diese
+Kunst sollte jeder zu erringen suchen, weil dadurch großes Verdienst zu
+erwerben ist, und der, welcher sie besitzt und ausübt, der Wohlthäter
+einer ganzen Stadt werden kann.
+
+Mehr oder weniger trägt jeder das Gepräge der Gesellschaft,
+und wird ihr Zögling, oft ein zu folgsamer; denn indem sie allen
+seinen Trieben die mannichfaltigste und reichste Befriedigung
+darbietet, besonders dem Ehrtriebe, indem sie das Bedürfniß,
+zu lieben, und geliebt zu werden, eben so sehr aufregt, als kräftig
+stillt, und allen seinen Zwecken dient, legt sie ihn in unauflösliche
+Fesseln. Doch sie soll auch seine Kräfte in Bewegung
+setzen und beschäftigen, darum muß sie Reibungen veranlassen,
+und jeglichem Bestreben, wozu die vereinte Kraft Mehrerer erfordert
+wird, so wie jeglicher ungeselligen Neigung Hindernisse
+und Widerstand entgegenstellen. Nicht überall kommt uns in
+der Gesellschaft (das Wort hier im weitesten Sinne genommen)
+Theilnahme und guter Wille entgegen, nicht überall die Anerkennnng
+unserer Verdienste und unserer sittlichen Güte, und da,
+wo wir gern Einfluß gewinnen möchten, stößt sie uns zurück,
+weil wir nicht ihre Sprache zu reden wissen, oder uns weigern,
+sie zu reden, und in den Ton, der jetzt gerade der herrschende
+ist, einzustimmen. Auf der andern Seite legt sie dem Rohen
+und Ungesitteten Fesseln an, und zwingt ihn durch die Gewalt
+ihrer conventionellen Gesetze, die Sprache der Bescheidenheit und
+Ehrbarkeit zu reden; sie nöthigt ihn zu einer sehr beschwerlichen
+Selbstverleugnung, und straft ihn auf der Stelle, wenn er sich
+weigert, ihre Gesetze anzuerkennen und ihnen zu gehorchen.
+Wenn es scheint, daß sie dadurch theils Heuchler bildet, theils
+Menschenhasser, so kann sie zwar von dieser Schuld nicht ganz
+frei gesprochen werden; aber sie weiß wenigstens den Schaden,
+welchen sie anrichtet, mannichfaltig zu vergüten, theils durch
+die Ermunterungen, welche sie denen zu Theil werden läßt, die
+sich in ihr geltend zu machen wissen; theils durch die Veranlassungen,
+welche sie dem Thätigen und Wohlwollenden gibt, sich
+gemeinnützig zu machen, vorzüglich aber durch die Kunst und
+Sorgfalt, mit welcher sie die rohen Edelsteine schleift, so daß
+ihr Werth erkannt und richtig geschätzt wird. Sie kommt durch
+dieß alles der Erziehung sehr wirksam zu Hülfe, und rettet Viele,
+die sonst für die Welt verloren gegangen seyn würden, errettet
+Andere aus dem Verderben der Milzsucht, Hypochondrie und
+üblen Laune, der Blödigkeit und Verzagtheit, des Versinkens
+in Eintönigkeit, Einsylbigkeit und Verschlossenheit, verhilft ihnen
+zu der Entdeckung, daß ihnen auch die Gabe der Sprache, oder
+wohl gar die des Witzes und Humors zu Theil geworden sey,
+weckt in viel Tausenden wohlwollende und theilnehmende Gefühle,
+und heilt sie gründlich von den Krankheiten, welche ihnen
+durch eine verkehrte Erziehung, oder durch den Einfluß eines
+bösen Familiengeistes, oder durch die Macht böser Gewohnheiten
+eingeimpft worden sind. Auch für diejenigen wird sie oft
+Retterinn und Wohlthäterinn, welche am Müßiggange und an
+der langen Weile krank liegen, und nur der Anregung bedürfen,
+um sich zu fühlen, und zur Thätigkeit zu erwachen.
+
+Die schwerste Aufgabe, welche uns die Gesellschaft zu lösen
+gibt, und wodurch sie besonders die festen und gediegenen Charaktere,
+und die einfachen Gemüther abschreckt, ist die, sich in
+die oft ganz kontrastirenden Tonarten zu finden und einzustimmen,
+welche in den verschiedenen Kreisen die herrschenden oder
+beliebten sind. Denn seinen Geschmack verleugnen, seine Vernunft
+gefangen nehmen unter dem Glauben an die Untrüglichkeit
+der Mode, oder faden Witz verschlucken, und immer wieder
+dieselben Späßchen sich vormachen lassen, oder einem Treibjagen
+gemeiner Anekdoten zusehen, dazu gehört, wenn man wahrhaft
+gebildet ist, eine Selbstverleugnung, die auch des Geduldigsten
+Langmuth erschöpft, oder ein Humor, der nicht zu zerstören
+ist. Da aber in dieser besten Welt niemand der Nothwendigkeit,
+die Menschen zu nehmen, wie sie sind, entgehen kann,
+so dürfte es zur Lebensklugheit gehören, sich mit einer solchen
+Fassung und humanen Langmuth auszustatten, daß man auch
+die schwersten Prüfungen dieser Art bestehen könne.
+
+Zur Erwerbung einer solchen Fassung und Langmuth kann eine Anleitung,
+wie sie ~Knigge~ in dem vorliegenden Buche gegeben hat, allerdings
+etwas beitragen, da sie die Menschen nicht nur in allerlei Gestalten
+lebendig darstellt, sondern auch lehrt, wie man sie, nach Maßgabe
+ihres Charakters und ihrer Bildung, zu nehmen und zu behandeln, welche
+Klippen man im Umgange zu vermeiden, welche Saiten man zu berühren
+und nicht zu berühren habe, und wie man sich gegen den nachtheiligen
+Einfluß sichern könne, welchen der Umgang auf Gesinnung, Sitte und
+Urtheil ausübt, wenn man nicht die Spreu von dem Weizen zu sondern
+versteht, und sich durch das Ansehen hoher Einsicht und untrüglicher
+Urtheilskraft, welches die dreisten Tonangeber in der Gesellschaft
+anzunehmen wissen, täuschen und bethören läßt. Wenn der humoristische
+Verfasser hie und da seiner Laune zu sehr den Zügel schießen ließ, und
+sich, um einen witzigen Einfall nicht unterdrücken zu dürfen, eine
+kleine Uebertreibung oder Entstellung erlaubte; wenn er sich von einem
+Vorurtheil, welches man ~seiner~ Zeit zu Gute halten muß, verleiten
+ließ, den französischen Gesellschaftston und die geselligen Tugenden
+der Franzosen, auf Unkosten der Teutschen, zu preisen; so thut dieß
+im Ganzen dem Werthe dieses Buches keinen Eintrag, da es nicht schwer
+ist, in diesen Stellen die Uebertreibung zu erkennen und abzusondern;
+auch hat es sich der Herausgeber angelegen seyn lassen, des Verf.
+Bemerkungen in dieser Hinsicht zu berichtigen, und sein Urtheil zu
+mildern.
+
+
+
+
+ Einleitung des Verfassers.
+
+
+ 1.
+
+Wir sehen die klügsten, verständigsten Menschen im gemeinen
+Leben Schritte thun, wozu wir den Kopf schütteln müssen.
+
+Wir sehen die feinsten theoretischen Menschenkenner das
+Opfer des gröbsten Betrugs werden.
+
+Wir sehen die erfahrensten, geschicktesten Männer, bei alltäglichen
+Vorfällen, unzweckmäßige Mittel wählen; sehen, daß
+es ihnen mißlingt, auf Andre zu wirken; daß sie, mit allem
+Uebergewicht der Vernunft, dennoch oft von fremden Thorheiten
+und Grillen und von dem Eigensinne der Schwächern abhängen;
+daß sie von schiefen Köpfen, die nicht werth sind, mit
+ihnen verglichen zu werden, sich müssen regieren und mißhandeln
+lassen; daß hingegen Schwächlinge und Unmündige an
+Geist Dinge durchsetzen, die der Weise kaum zu wünschen wagen
+darf.
+
+Wir sehen manchen Redlichen fast allgemein verkannt.
+
+Wir sehen die witzigsten, hellsten Köpfe in Gesellschaften,
+wo Aller Augen auf sie gerichtet waren, und jedermann begierig
+auf jedes Wort lauerte, das aus ihrem Munde kommen
+würde, eine untergeordnete Rolle spielen; sehen, wie sie verstummen,
+oder nur gemeine Dinge sagen, indeß ein andrer,
+äußerst leerer Mensch die kleine Summe von Begriffen, die er
+hie und da aufgesammelt hat, so durch einander zu werfen und
+aufzustutzen versteht, daß er Aufmerksamkeit erregt, und, selbst
+bei Männern von Kenntnissen, für etwas gilt.
+
+Wir sehen, daß die glänzendsten Schönheiten nicht allenthalben
+gefallen, indeß Personen, mit weniger äussern Annehmlichkeiten
+ausgerüstet, allgemein interessiren. --
+
+Kurz, wir werden täglich gewahr, daß die klügsten und gelehrtesten
+Männer, wenn nicht zuweilen die untüchtigsten zu
+allen Weltgeschäften, doch wenigstens unglücklich genug sind,
+durch den Mangel einer gewissen Gewandtheit zurückgesetzt zu
+bleiben, und daß die Geistreichsten, von der Natur mit allen
+innern und äussern Vorzügen beschenkt, oft am wenigsten zu
+gefallen, zu glänzen verstehen.
+
+Manche Leute glauben, ausgezeichnete Eigenschaften berechtigten
+sie, die kleinen gesellschaftlichen Schicklichkeiten, die Regeln
+des Anstandes, der Höflichkeit, oder der Vorsicht zu vernachlässigen
+-- Sie irren sehr. Großer Eigenschaften wegen
+verzeiht man große Fehler, weil Menschen von feinerm Stoffe
+heftige Leidenschaften zu haben pflegen. Wo aber keine Leidenschaft
+im Spiele ist, da soll der bessere Mann auch weiser handeln,
+als der alltägliche; und es ist nicht weise gehandelt, die
+unschuldigen Gebräuche der Gesellschaft zu verachten, wenn man
+in der Gesellschaft leben und wirken will.
+
+Ich rede aber hier nicht von der freiwilligen Verzichtleistung
+des Weisen auf die Bewunderung des vornehmen und geringen
+Pöbels. Daß der Mann von bessrer Art da in sich selbst verschlossen
+schweigt, wo er nicht verstanden wird; daß der Witzige,
+Geistvolle, in einem Cirkel schaler Köpfe sich nicht so weit herabläßt,
+den Spaßmacher zu spielen; daß der Mann von einer gewissen
+Würde im Charakter zu viel Stolz hat, sein ganzes Wesen
+nach jeder ihm unbedeutenden Gesellschaft umzuformen, die
+Stimmung anzunehmen, wozu die jungen Laffen seiner Vaterstadt
+den Ton mit von Reisen gebracht haben; daß es den Jüngling
+besser kleidet, bescheiden, schüchtern und still, als nach
+Art der mehrsten unsrer heutigen jungen Leute, vorlaut, selbstgenügsam
+und plauderhaft zu seyn; daß der edle Mann, je klüger
+er ist, um desto bescheidner, um desto mißtrauischer gegen
+seine eignen Kenntnisse und Urtheile, um desto weniger zudringlich
+seyn wird; oder daß, je mehr innerer, wahrer Verdienste
+sich jemand bewußt ist, er um desto weniger Kunst anwenden
+wird, seine vortheilhaften Seiten hervorzukehren, so wie die
+wahrhafte Schönheit alle kleine anlockende, unwürdige Buhlkünste,
+wodurch man sich bemerkbar zu machen sucht, verachtet
+-- Das alles ist wohl sehr natürlich! -- davon rede ich
+also nicht.
+
+Auch nicht von der beleidigten Eitelkeit eines Mannes voll
+Forderungen, der unaufhörlich eingeräuchert, geschmeichelt und
+vorgezogen zu werden verlangt, und, wo das nicht geschieht,
+ein finsteres Gesicht macht; nicht von dem gekränkten Hochmuthe
+eines abgeschmackten Pedanten, der mißlaunig wird, wenn
+er das Unglück hat, nicht aller Orten für ein großes Licht der
+Erde bekannt, und als ein solches behandelt zu seyn; wenn nicht
+Jeder mit seinem Lämpchen herzuläuft, um es an diesem großen
+Lichte der Aufklärung anzuzünden. Wenn ein steifer Professor,
+der gewohnt ist, von seinem bestaubten Dreifuße herunter, sein
+Lehrbuch in der Hand, einem Haufen gaffender, unbärtiger
+Musensöhne stundenlang hohe Weisheit vorzupredigen, und dann
+zu sehen, wie sogar seine platten, in jedem halben Jahre wiederholten
+Späße sorgfältig nachgeschrieben werden; wenn ein
+Solcher einmal die Residenz, oder irgend eine andere Stadt besucht,
+und das Unglück nun will, daß man ihn dort kaum dem
+Namen nach kennt, daß er in einer feinen Gesellschaft von zwanzig
+Personen gänzlich übersehn, oder von irgend einem Fremden
+für den Kammerdiener im Hause gehalten und Er genannt wird,
+wer mögte es ihm verargen, wenn er ergrimmt, und ein verdrossenes
+Gesicht zeigt; oder wenn ein Stuben-Gelehrter, der
+ganz fremd in der Welt, ohne Erziehung und ohne Menschenkenntniß
+ist, sich einmal aus dem Haufen seiner Bücher hervorarbeitet,
+und dann, äusserst verlegen mit seiner Figur, buntschäckig
+und altväterisch gekleidet, in seinem, vor dreißig Jahren
+nach der neuesten Mode verfertigten Bräutigamsrocke, da sitzt,
+und an nichts von Allem, was gesprochen wird, Antheil nehmen,
+keinen Faden finden kann, um mit anzuknüpfen: so gehört
+das alles nicht hieher.
+
+Eben so wenig rede ich von dem groben Cyniker, der alle
+Regeln verachtet, welche Uebereinkunft und gegenseitige Gefälligkeit
+den Menschen im bürgerlichen Leben vorgeschrieben haben,
+noch von dem Kraft-Genie, das sich über Sitte, Anstand
+und Vernunft hinauszusetzen, einen besondern Freibrief zu haben
+glaubt.
+
+Und wenn ich sage, daß oft auch die weisesten und klügsten
+Menschen in der Welt, im Umgange und in Erlangung äusserer
+Achtung, bürgerlicher und anderer Vortheile, ihres Zwecks verfehlen,
+ihr Glück nicht machen; so bringe ich hier weder in Anschlag:
+daß ein widriges Geschick zuweilen den Besten verfolgt,
+noch daß eine unglückliche leidenschaftliche oder ungesellige
+Gemüthsart bei Manchem die vorzüglichsten, edelsten Eigenschaften
+verdunkelt.
+
+Nein! meine Bemerkung trifft Personen, die wahrlich allen guten Willen
+und treue Rechtschaffenheit mit mannigfaltigen, recht vorzüglichen
+Eigenschaften und dem eifrigen Bestreben, in der Welt fortzukommen,
+eignes und fremdes Glück zu bauen, verbinden, und die dennoch mit
+diesem Allen verkannt, übersehen werden, zu gar nichts gelangen.
+Woher kömmt das? Was ist es, das Diesen fehlt und Andere haben, die,
+bei dem Mangel wahrer Vorzüge, alle Stufen menschlicher, irdischer
+Glückseligkeit ersteigen? -- Es fehlt ihnen: ~die Kunst des Umgangs
+mit Menschen~ -- eine Kunst, die oft der schwache Kopf, ohne darauf zu
+studiren, viel besser erlauert, als der verständige, weise, witzreiche;
+die Kunst, sich geltend zu machen, ohne beneidet zu werden; sich nach
+den Temperamenten, Einsichten und Neigungen der Menschen zu richten,
+ohne falsch zu seyn; sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft
+stimmen zu können, ohne weder Eigenthümlichkeit des Charakters zu
+verlieren, noch sich zu niedriger Schmeichelei herabzulassen. Der,
+welchen nicht die Natur schon mit dieser glücklichen Anlage hat
+geboren werden lassen, erwerbe sich Menschenkenntniß, eine gewisse
+Geschmeidigkeit, Geselligkeit, Nachgiebigkeit, Duldung, lerne sich zu
+rechter Zeit verleugnen, erringe Gewalt über heftige Leidenschaften,
+Wachsamkeit auf sich selber, und Heiterkeit des immer gleich gestimmten
+Gemüths; und er wird sich jene Kunst zu eigen machen. Doch hüte man
+sich, sie zu verwechseln mit der schädlichen, niedrigen Gefälligkeit
+des verworfenen Sclaven, der sich von Jedem mißbrauchen läßt, sich
+Jedem preisgibt, um eine Mahlzeit zu gewinnen; dem Schurken huldigt,
+und, um eine Bedienung zu erhalten, zum Unrechte schweigt, zum Betruge
+die Hände bietet, und die Dummheit vergöttert.
+
+Indem ich aber von jenem +esprit de conduite+ rede, der
+uns leiten muß, bei unserm Umgange mit Menschen aller Gattung:
+will ich nicht etwa ein Complimentir-Buch schreiben,
+sondern einige Resultate aus den Erfahrungen ziehn, die ich gesammelt
+habe, während einer nicht kurzen Reihe von Jahren,
+in welchen ich mich unter Menschen aller Arten und Stände
+umhertreiben mußte und oft in der Stille beobachtete. -- Kein
+vollständiges System, aber Bruchstücke, vielleicht nicht zu verwerfende
+Materialien, Stoff zu weiterm Nachdenken.
+
+
+ 2.
+
+In keinem Lande in Europa ist es vielleicht so schwer, im
+Umgange mit Menschen aus allen Klassen, Gegenden und Ständen,
+allgemeinen Beifall einzuerndten: in jedem dieser Kreise
+wie zu Hause zu seyn, ohne Zwang, ohne Falschheit, ohne sich
+verdächtig zu machen, und ohne selbst dabei zu leiden, auf den
+Fürsten wie auf den Edelmann und Bürger, auf den Kaufmann
+wie auf den Geistlichen, nach Gefallen zu wirken, als in unserm
+teutschen Vaterlande; denn nirgends vielleicht herrscht zu
+gleicher Zeit eine so große Mannigfaltigkeit des Conversationstons,
+der Erziehungsart, der Religions- und andrer Meinungen,
+eine so große Verschiedenheit der Gegenstände, welche die
+Aufmerksamkeit der einzelnen Volks-Klassen in den einzelnen
+Provinzen beschäftigen. Dieß rührt her von der Mannigfaltigkeit
+des Interesse der teutschen Staaten gegen einander und gegen
+auswärtige, von dem Unterschiede der Verbindungen mit
+diesem oder jenem auswärtigen Volke, und von dem sehr merklichen
+Abstande der Klassen in Teutschland von einander, zwischen
+denen verjährtes Vorurtheil, Erziehung und zum Theil
+auch Staats-Verfassung eine viel bestimmtere Grenzlinie gezogen
+haben, als in andern Ländern. Wo hat mehr, als in Teutschland,
+die Idee von sechszehn Ahnen des Adels wesentlichen moralischen
+und politischen Einfluß auf Denkungsart und Bildung?
+Wo greift weniger allgemein, als bei uns, die Kaufmannschaft
+in die übrigen Klassen ein? Wo macht mehr, als hier, das
+Corps der Hofleute eine ganz eigne Gattung aus, in welche
+hinein, so wie zu der Person der mehrsten Fürsten, nur Leute
+von gewisser Geburt und gewissem Range sich hindrängen können?
+Wo durchkreuzen sich mehr Arten von Interesse? -- Und
+diese treffen nicht etwa auf irgend einen dem ganzen Volke merkbaren
+Punkt zusammen, auf allgemeine National-Bedürfnisse,
+Volks-Angelegenheiten, Vaterlands-Nutzen, wie in England,
+wo Aufrechthaltung der Constitution, Freiheit und Glück der
+Nation, Flor des Vaterlandes, der Punkt ist, in welchem sich
+das Streben, Dichten und Trachten so mancher originellen Charaktere
+vereinigt, noch wie in fast allen übrigen europäischen
+Ländern, die entweder unter einem einzigen Oberhaupte stehen,
+oder durch ein einziges, allen Gliedern wichtiges Interesse beherrscht
+werden, wie die Schweiz, oder in welchen eine allein
+herrschende Religion, oder ein tyrannisches Clima, über Denkungsart,
+Ton und Stimmung allgemein überwiegende Gewalt
+hat.
+
+Daß im Ganzen unsere teutsche Verfassung, so zusammengesetzt
+sie auch ist, sehr große, wesentliche Vorzüge gewährt,
+das leidet keinen Zweifel; allein es ist nicht weniger gewiß, daß
+dieselbe den mächtigsten Einfluß auf die Verschiedenheit der Stimmung
+in den einzelnen Provinzen und Staaten und unter den
+mancherlei von einander abgesonderten Ständen hat. Eben daher
+kommt es, daß unsre Schauspieler, Schauspiel-Dichter und
+Romanen-Schreiber ein viel schwereres Studium haben, wenn
+sie alle diese Nüancen kennen, bearbeiten und dennoch einen Anstrich
+von originellem National-Charakter wollen durchschimmern
+lassen; viel schwerer, als in Frankreich, wo die Sitten
+der verschiednen Stände und einzelnen Provinzen nicht so sehr
+gegen einander abstechen. Eben daher kömmt es, daß man über
+wenige unsrer literarischen Produkte ein allgemein einstimmig
+beifälliges Volks-Urtheil hört, daß überhaupt so wenige unserer
+Werke wie National-Monumente auf die Nachwelt übergehen,
+und eben daher endlich kömmt es, daß es so schwer ist, mit
+Menschen aus allen Ständen und Gegenden in Teutschland umzugehn
+und bei Allen gleich wohl gelitten zu seyn, auf Alle gleich
+vortheilhaft zu wirken.
+
+Der treuherzige, naive, zuweilen ein wenig bäurische, materielle
+Bayer ist äusserst verlegen, wenn er auf alle verbindlichen,
+artigen Dinge antworten soll, die ihm der feine Ober-Sachse in
+~einem~ Othem entgegenschickt; dem schwerfälligen Westphälinger
+ist alles hebräisch, was ihm der Oesterreicher in seiner, ihm
+gänzlich fremden Mundart vorpoltert; die zuvorkommende Höflichkeit
+und Geschmeidigkeit des durch französische Nachbarschaft
+polirten Rheinländers würde man in manchen Städten von
+Nieder-Sachsen für Zudringlichkeit, für Niederträchtigkeit halten.
+Man glaubt da, ein Mann, der so äusserst unterthänig
+und nachgiebig ist, müsse gefährliche oder niedrige Absichten haben,
+oder müsse falsch, oder sehr arm und hülfsbedürftig seyn;
+und oft ist dort ein wenig zu weit getriebne äussere Höflichkeit
+hinlänglich, den Mann, der sich am Rheine dadurch allgemeine
+Liebe erwerben würde, an der Leine verächtlich zu machen. Dagegen
+wird aber auch der, nicht kältere, nur weniger leichtsinnige,
+weniger zuversichtliche, nicht so im Gedränge von Fremden,
+noch auf Reisen an Leib und Seele abgeschliffene, geglättete,
+sondern ernsthafte Nieder-Sachse, der bei der ersten Bekanntschaft
+nicht sehr zuvorkommend, sondern wohl gar ein
+wenig verlegen ist, an einem Hofe im Reiche vielleicht für einen
+schüchternen Menschen, ohne Lebensart, ohne Welt, angesehen
+werden[1].
+
+Sich nun also nach Ort, Zeit und Umständen umzuformen,
+und von verjährten Gewohnheiten sich loszumachen: das erfordert
+Studium und Kunst.
+
+In Gegenden, aus welchen weder Unzufriedenheit mit dem
+Vaterlande, noch Müßiggang, noch Verderbniß der Sitten,
+noch unbestimmte, rastlose Thätigkeit, noch Anekdoten-Jagd,
+noch vorwitzige Neugier, die Menschen schaarenweise auswandern
+macht, und jeden Pinsel zum Reisen treibt, sind die Einwohner
+mit dem, was es daheim gibt, so herzlich wohl zufrieden,
+daß sie nichts Größeres kennen, nichts Größeres kennen
+mögen, als das, was sie in ihrem Vaterlande von Jugend auf
+betrachtet, schon als Knaben bewundert, oder von ihren Verwandten
+und Freunden haben stiften, bauen, anlegen gesehn.
+Ihnen sind die kleinen jährlichen oder andern Feste immer neu,
+immer gleich glänzend und merkwürdig. -- Glückliche Unwissenheit!
+nicht zu vertauschen mit dem Ekel, welcher den Mann
+anwandelt, der in seinem Leben so gar viel aller Orten erlebt,
+erfahren, gesehn, bauen und zerstören gesehn hat, und zuletzt
+an nichts mehr Freude finden, nichts mehr bewundern kann,
+alles mit Tadel und Langerweile erblickt! -- Doch macht die
+treue Anhänglichkeit an einheimische Sitten zuweilen ungerecht,
+ungeschliffen gegen Menschen, die sich durch kleine Verschiedenheiten,
+wäre es auch nur in Anstand, Kleidung, Ton, Mundart
+oder Gebehrden, unschuldigerweise auszeichnen.
+
+In freien Städten ist diese Anhänglichkeit an väterliche Sitten,
+Kleidertrachten u. dgl. sehr auffallend, und hat nicht selten
+Einfluß auf Regierungs-Verfassung, Religions-Verträglichkeit
+und andre wichtige und unwichtige Dinge. Ich meine, diese
+Verschiedenheit der Sitten und der Stimmung in den teutschen
+Staaten macht es sehr schwer, außer seiner vaterländischen Gegend,
+in fremden Provinzen, in Gesellschaften zu gefallen,
+Freundschaften zu stiften, Geschmack am Umgange zu finden,
+Andre für sich einzunehmen, und auf Andre zu wirken.
+
+Diese Schwierigkeiten werden größer und fühlbarer, und erzeugen
+eine nicht geringe Verlegenheit, wenn man in Teutschland
+in Gesellschaften geräth, welche aus Personen von verschiedenen
+Ständen und Erziehungsweisen zusammengesetzt sind.
+Dem Teutschen wird es schwer, sich zu einem fremden Gesellschaftston
+zu erheben oder herabzustimmen; seine Theilnahme
+wird nicht sogleich rege; er fühlt sich verstimmt, wenn die Form
+der Unterhaltung von derjenigen, an welche er in seiner Heimath
+gewöhnt ist, merklich abweicht. Kommt er aus der Provinz in
+die Hauptstadt, so macht ihn die Neuheit der Form verlegen,
+ängstlich, schüchtern, und also unbeholfen; ist der Fall umgekehrt,
+so wird er entweder einsylbig, kaltsinnig und verdrießlich,
+oder er überläßt sich der Spottlust, und wird ein Friedensstörer.
+Lebt er auf dem Lande, so fühlt er sich in der Hauptstadt durch
+die im Umgange herrschende Geschmeidigkeit und Gewandtheit
+geängstigt, weil er gewohnt ist, sich gehen zu lassen, und auf
+sein äusseres Wesen wenig Aufmerksamkeit zu wenden, und daher
+sitzt er stumm und gefühllos da.
+
+Man sehe nur einen ehrlichen Land-Edelmann, aus treuer Lehnspflicht,
+einmal nach langen Jahren wieder an dem Hofe seines Landesherrn
+erscheinen! Er hat sich schon früh Morgens auf's beste ausgeschmückt
+und sich die sonst gewöhnte liebe Pfeife Tabak versagt, um nicht nach
+Rauch zu riechen. Auf den Gassen der Stadt war es noch öde und still,
+als er schon in seinem Wirthshause umherwandelte und alles in Bewegung
+setzte, um ihm beizustehen, bei dem beschwerlichen Geschäfte, sich
+hofmäßig auszuschmücken. Jetzt ist er endlich fertig; die seidnen
+Strümpfe ersetzen bei weitem nicht, was die heute zurückgelegten
+Stiefel ihm sonst gewähren; ihn friert gewaltig an den, ihm nackend
+scheinenden Beinen. Der modisch zugeschnittene Rock ist in den
+Schultern nicht so bequem, wie sein treuer, alter, warmer Ueberrock;
+das Stehn wird ihm unerträglich sauer. -- In dieser qualvollen
+Gemüthsverfassung erscheint er im Vorzimmer. Um ihn her wimmelt ein
+Haufen Hofschranzen herum, die, obgleich sie sämmtlich vielleicht nicht
+so viel werth, wie dieser ehrliche, nützliche Mann, und im Grunde ihrer
+Herzen nicht weniger, als er, von Langerweile geplagt sind, dennoch
+mit Naserümpfen und Verachtung hier, wo sie in ihrem Elemente zu
+seyn scheinen, ihn ansehen. Er fühlt jeden Spott, übersieht sie, ist
+ihnen an gesundem Verstande und Urtheilskraft bei weitem überlegen,
+und muß sich dennoch von ihnen demüthigen lassen. Sie nähern sich
+ihm, thun mit zerstreuter, wichtiger Miene einige Fragen an ihn;
+Fragen, an denen das Herz keinen Antheil nimmt, und worauf sie auch
+die Antwort nicht abwarten. Er glaubt Einen unter ihnen zu entdecken,
+der ihm theilnehmender scheint, als die Uebrigen; mit diesem fängt er
+ein Gespräch von Dingen an, die ihm, vielleicht auch dem Vaterlande,
+wichtig sind: von dem Wohlstande, den eigenthümlichen Vorzügen, den
+Naturschönheiten der Provinz, in welcher er lebt; er redet mit Wärme;
+Redlichkeit athmet alles, was er sagt -- aber bald sieht er, wie
+sehr er sich in seiner Hoffnung getäuscht hat. Das Männchen hört ihm
+mit halbem Ohre zu, erwiedert irgend ein Paar unbedeutende Sylben
+zur Antwort, und läßt dann den braven Hausvater ohne Unterhaltung
+da stehen. Nun nähert er sich einem Cirkel von Leuten, die mit
+Interesse und Lebhaftigkeit zu reden scheinen. An diesem Gespräche
+wünscht er Theil zu nehmen; aber alles, was er hört, Gegenstand,
+Sprache, Ausdruck, Wendung, alles ist ihm fremd. In halb teutschen,
+halb französischen Redensarten wird hier eine Sache abgehandelt, auf
+welche er nie seine Aufmerksamkeit gerichtet, von welcher er nie
+geglaubt hat, daß es möglich wäre, teutsche Männer könnten sich damit
+beschäftigen. Seine Verlegenheit, seine Ungeduld steigt mit jedem
+Augenblicke, bis er endlich das verwünschte Schloß weit hinter sich
+sieht.
+
+Und nun, den Fall umgekehrt, lasse man einen sonst edlen Hofmann
+einmal hinaus auf das Land in die Gesellschaft biederer Beamten
+und Provinzial-Edelleute gerathen; -- hier herrschen ungezwungene
+Fröhlichkeit, Offenherzigkeit, Freiheit; man redet von dem, was am
+nächsten den Landmann angeht; man wiegt die Worte nicht ab; der
+Scherz ist kunstlos, treffend, gewürzt, aber nicht zugespitzt, nicht
+witzig und gesucht. Unser Hofmann versucht es, sich in diese Manier
+hineinzuarbeiten: er mischt sich in die Gespräche; aber der Ausdruck
+der Offenheit und Treuherzigkeit fehlt. Was bei Jenen naiv war, wird
+bei ihm beleidigend. Er fühlt dieß, und will die Leute in seinen Ton
+stimmen. In der Stadt gilt er für einen angenehmen Gesellschafter:
+er spannt alle Segel auf, um auch hier zu glänzen; allein die
+kleinen Anekdoten, die feinen Züge, worauf er anspielt, sind hier
+gänzlich unbekannt, gehen verloren. Man findet ihn spottsüchtig, da
+in der Stadt niemand ihn einer solchen Gesinnung beschuldiget. Seine
+Höflichkeitsworte, die er wahrlich gut meint, hält man für Falschheit;
+die Süßigkeiten, die er den Frauenzimmern sagt, und die nur höflich und
+verbindlich seyn sollen, betrachtet man als hämischen Spott. -- So groß
+ist die Verschiedenheit des Tons unter zweierlei Klassen von Menschen!
+--
+
+Ein Professor, der in der literarischen Welt eine nicht gemeine Rolle
+spielt, meint, in seiner gelehrten Einfalt, die Universität, auf
+welcher er lebt, sey der Mittelpunkt alles Lebens und aller Wirksamkeit
+im Staate, und das Fach, in welchem er sich Kenntnisse erworben, die
+einzige, dem Menschen nützliche, der Anstrengung, des Nachforschens und
+Studiums würdige Wissenschaft. Er nennt Jeden, der sich darauf nicht
+gelegt hat, verächtlicherweise einen Schöngeist. Eine Dame, die bei
+ihrer Durchreise den berühmten Mann kennen zu lernen wünscht, und ihn
+desfalls besucht, unterhält er in einer Sprache und über Gegenstände,
+wovon sie nicht ein Wort versteht; er unterhält die Gesellschaft,
+welche sich darauf gefreuet hatte, ihn recht zu genießen, bei der
+Abendtafel, mit Zergliederung des neuen akademischen Credit-Edikts,
+oder, wenn der Wein dem guten Manne jovialische Laune gibt, mit
+Erzählung lustiger Schwänke aus seinen Studenten-Jahren.
+
+In welcher Verlegenheit ist zuweilen ein Mann, der nicht
+viel Journale und neuere Modeschriften liest, wenn er in eine
+Gesellschaft von schöngeisterischen Herren und Damen geräth.
+
+Gleichsam wie verrathen und verkauft scheint ein sogenannter
+Profaner, wenn er sich unter einem Haufen Mitglieder einer
+geheimen Verbindung befindet, oder wenn er in eine Gesellschaft
+geräth, welche aus lauter wissenschaftlich gebildeten Personen
+zusammengesetzt ist.
+
+Freilich kann nichts ungesitteter, den wahren Begriffen einer
+feinen Lebensart mehr entgegen seyn, als wenn eine Anzahl
+Menschen, die sich auf diese Art unter einander verstehen, einem
+Fremden, der gutmüthig unter sie tritt, um an den Freuden der
+Geselligkeit Theil zu nehmen, durch ununterbrochene Lenkung
+des Gesprächs auf Gegenstände, wovon Dieser gar nichts versteht,
+jeden Genuß der Unterredung raubt. Auf diese Art habe
+ich zuweilen in meiner ersten Jugend in Familien-Cirkeln, wo
+die Unterhaltung beständig mit Anspielungen auf mir gänzlich
+unbekannte Anekdoten durchflochten, und durch gewisse mir
+fremde Redensarten und Bonmots, womit ich gar keinen Begriff
+verbinden konnte, gewürzt war, tödtende Langeweile gehabt.
+Man sollte wohl mehr Rücksicht nehmen: allein selten
+sind ganze Gesellschaften so billig, sich nach Einzelnen zu richten;
+auch läßt sich das nicht immer mit Recht fordern; folglich
+ist es wichtig für Jeden, der in der Welt mit Menschen leben
+will, die Kunst zu studiren, sich nach Sitten, Ton und Stimmung
+Anderer zu fügen.
+
+
+ 3.
+
+Ueber diese Kunst will ich etwas sagen. -- Aber habe ich
+denn auch wohl Beruf, ein Buch über den feinen Gesellschaftston
+zu schreiben, ich, der ich in meinem Leben vielleicht sehr
+wenig von diesem Ton gezeigt habe? Ziemt es mir, Menschenkenntniß
+auszukramen, da ich so oft ein Opfer der unvorsichtigsten,
+einem Neulinge kaum zu verzeihenden Hingebung gewesen
+bin? Wird man die Kunst des Umgangs von einem Manne
+lernen wollen, der beinahe von allem menschlichen Umgange
+abgesondert lebt? -- Lasset doch sehn, meine Freunde, was sich
+darauf antworten läßt!
+
+Habe ich widrige Erfahrungen gemacht, die mich von meiner
+eigenen Ungeschicklichkeit überzeugt haben -- desto besser!
+Wer kann so gut vor der Gefahr warnen, als Der, welcher
+darinn gesteckt hat? Haben Temperament und Weichlichkeit --
+oder darf ich es nicht Güte eines so gern sich anschließenden Herzens
+nennen? -- haben Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft,
+nach Gelegenheit, Andern zu dienen, und sympathetische Empfindungen
+zu erregen, mich oft unvorsichtig handeln gemacht, oft
+die klügelnde Vernunft weit zurückgelassen; so war es wahrlich
+nicht Blödsinnigkeit, Kurzsichtigkeit, Unbekanntschaft mit Menschen,
+was mich irre leitete; sondern Bedürfniß zu lieben und
+geliebt zu werden, Verlangen thätig zu seyn, zum Guten zu
+wirken. Uebrigens werden vielleicht wenig Menschen in einem
+so kurzen Zeitraume in so manche sonderbare Verhältnisse und
+Verbindungen mit andern Menschen aller Art gerathen, wie ich,
+seit ungefähr zwanzig Jahren; und da hat man denn schon Gelegenheit,
+wenn man nicht ganz von der Natur und Erziehung
+verwahrloset ist, Bemerkungen zu machen, und vor Gefahren
+zu warnen, die man selbst nicht hat vermeiden können. Daß
+ich aber jetzt einsam und abgezogen lebe, geschieht weder aus
+Menschenhaß, noch Blödigkeit; ich habe sehr wichtige Gründe
+dazu; allein diese hier weitläuftig zu entwickeln, das hieße zu
+viel von mir selbst reden, da ich ohnehin noch, zum Schlusse
+dieser Einleitung, etwas über meine eignen Erfahrungen werde
+sagen müssen, bevor ich zum Zwecke komme. -- Also nur noch
+dieses:
+
+
+ 4.
+
+Ich trat als ein sehr junger Mensch, beinahe noch als ein
+Kind, schon in die große Welt, und auf den Schauplatz des
+Hofes. Mein Temperament war lebhaft, unruhig, bewegsam,
+mein Blut warm; die Keime zu mancher heftigen Leidenschaft
+lagen in mir verborgen. Ich war in der ersten Erziehung ein
+wenig verzärtelt, und durch große Aufmerksamkeit, deren man
+meine kleine Person früh gewürdigt hatte, gewöhnt worden, sehr
+viel Rücksichten von andern Leuten zu fordern. In einem Vaterlande
+aufgewachsen, wo Schmeichelei, Verstellung und ein
+gewisses kriechendes Wesen nicht sehr zu Hause sind, hatte man
+mich freilich auch nicht zu jener Geschmeidigkeit vorbereitet, deren
+ich bedurfte, um, unter mir ganz fremden Leuten, in despotischen
+Staaten große Fortschritte zu machen; auch ist der theoretische
+Unterricht in wahrer Weltklugheit bei der Jugend theils
+selten mit Erfolge, theils nicht immer ohne Gefahr zu ertheilen;
+eigne Erfahrung muß da in der Folge das Beste thun. Diese
+Lectionen, wenn man das Glück hat, wohlfeil daran zu kommen,
+sind von der heilsamsten Wirkung, und prägen sich tief
+ein. Noch erinnere ich mich einer kleinen Scene von der Art, die
+mich auf eine Zeitlang vorsichtig machte. Ich saß in C*** in
+der italiänischen Oper in der herrschaftlichen Loge; ich war früher,
+als der Hof, gekommen, weil ich Mittags nicht auf dem
+Schlosse, sondern in der Stadt als Gast gespeist hatte. Noch
+waren wenige Menschen da; in der ganzen Reihe des ersten
+Ranges saß nur einzig der Land-Commandeur, Graf I***,
+ein würdiger Greis. Er hatte, wie es schien, auch darauf gerechnet,
+daß es schon später wäre, als es wirklich war; weil er
+nun Langeweile hatte, und mich gleichfalls einsam da sitzen sah,
+trat er zu mir herein, und fing eine Unterredung mit mir an.
+Er schien sehr zufrieden mit dem, was ich ihm über verschiedene
+Gegenstände, von denen ich einige Kenntniß besaß, sagte; der
+Greis wurde immer freundlicher und herablassender, und dieß
+kitzelte mich so sehr, daß ich darauf allerlei Seitensprünge in
+meinem Gespräche machte, und zuletzt ein wenig vorwitzig und
+muthwillig wurde. Endlich entwischte mir eine, mir gegenwärtig
+nicht mehr erinnerliche, grobe Unvorsichtigkeit im Reden;
+der Graf sah mir ernsthaft in das Gesicht, und ohne weiter ein
+Wort zu verlieren, ließ er mich stehn, und ging zurück in seine
+Loge. Ich fühlte die ganze Stärke dieses Verweises, aber die
+Arzenei half nicht lange. Meine Lebhaftigkeit verleitete mich zu
+großen Verletzungen der Bescheidenheit und guten Sitte; ich
+übereilte alles, that immer zu viel oder zu wenig, kam stets zu
+früh oder zu spät, weil ich immer entweder eine Thorheit beging,
+oder eine andere gutzumachen hatte. Daher kamen unendliche
+Widersprüche in meinen Handlungen, und ich verfehlte
+fast bei allen Gelegenheiten des Zwecks, weil ich keinen einfachen
+Plan verfolgte. Zuerst war ich zu sorglos, zu offen, gab
+mich zu unvorsichtig hin, und schadete mir dadurch; alsdann
+nahm ich mir vor, ein feiner Hofmann zu werden. Mein Betragen
+wurde gekünstelt, und nun traueten mir die Bessern
+nicht; ich war zu geschmeidig, und verlor dadurch äussere Achtung
+und innere Würde, Selbstständigkeit und Festigkeit. Erbittert
+gegen mich und Andre, riß ich mich dann los, und wurde
+ein Sonderling. Dieß erregte Aufsehn; die Menschen suchten
+mich auf, wie sie alles Sonderbare aufsuchen. Dadurch aber
+erwachte mein Trieb zur Geselligkeit wieder; ich näherte mich
+auf's neue, lenkte wieder ein, und nun verschwand der Nimbus,
+den nur meine Abgezogenheit von der Welt um mich her gezogen
+hatte. In einer andern Periode spottete ich der herrschenden
+Thorheiten, zuweilen nicht ohne Witz; man fürchtete mich, aber
+man liebte mich nicht; dieß schmerzte mich; um das wieder gut
+zu machen, zeigte ich mich von der unschädlichen Seite, entfaltete
+ein liebevolles, wohlwollendes Herz, unfähig zu schaden und
+zu verfolgen -- und die Wirkung davon war, daß jedermann,
+der noch einen Rest von Groll gegen mich hegte, oder irgend einen
+lustigen Einfall von mir, auf seine Rechnung geschrieben hatte,
+mich jetzt mit einer Art von Geringschätzung behandelte, sobald
+er sah, daß ich nur mit Rappieren und nicht mit Schwerdtern
+focht, daß meine Waffen nicht zum Morde geschliffen waren.
+Oder wenn meine satyrische Laune durch den Beifall lustiger
+Gesellschafter aufgeweckt wurde, hechelte ich große und kleine
+Thoren durch; die Spaßvögel lachten dann; aber die Weisern
+schüttelten die Köpfe, und wurden kalt gegen mich. Um zu zeigen,
+wie wenig bösartig meine Laune wäre, hörte ich auf, zu
+spotten, und fing an, alle Thorheiten und Fehler gutmüthig zu
+entschuldigen; und nun hielten Einige mich für einen Pinsel,
+Andre für einen Heuchler. Wählte ich mir meinen Umgang unter
+den ausgesuchtesten, aufgeklärtesten Männern, so erwartete
+ich vergebens Schutz von dem am Ruder stehenden Dummkopfe;
+gab ich mich elenden Leuten preis, so wurde ich mit diesen in
+Eine Klasse gesetzt. Menschen ohne Erziehung, von niederm
+Stande, mißbrauchten mich, wenn ich mich ihnen zu sehr näherte;
+mit Vornehmern verdarb ich es, sobald sie meine Eitelkeit
+beleidigten. Bald ließ ich den Geistesarmen zu sehr meine
+Ueberlegenheit empfinden, und wurde verfolgt; bald war ich zu
+bescheiden, und wurde übersehen. Bald richtete ich mich geschmeidig
+und schonend nach den Sitten der Leute, nach dem Ton aller
+unbedeutenden Gesellschaften, in welche ich gerieth, verlor
+goldne Zeit, Achtung der Weisern, und Zufriedenheit mit mir
+selber; dann wurde ich wieder zu einfach, und spielte eine verkehrte
+Rolle, da, wo ich hätte glänzen oder wenigstens mich geltend
+machen können und sollen, durch Mangel an Zuversicht zu
+mir selber. Zu einer Zeit ging ich zu wenig unter Menschen,
+indem ich mich meiner Laune hingab, und man hielt mich für
+stolz oder menschenscheu; zu einer andern zeigte ich mich überall,
+und wurde als ein Alltagsgesicht übersehen oder belächelt. In
+den ersten Jünglingsjahren gab ich mich unbedachtsam, Jedem
+ausschließlich, mit vollem Vertrauen, und ohne alle Vorsicht
+hin, der sich meinen Freund nannte, und mir einige Zuneigung
+bewies; und sahe mich schmerzlich getäuscht, oder schändlich betrogen
+und gemißbraucht; dann war ich wieder, in einem Anfall
+von Menschenliebe und Wohlwollen, eines Jeden Freund,
+bereit, Jedem zu dienen, und nun mußte ich mit Verdruß erfahren,
+daß sich niemand mit ganzer Seele an mich anschloß,
+weil niemand mit dem kleinen, in so viel Partikeln getheilten
+Stückchen Herzen vorlieb nehmen wollte. Wenn ich zu viel erwartete,
+wurde ich getäuscht; wenn ich ohne allen Glauben an
+Treue und Redlichkeit unter den Menschen umher irrte, hatte
+ich gar keinen Genuß, nahm an gar nichts Theil. Es ist bekannt,
+welchen thätigen Antheil ich an der Verbindung der sogenannten
+Illuminaten genommen, wovon ich in einer eignen
+Schrift (~Philo's Erklärung &c.~ ) Rechenschaft gegeben habe.
+Diese Verbindung, an deren Spitze Personen standen, die zum
+Theil, ihrer Geburt, ihren bürgerlichen Verhältnissen und ihren
+Talenten nach, zu den wichtigsten Männern in Teutschland gehörten,
+machte vorzüglich auch Menschenkenntniß zu einem Gegenstande
+ihrer Nachforschungen. Der, durch dessen Hände, wie
+das bei mir eine Zeitlang der Fall war, fast alle Geschäfte einer
+so ausgebreiteten Gesellschaft gingen, fand freilich Gelegenheit
+genug, Leute aus allen Ständen und von sehr verschiedener Bildung
+und Stimmung, welche Mitglieder des Ordens waren,
+von mancher Seite und in allerlei Lagen kennen zu lernen; allein
+da man mit diesen Leuten größtentheils nur schriftlichen
+Umgang pflog, so gewann im Ganzen meine praktische Erfahrung
+nicht so viel dabei. Reichhaltiger war die Ausbeute, die
+ich an Höfen, an welchen ich mich vielfältig umhertrieb, gemacht
+habe. Soll ich es mir aber zur Schande, oder zur Ehre
+rechnen? -- genug! auch auf diesem Schauplatze habe ich mehr
+beobachtet, als meine Beobachtungen zu eignem Vortheile nützen
+gelernt, und nie habe ich über mein zu lebhaftes Temperament
+so viel gewinnen können, daß ich meine schwachen Seiten so
+sorgfältig, wie ich thun sollen, verborgen hätte. -- Und so vergingen
+dann die Jahre, in welchen ich hätte mein Glück machen
+können, wie man das gewöhnlich nennt. Jetzt, da ich die Menschen
+besser kenne, da Erfahrung mir die Augen geöffnet, mich
+vorsichtig gemacht, und vielleicht die Kunst gelehrt hat, auf
+Andre zu wirken; jetzt ist es zu spät für mich, von dieser so
+theuer erkauften Kunst Gebrauch zu machen. Mein Rücken
+krümmt sich mit Mühe zu Reverenzen; ich habe nicht viel unnütze
+Zeit mehr zu verschwenden, die ich preisgeben könnte; das
+Wenige, was ich noch in dem Reste meines Lebens auf solchen
+Wegen erlangen könnte, lohnt die Mühe und Anstrengung nicht,
+die mich das kosten würde, und es ziemt dem Mann, dessen
+Grundsätze Alter und Erfahrung befestigt haben, eben so wenig,
+jetzt erst anzufangen, den Geschmeidigen, wie den Stutzer zu
+spielen. -- Es ist zu spät, sage ich, mit der Ausübung anzuheben;
+aber nicht zu spät, Jünglingen zu zeigen, welchen Weg
+sie wandeln müssen -- und so lasset uns denn den Versuch machen
+und der Sache näher rücken!
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+ Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den Umgang
+ mit Menschen.
+
+
+ 1.
+
+~Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als
+er sich selbst gelten macht.~ Das ist ein goldner Spruch,
+ein reiches Thema zu einem Folianten, über den +esprit de conduite+
+und über die Mittel, in der Welt seinen Zweck zu erlangen;
+ein Satz, dessen Wahrheit auf die Erfahrung aller Zeitalter
+gestützt ist. Diese Erfahrung lehrt den Abentheurer und
+Großsprecher, sich bei dem Haufen für einen Mann von Wichtigkeit
+auszugeben, von seinen Verbindungen mit Fürsten und
+Staatsmännern, mit Männern, welche nicht einmal von seinem
+Daseyn etwas wissen, in einem Tone zu reden, der ihm,
+wo nichts mehr, doch wenigstens manche freie Mahlzeit, und
+den Zutritt in den ersten Häusern erwirbt. Ich habe einen Menschen
+gekannt, der auf diese Art von seiner Vertraulichkeit mit
+dem Kaiser Joseph und dem Fürsten Kaunitz redete, obgleich ich
+ganz gewiß wußte, daß diese ihn kaum dem Namen nach, und
+zwar als einen unruhigen Kopf und als eine Lästerzunge kannten.
+Indessen hatte er hiedurch, da niemand genauer nachfragte,
+sich auf eine kurze Zeit in solches Ansehn gesetzt, daß Leute, die
+bei des Kaisers Majestät etwas zu suchen hatten, sich an ihn
+wendeten. Dann schrieb er auf so unverschämte Art an irgend
+einen Großen in Wien, und sprach in diesem Briefe von seinen
+übrigen vornehmen Freunden daselbst mit einer solchen Dreistigkeit,
+daß er, zwar nicht Erlangung seines Zwecks, aber doch
+manche höfliche Antwort erschlich, mit welcher er dann weiter
+wucherte.
+
+Diese Erfahrung, daß es möglich ist, durch den Ton der
+Zuversicht und durch eine vornehme Miene sich Gehör zu verschaffen,
+macht den frechen Halbgelehrten so dreist, über Dinge
+zu entscheiden, wovon er nicht früher, als eine Stunde vorher,
+das erste Wort gelesen oder gehört hat, aber so zu entscheiden,
+daß selbst der anwesende bescheidene Literator es nicht wagt, zu
+widersprechen, noch Fragen zu thun, die des Schwätzers Fahrzeug
+auf's Trockene werfen könnten.
+
+Diese Erfahrung ist es, welche uns Aufschluß über den Erfolg
+gibt, mit welchem ein Dummkopf sich um die ersten Stellen im
+Staate bewirbt, die verdienstvollsten Männer zu Boden tritt,
+und niemand findet, der ihn in seine Schranken zurückwiese.
+
+Auf diese Erfahrung gestützt, fordert der fremde Künstler hundert
+Louisd'or für ein Stück, das der einheimische, zehnfach besser
+gearbeitet, um funfzig Thaler verkaufen würde; allein man reißt sich um
+des Ausländers Werke: er kann nicht so viel fertig machen, als von ihm
+gefordert wird, und am Ende läßt er bei dem Einheimischen arbeiten, und
+verkauft das für ultramontanische Waare.
+
+Auf diese Erfahrung gestützt, erschleicht sich der Schriftsteller
+eine vortheilhafte Recension, wenn er in der Vorrede zu dem
+zweiten Theile seines langweiligen Buchs mit der schamlosesten
+Frechheit von dem Beifalle redet, womit Kenner und Gelehrte,
+deren Freundschaft er sich rühmt, den ersten Theil beehrt haben.
+
+Diese Erfahrung gibt dem vornehmen Bankerottirer, der
+Geld borgen will und nie wieder bezahlen kann, den Muth, das
+Anlehn in solchen Ausdrücken zu fordern, daß der reiche Wuchrer
+es für Ehre hält, sich von ihm betrügen zu lassen.
+
+Fast alle Arten von Bitten um Schutz und Beförderung, die in diesem
+Tone vorgetragen werden, finden Eingang, und werden nicht abgeschlagen;
+dahingegen Verachtung, Zurücksetzung und nicht erfüllte billige Wünsche
+fast immer der Preis des bescheidenen, furchtsamen Bewerbers sind.
+
+Kurz! der Satz: ~daß jedermann nicht mehr und nicht
+weniger gelte, als er sich selbst gelten macht~, ist die
+große Panacee für Abentheurer, Prahler, Windbeutel und seichte
+Köpfe, um fortzukommen auf diesem Erdballe -- ich gebe also
+keinen Kirschkern für dieses Universalmittel -- Doch still! sollte
+denn jener Satz uns gar nichts werth seyn? Ja, meine Freunde!
+er kann uns lehren, nie ohne Noth und Beruf unsre ökonomischen,
+physikalischen, moralischen und intellectuellen Schwächen
+aufzudecken. Ohne also sich zur Prahlerei und zu niederträchtigen
+Lügen herabzulassen, soll man doch nicht die Gelegenheit
+verabsäumen, sich von seinen vortheilhaften Seiten zu zeigen.
+
+Es gibt eine falsche Bescheidenheit und Zurückhaltung, die in einem
+kleinmüthigen Mißtrauen gegen sich selbst ihren Grund hat, und die
+Furcht erzeugt; von dieser gefesselt, läßt Mancher, der viel zu leisten
+vermag, die günstigste Gelegenheit, sich geltend zu machen, oder die
+Aufmerksamkeit der Vielvermögenden auf sich zu lenken, ungenutzt
+vorübergehen; eine Gelegenheit, die nimmer wiederkommt. Daß man hiebei
+mit Bescheidenheit zu Werke gehen, nichts zur Schau tragen, nicht
+sein eigner Lobredner seyn müsse, darf nicht erinnert werden, denn es
+bleibt dabei, daß der, welcher sich selbst erhöht, erniedrigt werde.
+Auszeichnung läßt sich nicht ertrotzen, und die ertrotzte würde nicht
+frommen. Hängt man ein gar zu glänzendes Schild aus, so erweckt man
+dadurch die spähende und lästernde Eifersucht, oder reizt zu den
+strengsten ungerechtesten Forderungen. Die Splitterrichter erheben
+kreischend ihre Stimme; und so ist es sogleich um den erborgten Glanz
+geschehn. Zeige Dich also mit einem gewissen bescheidnen Bewußtseyn
+innerer Würde, und vor allen Dingen mit dem auf Deiner Stirne
+strahlenden Bewußtseyn der Wahrheit und Redlichkeit! Zeige Vernunft
+und Kenntnisse, wo Du Veranlassung dazu hast! Nicht so viel, um Neid
+zu erregen und Forderungen anzukündigen; nicht so wenig, um übersehn
+und überschrien zu werden! Laß Dich aufsuchen, und sey nicht zu
+bereitwillig, ohne daß man Dich weder für einen Sonderling, noch für
+scheu, noch für hochmüthig halte!
+
+
+ 2.
+
+Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem Scheine
+der Vollkommenheit und Unfehlbarkeit. Die Menschen beurtheilen
+und richten Dich nach dem Maaßstabe Deiner Forderungen,
+und sie sind noch billig, wenn sie nur das thun, wenn sie Dir
+nicht Forderungen aufbürden. Dann heißt es, wenn Du auch
+nur des kleinsten Fehlers Dich schuldig machst: »Einem ~solchen
+Manne~ ist das gar nicht zu verzeihn;« und da die Schwachen
+sich ohnehin ein Fest daraus machen, an einem Menschen,
+der sie verdunkelt, Mängel zu entdecken, so wird Dir ein einziger
+Fehltritt höher angerechnet, als Andern ein ganzes Register
+von Bosheiten und Pinseleien.
+
+
+ 3.
+
+Sey aber nicht ~gar zu sehr~ ein Sclave der Meinungen
+Andrer von Dir! Sey selbstständig! Was kümmert Dich am
+Ende das Urtheil der ganzen Welt, ~wenn Du thust, was
+Du sollst~? und was ist Dein ganzer Prunk von äussern Tugenden
+werth, wenn Du diesen Flitterputz nur über ein schwaches,
+niedriges Herz hängst, um in Gesellschaften damit zu
+prunken?
+
+
+ 4.
+
+Vor allen Dingen wache über Dich, daß Du nie die innere
+Zuversicht zu Dir selber, das Vertrauen auf Gott, auf gute
+Menschen und auf das Schicksal verlierest! Sobald Dein Gefährte
+oder Gehülfe auf Deiner Stirne Mißmuth und Verzweiflung
+liest -- so ist alles aus. Sehr oft aber ist man im Unglück
+ungerecht gegen die Menschen. Jede kleine böse Laune, jede
+kleine Miene von Kälte deutet man auf sich; man meint, Jeder
+sehe es uns an, daß wir leiden, und weiche vor der Bitte
+zurück, die wir ihm thun könnten.
+
+
+ 5.
+
+Schreibe aber auch nicht auf Deine Rechnung das, wovon
+Andern das Verdienst gebührt! Wenn man Dir, aus Achtung
+gegen einen edlen Mann, dem Du angehörst, Auszeichnung
+oder Höflichkeit beweist, so brüste Dich damit nicht, sondern sey
+bescheiden genug, zu fühlen, daß dieß alles vielleicht wegfallen
+würde, wenn Du einzeln aufträtest! Suche aber selbst zu verdienen,
+daß man Dich um Deinetwillen ehre! Sey lieber das
+kleinste Lämpchen, das einen dunklen Winkel mit eignem Lichte
+erleuchtet, als ein großer Mond einer fremden Sonne, oder gar
+Trabant eines Planeten!
+
+
+ 6.
+
+Fehlt Dir etwas; hast Du Kummer, Unglück; leidest Du
+Mangel; reichen Vernunft, Grundsätze und guter Wille nicht
+zu: so klage Dein Leid, Deine Schwäche, Deine kleinmüthigen
+Besorgnisse niemand, als dem, der helfen kann, selbst Deinem
+treuen Weibe kaum! Wenige helfen tragen; fast Alle erschweren
+die Bürde; ja! sehr Viele treten einen Schritt zurück, sobald
+sie sehen, daß Dich das Glück nicht anlächelt. Sobald sie aber
+gar annehmen, daß Du ganz ohne Hülfsquellen bist, daß Du
+keinen geheimen Schutz hast, niemand, der sich Deiner annimmt
+-- o! so rechne auf Keinen mehr! Wer hat den Muth,
+und die Liebe, einzig und fest als die Stütze des von aller Welt
+Verlassenen öffentlich aufzutreten? Wer hat den Muth zu sagen:
+»Ich kenne den Mann; er ist mein Freund; er ist mehr
+werth, als Ihr alle, die ihr ihn schmähet!« Und fändest Du
+ja einen Solchen, so würde es doch nur etwa ein anderer armer
+Tropf seyn, der selbst in elenden Umständen, aus Verzweiflung
+sein Schicksal an das Deinige knüpfen wollte, dessen Schutz
+Dir mehr schädlich, als nützlich wäre.
+
+
+ 7.
+
+Rühme aber auch nicht zu laut Deine glückliche Lage! krame nicht
+zu glänzend Deine Pracht, Deinen Reichthum, Deine Talente aus! Die
+Menschen vertragen selten ein solches Uebergewicht, ohne Murren und
+Neid. Lege daher auch Andern keine zu große Verbindlichkeit auf! Thue
+nicht zu viel für Deine Mitmenschen! Sie fliehen den überschwenglichen
+Wohlthäter, wie man einen Gläubiger flieht, den man nie bezahlen kann.
+Also hüte Dich, zu groß zu werden in Deiner Brüder Augen! auch fordert
+dann Jeder zu viel von Dir, und eine einzige abgeschlagene Wohlthat
+macht tausend wirklich erzeigte in Einem Augenblicke vergessen. Oder
+wäre nicht Undank der Welt Lohn? Du wirst Ausnahmen erleben, aber
+rechne nur nicht auf diese, sondern sey auf das gefaßt, was die
+tägliche Erfahrung bringt.
+
+
+ 8.
+
+Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um
+Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das
+Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern! Man höret Dir wohl zu,
+besonders wenn Du Deine Darstellungen mit Witz zu würzen weißt, aber
+man hasset Dich gleichwohl. Dagegen wie edel ist es, da zu schweigen,
+wo alle Lippen in Bewegung sind, zu lästern, zu verkleinern, und
+herabzuwürdigen. O daß Du zu diesen Edlen gehören möchtest, ob auch die
+Welt sie nicht zu schätzen und zu ehren weiß!
+
+
+ 9.
+
+Suche weniger selbst zu glänzen, als Andern Gelegenheit zu geben,
+sich von vortheilhaften Seiten zu zeigen, wenn Du gelobt werden und
+gefallen willst. Wenige Menschen vertragen ein Uebergewicht von Andern.
+Lieber verzeihen sie uns eine zweideutige Handlung, ja! ein Verbrechen,
+als eine That, durch welche wir sie verdunkeln. Doch, wenn Du fern
+von ihnen, ausser ihrem Wirkungskreise stehst und ihnen nirgend in
+den Weg treten kannst; dann vielleicht lassen sie Dir Gerechtigkeit
+widerfahren. Auch im bloß geselligen Umgange soll man sich hüten,
+hervorstechen zu wollen. Ich habe den Ruf eines vernünftigen und
+witzigen Mannes aus mancher Gesellschaft mitgenommen, in welcher
+wahrlich kein kluges Wort aus meinem Munde gegangen war, und in welcher
+ich nichts gethan hatte, als mit musterhafter Geduld vornehmen und
+halbgelehrten Unsinn anzuhören, oder hie und da einen Mann auf ein
+Fach zu bringen, wovon er gern redet. Wie mancher besucht mich, mit
+der demüthigen Ankündigung: (wobei ich mich oft nicht des Lachens
+erwehren kann) er komme, um mir, als einem gewaltigen Gelehrten und
+Schriftsteller, seine Ehrerbietung zu bezeigen! Der Mann setzt sich
+dann hin und fängt an zu reden, läßt mich, den er bewundern will, gar
+nicht zu Worte kommen, und geht, entzückt über meine lehrreiche und
+angenehme Unterhaltung, zu welcher ich nicht zwanzig Worte geliefert
+habe, von mir, höchst vergnügt, daß ich Verstand genug gehabt habe --
+ihm zuzuhören. Habe Geduld mit allen Schwächen dieser Art! Wenn daher
+auch jemand ein Geschichtchen, oder sonst etwas vorbringt, das er
+~gern~ erzählt, und Du hättest es auch schon mehr gehört, und es wäre
+vielleicht ein Märchen, das ~Du selbst~ ihm einst mitgetheilt hättest;
+so laß es ihm doch nicht auf unangenehme Weise merken, daß die Sache
+Dir alt und langweilig ist, wenn die Person anders Schonung verdient!
+Was kann unschuldiger seyn, als solche Ausleerungen zu befördern, wenn
+man dadurch Andern Erleichterung, und sich einen guten Ruf verschafft?
+Und wenn die Leute unschuldige Liebhabereien haben, z. B. gern von
+Pferden reden, es gern sehen, daß man eine Pfeife Tabak mit ihnen
+rauche, ein Glas Wein mit ihnen trinke; so erzeige man ihnen diese
+kleine Gefälligkeit, wenn es ohne große Ungemächlichkeit und ohne
+kriechende Demuth geschehen kann! Desfalls habe ich nie die Gewohnheit
+der Hofleute von gemeinerm Schlage gut finden können, die jedermann nur
+mit halbem Ohre und zerstreueter Miene anhören, ja! gar mitten in einer
+Rede, die sie veranlaßt haben, einfallen, ohne das Ende abzuwarten.
+
+
+ 10.
+
+Gegenwart des Geistes ist ein seltnes Geschenk des Himmels, und macht,
+daß wir im Umgange in sehr vortheilhaftem Lichte erscheinen. Dieser
+Vorzug nun läßt sich freilich nicht durch Kunst erlangen; allein man
+kann an sich arbeiten, daß, wenn er uns fehlet, wir wenigstens nicht
+durch Uebereilung uns und Andre in Verlegenheit setzen. Sehr lebhafte
+Temperamente haben hierauf vorzüglich zu achten. Ich rathe daher, wenn
+eine unerwartete Frage, ein ungewöhnlicher Gegenstand, oder irgend
+etwas anders uns überrascht, nur eine Minute still zu schweigen und
+der Ueberlegung Zeit zu lassen, uns zu der Parthei vorzubereiten,
+die wir nehmen sollen. So wie ein einziges rasches, unvorsichtiges
+Wort, oder ein in der Verwirrung unternommener Schritt zu späte Reue
+und unglückliche Folgen wirken können; so kann ein schnell auf der
+Stelle gefaßter und ausgeführter rascher Entschluß, in entscheidenden
+Augenblicken, in welchen man so leicht den Kopf verliert, Glück,
+Rettung und Trost bringen.
+
+
+ 11.
+
+Wünschest Du zeitliche Vortheile, Unterstützung, Versorgung im
+bürgerlichen Leben; mögtest Du in einer Bedienung angestellt werden,
+in welcher Du Deinem Vaterlande nützlich seyn könntest: so mußt Du
+darum bitten, ja! nicht selten betteln, d. h. Du mußt es Dir gefallen
+lassen, in einem solchen Tone und mit einer solchen Andringlichkeit
+zu bitten, als ob Dir das, was Du leisten kannst, gar keine Ansprüche
+auf das Erbetene gäbe. Rechne nicht darauf, daß die Menschen, sie
+müßten denn Deiner ganz nothwendig bedürfen, Dir etwas anbieten, oder
+sich ungebeten für Dich verwenden werden, wenn auch Deine Verdienste
+oder Leistungen noch so laut für Dich reden, und jedermann weiß, daß
+Du Unterstützung bedarfst und verdienst! Jeder sorgt für sich und die
+Seinigen, ohne sich um den bescheidnen Mann zu bekümmern, der indeß
+nach Gemächlichkeit in seinem Winkelchen seine Talente vergraben,
+oder gar verhungern kann. Darum bleibt so mancher Verdienstvolle bis
+an seinen Tod unerkannt, ausser Stand gesetzt, seinen Mitmenschen
+nützlich zu werden -- weil er nicht betteln, nicht kriechen kann, oder
+weil er, in einem falschen Selbstgefühl, jede Bitte um das, worauf er
+gerechte Ansprüche hat, unter seiner Würde hält. Warum wolltest Du ein
+Märtyrer dieses Selbstgefühls werden, oder es zu einem Wurm machen, der
+unaufhaltsam Deine Lebenskraft zernagt? Suchet, so werdet ihr finden!
+
+
+ 12.
+
+So wenig wie möglich lasset uns indessen von Andern Wohlthaten fordern
+und annehmen! Man trifft gar selten Leute an, die nicht früh oder spät
+für kleine Dienste große Rücksichten forderten, und das hebt dann das
+Gleichgewicht im Umgange auf, raubt Freiheit, hindert uneingeschränkte
+Wahl, und wenn auch unter zehnmal nicht einmal der Fall einträte, daß
+dieß uns in Verlegenheit setzte, oder Verdruß zuzöge; so ist es doch
+weislich gehandelt, dies mögliche Einmal zu vermeiden, und lieber
+immer zu geben, Jedem zu dienen, als von Andern Dienste oder sonst
+etwas anzunehmen. Auch gibt es wenig Menschen, die mit guter Art
+Wohlthaten erzeigen. Versuchet es, meine Freunde! wie viele unter Euren
+Bekannten nicht auf einmal, mitten in der fröhlichsten, höflichsten
+Gemüthsstimmung ihr Gesicht in feierliche Falten ziehen, wenn Ihr
+Eure Anrede mit den Worten anhebet: »Ich muß eine große Bitte an Sie
+wagen! Ich bin in einer erschrecklichen Verlegenheit.« Sehr bereit aber
+pflegen die Menschen zu seyn, uns solche Dienste anzubieten, deren wir
+nicht bedürfen, oder gar, die sie selbst nicht zu leisten im Stande
+sind. Der Verschwender ist immer willig, mit Gelde zu dienen; der
+Dummkopf mit gutem Rathe.
+
+Vor allen Dingen hüte man sich, jemand um eine Gefälligkeit
+zu bitten, wenn man voraus wissen kann, daß er uns nicht
+wohl, wenn er auch gern möchte, eine abschlägige Antwort geben
+kann! (z. B. wenn er uns Verbindlichkeit schuldig, oder
+sonst von uns abhängig ist.)
+
+Wohlthaten annehmen, macht abhängig; man weiß nicht,
+wie weit das führen kann. Man kömmt da oft in's Gedränge
+zwischen der Nothwendigkeit, schlechten Menschen zu viel nachzusehn,
+oder undankbar zu scheinen.
+
+Um nun des fremden Beistandes entbehren zu können, dazu ist das beste
+Mittel, wenig Bedürfnisse zu haben, mäßig zu seyn, und bescheidne
+Wünsche zu nähren; das heißt nicht: Du sollst ein Diogenes in der
+Tonne seyn, und Deine Hand zum Pokal erheben, sondern es heißt nur:
+Du sollst nicht eitler Ehre geitzig seyn, nicht glänzen wollen, nicht
+meinen, daß es ein Unglück sey, in einer gewissen Verborgenheit und
+Zurückgezogenheit leben zu müssen. Das, was Du hiebei entbehrst,
+ist wahrlich keines Seufzers werth: das laß Dir von den bleichen,
+früh veralteten Gesichtern und tief liegenden Augen voll Mißmuth und
+Trübsinn erzählen, welche die von Dir Beneideten als Warnungstafeln vor
+sich hertragen. Denn wer von unzähligen Leidenschaften in rastlosem
+Taumel umhergetrieben wird, bald Ehrenstellen, bald Wucher, bald
+Erwerb, bald wollüstigen Genuß verlangt; wer, von dem Luxus des
+Zeitalters angesteckt, alles begehrt, was seine Augen sehen; wen
+vorwitzige Neugier und ein unruhiger Geist treiben, sich in jeden
+unnützen Handel zu mischen; der geräth in eine zwiefache Sclaverei;
+er wird der Menschen Knecht, und seiner Leidenschaften Sclave; er
+lebt in einer eben so drückenden, als verführerischen Abhängigkeit:
+drückend ist sie, weil sie ihn beständig der Ungerechtigkeit der
+Menschen preisgibt; verführerisch, weil sie ihn beständig reizt, sich
+zu erniedrigen, um im kläglichsten Sinn des Worts erhöht zu werden.
+
+
+ 13.
+
+Wenn ich aber gesagt habe, daß man lieber Allen ~geben~, als von irgend
+jemand ~empfangen~ sollte; so hebt doch das den Satz nicht auf, daß man
+nicht gar zu viel für Andre thun dürfe. Ueberhaupt sey dienstfertig,
+aber nicht zudringlich! Sey nicht jedermanns Freund und Vertrauter! Vor
+allen Dingen wirf Dich nicht zum Sittenrichter der Menschen, besonders
+gewisser Menschen auf, und sey der Warnung eingedenk: Ihr sollt die
+Perlen nicht vor die Säue werfen, damit sie sich nicht umwenden, und
+euch zerreissen. Nicht einmal Deinen unmaßgeblichen Rath sollst Du den
+Menschen aufdringen. Begehren sie Deinen Rath, so begehre Du erst ein
+Glaubensbekenntniß von ihnen, damit Du weißt, wen Du vor Dir hast,
+und wie ihm beizukommen ist. Die Wenigsten wissen Dir Dank dafür,
+und selbst wenn sie Dich um Rath fragen, sind sie gewöhnlich schon
+entschlossen zu thun, was ihnen gefällt. Mische Dich auch nicht in
+Familien-Händel! Vor allen Dingen hüte Dich, Zwistigkeiten schlichten
+und Versöhnungen stiften zu wollen! (Es sey denn unter geliebten,
+geprüften Personen.) Mehrentheils werden beide Partheien einig, um dann
+über Dich herzufallen. Das Kuppeln und Heirathen-Schmieden überlasse
+man dem Himmel und einer gewissen Klasse von alten Weibern!
+
+
+ 14.
+
+Keine Regel ist so allgemein, keine so heilig zu halten, keine
+führt so sicher dahin, uns dauerhafte Achtung und Freundschaft
+zu erwerben, als die: unverbrüchlich, auch in den geringsten
+Kleinigkeiten, Wort zu halten, seiner Zusage treu, und stets
+wahrhaftig zu seyn in seinen Reden. Nie kann man Recht und
+erlaubte Ursachen haben, das Gegentheil von dem zu sagen,
+was man denkt, wenn gleich man Befugniß und Gründe haben
+kann, nicht alles zu offenbaren, was in uns vorgeht. Es gibt
+keine Nothlügen; noch nie ist eine Unwahrheit gesprochen worden,
+die nicht früh oder spät nachtheilige Folgen für jemand gehabt
+hätte; der Mann aber, der dafür bekannt ist, strenge Wort
+zu halten und sich keine Unwahrheit zu gestatten, gewinnt gewiß
+Zutrauen, guten Ruf und Hochachtung. Du darfst zwar
+nicht alles sagen, was wahr ist, aber eben so wenig statt der
+Wahrheit eine Unwahrheit. Demjenigen, welcher Dein Bekenntniß
+oder Deine Offenherzigkeit gewiß mißbrauchen wird,
+oder der die Wahrheit, die er von Dir begehrt, nicht würde ertragen
+können, bist Du keine Offenherzigkeit schuldig.
+
+
+ 15.
+
+Sey strenge, pünktlich, ordentlich, arbeitsam, fleissig in Deinem
+Berufe! Bewahre Deine Papiere, Deine Schlüssel und alles so, daß Du
+jedes einzelne Stück auch im Dunkeln finden könntest! Verfahre noch
+ordentlicher mit fremden Sachen! Verleihe nie Bücher, oder andre Dinge,
+die Dir sind geliehen worden; hast Du von Andern dergleichen geborgt,
+so bringe oder schicke sie zu gehöriger Zeit wieder, und erwarte
+nicht, daß sie, oder ihre Domestiken, weite Wege machen sollen, um ihr
+Eigenthum wieder zu erlangen. -- Jedermann geht gern mit einem Menschen
+um, auf dessen Pünktlichkeit und Treue in Wort und That er sich fest
+verlassen kann, und der unfähig ist, Andere zu täuschen. So gehört
+es auch zu den Eigenschaften, welche Vertrauen und Gunst erwerben,
+zur rechten Zeit zu erscheinen, wo man erwartet wird, möge die
+Zusammenkunft zu einem Vergnügen, oder einem Geschäft bestimmt seyn.
+Das Spätkommen gehört zu denjenigen bösen Gewohnheiten und Mißbräuchen
+in der Gesellschaft, welche eben so ausgebreitet, als verderblich, eben
+so unsittlich, als ungesittet sind. Gute und böse Beispiele von ~der~
+Art reizen zur Nachfolge; und die Ungerechtigkeit anderer Menschen
+rechtfertigt nicht die unsrige.
+
+
+ 16.
+
+Gib Andern Beweise Deiner Theilnahme, um Dich der ihrigen
+zu versichern. Wer untheilnehmend, ohne Sinn für Freundschaft,
+Wohlwollen und Liebe, nur sich selber lebt, der bleibt
+verlassen, wenn er sich nach Beistand sehnt.
+
+
+ 17.
+
+Verflechte Niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und fordere
+nicht von Denen, mit welchen Du umgehst, daß sie Theil
+an den Uneinigkeiten nehmen sollen, die zwischen Dir und Andern
+herrschen!
+
+Eine Menge dieser Vorschriften umfaßt die alte Regel: setze Dich in
+Gedanken oft in andrer Leute Stelle, und frage Dich selbst: »Wie
+würde es Dir unter denselben Umständen gefallen, wenn man ~Dir~ dieß
+zumuthete, gegen ~Dich~ also handelte, von ~Dir~ das forderte? --
+diesen Dienst, diese Verwendung, diese langweilige Arbeit, diesen
+Zeitaufwand, für einen geringfügigen Zweck, diese Erklärung?«
+
+
+ 18.
+
+Bekümmre Dich nicht um die Handlungen Deiner Nebenmenschen, in so fern
+sie nicht Bezug auf Dich, oder so sehr auf die Sittlichkeit im Ganzen
+haben, daß es Verbrechen seyn würde, darüber zu schweigen! Ob aber
+jemand langsam oder schnell geht, viel oder wenig schläft, oft oder
+selten zu Hause, prächtig oder schlecht gekleidet ist, Wein oder Bier
+trinkt, Schulden oder Kapitalien macht, eine Geliebte hat oder nicht
+-- was geht das Dich an, wenn Du nicht sein Vormund bist? Thatsachen
+hingegen, die man durchaus wissen muß, erfährt man oft am besten von
+dummen Leuten, weil diese ohne Witz, ohne Consequenzmacherei, ohne
+Seitenblicke, ohne Verbrämung und ohne Leidenschaft, geradehin erzählen.
+
+
+ 19.
+
+Von Deinen ~Grundsätzen~ gehe nie ab, so lange Du sie
+als richtig anerkennest! Ausnahmen machen ist sehr gefährlich,
+und führt immer weiter, vom Kleinen zum Großen. Hast Du
+Dir also einmal aus guten Gründen vorgenommen, keine Bücher
+zu verleihen, keinen Wein zu trinken u. dgl.; so müsse kein
+Sterblicher Dich bewegen können, davon abzugehen, so lange
+die Gründe Deiner ersten Entschließung nicht wegfallen! Sey
+fest; aber hüte Dich, so leicht etwas zum Grundsatze zu machen,
+bevor Du alle mögliche Fälle überlegt hast, oder eigensinnig auf
+Kleinigkeiten zu bestehen; denn was kann thörichter seyn, als
+sogenannten Grundsätzen, d. h. einer Handlungsweise, welcher
+nichts weiter, als ein vernünftiger Grund mangelt, oder die
+keinen andern, als den Eigensinn, oder das ungerechteste Mißtrauen,
+oder die unverzeihlichste Undienstfertigkeit, so lange und
+so hartnäckig getreu zu bleiben, bis man alle Liebe und alle Achtung
+der Bessern verloren hat.
+
+Vor allen Dingen also handle nur stets folgerecht (consequent)!
+Mache Dir einen Lebensplan, und weiche nicht um
+ein Tüttelchen von diesem Plane, hätte dieser Plan auch allerlei
+Sonderbarkeiten, d. h. weiche er auch noch so sehr von der gemeinen
+und gepriesenen Denkungsart und Lebensweise ab. --
+Die Menschen werden eine Zeitlang die Köpfe darüber zusammenstecken,
+und am Ende schweigen, Dich in Ruhe lassen, und
+Dir, wenn Du anders Deinen Plan mit Festigkeit und Weisheit
+durchführst, ihre Hochachtung nicht versagen können. Man
+gewinnt überhaupt immer durch Ausdauern und durch planmässige,
+weise Festigkeit. Es ist mit Grundsätzen, wie mit jeden
+andern Stoffen, woraus etwas gemacht wird, nämlich, daß
+der beste Beweis für ihre Güte der ist, wenn sie lange halten,
+und in der That, wenn man recht genau den Gründen nachspüren
+will, warum auch den edelsten Handlungen mancher
+Menschen nicht Gerechtigkeit widerfährt; so wird man oft finden,
+daß das Publikum deswegen Verdacht gegen die Wahrheit
+und den Zweck dieser Handlungen gefaßt hat, weil sie nicht zu
+dem Lebensplan und zu der Handlungsweise dessen, der sie unternimmt,
+nicht zu seinen übrigen Schritten zu passen scheinen.
+
+
+ 20.
+
+Was aber noch wichtiger, als jene Vorschrift ist: sey redlich,
+und weihe Deine Kraft und Dein Leben der Liebe und der
+Pflicht; führe ein menschliches Leben, d. h. ein Vernunftleben;
+halte es für den höchsten Ruhm Deines Lebens, als ein Vernunftwesen
+zu leben. -- Habe immer ein gutes Gewissen! Bei
+keinem Deiner Schritte müsse Dir Dein Herz über Absicht und
+Mittel Vorwürfe machen dürfen! Gehe nie schiefe Wege; und
+baue dann sicher auf gute Folgen, auf Gottes Beistand und auf
+Menschenhülfe in der Noth! Und verfolgt Dich auch wohl eine
+Zeitlang ein widriges Geschick -- o! so wird doch die selige
+Ueberzeugung von der Unschuld Deines Herzens, von der Redlichkeit
+Deiner Absichten, Dir ungewöhnliche Kraft, festen, unerschütterlichen
+Muth und unzerstörbare Heiterkeit geben; Dein
+kummervolles Antlitz wird im Umgange mehr, weit mehr Theilnahme
+erwecken, als die Fratze des lächelnden, grinzenden,
+glücklich scheinenden Bösewichts.
+
+
+ 21.
+
+Sey, was Du bist, immer ~ganz~, und immer derselbe! Nicht heute warm,
+morgen kalt; heute grob, morgen höflich und zuckersüß; heute der
+lustige Gesellschafter, morgen trocken und stumm, wie eine Bildsäule!
+Es ist unbegreiflich, daß diese wetterwendischen, launenhaften und
+kaltherzigen Menschen nicht endlich vor sich selbst erschrecken und
+zurückfahren, da sie doch täglich durch die Scheu und den Widerwillen,
+womit sich Alles von ihnen entfernt, auf die klägliche Rolle, die sie
+spielen, aufmerksam gemacht werden, und da sie sich selbst eben so
+sehr, als Andern, zur Last leben. Wenn sie einmal, in einem Anfall
+von guter Laune oder Schaam, im Umgange Freundschaft und Theilnahme
+zeigen, so spielen sie eigentlich die Rolle der Betrüger. Wir bauen in
+der Meinung, daß sie sich gebessert haben, auf ihre Zusicherungen und
+Aeusserungen, und wollen wenig Tage nachher den Mann wieder besuchen,
+der uns so gern bei sich sieht, der uns so freundlich eingeladen hat,
+recht oft zu kommen. Wir gehen hin, und werden nun so frostig und
+verdrießlich empfangen, oder man läßt uns ohne Unterhaltung in einer
+Ecke sitzen, antwortet uns nur mit gebrochnen Sylben, weil man grade
+von Menschen umgeben ist, die mehr Weihrauch spenden, als wir. Von
+solchen Menschen muß man sich unmerklich zurückziehn, und wenn sie
+nachher, in einem Augenblicke von Langerweile, uns wieder aufsuchen,
+gleichfalls gegen sie den Spröden machen, und ihnen unter den Händen
+fortschlüpfen.
+
+
+ 22.
+
+Mache einigen Unterschied in Deinem äussern Betragen gegen die
+Menschen, mit denen Du umgehst, in dem Zeichen von Achtung, die Du
+ihnen beweisest! Reiche nicht Jedem Deine rechte Hand dar! Umarme nicht
+Jeden! Drücke nicht Jeden an Dein Herz! Was bewahrst Du den Bessern und
+Geliebten auf, und wer wird Deinen Freundschafts-Bezeugungen trauen,
+ihnen Werth beilegen, wenn Du sie so verschwenderisch austheilst?
+
+
+ 23.
+
+Zwei Gründe hauptsächlich müssen uns bewegen, nicht gar zu offenherzig
+gegen die Menschen zu seyn: zuerst die Furcht, unsre Schwäche dadurch
+aufzudecken und gemißbraucht zu werden, und dann die Ueberlegung,
+daß, wenn man die Leute einmal daran gewöhnt hat, ihnen nichts
+zu verschweigen, sie zuletzt von jedem unsrer kleinsten Schritte
+Rechenschaft verlangen, alles wissen, um alles zu Rathe gezogen werden
+wollen. Allein eben so wenig soll man übertrieben verschlossen seyn;
+sonst entsteht der Verdacht gegen uns, es stecke hinter allem, was wir
+thun, etwas Bedeutendes, oder gar Gefährliches, und das kann uns in
+unangenehme Verlegenheit verwickeln und veranlassen, daß wir verkannt
+werden, besonders in fremden Ländern, auf Reisen, bei manchen andern
+Gelegenheiten, und kann uns überhaupt auch im gemeinen Leben, selbst im
+Umgange mit edeln Freunden, schaden.
+
+
+ 24.
+
+Suche keinen Menschen, auch den Schwächsten nicht, in Gesellschaften
+lächerlich zu machen! Ist er dumm: so hast Du wenig Ehre von dem Witze,
+den Du an ihm verschwendest; ist er es weniger, als Du glaubst: so
+kannst Du vielleicht der Gegenstand ~seines~ Spottes oder seiner Rache
+werden; ist er gutmüthig und gefühlvoll: so kränkst Du ihn; und ist er
+tückisch: so kann er Dir's vielleicht auf eine Rechnung setzen, die Du
+früh oder spät auf irgend eine Art bezahlen mußt. -- Und wie oft kann
+man nicht, wenn das Publikum auf unsre Urtheile über Menschen achtet,
+einem guten Manne im bürgerlichen Leben wahrhaften Schaden zufügen,
+oder einen Schwachen so niederdrücken, daß aller Muth in ihm erlöscht,
+und alle Keime zu bessern Anlagen erstickt werden, indem man ihn, durch
+Hervorziehn der Schwachheiten, welche Stoff zum Spotten und Lachen
+geben, der Verachtung preisgibt.
+
+
+ 25.
+
+Schrecke, zerre und necke auch niemand, selbst Deine Freunde nicht,
+mit falschen Nachrichten, mit Witzeleien, oder was sonst auf einen
+Augenblick beunruhigt, und leicht in Verlegenheit setzt! Es gibt der
+wahrhaft mißvergnügten, unangenehmen, ängstlichen Augenblicke so
+viele im Leben, daß es wohl Bruderpflicht ist, alles hinwegzuräumen,
+was die Last der wirklichen und eingebildeten Plagen auch nur um ein
+Sandkorn erschweren kann. Für eben so unschicklich halte ich es,
+einem Freunde, aus Scherz, wie es die Gewohnheit mancher Leute ist,
+mit selbst erfundnen erfreulichen Neuigkeiten ein kurzes Vergnügen
+zu machen, das nachher schmerzlich vereitelt wird. Das alles ist
+Neckerei, durch welche die Freuden des Umgangs nicht gewürzt, sondern
+verkümmert werden. Eben so unverzeihlich ist es, die Neugierde zu
+reizen, wenn man sie nicht befriedigen kann, oder will, oder die,
+welche sich reizen ließen, hernach als Getäuschte dem Gelächter der
+Kaltblütigen preiszugeben. Es gibt Menschen, welche die Gewohnheit
+haben, ihren Freunden mystische Warnungen hinzuwerfen, wie z. B.: »Es
+läuft ein böses Gerücht von Ihnen herum, aber ich kann, ich darf Ihnen
+noch nichts darüber sagen.« Dergleichen hat gar keinen Nutzen, und
+beunruhigt.
+
+Ueberhaupt muß man so wenig wie möglich die Leute in Verlegenheit
+setzen, vielmehr sich bemühen, wenn auch jemand im Begriff ist, eine
+Unvorsichtigkeit zu begehen (z. B. schlecht von einem Buche zu reden,
+dessen Verfasser gegenwärtig ist), oder sonst beschämt zu werden, ihm
+diese Verlegenheit zu ersparen, oder die Sache auf irgend eine Weise
+wieder in's Gleiche zu bringen. Und wenn jemand aus Unachtsamkeit
+etwas zerbrochen, oder sonst sich einer kleinen Unvorsichtigkeit
+schuldig gemacht hat: so fordert es die Humanität, nicht hinzublicken,
+wenigstens nicht mit Lächeln, oder mit sichtbarem Unwillen, noch
+betroffen, um seine Verwirrung nicht zu vermehren!
+
+
+ 26.
+
+Vor allen Dingen vergesse man nie in der Gesellschaft, daß die Leute
+unterhalten, nicht belehrt und unterwiesen seyn wollen; daß selbst der
+unterrichtendste Umgang ihnen in der Länge ermüdend vorkommt, wenn
+er nicht zuweilen durch Witz und gute Laune gewürzt wird; daß ferner
+nichts in der Welt ihnen so witzreich, so weise und so ergötzend
+scheint, als wenn man sie lobt, ihnen etwas Schmeichelhaftes sagt; daß
+es aber unter der Würde eines klugen Mannes ist, den Spaßmacher, und
+eines redlichen Mannes unwürdig, den Schmeichler zu machen. Allein es
+gibt einen gewissen Mittelweg; denn da jeder Mensch doch wenigstens
+Eine gute Seite hat, die man loben darf, und dies Lob, wenn es nicht
+übertrieben wird, aus dem Munde eines verständigen Mannes, Sporn zu
+größerer Vervollkommnung werden kann: so kann es sogar Pflicht werden,
+denen ein ermunterndes Lob nicht schuldig zu bleiben, welche es eben so
+sehr verdienen, als bedürfen, und es denen nicht vorzuenthalten, die
+es nicht entbehren können, ohne an sich selbst zu verzagen, oder auf
+halbem Wege stehen zu bleiben.
+
+Zeige, so viel Du kannst, eine immer gleiche, heitre Stirne! Nichts
+ist reizender und liebenswürdiger, als eine gewisse frohe, muntre
+Gemüthsart, die aus der Quelle eines schuldlosen, nicht von heftigen
+Leidenschaften aufgeregten, sondern von Wohlwollen und Theilnahme
+bewegten Herzens hervorströmt. Wer sich's in der Gesellschaft merken
+läßt, daß er sich Zwang anthue, um heiter zu erscheinen, oder wer sich
+recht sichtbar anstrengt, um das Wort zu führen, und daher unaufhörlich
+Anekdoten auskramt, Späßchen macht, und nach Witz hascht; wem man es
+ansieht, daß er darauf studirt hat, die Gesellschaft zu unterhalten:
+der gefällt nur auf kurze Zeit, und wird bei Wenigen Interesse
+erwecken. Er wird nicht aufgesucht werden von denen, deren Herz sich
+nach besserm Umgange, und deren Kopf sich nach lebendiger und durch
+Mannigfaltigkeit gewürzter Unterhaltung sehnt.
+
+Wer immer Spaß machen will, der erschöpft sich nicht nur leicht und
+wird matt, sondern hat auch die Unannehmlichkeit, daß, wenn er einmal
+gerade nicht aufgelegt ist, seinen Vorrath von lustigen Kleinigkeiten
+zu öffnen, seine Gefährten das sehr ungnädig aufnehmen. Bei jeder
+Mahlzeit, zu welcher er gebeten wird, bei jeder Aufmerksamkeit, die
+man ihm beweist, scheint die Bedingung schwer auf ihm zu liegen, daß
+er diese Ehre durch seine Schwänke bezahlen, und die Unkosten der
+Unterhaltung allein tragen solle; und will er es einmal wagen, einen
+höheren und reineren Ton anzustimmen, und etwas Ernsthaftes oder
+Gescheutes zu sagen, so lacht man ihm gerade in's Gesicht, ehe er mit
+seiner Rede halb zu Ende ist. Wahrer Humor und ächter Witz lassen sich
+nicht erzwingen, nicht erkünsteln; aber sie wirken, wie ein milder
+Sonnenstrahl, erwärmend, befruchtend und wohlthuend. Willst Du witzige
+Einfälle anbringen, so überlege auch wohl, in welcher Gesellschaft Du
+Dich befindest! Was Personen von einer dürftigen oder mittelmäßigen
+Bildung sehr unterhaltend scheint, kann Andern sehr langweilig und
+unschicklich vorkommen; und ein freier Scherz, den man sich in einem
+Kreise von Männern erlaubt, würde bei Frauenzimmern übel angebracht
+seyn.
+
+
+ 27.
+
+Gehe von niemand, und laß niemand von Dir, ohne ihm etwas Lehrreiches
+oder etwas Verbindliches gesagt, und mit auf den Weg gegeben zu haben;
+aber beides auf eine Art, die ihm wohlthue, seine Bescheidenheit
+nicht verletze, und nicht studirt scheine, damit er die Stunde nicht
+verloren zu haben glaube, die er bei Dir zugebracht hat, und fühle,
+Du nehmest Interesse an seiner Person: es gehe Dir von Herzen: Du
+verkaufest nicht bloß Deine Höflichkeits-Waare ohne Unterschied jedem
+Vorübergehenden! Man verstehe mich also recht! Ich möchte gern, wenn
+es möglich wäre, alles leere Geschwätz aus dem Umgange verbannt
+sehen; möchte, daß man, ohne Aengstlichkeit, auf sich Acht hätte, nie
+etwas zu sagen, wovon Der, welcher es anhören muß, weder Nutzen noch
+~wahres~ Vergnügen haben, woran er, weder mit dem Kopfe, noch mit
+dem Herzen, Antheil nehmen könnte. Weit entfernt bin ich also, jene
+Gefallsucht oder Gleißnerei in Schutz nehmen zu wollen, die Jeden ohne
+Unterlaß mit leeren Complimenten, Schmeicheleien oder Lobsprüchen in
+die Verlegenheit setzen, ihnen auf tausend nicht ~eins~ antworten zu
+können. Ein Beispiel wird meine wahren Grundsätze darüber deutlicher
+machen. Ich saß einst an einer fremden Tafel, zwischen einer hübschen,
+verständigen jungen Dame und einem kleinen, garstigen Fräulein, von
+etwa vierzig Jahren. Ich beging die Unhöflichkeit, die ganze Mahlzeit
+hindurch mich nur mit Jener zu unterhalten, zu Dieser hingegen kein
+Wort zu reden. Beim Nachtische erst erinnerte ich mich meiner Unart;
+und nun machte ich den Fehler gegen die Höflichkeit durch einen
+andern gegen die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit gut. Ich wendete
+mich zu ihr, und redete von einer Begebenheit, die vor zwanzig Jahren
+vorgegangen war -- Sie wußte nichts davon -- »Es ist kein Wunder,«
+sagte ich, »Sie waren damals noch ein Kind.« Das kleine Wesen freute
+sich innigst darüber, daß ich sie für so jung hielt, und dies einzige
+Wort erwarb mir ihre Gunst. -- Sie hätte mich dieser niedrigen
+Schmeichelei wegen verachten sollen. Wie leicht hätte ich einen
+Gegenstand zu einem Gespräche mit ihr finden können, das ihr auf irgend
+eine Weise anziehend gewesen wäre, oder eine Gelegenheit, ihr meine
+Aufmerksamkeit zu beweisen; und es war meine Pflicht, darauf zu denken,
+und ihr nicht einen ganzen Mittag hindurch die Thür der Unterhaltung
+zu verschließen; eine Ungerechtigkeit, die so oft in der Gesellschaft
+gegen diejenigen begangen wird, die so unglücklich sind, einen
+unangenehmen oder widrigen sinnlichen Eindruck auf uns zu machen. Sie
+sollten vielmehr Gegenstände unserer Theilnahme werden, und wir sollten
+die Ungerechtigkeit und Zurücksetzung, welche sich die Gesellschaft
+gegen sie erlaubt, vielmehr zu vergüten suchen, als nachahmen.
+
+Man kann sich indessen oft sehr schlecht empfehlen, indem man den
+Menschen etwas recht Verbindliches gesagt zu haben meint. So gibt es
+Leute, die es sehr übel nehmen würden, wenn man ihnen versicherte, daß
+man sie für gutmüthig halte, und Andre, die sich beleidigt fühlen, wenn
+man sie versichert, sie sähen gesund aus, oder sie hätten noch etwas
+so Jugendliches in ihrem Aeussern, daß man ihr wahres Alter unmöglich
+ahnen könne.
+
+
+ 28.
+
+Wem es darum zu thun ist, dauerhafte Achtung sich zu erwerben;
+wem daran liegt, daß seine Unterhaltung niemand anstößig, Keinem
+zur Last werde; der würze nicht ohne Unterlaß seine Gespräche mit
+Lästerungen, Spott, Tadelsucht und Satyre, und gewöhne sich nicht an
+den auszischenden Ton der Spottsucht! Das kann wohl einigemal, und,
+bei einer gewissen Klasse von Menschen, auch öfter gefallen; aber man
+flieht und verachtet doch endlich den Mann, der immer auf anderer Leute
+Kosten, oder auf Kosten der Wahrheit die Gesellschaft vergnügen will,
+und man hat Recht dazu; denn der gefühlvolle, verständige Mensch muß
+Nachsicht haben mit den Schwächen Anderer. Er weiß, welchen großen
+Schaden oft ein einziges, wenn gleich nicht böse gemeintes Wörtchen
+anrichten kann; auch sehnt er sich nach einer unschuldigeren und
+edleren Unterhaltung; ihm ekelt vor leerer Spötterei und liebloser
+Tadelsucht. Gar zu leicht aber nimmt man im Verkehr mit der sogenannten
+großen Welt diesen elenden Ton an; man kann nicht genug davor warnen,
+da er den Charakter entstellt, und dem Dünkel die gefährlichste Nahrung
+gibt, die Freuden des Umgangs vergiftet, und die Bande der Gesellschaft
+zernagt.
+
+Uebrigens aber möchte ich auch nicht gern alle Satyre für unerlaubt
+erklären, noch leugnen, daß manche Thorheiten und Unzweckmäßigkeiten,
+~im weniger vertrauten Umgange~, am besten durch einen feinen, nicht
+beleidigenden, nicht zu deutlich auf einzelne Personen anspielenden
+Spott bekämpft werden können. Endlich bin ich auch weit entfernt,
+zu fordern, man solle alles loben, und selbst offenbare Fehler
+entschuldigen; vielmehr habe ich nie den Leuten getrauet, die so
+sichtbar sich das Ansehen geben, alles mit dem Mantel der christlichen
+Liebe bedecken zu wollen. Sie sind mehrentheils Heuchler, wollen durch
+das Gute, das sie von den Leuten ~reden~, das Böse vergessen machen,
+welches sie ihnen ~zufügen~, oder sie suchen dadurch Nachsicht für ihre
+eigenen Gebrechen zu erlangen, und ein günstiges Vorurtheil für sich zu
+erschleichen.
+
+
+ 29.
+
+Erzähle nicht leicht Anekdoten, besonders nie solche, die irgend jemand
+in ein nachtheiliges Licht setzen, auf bloßes Hörensagen nach! Sehr oft
+sind sie gar nicht auf Wahrheit gegründet, oder schon durch so viel
+Hände gegangen, daß sie wenigstens vergrößert, verstümmelt worden sind,
+und dadurch eine wesentlich andre Gestalt bekommen haben. Vielfältig
+kann man dadurch unschuldigen guten Leuten ernstlich schaden, und öfter
+sich selber großen Verdruß zuziehn.
+
+
+ 30.
+
+Hüte Dich, Nachrichten aus einem Hause in das andre zu tragen,
+vertrauliche Tischreden, Familien-Gespräche, Bemerkungen, die Du über
+das häusliche Leben von Leuten, mit welchen Du viel umgehst, gemacht
+hast, u. dergl. auszuplaudern! Wenn dieß auch nicht eigentlich aus
+Bosheit geschieht, so kann doch eine solche Geschwätzigkeit Mißtrauen
+gegen Dich, und allerlei Zwist und Verstimmung veranlassen.
+
+
+ 31.
+
+Sey vorsichtig im Tadel und Widerspruche! Es gibt wenig Dinge in
+der Welt, die nicht zwei Seiten haben. Vorurtheile verdunkeln oft
+die Augen, selbst des klügern Mannes, und es ist sehr schwer, sich
+gänzlich an eines Andern Stelle zu denken. Urtheile besonders nicht
+so leicht über kluger Leute Handlungen, oder Deine Bescheidenheit
+müßte Dir sagen, daß Du noch weiser, als sie seyst! und da ist es
+denn eine mißliche Sache um diese Ueberzeugung. Ein kluger Mann ist
+mehrentheils lebhafter, als ein Andrer, hat heftigere Leidenschaften zu
+bekämpfen, bekümmert sich weniger um das Urtheil des großen Haufens,
+hält es weniger der Mühe werth, sein gutes Gewissen durch ausführliche
+Apologien zu rechtfertigen. Uebrigens soll man nur fragen: »Was thut
+der Mann Nützliches für Andre?« und, wenn er dergleichen thut, über
+dies Gute die kleinen Gemüthsfehler und Schwachheiten, die nur ihm
+selber schaden, oder höchstens unwichtigen, vorübergehenden Nachtheil
+wirken, vergessen.
+
+Vor allen Dingen maße Dir nicht an, die Bewegungsgründe zu jeder
+guten Handlung ergründen und beurtheilen zu wollen! Bei einer solchen
+Strenge würden vielleicht manche Deiner eignen edlen Handlungen als
+sehr unedel, oder als reine Schwachheit, als Erzeugniß einer flüchtigen
+Rührung, Deiner gereizten Eitelkeit, Deiner Selbstsucht erscheinen.
+Jedes Gute muß nach seiner Wirkung für die Welt beurtheilt werden.
+
+
+ 32.
+
+Habe Acht auf Deine Gesellschaftssprache, daß Du in Deinen
+Unterredungen nicht durch einen wässrigen, weitschweifigen Vortrag
+ermüdest! Ein gewisser Laconismus, d. h. eine kräftige Kürze --
+in so fern er nicht in die Sucht, nur in Sentenzen und Aphorismen
+zu sprechen, oder jedes Wort abzuwägen, ausartet -- ein gewisser
+Laconismus und die Geschicklichkeit, einen nichtsbedeutenden Umstand
+durch die Lebhaftigkeit der Darstellung interessant zu machen -- das
+ist die wahre Kunst der gesellschaftlichen Beredtsamkeit. Ueberhaupt
+aber rede nicht zu viel! Sey haushälterisch mit Spendung von Worten und
+Kenntnissen, damit es Dir nicht früh an Stoffe fehle, damit Du nicht
+redest, was Du verschweigen sollst, verschweigen wolltest, und niemand
+Deine Unterhaltung lästig finde. Laß auch Andre zu Worte kommen, ihren
+Theil zur allgemeinen Unterhaltung mit hergeben! Es gibt Leute, die,
+ohne es selbst zu merken, aller Orten die Sprachführer sind; und wären
+sie in einem Zirkel von funfzig Personen, so würden sie sich dennoch
+bald Meister von der ganzen Unterhaltung machen.
+
+So unangenehm dieß für die Gesellschaft ist; eben so widrige, Freude
+störende Eindrücke macht die Weise mancher Leute, die stumm und
+gespannt horchen und lauern, und die man leicht für gefährliche
+Beobachter halten kann, denen es nur darum zu thun scheint, jedes
+unvorsichtige, nicht gehörig gewählte Wort, das man in sorgloser
+Redseligkeit fallen läßt, zu irgend einem hämischen Zwecke aufzusammeln.
+
+
+ 33.
+
+Es gibt Menschen, die (so wie Manche nur zum Genießen da zu seyn
+glauben) auch im geselligen Leben immer nur empfangen, nie geben
+wollen; die vom übrigen Theile des Publikums belustigt, unterrichtet,
+bedient, gelobt, bezahlt, gefüttert zu werden verlangen, ohne etwas
+dafür zu leisten; die über Langeweile klagen, ohne zu fragen, ob sie
+Andern weniger Langeweile gemacht haben; die behaglich da sitzen,
+sich's wohlseyn, sich erzählen lassen, aber nicht daran denken, auch
+ihren Beitrag, und wär' es auch nur ein Scherflein, zur Unterhaltung
+beizusteuern. -- Das ist aber eben so ungerecht, als lästig.
+
+Noch Andre findet man, die immer nur ihre eigne Person, ihre häuslichen
+Umstände, ihre Verhältnisse, ihre Thaten und ihre Berufs-Geschäfte zum
+Gegenstande der Unterredung machen, und alles dahin zu drehen wissen,
+jedes Gleichniß, jedes Bild von daher nehmen. So wenig wie möglich
+laß in gemischten Gesellschaften den Schnitt, den Ton, den Dir Deine
+specielle Erziehung, Dein Handwerk, Deine besondre Lebensart geben,
+hervorblicken! Rede nicht von Dingen, die, ausser Dir, schwerlich
+jemand interessiren können! Hüte Dich, in den Fehler Derjenigen zu
+verfallen, die sich selbst bespötteln, ihre eigne werthe Person zum
+Besten haben! Das setzt die Anwesenden in Verlegenheit, und verräth
+einen eiteln Egoismus. Spiele nicht auf Anekdoten an, die Deinem
+Nachbar unbekannt sind, auf Stellen aus Büchern, die er wahrscheinlich
+nicht gelesen hat! Rede nicht in einer fremden Sprache, wenn es
+glaublich ist, daß nicht jeder, der um Dich ist, dieselbe versteht!
+Lerne den Ton der Gesellschaft annehmen, in welcher Du Dich befindest!
+Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn der Arzt einige junge
+Damen mit Beschreibung seiner Sammlung anatomischer Präparaten, der
+Rechtsgelehrte einen Hofmann über die unwirksame Professions-Ergreifung
+und das +edictum Divi Martii+, der alte gebrechliche Gelehrte eine
+junge Cokette von seinem offnen Beinschaden unterhält.
+
+Oft aber tritt der Fall ein, daß man in Gesellschaften geräth, wo es
+schwer ist, etwas vorzubringen, das Theilnahme erweckte. Wenn ein
+verständiger Mann von leeren, beschränkten, in die Eitelkeiten des
+Alltagslebens versunkenen Menschen umgeben ist, die für gar nichts von
+bessrer Art Sinn haben; ei nun! so ist es seine Schuld nicht, wenn er
+nicht verstanden wird. Er tröste sich also damit, daß er von Dingen
+geredet hat, die billig ~interessiren müßten~!
+
+
+ 34.
+
+Rede also nicht zu viel von Dir selber, ausser in dem Kreise Deiner
+vertrautesten Freunde, von welchen Du weißt, daß die Sache des Einen
+unter ihnen eine Angelegenheit für Alle ist; und auch da bewache Dich,
+daß Du nicht Egoismus zeigest! Vermeide, selbst dann zu viel von Dir
+zu reden, wenn gute Freunde, wie es vielfältig geschieht, das Gespräch
+aus Höflichkeit auf Deine Person, auf Deine Unternehmungen oder Deine
+Schriften leiten! Bescheidenheit ist eine der liebenswürdigsten
+Eigenschaften, und macht um so vortheilhaftere Eindrücke, je seltner
+diese Tugend in unsern Tagen wird. Sey also auch nicht so bereit,
+jedermann Deine Schriften unaufgefordert, oder gleich bei der ersten,
+oft nicht so ernstlich gemeinten Aufforderung vorzulesen, Deine
+Anlagen zu zeigen und Deine rühmlichen Handlungen zu erzählen, noch
+auf feine Art Gelegenheit zu geben, daß man Dich darum bitten müsse!
+Auch ~drücke~ niemand durch Deinen Umgang, das heißt: zeige in keiner
+Gesellschaft ein solches Uebergewicht, daß Andre verstummen, sich in
+schlechtem Lichte zeigen oder an sich selbst verzagen müssen!
+
+
+ 35.
+
+Widersprich Dir nicht selbst im Reden, so daß Du einen Satz behauptest,
+dessen Gegentheil Du ein andermal vertheidigt hast! Man kann seine
+Meinung von Dingen ändern; allein man thut doch wohl, in Gesellschaften
+nicht eher, wenigstens nicht entscheidend zu urtheilen, als bis man
+alle Gründe für und wider gehörig abgewogen hat.
+
+
+ 36.
+
+Hüte Dich, in die Fehler Derjenigen zu verfallen, die, aus Mangel
+an Gedächtniß, oder an Aufmerksamkeit auf sich, oder weil sie so
+verliebt in ihre eignen Einfälle sind, dieselben Histörchen, Anekdoten,
+Spässe, Wortspiele, und witzigen Vergleichungen, bei jeder Gelegenheit
+wiederholen! Ueberhaupt ist es, und besonders auch für den geselligen
+Umgang, wichtig, sein Gedächtniß zu schärfen, und sich deswegen nicht
+zu sehr daran zu gewöhnen, alles schriftlich aufzuzeichnen, was man
+behalten will. Bist Du Deiner Sache nicht gewiß, so verleugne Dich
+selbst, und widerstehe der Lust, eine Anekdote zu erzählen, wenn es
+möglich wäre, daß Du sie schon einmal aufgetischt hast, oder suche das
+Gespräch so zu wenden, daß Du zur Gewißheit kommst, ohne etwas gewagt
+zu haben.
+
+
+ 37.
+
+Würze nicht Deine Unterhaltung mit Zweideutigkeiten, mit Anspielungen
+auf Dinge, die entweder Ekel erwecken, oder keusche Wangen erröthen
+machen; zeige auch keinen Beifall, wenn Andre dergleichen vorbringen!
+Ein verständiger Mann kann an solchen Gesprächen keine Lust haben. Auch
+in bloß männlichen Gesellschaften verleugne nicht die Schamhaftigkeit,
+das Zartgefühl und Dein Mißfallen an Zoten, denn Du erwirbst Dir
+dadurch eben so viel Ehre, als Verdienst, und rettest die Ehre Deines
+Geschlechts.
+
+
+ 38.
+
+Flicke keine platte Gemeinsprüche in Deine Reden ein; z. B.: daß
+Gesundheit ein schätzbares Gut; daß das Schlittenfahren ein kaltes
+Vergnügen; daß Jeder sich selbst der Nächste sey; daß, was lange
+dauert, gut werde, wovon ich das Gegentheil zu beweisen übernehme;
+daß man durch Schaden klug werde, welches leider! selten eintrifft;
+oder daß die Zeit schnell hingehe -- welches, im Vorbeigehen zu sagen,
+gar nicht wahr ist; denn da die Zeit nach einem bestimmten Maaßstabe
+berechnet wird: so geht sie nicht schneller vorbei, als sie grade muß,
+und Der, welchem ein Jahr kürzer vorkömmt, als es ist, der muß in
+demselben über Gebühr geschlafen haben, oder sonst seiner Sinne nicht
+mächtig gewesen seyn, oder er läßt sich von einer leeren Täuschung irre
+führen -- oder: daß Ausnahmen die Regel ~bestätigten~ -- Gleich als
+wenn ein partikularer verneinender Satz die Wahrheit eines allgemeinen
+bejahenden beweisen könnte, oder umgekehrt! da doch vielmehr durch
+die Ausnahme klar wird, daß die Regel nicht allgemein ist. Solche
+Sprüchwörter sind sehr langweilig, und nicht selten sinnlos und unwahr.
+
+Es gibt solche mechanische Menschen, deren Gespräche zur Hälfte aus
+gewissen Formeln bestehen, welche sie, ohne etwas dabei zu denken,
+herplappern. Sie treffen Dich tödtlich krank im Bette an, und freuen
+sich, Dich wohl zu sehn. Zeigst Du ihnen Dein Bildniß: so finden sie,
+daß es zwar ähnlich sehe, aber viel zu alt gemalt sey. Allen Kindern
+sagen sie: sie seyen groß für ihr Alter, und gleichen dem Vater, und
+was dergleichen leeres Geschwätz mehr ist. Einen eben so dürftigen
+Stoff zur Unterhaltung liefern Räthsel, Wortspiele, Pfandspiele u.
+dgl., wenn sie nicht ausgezeichnet sinnreich sind. Wenigstens wird
+selten in einer Gesellschaft, die nur einigermaßen gemischt ist, das
+Wohlgefallen daran allgemein seyn, denn es werden sich immer Einige
+finden, welche sich durch solche Unterhaltungen gedrückt fühlen, weil
+sie nicht Kenntnisse, oder Geist genug haben, hiebei eine anständige
+Rolle zu spielen, oder der Verlegenheit zu entgehen.
+
+
+ 39.
+
+Belästige nicht die Leute, mit welchen Du umgehst, mit unnützen Fragen!
+Man findet Menschen, die, nicht eben aus Vorwitz und Neugier, sondern
+weil sie nun einmal gewöhnt sind, ihre Gespräche in Katechesations-Form
+zu verfassen, uns durch Fragen so beschwerlich werden, daß es gar nicht
+möglich ist, auf unsre Weise mit ihnen in Unterhaltung zu kommen.
+
+
+ 40.
+
+Lerne Widerspruch ertragen! Sey nicht kindisch eingenommen von Deinen
+Meinungen! Werde nicht hitzig, noch grob im Zanke; auch dann nicht,
+wenn man Deinen ernsthaften Gründen Spott und Bitterkeit entgegensetzt!
+Du hast, bei der besten Sache, schon halb verloren, wenn Du nicht
+kaltblütig bleibst, und wirst wenigstens auf diese Art nie überzeugen
+und nie gefallen.
+
+
+ 41.
+
+An Oertern, wo man sich zur Freude versammelt: beim Tanze, in
+Schauspielen, rede mit niemand von häuslichen Geschäften, noch weniger
+von verdrießlichen Dingen! Man geht dahin, um sich zu erholen, um
+auszuruhen, um kleine und große Sorgen abzuschütteln, und es ist also
+unbescheiden, jemand mit Gewalt wieder mitten in sein tägliches Joch
+hineinschieben zu wollen.
+
+
+ 42.
+
+Daß ein redlicher und verständiger Mann über wesentliche
+Religionslehren, auch dann, wenn er das Unglück haben sollte, an
+der Wahrheit derselben zu zweifeln, sich dennoch keinen Spott
+erlauben wird: ich meine, das versteht sich von selber; aber auch
+über kirchliche Verfassungen, über die Menschensatzungen, welche von
+einigen Sekten für Glaubenslehren gehalten werden, über Ceremonien,
+die Manche für wesentlich halten, und dergleichen, soll man nie in
+Gesellschaften spotten. Man respektire das, was Andern ehrwürdig ist!
+Man lasse Jedem die Freiheit in Meinungen, die wir für uns selbst
+verlangen! Man vergesse nicht, daß das, was wir Aufklärung nennen,
+Andern vielleicht Verfinsterung scheint! Man schone der Vorurtheile,
+die Andern Ruhe gewähren! Man raube niemand, ohne ihm etwas Besseres
+an die Stelle desselben zu geben, was ihm auf seiner Bildungsstufe,
+oder in dem Zusammenhange seiner Vorstellungen als Wahrheit erscheint,
+und unentbehrlich geworden ist! Man vergesse nicht, daß Spott nicht
+bessert; daß unsre, hier auf Erden noch nicht entwickelte Vernunft über
+so wichtige Gegenstände leicht irren kann; daß ein mangelhaftes System,
+auf welchem aber der Grund einer guten Moral liegt, nicht so leicht
+umzureissen ist, ohne zugleich das Gebäude selbst über den Haufen zu
+werfen, und endlich, daß solche Gegenstände überhaupt gar nicht von der
+Art sind, daß man sie in Gesellschaften abhandeln könne!
+
+Doch dünkt mich, man vermeide heut zu Tage oft zu vorsätzlich alle
+Gelegenheit, über Religion zu reden. Einige Leute schämen sich, Wärme
+für Gottes-Verehrung und für die höchsten Angelegenheiten des Menschen
+zu zeigen, aus Furcht, für nicht aufgeklärt genug gehalten zu werden,
+und Andre affektiren religiöse Empfindungen, scheuen sich, auch nur im
+mindesten gegen Schwärmerei zu reden, um sich bei den Andächtlern in
+Gunst zu setzen. Ersteres ist Menschenfurcht, und Letzteres Heuchelei;
+Beides aber eines redlichen Mannes gleich unwerth.
+
+
+ 43.
+
+Wenn Du von körperlichen, geistigen, moralischen oder andern Gebrechen
+redest, oder Anekdoten erzählst, die gewisse Grundsätze oder
+Vorurtheile lächerlich machen, oder gewisse Stände in ein nachtheiliges
+Licht setzen sollen: so siehe Dich vorher wohl um, ob niemand
+gegenwärtig sey, der das übel aufnehmen, diesen Tadel oder Spott auf
+sich und seine Verwandten ziehen könnte!
+
+Halte Dich über niemands Gestalt, Wuchs und Bildung auf! Es steht
+in keines Menschen Gewalt, diese zu ändern. Nichts ist kränkender,
+niederschlagender und empörender für den Mann, der unglücklicher Weise
+eine etwas auffallende Gesichtsbildung oder Figur hat, als wenn er
+bemerkt, daß diese der Gegenstand der Verspottung oder Befremdung wird.
+Leuten, die ein wenig mit der großen Welt bekannt sind, und unter
+Menschen von allerlei Formen und Ansehen gelebt haben, sollte man
+darüber billig gar keine Erinnerung geben dürfen; aber leider trifft
+man hie und da, selbst unter fürstlichen Personen, besonders unter
+Damen, solche an, die so wenig Gewalt über sich, oder so wenig Begriffe
+von Wohlanständigkeit und Billigkeit haben, daß sie die Eindrücke,
+welche ein ungewöhnlicher Anblick von ~der~ Art auf sie macht,
+nicht verbergen können. -- Das ist schwach, und wenn man noch dabei
+überlegt, wie relativ und dem verschiednen Geschmacke unterworfen die
+Begriffe von Schönheit und Häßlichkeit sind, wie so wenig auf sichern
+Grundsätzen beruhend unsre physiognomische Wissenschaft ist, und wie
+oft unter einer anscheinend häßlichen Larve ein schönes, edles, warmes,
+großes Herz, mit einem feinen, tiefdenkenden Kopfe steckt: so sieht man
+leicht, daß man sehr selten mit Recht auf das äussere Ansehen eines
+Menschen nachtheilige Folgerungen bauen, und nie die Befugniß haben
+kann, die Eindrücke, welche ein solcher Anblick etwa auf uns macht,
+zu jemands Kränkung durch Lachen oder auf andre Art kund werden zu
+lassen. Ueberhaupt ist es Schwachheit, sich von sinnlichen Eindrücken,
+mögen sie günstige oder ungünstige seyn, so sehr beherrschen zu lassen,
+daß man sogleich seine Zuneigung oder Abneigung verräth. Der äussere
+Mensch ist oft so ganz von dem inneren verschieden, daß man sich in der
+Regel bitter getäuscht sieht, wenn man sich von jenem verleiten ließ,
+günstig oder ungünstig zu urtheilen.
+
+Ausser einer sonderbaren Figur können uns aber noch andre
+Dinge an einem Menschen auffallend seyn, zum Beispiel: lächerliche,
+phantastische, abgeschmackte Gebehrden, Manieren,
+Verzerrungen des Körpers, Unbekanntschaft mit gewissen Sitten,
+Unvorsichtigkeiten im Betragen, ungewöhnlicher, altmodischer
+Anzug u. dgl. Es gehört nicht weniger zu einer guten Lebensart,
+hierüber nicht durch Lachen oder durch Zeichen, die
+man einem der Anwesenden gibt, sein Befremden zu erkennen
+zu geben, und dadurch den armen Mann, der sich dergleichen
+zu Schulden kommen läßt, noch mehr in Verlegenheit zu setzen.
+
+
+ 44.
+
+Wenn Du in einer Gesellschaft von einem der Anwesenden mit Deinem
+Freunde reden willst (obgleich dieß, wie das Ohrenflüstern, überhaupt
+unanständig ist): so gebrauche wenigstens die Vorsicht und Schonung,
+die Person, von welcher Du redest, nicht dabei anzusehen! Und ist
+Dir daran gelegen, etwas zu hören, das in einiger Entfernung von Dir
+gesprochen wird: so wende auch Deine Blicke nicht dahin! Man wird sonst
+aufmerksam auf Dich, und man hört ja auch nur mit den Ohren, nicht mit
+den Augen.
+
+
+ 45.
+
+Man hüte sich, bei Personen, mit denen man umgeht, unberufen
+unangenehme Dinge in Erinnerung zu bringen! Oft bewegt eine Art von
+unkluger Theilnehmung und ein Mangel an Zartgefühl die Leute, uns um
+die Beschaffenheit unsrer ökonomischen und anderer verdrießlichen
+Sachen zu befragen, obgleich sie uns nicht helfen können, und uns
+dadurch zu zwingen, Gegenstände in unser Gedächtniß zurückzurufen,
+die wir in Gesellschaften, wo wir uns aufzuheitern dachten, so
+gern vergessen möchten. Man muß so viel Menschenkenntniß haben, zu
+unterscheiden, ob der Mann, den wir vor uns sehen, seinem Temperamente,
+seiner Lage, und der Art seines Kummers nach, durch solche Gespräche
+erheitert oder getröstet werden könne, oder ob nicht vielleicht sein
+Leiden dadurch doppelt erschwert werde[2].
+
+Man enthalte sich auch, andern Leuten das, was sie nun einmal haben,
+und nicht wieder abschaffen können, zuwider zu machen, ihnen die Lage,
+darin sie nun einmal leben müssen, durch unangenehme Schilderungen
+und unwillkommene Bemerkungen zu verleiden. Es gibt solche unberufene
+Wahrheits-Prediger, die sich ein Geschäft daraus machen, uns auch den
+unschuldigsten glücklichen Wahn wegzuvernünfteln, und es bleibt bei
+Wielands Ausspruch:
+
+ Ein Wahn, der mich beglückt,
+ Ist eine Wahrheit werth,
+ Die mich zu Boden drückt.
+
+
+ 46.
+
+Nimm nicht Theil daran, lächle nicht beifällig, thu' lieber, als
+hörtest Du es gar nicht, wenn jemand einem Dritten unangenehme Dinge
+sagt, oder ihn beschämt! Die Feinheit eines solchen Betragens wird
+gefühlt und oft dankbar belohnt.
+
+
+ 47.
+
+Ueber die Gewohnheit, Paradoxen vorzubringen, über
+Widersprechungsgeist, Disputirsucht, Citiren und Berufen auf die
+Meinungen und Aussprüche Andrer, werde ich mich im dritten Kapitel
+dieses Theils erklären, und beziehe mich hier darauf.
+
+
+ 48.
+
+Eine der wichtigsten Tugenden im gesellschaftlichen Leben, welche
+wirklich täglich seltner wird, ist die Verschwiegenheit. Man ist
+heut zu Tage so äusserst trügerisch in Versprechungen, ja in
+Betheurungen und Schwüren, daß man ohne Scheu ein unter dem Siegel
+des Stillschweigens uns anvertrautes Geheimniß gewissenloser Weise
+ausbreitet. Andre, die weniger pflichtvergessen, aber höchst
+leichtsinnig sind, schwatzen Geheimnisse aus, weil sie ihrer
+Redseligkeit keinen Zaum anlegen können. Sie vergessen, daß man sie
+gebeten hat, zu schweigen; und so erzählen sie aus unverzeihlicher
+Unvorsichtigkeit die wichtigsten Geheimnisse ihrer Freunde an
+öffentlichen Orten, mit einer Unbefangenheit, die in Erstaunen und in
+Schrecken setzt; oder sie vertrauen, indem sie Jeden, der ihnen während
+ihres Dranges, sich zu entladen, in den Wurf kömmt, für einen treuen
+Freund ansehen, das, was sie doch nicht als ihr Eigenthum betrachten
+sollten, eben so leichtsinnigen Leuten an, wie sie selbst sind. Solche
+Menschen gehen dann auch nicht weniger unklug mit ihren ~eignen~
+Heimlichkeiten, Planen und Begebenheiten um, zerstören dadurch sehr oft
+ihre Wohlfahrt, und vernichten ihre Bestrebungen.
+
+Welchen Nachtheil überhaupt eine solche unvorsichtige Bewahrung
+fremder und eigner Geheimnisse gewähre, das bedarf wohl keiner
+Auseinandersetzung. Es gibt aber eine Menge anderer Dinge, die zwar
+nicht eigentlich Geheimnisse sind, wovon uns jedoch Klugheit und
+die Vernunft lehrt, daß es besser sey, sie zu verschweigen, und
+andre Dinge, deren Ausbreitung wenigstens für niemand lehrreich und
+unterhaltend seyn kann, und wovon es doch möglich wäre, daß ihre
+Verplauderung irgend jemand nachtheilig seyn möchte. -- Darum gehört
+eine gewisse Zurückhaltung, die aber nicht in Verschlossenheit und
+Geheimnißkrämerei ausarten muß, zu den Tugenden, welche der Umgang
+fordert. Bei Männern, welche in bedeutenden Staatsämtern stehen, ist
+es vollends unverzeihlich, wenn sie sich von der Sucht, das Wort zu
+führen, und sich wichtig zu machen, verleiten lassen, der Gesellschaft
+etwas mitzutheilen, was ihre Amtspflicht, oder die Würde ihres Amts
+zu verschweigen gebietet. Uebrigens wird man die Bemerkung wahr
+finden, daß in despotischen Staaten die Menschen, im Ganzen genommen,
+verschwiegner sind, als da, wo mehr Freiheit herrscht. Dort machen
+Furcht und Mißtrauen verschlossen und zurückhaltend; hier folgt Jeder
+dem Triebe seines Herzens, sich freimüthig mitzutheilen.
+
+Wenn man auch mehrern Leuten zugleich sein Geheimniß anvertrauen muß:
+so lege man doch unbedingte Verschwiegenheit auf, damit jeder von ihnen
+glaube, er wisse es allein, müsse allein für die Bewahrung haften.
+
+Manche Leute haben die sehr unartige Gewohnheit, sich, wenn man sie
+zum Voraus um Verschwiegenheit über eine Sache bittet, die man ihnen
+entdecken will, nicht bestimmt zu erklären, nichts zu versprechen. Aus
+Gutmüthigkeit hält man dann nicht zurück, sondern redet, indem man
+die Bedingung voraussetzt. Dies Betragen ist nicht nachzuahmen; der
+aufrichtige Mann äussert sich ohne Rückhalt, und hört nicht eher, als
+bis er gesagt hat, in wie fern er sich zur Verschwiegenheit verbindlich
+machen könne, oder nicht.
+
+
+ 49.
+
+Menschen von lebhafter Gemüthsart werden der Gesellschaft leicht
+durch den Ungestüm, mit welchem sie widersprechen, oder ihre Meinung
+vertheidigen, beschwerlich. Der Umgang fordert einen gewissen
+Gleichmuth, und die Selbstverleugnung, welche jeden Ausbruch der
+Leidenschaft zurückzudrängen, und eigensinnigen Widerspruch zu ertragen
+weiß.
+
+Ein großes Talent, welches durch Studium der Sprache und Achtsamkeit
+auf sich selbst erlangt werden kann, ist die Kunst, sich bestimmt,
+fein, richtig, körnigt auszudrücken, lebhaft im Vortrage zu seyn,
+sich dabei nach den Fähigkeiten der Menschen zu richten, mit denen
+man redet; sie nicht zu ermüden, gut und launigt zu erzählen, nicht
+über seine eignen Einfälle zu lachen; nach den Umständen trocken oder
+lustig, ernsthaft oder komisch seinen Gegenstand darzustellen, und mit
+natürlichen Farben zu malen. Dabei muß ein guter Gesellschafter sein
+Aeusseres studiren, und besonders sein Mienenspiel in seiner Gewalt
+haben, sich vor Verzerrungen zu hüten, und sein Lachen zu mäßigen
+wissen. Der Anstand und die Gebehrdensprache sollen edel seyn: man
+soll nicht bei unbedeutenden, affectlosen Unterredungen, wie Personen
+aus der niedrigsten Volksklasse, mit Kopf, Armen und andern Gliedern
+herumfahren und um sich schlagen; man soll den Leuten gerade, aber
+bescheiden und sanft, in's Gesicht sehen, sie nicht bei Aermeln,
+Knöpfen und dergleichen zupfen. Kurz, alles was eine feine Erziehung,
+was Aufmerksamkeit auf sich selbst und auf Andre verräth, das gehört
+nothwendig dazu, den Umgang angenehm zu machen, und es ist wichtig,
+sich in solchen Dingen nicht nachzusehn, sondern jede kleine Regel
+des Wohlstandes, selbst in dem Cirkel seiner Familie, zu beobachten,
+um sich das zur andern Natur zu machen, wogegen diejenigen so oft
+fehlen, welche nie erwägen, daß es Pflichten gegen die Gesellschaft
+gibt, und sich daher Alles erlauben, was ihnen gemächlich ist. Kaum
+scheint es nöthig, hier noch zu bemerken, daß man so wenig als möglich
+in einer Gesellschaft den Leuten den Rücken zukehren, in Titeln und
+Namen sich vor Verwechselung hüten; daß man bei Personen, die es
+mit den Höflichkeitsbezeigungen genau nehmen, den Vornehmern immer
+auf der rechten Seite, oder wenn Drei beisammen sind, in der Mitte
+gehen lasse; daß man Dem, mit welchem man spricht, frei und offen,
+doch nicht starr und frech, in das Gesicht schauen, seine Stimme in
+seiner Gewalt haben, nicht schreien und doch verständlich reden, in
+seinem Gange Anstand beobachten, nicht aller Orten das große Wort
+führen solle; daß man, wenn man ein Frauenzimmer führt, mit ihr, um
+sie nicht zu stoßen, gleichen Schritt halten, und mit demselben Fuße,
+wie sie, antreten, ihr auch zuweilen seine linke Hand reichen müsse,
+wenn sie an der rechten Seite nicht so bequem gehen würde; daß man auf
+~steilen~ Treppen im Hinuntersteigen die Frauenzimmer vorausgehen, im
+Hinaufsteigen aber sie folgen lassen müsse; daß, wenn man uns nicht
+versteht, und wir voraussehen, daß eine genauere Erklärung nichts
+helfen würde, oder der Gegenstand von so geringer Wichtigkeit ist,
+daß er keinen großen Aufwand von Worten verdient, wir dann die ganze
+Sache fallen lassen müssen; daß vornehme Leute, wenn sie nicht über
+Vorurtheile hinaus sind, es übel nehmen, wenn ein Geringer von sich
+und ihnen in Gemeinschaft spricht, (z. B. »Als ~wir~ gestern zusammen
+spazieren gingen.« »~Wir~ haben im gestrigen Spiele gewonnen, und
+~unsre~ Gegner verloren,«) und, daß sie verlangen, man solle thun,
+als seyen sie allein in der Welt des Nennens werth: »Ihro Excellenz,
+Ihro Gnaden haben gewonnen;« (höchstens möchte man hinzusetzen: »~mit
+mir~«); daß man die Leute nicht zehnmal wieder zurückrufe, ihnen noch
+hundert Dinge zu sagen und nachzuschreien habe, wenn sie im Zimmer
+oder auf der Gasse von uns gehen, schon die Thür in der Hand, schon
+Abschied genommen haben; daß es eine unartige Gewohnheit sey, immer
+etwas zwischen den Fingern oder im Munde zu führen, das man zerdrückt
+und spielend zernichtet, es sey brauchbar oder nicht, gehöre uns oder
+Andern; daß man erst um Erlaubniß fragen müsse, wenn man in Gegenwart
+fremder Personen Briefe lesen, oder andere Geschäfte von der Art
+treiben will; daß es anständig sey, wenn man jemand im Vorbeigehen
+grüßen will, den Hut auf ~der~ Seite abzuziehen, wo der Fremde ~nicht~
+geht, damit man ihn nicht damit berühre, und sein Gesicht nicht vor
+ihm verberge; daß man, wenn man jemand etwas darreicht, es, in so
+fern dieß zu ändern steht, nicht mit der bloßen Hand hingeben müsse;
+daß es sich nicht schicke, in Gesellschaften in's Ohr zu flüstern,
+bei Tafel krumm zu sitzen, unanständige Gebehrden zu machen, noch zu
+leiden, daß ein Frauenzimmer, oder jemand, der vornehmer ist als wir,
+von einer Speise, die vor uns steht, vorlege; daß es unartig sey,
+in Gesellschaften jemandem einen unschuldigen Spaß zu verderben, z.
+B. wenn er Kartenkünste zeigt, seine Kunst zu enthüllen. Leuten von
+gewissem Stande und einer nicht ganz gemeinen Erziehung ist das in der
+ersten Jugend schon eingeprägt worden; nur erinnere ich, daß diese
+kleinen Dinge in mancher Leute Augen ~große~ Dinge sind, und daß oft
+unsre zeitliche Wohlfahrt in solcher Leute Händen ist.
+
+
+ 50.
+
+Es gibt noch andre kleine gesellschaftliche Unschicklichkeiten und
+Inconsequenzen, die man vermeiden, und wobei man immer überlegen muß,
+was daraus werden würde, wenn Jeder von den Anwesenden sich dieselbe
+Freiheit erlauben wollte; zum Beispiel: in Concerten plaudern; hinter
+eines Andern Rücken einem Freunde etwas zuflüstern, oder ihm Winke
+geben, die Jener auf sich deuten kann; lächerlich schlecht tanzen,
+oder ein Instrument elend spielen, sich dennoch damit sehen und hören
+lassen, und dadurch die Anwesenden zum Spotte und zum Gähnen reitzen;
+bei dem Tanze zugleich die Melodie mit singen; in Schauspielen so
+hintreten, daß man Andern die Aussicht raubt; in jeder Versammlung
+so spät erscheinen, daß man keinen Nachfolger mehr hat, und doch der
+Erste seyn, der sie verläßt, oder länger verweilen, als alle übrigen
+Mitglieder der Gesellschaft. Willst Du gern gesehen seyn, so vermeide
+alle diese Unschicklichkeiten mit Sorgfalt, und willst Du ein edler
+Mensch, nicht bloß ein guter Gesellschafter werden, so vermeide sie
+nicht um der Menschen willen, sondern weil Du dieß Deinem eigenen
+Herzen schuldig zu seyn glaubst, und weil Du nicht bloß ~klug~, sondern
+auch ~gut~ seyn möchtest. In eben dieser Hinsicht befolge auch noch
+diese Vorschriften: Du sollst nicht dem Lesenden oder Schreibenden auf
+die Finger sehen, und nicht allein in einem fremden Zimmer bleiben, in
+welchem Schriften oder Gelder herumliegen. Ferner: wenn zwei Personen,
+die vor Dir hergehen, leise mit einander reden, ohne Deiner gewahr zu
+werden, so will die Bescheidenheit und die Klugheit, daß Du ihnen durch
+Geräusch Deine Nähe zu erkennen gebest, um Dich von allem Verdachte,
+als wenn Du sie beschleichen wolltest, und von aller Verlegenheit zu
+befreien. So klein dergleichen Aufmerksamkeiten scheinen, so machen
+sie doch den Umgang angenehm und werden Bildungsmittel für Geist und
+Herz, wenn man sie als solche ~ansieht~ und ~benutzt~, sind aber auch,
+wenn man sie nicht von dieser Seite betrachtet, weiter nichts, als
+Schleifsteine für die äussere Politur.
+
+
+ 51.
+
+Oft sind wir in dem Falle, daß uns durch Gespräche Langeweile gemacht
+wird. Vernunft, Vorsichtigkeit und Menschenliebe gebieten uns dann,
+wenn nun einmal nicht auszuweichen ist, Geduld zu fassen, und nicht
+durch beleidigendes Betragen unsern Ueberdruß zu erkennen zu geben.
+Man kann ja, je seelenloser das Gespräch und je geschwätziger der Mann
+ist, um desto freier nebenher an andre Dinge denken; und wäre auch das
+nicht -- ei nun! es geht im menschlichen Leben so manche verträumte
+Stunde verloren! Ist man denn nicht einige Aufopferung der Gesellschaft
+schuldig, mit welcher man umgeht? -- Und geschieht es nicht vielleicht
+zuweilen, daß auch wir dagegen, so groß auch die Meinung seyn mag,
+die wir von der Wichtigkeit unsrer Gespräche haben, dennoch durch
+unsre Redseligkeit Andern Langeweile machen? Auch gibt es hier noch
+einen Ausweg. Man sucht dem Redseligen eine Pause abzugewinnen, oder
+wirft unaufhörlich Fragen, Einwürfe und Bedenklichkeiten zwischen
+seine Rede, oder nöthigt ihn durch eine geschickte Wendung, manches zu
+überspringen, was er noch einschieben wollte, oder bringt ihn durch
+eine unerwartete Frage plötzlich auf ein anderes, nicht so ergiebiges
+Thema.
+
+
+ 52.
+
+Gewissen Leuten ist eine Leichtigkeit im Umgange, und die Gabe,
+geschwind Bekanntschaften zu machen, und Zuneigung zu gewinnen, wie
+angeboren; Andern hingegen hängt von Jugend auf eine gewisse Blödigkeit
+und Schüchternheit an, die sie nicht abzulegen vermögen, wenn sie
+gleich täglich fremde Leute aller Art um sich sehen. Diese Blödigkeit
+ist freilich sehr oft die Folge einer fehlerhaften Erziehung, so
+wie auch zuweilen die Wirkung einer heimlichen Eitelkeit, die in
+Verlegenheit geräth, aus Furcht, sich in Schatten zu stellen, übersehen
+zu werden, und nicht zu glänzen. Manchen Menschen aber scheint diese
+Schüchternheit gegen ganz fremde Leute wirklich von Natur eigen zu
+seyn, und alle Mühe, welche sie sich geben, sie zu besiegen, ist
+verloren. Ein regierender Fürst, einer der edelsten und verständigsten
+Männer, die ich kenne, und der auch wahrlich seines Aeussern wegen
+sich nicht zu schämen noch zu fürchten braucht, nachtheilige Eindrücke
+zu machen, hat mich versichert, daß, obgleich ihn sein Stand von
+Kindheit an in die Lage gesetzt habe, täglich große Cirkel und viele
+fremde Gesichter zu sehn, er dennoch an keinem Tage in sein Vorzimmer
+trete, wo der versammelte Hof seiner wartet, ohne aus Verlegenheit
+auf einen Augenblick fast blind zu werden. Uebrigens hört bei
+diesem liebenswürdigen Herrn, sobald er sich ein wenig erholt hat,
+die Schüchternheit auf, und dann redet er freundlich und offen mit
+jedermann, und sagt bessre Dinge, als gewöhnlich Fürsten, bei solchen
+Gelegenheiten, über Wetter, böse Wege, Pferde und Hunde zu sagen wissen.
+
+Eine gewisse Leichtigkeit im Umgange also, die Gabe, sich gleich bei
+der ersten Bekanntschaft vortheilhaft darzustellen, mit Menschen aller
+Art zwanglos ein Gespräch anzuknüpfen, und bald zu merken, wen man
+vor sich hat, und was man mit Jedem reden könne und müsse: das sind
+Eigenschaften, die man zu erwerben und auszubilden trachten soll. Doch
+müsse dieß nie in jene, den Abentheurern so eigne Unverschämtheit und
+Zudringlichkeit ausarten, die oft, in weniger als einer Stunde Frist,
+einer ganz fremden Tischgesellschaft im Wirthshause ihre Lebensläufe
+abgefragt, und dagegen den ihrigen erzählt, Dienste und Freundschaft
+angeboten, und Dienste, Verwendung und Hülfe für sich erbeten haben.
+Die Hauptsache kommt immer darauf an, leicht in den fremden Ton
+einzustimmen, und nichts auskramen, nichts geltend machen zu wollen,
+was in diesem Kreise nicht verstanden oder nicht geschätzt wird, sich
+auch nicht gar zu sehr dadurch niederschlagen zu lassen, daß die ersten
+Versuche, die Unterhaltung in Gang zu bringen, unglücklich abgelaufen
+sind.
+
+
+ 53.
+
+Man vermeide also auch, in alle Cirkel große Forderungen und
+Erwartungen mitzunehmen, allen Menschen alles allein seyn, mit aller
+Gewalt glänzen, und Aufmerksamkeit erregen zu wollen; zu verlangen,
+daß aller Menschen Augen nur auf uns gerichtet, ihre Ohren nur für
+uns gespitzt seyen; denn sonst werden wir freilich uns aller Orten
+zurückgesetzt glauben, eine traurige Rolle spielen, uns und Andern
+Langeweile machen, menschenscheu und bitter die Gesellschaft fliehn,
+und von ihr geflohen werden. Ich kenne viele Leute von der Art, die
+durchaus, wenn sie sich in vortheilhaftem Lichte zeigen sollen, der
+Mittelpunkt seyn müssen, um welchen sich alles dreht, so wie überhaupt
+manche Menschen im gemeinen Leben niemand neben sich vertragen, der mit
+ihnen verglichen werden könnte. Sie handeln vortrefflich, groß, edel,
+nützlich, wohlthätig, geistreich, sobald sie es allein sind, an die
+man sich wendet, von denen man bittet, erwartet, hofft; aber klein,
+niedrig, rachsüchtig und schwach, sobald sie in Reihe und Gliedern
+stehen sollen, und zerstören jedes Gebäude, wozu sie nicht den Plan
+gemacht, oder wenigstens die Kranz-Rede gehalten haben; ja, selbst ihr
+eignes Gebäude, sobald nur ein Andrer eine kleine Verzierung daran
+angebracht hat. Dies ist eine unglückliche, ungesellige Gemüthsart.
+Ueberhaupt rathe ich, um glücklich zu leben, und Andre glücklich zu
+machen, in dieser Welt so wenig als möglich zu erwarten und zu fordern.
+
+
+ 54.
+
+So viel über den Anstand, über schickliche Manieren, und über die
+Höflichkeit im äussern Betragen, über Bescheidenheit und Mäßigung;
+und nun noch etwas über die ~Kleidung~. Kleide Dich nicht ~unter~
+und nicht ~über~ Deinen Stand, nicht ~über~ und nicht ~unter~ Dein
+Vermögen, nicht phantastisch, nicht bunt, nicht ohne Noth prächtig,
+noch glänzend, noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und,
+wo Du Aufwand machen mußt, da sey Dein Aufwand zugleich ächt und
+schön! Zeichne Dich weder durch altväterische, noch jede neumodische
+Thorheit nachahmende Kleidung aus! Wende eine größere Aufmerksamkeit
+auf Deinen Anzug, wenn Du in der großen Welt erscheinen willst! Man
+ist in Gesellschaft verstimmt, sobald man sich bewußt ist, in einer
+unangenehmen Ausstaffirung aufzutreten. Trage nie geliehene Sachen!
+Das hat von mehr als Einer Seite nachtheiligen Einfluß auf den
+Charakter.
+
+
+ 55.
+
+Wenn die Frage entsteht: ob es gut sey, viel oder wenig in Gesellschaft
+zu erscheinen; so muß die Beantwortung derselben freilich, nach den
+verschiedenen einzelnen Lagen, Bedürfnissen und nach unzähligen kleinen
+Umständen und Rücksichten, bei jedem Menschen anders ausfallen. Im
+Ganzen aber kann man den Satz zur Richtschnur annehmen: daß man sich
+nicht aufdringen, die Leute nicht überlaufen solle, und daß es besser
+sey, wenn man es einmal nicht allen Menschen recht machen kann, daß
+gefragt werde, warum wir so selten, als geklagt, daß wir zu oft und an
+allen Orten erscheinen, wo Unterhaltung zu erwarten ist. Es gibt einen
+feinen Sinn für die Pflege und Erweiterung des Umgangs (wenn uns nicht
+übertriebne Eitelkeit und Selbstsucht die Augen blenden), einen Sinn,
+der uns sagt, ob wir gerngesehn, oder überlästig sind, ob es Zeit ist,
+fortzugehn, oder ob wir noch verweilen sollen. Aus der Art, wie uns
+von Kindern und Domestiken in einem Hause begegnet wird, pflegt man
+am leichtesten zu merken, wie die Herrschaften oder Eltern gegen uns
+gestimmt sind.
+
+Uebrigens rathe ich, wenn man sich so weit in seiner Gewalt haben kann,
+mit so wenig Leuten, als möglich, ~vertraulich~ zu werden, nur einen
+kleinen Cirkel von ~Freunden~ zu haben, und diesen nur mit äusserster
+Vorsicht zu erweitern. Gar zu leicht mißbrauchen und vernachlässigen
+uns die Menschen, sobald wir mit ihnen in einem vollkommen
+vertraulichen Tone umgehen. Um angenehm zu leben, muß man fast immer
+ein ~Fremder~ unter den Leuten bleiben. Dann wird man geschont, geehrt,
+aufgesucht. -- Deswegen ist das Leben in großen Städten so schön, wo
+man alle Tage andre Menschen sehen kann. Für einen Mann, der sonst
+nicht schüchtern ist, ist es ein Vergnügen, unter ~Unbekannten~ zu
+sitzen. Da hört man, was man sonst nicht hören würde; man wird nicht
+behorcht und belauscht, und kann in der Stille beobachten.
+
+
+ 56.
+
+Uebrigens rathe ich auch an, um seiner selbst und um Andrer willen, ja
+nicht zu glauben, es sey irgend eine Gesellschaft so ganz schlecht,
+das Gespräch irgend eines Mannes so ganz unbedeutend, daß man nicht
+daraus etwas lernen, eine neue Erfahrung, einen Stoff zum Nachdenken
+sammeln könnte. Aber man soll nicht aller Orten Gelehrsamkeit, feine
+Cultur fordern, sondern sich an gesundem Hausverstand und geradem Sinn
+genügen lassen, daran den eigenen beleben und stärken, und sich einmal
+wieder auf den Weg der Natur leiten lassen, sich auch eben darum unter
+Menschen von allerlei Ständen mischen: so lernt man zugleich nach und
+nach den Ton und die Stimmung annehmen, die nach Zeit und Umständen
+erfordert werden, und überzeugt sich, daß auch in den niederen
+Ständen Witz, Verstand und Scharfsinn zu finden sey. Aber diese
+Ueberzeugung ist sehr heilsam zur Dämpfung eines gewissen Stolzes,
+der sich so leicht der Gebildeten bemächtigt, und sie ungerecht gegen
+Ungebildete macht. Auch für die Erweiterung der Sprachkunde ist ein
+solcher Umgang mit Menschen aus den verschiedensten Ständen und von
+den verschiedensten Bildungsstufen höchst wirksam und ergiebig, und
+gewährt manchen großen Genuß, besonders durch die erweiterte Kenntniß
+sprichwörtlicher Redensarten, in welchen oft so viel Witz und Kraft
+verborgen liegt.
+
+
+ 57.
+
+Mit wem aber soll man am mehrsten umgehn? Natürlicher Weise läßt sich
+auch diese Frage nur nach eines Jeden besondrer Lage beantworten.
+Hat man die Wahl (und wirklich hat man diese auch öfter, als man
+glaubt), so wähle man sich die Weisern zu seinem Umgange; Leute, von
+denen man lernen kann, die nicht schmeicheln, nicht gar zu überlegen
+an Kenntnissen und Fähigkeiten sind, aber doch uns übersehen, die in
+Kreisen tanzen, so oft ihr hoher Genius seine Zauberruthe schwingt.
+Den Meisten aber scheint es genußreicher, untergeordnete Geister um
+sich her zu versammeln. Aber diese bleiben auch immer, was und wie sie
+sind, kommen nie weiter in Weisheit und Tugend. Es gibt zwar Lagen, in
+welchen es nützlich und lehrreich ist, sich unter Menschen von allerlei
+Fähigkeiten zu mischen, ja, wo es auch Pflicht ist, nicht bloß mit
+Leuten umzugehn, von denen ~wir~, sondern auch mit solchen, die ~von
+uns~ lernen können, und die ein Recht haben, dieß zu fordern. Diese
+Gefälligkeit aber darf nie so weit gehen, daß die Rechenschaft, die
+wir einst von unsrer goldnen Zeit, und von der Obliegenheit, uns zu
+vervollkommnen, geben sollen, dabei Gefahr laufe.
+
+
+ 58.
+
+Es ist oft eine höchst sonderbare Sache um den Ton, der in
+Gesellschaften herrscht. Vorurtheil, Eitelkeit, Schlendrian, Autorität,
+Nachahmungssucht, und wer weiß, was sonst noch, stimmen diesen Ton so,
+daß zuweilen Menschen, die an einem Orte zusammen leben, Jahr aus, Jahr
+ein, sich auf eine Weise versammeln, unterhalten, Dinge mit einander
+treiben, und über Gegenstände reden, die Allen zusammen und jedem
+Einzelnen unendliche Langeweile machen. Dennoch glauben sie, sich den
+Zwang anthun zu müssen, diese Lebensart also fortzuführen. Gewährt wohl
+die Unterhaltung in den mehresten großen Cirkeln einem Einzigen von
+den da Versammelten wahres Vergnügen? Spielen unter funfzig Personen,
+die jeden Abend die Karten in die Hand nehmen, wohl zehn aus wahrer
+Neigung? Um desto erbärmlicher ist es, wenn freie Menschen in kleinern
+Oertern, oder gar auf Dörfern, die zwanglos leben könnten, um den Ton
+der Residenzen nachzuahmen, sich eben so peinlich unter das Joch dieser
+Langeweile krümmen. Hat man Gewicht bei seinen Mitbürgern und Nachbarn,
+so ist es Pflicht, alles dazu beizutragen, den Ton vernünftiger zu
+stimmen. Ist das aber nicht der Fall, und man geräth einzeln in einen
+solchen Cirkel, so vermehre man nicht, durch ein schiefes, stummes,
+oder mürrisches Betragen, unter den Anwesenden und dem Hauswirthe die
+Verlegenheit, es vor einander zu verbergen, daß sie sich sämmtlich weit
+von da weg wünschten; sondern man zeige sich vielmehr als einen Meister
+in der Kunst, viel zu reden, ohne etwas zu sagen, und erwerbe sich
+wenigstens das Verdienst, den Zeitraum mit unschuldiger Unterhaltung
+auszufüllen, wovon ausserdem gewöhnlich die Verläumdung Besitz nimmt!
+
+In volkreichen, großen Städten kann man am unbemerktesten, und ganz
+nach seiner Neigung leben. Da fallen eine Menge kleiner Rücksichten
+weg; man wird nicht ausgespäht, controllirt, beobachtet; es laufen
+nicht so aus Mund in Mund die interessanten Nachrichten: wie vielmal in
+der Woche ich Braten esse; ob ich oft oder selten ausgehe, und wohin;
+wer zu mir kömmt; wie stark der Lohn ist, den ich meiner Köchin gebe,
+und ob ich kürzlich mit ihr geschmählt habe? Meine Kleidung wird nicht
+gemustert; man fragt nicht in jedem Krämer-Hause meine Magd, wenn sie
+für vier Pfennige Pfeffer holt, für wen der Pfeffer ist, und wozu der
+Pfeffer gebraucht werden soll? Eine unbedeutende Anekdote beschäftigt
+da nicht sechs Wochen lang alle Zungen; man wandelt unbemerkt,
+friedenvoll und ungeneckt durch den großen Haufen hin, besorgt seine
+Geschäfte, und wählt sich eine Lebensart, wie man sie für zweckmäßig
+hält. In kleinen Städten ist man verurtheilt, mit einer Anzahl, oft
+sehr langweiliger Magnaten, in strenger Abrechnung von Besuchen und
+Gegenbesuchen zu stehn, die gewöhnlich gleich nach dem Mittagstische
+ihren Anfang nehmen, und bis zu der Bürgerglocke, das heißt, bis
+zehn Uhr Abends, fortdauern, während welcher Zeit die Unterhaltung
+gewöhnlich den König von Preussen, die Franzosen und Engländer, den
+Kaiser, andre hohe Potentaten, und was der Hamburger Correspondent von
+ihnen meldet, zum Gegenstande hat. Das ist nun freilich erschrecklich;
+doch gibt es auch Mittel, dort den Ton des Umgangs nach und nach zu
+verfeinern, oder das schwache Publikum daran zu gewöhnen, nachdem
+es ein Vierteljahr hindurch über uns gelästert hat, uns endlich
+auf unsre Weise leben zu lassen, wenn man sich übrigens redlich,
+menschenfreundlich, dienstfertig und gesellig beträgt. Am übelsten
+aber pflegt man in den mittlern Städten daran zu seyn, sowohl in den
+freien Städten, wo der Handel die Achse ist, um die sich alles dreht,
+als in unbeträchtlichen Residenzen. Da herrschen gewöhnlich, neben
+einem übertriebnen Luxus, und solchen sittlichen Verderbnissen, die
+mit der Ausartung in den größten Städten wetteifern, noch obenein alle
+Gebrechen kleiner Städte, Klatschereien, Anhänglichkeit an Schlendrian,
+an Gewohnheiten und Familien-Verbindungen, die abgeschmacktesten
+Forderungen und die lächerliche Classificirung der Stände. So habe ich
+eine Stadt gesehn, in welcher ein Mann, durch seine kürzlich erhaltene
+Bedienung, die ehemals dort nicht existirt hatte, so sehr von allen
+übrigen, einmal bestimmten Rangordnungen abgesondert war, daß er, wie
+ein Elephant in einer Menagerie, immer für sich allein spatzieren
+gehn mußte, ohne seines Gleichen, weder einen Gesellschafter, noch
+eine Gefährtin finden zu können. Da nun aber in den wenigsten Städten
+von Teutschland eine glückliche Stimmung angetroffen wird, so muß
+man lernen, sich in die herrschenden Sitten zu fügen; und nichts
+kann unvernünftiger, und für den Eiferer selbst von nachtheiligeren
+Folgen seyn, als wenn ein Einzelner, der nicht besonders in Ansehen
+steht, auftreten, und seine Vaterstadt reformiren will. Nirgends kömmt
+indessen ein solcher Declamator übler an, als in den freien Städten,
+wo alte Sitte und Schlendrian innig verwebt sind in die Regierungsform
+und in alle übrige Verhältnisse. Hier hat indeß die neueste Zeit mit
+ihren Erschütterungen und den hunderttausend kostbaren Lehrmeistern,
+die sie in glänzenden Uniformen und mit großem Ansehen ausgerüstet in
+Teutschlands Staaten und Städte sandte, eine sehr bedeutende, doch
+nicht immer heilsame Veränderung hervorgebracht.
+
+In Dörfern und auf seinem Landgute lebt man in der That am
+ungezwungensten; und für jemand, der Lust hat, sich zu beschäftigen,
+und zum Besten Andrer etwas beizutragen, findet sich da mannigfaltige
+Gelegenheit, indem man an dem nützlichsten, zu sehr niedergedrückten
+und vernachlässigten Stande zum Wohlthäter werden kann; allein die
+geselligen Freuden sind auf dem Lande nicht so leicht zu erlangen,
+und nicht so rein zu genießen. In Augenblicken, wo man gerade das
+Bedürfniß fühlt, seine Arme nach einem treuen Freunde auszustrecken,
+ist dieser Freund vielleicht meilenweit von uns entfernt; oder man
+müßte reich genug seyn, einen ganzen Hofstaat von Freunden um sich her
+zu versammeln; aber auch das hat seine üble Seite; und sehr reiche
+Leute fühlen ja ohnehin selten dies Bedürfniß. Um also hier glücklich
+und vergnügt leben zu können, ohne gerade ausgezeichnet wohlhabend
+zu seyn, muß man die Kunst verstehen, das Gute aus dem Umgange der
+Menschen, die man bei sich haben kann, zu schmecken und zu erkennen,
+der einfachen Freuden nicht müde zu werden, damit zu geizen, und ihnen
+auf erfindungsreiche Art Mannigfaltigkeit zu geben. Weil man auf dem
+Lande seine Frau, seine Kinder und seine Hausfreunde vom Morgen bis
+zum Abend ununterbrochen um sich zu sehen pflegt, so entsteht leicht
+Ueberdruß, Leere im Umgange. Dieß kann durch einen Vorrath guter
+Bücher, die neuen Stoff zur Unterhaltung geben, durch interessanten
+Briefwechsel mit abwesenden Freunden, und durch weise Eintheilung der
+Zeit, indem man manche Tagesfristen einsam in seinem Zimmer zubringt,
+gehoben werden; und nichts ist süßer auf dem Lande, als wenn, nach
+einem nützlich verlebten Tage, wo Jeder für sich seine Geschäfte emsig
+und treulich besorgt hat, des Abends sich der kleine Cirkel zum
+Spatziergange, muntern Scherze und zwanglosen Gespräche sammelt. Es
+gibt selbst Prinzen, die diesen Genuß kennen, und ich habe einst, am
+Fuße der vogesischen Gebirge, einige Wochen an dem Hofe eines guten und
+klugen Fürsten auf diese Art sehr glücklich hingebracht.
+
+Nichts aber ist trauriger, und doch häufiger zu finden, als wenn
+Menschen, die in kleinen Städten, oder gar auf dem platten Lande,
+täglich mit einander umgehen müssen, in ewigem Zwiste mit einander
+leben, und dabei doch nicht reich genug sind, sich eine besondre
+Existenz zu schaffen. Sie bereiten sich eine Hölle auf Erden.
+Nirgends also ist es so wichtig, als an solchen Orten, in Eintracht
+mit denen zu leben, die man weder entbehren, noch vermeiden kann,
+und darum mit edler Selbstverleugnung zu ertragen und zu vergeben,
+was die Kleinstädterei zu tragen und zu vergeben gibt, und allezeit
+schonend, nachsichtig, geschmeidig, vorsichtig, klug und mit einer
+Art von Coketterie im Umgange zu verfahren, um Mißverständnissen,
+Ekel und Ueberdrusse vorzubauen. Aber auch nirgends hat man Ursache,
+vorsichtiger im Reden und Handeln zu seyn, als in kleinen Städten, und
+da, wo ein kleinstädtischer Ton herrscht, weil da die Menschen aus
+Mangel an Zerstreuung beständig auf den lieben Nächsten lauern, und
+wenn gleich sonst sehr kurzsichtig, doch die scharfsichtigsten sind,
+wenn es darauf ankommt, den Splitter in des Bruders Auge zu erspähen,
+und die beredtesten, um den Splitter als einen Balken darzustellen. Sie
+sind oft eben so sehr zu bemitleiden, als zu verachten, weil sie, von
+langer Weile gepeitscht, nach Allem greifen, was ihnen auch nur eine
+kurze Rettung von diesem Unholde verspricht, und nichts andres zu thun
+wissen, als alles nachzuplaudern und sich um fremde Händel zu bekümmern.
+
+
+ 59.
+
+In fremden Städten und Ländern ist Vorsichtigkeit im Umgange zu
+empfehlen, und das in manchem Betrachte. Wir mögen nun dort Unterricht
+und Belehrung, oder ökonomische und politische Vortheile, oder bloß
+Vergnügen suchen: so ist es sehr nothwendig, gewisse Rücksichten nicht
+zu verachten. Im ersten Falle, nämlich wenn wir reisen, um uns zu
+unterrichten, versteht sich's vor allen Dingen von selber, daß wir wohl
+überlegen, in welchem Lande wir sind, und ob man da ohne Gefahr und
+Verdruß von Allem reden und nach Allem fragen dürfe. Es gibt leider!
+auch in Teutschland Staaten, in welchen die Regierungen es nicht gern
+sehen, und es scharf ahnden, wenn gewisse Werke der Finsterniß an
+das Tageslicht gezogen werden. Da ist Behutsamkeit nöthig, sowohl in
+Gesprächen und Nachforschungen, als in der Wahl der Menschen, mit denen
+man sich einläßt, und denen man sich anvertraut. Uebrigens muß ich
+auch hier erinnern, daß sehr wenig Reisende eigentlich Beruf haben,
+sich um die innere Verfassung fremder Länder zu bekümmern; allein
+thörichte Neugier, Vorwitz, oder unruhiger Thätigkeitstrieb, jagt jetzt
+haufenweise die Menschen hinaus, um in fremden Gasthöfen, Posthäusern,
+Clubbs, und in den Schwitzkammern hypochondrischer Gelehrten, unsichere
+Anekdoten zu einem Werkchen zu sammeln, indeß sie daheim noch unendlich
+viel zu wirken und zu lernen gefunden haben würden, wenn es ihnen um
+ihr und Andrer Wohl ernstlich zu thun wäre.
+
+Daß diese Vorsicht verdoppelt werden müsse, sobald man an einem
+fremden Orte für sich etwas zu suchen oder zu fordern hat, versteht
+sich wohl von selber. Da alsdann manches Auge auf uns gerichtet ist,
+so müssen wir den Umgang mit Leuten vermeiden, die, unzufrieden mit
+der Regierung, sich so gern den Fremden an den Hals werfen, weil sie
+unter ihren Mitbürgern durch unkluge Aufführung sich einen bösen Namen
+gemacht, und sich auf diese Art den Weg versperrt haben, bürgerliche
+Vortheile zu erlangen, die sie aber zu verachten scheinen, wie der
+Fuchs die Trauben. Diese Art Leute sucht sich dann dadurch ein wenig
+zu heben, daß sie mit den Reisenden, denen sie sich in den Gasthöfen
+oder auf andre Art aufdringen, durch die Gassen der Stadt laufen,
+und dadurch Verbindungen in andern Ländern muthmaßen lassen. Ein
+Fremder, der nur wenig Tage sich an einem Orte aufhalten will, kann
+ohne Nachtheil mit diesem, mehrentheils sehr geschwätzigen, und von
+lustigen und ärgerlichen Mährchen aller Art vollgepfropften Ciceroni's
+nach Gefallen herumrennen, und kein vernünftiger Mann wird ihm das
+verdenken. Wer aber länger in einer Stadt verweilen, in den bessern
+Cirkeln Zutritt haben, oder gar ein Geschäft zu Stande bringen will;
+dem rathe ich, in der Auswahl seines Umgangs auch die Stimme des
+Publikums zu ehren.
+
+Es gibt fast in jeder Stadt eine Partei solcher Unzufriedener; es
+sey nun mit der Regierung, oder nur mit der Gesellschaft. Zu Diesen
+geselle Dich also nicht! Wähle nicht unter ihnen Deinen Umgang! Diese
+Schwarzblütigen und Mißmuthigen glauben sich nicht geehrt genug,
+oder sind unruhige Köpfe, Lästermäuler, Menschen voll unvernünftiger
+Forderungen, ränkevolle, oder unsittliche Leute. Da sie nun, einer
+dieser Ursachen wegen, von ihren Mitbürgern geflohen werden, so suchen
+sie unter sich eine Art von Bündniß zu errichten, in welches sie,
+wenn sie können, verständige und wackre Männer zu ihrer Verstärkung
+durch Schmeichelei hineinziehen. Laß Dich weder darauf, noch überhaupt
+auf das ein, was Partei und Faction genannt werden kann, wenn Du mit
+Annehmlichkeit und Sicherheit leben willst!
+
+
+ 60.
+
+Briefwechsel ist schriftlicher Umgang. Fast alles, was vom persönlichen
+Umgange mit Menschen gilt, leidet Anwendung auf den Briefwechsel. Als
+Bildungs-, Erheiterungs- und Belebungs-Mittel ist der Briefwechsel
+überaus wirksam, und oft ist es nur dadurch möglich, mit seinen
+Freunden in Verbindung zu bleiben, sich in einer gewissen Thätigkeit
+zu erhalten, und der Einseitigkeit und Eintönigkeit zu entgehen. Aber
+auch hier ist Mäßigung und Beschränkung die Bedingung der Wirksamkeit.
+Dehne also Deinen Briefwechsel, so wie Deinen Umgang, nicht über die
+Gebühr aus! Ein gar zu ausgedehnter Briefwechsel ist zwecklos, fordert
+einen unverhältnißmäßigen Zeitaufwand, und wird zu kostbar. Sey eben
+so vorsichtig in der Wahl derer, mit denen Du einen ~vertrauten~
+Briefwechsel anfängst, wie in der Wahl Deines täglichen Umgangs und
+Deiner Lectüre! Nimm Dir auch vor, nie einen ganz leeren Brief zu
+schreiben, in welchem nicht wenigstens etwas stünde, das dem, an
+welchen er gerichtet ist, Nutzen oder reine Freude gewähren könnte;
+denn ein leerer Brief ist eine Art von Verspottung dessen, an den man
+schreibt, oder wenigstens eine Täuschung, die nothwendig den, dem sie
+bereitet wird, kränken, oder unwillig machen muß. Vorsichtigkeit ist im
+Schreiben noch weit dringender, als im Reden zu empfehlen; und eben so
+wichtig ist es, mit den Briefen, welche man erhält, behutsam umzugehn.
+Man sollte es kaum glauben, was für Verdruß, Zwist und Mißverständniß
+durch Versäumniß dieser Klugheits-Regel entstehen können. Ein
+einziges, unvorsichtig hingeschriebenes, unauslöschliches Wort, ein
+einziges, aus Unachtsamkeit liegen gebliebenes Papier, hat manches
+Menschen Ruhe, und oft auf immer den Frieden einer Familie zerstört.
+Brief-Klatschereien, voreilig schriftlich mitgetheilte, ungegründete
+oder entstellte Nachrichten, können unendlichen Schaden stiften, den
+redlichen Mann bei Tausenden verdächtig machen und seine Nachkommen in
+Verlegenheit bringen.
+
+Ich kann daher nicht genug Vorsichtigkeit in Briefen und überhaupt im
+Schreiben empfehlen. Noch einmal! Ein übereiltes mündliches Wort wird
+wieder vergessen; aber ein geschriebenes kann noch nach funfzig Jahren,
+in den Händen unvorsichtiger oder eitler Erben, Unheil stiften.
+
+Briefe, an deren richtiger und schneller Besorgung irgend etwas
+gelegen ist, muß man immer auf die gewöhnliche Weise mit der Post,
+oder durch eigne Boten abgehen lassen, nie aber, etwa zur Ersparung
+des Porto, sie Reisenden mitgeben, oder sonst durch Gelegenheit, und
+in fremden Umschlägen fortschicken. Man kann sich gar zu wenig auf die
+Pünktlichkeit der Menschen verlassen.
+
+Lies Deine Briefe, wenn Du es ändern kannst, nicht in Andrer Gegenwart,
+sondern wenn Du allein bist; sowohl, weil es die Höflichkeit also
+befiehlt, als auch aus Vorsicht, um durch Deine Mienen den Inhalt nicht
+zu verrathen.
+
+Es gibt Personen, besonders unter den Damen, welche die Leute, die mit
+ihnen an demselben Ort leben, bei den unbedeutendsten Veranlassungen,
+mit kleinen Briefen und Zetteln bestürmen, und dadurch dem, der seine
+Zeit besser anwenden könnte, seine kostbare Zeit rauben.
+
+
+ 61.
+
+Glaube immer, und Du wirst Dich bei diesem Glauben sehr wohl befinden,
+daß die mehrsten Menschen nicht halb so gut sind, als ihre Freunde sie
+schildern; und nicht halb so böse, als ihre Feinde sie ausschreien!
+
+Beurtheile die Menschen nicht nach dem, was sie ~reden~, sondern nach
+dem, was sie ~thun~! Die Meisten sind weder so gut, noch so böse, als
+sie nach ihren Reden zu seyn scheinen, und Du mußt sie in allerlei
+Lagen beobachten, wenn Du ihren wahren Werth erforschen willst. Aber
+wähle zu Deinen Beobachtungen solche Augenblicke, in welchen sie
+von Dir unbemerkt zu seyn glauben. Richte Deine Achtsamkeit auf die
+kleinen Züge, nicht auf die Haupt-Handlungen, zu denen Jeder sich in
+seinen Staatsrock steckt. Gib Acht auf die Laune, die ein gesunder Mann
+beim Erwachen vom Schlafe, auf die Stimmung, die er hat, wenn er des
+Morgens, wo Leib und Seele im Nachtkleide erscheinen, aus dem Schlafe
+geweckt wird; -- auf das, was er vorzüglich gern ißt und trinkt: ob
+sehr materielle, einfache, oder sehr feine, gewürzte, zusammengesetzte
+Speisen; auf seinen Gang und Anstand; ob er lieber allein seinen Weg
+geht, oder sich immer an eines Andern Arm hängt; ob er in einer geraden
+Linie fortschreiten kann, oder seines Neben-Gängers Weg durchkreuzt,
+oft an Andre stößt, und ihnen auf die Füße tritt; ob er durchaus keinen
+Schritt allein thun, sondern stets Gesellschaft haben, immer sich an
+Andre anschließen, auch um die geringsten Kleinigkeiten erst Rath
+fragen, sich erkundigen will, wie es sein Nachbar, sein College macht;
+ob er offne Thüren, offne Fenster, helles Licht, lautes und deutliches
+Reden liebt, oder nicht; ob er gern Andern in die Rede fällt, niemand
+zu Worte kommen läßt; ob er gern geheimnißvoll thut, die Leute auf die
+Seite ruft, um ihnen gemeine Dinge in das Ohr zu sagen; ob er gern in
+allem entscheidet, und so ferner. Auch die Handschriften der Leute
+tragen mehrentheils den Stempel ihres Charakters. Alle Kinder, mit
+deren Erziehung ich beschäftigt gewesen bin, haben nach meiner Hand das
+Schreiben gelernt; allein, so wie sich nach und nach ihre Gemüthsarten
+entwickelten, brachte jedes von ihnen seine eignen Züge hinein. Beim
+ersten Anblicke schienen sie Alle einerlei Hand zu schreiben; wer
+aber genauer Acht gab, und sie kannte, fand in der Manier des Einen
+Trägheit, bei Andern Kleinlichkeit, oder Unbestimmtheit, Flüchtigkeit,
+Festigkeit, Verschrobenheit, Ordnungsgeist, oder irgend eine andre
+Eigenthümlichkeit. -- Fasse alle diese Wahrnehmungen zusammen, nur sey
+nicht so unbillig, nach einzelnen solchen Zügen den ganzen Charakter zu
+richten!
+
+Sey nicht zu parteiisch für Menschen, die Dir freundlicher begegnen,
+als Andre, und schließe nicht zu schnell daraus, daß sie Dir mit
+besonderer Theilnahme ergeben sind. Untersuche zuvor, ob sie vielleicht
+gerade in dem Falle sind, Dich auf irgend eine Art zu ihrem Vortheil
+brauchen zu können, oder ob Du ihnen etwa mit besonderer Gefälligkeit
+entgegen gekommen bist, oder ihnen etwas Schmeichelhaftes gesagt hast.
+
+Baue nicht eher fest auf treue, immer sich bewährende Liebe und
+Freundschaft, als bis Du solche Proben gesehen hast, die ~Aufopferung~
+kosten! Die mehrsten Menschen, die uns so herzlich ergeben scheinen,
+treten zurück, sobald es darauf ankömmt, ihren Lieblings-Neigungen zu
+unserm Vortheile zu entsagen. Darauf ist also Rücksicht zu nehmen, wenn
+man wissen will, was ein Mensch uns werth ist. Es ist keine Kunst,
+alles zu leisten, was man nur wünschen mag, das Einzige ausgenommen,
+was Ueberwindung kostet.
+
+
+ 62.
+
+Alle diese allgemeinen, sodann die folgenden besondern Regeln, und viel
+mehrere noch, die ich, um mein Werk nicht über Gebühr auszudehnen, der
+eigenen Einsicht der Leser überlasse, zielen dahin, den Umgang leicht
+und angenehm zu machen, und das gesellige Leben zu erleichtern. Es
+kann aber Mancher seine besondern Gründe haben, warum er sich über
+einige derselben hinaussetzen will, und da ist es denn freilich sehr
+billig, Jedem zu erlauben, auf seine eigne Art seine Ruhe zu befördern.
+Dringen wir niemand unsre Specifica auf! Wer weder die Gunst der
+Großen sucht, noch allgemeines Lob, noch glänzenden Ruhm, noch Beifall
+verlangt; wer, seiner politischen und ökonomischen Lage, oder andrer
+Rücksichten wegen, nicht Ursache hat, den Cirkel seiner Bekanntschaft
+zu erweitern; wer Alters oder Schwächlichkeit halber den Umgang flieht,
+der bedarf keiner Regeln des Umgangs. Lasset uns daher so billig seyn,
+von niemand zu fordern, daß er sich nach unsern Sitten richte, sondern
+jedermann seinen Gang gehn; denn da jedes Menschen Glückseligkeit
+in seinen Begriffen von Glückseligkeit beruht; so ist es grausam,
+irgend Einen zwingen zu wollen, wider seinen Willen auf eine ihm nicht
+zusagende Weise glücklich zu seyn. Es ist oft lustig anzusehn, wie ein
+Haufen leerer Köpfe sich über einen sehr verständigen Mann aufhält,
+der keinen Beruf fühlt, oder nicht aufgelegt ist, den Ton ihrer
+Gesellschaft anzunehmen, sondern, mit einer abgesonderten Existenz
+sehr wohl zufrieden, seine theure Zeit nicht jedem Narren preisgeben
+will. Wenn wir nicht gerade Sclaven der Gesellschaft seyn wollen, so
+nehmen das die müßigen Leute, die nichts Besseres zu thun wissen,
+als aus dem Bette vor den Spiegel, von da an Tafel, von da an den
+Spieltisch, von da wieder an Tafel, und von da endlich in das Bett zu
+wandern, sehr übel, daß wir nicht wie sie leben, der Geselligkeit nicht
+höhere Pflichten aufopfern wollen -- das ist eine Unart, deren man
+sich enthalten soll. Es heißt nicht, sich absondern, wenn man zu Hause
+bleibt, um zu thun, was man ~thun soll~, und wovon man Rechenschaft
+geben muß.
+
+
+ 63.
+
+Und nun weiter, zu den ~besondern Umgangs-Regeln~ -- doch vorher
+noch eine Erinnerung! Wenn ich allein, oder auch nur vorzüglich, für
+Frauenzimmer schriebe, so würde ich eine Menge der schon gegebenen
+und noch folgenden Vorschriften, theils gänzlich übergehen, theils
+modificiren, theils andre an deren Stelle setzen müssen, die alsdann
+für Männer weniger brauchbar wären. -- Das ist indessen nicht der Zweck
+meines Buchs. Weise Frauenzimmer allein können den Personen ihres
+Geschlechts die besten Lehren über ihr Betragen im gesellschaftlichen
+Leben ertheilen; das ist eine Arbeit, die Männern nicht gelingen würde.
+Findet jedoch das schöne Geschlecht auch etwas für sich Brauchbares
+in diesen Blättern: so wird das meine Zufriedenheit über mein eignes
+Werk sehr vermehren. Uebrigens haben Frauenzimmer in ihrem Umgange in
+der That Rücksichten zu nehmen, die bei uns gänzlich wegfallen. Sie
+hängen viel mehr vom äussern Rufe ab, dürfen nicht so zuvorkommend im
+Umgange seyn, müssen sich im Ganzen mehr leidend verhalten, und eine
+Art von scheuer Zurückhaltung beobachten, und kommen selten oder gar
+nicht in die schwierigen gesellschaftlichen Verhältnisse, in welche
+der Mann kommt, werden endlich auch durch einen gewissen feinen Takt
+richtig geleitet, ohne der Regeln zu bedürfen. Man verzeiht ihnen
+von einer Seite weniger Unvorsichtigkeiten, und von der andern mehr
+Launen; ihre Schritte werden früher wichtig für sie, indeß dem Knaben
+und Jünglinge manche Unvorsichtigkeit nachgesehen wird; ihre Existenz
+schränkt sich auf den häuslichen Cirkel ein, da hingegen des Mannes
+Lage ihn eigentlich fester an den Staat, an die große bürgerliche
+Gesellschaft knüpft. Daher gibt es Tugenden und Laster, Handlungen
+und Unterlassungen, die bei dem ersten Geschlechte von ganz andern
+Folgen sind, als bei dem zweiten. -- Doch über dies alles ist den
+Damen so viel Gutes in andern Büchern gesagt worden, daß jede weitere
+Ausführung dieses Gegenstandes hier am unrechten Orte stehen würde.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit sich selbst.
+
+
+ 1.
+
+Die Pflichten gegen uns selbst sind die wichtigsten und ersten,
+und also ist der Umgang mit unsrer eignen Person gewiß weder der
+unnützeste, noch uninteressanteste. Es ist daher nicht zu verzeihen,
+wenn man sich immer unter andern Menschen umhertreibt, über den
+Umgang mit Menschen seine eigne Gesellschaft vernachlässigt,
+gleichsam vor sich selber zu fliehen scheint, sein eignes Ich nicht
+zu erforschen und zu veredeln sucht, indem man sich unaufhörlich in
+fremde Angelegenheiten mischt. Wer täglich herumläuft, und sich von
+Neuigkeiten nährt, wird fremd in seinem eignen Hause; wer immer in
+Zerstreuungen lebt, wird fremd in seinem eignen Herzen, muß im Gedränge
+müßiger Leute seine klägliche Langeweile zu tödten trachten, verliert
+endlich alle Zuversicht zu sich selbst, und verzagt, wenn er einmal
+Zerstreuungen entbehren, und eine Zeitlang mit sich selbst allein seyn
+muß. Wer nur solche Cirkel sucht, in welchen seine Eitelkeit reichliche
+Nahrung findet, verliert endlich so sehr den Sinn für Wahrheit, daß
+er selbst die lautesten Erinnerungen seines Gewissens überhört, oder
+sich vorsätzlich dagegen betäubt, indem er sich allen Zerstreuungen des
+Lebens hingibt.
+
+
+ 2.
+
+Hüte Dich also, Deinen nächsten und ersten Freund, Dein eigenes Herz,
+so zu vernachlässigen, daß Du es öde und leer findest, wenn Du aus
+seiner Tiefe Trost und Erquickung zu schöpfen gedachtest. Ach! es
+kommen Augenblicke, in denen Du Dich selbst nicht verlassen darfst,
+wenn Dich auch jedermann verläßt; Augenblicke, in welchen der Umgang
+mit Deinem Ich der einzige tröstliche ist. -- Was wird aber in solchen
+Augenblicken aus Dir werden, wenn Du mit Deinem eignen Herzen nicht in
+Frieden lebst, und auch von dieser Seite aller Trost, alle Hülfe Dir
+versagt wird? Und nicht bloß von dieser Seite läufst Du Gefahr, wenn
+Du ein Fremdling in Deinem eigenen Herzen geworden bist, sondern auch
+noch von einer andern; Du bringst es nämlich nie zu einer gründlichen
+Menschenkenntniß, lernst nie, die Menschen behandeln, und ihre
+Schwachheiten ertragen, wenn Du Dich selbst nicht kennst, und nicht
+Dein eigenes Herz zu behandeln weißt.
+
+
+ 3.
+
+Willst Du aber im Umgange mit Dir Trost, Glück und Ruhe finden, so mußt
+Du eben so vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit Dir selber umgehn,
+wie mit Andern, also daß Du Dich weder durch Mißhandlung erbitterst und
+niederdrückest, noch durch Vernachlässigung zurücksetzest, noch durch
+Schmeichelei verderbest.
+
+
+ 4.
+
+Sorge für die Gesundheit Deines Leibes und Deiner Seele; aber verzärtle
+beide nicht! Wer auf seinen Körper losstürmt, der verschwendet ein
+Gut, welches oft allein hinreicht, ihn über Menschen und Schicksal
+zu erheben, und ohne welches alle Schätze der Erde eitle Bettelwaare
+sind. Wer aber jedes Lüftchen fürchtet, und jede Anstrengung und
+Uebung seiner Glieder scheuet: der lebt ein ängstliches, nervenloses
+Austern-Leben, und versucht es vergeblich, die verrosteten Federn in
+den Gang zu bringen, wenn er in den Fall kömmt, seiner natürlichen
+Kräfte zu bedürfen. Wer sein Gemüth ohne Unterlaß dem Sturme der
+Leidenschaften preisgibt, oder die Segel seines Geistes unaufhörlich
+spannt, der läuft auf den Strand, oder muß mit durchlöchertem
+Fahrzeuge nach Hause laviren, wenn grade die beste Jahrszeit zu neuen
+Entdeckungen eintritt. Wer aber die Kräfte seines Verstandes und
+Gedächtnisses immer schlummern läßt, oder vor jedem kleinen Kampfe, vor
+jeder Art von Anstrengung zurückbebt; der hat nicht nur wenig wahren
+Genuß, sondern ist auch ohne Rettung verloren, da, wo es auf Kraft,
+Muth und Entschlossenheit ankommt.
+
+Hüte Dich vor eingebildeten Leiden des Leibes und der Seele! Laß Dich
+nicht gleich niederbeugen von jedem widrigen Vorfalle, von jeder
+körperlichen Unbehaglichkeit! Fasse Muth! Sey getrost! Alles in der
+Welt geht vorüber; alles läßt sich überwinden, durch Standhaftigkeit;
+alles läßt sich vergessen, und verschmerzen, wenn man seine
+Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand heftet. Dazu soll Dir die
+Gesellschaft die Hand bieten; sie soll Deine schmerzlichen Gefühle
+lindern, Deinen Gedanken eine Richtung geben, welche Deinem Herzen
+wohlthue; aber diesen Dienst kann sie Dir nur leisten, wenn Du sie
+~aufsuchst~; sie sucht Dich nicht auf, denn sie weiß nicht, daß Du
+ihrer bedarfst. So mußt Du denn vor allem mit Dir selbst umzugehen
+wissen, ehe Dir die Wohlthat des Umgangs mit Andern zu Theil werden
+kann, mußt die Kraft haben, Dich in so weit zu ermannen, daß Du den
+Muth hast, mit einem traurigen oder verwundeten Herzen unter die
+Menschen zu treten, ohne Deinen Schmerz sichtbar werden zu lassen.
+
+
+ 5.
+
+Ehre Dich selbst, wenn Du willst, daß Andre Dich ehren sollen! Thue
+nichts im Verborgnen, dessen Du Dich schämen müßtest, wenn es ein
+Fremder sähe! Handle, weniger Andern zu gefallen, als um Deine eigne
+Achtung nicht zu verscherzen, gut und anständig! Selbst in Deinem
+Aeussern, in Deiner Kleidung halte Dir keine Nachlässigkeit zu gute,
+wenn Du allein bist! Gehe nicht schmutzig, nicht zerlumpt, nicht
+unrechtlich, nicht krumm, noch mit groben Manieren einher, wenn Dich
+niemand beobachtet! Mißkenne Deinen eignen Werth nicht! Verliere nie
+die Zuversicht zu Dir selber, laß das Bewußtseyn Deiner Menschenwürde,
+das Gefühl, wenn nicht eben so weise und geschickt, als manche Andre,
+zu seyn, doch weder an Eifer, es zu werden, noch an Redlichkeit
+des Herzens, irgend jemand nachzustehen, nie in Deinem Herzen
+ersterben. Begleitet es Dich in die Gesellschaft, so wirst Du nie aus
+Schüchternheit und Aengstlichkeit den Beitrag schuldig bleiben, den Du
+zur Unterhaltung liefern sollst.
+
+
+ 6.
+
+Verzweifle nicht, und werde nicht mißmüthig, wenn Du nicht die
+moralische oder intellectuelle Höhe erreichen kannst, auf welcher ein
+Anderer steht; und sey nicht so unbillig, andre gute Seiten an Dir zu
+übersehen, die Du vielleicht vor Jenen voraus haben magst! -- Und wäre
+das auch nicht der Fall; müssen wir denn Alle groß seyn?
+
+Willst Du im Umgange Genuß des Lebens, und Freunde finden, so laß
+Dich nicht von der Begierde blenden, den Ton anzugeben, und in der
+Gesellschaft zu glänzen. Mit dieser Begierde wirst Du überall Anstoß
+und Aergerniß geben und finden, und jede Auszeichnung theuer erkaufen;
+denn wer sich selbst erhöhet, den erniedrigt die Gesellschaft; sie
+wird hart und ungerecht gegen ihn, und zwingt ihn endlich, sie ganz
+aufzugeben. Ich begreife es wohl: diese Sucht, ein großer Mann zu
+seyn, ist bei dem inneren Gefühle von Kraft und wahrem Werthe schwer
+abzulegen. Wenn man so unter mittelmäßigen Geschöpfen lebt, und sieht,
+wie wenig diese erkennen und schätzen, was Gutes in uns ist, wie wenig
+man über sie vermag, wie die elendesten Pinsel, die alles im Schlafe
+erlangen, aus ihrer Herrlichkeit herunter blicken -- ja! es ist
+hart! -- Du versuchst es in allen Fächern: Im Staate geht es nicht;
+Du willst in Deinem Hause groß seyn; aber es fehlt Dir an Gelde, an
+dem Beistande Deines Weibes; Deine Laune wird von häuslichen Sorgen
+niedergedrückt; und so geht dann alles den Alltagsgang; Du empfindest
+tief, wie so alles in Dir zu Grunde geht; Du kannst Dich durchaus nicht
+entschließen, ein Mitglied des großen Haufens zu werden, und Dich auf
+der Heerstraße in schlechter Gesellschaft herumzutreiben. -- Das alles
+fühle ich mit Dir; allein verliere doch darum nicht den Muth, den
+Glauben an Dich selbst und an die Würde und den Adel der Menschennatur;
+verzweifle darum nicht, Menschen auf Deinem Lebenswege zu finden, die
+Dich wieder mit der Welt aussöhnen. Und solltest Du sie nicht finden,
+könntest Du nicht eine Höhe erringen, auf welcher Du Dir selbst genug
+bist, und nur des Umgangs mit den Weisen des Alterthums und Deines
+Volks bedarfst? Du stehst auf dieser Höhe, wenn Du durch Reinheit,
+Güte und Kraft der Gesinnung ein Bewußtseyn Deines Werthes und Deiner
+Würde gewonnen, und durch sorgsame Bildung Deines Geistes Dir eine
+unerschöpfliche Quelle des Genusses eröffnet hast.
+
+
+ 7.
+
+Sey Dir selber ein angenehmer Gesellschafter! Mache Dir keine
+Langeweile; das heißt: sey nie ganz müßig! Lerne Dich selbst nicht zu
+sehr auswendig; sondern sammle aus Büchern und Menschen neue Ideen. Man
+glaubt es gar nicht, welch ein eintöniges Wesen man wird, wenn man sich
+immer in dem Cirkel seiner eignen Lieblings-Begriffe herumdreht, und
+wie man dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der Stirne trägt.
+
+Der langweiligste Gesellschafter für sich selbst ist man ohne Zweifel
+dann, wenn man mit seinem Herzen, mit seinem Gewissen in nachtheiliger
+Abrechnung steht. Wer sich davon überzeugen will, der gebe Acht auf die
+Verschiedenheit seiner Laune. Wie verdrießlich, wie zerstreuet, wie
+sehr sich selbst zur Last ist man nach einer Reihe zwecklos, vielleicht
+gar in strafbarem Genusse hingebrachter Stunden; und wie heiter, wie
+froh in der Unterhaltung mit sich selbst am Abend eines der Pflicht
+geweihten Tages!
+
+
+ 8.
+
+Es ist aber nicht genug, daß Du Dir selbst durch Heiterkeit und
+Gleichmuth, Thätigkeit und Betriebsamkeit ein lieber, angenehmer und
+unterhaltender Gesellschafter seyest, Du sollst Dich auch, fern von
+aller Schmeichelei, als Deinen eignen, treuesten und aufrichtigsten
+Freund zeigen; und wenn Du eben so viel Gefälligkeit gegen Deine
+Person, als gegen Fremde haben willst, so ist es auch Pflicht, eben so
+strenge gegen Dich, wie gegen Andre zu seyn. Gewöhnlich erlaubt man
+sich alles, verzeiht sich alles, und Andern nichts; gibt bei eignen
+Fehltritten, wenn man sie auch dafür anerkennt, dem Schicksale, oder
+unwiderstehlichen Trieben die Schuld, ist aber weniger duldend gegen
+die Verirrung seiner Brüder. -- Das ist nicht gut gethan.
+
+
+ 9.
+
+Hüte Dich besonders vor der pharisäischen Tugend, welche der wahre
+Bettelstolz ist, und sprich also nicht zu Dir selbst, denke nicht bei
+Dir selbst: ich danke Gott, daß ich nicht bin, wie andere Leute, kein
+Tagedieb, kein Pflastertreter, kein Falschmünzer, kein Ehrloser u.
+dgl. m.; sondern beurtheile Dich nach den Graden Deiner Fähigkeiten,
+Anlagen, Erziehung, und der Gelegenheit, die Du gehabt hast, weiser und
+besser zu werden, als Viele. Halte hierüber oft in einsamen Stunden
+Abrechnung mit Dir selber, und frage Dich, als ein strenger Richter, ob
+Du also diese Winke zu höherer Vervollkommnung genützt habest?
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit Menschen von verschiednen Gemüthsarten,
+ Temperamenten und Stimmungen des Geistes und Herzens.
+
+
+ 1.
+
+Man pflegt gewöhnlich vier Hauptarten von Temperamenten anzunehmen,
+und zu behaupten, ein Mensch sey entweder cholerisch, phlegmatisch,
+sanguinisch, oder melancholisch. Obgleich nun wohl schwerlich je eine
+dieser Gemüthsarten so ausschließlich in uns wohnt, daß dieselbe
+nicht durch einen kleinen Zusatz von einer andern modificirt würde,
+da dann aus dieser unendlichen Mischung der Temperamente jene feinen
+Nüancen und die herrlichsten Mannigfaltigkeiten entstehen: so ist doch
+mehrentheils in dem Segelwerke jedes Erdensohns einer von jenen vier
+Hauptwinden vorzüglich wirksam, um seinem Schiffe auf dem Oceane dieses
+Lebens die Richtung zu geben. Soll ich mein Glaubensbekenntniß über die
+vier Haupt-Temperamente ablegen, so muß ich aus Ueberzeugung Folgendes
+sagen:
+
+Bloß ~cholerische~ Leute flieht vernünftiger Weise Jeder, dem seine
+Ruhe lieb ist. Ihr Feuer brennt unaufhörlich, zündet und verzehret,
+ohne zu wärmen.
+
+Bloß ~Sanguinische~ sind unzuverlässige Weichlinge, ohne Kraft und
+Festigkeit.
+
+Bloß ~Melancholische~ sind sich selber, und bloß ~Phlegmatische~ Andern
+eine unerträgliche Last.
+
+~Cholerisch-sanguinische~ Leute sind die, welche in der Welt sich
+am mehrsten bemerklich machen und gefürchtet werden, welche Epoche
+machen, am kräftigsten wirken, herrschen, zerstören und bauen;
+cholerisch-sanguinisch ist also der wahre Herrscher- (der Despoten-)
+Charakter; aber nur noch ein Grad von melancholischem Zusatze, -- und
+der furchtbarste Tyrann ist gebildet.
+
+~Sanguinisch-phlegmatische~ leben wohl am glücklichsten, am ruhigsten
+und ungestörtesten, genießen mit Lust, mißbrauchen nicht ihre Kräfte,
+kränken niemand, vollbringen aber auch nichts Großes; allein dieser
+Charakter, im höchsten Grade, artet in geschmacklose, dumme und grobe
+Wollust aus.
+
+~Cholerisch-melancholische~ richten viel Unheil an: Blutdurst, Rache,
+Verwüstung, Hinrichtung des Unschuldigen und Selbstmord sind nicht
+selten die Folgen dieser Gemüthsart.
+
+~Melancholisch-sanguinische~ zünden sich mehrentheils an beiden Enden
+zugleich an, und reiben sich selber an Leib und Seele auf.
+
+~Cholerisch-phlegmatische~ Menschen trifft man selten an; es scheint
+ein Widerspruch in dieser Zusammensetzung zu liegen; und dennoch
+gibt es deren, bei welchen diese beiden Extreme wie Ebbe und Fluth
+abwechseln, und solche Leute taugen durchaus zu keinen Geschäften, zu
+welchen gesunde Vernunft und Gleichmüthigkeit erfordert werden. Sie
+sind nur mit äusserster Mühe in Bewegung zu setzen, und hat man sie
+endlich in die Höhe gebracht, dann toben sie wie wilde Thiere umher,
+fallen mit der Thür in das Haus, und verderben alles durch ihren
+rasenden Ungestüm.
+
+~Melancholisch-phlegmatische~ Leute aber sind wohl unter allen
+die unerträglichsten, und mit ihnen zu leben, das ist für jeden
+vernünftigen und guten Menschen die Hölle auf Erden.
+
+Noch einmal! die Mischungen sind unendlich verschieden. Wo man aber
+eins dieser Temperamente entschieden die Oberhand nehmen sieht,
+da findet man auch in seinem Gefolge gewisse, diesem Temperamente
+besonders eigne Tugenden und Laster. So sind z. B. sanguinische Leute
+mehrentheils eitel, aber wohlwollend, theilnehmend, ergreifen alles mit
+einer großen Lebhaftigkeit und selbst mit Leidenschaft; cholerische
+pflegen ehrgeizig zu seyn; melancholische sind mißtrauisch, und nicht
+selten geizig; und phlegmatische beharren eigensinnig auf vorgefaßten
+Meinungen, um sich die Mühe des Nachdenkens zu ersparen. -- Man muß die
+Gemüthsarten der Menschen studiren, in so fern man im Umgange mit ihnen
+auf sie wirken will. Ich kann hier nur einzelne Fingerzeige geben, wenn
+ich mein Buch nicht zur Ungebühr ausdehnen will.
+
+
+ 2.
+
+~Herrschsüchtige~ Menschen sind schwer zu behandeln, und passen nicht
+zum freundschaftlichen und geselligen Umgange. Sie wollen überall
+durchaus die erste Rolle spielen; alles soll nach ihrem Kopfe gehen.
+Was sie nicht ersonnen, angeordnet, bestimmt und gewollt haben, das
+verachten sie nicht nur; nein! sie zerstören es, wenn sie können. Wo
+sie hingegen an der Spitze stehen, oder wo man sie wenigstens glauben
+macht, daß alles nach ihrem Sinne gehe, und ihr Werk sey, da arbeiten
+sie mit unermüdetem Eifer, und stürzen alles vor sich weg, was ihrem
+Zwecke im Wege ist. Zwei herrschsüchtige Leute neben einander taugen
+zu gar nichts in der Welt, und zertrümmern alles um sich her, aus
+Privat-Leidenschaft. Hieraus nun ist leicht abzunehmen, wie man sich
+gegen solche Leute zu betragen habe, wenn man mit ihnen leben muß; und
+ich glaube darüber nichts hinzufügen zu dürfen.
+
+
+ 3.
+
+~Ehrgeizige~ Menschen müssen ungefähr auf eben diese Art behandelt
+werden. Der Herrschsüchtige ist zugleich auch ehrgeizig, aber umgekehrt
+der Ehrgeizige nicht immer herrschsüchtig, sondern begnügt sich auch
+wohl mit einer Nebenrolle, in so fern er darin nur mit einigem Glanze
+zu erscheinen hoffen darf; ja es können Fälle kommen, wo er selbst in
+der Erniedrigung Ehre sucht; doch verzeiht er nichts weniger, als wenn
+man ihn an dieser schwachen Seite kränkt.
+
+
+ 4.
+
+Der ~Eitle~ will geschmeichelt seyn; Lob kitzelt ihn unaussprechlich;
+und wenn man ihm Aufmerksamkeit, Zuneigung, Bewundrung widmet: so
+braucht nicht eben große Ehrenbezeigung damit verbunden zu seyn. Da
+nun jeder Mensch mehr oder weniger von der Begierde, zu gefallen, sich
+geltend zu machen und vortheilhafte Eindrücke zu machen, beherrscht
+oder in Bewegung gesetzt wird: so kann man ohne Sünde hie und da einem
+sonst guten Menschen, dem diese kleine Schwachheit anklebt, in solchen
+Punkten ein wenig nachsehn; ein Wörtchen, das er gern hört, gegen ihn
+fallen lassen, ihm erlauben, an dem Lobe, das er einerndtet, sich
+zu erquicken, oder sich selbst bei Gelegenheit ein wenig zu loben.
+Das schändlichste Handwerk aber treiben die niedrigen Schmeichler,
+die durch unaufhörliches Weihrauch-Streuen eitlen Leuten den Kopf so
+betäuben, daß diese zuletzt nichts anders mehr hören mögen, als Lob;
+daß ihre Ohren für die Stimme der Wahrheit verschlossen sind, und daß
+sie jeden guten graden Mann fliehen und zurücksetzen, der sich nicht so
+weit erniedrigen kann, oder es für eine Art von Unbescheidenheit und
+Grobheit hält, ihnen dergleichen Süßigkeiten in's Gesicht zu werfen.
+Gelehrte und Damen pflegen am mehrsten in diesem Falle zu seyn, und
+ich habe deren einige gekannt, mit denen ein schlichter Biedermann
+deswegen fast gar nicht umgehen konnte. Wie die Kinder dem Fremden nach
+den Taschen schielen, um zu erfahren, ob man ihnen keine Zuckerplätzen
+mitgebracht hat; so horchen Jene auf jedes Wort, das Du sprichst, um zu
+vernehmen, ob es nicht etwas Verbindliches für sie enthält, und werden
+mürrischer Laune, sobald sie sich in ihrer Hoffnung betrogen finden.
+Der höchste Grad dieser Eitelkeit führt zu einem Egoismus, der zu aller
+gesellschaftlichen und freundschaftlichen Verbindung untüchtig macht,
+und dem Eiteln eben so sehr zur Last, wie dem zum Ekel wird, der mit
+ihm leben muß.
+
+Obgleich man nun solchen eiteln Leuten nicht schmeicheln soll, so
+hat doch auch nicht Jeder Beruf, sich mit ihrer Zurechtweisung zu
+befassen, besonders wenn sie mit ihm in keiner nähern Verbindung
+stehen, noch weniger, sie zu demüthigen, oder ihnen jede Gefälligkeit
+und Höflichkeitsbezeigung zu versagen; und es ist unbillig, wenn
+diejenigen, welche täglich mit ihnen leben müssen, dieß von uns
+verlangen; wenn sie fordern, daß wir mit Hand anlegen sollen, ihre
+verzognen Freunde umzubilden.
+
+Eitle Leute pflegen gern Andern zu schmeicheln, um dagegen desto
+größere Schmeicheleien als Bezahlung einzuholen, und weil sie das für
+das einzige würdige Opfer, für die einzige vollwichtige Münze halten.
+
+
+ 5.
+
+Von Herrschsucht, Ehrgeiz und Eitelkeit ist ~Hochmuth~, so wie von
+~Stolz~, unterschieden. Ich möchte gern, daß man Stolz für eine
+edle Eigenschaft der Seele ansähe; für ein Bewußtseyn wahrer innrer
+Erhabenheit und Würde; für ein Gefühl der Unfähigkeit, niederträchtig
+zu handeln. Dieser Stolz führt zu großen, edlen Thaten; er ist die
+Stütze des Redlichen, wenn er von jedermann verlassen ist; er erhebt
+über Schicksal und schlechte Menschen, und erzwingt selbst von dem
+mächtigen Bösewichte den Tribut der Bewunderung, den er wider Willen
+dem unterdrückten Weisen zollen muß. Hochmuth hingegen brüstet sich mit
+Vorzügen, die er nicht hat; bildet sich auf Dinge etwas ein, die gar
+keinen Werth haben. Hochmuth ist es, der den Pinsel von sechszehn Ahnen
+aufbläht, und zu der Thorheit verleitet, daß er die Verdienste seiner
+Vorfahren -- die oft nicht einmal seine ächten Vorfahren sind, und oft
+nicht einmal Verdienst gehabt haben, -- ~sich~ anrechnet, als wenn
+Tugenden zu dem Inventario eines alten Schlosses gehörten! Hochmuth ist
+es, der den reichen Bürger so grob, so steif, so ungesellig macht. Und
+wahrlich! dieser pöbelhafte Hochmuth ist, da er mehrentheils von Mangel
+an Lebensart und ungeschickten Manieren begleitet wird, wo möglich,
+noch empörender als der des Adels. Hochmuth ist es, der den Künstler
+mit so viel Zuversicht zu seinen Talenten erfüllt, die, sollten sie
+auch von niemand anerkannt werden, ihn dennoch in seiner Meinung
+von sich selbst über alle Erdensöhne hinaussetzen. Er wird, wenn
+niemand ihn bewundert, eher auf die Geschmacklosigkeit der ganzen Welt
+schimpfen, als auf den natürlichen Gedanken gerathen, daß es wohl mit
+seiner Kunst nicht so ganz richtig seyn müsse.
+
+Wenn dieser Hochmuth nun gar in einem armen, verachteten Subjekte
+wohnt, so wird er ein Gegenstand des Mitleidens, und pflegt eben nicht
+viel Unheil anzurichten. Er ist aber übrigens fast immer mit Dummheit
+gepaart, also durch keine vernünftigen Gründe zu bessern, und keiner
+bescheidnen Behandlung werth. Hier hilft nichts, als Uebermuth gegen
+Uebermuth zu setzen, oder den Schein anzunehmen, als bemerke man ein
+hochmüthiges Betragen gar nicht; oder Leute, die sich aufblasen, gar
+keiner Achtsamkeit zu würdigen, sie anzusehen, wie man auf einen
+leeren Platz hinblickt, selbst wenn man ihrer bedarf; denn je mehr man
+nachgibt, desto mehr fordern, desto übermüthiger werden sie. Bezahlt
+man sie aber mit gleicher Münze, so weiß ihre Dummheit nicht, was sie
+aus dieser Erfahrung machen soll, fühlt sich aber doch gedemüthigt, und
+spannt gewöhnlich andre Saiten auf.
+
+
+ 6.
+
+Mit sehr ~empfindlichen~, leicht zu beleidigenden Leuten ist es nicht
+angenehm umzugehen. Allein diese Empfindlichkeit kann verschiedne
+Quellen haben. Hat man daher nachgespürt, ob der Mann, mit welchem
+wir leben müssen, und der leicht durch ein kleines unschuldiges
+Wörtchen, oder durch eine zweideutige Miene, oder durch einen Mangel an
+Aufmerksamkeit, gekränkt und vor den Kopf gestoßen wird, aus Eitelkeit,
+wie es mehrentheils der Fall ist, oder aus Ehrgeiz, oder weil er oft
+von bösen Menschen hintergangen und geneckt worden ist, oder endlich
+deswegen so leicht sich beleidigt glaubt, weil sein Herz zu zärtlich
+fühlt, weil er von Andern eben so viel verlangt, als er ihnen selbst
+gibt: so muß man sein Betragen danach einrichten, und jeden Anstoß
+dieser Art sorgfältig und aus Achtung zu vermeiden suchen; doch ist
+diese Aufgabe allerdings oft eine sehr schwere Aufgabe, und nur ein
+bescheidenes, dankbares und gefühlvolles Herz vermag sie zu lösen. Ist
+er übrigens redlich und verständig, so wird seine Verstimmung nicht
+lange dauren; er wird durch eine gerade, freundliche Erklärung bald
+zu besänftigen seyn; er wird zu denen, welche er für wahre Freunde
+erkennt, ein unbegrenztes Vertrauen fassen, und endlich, wenn man immer
+edel und offen mit ihm umgeht, von seiner Schwachheit zurückkommen.
+
+Von allen diesen Thoren und Schwächlingen sind in der That diejenigen
+am schwersten zu befriedigen, und der Gesellschaft am lästigsten, die
+sich jeden Augenblick vernachlässigt, zurückgesetzt, nicht genug geehrt
+glauben. Es ist ein großes Unglück, in diesen Fehler zu verfallen,
+denn man verkümmert und verbittert sich durch solch eine thörichte
+Reizbarkeit nicht nur jedes gesellschaftliche Vergnügen, sondern fällt
+auch Andern zur Last, macht sich verhaßt, oder wenigstens gefürchtet,
+und erreicht nicht, was man zu erreichen so ängstlich strebt.
+
+
+ 7.
+
+~Eigensinnige~ Menschen sind viel schwerer zu behandeln, als sehr
+empfindliche; doch ist mit ihnen auszukommen, wenn sie übrigens
+verständig sind. Sie pflegen dann, in so fern man ihnen nur in dem
+ersten Augenblicke nachzugeben scheint, bald von selber der Stimme
+der Vernunft Gehör zu geben, ihr Unrecht und die Feinheit unsrer
+Behandlung zu fühlen, und wenigstens auf eine kurze Frist geschmeidiger
+zu werden. Ein Elend aber ist es, Starrköpfigkeit in Gesellschaft von
+Dummheit anzutreffen und behandeln zu müssen. Da helfen weder Gründe,
+noch Schonung. Es ist da mehrentheils nichts weiter zu thun, als einen
+solchen steifsinnigen Pinsel blindlings handeln zu lassen, ihn aber
+so in seine eignen Ideen, Plane und Unternehmungen zu verwickeln, daß
+er, wenn er durch übereilte, unkluge Schritte in Verlegenheit geräth,
+sich selbst nach unsrer Hülfe sehnen muß. Dann läßt man ihn eine
+Zeitlang zappeln, wodurch er nicht selten demüthig und folgsam wird,
+und das Bedürfniß, geleitet zu werden, fühlt. Hat aber ein schwacher,
+eigensinniger Kopf von ungefähr ein einzigmal gegen uns Recht gehabt,
+oder uns über einen kleinen Fehler erwischt; dann thue man nur Verzicht
+darauf, ihn je wieder zu leiten! Er wird uns immer zu übersehen
+glauben, und unsrer Einsicht und Rechtschaffenheit nie trauen; und das
+ist eine höchst verdrießliche Lage.
+
+Bei diesen beiden Gattungen von Menschen aber helfen in
+dem ersten Augenblicke keine noch so nachdrückliche Vorstellungen,
+indem sie dadurch nur noch mehr verhärtet werden. Hängen wir von
+Ihnen ab, und sie geben uns Aufträge, wovon wir voraussehen, daß sie
+nachher von ihnen selbst werden gemißbilligt werden: so kann man nichts
+Klügeres thun, als ihnen ohne Widerrede Gehorsam zu versprechen, aber
+entweder die Befolgung so lange zu verschieben, bis sie sich indeß
+eines Bessern besinnen, oder in der Stille die Sache nach eignen
+Einsichten einzurichten, welches sie gewöhnlich in ruhigen Augenblicken
+zu billigen pflegen, besonders wenn man sich den Schein zu geben weiß,
+als habe man ihren Befehl also verstanden, und es klüglich unterläßt,
+sich seiner besseren Einsicht zu rühmen; eine Selbstverleugnung, die
+sich sogleich belohnt.
+
+Nur in sehr wenig dringenden, oder sonst höchst wichtigen Fällen kann
+es nützlich und nöthig seyn, Eigensinn gegen Eigensinn aufzuspannen,
+und schlechterdings nicht nachzugeben. Doch geht alle Wirkung
+dieses Mittels verloren, wenn man es zu oft, und bei unbedeutenden
+Gelegenheiten, oder gar da anwendet, wo man Unrecht hat. Wer immer
+zankt, der hat die Vermuthung gegen sich, immer Unrecht zu haben; es
+ist also weise gehandelt, den Andern in diesen Fall zu setzen.
+
+
+ 8.
+
+Eine besondre Gemüthsart, die mehrentheils aus Eigensinn entspringt,
+doch auch wohl zuweilen bloß Sonderbarkeit, oder ungesellige Laune,
+oder nur üble Gewohnheit zur Quelle hat, ist die ~Zanksucht~. Es gibt
+Menschen, die alles besser wissen wollen, allem widersprechen, was man
+vorbringt; oft gegen eigene Ueberzeugung widersprechen, um nur das
+Vergnügen zu haben, streiten zu können. Andre setzen eine Ehre darein,
+~Paradoxen~ aufzustellen, um sich ein Ansehn von Tiefsinn zu geben;
+Dinge zu behaupten, die kein Vernünftiger irgend ernstlich also meinen
+kann, bloß damit man mit ihnen darüber plaudern solle. Endlich noch
+Andre, die man +Querelleurs+ (~Stänker~) nennt, suchen vorsätzlich
+Gelegenheit zu persönlichem Zanke, um eine Art von Triumph über
+furchtsame Leute zu gewinnen, über Leute, die wenigstens noch feiger
+sind, als sie; oder, wenn sie mit dem Degen umzugehen wissen, ihren
+falschen und tollen Muth in einem thörichten Zweikampfe zu zeigen.
+
+In dem Umgange mit allen diesen Leuten ist unüberwindliche
+Kaltblütigkeit, die sich durchaus nicht in Hitze bringen läßt, das
+unfehlbare Mittel, sie in Verlegenheit zu bringen, und zum Nachgeben
+oder zu einem versteckten Rückzuge zu nöthigen. Mit denen von der
+ersten Gattung lasse man sich in gar keinen Streit ein, sondern
+breche gleich das Gespräch ab, sobald sie aus Muthwillen anfangen,
+zu widersprechen. Dieß ist das einzige Mittel, ihrem Zankgeiste,
+wenigstens gegen uns, Schranken zu setzen, und viel unnütze Worte zu
+sparen. Denen von der zweiten Gattung kann man je zuweilen die Freude
+machen, ihre Paradoxen ein wenig zu bekämpfen, oder doch besser, zu
+bespötteln. Die Letztern aber müssen viel ernsthafter behandelt werden.
+Kann man ihre Gesellschaft nicht vermeiden: kann man in derselben,
+durch ein entfernendes, kaltsinniges und zurückgezogenes Betragen
+ihrer Zudringlichkeit und ihren Grobheiten nicht ausweichen: so rathe
+ich, einmal für allemal ihnen so kräftig zu begegnen, daß ihnen die
+Lust vergehe, sich ein zweitesmal an uns zu reiben. Saget ihnen auf
+der Stelle, in unzweideutigen, männlichen Ausdrücken Eure Meinung,
+und lasset Euch durch ihre Aufschneiderei nicht irre machen! Man
+wird mir zutrauen, daß ich über den Zweikampf so denke, wie jeder
+vernünftige Mann darüber denken muß, nämlich, daß er eine unmoralische,
+unvernünftige Handlung sey. Sollte nun aber auch jemand, seiner
+bürgerlichen Lage nach, zum Beispiel ein Officier, durchaus sich dem
+Vorurtheile unterwerfen müssen, eine Beleidigung durch die andre und
+durch persönliche Rache auszulöschen: so kann doch dieser Fall nie dann
+eintreten, wenn er, ohne die geringste Veranlassung von seiner Seite,
+hämischer Weise angetastet wird; und der hat doppelt Unrecht, der
+gegen einen sogenannten Raufer mit andern Waffen, als mit Verachtung,
+oder, wenn es ihm gar zu nahe gelegt wird, anders, als mit einem
+geschmeidigen spanischen Rohre kämpft, und hat nachher Unrecht, wenn er
+ihm Genugthuung gibt, wie man das zu nennen pflegt.
+
+Im Allgemeinen aber wohnt in manchen Menschen ein sonderbarer Geist des
+Widerspruchs. Sie wollen immer haben, was sie nicht erlangen können;
+sind nie mit dem zufrieden, was Andre thun; murren gegen Alles, was
+grade ~sie~ nicht also bestellt haben, und wäre es auch noch so gut.
+Es ist bekannt, daß man solche Leute sehr oft dadurch leiten kann, daß
+man ihnen entweder das Gegentheil von ~dem~ vorschlägt, was man gern
+durchsetzen möchte, oder auf andre Weise sie unvermerkt dahin bringt,
+daß sie unsre eignen Ideen gegen uns durchsetzen müssen.
+
+
+ 9.
+
+~Jähzornige~ Leute beleidigen nicht mit Vorsatz. Sie sind aber nicht
+Meister über die Heftigkeit ihres Temperaments; und so vergessen sie
+sich in solchen stürmischen Augenblicken selbst gegen ihre geliebtesten
+Freunde, und bereuen nachher zu spät ihre Uebereilung. Ich brauche
+wohl nicht zu erinnern, daß Nachgiebigkeit -- vorausgesetzt, daß
+diese Leute, andrer guten Eigenschaften wegen, einiger Schonung werth
+scheinen, denn ausserdem muß man sie gänzlich fliehen; -- daß weise
+Nachgiebigkeit und Sanftmuth die einzigen Mittel sind, den Jähzornigen
+zur Vernunft zurückzuführen. Allein ich muß dabei erinnern, daß,
+phlegmatische Kälte dem Erzürnten entgegen zu setzen, ärger als der
+heftigste Widerspruch ist; er glaubt sich dann verachtet, und wird
+doppelt aufgebracht.
+
+
+ 10.
+
+Wenn der Jähzornige nur aus Uebereilung Unrecht thut, und über den
+kleinsten Anschein von Beleidigung in Hitze geräth; nachher aber auch
+eben so schnell wieder das zugefügte Unrecht bereuet, und das erlittene
+verzeiht; so verschließt hingegen der ~Rachgierige~ seinen Groll im
+Herzen, bis er Gelegenheit findet, ihm vollen Lauf zu lassen. Er
+vergißt nicht, vergibt nicht, auch dann nicht, wenn man ihm Versöhnung
+anbietet, wenn man alles, nur keine niederträchtigen Mittel anwendet,
+seine Gunst wieder zu erlangen. Er erwiedert sowohl das ihm zugefügte
+wahre, als das vermeintliche Uebel, und dieß nicht nach Verhältniß der
+Größe und Wichtigkeit desselben, sondern tausendfältig; für kleine
+Neckereien, wirkliche Verfolgung; für unüberlegte Ausdrücke, in
+Uebereilung geredet, thätige Mißhandlung; für eine Kränkung unter vier
+Augen, öffentliche Genugthuung; für beleidigten Ehrgeiz, Zerstörung
+wesentlicher Glückseligkeit. Seine Rache schränkt sich nicht auf die
+Person ein, sondern erstreckt sich auch auf die Familie, auf die
+bürgerliche Existenz und auf die Freunde des Beleidigers. Mit einem
+solchen Manne leben müssen, das ist in Wahrheit ein höchst trauriges
+Loos, und ich kann da nichts rathen, als daß man, so viel möglich,
+vermeide, ihn zu beleidigen, und zugleich sich in eine Art von
+ehrerbietiger Furcht bei ihm setze, die überhaupt das einzige wirksame
+Mittel ist, schlechte Leute im Zaume zu halten.
+
+
+ 11.
+
+~Faule~ und ~phlegmatische~ Menschen müssen ohne Unterlaß getrieben
+werden; und da doch fast jeder Mensch irgend eine herrschende
+Leidenschaft hat: so findet man zuweilen Gelegenheit, durch Aufregung
+derselben solche schläfrige Geschöpfe in Bewegung zu setzen.
+
+Es gibt unter ihnen solche, die bloß aus ~Unentschlossenheit~ die
+kleinsten Arbeiten jahrelang liegen lassen, ohne durch die Verlegenheit
+oder Beschämung gerührt zu werden, welche sie sich dadurch zuziehen,
+oder Andern verursachen, und ohne vor den Folgen zu erschrecken, die
+eine solche Saumseligkeit früher oder später herbeiführen muß. Auf
+einen Brief zu antworten, eine Quittung zu schreiben, eine Rechnung
+zu bezahlen -- ja! das ist eine Haupt- und Staats-Action, zu welcher
+unbeschreibliche Vorbereitungen gehören, und zu der sie sich, selbst
+bei den dringendsten Bitten und Anmahnungen, nicht entschließen können.
+Bei ihnen muß man zuweilen wirklich Gewalt brauchen; und ist das
+schwere Werk einmal überstanden, dann pflegen sie sich recht dankbar
+zu bezeigen, so übel sie auch anfangs unsre Zudringlichkeit aufnahmen.
+Aber wehe diesen Unentschlossenen, wenn sie nicht einen kräftigen
+Freund haben, der ihnen zu ihrer Rettung Gewalt anthut, und einmal alle
+Schonung aus den Augen setzt, um ihren Dank zu verdienen!
+
+
+ 12.
+
+~Mißtrauische~, ~argwöhnische~, ~mürrische~ und ~verschlossene~
+Leute sind wohl unter allen Lästigen und Widerwärtigen diejenigen,
+in deren Umgang ein edler gerader Mann am wenigsten von den Freuden
+des geselligen Lebens schmeckt. Wenn man jedes Wort abwägen, jeden
+unbedeutenden Schritt abmessen muß, um ihnen keine Gelegenheit zu
+schändlichem Verdachte zu geben; wenn kein Funken von erquickender
+Freude aus unserm Herzen in das ihrige übergeht; wenn sie keinen
+frohen Genuß mit uns theilen; wenn sie die Wonne der seltnen heitern
+Augenblicke, welche uns das Schicksal gönnt, uns nicht nur durch
+Mangel an Theilnehmung verkümmern und verbittern, sondern sogar,
+mitten in unsern glücklichsten Launen, uns unfreundlich stören, aus
+unsern süßesten Träumen uns verdrießlich aufwecken; wenn sie unsre
+Offenherzigkeit nie erwiedern, sondern immer auf ihrer Hut sind,
+in ihrem zärtlichsten Freunde einen Bösewicht, in ihrem treuesten
+Diener einen Betrüger und Verräther zu sehen glauben; dann gehört
+wahrlich ein hoher Grad von fester Rechtschaffenheit dazu, um nicht
+darüber selbst schlecht und menschenfeindlich zu werden. Hiebei
+ist nichts zu thun, wenn ein ungezwungenes, immer gleich redliches
+Betragen vergebens angewendet wird, wenn es nichts hilft, daß man
+ihnen jeden Zweifel, sobald man desselben gewahr wird, durch kräftige
+Vorstellungen benimmt, als daß man sich um ihren Argwohn und um ihr
+mürrisches Wesen schlechterdings nicht bekümmre, sondern muthig und
+munter den Weg fortgehe, den uns Klugheit und Gewissen vorschreiben.
+Uebrigens sind solche Menschen herzlich zu bedauern; sie leben sich
+und Andern zur Qual. Es liegt bei ihnen nicht immer Bösartigkeit zum
+Grunde; nein! eine unglückliche Stimmung des Gemüths, dickes Blut, oft
+auch Einwirkung des Schicksals, wenn sie gar zu oft sind hintergangen
+worden -- das sind mehrentheils die Quellen ihrer Seelenkrankheit. Und
+diese Krankheit ist in jüngern Jahren nicht ganz unheilbar, wenn die,
+welche ein solches Gemüth zu leiten haben, stets edel und grade mit
+ihm umgehen, ohne sich um seine Grillen und Launen zu bekümmern; nur
+so ist es möglich, die unglückliche Anlage zum Argwohn zu vertilgen,
+und ein ängstlich-scheues Gemüth mit dem seligmachenden Glauben
+auszustatten, daß es noch Redlichkeit und Freundschaft in der Welt
+gibt. Bei Personen von höherem Alter hingegen wird in der Regel jeder
+Versuch, ihnen diesen Glauben einzuflößen, fehlschlagen, und dies Uebel
+so tiefe Wurzel fassen, daß nichts übrig bleibt, als ihm Geduld und
+Kaltblütigkeit entgegen zu setzen.
+
+Am mehrsten sind diejenigen zu beklagen, bei denen dies Mißtrauen bis
+zum ~Menschenhasse~ gestiegen ist. Der Verfasser des Schauspiels:
+~Menschenhaß und Reue~, läßt in demselben den Major sagen, ich hätte
+vergessen, Vorschriften »für den Umgang mit dieser Art von Menschen
+zu geben.« Es ist wahr, ich habe hier wenig darüber gesagt: allein
+es ist auch unmöglich, dazu allgemeine Regeln vorzuschlagen, da es
+nothwendig ist, bei jedem einzelnen Falle genau mit den Quellen
+des Uebels bekannt zu seyn. In der Regel wird sichtbare, aber von
+aller Zudringlichkeit entfernte Theilnahme, kräftige Zurückweisung
+ungerechter Menschenverachtung durch Hinweisung auf Menschengröße
+und Edelmuth, besonders aber die zart und klug herbeigeführte
+Gelegenheit, Menschen aus großem Elende zu retten, und ihren Dank zu
+erwerben, nicht ohne Wirkung bleiben. Lebt ein Menschenhasser, ganz
+ohne Familien-Verbindung, in öder Einsamkeit oder Zurückgezogenheit,
+so ist er nicht zu retten. Hat er das Glück, in eine große Gefahr zu
+gerathen, und durch edelmüthige Selbstverleugnung, durch den Muth der
+großmüthigsten Menschenliebe, durch die Wunderthat eines großherzigen
+Menschenfreundes gerettet zu werden, so ist gründliche Heilung zu
+hoffen.
+
+
+ 13.
+
+~Neidische~, ~schadenfrohe~, ~mißgünstige~ und ~eifersüchtige~
+Gemüthsarten sollten wohl nur das Erbtheil hämischer, niederträchtiger
+Menschen seyn; und doch trifft man leider einen unglücklichen
+Zusatz von diesen bösen Eigenschaften in den Herzen solcher Leute
+an, die übrigens manche gute Eigenschaft haben. -- So schwach ist
+die menschliche Natur! -- Ehrgeiz und Eitelkeit können in uns das
+Gefühl erwecken, Andern ein Glück nicht zu gönnen, nach welchem wir
+ausschließlich streben; sey es nun Vermögen, Glanz, Ruhm, Schönheit,
+Gelehrsamkeit, Macht, ein Freund, eine Geliebte, oder was es auch
+sey; und sobald diese Empfindung einen gewissen Widerwillen gegen
+die Person in uns erzeugt hat, die, trotz unsrer Mißgunst, trotz
+unsrer Eifersucht, im Besitze jenes ihr mißgönnten Guts bleibt: dann
+können wir uns heimlich eines schadenfrohen Kitzels nicht erwehren,
+wenn es dieser Person ein wenig widrig geht, und die Vorsehung unsre
+feindseligen Gesinnungen, besonders, wenn wir schwach genug waren, sie
+zu äußern, gleichsam rechtfertigt. Ich werde bei den Gelegenheiten,
+wenn von Künstler-, Gelehrten- und Handwerks-Neide, von Mißgunst unter
+Fürsten, Vornehmen, Reichen und Leuten, die in der großen Welt leben,
+von Eifersucht unter Ehegenossen, Freunden und Geliebten die Rede seyn
+wird, manches sagen, was auch hier anwendbar, aber überflüssig zu
+wiederholen seyn würde, und es bleibt mir wirklich nichts hinzuzufügen
+übrig, als daß, um allem Neide in der Welt auszuweichen, man auf jede
+gute Eigenschaft, so wie auf Alles, was Erfolg unsrer Bemühungen und
+Glück heißt, Verzicht thun, und, wenn es darauf ankömmt, mitten unter
+einem Schwarme von mißgünstigen Leuten zu leben, und dennoch dem Neide
+und der Eifersucht so wenig als möglich Nahrung zu geben, seine
+Vorzüge, seine Kenntnisse und seine Talente mehr verbergen als kund
+machen, keine Art von Uebergewicht zeigen, anscheinend wenig fordern,
+wenig begehren, auf Weniges Ansprüche machen, und wenig leisten müsse.
+
+Jener Neid nun erzeugt dann oft die schrecklichen ~Verleumdungen~,
+denen auch der edelste Mann ausgesetzt ist. Es läßt sich nicht fest
+bestimmen, wie man sich in jedem Falle zu betragen habe, wenn man
+verleumdet wird. Oft erfordern Redlichkeit und Klugheit die schnellste
+und deutlichste Darstellung der wahren Beschaffenheit; oft hingegen ist
+es unter der Würde eines rechtschaffenen Mannes, sich auf Erläuterungen
+und Rechtfertigungen einzulassen. Der Pöbel hört nicht auf, uns zu
+necken, wenn er sieht, daß es uns wehe thut, und die Zeit pflegt, früh
+oder spät, die Wahrheit an das Licht zu ziehen.
+
+
+ 14.
+
+Der ~Geiz~ ist eine der unedelsten, schändlichsten Leidenschaften. Man
+kann sich keine Niederträchtigkeit denken, deren ein Geizhals nicht
+fähig wäre, wenn seine Begierde nach Reichthümern in das Spiel kömmt,
+und jede Empfindung besserer Art, Freundschaft, Mitleid, Wohlwollen,
+finden keinen Eingang in sein Herz, wenn sie kein Geld einbringen;
+ja, er gönnt sich selber die unschuldigsten Vergnügungen nicht, in so
+fern er sie nicht unentgeldlich schmecken kann. In jedem Fremden sieht
+er einen Dieb, und in sich selber einen Schmarotzer, der auf Unkosten
+seines bessern Ichs, seines Mammons, zehrt.
+
+Allein in den jetzigen Zeiten, wo der Luxus so übertrieben wird, wo
+die Bedürfnisse, auch des mäßigsten Mannes, der in der Welt leben
+und eine Familie unterhalten muß, so groß sind; wo der Preis der
+nöthigen Lebensmittel täglich steigt; wo die Macht des Geldes so viel
+entscheidet; wo der Reiche ein so beträchtliches Uebergewicht über den
+Armen hat; wo endlich von der einen Seite Betrug und Falschheit, und
+von der andern Mißtrauen und Mangel an Theilnahme und Wohlwollen in
+allen Ständen sich ausbreiten; in diesen Zeiten der Selbstsucht und
+des Egoismus, meine ich, hat man Unrecht, wenn man einen sparsamen,
+vorsichtigen Mann, ohne nähere Prüfung seiner Verhältnisse und der
+Bewegungsgründe, welche seine Handlungen leiten, sogleich für einen
+Knicker erklärt. Man möchte vielmehr diejenigen, welche das Beispiel
+einer Sparsamkeit geben, die eben so sehr von Menschenliebe, als
+von Klugheit und Vorsicht erzeugt und belebt wird, für Ruhmwürdige
+erklären, weil doch in der That kein geringer Grad von Seelenstärke
+und Weisheit dazu erfordert wird, um den Grundsätzen einer strengen
+Sparsamkeit getreu zu bleiben, und dem Urtheil der Welt eine
+unwandelbare Entschlossenheit entgegen zu setzen.
+
+Es gibt ferner unter den wirklichen geizigen Leuten solche, die neben
+dieser Geld-Begierde noch von einer andern mitherrschenden Leidenschaft
+regiert werden. Diese scharren dann zusammen, sparen, betrügen Andre
+und versagen sich alles, außer da, wo es auf Befriedigung dieser
+Leidenschaft ankömmt; sey es nun Wollust, Gefräßigkeit, Ehrgeiz,
+Eitelkeit, Neugier, Spielsucht, oder was es auch immer sey. So habe
+ich Menschen gekannt, die, um einen Louisd'or zu gewinnen, Bruder und
+Freund verrathen, und sich der öffentlichen Beschimpfung ausgesetzt
+haben würden; hundert für den sinnlichen Genuß eines Augenblicks
+hingegebene Gulden hingegen für gut angelegtes Geld hielten.
+
+Noch Andre rechnen so schlecht, daß sie Heller sparen, und Thaler
+wegwerfen. Sie lieben das Geld, aber sie verstehen nicht, damit
+umzugehen. Um also die Summen wieder zu erhaschen, um welche sie von
+Gaunern, Abentheurern und Schmeichlern betrogen werden, geben sie ihrem
+Gesinde nicht satt zu essen; und um tausend Thaler wieder zu gewinnen,
+die sie verschleudert haben, wechseln sie auf die unanständigste Weise
+aller Orten einzelne feine Gulden ein, damit sie an jedem vielleicht
+einen Heller Aufgeld gewinnen.
+
+Endlich noch Andre sind in allen Stücken freigebig, und achten das
+Geld nicht; in einem einzigen Punkte aber, worauf sie gerade eine
+thörichte Wichtigkeit setzen, sind sie lächerlich geizig. Meine Freunde
+haben mir oft im Scherze vorgeworfen, daß ich auf diese Art karg in
+Schreib-Materialien sey, und ich gestehe diese Schwachheit. So wenig
+reich ich bin, so kostet es mich doch geringere Ueberwindung, mich
+von einem halben Gulden, als von einem holländischen Brief-Bogen zu
+scheiden, obgleich man für zwölf Groschen vielleicht ein Buch des
+feinsten Papiers kaufen kann. Ja, ich habe reiche und freigebige Leute
+gekannt, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, Kleinigkeiten,
+auf welche sie einen vorzüglichen Werth setzten, zu entwenden, wo sie
+dergleichen liegen sahen. Jene Art der Sparsamkeit, welche auch das
+Geringste, was noch auf irgend eine Art brauchbar ist, zu erhalten
+und zu bewahren sucht, ist unstreitig die rechte, denn sie geht von
+einer richtigen Schätzung der Dinge aus, und haßt alles Vergeuden und
+Verschwenden, weil es Charakterschwäche, und eine Art von Undankbarkeit
+und Kurzsichtigkeit ist. Darum läßt ~Engel~ in der bekannten Erzählung
+seinen Herrn Timm sogleich mit großer Bereitwilligkeit dem Manne einen
+Vorschuß leisten, der eine Nadel liegen sieht, und sie sorgfältig
+aufnimmt und bewahrt.
+
+Die allgemeine Regel im Umgange mit geizigen Leuten ist wohl die, daß,
+wenn man ihre Gunst erhalten will, man nichts von ihnen fordern müsse.
+Da dieß nun aber nicht immer möglich ist, so scheint es der Klugheit
+gemäß, daß man prüfe, zu welcher der vorhin geschilderten Gattungen von
+Geizigen der Mann, mit dem man es zu thun hat, gehöre, um danach seine
+Behandlung einzurichten.
+
+Ueber den Umgang mit ~Verschwendern~ brauche ich nichts zu sagen, als
+daß der verständige Mann sich nicht durch ihr Beispiel zu thörichten
+Ausgaben verleiten lassen, und daß der redliche Mann von ihrer übel
+geordneten Freigebigkeit weder für sich, noch für Andre, Vortheile
+ziehen soll.
+
+
+ 15.
+
+Sollen wir jetzt von dem Betragen gegen ~Undankbare~ reden? Ich habe
+bei mancher Gelegenheit erinnert, daß man auf dieser Erde auch bei
+den edelsten und weisesten Handlungen, weder auf Erfolg, noch auf
+Dankbarkeit rechnen dürfe. Diesen Grundsatz soll man, wie ich dafür
+halte, nie aus den Augen verlieren, wenn man nicht karg mit seinen
+Dienstleistungen, feindselig gegen seine Mitmenschen werden, noch gegen
+Vorsehung und Schicksal murren will. Bei dem Allen aber müßte man
+jeder menschlichen Empfindung entsagt haben, wenn es uns nicht kränken
+sollte, daß Menschen, denen wir treulich, eifrig und uneigennützig
+gedient, die wir aus der Noth gerettet, denen wir uns ganz gewidmet,
+für die wir uns vielleicht aufgeopfert haben, uns vernachlässigen,
+sobald sie unsrer nicht mehr bedürfen, oder gar verrathen, verfolgen,
+mißhandeln, wenn sie dadurch zeitliche Vortheile, oder die Gunst unsrer
+mächtigen Feinde gewinnen können. Doch wird der weise Menschenkenner
+und warme Freund des Guten sich dadurch nicht abschrecken lassen,
+großmüthig zu handeln. Mit Bezug auf das, was hierüber im zehnten
+Kapitel des zweiten Theils und im fünften Abschnitte des zweiten
+Kapitels in dem dritten Theile gesagt wird, erinnere ich nur nochmals
+für die, welche noch dieser Erinnerung bedürfen, daß jede gute Handlung
+sich selbst durch ein seliges Bewußtseyn am reichsten belohnt; ja, daß
+der Edle eine neue Quelle von innerer Freude aus der Undankbarkeit der
+Menschen zu schöpfen versteht, nämlich die Freude, sich bewußt zu seyn,
+gewiß uneigennützig, bloß aus Liebe zum Guten, ihnen Gutes gethan zu
+haben, besonders wenn er voraus weiß, daß er auf keine Erkenntlichkeit
+rechnen darf. Er bedauert die Verkehrtheit Derer, die fähig sind,
+ihres Wohlthäters zu vergessen, und läßt sich dadurch nicht abhalten,
+den Menschen zu dienen, die seiner Hülfe um so nöthiger bedürfen, je
+schwächer sie sind, je weniger Glück sie in sich selber, in ihrem
+Herzen haben.
+
+Klage also nicht über die Undankbarkeit, mit welcher man Dir lohnt;
+wirf sie dem nicht vor, der sie Dir beweist, und Dich dadurch kränkt;
+fahre fort, ihn großmüthig zu behandeln; nimm ihn wieder auf, wenn
+er zu Dir zurückkehrt! Vielleicht geht er endlich in sich, fühlt
+den ganzen Werth, die Zartheit und das Große Deiner Behandlung, und
+wird dadurch gebessert; -- wenn nicht: so denke, daß jedes Laster
+sich selbst bestraft, und daß das eigne Herz des Bösewichts und die
+unausbleibliche Folge seiner Niederträchtigkeit Dich an ihm rächen
+werden. -- O! welch' ein langes Kapitel über die Undankbarkeit der
+Menschen könnte ich schreiben, wenn ich nicht, aus Schonung gegen Die,
+welche sich von dieser Seite an mir versündigt haben, meine vielfachen
+traurigen Erfahrungen in diesem Fache lieber verschweigen wollte, und
+wenn ich es leugnen dürfte, daß man zuweilen durch die verfehlte Art
+des Wohlthuns Undankbare mache; eine Schuld, von welcher sich selbst
+die Edelsten nicht frei sprechen dürfen.
+
+
+ 16.
+
+Manchen Leuten ist es schlechterdings unmöglich, in irgend einer Sache
+den geraden Weg zu gehen. ~Ränke~ und ~Winkelzüge~ mischen sich in
+alle ihre Unternehmungen, ohne daß sie deswegen von Grund aus böse
+sind. Eine unglückliche Stimmung des Gemüths, und die Einwirkung
+von Lebensart und Schicksalen können diesen Charakter bilden. So
+wird zum Beispiel ein sehr mißtrauischer Mann auch wohl zuweilen die
+unschuldigste Handlung heimlich thun, sich verstellen, und seinen
+wahren Zweck verschleiern. Ein Mann von übel geordneter Thätigkeit,
+oder von zu vielem raschen Feuer, -- ein schlauer unternehmender Kopf,
+der in einer Lage ist, wo ihm alles zu einfach hergeht, wo es ihm an
+Gelegenheit fehlt, seine Talente zu entwickeln, wird allerlei schiefe
+Seitensprünge wagen, um seinen Wirkungskreis zu erweitern, oder mehr
+Interesse in die Scene zu bringen; und dann wird er nicht immer ekel
+genug in der Wahl seiner Mittel seyn. Ein sehr eitler Mensch wird in
+manchen Fällen versteckt handeln, um seine Schwäche zu verbergen.
+Ein Mann, der lange an Höfen gelebt hat, um sich her nichts als
+Verstellung, Intrigue, Cabale und Gegeneinanderwirken zu sehen, und
+selbst auf geradem Wege nichts zu erlangen gewohnt ist, findet ein
+Leben, das ohne Verwickelung fortgeht, zu einförmig; er wird seine
+unbedeutendsten Schritte so thun, daß man ihm nicht nachspüren kann,
+und seinen unschuldigsten Handlungen einen räthselhaften Anschein
+geben. Der Jurist, der sich stets mit den Spitzfindigkeiten der
+Chikane beschäftigt, findet innigen Seelen-Genuß darin, daß er in
+Worten und Werken allerlei Cautelen und Winkelzüge anbringt. Wer seine
+Gehirn-Nerven durch Romanen-Lesen und andre phantastische Träumereien
+überspannt, oder wer durch ein üppiges, müssiges Leben, durch schlechte
+Gesellschaft und unglückliche Verhältnisse, den Sinn für Einfalt,
+kunstlose Natur und Wahrheit verloren hat, der kann ohne Intrigue
+nicht existiren, -- und so gibt es eine Menge Menschen, die, was sie
+auf geradem Wege erlangen könnten, nicht halb so eifrig wünschen,
+als das, was sie heimlich und auf den Wegen der List und des Betrugs
+zu erschleichen hoffen. Man kann aber auch endlich den edelsten,
+offenherzigsten Menschen, besonders in jüngern Jahren, zu Winkelzügen
+verleiten, wenn man ihm ohne Unterlaß Mißtrauen zeigt, oder ihn mit
+einer so nachsichtslosen Strenge behandelt, ihn in einer solchen
+Entfernung von uns hält, daß er kein Zutrauen zu uns haben kann.
+
+Was nun auch dazu beigetragen haben mag, manchen Menschen Ränke und
+Winkelzüge zur Gewohnheit zu machen, so ist wohl folgende Art, sich
+gegen sie zu betragen, die beste, die man wählen kann.
+
+Man handle selbst immer so offen und unverstellt, und zeige sich ihnen
+in Worten und Thaten als einen so entschiednen Feind von allem, was
+Schiefigkeit, Intrigue und Verstellung heißt, und als einen so warmen
+Verehrer jedes redlichen, aufrichtigen Mannes, daß sie wenigstens
+fühlen, wie viel sie in unsern Augen verlieren, und welche Verachtung
+sie sich zuziehen würden, wenn wir sie auf Schleichwegen ertappten!
+
+Man flöße ihnen durch eine männliche Aeusserung des Abscheus gegen alle
+Hinterlist und Falschheit eine gewisse Ehrerbietung ein, und versage
+ihnen so lange sein Vertrauen nicht, als sie sich offen und redlich
+zeigen. Man gebe ihnen zu erkennen, daß man sie für unfähig halte,
+hinterlistig und unredlich zu seyn, und rege dadurch ihr schlummerndes
+Ehrgefühl auf.
+
+Willst Du die Anschläge ihrer Hinterlist zerstören, so tritt ihnen
+mit Festigkeit und Entschlossenheit entgegen, wenn Du merkst, daß sie
+Böses im Sinne haben, und lege ihnen solche Fragen vor, worauf sie
+nothwendig eine bestimmte und unumwundene Antwort geben, oder sich
+verrathen müssen. Sieh ihnen dabei fest und kräftig in's Gesicht,
+mit einem Blicke, der sie durchbohrt, und Du wirst sie zwingen, sich
+selbst zu verachten, oder über sich selbst zu erschrecken, wirst ihnen
+wenigstens, wenn sie keiner guten Regung mehr fähig sind, Furcht und
+Besorgniß einflößen, und sie dadurch nöthigen, ihren Plan aufzugeben.
+Stottern sie, suchen sie auszuweichen: so brich entweder ab, um ihnen
+zu verstehen zu geben, daß Du ihnen die Schande eines Betrugs ersparen
+wollest; nimm aber dann ein kaltes und entfernendes Betragen gegen sie
+an, oder warne sie mit freundlichem, doch ernsthaftem Wesen, ihrer
+nicht unwürdig zu handeln!
+
+Haben sie Dich dennoch einmal hintergangen, so nimm die Sache nicht zu
+leicht, und verschwende keine Schonung an diese Unwürdigen, sondern laß
+sie das ganze Gewicht Deines Unwillens und Deiner Verachtung fühlen,
+und sey nicht sogleich bereit, zu verzeihen! Erreichst Du auch dadurch
+Deine Absicht nicht, und fahren sie fort, Dich mit Winkelzügen und
+Ränken zu hintergehen: so bestrafe sie durch deutliche Aeusserungen des
+Mißtrauens und Kaltsinns, und suche dich ganz von ihnen los zu machen,
+als von gefährlichen Menschen, die keiner Besserung fähig sind.
+
+Alles hierüber Gesagte paßt also auch auf das Betragen gegen ~Lügner~.
+
+
+ 17.
+
+Was man aber im gemeinen Leben einen ~Windbeutel~ oder ~Aufschneider~
+und ~Prahler~ nennt, das ist eine andere Gattung von Menschen.
+Diese haben nicht die Absicht, jemand eigentlich zu hintergehen,
+aber täuschen und blenden möchten sie gern, um Ehre und Beifall zu
+erschleichen; überreden möchten sie gern Andere, ihnen einen höheren
+Werth beizumessen, als sie haben; sie suchen mehr Nahrung für ihre
+Eitelkeit, als Befriedigung des Eigennutzes, und für einen Lobspruch
+geben sie unbedenklich die Wahrheit hin. Um sich in besserm Glanze zu
+zeigen; um sich bemerklich zu machen; um Andern eine so hohe Meinung
+von sich beizubringen, wie sie selbst haben; um Aufmerksamkeit durch
+Erzählung wunderbarer Vorfälle zu erregen; oder um für angenehme,
+unterhaltende Gesellschafter zu gelten, erdichten oder vergrößern sie;
+und haben sie einmal die Fertigkeit erlangt, auf Kosten der Wahrheit
+eine Begebenheit, ein Bild, einen Satz zu verzieren, so fangen sie
+zuweilen an, ihren eigenen Windbeuteleien zu glauben, alle Gegenstände
+durch ein Vergrößerungsglas anzusehen, und so in Riesengestalten wieder
+zu Papier zu bringen.
+
+Die Erzählungen und Beschreibungen eines solchen Aufschneiders
+sind zuweilen ganz lustig anzuhören; und wenn man erst mit seiner
+Hyperbelsprache bekannt ist, weiß man schon, was man vom Ganzen
+abzurechnen hat, um den Ueberrest für baares Geld anzunehmen. So läßt
+man sich denn, besonders in solchen Gesellschaften, wo das Bedürfniß
+eines Lustigmachers oder Wortführers lebhaft gefühlt wird, gern und
+geduldig vorlügen, was sich so hübsch anhört, und wobei es zu lachen
+gibt. Kommen aber einmal vernünftige Leute in eine solche Gesellschaft,
+so steht es übel um den Aufschneider, denn es ist leicht, ihn durch
+eine Menge von Fragen über die genauesten Umstände so in sein eignes
+Gewebe zu verwickeln, daß er, indem er weder rückwärts noch vorwärts
+kann, beschämt wird, oder, wenigstens einen klugen Rückzug zur Wahrheit
+macht. Noch besser kann man ihn zum Schweigen bringen, wenn man ihm für
+jede Unwahrheit auf komische Art eine noch derbere wieder aufheftet,
+und ihm dadurch zu verstehen gibt, daß man nicht dumm genug gewesen
+sey, ihm zu glauben; oder wenn man, sobald er anfängt zu blasen, die
+Segel der Unterhaltung auf einmal einzieht, und seinem Winde ausweicht,
+da er denn, wenn dieß öfter und von mehreren verständigen Männern
+geschieht, endlich scheu und klug wird.
+
+
+ 18.
+
+~Unverschämte Müssiggänger~, ~Schmarotzer~, ~Schmeichler~ und
+~zudringliche Leute~, rathe ich, in der gehörigen Entfernung von sich
+zu halten, sich mit ihnen nicht gemein zu machen, ihnen durch ein
+höfliches, aber immer steifes und ernsthaftes Betragen zu erkennen
+zu geben, daß ihre Gesellschaft und Vertraulichkeit uns zuwider ist.
+Einer meiner Bekannten erzählte mir einst: Er habe in Holland über
+der Thür des Arbeitszimmers eines verständigen Mannes folgende Worte
+mit großen Buchstaben geschrieben gefunden: »Es ist erschrecklich
+beschwerlich für einen Mann, der bestimmte Geschäfte hat, von Leuten
+überlaufen zu werden, die keine Geschäfte haben.« -- Der Einfall war
+nicht übel. Die, welche gern bei uns schmausen, kann man am leichtesten
+dadurch verscheuchen, daß man sie, ohne ihnen etwas vorzusetzen,
+wieder fortgehen läßt; aber gegen Schmeichler, besonders gegen die von
+feinerer Art, soll man, aus Besorgniß für sein eigenes Heil, auf seiner
+Hut seyn. Sie verderben uns von Grund aus, wenn wir unser Ohr an ihren
+Sirenen-Gesang gewöhnen. Dann wollen wir ohne Unterlaß gestreichelt
+und gekitzelt seyn, finden die wohlthätige Stimme der Wahrheit nicht
+harmonisch genug, und vernachlässigen und versäumen die treuern,
+bessern Freunde, die uns aufmerksam auf unsere Fehler machen wollen.
+Um nicht so tief zu fallen, waffne man sich mit Gleichgültigkeit
+gegen die gefährlichen Lockungen der Schmeichelei; man fliehe vor
+dem Schmeichler, wie vor dem bösen Feinde! Allein das ist nicht so
+leicht, wie man wohl glaubt; es gibt eine Art, Süßigkeiten zu sagen,
+die das Ansehen hat, als wollte man der Wahrheit huldigen. Der schlaue
+Schmeichler, der Deine schwache Seite studirt hat, wird, wenn er Dich
+für zu verständig hält, um nicht die größern Schlingen dieser Art für
+gefährlich zu erkennen, Dir nicht immer Recht geben; er wird vielmehr
+Dich tadeln; er wird Dir sagen: »daß er nicht begreifen könne, wie ein
+so edler und weiser Mann, wie Du seyest, sich einen kleinen Augenblick
+auch einmal habe vergessen können; er hätte geglaubt, so etwas könne
+nur gemeinen Leuten von ~seinem~ Schlage begegnen.« Er wird an Deinen
+Schriften Fehler rügen, die Dir gleich beim ersten Anblicke unbedeutend
+scheinen müssen, und ihm nur dazu dienen, diejenigen Stellen um desto
+unverschämter zu loben, von welchen er weiß, daß Du dir etwas darauf
+zu gute thust. »Schade,« wird er ausrufen, »daß Ihre Sinfonien -- ich
+bin kein Schmeichler; ich sage meine Meinung immer rund heraus --
+Schade, daß diese herrlichen Sinfonien, die gewiß in allem Betracht ein
+klassisches Werk genannt werden können, so äusserst schwer vorzutragen
+sind. Wo findet man Meister, die würdig wären, so etwas aufzuführen?
+und doch ist das ein wesentlicher Fehler, den Sie, verzeihen Sie meiner
+Offenherzigkeit! hätten vermeiden sollen.« Er wird Mängel an Dir
+finden, und mit verstelltem Eifer dagegen declamiren, -- Schwachheiten
+und Mängel, auf welche Deine Eitelkeit sich etwas einbildet. Er wird
+Dich einen Misanthropen schelten, weil er gemerkt hat, daß Du durch
+Deine abgezogene Lebensart Aufsehen erregen möchtest; er wird Dir
+vorwerfen, Du seyest intrigant, wenn er merkt, daß es Dir behagt, für
+einen schlauen Hofmann angesehen zu werden. Auf diese Weise wird er
+sich bei Dir und andern Kurzsichtigen in den Ruf eines unpartheiischen,
+wahrheitliebenden Mannes setzen; sein honigsüßer Trank wird glatt
+hinuntergehen, und in der Berauschung werden Dein Herz und Dein Beutel
+dem verschmitzten Spötter offen stehen. Vielfältig habe ich, besonders
+an Höfen, dergleichen Männer angetroffen, die unter der Maske der
+Bonhommie und bei dem Rufe, den Fürsten tapfer die Wahrheit zu sagen,
+die ärgsten Maulschwätzer waren.
+
+
+ 19.
+
+Das Betragen gegen ~Schurken~, das heißt, gegen Leute, die von Grund
+aus schlecht sind, etwa ein wenig Erbsünde abgerechnet, fordert vor
+allem Festigkeit und Muth. Ich beziehe mich dabei zuerst auf das, was
+ich weiterhin über den Umgang mit Feinden, und über das Betragen gegen
+Verirrte und Gefallne sagen werde, und füge nur noch nachstehende
+Bemerkungen hinzu:
+
+Daß man, wo möglich, den Umgang mit schlechten Leuten fliehen müsse,
+weil durch sie Moralität, Ruf und Ruhe in Gefahr kommt, besonders wenn
+sie mit Schlechtigkeit der Grundsätze eine feine Verstandesbildung
+verbinden, und viel geselliges Talent haben, -- das versteht sich wohl
+von selber. Wenn ein Mann von festen Grundsätzen auch nicht in Gefahr
+kommt, von ihnen angesteckt zu werden, so gewöhnt er sich doch nach und
+nach an ihre Art zu urtheilen und zu handeln, ihre Zweideutigkeiten
+und Unsittlichkeiten, und an den Anblick ihres sittlichen Schmutzes,
+und verliert den heiligen Abscheu gegen alles, was unedel ist; einen
+Abscheu, der zuweilen einzig hinreicht, uns in Augenblicken der
+Versuchung vor feinern Vergehungen zu bewahren. Leider aber zwingt uns
+unsre Lage zuweilen, mitten unter Schurken zu leben, und mit ihnen
+gemeinschaftlich Geschäfte zu treiben; und da ist es denn nöthig,
+gewisse Vorsichtigkeits-Regeln nicht aus der Acht zu lassen.
+
+Glaube nicht, wenn Du einiges Verdienst von Seiten des Kopfs und
+des Herzens hast, es jemals dahin zu bringen, daß Du von schlechten
+Menschen nie in Deiner Ruhe gestört werdest, oder nie durch sie
+leidest! Es herrscht ein ewiges Bündniß unter Schurken und Schleichern
+gegen alle verständige und edle Menschen; auch sind sie auf eine
+unbegreifliche Weise so verbrüdert, daß sie unter allen übrigen
+Menschen einander erkennen und bereitwillig die Hand reichen, möchten
+sie auch durch äussere Verhältnisse und Umstände noch so sehr getrennt
+seyn, sobald es darauf ankömmt, das wahre Verdienst zu verfolgen
+und mit Füßen zu treten. Da hilft keine Art von Vorsichtigkeit und
+Zurückhaltung; da hilft nicht Unschuld, nicht Geradheit; da hilft nicht
+Schonung, noch Mäßigung; da hilft es nicht, seine guten Eigenschaften
+verstecken, mittelmäßig scheinen zu wollen. Niemand erkennt so leicht
+das Gute, das in Dir ist, als Der, dem dies Gute fehlt. Niemand läßt
+innerlich dem Verdienste mehr Gerechtigkeit widerfahren, als der
+Bösewicht; aber er zittert davor, wie Satan vor dem Evangelio, und
+arbeitet mit Händen und Füßen dagegen. Jene große Verbrüderung wird
+Dich ohne Unterlaß necken, Deinen Ruf antasten; bald zweideutig,
+bald übel von Dir reden, die unschuldigsten Deiner Worte und Thaten
+boshaft auslegen. -- Aber laß Dich das nicht anfechten! würdest Du
+auch wirklich von Schurken eine Zeitlang gedrückt, so wird doch die
+Rechtschaffenheit und Consequenz Deiner Handlungen am Ende siegen, und
+der Unhold bei einer andern Gelegenheit sich selbst die Grube graben.
+Auch sind die Schelme nur so lange einig unter sich, als es nicht auf
+männliche Standhaftigkeit ankömmt, so lange sie im Dunkeln fechten
+können. Hole aber Licht herbei, und sie werden aus einander rennen!
+Und wenn es nun gar zur Theilung der Beute ginge, dann würden sie
+sich unter einander bei den Ohren zausen, und Dich indeß mit Deinem
+Eigenthume ruhig davon wandern lassen. Geh Deinen geraden Gang fort!
+Erlaube Dir nie schiefe Streiche, nie Schleichwege, um Schleichwegen zu
+begegnen; nie Ränke, um Ränke zu zerstören; mache nie gemeinschaftliche
+Sache mit Bösewichtern, gegen Bösewichter! Handle großmüthig! Unedle
+Behandlung, und zu weit getriebenes Mißtrauen können Den, welcher auf
+halbem Wege ist, ein Schelm zu werden, vollends dazu machen; Großmuth
+hingegen kann einen nicht ganz verstockten Unhold vielleicht, auf
+einige Zeit wenigstens, bessern, und die Stimme des Gewissens in ihm
+erwecken. Aber er müsse fühlen, daß Du nur aus Huld, nicht aus Furcht
+also handelst! Er müsse fühlen, daß, wenn es auf das Aeusserste kömmt,
+wenn der Grimm eines unerschrocknen redlichen Mannes losbricht, der
+kühne, rechtschaffene Weise im niedrigsten Stande mächtiger ist, als
+der Schurke im Purpur; daß ein großes Herz, daß Tugend, Klugheit und
+Muth, stärker machen, als erkaufte Heere, an deren Spitze ein Schurke
+steht! Was hätte der wohl zu fürchten, der nichts mehr zu verlieren
+hat, als was kein Sterblicher ihm rauben kann? Und was vermag in dem
+Augenblicke der äussersten, verzweifelten Nothwehr ein feiger Sultan,
+ein ungerechter Despot, der in sich selbst einen Feind herumträgt, von
+welchem er immer bedroht, oder in die Flanke genommen wird, gegen den
+niedrigsten seiner Unterthanen, der ein reines Herz, einen hellen Kopf,
+Unerschrockenheit und gesunde Arme zu Bundesgenossen hat?
+
+Es ist unmöglich, sich bei gewissen Leuten beliebt zu machen, deren
+Gunst man nur auf Unkosten seines Gewissens erwerben kann, und es wird
+nicht schaden, wenn diese uns wenigstens fürchten.
+
+Es gibt Leute, die uns zu Vertraulichkeiten, zu gewissen Eröffnungen
+zu bewegen suchen, damit sie nachher Waffen gegen uns in Händen haben,
+womit sie uns drohen können, wenn wir ihnen nicht zu Gebote stehen
+wollen. Die Klugheit erfordert, dagegen auf seiner Hut zu seyn. Man
+erkennt sie leicht an der groben Schmeichelei, durch welche sie sich
+uns zu nähern, und unser Vertrauen zu erschleichen suchen.
+
+Beschenke den, von dem Du fürchtest, er werde Dich ~bestehlen~, wenn Du
+glaubst, daß Großmuth noch Eindruck auf ihn machen könnte!
+
+Ermuntre und ehre äusserlich Menschen, an denen Du irgend eine
+Thatkraft zum Guten findest! Bringe sie nicht ohne Noth um Kredit! Es
+gibt Leute, die viel Gutes ~sagen~, im ~Handeln~ aber heimliche Schalke
+sind, oder Menschen voll Inconsequenz, Leichtsinn und Leidenschaft:
+entlarve diese nicht, in so fern es nicht der Folgen wegen seyn muß!
+Sie wirken durch ihre Reden manches Gute, welches unterbleibt, wenn man
+sie verdächtig macht. Man sollte sie immer herumreisen lassen, um gute
+Zwecke zu befördern; allein sie müßten jeden Ort früh genug verlassen,
+um sich nicht zu verrathen, und durch ihr Beispiel nicht die Wirkung
+ihrer Lehren zu verderben.
+
+
+ 20.
+
+Es gibt Menschen von guter Gesinnung, welche durch übertriebene
+Bescheidenheit und unüberwindliche Furchtsamkeit, durch eine
+Schüchternheit, die sie fast zu Kindern macht, sich selbst der
+Geringschätzung hingeben, und sich um allen Genuß und allen Vortheil
+bringen, den ihnen die Gesellschaft gewähren soll. Man macht sich um
+sie und um die Gesellschaft verdient, wenn man ihnen Zuversicht zu sich
+selbst einzuflößen sucht, und ihnen Veranlassung gibt, sich geltend
+zu machen. So verachtungswerth Unbescheidenheit und Dünkel sind,
+so unmännlich ist zu weit getriebene Schüchternheit. Der Edle soll
+seinen Werth fühlen, und eben so wenig ungerecht gegen sich, als gegen
+Andre seyn. Uebertriebnes Lob und zu weit ausgedehnter Vorzug aber
+beleidigen den Bescheidnen. Er müsse weniger aus Deinen Worten, als aus
+Deinen ungekünstelten, wahre Zuneigung verrathenden Handlungen, Deine
+Hochachtung gegen ihn erkennen!
+
+
+ 21.
+
+~Unvorsichtigen~ und ~plauderhaften~ Leuten darf man natürlicher Weise
+keine Geheimnisse anvertrauen. Besser wäre es, man hätte überhaupt
+keine Geheimnisse in der Welt, könnte immer frei und offen handeln, und
+alles, was im Herzen vorgeht, vor jedermann sehen lassen; besser wäre
+es, man dächte und redete nichts, als was man laut denken und reden
+darf. Da dieß indessen, besonders bei Männern, die in öffentlichen
+Aemtern stehen, oder sonst fremde Geheimnisse zu verwahren haben, nicht
+möglich ist: so muß man freilich vorsichtig in der Mittheilung dessen
+seyn, was nicht Jeder wissen darf.
+
+Man findet Menschen, denen es schlechterdings unmöglich ist, irgend
+etwas zu verschweigen. Man sieht es ihnen an, wenn sie ängstlich
+umherlaufen, daß sie etwas Neues bei sich tragen, und daß sie große
+Herzensangst leiden, bis sie einem andern Plaudrer ihre Nachricht heiß
+mitgetheilt haben. Andern fehlt es zwar nicht an dem guten Willen zu
+schweigen, wohl aber an der Klugheit, sich nicht durch Winke, Blicke,
+oder auf andre Art zu verrathen; oder an der Festigkeit, sich nicht
+ausfragen zu lassen; oder sie haben eine zu gute Meinung von der
+Ehrlichkeit und Verschwiegenheit derer, welchen sie sich anvertrauen.
+-- Gegen alle diese muß man behutsam, und selbst verschlossen seyn.
+
+Es kann auch zuweilen nicht schaden, wenn man plauderhafte Leute
+bei der ersten Gelegenheit, da sie etwas über uns geschwatzt haben,
+dergestalt in Furcht setzt, daß sie es nicht wagen dürfen, hinter
+unserm Rücken auch nur einmal unsern Namen zu nennen, es sey im
+Guten oder Bösen. Die eigentlichen bekannten Zeitungsträger aber,
+deren es fast in jeder Stadt einige gibt, kann man nützen, wenn man
+ein unschuldiges Mährchen im Publiko ausgebreitet wissen will, das
+den Leuten etwas zu reden geben, oder sie zu ihrem Besten auf etwas
+aufmerksam machen soll. Nur muß man dann nicht verfehlen, sie um
+Verheimlichung der Sache zu bitten, sonst halten sie es vielleicht der
+Mühe nicht werth, dieselbe auszuplaudern.
+
+~Vorwitzige~ und ~neugierige~ Menschen kann man nach den Umständen
+entweder auf ernsthafte oder spaßhafte Manier behandeln. Im erstern
+Falle muß man, sobald man merkt, daß sie sich im mindesten um unsere
+Angelegenheiten bekümmern, uns belauschen, behorchen, sich in unsere
+Geschäfte mischen, unsern Schritten nachspüren, oder unsre Plane und
+Handlungen ausspähen wollen, sich gegen sie mündlich, schriftlich oder
+thätig, so kräftig erklären, sie auf eine solche Weise zurückschrecken,
+daß ihnen die Lust vergehe, auch nur von Weitem sich an uns zu wagen.
+Will man aber seinen Spaß mit ihnen haben, so kann man ihrer Neugier
+ohne Unterlaß so viel zu schaffen machen, daß sie über die Kindereien,
+worauf man ihre Aufmerksamkeit lenkt, keine Muße behalten, sich
+um diejenigen Dinge zu bekümmern, welche wir ihrer Beobachtung zu
+entziehen wünschen.
+
+~Zerstreute~ und ~vergessene~ Leute taugen nicht zu Geschäften, wo es
+auf Pünktlichkeit ankömmt. Jungen Personen kann man diese Fehler wohl
+zu gute halten, und durch eine verständige Behandlung zuweilen noch
+abgewöhnen, so, daß sie ihre Gedanken bei einander halten. Manche, die
+aus zu großer Lebhaftigkeit des Temperaments leicht alles vergessen,
+und nie da zu Hause sind, wo sie seyn sollten, kommen von dieser
+Schwachheit zurück, wenn sie älter, kühler und sittsamer werden. Andre
+affectiren, zerstreut zu seyn, weil sie glauben, das sähe vornehm oder
+gelehrt aus; über solche Thoren aber soll man nur die Achseln zucken,
+und sich wohl hüten, ihre Zerstreutheit geistvoll oder artig zu finden.
+Es gilt von ihnen, was über diejenigen gesagt worden ist, welche sich
+körperlich krank stellen, um Interesse zu erwecken. Wessen Gedächtniß
+aber wirklich schwach, und nicht etwa durch Uebung nach und nach zu
+stärken ist, dem rathe man, sich alles schriftlich aufzuzeichnen, was
+er behalten will, und diesen Zettel täglich oder wöchentlich einmal
+durchzulesen; denn es ist wahrlich nichts verdrießlicher, als wenn uns
+jemand verspricht, ein Geschäft zu besorgen, an welchem uns gelegen
+ist, und uns hernach, wenn wir uns auf sein Wort verlassen, mit der
+Versicherung überrascht, daß er es rein vergessen habe.
+
+Sehr zerstreueten Leuten muß man es übrigens so hoch nicht anrechnen,
+wenn sie gegen uns zuweilen in Aufmerksamkeit, Höflichkeit, oder
+was man sonst im geselligen und freundschaftlichen Umgange fordert,
+unvorsätzlich fehlen.
+
+
+ 22.
+
+Es gibt eine Art Menschen, die man ~wunderliche~ (+difficiles+) ~Leute~
+nennt. Sie sind nicht bösartig, sind nicht immer zänkisch und mürrisch;
+aber man kann ihnen doch nicht leicht etwas ganz recht machen. Sie
+haben sich, zum Beispiel, an eine pedantische Ordnung gewöhnt, deren
+Regel nicht Jeder, so wie sie, im Kopfe hat; und da kann es denn leicht
+kommen, daß man einen Stuhl in ihrem Zimmer anders hinstellt, als sie
+es gern sehen (wenn dieß übrigens aus wahrem Ordnungsgeiste herrührt,
+so habe ich an der Sache selbst nichts auszusetzen); oder sie hängen
+gewissen Vorurtheilen an, denen man sich unterwerfen muß, wenn man
+in ihren Augen Werth haben will; zum Beispiel: in Kleidertrachten, in
+der Art laut oder leise zu reden, groß oder klein zu schreiben und
+dergleichen. Man sollte wohl sagen, daß ein vernünftiger Mann über
+solche Kleinigkeiten hinausgehen müßte; unterdessen trifft man doch
+Männer an, die über andere Gegenstände sehr verständig und billig
+denken, nur in solchen Punkten nicht; und was wichtiger als das ist, an
+dieser Männer Gunst kann uns vielleicht sehr viel gelegen seyn. Wenn
+dies Letztere nun der Fall ist, so rathe ich, in Dingen von geringem
+Belange, die mit einiger Aufmerksamkeit so leicht zu befolgen sind,
+sich ihnen gefällig zu zeigen. Andre aber, mit denen wir weiter in
+keinem Verhältniß stehen, lasse man, in so fern sie übrigens brave
+Männer sind, bei ihrer Weise, und vergesse nicht, daß wir Alle unsre
+Schwachheiten haben, die man brüderlich ertragen muß!
+
+Leute, die etwas darin suchen, sich durch ihr Betragen in
+unwesentlichen Dingen von Andern zu unterscheiden (nicht eigentlich aus
+Ueberzeugung, daß es besser so sey, als anders, sondern hauptsächlich
+darum, weil sie etwas darein setzen, das zu thun, was Andre nicht
+thun), solche Leute nennt man ~Sonderlinge~. Sie sehen es gern, wenn
+man ihre Weise bemerkt; und ein verständiger Mann muß in seinem
+Betragen gegen sie wohl überlegen, ob ihr Eigensinn von unschädlicher
+Art ist, und ob sie Männer sind, die in irgend einer Rücksicht Schonung
+verdienen, um darnach im Umgange mit ihnen zu verfahren, wie es
+Vernunft und Duldung fordern.
+
+Was endlich Leute betrifft, die von ~Launen~ regiert werden, so daß
+man ihnen heute der willkommenste Gast, morgen der überlästigste
+Gesellschafter ist, so rathe ich, -- vorausgesetzt, daß diese Launen
+nicht ihren Grund in geheimen Leiden haben (denn wenn das ist, so habe
+Mitleiden!) -- gar nicht zu thun, als bemerkte man solche Ebben und
+Fluthen, sondern auf immer gleich-vorsichtigem Fuße mit ihnen umzugehen.
+
+
+ 23.
+
+~Einfältige Menschen~, die ihre Schwäche fühlen, und sich daher willig
+von vernünftigen Menschen leiten lassen, auch bei ihrem natürlich
+gutmüthigen, wohlwollenden, sanften Temperamente zwar leicht zum Guten,
+aber schwer zum Bösen zu bewegen sind, soll man nicht verachten. Es
+können nicht alle Menschen hohen, erhabnen Geistes-Schwung haben;
+und die Welt würde auch sehr übel dabei fahren, wenn es also wäre. Es
+müssen mehr subalterne, als Herrscher-Genies unter den Erdensöhnen
+seyn, wenn nicht Alle in ewiger Fehde mit einander leben sollen. Daß
+ein höherer Grad von Tugend, daß Kraft, Muth, Festigkeit, oder feine
+Beurtheilungskraft, nicht mit Schwäche des Geistes bestehen könne,
+ist freilich gewiß; allein das gehört ja nicht hieher. Wenn im Ganzen
+nur das Gute geschieht, und die dummen Menschen zu diesem Guten sich
+die Hände führen lassen; so füllen sie ihren Platz nützlicher aus,
+als die überschwenglichen Genies, die Feuerköpfe, mit ihrem sich
+durchkreuzenden unaufhörlichen Wirken und Streben.
+
+Unerträglich hingegen ist die Prüfung, wenn man es mit einem
+Stockfische zu thun hat, der sich für einen Halbgott hält, mit einem
+eiteln, eigensinnigen, mißtrauischen Pinsel, mit einem verzogenen,
+verzärtelten, vornehmen Herrn, der Länder und Völker zu regieren hat,
+und leider alles selbst regieren will. Doch soll an seinem Orte gezeigt
+werden, wie man mit dieser Art Menschen umgehen müsse.
+
+Eine gewisse Gattung gutmüthiger, aber schwacher und plumper Menschen,
+ist, selbst in der Jugend, schwer zu verfeinern. Die Sprache der Ironie
+verstehen sie nicht. Ist sie zu fein, so nehmen sie es für baares Geld.
+Ein ernsthafter Ton greift auch nicht ein, oder beleidigt sie. Warme,
+gefühlvolle Ermahnungen bleiben gänzlich ohne Wirkung.
+
+Allein man thut oft gewissen Menschen großes Unrecht, welche durchaus
+unfähig sind, sich zu äussern, entweder weil sie der Sprache nicht
+mächtig werden, oder sich von einer ihnen durch Erziehung angebildeten
+Schüchternheit nicht losmachen können, indem man sie für schwach,
+dumm, gefühllos oder unwissend hält, da sie es doch keinesweges sind,
+sondern nur so scheinen. Nicht Jeder hat die Gabe, seine Gedanken und
+Empfindungen an den Tag zu legen, oder er thut es wenigstens nicht auf
+die Weise, welche uns die rechte scheint; er hat etwas Zurückstoßendes
+in seinem äusseren Wesen, er verstößt alle Augenblicke gegen die
+feinere Sitte, oder gegen den Gesellschaftston, an welchen wir uns
+gewöhnt haben. Er will nicht nach seinen ~Worten~, sondern nach seinem
+~Thun~ gerichtet seyn, und auch sein Thun ist von der Art, daß man
+ungerecht über ihn urtheilen würde, wenn man nicht Rücksicht nehmen
+wollte auf seine Erziehung, seine Lage und auf die Gelegenheit, die er
+gehabt, oder die ihm gefehlet hat, sich auszuzeichnen. Man überlegt
+selten, daß ~der~ Mensch schon sehr viel Werth hat, der in der Welt
+nur nichts Böses thut, und daß die Summe dieses negativen Guten zur
+Wohlfahrt des Ganzen oft mehr beiträgt, als der lange Lebenslauf eines
+thätigen Mannes, dessen heftige Leidenschaften in unaufhörlichem Kampfe
+mit seinen großen, edlen Zwecken stehen. Und dann sind Gelehrsamkeit,
+Kultur und gesunde Vernunft wieder sehr verschiedne Dinge. Es herrscht
+unter Menschen von einer sogenannten feineren Erziehung und Bildung so
+viel Convention, daß es schwer ist, Stoff und Gepräge zu unterscheiden,
+und wir verwechseln nur gar zu leicht die Grundsätze, welche auf
+diesem Uebereinkommen beruhen, mit den unwandelbaren Vorschriften der
+reinen Weisheit. Wir sind nun einmal gewöhnt, nach jenem Richtmaße
+des Herkommens zu urtheilen und zu denken, oder vielmehr Worte ganz
+unbefangen zu gebrauchen und nachzusprechen, deren zweideutigen
+Sinn wir Mühe haben würden, einem ganz rohen Wilden zu erklären;
+und so halten wir denn Denjenigen für einen Geistesarmen, für einen
+einfältigen Tropf, der das Wörterbuch der Höflichkeitssprache nicht
+auswendig weiß, und daher redet, weß das Herz voll ist, also ganz
+ungeschmückt und unumwunden, aber dabei ganz im Geiste des gesunden
+Menschenverstandes. Daher wird man nicht selten durch die Urtheile
+gemeiner Leute, die freilich dem sogenannten Kenner sehr abgeschmackt
+vorkommen würden, sehr angenehm überrascht, und aus dem Zauber einer
+falschen, erzwungenen Täuschung gerissen, so daß auf einmal auch in
+uns der Sinn für wahre, ächte Natur wieder erwacht! Wie oft habe ich
+im Schauspielhause erst das nüchterne Urtheil der Gallerie erwartet;
+habe erwartet, was für Eindruck eine Scene auf das unbestochene Volk,
+das wir Pöbel nennen, machen, -- habe erwartet, ob ein rührender
+Auftritt allgemeine Stille, oder lautes Gelächter verbreiten würde, um
+mich zu bestimmen in meinem Urtheil, wie treu der Schriftsteller und
+Schauspieler die Natur kopiert, oder ob er sie verfehlt oder erreicht
+habe. Auf den Gebildeten wirkt die Illusion, weil er von Jugend auf
+in einer Welt voll Täuschungen wandelte; jene aber leben und weben in
+der Natur und im Reiche der ungeschmückten Wahrheit. Groß ist der
+Künstler, der durch das Spiel seiner Phantasie, durch seine, die Natur
+auf's treueste nachahmende Darstellung, auch unkultivirte Menschen
+vergessen machen kann, daß sie getäuscht werden. Groß ist ferner der
+Mann, der den Sinn für ungeschminkte Wahrheit nicht in dem Meere von
+Neben-Ideen, Vorurtheilen und Conventionen ersäuft hat. Aber wie selten
+trifft man Kunst und Wahrheits-Sinn, Kultur und Einfalt, im schönen
+Einklange an! -- Lasset uns also Den nicht verachten, der den bessern
+Theil auf Kosten des schlechtern gerettet hat, und lasset uns ihn ja
+nicht aufklären, sondern lieber bei solchen Einfältigen in die Schule
+gehn!
+
+~Gutmüthige~, und dabei ~schwache~ Menschen sind fast als Unmündige
+zu betrachten, welche der Vormundschaft aller Verständigen und Guten
+übergeben sind. Man soll ihnen nicht den Beistand versagen, den sie
+unaufhörlich bedürfen, -- soll, wenn man kann, edle Freunde um sie her
+zu versammeln suchen, von denen sie nicht gemißbraucht, sondern zu
+Handlungen bestimmt und gelenkt werden, die eines wohlwollenden Herzens
+würdig sind. Es gibt Personen, die nichts abschlagen können, wenigstens
+nicht mündlich; und da geschieht es dann, daß, um niemand zu kränken,
+oder damit man nicht glaube, daß es ihnen an gutem Willen fehle, sie
+mehr versprechen, als sie leisten können; mehr hingeben, mehr Arbeit
+für Andre übernehmen, als sie vernünftiger Weise thun sollten. Andre
+sind so ~leichtgläubig~, daß sie Jedem trauen, sich Jedem hingeben und
+aufopfern, Jeden für einen treuen Freund halten, der die Aussenseite
+des ehrlichen, menschenliebenden Mannes trägt. Noch Andre sind nicht im
+Stande, für sich etwas zu erbitten, sollten sie auch darüber nichts in
+der Welt von demjenigen erlangen, worauf sie die billigsten Ansprüche
+machen dürfen. Ich brauche wohl nicht zu sagen, wie sehr alle diese
+Schwachen gemißhandelt oder wenigstens vernachlässigt werden; wie man
+auf die Gutherzigkeit und Dienstfertigkeit der Erstern losstürmt, und
+wie den Andern die Unverschämtheit alles vor dem Munde wegnimmt, weil
+sie nicht den Muth haben, zuzugreifen oder ihre Ansprüche geltend zu
+machen. Mißbrauche keines Menschen Schwäche! Erschleiche von Keinem
+Vortheile, Geschenke, Verwendung von Kräften, die Du nicht nach den
+Regeln der strengsten Gerechtigkeit, ohne ihm Verlegenheit und Last
+aufzuladen, von ihm fordern darfst; suche auch zu verhindern, daß
+Andre dergleichen thun; mache dem ~Blöden~ Muth! Verwende Dich, rede
+für ihn, wenn seine Schüchternheit ihn abhält, sein eigener Fürsprecher
+zu seyn!
+
+Manche Leute haben die Schwachheit, mit ganzer Seele ~gewissen
+Liebhabereien nachzuhängen~. Sey es nun irgend eine noble Passion:
+Jagd, Pferde, Hunde, Katzen, Tanz, Musik, Malerei, oder die Wuth,
+Kupferstiche, Naturalien, Schmetterlinge, Petschafte, Pfeifenköpfe
+und dergleichen zu sammeln, oder Bau-Geist, Garten-Anlage,
+Kinder-Erziehung, Mäcenatenschaft, physikalische Versuche -- oder
+was für ein Steckenpferd sie auch reiten: so dreht sich doch der
+ganze Kreis ihrer Gedanken immer um diesen Punkt herum; sie reden von
+keiner Sache so gern, wie von diesem ihrem Lieblings-Gegenstande;
+jedes Gespräch wissen sie dahin zu lenken. Sie vergessen dann, daß der
+Mann, welchen sie vor sich haben, vielleicht von keinem Dinge in der
+Welt weniger versteht, als von diesem, verlangen aber auch dagegen
+nicht gerade, daß er mit großer Kenntniß davon rede, wenn er nur die
+Geduld hat, ihnen zuzuhören; wenn er ihre Herrlichkeiten nur mit
+Aufmerksamkeit betrachtet, nur bewundert, was sie ihm als die größte
+Seltenheit empfehlen, und Interesse daran zu nehmen scheint. Nun, wer
+wird denn wohl so hartherzig seyn, diese kleine Freude einem Manne, der
+übrigens redlich und verständig ist, zu versagen oder zu verkümmern!
+Vorzüglich empfehle ich Aufmerksamkeit auf die -- doch wie sich's
+versteht, unschuldigen -- Liebhabereien der Großen, an deren Gunst
+uns gelegen ist; denn, wie Tristram Shandy anmerkt, so wird ein Hieb,
+welchen man dem Steckenpferde gibt, schmerzlicher empfunden, als ein
+Schlag, den der Reiter selbst empfängt.
+
+
+ 24.
+
+Mit ~muntern~, ~aufgeweckten Leuten~, die von ächtem Humor beseelt
+werden, ist leicht und angenehm umzugehen. Ich sage: sie müssen von
+~ächtem~ Humor beseelt werden; die Fröhlichkeit muß aus dem Herzen
+kommen, muß nicht erzwungen, muß nicht eitle Spaßmacherei, nicht
+Haschen nach Witz seyn. Wer noch von ganzem Herzen lachen, sich den
+Aufwallungen einer lebhaften Freude überlassen kann: der ist kein
+ganz böser Mensch. Tücke und Bosheit machen zerstreut, ernsthaft,
+nachdenkend, verschlossen; +mais un homme, qui rit, ne sera jamais
+dangereux+. Daraus folgt indessen nicht, daß Jeder, der nicht von
+fröhlicher Gemüthsart ist, und in der Gesellschaft einsylbig und
+zurückhaltend an dem Gespräche Theil nimmt, deswegen etwas Böses im
+Schilde führen sollte. Die Stimmung des Gemüths hängt vom Temperamente,
+so wie von der Gesundheit und von innern und äussern Verhältnissen
+ab. Aechte muntre Laune aber pflegt ansteckend zu seyn, und diese
+Epidemie hat etwas so Wohlthätiges; es ist ein so wahres Seelen-Glück,
+einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen zu dürfen, daß ich
+dringend anrathe, sich zur Munterkeit anzufeuern, oder anfeuern zu
+lassen, und wenigstens ein Paar Stunden in der Woche auf diese Weise
+der gesitteten Fröhlichkeit zu widmen.
+
+Allein es ist schwer, in lustiger Stimmung, und wenn man dem Witze
+den Zügel schießen läßt, nicht in einen ~satyrischen~ Ton zu fallen.
+Was gibt uns reichern Stoff zum Lachen, als das unzählige Heer von
+Thorheiten der Menschen? Und diese Thorheiten treten am lebhaftesten
+vor unsre Augen, wenn wir uns die Originale dazu denken, in welchen sie
+wohnen. Lachen wir nun über die Narrheit, so ist es fast unvermeidlich,
+auch über den Narren mit zu lachen, und da kann dann dies Lachen sehr
+ernsthafte, verdrießliche Folgen haben. Wenn ferner unsre Spöttereien
+Beifall finden, so werden wir verleitet, unsern Witz immer feiner
+zuzuspitzen, und Andre, denen es ausserdem vielleicht an Stoff zu
+munterer Unterhaltung fehlen würde, schärfen, durch unser Beispiel
+verführt, ihre Aufmerksamkeit auf die Mängel ihrer Nebenmenschen:
+und wohin das führen, welche böse Folgen es haben, und wie leicht es
+Streit erregen, das Vergnügen zerstören, Feindschaft erwecken könne,
+das ist theils bekannt genug, theils habe ich darüber schon etwas im
+ersten Kapitel gesagt. Ich halte es daher für Pflicht, im Umgange mit
+sehr satyrischen Leuten auf seiner Hut zu seyn. Nicht, daß man sich
+persönlich vor ihrer spitzen Zunge oder Feder fürchten müßte, denn
+das zeigt wirklich den höchsten Grad von innerm Bewußtseyn eigener
+Erbärmlichkeit an; sondern daß man nicht durch sie verführt werde, mit
+zu lästern; daß man sich und Andern dadurch nicht schade, und daß der
+Geist der Duldung nicht von uns weiche. Man bezeige daher satyrischen
+Leuten keinen zu lauten Beifall, bestärke sie nicht in der Gewohnheit,
+ihren Witz auf andrer Menschen Unkosten spielen zu lassen, und lache
+nicht mit, wenn sie lästern und schmähen.
+
+Ich sage: man hat gar nicht Ursache, satyrische Leute eigentlich zu
+fürchten; denn sind sie übrigens edle Männer, so werden sie, wenn
+sie auch über Thorheiten lachen und spotten, doch den Charakter des
+redlichen Mannes schonen. Sind sie aber boshafte Spötter, so werden sie
+sich mehr, als Andern, schaden. -- An den Mann von Würde wagt sich denn
+auch nicht leicht ein Solcher, wenigstens nicht zum zweiten Mal.
+
+
+ 25.
+
+~Trunkenbolde~, grobe ~Wollüstlinge~ und alle andre Arten von
+~lasterhaften Menschen~ soll man freilich fliehn, und ihren Umgang,
+wenn man kann, vermeiden; ist dieß aber durchaus unmöglich, so bedarf
+es wohl keiner Erinnerung, daß man sich hüten müsse, von ihnen
+angesteckt, verblendet oder verführt zu werden. Allein das ist nicht
+genug. Es ist Pflicht, ihren Ausschweifungen, möchten sie solche auch
+in das gefälligste Gewand hüllen, nicht nachzusehen, sie nicht zu
+entschuldigen, sondern vielmehr, wo es mit Klugheit geschehen kann,
+einen erklärten Abscheu dagegen zu zeigen; es ist Pflicht, und recht
+heilige Pflicht, an unzüchtigen, schmutzigen Gesprächen niemals,
+und auf keinerlei Art beifälligen Antheil zu nehmen. Man sieht in
+der großen Welt die sogenannten +agréables débauchés+ mehrentheils
+die glänzendste Rolle spielen, und in manchen, besonders männlichen
+Cirkeln, die Unterhaltung auf Zoten und Zweideutigkeiten hinausgehen,
+wodurch die Phantasie junger Leute erhitzt, mit schlüpfrigen Bildern
+erfüllt, und die schamloseste Unsittlichkeit weiter ausgebreitet
+wird. Zu diesem allgemeinen Verderbnisse der Sitten, zur Verspottung,
+vielleicht gar zur Verachtung der Keuschheit, Nüchternheit, Mäßigkeit
+und Schamhaftigkeit, darf kein redlicher Mann auch nur das Mindeste
+beitragen. Er muß vielmehr, so viel an ihm ist, ohne Ansehn der Person,
+sein Mißfallen daran bestimmt zu erkennen geben, und, wenn er es
+vergebens versucht hat, Menschen, die auf dem Wege des Lasters wandeln,
+durch freundschaftliche Warnung und Hinlenkung ihrer Thätigkeit auf
+würdigere Gegenstände, zu bessern, ihnen wenigstens zeigen, daß er den
+Sinn für Reinigkeit und Tugend nicht verloren habe, und daß in seiner
+Gegenwart die Unschuld respektirt werden müsse.
+
+
+ 26.
+
+Einen ganz eignen Abschnitt verdienen die ~Enthusiasten~,
+~überspannten~, ~romanhaften Menschen~, ~Kraft-Genies~ und
+~excentrischen Leute~. Sie leben und weben in einer Atmosphäre von
+Phantasien, wie ein Fisch im nassen Elemente, und sind geschworne
+Feinde der kalten Ueberlegung. Mode-Lectüre, Romane, Schauspiele,
+geheime Verbindungen, Mangel an gründlichen wissenschaftlichen
+Kenntnissen, und Müßiggang, stimmen einen großen Theil unsrer heutigen
+Jugend auf diesen Ton; man trifft aber auch Schwärmer mit grauen
+Köpfen an. Sie streben ohne Unterlaß nach dem Ausserordentlichen und
+Uebernatürlichen; verachten das nahe liegende Gute, um nach fernen
+Erscheinungen zu greifen; versäumen das Nöthige und Nützliche, um Plane
+für das Entbehrliche zu machen; legen die Hände in den Schooß, wo es
+Pflicht wäre, zu wirken, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts
+angehen; reformiren die Welt, und vernachlässigen ihre häuslichen
+Geschäfte; finden das Wichtigste zu klein, und das Abgeschmackteste
+erhaben; haben eine entschiedene Abneigung gegen alles Deutliche,
+Verständige und Klare, und predigen das Unbegreifliche. Vergebens
+stellst Du ihnen die Gründe der gesunden Vernunft entgegen, und
+bittest sie, zu prüfen; sie werden Dich als einen gemeinen Menschen,
+ohne Gefühl, ohne Sinn für das Große, verachten, Mitleiden mit Deiner
+Weisheit zeigen, und sich lieber an ein Paar andre Narren von ähnlichem
+Schwunge anschließen, die in ihren Unsinn einstimmen. Ist Dir's also
+darum zu thun, einen solchen Schwärmer zu überzeugen, oder auch nur
+einen wirksamen Einfluß auf ihn zu erhalten: so müssen Deine Gespräche
+warm und feurig seyn, und Du mußt mit eben so viel Enthusiasmus der
+gesunden Vernunft das Wort reden, womit er die Sache seiner Thorheit
+verficht. Selten aber richtet man überhaupt etwas mit solchen Menschen
+aus, und es ist am besten gethan, der Zeit ihre Heilung zu überlassen.
+Indessen steckt zum Unglücke Schwärmerei an, wie der Schnupfen. Wer
+daher eine sehr lebhafte Einbildungskraft hat, und nicht ganz sicher
+von der Herrschaft seines Verstandes über dieselbe ist, dem rathe
+ich, im Umgange mit Enthusiasten jeder Gattung auf seiner Hut zu
+seyn. Unsere Zeit hat ein unglückseliges Wohlgefallen an religiöser,
+theosophischer und mystischer Schwärmerei, und bringt Manches zu Ehren,
+was zum Heil der Welt eine bessere Zeit verlacht und in den Staub
+geworfen hatte. So hört man z. B. jetzt einen ~Jakob Böhme~ rühmen
+und preisen, und alle die alten Kirchengesänge, welche in jeder Zeile
+eine Sünde gegen den guten Geschmack und gegen das gesunde Gefühl
+begehen, als Meisterstücke der Dichtkunst laut erheben, hört junge
+Mädchen, schon lange vor ~der~ Periode, in welcher sie von Rechtswegen
+in die Reihe der Betschwestern treten dürfen, gar andächtig singen,
+was sie bei gesundem Urtheil und Gefühl zum Lächeln reizen müßte,
+und dergleichen Erscheinungen mehr, welche beweisen, wie behaglich
+es dem Menschen in seiner Schwachheit ist, von einem Extrem auf das
+andere überzuspringen. Ich mag nicht entscheiden, welche von diesen
+Gattungen der Schwärmerei die gefährlichste ist, halte aber doch dafür,
+diejenigen, welche auf politische, halbphantastische, halbjesuitische
+Plane und auf Welt-Reformation hinausgehen, gehören wohl wenigstens
+nicht zu den unschädlichsten Donquixoterien; ich glaube dieß um
+so fester, da gerade diese Art von Schwärmer-Systemen am mehrsten
+Verwirrung im Staate anrichten kann, und die blendendste Aussenseite
+zu haben pflegt, statt daß die übrigen bald Langeweile machen, und nur
+schiefe und mittelmäßige Köpfe anhaltend beschäftigen. Man gewöhne
+sich daher, im Umgange mit den Aposteln solcher Systeme, die jedem
+Biedermanne sonst so theuren Ausdrücke: Glück der Welt, Freiheit,
+Gleichheit, Rechte der Menschheit, Religiosität, Christenthum, Glaube
+und dergleichen, für nichts anders, als für Lockspeise, oder höchstens
+für gutgemeinte leere Worte zu nehmen, mit denen diese Leute spielen,
+wie die Schulknaben mit den oratorischen Figuren und Tropen, welche sie
+in ihren magern Exercitien anbringen müssen.
+
+Kraft-Genies und excentrische Leute lasse man laufen, so lange sie sich
+noch nicht gänzlich zum Einsperren qualificiren. Die Erde ist so groß,
+daß eine Menge Narren neben einander Platz darauf hat.
+
+
+ 27.
+
+Jetzt noch ein Wort von ~Andächtlern~, ~Frömmlern~, ~Heuchlern~ und
+~abergläubischen Leuten~, welche mit den eben beschriebenen nur darin
+Eine Klasse ausmachen, daß sie eine Freude an der Uebertreibung, und
+eine Scheu vor dem Vernünftigen haben.
+
+Wem es mit seinen Empfindungen für die Religion, mit seiner Wärme
+für Gottes-Liebe, Gottes-Furcht und Gottes-Verehrung, und mit seiner
+Anhänglichkeit an die gottesdienstlichen Gebräuche der Kirche, zu
+welcher er sich in seinem Herzen bekennt, ein aufrichtiger Ernst ist:
+der hat die gegründetsten Ansprüche auf unsre Achtung. Sollte er auch
+das Wesen der Religion, mehr als wir für gut halten, in bloßes Gefühl,
+ohne allen Gebrauch seiner ihm von Gott verliehenen Leiterin, der
+Vernunft, setzen: -- sollte auch, unsrer Meinung nach, eine erhitzte
+Phantasie sich in seine religiöse Empfindungen mischen: -- sollte er
+auch eine zu große Anhänglichkeit für gewisse Ceremonien, Gebräuche
+und Systeme haben: so verdient er, wenn er übrigens ein redlicher
+Mann, ein praktischer Christ ist, Duldung, Schonung und Bruderliebe.
+Allein um desto verachtungswürdiger ist ein Heuchler und Kopfhänger,
+ein gleisnerischer Bösewicht, der hinter der Larve der Heiligkeit,
+Sanftmuth und Religiosität den wollüstigen Verführer, den tückischen
+Verläumder, Aufrührer, Anhetzer, rachgierigen Bösewicht, oder den
+fanatischen Verfolger versteckt. Beide Arten von Leuten sind aber nicht
+schwer zu unterscheiden. Der fromme Edle ist gerade, offen, still und
+heiter, nicht übertrieben höflich, nicht übertrieben zuvorkommend, noch
+übertrieben demüthig, aber liebevoll, einfach und zutraulich in seinem
+Betragen. Er ist nachsichtig, milde und duldend, redet auch nicht
+viel, ausser mit vertrauten Freunden, über religiöse Gegenstände; der
+Heuchler hingegen pflegt süß, kriechend, schmeichelnd, immer auf seiner
+Hut, ein Sclave der Großen, ein Anhänger der herrschenden Parthei, ein
+Freund der Glücklichen, nie ein Vertheidiger der Verlassenen zu seyn.
+Er führt Rechtschaffenheit und Religion ohne Unterlaß im Munde, gibt
+seine reichen Almosen, und erfüllt seine christlichen Liebespflichten
+mit Geräusch und Aufsehen, tobt und schäumt über den Gottlosen und
+Lasterhaften, oder entschuldigt fremde Fehler auf solche Weise, daß sie
+dadurch tausendfältig vergrößert scheinen. Hüte Dich, diesem auf irgend
+eine Weise in die Hände zu fallen; fliehe ihn; tritt ihm nicht auf den
+Fuß; beleidige ihn nicht, wenn Dir Deine Ruhe lieb ist!
+
+Abergläubische Leute, die Ammen-Mährchen, Gespenster-Histörchen und
+dergleichen lieben, und mit großer Ernsthaftigkeit erzählen, sind
+nicht durch Gründe der Philosophie und durch vernünftige Vorstellungen
+und Zweifel von ihrem Wahne zu befreien, am wenigsten aber durch
+Declamationen, Verspottung und Ereiferung. Es ist da kein anderes
+Mittel, als, ihnen nicht eher zu widersprechen, bis man zugleich eine
+einzelne Thatsache strenge und kaltblütig untersuchen, und sie mit
+eignen Augen von dem Betruge oder Ungrunde überzeugen kann, obgleich
+es wahrlich unbillig ist, daß man Dem, welcher eine übernatürliche
+Erscheinung behauptet, den Beweis erläßt, und ihn Demjenigen auflegt,
+der die Rechte der Vernunft vertheidigt.
+
+
+ 28.
+
+Nicht toleranter, als die Frömmler, pflegen ihre Gegenfüßler,
+die ~Deisten~, ~Freigeister~ und ~Religionsspötter~ von gemeiner
+Art zu seyn. Ein Mann, der unglücklich genug ist, sich von der
+Wahrheit, Heiligkeit und Nothwendigkeit der christlichen Religion
+nicht überzeugen zu können, verdient Mitleiden, weil er einen sehr
+wesentlichen Vorzug, einen kräftigen Trost im Leben und Sterben
+entbehrt; er verdient mehr, als Mitleiden, er verdient Liebe und
+Achtung, wenn er dabei seine Pflichten als Mensch und Bürger, so viel
+an ihm ist, treulich erfüllt, und niemand in seinem Glauben irre macht.
+Wenn aber die Religionsspötterei in einem lasterhaften Herzen, in der
+Sucht, durch Witz und Scharfsinn zu glänzen, und in einem wahnsinnigen
+Dünkel eigener Weisheit und Untrüglichkeit ihre Quelle hat, und darauf
+ausgeht, Proselyten zu machen, wenn sie öffentlich mit schaalem Witze,
+oder nachgebeteten voltairischen Floskeln, der Lehren spottet, auf
+welche andre Menschen ihre einzige Hoffnung, ihre zeitliche und ewige
+Glückseligkeit bauen; wenn der Religionsverächter verachtet, verleumdet
+und schimpft, und Jeden einen Heuchler oder heimlichen Jesuiten schilt,
+der nicht wie ~er~ denkt: so ist ein solcher bösartiger Thor unsrer
+Verachtung werth, ist werth, daß man ihm diese Verachtung zeige, wäre
+er auch ein noch so vornehmer Mann; und wenn man es für vergebliche
+Mühe hält, seinem Gewäsche ernsthafte Gründe entgegenzusetzen: so
+bringe man ihn wenigstens durch ernsthafte Bekämpfung zum Schweigen!
+
+
+ 29.
+
+Ueber die Art, wie man ~schwermüthige~, ~tolle~ und ~rasende Menschen~
+behandeln müsse, sollte billig ein philosophischer Arzt ein eignes
+Werk schreiben. Dieser Mann müßte Leute von der Art in und ausser den
+Hospitälern aufsuchen, dieselben genau und in verschiednen Jahrszeiten
+und Mondsveränderungen beobachten, und aus den Resultaten dieser
+Untersuchungen ein ganzes System ausarbeiten. Mir fehlt es an der Menge
+von Thatsachen, so wie an medicinischen Kenntnissen dazu, und hier
+würde eine weitläuftige Abhandlung über diesen Gegenstand auch zu viel
+Raum wegnehmen, da ich schon so manches Blatt mit Bemerkungen über den
+Umgang mit ~nicht eingesperrten Narren~ angefüllet habe. Also nur noch
+wenig Zeilen darüber!
+
+Der wichtigste Punkt scheint bei solchen Kranken anfangs ~der~ zu seyn,
+daß man die erste Quelle ihres Uebels aufsuche, daß man ausmittle,
+ob und wie dieselben, entweder durch Zerrüttung einzelner Organe,
+oder durch Gemüthsleiden, heftige Leidenschaften, oder Unglücksfälle,
+entstanden seyn. Zu diesem Endzwecke muß man Acht geben, womit sich
+ihre Phantasie in den Augenblicken der Raserei oder Verwirrung, und
+ausser denselben, beschäftige, worüber ihre Einbildungskraft brüte.
+Da würde sich's denn zeigen, daß man, um diese Unglücklichen nach und
+nach zu heilen, mehrentheils nur auf einen einzigen Punkt zu wirken,
+in ihnen auf vorsichtige Weise nur eine einzige herrschende Grille zu
+zerstören oder zu modificiren brauchte. Ferner würde es wichtig seyn,
+darauf Acht zu geben, welche Art von Wetter-Veränderung, Jahreszeit
+und Monds-Wandlung Einfluß auf ihre Krankheit habe, um die glücklichen
+Augenblicke zur Behandlung und Leitung zu nützen. Endlich habe ich
+bemerkt, daß das Einsperren, und jede harte Verfahrungsart fast immer
+das Uebel ärger macht. Ich muß bei dieser Gelegenheit mit wahrem,
+aufrichtigem Lobe der Einrichtung Erwähnung thun, welche im Irrenhause
+in Frankfurt am Mayn herrscht, und welche ich vielfältig zu beobachten
+Gelegenheit gefunden habe. Man läßt dort die Wahnsinnigen, wenn es nur
+irgend ohne Gefahr geschehen kann, wenigstens in ~den~ Jahrszeiten, von
+welchen man weiß, daß alsdann ihre Tollheit weniger heftig ist, unter
+unmerklicher Beobachtung frei im Hause und Garten herumgehen; und der
+Zuchtmeister verfährt so sanft und liebreich mit ihnen, daß viele
+derselben nach einigen Jahren völlig geheilt wieder herauskommen, und
+eine größere Anzahl höchstens nur melancholisch bleibt, und allerlei
+Handarbeiten zu verrichten im Stande ist, indeß diese Menschen in
+manchen andern Hospitälern durch Einsperren und Härte vielleicht im
+höchsten Grade wüthend geworden seyn würden.
+
+Man kann aber auch schwache Menschen stufenweise um ihren Verstand
+bringen, wenn man eine heftige Leidenschaft, von welcher sie regiert
+werden, sey es Liebe, Hochmuth oder Eitelkeit, nährt, reizt und dann
+wieder kränkt. Zwei solcher elenden Geschöpfe erinnere ich mich gesehen
+zu haben. Der eine trug ein Hofnarren-Kleid an dem Hofe des Fürsten von
+***. Er war in der Jugend ein Mensch von feinem Kopfe, guten Anlagen
+und voll Witz gewesen; noch loderten davon in ruhigen Augenblicken
+Flammen hervor. Er hatte studiren sollen, aber nichts gelernt, sondern
+sich einem lüderlichen Leben überlassen. Als er darauf in sein
+Vaterstädtchen zurückkam, behandelte man ihn als einen unwissenden
+Müssiggänger, und er selbst fühlte, daß er weiter nichts war. Er
+hatte aber einen ungeheuren Hochmuth, und war nicht gänzlich arm. Von
+seiner Familie und den Leuten seines Standes verstoßen, fing er nun
+an, mit den Hofofficianten des Fürsten von *** sich herumzutreiben.
+Seine lustigen Einfälle zogen sogar die Aufmerksamkeit dieses sehr
+muntern Herrn auf ihn. Er wurde bald vertraut mit demselben und mit
+dem ganzen Hofe, wodurch anfangs seine Eitelkeit gekitzelt wurde; doch
+endigte sich das natürlicher Weise damit, daß man ihn mißbrauchte,
+und als einen privilegirten Spaßmacher betrachtete. Dieß war indessen
+immer noch eine Art von Existenz, die ihm behagte, so lange die
+Sache in gewissen Schranken blieb, und es ihm erlaubt war, auf
+vertraulichem Fuße mit vornehmen Leuten umzugehen, und ihnen zuweilen
+derbe Wahrheiten zu sagen. Weil diese aber sich nicht umsonst so weit
+herablassen wollten, auch nicht zu aller Zeit gleich gut aufgelegt
+waren, seinen Witz, der zuweilen in das Grobe fiel, anzunehmen: so
+erfuhr er Demüthigungen aller Art, bekam zuweilen Schläge, und konnte
+doch nun nicht mehr zurück, indem ihm seine Verwandten und Bekannten
+in der Stadt mit äusserster Verachtung begegneten, und sein kleines
+Vermögen geschmolzen war. -- Und so sank er denn immer tiefer. Er wurde
+gänzlich abhängig vom Hofe; der Fürst ließ ihm eine buntschäckigte
+Kleidung machen, und es war kein Küchenjunge im Schlosse, der nicht
+das Recht zu haben glaubte, einen Spaß von ihm zu begehren, oder ihm
+für einen Schoppen Wein einen Nasenstüber zu geben. Aus Verzweiflung
+berauschte er sich nun täglich; und war er ja einmal nüchtern, so
+nagten die Vorstellungen seiner fürchterlichen Lage, das Gefühl der
+unedlen Rolle, welche er spielte, die Anstrengung, neue Spässe zu
+erfinden, um nicht auf immer verstoßen zu werden, und sein aufwachender
+Hochmuth an seiner Seele, indeß er seinen Körper durch Ausschweifungen
+zerrüttete. Er wurde wirklich ein Narr, und einmal so rasend, daß man
+ihn ein halbes Jahr hindurch an der Kette verwahren mußte. Als ich ihn
+sahe, war er ein alter Mann, trieb sich in einem armseligen Zustande
+umher, wurde als ein verrückter Mensch angesehen, war aber mehr ein
+Gegenstand des Widerwillens, als des Mitleidens, und hatte doch noch
+helle Augenblicke, in welchen er ungewöhnlichen Scharfsinn, Witz und
+Genie verrieth, auch, wenn er einen halben Gulden erbetteln wollte, auf
+eine feine Weise zu schmeicheln, und mit so schlauer Menschenkenntniß
+die schwachen Seiten der Leute zu fassen verstand, daß ich nicht wußte,
+ob ich nicht mehr über die Leute, die ihn so tief hinabgestoßen hatten,
+als über seine Verirrungen seufzen sollte.
+
+Der andre Mensch, von welchem ich reden wollte, war einst Verwalter
+auf einem adelichen Gute gewesen, nachher aber auf Pension gesetzt
+worden. Da nun solchergestalt die Herrschaft nichts mit ihm anzufangen
+wußte, trieb sie ihren Spaß mit ihm, indem er sehr dumm und zugleich
+hochmüthig und verliebt war. Sie nannten ihn ~Fürst~, gaben ihm einen
+Orden, ließen erdichtete Briefe von hohen Potentaten an ihn schreiben,
+in welchen ihm entdeckt wurde, daß er eigentlich aus einem großen
+Hause abstamme, aber in seiner Jugend entführt worden sey; daß der
+Großsultan, welcher unrechtmäßiger Weise seine Länder besäße, ihm nach
+dem Leben trachtete; daß eine griechische oder hebräische Prinzessinn
+in ihn verliebt sey, und dergleichen mehr. Es mußten lustige Freunde,
+als Gesandte verkleidet, in Unterhandlungen mit ihm treten; -- und
+kurz! nach wenig Jahren brachte man es dahin, daß der arme Tropf
+wirklich verrückt wurde, und diese Thorheiten glaubte.
+
+Ich enthalte mich aller Anmerkungen über diese beiden Geschichten; der
+Leser wird sie ohne meine Anweisung machen können.
+
+
+
+
+ Nachtrag des Herausgebers[3].
+
+
+Es ist hier der Ort, eines Geschlechts zu gedenken, welches sich leider
+seit einiger Zeit so vermehrt und verbreitet hat, daß ein zweiter
+Linné nöthig wäre, um es nach allen seinen Gattungen und Arten zu
+klassificiren, nämlich die ~Finsterlinge~. Ich will nur drei Hauptarten
+beschreiben.
+
+Den ersten Platz nimmt, wie billig, die Klasse der ~theologischen
+Finsterlinge~ ein. Dieß ist eine alte Rasse, die vor einiger Zeit fast
+im Aussterben begriffen schien, aber seit Kurzem sich dermaßen besaamt
+hat, daß man sie jetzt überall wieder antrifft. Sie schimpft noch immer
+auf die Vernunft, als die Wurzel alles Uebels, und verdammt daher jeden
+Rationalisten als einen Naturalisten und Atheisten. Um sich durch den
+weltlichen Arm zu verstärken, da sie ihre innere Schwäche wohl fühlt,
+flüstert sie den Gewalthabern in's Ohr, daß sie ihr Ansehen nicht
+behaupten könnten, wenn sie nicht die Forderung des blinden Glaubens
+mit aller Macht unterstützten. Das Feldgeschrei der Finsterlinge ist
+daher: »machet die Augen zu, daß euch die Sonne nicht blende.« --
+An diese Klasse schließt sich sehr natürlich die der ~politischen
+Finsterlinge~. Sie lacht zwar insgeheim über jene, da sie wohl merkt,
+daß die Finsterlinge nur durch sie herrschen wollen; aber da sie aus
+Erfahrung weiß, daß der weltliche Arm doch zuletzt über den geistlichen
+siegt, so nimmt sie die Empfehlung des blinden Glaubens utiliter
+an, um damit die Forderung des blinden Gehorsams zu unterstützen.
+Die politischen Finsterlinge behaupten demnach, daß, wie nach dem
+Emanazionssysteme der morgenländischen Weltweisen alle Dinge von Gott
+ausgeflossen seyen, so auch die fürstliche Gewalt unmittelbar von der
+göttlichen abstamme: daß sonach die Fürsten, wie Gott, lauter Rechte
+ohne Pflichten, die Völker hingegen lauter Pflichten ohne Rechte haben;
+daß eben darum von Verträgen zwischen Fürsten und Völkern, und von
+Verfassungen, wodurch die Ausübung der fürstlichen Gewalt gesetzlich zu
+bestimmen sey, gar nicht die Rede seyn dürfe. Wie nun der ersten Klasse
+das Wort Vernunft ein Gräuel ist, so der zweiten das Wort Freiheit;
+denn Freiheit, meint sie, sey nur das Losungswort der Rebellen gegen
+die Fürsten, wie Vernunft das Losungswort der Rebellen gegen die
+Gottheit. Auch hat sie eine Menge von Geschichten bei der Hand, woraus
+erhellen soll, daß die Freiheit überall in zügellose Frechheit ausarte
+(besonders die Preßfreiheit), und Revolutionen erzeuge, wenn man sie
+nur im mindesten gewähren lasse. Das Feldgeschrei dieser Klasse ist
+daher: »laßt euch an Ketten legen, damit ihr nicht auf die Nase fallet.«
+
+Die dritte Klasse kann man die ~ästhetisch-philosophischen
+Finsterlinge~ nennen. Diese ziehen gegen den Verstand zu Felde, und
+halten es bloß mit dem Gefühle. Jener, sagen sie, kann sich nur in
+prosaischer Nüchternheit aussprechen, und tummelt sich auf dem Gebiete
+hohler Begriffe herum, dieses aber hebt den Menschen in poetischer
+Trunkenheit bis zur unmittelbaren Anschauung des Absoluten selbst.
+Daher reden sie in lauter Bildern, Orakeln und Hieroglyphen, die sie
+selbst nicht verstehen, und finden es ganz unausstehlich, wenn jemand
+es wagt, über irgend einen Gegenstand der Wissenschaft oder Kunst ein
+klares, bestimmtes und verständliches Wort zu sprechen. Alles ist
+ihnen Eins: Philosophie und Poesie, Kunst und Religion, Staat und
+Kirche, Thier und Pflanze, Organisches und Unorganisches, Endliches und
+Unendliches; denn alles schauen sie in mystischer Verzuckung mit einem
+und demselben Gefühle der Sehnsucht und Liebe an. »Fühlt, fühlt, fühlt!
+ist daher ihr Wahlspruch, und solltet ihr auch den Verstand darüber
+verlieren!«
+
+Was wollen denn nun aber alle diese Finsterlinge? Wollen sie sich
+in ihrer Blindheit gegen den gewaltigen Strom des geistigen Lebens
+stemmen, und bewirken, daß er rückwärts wieder dahin fließe, wovon er
+ausgegangen ist? Die ohnmächtigen Thoren! Der Strom wird unaufhaltsam
+nach ewigen Gesetzen fortfließen, und sie, selbst wider ihren Willen,
+mit sich fortreißen, oder -- verschlingen.
+
+So weit der Verf. im Freimüthigen. Es frägt sich: wie man diese
+Finsterlinge im gesellschaftlichen Umgange behandeln, und wie man sie
+bekämpfen und ihnen entgegen wirken solle. Daß ein großes Verdienst
+hiebei zu erwerben sey, darf wohl nicht erst gesagt werden; eben so
+wenig, daß große Unbefangenheit, Festigkeit und Freimüthigkeit, auch
+ein wenig Witz und Scharfsinn dazu gehöre, um sie zum Schweigen zu
+bringen, oder wenigstens unangesteckt zu bleiben. Menschen dieser Art
+mögen gern durch einen entscheidenden und vornehmen Ton imponiren
+und abschrecken; sie mögen sich nicht gern auf Gründe einlassen; sie
+haben allerlei Kunstgriffe, wodurch sie dem, der sie mit Gründen und
+mit kalter Fassung bekämpft, auszuweichen suchen, oder ihn wo möglich
+in Verdacht bringen; sie wissen sich das Ansehen des lebendigsten
+Eifers für die Wahrheit zu geben. Durch das alles suchen sie sich ein
+Uebergewicht zu verschaffen. Bei dem weiblichen Geschlecht sind sie
+wohl angesehen, weil sie seinem Hange zum Schwärmen Nahrung geben, und
+es im Helldunkel umherführen. Man wird sie am glücklichsten bekämpfen,
+wenn man ihnen eine kalte Besonnenheit und Ruhe entgegensetzt, sie bei
+dunklen Redensarten und mystischen Kunstgriffen fest hält, und sich
+Erläuterung ausbittet, als wolle man sich von ihnen belehren, und in
+ihre Weisheit einweihen lassen; wenn man ihnen allerlei Fragen vorlegt,
+durch welche sie genöthigt sind, sich näher zu erklären; wenn man sie
+mit Zweifeln bestürmt, und aus ihren Behauptungen Folgerungen zieht,
+deren Widersinnigkeit einleuchtet; wenn man solchen Namen, die sie als
+unverwerfliche Autoritäten anführen, eben so berühmte entgegenstellt,
+die das Recht der Vernunft, zu prüfen und zu forschen, dargethan
+und vertheidigt haben; wenn man ihnen besonders den Stifter des
+Christenthums, und die Reformatoren, als solche in's Gedächtniß bringt,
+die ihren Zeitgenossen das Licht der Vernunft leuchten ließen, und sie
+durch ihre ganze Lehrweise ermunterten und nöthigten, ihre Vernunft zu
+gebrauchen, dem Alten, wenn es die Prüfung nicht aushielt, zu entsagen,
+und das Neue, weil es besser begründet war, dafür anzunehmen. Man
+erinnere sie an die Scheiterhaufen, welche die Zeit der Finsterniß
+gebaut, und an die Religionskriege, die sie entzündet hat, und frage
+sie, ob sie im Ernst wünschen könnten, diese Zeiten mit ihrem blinden
+Glauben und ihrer Verketzerungssucht wiederkehren zu sehen. Wer die
+Vernunft verdächtig macht (so erkläre man sich männlich gegen sie),
+der kündigt aller Wissenschaft und aller wahren Bildung den Krieg an,
+und zerstört alle Freiheit, allen Gedanken-Verkehr, und allen wahren
+Geistesgenuß; der verwandelt die Schulen in Blinden-Anstalten, die
+Hörsäle in Zuchthäuser, die Kirchen in Schauspielhäuser, die Herrschaft
+in Sclaverei; der erklärt, daß er auf den Vorzug, selbst zu denken,
+Verzicht leiste, und bei gesunden Augen und gesunden Füßen sich
+lebenslang als einen Blinden wolle führen lassen.
+
+Nichts dürfte in unsern Tagen schwerer seyn, als bei guter Vernunft und
+wahrer Unbefangenheit des Geistes zu bleiben, denn es wird immer mehr
+herrschender Ton, das Begreifliche zu verwerfen, und das Unbegreifliche
+als die höchste Weisheit zu rühmen und zu preisen, das Alte zu
+bewundern, zu erheben und zu loben, müßte es auch mit Verleugnung
+alles guten Geschmacks und aller gesunden Vernunft geschehen; und
+den Gefühlen die Entscheidung zu überlassen, müßte auch darüber alle
+Lebensweisheit zu Grunde gehen. Glücklicher Weise hat sich noch eine
+gute Zahl von Verständigen und Einsichtsvollen unter uns nüchtern, und
+bei gesunder Vernunft erhalten, und so ist denn nicht zu fürchten, daß
+es den Finsterlingen gelingen werde, das Licht auszublasen, welches
+eine bessere Zeit angezündet hat.
+
+
+
+
+ Ueber den
+
+ Umgang mit Menschen.
+
+
+
+
+ Zweiter Theil.
+
+ Einleitung.
+
+
+Der erste Theil dieses Buchs enthält Bemerkungen über den Umgang
+mit Menschen von allerlei Art, ohne Rücksicht auf ihre besondern
+Verhältnisse unter einander. Die mannigfaltigen natürlichen, häuslichen
+und bürgerlichen Verbindungen aber erfordern verschiedene Anwendung
+der Regeln des Umgangs und neue Vorschriften für einzelne Fälle. Ich
+rede daher in diesem zweiten Theile zuerst von demjenigen, was wir in
+der menschlichen Gesellschaft zu beobachten haben, in so fern wir auf
+Verschiedenheit des Alters und des Geschlechts, auf Blutsfreundschaft,
+auf die ersten Bande des häuslichen Lebens und auf Freundschaft,
+Liebe, Dankbarkeit, Wohlwollen, endlich auf die Lagen mancher Art, in
+welche Menschen aus allen Ständen gerathen können, unser Augenmerk
+richten. Der dritte Theil aber wird die Pflichten entwickeln, die
+uns Stand, bürgerliche Verbindung, Uebereinkunft und alle übrigen
+zusammengesetztern Verhältnisse auflegen.
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+ Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter.
+
+
+ 1.
+
+Der Umgang unter Menschen von gleichen Jahren scheint freilich viel
+Vorzüge und Annehmlichkeit zu haben. Aehnlichkeit in der Denkungsart,
+und wechselseitige Austauschung solcher Ideen, die gleich lebhaft die
+Aufmerksamkeit und die Theilnahme erregen, ketten die Menschen an
+einander. Jedem Alter sind gewisse Neigungen und leidenschaftliche
+Triebe eigen. In der Folge der Zeit verändert sich die Stimmung; man
+rückt nicht so fort mit dem Geschmacke und der Mode; das Herz ist nicht
+mehr so warm, faßt nicht so leicht Interesse an neuen Gegenständen;
+Lebhaftigkeit und Phantasie werden herabgestimmt; manche glückliche
+Täuschungen sind verschwunden; viel Gegenstände, die uns theuer waren,
+sind um uns her abgestorben, entwichen, unsern Augen entrückt; die
+Gefährten unserer glücklichen Jugend sind fern von uns, oder schlummern
+schon im Grabe; der Jüngling hört die Erzählungen von den Freuden
+unserer schönsten Jahre nur aus Gefälligkeit ohne Gähnen an. Gleiche
+Erfahrungen geben reichhaltigern Stoff zur Unterhaltung, als wenn das,
+was ein Mensch erlebt hat, dem Andern ganz fremd ist. -- Das alles
+leidet keinen Widerspruch; doch rückt Verschiedenheit der Temperamente,
+der Erziehung, der Lebensart und der Erfahrungen diese Grenzlinien
+oft vor und zurück. Viele Menschen bleiben in gewissem Betrachte ewig
+Kinder, indeß Andere vor der Zeit Greise werden. Der an Leib und Seele
+abgestumpfte Jüngling, der alle Welt-Lüste bis zum Ekel geschmeckt hat,
+findet freilich wenig Genuß im Kreise junger unschuldiger Landleute,
+die noch Sinn für einfache Freuden haben: und der alte Biedermann, der
+nicht weiter, als höchstens in einem Umkreise von fünf Meilen sich
+von seiner Heimath entfernt hat, ist unter einem Haufen erfahrner und
+belebter Residenz-Bewohner, mit ihm von gleichem Alter, eben so wenig
+an seinem Platze, wie ein betagter Kapuziner in einer Gesellschaft
+von alten Gelehrten. Dagegen aber binden auch manche Neigungen, zum
+Beispiel die noblen Passionen der Jagd, des Spiels, der Medisance
+und des Trunks, vielfältig Greise, Jünglinge und alte Weiber recht
+herzlich an einander; diese Ausnahme von jener allgemeinen Bemerkung,
+von der Bemerkung: daß der Umgang unter Leuten von gleichen Jahren viel
+Vorzüge habe, kann indessen die Vorschriften nicht unkräftig machen,
+die ich jetzt über das Betragen, welches man im Umgange mit Menschen
+von verschiedenem Alter zu beobachten hat, mittheilen will. Nur muß
+ich noch eine Anmerkung hinzufügen: Es ist nicht gut, wenn eine zu
+bestimmte Absonderung unter Personen von verschiedenem Alter Statt
+findet, wie es zum Beispiel lange in Bern war, wo fast jedes Stufenjahr
+seine eignen, angewiesenen, gesellschaftlichen Cirkel hatte, so daß,
+wer vierzig Jahre alt war, anständiger Weise nicht mit einem Jünglinge
+von fünf und zwanzig Jahren umgehen konnte. Die Nachtheile eines
+solchen conventionellen Gesetzes sind wohl nicht schwer einzusehen.
+Der Ton, den die Jugend annimmt, wenn sie immer sich selbst überlassen
+ist, pflegt nicht der sittlichste zu seyn; manche gute Einwirkung wird
+verhindert; und alte Leute bestärken sich in der Selbstsucht, im Mangel
+an Duldung, und werden mürrische Hausväter, wenn sie keine andre, als
+solche Menschen um sich sehen, die mit ihnen gemeinschaftliche Sache
+machen, sobald von Lobeserhebung alter Zeiten und Heruntersetzung der
+gegenwärtigen, deren Ton und Vorzüge sie nie kennen lernen, die Rede
+ist.
+
+
+ 2.
+
+Selten nehmen ältere Leute so billige Rücksicht, daß sie sich in
+Gedanken an die Stelle jüngerer Personen setzten, die Freuden derselben
+nicht störten, sondern vielmehr zu befördern, und durch Theilnahme zu
+erhöhen suchten. Sie denken sich nicht in ihre eigenen Jugendjahre
+zurück; Greise verlangen von Jünglingen dieselbe ruhige, nüchterne,
+kaltblütige Ueberlegung, Abwägung des Nützlichen und Nöthigen gegen
+das Entbehrliche, dieselbe Gesetztheit, die ihnen Jahre, Erfahrung
+und physische Herabspannung gegeben haben. Die Spiele der Jugend
+scheinen ihnen unbedeutend, die Scherze leichtfertig. Es ist aber
+auch wahrlich erstaunlich schwer, sich so ganz in die Lage zurück zu
+denken, in welcher wir vor zwanzig oder dreißig Jahren waren, und bei
+dem besten Willen entstehen daraus manche unbillige Urtheile und manche
+Uebereilungen bei Erziehung der Jugend. -- O! lasset uns doch lieber
+selbst so lange als möglich jung bleiben, und, wenn der Winter unsers
+Lebens unser Haar bleicht, und nun das Blut langsamer durch die Adern
+rollt, das Herz nicht mehr so warm und laut im Busen pocht, doch mit
+theilnehmender Freude auf unsre jüngern Brüder herabsehen, die noch
+Frühlings-Blumen pflücken, wenn wir, dicht eingehüllt, am häuslichen,
+väterlichen Heerde Ruhe suchen! Lasset uns nicht durch platte
+Gemeinsprüche die süßen Freuden der Phantasie niederpredigen! Wenn wir
+zurückschauen auf ~jene seligen Tage~, wo ein einziger Liebesblick des
+holden Mädchens, das jetzt eine alte runzligte Matrone ist, uns bis
+in den dritten Himmel entzückte; wo bei Musik und Tanz jede Nerve in
+uns wiederhallte; wo Scherz und Witz jeden trüben Gedanken verjagten;
+wo süße Träume, Ahndungen und Hoffnungen, unser Leben erheiterten; --
+o! so lasset uns doch diese glückliche Periode bei unsern Kindern
+zu verlängern trachten, und, so viel möglich, an ihrem Wonnegefühle
+Theil nehmen! Mit zärtlicher Ehrerbietung drängen sich dann Kind,
+Knabe, Mädchen und Jüngling um den freundlichen alten Mann, der sie
+zu unschuldiger Fröhlichkeit aufmuntert. Ich bin als Jüngling mit so
+liebenswürdigen alten Damen umgegangen, daß ich wahrlich, wenn ich die
+Wahl gehabt hätte, an ihrer Seite lieber mein Leben hingebracht haben
+würde, als bei manchen hübschen, jungen Mädchen; und wenn bei großen
+Tafeln mich, als einen jungen Menschen, die Reihe traf, neben einer
+geistesarmen Schönheit Platz zu nehmen, habe ich oft den Mann beneidet,
+dem sein Rang ein Recht gab, der Nachbar einer verständigen, muntern
+alten Frau zu seyn.
+
+
+ 3.
+
+So schön aber diese gutmüthige Herablassung zu der Stimmung der Jugend
+ist, so lächerlich muß es uns vorkommen, wenn ein Greis so sehr Würde
+und Anstand verleugnet, daß er in Gesellschaft den Stutzer oder den
+lustigen Studenten spielt; wenn die Dame ihre vier Lustra vergißt,
+sich wie ein junges Mädchen kleidet, herausputzt, kokettirt, die
+alten Gliedmaßen beim Tanze durch einander wirft, oder gar späteren
+Generationen Eroberungen streitig machen will. Solche Scenen bewirken
+Verachtung: nie müssen Personen von gewissen Jahren Gelegenheit geben,
+daß die Jugend ihrer spotte, und die Ehrerbietung, oder irgend eine der
+Rücksichten vergesse, die man ihnen schuldig ist.
+
+
+ 4.
+
+Es ist indessen nicht genug, daß der Umgang älterer Leute den jüngern
+nicht lästig und hinderlich werde: er muß ihnen auch Nutzen schaffen.
+Eine größere Summe von Erfahrungen berechtigt und verpflichtet Jene,
+Diese zu unterrichten, zurechtzuweisen, ihnen durch Rath und Beispiel
+nützlich zu werden. Dieß muß aber ohne Pedanterei, ohne Stolz und
+Anmaßung geschehen, ohne auf eine lächerliche Weise alles anzupreisen,
+was alt, und alles zu verwerfen, was neu ist, ohne beständige Huldigung
+und unterthänige Aufwartung zu fordern, ohne Langeweile zu erregen, und
+ohne sich aufzudringen. Man soll sich vielmehr aufsuchen lassen; und
+das wird gewiß nicht fehlen, da gutgeartete junge Leute sich's zur Ehre
+zu rechnen pflegen, mit freundlichen und verständigen Greisen umgehen
+zu dürfen, und es der Unterhaltung mit einem solchen, der so Manches
+gesehen und erlebt hat, und davon gut zu erzählen weiß, nicht an Reiz
+fehlt.
+
+
+ 5.
+
+So viel über das Betragen bejahrter Personen gegen jüngere Leute! Jetzt
+noch etwas von dem Betragen der Jünglinge im Umgange mit Männern und
+Greisen!
+
+In unsern, von Vorurtheilen so säuberlich gereinigten, aufgeklärten
+Zeiten werden manche Empfindungen, welche die Natur uns eingeprägt hat,
+wegvernünftelt. Dahin gehört denn auch das Gefühl der Ehrerbietung
+gegen das hohe Alter. Unsre Jünglinge werden früher reif, früher klug,
+früher gelehrt; durch fleißige Lectüre, besonders der wohlgefüllten
+Journale, ersetzen sie, was ihnen an Erfahrung und Einsicht fehlt;
+dieß macht sie so weise, über Dinge entscheiden zu können, wovon man
+ehemals glaubte, es würde vieljähriges, ämsiges Studium dazu erfordert,
+nur einigermaßen ~klar~ darinn zu ~sehen~. Daher entsteht auch jenes
+kühne Selbstvertrauen und jene stolze Zuversicht, die schwächere Köpfe
+für Unverschämtheit halten, jene Ueberzeugung des eignen Werths, mit
+welcher unbärtige Knaben heut zu Tage auf alte Männer herabsehen, und
+alles verwerfen und verurtheilen, was nicht mit ihrer untrüglichen
+Ansicht übereinstimmt. Das Höchste, was ein Mann von ältern Jahren
+von diesen gestrengen Richtern erwarten darf, ist gnädige Nachsicht,
+züchtigende Kritik, wohlmeinende Zurechtweisung und Mitleiden mit ihm,
+der das Unglück gehabt hat, nicht in diesen glücklichen Tagen, in
+welchen die Weisheit, ungesäet und ungepflegt, wie Manna vom Himmel
+regnet, geboren worden zu seyn. Ich, der ich auch das Schicksal gehabt
+habe, in einem Jahre zur Welt zu kommen, in welchem der größte Theil
+der Polyhistoren, von denen ich hier rede, ihre jetzt so scharfen Zähne
+noch am Wolfszahn übten, oder gar noch Embryonen waren, -- ich habe
+es nicht zu jenem Grade der Aufklärung bringen können, und muß daher
+um Verzeihung bitten, wenn ich hier einige Regeln zu geben wage, die
+ziemlich nach der alten Mode schmecken werden. -- Doch zur Sache!
+
+
+ 6.
+
+Es gibt viel Dinge in dieser Welt, die sich durchaus nicht anders, als
+durch Erfahrung lernen lassen; es gibt Wissenschaften, die durchaus
+ein anhaltendes Studium, vielfaches Betrachten von verschiednen
+Seiten, und kältres Blut erfodern, daß ich glaube, auch das feurigste
+Genie, der feinste Kopf, sollte einem bejahrten Manne, der, selbst bei
+schwächern Geistesgaben, Alter und Erfahrung auf seiner Seite hat,
+in den mehrsten Fällen einiges Zutrauen, einige Aufmerksamkeit nicht
+versagen. Und wäre auch nicht von wissenschaftlichen Fächern die Rede,
+so ist doch wohl im Ganzen unleugbar, daß die Summe mannigfaltiger
+Erfahrungen, die jeder in der Welt lebende Mann in einer langen Reihe
+von Jahren einsammelt, ihn in den Stand setzt, schwankende Ideen zu
+berichtigen, idealische Grillen zu vertreiben und diejenigen zurecht
+zu weisen, die von ihrer aufgeregten Phantasie, ihrem warmen Blute
+und reizbaren Nerven irre geführt werden, und sie dahin zu bringen,
+daß sie die Menschen und die Dinge um sich her aus einem richtigern
+Gesichtspunkte betrachten. Endlich dünkt es mich so schön, so edel,
+Dem, welcher nun nicht lange mehr die Genüsse und Freuden dieser
+Welt schmecken kann, den Rest seines Lebens, in welchem gewöhnlich
+Sorgen und Kümmernisse zunehmen und der Genuß abnimmt, so leicht als
+möglich zu machen, daß ich kein Bedenken trage, dem Jünglinge und
+Knaben die uralte Lehre auf's neue zuzurufen: »Vor einem grauen Haupte
+sollst Du aufstehen! Ehre das Alter! Suche den Umgang ältrer kluger
+Leute! Verachte nicht den Rath der kältern Vernunft, die Warnung des
+Erfahrnen! Thue dem Greise, was Du willst, daß man Dir thun solle, wenn
+einst Deiner Scheitel Haar versilbert seyn wird! Pflege seiner, und
+verlaß ihn nicht, wenn die wilde, leichtfertige Jugend ihn flieht!«
+
+Uebrigens aber ist es auch gewiß, daß es sehr viele alte Gecke gibt,
+an welchen sich das Sprichwort: »Alter schadet der Thorheit nicht,«
+bewährt, und dagegen hie und da weise Jünglinge, die schon geerntet
+haben, wo Andre noch kaum ihr Handwerksgeräthe zum Graben und Pflügen
+schleifen.
+
+
+ 7.
+
+Nun noch etwas von dem Umgange mit Kindern; aber nur sehr wenig!
+Denn hiervon weitläuftig reden, das hieße, ein Werk über Erziehung
+schreiben, und dieß ist ja nicht mein Zweck.
+
+Der Umgang mit Kindern hat für einen verständigen Mann unendlich
+viel Interesse. Hier sieht er das Buch der Natur in unverfälschter
+Ausgabe aufgeschlagen. Er sieht den wahren, einfachen Grundtext, den
+man nachher nur unter dem Wuste von fremden Glossen, Verzierungen und
+Verbrämungen herausfinden kann; die Anlage zu der Eigenthümlichkeit
+des Charakters, die nachher leider gewöhnlich entweder ganz verloren
+geht, oder sich hinter der Larve der feinern Lebensart und hinter
+conventionelle Rücksichten versteckt, liegt noch offen da: über viele
+Dinge urtheilen Kinder, von Systemgeist, Leidenschaft und Gelehrsamkeit
+unverführt, weit richtiger, als Erwachsene; sie empfangen manche
+Eindrücke weit schneller, haben noch eine große Anzahl Vorurtheile
+weniger gefaßt. -- Kurz, wer Menschen studiren will, der versäume
+nicht, sich unter Kinder zu mischen! Allein der Umgang mit denselben
+erfordert auch eine Vorsicht und Behutsamkeit, eine Klugheit und
+Selbstbeherrschung, die im Umgange mit ältern Personen unnöthig ist.
+Heilige Pflicht ist es, ihnen auf keine Weise Aergerniß zu geben; sich
+leichtfertiger Reden und Handlungen zu enthalten, die von niemand so
+lebhaft, als von den, auf alles Neue so aufmerksam horchenden, und
+Alles so fein beobachtenden Kindern aufgefangen werden; ihnen in jeder
+Art Tugend, in Wohlwollen, Treue, Aufrichtigkeit und Anständigkeit
+Beispiel zu geben; -- kurz, zu ihrer Bildung alles nur Mögliche
+beizutragen.
+
+Immer herrsche Wahrheit in Deinen Reden und in Deinem Betragen gegen
+diese jungen Geschöpfe! Laß Dich herab (jedoch nicht auf eine Weise,
+die ihnen selbst lächerlich vorkommen muß) zu dem Tone, der ihnen nach
+ihrem Alter verständlich ist! Zerre, täusche und necke die Kinder
+nicht, wie einige Leute die Gewohnheit haben! -- das hat böse Einflüsse
+auf den Charakter.
+
+Gutgeartete Kinder werden durch einen ganz eignen Sinn zu edlen,
+liebevollen Menschen hingezogen, wenn diese sich auch nicht besonders
+mit ihnen zu thun machen, da sie hingegen Andre fliehen, ob sie ihnen
+gleich ausserordentlich gefällig sind. Reinheit, Güte und Einfalt des
+Herzens, ist das große Zauberband, wodurch dieß bewirkt wird, und dafür
+lassen sich also keine Vorschriften geben.
+
+Daß das Herz des Vaters und der Mutter an ihren Kindern hängt, ist sehr
+natürlich; eine Klugheits-Regel ist es also, wenn uns an der Gunst
+der Eltern gelegen ist, ihre geliebten Kinder nicht zu übersehen,
+sondern ihnen einige Aufmerksamkeit zu widmen! Weit entfernt von
+uns aber bleibe es, den ungezogenen Knaben und Mädchen der Großen
+niederträchtiger Weise zu schmeicheln, dadurch den Hochmuth, den
+Eigensinn und die Eitelkeit dieser mehrentheils schon so sehr
+verderbten kleinen Geschöpfe zu nähren, und ihre moralische Ausartung
+recht geflissentlich zu befördern, indem man das Grundgesetz der Natur
+übertritt, welches gebietet, daß das Kind dem reifen Alter, nicht aber
+der Mann dem Knaben huldige!
+
+Vor allen Dingen hüte man sich auch, wenn Eltern in unserer Gegenwart
+ihren Kindern Verweise geben, die Parthei der Kinder zu nehmen! denn
+dadurch werden diese in ihrer Unart bestärkt, und jene in ihrem
+Erziehungsplane gestört.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+ Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden.
+
+
+ 1.
+
+Das erste und natürlichste Band unter den Menschen, nächst der
+Vereinigung zwischen Mann und Weib, ist von jeher das Band zwischen
+Eltern und Kindern gewesen. Wenn gleich die Erzeugung an sich nicht
+eigentlich absichtliche Wohlthat für die neue Generation ist, so gibt
+es doch wohl wenig Menschen, die nicht ganz gut damit zufrieden wären,
+daß jemand sich die Mühe gegeben hat, sie in die Welt zu setzen; und
+obgleich in unsern Staaten die Eltern ihre Kinder nicht bloß aus freiem
+Willen auferziehen, nähren und pflegen, so ist es doch abgeschmackt,
+zu sagen: die Sorge und Beschwerde, welche dieß erfordert und nach
+sich zieht, lege keine Art von Verbindlichkeit auf, oder: es sey nicht
+wahr, daß ein Zug von Wohlwollen, Sympathie und Dankbarkeit uns denen
+Personen näher bringe, deren Fleisch und Blut wir sind, unter deren
+Herzen wir gelegen, die uns genährt, für uns gewacht, gesorgt, die
+alles mit uns getheilt haben. Es ist Versündigung gegen die Natur, dieß
+zu behaupten.
+
+Unmittelbar auf diese folgt die Verbindung unter den Zweigen ~eines~
+Stammes. Die Mitglieder derselben Familie, durch ähnliche Organisation,
+gleichförmige Erziehung und gemeinschaftliches Interesse harmonisch
+gestimmt und an einander geknüpft, fühlen für einander, was sie für
+Fremde nicht fühlen; und fremder werden ihnen die Menschen, je mehr
+sich dieser Kreis erweitert.
+
+Vaterlands-Liebe ist schon ein zusammengesetzteres Gefühl,
+aber immer noch inniger, wärmer und lebhafter, als Weltbürger-Geist,
+für einen Menschen, der nicht, früh verwiesen aus der bürgerlichen
+Gesellschaft, ein Abentheurer geworden ist, und von Land zu Land
+irrend, kein Eigenthum und keinen Sinn für bürgerliche Pflichten
+gewonnen hat. Wer die Mutter nicht liebt, deren Brüste er gesogen hat;
+wessen Herz bei dem Anblicke der Gefilde nicht warm wird, in welchen
+er die unschuldigen, glücklichen Jahre seiner Jugend fröhlich und
+sorgenlos verlebt hat: -- was für ein Eifer oder welche Theilnahme
+für das Wohl der Gesellschaft läßt sich von einem Solchen erwarten,
+da Eigenthum, Moralität, und alles, was den Menschen auf dieser Erde
+irgend theuer seyn kann, doch am Ende auf Erhaltung und Werthschätzung
+jener Familien- und Vaterlands-Bande beruhet?
+
+Daß aber diese Bande täglich lockrer werden, beweist nichts, als
+daß wir uns täglich weiter von der edlen Ordnung der Natur und
+deren Gesetzen entfernen; und wenn ein schiefer Kopf, den sein
+Vaterland als ein unbrauchbares Mitglied ausstößt, weil er sich den
+Gesetzen nicht unterwerfen will, unzufrieden mit dem Zwange, den
+ihm Sittlichkeit und bürgerliches Gesetz auflegen, behauptet, es
+sey des Philosophen würdig, alle engere Verbindungen aufzulösen,
+und kein anderes Band anzuerkennen, als das allgemeine Bruderband
+unter allen Erdbewohnern: so beweist das nichts weiter, als daß
+keine Behauptung so widersinnig und so närrisch ist, die nicht in
+unsern Tagen in irgend einem philosophischen Systeme als Grundpfeiler
+aufgestellt würde. -- Glückliches Jahrhundert, in welchem man so große
+Entdeckungen macht, wie zum Beispiel: daß man, um lesen zu lernen,
+nicht mit den Buchstaben und Silben bekannt zu seyn brauche, und
+daß man, um alle Menschen zu lieben, keinen Einzelnen lieben dürfe!
+Jahrhundert der Universal-Arzeneien, der Philalethen, Philantropen,
+Alchymisten und Cosmopoliten! wohin wirst Du uns noch führen? Ich sehe
+im Geiste allgemeine Aufklärung sich über alle Stände verbreiten;
+ich sehe den Bauer seinen Pflug müßig stehen lassen, um dem Fürsten
+über Gleichheit der Stände und über die Schuldigkeit, die Last des
+Lebens gemeinschaftlich zu tragen, eine Vorlesung zu halten; ich
+sehe, wie Jeder die ihm unbequemen Vorurtheile wegraisonnirt, wie
+Gesetze und bürgerliche Einrichtung der Willkühr weichen, wie der
+Klügre und Stärkre sein natürliches Herrscher-Recht zurückfordert,
+und seinen Beruf, für das Beste der ganzen Welt zu sorgen, auf Kosten
+der Schwächern gültig macht; wie Eigenthum, Staats-Verfassungen und
+Grenzlinien aufhören, wie Jeder sich selbst regiert, und sich ein
+System zur Befriedigung seiner Triebe erfindet. -- O gebenedeietes,
+goldenes Zeitalter! dann machen wir Alle nur ~eine~ Familie aus; dann
+drücken wir den edeln, liebenswürdigen Menschenfresser brüderlich an
+unsre Brust, und wandeln, wenn dies Wohlwollen sich erweitert, endlich
+auch mit dem genialen Orang-Outang Hand in Hand durch dies Leben. Dann
+fallen alle Fesseln ab; dann schwinden alle Vorurtheile; ich brauche
+nicht meines Vaters Schulden zu bezahlen, habe nicht nöthig, mich
+mit ~einem~ Weibe zu begnügen, und das Schloß vor meines Nachbars
+Geldkasten ist kein Hinderniß, mein angeborenes Recht auf das Gold, das
+die mütterliche Erde uns Allen darreicht, in Ausübung zu bringen[4].
+
+So weit sind wir nun aber noch nicht gekommen; und da es viele Menschen
+gibt, unter die auch ich gehöre, die sich von der Schwachheit nicht
+losmachen können, ihre Verwandten zu lieben, und Sinn für häusliche
+Freuden, für das Familienband zu haben, so will ich doch hier einige
+Bemerkungen über den Umgang unter Blutsfreunden liefern.
+
+
+ 2.
+
+Es gibt Eltern, die, in einem beständigen Wirbel von Zerstreuungen
+umhergetrieben, ihre Kinder kaum ein Paar Stunden des Tages sehen,
+ihren Vergnügungen nachrennen, und indeß Miethlingen die Bildung ihrer
+Söhne und Töchter überlassen, oder, wenn diese schon erwachsen sind,
+mit ihnen auf einem so fremden, höflichen Fuße leben, als ob sie ihnen
+gar nicht angehörten. Wie unnatürlich und unverantwortlich ein solches
+Verfahren sey, das bedarf wohl keines Beweises. Es gibt aber andre
+Eltern, die von den Kindern eine so sclavische Ehrerbietung und so viel
+peinliche Rücksichten und Aufopferungen fordern, daß durch den Zwang
+und den gewaltigen Abstand, der hieraus entsteht, alles Zutrauen, alle
+Herzens-Ergießung wegfällt, so daß den Kindern die Stunden, welche
+sie an der Seite ihrer Eltern hinbringen müssen, fürchterlich und
+langweilig vorkommen. Noch Andre vergessen, daß Knaben auch endlich
+Männer werden; sie behandeln ihre erwachsenen Söhne und Töchter immer
+noch wie kleine Unmündige, gestatten ihnen nicht den geringsten freien
+Willen, und trauen den Einsichten derselben nicht das Mindeste zu.
+-- Das alles sollte nicht so seyn. Ehrerbietung besteht nicht in
+feierlicher, kalter und strenger Entfernung, sondern kann recht gut
+mit liebevoller Vertraulichkeit und freier Mittheilung bestehen. Man
+liebt Den nicht, an welchen man kaum hinauf zu schauen wagen darf;
+man vertrauet sich dem nicht, der immer mit steifem Ernste Gesetz
+predigt; Zwang tödtet alle edle, freiwillige Hingebung. Was kann
+hingegen entzückender seyn, als der Anblick eines geliebten Vaters
+mitten unter seinen erwachsenen Kindern, die nach seinem weisen und
+freundlichen Umgange sich sehnen, keinen Gedanken ihres Herzens vor
+~dem~ verbergen, der ihr treuester Rathgeber, ihr nachsichtsvoller
+Freund ist, der an ihren unschuldigen, jugendlichen Freuden Theil
+nimmt, oder sie wenigstens nicht stört, und mit ihnen als mit seinen
+besten und natürlichsten Freunden lebt! -- Eine Verbindung, zu welcher
+sich alle Empfindungen vereinigen, die nur den Menschen theuer seyn
+können. -- Stimme der Natur, Sympathie, Dankbarkeit, Aehnlichkeit des
+Geschmacks, gleiches Interesse und Gewohnheit des Umgangs! Allein diese
+Vertraulichkeit kann auch übertrieben werden, und ich kenne Väter und
+Mütter, die sich dadurch verächtlich machen, daß sie die Gefährten der
+Ausschweifungen ihrer Kinder, oder gar, wenn diese besser sind, als sie
+selbst, mit ihren Lastern, die sie nicht einmal zu verbergen suchen,
+das Gespötte oder der Abscheu derer werden, denen sie ein Vorbild der
+Tugend seyn sollten.
+
+
+ 3.
+
+Es ist in unsern Tagen nichts Seltenes, Kinder zu sehen, die ihre
+Eltern vernachlässigen, oder undankbar, unehrerbietig und unedel
+behandeln. Die Jünglinge finden ihre Väter nicht weise, nicht
+unterhaltend, nicht aufgeklärt genug. Das Mädchen hat Langeweile bei
+der alten Mutter, und vergißt, wie manche langweilige Stunde diese
+bei seiner Wiege, bei Wartung desselben in gefährlichen Krankheiten,
+oder bei den kleinen schmutzigen Arbeiten zugebracht, wie sie sich in
+den schönsten Jahren ihres Lebens so manches Vergnügen versagt hat,
+um für die Erhaltung und Pflege des kleinen ekelhaften Geschöpfs zu
+sorgen, das vielleicht ohne diese Sorgfalt nicht mehr da seyn würde.
+Die Kinder vergessen, wie viel schöne Stunden sie ihren Eltern durch
+ihr betäubendes Geschrei verdorben, wie viel schlaflose Nächte sie
+dem sorgsamen Vater gemacht haben, der alle Kräfte aufbot, für seine
+Familie zu arbeiten, der sich so manche Bequemlichkeit entziehen,
+so mancher Beschwerde unterwerfen, und vielleicht vor Schurken sich
+krümmen mußte, um Unterhalt für die Seinigen zu erringen. Gutgeartete
+Gemüther werden indessen nie so sehr das Gefühl der Dankbarkeit
+ersticken, daß sie meiner Ermahnungen bedürften; und für niedre Seelen
+schreibe ich nicht. Nur erinnere ich, daß, wenn auch Kinder Ursache
+hätten, sich der Schwachheiten, oder gar der Laster ihrer Eltern
+zu schämen, sie doch weiser und edler handeln, wenn sie die Fehler
+derselben so viel möglich zu verstecken suchen, und im äussern Umgange
+nie die Ehrerbietung aus den Augen setzen, die sie ihnen auch selbst
+bei Verirrungen und Fehltritten schuldig sind. Segen des Himmels
+und Achtung aller gutgesinnten Menschen sind der sichere Preis der
+Sorgfalt, welche die Söhne und Töchter auf die Pflege, Erhaltung und
+liebevolle Behandlung ihrer Eltern verwenden. Traurig ist die Lage
+eines Kindes, welches durch die Uneinigkeit, in welcher seine Eltern
+leben, oder durch ihre leidenschaftlichen Ausbrüche in Verlegenheit
+geräth, Parthei ~für~ oder ~gegen~ Vater oder Mutter nehmen zu sollen.
+Vernünftige Eltern werden es aber immer sorgfältig vermeiden, ihre
+Kinder in solche unglückliche Zwistigkeiten zu verwickeln, und gute
+Kinder werden dabei mit Vorsichtigkeit und Zartgefühl zu Werke gehen,
+und sich eben so sehr von Redlichkeit und Klugheit leiten lassen.
+
+
+ 4.
+
+Man hört so oft darüber klagen, daß man unter fremden Leuten mehr
+Schutz, Beistand und Anhänglichkeit finde, als bei seinen nächsten
+Blutsfreunden; allein ich halte diese Klage größtentheils für
+ungerecht. Freilich gibt es unter Verwandten Menschen ohne Liebe und
+Theilnahme, und in einer zahlreichen Familie müssen sie allerdings
+häufiger vorkommen, so daß wohl Mancher unter Fremden mehr Wohlwollen
+und Zuneigung findet, als unter seinen nächsten Anverwandten; aber wer
+dies Schicksal hat, spreche sich nicht von der Verschuldung frei, und
+seufze nicht zu sehr darüber, wenn ihm nahe Verwandte Theilnahme und
+Aufmerksamkeit schuldig bleiben; und suche Trost bei der Freundschaft.
+Auch fordert man wohl oft von seinen Herren Oheimen und Frauen Basen
+mehr, als man billiger Weise verlangen sollte. Unsre politischen
+Verfassungen, und der täglich mehr überhandnehmende Luxus machen es
+wahrlich nothwendig, daß Jeder vor allem für sein Haus, für Weib und
+Kinder sorge, und die Herren Vettern für sich selbst sorgen lasse, die
+oft, als unwissende und verschwenderische Tagediebe, in der sichern
+Zuversicht, von ihren mächtigen und reichen Verwandten nicht verlassen
+zu werden, sorglos in die Welt hinein leben. Unmöglich kann der Mann,
+dem Pflicht und Gewissen heilig sind, solche Erwartungen befriedigen,
+ohne ungerecht gegen Andre zu handeln. Um nun diesen unangenehmen
+Collisionen sich nie auszusetzen, rathe ich, zwar die herzliche
+Vertraulichkeit, die den Umgang im Familien-Kreise so angenehm macht,
+nicht zu verletzen, aber so wenig als möglich bei Blutsfreunden
+Erwartungen von Unterstützungen und Schutz zu nähren und zu erwecken,
+wohl aber jede Gelegenheit, sich seiner Verwandten anzunehmen, in
+so fern es ohne Unbilligkeit gegen bessere Menschen geschehen kann,
+freudig zu ergreifen, ohne gerade zu fordern, daß es immer mit
+Dankbarkeit erkannt und mit Klugheit benutzt werden solle. Dagegen ist
+es höchst gewissenlos, wenn man sich von der Vorliebe für Verwandte
+verleiten läßt, Menschen ohne Talent und ohne guten Willen zu wichtigen
+Aemtern zu verhelfen, und Verdienstvolle zurückzudrängen.
+
+Ausserdem läßt sich auf den Umgang mit Verwandten noch dasjenige
+anwenden, was weiter unten von dem Umgange unter Eheleuten und Freunden
+wird gesagt werden, nämlich, daß Menschen, die sich lange kennen, und
+oft ohne Larve und Schminke sehen, doppelt vorsichtig in ihrem Betragen
+seyn müssen, damit einer des Andern nicht müde, und wegen kleiner
+Fehler nicht blind gegen größere Tugenden werde.
+
+Endlich wäre es auch zu wünschen, daß zahlreiche Familien in mittlern
+Städten nicht ganz ausschließend ~unter sich~ leben möchten, weil
+dadurch die Gesellschaft in kleine abgesonderte Theile zerschnitten
+wird, und eine starre Einseitigkeit und Eintönigkeit sich erzeugt,
+neben der Selbstsucht, die ebenfalls durch solche Abgeschlossenheit
+eine zu reiche Nahrung erhält, und neben der Unfreundlichkeit, mit
+welcher gewöhnlich Fremde in solchen Familien behandelt werden, so daß
+sie gleichsam verrathen und verkauft sind.
+
+Doch nun noch ein Paar Anmerkungen! Die erste: alte Vettern und
+Tanten, besonders unverheirathete, pflegen so gern zu hofmeistern,
+ihre podagrischen und hysterischen Launen an ihren erwachsenen Nichten
+und Neffen auszulassen, und diese zu behandeln, als liefen sie noch
+im Rollwägelchen herum. -- Ich denke, das sollten sie bleiben lassen.
+Dadurch sind wirklich die alten Tanten und Onkel zum Sprichworte
+geworden, und manche Erbschaft wird doch in der That zu theuer erkauft,
+wenn man dafür so viel einschläfernde, saft- und kraftlose Predigten
+anhören muß. Auch sorgen alte Leute gar schlecht für sich selbst und
+ihren Lebensabend, wenn sie durch Straf- und Sittenpredigten die junge
+Welt von sich zurückstoßen, da sie gewiß von ihren jungen Verwandten
+mit Freuden liebevoll gepflegt und gewartet werden würden, wenn
+sie weniger säuerlich in ihrem Betragen gegen sie wären. Die andre
+Anmerkung: Es herrscht in manchen Städten, besonders in Reichsstädten,
+ein äußerst steifer und übler Ton unter den Personen ~einer~ Familie.
+Bürgerliche, ökonomische und andre Rücksichten zwingen sie, sich oft
+zu sehen, und dennoch zanken, necken, hassen sie sich unaufhörlich
+unter einander, und machen sich dadurch das Leben sehr schwer. Wo gar
+keine Sympathie in der Denkungsart Statt findet, wo gar keine Einigkeit
+und Freundschaft herrschet, da lasse man sich doch lieber ungeplagt,
+betrage sich höflich gegen einander, wähle sich aber Freunde nach
+seinem Herzen!
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+ Von dem Umgange unter Eheleuten.
+
+
+ 1.
+
+Eine weise und verständige Wahl bei Knüpfung der wichtigsten Verbindung
+im menschlichen Leben ist freilich das sicherste Mittel, um in der Ehe
+glücklich zu seyn, und im Umgange mit dem Gatten die reinsten Freuden
+des Lebens zu finden. Aber diese Wahl gelingt, wie die Erfahrung
+lehrt, selbst den Einsichtsvollsten und Gebildetsten nur selten; die
+meisten lassen sich von Gefühlen und von ihrer gereizten Sinnlichkeit
+übermannen, und greifen fehl. Wie selten, daß gleichgestimmte Seelen
+sich in der Ehe vereinigen, und wie oft dagegen, daß Menschen
+sich vereinigen, deren Neigungen, Gesinnungen und Charaktere im
+vollkommensten Widerspruche stehen. Gewiß ist die Lage solcher Eheleute
+(und ein solcher Ehestand heißt wohl mit Recht ein Wehestand) höchst
+traurig, eine Existenz voll immerwährender herber Aufopferung, ein
+Stand der schwersten Sclaverei, ein Seufzen unter den eisernen Fesseln
+der Nothwendigkeit, ohne Hoffnung einer andern Erlösung, als wenn der
+dürre Knochenmann mit seiner Sense dem Unwesen ein Ende macht.
+
+Nicht weniger unglücklich ist dies Band, wenn auch nur von ~einer~
+Seite Unzufriedenheit und Abneigung die Ehe verbittern, wenn nicht
+freie Wahl, sondern politische oder ökonomische Rücksichten, Zwang,
+Verzweiflung, Noth, Dankbarkeit, +dépit amoureux+, ein Ungefähr, eine
+Grille, oder nur körperliches Bedürfniß, wobei das Herz keine Stimme zu
+geben hatte, die Verbindung knüpfte; wenn der eine Theil, unbescheiden
+und ungerecht in seinen Forderungen, immer nur empfangen, nie geben
+will, unaufhörlich begehrt, Befriedigung aller Bedürfnisse, Hülfe,
+Rath, Aufmerksamkeit, Unterhaltung, Vergnügen, Trost im Leiden fordert,
+-- und dagegen nichts leistet. Wähle also mit großer Vorsicht die
+Gefährtin Deines Lebens, und frage nicht bloß Dein leicht getäuschtes
+Herz, laß Dich nicht bloß von sinnlichem Wohlgefallen bestimmen, wenn
+Deine künftige häusliche Glückseligkeit nicht ein Spiel des Zufalls
+seyn soll!
+
+
+ 2.
+
+Erwägt man aber, daß gewöhnlich auch diejenigen Ehen, welche auf eigner
+Wahl beruhen, in einem Alter und unter Umständen geschlossen werden,
+wo weniger reife Ueberlegung und Vernunft, als blinde Leidenschaft
+und Naturtrieb diese Wahl bestimmen, obgleich man im Brautstande
+wohl sehr viel von Sympathie und Herzenshange träumt oder schwatzt:
+so sollte man sich beinahe darüber verwundern, daß es noch so viel
+glückliche Ehen in der Welt gibt. Aber die weise Vorsehung hat alles
+so herrlich geordnet, daß eben das, was diesem Glücke im Wege zu
+stehen scheint, dasselbe vielmehr befördert. Ist man in den Jahren der
+Jugend weniger geschickt zu weiser Wahl, so ist man von der andern
+Seite auch noch geschmeidiger, leichter zu leiten, zu bilden, und
+nachgiebiger, als in dem reifern Alter. Die Ecken -- möchten sie auch
+noch so scharf seyn! -- schleifen sich leichter an einander ab, und
+fügen sich, wenn der Stoff noch weich ist. Man nimmt die Sachen nicht
+so genau, wie nachher, wenn Erfahrung und Schicksale uns ekel und
+vorsichtig gemacht, und große Forderungen in uns erweckt haben; wenn
+die kältere Vernunft alles abwägt, jeden Verlust an Genuß sehr hoch
+anschlägt, und ängstlich genau berechnet, wie wenig Jahre man noch
+vielleicht zu leben habe, und wie geizig man mit Zeit und Vergnügen
+seyn müsse. Entstehen unter jungen Eheleuten leicht Zwistigkeiten, so
+ist auch die Versöhnung desto leichter gestiftet. Widerwille und Zorn
+fassen nicht so feste Wurzel; und da die Sinnlichkeit hier als die
+kräftigste Vermittlerin auftritt, so wird oft der heftigste Streit
+durch eine einzige eheliche Umarmung wieder geschlichtet. Dazu kommen
+denn nach und nach Gewohnheit, Bedürfniß mit einander zu leben,
+gemeinschaftliches Interesse, häusliche Geschäfte, die uns nicht viel
+Zeit zu müßigen Grillen lassen, Freude an Kindern, gemeinschaftliche
+Sorgfalt für ihre Erziehung und Versorgung, -- welches alles, statt die
+Last des Ehestandes zu erschweren, in den Jahren, wo Jugend, Kräfte
+und Munterkeit mitwirken, dies Joch sehr süß macht, und manche reine
+oder unverhoffte Freude gewährt, welche doppelt genossen wird, wenn
+man sie mit einer zärtlichen und feinfühlenden Gattin theilt. Nicht
+also im männlichen Alter. Da fordert man mehr für sich, will ernten,
+genießen, nicht neue Bürden übernehmen; man will gepflegt seyn; der
+Charakter hat eine starre Festigkeit erlangt, und mag sich nicht mehr
+umformen lassen; die Begierden dringen nicht so laut auf Befriedigung.
+Nur wenig Ausnahmen mögten hier Statt finden, und diese nur unter
+den edelsten Menschen, die bei zunehmenden Jahren nachsichtiger,
+sanfter werden, und, fest überzeugt von der allgemeinen Schwäche der
+menschlichen Natur, wenig fordern und gern mit Aufopferung leisten, was
+gefordert werden mag; aber immer ist dies eine Art von Heroismus, eine
+heldenmüthige Selbstverleugnung, und hier ist ja von wechselseitiger
+Glückseligkeits-Beförderung die Rede; -- darum kann man wohl in diesem
+Alter nicht behutsam genug bei der Wahl einer Gattin zu Werke gehen,
+nicht ernsthaft genug die Warnung bedenken: der Wahn ist kurz, die
+Reu ist lang. Wer sich in männlichen Jahren auf diese Weise übereilt,
+der mag dann die Folgen von den Thorheiten tragen, zu welchen ein
+Jünglings-Kopf auf Mannes-Schultern verführt!
+
+
+ 3.
+
+Ich glaube nicht, daß eine völlige Gleichheit in Temperamenten,
+Neigungen, Denkungsart, Fähigkeiten und Geschmack, durchaus erfordert
+werde, um eine zufriedene Ehe zu stiften, vielmehr mag wohl zuweilen
+gerade das Gegentheil (nur nicht in zu hohem Grade, noch in
+Haupt-Grundsätzen, noch ein zu beträchtlicher Unterschied von Jahren)
+mehr Glück gewähren. Bei einem Bande, das auf gemeinschaftlichem
+Interesse beruht, und wo alle Ungemächlichkeit des einen Theils
+zugleich mit auf den andern fällt, ist es, zur Vermeidung übereilter
+Schritte und deren Folgen, oft sehr gut, wenn die zu große
+Lebhaftigkeit, das rasche Feuer des Mannes, durch Sanftmuth oder ein
+wenig Phlegma von Seiten des Weibes gedämpft wird, und umgekehrt.
+So würde auch mancher Haushalt zu Grunde gehen, wenn beide Eheleute
+gleichviel Lust an Aufwand, Pracht, Ueppigkeit, einerlei Liebhaberei,
+oder gleichviel Hang zu einer nicht immer wohlgeordneten Wohlthätigkeit
+und Geselligkeit hätten; und da unsre jungen Roman-Leser und Leserinnen
+gemeiniglich die Ideale zu ihren künftigen Lebens-Gefährten nach ihrem
+eignen werthen Ich schnitzeln, so ist es doch so übel nicht, wenn
+zuweilen ein alter grämlicher Vater oder Vormund einen Querstrich durch
+dergleichen Verbindungsplane macht. -- So viel nur von der Wahl des
+Gatten! und das ist beinahe schon mehr, als eigentlich hieher gehört.
+
+
+ 4.
+
+Wichtig ist die Sorgfalt, welche Eheleute anwenden müssen, wenn sie
+sich täglich sehen und immer wieder sehen müssen, daß dieser enge
+und vertraute Umgang ihrer Liebe nicht nachtheilig werde, und sie
+nicht verleite, ungerecht gegen einander zu werden. Denn da sie
+Muße und Gelegenheit genug haben, Einer mit des Andern Fehlern und
+Launen bekannt zu werden, und selbst durch die kleinsten derselben
+manche Ungemächlichkeit leiden müssen, so kann es leicht geschehen,
+daß sie sich gegenseitig lästig, langweilig, kalt und gleichgültig
+gegen einander werden, oder gar Ekel und Abneigung empfinden.
+Hier ist also weise Vorsicht im Umgange nöthig. Verstellung würde
+hier das unglücklichste und strafbarste Mittel seyn; aber einer
+gewissen Achtsamkeit auf sich selbst, und der möglichsten Entfernung
+alles dessen, was sicher widrige Eindrücke machen muß, soll man
+sich befleißigen. Man setze daher vor allen nie gegen einander
+jene Gefälligkeit und Artigkeit aus den Augen, die sehr wohl mit
+Vertraulichkeit bestehen mag, und die den Mann von feiner Erziehung
+bezeichnet! Ohne sich durch Kaltsinn und Entfernung fremd zu werden,
+sorge man doch dafür, daß man nicht durch oft wiederholte Gespräche
+über dieselben Gegenstände einander langweilig werde, daß man sich
+nicht gleichsam auswendig lerne, so daß endlich jedes Gespräch der
+Eheleute unter vier Augen lästig scheint, und man sich nach fremder
+Unterhaltung sehnt! Ich kenne einen Mann, der eine Anzahl Anekdötchen
+und Einfälle besitzt, die er nun schon so oft seiner Frau, und in
+deren Gegenwart fremden Leuten ausgekramt hat, daß man dem guten Weibe
+jedesmal Ekel und Ueberdruß ansieht, so oft er mit einem dergleichen
+Stückchen angezogen kömmt. Wer gute Bücher liest, Gesellschaften
+besucht, und nachdenkt, der wird ja täglich neuen Stoff zu anziehenden
+Gesprächen finden; aber freilich reicht dieser nicht zu, wenn man den
+ganzen Tag müssig einander gegenüber sitzt; und man darf sich daher
+nicht wundern, wenn man Eheleute antrifft, die, um dieser tödtenden
+Langenweile auszuweichen, die sie einander verursachen, wenn gerade
+keine andere Gesellschaft aufzutreiben ist, mit einander halbe Tage
+lang Piquet spielen, oder sich zusammen an einer Flasche Wein ergötzen.
+Sehr gut ist es daher, wenn der Mann bestimmte Berufsarbeiten hat,
+die ihn wenigstens einige Stunden täglich an seinen Schreibtisch
+fesseln, oder ausser Hause rufen; wenn zuweilen kleine Abwesenheiten,
+Reisen in Geschäften und dergleichen seiner Gegenwart neuen Reiz geben.
+Ihn erwartet dann sehnsuchtsvoll die treue Gattin, die indeß ihrem
+Hauswesen vorgestanden und alles für seine Wiederkunft geschmückt
+und gesäubert hat. Sie empfängt ihn liebreich und freundlich; die
+Abendstunden gehen unter frohen Gesprächen, bei Verabredungen, die das
+Wohl ihrer Familie zum Gegenstande haben, im häuslichen Cirkel vorüber,
+und man wird sich einander nie überdrüssig. Es gibt eine feine,
+bescheidene Art, sich rar zu machen, zu veranlassen, daß man sich nach
+uns sehne; diese soll man studiren. Auch im Aeussern soll man alles
+entfernen, was zurückscheuchen könnte. Man soll sich seinem Gatten,
+seiner Gattin, nicht in einer ekelhaften, schmutzigen Kleidung zeigen,
+sich zu Hause nicht zu viel Unmanierlichkeiten erlauben -- das ist man
+ja schon sich selber schuldig -- und vor allen Dingen, wenn man auf dem
+Lande lebt, nicht ~verbauern~, nicht pöbelhafte Sitten, noch niedrige,
+plumpe Ausdrücke im Reden annehmen, noch unreinlich, nachlässig an
+seinem Körper werden. Denn wie ist es möglich, daß eine Frau, die
+unaufhörlich an ihrem Manne Fehler und Unanständigkeiten wahrnimmt,
+von welchen sie alle übrige, mit welchen sie umgeht, frei erblickt,
+denselben vor allen andern gern sehen, schätzen und lieben könne? Noch
+einmal! wenn die Ehe ein Stand der unaufhörlichen Selbstverleugnung
+und Aufopferung wird, wenn ihre Pflichten als ein schweres Gewicht auf
+uns liegen: dann kann sie nur ein Zustand der Qual, keine Quelle der
+Zufriedenheit seyn.
+
+
+ 5.
+
+Eine Haupt-Vorschrift aber für alle Stände und für alle Verhältnisse
+wende man auch auf den Ehestand an! Sie ist diese: Erfülle so
+sorgsam, so pünktlich, so nach einem festen Plane und nach festen
+Grundsätzen Deine Pflichten, daß Du, wo möglich, darin alle Deine
+Bekannten übertreffest: so wirst Du auch auf die wärmste Hochachtung
+Deines Ehegatten Anspruch machen können, und in der Folge alle
+Diejenigen verdunkeln, welche nur durch ~einzelne~ glänzende
+Eigenschaften augenblickliche vortheilhafte Eindrücke machen. Aber
+erfülle sie auch alle, diese Pflichten! Der Mann prahle nicht etwa
+mit seiner Uneigennützigkeit, mit seinem Fleisse, mit seiner guten
+Hauswirthschaft, mit der Achtung guter Männer, indeß er sich in der
+Stille wöchentlich ein paarmal ein Räuschchen trinkt! Die Frau poche
+nicht auf ihre Keuschheit und unverletzte Treue, welche vielleicht das
+Verdienst des Zufalls oder eines kalten Temperaments ist, indem sie
+sorglos die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigt! Nein; wer Achtung
+und Zuneigung als Pflicht fordert, der muß auch Achtung und Zuneigung
+zu verdienen wissen; und wenn Du willst, daß Deine Frau Dich unter
+allen Menschen am mehrsten ehren und lieben solle, so verlaß Dich
+nicht darauf, daß sie Dir's am Altare versprochen hat, -- wer kann so
+etwas versprechen? -- sondern darauf, daß Du alle Kräfte aufbieten
+willst, besser zu seyn als Andre! aber besser in jedem Betrachte; nur
+den Folgen nach lassen sich Tugenden und Laster klassificiren; denn
+übrigens sind sie alle gleich wichtig, und ein sorgloser Hausvater
+ist eben so strafbar, wie ein unkeusches Eheweib. Allein das ist der
+Menschen gewöhnliche Art zu handeln! Sie eifern gegen Laster, zu
+welchen sie keinen Hang haben, und denken nicht, daß die Verabsäumung
+wichtiger Tugenden ein so schweres Verbrechen ist, wie die Ausübung
+einer bösen That. Ein altes Weib verfolgt mit wüthendem Grimm ein armes
+junges Mädchen, das durch Temperament und Verführung zu einem Fehltritt
+ist verleitet worden; daß aber die gute Matrone ihre Kinder in
+thierischer Vernunftlosigkeit hat aufwachsen lassen, darüber glaubt sie
+keine Verantwortung geben zu dürfen: -- hat sie doch nie die eheliche
+Treue verletzt! -- Sorgsame Pflicht-Erfüllung ist also das sicherste
+Mittel, um der fortdaurenden Zärtlichkeit seines Ehegatten gewiß zu
+seyn, denn Hochachtung ist die kräftigste Nahrung für die Liebe.
+
+
+ 6.
+
+Bei dem Allen aber wird es nicht fehlen, daß nicht zuweilen fremde
+liebenswürdige Menschen auf kurze Zeit vortheilhaftere Eindrücke auf
+Ehegenossen machen sollten, als sie ihrer Ruhe wegen wünschen und ihrer
+Eitelkeit wegen fürchten möchten. Es ist nicht zu erwarten, daß, wenn
+die erste blinde Liebe verraucht ist, -- und die verraucht denn doch
+bald, -- eine so zärtliche Vorliebe eintreten wird, daß man gegen die
+Vorzüge anderer Leute gänzlich blind und gefühllos seyn sollte. Dazu
+kommt, daß Personen, mit denen wir seltener umgehen, sich immer von
+ihren besten Seiten zeigen und uns mehr schmeicheln, als die, mit
+denen wir täglich leben. Eindrücke von der Art werden aber bald wieder
+verschwinden, wenn nur der Gatte fortfährt, seine Pflichten treulich zu
+erfüllen, und wenn er keinen niedrigen Neid, keine närrische Eifersucht
+blicken läßt, die ohnehin nie gute, sondern allemal schlimme Folgen
+hat. Liebe und Achtung lassen sich nicht erzwingen, nicht ertrotzen;
+ein Herz, das bewacht werden muß, ist wie der Mammon eines Geizigen,
+mehr eine unnütze Last, als ein wahrer Schatz, und man wird seiner nie
+froh; Widerstand reizt; keine Wachsamkeit ist so groß, daß sie nicht
+hintergangen werden könnte, und es liegt in der Natur des Menschen, daß
+man ein Gut, das vielleicht sonst gar keinen Reiz für uns haben würde,
+doppelt eifrig wünscht, sobald der Besitz desselben mit Schwierigkeiten
+für uns verbunden ist.
+
+Jene kleinen Künste, die häufig unter Verliebten angewandt werden,
+durch welche man, um die Liebe des andern Theils mehr anzufeuern, mit
+Vorsatz Eifersucht zu erregen sucht, sollten Eheleute verschmähen. Bei
+einem Bündniß, das auf gegenseitiger Hochachtung beruhen soll, darf man
+sich durchaus keiner schiefen Mittel bedienen. Glaubt meine Frau, ich
+sey fähig, meine Pflicht und Zärtlichkeit gegen sie fremden Neigungen
+aufzuopfern, so muß das ihre eigene Achtung gegen mich vermindern; und
+merkt sie hingegen, daß ich nur Spielwerk mit ihr treiben will: so ist
+das mehr, als verlorne Arbeit, die noch obendrein oft ernstliche Folgen
+haben kann.
+
+Wenn auch auf kurze Zeit der Mann seinem Weibe, oder die Frau ihrem
+Gatten Veranlassung zur Unzufriedenheit und Eifersucht gibt, so wird
+doch diese kleine Herzens-Verirrung, wenn der leidende Theil nur
+fortfährt, seinen Pflichten treu zu seyn, nicht von langer Dauer seyn,
+wenn es nur nicht zu leidenschaftlichen Ausbrüchen des Unwillens kommt.
+Bei kaltblütiger Prüfung wird der Gedanke sich geltend machen: bewährte
+Liebe und Treue kann durch keine Liebenswürdigkeit ersetzt werden,
+und erprobte Mutterliebe und Vatertreue sind unschätzbar. -- Und ein
+solcher Triumph der ausharrenden Liebe und Sanftmuth, komme er früh
+oder spät, ist sehr süß, und macht alle ausgestandene Leiden vergessen.
+
+
+ 7.
+
+Klugheit und Rechtschaffenheit aber erfordern, daß man sich selber
+gegen die Eindrücke größerer Liebenswürdigkeit, welche fremde Personen
+auf uns machen könnten, waffne. In der frühen Jugend, wenn die
+Phantasie lebhaft ist, die Begierden heftig wirken, und das Herz noch
+oft mit dem Kopf davon läuft, würde ich rathen, solchen gefährlichen
+Versuchungen sorgfältig auszuweichen; ein junger Mann, welcher
+merkt, daß ein Frauenzimmer, mit dem er umgeht, ihm vielleicht einst
+besser, als seine Frau, gefallen, wildes Feuer in ihm entzünden,
+oder wenigstens seine häusliche Glückseligkeit stören könnte, thut
+wohl, wenn er, in so fern er sich nicht Festigkeit genug zutrauet --
+und er urtheilt weise, wenn er sich diese nicht leicht zutrauet, --
+den verführerischen Umgang, so viel möglich, meidet, damit er ihm
+nicht zum Bedürfnisse werde und sein Herz überwältige. Diese Vorsicht
+ist am nöthigsten gegen die feinern Koketten, die, ohne eben Plane
+auf Verletzung der Ehre zu haben, ihr Spielwerk mit der Ruhe eines
+gefühlvollen redlichen Mannes treiben, und einen zwecklosen Triumph
+darin suchen, schlaflose Nächte zu verursachen, Thränen zu veranlassen,
+und Eifersucht rege zu machen. Es gibt viel solcher eiteln Damen, die
+nicht immer durch böses Herz, noch Temperament, aber wohl durch die
+nimmersatte Begierde, zu glänzen und zu gefallen, getrieben, manche
+stille häusliche Ruhe und den Frieden unter Eheleuten auf diese Weise
+unbarmherzig zerstören. In reifern Jahren dürfte die entgegengesetzte
+Heil-Methode anwendbarer seyn. Ein Mann von festen Grundsätzen, der
+seinem Verstande Rechenschaft von den Gefühlen seines Herzens gibt und
+dauerhaftes Glück sucht, wird am leichtesten von einer zu günstigen
+Vorstellung, die er von fremden Personen in Vergleichung mit seiner
+Gattin gefaßt hat, zurückkommen, wenn er Jene so oft und vielfältig
+sieht, daß er an ihnen mehr Fehler wahrnimmt, als an seinem edlen,
+verständigen, treuen Weibe. Und dann kommen die Augenblicke des
+Seelen-Bedürfnisses, wo man sich nach der theilnehmenden Gefährtin
+sehnt, wenn schwere Bürden das Herz drücken, die kein Fremder so uns
+tragen hilft, oder wenn höhere Freuden das Herz erweitern, Freuden,
+die kein Fremder so mit uns theilt, oder Verlegenheiten uns ängstigen,
+die wir keinem Fremden so aufrichtig, so sicher entdecken dürfen, wie
+der Person, die einerlei Interesse mit uns hat; und dann ein Blick
+auf wohlerzogene, durch gemeinschaftliche Sorgfalt erzogne Kinder,
+auf die Früchte der ersten jugendlichen Liebe! -- und das Herz kehrt
+ungezwungen zu den süßesten Pflichten zurück.
+
+
+ 8.
+
+Uebrigens ist es eine bedauernswürdige Schwachheit, wenn Eheleute durch
+die priesterliche Einsegnung ein so ausschließliches Recht auf jede
+Empfindung des Herzens erzwungen zu haben glauben, daß sie wähnen: nun
+dürfe in dem Herzen des Gatten auch nicht ein Plätzchen mehr für irgend
+einen andern guten Menschen übrig bleiben; der Gatte müsse für seine
+Freunde und Freundinnen todt seyn, dürfe für kein Geschöpf auf der
+Welt, als für die werthe Ehehälfte, Theilnahme und Zuneigung empfinden,
+und es sey Verletzung der ehelichen Pflicht, mit Wärme, Zärtlichkeit
+und Theilnahme von und mit andern Personen zu reden. Diese Forderungen
+werden doppelt abgeschmackt bei einer ungleichen Ehe, wo von der einen
+Seite schon Aufopferungen mancher Art Statt finden. Wenn da der eine
+Theil, um sich in dem Umgange mit liebenswürdigen Leuten aufzuheitern,
+neue Kräfte zum Ausdauern zu sammeln, und seinen Geist zu erheben und
+zu erwärmen, in die Arme zärtlicher, ihm wahrhaftig treu ergebener
+Freunde eilt: so sollte der andre Theil ihm dafür danken, und jeden
+kränkenden Vorwurf unterdrücken.
+
+
+ 9.
+
+Die Wahl dieser innigeren Freunde muß aber dem Herzen, so wie die Wahl
+sittlicher Vergnügungen und unschuldiger Liebhabereien dem Geschmacke
+eines Jeden überlassen bleiben. Es wird nicht durchaus Gleichheit
+von Neigungen, Temperamenten und Geschmack zum Eheglück erfordert.
+Unerträgliche Sclaverei wäre es daher, sich seine Erheiterungen
+aufdringen lassen zu müssen. Es ist wahrlich schon hart genug, wenn der
+Gatte die Freude entbehren muß, edle Empfindungen, erhabne Gedanken,
+feinere Eindrücke, welche seelen-erhebende Schriften, Kunstwerke und
+Ereignisse hervorbrachten, mit der Gefährtin seines Lebens theilen zu
+können, weil die stumpfen Organe derselben dafür nicht empfänglich
+sind; aber nun gar diesem allen entsagen, oder sich in der Wahl seines
+Umganges und seiner Freunde nach den Grillen eines schiefen Kopfs und
+kalten Herzens richten, allen wohlthätigen Erquickungen von der Art
+entsagen zu müssen: -- das ist Höllenpein! und ich brauche wohl nicht
+hinzuzufügen, daß am wenigsten ~der Mann~ eine solche Beschränkung und
+Sclaverei dulden dürfe, da er von der Natur und durch die bürgerliche
+Verfassung bestimmt ist, das Haupt der Familie zu seyn, und Gründe
+haben kann, ~warum~ er diesen oder jenen Umgang wählt, dieser oder
+jener Beschäftigung sich widmet, diesen oder jenen Schritt thut, der
+Manchen auffallend seyn kann. Es erleichtert hingegen das Leben unter
+Menschen, die nun einmal verbunden sind, alle Leiden und Freuden zu
+theilen, wenn nach und nach eine ähnliche Seelenstimmung unter ihnen
+eintritt, sey es auch nur von der Liebe zum Frieden erzeugt, und es
+zeugt wahrlich von der verächtlichsten Indolenz, wo nicht von dem
+bösesten Willen, wenn man, nach vieljähriger Verbindung mit einem
+verständigen, gebildeten und feinfühlenden Geschöpfe, noch eben so
+unwissend, roh, stumpf und starrköpfig geblieben ist, wie man vorher
+war.
+
+
+ 10.
+
+Wie soll man sich bei wirklichen Ausschweifungen verhalten? -- denn
+bis jetzt war nur von Verirrungen die Rede. -- Wie soll man sich
+zur Nachsicht und Ausdauer waffnen, wenn von einer Seite heftiges
+Temperament, ein reizbarer Körper, Mangel an Herrschaft über die
+Leidenschaften, Verführung, Buhler-Künste, anlockende Schönheiten
+und Verhältnisse in Versuchung führen; von der andern vielleicht der
+Gattin mürrisches Betragen, üble Laune, Geistes-Armuth, Kränklichkeit,
+Mangel an Schönheit, an Jugend, an Gefälligkeit, an Temperament,
+lebhaft zurückstoßen? -- Diese Schrift soll keine Pflichtenlehre
+enthalten; darum überlasse ich es jedem vernünftigen Manne, diese
+Frage sich selbst zu beantworten, und selbst zu beurtheilen, wie er es
+anfangen müsse, über seine Begierden Meister zu werden, gefährlichen
+Gelegenheiten und Verführungen auszuweichen, welches freilich in der
+Jugend nicht so leicht ist, wie man wohl denkt. Doch so viel über
+diesen Gegenstand, als hieher gehört, und sich ohne Beleidigung der
+Sittsamkeit sagen läßt! Man gewöhne sich selbst, und Einer den Andern,
+nicht an Ueppigkeit, Wollust, Weichlichkeit und Schwelgerei; lasse die
+körperlichen Bedürfnisse und Begierden nicht zu heftig werden; man
+sey, selbst in der Ehe, schamhaft, keusch, zart und sparsam in den
+Aeußerungen der Liebe, um Ekel, Ueberdruß und faunische Lüsternheit
+zu entfernen! Ein Kuß ist ein Kuß, nichts mehr, und nichts weniger,
+als ein Zeichen der Zärtlichkeit, und es wird fast immer des Weibes
+Schuld seyn, wenn ein sonst nicht schlechter Mann diesen Kuß, den er
+von treuen, reinen und warmen Lippen ehrenvoll und bequem zu Hause
+erlangen könnte, mit Hintansetzung seiner Pflicht und der Ehrbarkeit,
+bei Fremden holt. Hat aber die größre Schwierigkeit und Neuheit so viel
+Reiz: ei nun! so suche man auch der ehelichen Vertraulichkeit diesen
+Reiz der Neuheit zu geben, zuweilen kleine Hindernisse in den Weg zu
+legen, oder durch Enthaltung, Entfernung u. dgl. das Verlangen nach
+Befriedigung der sinnlichen Liebe zu vermehren! In späteren Jahren
+fällt dann auch dieser Vorwitz so ziemlich weg; denn da werden ja die
+Triebe bescheidner und lassen sich williger von der Vernunft regieren,
+oder man müßte sie muthwilliger Weise reizen.
+
+
+ 11.
+
+In der Ehe soll gegenseitiges uneingeschränktes Zutrauen, soll
+Offenherzigkeit Statt finden. Kann denn aber gar kein Fall eintreten,
+wo Einer vor dem Andern Geheimnisse haben dürfte? Ich denke. Freilich,
+da der Mann von der Natur bestimmt ist, der Rathgeber seines Weibes,
+das Haupt der Familie zu seyn; da die Folgen jedes übereilten
+Schrittes der Gattin auf ~ihn~ fallen; da der Staat sich nur an ~ihn~
+hält; da die Frau eigentlich gar keine Person in der bürgerlichen
+Gesellschaft ausmacht; da die Verletzung der Pflichten von ihrer
+Seite schwer auf ~ihm~ liegt, und diese Verletzung die Familie
+weit unmittelbarer beschimpft, und derselben Schande und Nachtheil
+bringt, als die Ausschweifungen des Mannes; da die Frau mehr von dem
+äussern Rufe abhängt, als der Mann; endlich, da Verschwiegenheit
+mehr eine männliche, als weibliche Tugend ist: so kann es wohl nur
+in äusserst seltenen Fällen der Frau erlaubt seyn, ohne ihres Mannes
+Wissen Schritte zu thun, Verbindungen anzuknüpfen, in Verhältnisse
+mit Männern zu treten, und dem Manne das alles zu verheimlichen. Er
+hingegen, der an den Staat geknüpft ist, oft Geheimnisse zu bewahren
+hat, die nicht ihm gehören, und durch deren Verbreitung er zugleich
+mit Andern in Verlegenheit kommen könnte; er, der das Ganze seines
+Hauswesens übersehen soll, auch vielfältig den Plan, nach welchem er
+handelt, nicht den schwächern Einsichten unterwerfen darf, sondern
+fest und unerschüttert seinem Verstande und Herzen folgen, und das
+Urtheil des Volks verachten muß: ~er~ kann unmöglich alles erzählen
+und mittheilen, was er unternimmt. Verschiedenheit der Lagen aber kann
+diesen Gesichtspunkt verrücken. Es gibt Männer, die sehr übel fahren
+würden, wenn sie einen einzigen Schritt ohne Rath und Wissen ihrer
+Weiber thäten; es gibt sehr plauderhafte Herren und sehr verschwiegne
+Damen; und eine Frau kann weibliche Geheimnisse von einer Freundin
+anvertrauet bekommen haben. -- In allen diesen und ähnlichen Fällen
+müssen Klugheit und Redlichkeit das Verhalten beider Theile bestimmen.
+Das aber bleibt eine heilige Wahrheit, daß, wenn wahrhaftes Mißtrauen
+sich einschleicht, wenn man ein offenes Geständniß erzwingen muß,
+alles Glück der Ehe entflieht. Nichts kann endlich strafbarer seyn,
+als wenn der Mann niedrig genug denkt, heimlich die Briefe seiner
+Frau zu erbrechen, ihre Papiere zu durchwühlen, oder ihre Schränke
+zu durchsuchen. Auch verfehlt er mit solchen unwürdigen Mitteln
+immer seines Zwecks. Nichts ist leichter, als die Wachsamkeit eines
+Menschen zu täuschen, wenn es bloß auf beweisbare Vergehen ankömmt,
+und man die feinern Bande zerrissen, sich über alle Bedenklichkeiten
+des Zartgefühls und der Ehre hinweggesetzt hat. Ein Mann, der
+~einmal~ seine Frau eine Treulose nennt, steckt sich selbst das
+Horn der Hahnreischaft auf. Nichts ist leichter, als einen Menschen
+zu hintergehen, den man genau kennt, bei dem man allen Glauben
+verloren hat, den man oft auf ungerechtem Argwohn ertappen kann, weil
+Leidenschaft ihn blind macht, und der es wegen seiner argwöhnischen
+Ungerechtigkeit verdient, getäuscht zu werden. -- Betrug ist fast immer
+die sichere Folge davon, und man kann auf diese Weise das edelste
+Geschöpf moralisch zu Grunde richten und zu Verbrechen reizen.
+
+
+ 12.
+
+Ich rathe, aus Gründen, die wohl jeder vernünftige Mensch selbst
+einsehen wird, auch nicht einmal an, daß Eheleute alle ihre Geschäfte
+gemeinschaftlich treiben, sondern daß Jeder seinen angewiesenen
+Wirkungskreis habe. Es geht selten gut im Hause, wenn die Gattin
+für ihren Gatten die Berichte an die höchste Behörde entwerfen,
+und er dagegen, wenn Fremde eingeladen sind, die Tafel besorgen,
+Cremen machen, und die Töchter ankleiden helfen muß. Daraus entsteht
+Verwirrung; man setzt sich dem Gespötte des Hausgesindes aus; der Eine
+verläßt sich auf den Andern, will sich aber dagegen in alles mischen,
+alles wissen. -- Mit Einem Worte: das taugt nicht!
+
+
+ 13.
+
+Was aber die Verwaltung der Einkünfte betrifft, so kann ich die
+Weise der mehresten Männer von Stande nicht billigen, welche ihren
+Gemahlinnen eine gewisse Summe geben, womit sie auskommen und den
+ganzen Haushalt ohne Ausnahme bestreiten müssen. Dadurch entsteht
+getheiltes Interesse; die Frau tritt in die Klasse der Bedienten, wird
+zum Eigennutz verleitet, muß ängstlich sparen, findet, daß der Mann zu
+lecker ist, macht verdrießliche Gesichter, wenn er einen guten Freund
+zur Tafel einladet; der Mann, wenn er nicht fein denkt, meint immer,
+er speise für sein theures Geld zu schlecht, oder wagt es im andern
+Falle aus übertriebener Zurückhaltung und Feinheit nicht, zuweilen ein
+Gerichtchen mehr zu fordern, um seine Gattin nicht in Verlegenheit
+zu setzen. Willst Du also Deine Hausfrau nicht in Versuchung führen,
+so gib, wenn nicht etwa ein Haushofmeister oder eine Ausgeberin
+diejenigen Geschäfte bei Dir versieht, die eigentlich zu den Pflichten
+der Gattin gehören, eine Summe Geldes, die Deinen Einkünften und den
+Zeitverhältnissen angemessen ist, zur Ausgabe! Wenn diese verwendet
+ist, so sey ihr verstattet, mehr von Dir zu fordern; findest Du, daß zu
+viel ist ausgegeben worden, so laß Dir die Rechnung zeigen! Ueberlege
+mit ihr gemeinschaftlich, auf welcher Seite gespart werden könnte!
+Mache ihr kein Geheimniß aus Deinen Vermögensumständen; allein bestimme
+ihr auch eine kleine Summe zu ihren unschuldigen Vergnügungen, zu ihrem
+Putze, zu stillen wohlthätigen Handlungen, und fordre davon keine
+Berechnung!
+
+
+ 14.
+
+Gute Hauswirthschaft ist eins der nothwendigsten Stücke zur ehelichen
+Glückseligkeit. Man suche daher vor allen Dingen, wenn man auch im
+ledigen Stande einigen Hang zur Verschwendung gehabt hätte, sich davon
+loszumachen, und sich häuslicher Sparsamkeit zu befleißigen, sobald man
+heirathet! Wer noch einzeln da steht, erträgt leicht alles Ungemach
+der Zeit: Noth, Mangel, Demüthigung, Zurücksetzung; am Ende steht ihm,
+wenn er gesunde Arme hat, die ganze Welt offen; er kann alles im Stiche
+lassen, und in einem unbekannten Winkelchen der Erde leicht mit seiner
+Hände Arbeit sein Leben fristen. Aber wenn schlechte Haushaltung den
+Ehemann und Vater in Armuth gestürzt hat, und er nun den Blick auf die
+Personen seiner Familie umherwirft, die von ihm Unterhalt, Nahrung,
+Wartung, Erziehung, Vergnügen fordern; wenn er dann oft nicht weiß,
+woher er auf morgen Brod nehmen, wovon er die heranwachsenden Mädchen
+kleiden soll, oder wenn seine bürgerliche Ehre, seine Beförderung,
+die Versorgung seiner Kinder davon abhängt, daß er mit den Seinigen
+in einem gewissen anständigen Aufzuge, vielleicht gar mit einigem
+Glanze erscheine, und es doch von allen Seiten dazu fehlt; wenn das
+Silbergeräthe vom Wucherer, wo es im Versatze steht, auf einen Mittag
+geborgt werden muß, um Gäste bewirthen zu können, indeß unten im Hause
+ein Knabe wartet, der es gleich nach der Mahlzeit wieder in Empfang
+nehmen soll; wenn Gläubiger und Advokaten ihn in die Enge treiben, und
+Juden an den Zipfeln seines schlaffen Geldbeutels melken: dann fallen
+böse Launen, Krankheit des Leibes und der Seele den Unglücklichen
+an; Verzweiflung ergreift ihn; er sucht sich zu betäuben, verfällt
+in Ausschweifungen; von Innen zernagt ihn das unruhige Gewissen, von
+Aussen verfolgen ihn bittre Vorwürfe seines Weibes; das Winseln seiner
+Kinder schreckt ihn aus fürchterlichen Träumen auf; die Verachtung,
+womit der vornehme und reiche Pöbel auf ihn herabblickt, umwölkt jeden
+Strahl von Hoffnung; Muth und Trost schwinden; die Freunde fliehen,
+das Hohngelächter der Feinde und Neider erschüttert jede Nerve, und
+in dieser traurigen Lage schwindet dann freilich aller Schatten von
+häuslicher Freude, das Haus wird zur Hölle. Der Elende flieht auch
+nichts so sehr, als den Anblick und den Umgang derer, die er mit sich
+in's Unglück gestürzt hat. -- Sollte also einer von den Eheleuten
+zur Verschwendung geneigt seyn, so ist es rathsam, weil es noch Zeit
+ist, Mittel vorzuschieben, jener gräßlichen Lage auszuweichen. Der
+~andre~ Theil, der besser mit dem Gelde umzugehen weiß, übernehme die
+Kasse! Man mache sich einen genauen Etat, wie man dem Haushalte wieder
+aufhelfen will, und befolge diesen pünktlich, schränke sich ein, sorge
+aber dafür, daß, wo möglich, auch etwas zu erlaubten Vergnügungen übrig
+bleibe, damit dem Verschwender die Einschränkungen und Entbehrungen
+nicht zu schwer werden!
+
+
+ 15.
+
+Ist es aber besser, daß ~der Mann~, oder daß ~die Frau~ reich sey?
+Wenn eins seyn soll, so stimme ich für Ersteres. Gut ist es, wenn
+Beide einiges Vermögen haben, um zu den Nothwendigkeiten des Lebens
+gemeinschaftlich beitragen zu können, damit nicht Einer so ganz auf
+Kosten des Andern zehre. Soll aber nun einmal Abhängigkeit, welche doch
+natürlicher Weise auf Seiten des ärmern Theils entsteht, Statt finden:
+so ist es der Natur gemäßer, daß das Haupt der Familie am mehrsten zum
+Unterhalte der Familie beitrage. Heirathet ein Mann eine reiche Frau,
+so verhüte er wenigstens durch angestrengte Thätigkeit, daß er nie in
+eine sclavische Abhängigkeit von seiner Frau gerathe. Aus Verabsäumung
+dieser Vorsicht sind so wenig Ehen von ~der~ Art glücklich. Hätte
+meine Frau mir großes Vermögen zugebracht, so würde ich mich doppelt
+bestreben, ihr zu beweisen, daß ich geringe Bedürfnisse hätte; ich
+würde wenig an meine Person wenden; ich würde sie überzeugen, daß ich
+dies Wenige mit meinem Fleisse mir erwerben könnte; ich würde ihr
+Kostgeld geben; ich würde nur der Verwalter ihres Vermögens seyn;
+ich würde Aufwand im Hause machen, weil das sich für reiche Leute
+schickt; aber ich würde ihr zeigen, daß dieser Aufwand meiner Eitelkeit
+nicht schmeichele; daß ich bei zwei Speisen eben so vergnügt, wie bei
+zwanzigen sey; daß ich keine Aufwartung bedürfe; daß ich gesunde Beine
+habe, die mich eben so weit, wenn gleich nicht so schnell fortbringen,
+wie ihre prächtigen Wagen; und dann würde ich, wie es dem Hausherrn
+zukömmt, über die Anwendung ihres Vermögens unumschränkte Gewalt
+verlangen.
+
+
+ 16.
+
+Ist es nöthig, daß der Mann klüger sey, als die Frau? -- Das
+ist wiederum eine nicht unwichtige Frage; wir wollen sie näher
+beleuchten. Der Begriff von Klugheit, von Vernunft, wird, mit allen
+seinen Beziehungen und Modifikationen, nicht immer auf einerlei Art
+verstanden. Die Klugheit eines Mannes soll wohl von ganz anderer
+Art seyn, als die, welche man von einer Frau verlangt; und wenn nun
+vollends Klugheit mit Welt-Erfahrung, oder gar mit Gelehrsamkeit
+verwechselt wird, so wäre es Unsinn, von diesen bei dem einen
+Geschlechte so viel, wie bei dem andern, voraussetzen oder verlangen
+zu wollen. Ich fordre daher von einem Frauenzimmer einen verständigen
+Kleinigkeitsgeist, Feinheit, unschuldige Verschlagenheit, Behutsamkeit,
+Witz, Duldsamkeit, Nachgiebigkeit und Geduld: -- lauter Stücke,
+die doch auch zur Klugheit gehören; -- welche in gleichem Grade
+nicht immer das Eigenthum des männlichen Charakters sind. Dagegen
+erwarte ich, daß der Mann umsichtiger, gefaßter bei allen Vorfällen,
+fester, unerschütterlicher, weniger den Vorurtheilen unterworfen,
+ausdauernder und gebildeter sey, als das Weib. Jene Frage aber war in
+allgemeinem Sinne zu verstehen, nämlich also: Wenn einer von beiden
+Theilen schwach, stumpf von Organen und unwissend in manchen zum
+Weltleben nöthigen Kenntnissen seyn sollte: würde es da besser seyn,
+daß der Mann, oder daß die Frau der schwächere Theil wäre? -- Ich
+antworte ohne Anstand: Noch habe ich nie eine glückliche und weise
+geordnete Haushaltung gesehen, in welcher die Frau die entschiedne
+Alleinherrschaft gehabt hätte. Es geht in einem Hause, wo ein Mann
+von mittelmäßigen Fähigkeiten das Regiment führt, größtentheils immer
+noch besser her, als in einem, wo eine kluge Frau ausschließlich
+gebietet. Es kann vielleicht Ausnahmen davon geben; allein ~ich~ kenne
+deren keine. Es versteht sich aber, daß hier nicht von der feinern
+Herrschaft über das Herz eines edlen Gatten die Rede ist: wer wird
+diese nicht gern einem klugen Weibe einräumen? welcher verständige
+Mann wird nicht fühlen, daß er oft sanfter Zurechtweisung bedarf?
+Jene ausschließliche Herrschaft hingegen scheint der Bestimmung der
+Natur zuwider zu seyn. Schwächerer Körperbau; eingepflanzte Neigung zu
+weniger dauerhaften Freuden; Launen aller Arten, die den Verstand, oft
+in den entscheidendsten Augenblicken fesseln; Erziehung; und endlich
+unsere bürgerliche Verfassung, welche die Verantwortung dessen, was
+im Hause geschieht, allein auf den Mann wälzt: das alles bestimmt
+die Gattin, Schutz zu suchen, und legt dem Gatten die Pflicht auf,
+zu schützen. Nun ist aber doch nichts lächerlicher, als wenn der
+Weisere und Stärkere bei dem Thoren und Schwachen Schutz suchen soll.
+Frauenzimmer von vorzüglichen Geistesgaben handeln daher wahrlich
+gegen ihren eignen Vortheil, und bereiten sich unangenehme Aussichten,
+wenn sie aus Herrschsucht sich dumme Männer wünschen oder wählen;
+die sichern Folgen davon sind Ueberdruß, verwirrte Haushaltung und
+Verachtung des Publikums für einen von beiden Theilen, und das heißt
+ja: für ~beide~ Theile. Männer aber, die so unmündig am Geiste sind,
+daß sie die Rolle eines Hausvaters nicht gehörig zu spielen, nicht
+Herr in ihrem Hause zu seyn vermögen, thun besser, Hagestolze zu
+bleiben, und sich ein Plätzchen in einem Hospital, oder eine Präbende
+zu kaufen, als daß sie sich vor Kindern, Hausgesinde und Nachbarn
+lächerlich machen. Ich habe einen schwachen Fürsten gekannt, dessen
+Gemahlin so unumschränkte Gebieterin über ihn war, daß, als sie einst
+bestellt hatte, auszufahren, der Fürst hinunter in den Schloßhof
+schlich, und den Kutscher, welcher da hielt, leise fragte: »Wisset ihr
+nicht, ob ich mitfahre?« Wer möchte wohl Geschäfte mit einem Manne
+treiben, dessen Willen, dessen Freundschaft und dessen Art, die Dinge
+anzusehen, von den Launen, Winken und Zurechtweisungen seiner Frau
+abhängen, -- der seine Briefe erst seiner Hofmeisterin zur Durchsicht
+vorlegen, und über die wichtigsten, geheimsten Angelegenheiten erst
+Instruktion bei der Toilette holen muß? Sogar in der Gefälligkeit
+und Aufmerksamkeit gegen die Ehefrau soll der Mann seine Würde nicht
+verleugnen. Verächtlich ist, selbst den Weibern, ein Mann, der, bevor
+er sich zu etwas entschließt, erst jedesmal sagt: »Ich will es mit
+meiner Frau überlegen;« der ihr immer das Mäntelchen nachträgt, sich
+nicht untersteht, in eine Gesellschaft zu gehen, wo ~sie~ nicht ist,
+oder der seine treuesten Bedienten abschaffen muß, wenn Madam deren
+Gesichtsbildung nicht ertragen kann.
+
+
+ 17.
+
+Es gibt in diesem Leben eine Menge Ungemachs zu tragen. Auch der,
+welcher der Glücklichste zu seyn scheint, hat geheime Leiden mancher
+Art, wahre und eingebildete, unverschuldete oder selbstgeschaffne,
+gleichviel! aber immer darum nicht minder Leiden. Sehr wenige Weiber
+haben Kraft genug, das Unglück standhaft erdulden, guten Rath in der
+Noth zu ertheilen, und ihren Gatten die Bürde tragen zu helfen, die
+nun einmal getragen werden muß. Die mehrsten erschweren das Uebel
+durch unzeitige Klagen, durch Geschwätz, wie es seyn ~könnte~, wenn
+es nicht ~so~ wäre, wie es ist, oder gar durch übel angebrachte,
+zuweilen sehr unbillige Vorwürfe. Ist es daher irgend möglich, kleinere
+Unannehmlichkeiten (mit Haupt-Unglücksfällen aber läßt sich das selten
+thun) vor Deiner Ehefrau zu verbergen, so verschließe lieber den
+Kummer in Deinem Herzen! Ohnehin kann ein gutgeartetes Gemüth darin
+keinen Trost finden, Andre, die es liebt, mit in seine Leiden zu
+ziehen; und wenn nun gar die Last dadurch nicht erleichtert, sondern
+vielmehr erschwert wird: wer wollte dann nicht lieber schweigen, und
+seinen Rücken dem Sturme allein preisgeben? Schickt die Vorsehung Dir
+aber einen großen, nicht zu verschweigenden Unfall, Noth, Schmerz,
+Krankheit zu, -- verfolgen Dich widrige Geschicke, oder böse Menschen:
+o dann rufe Deine ganze Standhaftigkeit auf! fasse Deinen Muth
+zusammen, und versüße der Gefährtin Deines Lebens die Bitterkeit des
+Kelchs, den sie mit Dir austrinken muß; wache über Deine Launen,
+damit nicht der Unschuldige durch Dich leiden müsse! Verschließe Dich
+in Dein Kämmerlein, wenn das Herz zu schwer wird! Dort erleichtre
+Dich durch Thränen oder Gebet! Stärke und stähle Dein Herz durch
+Philosophie, durch Zuversicht auf Gott, durch Hoffnung und durch weise
+Entschließungen! und dann tritt mit heiterer Stirne hervor, und sey der
+Tröster des Schwächern! -- Ist doch kein Ungemach und kein Leiden in
+der Welt von beständiger Dauer, kein Schmerz so groß, der nicht freie
+Augenblicke übrig ließe; führt doch ein gewisser Heroismus im Kampfe
+gegen das Unglück Freuden mit sich, die selbst das härteste Ungemach
+versüßen können; und der Gedanke, Andre zu trösten und aufzurichten,
+erhebt das Herz wunderbar, erfüllt mit unbeschreiblicher Heiterkeit. --
+Ich rede aus Erfahrung.
+
+
+ 18.
+
+Wir sind darüber einig geworden, daß vollkommne Gleichheit in
+Denkungsart und Temperamenten zu einer glücklichen Ehe nicht nothwendig
+sey. Traurig ist aber doch immer die Lage, wenn die Ungleichheit gar zu
+auffallend ist, wenn die Gattin sich bei allem kalt und gleichgültig
+zeigt, was dem Gatten wichtig und interessant scheint. Traurig ist es
+immer, wenn man, um den Genuß unschuldiger Freuden, um schmerzliche
+Leiden, um hohe Gefühle, ferne Aussichten, wichtige Unternehmungen, --
+kurz, um alles, was Kopf und Herz beschäftigt, zu theilen, sich nach
+fremden Mitgenossen sehnen muß. Traurig ist es, wenn ein phlegmatisches
+Geschöpf zu jedem geistreichen Tropfen, den uns die süße Phantasie
+einschenkt, Wasser gießt, uns aus jeder seligen Täuschung unsanft
+aufweckt, unsre wärmsten Gespräche mit Plattheiten beantwortet, und
+unsre schönsten Pflanzungen zertritt. -- Was ist aber in solchen Lagen
+zu thun? Vor allen Dingen Hiobs Specificum gebraucht! Nicht lange
+moralisirt, wo keine Besserung zu hoffen ist, -- geschwiegen, wenn man
+doch nicht verstanden wird; und dann die Gelegenheit vermieden, Scenen
+zu veranlassen, wodurch man zu sehr entrüstet, oder zu bitter gekränkt,
+oder durch die Dummheit des Weibes öffentlich beschimpft werden könnte
+-- so kann man doch wenigstens negativ so ziemlich glücklich seyn.
+
+
+ 19.
+
+Wie aber, wenn das Schicksal oder eigne Thorheit den Mann auf ewig an
+ein Geschöpf gekettet hat, das, mit großen moralischen Gebrechen oder
+gar mit Lastern behaftet, der Liebe und Achtung edler Menschen unwerth
+ist; wenn die Frau durch ein mürrisches, feindseliges Temperament,
+durch Neid, Geiz, oder unvernünftige Eifersucht dem Manne das Leben
+verbittert, oder wenn sie sich durch ein falsches, tückisches Herz
+verächtlich macht, oder wenn sie gar in Unzucht oder in Völlerei
+lebt? Ich brauche hier nicht zu erinnern, daß mancher ehrliche Mann
+unschuldiger Weise, d. h. in einer unschuldigen Verblendung in dies
+Labyrinth gerathen kann, wenn ihm die Liebe oder vielmehr Fleisch
+und Blut einen Streich spielen, indem der böse Feind Asmodäus im
+Brautstande immer die schönste Larve vornimmt. Ich schweige hingegen
+auch davon, daß sehr oft der Mann durch üble oder unvorsichtige
+Behandlung daran Schuld ist, wenn Untugenden und Laster, zu welchen
+der Keim in dem Herzen seiner Frau lag, zum Ausbruche kommen. Es würde
+mich endlich zu weit führen, wenn ich Regeln für das Verhalten in jeder
+einzelnen unglücklichen Lage von der Art geben wollte. -- Also nur so
+viel im Allgemeinen! Man muß in solchen Lagen dreierlei Rücksichten
+nehmen, nämlich: ~zuerst~ solche, welche auf Beförderung unserer eignen
+Ruhe abzielen; ~sodann~ Rücksichten auf Kinder und Hausgenossen; und
+~endlich~ auf das Publikum. Was den ersten Punkt betrifft, so rathe
+ich: wenn einmal keine Hoffnung zu Bewirkung sittlicher Besserung da
+ist, sich nicht mit Klagen, Vorwürfen und Zänkereien aufzuhalten,
+sondern in der Stille solche kräftige Gegenmittel zu wählen, die uns
+Vernunft, Rechtschaffenheit und Gefühl von Ehre anrathen. Entwirf
+reiflich und mit möglichst kaltem Blute Deinen Plan! Ueberlege wohl,
+ob eine Trennung nöthig sey, oder wie Du es anzufangen habest, Deinen
+Zustand, wenn derselbe nun einmal nicht zu verbessern ist, leidlich zu
+machen, und laß Dich dann von Deinem Entschlusse durch nichts, selbst
+durch keine bloß anscheinende Besserung, noch durch Liebkosungen,
+abwendig machen! Erniedrige Dich aber nie so weit, daß Du Dich durch
+Hitze zu gewaltsamen Behandlungen verleiten ließest; sonst hast Du
+schon zur Hälfte Unrecht. Erfülle endlich um so treuer Deine Pflichten,
+je öfter Dein Weib sie übertritt: so wird auch Dein Gewissen beruhigt
+seyn, und mit einem ruhigen Gewissen läßt sich alles, auch das Aergste,
+ertragen. In Betracht Deiner Kinder, des Hausgesindes und des Publikums
+aber vermeide alles Aufsehen! Laß, wo möglich, Dein Unglück nicht
+ruchtbar werden! Wenn Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so werden
+die Kinder immer schlecht erzogen. Ist diese Uneinigkeit also nicht
+zu verbergen, so trenne Dich lieber von Deinen Kindern, und überlaß
+ihre Leitung fremden guten Händen! Wenn offenbare Uneinigkeit unter
+Eheleuten herrscht, so ist das Hausgesinde nie zur Ordnung, Treue
+und Redlichkeit geneigt. Es entstehen Partheien und Klatschereien
+ohne Ende. Vermeide daher allen Zank in Gegenwart des Gesindes!
+Wenn öffentliche Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so verliert
+der unschuldige Theil, zugleich mit dem schuldigen, die Achtung der
+Mitbürger. Vertraue deswegen nicht leicht Dein häusliches Unglück
+fremden Leuten.
+
+
+ 20.
+
+Sehr gern aber pflegen sich dienstfertige gute Freunde, alte Weiber,
+beiderlei Geschlechts, Vettern und Basen in solche Angelegenheiten
+zu mischen. Leide nicht, daß irgend jemand, wer es auch sey,
+ohne von Dir dazu aufgefordert zu seyn, sich um Deine häuslichen
+Umstände bekümmre; weise solche Einmischungen mit aller männlichen
+Entschlossenheit von Dir! Gute Seelen vertragen sich ohne Vermittlung,
+und mit schlechten richtet ein Friedensstifter doch nichts aus. Allein
+bitte Gott, daß er Dich vor einer gewissen Art von Schwiegermüttern
+bewahre, die alles wissen, alles thun, wenn sie auch bettelarm am
+Geiste sind, dennoch alles dirigiren wollen; deren Geschäft ist,
+Hetzereien anzustiften, zu unterhalten, und die mit Köchinnen und
+Haushälterinnen gemeinschaftliche Sache machen, um aus christlicher
+Liebe die Handlungen des Nächsten auszuspähen. Solltest Du aber zum
+Unglücke so eine Meerkatze, ein solches satanisches Hausgeräth mit
+erheirathet haben: so ergreif die erste Gelegenheit, da sie sich in
+Deine Hausvater-Angelegenheiten mischen will, ihre freundlichen,
+frommen Dienste so nachdrücklich zu verbitten, daß sie Dir sobald nicht
+wiederkomme! Es gibt aber auch gute, edle Schwiegermütter, die ihren
+verheiratheten Töchtern mit treuem Rathe beistehen, und denen man denn
+um so mehr Ehrerbietung und Aufmerksamkeit schuldig ist, wenn man ihnen
+die Bildung eines geliebten Weibes zu danken hat.
+
+Ueberhaupt sollen alle Zwistigkeiten unter Eheleuten nur unter ihren
+vier Augen ausgemacht werden, und, wenn es auf das Höchste kömmt, von
+der Obrigkeit; alle Mittel-Instanzen taugen gar nichts, und fremde
+Friedensstifter und Beschützer des leidenden Theils machen immer das
+Uebel ärger. Der Mann muß Herr seyn in seinem Hause: ~so~ wollen es
+Natur und Vernunft. Mit einem Herrn zankt man nicht; er hat Richter
+~über~ sich, nicht ~neben~ sich. Er soll sich auf keine Weise diese
+Herrschaft rauben lassen, und auch dann, wenn die weisere Frau seiner
+offenbaren Macht die heimliche Gewalt über sein Herz entgegenstellt,
+muß doch das äussere Ansehen der Herrschaft nie wegfallen.
+
+
+ 21.
+
+Nichts erschüttert so heftig das Glück unter Gatten und Gattinnen,
+als die ~Verletzung ehelicher Treue~. Der Moralität nach und unsern
+religiösen und politischen Grundsätzen gemäß, ist zwar die Uebertretung
+der ehelichen Pflichten von einer Seite so unedel wie von der
+andern; in Rücksicht auf die Folgen hingegen ist die Unkeuschheit
+einer Frau weit strafbarer, als die eines Mannes; jene zerreißt die
+Familien-Bande, vererbt auf Bastarte die Vorzüge ehelicher Kinder,
+zerstört die heiligen Rechte des Eigenthums, und widerspricht laut
+den Gesetzen der Natur, nach welchen immer Vielweiberei weniger
+unnatürlich, als Vielmännerei seyn würde. -- Man hat nicht einmal
+in irgend einer Sprache einen üblichen Ausdruck für das Letztere.
+Der Mann ist das Haupt der Familie; die schlechte Aufführung seiner
+Frau wirft zugleich Schande auf ihn, als den Haus-Regenten; -- nicht
+umgekehrt also! Ohne Betracht auf Folge und Rechenschaft aber, dünkt
+mich, handelt ein Theil, der den andern für untreu hält, sehr unweise,
+wenn er durch Vorwürfe, oder gar durch unvernünftiges Toben ihn in
+Schranken halten will. Ist es ihm um sein Herz zu thun, so muß er
+wissen, daß man nur durch sanfte, liebevolle Mittel Herzen fesselt,
+durch das Gegentheil aber zurückstößt; verlangt er nur den alleinigen
+Besitz des Leibes, so ist er ein Geschöpf der gemeinsten Art. Eheleute,
+die durch kein edleres Band an einander geknüpft sind, finden tausend
+Mittel, sich zu hintergehen, und es ist daran nicht viel verloren.
+In so fern also bei der Untreue nicht Zärtlichkeit und Hochachtung
+gekränkt werden, so ist wahrlich, wie die Franzosen in der That
+vorgeben, die Hahnreischaft sehr wenig, und wenn man die Sache nicht
+weiß, gar nichts. Noch ärger aber, und das sicherste Mittel, auch den
+treuesten Gatten zu Ausschweifungen zu verleiten, ist, ihn auf bloßen
+Verdacht durch Vorwürfe und niedriges Mißtrauen beleidigen. Sollte aber
+Dein Unglück gewiß, und Deine Schande nicht zu verbergen seyn: so ist
+freilich kein anderes Mittel, als Trennung durch gerichtliche Hülfe,
+oder durch gütliche Uebereinkunft, obgleich der Schandfleck dadurch
+nicht ausgelöscht wird. In allen übrigen Fällen ist die Ehescheidung
+eine höchst bedenkliche Sache. Leute, die eine Reihe von Jahren mit
+einander verlebt haben, können einen solchen Schritt nicht leicht
+thun, ohne Beide an öffentlicher Achtung zu verlieren. Eheleute, die
+Kinder haben, können, ohne sehr nachtheilige Folgen für die Bildung und
+zeitliche Glückseligkeit dieser Kinder, sich nie trennen. Ist es daher
+irgend möglich, bei einem weisen, vorsichtigen Betragen es mit einander
+auszuhalten: so ertrage, leide und dulde man, und vermeide öffentliches
+Aergerniß!
+
+
+ 22.
+
+Allein alle diese Vorschriften sind wohl nur auf Personen im mittlern
+Stande besonders anwendbar. Die sehr vornehmen und sehr reichen
+Leute haben selten Sinn für häusliche Glückseligkeit, fühlen keine
+Seelen-Bedürfnisse, leben mehrentheils auf einem sehr fremden Fuße mit
+ihrem Ehegatten, und bedürfen also keiner andern Regeln, als solcher,
+die eine feine Erziehung vorschreibt. Und da sie auch eine eigne Moral
+zu haben pflegen, so werden sie wohl in diesem Kapitel wenig finden,
+das für sie tauglich wäre.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit und unter Verliebten.
+
+
+ 1.
+
+Mit Verliebten ist vernünftiger Weise gar nicht umzugehen; sie sind
+so wenig, wie andere Berauschte, zur Geselligkeit geschickt; ausser
+ihrem Abgotte ist die ganze Welt todt für sie. Man mag übrigens leicht
+mit ihnen fertig werden, wenn man nur Geduld genug hat, sie von dem
+Gegenstande ihrer Zärtlichkeit reden zu hören, ohne zu gähnen; wenn
+man im Gegentheile dabei einiges Interesse zeigt, sich über ihre
+Thorheiten und Launen nicht zu ärgern, und im Fall die Liebe heimlich
+gehalten seyn soll, sie nicht zu beobachten, nichts zu merken scheint,
+wüßte auch die ganze Stadt das Geheimniß (wie es denn mehrentheils
+geschieht); endlich wenn man ihre Eifersucht nicht erregt.
+
+Und so hätte ich denn über diesen Gegenstand weiter nichts zu reden.
+-- Doch noch ein Paar Bemerkungen! Suchet Ihr einen verständigen
+Freund, der Euch mit weisem Rathe, oder mit festem Muthe, mit Fleiß und
+dauernder Arbeit dienen soll: so wählet keinen Verliebten dazu! Ist
+es Euch aber darum zu thun, eine theilnehmende, empfindelnde Seele zu
+finden, die mit Euch klage, winsele, seufze, oder Euch ohne Sicherheit
+Geld borge, auf etwas subscribire, ein armes Mädchen ausstatte, einen
+beleidigten Vater besänftigen helfe, oder mit Euch Ritterstreiche
+mache, Kindereien treibe, oder Eure Verse, Eure Liederchen und Sonaten
+lobe: -- so wendet Euch nach den Umständen an einen glücklichen oder
+hoffnungslosen Liebhaber!
+
+
+ 2.
+
+Den Verliebten selbst Regeln über ihren Umgang mit einander zu geben,
+das würde verlorne Mühe seyn; denn da diese Menschen selten bei
+gesunder Vernunft sind: so wäre es eben so unsinnig, zu verlangen, daß
+sie sich dabei gewissen Vorschriften unterwerfen sollten, als wenn man
+einem Rasenden zumuthen wollte, in Versen zu phantasiren, oder Einem,
+der die Kolik hat, nach Noten zu schreien. Doch ließe sich Einiges
+sagen, das gut und leicht zu beobachten wäre, wenn man hoffen dürfte,
+daß solche Menschen der Vernunft Gehör gäben, oder auch nur lichte
+Zwischenräume hätten, in welchen sie etwas begreifen können.
+
+
+ 3.
+
+Die erste Liebe bewirkt ungeheure Revolutionen in der ganzen Sinnesart
+und dem Wesen des Menschen. Wer nie geliebt hat, kann keinen Begriff
+haben von den seligen Freuden, die der Umgang unter Verliebten gewährt;
+wer zu oft mit seinem Herzen Tausch und Handel getrieben hat, verliert
+den Sinn dafür. Ich habe einst ein Bild davon entworfen, und da ich
+jetzt nichts Besseres darüber zu sagen weiß, will ich diese Stelle hier
+abschreiben[5].
+
+»Es ist eine gar sonderbare Sache um die ersten Liebes-Erklärungen.
+Wer mit seinem Herzen schon oft Spielwerk getrieben, seine zärtlichen
+Seufzer vor manchen Schönen schon ausgeblasen hat, dem wird es eben
+nicht schwer, wenn er einmal wieder sich die Lust macht, verliebt zu
+werden, seine Empfindungen bei einer schicklichen Gelegenheit an den
+Tag zu legen; auch weiß dann die Kokette schon, was sie bei solchen
+Vorfällen zu antworten hat; sie glaubt das Ding nicht sogleich, meint,
+der Herr wolle sie zum Besten haben, er spiele den Roman-Helden, oder,
+wenn er dringend wird, und sie glaubt nach und nach überzeugt werden
+zu müssen, so kömmt zuerst eine Bitte, ihrer Schwachheit zu schonen,
+ihr nicht ein Geständniß abzunöthigen, wobei sie erröthen müßte; und
+dann will der entzückte Liebhaber dem holden Engel um den Hals fallen,
+und in Wonne dahinschmelzen; aber die Schöne protestirt feierlich
+gegen alle solche Freiheiten, verläßt sich überhaupt auf seine Ehre
+und Rechtschaffenheit, reicht ihm höchstens die Backe dar, theilt
+ihre Gunstverwilligungen in unendlich kleine Parcelen, um täglich
+nur um ein Haar breit dem Ziele näher rücken zu dürfen, damit der
+schöne Roman desto länger dauern möge; und wenn auf andre Art keine
+Zeit mehr zu gewinnen ist, muß ein kleiner Zwist dazwischen kommen,
+die völlige Entwickelung aufhalten, und die Uhr auf die Schäferstunde
+zurückstellen. Bei allen diesen conventionellen Gaukeleien aber
+empfinden dergleichen Leute gar nichts, lachen, wenn sie allein
+sind, des Possenspiels, das sie mit einander treiben, können voraus
+calculiren, wie weit sie morgen und übermorgen mit ihrem Geschäfte
+kommen müssen, und werden dick und fett bei ihrer Liebespein.«
+
+ »Ganz anders aber ist es mit einem Paar unschuldigen Herzen, die, zum
+ erstenmal vom wohlthätigen Feuer der Liebe erwärmt, so gern ihren
+ süßen, schuldlosen Gefühlen Luft machen möchten, und immer nicht
+ Muth fassen können, mit Worten zu sagen, was Augen und Gebehrden oft
+ schon deutlich gesagt und beantwortet haben. Der Jüngling sieht die
+ Geliebte zärtlich an; sie erröthet; ihr Blick wird unruhig, unstät,
+ wenn Er mit einem andern Mädchen zu viel und zu freundlich redet; sein
+ Auge möchte zürnen, er möchte gleichgültig vor ihr vorbeiblicken,
+ wenn sie einem Andern vertraulich etwas in's Ohr gesagt hat; man
+ fühlt den Vorwurf, gibt augenblickliche Genugthuung, bricht plötzlich
+ und fast unhöflich das Gespräch ab, welches den Argwohn erweckt
+ hat; der Versöhnte dankt durch das zärtliche Lächeln und durch die
+ fröhlichste, plötzlich aufwachende Laune; man nimmt mit den Augen
+ Verabredungen auf morgen, entschuldigt sich, warnet vor Beobachtern,
+ erkennt sich gegenseitige Rechte auf einander an -- und hat sich
+ doch noch mit keinem Wörtchen gesagt, ~was~ man für einander fühlt.
+ Allein man sucht von beiden Seiten ernstlich die Gelegenheit dazu;
+ sie kömmt, kömmt oft, und man läßt sie ungenützt vorbeistreichen,
+ drückt sich höchstens einmal leise die Hand, und doch auch das nie
+ ohne irgend einen schicklichen Vorwand, sagt sich aber kein Wort,
+ ist mißmüthig, zweifelt an Gegenliebe, und hat sich oft noch nicht
+ gegen einander erklärt, wenn man schon die Fabel der ganzen Stadt und
+ der Gegenstand der schändlichsten Verläumdung ist. Ist endlich das
+ längst im Busen pochende Bekenntniß den furchtsamen Lippen stotternd
+ entflohen, und mit gebrochenen, halb erstickten Worten, mit einem
+ bis in das Innerste dringenden Händedrucke begleitet, beantwortet
+ worden; dann lebt man vollends erst ganz für einander, ist wenig um
+ die übrige Welt bekümmert, sieht und hört nichts um sich her, ist in
+ keiner Gesellschaft verlegen mit seiner Person, wenn nur der theure
+ Gegenstand uns freundlich anlächelt; findet an der Seite der Geliebten
+ alles Ungemach des Lebens leichter zu ertragen; glaubt nicht, daß es
+ Krankheit, Armuth, Druck und Noth in der schönen Welt geben könne;
+ lebt mit allen Wesen in Frieden; verachtet Gemächlichkeit, köstliche
+ Speise, Schlaf. -- O Ihr! wenn Ihr je so wonnevolle Zeiten verlebt
+ habt, sprechet! ist auch ein süßerer Traum zu träumen möglich? Ist
+ unter allen phantastischen Freuden des Lebens Eine, die so unschuldig,
+ so natürlich, so unschädlich wäre? Eine, die so überschwenglich
+ glücklich, fröhlich, so friedenvoll machte? -- Ach! daß dieser selige
+ Zustand der Bezauberung nicht ewig dauern kann, daß man oft nur gar zu
+ unsanft aus diesem elysischen Schlummer aufgeschreckt wird!«
+
+
+ 4.
+
+In der Ehe ist ~Eifersucht~ ein schreckliches, Ruhe und Frieden
+störendes Uebel, und jeder Streit von bösen Folgen; in die Liebe
+hingegen bringt die Eifersucht Mannigfaltigkeit und neues Leben;
+nichts ist süßer, als der Augenblick der Versöhnung nach kleinen
+Zwistigkeiten, und solche Scenen knüpfen das Band fester. Zittre vor
+der Eifersucht einer Kokette, vor der Rache eines Weibes, dessen Liebe
+Du verschmäht hast, oder für welches Dein Herz nicht mehr spricht, wenn
+sie Deiner -- sey es nun aus Lust, oder aus Eitelkeit, aus Vorwitz,
+oder aus Eigensinn -- noch begehrt! Sie wird Dich mit wüthigem Grimme
+verfolgen, und keine Schonung von Deiner Seite, keine Nachgiebigkeit,
+keine Verschwiegenheit über die ehemaligen Verhältnisse, keine
+öffentliche Ehrerbietungs-Bezeigungen werden Dir helfen, besonders wenn
+sie Dich nicht etwa fürchtet.
+
+
+ 5.
+
+Weiber-Feinde schreien laut: das schöne Geschlecht liebe nie mit so
+gänzlich treuer Ergebung, wie wir Männer; Eitelkeit, Vorwitz, Lust
+an Abentheuern, oder körperliches Bedürfniß sey es nur, was sie zu
+uns hinreisse, und man dürfe nicht länger auf Weibertreue rechnen,
+als so lange eine von diesen Leidenschaften und Trieben nach Zeit
+und Gelegenheit zu befriedigen ist; Andre hingegen lehren gerade
+das Gegentheil, und beschreiben mit den reizendsten Farben die
+Beständigkeit, die Innigkeit und das Feuer eines weiblichen, von Liebe
+erfüllten Herzens. Jene eignen dem Geschlechte viel mehr Sinnlichkeit
+und Reizbarkeit, als edlere Gefühle zu, und sagen, es sey nur Grimasse,
+wenn Weiber ihre Männer überreden wollten, sie hätten ein sehr kaltes
+Temperament; Diese hingegen behaupten: die reinste, heiligste Liebe,
+ohne Begierde, ja, auf gewisse Art ohne Leidenschaft, diese göttliche
+Flamme könne nur in weiblichen Seelen in ihrer ganzen Fülle wohnen.
+Wer von beiden Partheien Recht hat, das mögen Diejenigen entscheiden,
+denen eine größere Kenntniß des weiblichen Herzens, und ausgebreitete
+Welt-Erfahrung ein Recht geben, über den Charakter der Weiber kühner,
+unpartheiischer, mit mehr Scharfsinn und mit gründlicherer Vernunft,
+als ich, zu urtheilen und zu schreiben. Ich wage das nicht; auch sind
+es zwei verschiedene Fragen: aus welchen Quellen zuerst Weiberliebe
+zu entspringen pflege? und: welche Eigenschaften nachher diese Liebe
+habe, wenn einmal die Seele davon ergriffen ist? Das aber getraue
+ich mir zu behaupten, ohne einem von beiden Geschlechtern zu nahe zu
+treten, daß wir Männer an Treue und gänzlicher Hingebung in der Liebe
+wohl schwerlich die Weiber übertreffen dürften. Die Geschichte aller
+Zeiten ist voll von Beispielen der treuesten Anhänglichkeit, der
+heldenmüthigsten Ueberwindung aller Schwierigkeiten, und Verachtung
+aller Gefahren, mit welcher ein Weib sich ihrem Geliebten weiht, und
+sein Leben zu beglücken, zu erhalten, zu erretten sucht. Ich kenne
+kein höheres Glück auf der Welt, als so innig, so treu geliebt zu
+werden. Leichtsinnige Gemüther findet man unter Männern, wie unter
+Frauenzimmern; Hang zur Abwechselung ist dem ganzen Menschengeschlecht
+eigen; neue Eindrücke größerer Liebenswürdigkeit, wahrer oder
+eingebildeter, können die lebhaftesten Empfindungen verdrängen; aber
+fast möchte ich sagen, die Fälle der Untreue wären häufiger bei
+Männern, als bei Weibern, würden nur nicht so bekannt, machten weniger
+Aufsehen, wir wären wirklich nicht so leicht auf immer zu fesseln; und
+es würde vielleicht nicht schwer halten, die Ursachen davon anzugeben,
+wenn das hieher gehörte.
+
+
+ 6.
+
+Treue, ächte Liebe freuet sich in der Stille des seligen Genusses,
+prahlt nicht nur nie mit Gunstbezeigungen, sondern gesteht sich's sogar
+selbst kaum, wie froh sie ist. Die glücklichsten Augenblicke in der
+Liebe sind da, wo man sich noch nicht gegen einander mit Worten erklärt
+hat, und doch jede Miene, jeden Blick versteht. Die wonnevollsten
+Freuden sind die, welche man mittheilt und empfängt, ohne dem Verstande
+davon Rechenschaft zu geben. Die Feinheit des Gefühls leidet oft
+nicht, daß man sich über Dinge erkläre, die ganz ihren hohen Werth
+verlieren, die anständiger Weise, ohne Beleidigung des Zartgefühls,
+gar nicht mehr gegeben und angenommen werden können, sobald man etwas
+darüber gesagt hat. Man verwilligt stillschweigend, was man nicht
+verwilligen darf, wenn es erbeten, oder wenn es merkbar wird, daß es
+mit Absicht gegeben werden soll.
+
+
+ 7.
+
+In den Jahren, in welchen so leicht das Herz mit dem Kopfe davon
+läuft, bauet so Mancher das Unglück seines Lebens durch übereilte
+Ehe-Versprechungen. Im Taumel der Liebe vergißt der Jüngling, wie
+wichtig ein solcher Schritt ist, und daß von allen Verbindlichkeiten,
+die man übernehmen kann, diese die schwerste, die gefährlichste
+und leider die unauflöslichste ist. Er verbindet sich auf ewig mit
+einem Geschöpfe, das sich seinen von Leidenschaft geblendeten Augen
+ganz anders darstellt, als es späterhin seiner nüchternen Vernunft
+erscheint, und dann hat er sich eine Hölle auf Erden bereitet; oder
+er vergißt, daß mit einer solchen Verbindung die Bedürfnisse, Sorgen
+und Arbeiten wachsen, und dann muß er, an der Seite eines innigst
+geliebten Weibes, mit Mangel und Kummer kämpfen, und doppelt alle
+Schläge des Schicksals fühlen; oder er bricht sein Wort, wenn ihm vor
+der priesterlichen Einsegnung noch die Augen aufgehen; und dann sind
+Gewissensbisse sein Theil. -- Allein, was vermögen Rath und Warnung im
+Augenblicke des Rausches? Uebrigens beziehe ich mich auf das, was ich
+im 15ten und 16ten Abschnitte des folgenden Kapitels sagen werde.
+
+
+ 8.
+
+Haben Liebe und Vertraulichkeit Dich an ein Geschöpf gekettet, und
+Eure Bande werden getrennt, sey es nun durch Schicksale, Untreue
+und Leichtfertigkeit des einen Theils, oder durch andere Umstände:
+so handle, nach dem Bruche, oder wenn die Verbindung sonst aufhört,
+nie unedel. Laß Dich nie hinreissen zu niedriger Rache! Mißbrauche
+nicht Briefe, noch Zutrauen! Der Mann, der fähig ist, ein Mädchen zu
+lästern, einem Weibe zu schaden, das einst in seinem Herzen geherrscht
+hat, verdient Haß und Verachtung; und wie mancher sonst nicht sehr
+liebenswürdige Mann hat die Gunst artiger Frauenzimmer nur allein
+seiner erprobten Bescheidenheit, Verschwiegenheit und Vorsichtigkeit in
+Liebessachen zu danken!
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit Frauenzimmern.
+
+
+ 1.
+
+Ich will gleich zu Anfange dieses Kapitels feierlich erklären, daß
+ich kein Weiber-Feind bin. -- Zwar sollte es billig einer solchen
+Erklärung nicht bedürfen, weil es schon der gesunde Menschenverstand
+lehrt, und ich kühn sagen darf, daß meine Schriften nicht Gelegenheit
+geben, mich für einen Lästerer des schönen Geschlechts zu halten; doch
+der Schwachen wegen füge ich es hinzu. Alles also, was ich hier im
+Allgemeinen zum Nachtheile des weiblichen Charakters sagen muß, soll
+der Verehrung unbeschadet gesagt seyn, die nicht nur jedes einzelne
+edle Weib und Mädchen, sondern die auch das Geschlecht, im Ganzen
+genommen, von so manchen Seiten, nur nicht gerade von der fehlerhaften,
+verdient. ~Diese~ zu verschweigen, um ~jene~ zu erheben, das ist das
+Handwerk eines feilen Schmeichlers; und der mag ich nicht seyn. Die
+mehrsten Schriftsteller aber, welche etwas über die Frauenzimmer sagen,
+scheinen sich's zum Geschäft zu machen, nur die Schwächen derselben
+aufzudecken -- das ist noch weniger meine Absicht. Wenn ich aber über
+den Umgang mit Menschen schreibe: so habe ich die Verpflichtung, auch
+die Schwächen in Erwägung zu ziehen, denen man nachgeben, die man
+schonen muß, um in dem Umgange mit Frauenzimmern weder ungerecht, noch
+ihr Sclave zu werden. Jedes Geschlecht, jeder Stand, jedes Alter, jeder
+einzelne Charakter hat dergleichen Schwächen. In so fern ich diese
+kenne, gehört es zu meinem Zwecke, davon zu reden; und man wird finden,
+daß ich von der andern Seite weder die Tugenden verschwiegen habe, die
+den Umgang mit Männern und Frauenzimmern, mit Alten und Jungen, mit
+Weisern und Schwächern, mit Vornehmen und Geringen, angenehm machen,
+noch irgend eine einzelne Klasse auf Kosten oder zum Vortheile der
+andern, lobe oder tadle. -- So viel als Vorrede zu diesem Kapitel.
+
+
+ 2.
+
+Nichts ist so geschickt, der Bildung des Jünglings die Vollendung
+zu geben, als der Umgang mit tugendhaften und gesitteten Weibern.
+Da werden die sanftern Tinten in den Charakter eingetragen; da wird
+durch mildere und feinere Züge manche Härte gemäßigt, mancher Flecken
+verwischt, -- kurz: wer nie mit Weibern besserer Art umgegangen ist,
+der entbehrt nicht nur sehr viel reinen Genuß, sondern er wird auch im
+geselligen Leben nicht weit kommen; und ~den~ Mann, der verächtlich
+vom ganzen weiblichen Geschlechte denkt und redet, mag ich nicht
+zum Freunde haben. Ich habe die seligsten Stunden in dem Kreise
+liebenswürdiger Frauenzimmer verlebt; und wenn etwas Gutes an mir ist,
+wenn, nach so vielfältigen Täuschungen von Menschen und Schicksalen,
+Erbitterung, Mißmuth und Feindseligkeit noch nicht alles Wohlwollen,
+alle Liebe und Duldung aus meiner Seele verdrängt haben: so danke ich
+es den sanften Einwirkungen, die dieser Umgang auf meinen Charakter
+gehabt hat.
+
+
+ 3.
+
+Die Weiber haben einen ganz eignen Sinn, um diejenigen unter den
+Männern zu unterscheiden, welche mit ihnen sympathisiren, sie
+verstehen, sich in ihren Ton stimmen können. Man hat sehr Unrecht,
+wenn man ihnen Schuld gibt, körperliche Schönheit allein mache auf
+sie so lebhafte Eindrücke; sehr oft hat gerade der entgegengesetzte
+Fall Statt. Ich kenne Jünglinge mit Antinous-Gestalten, die ihr Glück
+bei dem schönen Geschlechte nicht machen, und hingegen Männer mit
+fast garstigen Larven, die dort gefallen und Theilnehmung erwecken.
+Auch liegt nicht der Grund darin, daß sie die Klügern und Witzigern
+vorzögen, noch in der mehrern oder mindern Schmeichelei und Huldigung;
+es gibt aber eine Art mit Frauenzimmern umzugehen, die nur von ihnen
+selbst erlernt werden kann; und wer ~die~ nicht versteht, der mag mit
+allen innern und äussern Vorzügen ausgerüstet seyn -- er wird ihnen
+nicht behagen. Man findet Männer, die von der Gabe, den Frauenzimmern
+zu gefallen, großen Mißbrauch machen, denen man erwachsene Töchter
+anvertrauet, die zu allen Tageszeiten bei den Damen freien Zutritt,
+und sich in den Ruf gesetzt haben, ohne Bedeutung zu seyn, denen
+man eben deswegen sorglos die freiesten Scherze erlaubt, oft aber
+dadurch so gefährlich macht, daß man es, aber zu spät, bereut, ihnen
+so viel eingeräumt zu haben. Der Mißbrauch hebt indessen den erlaubten
+Gebrauch jener Kunst nicht auf. Ein kleiner Anstrich von weiblicher
+Sanftmuth, die aber ja nicht in unmännliche Schwäche übergehen darf;
+Gefälligkeiten, die nicht so groß, nicht so merklich seyn dürfen,
+daß sie Aufsehen erregen, oder größere Gegenforderung veranlassen,
+aber auch nicht so heimlich, daß sie übersehen würden; kleine, feine
+Aufmerksamkeiten, wofür sich kaum danken läßt, die also kein Recht
+geben, ohne Anspruch zu seyn scheinen, und doch verstanden, doch
+angerechnet werden; eine Art von Augensprache, die, sehr vom Liebäugeln
+unterschieden, nur von zarten, empfindungsvollen Herzen aufgefaßt
+wird, ohne in Worte übersetzt werden zu dürfen; das Verbergen gewisser
+geheimen Gefühle; ein freier, treuherziger Umgang, der nie in freche,
+gemeine Vertraulichkeit ausarten muß; zuweilen sanfte Schwermuth,
+die nicht Langeweile macht; ein gewisser romanhafter Schwung, der
+weder in's Süßliche, noch Abentheuerliche fällt; Bescheidenheit,
+ohne Schüchternheit; Unerschrockenheit, Muth und Lebhaftigkeit,
+ohne stürmisches Wesen; körperliche Gewandtheit, Geschicktheit,
+Behendigkeit, angenehme Talente; -- ich denke, das ist es ungefähr, was
+den Weibern an uns gefallen könnte.
+
+
+ 4.
+
+Das Gefühl der Schutzbedürftigkeit, und die Ueberzeugung, daß der
+Mann ein Wesen seyn müsse, das fähig sey, diesen Schutz zu verleihen,
+ist von der Natur auch ~denen~ Frauen eingepflanzt, die Stärke und
+Entschlossenheit genug haben, sich selbst zu schützen. Daher fühlen
+auch weichgeschaffne Damen eine Art von Widerwillen gegen schwächliche,
+gebrechliche Männer. Sie können gegen Leidende herzliches Mitleiden
+empfinden, zum Beispiel gegen Verwundete, Kranke und dergleichen; aber
+eigentliche, bleibende Gebrechlichkeiten, die den freien Gebrauch der
+Kräfte hemmen, werden die Zuneigung, selbst des sittsamsten Weibes, von
+Dir abwendig machen.
+
+
+ 5.
+
+Man hat oft den Damen vorgeworfen, daß sie sich vorzüglich für
+ausschweifende Männer interessirten. Wenn das wahr ist: so kann ich
+doch nichts durchaus Anstößiges darin finden. Sind sie, bei dem
+Bewußtseyn eigner Schwäche, duldsamer, als wir: so macht das ihrem
+Herzen Ehre; allein wir Männer tadeln auch oft nur aus Neid solche
+glückliche Verbrecher von unserm Geschlechte, finden hingegen, wenn wir
+die Lovelace und Carl Moor nur auf dem Papiere oder auf der Schaubühne
+sehen, heimliches Wohlgefallen an ihnen. Der Grund von dem Allen liegt
+wohl in einem dunkeln Gefühle, welches uns sagt, daß zu Verirrungen von
+der Art eine gewisse Kraft des Gemüths, eine lebendige Thätigkeit, und
+eine Empfänglichkeit des Gefühls gehöre, die immer Interesse erweckt.
+Uebrigens will man bemerkt haben, daß die mehrsten Frauenzimmer nur
+vorzüglich duldsam gegen ~hübsche Männer~ und gegen ~garstige Weiber~
+seyen.
+
+
+ 6.
+
+Noch muß ich erinnern, daß die Frauenzimmer an den Männern Reinlichkeit
+und eine wohlgewählte, doch nicht phantastische Kleidung lieben, und
+daß sie leicht mit einem Blicke kleine Fehler und Nachlässigkeiten im
+Anzuge bemerken.
+
+
+ 7.
+
+Huldige nicht mehrern Frauenzimmern zu gleicher Zeit, an demselben
+Orte, auf einerlei Weise, wenn es Dir darum zu thun ist, Zuneigung
+oder Vorzug von einer Einzelnen zu erlangen! Sie verzeihen uns kleine
+Untreuen, ja man kann dadurch bei ihnen zuweilen sogar gewinnen; aber
+in dem Augenblicke, da man ihnen etwas von Empfindungen vorschwatzt,
+muß man fühlen, was man sagt, und es nur ~für sie~ fühlen. Sobald sie
+merken, daß Du Dein zärtliches Gewäsche einer Jeden auskramst, ist
+alles vorbei. Sie mögen, was sie uns sind, gern ~ungetheilt~, ~allein~
+und ausschließend bleiben.
+
+
+ 8.
+
+Zwei Frauenzimmer, die Forderungen und Ansprüche von einerlei Art
+machen, sey es nun von Seiten der Schönheit, Gelehrsamkeit, oder sonst,
+stimmen in einer Gesellschaft nicht gut zusammen. Doch werden sie
+zuweilen mit einander fertig; kömmt aber die Dritte hinzu, dann hat der
+böse Feind sein Spiel.
+
+Hüte Dich daher auch, in Gegenwart einer Dame, die Ansprüche von irgend
+einer Art macht, eine andre, wegen gleicher Eigenschaften, zu sehr
+zu loben, besonders eine Nebenbuhlerin mit denselben Ansprüchen! Es
+pflegt allen Menschen, die ein Gefühl von eignem Werthe, und Begierde
+zu glänzen haben, vorzüglich aber den Damen, eigen zu seyn, daß sie
+gern ausschließlich bewundert werden mögen, es sey nun wegen Schönheit,
+wegen Geschmack, wegen Pracht, wegen Talente, wegen Gelehrsamkeit,
+oder weswegen es auch sey. Sprich daher auch nicht von Aehnlichkeiten,
+die Du findest, zwischen der Frau, mit welcher Du redest, und ihren
+Kindern, oder irgend einer andern Person! Frauenzimmer haben zuweilen
+sonderbare Grillen; man weiß nicht immer, wie sie, nach ihrer
+Vorstellung, aussehen, oder gern aussehen möchten. Die Eine affectirt
+Simplicität, Unschuld, Naivität; die Andre macht Anspruch auf hohe
+Grazie, Adel und Würde in Gang und Gebehrde. Die Eine sähe es gern,
+wenn man sagte: ihr Gesicht verrathe so viel Sanftmuth; eine Andre
+möchte männlich klug, entschlossen, geistvoll, erhaben aussehen. Die
+möchte mit ihren Blicken zu Boden stürzen können; Jene mit ihren Augen
+alle Herzen wie Butter schmelzen. Die Eine will ein gesundes und
+frisches, die Andre ein kränkliches, leidendes Ansehen haben. -- Das
+sind nun kleine unschädliche Schwachheiten, nach denen man sich wohl
+richten kann, oder vielmehr muß, wenn man mit Damen umgehen will.
+
+
+ 9.
+
+Die mehresten Frauenzimmer wollen ohne Unterlaß angenehm unterhalten
+seyn. Der angenehme Gesellschafter ist ihnen oft mehr werth, als der
+würdige, verdienstvolle Mann, von dessen Lippen Weisheit strömt, wenn
+er redet; der aber lieber schweigen, als leere Worte sprechen mag.
+Allein kein Gegenstand scheint ihnen unterhaltender, als ihr eignes
+Lob, wenn es ihnen nicht gar zu stark in's Gesicht gesagt wird; -- doch
+auch damit nehmen es Manche so genau nicht. Man erhebe immer einmal
+die Schönheit einer alten Matrone! Man sehe immer einmal die Mutter
+für die Tochter im Hause an! -- Sie werden uns darum die Augen nicht
+auskratzen. Ueberhaupt aber ist es mit dem Alter der Frauenzimmer
+ein kitzlicher Punkt. Man thut am besten, diese Saite gar nicht zu
+berühren. Wenn man übrigens die Kunst versteht, ihnen Gelegenheit zu
+geben, zu glänzen, so bedarf man weiter keiner Unterhaltung, und man
+wird ihnen gewiß nicht unangenehm seyn. -- Ist das nicht bei allen
+Menschen mehr oder weniger der Fall? Gewiß! doch bei Weibern öfter,
+weil man wohl ohne Sünde ein wenig mehr Eitelkeit auf Rechnung ihres
+Geschlechts schreiben, als dem unsrigen Schuld geben darf.
+
+
+ 10.
+
+Ein großes Triebrad im weiblichen Charakter ist die Neugier. Auch
+darauf muß man zu rechter Zeit im Umgang mit ihnen zu wirken, und
+dies Bedürfniß nach den Umständen zu erwecken, zu beschäftigen und zu
+befriedigen verstehen. Sonderbar genug ist es, wie weit oft Vorwitz
+und Neugier bei ihnen gehen. Auch die mitleidigsten Seelen unter
+ihnen empfinden zuweilen einen unbezwinglichen Trieb, schreckliche
+Scenen, Exekutionen, Operationen, Wunden und dergleichen anzuschauen,
+jämmerliche Mordgeschichten zu hören; -- Gegenstände, denen sich der
+weniger weibliche Mann nicht ohne Widerwillen gegenüber sieht. Deswegen
+sind ihnen auch diejenigen Romane und Schauspiele größtentheils
+die angenehmsten, in welchen Abentheuer ohne Ende, unerwartete
+Begebenheiten in Menge, und Greuel auf Greuel gehäuft sind. Deswegen
+forschen die Schlimmern unter ihnen so gern nach fremden Geheimnissen,
+und spähen die Handlungen ihrer Nachbaren aus, wenn auch nicht immer
+Bosheit, Neid und Schadenfreude zum Grunde liegen. Chesterfield sagt:
+»Wenn Du Dich bei Weibern einschmeicheln willst, so vertraue ihnen ein
+Geheimniß!« -- freilich wohl nur ein kleines Geheimniß. -- Doch warum
+nicht auch größere? Können nicht manche Weiber besser schweigen, als
+ihre Männer? Es kömmt nur auf den Gegenstand des Geheimnisses an.
+
+
+ 11.
+
+Auch die edelsten Weiber haben mehr abwechselnde Launen, sind weniger
+gleichgestimmt zu allen Zeiten, als wir Männer. Reizbarere Nerven, die
+leichter zu allerlei Gemüthsbewegungen in Schwingung zu bringen sind,
+und ein schwächerer Körperbau, der manchen unbehaglichen Gefühlen
+ausgesetzt ist, die wir gar nicht kennen, sind Schuld daran. Wundert
+Euch daher nicht, meine Freunde! wenn Ihr nicht jeden Tag denselben
+Grad von Theilnehmung und Liebe in den Augen derjenigen Damen zu
+finden glaubet, an deren Zuneigung Euch gelegen ist! Ertraget diese
+vorübergehenden Launen, aber hütet Euch in solchen Augenblicken
+von Verstimmung, Euch aufzudringen, oder zur Unzeit mit Witz oder
+Troste angezogen zu kommen; sondern überleget wohl, was sie in jeder
+Gemüthslage etwa gern hören mögten, und wartet ruhig den Augenblick
+ab, wo sie selbst den Werth Eurer Nachsicht und Schonung fühlen, und
+ihr Unrecht gutmachen!
+
+
+ 12.
+
+Die Frauenzimmer finden ein gewisses Vergnügen an kleinen Neckereien;
+mögen selbst denen Personen, die ihnen am theuersten sind, zuweilen
+unruhige Augenblicke machen. Auch hiervon liegt der Grund in ihren
+Launen, und nicht in Bösartigkeit des Gemüths. Wenn man sich dabei
+vernünftig, duldsam, nicht stürmisch beträgt, noch durch eigne Schuld
+den kleinen Zwist zu einem wirklichen förmlichen Bruche heranwachsen
+läßt: so löschen sie in einer andern Stunde die Beleidigungen, die sie
+uns zugefügt haben, durch verdoppelte Gefälligkeit aus, und man erlangt
+dabei oft ein Recht mehr auf ihre Zuneigung.
+
+
+ 13.
+
+In solchen und allen übrigen kleinen Kämpfen und Streitigkeiten mit
+Frauenzimmern muß man ihnen den Triumph des Augenblicks lassen, nie
+aber sie merklich beschämen; denn das ist etwas, das ihre Eitelkeit
+selten verzeiht.
+
+
+ 14.
+
+Daß die Rache eines unedlen Weibes fürchterlich, grausam, dauernd und
+nicht leicht zu versöhnen sey, das hat man schon so oft gesagt, daß ich
+es hier zu wiederholen fast nicht nöthig finde. Wirklich sollte man es
+kaum glauben, welche Mittel solche Furien ausfindig zu machen wissen,
+einen ehrlichen Mann, von dem sie sich beleidigt glauben, zu martern,
+zu verfolgen; wie unauslöschlich ihr Haß ist; zu welchen niedrigen
+Mitteln sie ihre Zuflucht nehmen. Der Verfasser dieses Buchs hat leider
+selbst eine Erfahrung von der Art gemacht. Ein einziger unbesonnener
+Schritt in seiner frühen Jugend, durch welchen sich der Ehrgeitz und
+die Eitelkeit eines Weibes gekränkt fühlte, ob sie ihn gleich früher,
+als er sie, auf den Fuß getreten hatte, war Schuld daran, daß er
+nachher aller Orten, wo sein Schicksal ihn nöthigte, Schutz und Glück
+zu suchen, Widerstand, und fast unübersteigliches Hinderniß fand; daß
+heimliche, durch allerlei Wege gewonnene Verläumder mit bösen Gerüchten
+vor ihm hergingen, um jeden Schritt zu hindern, jeden unschuldigen Plan
+zu vereiteln, den er zu seinem Fortkommen und zum Wohl seiner Familie
+anlegte. Ihm half nicht das vorsichtigste, untadelhafteste Betragen,
+nicht die öffentliche Erklärung, wie sehr er sein Unrecht erkenne.
+-- Die rachgierige Frau hörte nicht auf, ihn zu verfolgen, bis er
+endlich freiwillig allem entsagte, wozu man die Hülfe Anderer braucht,
+und sich auf eine häusliche Existenz einschränkte, die sie ihm nicht
+rauben kann. -- Und das that eine Frau, in deren Macht es stand, viele
+Menschen glücklich zu machen, und die von der Natur mit sehr seltnen
+Vorzügen des Körpers und des Geistes ausgerüstet war.
+
+Es scheint übrigens in der Natur zu liegen, daß Schwächere immer
+grausamer in ihrer Rache sind, als Stärkere; vielleicht, weil das
+Gefühl dieser Schwäche die Empfindung des erlittenen Drucks verstärkt,
+und lüsterner nach der Gelegenheit macht, auch einmal Kraft zu üben.
+
+
+ 15.
+
+Eine philosophische Abhandlung des Herrn Professor Meiners, über die
+Frage: »ob es in unsrer Macht stehe, verliebt zu werden, oder nicht?«
+läßt mich daran verzweifeln, irgend etwas Neues über die Mittel sagen
+zu können, welche man anzuwenden hat, um im Umgange mit liebenswürdigen
+Frauenzimmern die Freiheit seines Herzens zu bewahren und zu behaupten.
+Die Liebe ist zwar ein süßes Ungemach, das über uns kömmt, gerade
+wenn wir uns dessen am wenigsten versehen, gegen welches wir also
+gewöhnlich erst dann anfangen, Maaßregeln zu nehmen, wenn es schon zu
+spät ist; da sie aber oft sehr bittre Leiden, und Zerstörung aller Ruhe
+und alles Friedens mit in ihrem Gefolge führt; da hoffnungslose Liebe
+wohl eine der schrecklichsten Plagen ist, und äussere Verhältnisse
+zuweilen auch den edelsten, zärtlichsten Neigungen unübersteigliche
+Hindernisse in den Weg legen: so ist es doch der Mühe werth, besonders
+für Den, welchen die Natur mit einem lebhaften Temperamente und mit
+warmer Phantasie ausgestattet hat, sich an eine gewisse Herrschaft
+des Verstandes über Gefühle und Sinnlichkeit zu gewöhnen, und, wo
+er sich dazu zu schwach fühlt, -- der Versuchung auszuweichen. Groß
+ist die Qual für ein fühlendes Herz, geliebt zu werden, und Liebe
+nicht erwiedern zu können. Schrecklich ist die Qual, zu lieben, und
+verschmäht zu werden; verzweiflungsvoll die Lage Dessen, der für
+gränzenlose treue Zärtlichkeit und Hingebung mit Betrug und Untreue
+belohnt wird. -- Wer gegen dies alles sichre Mittel weiß, der hat den
+Stein der Weisen gefunden. Ich gestehe meine Schwäche: -- ich kenne
+keins, als die Flucht, ehe es dahin kömmt.
+
+
+ 16.
+
+Es leben unter uns Männern Bösewichter, denen Tugend, Redlichkeit und
+die Ruhe ihrer Nebenmenschen so wenig heilig sind, daß sie unschuldige,
+unerfahrne Mädchen, wenn nicht durch schlaue Künste wirklich zum Laster
+verführen, doch mit falschen Erwartungen oder gar mit Versprechungen
+einer künftigen Eheverbindung täuschen, sich dadurch für den Augenblick
+eine angenehme Existenz verschaffen, die armen Kinder aber, die indeß
+ihretwegen aller Gelegenheit zu anderweitiger Versorgung ausgewichen
+sind, nachher verlassen, um neue Verbindungen zu schließen. Die
+Schändlichkeit eines solchen Verfahrens wird ja wohl Jeder einsehen,
+der noch einen Funken von Gefühl für Ehre in seinem Busen trägt;
+und wem ein solches Gefühl fremd ist, für den schreibe ich nicht.
+Es gibt aber ein andres, den Folgen nach nicht weniger schädliches,
+obgleich in Betracht der Absicht nicht so strafbares Betragen der
+Männer gegen gefühlvolle Frauenzimmer, worüber ich einige Worte zur
+Warnung sagen muß. Es glauben nämlich Manche unter uns, es könne gar
+kein Interesse in den Umgang mit jungen Mädchen kommen, wenn man ihnen
+nicht Süßigkeiten sage, ihnen schmeichele, oder eine Art von Wärme und
+Herzens-Andringlichkeit aus Worten und Gebehrden hervorleuchten lasse.
+Aber ein solches Betragen ist wahre Versündigung, denn es nährt nicht
+nur den ohnehin schon so großen Hang des Geschlechts zur Eitelkeit,
+sondern, da eben diese Eitelkeit, die Ueberzeugung von der Macht ihrer
+Reize, gern jedes Honigwort für Sprache inniger Empfindung hält: so
+setzen die guten Mädchen, deren Leichtgläubigkeit kein edler Mann
+benutzen sollte, sich gleich in den Kopf, es sey ernstlich auf eine
+Heirath angesehen. Der Stutzer merkt das nicht, oder wenn er es merkt,
+so ist er zu leichtsinnig, den Folgen nachzudenken; er verläßt sich
+darauf, daß er nie bestimmt etwas von Heiraths-Anträgen hat fallen
+lassen, und wenn er nun früh oder spät aufhört, einer solchen Schönen
+zu huldigen, so ist das Mädchen eben so unglücklich, als wenn er sie
+absichtlich betrogen hätte. Sie welkt dahin die arme Verlassne, wenn
+bittre Täuschung einer lebhaften Hoffnung an ihrem Herzen nagt, indeß
+der süße Herr sorglos bei Andern herumschwärmt, und das Unglück nicht
+einmal ahnet, das er angerichtet hat.
+
+Eine nicht minder gewöhnliche Art, junge Mädchen zu Grunde zu richten,
+ist, wenn man entweder durch leichtfertige Reden und luxuriösen
+Witz ihre Neugier und ihre Sinnlichkeit reizt, oder durch Erweckung
+romanhafter Begriffe ihre Phantasie erhitzt, ihre Aufmerksamkeit von
+solchen Gegenständen, womit sie, ihrem Berufe gemäß, sich beschäftigen
+sollten, ableitet, in ihnen den Sinn für einfaches, häusliches Leben
+ertödtet, oder ein junges Land-Mädchen, durch reizende Darstellung der
+Stadt-Freuden, mit ihrer Lage unzufrieden macht. O habe doch Mitleiden,
+leichtsinniger Jüngling, mit diesen Armen, und nimm ihnen nicht
+unbarmherzig, was unersetzlich ist, die Zufriedenheit mit dem, was ihre
+Lage ihnen darbietet. Erkenne doch, wie unedel es ist, Schwachheit zu
+benutzen, um seiner Eitelkeit eine Nahrung zu bereiten, und wie edel
+dagegen, ein unbefangenes und argloses Herz mit Achtung und Schonung zu
+behandeln.
+
+
+ 17.
+
+Ich sollte hier billig auch etwas von dem Umgange mit groben Koketten
+und Buhlerinnen sagen; allein das würde mich zu weit führen, und
+schwerlich möchte meine Mühe mit Erfolge belohnt werden. Die
+Schlingen, denen ein junger Mann in dieser Hinsicht auszuweichen
+hat, sind unzählig. Wohl ihm, wenn er Kraft und Klugheit genug hat,
+diese Ausgearteten wie die Pest zu fliehen; hat er aber einmal das
+Unglück, in ihre Fallstricke gerathen zu seyn: so wird er selten so
+viel kalte Ueberlegung haben, ehe er ein solches Geschöpf besucht,
+vorher ein Kapitel aus meinem Buche zu lesen. Zudem hat der König
+Salomon das alles weit besser gesagt. -- Doch ein Paar Zeilen darüber:
+Unbeschreiblich fein sind solche verworfne Geschöpfe in der Kunst,
+sich zu verstellen, unverschämt zu lügen, Empfindungen zu heucheln,
+um ihre Habsucht, ihre Eitelkeit, ihre Sinnlichkeit, ihre Rache, oder
+irgend eine andre Leidenschaft zu befriedigen. Unendlich schwer ist
+es, zu erforschen, ob eine Buhlerin Dir wirklich um Dein Selbst willen
+anhängt. Hast Du sie vielfältig auf die Probe von Uneigennützigkeit
+gesetzt, und immer so befunden, wie Du wünschtest: so ist das etwas,
+aber noch sehr wenig. Sie verachtet vielleicht Dein Silber, um desto
+sicherer Dich selbst mit allem Deinem Golde zu gewinnen; oder ihr
+Temperament leitet sie weniger zum Gelde, als zur Wollust. Hast Du sie
+bei mancherlei Versuchungen, wo sie Gelegenheit und Anreizung gehabt
+hätte, Dich heimlich zu hintergehen, stets treulich befunden; hat sie
+zärtliche Sorgfalt, selbst für Deinen Ruf, für Deine Ehre gezeigt;
+zieht sie Dich nicht ab von andern natürlichen und edlen Verbindungen;
+opfert sie Dir Jugend, Schönheit, Gewinn, Glanz, Eitelkeit auf: -- ei
+nun! die Mischungen der Anlagen und Temperamente sind mannigfaltig
+-- so kann auch eine Buhlerin von andern Seiten gute, liebenswürdige
+Eigenschaften haben; aber traue ihr darum nicht! Ein Weib, das die
+ersten und heiligsten aller weiblichen Tugenden, die Keuschheit und
+Sittsamkeit, für nichts achtet, wie kann das wahre Ehrfurcht für
+höhere Pflichten haben? Doch bin ich weit entfernt, alle unglückliche
+Gefallne und Verführte in die Klasse verachtungswerther Buhlerinnen
+setzen zu wollen. Wahre Liebe kann auch ein verirrtes Herz zur Tugend
+zurückführen. Es ist schon oft gesagt worden, daß derjenige sichrer
+vor der Verführung sey, der die Gefahr kennt, als der, welcher nie
+in Versuchung geführt worden ist; allein es bleibt bei dieser Art
+von Vergehungen immer eine mißliche Sache um die sichre, dauerhafte
+Besserung, und keine Lage ist demüthigender und beunruhigender, als
+wenn man die geliebte Person von Andern verachtet sieht, wenn man
+sich vor der Welt der Bande schämen muß, die man nicht zerreissen
+mag oder kann. Liebe, reine Liebe, sichert übrigens am besten gegen
+Ausschweifungen, und der Umgang mit edeln, sittsamen Weibern verfeinert
+den Sinn des Jünglings für Tugend und Unschuld, waffnet sein verwöhntes
+Herz gegen feine und freche Buhlerkünste. -- Uebrigens bleibt es doch
+immer eine große Ungerechtigkeit, daß wir Männer uns alle Arten von
+Ausschweifungen erlauben, den Weibern aber, die von Jugend auf durch
+uns zur Sünde gereizt werden, keinen Fehltritt verzeihen wollen;
+aber freilich, was würde aus der bürgerlichen Gesellschaft und aus
+dem ganzen Menschengeschlecht werden, wenn diese Strenge gegen das
+schwächere Geschlecht aufhörte? Doch bleibt es immer bei dem Ausspruch:
+wer sich rein weiß, hebe den ersten Stein auf!
+
+Ist es aber wohl wahr, was man im gemeinen Leben so oft hört, daß
+~jedes~ Weib zu verführen sey? -- o ja! so wie jeder Richter auf irgend
+eine Art bestechbar, und jeder Erdensohn, wenn alle innre und äussre
+Umstände dazu mitwirken, zu jeder Sünde fähig seyn würde. -- Aber heißt
+das etwas andres gesagt, als: daß wir alle -- Menschen sind? Ueberlegt
+man dabei, wie auf die feinern Sinne der Frauenzimmer sinnliche
+Eindrücke, Verführung, Schmeichelei, Eitelkeit, Neugier, Temperament,
+so mächtigen Einfluß haben; wie der kleinste Fleck von dieser Seite
+an ihnen so leicht bemerkt wird, weil sie in keinen bürgerlichen
+Verhältnissen stehen, ihre Verirrungen nicht durch Verdienste und
+~höhere Tugenden~ vergessen machen können: -- o! wer wollte dann nicht
+dulden und schweigen? -- Wenden wir uns nun zu einer erhabnen Klasse
+von Frauenzimmern -- zu den ~gelehrten Weibern~!
+
+
+ 18.
+
+Ich muß gestehen, daß mich immer eine Art von Fieberfrost befällt, wenn
+man mich in Gesellschaft einer Dame gegenüber oder an die Seite setzt,
+die große Ansprüche auf Schöngeisterei, oder gar auf Gelehrsamkeit
+macht. Wenn die Frauenzimmer doch nur überlegen wollten, wie viel
+mehr Interesse diejenigen unter ihnen erwecken, die sich einfach an
+die Bestimmung der Natur halten, und sich unter dem Haufen ihrer
+Mitschwestern durch treue Erfüllung ihres Berufs auszeichnen! Was
+hilft es ihnen, mit Männern in Fächern wetteifern zu wollen, denen sie
+nicht gewachsen sind, wozu ihnen mehrentheils die ersten Grundbegriffe
+fehlen, welche den Knaben schon von Kindheit an eingeprägt werden? Es
+gibt Damen, die, neben allen häuslichen und geselligen Tugenden, neben
+der edelsten Einfalt des Charakters und neben der Anmuth weiblicher
+Schönheit, durch tiefe Kenntnisse, seltne Talente, feine Kultur,
+philosophischen Scharfsinn in ihren Urtheilen, und Bestimmtheit im
+Ausdrucke, Gelehrte vom Handwerke beschämen. Dürfte ich es wagen, hier
+öffentlich ein Paar Namen zu nennen, so könnte ich beweisen, daß ich
+die Originale zu diesem Bilde nicht lange zu suchen brauchte; allein
+wie geringe ist gottlob die Anzahl solcher Frauen! Und ist es nicht
+Pflicht, die mittelmäßigen weiblichen Genies abzuschrecken, auf Kosten
+ihrer und Andrer Glückseligkeit nach einer Höhe zu streben, die so
+Wenige erreichen?
+
+Ich tadle nicht, daß ein Frauenzimmer ihre Schreibart und ihre
+mündliche Unterredung durch einiges Studium und durch sorgsam und
+keusch gewählte Lectüre zu verfeinern suche; daß sie sich bemühe,
+nicht ganz ohne wissenschaftliche Kenntnisse zu seyn; aber sie soll
+kein Handwerk aus der Litteratur machen; sie soll nicht in allen
+Theilen der Gelehrsamkeit umherschweifen. Es erregt wahrlich, wo
+nicht Ekel, doch Mitleiden, wenn man hört, wie solche arme Geschöpfe
+sich erkühnen, über Gegenstände abzusprechen, die Jahrhunderte der
+Gegenstand der mühsamsten Nachforschung großer Männer gewesen sind,
+und von denen diese dennoch mit Bescheidenheit erklärt haben, sie
+sähen nicht ganz klar darin; wenn man hört, wie ein eitles Weib
+darüber am Thee- oder Nachttische, in den entscheidendsten Ausdrücken,
+Machtsprüche wagt, indeß sie kaum eine klare Vorstellung von dem
+Gegenstande hat, wovon die Rede ist. Aber der Haufen der Stutzer und
+Anbeter bewundert dennoch mit lautem Beifalle die feinen Kenntnisse
+der gelehrten Dame, und bestärkt sie dadurch in ihren unbescheidenen
+Ansprüchen. Dann sieht sie die wichtigsten Sorgen der Hauswirthschaft,
+die Erziehung ihrer Kinder und die Achtung der sogenannten Ungebildeten
+wie Kleinigkeiten an, glaubt sich berechtigt, das Joch der männlichen
+Herrschaft abzuschütteln, verachtet alle andre Weiber, erweckt sich und
+ihrem Gatten Feinde, träumt ohne Unterlaß sich in idealische Welten
+hinein; ihre Phantasie lebt in unkeuscher Gemeinschaft mit der gesunden
+Vernunft; es geht alles verkehrt im Hause; die Speisen kommen kalt oder
+angebrannt auf den Tisch; es werden Schulden auf Schulden gehäuft;
+der arme Mann muß mit durchlöcherten Strümpfen einherwandeln. Wenn er
+nach häuslichen Freuden seufzt, unterhält ihn die gelehrte Frau mit
+Journals-Nachrichten, oder rennt ihm mit einem Musen-Almanach entgegen,
+in welchem ihre platten Verse stehen, und wirft ihm höhnisch vor, wie
+wenig der Unwürdige, Gefühllose, den Werth des Schatzes erkennt, den er
+zu seinem Jammer besitzt.
+
+Ich hoffe, man wird dies Bild nicht übertrieben finden. Unter
+den vierzig bis funfzig Damen, die man jetzt in Deutschland als
+Schriftstellerinnen zählt -- die Legionen Derer ungerechnet, die
+keinen Unsinn haben drucken lassen, -- sind vielleicht kaum ein
+halbes Dutzend, die, als privilegirte Genies höherer Art, wahren
+Beruf haben, sich in das Fach der Wissenschaften zu werfen; und diese
+sind so liebenswürdige, edle Weiber, versäumen so wenig dabei ihre
+übrigen Pflichten, fühlen selbst so lebhaft die Lächerlichkeiten ihrer
+halbgelehrten Mitschwestern, daß sie sich durch meine Schilderung
+gewiß nicht getroffen und beleidigt finden werden. Ist es aber nicht
+bei männlichen Schriftstellern auch der Fall, daß unter der großen
+Menge derselben nur Wenige ausgezeichneten Werth haben? Gewiß! nur mit
+dem Unterschiede, daß Begierde nach Ruhm oder Gewinn diese irre leiten
+kann; die Frauenzimmer hingegen nicht so leicht Entschuldigung finden
+können, wenn sie, mit mittelmäßigen, oder weniger als mittelmäßigen
+Talenten und Kenntnissen, eine Laufbahn betreten, welche weder die
+Natur, noch die bürgerliche Verfassung ihnen angewiesen hat.
+
+Was nun den Umgang mit solchen Frauenzimmern angeht, die auf Litteratur
+Anspruch machen: so versteht sich's, daß, wenn diese Ansprüche gerecht
+sind, ihr Umgang äusserst lehrreich und unterhaltend ist; und was die
+von der andern Klasse betrifft, so kann ich nichts weiter anrathen, als
+-- Geduld, und daß man es wenigstens nicht wage, ihren Machtsprüchen
+Gründe entgegenzusetzen, oder ihren Geschmack zu reformiren, wenn man
+sich auch nicht so weit erniedrigen will, den Haufen ihrer Schmeichler
+zu vermehren.
+
+
+ 19.
+
+Das weibliche Geschlecht besitzt, in viel höherm Grade, als wir, die
+Gabe, seine wahren Gesinnungen und Empfindungen zu verbergen. Selbst
+Frauenzimmer von weniger feinen Verstandes-Kräften haben zuweilen eine
+besondre Fertigkeit in der Kunst sich zu verstellen. Es gibt Fälle, in
+welchen diese Kunst ihnen Schutz gegen die Nachstellungen der Männer
+gewährt. Der Verführer hat gewonnenes Spiel, wenn er bemerkt, daß das
+Herz der Schönen, oder ihre Sinnlichkeit, mit ihm gemeinschaftliche
+Sache macht. Also rechne man es ihnen nicht zum Vorwurf, wenn sie
+zuweilen anders scheinen, als sie sind! aber man nehme darauf Rücksicht
+im Umgange mit ihnen! man glaube nicht immer, daß ihnen derjenige
+gleichgültig sey, dem sie mit merklicher Kälte begegnen, noch daß
+sie sich vorzüglich für den interessiren, mit dem sie öffentlich
+vertraulich umgehen, den sie auszuzeichnen scheinen! Oft thun sie dieß
+gerade, um ihr Spiel zu verbergen, wenn es nicht bloß Neckerei, oder
+Wirkung ihrer Laune, ihres Eigensinnes ist. Sie ganz zu entziffern,
+dazu gehört tiefes Studium des weiblichen Herzens, vieljähriger
+Umgang mit den Feinern unter ihnen; kurz, mehr als in diesen Blättern
+entwickelt werden kann.
+
+
+ 20.
+
+Ich schweige von der Vorsichtigkeit im Umgange mit alten Koketten;
+mit solchen, die sich einbilden, die Ansprüche auf Bewundrung, auf
+Huldigung und die Gewalt ihrer Schönheit würden, wie die gesetzmäßigen
+Rechte der Juristen, durch dreißigjährigen Besitz um desto sichrer;
+die in fünf Jahren nur einmal ihren Geburtstag feiern, und die, wenn
+sie an der Spitze einer Bücher-Censur stünden, am ersten den Kalender
+verbieten würden. Ich schweige von den Prüden, Strengen, Spröden und
+Betschwestern, mit welchen man zuweilen, wie ich höre, unter vier
+Augen ganz anders, als in Gesellschaft umgehen darf, und von denen
+leichtfertige Leute behaupten: verschwiegne und kühne Männer machten
+bei dieser Klasse gerade am leichtesten ihr Glück. Ich schweige von
+den sogenannten alten Gevatterinnen und Frauen Basen, die sich's zur
+christlichen Pflicht machen, den Ruf ihrer Nachbarn und Bekannten von
+Zeit zu Zeit an das Licht zu ziehen, und mit denen man es daher nicht
+verderben darf. -- Ich schweige von diesen allen, um die guten Damen
+nicht gegen mich aufzubringen, der ich an allen diesen Lästerungen
+keinen Theil nehme.
+
+
+ 21.
+
+Aber noch ein Paar Worte über die seligen Freuden, die der Umgang mit
+verständigen und edeln Weibern gewährt! Ich habe schon vorhin gesagt,
+daß ich demselben die glücklichsten Stunden meines Lebens zu verdanken
+habe; und, in Wahrheit! das sprach ich aus der Fülle meines Herzens.
+Ihr zartes Gefühl, ihre Gabe, so schnell zu errathen, zu begreifen,
+Gedanken aufzufassen, Mienen zu verstehen; ihr feiner Sinn für die
+kleinen, süßen Gefälligkeiten des Lebens; ihr reizender naiver Witz;
+ihre oft so scharfsinnigen, von gelehrten, systematischen, vorgefaßten
+Meinungen so freien Urtheile; unnachahmliche liebenswürdige Laune
+-- interessant, selbst in ihren Ebben und Fluthen; ihre Geduld in
+langwierigen Leiden, wenn gleich sie im ersten Augenblicke, wo der
+Unfall sie trifft, dem Gefährten das Uebel durch Klagen schwerer
+machen; ihre sanfte, liebreiche Art zu trösten, zu pflegen, zu warten,
+zu harren, zu dulden; die Milde, welche in ihrem ganzen Wesen herrscht;
+die kleine, unschädliche Geschwätzigkeit und Redseligkeit, wodurch sie
+die Gesellschaft beleben -- das alles kenne ich, schätze ich, verehre
+ich. -- Und wer wird nun, bei dem, was ich zum Nachtheil Einiger unter
+ihnen habe sagen müssen, mir Lästerung aufbürden, oder gehässige
+Absichten beimessen?
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang unter Freunden.
+
+
+ 1.
+
+Da bei dem Betragen gegen unsre Freunde alles auf die Wahl derselben
+ankömmt, so muß ich zuerst einige Bemerkungen über diesen Gegenstand
+vorausschicken. Keine freundschaftliche Verbindungen pflegen
+dauerhafter zu seyn, als diese, welche in der frühen Jugend geschlossen
+werden. Man ist da noch weniger mißtrauisch, weniger schwierig in
+Kleinigkeiten; das Herz ist offner, geneigter sich mitzutheilen,
+sich anzuschließen; die Charaktere fügen sich leichter zusammen; man
+gibt von beiden Seiten nach, und setzt sich in gleiche Stimmung;
+man erfährt mit einander so Manches, erinnert sich der sorgenlosen,
+gemeinschaftlich vollbrachten, glücklichen Jugend-Jahre, und rückt
+mit gleichen Schritten in Kultur und Erfahrung fort. Dazu kommen dann
+Gewohnheit und Bedürfniß; wird Einer aus dem vertrauten Kreise durch
+die Hand des Todes dahingerissen, so kettet das die übrigbleibenden
+Gefährten um desto fester an einander. -- Ganz anders sieht es aus in
+reifern Jahren. Von Menschen und Schicksalen vielfältig getäuscht,
+werden wir verschlossner, trauen nicht so leicht; das Herz steht
+unter der Vormundschaft der Vernunft, die genauer abwägt, und sich
+selbst Rath zu schaffen sucht, bevor sie sich Andern anvertrauet.
+Man fordert mehr, ist ekler in der Wahl, nicht mehr so lüstern nach
+neuen Bekanntschaften, wird nicht so lebhaft betroffen von glänzenden
+Aussenseiten; man hat ächtere Begriffe von Vollkommenheit, von
+dauerhaften Bündnissen, von Nutzen und Schaden einer gänzlichen
+Hingebung; der Charakter ist fester; die Grundsätze sind auf Systeme
+zurückgeführt, in welche die Gesinnungen und Theorien eines uns
+fremden Menschen selten passen; folglich wird es schwerer, eine
+dauerhafte Harmonie zu Stande zu bringen; und endlich sind wir in so
+manche Geschäfte und Verbindungen verflochten, daß wir kaum Muße, und
+wenigstens selten Drang haben, neue zu schließen. Also vernachlässige
+man seine Jugend-Freunde nicht; und wenn auch Schicksale, Reisen und
+andre Umstände uns in der Welt umhergetrieben und von unsern Gespielen
+getrennt haben, so suche man doch jene alten Bande wieder anzuknüpfen,
+und man wird selten übel dabei fahren.
+
+
+ 2.
+
+Es ist ein ziemlich allgemein angenommener Grundsatz, daß zu
+vollkommner Freundschaft Gleichheit des Standes und der Jahre
+erfordert werde. »Die Liebe,« sagt man, »sey blind; sie fessele, durch
+unerklärbaren Instinkt, Herzen an einander, die dem kalten Beobachter
+gar nicht für einander geschaffen zu seyn schienen; und da sie nur
+durch Gefühle, nicht durch Vernunft geleitet werde, so fielen bei
+ihr alle Rücksichten des Abstandes, den äussere Umstände erzeugen,
+weg. Die Freundschaft hingegen beruhe auf Harmonie in Grundsätzen und
+Neigungen; nun aber habe jedes Alter, so wie jeder Stand, seine ihm
+eigne Stimmung, nach der Verschiedenheit der Erziehung und Erfahrungen,
+und desfalls finde unter Personen von ungleichen Jahren und ungleichen
+bürgerlichen Verhältnissen keine so vollkommne Harmonie Statt, wie zur
+Knüpfung des Freundschafts-Bandes erfordert werde.«
+
+Diese Bemerkungen enthalten viel Wahres; doch habe ich schon zärtliche
+und dauerhafte Freundschaften unter Leuten wahrgenommen, die, weder
+dem Alter noch dem Stande nach, sich ähnlich waren, und wenn man sich
+an dasjenige erinnert, was ich zu Anfange des ersten Kapitels in
+diesem Theile gesagt habe: so wird man dieß leicht erklären können. Es
+gibt junge Greise und alte Jünglinge. Feine Erziehung, Mäßigkeit in
+Wünschen, Freiheit in Denkungsart und Unabhängigkeit der Lage, erheben
+den Bettler zu einem Manne von hohem Stande, so wie verachtungswürdige
+Sitten, unedle Begierden und niedrige Gesinnungen selbst einen Fürsten
+zu dem Pöbel herabwürdigen können. Das ist aber zuverlässig gewiß, daß
+zu einer dauerhaften innigen Freundschaft Gleichheit in Grundsätzen und
+Empfindungen erfordert wird, und daß dieselbe auch bei einer zu großen
+Verschiedenheit in Fähigkeiten und Kenntnissen nicht leicht Platz
+finden kann. Darf denn in dieser Verbindung gerade das fehlen, was sie
+zur Quelle des edelsten Lebens-Genusses und der reinsten Glückseligkeit
+macht: die Mittheilung verschwisterter Gefühle, die sanfte, durch
+Theilnahme versüßte Warnung und Zurechtweisung? Und kann ich den mit
+Zustimmung meines Herzens meinen Freund nennen, dem meine Empfindungen
+völlig fremd sind, der kalt und gleichgültig bleibt, wo meine Seele
+ganz Gefühl und Empfindung ist? Es gibt Menschen von erhabenen und
+seltenen Eigenschaften des Geistes, die man nur bewundern darf, an
+welche man immer hinaufschauen muß, und diese Menschen verehrt man,
+aber -- man liebt sie nicht, oder man verzweifelt wenigstens daran, von
+ihnen wieder geliebt zu werden. In der Freundschaft müssen beide Theile
+gleichviel geben und empfangen können. Jedes zu große Uebergewicht
+von ~einer~ Seite, alles, was die Gleichheit hebt, stört zugleich die
+Freundschaft.
+
+
+ 3.
+
+Warum haben sehr vornehme und sehr reiche Leute so wenig wahren Sinn
+für Freundschaft? Sie fühlen nicht dies edelste Seelen-Bedürfniß,
+weil ihre ganze Erziehung und Lebensweise die theilnehmenden Gefühle
+ertödtet, und sie zu Sclaven der Selbstsucht macht. Ihre Leidenschaften
+zu befriedigen; rauschenden, betäubenden Freuden nachzurennen; immer
+zu genießen; geschmeichelt, gelobt, geehrt zu werden; darum ist es
+ihnen Allen mehr oder weniger zu thun. Von Personen ihres Gleichen
+werden sie durch Eifersucht, Neid und andre Leidenschaften getrennt;
+die Vornehmeren suchen sie nur auf, wenn sie ihrer, zu Begünstigung
+eigennütziger oder ehrgeitziger Absichten, bedürfen; die Geringern und
+Aermern aber halten sie in einer so großen Entfernung von sich, daß
+sie von ihnen weder die Wahrheit annehmen, noch den Gedanken ertragen
+können, sich ihnen gleichzustellen. Auch bei den Besten unter ihnen
+erwacht früh oder spät die Vorstellung, daß sie von besserm Stoffe
+seyen, und das tödtet dann die Freundschaft.
+
+
+ 4.
+
+Allein selbst unter denen Menschen, die Dir an Stand, Vermögen, Alter
+und Fähigkeiten gleich sind, rechne nur auf die dauerhafte Freundschaft
+Derer, die nicht von unedlen, heftigen, oder thörichten Leidenschaften
+beherrscht, noch, wie ein Wetterhahn, von Launen und Grillen hin- und
+hergetrieben werden! Wer rastlos rauschenden Freuden und Zerstreuungen
+sich ergibt; wer wilden Begierden, der Wollust, dem Trunke, oder dem
+unglückseligen Spiele alles aufopfert; wessen Abgott falsche Ehre,
+Gold, oder sein eigenes Ich ist; wer, wankelmüthig in Grundsätzen und
+Meinungen, einen Charakter hat, der sich, wie Wachs, von Jedem in
+jede Form drücken läßt; der mag vielleicht ein guter Gesellschafter,
+aber nie wird er ein beständiger, treuer Freund seyn. Sobald es auf
+Verleugnung, Aufopferung, auf Beharrlichkeit und Festigkeit ankömmt,
+wird ein Solcher Dich im Stiche lassen; Du wirst allein da stehen und
+Dich hintergangen glauben, da doch Du allein Dich betrogst, indem Du
+unvorsichtig wähltest. Ueberhaupt ist es in dieser Welt so oft der
+Fall, daß unsre Phantasie uns die Menschen malt, wie wir gern möchten,
+daß sie aussähen, und es nachher sehr übel nimmt, wenn sie gewahr wird,
+daß die Natur nicht das Original dem Gemälde gleich geschaffen hat.
+
+
+ 5.
+
+Man pflegt zu sagen: das sicherste Mittel, Freunde zu haben, sey --
+keiner Freunde zu ~bedürfen~; aber jeder Mensch von Gefühl ~bedarf~
+Freunde. -- Und sollte es denn wirklich so schwer seyn, in dieser
+Welt treue Freunde zu finden? Ich meine, nicht halb so schwer, wie
+man gewöhnlich glaubt. Unsre empfindelnden jungen Herren schaffen
+sich nur zu überspannte Begriffe von der Freundschaft. Freilich, wenn
+wir gänzliche Hingebung, unbedingte Aufopferung, Verleugnung alles
+eignen Interesse, in höchst kritischen Augenblicken, blinde Ergreifung
+unsrer Parthei gegen eigne bessre Ueberzeugung, sogar Bewunderung
+unsrer Fehler, Billigung unsrer Thorheiten, Mitwirkung bei unsern
+leidenschaftlichen Verirrungen -- mit Einem Worte: wenn wir mehr von
+unsern Freunden fordern, als Billigkeit und Gerechtigkeit von Menschen
+verlangen darf, die Fleisch und Bein sind und freien Willen haben: so
+werden wir nicht leicht unter tausend Wesen Eins finden, das sich so
+gänzlich in unsre Arme würfe. Suchen wir aber verständige Menschen,
+deren Hauptgrundsätze und Gefühle mit den unsrigen übereinstimmen,
+kleine unmerkliche Verschiedenheiten abgerechnet; Menschen, die Freude
+finden an dem, was uns freuet; die uns lieben, ohne von uns bezaubert,
+das Gute in uns schätzen, ohne blind gegen unsre Schwächen zu seyn;
+die uns im Unglücke nicht verlassen, uns in guten und redlichen
+Bestrebungen treu und standhaft beistehen, uns mit ungeheuchelter und
+herzlicher Theilnahme trösten, aufrichten, tragen helfen, uns, wo es
+höchst nöthig ist, und wir dessen werth sind, alles aufopfern, ~was man
+ohne Verletzung seiner Ehre und der Gerechtigkeit gegen sich selbst und
+die Seinigen aufopfern darf~, uns die Wahrheit nicht verhehlen, und
+aufmerksam auf unsre Mängel machen, ohne uns vorsätzlich zu beleidigen,
+uns allen andern Menschen vorziehen, in so fern es ohne Unbilligkeit
+geschehen kann -- -- suchen wir ernstlich Solche: nun, so finden wir
+deren gewiß. -- Viele? nein! das sage ich nicht, aber doch wohl ein
+Paar für jeden Biedermann; -- und was braucht man mehr in dieser Welt?
+
+
+ 6.
+
+Hast Du nun einen solchen treuen Freund gefunden, so bewahre ihn auch!
+Halte ihn in Ehren, auch dann, wenn das Glück Dich plötzlich über ihn
+erhebt, auch da, wo Dein Freund nicht glänzt, wo Deine Verbindung
+mit ihm durch die öffentliche Stimme nicht gerechtfertigt zu werden
+scheint! Schäme Dich nie Deines ärmern, weniger hochgeschätzten
+Freundes; beneide nicht den Dir vorgezogenen Freund! Hange fest an
+ihm, ohne ihm lästig zu werden! Fordre nicht mehr von ihm, als Du
+selbst leisten würdest; ja, fordre nicht einmal so viel, wenn Dein
+Freund nicht in allen Stücken mit Dir einerlei lebhaftes Temperament,
+einerlei Fähigkeiten, einerlei Grad von Gefühl hat! Ergreife warm
+und eifrig die Parthei Deines Freundes, aber nicht auf Kosten der
+Gerechtigkeit und Redlichkeit! Du sollst nicht seinetwegen blind gegen
+die Tugenden Andrer seyn, noch, wenn Du die Macht in Händen hast, eines
+würdigen, geschickten Mannes Glück zu bauen, diesen dem weniger fähigen
+Freunde nachsetzen. Du sollst nicht seine Uebereilungen vertheidigen,
+seine Leidenschaften partheiisch als Tugenden erheben, in kleinen
+Zwistigkeiten mit Andern, wenn er unrecht hat, geflissentlich die
+Parthei des Beleidigers verstärken; nicht Dich mit in sein Verderben
+stürzen, wenn ihm dadurch nicht geholfen wird, oder vielleicht gar
+durch unkluge Vertheidigung seine Feinde mehr erbittern, und Dir und
+den Deinigen den Untergang bereiten. Aber retten sollst Du seinen Ruf,
+wenn er unschuldig verläumdet wird, auch dann, wenn jedermann ihn
+verläßt und verkennt, sobald Du hoffen darfst, daß dieß ihm irgend
+Vortheil bringen kann. Oeffentlich ehren sollst Du den Edeln, und
+Dich nie Deiner Verbindung mit ihm schämen, wenn Schicksale oder böse
+Menschen ihn unverdient zu Boden gedrückt haben. Nicht mitlächeln
+sollst Du, wenn lose Buben hinter seinem Rücken her ihn höhnen. Mit
+Vorsicht und Klugheit sollst Du ihm Nachricht geben von Gefahren, die
+ihm und seiner bürgerlichen Ehre drohen; aber nur, in so fern dieß dazu
+dienen kann, dem Uebel auszuweichen, oder Unvorsichtigkeiten wieder gut
+zu machen, nicht aber, wenn er dadurch bloß beunruhigt und aufgeregt
+wird.
+
+
+ 7.
+
+Freunde, die uns in der Noth nicht verlassen, sind äusserst selten.
+-- Sey Du Einer dieser seltnen Freunde! Hilf, rette, wenn Du es
+vermagst! opfre Dich auf -- nur vergiß nicht, was Klugheit und
+Gerechtigkeit gegen Dich und Andre von Dir fordern! Aber tobe nicht,
+klage nicht, wenn Andre nicht ein Gleiches für Dich thun! Nicht immer
+herrscht böser Wille bei ihnen. Schwache, und durch Leidenschaft
+beherrschte Menschen sind unsichre Freunde; doch wie wenige gibt es,
+die ganz fest und unerschütterlich in ihrem Charakter, ganz frei von
+kleinen Leidenschaften und Nebenabsichten sind, die nicht bei ihrer
+Anhänglichkeit an Dich von klugen Rücksichten auf Deinen Ruf, Deine
+Verhältnisse, bestimmt werden, oder wenigstens nicht gern Schande
+vor der Welt wegen ihrer Zuneigung zu Dir auf sich laden wollen; wie
+Wenige, die nicht, wo es auf Verleugnung ankömmt, den Schwächern gegen
+den Mächtigern aufopfern! Wenn diese nun, sobald ein Ungewitter sich
+über Deinem Haupte zusammenzieht, einen kleinen Schritt zurücktreten,
+oder wenigstens ihre Liebe und Verehrung in eine Art von Protection
+und Rathgebersrolle verwandeln -- nun, so sey billig! Schiebe die
+Schuld auf das ängstliche Temperament der mehrsten Leute, auf ihre
+Abhängigkeit von äussern Umständen, auf die Nothwendigkeit, heut
+zu Tage ~durch Gunst~ sein Glück zu machen, um in schweren Zeiten
+fortzukommen! Wie wenig Menschen würden übrig bleiben, mit denen Du
+Hand in Hand auf dieser Erde durch Glück und Unglück wandeln könntest,
+wenn Du es so genau nehmen, oder so große Forderungen an Deine Freunde
+machen wolltest! Zuweilen ist auch der Fall da, daß wirklich unsre
+Freunde (wenn wir uns durch kleine oder große Unvorsichtigkeiten
+unser böses Schicksal selbst zugezogen haben) sich die Rechtfertigung
+schuldig sind, öffentlich zu zeigen, daß sie nicht in unsre Thorheiten
+verwickelt waren. Oft werden sie durch unsre widrige Lage gerade so
+gestimmt, wie sie immer hätten gestimmt seyn sollen, wenn sie ein
+gutes Gewissen hätten bewahren wollen; das heißt: sie hören auf,
+uns so täuschend zu schmeicheln, wie sie es vorher aus Furcht, uns
+zu verlieren, thaten, so lange wir von jedermann aufgesucht wurden,
+und unsre Freunde ~wählen~ konnten. Ich habe in einigen blendenden
+Situationen meines Lebens einen Haufen von Leuten sich mir aufdringen
+gesehen, die mir ohne Unterlaß Weihrauch streuten, jeden meiner
+witzigen Einfälle mit lauter Bewundrung auffingen, schmeichelhafte
+Verse auf mich machten, meine Worte als Orakelsprüche ausschrien, und
+meinen Ruf im Posaunenton erhoben. Ich kannte das Menschengeschlecht
+genug, um nicht alles das für baare Münze aufzunehmen, sondern
+fest überzeugt zu seyn, daß sie mich vernachlässigen, wohl gar auf
+mich herabsehen würden, wenn ich einst in eine weniger glückliche
+Lage kommen sollte, und sie meiner nicht mehr bedürften. Ich irrte
+nicht; aber deswegen waren Diese doch nicht insgesammt Schurken und
+Heuchler. Viele von ihnen, es ist wahr, lernte ich als Solche kennen;
+sie erlaubten sich die ärgsten Niederträchtigkeiten gegen mich; es
+befremdete mich nicht; ich verachtete sie; aber Manche waren vorher
+nur von dem Strome mit fortgerissen worden. Die Stimme meiner Feinde
+erweckte sie nun; sie stutzten, betrachteten mich mit forschendem
+Auge, und sahen meine Fehler; sie warfen mir diese Fehler durch Worte
+oder einige Kälte in ihrem Betragen, vielleicht ein wenig zu unsanft
+vor, gaben mir dadurch Gelegenheit, selbst aufmerksam auf dieselben zu
+werden, an mir zu arbeiten; und wahrlich, diese sind mir nützlichere,
+ächtere Freunde gewesen, als manche Andre, die mich in meiner Eitelkeit
+und Selbstgenügsamkeit zu bestärken suchten.
+
+
+ 8.
+
+Kein Grundsatz scheint mir so unvereinbar mit edelmüthigen Gesinnungen
+und eines gefühlvollen Herzens so unwürdig, als der: »daß es ein
+Trost sey, Gefährten oder Mitleidende im Unglücke zu haben.« Ist es
+nicht genug, selbst leiden, und dabei überzeugt seyn zu müssen,
+daß in der Welt noch viel eben so redlich gute Menschen, wie wir
+sind, nicht weniger Elend zu tragen haben? Sollen wir noch die Summe
+dieser Unglücklichen muthwilliger Weise dadurch vermehren, daß wir
+Andre zwingen, auch unsre Last mitzutragen, die dadurch um nichts
+leichter wird? Denn man sage doch nicht, daß es Erleichterung sey,
+sich von seinem Schmerze zu unterhalten! Nur für altersschwache
+Weiber, nicht aber für einen verständigen Mann, kann Geschwätzigkeit
+von ~der~ Art Wohlthat werden. Ich habe im ersten Kapitel des ersten
+Theils davon geredet: ob es gut sey, Andern seine Widerwärtigkeiten
+zu klagen. Damals sagte ich zur Beantwortung dieser Frage nur das,
+was Weltklugheit und Vorsichtigkeit lehren; im Umgange mit Freunden
+hingegen, wovon hier die Rede ist, muß uns auch Feinheit des Gefühls
+vorschreiben, unsre unangenehme Lage vor dem mitempfindenden, zärtlich
+theilnehmenden Freunde so viel möglich zu verbergen. Ich sage: so viel
+möglich, denn es können Fälle kommen, wo die Bedürfnisse des gepreßten
+Herzens, sich zu entladen, zu groß, oder die liebreichen Anforderungen
+des Freundes, der den Kummer auf unsrer Stirne liest, zu dringend
+werden, wo länger zu schweigen Folter für uns, oder Beleidigung für den
+Vertrauten werden würde, und wo nur sein Rath oder sein Beistand retten
+kann. In allen übrigen Fällen lasset uns der Ruhe unsers Freundes, wie
+unserer eignen, schonen!
+
+
+ 9.
+
+Klagt Dir ein bewährter Freund seine Noth, seine Schmerzen, wie
+könntest Du ihn ohne innige Theilnahme anhören! Oder wie dürftest Du
+seinen Klagen moralische Gemeinsprüche entgegensetzen, ihm wehe thun
+durch Vorwürfe über sein Betragen, durch die Bemerkung, daß er seine
+Noth hätte verhüten können! Nein, bist Du ein treuer, gefühlvoller
+Freund, so wirst Du alles aufbieten, Deinem Freunde Linderung oder
+Beistand zu gewähren. Aber verzärtle ihn nicht an Leib und Seele, durch
+weibische Klagen! Erwecke vielmehr seinen männlichen Muth, daß er sich
+über die nichtigen Leiden dieser Welt erhebe! Schmeichle ihm nicht mit
+falschen Hoffnungen, mit Erwartungen eines blinden Ungefährs; sondern
+hilf ihm, Wege einschlagen, die eines weisen Mannes würdig sind!
+
+
+ 10.
+
+Aus dem Umgange mit Freunden muß alle Verstellung verbannt seyn.
+Da soll alle ~falsche~ Scham, da soll aller Zwang, den Convenienz,
+übertriebne Gefälligkeit und Mißtrauen im gemeinen Leben auflegen,
+wegfallen. Zutrauen und Aufrichtigkeit müssen unter innigen Freunden
+herrschen. Allein man überlege dabei, daß es kindische Geschwätzigkeit
+seyn würde, Geheimnisse mitzutheilen, die dem Freunde gleichgültig
+sind, und durch die ihm eine schwere Verantwortlichkeit aufgelegt,
+oder seine Verschwiegenheit auf eine schwere Probe gesetzt wird; daß
+wenige Menschen, unter allen Umständen, unverbrüchlich ein Geheimniß zu
+bewahren vermögen, wenn sie auch übrigens alle Eigenschaften haben, die
+zur Freundschaft erfordert werden; daß fremde Geheimnisse nicht unser
+Eigenthum sind; und endlich, daß es auch eigne Geheimnisse geben kann,
+die man ohne Schaden, Gefahr und Nachtheil durchaus keinem Menschen auf
+der Welt anvertrauen darf!
+
+
+ 11.
+
+Jede Art von schädlicher oder weibischer Schmeichelei muß im Umgange
+unter ächten Freunden wegfallen, nicht aber eine gewisse Gefälligkeit,
+die das Leben süß macht, Nachgiebigkeit und Geschmeidigkeit
+in unschuldigen Dingen. Es gibt Menschen, deren Zuneigung man
+augenblicklich verloren hat, sobald man aufhört, ihnen Weihrauch
+zu streuen, sobald man nicht in allen Stücken einerlei Meinung mit
+ihnen ist, einerlei Geschmack mit ihnen hat. In ihrer Gegenwart darf
+man nicht einmal den Vorzügen der Verdienstvollsten Gerechtigkeit
+widerfahren lassen. Gewisse Saiten kann man gar nicht berühren,
+ohne sie aufzubringen. Haben sie eine Thorheit begangen; sind sie
+blindlings eingenommen für oder gegen eine Sache; werden sie von
+Phantasie oder Leidenschaft irregeleitet; haben sie unanständige oder
+schädliche Gewohnheiten an sich; findet man in ihrer Art zu leben und
+zu wirthschaften etwas mit Grunde auszusetzen, und man untersteht sich,
+hierüber etwas zu sagen: so schlägt das Feuer aller Orten heraus. Andre
+werden hiedurch nicht sowohl beleidigt, als gekränkt. Sie sind gewöhnt,
+sich so zu verzärteln, daß sie die Stimme der Wahrheit gar nicht hören
+können. Man soll nur von solchen Dingen mit ihnen reden, die ihren
+faulen Seelen-Schlummer befördern. -- »Wenn ich Dich bitten darf,«
+sagen sie, »so laß uns davon abbrechen! das sind Gegenstände, die ich
+nicht gern in mein Gedächtniß zurückrufe. Es ist nun einmal nicht
+anders! Ich weiß wohl, daß ich Unrecht habe, daß ich vielleicht anders
+handeln sollte; aber es würde einen zu schweren Kampf kosten -- meine
+Gesundheit, meine Ruhe, meine schwachen Nerven vertragen es nicht,
+daß ich ernstlich darüber nachsinne.« -- Pfui! welch eine Feigheit
+und Verblendung! ein Mensch, der einen festen Charakter besitzt, und
+ernstlich das Gute liebt und sucht, muß den Muth haben, bei jedem
+Gegenstande mit reifer Ueberlegung verweilen zu können. -- Alle solche
+verweichlichte und feige Seelen taugen nicht zur Freundschaft. Man
+muß das Herz haben, Wahrheit zu sagen und Wahrheit anzuhören, auch
+dann, wenn diese Wahrheit hart ist, und unser Innerstes erschüttert.
+Doch das Recht, welches die Freundschaft gibt, freimüthig zu tadeln,
+und dem Freunde die Wahrheit nicht zu verhehlen, will mit Zartheit
+und liebevoller Schonung ausgeübt seyn. Schon die Klugheit verbeut,
+den fehlenden Freund durch lange Straf-Predigten zu ermüden und zu
+erbittern, oder mit ängstlichen Besorgnissen zu erfüllen, wenn, seinem
+Temperamente oder den Umständen nach, gar kein Nutzen davon zu erwarten
+steht.
+
+
+ 12.
+
+Es ist schon gesagt, daß alles, was die Gleichheit unter Freunden
+aufhebt, der Freundschaft schädlich sey. Da nun das Verhältniß
+zwischen einem Wohlthäter und Dem, welcher Wohlthaten empfängt, am
+wenigsten mit Gleichheit bestehen kann: so scheint es der Zartheit der
+Gefühle angemessen, zu verhindern, daß durch ein zu großes Gewicht
+von Wohlthaten auf ~einer~ Seite ein Freund dem andern gleichsam
+unterwürfig werde. Verbindlichkeiten von der Art sind der Freiheit,
+der uneingeschränkten Wahl entgegen, auf welcher die Freundschaft
+beruhen soll. Sie bringen etwas in dies Bündniß hinein, das nicht
+hinein gehört, nämlich die Dankbarkeit, welche nicht freiwillig,
+sondern Pflicht ist. Man hat selten den Muth, so kühn und offenherzig
+mit dem Wohlthäter zu reden, wie mit dem Freunde. Vorzüglich aber soll
+das Zartgefühl mich abhalten, meines Freundes Güte in Anspruch zu
+nehmen, weil ich voraussetzen darf, daß er mir zugestehen werde, was er
+einem Fremden abschlagen würde. Wäre es endlich auch nur die einzige
+Rücksicht, daß empfangene Wohlthat partheiisch für den Wohlthäter
+macht, und Partheilichkeit Bestechung ist: so läge hierin schon ein
+starker Grund, äusserst behutsam und bedenklich zu seyn, wenn von
+Erheischung und Annahme wirklicher Wohlthaten aus der Hand des Freundes
+die Rede ist, doch mit Verbannung jeder mißtrauischen Besorgniß,
+als ob es möglich wäre, daß angenommene Wohlthat der Freundschaft
+gefährlich werden könnte. -- Kaum darf hiebei erinnert werden, daß man
+die Dienstwilligkeit seiner mächtigen oder angesehenen Freunde nie für
+fremde Angelegenheiten, oder zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke
+mißbrauchen sollte. Allein es gibt Mittel, den edeln Mann, der gern
+Gutes thut, aufmerksam zu machen auf Gegenstände, die seiner Hülfe
+werth sind. Mylord Marshall Keith wurde von einem Officier gebeten,
+ihn dem Könige von Preussen zu empfehlen. Er antwortete nicht, gab ihm
+aber, bei seiner Abreise nach Potsdam, einen kleinen Sack voll Erbsen
+mit, den der Officier dem Könige, ohne Brief, überreichen sollte.
+Friedrich begriff, daß sein Freund keinem Menschen von gemeinem Schlage
+einen solchen Auftrag würde gegeben haben, und nahm den Officier
+in seinen Dienst. Ueberhaupt haben feinere Seelen unter sich eine
+eigne geheime, Andern unverständliche Sprache. Doch gibt es Fälle,
+in welchen man ohne Scheu sich an Freunde wenden muß, nämlich wenn
+die Freundschafts-Dienste, deren wir bedürfen, von der Art sind, daß
+der Freund sie uns ohne Ungemächlichkeit erweisen, oder ohne uns in
+Verlegenheit zu setzen und uns im mindesten zu beleidigen, verweigern
+kann; wenn wir in der Lage sind, ihm gelegentlich wieder gleiche
+Gefälligkeiten zu erweisen; wenn niemand so gut, wie er, von der Lage
+der Sache, von der Sicherheit, mit welcher unsere Bitte gewährt werden
+kann, überzeugt ist, oder wenn unser ganzes Glück auf Verschweigung
+einer Sache beruht; wenn wir uns keinem Andern sicher, ohne Gefahr und
+Schaden, anvertrauen, von keinem Andern Hülfe erwarten dürfen, und wenn
+wir dann gewiß wissen, daß unser Freund dabei nichts verlieren, keiner
+Unannehmlichkeit ausgesetzt seyn kann. In allen diesen und ähnlichen
+Fällen würden wir gegen das Zutrauen sündigen, das wir ihm schuldig
+sind, wenn wir ihm unsre Verlegenheiten verschwiegen.
+
+
+ 13.
+
+Etwas von dem, was ich über das Verhältniß unter Eheleuten gesagt
+habe, findet auch bei Freunden Statt, nämlich, daß man sich hüten muß,
+einander überdrüssig zu werden, oder durch zu öftern, zu vertraulichen
+Umgang, widrige Eindrücke zu veranlassen. Darum sollen sich Freunde
+nicht zu oft sehen, sollen den Umgang zuweilen entbehren, damit sie
+ihn dann desto inniger genießen mögen, und damit nicht durch einen zu
+häufigen Umgang die kleinen Fehler sichtbar und fühlbar werden, deren
+jeder Mensch mehr oder weniger hat, und die so leicht die Innigkeit
+der Freundschaft stören, so leicht einen Mißton erzeugen, oder
+wenigstens Beschwerden verursachen, die man seinem Freunde ersparen
+sollte. Diese Vorsicht ist in der Freundschaft noch nöthiger, als in
+der Ehe, da in jener nicht, wie in dieser, gewisse Rücksichten und
+Ueberlegungen wirksam sind, vor allen die, daß man nun einmal auf die
+ganze Lebenszeit mit einander zu Freude und Leid, zu gemeinschaftlicher
+Ertragung, und um ~ein~ Leib und ~eine~ Seele zu seyn, vereint ist;
+folglich die Beständigkeit derselben von der behutsamsten Schonung
+abhängt. Es ist wahr, daß jene unangenehme Eindrücke bei edeln und
+verständigen Menschen nicht von Dauer sind, und daß es nur eines
+Zwischenraums von wenig Tagen bedarf, um uns wieder die Augen zu öffnen
+über den Werth und Vorzug unsers Freundes vor andern mittelmäßigen
+Leuten, mit denen wir indeß gelebt haben; allein besser ist es doch,
+wenn dergleichen Empfindungen gar nicht in unser Herz kommen; und
+das kann man ja ändern. Man verbanne daher auch aus dem Umgange mit
+Freunden jene pöbelhafte Vertraulichkeit, jenen Mangel an Höflichkeit
+und jene Nachlässigkeit im Aeussern, wovon ich im dritten Kapitel
+dieses Theils, besonders in dessen viertem Abschnitte, geredet habe;
+und lege endlich auch dem Freunde keine Art von Zwang auf; verlange
+nicht, daß er sich nach unsern Launen, nach unserm Geschmacke richten,
+noch daß er den Umgang solcher Menschen, gegen welche wir eingenommen
+sind, fliehen solle!
+
+Eben so wichtig ist es aber auch, sich den Umgang mit geliebten
+Personen nicht so sehr zum Bedürfnisse zu machen, daß man ohne sie
+durchaus nicht leben zu können glaubt. Wir sind auf dieser Welt nicht
+Herren über unser Schicksal. Man muß sich gewöhnen, Trennungen durch
+Tod, Entfernungen und andere Umstände zu ertragen, und wenn man ein Gut
+besitzt, sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß man dies Gut auch
+verlieren könne. Ein weiser Mann bauet nicht seine ganze Existenz auf
+das Daseyn eines andern Wesens.
+
+
+ 14.
+
+Bleibe aber immer, auch in der Entfernung, ein warmer Freund Deiner
+Freunde! sonst scheint es, als habest Du nur aus Eigennutz, nur um
+den Genuß des Lebens zu erhöhen, Dich an sie geschlossen. Halte die
+Vernachlässigung des Briefwechsels nicht für eine Kleinigkeit, die
+man sich wohl verzeihen könne; denn wie darfst Du Dich dessen Freund
+nennen, dem Du nicht einmal einige Stunden Deines Lebens in jedem
+Jahre weihen willst, und wie darfst Du von demjenigen Freundschaft
+erwarten, den Du so sehr vernachlässigst, daß er endlich nicht mehr
+weiß, ob Du noch unter den Lebendigen bist? Fühlst Du in Monaten und
+Jahren das Bedürfniß nicht, Dich schriftlich mit Deinem Freunde zu
+unterhalten, so liegst Du entweder in den Fesseln des Egoismus, oder
+bist überhaupt nicht mehr werth, einen Freund zu haben. Ich lasse
+auch die Entschuldigung nicht gelten, daß man zuweilen lange Zeit
+hindurch gar nicht gestimmt sey, seine Gedanken in Ordnung auf das
+Papier zu bringen. Briefe an den Vertrauten unsers Herzens sind keine
+rednerische Ausarbeitungen; jedes Wort, das Abdruck dessen ist, was in
+unsrer Seele vorgeht, wird ihm willkommen seyn, und nur auf diese Weise
+kann ja einem gefühlvollen Herzen die Trennung von geliebten Personen
+erträglich werden.
+
+
+ 15.
+
+Man sieht zuweilen Menschen eben so eifersüchtig in der Freundschaft,
+wie in der Liebe. Das zeugt mehr von einer selbstsüchtigen, als von
+einer zärtlichen Gemüthsart. Freuen soll es Dich, wenn auch andre
+Menschen den Werth dessen zu schätzen wissen, der Dir theuer ist;
+freuen soll es Dich, wenn Dein Liebling noch ausser Dir gute Seelen
+findet, denen er sich mittheilen, in deren Gemeinschaft er reine Wonne
+schmecken kann. Er wird darum nicht blind gegen Deine Vorzüge, nicht
+undankbar gegen Dich werden -- und würdest Du denn dadurch mehr Werth
+in seinen Augen bekommen, daß Du ihn von liebenswürdigen Menschen zu
+entfernen, oder ihn gegen sie einzunehmen suchtest, nur um ihn für Dich
+allein zu behalten?
+
+
+ 16.
+
+Alles, was Deinem Freunde angehört, sein Vermögen, sein bürgerliches
+Glück, seine Gesundheit, sein Ruf, die Ehre seines Weibes, die Unschuld
+und Bildung seiner Kinder -- das alles sey Dir heilig, sey ein
+Gegenstand Deiner Sorgfalt, Deiner Theilnahme und Deiner Schonung! Auch
+Deine heftigste Leidenschaft, Deine unmäßigste Begierde müsse diese
+Unverletzlichkeit ehren!
+
+
+ 17.
+
+Gaben, Anlagen und die Art, seine Empfindungen an den Tag zu legen,
+sind bei den Menschen verschieden. Nicht immer ist Derjenige der
+Gefühlvollste, welcher am geläufigsten von innern Regungen und
+Empfindungen schwatzt; nicht immer Derjenige der treuste und
+beharrlichste Freund, der mit dem heftigsten Feuer uns an seine Brust
+drückt, der mit der größten Hitze hinter unserm Rücken sich unsrer
+annimmt. Alles Ueberspannte taugt nicht, dauert nicht. Ruhige, stille
+Hochachtung ist mehr werth, als Anbetung, Verehrung und Entzückung.
+Man verlange daher nicht von Jedem denselben Grad von äussern
+Freundschafts-Bezeigungen, sondern beurtheile seine Freunde nach
+der fortgesetzten, immer gleichen Zuneigung und treuen Ergebenheit,
+welche sie uns in der That, ohne Uebertreibung und ohne Schmeichelei,
+beweisen! Leider aber ordnet unsre Eitelkeit mehrentheils den Werth
+der Menschen nach dem Grade der Huldigung, welche sie uns leisten, und
+die mehrsten Leute suchen solche Freunde um sich her zu versammeln, an
+deren Seite sie in doppelt vortheilhaftem Lichte erscheinen, und denen
+ihre Worte Orakelsprüche sind.
+
+
+ 18.
+
+Werbe nicht ängstlich um Freunde! Mache nicht Jagd auf jeden
+ausgezeichneten Menschen, und lege es nicht geflissentlich darauf
+an, daß er Dir besonders zugethan werden soll! Jede Art von
+Andringlichkeit, wäre sie auch noch so gut gemeint, pflegt Verdacht
+oder Geringschätzung zu erwecken; und wer in der Stille auf dem Pfade
+fortwandelt, den Redlichkeit und Klugheit bezeichnen, und dabei ein
+wohlwollendes, zur Mittheilung gestimmtes Herz in seinem Busen trägt,
+der bleibt nicht unbemerkt, nicht unaufgesucht; er findet, ohne sich
+anzudrängen, ein Paar Edle, die ihm die Hand zum brüderlichen Bunde
+reichen.
+
+
+ 19.
+
+Es gibt aber Menschen, die gar keinen ~vertrauten~ Freund, sondern nur
+Bekannte haben; entweder weil ihnen der Sinn für dies Seelen-Bedürfniß
+fehlt, oder weil sie keinem lebendigen Wesen trauen, oder weil ihre
+Gemüthsart kalt, unverträglich, verschlossen, eitel, oder zänkisch
+ist. Andre sind aller Welt Freunde; sie werfen ihr Herz jedermann vor
+die Füße, und deswegen bückt sich Keiner, greift niemand darnach, es
+aufzunehmen. -- Es ist eine Ehre und ein Glück, zu keiner von diesen
+beiden Menschenklassen zu gehören.
+
+
+ 20.
+
+Auch unter den vertrautesten Freunden können Irrungen entstehen,
+Mißverständnisse eintreten. Wenn man darüber Zeit verstreichen läßt,
+oder zugibt, daß sich dienstfertige Leute hineinmischen: so erwächst
+daraus nicht selten eine dauerhafte Feindschaft, die mehrentheils um so
+heftiger wird, je zärtlicher, je vertrauter die Verbindung war, und je
+ärger man sich also hintergangen glaubt. Es ist wahrlich ein trauriger
+Anblick, auf diese Weise zuweilen die edelsten Seelen gegen einander
+empört zu sehen. Dringend rathe ich daher, bei dem ersten Schatten
+von Unzufriedenheit über das Betragen des Freundes, nicht zu säumen,
+ohne Zuthun eines Dritten, auf Erläuterung zu dringen. Da pflegt alles
+sehr bald verglichen zu werden; vorausgesetzt, daß kein böser Wille
+obwaltet, wie man es denn bei gutgesinnten, wohlwollenden Freunden
+voraussetzen muß.
+
+
+ 21.
+
+Wie aber, wenn uns Freunde täuschen, wenn wir nach einiger Zeit
+wahrnehmen, daß unser gutes Herz uns irregeleitet, uns an Menschen
+gekettet hat, die unsrer nicht werth sind? -- Meine Leser! ich kann es
+nicht oft genug wiederholen, daß wir mehrentheils selbst daran Schuld
+sind, wenn wir bei näherm Umgange die Menschen anders finden, als
+wir sie uns anfangs gedacht haben. Partheiische Gefühle; Sympathie,
+Aehnlichkeit des Geschmacks, der Neigung; feine Schmeichelei;
+Seelen-Drang, in Augenblicken, wo Jeder uns ein Wohlthäter scheint,
+der nur einige Theilnahme an unserm Schicksale zeigt -- diese und
+andre dergleichen Eindrücke bestechen uns gar zu leicht, und bereiten
+uns bittere Täuschungen. Wir denken uns Menschen als engelreine und
+erhabene Seelen, die nichts weiter, als eine gewisse natürliche
+Gutmüthigkeit und Offenheit haben, und sind nachher, wenn wir ihre
+Schwächen entdecken, viel unduldsamer gegen diese unsre Lieblinge, als
+gegen fremde Leute, weil es unserem Stolz weh thut, daß wir so falsch
+gesehen hatten, oder so kurzsichtig waren. Darum spannet doch Eure
+Erwartung, Eure Meinung von Euren Freunden nicht zu hoch, so wird Euch
+ein menschlicher Fehltritt, den sie in Augenblicken der Versuchung
+begehen, nicht befremden, nicht ärgern! Habet Nachsicht! Ihr bedürft
+deren vielleicht selbst bei andern Gelegenheiten. Richtet nicht, damit
+auch Ihr nicht gerichtet werdet! -- Und was für Recht hast Du denn auch
+über die Moralität Deines Freundes? Was ist er Dir anders schuldig, als
+Treue, Liebe und Dienstfertigkeit? Wer hat Dich zum Sittenrichter über
+ihn bestellt? -- Suche einen ganz vollkommnen Mann auf dieser Erde! --
+Du kannst hundert Jahre alt werden und wirst ihn nicht finden.
+
+Vor allen Dingen aber soll man sich hüten, jedem elenden Geschwätze,
+womit böse oder schwache Menschen zum Nachtheile unsrer Freunde
+unsre Ohren erfüllen, Glauben beizumessen. Leute, die heute mit
+einem Manne, den sie bis in den Himmel erheben, ihren letzten Bissen
+theilen würden, und morgen, wenn irgend ein altes Weib ihnen ein
+ärgerliches Mährchen aufgehängt hat, denselben zu dem verächtlichsten
+Betrüger herabwürdigen! Leute, die einen vieljährigen, genau geprüften
+Freund, auf Angabe des niederträchtigen unwürdigen Pöbels, einer ihm
+schuldgegebenen Schandthat fähig halten können, -- wäre auch alle
+Wahrscheinlichkeit auf Seiten der Verläumder! -- solche wankelmüthige,
+elende und feile Seelen verdienen nur Verachtung, und der Verlust ihrer
+Freundschaft ist baarer Gewinn. Der Anschein ist oft sehr trüglich;
+man kann Veranlassungen haben, mißtrauisch zu werden; es können
+Umstände eintreten, die es uns unmöglich machen, gewisse zweideutig
+scheinende Schritte zu erläutern; aber, daß ein bewährter, edler Mann
+keine schlechte Handlung begangen habe, davon bedarf es weiter keines
+Beweises, sondern nur des einfachen Glaubens, daß es unmöglich sey,
+edel und schlecht zugleich zu seyn.
+
+
+ 22.
+
+Wenn denn nun aber wirklich unser Freund sich so sehr moralisch
+verschlimmert, oder wenn unser leichtgläubiges Herz sich in einem
+solchen Grade in seinem Zutrauen zu ihm betrogen sieht, daß er unsre
+Vertraulichkeit gemißbraucht, uns mit Undank belohnt hätte -- nun! so
+hört er auf, unser ~Freund~ zu seyn; ich meine aber, er behält doch
+nicht mehr und nicht weniger Recht auf unsre Duldung, als jeder andre
+uns fremde Mensch. Ich halte es für eine falsche Zärtelei, an welcher
+mehrentheils die Eitelkeit, untrüglich seyn zu wollen, ihren Theil hat,
+wenn man glaubt, man müsse nun von einem solchen Verräther immer mit
+großer Schonung reden, weil er einst unser Freund gewesen. Das Einzige,
+was uns bewegen kann, seiner zu schonen, ist der Gedanke: daß überhaupt
+das menschliche Herz ein schwaches Ding ist, und daß man leicht zu
+weit in seinem Widerwillen geht, wenn eine Art von Rache sich in unser
+Urtheil mischt. Von der andern Seite aber macht der Umstand, daß der
+Mann ~uns~ betrogen hat, sein Verbrechen auch nicht um ein Haar breit
+größer, berechtigt uns nicht, ärger gegen ihn zu Felde zu ziehen, als
+gegen jeden andern Schelm, der ~andre Menschen~ und überhaupt die
+Tugend betrügt.
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel.
+
+ Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern.
+
+
+ 1.
+
+Es ist traurig genug, daß der größte Theil des Menschengeschlechts,
+durch Schwäche, Armuth, Gewalt und andre Umstände, gezwungen ist, dem
+kleinern zu Gebote stehen, und daß oft der Bessere den Winken und
+Launen des Schlechtern gehorchen muß. Was ist daher billiger, als daß
+die, denen das Schicksal die Gewalt in die Hände gegeben hat, ihren
+Nebenmenschen das Leben süß und das Joch erträglicher zu machen, diese
+glückliche Lage mit Menschenfreundlichkeit und Edelmuth benutzen.
+
+
+ 2.
+
+Wahr ist es aber auch, daß die meisten Menschen zur Sclaverei geboren,
+daß edle, wahrhaftig große Gesinnungen und Gefühle hingegen nur das
+Erbtheil einer unbeträchtlichen Anzahl zu seyn scheinen. Lasset
+uns indessen den Grund dieser Wahrheit weniger in den natürlichen
+Anlagen, als in der Art der Erziehung, und in unsern, durch Luxus und
+Despotismus verderbten Zeiten suchen! Durch sie wird eine ungeheure
+Menge Bedürfnisse erzeugt, die uns von Andern abhängig machen. Das
+ewige Angeln nach Erwerb und Genuß erzeugt niedrige Leidenschaften,
+zwingt uns, zu erbetteln und zu erkriechen, was wir für so nöthig zu
+unserer Existenz halten, statt daß Mäßigkeit und Genügsamkeit die
+Quellen aller Tugend und Freiheit sind.
+
+
+ 3.
+
+Bleiben nun die meisten Menschen stumpf für feinere Empfindungen, und
+unfähig zu erhabnen, hohen Gesinnungen: so sind sie doch nicht Alle
+unerkenntlich gegen großmüthige Behandlung, noch blind gegen wahren
+Werth. Rechne also weder auf die Zuneigung und Achtung, noch auf
+freiwillige Folgsamkeit derer, die Dir unterworfen sind, wenn diese
+selbst fühlen, daß sie moralisch besser, weiser, geschickter sind,
+als Du, daß Du ihrer in einem höheren Grade bedarfst, als sie Deiner;
+wenn Du sie mißhandelst, schlecht für wesentliche Dienste belohnst,
+die Schmeichler unter ihnen den geraden, aufrichtigen, treuen Dienern
+vorziehst; wenn sie sich schämen müssen, einem Manne anzugehören, den
+Jeder haßt, oder verachtet; wenn Du mehr von ihnen verlangst, als Du
+selbst an ihrer Stelle würdest leisten können; wenn Du Dich weder um
+ihr moralisches, noch ökonomisches, noch physisches Wohl bekümmerst,
+ihnen den Lohn ihrer Arbeit so sparsam zutheilst, daß sie verzweifeln,
+oder Dich betrügen müssen, oder wenigstens keine frohe Stunde haben
+können; wenn Du nicht Rücksicht nimmst auf ihren körperlichen Zustand,
+sie verstößest, sobald sie alt und schwächlich werden; wenn Du ihnen
+wenig Ruhe und Schlaf erlaubest; wenn sie, indeß Du schwelgst, in
+rauher Jahrszeit bis nach Mitternacht, vielleicht gar dem bösen Wetter
+bloßgestellt, auf Dich voll tödtender Langerweile warten müssen; wenn
+Dein lächerlicher Hochmuth ein Gegenstand ihres Spottes wird, oder
+Dein Jähzorn sie mit Schimpfwörtern überhäuft; wenn sie mit aller
+Aufmerksamkeit kein freundliches Wort von Dir gewinnen können! --
+Geradheit, Redlichkeit, wahre Menschenliebe, Würde und Folgerichtigkeit
+in unsern Handlungen zu zeigen, das ist, so wie überhaupt das sicherste
+Mittel, uns allgemeine Achtung zu erwerben, so insbesondre geschickt,
+uns der Ehrerbietung und Zuneigung Derer zu versichern, die von
+uns abhängen, uns oft ohne Schminke in mancherlei Launen sehen, und
+gegen welche wir uns also schwerlich lange verstellen können. Es ist
+ein altes, aber sehr wahres Sprichwort: »So wie der Herr; also der
+Knecht!« Es versteht sich, daß dieß nur von Dienstboten gilt, die lange
+genug in einem Hause gedient haben, um den darin herrschenden Ton
+anzunehmen; aber bei diesen trifft es denn auch fast unfehlbar ein.
+Ein Kammerdiener, der ein Windbeutel ist, dient mehrentheils einem
+Prahler! bescheidne Herrschaften haben höfliches Gesinde; in stillen,
+ordentlichen Haushaltungen findet man sittsame, fleißige Leute zur
+Aufwartung; zänkische, lüderliche Bediente und Mägde sind ~da~ zu
+Hause, wo Zwist und zügellose Sitten unter den Herrschaften im Gange
+sind. -- Also ist ein gutes Beispiel (wortreicher Ermahnungen bedarf es
+nicht) das sicherste Mittel, brauchbares Gesinde zu bilden.
+
+
+ 4.
+
+So sehr ich nun einen freundlichen, liebreichen Umgang mit Bedienten
+anrathe, so wenig kann ich es billigen, wenn man sich ihnen unverholen
+in allen seinen Blößen zeigt, sie zu Vertrauten in heimlichen
+Angelegenheiten macht, sie durch übermäßige Bezahlung an ein üppiges
+Leben gewöhnt, -- wenn man sie nicht gehörig beschäftigt, alles
+ihrer Willkühr überläßt, sie zu unumschränkten Herren über Kassen
+und Vorräthe macht, und dadurch in ihnen Reiz zum Betrug erweckt, --
+wenn man alle Gewalt über sie und alles Ansehen freiwillig aufgibt,
+und sich zu einer Vertraulichkeit und einem Tone herabläßt, der sie
+nothwendig in Versuchung führen muß, sich zu vergessen. -- Man findet
+unter hundert Menschen von der Art kaum Einen, der das vertragen
+kann, der nicht Mißbrauch von einer solchen Nachsicht macht. Auch
+ist das eben kein Mittel, sich beliebt zu machen. Ein wohlwollendes,
+ernsthaftes, gesetztes, immer gleiches Betragen, entfernt von steifer,
+hochmüthiger Kälte und Feierlichkeit, -- gute, richtige, nicht
+übermäßige, der Wichtigkeit ihrer Dienste angemessene Bezahlung, --
+strenge Pünktlichkeit, wenn es darauf ankömmt, sie zur Ordnung und zu
+demjenigen anzuhalten, wozu sie sich verbindlich gemacht haben, --
+Liebe und theilnehmende Güte, wenn sie die Gewährung einer anständigen,
+bescheidnen Bitte, die Vergünstigung eines unschuldigen Vergnügens
+von uns begehren, oder auch ungebeten nur erwarten können, -- weise
+Ueberlegung in Zutheilung der Arbeit, so daß man sie nicht mit unnützen
+Arbeiten überhäufe, mit Geschäften, die bloß unser eitles Vergnügen zum
+Gegenstande haben, dennoch aber nicht leide, daß sie je müssig seyen,
+sondern sie auch anhalte, für sich selbst zu arbeiten, sich in Kleidung
+reinlich und rechtlich zu halten, sich Geschicklichkeit zu erwerben,
+-- Aufmerksamkeit und Aufopfrung unsers eignen Interesse, wenn man
+Gelegenheit hat, ihnen ein besseres Schicksal zu verschaffen, sie zu
+befördern, -- väterliche Sorgsamkeit für ihre Gesundheit, für ehrlichen
+Erwerb und für ihre sittliche Aufführung: -- das sind die sichersten
+Mittel, gut, treu bedient, und von denen, die uns dienen, geliebt zu
+werden. Hierzu füge ich noch den Rath, nicht zu viel Dienstboten zu
+halten; aber die wenigen, die man hat, und deren man bedarf, nützlich
+und hinreichend zu beschäftigen, gut zu bezahlen und vernünftig zu
+behandeln. Je mehr Bedienten man hat, desto schlechter wird man bedient.
+
+
+ 5.
+
+Unsre feine Lebensart hat einem der ersten und süßesten Verhältnisse,
+dem Verhältnisse zwischen Hausvater und Hausgenossen, alle Anmuth,
+alle Würde genommen. Hausvaters-Rechte und Hausvaters-Freuden sind
+größtentheils verschwunden; das Gesinde wird nicht mehr als Theil
+der Familie angesehen, sondern als Miethlinge betrachtet, die wir
+nach Gefallen abschaffen, so wie auch ~sie~ uns verlassen können,
+sobald sie sonst irgendwo mehr Freiheit, mehr Gemächlichkeit oder
+reichere Bezahlung zu finden glauben. Es ist nicht mehr anerkannt,
+daß wir ausser den Stunden, die sie unserm Dienste widmen müssen,
+kein Recht auf sie haben; wir leben nicht mehr unter ihnen, sehen sie
+nur dann, wenn wir ihnen das Zeichen mit der Schelle geben, und sie
+aus ihren, gewöhnlich sehr schmutzigen, ungesunden Löchern zu uns
+hervorkriechen. Diese lose, auf ungewisse Zeit geknüpfte Verbindung
+trennt das Interesse beider Theile, das doch ein gemeinschaftliches
+seyn sollte, auf eine unnatürliche und verderbliche Weise: der Herr
+sucht den Miethling recht wohlfeil zu bekommen, er müßte denn aus
+Eitelkeit oder Verschwendung mehr an ihn wenden; -- was im Alter
+aus dem armen dienstbaren Geschöpfe werden wird, darum bekümmert er
+sich nicht, und der Bediente, der das weiß, sucht bei so ungewissen
+Aussichten zu erhaschen, was zu erhaschen ist, um wo möglich einen
+Nothpfenning zurückzulegen. Welchen Einfluß dieß auf Sittlichkeit, auf
+Bildung, auf Vertrauen und gegenseitige Zuneigung haben müsse, ist
+leicht einzusehen. Es ist wahr, daß nicht alle Herrschaften vollkommen
+so fremd und unnatürlich mit ihrem Gesinde umgehen; aber wo findet man
+in jetzigen Zeiten noch Solche, die, als Väter und Lehrer Derer, die
+ihnen dienen, sich's zur Freude machen, mitten unter ihnen zu sitzen,
+durch weise und freundliche Gespräche sie zu unterrichten, an ihrer
+sittlichen und geistigen Bildung zu arbeiten, und für ihr künftiges
+Schicksal besorgt zu seyn? Es ist wahr, daß Dienstboten selten so wohl
+erzogen sind, daß sie den Werth einer solchen Herablassung zu erkennen
+und gehörig zu nützen wissen; allein was hindert uns, das Gesinde
+selbst zu erziehen, sie als Kinder anzunehmen, sie dann lebenslang,
+wie die Mitglieder unsrer Familie, bei uns zu behalten, und ihr
+Schicksal, nach Verhältniß ihres Verdienstes und unsers Vermögens,
+zu verbessern? Ich kenne aus Erfahrung alle Ungemächlichkeiten einer
+solchen Unternehmung; vielfältig mißlingt es; unsre Arbeit belohnt sich
+nicht, wird nicht erkannt; die Kinder, wenn sie herangewachsen, fangen
+an, sich zu fühlen, und entziehen sich unsrer väterlichen Zucht. Allein
+oft sind wir selbst durch fehlerhafte Behandlung daran Schuld: und
+nicht immer handeln sie undankbar gegen uns. Wir geben ihnen zuweilen
+eine ganz andre Art von Erziehung, als für ihre Lage taugt, und dadurch
+gerade machen wir sie unzufrieden mit ihrem Zustande, statt ihr Glück
+zu bauen; oder wir behandeln sie, wenn sie schon erwachsen sind, noch
+immer wie Kinder. Der Freiheitstrieb ist allen Geschöpfen von der Natur
+eingeprägt; sie glauben, sich einem Joche zu entziehen, wenn sie von
+uns gehen, glauben unserer nicht mehr zu bedürfen, sich selbst rathen
+und regieren zu können. Vielfältig aber reuet es solche Menschen in
+der Folge, uns verlassen zu haben, wenn sie erst den Unterschied unter
+einem ~Herrn~ und einem ~Hausvater~ erfahren, und richtige Begriffe
+von wahrer Freiheit erhalten. Das Fremde, das man nicht kennt, sieht
+immer besser aus, als das gewöhnte, auch noch so Gute. Auf Erfolg und
+Dankbarkeit soll man übrigens in dieser Welt nie rechnen, sondern das
+Gute bloß aus Liebe zum Guten thun. Nicht alle Mühe aber ist verloren,
+die verloren zu seyn scheint, und die Wirkungen einer guten Erziehung
+äussern sich oft erst spät nachher. Es ist auch süß, für Andre zu
+pflanzen, und dagegen ein gemeines Verdienst, Früchte zu ziehen, die
+man selbst genießt.
+
+
+ 6.
+
+Ein Hausvater hat das Recht, sein Gesinde ernstlich zur
+Pflicht-Erfüllung anzuhalten; allein nie soll er sich durch Hitze
+verleiten lassen, erwachsene Dienstboten mit groben Schimpfwörtern,
+oder gar mit Schlägen zu behandeln. Ein edler Mann mag nur Kraft gegen
+Kraft setzen; nie wird er Den mißhandeln, der sich nicht wehren darf.
+
+Fast noch härter ist es, den armen Dienstboten, wegen kleiner
+Unachtsamkeiten, z. B. wenn sie etwas zerbrochen haben, einen Theil
+ihres sparsamen Lohns zu entziehen. Besser ist es, seinen Dienstboten
+so viel Zutrauen einzuflößen, daß sie selbst es sogleich anzeigen, wenn
+durch ihre Schuld etwas im Hause verloren gegangen oder zerbrochen ist,
+und dann ersetze man das fehlende Stück ohne Anstand wieder, lasse sein
+häusliches Inventarium nie verringert werden. Ist von einem Dutzend
+Tassen, Teller, Gläser oder dgl. erst ~ein~ Stück fort: so wird nicht
+mehr auf die übrigen so viel Sorgfalt verwendet, und bald sind sie alle
+verschwunden, da man denn in einen vollen Beutel greifen muß.
+
+
+ 7.
+
+Fremden Bedienten soll man in aller Rücksicht höflich und liebreich
+begegnen, denn in Betracht Unsrer sind sie freie Leute, oder wir dürfen
+selbst uns nicht frei nennen, wenn wir Fürsten dienen. Dazu kömmt, daß
+manche Bediente sehr viel Einfluß auf ihre Herrschaften haben, daß die
+Stimme der Menschen aus niedrigen Klassen oft sehr entscheidend für
+unsern Ruf werden kann, und endlich, daß diese Klasse es sehr viel
+genauer damit zu nehmen pflegt, sich leichter beleidigt glaubt, als
+Personen, welche die Grundsätze einer feinen Erziehung über elende
+Kleinigkeiten hinaussetzt.
+
+
+ 8.
+
+Es wird hier nicht am unrechten Orte stehen, wenn ich die Warnung
+hinzufüge, sich vor Geschwätzigkeit und Vertraulichkeit in dem Umgange
+mit Haarkräuslern, Bartscheerern und Putzmacherinnen zu hüten. Dies
+Volk -- doch gibt es auch da Ausnahmen -- ist sehr geneigt, aus
+einem Hause in das andre zu tragen, Intriguen, Ränke, Klatschereien
+anzuspinnen, und sich zu allerlei unedlen Diensten gebrauchen zu
+lassen. Am besten ist es, sich mit ihnen auf einen ernsthaften Fuß zu
+setzen.
+
+
+ 9.
+
+Das Gesinde pflegt kleine Veruntreuungen in Eß-Waaren, Kaffee, Zucker
+u. dgl. für keinen Diebstahl zu halten. So unrecht dieß ist, so bleibt
+es doch darum nicht weniger die Pflicht der Herrschaften, ihren
+Domestiken die Gelegenheit zu benehmen, dergleichen Unredlichkeiten
+sich schuldig zu machen. Zwei Dinge sind hierbei am wirksamsten:
+zuerst, daß die Herrschaften mit dem Beispiel der Mäßigkeit und
+Selbstbeherrschung vorangehen, und dann, daß sie von Zeit zu Zeit durch
+freiwillige Darreichung solcher Bissen, welche die Lüsternheit reizen
+könnten, die Versuchung verhüten.
+
+
+ 10.
+
+Und nun sollte ich auch etwas von dem Betragen des Dieners gegen den
+Herrn reden. Hier nur so viel über diesen Gegenstand: Wer dient, der
+erfülle treu die Pflichten, zu welchen er sich verbindlich gemacht
+hat; er thue darin lieber zu viel, als zu wenig; den Vortheil seines
+Herrn sehe er wie seinen eignen an; er handle immer so offenbar, und
+führe seine Geschäfte mit solcher Ordnung, daß es ihm zu keiner Zeit
+schwer fallen könne, Rechenschaft von seinem Haushalte abzulegen; er
+mißbrauche nie das Zutrauen, die Vertraulichkeit seines Herrn; er
+decke nie die Fehler Dessen auf, dessen Brod er ißt; er lasse sich
+nicht verleiten, weder im Scherze, noch im Unwillen, die Gränzen
+der Ehrerbietung zu überschreiten, die er Dem schuldig ist, dem das
+Schicksal ihn unterwürfig gemacht hat; allein er betrage sich auch
+immer mit einer solchen Würde, daß es dem Obern nie einfallen könne,
+ihm mit Verachtung zu begegnen, oder unedle Dienste zuzumuthen, sondern
+daß dieser seinen Werth, als den eines Menschen, fühle, und, wenn er
+einer guten Empfindung fähig ist, des Abstandes ungeachtet, den die
+bürgerliche Verfassung zwischen ihnen gesetzt hat, ihm dennoch seine
+Hochachtung nicht versagen könne! Er lasse sich nicht durch blendende
+Aussenseiten bewegen, seinen Zustand zu verändern, sondern überlege,
+daß jede Lage ihre Ungemächlichkeiten hat, die man in der Ferne nicht
+wahrnimmt! Hat er bei diesem redlichen und vorsichtigen Betragen
+dennoch das Unglück, einem undankbaren, harten, ungerechten Herrn
+zu dienen: so ertrage er, wenn sanfte Vorstellungen nichts helfen,
+geduldig, ohne Geschwätz und ohne Murren, die lieblose Behandlung,
+so lange er sich dieser Lage nicht entziehen kann. Kann er aber, so
+trete er in ein anderes Verhältniß, schweige nachher über das, was
+ihm begegnet ist, und enthalte sich aller Rache, aller Lästerung,
+aller Plauderei! Doch können Fälle eintreten, wo seine gekränkte Ehre
+eine öffentliche oder gerichtliche Rechtfertigung gegen den mächtigen
+Unterdrücker fordert, und dann trete er ohne Winkelzüge, kühn und fest,
+voll Zuversicht auf die Güte seiner Sache, auf Gottes und der Menschen
+Gerechtigkeit, hervor, und lasse sich weder durch Menschenfurcht, noch
+durch Armuth abschrecken, seinen Ruf zu retten, wenn auch der stärkere
+Bösewicht ihm alles Uebrige rauben kann!
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel.
+
+ Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns in
+ demselben Hause wohnen.
+
+
+ 1.
+
+Wenn wir in der Ordnung von den ersten und natürlichsten Verhältnissen
+ausgehen, und immer von den einfachen zu den zusammengesetztern
+fortschreiten: so denken wir, nach den bis dahin betrachteten
+Verhältnissen, nun zuerst an die Verbindung mit Nachbarn und
+Hausgenossen.
+
+Unsre neuere Philosophie überspringt zwar diese engen Verhältnisse;
+allein ich bin dazu noch nicht aufgeklärt genug, und schreibe also aus
+Ueberzeugung den Satz hin: »Nächst den Personen Deiner Familie, bist
+Du am ersten Deinen Nachbarn und Hausgenossen Rath, That und Hülfe
+schuldig.« Es ist sehr süß, sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, wenn
+man mit lieben, wackern Nachbarn eines zwanglosen, freundschaftlichen
+und vertraulichen Umgangs pflegen darf. Es kommen im menschlichen Leben
+so manche Fälle, wo augenblickliche kleine Hülfe uns Wohlthat ist, wo
+wir uns zur Erholung von ernsthaften Arbeiten, wenn Sorgen uns drücken,
+nach der Gegenwart eines guten Menschen sehnen, den wir nicht erst
+weit zu suchen brauchen; -- also vernachlässige man seine Nachbarn
+nicht, wenn sie irgend von geselliger, wohlwollender Gemüthsart sind!
+In großen Städten gehört es leider zum guten Tone, nicht einmal zu
+wissen, wer mit uns in demselben Hause wohne. Das finde ich sehr
+abgeschmackt, und ich weiß nicht, was mich bewegen sollte, eine halbe
+Meile weit zu fahren, wenn ich die Unterhaltung, oder die Langeweile,
+welcher ich nachrenne, eben so gut zu Hause finden könnte, oder um
+einen Freundschafts-Dienst die ganze Stadt zu durchjagen, wenn neben
+mir an ein Mensch wohnt, der mir denselben gern erzeigen würde, in
+so fern ich mir seine Freundschaft und sein Zutrauen erworben hätte.
+Schämen würde ich mich, wenn es der Fall wäre, daß die Miethkutscher
+und Straßenbuben mich besser, als meine Nachbarn kennten.
+
+
+ 2.
+
+Kaum bedarf es der Bemerkung, daß man sich hüten müsse, sowohl sich
+denen aufzudringen, die uns als Hausgenossen nicht ausweichen können,
+wie auch besonders, ihre Handlungen auszuspähen, uns in ihre häuslichen
+Angelegenheiten zu mischen, ihren Schritten nachzuspüren, und ihre
+Schwachheiten oder Fehltritte unter die Leute zu bringen. Da vor
+Allen das Gesinde hierzu sehr geneigt zu seyn pflegt: so soll man
+seine Dienstleute davon abzuhalten, und den Geist der Klatscherei aus
+seinem Hause zu verbannen suchen. Die Aufgabe ist schwer, aber nicht
+unauflöslich.
+
+
+ 3.
+
+Es giebt kleine Gefälligkeiten, die man Denen schuldig ist, mit welchen
+man in demselben Hause, oder denen man gegenüber wohnt, oder deren
+Nachbar man ist, -- Gefälligkeiten, die an sich gering sind, doch aber
+dazu dienen, Frieden zu erhalten, uns beliebt zu machen, und die man
+deswegen nicht verabsäumen soll. Dahin gehört: daß man Poltern, Lärmen,
+spätes Thür-Zuschlagen im Hause vermeide, Andern nicht in die Fenster
+gaffe, nichts in fremde Höfe oder Gärten schütte, und dergleichen mehr.
+
+
+ 4.
+
+Manche Menschen denken so wenig fein, daß sie glauben, gemiethete
+Häuser, Gärten und Hausgeräthe brauchten gar nicht geschont zu werden,
+und es sey bei Bestimmung der Mieths-Summe schon auf die Abnutzung
+und Verwüstung mit gerechnet worden. Ohne zu erwähnen, daß dieß
+wenigstens nicht immer der Fall ist, so denke ich auch: ein Mann, der
+Erziehung hat, kann kein Vergnügen daran finden, muthwilliger Weise
+etwas zu verderben, das nicht sein ist, wodurch er jemand betrübt,
+und sich verhaßt macht. Es wird sehr bald bekannt, wenn man pünktlich
+im Bezahlen, höflich und gefällig, dabei ordentlich und reinlich
+ist, und man wird dann lieber und um billigern Preis zum Miethsmanne
+aufgenommen, als mancher viel Vornehmere und Reichere.
+
+
+ 5.
+
+Wenn unter Leuten, die zusammen in demselben Hause wohnen, oder sonst
+täglich mit einander leben müssen, Verstimmungen oder Mißverständnisse
+entstehen: so thut man wohl, die Erläuterung zu beschleunigen; denn
+nichts ist peinlicher, als mit Personen unter einem Dache zu leben,
+gegen die man einen Widerwillen hegt.
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel.
+
+ Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast.
+
+
+ 1.
+
+In alten Zeiten hatte man hohe Begriffe von den Rechten der
+Gastfreundschaft. Noch pflegen diese Begriffe in Ländern und
+Provinzen, die weniger bevölkert sind, oder wo einfachere Sitten bei
+weniger Reichthum, Luxus und Weichlichkeit herrschen, so wie auf dem
+Lande, in Ausübung gebracht, und die Rechte der Gastfreundschaft
+heilig gehalten zu werden. In unsern glänzenden Städten hingegen,
+wo nach und nach der Ton der feinen Lebensart allen Biedersinn zu
+verdrängen anfängt, gehören die Gesetze der Gastfreundschaft nur
+zu den Höflichkeits-Regeln, die Jeder nach seiner Lage und nach
+seinem Gefallen mehr oder weniger anerkennt und befolgt. Auch ist
+es wahrlich zu verzeihen, wenn man, bei immer zunehmendem Luxus,
+und dem mannigfaltigen Mißbrauche, den man in unsern Zeiten von der
+Gutherzigkeit der Menschen macht, vorsichtig in Erzeigung solcher
+Gefälligkeiten wird, und wenn man genauere Rücksprache mit seinem
+Geldbeutel nimmt, bevor man jedem Müßiggänger und freundlichen
+Schmarotzer Haus, Küche und Keller öffnet. Wer hierin aus thörichter
+Eitelkeit zu viel thut, betrügt zugleich sich und Andre: sich, indem er
+ein Vermögen verschwendet, das er besser anwenden könnte; und Andre,
+indem er, unter dem Titel von Gastfreundschaft, nur seinen Hang zur
+Prahlerei befriedigt. Von der Gastfreundschaft der Großen und Reichen
+rede ich gar nicht; Langeweile, Eitelkeit und Prachtliebe ordnen da
+alles auf's Beste, und Der, welcher gibt, weiß, sowohl wie Der, welcher
+empfängt, auf welche Rechnung er dieß zu schreiben, und wie er sich
+dabei zu betragen habe. Aber für die Gastfreundschaft unter Personen
+vom mittlern Stande will ich doch einige allgemeine Regeln geben.
+
+
+ 2.
+
+Man reiche das Wenige, was man der Gastfreundschaft opfern kann, in
+gehörigem Maaße, mit guter Art, mit treuem Herzen und mit freundlichem
+Gesichte dar! Man suche bei Bewirthung eines Fremden oder eines
+Freundes weniger Glanz, als Ordnung und guten Willen zu zeigen;
+fremde Reisende kann man sich vorzüglich durch gastfreundschaftliche
+Aufnahme verpflichten. Es kömmt ihnen nicht auf eine köstliche freie
+Mahlzeit, aber darauf kömmt es ihnen an, daß sie Eingang in guten
+Häusern, und dadurch Gelegenheit erhalten, sich über Gegenstände zu
+unterrichten, die zu dem Zwecke ihrer Reise gehören. Gastfreundschaft
+gegen Fremde ist desfalls sehr zu empfehlen. Man sehe nicht verlegen
+aus, wenn uns unerwartet ein Besuch überrascht! Nichts ist einem
+Reisenden unangenehmer und peinlicher, als wenn er merkt, daß es
+dem Manne, der ihn bewirthet, sauer wird, daß er ungern und nur aus
+Höflichkeit hergibt, oder daß er mehr Aufwand dabei verschwendet, als
+seine Umstände leiden; wenn er ohne Unterlaß seiner Frau oder seinen
+Bedienten in die Ohren flüstert, oder mit ihnen zankt, sobald eine
+Schüssel unrecht gestellt, oder etwas vergessen worden ist; wenn er
+selbst im Hause herumläuft, alles anordnet und also an der Unterhaltung
+gar nicht Theil nimmt; wenn der Mann zwar gern gibt, die Frau hingegen
+dem armen Gast jeden Bissen in den Mund zählt; wenn so wenig in den
+Schüsseln liegt, daß Der, welcher vorlegt, unmöglich herumreichen
+kann; wenn der Wirth und die Wirthin ungestüm zum Essen und Trinken
+nöthigen, oder auf eine Weise geben, die zu sagen scheint; »Es ist nun
+einmal angeschafft; also füllet Euch den Bauch voll! Werdet recht satt,
+so habt Ihr auf lange Zeit genug, und brauchet so bald nicht wieder zu
+kommen!« endlich, wenn man Zeuge von Familienzwist und der Unordnung,
+die im Hause herrscht, seyn muß. Mit Einem Worte: es gibt eine Art,
+Gastfreundschaft zu erweisen, die dem Wenigen, das man darreicht, einen
+höhern Werth gibt, als die üppigsten Schmausereien. Vieles trägt hierzu
+die Unterhaltung bei. Man muß daher die Kunst verstehen, mit seinen
+Gästen nur von solchen Dingen zu reden, die sie gern hören; in einem
+größern Kreise solche Gespräche zu führen, woran Alle mit Vergnügen
+Theil nehmen und sich dabei in vortheilhaftem Lichte zeigen können.
+Der Blöde muß ermuntert, der Traurige aufgeheitert werden. Jeder Gast
+muß Gelegenheit bekommen, von etwas zu reden, wovon er gern redet.
+Weltklugheit und Menschenkenntniß müssen hier in den besondern Fällen
+zum Leitfaden dienen. Man muß nichts als Auge und Ohr seyn, ohne daß
+dieß mühsam aussehe, ohne daß man Anstrengung wahrnehme, oder einen
+Zwang, den man sich anthut, um zu zeigen, man wisse zu leben. Man bitte
+nicht Menschen zusammen, oder setze solche an Tafeln neben einander,
+die sich fremd, oder gar feind sind, sich nicht verstehen, nicht zu
+einander passen, sich Langeweile machen! Alle diese Aufmerksamkeiten
+aber müssen auf eine solche Art erwiesen werden, daß sie nicht mehr
+Zwang auflegen, als sie Wohlthat für den Gast sind. Haben die Bedienten
+aus Versehen den unrechten Mann, oder haben sie einen Gast auf den
+unrechten Tag gebeten; so muß der Fremde doch nicht merken, daß er uns
+unerwartet kommt, wenigstens nicht, daß er uns in Verlegenheit setzt,
+uns unwillkommen ist.
+
+Manche Menschen unterhalten sich und Andere am besten, wenn man sie
+zu großen Gesellschaften bittet; Andre muß man, wenn sie glänzen,
+oder sich an ihrem Platze finden sollen, ganz allein, oder nur zu
+einem kleinen Familienmahl einladen: auf dies alles muß man Acht
+haben. Jeder, der auf kurze oder lange Zeit in Deinem Hause ist, und
+wäre er Dein ärgster Feind, muß daselbst von Die gegen alle Arten von
+Beleidigung und Verfolgungen Andrer, so viel an Dir ist, geschützt
+seyn! Es müsse Jeder unter unserm Dache sich so frei wie unter
+seinem eignen fühlen; man lasse ihn seinen Gang gehen, renne ihm
+nicht in jeden Winkel nach, wenn er vielleicht allein seyn will, und
+verlange nicht von ihm, daß er für die Bewirthung alle Unkosten der
+Unterhaltung allein tragen, durch Kurzweil ergötzen, und dadurch seine
+Zeche bezahlen solle; endlich lasse man nicht nach in Gefälligkeit
+und Bewirthung, wenn der Freund sich längre, vielleicht, ein wenig
+unbescheiden, zu lange Zeit bei uns aufhält, sondern erzeige ihm gleich
+in den ersten Tagen nicht mehr und nicht weniger, als man in der Folge
+fortsetzen kann!
+
+
+ 3.
+
+Der Gast aber hat gegen den Wirth auch gegenseitig Rücksichten zu
+nehmen. Ein altes Sprichwort sagt: »Ein Fisch und ein Gast halten sich
+beide nicht gut länger, als drei Tage im Hause.« Diese Vorschrift
+leidet nun wohl glücklicher Weise manche Ausnahmen; allein so viel
+Wahres steckt doch darin, daß man sich niemand aufdringen, und
+Ueberlegung genug haben soll, zu bemerken, ~wie lange~ unsre Gegenwart
+in einem Hause angenehm, und für niemand eine Bürde ist. Nicht immer
+ist man so aufgelegt, nicht immer in seinen häuslichen Angelegenheiten
+so eingerichtet, daß man gern Gäste bei sich sieht, oder lange
+beherbergt. Bei Leuten, die nicht auf einen sehr großen Fuß leben, soll
+man daher nicht leicht unvermuthet kommen, oder sich selbst einladen.
+Dem Manne, der uns Gastfreundschaft erweiset, sollen wir, zum Lohne
+seiner Güte, so wenig Last wie möglich machen. Hat der Wirth mit seinen
+Leuten zu reden, oder sonst häusliche Geschäfte: so schleiche man ruhig
+davon, bis er fertig ist. Der bescheidene Gast wird ruhig und still
+sich nach den Sitten des Hauses richten, den Ton der Familie annehmen,
+als wenn er ein Glied derselben wäre, wenig Aufwartung fordern,
+genügsam seyn, sich nicht in häusliche Angelegenheiten mischen, nicht
+durch böse Launen den Ton verstimmen, und wenn es, seiner Meinung nach,
+irgendwo in der Bewirthung gemangelt hat, nicht undankbar und unedel
+hinter dem Rücken her darüber, oder über das, was er sonst etwa in dem
+Hause gesehen hat, seinen Spott treiben.
+
+
+ 4.
+
+Es gibt aber auch Menschen, die einen so gewaltig hohen Werth auf
+die Gastfreundschaft setzen, welche sie uns erweisen, daß sie dafür
+gelobt, geschmeichelt, bedient, häufig besucht, und wer weiß was sonst
+alles seyn wollen. Das ist nun freilich nicht billig. Ein mäßiger Mann
+verlangt doch nicht mehr, als sich satt zu essen, und das kann er ja
+leicht um geringern Preis. Das Mehr oder Weniger ist so viel nicht
+werth, und ich halte wahrhaftig meine Gesellschaft und meine verlorne
+Zeit eben so theuer, wie Ihre Hochmögenden Dero Pasteten und Braten.
+
+
+
+
+ Zehntes Kapitel.
+
+ Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten
+ empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern,
+ Gläubigern und Schuldnern.
+
+
+ 1.
+
+Die Dankbarkeit ist eine der heiligsten Tugenden. Wer Dir Gutes gethan
+hat, den ehre! Danke ihm nicht nur mit Worten, die ihm die Wärme Deiner
+Erkenntlichkeit zeigen, sondern suche auch jede Gelegenheit auf, wo
+Du ihm wieder dienen und nützlich werden kannst! Fehlt Dir aber dazu
+die Veranlassung, so entfalte ihm wenigstens durch ein auszeichnend
+ehrendes und theilnehmendes Betragen Dein dankbares Herz! Du darfst
+nicht gerade dies Betragen pünktlich nach der Größe der Wohlthat
+abmessen, die Du empfangen hast, sondern nach dem Grade des guten
+Willens, den Dein Wohlthäter Dir gezeigt hat! Höre auch ~dann~ nicht
+auf, dankbar gegen ihn zu seyn, wenn Du seiner nicht mehr bedarfst,
+oder wenn Unglücksfälle ihn von seiner Höhe herabgestürzt, ihn seines
+Glanzes beraubt haben!
+
+
+ 2.
+
+Nie aber laß Dich zu niederträchtiger Schmeichelei herab, um entweder
+Wohlthaten zu erschleichen, oder für den empfangnen Schutz auf unedle
+Weise Dich zum Sclaven eines schlechten Mannes zu machen! Wo Pflicht
+und Rechtschaffenheit es fordern, da müsse Dein Mund nie zum Unrechte
+schweigen, und keine Art von Bestechung die Stimme der Wahrheit zum
+Schweigen bringen! Du bezahlst reichlich die Wohlthat, wenn Du dafür
+die Pflichten eines ächten Freundes erfüllst, und, selbst mit Gefahr,
+den Schutz zu verlieren und für undankbar gehalten zu werden, dem
+Wohlthäter sagst, was ihm nöthig und heilsam zu hören ist. Eben
+so wenig leide, daß jemand sich's zum Verdienste anrechnet, daß er
+Dich bis jetzt hochgeschätzt, Dich bei Andern gelobt und vertheidigt
+habe! Warst Du dessen würdig, so erfüllte er eine Pflicht, die man
+auch seinen Feinden nicht versagen darf, wo nicht, so hat er nicht
+gehandelt, wie ein gerechter und verständiger Mann, selbst in Rücksicht
+seiner Freunde, handeln soll.
+
+
+ 3.
+
+Es ist eine unangenehme Lage, wenn man jemand, dem man viel
+Verbindlichkeit schuldig ist, nachher von einer schlechten Seite
+kennen lernt. Dieser Verlegenheit weicht man nun freilich aus, wenn
+man so wenig wie möglich Wohlthaten annimmt. Allein nicht immer läßt
+sich das thun; und wenn man dann wirklich in die Verlegenheit kommt,
+einem schlechten Menschen auf diese Art verpflichtet zu werden: so
+rathe ich an, ihn wenigstens mit so viel Schonung zu behandeln, als
+nur immer mit Redlichkeit und weiser Wahrheitsliebe bestehen kann, und
+von seiner Schlechtigkeit zu schweigen; doch nur, in so fern Schweigen
+nicht Verbrechen gegen die öffentliche Wohlfahrt ist; -- denn in diesem
+letztern Falle muß alle Rücksicht aufhören. So wie aber unter den
+Menschen, welche Wohlthaten erzeigen: so ist auch ein Unterschied unter
+den Wohlthaten selbst. Es gibt unbedeutende Gefälligkeiten, die man
+ohne Furcht, auch von den schlechtesten Leuten annehmen kann. Es ist
+dann ~ihre~ Schuld, wenn sie dieselben höher anrechnen, als sie werth
+sind. In andern Fällen hingegen, besonders wenn man empfangene Dienste
+nicht erwiedern kann, ist es klug und edel, sie lieber nicht anzunehmen.
+
+
+ 4.
+
+Die Art, ~wie~ man Wohlthaten erzeigt, ist oft mehr werth, als
+die Handlung selbst. Man kann durch dieselbe den Preis jeder Gabe
+erhöhen, so wie von der andern Seite ihr alles Verdienst rauben.
+Wenig Menschen verstehen diese Kunst; nur die Edlen und Gefühlvollen
+wissen sie meisterhaft auszuüben, und zugleich dem dankbaren Herzen
+die Gelegenheit, sich erkenntlich zu beweisen, nicht zu verkümmern.
+~Der~ gibt doppelt, der ~gleich~, zu rechter Zeit, ungebeten und mit
+Freuden gibt. Gib gern! Es ist seliger Genuß, es ist Wohlthat, geben,
+zur Freude Andrer etwas beitragen zu dürfen. Gib also gern, aber
+verschwende nicht Deine Wohlthaten! Sey dienstfertig, bereitwillig;
+aber dringe niemanden Deine Dienste auf! Rechne nicht, ob es erkannt
+und belohnt werden wird! Brauche doppelte Schonung im Umgange mit
+Denen, welchen Du Gutes erwiesen, aus Furcht, sie mögten argwöhnen,
+Du wolltest Dich für Deine Mühe bezahlt machen, sie Dein Uebergewicht
+fühlen lassen, Dir größere Freiheit gegen sie erlauben, weil sie aus
+Dankbarkeit schweigen müssen! Oft ist es edler und zarter gehandelt,
+von Dem keine Gegen-Gefälligkeiten anzunehmen, dem wir Wohlthaten
+erzeigt haben; oft hingegen ist es edler, ihm Gelegenheiten zu
+geben, uns durch kleine Dienste, die man ihm hoch anrechnen kann,
+für große gleichsam zu bezahlen, damit keine zu schwere Last von
+Verbindlichkeiten auf ihm zu liegen scheine. Weise nicht die Bittenden
+von Deiner Thür zurück! Wenn Dich jemand um Rath, Hülfe, Wohlthat
+anspricht: so höre ihm freundlich, theilnehmend und aufmerksam zu!
+Laß ihn ausreden, Dir seine Sache vorstellen, ohne ihm in die Rede zu
+fallen, denn dem Unglücklichen thut es sehr wohl, wenn er nur sein Herz
+ausschütten kann.
+
+
+ 5.
+
+Keine Wohlthat ist größer, als die des Unterrichts und der Bildung.
+Wer jemals etwas dazu beigetragen hat, uns zu weisern, bessern und
+glücklichern Menschen zu machen, der müsse unsers wärmsten Danks
+lebenslang gewiß seyn können! Hat er dabei nicht alles geleistet, was
+wir jetzt, bei reifern Jahren, bei weitern Fortschritten in der Kultur,
+von einem Lehrer und Erzieher fordern würden: so sollen wir doch nicht
+unerkenntlich gegen das seyn, was wir von ihm empfangen haben.
+
+Ueberhaupt verdienen ja Diejenigen wohl mit vorzüglicher
+Achtung behandelt zu werden, die sich redlich dem wichtigen
+Erziehungs-Geschäfte widmen. Es ist wahrlich eine höchst schwere
+Arbeit, Menschen zu bilden: -- eine Arbeit, die sich nie mit Gelde
+bezahlen läßt. Der geringste Dorf-Schulmeister, wenn er seine Pflichten
+treulich erfüllt, ist eine wichtigere und nützlichere Person im Staate,
+als der Finanz-Minister; und da sein Gehalt gewöhnlich sparsam genug
+abgemessen ist: was kann da billiger seyn, als daß man diesem Mann
+wenigstens durch hinreichendes Auskommen, und einige Ehrenbezeigung das
+Leben süß, und das Joch erträglich zu machen suche? Schämen sollten
+sich die Menschen, die den Erzieher ihrer Kinder wie eine Art von
+Dienstboten behandeln! Mögten sie nur bedenken (wenn sie auch nicht
+fühlen können, wie unedel dies Betragen an sich schon ist), welchen
+nachtheiligen Einfluß dieß auf die Bildung der Jugend hat! Es kann mir
+durch die Seele gehen, wenn ich den Hofmeister in manchem adelichen
+Hause demüthig und stumm an der Tafel seiner gnädigen Herrschaft sitzen
+sehe, wo er es nicht wagt, sich in irgend ein Gespräch zu mischen,
+sich auf irgend eine Weise der übrigen Gesellschaft gleich zu stellen,
+-- wenn sogar den ihm untergebenen Kindern von Eltern, Fremden und
+Bedienten der Rang vor ihm gegeben wird, -- vor ihm, der, wenn er
+seinen Platz ganz erfüllt, als der größte Wohlthäter der Familie
+angesehen werden sollte. -- Es ist wahr, daß es unter den Männern
+dieser Art hie und da solche gibt, die eine so traurige Figur ausser
+ihrer Studirstube spielen, daß man nicht wohl auf einem bessern Fuß
+mit ihnen umgehen kann; allein das widerlegt nicht dasjenige, was ich
+von der Achtung gesagt habe, die man diesem Stande schuldig ist. --
+Wehe ~den~ Eltern, die ihre Kinder solchen ~selbst~ nicht erzogenen
+Miethlingen anvertrauen!
+
+Hast Du aber einen edlen Freund gefunden, der sich der Erziehung Deines
+Sohnes annimmt: so ist es auch nicht genug, daß Du ihm ausgezeichnet
+freundlich, ehrenvoll und dankbar begegnest; Du mußt ihm auch freie
+Macht lassen, ohne Widerspruch seinen Erziehungsplan durchzusetzen; und
+von ~dem~ Augenblicke an, da Du Dein Kind seiner Leitung übergibst,
+hast Du den wichtigsten Theil Deiner väterlichen Rechte auf ihn
+übertragen. -- Doch dies alles gehört mehr in ein Werk über Erziehung,
+als daß hier der Ort wäre, weitläuftig davon zu handeln. Ich schweige
+daher auch von dem Betragen der Lehrer und Hofmeister im Umgange mit
+ihren Untergebenen, und eile weiter.
+
+
+ 6.
+
+Ueber den Umgang mit Schuldnern und Gläubigern habe ich wenig zu sagen.
+Man sey menschlich, billig und höflich gegen die Erstern! Man glaube
+nicht, daß jemand, der uns Geld schuldig ist, deswegen unser Sclave
+geworden sey, daß er sich alle Arten Demüthigungen von uns müsse
+gefallen lassen, daß er uns nichts abschlagen dürfe, noch überhaupt,
+daß der elende Bettel, der Mammon, einen Menschen berechtigen könne,
+sein Haupt über den andern emporzuheben! Seine Gläubiger bezahle man
+pünktlich, und halte sein Wort treulich! Man verwechsele nicht den
+ehrlichen Mann, der von billigen Zinsen leben muß, mit dem jüdischen
+Wucherer: so wird man immer Kredit haben, und, wenn man in Verlegenheit
+sich befindet, billige Menschen antreffen, die uns, ohne ihren Schaden,
+aus der Noth helfen.
+
+
+
+
+ Eilftes Kapitel.
+
+ Ueber das Betragen gegen Leute, in allerlei besondern Verhältnissen
+ und Lagen.
+
+
+ 1.
+
+Zuerst über die Aufführung gegen unsre ~Feinde~! Man kränke niemand
+vorsätzlich; man sey wohlwollend, dienstfertig, verständig, vorsichtig,
+gerade und ohne Winkelzüge in allen Handlungen; man erlaube sich keinen
+Schritt zum Nachtheil eines Andern; man zerstöre keines Menschen
+Glückseligkeit; man verläumde niemand; man verschweige selbst das
+wirkliche Böse, das man von seinem Mitmenschen weiß, wenn man nicht
+entschiednen Beruf hat, oder das Wohl Andrer es bestimmt erfordert,
+darüber zu reden: so wird man -- etwa keine Feinde haben? -- das sage
+ich nicht; aber man wird, wenn uns dennoch Neid und Bosheit verfolgen,
+wenigstens die Beruhigung empfinden, keine Veranlassung zur Feindschaft
+gegeben zu haben.
+
+Es steht nicht immer in unsrer Willkühr, geliebt, aber es hängt immer
+von uns ab, geachtet zu werden. Allgemeiner Beifall, allgemeines Lob
+sind eben so zweideutige, als entbehrliche Merkmale des persönlichen
+Werthes; allgemeine Achtung können selbst die Schurken dem Redlichen
+und Weisen in ihren Herzen nicht versagen, und der warmen Freunde
+bedarf man etwa nur drei in der Welt, um glücklich zu seyn.
+
+Will man ohne Zwang und Unruhe in dem Umgange mit Menschen leben,
+so muß man es nicht darauf anlegen, oder für wünschenswerth halten,
+von allen Menschen für gut und weise gehalten zu werden. Je mehr
+hervorleuchtende edle Eigenschaften aber ein Mann hat, um desto
+gewisser kann er darauf rechnen, von der Scheelsucht schwacher und
+schlechter Menschen Manches ertragen zu müssen; und Die, welche
+die allgemeine Stimme des Pöbels aller Klassen für sich haben, sind
+mehrentheils die mittelmäßigsten Leute, Leute ohne Charakter, oder
+niedrige Schmeichler und Heuchler. Es ist wahrlich nicht schwer,
+Menschen zu gewinnen, auch die zu gewinnen, welche am heftigsten
+gegen uns eingenommen waren, und das oft durch ein einziges Gespräch
+unter vier Augen, wenn man ihre schwache Seite studirt hat, und es
+recht darauf anlegt. Allein das ist eine elende, des redlichen Mannes
+unwürdige Kunst, -- und was kümmert es mich am Ende, ob Menschen, die
+mein Herz nicht kennen, -- ja, die mich nie gesehen haben, durch die
+Geschwätze irgend eines alten Weibes gegen mich eingenommen sind, oder
+nicht?
+
+Klage aber nie über Verfolgung und Feinde, wenn Du nicht Lust hast,
+die Anzahl der letztern zu vermehren; es schleicht immer eine Anzahl
+furchtsamer, niederträchtiger Geschöpfe umher, die nicht den Muth
+haben, gegen einen Mann von Würde sich öffentlich zu erklären, die
+aber sich augenblicklich an Dich wagen, sobald sie Dich hülflos, scheu
+und niedergeschlagen erblicken; und diese, so unbedeutend sie Dir auch
+scheinen mögten, können mit ihren Neckereien Dir tausendfältigen Kummer
+machen. Der feste Mann muß sich selbst schützen. Zeige Zuversicht zu
+Dir selber, so wirst Du ganze Heere von Schelmen im Zaume halten!
+Zudem ist des Kämpfens in der Welt so viel: jeder gute Mann hat mit
+seinen eignen Angelegenheiten genug zu thun, so daß es vergebens ist,
+Alliirte zu suchen, weil diese bei der ersten Gelegenheit, wo es eigne
+Sicherheit gilt, davon laufen. Der Mann, welcher sich stellt, als merke
+er nicht einmal, daß man ihn verfolgt, der von Zeit zu Zeit sagt:
+»Gottlob! mir geht es gut; ich habe Freunde;« wird für einen mächtigen
+Bundesgenossen gehalten, dessen man schonen müsse; dahingegen über den
+Verlassenen Jeder herfällt.
+
+Willst Du Dich der Ueberlegenheit erfreuen, wenn Du beleidigt wirst,
+so werde nie hitzig oder grob gegen Deine Feinde, weder in Gesprächen,
+noch Schriften. Und wenn böser Wille und Leidenschaft, wie es
+mehrentheils geschieht, bei ihnen im Spiele sind: so laß Dich auf
+keine Art von Erläuterung ein! Schlechte Leute werden am besten durch
+Verachtung bestraft, und Klatschereien am leichtesten widerlegt, wenn
+man sich gar nicht darum bekümmert.
+
+Wenn man daher unschuldig verleumdet, angeklagt, verkannt wird, so
+zeige man Stolz, Fassung und Würde in seinem Betragen: und die Zeit
+wird alles aufklären, oder der Vergessenheit übergeben.
+
+Nicht alle Bösewichter sind unempfindlich gegen eine edle, großmüthige,
+immer gleiche, gerade Behandlung. Mit diesen Waffen also kämpfe man,
+so lange sich's irgend thun läßt, gegen seine Feinde! Sie müssen nicht
+Rache fürchten, sondern den Richterstuhl des Publikums, wenn sie
+fortfahren, einen Mann zu verfolgen, dem niemand seine Ehrerbietung
+versagt.
+
+Wenn aber Dein Stillschweigen bei ihren Ausfällen sie noch kecker
+macht, dann zeige einmal, was Du ~thun könntest~, wenn Du ~wolltest~!
+Aber gebrauche dabei keine Winkelzüge! Vereinige Dich nie mit andern
+schlechten Leuten; mache keine gemeinschaftliche Sache mit ~einem~
+Schelme, um den andern zu bekämpfen; sondern tritt ganz allein, muthig,
+kühn, schnell, gerade und öffentlich gegen sie auf! Es ist unglaublich,
+wie viel ein Einziger, mit einem guten Gewissen und mit edlem Feuer,
+gegen Schaaren von Nichtswürdigen vermag.
+
+Sey nur trotzig gegen mächtige, siegende Feinde! Des Ueberwundnen, des
+Unglücklichen schone, und verschweige alles Unrecht, das er Dir vormals
+zugefügt hat, sobald er ausser Stande ist, Dir ferner zu schaden,
+oder sobald die Stimme des Publikums ihn gerichtet hat! Allein der
+Bösewicht wendet alles an, um es dahin nicht kommen zu lassen; -- das
+Gefühl seiner eignen Ungerechtigkeit wird ein neues Verbrechen für Den,
+welchen er muthwillig gekränkt hat. Doch endlich kömmt alles an den
+Tag, und dann genieße mit Bescheidenheit die Freuden des Triumphs!
+
+Laß Dir nie zweimal die Hand zur Versöhnung reichen! Vergiß dann alle
+Beleidigungen, solltest Du auch fürchten müssen, daß dein Beleidiger
+bei der ersten Gelegenheit die Feindseligkeit erneuern wird! Sey zwar
+auf Deiner Hut; aber zeige kein Mißtrauen! Es ist besser, unschuldiger
+Weise zum zweitenmal beleidigt werden, als ein einzigmal den Mann, dem
+es mit seiner Rückkehr zu Dir ein Ernst ist, kränken, erbittern, und
+ihm allen Muth nehmen! Aber man muß auch verzeihen können, ~ohne~
+darum gebeten zu werden.
+
+Man hat oft die beste Gelegenheit, die Gemüthsart eines Menschen dann
+kennen zu lernen, wenn er uns beleidigt hat. Man gebe Acht, ob er es
+durch Bitten um Verzeihung wieder gut zu machen sucht? -- und wie? --
+gleich, oder lange nachher? -- öffentlich oder heimlich? -- und warum
+nicht gleich, und vor allen Leuten? -- Aus Starrköpfigkeit, Eitelkeit,
+oder Blödigkeit? -- Oder ob er gar keinen Schritt thut, sondern uns
+laufen läßt, wohl gar mault, und den Gekränkten verdächtig und verhaßt
+zu machen sucht? -- Ob jenes aus Leichtsinn oder Tücke? -- Oder ob er
+den Fehler zu beschönigen sucht, den Gesichtspunkt zu verrücken sucht,
+um Recht zu behalten. -- Schon in den Jahren der Kindheit kann man aus
+diesen Zügen auf den künftigen Charakter schließen.
+
+Uebrigens hat man nicht Unrecht, wenn man behauptet, daß unsre Feinde
+oft, ohne es zu wollen, unsre größten Wohlthäter sind. Sie machen uns
+aufmerksam auf Fehler, die unsre eigne Eitelkeit, und die Nachsicht
+unsrer partheiischen Freunde, und die niedrige Gefälligkeit der
+Schmeichler vor unsern Augen verbergen. Ihre Schmähungen feuern in uns
+den Eifer an, desto sorgsamer den Beifall der Bessern zu verdienen; und
+wenn sie jedem unsrer Schritte auflauren, so lehren sie uns auf unsrer
+Hut seyn, um ihnen keine Blöße zu geben.
+
+Keine Feindschaft pflegt heftiger zu seyn, als die unter entzweieten
+Freunden. Unsre Eitelkeit kömmt da in das Spiel; wir schämen uns,
+das Spielwerk eines Bösewichts gewesen zu seyn; wir wenden alles
+an, um Diesen nun im schlechtesten Lichte zu zeigen, damit wir vor
+der Welt unsre Trennung von ihm rechtfertigen mögen. -- Es ist ein
+trauriger Anblick, zu sehen, wie dann selbst ~edle~ Menschen, wenn sie
+gegen einander aufgebracht sind, sich gegenseitig höchst unedel zu
+verkleinern suchen, um sich gegen sich selber zu rechtfertigen. (S.
+Kap. 6.)
+
+
+ 2.
+
+Wir kommen oft in nicht geringe Verlegenheit, wenn unsre Lage uns
+zwingt, mit ~Leuten~ umzugehen, ~die einander feind sind~, wo man es
+gar leicht mit einer Parthei verdirbt, sobald man mit der andern gut
+steht, oder es mit Beiden verdirbt, wenn man sich ungebeten, oder
+auf unvorsichtige Weise, in diese Händel mischt; ich empfehle dabei
+folgende Vorsichtigkeits-Regeln:
+
+So viel man kann, vermeide man es, mit zwei Partheien umzugehen, die
+mit einander in Zwist leben!
+
+Kann man dieß aber nicht ändern, zum Beispiel, ohne plötzlich ein
+Verhältniß aufzuheben, in welchem man lange Zeit gestanden: so setze
+man sich, wo möglich, auf den Fuß, in die obwaltenden Streitigkeiten
+durchaus nicht eingeflochten zu werden! Man bitte sich's vielmehr aus,
+daß in den Gesprächen diese Sache nie berührt werde! Diese Regel findet
+vorzüglich dann Statt, wenn Menschen, die ehemals vertraute Freunde
+gewesen sind, nun auf einmal in Feindschaft mit einander gerathen.
+Verhalte Dich ganz leidend, wenn dann einer über den andern bei Dir
+klagt! Er mag nun in der ersten Empfindlichkeit ein Wort zu viel gesagt
+haben, und nachher mit seinem Gegentheile wieder einig werden, oder es
+mag in dauernde Feindschaft übergehen: so wird er es doch bei kaltem
+Blute übel nehmen, wenn Du zum Guten oder Bösen gerathen hast.
+
+Kann man aber auch dieß nicht ändern, so enthalte man sich zuerst aller
+feigen und heuchlerischen Zweizüngigkeit! Das heißt: man rede nicht,
+wenn man bei der einen Parthei ist, zum Nachtheile der andern, und
+wiederum zum Tadel jeder, wenn diese es wünschen; sondern, wenn man
+sich durchaus darüber erklären muß, immer so, wie es einem redlichen,
+gerechten Manne zukömmt!
+
+Noch schändlicher aber, als jene Duplicität, ist das Verfahren mancher
+Menschen, die, um bei solcher Gelegenheit im Trüben zu fischen, oder
+sich wichtig zu machen, oder aus Schadenfreude und Geist der Intrigue,
+von beiden Seiten Oel zum Feuer gießen, und den Zwist unterhalten.
+
+Wenn man ferner die streitenden Theile nicht recht genau kennt; wenn
+sie nicht unsre vertrautesten Freunde sind; wenn man nicht ganz gewiß
+weiß, daß man es mit edeln, von Vernunft regierten Leuten zu thun
+hat, die vielleicht nur durch Mißverständnisse, oder durch andre,
+mit Hülfe eines Dritten leicht zu hebende Irrungen getrennt worden;
+wenn vielmehr böser Wille, Eigennutz, ungesellige Gemüthsart, oder
+unbändige Leidenschaft im Spiele ist, -- folglich keine dauerhafte
+Wiedervereinigung zu hoffen steht: so lasse man sich nicht darauf ein,
+Versöhnung stiften zu wollen! Man verdirbt es dabei leicht mit einer
+Parthei, und nicht selten mit beiden.
+
+Ist es endlich gar nicht zu vermeiden, daß man sich ~für~ oder
+~gegen~ eine von den beiden Partheien bestimmt erkläre, so erkläre
+man sich ohne Ansehen der Person und ohne Rücksicht auf Freundschaft,
+Schmeichelei und Verwandtschaft, männlich und unerschütterlich, für
+Den, von dem die Vernunft sagt, daß er Recht habe, und bleibe ihm treu
+und beständig zugethan, es gehe auch, wie es wolle!
+
+
+ 3.
+
+Wenden wir uns jetzt zu ~Kranken~ und ~Leidenden~! -- Wer je empfunden
+hat, welch ein Labsal bei Krankheiten und Schmerzen eine gute,
+sorgsame, stille und theilnehmende Pflege gewährt, der wird den
+Gegenstand nicht unwichtig finden. Die Art der Behandlung und Sorgfalt
+muß sich allerdings nach der Verschiedenheit der Krankheiten richten,
+mit welchen der Leidende kämpft, und ich kann also keine allgemein
+passende Regeln vorschlagen; doch, so viel sich im Ganzen über diesen
+Gegenstand sagen läßt, möge hier Platz finden!
+
+Es gibt Krankheiten, in welchen Aufheiterung des Gemüths, Zerstreuung
+und angenehme Unterhaltung sehr viel zur Genesung beitragen, und
+hingegen andre, bei denen Ruhe und stille Pflege das Einzige sind,
+wodurch man dem Leidenden Linderung verschaffen kann. Man soll daher
+wohl unterscheiden und beobachten, welche Art von Behandlung anwendbar
+seyn mögte.
+
+Ob in schweren Krankheiten die Aufwartung ~bezahlter~ Wärter der
+sorgfältigen, liebevollen und zarten Pflege werther Freunde darum
+vorzuziehen sey, weil diese leicht übertrieben, und dann dem Kranken
+lästig und ängstlich wird, muß dem Gefühl eines Jeden überlassen
+bleiben. Jene sind durch Erfahrung mit den kleinen Handgriffen bekannt,
+und leisten ihre Dienste mit unverdrossener Geduld, Kaltblütigkeit
+und strenger Pünktlichkeit, bekümmern sich nicht um unsre Launen, und
+leiden nicht bei unsern Schmerzen; diese hingegen werden uns oft,
+besonders wenn unsre Nerven sehr reizbar sind, durch zu viel Eifer
+lästig, wissen nicht behutsam genug bei ihren Handreichungen mit uns
+umzugehen, erregen unsre Ungeduld durch Fragen, und machen unser Leiden
+durch zu warmes Mitgefühl, das wir in ihren Augen lesen, doppelt
+schwer; wozu denn noch kömmt, daß der Gedanke, wie sehr sie mit uns
+leiden, und welche Opfer sie uns bringen, uns einen peinlichen Zwang
+auflegt. Will man daher seinen Freund selbst verpflegen, so suche man
+die Art geübter Krankenwärter nachzuahmen, dem Leidenden so wenig wie
+möglich lästig zu werden, und alles mechanisch so zu machen, wie er es
+gern zu haben scheint: man werde nicht mißvergnügt, wenn ein Kranker
+zuweilen auffahrend, böser Laune, oder zänkisch wird! Wir fühlen nicht,
+wie ihm zu Sinne ist, und wie seine zerrüttete Maschine auf seinen
+Geist wirkt. Doch kann ein Mann, der achtsam auf sein eignes Ich ist,
+viel über sich erlangen, und selbst in schweren Krankheiten in so weit
+Meister über seine Launen werden, daß er diejenigen Personen, welche
+ihm Sorgfalt widmen, nicht unnützer Weise plage.
+
+Man mache nicht, besonders bei einem Kranken von sehr empfindlicher,
+weicher Gemüthsart, sein Leiden durch Wehklagen und ängstliches
+Bezeigen noch schwerer!
+
+Man rede nicht von Dingen, die ihm, selbst wenn er gesund wäre,
+unangenehm seyn würden, -- nicht von häuslichen Verlegenheiten, vom
+Tode, noch von Vergnügungen, an welchen er nicht Theil nehmen kann!
+
+Leute, die bloß in der Einbildung krank sind, muß man zwar nicht
+verspotten, noch zu überzeugen suchen, daß ihnen nichts fehle; denn
+das macht eine ganz entgegengesetzte Wirkung auf sie; aber man soll
+sie auch nicht in ihrer Thorheit bestärken, sondern, wenn vernünftige
+Vorstellungen nichts helfen, nur gar keine Theilnahme zeigen, ihre
+Klagen mit Stillschweigen beantworten, und, wenn der Sitz des Uebels im
+Gemüthe ist, sie durch weise gewählte Zerstreuungen auf andre Gedanken
+zu bringen suchen.
+
+Auch gibt es Menschen, die dadurch Interesse zu erwecken glauben, daß
+sie sich kränklich stellen. Das ist eine höchst thörichte Schwäche!
+Man suche solche Leute durch sanften Spott und kräftige Ansprache von
+ihrer Albernheit zurückzuführen, sie zu überzeugen, daß es besser sey,
+Bewunderung, als Mitleiden zu erregen, und daß nichts so allgemein
+vortheilhafte Eindrücke mache, als der Anblick eines Wesens, das, an
+Leib und Seele, in seiner vollen Kraft, zur Ehre der Schöpfung dasteht!
+
+Endlich: in solchen Krankheiten, wo der Geist viel über den Körper
+vermag, wo Seelen-Leiden das Uebel vermehren, und die Besserung
+hindern, da soll man alle Kräfte, seine ganze Lebhaftigkeit aufbieten,
+um Heiterkeit, Muth, Trost und Hoffnung in das Gemüth des Kranken
+zurückzurufen.
+
+
+ 4.
+
+Noch schonender, als mit diesen Leidenden, soll man mit ~Leuten~
+umgehen, ~auf welchen die schwere Hand des Schicksals liegt~, -- mit
+Unglücklichen, Armen, Bedrängten, Verstoßenen und Zurückgesetzten, mit
+Verirrten und Gefallenen.
+
+Nimm Dich des ~Armen~ an, wenn Dir Gott die Mittel in die Hände
+gegeben hat, seine Noth zu erleichtern! Weise nicht den Dürftigen von
+Deiner Thür zurück, so lange Du noch, ohne Ungerechtigkeit gegen die
+Deinigen, eine kleine Gabe zu geben hast! Sey es wenig oder viel, so
+gib es mit gutem Herzen, und -- wie ich bei Gelegenheit gesagt habe,
+als von der Art, Wohlthaten zu erzeigen, die Rede war, -- gib es mit
+guter Art! Ein Wort ist oft besser, als eine große Gabe, und ein
+holdseliger Mensch gibt sie beide, sagte schon Sirach; und was für
+ein Wort könnte er meinen, als das erquickende Wort der herzlichen
+Theilnahme. -- Sey ferner nicht allzu gerecht, wo vom Helfen und
+Erbarmen die Rede ist. Berechne nicht so genau, ob der Mann, dem Du
+helfen kannst, selbst an seinem Unglücke Schuld sey, oder nicht! Wer
+in der Welt würde ~ganz~ unschuldig an den Leiden, die ihn treffen,
+befunden werden, wenn man alles strenge untersuchen wollte? Willst
+oder kannst Du aber gar nichts, oder nur wenig geben, so brauche keine
+leere Ausflüchte! Laß den Armen nicht durch Deine Bedienten unter
+allerlei Vorwande wieder bestellen, oder vertrösten! Am wenigsten
+aber erlaube Dir, etwa zu Rechtfertigung Deiner Hartherzigkeit, z. B.
+Grobheiten, beleidigende Strafpredigten gegen Den, dessen Bitte Du
+abzuschlagen entschlossen bist, harte Vorwürfe; sondern sprich den
+Bittenden selbst, und sage ihm kurz und menschenfreundlich, warum Du
+nicht geben kannst, nicht geben willst! Thue auch auf das erste Wort,
+was zu thun vernünftig und gut ist, und warte nicht darauf, daß man
+durch wiederholtes Betteln Dein Herz erweiche! Gib aber nicht wie
+ein Verschwender, sondern laß Deine Wohlthaten von der Gerechtigkeit
+gegen Dich und Andre bestimmt werden, und verschleudre nicht an
+den Landläufer, Bettler von Handwerke und Faullenzer, was Du dem
+hülflosen Alter, der Gebrechlichkeit, und dem durch widrige Zufälle
+Verunglückten schuldig bist! Und wo es Labsal geben kann, da begleite
+Deine kleine Gabe ein sanftes Trostwort, ein vertraulicher Rath, und
+ein freundlicher, mitleidiger Blick! Gehe schonend und äusserst fein
+mit Leuten um, die in unangenehmen häuslichen Lagen sind! Sie pflegen
+sehr empfindlich zu seyn, pflegen leicht zu glauben, man verachte
+sie, setze sie zurück, ihrer Armuth wegen. Das elende Geld hat leider
+nur gar zu viel Einfluß auf den Pöbel aller Stände. Unterscheide Dich
+von diesem Haufen! Ehre den verdienstvollen Armen öffentlich! Suche
+ihm wenigstens einen frohen Augenblick zu machen, wenn Du auch seine
+Umstände nicht verbessern kannst! Ueberhaupt sind alle Unglückliche
+mißtrauisch, und meinen, jedermann sey ~gegen~ sie. Suche ihnen diesen
+quälenden Wahn zu benehmen! Bemühe Dich, ihr Zutrauen zu gewinnen!
+Entziehe Dich nicht dem Anblicke des Jammers! Fliehe nicht die Hütte
+der Noth und der Dürftigkeit! Man muß vertraut seyn mit dem mancherlei
+Elende auf dieser Welt, um bei dem Leiden des unglücklichen Bruders
+recht innig theilnehmend mitempfinden zu können. Wo der bescheidne Arme
+im Verborgenen seufzt, es nicht wagt, sich herbeizudrängen und um Hülfe
+zu bitten; wo widrige Vorfälle den fleißigen Mann, den Mann, der einst
+bessre Tage gesehen hat, zu Boden schlagen; wo eine zahlreiche ehrliche
+Familie, mit allem Fleiße, durch die tägliche Arbeit ihrer Hände nicht
+so viel erringen kann, um sich gegen Hunger, Blöße und Krankheit
+zu schützen; wo auf hartem Lager, in durchwachten, durchseufzten
+Nächten, schamhafte Thränen über gerungene Hände rollen: -- ~dahin~,
+menschenfreundlicher Wohlthäter! ~dahin~ dringe Dein Blick! ~Da~ kannst
+Du Deine Gelder herrlich anlegen, und Zinsen erwerben, die keine Bank
+auf Erden Dir zusichern kann.
+
+Wer kein Geld hat, der hat auch keinen Muth. Er fürchtet aller Orten
+zurückgesetzt zu werden, glaubt jede Demüthigung ertragen zu müssen,
+und zeigt sich überall in ungünstigem Lichte. -- Ach! ermuntre einen
+also Niedergedrückten! Ehre ihn, wenn er es sonst verdient, und bewege
+Deine Freunde, daß sie ein Gleiches thun!
+
+Manchen aber drücken schwerere Leiden, als die der Armuth und des
+Mangels: ~Seelenleiden~, die an der Knospe des Lebens nagen. O! schone
+des Kummervollen! Pflege seiner! Suche ihn aufzurichten, zu trösten,
+mit Hoffnung zu erfüllen, Balsam in seine Wunden zu gießen, und wenn
+Du seine Last nicht erleichtern kannst, so hilf wenigstens tragen,
+und weine eine brüderliche Thräne mit ihm! Richte aber die Art Deiner
+Behandlung vernünftig ein! Es gibt Augenblicke des Schmerzes, wo alle
+Gründe der Philosophie keinen Eingang finden, und da ist das Mitgefühl
+oft das beste Labsal. Es gibt einen Kummer, dessen Tilgung man ruhig
+und still der Zeit überlassen muß; es gibt Leidende, die erleichtert
+werden, wenn man ihnen Gelegenheit gibt, ihr Herz auszuschütten, und
+von dem zu reden, was ihr ganzes Herz erfüllt; es gibt Schmerzen, die
+nur Einsamkeit lindert, und Lagen, in welchen ein festes, männliches
+Zureden, Erweckung des Muths, Aufruf zu stolzer Zuversicht, die besten
+Tröstungen sind; ja es gibt selbst solche, wo man den Niedergebeugten
+mit Gewalt herausreissen muß, wenn er nicht der Verzweiflung zum
+Raube werden soll. Die Klugheit aber allein kann uns in jedem dieser
+einzelnen Fälle lehren, welche unter diesen Mitteln wir zu wählen haben.
+
+Die Unglücklichen ketten sich gern an einander. Statt sich aber
+gemeinschaftlich zu trösten, winseln sie mehrentheils nur mit einander,
+und versinken immer tiefer in Schwermuth und Hoffnungslosigkeit. Darum
+suche doch der Kummervolle, dem weder die Forderungen und Gründe seiner
+eigenen Vernunft, noch Zerstreuungen seinen Zustand erträglich machen,
+den Umgang eines verständigen, nicht empfindelnden Freundes, damit er
+an seiner Seite die Kraft gewinne, die Gedanken auf andere Gegenstände
+zu richten, die seinen Schmerz nicht nähren.
+
+Es gibt Menschen, die in unglücklichen Lagen und Verhältnissen, weniger
+~traurig~, als ~mürrisch~, ~zänkisch~, ja, sogar ~hämisch~ sind, so
+daß sie Unschuldige darunter leiden lassen, wenn nicht alles nach
+ihrem Kopfe geht. Ein edles Herz wird sanfter durch den Schmerz; und
+selbst der Menschenfeind, den Schicksale erbittert haben, wird, wenn
+er sonst ein guter Mensch ist, wohl düster, verschlossen, auch nach
+seinem Temperamente vielleicht einmal ungeduldig und auffahrend werden;
+aber er wird nie vorsätzlich auf einen Dritten die Last seines Kummers
+wälzen, und dieß um so weniger, je schwerer seine Leiden sind.
+
+Die mehrsten Menschen haben nur Mitleid mit stillem Kummer, empfinden
+aber Ueberdruß bei lauten Klagen; vielleicht weil diese sie gleichsam
+zwingen zu wollen scheinen, Theil daran zu nehmen.
+
+Der ~Unterdrückten~, ~Zurückgesetzten~ und ~Verfolgten~ soll man sich
+annehmen, in so fern es die Klugheit erlaubt, und wir ihnen dadurch
+nicht etwa mehr schaden, als nützen. Dieß ist nicht nur Pflicht, wenn
+von thätiger Hülfe und Rettung des ehrlichen Namens die Rede ist; auch
+im gesellschaftlichen Umgange, wo das bescheidene Verdienst so oft
+übersehen und von leeren Windbeuteln über die Achsel angeschauet wird,
+wo Rang und Glanz gegen den innern Werth verblenden, wo Schwätzer und
+Windbeutel den Weisen überschreien, wird es sich der Edle zur Pflicht
+machen, das bescheidene und schüchterne Verdienst hervorzuziehen,
+und den Verdienstvollen, der stumm und verlegen dasteht, von niemand
+angeredet, ja, mit Verachtung behandelt, gedemüthigt, lächerlich
+gemacht wird, durch ehrenvolles Anreden und Entgegenkommen zu ermuntern
+und auszuzeichnen. Wie unedel und wie ungerecht ist die Geringschätzung
+und Härte, mit welcher zuweilen Stabs-Officiere jungen Leuten begegnen,
+die doch schon die erste Stufe erstiegen haben, um zu werden, was Jene
+sind; oder Patronen ihren Hofmeistern und Predigern, oder vornehme
+Damen ihren Gesellschafterinnen, oder eitle Stadtmädchen einem armen
+eingeschüchterten Landmädchen, das in ihre Mitte verschlagen wird.
+Solch ein Betragen ist eben so sehr Verletzung der Klugheit, als der
+Pflicht.
+
+Neid und Mißgunst verfolgen den Glücklichen; Bosheit und Kabale ruhen
+selten eher, als bis sie alles niedergedrückt haben, was über sie
+emporragte; aber kaum ist ein Mensch ganz zu Boden geschlagen, so sucht
+Jeder, selbst Der, welcher ihn verfolgt hat, eine Ehre darin, seine
+Parthei zu ergreifen; doch, wohl zu merken! wenn keine Hoffnung mehr da
+ist, daß er hierdurch wieder emporkomme. Man möchte also fast sagen,
+man wäre nicht ~ganz~ verloren, so lange man noch Feinde hätte.
+
+Unter allen Unglücklichen sind wohl die ~Verirrten~ und ~Gefallenen~
+am meisten zu bedauern. Hierunter verstehe ich Solche, die, vielleicht
+durch einen einzigen Fehltritt in eine Kettenreihe von Vergehungen
+verflochten, das Gefühl für die Tugend erstickt, oder die Fertigkeit,
+schlecht zu handeln, erlangt, oder alle Zuversicht zu Gott, zu den
+Menschen, und zu sich selbst, also auch den Muth verloren haben,
+den bessern Weg wieder zu suchen, oder die wenigstens im Begriff
+stehen, so tief zu fallen. Sie sind höchst bedauernswürdig; denn
+sie entbehren den einzigen Trost, der uns in den schwersten Leiden
+aufrichten kann: das Bewußtseyn, nicht muthwilliger Weise sich ihr
+hartes Schicksal zugezogen zu haben. Diese Unglücklichen verdienen aber
+nicht nur unser Mitleiden, nein, auch unsre brüderliche Nachsicht,
+unsre Zurechtweisung, und, wenn es noch Zeit ist, unsern Beistand.
+Wenn man immer weise, duldend und unpartheiisch genug wäre, zu
+überlegen, wie leicht das schwache menschliche Herz irre zu leiten
+ist; wie unwiderstehlich bei heftigen Leidenschaften, warmem Blute und
+verführerischen Gelegenheiten, manche Reizungen werden können; wie
+blendend, anlockend und bezaubernd die Aussenseiten mancher Laster
+sind; wie das Laster sogar, mit Geist verbunden, durch sophistische
+Gründe die innere Stimme der bessern Ueberzeugung zum Schweigen zu
+bringen weiß, und wie es dann nur auf einen kleinen Schritt ankömmt,
+um das Opfer der feinsten Täuschung, und stufenweise unmerklich in das
+schrecklichste Labyrinth gelockt zu werden; wenn man bedenken wollte,
+wie oft Mißmuth, oder Verzweiflung über ein feindseliges Schicksal aus
+einem Menschen von den besten Anlagen einen Bösewicht und Verbrecher
+machen; wie man durch ungerechtes, entstehendes Mißtrauen alle gute
+Gefühle einbüßen, alles Vertrauen zu sich selbst verlieren, und in den
+Abgrund des Lasters geschleudert werden kann, so würde man aufhören,
+die Gefallenen mit unbarmherziger Strenge zu richten, würde nicht so
+zuversichtlich auf Tugenden trotzen, die nicht selten nur das Werk
+eines kalten Temperaments, das Werk glücklicher Verhältnisse und
+einer vorzüglichen Leitung sind; würde es für Pflicht erkennen, sich
+der Gefallenen anzunehmen, und dem Strauchelnden liebevoll die Hand
+zu reichen. -- Aber heißt das nicht, tauben Ohren predigen? -- Doch
+mein Herz drängt mich, über diesen Gegenstand etwas zu sagen. Also
+zur Sache! -- Nichts bessert weniger, als kalte moralische Predigten.
+Es gibt wenig Menschen, selbst unter den Lasterhaften, die nicht
+eine Menge herrlicher Gemeinsprüche über die Pflichten, welche sie
+übertreten, zu sagen wüßten; das Unglück ist nur, daß die Stimme der
+Leidenschaft mit wärmerer Beredtsamkeit spricht, als die Stimme der
+Vernunft. Willst Du also dieser gegen jene Gewicht geben, so mußt
+Du die Kunst verstehen, Deine Tugend-Lehren in ein reizendes Gewand
+zu hüllen, mußt nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz und die
+Sinnlichkeit Dessen, den Du zurechtweisen willst, auf Deine Seite
+bringen; Dein Vortrag muß warm, und nach den Umständen bildreich,
+sinnlich, erschütternd, hinreissend seyn. Allein der Mann, den Du
+vor Dir hast, muß Dich auch lieben und hochschätzen, muß sich zu Dir
+hingezogen fühlen, muß mit Enthusiasmus für das Gute und Schöne erfüllt
+werden, und dabei in der Entfernung Ehre, Freude und Genuß auf dem
+Wege erblicken, auf welchen Du ihn zu leiten suchst. Dein Umgang, Dein
+Rath und Dein Trost muß ihm zum Bedürfniß werden. Dieß aber erlangst
+Du nicht, wenn Du als ein stolzer, strenger Gesetzprediger vor ihn
+hintrittst; wenn Du ihm mit Deiner kalten Moral Langeweile machst;
+wenn Du ihn mit Anmerkungen über das Geschehene, das doch nun nicht
+mehr zu ändern ist, ermüdest, und ihm erzählst, wie es ganz anders
+würde gekommen seyn, wenn -- es nicht ~so~ gekommen wäre, wie es
+gekommen ist, wenn er Dir hätte folgen wollen. Nichts ist ferner so
+fähig, zur Niederträchtigkeit zu verleiten, als öffentliche Verachtung
+und Aeusserung eines fortdauernden Mißtrauens in die Besserung eines
+Menschen. Wem es daher ein Ernst ist, einen Verirrten zu retten, der
+begegne ihm mit Schonung, und zeige ihm wenigstens äusserlich ein
+ermunterndes Vertrauen; der lasse ihn das stolze und selige Bewußtseyn
+und die unerschütterliche Seelenruhe ahnen, welche der schöne Lohn
+seiner Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung seyn wird; der werfe
+dem Gefallenen nie, auch nicht auf die entfernteste Weise, seine
+ehemaligen Verirrungen vor; sondern scheine nur Augen für seine jetzige
+Aufführung zu haben! Allein es geht nicht so schnell mit Ablegung von
+Lastern, die uns schon zu einer Art von Fertigkeit geworden sind; also
+darf uns ein kleiner Rückfall nicht befremden; und obgleich Du dann die
+Stärke Deines Vortrags und der Mittel zur Besserung verdoppeln mußt, so
+sollst Du doch nicht muthlos werden, noch dem Rückkehrenden den Muth
+benehmen. Laßt uns endlich zur Ehre der Menschheit und zur Erweckung
+unsers Eifers glauben, daß niemand in der Welt so tief gefallen, so von
+Grund aus verdorben seyn könne, daß ihm nicht, bei redlicher, eifriger
+Anwendung der besten Rettungsmittel, noch zu helfen wäre! Und Ihr, die
+Ihr in der großen Welt lebet, und so bereitwillig seyd, einen Mann oder
+ein Weib, die durch irgend eine zweideutige oder schlechte Handlung
+sich erniedrigt, oder auch wohl nur etwa lächerlich gemacht haben,
+auf immer aus Euren Gesellschaften zu verbannen, und mit Schande und
+Spott zu beladen, indeß Hunderte unter Euch umherwandeln, die entweder
+dasselbe heimlich treiben, oder wenigstens treiben würden, wenn es
+die Umstände erlaubten; denket, daß Ihr es zu verantworten habt, wenn
+Verzweiflung Jene ergreift, wenn sie von Stufe zu Stufe hinabsinken,
+und wenn sie, da die bessern Häuser ihnen verschlossen sind, sich
+einen Umgang wählen, in welchem sie immer niederträchtiger werden, und
+zuletzt, ohne Rettung verloren, durch ~Eure~ Schuld zu Grunde gehen!
+
+
+
+
+ Zwölftes Kapitel.
+
+ Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen Leben.
+
+
+ 1.
+
+Ich habe bei mancher Gelegenheit Gegenwart des Geistes und
+Kaltblütigkeit, als Haupt-Erfordernisse zu allen Geschäften und
+Verrichtungen im menschlichen Leben, empfohlen; nirgends aber sind
+uns diese Eigenschaften nothwendiger, als in Vorfällen, ~wo wir,
+oder Andre, in augenscheinlicher Gefahr schweben~. Hier hängt die
+ganze Rettung in kritischen Augenblicken zuweilen von einem raschen
+Entschlusse ab. Halte Dich daher nicht mit Geschwätzen auf, wo
+es Noth ist, zu handeln! Unterdrücke Dein zu zartes Gefühl, und
+winsele nicht, wo Du zugreifen solltest! Sey besonnen in Feuer- und
+Wassers-Noth und ähnlichen Gefahren, wo man oft alles verliert, wenn
+man den Kopf verliert, -- wo Die, welche wir retten können, zuweilen
+mit unwiderstehlicher Gewalt gezwungen werden müssen, sich uns zu
+überlassen! Vorzüglich wichtig wird diese Gegenwart des Geistes
+auch dann, wenn man unerwartet von Dieben und Mördern angegriffen
+wird. Räuber und Banditen sind fast immer entweder furchtsam,
+oder, wenn Verzweiflung sie kühn macht, nicht genug auf ihrer Hut,
+-- auf ernsthaften, förmlichen Widerstand nicht vorbereitet. Ein
+entschlossener, kaltblütiger Mann ist da stärker, als zehn solcher
+Elenden, die ihn angreifen. Hier muß aber wohl überlegt werden, ob es
+Schaden oder Nutzen stiften könne, sich mit Schieß- oder anderm Gewehre
+zu vertheidigen, oder nicht; ob es gerathener sey, Lärm zu machen,
+oder sich in sein Schicksal zu finden; der Uebermacht zu weichen und
+mit Hingebung seines Mammons sein Leben zu erkaufen, oder das Leben
+daran zu setzen. Es lassen sich darüber unmöglich allgemeine Regeln
+geben. Um aber auf jeden dieser Fälle sich gefaßt zu halten, rathe
+ich, bei kaltem Blute sich in dergleichen Lagen hineinzudenken, und
+sich dann dienliche Maaßregeln vorzuschreiben. Ich halte es auch für
+einen wichtigen Theil der Erziehung, seine Kinder zuweilen nicht nur
+durch Fragen, wie sie sich bei solchen Gelegenheiten betragen würden,
+aufmerksam auf unerwartete Vorfälle aller Art zu machen, sondern sie
+auch zuweilen in wirkliche kleine Verlegenheit zu setzen, um sie an
+Gegenwart des Geistes zu gewöhnen, und sie auf die Probe zu stellen.
+
+
+ 2.
+
+In einer Schrift über den Umgang mit Menschen kann nur ein geringer
+Theil der Regeln Platz finden, welche man auf Reisen und unter Fremden
+zu beobachten hat; doch darf ich diesen Gegenstand auch nicht ganz mit
+Stillschweigen übergehen; denn zu dem, was man unter Menschen treibt,
+gehört doch auch das Reisen. Also einige Bemerkungen ~über das Betragen
+auf Reisen und gegen Reisende~.
+
+Es ist weise gehandelt, bevor man ausreist, aus Büchern oder mündlichen
+Erzählungen sich genau von dem Wege, den man nehmen will, von
+demjenigen, was unterweges und in den Oertern, die man besuchen möchte,
+zu bemerken, zu beobachten und zu vermeiden ist, nicht weniger von den
+Preisen und den unvermeidlichen Geld-Ausgaben zu unterrichten, damit
+man weder betrogen werde, noch in Verlegenheit gerathe, noch etwas zu
+sehen verabsäume, das der Aufmerksamkeit werth scheint.
+
+Der Mann von Kenntnissen, von einigen Talenten, von unbescholtenem
+gutem Rufe und von feinen und guten Sitten bedarf nicht einer Menge
+von Empfehlungs-Briefen, wie die mehrsten Reisenden von gemeiner Art
+mit auf den Weg zu nehmen pflegen. Er wird sich schon überall bekannt
+zu machen und in Achtung zu setzen wissen, ohne sich und Andern Zwang
+aufzulegen. Oft fügt es sich indessen, daß man in einer Stadt, durch
+Empfehlungs-Briefe oder sonst, mit zwei Personen in Bekanntschaft
+kömmt, die mit einander in Feindschaft leben. Es ist daher der Klugheit
+gemäß, an einem fremden Orte, bevor man von solchen kleinen Umständen
+unterrichtet ist, in den Häusern, in welchen man Zutritt erhält, von
+seinen übrigen Verbindungen nicht zu reden, gelegentlich aber zu
+äussern, daß man, als ein Fremder, sich um dergleichen Händel nicht
+bekümmern wolle.
+
+Man verrechnet sich leicht in seinen Ueberschlägen der Reise-Kosten;
+ich rathe daher nicht nur, nach gemachtem Ueberschlag, sich immer etwa
+auf ein Drittel mehr gefaßt zu halten, als die gezogene Summe beträgt,
+sondern auch besorgt zu seyn, daß man in den Haupt-Oertern, durch
+welche man kömmt, an sichre Geschäftsmänner gewiesen sey, oder sonst
+Mittel habe, im Fall unvorhergesehene Umstände eintreten, sich aus der
+Verlegenheit zu reissen.
+
+In Deutschland hat man mehr, als in andern Ländern, Ursache, wegen
+des sehr verschiedenen Münzfußes, sich beim Geld-Wechseln in Acht zu
+nehmen, und es ist etwas sehr Gewöhnliches, daß schelmische Gastwirthe
+den Fremden dabei hintergehen, oder ihm auf Gold Münze herausgeben, die
+er auf der nächsten Post nicht brauchen kann.
+
+Wem es ein Ernst ist, seine Menschen- und Länder-Kenntnisse zu
+erweitern, der mische sich klüglich unter Personen von allerlei
+Ständen! Die Leute von gutem Tone sehen einander in allen europäischen
+Staaten und Residenzen ähnlich; aber das eigentliche Volk, oder noch
+mehr der Mittelstand, trägt das Gepräge der Sitten des Landes. Nach
+~ihnen~ muß man den Grad der Kultur und Aufklärung beurtheilen.
+
+Zum Reisen gehört Geduld, Muth, gute Laune, Vergessenheit aller
+häuslichen Sorgen, und daß man sich durch kleine widrige Zufälle,
+Schwierigkeiten, böses Wetter, schlechte Kost u. dergl. nicht
+niederschlagen lasse. Dieß ist doppelt zu empfehlen, wenn man einen
+Gesellschafter bei sich hat; denn nichts ist langweiliger und
+verdrießlicher, als mit einem Manne zu reisen, und in einem Kasten
+eingesperrt zu sitzen, der stumm und mürrischer Laune ist, bei dem
+geringsten unangenehmen Ereigniß aus der Haut fahren will, über Dinge
+jammert, die nicht zu ändern sind, und in jedem kleinen Wirthshause so
+viel Gemächlichkeit, Wohlleben und Ruhe fordert, wie er zu Hause hat.
+
+Das Reisen macht gesellig; man wird da mit Menschen bekannt, und auf
+gewisse Weise vertraut, die man ausserdem schwerlich zu Gesellschaftern
+wählen würde; das ist auch weiter von keinen Folgen, wenn man sich
+hütet, in der Vertraulichkeit gegen Fremde, die man unterweges
+antrifft, zu weit zu gehen, und dadurch Abentheurern und Spitzbuben in
+die Hände zu fallen.
+
+Ich rathe niemand, sich auf Reisen einen fremden Namen zu geben; man
+kann dadurch, ehe man sich's versieht, in große Verlegenheit gerathen;
+und selten ist es nöthig und nützlich, ein solches Incognito zu
+beobachten.
+
+Manche Leute suchen etwas darin, auf Reisen zu prahlen, viel Geld zu
+verzehren, glänzen zu wollen, und prächtig gekleidet zu seyn. Das ist
+eine thörichte Eitelkeit, die sie in den Wirthshäusern theuer abbüßen
+müssen, ohne für ihr Geld mehr zu erhalten, als der einfache Reisende.
+Niemand erinnert sich weiter des Fremden, der so viel Aufwand gemacht
+hat, wenn dieser weiter gereiset, und nichts mehr von ihm zu ziehen
+ist. Doch ist es der Klugheit gemäß, anständig, und was man ~rechtlich~
+nennt, in seinem Aufzuge zu seyn, sich nicht zu vornehm und nicht zu
+demüthig, nicht zu reich und nicht zu arm zu stellen, weil man sonst,
+in beiden Fällen, leicht entweder für einen unwissenden Pinsel, dessen
+erste Ausflucht dieß ist, und den man also nach Gefallen prellen kann,
+oder für einen gewaltig vornehmen Herrn, von dem etwas zu ziehen ist,
+oder für einen Abentheurer angesehen wird, dem man aus dem Wege gehen,
+und der mit schlechter Bewirthung vorlieb nehmen müsse.
+
+Man spare auf der Reise nicht am unrechten Orte! So gebe man z. B. den
+Postknechten zwar nicht übertriebene, aber doch nach den Umständen
+reichliche Trinkgelder. Sie sagen sich das Einer dem Andern auf den
+Stationen wieder; man kömmt dann schneller fort, und hat manche
+Vortheile davon, besonders den, daß man ihrer Grobheit nicht ausgesetzt
+ist.
+
+Wer Bäder besucht, und seine Ruhe, seine Gesundheit und sein Geld nicht
+verlieren will, fliehe das Spiel, das eigentlich aus allen Bad- und
+Brunnen-Oertern auf ewig verbannt seyn sollte, und überhaupt nur für
+die nichtswürdigsten Menschen eine Lieblings-Beschäftigung seyn kann.
+In Bädern soll Jeder dazu mitwirken, allen lästigen Zwang, nicht aber
+Sittsamkeit und Gefälligkeit, aus den gesellschaftlichen Zirkeln zu
+verbannen. Hier muß, besonders wenn der Kreis der Gäste klein ist,
+eine Menge Rücksichten und Vorsichtigkeits-Regeln, denen man sich
+im bürgerlichen Leben unterwirft, wegfallen, Duldung und Einigkeit
+herrschen, und aller Partheigeist bei Seite gesetzt werden. Man lebt da
+nur für unschuldigen Genuß und Vergnügen. Nach Ablauf dieser Zeit rückt
+Jeder wieder in die Rolle ein, die der Staat ihm anvertrauet hat.
+
+Deutsche Posthalter, Wagenmeister und Postknechte pflegen in dem Rufe
+einer ausgezeichneten Grobheit zu seyn. Es kömmt aber alles auf die Art
+an, wie man mit ihnen umgeht; ein ernsthaftes, von einer gewissen Würde
+begleitetes Betragen, und, wo es anzubringen ist, ein freundliches
+Wort, wird bei diesen Leuten selten ohne gute Wirkung angewandt.
+
+Wenn man an dem Wagen etwas zerbricht, so sind mehrentheils in den
+Städten die Handwerksleute sogleich bei der Hand, verstehen sich auch
+wohl mit den Postknechten, den Schaden für viel größer anzugeben, als
+er ist, um desto mehr Geld von dem Reisenden zu ziehen. Ich rathe
+desfalls, bei solchen Gelegenheiten alles selbst zu untersuchen, oder
+durch treue Bediente untersuchen zu lassen, bevor man Befehle zur
+Ausbesserung gibt.
+
+Die Postknechte sind größtentheils von den Gastwirthen bestochen (oder
+~ein~ Wirth verabredet sich mit dem andern in der nahe gelegenen
+Stadt), um dem Fremden gewisse Gasthöfe zu empfehlen, die darum aber
+weder immer die besten, noch die wohlfeilsten sind. Es ist daher
+vernünftig, sich hierauf nicht zu verlassen, sondern sich bei andern
+sichern Leuten zu erkundigen: wo man am besten und billigsten behandelt
+werde.
+
+Die Bedienten, die man mit sich auf Reisen nimmt, sollen wohl darauf
+Acht geben, daß die Postknechte, welche mit den Pferden zurückreiten,
+nicht, wie es vielfältig geschieht, Schwengel, Nägel oder andere
+Kleinigkeiten, die zum Wagen gehören, mitnehmen. Auch pflegen diese
+mit den Chaussee-Aufsehern sich zu verstehen, an den Weghäusern
+vorbeizufahren, unter dem Vorwande, uns nicht aufhalten zu wollen,
+nachher aber eine Rechnung zu machen, vermöge deren Reisende doppelt
+so viel bezahlen müssen, als festgesetzt ist, und sie gegeben haben
+würden, wenn sie das Weggeld jedesmal selbst entrichtet hätten.
+
+Es ist eine Regel der Klugheit, vorher mit Handwerksleuten auf das
+genaueste zu dingen, bevor man etwas ausbessern läßt, oder sonst Dinge,
+die zur Bequemlichkeit dienen, an fremden Oertern anschafft.
+
+Kehrt man zum erstenmal in ein Wirthshaus ein, so kann es Vortheil
+bringen, wenn man den Wirth hoffen läßt, man werde öfter da ansprechen;
+er pflegt dann billiger mit der Zeche zu seyn, um sich zu empfehlen.
+
+Wenn der Gastwirth übermäßig viel für die Zehrung fordert, und sich
+nicht auf einen starken Abzug einlassen will: so thut man doch nicht
+wohl, ihm schriftliche Rechnung und genaue Specification jedes
+einzelnen Punkts abzufordern, es müßte denn der Mühe werth seyn, ihn
+bei der Polizei zu belangen. Fängt er an aufzuschreiben, so rechnet er
+immer noch mehr heraus, als er anfangs gefordert hatte; -- und wer kann
+dann mit einem solchen Taugenichts über die Preise der Lebensmittel
+sich herumzanken? In Wirthshäusern, wo Wein zu haben ist, wird der
+Wirth, wenn man Bier fordert, immer versichern: das Bier sey sehr
+schlecht. Hier ist der beste Rath, nur gleich Wein zu bestellen, und
+das Bier hinterher zu verlangen.
+
+Die Wirthe fragen gemeiniglich: was der Gast zu essen wünsche? --
+Das ist ein Kunstgriff, durch den man sich nicht fangen lassen muß.
+Denn, bestellt man nun etwas, z. B. ein Huhn, einen Pfannekuchen, oder
+dergleichen: so muß man das Gericht, und noch obenein eine gewöhnliche
+Mahlzeit bezahlen. Man thut da am besten, zu antworten: man verlange
+nichts, als was gerade im Hause, oder schon zubereitet sey. Auch
+ist es rathsam, keine fremde Weine, sondern nur gemeinen Tischwein
+zu begehren. Es kömmt doch alles aus demselben Fasse, nur mit dem
+Unterschiede, daß das, was man dem Fremden als alten oder fremden Wein
+verkauft, kostbareres Gift ist, als das, womit man ihn am allgemeinen
+Wirthstische versorgt. Und selbst an dieser Wirthstafel zu speisen, ist
+gewiß für einen einzelnen Reisenden wohlfeiler und unterhaltender, als
+auf seinem Zimmer seiner eignen Person gegenüber zu sitzen.
+
+Manche Postmeister, die zugleich Gastwirthe sind, brauchen folgenden
+Kunstgriff zu ihrem ökonomischen Vortheile: Wenn man Pferde wechselt,
+und indeß eine kleine Mahlzeit bestellt, so dauert es ungebührlich
+lange, ehe diese fertig wird. Indeß werden die Pferde gefüttert und
+angeschirrt. Kaum aber steht das Essen auf dem Tische, so meldet schon
+der Postillon mit dem Horn, daß er fertig sey und fort wolle. Man soll
+also in Eil wenig essen, und dennoch eine ganze Mahlzeit bezahlen. Ich
+rathe aber, wenn man nicht sehr eilig ist, sich nicht irre machen zu
+lassen, sondern mit voller Muße zu speisen.
+
+Wenn in Ländern, wo keine gute Post-Ordnung eingeführt ist, Postmeister
+dem Reisenden mehr Pferde aufdringen wollen, als billig ist, und zu
+Fortschaffung seines Fuhrwerks nöthig sind, sey es nun unter dem
+Vorwande von schlechten Wegen, böser Jahrszeit, oder daß die Kutsche zu
+schwer sey: so hilft es selten, wenn man sich auf's Bitten legt, oder
+sein Recht, auf eben solche Weise weiter befördert zu werden, wie man
+gekommen ist, strenge behaupten will; denn jene Leute wissen wohl, daß
+einem Fremden mehr daran gelegen ist, nicht aufgehalten zu werden, als
+sich zu verweilen, um einen Proceß bei dem Ober-Postamte zu führen.
+Da indessen das Vorspannen mehrerer Pferde Folgen für alle übrigen
+Stationen hat, so pflegen sich die Posthalter, wenn sie recht höflich
+sind, zu erbieten, einen schriftlichen Schein auszustellen, daß dieß
+weiter nicht von Folgen seyn solle. Hierauf aber lasse man sich nicht
+ein! Dies Papier hat keinen Nutzen. Auf dem nächsten Wechselplatze wird
+man, wenn gerade ein Paar Pferde müssig stehen, nichts desto weniger
+eben so viele vorspannen, und wiederum einen Schein anbieten, der eben
+so unwirksam bleiben würde, wie der erste. Das sicherste Mittel bei
+solchen Fällen ist, entweder dem Wagenmeister ein gutes Trinkgeld zu
+geben, und den Postillon, welcher fahren soll, auf eben diese Art zu
+gewinnen, oder ein Pferd ~mehr~ zu bezahlen, ohne es vorspannen zu
+lassen.
+
+Wenn man Wasser-Reisen auf Strömen macht, oder Hausrath auf diese Weise
+fortbringen läßt: so baue man nie auf die Versprechungen der Schiffer,
+in Ansehung der Zeit, binnen welcher sie an Ort und Stelle seyn wollen!
+Sie halten sich mehrentheils unterwegs auf, um noch mehr Fracht zu
+ihrem Vortheile aufzunehmen, oder Schleichhandel zu treiben, wenn sie
+heimlich Kaufmannsgüter mit eingeladen haben; es müßte denn über dies
+Alles der bündigste schriftliche Contract aufgesetzt seyn.
+
+Wer zu Pferde reist, sey es nun ~mit~ oder ~ohne~ Reitknecht, der
+darf sich nicht auf die Leute in den Wirthshäusern in Ansehung der
+Verpflegung seiner Pferde verlassen, sondern muß selbst besorgt seyn,
+oder seine Bedienten dazu anhalten, daß die Pferde in einem guten,
+reinen und gesunden Stalle, von fremden Gäulen getrennt, gehörig
+gewartet und gefüttert werden.
+
+Wenn ich nicht fürchtete, weitschweifig zu werden, so würde ich hier
+noch manche, gewiß nicht unnütze Vorschrift geben, z. B. daß man
+fremde Pferde schonen; daß man, wenn man größere Reisen machen will,
+langsam ~in~ den Stall, und langsam ~aus~ dem Stalle reiten solle;
+daß man nicht wohl thue, in Städten über Kanäle, die mit Brettern
+bedeckt sind, zu reiten, und so ferner. Man sage nicht, daß dieß
+bekannte Dinge sind, Sehr viel Leute lernen zu Pferde sitzen und Pferde
+bändigen! aber praktisch ~reiten~ lernt man nicht auf der Bahn. Allein
+ich sehe schon die Herren Krittler die Nase darüber rümpfen, daß so
+etwas in einem Buche ~über den Umgang mit Menschen~ Platz finden
+sollte. Wer aber überlegt, daß in diesem Buche überhaupt ~Vorschriften
+zu einem glücklichen, ruhigen und nützlichen Leben in der Welt und
+unter Menschen~ gegeben werden sollen, der wird sich wundern, wenn er
+hört, daß ein +deutscher+ Recensent gesagt hat: ich sey in den Fehler
+so vieler ~deutscher~ Schriftsteller gefallen, die ihren Werken zu
+viel Vollständigkeit geben wollten, und darüber freilich -- weniger
+unterhaltend schrieben.
+
+Das Fußgehen ist gewiß die angenehmste Art zu reisen. Man genießt die
+Schönheiten der Natur; man kann sich unerkannt unter allerlei Leute
+mischen; beobachten, was man ausserdem nicht erfahren würde; man
+ist ungebunden, kann das freundlichste Wetter und den schönsten Weg
+wählen, sich aufhalten, einkehren, wann und wo man will; man stärkt
+den Körper, wird weniger erhitzt und gerüttelt, hat gute Eßlust und
+süßen Schlaf, und ist, wenn Müdigkeit und Hunger der Bewirthung das
+Wort reden, leicht mit jeder Kost und jedem Lager zufrieden. Doch ist
+diese Art zu reisen in Deutschland mit einiger Schwierigkeit verknüpft.
+Zuerst hat man die Ungemächlichkeit, nur wenig Kleidungsstücke, Bücher,
+Schriften u. dgl. mit sich führen zu können. Diesem kann man indessen
+dadurch einigermaßen abhelfen, daß man, was etwa ein Bote nicht tragen
+kann, mit der Post in die Haupt-Oerter schickt, durch welche man
+reisen will. Allein eine zweite Unbequemlichkeit besteht darin, daß
+diese, in Deutschland für einen Mann von Stande ungewöhnliche Art zu
+reisen, zu viel Aufmerksamkeit erregt, und daß die Gasthalter nicht
+eigentlich wissen, wie sie uns behandeln sollen. Ist man nämlich besser
+gekleidet, als gewöhnliche Fußgänger, so wird man entweder für einen
+verdächtigen Menschen, für einen Abentheurer, oder für einen Geizhals
+gehalten; man wird beobachtet, ausgefragt, und, mit Einem Worte: man
+paßt nicht in den Tarif, nach welchem die Wirthe ihre Fremden zu
+taxiren pflegen. Ist man aber schlecht gekleidet, so wird man, wie
+ein reisender Handwerksbursche, in Dachstübchen und schmutzige Betten
+einquartirt, oder man muß jedesmal weitläuftig erzählen: wer man sey,
+und warum man nicht mit Kutschen und Pferden erscheine? Bei Fußreisen
+ist die Gesellschaft eines verständigen und muntern Freundes vorzüglich
+angenehm.
+
+Man verlasse sich nicht auf die Bauern, wenn sie uns Fußwege anzeigen,
+die näher, als die gewöhnlichen, seyn sollen! So wie überhaupt diese
+Menschen voll Vorurtheile und voll Anhänglichkeit an alte Gewohnheiten
+sind, so gehen sie auch immer die Wege, die vom Vater auf den Sohn
+herab für die nächsten sind anerkannt worden, ohne daß sie Augenmaß
+und Ueberlegung gebrauchen, um die Irrthümer ihrer Voreltern zu
+berichtigen. Doch kann man hierin auch leicht das Mißtrauen zu weit
+treiben.
+
+Hat man große Tagereisen zu Fuße zu machen, so genieße man früh Morgens
+nichts, als ein Glas Wasser! Hat man dann einige Stunden zurückgelegt,
+und fühlt sich ermüdet, so ist Kaffee und Brod zur Erquickung heilsam.
+Zuweilen ein Glas Wein, kann auch nicht schaden; Branntewein macht müde
+und schlaff.
+
+Macht man den Weg durch einen unbekannten Wald, und denkt binnen
+ein- oder zwei Tagen wieder zurückzukehren: so streue man hie und
+da abgerissene Zweige auf seinen Pfad, um darnach den Weg wieder zu
+finden; man gehe nie ohne Gewehr, wenigstens nie ohne Stock!
+
+Ueber das Betragen gegen fremde Reisende ist schon im ~neunten Kapitel~
+dieses Theils etwas gesagt worden. Hier füge ich nur noch folgende
+Bemerkungen bei: man hat in jetzigen Zeiten Ursache, vorsichtig gegen
+solche Leute zu handeln, nicht nur, um von Abentheurern und schlechten
+Menschen unbehelligt zu bleiben, sondern auch den sogenannten reisenden
+Gelehrten nicht Gelegenheit zu geben, aus unsern vertraulichen
+Gesprächen ihre Anekdoten-Sammlungen zu bereichern, und uns nachher,
+zum Danke für unsere Gastfreundschaft, gedruckt aufzustellen. Auf der
+andern Seite aber sey man auch so billig, Fremde, ~die sich uns nicht
+aufdringen~, edel zu behandeln, und sie nicht etwa zur Geschwätzigkeit
+zu verleiten, um nachher aus diesen unsichern einzelnen Zügen ein Bild
+von ihnen zu entwerfen, und der Welt mitzutheilen.
+
+
+ 3.
+
+Da leider die Nüchternheit in der Welt immer seltener zu werden
+anfängt, und der Rum, selbst in Damengesellschaften, an der
+Tagesordnung ist, so mag hier auch von dem Umgange mit ~betrunkenen
+Leuten~ die Rede seyn, obgleich bei diesem Umgange wenig Vernunft und
+Klugheit anzubringen ist. Der Wein erfreuet des Menschen Herz, und
+wenn man diese Arzenei nicht wie ein nothwendiges Bedürfniß, ohne
+welches man durchaus nicht in frohe Laune zu setzen ist, sondern wie
+ein Erweckungsmittel braucht, um in trüben Augenblicken den natürlichen
+guten Humor, der nie ganz aus dem Gemüthe eines ehrlichen Biedermannes
+weichen darf, unter dem Schutte von häuslichen Sorgen hervorzurufen:
+so ist nichts dagegen einzuwenden. Allein kein Anblick ist so widrig
+für den verständigen Mann, als der eines Menschen, welcher sich durch
+starke Getränke um Sinne und Vernunft gebracht hat. Wenn es aber
+auch nicht bis zur völligen Betrunkenheit kommt, sondern nur bei
+einem Rausche bleibt, so ist es doch eine etwas unbequeme Lage, der
+einzige ganz Kaltblütige in einer Gesellschaft von Leuten zu seyn, die
+sich durch ein Gläschen über die Gebühr erhitzt, begeistert, und um
+einen Ton höher gestimmt haben; und wenn man den Tag mit ernsthaften
+Geschäften hingebracht hat, und dann des Abends in einen Zirkel solcher
+Gäste geräth: so ist fast kein anderes Mittel zu finden (oder man müßte
+denn ~von Natur~ zu den Lustigmachern gehören), als ein wenig mit zu
+zechen, um sich ~denselben~ Schwung zu geben, oder vielmehr: mit den
+Wölfen zu heulen.
+
+Die Wirkungen des Weins auf die Gemüther der Menschen sind aber, nach
+ihren natürlichen Temperamenten, sehr verschieden. Manche zeigen sich
+äusserst lustig; Andre sehr zärtlich, wohlwollend und offenherzig;
+Andre melancholisch, schläfrig, verschlossen; Andre hingegen
+geschwätzig, und noch Andre zänkisch, wenn sie berauscht sind. Man thut
+wohl, der Gelegenheit auszuweichen, mit Betrunkenen von dieser letztern
+Art in Gesellschaft zu gerathen. Ist dieß aber nicht zu vermeiden, so
+kann man doch darin mehrentheils mit einem vorsichtigen, nachgebenden
+und höflichen Betragen, und dadurch, daß man ihnen nicht widerspricht,
+so ziemlich gut fortkommen. Daß man auf das, was ein Mensch im Rausche
+verspricht, nicht bauen dürfe; daß man sich wo möglich hüten müsse,
+eine Ausschweifung im Trunke zu begehen, wenn man aus warnender
+Erfahrung weiß, daß man einen bösen Rausch hat; daß es unedel gehandelt
+sey, diesen schwachen Zustand eines Menschen zu nützen, um ihm Zusagen
+oder Geheimnisse zu entlocken; und endlich, daß man mit Leuten, die zu
+tief in die Flasche geschauet haben, keine ernsthafte Sachen verhandeln
+müsse: -- das versteht sich wohl von selbst.
+
+
+
+
+ Allgemeine
+ Behandlung der Kinder
+ in den
+ Jahren der ersten Entwickelung.
+
+
+ 1.
+
+Die in ihrer richtigen und ungestörten Entwickelung begriffene Natur
+des Kindes unterstütze man so, daß sie immer sichtbarer und glücklicher
+gedeihe. Dazu dient zweckmäßige und abgestufte Beschäftigung -- Uebung
+der Denkkraft (man soll nicht abweisen die Fragen der Wißbegier und des
+Forschens), und Mittheilung neuer Kenntnisse, welche an die erlangten
+geknüpft werden, damit die Seele sie desto leichter aufnehme, und das
+Unbekannte durch das Bekannte erläutert werde. -- Eine Hauptsache
+hiebei ist die Belebung des Selbstgefühls durch gemäßigtes Lob und
+wohlwollende Ermunterung (daher kein Kritteln); Stärkung der Liebe zum
+Guten durch Belohnung, doch mit Verhütung des Eigennutzes.
+
+
+ 2.
+
+Man wechsele mit der mehr negativen und mehr positiven Behandlung, so
+wie in der Jugend-Entwickelung mehr das eine oder andere vorherrscht.
+Nicht zu frühes Antreiben zum Lernen und Arbeiten -- und zum Sprechen
+-- kein Erzwingen von Artigkeit, so lange das Kind noch keinen Sinn
+für das Anständige haben kann. So soll die früheste Erziehung in dem
+Erregen und Einflößen guter Gefühle bestehen, oder vielmehr darin, daß
+man das Kind mit freundlichen Eindrücken umgibt, unter welchen sein
+Inneres sich still entfaltet.
+
+
+ 3.
+
+Mit dem Alter des Spieles und der wirkenden Phantasie wird die positive
+Einwirkung nothwendig; denn überließe man die Kinder sich selbst,
+so würden sie auf dieses und jenes, und auf allerlei Thörichtes und
+Gefährliches verfallen, oft nicht wissen, wie sie der Langenweile
+wehren sollen, schiefe Richtungen annehmen, alles Gesehene und Gehörte
+blindlings nachmachen, und schlechte Gewohnheiten sich aneignen. So
+geschiehet es auch durch Verspätung und Vernachlässigung des positiven
+Einwirkens durch Gebot und Strafe, Ermahnung und Warnung, daß die
+Kinder den Eltern über den Kopf wachsen. Je mehr die Kraft sprudelt,
+desto mehr muß sie beschäftigt und geleitet werden. Die Kinder wollen
+und bedürfen dann viel, besonders körperliche Beschäftigung, und fehlt
+diese, so regt sich Unmuth, Widerspenstigkeit, und es erscheint eine
+ganze Reihe von Unarten. -- Man verhüte mit Strenge üble Gewohnheiten.
+Jedes Ausarten der Lebhaftigkeit und der Freude in Wildheit und
+Ausgelassenheit, jeder Ausbruch des Eigensinnes, des Leichtsinnes
+und des Muthwillens; jeder entschiedene Ungehorsam, so wie das
+Abweichen von der Wahrheit; endlich beharrliche Trägheit und Faulheit
+erfordern eine unmittelbare und kräftige Einwirkung der Erziehung,
+und hiebei sich leidend verhalten, heißt: sich an den Kindern schwer
+versündigen. Denn wird z. B. den eigensinnigen Kindern nicht zu
+rechter Zeit der Wille gebrochen, den Trägen der Sporn angesetzt, den
+Wilden Einhalt gethan, so werden endlich die Hindernisse der Erziehung
+unüberwindlich, und es entsteht eine solche Ausartung des kindlichen
+Gemüths, ein solches Uebergewicht der Sinnlichkeit, daß zu gewaltsamen
+Mitteln geschritten werden muß. Die weichliche und falsche humane
+Erziehung scheuet und vermeidet jedes Verbot, als Eingriff in die
+vermeintlich-rechtmäßige Freiheit der Kinder, und verdirbt dadurch
+das ganze Werk. Durch Verbote muß man den Kindern, nie durch Strafe,
+zu Hülfe kommen, und sie aus Fesseln erlösen, die sie nicht selbst zu
+zerbrechen die Kraft haben, so wie man sie eben dadurch aus sinnlicher
+Betäubung weckt, in welcher sie zu Grunde gehen müßten.
+
+
+ 4.
+
+Je jünger der Mensch, desto mehr werde von Seiten des Gefühls, je
+älter, desto mehr von Seiten des Verstandes auf denselben gewirkt, doch
+so, daß er nie von der einen oder andern Seite vernachlässigt, auch daß
+er durch Beides zur ~Vernunft~ geführt werde.
+
+Was im frühsten Alter bloß empfunden wurde, wird späterhin gedacht,
+für nützlich und gut erkannt. Man würde also widernatürlich handeln
+und verderben, wenn man das frühere Alter mit Vorstellungen, oder das
+spätere mit bloßen Gefühls-Eindrücken lenken wollte. -- Bewahrung
+der kindlichen Herzens-Reinheit, durch Verhütung alles verführenden
+Umgangs und verführerischer Beispiele durch milde Behandlung -- dann
+Gewöhnung zum Nachdenken durch fleißiges Fragen: warum willst Du dieß,
+hast Du dieß gethan? -- Gewöhnung zur Ordnung und Thätigkeit, das sind
+die einfachen und wirksamen Bildungsmittel, welche, zu rechter Zeit
+angewandt, ihres Zweckes nicht verfehlen. Es ist also das Moralisiren
+bei Kindern von 3 bis 6 Jahren nicht nur vergeblich, sondern auch
+verderblich. Bei Kindern von lebhafter Phantasie und lebhaften Gefühlen
+muß das Nachdenken früher angeregt, und mehr auf Entwickelung des
+Verstandes gewirkt werden.
+
+
+ 5.
+
+Das Gefühl werde von Anfang und immer zart behandelt, doch so, daß es
+zur Ertragung des Widrigen erstarke.
+
+Harte Eindrücke stumpfen ab und erregen zugleich widrig; daher rauh
+behandelte Kinder gefühllos, träge, kalt, störrisch, verschlossen,
+boshaft und linkisch werden, wie das besonders an Bauernkindern
+sichtbar wird. Die Schule kann hier nur wenig entgegen wirken.
+Doch muß die Jugend für das Leben erzogen werden, und also auch
+Unannehmlichkeiten ertragen lernen; daher hüte man sich vor dem
+Bedauern bei geringfügigen Unfällen und Beschwerden, vor dem Entfernen
+oder Erleichtern jeder Beschwerde und Anstrengung, vor Verwöhnung durch
+Gemächlichkeit, z. B. wenn man die Kinder in geheizten Zimmern sich
+auskleiden und schlafen läßt. Doch soll die Jugend jeder Stunde ihres
+Lebens froh werden. Sie wird es aber eben dadurch am sichersten, daß
+man sie in die Nothwendigkeit setzt, die Freude und den Genuß durch
+Beschwerde zu erringen, und daß man sie vor jener Verzärtelung bewahrt,
+welche die Quelle der bösen Laune und so vieler peinlichen Zustände
+des Körpers und des Gemüths ist, in welchen alle Freude und aller
+Genuß untergeht. Der Verwöhnte hat immer etwas zu fürchten oder zu
+leiden; überall zeigen sich Störungen seiner Freude -- er begehrt einen
+Zustand, welcher in der wirklichen Welt nicht Statt finden kann, und
+darum behagt ihm die Wirklichkeit nicht. So ist es auch, und in noch
+höherm Grade, mit der Verwöhnung der Empfindung -- Empfindelei ist der
+Tod alles Lebensgenusses und aller frohen Gefühle.
+
+
+ 6.
+
+Der Verstand werde von Anfang erweckt, fortgebildet, und auf seine
+Sphäre hingewiesen, so daß das heranwachsende Kind immer mehr zur
+Einsicht gelange.
+
+Auf seine ~Sphäre~ oder den ihm von der Natur angewiesenen Kreis, aus
+dem also die Erziehung und der Unterricht nicht heraustreten dürfen,
+wenn sie mit glücklichem Erfolge begleitet seyn sollen. Das Kind soll
+an Selbstthätigkeit und Selbstgefühl gewinnen, damit es die natürliche
+Trägheit auf der einen, und den ungeregelten Trieb zur Thätigkeit auf
+der andern Seite beherrschen lerne. Jene aber muß ein verderbliches
+Uebergewicht erhalten, wenn das Kind zu spät, oder seinen Kräften
+nicht angemessen beschäftigt wird, und dieser wird ausarten, wenn
+er nicht zu rechter Zeit seine Richtung auf das Nützliche und Gute
+erhält. Daher die Erscheinung, daß der Mehrtheil der Kinder entweder
+an einer unheilbaren Schwäche des Denkvermögens, oder an einer eben so
+verderblichen Schwäche der Einsichten leidet, indem man den Verstand
+mit einer Menge von Kenntnissen überladet, die er nicht zu fassen
+vermag. Hier wird es sichtbar, wie viel auf richtige und naturgemäße
+Methode, auf die ~Geistes-Diät~ ankommt, denn die wahre Methode
+entfernt sich nicht von der Natur. Sie verschmäht daher nicht den
+Buchstaben, als der den Geist tödte, noch die Erfahrungs-Kenntnisse,
+und sämmtliche Hülfsmittel, als unnütz und unwirksam -- noch den Stoff,
+als der formalen Bildung nachtheilig. Sie sorgt vorzüglich dafür, daß
+alles Gelernte auch ein Verstandenes oder Begriffenes werde, und legt
+es daher nicht einseitig auf Bereicherung des Gedächtnisses mit einer
+Menge unverarbeiteter Materialien an -- sie läßt das Kind in der Natur
+und Kunst beobachten, erkennen, vergleichen und unterscheiden; sie
+erneuert und belebt das früher Gelernte und Gedachte, und macht es
+dadurch immer mehr zum Eigenthum des kindlichen Geistes. So verhütet
+sie alles Scheinwissen, und einen Wahn des Vielwissens, der das ganze
+Innere verdirbt.
+
+
+ 7.
+
+Die Kräfte des heranwachsenden jungen Menschen erhöhe man in
+ihrer Zunahme, so daß er sie immer freier gebrauche, und zur
+~Selbstständigkeit~ gelange.
+
+Hier scheidet sich die Abrichtung von der Erziehung, oder die
+einseitige von der allseitigen oder vollständigen. Wenn Kinder von
+selbst ihre Kräfte an etwas versuchen, so störe man sie nicht durch
+Tadeln und Kritteln. Dieß gilt von Körper- und Geistes-Kraft. Man
+überlasse zuweilen sie ihrem Thätigkeitstriebe, und dämme ihn nicht
+durch Vorschriften ein; aber man suche ihm durch Winke eine nützliche
+und angemessene Richtung zu geben -- oder -- eine gemeinschaftliche, so
+daß die geselligen Triebe in Thätigkeit kommen. Ein bewährter Pädagoge
+(Himly) sagt hierüber folgendes beherzigungswerthe Wort:
+
+»Zuletzt erscheint doch das Wesentliche aller Erziehung darin, daß
+der Mensch seine Kräfte frei, zweckmäßig und so umfassend nützlich,
+als möglich, gebrauchen lerne, weil dieß seinem Leben einen Werth
+gibt, und ihm die Stelle anweiset, wo er als Glied des großen Ganzen
+wirksam wird. Jeder soll sich, durch Hülfe derer, die auf seine Bildung
+gewirkt haben, an der Stelle befinden, wo er unter harmonischer
+Zusammenstimmung seiner Kräfte zu einer ihm selbst befriedigenden, und
+sein Bestehen in der Gesellschaft sichernden Thätigkeit gelangt. Aber
+ihn selbst befriedigt keine Thätigkeit, die ihn nur bis zum Brod-Erwerb
+führt, und keine, die nicht nach Aussen gerichtet ist, nicht irgend
+etwas ~hervorbringt~. Denn zum Handeln, das heißt, zum Thun nach
+Aussen, zum Wirken in seiner Umgebung, ist der Mensch bestimmt, und
+daher ist es das Ziel seiner Bestrebungen und sein innigster Wunsch,
+einen ihm angemessenen und also ihn befriedigenden Wirkungs- oder
+Thätigkeits-Kreis zu erhalten. Je freier aber, und je harmonischer
+und allseitiger sich seine Kräfte entwickelt haben, desto leichter
+wird er einen solchen Wirkungskreis finden, der ihn befriedigt,
+und seinem Leben einen Werth gibt. Der Mensch wird aus sich selbst
+hinausgetrieben, um für Andere zu wirken, und das vereinigte Daseyn
+der Menschen gleicht einer Maschine von tausend und abertausend in
+einandergreifenden Rädern. Es erfordert so mannigfache und so viel
+geartete Verwendung. Darum mußten auch die Einzelnen so vielgeartet
+seyn, damit jedes Bedürfniß des Ganzen befriedigt werden möge. Der
+unzerstörbare Zusammenhang menschlicher Dinge fordert und gebietet
+den wechselseitigen Austausch der Thätigkeit. Die Gesellschaft stößt
+denjenigen aus, der nichts für sie thun kann oder will. So geschiehet
+es denn, daß die nächsten physischen Bedürfnisse des Menschen, wie
+seine feinsten und geistigsten, nur darin befriedigt werden, daß er zu
+einer angemessenen Thätigkeit nach Aussen gelange. Der Mensch ist also
+nur dann erst mündig, wenn er seine bestimmte, ihm angemessene Stelle
+in der Gesellschaft einzunehmen vermag. Er will und bedarf zu seiner
+Glückseligkeit das Bewußtseyn, daß er im Kreise einer ihm angemessenen
+Thätigkeit Andern nützlich und werth sey.«
+
+
+ 8.
+
+Daher die Regel: Sorge immer für eine ~angemessene~ und ~bestimmte~
+Beschäftigung deines Zöglings, und für eine solche, wodurch die
+harmonische Ausbildung seiner gesammten Körper- und Geistes-Kräfte
+bewirkt wird, und übereile und versäume dabei nichts.
+
+Jene unordentliche, von einem zum andern überspringende, bei nichts
+aushaltende Thätigkeit, ist nur Versplitterung der Kraft. Sie wird
+verhütet durch eingeflößte Liebe für jede Art nützlicher Thätigkeit,
+erregten Wetteifer, und Vereinigung der Thätigkeit Mehrerer. Die Liebe
+zur Thätigkeit entsteht durch die Bemerkung des Hervorgebrachten und
+des Wohlgefallens daran. Der regelmäßigste Gebrauch der Kräfte ist der
+freieste.
+
+
+ 9.
+
+~Man gestatte der fortgehenden Bildung immer mehr Freiheit durch eigne
+Kraft.~
+
+Es ist zweckwidrig, bei dem Unterricht und Lernen den Kindern zu Hülfe
+zu kommen, oder auch in leiblichen Angelegenheiten ihnen alles zu
+erleichtern. Hat man nicht mehr gefordert, als sie leisten können, so
+bestehe man auch darauf, daß sie es durch eigene Kräfte leisten. Neigt
+sich die Thätigkeit vorzüglich auf einen Punkt hin, so zwinge man sie
+nicht -- man impfe ihnen nicht künstlich und gewaltsam ein, was ihrer
+Natur, ihrem Gemüth und ihren Anlagen nicht zusagt -- man gräme sich
+nicht, daß sie nicht leisten, was andere Kinder ihres Alters leisten.
+Haben sie einmal nicht die Anlage dazu, so würde doch nur eine Manier
+oder steifer Zwang herauskommen, oder man würde wenigstens vergeblich
+arbeiten. Nur das gehört dem Menschen wahrhaft an, was aus seinem
+Innern hervorgeht.
+
+Bringt ihr es dahin, daß das Kind fragt, so ist es besser, als wenn ihr
+ihm vordemonstriret -- erfindet es selbst etwas, so ist es besser, als
+wenn ihr es ihm vorsagt -- macht es etwas auf seine Weise, und es ist
+Verstand darin, so lasset es dabei.
+
+So besonders auch bei dem Spielen, wo sich der kindliche Verstand am
+meisten thätig erweist, und am glücklichsten entwickelt. Da störe man
+Kinder nicht, enge sie nicht zu sehr ein.
+
+Ein Kind macht Verse, man lasse es. Es zeichnet oft und gern, mögen
+es für's erste auch nur Karrikaturen seyn; wenn einiges Talent darin
+sichtbar wird, so halte man es nicht ab. Aber freilich hat diese Regel
+ihre Grenze. Wenn man sieht, daß ein Kind eine ganz verkehrte Richtung
+nimmt, seine Kräfte zersplittert -- so thue man Einhalt.
+
+
+ 10.
+
+Man veranstalte in der Erziehung alles, so viel möglich so, daß mehr
+die ganze Umgebung auf den Zögling bildend und erhebend wirkt, als daß
+er der eigentlichen und strengen Zurechtweisung bedürfe.
+
+Von jeher ist in der Erziehung dadurch gefehlt worden, daß man zu
+viel ermahnt und zurechtgewiesen hat. Es ist nichts natürlicher,
+als daß sich Kinder endlich daran so sehr gewöhnen, daß zuletzt
+keine Ermahnung oder Zurechtweisung mehr Eindruck macht. Hier muß
+man mehr das Thörichte und Unrechte zu verhüten, und unmöglich zu
+machen suchen, auch dadurch schon, daß man Kinder auf Reizungen und
+Versuchungen aufmerksam macht, in die sie gerathen werden, oder diese
+entfernt und entkräftet. Je liebevoller z. B. die Behandlung ist,
+und je mehr Vertrauen man den Kindern eingeflößt hat, desto mehr hat
+man sie vor Versuchungen zum Lügen gesichert; je weniger man ihre
+Sinnlichkeit durch leckerhafte Speisen reizt, je mehr man sie an
+einfache Nahrungsmittel gewöhnt, und dafür sorgt, daß der Hunger ihnen
+die Speise würze, desto weniger werden sie naschen; je sorgfältiger
+man den Einfluß roher oder unsittlicher Menschen von ihnen entfernt,
+desto weniger Unarten werden sie begehen; denn die meisten Unarten
+erzeugt der Nachahmungs-Trieb, der bei Kindern eine unwiderstehliche
+Kraft hat; je anhaltender und zweckmäßiger man sie beschäftiget, desto
+weniger Thorheiten werden erscheinen. Wenn Kinder überall, wo sie sich
+befinden, Ordnung und Reinlichkeit, Fleiß und Betriebsamkeit, Einfalt
+und Sitten-Reinheit gewahr werden; wenn sie nur gerechte, besonnene
+und billige Urtheile hören, nur Worte des Friedens und der Liebe, so
+entsteht Sittlichkeit und Rechtlichkeit von selbst.
+
+In dieser Hinsicht haben Erziehungsanstalten einen bedeutenden Vorzug
+vor der häuslichen Erziehung, weil sie alles regelmäßiger einrichten,
+Störungen und Versuchungen kräftiger entfernen, eine genauere Aufsicht
+anordnen, regelmäßiger beschäftigen und eine feste Tagesordnung
+durchführen können; nur daß sie auf der andern Seite durch die strenge
+Regelmäßigkeit auch wohl der freien Entwickelung nachtheilig werden.
+Und doch ist es so mißlich, von der Regel abzuweichen, und Ausnahmen zu
+gestatten.
+
+
+ 11.
+
+Daß Kinder immer heitere Gesichter, willige Arbeiter, einträchtige
+Menschen um sich sehen; daß sie einer bestimmten Tagesordnung sich
+unterwerfen müssen, und von dieser in keinem Falle abweichen dürfen --
+dieß entscheidet über ihre Sittlichkeit. Jede feigherzige Unterwerfung
+unter den Zeitgeist und herrschenden Gesellschaftston, jedes
+Anschmiegen an Mode und Sitte, auch da, wo sich Vernunft und Gefühl
+dagegen sträuben, ist in der Erziehung unverzeihlich und führt zu den
+traurigsten Ausartungen. Die Erziehung darf sich eben so wenig, wie die
+Frömmigkeit, dieser Welt gleich stellen, wohl aber muß sie die Welt
+überwinden lehren, und daher dem verderblichen Einfluß des Zeitgeistes
+die Kraft einer sittlich-reinen Gewohnheit, feste Grundsätze und reine
+Gefühle entgegenstellen, und die Gesundheit des Verstandes gegen die
+giftigen Dünste des Zeitgeistes und Zeitgeschmacks zu schützen wissen.
+
+
+ 12.
+
+Beschränke die Freiheit Deines Zöglings nicht ohne Noth, und ~bewache~
+ihn nicht, anstatt ihn zu beobachten und zu leiten; versage ihm nicht
+eine Freiheit, die seine Natur und seine Entwickelung fordert. Suche
+dagegen den Mißbrauch der Freiheit möglichst zu verhüten durch Belebung
+sittlicher Gefühle, durch Warnung und Zurechtweisung, und dadurch, daß
+Du seinen Kräften eine angemessene Richtung gibst.
+
+Diejenigen Eltern, welche ihre Kinder aus übergroßer Aengstlichkeit gar
+nicht aus den Augen lassen wollen, machen sich und diese zu Sclaven,
+und erreichen ihren Zweck nicht. Allemal werden diejenigen Kinder die
+ausgelassensten seyn, die zu sehr beschränkt wurden. Man muß erdulden
+lernen, was Kinder, weil sie Kinder sind, nicht unterlassen können.
+Nur in Ansehung des Umganges und der Zeit dürfte eine vernünftige
+Beschränkung der Freiheit sehr nöthig und heilsam seyn, da Kinder
+noch nicht beurtheilen können, welcher Umgang ihnen nachtheilig,
+und wie wichtig die Benutzung der Zeit sey. Auch will die Freiheit
+des Sprechens und Urtheilens bei lebhaften Kindern beschränkt seyn.
+Diesen aber kann nichts Unglücklicheres begegnen, als wenn sie in die
+Hände alter Erzieher fallen. Wenn Kinder Liebe zu ihren Eltern und
+Geschwistern haben, so werden sie sich am meisten im Kreise der Ihrigen
+gefallen. Zeigen Kinder eine frühe Gesetztheit und Besonnenheit, so
+lasse man ihnen mehr Freiheit. (Jesus zu Jerusalem im zwölften Jahre.)
+Besonders verkümmere man ihnen die Spielstunde nicht, lasse aber auch
+nicht zu, daß sie sie willkührlich erweitern.
+
+
+ 13.
+
+Nimm dem Kinde nie sein Eigenthum, und laß es nie ungestraft, wenn es
+in fremdes Eigenthum greift; halte ihm immer Dein Versprechen, und
+sey daher auf Deiner Hut, wenn Du ihm etwas versprichst; verletze
+nie sein Recht (z. B. auf Erholung, Nachsicht, Vertheidigung oder
+Entschuldigung), und wenn Du etwas der Art thun müßtest, so richte es
+so ein, daß das Kind Dein Verfahren nicht als Ungerechtigkeit empfinde:
+laß es sich selbst das Urtheil sprechen; zeige ihm, daß es sein Recht
+verwirkt habe; beschränke nur den Gebrauch des Rechts, oder die
+Verwaltung und den Genuß seines Eigenthums.
+
+
+ 14.
+
+In der Erziehung darf keine ~Willkühr~ herrschen, denn sie erstickt die
+edelsten Gefühle, entzieht Vertrauen und Liebe, bringt Verschlossenheit
+und tückisches Wesen hervor. Hat z. B. ein Kind sein Spielzeug
+verdorben, so verschenke man nicht das andere, sondern entziehe es ihm
+nur eine Zeitlang; hat es Geld vertändelt oder vernascht, man nehme ihm
+das übrige nicht. Zeigt es Geldgeiz oder Habsucht, so wirke man auf
+eine andere Art entgegen, als durch Wegnehmen, indem man z. B. seine
+Theilnahme reizt. -- Ist ihm ein unverständiges Geschenk gemacht, so
+entziehe es ihm nur so, daß Du es aufzubewahren versprichst.
+
+Wenn das Kind nachlässig gearbeitet hat, hat es dann sein Recht auf
+Erholung verwirkt? Oder wenn es zum zweitenmale fehlt, auf Nachsicht?
+Oder soll ihm diese immer schwerer zugestanden werden? Darf sich ein
+Kind lebhaft vertheidigen? Wie leicht kann man Kindern Unrecht thun!
+Oft wird man durch die Farbe der Handlung irre geführt.
+
+Haben Kinder auch ein Recht, zu weinen, auf ihrem Willen zu bestehen,
+ungeduldig zu werden?
+
+Besonders hüte man sich, etwas zu versprechen, vor allem Belohnungen,
+und hernach, bei bessrer Einsicht, nicht zu halten, wenn man dem Kinde
+nicht begreiflich machen kann, daß die Erfüllung des Versprochenen ihm
+nachtheilig seyn würde. Es raubt dem Erzieher das Vertrauen und die
+Liebe.
+
+
+ 15.
+
+Tadle nie bitter, und strafe nur dann, wenn Du voraussiehst, oder die
+Erfahrung gemacht hast, daß gelindere Mittel nicht zum Zweck führen;
+laß aber auch das gestrafte Kind weder zu schnell, noch zu spät,
+Beweise Deiner Verzeihung und Liebe sehen. Doch unterlaß es nie, ihm
+die Fehler seiner Arbeiten und seines Betragens zu zeigen, und sey
+karg mit Deinem Lobe, aber freigebig mit Deiner Nachsicht, Schonung
+und Ermunterung. Von der Art, wie Kinder getadelt und gestraft werden,
+hängt vorzüglich der Erfolg der Erziehung ab. Die Strafe und der Tadel
+müsse dem Kinde eben so gut als Erweisungen der Liebe erscheinen, wie
+die Belohnung und das Lob. Ironie und Bitterkeit wirken gefährlich.
+Das Ehrgefühl muß nicht nur geschont, sondern auch gepflegt werden,
+doch so, daß dem Kinde immer Liebe mehr gelte als Lob, und es nach
+jener vorzugsweise strebe. Eine gewisse Weichlichkeit hält vom Strafen
+und Tadeln zurück, und bringt dadurch viel Böses hervor. Man lasse
+sich nicht durch die Empfindlichkeit der Kinder abschrecken. Diese
+Seelenschwäche kann nur durch Wohlwollen und wiederholten Tadel geheilt
+werden. Eitle Kinder bedürfen vorzüglich als Arznei des Tadels; aber
+er muß bei diesen besonders in der Sprache des Wohlwollens ausgedrückt
+seyn, wenn er wohlthätig wirken soll. Den bittern Tadel empfinden
+sie als eine Ungerechtigkeit, und ihr Herz verschließt sich dagegen.
+Den Tadel begleite oft das Wort der Ermunterung, und immer trage er
+mehr die Farbe der Betrübniß, als des Unwillens. Er werde nur dann
+ausgesprochen, wenn es ungezweifelt ist, daß das Kind etwas Besseres
+hätte machen können.
+
+
+ 16.
+
+Soll der Tadel nicht seine ~Wirksamkeit~ verlieren, so muß er nicht zu
+oft kommen; nicht seine ~Wohlthätigkeit~, so muß er nicht im Tone der
+Verachtung ausgesprochen werden; nicht seine ~Würde~, so muß er kein
+ironischer und spottender seyn; nicht seine ~anregende Kraft~, so muß
+er mit lebhaftem Gefühl und in der Sprache des Gefühls ausgesprochen
+werden. Bei lebhaften Kindern, die in jedem Augenblick fast
+Uebereilungen und Thorheiten begehen, muß die Erziehung mehr übersehen,
+als rügen, und mehr verhüten, als strafen, mehr abhalten, als verbieten.
+
+Gelindere Mittel, als Tadel und Strafe, z. B. Entziehung einer
+Bequemlichkeit, ernstes Gesicht, Drohung, Zurechtweisung -- ~scheinen~
+oft nur unwirksam, weil die Wirksamkeit nicht gleich sichtbar wird; sie
+wirken nach, wie fast alle Erziehungsmittel. Ist der wiederholte und
+verstärkte Tadel unwirksam, so folge ihm unmittelbar die Strafe.
+
+
+ 17.
+
+Dem gestraften Kinde gebe man, besonders wenn es zu den lebhaften
+gehört, und noch keine Spuren der Besserung sich zeigen, nicht zu
+schnell wieder Beweise der Liebe.
+
+Da die Kinder eher durch Lob, als durch Tadel verdorben werden, so sey
+jenes noch sparsamer, als dieser. Dagegen darf man in der Erziehung mit
+seiner Nachsicht freigebig seyn, besonders bei Kindern von zartem und
+reizbarem Gefühl. In seltenen Fällen nur lobe man, mit Herabsetzung
+eines anderen Kindes, -- beides, Lob und Tadel, geschehe mehr unter
+vier Augen, als in Gegenwart Anderer, weil es sonst zu stark als
+Reizmittel wirkt.
+
+
+ 18.
+
+~Rousseau~ verwarf alle Strafen, und vergaß, daß die vorherrschende
+Sinnlichkeit eines Widerstandes bedarf, wenn ihr das Kind nicht
+hingegeben werden soll. Es ist eine Art von Ungerechtigkeit, ja es ist
+Grausamkeit, wenn man das Kind ungestraft läßt, denn man überliefert
+es dadurch der Knechtschaft seiner Sinnlichkeit, und legt den Grund
+zu seinem physischen und moralischen Verderben. Der freie Wille muß
+dem Kinde eben so folgerecht und unaufhaltsam in seinen Wirkungen
+erscheinen, wie die physischen Folgen, damit es eine moralische
+Nothwendigkeit erkenne. Wie soll auch das Kind zur Anerkennung der
+Güte im Gefühl kommen, wenn es diese nie entbehrt, wenn es bei
+pflichtmäßigem und pflichtwidrigem Betragen mit gleicher Güte behandelt
+wird? Die weichlichsten, und mit ihrer Güte freigebigsten Eltern
+haben die undankbarsten und ungehorsamsten Kinder. Der Mensch und das
+Kind weiß nur zu achten, was errungen seyn will, und nicht unverdient
+gegeben wird. Das Kind wird und muß sich seinen Eltern gleich setzen,
+wenn diese ihm nicht den Abstand fühlbar machen.
+
+
+ 19.
+
+Alles kommt auf die ~Art~ des Strafens, des Tadelns, des Ver- und
+Gebietens an. Man kann so strafen, daß die Strafe bessert; aber auch
+so, daß sie erbittert, und zum trotzigen Widerstande reizt. Darum sind
+folgende Regeln hiebei sorgfältig zu beobachten:
+
+1. Habt keine Freude am Gebieten und Verbieten, sondern mehr am
+kindlichen Freihandeln, und mildert das Verbot nach Zeit und Umständen;
+haltet es zurück, wo es unzeitig ist.
+
+2. Verbietet seltener durch die That, als durch Worte. Reisset also
+z. B. dem Kinde das Messer nicht weg, sondern lasset es selber, aufs
+freundliche Gebot, dasselbe weglegen, damit es mit Freiheit handeln
+lerne.
+
+3. Greifet nie durch euer Verbot in die Rechte des Kindes, z. B. »Du
+sollst nicht springen, rennen, klettern.«
+
+Das Kind unterscheidet sehr gut den starken und ernsten Ton von dem
+zürnenden; die Mutter fällt leicht in diesen, wenn sie jenen dem
+Vater nachzumachen gedenkt. Sie nimmt leicht ihr Verbot zurück, oder
+beschränkt es, und schwächt es dadurch. So kommt es, daß sich die
+Kinder endlich nichts mehr wollen verbieten lassen. -- Das Verbieten
+geschehe in kräftiger Kürze, und je jünger das Kind ist, desto nöthiger
+ist diese Kürze; ja sie ist nicht einmal nöthig; schüttle den Kopf,
+und damit gut. Das wortreiche Verbieten macht die Kinder nur unmuthig
+und reizt sie zum Spott. Nur sey das Verbieten kein heftiges; besser
+geschieht es zuerst mit leiser Stimme, damit eine ganze Stufenleiter
+der Verstärkung freistehe -- und nur einmal, und für den kleinsten
+Ungehorsam erfolge augenblickliche Strafe.
+
+
+ 20.
+
+Was das ~Strafen~ betrifft, so ist noch hiebei zu beobachten:
+Strafe verhüten, ist besser und weiser, als strafen. Da, wo alle
+andere mildere Mittel unwirksam geblieben sind, trete die Strafe
+unausbleiblich, und mit voller Strenge ein; doch auch hier beobachte
+man eine Stufenleiter, und erwäge, ob das Kind Entschuldigung verdiene,
+und ob es seine Schuld zu erkennen im Stande sey, denn Strafe gebührt
+nur dem, der sich der Schuld bewußt ist. Wo große und strenge Strafen
+nöthig sind, da steht es schlecht um die Erziehung, und die Strafen
+werden bald vergeblich seyn. Nicht strenge, aber unausbleibliche und
+unerläßliche Strafen sind mächtig. »Unter dem Volke nicht nur, auch
+unter den Gebildeten erzeugen die Schläge des Schicksals, welche die
+Eltern empfingen, Gegenschläge auf die Kinder.« Wie oft wird nur
+gestraft, weil eine üble Laune reizbar macht. Wie oft härter, als recht
+ist, weil das Schreien der Kinder zum Unwillen hinreißt.
+
+»Wer sich gern lässet strafen, der wird klug werden; wer aber
+ungestraft seyn will, bleibt ein Narr,« sagt ~Salomo~, und daher sorge
+der Erzieher dafür, daß seine Zöglinge nicht ihr Herz der Strafe
+verschließen, daß sie ihnen Wohlthat werde, und das wird sie seyn,
+wenn sie ohne Unwillen und Heftigkeit geschieht, mit allen Zeichen
+des Bedauerns, daß man strafen muß. -- »Wer seiner Ruthen schonet, der
+hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, züchtiget ihn bald« (Pred.
+Sal. 13, 24.). Die Strafe zu rechter Zeit und auf die rechte Art macht
+bald alle Strafe unnöthig und entbehrlich. »Der hat die Ruthe schlecht
+angewendet, der sie hernach zum Stock verdichten muß.« Aber ganz
+entbehren kann das Kind der Strafe nicht, ob es gleich einige gibt, die
+so weiche moralische Anlagen haben, daß schon die leiseste Aeusserung
+des Unwillens harte Strafe ist. Kinder von heftiger Gemüthsart werden
+unerträglich verwildern, und bringen es bis zur Wuth, wenn sie nicht
+gestraft werden. Sir. 30, 9. 12. -- Ein Kind, das schlägt, werde
+geschlagen. Aber hütet euch, ein Kind durch Schlagen zu zwingen, daß es
+abbitten soll -- oder ihm eine Schand-Strafe aufzulegen. -- »Schande,«
+sagt ~Friedrich Richter~, »ist eine geistige Hölle ohne Erlösung, worin
+der Verdammte nichts werden kann, als höchstens ein Teufel.« -- Auch
+werde nie die kleinste Strafe ~spottend~ auferlegt, sondern ernst,
+öfter trauernd. Der elterliche Gram läutert dann den kindlichen, und
+macht das Herz für die Ermahnung empfänglich, die die Strafe begleitet.
+
+
+ 21.
+
+Strafe kann nicht so viel verderben, als Lob und entzogene Nachsicht.
+Wir haben gewöhnlich einen falschen Maßstab, nach welchem wir das
+Betragen, die Aeusserungen und die Unarten der Kinder beurtheilen. Wer
+sich am besten in die Kindes-Seele hinein versetzen kann, wird der
+beste Erzieher seyn. »So ihr nicht werdet wie die Kinder,« das gilt
+auch hier. Liebevolle und freundliche Behandlung sey durchaus in der
+Erziehung herrschend; doch fehle auch Strenge und Strafe nicht, so oft
+das jugendliche Gemüth durch diese erst jene muß verstehen und schätzen
+lernen. Wer nicht hört, soll fühlen. -- Aber ferne sey jenes eben so
+unnütze als verderbliche Moralisiren über das Betragen und die Unarten
+der Kinder, womit viele Erzieher ihre ganze Pflicht erfüllt zu haben
+glauben, und das nur in seltenen Fällen, und als liebreiche Vorstellung
+der traurigen Folgen eines Vergehens fruchtet. Je mehr Freiheit, desto
+mehr Güte und Wahrheit. »Was also durch einen Wink bewirkt werden kann,
+soll nicht durch ein Wort geschehen, und was ein Wort ausrichten kann,
+dazu soll nicht eine Ermahnungs-Rede gehalten werden.«
+
+In der Erziehung wird eben so oft und sehr durch Versagung als
+Zugestehung der Nachsicht und Schonung gefehlt, und fast alle
+Erziehungs-Gebrechen lassen sich hierauf zurückführen. Die Mittelstraße
+hier zu entdecken, ist auch eben so schwer, als sie ohne Abweichung zu
+gehen, da die meisten Kinder eben so sehr zur Liebe, als zum Unwillen
+reizen, und die Geduld so sehr in Anspruch nehmen, als sie der Liebe
+bedürfen, und da dem durch Weichlichkeit oder Erziehungs-Vorurtheile
+befangenen Erzieher so leicht die nachtheiligen Folgen der Nachsicht
+und Strenge entgehen, besonders was die Lüsternheit der Kinder betrifft.
+
+
+ 22.
+
+Bei allem Unterricht und aller sittlichen Bildung durch Ermahnung,
+Warnung, Ermunterung, Tadel und Strafe, werde immer mehr dahin
+gearbeitet, daß das Kind sich selbst bestimmen, und aus eigenem
+Antriebe handeln lerne, damit es früh zur Selbstherrschaft gelange, und
+keiner Bewachung oder peinlicher Aufsicht bedürfe.
+
+Nie muß man den Zweck alles Erziehens aus den Augen verlieren, welcher
+ist, daß der Mensch selbstständig werde, sich selbst beherrschen und
+leiten lerne, ein ganz freier Mensch werde. Daher stärke die Erziehung
+seine Vernunft und seine sittliche Kraft, übe ihn im Ueberlegen,
+Nachdenken, Entsagen und Erdulden, belebe seine guten Gefühle,
+wecke und nähre Ehrfurcht gegen Gott, und lehre ihn merken auf die
+Regungen und Urtheile seines Gewissens, damit so früh als möglich die
+eigentliche Aufsicht und Erziehung entbehrlich werde. Aus solchen
+Kindern, die immer unter der strengsten Zucht, und unter peinlicher
+Aufsicht gehalten werden, können nie recht brauchbare Menschen werden.
+Je früher Kinder an feste Grundsätze gewöhnt, und durch ihr Gefühl
+und ihre Einsicht gebunden werden, desto früher entwickelt sich der
+Charakter. Doch gibt es auch gewisse weiche Naturen, die jeden Eindruck
+annehmen, und gewisse lebhafte und sinnliche, die es nie oder sehr
+spät erst zu reifer Ueberlegung und Selbstbeherrschung bringen. Diese
+bedürfen der längern und sorgsamern Erziehung und Leitung. Aber auch
+diese werden endlich sich selbst bestimmen, und sich beherrschen
+lernen, wenn sie sorgfältig gebildet, regelmäßig beschäftigt, und in
+eine solche Laufbahn gebracht werden, in welcher ihnen wenig Muße
+übrig bleibt, oder wenn ihr Ehrtrieb beständig wach erhalten wird. Bei
+Mädchen ist es besonders Schamhaftigkeit, und der Trieb zu gefallen,
+der bei solchen Naturen die Stelle der sittlichen Kraft vertritt, oder
+diese ergänzt.
+
+
+ 23.
+
+Indem man Kindern zuweilen die Verwendung von Zeit und Geld überläßt,
+und sie nur von Ferne beobachtet -- indem man sie in Lagen bringt, wo
+sie ihrem eigenen Urtheil überlassen sind -- indem man ihnen Aufträge
+ertheilt -- indem man endlich gemißbrauchte Freiheit nachdrücklich,
+jedoch nicht durch Entziehung aller Freiheit straft -- wird man diesen
+Zweck erreichen.
+
+Je mehr die Erziehung nach festen Grundsätzen geschieht, je mehr sich
+Erzieher hüten, mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen, je mehr
+weise Güte, mit Ernst gepaart, in der Erziehung herrscht, desto eher
+wird die Selbstbestimmung erfolgen. Je mehr dagegen der Erzieher
+schwankt, und von der weichlichsten Güte zur härtesten Strenge
+übergeht; je mehr er der Sinnlichkeit Nahrung gibt und Laune duldet,
+desto schwerer wird es ihm werden, seine Zöglinge in Ordnung zu
+erhalten, und zur Selbstherrschaft zu erheben.
+
+Emilie ist sinnlich und lebhaft -- vergißt sich leicht -- ist leicht
+hingerissen; aber wenn man ihr sagt: »wird es Dir wohl heute möglich
+seyn, Dich in Deiner Lustigkeit zu mäßigen? Du würdest mir eine
+große Freude machen« -- erhält sie eine gewisse Kraft über sich. Ein
+treffliches Mittel ist auch der Auftrag, über kleinere Kinder die
+Aufsicht zu führen, ihre Spiele zu leiten -- daher Kinder, die junge
+Geschwister haben, eher sich ausbilden.
+
+Härte und übertriebene Strenge in der Erziehung werden bei gut
+organisirten Kindern bei weitem nicht so gefährlich wirken, als
+übertriebene Weichlichkeit und Nachsicht. Gegen jene ist dem Kinde in
+seiner unerschöpflichen Liebe eine Waffe und Gegengewicht gegeben; aber
+dieser muß es ohne Rettung und Widerstand unterliegen, weil sie ihm nur
+als Wohlthat erscheinen kann.
+
+
+ 24.
+
+Der junge Mensch sey nie von solchen Personen umgeben, von welchen er
+Schlechtes sehen und hören könnte; seine Gespielen seyen gut erzogene
+Kinder, seine Hausgenossen gut gesittete Menschen.
+
+Die schwerste, und eine unauflösliche Aufgabe der Erziehung ist die,
+Kinder gänzlich vor dem verderblichen Einfluß böser Beispiele zu
+verwahren, und sie mit lauter guten Menschen und guten Eindrücken zu
+umgeben. Da dieß nicht möglich ist, so muß es die Erziehung dahin
+zu bringen suchen, daß das Herz des Kindes dem Einfluß des Bösen
+widerstehen könne, und keinen sittlichen Schmutz annehme. Hier wirken
+mehr, als andere, die religiösen Gefühle und Gesinnungen. Ist das Kind
+mit diesen ausgestattet, so werden ihm böse Beispiele, Versuchungen
+und Reizungen nicht nachtheilig werden. Ist das sittliche und das
+ästhetische Gefühl der Kinder genährt und veredelt, so werden sie
+nur Abscheu und Widerwillen bei dem Bösen, was sie sehen und hören,
+empfinden und nichts davon annehmen. Nur das Böse haftet, was sie von
+solchen Menschen hören und sehen, welchen sie mit Achtung, Vertrauen
+und Liebe ergeben sind. Daher haben sich Eltern und Erzieher sehr
+sorgfältig zu hüten, daß sie sich nicht zuweilen vergessen, z. B. in
+der lebhaften Freude, oder im Unmuth und in der Heftigkeit; -- daß sie
+höchst vorsichtig bei Scherzen und Urtheilen sind. Vergeblich versucht
+man, wieder aufzubauen, was man durch unbedachtsamen und unbesonnenen
+Scherz und Spott niedergerissen hat; daher sind witzige Menschen keine
+gute Erzieher. Da es in jeder Familie Menschen gibt, deren Sitten nicht
+rein sind, oder nicht fein genug, so muß man mit Kindern hierüber ganz
+offen reden, und sie warnen, aber zugleich auf die guten Eigenschaften
+solcher Personen aufmerksam machen.
+
+
+ 25.
+
+Hier ist die dunkle Seite der öffentlichen Schulen und größern
+Erziehungs-Anstalten. Doch ist freilich hier auch neben dem Schlimmen
+das Gute; denn wo kein Widerstand und kein Hinderniß zu überwinden ist,
+da ist auch keine Kraft-Entwickelung möglich. Solche Kinder, die sich
+so leicht verführen lassen, sind überhaupt schwach, und würden auch
+geringeren Versuchungen unterliegen. Man unterlasse nur nicht, Kinder,
+so bald sie es begreifen können, mit den Gefahren bekannt zu machen,
+welchen man sie aussetzen muß.
+
+In Ansehung der Gespielen nur sey die Erziehung höchst vorsichtig,
+weil bei dem Spiel das Herz sich ganz hingibt, die innigste
+Vertraulichkeit entsteht, und eine wechselseitige sehr starke
+Einwirkung Statt findet. Auch tragen gute Gespielen sehr viel zur
+Entwickelung der geistigen und sittlichen Anlagen bei. Man bringe
+lebhafte Kinder zu lebhaften, phlegmatische zu lebhafteren, aber nicht
+zu den lebhaftesten. Das phlegmatische Kind läßt sich von dem lebhaften
+alles gefallen, und dies wird herrschsüchtig und eigensinnig. Am besten
+ist es, wenn die Gespielen sehr verschiedenen Gemüths sind, ohne gerade
+ganz entgegengesetzte Gemüthsart zu haben. Kinder von vornehmeren
+und geringeren Ständen zusammen zu bringen, ist selten rathsam; es
+müßte denn das Kind geringeren Standes sich durch ausgezeichnete
+Fähigkeiten geltend zu machen wissen, und reine Sitten haben. Dagegen
+ist es sehr vortheilhaft, gut unterrichtete Kinder zu Lehrmeistern
+der Vernachlässigten zu machen. -- Kinder, die sich fortdauernd nicht
+vertragen, bringe man ja auseinander.
+
+
+ 26.
+
+Man lasse die Kinder übrigens ihre Gesellschaft frei wählen, so bald
+man überzeugt ist, daß sie gut wählen werden, und dann auch ohne
+Aufsicht spielen. Am besten ist es, wenn sie immer einige ältere
+zu Freunden haben, an welche sie sich durch den Nachahmungstrieb
+hinaufbilden; aber auch jüngere, um ihr Selbstgefühl nicht zu
+verlieren, und hauptsächlich ihres Gleichen, weil das Gleiche sich am
+innigsten vereinigt, und am glücklichsten fortstrebt.
+
+
+ 27.
+
+Nicht zu früh führe man Kinder in die Gesellschaft der Erwachsenen,
+nämlich nicht eher, als bis sie Ausbildung und Muth genug haben, sich
+in dieser Gesellschaft wohl zu befinden, und aus ihr Nutzen zu ziehen,
+und auch dann geschehe es nicht zwangsweise, und nicht zu oft und zu
+lange! Es ist bedenklich, Kinder stundenlang in einer erzwungenen
+Ernsthaftigkeit und Ruhe zu erhalten, nicht zu gedenken, daß man eine
+Grausamkeit an ihnen begeht, oder auch, wenn man sie gütig behandelt,
+zu einem gewissen vorlauten Wesen und zu einer unbescheidenen
+Dreistigkeit verleitet; oder sie zu Drathpuppen macht, die lauter
+Manieren, und keine Natur mehr haben. Je mehr die Gesellschaften
+gemischt sind, desto gefährlicher sind sie Kindern, da nur wenig
+Erwachsene so viel Achtung und Rücksicht für Kinder haben, als diese
+fordern können und bedürfen. Herangewachsenen Kindern, und besonders
+Mädchen, ist es freilich vortheilhaft, wenn sie sich in Gesellschaft
+geachteter Personen in ihre Gewalt bekommen lernen, aber auch nur
+solchen. Mädchen müssen früher die gesellschaftliche Sitte und die
+Sprache des Umgangs lernen, früher eine gewisse Dreistigkeit bekommen,
+damit sie nicht in kindische Blödigkeit versinken, und dadurch lästig
+werden.
+
+
+ 28.
+
+Waren Kinder in gemischter Gesellschaft, so erforsche man, was auf sie
+Eindruck gemacht hat, belebe die guten, schwäche die bösen Eindrücke,
+mache sie aufmerksam auf den Ton der Gesellschaft, und leite ihr
+Urtheil darüber; erlaube ihnen keinen spöttelnden Tadel des Gesehenen
+und Gehörten, lehre sie mehr das Unsittliche und Thörichte, als
+das Lächerliche auffinden und beurtheilen, und bewahre sie vor der
+conventionellen Heuchelei und Abgeschliffenheit.
+
+Die traurige Kunst, sich mit Anstand und Geduld zu langweilen, müssen
+Kinder nie lernen; eben so wenig die Fertigkeit, viel Worte zu machen,
+und die, zu schmeicheln. In so fern die Theilnahme an Gesellschaften
+Nahrung der Eitelkeit und des Stolzes werden kann, ist sie besonders zu
+verhüten, wenn nicht die ganze Frucht der Erziehung verloren gehen soll.
+
+Dabei darf die gesellschaftliche Bildung nicht vernachlässigt werden.
+Bringt man junge Leute zu spät in die Gesellschaft der Erwachsenen, so
+leiden sie an unheilbarer Blödigkeit und Ungelenkigkeit, und werden
+der Umgangssprache nie mächtig. Aber die Erziehung muß sie zuvor in
+den Stand gesetzt haben, an einem gesellschaftlichen Gespräche Antheil
+nehmen zu können; ihre Urtheilskraft muß nicht mehr ungebildet, ihre
+Sprache gereinigt, ihr Geschmack geläutert seyn. Denn was junge Leute
+in Gesellschaft einsylbig, blöde und verlegen macht, das ist nur
+Bewußtseyn ihrer Unwissenheit und Mangel an Gedanken und Kenntnissen.
+
+
+ 29.
+
+Viel verdanken wir dem gesellschaftlichen Umgange, und er darf von den
+Erziehungsmitteln nicht ausgeschlossen werden. Die Mittheilung von
+Gedanken, Urtheilen und Gefühlen befördert sehr die Bildung des Geistes
+und des Herzens. Eben so belebt der Umgang alle wohlwollende Gefühle,
+und übt in der Selbstverläugnung. Das Mädchen, mit größeren Anlagen zur
+Geselligkeit ausgestattet, und durch diese die Seele der Gesellschaft,
+soll auch hierin nicht vernachlässigt werden. Aber wenn sie zu früh in
+Gesellschaft geführt wird, besonders bei äusserer Annehmlichkeit und
+Liebreiz, so erhält sie eine gefährliche Nahrung für ihre Eitelkeit.
+Doch auch nicht zu spät, damit sich nicht Blödigkeit festsetze, die so
+viel gesellschaftliche Freude verbittert, und so schwer beseitigt wird.
+Man führe eben darum das Mädchen nicht eher in die Gesellschaft, als
+bis sie in dieser etwas gelten, und zur gesellschaftlichen Unterhaltung
+beitragen kann, und präge ihr dann ein, daß auch sie der Gesellschaft
+werth sey, wenn sie ihren Beitrag zur Unterhaltung gibt; aber eine Last
+für sich und die Gesellschaft, wenn sie ihn aus Blödigkeit zurückhält.
+Man bewahre sie vor gemischten Gesellschaften, und solchen, wo sie zu
+sehr allein da steht; man lehre sie die Sprache des Umgangs, und übe
+sie selbst darin, damit sie es zur Fertigkeit bringe; man gebe ihr
+zuweilen Aufträge, die dahin abzwecken, z. B. Bestellungen.
+
+
+ 30.
+
+Alles, was für die Verstandes-Bildung geschieht, werde zugleich
+Bildungsmittel für das Herz und den Geschmack, und umgekehrt, damit
+alle Einseitigkeit und Halbheit vermieden, und das Kind zum Menschen
+gebildet, zur Menschenwürde erhoben werde.
+
+Unterricht und Erziehung sollten nicht scharf von einander getrennt,
+nicht als zwei ganz von einander verschiedene Geschäfte betrieben
+werden; denn nur da, wo aller Unterricht erziehend, und alle Erziehung
+belehrend wirkt, nur da kommt man zum Zweck. Der Unterricht wirkt aber
+dann erziehend, oder auf Gesinnung und Gefühl, wenn er wohlwollend, im
+Ton der Liebe und Güte ertheilt wird, wenn man die Kinder immer darauf
+hinführt, warum und wozu sie Kenntnisse einsammeln, sie auf ihr Inneres
+merken, sie unmittelbar das Gelernte und Begriffene anwenden lehrt;
+wenn man sorgt, daß gegenseitige Liebe bei dem Wetteifer sey, wenn man
+bei dem Unterricht es nicht bloß auf Anregung des Ehrtriebes, sondern
+auch der Frömmigkeit und Sittlichkeit anlegt, und sich hütet, den
+Unterricht in einen bloßen Mechanismus ausarten zu lassen, oder gar in
+eine Zwangs-Anstalt und Arbeits-Strafe. Je mehr man den Kindern Lust
+und Liebe zum Unterricht beizubringen weiß, je besser das Verhältniß
+des Lehrenden zu den Lernenden ist, desto wohlthätiger wird er wirken.
+Bei dem Unterricht werde nie Anstand und Sittlichkeit verletzt, nie
+das Ehrgefühl gemißhandelt, aber auch nie das Kind weichlich geschont;
+er sey Anstrengung, aber angemessene und nicht zu anhaltende; es werde
+dabei eine Regel befolgt, doch ohne Härte und Zwang. Alles Gelernte und
+zu Lernende werde zugleich als Nahrung für Verstand und Gefühl benutzt.
+Also sey das Lesen nicht bloß Fertigkeit, sondern auch Ausdruck des
+Gefühls, welches der Inhalt anregen oder beleben soll; das Schreiben
+auch Bildungs-Mittel für den Schönheits-Sinn; das Rechnen Belebung
+des Sinnes für Ordnung, der Sorgfalt und des Fleißes, der Geduld
+und Ausdauer; die Musik Belebung frommer Gefühle und des Sinnes für
+Harmonie und Wohllaut, Veredlung des Herzens und Besänftigung der
+Leidenschaften -- jede Arbeit Ermunterung zur Geduld und Uebung darin,
+als Pflicht-Erfüllung, als Sorge für Andere.
+
+
+ 31.
+
+Alles, was die Erziehung thut, werde Beförderungs- und
+Befruchtungs-Mittel für den Unterricht, besonders durch Gewöhnung
+an Ordnung, Regelmäßigkeit, Aufmerksamkeit, Nachdenken, Fleiß und
+Gehorsam. Es komme nie dahin, daß die Kinder, von der übertriebenen
+und lieblosen Strenge der Erziehung verleitet, sich dem Gebot zu
+entziehen suchen, oder es umgehen, und die Erziehung biete ihnen nie
+einen Anlaß dar, und reize sie nie, sich zu widersetzen, oder bemerkte
+Schwachheiten zu benutzen.
+
+Jeder sclavische Gehorsam sey verbannt, damit das Kind sich seiner
+Menschenwürde bewußt werde. Jede Unterredung sey belehrend und
+ermunternd, so wie der ganze Umgang mit dem Kinde bildend und erhebend.
+Das Kind werde nie mit seinen Fragen abgewiesen, nie in seiner
+Thätigkeit und seinem Fleiß durch Unordnung und Geräusch gestört, nie
+durch Vergnügen von der Erfüllung der Schülerpflicht abgehalten, nie
+wegen seiner Anstrengung beklagt. Durch Erziehung lerne das Kind seine
+Pflichten kennen, seine Verhältnisse achten, seinen Willen beherrschen;
+die Erziehung führe es zu Gott. Besonders sorge die Erziehung, daß
+dem Kinde Schätzung seiner Menschenrechte beigebracht, und das Herz
+vor Vorurtheilen der Geburt und des Standes bewahrt werde; denn diese
+verfinstern den Verstand, und lähmen die sittliche Kraft, zerstören
+alle Einwirkung guter Grundsätze, und bringen Willkühr hervor.
+
+Darum werde das Kind nur wenig, und nur von andern Kindern, besonders
+seinen Geschwistern, bedient; darum lerne es ~bitten~, auch Dienstboten
+bitten; es werde Lehrer der Kleinern, es thue ihnen Handreichung,
+auch beschwerliche Handreichung. Da durch Lehren gelernt wird, so
+kann man nicht früh genug die Kinder zu Lehrern der Kinder machen.
+Indem sie diesen ihre kleinen Kenntnisse mittheilen, wächst zugleich
+Wohlwollen und Liebe, werden sie in der Geduld geübt. Auf gleiche Art
+stärke sich Geduld und Kraft der Selbstverleugnung bei dem Lernen
+und bei häuslichen Arbeiten, und daher mache man ihnen nicht alles
+zu leicht, erspare ihnen nicht jede kleine Beschwerde, fordere sie
+zur Selbstverleugnung auf, gebe ihnen Anlaß zur Ueberlegung, und zum
+Handeln mit Ueberlegung.
+
+
+ 32.
+
+Die Art, wie der Unterricht ertheilt wird, die Liebe, die Nachsicht
+und Geduld, die man dem Kinde beweist, die Art der Ermunterung und
+des Tadels, die strenge Ordnung, welche man dabei beobachtet, die
+gewissenhafte Treue, mit welcher die festgesetzten Stunden des
+Unterrichts gehalten werden; der Eifer des Lehrenden, seine Freude
+über bemerkte Fortschritte, seine Traurigkeit über Nachlässigkeit und
+Trägheit, das alles müsse den Charakter des Kindes begründen helfen.
+
+
+ 33.
+
+Da es in der Erziehung keinen Stillstand geben darf, indem jeder
+Stillstand ein Rückschritt seyn würde, so sey das Streben nach dem
+Ziele ein rastloses und eifriges, und dem Zögling stehe dies Ziel,
+wie dem Erzieher, immer vor Augen, damit Beider Eifer nie erkalte
+und nie ermatte. Der Zögling werde sich der gewonnenen Kraft und
+Kenntniß mit Freude bewußt, und diese Freude werde ihm der Sporn zu
+neuer Anstrengung. Nie erscheine ihm das Lernen und Gehorchen als ein
+mühseliges Tagewerk, sondern als der einzige Weg, an das Ziel zu kommen.
+
+
+ 34.
+
+Je öfter es in der Erziehung scheint, als sey die Kraft und Anstrengung
+des Erziehers vergeblich aufgewandt, als sey gar keine Annäherung
+zum Ziel, desto nöthiger ist es, daß der Erzieher sich überzeuge,
+sein Eifer dürfe, auch bei dem ungünstigsten Erfolge, und bei diesem
+gerade am wenigsten, nachlassen, sondern müsse unter allen Umständen
+sich gleich bleiben -- und wenn er sich gleich bleibt, so könne auch
+der Erfolg nicht ausbleiben. Diese Ueberzeugung erlangt man nur durch
+eine sorgsame Erforschung der Natur des menschlichen Geistes, und durch
+eine sorgfältige Beobachtung des Zöglings, so wie durch eine gewisse
+~Bescheidenheit und Mäßigkeit in seinen Erwartungen und Forderungen~.
+Der Erzieher darf eben so wenig, wie der Arzt, an die Untrüglichkeit
+der Regeln seiner Wissenschaft glauben, und muß, wie dieser, von der
+Natur das Meiste und Beste, von seiner Kunst und Wissenschaft das
+Wenigste erwarten, muß nie der Natur entgegen arbeiten, sie nie zwingen
+wollen; aber sorgfältig der Natur nachspüren und nachgehen, und ihre
+Winke beachten, ihre Rechte heilig halten, ihren Beistand weise und
+sorgfältig benutzen, ihre Forderungen ehrerbietig beachten. Wer bei
+jedem Zöglinge denselben Erfolg von seinen Erziehungsmitteln und
+Maßregeln erwartet, dessen Eifer wird bald erkalten, und dessen Muth
+muß sinken, und alles Erziehen muß ihm zuletzt als ein zweckloses und
+fruchtloses Werk erscheinen.
+
+
+ 35.
+
+Wenn aber jeder Stillstand soll verhütet werden, so darf auch,
+besonders in den eigentlichen Kinderjahren, keine lange Pause in den
+Arbeiten, keine öftere Ausnahme von der Ordnung des Tages, keine
+eigentliche Zerstreuung des Zöglings, z. B. durch eine Reise, Statt
+finden. Man erschwert sich selbst und seinen Zöglingen das Geschäft
+der Erziehung unglaublich, so oft man einen längeren Ruhepunkt macht,
+und von der gewohnten Ordnung abweicht, so oft man nachläßt oder ein
+Nachlassen des Zöglings gestattet und geschehen läßt. Besonders gilt
+dieß von einer zu weichlichen Nachsicht und Schonung der Kinder, wenn
+sie krank werden, oder kränklich sind -- von den langen Pausen, die
+man bei Gelegenheit der Familienfeste und bei Zurüstungen zu diesen
+Festen, besonders zu Geburtstagen, macht, auf deren dramatische Feier
+nicht selten Wochen verwandt werden bei dem Einstudiren. Dagegen sind
+bei dem Unterricht und bei der Erziehung ~solche~ Ruhepunkte sehr
+heilsam, welche bestimmt sind, die in einem längern Zeitraum gewonnene
+Fähigkeit, Fertigkeit und Kenntniß zu überschauen, und sich in vollen
+Besitz derselben zu setzen. Daher gehöre es zu den Familien-Festen,
+wenn ein Kind irgend eine Fertigkeit erlangt, eine Bahn des Wissens und
+Lernens durchlaufen hat, und man halte über diese Einnahme des Zöglings
+ordentlich Buch und Rechnung. Das Kind werde zu einem recht lebendigen
+Bewußtseyn seiner erlangten Fertigkeit und Kenntnisse erhoben, und
+besonders zum Bewußtseyn seiner erhöhten moralischen Kraft, indem man
+es erinnert an ehemalige bange Zustände und Verhältnisse, ehemalige
+Schwierigkeiten und Hindernisse, die nun nicht mehr sind. Das Gehorchen
+werde erleichtert durch die Billigkeit und Angemessenheit der Gebote,
+durch wohlwollende Behandlung, eingeflößtes Vertrauen, erleichterte
+Ueberzeugung, daß es so recht und wohlgethan sey.
+
+
+ 36.
+
+Am ersten wird der Eifer erkalten, und der Muth sinken, und also
+Stillstand und Hemmung erfolgen bei solchen Erziehern, die sich
+das Erziehen zu ~leicht~ gedacht haben, und meinten, man habe nur
+zuzusehen, wie sich das Kind selbst erziehe, und ihm hie und da mit
+Strafen und Belohnungen zu Hülfe zu kommen; eben so bei solchen,
+die nicht Liebe genug zu den Kindern haben, und sich durch die
+immer wiederkehrenden Unarten der Kinder zum Unwillen und zu einer
+harten Behandlung reizen lassen, dadurch aber nichts weiter, als
+einen größeren Widerstand der Kinder gegen ihre Erziehungs-Maßregeln
+bewirken. Ferner bei denen, welche den Kindern ~Blößen~ geben, und
+sich dadurch in ein ungünstiges Verhältniß gegen ihre Zöglinge
+setzen. Endlich auch bei solchen, welche an die Untrüglichkeit
+und Unfehlbarkeit ihrer Erziehungs-Grundsätze glauben, und daher
+sich nicht zu fassen wissen, wenn der Erfolg nicht ihren hohen und
+zuversichtlichen Erwartungen entspricht. Daraus entsteht dann leicht
+ein unwilliges und hastiges Wegwerfen aller Grundsätze, und bei einem
+solchen Verfahren muß allerdings der Erfolg rein ungünstig seyn, weil
+dann gewöhnlich eine ganz verkehrte Behandlung des Zöglings eintritt,
+alle Behandlung nach Regeln aufhört.
+
+
+ 37.
+
+Ein Stillstand oder Rückschritt wird ferner da unvermeidlich seyn,
+wo man es mit der Bildung und Ausbildung guter Anlagen ~übereilt~ und
+~übertrieben~ hat, und Kinder über ihr Vermögen anstrengte, ehe die
+wahre Bildungs-Periode eingetreten war. Solche Treibhaus-Erziehung
+bringt nur kränkelnde Erzeugnisse hervor.
+
+Es ist also Stillstand und Rückschritt in der Erziehung unausbleiblich,
+wenn es keine feste Tages-Ordnung gibt; wenn nicht nach Grundsätzen
+erzogen wird; wenn man in gewissen Perioden der Sinnlichkeit zu viel
+Befriedigung verstattet; wenn die Eitelkeit und der Eigendünkel durch
+falsch angewandte Ermunterungs-Mittel geweckt und genährt ist; wenn
+die Lebens-Ordnung, welche eingeführt, und der Unterrichts-Plan,
+welcher befolgt wird, nicht dem Alter und den Anlagen des Zöglings,
+und überhaupt der Natur des kindlichen Gemüths und Geistes angemessen
+ist, vielmehr ganz davon abweicht; wenn endlich Kindern Vorurtheile des
+Standes und der Geburt eingeflößt werden, oder Wohlleben sie träge und
+verdrossen macht.
+
+
+ 38.
+
+~Die Lehren und die Eindrücke der Religion~ müssen allen andern Lehren
+und Eindrücken Kraft und Wirksamkeit geben. Daher geschehe in der
+Erziehung alles mit religiösem Geiste; aber man hüte sich dabei, den
+Ton zu verfehlen, der dem jedesmaligen Alter und der Bildungsstufe,
+auf welcher der Zögling steht, angemessen ist. Die Erziehung benutze
+sorgfältig alle die Mittel, welche ihr zu Gebote stehen, um die
+religiösen Eindrücke dem Herzen unauslöschlich einzuprägen, und da
+die Liebe des Gesetzes Erfüllung ist, so müsse jedes wohlwollende und
+theilnehmende Gefühl sorgsam gepflegt und genährt und schon in dem
+Kinde eine lebendige Ahnung seiner Menschenwürde und Bestimmung erweckt
+werden.
+
+Die Erziehung soll vor allem den Menschen zum Menschen bilden; sie soll
+die Grundzüge der Menschheit nicht verwischen, sondern ihnen Kraft und
+Leben geben; sie soll es auf Selbstständigkeit anlegen, und die Anlagen
+zur Sittlichkeit in dem Kinde ausbilden. Diejenigen Erzieher, die dieß
+verabsäumen, haben ihre Pflicht nicht halb erfüllt. Denn nie wird es
+der Mensch zu wahrer Sittlichkeit bringen, wenn er nicht Ehrfurcht,
+Liebe und Vertrauen gegen ein unsichtbares Wesen fühlt, welches er als
+Herr seines Schicksals betrachtet. Nur dadurch erhält der Wille Kraft
+und Festigkeit, nur dieß gibt den Gefühlen Lebhaftigkeit und Wärme,
+der Seele eine Richtung auf das Höhere. Aber ist die religiöse Bildung
+verabsäumt, so bleibt die Bildung für das ganze Leben mangelhaft und
+unvollständig; nur die Religion kann das Werk des Erziehers fördern und
+krönen. Gerade darum aber, weil die Religion Sache des Gefühls werden
+muß, wenn sie haften und wirksam seyn soll, müssen die religiösen
+Eindrücke schon in der frühesten Kindheit geschehen.
+
+Dahin gehört die Scheu vor einem unsichtbaren und allwissenden Richter,
+der belohnen und bestrafen kann; der Glaube, daß die Regungen des
+Gewissens Gottes-Stimme sind; daß alles Gute von Gott kommt, und daß er
+Beschützer und Führer der Menschen ist; daß er den Menschen durch seine
+Gesandten seinen Willen bekannt gemacht habe -- daß er ihre Gebete
+erhöre.
+
+Dahin gehört ferner Heilighaltung der Bibel, als eines göttlichen
+Buches; der Kirche, als Stätte der Andacht und Anbetung; des Sonntags,
+als eines dem Herrn und unserer Seele geweihten Tages; der Festtage,
+als solcher Tage, die uns an eine große Wohlthat Gottes erinnern -- vor
+allen auch der letzte Tag des Jahres.
+
+
+ 39.
+
+Die ~religiöse Bildung~ darf am wenigsten der weiblichen Seele fehlen,
+weil diese mehr durch Gefühle, als durch Verstandes-Begriffe und
+Grundsätze bestimmt und geleitet wird, und weil vor allem durch die
+Mütter religiöse Gesinnungen und Gefühle fortgepflanzt werden sollen.
+Das Menschengeschlecht wäre verloren, wenn Religiosität nicht mehr
+in weiblichen Herzen gefunden, und durch sie fortgepflanzt würde,
+so wie auch alle Erziehung bei Mädchen ihren Zweck nicht erreicht,
+wenn sie nicht eine religiöse, und durch Religion geheiligte und
+befruchtete ist. Dazu gehört nicht ein frühzeitiger eigentlicher
+Religions-Unterricht, oder daß man das lallende Kind schon zum Beten
+abrichte; wohl aber, daß man es durch Liebe und Ernst empfänglich mache
+für die Eindrücke der Religion; daß man die Schönheiten der Natur, und
+ihre furchtbaren Erscheinungen benutze, um des Kindes gerührte oder
+erschütterte Seele zur Ahnung Gottes und des Göttlichen zu erheben;
+daß man die, das kindliche Gemüth so sehr ansprechenden Erzählungen
+und Lehren der Bibel zur Weckung religiöser Gefühle benutze, und die
+einfachsten Aussprüche der Bibel seinem Gedächtnisse und Verstande
+einpräge; daß man es früh zum Genuß und zum Erkennen dichterischer
+Schönheit führe, und dadurch seinen Gefühlen eine höhere Richtung gebe.
+Ein schönes Lied, dem Kinde mit Empfindung vorgesprochen, wird gewiß
+bei den Meisten von großer Wirkung seyn. Auch das Hinführen in die
+Kirche, besonders bei feierlichen Gelegenheiten, wird hiezu mitwirken;
+nur verlange man nicht, daß das Kind bei dem ganzen Gottesdienste
+aushalten soll. -- Schriften, wie Gumal und Lina -- ~Spiekers~ Emiliens
+Stunden der Andacht -- ~Krummachers~ Parabeln und dessen Festbüchlein
+-- Allwin und Theodor von ~Jakobs~, und von demselben Rosaliens Nachlaß
+-- ~Witschels~ Morgen- und Abendopfer -- ~Glatz~ Andachtsbuch, werden
+hiebei gute Dienste leisten, noch besser ein zweckmäßiger Vortrag der
+biblischen Geschichte, und eine feierliche Morgen- und Abend-Andacht.
+
+
+ 40.
+
+Man beobachte sorgsam alles, was einen lebhaften und guten
+Eindruck auf das Kind gemacht, sein Nachdenken anhaltend beschäftigt,
+seine Wißbegierde am meisten angeregt hat, und suche alle diese
+Eindrücke und Regungen wieder aufzufrischen, damit die Seele dadurch
+gewisse Lichtpunkte erhalte, von wo aus sich Leben, Licht und Wärme
+durch das Ganze verbreite.
+
+Je öfter die Erfahrung lehrt, daß gerade das, wovon man sich den
+geringsten Eindruck versprach, die stärksten und bleibendsten bei
+den Kindern machte, und das, was Eindruck machen sollte, desselben
+verfehlte, desto nöthiger ist es, auf jenes zu merken, und den
+Eindruck nicht verlöschen zu lassen. Dieß gilt besonders von dem,
+was wohlwollende Gefühle, den Sinn für Gerechtigkeit und Wahrheit
+weckt und belebt, was die Ahnung des Göttlichen hervorruft, das
+Selbstgefühl stärkt, den Thätigkeitstrieb erhöht, zur Selbstverleugnung
+ermuntert und stärkt. Bei dem einen Kinde ist's z. B. eine Aeusserung
+des Mißtrauens, wodurch es tief bewegt wird; bei einem andern die
+Betrübniß, die man über seine Fehltritte äussert; bei einem dritten der
+Anblick eines ausgearteten Kindes; bei einem vierten das Gelingen einer
+gefürchteten Arbeit -- bei einem fünften ein Geschenk von Werth -- ein
+unerwartetes Lob -- ein empfindlicher oder beschämender Tadel.
+
+
+ 41.
+
+Nothwendig muß hiernach die Erziehung modificirt werden; es bildet
+sich hieraus eine ~pädagogische Klugheitslehre~. Kinder von einer
+zarten Reizbarkeit, von vorzüglichen sittlichen Anlagen, und solche,
+die auf alles merken, alles zu Herzen nehmen, über alles nachdenken,
+wollen mit einer vorzüglichen Sorgfalt und Behutsamkeit behandelt seyn.
+Lebhafte Kinder bedürfen und ertragen starke Eindrücke, phlegmatische
+starke Reizmittel. Mädchen werden leicht durch Anregung der Phantasie
+fortgerissen. Eine rührende Geschichte kann sie leicht für ganze
+Tage zu einer gewissen Niedergeschlagenheit stimmen, oder doch ihre
+Phantasie in Aufruhr bringen -- eine Schmeichelei die Eitelkeit in
+furchtbarer Kraft wecken.
+
+
+ 42.
+
+Die Erziehung lege es daher nicht so sehr auf starke und lebhafte,
+als auf ~bleibende Eindrücke~ an. Diese werden durch ein sich gleich
+bleibendes herzliches Benehmen, durch Erneurung und Belebung sittlicher
+Regungen, durch Einflößung religiöser Gesinnungen und Gefühle bewirkt;
+aber auch durch Benutzung ausserordentlicher Ereignisse, z. B.
+Unglücks- und Todesfälle, Verluste, Krankheiten, durch welche besonders
+der Sinn für Religion geweckt und belebt wird.
+
+Wir hören hierüber die Bekenntnisse eines gewesenen Schulmannes aus
+seinen Jugend-Jahren. (S. Neue Bibliothek für Pädagogik von Gutsmuths,
+Julius und August 1812.)
+
+»Ich vergegenwärtige mir noch lebhaft die schönen Abend-Dämmerungen,
+in welchen meine Mutter, mich herumtragend, geistliche Lieder sang.
+Mit sanfter, süßer Gewalt ergriffen mich diese Lieder. Ich horchte
+und horchte, und mag auch wohl die Händlein gefaltet haben. Ein Reich
+Gottes that sich mir auf; ich hatte an diesen Abenden, das weiß ich
+noch heute, eine milde, fromme, kindliche, ich möchte sagen: heilige
+Gesinnung, wie mir denn auch die gute Mutter ihre Zufriedenheit mit
+meinem Thun und Treiben nicht versagen konnte, so lange diese Klänge
+und Vorstellungen noch wiederhallten. Ich verstand freilich viele
+Ausdrücke in diesen Liedern nicht; aber der mir zusammenhängend
+verständlichen waren genug. Manches hellte mir die, zwar sehr dürftige,
+Belehrung auf, und übrigens fand ich mich instinktartig zurecht. Ich
+verstehe mich hier selbst wohl. Bewahre mich Gott, die Erkenntniß des
+Verstandes zu verachten! Was kann herrlicher seyn, als das Denken,
+welches selbst eine göttliche That ist, auf das Göttliche angewandt.
+Ich meine nur, das Uebersinnliche, das im Menschen ursprünglich gesetzt
+ist, als: Gott, Gewissen und Rechenschaft, wurde mir in das Bewußtseyn
+gebracht durch jene Gesänge, und wenn ich einmal auf diesem heiligen
+Boden war, so konnten ein Paar dunkle Vorstellungen ab und an nichts
+verschlagen; die Hauptsache, der Grund aller wahren Religion, war
+gewonnen. Ich segne meine Eltern, daß sie mir den Gedanken des Heiligen
+eher einpflanzten, ehe noch die rechte Sünde kam, und die größere
+Zerstreuung. Keine Erkenntniß zu dulden, die nicht durch den Begriff
+kommt, das ist spätere Losung gewesen. Wir haben gesehen, wie weit wir
+damit im Erkennen, Wollen und Fühlen gekommen sind.«
+
+»Ich mußte früh und Abends ~beten~, vor und nach Tische, und sah es
+die Eltern gleichfalls thun. Oft hatte ich keine Andacht dabei; oft
+wurde ich dazu gezwungen. Ein Erzieher meiner spätern Jahre machte
+es umgekehrt; er versagte mir das laute regelmäßige Beten, wenn ich
+nicht gesammelt war, mit dem Beifügen, daß ich mich Gott in einer
+solchen Stimmung nicht nahen dürfe, weil ich ihm mißfällig sey. Das
+wirkte mächtig auf mich. Indessen entsinne ich mich keines Schadens,
+den das mechanische Geplapper mir gebracht hätte. Doch kann es seyn,
+daß die sinnvollere Erziehung, die ich vom neunten Jahre an ausser
+dem Hause erhielt, mich vor solchem Schaden bewahrt hat. Dagegen weiß
+ich, daß ich auch sehr oft andächtig betete; daß mir der Gedanke an
+Gott und die Beschäftigung mit ihm etwas wurde, das sich von selbst
+verstände; daß mir bei unerlaubtem Dichten und Trachten eben deshalb
+die Erinnerung an Gott schneller in den Weg trat, und mich in manchem
+Schlechten aufhielt; daß ich mich gewöhnte, den Tag und die Nacht als
+ein Geschenk des liebevollen Gottes, und das Leben, als bedürftig der
+Weihe in jedem seiner Theile zu betrachten. Ich kam zeitig unter eine
+gewisse Gottesherrschaft, die dem Leben getaufter Menschen erst den
+wahren Werth gibt; ich lernte endlich durch eingeimpftes Beten auch
+frei beten, und meine religiösen Vorstellungen unaufgefordert an Gott
+richten. Es ist in der That die Frage, ob eine allzu ängstliche Scheu
+vor dem Mechanismus im Beten im Anfang der religiösen Erziehung nicht
+dem höchsten, dem freien Beten selbst, auf Zeitlebens nachtheilig wird.
+Mich dünkt, das Beten wolle, wie jede Seelen-Verrichtung, ~geübt~ seyn.«
+
+»Ich bekam Bibelsprüche zum Auswendiglernen. Viele darunter verstand
+ich nicht ganz; mehrere waren in der Auslegung unrichtig; erklärt
+wurden mir wenige recht. Die einen habe ich in der Folge verstehen,
+die andern recht erklären gelernt. Gesetzt, mir wäre Beides nicht ganz
+zu Theil geworden, so hätte ich doch immer, wie geschehen ist, einen
+Schatz gesammelt von Lehre, Warnung und Trost in erhaben einfacher
+Sprache der Urwelt.«
+
+»Dem häuslichen Vorlesen und Hören von Predigten habe ich als Kind nie
+etwas abgewinnen können. Die Schuld mochte theils daran liegen, daß
+Predigten für mein Kindesalter nicht paßten, theils an der schlechten
+Declamation. Aber das häusliche Singen an Sonn- und Festtagen erbaute
+mich mehr. Da ich ein vortreffliches Gedächtniß habe, so lernte ich
+die vornehmsten Lieder unseres Gesangbuchs kennen, viele auswendig.
+Wie mancher Vers der Gottbegeisterten Dichter ~Paul~, ~Gerhard~,
+~Richter~, ~Luther~, ~Neumann~, und später des sanften ~Gellert~,
+hat mich mahnend, warnend, tröstend durch das Leben geleitet! Wo die
+heutige Jugend so oft trostlos schwankt, oder in wilder Verworrenheit
+dem Abgrund zutaumelt, habt ihr Unsterblichen mich fest und aufrecht
+erhalten.«
+
+»Die Vorstellungen und Gefühle der Religion waren es vorzüglich, die
+meine dunkeln, gemeinen, verkümmerten Kinder-Jahre erhellten, adelten
+und beseligten. Eine Welt ging mir im Geiste auf, deren Schimmer die
+enge sichtbare mir nicht verdüstern konnte. Mit dem Ministerknaben,
+der im stolzen Prachtwagen bei mir vorüber fuhr, hatte ich einen Gott,
+zu dem ich beten konnte; ich war getauft, wie er; ich erstand einst
+aus dem Staube, wie er, nicht mehr gebeugt, sondern verklärt. An den
+einfachern Weltverhältnissen, die ich im Evangelienbuche anschaute,
+richtete sich meine schüchterne Seele auf; die festlichen Tage der
+Christen brachten auch in meiner Eltern Haus einen Schimmer der Freude;
+an Abendmahlstagen sah ich die höchste Erhebung an ihnen, und wie sie
+da mit besonderer Scheu das Unheilige mieden, so ermannten sie sich
+auch, des Lebens Sorgen wegzuwerfen. Mitten unter den Thränen, die ihr
+Brod benetzten, sah ich auch oft den vertrauensvollen Blick gen Himmel
+gerichtet, und hörte ein Wort wechselseitiger Tröstung gesprochen,
+das nicht auf täuschende Erdenhoffnungen gegründet war. So lernte ich
+zeitig etwas von der erhabensten aller Künste, zu stehen wie ein Berg
+Gottes, den Fuß in Ungewittern, das Haupt in Sonnenstrahlen.«
+
+
+ 43.
+
+~Jean Paul~ sagt in seiner Levana: »Zeiget überall, auch an den
+~Grenzen~ des heiligen Landes der Religion, dem Kinde anbetende und
+heilige Empfindungen; diese gehen über, und entschleiern ihm zuletzt
+den Gegenstand, so wie es mit euch erschrickt, ohne zu wissen, wovor.
+Newton, der sein Haupt entblößte, wenn der größte Name genannt wurde,
+war ohne Worte ein Religions-Lehrer von Kindern geworden. Nicht ~mit~,
+aber ~vor~ ihnen dürft ihr beten, das heißt: Gott laut danken. Eine
+verordnete und befohlene Erhebung und Rührung ist eine entweihte.
+Kindergebete sind ~leer~ und ~kalt~, und eigentlich nur Ueberreste des
+jüdisch-christlichen Opferglaubens, der durch Unschuldige, statt durch
+Unschuld, versöhnen und gewinnen will.« Das Wahre an dieser zu stark
+ausgedrückten Behauptung ist wohl dieß, daß eine befohlene Andacht gar
+keine ist, und daß ein Tischgebet vor dem Essen jedes Kind verfälschen
+müsse.
+
+»Gebt dem Kinde,« heißt es dort weiter, »unser Religions-Buch in die
+Hand, aber schickt die Erklärung dem Lesen nicht nach, sondern voraus,
+damit in die junge Seele die fremde Form als ein Ganzes dringe.
+Warum soll erst der Mißverstand der Vorläufer des Verstandes seyn?
+Um die schöne Frühlingszeit der religiösen Aufnahme des Kindes unter
+Erwachsene -- eine so wichtige, da es vor dem Altare zum erstenmale
+öffentlich und mit allen Rechten eines ~Ichs~ auftritt und forthandelt
+-- um diese einzige Zeit, wo plötzlich das dämmernde Leben in ein
+Morgenroth aufbricht, und dadurch das Neue der Liebe und der Natur
+verkündigt, gibt es keinen schöneren Priester für die junge Seele, als
+der Dichter ist, welcher eine sterbliche Welt vernichtet, um auf ihr
+eine unsterbliche zu bauen.« Levana 1. 146.
+
+
+ 44.
+
+Verhüte sorgsam alles, wodurch die Freudigkeit Deines Zöglings
+geschwächt oder unterdrückt werden könnte, und erhalte ihn daher
+in einer ununterbrochenen, seinem Alter und der kindlichen Natur
+angemessenen ~Thätigkeit~; flöße ihm keine Furcht, sondern nur
+ehrerbietige Scheu, keine Aengstlichkeit und Schüchternheit, sondern
+Freimüthigkeit und Bescheidenheit ein; suche selbst da, wo Du einen
+Zwang eintreten lassen mußt, seinen Willen zu gewinnen, und benimm ihm
+nicht durch übertriebene Strenge und durch Pedanterie die Lust und
+Liebe zu dem, was er thun soll. Störe ihn nicht in seinen Spielen; sey
+kein Spiel-Verderber.
+
+»Die Erziehung unserer Väter hatte eine düstere und abschreckende
+Gestalt, und noch jetzt ist das Vaterhaus für die armen Kinder ein
+Zwinger, in welchem sie, gleich eingefangenem Wild, nur gefüttert und
+geschlagen werden.«
+
+Hierin ist's besser geworden, obgleich man auch hier und da auf
+das andere Extrem verfallen ist. Ganz ohne äussern Zwang geht es
+freilich in der ersten Erziehung nicht ab, aber es kommt darauf an,
+was für eine Farbe dieser Zwang trägt, und wie er eingeleitet wird.
+Kinder sträuben sich gegen anhaltende und ernste Thätigkeit, gegen
+Gehorsam und Gebot, gegen eine feste Ordnung, gegen Entbehrungen und
+Entsagungen. Hier muß oft Zwang eintreten, der Wille ihnen gebrochen
+werden, wenn nicht Ausartung erfolgen soll. Aber es gibt doch auch
+eine freundliche und wohlwollende Strenge, es gibt Mittel, ihnen
+den Zwang zu versüßen und zu erleichtern: Mannigfaltigkeit und
+Abwechselung in den Beschäftigungen und Arbeiten, Herablassung und
+Herabstimmung, ein freundlicher Scherz, Lob und Ermunterung, Belohnung
+und gleichmäßige Thätigkeit, Sinnenlust. Es ist nicht schwer, Kindern,
+deren Phantasie so beweglich ist, die Unlust zu benehmen, und dann
+werden von selbst alle Kräfte rege. Man darf nur die Sinnlichkeit
+der Kinder zu Hülfe rufen, und ihr einige Nahrung geben, so ist der
+Wille gewonnen, »besonders da der Schmerz und die Traurigkeit der
+Kinder ohne Vergangenheit und Zukunft ist.« Wer allen Forderungen
+und Geboten gleich die Drohung hinzufügt, oder in einem rauhen Tone
+gebietet, oder fordert, was so schwache Kräfte nicht leisten können;
+wer nicht zu Hülfe ruft die Anregungen des Wetteifers, des Lobes,
+der Belohnung, oder wohl gar die Arbeit als Strafe dictirt und
+verordnet, der mag sich nicht beklagen, wenn ihm überall die ~Unlust~
+entgegentritt. Aber die Heiterkeit und Freudigkeit der Kinder soll
+nicht erkauft und erschmeichelt, oder durch dargebotenen Genuß und
+durch beständige Reizmittel erzwungen werden, vor allem nicht durch
+Nährung und Befriedigung des Ehrtriebes; auf diesem Wege bildet man nur
+Selbstsüchtige und eitle Thoren, die keines reinen Beweggrundes mehr
+fähig sind. Auch sind diese Mittel so bald erschöpft, und es entsteht
+große Verlegenheit.
+
+
+ 45.
+
+»~Heiterkeit~ oder ~Freudigkeit~ ist der Himmel, unter dem alles
+gedeiht, Gift ausgenommen.« Aber wiederum die Heiterkeit kann nicht
+gedeihen, wo die Sinnlichkeit der Kinder zu freigebig genährt wird;
+vielmehr entsteht alsdann ein launichtes und mürrisches Wesen, und die
+Kinder wissen nicht, was sie wollen. »Kleine Genüsse dagegen wirken,
+wie Riechfläschchen, auf die jungen Seelen, und stärken von Thätigkeit
+zu Thätigkeit.« -- Seltene Genüsse sind, nebst einer sich gleich
+bleibenden Thätigkeit, die beste Nahrung für Heiterkeit und Frohsinn,
+und ihre Bedingung ist Gesundheit des Leibes und der Seele.
+
+Laß das Kind nicht zu viel und nicht zu wenig, nicht zu lange und
+nicht zu kurze Zeit spielen, und überhäufe es nicht mit Spielsachen,
+denn das führt nur zum Ueberdruß und zur Laune; »auch verwelkt an
+reicher Wirklichkeit und verarmt die Phantasie. Vor den Kindern, deren
+Phantasie noch stärker, als im Jünglings-Alter, schafft, spielt Ein
+Spielzeug oft alle Rollen, und es schmeckt ihnen gerade so, wie sie es
+jedesmal begehren.«
+
+Eben deswegen bedürfen sie keines schönen Spielzeuges, denn ihre
+Phantasie bildet es viel schöner, als die Kunst es vermöchte. »Daher
+die Erscheinung, daß sie die häßlichsten Puppen oft am liebsten haben,
+z. B. des Vaters alten Stiefelknecht an Kindes- oder Puppen-Statt
+annehmen.« Hingegen je älter der Mensch wird, desto mehr bedarf er, daß
+ihm eine reiche Wirklichkeit erscheine.
+
+
+ 46.
+
+~Das Spiel ist die eigentliche Heimath der kindlichen Seele, ist sein
+Paradies, auch mit dem Baum der Erkenntniß.~ Hütet euch aber, der
+flammende Cherub zu seyn, der sie aus diesem Paradiese verjagt; sie
+verlassen es von selbst, wenn es aufgehört hat, für sie ein Paradies
+zu seyn. Spielt das Kind zu lange, nämlich auch dann noch, wenn es
+schon das Bedürfniß, beschäftigt zu seyn, lebhaft fühlt, so ist
+ihm das Spiel verderblich; zu wenig, so nimmt es eine unnatürliche
+Richtung, und verliert seine Freudigkeit und Heiterkeit. ~Es kommt
+viel darauf an, daß der Uebergang vom Spiel zum Lernen mit Vorsicht
+und Klugheit geschehe.~ Bilder und bildliche Darstellungen vermitteln
+diesen Uebergang am besten; aber auch hiebei beobachte man eine
+weise Sparsamkeit, und gebe ihnen nicht zuerst unbekannte Thiere und
+Gewächse, die ein gelehrtes Auge fordern, sondern solche Bilder, auf
+welchen Menschen oder Thiere handelnd dargestellt werden. »Auch sind
+kleine Bilder den Kindern angemessener und angenehmer, als große. Was
+für uns fast unsichtbar ist, ist für Kinder nur klein; sie sind nicht
+bloß moralisch, sondern auch physisch kurzsichtig, folglich gewachsen
+der Nähe; und mit ihren kurzen Ellen, mit ihrem Leibchen, messen sie
+ohnehin überall so leicht Riesen heraus, daß wir wohl thun, wenn wir
+ihnen die Welt im verjüngten Maßstabe vorführen.«
+
+Der Spielplatz ist die rechte Uebungsschule für alle moralische
+und geistige Anlagen und Kräfte der Kinder; daher die Erscheinung,
+daß einsam und einförmig erzogene Kinder sich so langsam und so
+einseitig entwickeln, und immer rauhe Ecken behalten, die selbst die
+Welt mit ihren Reibungen nicht abschleift. Aber soll der Spielplatz
+eine solche Uebungsschule werden, so muß Freiheit herrschen, und die
+Erwachsenen müssen nicht weiter, als wenn ein Friede zu schließen,
+oder ein Beschluß zu fassen ist, als Mittelspersonen und Rathgeber,
+oder höchstens als Redner mit Vorschlägen in dieser Volksversammlung
+auftreten. Aber die Vorschläge, und das Abstimmen darüber kann von
+gutem Nutzen seyn; nur bleibe es auch, wie in der Volksversammlung, bei
+dem, was die Mehrheit beschlossen hat.
+
+Das schönste und reichste Spiel ist Sprechen, erstlich des Kindes mit
+sich, und noch mehr der Eltern mit ihm. Ihr könnt im Spiele und zur
+Lust nicht zu viel mit Kindern sprechen, so wie bei Strafe und Lehre
+nicht zu wenig. Levana 1r Th. S. 197.
+
+
+ 47.
+
+»Nur Kinder sind kindisch genug für Kinder. Eltern und Lehrer sind
+ihnen immer jene fremde Himmelsgötter, welche, nach dem Glauben
+vieler Völker, dem neuen Menschen auf der neugebornen Erde lehrend
+und helfend erschienen waren; wenigstens sind sie den Kinder-Zwergen
+die körperlichen Titanen. Folglich ist ihnen in dieser Theokratie und
+Monarchie freies Widerstreben verboten und verderblich, Gehorsam und
+Glaube verdienstlich und heilbringend. Wo kann denn nun das Kind seine
+Herrscherkräfte, seinen Widerstand, sein Vergeben, sein Geben, seine
+Milde, kurz jede Blüthe und Wurzel der Gesellschaft anders zeigen und
+zeitigen, als im Freistaate unter seines Gleichen? Schulet Kinder durch
+Kinder. Der Eintritt in den Spielplatz ist für sie einer in ihre große
+Welt, und ihre geistige Erwerbschule ist im kindlichen Spiel- und
+Gesellschafts-Zimmer.«
+
+»Wie das Schachbrett Kriegs- und Regierungs-Unterricht auftischen soll,
+so wächst auf dem Spielplatz der künftige Lorbeer- und Erkenntniß-Baum.
+-- Der Schaum des kindlichen Spiels sinkt zu wahrem Wein zusammen, und
+ihre Feigenblätter verhüllen nicht Blößen, sondern süße Feigen.«
+
+
+ 48.
+
+~Gesang~ gehört, wie Musik überhaupt, zu den wirksamsten Mitteln, die
+Freudigkeit und Heiterkeit der Kinder zu beleben, und gleichsam einen
+Fond von Freudigkeit in ihnen anzulegen. »Musik sollte eher, als die
+Poesie, die fröhliche Kunst heißen; sie theilt Kindern nur Himmel aus,
+denn sie haben noch keinen verloren, und setzen noch keine Erinnerungen
+als Dämpfer auf die hellen Töne. Wählet schmelzende Tongänge und weiche
+Tonarten, ihr heitert doch damit das Kind nur zu Sprüngen auf. Einige
+Jahre kann das Kind weinen über Töne, wie der Vater, aber jenes nur vor
+Ueberlust, da bei den Kindern unsere Erinnerung noch nicht den tönenden
+Hoffnungen die Rechnungen des Verlustes unterlegt. -- Gibt es etwas
+Schöneres, als ein frohsingendes Kind?«
+
+Wollet ihr, daß das Kind singe, und durch Gesang fröhlich gestimmt
+werde, so machet es empfänglich für Einwirkung der Musik, indem ihr
+seine Gefühle für's Schöne bildet und nähret, für seine Gesundheit
+sorget, es vor übler Laune und Mißmuth durch Gewöhnung zur Genügsamkeit
+bewahret. Jene, von Lust und sinnlichem Genuß übersättigte Kinder,
+können nie fröhliche Kinder werden, denn die Freude wohnt nicht
+bei dem Ueberdruß. So wie die Menschen, welche dem Glücke gleichsam
+im Schooße sitzen, nie wahrhaft glücklich, und nichts weniger, als
+allezeit fröhlich sind, so noch viel weniger die Kinder, welche nie
+eine rauhe Luft anwehte, denen nie ein Wunsch versagt ward.
+
+
+ 49.
+
+Auch eine zu große Anstrengung des kindlichen Geistes ertödtet die
+Fröhlichkeit der Kinder; die Seele erliegt unter der Last, die
+ihrer Kraft nicht angemessen ist, und der Körper erliegt mit ihr.
+Da, wo man mit ängstlicher Eilfertigkeit den Kindern gleich in den
+frühesten Jahren des erwachenden Verstandes eine Masse von Kenntnissen
+einzupfropfen bemüht ist, entsteht eine unnatürliche Ernsthaftigkeit,
+ein verdrießliches und in sich gekehrtes Wesen, und hat das Kind auf
+diese Art Schaden an seiner Seele genommen, so wird es nie wieder eine
+rechte Heiterkeit gewinnen.
+
+Vor allem aber ist Herzensreinheit und Unschuld die Quelle der
+Freudigkeit und Fröhlichkeit; darum hören die Kinder auf, fröhlich zu
+seyn, so bald sie etwas zu verhehlen und zu verbergen haben. Religiöse
+Eindrücke und vertrauter Umgang der Eltern werden sie am sichersten
+davor bewahren. Kinder, die den Allwissenden und Allgegenwärtigen
+scheuen, werden nicht leicht heimlich sündigen, und wenn sie fallen,
+bald wieder aufstehen. Aber erfüllet auch gern ihre unschuldigen
+Wünsche, gönnet ihnen unschuldige Genüsse, sonst nöthiget ihr
+selbst sie zu Heimlichkeiten, und weg ist dann ihre Freudigkeit und
+Fröhlichkeit.
+
+
+ 50.
+
+Endlich erhaltet sie im ~Umgange mit der Natur~, und reichet ihnen oft
+den Becher der Freude, dadurch, daß ihr sie unter Gottes Himmel führet,
+und sie die reine Himmelsluft einathmen lasset. Indem diese durch ihre
+Adern strömt, ergreift Freude und Fröhlichkeit ihr ganzes Wesen. Die
+Natur ist und bleibt die unversiegbare Quelle der Freude, und wer aus
+dieser nicht schöpfen darf, genießt sein Leben nur halb. Aber gebt auch
+den Kindern ~Gespielen ihrer Lust~, wenn ihr sie hinausführet; das
+Kind, welches sich nicht mit andern Kindern freut, genießt nur halb.
+Die Einsamkeit macht Kinder gemüthskrank, so wie der enge Horizont der
+Stube und die Stubenluft. Der Geist wird freier, wo das Auge weit und
+frei umher blicken kann. Viele Kinder verschmachten körperlich und
+geistig, wenn sie nie oder zu selten hinauskommen in's Freie.
+
+Auch der Veränderlichkeit, welche zur Natur des menschlichen
+Geistes gehört, und die so wohlthätig wirkt, gib mit Weisheit nach,
+damit des Kindes Freudigkeit erhalten und genährt werde, durch
+die Mannigfaltigkeit seiner Beschäftigungen. Wird ein Kind durch
+Furcht und Strafe gezwungen, bei einer einförmigen und anstrengenden
+Beschäftigung stundenlang, wohl tagelang auszuhalten, so geht leicht
+Gesundheit und Freudigkeit verloren. So ist's, wenn z. B. mütterliche
+Eitelkeit oder die Charlatanerie der Schule von dem armen Mädchen in
+kurzer Zeit eine Arbeit erpreßt, zu welcher die höchste Sorgfalt und
+Anstrengung erfordert wird. So werden oft Talente und Freuden-Tage
+(z. B. Geburtsfeste) den Kindern zu Folterbänken gemacht, auf welchen
+sie ihre besten Gemüthskräfte ausseufzen. Die Veränderlichkeit der
+Kinder ist nicht Laune und Uebermuth, »sondern die natürliche Folge
+der schnellen Entfaltungsreihe; denn das so eilig reifende Kind sucht
+in neuen Ländern neue Früchte, wie ja sogar der Alte in alten neue --
+und vielleicht liegt auch der Grund noch tiefer, nämlich in dem Mangel
+an Zukunft und Vergangenheit, wobei ein Kind desto stärker von der
+Gegenwart getroffen und erschöpft wird.«
+
+
+ 51.
+
+Die Regel sagt: suche selbst da, wo Du Zwang eintreten lassen mußt,
+seinen Willen zu gewinnen, besonders bei anhaltender Beschäftigung und
+bei dem Uebergange vom Spiel zur Arbeit -- ferner bei Enthaltsamkeit
+und Mäßigkeit im Genuß. Daher werde jeder reine Zwang möglichst
+verhütet und vermieden, und der Gehorsam werde dem Kinde nicht
+Ertödtung seiner kindlichen Gefühle und Triebe; denn dabei muß
+nothwendig alle Freudigkeit verloren gehen, da sich der Erzieher in
+einen Zuchtmeister verwandelt, und dem Kinde allen eigenen Willen
+nimmt. Muß sich das Kind nicht gedrückt, gemißhandelt und gekränkt
+fühlen, da es sich zu den Absichten und Gründen der Erwachsenen nicht
+zu erheben vermag? muß es nicht störrisch, mürrisch und trübsinnig
+werden, wenn man ihm gar keinen eigenen Willen zugestehen will?
+
+»Der kindliche Gehorsam kann, an und für sich, ohne Berechnung mit
+seinem Motiv, keinen andern Werth haben, als daß den Eltern Vieles
+dadurch leichter wird. Oder gälte es auch für Seelenwuchs, wenn
+euer Kind nun überall so vor allen Menschen, wie vor euch, seinen
+Willen unterordnete, böge und bräche? Welcher gelenkige, geräderte
+Gliedermensch, aufs Rad des Glücks (Gehorsam) geflochten, wäre das
+Kind! Allein was ihr meint, ist nicht dessen Gehorchen, sondern seine
+Antriebe dazu, die Liebe, der Glaube, die Entsagungskraft, die dankende
+Verehrung des Besten, nämlich des Eltern-Paars. Und dann habt ihr
+Recht. Aber um so mehr ~gebietet~ nirgends, wo euch das höhere Motiv
+nicht selber aufruft und gebeut.« S. Levana 1r Th. S. 221.
+
+~Verbieten~, besonders wenn es mit Worten der Liebe geschieht, wird das
+Kind nicht so mürrisch machen, als ~Gebieten~; es wird ihm leichter,
+zu unterlassen, als zu thun, weil es bei dem Unterlassen noch die
+Freiheit behält, etwas anders zu thun -- ihr müßtet es denn mit euren
+Verboten wie mit Schranken einengen, oder damit auf jedem Schritte
+verfolgen, oder verbieten, was das Kind, weil es ein Kind, und dies
+Kind ist, nicht lassen kann, z. B. zerbrechen und zerreissen, oder
+lärmen und springen, oder albern seyn. -- Gebietet ihr zu viel und zu
+oft, so wird das Kind furchtsam und ängstlich; immer steht ihm ein
+Gebot schreckend und drohend vor Augen, und es verliert endlich alle
+Heiterkeit und Freimüthigkeit: Nichts tödtet so sehr alle Freudigkeit
+der Kinder, als ungerechtes Ge- und Verbieten, und nichts lähmt so
+sehr ihre Willenskraft. Ein Gebot im Ton der Bitte, der Aufforderung,
+wobei Liebe und Ehrtrieb zu Hülfe gerufen, oder ein ~Ableiter~ für die
+Begierde aufgerichtet wird, würde anders, und besser wirken. Und der
+pädagogischen Klugheit bieten sich überall solche Ableiter dar, durch
+welche die Begierde nicht nur von dem Thörichten und Gefährlichen
+abgeleitet, sondern auch zugleich auf etwas Gutes und Nützliches
+hingeleitet wird, z. B. eine angenehme Beschäftigung, ein Auftrag, eine
+Erzählung, ein Reiz für die Neugierde u. dgl. m. Und wie viel liegt
+daran, daß Kinder mit Freudigkeit gehorchen lernen! -- fast die ganze
+Charakterbildung. Auch ist doch nur das Gehorchen mit Freudigkeit ein
+wahres Gehorchen.
+
+»Nur den Sclaven peitscht man zum Ueberverdienst; aber selbst das
+Kameel trabt nicht hinter der Peitsche, sondern nur hinter der Flöte,
+schneller.« (Jean Paul.)
+
+
+ 52.
+
+Auch durch ~Belohnungen~ und ~Bestrafungen~ suche die Erziehung auf den
+Zögling und seinen Willen zu wirken; denn da die ~natürlichen~ Folgen
+nicht gleich sichtbar und fühlbar, oft sogar durch dazwischen tretende
+Umstände verzögert oder entfernt werden, und Kinder so erfinderisch
+sind in Entschuldigungen und Beschönigungen; so sind ~positive~
+Belohnungen und Bestrafungen in der Erziehung unentbehrlich, um den
+Willen der Kinder von Thorheiten und Fehltritten abzulenken, und ihn
+für das Gute zu gewinnen; doch müssen sie, wenn sie wohlthätig wirken
+sollen, der reinen Sittlichkeit keinen Eintrag thun, und also weder in
+unnatürliche Zwangsmittel, noch in Bestechungen des Willens ausarten,
+(wie z. B. wenn die Leckerhaftigkeit oder die Eitelkeit, oder wohl gar
+der Neid der Kinder angeregt, und als Reizmittel gebraucht wird), noch
+jemals einen an sich guten Trieb, wie z. B. den Ehrtrieb unterdrücken,
+oder den Muth und die Freudigkeit des kindlichen Gemüths. -- Der
+Zögling selbst muß sie als nothwendig und wohlthätig erkennen, und
+sie müssen keine Spur von Laune, Eigennutz oder Härte an sich tragen.
+Darum ist es z. B. unverantwortlich, wenn Eltern und Erzieher von vier-
+und sechsjährigen Kindern ein stundenlanges Stillsitzen bei einem
+Bilderbuche oder bei einer Arbeit, bei der Fibel, dem Schreibebuche,
+verlangen, und es durch Drohungen oder Versprechungen erzwingen.
+
+Behutsam und sparsam wollen sie angewandt seyn, gleichsam als Würze der
+Erziehung, damit nicht auf der einen Seite Eigennutz und Selbstsucht,
+auf der andern Furcht entstehe, und der Zögling auch ~unbelohntes Gute~
+liebe, und ~unbestraftes Böse~ verabscheue. Folgende Regeln sind hiebei
+zu beobachten: 1) So lange es noch andere Mittel zum Zweck gibt, trete
+keine Belohnung und keine Strafe ein; nur, wenn jedes andere unwirksam
+blieb, oder geringe Wirkung that. Aeusserungen der Liebe wirken besser,
+als Aeusserungen des Beifalls; Aeusserungen der Unzufriedenheit und
+Betrübniß besser, als Verweise und Strafen. Darum sollen diese nur
+im Nothfalle eintreten. 2) Kinder, die unverwöhnt, natürlich gut und
+gefühlvoll sind, sollen nicht gestraft und nicht belohnt werden, denn
+das würde sie nur verderben. Bei Verwöhnten ist Strafe und Belohnung
+nothwendig. Eben so bei Kindern von großer Lebhaftigkeit und starker
+Sinnlichkeit. 3) Man beobachte das genaueste Verhältniß gegen Verdienst
+und Schuld. Wenn ein Kind sich im Memoriren auszeichnet, oder wegen
+seines Phlegma's still und folgsam ist, so hat es auf keine Belohnung
+Anspruch. Wenn ein Kind von dürftiger Fähigkeit keine Fortschritte
+macht, so kann es nicht bestraft und nicht getadelt werden. Da, wo
+eine natürliche Weichheit und Gutmüthigkeit die einzige Quelle des
+Gehorsams, der Gesetztheit und Lenksamkeit ist, wird der Erziehung
+durch unberufene Lobredner und freigebige unbesonnene Lobsprüche sehr
+oft ihr Werk verdorben. Wo die Natur oder die Umstände Hindernisse
+in den Weg gelegt haben, aber eifriges und anhaltendes Streben sich
+zeigt, da werde liebreich belehrt und ermuntert. Man unterscheide
+wohl bösen Willen und Schwachheit, und traue jenen den Kindern nicht
+leicht zu, versage dieser die verdiente Nachsicht nicht. Daher sind
+alle feststehende Strafen und Belohnungen bedenklich; denn wie oft
+wird die Schuld zur Unschuld durch die Berücksichtigung der Umstände;
+wie oft sinkt das scheinbare Verdienst zur Schwachheit hinab, wenn man
+genauer nach seinem Ursprunge forscht. Aber bei feststehenden Strafen
+kann keine von den Rücksichten genommen werden, welche Klugheit und
+Billigkeit vorschreiben. So ist es besonders mit Ehrenbezeigungen.
+4) Man beobachte genau die Wirkungen der Belohnung und Strafe, denn
+diese sind oft ganz anders, als man sie erwartet hatte, und bei
+verschiedenen Kindern verschieden. Die Furcht, welche abschrecken
+sollte, reizt zuweilen, besonders bei Kindern, welche einen festen
+Willen haben, und durch ihr Temperament fortgerissen werden. 5) Man
+hüte sich ein Straf-Urtheil im Zorn auszusprechen, noch mehr es im
+Zorn zu vollziehen. 6) Man beobachte eine gehörige Stufenfolge im
+Strafen, und lasse sich durch des Kindes Widerstreben nicht reizen.
+7) Sichtbare und innige Reue wende die Strafe ab, oder diese bestehe
+doch nur in der Aufgabe, den Fehler wieder gut zu machen. 8) Die
+sichtbare Theilnahme des Strafenden erhöhe die Wirksamkeit der Strafe,
+die immer als Aeusserung der Liebe erscheinen muß. 9) Man suche die
+Strafe den natürlichen Folgen der Handlungen möglichst anzupassen und
+gleich zu stellen, und schließe also z. B. das zänkische Kind von der
+Spielgesellschaft aus, lasse das unmäßige und leckerhafte entweder
+dieselbe Kost häufig nach einander, bis zum Ueberdruß genießen, oder
+fasten, oder nur das Einfachste genießen; strafe das träge Kind durch
+lange Weile, das flatterhafte durch Anhalten zur Wiederholung und zum
+Bessermachen, gönne dem fleißigen vorzugsweise Erholung und Vergnügen,
+schließe das geschwätzige und plauderhafte für eine Zeit von allem
+Umgange aus, nöthige das ungestüme zur Abbitte, gebe dem sanftmüthigen
+Aufsicht über Andere -- lasse die schmutzigen sich zurückziehen --
+die unordentlichen aufräumen. 10) Der Erzieher sorge dafür, daß
+sein Mißfallen und seine Mißbilligung die schwerste Strafe sey, und
+suche daher seinen Zöglingen Ehrerbietung und Liebe einzuflößen, ihr
+sittliches Gefühl zu schärfen, ihr Ehrgefühl zu erhöhen. 11) In solchen
+Fällen, wo an der Aufrichtigkeit der Reue zwar nicht zu zweifeln ist,
+aber der Wille des Kindes sich noch sehr schwach und wankend zeigt,
+erlasse man die Strafe nicht, aber man lasse dem Kinde die Wahl
+zwischen zwei Strafen.
+
+Bei eingewurzelten Fehlern und geringem Ehrgefühl können auch solche
+Strafen sehr wohlthätig werden, die beschämen und demüthigen, z. B.
+Absonderung und Entfernung, Bekenntniß und Abbitte.
+
+
+ 53.
+
+Die Wirksamkeit der Strafe und Belohnung werde durch die Gesinnung
+erhöht und befördert, welche der Erzieher dabei zu erkennen gibt: die
+herzliche Betrübniß über die Fehltritte des Zöglings, das Bedauern
+seines Wankelmuths, das Trauern über seinen Leichtsinn, die Freude über
+seine Besserung und seine Fortschritte im Guten. Er erblicke nie den
+Zorn, den eine persönliche Beleidigung entschuldigen oder rechtfertigen
+würde, und zürne nur sich selbst, nie seinem strafenden Erzieher. Die
+Liebe desselben sey seine höchste Belohnung, die Trauer desselben seine
+härteste Strafe.
+
+~Für Belohnungen besonders~ stehet Folgendes ~als Regel~ fest:
+
+1. Sie werde nie für das ertheilt, was allein die Natur gab, und also
+nicht errungen werden durfte, sondern nur für das, was Anstrengung,
+Ueberwindung, Geduld und Beharrlichkeit kostete.
+
+2. Man lasse sie sich nicht abschmeicheln durch ein gefälliges
+Betragen, zarte Aufmerksamkeit, scheinbare Folgsamkeit. Leider
+kommen auch in der Kinderwelt schon die Künste der Heuchelei und des
+Schmeichelns zum Vorschein.
+
+3. Nie Geldbelohnungen (aber wohl Geldstrafen unter gewissen
+Umständen), und ~selten~, bei eitlen Kindern ~nie~, Ehren-Belohnungen;
+vorzüglich dagegen Vergnügen, Befriedigung der Neugier, und einer
+unschuldigen oder sogar nützlichen Liebhaberei.
+
+4. Leckerbissen nur bei kleinen Kindern, und nur sehr sparsam.
+
+5. Zur pädagogischen Klugheit gehört es, die Belohnung selbst zuweilen
+weit hinaus zu setzen, sie nur in der Entfernung zu zeigen, und bei
+schlaffen Kindern die Bedingungen zu erschweren, um Anstrengung zu
+bewirken.
+
+6. Wo möglich sey die Belohnung von der Art, daß sie bei
+Verschlimmerung oder Rückfall zurückgenommen, oder eine Zeitlang
+entzogen werden kann, wie z. B. ein bewilligtes Taschen-Geld,
+versprochene Reise u. dgl.
+
+7. Der Grad der Moralität bestimme den Grad der Belohnung. Daher ist es
+nöthig, Kinder erst genauer kennen zu lernen, und bei Uebergängen von
+einer mangelhaften Tagesordnung zu einer regelmäßigen und strengen den
+Verwöhnten die Macht der Gewohnheit zu Gute zu rechnen.
+
+
+ 54.
+
+Die ganze Behandlung des Zöglings sollte in der Erziehung eine
+fortgehende Belohnung und Bestrafung des Zöglings seyn, denn die Kinder
+bedürfen fast in jedem Augenblick dieser Antriebe. Daher wird diejenige
+Erziehung die wirksamste seyn, wo ein liebevoller Ernst dem Zögling
+Hochachtung und Scheu eingeflößt hat, und schon eine mißbilligende
+Miene, oder ein einziges Wort des Tadels oder Lobes auf des Zöglings
+Willen kräftig wirkt. Dem gutgearteten Kinde ist Mißfallen und
+Unzufriedenheit, vor allem ~Trauer~ des Erziehers die höchste Strafe,
+der Beifall und die Liebe desselben die höchste Belohnung und das
+höchste Ziel seiner Wünsche.
+
+~Bedenkliche Strafen~ bei lebhaften Kindern sind: Einsperren,
+Stehenlassen, langwierige Geduldsprüfungen, Wegnehmen dessen, was sie
+sehr hoch halten, Beschämung vor Fremden und vor Respektspersonen.
+Dagegen sind oft sehr wohlthätig wirksam: körperliche Strafen, weil sie
+der Gewalt des Temperaments ein Gegengewicht geben.
+
+~Bedenkliche Belohnungen~ sind alle die, welche der Eitelkeit und
+Vergnügungsliebe Nahrung geben, oder wobei man dem Eigennutz Vorschub
+leistet, und die Kinder zur Geldliebe reizt, oder die Unbelohnten zur
+Eifersucht und Mißgunst verleitet.
+
+
+ 55.
+
+Der ~Ehrtrieb~ werde, weil er so leicht ausartet, und dann den
+Charakter so sehr entstellt, nur mit der äußersten Vorsicht in der
+Erziehung benutzt, und nur bei solchen Kindern, die von Natur wenig
+reizbar, und mit einem sehr schwachen Gefühls-Vermögen ausgestattet
+sind. Auch hüte man sich, jenes eitle Lauschen auf den Beifall der Welt
+zu begünstigen, welches zur Menschenfurcht und Menschengefälligkeit
+führt, und der Sittlichkeit höchst gefährlich ist. Der Beifall
+achtungswürdiger Menschen erscheine zwar den Kindern als ein hohes
+und schätzbares Gut, aber nie als das höchste, und das Urtheil ihres
+Gewissens sey ihnen die entscheidende Stimme, der sie unbedingt
+gehorchen. Keine Verirrungen sind häufiger und verderblicher, als die
+des ausgearteten Ehrtriebes, und keine Vorurtheile wurzeln tiefer, als
+die von Ehre und Schande. Da, wo diese Vorurtheile schon durch die
+erste Erziehung, gleichsam durch Vererbung, sich festgesetzt haben,
+kommt es nie zu einer richtigen und unbefangenen Ansicht der Dinge,
+und es entspringen aus diesen Vorurtheilen Ungerechtigkeiten der
+gröbsten Art. Hier kann nur durch Verstandesbildung und Berichtigung
+der Begriffe, zuweilen durch entgegengesetztes häusliches Verhältniß
+entgegengearbeitet werden. Von dieser Seite wird oft den Kindern
+vornehmer Eltern die Erziehung in einer öffentlichen Erziehungsanstalt,
+mit Kindern von sehr verschiedenen Ständen und Bildungsgraden, sehr
+wohlthätig durch den Zwang und die Nöthigung, welche sie herbeiführt.
+
+Kindern soll das Lob nur als eine Stärkung von Zeit zu Zeit und
+sparsam gereicht werden, denn sie können nicht viel davon ertragen.
+Bei jeder Gelegenheit den Kindern eine Lobrede halten, alle ihre
+kleinen Geschicklichkeiten bewundern und preisen, sie ihre Künste
+machen lassen, so oft Fremde erscheinen, heißt: sie methodisch
+verderben. Besonders verhüte man das Loben bei talentvollen Kindern,
+da diese ohnehin schon sehr bald selbst die Bemerkung machen, daß
+sie sich auszeichnen, und Vorzüge haben; man dulde nicht, daß Kinder
+viel bedient werden, und entferne solche dienende Personen, die den
+Kindern eine Art von Unterwürfigkeit bezeigen, und sie dadurch im
+Dünkel bestärken. Man kleide Kinder nicht so kostbar, oder so glänzend,
+daß ihr Anzug Aufsehen erregt, und sie den Erwachsenen gleich stellt;
+man führe sie nicht zu früh in große Gesellschaften, besonders in
+Tanzgesellschaften.
+
+
+ 56.
+
+Eben so bedenklich aber, wie es ist, dem ~Ehrtriebe~ zu viel Nahrung
+zu geben, eben so bedenklich ist es, ihn zu ~unterdrücken~, und ihm
+Gewalt anzuthun, durch beschämende und herabsetzende Strafen und durch
+Demüthigungen. Hiebei sind folgende Regeln die bewährtesten:
+
+1. Wenn die natürliche Schaam sich stark genug bei Fehltritten äussert,
+so verstärke man sie nicht; vielmehr gebe man dem Zöglinge den Wunsch
+zu erkennen, ihm Beschämung zu ersparen.
+
+2. Da, wo Beschämung als Antrieb und Strafe nöthig ist, geschehe sie
+doch mit möglichster Schonung, z. B. ohne Nennung des Namens, nicht vor
+Dienstboten oder Fremden, ohne irgend eine Beschimpfung. So z. B. bei
+wiederholten Lügen im Erzählen, bei Unordnung und Faulheit -- man lasse
+dem Zögling noch einen Ausweg, die Beschämung abzuwenden.
+
+3. Der Erzieher hüte sich, der Ehrliebe Gewalt anzuthun; er würde nur
+Haß und Verachtung ernten, und Hartnäckigkeit bewirken. Daher sind
+alle solche Beschämungsmittel, welche Leidenschaftlichkeit verrathen,
+und der Würde des Erziehers nicht angemessen sind, von der Erziehung
+auszuschließen, und es muß in Gesellschaft von Fremden manches
+übersehen, und nicht auf der Stelle gerügt werden. Nie werde das
+strafbare Kind dem Gespötte Anderer ausgesetzt, nie mit entehrenden
+Namen belegt. Eben so unzweckmäßig ist es, Kinder bei Fehltritten
+zur Selbstanklage zu zwingen, wenigstens in den meisten Fällen,
+besonders wo die Schuld schon durch Aeusserungen der Schaam und Reue
+stillschweigend eingestanden ist.
+
+
+ 57.
+
+Nicht genug kann man der Menschenfurcht und Menschen-Gefälligkeit
+bei Kindern entgegenarbeiten, weil dadurch so leicht sclavische
+Hingebung entsteht. Aber wenn die Kinder den Tadel und die Ungunst der
+Menschen als das höchste Uebel, Beifall und Gunst als das höchste
+Glück betrachten, so werden sie bald dahin kommen, daß sie immer nur
+~eine Rolle spielen~, und nur ~für~ die Gesellschaft und ~in der~
+Gesellschaft gut seyn wollen, oder daß sie Lob ~erschleichen~, anstatt
+es zu ~verdienen~, nach dem Munde reden und schmeicheln lernen; eine
+Ausartung, welcher das weibliche Herz vorzüglich ausgesetzt ist.
+
+
+ 58.
+
+Weniger ist bei dem Mädchen, als bei dem Knaben, eine ~Ausartung des
+Thätigkeitstriebes~ zu fürchten, es sey denn, daß Eitelkeit und Sucht,
+sich auszuzeichnen und Aufsehen zu erregen, ihr Herz beherrsche.
+Daher werde die Thätigkeit des Mädchens früh, und recht vielfach
+angeregt und genährt, also nicht bloß in mechanischen Beschäftigungen
+und Fertigkeiten, obgleich diese vorzüglich zur weiblichen Bildung
+gehören, sondern auch in geistigen. Aber jede Beschäftigung sey
+den eigenthümlichen Anlagen und Bedürfnissen der weiblichen
+Seele angemessen, und daher bleibe jede streng-wissenschaftliche
+Beschäftigung und Bildung ausgeschlossen, da sie mit der Bestimmung des
+Weibes im Widerspruche ist.
+
+Bis zum sechsten Jahre bedarf das Mädchen noch keiner bestimmten
+Richtung des Thätigkeitstriebes; wohl aber hat die Erziehung in den
+ersten Jahren zu verhüten, daß er nicht geschwächt werde, und nicht
+ein Hang zur Gemächlichkeit entstehe, durch eine weichliche Erziehung,
+durch Verwöhnung und Verzärtelung. Auch soll in dieser Zeit der
+Thätigkeitstrieb schon ~veredelt~ werden, dadurch, daß man ihn mit den
+wohlwollenden Gefühlen in Verbindung bringt, und durch diese erhöht.
+Dieß geschieht, indem man die Kinder daran gewöhnt und dazu anhält,
+sich unter einander, und den Erwachsenen kleine Dienste zu leisten,
+und auf ihre Bedürfnisse zu merken, sich von ihnen helfen, sie etwas
+tragen oder bestellen läßt. Auch mit dem Schönheits- und Ordnungssinn
+setze man den Thätigkeitstrieb in Verbindung, damit er moralisch und
+veredlend wirke, und gebe daher Kindern oft den Auftrag, etwas zu
+ordnen und einzurichten, mache sie dabei auf Symmetrie aufmerksam,
+fordere sie auf, das flüchtig Geordnete besser zu ordnen, die
+Verletzung der Symmetrie anzugeben, und ein Mannigfaltiges schön und
+vortheilhaft aufzustellen und anzuordnen. Man gebe ihnen, wo möglich,
+Gelegenheit, zur Verschönerung der Natur thätig zu seyn, und sich mit
+Garten-Arbeit zu beschäftigen.
+
+
+ 59.
+
+Ausser der Eitelkeit gibt auch der Trieb zu erwerben und zu gewinnen
+dem Thätigkeitstriebe leicht eine gefährliche Richtung, oder doch
+wenigstens eine ganz einseitige. Manche Mädchen finden an den
+Geschäften der Haushaltung, und überhaupt an dem mechanischen und
+hervorbringenden ein so großes Wohlgefallen, daß sie darüber die
+Bildung ihres Geistes ganz aus den Augen verlieren, oder dagegen völlig
+gleichgültig werden. Gegen diese Ausartung des Thätigkeitstriebes
+sichert die Erziehung, indem sie den Sinn für das Geistige und für
+geistige Beschäftigung weckt und nährt, und da vorzüglich, wo von Natur
+kein Trieb dazu sich regt und die Anlagen dürftig sind. Doch auch
+eben so sorgfältig sichere sie gegen eine andere verkehrte Richtung
+des Thätigkeitstriebes, welche so häufig eine Wirkung der neuern
+Erziehungsweise ist, nämlich die entschiedene Vorliebe für geistige und
+wissenschaftliche Beschäftigungen, und Abneigung gegen die mechanischen
+Arbeiten, welche doch des Weibes Bestimmung fordert.
+
+Am besten wird jede Ausartung des Thätigkeitstriebes durch ächte
+Geistesbildung, religiöse Gewissenhaftigkeit und strenge Gewöhnung an
+eine feste Tagesordnung verhütet. Die vollständige Geistesbildung läßt
+keine Vernachlässigung des Geistes zu; die Gewissenhaftigkeit treibt zu
+einer geordneten und sich gleichbleibenden Thätigkeit, die Gewöhnung
+wirkt der Zeitzersplitterung und einer launigen Gemächlichkeit
+entgegen. Lieblings-Beschäftigungen wird es zwar immer für jeden
+Menschen geben; aber man hüte sich, den Kindern hierin zu sehr
+nachzugeben. Besonders dulde man kein Aufschieben, kein Säumen und kein
+hastiges und schnelles Arbeiten, da, wo Bedachtsamkeit und Sorgfalt
+erfordert wird. Unausbleiblich trete die Strafe des Nocheinmalmachens
+ein, wo flüchtig gearbeitet war, und das flüchtige Mädchen werde durch
+langwierige und mühsame Arbeiten festgehalten, gebessert und geprüft.
+Die Zeit erscheine dem Kinde immer als ein unschätzbares Gut, und
+Zeitverschwendung als die strafbarste Undankbarkeit; man lehre es die
+Freude des Vollbringens kennen und schätzen, und keine Plage mehr
+verabscheuen, als die der langen Weile.
+
+Da, wo ein entschiedenes und hervorragendes Talent der Thätigkeit und
+Kraftanstrengung eine bestimmte und einseitige Richtung gibt, muß
+sich zwar die Erziehung mehr leidend verhalten; doch darf sie nicht
+versäumen, die harmonische Entwickelung der Kräfte und Anlagen zu
+bewirken, worauf doch Werth und Glück des Menschen beruht.
+
+
+ 60.
+
+Die Eigenthümlichkeit der weiblichen Natur macht eine besondere
+Behandlung des Mädchens nothwendig. Das Mädchen will mehr negativ
+behandelt seyn. Durch viele positive Behandlung wird es leicht irre
+gemacht in der Entwickelung seines sichern Gefühls; die Zartheit seines
+Herzens geht verloren. Gleich dem zarten Gewächse überlasse man es
+seiner eigenen Entfaltung, indem man es pflegt und behütet, und schon
+die leiseste Berührung sey ihm warnend oder erinnernd. Daher können
+Männer nicht gut Erzieher der Töchter seyn.
+
+Die Unterhaltungen und Spiele des Mädchens müssen den sanftern
+Charakter haben. Man lasse es nicht in das Knabenartige gerathen. Daher
+ist auch hier größere Sorgfalt in der Wahl der Gespielen nöthig, deren
+es nur wenige bedarf, da es leicht in eine gewisse Zerstreutheit und
+Flüchtigkeit hinein geräth, in welcher es an Innigkeit des Gefühls so
+sehr verliert, und herzlos wird. Die natürliche Neigung der Mädchen,
+sich mit sich selbst und ihrer Puppe zu beschäftigen, will genährt
+seyn, weil den Mädchen von der Natur bestimmt ist, mehr in der innern
+Welt ihres Herzens, als in der äussern zu leben, und durch Gefühle
+stark zu seyn. Bei dem Spiele aber gewöhne man es an Ordnung und an
+das zu Rathe halten seiner Sachen, weil dieß, nach seiner Bestimmung,
+Grundzug in dem weiblichen Charakter seyn muß. Die Zeit zum Stricken,
+Lesen, Erzählen, sey eine fest bestimmte, anfangs kurz, bald (doch
+nicht zu bald) bis zu Stunden ausgedehnt; man lasse es kleine
+Bestellungen ausrichten, kleine Geschäfte in der Haushaltung besorgen,
+sich von ihm an etwas erinnern, denn stille häusliche Geschäfte und
+Besonnenheit dabei muß ihm zur andern Natur werden. Aber der früh sich
+regende Hang zum häuslichen Fleiße verleite nicht, es zu viel in der
+Stube zu erhalten.
+
+Bei dem siebenjährigen Mädchen muß schon der Sinn für häusliche
+Beschäftigung entschieden seyn, und wenn daher eine gewisse
+Lebhaftigkeit des Geistes und der Wißbegier das Mädchen davon abzieht,
+so arbeite die Erziehung dem entgegen, weil sich sonst die Mädchen in
+der Folgezeit unglücklich fühlen. Besonders gilt dieß vom Lesen, worin
+es unsere Erziehung so leicht übertreibt, selbst zum Nachtheil der
+Gesundheit. Die körperliche freie Bewegung, welche das Gemüth, wie die
+Ausbildung des Körpers, fordert, werde ja nicht verabsäumt, besonders
+Tanz, damit doch ja nicht der liebliche Frohsinn, diese Sonne seines
+Lebens, sinke. Es ist schön, wenn man das Mädchen überall im Hause
+herum singen hört. Die Tugenden, welche sich von selbst entfalten:
+Schönheitssinn, Reinlichkeit und Sittsamkeit, müssen doch sorgsam
+gepflegt werden, und darum wende die Erziehung viel Zeit auf den
+Anzug, und entwickele und stärke besonders bei diesem und durch diesen
+jene Eigenschaften und Gefühle. Es sey schon dem Kinde unerträglich,
+in einem Anzuge zu erscheinen, der auch nur auf die leiseste Art das
+Auge oder das Gefühl beleidigt; dieß um so mehr, da vom siebenten oder
+achten Jahre an in den meisten Mädchen schon das Bestreben zu gefallen
+lebhaft sich regt, welches der Sittlichkeit so leicht gefährlich wird.
+Daher ist nichts in diesem Alter gefährlicher und verderblicher, als
+wenn Mädchen in Gesellschaften mit einer Kunstfertigkeit oder Talent
+sich zu zeigen aufgefordert werden. So besonders das Declamiren und
+kleine dramatische Darstellungen.
+
+
+ 61.
+
+Kommt es bei der Erziehung vorzüglich auf Anregung des Sinnes für
+das Gute und Schöne, und bei dem Unterricht auf die Anregung und
+Entwickelung des Intellectuellen an; soll die Erziehung mehr intensiv
+und der Unterricht mehr extensiv wirken, so folgt, daß ein gut
+erzogener Mensch sittlich-gut und tugendhaft, ein gut unterrichteter
+einsichtsvoll und gelehrt, ein gut gebildeter verständig, klug und
+weise sey. In unsern Zeiten hat man die Vernachlässigung der weiblichen
+Bildung, deren die Vorfahren sich schuldig machten, erkannt und zu
+verhüten gesucht. Aber man ist auf das andere Extrem gerathen. Dem
+Weibe ist mehr ~Fertigkeit~, als ~Wissen~ nöthig, mehr sittliche,
+als wissenschaftliche Bildung, und es ist theils vergebens, theils
+verderblich, daß man es darauf anlegt, dem Mädchen durch einen
+streng-wissenschaftlichen Unterricht eine Ausbildung zu geben,
+die man wohl ~Verbildung~ nennen mag, und sie zu sehr an den Genuß
+der Lectüre zu gewöhnen, durch den sie leicht eine Abneigung gegen
+mechanische Beschäftigung erhalten, die dann schwer zu besiegen ist.
+Nichts hat man sorgfältiger zu verhüten, als daß das Mädchen sich
+nicht unglücklich glaube und fühle, weil es durch seine Bestimmung zu
+einförmigen und mechanischen Beschäftigungen verpflichtet ist, und
+sich nicht dünken lasse, für diese Beschäftigung zu gut zu seyn. Daher
+präge man ihnen die Wichtigkeit dieser Beschäftigung, und ihren Einfluß
+auf den Wohlstand des Hauses, und den heitern Genuß des Lebens tief
+ein, und gebe nicht zu, daß sie sich unter jeglichem Vorwande davon
+lossprechen. Man zeige ihnen, wie viel Besonnenheit, Ueberlegung,
+Einsicht und Selbstbeherrschung die Führung der Haushaltung erfordere,
+und wie planmäßig dies alles eingerichtet werden könne und müsse.
+Schon das zehnjährige Mädchen habe ihren kleinen Antheil an den
+Haushaltungsgeschäften, und ihren Wirkungskreis, dabei Anleitung zu
+solchen Fertigkeiten, die im Hause nöthig sind.
+
+Da ferner das Mädchen durch die äusseren und inneren Verhältnisse
+des Geschlechts, und durch seine ganze Lage in der Gesellschaft zum
+Entsagen und Ertragen bestimmt und verpflichtet ist, so hat die
+Erziehung ganz vorzüglich hierauf Rücksicht zu nehmen, und besonders
+dem Geselligkeitstriebe und der Neugier entgegen zu arbeiten, denn
+beide stellen sich den Forderungen der Pflicht entgegen, und werden am
+häufigsten gereizt; sie üben die stärkste Gewalt über das weibliche
+Herz aus. Darum ist Eingezogenheit die gedeihliche Witterung, in
+welcher sich alle Keime des Guten in dem Mädchen glücklich entfalten,
+und ein zerstreutes, geräuschvolles Leben der Tod der ächten
+Weiblichkeit. Da der Geselligkeitstrieb wegen des vorherrschenden
+Hanges zur Mittheilung in dem weiblichen Herzen so mächtig wirkt, so
+muß er nur sehr vorsichtig befriedigt werden. Der Neugier gebe man nur
+selten Nahrung; sie wird leicht die ergiebige Quelle vieler Thorheiten,
+und läßt keine Liebe zur häuslichen Eingezogenheit und Einförmigkeit
+aufkommen; sie gewinnt leicht eine solche Herrschaft über das Herz, daß
+alle weibliche Würde dabei verloren geht, besonders wenn der Umgang
+mit Dienstboten sie nährt. Je mehr die Wißbegierde belebt und genährt,
+das Mädchen in harmonischer Thätigkeit erhalten, sein Sinn auf das
+Schöne und Edle gelenkt wird, desto freier wird es von den Fesseln der
+Neugierde.
+
+Desto leichter wird es ihm aber auch werden, zu ~entsagen~, sich selbst
+zu verleugnen und zu ~erdulden~, besonders wenn die wohlwollenden
+Gefühle durch eine sanfte und liebevolle Behandlung und durch eine
+religiöse Erziehung genährt sind. Doch in dem zarten Alter, wo die
+Sinnlichkeit noch so mächtig, und die Vernunft noch so ohnmächtig ist,
+lege man ihm nicht ausdrückliche Entsagungen und Entbehrungen auf,
+wenigstens nicht ohne die sorgfältigste Rücksicht auf seine Kraft,
+damit nicht der liebliche und wohlthätige Frohsinn verloren gehe.
+
+Schamhaftigkeit, Reinlichkeit und Sittsamkeit, so wie alle andere
+weibliche Tugenden, werden zwar von selbst in dem Herzen des Mädchens
+erwachen, wenn die Behandlung in der Kindheit nicht eine ganz verkehrte
+ist; doch müssen auch sie gepflegt und genährt werden, besonders bei
+dem achtjährigen Mädchen.
+
+
+ 62.
+
+»Da das Mädchen in der Regel nach dem achten Jahre aus seiner
+kindlichen Unbefangenheit heraustritt, so will es von da an sorgsam
+beobachtet, regelmäßig und anhaltend beschäftigt, positiver behandelt
+seyn, damit durch äussere Einwirkung und Verhältnisse die innere gute
+Natur bewacht und gesichert wird, vor allem durch die wohlthätige
+Macht guter Gewohnheiten und Beispiele. Doch ist es schwer, hier den
+rechten Ton in der Erziehung zu treffen, und dem Mädchen nicht zu viel
+von seiner liebenswürdigen Natürlichkeit und Herzenseinfalt zu rauben,
+indem man es an äussere Zucht und Sitte, an das Anständige, Ehrbare
+und Zarte gewöhnt. Es kommen Fälle vor, in welchen man sich genöthigt
+sieht, die äussere gesellschaftliche Bildung fast aufzugeben, um
+Mädchen nicht zu verderben durch aufgedrungene Natur. Die Mädchenschule
+ist von dieser Seite nicht ohne Nachtheile und selbst nicht ohne
+Gefahr. Man denke nur an die fade Geschwätzigkeit und Modesucht,
+und wie leicht dadurch, so wie durch das Wohlgefallen am Figuriren,
+der reine naive und natürliche Sinn verloren geht; wie leicht eine
+Abstumpfung des Gefühls durch unzarte oder schonungslose Behandlung
+erfolgen kann.« ~Schwarz Erziehungslehre~ 3. 1. S. 218.
+
+Ein vortreffliches Bildungsmittel, sowohl für die wohlwollenden
+Gefühle, als für die Thätigkeit, ist es, wenn das Mädchen früh mit
+kleinen Kindern, besonders mit Geschwistern, sich zu beschäftigen
+hat, wenn man ihm zuweilen die Sorge für sie überträgt, besonders in
+Krankheit, und die Aufsicht über ihre Spiele. Wunderbar und herrlich
+wirkt dann die Liebe, die Gott so tief in die Seele des Mädchens
+gepflanzt hat, und sie haben dabei einen Lebensgenuß, der nicht zu
+beschreiben ist. Die Uebung in der Geduld, Sanftmuth, Nachgiebigkeit
+und Selbstverleugnung bei diesem Geschäft ist höchst wohlthätig. --
+Nur wache man, daß sie es nicht zu weit treiben, nicht die Kinder
+verziehen, und lege ihnen keine zu schwere Last auf.
+
+
+ 63.
+
+Mit dem vierzehnten Jahre muß sich alle Sorgfalt und Einwirkung
+der Erziehung verdoppeln, weil dann ein Erwachen des Mädchens zum
+deutlicheren Bewußtseyn eintritt, und ein höheres Gefühl für die Würde
+und für die äussern Vorzüge des Geschlechts, zugleich Ansprüche und
+Verlangen, welchen die Erziehung entgegen zu arbeiten, oder vielmehr,
+welchen sie den Widerstand der vernünftigen Ueberlegung entgegen
+zu stellen hat. Das Mädchen wird nun aufmerksamer auf Menschen und
+menschliche Verhältnisse, sieht und hört gleichsam schärfer, fühlt
+tiefer, und wird nun leicht von Täuschungen der Eitelkeit und des
+Leichtsinns geblendet. Hier ist es nicht genug, daß die Erziehung
+höhere Forderungen an das Mädchen mache, von ihm Ueberlegung und
+Besonnenheit, Ausdauer und Geduld, sorgfältigere Beobachtung des
+Schicklichen und Anständigen verlange; sie muß auch dem Herzen, welches
+in dem Kampfe zwischen Vernunft und Sinnlichkeit sich gedrückt und
+beängstigt fühlt, mit ihrer ganzen ~Liebe~ zu Hülfe kommen und mit
+einer ~weisen Strenge~; denn gerade in diesem Alter ist pünktlicher
+Gehorsam eben so nothwendig, als wohlthätig, weil er die Kraft der
+Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung übt, und das Mädchen der
+Gewalt der Leidenschaft entzieht. Wenn Mädchen in diesem Alter
+in Zerstreuungen verwickelt, an den Genuß des gesellschaftlichen
+Vergnügens gewöhnt, mit den Eitelkeiten des Lebens bekannt gemacht,
+und in seine Täuschungen verstrickt werden, so sind sie in den meisten
+Fällen für ihre ganze Bestimmung verloren. Die regelmäßigste und
+mannigfaltigste Beschäftigung muß hier, vereint mit der religiösen
+Ausbildung, jeder Ausartung entgegenwirken, und besonders auch jede
+krankhafte Ueberspannung der Gefühle, so wie die Uebermacht der
+Phantasie verhüten. Das weibliche Gemüth mit seiner Reizbarkeit,
+Weichheit und Behendigkeit der Empfindung, nimmt so leicht in diesem
+Alter eine unglückliche Richtung, und wenn das Gefühlsvermögen des
+Weibes einer weit höheren Ausbildung fähig ist, als das männliche, so
+ist es auch einer weit größeren Ausartung fähig; und besonders zwei
+Klippen sind es, woran die Würde und die Ruhe weiblicher Seelen so
+leicht scheitert, Gefallsucht und Vergnügungssucht. Wenn daher die
+Erziehung hier nicht zu rechter Zeit entgegen arbeitet, auf der einen
+Seite durch die sorgfältigste Bildung des Verstandes und Belebung des
+Bewußtseyns menschlicher und weiblicher Würde, auf der andern durch
+Gewöhnung an häusliche Stille und Eingezogenheit, und durch Uebung
+des Herzens in der Selbstverleugnung: so wird die Ausartung nicht zu
+verhüten seyn. Die Meinung, daß junge Mädchen ihres Lebens froh werden
+müßten in sinnlichem Genuß, und daß man es hierin nicht zu genau nehmen
+dürfe, da doch das Herz sie so mächtig zum Vergnügen hinziehe, und dann
+die mütterliche Eitelkeit selbst, die in der Schönheit der Tochter,
+und in der Aufmerksamkeit, die sie erregt, Befriedigung findet,
+bringen hier die traurigsten Mißgriffe hervor. Vergnügungssüchtige
+und gefallsüchtige Mädchen machen die furchtbarsten Fortschritte im
+Leichtsinn, der ohnehin diesem Geschlecht so natürlich ist, setzen
+sich bald über die stärksten Regungen des Gewissens und sittlichen
+Gefühls hinweg, oder betäuben sich dagegen, und bringen es zu einer
+höchst verderblichen Abneigung gegen alles Ernsthafte und Anstrengende.
+Wie die Eitelkeit die Grundlage der sittlichen Ausbildung, nämlich
+die Selbstkenntniß, unmöglich macht, so die Vergnügungssucht allen
+Eifer und alle Ausdauer bei dem, was Anstrengung fordert. Diese
+Verirrungen des Schönheitssinnes und diese Ausartung der Sinnlichkeit
+haben theils in einer mangelhaften Verstandesbildung, theils in der
+Einseitigkeit der Erziehung überhaupt, und in der Unbekanntschaft mit
+geistigen Freuden, oder in der Unempfänglichkeit für geistige Genüsse
+ihren Grund. Daher die Erscheinung, daß viele, für gebildet geltende,
+Weiber sich unbeschreiblich langweilen, wenn man ihnen zumuthet, an
+geistigen Genüssen Theil zu nehmen, und daß sie alles in ein Spiel
+ihrer Eitelkeit und in Genuß verwandeln wollen, und immer Unterhaltung
+fordern.
+
+
+ 64.
+
+Das Mädchen soll der Erziehung eine selbstständige Existenz verdanken;
+sie soll durch die Erziehung mit all den Kenntnissen und Fertigkeiten
+ausgestattet werden, welche die weibliche Bestimmung und der
+weibliche Beruf in seiner weitesten Ausdehnung fordert, damit sie
+entweder Vorsteherin eines Hauswesens, oder Erzieherin, oder Beides,
+oder nur eine Gewerbtreibende seyn könne. Man achte dabei auf die
+besondere Richtung ihrer Haupt-Neigung, damit kein eigentliches Talent
+unausgebildet bleibe. Zum Zeichnen, zur Musik und zu den wesentlich
+nothwendigen Handarbeiten werde es bestimmt angehalten, doch im
+richtigen Verhältnisse zur übrigen Ausbildung, und ohne daß irgend ein
+Zweig derselben mit Zurücksetzung der übrigen herausgehoben werde.
+Denn nichts hält den Erfolg der Erziehung, besonders in so fern sie
+Ausbildung des Geistes ist, mehr auf, als das rastlose Hinarbeiten auf
+die Entwickelung eines einzigen Talents. Das eigentlich Menschliche,
+die Bildung zu einem Vernunftwesen, und das glückliche Gleichgewicht
+der Seelenkräfte geht dann ganz verloren, und es entsteht eine
+Einseitigkeit und Beschränktheit der Ausbildung, welche das ganze Leben
+in einen Mechanismus verwandelt, und es dem Menschen unmöglich macht,
+sich zu höhern Ansichten des Lebens zu erheben, und das Edle, das
+Erhabene und Göttliche in seine Seele aufzunehmen.
+
+Die Erziehung hat noch nicht alles gethan, was sie thun soll, wenn
+sie nur dafür sorgt, daß das Mädchen für den Beruf, der ihr zunächst
+durch die Bestimmung ihres Geschlechts angewiesen ist, sorgfältig
+und zweckmäßig gebildet werde; sie hat noch eine wichtige Rücksicht
+zu nehmen auf die Verhältnisse des weiblichen Geschlechts in der
+bürgerlichen Gesellschaft und auf das, was diese Verhältnisse fordern,
+nämlich solche Fertigkeiten, Geschicklichkeiten und Kenntnisse, wodurch
+es dem Weibe möglich wird, auch wenn es allein steht, sich seine
+Erhaltung und einen Grad von Selbstständigkeit zu sichern. Die immer
+größer werdende Seltenheit des Familien-Wohlstandes, und an sich schon
+die Unsicherheit dieses Wohlstandes, macht es nothwendig, dem Mädchen
+einen Erwerb zu sichern, der es gegen Mangel schützt, und bei dem es
+die Würde seines Geschlechts behaupten kann.
+
+Es gibt gewisse Arten des Erwerbens, die eigentlich nie von Männern,
+sondern immer nur von Weibern betrieben werden sollten, und es gehört
+zu den Ausartungen, welche Verfeinerung und Luxus herbeiführen, daß die
+Männer Erwerbszweige an sich gerissen haben, welche weder männliche
+Körperkraft, noch männlichen Geist fordern. Es ist zu erwarten, daß der
+Krieg, der so viele Männer hingerafft hat, diese Erwerbszweige wieder
+in die rechten Hände bringen werde. Um so mehr muß aber die Erziehung
+die Mädchen mit den dazu nöthigen Fertigkeiten ausstatten, aber auch
+mit den sittlichen Eigenschaften, die Geschäft und Gewerbe erfordern.
+Die Fertigkeiten sind: Nähen, Sticken, Stricken, Zeichnen, Spielen,
+Singen, Verfertigung aller Arten von Kleidungsstücken, Schreiben und
+Rechnen. Der Kleinhandel sollte nur von Weibern betrieben werden,
+weil nur diese dem entehrenden und ausartenden Müßiggange entgehen
+können, zu welchem er die Männer, aus Mangel einer anständigen
+Hand-Arbeit, verurtheilt. Die Kleider für Frauenzimmer sollten nur von
+weiblichen Händen verfertigt werden. In keiner Küche sollten mehr Köche
+anzutreffen seyn.
+
+Die Bildung für den Erwerb sey aber keine einseitige; die bürgerliche
+Gesellschaft fordert mehr als ~eine~ Fertigkeit und Geschicklichkeit
+zum Bestehen, da sie Verhältnisse herbeiführt, in welchen diese
+oder jene Fertigkeit nicht ernährt. Hier achte die Erziehung auf
+die natürlichen Anlagen, und bilde sie für diesen Zweck vorzüglich
+aus. So werde also z. B. ein musikalisches Talent, eine vorzügliche
+Singestimme, eine Anlage zur mechanischen Geschicklichkeit ja nicht
+vernachlässigt, weil der Genuß, der Werth und die Ruhe des Lebens
+hievon abhängt. Der ~Genuß~, weil es keinen reineren gibt, als den des
+Vollbringens und des Bestehens durch eigene Kraft; der ~Werth~, weil
+dies den Wirkungskreis des Weibes erweitert, und ihm einen größern
+Antheil an der allgemeinen Wohlfahrt, oder auch an dem Wohl einzelner
+Menschen, oder der Familie gewährt; die ~Ruhe~, weil das Bewußtseyn
+einer solchen Ausbildung und der mannigfaltigsten Brauchbarkeit für
+die Welt jede Nahrungssorge und jede Besorgniß wegen der Zukunft
+verbannt. Und wie oft wird dadurch das Schicksal einer ganzen Familie
+sicher gestellt! Wie manche Tochter ernährte durch ihre Kunst Vater,
+Mutter und Geschwister. Wie viele erwerben sich als Lehrerinnen,
+Erzieherinnen, Vorsteherinnen einer Beschäftigungs-Anstalt große
+Verdienste. Und wie quälend ist die Aussicht in die Zukunft für die,
+welche nicht durch sich selbst bestehen können!
+
+
+ 65.
+
+Die sittlichen Eigenschaften, die mit den Fertigkeiten vereint
+wirken müssen, sind: Geduld und Ausdauer, Selbstverleugnung und
+Enthaltsamkeit, Besonnenheit und Ueberlegung, Erfindungsgabe. Für
+die letztere Kraft in ihrer Entwickelung wirkt die Geschichte der
+Erfindungen, und die Bekanntmachung mit nützlichen Verbesserungen der
+gewöhnlichen häuslichen Geräthschaften. Wie oft gab schon ein einziger
+glücklicher Gedanke in dieser Hinsicht einem Leben hohen Werth und
+ausgebreitete Wirksamkeit, und begründete den Wohlstand einer ganzen
+Familie.
+
+
+ Pädagogische Heilkunde.
+
+Jede Abweichung von dem Gebot, welches dem Menschen durch seine
+sittlichen Gefühle und seine Vernunft in's Herz geschrieben ist,
+und jede Ausartung der natürlichen Triebe, ist Krankheit der Seele,
+und erfordert Heilung. In der Kindheit entstehen diese Krankheiten,
+und werden oft nur dem sorgfältigen Beobachter und dem geübtern
+Auge sichtbar; bleiben sie unentdeckt, und also in ihren Anfängen
+ungehemmt, so gehen sie in den Charakter über. Jede Unart hat in der
+Vernachlässigung der Erziehung, oder in einem nachtheiligen Einflusse
+des Körpers und der physischen Gewöhnung ihren Grund.
+
+Jede Unart ist in ihrem tiefsten Grunde Keim des Guten, der aber
+verwahrloset, oder unter ungünstigen Einflüssen untergegangen ist,
+oder auch eine falsche, gewöhnlich einseitige Richtung, welche irgend
+eine Seelenkraft genommen hat. Soll die Heilung gelingen, so muß die
+Natur der Krankheit von dem Erzieher richtig erkannt, ihr Zusammenhang
+mit andern Uebeln und mit dem Guten erforscht und berücksichtigt, also
+ihr Ursprung mit Sicherheit entdeckt, ihr Grad richtig aufgefaßt, das
+Heilmittel weise gewählt und mit eben so viel Geduld, als Einsicht
+angewandt werden, damit nicht, indem das eine Uebel weggeschafft wird,
+ein anderes hervorgebracht oder herbeigeführt werde. Der Erzieher
+kann, z. B. die Trägheit des Zöglings überwältigt, aber dadurch, daß
+er gewaltsame Mittel anwandte, demselben die Lust und Liebe und die
+kindliche Fröhlichkeit genommen haben, oder indem er dem Eigensinnigen
+den Willen brach, ihm auch das Herz gebrochen haben, oder indem er den
+Leichtsinn bekämpfte, das Kind verstockt, scheu und ängstlich gemacht
+haben.
+
+»Auf zweierlei Art werden Unarten geheilt: entweder durch Ablenkung
+der Aufmerksamkeit und Neigung des Kindes, im Ganzen und im Einzelnen,
+also negativ, oder auch positiv durch Strafen.« Das erste ist hier
+unstreitig das Wohlthätige und Wirksamere, eine gründliche Heilung,
+wobei nicht leicht ein neues Uebel sich zeigt, und wird vorzüglich auf
+~die~ Art angewandt, daß man entweder das Kind in eine ganz andere,
+und zwar in eine solche äussere Lage bringt, in welcher es gar keine
+Reizung zu seiner Unart erhält, oder auch, daß man einen Gegenreiz, z.
+B. Erregung der Neugierde, des Ehrtriebes, der Furcht, der Hoffnung,
+anwendet, um seinen Neigungen eine bessere Richtung zu geben.
+
+Da die Unarten und die Fehler der Kinder nichts anderes, als
+verwahrlosete Keime des Guten sind, so steht der Unart immer eine
+Tugend gegenüber, und da jede Unart wiederum, sich verstärkend, andere
+nach sich zieht oder erzeugt, so gibt es so viele Reihen von Unarten,
+als es Tugenden des Kindes gibt.
+
+Die ersten beiden Reihen können nichts anderes seyn, als verkehrte
+Richtungen der Kraft, oder Mangel an Kraft und Trieb, also Trägheit.
+So z. B. wenn Kinder bei einer großen Lebhaftigkeit, und einem
+ungewöhnlichen Drange zur Thätigkeit, nicht hinreichende Beschäftigung
+finden, und also lange Weile empfinden -- oder wenn man sie in der
+Periode, da noch der Spielgeist seine volle Kraft hat, zu angestrengter
+Aufmerksamkeit beim Lernen nöthigt, und ihnen dadurch einen Widerwillen
+gegen das Lernen beibringt -- oder zu der Zeit, da sie noch nicht
+sichtbare Fortschritte in der sittlichen Verbesserung machen können,
+unaufhörlich tadelt und krittelt, und dadurch in einen Zustand der
+Spannung und des Mißmuths versetzt -- oder ohne Nachsicht straft, wo
+erst die Kraft der bessern Gewöhnung eintreten müßte. Ist es nicht
+natürlich, daß das Kind muthwillig, oder auch schlaff und träge wird,
+weil sein Thätigkeitstrieb keine Befriedigung erhält? Darum soll der
+ganze Umgang der Erwachsenen mit Kindern eine fortgehende Befriedigung
+ihres Thätigkeitstriebes, und eine Richtung desselben auf das
+Nützliche und Gute seyn. Wiederum, wenn Eltern oder Erzieher Lieblinge
+haben, denen sie alles verstatten, alle Unarten ungestraft hingehen
+lassen; müssen diese nicht eigensinnig, herrschsüchtig, trotzig
+und selbstsüchtig, und die um der Lieblinge willen zurückgesetzten
+verschlossen, boshaft und verdrossen werden? Bei solchen Kindern ist
+es eine verkehrte Behandlung, sie durch Liebkosungen und wohl gar
+Schmeicheleien an sich zu ziehen, oder durch anderweitige Reizungen
+ablenken zu wollen. Gründlich können sie nur geheilt werden, wenn man
+sie aus dem ganzen ungünstigen Verhältnisse heraus und in ein besseres
+versetzt, mit liebreichem Ernst und Festigkeit ihnen entgegen tritt,
+keine Aeusserung der Bosheit oder Herrschsucht ungerügt läßt, sie
+möglichst vor Reizungen bewahrt, jede Regung besserer Gefühle durch
+Lob und Ermunterung unterstützt, durch regelmäßige Beschäftigung und
+gleichmäßige Behandlung sie an Ordnung und Regelmäßigkeit zu gewöhnen
+sucht, die sittlichen Regungen belebt und stärkt. Verzogene Kinder
+sind nicht undankbar gegen eine solche Bestrebung, sie zu bessern;
+sie fühlen es bald, daß man ihnen wohl thut, wenn nur überall Liebe
+und Wohlwollen durchblickt, fühlen besonders das Wohlthätige der
+Beschäftigung. Nur werde jede verächtliche Behandlung vermieden, denn
+diese erregt Abneigung und Widerwillen; auch Ironie und feiner Spott,
+Satyre und Bitterkeit im Tadel thun entgegengesetzte Wirkung.
+
+Eine eben so schwere Aufgabe für die Erziehung und eben so schwer im
+Umgange zu behandeln, sind solche Kinder, die überfüllt sind durch
+einen planlosen Unterricht mit unverdautem Wissen, und in welchen
+sich Dünkel und Trägheit zugleich festgesetzt haben, weil sie sich
+bei dem Unterricht immer nur leidend verhielten, ohne Anregung und
+Uebung des Nachdenkens. Verwöhnt durch eine Behandlung, bei welcher
+man ihnen alle Anstrengung ersparte, versunken in eine Zerstreuung und
+Schlaffheit, die alle Geisteskräfte in Schlummer wiegt, machen sie der
+Erziehung durch beständige Unruhe und Unmuth, wohl durch Unbändigkeit
+und Ausgelassenheit viel zu schaffen. Das sind die traurigen Folgen
+einer planlosen Erziehung in Häusern, wo ein gewisser Wohlstand
+herrscht, und es nicht an Zerstreuung fehlt. Dabei kann doch hie und da
+Talent hervorblicken, und das Bewußtseyn im Kinde seyn, daß es etwas
+vermöge; aber desto mehr macht es dann durch Ansprüche dem Erzieher
+zu thun, desto schwieriger ist die Aufgabe, es bei dem Mechanischen
+festzuhalten, und es an Regelmäßigkeit und Tagesordnung zu gewöhnen.
+Das Ungewohnte erregt ihm widrige und schmerzliche Gefühle. Das
+Anhalten zur Ordnung dünkt ihm Gewalt und Bedrückung, und es tritt bald
+in ein feindseliges Verhältniß gegen den Erzieher, wenn dieser nicht
+Klugheit und Mäßigung genug hat, sich mit dem langsamsten Annähern an
+sein Ziel zu begnügen, und in die nothwendige Strenge die Milderung
+eines sichtbaren Wohlwollens zu legen. Ein besser gezogenes Kind neben
+dem verzogenen und verwöhnten thut hier treffliche Dienste. Ist dies
+Mittel nicht vorhanden, so muß man eine Lieblings-Neigung des Zöglings
+und den Ehrtrieb zu Hülfe rufen, um ihn für eine regelmäßige und
+angestrengte Thätigkeit und für pünktlichen Gehorsam zu gewinnen. In
+dem Umgange mit solchen Kindern ist es sehr schwer, den rechten Ton zu
+treffen, der sich von zu großer Strenge und Milde gleich weit entfernt.
+
+Zweierlei Unarten stehen ferner dem Fleiß entgegen, Faulheit und
+verkehrte Thätigkeit. Jene ist theils mehr im Körperlichen, theils
+mehr im Geistigen, theils in beiden zugleich, und versteckt sich wohl
+unter scheinbarer Thätigkeit. Die Weichlichkeit und falsche Güte in
+der Erziehung erspart den Kindern jede Anstrengung, und verwöhnt sie
+dadurch so sehr, daß jede Art der Thätigkeit ihnen Qual dünkt. Die
+Faulheit zieht aber, da sich nun aller Trieb auf den Genuß richtet,
+Gefräßigkeit und Leckerhaftigkeit nach sich, macht eben dadurch die
+Kinder diebisch, lügenhaft und unreinlich. Nicht genug kann man daher
+bei Kindern der Faulheit entgegenwirken, nicht sorgsam genug sie
+dem Müßiggange entziehen. Aber die Aufgabe ist schwer, Kinder immer
+hinreichend zu beschäftigen, die zum eigentlichen Lernen noch zu jung,
+dabei lebhaft, und also veränderlich sind. Wenn man bei den Erwachsenen
+die Noth als Antrieb zur Thätigkeit gebraucht, so will das bei Kindern
+nicht gelingen, und ist nicht immer anzuwenden. Soll man das Kind
+hungern lassen? So wird es mißmüthig, und verliert die Lust und Liebe.
+Oder der Plage der langen Weile übergeben? So ist zu fürchten, daß es
+auf andere Abwege geräth, oder der Schlaf hilft ihm darüber hinweg. Man
+versuche es lieber zuerst mit allerlei ~sinnlichen Beschäftigungen~,
+und solchen, die sich dem Spiele nähern. Du sollst mir helfen! sage
+man freundlich dem Kinde. Oder: wir wollen mit einander dieß und jenes
+thun. Man bringe absichtlich Bücher, Geräthschaften, Geld in Unordnung,
+und lasse alles wieder von dem Kinde in Ordnung bringen. Dabei suche
+man durch Lob ihr Selbstgefühl und ihre Lust zu erhöhen, sey für's
+erste mit jeder Leistung zufrieden, sorge für Mannigfaltigkeit
+der Beschäftigung, ohne doch der Neigung zur Veränderung zu viel
+nachzugeben. Man lasse Kinder recht früh schreiben, zeichnen, in
+Papier ausschneiden, Papparbeiten machen, Bücher heften und einbinden,
+schnitzen und ein wenig drechseln lernen, so kann man viel Abwechselung
+in ihre Beschäftigung bringen. Haben sie die Buchstaben zusammensetzen
+gelernt, so gebe man ihnen ein Buchstabenkästchen, und lasse sie Wörter
+zusammensetzen, eine Beschäftigung, die ihnen eben so angenehm, als
+nützlich ist. Bei Gedächtniß-Uebungen halte man sie besonders fest,
+weniger bei Handarbeiten, welche mehr Ausdauer fordern, als zarte
+Kinder haben können. Können sie schon mit einiger Fertigkeit schreiben,
+so lasse man sie das Auswendiggelernte oder das, was man ihnen vor
+einiger Zeit erzählt hat, aus dem Gedächtniß niederschreiben; man
+lasse die, welche ein schwaches Gedächtniß haben, durch Nachsprechen
+memoriren -- man ermuntere sie zum Briefschreiben, und Abschreiben, und
+lasse sie kleine Verzeichnisse anfertigen, kleine Sammlungen anlegen.
+
+Der Unreinlichkeit träger Kinder kann nur durch strenge Gewöhnung
+und Anregung des Ehrgefühls entgegengearbeitet werden. Dabei sey man
+unerbittlich in der Strenge.
+
+Hat man der Veränderlichkeit der Kinder und ihrer Laune zu viel
+nachgegeben, oder sie zu viel sich selbst überlassen, ohne sie
+regelmäßig zu beschäftigen, so entsteht die falsche Thätigkeit
+(Flatterhaftigkeit). Da gibt es ein unruhiges, bald nach diesem, bald
+nach jenem greifendes Wesen, Ueberdruß und Mißmuth, so oft einige
+Anstrengung oder Sorgfalt gefordert wird. Das Kind fängt etwas mit
+Hitze an, läßt es aber bald wieder liegen, und fängt etwas Neues an,
+ohne je zu vollenden; endlich wird es aller Beschäftigung überdrüßig,
+und will nur herumlaufen, spielen, amüsirt seyn. Bei Kindern von
+lebhaftem Temperament und glücklichen Anlagen entsteht dies unstäte
+Wesen wohl aus Mangel an solidem Unterricht und Geistes-Nahrung, aber
+auch aus Ueberfüllung mit Realkenntnissen, ohne Uebung und Anstrengung
+der Denkkraft. Man muß mit solchen Kindern ganz vorne anfangen, jedoch
+ohne daß sie dieß inne werden, muß vor allem Denkübungen mit ihnen
+vornehmen, und sie fest zu halten suchen, indem man vom Leichtern zum
+Schwerern fortgeht. Man entfernt sorgfältig alles, was sie zerstreuen,
+oder sie unmuthig machen könnte; man lobt ihr Wissen, und regt ihre
+Wißbegierde an durch solche Aufgaben, die Verstand und Phantasie
+beschäftigen; man erlaubt ihnen für's erste keine Fragen, läßt sie aber
+viel nachsprechen, um sie im Aufmerken zu üben, rechnet oft mit ihnen
+im Kopfe.
+
+Die Trägheit kündigt sich auf mancherlei Weise, nicht gerade durch
+Abneigung gegen alle Beschäftigung, sondern nur gegen die, welche
+Anstrengung und Ausdauer erfordert, oder die gerade jetzt gebotene an,
+durch ungebehrdiges Wesen, faule und nachlässige Stellungen, Plumpheit,
+Lärmen, Zanksucht und grobe Begehrlichkeiten; denn die Trägheit will
+nur genießen, nicht erwerben. Mäßige Bestrafungen, kein Schelten und
+Beschimpfen, bei Naschhaftigkeit strenge Strafe.
+
+Dem Frohsinn stehen ~Trübsinn~ und ~Leichtsinn~ entgegen. Das düstere,
+verdrießliche und mürrische Wesen wird den Kindern leicht zur Natur,
+wenn unfreundliche und harte Behandlung, oder lange Weile ihr Gefühl
+aufgeregt haben. »Es gibt,« sagt J. P. sehr richtig, »ungelenke,
+verworrene Stunden (Stimmungen?), wo das Kind durchaus gewisse Worte
+nicht nachzusprechen, gewisse Befehle nicht zu erfüllen vermag, aber
+wohl in der Stunde darauf. Haltet dieß nicht für Starrsinn. Ich kenne
+Männer, die auf die Ausrottung einer üblen Angewohnheit Jahre lang
+losarbeiteten, ohne besondern Erfolg zu erleben. Wendet dieß auf
+Kinder an, welchen gewöhnlich ein paar tausend Gewohnheiten auf einmal
+abzulegen befohlen wird, damit ihr nicht sofort da über Ungehorsam
+schreiet, wo nur Unvermögen der überlasteten Aufmerksamkeit ist.«
+Aber auch ängstliche und zu weichliche Behandlung, ein zu sorgsames
+Aufmerken auf alle ihre Bedürfnisse und Wünsche, kann diese Wirkung
+hervorbringen. Nur dadurch, daß man solche Kinder durch angemessene
+Beschäftigung zu einem wohlthätigen Selbstgefühl erhebt, sie durch
+Entbehrung und Strafe zum Nachdenken und zur Selbstbeherrschung bringt,
+sie bei jeder Regung mürrischer Laune entfernt, ihnen durch Strafe Noth
+verursacht, und dadurch ihren Gedanken eine andere Richtung gibt, bei
+wiederkehrender Heiterkeit sie mit besonderer Güte behandelt, aber auch
+bei eintretender mürrischer Laune mit unerbittlicher Strenge -- (z. B.
+ich esse nicht mit einem mürrischen Kinde!), nur dadurch wird man sie
+bessern.
+
+~Leichtsinn~ zeigt sich noch nicht im frühen Kindesalter, aber der
+Keim ist da in Unachtsamkeit, Flatterhaftigkeit und Gedankenlosigkeit,
+und in Gleichgültigkeit bei Lob und Tadel, in schnellem Uebergang
+von tiefer Betrübniß bei Strafen zur Ausgelassenheit. Kinder, die
+sich selbst überlassen sind, oder es zu gut haben, und nicht mit
+der den Kindern so nothwendigen Strenge erzogen werden, sondern zu
+viel Nachsicht genießen, werden leichtsinnig, und müssen es werden.
+Daher ist Leichtsinn ein Uebel der höheren Stände und des weiblichen
+Geschlechts. Die gutmüthige und weichliche Mutter wird gar zu leicht
+die aufmerksame und willige Dienerin der Tochter; diese, zu sehr
+verwöhnt, kann sich zu keiner Art von Anstrengung entschließen. --
+Ist die Unart eingewurzelt, so kann man nicht genug die Achtsamkeit
+des Kindes üben, und besonders die Achtsamkeit auf sich selbst, durch
+einfachen Zuruf, ohne viele Worte der Erinnerung, durch Zeichen, durch
+solche Aufträge, wobei große Sorgfalt und Aufmerksamkeit nöthig ist (z.
+B. zerbrechliche Sachen in Ordnung zu bringen), durch Uebung des Gehörs
+und Gedächtnisses, durch kluge und kräftige Warnung. Die festeren
+und kräftigern Naturen sind am wenigsten zum Leichtsinn geneigt, die
+weicheren am wenigsten zum Trübsinn.
+
+Dem frommen (dankbaren) Sinne stehen entgegen ~Unfolgsamkeit~ und
+~Wankelmuth~. In dem Kinde regt sich bald der Trieb zu herrschen, und
+zeigt sich als Eigensinn und Eigenwille. Sehr bald entsteht daraus
+Gefühllosigkeit und Widerspenstigkeit. Das unzeitige Nachgeben der
+Eltern ist die nächste Ursache -- aber auch wohl ihr Eigensinn und
+ihre Ungerechtigkeit. Werden die Kinder nur als Mittel des Geldgeizes
+oder der Eitelkeit der Eltern gebraucht, stört man sie, um sie
+kunstmäßig abzurichten, in ihren kindlichen Freuden, entsteht also
+kein liebevolles Verhältniß zwischen Eltern und Kindern, so können
+diese nicht dankbar seyn, sondern sie müssen sich, wo sie nur können,
+dem Willen der Eltern widersetzen, da sie keinen andern Antrieben,
+als den sinnlichen, folgen können. Fehlt nun noch dazu alle Pflege
+des religiösen Gefühls, wie können die Kinder vor dieser traurigen
+Ausartung bewahrt bleiben? Aber auch zu weichliche Güte, von Eltern
+oder Großeltern, ist die Quelle dieser Unart. Finden die Kinder nie
+Widerstand bei ihren thörichten Forderungen; zeigt man ihnen durch
+unzeitiges und unverständiges Nachgeben und Einwilligen eine gewisse
+Schwäche, oder Furcht vor ihrem Trotz und Eigensinn, so machen sie
+bald die traurigsten Fortschritte in dem Ungehorsam und in der
+mürrischen Widerspenstigkeit. Eine ganze Reihe von Unarten sind im
+Gefolge des Ungehorsams, besonders hartes und boshaftes Wesen gegen
+Niedere, Dünkel, Zanksucht. Wird dann nicht die ganze Behandlung des
+Kindes geändert, und auch wohl seine äussere Lage, so daß es unter
+ganz andere Menschen, und in ganz neue Verhältnisse kommt, so ist das
+Uebel unheilbar. Muß es in seinen häuslichen Verhältnissen bleiben, so
+darf ihm wenigstens von Seiten des Erziehers nie nachgegeben werden;
+vielmehr muß ihm dieser mit einem festen Ernst entgegentreten, und ihm
+sogar, wenn es schon einige Verstandesbildung hat, förmlich ankündigen,
+daß es von nun an nicht mehr seinen Willen haben werde, wobei er ihm
+begreiflich zu machen sucht, wie heilsam und nothwendig dieß sey, und
+es, so oft es gehorsam ist, mit besonderer Liebe behandelt, überhaupt
+aber durchaus herzlich. Eigentliche Strafen treten nur bei offenbarer
+und beharrlicher Widersetzlichkeit ein, wobei man ihm aber Zeit zur
+Besinnung läßt. Alles werde angewandt, Gefühle der Reue, des Dankes,
+des Vertrauens in solchen verwahrloseten Kinder-Herzen zu wecken; man
+zeige dem Kinde Bedauern und Theilnahme; man gewähre ihm Vergnügen
+und Erholung, so oft es sich besser zeigte -- man erleichtere ihm das
+Gehorchen durch die Art des Gebietens, und durch Entfernung der Reizung
+zum Ungehorsam -- man suche ihm ein ermunterndes Beispiel vor die Augen
+zu bringen; man zeige ihm Vertrauen, und strafe es nie zürnend. Zeigt
+es Gefühl, so komme man ihm mit religiösen Vorstellungen zu Hülfe;
+faßt es kein Zutrauen, und zeigt es kein Gefühl, so lasse man sich
+dadurch nicht zu Bitterkeiten und zu harten Behandlungen reizen, werfe
+ihm nicht seine Gefühllosigkeit vor, mache es aber auf Beispiele der
+Dankbarkeit und Theilnahme aufmerksam, und freue sich mit ihm, wenn ihm
+etwas Angenehmes, klage mit ihm, wenn ihm etwas Unangenehmes begegnet.
+
+Eine Unart, welche einigermaßen mit dieser verwandt ist, besteht
+darin, daß Kinder gewöhnlich gegen jeden, der nicht zu ihrer Familie
+gehört, verschlossen und ängstlich, oder finster sind; eine Folge zu
+weichlicher Erziehung, und einer falschen Zärtlichkeit, oder auch
+der Unvorsichtigkeit, mit welcher man Kinder im zarten Alter mit der
+Schlechtigkeit der Menschen bekannt macht, auch wohl die Wirkung des
+den Kindern mit der ersten Nahrung eingeflößten Rangstolzes, und
+der Thorheit, ihnen eine äussere Haltung und Würde beibringen zu
+wollen. Sehen sie, daß sich ihren Eltern alles mit Unterwürfigkeit
+nähert, und werden besonders die Dienstboten mit verachtendem Stolz
+behandelt, so kann diese Unart nicht ausbleiben. Lieblosigkeit und
+Willkühr, Uebermuth und prahlerisches Wesen sind die Folgen, auch
+wohl Verstellungskunst, bei einigen Naturen Blödigkeit. Auch hier ist
+Veränderung der Lage das beste Heilmittel. -- Die Religion muß zu Hülfe
+kommen, und ein Erzieher, der sich ganz des Herzens zu bemächtigen weiß.
+
+Das schmeichlerische und hingebende Wesen mancher zart organisirten und
+mit wohlwollenden Gefühlen reich ausgestatteten Kinder darf man, wenn
+sie heranwachsen, nicht dulden, auch geht es leicht in Gleißnerei über;
+es ist eine Wirkung jener thörichten Weichlichkeit in der Erziehung,
+die alles durch Liebkosung und Belohnung erreichen, und nie strafen,
+nie Ernst gebrauchen will. Bei Mädchen entsteht daraus ein Hang zur
+Empfindelei, ein geziertes und pretiöses Wesen, und Abneigung gegen
+alles, was Anstrengung und Festigkeit fordert. Daher gewöhne man die
+also Verwöhnten an ernste Behandlung, doch ohne Kälte und ohne Spott.
+
+Kinder von einer besondern Liebenswürdigkeit, und glücklich und früh
+sich entwickelnden Anlagen, neigen sich leicht zum Hochmuth und Dünkel
+hin, weil man sie gewöhnlich vorzieht, viel aus ihnen macht, und sie
+unvorsichtig lobt. Dieser Hochmuth zeigt sich im Widersprechen und in
+der Rechthaberei, in der Trägheit beim Unterricht, in einem vorlauten
+und unbescheidenen Wesen, und verleitet wohl zum Rollenspielen. Aus
+solchen Kindern werden Egoisten, und die Welt hat nichts von ihnen zu
+erwarten, wo nicht ihr Ehrgeiz Befriedigung findet. Bei Mädchen wird
+Eitelkeit daraus, die sich selbst gefällt und Andern gefallen will; das
+Natürliche geht ganz verloren; Albernheit, Putzsucht und Koketterie
+regen sich, und alles wird nur nach der Aufmerksamkeit beurtheilt und
+geschätzt, die es erregt. Der sinnliche Gegenstand des Bestrebens,
+fader Zeitvertreib, Tändeln und Scheinen ist an der Tagesordnung.
+Solche Kinder wollen zum Gefühl im Bewußtseyn ihres Unrechts gebracht
+seyn, zuweilen durch Beschämung -- die aber sehr vorsichtig anzuwenden
+ist -- am besten dadurch, daß man ihnen Fragen vorlegt, und Arbeiten
+aufgibt, wobei sie ihre Schwäche erkennen und gestehen müssen -- und
+endlich dadurch, daß man sie auf dem Felde des Wissens herumführt,
+und ihnen zeigt, wie viel noch zu lernen und zu erringen ist, sie
+aber auch zugleich mit der Menschenwürde bekannt macht, und ihnen
+zuweilen Aufträge gibt, wobei sie, Theilnahme zu zeigen, Aufforderung
+und Gelegenheit haben. Mißlich ist es, ihnen Bescheidene zum Muster
+aufzustellen, weil dieß oft nur erbittert; besser, sie eine Zeitlang
+nicht zu bemerken, und ihnen alle Gelegenheit abzuschneiden, sich
+sehen zu lassen, ihnen dabei den Vorzug der Gesinnung vor dem Wissen
+bemerklich zu machen.
+
+Der Eitlen Wunsch und Streben bleibe ganz unbefriedigt, weil dadurch
+die Begierde nur verstärkt werden würde, sondern man gebe ihr, was
+sie wünscht, Putz und schöne Kleider; aber in ihren schönen Kleidern
+lasse man sie fühlen, wie nichtig dieser Vorzug ist, und daß er
+keine Ansprüche auf Werthschätzung gibt, wohl aber leicht thöricht
+und unsittlich macht. Man sage ihr, doch ohne Bitterkeit, wie viel
+hübscher ihr der einfache Anzug stehe, damit sie nach und nach diese
+Armseligkeiten würdigen lerne. Die Mutter, die Erzieherin, die
+Gespielin oder Mitschülerin gehe ihr mit dem Beispiele der höchsten
+Einfachheit und Anspruchlosigkeit voran.
+
+Alles kommt überhaupt bei der Erziehung und bei dem erziehenden
+Umgange mit Kindern auf den Ton an, welcher im Hause herrscht; er ist
+gleichsam das gedeihliche oder verderbliche Klima, in welchem diese
+zarten Pflanzen sich entwickeln sollen. Das Beispiel der Eltern und der
+Erzieher wirkt mit einer unwiderstehlichen Gewalt auf Kinderherzen,
+und darum sollten Erzieher in dem Umgange mit Kindern höchst vorsichtig
+zu Werke gehen. Sieht der Sohn seinen Vater täglich dem Vergnügen
+nachgehen, und seine Berufsgeschäfte mit Verdruß und so schnell und so
+flüchtig als möglich abmachen, so nachläßig als möglich betreiben; hört
+er ihn leichtsinnig urtheilen, oder lieblos richten; läßt er sogar den
+Sohn fast an jedem Vergnügen Theil nehmen, und ohne Umstände Schule und
+Unterricht versäumen, wenn ein Vergnügen sich darbietet; gibt er ihm
+selbst die Spielkarten in die Hände, und bringt er vor den Augen seiner
+Kinder ganze lange Abende, bis in die Nacht hinein, am Spiel-Tische zu
+-- er wird einen Müßiggänger, einen Spieler, oder einen Frohnknecht
+in seinem Sohne der Welt erziehen, und das schreckliche Erbtheil des
+bösen Beispiels wird ihn zu Grunde richten, oder ihm wenigstens alle
+Menschenwürde rauben.
+
+Eben so unglücklich muß der Erfolg einer Erziehung seyn, die es nur
+darauf anlegt, den Kindern das Gepräge der conventionellen Bildung
+oder des Zeitgeistes zu geben, und ihnen alles das beizubringen und
+anzubilden, was in dem gesellschaftlichen Umgange gilt, und gerade
+jetzt an der Tagesordnung ist, oder für Bildung ausgegeben wird.
+Zwar hat sich, seit dem Freiheitskriege, eine eigene Secte in der
+Gesellschaft gebildet, welche der conventionellen Form, weil sie
+größtentheils französischen Ursprungs ist, den Krieg angekündigt,
+und die freieste Form, welche eigentlich gar keine ist, als die
+rechte angenommen hat; aber glücklicher Weise scheint es nicht, daß
+die Grundsätze dieser Secte sich weit verbreiten werden, da man die
+Bemerkung gemacht hat, daß sie zu einer Derbheit und Unschlachtigkeit
+führen, welche endlich allem geselligen Umgange, besonders dem mit dem
+anderen Geschlechte, den Untergang bringen müßte. Für die Beförderung
+~der~ Selbstverleugnung, Bescheidenheit und Gefälligkeit, welche
+die Natur des gesellschaftlichen Umgangs fordert, sind unstreitig
+die conventionellen Formen sehr ersprießlich, und eben darum nicht
+aufzugeben. Aber es ist eine merkwürdige Erscheinung, und eine für
+Erzieher sehr lehrreiche, daß Naturen von einer unüberwindlichen
+Unempfänglichkeit für diese Formen unter beiden Geschlechtern
+vorkommen, an welchen alle Anstrengungen der Erziehung für diesen
+Theil der Bildung völlig scheitern. Man möchte hieraus schließen,
+daß es auch für die gesellschaftliche Bildung eigenthümliche Anlagen
+gebe, und daß sie daher eben so wenig, wie z. B. die musikalische, zur
+allgemeinen menschlichen Ausbildung gezählt werden dürfe, wenigstens
+nicht ohne gewisse Modificationen; daß sie am allerwenigsten das
+Hauptziel aller Erziehung seyn dürfe, sondern daß diese vor allem das
+Reinmenschliche in dem Kinde auszubilden, zu pflegen und zu entwickeln
+habe; daß also die Erziehung keinesweges in eine bloße Abrichtung für
+den gesellschaftlichen Umgang übergehen dürfe. Diese Wahrheit wird
+jetzt zur Freude aller derer, welche keine Sclaven des Zeitgeistes
+sind, allgemeiner anerkannt, und sie hat eine Ueberzeugung geweckt,
+welche fast ganz in den höheren Ständen verschwunden war, daß die
+religiöse Bildung der Schlußstein aller wahren Bildung sey, und daß
+man die Veredlung unseres Geschlechts nicht bloß auf dem Wege der
+Verstandesbildung, nicht durch das Erkenntnißvermögen allein bewirken
+könne. Man erwartet nun nicht mehr alles Heil für die Menschheit von
+der Verbreitung wissenschaftlicher Bildung, und überhaupt von dem
+Wissen, sondern läßt der Gesinnung, als dem Höchsten im Menschen,
+wieder den ihr gebührenden ersten Rang unter den Bildungsstufen der
+Menschheit, wobei man aber seit einiger Zeit den Gefühlen einen zu
+hohen Werth beilegt, und sie gar zu gern als Surrogat der Gesinnungen
+und Grundsätze einschwärzen möchte, weil es so bequem ist, sich
+dem Gefühl zu überlassen, und seinem Herzen die Anstrengungen und
+Beschwerden des Handelns und der Selbstverleugnung zu ersparen. Daher
+möchte es die heutige Erziehung vorzüglich auf eine recht sorgfältige
+Bildung der Vernunft, und also auf feste Grundsätze anzulegen haben,
+und ihre Zöglinge in einem gewissen Gleichgewicht zu halten suchen,
+damit sie nicht lauter Gemüth werden, und in dem Uebermaß ihrer
+Gemüthlichkeit sich der Mystik und der Frömmelei in die Arme werfen.
+
+Drei Klippen dürften die Erzieher besonders bei dem bildenden ~Umgange~
+mit ihren Zöglingen zu vermeiden haben, nämlich: 1) Daß sie es
+nicht darauf anlegen, dem Zöglinge eine bestimmte Form anzubilden,
+z. B. nicht die des Oberen, des Untergebenen, des Soldaten, des
+Rechtsverständigen, des gläubigen Christen, des Rationalisten, sondern
+darauf: Menschen zu bilden, also Vernunftwesen, welche die Kraft haben,
+sich frei zu erhalten von dem Joch der Gewohnheit, des Zeitgeistes,
+der Menschenfurcht und Menschengefälligkeit, und der Leidenschaft.
+2) Daß sie nicht jedem Zöglinge ein bestimmtes Maß von Bildungsstoff
+zutheilen, und zwar nur von einer einzigen Gattung, z. B. nur
+wissenschaftlichen, oder nur Kunst-Stoff, oder nur moralischen, oder
+nur philologischen; sondern den ganzen Stoff ihm darreichen, und zwar
+ganz unverarbeitet, denn die Verarbeitung ist die Sache der Natur, und
+ohne ihm unsere Form und Ansicht aufzudringen. 3) Daß sie es nicht bei
+dem Lehren, und also bei dem Wortwesen bewenden lassen; sondern ihm
+diesen Stoff mehr durch Handlungen und Total-Eindrücke, als durch Worte
+geben, so daß also der Zögling mehr sucht und findet, als nimmt und
+empfängt, und alles aus ihm selbst hervorgehe.
+
+
+
+
+ Ueber den
+
+ Umgang mit Menschen.
+
+
+ Dritter Theil.
+
+
+
+
+ Einleitung.
+
+
+Nach dem, was ich in der Einleitung zu dem zweiten Theile dieses Buchs,
+über die darin beobachtete Ordnung der Gegenstände, gesagt habe, führt
+mich mein Plan nun zur Entwickelung der Vorschriften für den Umgang mit
+Personen von verschiedenen Ständen und Verhältnissen im bürgerlichen
+Leben, da ich denn, wie billig, mit den Großen der Erde den Anfang
+mache.
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen
+ und Reichen.
+
+
+ 1.
+
+Man würde ungerecht handeln, wenn man behaupten wollte, alle Fürsten,
+alle sehr vornehme und alle sehr reiche Leute hätten die Fehler
+mit einander gemein, durch welche viele von ihnen ungesellig, kalt
+und unfähig zur wahren Freundschaft und zum Umgange werden. Allein
+man versündigt sich wahrlich nicht, wenn man sagt, daß dieß bei
+den mehrsten von ihnen der Fall ist. Sie werden in der Erziehung
+verwahrloset, von Jugend auf durch Schmeichelei verderbt, durch
+Andere und sich selbst verzärtelt. Da ihre Lage sie über Mangel und
+Bedürfniß mancher Art hinaussetzt, da sie selten in Verlegenheit
+oder Noth gerathen, so lernen sie nicht, wie nöthig ~ein~ Mensch
+dem andern, und wie schwer es ist, das Ungemach des Lebens allein
+zu tragen, -- wie süß, theilnehmende, mitleidende Seelen zu finden,
+und wie wichtig, Andrer zu schonen, damit man einst zu ihnen seine
+Zuflucht nehmen könne. Sie lernen sich selbst nicht kennen, weil man
+sie, aus Furcht oder Hoffnung, die widrigen Eindrücke, welche ihre
+Fehler und Gebrechen machen, nicht empfinden läßt. Sie sehen sich als
+Wesen besserer Art an, von der Natur begünstigt, zu herrschen und zu
+regieren; die niedern Klassen hingegen bestimmt, ihrem Egoismus, ihrer
+Eitelkeit zu huldigen, ihre Launen zu ertragen, und ihren Phantasien
+zu schmeicheln. Auf die Voraussetzung, daß die mehrsten Großen und
+Reichen größtentheils diesem Bilde gleichen, muß man sein Betragen
+im Umgange mit ihnen gründen. Um desto wohlthätiger zwar ist die
+Empfindung, wenn man unter ihnen Einen antrifft, der mit einem gewissen
+edeln Stolze, mit mehr Feinheit, Großmuth und besserer Ausbildung, alle
+Privat-Tugenden verbindet. -- Und, es gibt Deren, selbst unter Fürsten;
+-- aber sie sind Seltenheiten, und nicht immer macht der allgemeine Ruf
+sie uns bekannt. Auf diesen und auf die Posaunen der Zeitungsschreiber
+und Journalisten darf man kein Urtheil gründen. Ich habe oft mit
+inniger Betrübniß gesehen, wie der allgemein bewunderte, als Wohlthäter
+des Menschengeschlechts und Beförderer alles Edeln, Großen und Schönen
+gepriesene Erdengott und Liebling des Volks, in der Nähe so klein, so
+erbärmlich war. ~Die besten Fürsten sind nicht selten die, von welchen
+am wenigsten geredet wird, sowohl im Guten, als im Bösen.~
+
+
+ 2.
+
+Der Umgang mit Großen und Reichen muß aber sehr verschieden abgestuft
+seyn, je nachdem man ihrer bedarf, oder nicht; von ihnen abhängig,
+oder frei ist. Im ersten Falle darf man wohl nicht immer so gänzlich
+seinem Herzen folgen, muß zu Manchem schweigen, sich Manches gefallen
+lassen, darf nicht so freimüthig und kühn die Wahrheit sagen, obgleich
+ein fester, redlicher Mann die Geschmeidigkeit nie bis zu niedriger
+Schmeichelei treiben wird. Indessen verändern kleine Umstände, so
+wie die feinen Unterschiede der Charaktere das Verhältniß; daher ich
+alle Regeln für den Umgang mit den Großen zusammenfassen, und den
+Lesern überlassen werde, zu ordnen und auszuwählen, was in jeder Lage
+anwendbar ist.
+
+
+ 3.
+
+Ein allgemeiner Satz für alle Fälle ist der: Dringe Dich den Vornehmen
+und Reichen nicht auf, wenn Du nicht von ihnen verachtet werden willst!
+Ueberlaufe sie nicht mit Bitten für Dich und Andre, wenn sie Deiner
+nicht überdrüssig werden, wenn sie Dich nicht fliehen sollen! Laß Dich
+vielmehr von ihnen aufsuchen! Mache Dich rar; doch dies alles, ohne daß
+Deine Absicht merklich, ohne daß Dein Betragen gezwungen scheine!
+
+
+ 4.
+
+Suche nicht, Dir das Ansehen zu geben, als gehörtest Du zu der
+Klasse der Vornehmern, oder lebtest wenigstens mit ihnen in engster
+Vertraulichkeit! Rühme Dich nicht ihrer Freundschaft, ihres
+Briefwechsels, ihres Zutrauens, noch Deines Uebergewichts über sie!
+Wenn eine solche Verbindung Dir ein Glück zu seyn scheint, so erfreue
+Dich in der Stille dieses unbequemen Glücks! Es gibt Menschen, die
+durchaus dafür angesehen seyn wollen, eine größere Figur in der Welt
+zu spielen, und in höherem Ansehen zu stehen, als ihnen wirklich zu
+Theil geworden ist. Sie führen, auf Kosten ihres Geldbeutels, den
+Luxus der Vornehmen und Reichen in ihre Häuser, oder drängen sich in
+deren Cirkel ein, wo sie eine elende Figur spielen, nur hinterher
+laufen müssen, und keinen frohen Genuß haben, indeß sie lehrreichern
+und genußvolleren Umgang gänzlich vernachlässigen, und treue Freunde
+und weise Menschen von sich entfernen. Die geizigsten Leute sparen
+zuweilen keine Kosten, wenn sie Gelegenheit finden können, Zutritt in
+großen Häusern zu erlangen, und hungern gern Monate hindurch, um einmal
+einen Großen bei sich zu bewirthen, der dieses Opfer gar nicht gewahr
+wird, oder es doch nicht zu schätzen weiß, vielleicht Langeweile bei
+ihnen hat, alles sehr bürgerlich findet, und nach vierzehn Tagen wohl
+gar den Namen des thörichten Wirthes vergessen hat. Andre lassen es
+sich wenigstens angelegen seyn, die nichtsbedeutenden und verderbten
+Sitten der Großen sclavisch nachzuahmen, ihre hochmüthige Herablassung,
+ihren geschäftigen Müßiggang, ihre Zerstreuung, ihr Wichtigthun, ihre
+leeren Vertröstungen, ihre seelenlosen Gespräche, ihre Zweizüngigkeit,
+Windbeutelei, Gefühllosigkeit, Nachahmung der Ausländer, die Verachtung
+ihrer Muttersprache, ihre fehlerhafte Schreibart, ja sogar ihre
+lächerlichen Gebehrden, Gewohnheiten und Gebrechen, ihr Stammeln,
+Lispeln, Achselzucken, ihre Grobheit gegen Niedere, ihre affektirte
+Kränklichkeit, ihr Podagra, ihre schlechte Hauswirthschaft, ihre
+kindischen Launen, und mehr dergleichen herrliche Vorzüge treulich
+anzunehmen und sich einzuverleiben. Ihnen ist der beste Beweis für
+die Güte einer Sache ~der~, daß doch jedermann von Stande so und nicht
+anders handle und urtheile; -- als ob das in der That eine Narrheit
+heiligen könnte! -- Handle selbstständig! Verleugne nicht Deine
+Grundsätze, Deinen Stand, Deine Geburt, Deine Erziehung: so werden Hohe
+und Niedre Dir ihre Achtung nicht versagen können!
+
+
+ 5.
+
+Man traue nicht zu sehr den freundlichen Gesichtern der meisten
+Großen; glaube sich nicht auf dem Gipfel der Glückseligkeit, wenn
+der gnädige Herr uns anlächelt, die Hand schüttelt, oder uns umarmt!
+Vielleicht bedarf er unserer in diesem Augenblicke, und behandelt
+uns mit Verachtung, wenigstens mit Kälte, sobald dieser Augenblick
+vorüber ist. Vielleicht fühlt er gar nichts bei seiner Freundlichkeit;
+wechselt Mienen, wie Andre Kleider wechseln; ist gerade in der
+Verdauungs-Stunde zu unthätigem Wohlwollen gestimmt, oder will einen
+andern seiner Sclaven dadurch demüthigen. Man bleibe mit dieser Gattung
+Menschen immer in seinen Schranken, mache sich nicht gemein mit ihnen,
+und vernachlässige nie die äussere unterscheidende Höflichkeit und
+Ehrerbietung, die man ihrem Stande schuldig ist, sollten sie sich auch
+noch so sehr herablassen! Früh oder spät fällt es ihnen doch ein, ihr
+Haupt wieder empor zu heben, oder sie verabsäumen uns, wenn ein andrer
+Schmeichler sie an sich zieht; und dann setzt man sich unangenehmen
+Demüthigungen aus, die man mit weiser Vorsicht vermeiden kann.
+
+
+ 6.
+
+Ueberschreite nicht bei Deiner Gefälligkeit gegen die Großen der Erde,
+in deren Händen Dein bürgerliches Glück ist, -- die Grenzen der wahren
+Ehre! Es ist eine große Versuchung für einen armen oder ehrbegierigen
+jungen Menschen, der in dem Dienst eines schwachen Fürsten sich
+emporschwingen will, ob er nicht dessen ränkevollem Minister, dem
+regierenden Kammerdiener, oder einer tyrannischen Buhlerin huldigen
+soll; aber selten nimmt das ein gutes Ende. Solche Lieblinge stürzen
+sich früh oder spät selbst, und reissen dann ihre Kreaturen mit in
+ihr Verderben; und wäre auch dieß nicht, so werden doch die größten
+Vortheile, die man dadurch erlangen könnte, zu theuer erkauft, wenn
+man dafür die Achtung weiser und rechtschaffener Männer aufopfern muß;
+und das ist gewiß immer der Fall. -- Der gerade Weg hingegen führt
+unfehlbar, wo nicht zu einem glänzenden, doch zu einem dauerhaften
+Glücke.
+
+
+ 7.
+
+Auch lasse man sich von den Erden-Göttern nicht nur zu keinen
+unedeln Geschäften mißbrauchen, sondern sey auch vorsichtig in allen
+Diensten, welche man ihnen erweiset. Sie machen leicht aus jeder
+Gefälligkeit eine Pflicht, und halten es nachher für Verabsäumung
+unsrer Schuldigkeit, wenn wir zu einer andern Zeit uns nicht gerade
+aufgelegt zeigen, uns eben so, wie sonst, preiszugeben. Wenigstens
+vergessen sie leicht, was man für sie gethan hat. Es bat mich einmal
+der *** von ***, der sonst in der That viel gute Eigenschaften hatte,
+ihm ein Paar Aufsätze in französischer und deutscher Sprache zu
+verfassen, die er bei einer gewissen Gelegenheit öffentlich vorlesen
+wollte, um die Gemüther zu lenken. »Es fehlt mir an ~Zeit~, mein
+Lieber!« sagte er, »sonst würde ich Sie nicht bemühen; doch, Sie sind
+auch in ~dergleichen~ Arbeiten geübter, als ich.« Ich wendete einige
+Stunden Fleiß und Anstrengung daran, und als ich ihm das Ganze brachte,
+drückte er mich an seine Brust, dankte mir unter vier Augen, in den
+zärtlichsten, herablassendsten Ausdrücken dafür, und schwur sehr
+übertrieben: meine Arbeit sey ein Meisterstück von Beredsamkeit. Kurz!
+er gebehrdete sich, als wenn ich ihm den wichtigsten Dienst geleistet
+hätte, bat mich aber, die Sache zu verschweigen, welches ich auch that.
+Nach ein Paar Jahren kam ich des Morgens in *** zu ihm. Er erzählte
+mir allerlei zu seinem eigenen Lobe. -- Ich hörte demüthig zu. -- »Und
+das alles,« fuhr er fort, »habe ich durch ein Paar Memoires bewirkt,
+die mir, ohne mich zu rühmen, nicht übel gerathen sind. Sie sollen sie
+selbst lesen. Nehmen Sie sie mit sich nach Hause!« Er überreichte mir
+darauf meine eigene Geistes-Waare, nur von seiner Hand geschrieben;
+ich steckte sie ein, legte aber zu Hause meine Concepte dazu, und
+schickte ihm dann die Papiere zurück. Er wurde ein wenig beschämt, und
+wir scherzten nachher darüber; -- allein so sind auch die Besten unter
+ihnen!
+
+Vor allen Dingen hüte man sich, von Vornehmen und Mächtigen in
+gefährliche Händel gezogen zu werden! Sehr gern pflegen sie das zu
+thun, und schieben dann entweder die Schuld auf den, der sich zu ihrem
+Werkzeuge gebrauchen ließ, wenn die Unternehmung nicht gelingt, oder
+lassen ihn gar darin stecken, und alles Ungemach allein erdulden,
+wenn die Sache schief geht. Auch von letzterer Art habe ich in den
+Jahren meiner Jugend Erfahrungen gemacht. Kurz! man lasse sich ihre
+Geheimnisse nicht mittheilen! Sie schonen des Mannes, der um ihre
+Heimlichkeiten weiß, nur so lange, als sie seiner unumgänglich
+bedürfen; aber sie fürchten ihn, und suchen sich von ihm loszumachen,
+sobald sie können, möchte man ihnen auch noch so deutlich zeigen, daß
+man unfähig ist, dies Uebergewicht und ihr Zutrauen zu mißbrauchen!
+
+
+ 8.
+
+Ueberhaupt darf man auf die Dankbarkeit der meisten Vornehmen und
+Reichen, so wie auf ihre Versprechungen nicht bauen. Opfere ihnen also
+nichts auf! Sie fühlen den Werth davon nicht, glauben, alle andre
+Menschen seyen ihnen einen solchen Tribut schuldig für den Schutz,
+für die gnädigen Blicke, ja sogar für eine ungestörte Existenz; oder
+man wolle dadurch kleine Vortheile erringen. Schenke ihnen also auch
+nichts! Das hieße einen Tropfen köstlichen Balsams in einen Eimer
+trüben Wassers fallen lassen. Ich besaß ein altes kostbares Gemälde;
+ein geschickter Maler schätzte den Werth desselben auf hundert
+Pistolen. Die Hälfte dieser Summe, die ich leicht dafür bekommen haben
+würde, wäre bei meinen damaligen häuslichen Umständen mir äusserst
+nützlich gewesen; meine Gutmüthigkeit aber, oder vielmehr meine
+Thorheit, verleitete mich, das Gemälde dem Durchlauchtigsten *** von
+*** zu schenken, welcher es auch annahm. Ich dachte dadurch nichts
+zu erschleichen; aber theils wollte ich diesem Fürsten hiermit meine
+Zuneigung bezeugen, theils hoffte ich, da ich im Begriff stand, ihn
+an ein gegebenes Wort zu erinnern, er werde nun um so bereitwilliger
+sein Versprechen erfüllen; allein ich betrog mich. Er umarmte mich,
+als ich zu ihm kam, und zeigte mir den Ehrenplatz, welchen er meinem
+Geschenke angewiesen: doch sein Versprechen erfüllte er nicht; und als
+ich mich nach Jahresfrist eines Abends zugleich mit einem Gesandten,
+dem er seine Kunstschätze zeigte, in seinem Cabinette befand, sagte er
+diesem Fremden in meiner Gegenwart, indem er von meinem theuren Gemälde
+redete: »Es ist wahrlich ein schönes Stück, und ich bin ~ziemlich
+wohlfeil~ dazu gekommen.« -- Er hatte also vergessen, oder wollte es
+nicht gestehen, daß ich es war, der ihm diesen ~sehr wohlfeilen~ Preis
+gemacht hatte; -- und ich beseufzte die verschwundene Hoffnung und die
+verlorne Summe, von welcher ich mit den Meinigen eine Zeitlang hätte
+leben können.
+
+Eben so wenig rathe ich, den Großen Geld zu leihen, oder von ihnen
+zu borgen. Im erstern Falle sehen sie nicht nur ihre Gläubiger als
+Wucherer und als solche an, die sich eine Ehre daraus machen müssen,
+den gnädigen Herren mit ihrem Vermögen aufzuwarten, sondern auch,
+wenn sie saumselig in Wiederbezahlung der Schuld sind, was bei ihrer
+unordentlichen Lebensweise in der Regel der Fall ist; so hat man
+unerhörte Weitläuftigkeiten, hat zuweilen Mühe, Gerechtigkeit gegen sie
+zu erlangen, und macht sich wohl noch obenein eine mächtige Parthei zu
+Feinden. Im andern Falle aber, nämlich wenn man von ihnen borgt, wagt
+man tausendfältig ihr Sclave zu werden.
+
+
+ 9.
+
+Trage nichts dazu bei, sie und ihre Kinder noch mehr zu verderben,
+sie moralisch zu verschlimmern! Schmeichle ihnen nicht! Nähre
+nicht ihren Stolz, ihre Ueppigkeit, ihre Eitelkeit, ihren Hang zu
+nichtigen und wollüstigen Freuden! Bestärke die Großen nicht in den
+Grundsätzen von angebornen Vorzügen, von Herrschers-Rechten, von
+Gesalbtheit und dergleichen Grillen! Heuchle nicht! Verleugne nicht
+die Wahrheit, selbst die bittre Wahrheit nicht, um ihre Gunst zu
+erlangen! Sey freimüthig, aber ohne die Höflichkeit zu verletzen,
+und ohne Dich selbst zu Grunde zu richten! Nimm Dich der verkannten
+Unschuld, des verläumdeten Edeln, des durch Hof-Ränke verschwärzten
+Ehrenmanns an; doch mit kluger Vorsicht, ohne seine Feinde dadurch
+noch mehr zu erbittern, und mit bedächtiger Rücksicht auf Deine Lage
+und Verhältnisse! Befördere, unterstütze, wo Klugheit es gestattet,
+die Wünsche, den guten Ruf und die billigen Gesuche Derer, die zu
+schüchtern, zu arm, zu bescheiden, oder zu sehr niedergedrückt, die
+verkannt, oder von zu geringem Stande sind, um sich den Palästen zu
+nähern! Man sollte es kaum glauben, welchen Einfluß die Reden eines
+verständigen, allgemein geschätzten Mannes auf diese Menschen haben
+können, sowohl im Guten, als Bösen; wie gern sie alles zum Vortheile
+ihres Dünkels auslegen, und wie viel man auf sie wirken kann, wenn auch
+diese Wirkungen nicht sichtbar werden.
+
+
+ 10.
+
+Man hüte sich, mit ihnen von Planen und Entwürfen zu reden, von deren
+Ausführbarkeit man überzeugt ist, die aber mit Schonung und Vorsicht
+ausgeführt seyn wollen, damit sie nicht auf den Einfall kommen, bloß
+durch ihre Macht etwas erreichen zu wollen, was nur durch Einsicht und
+Behutsamkeit erreicht werden kann; denn sie wissen immer die Schuld von
+sich auf Andre zu wälzen, wenn der Erfolg nicht der Erwartung gemäß
+ist! Ich erinnere mich (um nur ein ganz kleines Beispiel zu geben),
+daß einst ein gewisser Prinz mit mir von einem platten Dache redete,
+das er auf sein Gartenhaus hatte legen, aber wieder abnehmen lassen,
+weil es zu schwer befunden ward. Mir fiel gerade ein, daß ich von
+einem französischen Ingenieur-Officier gehört hatte: man könne ein
+wohlfeiles, leichtes und dauerhaftes, plattes, italienisches Dach aus
+einer Menge Lagen von blauem Zucker-Papiere, zwischendurch und obenauf
+mit Schiff-Theer beschmiert und mit Kies bestreuet, verfertigen. Dieß
+erzählte ich dem Prinzen beiläufig, ohne jedoch für die Güte der Sache
+einzustehen. Lange nachher erfuhr ich, daß er den Versuch -- wer weiß,
+wie? -- gemacht hätte, daß dieser mißlungen war, und daß er nicht
+undeutlich zu verstehen gegeben hätte, ich sey ein Mann, auf dessen
+Angaben man sich nicht einlassen dürfe.
+
+Ueberhaupt kann man kaum vorsichtig genug in seinen Reden mit den
+Großen der Erde seyn. Man enthalte sich daher in ihrer Gegenwart aller
+nachtheiligen Urtheile über andre Leute, aller Ausstellungen! Sie
+pflegen dergleichen zwar gern zu hören, aber die Folgen sind oft sehr
+unglücklich. Zuerst setzt man dadurch sich und Andre in ihren Augen
+herab; denn sie lachen zwar mit, hassen aber doch den Lästerer und
+Ausspäher fremder Fehler, bei dem heimlichen Bewußtseyn ihrer eigenen
+vielfachen Gebrechen; und da sie ohnehin Geringere verachten, so
+wächst diese Verachtung durch Aufdeckung fremder Schwachheiten. Sodann
+mißbrauchen sie wohl gelegentlich unsern Namen, verdächtigen uns, indem
+sie unsern Einfall nacherzählen, hetzen uns mit Andern zusammen. Auch
+kann man ja nicht immer wissen, ob nicht das zeitliche Glück solcher
+Menschen, von welchen man nachtheilig urtheilt, in ihren Händen ist;
+und hinterher erschrickt man, wenn man erfährt, wie oft ein einziges,
+in keiner bösen Absicht hingeworfenes Wort feste Wurzel faßt, und
+nach langer Zeit noch die schädlichsten, unglücklichsten Folgen haben
+kann. Das Gute gleitet an ihren untheilnehmenden Herzen ab; das Böse
+hingegen setzt sich fest, und wird so leicht nicht ausgelöscht. Am
+allervorsichtigsten aber soll man in seinen Gesprächen mit Vornehmen
+über andre Personen von höherem Stande seyn. Obgleich die Erdengötter
+sich unter einander selten lieben, sondern mehrentheils durch allerlei
+Leidenschaften getrennt sind; so hören sie doch nicht gern, daß man
+die privilegirten Lieblinge des Himmels in ihrer Gegenwart ohne
+Ehrerbietung nennt. Uebrigens wollen die Vornehmen und Reichen angenehm
+unterhalten, und in fröhliche Laune gesetzt seyn. Thue dieß auf
+unschuldige Weise, wenn Dir an ihrer Gunst gelegen ist; aber erniedrige
+Dich nicht zu ihrem besoldeten Spaßmacher, der Schwänke liefern muß, so
+oft sie winken, und von dem sie kein vernünftiges Wort hören mögen.
+
+
+ 11.
+
+In den Herzen der mehresten Großen wohnt Mißtrauen. Es herrscht bei
+ihnen der Gedanke: alle übrigen Menschen hätten einen Bund gegen
+sie gemacht. Deswegen sehen sie es ungern, wenn unter denen, welche
+ihnen unterworfen sind, enge Freundschaften entstehen. Wer sich um
+Fürstengunst und große Verbindungen nicht zu bewerben braucht, der kann
+sich hierüber gänzlich hinwegsetzen, kann Verbindungen nach seinem
+Herzen schließen; und überhaupt wird kein redlicher Mann, aus niedriger
+Gefälligkeit gegen irgend einen Beschützer und Gönner, einen wahren
+Freund vernachlässigen, noch einen würdigen Mann, der ihm die Hand
+reicht, von sich stoßen. Wer aber an Höfen sein Glück machen will,
+der thut doch wohl, wenn er vorsichtig in der Wahl seines Umgangs,
+seiner Vertrauten und der Gesellschaften ist, welche er am häufigsten
+besucht. Es herrschen da immer Partheien und Kabalen, in welche ein
+wohlwollendes, theilnehmendes Herz gar zu leicht hineingezogen wird.
+Und wenn nun eine dieser Partheien über die andere siegt, so muß oft
+der Unschuldigste, in so fern er nur irgend Mitwisser bei dem, was
+vorgefallen, gewesen ist, die Zeche bezahlen helfen.
+
+
+ 12.
+
+Rede nie mit den Großen der Erde ohne Noth von Deinen häuslichen
+Umständen, von Dingen, die nur persönlich Dich und Deine Familie
+angehen! Klage ihnen nicht Dein Ungemach! Vertraue ihnen nicht den
+Kummer Deines Herzens! Sie fühlen ja doch kein warmes Interesse dabei,
+haben keinen Sinn für freundschaftliche Theilnahme; es macht ihnen
+Langeweile; Deine Geheimnisse sind ihnen nicht wichtig genug, um sie
+treu zu bewahren. Immer meinen sie, man wolle bei ihnen betteln, --
+und sie verachten den Mann, der nicht glücklich, nicht frei ist. Von
+Jugend auf glauben sie, jedermann mache Plane auf ihren Geldbeutel, auf
+ihre Wohlthaten. Ueberhaupt sehen uns die Großen von dem Augenblicke,
+da wir etwas zu suchen, Andrer zu bedürfen scheinen, mit ganz andern
+Augen an, als vorher. Man läßt uns Gerechtigkeit widerfahren, ja,
+man zeigt sich bezaubert von unsern angenehmen Talenten, von unsern
+Kenntnissen, von unsrer Herzensgüte, von den glänzenden Vorzügen unsers
+Geistes, so lange wir mit allen diesen schönen Eigenschaften nichts als
+höfliche Behandlung und Gefälligkeit verdienen wollen, so lange wir
+als Fremde, als unabhängige Menschen, niemand im Wege stehen, niemand
+verdunkeln; aber viel genauer, strenger und schonungsloser fängt man
+an, uns zu richten, wenn wir unsre Vorzüge im Staate geltend machen
+und die erlaubten Vortheile damit erringen wollen, worein sich so gern
+die vornehmen Dummköpfe und deren Kreaturen theilen. Am besten wird
+man von den Vornehmen und Reichen behandelt, wenn sie erkennen, daß
+man ihrer gar nicht bedarf, und wenn man ihnen dieß zeigt, ohne sich
+dessen laut zu rühmen; wenn ihnen im Gegentheil unsre Hülfe, unsre
+Einsicht unentbehrlich ist; wenn wir dabei nie die Bescheidenheit und
+äussere Huldigung aus den Augen setzen; wenn unser Scharfsinn, unsre
+größere Weisheit, unsre Festigkeit und Geradheit, ihnen Ehrerbietung
+einflößen, ohne daß sie uns eigentlich fürchten; wenn wir uns bitten,
+uns aufsuchen lassen, nicht aber unsern Beistand aufdringen -- Einen
+solchen Mann schonen sie sorgfältig. --
+
+
+ 13.
+
+Hüte Dich aber, einen Großen, der Ansprüche auf Verstand, Witz, hohe
+Tugenden, Gelehrsamkeit oder Kunstgefühl macht, deutlich, oder gar
+in Gegenwart Andrer merken zu lassen, daß Du Dir bewußt bist, ihn zu
+übertreffen oder zu übersehen. In der Stille darf er das wohl fühlen,
+aber er muß es nur ~allein~ zu fühlen glauben. Vor allen Dingen ist
+diese Vorsicht nöthig gegen Vorgesetzte, die ungeschickter in ihrem
+Fache sind, als Du. Gern mögen sie Dir Deine bessern Einsichten,
+gleichsam als prüften sie Dich, abfragen, sich zu eigen machen, Dir
+nach Gelegenheit Deine eigne Waare wieder verkaufen; doch wehe Dir,
+wenn Du das rügst, wenn Du nur einmal thust, als merktest Du es;
+oder gar, wenn Du den Ton der Belehrung gegen sie annimmst! -- Wie
+werden sie Dir das Leben sauer machen! Wie viel werden sie von Dir
+fordern, das sie selbst nie zu leisten im Stande seyn würden, damit sie
+Gelegenheit haben, Dich eines Fehlers zu überführen und herabzusetzen.
+
+
+ 14.
+
+Es gibt aber geringe, unschuldige Gefälligkeiten gegen die Großen
+der Erde, die man ihnen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen,
+erweisen, und unwichtige Forderungen von ihrer Seite, die man ohne
+niedrige Schmeichelei erfüllen kann. Diese verzogenen Schooßkinder
+des Glücks sind nämlich von Jugend auf daran gewöhnt, daß man sich in
+Kleinigkeiten nach ihren Launen fügt, ihren Geschmack zur Richtschnur
+annimmt, ihre Liebhabereien artig findet, und alles vermeidet, was
+ihnen aus Vorurtheil oder kindischem Eigensinne zuwider ist. Auch die
+Besten unter ihnen sind von solchen Grillen und Einbildungen nicht
+ganz frei, und wenn man nun auf einen sonst redlichen, edeln Großen
+dadurch zum Guten wirken kann, daß man sich hierzu bequemt, oder wenn
+unser und unsrer Familie zeitliches Glück in seinen Händen ist: --
+wer sollte da nicht nachgebend seyn, und sich ein wenig nach seinen
+Eigenheiten und seiner Schwachheit richten? So reden z. B. manche
+Fürstenkinder sehr geschwind und undeutlich, und sehen es nicht gern,
+wenn man noch einmal frägt, sondern wollen gleich verstanden seyn.
+Freilich wäre es besser, wenn man ihnen diese Unart in der Kindheit
+abgewöhnt hätte: aber es ist nun einmal nicht geschehen. Oder sie
+lieben Pferde, Hunde, bunte Soldätchen, Schauspiele, Pfeifenköpfe,
+Bilder, Geiger, Fidler; componiren auch wohl selbst; bauen, pflanzen,
+errichten Academien, Museen u. dgl. -- Wie unschuldig ist es nicht da,
+zuweilen mit einzustimmen, und einige Kennerschaft zu zeigen? Nur muß
+man sie in ihren Lieblingsfächern nicht übersehen, nicht übertreffen
+wollen, welches leicht zu geschehen pflegt, da sie oft von den Dingen,
+womit sie sich am meisten beschäftigen, am wenigsten verstehen -- wie
+sich denn über den vorsichtigen Umgang mit vornehmen Componisten
+und unwissenden Mäcenaten ein weitläuftiges Kapitel schreiben ließe.
+-- Auch was gewisse Kleider-Trachten, Manieren, den Ton der Stimme,
+was Styl, Handschrift und mehr solche Dinge betrifft, darüber haben
+sie zuweilen gewisse eigne Meinungen, die man schonen muß, wenn man
+sich ihnen nicht unangenehm machen will. Uebrigens versteht sich's,
+daß diese Gefälligkeit aufhören soll, sobald dieselbe schädlichen
+Einfluß auf den Charakter haben kann: wenn sie dadurch im Egoismus
+bestärkt, von ernsthaften Beschäftigungen abgezogen, unbillig gegen
+Andre, ungerecht gegen wirkliche Verdienste werden, oder wenn ihre
+Liebhabereien von solcher Art sind, daß dadurch ihr Herz verwildert,
+verhärtet, grausam wird.
+
+Zu den ~mehrentheils~ schädlichen Liebhabereien großer, besonders
+~regierender~ Herren, gehört auch die Lust zu reisen. Ungern möchte
+ich einen Fürsten darin bestärken. Sie rennen da gewöhnlich in fremden
+Himmelsgegenden herum, bevor sie ihr eigenes Land kennen, in welchem
+tausend Gegenstände, mehr als die Carnavals von Venedig und die
+Pferderennen in England, ihrer Aufmerksamkeit werth sind; kaufen für
+den sauren Erwerb ihrer Unterthanen ausländische Possen, Krankheiten
+des Leibes und der Seele, und bringen nicht selten große Forderungen,
+Hang zu Verschwendung, Wollust und Ueppigkeit, böse Laune, Müßiggang,
+Avanturiers u. dergl. in ihre arme Residenz zurück.
+
+
+ 15.
+
+Fürsten, Vornehme und Reiche pflegen zuweilen sich so weit zu Leuten
+von geringerm Stande herabzulassen, daß sie dieselben um Rath fragen,
+oder sie um Beurtheilung ihrer Spielwerke, ihrer Schriften, Anlagen,
+Plane, Meinungen u. dergl. bitten. Hier ist die größte Behutsamkeit zu
+empfehlen, und daß man sich erinnere, wie übel das Rathgeben und Warnen
+dem armen Gil Blas von Santillana in dem Hause des Cardinals bekam,
+obgleich dieser ihn so dringend aufgefordert hatte, ihm zu erzählen,
+was die Leute von seinen Predigten redeten. So wie fast alle übrige
+Menschen, so legen besonders die Großen der Erde uns mehrentheils nur
+darum solche Dinge zur Beurtheilung vor, damit wir sie loben sollen,
+und fragen nicht eher um Rath, als wenn sie schon beschlossen haben,
+was sie thun wollen.
+
+
+ 16.
+
+Wenn die Befolgung dieser Klugheits- und Vorsichtsregeln schon wichtig
+ist im Umgange mit solchen Personen, die zwar nicht frei von den
+Fehlern einer vornehmen Erziehung, aber doch gut geartet, wohlwollend
+und verständig sind; so ist sie doppelt wichtig, wenn man es mit
+vornehmen Pinseln, mit Menschen zu thun hat, die zugleich hochmüthig,
+unwissend, dumm, ohne Grundsätze und Gefühl, kalt und rachsüchtig sind,
+-- und ich bedaure jede Christen-Seele, die von dergleichen kleinen und
+großen Tyrannen abhängen muß.
+
+
+ 17.
+
+Wenn Du das glänzende Unglück hast, der Liebling eines schwachen
+Erden-Götzen zu seyn: so bereite Dich nicht nur selber dazu vor, daß
+diese Freude nicht lange dauern, daß ein Schmeichler Dich aus Deinem
+Posten verdrängen wird; sondern zeige auch sowohl Deinem Sultane,
+daß Du nicht gänzlich von seinen Blicken lebst, als auch dem Volke,
+wie wenig Du Dir auf diesen nichtigen Vorzug zu gute thust; wie
+unwesentlich zu Deiner Glückseligkeit ein solcher unbedeutender,
+zufälliger Glanz ist! Wenn Du dann in tiefe Ungnade fällst, so fliehen
+doch wenigstens die Bessern nicht vor Dir, wie vor einem vernichteten,
+verweseten Menschen: und der undankbare Despot fühlt, daß es noch
+Leute gibt, die seiner entbehren können. Baue überhaupt nicht auf die
+Freundschaft, Festigkeit und Anhänglichkeit der Großen! Sie achten
+Dich, so lange sie Deiner bedürfen; sie sind wankelmüthig, und mehr
+geneigt, das Böse, als das Gute zu glauben, und der Letzte hat bei
+ihnen immer Recht.
+
+Nütze aber die Zeit ihrer Gunst, um sie zur Gerechtigkeit, Treue,
+Wahrheit und Menschenliebe zu ermuntern! Stimme ihnen bei, wenn sie
+je vergessen wollen: ~daß sie, was sie sind, und was sie haben, nur
+durch Uebereinkunft und Zustimmung des Volks sind und haben; daß man
+ihnen diese Vorrechte wieder nehmen könne, wenn sie Mißbrauch davon
+machen; daß unsre Güter und unsre Existenz nicht ihr Eigenthum, sondern
+daß alles, was sie besitzen, unser Eigenthum ist, weil wir dafür alle
+ihre und der Ihrigen Bedürfnisse befriedigen, und ihnen noch obenein
+Rang, Ehre und Sicherheit geben, und Geiger und Pfeifer bezahlen;
+endlich daß in diesen Zeiten der Aufklärung und richtiger Begriffe
+von Menschenrechten und Volksrechten bald kein Mensch mehr daran
+glauben wird, daß ein Einziger, vielleicht der Schwächste der ganzen
+Nation, ein angeerbtes Recht haben könnte, hundert tausend weisern und
+bessern Menschen das Fell über die Ohren zu ziehen; daß sie aber ohne
+Trabanten und Wachen ruhig schlafen können, wenn das dankbare Volk,
+dessen treue Diener sie sind, sie liebt, und für das Wohl der Edeln
+Segen vom Himmel erfleht.~. -- Es versteht sich, daß diese Wahrheiten
+einiger Einkleidung bedürfen, wenn sie den verwöhnten Ohren der Großen
+harmonisch klingen sollen.
+
+Willst Du Dich in Gunst erhalten: so mache, daß nie der eitle Große
+merke, daß Du Dich Deiner Gewalt über ihn freuest, noch daß Du gern
+Deine Meinung gegen die seinige durchsetzen wollest! Zeige ihm, daß
+wirklich Achtung und Liebe zu seiner Person und das Verlangen, nützlich
+zu seyn, Deine Schritte leiten, nicht aber Eigennutz und kindische
+Eitelkeit! Aber sey auch nicht so närrisch, billige Vortheile, oder
+wohlerworbene Belohnungen Deiner Dienste zurückzuweisen, Dein Vermögen
+aufzuopfern, und nachher vielleicht, wenn man Deiner müde ist, Dich mit
+einem weißen Stabe fortschicken zu lassen!
+
+Ueber alle Geschäfte, die Dir von Fürsten aufgetragen werden, führe
+so genaue pünktliche Rechnung und Controlle, daß Du zu jeder Zeit die
+Rechtmäßigkeit Deiner Schritte gegen Verläumder und Ankläger beweisen
+könnest!
+
+Ungebeten übernimm kein Geschäft, das nicht zu Deinem Amte gehört!
+
+Vermeide es, ihnen durch trocknen, langweiligen Vortrag die Geschäfte
+noch unangenehmer zu machen, als sie ihnen schon gewöhnlich sind!
+
+Bist Du des Fürsten Günstling: so fehlt Dir's nicht an Neidern und
+Ausspähern; sey daher dann doppelt vorsichtig in Deinem sittlichen
+Betragen!
+
+Es gibt immer an Höfen Leute, denen daran gelegen ist, genau zu wissen,
+wie groß Dein Einfluß auf den Kopf und das Herz des Fürsten ist. Um
+diese nie in Deine Karte blicken zu lassen, und damit sie nicht wissen
+mögen, von welcher Seite etwa der Herr gegen dich gewonnen werden
+könnte: so vermeide alle Gelegenheit, in Andrer Gegenwart mit ihm von
+Geschäften, oder sonst von Gegenständen, über welche Du vielleicht mit
+ihm nicht gleicher Meinung bist, zu reden!
+
+Sey vorsichtig, höchst vorsichtig, in bestimmter Anempfehlung andrer
+Leute, zum Dienste des Fürsten!
+
+Baue nie auf die Anhänglichkeit Deiner sogenannten Kreaturen, d. h.
+solcher Menschen, die Dir ihr Glück zu verdanken haben!
+
+Versprich nicht Dein Fürwort, wenn Du des Erfolges nicht gewiß bist!
+
+Begünstige die Gesuche der Kreaturen Deiner präsumtiven Feinde in
+billigen Dingen!
+
+
+ 18.
+
+Wenn Dein Beschützer, wenn ein Großer, dem Du in der Zeit seines
+äussern Glücks, aus Noth, Höflichkeit, Politik oder gutem Willen,
+gehuldigt hast, von seiner Höhe herabstürzt; wenn er Stand, Vermögen,
+Einfluß oder Glanz verliert: so schlage Dich nicht zu der Parthei der
+Niederträchtigen, die dem Unglücklichen, der ihnen zu nichts mehr
+helfen kann, den Rücken zukehren! Verdient er Deine Hochachtung, so
+zeige ihm nun mit doppeltem Eifer, daß Dein Herz nicht von der Stimme
+des Pöbels abhängt; ist er aber Deiner Zuneigung unwerth, so schone
+seiner wenigstens darum, weil er von jedermann verlassen ist, und also
+zu Mißhandlungen schweigen muß! Räche Dich auch eben deswegen nie an
+dem, von welchem Du verfolgt, gedrückt worden bist, so lange er Gewicht
+hatte! Sammle vielmehr feurige Kohlen auf sein Haupt (beschäme ihn
+durch sanftmüthige, liebreiche Behandlung), damit er in sich gehe, und,
+wo möglich, durch Großmuth gebessert werde!
+
+
+ 19.
+
+Sammle nicht leicht für Arme bei Vornehmen und andern Leuten von der
+großen Welt! Sie geben mehrentheils nur aus Prahlerei, und behandeln
+Dich, als wäre es ein Almosen für Dich. -- Ueberhaupt hilf ~selbst~,
+wo Du kannst! Gib nicht Assignationen auf fremde Hülfe! Tadle aber
+auch nicht sogleich den Reichen, wenn er Dir eine Wohlthat für einen
+Dürftigen versagt, die ein Aermerer Dir gewährt! Denke immer, daß seine
+größern Bedürfnisse (ob wahrhafte, oder eingebildete, ist gleichviel)
+und die größern Anforderungen Andrer auf seine Wohlthätigkeit ihn mit
+dem, der weniger hat, in ~eine~ Klasse setzen, und daß man, wenn man
+gegen Alle freigebig seyn will, gegen Einige nicht ~wohlthätig~ seyn
+kann.
+
+
+ 20.
+
+Und nun noch einmal! Wenn ich hier sehr viel zum Nachtheile des
+Charakters der meisten Großen und Reichen gesagt habe, so bin ich doch
+weit entfernt, dieß ohne Unterschied auf alle Personen der höhern
+Klassen ausdehnen zu wollen. Es ist mir äusserst zuwider gewesen,
+zu sehen, wie manche unsrer armseligen neuern Schriftsteller es
+sich zum Geschäft machen, auf die höhern Stände zu schimpfen. Viele
+von ihnen sind so wenig mit den erhabenern Menschenklassen bekannt,
+daß es die höchste Ungereimtheit verräth, wenn sie über Sitten und
+Denkungsart derselben ein Urtheil wagen. Von ihren Dachstübchen
+schielen sie neidisch und hämisch nach den Palästen der Glücklichen
+hinunter. Wenn, bei grober Kost und dem traurigen Wasserkruge, die
+süßen Düfte aus den Küchen und Kellern derer, die im Ueberflusse
+leben, zu ihnen hinaufsteigen, so reizt das ihre Nerven, erregt ihre
+Galle; es ärgert sie, daß ihre Glücksumstände ihnen nicht, wie jenen,
+erlauben, ihre Leidenschaften zu befriedigen; sie verwünschen den Mann
+im vergoldeten Wagen, den sie zu Fuße nicht einholen können, schimpfen
+auf den hartherzigen Mäcen, der nicht eben so überzeugt scheint von
+ihren großen Verdiensten, als sie selbst es sind, und fluchen auf das
+Geschick, welches die Güter der Erde so ungleich ausgetheilt hat. Da
+müssen es dann die armen Fürsten, Minister, Edelleute und Reichen
+entgelten, die sie als Tyrannen, Bösewichter, Thoren und hartherzige
+Unterdrücker alles dessen, was edel und gut ist, abschildern. Ein so
+fanatischer Eifer kann wohl nie ein gesundes Gehirn ergreifen. Selbst
+im Ueberflusse und mit großen Erwartungen aufgewachsen, kenne ich
+recht gut die Vortheile und Nachtheile einer reichen und vornehmen
+Erziehung. Meine nachherigen Schicksale aber, mein Aufenthalt an
+Höfen, und der Umgang mit Menschen aller Art, das alles hat mich
+gelehrt, wie nöthig es sey, denen, die nicht durch widrige Erfahrungen
+gründlich ausgebildet werden, und die so selten reine, lautre,
+unpartheiische Wahrheit hören, ohne Leidenschaft zu sagen, was ihnen
+so nöthig ist, zu hören. Viele von ihnen sind wahrlich herzlich
+gut; selbst die Schwächern haben oft manche Temperaments-Tugend,
+deren Wirkungen für die Welt viel wohlthätiger werden können, als die
+sanften Aufwallungen ärmerer und unmächtigerer Sterblichen. Sie haben
+von ihrer ersten Jugend an alle Muße und Gelegenheit, ihren Geist zu
+bilden, sich Talente zu erwerben, Welt und Menschen kennen zu lernen;
+haben Veranlassungen in Menge, Gutes zu thun, und die Freuden der
+Wohlthätigkeit zu schmecken. Ihr Charakter wird nicht niedergedrückt,
+auch nicht verschoben durch Unglück und Mangel, oder durch die
+Nothwendigkeit, sich zu schmiegen und zu beugen. Und wenn von einer
+Seite Schmeichelei sie leicht verderben kann, so ist von der andern
+der Gedanke, daß jede ihrer edeln Handlungen bemerkt wird, und ihre
+Verirrungen oft noch der späten Nachwelt vorerzählt werden, ein Sporn
+mehr, groß und vortrefflich zu werden. Auch nützen Viele von ihnen alle
+diese Triebfedern; und es ist ein Glück, an der Seite eines Fürsten zu
+leben und Einfluß auf ihn zu haben, der die Würde seines Standes kennt,
+und sich seines hohen Berufs werth zeigt. Ich kenne deren Einige, die
+es auch gewiß nicht übel aufnehmen, wenn man ihnen die Klippen zeigt,
+an welchen so viele von ihnen scheitern.
+
+
+ 21.
+
+Zum Schlusse noch ein Paar Worte über den Umgang der Großen und Reichen
+unter sich! Sie verderben sich größtentheils Einer den Andern. Die
+Kleinern beeifern sich, es den Größern nach-, ja, es ihnen an Aufwand
+und übelverstandener Erhabenheit zuvorzuthun: und so verewigen sie ihre
+Thorheiten, welche von noch kleinern Magnaten bis auf den geringsten,
+der nur einen Schuhputzer in seiner Livree herumlaufen hat, nach
+möglichsten Kräften nachgeahmt werden. Lustige Beispiele von dieser Art
+sieht man an den kleinen teutschen Höfen: wie sie einander aufpassen,
+sich wechselseitig controlliren, beneiden, zu übertreffen suchen; wie,
+wenn der durchlauchtige Herr in Y*** an seinem Geburtstage einen Ball
+und zugleich eine Illumination von sieben Pfund Talglichtern gegeben
+hat, der Fürst in V*** an seinem Feste ein Feuerwerk von acht Pfund
+Pulver hinzuthut; wie, wenn der Eine sich einen Ober-Hof-Marschall
+für drei hundert Gulden Gage und zwölf Scheffel Hafer hält; der Andre
+dem Chef seines Hofes noch obenein ein breites Ordensband über den
+hungrigen Magen hängt. Indeß der eine regierende Graf sich eine
+Meute Jagdhunde verschreibt, wie sie kein Potentat in Europa hat,
+besoldet sein Nachbar eine Meute Hof-Musici, die wenigstens eben so
+viel Lärm macht; der Dritte, voll Verzweiflung darüber, daß er es
+seinen Nachbarn nicht zuvorthun kann, verzehrt lieber den sauern
+Erwerb seiner geplünderten Unterthanen in Paris, spielt lieber dort
+eine höchst elende Rolle, als daß er in seiner Residenz den guten,
+treuen Landesvater vorstellen sollte. Und so geht das weiter hinunter.
+Man fange nur in Städten an, ein Concert oder dergleichen zu geben,
+welches abwechselnd von einer geschlossenen Gesellschaft gehalten wird,
+und womit etwa ein Abendessen verknüpft ist. Der Erste, bei welchem
+sich die Gesellschaft versammelt, wird ein Paar Flaschen Wein und
+kalte Küche hergeben; der Andre fügt einen Punsch hinzu; und ehe ein
+Vierteljahr vergeht, ist die Anstalt in eine kostspielige Fresserei
+ausgeartet. Das sollte nun unter verständigen, vornehmen und reichen
+Leuten nicht also seyn. Sie sollten den Niedern Beispiele geben von
+Ordnung, Einfalt, Hinwegsetzung über steife Etikette, von Mäßigkeit in
+Speise, Kleidung, Pracht, Bedienung, Hausrath und allen solchen Dingen.
+Sie sollten das Vorurtheil vernichten, daß die Herzen der Großen zu
+keinen dauerhaften Freundschaften fähig seyen -- mit Einem Worte: sie
+sollten nicht vergessen, daß die Augen so Vieler auf sie gerichtet sind.
+
+
+ 22.
+
+Spöttle nicht über die Kleinlichkeiten an ~kleinen~ Höfen! Besser so,
+als wenn ein Herr über vier Quadrat-Meilen Landes Garden zu Fuß und
+zu Pferde, Minister, Hof-Cavaliere in Menge hält, und Schulden über
+Schulden macht! Es ist nur alles relativ klein, und ist immer gut, wenn
+es nur nicht zwecklos und voll abgeschmackter Forderungen ist. Dreißig
+Mann, die abwechselnd Ordnung in der Stadt halten, sind mehr werth, als
+dreißigtausend, die man von nützlicher Arbeit abzieht, um auf Kosten
+des fleißigen armen Unterthanen Spielwerk mit ihnen zu treiben.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit Geringern.
+
+
+ 1.
+
+Im siebenten Kapitel des zweiten Theils dieses Werks habe ich
+von dem Betragen des Herrn gegen den Diener und von den
+Pflichten geredet, welche der Vornehmere vor Augen haben soll,
+damit er denen, die vom Schicksale bestimmt sind, in Unterwürfigkeit
+zu leben, ihr Daseyn erleichtere und versüße. Ich verweise
+also zuerst die Leser dahin, und füge nur noch einige Regeln
+für den Umgang mit solchen Personen hinzu, die zwar
+nicht in unsern Diensten, aber doch, der Geburt, dem Vermögen,
+oder andern bürgerlichen Verhältnissen nach, tiefer, als
+wir, stehen.
+
+
+ 2.
+
+Man sey höflich und freundlich gegen solche Menschen, denen
+das Glück nicht gerade eine so reichliche Summe nichtiger
+zeitlicher Vortheile zugeworfen hat, als uns, und ehre das wahre
+Verdienst, den ächten Werth des Menschen, auch im niedern
+Stande! Man sey nicht, wie die meisten Vornehmen und Reichen,
+etwa nur dann herablassend gegen Leute von geringerm
+Stande, wenn man ihrer bedarf; da man sie hingegen verabsäumt,
+oder ihnen übermüthig begegnet, sobald man ihrer entbehren
+kann! Man vernachlässige nicht, sobald ein Größerer
+gegenwärtig ist, den Mann, den man unter vier Augen mit
+Freundschaft und Vertraulichkeit behandelt, schäme sich nicht,
+öffentlich den Mann vor der Welt zu ehren, der Achtung verdient,
+möchte er auch weder Rang, noch Geld, noch Titel führen!
+Man ziehe aber nicht die niedern Klassen bloß aus Eigennutz
+und Eitelkeit vor, um die Stimme des Volks für sich zu
+gewinnen, um als ein lieber, leutseliger Herr gepriesen und über
+Andere erhoben zu werden! Man wähle nicht vorzüglich den
+Umgang mit Leuten von gemeiner Erziehung, um etwa in diesen
+Cirkeln mehr geehrt, mehr geschmeichelt zu werden, und
+glaube nicht, daß man populär und natürlich sey, wenn man
+die Sitten des Pöbels nachahmt! Man sey nicht lediglich darum
+freundlich gegen die Geringern, um irgend einen Höhern im
+Range zu demüthigen; nicht aus Stolz herablassend, um desto
+mehr geehrt zu werden, sondern überall aus reiner, redlicher Absicht,
+aus richtigen Begriffen von dem Adel der Menschheit, und
+aus Gefühl von Gerechtigkeit, die, über alle zufällige Verhältnisse
+hinaus, in dem Menschen nur ~den~ Werth schätzt, den
+er als Mensch hat!
+
+
+ 3.
+
+Aber diese Höflichkeit sey auch wohl geordnet; sie sey nicht
+übertrieben! Sobald der Geringere fühlt, daß ihm die Ehre,
+welche wir ihm erweisen, unmöglich zukommen kann, so schreibt
+er dieß entweder einem Mangel an Verstande zu, oder hält es
+für Spott, oder gar für Falschheit; argwöhnt, es stecke etwas
+dahinter, wir wollten ihn mißbrauchen. Sodann gibt es auch
+eine Art von Herablassung, die wahrhaftig kränkend ist, wobei
+der leidende Theil offenbar fühlt, daß man ihm nur ein mildthätiges
+Almosen der Höflichkeit darreicht. Endlich gibt es eine
+abgeschmackte Art von Höflichkeit, wenn man nämlich mit Leuten
+von geringerm Stande eine Sprache redet, die sie gar nicht
+verstehen, die unter Personen von der Klasse gar nicht üblich
+ist; wenn man das conventionelle Gewäsche von Unterthänigkeit,
+Gnade, Ehre, Entzücken u. s. f. bei Personen anbringt,
+die an solche starke Gewürze gar nicht gewöhnt sind. Dieß ist
+der gemeine Fehler der Hofleute. Sie halten ihren Jargon für
+die einzige allgemeine Sprache, und machen sich dadurch oft bei
+dem besten Willen lächerlich oder verdächtig. Die große Kunst
+des Umgangs ist, den Ton jeder Gesellschaft zu studiren, und
+nach Gelegenheit annehmen zu können.
+
+
+ 4.
+
+Man hüte sich aber vor grenzenloser Vertraulichkeit gegen
+solche Menschen, die keine feine Erziehung haben! Sie mißbrauchen
+leicht unsre Gutwilligkeit, fordern immer mehr, und
+werden unbescheiden. Man gebe Jedem, so viel er zu ertragen
+vermag!
+
+
+ 5.
+
+Sey großmüthig und billig, und laß es daher den Geringern
+in Deinen glänzenden Umständen nicht entgelten, wenn er Dich,
+so lange Dich das Glück nicht anlächelte, verabsäumt, wenn er
+Deinen mächtigen Feinden gehuldigt hat, wenn er sich, wie die
+großen gelben Blumen, nach der Sonne dreht! Denke, daß
+solche Menschen oft in die Nothwendigkeit versetzt werden, wenn
+sie mit den Ihrigen leben und essen wollen, sich zu krümmen
+und zu schmiegen; daß wenige unter ihnen so erzogen sind, daß
+sie Sinn für feinere Gefühle und Aufopferungen haben, und
+daß alle Menschen mehr oder weniger aus Eigennutz handeln,
+den die Geschliffenern nur künstlicher verbergen.
+
+
+ 6.
+
+Täusche nicht den Niedern, der Dich um Schutz, Fürsprache,
+oder Hülfe bittet, mit falschen Hoffnungen, leeren Versprechungen
+und nichtigen Vertröstungen, wie es die Weise der Vornehmen
+ist, die, um die Klienten sich vom Halse zu schaffen, oder
+in den Ruf von Leutseligkeit zu kommen, oder aus Schwäche,
+aus Mangel an Festigkeit, jeden Bittenden mit süßen Worten
+und Verheissungen überschütten, sobald er aber den Rücken gewendet
+hat, nicht mehr an sein Anliegen denken! Der Arme
+geht indeß voll Hoffnung nach Hause, glaubt seine Angelegenheit
+den besten Händen anvertrauet zu haben, versäumt alle andere
+Wege, die er zu Erlangung seines Zwecks einschlagen könnte,
+und fühlt sich nachher doppelt unglücklich, wenn er sieht, wie
+sehr er sich betrogen hat.
+
+
+ 7.
+
+Hilf dem, der dessen bedarf! Befördere und schütze die, welche
+Dich um Hülfe, Wohlthat und Schutz ansprechen, in so fern
+die Gerechtigkeit es gestattet! Aber hüte Dich, so schwach zu
+seyn, daß Du durchaus nichts abschlagen könnest! Daraus entstehen
+zweierlei nachtheilige Folgen: zuerst, daß Leute von niedriger
+Denkungsart Deine Schwäche mißbrauchen, und Dir eine
+Last von Verbindlichkeiten, Arbeiten und Sorgen auflegen, die
+für Dein Herz, für Deine Kräfte, oder für Deinen Geldbeutel
+zu schwer ist, oder wodurch Du gezwungen wirst, ungerecht gegen
+Andre zu handeln, die weniger zudringlich sind. Und dann
+der zweite Schaden: wer zu viel verspricht, der wird wider Willen
+zuweilen sein Wort zu brechen genöthigt. Ein fester Mann
+muß auch den Muth haben, eine abschlägige Antwort geben zu
+können; und wenn er dieß auf edle, nicht beleidigende Weise,
+aus wichtigen Gründen thut, und sonst dafür bekannt ist, daß
+er gerecht handelt und gerne hilft: so wird er sich dadurch keine
+Feinde erwecken. Allen Menschen kann man es freilich nicht
+recht machen; aber wenn man immer folgerecht und weise handelt,
+so werden uns wenigstens die Bessern nicht verkennen.
+Schwäche ist nicht Güte; und verweigern, was man vernünftiger
+Weise nicht zugestehen kann, heißt nicht hartherzig seyn.
+
+
+ 8.
+
+Verlange nicht einen übermäßigen Grad von Kultur und
+Aufklärung von Leuten, die bestimmt sind, im niedern Stande
+zu leben! Trage auch nichts dazu bei, ihre intellectuellen Kräfte
+zu überspannen, und sie mit Kenntnissen zu bereichern, die ihnen
+ihren Zustand widrig machen, und den Geschmack an solchen
+Arbeiten verbittern, wozu Stand und Bedürfniß sie aufrufen!
+Das Wort Aufklärung wird in unsern Zeiten oft sehr
+gemißbraucht, und bedeutet nicht sowohl Veredelung des Geistes,
+als Richtung desselben auf grillenhafte, speculative und
+phantastische Spielwerke. Die beste Aufklärung des Verstandes
+ist die, welche uns lehrt, mit unsrer Lage zufrieden und in unsern
+Verhältnissen brauchbar, nützlich und gewissenhaft thätig
+zu seyn. Alles Uebrige ist Thorheit, und führt zum Verderben.
+
+
+ 9.
+
+Begegne Deinen Untergebenen liebreich, ohne Deinem Ansehen bei ihnen
+etwas zu vergeben. Es taugt nie, wenn die Subalternen sich ihren
+Vorgesetzten unentbehrlich machen; und verächtlich wird der Chef eines
+Departements, der, weil er nicht selbst arbeiten will, oder nicht
+arbeiten kann, sich auf die Untergebenen verlassen muß; da er dann
+nicht Ansehen und nicht Muth genug behält, einen nachlässigen oder
+eigensinnigen Secretair an seine Pflicht zu erinnern, sondern sich
+alles muß gefallen lassen, was Dieser gut findet vorzunehmen, oder
+zurückzulegen.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen.
+
+
+ 1.
+
+Ich fasse hier die Bemerkungen über den Umgang mit Hofleuten
+und mit solchen Personen überhaupt, die in der sogenannten
+großen Welt leben, und den Ton derselben angenommen haben,
+zusammen. Leider wird dieser Ton, den Fürsten und Vornehme
+von solcher Art, wie ich sie im ersten Kapitel dieses Theils beschrieben
+habe, angeben und verbreiten, von allen Ständen, die
+einigen Anspruch auf feine Lebensart machen, nachgeäfft. Entfernung
+von der Natur; Gleichgültigkeit gegen die ersten und
+süßesten Bande der Menschheit; Verspottung der Einfalt, Unschuld
+und Reinigkeit, und der heiligsten Gefühle; Falschheit;
+Vertilgung und Abschleifung jeder charakteristischen Eigenheit
+und Originalität; Mangel an gründlichen, wahrhaftig nützlichen
+Kenntnissen; an deren Stelle hingegen Unverschämtheit,
+Persifflage, Impertinenz, Geschwätzigkeit, Inconsequenz, Nachlallen;
+Kälte gegen alles, was gut, edel und groß ist; Ueppigkeit,
+Unmäßigkeit, Unkeuschheit, Weichlichkeit, Ziererei, Wankelmuth,
+Leichtsinn; abgeschmackter Hochmuth; Flitterpracht,
+als Maske der Bettelei; schlechte Hauswirthschaft; Rang- und
+Titelsucht; Vorurtheile aller Art; Abhängigkeit von den Blicken
+der Despoten und Mäcenaten; sclavisches Kriechen, um etwas
+zu erringen; Schmeichelei gegen Den, dessen Hülfe man bedarf,
+aber Vernachlässigung auch des Würdigsten, der nicht helfen
+kann; Aufopferung auch des Heiligsten, um seinen Zweck zu
+erlangen; Falschheit, Untreue, Verstellung, Eidbrüchigkeit,
+Klatscherei, Kabale; Schadenfreude, Lästerung, Anekdoten-Jagd;
+lächerliche Manieren, Gebräuche und Gewohnheiten --
+das sind zum Theil die herrlichen Dinge, welche unsre Männer
+und Weiber, unsre Söhne und Töchter, von dem liebenswürdigen
+Hofgesinde lernen; -- das sind die Studien, nach welchen
+sich die Leute von feinem Tone bilden! Da, wo dieser Ton
+herrscht, wird das wahre Verdienst nicht bloß übersehen, sondern,
+so viel möglich, mit Füßen getreten, unterdrückt, von
+leeren Köpfen zurückgedrängt, verdunkelt, verspottet. Kein größerer
+Triumph für einen faden Hofschranzen, als wenn er den
+Mann von entschiedenem Werthe, dessen Uebergewicht er heimlich
+fühlt, demüthigen, ihn auf einem Mangel an conventioneller
+feinen Lebensart ertappen, und, durch die Art, wie er dieß
+zu erkennen gibt, oder dadurch, daß er mit ihm in einer Sprache
+oder über Gegenstände redet, wovon er nichts versteht, es dahin
+bringen kann, daß Jener verwirrt wird, und sich in schiefem
+Lichte zeigt! Kein größerer Triumph für die Petite-Maitresse,
+als wenn sie eine redliche Frau, voll wahrer innerer und
+äusserer Vorzüge und Würde, in einer Gesellschaft von Welt-Leuten
+von einer lächerlichen Seite darstellen kann! Das alles
+muß man erwarten, wenn man sich unter Menschen von dieser
+Klasse mischt. Man muß sich dann nicht beunruhigen, wenn
+uns dergleichen widerfährt, und hinterher sich kein graues Haar
+darum wachsen lassen. Man hat sonst keinen friedlichen Augenblick,
+wird unaufhörlich von tausend Leidenschaften, besonders
+von Ehrgeiz und Eitelkeit, in Aufruhr gebracht. Es gibt aber
+drei Mittel, allen diesen Ungemächlichkeiten auszuweichen, indem
+man nämlich ~entweder~ sich von der großen Welt ganz
+zurückzieht, ~oder~ in derselben seinen graden Gang fortgeht, ohne
+sich alle diese Thorheiten anfechten zu lassen, ~oder~ endlich, daß
+man den Ton derselben studirt, und, so viel es ohne Verleugnung
+des Charakters geschehen kann, mit den Wölfen heult.
+
+
+ 2.
+
+Wer seiner Lage nach nicht schlechterdings dazu verdammt
+ist, an Höfen, oder sonst in der großen Welt zu leben, der bleibe
+fern von diesem Schauplatze des glänzenden Elends: bleibe fern
+vom Getümmel, das Geist und Herz betäubt, verstimmt und
+zu Grunde richtet! In friedlicher häuslicher Eingezogenheit, im
+Umgange mit einigen edeln, verständigen und muntern Freunden
+ein Leben führen, das unsrer Bestimmung, unsern Pflichten,
+den Wissenschaften und unschuldigen Freuden gewidmet ist,
+und dann zuweilen mit Nüchternheit an öffentlichen Vergnügungen,
+an großen, gemischten Gesellschaften Theil nehmen,
+um für die Phantasie, die doch auch nicht leer ausgehen will,
+neue Bilder zu sammeln, und die kleinen, widrigen Gefühle der
+Einförmigkeit zu verlöschen: -- das ist ein Leben, das eines
+weisen Mannes werth ist! Und in Wahrheit! es steht öfter in
+unsrer Macht, als man gemeiniglich denkt, sich der großen Welt
+zu entziehen. Menschenfurcht, elende Gefälligkeit gegen mittelmäßige
+Leute, Eitelkeit, Schwäche, Nachahmungssucht -- das
+ist es, was so manchen sonst nicht schlechten Mann bewegt,
+seine schönsten Stunden da zu verschleudern, wo er im Grunde
+nicht zu Hause ist, wo so oft Ekel und Langeweile ihn anwandeln,
+und allerlei unedle Leidenschaften ihr Spielwerk mit ihm
+treiben. Freilich aber muß man, um sich diesem zu entziehen,
+nicht nur, seinen Verhältnissen nach, unabhängig seyn, sondern
+auch nach festen Grundsätzen zu handeln und sich über das Geschwätz
+der Leute hinwegzusetzen den Muth haben, -- mag auch
+davon gesprochen werden, was da will.
+
+
+ 3.
+
+Muß oder will man aber in der großen Welt leben, und ist man nicht
+ganz sicher, daß es gelingen werde den Ton derselben anzunehmen: so
+bleibe man lieber der Art von Stimmung und Wendung treu, die uns Natur
+und Erziehung gegeben haben. Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn
+man jene Sitten halb und unvollständig copirt, -- wenn der ehrliche
+Landmann, der schlichte Bürger, der gerade, teutsche Biedermann,
+den französischen Petit-Maitre, den Hofmann, den Politiker spielen
+will, -- wenn Leute, die einer ausländischen Sprache nicht mächtig
+sind, alle Gelegenheit aufsuchen, mit fremden Zungen zu reden, oder,
+wenn sie auch in ihrer Jugend an Höfen gelebt haben, nicht merken,
+daß die galante Sprache aus Ludwigs des Vierzehnten Zeiten jetzt
+gar nicht mehr im Umlaufe ist, und eine Stutzer-Garderobe jetzt nur
+noch auf den komischen Theatern Wirkung thut. Solche Menschen machen
+sich muthwilliger Weise zum Gespötte, da man hingegen mit einem
+ungezwungenen, natürlichen und verständigen Betragen, Anstande und
+Anzuge, wenn dies alles auch nicht nach dem feinsten Hofschnitte ist,
+sich mitten unter dem leichtfertigen Gesindel Achtung, und, wo nicht
+ein angenehmes, doch ein ruhiges, ungekränktes Leben verschaffen kann.
+Sey also einfach in Deiner Kleidung und in Deinen Manieren, ehrlicher
+Biedermann! Sey ernsthaft, bescheiden, höflich, ruhig, wahrhaftig!
+Rede nicht zu viel und nie von Dingen, wovon Du nichts weißt, noch in
+einer Sprache, die Dir nicht geläufig ist, in so fern der, welcher mit
+Dir spricht, Deine Muttersprache versteht! Betrage Dich mit Würde und
+Geradheit, ohne grob zu seyn, ohne Ungeschliffenheit! so wird man Dich
+ungeneckt lassen. Freilich wirst Du dabei auch nicht sehr vorgezogen:
+Dein Gesicht wird kein Modegesicht werden. Hierüber aber beruhige Dich!
+Zeige Dich nicht verlegen, ängstlich, wenn in einer großen Gesellschaft
+kein Mensch mit Dir redet; Du verlierst nichts dabei, kannst für Dich
+an allerlei gute Dinge denken, auch manche nützliche Bemerkung machen,
+und man wird Dich nicht verachten, sondern vielleicht gar ~fürchten~,
+ohne Dich zu hassen, und das ist denn doch zuweilen so übel nicht.
+
+Leute, die in der Jugend an Höfen und in großen Städten keine
+unbeträchtliche Rolle gespielt, die vielmehr dort geglänzt, nachher
+aber sich zurückgezogen, sich einer einfachern Lebensart gewidmet
+haben, vergessen gar zu leicht, daß man, um hier immer ein Modegesicht
+zu bleiben, nie den Faden der herrschenden Conversation aus der Hand
+verlieren, nie versäumen darf, der Kultur -- wenn man das Kultur
+nennen muß -- auch in den kleinsten Fortschritten nachzufolgen. Das
+ist aber, bei der unbeschreiblichen Veränderlichkeit des Geschmacks
+und der Phantasie, unmöglich, sobald man nicht immer mit dem ganzen
+Geschwader auf dem großen Weltmeere umherschwimmen, und sich dem Winde
+und Wetter preisgeben will. Ist's anders möglich, als daß denjenigen
+eine sehr böse Laune anwandelt, der sich vernachlässigt, und unbärtigen
+Männchen nachgesetzt sieht? O! es ist unglaublich, wie so etwas die
+Fassung auch des klugen Mannes (denn selbst die klugen Leute sind
+nicht immer ganz von Eitelkeit frei) erschüttern, wie es verstimmen
+und bewirken kann, daß der, welcher sich in dem besten Lichte zeigen
+wollte, weil er etwas zu suchen hat, in dem ungünstigsten erscheint,
+und die Frucht einer weiten Reise und große Unkosten einbüßt, weil er
+sich mit Geringschätzung behandelt sieht, und die Fassung verliert.
+Wer sich viele Jahre hindurch an großen und kleinen Höfen und sonst in
+der großen Welt hat umher treiben müssen, der wird nie in Verlegenheit
+von jener Art kommen können. Er wird die Fertigkeit erlangt haben,
+sich geschwind zu orientiren, schnell zu fassen, und zu beurtheilen,
+welche Sprache hier anwendbar ist; die guten Leute hingegen, die nicht
+Gelegenheit gefunden haben, diesen Grad von Verfeinerung zu erlangen,
+sollen wohl beherzigen, was zu Anfange dieses Abschnitts ist gesagt
+worden.
+
+
+ 4.
+
+Wer aber viel und immer in der großen Welt lebt, der thut
+doch wohl, den herrschenden Ton zu studiren, und die äussern
+Gebräuche derselben anzunehmen. Ersteres ist so schwer nicht,
+und Letzteres kann ohne schädlichen Einfluß auf den Charakter
+geschehen. Zeichne Dich also nicht durch altväterische Kleidung
+oder Manieren aus! aber vergiß nicht, dabei Dein Alter, Deinen
+Stand und Dein Vermögen zu berücksichtigen, und copire
+nicht die Lächerlichkeiten einzelner Thoren, noch die ephemerische
+Mode des Augenblicks! Mache Dich mit der Sprache der Hofleute,
+mit ihrer Art, sich gegen einander zu betragen, mit den
+Conventionen im Umgange bekannt; aber verleugne nicht innere
+Würde, Charakter und Wahrheit!
+
+
+ 5.
+
+Es lassen sich unmöglich allgemeine Regeln geben, wie weit
+man in der Nachahmung der Hofsitte gehen dürfe. Ein verständiger
+und redlicher Mann wird das am besten selbst nach seiner
+Lage, Gemüthsart und nach seinem Gewissen abmessen können.
+Doch nur so viel: Wer es nicht über sich erlangen kann, unschädliche
+Thorheiten nachzuahmen, der glaube wenigstens nicht,
+den Beruf zu haben, sie zu bekämpfen; denn gleichgültige Gewohnheiten
+und Sitten, die weiter keinen Einfluß auf den Charakter
+haben, kann man, ja! muß man zuweilen auf kurze Zeit
+annehmen, und darf um so weniger ein Bedenken tragen, dieß
+zu thun, je mehr man dadurch manches größere Gute zu bewirken
+in den Stand gesetzt wird.
+
+Es gibt auch Moden in der Literatur und Kunst, im Geschmacke,
+in gewissen Vergnügungen und Schauspielen, und der Beifall, den
+eine Sängerin, ein Tonkünstler, Schriftsteller, Prediger, Maler,
+Geisterseher, Putzhändler oder Schauspieler, oft ganz gegen Verdienst
+und Würdigkeit, vom vornehmen großen Haufen einerntet, hat nur in der
+Mode seinen Grund, d. h. darin, daß einer dem andern nachschwatzt,
+und es ist verlorne Mühe, diesem Mode-Geschmacke sich widersetzen zu
+wollen. Am besten ist es da, ruhig abzuwarten, daß eine neue Narrheit
+die alte verdränge. Es gibt sogar Moden im Gebrauche von Arzeneien,
+denen sich die Vornehmern unterwerfen zu müssen glauben, -- sey es,
+daß sie sich täglich clystiren, oder in ein gewisses Bad und in kein
+anderes reisen, oder sich mit den Pillen oder Pulvern irgend eines
+Marktschreiers langsam vergiften! Lächle in der Stille darüber!
+clystire oder magnetisire Dich unmaßgeblich auch ein wenig, und mache
+mit, was sich ohne Gefahr und Tollheit mitmachen läßt! Wenigstens mache
+Dich mit diesen Modethorheiten bekannt, um nicht in Deinen Gesprächen
+dagegen anzustoßen! Du wirst übel anlaufen, wenn Du nach Deiner
+Empfindung eine Theater-Nymphe tadelst, deren Zwitschern grade zu der
+Zeit in der feinen Welt für Götter-Stimme gilt, oder wenn Du ein Buch
+erbärmlich nennst, dessen Verfasser als ein Original-Genie anerkannt
+wird. Du wirst übel anlaufen, wenn Du eine Dame, die gerade in der
+Periode ist, in welcher sie nach der Mode freigeisterische Grundsätze
+haben muß, von religiösen Gegenständen unterhältst. Denn auch das hat
+seine Gesetze, die von der Mode bestimmt werden. Jünglinge fangen
+schon im fünf und zwanzigsten Jahre an, alt zu werden, nicht mehr zu
+tanzen, sich den Cirkeln der Greise zuzugesellen, ein feierliches,
+philosophisches, ein Geschäfts-Gesicht mit in die Gesellschaft zu
+bringen; kommen sie aber nahe an die Vierzige, dann werden sie wieder
+jung, hüpfen herum, spielen um Pfänder mit jungen Mädchen: -- das alles
+muß man beobachten, und seine Maßregeln darnach nehmen.
+
+
+ 6.
+
+Uebrigens gestehe ich -- es bleibt aber unter uns -- daß der
+Ton, welcher jetzt unter unsern ganz jungen Leuten ziemlich allgemein
+an Höfen und in der feinen Welt eingeschlichen ist, mir
+gar nicht so gefallen will, wie der, welcher vor etwa zwanzig
+Jahren herrschte. Viele von ihnen kommen mir äusserst ungeschliffen
+und plump vor; es scheint mir, als suchten sie etwas
+darin, Bescheidenheit, Höflichkeit und Delicatesse zu beleidigen,
+stumm, ungefällig gegen Damen und Fremde zu seyn, selbst
+ihren Körper zu vernachlässigen, ohne alle Grazie beim Tanze
+herumzuspringen, krumm und schief und gebückt zu gehen, keine
+Kunst, keine Wissenschaft gründlich zu lernen, ungeachtet aller
+Mühe, welche die neuern Pädagogen anwenden, und ungeachtet
+des vortrefflichen Beispiels, das sie der Jugend in Höflichkeit,
+Bescheidenheit und Gründlichkeit geben. Es gibt freilich
+einen Bocksbeutel, einen Rang und eine Steifigkeit im Umgange,
+die in vorigen Zeiten in Teutschland herrschend war; und
+es ist ein Glück, daß wir anfangen, sie abzulegen; aber edler
+Anstand ist nicht Steifigkeit, -- verbindliche Höflichkeit und
+Aufmerksamkeit nicht Kriecherei, Grazie nicht Zwang -- und
+ächtes Talent, wahre Geschicklichkeit nicht Pedanterie. Und man
+sehe auch die papiernen Männchen an, wie Ueberdruß und Langeweile
+auf ihrer früh sich runzelnden Stirne wohnen; wie sie
+unfähig sind, von ganzem Herzen froh zu werden; wie sie in
+den schönsten Jahren des Lebens schon, bei den unschuldigen
+Freuden der Jugend, Ueberdruß empfinden. -- Doch, ich habe
+Hoffnung, daß es bald wieder besser damit werden soll, und
+ohne Stolz auf unsre Vaterstadt kann ich es wohl sagen: Wir
+haben hier eine liebenswürdige wohlerzogene Jugend in allen
+Klassen und Ständen aufzuweisen[6].
+
+
+ 7.
+
+Verachte nicht alles, was bloß conventionellen (übereinkünftlichen)
+Werth hat, wenn Du mit Annehmlichkeit in der großen Welt leben
+willst! Verachte nicht so ganz und gar Titel, Orden, Glanz, äussere
+Auszeichnungen und Zierden; aber setze auch keinen innern Werth
+darauf! ringe nicht ängstlich darnach! Es gibt doch wohl Fälle, wo
+ein solcher an sich nichtiger Stempel Dir und den Deinigen, wo nicht
+reelle Vortheile, doch Annehmlichkeiten zuwege bringen kann. Heimlich
+in Deinem Kämmerlein darfst Du herzlich über alle diese Thorheiten
+lachen; aber thue das nicht laut! ~Mit einem Worte~: zeichne Dich unter
+den Weltleuten, mit denen Du leben mußt, nicht zu sehr durch eine
+gewisse Strenge in Deinen Sitten und Urtheilen aus! Dieß ist nicht nur
+Regel der Klugheit! nein, es ist auch Pflicht, die Sitten des Standes
+anzunehmen, den man wählt; ganz zu seyn, was man ist, - doch wie sich
+das versteht, nie auf Kosten des Charakters[7]. Erwarte übrigens auf
+diesem Schauplatze nicht, daß man in Dir den edlen, weisen, geschickten
+Mann schätze, sondern nur, daß man von Dir sage: +Par Dieu! il a de
+l'esprit, comme nous autres!+
+
+
+ 8.
+
+Und willst Du auch nur dies eitle Lob davon tragen, so darfst
+Du selbst nicht einmal merken lassen, daß Du von besserm
+Stoffe bist, als der große Haufe jener hirnlosen Müßiggänger.
+Der klügere und edlere Mann -- bequemte er sich auch noch so
+pünktlich nach den Sitten der feinen Societät -- wird dennoch
+dem Neide, der Verleumdung und den unaufhörlichen Neckereien
+und Klatschereien, welche hier herrschen, nicht ausweichen:
+denn um schaalen Köpfen zu gefallen, muß man selbst ein schaaler
+Kopf seyn. Ich rathe denn, sich das gar nicht anfechten zu
+lassen; vor allen Dingen aber keinen Verdruß, keine ~Unruhe
+zu äussern~, sonst bekömmt man nie Frieden. Man gehe also
+seinen Gang fort, folge seinem Systeme, und lasse die Thoren
+schwatzen, bis sie müde werden! Hier sind auch alle Erläuterungen,
+alle Entschuldigungen übel angebracht, und wenn Du
+mit Widerlegung ~einer~ Verleumdung fertig bist, so wird man
+schon eine andere in Bereitschaft haben.
+
+
+ 9.
+
+In der großen Welt ist der oben entwickelte Grundsatz vorzüglich nicht
+aus den Augen zu lassen, nämlich, daß jedermann nur so viel gilt,
+als sein eigenes Bewußtseyn nach dem Urtheile seines Gewissens ihn
+gelten läßt, und wer dies Urtheil für sich hat, der wird sich frei,
+zuversichtlich und edelstolz zeigen, und sein Publikum nöthigen, ihm
+Achtung und Vertrauen zu beweisen, wird selbst denjenigen, die ihre
+Aufmerksamkeit nach dem Range oder Vermögen eines Menschen abzumessen
+gewohnt sind, eine gewisse Scheu einflößen, so daß sie es nicht
+wagen, ihn geringschätzig zu behandeln, weil er weder zu den hohen
+Standespersonen, noch zu den Reichen gehört.
+
+
+ 10.
+
+Jeder durch Bildung oder Verdienste ausgezeichnete Mann messe sein
+Betragen gegen Hofleute pünktlich nach dem ihrigen gegen ihn ab, und
+gehe ihnen keinen Schritt entgegen! Diese Menschen-Gattung nimmt eine
+Hand breit, wo man ihnen Finger breit einräumt. Er erwiedere Stolz mit
+Stolz, Kälte mit Kälte, Freundlichkeit mit Freundlichkeit; gebe aber
+nicht mehr und nicht weniger, als er empfängt! Die Befolgung dieser
+Vorsicht hat mannigfaltigen Nutzen. Die feinen Weltleute sind wie ein
+Rohr, das vom Winde bewegt wird. Da sie selbst so wenig Bewußtseyn
+innerer Würde haben, so beruht ihre ganze Existenz auf ihrem äussern
+Rufe. Sie werden sich an Dich schließen, sobald sie sehen, daß Du
+im guten Lichte erscheinst. Aber wenn Du nicht durch die niedrigste
+Schmeichelei und Preisgebung alle alten Weiber beiderlei Geschlechts
+auf Deine Seite ziehst, so wird bald einmal eine Lästerzunge etwas Dir
+Nachtheiliges aussprengen. Kaum wird ein solches Gerücht herumlaufen,
+so werden jene Sclaven lauern, welche Wirkung dieß auf das Publikum
+macht; und faßt es Wurzel, so werden sie den Kopf um ein paar Zoll
+höher gegen Dich tragen. Macht Dich das unruhig, ängstlich, --
+behandelst Du sie nach Deinem Herzen wie Leute, deren Freundschaft Du
+gern halten mögtest: so werden sie immer unverschämter, und helfen
+eifrigst die elende Klatscherei verbreiten, woraus Dir denn, so geringe
+auch die Sache scheinen mag, mancherlei Verdruß erwachsen kann. Wirf
+aber auf den Ersten, der Dir kalt begegnet, einen verächtlichen
+Blick, so wird er zurückspringen, vor seinem eigenen Rufe beben, kein
+nachtheiliges Wort von Dir über seine Zunge kommen lassen, und sich vor
+dem Manne beugen, von dem er glaubt, er müsse geheimen Schutz haben,
+weil er so fest steht, so gleichgültig gegen die seligmachende Stimme
+des hohen Pöbels ist. Ja, gib ihm doppelt wieder, was er wagt, Dir zu
+bieten! Laß Dich durch kein freundliches Wörtchen wieder heranlocken,
+bis er gänzlich zu Kreuze kriecht! Am besten ist es gewiß, über
+dergleichen und über Klatschereien aller Art wenigstens nicht die
+geringste Unruhe zu ~zeigen~, mit niemand weiter darüber zu reden, und
+sich auf keine Erläuterung einzulassen. Dann ist in acht Tagen das
+Mährchen vergessen, da auf jede andere Art hingegen die Sache ärger
+gemacht wird.
+
+
+ 11.
+
+Sey höflich und geschliffen im Aeussern! Man muß an Höfen und im
+Umgange in großen Städten manchen Menschen sehen, ertragen und
+freundlich behandeln, den man nicht schätzt; auch sucht man ja in
+diesem Getümmel keine Freunde, sondern nur Gesellschafter. Allein wo
+es Nutzen stiften, oder wenigstens unser Ansehen befestigen, wo es
+wirken kann, daß der Dich fürchte, der nicht anders als durch Furcht
+im Zaume zu halten ist, da laß ihn Dein Ansehen fühlen! Nimm gegen den
+Hofschranzen eine Art von Würde, von edelm Stolze und von Hoheit an,
+damit nie der Gedanke in ihm aufkeimen könne, Dich zu foppen, oder
+zu mißbrauchen! Diese Sclaven-Seelen zittern vor dem Uebergewicht
+des verständigen, consequenten Mannes; allein das muß weder in
+Aufgeblasenheit, noch in Bauernstolz ausarten. Sage diesen Leuten
+zuweilen einmal, doch ohne Hitze und Grobheit, die Wahrheit! Schlage
+ihre flachen, schiefen Urtheile kaltblütig mit Gründen nieder, wo es
+nach den Umständen die Klugheit erlaubt! Bringe sie durch kaltblütigen
+Widerspruch zum Schweigen, wenn sie den Redlichen lästern! Setze ihren
+Kriegslisten Muth, Thätigkeit und wahre Kraft entgegen! Scherze nicht
+vertraulich mit ihnen! Laß ächter Laune nicht den Lauf, -- aus Furcht,
+ein Wort zu sprechen, das man mißbrauchen, verdrehen könnte!
+
+
+ 12.
+
+Ueberhaupt rede in der großen Welt nie eine warme Herzens-Sprache!
+Die ist dort eine fremde Mundart. Rede nicht von
+den reinen, süßen, einfachen, häuslichen Freuden! Das sind
+Mysterien für solche Profane. Habe Dein Gesicht in Deiner
+Gewalt, daß man nichts darauf geschrieben finde, weder Verwunderung,
+noch Freude, noch Widerwillen, noch Verdruß!
+Die Hofleute lesen besser Mienen, als Buchstaben: das ist fast
+ihr einziges Studium. Vertraue Deine Angelegenheiten niemand!
+Sey vorsichtig, nicht nur im Reden, sondern sogar im
+Hören! sonst wird Dein Name leicht gefährdet.
+
+
+ 13.
+
+Ich habe schon vorhin gesagt, daß das Betragen in der großen Welt nach
+eines Jeden besondrer Lage sich richten müsse, und daß, was dem Einen
+darin zu beobachten wichtig und nöthig ist, für den Andern vielleicht
+von gar keinem Belange seyn könne. Wer nicht bloß in derselben leben
+und geachtet werden, sondern auch wirken, sich empor arbeiten, regieren
+will, der muß das Ding freilich noch viel feiner studiren. Da kann es
+äusserst wichtig werden, entweder zu der herrschenden Parthei, oder
+(wobei man größtentheils am sichersten geht, wenn man sonst kein ganz
+unwichtiger Mann ist) zu gar keiner zu gehören, um von allen aufgesucht
+zu werden, und nach Gelegenheit unmerklich Anführer einer eigenen zu
+werden. Da muß oft die Politik uns lehren, wo wir des sichern Vortheils
+nicht gewiß sind, -- wo nicht zu helfen, vielleicht die Hülfe sogar
+nachtheilig ist, und Uebel ärger macht, unsre verfolgten Freunde
+allein kämpfen zu lassen, und uns ihrer nicht öffentlich anzunehmen.
+Da kann es nöthig seyn, anfangs ganz unscheinbar dazustehen, um
+nicht beobachtet, in seinen Planen nicht gestört, vielmehr als ein
+unbedeutender Mensch (weil ein solcher immer mehr Stimmen auf seiner
+Seite hat, als der von besserer Art) befördert zu werden. Zu allen
+Geschäften aber, die man in der großen Welt führen muß, ist nichts so
+dringend anzuempfehlen, als -- ~Kaltblütigkeit~, das heißt: sich nie
+zu vergessen; nie sich zu übereilen; den Verstand nie dem Herzen, dem
+Temperamente, der Phantasie preiszugeben; Vorsicht, Verschlossenheit,
+Wachsamkeit, Gegenwart des Geistes, Unterdrückung willkührlicher
+Aufwallungen und Gewalt über Regungen des Gefühls und Launen. Mit
+Kaltblütigkeit und den dahin gehörigen Eigenschaften sieht man Personen
+von den mittelmäßigsten natürlichen Gaben über den lebhaftesten,
+feinsten Feuer-Kopf herrschen. Aber diese schwere Kunst -- wenn sie
+sich je erlernen läßt, wenn sie nicht ausschließlich ein Geschenk der
+Natur ist -- erlangt man nur nach vieljähriger Arbeit und Erfahrung.
+
+
+ 14.
+
+ Und nun zum Schlusse dieses Kapitels auch etwas über den Nutzen,
+ den uns der Umgang mit Menschen in der großen Welt gewährt! Er ist
+ wahrlich nicht unbeträchtlich, aber er muß auch oft theuer genug
+ erkauft werden. Vorschriften, welche uns auf die erlaubten Sitten der
+ feinern Gesellschaft verweisen, sind freilich keine Grundsätze der
+ Moral, sondern nur der Uebereinkunft; allein eben diese Uebereinkunft
+ beruht doch darauf, daß man suche, sich und Andern in einer
+ zwangvollen Lage, deren Ungemächlichkeit man nun einmal nicht ganz aus
+ dem Wege räumen kann, den Zustand so leidlich als möglich zu machen,
+ ohne dazu solche Mittel zu ergreifen, die unsern innern Werth auf das
+ Spiel setzen. Dieser innere Werth aber, der, wie ein Schatz unter der
+ Erde, immer, auch verborgen, Gold bleibt, kann doch Wittwen und Waisen
+ nähren, und Monarchen und Reiche zum Wohl der Welt in Wirksamkeit
+ setzen, wenn er hervorgeholt und durch den Stempel der Convention in
+ Umlauf gebracht, wenn er allgemein anerkannt wird, -- anerkannt von
+ Denen, die sich auf reines Gold verstehen, und anerkannt von Denen,
+ die nur auf das Gepräge achten. -- Darum sollte man nicht so unbedingt
+ und so heftig gegen den wahren feinen Weltton eifern, ihn nicht ganz
+ verdammen. Er lehrt uns, die kleinen Gefälligkeiten nicht ausser Acht
+ zu lassen, die das Leben süß und leicht machen. Er erweckt in uns
+ Aufmerksamkeit auf den Gang des menschlichen Herzens, schärft unsern
+ Beobachtungs-Geist, gewöhnt uns, ohne zu kränken und ohne gekränkt
+ zu werden, mit Menschen aller Art leben zu können. Der ächte und
+ zugleich redliche alte Hofmann verdient wahrlich Verehrung; und man
+ braucht nicht in die Wüsten zu fliehen, noch sich in Studirzimmern
+ zu vergraben, um auf den Titel eines Philosophen Anspruch machen
+ zu dürfen. Ja, ohne einige Kenntniß der großen Welt hilft uns alle
+ Stuben-Gelehrsamkeit, alle Menschenkunde aus Büchern sehr wenig. Ich
+ rathe also jedem jungen Manne, der edeln Ehrgeiz, Durst nach Welt-
+ und Menschen-Kenntniß, und Lust hat, nützlich und thätig zu seyn,
+ wenigstens auf einige Zeit den größern Schauplatz zu betreten, wäre
+ es auch nur, um zu Beobachtungen Stoff zu sammeln, die einst im Alter
+ seinen Geist beschäftigen, und ihn in den Stand setzen, seinen Kindern
+ und Enkeln, die vielleicht bestimmt sind, an Höfen und in großen
+ Städten ihr Glück zu suchen, weise Lehren zu geben.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit Geistlichen.
+
+
+ 1.
+
+Ich mache, da ich nun auf den Umgang mit Leuten von andern Ständen
+und Verhältnissen komme, billiger Weise in einem eigenen Kapitel
+mit der Geistlichkeit den Anfang. Lehrreich und wohlthätig ist der
+Umgang mit einem solchen Geistlichen, der sich aus ganzer Seele seinem
+heiligen Berufe widmet, seinen Verstand und Willen durch den sanften
+Einfluß der Religion Jesu geläutert, und sich eben dadurch Würde und
+Weisheit erworben hat, -- der als ein unerschrockener Verkündiger
+und Diener der Wahrheit allen Guten und selbst den Feinden des Guten
+Hochachtung einflößt, und die Kraft des Worts durch eigenes Beispiel
+bestätigt, -- der seiner Gemeine Bruder, Freund, Wohlthäter und
+Rathgeber, in seinem Vortrage populär, warm und herzlich ist, -- durch
+Bescheidenheit, Einfalt der Sitten, Mäßigkeit und Uneigennützigkeit
+sich als einen würdigen Nachfolger der Apostel auszeichnet, -- duldsam
+und billig gegen fremde Religions-Verwandte, väterlich nachsichtig
+gegen Verirrte, kein Feind unschuldiger Fröhlichkeit, und dabei in
+seinem häuslichen Kreise ein guter, zärtlicher und weiser Hausvater
+ist. Allein nicht alle und nicht die meisten Diener der Kirche sehen
+diesem Bilde ähnlich. Menschen ohne Erziehung und Sitten, aus dem
+niedrigsten Pöbel entsprossen, ohne gesunde Vernunft und ohne andre
+Kenntnisse, als die dazu gehören, sich nach einem elenden Schlendrian
+examiniren zu lassen, drängen sich in diesen Stand ein, haschen
+nach reichen Pfründen und Pfarren, und erlauben sich, um dahin zu
+gelangen, alle Arten von Schleichwegen und Niederträchtigkeiten. Haben
+sie nun ihren Zweck erreicht, dann fährt der rechte Pfaffen-Geist
+in sie. Geizig, habsüchtig, träge und kriechend, Schmeichler der
+Großen und Reichen, übermüthig und stolz gegen Niedre, voll Neid
+und Scheelsucht gegen ihres Gleichen, sind sie größtentheils daran
+Schuld, wenn Verachtung der heiligsten Religion und ihrer Diener so
+allgemein einreißt. Diese Religion behandeln sie als eine trockne
+Wissenschaft, und ihr Amt als ein einträgliches Gewerbe. Auf dem Lande
+verbauern sie, ergeben sich dem Müßiggange und der Bequemlichkeit,
+und klagen über ungeheure Arbeit, wenn sie alle acht Tage einmal von
+der Kanzel herunter die Zuhörer mit ihren dogmatischen, armseligen
+Spitzfindigkeiten einschläfern. Sie angeln nach Geschenken, Erbschaften
+und Vermächtnissen, wie der Teufel nach ihrer Seele. Ihr Ehrgeiz ist
+unermeßlich; ihr geistlicher Stolz, ihr Despotismus, ihre kirchliche
+Herrschsucht ohne Gränzen. Den Eifer für die Religion brauchen sie zum
+Deckmantel ihrer Leidenschaften. Orthodoxie ist die Parole; blinder
+Glaube und Ehre Gottes das Feldgeschrei, wenn sie den unschuldigen
+ruhigen Bürger, der einen Unterschied unter Religion und Theologie
+macht, den Pfaffen nicht schmeichelt, und ihnen nicht opfert, bis
+in den Tod verfolgen wollen. Ihre Feindschaft ist unversöhnlich --
+ich rede aus Erfahrung -- gegen Den, der sich ihrem eisernen Scepter
+nicht unterwerfen, oder zu ihren Gewissenlosigkeiten nicht schweigen
+will. Ihre Eitelkeit ist größer, als die eines Weibes. Aus Vorwitz
+und kindischer Neugier schleichen sie sich in die Häuser und Familien
+ein, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts angehen; um Ränke zu
+schmieden, Zwietracht zu stiften, und im Trüben zu fischen. Niemand
+versteht besser, als sie, die Kunst, ein Vorhaben, mit Ueberwindung
+aller Schwierigkeiten, listig durchzusetzen, ohne das Ansehen zu haben,
+als hätten sie die Hände im Spiele. Geht es auf die eine Weise nicht,
+so greifen sie die Sache am entgegengesetzten Ende an, drehen, wenden,
+bemänteln, verrücken den Gesichtspunkt, und ruhen nicht eher, als
+bis sie, zur Befriedigung ihrer Herrschsucht, ihrer Rache, oder ihrer
+Habsucht, den vorgesetzten Zweck erreicht haben.
+
+Ihre Predigten, ihre Gespräche und Mienen sind Bann-Strahlen,
+Verdammungs-Urtheile und Drohungen gegen andre Religions-Verwandte
+und gegen Jeden, der das Unglück hat, nicht glauben zu können, was
+sie -- oft selbst nicht glauben, sondern -- nur lehren, weil es Geld
+einbringt. Sie lauschen auf die Fehler ihrer Nebenmenschen, schreien
+dieselben vergrößert aus, oder wo sie das alles nicht öffentlich thun
+dürfen, da wirken sie durch Andere im Verborgenen, oder hängen die
+Maske der Demuth, der Heuchelei, des Eifers für Gottseligkeit und
+gute Sitten vor, um mit sanfter Stimme, mit Klagen und Winseln, die
+Schwachen auf ihre Seite zu bringen, und den Weisern und Bessern bei
+dem Volke verdächtig zu machen. -- Ja, solche Ungeheuer gibt es leider!
+unter den Dienern der Kirchen, und nicht etwa nur unter Mönchskutten
+und Jesuitenmänteln, -- nein! mancher protestantische Pfaffe würde ein
+zweiter Hildebrand seyn, wenn ihm nicht die Flügel beschnitten wären.
+
+
+ 2.
+
+Da nun aber hie und da, auch unter den weniger boshaften, ja, unter
+den redlichen Geistlichen, Einige doch einen kleinen Anstrich von
+manchem dieser Fehler, z. B. von geistlichem Stolze, von Unduldsamkeit,
+von Anhänglichkeit an Systemgeist, von falschem Priestergeist, von
+Habsucht, oder von Rachsucht haben: so kann es wohl nicht schaden,
+wenn man gewisse Vorsichtigkeits-Regeln beobachtet, die im Umgange mit
+~allen~ Personen dieses Standes ohne Unterschied nicht überflüßig sind.
+
+Man hüte sich also, ihnen Gelegenheit zu Verketzerungen zu geben! Und
+so wie überhaupt ein verständiger Mann sich enthält, über religiöse
+Gegenstände in Gesellschaften zu plaudern: so soll man in Gegenwart
+eines Geistlichen vorzüglich Acht haben, nie ein Wort fallen zu lassen,
+das übel ausgelegt, und als ein Ausfall gegen irgend ein Kirchensystem
+oder einen Religionsgebrauch angesehen werden könnte! Auch besuche man
+die Kirchen, selbst wenn die Art des Gottesdienstes und der Vortrag des
+Predigers unsre Andacht nicht sehr befördern, des Beispiels wegen, und
+um nicht Gelegenheit zu geben, daß man uns Gleichgültigkeit gegen die
+Religion aufbürde.
+
+Man mache in Gesellschaft nie einen Geistlichen lächerlich, möchte er
+auch noch so viel Veranlassung dazu geben! Auch rede man mit Vorsicht
+von ihnen! Theils machen diese Herren gar zu gern ihre eigene Sache zur
+Sache Gottes; theils verdient dieser ehrwürdige Stand auf alle Weise
+eine Schonung, die man wegen der Unwürdigkeit einzelner Mitglieder
+nicht aus den Augen setzen darf; theils kann man durch das Gegentheil
+die verderbliche Verachtung der Religion, die leider so sehr einreißt,
+wider Willen befördern.
+
+Man bezeige hingegen den Geistlichen alle äussere Ehrerbietung, die
+sie nur irgend billiger Weise fordern können, und beleidige nicht nur
+keinen derselben, sondern mache sich auch keines Mangels an Höflichkeit
+gegen sie schuldig!
+
+Man lasse, bei der Entrichtung der ihnen zukommenden Gebühren und
+Abgaben, sich keine Abkürzung, noch Saumseligkeit zu Schulden kommen;
+gebe aber auch, bei Fällen, die öfter eintreten können, nicht zu viel!
+denn die Habsüchtigen unter ihnen schreiben gern alles auf, und machen,
+was die Freigebigkeit oder Dankbarkeit that, zum Gesetz, zu einem
+Recht, das sie sogar auf ihre Nachfolger zu vererben trachten.
+
+Man hüte sich, bevor man den Mann nicht recht genau kennt, einen
+Geistlichen von der alltäglichen Art zum Vertrauten in häuslichen
+Angelegenheiten und andern Dingen von Wichtigkeit zu machen, und halte
+ihn entfernt, wenn er sich unberufen in dergleichen mischen will!
+
+Man verhindere die zu große Vertraulichkeit der Weiber und Töchter mit
+gewissen Beichtvätern und geistlichen Rathgebern!
+
+
+ 3.
+
+In Prälaturen und Klöstern muß man den Ton der Herren Patrum
+anzunehmen verstehen, wenn man ihnen willkommen seyn will. Ein guter
+gesunder Appetit, nach Verhältniß eben so viel Durst, und die Gabe,
+ein Gläschen mit Geschmack und oft genug ausleeren zu können; ein
+kurzweiliger Humor; ein Witz, der nicht zu fein, sondern ein wenig
+grobartig seyn muß; zuweilen ein Wortspielchen, ein lateinisches
+Räthsel, eine Anspielung auf eine scholastische Spitzfindigkeit, --
+einige Bekanntschaft mit Legenden und Kirchenvätern, -- Beifall, durch
+baucherschütterndes Lachen an den Tag gelegt, wenn der Pater Spaßmacher
+(dies Amt pflegt selten unbesetzt zu seyn) einen Schwank hervorbringt,
+-- viel Ehrerbietung gegen den hochwürdigen Herrn Prälaten, Guardian,
+oder Prior, -- Bewunderung der Kostbarkeiten, Reliquien, Gebäude und
+Anstalten, -- kein Gespräch über Aufklärung und Literatur, aber desto
+mehr über Politik, Krieg und Frieden, -- Zeitungs-Nachrichten, --
+Befriedigung der Neugier, wenn nach Familien-Umständen und Anekdoten
+geforscht wird, -- Vorsichtigkeit, wenn von andern geistlichen Orden,
+besonders von Jesuiten, die Rede ist, -- Rang, Ansehen, Reichthum,
+Pracht, Titel, Orden, und mehr als dies alles, wo es nöthig ist,
+Geschenke: -- das sind ungefähr die Mittel, dort gut aufgenommen zu
+werden, und sich Achtung zu erwerben.
+
+Zu Domherren braucht man größtentheils nur Appetit zum Essen
+und Trinken, muthwillige, ein wenig faunische Laune, und tiefes
+Stillschweigen über gelehrte Gegenstände mitzubringen, um ihnen
+gefällig zu werden.
+
+In Nonnenklöstern, so wie in katholischen und protestantischen
+weiblichen Stiftern, kann man mit einer hübschen, stämmigen Figur, mit
+treuherziger, doch äusserlich anständiger Vertraulichkeit, mit einem
+Sacke voll Mährchen, Neuigkeiten und Späßchen auch ziemlich weit kommen.
+
+Von dem Umgange der Religiosen unter sich rede ich nicht; darüber ist
+in den Briefen aus dem Noviciate und in unzähligen andern Schriften
+schon sehr viel Gutes und Treffendes gesagt worden.
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern.
+
+
+ 1.
+
+Wenn der Titel eines Gelehrten nicht heut zu Tage so gemein würde, wie
+der eines +Gentleman+ in England; wenn man sich unter einem Gelehrten
+immer nur einen Mann denken dürfte, der seinen Geist durch wahrhaftig
+nützliche Kenntnisse ausgebildet, und diese Kenntnisse zu Veredlung
+seines Herzens angewendet hätte; -- kurz einen Mann, den Wissenschaften
+und Künste zu einem weisern, bessern und für das Wohl seiner Mitbürger
+thätigern Menschen gemacht haben; dann brauchte ich hier kein Kapitel
+über den Umgang mit Gelehrten zu schreiben. Bedarf es einer Vorschrift,
+wie man mit dem Weisen und Edeln umgehen soll? An seiner Seite auf
+die Lehren zu horchen, die von seinen Lippen strömen; seine Augen
+auf ihn gerichtet zu haben, um sein Beispiel zur Richtschnur unserer
+Handlungen zu machen; die Wahrheit von ihm zu vernehmen, und dieser
+Wahrheit zu folgen -- dieß ist ein Glück, dessen Genuß nicht nach
+Regeln gelernt zu werden braucht. Wenn aber heut zu Tage jeder elende
+Verseschmidt, Compilator, Journalist, Anekdoten-Jäger, Uebersetzer,
+Plündrer fremder literarischer Güter, und überhaupt Jeder, der die
+unbegreifliche Nachsicht unsers Publikums zu mißbrauchen, sich nicht
+schämt, um ganze Bände voll Unsinn, Thorheit und Wiederholung längst
+besser gesagter Dinge drucken zu lassen, sich selber einen Gelehrten
+nennt; wenn die Wissenschaften nicht nach dem Grade ihrer Nützlichkeit
+für die Welt, sondern nach dem veränderlichen leichtfertigen Geschmacke
+des lesenden Pöbels geschätzt, und spekulative Grillen Weisheit genannt
+werden, fieberhafte Phantasie für Schwung und Begeisterung gilt; wenn
+ein Knabe, der sein sinnloses Gewäsch in abwechselnd kurzen und langen
+Zeilen in einen Musen-Almanach einrücken läßt, ein Dichter heißt; wenn
+der Mensch, der mit seinen Fingern ein Gewühl von falschen Tönen, ohne
+Verbindung und Ausdruck, den Saiten entlockt, ein Tonkünstler; der,
+welcher schwarze Punkte, in Abschnitte eingetheilt, auf Papier setzen
+kann, ein Componist; der, welcher auf Brettern herumspringt, ein Tänzer
+genannt wird: dann muß man wohl ein Paar Worte darüber sagen, wie man
+sich im Umgange mit solchen Menschen zu betragen hat, wenn man nicht
+für einen Mann ohne Geschmack und Kenntniß angesehen seyn, und Jedem
+das Seinige geben will.
+
+
+ 2.
+
+Beurtheile nicht den moralischen Charakter des Gelehrten nach dem
+Inhalte seiner Schriften! Auf dem Papiere sieht der Mann oft ganz
+anders aus, als in Natura. Auch ist das nicht so übel zu nehmen. Am
+Schreibtische, wo man die ruhigste Gemüthsverfassung wählen kann,
+wenn keine stürmische Leidenschaften unsern Geist aus seiner Fassung
+bringen: da lassen sich herrliche Vorschriften geben, die nachher in
+der wirklichen Welt, wo Reizung, Ueberraschung und Verführung von
+Seiten der berüchtigten drei geistlichen Feinde uns hin und her
+treiben, nicht so leicht zu befolgen sind. Also soll man freilich ~den~
+Mann, der Tugend predigt, darum nicht immer für ein Muster von Tugend
+halten, sondern auch bedenken, daß er ein Mensch bleibt; ihm wenigstens
+dafür danken, daß er vor Fehlern warnt, wenn er selbst auch nicht stark
+genug ist, diese Fehler zu vermeiden; und es würde unbillig seyn, ihn
+deswegen für einen Heuchler zu halten (obgleich es eben so unbillig
+wäre, ohne Beweis vorauszusetzen, er thue das Gegentheil von dem, was
+er lehrt, oder man müsse seine Worte anders auslegen, als sie lauten).
+Von der andern Seite soll man auch nicht die Grundsätze, die ein
+Schriftsteller den Personen seiner eigenen Schöpfung in den Mund legt,
+als seine eignen ansehen, noch einen Mann deswegen für einen Bösewicht,
+oder Faun, oder Menschenhasser halten, weil seine üppige Phantasie,
+sein feuriges Blut ihn verleitet, irgend einen boshaften Charakter von
+einer glänzenden Seite darzustellen, oder eine wollüstige Scene mit
+lebhaften Farben zu schildern, oder mit Bitterkeit über Thorheiten zu
+spotten. Er thäte wohl besser, wenn er das unterließe, aber er ist
+darum noch kein schlechter Mann; und so wie man bei hungrigem Magen
+Götter-Mahlzeiten schildern kann, so kenne ich Dichter, die den Wein
+und die sinnliche Liebe mit allem Feuer besingen, und dennoch die
+mäßigsten, keuschesten Menschen sind; kenne Schriftsteller, die Greuel
+von Schandthaten mit der treffendsten Wahrheit dargestellt haben, und
+dennoch Rechtschaffenheit und Sanftmuth in ihren Handlungen zeigen;
+kenne endlich Satyriker, voll Menschenliebe und Wohlwollen.
+
+Eine andre Art von Ungerechtigkeit gegen Schriftsteller und
+Künstler begeht man, wenn man von ihnen erwartet, sie sollen auch
+im gemeinen Leben nichts als Kernsprüche reden, nichts als Weisheit
+und Gelehrsamkeit predigen. Der Mann, der am glänzendsten von einer
+Kunst schwatzt, ist darum nicht immer der, welcher die gründlichsten
+Kenntnisse davon besitzt. Es ist nicht einmal angenehm, und schmeckt
+nach Pedanterei, wenn wir Jeden ohne Unterlaß von unsern eignen
+Lieblings-Beschäftigungen unterhalten. Man geht in Gesellschaften, um
+sich zu zerstreuen, um auch einmal Andre, nicht sich selbst, zu hören.
+Nicht Jeder hat so viel Gegenwart des Geistes, um mitten im Getümmel,
+und wenn er durch Fragen und Vorwitz überrascht wird, mit Würde und
+Bestimmtheit von Gegenständen zu reden, die er vielleicht zu Hause
+in seinem einsamen Zimmer mit der größten Klarheit durchschauet. Und
+dann gibt es auch Gesellschaften, in welchen die Leute so gänzlich
+anders, als wir, gestimmt sind; die Dinge von so durchaus andern Seiten
+ansehen, daß es nicht möglich ist, in dem ersten Augenblicke sich so
+zu fassen, daß man etwas Gescheidtes auf das antworte, was sie uns
+vortragen. Auch hat ja ein Gelehrter, so gut wie ein anderer Erdensohn,
+seine Launen, ist nicht stets gleich aufgelegt zu wissenschaftlichen
+und überhaupt zu solchen Gesprächen, die Nachdenken erfordern; oder die
+Menschen, die er um sich sieht, behagen ihm nicht, scheinen ihm keines
+Aufwandes von Verstand und Witz würdig.
+
+Es ist ein recht garstiger Zug in dem Charakter unsers lesenden
+Publikums (wenn es anders erlaubt ist, einem Publikum einen Charakter
+zuzuschreiben), daß man so gern von guten Schriftstellern und überhaupt
+von Männern, die sich Ruf erworben haben, ärgerliche Anekdoten
+aufsammelt, um ihnen einen Grad der öffentlichen Achtung zu entziehen,
+wenn ihre Schriften ihnen Bewundrer gewonnen, wenn ihre Talente die
+Aufmerksamkeit verständiger Menschen mehr auf sie, als auf Männer
+gleiches Standes, gezogen haben; ja, es gibt sogar eine gewisse Art von
+Kleinstädterei, welche darin besteht, daß man sich den Schein gibt, auf
+den Mann mit Verachtung zu blicken, dem es gelungen ist, durch gute
+literarische Produkte, auswärts, d. h. ausser dem Kreise der Herren
+Vettern und Frauen Basen seinen Namen bekannt zu machen. Daß man einen
+Solchen im Vaterlande nicht aufkommen, auch allenfalls darben lasse,
+das finde ich ganz in der Ordnung der menschlichen Dinge; aber seinen
+moralischen Charakter aus Neid verdächtig machen, und ihn, wenn er auch
+noch so demüthig, noch so anspruchslos seinen stillen Gang fortgeht,
+durch Verachtung mißhandeln: das ist doch zu hart, aber es geschieht
+hie und da, besonders in einigen minder großen Städten.
+
+Spricht aber ein Gelehrter, ein Künstler gern und viel von seinem
+Fache, so nimm ihm auch das nicht übel auf! Die unglückliche
+Polyhistorei, die Wuth, auf allen Zweigen der Wissenschaften und
+Künste herumzuhüpfen und über alles abzuurtheilen, ist nicht eben
+das, was unserm Zeitalter am meisten Ehre macht; und wenn es
+langweilig ist, einem Manne zuzuhören, der alle Gespräche auf seinen
+Lieblings-Gegenstand zu lenken sucht, und sich unaufhörlich auf
+seinem Steckenpferde herumtummelt, so ist es mehr als langweilig, es
+ist empörend, wenn ein Schwätzer entscheidende Urtheile über Dinge
+ausspricht, die gänzlich ausser seinem Gesichtskreise liegen; wenn
+der Priester über Politik, der Jurist über das Theater, der Arzt über
+Malerei, die Kokette über philosophische oder religiöse Gegenstände,
+der süße Herr über Strategie sich hören läßt. Erlaube dem Manne, der
+etwas Gründliches gelernt hat, mit Leidenschaft von seiner Kunst,
+von seiner Wissenschaft zu reden; ja, gib ihm Gelegenheit dazu! Man
+ist wahrlich recht viel werth in der Welt, wenn man -- doch übrigens
+bei gesundem Hausverstande -- ~ein~ Fach aus dem Grunde versteht;
+und mir ekelt vor den grassirenden encyclopädischen Wörterbüchern;
+mir ekelt vor den allwissenden, aburtheilnden jungen Herren, die den
+bescheidenen, zweifelnden Forscher mit Machtsprüchen zu Boden schlagen,
+und die besonders von liebenswürdigen gelehrten Damen unterhaltend
+gefunden, und eben dadurch ganz unausstehlich werden.
+
+
+ 3.
+
+Haben die Gelehrten weniger Vorurtheile, als andere Menschen; so
+hängen sie dagegen um desto fester an denjenigen, welche ihnen einmal
+eigen sind. Man muß daher sehr behutsam mit ihnen umgehen. Nichts wird
+leichter gekränkt, als die Eitelkeit eines Gelehrten. Man muß sogar
+alle Zweideutigkeiten in den Lobeserhebungen vermeiden, die man an sie
+ausspendet.
+
+Die mehrsten Schriftsteller verzeihen es uns leichter, wenn wir
+ihren sittlichen Charakter, als wenn wir ihren Ruf in der gelehrten
+Welt antasten. Willst Du daher in Frieden leben, so sey vorsichtig
+in Beurtheilung ihrer Produkte! Selbst dann, wenn sie Dich um Deine
+Meinung darüber fragen, so hast Du dieß klüglich und demüthiglich
+so auszulegen, als bäten sie Dich um einen Lobspruch und eine
+Schmeichelei. Den Fall ausgenommen, wenn Freundschaft Dich zu völliger
+Offenherzigkeit verpflichtet, rathe ich wohlmeinend da, wo Du nicht
+ohne Niederträchtigkeit loben kannst, wenigstens etwas zu sagen, was
+die beleidigte Eitelkeit nicht als einen Tadel auslegen kann.
+
+Fast noch ungnädiger pflegen es die gelehrten oder vielmehr
+schreibenden Herren aufzunehmen, wenn man gar nichts von ihrer
+Autorschaft weiß, gar nichts von ihnen gelesen, oder wenn man sie im
+gemeinen Leben nicht anders, als Jeden behandelt, der auf andre Weise
+der Welt nützlich wird; endlich, wenn man Grundsätze äussert, die nicht
+in ihr System passen, die mit denen streiten, zu deren Behauptung
+sie so manchen Bogen Papier mit Buchstaben versehen haben. Hüte Dich
+vor diesem allen, wenn Du einen Schriftsteller nicht beleidigen
+willst! Allein unterscheide auch wohl, welchen Mann Du vor Dir hast:
+groß, klein oder mittelmäßig! Alle riechen den Weihrauch gern, der
+ihnen gestreuet wird; aber nicht jeden darf man auf gleich grobe Art
+einräuchern. Der Eine nimmt fürlieb, wenn Du es ihm grade in's Gesicht
+sagst: er sey ein großer Mann; der Andre ist zufrieden, wenn Du nur
+ohne Widerspruch erlaubst, daß er dieß selbst von sich sage; der Dritte
+verlangt nichts von Dir, als Hiobs Geduld, wenn er Dir seine elenden
+Produkte vorlieset; den Vierten kitzelt eine kleine vortheilhafte
+Anspielung auf irgend eine Stelle aus seinen Schriften; dem Fünften
+behagt äussere ausgezeichnete Ehrerbietung, wenn auch von seiner
+Autorschaft nicht ausdrücklich Erwähnung geschieht; und ein Sechster
+endlich -- es sey mir erlaubt, neben Diesem mein Plätzchen zu nehmen --
+begnügt sich, wenn die wenigen Edeln ihm die Gerechtigkeit widerfahren
+lassen, zu glauben, daß es ihm wenigstens um Wahrheit und Tugend zu
+thun sey, daß er nichts geschrieben habe, dessen sein Herz sich zu
+schämen braucht, und daß, wenn seine Werke keine Meisterstücke sind,
+sie doch nicht ausschließlich zu Makulatur sich eignen.
+
+
+ 4.
+
+Lustig anzusehen aber ist es, wenn zwei Schriftsteller sich einander
+mündlich oder schriftlich loben und preisen, vortheilhafte Recensionen
+gegenseitig erschleichen, sich bei lebendigem Leibe einbalsamiren,
+und einander eine glänzende Ewigkeit zusichern. Auch mag ich wohl
+ein ruhiger Zuschauer seyn, wenn ein paar Leute zusammenkommen, die
+gern von einander bewundert werden möchten, oder die sehr viel Gutes
+von einander gehört haben. Wie sie sich drehen und wenden, um sich
+wechselsweise die schwache Seite abzujagen! Wenn sie nun aus einander
+gehen, zeigt sich immer, daß der Eine den Andern vortrefflich findet,
+wenn dieser ihm entweder Gelegenheit gegeben hat, seine Talente
+auszukramen, oder wenn beide Narren sich auf ähnlichen sympathetischen
+Thorheiten ertappt haben.
+
+Nicht so lustig aber ist der Anblick des Unwesens, das man so oft unter
+Gelehrten wahrnimmt, die entweder, wegen der Verschiedenheit ihrer
+Meinungen und Systeme, sich vor dem ehrsamen Volke der geneigten Leser
+wie Bettelbuben herumzanken, oder, wenn sie an demselben Orte leben,
+und in demselben Fache auf Ruhm Anspruch machen, einander verfolgen,
+hassen, sich gegenseitig auch nicht die mindeste Gerechtigkeit
+widerfahren lassen; wie Einer den Andern zu verkleinern und bei dem
+Publikum herabzusetzen sucht. -- Pfui der Niederträchtigkeit! Ist
+denn die Quelle der Wahrheit nicht reich genug, um zugleich den
+Durst vieler Tausende zu stillen? und dürfen Neid, Scheelsucht und
+pöbelhafte Erbitterung auch solche Geister herabwürdigen, die der
+Weisheit geweiht sind? -- Doch hierüber ist schon oft so vieles gesagt
+worden, daß ich es für besser halte, einen Vorhang vor solche gelehrte
+Selbstbeschimpfungen zu ziehen, die leider in unsern Zeiten nicht
+selten gesehen werden.[8]
+
+
+ 5.
+
+Es gibt Leute, die sich dadurch ein Gewicht zu geben suchen,
+daß sie sich ihrer Verbindung, ihrer Verwandtschaft, Freundschaft,
+oder ihres Briefwechsels mit Gelehrten rühmen. Das ist
+eine Thorheit, der man sich enthalten sollte, weil sie sich dem
+Spotte preisgibt. Ein Mann kann große Verdienste als Schriftsteller
+haben, ohne daß uns desfalls eine genaue Verbindung
+mit seiner Person Ehre macht. Man ist auch darum nicht gleich
+weise und gut, wenn Weise und Edle uns mit Nachsicht und
+Freundlichkeit behandeln.[9] Auch kann ich das unmäßige und
+luxuriöse Citiren und Berufen auf fremde Autoritäten, wie überhaupt
+alles Prahlen und Schmücken mit fremden Federn nicht
+leiden. Das mittelmäßigste selbst Gedachte und mit Ueberzeugung
+Gefühlte ist für uns mehr werth, als das Vortrefflichste,
+was wir bloß nachlallen.
+
+
+ 6.
+
+Unter den heutigen sogenannten Gelehrten muß man billig einigen unsrer
+Journalisten und Anekdoten-Sammler einen gewissen Rang einräumen, weil
+sie nun einmal die erklärten Lieblinge des leselustigen Publikums sind,
+und dieses gutmüthig oder verblendet genug ist, ihnen alles aufs Wort
+zu glauben. Mit diesen Leuten aber ist eine ganz besondere Vorsicht
+im Umgange nöthig. Sie stehen gemeiniglich, bei geringem Vorrathe
+von eigner Gelehrsamkeit, im Solde irgend einer herrschsüchtigen
+Parthei oder eines Anführers derselben, sey es nun von politischen
+Ketzermachern, Orthodoxen, Schwärmern, Vernunft-Feinden, Mystikern,
+oder wovon es immer sey. Dann ziehen sie durch's Land, um Mährchen
+zu sammeln, die sie nach Gelegenheit Dokumente nennen, oder mit dem
+Schwerte der Verleumdung Jeden zu verfolgen, der nicht zu ihrer Fahne
+schwören will; Jedem den Mund zu stopfen, der es wagt, an ihrer
+Unfehlbarkeit zu zweifeln. Ein einziges Wörtchen, das nicht in ihr
+System paßt, und das sie irgendwo auffangen, gibt ihnen reichen Stoff
+zu Verketzerungen, zu unwürdigen Neckereien, zu Verfolgungen der
+besten, sorglosesten und arglosesten Menschen. Sey behutsam im Reden,
+wenn ein Solcher Dich freundlich besucht, und denke beständig und
+klüglich daran, daß er Dich abhört, um bei Gelegenheit dem Publikum
+haarklein alles zu berichten, was er bei Dir gesehen und gehört hat!
+Der Mann, der dies Handwerk in Deutschland am ärgsten und ärgerlichsten
+treibt, und gegen den alle Art von rechtlicher und handfester Hülfe
+vergebens angewendet wird; dieser Mann heißt -- ich muß ihn hier
+öffentlich nennen -- heißt -- Anonymus, auch Redacteur, und ist ein
+gar sonderbarer Mann. Da er sich, wie Cartouche, in so vielfache
+Gestalten umzuformen weiß, daß kein Steckbrief auf ihn paßt: so rathe
+ich, jeden Unbekannten, der gewisse Mode-Wörter, wie z. B. gefährliche
+und schädliche Aufklärung, Publicität, Denkfreiheit, Toleranz, oder
+Gefahr für den einzig seligmachenden Glauben, höhere Wissenschaften,
+Magnetismus, oder dergleichen gar zu oft im Munde führt, fürerst für
+jenen Herrn Anonymus zu halten, der ein garstiger, schadenfroher
+Spitzbube ist, und umhergeht, wie ein brüllender Löwe, um zu suchen,
+wen er verschlingen mögte.
+
+
+ 7.
+
+Mit Tonkünstlern, einer gewissen nicht sehr anziehenden Gattung von
+Dichtern, Componisten, Tänzern, Schauspielern, Malern und Bildhauern
+ist der Fall ein ganz anderer. Diese sind -- es versteht sich auch
+hier, daß ich in jeder Klasse die Bessern ausnehme -- wohl keine
+gefährliche, aber desto eitlere und oft sehr zudringliche und
+unzuverlässige Leute. Weit entfernt, zu fühlen, daß die schönen Künste,
+obgleich man ihnen nicht den Einfluß auf Herz und Sitten absprechen
+kann, doch am Ende zum Hauptzwecke nur das ~Vergnügen~ haben, folglich,
+in Ansehung ihres Einflusses auf das Glück der Welt, den höhern,
+wichtigern, ernsthaftern Wissenschaften nachstehen müssen; weit
+entfernt, zu fühlen, daß man, um wahrhaftig den Titel eines großen
+Mannes zu verdienen, mehr verstehen und mehr müsse bewirken können,
+als Augen zu vergnügen, Ohren zu kitzeln, Phantasien zu erhitzen, und
+Herzchen in Aufruhr zu bringen, sehen sie ihre Kunst als das Einzige
+an, was des Bestrebens eines vernünftigen Menschen werth wäre; und
+es muß uns nicht befremden, wenn ein Tänzer, der höher besoldet
+wird, als ein Staatsminister, herzlich bedauert, daß dieser nichts
+Besseres gelernt habe. Der philosophischen Künstler, so wie Georg
+Benda einer war; der bescheidnen Virtuosen, wie der edle Fränzl in
+Mannheim und sein liebenswürdiger Sohn; der verständigen, mit allen
+Privat-Tugenden geschmückten Maler, wie Tischbein; der Schauspieler,
+bei denen Kopf, Herz und Sitten gleich viel Hochachtung verdienen,
+wie der unnachahmliche Schröder, -- solcher Männer gibt es nicht so
+gar viele unter ihnen. Ich rathe desfalls, einen äusserst vertrauten
+Umgang mit dieser Menschen-Klasse nur nach der strengsten Auswahl zu
+suchen. +Cantores amant humores+, das heißt: auf ein Liedchen schmeckt
+ein Schlückchen. Sänger, Dichter u. dergl. lieben das Wohlleben, und
+das kann uns nicht wundern. Es gibt wohl eine Art von Begeisterung, zu
+der sich die Seele bei der einfachsten, mäßigsten Lebensart erheben
+kann; und, die Wahrheit zu gestehen, das ist wohl die einzige, deren
+Früchte auf Unsterblichkeit Anspruch machen dürfen. Hoher Schwung
+des Genius hinauf zu der heiligen, reinen Quelle, aus welcher er
+entsprungen, ist freilich von ganz anderer Art, als Spannung der
+Nerven, Erhitzung der Phantasie durch Reizung der Sinne; und man sieht
+es solchen Werken, wie Klopstocks Messias und Schillers Don Carlos
+sind, bald an, daß ihr Feuer nicht aus der Champagner-Flasche ist
+gezogen worden. Allein wie wenig Künstler werden von jener bessern
+Glut entzündet! Ihre, durch unordentliche Aufführung und unglückliche
+äussere Verhältnisse geschwächte Maschine fordert, wenn sie den Geist
+nicht ganz niederdrücken soll, gewaltsame Stärkungs-, oder vielmehr
+Berauschungs-Mittel. Dieß treibt sie zuerst zu einem, den sinnlichen
+Freuden gewidmeten Leben. Dazu kömmt, daß Der, welcher einmal die
+schönen Künste zu seinem einzigen Berufe gemacht hat, selten noch
+Geschmack an ernsthaften Geschäften findet, -- daß diese ihm äusserst
+trocken scheinen; und da man doch nicht immer singen, geigen, pfeifen
+und pinseln kann, so bleiben viel Stunden des Tages auszufüllen,
+welche dann dem Wohlleben geopfert werden. An weise Vertheilung und
+Anwendung der Zeit, an Aufsuchung eines lehrreichen und vernünftigen
+Umgangs denken also diese Herren selten; und sie schätzen den Mann,
+der ihnen sinnlichen Genuß in reichem Maaße gewährt, und ihnen dabei
+schmeichelt, höher, als den Weisen, der sie auf den Weg der Wahrheit
+und Ordnung führt. Jenem drängen sie sich auf; Diesen fliehen sie.
+Bei dem allgemein einreissenden faden Geschmacke unseres Zeitalters,
+bei der Vernachlässigung nützlicher Wissenschaften, ist dieß, wie
+ich glaube, ein Wort zu seiner Zeit geredet, möchte man mich auch
+deswegen für einen Pedanten halten! Jeder seichte Kopf, der nur ein
+weiches Herz hat, und der den edlen Müßiggang und ein lüderliches Leben
+liebt, legt sich heut zu Tage auf die schönen Wissenschaften, glaubt
+Beruf zum Künstler zu haben, macht Verse, schreibt für das Theater,
+spielt ein Instrument, componirt, pinselt; -- und so muß denn am Ende
+der Geschmack ausarten, und die Kunst verächtlich werden. Deswegen
+sehen wir auch ganze Heerden solcher Künstler herumlaufen, die nicht
+einmal mit den ersten theoretischen Grundsätzen ihrer Kunst bekannt
+sind: Musiker, die nicht wissen, aus welcher Tonart sie spielen; die
+nichts vorzutragen verstehen, als was sie auf ihrer Geige oder Pfeife
+auswendig gelernt haben; Künstler ohne philosophischen Geist, ohne
+gesunde Vernunft, ohne Studium, ohne wahres Natur-Gefühl, aber dagegen
+mit desto mehr Selbstgenügsamkeit und edler Dreistigkeit ausgerüstet;
+unter sich von Brodneid entbrannt; neidisch auf einen Liebhaber, der
+ihr Hauptstudium nur als Nebensache treibt, und dennoch mehr davon
+weiß, als sie, die weiter nichts gelernt haben. Hat ein solcher aber
+Anhang unter den Leuten nach der Mode, genießt er den Schutz der
+anmaßlichen Kenner, so wage man es ja nicht, laut zu sagen, daß er ein
+Stümper sey, wenn man nicht für einen unwissenden Menschen gelten, und
+alle Dilettanten gegen sich aufbringen will! Allein wem ekelt nicht
+vor der Menge solcher vornehmen und geringen Dilettanten, vor ihren
+schiefen Urtheilen, vor ihrem albernen Gewäsche? Willst Du Dich bei
+diesem wilden Haufen beliebt machen, so mußt Du die Geduld haben,
+ihren Unsinn anzuhören, oder gar die Niederträchtigkeit begehen, ihn
+zu loben, und ihren Machtsprüchen beizupflichten. Willst Du Dich aber
+bei ihnen in Ansehen setzen, so sey ja nicht bescheiden, sondern eben
+so unverschämt, wie sie! Entscheide mit Kühnheit! Tritt mit Zuversicht
+mitten unter die größten Männer! Dränge Dich hervor! Thu, als seyest
+Du äusserst ekel in Deinem Geschmacke; als sey es schwer, den Beifall
+Deines verwöhnten Auges und Ohrs zu gewinnen! Rede von dem allgemeinen
+Rufe, in welchem Deine Kenntnisse stünden! Verachte, was Dir zu hoch
+ist! Schüttle bedeutend mit dem Kopfe, wenn Du nichts Passendes
+zu sagen weißt! Begegne dem Anfänger mit Uebermuthe! Schmeichle
+vornehmen, reichen, mächtigen Dilettanten und Mäcenaten! Befördre
+die Lust an Spielwerken und Kleinigkeiten, an niedlichen Rondo's, an
+Bierhaus-Menuetten, mitten in ernsthaften Stücken; an buntschäckigtem
+Colorit, an Sinn-Gedichtchen, an Bombast und leerer Phraseologie,
+an Schauspielen voll Gräuel, Verwickelung und Uebertreibung! -- So
+kannst Du Dein Schärflein zum allgemeinen Verderbnisse des Geschmacks
+redlich beitragen! Fühlst Du aber Kraft in Dir, und hast nicht Ursache,
+Menschen zu scheuen, so widersetze Dich dem Unwesen! Eifre gegen diese
+Erbärmlichkeiten, aber eifre mit Gründen, und rücke den ~Midassen~
+unserer Zeit die großen Perücken und Narren-Kappen zurück, damit
+man ihre langen Ohren sehe, und sich nicht durch ihre Amtsgesichter
+täuschen lasse! Traurig ist es indessen, daß auch der wahrhaftig
+große Künstler heut zu Tage zum Theil diese Wege einschlagen muß,
+wenn er nicht dem Marktschreier das Feld räumen will; daß er oft
+Natur, Bescheidenheit, Einfalt und Würde, der Mode und dem Vorurtheile
+aufzuopfern, sich mit falschem Glanze auszurüsten, sich zum Windbeutel
+und Spaßmacher zu erniedrigen gezwungen ist, um zu gefallen und Brod zu
+finden. Uebel ist auch oft der Künstler, besonders der Musiker, daran,
+wenn er in eine Gesellschaft von Leuten geräth, die ihn bewundern
+wollen, die ihn bitten, sich vor ihnen hören zu lassen, und die denn
+doch weder Aufmerksamkeit, noch Kenntniß der Kunst haben. Abschlagen
+darf er es nicht, wenn er nicht will für eigensinnig gehalten werden,
+und doch fühlt er, daß er seine Perlen den Säuen vorwirft. Er setzt
+sich an das Klavier, spielt das sanfteste Adagio, und nun brüllen die
+zuhörenden Liebhaber mitten in der rührendsten Stelle überlaut: »O! das
+ist gar schön! vortrefflich!« -- und darüber geht die Stelle verloren.
+-- Merke dir's, liebes Publikum, daß du dir solche Unarten abgewöhnen,
+und nicht bloß ein geehrtes, sondern auch ein ehrenwerthes Publikum
+seyn sollst.
+
+
+ 8.
+
+Nun noch ein Wort zur Warnung für den Jüngling, in Betracht der
+Künstler, besonders der Schauspieler, nämlich derjenigen von gemeiner
+Art! Ich habe vorhin gesagt, daß der vertraute Umgang mit den mehrsten
+derselben, von Seiten ihrer Kenntnisse, ihres sittlichen Lebens und
+ihrer ökonomischen Umstände, für Kopf, Herz und Geldbeutel nicht
+sehr vortheilhaft seyn könne; allein noch in andern Rücksichten
+ist hier Vorsicht zu empfehlen. -- Wenn man weiß, welch ein warmer
+Verehrer der schönen Künste ich selbst bin: so wird man mir wohl
+nicht Schuld geben, daß es aus Vorurtheil oder Kälte geschehe, wenn
+ich dem Jünglinge rathe, mäßig im Genuß der schönen Künste, mäßig im
+Genusse des Umgangs mit den gefälligen Musen und deren Priestern zu
+seyn. -- Musik, Poesie, Schauspielkunst, Tanz und Malerei, wirken
+freilich wohlthätig auf das Herz. Sie machen es weich und empfänglich
+für manche edle Gefühle: sie erheben und bereichern die Phantasie,
+schärfen den Witz, erwecken Fröhlichkeit und Laune, mildern die Sitten
+und befördern die geselligen Tugenden. Allein eben diese herrlichen
+Wirkungen können, wenn sie übertrieben werden, manchfaltiges Elend
+veranlassen. Ein zu weiches, weibisches, bei wahren und eingebildeten,
+eignen und fremden Leiden sogleich in Aufruhr gerathendes Gemüth ist
+wahrlich ein trauriges Geschenk. Ein Herz, das, empfänglich für jeden
+Eindruck, wie ein Rohr, von manchfaltigen Leidenschaften hin und her
+bewegt, jeden Augenblick von andern sich durchkreuzenden Empfindungen
+hingerissen wird; ein Nerven-System, auf welchem jeder Betrüger, der
+nur den rechten Ton zu treffen weiß, nach Gefallen spielen kann: -- das
+alles wird uns da, wo es auf Festigkeit, unerschütterlichen Muth, auf
+Ausdauern und Beharrlichkeit ankömmt, sehr zur Last. Eine zu warme, zu
+hochfliegende Phantasie, die allen unsern geistigen Anstrengungen einen
+romanhaften Schwung gibt, und uns in eine Ideen-Welt versetzt, kann
+uns in der wirklichen Welt theils sehr unglücklich, theils zu gänzlich
+unbrauchbaren Menschen machen. Sie spannt uns zu Erwartungen, erregt
+Forderungen, die wir nicht befriedigen können, und erfüllt uns mit
+Ekel gegen alles, was den Idealen nicht entspricht, nach welchen wir
+in der Bezauberung wie nach Schatten greifen. Ein üppiger Witz, eine
+schalkhafte Laune, die nicht unter der Vormundschaft einer keuschen
+Vernunft stehen, können nicht nur leicht auf Kosten des Herzens
+ausarten, sondern würdigen uns auch herab, verleiten zu Spielwerken,
+so daß wir, statt der höhern Weisheit und nüchternen Wahrheit
+nachzustreben, und unsre Denkkraft auf wahrhaftig nützliche Gegenstände
+zu verwenden, nur den Genuß des Augenblicks suchen, und statt, mitten
+durch die Vorurtheile hindurch, in das Wesen der Dinge einzudringen,
+uns bei den glänzenden Aussenseiten verweilen. Fröhlichkeit kann in
+Zügellosigkeit, in Streben nach immerwährendem Taumel übergehen. Milde
+Sitten verwandeln sich nicht selten in Weichlichkeit, in übertriebene
+Geschmeidigkeit, in niedre, unverantwortliche Gefälligkeit, die alles
+Gepräge vom männlichen Charakter abschleifen; und ein Leben, das bloß
+den geselligen Freuden und dem sinnlichen Vergnügen gewidmet ist,
+verleidet uns jede ernsthafte Beschäftigung, und entreißt uns den edlen
+und dauernden Genuß, der durch Ueberwindung großer Schwierigkeiten
+und durch anhaltende Anstrengung gewiß nicht zu theuer erkauft werden
+muß; es macht uns die für Geist und Herz so wohlthätige Einsamkeit
+unerträglich, raubt uns die glückselige Empfänglichkeit für ein stilles
+häusliches, den Familien- und bürgerlichen Pflichten gewidmetes Daseyn
+-- mit ~einem~ Worte: wer sich gänzlich den schönen Künsten widmet,
+und mit den Priestern ihrer Gottheiten sein ganzes Leben verschwelgt,
+der läuft Gefahr, sein wahres dauerhaftes Wohl zu verscherzen, und
+seinem Leben jeden Werth und jede Würze, seinem Bewußtseyn jede
+Seligkeit, seinem Lebensmuthe jede Nahrung zu entreissen, und in den
+späteren Jahren des Lebens im Ueberdruß zu verschmachten. Alles, was
+ich hier gesagt habe, trifft vorzüglich bei dem Theater und bei dem
+Umgange mit Schauspielern ein. Wenn unsere Schauspiele das wären,
+wofür man sie so gern ausgeben mag, eine Schule der Sitten, wo uns auf
+eine gefällige und treffende Weise unsre Verirrungen und Thorheiten
+dargestellt und an das Herz gelegt würden; ja, dann könnte es rathsam
+seyn, die Bühne oft zu besuchen, und den Umgang mit Männern zu wählen,
+welche man als Wohlthäter ihres Zeitalters ansehen müßte. Man darf
+aber nicht das Theater nach demjenigen beurtheilen, was es ~seyn
+könnte~, sondern nach dem, ~was es ist~. Wenn in unsern Lustspielen
+die komischen Züge der Narrheit so übertrieben geschildert sind,
+daß niemand das Bild seiner eignen Schwachheiten darin erkennt;
+wenn romanhafte Liebe darin begünstigt wird; wenn junge Phantasten
+und verliebte Mädchen daraus lernen, wie man die alten vernünftigen
+Väter und Mütter betrügen und überlisten soll, die zur ehelichen
+Glückseligkeit ein wenig mehr, als eingebildete Sympathie und
+vorübergehenden Liebes-Rausch fordern; wenn in unsern Schauspielen der
+Leichtsinn im gefälligen Gewande erscheint, vornehmes Laster in Glanz
+und Hoheit auftritt, und, durch einen Anstrich von Größe und Kraft,
+Bewundrung erzwingt; wenn im Trauerspiele unser Auge mit dem Anblick
+der ärgsten Greuel vertraut; wenn unsere Einbildungskraft an Erwartung
+wunderbarer, feenmäßiger Entwickelungen und Auflösungen gewöhnt
+wird; wenn man uns in den Opern dahin bringt, auf alle Täuschung
+Verzicht zu leisten, und Vernunft und Geschmack unter den Glauben an
+die Göttlichkeit der Tonkunst gefangen zu nehmen; wenn der elendeste
+Fratzen-Schneider, die ungeschickteste Dirne, in so fern sie Anhang
+unter dem Volke haben, allgemeine Bewunderung einernten; wenn endlich,
+um alle diese nichtigen Zwecke zu erlangen, unsre Theater-Dichter
+sich über Wahrscheinlichkeit, ächte Natur, weise Kunst und Anordnung
+hinwegsetzen, und sich folglich der Zuschauer in dem Falle befindet,
+im Schauspielhause keine Nahrung für den Geist, sondern nur
+Zeitverkürzung und sinnlichen Genuß zu suchen: -- wer wird sich's
+da nicht zur Pflicht machen, Jünglingen und Mädchen den sparsamsten
+Genuß dieser Vergnügungen zu empfehlen? Und nun, was die Schauspieler
+betrifft: ihr Stand hat sehr viel Blendendes. Freiheit, Unabhängigkeit
+von dem Zwange des bürgerlichen Lebens, gute Bezahlung, Beifall,
+Vorliebe des Publikums, Gunst und die schöne Gelegenheit, einem
+glänzenden Publikum Talente zu zeigen, die sonst vielleicht auf immer
+versteckt geblieben wären; Schmeichelei; die Freuden der Tafel bei
+reichen und gastfreien Liebhabern der Kunst; viel Muße; Gelegenheit,
+Städte und Menschen kennen zu lernen: -- das alles kann wohl einen
+Jüngling, der mit einer unangenehmen Lage, oder mit einem zerrütteten
+Gemüthe, mit übel geordneten Leidenschaften und Begierden kämpft,
+in Versuchung führen, diesen Stand zu wählen, besonders, wenn er in
+vertrauten Umgang mit Schauspielern und Schauspielerinnen geräth. Aber
+nun die Sache näher betrachtet! Was für Menschen sind gewöhnlich diese
+Theater-Helden und Heldinnen? Leute ohne Sitten, ohne Erziehung, ohne
+Grundsätze, ohne Kenntnisse; Abentheurer; Menschen aus den niedrigsten
+Ständen; freche Buhlerinnen; -- mit diesen lebt man, wenn man sich
+demselben Stande gewidmet hat, in täglicher Gemeinschaft. Es ist
+schwer, da nicht mit dem Strome fortgerissen zu werden, nicht zu Grunde
+zu gehen. Eifersucht, Feindschaft und Kabale vollenden dies glänzende
+Elend, und da diese Künstler fast ganz ausser dem Staate leben, so
+fällt bei ihnen ein starker Bewegungsgrund zum Gutseyn weg, nämlich
+die Rücksicht auf ihren Ruf unter den Mitbürgern. Kömmt noch etwa die
+Verachtung, mit welcher, freilich unbilliger Weise, manche ernsthafte
+Leute auf sie herabsehen, hinzu: so wird das Herz erbittert und
+verhärtet. Die tägliche Abwechselung von Rollen benimmt dem Charakter
+alle Eigenthümlichkeit und Festigkeit; man wird zuletzt aus Gewohnheit,
+was man so oft vorstellen muß; man darf dabei nicht Rücksicht auf seine
+Gemüths-Stimmung nehmen, muß oft den Spaßmacher spielen, wenn das Herz
+trauert, und umgekehrt. Dies leitet zur Verstellung. Das Publikum wird
+des Mannes und seines Spiels überdrüssig; seine Manier gefällt nicht
+mehr nach zehn Jahren; leicht gewonnenes Geld geht eben so leicht
+wieder fort; -- und so ist denn ein armseliges, dürftiges, kränkliches
+Alter nicht selten der letzte Auftritt des Schauspieler-Lebens.
+
+
+ 9.
+
+Wer Schauspieler und Tonkünstler unter seiner Aufsicht und Leitung hat,
+dem rathe ich, sich gleich anfangs auf einen ernsten und gemessenen
+Fuß mit ihnen zu setzen, wenn er nicht von ihrem Eigensinne und ihren
+Grillen abhängen will. Die Hauptpunkte, worauf es dabei ankömmt,
+sind: ihnen zu zeigen, daß man dem Geschäfte gewachsen sey; daß man
+einen Künstler zu beurtheilen und zurechtzuweisen verstehe; sie an
+Pünktlichkeit und Ordnung zu gewöhnen, und bei der ersten Uebertretung,
+Naseweisigkeit oder Zügellosigkeit Strenge fühlen zu lassen; sie
+übrigens aber, nach Verhältniß der Talente und der sittlichen
+Aufführung eines Jeden, mit Höflichkeit und Auszeichnung zu behandeln,
+ohne sich je gemein mit ihnen zu machen.
+
+
+ 10.
+
+Ermuntre durch bescheidnes Lob, aber schmeichle nicht, erhebe nicht
+zur Ungebühr den jungen angehenden Schriftsteller und Künstler! Durch
+gar zu freigebiges Lob ist schon Mancher auf immer verdorben worden.
+Das übertriebne Beklatschen und Lobpreisen macht sie schwindlich,
+aufgeblasen, hochmüthig. Sie beeifern sich dann nicht weiter, der
+Vollkommenheit nachzustreben, und hören auf, ein Publikum zu achten,
+das so leicht zu befriedigen scheint. Leider aber zwingt uns der
+Zustand unsrer Literatur, alles zu loben, was nicht offenbar Unsinn
+ist, weil in dem Fache der schönen Wissenschaften so selten etwas unter
+uns erscheint, was sich über das Mittelmäßige erhebt, oder im Pulte des
+Verfassers seine volle Reife erlangt hat.
+
+Laß Dich dadurch nicht verderben, junger Mann von Talenten! Bewahre
+auch Dein Herz vor Eifersucht! Laß fremdem Verdienste Gerechtigkeit
+widerfahren! Suche immer die Gesellschaft solcher Männer, durch deren
+Umgang Du, zum Vortheile Deiner Kunst, weiser und besser werden kannst,
+nicht aber den Schwarm niedriger Schmeichler oder blinder Enthusiasten!
+
+
+ 11.
+
+So wenig Vortheil der vertrauliche Umgang mit Künstlern von gemeinem
+Schlage gewährt, so lehrreich und unterhaltend ist der Umgang mit
+Männern, die philosophischen Geist, Gelehrsamkeit und Witz mit
+Kunst und Talent verbinden. Es ist ein Glück, an der Seite eines
+ächten Künstlers zu leben, dessen Geist durch Kenntnisse gebildet,
+dessen Blick durch Studium der Natur und der Menschen geschärft, bei
+dem, durch die milden Einwirkungen der Musen, das Herz zu Liebe,
+Freundschaft und Wohlwollen gestimmt und die Sitten geläutert und
+veredelt sind. Seine freundliche Beredsamkeit ist aufheiternd und
+belebend, sein Umgang söhnt mit der Welt und ihren Beschwerden
+aus, gewährt Erholung von verdrießlichen, mühsamen und trocknen
+Berufs-Geschäften, und gibt demjenigen neue Federkraft, der durch
+lange Anstrengung abgespannt ist; erhöht die mäßigste Kost zu einem
+Göttermahle, unsere Hütte zu einem Heiligthume, unsern Heerd zu einem
+Altare der Musen.
+
+
+ 12.
+
+Man pflegt viel zum Lobe gesellschaftlicher Bühnen und ihres
+wohlthätigen Einflusses auf die Bildung junger Leute zu sagen. Es
+würde mich zu weit führen, wenn ich hier alles aus einander setzen
+wollte, was sich für und gegen die Sache sagen läßt, und was ich
+selbst vielfach darüber zu beobachten und zu erfahren Gelegenheit
+gehabt habe. Hier nur so viel: Ein großer Theil dessen, was über das
+Theaterwesen überhaupt in diesem Kapitel gesagt worden, ist auch auf
+die gesellschaftlichen Bühnen anwendbar. Welche besondre Vorsicht aber
+noch bei der Wahl der Stücke und der Rollen-Vertheilung zu beobachten
+ist, wenn gesittete junge Leute Schauspiele aufführen sollen, das
+fällt leicht in die Augen. Allein ich würde den Eltern noch ausserdem
+vorzüglich eine weise Rücksicht auf das Alter, auf die Gemüthsart,
+auf die Temperamente ihrer Kinder, auf den Grad der Ausbildung und
+Bestimmtheit des Charakters, den sie schon erlangt, oder noch nicht
+erlangt hätten, dringend empfehlen, wenn ich um Rath gefragt würde.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im
+ bürgerlichen Leben.
+
+
+ 1.
+
+Machen wir den Anfang mit den ~Aerzten~! Kein Stand ist für das
+Menschengeschlecht wohlthätiger, als dieser, wenn er seine Bestimmung
+erfüllt. Der Mann, welcher alle Schätze der Natur durchwühlt, und
+ihre Kräfte erforscht, um Mittel aufzusuchen, das Meisterstück der
+Schöpfung, den Menschen, von den Plagen zu befreien, von welchen sein
+sichtbarer, materieller Theil befallen wird, die seinen Geist zu Boden
+drücken, und oft schon seine Maschine zerstören, ehe noch einmal
+sich jede Kraft in ihm entwickelt hat: der Mann, der sich vor dem
+Anblicke des Elendes, Jammers und Schmerzens nicht scheuet, der seine
+Gemächlichkeit, seine Ruhe, selbst seine eigne Gesundheit und sein
+Leben daran wagt, um den leidenden Brüdern beizustehen; dieser Mann
+verdient Verehrung und warmen Dank. Er gibt einer zahlreichen Familie
+ihren Beschützer, ihren Erhalter, ihren Wohlthäter wieder, rettet
+unmündigen Kindern ihren Vater, Ernährer und Erzieher, führt vom Rande
+des Grabes den edeln Gatten zurück in die Arme seines treuen Weibes. --
+Mit Einem Worte: kein Stand hat so unmittelbar segenvollen Einfluß auf
+das Wohl der Welt, auf das Glück, auf die Ruhe, auf die Zufriedenheit
+der Mitbürger, wie der eines Arztes. Und wenn man bedenkt, welch
+ein Umfang von Kenntnissen, welch eine Besonnenheit und Ausdauer,
+welch eine Geistesgegenwart und Reife des Urtheils dazu gehört: so
+erscheint der Arzt, wenn er ganz ist, was sein Beruf fordert, in einer
+Würde, die beinahe jede andere überstrahlt, und ihm die stärksten
+Ansprüche auf Dank und Verehrung seiner Mitbürger gibt. -- Man wird
+es ohne Genie in keinem Stande recht weit bringen; doch gibt es
+Wissenschaften, in welchen ein schlichter gesunder Hausverstand,
+und wohl noch etwas weniger, recht gute Dienste thut! große Aerzte
+hingegen können durchaus nur die feinsten Köpfe seyn. Doch das Genie
+macht es nicht allein aus; es gehört das ämsigste und mühseligste
+Studium dazu, um es in diesem Fache weit zu bringen. Endlich, wenn man
+überlegt, daß diese Kenntnisse, mit allen Hülfswissenschaften, welche
+die Arzneikunde voraussetzt, gerade die erhabensten, natürlichsten,
+ersten Grundkenntnisse des Menschen sind -- Studium der Natur in
+allen ihren Reichen, in allen ihren möglichen Wirkungen, in allen
+ihren Bestandtheilen; Studium des Menschen, an Leib und Seele, in
+seinen festen und flüssigen Theilen, in seiner ganzen Zusammensetzung,
+in seinen Gemüthsbewegungen und Leidenschaften -- was kann denn
+lehrreicher, tröstender, erquickender seyn, als der Umgang und die
+Hülfe eines solchen Mannes? Es gibt aber unter den Söhnen Aesculaps
+auch unzählige von ganz andrer Art; ungerathene Söhne des berühmten und
+erhabenen Vaters, denen der Doctorhut das Privilegium gibt, an armen
+Kranken Versuche ihrer Unwissenheit zu machen; Leute, die den Körper
+des Patienten wie ihr Eigenthum, wie ein Gefäß ansehen, in welches sie
+nach Willkühr allerlei flüssige und trockene Materie schütten dürfen,
+um wahrzunehmen, welche Wirkung durch den Streit dieser salzartigen,
+sauren und geistigen Dinge hervorgebracht wird, und wobei sie nichts
+wagen, als höchstens, daß das Gefäß zu Grunde geht. Andern fehlt es,
+bei der gründlichsten Kenntniß, an Beobachtungsgeist. Sie verwechseln
+die Zeichen der Krankheiten, lassen sich durch falsche Berichte der
+Kranken täuschen, forschen nicht kaltblütig, nicht tief, nicht fleißig
+genug, und verordnen dann Mittel, die gewiß helfen würden -- wenn der
+Kranke in der That die Krankheit hätte, mit welcher sie ihn behaftet
+glauben. Wieder Andre kleben an Systemgeist, an Autorität, an Mode, und
+schieben nie auf ihre Blindheit, sondern auf die Natur die Schuld, wenn
+ihre Arzneimittel andre Wirkungen hervorbringen, als die erwarteten;
+endlich noch Andre halten aus Gewinnsucht die Genesung der Leidenden
+auf, um desto länger, nebst dem Apotheker und Wundarzte, den Vortheil
+davon zu ziehen. Fällt man in die Hände eines solchen Afterarztes,
+so ist man in der größten Gefahr, das Opfer der Unwissenheit, der
+Sorglosigkeit, des Eigensinns oder der Bosheit zu werden.
+
+Nun ist es freilich, selbst einem Laien, der sonst einen geraden Blick
+mit einiger Menschenkenntniß, Erfahrung und Gelehrsamkeit verbindet,
+nicht so schwer, den ~groben~ Charlatan von dem geschickten Manne,
+an seinem Vortrage, an der Art seiner Fragen und Verordnungen, zu
+unterscheiden; unter ~den Bessern~ aber Den auszuzeichnen, dem man
+am sichersten seinen Körper anvertrauen kann, das ist viel schwerer.
+Folgende Vorschriften würde ich daher, in Rücksicht auf den Umgang mit
+Aerzten, empfehlen:
+
+Lebe mäßig in allem Betracht, so wirst Du so glücklich seyn, den Arzt
+nur als Freund bei Dir zu sehen; aber Du wirst seiner Hülfe selten
+bedürfen!
+
+Gib wohl Acht auf das, was Deiner besondern Leibesbeschaffenheit
+schädlich oder dienlich ist, was Dir wohl, und was Dir übel bekömmt!
+Richte darnach strenge Deine Lebensart ein, so wirst Du nicht oft in
+den Fall kommen, Dein Geld in die Apotheke schicken zu müssen!
+
+Wenn man nicht ganz fremd in der Physik, dabei ein wenig bewandert
+in medicinischen Büchern ist, sein Temperament kennt, und weiß, zu
+welchen Krankheiten man Anlage hat, und was Wirkung auf uns macht: so
+kann man auch oft, bei wirklichen Krankheiten, sein eigner Arzt seyn.
+Jeder Mensch ist ~einer~ Art von Gebrechen mehr ausgesetzt, als einer
+~andern~, in so fern er einförmig lebt. Studirt er nun mit Ernst diesen
+einzigen Zweig der Heilkunde, so müßte es sonderbar zugehen, wenn er
+davon nicht vielleicht mehr, wenigstens eben so viel Einsicht erlangen
+sollte, als ein Mann, der das ganze Heer von Krankheiten übersehen muß.
+
+Fordert aber die Noth, daß Du Dich an einen Arzt wendest, und Du
+willst Dir einen unter dem Haufen aussuchen: so gib zuerst Acht,
+ob der Mann gesunde Vernunft hat; ob er über andre Gegenstände mit
+Klarheit, unpartheiisch, ohne Vorurtheil raisonnirt; ob er bescheiden,
+verschwiegen, fleißig und seiner Kunst ganz ergeben ist; ob er ein
+gefühlvolles, menschenliebendes Herz zeigt; ob er seine Kranken mit
+einer Menge verschiedner Arzneien zu bestürmen, oder sich einfacher
+Mittel zu bedienen, der Natur wo möglich ihren Lauf zu lassen pflegt;
+ob er eine Diät empfiehlt, die nach seinen Begierden abgemessen, ob er
+verbietet, was ~ihm~ selbst zuwider ist; nur anräth, wozu er selbst
+geneigt ist; ob er sich in Reden zuweilen widerspricht; ob er fest in
+seinem Systeme ist, oder sich irre machen läßt, und von einer Heilart
+zur andern übergehet; ob er einzelnen Kennzeichen entgegen arbeitet,
+oder immer die Hauptsache vor Augen hat; ob er Brodneid gegen seine
+Kunstverwandten, sich eben so bereitwillig zeigt, den Großen und
+Reichen, als den Niedern und Armen beizustehen? Bist Du über diese
+Punkte befriedigt und beruhigt, so vertraue Dich ihm an.
+
+Vertraue Dich aber ihm allein, gänzlich und ohne Zurückhaltung!
+Verschweige auch nicht den kleinsten Umstand, der dazu dienen mag, ihn
+mit dem Zustande und dem Sitze Deines Uebels bekannt zu machen! Doch
+mische keine nichtsbedeutende Kleinigkeiten, keine Thorheiten, keine
+Grillen, keine Einbildungen hinein, die ihn irre machen könnten! Folge
+strenge und pünktlich seinen Vorschriften, damit er sicher seyn dürfe,
+ob das, was Du nachher empfindest, die Folge seiner angewendeten Mittel
+sey! Laß Dich daher auch nicht verleiten, nebenher allerlei Hausmittel,
+möchten sie auch noch so unschuldig scheinen, zu gebrauchen, noch
+heimlich einen zweiten Arzt um Rath zu fragen! Vor allen Dingen nimm
+nicht etwa zu gleicher Zeit zwei solcher Herren öffentlich an! Die
+Resultate ihrer Berathungen werden eben so viel Todesurtheile für Dich
+seyn; Keinem von Beiden wird Deine Genesung am Herzen liegen; sie
+werden Deinen Körper zu dem Kampfplatze ihrer verschiedenen Meinungen
+gebrauchen; sie werden Einer dem Andern die Ehre mißgönnen, Dich gesund
+zu machen, und Dich also lieber gemeinschaftlich dem Tode überliefern,
+um nachher wechselseitig die Schuld auf einander schieben zu können.
+
+Den Mann, der alles anwendet, was in seinen Kräften steht, Deine
+Gesundheit herzustellen, belohne nicht sparsam, sondern reichlich, nach
+Deinem Vermögen! Hast Du aber Ursache, zu glauben, daß er eigennützig
+sey, so setze Dich auf den Fuß, ihm jährlich etwas Festgesetztes zu
+zahlen, Du mögest krank oder gesund seyn, damit er kein Interesse dabei
+habe, Dich mit allerlei Krankheiten zu versehen, oder Deine Herstellung
+aufzuhalten.
+
+
+ 2.
+
+Wenden wir uns nun zu den Juristen! Nächst den natürlichen Gütern,
+nächst der Wohlfahrt des Geistes, der Seele und des Leibes, ist
+in der bürgerlichen Gesellschaft der sichre Besitz des Eigenthums
+das Heiligste und Theuerste. Wer dazu beiträgt, uns diesen Besitz
+zuzusichern; wer sich weder durch Freundschaft, noch Partheilichkeit,
+noch Weichlichkeit, noch Leidenschaft, noch Schmeichelei, noch
+Eigennutz, noch Menschen-Furcht bewegen läßt, auch nur einen einzelnen
+kleinen Schritt von dem geraden Wege der Gerechtigkeit abzuweichen; wer
+durch alle Künste der List und Ueberredung, durch die Unbestimmtheit,
+Zweideutigkeit und Verwirrung der geschriebenen Gesetze hindurch,
+klar zu schauen, und den Punkt, den Vernunft, Wahrheit, Redlichkeit
+und Billigkeit bestimmen, zu treffen weiß; wer der Beschützer der
+Aermern, des Schwächern und Unterdrückten gegen den Stärkern, Reichern
+und Unterdrücker; wer der Waisen Vater, der Unschuldigen Retter und
+Vertheidiger ist -- der ist gewiß unsrer ganzen Verehrung werth.
+
+Was ich hier gesagt habe, beweist aber auch zugleich, wie sehr viel
+dazu gehöre, auf den Titel eines würdigen Richters und auf den
+eines edlen Sachwalters Anspruch machen zu dürfen; und es ist, am
+gelindesten gesprochen, sehr übereilt geurtheilt, wenn man behauptet,
+es werde, um ein guter Jurist zu seyn, wenig gesunde Vernunft,
+sondern nur Gedächtniß, ein wenig Schlauheit und ein wenig Phlegma,
+Vorliebe für den Schlendrian und ein hartes Herz erfordert; oder die
+Rechtsgelehrsamkeit sey nichts anders, als die Kunst, die Leute auf
+eine rechtsbeständige Art um Geld und Gut zu bringen. Freilich, wenn
+man unter einem Juristen einen Mann versteht, der nur sein römisches
+Recht im Kopfe hat, die Kunstgriffe der Auslegung und Anwendung der
+Gesetze kennt, und die spitzfindigen Distinctionen der Rabulisten
+studirt hat, so mag man Recht haben; aber ein solcher entheiligt auch
+sein ehrwürdiges Amt.
+
+Doch ist es in der That traurig -- um auch das Böse nicht zu
+verschweigen -- daß die Handlungen so vieler Richter und Advocaten,
+so wie die Justiz-Verfassung in den mehrsten Ländern, so viel Grund
+und Anlaß zu jenen harten Beschuldigungen geben. So geschieht es, daß
+sich Menschen ohne Grundsätze, verschrobene und alltägliche Köpfe,
+dem Studium der Rechtsgelehrsamkeit widmen, und mit der Kenntniß der
+Gesetze keine andre feine Kenntnisse verbinden, dennoch aber so stolz
+auf diesen Wust von alten römischen, auf unsre Zeiten wenig passenden
+Gesetzen sind, daß sie von dem Manne, der die edlen Pandecten nicht am
+Schnürchen hat, glauben, er könne gar nichts gelernt haben. Ihre ganze
+Gedanken-Reihe knüpft sich nur an ihre heilige Schrift, an das Corpus
+Juris an, und ein steifer Civilist ist daher im gesellschaftlichen
+Leben das langweiligste Geschöpf, das man sich denken mag. In allen
+übrigen menschlichen Dingen, in allen andern, den Geist aufklärenden,
+das Herz bildenden Kenntnissen unerfahren, tritt ein solcher Jurist
+in ein öffentliches Amt, und wird vielleicht für eine ganze Stadt der
+einzige Verwalter der Gerechtigkeit. Sein barbarischer Styl, seine
+bogenlangen Perioden, die unglückselige Fertigkeit, die einfachste
+deutlichste Sache zu verwickeln, zu verdunkeln, und unverständlich
+zu machen, erfüllt Jeden, der Geschmack und Sinn für Klarheit hat,
+mit Ekel und Ungeduld. Wenn Du auch nicht das Unglück erlebst, daß
+Deine Angelegenheit einem eigennützigen, partheiischen, faulen,
+oder schwachköpfigen Richter in die Hände fällt; so ist es schon
+genug, daß Dein oder Deines Gegners Anwald ein Mensch ohne Gefühl,
+ein gewinnsüchtiger Gauner, ein Pinsel, oder ein Ränkeschmidt ist, um
+bei einem Rechtsstreite, den jeder unbefangene gesunde Kopf in einer
+Stunde schlichten könnte, viele Jahre lang hingehalten zu werden, ganze
+Ballen voll Acten zusammengeschrieben zu sehen, und dreimal so viel
+Unkosten zu bezahlen, als der Gegenstand des ganzen Streits werth ist,
+ja am Ende die gerechteste Sache zu verlieren, und Dein offenbares
+Eigenthum fremden Händen preiszugeben. Und wäre auch beides nicht
+der Fall; wären auch Richter und Sachwalter geschickte und redliche
+Männer, so ist der Gang der Justiz in manchen Ländern von der Art,
+daß man Methusalems Alter erreichen muß, um das Ende eines Prozesses
+zu erleben. Da schmachten dann ganze Familien im Elende und Jammer,
+indeß sich Schelme und hungrige Scribler in ihr Vermögen theilen.
+Da wird die gegründeteste Forderung wegen eines kleinen Mangels an
+elenden Formalitäten für nichtig erklärt. Da muß der Aermere sich's
+gefallen lassen, daß sein reicherer Nachbar ihm sein väterliches Erbe
+wegreißt, wenn der Anwald des Gegners Mittel findet, den Sinn irgend
+eines alten Documents zu verdrehen, oder wenn der Unterdrückte nicht
+Vermögen genug hat, die ungeheuren Kosten zur Führung des Prozesses
+aufzubringen. Da müssen Söhne und Enkel geduldig zusehen, wie die Güter
+ihrer Voreltern, unter dem Vorwande, die darauf haftenden Schulden
+zu bezahlen, Jahrhunderte hindurch in den Händen privilegirter Diebe
+bleiben, indeß weder sie noch die Gläubiger Genuß davon haben. Da muß
+mancher Unschuldige sein Leben auf dem Blutgerüste hingeben, weil die
+Richter mit der Sprache der Unschuld weniger bekannt sind, als mit den
+Wendungen einer falschen Beredsamkeit. Da lassen Professoren Urtheile
+über Gut und Blut durch ihre unbärtigen Schüler verfassen, und geben
+demjenigen Recht, der das Responsum bezahlt. -- Doch was helfen hier
+alle Declamationen, und wer kennt nicht diese Greuel der Verwüstung?
+
+Darum bleibt es wahr, daß ein magerer Vergleich besser sey, als ein
+fetter Prozeß. Darum sey es Regel: Man halte seine Geschäfte in solcher
+Ordnung, mache alles darin bei Lebzeiten so klar, daß man seinen Erben
+nicht die geringste Wahrscheinlichkeit eines gerichtlichen Zwistes
+hinterlasse!
+
+Hat uns aber der böse Feind zu einem Prozesse verholfen, so suche man
+sich einen redlichen, uneigennützigen, geschickten Advocaten -- man
+wird oft ein wenig lange suchen müssen -- und bemühe sich, mit ihm also
+einig zu werden, daß man ihm, ausser seinen Gebühren, noch reichere
+Bezahlung verspreche, nach Verhältniß der Kürze der Zeit, binnen
+welcher er die Sache zu Ende bringen wird!
+
+Man mache sich gefaßt, nie wieder in den Besitz seiner Güter zu kommen,
+wenn diese einmal in Advocaten- und Administratoren-Hände gerathen
+sind, besonders in Ländern, wo alter Schlendrian, Schläfrigkeit und
+Inconsequenz in Geschäften herrschen!
+
+Man erlaube sich keine Art von Bestechung der Richter! Wer dergleichen
+anwendet, der ist beinahe ein eben so arger Schelm, wie Der, welcher
+nimmt.
+
+Man waffne sich mit Geduld in allen Angelegenheiten, die man mit
+Juristen von gemeinem Schlage vorhat.
+
+Man bediene sich auch keines Solchen zu Dingen, die schleunig und
+einfach behandelt werden sollen!
+
+Man sey äusserst vorsichtig im Schreiben, Reden, Versprechen und
+Behaupten gegen Rechtsgelehrte! Sie kleben am Buchstaben. Ein
+juristischer Beweis ist nicht immer ein Beweis der gesunden Vernunft;
+juristische Wahrheit zuweilen etwas mehr, zuweilen etwas weniger, als
+gemeine Wahrheit; juristischer Ausdruck ist nicht selten einer andern
+Auslegung fähig, als gewöhnlicher Ausdruck, und juristischer Wille oft
+das Gegentheil von dem, was man im gemeinen Leben Willen nennt.
+
+
+ 3.
+
+Ich komme jetzt zu dem ~Wehrstande~. Wenn in unsern heutigen Kriegen
+noch Mann gegen Mann föchte, und die Kunst, Menschen zu vertilgen,
+nicht so methodisch und kunstmäßig getrieben würde; wenn allein
+persönliche Tapferkeit das Glück des Kriegers entschiede, und der
+Soldat nur für sein Vaterland, zur Vertheidigung seines Eigenthums
+und seiner Freiheit stritte: so würde auch kein solcher Ton unter den
+Kriegsleuten herrschen, wie jetzt, da zu einem geschickten Militär ganz
+andre Arten von Kenntnissen gehören, da ein Paar neue Ressorts, nämlich
+Subordination und ein conventioneller Begriff von Ehre, auf gewisse
+Weise an die Stelle des kühnen Muths getreten sind, und diese die
+Menschen zwingen müssen, auf ihrem Platze unbeweglich stehen zu bleiben
+und aus der Ferne in völliger Ruhe auf sich schießen zu lassen, weil
+die Leidenschaften der Fürsten, ihr Ehrgeitz und ihre Eroberungssucht
+es so wollen, und die Völker nur um der Fürsten willen da sind.
+Dennoch war eine gewisse Rohigkeit, Zügellosigkeit und ein trotziges
+Hinwegsetzen über alle Regeln der Moral und bürgerlichen Uebereinkunft
+-- gleich als wären diese Gesetze nur Kinder des Friedens -- noch in
+der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts fast der allgemeine
+Charakter eines Soldaten von hohem und niederm Range. In unsern Tagen
+aber sieht es damit ganz anders aus. Fast in allen europäischen
+Staaten, besonders in Frankreich, findet man im Soldatenstande
+Personen, die durch Kenntnisse in allen Fächern der Wissenschaften und
+Künste, besonders in solchen, die zu ihrem Handwerke gehören, durch ein
+gefälliges, geschmeidiges und kluges Betragen, äussere Sittlichkeit,
+Sanftmuth des Charakters und Bildung des Geistes und Herzens, sich
+der allgemeinen Achtung und Liebe werth machen. Ich würde also keine
+besondre Vorschriften über den Umgang mit Militärs zu geben haben,
+wenn nicht theils, so wie in allen Ständen, also auch hier, Ausnahmen
+Statt fänden, theils einige andre Rücksichten nicht mit Stillschweigen
+übergangen werden dürfen; doch kann ich mich dabei kurz fassen.
+
+Wer seinem Stande, seinem Alter, oder seinen Grundsätzen nach, sich
+weder necken und beleidigen zu lassen, noch eine Beleidigung durch
+den Zweikampf auszutilgen Lust haben kann, der thut wohl, wenn er die
+Gelegenheit vermeidet, bei Spiel, Trunk oder andern dergleichen Fällen,
+mit ~rohen~ Leuten vom Soldatenstande in Gemeinschaft zu kommen,
+oder, wenn er solchen Gelegenheiten nicht ausweichen kann, sich so
+behutsam, höflich und ernsthaft, als möglich, aufzuführen. Indessen
+kömmt hiebei auch sehr viel auf den Ruf an, in welchem man steht; und
+ein gerader, fester, redlicher und verständiger Mann pflegt, selbst von
+ausschweifenden, ungesitteten Leuten, geachtet und geschont zu werden.
+
+Ueberhaupt aber rathe ich, im Reden und Handeln gegen Offiziere
+vorsichtig zu seyn. Das Vorurtheil von übel verstandner Ehre, das in
+den mehrsten Armeen, vorzüglich in der französischen, herrschend ist,
+und das von mancher andern Seite einen Nutzen stiften kann, der hier zu
+weitläuftig zu entwickeln seyn würde, befiehlt dem Offizier, auch nicht
+das kleinste zweideutige Wörtchen, das ihm gesagt wird, hinzunehmen,
+ohne Genugthuung durch die Waffen zu fordern; und da hat denn nicht
+selten ein Ausdruck, den man sich im gemeinen Leben unbedenklich
+erlauben dürfte, für ihn einen beleidigenden Sinn. Man darf z. B.
+wohl sagen: »Das war doch ~nicht gut~,« aber keinesweges: »Das war
+~schlecht~ von Ihnen;« -- und doch muß das, was ~nicht gut~ ist,
+nothwendig ~schlecht~ seyn. Mit dieser Sprache der Uebereinkunft soll
+man sich also ~bekannt~ machen, wenn man mit Personen, denen dieselbe
+Gesetze auflegt, umgehen will.
+
+Daß man in Gegenwart eines Offiziers nie, auch nicht das Mindeste,
+zum Nachtheile dieses Standes vorbringen dürfe, versteht sich wohl
+um so mehr von selbst, da es in der That nöthig ist, daß der Soldat
+seinen Stand für den ersten und wichtigsten in der Welt halte. -- Denn
+was soll ihn bewegen, sich einer so beschwerlichen und gefährlichen
+Lebensart zu widmen, wenn es nicht die Ansprüche auf Ruhm und Ehre sind?
+
+Endlich erwirbt man sich bei dem Soldatenstande durch ein offenes,
+treuherziges, ungezwungenes und fröhliches Wesen, durch freien und
+muntern Scherz, Gunst und Beifall; man muß also mit ihrer Weise bekannt
+seyn, wenn man mit dieser Klasse leben will. Doch sind vielleicht die
+Zeiten nicht mehr fern, wo jede dieser Vorschriften unnütz werden, und
+der Stand eines Soldaten nicht länger von dem eines Bürgers getrennt
+bleiben wird.
+
+
+ 4.
+
+Kein Stand hat vielleicht so viel Annehmlichkeit, wie der eines
+~Kaufmanns~, wenn dieser nicht ganz mit leerer Hand anfängt, wenn das
+Glück ihm nicht entschieden zuwider ist, wenn er ein wenig vor sich
+gebracht hat, wenn er seine Unternehmungen mit gehöriger Klugheit
+treibt, nicht zu viel wagt und auf das Spiel setzt. Kein Stand genießt
+einer so glücklichen Freiheit, wie dieser. Kein Stand hat von je her
+so unmittelbar thätigen, wichtigen Einfluß auf Moralität, Kultur
+und Lebensweise gehabt, wie die Kaufmannschaft. Wenn durch sie und
+durch die Verbindung, welche der Handel zwischen den entferntesten
+und ungleichartigsten Völkern stiftet, der Ton ganzer Nationen
+umgestimmt, und Menschen mit geistigen und körperlichen Bedürfnissen,
+mit Wissenschaften, Wünschen, Krankheiten, Schätzen und Sitten bekannt
+gemacht werden, die ausserdem vielleicht nie, wenigstens sehr viel
+später, bis dahin gedrungen seyn würden, so läßt sich wohl nicht
+zweifeln, daß eine Vereinigung der feinsten Köpfe dieses Standes sich
+die Gewalt erwerben könnte, dem Geschmack, der Lebensweise und selbst
+dem Urtheil eines ganzen Volks jede beliebige Richtung zu geben, und
+der Gesellschaft Gesetze vorzuschreiben, die sie nicht übertreten
+könnte. Zum Glück für unsere Freiheit aber gibt es theils nur sehr
+wenige so weitsehende, planvolle Köpfe unter Leuten dieses Standes
+in der Welt, theils sind sie durch ein sehr verschiedenes Interesse
+so getrennt, daß sie sich nicht zu einer solchen Machthaberschaft
+vereinigen können; und so fällt zwar die Wirkung nicht weg, welche der
+Handel auf Sitten und Aufklärung hat; aber es geht doch damit nicht
+methodisch zu, sondern alles rückt seinen Gang unter dem Einfluß der
+Zeit fort. Indessen begreift man leicht, daß eben das Ideal, welches
+ich von einem großen Handelsmanne aufgestellt habe, einen Mann von
+feinem, vorausschauenden, weit umfassenden Geiste, und, wenn es ihm
+um das Wohl der Welt zu thun ist, einen Mann von edeln, erhabenen
+Gesinnungen bezeichnet. Auch gibt es solche Männer in diesem Stande,
+und ich habe, besonders während meines Aufenthalts in Hamburg, Bremen
+und andern großen Handelsplätzen, deren einige kennen gelernt, die
+wahrlich, wenn sie auf einem andern Platze gestanden hätten, unter den
+größten Männern ihrer Zeit genannt worden wären.
+
+Da man nun aber keiner Vorschriften bedarf, um zu lernen, wie man mit
+weisen und guten Menschen umgehen soll, so will ich hier nur von dem
+Betragen im Umgange mit Kaufleuten von gemeinem Schlage reden. Diese
+werden von ihrer ersten Jugend an gewöhnlich so mit Leib und Seele nur
+dahin gerichtet, auf Geld und Gut ihr Augenmerk, und für nichts anders,
+als für Reichthum und Erwerb Sinn zu haben, daß sie den Werth eines
+Menschen fast immer nach der Schwere seines Geldkastens beurtheilen,
+und bei ihnen: ~der Mann ist gut~, so viel heißt, als: ~der Mann ist
+reich~. Hierzu gesellet sich wohl noch, besonders in Reichsstädten,
+eine Art von Prahlerei, eine Begierde, es Andern ihres Gleichen da, wo
+es Aufsehen macht, an Pracht zuvorzuthun, um zu zeigen, daß ihre Sachen
+fest stehen. Da sie aber mit dieser Neigung immer noch Sparsamkeit
+und Habsucht verbinden, und da, wo sie nicht bemerkt werden, äusserst
+eingeschränkt und sparsam leben, und sich sehr viel versagen: so
+bemerkt man da einen Kontrast von Kleinlichkeit und Glanz, von Geitz
+und Verschwendung, von Niederträchtigkeit und Stolz, von Unwissenheit
+und Ansprüchen, der Mitleiden erregt; und so industriös auch sonst die
+Kaufleute sind, so fehlt es ihnen doch mehrentheils an der Gabe, ein
+kleines Fest durch geschmackvolle Anordnungen glänzend, und mit wenigen
+Kosten einen anständigen Aufwand zu machen. Ausser Hamburg ist dieß
+wohl in allen deutschen Handelsstädten mehr oder weniger der Fall.
+
+Willst Du bei diesen Leuten geachtet seyn, so mußt Du wenigstens in
+dem Rufe stehen, daß Deine Vermögens-Umstände nicht zerrüttet seyen:
+Wohlstand macht auf sie den besten Eindruck. Sey es durch Deine Schuld,
+oder durch Unglück, so wirst Du, auch bei den herrlichsten Vorzügen
+des Verstandes und Herzens, von ihnen verachtet werden, wenn Du Mangel
+leidest.
+
+Willst Du einen Solchen zu einer milden Gabe, oder sonst zu einer
+großmüthigen Handlung bewegen, so mußt Du entweder seine Eitelkeit mit
+in das Spiel bringen, daß es bekannt werde, wie viel dies große Haus
+an Arme gibt; oder der Mann muß glauben, daß der Himmel ihm die Gabe
+hundertfältig vergelten werde: dann wird es andächtiger Wucher.
+
+Große Kaufleute spielen, wenn sie spielen, gewöhnlich um hohes Geld.
+Sie betrachten das wie jeden andern Speculations-Handel; aber sie
+spielen dann auch mit aller Kunst und Aufmerksamkeit. Man hüte sich
+daher, wenn man das Spiel nicht versteht, und es nachlässig, bloß als
+einen Zeitvertreib ansieht, sich mit solchen Männern einzulassen!
+
+Laß es Dir unter Kaufleuten ja nicht einfallen, Deinen Stand oder Rang,
+oder Deine Geburt geltend machen zu wollen, besonders wenn Du nicht
+reich bist! oder Du wirst Dich kränkenden Demüthigungen aussetzen.
+
+Doch pflegt in manchen Kaufmannshäusern einem Manne mit Stern, Orden
+und Titel geschmeichelt zu werden: das geschieht dann aus Prahlerei, um
+zu zeigen, daß auch Vornehme da Gastfreundschaft genießen, oder daß man
+mit Höfen und großen Familien in Verhältnissen stehe.
+
+Auch der Gelehrte und Künstler wird hier übersehen, oder nur aus
+Eitelkeit vorgezogen. Er erwarte nicht, daß sein wahrer Werth erkannt
+werde!
+
+Da die Sicherheit des Handels auf Pünktlichkeit im Bezahlen und auf
+Treue und Glauben beruht, so setze Dich bei den Kaufleuten in den Ruf,
+strenge Wort zu halten und ordentlich zu bezahlen: so werden sie Dich
+höher achten, als manchen viel reichern Mann.
+
+Man hüte sich, wenn man nicht selbst den Handel aus dem Grunde
+versteht, sich von Kaufleuten zu gemeinschaftlichen Unternehmungen
+und Speculationen verleiten zu lassen. Ist bei der Sache ein sicherer
+Gewinn wahrscheinlich zu erwarten, so hütet sich der Kaufmann wohl,
+einem Laien, und wäre er sein bester Freund, davon Eröffnung zu
+thun, um ihn Theil nehmen zu lassen. Solche Anträge sind also immer
+verdächtig. Daß man noch ausserdem, wenn auch der Erfolg glücklich
+ausfällt, bei der Berechnung und Theilung verkürzt wird, versteht sich
+von selbst.
+
+Wer wohlfeil kaufen will, der kaufe für baares Geld! -- das ist
+eine sehr bekannte Lehre. Man hat dann die Wahl von Kaufleuten und
+von Waaren, und man kann es niemand übel auslegen, wenn er, bei der
+Ungewißheit, ob und wie bald er bezahlt werde, für seine Waare einen
+übertriebenen Preis fordert, oder das Schlechteste hingibt, was er hat.
+
+Hat man Ursache, mit dem Betragen des Mannes, mit welchem man
+Handlungsgeschäfte getrieben hat, zufrieden zu seyn: so wechsele
+man nicht ohne Noth, laufe nicht von einem Kaufmanne zu dem andern!
+Man wird von Leuten, die uns kennen, denen an der Erhaltung unsrer
+Kundschaft gelegen ist, treuer bedient, und sie geben uns auch, wenn
+es ja unsere Umstände erforderten, leichter Credit, ohne deswegen den
+Preis der Waaren zu erhöhen.
+
+Man enthalte sich, einem Krämer für den geringen Vortheil, der ihm
+aus einem kleinen Handel mit uns zuwächst, viel Mühe, Zeitverlust und
+Wege zu machen! Diese Unart ist besonders den Frauenzimmern eigen,
+die zuweilen sich für tausend Thaler Waare auspacken lassen, um, nach
+zweistündiger Beäuglung und Betastung, für einen Gulden zu kaufen, oder
+gar alles Gesehene zu schlecht und theuer zu finden.
+
+Bei kleinen Kaufleuten, und in Städten, wo eigentlich nur Krämer
+wohnen, ist die unartige Gewohnheit eingerissen, daß diese oft sehr
+viel mehr für ihre Waaren forden, als wofür sie dieselben hingeben
+wollen. Andre geben mit angenommener Treuherzigkeit und Biederkeit vor,
+daß sie den äussersten Preis setzen, und lassen sich keinen Heller
+abdingen; und so muß man oft doppelt so viel bezahlen, als die Sache
+werth ist. Erstern würde man ihre kleinen Künste leicht abgewöhnen
+können, wenn die Angesehensten in einer Stadt sich vereinigten, solchen
+Gaunern gar nichts abzukaufen. Es ist aber das jüdische Verfahren
+dieser beiden Arten von christlichen Krämern eben so unredlich, als
+unklug. Sie betrügen damit höchstens nur einige Fremde und Solche,
+die von dem Werthe der Waaren nichts verstehen; bei Andern hingegen
+verlieren sie allen Glauben; und wenn man erst ihre Weise kennt, so
+bietet man ihnen nur die Hälfte von dem, was sie fordern. Uebrigens
+soll der, welcher kaufen will, die Augen aufthun: es ist unvernünftig,
+einen Handel von einiger Wichtigkeit zu schließen, ohne vorher sich
+Kenntniß von dem wahren Werthe der Sache erworben zu haben, die man
+kaufen will.
+
+Welch eine große Vorsicht man im Pferde-Handel zu beobachten habe,
+das ist eine bekannte Sache. Bei diesem hat sich das Vorurtheil
+eingeschlichen, daß Eltern und Kinder, Geschwister und Freunde, Herren
+und Diener sich keinen Gewissensvorwurf machen zu dürfen glauben, wenn
+sie einander betrügen.
+
+
+ 5.
+
+Die Herren ~Buchhändler~ verdienten wohl ein eigenes Kapitel. In
+demselben könnte man sehr viel Wahres zum Lobe derjenigen unter ihnen
+sagen, die diesen Handel nicht als einen jüdischen Erwerb treiben, so
+daß sie etwa wenig darum bekümmert wären, was ~für~ Bücher bei ihnen
+verlegt und verkauft werden, in so fern nur Geld daraus gelöset wird,
+-- denen es nicht gleichgültig ist, ob man sie zu Hebammen von kleinen
+Krüppeln und Mißgeburten braucht, ob sie zu Werkzeugen der Ausbreitung
+eines elenden, seichten, falschen Geschmacks und schlechter Grundsätze
+dienen, -- sondern denen, wie unserm Nicolai, Wahrheit, Kultur und
+Aufklärung am Herzen liegen, -- die das verkannte, im Dunkeln lebende
+Talent ermuntern, aus dem Staube hervorziehen, in Thätigkeit setzen und
+großmüthig unterstützen, -- die den täglichen Umgang und das Verkehr
+mit Gelehrten und Büchern dazu anwenden, sich selbst Kenntnisse zu
+sammeln, ihren Geist zu bilden, und bessere Menschen zu werden. Und
+dann würde, des Kontrastes wegen, das Gegenbild keine üble Wirkung
+machen -- das Bild eines Mannes, der, nachdem ein halbes Jahrhundert
+hindurch die vortrefflichsten Werke durch seine schmutzigen,
+geldgierigen Finger gegangen sind, noch immer eben so unwissend
+und dumm geblieben ist -- ausgenommen die kleinen Wucher-Künste,
+-- wie ein zehnjähriger Knabe, -- der Manuscripte und neue Bücher
+nach der Dicke, nach dem Titel und nach dem herrschenden Geschmack
+und Ungeschmack des Publikums schätzt und kauft, -- der, um diesen
+falschen Geschmack zu unterhalten, durch unbärtige Knaben jämmerliche
+Broschüren, Romänchen und Mährchen schreiben, und unter seiner Firma
+(Namen) in die Welt gehen läßt, -- der die erbärmlichste Schmiererei,
+deren Nichtswürdigkeit er selbst fühlt, durch einen viel versprechenden
+Mode-Titel, oder durch saubere Bilderchen aufgestutzt, nach Frankfurt
+und Leipzig schleppt, und für diese Lumpereien ein schändendes Lob
+von feilen Recensenten erkauft, -- den Mann von Talenten wie einen
+Tagelöhner behandelt und bezahlt, von der eingeschränkten häuslichen
+Lage eines armen Schriftstellers Vortheil zieht, um ein Werk,
+das Anstrengung aller Kräfte, Nachtwachen und Aufwand von wahrer
+Geistesgröße erfordert hat, und womit er Tausende gewinnen kann, wie
+Maculatur zu erhandeln, -- der, so oft ihm ein Werk angeboten wird,
+verächtlich die Nase rümpft und den Kopf schüttelt, um desto wohlfeiler
+daran zu kommen, -- der, wie unter andern unsere Carlsruher und
+Frankenthaler Freunde, durch Nachdruck ein Dieb an fremdem Eigenthume
+wird. Endlich könnte ich Vorschriften geben, wie die Schriftsteller
+mit Buchhändlern von dieser Art umgehen sollen, um nicht ihre Sclaven
+zu werden, -- wie man sich bei ihnen ein Gewicht geben könne, und in
+welche Form man seine Geistes-Produkte gießen müsse, damit sie von den
+Sosiern unsrer Zeit in Verlag genommen werden. -- Das aber sind zum
+Theil Zunft-Geheimnisse, die unter uns großen Gelehrten nur mündlich
+fortgepflanzt werden, und die man also nicht jedem, der bloß Leser ist,
+verrathen darf.
+
+Bei der ersten flüchtigen Uebersicht sollte man glauben, alle
+Buchhändler, die nur irgend einigen Verlag hätten, müßten reich
+werden. Wenn man in Deutschland vier und zwanzig Millionen Einwohner
+annimmt, und dann rechnet, daß jedes Buch tausendmal abgedruckt
+würde, so beträgt das auf 24,000 Menschen nur ein Exemplar. -- Und
+welches Buch könnte so schlecht seyn, daß nicht unter 24,000 Menschen
+wenigstens Einer Lust bekäme, es zu kaufen? Allein man wird bald
+anderer Meinung, wenn man die Schuldbücher der Herren Buchhändler
+durchsieht; wenn man erfährt, daß sie von ihren Amtsbrüdern nicht mit
+Gelde, sondern mit Maculatur und Ladenhütern, von andern Käufern aber
+oft mit Vertröstungen bezahlt werden; daß man von der Summe jener
+24 Millionen beinahe den ganzen Bauernstand und die Einwohner der
+kleinsten Städte abrechnen muß, und daß die häufigen Leih-Bibliotheken
+und Nachdruck-Fabriken ihnen beträchtlichen Schaden zufügen.
+
+Doch noch ~eine~ Bemerkung: Wer sich bei Buchhändlern, besonders in
+minder großen Städten, beliebt machen will, der leihe und verleihe
+nicht viel Bücher, und errichte keine Lese-Gesellschaften! Man kann
+es sonst wahrlich den armen Handelsmännern nicht übel nehmen, daß
+sie sich durch Nachdruck, kleine Künste und sparsames Honorarium an
+ihren Collegen, am Publiko und an den Autoren zu erholen suchen, wenn
+unter zwanzig Personen kaum einer ein Buch kauft, die übrigen aber
+unentgeldlich mitlesen.
+
+
+ 6.
+
+Ich habe im ersten Theile dieses Buchs bei der Gelegenheit, da ich
+Bemerkungen über den Umgang mit Wohlthätern machte, zugleich von dem
+Betragen gegen Lehrer und Erzieher geredet. Unter dieser Klasse habe
+ich aber die sogenannten +Maîtres+, d. h. die stundenweise bedungenen
+Unterweiser ~in Sprachen und Künsten~, nicht mit begriffen. Von diesen
+muß ich daher hier noch ein Paar Worte sagen.
+
+Wirklich ist es eine recht lästige Beschäftigung, zu Erringung seines
+Unterhalts den ganzen Tag durch, in Wind und Wetter, von einem Hause
+in das andere zu laufen, und ohne freie Wahl der Schüler dieselben
+Anfangsgründe einer Kunst oder Sprache unzähligemal wiederholen zu
+müssen. Findet man nun unter diesen Meistern dennoch einen Mann, den,
+trotz dieser abschreckenden Schwierigkeiten, die Fortschritte, welche
+seine Schüler machen, mehr reizen als der Gewinn, dem es ernstlich
+darum zu thun ist, seine Kunst leicht, gründlich, lebhaft und deutlich
+vorzutragen; so ehre man diesen, wie jeden Andern, der etwas zu
+unsrer Bildung beiträgt! Oft aber trifft man unter diesen Herren sehr
+schlechte Subjecte an: Menschen ohne Erziehung und Sitten, die von
+dem, was sie Andern beibringen wollen, selbst keine klare Begriffe,
+am wenigsten aber die Gabe haben, in Andern dergleichen zu erwecken,
+-- Menschen, die, besonders wenn sie mit Kindern zu thun haben, es
+bloß auf Gedächtniß-Kenntnisse anlegen, womit sie gelegentlich die
+unwissenden Eltern täuschen können, welche sich nun überreden, daß
+ihre Kinder große Fortschritte gemacht haben, indeß der Meister froh
+ist, wenn er die Stunde überstanden hat, -- Menschen, die, um nur die
+Lehrstunde auszufüllen, Stadt-Mährchen erzählen, aus ~einem~ Hause
+in das andre tragen, oder gar das unedle Handwerk von Kupplern und
+Liebesbriefträgern verwalten. Ich kann jeden sorgsamen Vater, und
+wem sonst junge Leute anvertrauet sind, nicht genug vor dieser bösen
+Gattung von Unterweisern warnen, und rathe, so viel möglich, bei
+den Lehrstunden solcher Meister, die man nicht recht genau kennt,
+gegenwärtig zu seyn. Ich kann mich nicht enthalten, diese Vorsicht
+besonders gegen Musik- und Sprach-Meister zu empfehlen. Die größere
+Anzahl der Tonkünstler und französischen Sprachmeister besteht aus sehr
+leichtsinnigen, üppigen, sinnlichen Menschen. Die Musik erregt Gefühle,
+aber dunkle Gefühle, die öfter für Wollust, als für hohe Tugenden
+empfänglich machen, mehr die Phantasie, als die Vernunft beschäftigen.
+Deswegen gibt es unter den Virtuosen so viel verderbte und gefährliche
+Menschen. Ganz anders verhält es sich mit großen Componisten; ich rede
+nur von ausübenden Musikern. Eben so gefährlich ist eine gewisse Klasse
+von Sprachmeistern. Die französische Sprache, die so reich ist an
+glatten Worten und feinen Wendungen, wird von diesen Menschen benutzt,
+um unschuldigen Herzen das Gift der Eitelkeit beizubringen.
+
+
+ 7.
+
+Ein redlicher, arbeitsamer und geschickter ~Handwerksmann~ oder
+~Künstler~ ist eine der nützlichsten Personen im Staate, und es macht
+unsern Sitten wenig Ehre, daß wir diesen Stand so gering schätzen. Was
+hat ein müssiger Hofschranze, was hat ein reicher Tagedieb, der um sein
+baares Geld sich Titel und Rang erkauft hat, vor dem fleißigen Bürger
+voraus, der seinen Unterhalt auf erlaubte Weise durch seiner Hände
+Arbeit erwirbt? Dieser Stand befriedigt unsre ersten und natürlichsten
+Bedürfnisse. Ohne ihn würden wir für unsre Nahrung und Kleidung und
+für alle Gemächlichkeiten des Lebens mit eigenen hohen Händen sorgen
+müssen; und erhebt sich nun gar der Handwerker oder Künstler (wie es
+sehr oft der Fall ist) durch Erfindungskraft und Verfeinerung seiner
+Kunst über das Mechanische, so verdient er doppelte Achtung. Dazu
+kömmt, daß man wirklich unter diesen Leuten, die bei ihren Geschäften
+Zeit genug haben, an andre nützliche Dinge zu denken, zuweilen die
+hellsten Köpfe, und Männer antrifft, die freier von Vorurtheilen sind,
+als Viele, die durch Studiren und Systemgeist ihre gesunde Vernunft
+verschroben haben.
+
+Wie pflichtmäßig ist es also, einen rechtschaffenen und fleißigen
+Handwerksmann zu ehren und sich höflich gegen ihn zu betragen! Und
+wie unedel ist es, ohne Noth von ihm abzugehen, ob man gleich keine
+Ursache hat mit seiner Arbeit, mit seinem Fleiße und seinen Preisen
+unzufrieden zu seyn. Man mache nicht den Handwerksneid unter diesen
+Leuten rege! Man ziehe, bei gleichen Umständen, ~den~ Handwerksmann,
+der unser Nachbar ist, dem entfernter wohnenden vor! Man bezahle
+ordentlich, pünktlich, baar, und dinge ihm nicht über die Gränzen
+der Billigkeit ab! Unverantwortlich ist das Verfahren so vieler
+Vornehmen und selbst Reichen, die, bei allem Aufwande, den sie machen,
+zuletzt daran denken, die Handwerksleute, welche für sie arbeiten, zu
+befriedigen. Eben die Verschwender, welche vielleicht in ~einem~ Abende
+Tausende im Spiele verlieren, und es für eine Ehrensache halten, diese
+Schuld ohne Aufschub zu tilgen, lassen den armen Handwerksmann um eine
+Rechnung von zehn Thalern, worunter mehr als die Hälfte in baaren
+Auslagen von seiner Armuth besteht, unbarmherziger Weise Jahre lang
+warten, und manchen sauren Weg vergebens thun, lassen ihn wohl gar
+von einem groben Haushofmeister auf eine kränkende Weise abfertigen.
+Diese Ungerechtigkeit und Härte stürzt so manchen ehrlichen, sonst
+wohlhabenden Bürger in Mangel, oder verleitet ihn, ein Betrüger zu
+werden.
+
+Es herrscht aber unter den Handwerksleuten die unartige Gewohnheit
+des Lügens. Sie versprechen, was sie weder halten können, noch halten
+wollen, und übernehmen mehr Arbeit, als sie in der bestimmten Frist zu
+liefern im Stande sind. Es würde der Mühe werth seyn, daß sich, wie
+ich schon oben in Ansehung der übertheuernden Krämer vorgeschlagen
+habe, die angesehensten Leute einer Stadt dahin vereinigten, bei einem
+solchen Windbeutel nicht mehr arbeiten zu lassen. Daher mache ich mit
+den Handwerksleuten, welche für mich arbeiten, den Vertrag, daß ich
+augenblicklich von ihnen abgehe, sobald sie mir ihre Zusage nicht
+halten. Dadurch nun, und wenn man jedesmal bei Ablieferung der Arbeit
+baar bezahlt, erlangt man, daß man seltner belogen wird, als Andre.
+
+
+ 8.
+
+Ein Blick zurück auf das, was ich von dem Umgange mit
+Kaufleuten gesagt habe, erinnert mich, daß ich bei dieser Gelegenheit
+auch von den ~Juden~, als gebornen Handelsmännern, hätte reden
+sollen. Ich will aber das Wenige, was ich etwa über diesen Gegenstand
+vorzutragen habe, hier nachholen.
+
+In Amerika trifft man sehr viel Juden an, die durchaus in allen ihren
+Sitten mit den Christen übereinstimmen, auch sogar mit christlichen
+Familien durch wechselseitige Heirathen sich verbinden. In Holland
+und in einigen Städten von Deutschland, besonders in Berlin, ist
+die Lebensart mancher jüdischen Familien von der Weise anderer
+Religions-Verwandten auch fast gar nicht verschieden. In diesen Fällen
+nun ist eine von den Ursachen gehoben, weswegen der Charakter dieses
+Volks so viel widrige Eigenheiten hat. Freilich bringen es leider
+die mehrsten Juden in der höhern Kultur nicht weiter, als daß sie
+die Einfalt und Strenge ihrer Sitten gegen christliche Laster und
+Thorheiten vertauschen. Ein jüdischer Stutzer, Wüstling oder Freigeist
+spielt dann mehrentheils eine sehr unwürdige Rolle. Daß übrigens
+die höchst unverantwortliche Verachtung, mit welcher wir den Juden
+begegnen, -- der Druck, unter welchem sie in den mehrsten Ländern
+leben, und die Unmöglichkeit, auf andre Weise, als durch Wucher, ihren
+Lebens-Unterhalt zu gewinnen, -- daß diese unsere Ungerechtigkeit
+nicht wenig dazu beiträgt, sie moralisch schlecht zu machen, und
+zur Niederträchtigkeit und zum Betruge zu reizen, -- endlich daß
+es, ungeachtet aller dieser Umstände, dennoch edle, wohlwollende,
+großmüthige Menschen unter ihnen gibt: -- das sind bekannte, oft
+gesagte Dinge. Laßt uns aber hier die Juden, nicht wie sie unter andern
+Umständen seyn ~könnten~, noch wie einzelne Subjecte unter ihnen sind,
+sondern so, wie wir jetzt ihren Volks-Charakter nach der größern Anzahl
+beurtheilen müssen, betrachten!
+
+Sie zeigen sich rastlos und von einer unerschöpflichen Geduld und
+Ausdauer, wo etwas zu gewinnen ist; sie verschmähen auch den kleinsten
+Gewinn bei ihrem Gewerbe nicht, und machen, durch ihren Zusammenhang in
+allen Ländern und dadurch, daß sie sich durch keine Art von Bedrückung
+und Zurückweisung abschrecken lassen, fast unmögliche Dinge möglich.
+Man kann sie daher zu den wichtigsten Verhandlungen brauchen, und auf
+ihre Klugheit eben so sehr, wie auf ihre Ausdauer rechnen; nur muß man
+ihre Dienste gut bezahlen.
+
+Sie sind verschwiegen, wo sie Interesse dabei finden; vorsichtig;
+zuweilen zu furchtsam, doch für's Geld bereit, das Aergste zu wagen;
+verschlagen; witzig; scharfsinnig in ihren Einfällen; Schmeichler im
+höchsten Grade, und finden dadurch Mittel, sich ohne Aufsehen in den
+größten Häusern Einfluß zu verschaffen, und durchzusetzen, was man ohne
+sie schwerlich bewirken würde.
+
+Sie sind mißtrauisch. Sind sie aber ~einmal~ überzeugt, daß sie
+pünktliche Bezahlung erhalten werden, und mit einem ehrlichen Manne
+zu thun haben, so kann man auch bei ihnen Hülfe finden, wenn alle
+christlichen Wucherer sich zurückziehen.
+
+Bist Du aber ein schlechter Wirth, oder sind Deine Vermögens-Umstände
+in einer zweideutigen Lage: so wird niemand dieß leichter gewahr
+werden, als der Jude. Rechne dann nicht darauf, daß er Dir Geld
+vorschießen werde, oder mache Dich gefaßt, ihm, wenn er es auf
+Speculation daran wagt, Dich zu so übertriebenen Procenten und zu
+solchen Bedingungen verbindlich machen zu müssen, daß dadurch Deine
+Lage gewiß noch unglücklicher wird!
+
+Es wird den Juden gewaltig schwer, sich vom Gelde zu trennen, weil
+es ihr höchstes Gut, und die Bedingung ihres Daseyns ist. Darum gehen
+sie in Geld-Angelegenheiten mit der größten Vorsicht zu Werke, und
+lassen sich dabei keine Mühe verdrießen. Wenn Jemand, den sie nicht
+recht genau kennen, sie um ein Darlehn anspricht, so werden sie
+denselben auf einen andern Tag wieder bestellen. Unterdessen forschen
+sie bei Handwerkern, Nachbaren, Bedienten u. dgl. nach den kleinsten
+Umständen des künftigen Schuldners. Kömmt dieser zur bestimmten Zeit
+wieder, so läßt sich der Jude verleugnen, oder verschiebt die Zahlung
+noch um einige Wochen, Tage oder Stunden. Und ist auf Deinem Gesichte
+nur irgend eine Spur von Verlegenheit über Deine Umstände, oder von
+zu großer Freude über die zu hoffende Hülfe zu lesen, so wird der
+Jude sich nicht von seinem Mammon trennen, und hätte er auch schon
+angefangen, das Geld hinzuzählen. Daß er Dir immer das leichteste Gold
+geben wird, versteht sich von selbst. Auf dies alles muß man sich
+gefaßt machen, wenn man in solche Fälle kömmt.
+
+Bei dem Handel mit Hebräern gemeiner Art ist es rathsam, die Augen oder
+den Beutel zu öffnen. Es ist sehr natürlich, daß ein Christ sich auf
+ihre Gewissenhaftigkeit, auf ihre Betheuerungen nicht verlassen darf.
+Sie werden Euch Kupfer für Gold, drei Ellen für vier, alte Sachen für
+neue verkaufen, falsche Münze für ächte geben, wenn Ihr es nicht besser
+verstehet.
+
+Wenn man alte Kleider oder andre Sachen an Juden verhandeln will,
+so suche man mit dem ersten, der ein irgend leidliches Gebot thut,
+sogleich einig zu werden! Lässest Du ihn fortgehen, ohne sein Gebot
+anzunehmen, so wird die Nachricht, daß bei Dir etwas zu schachern sey,
+und daß man Mendeln oder Joseph den Handel nicht verderben dürfe, wie
+ein Lauf-Feuer durch die ganze Judenschaft gehen, und in der Synagoge
+publicirt werden: in solchen Fällen halten sie treulich zusammen. Es
+werden dann haufenweise die Israeliten, fremde und einheimische, Dein
+Haus bestürmen; aber jeder später kommende wird immer etwas weniger
+bieten, als der vorhergehende, bis Du endlich entweder den ersten
+wieder aufsuchst, der aber dann die gleich anfangs gebotene Summe
+noch vermindert, oder bis Deine Waare Dir so zuwider wird, daß Du sie
+für die Hälfte des Werths einem Andern hingibst, der sie treulich dem
+Ersten einhändigt. Wenn auch ein Jude von gemeiner Art Dir im Handel
+so viel bietet, wie Du etwa fordern zu dürfen glaubst, so schlage doch
+nicht gleich zu; er wird sonst zurückziehen, entweder weil er nun
+denkt, er hätte noch wohlfeiler dazu kommen können, oder es stecke
+Betrug dahinter.
+
+Ist man seines Kaufs mit einem Trödel-Juden völlig einig, so wird er
+doch noch versuchen, den Verkäufer zu hintergehen. Er wird gewöhnlich
+sagen: »er habe kein baares Geld bei sich, wolle aber die Uhr oder
+sonst etwas zum Unterpfande lassen.« Er weiß wohl, daß man das selten
+annimmt. Gibt man ihm nun Credit und das Gekaufte mit, so schleppt er
+dies in der ganzen Stadt herum, bietet es feil, und bringt es wieder,
+mit dem Bedeuten: »man solle etwas schwinden lassen; er habe sich
+übereilt.« Oder er kömmt gar nicht wieder, und man muß lange hinter
+der Bezahlung herlaufen. Auch wollen sie gar zu gerne Waare statt
+Geld geben, denn die baare Münze ist ihnen gar zu sehr an's Herz
+gewachsen. -- Auf dies alles darf man sich nicht einlassen. Etwas ganz
+Charakteristisches hat diese Nation übrigens in Allem. -- Ich rede von
+dem großen Haufen derselben, nicht von denen, die sich (vielleicht
+nicht zu ihrem Glücke) nach den Sitten der Christen umgebildet haben.
+-- Man höre die Musik in ihren Tempeln, und die ganz eigene Art,
+wie sie dieselbe vortragen! Man sehe sie tanzen! Man gebe Acht auf
+die Verzierungen, welche auch die reichsten alten Juden in ihren
+Häusern anbringen, ob nicht immer etwas von den Knäufen an dem Tempel
+Salomons, von den Verzierungen der Bundeslade, Scharlach, Rosenroth und
+gezwirnter weißer Seide mit unterläuft.
+
+
+ 9.
+
+In den mehrsten Provinzen von Deutschland lebt der ~Bauer~
+in einer Art von Druck und Sclaverei, die wahrlich oft härter ist,
+als die Leibeigenschaft desselben in andern Ländern. Mit Abgaben
+überhäuft, zu schweren Diensten verurtheilt, unter dem Joche grausamer,
+habsüchtiger Beamten seufzend, werden sie des Lebens nie froh, haben
+keinen Schatten von Freiheit, kein sichres Eigenthum, und arbeiten
+nicht für sich und die Ihrigen, sondern nur für ihre Tyrannen.
+
+Wen nun die Vorsehung in die glückliche Lage gesetzt hat, zu
+Erleichterung dieser so sehr gedrückten und doch so wichtigen,
+zahlreichen und nützlichen Menschen-Klasse etwas beitragen zu können:
+o! der schaffe sich doch die süße Wonne, in den ländlichen Hütten
+Freude zu verbreiten, und seinen Namen von Kindern und Enkeln mit Segen
+nennen zu hören!
+
+Freilich wohl sind die Bauern zum Theil so hartnäckige, zänkische,
+widerspenstige und unverschämte Geschöpfe, daß sie aus der geringsten
+Wohlthat eine Schuldigkeit machen, -- daß sie nie zufrieden sind,
+immer klagen, immer mehr haben wollen, als man ihnen zugestehen kann;
+allein sind wir nicht selbst durch lange fortgesetzte unedle Behandlung
+und Vernachlässigung ihrer Bildung daran Schuld, daß niederträchtige
+Gesinnungen bei ihnen herrschend werden? und gibt es nicht einen
+Mittelweg zwischen übertriebener Nachsicht und despotischer Strenge
+und Grausamkeit? Ich verlange nicht, daß ein Landes- oder Guts-Herr
+sich, so lange die jetzige Ordnung der Dinge noch Statt hat, des Rechts
+begeben solle, seine Unterthanen zu schuldigen Diensten zu gebrauchen;
+allein, kann es erlaubt seyn, diese Dienste auch dann zu verlangen,
+wenn nur von dem edlen Vergnügen einer Hirsch- oder Schweine-Metzelei
+die Rede ist? ist es menschlich, den Bauer zu einer Zeit, wo seine
+Gegenwart zu Hause dringend nothwendig ist, mehrere Tage hinter
+einander in strenger Kälte mit leerem Magen herumlaufen, und Ohren und
+Nase erfrieren zu lassen? Der Gutsherr kann und soll ihm die schuldigen
+Abgaben nicht schenken; aber er soll Nachsicht mit seinen Umständen
+haben, Rücksicht auf erlittene Unglücksfälle nehmen, und darauf halten,
+daß die Beamten die Gelder in einer Zeit eintreiben, wo es dem armen
+Landmanne weniger schwer wird, baare Münze aufzutreiben, ohne sich mit
+Leib und Seele dem Juden oder dem bösen Feinde zu verschreiben.
+
+Man schwatzt so viel von Verbesserung der Dorfschulen und Aufklärung
+des Landvolks; allein überlegt man auch wohl immer genau genug,
+welch ein Grad von Aufklärung für den Landmann, besonders für den
+von niedrigem Stande, taugt? Daß man den Bauer nach und nach, mehr
+durch Beispiele als durch Abhandlungen, zu bewegen sucht, von manchen
+ererbten Vorurtheilen, in der Art des Feldbaues und überhaupt in der
+Führung des Haushalts, zurückzukommen, -- daß man durch zweckmäßigen
+Schul-Unterricht die thörichten Grillen, den dummen Aberglauben,
+den Glauben an Gespenster, Hexen u. dergl. zu zerstören trachte,
+-- daß man die Bauern gut schreiben, lesen und rechnen lehre: das
+ist löblich und nützlich. Ihnen aber allerlei Bücher, Geschichten
+und Fabeln in die Hände zu spielen; sie zu gewöhnen, sich in eine
+Ideen-Welt zu versetzen; ihnen die Augen über ihren armseligen Zustand
+zu öffnen, so lange man nicht die ernstliche Absicht hat, diesen zu
+verbessern; sie durch zu viel Aufklärung unzufrieden mit ihrer Lage,
+und aufgelegt zu machen, über die ungleiche Austheilung der Glücksgüter
+zu declamiren; ihren Sitten Geschmeidigkeit und den Anstrich der
+feinen Höflichkeit zu geben -- das taugt wahrlich nicht, obgleich es
+auch grausam und ungerecht ist, die natürlichen Fortschritte einer
+solchen Aufklärung vorsätzlich ~hindern~ zu wollen. Ohne alle diese
+künstlichen Hülfsmittel trifft man unter alten Landleuten Menschen
+von so unverfälschtem Sinne, von so hellem, heiterm Kopfe, und von so
+festem Charakter an, die manchen hochstudirten Herrn beschämen könnten.
+Es scheint also rathsam, hier mit großer Mäßigung und Sparsamkeit zu
+Werke zu gehen. Im Ganzen betrage man sich gegen den Bauer treuherzig,
+gerade, offen, ernsthaft, wohlwollend, nicht geschwätzig, dem
+Verhältnisse gemäß, und bleibe sich gleich: und man wird sich seine
+Achtung, sein Zutrauen erwerben, und viel über ihn vermögen.
+
+Von ~Land-Edelleuten~ und andern Personen höhern Standes, die in den
+Dörfern leben, gilt zum Theil dasselbe. Man nehme keinen Residenz-Ton
+im Umgange mit ihnen an, hüte sich vor leeren Complimenten, nehme Theil
+an ihren ländlichen Freuden, Sorgen und Geschäften, und verbanne allen
+Zwang, ohne doch den Ton zu tief herabzustimmen: so wird man ihnen als
+Gast, Nachbar, Freund und Rathgeber willkommen seyn.
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart und Gewerbe.
+
+
+ 1.
+
+Zuerst von den sogenannten Abentheurern und Pflastertretern. Ich rede
+hier nicht von den eigentlichen Betrügern und Gaunern -- von diesen
+soll gleich nachher gehandelt werden! -- sondern von der unschädlichen
+Art der Abentheurer, die, wenn sie sich mit der Glücksgöttin gar
+zu oft überworfen haben, zuletzt an die kleinen Neckereien dieses
+launigten Weibes so gewöhnt sind, daß sie immer aufs Neue blindlings
+in den Glückstopf hineingreifen, und es wagen, entweder auf die Finger
+geklopft zu werden, oder einmal einen fetten Brocken zu erhaschen.
+Sie leben, ohne festen Plan für den folgenden Tag, auf gute Hoffnung
+los, und unternehmen sorglos und leichtsinnig alles, was ihnen für den
+Augenblick eine Aussicht zu einigem Unterhalte zu eröffnen scheint.
+Wo eine reiche Wittwe zu heirathen, eine Pension, eine Bedienung an
+irgend einem Hofe, oder dergleichen zu erschleichen ist, da sind sie
+nicht saumselig. Sie verändern den Namen, adeln sich, schaffen sich um,
+so oft es ihnen beliebt, und es die Sache erleichtern kann. Was sich
+als Edelmann nicht durchsetzen läßt, das versuchen sie als Marquis,
+als Abbé, als Offizier. Zwischen Himmel und Erde ist kein Fach, kein
+Departement, in welchem sie nicht bereit wären, sich an die Spitze
+der Geschäfte stellen zu lassen, keine Wissenschaft, über welche
+sie nicht mit einer Zuversicht schwatzten, die sogar den Gelehrten
+zuweilen stutzen macht. Mit einer bewundernswürdigen Gewandtheit,
+mit einem +savoir faire+, das selbst der bessere Mann zum Theil von
+ihnen lernen sollte, gelangen sie zu Dingen, die der Rechtschaffenste
+und Verständigste nicht einmal zu wünschen den Muth hat. Ohne tiefe
+Menschenkenntniß haben sie gerade das, womit man in dieser Welt über
+wahre Weisheit den Meister spielt -- +esprit de conduite+. Gelingt
+das nicht, was sie unternehmen, so werden sie doch dadurch nicht in
+ihrem guten Humor gestört; die ganze Welt ist ihr Vaterland, und als
+blinde Passagiers sind sie auf dem Postwagen eben so zu Hause, wie
+in einer prächtigen Karosse. -- Ein gutmüthiges Völkchen, durch das
+Nomaden-Leben gewöhnt, Freuden und Leiden geduldig zu ertragen und zu
+theilen! Haben sie irgendwo ihre Rolle ausgespielt, so schnüren sie ihr
+Bündelchen, und gehen aus ihren Palästen so leichtfüßig davon, wie ein
+flüchtiger Morgen-Traum.
+
+Als Gesellschafter mag man diese Leute nicht verachten! Sie haben so
+Manches gesehen und erfahren, daß dem Menschen-Kenner ihr Umgang nicht
+ganz uninteressant seyn kann. Ja, wenn sie sonst nicht bösartig sind,
+so findet man bei ihnen Theilnehmung, Dienstfertigkeit und Gefälligkeit
+in hohem Grade. Dagegen ist zu einer genauen freundschaftlichen
+Verbindung mit ihnen gar nicht zu rathen. Man sey nicht zu vertraulich
+gegen sie, und bediene sich nicht ihrer Hülfe zu wichtigen Geschäften!
+Theils leidet dadurch unser eigner Ruf, theils kann man sich von ihrem
+Leichtsinne und ihrer Charakterlosigkeit wenig wahre Hülfe versprechen;
+auch pflegen sie nicht eben sehr ekel in der Wahl der Mittel zu seyn,
+welche sie anwenden, um zu einem Zwecke zu gelangen.
+
+
+ 2.
+
+Beschäme nicht leicht den Abentheurer, auch den von schlechter
+Art nicht, wenn Du ihn irgendwo in einer erborgten Gestalt, unter
+falschem Namen, oder mit selbstgeschaffnen Titeln und Ehrenzeichen
+geschmückt antriffst, in so fern nicht wichtige Gründe eintreten,
+oder Du besondern Beruf dazu hast! Auch würde Dir das nicht immer
+gelingen; denn seine Unverschämtheit möchte vielleicht Wege finden,
+das Unangenehme einer solchen Scene auf Dich selbst fallen zu machen.
+Doch kann es zuweilen nützlich seyn, so einem Herrn unter vier Augen
+merken zu lassen, daß man ihn kenne, und daß es in unsrer Macht stehen
+würde, ihn zu entlarven, daß man aber seiner schonen wolle. Dann
+wird ihn vielleicht die Furcht vor der Entdeckung zurückhalten, böse
+Streiche zu spielen. Es gibt aber unter diesen Landläufern äusserst
+gefährliche Menschen, Ausspäher, Verführer, Verleumder, Diebe und
+Schelme aller Art. Nicht nur sollte diesen die Thür jedes ehrlichen
+Mannes sorgfältig verschlossen werden, sondern die kleinern deutschen
+Fürsten würden auch wohl thun, wenn sie sich weniger mit solchem
+Gesindel einließen, welches gewöhnlich mit einer Tasche voll Pläne
+und Entwürfe zum Besten des Landes, zur Beförderung des Handels, zum
+Flor und zur Verschönerung der Residenzen, angezogen kömmt, redliche
+Diener aus ihren Aemtern verdrängt und verdächtig macht, seinen Beutel
+zum Ruin des Landes spickt, freilich seine Rolle selten lange spielt;
+aber wenn es auch, mit Schimpf und Schande beladen, davon gehen muß,
+mehrentheils viel gestiftetes Unglück zurückläßt, was es nie wieder gut
+machen kann, und irgend einen andern schwachen Herrn findet, mit dem es
+seine Operationen aufs Neue versucht. In diesen Fällen ist es Pflicht,
+dem Bösewichte öffentlich die Larve abzuziehen; doch thue man das
+nicht eher, als bis man die deutlichsten Beweise gegen ihn in Händen
+hat! denn dergleichen Menschen haben die Gabe, ihre Sache von solchen
+Seiten vorzustellen, daß man sehr viel wagt, wenn man sie mit unsichern
+Waffen angreift.
+
+
+ 3.
+
+Unter allen Abentheurern sind, nach meiner Empfindung, die ~Spieler~
+vom Handwerk die verächtlichsten. Indem ich nun von ihnen rede, werde
+ich auch Gelegenheit nehmen, über das Spiel im Allgemeinen und über das
+Betragen bei demselben etwas zu sagen.
+
+Keine Leidenschaft kann so weit führen, keine kann den Jüngling, den
+Mann und ganze Familien in ein grenzenloseres Elend stürzen, keine
+den Menschen in eine solche Kettenreihe von Verbrechen und Lastern
+verwickeln, als die unglückselige Spielsucht. Sie erzeugt und nährt
+alle nur ersinnlichen unedeln Empfindungen: Habsucht, Neid, Haß, Zorn,
+Schadenfreude, Verstellung, Falschheit und Vertrauen auf blindes Glück;
+sie kann zu Betrug, Zank, Mord, Niederträchtigkeit und Verzweiflung
+führen, und tödtet auf die schändlichste Weise die goldne Zeit. Wer
+reich ist, begeht eine unverzeihliche Thorheit, wenn er sein Geld auf
+so ungewisse Speculation anlegt; und wer nicht viel zu wagen hat, muß
+furchtsam spielen, kann die Launen des Glücks nicht abwarten, sondern
+muß bei dem ersten widrigen Schlage das Feld räumen, oder er wagt
+es darauf, aus einem Dürftigen ein Bettler zu werden. Doch ist die
+Thorheit der Erstern noch weit größer, als die der Letztern. Selten
+stirbt der Spieler als ein reicher Mann; wer daher auf diesem elenden
+Wege Vermögen erworben hat, und dann nicht aufhört zu spielen, den
+möchte man einen Wahnsinnigen nennen.
+
+Die, welche Tage und Nächte dem Spiel opfern, bedenken gewiß nicht,
+daß, wenn sie täglich spielen, sie sich eine jährliche ~gewisse~
+Ausgabe von wenigstens sechzig Thalern aufladen, die sie von dem
+möglichen ~ungewissen~ Gewinne abrechnen müssen; nämlich das
+Kartengeld. Sie bedenken noch weniger, daß sie die unwürdigsten
+Zeitverschwender, und allen Guten und Edlen verächtlich, daß sie früher
+oder später der Verzweiflung preisgegeben sind.
+
+Hüte Dich, mit Leuten vom Handwerke Dich auf ein Spiel einzulassen,
+wenn Dir Dein Geld und Deine Ehre lieb ist!
+
+Traue Keinem von ihnen! in keiner Sache! -- Die wenigen Ausnahmen,
+wo diese Regel einem ehrlichen Spieler von Profession Unrecht thun
+könnte, verdienen nicht in Anschlag gebracht zu werden; und wer sich
+dieser verächtlichen Lebensart widmet, mag es nicht übel nehmen, daß
+man ihm den Geist der bösen Zunft zutraut, zu welcher er sich bekennt.
+
+Laß Dich auf keine bloße Hazard-Spiele ein! Um geringen Preis
+gespielt, sind sie äusserst langweilig, und hohes Geld dem Ungefähr
+preisgeben, ist Narrheit. Ein verständiger Mann verachtet ohnehin jede
+Beschäftigung, bei welcher Kopf und Herz schlummern müssen, und man
+darf nur ein mittelmäßiger Rechner seyn, um sich zu überzeugen, daß
+bei solchen Glücksspielen die Wahrscheinlichkeit immer gegen uns ist.
+Wollen wir aber gar keine Wahrscheinlichkeit annehmen, so bleibt der
+Erfolg ein Werk des Zufalls: -- und wer wird denn vom Zufalle abhängen
+wollen?
+
+Auf die sogenannten Commerenz-Spiele thue gänzlich Verzicht, oder lerne
+sie vorher recht, und spiele mit gleicher Aufmerksamkeit, es mag um
+hohen Preis, oder um eine Kleinigkeit gelten! Lerne Dich aber auch im
+Spiele beherrschen, und wage nicht mit Unverstand! Mache nicht, durch
+gehäufte Fehler der Aufmerksamkeit und Kunst, Dich selbst arm, und
+Deinen Mitspielern Ungeduld und Langeweile!
+
+Zeige keine böse Laune, wenn Du schlechte Karten bekömmst, und wenn Du
+verlierst! Wer nie Geld im Spiele verlieren will, der muß sich auf die
+Blindekuh einschränken.
+
+Manche Leute geben immer vor, gewonnen zu haben; andere klagen stets
+über Verlust. Die Erstern belügen nur ihren eigenen Geldbeutel; die
+Andern aber sprechen sich selbst ein böses Urtheil. Denn wer ohne
+Unterlaß verliert, ist ein Narr, wenn er nicht endlich das Spielen
+aufgibt.
+
+Spiele nicht so unerträglich langsam und bedächtig, daß Deinen
+Gesellschaftern alle Geduld vergehen muß. Zanke nicht, wenn Deine
+Mitspieler Fehler machen!
+
+Zeige keine laute Freude, wenn Du gewinnst! das pflegt Dem, welcher
+verloren hat, empfindlicher zu seyn, als der Verlust selbst.
+
+Nöthige niemand zum Spiele, wenn Du weißt, daß er ungern oder
+unglücklich spielt! Dieß geschieht vielfältig von Leuten, denen es eine
+wichtige Angelegenheit ist, ihre Parthieen vollzählig zu haben.
+
+-- Doch diese Materie ist wohl kaum der so langen Abhandlung werth. --
+Wenden wir uns zu andern Gegenständen!
+
+
+ 4.
+
+Unter den Abentheurern unsrer Zeit spielen die ~Geisterseher~,
+~Goldmacher~ und andre ~mystische Betrüger~ keine unbeträchtliche
+Rolle. Diese Art von Schwärmerei, nämlich der Glaube an übernatürliche
+Wirkungen und Erscheinungen, ist sehr ansteckend. Bei dem Gefühle, wie
+manche Lücke in unsern philosophischen Systemen und Theorien übrig
+bleibt, so lange unser Geist in den Grenzen irdischer Ausdehnung
+eingeschränkt ist, und bei der Begierde, dennoch, über die Grenzen
+dieser Eingeschränktheit hinaus, Blicke zu thun, scheint es dem
+Menschen ganz natürlich, die unerklärbaren Sachen +a posteriori+ zu
+erläutern, wenn es mit den Beweisen +a priori+ nicht recht gehen
+will; d. h. aus den gesammelten Thatsachen Resultate zu ziehen, die
+ihm angenehm sind; Resultate, die theoretisch, durch Schlüsse, nicht
+vollständig herauskommen. Da geschieht es dann, daß, um eine Menge
+solcher Thatsachen zu gewinnen, man geneigt ist, jedes Mährchen für
+wahr, jede Täuschung für Realität zu halten, damit man seinem Glauben
+Gewicht gebe. Je aufgeklärter aber die Zeiten werden, je emsiger man
+sich bestrebt, der Wahrheit auf den Grund zu kommen, desto sichtbarer
+wird es uns, daß wir auf Erden diesen Grund nicht finden; um desto
+leichter also gerathen wir auf jenen Weg, den wir vorher verachtet
+haben, so lange noch auf dem hellen Wege der Theorie neue Entdeckungen
+zu machen waren. Ich glaube, daß dieß eine ungezwungene Erklärung
+des Phänomens ist, das so Manchem höchst wunderbar scheint, -- des
+Phänomens, daß in den Zeiten der größten Aufklärung ein blinder Glaube
+an Ammen-Mährchen grade am stärksten einreißt.
+
+Diese Stimmung des Publikums nun machen sich eine Menge Betrüger zu
+Nutze, die theils planmäßig verbunden, uns zu unterjochen, theils
+einzeln, nach Zeit und Gelegenheit darauf ausgehen, die Augen der
+Schwachen zu blenden.
+
+Sey es nun dabei auf unsre Geldbeutel, oder auf Tyrannei über unsern
+Willen, oder auf irgend einen andern moralischen, intellectuellen oder
+politischen Mißbrauch angesehen: so ist es immer sehr wichtig, dagegen
+auf seiner Hut zu seyn.
+
+Obgleich ich mich nicht fest überzeugen kann, daß alle Abentheurer
+solcher Art, daß die Cagliostro's, Saint Germain's, Schröpfer und
+Consorten, bis auf den armen Masius hinunter, sämmtlich von einer
+einzigen Triebfeder regiert werden, und daß jeder solcher Wundermann
+seine Unternehmungen auf denselben Zweck zu leiten die Absicht haben
+sollte: so sind wir doch denen allen Dank schuldig, die uns vor
+solchen Abentheurern warnen, und uns wenigstens zeigen, ~wohin das
+führen~ könnte. Um aber nicht zu wiederholen, was so vielfältig ist
+gesagt worden, und noch immer gesagt wird, will ich hier, bei dem
+Betragen gegen Leute von der Art, nur folgende Vorsichtigkeits-Regeln
+vorschlagen.
+
+Laß es an seinen Ort gestellt seyn, ob man Geister sehen und Gold
+machen könne, oder nicht! Leugne nicht das, wovon Du nicht das
+Gegentheil so klar beweisen kannst, daß es nicht möglich ist, dagegen
+etwas einzuwenden! -- denn Beweise, die auf Vordersätzen beruhen,
+welche nur willkührlich angenommen sind, können bloß den überzeugen,
+der Lust hat, davon überzeugt zu werden. -- Aber baue nicht, bei
+der Möglichkeit einer Sache, den Schluß auf ihre Wirklichkeit, noch
+auf metaphysische Grillen moralische Handlungen! Sollte auch jemand
+durch Schlüsse überführt werden können, daß wohl sehr wahrscheinlich
+jedes sichtbare Wesen von einer Menge unsichtbarer umgeben ist: so
+bleibt es doch immer thöricht gehandelt, wenn dies sichtbare Wesen
+seine sichtbaren Handlungen mehr nach der vermuthlichen unsichtbaren
+Gesellschaft, die ihn umgibt, einrichtet, als nach den Sitten der
+wackern wirklichen Personen, unter denen es umherwandelt.
+
+Man zeige also in Worten und Handlungen mehr Wärme für thätige,
+nützliche Wirksamkeit, als für Speculation; so werden sich die Herren
+Mystiker nicht leicht zu uns gesellen!
+
+Geräthst Du aber an einen solchen Wundermann, und ist Dir daran
+gelegen, ihn und sein System genauer kennen zu lernen: so hüte Dich,
+vorher Unglauben und Vorwitz zu offenbaren! Er wird sonst bald merken,
+daß mit Dir, als einem Ungläubigen, nicht viel anzufangen ist; er wird
+Dich nicht einweihen in seine Geheimnisse, nicht zulassen zu seinem
+esoterischen Unterrichte, und Du wirst den Vortheil entbehren, Dich
+und Deine Freunde von dem wahren Zusammenhange zu unterrichten, --
+ungerechnet, daß es sich wirklich für einen vernünftigen Mann nicht
+schickt, sich früher für oder gegen eine Sache einnehmen zu lassen,
+bevor er dieselbe kaltblütig untersucht hat, wäre auch aller Anschein
+dagegen; besonders wenn es Dinge betrifft, in welchen selbst der
+Weiseste lebenslang im Finstern tappt.
+
+Glaubt man zuversichtlich, einen Betrug entdeckt zu haben; so ist
+Spott, so ist Hohnlächeln nicht das Mittel, Schwärmer zu bekehren. Man
+gehe also Schritt vor Schritt, und da die Sinne leichter getäuscht
+werden können, als die Vernunft, so fordre man, bevor man sich auf
+Erscheinungen, Proben und Processe einläßt, daß vor allen Dingen
+zuerst die Theorie, auf welcher das alles beruht, recht deutlich
+erklärt werde! und hier lasse man sich nicht etwa auf eine bildliche
+Sprache ein, sondern auf bestimmte, verständliche deutsche Worte, und
+auf den Ideen-Gang und Sprach-Gebrauch, der einmal unter Gelehrten
+üblich ist. Es mag vielleicht sehr viel Weisheit in dem Dunkel der
+Mystiker stecken; aber für ~uns~ kann nur ~das~ Werth haben, was ~wir~
+verstehen. Man gönne einem Jeden die Freude, einen schmutzigen Kiesel
+für einen Diamant zu halten; aber wenn man kein eben so großer Kenner
+von Edelsteinen ist, so sage man gutmüthig, ohne Scheu, frei heraus:
+»daß man diesen Stein für nichts anders, als für einen schmutzigen
+Kiesel halten könne!« Es ist keine Schande, etwas nicht einzusehen;
+aber es ist mehr als Schande, es ist Betrug, das Ansehen haben zu
+wollen, als verstünde man, -- was man nicht versteht.
+
+Hat Dich indessen ein Landstreicher, ein Goldmacher, oder Geisterseher,
+bei Deiner schwachen Seite gefaßt, eine Zeitlang sein Spielwerk mit
+Dir getrieben -- o! wer ist mehr in dieser Leute Händen gewesen,
+als ich? -- und Du entlarvst endlich den Schurken: dann scheue Dich
+nicht, nein! denke, daß es Pflicht ist, zur Warnung andrer ehrlicher,
+leichtgläubiger Leute, öffentlich den Betrug bekannt zu machen, --
+möchtest Du auch dabei in keinem sehr vortheilhaften Lichte erscheinen!
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel.
+
+ Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern
+ derselben.
+
+
+ 1.
+
+Unter die mancherlei schädlichen und unschädlichen Spielwerke, mit
+welchen sich unser philosophisches Jahrhundert beschäftigt, gehört auch
+die Menge geheimer Verbindungen und Orden verschiedener Art. Man wird
+heut zu Tage in allen Ständen wenig Menschen antreffen, die nicht von
+Wißbegierde, Thätigkeitstrieb, Geselligkeit, oder Vorwitz geleitet,
+wenigstens eine Zeitlang Mitglieder einer solchen geheimen Verbrüderung
+gewesen wären. Und doch möchte es wohl nun endlich einmal Zeit seyn,
+diese theils zwecklosen und thörichten, theils dem gesellschaftlichen
+Leben gefährlichen Bündnisse aufzugeben. Ich habe mich lange genug
+mit diesen Dingen beschäftigt, um aus Erfahrung reden, und jedem
+jungen Manne, dem seine Zeit lieb ist, mit Zuversicht den Rath geben
+zu können, sich in keine geheime Gesellschaft, sie möge Namen haben,
+wie sie wolle, aufnehmen zu lassen. Sie sind alle, freilich nicht in
+gleichem Grade, aber doch alle ohne Unterschied, zugleich unnütz und
+gefährlich. Unnütz sind sie zuerst, weil man in unserm Zeitalter keine
+Art von wichtigem Unterrichte in Geheimnisse einzuhüllen braucht. Die
+christliche Religion ist so klar und befriedigend, daß sie nicht, wie
+diese Volks-Religionen der alten Heiden, einer geheimen Auslegung,
+einer doppelten Lehrart bedarf; und in den Wissenschaften werden die
+neuesten Entdeckungen zum Wohl der Welt öffentlich bekannt gemacht,
+müssen und sollen öffentlich bekannt gemacht werden, damit sie jeder
+Sachverständige prüfen und bewahrheiten könne. In den einzelnen Ländern
+hingegen, wo noch Finsterniß und Aberglauben herrschen, muß man den
+kommenden Tag erwarten. Man darf da nichts übereilen; man verdirbt
+oft mehr, als man gut macht, wenn man die Zwischenstufen überspringen
+will; es hat gar keinen Nutzen, daß einzelne Menschen die Periode der
+Aufklärung zu beschleunigen trachten; auch können sie das nicht;
+und wenn sie es können, so ist es Pflicht, dieß öffentlich zu thun,
+um desto mehr Pflicht, damit andre vernünftige Männer, in demselben
+Lande und in andern Gegenden, über den Beruf der Aufklärer, über den
+Werth der geistigen Waare, welche sie feil bieten, und darüber mögen
+urtheilen können, ob das, was sie lehren, auch wirklich Aufklärung sey,
+oder ob sie nicht vielleicht schlechtere Münzen ausprägen, als die ist,
+welche sie verrufen. Unnütz sind solche Verbindungen ferner, von Seiten
+ihrer Wirksamkeit, weil sie mehrentheils sich mit elenden Kleinigkeiten
+und abgeschmackten Ceremonien beschäftigen, eine Bilder-Sprache reden,
+die alle mögliche Auslegung leidet, nach schlecht durchgedachten Planen
+handeln, unvorsichtig in der Wahl ihrer Mitglieder sind, folglich bald
+ausarten, und, wenn sie auch anfangs in ihrer Einrichtung Vorzüge vor
+öffentlichen Gesellschaften haben könnten, nachher dieselben und noch
+mehr solcher Gebrechen bei ihnen einreißen, als die, über welche man in
+der Welt klagt. Wer Lust hat, etwas Großes und Nützliches zu thun, der
+findet dazu im bürgerlichen und häuslichen Leben sehr viel Gelegenheit,
+die fast kein Einziger ganz so eifrig und freudig ergreift, wie er
+sollte, um seinem Leben einen Werth, und seinem Herzen Befriedigung
+und Freude zu geben. Es müßte erst bewiesen werden, daß auf diesem
+öffentlich privilegirten Wege nichts mehr zu thun übrig bliebe, oder
+daß dem warmen Beförderer des Guten unübersteigliche Hindernisse in
+den Weg gelegt wären, bevor man das Recht haben dürfte, sich einen
+vom Staate nicht sanctionirten, geheimen, besondern Wirkungskreis zu
+schaffen. Wohlthätigkeit bedarf keiner mysteriösen Hülle; Freundschaft
+muß auf freier Wahl beruhen, und Geselligkeit braucht nicht durch
+geheime Wege befördert zu werden.
+
+Allein diese geheimen Verbindungen sind auch schädlich für die
+Welt, und gewissermaßen unvereinbar mit unsern Pflichten gegen die
+bürgerliche Gesellschaft. Schädlich, weil alles, was im Verborgenen
+geschieht, mit Recht in Verdacht gezogen werden kann; unvereinbar mit
+unsern Pflichten gegen den Staat, weil die Vorsteher der bürgerlichen
+Gesellschaft die Befugniß haben, von dem Zwecke jeder Thätigkeit, zu
+welcher sich Mehrere vereinigen, Kenntniß zu verlangen, indem sonst,
+unter dem Schleier der Verborgenheit, eben sowohl gefährliche Plane
+und schädliche Lehren, als edle Absichten und weise Kenntnisse,
+versteckt seyn können; weil sogar nicht einmal alle Mitglieder
+von solchen verderblichen Absichten, die man zuweilen hinter der
+schönsten Aussenseite zu verhüllen pflegt, unterrichtet sind; weil
+nur Alltagsseelen sich in diesen Schraubestock einzwängen lassen, die
+bessern hingegen entweder bald zurücktreten, oder zu Grunde gehen,
+ausarten und eine schiefe Richtung bekommen, oder auf Kosten der
+Andern herrschen; weil mehrentheils unbekannte Obere im Hinterhalte
+stehen, und es eines verständigen Mannes unwerth ist, nach einem
+Plane zu arbeiten, den er nicht übersieht, für dessen Wichtigkeit
+und Güte ihm Leute einstehen, -- die er nicht kennt, denen er sich
+verbindlich machen muß, ohne daß ~sie~ sich ~ihm~ verbindlich
+machen, ohne daß er weiß, an wen er sich zu halten hat, wenn man
+ihm dafür gar nichts leistet; weil schiefe Köpfe und Schurken sich
+dieß zu Nutze machen, sich zu unbekannten Obern aufwerfen, und die
+übrigen Mitglieder zu ihren Privat-Absichten mißbrauchen; weil jeder
+Erdensohn Leidenschaften hat, und diese Leidenschaften also mit in die
+Gesellschaft bringt, wo sie dann im Dunkeln der Verborgenheit freiern
+Spielraum haben, als am Tageslichte; weil solche Verbindungen einen
+unverhältnißmäßigen Aufwand von Geld und Zeit kosten; weil sie von
+ernsthaften bürgerlichen Geschäften ab- und zum Müßiggange oder zu
+zweckloser Beschäftigung hinleiten; weil sie bald der Sammelplatz von
+Abentheurern und Tagedieben werden; weil sie allerlei Gattungen von
+politischer, religiöser und philosophischer Schwärmerei begünstigen;
+weil mönchischer Partheigeist bei ihnen einreißt, und viel Unheil
+stiftet; endlich, weil sie Gelegenheit zu Kabalen, Zwist, Verfolgung,
+Intoleranz und Ungerechtigkeiten gegen brave Männer geben, die nur
+deswegen verwerflich sind, weil sie nicht Mitglieder eines solchen,
+oder wenigstens nicht desselben Ordens seyn wollen.
+
+Dieß ist mein Glaubensbekenntniß über geheime Verbindungen! Gibt es
+eine unter ihnen, die manche dieser Gebrechen nicht hat -- ei nun!
+so mag sie dann als Ausnahme gelten! -- ich kenne keine, die nicht
+wenigstens an einigen derselben krank läge.
+
+
+ 2.
+
+Gehört nun die Geheimnißkrämerei zu den Auswüchsen der Zeit und zu
+den Modethorheiten, die kein Vernünftiger mitmachen soll, weil er
+dabei seine Vernunft verleugnen, und seine sittliche Freiheit mehr
+oder weniger aufgeben muß; ist sie Zeit- und Geldverschwendung, und
+gewährt sie durchaus keine Befriedigung, so folgt daraus, daß der,
+welcher seine Freiheit und Ruhe liebt, sich so wenig als möglich um die
+Systeme, um das Personale und um die Schritte geheimer Verbindungen
+bekümmern, seine Zeit nicht mit Lesung ihrer Streitschriften
+verschwenden, und vorsichtig im Reden über diesen Gegenstand seyn
+müsse, um sich Verdruß zu ersparen, und weder ein gutes noch böses
+Urtheil über solche Systeme zu wagen, weil der Grund derselben oft sehr
+tief verborgen liegt; daß er vor allem jeder Versuchung und Anreizung,
+sich einweihen zu lassen, muthigen Widerstand leisten müsse.
+
+
+ 3.
+
+Haben aber Vorwitz, übel geordnete Begierde thätig zu seyn, Neugier,
+Ueberredung, Eitelkeit oder andre Bewegungsgründe Dich verleitet,
+in eine solche Verbindung zu treten: so laß Dich wenigstens von den
+Thorheiten und Schwärmereien und von dem Secten-Geiste, die in Deinem
+Orden herrschen, nicht ganz hinreißen, sondern suche Dich immer noch
+im Besitz und Gebrauch Deiner Vernunft zu behaupten. Hüte Dich, das
+Spielwerk, die Maschine verkappter Bösewichter zu werden! Dringe,
+wenn Du kein Knabe mehr bist, auf deutliche Entwickelung des ganzen
+Systems! Laß Dich nicht durch räthselhafte Vorspiegelungen, durch
+große Verheissungen, durch blendende Plane zum Besten der Menschheit,
+durch den Anschein von Uneigennützigkeit, Heiligkeit und Reinigkeit
+der Absicht blenden; sondern fordre Beweise von Thaten und gänzliche
+Uebersicht! Wirft man Dir dann Deinen Mangel an Empfänglichkeit, Deine
+Unwürdigkeit vor, so laß Dir erzählen, welche Eigenschaften die hohen
+Obern fordern, und beleuchte sie, diese Obern, selbst, nach ihrem
+Maaßstabe, um ihren Werth, alle Eitelkeit bei Seite gesetzt, gegen
+den Deinigen zu halten! Laß Dich aber durchaus nicht darauf ein,
+~unbekannten~ Obern zu huldigen, möchte man auch noch so einleuchtend
+scheinende Gründe dafür anführen! Sey vorsichtig in jedem Worte, das
+Du in Ordensgeschäften schreibst, und noch mehr in Uebernehmung irgend
+einer eidlichen oder andern Verbindlichkeit! Fordre Rechenschaft von
+der Anwendung der Beiträge, die man Dich bezahlen läßt! -- Und wenn,
+bei dieser vielfachen Vorsicht, Du der Verbindung müde wirst, oder
+die Verbindung Deiner überdrüßig wird, so trenne Dich ohne Geräusch
+und Zank von ihr, und rede nachher nie wieder von der Sache, damit Du
+allen Verfolgungen ausweichest! Sollte man Dich aber dennoch nicht in
+Ruhe lassen, so tritt öffentlich auf, und scheue Dich nicht, Betrug,
+Narrheit und Bosheit vor den Augen des ganzen Publikums, Andern zur
+Warnung, bekannt zu machen!
+
+Uebrigens hat man weder Verbindlichkeit, noch Beruf, alles zu
+zerstören, was man nicht gut findet. Man kann theoretisch gegen manche
+Dinge in der Welt eifern, ohne deswegen sich als Verfolger zu zeigen,
+wodurch ohnehin das Uebel fast immer ärger gemacht wird. Man kann
+sogar Ordens-Versammlungen von der unschädlichsten Art besuchen, wenn
+man einmal ein Mitglied ist; sie sind, wie andere Zusammenkünfte,
+Beförderungsmittel der Geselligkeit; -- ja, es kann Pflicht werden,
+sich nicht von ihnen loszusagen, um das größere Uebel zu hindern,
+gefährlichen Einwirkungen entgegen zu arbeiten, und Ausartung zu
+verhindern.
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel.
+
+ Ueber die Art, mit Thieren umzugehen.
+
+
+ 1.
+
+In einem Buche über den Umgang mit Menschen scheint wohl freilich ein
+Kapitel über die Art, mit Thieren umzugehen, nicht an seinem Platze.
+Allein was ich hierüber zu sagen habe, ist so wenig, und hat doch im
+Ganzen so viel Bezug auf das gesellschaftliche Leben überhaupt, daß ich
+hoffen darf, man werde mir diese kleine Ausschweifung gütigst verzeihen.
+
+
+ 2.
+
+Der Gerechte erbarmet sich auch seines Viehes. -- Das ist ein
+vortrefflicher Spruch! Ja! der edle, der gerechte Mann martert kein
+lebendiges Wesen. Wenn doch die hartherzigen, grausamen, oder, um
+billiger zu urtheilen, zum Theil nur leichtsinnigen, verwilderten
+Menschen, deren Augen sich an der Qual eines rastlos umhergetriebenen
+Hirsches, oder an der Todesangst eines in dem Schauplatze der Barbarei
+auf den Tod gehetzten Thiers weiden können; wenn sie doch bedenken
+wollten, was es heiße, ~ein Mensch seyn~, und welch eine Bedeutung
+dieser Titel habe! wenn die Unbesonnenen, die mit dem Leben eines
+armen Geschöpfs, das in ihre kindischen Hände fällt, wie mit einem
+Balle spielen, Fliegen und Käfern Beine ausreissen, oder sie spießen,
+um zu sehen, wie lange ein also leidendes Thier in convulsivischer
+Pein fortleben könne; wenn die vornehmen Müßiggänger, die, um die
+Ehre zu haben, am schnellsten der lieben Langenweile in den Rachen
+zu reiten oder zu fahren, ihre armen Pferde auf den Tod jagen; wenn
+Diese doch einen Augenblick erwägen wollten, wie tief sich der Mensch
+herabwürdigt, wenn er, als das grausamste unter allen Raubthieren,
+mit kaltem Blute, nicht aus Hunger, sondern aus Muthwillen nur, ein
+Geschöpf Gottes, das auch fühlen kann, langsam zu Tode martert, und
+wie furchtbar die Strafe des ewigen Richters seyn müsse, der in dem
+Winseln seines gemarterten Geschöpfes die freche Uebertretung des
+Gebotes vernimmt, das er dem Menschen in's Herz geschrieben hat; wenn
+sie sich doch überzeugen wollten, daß ein Thier eben so schmerzhaft
+jede Mißhandlung, und den barbarischen Mißbrauch größerer Stärke fühlt,
+wie wir, und vielleicht noch lebhafter, da sein ganzes Daseyn auf
+sinnlichen Empfindungen beruht; daß die Art seines Daseyns vielleicht
+die niedrigste der Stufen ist, die es zu ersteigen hat, um auf der
+Leiter der Schöpfung da anzulangen, wo ~wir~ jetzt stehen; und daß die
+Grausamkeit gegen vernunftlose Geschöpfe unmerklich und unausbleiblich
+zur Härte und Grausamkeit gegen unsere vernünftigen Nebengeschöpfe
+führt. -- Wenn sie doch das alles fühlen und erwägen, und ihr Herz dem
+sanften Mitleiden gegen alle lebendige Geschöpfe öffnen wollten!
+
+
+ 3.
+
+Wer diese Betrachtungen und Aufforderungen für thörichte und
+schwachsinnige Empfindelei zu erklären, oder damit zu verwechseln
+fähig ist, dem habe ich nichts zu sagen, als daß ich ihn bedaure, und
+jene Empfindelei mit ihm von ganzem Herzen verachte. Ich weiß, es gibt
+leider unter uns so zarte Männlein und Weiblein, die gar kein Blut
+sehen können; die zwar mit großem Appetit ihr Rebhühnchen verzehren,
+aber ohnmächtig werden würden, wenn sie eine Taube abschlachten
+sehen müßten! Leute, deren Federn und Zungen mit moralischem Gifte
+und Dolche den Freund und Bruder verfolgen, aber mitleidig einer
+matten Fliege das Fenster öffnen, damit sie fern von ihren Augen --
+zertreten werden könne; die ihre Bedienten in dem rauhesten Wetter
+ohne Noth stundenlang umherjagen, aber dagegen herzlich den armen
+Sperling bedauren, der, wenn es regnet, ohne Regenschirm und Ueberrock
+herumfliegen muß. Zu diesen süßen Seelchen gehöre ich nicht, halte auch
+nicht alle Jäger für grausame Menschen. -- Es muß ja dergleichen Leute
+geben; so wie wir, wenn keine Schlächter in der Welt wären, bloß von
+Speisen aus dem Pflanzenreiche leben müßten. -- Aber ich verlange nur,
+daß man nicht ohne Zweck und Nutzen Thiere martern, noch ein vornehmes
+Vergnügen darin suchen solle, mit wehrlosen Geschöpfen einen ungleichen
+Krieg zu führen.
+
+
+ 4.
+
+Ich habe immer nicht begreifen können, welche Freude man daran haben
+könne, Thiere in Käfige oder Kasten einzusperren. Der Anblick eines
+lebendigen Wesens, das ausser Stand gesetzt ist, seine natürlichen
+Kräfte anzuwenden und zu entwickeln, darf keinem verständigen Menschen
+Freude gewähren. Wer mir daher einen schönen Vogel in einem Bauer
+schenken will, dem kann ich vorhersagen, daß das einzige Vergnügen,
+welches er mir dadurch verschaffen kann, das seyn wird, das Gefängniß
+zu öffnen, und das arme Thier aus der Sclaverei in Gottes freie Luft
+hinausfliegen zu lassen; auch ist eine Menagerie, in welcher wilde
+Thiere mit großen Kosten in kleinen Verschlägen aufbewahrt werden,
+meiner Meinung nach, ein sehr ärmlicher Gegenstand der Unterhaltung,
+und vielleicht nur von der Seite zu vertheidigen, daß sie dem
+Naturforscher Gelegenheit und Mittel gibt, genaue und lehrreiche
+Beobachtungen anzustellen.
+
+
+ 5.
+
+Noch abgeschmackter aber scheint es mir, wenn man sich an einem Vogel
+ergötzt, der seinen schönen Natur-Gesang hat vergessen müssen, um vom
+Morgen bis zum Abende die Melodie einer elenden Polonaise zu pfeifen,
+oder wenn man Geld ausgibt, um einen Hund zu sehen, den man abgerichtet
+hat, einen Reverenz wie ein Tanzmeister zu machen, und auf den Wink
+seines Meisters anzudeuten, wie viel schöne Junggesellen in der
+Versammlung sind.
+
+
+ 6.
+
+Habe ich aber diejenigen getadelt, die grausam gegen Thiere
+verfahren; so muß ich doch auch diejenigen anklagen, welche in die
+entgegengesetzte Uebertreibung fallen, indem sie mit dem Viehe eben
+so, wie mit Menschen umgehen, und dem vernunftlosen Geschöpfe die
+Rechte des vernünftigen zugestehen. Ich kenne Damen, die ihre Katzen
+zärtlicher umarmen, als ihre Ehegatten; junge Herren, die ihren Pferden
+sorgsamer aufwarten, als ihren Oheimen und Basen; und Männer, die
+gegen ihre Hunde mehr Zärtlichkeit, Schonung und Nachsicht beweisen,
+als gegen ihre Freunde, mit welchen sie sich nie anders, als unter dem
+obligaten Schnarchen ihres feisten Mopses oder Pudels unterhalten.
+Indessen scheinen manche Thiere in besserm Rufe zu stehen, als andere.
+Niemand schämt sich, zu bekennen, daß er Flöhe habe; gewisse andere
+kleine Insekten hingegen darf kein Mensch von Erziehung mit sich
+führen, obgleich beides Ungeziefer ist; und an Geselligkeit geben die
+letztern den erstern nichts nach.
+
+Es scheint manchen Leuten, besonders Frauenzimmern, eine natürliche
+Furcht vor gewissen Thieren, als Mäusen, Spinnen &c. angeboren zu seyn.
+Sollte sich auch dergleichen Widerwillen, wie ich doch glaube, nicht
+nach und nach überwinden lassen: so vermag man es doch gewiß, in so
+fern Meister über sich zu werden, daß man in Gesellschaft, bei dem
+Anblicke dieser Feinde, sich nicht so kindisch betrage und gebehrde,
+wie es vielfältig geschieht.
+
+Inniges Mitleiden, nicht Spott, verdienen die Unglücklichen, mit denen
+die Menschen so übel gespielt haben, daß sie (mißtrauisch gegen alle
+vernünftige Wesen, die so oft ihre Verstandeskräfte nur zum Schaden
+ihrer Brüder anwenden) in dem liebevollen Drange des Herzens, das
+sich gern ein Geschöpf zugesellen und irgend etwas in der Natur zum
+Gegenstande seiner Theilnahme machen will, einen treuen Hund wie
+ihren einzigen Freund behandeln, oder, wie einst Quatremère zu Namur,
+in dem öden Kerker durch den Anblick und die Beobachtung eines so
+bewundernswürdigen Kunsttriebes, wie der ist, den die Spinnen zeigen,
+die Schmerzen und Qualen ihrer Verbannung zu lindern, und das bittere
+Gefühl ihrer Verlassenheit zu mildern suchen.
+
+
+
+
+ Zehntes Kapitel.
+
+ Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser.
+
+
+ 1.
+
+Ich halte es für billig, bevor ich dies Werk über den Umgang mit
+Menschen schließe, mit meinen Lesern auch ein paar Worte über unsre
+wechselseitigen Verhältnisse gegen einander zu reden. Zuerst also
+einige Bemerkungen über den Beruf, ein Buch zu schreiben!
+
+Ich habe bei andern Gelegenheiten geäußert, daß ich die
+Schriftstellerei in unsern Zeiten für nichts mehr, als für einen Zweig
+oder eine Unterart des Umgangs, und also für schriftliche Unterredung
+mit der Lesewelt halte, und daß man es daher im freundschaftlichen
+Gespräche so genau nicht nehmen dürfe, wenn auch einmal ein unnützes
+Wort mit unterliefe. Man soll es daher dem Schriftsteller nicht
+übel ausdeuten, wenn er, ein wenig von seiner Lebhaftigkeit und
+Mittheilungslust verführt, von der Begierde, über irgend einen
+Gegenstand allerlei Arten von Menschen seine Gedanken mitzutheilen,
+etwas drucken läßt, das nicht gerade die Quintessenz von Weisheit,
+Witz, Scharfsinn und Gelehrsamkeit enthält. Es behält ja ein Jeder
+die Freiheit, dem Schwätzer zuzuhören, oder nicht, -- und kann sich,
+bevor er ein Buch kauft, erst bei Andern nach dem Manne erkundigen,
+mit dem er sich unterhalten will, -- hat aber, denke ich, auf keinen
+Fall das Recht, ihm allein deswegen Grobheiten zu sagen, weil ihm die
+gedruckte Unterhaltung desselben nicht gefällt, in so fern er ihn
+nicht vorher mit unverschämten Prahlereien und großen Versprechungen
+getäuscht hat. Es ist überhaupt sehr viel schwerer, als man glauben
+sollte, seine eignen Produkte zu beurtheilen; nicht nur, weil unsre
+Eitelkeit da in das Spiel kömmt, sondern auch, weil die Gegenstände,
+über deren Beobachtung wir lange gebrütet, für uns, eben durch das
+Nachdenken, welches wir darauf verwenden, einen solchen Werth bekommen
+haben, daß wir unsre Gedanken darüber für äusserst wichtig halten,
+indeß einem Andern, was wir auch davon sagen mögen, unwichtig und
+gemein vorkommt. Und haben wir etwa gar Sprache und Beredsamkeit nicht
+in unsrer Gewalt, oder sind verstimmt zu der Zeit, wenn wir jene
+Gedanken zu Papier bringen wollen, oder vergessen, daß der Gegenstand,
+über welchen wir schreiben, nur durch kleine besondre Beziehungen auf
+unsre damalige Lage, die sich nicht mit übertragen lassen, uns am
+Herzen liegt; oder dies Herz ist zu voll, um, was es empfindet, in
+einer gefälligen Ordnung hererzählen zu können: so geschieht es, daß
+wir etwas schreiben, welches uns, die wir alle Nebenbegriffe daran
+knüpfen, wodurch das Bild Ausdruck und Farbe gewinnt, sehr unterhaltend
+scheint, jenen Andern aber gähnen macht und mit Unwillen gegen uns
+erfüllt. Indem es nun auf solche Weise leicht geschehen kann, daß
+selbst ein verständiger Mann, der das Unglück hat, von Eitelkeit
+geblendet, oder von starken Gefühlen hingerissen zu seyn, ein Buch
+schreibt, das andre Menschen für ein unnützes und langweiliges Buch
+halten, weil es eine reine Herzensergießung ist; so kann und darf es
+doch einem verständigen Manne nie begegnen, etwas öffentlich vor dem
+Publikum zu reden, das gegen Moralität und gesunde Vernunft stritte,
+oder wodurch er einem seiner Mitmenschen muthwillig Schaden zufügte.
+Denn wenn gleich Schriftstellerei nur dargebotene Unterhaltung und
+Unterredung ist, so ist sie doch eine solche Unterredung, bei der man
+hinreichende Zeit hat, zu bedenken, was man spricht, und um so mehr
+also die Verpflichtung übernimmt, jeden unsittlichen, ganz schiefen
+und boshaften Gedanken zu unterdrücken. Ich meine daher, alles, was
+das Publikum von einem Schriftsteller, der ohne zu weit getriebene
+Ansprüche auftritt, mit Recht fordern kann, ist, daß er durch seine
+Werke weder Sitten-Verderbniß, noch Vorurtheil und Unduldsamkeit
+verbreite, und das, was Allen heilig seyn soll, unangetastet und
+unentweiht lasse. Alles Uebrige: Beruf zu schreiben; Wahl des
+Gegenstandes; Einkleidung; Ansprüche auf Ruhm, Beifall und Lob; zu
+stiftender Nutzen; einzunehmender Gewinn; Hoffnung auf Unsterblichkeit
+-- das alles ist ~seine Sache~, und es geht auf seine Gefahr, wenn er
+sich dem Schimpfe aussetzt, entweder in der Stille zu Fuß vom Parnasse
+wieder herunterschleichen zu müssen, oder von der Meute der Recensenten
+zu Tode gejagt zu werden.
+
+
+ 2.
+
+Wenn also ein Autor nichts Schädliches und Unsinniges sagt, so muß
+man ihm erlauben, seine Gedanken drucken zu lassen; wenn er etwas
+Nützliches sagt, so erwirbt er sich ein Verdienst um das Publikum,
+und wenn er Wahrheiten an's Licht zieht, die lange schon verkannt
+oder vergessen sind, so soll er gehört, und seine Schrift von allen
+Guten ausgezeichnet und verbreitet werden. -- Aber wird deswegen
+sein Buch auch gewiß Beifall finden? Das ist wieder eine ganz andere
+Frage. -- Allgemeiner Beifall von Guten und Bösen, von Weisen und
+Thoren, von Hohen und Niedern? -- Ei nun! wer wird so eitel seyn,
+darauf Anspruch zu machen? Aber um auch nur dem größten Theile
+der Lesewelt zu gefallen, welche niedrige Mittel wählt da nicht
+mancher Schriftsteller? -- Wer sich nicht, in Ansehung der Form, der
+Einkleidung, des Titels seines Buchs, nach dem Zeitgeschmacke, d. h.
+nach dem Geschmacke, nicht dieses Jahrzehends, sondern dieses Jahres
+richtet; wer keine Anekdötchen mit einmischt; wer nicht dafür sorgt,
+daß sein Werkchen hübsch fein gedruckt und mit Bilderchen ausgeziert
+werde; wer herrschende Vorurtheile, Mode-Systeme, glänzende Thorheiten,
+politischen, kirchlichen, gelehrten und moralischen Despotismus
+angreift oder lächerlich macht; wer sich einen Verleger wählt, auf den
+die andern Buchhändler neidisch, dem sie feind sind; wer sich nicht
+demüthig unter den Schutz irgend eines gelehrten Posaunen-Blasers
+begibt; wer nicht die Schreier im Publikum, und Die, welche in der
+feinen Welt den Ton angeben, zu gewinnen sucht; wer zu bescheiden
+auftritt; wer sein Buch einem Manne widmet, oder in demselben einem
+Manne Gerechtigkeit widerfahren läßt, dessen Verdienste beneidet,
+verfolgt werden; wer das Unglück hat, durch seine Geistes-Produkte mehr
+Aufmerksamkeit zu erregen, als gewisse Schriftsteller des Tages, welche
+bei dem Publikum die Lieblingsschaft zu erringen wußten; wer dadurch
+auswärts sich einen Namen macht, den ihm seine Landsleute nicht gönnen;
+-- der wird, wenigstens in dieser Generation, vielleicht sein Glück als
+Schriftsteller nicht machen, und auch sein nützlichstes Werk bald als
+Maculatur behandelt sehen. Ich rathe daher, die unschuldigsten unter
+diesen kleinen Autorkünsten nicht eben gänzlich zu vernachlässigen.
+Viele davon sind aber eines edeln, verständigen Mannes unwerth.
+
+In prahlerischen Vorreden sich für den bisher erhaltenen allgemeinen
+Beifall zu bedanken; an feile Recensenten Beurtheilungen seiner
+Werke einzusenden, die man selbst, oder die ein gefälliger Freund
+aufgesetzt hat, und in welchen man dem Publikum dazu Glück wünscht,
+daß der ~Lieblings-Schriftsteller~ der Nation die Welt abermals mit
+einem schönen Buche beschenkt habe, und dergleichen elende Künste
+mehr, helfen doch nur auf kurze Zeit. Sicherer, als die Recensionen,
+obgleich nicht unfehlbar für den bleibenden innern Werth eines Buchs
+entscheidend, ist die allgemeine Stimme des Publikums. Wenigstens ist
+es einem Schriftsteller zu verzeihen, wenn er ein Werk nicht für ganz
+schlecht, sondern dem Bedürfnisse des Zeitalters angemessen hält, das
+eine Reihe von Jahren hindurch häufig gekauft, gelesen, neu aufgelegt
+und übersetzt wird, wenn er dann auf den einzelnen Tadel unberufener
+Kunstrichter wenig achtet, und fortfährt, die Lesewelt zu unterhalten,
+so lange diese Stimmung dauert; aber wenn sie nachläßt -- dann ist es
+freilich Zeit, aufzuhören.
+
+
+ 3.
+
+Reden wir jetzt auch von dem Betragen und von den Pflichten des Lesers
+gegen den Schriftsteller! Zuerst soll, denke ich, jener nie vergessen,
+daß dieser sich nicht nach dem Geschmacke jedes Einzelnen richten kann.
+Was für Dich, in Deiner Lage, in Deiner Stimmung, höchst interessant
+ist, das scheint einem Andern vielleicht äusserst langweilig und
+unbedeutend, und wahrlich! ~der~ Mann müßte ein Hexenmeister seyn,
+der ein Buch verfassen könnte, in welchem Jeder fände, was er suchte.
+Es gibt Bücher, die man durchaus nur dann lesen muß, wenn man eben so
+gestimmt ist, wie der Mann war, der sie schrieb, so wie es auch andere
+gibt, deren Sinn und Schönheit man ~immer~, in jeder Laune, fassen und
+sich eigen machen kann. Nicht immer sind darum ~jene~ geistvoll, groß
+und erhaben nach ihrem Inhalte, noch im Gegentheil immer schwärmerisch
+und fieberhaft. Nicht immer enthalten darum ~diese~ lauter bestimmte,
+ewige Wahrheiten, auf kalte, unwiderlegbare, allein des vollkommnen
+Mannes würdige, unerschütterliche Philosophie gegründet, oder im
+Gegentheile, nicht immer gemeine, ohne Mühe leicht zu verdauende
+Seelen-Speise. Sey also nicht zu strenge, geehrter und erleuchteter
+Leser, in Deiner Beurtheilung eines sonst nicht schlecht geschriebenen
+Buches, oder wenn Du es nun einmal nicht lassen kannst, zu richten, so
+behalte wenigstens Deine Meinung darüber in Deinem Kopfe, in welchem
+oft viel leerer Raum ist, und verschreie das Buch nicht! Am wenigsten
+aber laß Dich verleiten, den moralischen Charakter des Schriftstellers
+auf bloße Muthmaßung hin bei dieser Gelegenheit anzugreifen, ihm
+gefährliche Absichten beizumessen, seinen Worten einen erzwungenen Sinn
+zu geben, und seine Winke hämisch auszudeuten! Beurtheile nicht ein
+Buch, wenn Du nur einzelne Stellen daraus gelesen hast, und bete nicht
+das Lob und den Tadel unwissender, boshafter oder feiler Recensenten
+nach!
+
+
+ 4.
+
+Bei der Menge unnützer Schriften thut man übrigens wohl, eben so
+vorsichtig im Umgange mit Büchern, wie mit Menschen zu seyn. Um nicht
+zu viel Zeit mit Lesung unnützen Papiers zu verschwenden, das heißt: um
+nicht von Schwätzern mir die Zeit verderben zu lassen, suche ich auch
+von ~dieser~ Seite nicht viel neue Bekanntschaft eher zu machen, als
+bis der allgemeine Ruf mich auf ein gutes, oder besonders musterhaftes
+Buch aufmerksam macht. Ich bin mit einem kleinen Cirkel alter guter
+Freunde zufrieden, die ich oft, und immer mit neuem Vergnügen,
+schriftlich mit mir reden lasse.
+
+Hier wäre denn wohl der Ort, einen eignen, nicht unbedeutenden
+Abschnitt den Bemerkungen über den ~Umgang mit verstorbenen großen
+und edeln Männern~ zu widmen; allein das würde mich zu weit führen;
+wichtig ist aber gewiß der Einfluß, den das Studium der Geschichte,
+des Charakters und der Schriften der berühmtesten Helden und Weisen
+verflossener Jahrhunderte auf die Ausbildung eines gutbegabten
+Geistes hat. Man träumt sich in jene Zeiten hinein, wird beseelt von
+dem Geiste, der aus den Thaten und Reden jener erhabenen Menschen
+hervorgeht; und in diesem Sinne hat der Umgang mit Verstorbenen sehr
+oft größere Wirkung auf Köpfe und Herzen, und durch diese auf große
+Weltbegebenheiten geäussert, als der Umgang mit den Zeitgenossen.
+
+
+
+
+ Eilftes Kapitel.
+
+ Schluß.
+
+
+ 1.
+
+Und nun, wertheste Leser! eile ich zum Schlusse dieses Werks über den
+Umgang mit Menschen. Finden Sie etwas darin, das Ihrer Aufmerksamkeit
+werth ist, -- wird dies Buch vom Publiko gütig aufgenommen und billig
+beurtheilt: so wird mir das mehr Freude machen, als mir bis jetzt
+selbst der beste Erfolg irgend einer meiner Schriften gewährt hat.
+Wenigstens hoffe ich, Sie werden hier keine Grundsätze antreffen,
+deren sich ein rechtschaffener und verständiger Mann schämen dürfte,
+und, wenn es sonst kein anderes Verdienst hat, ihm doch das der
+Vollständigkeit nicht absprechen; denn ich glaube, daß doch nicht
+leicht irgend ein Verhältniß im geselligen Leben gefunden werden könne,
+über welches ich nicht etwas gesagt hätte. -- Ob gut, oder schlecht,
+oder beides vermischt, oder mittelmäßig von Anfang bis zu Ende: -- das
+darf ich nicht entscheiden.
+
+
+ 2.
+
+Daß ein solches Buch aber, vorausgesetzt nämlich, daß der Gegenstand
+mit gehöriger Einsicht, Erfahrung und Menschenkenntniß behandelt wäre,
+nicht nur Jünglingen, sondern selbst Männern Nutzen gewähren könnte:
+~das~ darf ich wohl behaupten. Man verlangt von feinen, hellsehenden
+Leuten immer auch feine Lebensart; aber man hat darin Unrecht. Dieser
+Geist des Umgangs erfordert Kaltblütigkeit, Achtsamkeit auf geringe
+Dinge, auf Kleinigkeiten, die man bei feurigen Genies selten antrifft.
+Ein Wink hingegen aus einem solchen Buche kann Manchen aufmerksam
+machen auf Fehler, welche er bisher, ohne es zu wissen, in Behandlung
+der Menschen beging, -- auf Fehler, die er an sich selbst aus zu großer
+Lebhaftigkeit bis jetzt übersehen hatte, ohne ihn deswegen abzuhalten,
+die fremden Erfahrungen auf ~seine~ Weise zu nützen, und dennoch
+selbstständig zu handeln.
+
+
+ 3.
+
+Ich habe aber in diesem Werke nicht die Kunst lehren wollen, die
+Menschen zu unsern Endzwecken zu mißbrauchen, über alle nach Gefallen
+zu herrschen, Jeden nach Belieben für unsre eigennützigen Absichten in
+Bewegung zu setzen. Ich verachte den Satz: »daß man aus den Menschen
+machen könne, was man wolle, wenn man sie bei ihren schwachen Seiten
+zu fassen verstünde.« Nur ein ~Schurke~ kann das, und will das, weil
+nur ~ihm~ die Mittel, zu seinem Zwecke zu gelangen, gleichgültig sind;
+der ~ehrliche~ Mann kann nicht aus allen Menschen alles machen, und
+will das auch nicht; und der Mann von festen Grundsätzen ~läßt~ auch
+nicht alles aus sich machen. Aber ~das~ wünscht, und ~das~ kann jeder
+Rechtschaffene und Weise bewirken, daß wenigstens die Bessern ihm
+Gerechtigkeit widerfahren lassen: daß niemand ihn verachte; daß er
+Frieden von aussen her habe; daß man ihn in Ruhe lasse; daß er Genuß
+und Gewinn aus dem Umgange mit allen Klassen von Menschen schöpfe; daß
+Andere ihn nicht mißbrauchen, oder durch Verstellung täuschen. Und wenn
+er ausdauert, immer folgerecht, edel, vorsichtig und gerade handelt:
+so kann er sich allgemeine Achtung erzwingen, kann auch, wenn er die
+Menschen studirt hat, und sich durch keine Schwierigkeiten abschrecken
+läßt, fast jede ~gute~ Sache am Ende durchsetzen. Hierzu nun die Mittel
+zu erleichtern, und Vorschriften zu geben, die dahin einschlagen, --
+das ist der Zweck dieses Buchs.
+
+Wer aber sein ganzes Leben hindurch, bei jeder willkührlichen Handlung,
+bei jedem kleinen Schritte, den er zu unternehmen hat, erst nachsehen
+wollte, ob er dazu in diesem Buche kein Recept, keine Vorschrift fände,
+der würde freilich alle Eigenthümlichkeit des Charakters verleugnen.
+-- Doch, wie kann das auch meine Absicht seyn? Kaum bedürfte es dieser
+Erinnerung, wenn es weniger schiefe Köpfe und boshafte Ausleger in der
+Welt gäbe.
+
+
+ 4.
+
+Daß ich bei dieser Gelegenheit die Schwachheiten mancher Klassen
+von Menschen habe aufdecken müssen, ohne jedoch auf Einzelne unedel
+anzuspielen, das war wohl sehr natürlich. Aber o! was hätte ich sagen
+können, wenn ich mein Buch mit wirklichen Anekdoten hätte auszieren,
+und besondere Erfahrungen aus meinem Leben erzählen wollen! --
+Schmeichle ich mir zu viel, wenn ich hoffe, daß man mir dergleichen
+nicht Schuld geben, und mir wenigstens von ~dieser~ Seite Gerechtigkeit
+widerfahren lassen werde?
+
+
+Fußnoten:
+
+[1] Die Teutschen haben von allen Völkern das meiste Lächerliche für
+die große Welt an sich; vielleicht, weil sie noch gar zu ehrlich
+sind, und die große Welt allzusehr verehren und bewundern. Wer
+nichts anstaunt, steht mehr auf seinem Gleichgewicht. Der Engländer
+glaubt, ihm kleide alles, er habe zu allem Recht; er verachtet, was
+er nicht besitzt, und nicht mehr erwerben kann, tritt keck, auch wohl
+bengelhaft auf. Der gutmüthige Teutsche will wenigstens zeigen, daß
+er sein Möglichstes thue, Andern zu gefallen, und in diesem ehrlichen
+Eifer merkt er kaum, wie schlecht es ihm oft gelingt. Der Franzose
+und der Russe haben den sichersten, feinsten, und für alle in der
+Gesellschaft Auftretende gefährlichsten Takt, das Lächerliche auf den
+ersten Blick aufzufinden. Wer sich vor ihnen auf seinen Sprach- oder
+Tanzmeister allein verläßt, den werden sie bald seinen Irrthum fühlen
+lassen, vorausgesetzt, er habe Sinn genug, zu erkennen, daß eben das,
+was man an ihm am meisten bewundert, sein Lächerliches sey. ~Klinger
+Betrachtungen und Gedanken~ 1r Thl. S. 316.
+
+[2] Man muß so viel Menschenkenntniß oder so viel Urtheilskraft haben,
+um die Wirkung solcher theilnehmenden Fragen voraussehen zu können,
+oder das Fragen ganz unterlassen, und lieber erwarten, daß nicht das
+Gespräch sich von selbst auf diesen Gegenstand wenden wird. Denjenigen,
+welche sich nicht taktfest in der Unterhaltung fühlen, sollten sich
+überhaupt vor Fragen hüten, denn Fragen werden oft, wie Blicke, unsere
+Verräther.
+
+A. d. H.
+
+[3] Ich entlehne diese Stelle, welche durch ihre treffende und
+sinnreiche Darstellung sich auszeichnet, aus der Zeitschrift: ~Ernst
+und Scherz~, oder der alte Freimüthige, Nro. 128. des Jahrgangs 1817,
+und füge nur die Anweisung zum Betragen gegen diese Menschen hinzu.
+
+d. H.
+
+[4] Und das sind die Grundsätze eines Mannes, den Georg Zimmermann,
+Aloisius Hoffmann und Consorten als einen Volks-Aufwiegler verketzerten!
+
+[5] Die Verirrungen des Philosophen, oder Geschichte Ludwigs von
+Seelberg, Theil 1. Seite 108.
+
+[6] Vielleicht würde der Verf., wenn er die heutige Jugend sähe, in
+ihr die Erfüllung seiner Hoffnung finden; wenigstens eine gewisse
+männliche Gesetztheit, deutsche Geradheit und Festigkeit und
+offene Freimüthigkeit wird man ihr nicht absprechen können. Aber
+Bescheidenheit würde er sehr vermissen.
+
+A. d. H.
+
+[7] Hier, und an andern Orten ist der Verf. seinen Lesern die Lösung
+dieser schweren Aufgabe schuldig geblieben, und man muß glauben, daß
+er verzweifelte, sie zu lösen. Auch wird man wohl denen beipflichten
+müssen, die es nicht der Mühe werth halten, sie zu lösen.
+
+A. d. H.
+
+[8] Wir haben in den neuesten Tagen dergleichen ärgerliche Auftritte
+in großer Zahl gesehen, und die Klage des Verf. gilt also leider
+noch immer, doch glücklicher Weise nur von den leichtfertigen
+Schriftstellern des Tages und einigen Philologen.
+
+D. H.
+
+
+[9] Wer denkt hier nicht an Wielands und Johann v. Müllers gutherziges
+Loben, und an des Letzteren übergroße Nachsicht gegen überlästige
+Correspondenten?
+
+D. H.
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77701 ***
diff --git a/77701-h/77701-h.htm b/77701-h/77701-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..12163b1
--- /dev/null
+++ b/77701-h/77701-h.htm
@@ -0,0 +1,17384 @@
+<!DOCTYPE html>
+<html lang="de">
+<head>
+ <meta charset="UTF-8">
+ <title>
+ Ueber Den Umgang Mit Menschen | Project Gutenberg
+ </title>
+ <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover">
+ <style>
+
+body {
+ margin-left: 10%;
+ margin-right: 10%;
+}
+
+ h1,h2,h3,h4 {
+ text-align: center;
+ clear: both;
+ font-weight: normal;
+}
+
+h1 { font-size: 240%}
+h2, .s2 { font-size: 180%}
+h3,.s3 { font-size: 150%}
+h4,.s4 { font-size: 120%}
+.s5a { font-size: 70%}
+
+h1 { page-break-before: avoid;
+ font-weight: normal;
+}
+
+h2 {
+ padding-top: 2.0em;
+ margin-bottom: 1.5em;
+ page-break-before: avoid;
+ font-weight: normal;
+ text-indent: 1em;
+}
+
+h3, h4 {
+ margin-top: 1.8em;
+}
+
+p {
+ margin-top: .51em;
+ text-align: justify;
+ margin-bottom: .49em;
+ text-indent: 1em;
+}
+
+.pcont { text-align: center;
+ font-size: 0.9em;}
+
+.p0 {text-indent: 0em;}
+.p2 {margin-top: 2em;}
+.p4 {margin-top: 4em;}
+
+hr.titel {
+ width: 33%;
+ margin-top: 2em;
+ margin-bottom: 2em;
+ margin-left: 33.5%;
+ margin-right: 33.5%;
+ clear: both;
+}
+
+hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;}
+@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} }
+
+hr.full{
+ width: 100%;
+ margin-top: 4em;
+ margin-bottom: 1em;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ height: 4px;
+ border-width: 4px 0 0 0;
+ border-style: solid;
+ border-color: #000;
+}
+
+hr.r5 {width: 5%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; margin-left: 47.5%; margin-right: 47.5%;}
+
+div.chapter {page-break-before: always;}
+h2.nobreak {page-break-before: avoid;}
+
+div.cont {
+ page-break-before: always;
+ font-size: 0.9em;
+ max-width: 40em;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto
+}
+
+.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
+ /* visibility: hidden; */
+ position: absolute;
+ left: 92%;
+ font-size: small;
+ text-align: right;
+ font-style: normal;
+ font-weight: normal;
+ font-variant: normal;
+ text-indent: 0;
+}
+
+.center {text-align: center;
+}
+
+.mleft4 {text-align: left;
+ margin-left: 4em;
+}
+
+.mright6 {text-align: right;
+ margin-right: 6em;
+}
+.mbot2 {margin-bottom: 2em;
+}
+
+.padbot2 {padding-bottom: 2em;}
+
+.gesperrt
+{
+ letter-spacing: 0.2em;
+ margin-right: -0.2em;
+}
+
+.x-ebookmaker em.gesperrt {
+ font-family: sans-serif, serif;
+ font-size: 90%;
+ margin-right: 0;
+}
+
+em.gesperrt
+{
+ font-style: normal;
+}
+
+.antiqua { font-style: italic;}
+
+/* Images */
+
+img {
+ max-width: 100%;
+ height: auto;
+}
+img.w100 {width: 100%;
+}
+
+.figcenter {
+ margin: auto;
+ text-align: center;
+ page-break-inside: avoid;
+ max-width: 100%;
+}
+
+/* Footnotes */
+.footnotes {border: 1px dashed;}
+
+.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;}
+
+.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;}
+
+.fnanchor {
+ vertical-align: super;
+ font-size: .8em;
+ text-decoration:
+ none;
+}
+
+/* Poetry */
+/* uncomment the next line for centered poetry */
+.poetry-container {display: flex; justify-content: center;}
+.poetry-container {text-align: center;}
+.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;}
+.poetry .stanza {margin: 1em auto;}
+.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;}
+
+/* Transcriber's notes */
+.transnote {background-color: #E6E6FA;
+ color: black;
+ font-size:small;
+ padding:0.5em;
+ margin-bottom:5em;
+ font-family:sans-serif, serif;
+}
+.poetry .indent0 {text-indent: -3em;}
+
+/* Illustration classes */
+.illowp46 {width: 46%;}
+
+ </style>
+</head>
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77701 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Auf S. 98 ist die fehlende Überschrift (Pkt.18) hinzugefügt worden.</p>
+<p class="p0">Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter geschaffen. Ein Urheberrecht wird nicht
+geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt genutzt werden.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter padbot2 illowp46" id="cover">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p class="s3 center">Ueber</p><br>
+<p class="center">den</p>
+<h1>Umgang mit Menschen.</h1>
+
+<p class="p2 center">Von</p>
+<p class="p2 s2 mbot2 center">Adolph Freiherrn Knigge.</p>
+<hr class="r5">
+<p class="s4 center">In drei Theilen.</p>
+<hr class="r5">
+<p class="p4 center">Zehnte Ausgabe.</p>
+
+<p class="p2 center">Durchgesehen und vermehrt</p>
+<p class="center">von</p>
+<p class="center">F. P. Wilmsen.</p>
+<hr class="r5">
+<p class ="p2 mbot2 center">Stuttgart,<br>
+bei A. F. Macklot. 1822.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_iii">[S. iii]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Vorrede_des_Herausgebers">Vorrede des Herausgebers,<br>
+<span class="s5a">zur neunten Auflage.</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Ich habe den Wunsch der Verlagshandlung, Knigge's bekanntes und
+geschätztes Werk über den Umgang mit Menschen für die neunte Ausgabe
+durchzusehen, und mit einer Einleitung, Anmerkungen und Nachträgen
+zu vermehren, gern erfüllt, weil ich glaubte, dadurch nützlich zu
+werden. Dies Werk enthält sehr viel Gutes, und kann für Menschen, die
+auf den mittleren Stufen der Bildung stehen, und wenig Gelegenheit
+haben, Menschenkenntniß einzusammeln, überaus nützlich werden. Da ich
+es für Pflicht hielt, Knigge selbst reden zu lassen, so habe ich mir
+nur da, wo er sich eine offenbare Incorrectheit oder Nachlässigkeit
+im Vortrage erlaubt hat, eine Aenderung und Uebertragung erlaubt,
+und solche Anmerkungen, welche für eine Note unter den Text zu wenig
+Ausdehnung hatten, gleich in den Text selbst verwebt. Dieß glaubte ich
+um so eher mir<span class="pagenum" id="Seite_iv">[S. iv]</span> erlauben zu dürfen, da diese Anmerkungen größtentheils
+nur weitere Ausführungen, oder nähere Bestimmungen, oder eine festere
+Begründung des von K. Gesagten enthalten. Ganz weggestrichen habe ich
+nur solche Stellen, welche eine offenbare Uebertreibung oder eine
+nichtssagende Anekdote, oder eine leere Amplification enthielten. Ein
+zur Vollständigkeit nöthiger Nachtrag enthält besonders die Regeln des
+Umgangs mit Kindern, worüber K. viel zu kurz gewesen ist, und wird die
+Brauchbarkeit des Werkes hoffentlich einigermaßen erhöhen und befördern.</p>
+
+<p class="mleft4"><em class="gesperrt">Berlin</em>, im April 1817.</p>
+<p class="mright6"><em class="gesperrt">F. P. Wilmsen.</em></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_v">[S. v]</span></p>
+
+<h2>Inhalt</h2>
+
+<hr class="r5">
+
+<p class="s3 center">Erster Theil.</p>
+
+<p class="p2 center"><a href="#Einleitung_des_Herausgebers">Einleitung des Herausgebers;</a> Seite &nbsp;&#8201; 3.</p>
+<p class="center"><a href="#Einleitung_des_Verfassers"> Einleitung des Verfassers;</a>&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Seite 12.</p>
+
+<div class="cont">
+<p>1) Warum man mit großen und glänzenden Eigenschaften dennoch
+nicht immer in der Welt sein Glück mache. Ueber den <span class="antiqua">esprit de
+conduite</span>. Mancher will sich nicht nach den Sitten Andrer fügen.
+Manchem fehlt es dazu an der nöthigen Weltkenntniß; Mancher macht zu
+viel Forderungen. Aber auch mit dem besten Willen und guten Anlagen
+glückt es nicht Jedem; warum? 2) In Deutschland ist es schwer,
+allgemein gute Eindrücke in Gesellschaften zu machen; warum? Bilder
+von Verschiedenheit des gesellschaftlichen Tons in einigen Provinzen
+von Deutschland, und Bilder von den Sitten verschiedner Stände. 3) Von
+meinem Berufe, über diesen Gegenstand zu schreiben. 4) Meine eignen
+Erfahrungen.</p>
+</div>
+
+<p class="center"><a href="#Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel;</a> Seite 27.</p>
+<p class="center">Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den<br>
+Umgang mit Menschen.</p>
+
+<div class="cont">
+<p>1) Jeder Mensch muß sich in der Welt selbst geltend machen.
+Anwendung dieses Satzes. 2) Strebe nach Vollkommenheit, aber
+nicht nach dem <em class="gesperrt">Scheine</em> der Vollkommenheit! 3) Sey nicht zu sehr
+ein Sclave der Meinung Andrer! 4) Verliere nicht die Zuversicht!
+5) Eigne Dir nicht fremdes Verdienst zu! 6) Verbirg Deinen Kummer!
+7) Rühme nicht zu laut Dein Glück! 8) Enthülle nicht die
+Schwächen Deiner Nebenmenschen! 9) Gib Andern Gelegenheit, zu
+glänzen! 10) Suche Gegenwart des Geistes zu haben! 11) Willst Du
+etwas in der Welt erlangen, so mußt Du darum bitten. 12) Nimm<span class="pagenum" id="Seite_vi">[S. vi]</span>
+so wenig, wie möglich, von Andern Wohlthaten an! 13) Grenzen der
+Dienstfertigkeit. 14) Halte strenge Wort, und sey wahrhaft! 15) Sey
+pünktlich, ordentlich, fleißig! 16) Interessire Dich für Andre, wenn
+Du willst, daß Andre sich für Dich interessiren sollen! 17) Verflicht
+niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und setze Dich immer in
+Gedanken in andrer Leute Stelle! 18) Laß Jeden seine Handlungen
+selbst verantworten, wenn Du nicht sein Vormund bist! 19) Handle
+nur selbst immer folgerecht! 20) Habe stets ein gutes Gewissen!
+21) Sey, was Du bist, immer und ganz! 22) Unterschied im äussern
+Betragen. 23) Sey nicht zu offenherzig! 24) Suche nie jemand
+lächerlich zu machen! 25) Schrecke, zerre, beunruhige und necke
+nicht! 26) Alle Menschen wollen amüsirt seyn. Ueber das Spaßmachen.
+27) Sage Jedem etwas Lehrreiches oder Angenehmes! 28) Ueber
+Spott und Medisance. 29) Ueber Anekdoten. 30) Trage keine Nachrichten
+aus einem Hause in das andre! 31) Sey vorsichtig in Tadel
+und Widerspruch! 32) Rede nicht zu viel und nicht langweilig!
+33) Noch von Dingen, die nur Dich interessiren! 34) Ueber Egoismus.
+35) Widersprich Dir nicht im Reden! 36) Wiederhole Dich
+nicht, und schärfe Dein Gedächtniß! 37) Vermeide Zweideutigkeit;
+38) Gemeinsprüche; 39) Unnütze Fragen! 40) Lerne Widerspruch ertragen!
+41) Wo man sich zur Freude versammelt, da rede nicht von
+Geschäften! 42) Ueber Religions-Gespräche. 43) Sey vorsichtig in
+Gesprächen über Andrer Gebrechen! 44) Andre Vorsichtigkeits-Regeln.
+45) Bringe bei niemand unangenehme Dinge in Erinnerung!
+46) Nimm nicht Theil an fremdem Spotte! 47) Ueber Disputirgeist.
+48) Ueber Verschwiegenheit. 49) Wohlredenheit und äusserer Anstand.
+50) Ueber kleine gesellschaftliche Unschicklichkeiten. 51) Betragen, wenn
+uns Langeweile gemacht wird. 52) Leichtigkeit im Umgange. 53) Man
+hüte sich vor zu großen Forderungen! 54) Kleidung. 55) Soll man
+viel oder wenig in Gesellschaften gehen? 56) Man kann in jeder
+Gesellschaft etwas lernen. 57) Mit wem soll man umgehen? 58) Ueber
+den Umgang in großen Städten, in kleineren, und auf dem Lande.
+59) In fremden Gegenden. 60) Regeln beim Briefwechsel. 61) Wie
+man die Menschen beurtheilen solle. 62) Ob diese Regeln allgemein
+passen? 63) In wie fern auch Frauenzimmer nach diesen Regeln
+handeln können.</p>
+</div>
+
+<p class="center"><a href="#Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel;</a> Seite 74.</p>
+<p class="center">Ueber den Umgang mit sich selbst.</p>
+
+<div class="cont">
+<p>1) Es ist nützlich und interessant, über den Umgang mit andern
+Menschen seine eigne Gesellschaft nicht zu vernachlässigen. 2) Es
+kommen Augenblicke, wo wir uns selbst am nöthigsten sind. 3) Gehe
+eben so vorsichtig, fein, redlich und gerecht mit Dir selbst um,
+wie mit Andern! 4) Sorge für Deine Gesundheit, aber verzärtle Dich
+nicht!<span class="pagenum" id="Seite_vii">[S. vii]</span> 5) Respectire Dich selbst, und habe Zuversicht zu Dir selbst!
+6) Verzweifle nicht bei dem Bewußtseyn mangelnder Vollkommenheiten,
+bei den Schwierigkeiten, ein großer Mann zu werden! 7) Sey Dir ein
+angenehmer Gesellschafter! 8) Aber sey Dir auch kein Schmeichler,
+sondern ein aufrichtiger und gerechter Freund! Sey eben so strenge
+gegen Dich, wie Du gegen Andre bist! 9) Wie man Abrechnung mit seiner
+Moralität halten solle.</p>
+</div>
+
+<p class="center"><a href="#Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel;</a>Seite 78.</p>
+
+<p class="center">Ueber den Umgang mit Leuten von verschiednen Gemüthsarten,<br>
+Temperamenten und Stimmungen des<br>
+Geistes und Herzens.</p>
+
+<div class="cont">
+<p>1) Ueber die vier Haupt-Temperamente und deren Mischungen.
+2) Ueber herrschsüchtige Leute. 3) Ueber Ehrgeitzige. 4) Eitle. 5) Hochmüthige,
+im Gegensatze von Stolzen. 6) Ueber sehr empfindliche Leute.
+7) Ueber den Umgang mit Eigensinnigen. 8) Mit Zanksüchtigen,
+Widersprechern und solchen, die Paradoxie lieben. 9) Mit Jähzornigen.
+10) Mit Rachgierigen. 11) Mit unentschlossenen, faulen und
+phlegmatischen Leuten. 12) Mit Menschenfeinden, mißtrauischen, argwöhnischen,
+mürrischen und verschlossenen Leuten. 13) Mit neidischen,
+hämischen, verläumderischen, schadenfrohen, mißgünstigen und eifersüchtigen
+Menschen. 14) Ueber den Geitz und die Verschwendung.
+15) Ueber das Betragen gegen Undankbare. 16) Gegen ränkevolle
+Leute und Lügner. 17) Gegen Windbeutel. 18) Gegen Unverschämte,
+Müssiggänger, Schmarotzer, Schmeichler und zudringliche Leute.
+19) Gegen Schurken. 20) Gegen zu bescheidne, zu furchtsame Menschen.
+21) Gegen Unvorsichtige und Plauderhafte, Vorwitzige und
+Neugierige, Zerstreute und Vergessene. 22) Gegen Wunderliche, Sonderlinge
+und Launenhafte. 23) Ueber den Umgang mit dummen, schwachen,
+übertrieben gutherzigen, leichtgläubigen und solchen Menschen,
+die gewisse Liebhabereien und Steckenpferde haben. 24) Mit muntern
+und satyrischen Leuten. 25) Mit Trunkenbolden, groben Wollüstlingen
+und andern lasterhaften Leuten. 26) Mit Enthusiasten, Ueberspannten,
+Romanhaften, Kraft-Genies und excentrischen Leuten.
+27) Etwas von Andächtlern, Heuchlern und abergläubischen Leuten.
+28) Von Deisten, Freigeistern und Religions-Spöttern. 29) Ueber
+die Art, wie man Schwermüthige, Tolle und Rasende behandeln
+müsse. Geschichte zweier Wahnsinnigen. Zusatz des Herausgebers.</p>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_viii">[S. viii]</span></p>
+
+<p class="p4 s3 center">Zweiter Theil.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Einleitung">Einleitung;</a> Seite 125.</p>
+
+<p class="pcont">Nachricht von der Art der Eintheilung aller in den drei Theilen<br>
+dieses Werks verhandelten Gegenstände.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Erstes_Kapit.">Erstes Kapitel;</a> Seite 125.</p>
+<p class="pcont">Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Zweites_Kapit.">Zweites Kapitel;</a> Seite 132.</p>
+<p class="pcont">Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Drittes_Kapit.">Drittes Kapitel;</a> Seite 139.</p>
+<p class="pcont">Von dem Umgange unter Eheleuten.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Viertes_Kapit.">Viertes Kapitel; </a> Seite 161.</p>
+<p class="pcont">Ueber den Umgang mit und unter Verliebten.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Fuenftes_Kapit.">Fünftes Kapitel; </a> Seite 167.</p>
+<p class="pcont">Ueber den Umgang mit Frauenzimmern.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Sechstes_Kapit.">Sechstes Kapitel; </a> Seite 182.</p>
+<p class="pcont">Ueber den Umgang unter Freunden.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Siebentes_Kapit.">Siebentes Kapitel;</a> Seite 198.</p>
+<p class="pcont">Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Achtes_Kapit.">Achtes Kapitel;</a> Seite 205.</p>
+<p class="pcont">Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns in<br>
+demselben Hause wohnen.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Neuntes_Kapit.">Neuntes Kapitel;</a> Seite 207.</p>
+<p class="pcont">>Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Zehntes_Kapit.">Zehntes Kapitel;</a> Seite 211.</p>
+<p class="pcont">Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten<br>
+empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern,<br>
+Gläubigern und Schuldnern.</p>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_ix">[S. ix]</span></p>
+
+<p class="center"><a href="#Eilftes_Kapit.">Eilftes Kapitel;</a> Seite 215.</p>
+<p class="pcont">Ueber das Betragen gegen Leute in allerlei besondern Verhältnissen<br>
+und Lagen.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Zwoelftes_Kapit.">Zwölftes Kapitel;</a> Seite 228.</p>
+<p class="pcont">Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen<br>
+Leben.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Allgemeine">Allgemeine Behandlung der Kinder in den Jahren
+ der ersten<br>
+ Entwickelung;</a> Seite 238.</p>
+
+<p class="p4 s3 center">Dritter Theil.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Einleitung">Einleitung;</a> Seite 307.</p>
+<p class="pcont">Uebergang zu den in diesem Theile verhandelten Gegenständen.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Erstes_Kap.">Erstes Kapitel;</a> Seite 307.</p>
+<p class="pcont">Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen<br>
+und Reichen.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Zweites_Kap.">Zweites Kapitel;</a> Seite 325.</p>
+<p class="pcont">Ueber den Umgang mit Geringern.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Drittes_Kap.">Drittes Kapitel;</a> Seite 328.</p>
+<p class="pcont">Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Viertes_Kap.">Viertes Kapitel; </a> Seite 340.</p>
+<p class="pcont">Ueber den Umgang mit Geistlichen.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Fuenftes_Kap.">Fünftes Kapitel; </a> Seite 344.</p>
+<p class="pcont">Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Sechstes_Kap.">Sechstes Kapitel; </a> Seite 360.</p>
+<p class="pcont">Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im<br>
+ bürgerlichen Leben.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Siebentes_Kap.">Siebentes Kapitel;</a> Seite 383.</p>
+<p class="pcont">Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart und Gewerbe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_x">[S. x]</span></p>
+
+<p class="center"><a href="#Achtes_Kap.">Achtes Kapitel;</a> Seite 391.</p>
+<p class="pcont">Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern<br>
+derselben.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Neuntes_Kap.">Neuntes Kapitel;</a> Seite 395.</p>
+<p class="pcont">Ueber die Art, mit Thieren umzugehen.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Zehntes_Kap.">Zehntes Kapitel;</a> Seite 399.</p>
+<p class="pcont">Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser.</p>
+
+<p class="center"><a href="#Eilftes_Kap.">Eilftes Kapitel;</a> Seite 404.</p>
+<p class="pcont">Schluß.</p>
+
+<hr class="full">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p>
+
+<p class="p4 s2 center"> <span class="s5a">Ueber den</span><br>
+Umgang mit Menschen.</p>
+
+<hr class="titel">
+
+<h2>Erster Theil.</h2>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Einleitung_des_Herausgebers">Einleitung des Herausgebers.</h3>
+</div>
+
+<p>Der Umgang mit Menschen gehört zu den wirksamsten <em class="gesperrt">Bildungs-</em>,
+<em class="gesperrt">Erheiterungs-</em> und <em class="gesperrt">Anregungsmitteln</em> des
+menschlichen Geistes und Gemüths; aber wohlthätig werden
+seine Wirkungen nur dann für uns seyn, wenn wir gehörig vorbereitet
+unter die Menschen treten, und im Umgange eben so
+viel Weisheit, als Klugheit, eben so viel Festigkeit, als Geschmeidigkeit,
+eben so viel Offenheit, als Zurückhaltung zeigen
+und anwenden. Die Vorbereitung besteht in der Fertigkeit, den
+Schein von der Wahrheit zu unterscheiden, die Sprache des feinen
+Welttons zu reden, ohne in's Gezierte und Höfische zu verfallen,
+und in der Sammlung allgemeiner Kenntnisse; endlich
+in der richtigen Würdigung der Menschen, damit ein Bewußtseyn
+des eigenen Werthes erwache, und die Blödigkeit verschwinde,
+welche unfähig macht, den Umgang mit Menschen von höherer
+Bildung und Erfahrung zu benutzen und zu genießen. Man
+könnte sagen, daß dieß alles, was hier als Vorbereitung auf
+den Umgang mit Menschen dargestellt und erfordert wird, eigentlich
+das Erzeugniß dieses Umgangs selbst sey; allein wenn
+auch zugegeben werden muß, daß alle jene Kenntnisse und Fertigkeiten
+größtentheils in der Gesellschaft gewonnen werden, so
+ist doch eben so gewiß, daß die Gesellschaft ein Recht habe, von
+ihren Mitgliedern zu fordern, daß sie einen Beitrag zur Unterhaltung
+geben, nicht bloß empfangen und genießen sollen. Diese
+billige Forderung aber kann nur von denjenigen erfüllt werden,
+welche gehörig vorbereitet und ausgestattet in die Gesellschaft
+treten. Dazu soll die Erziehung vor allem mitwirken, und daneben
+die schriftliche Belehrung und Anweisung, welche nicht
+bloß aus Schriften, wie die vorliegende des trefflichen Menschenkenners
+Knigge, sondern auch, und vielleicht noch mehr aus solchen<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span>
+Romanen und historischen Darstellungen geschöpft wird,
+welche sich durch eine lebhafte und getreue Charakterschilderung
+auszeichnen, und Menschen von allen Seiten, und in allerlei
+Lagen, Verhältnissen und Beziehungen darstellen. Nicht bloß
+Menschenkenntniß, sondern auch die Sprache des feineren Gesellschaftstones
+findet sich in solchen Schriften, und sie gehören
+eben deswegen unstreitig zu den wirksamsten Bildungsmitteln.
+In wie fern, und unter welchen Bedingungen auch der <em class="gesperrt">Umgang</em>
+ein Bildungsmittel sey, soll hier nur angedeutet, nicht
+ausgeführt werden, denn für die Ausführung findet sich im Verfolg
+eine passendere Stelle. <em class="gesperrt">Die Weisheit im Umgange</em>
+würde zunächst in der Sichtung der Spreu von dem Weizen bestehen,
+damit sich nicht, zugleich mit den Kenntnissen und berichtigten
+Urtheilen, mit den Ansichten der Welt und der Menschen,
+mit der Erwärmung für das Schöne, Gute und Edle,
+auch Vorurtheile aller Art, schiefe und ungerechte Urtheile, falscher
+Geschmack, Heuchelei und Verstellungskunst, Leichtsinn
+und Eitelkeit in die Seele einschleiche. Ohne diese Weisheit hat
+die Gesellschaft nur verderblichen Einfluß, wird sie endlich selbst
+die Kraft überwältigen, mit welcher heilsame Eindrücke der Erziehung
+auf unsern Willen wirken, wird sie den, der sich sorglos
+ihrem Einfluß hingibt, zum Sclaven der Mode und Sitte
+machen, und ihn um sein bestes Lebensglück betrügen.</p>
+
+<p>Aber mit der <em class="gesperrt">Weisheit</em> reicht man in der Gesellschaft nicht
+aus; sie fordert eben so sehr jene vorsichtige und besonnene <em class="gesperrt">Klugheit</em>,
+welche uns lehrt, erlaubte Vortheile zu erkennen und zu
+benutzen, und den Klippen auszuweichen, an welchen so leicht
+die Fassung, die Heiterkeit und Laune scheitern kann. Wer im
+Umgange mit der großen Welt zu oft in Verlegenheit kommt,
+zu oft, durch den Schein irre geführt, sich zu einer Offenheit
+verleiten läßt, die er hernach mit Schrecken gemißbraucht oder
+gemißdeutet sieht; wer nicht zu rechter Zeit ein Gespräch abzubrechen,
+oder es auf eine ungezwungene und verständige Weise
+anzuknüpfen und fortzuführen weiß, ohne vorlaut und zudringlich
+zu werden, oder sich selbst zum Thema der Unterhaltung zu
+machen; wer nicht mit Klugheit die Personen, aus welchen die
+Gesellschaft besteht, nach ihren bürgerlichen und Familienverhältnissen
+berücksichtigt, und seine Urtheile ohne alle Rücksicht
+fällt, seine Bemerkungen ohne alle Umsicht mittheilt: der wird<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span>
+für alle diese Verstoße gegen die Klugheit im Umgange hart
+büßen müssen, und sich bald genug von der Gesellschaft ausgeschlossen
+sehen. Jene Weisheit, welche der Umgang fordert, und
+jene Klugheit, welche er voraussetzt, besteht ferner in der <em class="gesperrt">Festigkeit</em>,
+die nie in Starrsinn und Rechthaberei ausartet, und
+in der Geschmeidigkeit, welche eben so weit von Heuchelei, als
+von Blödigkeit und Menschengefälligkeit entfernt ist. Wer immer
+der Meinung dessen ist, der zuletzt sprach, oder der das
+Wort in der Gesellschaft führt, nie eine eigene Meinung hat,
+oder sie wenigstens sogleich feigherzig aufgibt, wenn sie Widerspruch
+findet, wird der Gesellschaft eben so wenig verdanken,
+als der, welcher mit rechthaberischer Heftigkeit seine Gegner nur
+überschreit, nicht mit Gründen bekämpft. Aber vorzüglich kommt
+es hier auf die <em class="gesperrt">Art</em> an, wie man solche Meinungen und Urtheile,
+welche lebhaft bestritten werden, vertheidigt und begründet.
+Es gibt Menschen, welche bei solchen Vertheidigungen alle
+Rücksichten und jede Schonung und Milde, welche zum Wesen
+des Umgangs gehört, bei Seite setzen, und in leidenschaftlicher
+Lebhaftigkeit ihre Gegner mehr anfallen und mißhandeln, als
+bekämpfen. Hier ist die Grenze sehr leicht überschritten, besonders
+wenn die Klugheit nicht von wohlwollenden Neigungen unterstützt
+wird, oder persönliche Mißverhältnisse der Streitenden
+einwirken und sichtbar werden. Dennoch gehört die Festigkeit
+recht eigentlich zu den geselligen Tugenden, weil die Gesellschaft
+nicht ohne <em class="gesperrt">Reizmittel</em> bestehen kann, und der Widerspruch zu
+den wirksamsten Reizmitteln gehört; aber auch deswegen, weil
+nur Festigkeit gegen die gefährlichen und verderblichen Eindrücke
+des Umgangs waffnet und sichert, so wie gegen die Verlegenheit
+und Bedrängniß, in welche wir diejenigen so oft in der Gesellschaft
+gerathen sehen, welche dem Hochmuth, der Anmaßung,
+Unbescheidenheit und leeren Prahlerei nichts entgegen zu setzen
+wissen, und da verstummen, wo sie recht laut werden und mit
+Nachdruck sprechen sollten.</p>
+
+<p>Aber wie der Umgang verderblich werden kann, wenn man
+seinem Einfluß nicht mit Festigkeit zu widerstehen, und durch
+festen Muth alles abzuwehren weiß, wodurch das Vergnügen
+der Gesellschaft gestört, oder das Recht des Einzelnen gekränkt
+wird; so wird sein Reiz und sein Genuß durch die <em class="gesperrt">Geschmeidigkeit</em>
+erhöht, mit welcher sich Jeder in den Ton der Gesellschaft<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span>
+überhaupt, und in die Schwachheiten der Einzelnen insbesondere
+zu finden und zu schicken, Störungen des gesellschaftlichen
+Vergnügens zu entfernen, und alles herbeizuführen weiß,
+was die Unterhaltung nähren und beleben, die Bande der Gesellschaft
+fester knüpfen, und den Genuß Aller erhöhen kann, und
+zwar auf eine solche Art, daß Keinem etwas aufgedrungen, und
+nichts erzwungen wird. Wie leicht diese Geschmeidigkeit ausarte,
+und wie lästig, verächtlich und erniedrigend sie in ihrer Ausartung
+sey, davon finden sich die auffallendsten Beispiele in jeder
+zahlreichen Gesellschaft. Sie muß in theilnehmenden und wohlwollenden
+Gefühlen, in <em class="gesperrt">der</em> Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit,
+welche sich nie vordrängt, und keine Auszeichnung begehrt,
+und in dem Wunsche, sich zu belehren, ihren Grund haben,
+wenn sie für eine gesellschaftliche Tugend gelten soll. Häufig erscheint
+die Geschmeidigkeit als Herablassung zu den Schwachen,
+als Herabstimmung zu einem uns fremden und ungemüthlichen
+Gesellschaftstone, und in so fern sie selbst lauter Schwäche, nicht
+Grundsatz und nicht Wohlwollen oder Klugheit ist, als ein Heulen
+mit den Wölfen, als ein feigherziges und unsittliches Einstimmen
+in einen Ton, den man für schlecht und niedrig erkennt.
+Hier würde die Festigkeit an ihrem Orte seyn. Dagegen ist es
+hohe Gesellschaftstugend, den Schwachen in der Gesellschaft sein
+Ohr zu leihen, wenn sie über die Gebühr von sich selbst und ihren
+besondern Angelegenheiten sprechen; der Mutter theilnehmend
+zuzuhören, welche von den Anlagen und von der Liebenswürdigkeit
+ihrer Kinder, oder von häuslichen Leiden mit großer Ausführlichkeit
+spricht; den ehrlichen Handwerksmann ausreden zu
+lassen, oder durch Fragen selbst zu veranlassen, vom Handwerk
+zu sprechen und seine Erfahrungskenntnisse gutmüthig mitzutheilen,
+wobei dem Hörenden wohl noch durch manche nützliche
+Sachkenntniß seine Herablassung vergolten wird.</p>
+
+<p>Eben so viel <em class="gesperrt">Offenheit</em>, als <em class="gesperrt">Zurückhaltung</em>, fordert
+endlich der Umgang mit Menschen. Offenheit ist die Seele des
+Umgangs; aber sie setzt Vertrauen voraus, und wer kann sogleich
+Vertrauen zu Personen fassen, die er nur in ihren Feierkleidern
+sieht, und nicht beobachten kann, wenn sie in ihrer Alltagskleidung
+einhergehen. Es gibt eine Offenheit, welche mit
+kluger Vorsicht vereinbar ist, und diese soll im Umgange herrschen.
+Niemand soll seine Grundsätze und Ueberzeugungen verheimlichen,<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span>
+oder schweigen, wo die Pflicht, sich des Verleumdeten
+anzunehmen, den Splitterrichter zu demüthigen und zu strafen,
+den Heuchler zu entlarven, den Prahler in seiner Erbärmlichkeit
+darzustellen, oder auch nur die Pflicht, seinen Beitrag
+zur Unterhaltung zu geben, das Schweigen verbietet. Aber
+Rücksicht auf Kinder, auf Schwache und Unwissende, auf Schüchterne
+und Aengstliche, auf Horcher und Wortverdreher, auf
+Neuigkeitsträger und Klatschschwestern, gebietet auch oft Zurückhaltung
+des Urtheils, des Spottes, eines witzigen Einfalls, einer
+wahren, aber bitteren Bemerkung, einer Meinung oder Erklärung,
+die leicht gemißdeutet oder gemißbraucht werden kann.</p>
+
+<p>Dieß also wären die Bedingungen, unter welchen der Umgang
+Bildungs-, Erheiterungs- und Anregungsmittel werden
+kann. Wem übrigens die Wahl frei steht, zwischen großen, stark
+gemischten Gesellschaften, und kleineren Gesellschaftskreisen, der
+handelt weise, wenn er diese vorzieht, und jene so viel als möglich
+vermeidet. Denn je zahlreicher die Gesellschaft ist, desto leerer
+ist der Umgang, und nur da ist die Unterhaltung ergiebig
+und lehrreich, wo Alle daran Theil nehmen, und Keiner durch
+Rücksichten der Klugheit und Vorsicht zur Zurückhaltung bestimmt
+wird, sondern Jeder frei und unverhohlen seine Meinung äußert.</p>
+
+<p>Auf der andern Seite ist der Umgang mit Einzelnen, wenn
+sie mit einer ächten Geistesbildung eine reiche Erfahrung verbinden,
+und in mannigfaltigen Verbindungen leben, viel ergiebiger
+und belohnender, als das eigentliche Gesellschaftsleben, und
+diejenigen, welche das Leben in dem edelsten Sinne genießen
+wollen, ziehen sich daher aus der großen Welt zurück, und wissen
+sich in dem Familienleben einen Genuß zu bereiten, welcher
+in großen und gemischten Gesellschaften vergebens gesucht wird.
+Vielleicht ist es auch nur in solcher Zurückgezogenheit möglich,
+das Herz vor Thorheiten und Verirrungen zu bewahren, in welche
+es so leicht durch den Einfluß der Gesellschaft verwickelt wird,
+und die Ausartung des Herzens zu verhüten, welcher diejenigen
+nicht entgehen, die ihrem Umgange die möglichste Ausdehnung
+geben, und darin den höchsten Genuß des Lebens finden. Denn
+neben dem wohlthätigen Einflusse, welchen der Umgang mit
+Menschen aus allen Ständen auf die Entwickelung unseres Geistes,
+Veredlung unseres Herzens, und Erheiterung unseres Gemüths
+haben kann, wenn er ein gewählter ist, und mit Mäßigung<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span>
+und Vorsicht genossen wird, übt er auch einen nachtheiligen
+und selbst verderblichen Einfluß auf unbewachte und unbereitete
+Herzen aus.</p>
+
+<p>Wenn auf der einen Seite unsere Begriffe durch den Umgang
+bereichert und berichtigt werden, so verwirrt er sie auf der
+andern. Wir hören Menschen, mit Witz und Scharfsinn ausgestattet,
+ihre vorgefaßten Meinungen, ungerechten Urtheile
+und fixen Ideen mit einer solchen Beredsamkeit und Zuversicht
+als unstreitige und unläugbare Wahrheiten darstellen, daß wir
+uns überreden, ein ganz neues Licht über diese Gegenstände erhalten
+zu haben, und ihre Jünger werden. Ein andermal fällt
+ein witziger Spötter über das Heilige her, und es gelingt ihm,
+den religiösen Gefühlen einiger Schwachen in der Gesellschaft einen
+Stoß zu geben. Er hat ihnen das Unersetzliche genommen,
+und sie werden diesen Verlust nie verschmerzen. Der Umgang
+wird heute Nahrung für unsere wohlwollenden und theilnehmenden
+Gefühle; aber morgen gerathen wir in eine Gesellschaft, in
+welcher der Hofton herrschend ist; wir stoßen auf lauter verlarvte
+Gesichter, hören lauter Redensarten, werden überall durch die
+unverschämten Uebertreibungen einer frechen Schmeichelei verletzt,
+sehen eine ganze Gesellschaft von Schauspielern vor uns,
+von welchen jeder seine Rolle spielt, und nirgends wird uns
+Nahrung für Geist und Gefühl gereicht; was ist natürlicher,
+als daß wir Menschenverachtung aus dieser Gesellschaft mitnehmen,
+und uns nicht sobald wieder mit den Menschen aussöhnen;
+daß sich Mißtrauen unseres Herzens bemächtigt, und der
+Glaube an die Menschheit seine Kraft verliert.</p>
+
+<p>Ein unbewachtes und unbefestigtes Herz geräth in einer Gesellschaft
+unter feine und beredte Schmeichler; der Giftsaame
+wird in das Herz gestreut, und die Früchte werden nicht ausbleiben.— Und
+wer hätte nicht in der Gesellschaft die Kunst zu
+scheinen, Gefühle zu verhehlen, eine Rolle zu spielen, zu heucheln,
+und sich zu verstellen, wider seinen Willen, und ohne
+sein Wissen gelernt? Man gewöhnt sich in der Gesellschaft an
+alles, selbst an das Lächerlichste, Erbärmlichste, Platteste, an
+Mangel und Mißbrauch des Verstandes, an die häßlichsten Gesichter
+und Gemüther, die widrigsten Fehler des Körpers und
+des Sprachorgans; man bemerkt am Ende diese Gebrechen
+kaum mehr. Daher sieht man, besonders in den höheren Ständen,<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span>
+die Mitglieder der Gesellschaft ihren faden Witz, ihre beredten
+Verleumdungen, ihren ungesalzenen Spott und ihre kläglichen
+Tagesneuigkeiten mit einer Unbefangenheit gegen einander
+austauschen, als ob die unschuldigsten Dinge vorgingen,
+und es fällt Keinem auch nur von ferne ein, sich einer solchen
+Unterhaltung zu schämen, noch weniger, ihr eine bessere Wendung
+zu geben, oder Salz zu verlangen und zu erwarten. Aber
+es sind nicht bloß die Geistlosen oder Armen am Geist, die es so
+arg treiben; auch Geistreiche lassen sich endlich, wenn sie lange
+genug Zuhörer gewesen sind, zu solchem Kleinhandel herab, und
+werden aus lauter Gefälligkeit, oder um der langen Weile zu
+entgehen, mit geistlos. Es gehört Muth, Geduld und große
+Gewandtheit dazu, einen faden und dürren Gesellschaftston zu
+beschwingen, und endlich zu verdrängen; aber diese Kunst sollte
+jeder zu erringen suchen, weil dadurch großes Verdienst zu erwerben
+ist, und der, welcher sie besitzt und ausübt, der Wohlthäter
+einer ganzen Stadt werden kann.</p>
+
+<p>Mehr oder weniger trägt jeder das Gepräge der Gesellschaft,
+und wird ihr Zögling, oft ein zu folgsamer; denn indem sie allen
+seinen Trieben die mannichfaltigste und reichste Befriedigung
+darbietet, besonders dem Ehrtriebe, indem sie das Bedürfniß,
+zu lieben, und geliebt zu werden, eben so sehr aufregt, als kräftig
+stillt, und allen seinen Zwecken dient, legt sie ihn in unauflösliche
+Fesseln. Doch sie soll auch seine Kräfte in Bewegung
+setzen und beschäftigen, darum muß sie Reibungen veranlassen,
+und jeglichem Bestreben, wozu die vereinte Kraft Mehrerer erfordert
+wird, so wie jeglicher ungeselligen Neigung Hindernisse
+und Widerstand entgegenstellen. Nicht überall kommt uns in
+der Gesellschaft (das Wort hier im weitesten Sinne genommen)
+Theilnahme und guter Wille entgegen, nicht überall die Anerkennnng
+unserer Verdienste und unserer sittlichen Güte, und da,
+wo wir gern Einfluß gewinnen möchten, stößt sie uns zurück,
+weil wir nicht ihre Sprache zu reden wissen, oder uns weigern,
+sie zu reden, und in den Ton, der jetzt gerade der herrschende
+ist, einzustimmen. Auf der andern Seite legt sie dem Rohen
+und Ungesitteten Fesseln an, und zwingt ihn durch die Gewalt
+ihrer conventionellen Gesetze, die Sprache der Bescheidenheit und
+Ehrbarkeit zu reden; sie nöthigt ihn zu einer sehr beschwerlichen
+Selbstverleugnung, und straft ihn auf der Stelle, wenn er sich<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span>
+weigert, ihre Gesetze anzuerkennen und ihnen zu gehorchen.
+Wenn es scheint, daß sie dadurch theils Heuchler bildet, theils
+Menschenhasser, so kann sie zwar von dieser Schuld nicht ganz
+frei gesprochen werden; aber sie weiß wenigstens den Schaden,
+welchen sie anrichtet, mannichfaltig zu vergüten, theils durch
+die Ermunterungen, welche sie denen zu Theil werden läßt, die
+sich in ihr geltend zu machen wissen; theils durch die Veranlassungen,
+welche sie dem Thätigen und Wohlwollenden gibt, sich
+gemeinnützig zu machen, vorzüglich aber durch die Kunst und
+Sorgfalt, mit welcher sie die rohen Edelsteine schleift, so daß
+ihr Werth erkannt und richtig geschätzt wird. Sie kommt durch
+dieß alles der Erziehung sehr wirksam zu Hülfe, und rettet Viele,
+die sonst für die Welt verloren gegangen seyn würden, errettet
+Andere aus dem Verderben der Milzsucht, Hypochondrie und
+üblen Laune, der Blödigkeit und Verzagtheit, des Versinkens
+in Eintönigkeit, Einsylbigkeit und Verschlossenheit, verhilft ihnen
+zu der Entdeckung, daß ihnen auch die Gabe der Sprache, oder
+wohl gar die des Witzes und Humors zu Theil geworden sey,
+weckt in viel Tausenden wohlwollende und theilnehmende Gefühle,
+und heilt sie gründlich von den Krankheiten, welche ihnen
+durch eine verkehrte Erziehung, oder durch den Einfluß eines
+bösen Familiengeistes, oder durch die Macht böser Gewohnheiten
+eingeimpft worden sind. Auch für diejenigen wird sie oft
+Retterinn und Wohlthäterinn, welche am Müßiggange und an
+der langen Weile krank liegen, und nur der Anregung bedürfen,
+um sich zu fühlen, und zur Thätigkeit zu erwachen.</p>
+
+<p>Die schwerste Aufgabe, welche uns die Gesellschaft zu lösen
+gibt, und wodurch sie besonders die festen und gediegenen Charaktere,
+und die einfachen Gemüther abschreckt, ist die, sich in
+die oft ganz kontrastirenden Tonarten zu finden und einzustimmen,
+welche in den verschiedenen Kreisen die herrschenden oder
+beliebten sind. Denn seinen Geschmack verleugnen, seine Vernunft
+gefangen nehmen unter dem Glauben an die Untrüglichkeit
+der Mode, oder faden Witz verschlucken, und immer wieder
+dieselben Späßchen sich vormachen lassen, oder einem Treibjagen
+gemeiner Anekdoten zusehen, dazu gehört, wenn man wahrhaft
+gebildet ist, eine Selbstverleugnung, die auch des Geduldigsten
+Langmuth erschöpft, oder ein Humor, der nicht zu zerstören
+ist. Da aber in dieser besten Welt niemand der Nothwendigkeit,<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span>
+die Menschen zu nehmen, wie sie sind, entgehen kann,
+so dürfte es zur Lebensklugheit gehören, sich mit einer solchen
+Fassung und humanen Langmuth auszustatten, daß man auch
+die schwersten Prüfungen dieser Art bestehen könne.</p>
+
+<p>Zur Erwerbung einer solchen Fassung und Langmuth kann
+eine Anleitung, wie sie <em class="gesperrt">Knigge</em> in dem vorliegenden Buche gegeben
+hat, allerdings etwas beitragen, da sie die Menschen nicht
+nur in allerlei Gestalten lebendig darstellt, sondern auch lehrt,
+wie man sie, nach Maßgabe ihres Charakters und ihrer Bildung,
+zu nehmen und zu behandeln, welche Klippen man im
+Umgange zu vermeiden, welche Saiten man zu berühren und
+nicht zu berühren habe, und wie man sich gegen den nachtheiligen
+Einfluß sichern könne, welchen der Umgang auf Gesinnung,
+Sitte und Urtheil ausübt, wenn man nicht die Spreu von dem
+Weizen zu sondern versteht, und sich durch das Ansehen hoher
+Einsicht und untrüglicher Urtheilskraft, welches die dreisten Tonangeber
+in der Gesellschaft anzunehmen wissen, täuschen und
+bethören läßt. Wenn der humoristische Verfasser hie und da seiner
+Laune zu sehr den Zügel schießen ließ, und sich, um einen
+witzigen Einfall nicht unterdrücken zu dürfen, eine kleine Uebertreibung
+oder Entstellung erlaubte; wenn er sich von einem Vorurtheil,
+welches man <em class="gesperrt">seiner</em> Zeit zu Gute halten muß, verleiten
+ließ, den französischen Gesellschaftston und die geselligen
+Tugenden der Franzosen, auf Unkosten der Teutschen, zu preisen;
+so thut dieß im Ganzen dem Werthe dieses Buches keinen
+Eintrag, da es nicht schwer ist, in diesen Stellen die Uebertreibung
+zu erkennen und abzusondern; auch hat es sich der Herausgeber
+angelegen seyn lassen, des Verf. Bemerkungen in dieser
+Hinsicht zu berichtigen, und sein Urtheil zu mildern.</p><br>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Einleitung_des_Verfassers">Einleitung des Verfassers.</h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Wir sehen die klügsten, verständigsten Menschen im gemeinen
+Leben Schritte thun, wozu wir den Kopf schütteln müssen.</p>
+
+<p>Wir sehen die feinsten theoretischen Menschenkenner das
+Opfer des gröbsten Betrugs werden.</p>
+
+<p>Wir sehen die erfahrensten, geschicktesten Männer, bei alltäglichen
+Vorfällen, unzweckmäßige Mittel wählen; sehen, daß
+es ihnen mißlingt, auf Andre zu wirken; daß sie, mit allem
+Uebergewicht der Vernunft, dennoch oft von fremden Thorheiten
+und Grillen und von dem Eigensinne der Schwächern abhängen;
+daß sie von schiefen Köpfen, die nicht werth sind, mit
+ihnen verglichen zu werden, sich müssen regieren und mißhandeln
+lassen; daß hingegen Schwächlinge und Unmündige an
+Geist Dinge durchsetzen, die der Weise kaum zu wünschen wagen
+darf.</p>
+
+<p>Wir sehen manchen Redlichen fast allgemein verkannt.</p>
+
+<p>Wir sehen die witzigsten, hellsten Köpfe in Gesellschaften,
+wo Aller Augen auf sie gerichtet waren, und jedermann begierig
+auf jedes Wort lauerte, das aus ihrem Munde kommen
+würde, eine untergeordnete Rolle spielen; sehen, wie sie verstummen,
+oder nur gemeine Dinge sagen, indeß ein andrer,
+äußerst leerer Mensch die kleine Summe von Begriffen, die er
+hie und da aufgesammelt hat, so durch einander zu werfen und
+aufzustutzen versteht, daß er Aufmerksamkeit erregt, und, selbst
+bei Männern von Kenntnissen, für etwas gilt.</p>
+
+<p>Wir sehen, daß die glänzendsten Schönheiten nicht allenthalben
+gefallen, indeß Personen, mit weniger äussern Annehmlichkeiten
+ausgerüstet, allgemein interessiren. —</p>
+
+<p>Kurz, wir werden täglich gewahr, daß die klügsten und gelehrtesten
+Männer, wenn nicht zuweilen die untüchtigsten zu<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span>
+allen Weltgeschäften, doch wenigstens unglücklich genug sind,
+durch den Mangel einer gewissen Gewandtheit zurückgesetzt zu
+bleiben, und daß die Geistreichsten, von der Natur mit allen
+innern und äussern Vorzügen beschenkt, oft am wenigsten zu
+gefallen, zu glänzen verstehen.</p>
+
+<p>Manche Leute glauben, ausgezeichnete Eigenschaften berechtigten
+sie, die kleinen gesellschaftlichen Schicklichkeiten, die Regeln
+des Anstandes, der Höflichkeit, oder der Vorsicht zu vernachlässigen
+— Sie irren sehr. Großer Eigenschaften wegen
+verzeiht man große Fehler, weil Menschen von feinerm Stoffe
+heftige Leidenschaften zu haben pflegen. Wo aber keine Leidenschaft
+im Spiele ist, da soll der bessere Mann auch weiser handeln,
+als der alltägliche; und es ist nicht weise gehandelt, die
+unschuldigen Gebräuche der Gesellschaft zu verachten, wenn man
+in der Gesellschaft leben und wirken will.</p>
+
+<p>Ich rede aber hier nicht von der freiwilligen Verzichtleistung
+des Weisen auf die Bewunderung des vornehmen und geringen
+Pöbels. Daß der Mann von bessrer Art da in sich selbst verschlossen
+schweigt, wo er nicht verstanden wird; daß der Witzige,
+Geistvolle, in einem Cirkel schaler Köpfe sich nicht so weit herabläßt,
+den Spaßmacher zu spielen; daß der Mann von einer gewissen
+Würde im Charakter zu viel Stolz hat, sein ganzes Wesen
+nach jeder ihm unbedeutenden Gesellschaft umzuformen, die
+Stimmung anzunehmen, wozu die jungen Laffen seiner Vaterstadt
+den Ton mit von Reisen gebracht haben; daß es den Jüngling
+besser kleidet, bescheiden, schüchtern und still, als nach
+Art der mehrsten unsrer heutigen jungen Leute, vorlaut, selbstgenügsam
+und plauderhaft zu seyn; daß der edle Mann, je klüger
+er ist, um desto bescheidner, um desto mißtrauischer gegen
+seine eignen Kenntnisse und Urtheile, um desto weniger zudringlich
+seyn wird; oder daß, je mehr innerer, wahrer Verdienste
+sich jemand bewußt ist, er um desto weniger Kunst anwenden
+wird, seine vortheilhaften Seiten hervorzukehren, so wie die
+wahrhafte Schönheit alle kleine anlockende, unwürdige Buhlkünste,
+wodurch man sich bemerkbar zu machen sucht, verachtet
+— Das alles ist wohl sehr natürlich! — davon rede ich
+also nicht.</p>
+
+<p>Auch nicht von der beleidigten Eitelkeit eines Mannes voll
+Forderungen, der unaufhörlich eingeräuchert, geschmeichelt und<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span>
+vorgezogen zu werden verlangt, und, wo das nicht geschieht,
+ein finsteres Gesicht macht; nicht von dem gekränkten Hochmuthe
+eines abgeschmackten Pedanten, der mißlaunig wird, wenn
+er das Unglück hat, nicht aller Orten für ein großes Licht der
+Erde bekannt, und als ein solches behandelt zu seyn; wenn nicht
+Jeder mit seinem Lämpchen herzuläuft, um es an diesem großen
+Lichte der Aufklärung anzuzünden. Wenn ein steifer Professor,
+der gewohnt ist, von seinem bestaubten Dreifuße herunter, sein
+Lehrbuch in der Hand, einem Haufen gaffender, unbärtiger
+Musensöhne stundenlang hohe Weisheit vorzupredigen, und dann
+zu sehen, wie sogar seine platten, in jedem halben Jahre wiederholten
+Späße sorgfältig nachgeschrieben werden; wenn ein
+Solcher einmal die Residenz, oder irgend eine andere Stadt besucht,
+und das Unglück nun will, daß man ihn dort kaum dem
+Namen nach kennt, daß er in einer feinen Gesellschaft von zwanzig
+Personen gänzlich übersehn, oder von irgend einem Fremden
+für den Kammerdiener im Hause gehalten und Er genannt wird,
+wer mögte es ihm verargen, wenn er ergrimmt, und ein verdrossenes
+Gesicht zeigt; oder wenn ein Stuben-Gelehrter, der
+ganz fremd in der Welt, ohne Erziehung und ohne Menschenkenntniß
+ist, sich einmal aus dem Haufen seiner Bücher hervorarbeitet,
+und dann, äusserst verlegen mit seiner Figur, buntschäckig
+und altväterisch gekleidet, in seinem, vor dreißig Jahren
+nach der neuesten Mode verfertigten Bräutigamsrocke, da sitzt,
+und an nichts von Allem, was gesprochen wird, Antheil nehmen,
+keinen Faden finden kann, um mit anzuknüpfen: so gehört
+das alles nicht hieher.</p>
+
+<p>Eben so wenig rede ich von dem groben Cyniker, der alle
+Regeln verachtet, welche Uebereinkunft und gegenseitige Gefälligkeit
+den Menschen im bürgerlichen Leben vorgeschrieben haben,
+noch von dem Kraft-Genie, das sich über Sitte, Anstand
+und Vernunft hinauszusetzen, einen besondern Freibrief zu haben
+glaubt.</p>
+
+<p>Und wenn ich sage, daß oft auch die weisesten und klügsten
+Menschen in der Welt, im Umgange und in Erlangung äusserer
+Achtung, bürgerlicher und anderer Vortheile, ihres Zwecks verfehlen,
+ihr Glück nicht machen; so bringe ich hier weder in Anschlag:
+daß ein widriges Geschick zuweilen den Besten verfolgt,
+noch daß eine unglückliche leidenschaftliche oder ungesellige Gemüthsart<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span>
+bei Manchem die vorzüglichsten, edelsten Eigenschaften
+verdunkelt.</p>
+
+<p>Nein! meine Bemerkung trifft Personen, die wahrlich allen
+guten Willen und treue Rechtschaffenheit mit mannigfaltigen,
+recht vorzüglichen Eigenschaften und dem eifrigen Bestreben, in
+der Welt fortzukommen, eignes und fremdes Glück zu bauen,
+verbinden, und die dennoch mit diesem Allen verkannt, übersehen
+werden, zu gar nichts gelangen. Woher kömmt das? Was
+ist es, das Diesen fehlt und Andere haben, die, bei dem Mangel
+wahrer Vorzüge, alle Stufen menschlicher, irdischer Glückseligkeit
+ersteigen? — Es fehlt ihnen: <em class="gesperrt">die Kunst des Umgangs
+mit Menschen</em> — eine Kunst, die oft der schwache
+Kopf, ohne darauf zu studiren, viel besser erlauert, als der verständige,
+weise, witzreiche; die Kunst, sich geltend zu machen,
+ohne beneidet zu werden; sich nach den Temperamenten, Einsichten
+und Neigungen der Menschen zu richten, ohne falsch zu
+seyn; sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft stimmen
+zu können, ohne weder Eigenthümlichkeit des Charakters zu verlieren,
+noch sich zu niedriger Schmeichelei herabzulassen. Der,
+welchen nicht die Natur schon mit dieser glücklichen Anlage hat
+geboren werden lassen, erwerbe sich Menschenkenntniß, eine gewisse
+Geschmeidigkeit, Geselligkeit, Nachgiebigkeit, Duldung,
+lerne sich zu rechter Zeit verleugnen, erringe Gewalt über heftige
+Leidenschaften, Wachsamkeit auf sich selber, und Heiterkeit des
+immer gleich gestimmten Gemüths; und er wird sich jene Kunst
+zu eigen machen. Doch hüte man sich, sie zu verwechseln mit
+der schädlichen, niedrigen Gefälligkeit des verworfenen Sclaven,
+der sich von Jedem mißbrauchen läßt, sich Jedem preisgibt, um
+eine Mahlzeit zu gewinnen; dem Schurken huldigt, und, um
+eine Bedienung zu erhalten, zum Unrechte schweigt, zum Betruge
+die Hände bietet, und die Dummheit vergöttert.</p>
+
+<p>Indem ich aber von jenem <span class="antiqua">esprit de conduite</span> rede, der
+uns leiten muß, bei unserm Umgange mit Menschen aller Gattung:
+will ich nicht etwa ein Complimentir-Buch schreiben,
+sondern einige Resultate aus den Erfahrungen ziehn, die ich gesammelt
+habe, während einer nicht kurzen Reihe von Jahren,
+in welchen ich mich unter Menschen aller Arten und Stände
+umhertreiben mußte und oft in der Stille beobachtete. — Kein<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span>
+vollständiges System, aber Bruchstücke, vielleicht nicht zu verwerfende
+Materialien, Stoff zu weiterm Nachdenken.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+<p>In keinem Lande in Europa ist es vielleicht so schwer, im
+Umgange mit Menschen aus allen Klassen, Gegenden und Ständen,
+allgemeinen Beifall einzuerndten: in jedem dieser Kreise
+wie zu Hause zu seyn, ohne Zwang, ohne Falschheit, ohne sich
+verdächtig zu machen, und ohne selbst dabei zu leiden, auf den
+Fürsten wie auf den Edelmann und Bürger, auf den Kaufmann
+wie auf den Geistlichen, nach Gefallen zu wirken, als in unserm
+teutschen Vaterlande; denn nirgends vielleicht herrscht zu
+gleicher Zeit eine so große Mannigfaltigkeit des Conversationstons,
+der Erziehungsart, der Religions- und andrer Meinungen,
+eine so große Verschiedenheit der Gegenstände, welche die
+Aufmerksamkeit der einzelnen Volks-Klassen in den einzelnen
+Provinzen beschäftigen. Dieß rührt her von der Mannigfaltigkeit
+des Interesse der teutschen Staaten gegen einander und gegen
+auswärtige, von dem Unterschiede der Verbindungen mit
+diesem oder jenem auswärtigen Volke, und von dem sehr merklichen
+Abstande der Klassen in Teutschland von einander, zwischen
+denen verjährtes Vorurtheil, Erziehung und zum Theil
+auch Staats-Verfassung eine viel bestimmtere Grenzlinie gezogen
+haben, als in andern Ländern. Wo hat mehr, als in Teutschland,
+die Idee von sechszehn Ahnen des Adels wesentlichen moralischen
+und politischen Einfluß auf Denkungsart und Bildung?
+Wo greift weniger allgemein, als bei uns, die Kaufmannschaft
+in die übrigen Klassen ein? Wo macht mehr, als hier, das
+Corps der Hofleute eine ganz eigne Gattung aus, in welche
+hinein, so wie zu der Person der mehrsten Fürsten, nur Leute
+von gewisser Geburt und gewissem Range sich hindrängen können?
+Wo durchkreuzen sich mehr Arten von Interesse? — Und
+diese treffen nicht etwa auf irgend einen dem ganzen Volke merkbaren
+Punkt zusammen, auf allgemeine National-Bedürfnisse,
+Volks-Angelegenheiten, Vaterlands-Nutzen, wie in England,
+wo Aufrechthaltung der Constitution, Freiheit und Glück der
+Nation, Flor des Vaterlandes, der Punkt ist, in welchem sich
+das Streben, Dichten und Trachten so mancher originellen Charaktere
+vereinigt, noch wie in fast allen übrigen europäischen
+Ländern, die entweder unter einem einzigen Oberhaupte stehen,<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span>
+oder durch ein einziges, allen Gliedern wichtiges Interesse beherrscht
+werden, wie die Schweiz, oder in welchen eine allein
+herrschende Religion, oder ein tyrannisches Clima, über Denkungsart,
+Ton und Stimmung allgemein überwiegende Gewalt
+hat.</p>
+
+<p>Daß im Ganzen unsere teutsche Verfassung, so zusammengesetzt
+sie auch ist, sehr große, wesentliche Vorzüge gewährt,
+das leidet keinen Zweifel; allein es ist nicht weniger gewiß, daß
+dieselbe den mächtigsten Einfluß auf die Verschiedenheit der Stimmung
+in den einzelnen Provinzen und Staaten und unter den
+mancherlei von einander abgesonderten Ständen hat. Eben daher
+kommt es, daß unsre Schauspieler, Schauspiel-Dichter und
+Romanen-Schreiber ein viel schwereres Studium haben, wenn
+sie alle diese Nüancen kennen, bearbeiten und dennoch einen Anstrich
+von originellem National-Charakter wollen durchschimmern
+lassen; viel schwerer, als in Frankreich, wo die Sitten
+der verschiednen Stände und einzelnen Provinzen nicht so sehr
+gegen einander abstechen. Eben daher kömmt es, daß man über
+wenige unsrer literarischen Produkte ein allgemein einstimmig
+beifälliges Volks-Urtheil hört, daß überhaupt so wenige unserer
+Werke wie National-Monumente auf die Nachwelt übergehen,
+und eben daher endlich kömmt es, daß es so schwer ist, mit
+Menschen aus allen Ständen und Gegenden in Teutschland umzugehn
+und bei Allen gleich wohl gelitten zu seyn, auf Alle gleich
+vortheilhaft zu wirken.</p>
+
+<p>Der treuherzige, naive, zuweilen ein wenig bäurische, materielle
+Bayer ist äusserst verlegen, wenn er auf alle verbindlichen,
+artigen Dinge antworten soll, die ihm der feine Ober-Sachse in
+<em class="gesperrt">einem</em> Othem entgegenschickt; dem schwerfälligen Westphälinger
+ist alles hebräisch, was ihm der Oesterreicher in seiner, ihm
+gänzlich fremden Mundart vorpoltert; die zuvorkommende Höflichkeit
+und Geschmeidigkeit des durch französische Nachbarschaft
+polirten Rheinländers würde man in manchen Städten von
+Nieder-Sachsen für Zudringlichkeit, für Niederträchtigkeit halten.
+Man glaubt da, ein Mann, der so äusserst unterthänig
+und nachgiebig ist, müsse gefährliche oder niedrige Absichten haben,
+oder müsse falsch, oder sehr arm und hülfsbedürftig seyn;
+und oft ist dort ein wenig zu weit getriebne äussere Höflichkeit
+hinlänglich, den Mann, der sich am Rheine dadurch allgemeine<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span>
+Liebe erwerben würde, an der Leine verächtlich zu machen. Dagegen
+wird aber auch der, nicht kältere, nur weniger leichtsinnige,
+weniger zuversichtliche, nicht so im Gedränge von Fremden,
+noch auf Reisen an Leib und Seele abgeschliffene, geglättete,
+sondern ernsthafte Nieder-Sachse, der bei der ersten Bekanntschaft
+nicht sehr zuvorkommend, sondern wohl gar ein
+wenig verlegen ist, an einem Hofe im Reiche vielleicht für einen
+schüchternen Menschen, ohne Lebensart, ohne Welt, angesehen
+werden<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>.</p>
+
+<p>Sich nun also nach Ort, Zeit und Umständen umzuformen,
+und von verjährten Gewohnheiten sich loszumachen: das erfordert
+Studium und Kunst.</p>
+
+<p>In Gegenden, aus welchen weder Unzufriedenheit mit dem
+Vaterlande, noch Müßiggang, noch Verderbniß der Sitten,
+noch unbestimmte, rastlose Thätigkeit, noch Anekdoten-Jagd,
+noch vorwitzige Neugier, die Menschen schaarenweise auswandern
+macht, und jeden Pinsel zum Reisen treibt, sind die Einwohner
+mit dem, was es daheim gibt, so herzlich wohl zufrieden,
+daß sie nichts Größeres kennen, nichts Größeres kennen
+mögen, als das, was sie in ihrem Vaterlande von Jugend auf
+betrachtet, schon als Knaben bewundert, oder von ihren Verwandten
+und Freunden haben stiften, bauen, anlegen gesehn.
+Ihnen sind die kleinen jährlichen oder andern Feste immer neu,<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span>
+immer gleich glänzend und merkwürdig. — Glückliche Unwissenheit!
+nicht zu vertauschen mit dem Ekel, welcher den Mann
+anwandelt, der in seinem Leben so gar viel aller Orten erlebt,
+erfahren, gesehn, bauen und zerstören gesehn hat, und zuletzt
+an nichts mehr Freude finden, nichts mehr bewundern kann,
+alles mit Tadel und Langerweile erblickt! — Doch macht die
+treue Anhänglichkeit an einheimische Sitten zuweilen ungerecht,
+ungeschliffen gegen Menschen, die sich durch kleine Verschiedenheiten,
+wäre es auch nur in Anstand, Kleidung, Ton, Mundart
+oder Gebehrden, unschuldigerweise auszeichnen.</p>
+
+<p>In freien Städten ist diese Anhänglichkeit an väterliche Sitten,
+Kleidertrachten u. dgl. sehr auffallend, und hat nicht selten
+Einfluß auf Regierungs-Verfassung, Religions-Verträglichkeit
+und andre wichtige und unwichtige Dinge. Ich meine, diese
+Verschiedenheit der Sitten und der Stimmung in den teutschen
+Staaten macht es sehr schwer, außer seiner vaterländischen Gegend,
+in fremden Provinzen, in Gesellschaften zu gefallen,
+Freundschaften zu stiften, Geschmack am Umgange zu finden,
+Andre für sich einzunehmen, und auf Andre zu wirken.</p>
+
+<p>Diese Schwierigkeiten werden größer und fühlbarer, und erzeugen
+eine nicht geringe Verlegenheit, wenn man in Teutschland
+in Gesellschaften geräth, welche aus Personen von verschiedenen
+Ständen und Erziehungsweisen zusammengesetzt sind.
+Dem Teutschen wird es schwer, sich zu einem fremden Gesellschaftston
+zu erheben oder herabzustimmen; seine Theilnahme
+wird nicht sogleich rege; er fühlt sich verstimmt, wenn die Form
+der Unterhaltung von derjenigen, an welche er in seiner Heimath
+gewöhnt ist, merklich abweicht. Kommt er aus der Provinz in
+die Hauptstadt, so macht ihn die Neuheit der Form verlegen,
+ängstlich, schüchtern, und also unbeholfen; ist der Fall umgekehrt,
+so wird er entweder einsylbig, kaltsinnig und verdrießlich,
+oder er überläßt sich der Spottlust, und wird ein Friedensstörer.
+Lebt er auf dem Lande, so fühlt er sich in der Hauptstadt durch
+die im Umgange herrschende Geschmeidigkeit und Gewandtheit
+geängstigt, weil er gewohnt ist, sich gehen zu lassen, und auf
+sein äusseres Wesen wenig Aufmerksamkeit zu wenden, und daher
+sitzt er stumm und gefühllos da.</p>
+
+<p>Man sehe nur einen ehrlichen Land-Edelmann, aus treuer
+Lehnspflicht, einmal nach langen Jahren wieder an dem Hofe<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span>
+seines Landesherrn erscheinen! Er hat sich schon früh Morgens
+auf's beste ausgeschmückt und sich die sonst gewöhnte liebe Pfeife
+Tabak versagt, um nicht nach Rauch zu riechen. Auf den Gassen
+der Stadt war es noch öde und still, als er schon in seinem
+Wirthshause umherwandelte und alles in Bewegung setzte, um
+ihm beizustehen, bei dem beschwerlichen Geschäfte, sich hofmäßig
+auszuschmücken. Jetzt ist er endlich fertig; die seidnen Strümpfe
+ersetzen bei weitem nicht, was die heute zurückgelegten Stiefel
+ihm sonst gewähren; ihn friert gewaltig an den, ihm nackend
+scheinenden Beinen. Der modisch zugeschnittene Rock ist in den
+Schultern nicht so bequem, wie sein treuer, alter, warmer Ueberrock;
+das Stehn wird ihm unerträglich sauer. — In dieser qualvollen
+Gemüthsverfassung erscheint er im Vorzimmer. Um ihn
+her wimmelt ein Haufen Hofschranzen herum, die, obgleich sie
+sämmtlich vielleicht nicht so viel werth, wie dieser ehrliche, nützliche
+Mann, und im Grunde ihrer Herzen nicht weniger, als
+er, von Langerweile geplagt sind, dennoch mit Naserümpfen
+und Verachtung hier, wo sie in ihrem Elemente zu seyn scheinen,
+ihn ansehen. Er fühlt jeden Spott, übersieht sie, ist ihnen
+an gesundem Verstande und Urtheilskraft bei weitem überlegen,
+und muß sich dennoch von ihnen demüthigen lassen. Sie nähern
+sich ihm, thun mit zerstreuter, wichtiger Miene einige Fragen
+an ihn; Fragen, an denen das Herz keinen Antheil nimmt, und
+worauf sie auch die Antwort nicht abwarten. Er glaubt Einen
+unter ihnen zu entdecken, der ihm theilnehmender scheint, als
+die Uebrigen; mit diesem fängt er ein Gespräch von Dingen an,
+die ihm, vielleicht auch dem Vaterlande, wichtig sind: von dem
+Wohlstande, den eigenthümlichen Vorzügen, den Naturschönheiten
+der Provinz, in welcher er lebt; er redet mit Wärme;
+Redlichkeit athmet alles, was er sagt — aber bald sieht er, wie
+sehr er sich in seiner Hoffnung getäuscht hat. Das Männchen
+hört ihm mit halbem Ohre zu, erwiedert irgend ein Paar unbedeutende
+Sylben zur Antwort, und läßt dann den braven Hausvater
+ohne Unterhaltung da stehen. Nun nähert er sich einem
+Cirkel von Leuten, die mit Interesse und Lebhaftigkeit zu reden
+scheinen. An diesem Gespräche wünscht er Theil zu nehmen;
+aber alles, was er hört, Gegenstand, Sprache, Ausdruck, Wendung,
+alles ist ihm fremd. In halb teutschen, halb französischen
+Redensarten wird hier eine Sache abgehandelt, auf welche er<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span>
+nie seine Aufmerksamkeit gerichtet, von welcher er nie geglaubt
+hat, daß es möglich wäre, teutsche Männer könnten sich damit
+beschäftigen. Seine Verlegenheit, seine Ungeduld steigt mit jedem
+Augenblicke, bis er endlich das verwünschte Schloß weit
+hinter sich sieht.</p>
+
+<p>Und nun, den Fall umgekehrt, lasse man einen sonst edlen
+Hofmann einmal hinaus auf das Land in die Gesellschaft biederer
+Beamten und Provinzial-Edelleute gerathen; — hier herrschen
+ungezwungene Fröhlichkeit, Offenherzigkeit, Freiheit; man
+redet von dem, was am nächsten den Landmann angeht; man
+wiegt die Worte nicht ab; der Scherz ist kunstlos, treffend, gewürzt,
+aber nicht zugespitzt, nicht witzig und gesucht. Unser
+Hofmann versucht es, sich in diese Manier hineinzuarbeiten: er
+mischt sich in die Gespräche; aber der Ausdruck der Offenheit
+und Treuherzigkeit fehlt. Was bei Jenen naiv war, wird bei
+ihm beleidigend. Er fühlt dieß, und will die Leute in seinen
+Ton stimmen. In der Stadt gilt er für einen angenehmen Gesellschafter:
+er spannt alle Segel auf, um auch hier zu glänzen;
+allein die kleinen Anekdoten, die feinen Züge, worauf er anspielt,
+sind hier gänzlich unbekannt, gehen verloren. Man findet ihn
+spottsüchtig, da in der Stadt niemand ihn einer solchen Gesinnung
+beschuldiget. Seine Höflichkeitsworte, die er wahrlich gut
+meint, hält man für Falschheit; die Süßigkeiten, die er den
+Frauenzimmern sagt, und die nur höflich und verbindlich seyn
+sollen, betrachtet man als hämischen Spott. — So groß ist die
+Verschiedenheit des Tons unter zweierlei Klassen von Menschen! —</p>
+
+<p>Ein Professor, der in der literarischen Welt eine nicht gemeine
+Rolle spielt, meint, in seiner gelehrten Einfalt, die Universität,
+auf welcher er lebt, sey der Mittelpunkt alles Lebens
+und aller Wirksamkeit im Staate, und das Fach, in welchem
+er sich Kenntnisse erworben, die einzige, dem Menschen nützliche,
+der Anstrengung, des Nachforschens und Studiums würdige
+Wissenschaft. Er nennt Jeden, der sich darauf nicht gelegt
+hat, verächtlicherweise einen Schöngeist. Eine Dame, die bei
+ihrer Durchreise den berühmten Mann kennen zu lernen wünscht,
+und ihn desfalls besucht, unterhält er in einer Sprache und über
+Gegenstände, wovon sie nicht ein Wort versteht; er unterhält
+die Gesellschaft, welche sich darauf gefreuet hatte, ihn recht zu
+genießen, bei der Abendtafel, mit Zergliederung des neuen akademischen<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span>
+Credit-Edikts, oder, wenn der Wein dem guten
+Manne jovialische Laune gibt, mit Erzählung lustiger Schwänke
+aus seinen Studenten-Jahren.</p>
+
+<p>In welcher Verlegenheit ist zuweilen ein Mann, der nicht
+viel Journale und neuere Modeschriften liest, wenn er in eine
+Gesellschaft von schöngeisterischen Herren und Damen geräth.</p>
+
+<p>Gleichsam wie verrathen und verkauft scheint ein sogenannter
+Profaner, wenn er sich unter einem Haufen Mitglieder einer
+geheimen Verbindung befindet, oder wenn er in eine Gesellschaft
+geräth, welche aus lauter wissenschaftlich gebildeten Personen
+zusammengesetzt ist.</p>
+
+<p>Freilich kann nichts ungesitteter, den wahren Begriffen einer
+feinen Lebensart mehr entgegen seyn, als wenn eine Anzahl
+Menschen, die sich auf diese Art unter einander verstehen, einem
+Fremden, der gutmüthig unter sie tritt, um an den Freuden der
+Geselligkeit Theil zu nehmen, durch ununterbrochene Lenkung
+des Gesprächs auf Gegenstände, wovon Dieser gar nichts versteht,
+jeden Genuß der Unterredung raubt. Auf diese Art habe
+ich zuweilen in meiner ersten Jugend in Familien-Cirkeln, wo
+die Unterhaltung beständig mit Anspielungen auf mir gänzlich
+unbekannte Anekdoten durchflochten, und durch gewisse mir
+fremde Redensarten und Bonmots, womit ich gar keinen Begriff
+verbinden konnte, gewürzt war, tödtende Langeweile gehabt.
+Man sollte wohl mehr Rücksicht nehmen: allein selten
+sind ganze Gesellschaften so billig, sich nach Einzelnen zu richten;
+auch läßt sich das nicht immer mit Recht fordern; folglich
+ist es wichtig für Jeden, der in der Welt mit Menschen leben
+will, die Kunst zu studiren, sich nach Sitten, Ton und Stimmung
+Anderer zu fügen.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Ueber diese Kunst will ich etwas sagen. — Aber habe ich
+denn auch wohl Beruf, ein Buch über den feinen Gesellschaftston
+zu schreiben, ich, der ich in meinem Leben vielleicht sehr
+wenig von diesem Ton gezeigt habe? Ziemt es mir, Menschenkenntniß
+auszukramen, da ich so oft ein Opfer der unvorsichtigsten,
+einem Neulinge kaum zu verzeihenden Hingebung gewesen
+bin? Wird man die Kunst des Umgangs von einem Manne
+lernen wollen, der beinahe von allem menschlichen Umgange<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span>
+abgesondert lebt? — Lasset doch sehn, meine Freunde, was sich
+darauf antworten läßt!</p>
+
+<p>Habe ich widrige Erfahrungen gemacht, die mich von meiner
+eigenen Ungeschicklichkeit überzeugt haben — desto besser!
+Wer kann so gut vor der Gefahr warnen, als Der, welcher
+darinn gesteckt hat? Haben Temperament und Weichlichkeit —
+oder darf ich es nicht Güte eines so gern sich anschließenden Herzens
+nennen? — haben Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft,
+nach Gelegenheit, Andern zu dienen, und sympathetische Empfindungen
+zu erregen, mich oft unvorsichtig handeln gemacht, oft
+die klügelnde Vernunft weit zurückgelassen; so war es wahrlich
+nicht Blödsinnigkeit, Kurzsichtigkeit, Unbekanntschaft mit Menschen,
+was mich irre leitete; sondern Bedürfniß zu lieben und
+geliebt zu werden, Verlangen thätig zu seyn, zum Guten zu
+wirken. Uebrigens werden vielleicht wenig Menschen in einem
+so kurzen Zeitraume in so manche sonderbare Verhältnisse und
+Verbindungen mit andern Menschen aller Art gerathen, wie ich,
+seit ungefähr zwanzig Jahren; und da hat man denn schon Gelegenheit,
+wenn man nicht ganz von der Natur und Erziehung
+verwahrloset ist, Bemerkungen zu machen, und vor Gefahren
+zu warnen, die man selbst nicht hat vermeiden können. Daß
+ich aber jetzt einsam und abgezogen lebe, geschieht weder aus
+Menschenhaß, noch Blödigkeit; ich habe sehr wichtige Gründe
+dazu; allein diese hier weitläuftig zu entwickeln, das hieße zu
+viel von mir selbst reden, da ich ohnehin noch, zum Schlusse
+dieser Einleitung, etwas über meine eignen Erfahrungen werde
+sagen müssen, bevor ich zum Zwecke komme. — Also nur noch
+dieses:</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Ich trat als ein sehr junger Mensch, beinahe noch als ein
+Kind, schon in die große Welt, und auf den Schauplatz des
+Hofes. Mein Temperament war lebhaft, unruhig, bewegsam,
+mein Blut warm; die Keime zu mancher heftigen Leidenschaft
+lagen in mir verborgen. Ich war in der ersten Erziehung ein
+wenig verzärtelt, und durch große Aufmerksamkeit, deren man
+meine kleine Person früh gewürdigt hatte, gewöhnt worden, sehr
+viel Rücksichten von andern Leuten zu fordern. In einem Vaterlande
+aufgewachsen, wo Schmeichelei, Verstellung und ein
+gewisses kriechendes Wesen nicht sehr zu Hause sind, hatte man<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span>
+mich freilich auch nicht zu jener Geschmeidigkeit vorbereitet, deren
+ich bedurfte, um, unter mir ganz fremden Leuten, in despotischen
+Staaten große Fortschritte zu machen; auch ist der theoretische
+Unterricht in wahrer Weltklugheit bei der Jugend theils
+selten mit Erfolge, theils nicht immer ohne Gefahr zu ertheilen;
+eigne Erfahrung muß da in der Folge das Beste thun. Diese
+Lectionen, wenn man das Glück hat, wohlfeil daran zu kommen,
+sind von der heilsamsten Wirkung, und prägen sich tief
+ein. Noch erinnere ich mich einer kleinen Scene von der Art, die
+mich auf eine Zeitlang vorsichtig machte. Ich saß in C*** in
+der italiänischen Oper in der herrschaftlichen Loge; ich war früher,
+als der Hof, gekommen, weil ich Mittags nicht auf dem
+Schlosse, sondern in der Stadt als Gast gespeist hatte. Noch
+waren wenige Menschen da; in der ganzen Reihe des ersten
+Ranges saß nur einzig der Land-Commandeur, Graf I***,
+ein würdiger Greis. Er hatte, wie es schien, auch darauf gerechnet,
+daß es schon später wäre, als es wirklich war; weil er
+nun Langeweile hatte, und mich gleichfalls einsam da sitzen sah,
+trat er zu mir herein, und fing eine Unterredung mit mir an.
+Er schien sehr zufrieden mit dem, was ich ihm über verschiedene
+Gegenstände, von denen ich einige Kenntniß besaß, sagte; der
+Greis wurde immer freundlicher und herablassender, und dieß
+kitzelte mich so sehr, daß ich darauf allerlei Seitensprünge in
+meinem Gespräche machte, und zuletzt ein wenig vorwitzig und
+muthwillig wurde. Endlich entwischte mir eine, mir gegenwärtig
+nicht mehr erinnerliche, grobe Unvorsichtigkeit im Reden;
+der Graf sah mir ernsthaft in das Gesicht, und ohne weiter ein
+Wort zu verlieren, ließ er mich stehn, und ging zurück in seine
+Loge. Ich fühlte die ganze Stärke dieses Verweises, aber die
+Arzenei half nicht lange. Meine Lebhaftigkeit verleitete mich zu
+großen Verletzungen der Bescheidenheit und guten Sitte; ich
+übereilte alles, that immer zu viel oder zu wenig, kam stets zu
+früh oder zu spät, weil ich immer entweder eine Thorheit beging,
+oder eine andere gutzumachen hatte. Daher kamen unendliche
+Widersprüche in meinen Handlungen, und ich verfehlte
+fast bei allen Gelegenheiten des Zwecks, weil ich keinen einfachen
+Plan verfolgte. Zuerst war ich zu sorglos, zu offen, gab
+mich zu unvorsichtig hin, und schadete mir dadurch; alsdann
+nahm ich mir vor, ein feiner Hofmann zu werden. Mein Betragen<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span>
+wurde gekünstelt, und nun traueten mir die Bessern
+nicht; ich war zu geschmeidig, und verlor dadurch äussere Achtung
+und innere Würde, Selbstständigkeit und Festigkeit. Erbittert
+gegen mich und Andre, riß ich mich dann los, und wurde
+ein Sonderling. Dieß erregte Aufsehn; die Menschen suchten
+mich auf, wie sie alles Sonderbare aufsuchen. Dadurch aber
+erwachte mein Trieb zur Geselligkeit wieder; ich näherte mich
+auf's neue, lenkte wieder ein, und nun verschwand der Nimbus,
+den nur meine Abgezogenheit von der Welt um mich her gezogen
+hatte. In einer andern Periode spottete ich der herrschenden
+Thorheiten, zuweilen nicht ohne Witz; man fürchtete mich, aber
+man liebte mich nicht; dieß schmerzte mich; um das wieder gut
+zu machen, zeigte ich mich von der unschädlichen Seite, entfaltete
+ein liebevolles, wohlwollendes Herz, unfähig zu schaden und
+zu verfolgen — und die Wirkung davon war, daß jedermann,
+der noch einen Rest von Groll gegen mich hegte, oder irgend einen
+lustigen Einfall von mir, auf seine Rechnung geschrieben hatte,
+mich jetzt mit einer Art von Geringschätzung behandelte, sobald
+er sah, daß ich nur mit Rappieren und nicht mit Schwerdtern
+focht, daß meine Waffen nicht zum Morde geschliffen waren.
+Oder wenn meine satyrische Laune durch den Beifall lustiger
+Gesellschafter aufgeweckt wurde, hechelte ich große und kleine
+Thoren durch; die Spaßvögel lachten dann; aber die Weisern
+schüttelten die Köpfe, und wurden kalt gegen mich. Um zu zeigen,
+wie wenig bösartig meine Laune wäre, hörte ich auf, zu
+spotten, und fing an, alle Thorheiten und Fehler gutmüthig zu
+entschuldigen; und nun hielten Einige mich für einen Pinsel,
+Andre für einen Heuchler. Wählte ich mir meinen Umgang unter
+den ausgesuchtesten, aufgeklärtesten Männern, so erwartete
+ich vergebens Schutz von dem am Ruder stehenden Dummkopfe;
+gab ich mich elenden Leuten preis, so wurde ich mit diesen in
+Eine Klasse gesetzt. Menschen ohne Erziehung, von niederm
+Stande, mißbrauchten mich, wenn ich mich ihnen zu sehr näherte;
+mit Vornehmern verdarb ich es, sobald sie meine Eitelkeit
+beleidigten. Bald ließ ich den Geistesarmen zu sehr meine
+Ueberlegenheit empfinden, und wurde verfolgt; bald war ich zu
+bescheiden, und wurde übersehen. Bald richtete ich mich geschmeidig
+und schonend nach den Sitten der Leute, nach dem Ton aller
+unbedeutenden Gesellschaften, in welche ich gerieth, verlor<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span>
+goldne Zeit, Achtung der Weisern, und Zufriedenheit mit mir
+selber; dann wurde ich wieder zu einfach, und spielte eine verkehrte
+Rolle, da, wo ich hätte glänzen oder wenigstens mich geltend
+machen können und sollen, durch Mangel an Zuversicht zu
+mir selber. Zu einer Zeit ging ich zu wenig unter Menschen,
+indem ich mich meiner Laune hingab, und man hielt mich für
+stolz oder menschenscheu; zu einer andern zeigte ich mich überall,
+und wurde als ein Alltagsgesicht übersehen oder belächelt. In
+den ersten Jünglingsjahren gab ich mich unbedachtsam, Jedem
+ausschließlich, mit vollem Vertrauen, und ohne alle Vorsicht
+hin, der sich meinen Freund nannte, und mir einige Zuneigung
+bewies; und sahe mich schmerzlich getäuscht, oder schändlich betrogen
+und gemißbraucht; dann war ich wieder, in einem Anfall
+von Menschenliebe und Wohlwollen, eines Jeden Freund,
+bereit, Jedem zu dienen, und nun mußte ich mit Verdruß erfahren,
+daß sich niemand mit ganzer Seele an mich anschloß,
+weil niemand mit dem kleinen, in so viel Partikeln getheilten
+Stückchen Herzen vorlieb nehmen wollte. Wenn ich zu viel erwartete,
+wurde ich getäuscht; wenn ich ohne allen Glauben an
+Treue und Redlichkeit unter den Menschen umher irrte, hatte
+ich gar keinen Genuß, nahm an gar nichts Theil. Es ist bekannt,
+welchen thätigen Antheil ich an der Verbindung der sogenannten
+Illuminaten genommen, wovon ich in einer eignen
+Schrift (<em class="gesperrt">Philo's Erklärung &amp;c.</em> ) Rechenschaft gegeben habe.
+Diese Verbindung, an deren Spitze Personen standen, die zum
+Theil, ihrer Geburt, ihren bürgerlichen Verhältnissen und ihren
+Talenten nach, zu den wichtigsten Männern in Teutschland gehörten,
+machte vorzüglich auch Menschenkenntniß zu einem Gegenstande
+ihrer Nachforschungen. Der, durch dessen Hände, wie
+das bei mir eine Zeitlang der Fall war, fast alle Geschäfte einer
+so ausgebreiteten Gesellschaft gingen, fand freilich Gelegenheit
+genug, Leute aus allen Ständen und von sehr verschiedener Bildung
+und Stimmung, welche Mitglieder des Ordens waren,
+von mancher Seite und in allerlei Lagen kennen zu lernen; allein
+da man mit diesen Leuten größtentheils nur schriftlichen
+Umgang pflog, so gewann im Ganzen meine praktische Erfahrung
+nicht so viel dabei. Reichhaltiger war die Ausbeute, die
+ich an Höfen, an welchen ich mich vielfältig umhertrieb, gemacht
+habe. Soll ich es mir aber zur Schande, oder zur Ehre<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span>
+rechnen? — genug! auch auf diesem Schauplatze habe ich mehr
+beobachtet, als meine Beobachtungen zu eignem Vortheile nützen
+gelernt, und nie habe ich über mein zu lebhaftes Temperament
+so viel gewinnen können, daß ich meine schwachen Seiten so
+sorgfältig, wie ich thun sollen, verborgen hätte. — Und so vergingen
+dann die Jahre, in welchen ich hätte mein Glück machen
+können, wie man das gewöhnlich nennt. Jetzt, da ich die Menschen
+besser kenne, da Erfahrung mir die Augen geöffnet, mich
+vorsichtig gemacht, und vielleicht die Kunst gelehrt hat, auf
+Andre zu wirken; jetzt ist es zu spät für mich, von dieser so
+theuer erkauften Kunst Gebrauch zu machen. Mein Rücken
+krümmt sich mit Mühe zu Reverenzen; ich habe nicht viel unnütze
+Zeit mehr zu verschwenden, die ich preisgeben könnte; das
+Wenige, was ich noch in dem Reste meines Lebens auf solchen
+Wegen erlangen könnte, lohnt die Mühe und Anstrengung nicht,
+die mich das kosten würde, und es ziemt dem Mann, dessen
+Grundsätze Alter und Erfahrung befestigt haben, eben so wenig,
+jetzt erst anzufangen, den Geschmeidigen, wie den Stutzer zu
+spielen. — Es ist zu spät, sage ich, mit der Ausübung anzuheben;
+aber nicht zu spät, Jünglingen zu zeigen, welchen Weg
+sie wandeln müssen — und so lasset uns denn den Versuch machen
+und der Sache näher rücken!</p><br>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den Umgang<br>
+mit Menschen.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als
+er sich selbst gelten macht.</em> Das ist ein goldner Spruch,
+ein reiches Thema zu einem Folianten, über den <span class="antiqua">esprit de conduite</span>
+und über die Mittel, in der Welt seinen Zweck zu erlangen;
+ein Satz, dessen Wahrheit auf die Erfahrung aller Zeitalter
+gestützt ist. Diese Erfahrung lehrt den Abentheurer und
+Großsprecher, sich bei dem Haufen für einen Mann von Wichtigkeit
+auszugeben, von seinen Verbindungen mit Fürsten und
+Staatsmännern, mit Männern, welche nicht einmal von seinem
+Daseyn etwas wissen, in einem Tone zu reden, der ihm,<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span>
+wo nichts mehr, doch wenigstens manche freie Mahlzeit, und
+den Zutritt in den ersten Häusern erwirbt. Ich habe einen Menschen
+gekannt, der auf diese Art von seiner Vertraulichkeit mit
+dem Kaiser Joseph und dem Fürsten Kaunitz redete, obgleich ich
+ganz gewiß wußte, daß diese ihn kaum dem Namen nach, und
+zwar als einen unruhigen Kopf und als eine Lästerzunge kannten.
+Indessen hatte er hiedurch, da niemand genauer nachfragte,
+sich auf eine kurze Zeit in solches Ansehn gesetzt, daß Leute, die
+bei des Kaisers Majestät etwas zu suchen hatten, sich an ihn
+wendeten. Dann schrieb er auf so unverschämte Art an irgend
+einen Großen in Wien, und sprach in diesem Briefe von seinen
+übrigen vornehmen Freunden daselbst mit einer solchen Dreistigkeit,
+daß er, zwar nicht Erlangung seines Zwecks, aber doch
+manche höfliche Antwort erschlich, mit welcher er dann weiter
+wucherte.</p>
+
+<p>Diese Erfahrung, daß es möglich ist, durch den Ton der
+Zuversicht und durch eine vornehme Miene sich Gehör zu verschaffen,
+macht den frechen Halbgelehrten so dreist, über Dinge
+zu entscheiden, wovon er nicht früher, als eine Stunde vorher,
+das erste Wort gelesen oder gehört hat, aber so zu entscheiden,
+daß selbst der anwesende bescheidene Literator es nicht wagt, zu
+widersprechen, noch Fragen zu thun, die des Schwätzers Fahrzeug
+auf's Trockene werfen könnten.</p>
+
+<p>Diese Erfahrung ist es, welche uns Aufschluß über den Erfolg
+gibt, mit welchem ein Dummkopf sich um die ersten Stellen im
+Staate bewirbt, die verdienstvollsten Männer zu Boden tritt,
+und niemand findet, der ihn in seine Schranken zurückwiese.</p>
+
+<p>Auf diese Erfahrung gestützt, fordert der fremde Künstler
+hundert Louisd'or für ein Stück, das der einheimische, zehnfach
+besser gearbeitet, um funfzig Thaler verkaufen würde; allein
+man reißt sich um des Ausländers Werke: er kann nicht so viel
+fertig machen, als von ihm gefordert wird, und am Ende läßt
+er bei dem Einheimischen arbeiten, und verkauft das für ultramontanische
+Waare.</p>
+
+<p>Auf diese Erfahrung gestützt, erschleicht sich der Schriftsteller
+eine vortheilhafte Recension, wenn er in der Vorrede zu dem
+zweiten Theile seines langweiligen Buchs mit der schamlosesten
+Frechheit von dem Beifalle redet, womit Kenner und Gelehrte,
+deren Freundschaft er sich rühmt, den ersten Theil beehrt haben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p>
+
+<p>Diese Erfahrung gibt dem vornehmen Bankerottirer, der
+Geld borgen will und nie wieder bezahlen kann, den Muth, das
+Anlehn in solchen Ausdrücken zu fordern, daß der reiche Wuchrer
+es für Ehre hält, sich von ihm betrügen zu lassen.</p>
+
+<p>Fast alle Arten von Bitten um Schutz und Beförderung, die
+in diesem Tone vorgetragen werden, finden Eingang, und werden
+nicht abgeschlagen; dahingegen Verachtung, Zurücksetzung
+und nicht erfüllte billige Wünsche fast immer der Preis des bescheidenen,
+furchtsamen Bewerbers sind.</p>
+
+<p>Kurz! der Satz: <em class="gesperrt">daß jedermann nicht mehr und nicht
+weniger gelte, als er sich selbst gelten macht</em>, ist die
+große Panacee für Abentheurer, Prahler, Windbeutel und seichte
+Köpfe, um fortzukommen auf diesem Erdballe — ich gebe also
+keinen Kirschkern für dieses Universalmittel — Doch still! sollte
+denn jener Satz uns gar nichts werth seyn? Ja, meine Freunde!
+er kann uns lehren, nie ohne Noth und Beruf unsre ökonomischen,
+physikalischen, moralischen und intellectuellen Schwächen
+aufzudecken. Ohne also sich zur Prahlerei und zu niederträchtigen
+Lügen herabzulassen, soll man doch nicht die Gelegenheit
+verabsäumen, sich von seinen vortheilhaften Seiten zu zeigen.</p>
+
+<p>Es gibt eine falsche Bescheidenheit und Zurückhaltung, die
+in einem kleinmüthigen Mißtrauen gegen sich selbst ihren Grund
+hat, und die Furcht erzeugt; von dieser gefesselt, läßt Mancher,
+der viel zu leisten vermag, die günstigste Gelegenheit, sich geltend
+zu machen, oder die Aufmerksamkeit der Vielvermögenden
+auf sich zu lenken, ungenutzt vorübergehen; eine Gelegenheit,
+die nimmer wiederkommt. Daß man hiebei mit Bescheidenheit
+zu Werke gehen, nichts zur Schau tragen, nicht sein eigner Lobredner
+seyn müsse, darf nicht erinnert werden, denn es bleibt
+dabei, daß der, welcher sich selbst erhöht, erniedrigt werde. Auszeichnung
+läßt sich nicht ertrotzen, und die ertrotzte würde nicht
+frommen. Hängt man ein gar zu glänzendes Schild aus, so
+erweckt man dadurch die spähende und lästernde Eifersucht, oder
+reizt zu den strengsten ungerechtesten Forderungen. Die Splitterrichter
+erheben kreischend ihre Stimme; und so ist es sogleich
+um den erborgten Glanz geschehn. Zeige Dich also mit einem
+gewissen bescheidnen Bewußtseyn innerer Würde, und vor allen
+Dingen mit dem auf Deiner Stirne strahlenden Bewußtseyn der
+Wahrheit und Redlichkeit! Zeige Vernunft und Kenntnisse, wo<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span>
+Du Veranlassung dazu hast! Nicht so viel, um Neid zu erregen
+und Forderungen anzukündigen; nicht so wenig, um übersehn
+und überschrien zu werden! Laß Dich aufsuchen, und sey nicht
+zu bereitwillig, ohne daß man Dich weder für einen Sonderling,
+noch für scheu, noch für hochmüthig halte!</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem Scheine
+der Vollkommenheit und Unfehlbarkeit. Die Menschen beurtheilen
+und richten Dich nach dem Maaßstabe Deiner Forderungen,
+und sie sind noch billig, wenn sie nur das thun, wenn sie Dir
+nicht Forderungen aufbürden. Dann heißt es, wenn Du auch
+nur des kleinsten Fehlers Dich schuldig machst: »Einem <em class="gesperrt">solchen
+Manne</em> ist das gar nicht zu verzeihn;« und da die Schwachen
+sich ohnehin ein Fest daraus machen, an einem Menschen,
+der sie verdunkelt, Mängel zu entdecken, so wird Dir ein einziger
+Fehltritt höher angerechnet, als Andern ein ganzes Register
+von Bosheiten und Pinseleien.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Sey aber nicht <em class="gesperrt">gar zu sehr</em> ein Sclave der Meinungen
+Andrer von Dir! Sey selbstständig! Was kümmert Dich am
+Ende das Urtheil der ganzen Welt, <em class="gesperrt">wenn Du thust, was
+Du sollst</em>? und was ist Dein ganzer Prunk von äussern Tugenden
+werth, wenn Du diesen Flitterputz nur über ein schwaches,
+niedriges Herz hängst, um in Gesellschaften damit zu
+prunken?</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Vor allen Dingen wache über Dich, daß Du nie die innere
+Zuversicht zu Dir selber, das Vertrauen auf Gott, auf gute
+Menschen und auf das Schicksal verlierest! Sobald Dein Gefährte
+oder Gehülfe auf Deiner Stirne Mißmuth und Verzweiflung
+liest — so ist alles aus. Sehr oft aber ist man im Unglück
+ungerecht gegen die Menschen. Jede kleine böse Laune, jede
+kleine Miene von Kälte deutet man auf sich; man meint, Jeder
+sehe es uns an, daß wir leiden, und weiche vor der Bitte
+zurück, die wir ihm thun könnten.</p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>Schreibe aber auch nicht auf Deine Rechnung das, wovon
+Andern das Verdienst gebührt! Wenn man Dir, aus Achtung
+gegen einen edlen Mann, dem Du angehörst, Auszeichnung<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span>
+oder Höflichkeit beweist, so brüste Dich damit nicht, sondern sey
+bescheiden genug, zu fühlen, daß dieß alles vielleicht wegfallen
+würde, wenn Du einzeln aufträtest! Suche aber selbst zu verdienen,
+daß man Dich um Deinetwillen ehre! Sey lieber das
+kleinste Lämpchen, das einen dunklen Winkel mit eignem Lichte
+erleuchtet, als ein großer Mond einer fremden Sonne, oder gar
+Trabant eines Planeten!</p>
+
+<h4>6.</h4>
+
+<p>Fehlt Dir etwas; hast Du Kummer, Unglück; leidest Du
+Mangel; reichen Vernunft, Grundsätze und guter Wille nicht
+zu: so klage Dein Leid, Deine Schwäche, Deine kleinmüthigen
+Besorgnisse niemand, als dem, der helfen kann, selbst Deinem
+treuen Weibe kaum! Wenige helfen tragen; fast Alle erschweren
+die Bürde; ja! sehr Viele treten einen Schritt zurück, sobald
+sie sehen, daß Dich das Glück nicht anlächelt. Sobald sie aber
+gar annehmen, daß Du ganz ohne Hülfsquellen bist, daß Du
+keinen geheimen Schutz hast, niemand, der sich Deiner annimmt
+— o! so rechne auf Keinen mehr! Wer hat den Muth,
+und die Liebe, einzig und fest als die Stütze des von aller Welt
+Verlassenen öffentlich aufzutreten? Wer hat den Muth zu sagen:
+»Ich kenne den Mann; er ist mein Freund; er ist mehr
+werth, als Ihr alle, die ihr ihn schmähet!« Und fändest Du
+ja einen Solchen, so würde es doch nur etwa ein anderer armer
+Tropf seyn, der selbst in elenden Umständen, aus Verzweiflung
+sein Schicksal an das Deinige knüpfen wollte, dessen Schutz
+Dir mehr schädlich, als nützlich wäre.</p>
+
+<h4>7.</h4>
+
+<p>Rühme aber auch nicht zu laut Deine glückliche Lage! krame
+nicht zu glänzend Deine Pracht, Deinen Reichthum, Deine Talente
+aus! Die Menschen vertragen selten ein solches Uebergewicht,
+ohne Murren und Neid. Lege daher auch Andern keine
+zu große Verbindlichkeit auf! Thue nicht zu viel für Deine Mitmenschen!
+Sie fliehen den überschwenglichen Wohlthäter, wie
+man einen Gläubiger flieht, den man nie bezahlen kann. Also
+hüte Dich, zu groß zu werden in Deiner Brüder Augen! auch
+fordert dann Jeder zu viel von Dir, und eine einzige abgeschlagene
+Wohlthat macht tausend wirklich erzeigte in Einem Augenblicke
+vergessen. Oder wäre nicht Undank der Welt Lohn? Du<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span>
+wirst Ausnahmen erleben, aber rechne nur nicht auf diese, sondern
+sey auf das gefaßt, was die tägliche Erfahrung bringt.</p>
+
+<h4>8.</h4>
+
+<p>Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen,
+um Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und
+Verirrungen an das Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern!
+Man höret Dir wohl zu, besonders wenn Du Deine
+Darstellungen mit Witz zu würzen weißt, aber man hasset Dich
+gleichwohl. Dagegen wie edel ist es, da zu schweigen, wo alle
+Lippen in Bewegung sind, zu lästern, zu verkleinern, und herabzuwürdigen.
+O daß Du zu diesen Edlen gehören möchtest, ob
+auch die Welt sie nicht zu schätzen und zu ehren weiß!</p>
+
+<h4>9.</h4>
+
+<p>Suche weniger selbst zu glänzen, als Andern Gelegenheit zu
+geben, sich von vortheilhaften Seiten zu zeigen, wenn Du gelobt
+werden und gefallen willst. Wenige Menschen vertragen ein
+Uebergewicht von Andern. Lieber verzeihen sie uns eine zweideutige
+Handlung, ja! ein Verbrechen, als eine That, durch
+welche wir sie verdunkeln. Doch, wenn Du fern von ihnen,
+ausser ihrem Wirkungskreise stehst und ihnen nirgend in den Weg
+treten kannst; dann vielleicht lassen sie Dir Gerechtigkeit widerfahren.
+Auch im bloß geselligen Umgange soll man sich hüten,
+hervorstechen zu wollen. Ich habe den Ruf eines vernünftigen
+und witzigen Mannes aus mancher Gesellschaft mitgenommen,
+in welcher wahrlich kein kluges Wort aus meinem Munde gegangen
+war, und in welcher ich nichts gethan hatte, als mit
+musterhafter Geduld vornehmen und halbgelehrten Unsinn anzuhören,
+oder hie und da einen Mann auf ein Fach zu bringen,
+wovon er gern redet. Wie mancher besucht mich, mit der demüthigen
+Ankündigung: (wobei ich mich oft nicht des Lachens erwehren
+kann) er komme, um mir, als einem gewaltigen Gelehrten
+und Schriftsteller, seine Ehrerbietung zu bezeigen! Der
+Mann setzt sich dann hin und fängt an zu reden, läßt mich,
+den er bewundern will, gar nicht zu Worte kommen, und geht,
+entzückt über meine lehrreiche und angenehme Unterhaltung, zu
+welcher ich nicht zwanzig Worte geliefert habe, von mir, höchst
+vergnügt, daß ich Verstand genug gehabt habe — ihm zuzuhören.
+Habe Geduld mit allen Schwächen dieser Art! Wenn daher
+auch jemand ein Geschichtchen, oder sonst etwas vorbringt,<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span>
+das er <em class="gesperrt">gern</em> erzählt, und Du hättest es auch schon mehr gehört,
+und es wäre vielleicht ein Märchen, das <em class="gesperrt">Du selbst</em> ihm einst
+mitgetheilt hättest; so laß es ihm doch nicht auf unangenehme
+Weise merken, daß die Sache Dir alt und langweilig ist, wenn
+die Person anders Schonung verdient! Was kann unschuldiger
+seyn, als solche Ausleerungen zu befördern, wenn man dadurch
+Andern Erleichterung, und sich einen guten Ruf verschafft? Und
+wenn die Leute unschuldige Liebhabereien haben, z. B. gern von
+Pferden reden, es gern sehen, daß man eine Pfeife Tabak mit
+ihnen rauche, ein Glas Wein mit ihnen trinke; so erzeige man
+ihnen diese kleine Gefälligkeit, wenn es ohne große Ungemächlichkeit
+und ohne kriechende Demuth geschehen kann! Desfalls
+habe ich nie die Gewohnheit der Hofleute von gemeinerm Schlage
+gut finden können, die jedermann nur mit halbem Ohre und zerstreueter
+Miene anhören, ja! gar mitten in einer Rede, die sie
+veranlaßt haben, einfallen, ohne das Ende abzuwarten.</p>
+
+<h4>10.</h4>
+
+<p>Gegenwart des Geistes ist ein seltnes Geschenk des Himmels,
+und macht, daß wir im Umgange in sehr vortheilhaftem Lichte
+erscheinen. Dieser Vorzug nun läßt sich freilich nicht durch Kunst
+erlangen; allein man kann an sich arbeiten, daß, wenn er uns
+fehlet, wir wenigstens nicht durch Uebereilung uns und Andre
+in Verlegenheit setzen. Sehr lebhafte Temperamente haben hierauf
+vorzüglich zu achten. Ich rathe daher, wenn eine unerwartete
+Frage, ein ungewöhnlicher Gegenstand, oder irgend etwas
+anders uns überrascht, nur eine Minute still zu schweigen und
+der Ueberlegung Zeit zu lassen, uns zu der Parthei vorzubereiten,
+die wir nehmen sollen. So wie ein einziges rasches, unvorsichtiges
+Wort, oder ein in der Verwirrung unternommener
+Schritt zu späte Reue und unglückliche Folgen wirken können;
+so kann ein schnell auf der Stelle gefaßter und ausgeführter rascher
+Entschluß, in entscheidenden Augenblicken, in welchen man
+so leicht den Kopf verliert, Glück, Rettung und Trost bringen.</p>
+
+<h4>11.</h4>
+
+<p>Wünschest Du zeitliche Vortheile, Unterstützung, Versorgung
+im bürgerlichen Leben; mögtest Du in einer Bedienung
+angestellt werden, in welcher Du Deinem Vaterlande nützlich
+seyn könntest: so mußt Du darum bitten, ja! nicht selten betteln,
+d. h. Du mußt es Dir gefallen lassen, in einem solchen<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span>
+Tone und mit einer solchen Andringlichkeit zu bitten, als ob
+Dir das, was Du leisten kannst, gar keine Ansprüche auf das
+Erbetene gäbe. Rechne nicht darauf, daß die Menschen, sie
+müßten denn Deiner ganz nothwendig bedürfen, Dir etwas anbieten,
+oder sich ungebeten für Dich verwenden werden, wenn
+auch Deine Verdienste oder Leistungen noch so laut für Dich reden,
+und jedermann weiß, daß Du Unterstützung bedarfst und
+verdienst! Jeder sorgt für sich und die Seinigen, ohne sich um
+den bescheidnen Mann zu bekümmern, der indeß nach Gemächlichkeit
+in seinem Winkelchen seine Talente vergraben, oder gar
+verhungern kann. Darum bleibt so mancher Verdienstvolle bis
+an seinen Tod unerkannt, ausser Stand gesetzt, seinen Mitmenschen
+nützlich zu werden — weil er nicht betteln, nicht kriechen
+kann, oder weil er, in einem falschen Selbstgefühl, jede Bitte
+um das, worauf er gerechte Ansprüche hat, unter seiner Würde
+hält. Warum wolltest Du ein Märtyrer dieses Selbstgefühls
+werden, oder es zu einem Wurm machen, der unaufhaltsam
+Deine Lebenskraft zernagt? Suchet, so werdet ihr finden!</p>
+
+<h4>12.</h4>
+
+<p>So wenig wie möglich lasset uns indessen von Andern Wohlthaten
+fordern und annehmen! Man trifft gar selten Leute an,
+die nicht früh oder spät für kleine Dienste große Rücksichten forderten,
+und das hebt dann das Gleichgewicht im Umgange auf,
+raubt Freiheit, hindert uneingeschränkte Wahl, und wenn auch
+unter zehnmal nicht einmal der Fall einträte, daß dieß uns in
+Verlegenheit setzte, oder Verdruß zuzöge; so ist es doch weislich
+gehandelt, dies mögliche Einmal zu vermeiden, und lieber immer
+zu geben, Jedem zu dienen, als von Andern Dienste oder
+sonst etwas anzunehmen. Auch gibt es wenig Menschen, die
+mit guter Art Wohlthaten erzeigen. Versuchet es, meine Freunde!
+wie viele unter Euren Bekannten nicht auf einmal, mitten
+in der fröhlichsten, höflichsten Gemüthsstimmung ihr Gesicht in
+feierliche Falten ziehen, wenn Ihr Eure Anrede mit den Worten
+anhebet: »Ich muß eine große Bitte an Sie wagen! Ich
+bin in einer erschrecklichen Verlegenheit.« Sehr bereit aber pflegen
+die Menschen zu seyn, uns solche Dienste anzubieten, deren
+wir nicht bedürfen, oder gar, die sie selbst nicht zu leisten im
+Stande sind. Der Verschwender ist immer willig, mit Gelde
+zu dienen; der Dummkopf mit gutem Rathe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p>
+
+<p>Vor allen Dingen hüte man sich, jemand um eine Gefälligkeit
+zu bitten, wenn man voraus wissen kann, daß er uns nicht
+wohl, wenn er auch gern möchte, eine abschlägige Antwort geben
+kann! (z. B. wenn er uns Verbindlichkeit schuldig, oder
+sonst von uns abhängig ist.)</p>
+
+<p>Wohlthaten annehmen, macht abhängig; man weiß nicht,
+wie weit das führen kann. Man kömmt da oft in's Gedränge
+zwischen der Nothwendigkeit, schlechten Menschen zu viel nachzusehn,
+oder undankbar zu scheinen.</p>
+
+<p>Um nun des fremden Beistandes entbehren zu können, dazu
+ist das beste Mittel, wenig Bedürfnisse zu haben, mäßig zu
+seyn, und bescheidne Wünsche zu nähren; das heißt nicht: Du
+sollst ein Diogenes in der Tonne seyn, und Deine Hand zum
+Pokal erheben, sondern es heißt nur: Du sollst nicht eitler Ehre
+geitzig seyn, nicht glänzen wollen, nicht meinen, daß es ein
+Unglück sey, in einer gewissen Verborgenheit und Zurückgezogenheit
+leben zu müssen. Das, was Du hiebei entbehrst, ist wahrlich
+keines Seufzers werth: das laß Dir von den bleichen, früh
+veralteten Gesichtern und tief liegenden Augen voll Mißmuth
+und Trübsinn erzählen, welche die von Dir Beneideten als Warnungstafeln
+vor sich hertragen. Denn wer von unzähligen Leidenschaften
+in rastlosem Taumel umhergetrieben wird, bald Ehrenstellen,
+bald Wucher, bald Erwerb, bald wollüstigen Genuß
+verlangt; wer, von dem Luxus des Zeitalters angesteckt, alles
+begehrt, was seine Augen sehen; wen vorwitzige Neugier und
+ein unruhiger Geist treiben, sich in jeden unnützen Handel zu
+mischen; der geräth in eine zwiefache Sclaverei; er wird der
+Menschen Knecht, und seiner Leidenschaften Sclave; er lebt in
+einer eben so drückenden, als verführerischen Abhängigkeit: drückend
+ist sie, weil sie ihn beständig der Ungerechtigkeit der Menschen
+preisgibt; verführerisch, weil sie ihn beständig reizt, sich
+zu erniedrigen, um im kläglichsten Sinn des Worts erhöht zu
+werden.</p>
+
+<h4>13.</h4>
+
+<p>Wenn ich aber gesagt habe, daß man lieber Allen <em class="gesperrt">geben</em>,
+als von irgend jemand <em class="gesperrt">empfangen</em> sollte; so hebt doch das
+den Satz nicht auf, daß man nicht gar zu viel für Andre thun
+dürfe. Ueberhaupt sey dienstfertig, aber nicht zudringlich! Sey
+nicht jedermanns Freund und Vertrauter! Vor allen Dingen<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span>
+wirf Dich nicht zum Sittenrichter der Menschen, besonders gewisser
+Menschen auf, und sey der Warnung eingedenk: Ihr sollt
+die Perlen nicht vor die Säue werfen, damit sie sich nicht umwenden,
+und euch zerreissen. Nicht einmal Deinen unmaßgeblichen
+Rath sollst Du den Menschen aufdringen. Begehren sie
+Deinen Rath, so begehre Du erst ein Glaubensbekenntniß von
+ihnen, damit Du weißt, wen Du vor Dir hast, und wie ihm
+beizukommen ist. Die Wenigsten wissen Dir Dank dafür, und
+selbst wenn sie Dich um Rath fragen, sind sie gewöhnlich schon
+entschlossen zu thun, was ihnen gefällt. Mische Dich auch nicht
+in Familien-Händel! Vor allen Dingen hüte Dich, Zwistigkeiten
+schlichten und Versöhnungen stiften zu wollen! (Es sey
+denn unter geliebten, geprüften Personen.) Mehrentheils werden
+beide Partheien einig, um dann über Dich herzufallen.
+Das Kuppeln und Heirathen-Schmieden überlasse man dem
+Himmel und einer gewissen Klasse von alten Weibern!</p>
+
+<h4>14.</h4>
+
+<p>Keine Regel ist so allgemein, keine so heilig zu halten, keine
+führt so sicher dahin, uns dauerhafte Achtung und Freundschaft
+zu erwerben, als die: unverbrüchlich, auch in den geringsten
+Kleinigkeiten, Wort zu halten, seiner Zusage treu, und stets
+wahrhaftig zu seyn in seinen Reden. Nie kann man Recht und
+erlaubte Ursachen haben, das Gegentheil von dem zu sagen,
+was man denkt, wenn gleich man Befugniß und Gründe haben
+kann, nicht alles zu offenbaren, was in uns vorgeht. Es gibt
+keine Nothlügen; noch nie ist eine Unwahrheit gesprochen worden,
+die nicht früh oder spät nachtheilige Folgen für jemand gehabt
+hätte; der Mann aber, der dafür bekannt ist, strenge Wort
+zu halten und sich keine Unwahrheit zu gestatten, gewinnt gewiß
+Zutrauen, guten Ruf und Hochachtung. Du darfst zwar
+nicht alles sagen, was wahr ist, aber eben so wenig statt der
+Wahrheit eine Unwahrheit. Demjenigen, welcher Dein Bekenntniß
+oder Deine Offenherzigkeit gewiß mißbrauchen wird,
+oder der die Wahrheit, die er von Dir begehrt, nicht würde ertragen
+können, bist Du keine Offenherzigkeit schuldig.</p>
+
+<h4>15.</h4>
+
+<p>Sey strenge, pünktlich, ordentlich, arbeitsam, fleissig in
+Deinem Berufe! Bewahre Deine Papiere, Deine Schlüssel und
+alles so, daß Du jedes einzelne Stück auch im Dunkeln finden<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span>
+könntest! Verfahre noch ordentlicher mit fremden Sachen! Verleihe
+nie Bücher, oder andre Dinge, die Dir sind geliehen worden;
+hast Du von Andern dergleichen geborgt, so bringe oder
+schicke sie zu gehöriger Zeit wieder, und erwarte nicht, daß sie,
+oder ihre Domestiken, weite Wege machen sollen, um ihr Eigenthum
+wieder zu erlangen. — Jedermann geht gern mit einem
+Menschen um, auf dessen Pünktlichkeit und Treue in Wort
+und That er sich fest verlassen kann, und der unfähig ist, Andere
+zu täuschen. So gehört es auch zu den Eigenschaften, welche
+Vertrauen und Gunst erwerben, zur rechten Zeit zu erscheinen,
+wo man erwartet wird, möge die Zusammenkunft zu einem Vergnügen,
+oder einem Geschäft bestimmt seyn. Das Spätkommen
+gehört zu denjenigen bösen Gewohnheiten und Mißbräuchen
+in der Gesellschaft, welche eben so ausgebreitet, als verderblich,
+eben so unsittlich, als ungesittet sind. Gute und böse Beispiele
+von <em class="gesperrt">der</em> Art reizen zur Nachfolge; und die Ungerechtigkeit anderer
+Menschen rechtfertigt nicht die unsrige.</p>
+
+<h4>16.</h4>
+
+<p>Gib Andern Beweise Deiner Theilnahme, um Dich der ihrigen
+zu versichern. Wer untheilnehmend, ohne Sinn für Freundschaft,
+Wohlwollen und Liebe, nur sich selber lebt, der bleibt
+verlassen, wenn er sich nach Beistand sehnt.</p>
+
+<h4>17.</h4>
+
+<p>Verflechte Niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und fordere
+nicht von Denen, mit welchen Du umgehst, daß sie Theil
+an den Uneinigkeiten nehmen sollen, die zwischen Dir und Andern
+herrschen!</p>
+
+<p>Eine Menge dieser Vorschriften umfaßt die alte Regel: setze
+Dich in Gedanken oft in andrer Leute Stelle, und frage Dich
+selbst: »Wie würde es Dir unter denselben Umständen gefallen,
+wenn man <em class="gesperrt">Dir</em> dieß zumuthete, gegen <em class="gesperrt">Dich</em> also handelte,
+von <em class="gesperrt">Dir</em> das forderte? — diesen Dienst, diese Verwendung,
+diese langweilige Arbeit, diesen Zeitaufwand, für einen geringfügigen
+Zweck, diese Erklärung?«</p>
+
+<h4>18.</h4>
+
+<p>Bekümmre Dich nicht um die Handlungen Deiner Nebenmenschen,
+in so fern sie nicht Bezug auf Dich, oder so sehr auf
+die Sittlichkeit im Ganzen haben, daß es Verbrechen seyn würde,
+darüber zu schweigen! Ob aber jemand langsam oder schnell<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span>
+geht, viel oder wenig schläft, oft oder selten zu Hause, prächtig
+oder schlecht gekleidet ist, Wein oder Bier trinkt, Schulden oder
+Kapitalien macht, eine Geliebte hat oder nicht — was geht das
+Dich an, wenn Du nicht sein Vormund bist? Thatsachen hingegen,
+die man durchaus wissen muß, erfährt man oft am besten
+von dummen Leuten, weil diese ohne Witz, ohne Consequenzmacherei,
+ohne Seitenblicke, ohne Verbrämung und ohne
+Leidenschaft, geradehin erzählen.</p>
+
+<h4>19.</h4>
+
+<p>Von Deinen <em class="gesperrt">Grundsätzen</em> gehe nie ab, so lange Du sie
+als richtig anerkennest! Ausnahmen machen ist sehr gefährlich,
+und führt immer weiter, vom Kleinen zum Großen. Hast Du
+Dir also einmal aus guten Gründen vorgenommen, keine Bücher
+zu verleihen, keinen Wein zu trinken u. dgl.; so müsse kein
+Sterblicher Dich bewegen können, davon abzugehen, so lange
+die Gründe Deiner ersten Entschließung nicht wegfallen! Sey
+fest; aber hüte Dich, so leicht etwas zum Grundsatze zu machen,
+bevor Du alle mögliche Fälle überlegt hast, oder eigensinnig auf
+Kleinigkeiten zu bestehen; denn was kann thörichter seyn, als
+sogenannten Grundsätzen, d. h. einer Handlungsweise, welcher
+nichts weiter, als ein vernünftiger Grund mangelt, oder die
+keinen andern, als den Eigensinn, oder das ungerechteste Mißtrauen,
+oder die unverzeihlichste Undienstfertigkeit, so lange und
+so hartnäckig getreu zu bleiben, bis man alle Liebe und alle Achtung
+der Bessern verloren hat.</p>
+
+<p>Vor allen Dingen also handle nur stets folgerecht (consequent)!
+Mache Dir einen Lebensplan, und weiche nicht um
+ein Tüttelchen von diesem Plane, hätte dieser Plan auch allerlei
+Sonderbarkeiten, d. h. weiche er auch noch so sehr von der gemeinen
+und gepriesenen Denkungsart und Lebensweise ab. —
+Die Menschen werden eine Zeitlang die Köpfe darüber zusammenstecken,
+und am Ende schweigen, Dich in Ruhe lassen, und
+Dir, wenn Du anders Deinen Plan mit Festigkeit und Weisheit
+durchführst, ihre Hochachtung nicht versagen können. Man
+gewinnt überhaupt immer durch Ausdauern und durch planmässige,
+weise Festigkeit. Es ist mit Grundsätzen, wie mit jeden
+andern Stoffen, woraus etwas gemacht wird, nämlich, daß
+der beste Beweis für ihre Güte der ist, wenn sie lange halten,
+und in der That, wenn man recht genau den Gründen nachspüren<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span>
+will, warum auch den edelsten Handlungen mancher
+Menschen nicht Gerechtigkeit widerfährt; so wird man oft finden,
+daß das Publikum deswegen Verdacht gegen die Wahrheit
+und den Zweck dieser Handlungen gefaßt hat, weil sie nicht zu
+dem Lebensplan und zu der Handlungsweise dessen, der sie unternimmt,
+nicht zu seinen übrigen Schritten zu passen scheinen.</p>
+
+<h4>20.</h4>
+
+<p>Was aber noch wichtiger, als jene Vorschrift ist: sey redlich,
+und weihe Deine Kraft und Dein Leben der Liebe und der
+Pflicht; führe ein menschliches Leben, d. h. ein Vernunftleben;
+halte es für den höchsten Ruhm Deines Lebens, als ein Vernunftwesen
+zu leben. — Habe immer ein gutes Gewissen! Bei
+keinem Deiner Schritte müsse Dir Dein Herz über Absicht und
+Mittel Vorwürfe machen dürfen! Gehe nie schiefe Wege; und
+baue dann sicher auf gute Folgen, auf Gottes Beistand und auf
+Menschenhülfe in der Noth! Und verfolgt Dich auch wohl eine
+Zeitlang ein widriges Geschick — o! so wird doch die selige
+Ueberzeugung von der Unschuld Deines Herzens, von der Redlichkeit
+Deiner Absichten, Dir ungewöhnliche Kraft, festen, unerschütterlichen
+Muth und unzerstörbare Heiterkeit geben; Dein
+kummervolles Antlitz wird im Umgange mehr, weit mehr Theilnahme
+erwecken, als die Fratze des lächelnden, grinzenden,
+glücklich scheinenden Bösewichts.</p>
+
+<h4>21.</h4>
+
+<p>Sey, was Du bist, immer <em class="gesperrt">ganz</em>, und immer derselbe!
+Nicht heute warm, morgen kalt; heute grob, morgen höflich
+und zuckersüß; heute der lustige Gesellschafter, morgen trocken
+und stumm, wie eine Bildsäule! Es ist unbegreiflich, daß diese
+wetterwendischen, launenhaften und kaltherzigen Menschen nicht
+endlich vor sich selbst erschrecken und zurückfahren, da sie doch
+täglich durch die Scheu und den Widerwillen, womit sich Alles
+von ihnen entfernt, auf die klägliche Rolle, die sie spielen, aufmerksam
+gemacht werden, und da sie sich selbst eben so sehr, als
+Andern, zur Last leben. Wenn sie einmal, in einem Anfall von
+guter Laune oder Schaam, im Umgange Freundschaft und Theilnahme
+zeigen, so spielen sie eigentlich die Rolle der Betrüger.
+Wir bauen in der Meinung, daß sie sich gebessert haben, auf
+ihre Zusicherungen und Aeusserungen, und wollen wenig Tage
+nachher den Mann wieder besuchen, der uns so gern bei sich<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span>
+sieht, der uns so freundlich eingeladen hat, recht oft zu kommen.
+Wir gehen hin, und werden nun so frostig und verdrießlich empfangen,
+oder man läßt uns ohne Unterhaltung in einer Ecke
+sitzen, antwortet uns nur mit gebrochnen Sylben, weil man
+grade von Menschen umgeben ist, die mehr Weihrauch spenden,
+als wir. Von solchen Menschen muß man sich unmerklich zurückziehn,
+und wenn sie nachher, in einem Augenblicke von Langerweile,
+uns wieder aufsuchen, gleichfalls gegen sie den Spröden
+machen, und ihnen unter den Händen fortschlüpfen.</p>
+
+<h4>22.</h4>
+
+<p>Mache einigen Unterschied in Deinem äussern Betragen gegen
+die Menschen, mit denen Du umgehst, in dem Zeichen von
+Achtung, die Du ihnen beweisest! Reiche nicht Jedem Deine
+rechte Hand dar! Umarme nicht Jeden! Drücke nicht Jeden an
+Dein Herz! Was bewahrst Du den Bessern und Geliebten auf,
+und wer wird Deinen Freundschafts-Bezeugungen trauen, ihnen
+Werth beilegen, wenn Du sie so verschwenderisch austheilst?</p>
+
+<h4>23.</h4>
+
+<p>Zwei Gründe hauptsächlich müssen uns bewegen, nicht gar
+zu offenherzig gegen die Menschen zu seyn: zuerst die Furcht,
+unsre Schwäche dadurch aufzudecken und gemißbraucht zu werden,
+und dann die Ueberlegung, daß, wenn man die Leute einmal
+daran gewöhnt hat, ihnen nichts zu verschweigen, sie zuletzt
+von jedem unsrer kleinsten Schritte Rechenschaft verlangen,
+alles wissen, um alles zu Rathe gezogen werden wollen. Allein
+eben so wenig soll man übertrieben verschlossen seyn; sonst entsteht
+der Verdacht gegen uns, es stecke hinter allem, was wir
+thun, etwas Bedeutendes, oder gar Gefährliches, und das kann
+uns in unangenehme Verlegenheit verwickeln und veranlassen,
+daß wir verkannt werden, besonders in fremden Ländern, auf
+Reisen, bei manchen andern Gelegenheiten, und kann uns überhaupt
+auch im gemeinen Leben, selbst im Umgange mit edeln
+Freunden, schaden.</p>
+
+<h4>24.</h4>
+
+<p>Suche keinen Menschen, auch den Schwächsten nicht, in
+Gesellschaften lächerlich zu machen! Ist er dumm: so hast Du
+wenig Ehre von dem Witze, den Du an ihm verschwendest; ist
+er es weniger, als Du glaubst: so kannst Du vielleicht der Gegenstand
+<em class="gesperrt">seines</em> Spottes oder seiner Rache werden; ist er gutmüthig<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span>
+und gefühlvoll: so kränkst Du ihn; und ist er tückisch:
+so kann er Dir's vielleicht auf eine Rechnung setzen, die Du
+früh oder spät auf irgend eine Art bezahlen mußt. — Und wie
+oft kann man nicht, wenn das Publikum auf unsre Urtheile über
+Menschen achtet, einem guten Manne im bürgerlichen Leben
+wahrhaften Schaden zufügen, oder einen Schwachen so niederdrücken,
+daß aller Muth in ihm erlöscht, und alle Keime zu bessern
+Anlagen erstickt werden, indem man ihn, durch Hervorziehn
+der Schwachheiten, welche Stoff zum Spotten und Lachen
+geben, der Verachtung preisgibt.</p>
+
+<h4>25.</h4>
+
+<p>Schrecke, zerre und necke auch niemand, selbst Deine Freunde
+nicht, mit falschen Nachrichten, mit Witzeleien, oder was sonst
+auf einen Augenblick beunruhigt, und leicht in Verlegenheit setzt!
+Es gibt der wahrhaft mißvergnügten, unangenehmen, ängstlichen
+Augenblicke so viele im Leben, daß es wohl Bruderpflicht
+ist, alles hinwegzuräumen, was die Last der wirklichen und eingebildeten
+Plagen auch nur um ein Sandkorn erschweren kann.
+Für eben so unschicklich halte ich es, einem Freunde, aus Scherz,
+wie es die Gewohnheit mancher Leute ist, mit selbst erfundnen
+erfreulichen Neuigkeiten ein kurzes Vergnügen zu machen, das
+nachher schmerzlich vereitelt wird. Das alles ist Neckerei, durch
+welche die Freuden des Umgangs nicht gewürzt, sondern verkümmert
+werden. Eben so unverzeihlich ist es, die Neugierde zu
+reizen, wenn man sie nicht befriedigen kann, oder will, oder
+die, welche sich reizen ließen, hernach als Getäuschte dem Gelächter
+der Kaltblütigen preiszugeben. Es gibt Menschen, welche
+die Gewohnheit haben, ihren Freunden mystische Warnungen
+hinzuwerfen, wie z. B.: »Es läuft ein böses Gerücht von Ihnen
+herum, aber ich kann, ich darf Ihnen noch nichts darüber
+sagen.« Dergleichen hat gar keinen Nutzen, und beunruhigt.</p>
+
+<p>Ueberhaupt muß man so wenig wie möglich die Leute in Verlegenheit
+setzen, vielmehr sich bemühen, wenn auch jemand im
+Begriff ist, eine Unvorsichtigkeit zu begehen (z. B. schlecht von
+einem Buche zu reden, dessen Verfasser gegenwärtig ist), oder
+sonst beschämt zu werden, ihm diese Verlegenheit zu ersparen,
+oder die Sache auf irgend eine Weise wieder in's Gleiche zu
+bringen. Und wenn jemand aus Unachtsamkeit etwas zerbrochen,
+oder sonst sich einer kleinen Unvorsichtigkeit schuldig gemacht<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span>
+hat: so fordert es die Humanität, nicht hinzublicken, wenigstens
+nicht mit Lächeln, oder mit sichtbarem Unwillen, noch
+betroffen, um seine Verwirrung nicht zu vermehren!</p>
+
+<h4>26.</h4>
+
+<p>Vor allen Dingen vergesse man nie in der Gesellschaft, daß
+die Leute unterhalten, nicht belehrt und unterwiesen seyn wollen;
+daß selbst der unterrichtendste Umgang ihnen in der Länge ermüdend
+vorkommt, wenn er nicht zuweilen durch Witz und gute
+Laune gewürzt wird; daß ferner nichts in der Welt ihnen so
+witzreich, so weise und so ergötzend scheint, als wenn man sie
+lobt, ihnen etwas Schmeichelhaftes sagt; daß es aber unter der
+Würde eines klugen Mannes ist, den Spaßmacher, und eines
+redlichen Mannes unwürdig, den Schmeichler zu machen. Allein
+es gibt einen gewissen Mittelweg; denn da jeder Mensch
+doch wenigstens Eine gute Seite hat, die man loben darf, und
+dies Lob, wenn es nicht übertrieben wird, aus dem Munde eines
+verständigen Mannes, Sporn zu größerer Vervollkommnung
+werden kann: so kann es sogar Pflicht werden, denen ein
+ermunterndes Lob nicht schuldig zu bleiben, welche es eben so
+sehr verdienen, als bedürfen, und es denen nicht vorzuenthalten,
+die es nicht entbehren können, ohne an sich selbst zu verzagen,
+oder auf halbem Wege stehen zu bleiben.</p>
+
+<p>Zeige, so viel Du kannst, eine immer gleiche, heitre Stirne!
+Nichts ist reizender und liebenswürdiger, als eine gewisse frohe,
+muntre Gemüthsart, die aus der Quelle eines schuldlosen, nicht
+von heftigen Leidenschaften aufgeregten, sondern von Wohlwollen
+und Theilnahme bewegten Herzens hervorströmt. Wer sich's
+in der Gesellschaft merken läßt, daß er sich Zwang anthue, um
+heiter zu erscheinen, oder wer sich recht sichtbar anstrengt, um
+das Wort zu führen, und daher unaufhörlich Anekdoten auskramt,
+Späßchen macht, und nach Witz hascht; wem man es
+ansieht, daß er darauf studirt hat, die Gesellschaft zu unterhalten:
+der gefällt nur auf kurze Zeit, und wird bei Wenigen
+Interesse erwecken. Er wird nicht aufgesucht werden von denen,
+deren Herz sich nach besserm Umgange, und deren Kopf
+sich nach lebendiger und durch Mannigfaltigkeit gewürzter Unterhaltung
+sehnt.</p>
+
+<p>Wer immer Spaß machen will, der erschöpft sich nicht nur
+leicht und wird matt, sondern hat auch die Unannehmlichkeit,<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span>
+daß, wenn er einmal gerade nicht aufgelegt ist, seinen Vorrath
+von lustigen Kleinigkeiten zu öffnen, seine Gefährten das sehr
+ungnädig aufnehmen. Bei jeder Mahlzeit, zu welcher er gebeten
+wird, bei jeder Aufmerksamkeit, die man ihm beweist, scheint
+die Bedingung schwer auf ihm zu liegen, daß er diese Ehre durch
+seine Schwänke bezahlen, und die Unkosten der Unterhaltung
+allein tragen solle; und will er es einmal wagen, einen höheren
+und reineren Ton anzustimmen, und etwas Ernsthaftes oder
+Gescheutes zu sagen, so lacht man ihm gerade in's Gesicht, ehe
+er mit seiner Rede halb zu Ende ist. Wahrer Humor und ächter
+Witz lassen sich nicht erzwingen, nicht erkünsteln; aber sie wirken,
+wie ein milder Sonnenstrahl, erwärmend, befruchtend und
+wohlthuend. Willst Du witzige Einfälle anbringen, so überlege
+auch wohl, in welcher Gesellschaft Du Dich befindest! Was
+Personen von einer dürftigen oder mittelmäßigen Bildung sehr
+unterhaltend scheint, kann Andern sehr langweilig und unschicklich
+vorkommen; und ein freier Scherz, den man sich in einem
+Kreise von Männern erlaubt, würde bei Frauenzimmern übel
+angebracht seyn.</p>
+
+<h4>27.</h4>
+
+<p>Gehe von niemand, und laß niemand von Dir, ohne ihm
+etwas Lehrreiches oder etwas Verbindliches gesagt, und mit auf
+den Weg gegeben zu haben; aber beides auf eine Art, die ihm
+wohlthue, seine Bescheidenheit nicht verletze, und nicht studirt
+scheine, damit er die Stunde nicht verloren zu haben glaube,
+die er bei Dir zugebracht hat, und fühle, Du nehmest Interesse
+an seiner Person: es gehe Dir von Herzen: Du verkaufest nicht
+bloß Deine Höflichkeits-Waare ohne Unterschied jedem Vorübergehenden!
+Man verstehe mich also recht! Ich möchte gern,
+wenn es möglich wäre, alles leere Geschwätz aus dem Umgange
+verbannt sehen; möchte, daß man, ohne Aengstlichkeit, auf sich
+Acht hätte, nie etwas zu sagen, wovon Der, welcher es anhören
+muß, weder Nutzen noch <em class="gesperrt">wahres</em> Vergnügen haben, woran
+er, weder mit dem Kopfe, noch mit dem Herzen, Antheil nehmen
+könnte. Weit entfernt bin ich also, jene Gefallsucht oder
+Gleißnerei in Schutz nehmen zu wollen, die Jeden ohne Unterlaß
+mit leeren Complimenten, Schmeicheleien oder Lobsprüchen
+in die Verlegenheit setzen, ihnen auf tausend nicht <em class="gesperrt">eins</em> antworten
+zu können. Ein Beispiel wird meine wahren Grundsätze<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span>
+darüber deutlicher machen. Ich saß einst an einer fremden Tafel,
+zwischen einer hübschen, verständigen jungen Dame und einem
+kleinen, garstigen Fräulein, von etwa vierzig Jahren. Ich
+beging die Unhöflichkeit, die ganze Mahlzeit hindurch mich nur
+mit Jener zu unterhalten, zu Dieser hingegen kein Wort zu reden.
+Beim Nachtische erst erinnerte ich mich meiner Unart; und
+nun machte ich den Fehler gegen die Höflichkeit durch einen andern
+gegen die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit gut. Ich wendete
+mich zu ihr, und redete von einer Begebenheit, die vor
+zwanzig Jahren vorgegangen war — Sie wußte nichts davon — »Es
+ist kein Wunder,« sagte ich, »Sie waren damals noch ein
+Kind.« Das kleine Wesen freute sich innigst darüber, daß ich
+sie für so jung hielt, und dies einzige Wort erwarb mir ihre
+Gunst. — Sie hätte mich dieser niedrigen Schmeichelei wegen
+verachten sollen. Wie leicht hätte ich einen Gegenstand zu einem
+Gespräche mit ihr finden können, das ihr auf irgend eine Weise
+anziehend gewesen wäre, oder eine Gelegenheit, ihr meine Aufmerksamkeit
+zu beweisen; und es war meine Pflicht, darauf zu
+denken, und ihr nicht einen ganzen Mittag hindurch die Thür
+der Unterhaltung zu verschließen; eine Ungerechtigkeit, die so oft
+in der Gesellschaft gegen diejenigen begangen wird, die so unglücklich
+sind, einen unangenehmen oder widrigen sinnlichen
+Eindruck auf uns zu machen. Sie sollten vielmehr Gegenstände
+unserer Theilnahme werden, und wir sollten die Ungerechtigkeit
+und Zurücksetzung, welche sich die Gesellschaft gegen sie erlaubt,
+vielmehr zu vergüten suchen, als nachahmen.</p>
+
+<p>Man kann sich indessen oft sehr schlecht empfehlen, indem
+man den Menschen etwas recht Verbindliches gesagt zu haben
+meint. So gibt es Leute, die es sehr übel nehmen würden, wenn
+man ihnen versicherte, daß man sie für gutmüthig halte, und
+Andre, die sich beleidigt fühlen, wenn man sie versichert, sie
+sähen gesund aus, oder sie hätten noch etwas so Jugendliches in
+ihrem Aeussern, daß man ihr wahres Alter unmöglich ahnen
+könne.</p>
+
+<h4>28.</h4>
+
+<p>Wem es darum zu thun ist, dauerhafte Achtung sich zu erwerben;
+wem daran liegt, daß seine Unterhaltung niemand anstößig,
+Keinem zur Last werde; der würze nicht ohne Unterlaß
+seine Gespräche mit Lästerungen, Spott, Tadelsucht und Satyre,<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span>
+und gewöhne sich nicht an den auszischenden Ton der
+Spottsucht! Das kann wohl einigemal, und, bei einer gewissen
+Klasse von Menschen, auch öfter gefallen; aber man flieht und
+verachtet doch endlich den Mann, der immer auf anderer Leute
+Kosten, oder auf Kosten der Wahrheit die Gesellschaft vergnügen
+will, und man hat Recht dazu; denn der gefühlvolle, verständige
+Mensch muß Nachsicht haben mit den Schwächen Anderer.
+Er weiß, welchen großen Schaden oft ein einziges, wenn gleich
+nicht böse gemeintes Wörtchen anrichten kann; auch sehnt er
+sich nach einer unschuldigeren und edleren Unterhaltung; ihm
+ekelt vor leerer Spötterei und liebloser Tadelsucht. Gar zu leicht
+aber nimmt man im Verkehr mit der sogenannten großen Welt
+diesen elenden Ton an; man kann nicht genug davor warnen,
+da er den Charakter entstellt, und dem Dünkel die gefährlichste
+Nahrung gibt, die Freuden des Umgangs vergiftet, und die
+Bande der Gesellschaft zernagt.</p>
+
+<p>Uebrigens aber möchte ich auch nicht gern alle Satyre für
+unerlaubt erklären, noch leugnen, daß manche Thorheiten und
+Unzweckmäßigkeiten, <em class="gesperrt">im weniger vertrauten Umgange</em>,
+am besten durch einen feinen, nicht beleidigenden, nicht zu deutlich
+auf einzelne Personen anspielenden Spott bekämpft werden
+können. Endlich bin ich auch weit entfernt, zu fordern, man
+solle alles loben, und selbst offenbare Fehler entschuldigen; vielmehr
+habe ich nie den Leuten getrauet, die so sichtbar sich das
+Ansehen geben, alles mit dem Mantel der christlichen Liebe bedecken
+zu wollen. Sie sind mehrentheils Heuchler, wollen durch
+das Gute, das sie von den Leuten <em class="gesperrt">reden</em>, das Böse vergessen
+machen, welches sie ihnen <em class="gesperrt">zufügen</em>, oder sie suchen dadurch
+Nachsicht für ihre eigenen Gebrechen zu erlangen, und ein günstiges
+Vorurtheil für sich zu erschleichen.</p>
+
+<h4>29.</h4>
+
+<p>Erzähle nicht leicht Anekdoten, besonders nie solche, die irgend
+jemand in ein nachtheiliges Licht setzen, auf bloßes Hörensagen
+nach! Sehr oft sind sie gar nicht auf Wahrheit gegründet,
+oder schon durch so viel Hände gegangen, daß sie wenigstens
+vergrößert, verstümmelt worden sind, und dadurch eine
+wesentlich andre Gestalt bekommen haben. Vielfältig kann man
+dadurch unschuldigen guten Leuten ernstlich schaden, und öfter
+sich selber großen Verdruß zuziehn.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p>
+
+
+<h4>30.</h4>
+
+<p>Hüte Dich, Nachrichten aus einem Hause in das andre zu
+tragen, vertrauliche Tischreden, Familien-Gespräche, Bemerkungen,
+die Du über das häusliche Leben von Leuten, mit welchen
+Du viel umgehst, gemacht hast, u. dergl. auszuplaudern!
+Wenn dieß auch nicht eigentlich aus Bosheit geschieht, so kann
+doch eine solche Geschwätzigkeit Mißtrauen gegen Dich, und allerlei
+Zwist und Verstimmung veranlassen.</p>
+
+<h4>31.</h4>
+
+<p>Sey vorsichtig im Tadel und Widerspruche! Es gibt wenig
+Dinge in der Welt, die nicht zwei Seiten haben. Vorurtheile
+verdunkeln oft die Augen, selbst des klügern Mannes, und es
+ist sehr schwer, sich gänzlich an eines Andern Stelle zu denken.
+Urtheile besonders nicht so leicht über kluger Leute Handlungen,
+oder Deine Bescheidenheit müßte Dir sagen, daß Du noch weiser,
+als sie seyst! und da ist es denn eine mißliche Sache um
+diese Ueberzeugung. Ein kluger Mann ist mehrentheils lebhafter,
+als ein Andrer, hat heftigere Leidenschaften zu bekämpfen,
+bekümmert sich weniger um das Urtheil des großen Haufens,
+hält es weniger der Mühe werth, sein gutes Gewissen durch ausführliche
+Apologien zu rechtfertigen. Uebrigens soll man nur
+fragen: »Was thut der Mann Nützliches für Andre?« und,
+wenn er dergleichen thut, über dies Gute die kleinen Gemüthsfehler
+und Schwachheiten, die nur ihm selber schaden, oder höchstens
+unwichtigen, vorübergehenden Nachtheil wirken, vergessen.</p>
+
+<p>Vor allen Dingen maße Dir nicht an, die Bewegungsgründe
+zu jeder guten Handlung ergründen und beurtheilen zu
+wollen! Bei einer solchen Strenge würden vielleicht manche
+Deiner eignen edlen Handlungen als sehr unedel, oder als reine
+Schwachheit, als Erzeugniß einer flüchtigen Rührung, Deiner
+gereizten Eitelkeit, Deiner Selbstsucht erscheinen. Jedes Gute
+muß nach seiner Wirkung für die Welt beurtheilt werden.</p>
+
+<h4>32.</h4>
+
+<p>Habe Acht auf Deine Gesellschaftssprache, daß Du in Deinen
+Unterredungen nicht durch einen wässrigen, weitschweifigen
+Vortrag ermüdest! Ein gewisser Laconismus, d. h. eine kräftige
+Kürze — in so fern er nicht in die Sucht, nur in Sentenzen
+und Aphorismen zu sprechen, oder jedes Wort abzuwägen,
+ausartet — ein gewisser Laconismus und die Geschicklichkeit,<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span>
+einen nichtsbedeutenden Umstand durch die Lebhaftigkeit der Darstellung
+interessant zu machen — das ist die wahre Kunst der
+gesellschaftlichen Beredtsamkeit. Ueberhaupt aber rede nicht zu
+viel! Sey haushälterisch mit Spendung von Worten und Kenntnissen,
+damit es Dir nicht früh an Stoffe fehle, damit Du nicht
+redest, was Du verschweigen sollst, verschweigen wolltest, und
+niemand Deine Unterhaltung lästig finde. Laß auch Andre zu
+Worte kommen, ihren Theil zur allgemeinen Unterhaltung mit
+hergeben! Es gibt Leute, die, ohne es selbst zu merken, aller
+Orten die Sprachführer sind; und wären sie in einem Zirkel von
+funfzig Personen, so würden sie sich dennoch bald Meister von
+der ganzen Unterhaltung machen.</p>
+
+<p>So unangenehm dieß für die Gesellschaft ist; eben so widrige,
+Freude störende Eindrücke macht die Weise mancher Leute, die
+stumm und gespannt horchen und lauern, und die man leicht
+für gefährliche Beobachter halten kann, denen es nur darum zu
+thun scheint, jedes unvorsichtige, nicht gehörig gewählte Wort,
+das man in sorgloser Redseligkeit fallen läßt, zu irgend einem
+hämischen Zwecke aufzusammeln.</p>
+
+<h4>33.</h4>
+
+<p>Es gibt Menschen, die (so wie Manche nur zum Genießen
+da zu seyn glauben) auch im geselligen Leben immer nur empfangen,
+nie geben wollen; die vom übrigen Theile des Publikums
+belustigt, unterrichtet, bedient, gelobt, bezahlt, gefüttert
+zu werden verlangen, ohne etwas dafür zu leisten; die über Langeweile
+klagen, ohne zu fragen, ob sie Andern weniger Langeweile
+gemacht haben; die behaglich da sitzen, sich's wohlseyn,
+sich erzählen lassen, aber nicht daran denken, auch ihren Beitrag,
+und wär' es auch nur ein Scherflein, zur Unterhaltung
+beizusteuern. — Das ist aber eben so ungerecht, als lästig.</p>
+
+<p>Noch Andre findet man, die immer nur ihre eigne Person,
+ihre häuslichen Umstände, ihre Verhältnisse, ihre Thaten und
+ihre Berufs-Geschäfte zum Gegenstande der Unterredung machen,
+und alles dahin zu drehen wissen, jedes Gleichniß, jedes
+Bild von daher nehmen. So wenig wie möglich laß in gemischten
+Gesellschaften den Schnitt, den Ton, den Dir Deine specielle
+Erziehung, Dein Handwerk, Deine besondre Lebensart
+geben, hervorblicken! Rede nicht von Dingen, die, ausser Dir,
+schwerlich jemand interessiren können! Hüte Dich, in den Fehler<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span>
+Derjenigen zu verfallen, die sich selbst bespötteln, ihre eigne
+werthe Person zum Besten haben! Das setzt die Anwesenden in
+Verlegenheit, und verräth einen eiteln Egoismus. Spiele nicht
+auf Anekdoten an, die Deinem Nachbar unbekannt sind, auf
+Stellen aus Büchern, die er wahrscheinlich nicht gelesen hat!
+Rede nicht in einer fremden Sprache, wenn es glaublich ist,
+daß nicht jeder, der um Dich ist, dieselbe versteht! Lerne den
+Ton der Gesellschaft annehmen, in welcher Du Dich befindest!
+Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn der Arzt einige junge
+Damen mit Beschreibung seiner Sammlung anatomischer Präparaten,
+der Rechtsgelehrte einen Hofmann über die unwirksame
+Professions-Ergreifung und das <span class="antiqua">edictum Divi Martii</span>,
+der alte gebrechliche Gelehrte eine junge Cokette von seinem offnen
+Beinschaden unterhält.</p>
+
+<p>Oft aber tritt der Fall ein, daß man in Gesellschaften geräth,
+wo es schwer ist, etwas vorzubringen, das Theilnahme
+erweckte. Wenn ein verständiger Mann von leeren, beschränkten,
+in die Eitelkeiten des Alltagslebens versunkenen Menschen
+umgeben ist, die für gar nichts von bessrer Art Sinn haben; ei
+nun! so ist es seine Schuld nicht, wenn er nicht verstanden
+wird. Er tröste sich also damit, daß er von Dingen geredet
+hat, die billig <em class="gesperrt">interessiren müßten</em>!</p>
+
+<h4>34.</h4>
+
+<p>Rede also nicht zu viel von Dir selber, ausser in dem Kreise
+Deiner vertrautesten Freunde, von welchen Du weißt, daß die
+Sache des Einen unter ihnen eine Angelegenheit für Alle ist;
+und auch da bewache Dich, daß Du nicht Egoismus zeigest!
+Vermeide, selbst dann zu viel von Dir zu reden, wenn gute
+Freunde, wie es vielfältig geschieht, das Gespräch aus Höflichkeit
+auf Deine Person, auf Deine Unternehmungen oder Deine
+Schriften leiten! Bescheidenheit ist eine der liebenswürdigsten
+Eigenschaften, und macht um so vortheilhaftere Eindrücke, je
+seltner diese Tugend in unsern Tagen wird. Sey also auch nicht
+so bereit, jedermann Deine Schriften unaufgefordert, oder gleich
+bei der ersten, oft nicht so ernstlich gemeinten Aufforderung vorzulesen,
+Deine Anlagen zu zeigen und Deine rühmlichen Handlungen
+zu erzählen, noch auf feine Art Gelegenheit zu geben,
+daß man Dich darum bitten müsse! Auch <em class="gesperrt">drücke</em> niemand durch
+Deinen Umgang, das heißt: zeige in keiner Gesellschaft ein solches<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span>
+Uebergewicht, daß Andre verstummen, sich in schlechtem
+Lichte zeigen oder an sich selbst verzagen müssen!</p>
+
+<h4>35.</h4>
+
+<p>Widersprich Dir nicht selbst im Reden, so daß Du einen
+Satz behauptest, dessen Gegentheil Du ein andermal vertheidigt
+hast! Man kann seine Meinung von Dingen ändern; allein
+man thut doch wohl, in Gesellschaften nicht eher, wenigstens
+nicht entscheidend zu urtheilen, als bis man alle Gründe für
+und wider gehörig abgewogen hat.</p>
+
+<h4>36.</h4>
+
+<p>Hüte Dich, in die Fehler Derjenigen zu verfallen, die, aus
+Mangel an Gedächtniß, oder an Aufmerksamkeit auf sich, oder
+weil sie so verliebt in ihre eignen Einfälle sind, dieselben Histörchen,
+Anekdoten, Spässe, Wortspiele, und witzigen Vergleichungen,
+bei jeder Gelegenheit wiederholen! Ueberhaupt ist es,
+und besonders auch für den geselligen Umgang, wichtig, sein
+Gedächtniß zu schärfen, und sich deswegen nicht zu sehr daran
+zu gewöhnen, alles schriftlich aufzuzeichnen, was man behalten
+will. Bist Du Deiner Sache nicht gewiß, so verleugne Dich
+selbst, und widerstehe der Lust, eine Anekdote zu erzählen, wenn
+es möglich wäre, daß Du sie schon einmal aufgetischt hast, oder
+suche das Gespräch so zu wenden, daß Du zur Gewißheit kommst,
+ohne etwas gewagt zu haben.</p>
+
+<h4>37.</h4>
+<p>Würze nicht Deine Unterhaltung mit Zweideutigkeiten, mit
+Anspielungen auf Dinge, die entweder Ekel erwecken, oder keusche
+Wangen erröthen machen; zeige auch keinen Beifall, wenn
+Andre dergleichen vorbringen! Ein verständiger Mann kann an
+solchen Gesprächen keine Lust haben. Auch in bloß männlichen
+Gesellschaften verleugne nicht die Schamhaftigkeit, das Zartgefühl
+und Dein Mißfallen an Zoten, denn Du erwirbst Dir dadurch
+eben so viel Ehre, als Verdienst, und rettest die Ehre Deines
+Geschlechts.</p>
+
+<h4>38.</h4>
+<p>Flicke keine platte Gemeinsprüche in Deine Reden ein; z. B.:
+daß Gesundheit ein schätzbares Gut; daß das Schlittenfahren
+ein kaltes Vergnügen; daß Jeder sich selbst der Nächste sey; daß,
+was lange dauert, gut werde, wovon ich das Gegentheil zu beweisen
+übernehme; daß man durch Schaden klug werde, welches<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span>
+leider! selten eintrifft; oder daß die Zeit schnell hingehe — welches,
+im Vorbeigehen zu sagen, gar nicht wahr ist; denn da
+die Zeit nach einem bestimmten Maaßstabe berechnet wird: so
+geht sie nicht schneller vorbei, als sie grade muß, und Der, welchem
+ein Jahr kürzer vorkömmt, als es ist, der muß in demselben
+über Gebühr geschlafen haben, oder sonst seiner Sinne nicht
+mächtig gewesen seyn, oder er läßt sich von einer leeren Täuschung
+irre führen — oder: daß Ausnahmen die Regel <em class="gesperrt">bestätigten</em>
+— Gleich als wenn ein partikularer verneinender Satz
+die Wahrheit eines allgemeinen bejahenden beweisen könnte, oder
+umgekehrt! da doch vielmehr durch die Ausnahme klar wird, daß
+die Regel nicht allgemein ist. Solche Sprüchwörter sind sehr
+langweilig, und nicht selten sinnlos und unwahr.</p>
+
+<p>Es gibt solche mechanische Menschen, deren Gespräche zur
+Hälfte aus gewissen Formeln bestehen, welche sie, ohne etwas
+dabei zu denken, herplappern. Sie treffen Dich tödtlich krank
+im Bette an, und freuen sich, Dich wohl zu sehn. Zeigst Du
+ihnen Dein Bildniß: so finden sie, daß es zwar ähnlich sehe,
+aber viel zu alt gemalt sey. Allen Kindern sagen sie: sie seyen
+groß für ihr Alter, und gleichen dem Vater, und was dergleichen
+leeres Geschwätz mehr ist. Einen eben so dürftigen Stoff
+zur Unterhaltung liefern Räthsel, Wortspiele, Pfandspiele u. dgl.,
+wenn sie nicht ausgezeichnet sinnreich sind. Wenigstens wird
+selten in einer Gesellschaft, die nur einigermaßen gemischt ist,
+das Wohlgefallen daran allgemein seyn, denn es werden sich
+immer Einige finden, welche sich durch solche Unterhaltungen
+gedrückt fühlen, weil sie nicht Kenntnisse, oder Geist genug haben,
+hiebei eine anständige Rolle zu spielen, oder der Verlegenheit
+zu entgehen.</p>
+
+<h4>39.</h4>
+
+<p>Belästige nicht die Leute, mit welchen Du umgehst, mit unnützen
+Fragen! Man findet Menschen, die, nicht eben aus
+Vorwitz und Neugier, sondern weil sie nun einmal gewöhnt
+sind, ihre Gespräche in Katechesations-Form zu verfassen, uns
+durch Fragen so beschwerlich werden, daß es gar nicht möglich
+ist, auf unsre Weise mit ihnen in Unterhaltung zu kommen.</p>
+
+<h4>40.</h4>
+
+<p>Lerne Widerspruch ertragen! Sey nicht kindisch eingenommen
+von Deinen Meinungen! Werde nicht hitzig, noch grob<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span>
+im Zanke; auch dann nicht, wenn man Deinen ernsthaften
+Gründen Spott und Bitterkeit entgegensetzt! Du hast, bei der
+besten Sache, schon halb verloren, wenn Du nicht kaltblütig
+bleibst, und wirst wenigstens auf diese Art nie überzeugen und
+nie gefallen.</p>
+
+<h4>41.</h4>
+
+<p>An Oertern, wo man sich zur Freude versammelt: beim
+Tanze, in Schauspielen, rede mit niemand von häuslichen Geschäften,
+noch weniger von verdrießlichen Dingen! Man geht
+dahin, um sich zu erholen, um auszuruhen, um kleine und große
+Sorgen abzuschütteln, und es ist also unbescheiden, jemand mit
+Gewalt wieder mitten in sein tägliches Joch hineinschieben zu
+wollen.</p>
+
+<h4>42.</h4>
+
+<p>Daß ein redlicher und verständiger Mann über wesentliche
+Religionslehren, auch dann, wenn er das Unglück haben sollte,
+an der Wahrheit derselben zu zweifeln, sich dennoch keinen Spott
+erlauben wird: ich meine, das versteht sich von selber; aber auch
+über kirchliche Verfassungen, über die Menschensatzungen, welche
+von einigen Sekten für Glaubenslehren gehalten werden, über
+Ceremonien, die Manche für wesentlich halten, und dergleichen,
+soll man nie in Gesellschaften spotten. Man respektire das, was
+Andern ehrwürdig ist! Man lasse Jedem die Freiheit in Meinungen,
+die wir für uns selbst verlangen! Man vergesse nicht,
+daß das, was wir Aufklärung nennen, Andern vielleicht Verfinsterung
+scheint! Man schone der Vorurtheile, die Andern
+Ruhe gewähren! Man raube niemand, ohne ihm etwas Besseres
+an die Stelle desselben zu geben, was ihm auf seiner Bildungsstufe,
+oder in dem Zusammenhange seiner Vorstellungen
+als Wahrheit erscheint, und unentbehrlich geworden ist! Man
+vergesse nicht, daß Spott nicht bessert; daß unsre, hier auf Erden
+noch nicht entwickelte Vernunft über so wichtige Gegenstände
+leicht irren kann; daß ein mangelhaftes System, auf welchem
+aber der Grund einer guten Moral liegt, nicht so leicht umzureissen
+ist, ohne zugleich das Gebäude selbst über den Haufen zu
+werfen, und endlich, daß solche Gegenstände überhaupt gar nicht
+von der Art sind, daß man sie in Gesellschaften abhandeln könne!</p>
+
+<p>Doch dünkt mich, man vermeide heut zu Tage oft zu vorsätzlich
+alle Gelegenheit, über Religion zu reden. Einige Leute<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span>
+schämen sich, Wärme für Gottes-Verehrung und für die höchsten
+Angelegenheiten des Menschen zu zeigen, aus Furcht, für
+nicht aufgeklärt genug gehalten zu werden, und Andre affektiren
+religiöse Empfindungen, scheuen sich, auch nur im mindesten
+gegen Schwärmerei zu reden, um sich bei den Andächtlern in
+Gunst zu setzen. Ersteres ist Menschenfurcht, und Letzteres Heuchelei;
+Beides aber eines redlichen Mannes gleich unwerth.</p>
+
+<h4>43.</h4>
+
+<p>Wenn Du von körperlichen, geistigen, moralischen oder andern
+Gebrechen redest, oder Anekdoten erzählst, die gewisse
+Grundsätze oder Vorurtheile lächerlich machen, oder gewisse
+Stände in ein nachtheiliges Licht setzen sollen: so siehe Dich
+vorher wohl um, ob niemand gegenwärtig sey, der das übel
+aufnehmen, diesen Tadel oder Spott auf sich und seine Verwandten
+ziehen könnte!</p>
+
+<p>Halte Dich über niemands Gestalt, Wuchs und Bildung
+auf! Es steht in keines Menschen Gewalt, diese zu ändern.
+Nichts ist kränkender, niederschlagender und empörender für den
+Mann, der unglücklicher Weise eine etwas auffallende Gesichtsbildung
+oder Figur hat, als wenn er bemerkt, daß diese der Gegenstand
+der Verspottung oder Befremdung wird. Leuten, die ein
+wenig mit der großen Welt bekannt sind, und unter Menschen
+von allerlei Formen und Ansehen gelebt haben, sollte man darüber
+billig gar keine Erinnerung geben dürfen; aber leider trifft
+man hie und da, selbst unter fürstlichen Personen, besonders unter
+Damen, solche an, die so wenig Gewalt über sich, oder so
+wenig Begriffe von Wohlanständigkeit und Billigkeit haben,
+daß sie die Eindrücke, welche ein ungewöhnlicher Anblick von
+<em class="gesperrt">der</em> Art auf sie macht, nicht verbergen können. — Das ist
+schwach, und wenn man noch dabei überlegt, wie relativ und
+dem verschiednen Geschmacke unterworfen die Begriffe von Schönheit
+und Häßlichkeit sind, wie so wenig auf sichern Grundsätzen
+beruhend unsre physiognomische Wissenschaft ist, und wie oft
+unter einer anscheinend häßlichen Larve ein schönes, edles, warmes,
+großes Herz, mit einem feinen, tiefdenkenden Kopfe steckt:
+so sieht man leicht, daß man sehr selten mit Recht auf das äussere
+Ansehen eines Menschen nachtheilige Folgerungen bauen,
+und nie die Befugniß haben kann, die Eindrücke, welche ein
+solcher Anblick etwa auf uns macht, zu jemands Kränkung durch<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span>
+Lachen oder auf andre Art kund werden zu lassen. Ueberhaupt
+ist es Schwachheit, sich von sinnlichen Eindrücken, mögen sie
+günstige oder ungünstige seyn, so sehr beherrschen zu lassen, daß
+man sogleich seine Zuneigung oder Abneigung verräth. Der äussere
+Mensch ist oft so ganz von dem inneren verschieden, daß
+man sich in der Regel bitter getäuscht sieht, wenn man sich von
+jenem verleiten ließ, günstig oder ungünstig zu urtheilen.</p>
+
+<p>Ausser einer sonderbaren Figur können uns aber noch andre
+Dinge an einem Menschen auffallend seyn, zum Beispiel: lächerliche,
+phantastische, abgeschmackte Gebehrden, Manieren,
+Verzerrungen des Körpers, Unbekanntschaft mit gewissen Sitten,
+Unvorsichtigkeiten im Betragen, ungewöhnlicher, altmodischer
+Anzug u. dgl. Es gehört nicht weniger zu einer guten Lebensart,
+hierüber nicht durch Lachen oder durch Zeichen, die
+man einem der Anwesenden gibt, sein Befremden zu erkennen
+zu geben, und dadurch den armen Mann, der sich dergleichen
+zu Schulden kommen läßt, noch mehr in Verlegenheit zu setzen.</p>
+
+<h4>44.</h4>
+
+<p>Wenn Du in einer Gesellschaft von einem der Anwesenden
+mit Deinem Freunde reden willst (obgleich dieß, wie das Ohrenflüstern,
+überhaupt unanständig ist): so gebrauche wenigstens
+die Vorsicht und Schonung, die Person, von welcher Du redest,
+nicht dabei anzusehen! Und ist Dir daran gelegen, etwas zu
+hören, das in einiger Entfernung von Dir gesprochen wird: so
+wende auch Deine Blicke nicht dahin! Man wird sonst aufmerksam
+auf Dich, und man hört ja auch nur mit den Ohren, nicht
+mit den Augen.</p>
+
+
+<h4>45.</h4>
+
+<p>Man hüte sich, bei Personen, mit denen man umgeht, unberufen
+unangenehme Dinge in Erinnerung zu bringen! Oft
+bewegt eine Art von unkluger Theilnehmung und ein Mangel
+an Zartgefühl die Leute, uns um die Beschaffenheit unsrer ökonomischen
+und anderer verdrießlichen Sachen zu befragen, obgleich
+sie uns nicht helfen können, und uns dadurch zu zwingen,
+Gegenstände in unser Gedächtniß zurückzurufen, die wir in Gesellschaften,
+wo wir uns aufzuheitern dachten, so gern vergessen
+möchten. Man muß so viel Menschenkenntniß haben, zu unterscheiden,
+ob der Mann, den wir vor uns sehen, seinem Temperamente,
+seiner Lage, und der Art seines Kummers nach, durch<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span>
+solche Gespräche erheitert oder getröstet werden könne, oder ob
+nicht vielleicht sein Leiden dadurch doppelt erschwert werde<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>.</p>
+
+<p>Man enthalte sich auch, andern Leuten das, was sie nun
+einmal haben, und nicht wieder abschaffen können, zuwider zu
+machen, ihnen die Lage, darin sie nun einmal leben müssen,
+durch unangenehme Schilderungen und unwillkommene Bemerkungen
+zu verleiden. Es gibt solche unberufene Wahrheits-Prediger,
+die sich ein Geschäft daraus machen, uns auch den unschuldigsten
+glücklichen Wahn wegzuvernünfteln, und es bleibt
+bei Wielands Ausspruch:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein Wahn, der mich beglückt,</div>
+ <div class="verse indent0">Ist eine Wahrheit werth,</div>
+ <div class="verse indent0">Die mich zu Boden drückt.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<h4>46.</h4>
+
+<p>Nimm nicht Theil daran, lächle nicht beifällig, thu' lieber,
+als hörtest Du es gar nicht, wenn jemand einem Dritten unangenehme
+Dinge sagt, oder ihn beschämt! Die Feinheit eines
+solchen Betragens wird gefühlt und oft dankbar belohnt.</p>
+
+<h4>47.</h4>
+
+<p>Ueber die Gewohnheit, Paradoxen vorzubringen, über Widersprechungsgeist,
+Disputirsucht, Citiren und Berufen auf die
+Meinungen und Aussprüche Andrer, werde ich mich im dritten
+Kapitel dieses Theils erklären, und beziehe mich hier darauf.</p>
+
+<h4>48.</h4>
+
+<p>Eine der wichtigsten Tugenden im gesellschaftlichen Leben,
+welche wirklich täglich seltner wird, ist die Verschwiegenheit.
+Man ist heut zu Tage so äusserst trügerisch in Versprechungen,
+ja in Betheurungen und Schwüren, daß man ohne Scheu ein
+unter dem Siegel des Stillschweigens uns anvertrautes Geheimniß
+gewissenloser Weise ausbreitet. Andre, die weniger pflichtvergessen,
+aber höchst leichtsinnig sind, schwatzen Geheimnisse
+aus, weil sie ihrer Redseligkeit keinen Zaum anlegen können.<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span>
+Sie vergessen, daß man sie gebeten hat, zu schweigen; und so
+erzählen sie aus unverzeihlicher Unvorsichtigkeit die wichtigsten
+Geheimnisse ihrer Freunde an öffentlichen Orten, mit einer Unbefangenheit,
+die in Erstaunen und in Schrecken setzt; oder sie
+vertrauen, indem sie Jeden, der ihnen während ihres Dranges,
+sich zu entladen, in den Wurf kömmt, für einen treuen Freund
+ansehen, das, was sie doch nicht als ihr Eigenthum betrachten
+sollten, eben so leichtsinnigen Leuten an, wie sie selbst sind.
+Solche Menschen gehen dann auch nicht weniger unklug mit
+ihren <em class="gesperrt">eignen</em> Heimlichkeiten, Planen und Begebenheiten um,
+zerstören dadurch sehr oft ihre Wohlfahrt, und vernichten ihre
+Bestrebungen.</p>
+
+<p>Welchen Nachtheil überhaupt eine solche unvorsichtige Bewahrung
+fremder und eigner Geheimnisse gewähre, das bedarf
+wohl keiner Auseinandersetzung. Es gibt aber eine Menge anderer
+Dinge, die zwar nicht eigentlich Geheimnisse sind, wovon
+uns jedoch Klugheit und die Vernunft lehrt, daß es besser sey,
+sie zu verschweigen, und andre Dinge, deren Ausbreitung wenigstens
+für niemand lehrreich und unterhaltend seyn kann, und
+wovon es doch möglich wäre, daß ihre Verplauderung irgend
+jemand nachtheilig seyn möchte. — Darum gehört eine gewisse
+Zurückhaltung, die aber nicht in Verschlossenheit und Geheimnißkrämerei
+ausarten muß, zu den Tugenden, welche der Umgang
+fordert. Bei Männern, welche in bedeutenden Staatsämtern
+stehen, ist es vollends unverzeihlich, wenn sie sich von
+der Sucht, das Wort zu führen, und sich wichtig zu machen,
+verleiten lassen, der Gesellschaft etwas mitzutheilen, was ihre
+Amtspflicht, oder die Würde ihres Amts zu verschweigen gebietet.
+Uebrigens wird man die Bemerkung wahr finden, daß in
+despotischen Staaten die Menschen, im Ganzen genommen, verschwiegner
+sind, als da, wo mehr Freiheit herrscht. Dort machen
+Furcht und Mißtrauen verschlossen und zurückhaltend; hier
+folgt Jeder dem Triebe seines Herzens, sich freimüthig mitzutheilen.</p>
+
+<p>Wenn man auch mehrern Leuten zugleich sein Geheimniß
+anvertrauen muß: so lege man doch unbedingte Verschwiegenheit
+auf, damit jeder von ihnen glaube, er wisse es allein, müsse
+allein für die Bewahrung haften.</p>
+
+<p>Manche Leute haben die sehr unartige Gewohnheit, sich,<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span>
+wenn man sie zum Voraus um Verschwiegenheit über eine Sache
+bittet, die man ihnen entdecken will, nicht bestimmt zu erklären,
+nichts zu versprechen. Aus Gutmüthigkeit hält man dann
+nicht zurück, sondern redet, indem man die Bedingung voraussetzt.
+Dies Betragen ist nicht nachzuahmen; der aufrichtige
+Mann äussert sich ohne Rückhalt, und hört nicht eher, als bis
+er gesagt hat, in wie fern er sich zur Verschwiegenheit verbindlich
+machen könne, oder nicht.</p>
+
+<h4>49.</h4>
+
+<p>Menschen von lebhafter Gemüthsart werden der Gesellschaft
+leicht durch den Ungestüm, mit welchem sie widersprechen, oder
+ihre Meinung vertheidigen, beschwerlich. Der Umgang fordert
+einen gewissen Gleichmuth, und die Selbstverleugnung, welche
+jeden Ausbruch der Leidenschaft zurückzudrängen, und eigensinnigen
+Widerspruch zu ertragen weiß.</p>
+
+<p>Ein großes Talent, welches durch Studium der Sprache
+und Achtsamkeit auf sich selbst erlangt werden kann, ist die
+Kunst, sich bestimmt, fein, richtig, körnigt auszudrücken, lebhaft
+im Vortrage zu seyn, sich dabei nach den Fähigkeiten der
+Menschen zu richten, mit denen man redet; sie nicht zu ermüden,
+gut und launigt zu erzählen, nicht über seine eignen Einfälle
+zu lachen; nach den Umständen trocken oder lustig, ernsthaft
+oder komisch seinen Gegenstand darzustellen, und mit natürlichen
+Farben zu malen. Dabei muß ein guter Gesellschafter
+sein Aeusseres studiren, und besonders sein Mienenspiel in seiner
+Gewalt haben, sich vor Verzerrungen zu hüten, und sein Lachen
+zu mäßigen wissen. Der Anstand und die Gebehrdensprache sollen
+edel seyn: man soll nicht bei unbedeutenden, affectlosen Unterredungen,
+wie Personen aus der niedrigsten Volksklasse, mit
+Kopf, Armen und andern Gliedern herumfahren und um sich
+schlagen; man soll den Leuten gerade, aber bescheiden und sanft,
+in's Gesicht sehen, sie nicht bei Aermeln, Knöpfen und dergleichen
+zupfen. Kurz, alles was eine feine Erziehung, was Aufmerksamkeit
+auf sich selbst und auf Andre verräth, das gehört
+nothwendig dazu, den Umgang angenehm zu machen, und es
+ist wichtig, sich in solchen Dingen nicht nachzusehn, sondern
+jede kleine Regel des Wohlstandes, selbst in dem Cirkel seiner
+Familie, zu beobachten, um sich das zur andern Natur zu machen,
+wogegen diejenigen so oft fehlen, welche nie erwägen, daß<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span>
+es Pflichten gegen die Gesellschaft gibt, und sich daher Alles erlauben,
+was ihnen gemächlich ist. Kaum scheint es nöthig, hier
+noch zu bemerken, daß man so wenig als möglich in einer Gesellschaft
+den Leuten den Rücken zukehren, in Titeln und Namen
+sich vor Verwechselung hüten; daß man bei Personen, die es
+mit den Höflichkeitsbezeigungen genau nehmen, den Vornehmern
+immer auf der rechten Seite, oder wenn Drei beisammen
+sind, in der Mitte gehen lasse; daß man Dem, mit welchem
+man spricht, frei und offen, doch nicht starr und frech, in das
+Gesicht schauen, seine Stimme in seiner Gewalt haben, nicht
+schreien und doch verständlich reden, in seinem Gange Anstand
+beobachten, nicht aller Orten das große Wort führen solle; daß
+man, wenn man ein Frauenzimmer führt, mit ihr, um sie nicht
+zu stoßen, gleichen Schritt halten, und mit demselben Fuße,
+wie sie, antreten, ihr auch zuweilen seine linke Hand reichen
+müsse, wenn sie an der rechten Seite nicht so bequem gehen
+würde; daß man auf <em class="gesperrt">steilen</em> Treppen im Hinuntersteigen die
+Frauenzimmer vorausgehen, im Hinaufsteigen aber sie folgen
+lassen müsse; daß, wenn man uns nicht versteht, und wir voraussehen,
+daß eine genauere Erklärung nichts helfen würde, oder
+der Gegenstand von so geringer Wichtigkeit ist, daß er keinen
+großen Aufwand von Worten verdient, wir dann die ganze
+Sache fallen lassen müssen; daß vornehme Leute, wenn sie nicht
+über Vorurtheile hinaus sind, es übel nehmen, wenn ein Geringer
+von sich und ihnen in Gemeinschaft spricht, (z. B. »Als
+<em class="gesperrt">wir</em> gestern zusammen spazieren gingen.« »<em class="gesperrt">Wir</em> haben im
+gestrigen Spiele gewonnen, und <em class="gesperrt">unsre</em> Gegner verloren,«)
+und, daß sie verlangen, man solle thun, als seyen sie allein in
+der Welt des Nennens werth: »Ihro Excellenz, Ihro Gnaden
+haben gewonnen;« (höchstens möchte man hinzusetzen: »<em class="gesperrt">mit
+mir</em>«); daß man die Leute nicht zehnmal wieder zurückrufe,
+ihnen noch hundert Dinge zu sagen und nachzuschreien habe,
+wenn sie im Zimmer oder auf der Gasse von uns gehen, schon
+die Thür in der Hand, schon Abschied genommen haben; daß
+es eine unartige Gewohnheit sey, immer etwas zwischen den
+Fingern oder im Munde zu führen, das man zerdrückt und spielend
+zernichtet, es sey brauchbar oder nicht, gehöre uns oder
+Andern; daß man erst um Erlaubniß fragen müsse, wenn man
+in Gegenwart fremder Personen Briefe lesen, oder andere Geschäfte<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span>
+von der Art treiben will; daß es anständig sey, wenn
+man jemand im Vorbeigehen grüßen will, den Hut auf <em class="gesperrt">der</em>
+Seite abzuziehen, wo der Fremde <em class="gesperrt">nicht</em> geht, damit man ihn
+nicht damit berühre, und sein Gesicht nicht vor ihm verberge;
+daß man, wenn man jemand etwas darreicht, es, in so fern
+dieß zu ändern steht, nicht mit der bloßen Hand hingeben müsse;
+daß es sich nicht schicke, in Gesellschaften in's Ohr zu flüstern,
+bei Tafel krumm zu sitzen, unanständige Gebehrden zu machen,
+noch zu leiden, daß ein Frauenzimmer, oder jemand, der vornehmer
+ist als wir, von einer Speise, die vor uns steht, vorlege;
+daß es unartig sey, in Gesellschaften jemandem einen unschuldigen
+Spaß zu verderben, z. B. wenn er Kartenkünste zeigt,
+seine Kunst zu enthüllen. Leuten von gewissem Stande und einer
+nicht ganz gemeinen Erziehung ist das in der ersten Jugend
+schon eingeprägt worden; nur erinnere ich, daß diese kleinen
+Dinge in mancher Leute Augen <em class="gesperrt">große</em> Dinge sind, und daß
+oft unsre zeitliche Wohlfahrt in solcher Leute Händen ist.</p>
+
+<h4>50.</h4>
+
+<p>Es gibt noch andre kleine gesellschaftliche Unschicklichkeiten
+und Inconsequenzen, die man vermeiden, und wobei man immer
+überlegen muß, was daraus werden würde, wenn Jeder
+von den Anwesenden sich dieselbe Freiheit erlauben wollte; zum
+Beispiel: in Concerten plaudern; hinter eines Andern Rücken
+einem Freunde etwas zuflüstern, oder ihm Winke geben, die
+Jener auf sich deuten kann; lächerlich schlecht tanzen, oder ein
+Instrument elend spielen, sich dennoch damit sehen und hören
+lassen, und dadurch die Anwesenden zum Spotte und zum Gähnen
+reitzen; bei dem Tanze zugleich die Melodie mit singen; in
+Schauspielen so hintreten, daß man Andern die Aussicht raubt;
+in jeder Versammlung so spät erscheinen, daß man keinen Nachfolger
+mehr hat, und doch der Erste seyn, der sie verläßt, oder
+länger verweilen, als alle übrigen Mitglieder der Gesellschaft.
+Willst Du gern gesehen seyn, so vermeide alle diese Unschicklichkeiten
+mit Sorgfalt, und willst Du ein edler Mensch, nicht
+bloß ein guter Gesellschafter werden, so vermeide sie nicht um
+der Menschen willen, sondern weil Du dieß Deinem eigenen
+Herzen schuldig zu seyn glaubst, und weil Du nicht bloß <em class="gesperrt">klug</em>,
+sondern auch <em class="gesperrt">gut</em> seyn möchtest. In eben dieser Hinsicht befolge
+auch noch diese Vorschriften: Du sollst nicht dem Lesenden oder<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span>
+Schreibenden auf die Finger sehen, und nicht allein in einem
+fremden Zimmer bleiben, in welchem Schriften oder Gelder herumliegen.
+Ferner: wenn zwei Personen, die vor Dir hergehen,
+leise mit einander reden, ohne Deiner gewahr zu werden, so
+will die Bescheidenheit und die Klugheit, daß Du ihnen durch
+Geräusch Deine Nähe zu erkennen gebest, um Dich von allem
+Verdachte, als wenn Du sie beschleichen wolltest, und von aller
+Verlegenheit zu befreien. So klein dergleichen Aufmerksamkeiten
+scheinen, so machen sie doch den Umgang angenehm und werden
+Bildungsmittel für Geist und Herz, wenn man sie als solche
+<em class="gesperrt">ansieht</em> und <em class="gesperrt">benutzt</em>, sind aber auch, wenn man sie nicht von
+dieser Seite betrachtet, weiter nichts, als Schleifsteine für die
+äussere Politur.</p>
+
+<h4>51.</h4>
+
+<p>Oft sind wir in dem Falle, daß uns durch Gespräche Langeweile
+gemacht wird. Vernunft, Vorsichtigkeit und Menschenliebe
+gebieten uns dann, wenn nun einmal nicht auszuweichen
+ist, Geduld zu fassen, und nicht durch beleidigendes Betragen
+unsern Ueberdruß zu erkennen zu geben. Man kann ja, je seelenloser
+das Gespräch und je geschwätziger der Mann ist, um
+desto freier nebenher an andre Dinge denken; und wäre auch
+das nicht — ei nun! es geht im menschlichen Leben so manche
+verträumte Stunde verloren! Ist man denn nicht einige Aufopferung
+der Gesellschaft schuldig, mit welcher man umgeht? —
+Und geschieht es nicht vielleicht zuweilen, daß auch wir dagegen,
+so groß auch die Meinung seyn mag, die wir von der
+Wichtigkeit unsrer Gespräche haben, dennoch durch unsre Redseligkeit
+Andern Langeweile machen? Auch gibt es hier noch einen
+Ausweg. Man sucht dem Redseligen eine Pause abzugewinnen,
+oder wirft unaufhörlich Fragen, Einwürfe und Bedenklichkeiten
+zwischen seine Rede, oder nöthigt ihn durch eine geschickte Wendung,
+manches zu überspringen, was er noch einschieben wollte,
+oder bringt ihn durch eine unerwartete Frage plötzlich auf ein
+anderes, nicht so ergiebiges Thema.</p>
+
+<h4>52.</h4>
+
+<p>Gewissen Leuten ist eine Leichtigkeit im Umgange, und die
+Gabe, geschwind Bekanntschaften zu machen, und Zuneigung
+zu gewinnen, wie angeboren; Andern hingegen hängt von Jugend
+auf eine gewisse Blödigkeit und Schüchternheit an, die sie<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span>
+nicht abzulegen vermögen, wenn sie gleich täglich fremde Leute
+aller Art um sich sehen. Diese Blödigkeit ist freilich sehr oft die
+Folge einer fehlerhaften Erziehung, so wie auch zuweilen die
+Wirkung einer heimlichen Eitelkeit, die in Verlegenheit geräth,
+aus Furcht, sich in Schatten zu stellen, übersehen zu werden,
+und nicht zu glänzen. Manchen Menschen aber scheint diese
+Schüchternheit gegen ganz fremde Leute wirklich von Natur eigen
+zu seyn, und alle Mühe, welche sie sich geben, sie zu besiegen,
+ist verloren. Ein regierender Fürst, einer der edelsten und
+verständigsten Männer, die ich kenne, und der auch wahrlich
+seines Aeussern wegen sich nicht zu schämen noch zu fürchten
+braucht, nachtheilige Eindrücke zu machen, hat mich versichert,
+daß, obgleich ihn sein Stand von Kindheit an in die Lage gesetzt
+habe, täglich große Cirkel und viele fremde Gesichter zu
+sehn, er dennoch an keinem Tage in sein Vorzimmer trete, wo
+der versammelte Hof seiner wartet, ohne aus Verlegenheit auf
+einen Augenblick fast blind zu werden. Uebrigens hört bei diesem
+liebenswürdigen Herrn, sobald er sich ein wenig erholt hat,
+die Schüchternheit auf, und dann redet er freundlich und offen
+mit jedermann, und sagt bessre Dinge, als gewöhnlich Fürsten,
+bei solchen Gelegenheiten, über Wetter, böse Wege, Pferde und
+Hunde zu sagen wissen.</p>
+
+<p>Eine gewisse Leichtigkeit im Umgange also, die Gabe, sich
+gleich bei der ersten Bekanntschaft vortheilhaft darzustellen, mit
+Menschen aller Art zwanglos ein Gespräch anzuknüpfen, und
+bald zu merken, wen man vor sich hat, und was man mit Jedem
+reden könne und müsse: das sind Eigenschaften, die man
+zu erwerben und auszubilden trachten soll. Doch müsse dieß nie
+in jene, den Abentheurern so eigne Unverschämtheit und Zudringlichkeit
+ausarten, die oft, in weniger als einer Stunde
+Frist, einer ganz fremden Tischgesellschaft im Wirthshause ihre
+Lebensläufe abgefragt, und dagegen den ihrigen erzählt, Dienste
+und Freundschaft angeboten, und Dienste, Verwendung und
+Hülfe für sich erbeten haben. Die Hauptsache kommt immer
+darauf an, leicht in den fremden Ton einzustimmen, und nichts
+auskramen, nichts geltend machen zu wollen, was in diesem
+Kreise nicht verstanden oder nicht geschätzt wird, sich auch nicht
+gar zu sehr dadurch niederschlagen zu lassen, daß die ersten Versuche,
+die Unterhaltung in Gang zu bringen, unglücklich abgelaufen
+sind.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span></p>
+
+<h4>53.</h4>
+
+<p>Man vermeide also auch, in alle Cirkel große Forderungen
+und Erwartungen mitzunehmen, allen Menschen alles allein
+seyn, mit aller Gewalt glänzen, und Aufmerksamkeit erregen
+zu wollen; zu verlangen, daß aller Menschen Augen nur auf
+uns gerichtet, ihre Ohren nur für uns gespitzt seyen; denn sonst
+werden wir freilich uns aller Orten zurückgesetzt glauben, eine
+traurige Rolle spielen, uns und Andern Langeweile machen,
+menschenscheu und bitter die Gesellschaft fliehn, und von ihr geflohen
+werden. Ich kenne viele Leute von der Art, die durchaus,
+wenn sie sich in vortheilhaftem Lichte zeigen sollen, der Mittelpunkt
+seyn müssen, um welchen sich alles dreht, so wie überhaupt
+manche Menschen im gemeinen Leben niemand neben sich
+vertragen, der mit ihnen verglichen werden könnte. Sie handeln
+vortrefflich, groß, edel, nützlich, wohlthätig, geistreich,
+sobald sie es allein sind, an die man sich wendet, von denen
+man bittet, erwartet, hofft; aber klein, niedrig, rachsüchtig
+und schwach, sobald sie in Reihe und Gliedern stehen sollen,
+und zerstören jedes Gebäude, wozu sie nicht den Plan gemacht,
+oder wenigstens die Kranz-Rede gehalten haben; ja, selbst ihr
+eignes Gebäude, sobald nur ein Andrer eine kleine Verzierung
+daran angebracht hat. Dies ist eine unglückliche, ungesellige
+Gemüthsart. Ueberhaupt rathe ich, um glücklich zu leben, und
+Andre glücklich zu machen, in dieser Welt so wenig als möglich
+zu erwarten und zu fordern.</p>
+
+<h4>54.</h4>
+
+<p>So viel über den Anstand, über schickliche Manieren, und
+über die Höflichkeit im äussern Betragen, über Bescheidenheit
+und Mäßigung; und nun noch etwas über die <em class="gesperrt">Kleidung</em>.
+Kleide Dich nicht <em class="gesperrt">unter</em> und nicht <em class="gesperrt">über</em> Deinen Stand, nicht
+<em class="gesperrt">über</em> und nicht <em class="gesperrt">unter</em> Dein Vermögen, nicht phantastisch,
+nicht bunt, nicht ohne Noth prächtig, noch glänzend, noch kostbar;
+aber reinlich, geschmackvoll, und, wo Du Aufwand machen
+mußt, da sey Dein Aufwand zugleich ächt und schön!
+Zeichne Dich weder durch altväterische, noch jede neumodische
+Thorheit nachahmende Kleidung aus! Wende eine größere Aufmerksamkeit
+auf Deinen Anzug, wenn Du in der großen Welt
+erscheinen willst! Man ist in Gesellschaft verstimmt, sobald man
+sich bewußt ist, in einer unangenehmen Ausstaffirung aufzutreten.<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span>
+Trage nie geliehene Sachen! Das hat von mehr als Einer
+Seite nachtheiligen Einfluß auf den Charakter.</p>
+
+<h4>55.</h4>
+
+<p>Wenn die Frage entsteht: ob es gut sey, viel oder wenig in
+Gesellschaft zu erscheinen; so muß die Beantwortung derselben
+freilich, nach den verschiedenen einzelnen Lagen, Bedürfnissen
+und nach unzähligen kleinen Umständen und Rücksichten, bei
+jedem Menschen anders ausfallen. Im Ganzen aber kann man
+den Satz zur Richtschnur annehmen: daß man sich nicht aufdringen,
+die Leute nicht überlaufen solle, und daß es besser sey,
+wenn man es einmal nicht allen Menschen recht machen kann,
+daß gefragt werde, warum wir so selten, als geklagt, daß wir
+zu oft und an allen Orten erscheinen, wo Unterhaltung zu erwarten
+ist. Es gibt einen feinen Sinn für die Pflege und Erweiterung
+des Umgangs (wenn uns nicht übertriebne Eitelkeit
+und Selbstsucht die Augen blenden), einen Sinn, der uns sagt,
+ob wir gerngesehn, oder überlästig sind, ob es Zeit ist, fortzugehn,
+oder ob wir noch verweilen sollen. Aus der Art, wie uns
+von Kindern und Domestiken in einem Hause begegnet wird,
+pflegt man am leichtesten zu merken, wie die Herrschaften oder
+Eltern gegen uns gestimmt sind.</p>
+
+<p>Uebrigens rathe ich, wenn man sich so weit in seiner Gewalt
+haben kann, mit so wenig Leuten, als möglich, <em class="gesperrt">vertraulich</em>
+zu werden, nur einen kleinen Cirkel von <em class="gesperrt">Freunden</em> zu haben,
+und diesen nur mit äusserster Vorsicht zu erweitern. Gar zu leicht
+mißbrauchen und vernachlässigen uns die Menschen, sobald wir
+mit ihnen in einem vollkommen vertraulichen Tone umgehen.
+Um angenehm zu leben, muß man fast immer ein <em class="gesperrt">Fremder</em>
+unter den Leuten bleiben. Dann wird man geschont, geehrt,
+aufgesucht. — Deswegen ist das Leben in großen Städten so
+schön, wo man alle Tage andre Menschen sehen kann. Für
+einen Mann, der sonst nicht schüchtern ist, ist es ein Vergnügen,
+unter <em class="gesperrt">Unbekannten</em> zu sitzen. Da hört man, was man
+sonst nicht hören würde; man wird nicht behorcht und belauscht,
+und kann in der Stille beobachten.</p>
+
+<h4>56.</h4>
+
+<p>Uebrigens rathe ich auch an, um seiner selbst und um Andrer
+willen, ja nicht zu glauben, es sey irgend eine Gesellschaft so
+ganz schlecht, das Gespräch irgend eines Mannes so ganz unbedeutend,<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span>
+daß man nicht daraus etwas lernen, eine neue Erfahrung,
+einen Stoff zum Nachdenken sammeln könnte. Aber man
+soll nicht aller Orten Gelehrsamkeit, feine Cultur fordern, sondern
+sich an gesundem Hausverstand und geradem Sinn genügen
+lassen, daran den eigenen beleben und stärken, und sich einmal
+wieder auf den Weg der Natur leiten lassen, sich auch eben darum
+unter Menschen von allerlei Ständen mischen: so lernt man zugleich
+nach und nach den Ton und die Stimmung annehmen,
+die nach Zeit und Umständen erfordert werden, und überzeugt
+sich, daß auch in den niederen Ständen Witz, Verstand und
+Scharfsinn zu finden sey. Aber diese Ueberzeugung ist sehr heilsam
+zur Dämpfung eines gewissen Stolzes, der sich so leicht der
+Gebildeten bemächtigt, und sie ungerecht gegen Ungebildete macht.
+Auch für die Erweiterung der Sprachkunde ist ein solcher Umgang
+mit Menschen aus den verschiedensten Ständen und von
+den verschiedensten Bildungsstufen höchst wirksam und ergiebig,
+und gewährt manchen großen Genuß, besonders durch die erweiterte
+Kenntniß sprichwörtlicher Redensarten, in welchen oft
+so viel Witz und Kraft verborgen liegt.</p>
+
+<h4>57.</h4>
+
+<p>Mit wem aber soll man am mehrsten umgehn? Natürlicher
+Weise läßt sich auch diese Frage nur nach eines Jeden besondrer
+Lage beantworten. Hat man die Wahl (und wirklich hat man
+diese auch öfter, als man glaubt), so wähle man sich die Weisern
+zu seinem Umgange; Leute, von denen man lernen kann,
+die nicht schmeicheln, nicht gar zu überlegen an Kenntnissen und
+Fähigkeiten sind, aber doch uns übersehen, die in Kreisen tanzen,
+so oft ihr hoher Genius seine Zauberruthe schwingt. Den
+Meisten aber scheint es genußreicher, untergeordnete Geister um
+sich her zu versammeln. Aber diese bleiben auch immer, was
+und wie sie sind, kommen nie weiter in Weisheit und Tugend.
+Es gibt zwar Lagen, in welchen es nützlich und lehrreich ist,
+sich unter Menschen von allerlei Fähigkeiten zu mischen, ja, wo
+es auch Pflicht ist, nicht bloß mit Leuten umzugehn, von denen
+<em class="gesperrt">wir</em>, sondern auch mit solchen, die <em class="gesperrt">von uns</em> lernen können,
+und die ein Recht haben, dieß zu fordern. Diese Gefälligkeit
+aber darf nie so weit gehen, daß die Rechenschaft, die wir einst
+von unsrer goldnen Zeit, und von der Obliegenheit, uns zu vervollkommnen,
+geben sollen, dabei Gefahr laufe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p>
+
+<h4>58.</h4>
+
+<p>Es ist oft eine höchst sonderbare Sache um den Ton, der in
+Gesellschaften herrscht. Vorurtheil, Eitelkeit, Schlendrian, Autorität,
+Nachahmungssucht, und wer weiß, was sonst noch,
+stimmen diesen Ton so, daß zuweilen Menschen, die an einem
+Orte zusammen leben, Jahr aus, Jahr ein, sich auf eine Weise
+versammeln, unterhalten, Dinge mit einander treiben, und über
+Gegenstände reden, die Allen zusammen und jedem Einzelnen
+unendliche Langeweile machen. Dennoch glauben sie, sich den
+Zwang anthun zu müssen, diese Lebensart also fortzuführen.
+Gewährt wohl die Unterhaltung in den mehresten großen Cirkeln
+einem Einzigen von den da Versammelten wahres Vergnügen?
+Spielen unter funfzig Personen, die jeden Abend die Karten in
+die Hand nehmen, wohl zehn aus wahrer Neigung? Um desto
+erbärmlicher ist es, wenn freie Menschen in kleinern Oertern,
+oder gar auf Dörfern, die zwanglos leben könnten, um den
+Ton der Residenzen nachzuahmen, sich eben so peinlich unter
+das Joch dieser Langeweile krümmen. Hat man Gewicht bei
+seinen Mitbürgern und Nachbarn, so ist es Pflicht, alles dazu
+beizutragen, den Ton vernünftiger zu stimmen. Ist das aber
+nicht der Fall, und man geräth einzeln in einen solchen Cirkel,
+so vermehre man nicht, durch ein schiefes, stummes, oder mürrisches
+Betragen, unter den Anwesenden und dem Hauswirthe
+die Verlegenheit, es vor einander zu verbergen, daß sie sich
+sämmtlich weit von da weg wünschten; sondern man zeige sich
+vielmehr als einen Meister in der Kunst, viel zu reden, ohne
+etwas zu sagen, und erwerbe sich wenigstens das Verdienst, den
+Zeitraum mit unschuldiger Unterhaltung auszufüllen, wovon
+ausserdem gewöhnlich die Verläumdung Besitz nimmt!</p>
+
+<p>In volkreichen, großen Städten kann man am unbemerktesten,
+und ganz nach seiner Neigung leben. Da fallen eine
+Menge kleiner Rücksichten weg; man wird nicht ausgespäht,
+controllirt, beobachtet; es laufen nicht so aus Mund in Mund
+die interessanten Nachrichten: wie vielmal in der Woche ich
+Braten esse; ob ich oft oder selten ausgehe, und wohin; wer zu
+mir kömmt; wie stark der Lohn ist, den ich meiner Köchin gebe,
+und ob ich kürzlich mit ihr geschmählt habe? Meine Kleidung
+wird nicht gemustert; man fragt nicht in jedem Krämer-Hause
+meine Magd, wenn sie für vier Pfennige Pfeffer holt, für wen<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span>
+der Pfeffer ist, und wozu der Pfeffer gebraucht werden soll?
+Eine unbedeutende Anekdote beschäftigt da nicht sechs Wochen
+lang alle Zungen; man wandelt unbemerkt, friedenvoll und
+ungeneckt durch den großen Haufen hin, besorgt seine Geschäfte,
+und wählt sich eine Lebensart, wie man sie für zweckmäßig hält.
+In kleinen Städten ist man verurtheilt, mit einer Anzahl, oft
+sehr langweiliger Magnaten, in strenger Abrechnung von Besuchen
+und Gegenbesuchen zu stehn, die gewöhnlich gleich nach
+dem Mittagstische ihren Anfang nehmen, und bis zu der Bürgerglocke,
+das heißt, bis zehn Uhr Abends, fortdauern, während
+welcher Zeit die Unterhaltung gewöhnlich den König von
+Preussen, die Franzosen und Engländer, den Kaiser, andre hohe
+Potentaten, und was der Hamburger Correspondent von ihnen
+meldet, zum Gegenstande hat. Das ist nun freilich erschrecklich;
+doch gibt es auch Mittel, dort den Ton des Umgangs nach und
+nach zu verfeinern, oder das schwache Publikum daran zu gewöhnen,
+nachdem es ein Vierteljahr hindurch über uns gelästert
+hat, uns endlich auf unsre Weise leben zu lassen, wenn man
+sich übrigens redlich, menschenfreundlich, dienstfertig und gesellig
+beträgt. Am übelsten aber pflegt man in den mittlern Städten
+daran zu seyn, sowohl in den freien Städten, wo der Handel
+die Achse ist, um die sich alles dreht, als in unbeträchtlichen
+Residenzen. Da herrschen gewöhnlich, neben einem übertriebnen
+Luxus, und solchen sittlichen Verderbnissen, die mit der Ausartung
+in den größten Städten wetteifern, noch obenein alle Gebrechen
+kleiner Städte, Klatschereien, Anhänglichkeit an Schlendrian,
+an Gewohnheiten und Familien-Verbindungen, die abgeschmacktesten
+Forderungen und die lächerliche Classificirung der
+Stände. So habe ich eine Stadt gesehn, in welcher ein Mann,
+durch seine kürzlich erhaltene Bedienung, die ehemals dort nicht
+existirt hatte, so sehr von allen übrigen, einmal bestimmten
+Rangordnungen abgesondert war, daß er, wie ein Elephant in
+einer Menagerie, immer für sich allein spatzieren gehn mußte,
+ohne seines Gleichen, weder einen Gesellschafter, noch eine Gefährtin
+finden zu können. Da nun aber in den wenigsten Städten
+von Teutschland eine glückliche Stimmung angetroffen wird,
+so muß man lernen, sich in die herrschenden Sitten zu fügen;
+und nichts kann unvernünftiger, und für den Eiferer selbst von
+nachtheiligeren Folgen seyn, als wenn ein Einzelner, der nicht<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span>
+besonders in Ansehen steht, auftreten, und seine Vaterstadt reformiren
+will. Nirgends kömmt indessen ein solcher Declamator
+übler an, als in den freien Städten, wo alte Sitte und Schlendrian
+innig verwebt sind in die Regierungsform und in alle
+übrige Verhältnisse. Hier hat indeß die neueste Zeit mit ihren
+Erschütterungen und den hunderttausend kostbaren Lehrmeistern,
+die sie in glänzenden Uniformen und mit großem Ansehen ausgerüstet
+in Teutschlands Staaten und Städte sandte, eine sehr
+bedeutende, doch nicht immer heilsame Veränderung hervorgebracht.</p>
+
+<p>In Dörfern und auf seinem Landgute lebt man in der That
+am ungezwungensten; und für jemand, der Lust hat, sich zu
+beschäftigen, und zum Besten Andrer etwas beizutragen, findet
+sich da mannigfaltige Gelegenheit, indem man an dem nützlichsten,
+zu sehr niedergedrückten und vernachlässigten Stande zum
+Wohlthäter werden kann; allein die geselligen Freuden sind auf
+dem Lande nicht so leicht zu erlangen, und nicht so rein zu genießen.
+In Augenblicken, wo man gerade das Bedürfniß fühlt,
+seine Arme nach einem treuen Freunde auszustrecken, ist dieser
+Freund vielleicht meilenweit von uns entfernt; oder man müßte
+reich genug seyn, einen ganzen Hofstaat von Freunden um sich
+her zu versammeln; aber auch das hat seine üble Seite; und
+sehr reiche Leute fühlen ja ohnehin selten dies Bedürfniß. Um
+also hier glücklich und vergnügt leben zu können, ohne gerade
+ausgezeichnet wohlhabend zu seyn, muß man die Kunst verstehen,
+das Gute aus dem Umgange der Menschen, die man bei
+sich haben kann, zu schmecken und zu erkennen, der einfachen
+Freuden nicht müde zu werden, damit zu geizen, und ihnen auf
+erfindungsreiche Art Mannigfaltigkeit zu geben. Weil man auf
+dem Lande seine Frau, seine Kinder und seine Hausfreunde vom
+Morgen bis zum Abend ununterbrochen um sich zu sehen pflegt,
+so entsteht leicht Ueberdruß, Leere im Umgange. Dieß kann
+durch einen Vorrath guter Bücher, die neuen Stoff zur Unterhaltung
+geben, durch interessanten Briefwechsel mit abwesenden
+Freunden, und durch weise Eintheilung der Zeit, indem man
+manche Tagesfristen einsam in seinem Zimmer zubringt, gehoben
+werden; und nichts ist süßer auf dem Lande, als wenn,
+nach einem nützlich verlebten Tage, wo Jeder für sich seine Geschäfte
+emsig und treulich besorgt hat, des Abends sich der kleine<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span>
+Cirkel zum Spatziergange, muntern Scherze und zwanglosen
+Gespräche sammelt. Es gibt selbst Prinzen, die diesen Genuß
+kennen, und ich habe einst, am Fuße der vogesischen Gebirge,
+einige Wochen an dem Hofe eines guten und klugen Fürsten auf
+diese Art sehr glücklich hingebracht.</p>
+
+<p>Nichts aber ist trauriger, und doch häufiger zu finden, als
+wenn Menschen, die in kleinen Städten, oder gar auf dem
+platten Lande, täglich mit einander umgehen müssen, in ewigem
+Zwiste mit einander leben, und dabei doch nicht reich genug
+sind, sich eine besondre Existenz zu schaffen. Sie bereiten
+sich eine Hölle auf Erden. Nirgends also ist es so wichtig, als
+an solchen Orten, in Eintracht mit denen zu leben, die man
+weder entbehren, noch vermeiden kann, und darum mit edler
+Selbstverleugnung zu ertragen und zu vergeben, was die Kleinstädterei
+zu tragen und zu vergeben gibt, und allezeit schonend,
+nachsichtig, geschmeidig, vorsichtig, klug und mit einer Art von
+Coketterie im Umgange zu verfahren, um Mißverständnissen,
+Ekel und Ueberdrusse vorzubauen. Aber auch nirgends hat man
+Ursache, vorsichtiger im Reden und Handeln zu seyn, als in
+kleinen Städten, und da, wo ein kleinstädtischer Ton herrscht,
+weil da die Menschen aus Mangel an Zerstreuung beständig auf
+den lieben Nächsten lauern, und wenn gleich sonst sehr kurzsichtig,
+doch die scharfsichtigsten sind, wenn es darauf ankommt,
+den Splitter in des Bruders Auge zu erspähen, und die beredtesten,
+um den Splitter als einen Balken darzustellen. Sie sind
+oft eben so sehr zu bemitleiden, als zu verachten, weil sie, von
+langer Weile gepeitscht, nach Allem greifen, was ihnen auch
+nur eine kurze Rettung von diesem Unholde verspricht, und nichts
+andres zu thun wissen, als alles nachzuplaudern und sich um
+fremde Händel zu bekümmern.</p>
+
+<h4>59.</h4>
+
+<p>In fremden Städten und Ländern ist Vorsichtigkeit im Umgange
+zu empfehlen, und das in manchem Betrachte. Wir mögen
+nun dort Unterricht und Belehrung, oder ökonomische und
+politische Vortheile, oder bloß Vergnügen suchen: so ist es sehr
+nothwendig, gewisse Rücksichten nicht zu verachten. Im ersten
+Falle, nämlich wenn wir reisen, um uns zu unterrichten, versteht
+sich's vor allen Dingen von selber, daß wir wohl überlegen,
+in welchem Lande wir sind, und ob man da ohne Gefahr<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span>
+und Verdruß von Allem reden und nach Allem fragen dürfe. Es
+gibt leider! auch in Teutschland Staaten, in welchen die Regierungen
+es nicht gern sehen, und es scharf ahnden, wenn gewisse
+Werke der Finsterniß an das Tageslicht gezogen werden.
+Da ist Behutsamkeit nöthig, sowohl in Gesprächen und Nachforschungen,
+als in der Wahl der Menschen, mit denen man
+sich einläßt, und denen man sich anvertraut. Uebrigens muß
+ich auch hier erinnern, daß sehr wenig Reisende eigentlich Beruf
+haben, sich um die innere Verfassung fremder Länder zu bekümmern;
+allein thörichte Neugier, Vorwitz, oder unruhiger Thätigkeitstrieb,
+jagt jetzt haufenweise die Menschen hinaus, um in
+fremden Gasthöfen, Posthäusern, Clubbs, und in den Schwitzkammern
+hypochondrischer Gelehrten, unsichere Anekdoten zu einem
+Werkchen zu sammeln, indeß sie daheim noch unendlich viel
+zu wirken und zu lernen gefunden haben würden, wenn es ihnen
+um ihr und Andrer Wohl ernstlich zu thun wäre.</p>
+
+<p>Daß diese Vorsicht verdoppelt werden müsse, sobald man an
+einem fremden Orte für sich etwas zu suchen oder zu fordern hat,
+versteht sich wohl von selber. Da alsdann manches Auge auf
+uns gerichtet ist, so müssen wir den Umgang mit Leuten vermeiden,
+die, unzufrieden mit der Regierung, sich so gern den
+Fremden an den Hals werfen, weil sie unter ihren Mitbürgern
+durch unkluge Aufführung sich einen bösen Namen gemacht, und
+sich auf diese Art den Weg versperrt haben, bürgerliche Vortheile
+zu erlangen, die sie aber zu verachten scheinen, wie der Fuchs
+die Trauben. Diese Art Leute sucht sich dann dadurch ein wenig
+zu heben, daß sie mit den Reisenden, denen sie sich in den Gasthöfen
+oder auf andre Art aufdringen, durch die Gassen der Stadt
+laufen, und dadurch Verbindungen in andern Ländern muthmaßen
+lassen. Ein Fremder, der nur wenig Tage sich an einem
+Orte aufhalten will, kann ohne Nachtheil mit diesem, mehrentheils
+sehr geschwätzigen, und von lustigen und ärgerlichen Mährchen
+aller Art vollgepfropften Ciceroni's nach Gefallen herumrennen,
+und kein vernünftiger Mann wird ihm das verdenken.
+Wer aber länger in einer Stadt verweilen, in den bessern Cirkeln
+Zutritt haben, oder gar ein Geschäft zu Stande bringen
+will; dem rathe ich, in der Auswahl seines Umgangs auch die
+Stimme des Publikums zu ehren.</p>
+
+<p>Es gibt fast in jeder Stadt eine Partei solcher Unzufriedener;<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span>
+es sey nun mit der Regierung, oder nur mit der Gesellschaft.
+Zu Diesen geselle Dich also nicht! Wähle nicht unter ihnen Deinen
+Umgang! Diese Schwarzblütigen und Mißmuthigen glauben
+sich nicht geehrt genug, oder sind unruhige Köpfe, Lästermäuler,
+Menschen voll unvernünftiger Forderungen, ränkevolle,
+oder unsittliche Leute. Da sie nun, einer dieser Ursachen wegen,
+von ihren Mitbürgern geflohen werden, so suchen sie unter sich
+eine Art von Bündniß zu errichten, in welches sie, wenn sie
+können, verständige und wackre Männer zu ihrer Verstärkung
+durch Schmeichelei hineinziehen. Laß Dich weder darauf, noch
+überhaupt auf das ein, was Partei und Faction genannt werden
+kann, wenn Du mit Annehmlichkeit und Sicherheit leben
+willst!</p>
+
+<h4>60.</h4>
+
+<p>Briefwechsel ist schriftlicher Umgang. Fast alles, was vom
+persönlichen Umgange mit Menschen gilt, leidet Anwendung auf
+den Briefwechsel. Als Bildungs-, Erheiterungs- und Belebungs-Mittel
+ist der Briefwechsel überaus wirksam, und oft ist
+es nur dadurch möglich, mit seinen Freunden in Verbindung zu
+bleiben, sich in einer gewissen Thätigkeit zu erhalten, und der
+Einseitigkeit und Eintönigkeit zu entgehen. Aber auch hier ist
+Mäßigung und Beschränkung die Bedingung der Wirksamkeit.
+Dehne also Deinen Briefwechsel, so wie Deinen Umgang, nicht
+über die Gebühr aus! Ein gar zu ausgedehnter Briefwechsel ist
+zwecklos, fordert einen unverhältnißmäßigen Zeitaufwand, und
+wird zu kostbar. Sey eben so vorsichtig in der Wahl derer, mit
+denen Du einen <em class="gesperrt">vertrauten</em> Briefwechsel anfängst, wie in der
+Wahl Deines täglichen Umgangs und Deiner Lectüre! Nimm
+Dir auch vor, nie einen ganz leeren Brief zu schreiben, in welchem
+nicht wenigstens etwas stünde, das dem, an welchen er
+gerichtet ist, Nutzen oder reine Freude gewähren könnte; denn
+ein leerer Brief ist eine Art von Verspottung dessen, an den
+man schreibt, oder wenigstens eine Täuschung, die nothwendig
+den, dem sie bereitet wird, kränken, oder unwillig machen muß.
+Vorsichtigkeit ist im Schreiben noch weit dringender, als im
+Reden zu empfehlen; und eben so wichtig ist es, mit den Briefen,
+welche man erhält, behutsam umzugehn. Man sollte es
+kaum glauben, was für Verdruß, Zwist und Mißverständniß
+durch Versäumniß dieser Klugheits-Regel entstehen können. Ein<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span>
+einziges, unvorsichtig hingeschriebenes, unauslöschliches Wort,
+ein einziges, aus Unachtsamkeit liegen gebliebenes Papier, hat
+manches Menschen Ruhe, und oft auf immer den Frieden einer
+Familie zerstört. Brief-Klatschereien, voreilig schriftlich mitgetheilte,
+ungegründete oder entstellte Nachrichten, können unendlichen
+Schaden stiften, den redlichen Mann bei Tausenden verdächtig
+machen und seine Nachkommen in Verlegenheit bringen.</p>
+
+<p>Ich kann daher nicht genug Vorsichtigkeit in Briefen und
+überhaupt im Schreiben empfehlen. Noch einmal! Ein übereiltes
+mündliches Wort wird wieder vergessen; aber ein geschriebenes
+kann noch nach funfzig Jahren, in den Händen unvorsichtiger
+oder eitler Erben, Unheil stiften.</p>
+
+<p>Briefe, an deren richtiger und schneller Besorgung irgend
+etwas gelegen ist, muß man immer auf die gewöhnliche Weise
+mit der Post, oder durch eigne Boten abgehen lassen, nie aber,
+etwa zur Ersparung des Porto, sie Reisenden mitgeben, oder
+sonst durch Gelegenheit, und in fremden Umschlägen fortschicken.
+Man kann sich gar zu wenig auf die Pünktlichkeit der Menschen
+verlassen.</p>
+
+<p>Lies Deine Briefe, wenn Du es ändern kannst, nicht in
+Andrer Gegenwart, sondern wenn Du allein bist; sowohl, weil
+es die Höflichkeit also befiehlt, als auch aus Vorsicht, um durch
+Deine Mienen den Inhalt nicht zu verrathen.</p>
+
+<p>Es gibt Personen, besonders unter den Damen, welche die
+Leute, die mit ihnen an demselben Ort leben, bei den unbedeutendsten
+Veranlassungen, mit kleinen Briefen und Zetteln bestürmen,
+und dadurch dem, der seine Zeit besser anwenden
+könnte, seine kostbare Zeit rauben.</p>
+
+<h4>61.</h4>
+
+<p>Glaube immer, und Du wirst Dich bei diesem Glauben sehr
+wohl befinden, daß die mehrsten Menschen nicht halb so gut
+sind, als ihre Freunde sie schildern; und nicht halb so böse, als
+ihre Feinde sie ausschreien!</p>
+
+<p>Beurtheile die Menschen nicht nach dem, was sie <em class="gesperrt">reden</em>,
+sondern nach dem, was sie <em class="gesperrt">thun</em>! Die Meisten sind weder so
+gut, noch so böse, als sie nach ihren Reden zu seyn scheinen,
+und Du mußt sie in allerlei Lagen beobachten, wenn Du ihren
+wahren Werth erforschen willst. Aber wähle zu Deinen Beobachtungen<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span>
+solche Augenblicke, in welchen sie von Dir unbemerkt
+zu seyn glauben. Richte Deine Achtsamkeit auf die kleinen Züge,
+nicht auf die Haupt-Handlungen, zu denen Jeder sich in seinen
+Staatsrock steckt. Gib Acht auf die Laune, die ein gesunder
+Mann beim Erwachen vom Schlafe, auf die Stimmung, die
+er hat, wenn er des Morgens, wo Leib und Seele im Nachtkleide
+erscheinen, aus dem Schlafe geweckt wird; — auf das,
+was er vorzüglich gern ißt und trinkt: ob sehr materielle, einfache,
+oder sehr feine, gewürzte, zusammengesetzte Speisen; auf
+seinen Gang und Anstand; ob er lieber allein seinen Weg geht,
+oder sich immer an eines Andern Arm hängt; ob er in einer
+geraden Linie fortschreiten kann, oder seines Neben-Gängers
+Weg durchkreuzt, oft an Andre stößt, und ihnen auf die Füße
+tritt; ob er durchaus keinen Schritt allein thun, sondern stets
+Gesellschaft haben, immer sich an Andre anschließen, auch um
+die geringsten Kleinigkeiten erst Rath fragen, sich erkundigen
+will, wie es sein Nachbar, sein College macht; ob er offne Thüren,
+offne Fenster, helles Licht, lautes und deutliches Reden
+liebt, oder nicht; ob er gern Andern in die Rede fällt, niemand
+zu Worte kommen läßt; ob er gern geheimnißvoll thut, die Leute
+auf die Seite ruft, um ihnen gemeine Dinge in das Ohr zu sagen;
+ob er gern in allem entscheidet, und so ferner. Auch die
+Handschriften der Leute tragen mehrentheils den Stempel ihres
+Charakters. Alle Kinder, mit deren Erziehung ich beschäftigt
+gewesen bin, haben nach meiner Hand das Schreiben gelernt;
+allein, so wie sich nach und nach ihre Gemüthsarten entwickelten,
+brachte jedes von ihnen seine eignen Züge hinein. Beim
+ersten Anblicke schienen sie Alle einerlei Hand zu schreiben; wer
+aber genauer Acht gab, und sie kannte, fand in der Manier des
+Einen Trägheit, bei Andern Kleinlichkeit, oder Unbestimmtheit,
+Flüchtigkeit, Festigkeit, Verschrobenheit, Ordnungsgeist, oder
+irgend eine andre Eigenthümlichkeit. — Fasse alle diese Wahrnehmungen
+zusammen, nur sey nicht so unbillig, nach einzelnen
+solchen Zügen den ganzen Charakter zu richten!</p>
+
+<p>Sey nicht zu parteiisch für Menschen, die Dir freundlicher
+begegnen, als Andre, und schließe nicht zu schnell daraus, daß
+sie Dir mit besonderer Theilnahme ergeben sind. Untersuche zuvor,
+ob sie vielleicht gerade in dem Falle sind, Dich auf irgend
+eine Art zu ihrem Vortheil brauchen zu können, oder ob Du<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span>
+ihnen etwa mit besonderer Gefälligkeit entgegen gekommen bist,
+oder ihnen etwas Schmeichelhaftes gesagt hast.</p>
+
+<p>Baue nicht eher fest auf treue, immer sich bewährende Liebe
+und Freundschaft, als bis Du solche Proben gesehen hast, die
+<em class="gesperrt">Aufopferung</em> kosten! Die mehrsten Menschen, die uns so
+herzlich ergeben scheinen, treten zurück, sobald es darauf ankömmt,
+ihren Lieblings-Neigungen zu unserm Vortheile zu entsagen.
+Darauf ist also Rücksicht zu nehmen, wenn man wissen
+will, was ein Mensch uns werth ist. Es ist keine Kunst, alles
+zu leisten, was man nur wünschen mag, das Einzige ausgenommen,
+was Ueberwindung kostet.</p>
+
+<h4>62.</h4>
+
+<p>Alle diese allgemeinen, sodann die folgenden besondern Regeln,
+und viel mehrere noch, die ich, um mein Werk nicht über
+Gebühr auszudehnen, der eigenen Einsicht der Leser überlasse,
+zielen dahin, den Umgang leicht und angenehm zu machen, und
+das gesellige Leben zu erleichtern. Es kann aber Mancher seine
+besondern Gründe haben, warum er sich über einige derselben
+hinaussetzen will, und da ist es denn freilich sehr billig, Jedem zu
+erlauben, auf seine eigne Art seine Ruhe zu befördern. Dringen
+wir niemand unsre Specifica auf! Wer weder die Gunst der
+Großen sucht, noch allgemeines Lob, noch glänzenden Ruhm,
+noch Beifall verlangt; wer, seiner politischen und ökonomischen
+Lage, oder andrer Rücksichten wegen, nicht Ursache hat, den
+Cirkel seiner Bekanntschaft zu erweitern; wer Alters oder
+Schwächlichkeit halber den Umgang flieht, der bedarf keiner
+Regeln des Umgangs. Lasset uns daher so billig seyn, von niemand
+zu fordern, daß er sich nach unsern Sitten richte, sondern
+jedermann seinen Gang gehn; denn da jedes Menschen Glückseligkeit
+in seinen Begriffen von Glückseligkeit beruht; so ist es
+grausam, irgend Einen zwingen zu wollen, wider seinen Willen
+auf eine ihm nicht zusagende Weise glücklich zu seyn. Es ist oft
+lustig anzusehn, wie ein Haufen leerer Köpfe sich über einen sehr
+verständigen Mann aufhält, der keinen Beruf fühlt, oder nicht
+aufgelegt ist, den Ton ihrer Gesellschaft anzunehmen, sondern,
+mit einer abgesonderten Existenz sehr wohl zufrieden, seine theure
+Zeit nicht jedem Narren preisgeben will. Wenn wir nicht gerade
+Sclaven der Gesellschaft seyn wollen, so nehmen das die
+müßigen Leute, die nichts Besseres zu thun wissen, als aus dem<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span>
+Bette vor den Spiegel, von da an Tafel, von da an den Spieltisch,
+von da wieder an Tafel, und von da endlich in das Bett
+zu wandern, sehr übel, daß wir nicht wie sie leben, der Geselligkeit
+nicht höhere Pflichten aufopfern wollen — das ist eine
+Unart, deren man sich enthalten soll. Es heißt nicht, sich absondern,
+wenn man zu Hause bleibt, um zu thun, was man
+<em class="gesperrt">thun soll</em>, und wovon man Rechenschaft geben muß.</p>
+
+<h4>63.</h4>
+
+<p>Und nun weiter, zu den <em class="gesperrt">besondern Umgangs-Regeln</em> —
+doch vorher noch eine Erinnerung! Wenn ich allein, oder auch
+nur vorzüglich, für Frauenzimmer schriebe, so würde ich eine
+Menge der schon gegebenen und noch folgenden Vorschriften,
+theils gänzlich übergehen, theils modificiren, theils andre an
+deren Stelle setzen müssen, die alsdann für Männer weniger
+brauchbar wären. — Das ist indessen nicht der Zweck meines
+Buchs. Weise Frauenzimmer allein können den Personen ihres
+Geschlechts die besten Lehren über ihr Betragen im gesellschaftlichen
+Leben ertheilen; das ist eine Arbeit, die Männern nicht
+gelingen würde. Findet jedoch das schöne Geschlecht auch etwas
+für sich Brauchbares in diesen Blättern: so wird das meine Zufriedenheit
+über mein eignes Werk sehr vermehren. Uebrigens
+haben Frauenzimmer in ihrem Umgange in der That Rücksichten
+zu nehmen, die bei uns gänzlich wegfallen. Sie hängen
+viel mehr vom äussern Rufe ab, dürfen nicht so zuvorkommend
+im Umgange seyn, müssen sich im Ganzen mehr leidend verhalten,
+und eine Art von scheuer Zurückhaltung beobachten, und
+kommen selten oder gar nicht in die schwierigen gesellschaftlichen
+Verhältnisse, in welche der Mann kommt, werden endlich auch
+durch einen gewissen feinen Takt richtig geleitet, ohne der Regeln
+zu bedürfen. Man verzeiht ihnen von einer Seite weniger
+Unvorsichtigkeiten, und von der andern mehr Launen; ihre
+Schritte werden früher wichtig für sie, indeß dem Knaben und
+Jünglinge manche Unvorsichtigkeit nachgesehen wird; ihre Existenz
+schränkt sich auf den häuslichen Cirkel ein, da hingegen
+des Mannes Lage ihn eigentlich fester an den Staat, an die
+große bürgerliche Gesellschaft knüpft. Daher gibt es Tugenden
+und Laster, Handlungen und Unterlassungen, die bei dem ersten
+Geschlechte von ganz andern Folgen sind, als bei dem zweiten. —
+Doch über dies alles ist den Damen so viel Gutes in andern<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span>
+Büchern gesagt worden, daß jede weitere Ausführung dieses
+Gegenstandes hier am unrechten Orte stehen würde.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.<br>
+<span class="s5a">Ueber den Umgang mit sich selbst.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Die Pflichten gegen uns selbst sind die wichtigsten und ersten,
+und also ist der Umgang mit unsrer eignen Person gewiß weder
+der unnützeste, noch uninteressanteste. Es ist daher nicht zu verzeihen,
+wenn man sich immer unter andern Menschen umhertreibt,
+über den Umgang mit Menschen seine eigne Gesellschaft
+vernachlässigt, gleichsam vor sich selber zu fliehen scheint, sein
+eignes Ich nicht zu erforschen und zu veredeln sucht, indem man
+sich unaufhörlich in fremde Angelegenheiten mischt. Wer täglich
+herumläuft, und sich von Neuigkeiten nährt, wird fremd in seinem
+eignen Hause; wer immer in Zerstreuungen lebt, wird
+fremd in seinem eignen Herzen, muß im Gedränge müßiger
+Leute seine klägliche Langeweile zu tödten trachten, verliert endlich
+alle Zuversicht zu sich selbst, und verzagt, wenn er einmal
+Zerstreuungen entbehren, und eine Zeitlang mit sich selbst allein
+seyn muß. Wer nur solche Cirkel sucht, in welchen seine Eitelkeit
+reichliche Nahrung findet, verliert endlich so sehr den Sinn
+für Wahrheit, daß er selbst die lautesten Erinnerungen seines
+Gewissens überhört, oder sich vorsätzlich dagegen betäubt, indem
+er sich allen Zerstreuungen des Lebens hingibt.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Hüte Dich also, Deinen nächsten und ersten Freund, Dein
+eigenes Herz, so zu vernachlässigen, daß Du es öde und leer
+findest, wenn Du aus seiner Tiefe Trost und Erquickung zu
+schöpfen gedachtest. Ach! es kommen Augenblicke, in denen Du
+Dich selbst nicht verlassen darfst, wenn Dich auch jedermann
+verläßt; Augenblicke, in welchen der Umgang mit Deinem Ich
+der einzige tröstliche ist. — Was wird aber in solchen Augenblicken
+aus Dir werden, wenn Du mit Deinem eignen Herzen
+nicht in Frieden lebst, und auch von dieser Seite aller Trost,
+alle Hülfe Dir versagt wird? Und nicht bloß von dieser Seite
+läufst Du Gefahr, wenn Du ein Fremdling in Deinem eigenen<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span>
+Herzen geworden bist, sondern auch noch von einer andern; Du
+bringst es nämlich nie zu einer gründlichen Menschenkenntniß,
+lernst nie, die Menschen behandeln, und ihre Schwachheiten ertragen,
+wenn Du Dich selbst nicht kennst, und nicht Dein eigenes
+Herz zu behandeln weißt.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Willst Du aber im Umgange mit Dir Trost, Glück und
+Ruhe finden, so mußt Du eben so vorsichtig, redlich, fein und
+gerecht mit Dir selber umgehn, wie mit Andern, also daß Du
+Dich weder durch Mißhandlung erbitterst und niederdrückest,
+noch durch Vernachlässigung zurücksetzest, noch durch Schmeichelei
+verderbest.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Sorge für die Gesundheit Deines Leibes und Deiner Seele;
+aber verzärtle beide nicht! Wer auf seinen Körper losstürmt,
+der verschwendet ein Gut, welches oft allein hinreicht, ihn über
+Menschen und Schicksal zu erheben, und ohne welches alle
+Schätze der Erde eitle Bettelwaare sind. Wer aber jedes Lüftchen
+fürchtet, und jede Anstrengung und Uebung seiner Glieder
+scheuet: der lebt ein ängstliches, nervenloses Austern-Leben, und
+versucht es vergeblich, die verrosteten Federn in den Gang zu
+bringen, wenn er in den Fall kömmt, seiner natürlichen Kräfte
+zu bedürfen. Wer sein Gemüth ohne Unterlaß dem Sturme der
+Leidenschaften preisgibt, oder die Segel seines Geistes unaufhörlich
+spannt, der läuft auf den Strand, oder muß mit durchlöchertem
+Fahrzeuge nach Hause laviren, wenn grade die beste
+Jahrszeit zu neuen Entdeckungen eintritt. Wer aber die Kräfte
+seines Verstandes und Gedächtnisses immer schlummern läßt,
+oder vor jedem kleinen Kampfe, vor jeder Art von Anstrengung
+zurückbebt; der hat nicht nur wenig wahren Genuß, sondern ist
+auch ohne Rettung verloren, da, wo es auf Kraft, Muth und
+Entschlossenheit ankommt.</p>
+
+<p>Hüte Dich vor eingebildeten Leiden des Leibes und der Seele!
+Laß Dich nicht gleich niederbeugen von jedem widrigen Vorfalle,
+von jeder körperlichen Unbehaglichkeit! Fasse Muth! Sey getrost!
+Alles in der Welt geht vorüber; alles läßt sich überwinden,
+durch Standhaftigkeit; alles läßt sich vergessen, und verschmerzen,
+wenn man seine Aufmerksamkeit auf einen andern
+Gegenstand heftet. Dazu soll Dir die Gesellschaft die Hand bieten;<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span>
+sie soll Deine schmerzlichen Gefühle lindern, Deinen Gedanken
+eine Richtung geben, welche Deinem Herzen wohlthue;
+aber diesen Dienst kann sie Dir nur leisten, wenn Du sie <em class="gesperrt">aufsuchst</em>;
+sie sucht Dich nicht auf, denn sie weiß nicht, daß Du
+ihrer bedarfst. So mußt Du denn vor allem mit Dir selbst umzugehen
+wissen, ehe Dir die Wohlthat des Umgangs mit Andern
+zu Theil werden kann, mußt die Kraft haben, Dich in so weit
+zu ermannen, daß Du den Muth hast, mit einem traurigen
+oder verwundeten Herzen unter die Menschen zu treten, ohne
+Deinen Schmerz sichtbar werden zu lassen.</p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>Ehre Dich selbst, wenn Du willst, daß Andre Dich ehren
+sollen! Thue nichts im Verborgnen, dessen Du Dich schämen
+müßtest, wenn es ein Fremder sähe! Handle, weniger Andern
+zu gefallen, als um Deine eigne Achtung nicht zu verscherzen,
+gut und anständig! Selbst in Deinem Aeussern, in Deiner Kleidung
+halte Dir keine Nachlässigkeit zu gute, wenn Du allein
+bist! Gehe nicht schmutzig, nicht zerlumpt, nicht unrechtlich,
+nicht krumm, noch mit groben Manieren einher, wenn Dich
+niemand beobachtet! Mißkenne Deinen eignen Werth nicht!
+Verliere nie die Zuversicht zu Dir selber, laß das Bewußtseyn
+Deiner Menschenwürde, das Gefühl, wenn nicht eben so weise
+und geschickt, als manche Andre, zu seyn, doch weder an Eifer,
+es zu werden, noch an Redlichkeit des Herzens, irgend jemand
+nachzustehen, nie in Deinem Herzen ersterben. Begleitet es Dich
+in die Gesellschaft, so wirst Du nie aus Schüchternheit und
+Aengstlichkeit den Beitrag schuldig bleiben, den Du zur Unterhaltung
+liefern sollst.</p>
+
+<h4>6.</h4>
+
+<p>Verzweifle nicht, und werde nicht mißmüthig, wenn Du
+nicht die moralische oder intellectuelle Höhe erreichen kannst, auf
+welcher ein Anderer steht; und sey nicht so unbillig, andre gute
+Seiten an Dir zu übersehen, die Du vielleicht vor Jenen voraus
+haben magst! — Und wäre das auch nicht der Fall; müssen
+wir denn Alle groß seyn?</p>
+
+<p>Willst Du im Umgange Genuß des Lebens, und Freunde
+finden, so laß Dich nicht von der Begierde blenden, den Ton
+anzugeben, und in der Gesellschaft zu glänzen. Mit dieser Begierde
+wirst Du überall Anstoß und Aergerniß geben und finden,<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span>
+und jede Auszeichnung theuer erkaufen; denn wer sich selbst erhöhet,
+den erniedrigt die Gesellschaft; sie wird hart und ungerecht
+gegen ihn, und zwingt ihn endlich, sie ganz aufzugeben.
+Ich begreife es wohl: diese Sucht, ein großer Mann zu seyn,
+ist bei dem inneren Gefühle von Kraft und wahrem Werthe
+schwer abzulegen. Wenn man so unter mittelmäßigen Geschöpfen
+lebt, und sieht, wie wenig diese erkennen und schätzen, was
+Gutes in uns ist, wie wenig man über sie vermag, wie die elendesten
+Pinsel, die alles im Schlafe erlangen, aus ihrer Herrlichkeit
+herunter blicken — ja! es ist hart! — Du versuchst es in
+allen Fächern: Im Staate geht es nicht; Du willst in Deinem
+Hause groß seyn; aber es fehlt Dir an Gelde, an dem Beistande
+Deines Weibes; Deine Laune wird von häuslichen Sorgen niedergedrückt;
+und so geht dann alles den Alltagsgang; Du empfindest
+tief, wie so alles in Dir zu Grunde geht; Du kannst
+Dich durchaus nicht entschließen, ein Mitglied des großen Haufens
+zu werden, und Dich auf der Heerstraße in schlechter Gesellschaft
+herumzutreiben. — Das alles fühle ich mit Dir; allein
+verliere doch darum nicht den Muth, den Glauben an Dich
+selbst und an die Würde und den Adel der Menschennatur; verzweifle
+darum nicht, Menschen auf Deinem Lebenswege zu finden,
+die Dich wieder mit der Welt aussöhnen. Und solltest Du
+sie nicht finden, könntest Du nicht eine Höhe erringen, auf welcher
+Du Dir selbst genug bist, und nur des Umgangs mit den
+Weisen des Alterthums und Deines Volks bedarfst? Du stehst auf
+dieser Höhe, wenn Du durch Reinheit, Güte und Kraft der Gesinnung
+ein Bewußtseyn Deines Werthes und Deiner Würde
+gewonnen, und durch sorgsame Bildung Deines Geistes Dir
+eine unerschöpfliche Quelle des Genusses eröffnet hast.</p>
+
+<h4>7.</h4>
+
+<p>Sey Dir selber ein angenehmer Gesellschafter! Mache Dir
+keine Langeweile; das heißt: sey nie ganz müßig! Lerne Dich
+selbst nicht zu sehr auswendig; sondern sammle aus Büchern
+und Menschen neue Ideen. Man glaubt es gar nicht, welch ein
+eintöniges Wesen man wird, wenn man sich immer in dem Cirkel
+seiner eignen Lieblings-Begriffe herumdreht, und wie man
+dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der Stirne trägt.</p>
+
+<p>Der langweiligste Gesellschafter für sich selbst ist man ohne
+Zweifel dann, wenn man mit seinem Herzen, mit seinem Gewissen<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span>
+in nachtheiliger Abrechnung steht. Wer sich davon überzeugen
+will, der gebe Acht auf die Verschiedenheit seiner Laune.
+Wie verdrießlich, wie zerstreuet, wie sehr sich selbst zur Last ist
+man nach einer Reihe zwecklos, vielleicht gar in strafbarem Genusse
+hingebrachter Stunden; und wie heiter, wie froh in der
+Unterhaltung mit sich selbst am Abend eines der Pflicht geweihten
+Tages!</p>
+
+<h4>8.</h4>
+
+<p>Es ist aber nicht genug, daß Du Dir selbst durch Heiterkeit
+und Gleichmuth, Thätigkeit und Betriebsamkeit ein lieber, angenehmer
+und unterhaltender Gesellschafter seyest, Du sollst Dich
+auch, fern von aller Schmeichelei, als Deinen eignen, treuesten
+und aufrichtigsten Freund zeigen; und wenn Du eben so viel
+Gefälligkeit gegen Deine Person, als gegen Fremde haben willst,
+so ist es auch Pflicht, eben so strenge gegen Dich, wie gegen
+Andre zu seyn. Gewöhnlich erlaubt man sich alles, verzeiht sich
+alles, und Andern nichts; gibt bei eignen Fehltritten, wenn
+man sie auch dafür anerkennt, dem Schicksale, oder unwiderstehlichen
+Trieben die Schuld, ist aber weniger duldend gegen
+die Verirrung seiner Brüder. — Das ist nicht gut gethan.</p>
+
+<h4>9.</h4>
+
+<p>Hüte Dich besonders vor der pharisäischen Tugend, welche
+der wahre Bettelstolz ist, und sprich also nicht zu Dir selbst,
+denke nicht bei Dir selbst: ich danke Gott, daß ich nicht bin,
+wie andere Leute, kein Tagedieb, kein Pflastertreter, kein Falschmünzer,
+kein Ehrloser u. dgl. m.; sondern beurtheile Dich nach
+den Graden Deiner Fähigkeiten, Anlagen, Erziehung, und der
+Gelegenheit, die Du gehabt hast, weiser und besser zu werden,
+als Viele. Halte hierüber oft in einsamen Stunden Abrechnung
+mit Dir selber, und frage Dich, als ein strenger Richter, ob
+Du also diese Winke zu höherer Vervollkommnung genützt habest?</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.<br>
+<span class="s5a">Ueber den Umgang mit Menschen von verschiednen Gemüthsarten,<br>
+Temperamenten und Stimmungen des Geistes und Herzens.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Man pflegt gewöhnlich vier Hauptarten von Temperamenten
+anzunehmen, und zu behaupten, ein Mensch sey entweder cholerisch,<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span>
+phlegmatisch, sanguinisch, oder melancholisch. Obgleich
+nun wohl schwerlich je eine dieser Gemüthsarten so ausschließlich
+in uns wohnt, daß dieselbe nicht durch einen kleinen Zusatz von
+einer andern modificirt würde, da dann aus dieser unendlichen
+Mischung der Temperamente jene feinen Nüancen und die herrlichsten
+Mannigfaltigkeiten entstehen: so ist doch mehrentheils
+in dem Segelwerke jedes Erdensohns einer von jenen vier Hauptwinden
+vorzüglich wirksam, um seinem Schiffe auf dem Oceane
+dieses Lebens die Richtung zu geben. Soll ich mein Glaubensbekenntniß
+über die vier Haupt-Temperamente ablegen, so muß
+ich aus Ueberzeugung Folgendes sagen:</p>
+
+<p>Bloß <em class="gesperrt">cholerische</em> Leute flieht vernünftiger Weise Jeder,
+dem seine Ruhe lieb ist. Ihr Feuer brennt unaufhörlich, zündet
+und verzehret, ohne zu wärmen.</p>
+
+<p>Bloß <em class="gesperrt">Sanguinische</em> sind unzuverlässige Weichlinge, ohne
+Kraft und Festigkeit.</p>
+
+<p>Bloß <em class="gesperrt">Melancholische</em> sind sich selber, und bloß <em class="gesperrt">Phlegmatische</em>
+Andern eine unerträgliche Last.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Cholerisch-sanguinische</em> Leute sind die, welche in der
+Welt sich am mehrsten bemerklich machen und gefürchtet werden,
+welche Epoche machen, am kräftigsten wirken, herrschen, zerstören
+und bauen; cholerisch-sanguinisch ist also der wahre Herrscher-
+(der Despoten-) Charakter; aber nur noch ein Grad von
+melancholischem Zusatze, — und der furchtbarste Tyrann ist gebildet.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Sanguinisch-phlegmatische</em> leben wohl am glücklichsten,
+am ruhigsten und ungestörtesten, genießen mit Lust, mißbrauchen
+nicht ihre Kräfte, kränken niemand, vollbringen aber
+auch nichts Großes; allein dieser Charakter, im höchsten Grade,
+artet in geschmacklose, dumme und grobe Wollust aus.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Cholerisch-melancholische</em> richten viel Unheil an: Blutdurst,
+Rache, Verwüstung, Hinrichtung des Unschuldigen und
+Selbstmord sind nicht selten die Folgen dieser Gemüthsart.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Melancholisch-sanguinische</em> zünden sich mehrentheils
+an beiden Enden zugleich an, und reiben sich selber an Leib und
+Seele auf.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Cholerisch-phlegmatische</em> Menschen trifft man selten
+an; es scheint ein Widerspruch in dieser Zusammensetzung zu liegen;
+und dennoch gibt es deren, bei welchen diese beiden Extreme<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span>
+wie Ebbe und Fluth abwechseln, und solche Leute taugen
+durchaus zu keinen Geschäften, zu welchen gesunde Vernunft
+und Gleichmüthigkeit erfordert werden. Sie sind nur mit äusserster
+Mühe in Bewegung zu setzen, und hat man sie endlich
+in die Höhe gebracht, dann toben sie wie wilde Thiere umher,
+fallen mit der Thür in das Haus, und verderben alles durch
+ihren rasenden Ungestüm.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Melancholisch-phlegmatische</em> Leute aber sind wohl unter
+allen die unerträglichsten, und mit ihnen zu leben, das ist
+für jeden vernünftigen und guten Menschen die Hölle auf Erden.</p>
+
+<p>Noch einmal! die Mischungen sind unendlich verschieden.
+Wo man aber eins dieser Temperamente entschieden die Oberhand
+nehmen sieht, da findet man auch in seinem Gefolge gewisse,
+diesem Temperamente besonders eigne Tugenden und Laster.
+So sind z. B. sanguinische Leute mehrentheils eitel, aber
+wohlwollend, theilnehmend, ergreifen alles mit einer großen Lebhaftigkeit
+und selbst mit Leidenschaft; cholerische pflegen ehrgeizig
+zu seyn; melancholische sind mißtrauisch, und nicht selten geizig;
+und phlegmatische beharren eigensinnig auf vorgefaßten Meinungen,
+um sich die Mühe des Nachdenkens zu ersparen. —
+Man muß die Gemüthsarten der Menschen studiren, in so fern
+man im Umgange mit ihnen auf sie wirken will. Ich kann hier
+nur einzelne Fingerzeige geben, wenn ich mein Buch nicht zur
+Ungebühr ausdehnen will.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Herrschsüchtige</em> Menschen sind schwer zu behandeln, und
+passen nicht zum freundschaftlichen und geselligen Umgange. Sie
+wollen überall durchaus die erste Rolle spielen; alles soll nach
+ihrem Kopfe gehen. Was sie nicht ersonnen, angeordnet, bestimmt
+und gewollt haben, das verachten sie nicht nur; nein!
+sie zerstören es, wenn sie können. Wo sie hingegen an der Spitze
+stehen, oder wo man sie wenigstens glauben macht, daß alles
+nach ihrem Sinne gehe, und ihr Werk sey, da arbeiten sie mit
+unermüdetem Eifer, und stürzen alles vor sich weg, was ihrem
+Zwecke im Wege ist. Zwei herrschsüchtige Leute neben einander
+taugen zu gar nichts in der Welt, und zertrümmern alles um
+sich her, aus Privat-Leidenschaft. Hieraus nun ist leicht abzunehmen,
+wie man sich gegen solche Leute zu betragen habe, wenn
+man mit ihnen leben muß; und ich glaube darüber nichts hinzufügen
+zu dürfen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Ehrgeizige</em> Menschen müssen ungefähr auf eben diese Art
+behandelt werden. Der Herrschsüchtige ist zugleich auch ehrgeizig,
+aber umgekehrt der Ehrgeizige nicht immer herrschsüchtig,
+sondern begnügt sich auch wohl mit einer Nebenrolle, in so fern
+er darin nur mit einigem Glanze zu erscheinen hoffen darf; ja
+es können Fälle kommen, wo er selbst in der Erniedrigung Ehre
+sucht; doch verzeiht er nichts weniger, als wenn man ihn an
+dieser schwachen Seite kränkt.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Der <em class="gesperrt">Eitle</em> will geschmeichelt seyn; Lob kitzelt ihn unaussprechlich;
+und wenn man ihm Aufmerksamkeit, Zuneigung,
+Bewundrung widmet: so braucht nicht eben große Ehrenbezeigung
+damit verbunden zu seyn. Da nun jeder Mensch mehr
+oder weniger von der Begierde, zu gefallen, sich geltend zu machen
+und vortheilhafte Eindrücke zu machen, beherrscht oder in
+Bewegung gesetzt wird: so kann man ohne Sünde hie und da
+einem sonst guten Menschen, dem diese kleine Schwachheit anklebt,
+in solchen Punkten ein wenig nachsehn; ein Wörtchen,
+das er gern hört, gegen ihn fallen lassen, ihm erlauben, an
+dem Lobe, das er einerndtet, sich zu erquicken, oder sich selbst
+bei Gelegenheit ein wenig zu loben. Das schändlichste Handwerk
+aber treiben die niedrigen Schmeichler, die durch unaufhörliches
+Weihrauch-Streuen eitlen Leuten den Kopf so betäuben, daß
+diese zuletzt nichts anders mehr hören mögen, als Lob; daß ihre
+Ohren für die Stimme der Wahrheit verschlossen sind, und daß
+sie jeden guten graden Mann fliehen und zurücksetzen, der sich
+nicht so weit erniedrigen kann, oder es für eine Art von Unbescheidenheit
+und Grobheit hält, ihnen dergleichen Süßigkeiten
+in's Gesicht zu werfen. Gelehrte und Damen pflegen am mehrsten
+in diesem Falle zu seyn, und ich habe deren einige gekannt,
+mit denen ein schlichter Biedermann deswegen fast gar nicht
+umgehen konnte. Wie die Kinder dem Fremden nach den Taschen
+schielen, um zu erfahren, ob man ihnen keine Zuckerplätzen
+mitgebracht hat; so horchen Jene auf jedes Wort, das Du
+sprichst, um zu vernehmen, ob es nicht etwas Verbindliches für
+sie enthält, und werden mürrischer Laune, sobald sie sich in ihrer
+Hoffnung betrogen finden. Der höchste Grad dieser Eitelkeit
+führt zu einem Egoismus, der zu aller gesellschaftlichen und<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span>
+freundschaftlichen Verbindung untüchtig macht, und dem Eiteln
+eben so sehr zur Last, wie dem zum Ekel wird, der mit ihm
+leben muß.</p>
+
+<p>Obgleich man nun solchen eiteln Leuten nicht schmeicheln
+soll, so hat doch auch nicht Jeder Beruf, sich mit ihrer Zurechtweisung
+zu befassen, besonders wenn sie mit ihm in keiner nähern
+Verbindung stehen, noch weniger, sie zu demüthigen, oder
+ihnen jede Gefälligkeit und Höflichkeitsbezeigung zu versagen;
+und es ist unbillig, wenn diejenigen, welche täglich mit ihnen
+leben müssen, dieß von uns verlangen; wenn sie fordern, daß
+wir mit Hand anlegen sollen, ihre verzognen Freunde umzubilden.</p>
+
+<p>Eitle Leute pflegen gern Andern zu schmeicheln, um dagegen
+desto größere Schmeicheleien als Bezahlung einzuholen, und
+weil sie das für das einzige würdige Opfer, für die einzige
+vollwichtige Münze halten.</p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>Von Herrschsucht, Ehrgeiz und Eitelkeit ist <em class="gesperrt">Hochmuth</em>, so
+wie von <em class="gesperrt">Stolz</em>, unterschieden. Ich möchte gern, daß man
+Stolz für eine edle Eigenschaft der Seele ansähe; für ein Bewußtseyn
+wahrer innrer Erhabenheit und Würde; für ein Gefühl
+der Unfähigkeit, niederträchtig zu handeln. Dieser Stolz
+führt zu großen, edlen Thaten; er ist die Stütze des Redlichen,
+wenn er von jedermann verlassen ist; er erhebt über Schicksal
+und schlechte Menschen, und erzwingt selbst von dem mächtigen
+Bösewichte den Tribut der Bewunderung, den er wider Willen
+dem unterdrückten Weisen zollen muß. Hochmuth hingegen brüstet
+sich mit Vorzügen, die er nicht hat; bildet sich auf Dinge
+etwas ein, die gar keinen Werth haben. Hochmuth ist es, der
+den Pinsel von sechszehn Ahnen aufbläht, und zu der Thorheit
+verleitet, daß er die Verdienste seiner Vorfahren — die oft nicht
+einmal seine ächten Vorfahren sind, und oft nicht einmal Verdienst
+gehabt haben, — <em class="gesperrt">sich</em> anrechnet, als wenn Tugenden zu
+dem Inventario eines alten Schlosses gehörten! Hochmuth ist
+es, der den reichen Bürger so grob, so steif, so ungesellig macht.
+Und wahrlich! dieser pöbelhafte Hochmuth ist, da er mehrentheils
+von Mangel an Lebensart und ungeschickten Manieren begleitet
+wird, wo möglich, noch empörender als der des Adels.
+Hochmuth ist es, der den Künstler mit so viel Zuversicht zu seinen
+Talenten erfüllt, die, sollten sie auch von niemand anerkannt<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span>
+werden, ihn dennoch in seiner Meinung von sich selbst
+über alle Erdensöhne hinaussetzen. Er wird, wenn niemand ihn
+bewundert, eher auf die Geschmacklosigkeit der ganzen Welt
+schimpfen, als auf den natürlichen Gedanken gerathen, daß es
+wohl mit seiner Kunst nicht so ganz richtig seyn müsse.</p>
+
+<p>Wenn dieser Hochmuth nun gar in einem armen, verachteten
+Subjekte wohnt, so wird er ein Gegenstand des Mitleidens,
+und pflegt eben nicht viel Unheil anzurichten. Er ist aber übrigens
+fast immer mit Dummheit gepaart, also durch keine vernünftigen
+Gründe zu bessern, und keiner bescheidnen Behandlung
+werth. Hier hilft nichts, als Uebermuth gegen Uebermuth
+zu setzen, oder den Schein anzunehmen, als bemerke man ein
+hochmüthiges Betragen gar nicht; oder Leute, die sich aufblasen,
+gar keiner Achtsamkeit zu würdigen, sie anzusehen, wie
+man auf einen leeren Platz hinblickt, selbst wenn man ihrer bedarf;
+denn je mehr man nachgibt, desto mehr fordern, desto
+übermüthiger werden sie. Bezahlt man sie aber mit gleicher
+Münze, so weiß ihre Dummheit nicht, was sie aus dieser Erfahrung
+machen soll, fühlt sich aber doch gedemüthigt, und
+spannt gewöhnlich andre Saiten auf.</p>
+
+<h4>6.</h4>
+
+<p>Mit sehr <em class="gesperrt">empfindlichen</em>, leicht zu beleidigenden Leuten ist
+es nicht angenehm umzugehen. Allein diese Empfindlichkeit kann
+verschiedne Quellen haben. Hat man daher nachgespürt, ob der
+Mann, mit welchem wir leben müssen, und der leicht durch ein
+kleines unschuldiges Wörtchen, oder durch eine zweideutige Miene,
+oder durch einen Mangel an Aufmerksamkeit, gekränkt und vor
+den Kopf gestoßen wird, aus Eitelkeit, wie es mehrentheils der
+Fall ist, oder aus Ehrgeiz, oder weil er oft von bösen Menschen
+hintergangen und geneckt worden ist, oder endlich deswegen so
+leicht sich beleidigt glaubt, weil sein Herz zu zärtlich fühlt, weil
+er von Andern eben so viel verlangt, als er ihnen selbst gibt: so
+muß man sein Betragen danach einrichten, und jeden Anstoß
+dieser Art sorgfältig und aus Achtung zu vermeiden suchen; doch
+ist diese Aufgabe allerdings oft eine sehr schwere Aufgabe, und
+nur ein bescheidenes, dankbares und gefühlvolles Herz vermag
+sie zu lösen. Ist er übrigens redlich und verständig, so wird seine
+Verstimmung nicht lange dauren; er wird durch eine gerade,
+freundliche Erklärung bald zu besänftigen seyn; er wird zu denen,<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span>
+welche er für wahre Freunde erkennt, ein unbegrenztes
+Vertrauen fassen, und endlich, wenn man immer edel und offen
+mit ihm umgeht, von seiner Schwachheit zurückkommen.</p>
+
+<p>Von allen diesen Thoren und Schwächlingen sind in der
+That diejenigen am schwersten zu befriedigen, und der Gesellschaft
+am lästigsten, die sich jeden Augenblick vernachlässigt, zurückgesetzt,
+nicht genug geehrt glauben. Es ist ein großes Unglück,
+in diesen Fehler zu verfallen, denn man verkümmert und
+verbittert sich durch solch eine thörichte Reizbarkeit nicht nur jedes
+gesellschaftliche Vergnügen, sondern fällt auch Andern zur
+Last, macht sich verhaßt, oder wenigstens gefürchtet, und erreicht
+nicht, was man zu erreichen so ängstlich strebt.</p>
+
+<h4>7.</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Eigensinnige</em> Menschen sind viel schwerer zu behandeln,
+als sehr empfindliche; doch ist mit ihnen auszukommen, wenn
+sie übrigens verständig sind. Sie pflegen dann, in so fern man
+ihnen nur in dem ersten Augenblicke nachzugeben scheint, bald
+von selber der Stimme der Vernunft Gehör zu geben, ihr Unrecht
+und die Feinheit unsrer Behandlung zu fühlen, und wenigstens
+auf eine kurze Frist geschmeidiger zu werden. Ein Elend
+aber ist es, Starrköpfigkeit in Gesellschaft von Dummheit anzutreffen
+und behandeln zu müssen. Da helfen weder Gründe, noch
+Schonung. Es ist da mehrentheils nichts weiter zu thun, als
+einen solchen steifsinnigen Pinsel blindlings handeln zu lassen,
+ihn aber so in seine eignen Ideen, Plane und Unternehmungen
+zu verwickeln, daß er, wenn er durch übereilte, unkluge Schritte
+in Verlegenheit geräth, sich selbst nach unsrer Hülfe sehnen muß.
+Dann läßt man ihn eine Zeitlang zappeln, wodurch er nicht selten
+demüthig und folgsam wird, und das Bedürfniß, geleitet
+zu werden, fühlt. Hat aber ein schwacher, eigensinniger Kopf
+von ungefähr ein einzigmal gegen uns Recht gehabt, oder uns
+über einen kleinen Fehler erwischt; dann thue man nur Verzicht
+darauf, ihn je wieder zu leiten! Er wird uns immer zu übersehen
+glauben, und unsrer Einsicht und Rechtschaffenheit nie
+trauen; und das ist eine höchst verdrießliche Lage.</p>
+
+<p>Bei diesen beiden Gattungen von Menschen aber helfen in
+dem ersten Augenblicke keine noch so nachdrückliche Vorstellungen,
+indem sie dadurch nur noch mehr verhärtet werden. Hängen
+wir von Ihnen ab, und sie geben uns Aufträge, wovon wir<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span>
+voraussehen, daß sie nachher von ihnen selbst werden gemißbilligt
+werden: so kann man nichts Klügeres thun, als ihnen ohne
+Widerrede Gehorsam zu versprechen, aber entweder die Befolgung
+so lange zu verschieben, bis sie sich indeß eines Bessern
+besinnen, oder in der Stille die Sache nach eignen Einsichten
+einzurichten, welches sie gewöhnlich in ruhigen Augenblicken zu
+billigen pflegen, besonders wenn man sich den Schein zu geben
+weiß, als habe man ihren Befehl also verstanden, und es klüglich
+unterläßt, sich seiner besseren Einsicht zu rühmen; eine
+Selbstverleugnung, die sich sogleich belohnt.</p>
+
+<p>Nur in sehr wenig dringenden, oder sonst höchst wichtigen
+Fällen kann es nützlich und nöthig seyn, Eigensinn gegen Eigensinn
+aufzuspannen, und schlechterdings nicht nachzugeben.
+Doch geht alle Wirkung dieses Mittels verloren, wenn man es
+zu oft, und bei unbedeutenden Gelegenheiten, oder gar da anwendet,
+wo man Unrecht hat. Wer immer zankt, der hat die
+Vermuthung gegen sich, immer Unrecht zu haben; es ist also
+weise gehandelt, den Andern in diesen Fall zu setzen.</p>
+
+<h4>8.</h4>
+
+<p>Eine besondre Gemüthsart, die mehrentheils aus Eigensinn
+entspringt, doch auch wohl zuweilen bloß Sonderbarkeit, oder
+ungesellige Laune, oder nur üble Gewohnheit zur Quelle hat, ist
+die <em class="gesperrt">Zanksucht</em>. Es gibt Menschen, die alles besser wissen wollen,
+allem widersprechen, was man vorbringt; oft gegen eigene
+Ueberzeugung widersprechen, um nur das Vergnügen zu haben,
+streiten zu können. Andre setzen eine Ehre darein, <em class="gesperrt">Paradoxen</em>
+aufzustellen, um sich ein Ansehn von Tiefsinn zu geben; Dinge
+zu behaupten, die kein Vernünftiger irgend ernstlich also meinen
+kann, bloß damit man mit ihnen darüber plaudern solle. Endlich
+noch Andre, die man <span class="antiqua">Querelleurs</span> (<em class="gesperrt">Stänker</em>) nennt,
+suchen vorsätzlich Gelegenheit zu persönlichem Zanke, um eine
+Art von Triumph über furchtsame Leute zu gewinnen, über
+Leute, die wenigstens noch feiger sind, als sie; oder, wenn sie
+mit dem Degen umzugehen wissen, ihren falschen und tollen
+Muth in einem thörichten Zweikampfe zu zeigen.</p>
+
+<p>In dem Umgange mit allen diesen Leuten ist unüberwindliche
+Kaltblütigkeit, die sich durchaus nicht in Hitze bringen läßt,
+das unfehlbare Mittel, sie in Verlegenheit zu bringen, und zum
+Nachgeben oder zu einem versteckten Rückzuge zu nöthigen. Mit<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span>
+denen von der ersten Gattung lasse man sich in gar keinen Streit
+ein, sondern breche gleich das Gespräch ab, sobald sie aus Muthwillen
+anfangen, zu widersprechen. Dieß ist das einzige Mittel,
+ihrem Zankgeiste, wenigstens gegen uns, Schranken zu
+setzen, und viel unnütze Worte zu sparen. Denen von der zweiten
+Gattung kann man je zuweilen die Freude machen, ihre
+Paradoxen ein wenig zu bekämpfen, oder doch besser, zu bespötteln.
+Die Letztern aber müssen viel ernsthafter behandelt werden.
+Kann man ihre Gesellschaft nicht vermeiden: kann man in derselben,
+durch ein entfernendes, kaltsinniges und zurückgezogenes
+Betragen ihrer Zudringlichkeit und ihren Grobheiten nicht ausweichen:
+so rathe ich, einmal für allemal ihnen so kräftig zu
+begegnen, daß ihnen die Lust vergehe, sich ein zweitesmal an
+uns zu reiben. Saget ihnen auf der Stelle, in unzweideutigen,
+männlichen Ausdrücken Eure Meinung, und lasset Euch durch
+ihre Aufschneiderei nicht irre machen! Man wird mir zutrauen,
+daß ich über den Zweikampf so denke, wie jeder vernünftige
+Mann darüber denken muß, nämlich, daß er eine unmoralische,
+unvernünftige Handlung sey. Sollte nun aber auch jemand,
+seiner bürgerlichen Lage nach, zum Beispiel ein Officier, durchaus
+sich dem Vorurtheile unterwerfen müssen, eine Beleidigung
+durch die andre und durch persönliche Rache auszulöschen: so
+kann doch dieser Fall nie dann eintreten, wenn er, ohne die geringste
+Veranlassung von seiner Seite, hämischer Weise angetastet
+wird; und der hat doppelt Unrecht, der gegen einen sogenannten
+Raufer mit andern Waffen, als mit Verachtung, oder,
+wenn es ihm gar zu nahe gelegt wird, anders, als mit einem
+geschmeidigen spanischen Rohre kämpft, und hat nachher Unrecht,
+wenn er ihm Genugthuung gibt, wie man das zu nennen
+pflegt.</p>
+
+<p>Im Allgemeinen aber wohnt in manchen Menschen ein sonderbarer
+Geist des Widerspruchs. Sie wollen immer haben, was
+sie nicht erlangen können; sind nie mit dem zufrieden, was Andre
+thun; murren gegen Alles, was grade <em class="gesperrt">sie</em> nicht also bestellt
+haben, und wäre es auch noch so gut. Es ist bekannt, daß man
+solche Leute sehr oft dadurch leiten kann, daß man ihnen entweder
+das Gegentheil von <em class="gesperrt">dem</em> vorschlägt, was man gern durchsetzen
+möchte, oder auf andre Weise sie unvermerkt dahin bringt,
+daß sie unsre eignen Ideen gegen uns durchsetzen müssen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p>
+
+<h4>9.</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Jähzornige</em> Leute beleidigen nicht mit Vorsatz. Sie sind
+aber nicht Meister über die Heftigkeit ihres Temperaments; und
+so vergessen sie sich in solchen stürmischen Augenblicken selbst gegen
+ihre geliebtesten Freunde, und bereuen nachher zu spät ihre
+Uebereilung. Ich brauche wohl nicht zu erinnern, daß Nachgiebigkeit —
+vorausgesetzt, daß diese Leute, andrer guten Eigenschaften
+wegen, einiger Schonung werth scheinen, denn ausserdem
+muß man sie gänzlich fliehen; — daß weise Nachgiebigkeit
+und Sanftmuth die einzigen Mittel sind, den Jähzornigen zur
+Vernunft zurückzuführen. Allein ich muß dabei erinnern, daß,
+phlegmatische Kälte dem Erzürnten entgegen zu setzen, ärger
+als der heftigste Widerspruch ist; er glaubt sich dann verachtet,
+und wird doppelt aufgebracht.</p>
+
+<h4>10.</h4>
+
+<p>Wenn der Jähzornige nur aus Uebereilung Unrecht thut,
+und über den kleinsten Anschein von Beleidigung in Hitze geräth;
+nachher aber auch eben so schnell wieder das zugefügte Unrecht
+bereuet, und das erlittene verzeiht; so verschließt hingegen
+der <em class="gesperrt">Rachgierige</em> seinen Groll im Herzen, bis er Gelegenheit
+findet, ihm vollen Lauf zu lassen. Er vergißt nicht, vergibt
+nicht, auch dann nicht, wenn man ihm Versöhnung anbietet,
+wenn man alles, nur keine niederträchtigen Mittel anwendet,
+seine Gunst wieder zu erlangen. Er erwiedert sowohl das ihm
+zugefügte wahre, als das vermeintliche Uebel, und dieß nicht
+nach Verhältniß der Größe und Wichtigkeit desselben, sondern
+tausendfältig; für kleine Neckereien, wirkliche Verfolgung; für
+unüberlegte Ausdrücke, in Uebereilung geredet, thätige Mißhandlung;
+für eine Kränkung unter vier Augen, öffentliche Genugthuung;
+für beleidigten Ehrgeiz, Zerstörung wesentlicher
+Glückseligkeit. Seine Rache schränkt sich nicht auf die Person
+ein, sondern erstreckt sich auch auf die Familie, auf die bürgerliche
+Existenz und auf die Freunde des Beleidigers. Mit einem
+solchen Manne leben müssen, das ist in Wahrheit ein höchst
+trauriges Loos, und ich kann da nichts rathen, als daß man,
+so viel möglich, vermeide, ihn zu beleidigen, und zugleich sich in
+eine Art von ehrerbietiger Furcht bei ihm setze, die überhaupt
+das einzige wirksame Mittel ist, schlechte Leute im Zaume zu
+halten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span></p>
+
+<h4>11.</h4>
+<p><em class="gesperrt">Faule</em> und <em class="gesperrt">phlegmatische</em> Menschen müssen ohne Unterlaß
+getrieben werden; und da doch fast jeder Mensch irgend eine
+herrschende Leidenschaft hat: so findet man zuweilen Gelegenheit,
+durch Aufregung derselben solche schläfrige Geschöpfe in
+Bewegung zu setzen.</p>
+
+<p>Es gibt unter ihnen solche, die bloß aus <em class="gesperrt">Unentschlossenheit</em>
+die kleinsten Arbeiten jahrelang liegen lassen, ohne durch
+die Verlegenheit oder Beschämung gerührt zu werden, welche sie
+sich dadurch zuziehen, oder Andern verursachen, und ohne vor
+den Folgen zu erschrecken, die eine solche Saumseligkeit früher
+oder später herbeiführen muß. Auf einen Brief zu antworten,
+eine Quittung zu schreiben, eine Rechnung zu bezahlen — ja!
+das ist eine Haupt- und Staats-Action, zu welcher unbeschreibliche
+Vorbereitungen gehören, und zu der sie sich, selbst bei den
+dringendsten Bitten und Anmahnungen, nicht entschließen können.
+Bei ihnen muß man zuweilen wirklich Gewalt brauchen;
+und ist das schwere Werk einmal überstanden, dann pflegen sie
+sich recht dankbar zu bezeigen, so übel sie auch anfangs unsre
+Zudringlichkeit aufnahmen. Aber wehe diesen Unentschlossenen,
+wenn sie nicht einen kräftigen Freund haben, der ihnen zu ihrer
+Rettung Gewalt anthut, und einmal alle Schonung aus den
+Augen setzt, um ihren Dank zu verdienen!</p>
+
+<h4>12.</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Mißtrauische</em>, <em class="gesperrt">argwöhnische</em>, <em class="gesperrt">mürrische</em> und <em class="gesperrt">verschlossene</em>
+Leute sind wohl unter allen Lästigen und Widerwärtigen
+diejenigen, in deren Umgang ein edler gerader Mann am
+wenigsten von den Freuden des geselligen Lebens schmeckt. Wenn
+man jedes Wort abwägen, jeden unbedeutenden Schritt abmessen
+muß, um ihnen keine Gelegenheit zu schändlichem Verdachte
+zu geben; wenn kein Funken von erquickender Freude aus unserm
+Herzen in das ihrige übergeht; wenn sie keinen frohen Genuß
+mit uns theilen; wenn sie die Wonne der seltnen heitern
+Augenblicke, welche uns das Schicksal gönnt, uns nicht nur
+durch Mangel an Theilnehmung verkümmern und verbittern,
+sondern sogar, mitten in unsern glücklichsten Launen, uns unfreundlich
+stören, aus unsern süßesten Träumen uns verdrießlich
+aufwecken; wenn sie unsre Offenherzigkeit nie erwiedern, sondern
+immer auf ihrer Hut sind, in ihrem zärtlichsten Freunde<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span>
+einen Bösewicht, in ihrem treuesten Diener einen Betrüger und
+Verräther zu sehen glauben; dann gehört wahrlich ein hoher
+Grad von fester Rechtschaffenheit dazu, um nicht darüber selbst
+schlecht und menschenfeindlich zu werden. Hiebei ist nichts zu
+thun, wenn ein ungezwungenes, immer gleich redliches Betragen
+vergebens angewendet wird, wenn es nichts hilft, daß man
+ihnen jeden Zweifel, sobald man desselben gewahr wird, durch
+kräftige Vorstellungen benimmt, als daß man sich um ihren
+Argwohn und um ihr mürrisches Wesen schlechterdings nicht bekümmre,
+sondern muthig und munter den Weg fortgehe, den
+uns Klugheit und Gewissen vorschreiben. Uebrigens sind solche
+Menschen herzlich zu bedauern; sie leben sich und Andern zur
+Qual. Es liegt bei ihnen nicht immer Bösartigkeit zum Grunde;
+nein! eine unglückliche Stimmung des Gemüths, dickes Blut,
+oft auch Einwirkung des Schicksals, wenn sie gar zu oft sind
+hintergangen worden — das sind mehrentheils die Quellen ihrer
+Seelenkrankheit. Und diese Krankheit ist in jüngern Jahren
+nicht ganz unheilbar, wenn die, welche ein solches Gemüth zu
+leiten haben, stets edel und grade mit ihm umgehen, ohne sich
+um seine Grillen und Launen zu bekümmern; nur so ist es möglich,
+die unglückliche Anlage zum Argwohn zu vertilgen, und
+ein ängstlich-scheues Gemüth mit dem seligmachenden Glauben
+auszustatten, daß es noch Redlichkeit und Freundschaft in der
+Welt gibt. Bei Personen von höherem Alter hingegen wird in
+der Regel jeder Versuch, ihnen diesen Glauben einzuflößen, fehlschlagen,
+und dies Uebel so tiefe Wurzel fassen, daß nichts übrig
+bleibt, als ihm Geduld und Kaltblütigkeit entgegen zu setzen.</p>
+
+<p>Am mehrsten sind diejenigen zu beklagen, bei denen dies
+Mißtrauen bis zum <em class="gesperrt">Menschenhasse</em> gestiegen ist. Der Verfasser
+des Schauspiels: <em class="gesperrt">Menschenhaß und Reue</em>, läßt in
+demselben den Major sagen, ich hätte vergessen, Vorschriften
+»für den Umgang mit dieser Art von Menschen zu geben.« Es
+ist wahr, ich habe hier wenig darüber gesagt: allein es ist auch
+unmöglich, dazu allgemeine Regeln vorzuschlagen, da es nothwendig
+ist, bei jedem einzelnen Falle genau mit den Quellen
+des Uebels bekannt zu seyn. In der Regel wird sichtbare, aber
+von aller Zudringlichkeit entfernte Theilnahme, kräftige Zurückweisung
+ungerechter Menschenverachtung durch Hinweisung auf
+Menschengröße und Edelmuth, besonders aber die zart und klug<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span>
+herbeigeführte Gelegenheit, Menschen aus großem Elende zu retten,
+und ihren Dank zu erwerben, nicht ohne Wirkung bleiben.
+Lebt ein Menschenhasser, ganz ohne Familien-Verbindung, in
+öder Einsamkeit oder Zurückgezogenheit, so ist er nicht zu retten.
+Hat er das Glück, in eine große Gefahr zu gerathen, und durch
+edelmüthige Selbstverleugnung, durch den Muth der großmüthigsten
+Menschenliebe, durch die Wunderthat eines großherzigen
+Menschenfreundes gerettet zu werden, so ist gründliche Heilung
+zu hoffen.</p>
+
+<h4>13.</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Neidische</em>, <em class="gesperrt">schadenfrohe</em>, <em class="gesperrt">mißgünstige</em> und <em class="gesperrt">eifersüchtige</em>
+Gemüthsarten sollten wohl nur das Erbtheil hämischer,
+niederträchtiger Menschen seyn; und doch trifft man leider
+einen unglücklichen Zusatz von diesen bösen Eigenschaften in
+den Herzen solcher Leute an, die übrigens manche gute Eigenschaft
+haben. — So schwach ist die menschliche Natur! — Ehrgeiz
+und Eitelkeit können in uns das Gefühl erwecken, Andern
+ein Glück nicht zu gönnen, nach welchem wir ausschließlich streben;
+sey es nun Vermögen, Glanz, Ruhm, Schönheit, Gelehrsamkeit,
+Macht, ein Freund, eine Geliebte, oder was es auch sey;
+und sobald diese Empfindung einen gewissen Widerwillen gegen die
+Person in uns erzeugt hat, die, trotz unsrer Mißgunst, trotz unsrer
+Eifersucht, im Besitze jenes ihr mißgönnten Guts bleibt: dann
+können wir uns heimlich eines schadenfrohen Kitzels nicht erwehren,
+wenn es dieser Person ein wenig widrig geht, und die Vorsehung
+unsre feindseligen Gesinnungen, besonders, wenn wir
+schwach genug waren, sie zu äußern, gleichsam rechtfertigt. Ich
+werde bei den Gelegenheiten, wenn von Künstler-, Gelehrten-
+und Handwerks-Neide, von Mißgunst unter Fürsten, Vornehmen,
+Reichen und Leuten, die in der großen Welt leben, von
+Eifersucht unter Ehegenossen, Freunden und Geliebten die Rede
+seyn wird, manches sagen, was auch hier anwendbar, aber
+überflüssig zu wiederholen seyn würde, und es bleibt mir wirklich
+nichts hinzuzufügen übrig, als daß, um allem Neide in der
+Welt auszuweichen, man auf jede gute Eigenschaft, so wie auf
+Alles, was Erfolg unsrer Bemühungen und Glück heißt, Verzicht
+thun, und, wenn es darauf ankömmt, mitten unter einem
+Schwarme von mißgünstigen Leuten zu leben, und dennoch dem
+Neide und der Eifersucht so wenig als möglich Nahrung zu geben,<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span>
+seine Vorzüge, seine Kenntnisse und seine Talente mehr
+verbergen als kund machen, keine Art von Uebergewicht zeigen,
+anscheinend wenig fordern, wenig begehren, auf Weniges Ansprüche
+machen, und wenig leisten müsse.</p>
+
+<p>Jener Neid nun erzeugt dann oft die schrecklichen <em class="gesperrt">Verleumdungen</em>,
+denen auch der edelste Mann ausgesetzt ist. Es läßt
+sich nicht fest bestimmen, wie man sich in jedem Falle zu betragen
+habe, wenn man verleumdet wird. Oft erfordern Redlichkeit
+und Klugheit die schnellste und deutlichste Darstellung der wahren
+Beschaffenheit; oft hingegen ist es unter der Würde eines
+rechtschaffenen Mannes, sich auf Erläuterungen und Rechtfertigungen
+einzulassen. Der Pöbel hört nicht auf, uns zu necken,
+wenn er sieht, daß es uns wehe thut, und die Zeit pflegt, früh
+oder spät, die Wahrheit an das Licht zu ziehen.</p>
+
+<h4>14.</h4>
+
+<p>Der <em class="gesperrt">Geiz</em> ist eine der unedelsten, schändlichsten Leidenschaften.
+Man kann sich keine Niederträchtigkeit denken, deren ein
+Geizhals nicht fähig wäre, wenn seine Begierde nach Reichthümern
+in das Spiel kömmt, und jede Empfindung besserer Art,
+Freundschaft, Mitleid, Wohlwollen, finden keinen Eingang
+in sein Herz, wenn sie kein Geld einbringen; ja, er gönnt sich
+selber die unschuldigsten Vergnügungen nicht, in so fern er sie
+nicht unentgeldlich schmecken kann. In jedem Fremden sieht er
+einen Dieb, und in sich selber einen Schmarotzer, der auf Unkosten
+seines bessern Ichs, seines Mammons, zehrt.</p>
+
+<p>Allein in den jetzigen Zeiten, wo der Luxus so übertrieben
+wird, wo die Bedürfnisse, auch des mäßigsten Mannes, der in
+der Welt leben und eine Familie unterhalten muß, so groß sind;
+wo der Preis der nöthigen Lebensmittel täglich steigt; wo die
+Macht des Geldes so viel entscheidet; wo der Reiche ein so beträchtliches
+Uebergewicht über den Armen hat; wo endlich von
+der einen Seite Betrug und Falschheit, und von der andern
+Mißtrauen und Mangel an Theilnahme und Wohlwollen in allen
+Ständen sich ausbreiten; in diesen Zeiten der Selbstsucht
+und des Egoismus, meine ich, hat man Unrecht, wenn man
+einen sparsamen, vorsichtigen Mann, ohne nähere Prüfung seiner
+Verhältnisse und der Bewegungsgründe, welche seine Handlungen
+leiten, sogleich für einen Knicker erklärt. Man möchte
+vielmehr diejenigen, welche das Beispiel einer Sparsamkeit geben,<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span>
+die eben so sehr von Menschenliebe, als von Klugheit und
+Vorsicht erzeugt und belebt wird, für Ruhmwürdige erklären,
+weil doch in der That kein geringer Grad von Seelenstärke und
+Weisheit dazu erfordert wird, um den Grundsätzen einer strengen
+Sparsamkeit getreu zu bleiben, und dem Urtheil der Welt
+eine unwandelbare Entschlossenheit entgegen zu setzen.</p>
+
+<p>Es gibt ferner unter den wirklichen geizigen Leuten solche,
+die neben dieser Geld-Begierde noch von einer andern mitherrschenden
+Leidenschaft regiert werden. Diese scharren dann zusammen,
+sparen, betrügen Andre und versagen sich alles, außer
+da, wo es auf Befriedigung dieser Leidenschaft ankömmt; sey
+es nun Wollust, Gefräßigkeit, Ehrgeiz, Eitelkeit, Neugier,
+Spielsucht, oder was es auch immer sey. So habe ich Menschen
+gekannt, die, um einen Louisd'or zu gewinnen, Bruder und
+Freund verrathen, und sich der öffentlichen Beschimpfung ausgesetzt
+haben würden; hundert für den sinnlichen Genuß eines
+Augenblicks hingegebene Gulden hingegen für gut angelegtes
+Geld hielten.</p>
+
+<p>Noch Andre rechnen so schlecht, daß sie Heller sparen, und
+Thaler wegwerfen. Sie lieben das Geld, aber sie verstehen nicht,
+damit umzugehen. Um also die Summen wieder zu erhaschen,
+um welche sie von Gaunern, Abentheurern und Schmeichlern
+betrogen werden, geben sie ihrem Gesinde nicht satt zu essen;
+und um tausend Thaler wieder zu gewinnen, die sie verschleudert
+haben, wechseln sie auf die unanständigste Weise aller Orten
+einzelne feine Gulden ein, damit sie an jedem vielleicht einen
+Heller Aufgeld gewinnen.</p>
+
+<p>Endlich noch Andre sind in allen Stücken freigebig, und
+achten das Geld nicht; in einem einzigen Punkte aber, worauf
+sie gerade eine thörichte Wichtigkeit setzen, sind sie lächerlich geizig.
+Meine Freunde haben mir oft im Scherze vorgeworfen,
+daß ich auf diese Art karg in Schreib-Materialien sey, und ich
+gestehe diese Schwachheit. So wenig reich ich bin, so kostet es
+mich doch geringere Ueberwindung, mich von einem halben Gulden,
+als von einem holländischen Brief-Bogen zu scheiden, obgleich
+man für zwölf Groschen vielleicht ein Buch des feinsten
+Papiers kaufen kann. Ja, ich habe reiche und freigebige Leute
+gekannt, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, Kleinigkeiten,
+auf welche sie einen vorzüglichen Werth setzten, zu entwenden,<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span>
+wo sie dergleichen liegen sahen. Jene Art der Sparsamkeit,
+welche auch das Geringste, was noch auf irgend eine
+Art brauchbar ist, zu erhalten und zu bewahren sucht, ist unstreitig
+die rechte, denn sie geht von einer richtigen Schätzung
+der Dinge aus, und haßt alles Vergeuden und Verschwenden,
+weil es Charakterschwäche, und eine Art von Undankbarkeit und
+Kurzsichtigkeit ist. Darum läßt <em class="gesperrt">Engel</em> in der bekannten Erzählung
+seinen Herrn Timm sogleich mit großer Bereitwilligkeit
+dem Manne einen Vorschuß leisten, der eine Nadel liegen sieht,
+und sie sorgfältig aufnimmt und bewahrt.</p>
+
+<p>Die allgemeine Regel im Umgange mit geizigen Leuten ist
+wohl die, daß, wenn man ihre Gunst erhalten will, man nichts
+von ihnen fordern müsse. Da dieß nun aber nicht immer möglich
+ist, so scheint es der Klugheit gemäß, daß man prüfe, zu
+welcher der vorhin geschilderten Gattungen von Geizigen der
+Mann, mit dem man es zu thun hat, gehöre, um danach seine
+Behandlung einzurichten.</p>
+
+<p>Ueber den Umgang mit <em class="gesperrt">Verschwendern</em> brauche ich nichts
+zu sagen, als daß der verständige Mann sich nicht durch ihr
+Beispiel zu thörichten Ausgaben verleiten lassen, und daß der
+redliche Mann von ihrer übel geordneten Freigebigkeit weder für
+sich, noch für Andre, Vortheile ziehen soll.</p>
+
+<h4>15.</h4>
+
+<p>Sollen wir jetzt von dem Betragen gegen <em class="gesperrt">Undankbare</em>
+reden? Ich habe bei mancher Gelegenheit erinnert, daß man
+auf dieser Erde auch bei den edelsten und weisesten Handlungen,
+weder auf Erfolg, noch auf Dankbarkeit rechnen dürfe. Diesen
+Grundsatz soll man, wie ich dafür halte, nie aus den Augen
+verlieren, wenn man nicht karg mit seinen Dienstleistungen,
+feindselig gegen seine Mitmenschen werden, noch gegen Vorsehung
+und Schicksal murren will. Bei dem Allen aber müßte
+man jeder menschlichen Empfindung entsagt haben, wenn es
+uns nicht kränken sollte, daß Menschen, denen wir treulich,
+eifrig und uneigennützig gedient, die wir aus der Noth gerettet,
+denen wir uns ganz gewidmet, für die wir uns vielleicht aufgeopfert
+haben, uns vernachlässigen, sobald sie unsrer nicht
+mehr bedürfen, oder gar verrathen, verfolgen, mißhandeln,
+wenn sie dadurch zeitliche Vortheile, oder die Gunst unsrer mächtigen
+Feinde gewinnen können. Doch wird der weise Menschenkenner<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span>
+und warme Freund des Guten sich dadurch nicht abschrecken
+lassen, großmüthig zu handeln. Mit Bezug auf das,
+was hierüber im zehnten Kapitel des zweiten Theils und im
+fünften Abschnitte des zweiten Kapitels in dem dritten Theile
+gesagt wird, erinnere ich nur nochmals für die, welche noch dieser
+Erinnerung bedürfen, daß jede gute Handlung sich selbst
+durch ein seliges Bewußtseyn am reichsten belohnt; ja, daß der
+Edle eine neue Quelle von innerer Freude aus der Undankbarkeit
+der Menschen zu schöpfen versteht, nämlich die Freude, sich bewußt
+zu seyn, gewiß uneigennützig, bloß aus Liebe zum Guten,
+ihnen Gutes gethan zu haben, besonders wenn er voraus
+weiß, daß er auf keine Erkenntlichkeit rechnen darf. Er bedauert
+die Verkehrtheit Derer, die fähig sind, ihres Wohlthäters zu vergessen,
+und läßt sich dadurch nicht abhalten, den Menschen zu
+dienen, die seiner Hülfe um so nöthiger bedürfen, je schwächer sie
+sind, je weniger Glück sie in sich selber, in ihrem Herzen haben.</p>
+
+<p>Klage also nicht über die Undankbarkeit, mit welcher man
+Dir lohnt; wirf sie dem nicht vor, der sie Dir beweist, und
+Dich dadurch kränkt; fahre fort, ihn großmüthig zu behandeln;
+nimm ihn wieder auf, wenn er zu Dir zurückkehrt! Vielleicht
+geht er endlich in sich, fühlt den ganzen Werth, die Zartheit
+und das Große Deiner Behandlung, und wird dadurch gebessert;
+— wenn nicht: so denke, daß jedes Laster sich selbst bestraft,
+und daß das eigne Herz des Bösewichts und die unausbleibliche
+Folge seiner Niederträchtigkeit Dich an ihm rächen werden.
+— O! welch' ein langes Kapitel über die Undankbarkeit
+der Menschen könnte ich schreiben, wenn ich nicht, aus Schonung
+gegen Die, welche sich von dieser Seite an mir versündigt
+haben, meine vielfachen traurigen Erfahrungen in diesem Fache
+lieber verschweigen wollte, und wenn ich es leugnen dürfte, daß
+man zuweilen durch die verfehlte Art des Wohlthuns Undankbare
+mache; eine Schuld, von welcher sich selbst die Edelsten
+nicht frei sprechen dürfen.</p>
+
+<h4>16.</h4>
+
+<p>Manchen Leuten ist es schlechterdings unmöglich, in irgend
+einer Sache den geraden Weg zu gehen. <em class="gesperrt">Ränke</em> und <em class="gesperrt">Winkelzüge</em>
+mischen sich in alle ihre Unternehmungen, ohne daß sie
+deswegen von Grund aus böse sind. Eine unglückliche Stimmung
+des Gemüths, und die Einwirkung von Lebensart und<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span>
+Schicksalen können diesen Charakter bilden. So wird zum Beispiel
+ein sehr mißtrauischer Mann auch wohl zuweilen die unschuldigste
+Handlung heimlich thun, sich verstellen, und seinen
+wahren Zweck verschleiern. Ein Mann von übel geordneter Thätigkeit,
+oder von zu vielem raschen Feuer, — ein schlauer unternehmender
+Kopf, der in einer Lage ist, wo ihm alles zu einfach
+hergeht, wo es ihm an Gelegenheit fehlt, seine Talente zu
+entwickeln, wird allerlei schiefe Seitensprünge wagen, um seinen
+Wirkungskreis zu erweitern, oder mehr Interesse in die
+Scene zu bringen; und dann wird er nicht immer ekel genug in
+der Wahl seiner Mittel seyn. Ein sehr eitler Mensch wird in
+manchen Fällen versteckt handeln, um seine Schwäche zu verbergen.
+Ein Mann, der lange an Höfen gelebt hat, um sich
+her nichts als Verstellung, Intrigue, Cabale und Gegeneinanderwirken
+zu sehen, und selbst auf geradem Wege nichts zu erlangen
+gewohnt ist, findet ein Leben, das ohne Verwickelung
+fortgeht, zu einförmig; er wird seine unbedeutendsten Schritte
+so thun, daß man ihm nicht nachspüren kann, und seinen unschuldigsten
+Handlungen einen räthselhaften Anschein geben. Der
+Jurist, der sich stets mit den Spitzfindigkeiten der Chikane beschäftigt,
+findet innigen Seelen-Genuß darin, daß er in Worten
+und Werken allerlei Cautelen und Winkelzüge anbringt. Wer
+seine Gehirn-Nerven durch Romanen-Lesen und andre phantastische
+Träumereien überspannt, oder wer durch ein üppiges,
+müssiges Leben, durch schlechte Gesellschaft und unglückliche Verhältnisse,
+den Sinn für Einfalt, kunstlose Natur und Wahrheit
+verloren hat, der kann ohne Intrigue nicht existiren, — und so
+gibt es eine Menge Menschen, die, was sie auf geradem Wege
+erlangen könnten, nicht halb so eifrig wünschen, als das, was
+sie heimlich und auf den Wegen der List und des Betrugs zu erschleichen
+hoffen. Man kann aber auch endlich den edelsten, offenherzigsten
+Menschen, besonders in jüngern Jahren, zu Winkelzügen
+verleiten, wenn man ihm ohne Unterlaß Mißtrauen
+zeigt, oder ihn mit einer so nachsichtslosen Strenge behandelt,
+ihn in einer solchen Entfernung von uns hält, daß er kein Zutrauen
+zu uns haben kann.</p>
+
+<p>Was nun auch dazu beigetragen haben mag, manchen Menschen
+Ränke und Winkelzüge zur Gewohnheit zu machen, so ist
+wohl folgende Art, sich gegen sie zu betragen, die beste, die man
+wählen kann.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span></p>
+
+<p>Man handle selbst immer so offen und unverstellt, und zeige
+sich ihnen in Worten und Thaten als einen so entschiednen Feind
+von allem, was Schiefigkeit, Intrigue und Verstellung heißt,
+und als einen so warmen Verehrer jedes redlichen, aufrichtigen
+Mannes, daß sie wenigstens fühlen, wie viel sie in unsern Augen
+verlieren, und welche Verachtung sie sich zuziehen würden,
+wenn wir sie auf Schleichwegen ertappten!</p>
+
+<p>Man flöße ihnen durch eine männliche Aeusserung des Abscheus
+gegen alle Hinterlist und Falschheit eine gewisse Ehrerbietung
+ein, und versage ihnen so lange sein Vertrauen nicht, als
+sie sich offen und redlich zeigen. Man gebe ihnen zu erkennen,
+daß man sie für unfähig halte, hinterlistig und unredlich zu
+seyn, und rege dadurch ihr schlummerndes Ehrgefühl auf.</p>
+
+<p>Willst Du die Anschläge ihrer Hinterlist zerstören, so tritt
+ihnen mit Festigkeit und Entschlossenheit entgegen, wenn Du
+merkst, daß sie Böses im Sinne haben, und lege ihnen solche
+Fragen vor, worauf sie nothwendig eine bestimmte und unumwundene
+Antwort geben, oder sich verrathen müssen. Sieh ihnen
+dabei fest und kräftig in's Gesicht, mit einem Blicke, der
+sie durchbohrt, und Du wirst sie zwingen, sich selbst zu verachten,
+oder über sich selbst zu erschrecken, wirst ihnen wenigstens,
+wenn sie keiner guten Regung mehr fähig sind, Furcht und Besorgniß
+einflößen, und sie dadurch nöthigen, ihren Plan aufzugeben.
+Stottern sie, suchen sie auszuweichen: so brich entweder
+ab, um ihnen zu verstehen zu geben, daß Du ihnen die
+Schande eines Betrugs ersparen wollest; nimm aber dann ein
+kaltes und entfernendes Betragen gegen sie an, oder warne sie
+mit freundlichem, doch ernsthaftem Wesen, ihrer nicht unwürdig
+zu handeln!</p>
+
+<p>Haben sie Dich dennoch einmal hintergangen, so nimm die
+Sache nicht zu leicht, und verschwende keine Schonung an diese
+Unwürdigen, sondern laß sie das ganze Gewicht Deines Unwillens
+und Deiner Verachtung fühlen, und sey nicht sogleich bereit,
+zu verzeihen! Erreichst Du auch dadurch Deine Absicht
+nicht, und fahren sie fort, Dich mit Winkelzügen und Ränken
+zu hintergehen: so bestrafe sie durch deutliche Aeusserungen des
+Mißtrauens und Kaltsinns, und suche dich ganz von ihnen los
+zu machen, als von gefährlichen Menschen, die keiner Besserung
+fähig sind.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p>
+
+<p>Alles hierüber Gesagte paßt also auch auf das Betragen
+gegen <em class="gesperrt">Lügner</em>.</p>
+
+<h4>17.</h4>
+
+<p>Was man aber im gemeinen Leben einen <em class="gesperrt">Windbeutel</em> oder
+<em class="gesperrt">Aufschneider</em> und <em class="gesperrt">Prahler</em> nennt, das ist eine andere Gattung
+von Menschen. Diese haben nicht die Absicht, jemand eigentlich
+zu hintergehen, aber täuschen und blenden möchten sie
+gern, um Ehre und Beifall zu erschleichen; überreden möchten
+sie gern Andere, ihnen einen höheren Werth beizumessen, als
+sie haben; sie suchen mehr Nahrung für ihre Eitelkeit, als Befriedigung
+des Eigennutzes, und für einen Lobspruch geben sie
+unbedenklich die Wahrheit hin. Um sich in besserm Glanze zu
+zeigen; um sich bemerklich zu machen; um Andern eine so hohe
+Meinung von sich beizubringen, wie sie selbst haben; um Aufmerksamkeit
+durch Erzählung wunderbarer Vorfälle zu erregen;
+oder um für angenehme, unterhaltende Gesellschafter zu gelten,
+erdichten oder vergrößern sie; und haben sie einmal die Fertigkeit
+erlangt, auf Kosten der Wahrheit eine Begebenheit, ein
+Bild, einen Satz zu verzieren, so fangen sie zuweilen an, ihren
+eigenen Windbeuteleien zu glauben, alle Gegenstände durch ein
+Vergrößerungsglas anzusehen, und so in Riesengestalten wieder
+zu Papier zu bringen.</p>
+
+<p>Die Erzählungen und Beschreibungen eines solchen Aufschneiders
+sind zuweilen ganz lustig anzuhören; und wenn man
+erst mit seiner Hyperbelsprache bekannt ist, weiß man schon,
+was man vom Ganzen abzurechnen hat, um den Ueberrest für
+baares Geld anzunehmen. So läßt man sich denn, besonders
+in solchen Gesellschaften, wo das Bedürfniß eines Lustigmachers
+oder Wortführers lebhaft gefühlt wird, gern und geduldig vorlügen,
+was sich so hübsch anhört, und wobei es zu lachen gibt.
+Kommen aber einmal vernünftige Leute in eine solche Gesellschaft,
+so steht es übel um den Aufschneider, denn es ist leicht,
+ihn durch eine Menge von Fragen über die genauesten Umstände
+so in sein eignes Gewebe zu verwickeln, daß er, indem er weder
+rückwärts noch vorwärts kann, beschämt wird, oder, wenigstens
+einen klugen Rückzug zur Wahrheit macht. Noch besser
+kann man ihn zum Schweigen bringen, wenn man ihm für jede
+Unwahrheit auf komische Art eine noch derbere wieder aufheftet,
+und ihm dadurch zu verstehen gibt, daß man nicht dumm genug<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span>
+gewesen sey, ihm zu glauben; oder wenn man, sobald er anfängt
+zu blasen, die Segel der Unterhaltung auf einmal einzieht,
+und seinem Winde ausweicht, da er denn, wenn dieß öfter und
+von mehreren verständigen Männern geschieht, endlich scheu
+und klug wird.</p>
+
+<h4>18.</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Unverschämte Müssiggänger</em>, <em class="gesperrt">Schmarotzer</em>,
+<em class="gesperrt">Schmeichler</em> und <em class="gesperrt">zudringliche Leute</em>, rathe ich, in der
+gehörigen Entfernung von sich zu halten, sich mit ihnen nicht
+gemein zu machen, ihnen durch ein höfliches, aber immer steifes
+und ernsthaftes Betragen zu erkennen zu geben, daß ihre Gesellschaft
+und Vertraulichkeit uns zuwider ist. Einer meiner Bekannten
+erzählte mir einst: Er habe in Holland über der Thür
+des Arbeitszimmers eines verständigen Mannes folgende Worte
+mit großen Buchstaben geschrieben gefunden: »Es ist erschrecklich
+beschwerlich für einen Mann, der bestimmte Geschäfte hat,
+von Leuten überlaufen zu werden, die keine Geschäfte haben.« —
+Der Einfall war nicht übel. Die, welche gern bei uns schmausen,
+kann man am leichtesten dadurch verscheuchen, daß man
+sie, ohne ihnen etwas vorzusetzen, wieder fortgehen läßt; aber
+gegen Schmeichler, besonders gegen die von feinerer Art, soll
+man, aus Besorgniß für sein eigenes Heil, auf seiner Hut seyn.
+Sie verderben uns von Grund aus, wenn wir unser Ohr an
+ihren Sirenen-Gesang gewöhnen. Dann wollen wir ohne Unterlaß
+gestreichelt und gekitzelt seyn, finden die wohlthätige
+Stimme der Wahrheit nicht harmonisch genug, und vernachlässigen
+und versäumen die treuern, bessern Freunde, die uns aufmerksam
+auf unsere Fehler machen wollen. Um nicht so tief zu
+fallen, waffne man sich mit Gleichgültigkeit gegen die gefährlichen
+Lockungen der Schmeichelei; man fliehe vor dem Schmeichler,
+wie vor dem bösen Feinde! Allein das ist nicht so leicht,
+wie man wohl glaubt; es gibt eine Art, Süßigkeiten zu sagen,
+die das Ansehen hat, als wollte man der Wahrheit huldigen.
+Der schlaue Schmeichler, der Deine schwache Seite studirt hat,
+wird, wenn er Dich für zu verständig hält, um nicht die größern
+Schlingen dieser Art für gefährlich zu erkennen, Dir nicht immer
+Recht geben; er wird vielmehr Dich tadeln; er wird Dir
+sagen: »daß er nicht begreifen könne, wie ein so edler und weiser
+Mann, wie Du seyest, sich einen kleinen Augenblick auch
+einmal habe vergessen können; er hätte geglaubt, so etwas<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span>
+könne nur gemeinen Leuten von <em class="gesperrt">seinem</em> Schlage begegnen.«
+Er wird an Deinen Schriften Fehler rügen, die Dir gleich beim
+ersten Anblicke unbedeutend scheinen müssen, und ihm nur dazu
+dienen, diejenigen Stellen um desto unverschämter zu loben,
+von welchen er weiß, daß Du dir etwas darauf zu gute thust.
+»Schade,« wird er ausrufen, »daß Ihre Sinfonien — ich bin
+kein Schmeichler; ich sage meine Meinung immer rund heraus
+— Schade, daß diese herrlichen Sinfonien, die gewiß in
+allem Betracht ein klassisches Werk genannt werden können,
+so äusserst schwer vorzutragen sind. Wo findet man Meister,
+die würdig wären, so etwas aufzuführen? und doch ist das ein
+wesentlicher Fehler, den Sie, verzeihen Sie meiner Offenherzigkeit!
+hätten vermeiden sollen.« Er wird Mängel an Dir
+finden, und mit verstelltem Eifer dagegen declamiren, — Schwachheiten
+und Mängel, auf welche Deine Eitelkeit sich etwas einbildet.
+Er wird Dich einen Misanthropen schelten, weil er gemerkt
+hat, daß Du durch Deine abgezogene Lebensart Aufsehen
+erregen möchtest; er wird Dir vorwerfen, Du seyest intrigant,
+wenn er merkt, daß es Dir behagt, für einen schlauen Hofmann
+angesehen zu werden. Auf diese Weise wird er sich bei Dir und
+andern Kurzsichtigen in den Ruf eines unpartheiischen, wahrheitliebenden
+Mannes setzen; sein honigsüßer Trank wird glatt
+hinuntergehen, und in der Berauschung werden Dein Herz und
+Dein Beutel dem verschmitzten Spötter offen stehen. Vielfältig
+habe ich, besonders an Höfen, dergleichen Männer angetroffen,
+die unter der Maske der Bonhommie und bei dem Rufe, den
+Fürsten tapfer die Wahrheit zu sagen, die ärgsten Maulschwätzer
+waren.</p>
+
+<h4>19.</h4>
+
+<p>Das Betragen gegen <em class="gesperrt">Schurken</em>, das heißt, gegen Leute,
+die von Grund aus schlecht sind, etwa ein wenig Erbsünde abgerechnet,
+fordert vor allem Festigkeit und Muth. Ich beziehe
+mich dabei zuerst auf das, was ich weiterhin über den Umgang
+mit Feinden, und über das Betragen gegen Verirrte und Gefallne
+sagen werde, und füge nur noch nachstehende Bemerkungen
+hinzu:</p>
+
+<p>Daß man, wo möglich, den Umgang mit schlechten Leuten
+fliehen müsse, weil durch sie Moralität, Ruf und Ruhe in Gefahr
+kommt, besonders wenn sie mit Schlechtigkeit der Grundsätze<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span>
+eine feine Verstandesbildung verbinden, und viel geselliges
+Talent haben, — das versteht sich wohl von selber. Wenn ein
+Mann von festen Grundsätzen auch nicht in Gefahr kommt, von
+ihnen angesteckt zu werden, so gewöhnt er sich doch nach und
+nach an ihre Art zu urtheilen und zu handeln, ihre Zweideutigkeiten
+und Unsittlichkeiten, und an den Anblick ihres sittlichen
+Schmutzes, und verliert den heiligen Abscheu gegen alles, was
+unedel ist; einen Abscheu, der zuweilen einzig hinreicht, uns in
+Augenblicken der Versuchung vor feinern Vergehungen zu bewahren.
+Leider aber zwingt uns unsre Lage zuweilen, mitten
+unter Schurken zu leben, und mit ihnen gemeinschaftlich Geschäfte
+zu treiben; und da ist es denn nöthig, gewisse Vorsichtigkeits-Regeln
+nicht aus der Acht zu lassen.</p>
+
+<p>Glaube nicht, wenn Du einiges Verdienst von Seiten des
+Kopfs und des Herzens hast, es jemals dahin zu bringen, daß
+Du von schlechten Menschen nie in Deiner Ruhe gestört werdest,
+oder nie durch sie leidest! Es herrscht ein ewiges Bündniß
+unter Schurken und Schleichern gegen alle verständige und edle
+Menschen; auch sind sie auf eine unbegreifliche Weise so verbrüdert,
+daß sie unter allen übrigen Menschen einander erkennen
+und bereitwillig die Hand reichen, möchten sie auch durch äussere
+Verhältnisse und Umstände noch so sehr getrennt seyn, sobald es
+darauf ankömmt, das wahre Verdienst zu verfolgen und mit
+Füßen zu treten. Da hilft keine Art von Vorsichtigkeit und Zurückhaltung;
+da hilft nicht Unschuld, nicht Geradheit; da hilft
+nicht Schonung, noch Mäßigung; da hilft es nicht, seine guten
+Eigenschaften verstecken, mittelmäßig scheinen zu wollen.
+Niemand erkennt so leicht das Gute, das in Dir ist, als Der,
+dem dies Gute fehlt. Niemand läßt innerlich dem Verdienste
+mehr Gerechtigkeit widerfahren, als der Bösewicht; aber er zittert
+davor, wie Satan vor dem Evangelio, und arbeitet mit
+Händen und Füßen dagegen. Jene große Verbrüderung wird
+Dich ohne Unterlaß necken, Deinen Ruf antasten; bald zweideutig,
+bald übel von Dir reden, die unschuldigsten Deiner
+Worte und Thaten boshaft auslegen. — Aber laß Dich das
+nicht anfechten! würdest Du auch wirklich von Schurken eine
+Zeitlang gedrückt, so wird doch die Rechtschaffenheit und Consequenz
+Deiner Handlungen am Ende siegen, und der Unhold bei
+einer andern Gelegenheit sich selbst die Grube graben. Auch sind<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span>
+die Schelme nur so lange einig unter sich, als es nicht auf
+männliche Standhaftigkeit ankömmt, so lange sie im Dunkeln
+fechten können. Hole aber Licht herbei, und sie werden aus einander
+rennen! Und wenn es nun gar zur Theilung der Beute
+ginge, dann würden sie sich unter einander bei den Ohren zausen,
+und Dich indeß mit Deinem Eigenthume ruhig davon wandern
+lassen. Geh Deinen geraden Gang fort! Erlaube Dir nie
+schiefe Streiche, nie Schleichwege, um Schleichwegen zu begegnen;
+nie Ränke, um Ränke zu zerstören; mache nie gemeinschaftliche
+Sache mit Bösewichtern, gegen Bösewichter! Handle
+großmüthig! Unedle Behandlung, und zu weit getriebenes Mißtrauen
+können Den, welcher auf halbem Wege ist, ein Schelm
+zu werden, vollends dazu machen; Großmuth hingegen kann
+einen nicht ganz verstockten Unhold vielleicht, auf einige Zeit
+wenigstens, bessern, und die Stimme des Gewissens in ihm erwecken.
+Aber er müsse fühlen, daß Du nur aus Huld, nicht
+aus Furcht also handelst! Er müsse fühlen, daß, wenn es auf
+das Aeusserste kömmt, wenn der Grimm eines unerschrocknen
+redlichen Mannes losbricht, der kühne, rechtschaffene Weise im
+niedrigsten Stande mächtiger ist, als der Schurke im Purpur;
+daß ein großes Herz, daß Tugend, Klugheit und Muth, stärker
+machen, als erkaufte Heere, an deren Spitze ein Schurke
+steht! Was hätte der wohl zu fürchten, der nichts mehr zu verlieren
+hat, als was kein Sterblicher ihm rauben kann? Und
+was vermag in dem Augenblicke der äussersten, verzweifelten
+Nothwehr ein feiger Sultan, ein ungerechter Despot, der in sich
+selbst einen Feind herumträgt, von welchem er immer bedroht,
+oder in die Flanke genommen wird, gegen den niedrigsten seiner
+Unterthanen, der ein reines Herz, einen hellen Kopf, Unerschrockenheit
+und gesunde Arme zu Bundesgenossen hat?</p>
+
+<p>Es ist unmöglich, sich bei gewissen Leuten beliebt zu machen,
+deren Gunst man nur auf Unkosten seines Gewissens erwerben
+kann, und es wird nicht schaden, wenn diese uns wenigstens
+fürchten.</p>
+
+<p>Es gibt Leute, die uns zu Vertraulichkeiten, zu gewissen
+Eröffnungen zu bewegen suchen, damit sie nachher Waffen gegen
+uns in Händen haben, womit sie uns drohen können, wenn
+wir ihnen nicht zu Gebote stehen wollen. Die Klugheit erfordert,
+dagegen auf seiner Hut zu seyn. Man erkennt sie leicht<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span>
+an der groben Schmeichelei, durch welche sie sich uns zu nähern,
+und unser Vertrauen zu erschleichen suchen.</p>
+
+<p>Beschenke den, von dem Du fürchtest, er werde Dich <em class="gesperrt">bestehlen</em>,
+wenn Du glaubst, daß Großmuth noch Eindruck auf
+ihn machen könnte!</p>
+
+<p>Ermuntre und ehre äusserlich Menschen, an denen Du irgend
+eine Thatkraft zum Guten findest! Bringe sie nicht ohne
+Noth um Kredit! Es gibt Leute, die viel Gutes <em class="gesperrt">sagen</em>, im
+<em class="gesperrt">Handeln</em> aber heimliche Schalke sind, oder Menschen voll Inconsequenz,
+Leichtsinn und Leidenschaft: entlarve diese nicht, in
+so fern es nicht der Folgen wegen seyn muß! Sie wirken durch
+ihre Reden manches Gute, welches unterbleibt, wenn man sie
+verdächtig macht. Man sollte sie immer herumreisen lassen, um
+gute Zwecke zu befördern; allein sie müßten jeden Ort früh genug
+verlassen, um sich nicht zu verrathen, und durch ihr Beispiel
+nicht die Wirkung ihrer Lehren zu verderben.</p>
+
+<h4>20.</h4>
+
+<p>Es gibt Menschen von guter Gesinnung, welche durch übertriebene
+Bescheidenheit und unüberwindliche Furchtsamkeit, durch
+eine Schüchternheit, die sie fast zu Kindern macht, sich selbst
+der Geringschätzung hingeben, und sich um allen Genuß und
+allen Vortheil bringen, den ihnen die Gesellschaft gewähren soll.
+Man macht sich um sie und um die Gesellschaft verdient, wenn
+man ihnen Zuversicht zu sich selbst einzuflößen sucht, und ihnen
+Veranlassung gibt, sich geltend zu machen. So verachtungswerth
+Unbescheidenheit und Dünkel sind, so unmännlich ist zu
+weit getriebene Schüchternheit. Der Edle soll seinen Werth fühlen,
+und eben so wenig ungerecht gegen sich, als gegen Andre
+seyn. Uebertriebnes Lob und zu weit ausgedehnter Vorzug aber
+beleidigen den Bescheidnen. Er müsse weniger aus Deinen Worten,
+als aus Deinen ungekünstelten, wahre Zuneigung verrathenden
+Handlungen, Deine Hochachtung gegen ihn erkennen!</p>
+
+<h4>21.</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Unvorsichtigen</em> und <em class="gesperrt">plauderhaften</em> Leuten darf man
+natürlicher Weise keine Geheimnisse anvertrauen. Besser wäre
+es, man hätte überhaupt keine Geheimnisse in der Welt, könnte
+immer frei und offen handeln, und alles, was im Herzen vorgeht,
+vor jedermann sehen lassen; besser wäre es, man dächte
+und redete nichts, als was man laut denken und reden darf.<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span>
+Da dieß indessen, besonders bei Männern, die in öffentlichen
+Aemtern stehen, oder sonst fremde Geheimnisse zu verwahren
+haben, nicht möglich ist: so muß man freilich vorsichtig in der
+Mittheilung dessen seyn, was nicht Jeder wissen darf.</p>
+
+<p>Man findet Menschen, denen es schlechterdings unmöglich
+ist, irgend etwas zu verschweigen. Man sieht es ihnen an, wenn
+sie ängstlich umherlaufen, daß sie etwas Neues bei sich tragen,
+und daß sie große Herzensangst leiden, bis sie einem andern
+Plaudrer ihre Nachricht heiß mitgetheilt haben. Andern fehlt es
+zwar nicht an dem guten Willen zu schweigen, wohl aber an
+der Klugheit, sich nicht durch Winke, Blicke, oder auf andre
+Art zu verrathen; oder an der Festigkeit, sich nicht ausfragen
+zu lassen; oder sie haben eine zu gute Meinung von der Ehrlichkeit
+und Verschwiegenheit derer, welchen sie sich anvertrauen. —
+Gegen alle diese muß man behutsam, und selbst verschlossen seyn.</p>
+
+<p>Es kann auch zuweilen nicht schaden, wenn man plauderhafte
+Leute bei der ersten Gelegenheit, da sie etwas über uns
+geschwatzt haben, dergestalt in Furcht setzt, daß sie es nicht
+wagen dürfen, hinter unserm Rücken auch nur einmal unsern
+Namen zu nennen, es sey im Guten oder Bösen. Die eigentlichen
+bekannten Zeitungsträger aber, deren es fast in jeder Stadt
+einige gibt, kann man nützen, wenn man ein unschuldiges
+Mährchen im Publiko ausgebreitet wissen will, das den Leuten
+etwas zu reden geben, oder sie zu ihrem Besten auf etwas aufmerksam
+machen soll. Nur muß man dann nicht verfehlen, sie
+um Verheimlichung der Sache zu bitten, sonst halten sie es vielleicht
+der Mühe nicht werth, dieselbe auszuplaudern.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Vorwitzige</em> und <em class="gesperrt">neugierige</em> Menschen kann man nach
+den Umständen entweder auf ernsthafte oder spaßhafte Manier
+behandeln. Im erstern Falle muß man, sobald man merkt, daß
+sie sich im mindesten um unsere Angelegenheiten bekümmern,
+uns belauschen, behorchen, sich in unsere Geschäfte mischen, unsern
+Schritten nachspüren, oder unsre Plane und Handlungen
+ausspähen wollen, sich gegen sie mündlich, schriftlich oder thätig,
+so kräftig erklären, sie auf eine solche Weise zurückschrecken,
+daß ihnen die Lust vergehe, auch nur von Weitem sich an uns
+zu wagen. Will man aber seinen Spaß mit ihnen haben, so
+kann man ihrer Neugier ohne Unterlaß so viel zu schaffen machen,
+daß sie über die Kindereien, worauf man ihre Aufmerksamkeit<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span>
+lenkt, keine Muße behalten, sich um diejenigen Dinge
+zu bekümmern, welche wir ihrer Beobachtung zu entziehen wünschen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Zerstreute</em> und <em class="gesperrt">vergessene</em> Leute taugen nicht zu Geschäften,
+wo es auf Pünktlichkeit ankömmt. Jungen Personen kann
+man diese Fehler wohl zu gute halten, und durch eine verständige
+Behandlung zuweilen noch abgewöhnen, so, daß sie ihre
+Gedanken bei einander halten. Manche, die aus zu großer Lebhaftigkeit
+des Temperaments leicht alles vergessen, und nie da
+zu Hause sind, wo sie seyn sollten, kommen von dieser Schwachheit
+zurück, wenn sie älter, kühler und sittsamer werden. Andre
+affectiren, zerstreut zu seyn, weil sie glauben, das sähe vornehm
+oder gelehrt aus; über solche Thoren aber soll man nur die Achseln
+zucken, und sich wohl hüten, ihre Zerstreutheit geistvoll oder
+artig zu finden. Es gilt von ihnen, was über diejenigen gesagt
+worden ist, welche sich körperlich krank stellen, um Interesse zu
+erwecken. Wessen Gedächtniß aber wirklich schwach, und nicht
+etwa durch Uebung nach und nach zu stärken ist, dem rathe
+man, sich alles schriftlich aufzuzeichnen, was er behalten will,
+und diesen Zettel täglich oder wöchentlich einmal durchzulesen;
+denn es ist wahrlich nichts verdrießlicher, als wenn uns jemand
+verspricht, ein Geschäft zu besorgen, an welchem uns gelegen
+ist, und uns hernach, wenn wir uns auf sein Wort verlassen,
+mit der Versicherung überrascht, daß er es rein vergessen habe.</p>
+
+<p>Sehr zerstreueten Leuten muß man es übrigens so hoch nicht
+anrechnen, wenn sie gegen uns zuweilen in Aufmerksamkeit,
+Höflichkeit, oder was man sonst im geselligen und freundschaftlichen
+Umgange fordert, unvorsätzlich fehlen.</p>
+
+<h4>22.</h4>
+
+<p>Es gibt eine Art Menschen, die man <em class="gesperrt">wunderliche</em> (<span class="antiqua">difficiles</span>)
+<em class="gesperrt">Leute</em> nennt. Sie sind nicht bösartig, sind nicht immer
+zänkisch und mürrisch; aber man kann ihnen doch nicht leicht
+etwas ganz recht machen. Sie haben sich, zum Beispiel, an
+eine pedantische Ordnung gewöhnt, deren Regel nicht Jeder, so
+wie sie, im Kopfe hat; und da kann es denn leicht kommen,
+daß man einen Stuhl in ihrem Zimmer anders hinstellt, als sie
+es gern sehen (wenn dieß übrigens aus wahrem Ordnungsgeiste
+herrührt, so habe ich an der Sache selbst nichts auszusetzen);
+oder sie hängen gewissen Vorurtheilen an, denen man sich unterwerfen<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span>
+muß, wenn man in ihren Augen Werth haben will;
+zum Beispiel: in Kleidertrachten, in der Art laut oder leise zu
+reden, groß oder klein zu schreiben und dergleichen. Man sollte
+wohl sagen, daß ein vernünftiger Mann über solche Kleinigkeiten
+hinausgehen müßte; unterdessen trifft man doch Männer
+an, die über andere Gegenstände sehr verständig und billig denken,
+nur in solchen Punkten nicht; und was wichtiger als das
+ist, an dieser Männer Gunst kann uns vielleicht sehr viel gelegen
+seyn. Wenn dies Letztere nun der Fall ist, so rathe ich, in
+Dingen von geringem Belange, die mit einiger Aufmerksamkeit
+so leicht zu befolgen sind, sich ihnen gefällig zu zeigen. Andre
+aber, mit denen wir weiter in keinem Verhältniß stehen, lasse
+man, in so fern sie übrigens brave Männer sind, bei ihrer
+Weise, und vergesse nicht, daß wir Alle unsre Schwachheiten
+haben, die man brüderlich ertragen muß!</p>
+
+<p>Leute, die etwas darin suchen, sich durch ihr Betragen in
+unwesentlichen Dingen von Andern zu unterscheiden (nicht eigentlich
+aus Ueberzeugung, daß es besser so sey, als anders,
+sondern hauptsächlich darum, weil sie etwas darein setzen, das
+zu thun, was Andre nicht thun), solche Leute nennt man <em class="gesperrt">Sonderlinge</em>.
+Sie sehen es gern, wenn man ihre Weise bemerkt;
+und ein verständiger Mann muß in seinem Betragen gegen sie
+wohl überlegen, ob ihr Eigensinn von unschädlicher Art ist, und
+ob sie Männer sind, die in irgend einer Rücksicht Schonung
+verdienen, um darnach im Umgange mit ihnen zu verfahren,
+wie es Vernunft und Duldung fordern.</p>
+
+<p>Was endlich Leute betrifft, die von <em class="gesperrt">Launen</em> regiert werden,
+so daß man ihnen heute der willkommenste Gast, morgen der
+überlästigste Gesellschafter ist, so rathe ich, — vorausgesetzt,
+daß diese Launen nicht ihren Grund in geheimen Leiden haben
+(denn wenn das ist, so habe Mitleiden!) — gar nicht zu thun,
+als bemerkte man solche Ebben und Fluthen, sondern auf immer
+gleich-vorsichtigem Fuße mit ihnen umzugehen.</p>
+
+<h4>23.</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Einfältige Menschen</em>, die ihre Schwäche fühlen, und
+sich daher willig von vernünftigen Menschen leiten lassen, auch
+bei ihrem natürlich gutmüthigen, wohlwollenden, sanften Temperamente
+zwar leicht zum Guten, aber schwer zum Bösen zu
+bewegen sind, soll man nicht verachten. Es können nicht alle<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span>
+Menschen hohen, erhabnen Geistes-Schwung haben; und die
+Welt würde auch sehr übel dabei fahren, wenn es also wäre.
+Es müssen mehr subalterne, als Herrscher-Genies unter den Erdensöhnen
+seyn, wenn nicht Alle in ewiger Fehde mit einander
+leben sollen. Daß ein höherer Grad von Tugend, daß Kraft,
+Muth, Festigkeit, oder feine Beurtheilungskraft, nicht mit
+Schwäche des Geistes bestehen könne, ist freilich gewiß; allein
+das gehört ja nicht hieher. Wenn im Ganzen nur das Gute geschieht,
+und die dummen Menschen zu diesem Guten sich die
+Hände führen lassen; so füllen sie ihren Platz nützlicher aus, als
+die überschwenglichen Genies, die Feuerköpfe, mit ihrem sich
+durchkreuzenden unaufhörlichen Wirken und Streben.</p>
+
+<p>Unerträglich hingegen ist die Prüfung, wenn man es mit
+einem Stockfische zu thun hat, der sich für einen Halbgott hält,
+mit einem eiteln, eigensinnigen, mißtrauischen Pinsel, mit einem
+verzogenen, verzärtelten, vornehmen Herrn, der Länder
+und Völker zu regieren hat, und leider alles selbst regieren will.
+Doch soll an seinem Orte gezeigt werden, wie man mit dieser
+Art Menschen umgehen müsse.</p>
+
+<p>Eine gewisse Gattung gutmüthiger, aber schwacher und
+plumper Menschen, ist, selbst in der Jugend, schwer zu verfeinern.
+Die Sprache der Ironie verstehen sie nicht. Ist sie zu
+fein, so nehmen sie es für baares Geld. Ein ernsthafter Ton
+greift auch nicht ein, oder beleidigt sie. Warme, gefühlvolle
+Ermahnungen bleiben gänzlich ohne Wirkung.</p>
+
+<p>Allein man thut oft gewissen Menschen großes Unrecht, welche
+durchaus unfähig sind, sich zu äussern, entweder weil sie der
+Sprache nicht mächtig werden, oder sich von einer ihnen durch
+Erziehung angebildeten Schüchternheit nicht losmachen können,
+indem man sie für schwach, dumm, gefühllos oder unwissend
+hält, da sie es doch keinesweges sind, sondern nur so scheinen.
+Nicht Jeder hat die Gabe, seine Gedanken und Empfindungen
+an den Tag zu legen, oder er thut es wenigstens nicht auf die
+Weise, welche uns die rechte scheint; er hat etwas Zurückstoßendes
+in seinem äusseren Wesen, er verstößt alle Augenblicke gegen
+die feinere Sitte, oder gegen den Gesellschaftston, an welchen
+wir uns gewöhnt haben. Er will nicht nach seinen <em class="gesperrt">Worten</em>,
+sondern nach seinem <em class="gesperrt">Thun</em> gerichtet seyn, und auch sein Thun
+ist von der Art, daß man ungerecht über ihn urtheilen würde,<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span>
+wenn man nicht Rücksicht nehmen wollte auf seine Erziehung,
+seine Lage und auf die Gelegenheit, die er gehabt, oder die ihm
+gefehlet hat, sich auszuzeichnen. Man überlegt selten, daß <em class="gesperrt">der</em>
+Mensch schon sehr viel Werth hat, der in der Welt nur nichts
+Böses thut, und daß die Summe dieses negativen Guten zur
+Wohlfahrt des Ganzen oft mehr beiträgt, als der lange Lebenslauf
+eines thätigen Mannes, dessen heftige Leidenschaften in
+unaufhörlichem Kampfe mit seinen großen, edlen Zwecken stehen.
+Und dann sind Gelehrsamkeit, Kultur und gesunde Vernunft
+wieder sehr verschiedne Dinge. Es herrscht unter Menschen von
+einer sogenannten feineren Erziehung und Bildung so viel Convention,
+daß es schwer ist, Stoff und Gepräge zu unterscheiden,
+und wir verwechseln nur gar zu leicht die Grundsätze, welche auf
+diesem Uebereinkommen beruhen, mit den unwandelbaren Vorschriften
+der reinen Weisheit. Wir sind nun einmal gewöhnt,
+nach jenem Richtmaße des Herkommens zu urtheilen und zu denken,
+oder vielmehr Worte ganz unbefangen zu gebrauchen und
+nachzusprechen, deren zweideutigen Sinn wir Mühe haben würden,
+einem ganz rohen Wilden zu erklären; und so halten wir
+denn Denjenigen für einen Geistesarmen, für einen einfältigen
+Tropf, der das Wörterbuch der Höflichkeitssprache nicht auswendig
+weiß, und daher redet, weß das Herz voll ist, also ganz
+ungeschmückt und unumwunden, aber dabei ganz im Geiste des
+gesunden Menschenverstandes. Daher wird man nicht selten
+durch die Urtheile gemeiner Leute, die freilich dem sogenannten
+Kenner sehr abgeschmackt vorkommen würden, sehr angenehm
+überrascht, und aus dem Zauber einer falschen, erzwungenen
+Täuschung gerissen, so daß auf einmal auch in uns der Sinn
+für wahre, ächte Natur wieder erwacht! Wie oft habe ich im
+Schauspielhause erst das nüchterne Urtheil der Gallerie erwartet;
+habe erwartet, was für Eindruck eine Scene auf das unbestochene
+Volk, das wir Pöbel nennen, machen, — habe erwartet,
+ob ein rührender Auftritt allgemeine Stille, oder lautes Gelächter
+verbreiten würde, um mich zu bestimmen in meinem Urtheil,
+wie treu der Schriftsteller und Schauspieler die Natur kopiert,
+oder ob er sie verfehlt oder erreicht habe. Auf den Gebildeten
+wirkt die Illusion, weil er von Jugend auf in einer Welt voll
+Täuschungen wandelte; jene aber leben und weben in der Natur
+und im Reiche der ungeschmückten Wahrheit. Groß ist der<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span>
+Künstler, der durch das Spiel seiner Phantasie, durch seine, die
+Natur auf's treueste nachahmende Darstellung, auch unkultivirte
+Menschen vergessen machen kann, daß sie getäuscht werden.
+Groß ist ferner der Mann, der den Sinn für ungeschminkte
+Wahrheit nicht in dem Meere von Neben-Ideen, Vorurtheilen
+und Conventionen ersäuft hat. Aber wie selten trifft man Kunst
+und Wahrheits-Sinn, Kultur und Einfalt, im schönen Einklange
+an! — Lasset uns also Den nicht verachten, der den bessern
+Theil auf Kosten des schlechtern gerettet hat, und lasset uns
+ihn ja nicht aufklären, sondern lieber bei solchen Einfältigen in
+die Schule gehn!</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Gutmüthige</em>, und dabei <em class="gesperrt">schwache</em> Menschen sind fast als
+Unmündige zu betrachten, welche der Vormundschaft aller Verständigen
+und Guten übergeben sind. Man soll ihnen nicht den
+Beistand versagen, den sie unaufhörlich bedürfen, — soll, wenn
+man kann, edle Freunde um sie her zu versammeln suchen, von
+denen sie nicht gemißbraucht, sondern zu Handlungen bestimmt
+und gelenkt werden, die eines wohlwollenden Herzens würdig
+sind. Es gibt Personen, die nichts abschlagen können, wenigstens
+nicht mündlich; und da geschieht es dann, daß, um niemand
+zu kränken, oder damit man nicht glaube, daß es ihnen
+an gutem Willen fehle, sie mehr versprechen, als sie leisten können;
+mehr hingeben, mehr Arbeit für Andre übernehmen, als
+sie vernünftiger Weise thun sollten. Andre sind so <em class="gesperrt">leichtgläubig</em>,
+daß sie Jedem trauen, sich Jedem hingeben und aufopfern,
+Jeden für einen treuen Freund halten, der die Aussenseite des
+ehrlichen, menschenliebenden Mannes trägt. Noch Andre sind
+nicht im Stande, für sich etwas zu erbitten, sollten sie auch
+darüber nichts in der Welt von demjenigen erlangen, worauf
+sie die billigsten Ansprüche machen dürfen. Ich brauche wohl
+nicht zu sagen, wie sehr alle diese Schwachen gemißhandelt oder
+wenigstens vernachlässigt werden; wie man auf die Gutherzigkeit
+und Dienstfertigkeit der Erstern losstürmt, und wie den
+Andern die Unverschämtheit alles vor dem Munde wegnimmt,
+weil sie nicht den Muth haben, zuzugreifen oder ihre Ansprüche
+geltend zu machen. Mißbrauche keines Menschen Schwäche!
+Erschleiche von Keinem Vortheile, Geschenke, Verwendung von
+Kräften, die Du nicht nach den Regeln der strengsten Gerechtigkeit,
+ohne ihm Verlegenheit und Last aufzuladen, von ihm fordern<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span>
+darfst; suche auch zu verhindern, daß Andre dergleichen
+thun; mache dem <em class="gesperrt">Blöden</em> Muth! Verwende Dich, rede für
+ihn, wenn seine Schüchternheit ihn abhält, sein eigener Fürsprecher
+zu seyn!</p>
+
+<p>Manche Leute haben die Schwachheit, mit ganzer Seele <em class="gesperrt">gewissen
+Liebhabereien nachzuhängen</em>. Sey es nun irgend
+eine noble Passion: Jagd, Pferde, Hunde, Katzen, Tanz,
+Musik, Malerei, oder die Wuth, Kupferstiche, Naturalien,
+Schmetterlinge, Petschafte, Pfeifenköpfe und dergleichen zu sammeln,
+oder Bau-Geist, Garten-Anlage, Kinder-Erziehung,
+Mäcenatenschaft, physikalische Versuche — oder was für ein
+Steckenpferd sie auch reiten: so dreht sich doch der ganze Kreis
+ihrer Gedanken immer um diesen Punkt herum; sie reden von
+keiner Sache so gern, wie von diesem ihrem Lieblings-Gegenstande;
+jedes Gespräch wissen sie dahin zu lenken. Sie vergessen
+dann, daß der Mann, welchen sie vor sich haben, vielleicht von
+keinem Dinge in der Welt weniger versteht, als von diesem,
+verlangen aber auch dagegen nicht gerade, daß er mit großer
+Kenntniß davon rede, wenn er nur die Geduld hat, ihnen zuzuhören;
+wenn er ihre Herrlichkeiten nur mit Aufmerksamkeit
+betrachtet, nur bewundert, was sie ihm als die größte Seltenheit
+empfehlen, und Interesse daran zu nehmen scheint. Nun,
+wer wird denn wohl so hartherzig seyn, diese kleine Freude einem
+Manne, der übrigens redlich und verständig ist, zu versagen
+oder zu verkümmern! Vorzüglich empfehle ich Aufmerksamkeit
+auf die — doch wie sich's versteht, unschuldigen — Liebhabereien
+der Großen, an deren Gunst uns gelegen ist; denn, wie
+Tristram Shandy anmerkt, so wird ein Hieb, welchen man
+dem Steckenpferde gibt, schmerzlicher empfunden, als ein Schlag,
+den der Reiter selbst empfängt.</p>
+
+<h4>24.</h4>
+
+<p>Mit <em class="gesperrt">muntern</em>, <em class="gesperrt">aufgeweckten Leuten</em>, die von ächtem
+Humor beseelt werden, ist leicht und angenehm umzugehen. Ich
+sage: sie müssen von <em class="gesperrt">ächtem</em> Humor beseelt werden; die Fröhlichkeit
+muß aus dem Herzen kommen, muß nicht erzwungen,
+muß nicht eitle Spaßmacherei, nicht Haschen nach Witz seyn.
+Wer noch von ganzem Herzen lachen, sich den Aufwallungen
+einer lebhaften Freude überlassen kann: der ist kein ganz böser
+Mensch. Tücke und Bosheit machen zerstreut, ernsthaft, nachdenkend,<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span>
+verschlossen; <span class="antiqua">mais un homme, qui rit, ne sera jamais
+dangereux</span>. Daraus folgt indessen nicht, daß Jeder, der
+nicht von fröhlicher Gemüthsart ist, und in der Gesellschaft einsylbig
+und zurückhaltend an dem Gespräche Theil nimmt, deswegen
+etwas Böses im Schilde führen sollte. Die Stimmung
+des Gemüths hängt vom Temperamente, so wie von der Gesundheit
+und von innern und äussern Verhältnissen ab. Aechte
+muntre Laune aber pflegt ansteckend zu seyn, und diese Epidemie
+hat etwas so Wohlthätiges; es ist ein so wahres Seelen-Glück,
+einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen
+zu dürfen, daß ich dringend anrathe, sich zur Munterkeit anzufeuern,
+oder anfeuern zu lassen, und wenigstens ein Paar Stunden
+in der Woche auf diese Weise der gesitteten Fröhlichkeit zu
+widmen.</p>
+
+<p>Allein es ist schwer, in lustiger Stimmung, und wenn man
+dem Witze den Zügel schießen läßt, nicht in einen <em class="gesperrt">satyrischen</em>
+Ton zu fallen. Was gibt uns reichern Stoff zum Lachen, als
+das unzählige Heer von Thorheiten der Menschen? Und diese
+Thorheiten treten am lebhaftesten vor unsre Augen, wenn wir
+uns die Originale dazu denken, in welchen sie wohnen. Lachen
+wir nun über die Narrheit, so ist es fast unvermeidlich, auch
+über den Narren mit zu lachen, und da kann dann dies Lachen
+sehr ernsthafte, verdrießliche Folgen haben. Wenn ferner unsre
+Spöttereien Beifall finden, so werden wir verleitet, unsern Witz
+immer feiner zuzuspitzen, und Andre, denen es ausserdem vielleicht
+an Stoff zu munterer Unterhaltung fehlen würde, schärfen,
+durch unser Beispiel verführt, ihre Aufmerksamkeit auf die
+Mängel ihrer Nebenmenschen: und wohin das führen, welche
+böse Folgen es haben, und wie leicht es Streit erregen, das
+Vergnügen zerstören, Feindschaft erwecken könne, das ist theils
+bekannt genug, theils habe ich darüber schon etwas im ersten
+Kapitel gesagt. Ich halte es daher für Pflicht, im Umgange
+mit sehr satyrischen Leuten auf seiner Hut zu seyn. Nicht, daß
+man sich persönlich vor ihrer spitzen Zunge oder Feder fürchten
+müßte, denn das zeigt wirklich den höchsten Grad von innerm
+Bewußtseyn eigener Erbärmlichkeit an; sondern daß man nicht
+durch sie verführt werde, mit zu lästern; daß man sich und Andern
+dadurch nicht schade, und daß der Geist der Duldung nicht
+von uns weiche. Man bezeige daher satyrischen Leuten keinen<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span>
+zu lauten Beifall, bestärke sie nicht in der Gewohnheit, ihren
+Witz auf andrer Menschen Unkosten spielen zu lassen, und lache
+nicht mit, wenn sie lästern und schmähen.</p>
+
+<p>Ich sage: man hat gar nicht Ursache, satyrische Leute eigentlich
+zu fürchten; denn sind sie übrigens edle Männer, so werden
+sie, wenn sie auch über Thorheiten lachen und spotten, doch
+den Charakter des redlichen Mannes schonen. Sind sie aber boshafte
+Spötter, so werden sie sich mehr, als Andern, schaden. —
+An den Mann von Würde wagt sich denn auch nicht leicht ein
+Solcher, wenigstens nicht zum zweiten Mal.</p>
+
+<h4>25.</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Trunkenbolde</em>, grobe <em class="gesperrt">Wollüstlinge</em> und alle andre Arten
+von <em class="gesperrt">lasterhaften Menschen</em> soll man freilich fliehn, und
+ihren Umgang, wenn man kann, vermeiden; ist dieß aber durchaus
+unmöglich, so bedarf es wohl keiner Erinnerung, daß man
+sich hüten müsse, von ihnen angesteckt, verblendet oder verführt
+zu werden. Allein das ist nicht genug. Es ist Pflicht, ihren
+Ausschweifungen, möchten sie solche auch in das gefälligste Gewand
+hüllen, nicht nachzusehen, sie nicht zu entschuldigen, sondern
+vielmehr, wo es mit Klugheit geschehen kann, einen erklärten
+Abscheu dagegen zu zeigen; es ist Pflicht, und recht heilige
+Pflicht, an unzüchtigen, schmutzigen Gesprächen niemals, und
+auf keinerlei Art beifälligen Antheil zu nehmen. Man sieht in
+der großen Welt die sogenannten <span class="antiqua">agréables débauchés</span> mehrentheils
+die glänzendste Rolle spielen, und in manchen, besonders
+männlichen Cirkeln, die Unterhaltung auf Zoten und Zweideutigkeiten
+hinausgehen, wodurch die Phantasie junger Leute erhitzt,
+mit schlüpfrigen Bildern erfüllt, und die schamloseste Unsittlichkeit
+weiter ausgebreitet wird. Zu diesem allgemeinen Verderbnisse
+der Sitten, zur Verspottung, vielleicht gar zur Verachtung
+der Keuschheit, Nüchternheit, Mäßigkeit und Schamhaftigkeit,
+darf kein redlicher Mann auch nur das Mindeste beitragen.
+Er muß vielmehr, so viel an ihm ist, ohne Ansehn der Person,
+sein Mißfallen daran bestimmt zu erkennen geben, und, wenn
+er es vergebens versucht hat, Menschen, die auf dem Wege des
+Lasters wandeln, durch freundschaftliche Warnung und Hinlenkung
+ihrer Thätigkeit auf würdigere Gegenstände, zu bessern,
+ihnen wenigstens zeigen, daß er den Sinn für Reinigkeit und<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span>
+Tugend nicht verloren habe, und daß in seiner Gegenwart die
+Unschuld respektirt werden müsse.</p>
+
+<h4>26.</h4>
+
+<p>Einen ganz eignen Abschnitt verdienen die <em class="gesperrt">Enthusiasten</em>,
+<em class="gesperrt">überspannten</em>, <em class="gesperrt">romanhaften Menschen</em>, <em class="gesperrt">Kraft-Genies</em>
+und <em class="gesperrt">excentrischen Leute</em>. Sie leben und weben in einer
+Atmosphäre von Phantasien, wie ein Fisch im nassen Elemente,
+und sind geschworne Feinde der kalten Ueberlegung.
+Mode-Lectüre, Romane, Schauspiele, geheime Verbindungen,
+Mangel an gründlichen wissenschaftlichen Kenntnissen, und Müßiggang,
+stimmen einen großen Theil unsrer heutigen Jugend
+auf diesen Ton; man trifft aber auch Schwärmer mit grauen
+Köpfen an. Sie streben ohne Unterlaß nach dem Ausserordentlichen
+und Uebernatürlichen; verachten das nahe liegende Gute,
+um nach fernen Erscheinungen zu greifen; versäumen das Nöthige
+und Nützliche, um Plane für das Entbehrliche zu machen;
+legen die Hände in den Schooß, wo es Pflicht wäre, zu wirken,
+um sich in Händel zu mischen, die sie nichts angehen; reformiren
+die Welt, und vernachlässigen ihre häuslichen Geschäfte;
+finden das Wichtigste zu klein, und das Abgeschmackteste erhaben;
+haben eine entschiedene Abneigung gegen alles Deutliche,
+Verständige und Klare, und predigen das Unbegreifliche. Vergebens
+stellst Du ihnen die Gründe der gesunden Vernunft entgegen,
+und bittest sie, zu prüfen; sie werden Dich als einen
+gemeinen Menschen, ohne Gefühl, ohne Sinn für das Große,
+verachten, Mitleiden mit Deiner Weisheit zeigen, und sich lieber
+an ein Paar andre Narren von ähnlichem Schwunge anschließen,
+die in ihren Unsinn einstimmen. Ist Dir's also darum
+zu thun, einen solchen Schwärmer zu überzeugen, oder auch
+nur einen wirksamen Einfluß auf ihn zu erhalten: so müssen
+Deine Gespräche warm und feurig seyn, und Du mußt mit eben
+so viel Enthusiasmus der gesunden Vernunft das Wort reden,
+womit er die Sache seiner Thorheit verficht. Selten aber richtet
+man überhaupt etwas mit solchen Menschen aus, und es ist am
+besten gethan, der Zeit ihre Heilung zu überlassen. Indessen
+steckt zum Unglücke Schwärmerei an, wie der Schnupfen. Wer
+daher eine sehr lebhafte Einbildungskraft hat, und nicht ganz
+sicher von der Herrschaft seines Verstandes über dieselbe ist, dem
+rathe ich, im Umgange mit Enthusiasten jeder Gattung auf<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span>
+seiner Hut zu seyn. Unsere Zeit hat ein unglückseliges Wohlgefallen
+an religiöser, theosophischer und mystischer Schwärmerei,
+und bringt Manches zu Ehren, was zum Heil der Welt eine
+bessere Zeit verlacht und in den Staub geworfen hatte. So hört
+man z. B. jetzt einen <em class="gesperrt">Jakob Böhme</em> rühmen und preisen, und
+alle die alten Kirchengesänge, welche in jeder Zeile eine Sünde
+gegen den guten Geschmack und gegen das gesunde Gefühl begehen,
+als Meisterstücke der Dichtkunst laut erheben, hört junge
+Mädchen, schon lange vor <em class="gesperrt">der</em> Periode, in welcher sie von
+Rechtswegen in die Reihe der Betschwestern treten dürfen, gar
+andächtig singen, was sie bei gesundem Urtheil und Gefühl zum
+Lächeln reizen müßte, und dergleichen Erscheinungen mehr,
+welche beweisen, wie behaglich es dem Menschen in seiner
+Schwachheit ist, von einem Extrem auf das andere überzuspringen.
+Ich mag nicht entscheiden, welche von diesen Gattungen
+der Schwärmerei die gefährlichste ist, halte aber doch dafür, diejenigen,
+welche auf politische, halbphantastische, halbjesuitische
+Plane und auf Welt-Reformation hinausgehen, gehören wohl
+wenigstens nicht zu den unschädlichsten Donquixoterien; ich
+glaube dieß um so fester, da gerade diese Art von Schwärmer-Systemen
+am mehrsten Verwirrung im Staate anrichten kann,
+und die blendendste Aussenseite zu haben pflegt, statt daß die
+übrigen bald Langeweile machen, und nur schiefe und mittelmäßige
+Köpfe anhaltend beschäftigen. Man gewöhne sich daher,
+im Umgange mit den Aposteln solcher Systeme, die jedem Biedermanne
+sonst so theuren Ausdrücke: Glück der Welt, Freiheit,
+Gleichheit, Rechte der Menschheit, Religiosität, Christenthum,
+Glaube und dergleichen, für nichts anders, als für Lockspeise,
+oder höchstens für gutgemeinte leere Worte zu nehmen, mit denen
+diese Leute spielen, wie die Schulknaben mit den oratorischen
+Figuren und Tropen, welche sie in ihren magern Exercitien
+anbringen müssen.</p>
+
+<p>Kraft-Genies und excentrische Leute lasse man laufen, so
+lange sie sich noch nicht gänzlich zum Einsperren qualificiren.
+Die Erde ist so groß, daß eine Menge Narren neben einander
+Platz darauf hat.</p>
+
+<h4>27.</h4>
+
+<p>Jetzt noch ein Wort von <em class="gesperrt">Andächtlern</em>, <em class="gesperrt">Frömmlern</em>,
+<em class="gesperrt">Heuchlern</em> und <em class="gesperrt">abergläubischen Leuten</em>, welche mit den<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span>
+eben beschriebenen nur darin Eine Klasse ausmachen, daß sie
+eine Freude an der Uebertreibung, und eine Scheu vor dem
+Vernünftigen haben.</p>
+
+<p>Wem es mit seinen Empfindungen für die Religion, mit seiner
+Wärme für Gottes-Liebe, Gottes-Furcht und Gottes-Verehrung,
+und mit seiner Anhänglichkeit an die gottesdienstlichen
+Gebräuche der Kirche, zu welcher er sich in seinem Herzen bekennt,
+ein aufrichtiger Ernst ist: der hat die gegründetsten Ansprüche
+auf unsre Achtung. Sollte er auch das Wesen der Religion,
+mehr als wir für gut halten, in bloßes Gefühl, ohne allen
+Gebrauch seiner ihm von Gott verliehenen Leiterin, der Vernunft,
+setzen: — sollte auch, unsrer Meinung nach, eine erhitzte
+Phantasie sich in seine religiöse Empfindungen mischen: — sollte
+er auch eine zu große Anhänglichkeit für gewisse Ceremonien,
+Gebräuche und Systeme haben: so verdient er, wenn er übrigens
+ein redlicher Mann, ein praktischer Christ ist, Duldung,
+Schonung und Bruderliebe. Allein um desto verachtungswürdiger
+ist ein Heuchler und Kopfhänger, ein gleisnerischer Bösewicht,
+der hinter der Larve der Heiligkeit, Sanftmuth und Religiosität
+den wollüstigen Verführer, den tückischen Verläumder,
+Aufrührer, Anhetzer, rachgierigen Bösewicht, oder den fanatischen
+Verfolger versteckt. Beide Arten von Leuten sind aber nicht
+schwer zu unterscheiden. Der fromme Edle ist gerade, offen, still
+und heiter, nicht übertrieben höflich, nicht übertrieben zuvorkommend,
+noch übertrieben demüthig, aber liebevoll, einfach und
+zutraulich in seinem Betragen. Er ist nachsichtig, milde und
+duldend, redet auch nicht viel, ausser mit vertrauten Freunden,
+über religiöse Gegenstände; der Heuchler hingegen pflegt süß,
+kriechend, schmeichelnd, immer auf seiner Hut, ein Sclave der
+Großen, ein Anhänger der herrschenden Parthei, ein Freund der
+Glücklichen, nie ein Vertheidiger der Verlassenen zu seyn. Er
+führt Rechtschaffenheit und Religion ohne Unterlaß im Munde,
+gibt seine reichen Almosen, und erfüllt seine christlichen Liebespflichten
+mit Geräusch und Aufsehen, tobt und schäumt über
+den Gottlosen und Lasterhaften, oder entschuldigt fremde Fehler
+auf solche Weise, daß sie dadurch tausendfältig vergrößert scheinen.
+Hüte Dich, diesem auf irgend eine Weise in die Hände zu
+fallen; fliehe ihn; tritt ihm nicht auf den Fuß; beleidige ihn
+nicht, wenn Dir Deine Ruhe lieb ist!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p>
+
+<p>Abergläubische Leute, die Ammen-Mährchen, Gespenster-Histörchen
+und dergleichen lieben, und mit großer Ernsthaftigkeit
+erzählen, sind nicht durch Gründe der Philosophie und durch
+vernünftige Vorstellungen und Zweifel von ihrem Wahne zu befreien,
+am wenigsten aber durch Declamationen, Verspottung
+und Ereiferung. Es ist da kein anderes Mittel, als, ihnen nicht
+eher zu widersprechen, bis man zugleich eine einzelne Thatsache
+strenge und kaltblütig untersuchen, und sie mit eignen Augen
+von dem Betruge oder Ungrunde überzeugen kann, obgleich es
+wahrlich unbillig ist, daß man Dem, welcher eine übernatürliche
+Erscheinung behauptet, den Beweis erläßt, und ihn Demjenigen
+auflegt, der die Rechte der Vernunft vertheidigt.</p>
+
+<h4>28.</h4>
+
+<p>Nicht toleranter, als die Frömmler, pflegen ihre Gegenfüßler,
+die <em class="gesperrt">Deisten</em>, <em class="gesperrt">Freigeister</em> und <em class="gesperrt">Religions-Spötter</em>
+von gemeiner Art zu seyn. Ein Mann, der unglücklich genug
+ist, sich von der Wahrheit, Heiligkeit und Nothwendigkeit der
+christlichen Religion nicht überzeugen zu können, verdient Mitleiden,
+weil er einen sehr wesentlichen Vorzug, einen kräftigen
+Trost im Leben und Sterben entbehrt; er verdient mehr, als
+Mitleiden, er verdient Liebe und Achtung, wenn er dabei seine
+Pflichten als Mensch und Bürger, so viel an ihm ist, treulich
+erfüllt, und niemand in seinem Glauben irre macht. Wenn aber
+die Religionsspötterei in einem lasterhaften Herzen, in der Sucht,
+durch Witz und Scharfsinn zu glänzen, und in einem wahnsinnigen
+Dünkel eigener Weisheit und Untrüglichkeit ihre Quelle
+hat, und darauf ausgeht, Proselyten zu machen, wenn sie öffentlich
+mit schaalem Witze, oder nachgebeteten voltairischen
+Floskeln, der Lehren spottet, auf welche andre Menschen ihre
+einzige Hoffnung, ihre zeitliche und ewige Glückseligkeit bauen;
+wenn der Religionsverächter verachtet, verleumdet und schimpft,
+und Jeden einen Heuchler oder heimlichen Jesuiten schilt, der
+nicht wie <em class="gesperrt">er</em> denkt: so ist ein solcher bösartiger Thor unsrer Verachtung
+werth, ist werth, daß man ihm diese Verachtung zeige,
+wäre er auch ein noch so vornehmer Mann; und wenn man es
+für vergebliche Mühe hält, seinem Gewäsche ernsthafte Gründe
+entgegenzusetzen: so bringe man ihn wenigstens durch ernsthafte
+Bekämpfung zum Schweigen!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p>
+
+<h4>29.</h4>
+
+<p>Ueber die Art, wie man <em class="gesperrt">schwermüthige</em>, <em class="gesperrt">tolle</em> und <em class="gesperrt">rasende
+Menschen</em> behandeln müsse, sollte billig ein philosophischer
+Arzt ein eignes Werk schreiben. Dieser Mann müßte Leute
+von der Art in und ausser den Hospitälern aufsuchen, dieselben
+genau und in verschiednen Jahrszeiten und Mondsveränderungen
+beobachten, und aus den Resultaten dieser Untersuchungen
+ein ganzes System ausarbeiten. Mir fehlt es an der Menge
+von Thatsachen, so wie an medicinischen Kenntnissen dazu, und
+hier würde eine weitläuftige Abhandlung über diesen Gegenstand
+auch zu viel Raum wegnehmen, da ich schon so manches Blatt
+mit Bemerkungen über den Umgang mit <em class="gesperrt">nicht eingesperrten
+Narren</em> angefüllet habe. Also nur noch wenig Zeilen darüber!</p>
+
+<p>Der wichtigste Punkt scheint bei solchen Kranken anfangs
+<em class="gesperrt">der</em> zu seyn, daß man die erste Quelle ihres Uebels aufsuche,
+daß man ausmittle, ob und wie dieselben, entweder durch Zerrüttung
+einzelner Organe, oder durch Gemüthsleiden, heftige
+Leidenschaften, oder Unglücksfälle, entstanden seyn. Zu diesem
+Endzwecke muß man Acht geben, womit sich ihre Phantasie in
+den Augenblicken der Raserei oder Verwirrung, und ausser denselben,
+beschäftige, worüber ihre Einbildungskraft brüte. Da
+würde sich's denn zeigen, daß man, um diese Unglücklichen nach
+und nach zu heilen, mehrentheils nur auf einen einzigen Punkt
+zu wirken, in ihnen auf vorsichtige Weise nur eine einzige herrschende
+Grille zu zerstören oder zu modificiren brauchte. Ferner
+würde es wichtig seyn, darauf Acht zu geben, welche Art von
+Wetter-Veränderung, Jahreszeit und Monds-Wandlung Einfluß
+auf ihre Krankheit habe, um die glücklichen Augenblicke zur
+Behandlung und Leitung zu nützen. Endlich habe ich bemerkt,
+daß das Einsperren, und jede harte Verfahrungsart fast immer
+das Uebel ärger macht. Ich muß bei dieser Gelegenheit mit wahrem,
+aufrichtigem Lobe der Einrichtung Erwähnung thun, welche
+im Irrenhause in Frankfurt am Mayn herrscht, und welche ich
+vielfältig zu beobachten Gelegenheit gefunden habe. Man läßt
+dort die Wahnsinnigen, wenn es nur irgend ohne Gefahr geschehen
+kann, wenigstens in <em class="gesperrt">den</em> Jahrszeiten, von welchen man
+weiß, daß alsdann ihre Tollheit weniger heftig ist, unter unmerklicher
+Beobachtung frei im Hause und Garten herumgehen;
+und der Zuchtmeister verfährt so sanft und liebreich mit ihnen,<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span>
+daß viele derselben nach einigen Jahren völlig geheilt wieder herauskommen,
+und eine größere Anzahl höchstens nur melancholisch
+bleibt, und allerlei Handarbeiten zu verrichten im Stande ist,
+indeß diese Menschen in manchen andern Hospitälern durch Einsperren
+und Härte vielleicht im höchsten Grade wüthend geworden
+seyn würden.</p>
+
+<p>Man kann aber auch schwache Menschen stufenweise um ihren
+Verstand bringen, wenn man eine heftige Leidenschaft, von
+welcher sie regiert werden, sey es Liebe, Hochmuth oder Eitelkeit,
+nährt, reizt und dann wieder kränkt. Zwei solcher elenden
+Geschöpfe erinnere ich mich gesehen zu haben. Der eine trug ein
+Hofnarren-Kleid an dem Hofe des Fürsten von ***. Er war
+in der Jugend ein Mensch von feinem Kopfe, guten Anlagen
+und voll Witz gewesen; noch loderten davon in ruhigen Augenblicken
+Flammen hervor. Er hatte studiren sollen, aber nichts
+gelernt, sondern sich einem lüderlichen Leben überlassen. Als er
+darauf in sein Vaterstädtchen zurückkam, behandelte man ihn
+als einen unwissenden Müssiggänger, und er selbst fühlte, daß
+er weiter nichts war. Er hatte aber einen ungeheuren Hochmuth,
+und war nicht gänzlich arm. Von seiner Familie und
+den Leuten seines Standes verstoßen, fing er nun an, mit den
+Hofofficianten des Fürsten von *** sich herumzutreiben. Seine
+lustigen Einfälle zogen sogar die Aufmerksamkeit dieses sehr muntern
+Herrn auf ihn. Er wurde bald vertraut mit demselben und
+mit dem ganzen Hofe, wodurch anfangs seine Eitelkeit gekitzelt
+wurde; doch endigte sich das natürlicher Weise damit, daß man
+ihn mißbrauchte, und als einen privilegirten Spaßmacher betrachtete.
+Dieß war indessen immer noch eine Art von Existenz,
+die ihm behagte, so lange die Sache in gewissen Schranken blieb,
+und es ihm erlaubt war, auf vertraulichem Fuße mit vornehmen
+Leuten umzugehen, und ihnen zuweilen derbe Wahrheiten zu sagen.
+Weil diese aber sich nicht umsonst so weit herablassen wollten,
+auch nicht zu aller Zeit gleich gut aufgelegt waren, seinen
+Witz, der zuweilen in das Grobe fiel, anzunehmen: so erfuhr
+er Demüthigungen aller Art, bekam zuweilen Schläge, und
+konnte doch nun nicht mehr zurück, indem ihm seine Verwandten
+und Bekannten in der Stadt mit äusserster Verachtung begegneten,
+und sein kleines Vermögen geschmolzen war. — Und
+so sank er denn immer tiefer. Er wurde gänzlich abhängig vom<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span>
+Hofe; der Fürst ließ ihm eine buntschäckigte Kleidung machen,
+und es war kein Küchenjunge im Schlosse, der nicht das Recht
+zu haben glaubte, einen Spaß von ihm zu begehren, oder ihm
+für einen Schoppen Wein einen Nasenstüber zu geben. Aus
+Verzweiflung berauschte er sich nun täglich; und war er ja einmal
+nüchtern, so nagten die Vorstellungen seiner fürchterlichen
+Lage, das Gefühl der unedlen Rolle, welche er spielte, die Anstrengung,
+neue Spässe zu erfinden, um nicht auf immer verstoßen
+zu werden, und sein aufwachender Hochmuth an seiner
+Seele, indeß er seinen Körper durch Ausschweifungen zerrüttete.
+Er wurde wirklich ein Narr, und einmal so rasend, daß man
+ihn ein halbes Jahr hindurch an der Kette verwahren mußte.
+Als ich ihn sahe, war er ein alter Mann, trieb sich in einem
+armseligen Zustande umher, wurde als ein verrückter Mensch
+angesehen, war aber mehr ein Gegenstand des Widerwillens,
+als des Mitleidens, und hatte doch noch helle Augenblicke, in
+welchen er ungewöhnlichen Scharfsinn, Witz und Genie verrieth,
+auch, wenn er einen halben Gulden erbetteln wollte, auf eine
+feine Weise zu schmeicheln, und mit so schlauer Menschenkenntniß
+die schwachen Seiten der Leute zu fassen verstand, daß ich
+nicht wußte, ob ich nicht mehr über die Leute, die ihn so tief
+hinabgestoßen hatten, als über seine Verirrungen seufzen sollte.</p>
+
+<p>Der andre Mensch, von welchem ich reden wollte, war einst
+Verwalter auf einem adelichen Gute gewesen, nachher aber auf
+Pension gesetzt worden. Da nun solchergestalt die Herrschaft
+nichts mit ihm anzufangen wußte, trieb sie ihren Spaß mit
+ihm, indem er sehr dumm und zugleich hochmüthig und verliebt
+war. Sie nannten ihn <em class="gesperrt">Fürst</em>, gaben ihm einen Orden, ließen
+erdichtete Briefe von hohen Potentaten an ihn schreiben, in welchen
+ihm entdeckt wurde, daß er eigentlich aus einem großen
+Hause abstamme, aber in seiner Jugend entführt worden sey;
+daß der Großsultan, welcher unrechtmäßiger Weise seine Länder
+besäße, ihm nach dem Leben trachtete; daß eine griechische oder
+hebräische Prinzessinn in ihn verliebt sey, und dergleichen mehr.
+Es mußten lustige Freunde, als Gesandte verkleidet, in Unterhandlungen
+mit ihm treten; — und kurz! nach wenig Jahren
+brachte man es dahin, daß der arme Tropf wirklich verrückt
+wurde, und diese Thorheiten glaubte.</p>
+
+<p>Ich enthalte mich aller Anmerkungen über diese beiden<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span>
+Geschichten; der Leser wird sie ohne meine Anweisung machen
+können.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Nachtrag_des_Herausgebers">Nachtrag des Herausgebers
+<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>.</h3>
+</div>
+
+<p>Es ist hier der Ort, eines Geschlechts zu gedenken, welches sich
+leider seit einiger Zeit so vermehrt und verbreitet hat, daß ein
+zweiter Linné nöthig wäre, um es nach allen seinen Gattungen
+und Arten zu klassificiren, nämlich die <em class="gesperrt">Finsterlinge</em>. Ich will
+nur drei Hauptarten beschreiben.</p>
+
+<p>Den ersten Platz nimmt, wie billig, die Klasse der <em class="gesperrt">theologischen
+Finsterlinge</em> ein. Dieß ist eine alte Rasse, die vor
+einiger Zeit fast im Aussterben begriffen schien, aber seit Kurzem
+sich dermaßen besaamt hat, daß man sie jetzt überall wieder antrifft.
+Sie schimpft noch immer auf die Vernunft, als die Wurzel
+alles Uebels, und verdammt daher jeden Rationalisten als
+einen Naturalisten und Atheisten. Um sich durch den weltlichen
+Arm zu verstärken, da sie ihre innere Schwäche wohl fühlt, flüstert
+sie den Gewalthabern in's Ohr, daß sie ihr Ansehen nicht
+behaupten könnten, wenn sie nicht die Forderung des blinden
+Glaubens mit aller Macht unterstützten. Das Feldgeschrei der
+Finsterlinge ist daher: »machet die Augen zu, daß euch die
+Sonne nicht blende.« — An diese Klasse schließt sich sehr natürlich
+die der <em class="gesperrt">politischen Finsterlinge</em>. Sie lacht zwar insgeheim
+über jene, da sie wohl merkt, daß die Finsterlinge nur
+durch sie herrschen wollen; aber da sie aus Erfahrung weiß, daß
+der weltliche Arm doch zuletzt über den geistlichen siegt, so nimmt
+sie die Empfehlung des blinden Glaubens utiliter an, um damit
+die Forderung des blinden Gehorsams zu unterstützen. Die
+politischen Finsterlinge behaupten demnach, daß, wie nach dem
+Emanazionssysteme der morgenländischen Weltweisen alle Dinge
+von Gott ausgeflossen seyen, so auch die fürstliche Gewalt unmittelbar
+von der göttlichen abstamme: daß sonach die Fürsten,<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span>
+wie Gott, lauter Rechte ohne Pflichten, die Völker hingegen
+lauter Pflichten ohne Rechte haben; daß eben darum von Verträgen
+zwischen Fürsten und Völkern, und von Verfassungen,
+wodurch die Ausübung der fürstlichen Gewalt gesetzlich zu bestimmen
+sey, gar nicht die Rede seyn dürfe. Wie nun der ersten
+Klasse das Wort Vernunft ein Gräuel ist, so der zweiten das
+Wort Freiheit; denn Freiheit, meint sie, sey nur das Losungswort
+der Rebellen gegen die Fürsten, wie Vernunft das Losungswort
+der Rebellen gegen die Gottheit. Auch hat sie eine Menge
+von Geschichten bei der Hand, woraus erhellen soll, daß die
+Freiheit überall in zügellose Frechheit ausarte (besonders die Preßfreiheit),
+und Revolutionen erzeuge, wenn man sie nur im mindesten
+gewähren lasse. Das Feldgeschrei dieser Klasse ist daher:
+»laßt euch an Ketten legen, damit ihr nicht auf die Nase fallet.«</p>
+
+<p>Die dritte Klasse kann man die <em class="gesperrt">ästhetisch-philosophischen
+Finsterlinge</em> nennen. Diese ziehen gegen den Verstand
+zu Felde, und halten es bloß mit dem Gefühle. Jener, sagen
+sie, kann sich nur in prosaischer Nüchternheit aussprechen, und
+tummelt sich auf dem Gebiete hohler Begriffe herum, dieses aber
+hebt den Menschen in poetischer Trunkenheit bis zur unmittelbaren
+Anschauung des Absoluten selbst. Daher reden sie in lauter
+Bildern, Orakeln und Hieroglyphen, die sie selbst nicht verstehen,
+und finden es ganz unausstehlich, wenn jemand es wagt,
+über irgend einen Gegenstand der Wissenschaft oder Kunst ein
+klares, bestimmtes und verständliches Wort zu sprechen. Alles
+ist ihnen Eins: Philosophie und Poesie, Kunst und Religion,
+Staat und Kirche, Thier und Pflanze, Organisches und Unorganisches,
+Endliches und Unendliches; denn alles schauen sie in
+mystischer Verzuckung mit einem und demselben Gefühle der
+Sehnsucht und Liebe an. »Fühlt, fühlt, fühlt! ist daher ihr
+Wahlspruch, und solltet ihr auch den Verstand darüber verlieren!«</p>
+
+<p>Was wollen denn nun aber alle diese Finsterlinge? Wollen
+sie sich in ihrer Blindheit gegen den gewaltigen Strom des geistigen
+Lebens stemmen, und bewirken, daß er rückwärts wieder
+dahin fließe, wovon er ausgegangen ist? Die ohnmächtigen
+Thoren! Der Strom wird unaufhaltsam nach ewigen Gesetzen
+fortfließen, und sie, selbst wider ihren Willen, mit sich fortreißen,
+oder — verschlingen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p>
+
+<p>So weit der Verf. im Freimüthigen. Es frägt sich: wie
+man diese Finsterlinge im gesellschaftlichen Umgange behandeln,
+und wie man sie bekämpfen und ihnen entgegen wirken solle.
+Daß ein großes Verdienst hiebei zu erwerben sey, darf wohl
+nicht erst gesagt werden; eben so wenig, daß große Unbefangenheit,
+Festigkeit und Freimüthigkeit, auch ein wenig Witz und
+Scharfsinn dazu gehöre, um sie zum Schweigen zu bringen,
+oder wenigstens unangesteckt zu bleiben. Menschen dieser Art
+mögen gern durch einen entscheidenden und vornehmen Ton imponiren
+und abschrecken; sie mögen sich nicht gern auf Gründe
+einlassen; sie haben allerlei Kunstgriffe, wodurch sie dem, der
+sie mit Gründen und mit kalter Fassung bekämpft, auszuweichen
+suchen, oder ihn wo möglich in Verdacht bringen; sie wissen
+sich das Ansehen des lebendigsten Eifers für die Wahrheit zu
+geben. Durch das alles suchen sie sich ein Uebergewicht zu verschaffen.
+Bei dem weiblichen Geschlecht sind sie wohl angesehen,
+weil sie seinem Hange zum Schwärmen Nahrung geben, und
+es im Helldunkel umherführen. Man wird sie am glücklichsten
+bekämpfen, wenn man ihnen eine kalte Besonnenheit und Ruhe
+entgegensetzt, sie bei dunklen Redensarten und mystischen Kunstgriffen
+fest hält, und sich Erläuterung ausbittet, als wolle man
+sich von ihnen belehren, und in ihre Weisheit einweihen lassen;
+wenn man ihnen allerlei Fragen vorlegt, durch welche sie genöthigt
+sind, sich näher zu erklären; wenn man sie mit Zweifeln
+bestürmt, und aus ihren Behauptungen Folgerungen zieht, deren
+Widersinnigkeit einleuchtet; wenn man solchen Namen, die
+sie als unverwerfliche Autoritäten anführen, eben so berühmte
+entgegenstellt, die das Recht der Vernunft, zu prüfen und zu
+forschen, dargethan und vertheidigt haben; wenn man ihnen
+besonders den Stifter des Christenthums, und die Reformatoren,
+als solche in's Gedächtniß bringt, die ihren Zeitgenossen
+das Licht der Vernunft leuchten ließen, und sie durch ihre ganze
+Lehrweise ermunterten und nöthigten, ihre Vernunft zu gebrauchen,
+dem Alten, wenn es die Prüfung nicht aushielt, zu entsagen,
+und das Neue, weil es besser begründet war, dafür anzunehmen.
+Man erinnere sie an die Scheiterhaufen, welche die
+Zeit der Finsterniß gebaut, und an die Religionskriege, die sie
+entzündet hat, und frage sie, ob sie im Ernst wünschen könnten,
+diese Zeiten mit ihrem blinden Glauben und ihrer Verketzerungssucht<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span>
+wiederkehren zu sehen. Wer die Vernunft verdächtig
+macht (so erkläre man sich männlich gegen sie), der kündigt
+aller Wissenschaft und aller wahren Bildung den Krieg an, und
+zerstört alle Freiheit, allen Gedanken-Verkehr, und allen wahren
+Geistesgenuß; der verwandelt die Schulen in Blinden-Anstalten,
+die Hörsäle in Zuchthäuser, die Kirchen in Schauspielhäuser,
+die Herrschaft in Sclaverei; der erklärt, daß er auf den
+Vorzug, selbst zu denken, Verzicht leiste, und bei gesunden Augen
+und gesunden Füßen sich lebenslang als einen Blinden wolle
+führen lassen.</p>
+
+<p>Nichts dürfte in unsern Tagen schwerer seyn, als bei guter
+Vernunft und wahrer Unbefangenheit des Geistes zu bleiben,
+denn es wird immer mehr herrschender Ton, das Begreifliche zu
+verwerfen, und das Unbegreifliche als die höchste Weisheit zu
+rühmen und zu preisen, das Alte zu bewundern, zu erheben
+und zu loben, müßte es auch mit Verleugnung alles guten Geschmacks
+und aller gesunden Vernunft geschehen; und den Gefühlen
+die Entscheidung zu überlassen, müßte auch darüber alle
+Lebensweisheit zu Grunde gehen. Glücklicher Weise hat sich noch
+eine gute Zahl von Verständigen und Einsichtsvollen unter uns
+nüchtern, und bei gesunder Vernunft erhalten, und so ist denn
+nicht zu fürchten, daß es den Finsterlingen gelingen werde, das
+Licht auszublasen, welches eine bessere Zeit angezündet hat.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span></p>
+
+<p class="p4 s2 center"> <span class="s5a">Ueber den</span><br>
+Umgang mit Menschen.</p>
+</div>
+
+<hr class="titel">
+<h2>Zweiter Theil.</h2>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Einleit.">Einleitung.</h3>
+</div>
+
+<p>Der erste Theil dieses Buchs enthält Bemerkungen über den
+Umgang mit Menschen von allerlei Art, ohne Rücksicht auf ihre
+besondern Verhältnisse unter einander. Die mannigfaltigen natürlichen,
+häuslichen und bürgerlichen Verbindungen aber erfordern
+verschiedene Anwendung der Regeln des Umgangs und neue
+Vorschriften für einzelne Fälle. Ich rede daher in diesem zweiten
+Theile zuerst von demjenigen, was wir in der menschlichen Gesellschaft
+zu beobachten haben, in so fern wir auf Verschiedenheit
+des Alters und des Geschlechts, auf Blutsfreundschaft, auf
+die ersten Bande des häuslichen Lebens und auf Freundschaft,
+Liebe, Dankbarkeit, Wohlwollen, endlich auf die Lagen mancher
+Art, in welche Menschen aus allen Ständen gerathen können,
+unser Augenmerk richten. Der dritte Theil aber wird die
+Pflichten entwickeln, die uns Stand, bürgerliche Verbindung,
+Uebereinkunft und alle übrigen zusammengesetztern Verhältnisse
+auflegen.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Erstes_Kapit.">Erstes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Der Umgang unter Menschen von gleichen Jahren scheint freilich
+viel Vorzüge und Annehmlichkeit zu haben. Aehnlichkeit in
+der Denkungsart, und wechselseitige Austauschung solcher Ideen,
+die gleich lebhaft die Aufmerksamkeit und die Theilnahme erregen,
+ketten die Menschen an einander. Jedem Alter sind gewisse
+Neigungen und leidenschaftliche Triebe eigen. In der Folge der
+Zeit verändert sich die Stimmung; man rückt nicht so fort mit
+dem Geschmacke und der Mode; das Herz ist nicht mehr so warm,<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span>
+faßt nicht so leicht Interesse an neuen Gegenständen; Lebhaftigkeit
+und Phantasie werden herabgestimmt; manche glückliche
+Täuschungen sind verschwunden; viel Gegenstände, die uns
+theuer waren, sind um uns her abgestorben, entwichen, unsern
+Augen entrückt; die Gefährten unserer glücklichen Jugend sind
+fern von uns, oder schlummern schon im Grabe; der Jüngling
+hört die Erzählungen von den Freuden unserer schönsten Jahre
+nur aus Gefälligkeit ohne Gähnen an. Gleiche Erfahrungen
+geben reichhaltigern Stoff zur Unterhaltung, als wenn das,
+was ein Mensch erlebt hat, dem Andern ganz fremd ist. — Das
+alles leidet keinen Widerspruch; doch rückt Verschiedenheit der
+Temperamente, der Erziehung, der Lebensart und der Erfahrungen
+diese Grenzlinien oft vor und zurück. Viele Menschen
+bleiben in gewissem Betrachte ewig Kinder, indeß Andere vor
+der Zeit Greise werden. Der an Leib und Seele abgestumpfte
+Jüngling, der alle Welt-Lüste bis zum Ekel geschmeckt hat, findet
+freilich wenig Genuß im Kreise junger unschuldiger Landleute,
+die noch Sinn für einfache Freuden haben: und der alte
+Biedermann, der nicht weiter, als höchstens in einem Umkreise
+von fünf Meilen sich von seiner Heimath entfernt hat, ist unter
+einem Haufen erfahrner und belebter Residenz-Bewohner, mit
+ihm von gleichem Alter, eben so wenig an seinem Platze, wie
+ein betagter Kapuziner in einer Gesellschaft von alten Gelehrten.
+Dagegen aber binden auch manche Neigungen, zum Beispiel die
+noblen Passionen der Jagd, des Spiels, der Medisance und
+des Trunks, vielfältig Greise, Jünglinge und alte Weiber recht
+herzlich an einander; diese Ausnahme von jener allgemeinen
+Bemerkung, von der Bemerkung: daß der Umgang unter Leuten
+von gleichen Jahren viel Vorzüge habe, kann indessen die
+Vorschriften nicht unkräftig machen, die ich jetzt über das Betragen,
+welches man im Umgange mit Menschen von verschiedenem
+Alter zu beobachten hat, mittheilen will. Nur muß ich
+noch eine Anmerkung hinzufügen: Es ist nicht gut, wenn eine
+zu bestimmte Absonderung unter Personen von verschiedenem
+Alter Statt findet, wie es zum Beispiel lange in Bern war,
+wo fast jedes Stufenjahr seine eignen, angewiesenen, gesellschaftlichen
+Cirkel hatte, so daß, wer vierzig Jahre alt war, anständiger
+Weise nicht mit einem Jünglinge von fünf und zwanzig
+Jahren umgehen konnte. Die Nachtheile eines solchen conventionellen<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span>
+Gesetzes sind wohl nicht schwer einzusehen. Der Ton,
+den die Jugend annimmt, wenn sie immer sich selbst überlassen
+ist, pflegt nicht der sittlichste zu seyn; manche gute Einwirkung
+wird verhindert; und alte Leute bestärken sich in der Selbstsucht,
+im Mangel an Duldung, und werden mürrische Hausväter,
+wenn sie keine andre, als solche Menschen um sich sehen, die mit
+ihnen gemeinschaftliche Sache machen, sobald von Lobeserhebung
+alter Zeiten und Heruntersetzung der gegenwärtigen, deren Ton
+und Vorzüge sie nie kennen lernen, die Rede ist.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Selten nehmen ältere Leute so billige Rücksicht, daß sie sich
+in Gedanken an die Stelle jüngerer Personen setzten, die Freuden
+derselben nicht störten, sondern vielmehr zu befördern, und
+durch Theilnahme zu erhöhen suchten. Sie denken sich nicht in
+ihre eigenen Jugendjahre zurück; Greise verlangen von Jünglingen
+dieselbe ruhige, nüchterne, kaltblütige Ueberlegung, Abwägung
+des Nützlichen und Nöthigen gegen das Entbehrliche,
+dieselbe Gesetztheit, die ihnen Jahre, Erfahrung und physische
+Herabspannung gegeben haben. Die Spiele der Jugend scheinen
+ihnen unbedeutend, die Scherze leichtfertig. Es ist aber auch
+wahrlich erstaunlich schwer, sich so ganz in die Lage zurück zu
+denken, in welcher wir vor zwanzig oder dreißig Jahren waren,
+und bei dem besten Willen entstehen daraus manche unbillige
+Urtheile und manche Uebereilungen bei Erziehung der Jugend. —
+O! lasset uns doch lieber selbst so lange als möglich jung bleiben,
+und, wenn der Winter unsers Lebens unser Haar bleicht,
+und nun das Blut langsamer durch die Adern rollt, das Herz
+nicht mehr so warm und laut im Busen pocht, doch mit theilnehmender
+Freude auf unsre jüngern Brüder herabsehen, die noch
+Frühlings-Blumen pflücken, wenn wir, dicht eingehüllt, am
+häuslichen, väterlichen Heerde Ruhe suchen! Lasset uns nicht
+durch platte Gemeinsprüche die süßen Freuden der Phantasie niederpredigen!
+Wenn wir zurückschauen auf <em class="gesperrt">jene seligen Tage</em>,
+wo ein einziger Liebesblick des holden Mädchens, das jetzt eine
+alte runzligte Matrone ist, uns bis in den dritten Himmel entzückte;
+wo bei Musik und Tanz jede Nerve in uns wiederhallte;
+wo Scherz und Witz jeden trüben Gedanken verjagten; wo süße
+Träume, Ahndungen und Hoffnungen, unser Leben erheiterten;
+— o! so lasset uns doch diese glückliche Periode bei unsern<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span>
+Kindern zu verlängern trachten, und, so viel möglich, an ihrem
+Wonnegefühle Theil nehmen! Mit zärtlicher Ehrerbietung drängen
+sich dann Kind, Knabe, Mädchen und Jüngling um den
+freundlichen alten Mann, der sie zu unschuldiger Fröhlichkeit
+aufmuntert. Ich bin als Jüngling mit so liebenswürdigen alten
+Damen umgegangen, daß ich wahrlich, wenn ich die Wahl
+gehabt hätte, an ihrer Seite lieber mein Leben hingebracht haben
+würde, als bei manchen hübschen, jungen Mädchen; und
+wenn bei großen Tafeln mich, als einen jungen Menschen, die
+Reihe traf, neben einer geistesarmen Schönheit Platz zu nehmen,
+habe ich oft den Mann beneidet, dem sein Rang ein Recht
+gab, der Nachbar einer verständigen, muntern alten Frau zu seyn.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>So schön aber diese gutmüthige Herablassung zu der Stimmung
+der Jugend ist, so lächerlich muß es uns vorkommen,
+wenn ein Greis so sehr Würde und Anstand verleugnet, daß er
+in Gesellschaft den Stutzer oder den lustigen Studenten spielt;
+wenn die Dame ihre vier Lustra vergißt, sich wie ein junges
+Mädchen kleidet, herausputzt, kokettirt, die alten Gliedmaßen
+beim Tanze durch einander wirft, oder gar späteren Generationen
+Eroberungen streitig machen will. Solche Scenen bewirken
+Verachtung: nie müssen Personen von gewissen Jahren Gelegenheit
+geben, daß die Jugend ihrer spotte, und die Ehrerbietung,
+oder irgend eine der Rücksichten vergesse, die man ihnen
+schuldig ist.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Es ist indessen nicht genug, daß der Umgang älterer Leute
+den jüngern nicht lästig und hinderlich werde: er muß ihnen
+auch Nutzen schaffen. Eine größere Summe von Erfahrungen
+berechtigt und verpflichtet Jene, Diese zu unterrichten, zurechtzuweisen,
+ihnen durch Rath und Beispiel nützlich zu werden.
+Dieß muß aber ohne Pedanterei, ohne Stolz und Anmaßung
+geschehen, ohne auf eine lächerliche Weise alles anzupreisen, was
+alt, und alles zu verwerfen, was neu ist, ohne beständige
+Huldigung und unterthänige Aufwartung zu fordern, ohne Langeweile
+zu erregen, und ohne sich aufzudringen. Man soll sich
+vielmehr aufsuchen lassen; und das wird gewiß nicht fehlen, da
+gutgeartete junge Leute sich's zur Ehre zu rechnen pflegen, mit
+freundlichen und verständigen Greisen umgehen zu dürfen, und<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span>
+es der Unterhaltung mit einem solchen, der so Manches gesehen
+und erlebt hat, und davon gut zu erzählen weiß, nicht an Reiz
+fehlt.</p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>So viel über das Betragen bejahrter Personen gegen jüngere
+Leute! Jetzt noch etwas von dem Betragen der Jünglinge im
+Umgange mit Männern und Greisen!</p>
+
+<p>In unsern, von Vorurtheilen so säuberlich gereinigten, aufgeklärten
+Zeiten werden manche Empfindungen, welche die Natur
+uns eingeprägt hat, wegvernünftelt. Dahin gehört denn
+auch das Gefühl der Ehrerbietung gegen das hohe Alter. Unsre
+Jünglinge werden früher reif, früher klug, früher gelehrt; durch
+fleißige Lectüre, besonders der wohlgefüllten Journale, ersetzen
+sie, was ihnen an Erfahrung und Einsicht fehlt; dieß macht sie
+so weise, über Dinge entscheiden zu können, wovon man ehemals
+glaubte, es würde vieljähriges, ämsiges Studium dazu
+erfordert, nur einigermaßen <em class="gesperrt">klar</em> darinn zu <em class="gesperrt">sehen</em>. Daher entsteht
+auch jenes kühne Selbstvertrauen und jene stolze Zuversicht,
+die schwächere Köpfe für Unverschämtheit halten, jene Ueberzeugung
+des eignen Werths, mit welcher unbärtige Knaben heut zu
+Tage auf alte Männer herabsehen, und alles verwerfen und verurtheilen,
+was nicht mit ihrer untrüglichen Ansicht übereinstimmt.
+Das Höchste, was ein Mann von ältern Jahren von
+diesen gestrengen Richtern erwarten darf, ist gnädige Nachsicht,
+züchtigende Kritik, wohlmeinende Zurechtweisung und Mitleiden
+mit ihm, der das Unglück gehabt hat, nicht in diesen glücklichen
+Tagen, in welchen die Weisheit, ungesäet und ungepflegt,
+wie Manna vom Himmel regnet, geboren worden zu seyn. Ich,
+der ich auch das Schicksal gehabt habe, in einem Jahre zur Welt
+zu kommen, in welchem der größte Theil der Polyhistoren, von
+denen ich hier rede, ihre jetzt so scharfen Zähne noch am Wolfszahn
+übten, oder gar noch Embryonen waren, — ich habe es
+nicht zu jenem Grade der Aufklärung bringen können, und muß
+daher um Verzeihung bitten, wenn ich hier einige Regeln zu
+geben wage, die ziemlich nach der alten Mode schmecken werden.
+— Doch zur Sache!</p>
+
+<h4>6.</h4>
+
+<p>Es gibt viel Dinge in dieser Welt, die sich durchaus nicht
+anders, als durch Erfahrung lernen lassen; es gibt Wissenschaften,<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span>
+die durchaus ein anhaltendes Studium, vielfaches Betrachten
+von verschiednen Seiten, und kältres Blut erfodern, daß ich
+glaube, auch das feurigste Genie, der feinste Kopf, sollte einem
+bejahrten Manne, der, selbst bei schwächern Geistesgaben, Alter
+und Erfahrung auf seiner Seite hat, in den mehrsten Fällen
+einiges Zutrauen, einige Aufmerksamkeit nicht versagen. Und
+wäre auch nicht von wissenschaftlichen Fächern die Rede, so ist
+doch wohl im Ganzen unleugbar, daß die Summe mannigfaltiger
+Erfahrungen, die jeder in der Welt lebende Mann in einer
+langen Reihe von Jahren einsammelt, ihn in den Stand setzt,
+schwankende Ideen zu berichtigen, idealische Grillen zu vertreiben
+und diejenigen zurecht zu weisen, die von ihrer aufgeregten
+Phantasie, ihrem warmen Blute und reizbaren Nerven irre geführt
+werden, und sie dahin zu bringen, daß sie die Menschen
+und die Dinge um sich her aus einem richtigern Gesichtspunkte
+betrachten. Endlich dünkt es mich so schön, so edel, Dem, welcher
+nun nicht lange mehr die Genüsse und Freuden dieser Welt
+schmecken kann, den Rest seines Lebens, in welchem gewöhnlich
+Sorgen und Kümmernisse zunehmen und der Genuß abnimmt,
+so leicht als möglich zu machen, daß ich kein Bedenken trage,
+dem Jünglinge und Knaben die uralte Lehre auf's neue zuzurufen:
+»Vor einem grauen Haupte sollst Du aufstehen! Ehre das
+Alter! Suche den Umgang ältrer kluger Leute! Verachte nicht
+den Rath der kältern Vernunft, die Warnung des Erfahrnen!
+Thue dem Greise, was Du willst, daß man Dir thun solle,
+wenn einst Deiner Scheitel Haar versilbert seyn wird! Pflege
+seiner, und verlaß ihn nicht, wenn die wilde, leichtfertige Jugend
+ihn flieht!«</p>
+
+<p>Uebrigens aber ist es auch gewiß, daß es sehr viele alte Gecke
+gibt, an welchen sich das Sprichwort: »Alter schadet der Thorheit
+nicht,« bewährt, und dagegen hie und da weise Jünglinge,
+die schon geerntet haben, wo Andre noch kaum ihr Handwerksgeräthe
+zum Graben und Pflügen schleifen.</p>
+
+<h4>7.</h4>
+
+<p>Nun noch etwas von dem Umgange mit Kindern; aber nur
+sehr wenig! Denn hiervon weitläuftig reden, das hieße, ein
+Werk über Erziehung schreiben, und dieß ist ja nicht mein Zweck.</p>
+
+<p>Der Umgang mit Kindern hat für einen verständigen Mann
+unendlich viel Interesse. Hier sieht er das Buch der Natur in<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span>
+unverfälschter Ausgabe aufgeschlagen. Er sieht den wahren, einfachen
+Grundtext, den man nachher nur unter dem Wuste von
+fremden Glossen, Verzierungen und Verbrämungen herausfinden
+kann; die Anlage zu der Eigenthümlichkeit des Charakters,
+die nachher leider gewöhnlich entweder ganz verloren geht, oder
+sich hinter der Larve der feinern Lebensart und hinter conventionelle
+Rücksichten versteckt, liegt noch offen da: über viele Dinge
+urtheilen Kinder, von Systemgeist, Leidenschaft und Gelehrsamkeit
+unverführt, weit richtiger, als Erwachsene; sie empfangen
+manche Eindrücke weit schneller, haben noch eine große Anzahl
+Vorurtheile weniger gefaßt. — Kurz, wer Menschen studiren
+will, der versäume nicht, sich unter Kinder zu mischen! Allein
+der Umgang mit denselben erfordert auch eine Vorsicht und Behutsamkeit,
+eine Klugheit und Selbstbeherrschung, die im Umgange
+mit ältern Personen unnöthig ist. Heilige Pflicht ist es,
+ihnen auf keine Weise Aergerniß zu geben; sich leichtfertiger Reden
+und Handlungen zu enthalten, die von niemand so lebhaft,
+als von den, auf alles Neue so aufmerksam horchenden, und
+Alles so fein beobachtenden Kindern aufgefangen werden; ihnen
+in jeder Art Tugend, in Wohlwollen, Treue, Aufrichtigkeit
+und Anständigkeit Beispiel zu geben; — kurz, zu ihrer Bildung
+alles nur Mögliche beizutragen.</p>
+
+<p>Immer herrsche Wahrheit in Deinen Reden und in Deinem
+Betragen gegen diese jungen Geschöpfe! Laß Dich herab
+(jedoch nicht auf eine Weise, die ihnen selbst lächerlich vorkommen
+muß) zu dem Tone, der ihnen nach ihrem Alter verständlich
+ist! Zerre, täusche und necke die Kinder nicht, wie einige
+Leute die Gewohnheit haben! — das hat böse Einflüsse auf den
+Charakter.</p>
+
+<p>Gutgeartete Kinder werden durch einen ganz eignen Sinn
+zu edlen, liebevollen Menschen hingezogen, wenn diese sich auch
+nicht besonders mit ihnen zu thun machen, da sie hingegen Andre
+fliehen, ob sie ihnen gleich ausserordentlich gefällig sind. Reinheit,
+Güte und Einfalt des Herzens, ist das große Zauberband,
+wodurch dieß bewirkt wird, und dafür lassen sich also keine Vorschriften
+geben.</p>
+
+<p>Daß das Herz des Vaters und der Mutter an ihren Kindern
+hängt, ist sehr natürlich; eine Klugheits-Regel ist es also, wenn
+uns an der Gunst der Eltern gelegen ist, ihre geliebten Kinder<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span>
+nicht zu übersehen, sondern ihnen einige Aufmerksamkeit zu widmen!
+Weit entfernt von uns aber bleibe es, den ungezogenen
+Knaben und Mädchen der Großen niederträchtiger Weise zu
+schmeicheln, dadurch den Hochmuth, den Eigensinn und die Eitelkeit
+dieser mehrentheils schon so sehr verderbten kleinen Geschöpfe
+zu nähren, und ihre moralische Ausartung recht geflissentlich
+zu befördern, indem man das Grundgesetz der Natur
+übertritt, welches gebietet, daß das Kind dem reifen Alter, nicht
+aber der Mann dem Knaben huldige!</p>
+
+<p>Vor allen Dingen hüte man sich auch, wenn Eltern in unserer
+Gegenwart ihren Kindern Verweise geben, die Parthei der
+Kinder zu nehmen! denn dadurch werden diese in ihrer Unart
+bestärkt, und jene in ihrem Erziehungsplane gestört.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Zweites_Kapit.">Zweites Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Das erste und natürlichste Band unter den Menschen, nächst
+der Vereinigung zwischen Mann und Weib, ist von jeher das
+Band zwischen Eltern und Kindern gewesen. Wenn gleich die
+Erzeugung an sich nicht eigentlich absichtliche Wohlthat für die
+neue Generation ist, so gibt es doch wohl wenig Menschen, die
+nicht ganz gut damit zufrieden wären, daß jemand sich die
+Mühe gegeben hat, sie in die Welt zu setzen; und obgleich in
+unsern Staaten die Eltern ihre Kinder nicht bloß aus freiem
+Willen auferziehen, nähren und pflegen, so ist es doch abgeschmackt,
+zu sagen: die Sorge und Beschwerde, welche dieß erfordert
+und nach sich zieht, lege keine Art von Verbindlichkeit
+auf, oder: es sey nicht wahr, daß ein Zug von Wohlwollen,
+Sympathie und Dankbarkeit uns denen Personen näher bringe,
+deren Fleisch und Blut wir sind, unter deren Herzen wir gelegen,
+die uns genährt, für uns gewacht, gesorgt, die alles mit
+uns getheilt haben. Es ist Versündigung gegen die Natur, dieß
+zu behaupten.</p>
+
+<p>Unmittelbar auf diese folgt die Verbindung unter den Zweigen
+<em class="gesperrt">eines</em> Stammes. Die Mitglieder derselben Familie, durch
+ähnliche Organisation, gleichförmige Erziehung und gemeinschaftliches<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span>
+Interesse harmonisch gestimmt und an einander geknüpft,
+fühlen für einander, was sie für Fremde nicht fühlen; und fremder
+werden ihnen die Menschen, je mehr sich dieser Kreis erweitert.</p>
+
+<p>Vaterlands-Liebe ist schon ein zusammengesetzteres Gefühl,
+aber immer noch inniger, wärmer und lebhafter, als Weltbürger-Geist,
+für einen Menschen, der nicht, früh verwiesen aus
+der bürgerlichen Gesellschaft, ein Abentheurer geworden ist, und
+von Land zu Land irrend, kein Eigenthum und keinen Sinn für
+bürgerliche Pflichten gewonnen hat. Wer die Mutter nicht liebt,
+deren Brüste er gesogen hat; wessen Herz bei dem Anblicke der
+Gefilde nicht warm wird, in welchen er die unschuldigen, glücklichen
+Jahre seiner Jugend fröhlich und sorgenlos verlebt hat: —
+was für ein Eifer oder welche Theilnahme für das Wohl der
+Gesellschaft läßt sich von einem Solchen erwarten, da Eigenthum,
+Moralität, und alles, was den Menschen auf dieser Erde
+irgend theuer seyn kann, doch am Ende auf Erhaltung und
+Werthschätzung jener Familien- und Vaterlands-Bande beruhet?</p>
+
+<p>Daß aber diese Bande täglich lockrer werden, beweist nichts,
+als daß wir uns täglich weiter von der edlen Ordnung der Natur
+und deren Gesetzen entfernen; und wenn ein schiefer Kopf,
+den sein Vaterland als ein unbrauchbares Mitglied ausstößt,
+weil er sich den Gesetzen nicht unterwerfen will, unzufrieden mit
+dem Zwange, den ihm Sittlichkeit und bürgerliches Gesetz auflegen,
+behauptet, es sey des Philosophen würdig, alle engere
+Verbindungen aufzulösen, und kein anderes Band anzuerkennen,
+als das allgemeine Bruderband unter allen Erdbewohnern:
+so beweist das nichts weiter, als daß keine Behauptung so widersinnig
+und so närrisch ist, die nicht in unsern Tagen in irgend
+einem philosophischen Systeme als Grundpfeiler aufgestellt würde.
+— Glückliches Jahrhundert, in welchem man
+so große Entdeckungen macht, wie zum Beispiel: daß man,
+um lesen zu lernen, nicht mit den Buchstaben und Silben bekannt
+zu seyn brauche, und daß man, um alle Menschen zu lieben,
+keinen Einzelnen lieben dürfe! Jahrhundert der Universal-Arzeneien,
+der Philalethen, Philantropen, Alchymisten und Cosmopoliten!
+wohin wirst Du uns noch führen? Ich sehe im Geiste
+allgemeine Aufklärung sich über alle Stände verbreiten; ich sehe
+den Bauer seinen Pflug müßig stehen lassen, um dem Fürsten
+über Gleichheit der Stände und über die Schuldigkeit, die Last<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span>
+des Lebens gemeinschaftlich zu tragen, eine Vorlesung zu halten;
+ich sehe, wie Jeder die ihm unbequemen Vorurtheile wegraisonnirt,
+wie Gesetze und bürgerliche Einrichtung der Willkühr weichen,
+wie der Klügre und Stärkre sein natürliches Herrscher-Recht
+zurückfordert, und seinen Beruf, für das Beste der ganzen
+Welt zu sorgen, auf Kosten der Schwächern gültig macht;
+wie Eigenthum, Staats-Verfassungen und Grenzlinien aufhören,
+wie Jeder sich selbst regiert, und sich ein System zur Befriedigung
+seiner Triebe erfindet. — O gebenedeietes, goldenes
+Zeitalter! dann machen wir Alle nur <em class="gesperrt">eine</em> Familie aus; dann
+drücken wir den edeln, liebenswürdigen Menschenfresser brüderlich
+an unsre Brust, und wandeln, wenn dies Wohlwollen sich
+erweitert, endlich auch mit dem genialen Orang-Outang Hand
+in Hand durch dies Leben. Dann fallen alle Fesseln ab; dann
+schwinden alle Vorurtheile; ich brauche nicht meines Vaters
+Schulden zu bezahlen, habe nicht nöthig, mich mit <em class="gesperrt">einem</em>
+Weibe zu begnügen, und das Schloß vor meines Nachbars Geldkasten
+ist kein Hinderniß, mein angeborenes Recht auf das Gold,
+das die mütterliche Erde uns Allen darreicht, in Ausübung zu
+bringen<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a>.</p>
+
+<p>So weit sind wir nun aber noch nicht gekommen; und da
+es viele Menschen gibt, unter die auch ich gehöre, die sich von
+der Schwachheit nicht losmachen können, ihre Verwandten zu
+lieben, und Sinn für häusliche Freuden, für das Familienband
+zu haben, so will ich doch hier einige Bemerkungen über den
+Umgang unter Blutsfreunden liefern.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Es gibt Eltern, die, in einem beständigen Wirbel von Zerstreuungen
+umhergetrieben, ihre Kinder kaum ein Paar Stunden
+des Tages sehen, ihren Vergnügungen nachrennen, und indeß
+Miethlingen die Bildung ihrer Söhne und Töchter überlassen,
+oder, wenn diese schon erwachsen sind, mit ihnen auf einem
+so fremden, höflichen Fuße leben, als ob sie ihnen gar
+nicht angehörten. Wie unnatürlich und unverantwortlich ein
+solches Verfahren sey, das bedarf wohl keines Beweises. Es<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span>
+gibt aber andre Eltern, die von den Kindern eine so sclavische
+Ehrerbietung und so viel peinliche Rücksichten und Aufopferungen
+fordern, daß durch den Zwang und den gewaltigen Abstand,
+der hieraus entsteht, alles Zutrauen, alle Herzens-Ergießung
+wegfällt, so daß den Kindern die Stunden, welche sie an der
+Seite ihrer Eltern hinbringen müssen, fürchterlich und langweilig
+vorkommen. Noch Andre vergessen, daß Knaben auch endlich
+Männer werden; sie behandeln ihre erwachsenen Söhne und
+Töchter immer noch wie kleine Unmündige, gestatten ihnen nicht
+den geringsten freien Willen, und trauen den Einsichten derselben
+nicht das Mindeste zu. — Das alles sollte nicht so seyn.
+Ehrerbietung besteht nicht in feierlicher, kalter und strenger Entfernung,
+sondern kann recht gut mit liebevoller Vertraulichkeit
+und freier Mittheilung bestehen. Man liebt Den nicht, an welchen
+man kaum hinauf zu schauen wagen darf; man vertrauet
+sich dem nicht, der immer mit steifem Ernste Gesetz predigt;
+Zwang tödtet alle edle, freiwillige Hingebung. Was kann hingegen
+entzückender seyn, als der Anblick eines geliebten Vaters
+mitten unter seinen erwachsenen Kindern, die nach seinem weisen
+und freundlichen Umgange sich sehnen, keinen Gedanken
+ihres Herzens vor <em class="gesperrt">dem</em> verbergen, der ihr treuester Rathgeber,
+ihr nachsichtsvoller Freund ist, der an ihren unschuldigen, jugendlichen
+Freuden Theil nimmt, oder sie wenigstens nicht stört,
+und mit ihnen als mit seinen besten und natürlichsten Freunden
+lebt! — Eine Verbindung, zu welcher sich alle Empfindungen
+vereinigen, die nur den Menschen theuer seyn können. — Stimme
+der Natur, Sympathie, Dankbarkeit, Aehnlichkeit des Geschmacks,
+gleiches Interesse und Gewohnheit des Umgangs!
+Allein diese Vertraulichkeit kann auch übertrieben werden, und
+ich kenne Väter und Mütter, die sich dadurch verächtlich machen,
+daß sie die Gefährten der Ausschweifungen ihrer Kinder,
+oder gar, wenn diese besser sind, als sie selbst, mit ihren Lastern,
+die sie nicht einmal zu verbergen suchen, das Gespötte
+oder der Abscheu derer werden, denen sie ein Vorbild der Tugend
+seyn sollten.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Es ist in unsern Tagen nichts Seltenes, Kinder zu sehen,
+die ihre Eltern vernachlässigen, oder undankbar, unehrerbietig
+und unedel behandeln. Die Jünglinge finden ihre Väter nicht<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span>
+weise, nicht unterhaltend, nicht aufgeklärt genug. Das Mädchen
+hat Langeweile bei der alten Mutter, und vergißt, wie
+manche langweilige Stunde diese bei seiner Wiege, bei Wartung
+desselben in gefährlichen Krankheiten, oder bei den kleinen schmutzigen
+Arbeiten zugebracht, wie sie sich in den schönsten Jahren
+ihres Lebens so manches Vergnügen versagt hat, um für die Erhaltung
+und Pflege des kleinen ekelhaften Geschöpfs zu sorgen,
+das vielleicht ohne diese Sorgfalt nicht mehr da seyn würde. Die
+Kinder vergessen, wie viel schöne Stunden sie ihren Eltern durch
+ihr betäubendes Geschrei verdorben, wie viel schlaflose Nächte
+sie dem sorgsamen Vater gemacht haben, der alle Kräfte aufbot,
+für seine Familie zu arbeiten, der sich so manche Bequemlichkeit
+entziehen, so mancher Beschwerde unterwerfen, und vielleicht
+vor Schurken sich krümmen mußte, um Unterhalt für die
+Seinigen zu erringen. Gutgeartete Gemüther werden indessen
+nie so sehr das Gefühl der Dankbarkeit ersticken, daß sie meiner
+Ermahnungen bedürften; und für niedre Seelen schreibe ich
+nicht. Nur erinnere ich, daß, wenn auch Kinder Ursache hätten,
+sich der Schwachheiten, oder gar der Laster ihrer Eltern zu
+schämen, sie doch weiser und edler handeln, wenn sie die Fehler
+derselben so viel möglich zu verstecken suchen, und im äussern
+Umgange nie die Ehrerbietung aus den Augen setzen, die sie
+ihnen auch selbst bei Verirrungen und Fehltritten schuldig sind.
+Segen des Himmels und Achtung aller gutgesinnten Menschen
+sind der sichere Preis der Sorgfalt, welche die Söhne und Töchter
+auf die Pflege, Erhaltung und liebevolle Behandlung ihrer
+Eltern verwenden. Traurig ist die Lage eines Kindes, welches
+durch die Uneinigkeit, in welcher seine Eltern leben, oder durch
+ihre leidenschaftlichen Ausbrüche in Verlegenheit geräth, Parthei
+<em class="gesperrt">für</em> oder <em class="gesperrt">gegen</em> Vater oder Mutter nehmen zu sollen. Vernünftige
+Eltern werden es aber immer sorgfältig vermeiden, ihre
+Kinder in solche unglückliche Zwistigkeiten zu verwickeln, und
+gute Kinder werden dabei mit Vorsichtigkeit und Zartgefühl zu
+Werke gehen, und sich eben so sehr von Redlichkeit und Klugheit
+leiten lassen.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Man hört so oft darüber klagen, daß man unter fremden
+Leuten mehr Schutz, Beistand und Anhänglichkeit finde, als
+bei seinen nächsten Blutsfreunden; allein ich halte diese Klage<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span>
+größtentheils für ungerecht. Freilich gibt es unter Verwandten
+Menschen ohne Liebe und Theilnahme, und in einer zahlreichen
+Familie müssen sie allerdings häufiger vorkommen, so daß wohl
+Mancher unter Fremden mehr Wohlwollen und Zuneigung findet,
+als unter seinen nächsten Anverwandten; aber wer dies
+Schicksal hat, spreche sich nicht von der Verschuldung frei, und
+seufze nicht zu sehr darüber, wenn ihm nahe Verwandte Theilnahme
+und Aufmerksamkeit schuldig bleiben; und suche Trost
+bei der Freundschaft. Auch fordert man wohl oft von seinen Herren
+Oheimen und Frauen Basen mehr, als man billiger Weise
+verlangen sollte. Unsre politischen Verfassungen, und der täglich
+mehr überhandnehmende Luxus machen es wahrlich nothwendig,
+daß Jeder vor allem für sein Haus, für Weib und
+Kinder sorge, und die Herren Vettern für sich selbst sorgen lasse,
+die oft, als unwissende und verschwenderische Tagediebe, in der
+sichern Zuversicht, von ihren mächtigen und reichen Verwandten
+nicht verlassen zu werden, sorglos in die Welt hinein leben. Unmöglich
+kann der Mann, dem Pflicht und Gewissen heilig sind,
+solche Erwartungen befriedigen, ohne ungerecht gegen Andre zu
+handeln. Um nun diesen unangenehmen Collisionen sich nie
+auszusetzen, rathe ich, zwar die herzliche Vertraulichkeit, die
+den Umgang im Familien-Kreise so angenehm macht, nicht zu
+verletzen, aber so wenig als möglich bei Blutsfreunden Erwartungen
+von Unterstützungen und Schutz zu nähren und zu erwecken,
+wohl aber jede Gelegenheit, sich seiner Verwandten anzunehmen,
+in so fern es ohne Unbilligkeit gegen bessere Menschen
+geschehen kann, freudig zu ergreifen, ohne gerade zu fordern,
+daß es immer mit Dankbarkeit erkannt und mit Klugheit
+benutzt werden solle. Dagegen ist es höchst gewissenlos, wenn
+man sich von der Vorliebe für Verwandte verleiten läßt, Menschen
+ohne Talent und ohne guten Willen zu wichtigen Aemtern
+zu verhelfen, und Verdienstvolle zurückzudrängen.</p>
+
+<p>Ausserdem läßt sich auf den Umgang mit Verwandten noch
+dasjenige anwenden, was weiter unten von dem Umgange unter
+Eheleuten und Freunden wird gesagt werden, nämlich, daß
+Menschen, die sich lange kennen, und oft ohne Larve und
+Schminke sehen, doppelt vorsichtig in ihrem Betragen seyn müssen,
+damit einer des Andern nicht müde, und wegen kleiner
+Fehler nicht blind gegen größere Tugenden werde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p>
+
+<p>Endlich wäre es auch zu wünschen, daß zahlreiche Familien
+in mittlern Städten nicht ganz ausschließend <em class="gesperrt">unter sich</em> leben
+möchten, weil dadurch die Gesellschaft in kleine abgesonderte
+Theile zerschnitten wird, und eine starre Einseitigkeit und Eintönigkeit
+sich erzeugt, neben der Selbstsucht, die ebenfalls durch
+solche Abgeschlossenheit eine zu reiche Nahrung erhält, und neben
+der Unfreundlichkeit, mit welcher gewöhnlich Fremde in solchen
+Familien behandelt werden, so daß sie gleichsam verrathen
+und verkauft sind.</p>
+
+<p>Doch nun noch ein Paar Anmerkungen! Die erste: alte
+Vettern und Tanten, besonders unverheirathete, pflegen so gern
+zu hofmeistern, ihre podagrischen und hysterischen Launen an
+ihren erwachsenen Nichten und Neffen auszulassen, und diese zu
+behandeln, als liefen sie noch im Rollwägelchen herum. — Ich
+denke, das sollten sie bleiben lassen. Dadurch sind wirklich die
+alten Tanten und Onkel zum Sprichworte geworden, und manche
+Erbschaft wird doch in der That zu theuer erkauft, wenn
+man dafür so viel einschläfernde, saft- und kraftlose Predigten
+anhören muß. Auch sorgen alte Leute gar schlecht für sich selbst
+und ihren Lebensabend, wenn sie durch Straf- und Sittenpredigten
+die junge Welt von sich zurückstoßen, da sie gewiß von
+ihren jungen Verwandten mit Freuden liebevoll gepflegt und gewartet
+werden würden, wenn sie weniger säuerlich in ihrem Betragen
+gegen sie wären. Die andre Anmerkung: Es herrscht in
+manchen Städten, besonders in Reichsstädten, ein äußerst steifer
+und übler Ton unter den Personen <em class="gesperrt">einer</em> Familie. Bürgerliche,
+ökonomische und andre Rücksichten zwingen sie, sich oft
+zu sehen, und dennoch zanken, necken, hassen sie sich unaufhörlich
+unter einander, und machen sich dadurch das Leben sehr
+schwer. Wo gar keine Sympathie in der Denkungsart Statt
+findet, wo gar keine Einigkeit und Freundschaft herrschet, da
+lasse man sich doch lieber ungeplagt, betrage sich höflich gegen
+einander, wähle sich aber Freunde nach seinem Herzen!</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Drittes_Kapit.">Drittes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Von dem Umgange unter Eheleuten.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Eine weise und verständige Wahl bei Knüpfung der wichtigsten
+Verbindung im menschlichen Leben ist freilich das sicherste Mittel,
+um in der Ehe glücklich zu seyn, und im Umgange mit dem
+Gatten die reinsten Freuden des Lebens zu finden. Aber diese
+Wahl gelingt, wie die Erfahrung lehrt, selbst den Einsichtsvollsten
+und Gebildetsten nur selten; die meisten lassen sich von Gefühlen
+und von ihrer gereizten Sinnlichkeit übermannen, und
+greifen fehl. Wie selten, daß gleichgestimmte Seelen sich in der
+Ehe vereinigen, und wie oft dagegen, daß Menschen sich vereinigen,
+deren Neigungen, Gesinnungen und Charaktere im vollkommensten
+Widerspruche stehen. Gewiß ist die Lage solcher
+Eheleute (und ein solcher Ehestand heißt wohl mit Recht ein
+Wehestand) höchst traurig, eine Existenz voll immerwährender
+herber Aufopferung, ein Stand der schwersten Sclaverei, ein
+Seufzen unter den eisernen Fesseln der Nothwendigkeit, ohne
+Hoffnung einer andern Erlösung, als wenn der dürre Knochenmann
+mit seiner Sense dem Unwesen ein Ende macht.</p>
+
+<p>Nicht weniger unglücklich ist dies Band, wenn auch nur von
+<em class="gesperrt">einer</em> Seite Unzufriedenheit und Abneigung die Ehe verbittern,
+wenn nicht freie Wahl, sondern politische oder ökonomische Rücksichten,
+Zwang, Verzweiflung, Noth, Dankbarkeit, <span class="antiqua">dépit
+amoureux</span>, ein Ungefähr, eine Grille, oder nur körperliches
+Bedürfniß, wobei das Herz keine Stimme zu geben hatte, die
+Verbindung knüpfte; wenn der eine Theil, unbescheiden und
+ungerecht in seinen Forderungen, immer nur empfangen, nie
+geben will, unaufhörlich begehrt, Befriedigung aller Bedürfnisse,
+Hülfe, Rath, Aufmerksamkeit, Unterhaltung, Vergnügen,
+Trost im Leiden fordert, — und dagegen nichts leistet.
+Wähle also mit großer Vorsicht die Gefährtin Deines Lebens,
+und frage nicht bloß Dein leicht getäuschtes Herz, laß Dich
+nicht bloß von sinnlichem Wohlgefallen bestimmen, wenn Deine
+künftige häusliche Glückseligkeit nicht ein Spiel des Zufalls
+seyn soll!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span></p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Erwägt man aber, daß gewöhnlich auch diejenigen Ehen,
+welche auf eigner Wahl beruhen, in einem Alter und unter Umständen
+geschlossen werden, wo weniger reife Ueberlegung und
+Vernunft, als blinde Leidenschaft und Naturtrieb diese Wahl
+bestimmen, obgleich man im Brautstande wohl sehr viel von
+Sympathie und Herzenshange träumt oder schwatzt: so sollte
+man sich beinahe darüber verwundern, daß es noch so viel glückliche
+Ehen in der Welt gibt. Aber die weise Vorsehung hat alles
+so herrlich geordnet, daß eben das, was diesem Glücke im Wege
+zu stehen scheint, dasselbe vielmehr befördert. Ist man in den
+Jahren der Jugend weniger geschickt zu weiser Wahl, so ist man
+von der andern Seite auch noch geschmeidiger, leichter zu leiten,
+zu bilden, und nachgiebiger, als in dem reifern Alter. Die
+Ecken — möchten sie auch noch so scharf seyn! — schleifen sich
+leichter an einander ab, und fügen sich, wenn der Stoff noch
+weich ist. Man nimmt die Sachen nicht so genau, wie nachher,
+wenn Erfahrung und Schicksale uns ekel und vorsichtig gemacht,
+und große Forderungen in uns erweckt haben; wenn die
+kältere Vernunft alles abwägt, jeden Verlust an Genuß sehr
+hoch anschlägt, und ängstlich genau berechnet, wie wenig Jahre
+man noch vielleicht zu leben habe, und wie geizig man mit Zeit
+und Vergnügen seyn müsse. Entstehen unter jungen Eheleuten
+leicht Zwistigkeiten, so ist auch die Versöhnung desto leichter gestiftet.
+Widerwille und Zorn fassen nicht so feste Wurzel; und
+da die Sinnlichkeit hier als die kräftigste Vermittlerin auftritt,
+so wird oft der heftigste Streit durch eine einzige eheliche Umarmung
+wieder geschlichtet. Dazu kommen denn nach und nach
+Gewohnheit, Bedürfniß mit einander zu leben, gemeinschaftliches
+Interesse, häusliche Geschäfte, die uns nicht viel Zeit zu
+müßigen Grillen lassen, Freude an Kindern, gemeinschaftliche
+Sorgfalt für ihre Erziehung und Versorgung, — welches alles,
+statt die Last des Ehestandes zu erschweren, in den Jahren, wo
+Jugend, Kräfte und Munterkeit mitwirken, dies Joch sehr süß
+macht, und manche reine oder unverhoffte Freude gewährt, welche
+doppelt genossen wird, wenn man sie mit einer zärtlichen und
+feinfühlenden Gattin theilt. Nicht also im männlichen Alter.
+Da fordert man mehr für sich, will ernten, genießen, nicht neue
+Bürden übernehmen; man will gepflegt seyn; der Charakter hat<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span>
+eine starre Festigkeit erlangt, und mag sich nicht mehr umformen
+lassen; die Begierden dringen nicht so laut auf Befriedigung.
+Nur wenig Ausnahmen mögten hier Statt finden, und
+diese nur unter den edelsten Menschen, die bei zunehmenden Jahren
+nachsichtiger, sanfter werden, und, fest überzeugt von der
+allgemeinen Schwäche der menschlichen Natur, wenig fordern
+und gern mit Aufopferung leisten, was gefordert werden mag;
+aber immer ist dies eine Art von Heroismus, eine heldenmüthige
+Selbstverleugnung, und hier ist ja von wechselseitiger Glückseligkeits-Beförderung
+die Rede; — darum kann man wohl in
+diesem Alter nicht behutsam genug bei der Wahl einer Gattin zu
+Werke gehen, nicht ernsthaft genug die Warnung bedenken: der
+Wahn ist kurz, die Reu ist lang. Wer sich in männlichen Jahren
+auf diese Weise übereilt, der mag dann die Folgen von den
+Thorheiten tragen, zu welchen ein Jünglings-Kopf auf Mannes-Schultern
+verführt!</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Ich glaube nicht, daß eine völlige Gleichheit in Temperamenten,
+Neigungen, Denkungsart, Fähigkeiten und Geschmack,
+durchaus erfordert werde, um eine zufriedene Ehe zu stiften,
+vielmehr mag wohl zuweilen gerade das Gegentheil (nur nicht
+in zu hohem Grade, noch in Haupt-Grundsätzen, noch ein zu
+beträchtlicher Unterschied von Jahren) mehr Glück gewähren.
+Bei einem Bande, das auf gemeinschaftlichem Interesse beruht,
+und wo alle Ungemächlichkeit des einen Theils zugleich mit auf
+den andern fällt, ist es, zur Vermeidung übereilter Schritte und
+deren Folgen, oft sehr gut, wenn die zu große Lebhaftigkeit, das
+rasche Feuer des Mannes, durch Sanftmuth oder ein wenig
+Phlegma von Seiten des Weibes gedämpft wird, und umgekehrt.
+So würde auch mancher Haushalt zu Grunde gehen,
+wenn beide Eheleute gleichviel Lust an Aufwand, Pracht, Ueppigkeit,
+einerlei Liebhaberei, oder gleichviel Hang zu einer nicht
+immer wohlgeordneten Wohlthätigkeit und Geselligkeit hätten;
+und da unsre jungen Roman-Leser und Leserinnen gemeiniglich
+die Ideale zu ihren künftigen Lebens-Gefährten nach ihrem eignen
+werthen Ich schnitzeln, so ist es doch so übel nicht, wenn
+zuweilen ein alter grämlicher Vater oder Vormund einen Querstrich
+durch dergleichen Verbindungsplane macht. — So viel
+nur von der Wahl des Gatten! und das ist beinahe schon mehr,
+als eigentlich hieher gehört.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span></p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Wichtig ist die Sorgfalt, welche Eheleute anwenden müssen,
+wenn sie sich täglich sehen und immer wieder sehen müssen, daß
+dieser enge und vertraute Umgang ihrer Liebe nicht nachtheilig
+werde, und sie nicht verleite, ungerecht gegen einander zu werden.
+Denn da sie Muße und Gelegenheit genug haben, Einer
+mit des Andern Fehlern und Launen bekannt zu werden, und
+selbst durch die kleinsten derselben manche Ungemächlichkeit leiden
+müssen, so kann es leicht geschehen, daß sie sich gegenseitig
+lästig, langweilig, kalt und gleichgültig gegen einander werden,
+oder gar Ekel und Abneigung empfinden. Hier ist also weise
+Vorsicht im Umgange nöthig. Verstellung würde hier das unglücklichste
+und strafbarste Mittel seyn; aber einer gewissen Achtsamkeit
+auf sich selbst, und der möglichsten Entfernung alles dessen,
+was sicher widrige Eindrücke machen muß, soll man sich
+befleißigen. Man setze daher vor allen nie gegen einander jene
+Gefälligkeit und Artigkeit aus den Augen, die sehr wohl mit
+Vertraulichkeit bestehen mag, und die den Mann von feiner Erziehung
+bezeichnet! Ohne sich durch Kaltsinn und Entfernung
+fremd zu werden, sorge man doch dafür, daß man nicht durch
+oft wiederholte Gespräche über dieselben Gegenstände einander
+langweilig werde, daß man sich nicht gleichsam auswendig lerne,
+so daß endlich jedes Gespräch der Eheleute unter vier Augen lästig
+scheint, und man sich nach fremder Unterhaltung sehnt!
+Ich kenne einen Mann, der eine Anzahl Anekdötchen und Einfälle
+besitzt, die er nun schon so oft seiner Frau, und in deren
+Gegenwart fremden Leuten ausgekramt hat, daß man dem guten
+Weibe jedesmal Ekel und Ueberdruß ansieht, so oft er mit
+einem dergleichen Stückchen angezogen kömmt. Wer gute Bücher
+liest, Gesellschaften besucht, und nachdenkt, der wird ja
+täglich neuen Stoff zu anziehenden Gesprächen finden; aber freilich
+reicht dieser nicht zu, wenn man den ganzen Tag müssig
+einander gegenüber sitzt; und man darf sich daher nicht wundern,
+wenn man Eheleute antrifft, die, um dieser tödtenden
+Langenweile auszuweichen, die sie einander verursachen, wenn
+gerade keine andere Gesellschaft aufzutreiben ist, mit einander
+halbe Tage lang Piquet spielen, oder sich zusammen an einer
+Flasche Wein ergötzen. Sehr gut ist es daher, wenn der Mann
+bestimmte Berufsarbeiten hat, die ihn wenigstens einige Stunden<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span>
+täglich an seinen Schreibtisch fesseln, oder ausser Hause rufen;
+wenn zuweilen kleine Abwesenheiten, Reisen in Geschäften
+und dergleichen seiner Gegenwart neuen Reiz geben. Ihn erwartet
+dann sehnsuchtsvoll die treue Gattin, die indeß ihrem
+Hauswesen vorgestanden und alles für seine Wiederkunft geschmückt
+und gesäubert hat. Sie empfängt ihn liebreich und
+freundlich; die Abendstunden gehen unter frohen Gesprächen, bei
+Verabredungen, die das Wohl ihrer Familie zum Gegenstande
+haben, im häuslichen Cirkel vorüber, und man wird sich einander
+nie überdrüssig. Es gibt eine feine, bescheidene Art, sich rar
+zu machen, zu veranlassen, daß man sich nach uns sehne; diese
+soll man studiren. Auch im Aeussern soll man alles entfernen,
+was zurückscheuchen könnte. Man soll sich seinem Gatten, seiner
+Gattin, nicht in einer ekelhaften, schmutzigen Kleidung zeigen,
+sich zu Hause nicht zu viel Unmanierlichkeiten erlauben —
+das ist man ja schon sich selber schuldig — und vor allen Dingen,
+wenn man auf dem Lande lebt, nicht <em class="gesperrt">verbauern</em>, nicht
+pöbelhafte Sitten, noch niedrige, plumpe Ausdrücke im Reden
+annehmen, noch unreinlich, nachlässig an seinem Körper werden.
+Denn wie ist es möglich, daß eine Frau, die unaufhörlich
+an ihrem Manne Fehler und Unanständigkeiten wahrnimmt,
+von welchen sie alle übrige, mit welchen sie umgeht, frei erblickt,
+denselben vor allen andern gern sehen, schätzen und lieben könne?
+Noch einmal! wenn die Ehe ein Stand der unaufhörlichen
+Selbstverleugnung und Aufopferung wird, wenn ihre Pflichten
+als ein schweres Gewicht auf uns liegen: dann kann sie nur
+ein Zustand der Qual, keine Quelle der Zufriedenheit seyn.</p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>Eine Haupt-Vorschrift aber für alle Stände und für alle
+Verhältnisse wende man auch auf den Ehestand an! Sie ist
+diese: Erfülle so sorgsam, so pünktlich, so nach einem festen
+Plane und nach festen Grundsätzen Deine Pflichten, daß Du,
+wo möglich, darin alle Deine Bekannten übertreffest: so wirst
+Du auch auf die wärmste Hochachtung Deines Ehegatten Anspruch
+machen können, und in der Folge alle Diejenigen verdunkeln,
+welche nur durch <em class="gesperrt">einzelne</em> glänzende Eigenschaften
+augenblickliche vortheilhafte Eindrücke machen. Aber erfülle sie
+auch alle, diese Pflichten! Der Mann prahle nicht etwa mit
+seiner Uneigennützigkeit, mit seinem Fleisse, mit seiner guten<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span>
+Hauswirthschaft, mit der Achtung guter Männer, indeß er sich
+in der Stille wöchentlich ein paarmal ein Räuschchen trinkt!
+Die Frau poche nicht auf ihre Keuschheit und unverletzte Treue,
+welche vielleicht das Verdienst des Zufalls oder eines kalten Temperaments
+ist, indem sie sorglos die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigt!
+Nein; wer Achtung und Zuneigung als Pflicht fordert,
+der muß auch Achtung und Zuneigung zu verdienen wissen;
+und wenn Du willst, daß Deine Frau Dich unter allen
+Menschen am mehrsten ehren und lieben solle, so verlaß Dich
+nicht darauf, daß sie Dir's am Altare versprochen hat, — wer
+kann so etwas versprechen? — sondern darauf, daß Du alle
+Kräfte aufbieten willst, besser zu seyn als Andre! aber besser in
+jedem Betrachte; nur den Folgen nach lassen sich Tugenden
+und Laster klassificiren; denn übrigens sind sie alle gleich wichtig,
+und ein sorgloser Hausvater ist eben so strafbar, wie ein
+unkeusches Eheweib. Allein das ist der Menschen gewöhnliche
+Art zu handeln! Sie eifern gegen Laster, zu welchen sie keinen
+Hang haben, und denken nicht, daß die Verabsäumung wichtiger
+Tugenden ein so schweres Verbrechen ist, wie die Ausübung
+einer bösen That. Ein altes Weib verfolgt mit wüthendem
+Grimm ein armes junges Mädchen, das durch Temperament
+und Verführung zu einem Fehltritt ist verleitet worden; daß
+aber die gute Matrone ihre Kinder in thierischer Vernunftlosigkeit
+hat aufwachsen lassen, darüber glaubt sie keine Verantwortung
+geben zu dürfen: — hat sie doch nie die eheliche Treue
+verletzt! — Sorgsame Pflicht-Erfüllung ist also das sicherste
+Mittel, um der fortdaurenden Zärtlichkeit seines Ehegatten gewiß
+zu seyn, denn Hochachtung ist die kräftigste Nahrung für
+die Liebe.</p>
+
+<h4>6.</h4>
+
+<p>Bei dem Allen aber wird es nicht fehlen, daß nicht zuweilen
+fremde liebenswürdige Menschen auf kurze Zeit vortheilhaftere
+Eindrücke auf Ehegenossen machen sollten, als sie ihrer Ruhe
+wegen wünschen und ihrer Eitelkeit wegen fürchten möchten.
+Es ist nicht zu erwarten, daß, wenn die erste blinde Liebe verraucht
+ist, — und die verraucht denn doch bald, — eine so
+zärtliche Vorliebe eintreten wird, daß man gegen die Vorzüge
+anderer Leute gänzlich blind und gefühllos seyn sollte. Dazu
+kommt, daß Personen, mit denen wir seltener umgehen, sich<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span>
+immer von ihren besten Seiten zeigen und uns mehr schmeicheln,
+als die, mit denen wir täglich leben. Eindrücke von der Art
+werden aber bald wieder verschwinden, wenn nur der Gatte fortfährt,
+seine Pflichten treulich zu erfüllen, und wenn er keinen
+niedrigen Neid, keine närrische Eifersucht blicken läßt, die ohnehin
+nie gute, sondern allemal schlimme Folgen hat. Liebe und
+Achtung lassen sich nicht erzwingen, nicht ertrotzen; ein Herz,
+das bewacht werden muß, ist wie der Mammon eines Geizigen,
+mehr eine unnütze Last, als ein wahrer Schatz, und man wird
+seiner nie froh; Widerstand reizt; keine Wachsamkeit ist so groß,
+daß sie nicht hintergangen werden könnte, und es liegt in der
+Natur des Menschen, daß man ein Gut, das vielleicht sonst
+gar keinen Reiz für uns haben würde, doppelt eifrig wünscht,
+sobald der Besitz desselben mit Schwierigkeiten für uns verbunden
+ist.</p>
+
+<p>Jene kleinen Künste, die häufig unter Verliebten angewandt
+werden, durch welche man, um die Liebe des andern Theils
+mehr anzufeuern, mit Vorsatz Eifersucht zu erregen sucht, sollten
+Eheleute verschmähen. Bei einem Bündniß, das auf gegenseitiger
+Hochachtung beruhen soll, darf man sich durchaus keiner
+schiefen Mittel bedienen. Glaubt meine Frau, ich sey fähig,
+meine Pflicht und Zärtlichkeit gegen sie fremden Neigungen aufzuopfern,
+so muß das ihre eigene Achtung gegen mich vermindern;
+und merkt sie hingegen, daß ich nur Spielwerk mit ihr
+treiben will: so ist das mehr, als verlorne Arbeit, die noch
+obendrein oft ernstliche Folgen haben kann.</p>
+
+<p>Wenn auch auf kurze Zeit der Mann seinem Weibe, oder die
+Frau ihrem Gatten Veranlassung zur Unzufriedenheit und Eifersucht
+gibt, so wird doch diese kleine Herzens-Verirrung, wenn
+der leidende Theil nur fortfährt, seinen Pflichten treu zu seyn,
+nicht von langer Dauer seyn, wenn es nur nicht zu leidenschaftlichen
+Ausbrüchen des Unwillens kommt. Bei kaltblütiger Prüfung
+wird der Gedanke sich geltend machen: bewährte Liebe und
+Treue kann durch keine Liebenswürdigkeit ersetzt werden, und
+erprobte Mutterliebe und Vatertreue sind unschätzbar. — Und
+ein solcher Triumph der ausharrenden Liebe und Sanftmuth,
+komme er früh oder spät, ist sehr süß, und macht alle ausgestandene
+Leiden vergessen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span></p>
+
+<h4>7.</h4>
+
+<p>Klugheit und Rechtschaffenheit aber erfordern, daß man sich
+selber gegen die Eindrücke größerer Liebenswürdigkeit, welche
+fremde Personen auf uns machen könnten, waffne. In der frühen
+Jugend, wenn die Phantasie lebhaft ist, die Begierden heftig
+wirken, und das Herz noch oft mit dem Kopf davon läuft,
+würde ich rathen, solchen gefährlichen Versuchungen sorgfältig
+auszuweichen; ein junger Mann, welcher merkt, daß ein Frauenzimmer,
+mit dem er umgeht, ihm vielleicht einst besser, als seine
+Frau, gefallen, wildes Feuer in ihm entzünden, oder wenigstens
+seine häusliche Glückseligkeit stören könnte, thut wohl,
+wenn er, in so fern er sich nicht Festigkeit genug zutrauet —
+und er urtheilt weise, wenn er sich diese nicht leicht zutrauet, —
+den verführerischen Umgang, so viel möglich, meidet, damit er
+ihm nicht zum Bedürfnisse werde und sein Herz überwältige.
+Diese Vorsicht ist am nöthigsten gegen die feinern Koketten, die,
+ohne eben Plane auf Verletzung der Ehre zu haben, ihr Spielwerk
+mit der Ruhe eines gefühlvollen redlichen Mannes treiben,
+und einen zwecklosen Triumph darin suchen, schlaflose Nächte
+zu verursachen, Thränen zu veranlassen, und Eifersucht rege zu
+machen. Es gibt viel solcher eiteln Damen, die nicht immer
+durch böses Herz, noch Temperament, aber wohl durch die nimmersatte
+Begierde, zu glänzen und zu gefallen, getrieben, manche
+stille häusliche Ruhe und den Frieden unter Eheleuten auf diese
+Weise unbarmherzig zerstören. In reifern Jahren dürfte die entgegengesetzte
+Heil-Methode anwendbarer seyn. Ein Mann von
+festen Grundsätzen, der seinem Verstande Rechenschaft von den
+Gefühlen seines Herzens gibt und dauerhaftes Glück sucht, wird
+am leichtesten von einer zu günstigen Vorstellung, die er von
+fremden Personen in Vergleichung mit seiner Gattin gefaßt hat,
+zurückkommen, wenn er Jene so oft und vielfältig sieht, daß er
+an ihnen mehr Fehler wahrnimmt, als an seinem edlen, verständigen,
+treuen Weibe. Und dann kommen die Augenblicke
+des Seelen-Bedürfnisses, wo man sich nach der theilnehmenden
+Gefährtin sehnt, wenn schwere Bürden das Herz drücken, die
+kein Fremder so uns tragen hilft, oder wenn höhere Freuden
+das Herz erweitern, Freuden, die kein Fremder so mit uns
+theilt, oder Verlegenheiten uns ängstigen, die wir keinem Fremden
+so aufrichtig, so sicher entdecken dürfen, wie der Person,<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span>
+die einerlei Interesse mit uns hat; und dann ein Blick auf wohlerzogene,
+durch gemeinschaftliche Sorgfalt erzogne Kinder, auf
+die Früchte der ersten jugendlichen Liebe! — und das Herz kehrt
+ungezwungen zu den süßesten Pflichten zurück.</p>
+
+<h4>8.</h4>
+
+<p>Uebrigens ist es eine bedauernswürdige Schwachheit, wenn
+Eheleute durch die priesterliche Einsegnung ein so ausschließliches
+Recht auf jede Empfindung des Herzens erzwungen zu haben
+glauben, daß sie wähnen: nun dürfe in dem Herzen des Gatten
+auch nicht ein Plätzchen mehr für irgend einen andern guten
+Menschen übrig bleiben; der Gatte müsse für seine Freunde und
+Freundinnen todt seyn, dürfe für kein Geschöpf auf der Welt,
+als für die werthe Ehehälfte, Theilnahme und Zuneigung empfinden,
+und es sey Verletzung der ehelichen Pflicht, mit Wärme,
+Zärtlichkeit und Theilnahme von und mit andern Personen
+zu reden. Diese Forderungen werden doppelt abgeschmackt bei
+einer ungleichen Ehe, wo von der einen Seite schon Aufopferungen
+mancher Art Statt finden. Wenn da der eine Theil,
+um sich in dem Umgange mit liebenswürdigen Leuten aufzuheitern,
+neue Kräfte zum Ausdauern zu sammeln, und seinen Geist
+zu erheben und zu erwärmen, in die Arme zärtlicher, ihm wahrhaftig
+treu ergebener Freunde eilt: so sollte der andre Theil ihm
+dafür danken, und jeden kränkenden Vorwurf unterdrücken.</p>
+
+<h4>9.</h4>
+
+<p>Die Wahl dieser innigeren Freunde muß aber dem Herzen,
+so wie die Wahl sittlicher Vergnügungen und unschuldiger Liebhabereien
+dem Geschmacke eines Jeden überlassen bleiben. Es
+wird nicht durchaus Gleichheit von Neigungen, Temperamenten
+und Geschmack zum Eheglück erfordert. Unerträgliche Sclaverei
+wäre es daher, sich seine Erheiterungen aufdringen lassen
+zu müssen. Es ist wahrlich schon hart genug, wenn der Gatte
+die Freude entbehren muß, edle Empfindungen, erhabne Gedanken,
+feinere Eindrücke, welche seelen-erhebende Schriften,
+Kunstwerke und Ereignisse hervorbrachten, mit der Gefährtin
+seines Lebens theilen zu können, weil die stumpfen Organe derselben
+dafür nicht empfänglich sind; aber nun gar diesem allen
+entsagen, oder sich in der Wahl seines Umganges und seiner
+Freunde nach den Grillen eines schiefen Kopfs und kalten Herzens
+richten, allen wohlthätigen Erquickungen von der Art entsagen<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span>
+zu müssen: — das ist Höllenpein! und ich brauche wohl
+nicht hinzuzufügen, daß am wenigsten <em class="gesperrt">der Mann</em> eine solche
+Beschränkung und Sclaverei dulden dürfe, da er von der Natur
+und durch die bürgerliche Verfassung bestimmt ist, das Haupt
+der Familie zu seyn, und Gründe haben kann, <em class="gesperrt">warum</em> er diesen
+oder jenen Umgang wählt, dieser oder jener Beschäftigung
+sich widmet, diesen oder jenen Schritt thut, der Manchen auffallend
+seyn kann. Es erleichtert hingegen das Leben unter Menschen,
+die nun einmal verbunden sind, alle Leiden und Freuden
+zu theilen, wenn nach und nach eine ähnliche Seelenstimmung
+unter ihnen eintritt, sey es auch nur von der Liebe zum Frieden
+erzeugt, und es zeugt wahrlich von der verächtlichsten Indolenz,
+wo nicht von dem bösesten Willen, wenn man, nach vieljähriger
+Verbindung mit einem verständigen, gebildeten und feinfühlenden
+Geschöpfe, noch eben so unwissend, roh, stumpf und
+starrköpfig geblieben ist, wie man vorher war.</p>
+
+<h4>10.</h4>
+
+<p>Wie soll man sich bei wirklichen Ausschweifungen verhalten?
+— denn bis jetzt war nur von Verirrungen die Rede. —
+Wie soll man sich zur Nachsicht und Ausdauer waffnen, wenn
+von einer Seite heftiges Temperament, ein reizbarer Körper,
+Mangel an Herrschaft über die Leidenschaften, Verführung,
+Buhler-Künste, anlockende Schönheiten und Verhältnisse in Versuchung
+führen; von der andern vielleicht der Gattin mürrisches
+Betragen, üble Laune, Geistes-Armuth, Kränklichkeit, Mangel
+an Schönheit, an Jugend, an Gefälligkeit, an Temperament,
+lebhaft zurückstoßen? — Diese Schrift soll keine Pflichtenlehre
+enthalten; darum überlasse ich es jedem vernünftigen Manne,
+diese Frage sich selbst zu beantworten, und selbst zu beurtheilen,
+wie er es anfangen müsse, über seine Begierden Meister zu werden,
+gefährlichen Gelegenheiten und Verführungen auszuweichen,
+welches freilich in der Jugend nicht so leicht ist, wie man
+wohl denkt. Doch so viel über diesen Gegenstand, als hieher
+gehört, und sich ohne Beleidigung der Sittsamkeit sagen läßt!
+Man gewöhne sich selbst, und Einer den Andern, nicht an Ueppigkeit,
+Wollust, Weichlichkeit und Schwelgerei; lasse die körperlichen
+Bedürfnisse und Begierden nicht zu heftig werden; man
+sey, selbst in der Ehe, schamhaft, keusch, zart und sparsam in
+den Aeußerungen der Liebe, um Ekel, Ueberdruß und faunische<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span>
+Lüsternheit zu entfernen! Ein Kuß ist ein Kuß, nichts mehr,
+und nichts weniger, als ein Zeichen der Zärtlichkeit, und es wird
+fast immer des Weibes Schuld seyn, wenn ein sonst nicht schlechter
+Mann diesen Kuß, den er von treuen, reinen und warmen
+Lippen ehrenvoll und bequem zu Hause erlangen könnte, mit
+Hintansetzung seiner Pflicht und der Ehrbarkeit, bei Fremden
+holt. Hat aber die größre Schwierigkeit und Neuheit so viel
+Reiz: ei nun! so suche man auch der ehelichen Vertraulichkeit
+diesen Reiz der Neuheit zu geben, zuweilen kleine Hindernisse in
+den Weg zu legen, oder durch Enthaltung, Entfernung u. dgl.
+das Verlangen nach Befriedigung der sinnlichen Liebe zu vermehren!
+In späteren Jahren fällt dann auch dieser Vorwitz so ziemlich
+weg; denn da werden ja die Triebe bescheidner und lassen
+sich williger von der Vernunft regieren, oder man müßte sie
+muthwilliger Weise reizen.</p>
+
+<h4>11.</h4>
+
+<p>In der Ehe soll gegenseitiges uneingeschränktes Zutrauen,
+soll Offenherzigkeit Statt finden. Kann denn aber gar kein Fall
+eintreten, wo Einer vor dem Andern Geheimnisse haben dürfte?
+Ich denke. Freilich, da der Mann von der Natur bestimmt ist,
+der Rathgeber seines Weibes, das Haupt der Familie zu seyn;
+da die Folgen jedes übereilten Schrittes der Gattin auf <em class="gesperrt">ihn</em> fallen;
+da der Staat sich nur an <em class="gesperrt">ihn</em> hält; da die Frau eigentlich
+gar keine Person in der bürgerlichen Gesellschaft ausmacht; da
+die Verletzung der Pflichten von ihrer Seite schwer auf <em class="gesperrt">ihm</em>
+liegt, und diese Verletzung die Familie weit unmittelbarer beschimpft,
+und derselben Schande und Nachtheil bringt, als die
+Ausschweifungen des Mannes; da die Frau mehr von dem äussern
+Rufe abhängt, als der Mann; endlich, da Verschwiegenheit
+mehr eine männliche, als weibliche Tugend ist: so kann es
+wohl nur in äusserst seltenen Fällen der Frau erlaubt seyn, ohne
+ihres Mannes Wissen Schritte zu thun, Verbindungen anzuknüpfen,
+in Verhältnisse mit Männern zu treten, und dem
+Manne das alles zu verheimlichen. Er hingegen, der an den
+Staat geknüpft ist, oft Geheimnisse zu bewahren hat, die nicht
+ihm gehören, und durch deren Verbreitung er zugleich mit Andern
+in Verlegenheit kommen könnte; er, der das Ganze seines
+Hauswesens übersehen soll, auch vielfältig den Plan, nach welchem
+er handelt, nicht den schwächern Einsichten unterwerfen<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span>
+darf, sondern fest und unerschüttert seinem Verstande und Herzen
+folgen, und das Urtheil des Volks verachten muß: <em class="gesperrt">er</em> kann
+unmöglich alles erzählen und mittheilen, was er unternimmt.
+Verschiedenheit der Lagen aber kann diesen Gesichtspunkt verrücken.
+Es gibt Männer, die sehr übel fahren würden, wenn
+sie einen einzigen Schritt ohne Rath und Wissen ihrer Weiber
+thäten; es gibt sehr plauderhafte Herren und sehr verschwiegne
+Damen; und eine Frau kann weibliche Geheimnisse von einer
+Freundin anvertrauet bekommen haben. — In allen diesen und
+ähnlichen Fällen müssen Klugheit und Redlichkeit das Verhalten
+beider Theile bestimmen. Das aber bleibt eine heilige Wahrheit,
+daß, wenn wahrhaftes Mißtrauen sich einschleicht, wenn man
+ein offenes Geständniß erzwingen muß, alles Glück der Ehe
+entflieht. Nichts kann endlich strafbarer seyn, als wenn der
+Mann niedrig genug denkt, heimlich die Briefe seiner Frau zu
+erbrechen, ihre Papiere zu durchwühlen, oder ihre Schränke zu
+durchsuchen. Auch verfehlt er mit solchen unwürdigen Mitteln
+immer seines Zwecks. Nichts ist leichter, als die Wachsamkeit
+eines Menschen zu täuschen, wenn es bloß auf beweisbare Vergehen
+ankömmt, und man die feinern Bande zerrissen, sich über
+alle Bedenklichkeiten des Zartgefühls und der Ehre hinweggesetzt
+hat. Ein Mann, der <em class="gesperrt">einmal</em> seine Frau eine Treulose nennt,
+steckt sich selbst das Horn der Hahnreischaft auf. Nichts ist leichter,
+als einen Menschen zu hintergehen, den man genau kennt,
+bei dem man allen Glauben verloren hat, den man oft auf ungerechtem
+Argwohn ertappen kann, weil Leidenschaft ihn blind
+macht, und der es wegen seiner argwöhnischen Ungerechtigkeit
+verdient, getäuscht zu werden. — Betrug ist fast immer die
+sichere Folge davon, und man kann auf diese Weise das edelste
+Geschöpf moralisch zu Grunde richten und zu Verbrechen reizen.</p>
+
+<h4>12.</h4>
+
+<p>Ich rathe, aus Gründen, die wohl jeder vernünftige Mensch
+selbst einsehen wird, auch nicht einmal an, daß Eheleute alle
+ihre Geschäfte gemeinschaftlich treiben, sondern daß Jeder seinen
+angewiesenen Wirkungskreis habe. Es geht selten gut im Hause,
+wenn die Gattin für ihren Gatten die Berichte an die höchste
+Behörde entwerfen, und er dagegen, wenn Fremde eingeladen
+sind, die Tafel besorgen, Cremen machen, und die Töchter ankleiden
+helfen muß. Daraus entsteht Verwirrung; man setzt sich<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span>
+dem Gespötte des Hausgesindes aus; der Eine verläßt sich auf
+den Andern, will sich aber dagegen in alles mischen, alles wissen.
+— Mit Einem Worte: das taugt nicht!</p>
+
+<h4>13.</h4>
+
+<p>Was aber die Verwaltung der Einkünfte betrifft, so kann
+ich die Weise der mehresten Männer von Stande nicht billigen,
+welche ihren Gemahlinnen eine gewisse Summe geben, womit
+sie auskommen und den ganzen Haushalt ohne Ausnahme bestreiten
+müssen. Dadurch entsteht getheiltes Interesse; die Frau
+tritt in die Klasse der Bedienten, wird zum Eigennutz verleitet,
+muß ängstlich sparen, findet, daß der Mann zu lecker ist, macht
+verdrießliche Gesichter, wenn er einen guten Freund zur Tafel
+einladet; der Mann, wenn er nicht fein denkt, meint immer,
+er speise für sein theures Geld zu schlecht, oder wagt es im andern
+Falle aus übertriebener Zurückhaltung und Feinheit nicht,
+zuweilen ein Gerichtchen mehr zu fordern, um seine Gattin nicht
+in Verlegenheit zu setzen. Willst Du also Deine Hausfrau nicht
+in Versuchung führen, so gib, wenn nicht etwa ein Haushofmeister
+oder eine Ausgeberin diejenigen Geschäfte bei Dir versieht,
+die eigentlich zu den Pflichten der Gattin gehören, eine
+Summe Geldes, die Deinen Einkünften und den Zeitverhältnissen
+angemessen ist, zur Ausgabe! Wenn diese verwendet ist, so
+sey ihr verstattet, mehr von Dir zu fordern; findest Du, daß zu
+viel ist ausgegeben worden, so laß Dir die Rechnung zeigen!
+Ueberlege mit ihr gemeinschaftlich, auf welcher Seite gespart
+werden könnte! Mache ihr kein Geheimniß aus Deinen Vermögensumständen;
+allein bestimme ihr auch eine kleine Summe
+zu ihren unschuldigen Vergnügungen, zu ihrem Putze, zu stillen
+wohlthätigen Handlungen, und fordre davon keine Berechnung!</p>
+
+<h4>14.</h4>
+
+<p>Gute Hauswirthschaft ist eins der nothwendigsten Stücke zur
+ehelichen Glückseligkeit. Man suche daher vor allen Dingen,
+wenn man auch im ledigen Stande einigen Hang zur Verschwendung
+gehabt hätte, sich davon loszumachen, und sich
+häuslicher Sparsamkeit zu befleißigen, sobald man heirathet!
+Wer noch einzeln da steht, erträgt leicht alles Ungemach der
+Zeit: Noth, Mangel, Demüthigung, Zurücksetzung; am Ende
+steht ihm, wenn er gesunde Arme hat, die ganze Welt offen; er
+kann alles im Stiche lassen, und in einem unbekannten Winkelchen<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span>
+der Erde leicht mit seiner Hände Arbeit sein Leben fristen.
+Aber wenn schlechte Haushaltung den Ehemann und Vater in
+Armuth gestürzt hat, und er nun den Blick auf die Personen
+seiner Familie umherwirft, die von ihm Unterhalt, Nahrung,
+Wartung, Erziehung, Vergnügen fordern; wenn er dann oft
+nicht weiß, woher er auf morgen Brod nehmen, wovon er die
+heranwachsenden Mädchen kleiden soll, oder wenn seine bürgerliche
+Ehre, seine Beförderung, die Versorgung seiner Kinder
+davon abhängt, daß er mit den Seinigen in einem gewissen anständigen
+Aufzuge, vielleicht gar mit einigem Glanze erscheine,
+und es doch von allen Seiten dazu fehlt; wenn das Silbergeräthe
+vom Wucherer, wo es im Versatze steht, auf einen Mittag
+geborgt werden muß, um Gäste bewirthen zu können, indeß
+unten im Hause ein Knabe wartet, der es gleich nach der
+Mahlzeit wieder in Empfang nehmen soll; wenn Gläubiger und
+Advokaten ihn in die Enge treiben, und Juden an den Zipfeln
+seines schlaffen Geldbeutels melken: dann fallen böse Launen,
+Krankheit des Leibes und der Seele den Unglücklichen an; Verzweiflung
+ergreift ihn; er sucht sich zu betäuben, verfällt in Ausschweifungen;
+von Innen zernagt ihn das unruhige Gewissen,
+von Aussen verfolgen ihn bittre Vorwürfe seines Weibes; das
+Winseln seiner Kinder schreckt ihn aus fürchterlichen Träumen
+auf; die Verachtung, womit der vornehme und reiche Pöbel auf
+ihn herabblickt, umwölkt jeden Strahl von Hoffnung; Muth
+und Trost schwinden; die Freunde fliehen, das Hohngelächter
+der Feinde und Neider erschüttert jede Nerve, und in dieser traurigen
+Lage schwindet dann freilich aller Schatten von häuslicher
+Freude, das Haus wird zur Hölle. Der Elende flieht auch nichts
+so sehr, als den Anblick und den Umgang derer, die er mit sich
+in's Unglück gestürzt hat. — Sollte also einer von den Eheleuten
+zur Verschwendung geneigt seyn, so ist es rathsam, weil es
+noch Zeit ist, Mittel vorzuschieben, jener gräßlichen Lage auszuweichen.
+Der <em class="gesperrt">andre</em> Theil, der besser mit dem Gelde umzugehen
+weiß, übernehme die Kasse! Man mache sich einen genauen
+Etat, wie man dem Haushalte wieder aufhelfen will,
+und befolge diesen pünktlich, schränke sich ein, sorge aber dafür,
+daß, wo möglich, auch etwas zu erlaubten Vergnügungen übrig
+bleibe, damit dem Verschwender die Einschränkungen und Entbehrungen
+nicht zu schwer werden!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p>
+
+<h4>15.</h4>
+
+<p>Ist es aber besser, daß <em class="gesperrt">der Mann</em>, oder daß <em class="gesperrt">die Frau</em>
+reich sey? Wenn eins seyn soll, so stimme ich für Ersteres. Gut
+ist es, wenn Beide einiges Vermögen haben, um zu den Nothwendigkeiten
+des Lebens gemeinschaftlich beitragen zu können,
+damit nicht Einer so ganz auf Kosten des Andern zehre. Soll
+aber nun einmal Abhängigkeit, welche doch natürlicher Weise
+auf Seiten des ärmern Theils entsteht, Statt finden: so ist es
+der Natur gemäßer, daß das Haupt der Familie am mehrsten
+zum Unterhalte der Familie beitrage. Heirathet ein Mann eine
+reiche Frau, so verhüte er wenigstens durch angestrengte Thätigkeit,
+daß er nie in eine sclavische Abhängigkeit von seiner
+Frau gerathe. Aus Verabsäumung dieser Vorsicht sind so wenig
+Ehen von <em class="gesperrt">der</em> Art glücklich. Hätte meine Frau mir großes Vermögen
+zugebracht, so würde ich mich doppelt bestreben, ihr zu
+beweisen, daß ich geringe Bedürfnisse hätte; ich würde wenig
+an meine Person wenden; ich würde sie überzeugen, daß ich
+dies Wenige mit meinem Fleisse mir erwerben könnte; ich würde
+ihr Kostgeld geben; ich würde nur der Verwalter ihres Vermögens
+seyn; ich würde Aufwand im Hause machen, weil das sich
+für reiche Leute schickt; aber ich würde ihr zeigen, daß dieser
+Aufwand meiner Eitelkeit nicht schmeichele; daß ich bei zwei
+Speisen eben so vergnügt, wie bei zwanzigen sey; daß ich keine
+Aufwartung bedürfe; daß ich gesunde Beine habe, die mich eben
+so weit, wenn gleich nicht so schnell fortbringen, wie ihre prächtigen
+Wagen; und dann würde ich, wie es dem Hausherrn zukömmt,
+über die Anwendung ihres Vermögens unumschränkte
+Gewalt verlangen.</p>
+
+<h4>16.</h4>
+
+<p>Ist es nöthig, daß der Mann klüger sey, als die Frau? —
+Das ist wiederum eine nicht unwichtige Frage; wir wollen sie
+näher beleuchten. Der Begriff von Klugheit, von Vernunft,
+wird, mit allen seinen Beziehungen und Modifikationen, nicht
+immer auf einerlei Art verstanden. Die Klugheit eines Mannes
+soll wohl von ganz anderer Art seyn, als die, welche man von
+einer Frau verlangt; und wenn nun vollends Klugheit mit Welt-Erfahrung,
+oder gar mit Gelehrsamkeit verwechselt wird, so
+wäre es Unsinn, von diesen bei dem einen Geschlechte so viel,
+wie bei dem andern, voraussetzen oder verlangen zu wollen. Ich<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span>
+fordre daher von einem Frauenzimmer einen verständigen Kleinigkeitsgeist,
+Feinheit, unschuldige Verschlagenheit, Behutsamkeit,
+Witz, Duldsamkeit, Nachgiebigkeit und Geduld: — lauter
+Stücke, die doch auch zur Klugheit gehören; — welche in
+gleichem Grade nicht immer das Eigenthum des männlichen
+Charakters sind. Dagegen erwarte ich, daß der Mann umsichtiger,
+gefaßter bei allen Vorfällen, fester, unerschütterlicher,
+weniger den Vorurtheilen unterworfen, ausdauernder und gebildeter
+sey, als das Weib. Jene Frage aber war in allgemeinem
+Sinne zu verstehen, nämlich also: Wenn einer von beiden Theilen
+schwach, stumpf von Organen und unwissend in manchen
+zum Weltleben nöthigen Kenntnissen seyn sollte: würde es da
+besser seyn, daß der Mann, oder daß die Frau der schwächere
+Theil wäre? — Ich antworte ohne Anstand: Noch habe ich nie
+eine glückliche und weise geordnete Haushaltung gesehen, in welcher
+die Frau die entschiedne Alleinherrschaft gehabt hätte. Es
+geht in einem Hause, wo ein Mann von mittelmäßigen Fähigkeiten
+das Regiment führt, größtentheils immer noch besser her,
+als in einem, wo eine kluge Frau ausschließlich gebietet. Es
+kann vielleicht Ausnahmen davon geben; allein <em class="gesperrt">ich</em> kenne deren
+keine. Es versteht sich aber, daß hier nicht von der feinern Herrschaft
+über das Herz eines edlen Gatten die Rede ist: wer wird
+diese nicht gern einem klugen Weibe einräumen? welcher verständige
+Mann wird nicht fühlen, daß er oft sanfter Zurechtweisung
+bedarf? Jene ausschließliche Herrschaft hingegen scheint
+der Bestimmung der Natur zuwider zu seyn. Schwächerer Körperbau;
+eingepflanzte Neigung zu weniger dauerhaften Freuden;
+Launen aller Arten, die den Verstand, oft in den entscheidendsten
+Augenblicken fesseln; Erziehung; und endlich unsere
+bürgerliche Verfassung, welche die Verantwortung dessen, was
+im Hause geschieht, allein auf den Mann wälzt: das alles bestimmt
+die Gattin, Schutz zu suchen, und legt dem Gatten die
+Pflicht auf, zu schützen. Nun ist aber doch nichts lächerlicher,
+als wenn der Weisere und Stärkere bei dem Thoren und Schwachen
+Schutz suchen soll. Frauenzimmer von vorzüglichen Geistesgaben
+handeln daher wahrlich gegen ihren eignen Vortheil,
+und bereiten sich unangenehme Aussichten, wenn sie aus Herrschsucht
+sich dumme Männer wünschen oder wählen; die sichern
+Folgen davon sind Ueberdruß, verwirrte Haushaltung und Verachtung<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span>
+des Publikums für einen von beiden Theilen, und das
+heißt ja: für <em class="gesperrt">beide</em> Theile. Männer aber, die so unmündig
+am Geiste sind, daß sie die Rolle eines Hausvaters nicht gehörig
+zu spielen, nicht Herr in ihrem Hause zu seyn vermögen,
+thun besser, Hagestolze zu bleiben, und sich ein Plätzchen in einem
+Hospital, oder eine Präbende zu kaufen, als daß sie sich
+vor Kindern, Hausgesinde und Nachbarn lächerlich machen. Ich
+habe einen schwachen Fürsten gekannt, dessen Gemahlin so unumschränkte
+Gebieterin über ihn war, daß, als sie einst bestellt
+hatte, auszufahren, der Fürst hinunter in den Schloßhof schlich,
+und den Kutscher, welcher da hielt, leise fragte: »Wisset ihr
+nicht, ob ich mitfahre?« Wer möchte wohl Geschäfte mit einem
+Manne treiben, dessen Willen, dessen Freundschaft und dessen
+Art, die Dinge anzusehen, von den Launen, Winken und Zurechtweisungen
+seiner Frau abhängen, — der seine Briefe erst
+seiner Hofmeisterin zur Durchsicht vorlegen, und über die wichtigsten,
+geheimsten Angelegenheiten erst Instruktion bei der Toilette
+holen muß? Sogar in der Gefälligkeit und Aufmerksamkeit
+gegen die Ehefrau soll der Mann seine Würde nicht verleugnen.
+Verächtlich ist, selbst den Weibern, ein Mann, der, bevor
+er sich zu etwas entschließt, erst jedesmal sagt: »Ich will
+es mit meiner Frau überlegen;« der ihr immer das Mäntelchen
+nachträgt, sich nicht untersteht, in eine Gesellschaft zu gehen,
+wo <em class="gesperrt">sie</em> nicht ist, oder der seine treuesten Bedienten abschaffen
+muß, wenn Madam deren Gesichtsbildung nicht ertragen kann.</p>
+
+<h4>17.</h4>
+
+<p>Es gibt in diesem Leben eine Menge Ungemachs zu tragen.
+Auch der, welcher der Glücklichste zu seyn scheint, hat geheime
+Leiden mancher Art, wahre und eingebildete, unverschuldete oder
+selbstgeschaffne, gleichviel! aber immer darum nicht minder Leiden.
+Sehr wenige Weiber haben Kraft genug, das Unglück
+standhaft erdulden, guten Rath in der Noth zu ertheilen, und
+ihren Gatten die Bürde tragen zu helfen, die nun einmal getragen
+werden muß. Die mehrsten erschweren das Uebel durch unzeitige
+Klagen, durch Geschwätz, wie es seyn <em class="gesperrt">könnte</em>, wenn
+es nicht <em class="gesperrt">so</em> wäre, wie es ist, oder gar durch übel angebrachte,
+zuweilen sehr unbillige Vorwürfe. Ist es daher irgend möglich,
+kleinere Unannehmlichkeiten (mit Haupt-Unglücksfällen aber
+läßt sich das selten thun) vor Deiner Ehefrau zu verbergen, so<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span>
+verschließe lieber den Kummer in Deinem Herzen! Ohnehin
+kann ein gutgeartetes Gemüth darin keinen Trost finden, Andre,
+die es liebt, mit in seine Leiden zu ziehen; und wenn nun gar
+die Last dadurch nicht erleichtert, sondern vielmehr erschwert wird:
+wer wollte dann nicht lieber schweigen, und seinen Rücken dem
+Sturme allein preisgeben? Schickt die Vorsehung Dir aber einen
+großen, nicht zu verschweigenden Unfall, Noth, Schmerz,
+Krankheit zu, — verfolgen Dich widrige Geschicke, oder böse
+Menschen: o dann rufe Deine ganze Standhaftigkeit auf! fasse
+Deinen Muth zusammen, und versüße der Gefährtin Deines
+Lebens die Bitterkeit des Kelchs, den sie mit Dir austrinken
+muß; wache über Deine Launen, damit nicht der Unschuldige
+durch Dich leiden müsse! Verschließe Dich in Dein Kämmerlein,
+wenn das Herz zu schwer wird! Dort erleichtre Dich durch Thränen
+oder Gebet! Stärke und stähle Dein Herz durch Philosophie,
+durch Zuversicht auf Gott, durch Hoffnung und durch weise
+Entschließungen! und dann tritt mit heiterer Stirne hervor, und
+sey der Tröster des Schwächern! — Ist doch kein Ungemach und
+kein Leiden in der Welt von beständiger Dauer, kein Schmerz
+so groß, der nicht freie Augenblicke übrig ließe; führt doch ein
+gewisser Heroismus im Kampfe gegen das Unglück Freuden mit
+sich, die selbst das härteste Ungemach versüßen können; und der
+Gedanke, Andre zu trösten und aufzurichten, erhebt das Herz
+wunderbar, erfüllt mit unbeschreiblicher Heiterkeit. — Ich rede
+aus Erfahrung.</p>
+
+<h4>18.</h4>
+
+<p>Wir sind darüber einig geworden, daß vollkommne Gleichheit
+in Denkungsart und Temperamenten zu einer glücklichen
+Ehe nicht nothwendig sey. Traurig ist aber doch immer die Lage,
+wenn die Ungleichheit gar zu auffallend ist, wenn die Gattin
+sich bei allem kalt und gleichgültig zeigt, was dem Gatten wichtig
+und interessant scheint. Traurig ist es immer, wenn man,
+um den Genuß unschuldiger Freuden, um schmerzliche Leiden,
+um hohe Gefühle, ferne Aussichten, wichtige Unternehmungen, —
+kurz, um alles, was Kopf und Herz beschäftigt, zu theilen, sich
+nach fremden Mitgenossen sehnen muß. Traurig ist es, wenn
+ein phlegmatisches Geschöpf zu jedem geistreichen Tropfen, den
+uns die süße Phantasie einschenkt, Wasser gießt, uns aus jeder
+seligen Täuschung unsanft aufweckt, unsre wärmsten Gespräche<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span>
+mit Plattheiten beantwortet, und unsre schönsten Pflanzungen
+zertritt. — Was ist aber in solchen Lagen zu thun? Vor allen
+Dingen Hiobs Specificum gebraucht! Nicht lange moralisirt,
+wo keine Besserung zu hoffen ist, — geschwiegen, wenn man
+doch nicht verstanden wird; und dann die Gelegenheit vermieden,
+Scenen zu veranlassen, wodurch man zu sehr entrüstet,
+oder zu bitter gekränkt, oder durch die Dummheit des Weibes
+öffentlich beschimpft werden könnte — so kann man doch wenigstens
+negativ so ziemlich glücklich seyn.</p>
+
+<h4>19.</h4>
+
+<p>Wie aber, wenn das Schicksal oder eigne Thorheit den Mann
+auf ewig an ein Geschöpf gekettet hat, das, mit großen moralischen
+Gebrechen oder gar mit Lastern behaftet, der Liebe und
+Achtung edler Menschen unwerth ist; wenn die Frau durch ein
+mürrisches, feindseliges Temperament, durch Neid, Geiz, oder
+unvernünftige Eifersucht dem Manne das Leben verbittert, oder
+wenn sie sich durch ein falsches, tückisches Herz verächtlich macht,
+oder wenn sie gar in Unzucht oder in Völlerei lebt? Ich brauche
+hier nicht zu erinnern, daß mancher ehrliche Mann unschuldiger
+Weise, d. h. in einer unschuldigen Verblendung in dies Labyrinth
+gerathen kann, wenn ihm die Liebe oder vielmehr Fleisch
+und Blut einen Streich spielen, indem der böse Feind Asmodäus
+im Brautstande immer die schönste Larve vornimmt. Ich
+schweige hingegen auch davon, daß sehr oft der Mann durch
+üble oder unvorsichtige Behandlung daran Schuld ist, wenn
+Untugenden und Laster, zu welchen der Keim in dem Herzen
+seiner Frau lag, zum Ausbruche kommen. Es würde mich endlich
+zu weit führen, wenn ich Regeln für das Verhalten in jeder
+einzelnen unglücklichen Lage von der Art geben wollte. —
+Also nur so viel im Allgemeinen! Man muß in solchen Lagen
+dreierlei Rücksichten nehmen, nämlich: <em class="gesperrt">zuerst</em> solche, welche
+auf Beförderung unserer eignen Ruhe abzielen; <em class="gesperrt">sodann</em> Rücksichten
+auf Kinder und Hausgenossen; und <em class="gesperrt">endlich</em> auf das
+Publikum. Was den ersten Punkt betrifft, so rathe ich: wenn
+einmal keine Hoffnung zu Bewirkung sittlicher Besserung da ist,
+sich nicht mit Klagen, Vorwürfen und Zänkereien aufzuhalten,
+sondern in der Stille solche kräftige Gegenmittel zu wählen, die
+uns Vernunft, Rechtschaffenheit und Gefühl von Ehre anrathen.
+Entwirf reiflich und mit möglichst kaltem Blute Deinen Plan!<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span>
+Ueberlege wohl, ob eine Trennung nöthig sey, oder wie Du es
+anzufangen habest, Deinen Zustand, wenn derselbe nun einmal
+nicht zu verbessern ist, leidlich zu machen, und laß Dich dann
+von Deinem Entschlusse durch nichts, selbst durch keine bloß anscheinende
+Besserung, noch durch Liebkosungen, abwendig machen!
+Erniedrige Dich aber nie so weit, daß Du Dich durch
+Hitze zu gewaltsamen Behandlungen verleiten ließest; sonst hast
+Du schon zur Hälfte Unrecht. Erfülle endlich um so treuer Deine
+Pflichten, je öfter Dein Weib sie übertritt: so wird auch Dein
+Gewissen beruhigt seyn, und mit einem ruhigen Gewissen läßt
+sich alles, auch das Aergste, ertragen. In Betracht Deiner Kinder,
+des Hausgesindes und des Publikums aber vermeide alles
+Aufsehen! Laß, wo möglich, Dein Unglück nicht ruchtbar werden!
+Wenn Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so werden die
+Kinder immer schlecht erzogen. Ist diese Uneinigkeit also nicht
+zu verbergen, so trenne Dich lieber von Deinen Kindern, und
+überlaß ihre Leitung fremden guten Händen! Wenn offenbare
+Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so ist das Hausgesinde
+nie zur Ordnung, Treue und Redlichkeit geneigt. Es entstehen
+Partheien und Klatschereien ohne Ende. Vermeide daher allen
+Zank in Gegenwart des Gesindes! Wenn öffentliche Uneinigkeit
+unter Eheleuten herrscht, so verliert der unschuldige Theil, zugleich
+mit dem schuldigen, die Achtung der Mitbürger. Vertraue
+deswegen nicht leicht Dein häusliches Unglück fremden Leuten.</p>
+
+<h4>20.</h4>
+
+<p>Sehr gern aber pflegen sich dienstfertige gute Freunde, alte
+Weiber, beiderlei Geschlechts, Vettern und Basen in solche Angelegenheiten
+zu mischen. Leide nicht, daß irgend jemand, wer
+es auch sey, ohne von Dir dazu aufgefordert zu seyn, sich um
+Deine häuslichen Umstände bekümmre; weise solche Einmischungen
+mit aller männlichen Entschlossenheit von Dir! Gute Seelen
+vertragen sich ohne Vermittlung, und mit schlechten richtet
+ein Friedensstifter doch nichts aus. Allein bitte Gott, daß er
+Dich vor einer gewissen Art von Schwiegermüttern bewahre,
+die alles wissen, alles thun, wenn sie auch bettelarm am Geiste
+sind, dennoch alles dirigiren wollen; deren Geschäft ist, Hetzereien
+anzustiften, zu unterhalten, und die mit Köchinnen und
+Haushälterinnen gemeinschaftliche Sache machen, um aus christlicher
+Liebe die Handlungen des Nächsten auszuspähen. Solltest<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span>
+Du aber zum Unglücke so eine Meerkatze, ein solches satanisches
+Hausgeräth mit erheirathet haben: so ergreif die erste Gelegenheit,
+da sie sich in Deine Hausvater-Angelegenheiten mischen
+will, ihre freundlichen, frommen Dienste so nachdrücklich zu verbitten,
+daß sie Dir sobald nicht wiederkomme! Es gibt aber
+auch gute, edle Schwiegermütter, die ihren verheiratheten Töchtern
+mit treuem Rathe beistehen, und denen man denn um so
+mehr Ehrerbietung und Aufmerksamkeit schuldig ist, wenn man
+ihnen die Bildung eines geliebten Weibes zu danken hat.</p>
+
+<p>Ueberhaupt sollen alle Zwistigkeiten unter Eheleuten nur unter
+ihren vier Augen ausgemacht werden, und, wenn es auf das
+Höchste kömmt, von der Obrigkeit; alle Mittel-Instanzen taugen
+gar nichts, und fremde Friedensstifter und Beschützer des
+leidenden Theils machen immer das Uebel ärger. Der Mann
+muß Herr seyn in seinem Hause: <em class="gesperrt">so</em> wollen es Natur und Vernunft.
+Mit einem Herrn zankt man nicht; er hat Richter <em class="gesperrt">über</em>
+sich, nicht <em class="gesperrt">neben</em> sich. Er soll sich auf keine Weise diese Herrschaft
+rauben lassen, und auch dann, wenn die weisere Frau
+seiner offenbaren Macht die heimliche Gewalt über sein Herz
+entgegenstellt, muß doch das äussere Ansehen der Herrschaft nie
+wegfallen.</p>
+
+<h4>21.</h4>
+
+<p>Nichts erschüttert so heftig das Glück unter Gatten und
+Gattinnen, als die <em class="gesperrt">Verletzung ehelicher Treue</em>. Der
+Moralität nach und unsern religiösen und politischen Grundsätzen
+gemäß, ist zwar die Uebertretung der ehelichen Pflichten
+von einer Seite so unedel wie von der andern; in Rücksicht auf
+die Folgen hingegen ist die Unkeuschheit einer Frau weit strafbarer,
+als die eines Mannes; jene zerreißt die Familien-Bande,
+vererbt auf Bastarte die Vorzüge ehelicher Kinder, zerstört die
+heiligen Rechte des Eigenthums, und widerspricht laut den Gesetzen
+der Natur, nach welchen immer Vielweiberei weniger unnatürlich,
+als Vielmännerei seyn würde. — Man hat nicht
+einmal in irgend einer Sprache einen üblichen Ausdruck für das
+Letztere. Der Mann ist das Haupt der Familie; die schlechte
+Aufführung seiner Frau wirft zugleich Schande auf ihn, als den
+Haus-Regenten; — nicht umgekehrt also! Ohne Betracht auf
+Folge und Rechenschaft aber, dünkt mich, handelt ein Theil,
+der den andern für untreu hält, sehr unweise, wenn er durch<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span>
+Vorwürfe, oder gar durch unvernünftiges Toben ihn in Schranken
+halten will. Ist es ihm um sein Herz zu thun, so muß er
+wissen, daß man nur durch sanfte, liebevolle Mittel Herzen fesselt,
+durch das Gegentheil aber zurückstößt; verlangt er nur den
+alleinigen Besitz des Leibes, so ist er ein Geschöpf der gemeinsten
+Art. Eheleute, die durch kein edleres Band an einander
+geknüpft sind, finden tausend Mittel, sich zu hintergehen, und
+es ist daran nicht viel verloren. In so fern also bei der Untreue
+nicht Zärtlichkeit und Hochachtung gekränkt werden, so ist wahrlich,
+wie die Franzosen in der That vorgeben, die Hahnreischaft
+sehr wenig, und wenn man die Sache nicht weiß, gar nichts. Noch
+ärger aber, und das sicherste Mittel, auch den treuesten Gatten
+zu Ausschweifungen zu verleiten, ist, ihn auf bloßen Verdacht
+durch Vorwürfe und niedriges Mißtrauen beleidigen. Sollte
+aber Dein Unglück gewiß, und Deine Schande nicht zu verbergen
+seyn: so ist freilich kein anderes Mittel, als Trennung durch
+gerichtliche Hülfe, oder durch gütliche Uebereinkunft, obgleich
+der Schandfleck dadurch nicht ausgelöscht wird. In allen übrigen
+Fällen ist die Ehescheidung eine höchst bedenkliche Sache.
+Leute, die eine Reihe von Jahren mit einander verlebt haben,
+können einen solchen Schritt nicht leicht thun, ohne Beide an
+öffentlicher Achtung zu verlieren. Eheleute, die Kinder haben,
+können, ohne sehr nachtheilige Folgen für die Bildung und zeitliche
+Glückseligkeit dieser Kinder, sich nie trennen. Ist es daher
+irgend möglich, bei einem weisen, vorsichtigen Betragen es mit
+einander auszuhalten: so ertrage, leide und dulde man, und
+vermeide öffentliches Aergerniß!</p>
+
+<h4>22.</h4>
+
+<p>Allein alle diese Vorschriften sind wohl nur auf Personen im
+mittlern Stande besonders anwendbar. Die sehr vornehmen und
+sehr reichen Leute haben selten Sinn für häusliche Glückseligkeit,
+fühlen keine Seelen-Bedürfnisse, leben mehrentheils auf einem
+sehr fremden Fuße mit ihrem Ehegatten, und bedürfen also keiner
+andern Regeln, als solcher, die eine feine Erziehung vorschreibt.
+Und da sie auch eine eigne Moral zu haben pflegen,
+so werden sie wohl in diesem Kapitel wenig finden, das für
+sie tauglich wäre.</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Viertes_Kapit.">Viertes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit und unter Verliebten.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Mit Verliebten ist vernünftiger Weise gar nicht umzugehen; sie
+sind so wenig, wie andere Berauschte, zur Geselligkeit geschickt;
+ausser ihrem Abgotte ist die ganze Welt todt für sie. Man mag
+übrigens leicht mit ihnen fertig werden, wenn man nur Geduld
+genug hat, sie von dem Gegenstande ihrer Zärtlichkeit reden zu
+hören, ohne zu gähnen; wenn man im Gegentheile dabei einiges
+Interesse zeigt, sich über ihre Thorheiten und Launen nicht
+zu ärgern, und im Fall die Liebe heimlich gehalten seyn soll, sie
+nicht zu beobachten, nichts zu merken scheint, wüßte auch die
+ganze Stadt das Geheimniß (wie es denn mehrentheils geschieht);
+endlich wenn man ihre Eifersucht nicht erregt.</p>
+
+<p>Und so hätte ich denn über diesen Gegenstand weiter nichts
+zu reden. — Doch noch ein Paar Bemerkungen! Suchet Ihr
+einen verständigen Freund, der Euch mit weisem Rathe, oder
+mit festem Muthe, mit Fleiß und dauernder Arbeit dienen soll:
+so wählet keinen Verliebten dazu! Ist es Euch aber darum zu
+thun, eine theilnehmende, empfindelnde Seele zu finden, die mit
+Euch klage, winsele, seufze, oder Euch ohne Sicherheit Geld
+borge, auf etwas subscribire, ein armes Mädchen ausstatte, einen
+beleidigten Vater besänftigen helfe, oder mit Euch Ritterstreiche
+mache, Kindereien treibe, oder Eure Verse, Eure Liederchen
+und Sonaten lobe: — so wendet Euch nach den Umständen
+an einen glücklichen oder hoffnungslosen Liebhaber!</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Den Verliebten selbst Regeln über ihren Umgang mit einander
+zu geben, das würde verlorne Mühe seyn; denn da diese
+Menschen selten bei gesunder Vernunft sind: so wäre es eben so
+unsinnig, zu verlangen, daß sie sich dabei gewissen Vorschriften
+unterwerfen sollten, als wenn man einem Rasenden zumuthen
+wollte, in Versen zu phantasiren, oder Einem, der die Kolik
+hat, nach Noten zu schreien. Doch ließe sich Einiges sagen, das
+gut und leicht zu beobachten wäre, wenn man hoffen dürfte, daß<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span>
+solche Menschen der Vernunft Gehör gäben, oder auch nur lichte
+Zwischenräume hätten, in welchen sie etwas begreifen können.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Die erste Liebe bewirkt ungeheure Revolutionen in der ganzen
+Sinnesart und dem Wesen des Menschen. Wer nie geliebt
+hat, kann keinen Begriff haben von den seligen Freuden, die
+der Umgang unter Verliebten gewährt; wer zu oft mit seinem
+Herzen Tausch und Handel getrieben hat, verliert den Sinn
+dafür. Ich habe einst ein Bild davon entworfen, und da ich
+jetzt nichts Besseres darüber zu sagen weiß, will ich diese Stelle
+hier abschreiben<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a>.</p>
+
+<p>»Es ist eine gar sonderbare Sache um die ersten Liebes-Erklärungen.
+Wer mit seinem Herzen schon oft Spielwerk getrieben,
+seine zärtlichen Seufzer vor manchen Schönen schon
+ausgeblasen hat, dem wird es eben nicht schwer, wenn er einmal
+wieder sich die Lust macht, verliebt zu werden, seine Empfindungen
+bei einer schicklichen Gelegenheit an den Tag zu
+legen; auch weiß dann die Kokette schon, was sie bei solchen
+Vorfällen zu antworten hat; sie glaubt das Ding nicht sogleich,
+meint, der Herr wolle sie zum Besten haben, er spiele
+den Roman-Helden, oder, wenn er dringend wird, und sie
+glaubt nach und nach überzeugt werden zu müssen, so kömmt
+zuerst eine Bitte, ihrer Schwachheit zu schonen, ihr nicht ein
+Geständniß abzunöthigen, wobei sie erröthen müßte; und dann
+will der entzückte Liebhaber dem holden Engel um den Hals
+fallen, und in Wonne dahinschmelzen; aber die Schöne protestirt
+feierlich gegen alle solche Freiheiten, verläßt sich überhaupt
+auf seine Ehre und Rechtschaffenheit, reicht ihm höchstens die
+Backe dar, theilt ihre Gunstverwilligungen in unendlich kleine
+Parcelen, um täglich nur um ein Haar breit dem Ziele näher
+rücken zu dürfen, damit der schöne Roman desto länger dauern
+möge; und wenn auf andre Art keine Zeit mehr zu gewinnen
+ist, muß ein kleiner Zwist dazwischen kommen, die völlige Entwickelung
+aufhalten, und die Uhr auf die Schäferstunde zurückstellen.
+Bei allen diesen conventionellen Gaukeleien aber
+empfinden dergleichen Leute gar nichts, lachen, wenn sie allein<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span>
+sind, des Possenspiels, das sie mit einander treiben, können
+voraus calculiren, wie weit sie morgen und übermorgen
+mit ihrem Geschäfte kommen müssen, und werden dick und
+fett bei ihrer Liebespein.«</p>
+
+<p>»Ganz anders aber ist es mit einem Paar unschuldigen Herzen,
+die, zum erstenmal vom wohlthätigen Feuer der Liebe erwärmt,
+so gern ihren süßen, schuldlosen Gefühlen Luft machen
+möchten, und immer nicht Muth fassen können, mit Worten
+zu sagen, was Augen und Gebehrden oft schon deutlich gesagt
+und beantwortet haben. Der Jüngling sieht die Geliebte zärtlich
+an; sie erröthet; ihr Blick wird unruhig, unstät, wenn
+Er mit einem andern Mädchen zu viel und zu freundlich redet;
+sein Auge möchte zürnen, er möchte gleichgültig vor ihr vorbeiblicken,
+wenn sie einem Andern vertraulich etwas in's Ohr gesagt
+hat; man fühlt den Vorwurf, gibt augenblickliche Genugthuung,
+bricht plötzlich und fast unhöflich das Gespräch ab,
+welches den Argwohn erweckt hat; der Versöhnte dankt durch
+das zärtliche Lächeln und durch die fröhlichste, plötzlich aufwachende
+Laune; man nimmt mit den Augen Verabredungen auf
+morgen, entschuldigt sich, warnet vor Beobachtern, erkennt
+sich gegenseitige Rechte auf einander an — und hat sich doch
+noch mit keinem Wörtchen gesagt, <em class="gesperrt">was</em> man für einander
+fühlt. Allein man sucht von beiden Seiten ernstlich die Gelegenheit
+dazu; sie kömmt, kömmt oft, und man läßt sie ungenützt
+vorbeistreichen, drückt sich höchstens einmal leise die Hand,
+und doch auch das nie ohne irgend einen schicklichen Vorwand,
+sagt sich aber kein Wort, ist mißmüthig, zweifelt an Gegenliebe,
+und hat sich oft noch nicht gegen einander erklärt, wenn
+man schon die Fabel der ganzen Stadt und der Gegenstand
+der schändlichsten Verläumdung ist. Ist endlich das längst im
+Busen pochende Bekenntniß den furchtsamen Lippen stotternd
+entflohen, und mit gebrochenen, halb erstickten Worten, mit
+einem bis in das Innerste dringenden Händedrucke begleitet,
+beantwortet worden; dann lebt man vollends erst ganz für
+einander, ist wenig um die übrige Welt bekümmert, sieht und
+hört nichts um sich her, ist in keiner Gesellschaft verlegen mit
+seiner Person, wenn nur der theure Gegenstand uns freundlich
+anlächelt; findet an der Seite der Geliebten alles Ungemach
+des Lebens leichter zu ertragen; glaubt nicht, daß es Krankheit,<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span>
+Armuth, Druck und Noth in der schönen Welt geben
+könne; lebt mit allen Wesen in Frieden; verachtet Gemächlichkeit,
+köstliche Speise, Schlaf. — O Ihr! wenn Ihr je so
+wonnevolle Zeiten verlebt habt, sprechet! ist auch ein süßerer
+Traum zu träumen möglich? Ist unter allen phantastischen
+Freuden des Lebens Eine, die so unschuldig, so natürlich, so
+unschädlich wäre? Eine, die so überschwenglich glücklich, fröhlich,
+so friedenvoll machte? — Ach! daß dieser selige Zustand
+der Bezauberung nicht ewig dauern kann, daß man oft nur
+gar zu unsanft aus diesem elysischen Schlummer aufgeschreckt
+wird!«</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>In der Ehe ist <em class="gesperrt">Eifersucht</em> ein schreckliches, Ruhe und Frieden
+störendes Uebel, und jeder Streit von bösen Folgen; in die
+Liebe hingegen bringt die Eifersucht Mannigfaltigkeit und neues
+Leben; nichts ist süßer, als der Augenblick der Versöhnung nach
+kleinen Zwistigkeiten, und solche Scenen knüpfen das Band fester.
+Zittre vor der Eifersucht einer Kokette, vor der Rache eines
+Weibes, dessen Liebe Du verschmäht hast, oder für welches Dein
+Herz nicht mehr spricht, wenn sie Deiner — sey es nun aus
+Lust, oder aus Eitelkeit, aus Vorwitz, oder aus Eigensinn —
+noch begehrt! Sie wird Dich mit wüthigem Grimme verfolgen,
+und keine Schonung von Deiner Seite, keine Nachgiebigkeit,
+keine Verschwiegenheit über die ehemaligen Verhältnisse, keine
+öffentliche Ehrerbietungs-Bezeigungen werden Dir helfen, besonders
+wenn sie Dich nicht etwa fürchtet.</p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>Weiber-Feinde schreien laut: das schöne Geschlecht liebe nie
+mit so gänzlich treuer Ergebung, wie wir Männer; Eitelkeit,
+Vorwitz, Lust an Abentheuern, oder körperliches Bedürfniß sey
+es nur, was sie zu uns hinreisse, und man dürfe nicht länger
+auf Weibertreue rechnen, als so lange eine von diesen Leidenschaften
+und Trieben nach Zeit und Gelegenheit zu befriedigen
+ist; Andre hingegen lehren gerade das Gegentheil, und beschreiben
+mit den reizendsten Farben die Beständigkeit, die Innigkeit
+und das Feuer eines weiblichen, von Liebe erfüllten Herzens.
+Jene eignen dem Geschlechte viel mehr Sinnlichkeit und Reizbarkeit,
+als edlere Gefühle zu, und sagen, es sey nur Grimasse,
+wenn Weiber ihre Männer überreden wollten, sie hätten ein sehr<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span>
+kaltes Temperament; Diese hingegen behaupten: die reinste,
+heiligste Liebe, ohne Begierde, ja, auf gewisse Art ohne Leidenschaft,
+diese göttliche Flamme könne nur in weiblichen Seelen
+in ihrer ganzen Fülle wohnen. Wer von beiden Partheien Recht
+hat, das mögen Diejenigen entscheiden, denen eine größere
+Kenntniß des weiblichen Herzens, und ausgebreitete Welt-Erfahrung
+ein Recht geben, über den Charakter der Weiber kühner,
+unpartheiischer, mit mehr Scharfsinn und mit gründlicherer
+Vernunft, als ich, zu urtheilen und zu schreiben. Ich wage
+das nicht; auch sind es zwei verschiedene Fragen: aus welchen
+Quellen zuerst Weiberliebe zu entspringen pflege? und: welche
+Eigenschaften nachher diese Liebe habe, wenn einmal die Seele
+davon ergriffen ist? Das aber getraue ich mir zu behaupten,
+ohne einem von beiden Geschlechtern zu nahe zu treten, daß wir
+Männer an Treue und gänzlicher Hingebung in der Liebe wohl
+schwerlich die Weiber übertreffen dürften. Die Geschichte aller
+Zeiten ist voll von Beispielen der treuesten Anhänglichkeit, der
+heldenmüthigsten Ueberwindung aller Schwierigkeiten, und Verachtung
+aller Gefahren, mit welcher ein Weib sich ihrem Geliebten
+weiht, und sein Leben zu beglücken, zu erhalten, zu erretten
+sucht. Ich kenne kein höheres Glück auf der Welt, als so innig,
+so treu geliebt zu werden. Leichtsinnige Gemüther findet man
+unter Männern, wie unter Frauenzimmern; Hang zur Abwechselung
+ist dem ganzen Menschengeschlecht eigen; neue Eindrücke
+größerer Liebenswürdigkeit, wahrer oder eingebildeter, können
+die lebhaftesten Empfindungen verdrängen; aber fast möchte ich
+sagen, die Fälle der Untreue wären häufiger bei Männern, als
+bei Weibern, würden nur nicht so bekannt, machten weniger
+Aufsehen, wir wären wirklich nicht so leicht auf immer zu fesseln;
+und es würde vielleicht nicht schwer halten, die Ursachen
+davon anzugeben, wenn das hieher gehörte.</p>
+
+<h4>6.</h4>
+
+<p>Treue, ächte Liebe freuet sich in der Stille des seligen Genusses,
+prahlt nicht nur nie mit Gunstbezeigungen, sondern gesteht
+sich's sogar selbst kaum, wie froh sie ist. Die glücklichsten
+Augenblicke in der Liebe sind da, wo man sich noch nicht gegen
+einander mit Worten erklärt hat, und doch jede Miene, jeden
+Blick versteht. Die wonnevollsten Freuden sind die, welche man
+mittheilt und empfängt, ohne dem Verstande davon Rechenschaft<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span>
+zu geben. Die Feinheit des Gefühls leidet oft nicht, daß man
+sich über Dinge erkläre, die ganz ihren hohen Werth verlieren,
+die anständiger Weise, ohne Beleidigung des Zartgefühls, gar
+nicht mehr gegeben und angenommen werden können, sobald
+man etwas darüber gesagt hat. Man verwilligt stillschweigend,
+was man nicht verwilligen darf, wenn es erbeten, oder wenn
+es merkbar wird, daß es mit Absicht gegeben werden soll.</p>
+
+<h4>7.</h4>
+
+<p>In den Jahren, in welchen so leicht das Herz mit dem Kopfe
+davon läuft, bauet so Mancher das Unglück seines Lebens durch
+übereilte Ehe-Versprechungen. Im Taumel der Liebe vergißt
+der Jüngling, wie wichtig ein solcher Schritt ist, und daß von
+allen Verbindlichkeiten, die man übernehmen kann, diese die
+schwerste, die gefährlichste und leider die unauflöslichste ist. Er
+verbindet sich auf ewig mit einem Geschöpfe, das sich seinen
+von Leidenschaft geblendeten Augen ganz anders darstellt, als
+es späterhin seiner nüchternen Vernunft erscheint, und dann hat
+er sich eine Hölle auf Erden bereitet; oder er vergißt, daß mit
+einer solchen Verbindung die Bedürfnisse, Sorgen und Arbeiten
+wachsen, und dann muß er, an der Seite eines innigst geliebten
+Weibes, mit Mangel und Kummer kämpfen, und doppelt
+alle Schläge des Schicksals fühlen; oder er bricht sein Wort,
+wenn ihm vor der priesterlichen Einsegnung noch die Augen aufgehen;
+und dann sind Gewissensbisse sein Theil. — Allein, was
+vermögen Rath und Warnung im Augenblicke des Rausches?
+Uebrigens beziehe ich mich auf das, was ich im 15ten und
+16ten Abschnitte des folgenden Kapitels sagen werde.</p>
+
+<h4>8.</h4>
+
+<p>Haben Liebe und Vertraulichkeit Dich an ein Geschöpf gekettet,
+und Eure Bande werden getrennt, sey es nun durch
+Schicksale, Untreue und Leichtfertigkeit des einen Theils, oder
+durch andere Umstände: so handle, nach dem Bruche, oder wenn
+die Verbindung sonst aufhört, nie unedel. Laß Dich nie hinreissen
+zu niedriger Rache! Mißbrauche nicht Briefe, noch Zutrauen!
+Der Mann, der fähig ist, ein Mädchen zu lästern,
+einem Weibe zu schaden, das einst in seinem Herzen geherrscht
+hat, verdient Haß und Verachtung; und wie mancher sonst nicht
+sehr liebenswürdige Mann hat die Gunst artiger Frauenzimmer<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span>
+nur allein seiner erprobten Bescheidenheit, Verschwiegenheit und
+Vorsichtigkeit in Liebessachen zu danken!</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapit.">Fünftes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit Frauenzimmern.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Ich will gleich zu Anfange dieses Kapitels feierlich erklären,
+daß ich kein Weiber-Feind bin. — Zwar sollte es billig einer
+solchen Erklärung nicht bedürfen, weil es schon der gesunde Menschenverstand
+lehrt, und ich kühn sagen darf, daß meine Schriften
+nicht Gelegenheit geben, mich für einen Lästerer des schönen
+Geschlechts zu halten; doch der Schwachen wegen füge ich es
+hinzu. Alles also, was ich hier im Allgemeinen zum Nachtheile
+des weiblichen Charakters sagen muß, soll der Verehrung unbeschadet
+gesagt seyn, die nicht nur jedes einzelne edle Weib und
+Mädchen, sondern die auch das Geschlecht, im Ganzen genommen,
+von so manchen Seiten, nur nicht gerade von der fehlerhaften,
+verdient. <em class="gesperrt">Diese</em> zu verschweigen, um <em class="gesperrt">jene</em> zu erheben,
+das ist das Handwerk eines feilen Schmeichlers; und der mag
+ich nicht seyn. Die mehrsten Schriftsteller aber, welche etwas
+über die Frauenzimmer sagen, scheinen sich's zum Geschäft zu
+machen, nur die Schwächen derselben aufzudecken — das ist
+noch weniger meine Absicht. Wenn ich aber über den Umgang
+mit Menschen schreibe: so habe ich die Verpflichtung, auch die
+Schwächen in Erwägung zu ziehen, denen man nachgeben, die
+man schonen muß, um in dem Umgange mit Frauenzimmern
+weder ungerecht, noch ihr Sclave zu werden. Jedes Geschlecht,
+jeder Stand, jedes Alter, jeder einzelne Charakter hat dergleichen
+Schwächen. In so fern ich diese kenne, gehört es zu meinem
+Zwecke, davon zu reden; und man wird finden, daß ich
+von der andern Seite weder die Tugenden verschwiegen habe,
+die den Umgang mit Männern und Frauenzimmern, mit Alten
+und Jungen, mit Weisern und Schwächern, mit Vornehmen
+und Geringen, angenehm machen, noch irgend eine einzelne
+Klasse auf Kosten oder zum Vortheile der andern, lobe oder
+tadle. — So viel als Vorrede zu diesem Kapitel.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Nichts ist so geschickt, der Bildung des Jünglings die Vollendung
+zu geben, als der Umgang mit tugendhaften und gesitteten
+Weibern. Da werden die sanftern Tinten in den Charakter
+eingetragen; da wird durch mildere und feinere Züge manche
+Härte gemäßigt, mancher Flecken verwischt, — kurz: wer nie
+mit Weibern besserer Art umgegangen ist, der entbehrt nicht nur
+sehr viel reinen Genuß, sondern er wird auch im geselligen Leben
+nicht weit kommen; und <em class="gesperrt">den</em> Mann, der verächtlich vom
+ganzen weiblichen Geschlechte denkt und redet, mag ich nicht
+zum Freunde haben. Ich habe die seligsten Stunden in dem
+Kreise liebenswürdiger Frauenzimmer verlebt; und wenn etwas
+Gutes an mir ist, wenn, nach so vielfältigen Täuschungen von
+Menschen und Schicksalen, Erbitterung, Mißmuth und Feindseligkeit
+noch nicht alles Wohlwollen, alle Liebe und Duldung
+aus meiner Seele verdrängt haben: so danke ich es den sanften
+Einwirkungen, die dieser Umgang auf meinen Charakter gehabt
+hat.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Die Weiber haben einen ganz eignen Sinn, um diejenigen
+unter den Männern zu unterscheiden, welche mit ihnen sympathisiren,
+sie verstehen, sich in ihren Ton stimmen können. Man
+hat sehr Unrecht, wenn man ihnen Schuld gibt, körperliche
+Schönheit allein mache auf sie so lebhafte Eindrücke; sehr oft
+hat gerade der entgegengesetzte Fall Statt. Ich kenne Jünglinge
+mit Antinous-Gestalten, die ihr Glück bei dem schönen
+Geschlechte nicht machen, und hingegen Männer mit fast garstigen
+Larven, die dort gefallen und Theilnehmung erwecken.
+Auch liegt nicht der Grund darin, daß sie die Klügern und
+Witzigern vorzögen, noch in der mehrern oder mindern Schmeichelei
+und Huldigung; es gibt aber eine Art mit Frauenzimmern
+umzugehen, die nur von ihnen selbst erlernt werden kann; und
+wer <em class="gesperrt">die</em> nicht versteht, der mag mit allen innern und äussern
+Vorzügen ausgerüstet seyn — er wird ihnen nicht behagen. Man
+findet Männer, die von der Gabe, den Frauenzimmern zu gefallen,
+großen Mißbrauch machen, denen man erwachsene Töchter
+anvertrauet, die zu allen Tageszeiten bei den Damen freien
+Zutritt, und sich in den Ruf gesetzt haben, ohne Bedeutung zu
+seyn, denen man eben deswegen sorglos die freiesten Scherze<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span>
+erlaubt, oft aber dadurch so gefährlich macht, daß man es, aber
+zu spät, bereut, ihnen so viel eingeräumt zu haben. Der Mißbrauch
+hebt indessen den erlaubten Gebrauch jener Kunst nicht
+auf. Ein kleiner Anstrich von weiblicher Sanftmuth, die aber
+ja nicht in unmännliche Schwäche übergehen darf; Gefälligkeiten,
+die nicht so groß, nicht so merklich seyn dürfen, daß sie
+Aufsehen erregen, oder größere Gegenforderung veranlassen, aber
+auch nicht so heimlich, daß sie übersehen würden; kleine, feine
+Aufmerksamkeiten, wofür sich kaum danken läßt, die also kein
+Recht geben, ohne Anspruch zu seyn scheinen, und doch verstanden,
+doch angerechnet werden; eine Art von Augensprache, die,
+sehr vom Liebäugeln unterschieden, nur von zarten, empfindungsvollen
+Herzen aufgefaßt wird, ohne in Worte übersetzt
+werden zu dürfen; das Verbergen gewisser geheimen Gefühle;
+ein freier, treuherziger Umgang, der nie in freche, gemeine Vertraulichkeit
+ausarten muß; zuweilen sanfte Schwermuth, die
+nicht Langeweile macht; ein gewisser romanhafter Schwung,
+der weder in's Süßliche, noch Abentheuerliche fällt; Bescheidenheit,
+ohne Schüchternheit; Unerschrockenheit, Muth und Lebhaftigkeit,
+ohne stürmisches Wesen; körperliche Gewandtheit,
+Geschicktheit, Behendigkeit, angenehme Talente; — ich denke,
+das ist es ungefähr, was den Weibern an uns gefallen könnte.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Das Gefühl der Schutzbedürftigkeit, und die Ueberzeugung,
+daß der Mann ein Wesen seyn müsse, das fähig sey, diesen
+Schutz zu verleihen, ist von der Natur auch <em class="gesperrt">denen</em> Frauen eingepflanzt,
+die Stärke und Entschlossenheit genug haben, sich
+selbst zu schützen. Daher fühlen auch weichgeschaffne Damen
+eine Art von Widerwillen gegen schwächliche, gebrechliche Männer.
+Sie können gegen Leidende herzliches Mitleiden empfinden,
+zum Beispiel gegen Verwundete, Kranke und dergleichen;
+aber eigentliche, bleibende Gebrechlichkeiten, die den freien Gebrauch
+der Kräfte hemmen, werden die Zuneigung, selbst des
+sittsamsten Weibes, von Dir abwendig machen.</p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>Man hat oft den Damen vorgeworfen, daß sie sich vorzüglich
+für ausschweifende Männer interessirten. Wenn das wahr
+ist: so kann ich doch nichts durchaus Anstößiges darin finden.
+Sind sie, bei dem Bewußtseyn eigner Schwäche, duldsamer,<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span>
+als wir: so macht das ihrem Herzen Ehre; allein wir Männer
+tadeln auch oft nur aus Neid solche glückliche Verbrecher von
+unserm Geschlechte, finden hingegen, wenn wir die Lovelace und
+Carl Moor nur auf dem Papiere oder auf der Schaubühne sehen,
+heimliches Wohlgefallen an ihnen. Der Grund von dem
+Allen liegt wohl in einem dunkeln Gefühle, welches uns sagt,
+daß zu Verirrungen von der Art eine gewisse Kraft des Gemüths,
+eine lebendige Thätigkeit, und eine Empfänglichkeit des Gefühls
+gehöre, die immer Interesse erweckt. Uebrigens will man bemerkt
+haben, daß die mehrsten Frauenzimmer nur vorzüglich
+duldsam gegen <em class="gesperrt">hübsche Männer</em> und gegen <em class="gesperrt">garstige Weiber</em>
+seyen.</p>
+
+<h4>6.</h4>
+
+<p>Noch muß ich erinnern, daß die Frauenzimmer an den Männern
+Reinlichkeit und eine wohlgewählte, doch nicht phantastische
+Kleidung lieben, und daß sie leicht mit einem Blicke kleine
+Fehler und Nachlässigkeiten im Anzuge bemerken.</p>
+
+<h4>7.</h4>
+
+<p>Huldige nicht mehrern Frauenzimmern zu gleicher Zeit, an
+demselben Orte, auf einerlei Weise, wenn es Dir darum zu
+thun ist, Zuneigung oder Vorzug von einer Einzelnen zu erlangen!
+Sie verzeihen uns kleine Untreuen, ja man kann dadurch
+bei ihnen zuweilen sogar gewinnen; aber in dem Augenblicke,
+da man ihnen etwas von Empfindungen vorschwatzt, muß man
+fühlen, was man sagt, und es nur <em class="gesperrt">für sie</em> fühlen. Sobald sie
+merken, daß Du Dein zärtliches Gewäsche einer Jeden auskramst,
+ist alles vorbei. Sie mögen, was sie uns sind, gern
+<em class="gesperrt">ungetheilt</em>, <em class="gesperrt">allein</em> und ausschließend bleiben.</p>
+
+<h4>8.</h4>
+
+<p>Zwei Frauenzimmer, die Forderungen und Ansprüche von
+einerlei Art machen, sey es nun von Seiten der Schönheit, Gelehrsamkeit,
+oder sonst, stimmen in einer Gesellschaft nicht gut
+zusammen. Doch werden sie zuweilen mit einander fertig; kömmt
+aber die Dritte hinzu, dann hat der böse Feind sein Spiel.</p>
+
+<p>Hüte Dich daher auch, in Gegenwart einer Dame, die Ansprüche
+von irgend einer Art macht, eine andre, wegen gleicher
+Eigenschaften, zu sehr zu loben, besonders eine Nebenbuhlerin
+mit denselben Ansprüchen! Es pflegt allen Menschen, die ein
+Gefühl von eignem Werthe, und Begierde zu glänzen haben,<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span>
+vorzüglich aber den Damen, eigen zu seyn, daß sie gern ausschließlich
+bewundert werden mögen, es sey nun wegen Schönheit,
+wegen Geschmack, wegen Pracht, wegen Talente, wegen
+Gelehrsamkeit, oder weswegen es auch sey. Sprich daher auch
+nicht von Aehnlichkeiten, die Du findest, zwischen der Frau, mit
+welcher Du redest, und ihren Kindern, oder irgend einer andern
+Person! Frauenzimmer haben zuweilen sonderbare Grillen; man
+weiß nicht immer, wie sie, nach ihrer Vorstellung, aussehen,
+oder gern aussehen möchten. Die Eine affectirt Simplicität,
+Unschuld, Naivität; die Andre macht Anspruch auf hohe Grazie,
+Adel und Würde in Gang und Gebehrde. Die Eine sähe
+es gern, wenn man sagte: ihr Gesicht verrathe so viel Sanftmuth;
+eine Andre möchte männlich klug, entschlossen, geistvoll,
+erhaben aussehen. Die möchte mit ihren Blicken zu Boden stürzen
+können; Jene mit ihren Augen alle Herzen wie Butter
+schmelzen. Die Eine will ein gesundes und frisches, die Andre
+ein kränkliches, leidendes Ansehen haben. — Das sind nun
+kleine unschädliche Schwachheiten, nach denen man sich wohl
+richten kann, oder vielmehr muß, wenn man mit Damen umgehen
+will.</p>
+
+<h4>9.</h4>
+
+<p>Die mehresten Frauenzimmer wollen ohne Unterlaß angenehm
+unterhalten seyn. Der angenehme Gesellschafter ist ihnen
+oft mehr werth, als der würdige, verdienstvolle Mann, von dessen
+Lippen Weisheit strömt, wenn er redet; der aber lieber schweigen,
+als leere Worte sprechen mag. Allein kein Gegenstand
+scheint ihnen unterhaltender, als ihr eignes Lob, wenn es ihnen
+nicht gar zu stark in's Gesicht gesagt wird; — doch auch damit
+nehmen es Manche so genau nicht. Man erhebe immer einmal
+die Schönheit einer alten Matrone! Man sehe immer einmal
+die Mutter für die Tochter im Hause an! — Sie werden uns
+darum die Augen nicht auskratzen. Ueberhaupt aber ist es mit
+dem Alter der Frauenzimmer ein kitzlicher Punkt. Man thut
+am besten, diese Saite gar nicht zu berühren. Wenn man übrigens
+die Kunst versteht, ihnen Gelegenheit zu geben, zu glänzen,
+so bedarf man weiter keiner Unterhaltung, und man wird
+ihnen gewiß nicht unangenehm seyn. — Ist das nicht bei allen
+Menschen mehr oder weniger der Fall? Gewiß! doch bei Weibern
+öfter, weil man wohl ohne Sünde ein wenig mehr Eitelkeit<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span>
+auf Rechnung ihres Geschlechts schreiben, als dem unsrigen
+Schuld geben darf.</p>
+
+<h4>10.</h4>
+
+<p>Ein großes Triebrad im weiblichen Charakter ist die Neugier.
+Auch darauf muß man zu rechter Zeit im Umgang mit
+ihnen zu wirken, und dies Bedürfniß nach den Umständen zu
+erwecken, zu beschäftigen und zu befriedigen verstehen. Sonderbar
+genug ist es, wie weit oft Vorwitz und Neugier bei ihnen
+gehen. Auch die mitleidigsten Seelen unter ihnen empfinden
+zuweilen einen unbezwinglichen Trieb, schreckliche Scenen, Exekutionen,
+Operationen, Wunden und dergleichen anzuschauen,
+jämmerliche Mordgeschichten zu hören; — Gegenstände, denen
+sich der weniger weibliche Mann nicht ohne Widerwillen gegenüber
+sieht. Deswegen sind ihnen auch diejenigen Romane und
+Schauspiele größtentheils die angenehmsten, in welchen Abentheuer
+ohne Ende, unerwartete Begebenheiten in Menge, und
+Greuel auf Greuel gehäuft sind. Deswegen forschen die Schlimmern
+unter ihnen so gern nach fremden Geheimnissen, und spähen
+die Handlungen ihrer Nachbaren aus, wenn auch nicht immer
+Bosheit, Neid und Schadenfreude zum Grunde liegen.
+Chesterfield sagt: »Wenn Du Dich bei Weibern einschmeicheln
+willst, so vertraue ihnen ein Geheimniß!« — freilich wohl
+nur ein kleines Geheimniß. — Doch warum nicht auch größere?
+Können nicht manche Weiber besser schweigen, als ihre Männer?
+Es kömmt nur auf den Gegenstand des Geheimnisses an.</p>
+
+<h4>11.</h4>
+
+<p>Auch die edelsten Weiber haben mehr abwechselnde Launen,
+sind weniger gleichgestimmt zu allen Zeiten, als wir Männer.
+Reizbarere Nerven, die leichter zu allerlei Gemüthsbewegungen
+in Schwingung zu bringen sind, und ein schwächerer Körperbau,
+der manchen unbehaglichen Gefühlen ausgesetzt ist, die wir
+gar nicht kennen, sind Schuld daran. Wundert Euch daher
+nicht, meine Freunde! wenn Ihr nicht jeden Tag denselben
+Grad von Theilnehmung und Liebe in den Augen derjenigen
+Damen zu finden glaubet, an deren Zuneigung Euch gelegen ist!
+Ertraget diese vorübergehenden Launen, aber hütet Euch in solchen
+Augenblicken von Verstimmung, Euch aufzudringen, oder
+zur Unzeit mit Witz oder Troste angezogen zu kommen; sondern
+überleget wohl, was sie in jeder Gemüthslage etwa gern hören<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span>
+mögten, und wartet ruhig den Augenblick ab, wo sie selbst den
+Werth Eurer Nachsicht und Schonung fühlen, und ihr Unrecht
+gutmachen!</p>
+
+<h4>12.</h4>
+
+<p>Die Frauenzimmer finden ein gewisses Vergnügen an kleinen
+Neckereien; mögen selbst denen Personen, die ihnen am
+theuersten sind, zuweilen unruhige Augenblicke machen. Auch
+hiervon liegt der Grund in ihren Launen, und nicht in Bösartigkeit
+des Gemüths. Wenn man sich dabei vernünftig, duldsam,
+nicht stürmisch beträgt, noch durch eigne Schuld den kleinen
+Zwist zu einem wirklichen förmlichen Bruche heranwachsen
+läßt: so löschen sie in einer andern Stunde die Beleidigungen,
+die sie uns zugefügt haben, durch verdoppelte Gefälligkeit aus,
+und man erlangt dabei oft ein Recht mehr auf ihre Zuneigung.</p>
+
+<h4>13.</h4>
+
+<p>In solchen und allen übrigen kleinen Kämpfen und Streitigkeiten
+mit Frauenzimmern muß man ihnen den Triumph des
+Augenblicks lassen, nie aber sie merklich beschämen; denn das
+ist etwas, das ihre Eitelkeit selten verzeiht.</p>
+
+<h4>14.</h4>
+
+<p>Daß die Rache eines unedlen Weibes fürchterlich, grausam,
+dauernd und nicht leicht zu versöhnen sey, das hat man schon
+so oft gesagt, daß ich es hier zu wiederholen fast nicht nöthig
+finde. Wirklich sollte man es kaum glauben, welche Mittel solche
+Furien ausfindig zu machen wissen, einen ehrlichen Mann, von
+dem sie sich beleidigt glauben, zu martern, zu verfolgen; wie
+unauslöschlich ihr Haß ist; zu welchen niedrigen Mitteln sie ihre
+Zuflucht nehmen. Der Verfasser dieses Buchs hat leider selbst
+eine Erfahrung von der Art gemacht. Ein einziger unbesonnener
+Schritt in seiner frühen Jugend, durch welchen sich der Ehrgeitz
+und die Eitelkeit eines Weibes gekränkt fühlte, ob sie ihn
+gleich früher, als er sie, auf den Fuß getreten hatte, war Schuld
+daran, daß er nachher aller Orten, wo sein Schicksal ihn nöthigte,
+Schutz und Glück zu suchen, Widerstand, und fast unübersteigliches
+Hinderniß fand; daß heimliche, durch allerlei Wege
+gewonnene Verläumder mit bösen Gerüchten vor ihm hergingen,
+um jeden Schritt zu hindern, jeden unschuldigen Plan zu vereiteln,
+den er zu seinem Fortkommen und zum Wohl seiner Familie
+anlegte. Ihm half nicht das vorsichtigste, untadelhafteste<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span>
+Betragen, nicht die öffentliche Erklärung, wie sehr er sein Unrecht
+erkenne. — Die rachgierige Frau hörte nicht auf, ihn zu
+verfolgen, bis er endlich freiwillig allem entsagte, wozu man
+die Hülfe Anderer braucht, und sich auf eine häusliche Existenz
+einschränkte, die sie ihm nicht rauben kann. — Und das that
+eine Frau, in deren Macht es stand, viele Menschen glücklich
+zu machen, und die von der Natur mit sehr seltnen Vorzügen
+des Körpers und des Geistes ausgerüstet war.</p>
+
+<p>Es scheint übrigens in der Natur zu liegen, daß Schwächere
+immer grausamer in ihrer Rache sind, als Stärkere; vielleicht,
+weil das Gefühl dieser Schwäche die Empfindung des
+erlittenen Drucks verstärkt, und lüsterner nach der Gelegenheit
+macht, auch einmal Kraft zu üben.</p>
+
+<h4>15.</h4>
+
+<p>Eine philosophische Abhandlung des Herrn Professor Meiners,
+über die Frage: »ob es in unsrer Macht stehe, verliebt zu
+werden, oder nicht?« läßt mich daran verzweifeln, irgend etwas
+Neues über die Mittel sagen zu können, welche man anzuwenden
+hat, um im Umgange mit liebenswürdigen Frauenzimmern
+die Freiheit seines Herzens zu bewahren und zu behaupten.
+Die Liebe ist zwar ein süßes Ungemach, das über uns kömmt,
+gerade wenn wir uns dessen am wenigsten versehen, gegen welches
+wir also gewöhnlich erst dann anfangen, Maaßregeln zu
+nehmen, wenn es schon zu spät ist; da sie aber oft sehr bittre
+Leiden, und Zerstörung aller Ruhe und alles Friedens mit in
+ihrem Gefolge führt; da hoffnungslose Liebe wohl eine der schrecklichsten
+Plagen ist, und äussere Verhältnisse zuweilen auch den
+edelsten, zärtlichsten Neigungen unübersteigliche Hindernisse in
+den Weg legen: so ist es doch der Mühe werth, besonders für
+Den, welchen die Natur mit einem lebhaften Temperamente
+und mit warmer Phantasie ausgestattet hat, sich an eine gewisse
+Herrschaft des Verstandes über Gefühle und Sinnlichkeit zu gewöhnen,
+und, wo er sich dazu zu schwach fühlt, — der Versuchung
+auszuweichen. Groß ist die Qual für ein fühlendes Herz,
+geliebt zu werden, und Liebe nicht erwiedern zu können. Schrecklich
+ist die Qual, zu lieben, und verschmäht zu werden; verzweiflungsvoll
+die Lage Dessen, der für gränzenlose treue Zärtlichkeit
+und Hingebung mit Betrug und Untreue belohnt wird. —
+Wer gegen dies alles sichre Mittel weiß, der hat den Stein der<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span>
+Weisen gefunden. Ich gestehe meine Schwäche: — ich kenne
+keins, als die Flucht, ehe es dahin kömmt.</p>
+
+<h4>16.</h4>
+
+<p>Es leben unter uns Männern Bösewichter, denen Tugend,
+Redlichkeit und die Ruhe ihrer Nebenmenschen so wenig heilig
+sind, daß sie unschuldige, unerfahrne Mädchen, wenn nicht
+durch schlaue Künste wirklich zum Laster verführen, doch mit
+falschen Erwartungen oder gar mit Versprechungen einer künftigen
+Eheverbindung täuschen, sich dadurch für den Augenblick
+eine angenehme Existenz verschaffen, die armen Kinder aber, die
+indeß ihretwegen aller Gelegenheit zu anderweitiger Versorgung
+ausgewichen sind, nachher verlassen, um neue Verbindungen zu
+schließen. Die Schändlichkeit eines solchen Verfahrens wird ja
+wohl Jeder einsehen, der noch einen Funken von Gefühl für
+Ehre in seinem Busen trägt; und wem ein solches Gefühl fremd
+ist, für den schreibe ich nicht. Es gibt aber ein andres, den Folgen
+nach nicht weniger schädliches, obgleich in Betracht der Absicht
+nicht so strafbares Betragen der Männer gegen gefühlvolle
+Frauenzimmer, worüber ich einige Worte zur Warnung sagen
+muß. Es glauben nämlich Manche unter uns, es könne gar
+kein Interesse in den Umgang mit jungen Mädchen kommen,
+wenn man ihnen nicht Süßigkeiten sage, ihnen schmeichele, oder
+eine Art von Wärme und Herzens-Andringlichkeit aus Worten
+und Gebehrden hervorleuchten lasse. Aber ein solches Betragen
+ist wahre Versündigung, denn es nährt nicht nur den ohnehin
+schon so großen Hang des Geschlechts zur Eitelkeit, sondern, da
+eben diese Eitelkeit, die Ueberzeugung von der Macht ihrer Reize,
+gern jedes Honigwort für Sprache inniger Empfindung hält:
+so setzen die guten Mädchen, deren Leichtgläubigkeit kein edler
+Mann benutzen sollte, sich gleich in den Kopf, es sey ernstlich
+auf eine Heirath angesehen. Der Stutzer merkt das nicht, oder
+wenn er es merkt, so ist er zu leichtsinnig, den Folgen nachzudenken;
+er verläßt sich darauf, daß er nie bestimmt etwas von
+Heiraths-Anträgen hat fallen lassen, und wenn er nun früh
+oder spät aufhört, einer solchen Schönen zu huldigen, so ist das
+Mädchen eben so unglücklich, als wenn er sie absichtlich betrogen
+hätte. Sie welkt dahin die arme Verlassne, wenn bittre
+Täuschung einer lebhaften Hoffnung an ihrem Herzen nagt, indeß<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span>
+der süße Herr sorglos bei Andern herumschwärmt, und das
+Unglück nicht einmal ahnet, das er angerichtet hat.</p>
+
+<p>Eine nicht minder gewöhnliche Art, junge Mädchen zu
+Grunde zu richten, ist, wenn man entweder durch leichtfertige
+Reden und luxuriösen Witz ihre Neugier und ihre Sinnlichkeit
+reizt, oder durch Erweckung romanhafter Begriffe ihre Phantasie
+erhitzt, ihre Aufmerksamkeit von solchen Gegenständen, womit
+sie, ihrem Berufe gemäß, sich beschäftigen sollten, ableitet, in
+ihnen den Sinn für einfaches, häusliches Leben ertödtet, oder
+ein junges Land-Mädchen, durch reizende Darstellung der Stadt-Freuden,
+mit ihrer Lage unzufrieden macht. O habe doch Mitleiden,
+leichtsinniger Jüngling, mit diesen Armen, und nimm
+ihnen nicht unbarmherzig, was unersetzlich ist, die Zufriedenheit
+mit dem, was ihre Lage ihnen darbietet. Erkenne doch, wie
+unedel es ist, Schwachheit zu benutzen, um seiner Eitelkeit eine
+Nahrung zu bereiten, und wie edel dagegen, ein unbefangenes
+und argloses Herz mit Achtung und Schonung zu behandeln.</p>
+
+<h4>17.</h4>
+
+<p>Ich sollte hier billig auch etwas von dem Umgange mit groben
+Koketten und Buhlerinnen sagen; allein das würde mich zu
+weit führen, und schwerlich möchte meine Mühe mit Erfolge
+belohnt werden. Die Schlingen, denen ein junger Mann in
+dieser Hinsicht auszuweichen hat, sind unzählig. Wohl ihm,
+wenn er Kraft und Klugheit genug hat, diese Ausgearteten wie
+die Pest zu fliehen; hat er aber einmal das Unglück, in ihre
+Fallstricke gerathen zu seyn: so wird er selten so viel kalte Ueberlegung
+haben, ehe er ein solches Geschöpf besucht, vorher ein
+Kapitel aus meinem Buche zu lesen. Zudem hat der König Salomon
+das alles weit besser gesagt. — Doch ein Paar Zeilen
+darüber: Unbeschreiblich fein sind solche verworfne Geschöpfe in
+der Kunst, sich zu verstellen, unverschämt zu lügen, Empfindungen
+zu heucheln, um ihre Habsucht, ihre Eitelkeit, ihre Sinnlichkeit,
+ihre Rache, oder irgend eine andre Leidenschaft zu befriedigen.
+Unendlich schwer ist es, zu erforschen, ob eine Buhlerin
+Dir wirklich um Dein Selbst willen anhängt. Hast Du
+sie vielfältig auf die Probe von Uneigennützigkeit gesetzt, und
+immer so befunden, wie Du wünschtest: so ist das etwas, aber
+noch sehr wenig. Sie verachtet vielleicht Dein Silber, um desto
+sicherer Dich selbst mit allem Deinem Golde zu gewinnen; oder<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span>
+ihr Temperament leitet sie weniger zum Gelde, als zur Wollust.
+Hast Du sie bei mancherlei Versuchungen, wo sie Gelegenheit
+und Anreizung gehabt hätte, Dich heimlich zu hintergehen, stets
+treulich befunden; hat sie zärtliche Sorgfalt, selbst für Deinen
+Ruf, für Deine Ehre gezeigt; zieht sie Dich nicht ab von andern
+natürlichen und edlen Verbindungen; opfert sie Dir Jugend,
+Schönheit, Gewinn, Glanz, Eitelkeit auf: — ei nun!
+die Mischungen der Anlagen und Temperamente sind mannigfaltig
+— so kann auch eine Buhlerin von andern Seiten gute,
+liebenswürdige Eigenschaften haben; aber traue ihr darum nicht!
+Ein Weib, das die ersten und heiligsten aller weiblichen Tugenden,
+die Keuschheit und Sittsamkeit, für nichts achtet, wie kann
+das wahre Ehrfurcht für höhere Pflichten haben? Doch bin ich
+weit entfernt, alle unglückliche Gefallne und Verführte in die
+Klasse verachtungswerther Buhlerinnen setzen zu wollen. Wahre
+Liebe kann auch ein verirrtes Herz zur Tugend zurückführen. Es
+ist schon oft gesagt worden, daß derjenige sichrer vor der Verführung
+sey, der die Gefahr kennt, als der, welcher nie in Versuchung
+geführt worden ist; allein es bleibt bei dieser Art von
+Vergehungen immer eine mißliche Sache um die sichre, dauerhafte
+Besserung, und keine Lage ist demüthigender und beunruhigender,
+als wenn man die geliebte Person von Andern verachtet
+sieht, wenn man sich vor der Welt der Bande schämen muß,
+die man nicht zerreissen mag oder kann. Liebe, reine Liebe,
+sichert übrigens am besten gegen Ausschweifungen, und der Umgang
+mit edeln, sittsamen Weibern verfeinert den Sinn des
+Jünglings für Tugend und Unschuld, waffnet sein verwöhntes
+Herz gegen feine und freche Buhlerkünste. — Uebrigens bleibt
+es doch immer eine große Ungerechtigkeit, daß wir Männer uns
+alle Arten von Ausschweifungen erlauben, den Weibern aber,
+die von Jugend auf durch uns zur Sünde gereizt werden, keinen
+Fehltritt verzeihen wollen; aber freilich, was würde aus der
+bürgerlichen Gesellschaft und aus dem ganzen Menschengeschlecht
+werden, wenn diese Strenge gegen das schwächere Geschlecht
+aufhörte? Doch bleibt es immer bei dem Ausspruch: wer sich
+rein weiß, hebe den ersten Stein auf!</p>
+
+<p>Ist es aber wohl wahr, was man im gemeinen Leben so oft
+hört, daß <em class="gesperrt">jedes</em> Weib zu verführen sey? — o ja! so wie jeder
+Richter auf irgend eine Art bestechbar, und jeder Erdensohn,<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span>
+wenn alle innre und äussre Umstände dazu mitwirken, zu jeder
+Sünde fähig seyn würde. — Aber heißt das etwas andres gesagt,
+als: daß wir alle — Menschen sind? Ueberlegt man dabei,
+wie auf die feinern Sinne der Frauenzimmer sinnliche Eindrücke,
+Verführung, Schmeichelei, Eitelkeit, Neugier, Temperament,
+so mächtigen Einfluß haben; wie der kleinste Fleck von
+dieser Seite an ihnen so leicht bemerkt wird, weil sie in keinen
+bürgerlichen Verhältnissen stehen, ihre Verirrungen nicht durch
+Verdienste und <em class="gesperrt">höhere Tugenden</em> vergessen machen können: —
+o! wer wollte dann nicht dulden und schweigen? — Wenden
+wir uns nun zu einer erhabnen Klasse von Frauenzimmern —
+zu den <em class="gesperrt">gelehrten Weibern</em>!</p>
+
+<h4>18.</h4>
+
+<p>Ich muß gestehen, daß mich immer eine Art von Fieberfrost
+befällt, wenn man mich in Gesellschaft einer Dame gegenüber
+oder an die Seite setzt, die große Ansprüche auf Schöngeisterei,
+oder gar auf Gelehrsamkeit macht. Wenn die Frauenzimmer
+doch nur überlegen wollten, wie viel mehr Interesse diejenigen
+unter ihnen erwecken, die sich einfach an die Bestimmung der
+Natur halten, und sich unter dem Haufen ihrer Mitschwestern
+durch treue Erfüllung ihres Berufs auszeichnen! Was hilft es
+ihnen, mit Männern in Fächern wetteifern zu wollen, denen
+sie nicht gewachsen sind, wozu ihnen mehrentheils die ersten
+Grundbegriffe fehlen, welche den Knaben schon von Kindheit an
+eingeprägt werden? Es gibt Damen, die, neben allen häuslichen
+und geselligen Tugenden, neben der edelsten Einfalt des
+Charakters und neben der Anmuth weiblicher Schönheit, durch
+tiefe Kenntnisse, seltne Talente, feine Kultur, philosophischen
+Scharfsinn in ihren Urtheilen, und Bestimmtheit im Ausdrucke,
+Gelehrte vom Handwerke beschämen. Dürfte ich es wagen, hier
+öffentlich ein Paar Namen zu nennen, so könnte ich beweisen,
+daß ich die Originale zu diesem Bilde nicht lange zu suchen
+brauchte; allein wie geringe ist gottlob die Anzahl solcher Frauen!
+Und ist es nicht Pflicht, die mittelmäßigen weiblichen Genies
+abzuschrecken, auf Kosten ihrer und Andrer Glückseligkeit nach
+einer Höhe zu streben, die so Wenige erreichen?</p>
+
+<p>Ich tadle nicht, daß ein Frauenzimmer ihre Schreibart und
+ihre mündliche Unterredung durch einiges Studium und durch
+sorgsam und keusch gewählte Lectüre zu verfeinern suche; daß sie<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span>
+sich bemühe, nicht ganz ohne wissenschaftliche Kenntnisse zu seyn;
+aber sie soll kein Handwerk aus der Litteratur machen; sie soll
+nicht in allen Theilen der Gelehrsamkeit umherschweifen. Es erregt
+wahrlich, wo nicht Ekel, doch Mitleiden, wenn man hört,
+wie solche arme Geschöpfe sich erkühnen, über Gegenstände abzusprechen,
+die Jahrhunderte der Gegenstand der mühsamsten
+Nachforschung großer Männer gewesen sind, und von denen
+diese dennoch mit Bescheidenheit erklärt haben, sie sähen nicht
+ganz klar darin; wenn man hört, wie ein eitles Weib darüber
+am Thee- oder Nachttische, in den entscheidendsten Ausdrücken,
+Machtsprüche wagt, indeß sie kaum eine klare Vorstellung von
+dem Gegenstande hat, wovon die Rede ist. Aber der Haufen
+der Stutzer und Anbeter bewundert dennoch mit lautem Beifalle
+die feinen Kenntnisse der gelehrten Dame, und bestärkt sie dadurch
+in ihren unbescheidenen Ansprüchen. Dann sieht sie die
+wichtigsten Sorgen der Hauswirthschaft, die Erziehung ihrer
+Kinder und die Achtung der sogenannten Ungebildeten wie Kleinigkeiten
+an, glaubt sich berechtigt, das Joch der männlichen
+Herrschaft abzuschütteln, verachtet alle andre Weiber, erweckt
+sich und ihrem Gatten Feinde, träumt ohne Unterlaß sich in
+idealische Welten hinein; ihre Phantasie lebt in unkeuscher Gemeinschaft
+mit der gesunden Vernunft; es geht alles verkehrt im
+Hause; die Speisen kommen kalt oder angebrannt auf den Tisch;
+es werden Schulden auf Schulden gehäuft; der arme Mann
+muß mit durchlöcherten Strümpfen einherwandeln. Wenn er
+nach häuslichen Freuden seufzt, unterhält ihn die gelehrte Frau
+mit Journals-Nachrichten, oder rennt ihm mit einem Musen-Almanach
+entgegen, in welchem ihre platten Verse stehen, und
+wirft ihm höhnisch vor, wie wenig der Unwürdige, Gefühllose,
+den Werth des Schatzes erkennt, den er zu seinem Jammer besitzt.</p>
+
+<p>Ich hoffe, man wird dies Bild nicht übertrieben finden. Unter
+den vierzig bis funfzig Damen, die man jetzt in Deutschland
+als Schriftstellerinnen zählt — die Legionen Derer ungerechnet,
+die keinen Unsinn haben drucken lassen, — sind vielleicht kaum
+ein halbes Dutzend, die, als privilegirte Genies höherer Art,
+wahren Beruf haben, sich in das Fach der Wissenschaften zu
+werfen; und diese sind so liebenswürdige, edle Weiber, versäumen
+so wenig dabei ihre übrigen Pflichten, fühlen selbst so lebhaft
+die Lächerlichkeiten ihrer halbgelehrten Mitschwestern, daß<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span>
+sie sich durch meine Schilderung gewiß nicht getroffen und beleidigt
+finden werden. Ist es aber nicht bei männlichen Schriftstellern
+auch der Fall, daß unter der großen Menge derselben
+nur Wenige ausgezeichneten Werth haben? Gewiß! nur mit
+dem Unterschiede, daß Begierde nach Ruhm oder Gewinn diese
+irre leiten kann; die Frauenzimmer hingegen nicht so leicht Entschuldigung
+finden können, wenn sie, mit mittelmäßigen, oder
+weniger als mittelmäßigen Talenten und Kenntnissen, eine
+Laufbahn betreten, welche weder die Natur, noch die bürgerliche
+Verfassung ihnen angewiesen hat.</p>
+
+<p>Was nun den Umgang mit solchen Frauenzimmern angeht,
+die auf Litteratur Anspruch machen: so versteht sich's, daß,
+wenn diese Ansprüche gerecht sind, ihr Umgang äusserst lehrreich
+und unterhaltend ist; und was die von der andern Klasse betrifft,
+so kann ich nichts weiter anrathen, als — Geduld, und daß
+man es wenigstens nicht wage, ihren Machtsprüchen Gründe
+entgegenzusetzen, oder ihren Geschmack zu reformiren, wenn
+man sich auch nicht so weit erniedrigen will, den Haufen ihrer
+Schmeichler zu vermehren.</p>
+
+<h4>19.</h4>
+
+<p>Das weibliche Geschlecht besitzt, in viel höherm Grade, als
+wir, die Gabe, seine wahren Gesinnungen und Empfindungen
+zu verbergen. Selbst Frauenzimmer von weniger feinen Verstandes-Kräften
+haben zuweilen eine besondre Fertigkeit in der
+Kunst sich zu verstellen. Es gibt Fälle, in welchen diese Kunst
+ihnen Schutz gegen die Nachstellungen der Männer gewährt.
+Der Verführer hat gewonnenes Spiel, wenn er bemerkt, daß
+das Herz der Schönen, oder ihre Sinnlichkeit, mit ihm gemeinschaftliche
+Sache macht. Also rechne man es ihnen nicht zum
+Vorwurf, wenn sie zuweilen anders scheinen, als sie sind! aber
+man nehme darauf Rücksicht im Umgange mit ihnen! man
+glaube nicht immer, daß ihnen derjenige gleichgültig sey, dem
+sie mit merklicher Kälte begegnen, noch daß sie sich vorzüglich
+für den interessiren, mit dem sie öffentlich vertraulich umgehen,
+den sie auszuzeichnen scheinen! Oft thun sie dieß gerade, um
+ihr Spiel zu verbergen, wenn es nicht bloß Neckerei, oder Wirkung
+ihrer Laune, ihres Eigensinnes ist. Sie ganz zu entziffern,
+dazu gehört tiefes Studium des weiblichen Herzens, vieljähriger<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span>
+Umgang mit den Feinern unter ihnen; kurz, mehr als in
+diesen Blättern entwickelt werden kann.</p>
+
+<h4>20.</h4>
+
+<p>Ich schweige von der Vorsichtigkeit im Umgange mit alten
+Koketten; mit solchen, die sich einbilden, die Ansprüche auf Bewundrung,
+auf Huldigung und die Gewalt ihrer Schönheit würden,
+wie die gesetzmäßigen Rechte der Juristen, durch dreißigjährigen
+Besitz um desto sichrer; die in fünf Jahren nur einmal
+ihren Geburtstag feiern, und die, wenn sie an der Spitze einer
+Bücher-Censur stünden, am ersten den Kalender verbieten würden.
+Ich schweige von den Prüden, Strengen, Spröden und
+Betschwestern, mit welchen man zuweilen, wie ich höre, unter
+vier Augen ganz anders, als in Gesellschaft umgehen darf, und
+von denen leichtfertige Leute behaupten: verschwiegne und kühne
+Männer machten bei dieser Klasse gerade am leichtesten ihr Glück.
+Ich schweige von den sogenannten alten Gevatterinnen und
+Frauen Basen, die sich's zur christlichen Pflicht machen, den
+Ruf ihrer Nachbarn und Bekannten von Zeit zu Zeit an das
+Licht zu ziehen, und mit denen man es daher nicht verderben
+darf. — Ich schweige von diesen allen, um die guten Damen
+nicht gegen mich aufzubringen, der ich an allen diesen Lästerungen
+keinen Theil nehme.</p>
+
+<h4>21.</h4>
+
+<p>Aber noch ein Paar Worte über die seligen Freuden, die der
+Umgang mit verständigen und edeln Weibern gewährt! Ich
+habe schon vorhin gesagt, daß ich demselben die glücklichsten
+Stunden meines Lebens zu verdanken habe; und, in Wahrheit!
+das sprach ich aus der Fülle meines Herzens. Ihr zartes Gefühl,
+ihre Gabe, so schnell zu errathen, zu begreifen, Gedanken aufzufassen,
+Mienen zu verstehen; ihr feiner Sinn für die kleinen,
+süßen Gefälligkeiten des Lebens; ihr reizender naiver Witz; ihre
+oft so scharfsinnigen, von gelehrten, systematischen, vorgefaßten
+Meinungen so freien Urtheile; unnachahmliche liebenswürdige
+Laune — interessant, selbst in ihren Ebben und Fluthen; ihre
+Geduld in langwierigen Leiden, wenn gleich sie im ersten Augenblicke,
+wo der Unfall sie trifft, dem Gefährten das Uebel
+durch Klagen schwerer machen; ihre sanfte, liebreiche Art zu trösten,
+zu pflegen, zu warten, zu harren, zu dulden; die Milde,
+welche in ihrem ganzen Wesen herrscht; die kleine, unschädliche<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span>
+Geschwätzigkeit und Redseligkeit, wodurch sie die Gesellschaft
+beleben — das alles kenne ich, schätze ich, verehre ich. — Und
+wer wird nun, bei dem, was ich zum Nachtheil Einiger unter
+ihnen habe sagen müssen, mir Lästerung aufbürden, oder gehässige
+Absichten beimessen?</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Sechstes_Kapit.">Sechstes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber den Umgang unter Freunden.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Da bei dem Betragen gegen unsre Freunde alles auf die Wahl
+derselben ankömmt, so muß ich zuerst einige Bemerkungen über
+diesen Gegenstand vorausschicken. Keine freundschaftliche Verbindungen
+pflegen dauerhafter zu seyn, als diese, welche in der
+frühen Jugend geschlossen werden. Man ist da noch weniger
+mißtrauisch, weniger schwierig in Kleinigkeiten; das Herz ist
+offner, geneigter sich mitzutheilen, sich anzuschließen; die Charaktere
+fügen sich leichter zusammen; man gibt von beiden Seiten
+nach, und setzt sich in gleiche Stimmung; man erfährt mit
+einander so Manches, erinnert sich der sorgenlosen, gemeinschaftlich
+vollbrachten, glücklichen Jugend-Jahre, und rückt mit
+gleichen Schritten in Kultur und Erfahrung fort. Dazu kommen
+dann Gewohnheit und Bedürfniß; wird Einer aus dem
+vertrauten Kreise durch die Hand des Todes dahingerissen, so
+kettet das die übrigbleibenden Gefährten um desto fester an einander.
+— Ganz anders sieht es aus in reifern Jahren. Von
+Menschen und Schicksalen vielfältig getäuscht, werden wir verschlossner,
+trauen nicht so leicht; das Herz steht unter der Vormundschaft
+der Vernunft, die genauer abwägt, und sich selbst
+Rath zu schaffen sucht, bevor sie sich Andern anvertrauet. Man
+fordert mehr, ist ekler in der Wahl, nicht mehr so lüstern nach
+neuen Bekanntschaften, wird nicht so lebhaft betroffen von glänzenden
+Aussenseiten; man hat ächtere Begriffe von Vollkommenheit,
+von dauerhaften Bündnissen, von Nutzen und Schaden
+einer gänzlichen Hingebung; der Charakter ist fester; die Grundsätze
+sind auf Systeme zurückgeführt, in welche die Gesinnungen
+und Theorien eines uns fremden Menschen selten passen; folglich
+wird es schwerer, eine dauerhafte Harmonie zu Stande zu<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span>
+bringen; und endlich sind wir in so manche Geschäfte und Verbindungen
+verflochten, daß wir kaum Muße, und wenigstens
+selten Drang haben, neue zu schließen. Also vernachlässige man
+seine Jugend-Freunde nicht; und wenn auch Schicksale, Reisen
+und andre Umstände uns in der Welt umhergetrieben und von
+unsern Gespielen getrennt haben, so suche man doch jene alten
+Bande wieder anzuknüpfen, und man wird selten übel dabei
+fahren.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Es ist ein ziemlich allgemein angenommener Grundsatz, daß
+zu vollkommner Freundschaft Gleichheit des Standes und der
+Jahre erfordert werde. »Die Liebe,« sagt man, »sey blind;
+sie fessele, durch unerklärbaren Instinkt, Herzen an einander,
+die dem kalten Beobachter gar nicht für einander geschaffen zu
+seyn schienen; und da sie nur durch Gefühle, nicht durch Vernunft
+geleitet werde, so fielen bei ihr alle Rücksichten des Abstandes,
+den äussere Umstände erzeugen, weg. Die Freundschaft
+hingegen beruhe auf Harmonie in Grundsätzen und Neigungen;
+nun aber habe jedes Alter, so wie jeder Stand, seine
+ihm eigne Stimmung, nach der Verschiedenheit der Erziehung
+und Erfahrungen, und desfalls finde unter Personen von ungleichen
+Jahren und ungleichen bürgerlichen Verhältnissen keine
+so vollkommne Harmonie Statt, wie zur Knüpfung des Freundschafts-Bandes
+erfordert werde.«</p>
+
+<p>Diese Bemerkungen enthalten viel Wahres; doch habe ich
+schon zärtliche und dauerhafte Freundschaften unter Leuten wahrgenommen,
+die, weder dem Alter noch dem Stande nach, sich
+ähnlich waren, und wenn man sich an dasjenige erinnert, was
+ich zu Anfange des ersten Kapitels in diesem Theile gesagt habe:
+so wird man dieß leicht erklären können. Es gibt junge Greise
+und alte Jünglinge. Feine Erziehung, Mäßigkeit in Wünschen,
+Freiheit in Denkungsart und Unabhängigkeit der Lage, erheben
+den Bettler zu einem Manne von hohem Stande, so wie verachtungswürdige
+Sitten, unedle Begierden und niedrige Gesinnungen
+selbst einen Fürsten zu dem Pöbel herabwürdigen können.
+Das ist aber zuverlässig gewiß, daß zu einer dauerhaften innigen
+Freundschaft Gleichheit in Grundsätzen und Empfindungen
+erfordert wird, und daß dieselbe auch bei einer zu großen Verschiedenheit
+in Fähigkeiten und Kenntnissen nicht leicht Platz<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span>
+finden kann. Darf denn in dieser Verbindung gerade das fehlen,
+was sie zur Quelle des edelsten Lebens-Genusses und der
+reinsten Glückseligkeit macht: die Mittheilung verschwisterter
+Gefühle, die sanfte, durch Theilnahme versüßte Warnung und
+Zurechtweisung? Und kann ich den mit Zustimmung meines
+Herzens meinen Freund nennen, dem meine Empfindungen völlig
+fremd sind, der kalt und gleichgültig bleibt, wo meine Seele
+ganz Gefühl und Empfindung ist? Es gibt Menschen von erhabenen
+und seltenen Eigenschaften des Geistes, die man nur
+bewundern darf, an welche man immer hinaufschauen muß,
+und diese Menschen verehrt man, aber — man liebt sie nicht,
+oder man verzweifelt wenigstens daran, von ihnen wieder geliebt
+zu werden. In der Freundschaft müssen beide Theile gleichviel
+geben und empfangen können. Jedes zu große Uebergewicht von
+<em class="gesperrt">einer</em> Seite, alles, was die Gleichheit hebt, stört zugleich die
+Freundschaft.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Warum haben sehr vornehme und sehr reiche Leute so wenig
+wahren Sinn für Freundschaft? Sie fühlen nicht dies edelste
+Seelen-Bedürfniß, weil ihre ganze Erziehung und Lebensweise
+die theilnehmenden Gefühle ertödtet, und sie zu Sclaven der
+Selbstsucht macht. Ihre Leidenschaften zu befriedigen; rauschenden,
+betäubenden Freuden nachzurennen; immer zu genießen;
+geschmeichelt, gelobt, geehrt zu werden; darum ist es ihnen Allen
+mehr oder weniger zu thun. Von Personen ihres Gleichen
+werden sie durch Eifersucht, Neid und andre Leidenschaften getrennt;
+die Vornehmeren suchen sie nur auf, wenn sie ihrer, zu
+Begünstigung eigennütziger oder ehrgeitziger Absichten, bedürfen;
+die Geringern und Aermern aber halten sie in einer so
+großen Entfernung von sich, daß sie von ihnen weder die Wahrheit
+annehmen, noch den Gedanken ertragen können, sich ihnen
+gleichzustellen. Auch bei den Besten unter ihnen erwacht früh
+oder spät die Vorstellung, daß sie von besserm Stoffe seyen,
+und das tödtet dann die Freundschaft.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Allein selbst unter denen Menschen, die Dir an Stand, Vermögen,
+Alter und Fähigkeiten gleich sind, rechne nur auf die
+dauerhafte Freundschaft Derer, die nicht von unedlen, heftigen,
+oder thörichten Leidenschaften beherrscht, noch, wie ein Wetterhahn,<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span>
+von Launen und Grillen hin- und hergetrieben werden!
+Wer rastlos rauschenden Freuden und Zerstreuungen sich ergibt;
+wer wilden Begierden, der Wollust, dem Trunke, oder dem unglückseligen
+Spiele alles aufopfert; wessen Abgott falsche Ehre,
+Gold, oder sein eigenes Ich ist; wer, wankelmüthig in Grundsätzen
+und Meinungen, einen Charakter hat, der sich, wie
+Wachs, von Jedem in jede Form drücken läßt; der mag vielleicht
+ein guter Gesellschafter, aber nie wird er ein beständiger,
+treuer Freund seyn. Sobald es auf Verleugnung, Aufopferung,
+auf Beharrlichkeit und Festigkeit ankömmt, wird ein Solcher
+Dich im Stiche lassen; Du wirst allein da stehen und Dich hintergangen
+glauben, da doch Du allein Dich betrogst, indem
+Du unvorsichtig wähltest. Ueberhaupt ist es in dieser Welt so
+oft der Fall, daß unsre Phantasie uns die Menschen malt, wie
+wir gern möchten, daß sie aussähen, und es nachher sehr übel
+nimmt, wenn sie gewahr wird, daß die Natur nicht das Original
+dem Gemälde gleich geschaffen hat.</p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>Man pflegt zu sagen: das sicherste Mittel, Freunde zu haben,
+sey — keiner Freunde zu <em class="gesperrt">bedürfen</em>; aber jeder Mensch
+von Gefühl <em class="gesperrt">bedarf</em> Freunde. — Und sollte es denn wirklich so
+schwer seyn, in dieser Welt treue Freunde zu finden? Ich meine,
+nicht halb so schwer, wie man gewöhnlich glaubt. Unsre empfindelnden
+jungen Herren schaffen sich nur zu überspannte Begriffe
+von der Freundschaft. Freilich, wenn wir gänzliche Hingebung,
+unbedingte Aufopferung, Verleugnung alles eignen Interesse,
+in höchst kritischen Augenblicken, blinde Ergreifung unsrer Parthei
+gegen eigne bessre Ueberzeugung, sogar Bewunderung unsrer
+Fehler, Billigung unsrer Thorheiten, Mitwirkung bei unsern
+leidenschaftlichen Verirrungen — mit Einem Worte: wenn wir
+mehr von unsern Freunden fordern, als Billigkeit und Gerechtigkeit
+von Menschen verlangen darf, die Fleisch und Bein sind
+und freien Willen haben: so werden wir nicht leicht unter tausend
+Wesen Eins finden, das sich so gänzlich in unsre Arme
+würfe. Suchen wir aber verständige Menschen, deren Hauptgrundsätze
+und Gefühle mit den unsrigen übereinstimmen, kleine
+unmerkliche Verschiedenheiten abgerechnet; Menschen, die Freude
+finden an dem, was uns freuet; die uns lieben, ohne von uns
+bezaubert, das Gute in uns schätzen, ohne blind gegen unsre<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span>
+Schwächen zu seyn; die uns im Unglücke nicht verlassen, uns
+in guten und redlichen Bestrebungen treu und standhaft beistehen,
+uns mit ungeheuchelter und herzlicher Theilnahme trösten,
+aufrichten, tragen helfen, uns, wo es höchst nöthig ist, und
+wir dessen werth sind, alles aufopfern, <em class="gesperrt">was man ohne Verletzung
+seiner Ehre und der Gerechtigkeit gegen sich
+selbst und die Seinigen aufopfern darf</em>, uns die Wahrheit
+nicht verhehlen, und aufmerksam auf unsre Mängel machen,
+ohne uns vorsätzlich zu beleidigen, uns allen andern Menschen
+vorziehen, in so fern es ohne Unbilligkeit geschehen kann — —
+suchen wir ernstlich Solche: nun, so finden wir deren gewiß. —
+Viele? nein! das sage ich nicht, aber doch wohl ein Paar für
+jeden Biedermann; — und was braucht man mehr in dieser
+Welt?</p>
+
+<h4>6.</h4>
+
+<p>Hast Du nun einen solchen treuen Freund gefunden, so bewahre
+ihn auch! Halte ihn in Ehren, auch dann, wenn das
+Glück Dich plötzlich über ihn erhebt, auch da, wo Dein Freund
+nicht glänzt, wo Deine Verbindung mit ihm durch die öffentliche
+Stimme nicht gerechtfertigt zu werden scheint! Schäme
+Dich nie Deines ärmern, weniger hochgeschätzten Freundes; beneide
+nicht den Dir vorgezogenen Freund! Hange fest an ihm,
+ohne ihm lästig zu werden! Fordre nicht mehr von ihm, als
+Du selbst leisten würdest; ja, fordre nicht einmal so viel, wenn
+Dein Freund nicht in allen Stücken mit Dir einerlei lebhaftes
+Temperament, einerlei Fähigkeiten, einerlei Grad von Gefühl
+hat! Ergreife warm und eifrig die Parthei Deines Freundes,
+aber nicht auf Kosten der Gerechtigkeit und Redlichkeit! Du
+sollst nicht seinetwegen blind gegen die Tugenden Andrer seyn,
+noch, wenn Du die Macht in Händen hast, eines würdigen,
+geschickten Mannes Glück zu bauen, diesen dem weniger fähigen
+Freunde nachsetzen. Du sollst nicht seine Uebereilungen vertheidigen,
+seine Leidenschaften partheiisch als Tugenden erheben,
+in kleinen Zwistigkeiten mit Andern, wenn er unrecht hat, geflissentlich
+die Parthei des Beleidigers verstärken; nicht Dich mit
+in sein Verderben stürzen, wenn ihm dadurch nicht geholfen
+wird, oder vielleicht gar durch unkluge Vertheidigung seine Feinde
+mehr erbittern, und Dir und den Deinigen den Untergang bereiten.
+Aber retten sollst Du seinen Ruf, wenn er unschuldig<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span>
+verläumdet wird, auch dann, wenn jedermann ihn verläßt und
+verkennt, sobald Du hoffen darfst, daß dieß ihm irgend Vortheil
+bringen kann. Oeffentlich ehren sollst Du den Edeln, und Dich
+nie Deiner Verbindung mit ihm schämen, wenn Schicksale oder
+böse Menschen ihn unverdient zu Boden gedrückt haben. Nicht
+mitlächeln sollst Du, wenn lose Buben hinter seinem Rücken her
+ihn höhnen. Mit Vorsicht und Klugheit sollst Du ihm Nachricht
+geben von Gefahren, die ihm und seiner bürgerlichen Ehre drohen;
+aber nur, in so fern dieß dazu dienen kann, dem Uebel
+auszuweichen, oder Unvorsichtigkeiten wieder gut zu machen,
+nicht aber, wenn er dadurch bloß beunruhigt und aufgeregt wird.</p>
+
+<h4>7.</h4>
+
+<p>Freunde, die uns in der Noth nicht verlassen, sind äusserst
+selten. — Sey Du Einer dieser seltnen Freunde! Hilf, rette,
+wenn Du es vermagst! opfre Dich auf — nur vergiß nicht,
+was Klugheit und Gerechtigkeit gegen Dich und Andre von Dir
+fordern! Aber tobe nicht, klage nicht, wenn Andre nicht ein
+Gleiches für Dich thun! Nicht immer herrscht böser Wille bei
+ihnen. Schwache, und durch Leidenschaft beherrschte Menschen
+sind unsichre Freunde; doch wie wenige gibt es, die ganz fest
+und unerschütterlich in ihrem Charakter, ganz frei von kleinen
+Leidenschaften und Nebenabsichten sind, die nicht bei ihrer Anhänglichkeit
+an Dich von klugen Rücksichten auf Deinen Ruf,
+Deine Verhältnisse, bestimmt werden, oder wenigstens nicht
+gern Schande vor der Welt wegen ihrer Zuneigung zu Dir auf
+sich laden wollen; wie Wenige, die nicht, wo es auf Verleugnung
+ankömmt, den Schwächern gegen den Mächtigern aufopfern!
+Wenn diese nun, sobald ein Ungewitter sich über Deinem
+Haupte zusammenzieht, einen kleinen Schritt zurücktreten,
+oder wenigstens ihre Liebe und Verehrung in eine Art von Protection
+und Rathgebersrolle verwandeln — nun, so sey billig!
+Schiebe die Schuld auf das ängstliche Temperament der mehrsten
+Leute, auf ihre Abhängigkeit von äussern Umständen, auf
+die Nothwendigkeit, heut zu Tage <em class="gesperrt">durch Gunst</em> sein Glück zu
+machen, um in schweren Zeiten fortzukommen! Wie wenig
+Menschen würden übrig bleiben, mit denen Du Hand in Hand
+auf dieser Erde durch Glück und Unglück wandeln könntest, wenn
+Du es so genau nehmen, oder so große Forderungen an Deine
+Freunde machen wolltest! Zuweilen ist auch der Fall da, daß<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span>
+wirklich unsre Freunde (wenn wir uns durch kleine oder große
+Unvorsichtigkeiten unser böses Schicksal selbst zugezogen haben)
+sich die Rechtfertigung schuldig sind, öffentlich zu zeigen, daß
+sie nicht in unsre Thorheiten verwickelt waren. Oft werden sie
+durch unsre widrige Lage gerade so gestimmt, wie sie immer hätten
+gestimmt seyn sollen, wenn sie ein gutes Gewissen hätten
+bewahren wollen; das heißt: sie hören auf, uns so täuschend
+zu schmeicheln, wie sie es vorher aus Furcht, uns zu verlieren,
+thaten, so lange wir von jedermann aufgesucht wurden, und
+unsre Freunde <em class="gesperrt">wählen</em> konnten. Ich habe in einigen blendenden
+Situationen meines Lebens einen Haufen von Leuten sich
+mir aufdringen gesehen, die mir ohne Unterlaß Weihrauch streuten,
+jeden meiner witzigen Einfälle mit lauter Bewundrung auffingen,
+schmeichelhafte Verse auf mich machten, meine Worte
+als Orakelsprüche ausschrien, und meinen Ruf im Posaunenton
+erhoben. Ich kannte das Menschengeschlecht genug, um nicht
+alles das für baare Münze aufzunehmen, sondern fest überzeugt
+zu seyn, daß sie mich vernachlässigen, wohl gar auf mich herabsehen
+würden, wenn ich einst in eine weniger glückliche Lage
+kommen sollte, und sie meiner nicht mehr bedürften. Ich irrte
+nicht; aber deswegen waren Diese doch nicht insgesammt Schurken
+und Heuchler. Viele von ihnen, es ist wahr, lernte ich als
+Solche kennen; sie erlaubten sich die ärgsten Niederträchtigkeiten
+gegen mich; es befremdete mich nicht; ich verachtete sie; aber
+Manche waren vorher nur von dem Strome mit fortgerissen
+worden. Die Stimme meiner Feinde erweckte sie nun; sie stutzten,
+betrachteten mich mit forschendem Auge, und sahen meine
+Fehler; sie warfen mir diese Fehler durch Worte oder einige
+Kälte in ihrem Betragen, vielleicht ein wenig zu unsanft vor,
+gaben mir dadurch Gelegenheit, selbst aufmerksam auf dieselben
+zu werden, an mir zu arbeiten; und wahrlich, diese sind mir
+nützlichere, ächtere Freunde gewesen, als manche Andre, die
+mich in meiner Eitelkeit und Selbstgenügsamkeit zu bestärken
+suchten.</p>
+
+<h4>8.</h4>
+
+<p>Kein Grundsatz scheint mir so unvereinbar mit edelmüthigen
+Gesinnungen und eines gefühlvollen Herzens so unwürdig, als
+der: »daß es ein Trost sey, Gefährten oder Mitleidende im Unglücke
+zu haben.« Ist es nicht genug, selbst leiden, und dabei<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span>
+überzeugt seyn zu müssen, daß in der Welt noch viel eben so
+redlich gute Menschen, wie wir sind, nicht weniger Elend zu
+tragen haben? Sollen wir noch die Summe dieser Unglücklichen
+muthwilliger Weise dadurch vermehren, daß wir Andre zwingen,
+auch unsre Last mitzutragen, die dadurch um nichts leichter
+wird? Denn man sage doch nicht, daß es Erleichterung sey,
+sich von seinem Schmerze zu unterhalten! Nur für altersschwache
+Weiber, nicht aber für einen verständigen Mann, kann Geschwätzigkeit
+von <em class="gesperrt">der</em> Art Wohlthat werden. Ich habe im ersten
+Kapitel des ersten Theils davon geredet: ob es gut sey, Andern
+seine Widerwärtigkeiten zu klagen. Damals sagte ich zur Beantwortung
+dieser Frage nur das, was Weltklugheit und Vorsichtigkeit
+lehren; im Umgange mit Freunden hingegen, wovon
+hier die Rede ist, muß uns auch Feinheit des Gefühls vorschreiben,
+unsre unangenehme Lage vor dem mitempfindenden, zärtlich
+theilnehmenden Freunde so viel möglich zu verbergen. Ich
+sage: so viel möglich, denn es können Fälle kommen, wo die
+Bedürfnisse des gepreßten Herzens, sich zu entladen, zu groß,
+oder die liebreichen Anforderungen des Freundes, der den Kummer
+auf unsrer Stirne liest, zu dringend werden, wo länger zu
+schweigen Folter für uns, oder Beleidigung für den Vertrauten
+werden würde, und wo nur sein Rath oder sein Beistand retten
+kann. In allen übrigen Fällen lasset uns der Ruhe unsers
+Freundes, wie unserer eignen, schonen!</p>
+
+<h4>9.</h4>
+
+<p>Klagt Dir ein bewährter Freund seine Noth, seine Schmerzen,
+wie könntest Du ihn ohne innige Theilnahme anhören!
+Oder wie dürftest Du seinen Klagen moralische Gemeinsprüche
+entgegensetzen, ihm wehe thun durch Vorwürfe über sein Betragen,
+durch die Bemerkung, daß er seine Noth hätte verhüten
+können! Nein, bist Du ein treuer, gefühlvoller Freund, so wirst
+Du alles aufbieten, Deinem Freunde Linderung oder Beistand
+zu gewähren. Aber verzärtle ihn nicht an Leib und Seele,
+durch weibische Klagen! Erwecke vielmehr seinen männlichen
+Muth, daß er sich über die nichtigen Leiden dieser Welt erhebe!
+Schmeichle ihm nicht mit falschen Hoffnungen, mit Erwartungen
+eines blinden Ungefährs; sondern hilf ihm, Wege einschlagen,
+die eines weisen Mannes würdig sind!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span></p>
+
+<h4>10.</h4>
+
+<p>Aus dem Umgange mit Freunden muß alle Verstellung verbannt
+seyn. Da soll alle <em class="gesperrt">falsche</em> Scham, da soll aller Zwang,
+den Convenienz, übertriebne Gefälligkeit und Mißtrauen im gemeinen
+Leben auflegen, wegfallen. Zutrauen und Aufrichtigkeit
+müssen unter innigen Freunden herrschen. Allein man überlege
+dabei, daß es kindische Geschwätzigkeit seyn würde, Geheimnisse
+mitzutheilen, die dem Freunde gleichgültig sind, und durch die
+ihm eine schwere Verantwortlichkeit aufgelegt, oder seine Verschwiegenheit
+auf eine schwere Probe gesetzt wird; daß wenige
+Menschen, unter allen Umständen, unverbrüchlich ein Geheimniß
+zu bewahren vermögen, wenn sie auch übrigens alle Eigenschaften
+haben, die zur Freundschaft erfordert werden; daß fremde
+Geheimnisse nicht unser Eigenthum sind; und endlich, daß es
+auch eigne Geheimnisse geben kann, die man ohne Schaden,
+Gefahr und Nachtheil durchaus keinem Menschen auf der Welt
+anvertrauen darf!</p>
+
+<h4>11.</h4>
+
+<p>Jede Art von schädlicher oder weibischer Schmeichelei muß
+im Umgange unter ächten Freunden wegfallen, nicht aber eine
+gewisse Gefälligkeit, die das Leben süß macht, Nachgiebigkeit
+und Geschmeidigkeit in unschuldigen Dingen. Es gibt Menschen,
+deren Zuneigung man augenblicklich verloren hat, sobald man
+aufhört, ihnen Weihrauch zu streuen, sobald man nicht in allen
+Stücken einerlei Meinung mit ihnen ist, einerlei Geschmack mit
+ihnen hat. In ihrer Gegenwart darf man nicht einmal den Vorzügen
+der Verdienstvollsten Gerechtigkeit widerfahren lassen. Gewisse
+Saiten kann man gar nicht berühren, ohne sie aufzubringen.
+Haben sie eine Thorheit begangen; sind sie blindlings eingenommen
+für oder gegen eine Sache; werden sie von Phantasie
+oder Leidenschaft irregeleitet; haben sie unanständige oder schädliche
+Gewohnheiten an sich; findet man in ihrer Art zu leben
+und zu wirthschaften etwas mit Grunde auszusetzen, und man
+untersteht sich, hierüber etwas zu sagen: so schlägt das Feuer
+aller Orten heraus. Andre werden hiedurch nicht sowohl beleidigt,
+als gekränkt. Sie sind gewöhnt, sich so zu verzärteln,
+daß sie die Stimme der Wahrheit gar nicht hören können. Man
+soll nur von solchen Dingen mit ihnen reden, die ihren faulen
+Seelen-Schlummer befördern. — »Wenn ich Dich bitten darf,«<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span>
+sagen sie, »so laß uns davon abbrechen! das sind Gegenstände,
+die ich nicht gern in mein Gedächtniß zurückrufe. Es ist nun
+einmal nicht anders! Ich weiß wohl, daß ich Unrecht habe,
+daß ich vielleicht anders handeln sollte; aber es würde einen zu
+schweren Kampf kosten — meine Gesundheit, meine Ruhe,
+meine schwachen Nerven vertragen es nicht, daß ich ernstlich
+darüber nachsinne.« — Pfui! welch eine Feigheit und Verblendung!
+ein Mensch, der einen festen Charakter besitzt, und
+ernstlich das Gute liebt und sucht, muß den Muth haben, bei
+jedem Gegenstande mit reifer Ueberlegung verweilen zu können. —
+Alle solche verweichlichte und feige Seelen taugen nicht zur
+Freundschaft. Man muß das Herz haben, Wahrheit zu sagen
+und Wahrheit anzuhören, auch dann, wenn diese Wahrheit hart
+ist, und unser Innerstes erschüttert. Doch das Recht, welches
+die Freundschaft gibt, freimüthig zu tadeln, und dem Freunde
+die Wahrheit nicht zu verhehlen, will mit Zartheit und liebevoller
+Schonung ausgeübt seyn. Schon die Klugheit verbeut, den
+fehlenden Freund durch lange Straf-Predigten zu ermüden und
+zu erbittern, oder mit ängstlichen Besorgnissen zu erfüllen,
+wenn, seinem Temperamente oder den Umständen nach, gar
+kein Nutzen davon zu erwarten steht.</p>
+
+<h4>12.</h4>
+
+<p>Es ist schon gesagt, daß alles, was die Gleichheit unter
+Freunden aufhebt, der Freundschaft schädlich sey. Da nun das
+Verhältniß zwischen einem Wohlthäter und Dem, welcher Wohlthaten
+empfängt, am wenigsten mit Gleichheit bestehen kann:
+so scheint es der Zartheit der Gefühle angemessen, zu verhindern,
+daß durch ein zu großes Gewicht von Wohlthaten auf <em class="gesperrt">einer</em>
+Seite ein Freund dem andern gleichsam unterwürfig werde. Verbindlichkeiten
+von der Art sind der Freiheit, der uneingeschränkten
+Wahl entgegen, auf welcher die Freundschaft beruhen soll.
+Sie bringen etwas in dies Bündniß hinein, das nicht hinein
+gehört, nämlich die Dankbarkeit, welche nicht freiwillig, sondern
+Pflicht ist. Man hat selten den Muth, so kühn und offenherzig
+mit dem Wohlthäter zu reden, wie mit dem Freunde.
+Vorzüglich aber soll das Zartgefühl mich abhalten, meines Freundes
+Güte in Anspruch zu nehmen, weil ich voraussetzen darf,
+daß er mir zugestehen werde, was er einem Fremden abschlagen<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span>
+würde. Wäre es endlich auch nur die einzige Rücksicht, daß
+empfangene Wohlthat partheiisch für den Wohlthäter macht, und
+Partheilichkeit Bestechung ist: so läge hierin schon ein starker
+Grund, äusserst behutsam und bedenklich zu seyn, wenn von Erheischung
+und Annahme wirklicher Wohlthaten aus der Hand
+des Freundes die Rede ist, doch mit Verbannung jeder mißtrauischen
+Besorgniß, als ob es möglich wäre, daß angenommene
+Wohlthat der Freundschaft gefährlich werden könnte. —
+Kaum darf hiebei erinnert werden, daß man die Dienstwilligkeit
+seiner mächtigen oder angesehenen Freunde nie für fremde
+Angelegenheiten, oder zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke mißbrauchen
+sollte. Allein es gibt Mittel, den edeln Mann, der
+gern Gutes thut, aufmerksam zu machen auf Gegenstände, die
+seiner Hülfe werth sind. Mylord Marshall Keith wurde von einem
+Officier gebeten, ihn dem Könige von Preussen zu empfehlen.
+Er antwortete nicht, gab ihm aber, bei seiner Abreise nach
+Potsdam, einen kleinen Sack voll Erbsen mit, den der Officier
+dem Könige, ohne Brief, überreichen sollte. Friedrich begriff,
+daß sein Freund keinem Menschen von gemeinem Schlage einen
+solchen Auftrag würde gegeben haben, und nahm den Officier
+in seinen Dienst. Ueberhaupt haben feinere Seelen unter sich
+eine eigne geheime, Andern unverständliche Sprache. Doch gibt
+es Fälle, in welchen man ohne Scheu sich an Freunde wenden
+muß, nämlich wenn die Freundschafts-Dienste, deren wir bedürfen,
+von der Art sind, daß der Freund sie uns ohne Ungemächlichkeit
+erweisen, oder ohne uns in Verlegenheit zu setzen
+und uns im mindesten zu beleidigen, verweigern kann; wenn
+wir in der Lage sind, ihm gelegentlich wieder gleiche Gefälligkeiten
+zu erweisen; wenn niemand so gut, wie er, von der Lage
+der Sache, von der Sicherheit, mit welcher unsere Bitte gewährt
+werden kann, überzeugt ist, oder wenn unser ganzes Glück
+auf Verschweigung einer Sache beruht; wenn wir uns keinem
+Andern sicher, ohne Gefahr und Schaden, anvertrauen, von
+keinem Andern Hülfe erwarten dürfen, und wenn wir dann gewiß
+wissen, daß unser Freund dabei nichts verlieren, keiner
+Unannehmlichkeit ausgesetzt seyn kann. In allen diesen und
+ähnlichen Fällen würden wir gegen das Zutrauen sündigen, das
+wir ihm schuldig sind, wenn wir ihm unsre Verlegenheiten verschwiegen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span></p>
+
+<h4>13.</h4>
+
+<p>Etwas von dem, was ich über das Verhältniß unter Eheleuten
+gesagt habe, findet auch bei Freunden Statt, nämlich,
+daß man sich hüten muß, einander überdrüssig zu werden, oder
+durch zu öftern, zu vertraulichen Umgang, widrige Eindrücke
+zu veranlassen. Darum sollen sich Freunde nicht zu oft sehen,
+sollen den Umgang zuweilen entbehren, damit sie ihn dann desto
+inniger genießen mögen, und damit nicht durch einen zu häufigen
+Umgang die kleinen Fehler sichtbar und fühlbar werden, deren
+jeder Mensch mehr oder weniger hat, und die so leicht die
+Innigkeit der Freundschaft stören, so leicht einen Mißton erzeugen,
+oder wenigstens Beschwerden verursachen, die man seinem
+Freunde ersparen sollte. Diese Vorsicht ist in der Freundschaft
+noch nöthiger, als in der Ehe, da in jener nicht, wie in dieser,
+gewisse Rücksichten und Ueberlegungen wirksam sind, vor allen
+die, daß man nun einmal auf die ganze Lebenszeit mit einander
+zu Freude und Leid, zu gemeinschaftlicher Ertragung, und
+um <em class="gesperrt">ein</em> Leib und <em class="gesperrt">eine</em> Seele zu seyn, vereint ist; folglich die
+Beständigkeit derselben von der behutsamsten Schonung abhängt.
+Es ist wahr, daß jene unangenehme Eindrücke bei edeln und
+verständigen Menschen nicht von Dauer sind, und daß es nur
+eines Zwischenraums von wenig Tagen bedarf, um uns wieder
+die Augen zu öffnen über den Werth und Vorzug unsers Freundes
+vor andern mittelmäßigen Leuten, mit denen wir indeß gelebt
+haben; allein besser ist es doch, wenn dergleichen Empfindungen
+gar nicht in unser Herz kommen; und das kann man
+ja ändern. Man verbanne daher auch aus dem Umgange mit
+Freunden jene pöbelhafte Vertraulichkeit, jenen Mangel an Höflichkeit
+und jene Nachlässigkeit im Aeussern, wovon ich im dritten
+Kapitel dieses Theils, besonders in dessen viertem Abschnitte,
+geredet habe; und lege endlich auch dem Freunde keine Art von
+Zwang auf; verlange nicht, daß er sich nach unsern Launen,
+nach unserm Geschmacke richten, noch daß er den Umgang solcher
+Menschen, gegen welche wir eingenommen sind, fliehen
+solle!</p>
+
+<p>Eben so wichtig ist es aber auch, sich den Umgang mit geliebten
+Personen nicht so sehr zum Bedürfnisse zu machen, daß
+man ohne sie durchaus nicht leben zu können glaubt. Wir sind
+auf dieser Welt nicht Herren über unser Schicksal. Man muß<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span>
+sich gewöhnen, Trennungen durch Tod, Entfernungen und andere
+Umstände zu ertragen, und wenn man ein Gut besitzt, sich
+mit dem Gedanken vertraut machen, daß man dies Gut auch
+verlieren könne. Ein weiser Mann bauet nicht seine ganze Existenz
+auf das Daseyn eines andern Wesens.</p>
+
+<h4>14.</h4>
+
+<p>Bleibe aber immer, auch in der Entfernung, ein warmer
+Freund Deiner Freunde! sonst scheint es, als habest Du nur
+aus Eigennutz, nur um den Genuß des Lebens zu erhöhen, Dich
+an sie geschlossen. Halte die Vernachlässigung des Briefwechsels
+nicht für eine Kleinigkeit, die man sich wohl verzeihen könne;
+denn wie darfst Du Dich dessen Freund nennen, dem Du nicht
+einmal einige Stunden Deines Lebens in jedem Jahre weihen
+willst, und wie darfst Du von demjenigen Freundschaft erwarten,
+den Du so sehr vernachlässigst, daß er endlich nicht mehr
+weiß, ob Du noch unter den Lebendigen bist? Fühlst Du in
+Monaten und Jahren das Bedürfniß nicht, Dich schriftlich mit
+Deinem Freunde zu unterhalten, so liegst Du entweder in den
+Fesseln des Egoismus, oder bist überhaupt nicht mehr werth,
+einen Freund zu haben. Ich lasse auch die Entschuldigung nicht
+gelten, daß man zuweilen lange Zeit hindurch gar nicht gestimmt
+sey, seine Gedanken in Ordnung auf das Papier zu bringen.
+Briefe an den Vertrauten unsers Herzens sind keine rednerische
+Ausarbeitungen; jedes Wort, das Abdruck dessen ist, was in
+unsrer Seele vorgeht, wird ihm willkommen seyn, und nur auf
+diese Weise kann ja einem gefühlvollen Herzen die Trennung
+von geliebten Personen erträglich werden.</p>
+
+<h4>15.</h4>
+
+<p>Man sieht zuweilen Menschen eben so eifersüchtig in der
+Freundschaft, wie in der Liebe. Das zeugt mehr von einer selbstsüchtigen,
+als von einer zärtlichen Gemüthsart. Freuen soll es
+Dich, wenn auch andre Menschen den Werth dessen zu schätzen
+wissen, der Dir theuer ist; freuen soll es Dich, wenn Dein Liebling
+noch ausser Dir gute Seelen findet, denen er sich mittheilen,
+in deren Gemeinschaft er reine Wonne schmecken kann. Er
+wird darum nicht blind gegen Deine Vorzüge, nicht undankbar
+gegen Dich werden — und würdest Du denn dadurch mehr
+Werth in seinen Augen bekommen, daß Du ihn von liebenswürdigen<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span>
+Menschen zu entfernen, oder ihn gegen sie einzunehmen
+suchtest, nur um ihn für Dich allein zu behalten?</p>
+
+<h4>16.</h4>
+
+<p>Alles, was Deinem Freunde angehört, sein Vermögen, sein
+bürgerliches Glück, seine Gesundheit, sein Ruf, die Ehre seines
+Weibes, die Unschuld und Bildung seiner Kinder — das alles
+sey Dir heilig, sey ein Gegenstand Deiner Sorgfalt, Deiner
+Theilnahme und Deiner Schonung! Auch Deine heftigste Leidenschaft,
+Deine unmäßigste Begierde müsse diese Unverletzlichkeit
+ehren!</p>
+
+<h4>17.</h4>
+
+<p>Gaben, Anlagen und die Art, seine Empfindungen an den
+Tag zu legen, sind bei den Menschen verschieden. Nicht immer
+ist Derjenige der Gefühlvollste, welcher am geläufigsten von innern
+Regungen und Empfindungen schwatzt; nicht immer Derjenige
+der treuste und beharrlichste Freund, der mit dem heftigsten
+Feuer uns an seine Brust drückt, der mit der größten Hitze
+hinter unserm Rücken sich unsrer annimmt. Alles Ueberspannte
+taugt nicht, dauert nicht. Ruhige, stille Hochachtung ist mehr
+werth, als Anbetung, Verehrung und Entzückung. Man verlange
+daher nicht von Jedem denselben Grad von äussern Freundschafts-Bezeigungen,
+sondern beurtheile seine Freunde nach der
+fortgesetzten, immer gleichen Zuneigung und treuen Ergebenheit,
+welche sie uns in der That, ohne Uebertreibung und ohne Schmeichelei,
+beweisen! Leider aber ordnet unsre Eitelkeit mehrentheils
+den Werth der Menschen nach dem Grade der Huldigung, welche
+sie uns leisten, und die mehrsten Leute suchen solche Freunde um
+sich her zu versammeln, an deren Seite sie in doppelt vortheilhaftem
+Lichte erscheinen, und denen ihre Worte Orakelsprüche sind.</p>
+
+<h4>18.</h4>
+
+<p>Werbe nicht ängstlich um Freunde! Mache nicht Jagd auf
+jeden ausgezeichneten Menschen, und lege es nicht geflissentlich
+darauf an, daß er Dir besonders zugethan werden soll! Jede
+Art von Andringlichkeit, wäre sie auch noch so gut gemeint,
+pflegt Verdacht oder Geringschätzung zu erwecken; und wer in
+der Stille auf dem Pfade fortwandelt, den Redlichkeit und Klugheit
+bezeichnen, und dabei ein wohlwollendes, zur Mittheilung
+gestimmtes Herz in seinem Busen trägt, der bleibt nicht unbemerkt,
+nicht unaufgesucht; er findet, ohne sich anzudrängen,<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span>
+ein Paar Edle, die ihm die Hand zum brüderlichen Bunde reichen.</p>
+
+<h4>19.</h4>
+
+<p>Es gibt aber Menschen, die gar keinen <em class="gesperrt">vertrauten</em> Freund,
+sondern nur Bekannte haben; entweder weil ihnen der Sinn
+für dies Seelen-Bedürfniß fehlt, oder weil sie keinem lebendigen
+Wesen trauen, oder weil ihre Gemüthsart kalt, unverträglich,
+verschlossen, eitel, oder zänkisch ist. Andre sind aller Welt Freunde;
+sie werfen ihr Herz jedermann vor die Füße, und deswegen
+bückt sich Keiner, greift niemand darnach, es aufzunehmen. —
+Es ist eine Ehre und ein Glück, zu keiner von diesen beiden
+Menschenklassen zu gehören.</p>
+
+<h4>20.</h4>
+
+<p>Auch unter den vertrautesten Freunden können Irrungen entstehen,
+Mißverständnisse eintreten. Wenn man darüber Zeit
+verstreichen läßt, oder zugibt, daß sich dienstfertige Leute hineinmischen:
+so erwächst daraus nicht selten eine dauerhafte Feindschaft,
+die mehrentheils um so heftiger wird, je zärtlicher, je
+vertrauter die Verbindung war, und je ärger man sich also hintergangen
+glaubt. Es ist wahrlich ein trauriger Anblick, auf
+diese Weise zuweilen die edelsten Seelen gegen einander empört
+zu sehen. Dringend rathe ich daher, bei dem ersten Schatten
+von Unzufriedenheit über das Betragen des Freundes, nicht zu
+säumen, ohne Zuthun eines Dritten, auf Erläuterung zu dringen.
+Da pflegt alles sehr bald verglichen zu werden; vorausgesetzt,
+daß kein böser Wille obwaltet, wie man es denn bei gutgesinnten,
+wohlwollenden Freunden voraussetzen muß.</p>
+
+<h4>21.</h4>
+
+<p>Wie aber, wenn uns Freunde täuschen, wenn wir nach einiger
+Zeit wahrnehmen, daß unser gutes Herz uns irregeleitet,
+uns an Menschen gekettet hat, die unsrer nicht werth sind? —
+Meine Leser! ich kann es nicht oft genug wiederholen, daß wir
+mehrentheils selbst daran Schuld sind, wenn wir bei näherm
+Umgange die Menschen anders finden, als wir sie uns anfangs
+gedacht haben. Partheiische Gefühle; Sympathie, Aehnlichkeit
+des Geschmacks, der Neigung; feine Schmeichelei; Seelen-Drang,
+in Augenblicken, wo Jeder uns ein Wohlthäter scheint,
+der nur einige Theilnahme an unserm Schicksale zeigt — diese
+und andre dergleichen Eindrücke bestechen uns gar zu leicht, und<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span>
+bereiten uns bittere Täuschungen. Wir denken uns Menschen
+als engelreine und erhabene Seelen, die nichts weiter, als eine
+gewisse natürliche Gutmüthigkeit und Offenheit haben, und sind
+nachher, wenn wir ihre Schwächen entdecken, viel unduldsamer
+gegen diese unsre Lieblinge, als gegen fremde Leute, weil es unserem
+Stolz weh thut, daß wir so falsch gesehen hatten, oder so
+kurzsichtig waren. Darum spannet doch Eure Erwartung, Eure
+Meinung von Euren Freunden nicht zu hoch, so wird Euch ein
+menschlicher Fehltritt, den sie in Augenblicken der Versuchung
+begehen, nicht befremden, nicht ärgern! Habet Nachsicht! Ihr
+bedürft deren vielleicht selbst bei andern Gelegenheiten. Richtet
+nicht, damit auch Ihr nicht gerichtet werdet! — Und was für
+Recht hast Du denn auch über die Moralität Deines Freundes?
+Was ist er Dir anders schuldig, als Treue, Liebe und Dienstfertigkeit?
+Wer hat Dich zum Sittenrichter über ihn bestellt? —
+Suche einen ganz vollkommnen Mann auf dieser Erde! — Du
+kannst hundert Jahre alt werden und wirst ihn nicht finden.</p>
+
+<p>Vor allen Dingen aber soll man sich hüten, jedem elenden
+Geschwätze, womit böse oder schwache Menschen zum Nachtheile
+unsrer Freunde unsre Ohren erfüllen, Glauben beizumessen. Leute,
+die heute mit einem Manne, den sie bis in den Himmel erheben,
+ihren letzten Bissen theilen würden, und morgen, wenn
+irgend ein altes Weib ihnen ein ärgerliches Mährchen aufgehängt
+hat, denselben zu dem verächtlichsten Betrüger herabwürdigen!
+Leute, die einen vieljährigen, genau geprüften Freund, auf Angabe
+des niederträchtigen unwürdigen Pöbels, einer ihm schuldgegebenen
+Schandthat fähig halten können, — wäre auch alle
+Wahrscheinlichkeit auf Seiten der Verläumder! — solche wankelmüthige,
+elende und feile Seelen verdienen nur Verachtung,
+und der Verlust ihrer Freundschaft ist baarer Gewinn. Der Anschein
+ist oft sehr trüglich; man kann Veranlassungen haben,
+mißtrauisch zu werden; es können Umstände eintreten, die es
+uns unmöglich machen, gewisse zweideutig scheinende Schritte zu
+erläutern; aber, daß ein bewährter, edler Mann keine schlechte
+Handlung begangen habe, davon bedarf es weiter keines Beweises,
+sondern nur des einfachen Glaubens, daß es unmöglich
+sey, edel und schlecht zugleich zu seyn.</p>
+
+<h4>22.</h4>
+
+<p>Wenn denn nun aber wirklich unser Freund sich so sehr moralisch<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span>
+verschlimmert, oder wenn unser leichtgläubiges Herz sich
+in einem solchen Grade in seinem Zutrauen zu ihm betrogen
+sieht, daß er unsre Vertraulichkeit gemißbraucht, uns mit Undank
+belohnt hätte — nun! so hört er auf, unser <em class="gesperrt">Freund</em> zu
+seyn; ich meine aber, er behält doch nicht mehr und nicht weniger
+Recht auf unsre Duldung, als jeder andre uns fremde
+Mensch. Ich halte es für eine falsche Zärtelei, an welcher mehrentheils
+die Eitelkeit, untrüglich seyn zu wollen, ihren Theil
+hat, wenn man glaubt, man müsse nun von einem solchen Verräther
+immer mit großer Schonung reden, weil er einst unser
+Freund gewesen. Das Einzige, was uns bewegen kann, seiner
+zu schonen, ist der Gedanke: daß überhaupt das menschliche
+Herz ein schwaches Ding ist, und daß man leicht zu weit in seinem
+Widerwillen geht, wenn eine Art von Rache sich in unser
+Urtheil mischt. Von der andern Seite aber macht der Umstand,
+daß der Mann <em class="gesperrt">uns</em> betrogen hat, sein Verbrechen auch nicht
+um ein Haar breit größer, berechtigt uns nicht, ärger gegen
+ihn zu Felde zu ziehen, als gegen jeden andern Schelm, der
+<em class="gesperrt">andre Menschen</em> und überhaupt die Tugend betrügt.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Siebentes_Kapit.">Siebentes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Es ist traurig genug, daß der größte Theil des Menschengeschlechts,
+durch Schwäche, Armuth, Gewalt und andre Umstände,
+gezwungen ist, dem kleinern zu Gebote stehen, und daß
+oft der Bessere den Winken und Launen des Schlechtern gehorchen
+muß. Was ist daher billiger, als daß die, denen das
+Schicksal die Gewalt in die Hände gegeben hat, ihren Nebenmenschen
+das Leben süß und das Joch erträglicher zu machen,
+diese glückliche Lage mit Menschenfreundlichkeit und Edelmuth
+benutzen.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Wahr ist es aber auch, daß die meisten Menschen zur Sclaverei
+geboren, daß edle, wahrhaftig große Gesinnungen und
+Gefühle hingegen nur das Erbtheil einer unbeträchtlichen Anzahl
+zu seyn scheinen. Lasset uns indessen den Grund dieser Wahrheit<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span>
+weniger in den natürlichen Anlagen, als in der Art der Erziehung,
+und in unsern, durch Luxus und Despotismus verderbten
+Zeiten suchen! Durch sie wird eine ungeheure Menge Bedürfnisse
+erzeugt, die uns von Andern abhängig machen. Das ewige
+Angeln nach Erwerb und Genuß erzeugt niedrige Leidenschaften,
+zwingt uns, zu erbetteln und zu erkriechen, was wir für so nöthig
+zu unserer Existenz halten, statt daß Mäßigkeit und Genügsamkeit
+die Quellen aller Tugend und Freiheit sind.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Bleiben nun die meisten Menschen stumpf für feinere Empfindungen,
+und unfähig zu erhabnen, hohen Gesinnungen: so
+sind sie doch nicht Alle unerkenntlich gegen großmüthige Behandlung,
+noch blind gegen wahren Werth. Rechne also weder
+auf die Zuneigung und Achtung, noch auf freiwillige Folgsamkeit
+derer, die Dir unterworfen sind, wenn diese selbst fühlen,
+daß sie moralisch besser, weiser, geschickter sind, als Du, daß
+Du ihrer in einem höheren Grade bedarfst, als sie Deiner; wenn
+Du sie mißhandelst, schlecht für wesentliche Dienste belohnst, die
+Schmeichler unter ihnen den geraden, aufrichtigen, treuen Dienern
+vorziehst; wenn sie sich schämen müssen, einem Manne
+anzugehören, den Jeder haßt, oder verachtet; wenn Du mehr
+von ihnen verlangst, als Du selbst an ihrer Stelle würdest leisten
+können; wenn Du Dich weder um ihr moralisches, noch
+ökonomisches, noch physisches Wohl bekümmerst, ihnen den
+Lohn ihrer Arbeit so sparsam zutheilst, daß sie verzweifeln, oder
+Dich betrügen müssen, oder wenigstens keine frohe Stunde haben
+können; wenn Du nicht Rücksicht nimmst auf ihren körperlichen
+Zustand, sie verstößest, sobald sie alt und schwächlich werden;
+wenn Du ihnen wenig Ruhe und Schlaf erlaubest; wenn
+sie, indeß Du schwelgst, in rauher Jahrszeit bis nach Mitternacht,
+vielleicht gar dem bösen Wetter bloßgestellt, auf Dich
+voll tödtender Langerweile warten müssen; wenn Dein lächerlicher
+Hochmuth ein Gegenstand ihres Spottes wird, oder Dein
+Jähzorn sie mit Schimpfwörtern überhäuft; wenn sie mit aller
+Aufmerksamkeit kein freundliches Wort von Dir gewinnen können!
+— Geradheit, Redlichkeit, wahre Menschenliebe, Würde
+und Folgerichtigkeit in unsern Handlungen zu zeigen, das ist,
+so wie überhaupt das sicherste Mittel, uns allgemeine Achtung
+zu erwerben, so insbesondre geschickt, uns der Ehrerbietung und<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span>
+Zuneigung Derer zu versichern, die von uns abhängen, uns oft
+ohne Schminke in mancherlei Launen sehen, und gegen welche
+wir uns also schwerlich lange verstellen können. Es ist ein altes,
+aber sehr wahres Sprichwort: »So wie der Herr; also der
+Knecht!« Es versteht sich, daß dieß nur von Dienstboten gilt,
+die lange genug in einem Hause gedient haben, um den darin
+herrschenden Ton anzunehmen; aber bei diesen trifft es denn
+auch fast unfehlbar ein. Ein Kammerdiener, der ein Windbeutel
+ist, dient mehrentheils einem Prahler! bescheidne Herrschaften
+haben höfliches Gesinde; in stillen, ordentlichen Haushaltungen
+findet man sittsame, fleißige Leute zur Aufwartung;
+zänkische, lüderliche Bediente und Mägde sind <em class="gesperrt">da</em> zu Hause,
+wo Zwist und zügellose Sitten unter den Herrschaften im Gange
+sind. — Also ist ein gutes Beispiel (wortreicher Ermahnungen
+bedarf es nicht) das sicherste Mittel, brauchbares Gesinde zu
+bilden.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>So sehr ich nun einen freundlichen, liebreichen Umgang mit
+Bedienten anrathe, so wenig kann ich es billigen, wenn man
+sich ihnen unverholen in allen seinen Blößen zeigt, sie zu Vertrauten
+in heimlichen Angelegenheiten macht, sie durch übermäßige
+Bezahlung an ein üppiges Leben gewöhnt, — wenn
+man sie nicht gehörig beschäftigt, alles ihrer Willkühr überläßt,
+sie zu unumschränkten Herren über Kassen und Vorräthe macht,
+und dadurch in ihnen Reiz zum Betrug erweckt, — wenn man
+alle Gewalt über sie und alles Ansehen freiwillig aufgibt, und
+sich zu einer Vertraulichkeit und einem Tone herabläßt, der sie
+nothwendig in Versuchung führen muß, sich zu vergessen. —
+Man findet unter hundert Menschen von der Art kaum Einen,
+der das vertragen kann, der nicht Mißbrauch von einer solchen
+Nachsicht macht. Auch ist das eben kein Mittel, sich beliebt zu
+machen. Ein wohlwollendes, ernsthaftes, gesetztes, immer gleiches
+Betragen, entfernt von steifer, hochmüthiger Kälte und
+Feierlichkeit, — gute, richtige, nicht übermäßige, der Wichtigkeit
+ihrer Dienste angemessene Bezahlung, — strenge Pünktlichkeit,
+wenn es darauf ankömmt, sie zur Ordnung und zu demjenigen
+anzuhalten, wozu sie sich verbindlich gemacht haben, —
+Liebe und theilnehmende Güte, wenn sie die Gewährung einer
+anständigen, bescheidnen Bitte, die Vergünstigung eines unschuldigen<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span>
+Vergnügens von uns begehren, oder auch ungebeten
+nur erwarten können, — weise Ueberlegung in Zutheilung der
+Arbeit, so daß man sie nicht mit unnützen Arbeiten überhäufe,
+mit Geschäften, die bloß unser eitles Vergnügen zum Gegenstande
+haben, dennoch aber nicht leide, daß sie je müssig seyen,
+sondern sie auch anhalte, für sich selbst zu arbeiten, sich in Kleidung
+reinlich und rechtlich zu halten, sich Geschicklichkeit zu erwerben,
+— Aufmerksamkeit und Aufopfrung unsers eignen Interesse,
+wenn man Gelegenheit hat, ihnen ein besseres Schicksal
+zu verschaffen, sie zu befördern, — väterliche Sorgsamkeit für
+ihre Gesundheit, für ehrlichen Erwerb und für ihre sittliche Aufführung:
+— das sind die sichersten Mittel, gut, treu bedient,
+und von denen, die uns dienen, geliebt zu werden. Hierzu füge
+ich noch den Rath, nicht zu viel Dienstboten zu halten; aber
+die wenigen, die man hat, und deren man bedarf, nützlich und
+hinreichend zu beschäftigen, gut zu bezahlen und vernünftig zu
+behandeln. Je mehr Bedienten man hat, desto schlechter wird
+man bedient.</p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>Unsre feine Lebensart hat einem der ersten und süßesten Verhältnisse,
+dem Verhältnisse zwischen Hausvater und Hausgenossen,
+alle Anmuth, alle Würde genommen. Hausvaters-Rechte
+und Hausvaters-Freuden sind größtentheils verschwunden; das
+Gesinde wird nicht mehr als Theil der Familie angesehen, sondern
+als Miethlinge betrachtet, die wir nach Gefallen abschaffen,
+so wie auch <em class="gesperrt">sie</em> uns verlassen können, sobald sie sonst irgendwo
+mehr Freiheit, mehr Gemächlichkeit oder reichere Bezahlung
+zu finden glauben. Es ist nicht mehr anerkannt, daß wir
+ausser den Stunden, die sie unserm Dienste widmen müssen,
+kein Recht auf sie haben; wir leben nicht mehr unter ihnen, sehen
+sie nur dann, wenn wir ihnen das Zeichen mit der Schelle
+geben, und sie aus ihren, gewöhnlich sehr schmutzigen, ungesunden
+Löchern zu uns hervorkriechen. Diese lose, auf ungewisse
+Zeit geknüpfte Verbindung trennt das Interesse beider Theile,
+das doch ein gemeinschaftliches seyn sollte, auf eine unnatürliche
+und verderbliche Weise: der Herr sucht den Miethling recht wohlfeil
+zu bekommen, er müßte denn aus Eitelkeit oder Verschwendung
+mehr an ihn wenden; — was im Alter aus dem armen
+dienstbaren Geschöpfe werden wird, darum bekümmert er sich<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span>
+nicht, und der Bediente, der das weiß, sucht bei so ungewissen
+Aussichten zu erhaschen, was zu erhaschen ist, um wo möglich
+einen Nothpfenning zurückzulegen. Welchen Einfluß dieß auf
+Sittlichkeit, auf Bildung, auf Vertrauen und gegenseitige Zuneigung
+haben müsse, ist leicht einzusehen. Es ist wahr, daß
+nicht alle Herrschaften vollkommen so fremd und unnatürlich
+mit ihrem Gesinde umgehen; aber wo findet man in jetzigen
+Zeiten noch Solche, die, als Väter und Lehrer Derer, die ihnen
+dienen, sich's zur Freude machen, mitten unter ihnen zu sitzen,
+durch weise und freundliche Gespräche sie zu unterrichten, an
+ihrer sittlichen und geistigen Bildung zu arbeiten, und für ihr
+künftiges Schicksal besorgt zu seyn? Es ist wahr, daß Dienstboten
+selten so wohl erzogen sind, daß sie den Werth einer solchen
+Herablassung zu erkennen und gehörig zu nützen wissen;
+allein was hindert uns, das Gesinde selbst zu erziehen, sie als
+Kinder anzunehmen, sie dann lebenslang, wie die Mitglieder
+unsrer Familie, bei uns zu behalten, und ihr Schicksal, nach
+Verhältniß ihres Verdienstes und unsers Vermögens, zu verbessern?
+Ich kenne aus Erfahrung alle Ungemächlichkeiten einer
+solchen Unternehmung; vielfältig mißlingt es; unsre Arbeit belohnt
+sich nicht, wird nicht erkannt; die Kinder, wenn sie herangewachsen,
+fangen an, sich zu fühlen, und entziehen sich
+unsrer väterlichen Zucht. Allein oft sind wir selbst durch fehlerhafte
+Behandlung daran Schuld: und nicht immer handeln sie
+undankbar gegen uns. Wir geben ihnen zuweilen eine ganz andre
+Art von Erziehung, als für ihre Lage taugt, und dadurch
+gerade machen wir sie unzufrieden mit ihrem Zustande, statt ihr
+Glück zu bauen; oder wir behandeln sie, wenn sie schon erwachsen
+sind, noch immer wie Kinder. Der Freiheitstrieb ist allen
+Geschöpfen von der Natur eingeprägt; sie glauben, sich einem
+Joche zu entziehen, wenn sie von uns gehen, glauben unserer
+nicht mehr zu bedürfen, sich selbst rathen und regieren zu können.
+Vielfältig aber reuet es solche Menschen in der Folge, uns
+verlassen zu haben, wenn sie erst den Unterschied unter einem
+<em class="gesperrt">Herrn</em> und einem <em class="gesperrt">Hausvater</em> erfahren, und richtige Begriffe
+von wahrer Freiheit erhalten. Das Fremde, das man nicht
+kennt, sieht immer besser aus, als das gewöhnte, auch noch so
+Gute. Auf Erfolg und Dankbarkeit soll man übrigens in dieser
+Welt nie rechnen, sondern das Gute bloß aus Liebe zum Guten<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span>
+thun. Nicht alle Mühe aber ist verloren, die verloren zu seyn
+scheint, und die Wirkungen einer guten Erziehung äussern sich
+oft erst spät nachher. Es ist auch süß, für Andre zu pflanzen,
+und dagegen ein gemeines Verdienst, Früchte zu ziehen, die
+man selbst genießt.</p>
+
+<h4>6.</h4>
+
+<p>Ein Hausvater hat das Recht, sein Gesinde ernstlich zur
+Pflicht-Erfüllung anzuhalten; allein nie soll er sich durch Hitze
+verleiten lassen, erwachsene Dienstboten mit groben Schimpfwörtern,
+oder gar mit Schlägen zu behandeln. Ein edler Mann
+mag nur Kraft gegen Kraft setzen; nie wird er Den mißhandeln,
+der sich nicht wehren darf.</p>
+
+<p>Fast noch härter ist es, den armen Dienstboten, wegen kleiner
+Unachtsamkeiten, z. B. wenn sie etwas zerbrochen haben,
+einen Theil ihres sparsamen Lohns zu entziehen. Besser ist es,
+seinen Dienstboten so viel Zutrauen einzuflößen, daß sie selbst
+es sogleich anzeigen, wenn durch ihre Schuld etwas im Hause
+verloren gegangen oder zerbrochen ist, und dann ersetze man das
+fehlende Stück ohne Anstand wieder, lasse sein häusliches Inventarium
+nie verringert werden. Ist von einem Dutzend Tassen,
+Teller, Gläser oder dgl. erst <em class="gesperrt">ein</em> Stück fort: so wird nicht
+mehr auf die übrigen so viel Sorgfalt verwendet, und bald sind
+sie alle verschwunden, da man denn in einen vollen Beutel greifen
+muß.</p>
+
+<h4>7.</h4>
+
+<p>Fremden Bedienten soll man in aller Rücksicht höflich und
+liebreich begegnen, denn in Betracht Unsrer sind sie freie Leute,
+oder wir dürfen selbst uns nicht frei nennen, wenn wir Fürsten
+dienen. Dazu kömmt, daß manche Bediente sehr viel Einfluß
+auf ihre Herrschaften haben, daß die Stimme der Menschen aus
+niedrigen Klassen oft sehr entscheidend für unsern Ruf werden
+kann, und endlich, daß diese Klasse es sehr viel genauer damit
+zu nehmen pflegt, sich leichter beleidigt glaubt, als Personen,
+welche die Grundsätze einer feinen Erziehung über elende Kleinigkeiten
+hinaussetzt.</p>
+
+<h4>8.</h4>
+
+<p>Es wird hier nicht am unrechten Orte stehen, wenn ich die
+Warnung hinzufüge, sich vor Geschwätzigkeit und Vertraulichkeit
+in dem Umgange mit Haarkräuslern, Bartscheerern und<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span>
+Putzmacherinnen zu hüten. Dies Volk — doch gibt es auch da
+Ausnahmen — ist sehr geneigt, aus einem Hause in das andre
+zu tragen, Intriguen, Ränke, Klatschereien anzuspinnen, und
+sich zu allerlei unedlen Diensten gebrauchen zu lassen. Am besten
+ist es, sich mit ihnen auf einen ernsthaften Fuß zu setzen.</p>
+
+<h4>9.</h4>
+
+<p>Das Gesinde pflegt kleine Veruntreuungen in Eß-Waaren,
+Kaffee, Zucker u. dgl. für keinen Diebstahl zu halten. So unrecht
+dieß ist, so bleibt es doch darum nicht weniger die Pflicht
+der Herrschaften, ihren Domestiken die Gelegenheit zu benehmen,
+dergleichen Unredlichkeiten sich schuldig zu machen. Zwei
+Dinge sind hierbei am wirksamsten: zuerst, daß die Herrschaften
+mit dem Beispiel der Mäßigkeit und Selbstbeherrschung vorangehen,
+und dann, daß sie von Zeit zu Zeit durch freiwillige
+Darreichung solcher Bissen, welche die Lüsternheit reizen könnten,
+die Versuchung verhüten.</p>
+
+<h4>10.</h4>
+
+<p>Und nun sollte ich auch etwas von dem Betragen des Dieners
+gegen den Herrn reden. Hier nur so viel über diesen Gegenstand:
+Wer dient, der erfülle treu die Pflichten, zu welchen
+er sich verbindlich gemacht hat; er thue darin lieber zu viel, als
+zu wenig; den Vortheil seines Herrn sehe er wie seinen eignen
+an; er handle immer so offenbar, und führe seine Geschäfte mit
+solcher Ordnung, daß es ihm zu keiner Zeit schwer fallen könne,
+Rechenschaft von seinem Haushalte abzulegen; er mißbrauche
+nie das Zutrauen, die Vertraulichkeit seines Herrn; er decke nie
+die Fehler Dessen auf, dessen Brod er ißt; er lasse sich nicht verleiten,
+weder im Scherze, noch im Unwillen, die Gränzen der
+Ehrerbietung zu überschreiten, die er Dem schuldig ist, dem das
+Schicksal ihn unterwürfig gemacht hat; allein er betrage sich
+auch immer mit einer solchen Würde, daß es dem Obern nie
+einfallen könne, ihm mit Verachtung zu begegnen, oder unedle
+Dienste zuzumuthen, sondern daß dieser seinen Werth, als den
+eines Menschen, fühle, und, wenn er einer guten Empfindung
+fähig ist, des Abstandes ungeachtet, den die bürgerliche Verfassung
+zwischen ihnen gesetzt hat, ihm dennoch seine Hochachtung
+nicht versagen könne! Er lasse sich nicht durch blendende Aussenseiten
+bewegen, seinen Zustand zu verändern, sondern überlege,
+daß jede Lage ihre Ungemächlichkeiten hat, die man in der<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span>
+Ferne nicht wahrnimmt! Hat er bei diesem redlichen und vorsichtigen
+Betragen dennoch das Unglück, einem undankbaren,
+harten, ungerechten Herrn zu dienen: so ertrage er, wenn sanfte
+Vorstellungen nichts helfen, geduldig, ohne Geschwätz und ohne
+Murren, die lieblose Behandlung, so lange er sich dieser Lage
+nicht entziehen kann. Kann er aber, so trete er in ein anderes
+Verhältniß, schweige nachher über das, was ihm begegnet ist,
+und enthalte sich aller Rache, aller Lästerung, aller Plauderei!
+Doch können Fälle eintreten, wo seine gekränkte Ehre eine öffentliche
+oder gerichtliche Rechtfertigung gegen den mächtigen
+Unterdrücker fordert, und dann trete er ohne Winkelzüge, kühn
+und fest, voll Zuversicht auf die Güte seiner Sache, auf Gottes
+und der Menschen Gerechtigkeit, hervor, und lasse sich weder
+durch Menschenfurcht, noch durch Armuth abschrecken, seinen
+Ruf zu retten, wenn auch der stärkere Bösewicht ihm alles
+Uebrige rauben kann!</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Achtes_Kapit.">Achtes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns<br>
+in demselben Hause wohnen.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Wenn wir in der Ordnung von den ersten und natürlichsten
+Verhältnissen ausgehen, und immer von den einfachen zu den
+zusammengesetztern fortschreiten: so denken wir, nach den bis
+dahin betrachteten Verhältnissen, nun zuerst an die Verbindung
+mit Nachbarn und Hausgenossen.</p>
+
+<p>Unsre neuere Philosophie überspringt zwar diese engen Verhältnisse;
+allein ich bin dazu noch nicht aufgeklärt genug, und
+schreibe also aus Ueberzeugung den Satz hin: »Nächst den Personen
+Deiner Familie, bist Du am ersten Deinen Nachbarn
+und Hausgenossen Rath, That und Hülfe schuldig.« Es ist
+sehr süß, sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, wenn man
+mit lieben, wackern Nachbarn eines zwanglosen, freundschaftlichen
+und vertraulichen Umgangs pflegen darf. Es kommen im
+menschlichen Leben so manche Fälle, wo augenblickliche kleine
+Hülfe uns Wohlthat ist, wo wir uns zur Erholung von ernsthaften
+Arbeiten, wenn Sorgen uns drücken, nach der Gegenwart<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span>
+eines guten Menschen sehnen, den wir nicht erst weit zu
+suchen brauchen; — also vernachlässige man seine Nachbarn
+nicht, wenn sie irgend von geselliger, wohlwollender Gemüthsart
+sind! In großen Städten gehört es leider zum guten Tone,
+nicht einmal zu wissen, wer mit uns in demselben Hause wohne.
+Das finde ich sehr abgeschmackt, und ich weiß nicht, was mich
+bewegen sollte, eine halbe Meile weit zu fahren, wenn ich die
+Unterhaltung, oder die Langeweile, welcher ich nachrenne, eben
+so gut zu Hause finden könnte, oder um einen Freundschafts-Dienst
+die ganze Stadt zu durchjagen, wenn neben mir an ein
+Mensch wohnt, der mir denselben gern erzeigen würde, in so
+fern ich mir seine Freundschaft und sein Zutrauen erworben hätte.
+Schämen würde ich mich, wenn es der Fall wäre, daß die
+Miethkutscher und Straßenbuben mich besser, als meine Nachbarn
+kennten.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Kaum bedarf es der Bemerkung, daß man sich hüten müsse,
+sowohl sich denen aufzudringen, die uns als Hausgenossen nicht
+ausweichen können, wie auch besonders, ihre Handlungen auszuspähen,
+uns in ihre häuslichen Angelegenheiten zu mischen,
+ihren Schritten nachzuspüren, und ihre Schwachheiten oder Fehltritte
+unter die Leute zu bringen. Da vor Allen das Gesinde
+hierzu sehr geneigt zu seyn pflegt: so soll man seine Dienstleute
+davon abzuhalten, und den Geist der Klatscherei aus seinem
+Hause zu verbannen suchen. Die Aufgabe ist schwer, aber nicht
+unauflöslich.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Es giebt kleine Gefälligkeiten, die man Denen schuldig ist,
+mit welchen man in demselben Hause, oder denen man gegenüber
+wohnt, oder deren Nachbar man ist, — Gefälligkeiten,
+die an sich gering sind, doch aber dazu dienen, Frieden zu erhalten,
+uns beliebt zu machen, und die man deswegen nicht
+verabsäumen soll. Dahin gehört: daß man Poltern, Lärmen,
+spätes Thür-Zuschlagen im Hause vermeide, Andern nicht in
+die Fenster gaffe, nichts in fremde Höfe oder Gärten schütte,
+und dergleichen mehr.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Manche Menschen denken so wenig fein, daß sie glauben,
+gemiethete Häuser, Gärten und Hausgeräthe brauchten gar nicht<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span>
+geschont zu werden, und es sey bei Bestimmung der Mieths-Summe
+schon auf die Abnutzung und Verwüstung mit gerechnet
+worden. Ohne zu erwähnen, daß dieß wenigstens nicht immer
+der Fall ist, so denke ich auch: ein Mann, der Erziehung
+hat, kann kein Vergnügen daran finden, muthwilliger Weise
+etwas zu verderben, das nicht sein ist, wodurch er jemand betrübt,
+und sich verhaßt macht. Es wird sehr bald bekannt, wenn
+man pünktlich im Bezahlen, höflich und gefällig, dabei ordentlich
+und reinlich ist, und man wird dann lieber und um billigern
+Preis zum Miethsmanne aufgenommen, als mancher viel
+Vornehmere und Reichere.</p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>Wenn unter Leuten, die zusammen in demselben Hause wohnen,
+oder sonst täglich mit einander leben müssen, Verstimmungen
+oder Mißverständnisse entstehen: so thut man wohl, die Erläuterung
+zu beschleunigen; denn nichts ist peinlicher, als mit
+Personen unter einem Dache zu leben, gegen die man einen
+Widerwillen hegt.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Neuntes_Kapit.">Neuntes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>In alten Zeiten hatte man hohe Begriffe von den Rechten der
+Gastfreundschaft. Noch pflegen diese Begriffe in Ländern und
+Provinzen, die weniger bevölkert sind, oder wo einfachere Sitten
+bei weniger Reichthum, Luxus und Weichlichkeit herrschen,
+so wie auf dem Lande, in Ausübung gebracht, und die Rechte
+der Gastfreundschaft heilig gehalten zu werden. In unsern glänzenden
+Städten hingegen, wo nach und nach der Ton der feinen
+Lebensart allen Biedersinn zu verdrängen anfängt, gehören
+die Gesetze der Gastfreundschaft nur zu den Höflichkeits-Regeln,
+die Jeder nach seiner Lage und nach seinem Gefallen mehr oder
+weniger anerkennt und befolgt. Auch ist es wahrlich zu verzeihen,
+wenn man, bei immer zunehmendem Luxus, und dem
+mannigfaltigen Mißbrauche, den man in unsern Zeiten von der
+Gutherzigkeit der Menschen macht, vorsichtig in Erzeigung solcher
+Gefälligkeiten wird, und wenn man genauere Rücksprache<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span>
+mit seinem Geldbeutel nimmt, bevor man jedem Müßiggänger
+und freundlichen Schmarotzer Haus, Küche und Keller öffnet.
+Wer hierin aus thörichter Eitelkeit zu viel thut, betrügt zugleich
+sich und Andre: sich, indem er ein Vermögen verschwendet,
+das er besser anwenden könnte; und Andre, indem er, unter
+dem Titel von Gastfreundschaft, nur seinen Hang zur Prahlerei
+befriedigt. Von der Gastfreundschaft der Großen und Reichen
+rede ich gar nicht; Langeweile, Eitelkeit und Prachtliebe ordnen
+da alles auf's Beste, und Der, welcher gibt, weiß, sowohl wie
+Der, welcher empfängt, auf welche Rechnung er dieß zu schreiben,
+und wie er sich dabei zu betragen habe. Aber für die Gastfreundschaft
+unter Personen vom mittlern Stande will ich doch
+einige allgemeine Regeln geben.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Man reiche das Wenige, was man der Gastfreundschaft
+opfern kann, in gehörigem Maaße, mit guter Art, mit treuem
+Herzen und mit freundlichem Gesichte dar! Man suche bei Bewirthung
+eines Fremden oder eines Freundes weniger Glanz,
+als Ordnung und guten Willen zu zeigen; fremde Reisende kann
+man sich vorzüglich durch gastfreundschaftliche Aufnahme verpflichten.
+Es kömmt ihnen nicht auf eine köstliche freie Mahlzeit,
+aber darauf kömmt es ihnen an, daß sie Eingang in guten
+Häusern, und dadurch Gelegenheit erhalten, sich über Gegenstände
+zu unterrichten, die zu dem Zwecke ihrer Reise gehören.
+Gastfreundschaft gegen Fremde ist desfalls sehr zu empfehlen.
+Man sehe nicht verlegen aus, wenn uns unerwartet ein Besuch
+überrascht! Nichts ist einem Reisenden unangenehmer und peinlicher,
+als wenn er merkt, daß es dem Manne, der ihn bewirthet,
+sauer wird, daß er ungern und nur aus Höflichkeit hergibt,
+oder daß er mehr Aufwand dabei verschwendet, als seine Umstände
+leiden; wenn er ohne Unterlaß seiner Frau oder seinen
+Bedienten in die Ohren flüstert, oder mit ihnen zankt, sobald
+eine Schüssel unrecht gestellt, oder etwas vergessen worden ist;
+wenn er selbst im Hause herumläuft, alles anordnet und also an
+der Unterhaltung gar nicht Theil nimmt; wenn der Mann zwar
+gern gibt, die Frau hingegen dem armen Gast jeden Bissen in
+den Mund zählt; wenn so wenig in den Schüsseln liegt, daß
+Der, welcher vorlegt, unmöglich herumreichen kann; wenn der
+Wirth und die Wirthin ungestüm zum Essen und Trinken nöthigen,<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span>
+oder auf eine Weise geben, die zu sagen scheint; »Es ist
+nun einmal angeschafft; also füllet Euch den Bauch voll! Werdet
+recht satt, so habt Ihr auf lange Zeit genug, und brauchet
+so bald nicht wieder zu kommen!« endlich, wenn man Zeuge
+von Familienzwist und der Unordnung, die im Hause herrscht,
+seyn muß. Mit Einem Worte: es gibt eine Art, Gastfreundschaft
+zu erweisen, die dem Wenigen, das man darreicht, einen
+höhern Werth gibt, als die üppigsten Schmausereien. Vieles
+trägt hierzu die Unterhaltung bei. Man muß daher die Kunst
+verstehen, mit seinen Gästen nur von solchen Dingen zu reden,
+die sie gern hören; in einem größern Kreise solche Gespräche zu
+führen, woran Alle mit Vergnügen Theil nehmen und sich dabei
+in vortheilhaftem Lichte zeigen können. Der Blöde muß ermuntert,
+der Traurige aufgeheitert werden. Jeder Gast muß
+Gelegenheit bekommen, von etwas zu reden, wovon er gern redet.
+Weltklugheit und Menschenkenntniß müssen hier in den besondern
+Fällen zum Leitfaden dienen. Man muß nichts als
+Auge und Ohr seyn, ohne daß dieß mühsam aussehe, ohne daß
+man Anstrengung wahrnehme, oder einen Zwang, den man
+sich anthut, um zu zeigen, man wisse zu leben. Man bitte nicht
+Menschen zusammen, oder setze solche an Tafeln neben einander,
+die sich fremd, oder gar feind sind, sich nicht verstehen, nicht
+zu einander passen, sich Langeweile machen! Alle diese Aufmerksamkeiten
+aber müssen auf eine solche Art erwiesen werden,
+daß sie nicht mehr Zwang auflegen, als sie Wohlthat für den
+Gast sind. Haben die Bedienten aus Versehen den unrechten
+Mann, oder haben sie einen Gast auf den unrechten Tag gebeten;
+so muß der Fremde doch nicht merken, daß er uns unerwartet
+kommt, wenigstens nicht, daß er uns in Verlegenheit
+setzt, uns unwillkommen ist.</p>
+
+<p>Manche Menschen unterhalten sich und Andere am besten,
+wenn man sie zu großen Gesellschaften bittet; Andre muß man,
+wenn sie glänzen, oder sich an ihrem Platze finden sollen, ganz
+allein, oder nur zu einem kleinen Familienmahl einladen: auf
+dies alles muß man Acht haben. Jeder, der auf kurze oder
+lange Zeit in Deinem Hause ist, und wäre er Dein ärgster
+Feind, muß daselbst von Die gegen alle Arten von Beleidigung
+und Verfolgungen Andrer, so viel an Dir ist, geschützt seyn!
+Es müsse Jeder unter unserm Dache sich so frei wie unter seinem<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span>
+eignen fühlen; man lasse ihn seinen Gang gehen, renne ihm
+nicht in jeden Winkel nach, wenn er vielleicht allein seyn will,
+und verlange nicht von ihm, daß er für die Bewirthung alle
+Unkosten der Unterhaltung allein tragen, durch Kurzweil ergötzen,
+und dadurch seine Zeche bezahlen solle; endlich lasse man
+nicht nach in Gefälligkeit und Bewirthung, wenn der Freund
+sich längre, vielleicht, ein wenig unbescheiden, zu lange Zeit bei
+uns aufhält, sondern erzeige ihm gleich in den ersten Tagen
+nicht mehr und nicht weniger, als man in der Folge fortsetzen
+kann!</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Der Gast aber hat gegen den Wirth auch gegenseitig Rücksichten
+zu nehmen. Ein altes Sprichwort sagt: »Ein Fisch und
+ein Gast halten sich beide nicht gut länger, als drei Tage im
+Hause.« Diese Vorschrift leidet nun wohl glücklicher Weise
+manche Ausnahmen; allein so viel Wahres steckt doch darin,
+daß man sich niemand aufdringen, und Ueberlegung genug haben
+soll, zu bemerken, <em class="gesperrt">wie lange</em> unsre Gegenwart in einem
+Hause angenehm, und für niemand eine Bürde ist. Nicht immer
+ist man so aufgelegt, nicht immer in seinen häuslichen Angelegenheiten
+so eingerichtet, daß man gern Gäste bei sich sieht,
+oder lange beherbergt. Bei Leuten, die nicht auf einen sehr großen
+Fuß leben, soll man daher nicht leicht unvermuthet kommen,
+oder sich selbst einladen. Dem Manne, der uns Gastfreundschaft
+erweiset, sollen wir, zum Lohne seiner Güte, so wenig Last wie
+möglich machen. Hat der Wirth mit seinen Leuten zu reden, oder
+sonst häusliche Geschäfte: so schleiche man ruhig davon, bis er
+fertig ist. Der bescheidene Gast wird ruhig und still sich nach den
+Sitten des Hauses richten, den Ton der Familie annehmen, als
+wenn er ein Glied derselben wäre, wenig Aufwartung fordern,
+genügsam seyn, sich nicht in häusliche Angelegenheiten mischen,
+nicht durch böse Launen den Ton verstimmen, und wenn es,
+seiner Meinung nach, irgendwo in der Bewirthung gemangelt
+hat, nicht undankbar und unedel hinter dem Rücken her darüber,
+oder über das, was er sonst etwa in dem Hause gesehen hat, seinen
+Spott treiben.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Es gibt aber auch Menschen, die einen so gewaltig hohen
+Werth auf die Gastfreundschaft setzen, welche sie uns erweisen,<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span>
+daß sie dafür gelobt, geschmeichelt, bedient, häufig besucht, und
+wer weiß was sonst alles seyn wollen. Das ist nun freilich nicht
+billig. Ein mäßiger Mann verlangt doch nicht mehr, als sich
+satt zu essen, und das kann er ja leicht um geringern Preis.
+Das Mehr oder Weniger ist so viel nicht werth, und ich halte
+wahrhaftig meine Gesellschaft und meine verlorne Zeit eben so
+theuer, wie Ihre Hochmögenden Dero Pasteten und Braten.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Zehntes_Kapit.">Zehntes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten<br>
+empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern,<br>
+Gläubigern und Schuldnern.</span></h3>
+</div>
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Die Dankbarkeit ist eine der heiligsten Tugenden. Wer Dir
+Gutes gethan hat, den ehre! Danke ihm nicht nur mit Worten,
+die ihm die Wärme Deiner Erkenntlichkeit zeigen, sondern
+suche auch jede Gelegenheit auf, wo Du ihm wieder dienen und
+nützlich werden kannst! Fehlt Dir aber dazu die Veranlassung,
+so entfalte ihm wenigstens durch ein auszeichnend ehrendes und
+theilnehmendes Betragen Dein dankbares Herz! Du darfst nicht
+gerade dies Betragen pünktlich nach der Größe der Wohlthat
+abmessen, die Du empfangen hast, sondern nach dem Grade des
+guten Willens, den Dein Wohlthäter Dir gezeigt hat! Höre
+auch <em class="gesperrt">dann</em> nicht auf, dankbar gegen ihn zu seyn, wenn Du
+seiner nicht mehr bedarfst, oder wenn Unglücksfälle ihn von seiner
+Höhe herabgestürzt, ihn seines Glanzes beraubt haben!</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Nie aber laß Dich zu niederträchtiger Schmeichelei herab,
+um entweder Wohlthaten zu erschleichen, oder für den empfangnen
+Schutz auf unedle Weise Dich zum Sclaven eines schlechten
+Mannes zu machen! Wo Pflicht und Rechtschaffenheit es fordern,
+da müsse Dein Mund nie zum Unrechte schweigen, und
+keine Art von Bestechung die Stimme der Wahrheit zum Schweigen
+bringen! Du bezahlst reichlich die Wohlthat, wenn Du dafür
+die Pflichten eines ächten Freundes erfüllst, und, selbst mit
+Gefahr, den Schutz zu verlieren und für undankbar gehalten zu
+werden, dem Wohlthäter sagst, was ihm nöthig und heilsam zu<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span>
+hören ist. Eben so wenig leide, daß jemand sich's zum Verdienste
+anrechnet, daß er Dich bis jetzt hochgeschätzt, Dich bei
+Andern gelobt und vertheidigt habe! Warst Du dessen würdig,
+so erfüllte er eine Pflicht, die man auch seinen Feinden nicht
+versagen darf, wo nicht, so hat er nicht gehandelt, wie ein gerechter
+und verständiger Mann, selbst in Rücksicht seiner Freunde,
+handeln soll.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Es ist eine unangenehme Lage, wenn man jemand, dem
+man viel Verbindlichkeit schuldig ist, nachher von einer schlechten
+Seite kennen lernt. Dieser Verlegenheit weicht man nun
+freilich aus, wenn man so wenig wie möglich Wohlthaten annimmt.
+Allein nicht immer läßt sich das thun; und wenn man
+dann wirklich in die Verlegenheit kommt, einem schlechten Menschen
+auf diese Art verpflichtet zu werden: so rathe ich an, ihn
+wenigstens mit so viel Schonung zu behandeln, als nur immer
+mit Redlichkeit und weiser Wahrheitsliebe bestehen kann, und
+von seiner Schlechtigkeit zu schweigen; doch nur, in so fern
+Schweigen nicht Verbrechen gegen die öffentliche Wohlfahrt
+ist; — denn in diesem letztern Falle muß alle Rücksicht aufhören.
+So wie aber unter den Menschen, welche Wohlthaten erzeigen:
+so ist auch ein Unterschied unter den Wohlthaten selbst.
+Es gibt unbedeutende Gefälligkeiten, die man ohne Furcht, auch
+von den schlechtesten Leuten annehmen kann. Es ist dann <em class="gesperrt">ihre</em>
+Schuld, wenn sie dieselben höher anrechnen, als sie werth sind.
+In andern Fällen hingegen, besonders wenn man empfangene
+Dienste nicht erwiedern kann, ist es klug und edel, sie lieber
+nicht anzunehmen.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Die Art, <em class="gesperrt">wie</em> man Wohlthaten erzeigt, ist oft mehr werth,
+als die Handlung selbst. Man kann durch dieselbe den Preis jeder
+Gabe erhöhen, so wie von der andern Seite ihr alles Verdienst
+rauben. Wenig Menschen verstehen diese Kunst; nur die
+Edlen und Gefühlvollen wissen sie meisterhaft auszuüben, und
+zugleich dem dankbaren Herzen die Gelegenheit, sich erkenntlich
+zu beweisen, nicht zu verkümmern. <em class="gesperrt">Der</em> gibt doppelt, der
+<em class="gesperrt">gleich</em>, zu rechter Zeit, ungebeten und mit Freuden gibt. Gib
+gern! Es ist seliger Genuß, es ist Wohlthat, geben, zur Freude
+Andrer etwas beitragen zu dürfen. Gib also gern, aber verschwende<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span>
+nicht Deine Wohlthaten! Sey dienstfertig, bereitwillig;
+aber dringe niemanden Deine Dienste auf! Rechne nicht,
+ob es erkannt und belohnt werden wird! Brauche doppelte Schonung
+im Umgange mit Denen, welchen Du Gutes erwiesen,
+aus Furcht, sie mögten argwöhnen, Du wolltest Dich für Deine
+Mühe bezahlt machen, sie Dein Uebergewicht fühlen lassen, Dir
+größere Freiheit gegen sie erlauben, weil sie aus Dankbarkeit
+schweigen müssen! Oft ist es edler und zarter gehandelt, von
+Dem keine Gegen-Gefälligkeiten anzunehmen, dem wir Wohlthaten
+erzeigt haben; oft hingegen ist es edler, ihm Gelegenheiten
+zu geben, uns durch kleine Dienste, die man ihm hoch anrechnen
+kann, für große gleichsam zu bezahlen, damit keine zu
+schwere Last von Verbindlichkeiten auf ihm zu liegen scheine.
+Weise nicht die Bittenden von Deiner Thür zurück! Wenn Dich
+jemand um Rath, Hülfe, Wohlthat anspricht: so höre ihm
+freundlich, theilnehmend und aufmerksam zu! Laß ihn ausreden,
+Dir seine Sache vorstellen, ohne ihm in die Rede zu fallen, denn
+dem Unglücklichen thut es sehr wohl, wenn er nur sein Herz
+ausschütten kann.</p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>Keine Wohlthat ist größer, als die des Unterrichts und der
+Bildung. Wer jemals etwas dazu beigetragen hat, uns zu weisern,
+bessern und glücklichern Menschen zu machen, der müsse
+unsers wärmsten Danks lebenslang gewiß seyn können! Hat er
+dabei nicht alles geleistet, was wir jetzt, bei reifern Jahren, bei
+weitern Fortschritten in der Kultur, von einem Lehrer und Erzieher
+fordern würden: so sollen wir doch nicht unerkenntlich gegen
+das seyn, was wir von ihm empfangen haben.</p>
+
+<p>Ueberhaupt verdienen ja Diejenigen wohl mit vorzüglicher
+Achtung behandelt zu werden, die sich redlich dem wichtigen Erziehungs-Geschäfte
+widmen. Es ist wahrlich eine höchst schwere
+Arbeit, Menschen zu bilden: — eine Arbeit, die sich nie mit
+Gelde bezahlen läßt. Der geringste Dorf-Schulmeister, wenn
+er seine Pflichten treulich erfüllt, ist eine wichtigere und nützlichere
+Person im Staate, als der Finanz-Minister; und da sein
+Gehalt gewöhnlich sparsam genug abgemessen ist: was kann da
+billiger seyn, als daß man diesem Mann wenigstens durch hinreichendes
+Auskommen, und einige Ehrenbezeigung das Leben
+süß, und das Joch erträglich zu machen suche? Schämen sollten<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span>
+sich die Menschen, die den Erzieher ihrer Kinder wie eine Art
+von Dienstboten behandeln! Mögten sie nur bedenken (wenn
+sie auch nicht fühlen können, wie unedel dies Betragen an sich
+schon ist), welchen nachtheiligen Einfluß dieß auf die Bildung
+der Jugend hat! Es kann mir durch die Seele gehen, wenn ich
+den Hofmeister in manchem adelichen Hause demüthig und stumm
+an der Tafel seiner gnädigen Herrschaft sitzen sehe, wo er es nicht
+wagt, sich in irgend ein Gespräch zu mischen, sich auf irgend
+eine Weise der übrigen Gesellschaft gleich zu stellen, — wenn
+sogar den ihm untergebenen Kindern von Eltern, Fremden und
+Bedienten der Rang vor ihm gegeben wird, — vor ihm, der,
+wenn er seinen Platz ganz erfüllt, als der größte Wohlthäter
+der Familie angesehen werden sollte. — Es ist wahr, daß es
+unter den Männern dieser Art hie und da solche gibt, die eine
+so traurige Figur ausser ihrer Studirstube spielen, daß man nicht
+wohl auf einem bessern Fuß mit ihnen umgehen kann; allein
+das widerlegt nicht dasjenige, was ich von der Achtung gesagt
+habe, die man diesem Stande schuldig ist. — Wehe <em class="gesperrt">den</em> Eltern,
+die ihre Kinder solchen <em class="gesperrt">selbst</em> nicht erzogenen Miethlingen
+anvertrauen!</p>
+
+<p>Hast Du aber einen edlen Freund gefunden, der sich der Erziehung
+Deines Sohnes annimmt: so ist es auch nicht genug,
+daß Du ihm ausgezeichnet freundlich, ehrenvoll und dankbar begegnest;
+Du mußt ihm auch freie Macht lassen, ohne Widerspruch
+seinen Erziehungsplan durchzusetzen; und von <em class="gesperrt">dem</em> Augenblicke
+an, da Du Dein Kind seiner Leitung übergibst, hast
+Du den wichtigsten Theil Deiner väterlichen Rechte auf ihn
+übertragen. — Doch dies alles gehört mehr in ein Werk über
+Erziehung, als daß hier der Ort wäre, weitläuftig davon zu
+handeln. Ich schweige daher auch von dem Betragen der Lehrer
+und Hofmeister im Umgange mit ihren Untergebenen, und eile
+weiter.</p>
+
+<h4>6.</h4>
+
+<p>Ueber den Umgang mit Schuldnern und Gläubigern habe
+ich wenig zu sagen. Man sey menschlich, billig und höflich gegen
+die Erstern! Man glaube nicht, daß jemand, der uns Geld
+schuldig ist, deswegen unser Sclave geworden sey, daß er sich
+alle Arten Demüthigungen von uns müsse gefallen lassen, daß
+er uns nichts abschlagen dürfe, noch überhaupt, daß der elende<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span>
+Bettel, der Mammon, einen Menschen berechtigen könne, sein
+Haupt über den andern emporzuheben! Seine Gläubiger bezahle
+man pünktlich, und halte sein Wort treulich! Man verwechsele
+nicht den ehrlichen Mann, der von billigen Zinsen leben muß,
+mit dem jüdischen Wucherer: so wird man immer Kredit haben,
+und, wenn man in Verlegenheit sich befindet, billige Menschen
+antreffen, die uns, ohne ihren Schaden, aus der Noth helfen.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Eilftes_Kapit.">Eilftes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber das Betragen gegen Leute, in allerlei besondern Verhältnissen<br>
+und Lagen.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Zuerst über die Aufführung gegen unsre <em class="gesperrt">Feinde</em>! Man kränke
+niemand vorsätzlich; man sey wohlwollend, dienstfertig, verständig,
+vorsichtig, gerade und ohne Winkelzüge in allen Handlungen;
+man erlaube sich keinen Schritt zum Nachtheil eines Andern;
+man zerstöre keines Menschen Glückseligkeit; man verläumde
+niemand; man verschweige selbst das wirkliche Böse, das
+man von seinem Mitmenschen weiß, wenn man nicht entschiednen
+Beruf hat, oder das Wohl Andrer es bestimmt erfordert,
+darüber zu reden: so wird man — etwa keine Feinde haben? —
+das sage ich nicht; aber man wird, wenn uns dennoch Neid
+und Bosheit verfolgen, wenigstens die Beruhigung empfinden,
+keine Veranlassung zur Feindschaft gegeben zu haben.</p>
+
+<p>Es steht nicht immer in unsrer Willkühr, geliebt, aber es
+hängt immer von uns ab, geachtet zu werden. Allgemeiner Beifall,
+allgemeines Lob sind eben so zweideutige, als entbehrliche
+Merkmale des persönlichen Werthes; allgemeine Achtung können
+selbst die Schurken dem Redlichen und Weisen in ihren Herzen
+nicht versagen, und der warmen Freunde bedarf man etwa
+nur drei in der Welt, um glücklich zu seyn.</p>
+
+<p>Will man ohne Zwang und Unruhe in dem Umgange mit
+Menschen leben, so muß man es nicht darauf anlegen, oder für
+wünschenswerth halten, von allen Menschen für gut und weise
+gehalten zu werden. Je mehr hervorleuchtende edle Eigenschaften
+aber ein Mann hat, um desto gewisser kann er darauf rechnen,
+von der Scheelsucht schwacher und schlechter Menschen<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span>
+Manches ertragen zu müssen; und Die, welche die allgemeine
+Stimme des Pöbels aller Klassen für sich haben, sind mehrentheils
+die mittelmäßigsten Leute, Leute ohne Charakter, oder
+niedrige Schmeichler und Heuchler. Es ist wahrlich nicht schwer,
+Menschen zu gewinnen, auch die zu gewinnen, welche am heftigsten
+gegen uns eingenommen waren, und das oft durch ein
+einziges Gespräch unter vier Augen, wenn man ihre schwache
+Seite studirt hat, und es recht darauf anlegt. Allein das ist
+eine elende, des redlichen Mannes unwürdige Kunst, — und
+was kümmert es mich am Ende, ob Menschen, die mein Herz
+nicht kennen, — ja, die mich nie gesehen haben, durch die Geschwätze
+irgend eines alten Weibes gegen mich eingenommen
+sind, oder nicht?</p>
+
+<p>Klage aber nie über Verfolgung und Feinde, wenn Du nicht
+Lust hast, die Anzahl der letztern zu vermehren; es schleicht immer
+eine Anzahl furchtsamer, niederträchtiger Geschöpfe umher,
+die nicht den Muth haben, gegen einen Mann von Würde sich
+öffentlich zu erklären, die aber sich augenblicklich an Dich wagen,
+sobald sie Dich hülflos, scheu und niedergeschlagen erblicken;
+und diese, so unbedeutend sie Dir auch scheinen mögten, können
+mit ihren Neckereien Dir tausendfältigen Kummer machen. Der
+feste Mann muß sich selbst schützen. Zeige Zuversicht zu Dir selber,
+so wirst Du ganze Heere von Schelmen im Zaume halten!
+Zudem ist des Kämpfens in der Welt so viel: jeder gute Mann
+hat mit seinen eignen Angelegenheiten genug zu thun, so daß
+es vergebens ist, Alliirte zu suchen, weil diese bei der ersten Gelegenheit,
+wo es eigne Sicherheit gilt, davon laufen. Der Mann,
+welcher sich stellt, als merke er nicht einmal, daß man ihn verfolgt,
+der von Zeit zu Zeit sagt: »Gottlob! mir geht es gut;
+ich habe Freunde;« wird für einen mächtigen Bundesgenossen
+gehalten, dessen man schonen müsse; dahingegen über den Verlassenen
+Jeder herfällt.</p>
+
+<p>Willst Du Dich der Ueberlegenheit erfreuen, wenn Du beleidigt
+wirst, so werde nie hitzig oder grob gegen Deine Feinde,
+weder in Gesprächen, noch Schriften. Und wenn böser Wille
+und Leidenschaft, wie es mehrentheils geschieht, bei ihnen im
+Spiele sind: so laß Dich auf keine Art von Erläuterung ein!
+Schlechte Leute werden am besten durch Verachtung bestraft,<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span>
+und Klatschereien am leichtesten widerlegt, wenn man sich gar
+nicht darum bekümmert.</p>
+
+<p>Wenn man daher unschuldig verleumdet, angeklagt, verkannt
+wird, so zeige man Stolz, Fassung und Würde in seinem
+Betragen: und die Zeit wird alles aufklären, oder der Vergessenheit
+übergeben.</p>
+
+<p>Nicht alle Bösewichter sind unempfindlich gegen eine edle,
+großmüthige, immer gleiche, gerade Behandlung. Mit diesen
+Waffen also kämpfe man, so lange sich's irgend thun läßt, gegen
+seine Feinde! Sie müssen nicht Rache fürchten, sondern
+den Richterstuhl des Publikums, wenn sie fortfahren, einen
+Mann zu verfolgen, dem niemand seine Ehrerbietung versagt.</p>
+
+<p>Wenn aber Dein Stillschweigen bei ihren Ausfällen sie noch
+kecker macht, dann zeige einmal, was Du <em class="gesperrt">thun könntest</em>,
+wenn Du <em class="gesperrt">wolltest</em>! Aber gebrauche dabei keine Winkelzüge!
+Vereinige Dich nie mit andern schlechten Leuten; mache keine
+gemeinschaftliche Sache mit <em class="gesperrt">einem</em> Schelme, um den andern
+zu bekämpfen; sondern tritt ganz allein, muthig, kühn, schnell,
+gerade und öffentlich gegen sie auf! Es ist unglaublich, wie viel
+ein Einziger, mit einem guten Gewissen und mit edlem Feuer,
+gegen Schaaren von Nichtswürdigen vermag.</p>
+
+<p>Sey nur trotzig gegen mächtige, siegende Feinde! Des Ueberwundnen,
+des Unglücklichen schone, und verschweige alles Unrecht,
+das er Dir vormals zugefügt hat, sobald er ausser Stande
+ist, Dir ferner zu schaden, oder sobald die Stimme des Publikums
+ihn gerichtet hat! Allein der Bösewicht wendet alles an,
+um es dahin nicht kommen zu lassen; — das Gefühl seiner eignen
+Ungerechtigkeit wird ein neues Verbrechen für Den, welchen
+er muthwillig gekränkt hat. Doch endlich kömmt alles an
+den Tag, und dann genieße mit Bescheidenheit die Freuden des
+Triumphs!</p>
+
+<p>Laß Dir nie zweimal die Hand zur Versöhnung reichen! Vergiß
+dann alle Beleidigungen, solltest Du auch fürchten müssen,
+daß dein Beleidiger bei der ersten Gelegenheit die Feindseligkeit
+erneuern wird! Sey zwar auf Deiner Hut; aber zeige kein Mißtrauen!
+Es ist besser, unschuldiger Weise zum zweitenmal beleidigt
+werden, als ein einzigmal den Mann, dem es mit seiner
+Rückkehr zu Dir ein Ernst ist, kränken, erbittern, und ihm allen<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span>
+Muth nehmen! Aber man muß auch verzeihen können, <em class="gesperrt">ohne</em>
+darum gebeten zu werden.</p>
+
+<p>Man hat oft die beste Gelegenheit, die Gemüthsart eines
+Menschen dann kennen zu lernen, wenn er uns beleidigt hat.
+Man gebe Acht, ob er es durch Bitten um Verzeihung wieder
+gut zu machen sucht? — und wie? — gleich, oder lange nachher?
+— öffentlich oder heimlich? — und warum nicht gleich,
+und vor allen Leuten? — Aus Starrköpfigkeit, Eitelkeit, oder
+Blödigkeit? — Oder ob er gar keinen Schritt thut, sondern
+uns laufen läßt, wohl gar mault, und den Gekränkten verdächtig
+und verhaßt zu machen sucht? — Ob jenes aus Leichtsinn
+oder Tücke? — Oder ob er den Fehler zu beschönigen sucht, den
+Gesichtspunkt zu verrücken sucht, um Recht zu behalten. —
+Schon in den Jahren der Kindheit kann man aus diesen Zügen
+auf den künftigen Charakter schließen.</p>
+
+<p>Uebrigens hat man nicht Unrecht, wenn man behauptet, daß
+unsre Feinde oft, ohne es zu wollen, unsre größten Wohlthäter
+sind. Sie machen uns aufmerksam auf Fehler, die unsre eigne
+Eitelkeit, und die Nachsicht unsrer partheiischen Freunde, und
+die niedrige Gefälligkeit der Schmeichler vor unsern Augen verbergen.
+Ihre Schmähungen feuern in uns den Eifer an, desto
+sorgsamer den Beifall der Bessern zu verdienen; und wenn sie
+jedem unsrer Schritte auflauren, so lehren sie uns auf unsrer
+Hut seyn, um ihnen keine Blöße zu geben.</p>
+
+<p>Keine Feindschaft pflegt heftiger zu seyn, als die unter entzweieten
+Freunden. Unsre Eitelkeit kömmt da in das Spiel;
+wir schämen uns, das Spielwerk eines Bösewichts gewesen zu
+seyn; wir wenden alles an, um Diesen nun im schlechtesten
+Lichte zu zeigen, damit wir vor der Welt unsre Trennung von
+ihm rechtfertigen mögen. — Es ist ein trauriger Anblick, zu
+sehen, wie dann selbst <em class="gesperrt">edle</em> Menschen, wenn sie gegen einander
+aufgebracht sind, sich gegenseitig höchst unedel zu verkleinern suchen,
+um sich gegen sich selber zu rechtfertigen. (S. Kap. 6.)</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Wir kommen oft in nicht geringe Verlegenheit, wenn unsre
+Lage uns zwingt, mit <em class="gesperrt">Leuten</em> umzugehen, <em class="gesperrt">die einander
+feind sind</em>, wo man es gar leicht mit einer Parthei verdirbt,
+sobald man mit der andern gut steht, oder es mit Beiden verdirbt,
+wenn man sich ungebeten, oder auf unvorsichtige Weise,<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span>
+in diese Händel mischt; ich empfehle dabei folgende Vorsichtigkeits-Regeln:</p>
+
+<p>So viel man kann, vermeide man es, mit zwei Partheien
+umzugehen, die mit einander in Zwist leben!</p>
+
+<p>Kann man dieß aber nicht ändern, zum Beispiel, ohne plötzlich
+ein Verhältniß aufzuheben, in welchem man lange Zeit gestanden:
+so setze man sich, wo möglich, auf den Fuß, in die
+obwaltenden Streitigkeiten durchaus nicht eingeflochten zu werden!
+Man bitte sich's vielmehr aus, daß in den Gesprächen
+diese Sache nie berührt werde! Diese Regel findet vorzüglich
+dann Statt, wenn Menschen, die ehemals vertraute Freunde
+gewesen sind, nun auf einmal in Feindschaft mit einander gerathen.
+Verhalte Dich ganz leidend, wenn dann einer über den
+andern bei Dir klagt! Er mag nun in der ersten Empfindlichkeit
+ein Wort zu viel gesagt haben, und nachher mit seinem Gegentheile
+wieder einig werden, oder es mag in dauernde Feindschaft
+übergehen: so wird er es doch bei kaltem Blute übel nehmen,
+wenn Du zum Guten oder Bösen gerathen hast.</p>
+
+<p>Kann man aber auch dieß nicht ändern, so enthalte man
+sich zuerst aller feigen und heuchlerischen Zweizüngigkeit! Das
+heißt: man rede nicht, wenn man bei der einen Parthei ist,
+zum Nachtheile der andern, und wiederum zum Tadel jeder,
+wenn diese es wünschen; sondern, wenn man sich durchaus darüber
+erklären muß, immer so, wie es einem redlichen, gerechten
+Manne zukömmt!</p>
+
+<p>Noch schändlicher aber, als jene Duplicität, ist das Verfahren
+mancher Menschen, die, um bei solcher Gelegenheit im Trüben
+zu fischen, oder sich wichtig zu machen, oder aus Schadenfreude
+und Geist der Intrigue, von beiden Seiten Oel zum
+Feuer gießen, und den Zwist unterhalten.</p>
+
+<p>Wenn man ferner die streitenden Theile nicht recht genau
+kennt; wenn sie nicht unsre vertrautesten Freunde sind; wenn
+man nicht ganz gewiß weiß, daß man es mit edeln, von Vernunft
+regierten Leuten zu thun hat, die vielleicht nur durch Mißverständnisse,
+oder durch andre, mit Hülfe eines Dritten leicht
+zu hebende Irrungen getrennt worden; wenn vielmehr böser
+Wille, Eigennutz, ungesellige Gemüthsart, oder unbändige Leidenschaft
+im Spiele ist, — folglich keine dauerhafte Wiedervereinigung
+zu hoffen steht: so lasse man sich nicht darauf ein, Versöhnung<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span>
+stiften zu wollen! Man verdirbt es dabei leicht mit einer
+Parthei, und nicht selten mit beiden.</p>
+
+<p>Ist es endlich gar nicht zu vermeiden, daß man sich <em class="gesperrt">für</em>
+oder <em class="gesperrt">gegen</em> eine von den beiden Partheien bestimmt erkläre, so
+erkläre man sich ohne Ansehen der Person und ohne Rücksicht
+auf Freundschaft, Schmeichelei und Verwandtschaft, männlich
+und unerschütterlich, für Den, von dem die Vernunft sagt, daß
+er Recht habe, und bleibe ihm treu und beständig zugethan,
+es gehe auch, wie es wolle!</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Wenden wir uns jetzt zu <em class="gesperrt">Kranken</em> und <em class="gesperrt">Leidenden</em>! —
+Wer je empfunden hat, welch ein Labsal bei Krankheiten und
+Schmerzen eine gute, sorgsame, stille und theilnehmende Pflege
+gewährt, der wird den Gegenstand nicht unwichtig finden. Die
+Art der Behandlung und Sorgfalt muß sich allerdings nach der
+Verschiedenheit der Krankheiten richten, mit welchen der Leidende
+kämpft, und ich kann also keine allgemein passende Regeln vorschlagen;
+doch, so viel sich im Ganzen über diesen Gegenstand
+sagen läßt, möge hier Platz finden!</p>
+
+<p>Es gibt Krankheiten, in welchen Aufheiterung des Gemüths,
+Zerstreuung und angenehme Unterhaltung sehr viel zur Genesung
+beitragen, und hingegen andre, bei denen Ruhe und stille Pflege
+das Einzige sind, wodurch man dem Leidenden Linderung verschaffen
+kann. Man soll daher wohl unterscheiden und beobachten,
+welche Art von Behandlung anwendbar seyn mögte.</p>
+
+<p>Ob in schweren Krankheiten die Aufwartung <em class="gesperrt">bezahlter</em>
+Wärter der sorgfältigen, liebevollen und zarten Pflege werther
+Freunde darum vorzuziehen sey, weil diese leicht übertrieben,
+und dann dem Kranken lästig und ängstlich wird, muß dem Gefühl
+eines Jeden überlassen bleiben. Jene sind durch Erfahrung
+mit den kleinen Handgriffen bekannt, und leisten ihre Dienste
+mit unverdrossener Geduld, Kaltblütigkeit und strenger Pünktlichkeit,
+bekümmern sich nicht um unsre Launen, und leiden
+nicht bei unsern Schmerzen; diese hingegen werden uns oft, besonders
+wenn unsre Nerven sehr reizbar sind, durch zu viel Eifer
+lästig, wissen nicht behutsam genug bei ihren Handreichungen
+mit uns umzugehen, erregen unsre Ungeduld durch Fragen, und
+machen unser Leiden durch zu warmes Mitgefühl, das wir in
+ihren Augen lesen, doppelt schwer; wozu denn noch kömmt, daß<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span>
+der Gedanke, wie sehr sie mit uns leiden, und welche Opfer sie
+uns bringen, uns einen peinlichen Zwang auflegt. Will man
+daher seinen Freund selbst verpflegen, so suche man die Art geübter
+Krankenwärter nachzuahmen, dem Leidenden so wenig wie
+möglich lästig zu werden, und alles mechanisch so zu machen,
+wie er es gern zu haben scheint: man werde nicht mißvergnügt,
+wenn ein Kranker zuweilen auffahrend, böser Laune, oder zänkisch
+wird! Wir fühlen nicht, wie ihm zu Sinne ist, und wie
+seine zerrüttete Maschine auf seinen Geist wirkt. Doch kann ein
+Mann, der achtsam auf sein eignes Ich ist, viel über sich erlangen,
+und selbst in schweren Krankheiten in so weit Meister über
+seine Launen werden, daß er diejenigen Personen, welche ihm
+Sorgfalt widmen, nicht unnützer Weise plage.</p>
+
+<p>Man mache nicht, besonders bei einem Kranken von sehr
+empfindlicher, weicher Gemüthsart, sein Leiden durch Wehklagen
+und ängstliches Bezeigen noch schwerer!</p>
+
+<p>Man rede nicht von Dingen, die ihm, selbst wenn er gesund
+wäre, unangenehm seyn würden, — nicht von häuslichen Verlegenheiten,
+vom Tode, noch von Vergnügungen, an welchen
+er nicht Theil nehmen kann!</p>
+
+<p>Leute, die bloß in der Einbildung krank sind, muß man
+zwar nicht verspotten, noch zu überzeugen suchen, daß ihnen
+nichts fehle; denn das macht eine ganz entgegengesetzte Wirkung
+auf sie; aber man soll sie auch nicht in ihrer Thorheit bestärken,
+sondern, wenn vernünftige Vorstellungen nichts helfen, nur gar
+keine Theilnahme zeigen, ihre Klagen mit Stillschweigen beantworten,
+und, wenn der Sitz des Uebels im Gemüthe ist, sie
+durch weise gewählte Zerstreuungen auf andre Gedanken zu bringen
+suchen.</p>
+
+<p>Auch gibt es Menschen, die dadurch Interesse zu erwecken
+glauben, daß sie sich kränklich stellen. Das ist eine höchst thörichte
+Schwäche! Man suche solche Leute durch sanften Spott
+und kräftige Ansprache von ihrer Albernheit zurückzuführen, sie
+zu überzeugen, daß es besser sey, Bewunderung, als Mitleiden
+zu erregen, und daß nichts so allgemein vortheilhafte Eindrücke
+mache, als der Anblick eines Wesens, das, an Leib und Seele,
+in seiner vollen Kraft, zur Ehre der Schöpfung dasteht!</p>
+
+<p>Endlich: in solchen Krankheiten, wo der Geist viel über den
+Körper vermag, wo Seelen-Leiden das Uebel vermehren, und<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span>
+die Besserung hindern, da soll man alle Kräfte, seine ganze Lebhaftigkeit
+aufbieten, um Heiterkeit, Muth, Trost und Hoffnung
+in das Gemüth des Kranken zurückzurufen.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Noch schonender, als mit diesen Leidenden, soll man mit
+<em class="gesperrt">Leuten</em> umgehen, <em class="gesperrt">auf welchen die schwere Hand des
+Schicksals liegt</em>, — mit Unglücklichen, Armen, Bedrängten,
+Verstoßenen und Zurückgesetzten, mit Verirrten und Gefallenen.</p>
+
+<p>Nimm Dich des <em class="gesperrt">Armen</em> an, wenn Dir Gott die Mittel in
+die Hände gegeben hat, seine Noth zu erleichtern! Weise nicht
+den Dürftigen von Deiner Thür zurück, so lange Du noch, ohne
+Ungerechtigkeit gegen die Deinigen, eine kleine Gabe zu geben
+hast! Sey es wenig oder viel, so gib es mit gutem Herzen,
+und — wie ich bei Gelegenheit gesagt habe, als von der Art,
+Wohlthaten zu erzeigen, die Rede war, — gib es mit guter
+Art! Ein Wort ist oft besser, als eine große Gabe, und ein
+holdseliger Mensch gibt sie beide, sagte schon Sirach; und was
+für ein Wort könnte er meinen, als das erquickende Wort der
+herzlichen Theilnahme. — Sey ferner nicht allzu gerecht, wo
+vom Helfen und Erbarmen die Rede ist. Berechne nicht so genau,
+ob der Mann, dem Du helfen kannst, selbst an seinem
+Unglücke Schuld sey, oder nicht! Wer in der Welt würde <em class="gesperrt">ganz</em>
+unschuldig an den Leiden, die ihn treffen, befunden werden,
+wenn man alles strenge untersuchen wollte? Willst oder kannst
+Du aber gar nichts, oder nur wenig geben, so brauche keine
+leere Ausflüchte! Laß den Armen nicht durch Deine Bedienten
+unter allerlei Vorwande wieder bestellen, oder vertrösten! Am
+wenigsten aber erlaube Dir, etwa zu Rechtfertigung Deiner
+Hartherzigkeit, z. B. Grobheiten, beleidigende Strafpredigten
+gegen Den, dessen Bitte Du abzuschlagen entschlossen bist, harte
+Vorwürfe; sondern sprich den Bittenden selbst, und sage ihm
+kurz und menschenfreundlich, warum Du nicht geben kannst,
+nicht geben willst! Thue auch auf das erste Wort, was zu thun
+vernünftig und gut ist, und warte nicht darauf, daß man durch
+wiederholtes Betteln Dein Herz erweiche! Gib aber nicht wie
+ein Verschwender, sondern laß Deine Wohlthaten von der Gerechtigkeit
+gegen Dich und Andre bestimmt werden, und verschleudre
+nicht an den Landläufer, Bettler von Handwerke und
+Faullenzer, was Du dem hülflosen Alter, der Gebrechlichkeit,<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span>
+und dem durch widrige Zufälle Verunglückten schuldig bist! Und
+wo es Labsal geben kann, da begleite Deine kleine Gabe ein
+sanftes Trostwort, ein vertraulicher Rath, und ein freundlicher,
+mitleidiger Blick! Gehe schonend und äusserst fein mit Leuten
+um, die in unangenehmen häuslichen Lagen sind! Sie pflegen
+sehr empfindlich zu seyn, pflegen leicht zu glauben, man verachte
+sie, setze sie zurück, ihrer Armuth wegen. Das elende Geld
+hat leider nur gar zu viel Einfluß auf den Pöbel aller Stände.
+Unterscheide Dich von diesem Haufen! Ehre den verdienstvollen
+Armen öffentlich! Suche ihm wenigstens einen frohen Augenblick
+zu machen, wenn Du auch seine Umstände nicht verbessern
+kannst! Ueberhaupt sind alle Unglückliche mißtrauisch, und meinen,
+jedermann sey <em class="gesperrt">gegen</em> sie. Suche ihnen diesen quälenden
+Wahn zu benehmen! Bemühe Dich, ihr Zutrauen zu gewinnen!
+Entziehe Dich nicht dem Anblicke des Jammers! Fliehe nicht
+die Hütte der Noth und der Dürftigkeit! Man muß vertraut
+seyn mit dem mancherlei Elende auf dieser Welt, um bei dem
+Leiden des unglücklichen Bruders recht innig theilnehmend mitempfinden
+zu können. Wo der bescheidne Arme im Verborgenen
+seufzt, es nicht wagt, sich herbeizudrängen und um Hülfe zu
+bitten; wo widrige Vorfälle den fleißigen Mann, den Mann,
+der einst bessre Tage gesehen hat, zu Boden schlagen; wo eine
+zahlreiche ehrliche Familie, mit allem Fleiße, durch die tägliche
+Arbeit ihrer Hände nicht so viel erringen kann, um sich gegen
+Hunger, Blöße und Krankheit zu schützen; wo auf hartem Lager,
+in durchwachten, durchseufzten Nächten, schamhafte Thränen
+über gerungene Hände rollen: — <em class="gesperrt">dahin</em>, menschenfreundlicher
+Wohlthäter! <em class="gesperrt">dahin</em> dringe Dein Blick! <em class="gesperrt">Da</em> kannst Du
+Deine Gelder herrlich anlegen, und Zinsen erwerben, die keine
+Bank auf Erden Dir zusichern kann.</p>
+
+<p>Wer kein Geld hat, der hat auch keinen Muth. Er fürchtet
+aller Orten zurückgesetzt zu werden, glaubt jede Demüthigung
+ertragen zu müssen, und zeigt sich überall in ungünstigem Lichte.
+— Ach! ermuntre einen also Niedergedrückten! Ehre ihn,
+wenn er es sonst verdient, und bewege Deine Freunde, daß sie
+ein Gleiches thun!</p>
+
+<p>Manchen aber drücken schwerere Leiden, als die der Armuth
+und des Mangels: <em class="gesperrt">Seelenleiden</em>, die an der Knospe des Lebens
+nagen. O! schone des Kummervollen! Pflege seiner!<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span>
+Suche ihn aufzurichten, zu trösten, mit Hoffnung zu erfüllen,
+Balsam in seine Wunden zu gießen, und wenn Du seine Last
+nicht erleichtern kannst, so hilf wenigstens tragen, und weine
+eine brüderliche Thräne mit ihm! Richte aber die Art Deiner
+Behandlung vernünftig ein! Es gibt Augenblicke des Schmerzes,
+wo alle Gründe der Philosophie keinen Eingang finden,
+und da ist das Mitgefühl oft das beste Labsal. Es gibt einen
+Kummer, dessen Tilgung man ruhig und still der Zeit überlassen
+muß; es gibt Leidende, die erleichtert werden, wenn man
+ihnen Gelegenheit gibt, ihr Herz auszuschütten, und von dem
+zu reden, was ihr ganzes Herz erfüllt; es gibt Schmerzen, die
+nur Einsamkeit lindert, und Lagen, in welchen ein festes, männliches
+Zureden, Erweckung des Muths, Aufruf zu stolzer Zuversicht,
+die besten Tröstungen sind; ja es gibt selbst solche, wo
+man den Niedergebeugten mit Gewalt herausreissen muß, wenn
+er nicht der Verzweiflung zum Raube werden soll. Die Klugheit
+aber allein kann uns in jedem dieser einzelnen Fälle lehren,
+welche unter diesen Mitteln wir zu wählen haben.</p>
+
+<p>Die Unglücklichen ketten sich gern an einander. Statt sich
+aber gemeinschaftlich zu trösten, winseln sie mehrentheils nur
+mit einander, und versinken immer tiefer in Schwermuth und
+Hoffnungslosigkeit. Darum suche doch der Kummervolle, dem
+weder die Forderungen und Gründe seiner eigenen Vernunft,
+noch Zerstreuungen seinen Zustand erträglich machen, den Umgang
+eines verständigen, nicht empfindelnden Freundes, damit
+er an seiner Seite die Kraft gewinne, die Gedanken auf andere
+Gegenstände zu richten, die seinen Schmerz nicht nähren.</p>
+
+<p>Es gibt Menschen, die in unglücklichen Lagen und Verhältnissen,
+weniger <em class="gesperrt">traurig</em>, als <em class="gesperrt">mürrisch</em>, <em class="gesperrt">zänkisch</em>, ja, sogar
+<em class="gesperrt">hämisch</em> sind, so daß sie Unschuldige darunter leiden lassen,
+wenn nicht alles nach ihrem Kopfe geht. Ein edles Herz wird
+sanfter durch den Schmerz; und selbst der Menschenfeind, den
+Schicksale erbittert haben, wird, wenn er sonst ein guter Mensch
+ist, wohl düster, verschlossen, auch nach seinem Temperamente
+vielleicht einmal ungeduldig und auffahrend werden; aber er
+wird nie vorsätzlich auf einen Dritten die Last seines Kummers
+wälzen, und dieß um so weniger, je schwerer seine Leiden sind.</p>
+
+<p>Die mehrsten Menschen haben nur Mitleid mit stillem Kummer,
+empfinden aber Ueberdruß bei lauten Klagen; vielleicht<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span>
+weil diese sie gleichsam zwingen zu wollen scheinen, Theil daran
+zu nehmen.</p>
+
+<p>Der <em class="gesperrt">Unterdrückten</em>, <em class="gesperrt">Zurückgesetzten</em> und <em class="gesperrt">Verfolgten</em>
+soll man sich annehmen, in so fern es die Klugheit erlaubt,
+und wir ihnen dadurch nicht etwa mehr schaden, als nützen.
+Dieß ist nicht nur Pflicht, wenn von thätiger Hülfe und Rettung
+des ehrlichen Namens die Rede ist; auch im gesellschaftlichen
+Umgange, wo das bescheidene Verdienst so oft übersehen
+und von leeren Windbeuteln über die Achsel angeschauet wird,
+wo Rang und Glanz gegen den innern Werth verblenden, wo
+Schwätzer und Windbeutel den Weisen überschreien, wird es
+sich der Edle zur Pflicht machen, das bescheidene und schüchterne
+Verdienst hervorzuziehen, und den Verdienstvollen, der stumm
+und verlegen dasteht, von niemand angeredet, ja, mit Verachtung
+behandelt, gedemüthigt, lächerlich gemacht wird, durch
+ehrenvolles Anreden und Entgegenkommen zu ermuntern und
+auszuzeichnen. Wie unedel und wie ungerecht ist die Geringschätzung
+und Härte, mit welcher zuweilen Stabs-Officiere jungen
+Leuten begegnen, die doch schon die erste Stufe erstiegen
+haben, um zu werden, was Jene sind; oder Patronen ihren
+Hofmeistern und Predigern, oder vornehme Damen ihren Gesellschafterinnen,
+oder eitle Stadtmädchen einem armen eingeschüchterten
+Landmädchen, das in ihre Mitte verschlagen wird.
+Solch ein Betragen ist eben so sehr Verletzung der Klugheit, als
+der Pflicht.</p>
+
+<p>Neid und Mißgunst verfolgen den Glücklichen; Bosheit und
+Kabale ruhen selten eher, als bis sie alles niedergedrückt haben,
+was über sie emporragte; aber kaum ist ein Mensch ganz zu
+Boden geschlagen, so sucht Jeder, selbst Der, welcher ihn verfolgt
+hat, eine Ehre darin, seine Parthei zu ergreifen; doch,
+wohl zu merken! wenn keine Hoffnung mehr da ist, daß er hierdurch
+wieder emporkomme. Man möchte also fast sagen, man
+wäre nicht <em class="gesperrt">ganz</em> verloren, so lange man noch Feinde hätte.</p>
+
+<p>Unter allen Unglücklichen sind wohl die <em class="gesperrt">Verirrten</em> und
+<em class="gesperrt">Gefallenen</em> am meisten zu bedauern. Hierunter verstehe ich
+Solche, die, vielleicht durch einen einzigen Fehltritt in eine Kettenreihe
+von Vergehungen verflochten, das Gefühl für die Tugend
+erstickt, oder die Fertigkeit, schlecht zu handeln, erlangt,
+oder alle Zuversicht zu Gott, zu den Menschen, und zu sich<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span>
+selbst, also auch den Muth verloren haben, den bessern Weg
+wieder zu suchen, oder die wenigstens im Begriff stehen, so tief
+zu fallen. Sie sind höchst bedauernswürdig; denn sie entbehren
+den einzigen Trost, der uns in den schwersten Leiden aufrichten
+kann: das Bewußtseyn, nicht muthwilliger Weise sich ihr hartes
+Schicksal zugezogen zu haben. Diese Unglücklichen verdienen
+aber nicht nur unser Mitleiden, nein, auch unsre brüderliche
+Nachsicht, unsre Zurechtweisung, und, wenn es noch Zeit ist,
+unsern Beistand. Wenn man immer weise, duldend und unpartheiisch
+genug wäre, zu überlegen, wie leicht das schwache menschliche
+Herz irre zu leiten ist; wie unwiderstehlich bei heftigen Leidenschaften,
+warmem Blute und verführerischen Gelegenheiten,
+manche Reizungen werden können; wie blendend, anlockend
+und bezaubernd die Aussenseiten mancher Laster sind; wie das
+Laster sogar, mit Geist verbunden, durch sophistische Gründe die
+innere Stimme der bessern Ueberzeugung zum Schweigen zu
+bringen weiß, und wie es dann nur auf einen kleinen Schritt
+ankömmt, um das Opfer der feinsten Täuschung, und stufenweise
+unmerklich in das schrecklichste Labyrinth gelockt zu werden;
+wenn man bedenken wollte, wie oft Mißmuth, oder Verzweiflung
+über ein feindseliges Schicksal aus einem Menschen
+von den besten Anlagen einen Bösewicht und Verbrecher machen;
+wie man durch ungerechtes, entstehendes Mißtrauen alle gute
+Gefühle einbüßen, alles Vertrauen zu sich selbst verlieren, und
+in den Abgrund des Lasters geschleudert werden kann, so würde
+man aufhören, die Gefallenen mit unbarmherziger Strenge zu
+richten, würde nicht so zuversichtlich auf Tugenden trotzen, die
+nicht selten nur das Werk eines kalten Temperaments, das Werk
+glücklicher Verhältnisse und einer vorzüglichen Leitung sind;
+würde es für Pflicht erkennen, sich der Gefallenen anzunehmen,
+und dem Strauchelnden liebevoll die Hand zu reichen. — Aber
+heißt das nicht, tauben Ohren predigen? — Doch mein Herz
+drängt mich, über diesen Gegenstand etwas zu sagen. Also zur
+Sache! — Nichts bessert weniger, als kalte moralische Predigten.
+Es gibt wenig Menschen, selbst unter den Lasterhaften, die
+nicht eine Menge herrlicher Gemeinsprüche über die Pflichten,
+welche sie übertreten, zu sagen wüßten; das Unglück ist nur,
+daß die Stimme der Leidenschaft mit wärmerer Beredtsamkeit
+spricht, als die Stimme der Vernunft. Willst Du also dieser<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span>
+gegen jene Gewicht geben, so mußt Du die Kunst verstehen,
+Deine Tugend-Lehren in ein reizendes Gewand zu hüllen, mußt
+nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz und die Sinnlichkeit
+Dessen, den Du zurechtweisen willst, auf Deine Seite bringen;
+Dein Vortrag muß warm, und nach den Umständen bildreich,
+sinnlich, erschütternd, hinreissend seyn. Allein der Mann,
+den Du vor Dir hast, muß Dich auch lieben und hochschätzen,
+muß sich zu Dir hingezogen fühlen, muß mit Enthusiasmus für
+das Gute und Schöne erfüllt werden, und dabei in der Entfernung
+Ehre, Freude und Genuß auf dem Wege erblicken, auf
+welchen Du ihn zu leiten suchst. Dein Umgang, Dein Rath
+und Dein Trost muß ihm zum Bedürfniß werden. Dieß aber
+erlangst Du nicht, wenn Du als ein stolzer, strenger Gesetzprediger
+vor ihn hintrittst; wenn Du ihm mit Deiner kalten Moral
+Langeweile machst; wenn Du ihn mit Anmerkungen über
+das Geschehene, das doch nun nicht mehr zu ändern ist, ermüdest,
+und ihm erzählst, wie es ganz anders würde gekommen
+seyn, wenn — es nicht <em class="gesperrt">so</em> gekommen wäre, wie es gekommen
+ist, wenn er Dir hätte folgen wollen. Nichts ist ferner so fähig,
+zur Niederträchtigkeit zu verleiten, als öffentliche Verachtung
+und Aeusserung eines fortdauernden Mißtrauens in die Besserung
+eines Menschen. Wem es daher ein Ernst ist, einen Verirrten
+zu retten, der begegne ihm mit Schonung, und zeige ihm
+wenigstens äusserlich ein ermunterndes Vertrauen; der lasse ihn
+das stolze und selige Bewußtseyn und die unerschütterliche Seelenruhe
+ahnen, welche der schöne Lohn seiner Selbstverleugnung
+und Selbstbeherrschung seyn wird; der werfe dem Gefallenen
+nie, auch nicht auf die entfernteste Weise, seine ehemaligen Verirrungen
+vor; sondern scheine nur Augen für seine jetzige Aufführung
+zu haben! Allein es geht nicht so schnell mit Ablegung
+von Lastern, die uns schon zu einer Art von Fertigkeit geworden
+sind; also darf uns ein kleiner Rückfall nicht befremden;
+und obgleich Du dann die Stärke Deines Vortrags und der
+Mittel zur Besserung verdoppeln mußt, so sollst Du doch nicht
+muthlos werden, noch dem Rückkehrenden den Muth benehmen.
+Laßt uns endlich zur Ehre der Menschheit und zur Erweckung
+unsers Eifers glauben, daß niemand in der Welt so tief gefallen,
+so von Grund aus verdorben seyn könne, daß ihm nicht,
+bei redlicher, eifriger Anwendung der besten Rettungsmittel,<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span>
+noch zu helfen wäre! Und Ihr, die Ihr in der großen Welt lebet,
+und so bereitwillig seyd, einen Mann oder ein Weib, die
+durch irgend eine zweideutige oder schlechte Handlung sich erniedrigt,
+oder auch wohl nur etwa lächerlich gemacht haben, auf
+immer aus Euren Gesellschaften zu verbannen, und mit Schande
+und Spott zu beladen, indeß Hunderte unter Euch umherwandeln,
+die entweder dasselbe heimlich treiben, oder wenigstens treiben
+würden, wenn es die Umstände erlaubten; denket, daß Ihr
+es zu verantworten habt, wenn Verzweiflung Jene ergreift,
+wenn sie von Stufe zu Stufe hinabsinken, und wenn sie, da
+die bessern Häuser ihnen verschlossen sind, sich einen Umgang
+wählen, in welchem sie immer niederträchtiger werden, und zuletzt,
+ohne Rettung verloren, durch <em class="gesperrt">Eure</em> Schuld zu Grunde
+gehen!</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Zwoelftes_Kapit.">Zwölftes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen
+im menschlichen Leben.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Ich habe bei mancher Gelegenheit Gegenwart des Geistes und
+Kaltblütigkeit, als Haupt-Erfordernisse zu allen Geschäften und
+Verrichtungen im menschlichen Leben, empfohlen; nirgends aber
+sind uns diese Eigenschaften nothwendiger, als in Vorfällen,
+<em class="gesperrt">wo wir, oder Andre, in augenscheinlicher Gefahr
+schweben</em>. Hier hängt die ganze Rettung in kritischen Augenblicken
+zuweilen von einem raschen Entschlusse ab. Halte Dich
+daher nicht mit Geschwätzen auf, wo es Noth ist, zu handeln!
+Unterdrücke Dein zu zartes Gefühl, und winsele nicht, wo Du
+zugreifen solltest! Sey besonnen in Feuer- und Wassers-Noth
+und ähnlichen Gefahren, wo man oft alles verliert, wenn man
+den Kopf verliert, — wo Die, welche wir retten können, zuweilen
+mit unwiderstehlicher Gewalt gezwungen werden müssen,
+sich uns zu überlassen! Vorzüglich wichtig wird diese Gegenwart
+des Geistes auch dann, wenn man unerwartet von Dieben
+und Mördern angegriffen wird. Räuber und Banditen sind
+fast immer entweder furchtsam, oder, wenn Verzweiflung sie
+kühn macht, nicht genug auf ihrer Hut, — auf ernsthaften,
+förmlichen Widerstand nicht vorbereitet. Ein entschlossener, kaltblütiger<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span>
+Mann ist da stärker, als zehn solcher Elenden, die ihn
+angreifen. Hier muß aber wohl überlegt werden, ob es Schaden
+oder Nutzen stiften könne, sich mit Schieß- oder anderm
+Gewehre zu vertheidigen, oder nicht; ob es gerathener sey, Lärm
+zu machen, oder sich in sein Schicksal zu finden; der Uebermacht
+zu weichen und mit Hingebung seines Mammons sein Leben zu
+erkaufen, oder das Leben daran zu setzen. Es lassen sich darüber
+unmöglich allgemeine Regeln geben. Um aber auf jeden dieser
+Fälle sich gefaßt zu halten, rathe ich, bei kaltem Blute sich in
+dergleichen Lagen hineinzudenken, und sich dann dienliche Maaßregeln
+vorzuschreiben. Ich halte es auch für einen wichtigen
+Theil der Erziehung, seine Kinder zuweilen nicht nur durch Fragen,
+wie sie sich bei solchen Gelegenheiten betragen würden, aufmerksam
+auf unerwartete Vorfälle aller Art zu machen, sondern
+sie auch zuweilen in wirkliche kleine Verlegenheit zu setzen, um
+sie an Gegenwart des Geistes zu gewöhnen, und sie auf die
+Probe zu stellen.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>In einer Schrift über den Umgang mit Menschen kann nur
+ein geringer Theil der Regeln Platz finden, welche man auf
+Reisen und unter Fremden zu beobachten hat; doch darf ich diesen
+Gegenstand auch nicht ganz mit Stillschweigen übergehen;
+denn zu dem, was man unter Menschen treibt, gehört doch
+auch das Reisen. Also einige Bemerkungen <em class="gesperrt">über das Betragen
+auf Reisen und gegen Reisende</em>.</p>
+
+<p>Es ist weise gehandelt, bevor man ausreist, aus Büchern
+oder mündlichen Erzählungen sich genau von dem Wege, den
+man nehmen will, von demjenigen, was unterweges und in
+den Oertern, die man besuchen möchte, zu bemerken, zu beobachten
+und zu vermeiden ist, nicht weniger von den Preisen und
+den unvermeidlichen Geld-Ausgaben zu unterrichten, damit man
+weder betrogen werde, noch in Verlegenheit gerathe, noch etwas
+zu sehen verabsäume, das der Aufmerksamkeit werth scheint.</p>
+
+<p>Der Mann von Kenntnissen, von einigen Talenten, von
+unbescholtenem gutem Rufe und von feinen und guten Sitten
+bedarf nicht einer Menge von Empfehlungs-Briefen, wie die
+mehrsten Reisenden von gemeiner Art mit auf den Weg zu nehmen
+pflegen. Er wird sich schon überall bekannt zu machen und
+in Achtung zu setzen wissen, ohne sich und Andern Zwang aufzulegen.<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span>
+Oft fügt es sich indessen, daß man in einer Stadt,
+durch Empfehlungs-Briefe oder sonst, mit zwei Personen in
+Bekanntschaft kömmt, die mit einander in Feindschaft leben. Es
+ist daher der Klugheit gemäß, an einem fremden Orte, bevor
+man von solchen kleinen Umständen unterrichtet ist, in den Häusern,
+in welchen man Zutritt erhält, von seinen übrigen Verbindungen
+nicht zu reden, gelegentlich aber zu äussern, daß man,
+als ein Fremder, sich um dergleichen Händel nicht bekümmern
+wolle.</p>
+
+<p>Man verrechnet sich leicht in seinen Ueberschlägen der Reise-Kosten;
+ich rathe daher nicht nur, nach gemachtem Ueberschlag,
+sich immer etwa auf ein Drittel mehr gefaßt zu halten, als die
+gezogene Summe beträgt, sondern auch besorgt zu seyn, daß
+man in den Haupt-Oertern, durch welche man kömmt, an sichre
+Geschäftsmänner gewiesen sey, oder sonst Mittel habe, im Fall
+unvorhergesehene Umstände eintreten, sich aus der Verlegenheit
+zu reissen.</p>
+
+<p>In Deutschland hat man mehr, als in andern Ländern, Ursache,
+wegen des sehr verschiedenen Münzfußes, sich beim Geld-Wechseln
+in Acht zu nehmen, und es ist etwas sehr Gewöhnliches,
+daß schelmische Gastwirthe den Fremden dabei hintergehen,
+oder ihm auf Gold Münze herausgeben, die er auf der nächsten
+Post nicht brauchen kann.</p>
+
+<p>Wem es ein Ernst ist, seine Menschen- und Länder-Kenntnisse
+zu erweitern, der mische sich klüglich unter Personen von
+allerlei Ständen! Die Leute von gutem Tone sehen einander in
+allen europäischen Staaten und Residenzen ähnlich; aber das
+eigentliche Volk, oder noch mehr der Mittelstand, trägt das Gepräge
+der Sitten des Landes. Nach <em class="gesperrt">ihnen</em> muß man den Grad
+der Kultur und Aufklärung beurtheilen.</p>
+
+<p>Zum Reisen gehört Geduld, Muth, gute Laune, Vergessenheit
+aller häuslichen Sorgen, und daß man sich durch kleine
+widrige Zufälle, Schwierigkeiten, böses Wetter, schlechte Kost
+u. dergl. nicht niederschlagen lasse. Dieß ist doppelt zu empfehlen,
+wenn man einen Gesellschafter bei sich hat; denn nichts ist
+langweiliger und verdrießlicher, als mit einem Manne zu reisen,
+und in einem Kasten eingesperrt zu sitzen, der stumm und mürrischer
+Laune ist, bei dem geringsten unangenehmen Ereigniß
+aus der Haut fahren will, über Dinge jammert, die nicht zu<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span>
+ändern sind, und in jedem kleinen Wirthshause so viel Gemächlichkeit,
+Wohlleben und Ruhe fordert, wie er zu Hause hat.</p>
+
+<p>Das Reisen macht gesellig; man wird da mit Menschen bekannt,
+und auf gewisse Weise vertraut, die man ausserdem
+schwerlich zu Gesellschaftern wählen würde; das ist auch weiter
+von keinen Folgen, wenn man sich hütet, in der Vertraulichkeit
+gegen Fremde, die man unterweges antrifft, zu weit zu gehen,
+und dadurch Abentheurern und Spitzbuben in die Hände zu fallen.</p>
+
+<p>Ich rathe niemand, sich auf Reisen einen fremden Namen
+zu geben; man kann dadurch, ehe man sich's versieht, in große
+Verlegenheit gerathen; und selten ist es nöthig und nützlich, ein
+solches Incognito zu beobachten.</p>
+
+<p>Manche Leute suchen etwas darin, auf Reisen zu prahlen,
+viel Geld zu verzehren, glänzen zu wollen, und prächtig gekleidet
+zu seyn. Das ist eine thörichte Eitelkeit, die sie in den
+Wirthshäusern theuer abbüßen müssen, ohne für ihr Geld mehr
+zu erhalten, als der einfache Reisende. Niemand erinnert sich
+weiter des Fremden, der so viel Aufwand gemacht hat, wenn
+dieser weiter gereiset, und nichts mehr von ihm zu ziehen ist.
+Doch ist es der Klugheit gemäß, anständig, und was man
+<em class="gesperrt">rechtlich</em> nennt, in seinem Aufzuge zu seyn, sich nicht zu vornehm
+und nicht zu demüthig, nicht zu reich und nicht zu arm
+zu stellen, weil man sonst, in beiden Fällen, leicht entweder für
+einen unwissenden Pinsel, dessen erste Ausflucht dieß ist, und
+den man also nach Gefallen prellen kann, oder für einen gewaltig
+vornehmen Herrn, von dem etwas zu ziehen ist, oder für
+einen Abentheurer angesehen wird, dem man aus dem Wege gehen,
+und der mit schlechter Bewirthung vorlieb nehmen müsse.</p>
+
+<p>Man spare auf der Reise nicht am unrechten Orte! So gebe
+man z. B. den Postknechten zwar nicht übertriebene, aber doch
+nach den Umständen reichliche Trinkgelder. Sie sagen sich das
+Einer dem Andern auf den Stationen wieder; man kömmt dann
+schneller fort, und hat manche Vortheile davon, besonders den,
+daß man ihrer Grobheit nicht ausgesetzt ist.</p>
+
+<p>Wer Bäder besucht, und seine Ruhe, seine Gesundheit und
+sein Geld nicht verlieren will, fliehe das Spiel, das eigentlich
+aus allen Bad- und Brunnen-Oertern auf ewig verbannt seyn
+sollte, und überhaupt nur für die nichtswürdigsten Menschen
+eine Lieblings-Beschäftigung seyn kann. In Bädern soll Jeder<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span>
+dazu mitwirken, allen lästigen Zwang, nicht aber Sittsamkeit
+und Gefälligkeit, aus den gesellschaftlichen Zirkeln zu verbannen.
+Hier muß, besonders wenn der Kreis der Gäste klein ist, eine
+Menge Rücksichten und Vorsichtigkeits-Regeln, denen man sich
+im bürgerlichen Leben unterwirft, wegfallen, Duldung und Einigkeit
+herrschen, und aller Partheigeist bei Seite gesetzt werden.
+Man lebt da nur für unschuldigen Genuß und Vergnügen. Nach
+Ablauf dieser Zeit rückt Jeder wieder in die Rolle ein, die der
+Staat ihm anvertrauet hat.</p>
+
+<p>Deutsche Posthalter, Wagenmeister und Postknechte pflegen
+in dem Rufe einer ausgezeichneten Grobheit zu seyn. Es kömmt
+aber alles auf die Art an, wie man mit ihnen umgeht; ein
+ernsthaftes, von einer gewissen Würde begleitetes Betragen,
+und, wo es anzubringen ist, ein freundliches Wort, wird bei
+diesen Leuten selten ohne gute Wirkung angewandt.</p>
+
+<p>Wenn man an dem Wagen etwas zerbricht, so sind mehrentheils
+in den Städten die Handwerksleute sogleich bei der Hand,
+verstehen sich auch wohl mit den Postknechten, den Schaden für
+viel größer anzugeben, als er ist, um desto mehr Geld von dem
+Reisenden zu ziehen. Ich rathe desfalls, bei solchen Gelegenheiten
+alles selbst zu untersuchen, oder durch treue Bediente untersuchen
+zu lassen, bevor man Befehle zur Ausbesserung gibt.</p>
+
+<p>Die Postknechte sind größtentheils von den Gastwirthen bestochen
+(oder <em class="gesperrt">ein</em> Wirth verabredet sich mit dem andern in der
+nahe gelegenen Stadt), um dem Fremden gewisse Gasthöfe zu
+empfehlen, die darum aber weder immer die besten, noch die
+wohlfeilsten sind. Es ist daher vernünftig, sich hierauf nicht zu
+verlassen, sondern sich bei andern sichern Leuten zu erkundigen:
+wo man am besten und billigsten behandelt werde.</p>
+
+<p>Die Bedienten, die man mit sich auf Reisen nimmt, sollen
+wohl darauf Acht geben, daß die Postknechte, welche mit den
+Pferden zurückreiten, nicht, wie es vielfältig geschieht, Schwengel,
+Nägel oder andere Kleinigkeiten, die zum Wagen gehören,
+mitnehmen. Auch pflegen diese mit den Chaussee-Aufsehern sich
+zu verstehen, an den Weghäusern vorbeizufahren, unter dem
+Vorwande, uns nicht aufhalten zu wollen, nachher aber eine
+Rechnung zu machen, vermöge deren Reisende doppelt so viel
+bezahlen müssen, als festgesetzt ist, und sie gegeben haben würden,
+wenn sie das Weggeld jedesmal selbst entrichtet hätten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span></p>
+
+<p>Es ist eine Regel der Klugheit, vorher mit Handwerksleuten
+auf das genaueste zu dingen, bevor man etwas ausbessern läßt,
+oder sonst Dinge, die zur Bequemlichkeit dienen, an fremden
+Oertern anschafft.</p>
+
+<p>Kehrt man zum erstenmal in ein Wirthshaus ein, so kann
+es Vortheil bringen, wenn man den Wirth hoffen läßt, man
+werde öfter da ansprechen; er pflegt dann billiger mit der Zeche
+zu seyn, um sich zu empfehlen.</p>
+
+<p>Wenn der Gastwirth übermäßig viel für die Zehrung fordert,
+und sich nicht auf einen starken Abzug einlassen will: so thut
+man doch nicht wohl, ihm schriftliche Rechnung und genaue
+Specification jedes einzelnen Punkts abzufordern, es müßte
+denn der Mühe werth seyn, ihn bei der Polizei zu belangen.
+Fängt er an aufzuschreiben, so rechnet er immer noch mehr heraus,
+als er anfangs gefordert hatte; — und wer kann dann
+mit einem solchen Taugenichts über die Preise der Lebensmittel
+sich herumzanken? In Wirthshäusern, wo Wein zu haben ist,
+wird der Wirth, wenn man Bier fordert, immer versichern:
+das Bier sey sehr schlecht. Hier ist der beste Rath, nur gleich
+Wein zu bestellen, und das Bier hinterher zu verlangen.</p>
+
+<p>Die Wirthe fragen gemeiniglich: was der Gast zu essen
+wünsche? — Das ist ein Kunstgriff, durch den man sich nicht
+fangen lassen muß. Denn, bestellt man nun etwas, z. B. ein
+Huhn, einen Pfannekuchen, oder dergleichen: so muß man das
+Gericht, und noch obenein eine gewöhnliche Mahlzeit bezahlen.
+Man thut da am besten, zu antworten: man verlange nichts,
+als was gerade im Hause, oder schon zubereitet sey. Auch ist es
+rathsam, keine fremde Weine, sondern nur gemeinen Tischwein
+zu begehren. Es kömmt doch alles aus demselben Fasse, nur mit
+dem Unterschiede, daß das, was man dem Fremden als alten
+oder fremden Wein verkauft, kostbareres Gift ist, als das, womit
+man ihn am allgemeinen Wirthstische versorgt. Und selbst
+an dieser Wirthstafel zu speisen, ist gewiß für einen einzelnen
+Reisenden wohlfeiler und unterhaltender, als auf seinem Zimmer
+seiner eignen Person gegenüber zu sitzen.</p>
+
+<p>Manche Postmeister, die zugleich Gastwirthe sind, brauchen
+folgenden Kunstgriff zu ihrem ökonomischen Vortheile: Wenn
+man Pferde wechselt, und indeß eine kleine Mahlzeit bestellt, so
+dauert es ungebührlich lange, ehe diese fertig wird. Indeß werden<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span>
+die Pferde gefüttert und angeschirrt. Kaum aber steht das
+Essen auf dem Tische, so meldet schon der Postillon mit dem
+Horn, daß er fertig sey und fort wolle. Man soll also in Eil
+wenig essen, und dennoch eine ganze Mahlzeit bezahlen. Ich
+rathe aber, wenn man nicht sehr eilig ist, sich nicht irre machen
+zu lassen, sondern mit voller Muße zu speisen.</p>
+
+<p>Wenn in Ländern, wo keine gute Post-Ordnung eingeführt
+ist, Postmeister dem Reisenden mehr Pferde aufdringen wollen,
+als billig ist, und zu Fortschaffung seines Fuhrwerks nöthig sind,
+sey es nun unter dem Vorwande von schlechten Wegen, böser
+Jahrszeit, oder daß die Kutsche zu schwer sey: so hilft es selten,
+wenn man sich auf's Bitten legt, oder sein Recht, auf eben
+solche Weise weiter befördert zu werden, wie man gekommen ist,
+strenge behaupten will; denn jene Leute wissen wohl, daß einem
+Fremden mehr daran gelegen ist, nicht aufgehalten zu werden,
+als sich zu verweilen, um einen Proceß bei dem Ober-Postamte
+zu führen. Da indessen das Vorspannen mehrerer Pferde Folgen
+für alle übrigen Stationen hat, so pflegen sich die Posthalter,
+wenn sie recht höflich sind, zu erbieten, einen schriftlichen
+Schein auszustellen, daß dieß weiter nicht von Folgen seyn solle.
+Hierauf aber lasse man sich nicht ein! Dies Papier hat keinen
+Nutzen. Auf dem nächsten Wechselplatze wird man, wenn gerade
+ein Paar Pferde müssig stehen, nichts desto weniger eben
+so viele vorspannen, und wiederum einen Schein anbieten, der
+eben so unwirksam bleiben würde, wie der erste. Das sicherste
+Mittel bei solchen Fällen ist, entweder dem Wagenmeister ein
+gutes Trinkgeld zu geben, und den Postillon, welcher fahren
+soll, auf eben diese Art zu gewinnen, oder ein Pferd <em class="gesperrt">mehr</em> zu
+bezahlen, ohne es vorspannen zu lassen.</p>
+
+<p>Wenn man Wasser-Reisen auf Strömen macht, oder Hausrath
+auf diese Weise fortbringen läßt: so baue man nie auf die
+Versprechungen der Schiffer, in Ansehung der Zeit, binnen welcher
+sie an Ort und Stelle seyn wollen! Sie halten sich mehrentheils
+unterwegs auf, um noch mehr Fracht zu ihrem Vortheile
+aufzunehmen, oder Schleichhandel zu treiben, wenn sie heimlich
+Kaufmannsgüter mit eingeladen haben; es müßte denn über
+dies Alles der bündigste schriftliche Contract aufgesetzt seyn.</p>
+
+<p>Wer zu Pferde reist, sey es nun <em class="gesperrt">mit</em> oder <em class="gesperrt">ohne</em> Reitknecht,
+der darf sich nicht auf die Leute in den Wirthshäusern in Ansehung<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span>
+der Verpflegung seiner Pferde verlassen, sondern muß selbst
+besorgt seyn, oder seine Bedienten dazu anhalten, daß die Pferde
+in einem guten, reinen und gesunden Stalle, von fremden Gäulen
+getrennt, gehörig gewartet und gefüttert werden.</p>
+
+<p>Wenn ich nicht fürchtete, weitschweifig zu werden, so würde
+ich hier noch manche, gewiß nicht unnütze Vorschrift geben,
+z. B. daß man fremde Pferde schonen; daß man, wenn man
+größere Reisen machen will, langsam <em class="gesperrt">in</em> den Stall, und langsam
+<em class="gesperrt">aus</em> dem Stalle reiten solle; daß man nicht wohl thue, in
+Städten über Kanäle, die mit Brettern bedeckt sind, zu reiten,
+und so ferner. Man sage nicht, daß dieß bekannte Dinge sind,
+Sehr viel Leute lernen zu Pferde sitzen und Pferde bändigen!
+aber praktisch <em class="gesperrt">reiten</em> lernt man nicht auf der Bahn. Allein ich
+sehe schon die Herren Krittler die Nase darüber rümpfen, daß
+so etwas in einem Buche <em class="gesperrt">über den Umgang mit Menschen</em>
+Platz finden sollte. Wer aber überlegt, daß in diesem Buche
+überhaupt <em class="gesperrt">Vorschriften zu einem glücklichen, ruhigen
+und nützlichen Leben in der Welt und unter Menschen</em>
+gegeben werden sollen, der wird sich wundern, wenn er hört,
+daß ein <span class="antiqua">deutscher</span> Recensent gesagt hat: ich sey in den Fehler
+so vieler <em class="gesperrt">deutscher</em> Schriftsteller gefallen, die ihren Werken zu
+viel Vollständigkeit geben wollten, und darüber freilich — weniger
+unterhaltend schrieben.</p>
+
+<p>Das Fußgehen ist gewiß die angenehmste Art zu reisen. Man
+genießt die Schönheiten der Natur; man kann sich unerkannt
+unter allerlei Leute mischen; beobachten, was man ausserdem
+nicht erfahren würde; man ist ungebunden, kann das freundlichste
+Wetter und den schönsten Weg wählen, sich aufhalten,
+einkehren, wann und wo man will; man stärkt den Körper,
+wird weniger erhitzt und gerüttelt, hat gute Eßlust und süßen
+Schlaf, und ist, wenn Müdigkeit und Hunger der Bewirthung
+das Wort reden, leicht mit jeder Kost und jedem Lager zufrieden.
+Doch ist diese Art zu reisen in Deutschland mit einiger
+Schwierigkeit verknüpft. Zuerst hat man die Ungemächlichkeit,
+nur wenig Kleidungsstücke, Bücher, Schriften u. dgl. mit sich
+führen zu können. Diesem kann man indessen dadurch einigermaßen
+abhelfen, daß man, was etwa ein Bote nicht tragen
+kann, mit der Post in die Haupt-Oerter schickt, durch welche
+man reisen will. Allein eine zweite Unbequemlichkeit besteht<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span>
+darin, daß diese, in Deutschland für einen Mann von Stande
+ungewöhnliche Art zu reisen, zu viel Aufmerksamkeit erregt, und
+daß die Gasthalter nicht eigentlich wissen, wie sie uns behandeln
+sollen. Ist man nämlich besser gekleidet, als gewöhnliche
+Fußgänger, so wird man entweder für einen verdächtigen Menschen,
+für einen Abentheurer, oder für einen Geizhals gehalten;
+man wird beobachtet, ausgefragt, und, mit Einem Worte:
+man paßt nicht in den Tarif, nach welchem die Wirthe ihre
+Fremden zu taxiren pflegen. Ist man aber schlecht gekleidet, so
+wird man, wie ein reisender Handwerksbursche, in Dachstübchen
+und schmutzige Betten einquartirt, oder man muß jedesmal
+weitläuftig erzählen: wer man sey, und warum man nicht
+mit Kutschen und Pferden erscheine? Bei Fußreisen ist die Gesellschaft
+eines verständigen und muntern Freundes vorzüglich
+angenehm.</p>
+
+<p>Man verlasse sich nicht auf die Bauern, wenn sie uns Fußwege
+anzeigen, die näher, als die gewöhnlichen, seyn sollen!
+So wie überhaupt diese Menschen voll Vorurtheile und voll Anhänglichkeit
+an alte Gewohnheiten sind, so gehen sie auch immer
+die Wege, die vom Vater auf den Sohn herab für die nächsten
+sind anerkannt worden, ohne daß sie Augenmaß und Ueberlegung
+gebrauchen, um die Irrthümer ihrer Voreltern zu berichtigen.
+Doch kann man hierin auch leicht das Mißtrauen zu weit
+treiben.</p>
+
+<p>Hat man große Tagereisen zu Fuße zu machen, so genieße
+man früh Morgens nichts, als ein Glas Wasser! Hat man
+dann einige Stunden zurückgelegt, und fühlt sich ermüdet, so
+ist Kaffee und Brod zur Erquickung heilsam. Zuweilen ein Glas
+Wein, kann auch nicht schaden; Branntewein macht müde und
+schlaff.</p>
+
+<p>Macht man den Weg durch einen unbekannten Wald, und
+denkt binnen ein- oder zwei Tagen wieder zurückzukehren: so
+streue man hie und da abgerissene Zweige auf seinen Pfad, um
+darnach den Weg wieder zu finden; man gehe nie ohne Gewehr,
+wenigstens nie ohne Stock!</p>
+
+<p>Ueber das Betragen gegen fremde Reisende ist schon im
+<em class="gesperrt">neunten Kapitel</em> dieses Theils etwas gesagt worden. Hier
+füge ich nur noch folgende Bemerkungen bei: man hat in jetzigen
+Zeiten Ursache, vorsichtig gegen solche Leute zu handeln,<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span>
+nicht nur, um von Abentheurern und schlechten Menschen unbehelligt
+zu bleiben, sondern auch den sogenannten reisenden Gelehrten
+nicht Gelegenheit zu geben, aus unsern vertraulichen
+Gesprächen ihre Anekdoten-Sammlungen zu bereichern, und
+uns nachher, zum Danke für unsere Gastfreundschaft, gedruckt
+aufzustellen. Auf der andern Seite aber sey man auch so billig,
+Fremde, <em class="gesperrt">die sich uns nicht aufdringen</em>, edel zu behandeln,
+und sie nicht etwa zur Geschwätzigkeit zu verleiten, um nachher
+aus diesen unsichern einzelnen Zügen ein Bild von ihnen zu entwerfen,
+und der Welt mitzutheilen.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Da leider die Nüchternheit in der Welt immer seltener zu
+werden anfängt, und der Rum, selbst in Damengesellschaften,
+an der Tagesordnung ist, so mag hier auch von dem Umgange
+mit <em class="gesperrt">betrunkenen Leuten</em> die Rede seyn, obgleich bei diesem
+Umgange wenig Vernunft und Klugheit anzubringen ist. Der
+Wein erfreuet des Menschen Herz, und wenn man diese Arzenei
+nicht wie ein nothwendiges Bedürfniß, ohne welches man durchaus
+nicht in frohe Laune zu setzen ist, sondern wie ein Erweckungsmittel
+braucht, um in trüben Augenblicken den natürlichen
+guten Humor, der nie ganz aus dem Gemüthe eines ehrlichen
+Biedermannes weichen darf, unter dem Schutte von häuslichen
+Sorgen hervorzurufen: so ist nichts dagegen einzuwenden.
+Allein kein Anblick ist so widrig für den verständigen Mann,
+als der eines Menschen, welcher sich durch starke Getränke um
+Sinne und Vernunft gebracht hat. Wenn es aber auch nicht
+bis zur völligen Betrunkenheit kommt, sondern nur bei einem
+Rausche bleibt, so ist es doch eine etwas unbequeme Lage, der
+einzige ganz Kaltblütige in einer Gesellschaft von Leuten zu seyn,
+die sich durch ein Gläschen über die Gebühr erhitzt, begeistert,
+und um einen Ton höher gestimmt haben; und wenn man den
+Tag mit ernsthaften Geschäften hingebracht hat, und dann des
+Abends in einen Zirkel solcher Gäste geräth: so ist fast kein anderes
+Mittel zu finden (oder man müßte denn <em class="gesperrt">von Natur</em> zu
+den Lustigmachern gehören), als ein wenig mit zu zechen, um
+sich <em class="gesperrt">denselben</em> Schwung zu geben, oder vielmehr: mit den
+Wölfen zu heulen.</p>
+
+<p>Die Wirkungen des Weins auf die Gemüther der Menschen
+sind aber, nach ihren natürlichen Temperamenten, sehr verschieden.<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span>
+Manche zeigen sich äusserst lustig; Andre sehr zärtlich,
+wohlwollend und offenherzig; Andre melancholisch, schläfrig,
+verschlossen; Andre hingegen geschwätzig, und noch Andre zänkisch,
+wenn sie berauscht sind. Man thut wohl, der Gelegenheit
+auszuweichen, mit Betrunkenen von dieser letztern Art in Gesellschaft
+zu gerathen. Ist dieß aber nicht zu vermeiden, so kann
+man doch darin mehrentheils mit einem vorsichtigen, nachgebenden
+und höflichen Betragen, und dadurch, daß man ihnen
+nicht widerspricht, so ziemlich gut fortkommen. Daß man auf
+das, was ein Mensch im Rausche verspricht, nicht bauen dürfe;
+daß man sich wo möglich hüten müsse, eine Ausschweifung im
+Trunke zu begehen, wenn man aus warnender Erfahrung weiß,
+daß man einen bösen Rausch hat; daß es unedel gehandelt sey,
+diesen schwachen Zustand eines Menschen zu nützen, um ihm
+Zusagen oder Geheimnisse zu entlocken; und endlich, daß man
+mit Leuten, die zu tief in die Flasche geschauet haben, keine
+ernsthafte Sachen verhandeln müsse: — das versteht sich wohl
+von selbst.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Allgemeine"><span class="s5a center">Allgemeine</span><br>
+Behandlung der Kinder<br>
+<span class="s5a center">in den<br> Jahren der ersten Entwickelung.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Die in ihrer richtigen und ungestörten Entwickelung begriffene
+Natur des Kindes unterstütze man so, daß sie immer sichtbarer
+und glücklicher gedeihe. Dazu dient zweckmäßige und abgestufte
+Beschäftigung — Uebung der Denkkraft (man soll nicht abweisen
+die Fragen der Wißbegier und des Forschens), und Mittheilung
+neuer Kenntnisse, welche an die erlangten geknüpft werden,
+damit die Seele sie desto leichter aufnehme, und das Unbekannte
+durch das Bekannte erläutert werde. — Eine Hauptsache
+hiebei ist die Belebung des Selbstgefühls durch gemäßigtes
+Lob und wohlwollende Ermunterung (daher kein Kritteln);
+Stärkung der Liebe zum Guten durch Belohnung, doch mit
+Verhütung des Eigennutzes.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span></p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Man wechsele mit der mehr negativen und mehr positiven
+Behandlung, so wie in der Jugend-Entwickelung mehr das eine
+oder andere vorherrscht. Nicht zu frühes Antreiben zum Lernen
+und Arbeiten — und zum Sprechen — kein Erzwingen von
+Artigkeit, so lange das Kind noch keinen Sinn für das Anständige
+haben kann. So soll die früheste Erziehung in dem Erregen
+und Einflößen guter Gefühle bestehen, oder vielmehr darin,
+daß man das Kind mit freundlichen Eindrücken umgibt, unter
+welchen sein Inneres sich still entfaltet.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Mit dem Alter des Spieles und der wirkenden Phantasie
+wird die positive Einwirkung nothwendig; denn überließe man
+die Kinder sich selbst, so würden sie auf dieses und jenes, und
+auf allerlei Thörichtes und Gefährliches verfallen, oft nicht wissen,
+wie sie der Langenweile wehren sollen, schiefe Richtungen
+annehmen, alles Gesehene und Gehörte blindlings nachmachen,
+und schlechte Gewohnheiten sich aneignen. So geschiehet es auch
+durch Verspätung und Vernachlässigung des positiven Einwirkens
+durch Gebot und Strafe, Ermahnung und Warnung, daß
+die Kinder den Eltern über den Kopf wachsen. Je mehr die
+Kraft sprudelt, desto mehr muß sie beschäftigt und geleitet werden.
+Die Kinder wollen und bedürfen dann viel, besonders körperliche
+Beschäftigung, und fehlt diese, so regt sich Unmuth,
+Widerspenstigkeit, und es erscheint eine ganze Reihe von Unarten.
+— Man verhüte mit Strenge üble Gewohnheiten. Jedes
+Ausarten der Lebhaftigkeit und der Freude in Wildheit und Ausgelassenheit,
+jeder Ausbruch des Eigensinnes, des Leichtsinnes
+und des Muthwillens; jeder entschiedene Ungehorsam, so wie
+das Abweichen von der Wahrheit; endlich beharrliche Trägheit
+und Faulheit erfordern eine unmittelbare und kräftige Einwirkung
+der Erziehung, und hiebei sich leidend verhalten, heißt:
+sich an den Kindern schwer versündigen. Denn wird z. B. den
+eigensinnigen Kindern nicht zu rechter Zeit der Wille gebrochen,
+den Trägen der Sporn angesetzt, den Wilden Einhalt gethan,
+so werden endlich die Hindernisse der Erziehung unüberwindlich,
+und es entsteht eine solche Ausartung des kindlichen Gemüths,
+ein solches Uebergewicht der Sinnlichkeit, daß zu gewaltsamen
+Mitteln geschritten werden muß. Die weichliche und falsche humane<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span>
+Erziehung scheuet und vermeidet jedes Verbot, als Eingriff
+in die vermeintlich-rechtmäßige Freiheit der Kinder, und
+verdirbt dadurch das ganze Werk. Durch Verbote muß man den
+Kindern, nie durch Strafe, zu Hülfe kommen, und sie aus Fesseln
+erlösen, die sie nicht selbst zu zerbrechen die Kraft haben, so
+wie man sie eben dadurch aus sinnlicher Betäubung weckt, in
+welcher sie zu Grunde gehen müßten.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Je jünger der Mensch, desto mehr werde von Seiten des
+Gefühls, je älter, desto mehr von Seiten des Verstandes auf
+denselben gewirkt, doch so, daß er nie von der einen oder andern
+Seite vernachlässigt, auch daß er durch Beides zur <em class="gesperrt">Vernunft</em>
+geführt werde.</p>
+
+<p>Was im frühsten Alter bloß empfunden wurde, wird späterhin
+gedacht, für nützlich und gut erkannt. Man würde also widernatürlich
+handeln und verderben, wenn man das frühere
+Alter mit Vorstellungen, oder das spätere mit bloßen Gefühls-Eindrücken
+lenken wollte. — Bewahrung der kindlichen Herzens-Reinheit,
+durch Verhütung alles verführenden Umgangs
+und verführerischer Beispiele durch milde Behandlung — dann
+Gewöhnung zum Nachdenken durch fleißiges Fragen: warum
+willst Du dieß, hast Du dieß gethan? — Gewöhnung zur Ordnung
+und Thätigkeit, das sind die einfachen und wirksamen
+Bildungsmittel, welche, zu rechter Zeit angewandt, ihres Zweckes
+nicht verfehlen. Es ist also das Moralisiren bei Kindern von 3
+bis 6 Jahren nicht nur vergeblich, sondern auch verderblich. Bei
+Kindern von lebhafter Phantasie und lebhaften Gefühlen muß
+das Nachdenken früher angeregt, und mehr auf Entwickelung
+des Verstandes gewirkt werden.</p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>Das Gefühl werde von Anfang und immer zart behandelt,
+doch so, daß es zur Ertragung des Widrigen erstarke.</p>
+
+<p>Harte Eindrücke stumpfen ab und erregen zugleich widrig;
+daher rauh behandelte Kinder gefühllos, träge, kalt, störrisch,
+verschlossen, boshaft und linkisch werden, wie das besonders an
+Bauernkindern sichtbar wird. Die Schule kann hier nur wenig
+entgegen wirken. Doch muß die Jugend für das Leben erzogen
+werden, und also auch Unannehmlichkeiten ertragen lernen; daher
+hüte man sich vor dem Bedauern bei geringfügigen Unfällen<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span>
+und Beschwerden, vor dem Entfernen oder Erleichtern jeder Beschwerde
+und Anstrengung, vor Verwöhnung durch Gemächlichkeit,
+z. B. wenn man die Kinder in geheizten Zimmern sich auskleiden
+und schlafen läßt. Doch soll die Jugend jeder Stunde
+ihres Lebens froh werden. Sie wird es aber eben dadurch am
+sichersten, daß man sie in die Nothwendigkeit setzt, die Freude
+und den Genuß durch Beschwerde zu erringen, und daß man sie
+vor jener Verzärtelung bewahrt, welche die Quelle der bösen
+Laune und so vieler peinlichen Zustände des Körpers und des
+Gemüths ist, in welchen alle Freude und aller Genuß untergeht.
+Der Verwöhnte hat immer etwas zu fürchten oder zu leiden;
+überall zeigen sich Störungen seiner Freude — er begehrt einen
+Zustand, welcher in der wirklichen Welt nicht Statt finden kann,
+und darum behagt ihm die Wirklichkeit nicht. So ist es auch,
+und in noch höherm Grade, mit der Verwöhnung der Empfindung
+— Empfindelei ist der Tod alles Lebensgenusses und aller
+frohen Gefühle.</p>
+
+<h4>6.</h4>
+
+<p>Der Verstand werde von Anfang erweckt, fortgebildet, und
+auf seine Sphäre hingewiesen, so daß das heranwachsende Kind
+immer mehr zur Einsicht gelange.</p>
+
+<p>Auf seine <em class="gesperrt">Sphäre</em> oder den ihm von der Natur angewiesenen
+Kreis, aus dem also die Erziehung und der Unterricht nicht
+heraustreten dürfen, wenn sie mit glücklichem Erfolge begleitet
+seyn sollen. Das Kind soll an Selbstthätigkeit und Selbstgefühl
+gewinnen, damit es die natürliche Trägheit auf der einen, und
+den ungeregelten Trieb zur Thätigkeit auf der andern Seite beherrschen
+lerne. Jene aber muß ein verderbliches Uebergewicht
+erhalten, wenn das Kind zu spät, oder seinen Kräften nicht angemessen
+beschäftigt wird, und dieser wird ausarten, wenn er
+nicht zu rechter Zeit seine Richtung auf das Nützliche und Gute
+erhält. Daher die Erscheinung, daß der Mehrtheil der Kinder
+entweder an einer unheilbaren Schwäche des Denkvermögens,
+oder an einer eben so verderblichen Schwäche der Einsichten leidet,
+indem man den Verstand mit einer Menge von Kenntnissen
+überladet, die er nicht zu fassen vermag. Hier wird es sichtbar,
+wie viel auf richtige und naturgemäße Methode, auf die
+<em class="gesperrt">Geistes-Diät</em> ankommt, denn die wahre Methode entfernt
+sich nicht von der Natur. Sie verschmäht daher nicht den Buchstaben,<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span>
+als der den Geist tödte, noch die Erfahrungs-Kenntnisse,
+und sämmtliche Hülfsmittel, als unnütz und unwirksam —
+noch den Stoff, als der formalen Bildung nachtheilig. Sie
+sorgt vorzüglich dafür, daß alles Gelernte auch ein Verstandenes
+oder Begriffenes werde, und legt es daher nicht einseitig auf
+Bereicherung des Gedächtnisses mit einer Menge unverarbeiteter
+Materialien an — sie läßt das Kind in der Natur und Kunst
+beobachten, erkennen, vergleichen und unterscheiden; sie erneuert
+und belebt das früher Gelernte und Gedachte, und macht es dadurch
+immer mehr zum Eigenthum des kindlichen Geistes. So
+verhütet sie alles Scheinwissen, und einen Wahn des Vielwissens,
+der das ganze Innere verdirbt.</p>
+
+<h4>7.</h4>
+
+<p>Die Kräfte des heranwachsenden jungen Menschen erhöhe
+man in ihrer Zunahme, so daß er sie immer freier gebrauche,
+und zur <em class="gesperrt">Selbstständigkeit</em> gelange.</p>
+
+<p>Hier scheidet sich die Abrichtung von der Erziehung, oder die
+einseitige von der allseitigen oder vollständigen. Wenn Kinder
+von selbst ihre Kräfte an etwas versuchen, so störe man sie nicht
+durch Tadeln und Kritteln. Dieß gilt von Körper- und Geistes-Kraft.
+Man überlasse zuweilen sie ihrem Thätigkeitstriebe, und
+dämme ihn nicht durch Vorschriften ein; aber man suche ihm
+durch Winke eine nützliche und angemessene Richtung zu geben —
+oder — eine gemeinschaftliche, so daß die geselligen Triebe in
+Thätigkeit kommen. Ein bewährter Pädagoge (Himly) sagt
+hierüber folgendes beherzigungswerthe Wort:</p>
+
+<p>»Zuletzt erscheint doch das Wesentliche aller Erziehung darin,
+daß der Mensch seine Kräfte frei, zweckmäßig und so umfassend
+nützlich, als möglich, gebrauchen lerne, weil dieß seinem
+Leben einen Werth gibt, und ihm die Stelle anweiset, wo er
+als Glied des großen Ganzen wirksam wird. Jeder soll sich,
+durch Hülfe derer, die auf seine Bildung gewirkt haben, an
+der Stelle befinden, wo er unter harmonischer Zusammenstimmung
+seiner Kräfte zu einer ihm selbst befriedigenden, und sein
+Bestehen in der Gesellschaft sichernden Thätigkeit gelangt. Aber
+ihn selbst befriedigt keine Thätigkeit, die ihn nur bis zum Brod-Erwerb
+führt, und keine, die nicht nach Aussen gerichtet ist,
+nicht irgend etwas <em class="gesperrt">hervorbringt</em>. Denn zum Handeln, das
+heißt, zum Thun nach Aussen, zum Wirken in seiner Umgebung,<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span>
+ist der Mensch bestimmt, und daher ist es das Ziel seiner
+Bestrebungen und sein innigster Wunsch, einen ihm angemessenen
+und also ihn befriedigenden Wirkungs- oder Thätigkeits-Kreis
+zu erhalten. Je freier aber, und je harmonischer
+und allseitiger sich seine Kräfte entwickelt haben, desto leichter
+wird er einen solchen Wirkungskreis finden, der ihn befriedigt,
+und seinem Leben einen Werth gibt. Der Mensch wird aus
+sich selbst hinausgetrieben, um für Andere zu wirken, und das
+vereinigte Daseyn der Menschen gleicht einer Maschine von
+tausend und abertausend in einandergreifenden Rädern. Es
+erfordert so mannigfache und so viel geartete Verwendung.
+Darum mußten auch die Einzelnen so vielgeartet seyn, damit
+jedes Bedürfniß des Ganzen befriedigt werden möge. Der unzerstörbare
+Zusammenhang menschlicher Dinge fordert und gebietet
+den wechselseitigen Austausch der Thätigkeit. Die Gesellschaft
+stößt denjenigen aus, der nichts für sie thun kann
+oder will. So geschiehet es denn, daß die nächsten physischen
+Bedürfnisse des Menschen, wie seine feinsten und geistigsten,
+nur darin befriedigt werden, daß er zu einer angemessenen
+Thätigkeit nach Aussen gelange. Der Mensch ist also nur dann
+erst mündig, wenn er seine bestimmte, ihm angemessene Stelle
+in der Gesellschaft einzunehmen vermag. Er will und bedarf
+zu seiner Glückseligkeit das Bewußtseyn, daß er im Kreise einer
+ihm angemessenen Thätigkeit Andern nützlich und werth sey.«</p>
+
+<h4>8.</h4>
+
+<p>Daher die Regel: Sorge immer für eine <em class="gesperrt">angemessene</em> und
+<em class="gesperrt">bestimmte</em> Beschäftigung deines Zöglings, und für eine solche,
+wodurch die harmonische Ausbildung seiner gesammten Körper- und Geistes-Kräfte
+bewirkt wird, und übereile und versäume dabei nichts.</p>
+
+<p>Jene unordentliche, von einem zum andern überspringende,
+bei nichts aushaltende Thätigkeit, ist nur Versplitterung der
+Kraft. Sie wird verhütet durch eingeflößte Liebe für jede Art
+nützlicher Thätigkeit, erregten Wetteifer, und Vereinigung der
+Thätigkeit Mehrerer. Die Liebe zur Thätigkeit entsteht durch die
+Bemerkung des Hervorgebrachten und des Wohlgefallens daran.
+Der regelmäßigste Gebrauch der Kräfte ist der freieste.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span></p>
+
+<h4>9.</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Man gestatte der fortgehenden Bildung immer
+mehr Freiheit durch eigne Kraft.</em></p>
+
+<p>Es ist zweckwidrig, bei dem Unterricht und Lernen den Kindern
+zu Hülfe zu kommen, oder auch in leiblichen Angelegenheiten
+ihnen alles zu erleichtern. Hat man nicht mehr gefordert,
+als sie leisten können, so bestehe man auch darauf, daß sie es
+durch eigene Kräfte leisten. Neigt sich die Thätigkeit vorzüglich
+auf einen Punkt hin, so zwinge man sie nicht — man impfe
+ihnen nicht künstlich und gewaltsam ein, was ihrer Natur, ihrem
+Gemüth und ihren Anlagen nicht zusagt — man gräme
+sich nicht, daß sie nicht leisten, was andere Kinder ihres Alters
+leisten. Haben sie einmal nicht die Anlage dazu, so würde doch
+nur eine Manier oder steifer Zwang herauskommen, oder man
+würde wenigstens vergeblich arbeiten. Nur das gehört dem Menschen
+wahrhaft an, was aus seinem Innern hervorgeht.</p>
+
+<p>Bringt ihr es dahin, daß das Kind fragt, so ist es besser,
+als wenn ihr ihm vordemonstriret — erfindet es selbst etwas, so
+ist es besser, als wenn ihr es ihm vorsagt — macht es etwas
+auf seine Weise, und es ist Verstand darin, so lasset es dabei.</p>
+
+<p>So besonders auch bei dem Spielen, wo sich der kindliche
+Verstand am meisten thätig erweist, und am glücklichsten entwickelt.
+Da störe man Kinder nicht, enge sie nicht zu sehr ein.</p>
+
+<p>Ein Kind macht Verse, man lasse es. Es zeichnet oft und
+gern, mögen es für's erste auch nur Karrikaturen seyn; wenn
+einiges Talent darin sichtbar wird, so halte man es nicht ab.
+Aber freilich hat diese Regel ihre Grenze. Wenn man sieht, daß
+ein Kind eine ganz verkehrte Richtung nimmt, seine Kräfte zersplittert
+— so thue man Einhalt.</p>
+
+<h4>10.</h4>
+
+<p>Man veranstalte in der Erziehung alles, so viel möglich so,
+daß mehr die ganze Umgebung auf den Zögling bildend und erhebend
+wirkt, als daß er der eigentlichen und strengen Zurechtweisung
+bedürfe.</p>
+
+<p>Von jeher ist in der Erziehung dadurch gefehlt worden, daß
+man zu viel ermahnt und zurechtgewiesen hat. Es ist nichts natürlicher,
+als daß sich Kinder endlich daran so sehr gewöhnen,
+daß zuletzt keine Ermahnung oder Zurechtweisung mehr Eindruck
+macht. Hier muß man mehr das Thörichte und Unrechte zu verhüten,<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span>
+und unmöglich zu machen suchen, auch dadurch schon,
+daß man Kinder auf Reizungen und Versuchungen aufmerksam
+macht, in die sie gerathen werden, oder diese entfernt und entkräftet.
+Je liebevoller z. B. die Behandlung ist, und je mehr
+Vertrauen man den Kindern eingeflößt hat, desto mehr hat man
+sie vor Versuchungen zum Lügen gesichert; je weniger man ihre
+Sinnlichkeit durch leckerhafte Speisen reizt, je mehr man sie an
+einfache Nahrungsmittel gewöhnt, und dafür sorgt, daß der
+Hunger ihnen die Speise würze, desto weniger werden sie naschen;
+je sorgfältiger man den Einfluß roher oder unsittlicher
+Menschen von ihnen entfernt, desto weniger Unarten werden sie
+begehen; denn die meisten Unarten erzeugt der Nachahmungs-Trieb,
+der bei Kindern eine unwiderstehliche Kraft hat; je anhaltender
+und zweckmäßiger man sie beschäftiget, desto weniger
+Thorheiten werden erscheinen. Wenn Kinder überall, wo sie sich
+befinden, Ordnung und Reinlichkeit, Fleiß und Betriebsamkeit,
+Einfalt und Sitten-Reinheit gewahr werden; wenn sie nur gerechte,
+besonnene und billige Urtheile hören, nur Worte des
+Friedens und der Liebe, so entsteht Sittlichkeit und Rechtlichkeit
+von selbst.</p>
+
+<p>In dieser Hinsicht haben Erziehungsanstalten einen bedeutenden
+Vorzug vor der häuslichen Erziehung, weil sie alles regelmäßiger
+einrichten, Störungen und Versuchungen kräftiger
+entfernen, eine genauere Aufsicht anordnen, regelmäßiger beschäftigen
+und eine feste Tagesordnung durchführen können; nur
+daß sie auf der andern Seite durch die strenge Regelmäßigkeit
+auch wohl der freien Entwickelung nachtheilig werden. Und doch
+ist es so mißlich, von der Regel abzuweichen, und Ausnahmen
+zu gestatten.</p>
+
+<h4>11.</h4>
+
+<p>Daß Kinder immer heitere Gesichter, willige Arbeiter, einträchtige
+Menschen um sich sehen; daß sie einer bestimmten Tagesordnung
+sich unterwerfen müssen, und von dieser in keinem
+Falle abweichen dürfen — dieß entscheidet über ihre Sittlichkeit.
+Jede feigherzige Unterwerfung unter den Zeitgeist und herrschenden
+Gesellschaftston, jedes Anschmiegen an Mode und Sitte,
+auch da, wo sich Vernunft und Gefühl dagegen sträuben, ist in
+der Erziehung unverzeihlich und führt zu den traurigsten Ausartungen.
+Die Erziehung darf sich eben so wenig, wie die Frömmigkeit,<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span>
+dieser Welt gleich stellen, wohl aber muß sie die Welt
+überwinden lehren, und daher dem verderblichen Einfluß des
+Zeitgeistes die Kraft einer sittlich-reinen Gewohnheit, feste
+Grundsätze und reine Gefühle entgegenstellen, und die Gesundheit
+des Verstandes gegen die giftigen Dünste des Zeitgeistes
+und Zeitgeschmacks zu schützen wissen.</p>
+
+<h4>12.</h4>
+
+<p>Beschränke die Freiheit Deines Zöglings nicht ohne Noth,
+und <em class="gesperrt">bewache</em> ihn nicht, anstatt ihn zu beobachten und zu leiten;
+versage ihm nicht eine Freiheit, die seine Natur und seine
+Entwickelung fordert. Suche dagegen den Mißbrauch der Freiheit
+möglichst zu verhüten durch Belebung sittlicher Gefühle,
+durch Warnung und Zurechtweisung, und dadurch, daß Du seinen
+Kräften eine angemessene Richtung gibst.</p>
+
+<p>Diejenigen Eltern, welche ihre Kinder aus übergroßer Aengstlichkeit
+gar nicht aus den Augen lassen wollen, machen sich und
+diese zu Sclaven, und erreichen ihren Zweck nicht. Allemal werden
+diejenigen Kinder die ausgelassensten seyn, die zu sehr beschränkt
+wurden. Man muß erdulden lernen, was Kinder, weil
+sie Kinder sind, nicht unterlassen können. Nur in Ansehung des
+Umganges und der Zeit dürfte eine vernünftige Beschränkung
+der Freiheit sehr nöthig und heilsam seyn, da Kinder noch nicht
+beurtheilen können, welcher Umgang ihnen nachtheilig, und wie
+wichtig die Benutzung der Zeit sey. Auch will die Freiheit des
+Sprechens und Urtheilens bei lebhaften Kindern beschränkt seyn.
+Diesen aber kann nichts Unglücklicheres begegnen, als wenn sie
+in die Hände alter Erzieher fallen. Wenn Kinder Liebe zu ihren
+Eltern und Geschwistern haben, so werden sie sich am meisten
+im Kreise der Ihrigen gefallen. Zeigen Kinder eine frühe Gesetztheit
+und Besonnenheit, so lasse man ihnen mehr Freiheit. (Jesus
+zu Jerusalem im zwölften Jahre.) Besonders verkümmere
+man ihnen die Spielstunde nicht, lasse aber auch nicht zu, daß
+sie sie willkührlich erweitern.</p>
+
+<h4>13.</h4>
+
+<p>Nimm dem Kinde nie sein Eigenthum, und laß es nie ungestraft,
+wenn es in fremdes Eigenthum greift; halte ihm immer
+Dein Versprechen, und sey daher auf Deiner Hut, wenn
+Du ihm etwas versprichst; verletze nie sein Recht (z. B. auf
+Erholung, Nachsicht, Vertheidigung oder Entschuldigung), und<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span>
+wenn Du etwas der Art thun müßtest, so richte es so ein, daß
+das Kind Dein Verfahren nicht als Ungerechtigkeit empfinde:
+laß es sich selbst das Urtheil sprechen; zeige ihm, daß es sein
+Recht verwirkt habe; beschränke nur den Gebrauch des Rechts,
+oder die Verwaltung und den Genuß seines Eigenthums.</p>
+
+<h4>14.</h4>
+
+<p>In der Erziehung darf keine <em class="gesperrt">Willkühr</em> herrschen, denn sie
+erstickt die edelsten Gefühle, entzieht Vertrauen und Liebe, bringt
+Verschlossenheit und tückisches Wesen hervor. Hat z. B. ein Kind
+sein Spielzeug verdorben, so verschenke man nicht das andere,
+sondern entziehe es ihm nur eine Zeitlang; hat es Geld vertändelt
+oder vernascht, man nehme ihm das übrige nicht. Zeigt es
+Geldgeiz oder Habsucht, so wirke man auf eine andere Art entgegen,
+als durch Wegnehmen, indem man z. B. seine Theilnahme
+reizt. — Ist ihm ein unverständiges Geschenk gemacht,
+so entziehe es ihm nur so, daß Du es aufzubewahren versprichst.</p>
+
+<p>Wenn das Kind nachlässig gearbeitet hat, hat es dann sein
+Recht auf Erholung verwirkt? Oder wenn es zum zweitenmale
+fehlt, auf Nachsicht? Oder soll ihm diese immer schwerer zugestanden
+werden? Darf sich ein Kind lebhaft vertheidigen? Wie
+leicht kann man Kindern Unrecht thun! Oft wird man durch
+die Farbe der Handlung irre geführt.</p>
+
+<p>Haben Kinder auch ein Recht, zu weinen, auf ihrem Willen
+zu bestehen, ungeduldig zu werden?</p>
+
+<p>Besonders hüte man sich, etwas zu versprechen, vor allem
+Belohnungen, und hernach, bei bessrer Einsicht, nicht zu halten,
+wenn man dem Kinde nicht begreiflich machen kann, daß
+die Erfüllung des Versprochenen ihm nachtheilig seyn würde.
+Es raubt dem Erzieher das Vertrauen und die Liebe.</p>
+
+<h4>15.</h4>
+
+<p>Tadle nie bitter, und strafe nur dann, wenn Du voraussiehst,
+oder die Erfahrung gemacht hast, daß gelindere Mittel
+nicht zum Zweck führen; laß aber auch das gestrafte Kind weder
+zu schnell, noch zu spät, Beweise Deiner Verzeihung und Liebe
+sehen. Doch unterlaß es nie, ihm die Fehler seiner Arbeiten und
+seines Betragens zu zeigen, und sey karg mit Deinem Lobe,
+aber freigebig mit Deiner Nachsicht, Schonung und Ermunterung.
+Von der Art, wie Kinder getadelt und gestraft werden,
+hängt vorzüglich der Erfolg der Erziehung ab. Die Strafe und<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span>
+der Tadel müsse dem Kinde eben so gut als Erweisungen der
+Liebe erscheinen, wie die Belohnung und das Lob. Ironie und
+Bitterkeit wirken gefährlich. Das Ehrgefühl muß nicht nur geschont,
+sondern auch gepflegt werden, doch so, daß dem Kinde
+immer Liebe mehr gelte als Lob, und es nach jener vorzugsweise
+strebe. Eine gewisse Weichlichkeit hält vom Strafen und Tadeln
+zurück, und bringt dadurch viel Böses hervor. Man lasse sich
+nicht durch die Empfindlichkeit der Kinder abschrecken. Diese
+Seelenschwäche kann nur durch Wohlwollen und wiederholten
+Tadel geheilt werden. Eitle Kinder bedürfen vorzüglich als
+Arznei des Tadels; aber er muß bei diesen besonders in der
+Sprache des Wohlwollens ausgedrückt seyn, wenn er wohlthätig
+wirken soll. Den bittern Tadel empfinden sie als eine Ungerechtigkeit,
+und ihr Herz verschließt sich dagegen. Den Tadel
+begleite oft das Wort der Ermunterung, und immer trage er
+mehr die Farbe der Betrübniß, als des Unwillens. Er werde
+nur dann ausgesprochen, wenn es ungezweifelt ist, daß das
+Kind etwas Besseres hätte machen können.</p>
+
+<h4>16.</h4>
+
+<p>Soll der Tadel nicht seine <em class="gesperrt">Wirksamkeit</em> verlieren, so muß
+er nicht zu oft kommen; nicht seine <em class="gesperrt">Wohlthätigkeit</em>, so muß
+er nicht im Tone der Verachtung ausgesprochen werden; nicht
+seine <em class="gesperrt">Würde</em>, so muß er kein ironischer und spottender seyn;
+nicht seine <em class="gesperrt">anregende Kraft</em>, so muß er mit lebhaftem Gefühl
+und in der Sprache des Gefühls ausgesprochen werden.
+Bei lebhaften Kindern, die in jedem Augenblick fast Uebereilungen
+und Thorheiten begehen, muß die Erziehung mehr übersehen,
+als rügen, und mehr verhüten, als strafen, mehr abhalten,
+als verbieten.</p>
+
+<p>Gelindere Mittel, als Tadel und Strafe, z. B. Entziehung
+einer Bequemlichkeit, ernstes Gesicht, Drohung, Zurechtweisung
+— <em class="gesperrt">scheinen</em> oft nur unwirksam, weil die Wirksamkeit
+nicht gleich sichtbar wird; sie wirken nach, wie fast alle Erziehungsmittel.
+Ist der wiederholte und verstärkte Tadel unwirksam,
+so folge ihm unmittelbar die Strafe.</p>
+
+<h4>17.</h4>
+
+<p>Dem gestraften Kinde gebe man, besonders wenn es zu den
+lebhaften gehört, und noch keine Spuren der Besserung sich zeigen,
+nicht zu schnell wieder Beweise der Liebe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span></p>
+
+<p>Da die Kinder eher durch Lob, als durch Tadel verdorben
+werden, so sey jenes noch sparsamer, als dieser. Dagegen darf
+man in der Erziehung mit seiner Nachsicht freigebig seyn, besonders
+bei Kindern von zartem und reizbarem Gefühl. In seltenen
+Fällen nur lobe man, mit Herabsetzung eines anderen
+Kindes, — beides, Lob und Tadel, geschehe mehr unter vier
+Augen, als in Gegenwart Anderer, weil es sonst zu stark als
+Reizmittel wirkt.</p>
+
+<h4>18.</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Rousseau</em> verwarf alle Strafen, und vergaß, daß die vorherrschende
+Sinnlichkeit eines Widerstandes bedarf, wenn ihr
+das Kind nicht hingegeben werden soll. Es ist eine Art von Ungerechtigkeit,
+ja es ist Grausamkeit, wenn man das Kind ungestraft
+läßt, denn man überliefert es dadurch der Knechtschaft seiner
+Sinnlichkeit, und legt den Grund zu seinem physischen und
+moralischen Verderben. Der freie Wille muß dem Kinde eben so
+folgerecht und unaufhaltsam in seinen Wirkungen erscheinen, wie
+die physischen Folgen, damit es eine moralische Nothwendigkeit
+erkenne. Wie soll auch das Kind zur Anerkennung der Güte im
+Gefühl kommen, wenn es diese nie entbehrt, wenn es bei pflichtmäßigem
+und pflichtwidrigem Betragen mit gleicher Güte behandelt
+wird? Die weichlichsten, und mit ihrer Güte freigebigsten
+Eltern haben die undankbarsten und ungehorsamsten Kinder.
+Der Mensch und das Kind weiß nur zu achten, was errungen
+seyn will, und nicht unverdient gegeben wird. Das Kind wird
+und muß sich seinen Eltern gleich setzen, wenn diese ihm nicht
+den Abstand fühlbar machen.</p>
+
+<h4>19.</h4>
+
+<p>Alles kommt auf die <em class="gesperrt">Art</em> des Strafens, des Tadelns, des
+Ver- und Gebietens an. Man kann so strafen, daß die Strafe
+bessert; aber auch so, daß sie erbittert, und zum trotzigen Widerstande
+reizt. Darum sind folgende Regeln hiebei sorgfältig
+zu beobachten:</p>
+
+<p>1. Habt keine Freude am Gebieten und Verbieten, sondern
+mehr am kindlichen Freihandeln, und mildert das Verbot nach
+Zeit und Umständen; haltet es zurück, wo es unzeitig ist.</p>
+
+<p>2. Verbietet seltener durch die That, als durch Worte. Reisset
+also z. B. dem Kinde das Messer nicht weg, sondern lasset<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span>
+es selber, aufs freundliche Gebot, dasselbe weglegen, damit es
+mit Freiheit handeln lerne.</p>
+
+<p>3. Greifet nie durch euer Verbot in die Rechte des Kindes,
+z. B. »Du sollst nicht springen, rennen, klettern.«</p>
+
+<p>Das Kind unterscheidet sehr gut den starken und ernsten Ton
+von dem zürnenden; die Mutter fällt leicht in diesen, wenn sie
+jenen dem Vater nachzumachen gedenkt. Sie nimmt leicht ihr
+Verbot zurück, oder beschränkt es, und schwächt es dadurch.
+So kommt es, daß sich die Kinder endlich nichts mehr wollen
+verbieten lassen. — Das Verbieten geschehe in kräftiger Kürze,
+und je jünger das Kind ist, desto nöthiger ist diese Kürze; ja
+sie ist nicht einmal nöthig; schüttle den Kopf, und damit gut.
+Das wortreiche Verbieten macht die Kinder nur unmuthig und
+reizt sie zum Spott. Nur sey das Verbieten kein heftiges; besser
+geschieht es zuerst mit leiser Stimme, damit eine ganze Stufenleiter
+der Verstärkung freistehe — und nur einmal, und für den
+kleinsten Ungehorsam erfolge augenblickliche Strafe.</p>
+
+<h4>20.</h4>
+
+<p>Was das <em class="gesperrt">Strafen</em> betrifft, so ist noch hiebei zu beobachten:
+Strafe verhüten, ist besser und weiser, als strafen. Da,
+wo alle andere mildere Mittel unwirksam geblieben sind, trete
+die Strafe unausbleiblich, und mit voller Strenge ein; doch
+auch hier beobachte man eine Stufenleiter, und erwäge, ob das
+Kind Entschuldigung verdiene, und ob es seine Schuld zu erkennen
+im Stande sey, denn Strafe gebührt nur dem, der sich der
+Schuld bewußt ist. Wo große und strenge Strafen nöthig sind,
+da steht es schlecht um die Erziehung, und die Strafen werden
+bald vergeblich seyn. Nicht strenge, aber unausbleibliche und
+unerläßliche Strafen sind mächtig. »Unter dem Volke nicht
+nur, auch unter den Gebildeten erzeugen die Schläge des
+Schicksals, welche die Eltern empfingen, Gegenschläge auf die
+Kinder.« Wie oft wird nur gestraft, weil eine üble Laune reizbar
+macht. Wie oft härter, als recht ist, weil das Schreien
+der Kinder zum Unwillen hinreißt.</p>
+
+<p>»Wer sich gern lässet strafen, der wird klug werden; wer
+aber ungestraft seyn will, bleibt ein Narr,« sagt <em class="gesperrt">Salomo</em>,
+und daher sorge der Erzieher dafür, daß seine Zöglinge nicht ihr
+Herz der Strafe verschließen, daß sie ihnen Wohlthat werde,
+und das wird sie seyn, wenn sie ohne Unwillen und Heftigkeit<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span>
+geschieht, mit allen Zeichen des Bedauerns, daß man strafen
+muß. — »Wer seiner Ruthen schonet, der hasset seinen Sohn;
+wer ihn aber lieb hat, züchtiget ihn bald« (Pred. Sal. 13, 24.).
+Die Strafe zu rechter Zeit und auf die rechte Art macht bald
+alle Strafe unnöthig und entbehrlich. »Der hat die Ruthe
+schlecht angewendet, der sie hernach zum Stock verdichten muß.«
+Aber ganz entbehren kann das Kind der Strafe nicht, ob es
+gleich einige gibt, die so weiche moralische Anlagen haben, daß
+schon die leiseste Aeusserung des Unwillens harte Strafe ist. Kinder
+von heftiger Gemüthsart werden unerträglich verwildern,
+und bringen es bis zur Wuth, wenn sie nicht gestraft werden.
+Sir. 30, 9. 12. — Ein Kind, das schlägt, werde geschlagen.
+Aber hütet euch, ein Kind durch Schlagen zu zwingen, daß es
+abbitten soll — oder ihm eine Schand-Strafe aufzulegen. —
+»Schande,« sagt <em class="gesperrt">Friedrich Richter</em>, »ist eine geistige Hölle
+ohne Erlösung, worin der Verdammte nichts werden kann,
+als höchstens ein Teufel.« — Auch werde nie die kleinste Strafe
+<em class="gesperrt">spottend</em> auferlegt, sondern ernst, öfter trauernd. Der elterliche
+Gram läutert dann den kindlichen, und macht das Herz
+für die Ermahnung empfänglich, die die Strafe begleitet.</p>
+
+<h4>21.</h4>
+
+<p>Strafe kann nicht so viel verderben, als Lob und entzogene
+Nachsicht. Wir haben gewöhnlich einen falschen Maßstab, nach
+welchem wir das Betragen, die Aeusserungen und die Unarten
+der Kinder beurtheilen. Wer sich am besten in die Kindes-Seele
+hinein versetzen kann, wird der beste Erzieher seyn. »So ihr
+nicht werdet wie die Kinder,« das gilt auch hier. Liebevolle und
+freundliche Behandlung sey durchaus in der Erziehung herrschend;
+doch fehle auch Strenge und Strafe nicht, so oft das
+jugendliche Gemüth durch diese erst jene muß verstehen und
+schätzen lernen. Wer nicht hört, soll fühlen. — Aber ferne sey
+jenes eben so unnütze als verderbliche Moralisiren über das Betragen
+und die Unarten der Kinder, womit viele Erzieher ihre
+ganze Pflicht erfüllt zu haben glauben, und das nur in seltenen
+Fällen, und als liebreiche Vorstellung der traurigen Folgen eines
+Vergehens fruchtet. Je mehr Freiheit, desto mehr Güte und
+Wahrheit. »Was also durch einen Wink bewirkt werden kann,
+soll nicht durch ein Wort geschehen, und was ein Wort ausrichten<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span>
+kann, dazu soll nicht eine Ermahnungs-Rede gehalten
+werden.«</p>
+
+<p>In der Erziehung wird eben so oft und sehr durch Versagung
+als Zugestehung der Nachsicht und Schonung gefehlt, und fast
+alle Erziehungs-Gebrechen lassen sich hierauf zurückführen. Die
+Mittelstraße hier zu entdecken, ist auch eben so schwer, als sie
+ohne Abweichung zu gehen, da die meisten Kinder eben so sehr
+zur Liebe, als zum Unwillen reizen, und die Geduld so sehr in
+Anspruch nehmen, als sie der Liebe bedürfen, und da dem durch
+Weichlichkeit oder Erziehungs-Vorurtheile befangenen Erzieher
+so leicht die nachtheiligen Folgen der Nachsicht und Strenge entgehen,
+besonders was die Lüsternheit der Kinder betrifft.</p>
+
+<h4>22.</h4>
+
+<p>Bei allem Unterricht und aller sittlichen Bildung durch Ermahnung,
+Warnung, Ermunterung, Tadel und Strafe, werde
+immer mehr dahin gearbeitet, daß das Kind sich selbst bestimmen,
+und aus eigenem Antriebe handeln lerne, damit es früh
+zur Selbstherrschaft gelange, und keiner Bewachung oder peinlicher
+Aufsicht bedürfe.</p>
+
+<p>Nie muß man den Zweck alles Erziehens aus den Augen
+verlieren, welcher ist, daß der Mensch selbstständig werde, sich
+selbst beherrschen und leiten lerne, ein ganz freier Mensch werde.
+Daher stärke die Erziehung seine Vernunft und seine sittliche
+Kraft, übe ihn im Ueberlegen, Nachdenken, Entsagen und Erdulden,
+belebe seine guten Gefühle, wecke und nähre Ehrfurcht
+gegen Gott, und lehre ihn merken auf die Regungen und Urtheile
+seines Gewissens, damit so früh als möglich die eigentliche
+Aufsicht und Erziehung entbehrlich werde. Aus solchen Kindern,
+die immer unter der strengsten Zucht, und unter peinlicher Aufsicht
+gehalten werden, können nie recht brauchbare Menschen
+werden. Je früher Kinder an feste Grundsätze gewöhnt, und
+durch ihr Gefühl und ihre Einsicht gebunden werden, desto früher
+entwickelt sich der Charakter. Doch gibt es auch gewisse
+weiche Naturen, die jeden Eindruck annehmen, und gewisse lebhafte
+und sinnliche, die es nie oder sehr spät erst zu reifer Ueberlegung
+und Selbstbeherrschung bringen. Diese bedürfen der längern
+und sorgsamern Erziehung und Leitung. Aber auch diese
+werden endlich sich selbst bestimmen, und sich beherrschen lernen,
+wenn sie sorgfältig gebildet, regelmäßig beschäftigt, und in eine<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span>
+solche Laufbahn gebracht werden, in welcher ihnen wenig Muße
+übrig bleibt, oder wenn ihr Ehrtrieb beständig wach erhalten
+wird. Bei Mädchen ist es besonders Schamhaftigkeit, und der
+Trieb zu gefallen, der bei solchen Naturen die Stelle der sittlichen
+Kraft vertritt, oder diese ergänzt.</p>
+
+<h4>23.</h4>
+
+<p>Indem man Kindern zuweilen die Verwendung von Zeit und
+Geld überläßt, und sie nur von Ferne beobachtet — indem man
+sie in Lagen bringt, wo sie ihrem eigenen Urtheil überlassen
+sind — indem man ihnen Aufträge ertheilt — indem man endlich
+gemißbrauchte Freiheit nachdrücklich, jedoch nicht durch Entziehung
+aller Freiheit straft — wird man diesen Zweck erreichen.</p>
+
+<p>Je mehr die Erziehung nach festen Grundsätzen geschieht, je
+mehr sich Erzieher hüten, mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen,
+je mehr weise Güte, mit Ernst gepaart, in der Erziehung
+herrscht, desto eher wird die Selbstbestimmung erfolgen.
+Je mehr dagegen der Erzieher schwankt, und von der weichlichsten
+Güte zur härtesten Strenge übergeht; je mehr er der Sinnlichkeit
+Nahrung gibt und Laune duldet, desto schwerer wird es
+ihm werden, seine Zöglinge in Ordnung zu erhalten, und zur
+Selbstherrschaft zu erheben.</p>
+
+<p>Emilie ist sinnlich und lebhaft — vergißt sich leicht — ist
+leicht hingerissen; aber wenn man ihr sagt: »wird es Dir wohl
+heute möglich seyn, Dich in Deiner Lustigkeit zu mäßigen? Du
+würdest mir eine große Freude machen« — erhält sie eine gewisse
+Kraft über sich. Ein treffliches Mittel ist auch der Auftrag,
+über kleinere Kinder die Aufsicht zu führen, ihre Spiele
+zu leiten — daher Kinder, die junge Geschwister haben, eher
+sich ausbilden.</p>
+
+<p>Härte und übertriebene Strenge in der Erziehung werden bei
+gut organisirten Kindern bei weitem nicht so gefährlich wirken,
+als übertriebene Weichlichkeit und Nachsicht. Gegen jene ist dem
+Kinde in seiner unerschöpflichen Liebe eine Waffe und Gegengewicht
+gegeben; aber dieser muß es ohne Rettung und Widerstand
+unterliegen, weil sie ihm nur als Wohlthat erscheinen kann.</p>
+
+
+<h4>24.</h4>
+
+<p>Der junge Mensch sey nie von solchen Personen umgeben,
+von welchen er Schlechtes sehen und hören könnte; seine Gespielen<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span>
+seyen gut erzogene Kinder, seine Hausgenossen gut gesittete
+Menschen.</p>
+
+<p>Die schwerste, und eine unauflösliche Aufgabe der Erziehung
+ist die, Kinder gänzlich vor dem verderblichen Einfluß böser Beispiele
+zu verwahren, und sie mit lauter guten Menschen und
+guten Eindrücken zu umgeben. Da dieß nicht möglich ist, so
+muß es die Erziehung dahin zu bringen suchen, daß das Herz
+des Kindes dem Einfluß des Bösen widerstehen könne, und keinen
+sittlichen Schmutz annehme. Hier wirken mehr, als andere,
+die religiösen Gefühle und Gesinnungen. Ist das Kind mit diesen
+ausgestattet, so werden ihm böse Beispiele, Versuchungen
+und Reizungen nicht nachtheilig werden. Ist das sittliche und
+das ästhetische Gefühl der Kinder genährt und veredelt, so werden
+sie nur Abscheu und Widerwillen bei dem Bösen, was sie
+sehen und hören, empfinden und nichts davon annehmen. Nur
+das Böse haftet, was sie von solchen Menschen hören und sehen,
+welchen sie mit Achtung, Vertrauen und Liebe ergeben sind.
+Daher haben sich Eltern und Erzieher sehr sorgfältig zu hüten,
+daß sie sich nicht zuweilen vergessen, z. B. in der lebhaften
+Freude, oder im Unmuth und in der Heftigkeit; — daß sie
+höchst vorsichtig bei Scherzen und Urtheilen sind. Vergeblich
+versucht man, wieder aufzubauen, was man durch unbedachtsamen
+und unbesonnenen Scherz und Spott niedergerissen hat;
+daher sind witzige Menschen keine gute Erzieher. Da es in jeder
+Familie Menschen gibt, deren Sitten nicht rein sind, oder nicht
+fein genug, so muß man mit Kindern hierüber ganz offen reden,
+und sie warnen, aber zugleich auf die guten Eigenschaften
+solcher Personen aufmerksam machen.</p>
+
+<h4>25.</h4>
+
+<p>Hier ist die dunkle Seite der öffentlichen Schulen und größern
+Erziehungs-Anstalten. Doch ist freilich hier auch neben dem
+Schlimmen das Gute; denn wo kein Widerstand und kein Hinderniß
+zu überwinden ist, da ist auch keine Kraft-Entwickelung
+möglich. Solche Kinder, die sich so leicht verführen lassen, sind
+überhaupt schwach, und würden auch geringeren Versuchungen
+unterliegen. Man unterlasse nur nicht, Kinder, so bald sie es
+begreifen können, mit den Gefahren bekannt zu machen, welchen
+man sie aussetzen muß.</p>
+
+<p>In Ansehung der Gespielen nur sey die Erziehung höchst vorsichtig,<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span>
+weil bei dem Spiel das Herz sich ganz hingibt, die innigste
+Vertraulichkeit entsteht, und eine wechselseitige sehr starke
+Einwirkung Statt findet. Auch tragen gute Gespielen sehr viel
+zur Entwickelung der geistigen und sittlichen Anlagen bei. Man
+bringe lebhafte Kinder zu lebhaften, phlegmatische zu lebhafteren,
+aber nicht zu den lebhaftesten. Das phlegmatische Kind
+läßt sich von dem lebhaften alles gefallen, und dies wird herrschsüchtig
+und eigensinnig. Am besten ist es, wenn die Gespielen
+sehr verschiedenen Gemüths sind, ohne gerade ganz entgegengesetzte
+Gemüthsart zu haben. Kinder von vornehmeren und geringeren
+Ständen zusammen zu bringen, ist selten rathsam; es
+müßte denn das Kind geringeren Standes sich durch ausgezeichnete
+Fähigkeiten geltend zu machen wissen, und reine Sitten
+haben. Dagegen ist es sehr vortheilhaft, gut unterrichtete Kinder
+zu Lehrmeistern der Vernachlässigten zu machen. — Kinder,
+die sich fortdauernd nicht vertragen, bringe man ja auseinander.</p>
+
+<h4>26.</h4>
+
+<p>Man lasse die Kinder übrigens ihre Gesellschaft frei wählen,
+so bald man überzeugt ist, daß sie gut wählen werden, und
+dann auch ohne Aufsicht spielen. Am besten ist es, wenn sie
+immer einige ältere zu Freunden haben, an welche sie sich durch
+den Nachahmungstrieb hinaufbilden; aber auch jüngere, um ihr
+Selbstgefühl nicht zu verlieren, und hauptsächlich ihres Gleichen,
+weil das Gleiche sich am innigsten vereinigt, und am glücklichsten
+fortstrebt.</p>
+
+<h4>27.</h4>
+
+<p>Nicht zu früh führe man Kinder in die Gesellschaft der Erwachsenen,
+nämlich nicht eher, als bis sie Ausbildung und
+Muth genug haben, sich in dieser Gesellschaft wohl zu befinden,
+und aus ihr Nutzen zu ziehen, und auch dann geschehe es nicht
+zwangsweise, und nicht zu oft und zu lange! Es ist bedenklich,
+Kinder stundenlang in einer erzwungenen Ernsthaftigkeit und
+Ruhe zu erhalten, nicht zu gedenken, daß man eine Grausamkeit
+an ihnen begeht, oder auch, wenn man sie gütig behandelt,
+zu einem gewissen vorlauten Wesen und zu einer unbescheidenen
+Dreistigkeit verleitet; oder sie zu Drathpuppen macht, die lauter
+Manieren, und keine Natur mehr haben. Je mehr die Gesellschaften
+gemischt sind, desto gefährlicher sind sie Kindern, da
+nur wenig Erwachsene so viel Achtung und Rücksicht für Kinder<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span>
+haben, als diese fordern können und bedürfen. Herangewachsenen
+Kindern, und besonders Mädchen, ist es freilich vortheilhaft,
+wenn sie sich in Gesellschaft geachteter Personen in ihre
+Gewalt bekommen lernen, aber auch nur solchen. Mädchen müssen
+früher die gesellschaftliche Sitte und die Sprache des Umgangs
+lernen, früher eine gewisse Dreistigkeit bekommen, damit
+sie nicht in kindische Blödigkeit versinken, und dadurch lästig
+werden.</p>
+
+<h4>28.</h4>
+
+<p>Waren Kinder in gemischter Gesellschaft, so erforsche man,
+was auf sie Eindruck gemacht hat, belebe die guten, schwäche
+die bösen Eindrücke, mache sie aufmerksam auf den Ton der
+Gesellschaft, und leite ihr Urtheil darüber; erlaube ihnen keinen
+spöttelnden Tadel des Gesehenen und Gehörten, lehre sie mehr
+das Unsittliche und Thörichte, als das Lächerliche auffinden und
+beurtheilen, und bewahre sie vor der conventionellen Heuchelei
+und Abgeschliffenheit.</p>
+
+<p>Die traurige Kunst, sich mit Anstand und Geduld zu langweilen,
+müssen Kinder nie lernen; eben so wenig die Fertigkeit,
+viel Worte zu machen, und die, zu schmeicheln. In so fern die
+Theilnahme an Gesellschaften Nahrung der Eitelkeit und des
+Stolzes werden kann, ist sie besonders zu verhüten, wenn nicht
+die ganze Frucht der Erziehung verloren gehen soll.</p>
+
+<p>Dabei darf die gesellschaftliche Bildung nicht vernachlässigt
+werden. Bringt man junge Leute zu spät in die Gesellschaft der
+Erwachsenen, so leiden sie an unheilbarer Blödigkeit und Ungelenkigkeit,
+und werden der Umgangssprache nie mächtig. Aber
+die Erziehung muß sie zuvor in den Stand gesetzt haben, an
+einem gesellschaftlichen Gespräche Antheil nehmen zu können;
+ihre Urtheilskraft muß nicht mehr ungebildet, ihre Sprache gereinigt,
+ihr Geschmack geläutert seyn. Denn was junge Leute
+in Gesellschaft einsylbig, blöde und verlegen macht, das ist nur
+Bewußtseyn ihrer Unwissenheit und Mangel an Gedanken und
+Kenntnissen.</p>
+
+<h4>29.</h4>
+
+<p>Viel verdanken wir dem gesellschaftlichen Umgange, und er
+darf von den Erziehungsmitteln nicht ausgeschlossen werden.
+Die Mittheilung von Gedanken, Urtheilen und Gefühlen befördert
+sehr die Bildung des Geistes und des Herzens. Eben so<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span>
+belebt der Umgang alle wohlwollende Gefühle, und übt in der
+Selbstverläugnung. Das Mädchen, mit größeren Anlagen zur
+Geselligkeit ausgestattet, und durch diese die Seele der Gesellschaft,
+soll auch hierin nicht vernachlässigt werden. Aber wenn
+sie zu früh in Gesellschaft geführt wird, besonders bei äusserer
+Annehmlichkeit und Liebreiz, so erhält sie eine gefährliche Nahrung
+für ihre Eitelkeit. Doch auch nicht zu spät, damit sich nicht
+Blödigkeit festsetze, die so viel gesellschaftliche Freude verbittert,
+und so schwer beseitigt wird. Man führe eben darum das Mädchen
+nicht eher in die Gesellschaft, als bis sie in dieser etwas
+gelten, und zur gesellschaftlichen Unterhaltung beitragen kann,
+und präge ihr dann ein, daß auch sie der Gesellschaft werth sey,
+wenn sie ihren Beitrag zur Unterhaltung gibt; aber eine Last
+für sich und die Gesellschaft, wenn sie ihn aus Blödigkeit zurückhält.
+Man bewahre sie vor gemischten Gesellschaften, und solchen,
+wo sie zu sehr allein da steht; man lehre sie die Sprache
+des Umgangs, und übe sie selbst darin, damit sie es zur Fertigkeit
+bringe; man gebe ihr zuweilen Aufträge, die dahin abzwecken,
+z. B. Bestellungen.</p>
+
+<h4>30.</h4>
+
+<p>Alles, was für die Verstandes-Bildung geschieht, werde zugleich
+Bildungsmittel für das Herz und den Geschmack, und
+umgekehrt, damit alle Einseitigkeit und Halbheit vermieden, und
+das Kind zum Menschen gebildet, zur Menschenwürde erhoben
+werde.</p>
+
+<p>Unterricht und Erziehung sollten nicht scharf von einander
+getrennt, nicht als zwei ganz von einander verschiedene Geschäfte
+betrieben werden; denn nur da, wo aller Unterricht erziehend,
+und alle Erziehung belehrend wirkt, nur da kommt man zum
+Zweck. Der Unterricht wirkt aber dann erziehend, oder auf Gesinnung
+und Gefühl, wenn er wohlwollend, im Ton der Liebe
+und Güte ertheilt wird, wenn man die Kinder immer darauf
+hinführt, warum und wozu sie Kenntnisse einsammeln, sie auf
+ihr Inneres merken, sie unmittelbar das Gelernte und Begriffene
+anwenden lehrt; wenn man sorgt, daß gegenseitige Liebe
+bei dem Wetteifer sey, wenn man bei dem Unterricht es nicht
+bloß auf Anregung des Ehrtriebes, sondern auch der Frömmigkeit
+und Sittlichkeit anlegt, und sich hütet, den Unterricht in
+einen bloßen Mechanismus ausarten zu lassen, oder gar in eine<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span>
+Zwangs-Anstalt und Arbeits-Strafe. Je mehr man den Kindern
+Lust und Liebe zum Unterricht beizubringen weiß, je besser
+das Verhältniß des Lehrenden zu den Lernenden ist, desto wohlthätiger
+wird er wirken. Bei dem Unterricht werde nie Anstand
+und Sittlichkeit verletzt, nie das Ehrgefühl gemißhandelt, aber
+auch nie das Kind weichlich geschont; er sey Anstrengung, aber
+angemessene und nicht zu anhaltende; es werde dabei eine Regel
+befolgt, doch ohne Härte und Zwang. Alles Gelernte und zu
+Lernende werde zugleich als Nahrung für Verstand und Gefühl
+benutzt. Also sey das Lesen nicht bloß Fertigkeit, sondern auch
+Ausdruck des Gefühls, welches der Inhalt anregen oder beleben
+soll; das Schreiben auch Bildungs-Mittel für den Schönheits-Sinn;
+das Rechnen Belebung des Sinnes für Ordnung, der
+Sorgfalt und des Fleißes, der Geduld und Ausdauer; die Musik
+Belebung frommer Gefühle und des Sinnes für Harmonie und
+Wohllaut, Veredlung des Herzens und Besänftigung der Leidenschaften
+— jede Arbeit Ermunterung zur Geduld und Uebung
+darin, als Pflicht-Erfüllung, als Sorge für Andere.</p>
+
+<h4>31.</h4>
+
+<p>Alles, was die Erziehung thut, werde Beförderungs- und
+Befruchtungs-Mittel für den Unterricht, besonders durch Gewöhnung
+an Ordnung, Regelmäßigkeit, Aufmerksamkeit, Nachdenken,
+Fleiß und Gehorsam. Es komme nie dahin, daß die
+Kinder, von der übertriebenen und lieblosen Strenge der Erziehung
+verleitet, sich dem Gebot zu entziehen suchen, oder es umgehen,
+und die Erziehung biete ihnen nie einen Anlaß dar, und
+reize sie nie, sich zu widersetzen, oder bemerkte Schwachheiten
+zu benutzen.</p>
+
+<p>Jeder sclavische Gehorsam sey verbannt, damit das Kind sich
+seiner Menschenwürde bewußt werde. Jede Unterredung sey belehrend
+und ermunternd, so wie der ganze Umgang mit dem
+Kinde bildend und erhebend. Das Kind werde nie mit seinen
+Fragen abgewiesen, nie in seiner Thätigkeit und seinem Fleiß
+durch Unordnung und Geräusch gestört, nie durch Vergnügen
+von der Erfüllung der Schülerpflicht abgehalten, nie wegen seiner
+Anstrengung beklagt. Durch Erziehung lerne das Kind seine
+Pflichten kennen, seine Verhältnisse achten, seinen Willen beherrschen;
+die Erziehung führe es zu Gott. Besonders sorge die
+Erziehung, daß dem Kinde Schätzung seiner Menschenrechte<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span>
+beigebracht, und das Herz vor Vorurtheilen der Geburt und des
+Standes bewahrt werde; denn diese verfinstern den Verstand,
+und lähmen die sittliche Kraft, zerstören alle Einwirkung guter
+Grundsätze, und bringen Willkühr hervor.</p>
+
+<p>Darum werde das Kind nur wenig, und nur von andern
+Kindern, besonders seinen Geschwistern, bedient; darum lerne
+es <em class="gesperrt">bitten</em>, auch Dienstboten bitten; es werde Lehrer der Kleinern,
+es thue ihnen Handreichung, auch beschwerliche Handreichung.
+Da durch Lehren gelernt wird, so kann man nicht früh
+genug die Kinder zu Lehrern der Kinder machen. Indem sie diesen
+ihre kleinen Kenntnisse mittheilen, wächst zugleich Wohlwollen
+und Liebe, werden sie in der Geduld geübt. Auf gleiche Art
+stärke sich Geduld und Kraft der Selbstverleugnung bei dem Lernen
+und bei häuslichen Arbeiten, und daher mache man ihnen
+nicht alles zu leicht, erspare ihnen nicht jede kleine Beschwerde,
+fordere sie zur Selbstverleugnung auf, gebe ihnen Anlaß zur
+Ueberlegung, und zum Handeln mit Ueberlegung.</p>
+
+<h4>32.</h4>
+
+<p>Die Art, wie der Unterricht ertheilt wird, die Liebe, die
+Nachsicht und Geduld, die man dem Kinde beweist, die Art der
+Ermunterung und des Tadels, die strenge Ordnung, welche
+man dabei beobachtet, die gewissenhafte Treue, mit welcher die
+festgesetzten Stunden des Unterrichts gehalten werden; der Eifer
+des Lehrenden, seine Freude über bemerkte Fortschritte, seine
+Traurigkeit über Nachlässigkeit und Trägheit, das alles müsse
+den Charakter des Kindes begründen helfen.</p>
+
+<h4>33.</h4>
+
+<p>Da es in der Erziehung keinen Stillstand geben darf, indem
+jeder Stillstand ein Rückschritt seyn würde, so sey das Streben
+nach dem Ziele ein rastloses und eifriges, und dem Zögling stehe
+dies Ziel, wie dem Erzieher, immer vor Augen, damit Beider
+Eifer nie erkalte und nie ermatte. Der Zögling werde sich der
+gewonnenen Kraft und Kenntniß mit Freude bewußt, und diese
+Freude werde ihm der Sporn zu neuer Anstrengung. Nie erscheine
+ihm das Lernen und Gehorchen als ein mühseliges Tagewerk,
+sondern als der einzige Weg, an das Ziel zu kommen.</p>
+
+<h4>34.</h4>
+
+<p>Je öfter es in der Erziehung scheint, als sey die Kraft und
+Anstrengung des Erziehers vergeblich aufgewandt, als sey gar<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span>
+keine Annäherung zum Ziel, desto nöthiger ist es, daß der Erzieher
+sich überzeuge, sein Eifer dürfe, auch bei dem ungünstigsten
+Erfolge, und bei diesem gerade am wenigsten, nachlassen,
+sondern müsse unter allen Umständen sich gleich bleiben — und
+wenn er sich gleich bleibt, so könne auch der Erfolg nicht ausbleiben.
+Diese Ueberzeugung erlangt man nur durch eine sorgsame
+Erforschung der Natur des menschlichen Geistes, und durch
+eine sorgfältige Beobachtung des Zöglings, so wie durch eine
+gewisse <em class="gesperrt">Bescheidenheit und Mäßigkeit in seinen Erwartungen
+und Forderungen</em>. Der Erzieher darf eben so
+wenig, wie der Arzt, an die Untrüglichkeit der Regeln seiner
+Wissenschaft glauben, und muß, wie dieser, von der Natur das
+Meiste und Beste, von seiner Kunst und Wissenschaft das Wenigste
+erwarten, muß nie der Natur entgegen arbeiten, sie nie
+zwingen wollen; aber sorgfältig der Natur nachspüren und nachgehen,
+und ihre Winke beachten, ihre Rechte heilig halten, ihren
+Beistand weise und sorgfältig benutzen, ihre Forderungen ehrerbietig
+beachten. Wer bei jedem Zöglinge denselben Erfolg von
+seinen Erziehungsmitteln und Maßregeln erwartet, dessen Eifer
+wird bald erkalten, und dessen Muth muß sinken, und alles
+Erziehen muß ihm zuletzt als ein zweckloses und fruchtloses Werk
+erscheinen.</p>
+
+<h4>35.</h4>
+
+<p>Wenn aber jeder Stillstand soll verhütet werden, so darf
+auch, besonders in den eigentlichen Kinderjahren, keine lange
+Pause in den Arbeiten, keine öftere Ausnahme von der Ordnung
+des Tages, keine eigentliche Zerstreuung des Zöglings, z. B.
+durch eine Reise, Statt finden. Man erschwert sich selbst und
+seinen Zöglingen das Geschäft der Erziehung unglaublich, so oft
+man einen längeren Ruhepunkt macht, und von der gewohnten
+Ordnung abweicht, so oft man nachläßt oder ein Nachlassen des
+Zöglings gestattet und geschehen läßt. Besonders gilt dieß von
+einer zu weichlichen Nachsicht und Schonung der Kinder, wenn
+sie krank werden, oder kränklich sind — von den langen Pausen,
+die man bei Gelegenheit der Familienfeste und bei Zurüstungen
+zu diesen Festen, besonders zu Geburtstagen, macht,
+auf deren dramatische Feier nicht selten Wochen verwandt werden
+bei dem Einstudiren. Dagegen sind bei dem Unterricht und
+bei der Erziehung <em class="gesperrt">solche</em> Ruhepunkte sehr heilsam, welche bestimmt<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span>
+sind, die in einem längern Zeitraum gewonnene Fähigkeit,
+Fertigkeit und Kenntniß zu überschauen, und sich in vollen
+Besitz derselben zu setzen. Daher gehöre es zu den Familien-Festen,
+wenn ein Kind irgend eine Fertigkeit erlangt, eine Bahn
+des Wissens und Lernens durchlaufen hat, und man halte über
+diese Einnahme des Zöglings ordentlich Buch und Rechnung.
+Das Kind werde zu einem recht lebendigen Bewußtseyn seiner
+erlangten Fertigkeit und Kenntnisse erhoben, und besonders zum
+Bewußtseyn seiner erhöhten moralischen Kraft, indem man es
+erinnert an ehemalige bange Zustände und Verhältnisse, ehemalige
+Schwierigkeiten und Hindernisse, die nun nicht mehr sind.
+Das Gehorchen werde erleichtert durch die Billigkeit und Angemessenheit
+der Gebote, durch wohlwollende Behandlung, eingeflößtes
+Vertrauen, erleichterte Ueberzeugung, daß es so recht
+und wohlgethan sey.</p>
+
+<h4>36.</h4>
+
+<p>Am ersten wird der Eifer erkalten, und der Muth sinken,
+und also Stillstand und Hemmung erfolgen bei solchen Erziehern,
+die sich das Erziehen zu <em class="gesperrt">leicht</em> gedacht haben, und meinten,
+man habe nur zuzusehen, wie sich das Kind selbst erziehe,
+und ihm hie und da mit Strafen und Belohnungen zu Hülfe zu
+kommen; eben so bei solchen, die nicht Liebe genug zu den Kindern
+haben, und sich durch die immer wiederkehrenden Unarten
+der Kinder zum Unwillen und zu einer harten Behandlung reizen
+lassen, dadurch aber nichts weiter, als einen größeren Widerstand
+der Kinder gegen ihre Erziehungs-Maßregeln bewirken.
+Ferner bei denen, welche den Kindern <em class="gesperrt">Blößen</em> geben, und sich
+dadurch in ein ungünstiges Verhältniß gegen ihre Zöglinge setzen.
+Endlich auch bei solchen, welche an die Untrüglichkeit und Unfehlbarkeit
+ihrer Erziehungs-Grundsätze glauben, und daher sich
+nicht zu fassen wissen, wenn der Erfolg nicht ihren hohen und
+zuversichtlichen Erwartungen entspricht. Daraus entsteht dann
+leicht ein unwilliges und hastiges Wegwerfen aller Grundsätze,
+und bei einem solchen Verfahren muß allerdings der Erfolg rein
+ungünstig seyn, weil dann gewöhnlich eine ganz verkehrte Behandlung
+des Zöglings eintritt, alle Behandlung nach Regeln
+aufhört.</p>
+
+<h4>37.</h4>
+
+<p>Ein Stillstand oder Rückschritt wird ferner da unvermeidlich<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span>
+seyn, wo man es mit der Bildung und Ausbildung guter Anlagen
+<em class="gesperrt">übereilt</em> und <em class="gesperrt">übertrieben</em> hat, und Kinder über ihr
+Vermögen anstrengte, ehe die wahre Bildungs-Periode eingetreten
+war. Solche Treibhaus-Erziehung bringt nur kränkelnde
+Erzeugnisse hervor.</p>
+
+<p>Es ist also Stillstand und Rückschritt in der Erziehung unausbleiblich,
+wenn es keine feste Tages-Ordnung gibt; wenn
+nicht nach Grundsätzen erzogen wird; wenn man in gewissen
+Perioden der Sinnlichkeit zu viel Befriedigung verstattet; wenn
+die Eitelkeit und der Eigendünkel durch falsch angewandte Ermunterungs-Mittel
+geweckt und genährt ist; wenn die Lebens-Ordnung,
+welche eingeführt, und der Unterrichts-Plan, welcher
+befolgt wird, nicht dem Alter und den Anlagen des Zöglings,
+und überhaupt der Natur des kindlichen Gemüths und Geistes
+angemessen ist, vielmehr ganz davon abweicht; wenn endlich
+Kindern Vorurtheile des Standes und der Geburt eingeflößt
+werden, oder Wohlleben sie träge und verdrossen macht.</p>
+
+<h4>38.</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Lehren und die Eindrücke der Religion</em> müssen
+allen andern Lehren und Eindrücken Kraft und Wirksamkeit geben.
+Daher geschehe in der Erziehung alles mit religiösem Geiste;
+aber man hüte sich dabei, den Ton zu verfehlen, der dem jedesmaligen
+Alter und der Bildungsstufe, auf welcher der Zögling
+steht, angemessen ist. Die Erziehung benutze sorgfältig alle die
+Mittel, welche ihr zu Gebote stehen, um die religiösen Eindrücke
+dem Herzen unauslöschlich einzuprägen, und da die Liebe des
+Gesetzes Erfüllung ist, so müsse jedes wohlwollende und theilnehmende
+Gefühl sorgsam gepflegt und genährt und schon in
+dem Kinde eine lebendige Ahnung seiner Menschenwürde und
+Bestimmung erweckt werden.</p>
+
+<p>Die Erziehung soll vor allem den Menschen zum Menschen
+bilden; sie soll die Grundzüge der Menschheit nicht verwischen,
+sondern ihnen Kraft und Leben geben; sie soll es auf Selbstständigkeit
+anlegen, und die Anlagen zur Sittlichkeit in dem
+Kinde ausbilden. Diejenigen Erzieher, die dieß verabsäumen,
+haben ihre Pflicht nicht halb erfüllt. Denn nie wird es der
+Mensch zu wahrer Sittlichkeit bringen, wenn er nicht Ehrfurcht,
+Liebe und Vertrauen gegen ein unsichtbares Wesen fühlt, welches
+er als Herr seines Schicksals betrachtet. Nur dadurch erhält<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span>
+der Wille Kraft und Festigkeit, nur dieß gibt den Gefühlen Lebhaftigkeit
+und Wärme, der Seele eine Richtung auf das Höhere.
+Aber ist die religiöse Bildung verabsäumt, so bleibt die Bildung
+für das ganze Leben mangelhaft und unvollständig; nur die Religion
+kann das Werk des Erziehers fördern und krönen. Gerade
+darum aber, weil die Religion Sache des Gefühls werden muß,
+wenn sie haften und wirksam seyn soll, müssen die religiösen
+Eindrücke schon in der frühesten Kindheit geschehen.</p>
+
+<p>Dahin gehört die Scheu vor einem unsichtbaren und allwissenden
+Richter, der belohnen und bestrafen kann; der Glaube,
+daß die Regungen des Gewissens Gottes-Stimme sind; daß
+alles Gute von Gott kommt, und daß er Beschützer und Führer
+der Menschen ist; daß er den Menschen durch seine Gesandten
+seinen Willen bekannt gemacht habe — daß er ihre Gebete erhöre.</p>
+
+<p>Dahin gehört ferner Heilighaltung der Bibel, als eines göttlichen
+Buches; der Kirche, als Stätte der Andacht und Anbetung;
+des Sonntags, als eines dem Herrn und unserer Seele
+geweihten Tages; der Festtage, als solcher Tage, die uns an
+eine große Wohlthat Gottes erinnern — vor allen auch der
+letzte Tag des Jahres.</p>
+
+<h4>39.</h4>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">religiöse Bildung</em> darf am wenigsten der weiblichen
+Seele fehlen, weil diese mehr durch Gefühle, als durch Verstandes-Begriffe
+und Grundsätze bestimmt und geleitet wird, und
+weil vor allem durch die Mütter religiöse Gesinnungen und Gefühle
+fortgepflanzt werden sollen. Das Menschengeschlecht wäre
+verloren, wenn Religiosität nicht mehr in weiblichen Herzen gefunden,
+und durch sie fortgepflanzt würde, so wie auch alle Erziehung
+bei Mädchen ihren Zweck nicht erreicht, wenn sie nicht
+eine religiöse, und durch Religion geheiligte und befruchtete ist.
+Dazu gehört nicht ein frühzeitiger eigentlicher Religions-Unterricht,
+oder daß man das lallende Kind schon zum Beten abrichte;
+wohl aber, daß man es durch Liebe und Ernst empfänglich mache
+für die Eindrücke der Religion; daß man die Schönheiten der
+Natur, und ihre furchtbaren Erscheinungen benutze, um des
+Kindes gerührte oder erschütterte Seele zur Ahnung Gottes und
+des Göttlichen zu erheben; daß man die, das kindliche Gemüth
+so sehr ansprechenden Erzählungen und Lehren der Bibel zur
+Weckung religiöser Gefühle benutze, und die einfachsten Aussprüche<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span>
+der Bibel seinem Gedächtnisse und Verstande einpräge;
+daß man es früh zum Genuß und zum Erkennen dichterischer
+Schönheit führe, und dadurch seinen Gefühlen eine höhere Richtung
+gebe. Ein schönes Lied, dem Kinde mit Empfindung vorgesprochen,
+wird gewiß bei den Meisten von großer Wirkung
+seyn. Auch das Hinführen in die Kirche, besonders bei feierlichen
+Gelegenheiten, wird hiezu mitwirken; nur verlange man
+nicht, daß das Kind bei dem ganzen Gottesdienste aushalten
+soll. — Schriften, wie Gumal und Lina — <em class="gesperrt">Spiekers</em> Emiliens
+Stunden der Andacht — <em class="gesperrt">Krummachers</em> Parabeln und
+dessen Festbüchlein — Allwin und Theodor von <em class="gesperrt">Jakobs</em>, und
+von demselben Rosaliens Nachlaß — <em class="gesperrt">Witschels</em> Morgen- und
+Abendopfer — <em class="gesperrt">Glatz</em> Andachtsbuch, werden hiebei gute Dienste
+leisten, noch besser ein zweckmäßiger Vortrag der biblischen Geschichte,
+und eine feierliche Morgen- und Abend-Andacht.</p>
+
+<h4>40.</h4>
+
+<p>Man beobachte sorgsam alles, was einen lebhaften und guten
+Eindruck auf das Kind gemacht, sein Nachdenken anhaltend
+beschäftigt, seine Wißbegierde am meisten angeregt hat, und
+suche alle diese Eindrücke und Regungen wieder aufzufrischen,
+damit die Seele dadurch gewisse Lichtpunkte erhalte, von wo
+aus sich Leben, Licht und Wärme durch das Ganze verbreite.</p>
+
+<p>Je öfter die Erfahrung lehrt, daß gerade das, wovon man
+sich den geringsten Eindruck versprach, die stärksten und bleibendsten
+bei den Kindern machte, und das, was Eindruck machen
+sollte, desselben verfehlte, desto nöthiger ist es, auf jenes
+zu merken, und den Eindruck nicht verlöschen zu lassen. Dieß
+gilt besonders von dem, was wohlwollende Gefühle, den Sinn
+für Gerechtigkeit und Wahrheit weckt und belebt, was die Ahnung
+des Göttlichen hervorruft, das Selbstgefühl stärkt, den
+Thätigkeitstrieb erhöht, zur Selbstverleugnung ermuntert und
+stärkt. Bei dem einen Kinde ist's z. B. eine Aeusserung des
+Mißtrauens, wodurch es tief bewegt wird; bei einem andern
+die Betrübniß, die man über seine Fehltritte äussert; bei einem
+dritten der Anblick eines ausgearteten Kindes; bei einem vierten
+das Gelingen einer gefürchteten Arbeit — bei einem fünften
+ein Geschenk von Werth — ein unerwartetes Lob — ein
+empfindlicher oder beschämender Tadel.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span></p>
+
+<h4>41.</h4>
+
+<p>Nothwendig muß hiernach die Erziehung modificirt werden;
+es bildet sich hieraus eine <em class="gesperrt">pädagogische Klugheitslehre</em>.
+Kinder von einer zarten Reizbarkeit, von vorzüglichen sittlichen
+Anlagen, und solche, die auf alles merken, alles zu Herzen nehmen,
+über alles nachdenken, wollen mit einer vorzüglichen
+Sorgfalt und Behutsamkeit behandelt seyn. Lebhafte Kinder bedürfen
+und ertragen starke Eindrücke, phlegmatische starke Reizmittel.
+Mädchen werden leicht durch Anregung der Phantasie
+fortgerissen. Eine rührende Geschichte kann sie leicht für ganze
+Tage zu einer gewissen Niedergeschlagenheit stimmen, oder doch
+ihre Phantasie in Aufruhr bringen — eine Schmeichelei die Eitelkeit
+in furchtbarer Kraft wecken.</p>
+
+<h4>42.</h4>
+
+<p>Die Erziehung lege es daher nicht so sehr auf starke und lebhafte,
+als auf <em class="gesperrt">bleibende Eindrücke</em> an. Diese werden durch
+ein sich gleich bleibendes herzliches Benehmen, durch Erneurung
+und Belebung sittlicher Regungen, durch Einflößung religiöser
+Gesinnungen und Gefühle bewirkt; aber auch durch Benutzung
+ausserordentlicher Ereignisse, z. B. Unglücks- und Todesfälle,
+Verluste, Krankheiten, durch welche besonders der Sinn für
+Religion geweckt und belebt wird.</p>
+
+<p>Wir hören hierüber die Bekenntnisse eines gewesenen Schulmannes
+aus seinen Jugend-Jahren. (S. Neue Bibliothek für
+Pädagogik von Gutsmuths, Julius und August 1812.)</p>
+
+<p>»Ich vergegenwärtige mir noch lebhaft die schönen Abend-Dämmerungen,
+in welchen meine Mutter, mich herumtragend,
+geistliche Lieder sang. Mit sanfter, süßer Gewalt ergriffen mich
+diese Lieder. Ich horchte und horchte, und mag auch wohl die
+Händlein gefaltet haben. Ein Reich Gottes that sich mir auf;
+ich hatte an diesen Abenden, das weiß ich noch heute, eine
+milde, fromme, kindliche, ich möchte sagen: heilige Gesinnung,
+wie mir denn auch die gute Mutter ihre Zufriedenheit
+mit meinem Thun und Treiben nicht versagen konnte, so lange
+diese Klänge und Vorstellungen noch wiederhallten. Ich verstand
+freilich viele Ausdrücke in diesen Liedern nicht; aber der
+mir zusammenhängend verständlichen waren genug. Manches
+hellte mir die, zwar sehr dürftige, Belehrung auf, und übrigens
+fand ich mich instinktartig zurecht. Ich verstehe mich hier<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span>
+selbst wohl. Bewahre mich Gott, die Erkenntniß des Verstandes
+zu verachten! Was kann herrlicher seyn, als das Denken,
+welches selbst eine göttliche That ist, auf das Göttliche angewandt.
+Ich meine nur, das Uebersinnliche, das im Menschen
+ursprünglich gesetzt ist, als: Gott, Gewissen und Rechenschaft,
+wurde mir in das Bewußtseyn gebracht durch jene Gesänge,
+und wenn ich einmal auf diesem heiligen Boden war, so konnten
+ein Paar dunkle Vorstellungen ab und an nichts verschlagen;
+die Hauptsache, der Grund aller wahren Religion, war
+gewonnen. Ich segne meine Eltern, daß sie mir den Gedanken
+des Heiligen eher einpflanzten, ehe noch die rechte Sünde
+kam, und die größere Zerstreuung. Keine Erkenntniß zu dulden,
+die nicht durch den Begriff kommt, das ist spätere Losung
+gewesen. Wir haben gesehen, wie weit wir damit im Erkennen,
+Wollen und Fühlen gekommen sind.«</p>
+
+<p>»Ich mußte früh und Abends <em class="gesperrt">beten</em>, vor und nach Tische,
+und sah es die Eltern gleichfalls thun. Oft hatte ich keine Andacht
+dabei; oft wurde ich dazu gezwungen. Ein Erzieher meiner
+spätern Jahre machte es umgekehrt; er versagte mir das
+laute regelmäßige Beten, wenn ich nicht gesammelt war, mit
+dem Beifügen, daß ich mich Gott in einer solchen Stimmung
+nicht nahen dürfe, weil ich ihm mißfällig sey. Das wirkte
+mächtig auf mich. Indessen entsinne ich mich keines Schadens,
+den das mechanische Geplapper mir gebracht hätte. Doch
+kann es seyn, daß die sinnvollere Erziehung, die ich vom neunten
+Jahre an ausser dem Hause erhielt, mich vor solchem Schaden
+bewahrt hat. Dagegen weiß ich, daß ich auch sehr oft andächtig
+betete; daß mir der Gedanke an Gott und die Beschäftigung
+mit ihm etwas wurde, das sich von selbst verstände;
+daß mir bei unerlaubtem Dichten und Trachten eben deshalb
+die Erinnerung an Gott schneller in den Weg trat, und mich
+in manchem Schlechten aufhielt; daß ich mich gewöhnte, den
+Tag und die Nacht als ein Geschenk des liebevollen Gottes,
+und das Leben, als bedürftig der Weihe in jedem seiner Theile
+zu betrachten. Ich kam zeitig unter eine gewisse Gottesherrschaft,
+die dem Leben getaufter Menschen erst den wahren
+Werth gibt; ich lernte endlich durch eingeimpftes Beten auch
+frei beten, und meine religiösen Vorstellungen unaufgefordert
+an Gott richten. Es ist in der That die Frage, ob eine allzu<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span>
+ängstliche Scheu vor dem Mechanismus im Beten im Anfang
+der religiösen Erziehung nicht dem höchsten, dem freien Beten
+selbst, auf Zeitlebens nachtheilig wird. Mich dünkt, das Beten
+wolle, wie jede Seelen-Verrichtung, <em class="gesperrt">geübt</em> seyn.«</p>
+
+<p>»Ich bekam Bibelsprüche zum Auswendiglernen. Viele darunter
+verstand ich nicht ganz; mehrere waren in der Auslegung
+unrichtig; erklärt wurden mir wenige recht. Die einen habe
+ich in der Folge verstehen, die andern recht erklären gelernt.
+Gesetzt, mir wäre Beides nicht ganz zu Theil geworden, so
+hätte ich doch immer, wie geschehen ist, einen Schatz gesammelt
+von Lehre, Warnung und Trost in erhaben einfacher
+Sprache der Urwelt.«</p>
+
+<p>»Dem häuslichen Vorlesen und Hören von Predigten habe
+ich als Kind nie etwas abgewinnen können. Die Schuld mochte
+theils daran liegen, daß Predigten für mein Kindesalter nicht
+paßten, theils an der schlechten Declamation. Aber das häusliche
+Singen an Sonn- und Festtagen erbaute mich mehr. Da
+ich ein vortreffliches Gedächtniß habe, so lernte ich die vornehmsten
+Lieder unseres Gesangbuchs kennen, viele auswendig.
+Wie mancher Vers der Gottbegeisterten Dichter <em class="gesperrt">Paul</em>, <em class="gesperrt">Gerhard</em>,
+<em class="gesperrt">Richter</em>, <em class="gesperrt">Luther</em>, <em class="gesperrt">Neumann</em>, und später des sanften
+<em class="gesperrt">Gellert</em>, hat mich mahnend, warnend, tröstend durch
+das Leben geleitet! Wo die heutige Jugend so oft trostlos
+schwankt, oder in wilder Verworrenheit dem Abgrund zutaumelt,
+habt ihr Unsterblichen mich fest und aufrecht erhalten.«</p>
+
+<p>»Die Vorstellungen und Gefühle der Religion waren es vorzüglich,
+die meine dunkeln, gemeinen, verkümmerten Kinder-Jahre
+erhellten, adelten und beseligten. Eine Welt ging mir
+im Geiste auf, deren Schimmer die enge sichtbare mir nicht
+verdüstern konnte. Mit dem Ministerknaben, der im stolzen
+Prachtwagen bei mir vorüber fuhr, hatte ich einen Gott, zu
+dem ich beten konnte; ich war getauft, wie er; ich erstand
+einst aus dem Staube, wie er, nicht mehr gebeugt, sondern
+verklärt. An den einfachern Weltverhältnissen, die ich im Evangelienbuche
+anschaute, richtete sich meine schüchterne Seele auf;
+die festlichen Tage der Christen brachten auch in meiner Eltern
+Haus einen Schimmer der Freude; an Abendmahlstagen sah
+ich die höchste Erhebung an ihnen, und wie sie da mit besonderer
+Scheu das Unheilige mieden, so ermannten sie sich auch,<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span>
+des Lebens Sorgen wegzuwerfen. Mitten unter den Thränen,
+die ihr Brod benetzten, sah ich auch oft den vertrauensvollen
+Blick gen Himmel gerichtet, und hörte ein Wort wechselseitiger
+Tröstung gesprochen, das nicht auf täuschende Erdenhoffnungen
+gegründet war. So lernte ich zeitig etwas von der erhabensten
+aller Künste, zu stehen wie ein Berg Gottes, den Fuß
+in Ungewittern, das Haupt in Sonnenstrahlen.«</p>
+
+<h4>43.</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Jean Paul</em> sagt in seiner Levana: »Zeiget überall, auch an
+den <em class="gesperrt">Grenzen</em> des heiligen Landes der Religion, dem Kinde anbetende
+und heilige Empfindungen; diese gehen über, und entschleiern
+ihm zuletzt den Gegenstand, so wie es mit euch erschrickt,
+ohne zu wissen, wovor. Newton, der sein Haupt entblößte,
+wenn der größte Name genannt wurde, war ohne Worte ein
+Religions-Lehrer von Kindern geworden. Nicht <em class="gesperrt">mit</em>, aber <em class="gesperrt">vor</em>
+ihnen dürft ihr beten, das heißt: Gott laut danken. Eine verordnete
+und befohlene Erhebung und Rührung ist eine entweihte.
+Kindergebete sind <em class="gesperrt">leer</em> und <em class="gesperrt">kalt</em>, und eigentlich nur Ueberreste
+des jüdisch-christlichen Opferglaubens, der durch Unschuldige,
+statt durch Unschuld, versöhnen und gewinnen will.« Das
+Wahre an dieser zu stark ausgedrückten Behauptung ist wohl
+dieß, daß eine befohlene Andacht gar keine ist, und daß ein
+Tischgebet vor dem Essen jedes Kind verfälschen müsse.</p>
+
+<p>»Gebt dem Kinde,« heißt es dort weiter, »unser Religions-Buch
+in die Hand, aber schickt die Erklärung dem Lesen nicht
+nach, sondern voraus, damit in die junge Seele die fremde
+Form als ein Ganzes dringe. Warum soll erst der Mißverstand
+der Vorläufer des Verstandes seyn? Um die schöne Frühlingszeit
+der religiösen Aufnahme des Kindes unter Erwachsene
+— eine so wichtige, da es vor dem Altare zum erstenmale
+öffentlich und mit allen Rechten eines <em class="gesperrt">Ichs</em> auftritt und forthandelt
+— um diese einzige Zeit, wo plötzlich das dämmernde
+Leben in ein Morgenroth aufbricht, und dadurch das Neue der
+Liebe und der Natur verkündigt, gibt es keinen schöneren Priester
+für die junge Seele, als der Dichter ist, welcher eine sterbliche
+Welt vernichtet, um auf ihr eine unsterbliche zu bauen.«
+Levana 1. 146.</p>
+
+<h4>44.</h4>
+
+<p>Verhüte sorgsam alles, wodurch die Freudigkeit Deines Zöglings<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span>
+geschwächt oder unterdrückt werden könnte, und erhalte ihn
+daher in einer ununterbrochenen, seinem Alter und der kindlichen
+Natur angemessenen <em class="gesperrt">Thätigkeit</em>; flöße ihm keine Furcht,
+sondern nur ehrerbietige Scheu, keine Aengstlichkeit und Schüchternheit,
+sondern Freimüthigkeit und Bescheidenheit ein; suche
+selbst da, wo Du einen Zwang eintreten lassen mußt, seinen
+Willen zu gewinnen, und benimm ihm nicht durch übertriebene
+Strenge und durch Pedanterie die Lust und Liebe zu dem, was
+er thun soll. Störe ihn nicht in seinen Spielen; sey kein Spiel-Verderber.</p>
+
+<p>»Die Erziehung unserer Väter hatte eine düstere und abschreckende
+Gestalt, und noch jetzt ist das Vaterhaus für die
+armen Kinder ein Zwinger, in welchem sie, gleich eingefangenem
+Wild, nur gefüttert und geschlagen werden.«</p>
+
+<p>Hierin ist's besser geworden, obgleich man auch hier und da
+auf das andere Extrem verfallen ist. Ganz ohne äussern Zwang
+geht es freilich in der ersten Erziehung nicht ab, aber es kommt
+darauf an, was für eine Farbe dieser Zwang trägt, und wie er
+eingeleitet wird. Kinder sträuben sich gegen anhaltende und
+ernste Thätigkeit, gegen Gehorsam und Gebot, gegen eine feste
+Ordnung, gegen Entbehrungen und Entsagungen. Hier muß
+oft Zwang eintreten, der Wille ihnen gebrochen werden, wenn
+nicht Ausartung erfolgen soll. Aber es gibt doch auch eine
+freundliche und wohlwollende Strenge, es gibt Mittel, ihnen
+den Zwang zu versüßen und zu erleichtern: Mannigfaltigkeit
+und Abwechselung in den Beschäftigungen und Arbeiten, Herablassung
+und Herabstimmung, ein freundlicher Scherz, Lob und
+Ermunterung, Belohnung und gleichmäßige Thätigkeit, Sinnenlust.
+Es ist nicht schwer, Kindern, deren Phantasie so beweglich
+ist, die Unlust zu benehmen, und dann werden von selbst
+alle Kräfte rege. Man darf nur die Sinnlichkeit der Kinder zu
+Hülfe rufen, und ihr einige Nahrung geben, so ist der Wille
+gewonnen, »besonders da der Schmerz und die Traurigkeit der
+Kinder ohne Vergangenheit und Zukunft ist.« Wer allen Forderungen
+und Geboten gleich die Drohung hinzufügt, oder in
+einem rauhen Tone gebietet, oder fordert, was so schwache
+Kräfte nicht leisten können; wer nicht zu Hülfe ruft die Anregungen
+des Wetteifers, des Lobes, der Belohnung, oder wohl
+gar die Arbeit als Strafe dictirt und verordnet, der mag sich<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span>
+nicht beklagen, wenn ihm überall die <em class="gesperrt">Unlust</em> entgegentritt.
+Aber die Heiterkeit und Freudigkeit der Kinder soll nicht erkauft
+und erschmeichelt, oder durch dargebotenen Genuß und durch
+beständige Reizmittel erzwungen werden, vor allem nicht durch
+Nährung und Befriedigung des Ehrtriebes; auf diesem Wege
+bildet man nur Selbstsüchtige und eitle Thoren, die keines reinen
+Beweggrundes mehr fähig sind. Auch sind diese Mittel so
+bald erschöpft, und es entsteht große Verlegenheit.</p>
+
+<h4>45.</h4>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Heiterkeit</em> oder <em class="gesperrt">Freudigkeit</em> ist der Himmel, unter
+dem alles gedeiht, Gift ausgenommen.« Aber wiederum die
+Heiterkeit kann nicht gedeihen, wo die Sinnlichkeit der Kinder
+zu freigebig genährt wird; vielmehr entsteht alsdann ein launichtes
+und mürrisches Wesen, und die Kinder wissen nicht,
+was sie wollen. »Kleine Genüsse dagegen wirken, wie Riechfläschchen,
+auf die jungen Seelen, und stärken von Thätigkeit
+zu Thätigkeit.« — Seltene Genüsse sind, nebst einer sich
+gleich bleibenden Thätigkeit, die beste Nahrung für Heiterkeit
+und Frohsinn, und ihre Bedingung ist Gesundheit des Leibes
+und der Seele.</p>
+
+<p>Laß das Kind nicht zu viel und nicht zu wenig, nicht zu
+lange und nicht zu kurze Zeit spielen, und überhäufe es nicht
+mit Spielsachen, denn das führt nur zum Ueberdruß und zur
+Laune; »auch verwelkt an reicher Wirklichkeit und verarmt die
+Phantasie. Vor den Kindern, deren Phantasie noch stärker,
+als im Jünglings-Alter, schafft, spielt Ein Spielzeug oft alle
+Rollen, und es schmeckt ihnen gerade so, wie sie es jedesmal
+begehren.«</p>
+
+<p>Eben deswegen bedürfen sie keines schönen Spielzeuges, denn
+ihre Phantasie bildet es viel schöner, als die Kunst es vermöchte.
+»Daher die Erscheinung, daß sie die häßlichsten Puppen oft am
+liebsten haben, z. B. des Vaters alten Stiefelknecht an Kindes- oder
+Puppen-Statt annehmen.« Hingegen je älter der
+Mensch wird, desto mehr bedarf er, daß ihm eine reiche Wirklichkeit
+erscheine.</p>
+
+<h4>46.</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Das Spiel ist die eigentliche Heimath der kindlichen
+Seele, ist sein Paradies, auch mit dem Baum
+der Erkenntniß.</em> Hütet euch aber, der flammende Cherub zu<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span>
+seyn, der sie aus diesem Paradiese verjagt; sie verlassen es von
+selbst, wenn es aufgehört hat, für sie ein Paradies zu seyn.
+Spielt das Kind zu lange, nämlich auch dann noch, wenn es
+schon das Bedürfniß, beschäftigt zu seyn, lebhaft fühlt, so ist
+ihm das Spiel verderblich; zu wenig, so nimmt es eine unnatürliche
+Richtung, und verliert seine Freudigkeit und Heiterkeit.
+<em class="gesperrt">Es kommt viel darauf an, daß der Uebergang vom
+Spiel zum Lernen mit Vorsicht und Klugheit geschehe.</em>
+Bilder und bildliche Darstellungen vermitteln diesen
+Uebergang am besten; aber auch hiebei beobachte man eine weise
+Sparsamkeit, und gebe ihnen nicht zuerst unbekannte Thiere
+und Gewächse, die ein gelehrtes Auge fordern, sondern solche
+Bilder, auf welchen Menschen oder Thiere handelnd dargestellt
+werden. »Auch sind kleine Bilder den Kindern angemessener und
+angenehmer, als große. Was für uns fast unsichtbar ist, ist
+für Kinder nur klein; sie sind nicht bloß moralisch, sondern
+auch physisch kurzsichtig, folglich gewachsen der Nähe; und
+mit ihren kurzen Ellen, mit ihrem Leibchen, messen sie ohnehin
+überall so leicht Riesen heraus, daß wir wohl thun, wenn
+wir ihnen die Welt im verjüngten Maßstabe vorführen.«</p>
+
+<p>Der Spielplatz ist die rechte Uebungsschule für alle moralische
+und geistige Anlagen und Kräfte der Kinder; daher die Erscheinung,
+daß einsam und einförmig erzogene Kinder sich so
+langsam und so einseitig entwickeln, und immer rauhe Ecken
+behalten, die selbst die Welt mit ihren Reibungen nicht abschleift.
+Aber soll der Spielplatz eine solche Uebungsschule werden,
+so muß Freiheit herrschen, und die Erwachsenen müssen
+nicht weiter, als wenn ein Friede zu schließen, oder ein Beschluß
+zu fassen ist, als Mittelspersonen und Rathgeber, oder
+höchstens als Redner mit Vorschlägen in dieser Volksversammlung
+auftreten. Aber die Vorschläge, und das Abstimmen darüber
+kann von gutem Nutzen seyn; nur bleibe es auch, wie in
+der Volksversammlung, bei dem, was die Mehrheit beschlossen hat.</p>
+
+<p>Das schönste und reichste Spiel ist Sprechen, erstlich des
+Kindes mit sich, und noch mehr der Eltern mit ihm. Ihr könnt
+im Spiele und zur Lust nicht zu viel mit Kindern sprechen, so
+wie bei Strafe und Lehre nicht zu wenig. Levana 1r Th. S. 197.</p>
+
+<h4>47.</h4>
+
+<p>»Nur Kinder sind kindisch genug für Kinder. Eltern und<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span>
+Lehrer sind ihnen immer jene fremde Himmelsgötter, welche,
+nach dem Glauben vieler Völker, dem neuen Menschen auf
+der neugebornen Erde lehrend und helfend erschienen waren;
+wenigstens sind sie den Kinder-Zwergen die körperlichen Titanen.
+Folglich ist ihnen in dieser Theokratie und Monarchie
+freies Widerstreben verboten und verderblich, Gehorsam und
+Glaube verdienstlich und heilbringend. Wo kann denn nun das
+Kind seine Herrscherkräfte, seinen Widerstand, sein Vergeben,
+sein Geben, seine Milde, kurz jede Blüthe und Wurzel der
+Gesellschaft anders zeigen und zeitigen, als im Freistaate unter
+seines Gleichen? Schulet Kinder durch Kinder. Der Eintritt
+in den Spielplatz ist für sie einer in ihre große Welt, und ihre
+geistige Erwerbschule ist im kindlichen Spiel- und Gesellschafts-Zimmer.«</p>
+
+<p>»Wie das Schachbrett Kriegs- und Regierungs-Unterricht
+auftischen soll, so wächst auf dem Spielplatz der künftige Lorbeer-
+und Erkenntniß-Baum. — Der Schaum des kindlichen
+Spiels sinkt zu wahrem Wein zusammen, und ihre Feigenblätter
+verhüllen nicht Blößen, sondern süße Feigen.«</p>
+
+<h4>48.</h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Gesang</em> gehört, wie Musik überhaupt, zu den wirksamsten
+Mitteln, die Freudigkeit und Heiterkeit der Kinder zu beleben,
+und gleichsam einen Fond von Freudigkeit in ihnen anzulegen.
+»Musik sollte eher, als die Poesie, die fröhliche Kunst heißen;
+sie theilt Kindern nur Himmel aus, denn sie haben noch keinen
+verloren, und setzen noch keine Erinnerungen als Dämpfer
+auf die hellen Töne. Wählet schmelzende Tongänge und weiche
+Tonarten, ihr heitert doch damit das Kind nur zu Sprüngen
+auf. Einige Jahre kann das Kind weinen über Töne, wie der
+Vater, aber jenes nur vor Ueberlust, da bei den Kindern unsere
+Erinnerung noch nicht den tönenden Hoffnungen die Rechnungen
+des Verlustes unterlegt. — Gibt es etwas Schöneres,
+als ein frohsingendes Kind?«</p>
+
+<p>Wollet ihr, daß das Kind singe, und durch Gesang fröhlich
+gestimmt werde, so machet es empfänglich für Einwirkung der
+Musik, indem ihr seine Gefühle für's Schöne bildet und nähret,
+für seine Gesundheit sorget, es vor übler Laune und Mißmuth
+durch Gewöhnung zur Genügsamkeit bewahret. Jene, von Lust
+und sinnlichem Genuß übersättigte Kinder, können nie fröhliche<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span>
+Kinder werden, denn die Freude wohnt nicht bei dem Ueberdruß.
+So wie die Menschen, welche dem Glücke gleichsam im Schooße
+sitzen, nie wahrhaft glücklich, und nichts weniger, als allezeit
+fröhlich sind, so noch viel weniger die Kinder, welche nie eine
+rauhe Luft anwehte, denen nie ein Wunsch versagt ward.</p>
+
+<h4>49.</h4>
+
+<p>Auch eine zu große Anstrengung des kindlichen Geistes ertödtet
+die Fröhlichkeit der Kinder; die Seele erliegt unter der
+Last, die ihrer Kraft nicht angemessen ist, und der Körper erliegt
+mit ihr. Da, wo man mit ängstlicher Eilfertigkeit den Kindern
+gleich in den frühesten Jahren des erwachenden Verstandes eine
+Masse von Kenntnissen einzupfropfen bemüht ist, entsteht eine
+unnatürliche Ernsthaftigkeit, ein verdrießliches und in sich gekehrtes
+Wesen, und hat das Kind auf diese Art Schaden an seiner
+Seele genommen, so wird es nie wieder eine rechte Heiterkeit
+gewinnen.</p>
+
+<p>Vor allem aber ist Herzensreinheit und Unschuld die Quelle
+der Freudigkeit und Fröhlichkeit; darum hören die Kinder auf,
+fröhlich zu seyn, so bald sie etwas zu verhehlen und zu verbergen
+haben. Religiöse Eindrücke und vertrauter Umgang der Eltern
+werden sie am sichersten davor bewahren. Kinder, die den Allwissenden
+und Allgegenwärtigen scheuen, werden nicht leicht
+heimlich sündigen, und wenn sie fallen, bald wieder aufstehen.
+Aber erfüllet auch gern ihre unschuldigen Wünsche, gönnet ihnen
+unschuldige Genüsse, sonst nöthiget ihr selbst sie zu Heimlichkeiten,
+und weg ist dann ihre Freudigkeit und Fröhlichkeit.</p>
+
+<h4>50.</h4>
+
+<p>Endlich erhaltet sie im <em class="gesperrt">Umgange mit der Natur</em>, und
+reichet ihnen oft den Becher der Freude, dadurch, daß ihr sie
+unter Gottes Himmel führet, und sie die reine Himmelsluft einathmen
+lasset. Indem diese durch ihre Adern strömt, ergreift
+Freude und Fröhlichkeit ihr ganzes Wesen. Die Natur ist und
+bleibt die unversiegbare Quelle der Freude, und wer aus dieser
+nicht schöpfen darf, genießt sein Leben nur halb. Aber gebt auch
+den Kindern <em class="gesperrt">Gespielen ihrer Lust</em>, wenn ihr sie hinausführet;
+das Kind, welches sich nicht mit andern Kindern freut, genießt
+nur halb. Die Einsamkeit macht Kinder gemüthskrank,
+so wie der enge Horizont der Stube und die Stubenluft. Der
+Geist wird freier, wo das Auge weit und frei umher blicken kann.<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span>
+Viele Kinder verschmachten körperlich und geistig, wenn sie nie
+oder zu selten hinauskommen in's Freie.</p>
+
+<p>Auch der Veränderlichkeit, welche zur Natur des menschlichen
+Geistes gehört, und die so wohlthätig wirkt, gib mit Weisheit
+nach, damit des Kindes Freudigkeit erhalten und genährt werde,
+durch die Mannigfaltigkeit seiner Beschäftigungen. Wird ein
+Kind durch Furcht und Strafe gezwungen, bei einer einförmigen
+und anstrengenden Beschäftigung stundenlang, wohl tagelang
+auszuhalten, so geht leicht Gesundheit und Freudigkeit verloren.
+So ist's, wenn z. B. mütterliche Eitelkeit oder die Charlatanerie
+der Schule von dem armen Mädchen in kurzer Zeit
+eine Arbeit erpreßt, zu welcher die höchste Sorgfalt und Anstrengung
+erfordert wird. So werden oft Talente und Freuden-Tage
+(z. B. Geburtsfeste) den Kindern zu Folterbänken gemacht,
+auf welchen sie ihre besten Gemüthskräfte ausseufzen.
+Die Veränderlichkeit der Kinder ist nicht Laune und Uebermuth,
+»sondern die natürliche Folge der schnellen Entfaltungsreihe;
+denn das so eilig reifende Kind sucht in neuen Ländern neue
+Früchte, wie ja sogar der Alte in alten neue — und vielleicht
+liegt auch der Grund noch tiefer, nämlich in dem Mangel an
+Zukunft und Vergangenheit, wobei ein Kind desto stärker von
+der Gegenwart getroffen und erschöpft wird.«</p>
+
+<h4>51.</h4>
+
+<p>Die Regel sagt: suche selbst da, wo Du Zwang eintreten
+lassen mußt, seinen Willen zu gewinnen, besonders bei anhaltender
+Beschäftigung und bei dem Uebergange vom Spiel zur
+Arbeit — ferner bei Enthaltsamkeit und Mäßigkeit im Genuß.
+Daher werde jeder reine Zwang möglichst verhütet und vermieden,
+und der Gehorsam werde dem Kinde nicht Ertödtung seiner
+kindlichen Gefühle und Triebe; denn dabei muß nothwendig
+alle Freudigkeit verloren gehen, da sich der Erzieher in einen
+Zuchtmeister verwandelt, und dem Kinde allen eigenen Willen
+nimmt. Muß sich das Kind nicht gedrückt, gemißhandelt und
+gekränkt fühlen, da es sich zu den Absichten und Gründen der
+Erwachsenen nicht zu erheben vermag? muß es nicht störrisch,
+mürrisch und trübsinnig werden, wenn man ihm gar keinen eigenen
+Willen zugestehen will?</p>
+
+<p>»Der kindliche Gehorsam kann, an und für sich, ohne Berechnung
+mit seinem Motiv, keinen andern Werth haben, als<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span>
+daß den Eltern Vieles dadurch leichter wird. Oder gälte es
+auch für Seelenwuchs, wenn euer Kind nun überall so vor allen
+Menschen, wie vor euch, seinen Willen unterordnete, böge
+und bräche? Welcher gelenkige, geräderte Gliedermensch, aufs
+Rad des Glücks (Gehorsam) geflochten, wäre das Kind! Allein
+was ihr meint, ist nicht dessen Gehorchen, sondern seine
+Antriebe dazu, die Liebe, der Glaube, die Entsagungskraft,
+die dankende Verehrung des Besten, nämlich des Eltern-Paars.
+Und dann habt ihr Recht. Aber um so mehr <em class="gesperrt">gebietet</em> nirgends,
+wo euch das höhere Motiv nicht selber aufruft und gebeut.«
+S. Levana 1r Th. S. 221.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Verbieten</em>, besonders wenn es mit Worten der Liebe geschieht,
+wird das Kind nicht so mürrisch machen, als <em class="gesperrt">Gebieten</em>;
+es wird ihm leichter, zu unterlassen, als zu thun, weil es
+bei dem Unterlassen noch die Freiheit behält, etwas anders zu
+thun — ihr müßtet es denn mit euren Verboten wie mit Schranken
+einengen, oder damit auf jedem Schritte verfolgen, oder
+verbieten, was das Kind, weil es ein Kind, und dies Kind ist,
+nicht lassen kann, z. B. zerbrechen und zerreissen, oder lärmen
+und springen, oder albern seyn. — Gebietet ihr zu viel und zu
+oft, so wird das Kind furchtsam und ängstlich; immer steht ihm
+ein Gebot schreckend und drohend vor Augen, und es verliert
+endlich alle Heiterkeit und Freimüthigkeit: Nichts tödtet so sehr
+alle Freudigkeit der Kinder, als ungerechtes Ge- und Verbieten,
+und nichts lähmt so sehr ihre Willenskraft. Ein Gebot im Ton
+der Bitte, der Aufforderung, wobei Liebe und Ehrtrieb zu Hülfe
+gerufen, oder ein <em class="gesperrt">Ableiter</em> für die Begierde aufgerichtet wird,
+würde anders, und besser wirken. Und der pädagogischen Klugheit
+bieten sich überall solche Ableiter dar, durch welche die Begierde
+nicht nur von dem Thörichten und Gefährlichen abgeleitet,
+sondern auch zugleich auf etwas Gutes und Nützliches hingeleitet
+wird, z. B. eine angenehme Beschäftigung, ein Auftrag,
+eine Erzählung, ein Reiz für die Neugierde u. dgl. m. Und wie
+viel liegt daran, daß Kinder mit Freudigkeit gehorchen lernen! —
+fast die ganze Charakterbildung. Auch ist doch nur das Gehorchen
+mit Freudigkeit ein wahres Gehorchen.</p>
+
+<p>»Nur den Sclaven peitscht man zum Ueberverdienst; aber
+selbst das Kameel trabt nicht hinter der Peitsche, sondern nur
+hinter der Flöte, schneller.« (Jean Paul.)</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span></p>
+
+<h4>52.</h4>
+
+<p>Auch durch <em class="gesperrt">Belohnungen</em> und <em class="gesperrt">Bestrafungen</em> suche die
+Erziehung auf den Zögling und seinen Willen zu wirken; denn
+da die <em class="gesperrt">natürlichen</em> Folgen nicht gleich sichtbar und fühlbar,
+oft sogar durch dazwischen tretende Umstände verzögert oder entfernt
+werden, und Kinder so erfinderisch sind in Entschuldigungen
+und Beschönigungen; so sind <em class="gesperrt">positive</em> Belohnungen und
+Bestrafungen in der Erziehung unentbehrlich, um den Willen
+der Kinder von Thorheiten und Fehltritten abzulenken, und ihn
+für das Gute zu gewinnen; doch müssen sie, wenn sie wohlthätig
+wirken sollen, der reinen Sittlichkeit keinen Eintrag thun,
+und also weder in unnatürliche Zwangsmittel, noch in Bestechungen
+des Willens ausarten, (wie z. B. wenn die Leckerhaftigkeit
+oder die Eitelkeit, oder wohl gar der Neid der Kinder angeregt,
+und als Reizmittel gebraucht wird), noch jemals einen
+an sich guten Trieb, wie z. B. den Ehrtrieb unterdrücken, oder
+den Muth und die Freudigkeit des kindlichen Gemüths. — Der
+Zögling selbst muß sie als nothwendig und wohlthätig erkennen,
+und sie müssen keine Spur von Laune, Eigennutz oder Härte
+an sich tragen. Darum ist es z. B. unverantwortlich, wenn
+Eltern und Erzieher von vier- und sechsjährigen Kindern ein
+stundenlanges Stillsitzen bei einem Bilderbuche oder bei einer
+Arbeit, bei der Fibel, dem Schreibebuche, verlangen, und es
+durch Drohungen oder Versprechungen erzwingen.</p>
+
+<p>Behutsam und sparsam wollen sie angewandt seyn, gleichsam
+als Würze der Erziehung, damit nicht auf der einen Seite
+Eigennutz und Selbstsucht, auf der andern Furcht entstehe, und
+der Zögling auch <em class="gesperrt">unbelohntes Gute</em> liebe, und <em class="gesperrt">unbestraftes
+Böse</em> verabscheue. Folgende Regeln sind hiebei zu beobachten:
+1) So lange es noch andere Mittel zum Zweck gibt, trete
+keine Belohnung und keine Strafe ein; nur, wenn jedes andere
+unwirksam blieb, oder geringe Wirkung that. Aeusserungen der
+Liebe wirken besser, als Aeusserungen des Beifalls; Aeusserungen
+der Unzufriedenheit und Betrübniß besser, als Verweise und
+Strafen. Darum sollen diese nur im Nothfalle eintreten. 2) Kinder,
+die unverwöhnt, natürlich gut und gefühlvoll sind, sollen
+nicht gestraft und nicht belohnt werden, denn das würde sie nur
+verderben. Bei Verwöhnten ist Strafe und Belohnung nothwendig.
+Eben so bei Kindern von großer Lebhaftigkeit und starker<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span>
+Sinnlichkeit. 3) Man beobachte das genaueste Verhältniß
+gegen Verdienst und Schuld. Wenn ein Kind sich im Memoriren
+auszeichnet, oder wegen seines Phlegma's still und folgsam
+ist, so hat es auf keine Belohnung Anspruch. Wenn ein Kind
+von dürftiger Fähigkeit keine Fortschritte macht, so kann es nicht
+bestraft und nicht getadelt werden. Da, wo eine natürliche
+Weichheit und Gutmüthigkeit die einzige Quelle des Gehorsams,
+der Gesetztheit und Lenksamkeit ist, wird der Erziehung durch
+unberufene Lobredner und freigebige unbesonnene Lobsprüche sehr
+oft ihr Werk verdorben. Wo die Natur oder die Umstände Hindernisse
+in den Weg gelegt haben, aber eifriges und anhaltendes
+Streben sich zeigt, da werde liebreich belehrt und ermuntert.
+Man unterscheide wohl bösen Willen und Schwachheit, und traue
+jenen den Kindern nicht leicht zu, versage dieser die verdiente
+Nachsicht nicht. Daher sind alle feststehende Strafen und Belohnungen
+bedenklich; denn wie oft wird die Schuld zur Unschuld
+durch die Berücksichtigung der Umstände; wie oft sinkt
+das scheinbare Verdienst zur Schwachheit hinab, wenn man genauer
+nach seinem Ursprunge forscht. Aber bei feststehenden
+Strafen kann keine von den Rücksichten genommen werden,
+welche Klugheit und Billigkeit vorschreiben. So ist es besonders
+mit Ehrenbezeigungen. 4) Man beobachte genau die Wirkungen
+der Belohnung und Strafe, denn diese sind oft ganz anders,
+als man sie erwartet hatte, und bei verschiedenen Kindern
+verschieden. Die Furcht, welche abschrecken sollte, reizt zuweilen,
+besonders bei Kindern, welche einen festen Willen haben,
+und durch ihr Temperament fortgerissen werden. 5) Man hüte
+sich ein Straf-Urtheil im Zorn auszusprechen, noch mehr es im
+Zorn zu vollziehen. 6) Man beobachte eine gehörige Stufenfolge
+im Strafen, und lasse sich durch des Kindes Widerstreben
+nicht reizen. 7) Sichtbare und innige Reue wende die Strafe
+ab, oder diese bestehe doch nur in der Aufgabe, den Fehler wieder
+gut zu machen. 8) Die sichtbare Theilnahme des Strafenden
+erhöhe die Wirksamkeit der Strafe, die immer als Aeusserung
+der Liebe erscheinen muß. 9) Man suche die Strafe den
+natürlichen Folgen der Handlungen möglichst anzupassen und
+gleich zu stellen, und schließe also z. B. das zänkische Kind von
+der Spielgesellschaft aus, lasse das unmäßige und leckerhafte
+entweder dieselbe Kost häufig nach einander, bis zum Ueberdruß<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span>
+genießen, oder fasten, oder nur das Einfachste genießen; strafe
+das träge Kind durch lange Weile, das flatterhafte durch Anhalten
+zur Wiederholung und zum Bessermachen, gönne dem
+fleißigen vorzugsweise Erholung und Vergnügen, schließe das
+geschwätzige und plauderhafte für eine Zeit von allem Umgange
+aus, nöthige das ungestüme zur Abbitte, gebe dem sanftmüthigen
+Aufsicht über Andere — lasse die schmutzigen sich zurückziehen
+— die unordentlichen aufräumen. 10) Der Erzieher
+sorge dafür, daß sein Mißfallen und seine Mißbilligung die
+schwerste Strafe sey, und suche daher seinen Zöglingen Ehrerbietung
+und Liebe einzuflößen, ihr sittliches Gefühl zu schärfen,
+ihr Ehrgefühl zu erhöhen. 11) In solchen Fällen, wo an der
+Aufrichtigkeit der Reue zwar nicht zu zweifeln ist, aber der
+Wille des Kindes sich noch sehr schwach und wankend zeigt, erlasse
+man die Strafe nicht, aber man lasse dem Kinde die
+Wahl zwischen zwei Strafen.</p>
+
+<p>Bei eingewurzelten Fehlern und geringem Ehrgefühl können
+auch solche Strafen sehr wohlthätig werden, die beschämen und
+demüthigen, z. B. Absonderung und Entfernung, Bekenntniß
+und Abbitte.</p>
+
+<h4>53.</h4>
+
+<p>Die Wirksamkeit der Strafe und Belohnung werde durch die
+Gesinnung erhöht und befördert, welche der Erzieher dabei zu
+erkennen gibt: die herzliche Betrübniß über die Fehltritte des
+Zöglings, das Bedauern seines Wankelmuths, das Trauern
+über seinen Leichtsinn, die Freude über seine Besserung und seine
+Fortschritte im Guten. Er erblicke nie den Zorn, den eine persönliche
+Beleidigung entschuldigen oder rechtfertigen würde, und
+zürne nur sich selbst, nie seinem strafenden Erzieher. Die Liebe
+desselben sey seine höchste Belohnung, die Trauer desselben seine
+härteste Strafe.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Für Belohnungen besonders</em> stehet Folgendes <em class="gesperrt">als Regel</em>
+fest:</p>
+
+<p>1. Sie werde nie für das ertheilt, was allein die Natur gab,
+und also nicht errungen werden durfte, sondern nur für das,
+was Anstrengung, Ueberwindung, Geduld und Beharrlichkeit
+kostete.</p>
+
+<p>2. Man lasse sie sich nicht abschmeicheln durch ein gefälliges
+Betragen, zarte Aufmerksamkeit, scheinbare Folgsamkeit. Leider<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span>
+kommen auch in der Kinderwelt schon die Künste der Heuchelei
+und des Schmeichelns zum Vorschein.</p>
+
+<p>3. Nie Geldbelohnungen (aber wohl Geldstrafen unter gewissen
+Umständen), und <em class="gesperrt">selten</em>, bei eitlen Kindern <em class="gesperrt">nie</em>, Ehren-Belohnungen;
+vorzüglich dagegen Vergnügen, Befriedigung der
+Neugier, und einer unschuldigen oder sogar nützlichen Liebhaberei.</p>
+
+<p>4. Leckerbissen nur bei kleinen Kindern, und nur sehr sparsam.</p>
+
+<p>5. Zur pädagogischen Klugheit gehört es, die Belohnung
+selbst zuweilen weit hinaus zu setzen, sie nur in der Entfernung
+zu zeigen, und bei schlaffen Kindern die Bedingungen zu erschweren,
+um Anstrengung zu bewirken.</p>
+
+<p>6. Wo möglich sey die Belohnung von der Art, daß sie bei
+Verschlimmerung oder Rückfall zurückgenommen, oder eine Zeitlang
+entzogen werden kann, wie z. B. ein bewilligtes Taschen-Geld,
+versprochene Reise u. dgl.</p>
+
+<p>7. Der Grad der Moralität bestimme den Grad der Belohnung.
+Daher ist es nöthig, Kinder erst genauer kennen zu lernen,
+und bei Uebergängen von einer mangelhaften Tagesordnung
+zu einer regelmäßigen und strengen den Verwöhnten die
+Macht der Gewohnheit zu Gute zu rechnen.</p>
+
+<h4>54.</h4>
+
+<p>Die ganze Behandlung des Zöglings sollte in der Erziehung
+eine fortgehende Belohnung und Bestrafung des Zöglings seyn,
+denn die Kinder bedürfen fast in jedem Augenblick dieser Antriebe.
+Daher wird diejenige Erziehung die wirksamste seyn, wo
+ein liebevoller Ernst dem Zögling Hochachtung und Scheu eingeflößt
+hat, und schon eine mißbilligende Miene, oder ein einziges
+Wort des Tadels oder Lobes auf des Zöglings Willen kräftig
+wirkt. Dem gutgearteten Kinde ist Mißfallen und Unzufriedenheit,
+vor allem <em class="gesperrt">Trauer</em> des Erziehers die höchste Strafe, der
+Beifall und die Liebe desselben die höchste Belohnung und das
+höchste Ziel seiner Wünsche.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Bedenkliche Strafen</em> bei lebhaften Kindern sind: Einsperren,
+Stehenlassen, langwierige Geduldsprüfungen, Wegnehmen
+dessen, was sie sehr hoch halten, Beschämung vor Fremden
+und vor Respektspersonen. Dagegen sind oft sehr wohlthätig
+wirksam: körperliche Strafen, weil sie der Gewalt des Temperaments
+ein Gegengewicht geben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span></p>
+
+<p><em class="gesperrt">Bedenkliche Belohnungen</em> sind alle die, welche der Eitelkeit
+und Vergnügungsliebe Nahrung geben, oder wobei man
+dem Eigennutz Vorschub leistet, und die Kinder zur Geldliebe
+reizt, oder die Unbelohnten zur Eifersucht und Mißgunst verleitet.</p>
+
+<h4>55.</h4>
+
+<p>Der <em class="gesperrt">Ehrtrieb</em> werde, weil er so leicht ausartet, und dann
+den Charakter so sehr entstellt, nur mit der äußersten Vorsicht
+in der Erziehung benutzt, und nur bei solchen Kindern, die von
+Natur wenig reizbar, und mit einem sehr schwachen Gefühls-Vermögen
+ausgestattet sind. Auch hüte man sich, jenes eitle
+Lauschen auf den Beifall der Welt zu begünstigen, welches zur
+Menschenfurcht und Menschengefälligkeit führt, und der Sittlichkeit
+höchst gefährlich ist. Der Beifall achtungswürdiger Menschen
+erscheine zwar den Kindern als ein hohes und schätzbares
+Gut, aber nie als das höchste, und das Urtheil ihres Gewissens
+sey ihnen die entscheidende Stimme, der sie unbedingt gehorchen.
+Keine Verirrungen sind häufiger und verderblicher, als die des
+ausgearteten Ehrtriebes, und keine Vorurtheile wurzeln tiefer,
+als die von Ehre und Schande. Da, wo diese Vorurtheile schon
+durch die erste Erziehung, gleichsam durch Vererbung, sich festgesetzt
+haben, kommt es nie zu einer richtigen und unbefangenen
+Ansicht der Dinge, und es entspringen aus diesen Vorurtheilen
+Ungerechtigkeiten der gröbsten Art. Hier kann nur durch Verstandesbildung
+und Berichtigung der Begriffe, zuweilen durch
+entgegengesetztes häusliches Verhältniß entgegengearbeitet werden.
+Von dieser Seite wird oft den Kindern vornehmer Eltern
+die Erziehung in einer öffentlichen Erziehungsanstalt, mit Kindern
+von sehr verschiedenen Ständen und Bildungsgraden, sehr
+wohlthätig durch den Zwang und die Nöthigung, welche sie herbeiführt.</p>
+
+<p>Kindern soll das Lob nur als eine Stärkung von Zeit zu Zeit
+und sparsam gereicht werden, denn sie können nicht viel davon
+ertragen. Bei jeder Gelegenheit den Kindern eine Lobrede halten,
+alle ihre kleinen Geschicklichkeiten bewundern und preisen,
+sie ihre Künste machen lassen, so oft Fremde erscheinen, heißt:
+sie methodisch verderben. Besonders verhüte man das Loben bei
+talentvollen Kindern, da diese ohnehin schon sehr bald selbst die
+Bemerkung machen, daß sie sich auszeichnen, und Vorzüge
+haben; man dulde nicht, daß Kinder viel bedient werden, und<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span>
+entferne solche dienende Personen, die den Kindern eine Art von
+Unterwürfigkeit bezeigen, und sie dadurch im Dünkel bestärken.
+Man kleide Kinder nicht so kostbar, oder so glänzend, daß ihr
+Anzug Aufsehen erregt, und sie den Erwachsenen gleich stellt;
+man führe sie nicht zu früh in große Gesellschaften, besonders
+in Tanzgesellschaften.</p>
+
+<h4>56.</h4>
+
+<p>Eben so bedenklich aber, wie es ist, dem <em class="gesperrt">Ehrtriebe</em> zu viel
+Nahrung zu geben, eben so bedenklich ist es, ihn zu <em class="gesperrt">unterdrücken</em>,
+und ihm Gewalt anzuthun, durch beschämende und
+herabsetzende Strafen und durch Demüthigungen. Hiebei sind
+folgende Regeln die bewährtesten:</p>
+
+<p>1. Wenn die natürliche Schaam sich stark genug bei Fehltritten
+äussert, so verstärke man sie nicht; vielmehr gebe man
+dem Zöglinge den Wunsch zu erkennen, ihm Beschämung zu
+ersparen.</p>
+
+<p>2. Da, wo Beschämung als Antrieb und Strafe nöthig ist,
+geschehe sie doch mit möglichster Schonung, z. B. ohne Nennung
+des Namens, nicht vor Dienstboten oder Fremden, ohne
+irgend eine Beschimpfung. So z. B. bei wiederholten Lügen im
+Erzählen, bei Unordnung und Faulheit — man lasse dem Zögling
+noch einen Ausweg, die Beschämung abzuwenden.</p>
+
+<p>3. Der Erzieher hüte sich, der Ehrliebe Gewalt anzuthun;
+er würde nur Haß und Verachtung ernten, und Hartnäckigkeit
+bewirken. Daher sind alle solche Beschämungsmittel, welche Leidenschaftlichkeit
+verrathen, und der Würde des Erziehers nicht
+angemessen sind, von der Erziehung auszuschließen, und es muß
+in Gesellschaft von Fremden manches übersehen, und nicht auf
+der Stelle gerügt werden. Nie werde das strafbare Kind dem
+Gespötte Anderer ausgesetzt, nie mit entehrenden Namen belegt.
+Eben so unzweckmäßig ist es, Kinder bei Fehltritten zur Selbstanklage
+zu zwingen, wenigstens in den meisten Fällen, besonders
+wo die Schuld schon durch Aeusserungen der Schaam und
+Reue stillschweigend eingestanden ist.</p>
+
+<h4>57.</h4>
+
+<p>Nicht genug kann man der Menschenfurcht und Menschen-Gefälligkeit
+bei Kindern entgegenarbeiten, weil dadurch so leicht
+sclavische Hingebung entsteht. Aber wenn die Kinder den Tadel
+und die Ungunst der Menschen als das höchste Uebel, Beifall<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span>
+und Gunst als das höchste Glück betrachten, so werden sie bald
+dahin kommen, daß sie immer nur <em class="gesperrt">eine Rolle spielen</em>, und
+nur <em class="gesperrt">für</em> die Gesellschaft und <em class="gesperrt">in der</em> Gesellschaft gut seyn wollen,
+oder daß sie Lob <em class="gesperrt">erschleichen</em>, anstatt es zu <em class="gesperrt">verdienen</em>,
+nach dem Munde reden und schmeicheln lernen; eine Ausartung,
+welcher das weibliche Herz vorzüglich ausgesetzt ist.</p>
+
+<h4>58.</h4>
+
+<p>Weniger ist bei dem Mädchen, als bei dem Knaben, eine
+<em class="gesperrt">Ausartung des Thätigkeitstriebes</em> zu fürchten, es sey
+denn, daß Eitelkeit und Sucht, sich auszuzeichnen und Aufsehen
+zu erregen, ihr Herz beherrsche. Daher werde die Thätigkeit des
+Mädchens früh, und recht vielfach angeregt und genährt, also
+nicht bloß in mechanischen Beschäftigungen und Fertigkeiten,
+obgleich diese vorzüglich zur weiblichen Bildung gehören, sondern
+auch in geistigen. Aber jede Beschäftigung sey den eigenthümlichen
+Anlagen und Bedürfnissen der weiblichen Seele angemessen,
+und daher bleibe jede streng-wissenschaftliche Beschäftigung
+und Bildung ausgeschlossen, da sie mit der Bestimmung des
+Weibes im Widerspruche ist.</p>
+
+<p>Bis zum sechsten Jahre bedarf das Mädchen noch keiner bestimmten
+Richtung des Thätigkeitstriebes; wohl aber hat die
+Erziehung in den ersten Jahren zu verhüten, daß er nicht geschwächt
+werde, und nicht ein Hang zur Gemächlichkeit entstehe,
+durch eine weichliche Erziehung, durch Verwöhnung und Verzärtelung.
+Auch soll in dieser Zeit der Thätigkeitstrieb schon <em class="gesperrt">veredelt</em>
+werden, dadurch, daß man ihn mit den wohlwollenden
+Gefühlen in Verbindung bringt, und durch diese erhöht. Dieß
+geschieht, indem man die Kinder daran gewöhnt und dazu anhält,
+sich unter einander, und den Erwachsenen kleine Dienste
+zu leisten, und auf ihre Bedürfnisse zu merken, sich von ihnen
+helfen, sie etwas tragen oder bestellen läßt. Auch mit dem
+Schönheits- und Ordnungssinn setze man den Thätigkeitstrieb
+in Verbindung, damit er moralisch und veredlend wirke, und
+gebe daher Kindern oft den Auftrag, etwas zu ordnen und einzurichten,
+mache sie dabei auf Symmetrie aufmerksam, fordere
+sie auf, das flüchtig Geordnete besser zu ordnen, die Verletzung
+der Symmetrie anzugeben, und ein Mannigfaltiges schön und
+vortheilhaft aufzustellen und anzuordnen. Man gebe ihnen, wo<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span>
+möglich, Gelegenheit, zur Verschönerung der Natur thätig zu
+seyn, und sich mit Garten-Arbeit zu beschäftigen.</p>
+
+<h4>59.</h4>
+
+<p>Ausser der Eitelkeit gibt auch der Trieb zu erwerben und zu
+gewinnen dem Thätigkeitstriebe leicht eine gefährliche Richtung,
+oder doch wenigstens eine ganz einseitige. Manche Mädchen finden
+an den Geschäften der Haushaltung, und überhaupt an dem
+mechanischen und hervorbringenden ein so großes Wohlgefallen,
+daß sie darüber die Bildung ihres Geistes ganz aus den Augen
+verlieren, oder dagegen völlig gleichgültig werden. Gegen diese
+Ausartung des Thätigkeitstriebes sichert die Erziehung, indem
+sie den Sinn für das Geistige und für geistige Beschäftigung
+weckt und nährt, und da vorzüglich, wo von Natur kein Trieb
+dazu sich regt und die Anlagen dürftig sind. Doch auch eben so
+sorgfältig sichere sie gegen eine andere verkehrte Richtung des
+Thätigkeitstriebes, welche so häufig eine Wirkung der neuern
+Erziehungsweise ist, nämlich die entschiedene Vorliebe für geistige
+und wissenschaftliche Beschäftigungen, und Abneigung gegen die
+mechanischen Arbeiten, welche doch des Weibes Bestimmung fordert.</p>
+
+<p>Am besten wird jede Ausartung des Thätigkeitstriebes durch
+ächte Geistesbildung, religiöse Gewissenhaftigkeit und strenge
+Gewöhnung an eine feste Tagesordnung verhütet. Die vollständige
+Geistesbildung läßt keine Vernachlässigung des Geistes zu;
+die Gewissenhaftigkeit treibt zu einer geordneten und sich gleichbleibenden
+Thätigkeit, die Gewöhnung wirkt der Zeitzersplitterung
+und einer launigen Gemächlichkeit entgegen. Lieblings-Beschäftigungen
+wird es zwar immer für jeden Menschen geben;
+aber man hüte sich, den Kindern hierin zu sehr nachzugeben.
+Besonders dulde man kein Aufschieben, kein Säumen und
+kein hastiges und schnelles Arbeiten, da, wo Bedachtsamkeit
+und Sorgfalt erfordert wird. Unausbleiblich trete die Strafe des
+Nocheinmalmachens ein, wo flüchtig gearbeitet war, und das
+flüchtige Mädchen werde durch langwierige und mühsame Arbeiten
+festgehalten, gebessert und geprüft. Die Zeit erscheine dem
+Kinde immer als ein unschätzbares Gut, und Zeitverschwendung
+als die strafbarste Undankbarkeit; man lehre es die Freude des
+Vollbringens kennen und schätzen, und keine Plage mehr verabscheuen,
+als die der langen Weile.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span></p>
+
+<p>Da, wo ein entschiedenes und hervorragendes Talent der
+Thätigkeit und Kraftanstrengung eine bestimmte und einseitige
+Richtung gibt, muß sich zwar die Erziehung mehr leidend verhalten;
+doch darf sie nicht versäumen, die harmonische Entwickelung
+der Kräfte und Anlagen zu bewirken, worauf doch Werth
+und Glück des Menschen beruht.</p>
+
+<h4>60.</h4>
+
+<p>Die Eigenthümlichkeit der weiblichen Natur macht eine besondere
+Behandlung des Mädchens nothwendig. Das Mädchen
+will mehr negativ behandelt seyn. Durch viele positive Behandlung
+wird es leicht irre gemacht in der Entwickelung seines sichern
+Gefühls; die Zartheit seines Herzens geht verloren. Gleich dem
+zarten Gewächse überlasse man es seiner eigenen Entfaltung,
+indem man es pflegt und behütet, und schon die leiseste Berührung
+sey ihm warnend oder erinnernd. Daher können Männer
+nicht gut Erzieher der Töchter seyn.</p>
+
+<p>Die Unterhaltungen und Spiele des Mädchens müssen den
+sanftern Charakter haben. Man lasse es nicht in das Knabenartige
+gerathen. Daher ist auch hier größere Sorgfalt in der
+Wahl der Gespielen nöthig, deren es nur wenige bedarf, da es
+leicht in eine gewisse Zerstreutheit und Flüchtigkeit hinein geräth,
+in welcher es an Innigkeit des Gefühls so sehr verliert, und
+herzlos wird. Die natürliche Neigung der Mädchen, sich mit
+sich selbst und ihrer Puppe zu beschäftigen, will genährt seyn,
+weil den Mädchen von der Natur bestimmt ist, mehr in der innern
+Welt ihres Herzens, als in der äussern zu leben, und durch
+Gefühle stark zu seyn. Bei dem Spiele aber gewöhne man es
+an Ordnung und an das zu Rathe halten seiner Sachen, weil
+dieß, nach seiner Bestimmung, Grundzug in dem weiblichen
+Charakter seyn muß. Die Zeit zum Stricken, Lesen, Erzählen,
+sey eine fest bestimmte, anfangs kurz, bald (doch nicht zu bald)
+bis zu Stunden ausgedehnt; man lasse es kleine Bestellungen
+ausrichten, kleine Geschäfte in der Haushaltung besorgen, sich
+von ihm an etwas erinnern, denn stille häusliche Geschäfte und
+Besonnenheit dabei muß ihm zur andern Natur werden. Aber
+der früh sich regende Hang zum häuslichen Fleiße verleite nicht,
+es zu viel in der Stube zu erhalten.</p>
+
+<p>Bei dem siebenjährigen Mädchen muß schon der Sinn für
+häusliche Beschäftigung entschieden seyn, und wenn daher eine<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span>
+gewisse Lebhaftigkeit des Geistes und der Wißbegier das Mädchen
+davon abzieht, so arbeite die Erziehung dem entgegen, weil
+sich sonst die Mädchen in der Folgezeit unglücklich fühlen. Besonders
+gilt dieß vom Lesen, worin es unsere Erziehung so leicht
+übertreibt, selbst zum Nachtheil der Gesundheit. Die körperliche
+freie Bewegung, welche das Gemüth, wie die Ausbildung des
+Körpers, fordert, werde ja nicht verabsäumt, besonders Tanz,
+damit doch ja nicht der liebliche Frohsinn, diese Sonne seines
+Lebens, sinke. Es ist schön, wenn man das Mädchen überall
+im Hause herum singen hört. Die Tugenden, welche sich von
+selbst entfalten: Schönheitssinn, Reinlichkeit und Sittsamkeit,
+müssen doch sorgsam gepflegt werden, und darum wende die
+Erziehung viel Zeit auf den Anzug, und entwickele und stärke
+besonders bei diesem und durch diesen jene Eigenschaften und Gefühle.
+Es sey schon dem Kinde unerträglich, in einem Anzuge
+zu erscheinen, der auch nur auf die leiseste Art das Auge oder das
+Gefühl beleidigt; dieß um so mehr, da vom siebenten oder achten
+Jahre an in den meisten Mädchen schon das Bestreben zu
+gefallen lebhaft sich regt, welches der Sittlichkeit so leicht gefährlich
+wird. Daher ist nichts in diesem Alter gefährlicher und verderblicher,
+als wenn Mädchen in Gesellschaften mit einer Kunstfertigkeit
+oder Talent sich zu zeigen aufgefordert werden. So besonders
+das Declamiren und kleine dramatische Darstellungen.</p>
+
+<h4>61.</h4>
+
+<p>Kommt es bei der Erziehung vorzüglich auf Anregung des
+Sinnes für das Gute und Schöne, und bei dem Unterricht auf
+die Anregung und Entwickelung des Intellectuellen an; soll die
+Erziehung mehr intensiv und der Unterricht mehr extensiv wirken,
+so folgt, daß ein gut erzogener Mensch sittlich-gut und
+tugendhaft, ein gut unterrichteter einsichtsvoll und gelehrt, ein
+gut gebildeter verständig, klug und weise sey. In unsern Zeiten
+hat man die Vernachlässigung der weiblichen Bildung, deren
+die Vorfahren sich schuldig machten, erkannt und zu verhüten
+gesucht. Aber man ist auf das andere Extrem gerathen. Dem
+Weibe ist mehr <em class="gesperrt">Fertigkeit</em>, als <em class="gesperrt">Wissen</em> nöthig, mehr sittliche,
+als wissenschaftliche Bildung, und es ist theils vergebens, theils
+verderblich, daß man es darauf anlegt, dem Mädchen durch einen
+streng-wissenschaftlichen Unterricht eine Ausbildung zu geben,<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span>
+die man wohl <em class="gesperrt">Verbildung</em> nennen mag, und sie zu sehr
+an den Genuß der Lectüre zu gewöhnen, durch den sie leicht eine
+Abneigung gegen mechanische Beschäftigung erhalten, die dann
+schwer zu besiegen ist. Nichts hat man sorgfältiger zu verhüten,
+als daß das Mädchen sich nicht unglücklich glaube und fühle,
+weil es durch seine Bestimmung zu einförmigen und mechanischen
+Beschäftigungen verpflichtet ist, und sich nicht dünken lasse,
+für diese Beschäftigung zu gut zu seyn. Daher präge man ihnen
+die Wichtigkeit dieser Beschäftigung, und ihren Einfluß auf den
+Wohlstand des Hauses, und den heitern Genuß des Lebens tief
+ein, und gebe nicht zu, daß sie sich unter jeglichem Vorwande
+davon lossprechen. Man zeige ihnen, wie viel Besonnenheit,
+Ueberlegung, Einsicht und Selbstbeherrschung die Führung der
+Haushaltung erfordere, und wie planmäßig dies alles eingerichtet
+werden könne und müsse. Schon das zehnjährige Mädchen
+habe ihren kleinen Antheil an den Haushaltungsgeschäften, und
+ihren Wirkungskreis, dabei Anleitung zu solchen Fertigkeiten,
+die im Hause nöthig sind.</p>
+
+<p>Da ferner das Mädchen durch die äusseren und inneren Verhältnisse
+des Geschlechts, und durch seine ganze Lage in der Gesellschaft
+zum Entsagen und Ertragen bestimmt und verpflichtet
+ist, so hat die Erziehung ganz vorzüglich hierauf Rücksicht zu
+nehmen, und besonders dem Geselligkeitstriebe und der Neugier
+entgegen zu arbeiten, denn beide stellen sich den Forderungen
+der Pflicht entgegen, und werden am häufigsten gereizt; sie üben
+die stärkste Gewalt über das weibliche Herz aus. Darum ist Eingezogenheit
+die gedeihliche Witterung, in welcher sich alle Keime
+des Guten in dem Mädchen glücklich entfalten, und ein zerstreutes,
+geräuschvolles Leben der Tod der ächten Weiblichkeit. Da
+der Geselligkeitstrieb wegen des vorherrschenden Hanges zur Mittheilung
+in dem weiblichen Herzen so mächtig wirkt, so muß er
+nur sehr vorsichtig befriedigt werden. Der Neugier gebe man
+nur selten Nahrung; sie wird leicht die ergiebige Quelle vieler
+Thorheiten, und läßt keine Liebe zur häuslichen Eingezogenheit
+und Einförmigkeit aufkommen; sie gewinnt leicht eine solche
+Herrschaft über das Herz, daß alle weibliche Würde dabei verloren
+geht, besonders wenn der Umgang mit Dienstboten sie nährt.
+Je mehr die Wißbegierde belebt und genährt, das Mädchen in
+harmonischer Thätigkeit erhalten, sein Sinn auf das Schöne und<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span>
+Edle gelenkt wird, desto freier wird es von den Fesseln der Neugierde.</p>
+
+<p>Desto leichter wird es ihm aber auch werden, zu <em class="gesperrt">entsagen</em>,
+sich selbst zu verleugnen und zu <em class="gesperrt">erdulden</em>, besonders wenn die
+wohlwollenden Gefühle durch eine sanfte und liebevolle Behandlung
+und durch eine religiöse Erziehung genährt sind. Doch in
+dem zarten Alter, wo die Sinnlichkeit noch so mächtig, und die
+Vernunft noch so ohnmächtig ist, lege man ihm nicht ausdrückliche
+Entsagungen und Entbehrungen auf, wenigstens nicht ohne
+die sorgfältigste Rücksicht auf seine Kraft, damit nicht der liebliche
+und wohlthätige Frohsinn verloren gehe.</p>
+
+<p>Schamhaftigkeit, Reinlichkeit und Sittsamkeit, so wie alle
+andere weibliche Tugenden, werden zwar von selbst in dem Herzen
+des Mädchens erwachen, wenn die Behandlung in der Kindheit
+nicht eine ganz verkehrte ist; doch müssen auch sie gepflegt
+und genährt werden, besonders bei dem achtjährigen Mädchen.</p>
+
+<h4>62.</h4>
+
+<p>»Da das Mädchen in der Regel nach dem achten Jahre aus
+seiner kindlichen Unbefangenheit heraustritt, so will es von da
+an sorgsam beobachtet, regelmäßig und anhaltend beschäftigt,
+positiver behandelt seyn, damit durch äussere Einwirkung und
+Verhältnisse die innere gute Natur bewacht und gesichert wird,
+vor allem durch die wohlthätige Macht guter Gewohnheiten
+und Beispiele. Doch ist es schwer, hier den rechten Ton in der
+Erziehung zu treffen, und dem Mädchen nicht zu viel von seiner
+liebenswürdigen Natürlichkeit und Herzenseinfalt zu rauben,
+indem man es an äussere Zucht und Sitte, an das Anständige,
+Ehrbare und Zarte gewöhnt. Es kommen Fälle vor,
+in welchen man sich genöthigt sieht, die äussere gesellschaftliche
+Bildung fast aufzugeben, um Mädchen nicht zu verderben durch
+aufgedrungene Natur. Die Mädchenschule ist von dieser Seite
+nicht ohne Nachtheile und selbst nicht ohne Gefahr. Man denke
+nur an die fade Geschwätzigkeit und Modesucht, und wie leicht
+dadurch, so wie durch das Wohlgefallen am Figuriren, der
+reine naive und natürliche Sinn verloren geht; wie leicht eine
+Abstumpfung des Gefühls durch unzarte oder schonungslose
+Behandlung erfolgen kann.« <em class="gesperrt">Schwarz Erziehungslehre</em>
+3. 1. S. 218.</p>
+
+<p>Ein vortreffliches Bildungsmittel, sowohl für die wohlwollenden<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span>
+Gefühle, als für die Thätigkeit, ist es, wenn das Mädchen
+früh mit kleinen Kindern, besonders mit Geschwistern, sich
+zu beschäftigen hat, wenn man ihm zuweilen die Sorge für sie
+überträgt, besonders in Krankheit, und die Aufsicht über ihre
+Spiele. Wunderbar und herrlich wirkt dann die Liebe, die Gott
+so tief in die Seele des Mädchens gepflanzt hat, und sie haben
+dabei einen Lebensgenuß, der nicht zu beschreiben ist. Die Uebung
+in der Geduld, Sanftmuth, Nachgiebigkeit und Selbstverleugnung
+bei diesem Geschäft ist höchst wohlthätig. — Nur wache
+man, daß sie es nicht zu weit treiben, nicht die Kinder verziehen,
+und lege ihnen keine zu schwere Last auf.</p>
+
+<h4>63.</h4>
+
+<p>Mit dem vierzehnten Jahre muß sich alle Sorgfalt und Einwirkung
+der Erziehung verdoppeln, weil dann ein Erwachen des
+Mädchens zum deutlicheren Bewußtseyn eintritt, und ein höheres
+Gefühl für die Würde und für die äussern Vorzüge des Geschlechts,
+zugleich Ansprüche und Verlangen, welchen die Erziehung
+entgegen zu arbeiten, oder vielmehr, welchen sie den Widerstand
+der vernünftigen Ueberlegung entgegen zu stellen hat.
+Das Mädchen wird nun aufmerksamer auf Menschen und menschliche
+Verhältnisse, sieht und hört gleichsam schärfer, fühlt tiefer,
+und wird nun leicht von Täuschungen der Eitelkeit und des
+Leichtsinns geblendet. Hier ist es nicht genug, daß die Erziehung
+höhere Forderungen an das Mädchen mache, von ihm
+Ueberlegung und Besonnenheit, Ausdauer und Geduld, sorgfältigere
+Beobachtung des Schicklichen und Anständigen verlange;
+sie muß auch dem Herzen, welches in dem Kampfe zwischen
+Vernunft und Sinnlichkeit sich gedrückt und beängstigt fühlt,
+mit ihrer ganzen <em class="gesperrt">Liebe</em> zu Hülfe kommen und mit einer <em class="gesperrt">weisen
+Strenge</em>; denn gerade in diesem Alter ist pünktlicher Gehorsam
+eben so nothwendig, als wohlthätig, weil er die Kraft
+der Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung übt, und das
+Mädchen der Gewalt der Leidenschaft entzieht. Wenn Mädchen
+in diesem Alter in Zerstreuungen verwickelt, an den Genuß des
+gesellschaftlichen Vergnügens gewöhnt, mit den Eitelkeiten des
+Lebens bekannt gemacht, und in seine Täuschungen verstrickt
+werden, so sind sie in den meisten Fällen für ihre ganze Bestimmung
+verloren. Die regelmäßigste und mannigfaltigste Beschäftigung
+muß hier, vereint mit der religiösen Ausbildung, jeder<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span>
+Ausartung entgegenwirken, und besonders auch jede krankhafte
+Ueberspannung der Gefühle, so wie die Uebermacht der Phantasie
+verhüten. Das weibliche Gemüth mit seiner Reizbarkeit,
+Weichheit und Behendigkeit der Empfindung, nimmt so leicht
+in diesem Alter eine unglückliche Richtung, und wenn das Gefühlsvermögen
+des Weibes einer weit höheren Ausbildung fähig
+ist, als das männliche, so ist es auch einer weit größeren Ausartung
+fähig; und besonders zwei Klippen sind es, woran die
+Würde und die Ruhe weiblicher Seelen so leicht scheitert, Gefallsucht
+und Vergnügungssucht. Wenn daher die Erziehung hier
+nicht zu rechter Zeit entgegen arbeitet, auf der einen Seite durch
+die sorgfältigste Bildung des Verstandes und Belebung des Bewußtseyns
+menschlicher und weiblicher Würde, auf der andern
+durch Gewöhnung an häusliche Stille und Eingezogenheit, und
+durch Uebung des Herzens in der Selbstverleugnung: so wird
+die Ausartung nicht zu verhüten seyn. Die Meinung, daß junge
+Mädchen ihres Lebens froh werden müßten in sinnlichem Genuß,
+und daß man es hierin nicht zu genau nehmen dürfe, da
+doch das Herz sie so mächtig zum Vergnügen hinziehe, und dann
+die mütterliche Eitelkeit selbst, die in der Schönheit der Tochter,
+und in der Aufmerksamkeit, die sie erregt, Befriedigung findet,
+bringen hier die traurigsten Mißgriffe hervor. Vergnügungssüchtige
+und gefallsüchtige Mädchen machen die furchtbarsten
+Fortschritte im Leichtsinn, der ohnehin diesem Geschlecht so natürlich
+ist, setzen sich bald über die stärksten Regungen des Gewissens
+und sittlichen Gefühls hinweg, oder betäuben sich dagegen,
+und bringen es zu einer höchst verderblichen Abneigung gegen
+alles Ernsthafte und Anstrengende. Wie die Eitelkeit die
+Grundlage der sittlichen Ausbildung, nämlich die Selbstkenntniß,
+unmöglich macht, so die Vergnügungssucht allen Eifer und
+alle Ausdauer bei dem, was Anstrengung fordert. Diese Verirrungen
+des Schönheitssinnes und diese Ausartung der Sinnlichkeit
+haben theils in einer mangelhaften Verstandesbildung, theils
+in der Einseitigkeit der Erziehung überhaupt, und in der Unbekanntschaft
+mit geistigen Freuden, oder in der Unempfänglichkeit
+für geistige Genüsse ihren Grund. Daher die Erscheinung,
+daß viele, für gebildet geltende, Weiber sich unbeschreiblich langweilen,
+wenn man ihnen zumuthet, an geistigen Genüssen Theil
+zu nehmen, und daß sie alles in ein Spiel ihrer Eitelkeit und<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span>
+in Genuß verwandeln wollen, und immer Unterhaltung fordern.</p>
+
+<h4>64.</h4>
+
+<p>Das Mädchen soll der Erziehung eine selbstständige Existenz
+verdanken; sie soll durch die Erziehung mit all den Kenntnissen
+und Fertigkeiten ausgestattet werden, welche die weibliche Bestimmung
+und der weibliche Beruf in seiner weitesten Ausdehnung
+fordert, damit sie entweder Vorsteherin eines Hauswesens,
+oder Erzieherin, oder Beides, oder nur eine Gewerbtreibende
+seyn könne. Man achte dabei auf die besondere Richtung ihrer
+Haupt-Neigung, damit kein eigentliches Talent unausgebildet
+bleibe. Zum Zeichnen, zur Musik und zu den wesentlich nothwendigen
+Handarbeiten werde es bestimmt angehalten, doch im
+richtigen Verhältnisse zur übrigen Ausbildung, und ohne daß
+irgend ein Zweig derselben mit Zurücksetzung der übrigen herausgehoben
+werde. Denn nichts hält den Erfolg der Erziehung, besonders
+in so fern sie Ausbildung des Geistes ist, mehr auf, als
+das rastlose Hinarbeiten auf die Entwickelung eines einzigen Talents.
+Das eigentlich Menschliche, die Bildung zu einem Vernunftwesen,
+und das glückliche Gleichgewicht der Seelenkräfte
+geht dann ganz verloren, und es entsteht eine Einseitigkeit und
+Beschränktheit der Ausbildung, welche das ganze Leben in einen
+Mechanismus verwandelt, und es dem Menschen unmöglich
+macht, sich zu höhern Ansichten des Lebens zu erheben, und das
+Edle, das Erhabene und Göttliche in seine Seele aufzunehmen.</p>
+
+<p>Die Erziehung hat noch nicht alles gethan, was sie thun
+soll, wenn sie nur dafür sorgt, daß das Mädchen für den Beruf,
+der ihr zunächst durch die Bestimmung ihres Geschlechts
+angewiesen ist, sorgfältig und zweckmäßig gebildet werde; sie
+hat noch eine wichtige Rücksicht zu nehmen auf die Verhältnisse
+des weiblichen Geschlechts in der bürgerlichen Gesellschaft und
+auf das, was diese Verhältnisse fordern, nämlich solche Fertigkeiten,
+Geschicklichkeiten und Kenntnisse, wodurch es dem Weibe
+möglich wird, auch wenn es allein steht, sich seine Erhaltung
+und einen Grad von Selbstständigkeit zu sichern. Die immer
+größer werdende Seltenheit des Familien-Wohlstandes, und an
+sich schon die Unsicherheit dieses Wohlstandes, macht es nothwendig,
+dem Mädchen einen Erwerb zu sichern, der es gegen<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span>
+Mangel schützt, und bei dem es die Würde seines Geschlechts
+behaupten kann.</p>
+
+<p>Es gibt gewisse Arten des Erwerbens, die eigentlich nie von
+Männern, sondern immer nur von Weibern betrieben werden
+sollten, und es gehört zu den Ausartungen, welche Verfeinerung
+und Luxus herbeiführen, daß die Männer Erwerbszweige
+an sich gerissen haben, welche weder männliche Körperkraft, noch
+männlichen Geist fordern. Es ist zu erwarten, daß der Krieg,
+der so viele Männer hingerafft hat, diese Erwerbszweige wieder
+in die rechten Hände bringen werde. Um so mehr muß aber die
+Erziehung die Mädchen mit den dazu nöthigen Fertigkeiten ausstatten,
+aber auch mit den sittlichen Eigenschaften, die Geschäft
+und Gewerbe erfordern. Die Fertigkeiten sind: Nähen, Sticken,
+Stricken, Zeichnen, Spielen, Singen, Verfertigung aller Arten
+von Kleidungsstücken, Schreiben und Rechnen. Der Kleinhandel
+sollte nur von Weibern betrieben werden, weil nur diese dem
+entehrenden und ausartenden Müßiggange entgehen können, zu
+welchem er die Männer, aus Mangel einer anständigen Hand-Arbeit,
+verurtheilt. Die Kleider für Frauenzimmer sollten nur
+von weiblichen Händen verfertigt werden. In keiner Küche
+sollten mehr Köche anzutreffen seyn.</p>
+
+<p>Die Bildung für den Erwerb sey aber keine einseitige; die
+bürgerliche Gesellschaft fordert mehr als <em class="gesperrt">eine</em> Fertigkeit und Geschicklichkeit
+zum Bestehen, da sie Verhältnisse herbeiführt, in
+welchen diese oder jene Fertigkeit nicht ernährt. Hier achte die
+Erziehung auf die natürlichen Anlagen, und bilde sie für diesen
+Zweck vorzüglich aus. So werde also z. B. ein musikalisches
+Talent, eine vorzügliche Singestimme, eine Anlage zur mechanischen
+Geschicklichkeit ja nicht vernachlässigt, weil der Genuß,
+der Werth und die Ruhe des Lebens hievon abhängt. Der <em class="gesperrt">Genuß</em>,
+weil es keinen reineren gibt, als den des Vollbringens
+und des Bestehens durch eigene Kraft; der <em class="gesperrt">Werth</em>, weil dies
+den Wirkungskreis des Weibes erweitert, und ihm einen größern
+Antheil an der allgemeinen Wohlfahrt, oder auch an dem Wohl
+einzelner Menschen, oder der Familie gewährt; die <em class="gesperrt">Ruhe</em>, weil
+das Bewußtseyn einer solchen Ausbildung und der mannigfaltigsten
+Brauchbarkeit für die Welt jede Nahrungssorge und jede
+Besorgniß wegen der Zukunft verbannt. Und wie oft wird dadurch
+das Schicksal einer ganzen Familie sicher gestellt! Wie<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span>
+manche Tochter ernährte durch ihre Kunst Vater, Mutter und
+Geschwister. Wie viele erwerben sich als Lehrerinnen, Erzieherinnen,
+Vorsteherinnen einer Beschäftigungs-Anstalt große Verdienste.
+Und wie quälend ist die Aussicht in die Zukunft für die,
+welche nicht durch sich selbst bestehen können!</p>
+
+<h4>65.</h4>
+
+<p>Die sittlichen Eigenschaften, die mit den Fertigkeiten vereint
+wirken müssen, sind: Geduld und Ausdauer, Selbstverleugnung
+und Enthaltsamkeit, Besonnenheit und Ueberlegung, Erfindungsgabe.
+Für die letztere Kraft in ihrer Entwickelung wirkt
+die Geschichte der Erfindungen, und die Bekanntmachung mit
+nützlichen Verbesserungen der gewöhnlichen häuslichen Geräthschaften.
+Wie oft gab schon ein einziger glücklicher Gedanke in
+dieser Hinsicht einem Leben hohen Werth und ausgebreitete Wirksamkeit,
+und begründete den Wohlstand einer ganzen Familie.</p>
+
+
+<p>Pädagogische Heilkunde.</p>
+
+<p>Jede Abweichung von dem Gebot, welches dem Menschen
+durch seine sittlichen Gefühle und seine Vernunft in's Herz geschrieben
+ist, und jede Ausartung der natürlichen Triebe, ist
+Krankheit der Seele, und erfordert Heilung. In der Kindheit
+entstehen diese Krankheiten, und werden oft nur dem sorgfältigen
+Beobachter und dem geübtern Auge sichtbar; bleiben sie unentdeckt,
+und also in ihren Anfängen ungehemmt, so gehen sie
+in den Charakter über. Jede Unart hat in der Vernachlässigung
+der Erziehung, oder in einem nachtheiligen Einflusse des Körpers
+und der physischen Gewöhnung ihren Grund.</p>
+
+<p>Jede Unart ist in ihrem tiefsten Grunde Keim des Guten,
+der aber verwahrloset, oder unter ungünstigen Einflüssen untergegangen
+ist, oder auch eine falsche, gewöhnlich einseitige Richtung,
+welche irgend eine Seelenkraft genommen hat. Soll die
+Heilung gelingen, so muß die Natur der Krankheit von dem Erzieher
+richtig erkannt, ihr Zusammenhang mit andern Uebeln
+und mit dem Guten erforscht und berücksichtigt, also ihr Ursprung
+mit Sicherheit entdeckt, ihr Grad richtig aufgefaßt, das
+Heilmittel weise gewählt und mit eben so viel Geduld, als Einsicht
+angewandt werden, damit nicht, indem das eine Uebel<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span>
+weggeschafft wird, ein anderes hervorgebracht oder herbeigeführt
+werde. Der Erzieher kann, z. B. die Trägheit des Zöglings
+überwältigt, aber dadurch, daß er gewaltsame Mittel anwandte,
+demselben die Lust und Liebe und die kindliche Fröhlichkeit genommen
+haben, oder indem er dem Eigensinnigen den Willen
+brach, ihm auch das Herz gebrochen haben, oder indem er den
+Leichtsinn bekämpfte, das Kind verstockt, scheu und ängstlich
+gemacht haben.</p>
+
+<p>»Auf zweierlei Art werden Unarten geheilt: entweder durch
+Ablenkung der Aufmerksamkeit und Neigung des Kindes, im
+Ganzen und im Einzelnen, also negativ, oder auch positiv
+durch Strafen.« Das erste ist hier unstreitig das Wohlthätige
+und Wirksamere, eine gründliche Heilung, wobei nicht leicht ein
+neues Uebel sich zeigt, und wird vorzüglich auf <em class="gesperrt">die</em> Art angewandt,
+daß man entweder das Kind in eine ganz andere, und
+zwar in eine solche äussere Lage bringt, in welcher es gar keine
+Reizung zu seiner Unart erhält, oder auch, daß man einen Gegenreiz,
+z. B. Erregung der Neugierde, des Ehrtriebes, der
+Furcht, der Hoffnung, anwendet, um seinen Neigungen eine
+bessere Richtung zu geben.</p>
+
+<p>Da die Unarten und die Fehler der Kinder nichts anderes,
+als verwahrlosete Keime des Guten sind, so steht der Unart immer
+eine Tugend gegenüber, und da jede Unart wiederum, sich
+verstärkend, andere nach sich zieht oder erzeugt, so gibt es so
+viele Reihen von Unarten, als es Tugenden des Kindes gibt.</p>
+
+<p>Die ersten beiden Reihen können nichts anderes seyn, als
+verkehrte Richtungen der Kraft, oder Mangel an Kraft und
+Trieb, also Trägheit. So z. B. wenn Kinder bei einer großen
+Lebhaftigkeit, und einem ungewöhnlichen Drange zur Thätigkeit,
+nicht hinreichende Beschäftigung finden, und also lange Weile
+empfinden — oder wenn man sie in der Periode, da noch der
+Spielgeist seine volle Kraft hat, zu angestrengter Aufmerksamkeit
+beim Lernen nöthigt, und ihnen dadurch einen Widerwillen
+gegen das Lernen beibringt — oder zu der Zeit, da sie noch
+nicht sichtbare Fortschritte in der sittlichen Verbesserung machen
+können, unaufhörlich tadelt und krittelt, und dadurch in einen
+Zustand der Spannung und des Mißmuths versetzt — oder ohne
+Nachsicht straft, wo erst die Kraft der bessern Gewöhnung eintreten
+müßte. Ist es nicht natürlich, daß das Kind muthwillig,<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span>
+oder auch schlaff und träge wird, weil sein Thätigkeitstrieb
+keine Befriedigung erhält? Darum soll der ganze Umgang der
+Erwachsenen mit Kindern eine fortgehende Befriedigung ihres
+Thätigkeitstriebes, und eine Richtung desselben auf das Nützliche
+und Gute seyn. Wiederum, wenn Eltern oder Erzieher
+Lieblinge haben, denen sie alles verstatten, alle Unarten ungestraft
+hingehen lassen; müssen diese nicht eigensinnig, herrschsüchtig,
+trotzig und selbstsüchtig, und die um der Lieblinge willen
+zurückgesetzten verschlossen, boshaft und verdrossen werden?
+Bei solchen Kindern ist es eine verkehrte Behandlung, sie durch
+Liebkosungen und wohl gar Schmeicheleien an sich zu ziehen,
+oder durch anderweitige Reizungen ablenken zu wollen. Gründlich
+können sie nur geheilt werden, wenn man sie aus dem ganzen
+ungünstigen Verhältnisse heraus und in ein besseres versetzt,
+mit liebreichem Ernst und Festigkeit ihnen entgegen tritt, keine
+Aeusserung der Bosheit oder Herrschsucht ungerügt läßt, sie
+möglichst vor Reizungen bewahrt, jede Regung besserer Gefühle
+durch Lob und Ermunterung unterstützt, durch regelmäßige Beschäftigung
+und gleichmäßige Behandlung sie an Ordnung und
+Regelmäßigkeit zu gewöhnen sucht, die sittlichen Regungen belebt
+und stärkt. Verzogene Kinder sind nicht undankbar gegen
+eine solche Bestrebung, sie zu bessern; sie fühlen es bald, daß
+man ihnen wohl thut, wenn nur überall Liebe und Wohlwollen
+durchblickt, fühlen besonders das Wohlthätige der Beschäftigung.
+Nur werde jede verächtliche Behandlung vermieden, denn diese
+erregt Abneigung und Widerwillen; auch Ironie und feiner
+Spott, Satyre und Bitterkeit im Tadel thun entgegengesetzte
+Wirkung.</p>
+
+<p>Eine eben so schwere Aufgabe für die Erziehung und eben so
+schwer im Umgange zu behandeln, sind solche Kinder, die überfüllt
+sind durch einen planlosen Unterricht mit unverdautem Wissen,
+und in welchen sich Dünkel und Trägheit zugleich festgesetzt
+haben, weil sie sich bei dem Unterricht immer nur leidend verhielten,
+ohne Anregung und Uebung des Nachdenkens. Verwöhnt
+durch eine Behandlung, bei welcher man ihnen alle Anstrengung
+ersparte, versunken in eine Zerstreuung und Schlaffheit,
+die alle Geisteskräfte in Schlummer wiegt, machen sie der
+Erziehung durch beständige Unruhe und Unmuth, wohl durch
+Unbändigkeit und Ausgelassenheit viel zu schaffen. Das sind die<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span>
+traurigen Folgen einer planlosen Erziehung in Häusern, wo ein
+gewisser Wohlstand herrscht, und es nicht an Zerstreuung fehlt.
+Dabei kann doch hie und da Talent hervorblicken, und das Bewußtseyn
+im Kinde seyn, daß es etwas vermöge; aber desto
+mehr macht es dann durch Ansprüche dem Erzieher zu thun, desto
+schwieriger ist die Aufgabe, es bei dem Mechanischen festzuhalten,
+und es an Regelmäßigkeit und Tagesordnung zu gewöhnen.
+Das Ungewohnte erregt ihm widrige und schmerzliche Gefühle.
+Das Anhalten zur Ordnung dünkt ihm Gewalt und Bedrückung,
+und es tritt bald in ein feindseliges Verhältniß gegen den Erzieher,
+wenn dieser nicht Klugheit und Mäßigung genug hat, sich
+mit dem langsamsten Annähern an sein Ziel zu begnügen, und
+in die nothwendige Strenge die Milderung eines sichtbaren Wohlwollens
+zu legen. Ein besser gezogenes Kind neben dem verzogenen
+und verwöhnten thut hier treffliche Dienste. Ist dies Mittel
+nicht vorhanden, so muß man eine Lieblings-Neigung des
+Zöglings und den Ehrtrieb zu Hülfe rufen, um ihn für eine
+regelmäßige und angestrengte Thätigkeit und für pünktlichen
+Gehorsam zu gewinnen. In dem Umgange mit solchen Kindern
+ist es sehr schwer, den rechten Ton zu treffen, der sich
+von zu großer Strenge und Milde gleich weit entfernt.</p>
+
+<p>Zweierlei Unarten stehen ferner dem Fleiß entgegen, Faulheit
+und verkehrte Thätigkeit. Jene ist theils mehr im Körperlichen,
+theils mehr im Geistigen, theils in beiden zugleich, und
+versteckt sich wohl unter scheinbarer Thätigkeit. Die Weichlichkeit
+und falsche Güte in der Erziehung erspart den Kindern jede
+Anstrengung, und verwöhnt sie dadurch so sehr, daß jede Art
+der Thätigkeit ihnen Qual dünkt. Die Faulheit zieht aber, da
+sich nun aller Trieb auf den Genuß richtet, Gefräßigkeit und
+Leckerhaftigkeit nach sich, macht eben dadurch die Kinder diebisch,
+lügenhaft und unreinlich. Nicht genug kann man daher bei Kindern
+der Faulheit entgegenwirken, nicht sorgsam genug sie dem
+Müßiggange entziehen. Aber die Aufgabe ist schwer, Kinder
+immer hinreichend zu beschäftigen, die zum eigentlichen Lernen
+noch zu jung, dabei lebhaft, und also veränderlich sind. Wenn
+man bei den Erwachsenen die Noth als Antrieb zur Thätigkeit
+gebraucht, so will das bei Kindern nicht gelingen, und ist nicht
+immer anzuwenden. Soll man das Kind hungern lassen? So
+wird es mißmüthig, und verliert die Lust und Liebe. Oder der<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span>
+Plage der langen Weile übergeben? So ist zu fürchten, daß es
+auf andere Abwege geräth, oder der Schlaf hilft ihm darüber
+hinweg. Man versuche es lieber zuerst mit allerlei <em class="gesperrt">sinnlichen
+Beschäftigungen</em>, und solchen, die sich dem Spiele nähern.
+Du sollst mir helfen! sage man freundlich dem Kinde. Oder:
+wir wollen mit einander dieß und jenes thun. Man bringe absichtlich
+Bücher, Geräthschaften, Geld in Unordnung, und lasse
+alles wieder von dem Kinde in Ordnung bringen. Dabei suche
+man durch Lob ihr Selbstgefühl und ihre Lust zu erhöhen, sey
+für's erste mit jeder Leistung zufrieden, sorge für Mannigfaltigkeit
+der Beschäftigung, ohne doch der Neigung zur Veränderung
+zu viel nachzugeben. Man lasse Kinder recht früh schreiben, zeichnen,
+in Papier ausschneiden, Papparbeiten machen, Bücher
+heften und einbinden, schnitzen und ein wenig drechseln lernen,
+so kann man viel Abwechselung in ihre Beschäftigung bringen.
+Haben sie die Buchstaben zusammensetzen gelernt, so gebe man
+ihnen ein Buchstabenkästchen, und lasse sie Wörter zusammensetzen,
+eine Beschäftigung, die ihnen eben so angenehm, als
+nützlich ist. Bei Gedächtniß-Uebungen halte man sie besonders
+fest, weniger bei Handarbeiten, welche mehr Ausdauer fordern,
+als zarte Kinder haben können. Können sie schon mit einiger
+Fertigkeit schreiben, so lasse man sie das Auswendiggelernte
+oder das, was man ihnen vor einiger Zeit erzählt hat, aus dem
+Gedächtniß niederschreiben; man lasse die, welche ein schwaches
+Gedächtniß haben, durch Nachsprechen memoriren — man ermuntere
+sie zum Briefschreiben, und Abschreiben, und lasse sie
+kleine Verzeichnisse anfertigen, kleine Sammlungen anlegen.</p>
+
+<p>Der Unreinlichkeit träger Kinder kann nur durch strenge Gewöhnung
+und Anregung des Ehrgefühls entgegengearbeitet werden.
+Dabei sey man unerbittlich in der Strenge.</p>
+
+<p>Hat man der Veränderlichkeit der Kinder und ihrer Laune zu
+viel nachgegeben, oder sie zu viel sich selbst überlassen, ohne sie
+regelmäßig zu beschäftigen, so entsteht die falsche Thätigkeit
+(Flatterhaftigkeit). Da gibt es ein unruhiges, bald nach diesem,
+bald nach jenem greifendes Wesen, Ueberdruß und Mißmuth,
+so oft einige Anstrengung oder Sorgfalt gefordert wird.
+Das Kind fängt etwas mit Hitze an, läßt es aber bald wieder
+liegen, und fängt etwas Neues an, ohne je zu vollenden; endlich
+wird es aller Beschäftigung überdrüßig, und will nur herumlaufen,<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span>
+spielen, amüsirt seyn. Bei Kindern von lebhaftem Temperament
+und glücklichen Anlagen entsteht dies unstäte Wesen
+wohl aus Mangel an solidem Unterricht und Geistes-Nahrung,
+aber auch aus Ueberfüllung mit Realkenntnissen, ohne Uebung
+und Anstrengung der Denkkraft. Man muß mit solchen Kindern
+ganz vorne anfangen, jedoch ohne daß sie dieß inne werden,
+muß vor allem Denkübungen mit ihnen vornehmen, und
+sie fest zu halten suchen, indem man vom Leichtern zum Schwerern
+fortgeht. Man entfernt sorgfältig alles, was sie zerstreuen, oder
+sie unmuthig machen könnte; man lobt ihr Wissen, und regt
+ihre Wißbegierde an durch solche Aufgaben, die Verstand und
+Phantasie beschäftigen; man erlaubt ihnen für's erste keine Fragen,
+läßt sie aber viel nachsprechen, um sie im Aufmerken zu
+üben, rechnet oft mit ihnen im Kopfe.</p>
+
+<p>Die Trägheit kündigt sich auf mancherlei Weise, nicht gerade
+durch Abneigung gegen alle Beschäftigung, sondern nur
+gegen die, welche Anstrengung und Ausdauer erfordert, oder
+die gerade jetzt gebotene an, durch ungebehrdiges Wesen, faule
+und nachlässige Stellungen, Plumpheit, Lärmen, Zanksucht und
+grobe Begehrlichkeiten; denn die Trägheit will nur genießen,
+nicht erwerben. Mäßige Bestrafungen, kein Schelten und Beschimpfen,
+bei Naschhaftigkeit strenge Strafe.</p>
+
+<p>Dem Frohsinn stehen <em class="gesperrt">Trübsinn</em> und <em class="gesperrt">Leichtsinn</em> entgegen.
+Das düstere, verdrießliche und mürrische Wesen wird den
+Kindern leicht zur Natur, wenn unfreundliche und harte Behandlung,
+oder lange Weile ihr Gefühl aufgeregt haben. »Es
+gibt,« sagt J. P. sehr richtig, »ungelenke, verworrene Stunden
+(Stimmungen?), wo das Kind durchaus gewisse Worte
+nicht nachzusprechen, gewisse Befehle nicht zu erfüllen vermag,
+aber wohl in der Stunde darauf. Haltet dieß nicht für Starrsinn.
+Ich kenne Männer, die auf die Ausrottung einer üblen
+Angewohnheit Jahre lang losarbeiteten, ohne besondern Erfolg
+zu erleben. Wendet dieß auf Kinder an, welchen gewöhnlich ein
+paar tausend Gewohnheiten auf einmal abzulegen befohlen wird,
+damit ihr nicht sofort da über Ungehorsam schreiet, wo nur Unvermögen
+der überlasteten Aufmerksamkeit ist.« Aber auch ängstliche
+und zu weichliche Behandlung, ein zu sorgsames Aufmerken
+auf alle ihre Bedürfnisse und Wünsche, kann diese Wirkung
+hervorbringen. Nur dadurch, daß man solche Kinder durch angemessene<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span>
+Beschäftigung zu einem wohlthätigen Selbstgefühl erhebt,
+sie durch Entbehrung und Strafe zum Nachdenken und zur
+Selbstbeherrschung bringt, sie bei jeder Regung mürrischer Laune
+entfernt, ihnen durch Strafe Noth verursacht, und dadurch ihren
+Gedanken eine andere Richtung gibt, bei wiederkehrender
+Heiterkeit sie mit besonderer Güte behandelt, aber auch bei eintretender
+mürrischer Laune mit unerbittlicher Strenge — (z. B.
+ich esse nicht mit einem mürrischen Kinde!), nur dadurch wird
+man sie bessern.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Leichtsinn</em> zeigt sich noch nicht im frühen Kindesalter, aber
+der Keim ist da in Unachtsamkeit, Flatterhaftigkeit und Gedankenlosigkeit,
+und in Gleichgültigkeit bei Lob und Tadel, in
+schnellem Uebergang von tiefer Betrübniß bei Strafen zur Ausgelassenheit.
+Kinder, die sich selbst überlassen sind, oder es zu
+gut haben, und nicht mit der den Kindern so nothwendigen
+Strenge erzogen werden, sondern zu viel Nachsicht genießen,
+werden leichtsinnig, und müssen es werden. Daher ist Leichtsinn
+ein Uebel der höheren Stände und des weiblichen Geschlechts.
+Die gutmüthige und weichliche Mutter wird gar zu leicht die
+aufmerksame und willige Dienerin der Tochter; diese, zu sehr
+verwöhnt, kann sich zu keiner Art von Anstrengung entschließen.
+— Ist die Unart eingewurzelt, so kann man nicht genug
+die Achtsamkeit des Kindes üben, und besonders die Achtsamkeit
+auf sich selbst, durch einfachen Zuruf, ohne viele Worte der Erinnerung,
+durch Zeichen, durch solche Aufträge, wobei große
+Sorgfalt und Aufmerksamkeit nöthig ist (z. B. zerbrechliche Sachen
+in Ordnung zu bringen), durch Uebung des Gehörs und
+Gedächtnisses, durch kluge und kräftige Warnung. Die festeren
+und kräftigern Naturen sind am wenigsten zum Leichtsinn geneigt,
+die weicheren am wenigsten zum Trübsinn.</p>
+
+<p>Dem frommen (dankbaren) Sinne stehen entgegen <em class="gesperrt">Unfolgsamkeit</em>
+und <em class="gesperrt">Wankelmuth</em>. In dem Kinde regt sich bald der
+Trieb zu herrschen, und zeigt sich als Eigensinn und Eigenwille.
+Sehr bald entsteht daraus Gefühllosigkeit und Widerspenstigkeit.
+Das unzeitige Nachgeben der Eltern ist die nächste Ursache
+— aber auch wohl ihr Eigensinn und ihre Ungerechtigkeit.
+Werden die Kinder nur als Mittel des Geldgeizes oder der Eitelkeit
+der Eltern gebraucht, stört man sie, um sie kunstmäßig
+abzurichten, in ihren kindlichen Freuden, entsteht also kein liebevolles<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span>
+Verhältniß zwischen Eltern und Kindern, so können
+diese nicht dankbar seyn, sondern sie müssen sich, wo sie nur
+können, dem Willen der Eltern widersetzen, da sie keinen andern
+Antrieben, als den sinnlichen, folgen können. Fehlt nun
+noch dazu alle Pflege des religiösen Gefühls, wie können die
+Kinder vor dieser traurigen Ausartung bewahrt bleiben? Aber
+auch zu weichliche Güte, von Eltern oder Großeltern, ist die
+Quelle dieser Unart. Finden die Kinder nie Widerstand bei ihren
+thörichten Forderungen; zeigt man ihnen durch unzeitiges
+und unverständiges Nachgeben und Einwilligen eine gewisse
+Schwäche, oder Furcht vor ihrem Trotz und Eigensinn, so machen
+sie bald die traurigsten Fortschritte in dem Ungehorsam und
+in der mürrischen Widerspenstigkeit. Eine ganze Reihe von Unarten
+sind im Gefolge des Ungehorsams, besonders hartes und
+boshaftes Wesen gegen Niedere, Dünkel, Zanksucht. Wird dann
+nicht die ganze Behandlung des Kindes geändert, und auch
+wohl seine äussere Lage, so daß es unter ganz andere Menschen,
+und in ganz neue Verhältnisse kommt, so ist das Uebel unheilbar.
+Muß es in seinen häuslichen Verhältnissen bleiben, so darf
+ihm wenigstens von Seiten des Erziehers nie nachgegeben werden;
+vielmehr muß ihm dieser mit einem festen Ernst entgegentreten,
+und ihm sogar, wenn es schon einige Verstandesbildung
+hat, förmlich ankündigen, daß es von nun an nicht mehr seinen
+Willen haben werde, wobei er ihm begreiflich zu machen
+sucht, wie heilsam und nothwendig dieß sey, und es, so oft es
+gehorsam ist, mit besonderer Liebe behandelt, überhaupt aber
+durchaus herzlich. Eigentliche Strafen treten nur bei offenbarer
+und beharrlicher Widersetzlichkeit ein, wobei man ihm aber Zeit
+zur Besinnung läßt. Alles werde angewandt, Gefühle der Reue,
+des Dankes, des Vertrauens in solchen verwahrloseten Kinder-Herzen
+zu wecken; man zeige dem Kinde Bedauern und Theilnahme;
+man gewähre ihm Vergnügen und Erholung, so oft es
+sich besser zeigte — man erleichtere ihm das Gehorchen durch die
+Art des Gebietens, und durch Entfernung der Reizung zum Ungehorsam
+— man suche ihm ein ermunterndes Beispiel vor die
+Augen zu bringen; man zeige ihm Vertrauen, und strafe es nie
+zürnend. Zeigt es Gefühl, so komme man ihm mit religiösen
+Vorstellungen zu Hülfe; faßt es kein Zutrauen, und zeigt es
+kein Gefühl, so lasse man sich dadurch nicht zu Bitterkeiten und<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span>
+zu harten Behandlungen reizen, werfe ihm nicht seine Gefühllosigkeit
+vor, mache es aber auf Beispiele der Dankbarkeit und
+Theilnahme aufmerksam, und freue sich mit ihm, wenn ihm
+etwas Angenehmes, klage mit ihm, wenn ihm etwas Unangenehmes
+begegnet.</p>
+
+<p>Eine Unart, welche einigermaßen mit dieser verwandt ist,
+besteht darin, daß Kinder gewöhnlich gegen jeden, der nicht zu
+ihrer Familie gehört, verschlossen und ängstlich, oder finster sind;
+eine Folge zu weichlicher Erziehung, und einer falschen Zärtlichkeit,
+oder auch der Unvorsichtigkeit, mit welcher man Kinder
+im zarten Alter mit der Schlechtigkeit der Menschen bekannt
+macht, auch wohl die Wirkung des den Kindern mit der ersten
+Nahrung eingeflößten Rangstolzes, und der Thorheit, ihnen
+eine äussere Haltung und Würde beibringen zu wollen. Sehen
+sie, daß sich ihren Eltern alles mit Unterwürfigkeit nähert, und
+werden besonders die Dienstboten mit verachtendem Stolz behandelt,
+so kann diese Unart nicht ausbleiben. Lieblosigkeit und
+Willkühr, Uebermuth und prahlerisches Wesen sind die Folgen,
+auch wohl Verstellungskunst, bei einigen Naturen Blödigkeit.
+Auch hier ist Veränderung der Lage das beste Heilmittel. — Die
+Religion muß zu Hülfe kommen, und ein Erzieher, der sich
+ganz des Herzens zu bemächtigen weiß.</p>
+
+<p>Das schmeichlerische und hingebende Wesen mancher zart organisirten
+und mit wohlwollenden Gefühlen reich ausgestatteten
+Kinder darf man, wenn sie heranwachsen, nicht dulden, auch
+geht es leicht in Gleißnerei über; es ist eine Wirkung jener thörichten
+Weichlichkeit in der Erziehung, die alles durch Liebkosung
+und Belohnung erreichen, und nie strafen, nie Ernst gebrauchen
+will. Bei Mädchen entsteht daraus ein Hang zur Empfindelei,
+ein geziertes und pretiöses Wesen, und Abneigung gegen alles,
+was Anstrengung und Festigkeit fordert. Daher gewöhne man
+die also Verwöhnten an ernste Behandlung, doch ohne Kälte und
+ohne Spott.</p>
+
+<p>Kinder von einer besondern Liebenswürdigkeit, und glücklich
+und früh sich entwickelnden Anlagen, neigen sich leicht zum
+Hochmuth und Dünkel hin, weil man sie gewöhnlich vorzieht,
+viel aus ihnen macht, und sie unvorsichtig lobt. Dieser Hochmuth
+zeigt sich im Widersprechen und in der Rechthaberei, in
+der Trägheit beim Unterricht, in einem vorlauten und unbescheidenen<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span>
+Wesen, und verleitet wohl zum Rollenspielen. Aus solchen
+Kindern werden Egoisten, und die Welt hat nichts von
+ihnen zu erwarten, wo nicht ihr Ehrgeiz Befriedigung findet.
+Bei Mädchen wird Eitelkeit daraus, die sich selbst gefällt und
+Andern gefallen will; das Natürliche geht ganz verloren; Albernheit,
+Putzsucht und Koketterie regen sich, und alles wird nur
+nach der Aufmerksamkeit beurtheilt und geschätzt, die es erregt.
+Der sinnliche Gegenstand des Bestrebens, fader Zeitvertreib,
+Tändeln und Scheinen ist an der Tagesordnung. Solche Kinder
+wollen zum Gefühl im Bewußtseyn ihres Unrechts gebracht
+seyn, zuweilen durch Beschämung — die aber sehr vorsichtig
+anzuwenden ist — am besten dadurch, daß man ihnen Fragen
+vorlegt, und Arbeiten aufgibt, wobei sie ihre Schwäche erkennen
+und gestehen müssen — und endlich dadurch, daß man sie
+auf dem Felde des Wissens herumführt, und ihnen zeigt, wie
+viel noch zu lernen und zu erringen ist, sie aber auch zugleich
+mit der Menschenwürde bekannt macht, und ihnen zuweilen
+Aufträge gibt, wobei sie, Theilnahme zu zeigen, Aufforderung
+und Gelegenheit haben. Mißlich ist es, ihnen Bescheidene zum
+Muster aufzustellen, weil dieß oft nur erbittert; besser, sie eine
+Zeitlang nicht zu bemerken, und ihnen alle Gelegenheit abzuschneiden,
+sich sehen zu lassen, ihnen dabei den Vorzug der Gesinnung
+vor dem Wissen bemerklich zu machen.</p>
+
+<p>Der Eitlen Wunsch und Streben bleibe ganz unbefriedigt,
+weil dadurch die Begierde nur verstärkt werden würde, sondern
+man gebe ihr, was sie wünscht, Putz und schöne Kleider; aber
+in ihren schönen Kleidern lasse man sie fühlen, wie nichtig dieser
+Vorzug ist, und daß er keine Ansprüche auf Werthschätzung gibt,
+wohl aber leicht thöricht und unsittlich macht. Man sage ihr,
+doch ohne Bitterkeit, wie viel hübscher ihr der einfache Anzug
+stehe, damit sie nach und nach diese Armseligkeiten würdigen
+lerne. Die Mutter, die Erzieherin, die Gespielin oder Mitschülerin
+gehe ihr mit dem Beispiele der höchsten Einfachheit und
+Anspruchlosigkeit voran.</p>
+
+<p>Alles kommt überhaupt bei der Erziehung und bei dem erziehenden
+Umgange mit Kindern auf den Ton an, welcher im
+Hause herrscht; er ist gleichsam das gedeihliche oder verderbliche
+Klima, in welchem diese zarten Pflanzen sich entwickeln sollen.
+Das Beispiel der Eltern und der Erzieher wirkt mit einer unwiderstehlichen<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span>
+Gewalt auf Kinderherzen, und darum sollten Erzieher
+in dem Umgange mit Kindern höchst vorsichtig zu Werke
+gehen. Sieht der Sohn seinen Vater täglich dem Vergnügen
+nachgehen, und seine Berufsgeschäfte mit Verdruß und so schnell
+und so flüchtig als möglich abmachen, so nachläßig als möglich
+betreiben; hört er ihn leichtsinnig urtheilen, oder lieblos
+richten; läßt er sogar den Sohn fast an jedem Vergnügen Theil
+nehmen, und ohne Umstände Schule und Unterricht versäumen,
+wenn ein Vergnügen sich darbietet; gibt er ihm selbst die Spielkarten
+in die Hände, und bringt er vor den Augen seiner Kinder
+ganze lange Abende, bis in die Nacht hinein, am Spiel-Tische
+zu — er wird einen Müßiggänger, einen Spieler, oder
+einen Frohnknecht in seinem Sohne der Welt erziehen, und das
+schreckliche Erbtheil des bösen Beispiels wird ihn zu Grunde richten,
+oder ihm wenigstens alle Menschenwürde rauben.</p>
+
+<p>Eben so unglücklich muß der Erfolg einer Erziehung seyn,
+die es nur darauf anlegt, den Kindern das Gepräge der conventionellen
+Bildung oder des Zeitgeistes zu geben, und ihnen
+alles das beizubringen und anzubilden, was in dem gesellschaftlichen
+Umgange gilt, und gerade jetzt an der Tagesordnung ist,
+oder für Bildung ausgegeben wird. Zwar hat sich, seit dem
+Freiheitskriege, eine eigene Secte in der Gesellschaft gebildet,
+welche der conventionellen Form, weil sie größtentheils französischen
+Ursprungs ist, den Krieg angekündigt, und die freieste
+Form, welche eigentlich gar keine ist, als die rechte angenommen
+hat; aber glücklicher Weise scheint es nicht, daß die Grundsätze
+dieser Secte sich weit verbreiten werden, da man die Bemerkung
+gemacht hat, daß sie zu einer Derbheit und Unschlachtigkeit
+führen, welche endlich allem geselligen Umgange, besonders
+dem mit dem anderen Geschlechte, den Untergang bringen
+müßte. Für die Beförderung <em class="gesperrt">der</em> Selbstverleugnung, Bescheidenheit
+und Gefälligkeit, welche die Natur des gesellschaftlichen
+Umgangs fordert, sind unstreitig die conventionellen Formen
+sehr ersprießlich, und eben darum nicht aufzugeben. Aber es ist
+eine merkwürdige Erscheinung, und eine für Erzieher sehr lehrreiche,
+daß Naturen von einer unüberwindlichen Unempfänglichkeit
+für diese Formen unter beiden Geschlechtern vorkommen,
+an welchen alle Anstrengungen der Erziehung für diesen Theil
+der Bildung völlig scheitern. Man möchte hieraus schließen,<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span>
+daß es auch für die gesellschaftliche Bildung eigenthümliche Anlagen
+gebe, und daß sie daher eben so wenig, wie z. B. die musikalische,
+zur allgemeinen menschlichen Ausbildung gezählt werden
+dürfe, wenigstens nicht ohne gewisse Modificationen; daß
+sie am allerwenigsten das Hauptziel aller Erziehung seyn dürfe,
+sondern daß diese vor allem das Reinmenschliche in dem Kinde
+auszubilden, zu pflegen und zu entwickeln habe; daß also die
+Erziehung keinesweges in eine bloße Abrichtung für den gesellschaftlichen
+Umgang übergehen dürfe. Diese Wahrheit wird jetzt
+zur Freude aller derer, welche keine Sclaven des Zeitgeistes sind,
+allgemeiner anerkannt, und sie hat eine Ueberzeugung geweckt,
+welche fast ganz in den höheren Ständen verschwunden war,
+daß die religiöse Bildung der Schlußstein aller wahren Bildung
+sey, und daß man die Veredlung unseres Geschlechts nicht bloß
+auf dem Wege der Verstandesbildung, nicht durch das Erkenntnißvermögen
+allein bewirken könne. Man erwartet nun nicht
+mehr alles Heil für die Menschheit von der Verbreitung wissenschaftlicher
+Bildung, und überhaupt von dem Wissen, sondern
+läßt der Gesinnung, als dem Höchsten im Menschen, wieder
+den ihr gebührenden ersten Rang unter den Bildungsstufen der
+Menschheit, wobei man aber seit einiger Zeit den Gefühlen einen
+zu hohen Werth beilegt, und sie gar zu gern als Surrogat
+der Gesinnungen und Grundsätze einschwärzen möchte, weil es
+so bequem ist, sich dem Gefühl zu überlassen, und seinem Herzen
+die Anstrengungen und Beschwerden des Handelns und der
+Selbstverleugnung zu ersparen. Daher möchte es die heutige Erziehung
+vorzüglich auf eine recht sorgfältige Bildung der Vernunft,
+und also auf feste Grundsätze anzulegen haben, und ihre Zöglinge
+in einem gewissen Gleichgewicht zu halten suchen, damit
+sie nicht lauter Gemüth werden, und in dem Uebermaß ihrer
+Gemüthlichkeit sich der Mystik und der Frömmelei in die Arme
+werfen.</p>
+
+<p>Drei Klippen dürften die Erzieher besonders bei dem bildenden
+<em class="gesperrt">Umgange</em> mit ihren Zöglingen zu vermeiden haben, nämlich:
+1) Daß sie es nicht darauf anlegen, dem Zöglinge eine
+bestimmte Form anzubilden, z. B. nicht die des Oberen, des
+Untergebenen, des Soldaten, des Rechtsverständigen, des gläubigen
+Christen, des Rationalisten, sondern darauf: Menschen
+zu bilden, also Vernunftwesen, welche die Kraft haben, sich<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span>
+frei zu erhalten von dem Joch der Gewohnheit, des Zeitgeistes,
+der Menschenfurcht und Menschengefälligkeit, und der Leidenschaft.
+2) Daß sie nicht jedem Zöglinge ein bestimmtes Maß
+von Bildungsstoff zutheilen, und zwar nur von einer einzigen
+Gattung, z. B. nur wissenschaftlichen, oder nur Kunst-Stoff,
+oder nur moralischen, oder nur philologischen; sondern den ganzen
+Stoff ihm darreichen, und zwar ganz unverarbeitet, denn
+die Verarbeitung ist die Sache der Natur, und ohne ihm unsere
+Form und Ansicht aufzudringen. 3) Daß sie es nicht bei dem
+Lehren, und also bei dem Wortwesen bewenden lassen; sondern
+ihm diesen Stoff mehr durch Handlungen und Total-Eindrücke,
+als durch Worte geben, so daß also der Zögling mehr sucht
+und findet, als nimmt und empfängt, und alles aus ihm selbst
+hervorgehe.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Ueber_den">Ueber den<br>
+Umgang mit Menschen.</h2>
+
+<hr class="titel">
+
+<h2>Dritter Theil.</h2>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Einleitung">Einleitung.</h3>
+</div>
+
+
+<p>Nach dem, was ich in der Einleitung zu dem zweiten Theile
+dieses Buchs, über die darin beobachtete Ordnung der Gegenstände,
+gesagt habe, führt mich mein Plan nun zur Entwickelung
+der Vorschriften für den Umgang mit Personen von verschiedenen
+Ständen und Verhältnissen im bürgerlichen Leben,
+da ich denn, wie billig, mit den Großen der Erde den Anfang
+mache.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Erstes_Kap.">Erstes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen<br>
+und Reichen.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Man würde ungerecht handeln, wenn man behaupten wollte,
+alle Fürsten, alle sehr vornehme und alle sehr reiche Leute hätten
+die Fehler mit einander gemein, durch welche viele von ihnen
+ungesellig, kalt und unfähig zur wahren Freundschaft und zum
+Umgange werden. Allein man versündigt sich wahrlich nicht,
+wenn man sagt, daß dieß bei den mehrsten von ihnen der Fall
+ist. Sie werden in der Erziehung verwahrloset, von Jugend auf
+durch Schmeichelei verderbt, durch Andere und sich selbst verzärtelt.
+Da ihre Lage sie über Mangel und Bedürfniß mancher Art
+hinaussetzt, da sie selten in Verlegenheit oder Noth gerathen, so
+lernen sie nicht, wie nöthig <em class="gesperrt">ein</em> Mensch dem andern, und wie
+schwer es ist, das Ungemach des Lebens allein zu tragen, — wie
+süß, theilnehmende, mitleidende Seelen zu finden, und wie wichtig,
+Andrer zu schonen, damit man einst zu ihnen seine Zuflucht
+nehmen könne. Sie lernen sich selbst nicht kennen, weil man
+sie, aus Furcht oder Hoffnung, die widrigen Eindrücke, welche<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span>
+ihre Fehler und Gebrechen machen, nicht empfinden läßt. Sie
+sehen sich als Wesen besserer Art an, von der Natur begünstigt,
+zu herrschen und zu regieren; die niedern Klassen hingegen bestimmt,
+ihrem Egoismus, ihrer Eitelkeit zu huldigen, ihre Launen
+zu ertragen, und ihren Phantasien zu schmeicheln. Auf die
+Voraussetzung, daß die mehrsten Großen und Reichen größtentheils
+diesem Bilde gleichen, muß man sein Betragen im Umgange
+mit ihnen gründen. Um desto wohlthätiger zwar ist die
+Empfindung, wenn man unter ihnen Einen antrifft, der mit
+einem gewissen edeln Stolze, mit mehr Feinheit, Großmuth
+und besserer Ausbildung, alle Privat-Tugenden verbindet. —
+Und, es gibt Deren, selbst unter Fürsten; — aber sie sind Seltenheiten,
+und nicht immer macht der allgemeine Ruf sie uns
+bekannt. Auf diesen und auf die Posaunen der Zeitungsschreiber
+und Journalisten darf man kein Urtheil gründen. Ich habe oft
+mit inniger Betrübniß gesehen, wie der allgemein bewunderte,
+als Wohlthäter des Menschengeschlechts und Beförderer alles
+Edeln, Großen und Schönen gepriesene Erdengott und Liebling
+des Volks, in der Nähe so klein, so erbärmlich war. <em class="gesperrt">Die besten
+Fürsten sind nicht selten die, von welchen am
+wenigsten geredet wird, sowohl im Guten, als im
+Bösen.</em></p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Der Umgang mit Großen und Reichen muß aber sehr verschieden
+abgestuft seyn, je nachdem man ihrer bedarf, oder nicht;
+von ihnen abhängig, oder frei ist. Im ersten Falle darf man
+wohl nicht immer so gänzlich seinem Herzen folgen, muß zu
+Manchem schweigen, sich Manches gefallen lassen, darf nicht
+so freimüthig und kühn die Wahrheit sagen, obgleich ein fester,
+redlicher Mann die Geschmeidigkeit nie bis zu niedriger Schmeichelei
+treiben wird. Indessen verändern kleine Umstände, so wie
+die feinen Unterschiede der Charaktere das Verhältniß; daher ich
+alle Regeln für den Umgang mit den Großen zusammenfassen,
+und den Lesern überlassen werde, zu ordnen und auszuwählen,
+was in jeder Lage anwendbar ist.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Ein allgemeiner Satz für alle Fälle ist der: Dringe Dich
+den Vornehmen und Reichen nicht auf, wenn Du nicht von
+ihnen verachtet werden willst! Ueberlaufe sie nicht mit Bitten<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span>
+für Dich und Andre, wenn sie Deiner nicht überdrüssig werden,
+wenn sie Dich nicht fliehen sollen! Laß Dich vielmehr von ihnen
+aufsuchen! Mache Dich rar; doch dies alles, ohne daß Deine
+Absicht merklich, ohne daß Dein Betragen gezwungen scheine!</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Suche nicht, Dir das Ansehen zu geben, als gehörtest Du
+zu der Klasse der Vornehmern, oder lebtest wenigstens mit ihnen
+in engster Vertraulichkeit! Rühme Dich nicht ihrer Freundschaft,
+ihres Briefwechsels, ihres Zutrauens, noch Deines Uebergewichts
+über sie! Wenn eine solche Verbindung Dir ein Glück zu seyn
+scheint, so erfreue Dich in der Stille dieses unbequemen Glücks!
+Es gibt Menschen, die durchaus dafür angesehen seyn wollen,
+eine größere Figur in der Welt zu spielen, und in höherem Ansehen
+zu stehen, als ihnen wirklich zu Theil geworden ist. Sie
+führen, auf Kosten ihres Geldbeutels, den Luxus der Vornehmen
+und Reichen in ihre Häuser, oder drängen sich in deren
+Cirkel ein, wo sie eine elende Figur spielen, nur hinterher laufen
+müssen, und keinen frohen Genuß haben, indeß sie lehrreichern
+und genußvolleren Umgang gänzlich vernachlässigen, und
+treue Freunde und weise Menschen von sich entfernen. Die geizigsten
+Leute sparen zuweilen keine Kosten, wenn sie Gelegenheit
+finden können, Zutritt in großen Häusern zu erlangen, und
+hungern gern Monate hindurch, um einmal einen Großen bei
+sich zu bewirthen, der dieses Opfer gar nicht gewahr wird, oder
+es doch nicht zu schätzen weiß, vielleicht Langeweile bei ihnen
+hat, alles sehr bürgerlich findet, und nach vierzehn Tagen wohl
+gar den Namen des thörichten Wirthes vergessen hat. Andre
+lassen es sich wenigstens angelegen seyn, die nichtsbedeutenden
+und verderbten Sitten der Großen sclavisch nachzuahmen, ihre
+hochmüthige Herablassung, ihren geschäftigen Müßiggang, ihre
+Zerstreuung, ihr Wichtigthun, ihre leeren Vertröstungen, ihre
+seelenlosen Gespräche, ihre Zweizüngigkeit, Windbeutelei, Gefühllosigkeit,
+Nachahmung der Ausländer, die Verachtung ihrer
+Muttersprache, ihre fehlerhafte Schreibart, ja sogar ihre lächerlichen
+Gebehrden, Gewohnheiten und Gebrechen, ihr Stammeln,
+Lispeln, Achselzucken, ihre Grobheit gegen Niedere, ihre
+affektirte Kränklichkeit, ihr Podagra, ihre schlechte Hauswirthschaft,
+ihre kindischen Launen, und mehr dergleichen herrliche
+Vorzüge treulich anzunehmen und sich einzuverleiben. Ihnen ist<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span>
+der beste Beweis für die Güte einer Sache <em class="gesperrt">der</em>, daß doch jedermann
+von Stande so und nicht anders handle und urtheile; —
+als ob das in der That eine Narrheit heiligen könnte! — Handle
+selbstständig! Verleugne nicht Deine Grundsätze, Deinen Stand,
+Deine Geburt, Deine Erziehung: so werden Hohe und Niedre
+Dir ihre Achtung nicht versagen können!</p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>Man traue nicht zu sehr den freundlichen Gesichtern der meisten
+Großen; glaube sich nicht auf dem Gipfel der Glückseligkeit,
+wenn der gnädige Herr uns anlächelt, die Hand schüttelt,
+oder uns umarmt! Vielleicht bedarf er unserer in diesem Augenblicke,
+und behandelt uns mit Verachtung, wenigstens mit Kälte,
+sobald dieser Augenblick vorüber ist. Vielleicht fühlt er gar nichts
+bei seiner Freundlichkeit; wechselt Mienen, wie Andre Kleider
+wechseln; ist gerade in der Verdauungs-Stunde zu unthätigem
+Wohlwollen gestimmt, oder will einen andern seiner Sclaven
+dadurch demüthigen. Man bleibe mit dieser Gattung Menschen
+immer in seinen Schranken, mache sich nicht gemein mit ihnen,
+und vernachlässige nie die äussere unterscheidende Höflichkeit und
+Ehrerbietung, die man ihrem Stande schuldig ist, sollten sie
+sich auch noch so sehr herablassen! Früh oder spät fällt es ihnen
+doch ein, ihr Haupt wieder empor zu heben, oder sie verabsäumen
+uns, wenn ein andrer Schmeichler sie an sich zieht; und
+dann setzt man sich unangenehmen Demüthigungen aus, die
+man mit weiser Vorsicht vermeiden kann.</p>
+
+<h4>6.</h4>
+
+<p>Ueberschreite nicht bei Deiner Gefälligkeit gegen die Großen
+der Erde, in deren Händen Dein bürgerliches Glück ist, — die
+Grenzen der wahren Ehre! Es ist eine große Versuchung für
+einen armen oder ehrbegierigen jungen Menschen, der in dem
+Dienst eines schwachen Fürsten sich emporschwingen will, ob er
+nicht dessen ränkevollem Minister, dem regierenden Kammerdiener,
+oder einer tyrannischen Buhlerin huldigen soll; aber selten
+nimmt das ein gutes Ende. Solche Lieblinge stürzen sich früh
+oder spät selbst, und reissen dann ihre Kreaturen mit in ihr Verderben;
+und wäre auch dieß nicht, so werden doch die größten
+Vortheile, die man dadurch erlangen könnte, zu theuer erkauft,
+wenn man dafür die Achtung weiser und rechtschaffener Männer
+aufopfern muß; und das ist gewiß immer der Fall. — Der<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span>
+gerade Weg hingegen führt unfehlbar, wo nicht zu einem glänzenden,
+doch zu einem dauerhaften Glücke.</p>
+
+<h4>7.</h4>
+
+<p>Auch lasse man sich von den Erden-Göttern nicht nur zu
+keinen unedeln Geschäften mißbrauchen, sondern sey auch vorsichtig
+in allen Diensten, welche man ihnen erweiset. Sie machen
+leicht aus jeder Gefälligkeit eine Pflicht, und halten es
+nachher für Verabsäumung unsrer Schuldigkeit, wenn wir zu
+einer andern Zeit uns nicht gerade aufgelegt zeigen, uns eben
+so, wie sonst, preiszugeben. Wenigstens vergessen sie leicht,
+was man für sie gethan hat. Es bat mich einmal der *** von
+***, der sonst in der That viel gute Eigenschaften hatte, ihm
+ein Paar Aufsätze in französischer und deutscher Sprache zu verfassen,
+die er bei einer gewissen Gelegenheit öffentlich vorlesen
+wollte, um die Gemüther zu lenken. »Es fehlt mir an <em class="gesperrt">Zeit</em>,
+mein Lieber!« sagte er, »sonst würde ich Sie nicht bemühen;
+doch, Sie sind auch in <em class="gesperrt">dergleichen</em> Arbeiten geübter, als
+ich.« Ich wendete einige Stunden Fleiß und Anstrengung
+daran, und als ich ihm das Ganze brachte, drückte er mich an
+seine Brust, dankte mir unter vier Augen, in den zärtlichsten,
+herablassendsten Ausdrücken dafür, und schwur sehr übertrieben:
+meine Arbeit sey ein Meisterstück von Beredsamkeit. Kurz! er
+gebehrdete sich, als wenn ich ihm den wichtigsten Dienst geleistet
+hätte, bat mich aber, die Sache zu verschweigen, welches
+ich auch that. Nach ein Paar Jahren kam ich des Morgens in
+*** zu ihm. Er erzählte mir allerlei zu seinem eigenen Lobe. —
+Ich hörte demüthig zu. — »Und das alles,« fuhr er fort, »habe
+ich durch ein Paar Memoires bewirkt, die mir, ohne mich zu
+rühmen, nicht übel gerathen sind. Sie sollen sie selbst lesen.
+Nehmen Sie sie mit sich nach Hause!« Er überreichte mir
+darauf meine eigene Geistes-Waare, nur von seiner Hand geschrieben;
+ich steckte sie ein, legte aber zu Hause meine Concepte
+dazu, und schickte ihm dann die Papiere zurück. Er wurde ein
+wenig beschämt, und wir scherzten nachher darüber; — allein
+so sind auch die Besten unter ihnen!</p>
+
+<p>Vor allen Dingen hüte man sich, von Vornehmen und Mächtigen
+in gefährliche Händel gezogen zu werden! Sehr gern pflegen
+sie das zu thun, und schieben dann entweder die Schuld auf
+den, der sich zu ihrem Werkzeuge gebrauchen ließ, wenn die<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span>
+Unternehmung nicht gelingt, oder lassen ihn gar darin stecken,
+und alles Ungemach allein erdulden, wenn die Sache schief geht.
+Auch von letzterer Art habe ich in den Jahren meiner Jugend
+Erfahrungen gemacht. Kurz! man lasse sich ihre Geheimnisse
+nicht mittheilen! Sie schonen des Mannes, der um ihre Heimlichkeiten
+weiß, nur so lange, als sie seiner unumgänglich bedürfen;
+aber sie fürchten ihn, und suchen sich von ihm loszumachen,
+sobald sie können, möchte man ihnen auch noch so deutlich
+zeigen, daß man unfähig ist, dies Uebergewicht und ihr
+Zutrauen zu mißbrauchen!</p>
+
+<h4>8.</h4>
+
+<p>Ueberhaupt darf man auf die Dankbarkeit der meisten Vornehmen
+und Reichen, so wie auf ihre Versprechungen nicht
+bauen. Opfere ihnen also nichts auf! Sie fühlen den Werth davon
+nicht, glauben, alle andre Menschen seyen ihnen einen solchen
+Tribut schuldig für den Schutz, für die gnädigen Blicke,
+ja sogar für eine ungestörte Existenz; oder man wolle dadurch
+kleine Vortheile erringen. Schenke ihnen also auch nichts! Das
+hieße einen Tropfen köstlichen Balsams in einen Eimer trüben
+Wassers fallen lassen. Ich besaß ein altes kostbares Gemälde;
+ein geschickter Maler schätzte den Werth desselben auf hundert
+Pistolen. Die Hälfte dieser Summe, die ich leicht dafür bekommen
+haben würde, wäre bei meinen damaligen häuslichen Umständen
+mir äusserst nützlich gewesen; meine Gutmüthigkeit aber,
+oder vielmehr meine Thorheit, verleitete mich, das Gemälde dem
+Durchlauchtigsten *** von *** zu schenken, welcher es auch
+annahm. Ich dachte dadurch nichts zu erschleichen; aber theils
+wollte ich diesem Fürsten hiermit meine Zuneigung bezeugen,
+theils hoffte ich, da ich im Begriff stand, ihn an ein gegebenes
+Wort zu erinnern, er werde nun um so bereitwilliger sein Versprechen
+erfüllen; allein ich betrog mich. Er umarmte mich, als
+ich zu ihm kam, und zeigte mir den Ehrenplatz, welchen er meinem
+Geschenke angewiesen: doch sein Versprechen erfüllte er
+nicht; und als ich mich nach Jahresfrist eines Abends zugleich
+mit einem Gesandten, dem er seine Kunstschätze zeigte, in seinem
+Cabinette befand, sagte er diesem Fremden in meiner Gegenwart,
+indem er von meinem theuren Gemälde redete: »Es
+ist wahrlich ein schönes Stück, und ich bin <em class="gesperrt">ziemlich wohlfeil</em>
+dazu gekommen.« — Er hatte also vergessen, oder wollte<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span>
+es nicht gestehen, daß ich es war, der ihm diesen <em class="gesperrt">sehr wohlfeilen</em>
+Preis gemacht hatte; — und ich beseufzte die verschwundene
+Hoffnung und die verlorne Summe, von welcher ich mit
+den Meinigen eine Zeitlang hätte leben können.</p>
+
+<p>Eben so wenig rathe ich, den Großen Geld zu leihen, oder
+von ihnen zu borgen. Im erstern Falle sehen sie nicht nur ihre
+Gläubiger als Wucherer und als solche an, die sich eine Ehre
+daraus machen müssen, den gnädigen Herren mit ihrem Vermögen
+aufzuwarten, sondern auch, wenn sie saumselig in Wiederbezahlung
+der Schuld sind, was bei ihrer unordentlichen Lebensweise
+in der Regel der Fall ist; so hat man unerhörte Weitläuftigkeiten,
+hat zuweilen Mühe, Gerechtigkeit gegen sie zu
+erlangen, und macht sich wohl noch obenein eine mächtige Parthei
+zu Feinden. Im andern Falle aber, nämlich wenn man von
+ihnen borgt, wagt man tausendfältig ihr Sclave zu werden.</p>
+
+<h4>9.</h4>
+
+<p>Trage nichts dazu bei, sie und ihre Kinder noch mehr zu
+verderben, sie moralisch zu verschlimmern! Schmeichle ihnen
+nicht! Nähre nicht ihren Stolz, ihre Ueppigkeit, ihre Eitelkeit,
+ihren Hang zu nichtigen und wollüstigen Freuden! Bestärke die
+Großen nicht in den Grundsätzen von angebornen Vorzügen,
+von Herrschers-Rechten, von Gesalbtheit und dergleichen Grillen!
+Heuchle nicht! Verleugne nicht die Wahrheit, selbst die
+bittre Wahrheit nicht, um ihre Gunst zu erlangen! Sey freimüthig,
+aber ohne die Höflichkeit zu verletzen, und ohne Dich
+selbst zu Grunde zu richten! Nimm Dich der verkannten Unschuld,
+des verläumdeten Edeln, des durch Hof-Ränke verschwärzten
+Ehrenmanns an; doch mit kluger Vorsicht, ohne seine Feinde
+dadurch noch mehr zu erbittern, und mit bedächtiger Rücksicht
+auf Deine Lage und Verhältnisse! Befördere, unterstütze, wo
+Klugheit es gestattet, die Wünsche, den guten Ruf und die billigen
+Gesuche Derer, die zu schüchtern, zu arm, zu bescheiden,
+oder zu sehr niedergedrückt, die verkannt, oder von zu geringem
+Stande sind, um sich den Palästen zu nähern! Man sollte es
+kaum glauben, welchen Einfluß die Reden eines verständigen,
+allgemein geschätzten Mannes auf diese Menschen haben können,
+sowohl im Guten, als Bösen; wie gern sie alles zum Vortheile
+ihres Dünkels auslegen, und wie viel man auf sie wirken kann,
+wenn auch diese Wirkungen nicht sichtbar werden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span></p>
+
+<h4>10.</h4>
+
+<p>Man hüte sich, mit ihnen von Planen und Entwürfen zu
+reden, von deren Ausführbarkeit man überzeugt ist, die aber
+mit Schonung und Vorsicht ausgeführt seyn wollen, damit sie
+nicht auf den Einfall kommen, bloß durch ihre Macht etwas
+erreichen zu wollen, was nur durch Einsicht und Behutsamkeit
+erreicht werden kann; denn sie wissen immer die Schuld von
+sich auf Andre zu wälzen, wenn der Erfolg nicht der Erwartung
+gemäß ist! Ich erinnere mich (um nur ein ganz kleines Beispiel
+zu geben), daß einst ein gewisser Prinz mit mir von einem platten
+Dache redete, das er auf sein Gartenhaus hatte legen, aber
+wieder abnehmen lassen, weil es zu schwer befunden ward. Mir
+fiel gerade ein, daß ich von einem französischen Ingenieur-Officier
+gehört hatte: man könne ein wohlfeiles, leichtes und dauerhaftes,
+plattes, italienisches Dach aus einer Menge Lagen von
+blauem Zucker-Papiere, zwischendurch und obenauf mit Schiff-Theer
+beschmiert und mit Kies bestreuet, verfertigen. Dieß erzählte
+ich dem Prinzen beiläufig, ohne jedoch für die Güte der
+Sache einzustehen. Lange nachher erfuhr ich, daß er den Versuch
+— wer weiß, wie? — gemacht hätte, daß dieser mißlungen
+war, und daß er nicht undeutlich zu verstehen gegeben hätte,
+ich sey ein Mann, auf dessen Angaben man sich nicht einlassen
+dürfe.</p>
+
+<p>Ueberhaupt kann man kaum vorsichtig genug in seinen Reden
+mit den Großen der Erde seyn. Man enthalte sich daher in
+ihrer Gegenwart aller nachtheiligen Urtheile über andre Leute,
+aller Ausstellungen! Sie pflegen dergleichen zwar gern zu hören,
+aber die Folgen sind oft sehr unglücklich. Zuerst setzt man
+dadurch sich und Andre in ihren Augen herab; denn sie lachen
+zwar mit, hassen aber doch den Lästerer und Ausspäher fremder
+Fehler, bei dem heimlichen Bewußtseyn ihrer eigenen vielfachen
+Gebrechen; und da sie ohnehin Geringere verachten, so wächst
+diese Verachtung durch Aufdeckung fremder Schwachheiten. Sodann
+mißbrauchen sie wohl gelegentlich unsern Namen, verdächtigen
+uns, indem sie unsern Einfall nacherzählen, hetzen uns
+mit Andern zusammen. Auch kann man ja nicht immer wissen,
+ob nicht das zeitliche Glück solcher Menschen, von welchen man
+nachtheilig urtheilt, in ihren Händen ist; und hinterher erschrickt
+man, wenn man erfährt, wie oft ein einziges, in keiner bösen<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span>
+Absicht hingeworfenes Wort feste Wurzel faßt, und nach langer
+Zeit noch die schädlichsten, unglücklichsten Folgen haben kann.
+Das Gute gleitet an ihren untheilnehmenden Herzen ab; das
+Böse hingegen setzt sich fest, und wird so leicht nicht ausgelöscht.
+Am allervorsichtigsten aber soll man in seinen Gesprächen mit
+Vornehmen über andre Personen von höherem Stande seyn. Obgleich
+die Erdengötter sich unter einander selten lieben, sondern
+mehrentheils durch allerlei Leidenschaften getrennt sind; so hören
+sie doch nicht gern, daß man die privilegirten Lieblinge des
+Himmels in ihrer Gegenwart ohne Ehrerbietung nennt. Uebrigens
+wollen die Vornehmen und Reichen angenehm unterhalten,
+und in fröhliche Laune gesetzt seyn. Thue dieß auf unschuldige
+Weise, wenn Dir an ihrer Gunst gelegen ist; aber erniedrige
+Dich nicht zu ihrem besoldeten Spaßmacher, der Schwänke liefern
+muß, so oft sie winken, und von dem sie kein vernünftiges
+Wort hören mögen.</p>
+
+<h4>11.</h4>
+
+<p>In den Herzen der mehresten Großen wohnt Mißtrauen.
+Es herrscht bei ihnen der Gedanke: alle übrigen Menschen hätten
+einen Bund gegen sie gemacht. Deswegen sehen sie es ungern,
+wenn unter denen, welche ihnen unterworfen sind, enge
+Freundschaften entstehen. Wer sich um Fürstengunst und große
+Verbindungen nicht zu bewerben braucht, der kann sich hierüber
+gänzlich hinwegsetzen, kann Verbindungen nach seinem Herzen
+schließen; und überhaupt wird kein redlicher Mann, aus niedriger
+Gefälligkeit gegen irgend einen Beschützer und Gönner, einen
+wahren Freund vernachlässigen, noch einen würdigen Mann,
+der ihm die Hand reicht, von sich stoßen. Wer aber an Höfen
+sein Glück machen will, der thut doch wohl, wenn er vorsichtig
+in der Wahl seines Umgangs, seiner Vertrauten und der Gesellschaften
+ist, welche er am häufigsten besucht. Es herrschen da
+immer Partheien und Kabalen, in welche ein wohlwollendes,
+theilnehmendes Herz gar zu leicht hineingezogen wird. Und wenn
+nun eine dieser Partheien über die andere siegt, so muß oft der
+Unschuldigste, in so fern er nur irgend Mitwisser bei dem, was
+vorgefallen, gewesen ist, die Zeche bezahlen helfen.</p>
+
+<h4>12.</h4>
+
+<p>Rede nie mit den Großen der Erde ohne Noth von Deinen
+häuslichen Umständen, von Dingen, die nur persönlich Dich<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span>
+und Deine Familie angehen! Klage ihnen nicht Dein Ungemach!
+Vertraue ihnen nicht den Kummer Deines Herzens! Sie
+fühlen ja doch kein warmes Interesse dabei, haben keinen Sinn
+für freundschaftliche Theilnahme; es macht ihnen Langeweile;
+Deine Geheimnisse sind ihnen nicht wichtig genug, um sie treu
+zu bewahren. Immer meinen sie, man wolle bei ihnen betteln,
+— und sie verachten den Mann, der nicht glücklich, nicht
+frei ist. Von Jugend auf glauben sie, jedermann mache Plane
+auf ihren Geldbeutel, auf ihre Wohlthaten. Ueberhaupt sehen
+uns die Großen von dem Augenblicke, da wir etwas zu suchen,
+Andrer zu bedürfen scheinen, mit ganz andern Augen an, als
+vorher. Man läßt uns Gerechtigkeit widerfahren, ja, man zeigt
+sich bezaubert von unsern angenehmen Talenten, von unsern
+Kenntnissen, von unsrer Herzensgüte, von den glänzenden Vorzügen
+unsers Geistes, so lange wir mit allen diesen schönen Eigenschaften
+nichts als höfliche Behandlung und Gefälligkeit verdienen
+wollen, so lange wir als Fremde, als unabhängige Menschen,
+niemand im Wege stehen, niemand verdunkeln; aber viel
+genauer, strenger und schonungsloser fängt man an, uns zu
+richten, wenn wir unsre Vorzüge im Staate geltend machen
+und die erlaubten Vortheile damit erringen wollen, worein sich
+so gern die vornehmen Dummköpfe und deren Kreaturen theilen.
+Am besten wird man von den Vornehmen und Reichen behandelt,
+wenn sie erkennen, daß man ihrer gar nicht bedarf, und
+wenn man ihnen dieß zeigt, ohne sich dessen laut zu rühmen;
+wenn ihnen im Gegentheil unsre Hülfe, unsre Einsicht unentbehrlich
+ist; wenn wir dabei nie die Bescheidenheit und äussere
+Huldigung aus den Augen setzen; wenn unser Scharfsinn, unsre
+größere Weisheit, unsre Festigkeit und Geradheit, ihnen Ehrerbietung
+einflößen, ohne daß sie uns eigentlich fürchten; wenn
+wir uns bitten, uns aufsuchen lassen, nicht aber unsern Beistand
+aufdringen — Einen solchen Mann schonen sie sorgfältig. —</p>
+
+<h4>13.</h4>
+
+<p>Hüte Dich aber, einen Großen, der Ansprüche auf Verstand,
+Witz, hohe Tugenden, Gelehrsamkeit oder Kunstgefühl macht,
+deutlich, oder gar in Gegenwart Andrer merken zu lassen, daß
+Du Dir bewußt bist, ihn zu übertreffen oder zu übersehen. In
+der Stille darf er das wohl fühlen, aber er muß es nur <em class="gesperrt">allein</em>
+zu fühlen glauben. Vor allen Dingen ist diese Vorsicht nöthig<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span>
+gegen Vorgesetzte, die ungeschickter in ihrem Fache sind, als Du.
+Gern mögen sie Dir Deine bessern Einsichten, gleichsam als
+prüften sie Dich, abfragen, sich zu eigen machen, Dir nach
+Gelegenheit Deine eigne Waare wieder verkaufen; doch wehe
+Dir, wenn Du das rügst, wenn Du nur einmal thust, als
+merktest Du es; oder gar, wenn Du den Ton der Belehrung
+gegen sie annimmst! — Wie werden sie Dir das Leben sauer
+machen! Wie viel werden sie von Dir fordern, das sie selbst nie
+zu leisten im Stande seyn würden, damit sie Gelegenheit haben,
+Dich eines Fehlers zu überführen und herabzusetzen.</p>
+
+<h4>14.</h4>
+
+<p>Es gibt aber geringe, unschuldige Gefälligkeiten gegen die
+Großen der Erde, die man ihnen, ohne sich ein Gewissen daraus
+zu machen, erweisen, und unwichtige Forderungen von ihrer
+Seite, die man ohne niedrige Schmeichelei erfüllen kann.
+Diese verzogenen Schooßkinder des Glücks sind nämlich von
+Jugend auf daran gewöhnt, daß man sich in Kleinigkeiten nach
+ihren Launen fügt, ihren Geschmack zur Richtschnur annimmt,
+ihre Liebhabereien artig findet, und alles vermeidet, was ihnen
+aus Vorurtheil oder kindischem Eigensinne zuwider ist. Auch die
+Besten unter ihnen sind von solchen Grillen und Einbildungen
+nicht ganz frei, und wenn man nun auf einen sonst redlichen,
+edeln Großen dadurch zum Guten wirken kann, daß man sich
+hierzu bequemt, oder wenn unser und unsrer Familie zeitliches
+Glück in seinen Händen ist: — wer sollte da nicht nachgebend
+seyn, und sich ein wenig nach seinen Eigenheiten und seiner
+Schwachheit richten? So reden z. B. manche Fürstenkinder sehr
+geschwind und undeutlich, und sehen es nicht gern, wenn man
+noch einmal frägt, sondern wollen gleich verstanden seyn. Freilich
+wäre es besser, wenn man ihnen diese Unart in der Kindheit
+abgewöhnt hätte: aber es ist nun einmal nicht geschehen.
+Oder sie lieben Pferde, Hunde, bunte Soldätchen, Schauspiele,
+Pfeifenköpfe, Bilder, Geiger, Fidler; componiren auch wohl
+selbst; bauen, pflanzen, errichten Academien, Museen u. dgl. —
+Wie unschuldig ist es nicht da, zuweilen mit einzustimmen, und
+einige Kennerschaft zu zeigen? Nur muß man sie in ihren Lieblingsfächern
+nicht übersehen, nicht übertreffen wollen, welches
+leicht zu geschehen pflegt, da sie oft von den Dingen, womit sie
+sich am meisten beschäftigen, am wenigsten verstehen — wie sich<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span>
+denn über den vorsichtigen Umgang mit vornehmen Componisten
+und unwissenden Mäcenaten ein weitläuftiges Kapitel schreiben
+ließe. — Auch was gewisse Kleider-Trachten, Manieren,
+den Ton der Stimme, was Styl, Handschrift und mehr solche
+Dinge betrifft, darüber haben sie zuweilen gewisse eigne Meinungen,
+die man schonen muß, wenn man sich ihnen nicht
+unangenehm machen will. Uebrigens versteht sich's, daß diese
+Gefälligkeit aufhören soll, sobald dieselbe schädlichen Einfluß auf
+den Charakter haben kann: wenn sie dadurch im Egoismus bestärkt,
+von ernsthaften Beschäftigungen abgezogen, unbillig gegen
+Andre, ungerecht gegen wirkliche Verdienste werden, oder
+wenn ihre Liebhabereien von solcher Art sind, daß dadurch ihr
+Herz verwildert, verhärtet, grausam wird.</p>
+
+<p>Zu den <em class="gesperrt">mehrentheils</em> schädlichen Liebhabereien großer, besonders
+<em class="gesperrt">regierender</em> Herren, gehört auch die Lust zu reisen.
+Ungern möchte ich einen Fürsten darin bestärken. Sie rennen
+da gewöhnlich in fremden Himmelsgegenden herum, bevor sie
+ihr eigenes Land kennen, in welchem tausend Gegenstände, mehr
+als die Carnavals von Venedig und die Pferderennen in England,
+ihrer Aufmerksamkeit werth sind; kaufen für den sauren
+Erwerb ihrer Unterthanen ausländische Possen, Krankheiten des
+Leibes und der Seele, und bringen nicht selten große Forderungen,
+Hang zu Verschwendung, Wollust und Ueppigkeit, böse
+Laune, Müßiggang, Avanturiers u. dergl. in ihre arme Residenz
+zurück.</p>
+
+<h4>15.</h4>
+
+<p>Fürsten, Vornehme und Reiche pflegen zuweilen sich so weit
+zu Leuten von geringerm Stande herabzulassen, daß sie dieselben
+um Rath fragen, oder sie um Beurtheilung ihrer Spielwerke,
+ihrer Schriften, Anlagen, Plane, Meinungen u. dergl. bitten.
+Hier ist die größte Behutsamkeit zu empfehlen, und daß man
+sich erinnere, wie übel das Rathgeben und Warnen dem armen
+Gil Blas von Santillana in dem Hause des Cardinals bekam,
+obgleich dieser ihn so dringend aufgefordert hatte, ihm zu erzählen,
+was die Leute von seinen Predigten redeten. So wie fast
+alle übrige Menschen, so legen besonders die Großen der Erde
+uns mehrentheils nur darum solche Dinge zur Beurtheilung vor,
+damit wir sie loben sollen, und fragen nicht eher um Rath, als
+wenn sie schon beschlossen haben, was sie thun wollen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span></p>
+
+<h4>16.</h4>
+
+<p>Wenn die Befolgung dieser Klugheits- und Vorsichtsregeln
+schon wichtig ist im Umgange mit solchen Personen, die zwar
+nicht frei von den Fehlern einer vornehmen Erziehung, aber doch
+gut geartet, wohlwollend und verständig sind; so ist sie doppelt
+wichtig, wenn man es mit vornehmen Pinseln, mit Menschen
+zu thun hat, die zugleich hochmüthig, unwissend, dumm, ohne
+Grundsätze und Gefühl, kalt und rachsüchtig sind, — und ich
+bedaure jede Christen-Seele, die von dergleichen kleinen und
+großen Tyrannen abhängen muß.</p>
+
+<h4>17.</h4>
+
+<p>Wenn Du das glänzende Unglück hast, der Liebling eines
+schwachen Erdengötzen zu seyn: so bereite Dich nicht nur selber
+dazu vor, daß diese Freude nicht lange dauern, daß ein
+Schmeichler Dich aus Deinem Posten verdrängen wird; sondern
+zeige auch sowohl Deinem Sultane, daß Du nicht gänzlich von
+seinen Blicken lebst, als auch dem Volke, wie wenig Du Dir
+auf diesen nichtigen Vorzug zu gute thust; wie unwesentlich zu
+Deiner Glückseligkeit ein solcher unbedeutender, zufälliger Glanz
+ist! Wenn Du dann in tiefe Ungnade fällst, so fliehen doch
+wenigstens die Bessern nicht vor Dir, wie vor einem vernichteten,
+verweseten Menschen: und der undankbare Despot fühlt,
+daß es noch Leute gibt, die seiner entbehren können. Baue überhaupt
+nicht auf die Freundschaft, Festigkeit und Anhänglichkeit
+der Großen! Sie achten Dich, so lange sie Deiner bedürfen;
+sie sind wankelmüthig, und mehr geneigt, das Böse, als das
+Gute zu glauben, und der Letzte hat bei ihnen immer Recht.</p>
+
+<p>Nütze aber die Zeit ihrer Gunst, um sie zur Gerechtigkeit,
+Treue, Wahrheit und Menschenliebe zu ermuntern! Stimme
+ihnen bei, wenn sie je vergessen wollen: <em class="gesperrt">daß sie, was sie
+sind, und was sie haben, nur durch Uebereinkunft
+und Zustimmung des Volks sind und haben; daß man
+ihnen diese Vorrechte wieder nehmen könne, wenn
+sie Mißbrauch davon machen; daß unsre Güter und
+unsre Existenz nicht ihr Eigenthum, sondern daß alles,
+was sie besitzen, unser Eigenthum ist, weil wir
+dafür alle ihre und der Ihrigen Bedürfnisse befriedigen,
+und ihnen noch obenein Rang, Ehre und Sicherheit
+geben, und Geiger und Pfeifer bezahlen;<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span>
+endlich daß in diesen Zeiten der Aufklärung und richtiger
+Begriffe von Menschenrechten und Volksrechten
+bald kein Mensch mehr daran glauben wird, daß
+ein Einziger, vielleicht der Schwächste der ganzen
+Nation, ein angeerbtes Recht haben könnte, hundert
+tausend weisern und bessern Menschen das Fell über
+die Ohren zu ziehen; daß sie aber ohne Trabanten
+und Wachen ruhig schlafen können, wenn das dankbare
+Volk, dessen treue Diener sie sind, sie liebt,
+und für das Wohl der Edeln Segen vom Himmel
+erfleht.</em>. — Es versteht sich, daß diese Wahrheiten einiger Einkleidung
+bedürfen, wenn sie den verwöhnten Ohren der Großen
+harmonisch klingen sollen.</p>
+
+<p>Willst Du Dich in Gunst erhalten: so mache, daß nie der
+eitle Große merke, daß Du Dich Deiner Gewalt über ihn freuest,
+noch daß Du gern Deine Meinung gegen die seinige durchsetzen
+wollest! Zeige ihm, daß wirklich Achtung und Liebe zu seiner
+Person und das Verlangen, nützlich zu seyn, Deine Schritte
+leiten, nicht aber Eigennutz und kindische Eitelkeit! Aber sey
+auch nicht so närrisch, billige Vortheile, oder wohlerworbene
+Belohnungen Deiner Dienste zurückzuweisen, Dein Vermögen
+aufzuopfern, und nachher vielleicht, wenn man Deiner müde
+ist, Dich mit einem weißen Stabe fortschicken zu lassen!</p>
+
+<p>Ueber alle Geschäfte, die Dir von Fürsten aufgetragen werden,
+führe so genaue pünktliche Rechnung und Controlle, daß
+Du zu jeder Zeit die Rechtmäßigkeit Deiner Schritte gegen
+Verläumder und Ankläger beweisen könnest!</p>
+
+<p>Ungebeten übernimm kein Geschäft, das nicht zu Deinem
+Amte gehört!</p>
+
+<p>Vermeide es, ihnen durch trocknen, langweiligen Vortrag
+die Geschäfte noch unangenehmer zu machen, als sie ihnen schon
+gewöhnlich sind!</p>
+
+<p>Bist Du des Fürsten Günstling: so fehlt Dir's nicht an
+Neidern und Ausspähern; sey daher dann doppelt vorsichtig in
+Deinem sittlichen Betragen!</p>
+
+<p>Es gibt immer an Höfen Leute, denen daran gelegen ist,
+genau zu wissen, wie groß Dein Einfluß auf den Kopf und
+das Herz des Fürsten ist. Um diese nie in Deine Karte blicken
+zu lassen, und damit sie nicht wissen mögen, von welcher Seite<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span>
+etwa der Herr gegen dich gewonnen werden könnte: so vermeide
+alle Gelegenheit, in Andrer Gegenwart mit ihm von Geschäften,
+oder sonst von Gegenständen, über welche Du vielleicht
+mit ihm nicht gleicher Meinung bist, zu reden!</p>
+
+<p>Sey vorsichtig, höchst vorsichtig, in bestimmter Anempfehlung
+andrer Leute, zum Dienste des Fürsten!</p>
+
+<p>Baue nie auf die Anhänglichkeit Deiner sogenannten Kreaturen,
+d. h. solcher Menschen, die Dir ihr Glück zu verdanken
+haben!</p>
+
+<p>Versprich nicht Dein Fürwort, wenn Du des Erfolges nicht
+gewiß bist!</p>
+
+<p>Begünstige die Gesuche der Kreaturen Deiner präsumtiven
+Feinde in billigen Dingen!</p>
+
+<h4>18.</h4>
+
+<p>Wenn Dein Beschützer, wenn ein Großer, dem Du in der
+Zeit seines äussern Glücks, aus Noth, Höflichkeit, Politik oder
+gutem Willen, gehuldigt hast, von seiner Höhe herabstürzt;
+wenn er Stand, Vermögen, Einfluß oder Glanz verliert: so
+schlage Dich nicht zu der Parthei der Niederträchtigen, die dem
+Unglücklichen, der ihnen zu nichts mehr helfen kann, den Rücken
+zukehren! Verdient er Deine Hochachtung, so zeige ihm nun
+mit doppeltem Eifer, daß Dein Herz nicht von der Stimme des
+Pöbels abhängt; ist er aber Deiner Zuneigung unwerth, so
+schone seiner wenigstens darum, weil er von jedermann verlassen
+ist, und also zu Mißhandlungen schweigen muß! Räche
+Dich auch eben deswegen nie an dem, von welchem Du verfolgt,
+gedrückt worden bist, so lange er Gewicht hatte! Sammle vielmehr
+feurige Kohlen auf sein Haupt (beschäme ihn durch sanftmüthige,
+liebreiche Behandlung), damit er in sich gehe, und,
+wo möglich, durch Großmuth gebessert werde!</p>
+
+<h4>19.</h4>
+
+<p>Sammle nicht leicht für Arme bei Vornehmen und andern
+Leuten von der großen Welt! Sie geben mehrentheils nur aus
+Prahlerei, und behandeln Dich, als wäre es ein Almosen für
+Dich. — Ueberhaupt hilf <em class="gesperrt">selbst</em>, wo Du kannst! Gib nicht
+Assignationen auf fremde Hülfe! Tadle aber auch nicht sogleich
+den Reichen, wenn er Dir eine Wohlthat für einen Dürftigen
+versagt, die ein Aermerer Dir gewährt! Denke immer, daß seine
+größern Bedürfnisse (ob wahrhafte, oder eingebildete, ist gleichviel)<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span>
+und die größern Anforderungen Andrer auf seine Wohlthätigkeit
+ihn mit dem, der weniger hat, in <em class="gesperrt">eine</em> Klasse setzen,
+und daß man, wenn man gegen Alle freigebig seyn will, gegen
+Einige nicht <em class="gesperrt">wohlthätig</em> seyn kann.</p>
+
+<h4>20.</h4>
+
+<p>Und nun noch einmal! Wenn ich hier sehr viel zum Nachtheile
+des Charakters der meisten Großen und Reichen gesagt
+habe, so bin ich doch weit entfernt, dieß ohne Unterschied auf
+alle Personen der höhern Klassen ausdehnen zu wollen. Es ist
+mir äusserst zuwider gewesen, zu sehen, wie manche unsrer armseligen
+neuern Schriftsteller es sich zum Geschäft machen, auf
+die höhern Stände zu schimpfen. Viele von ihnen sind so wenig
+mit den erhabenern Menschenklassen bekannt, daß es die höchste
+Ungereimtheit verräth, wenn sie über Sitten und Denkungsart
+derselben ein Urtheil wagen. Von ihren Dachstübchen schielen
+sie neidisch und hämisch nach den Palästen der Glücklichen hinunter.
+Wenn, bei grober Kost und dem traurigen Wasserkruge,
+die süßen Düfte aus den Küchen und Kellern derer, die im Ueberflusse
+leben, zu ihnen hinaufsteigen, so reizt das ihre Nerven,
+erregt ihre Galle; es ärgert sie, daß ihre Glücksumstände ihnen
+nicht, wie jenen, erlauben, ihre Leidenschaften zu befriedigen;
+sie verwünschen den Mann im vergoldeten Wagen, den sie zu
+Fuße nicht einholen können, schimpfen auf den hartherzigen
+Mäcen, der nicht eben so überzeugt scheint von ihren großen
+Verdiensten, als sie selbst es sind, und fluchen auf das Geschick,
+welches die Güter der Erde so ungleich ausgetheilt hat. Da müssen
+es dann die armen Fürsten, Minister, Edelleute und Reichen
+entgelten, die sie als Tyrannen, Bösewichter, Thoren und
+hartherzige Unterdrücker alles dessen, was edel und gut ist, abschildern.
+Ein so fanatischer Eifer kann wohl nie ein gesundes
+Gehirn ergreifen. Selbst im Ueberflusse und mit großen Erwartungen
+aufgewachsen, kenne ich recht gut die Vortheile und
+Nachtheile einer reichen und vornehmen Erziehung. Meine nachherigen
+Schicksale aber, mein Aufenthalt an Höfen, und der
+Umgang mit Menschen aller Art, das alles hat mich gelehrt,
+wie nöthig es sey, denen, die nicht durch widrige Erfahrungen
+gründlich ausgebildet werden, und die so selten reine, lautre,
+unpartheiische Wahrheit hören, ohne Leidenschaft zu sagen, was
+ihnen so nöthig ist, zu hören. Viele von ihnen sind wahrlich<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span>
+herzlich gut; selbst die Schwächern haben oft manche Temperaments-Tugend,
+deren Wirkungen für die Welt viel wohlthätiger
+werden können, als die sanften Aufwallungen ärmerer und
+unmächtigerer Sterblichen. Sie haben von ihrer ersten Jugend
+an alle Muße und Gelegenheit, ihren Geist zu bilden, sich Talente
+zu erwerben, Welt und Menschen kennen zu lernen; haben
+Veranlassungen in Menge, Gutes zu thun, und die Freuden
+der Wohlthätigkeit zu schmecken. Ihr Charakter wird nicht niedergedrückt,
+auch nicht verschoben durch Unglück und Mangel,
+oder durch die Nothwendigkeit, sich zu schmiegen und zu beugen.
+Und wenn von einer Seite Schmeichelei sie leicht verderben
+kann, so ist von der andern der Gedanke, daß jede ihrer edeln
+Handlungen bemerkt wird, und ihre Verirrungen oft noch der
+späten Nachwelt vorerzählt werden, ein Sporn mehr, groß und
+vortrefflich zu werden. Auch nützen Viele von ihnen alle diese
+Triebfedern; und es ist ein Glück, an der Seite eines Fürsten
+zu leben und Einfluß auf ihn zu haben, der die Würde seines
+Standes kennt, und sich seines hohen Berufs werth zeigt. Ich
+kenne deren Einige, die es auch gewiß nicht übel aufnehmen,
+wenn man ihnen die Klippen zeigt, an welchen so viele von ihnen
+scheitern.</p>
+
+<h4>21.</h4>
+
+<p>Zum Schlusse noch ein Paar Worte über den Umgang der
+Großen und Reichen unter sich! Sie verderben sich größtentheils
+Einer den Andern. Die Kleinern beeifern sich, es den Größern
+nach-, ja, es ihnen an Aufwand und übelverstandener Erhabenheit
+zuvorzuthun: und so verewigen sie ihre Thorheiten, welche
+von noch kleinern Magnaten bis auf den geringsten, der nur
+einen Schuhputzer in seiner Livree herumlaufen hat, nach möglichsten
+Kräften nachgeahmt werden. Lustige Beispiele von dieser
+Art sieht man an den kleinen teutschen Höfen: wie sie einander
+aufpassen, sich wechselseitig controlliren, beneiden, zu übertreffen
+suchen; wie, wenn der durchlauchtige Herr in Y*** an
+seinem Geburtstage einen Ball und zugleich eine Illumination
+von sieben Pfund Talglichtern gegeben hat, der Fürst in V***
+an seinem Feste ein Feuerwerk von acht Pfund Pulver hinzuthut;
+wie, wenn der Eine sich einen Ober-Hof-Marschall für
+drei hundert Gulden Gage und zwölf Scheffel Hafer hält; der
+Andre dem Chef seines Hofes noch obenein ein breites Ordensband<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span>
+über den hungrigen Magen hängt. Indeß der eine regierende
+Graf sich eine Meute Jagdhunde verschreibt, wie sie kein
+Potentat in Europa hat, besoldet sein Nachbar eine Meute Hof-Musici,
+die wenigstens eben so viel Lärm macht; der Dritte,
+voll Verzweiflung darüber, daß er es seinen Nachbarn nicht zuvorthun
+kann, verzehrt lieber den sauern Erwerb seiner geplünderten
+Unterthanen in Paris, spielt lieber dort eine höchst elende
+Rolle, als daß er in seiner Residenz den guten, treuen Landesvater
+vorstellen sollte. Und so geht das weiter hinunter. Man
+fange nur in Städten an, ein Concert oder dergleichen zu geben,
+welches abwechselnd von einer geschlossenen Gesellschaft gehalten
+wird, und womit etwa ein Abendessen verknüpft ist. Der Erste,
+bei welchem sich die Gesellschaft versammelt, wird ein Paar Flaschen
+Wein und kalte Küche hergeben; der Andre fügt einen
+Punsch hinzu; und ehe ein Vierteljahr vergeht, ist die Anstalt
+in eine kostspielige Fresserei ausgeartet. Das sollte nun unter
+verständigen, vornehmen und reichen Leuten nicht also seyn.
+Sie sollten den Niedern Beispiele geben von Ordnung, Einfalt,
+Hinwegsetzung über steife Etikette, von Mäßigkeit in Speise,
+Kleidung, Pracht, Bedienung, Hausrath und allen solchen Dingen.
+Sie sollten das Vorurtheil vernichten, daß die Herzen der
+Großen zu keinen dauerhaften Freundschaften fähig seyen — mit
+Einem Worte: sie sollten nicht vergessen, daß die Augen so Vieler
+auf sie gerichtet sind.</p>
+
+<h4>22.</h4>
+
+<p>Spöttle nicht über die Kleinlichkeiten an <em class="gesperrt">kleinen</em> Höfen!
+Besser so, als wenn ein Herr über vier Quadrat-Meilen Landes
+Garden zu Fuß und zu Pferde, Minister, Hof-Cavaliere
+in Menge hält, und Schulden über Schulden macht! Es ist nur
+alles relativ klein, und ist immer gut, wenn es nur nicht zwecklos
+und voll abgeschmackter Forderungen ist. Dreißig Mann,
+die abwechselnd Ordnung in der Stadt halten, sind mehr werth,
+als dreißigtausend, die man von nützlicher Arbeit abzieht, um
+auf Kosten des fleißigen armen Unterthanen Spielwerk mit ihnen
+zu treiben.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Zweites_Kap.">Zweites Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit Geringern.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Im siebenten Kapitel des zweiten Theils dieses Werks habe ich
+von dem Betragen des Herrn gegen den Diener und von den
+Pflichten geredet, welche der Vornehmere vor Augen haben soll,
+damit er denen, die vom Schicksale bestimmt sind, in Unterwürfigkeit
+zu leben, ihr Daseyn erleichtere und versüße. Ich verweise
+also zuerst die Leser dahin, und füge nur noch einige Regeln
+für den Umgang mit solchen Personen hinzu, die zwar
+nicht in unsern Diensten, aber doch, der Geburt, dem Vermögen,
+oder andern bürgerlichen Verhältnissen nach, tiefer, als
+wir, stehen.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Man sey höflich und freundlich gegen solche Menschen, denen
+das Glück nicht gerade eine so reichliche Summe nichtiger
+zeitlicher Vortheile zugeworfen hat, als uns, und ehre das wahre
+Verdienst, den ächten Werth des Menschen, auch im niedern
+Stande! Man sey nicht, wie die meisten Vornehmen und Reichen,
+etwa nur dann herablassend gegen Leute von geringerm
+Stande, wenn man ihrer bedarf; da man sie hingegen verabsäumt,
+oder ihnen übermüthig begegnet, sobald man ihrer entbehren
+kann! Man vernachlässige nicht, sobald ein Größerer
+gegenwärtig ist, den Mann, den man unter vier Augen mit
+Freundschaft und Vertraulichkeit behandelt, schäme sich nicht,
+öffentlich den Mann vor der Welt zu ehren, der Achtung verdient,
+möchte er auch weder Rang, noch Geld, noch Titel führen!
+Man ziehe aber nicht die niedern Klassen bloß aus Eigennutz
+und Eitelkeit vor, um die Stimme des Volks für sich zu
+gewinnen, um als ein lieber, leutseliger Herr gepriesen und über
+Andere erhoben zu werden! Man wähle nicht vorzüglich den
+Umgang mit Leuten von gemeiner Erziehung, um etwa in diesen
+Cirkeln mehr geehrt, mehr geschmeichelt zu werden, und
+glaube nicht, daß man populär und natürlich sey, wenn man<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span>
+die Sitten des Pöbels nachahmt! Man sey nicht lediglich darum
+freundlich gegen die Geringern, um irgend einen Höhern im
+Range zu demüthigen; nicht aus Stolz herablassend, um desto
+mehr geehrt zu werden, sondern überall aus reiner, redlicher Absicht,
+aus richtigen Begriffen von dem Adel der Menschheit, und
+aus Gefühl von Gerechtigkeit, die, über alle zufällige Verhältnisse
+hinaus, in dem Menschen nur <em class="gesperrt">den</em> Werth schätzt, den
+er als Mensch hat!</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Aber diese Höflichkeit sey auch wohl geordnet; sie sey nicht
+übertrieben! Sobald der Geringere fühlt, daß ihm die Ehre,
+welche wir ihm erweisen, unmöglich zukommen kann, so schreibt
+er dieß entweder einem Mangel an Verstande zu, oder hält es
+für Spott, oder gar für Falschheit; argwöhnt, es stecke etwas
+dahinter, wir wollten ihn mißbrauchen. Sodann gibt es auch
+eine Art von Herablassung, die wahrhaftig kränkend ist, wobei
+der leidende Theil offenbar fühlt, daß man ihm nur ein mildthätiges
+Almosen der Höflichkeit darreicht. Endlich gibt es eine
+abgeschmackte Art von Höflichkeit, wenn man nämlich mit Leuten
+von geringerm Stande eine Sprache redet, die sie gar nicht
+verstehen, die unter Personen von der Klasse gar nicht üblich
+ist; wenn man das conventionelle Gewäsche von Unterthänigkeit,
+Gnade, Ehre, Entzücken u. s. f. bei Personen anbringt,
+die an solche starke Gewürze gar nicht gewöhnt sind. Dieß ist
+der gemeine Fehler der Hofleute. Sie halten ihren Jargon für
+die einzige allgemeine Sprache, und machen sich dadurch oft bei
+dem besten Willen lächerlich oder verdächtig. Die große Kunst
+des Umgangs ist, den Ton jeder Gesellschaft zu studiren, und
+nach Gelegenheit annehmen zu können.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Man hüte sich aber vor grenzenloser Vertraulichkeit gegen
+solche Menschen, die keine feine Erziehung haben! Sie mißbrauchen
+leicht unsre Gutwilligkeit, fordern immer mehr, und
+werden unbescheiden. Man gebe Jedem, so viel er zu ertragen
+vermag!</p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>Sey großmüthig und billig, und laß es daher den Geringern
+in Deinen glänzenden Umständen nicht entgelten, wenn er Dich,
+so lange Dich das Glück nicht anlächelte, verabsäumt, wenn er<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span>
+Deinen mächtigen Feinden gehuldigt hat, wenn er sich, wie die
+großen gelben Blumen, nach der Sonne dreht! Denke, daß
+solche Menschen oft in die Nothwendigkeit versetzt werden, wenn
+sie mit den Ihrigen leben und essen wollen, sich zu krümmen
+und zu schmiegen; daß wenige unter ihnen so erzogen sind, daß
+sie Sinn für feinere Gefühle und Aufopferungen haben, und
+daß alle Menschen mehr oder weniger aus Eigennutz handeln,
+den die Geschliffenern nur künstlicher verbergen.</p>
+
+<h4>6.</h4>
+
+<p>Täusche nicht den Niedern, der Dich um Schutz, Fürsprache,
+oder Hülfe bittet, mit falschen Hoffnungen, leeren Versprechungen
+und nichtigen Vertröstungen, wie es die Weise der Vornehmen
+ist, die, um die Klienten sich vom Halse zu schaffen, oder
+in den Ruf von Leutseligkeit zu kommen, oder aus Schwäche,
+aus Mangel an Festigkeit, jeden Bittenden mit süßen Worten
+und Verheissungen überschütten, sobald er aber den Rücken gewendet
+hat, nicht mehr an sein Anliegen denken! Der Arme
+geht indeß voll Hoffnung nach Hause, glaubt seine Angelegenheit
+den besten Händen anvertrauet zu haben, versäumt alle andere
+Wege, die er zu Erlangung seines Zwecks einschlagen könnte,
+und fühlt sich nachher doppelt unglücklich, wenn er sieht, wie
+sehr er sich betrogen hat.</p>
+
+<h4>7.</h4>
+
+<p>Hilf dem, der dessen bedarf! Befördere und schütze die, welche
+Dich um Hülfe, Wohlthat und Schutz ansprechen, in so fern
+die Gerechtigkeit es gestattet! Aber hüte Dich, so schwach zu
+seyn, daß Du durchaus nichts abschlagen könnest! Daraus entstehen
+zweierlei nachtheilige Folgen: zuerst, daß Leute von niedriger
+Denkungsart Deine Schwäche mißbrauchen, und Dir eine
+Last von Verbindlichkeiten, Arbeiten und Sorgen auflegen, die
+für Dein Herz, für Deine Kräfte, oder für Deinen Geldbeutel
+zu schwer ist, oder wodurch Du gezwungen wirst, ungerecht gegen
+Andre zu handeln, die weniger zudringlich sind. Und dann
+der zweite Schaden: wer zu viel verspricht, der wird wider Willen
+zuweilen sein Wort zu brechen genöthigt. Ein fester Mann
+muß auch den Muth haben, eine abschlägige Antwort geben zu
+können; und wenn er dieß auf edle, nicht beleidigende Weise,
+aus wichtigen Gründen thut, und sonst dafür bekannt ist, daß
+er gerecht handelt und gerne hilft: so wird er sich dadurch keine<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span>
+Feinde erwecken. Allen Menschen kann man es freilich nicht
+recht machen; aber wenn man immer folgerecht und weise handelt,
+so werden uns wenigstens die Bessern nicht verkennen.
+Schwäche ist nicht Güte; und verweigern, was man vernünftiger
+Weise nicht zugestehen kann, heißt nicht hartherzig seyn.</p>
+
+<h4>8.</h4>
+
+<p>Verlange nicht einen übermäßigen Grad von Kultur und
+Aufklärung von Leuten, die bestimmt sind, im niedern Stande
+zu leben! Trage auch nichts dazu bei, ihre intellectuellen Kräfte
+zu überspannen, und sie mit Kenntnissen zu bereichern, die ihnen
+ihren Zustand widrig machen, und den Geschmack an solchen
+Arbeiten verbittern, wozu Stand und Bedürfniß sie aufrufen!
+Das Wort Aufklärung wird in unsern Zeiten oft sehr
+gemißbraucht, und bedeutet nicht sowohl Veredelung des Geistes,
+als Richtung desselben auf grillenhafte, speculative und
+phantastische Spielwerke. Die beste Aufklärung des Verstandes
+ist die, welche uns lehrt, mit unsrer Lage zufrieden und in unsern
+Verhältnissen brauchbar, nützlich und gewissenhaft thätig
+zu seyn. Alles Uebrige ist Thorheit, und führt zum Verderben.</p>
+
+<h4>9.</h4>
+
+<p>Begegne Deinen Untergebenen liebreich, ohne Deinem Ansehen
+bei ihnen etwas zu vergeben. Es taugt nie, wenn die
+Subalternen sich ihren Vorgesetzten unentbehrlich machen; und
+verächtlich wird der Chef eines Departements, der, weil er nicht
+selbst arbeiten will, oder nicht arbeiten kann, sich auf die Untergebenen
+verlassen muß; da er dann nicht Ansehen und nicht
+Muth genug behält, einen nachlässigen oder eigensinnigen Secretair
+an seine Pflicht zu erinnern, sondern sich alles muß gefallen
+lassen, was Dieser gut findet vorzunehmen, oder zurückzulegen.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Drittes_Kap.">Drittes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Ich fasse hier die Bemerkungen über den Umgang mit Hofleuten
+und mit solchen Personen überhaupt, die in der sogenannten
+großen Welt leben, und den Ton derselben angenommen haben,<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span>
+zusammen. Leider wird dieser Ton, den Fürsten und Vornehme
+von solcher Art, wie ich sie im ersten Kapitel dieses Theils beschrieben
+habe, angeben und verbreiten, von allen Ständen, die
+einigen Anspruch auf feine Lebensart machen, nachgeäfft. Entfernung
+von der Natur; Gleichgültigkeit gegen die ersten und
+süßesten Bande der Menschheit; Verspottung der Einfalt, Unschuld
+und Reinigkeit, und der heiligsten Gefühle; Falschheit;
+Vertilgung und Abschleifung jeder charakteristischen Eigenheit
+und Originalität; Mangel an gründlichen, wahrhaftig nützlichen
+Kenntnissen; an deren Stelle hingegen Unverschämtheit,
+Persifflage, Impertinenz, Geschwätzigkeit, Inconsequenz, Nachlallen;
+Kälte gegen alles, was gut, edel und groß ist; Ueppigkeit,
+Unmäßigkeit, Unkeuschheit, Weichlichkeit, Ziererei, Wankelmuth,
+Leichtsinn; abgeschmackter Hochmuth; Flitterpracht,
+als Maske der Bettelei; schlechte Hauswirthschaft; Rang- und
+Titelsucht; Vorurtheile aller Art; Abhängigkeit von den Blicken
+der Despoten und Mäcenaten; sclavisches Kriechen, um etwas
+zu erringen; Schmeichelei gegen Den, dessen Hülfe man bedarf,
+aber Vernachlässigung auch des Würdigsten, der nicht helfen
+kann; Aufopferung auch des Heiligsten, um seinen Zweck zu
+erlangen; Falschheit, Untreue, Verstellung, Eidbrüchigkeit,
+Klatscherei, Kabale; Schadenfreude, Lästerung, Anekdoten-Jagd;
+lächerliche Manieren, Gebräuche und Gewohnheiten —
+das sind zum Theil die herrlichen Dinge, welche unsre Männer
+und Weiber, unsre Söhne und Töchter, von dem liebenswürdigen
+Hofgesinde lernen; — das sind die Studien, nach welchen
+sich die Leute von feinem Tone bilden! Da, wo dieser Ton
+herrscht, wird das wahre Verdienst nicht bloß übersehen, sondern,
+so viel möglich, mit Füßen getreten, unterdrückt, von
+leeren Köpfen zurückgedrängt, verdunkelt, verspottet. Kein größerer
+Triumph für einen faden Hofschranzen, als wenn er den
+Mann von entschiedenem Werthe, dessen Uebergewicht er heimlich
+fühlt, demüthigen, ihn auf einem Mangel an conventioneller
+feinen Lebensart ertappen, und, durch die Art, wie er dieß
+zu erkennen gibt, oder dadurch, daß er mit ihm in einer Sprache
+oder über Gegenstände redet, wovon er nichts versteht, es dahin
+bringen kann, daß Jener verwirrt wird, und sich in schiefem
+Lichte zeigt! Kein größerer Triumph für die Petite-Maitresse,
+als wenn sie eine redliche Frau, voll wahrer innerer und<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span>
+äusserer Vorzüge und Würde, in einer Gesellschaft von Welt-Leuten
+von einer lächerlichen Seite darstellen kann! Das alles
+muß man erwarten, wenn man sich unter Menschen von dieser
+Klasse mischt. Man muß sich dann nicht beunruhigen, wenn
+uns dergleichen widerfährt, und hinterher sich kein graues Haar
+darum wachsen lassen. Man hat sonst keinen friedlichen Augenblick,
+wird unaufhörlich von tausend Leidenschaften, besonders
+von Ehrgeiz und Eitelkeit, in Aufruhr gebracht. Es gibt aber
+drei Mittel, allen diesen Ungemächlichkeiten auszuweichen, indem
+man nämlich <em class="gesperrt">entweder</em> sich von der großen Welt ganz
+zurückzieht, <em class="gesperrt">oder</em> in derselben seinen graden Gang fortgeht, ohne
+sich alle diese Thorheiten anfechten zu lassen, <em class="gesperrt">oder</em> endlich, daß
+man den Ton derselben studirt, und, so viel es ohne Verleugnung
+des Charakters geschehen kann, mit den Wölfen heult.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Wer seiner Lage nach nicht schlechterdings dazu verdammt
+ist, an Höfen, oder sonst in der großen Welt zu leben, der bleibe
+fern von diesem Schauplatze des glänzenden Elends: bleibe fern
+vom Getümmel, das Geist und Herz betäubt, verstimmt und
+zu Grunde richtet! In friedlicher häuslicher Eingezogenheit, im
+Umgange mit einigen edeln, verständigen und muntern Freunden
+ein Leben führen, das unsrer Bestimmung, unsern Pflichten,
+den Wissenschaften und unschuldigen Freuden gewidmet ist,
+und dann zuweilen mit Nüchternheit an öffentlichen Vergnügungen,
+an großen, gemischten Gesellschaften Theil nehmen,
+um für die Phantasie, die doch auch nicht leer ausgehen will,
+neue Bilder zu sammeln, und die kleinen, widrigen Gefühle der
+Einförmigkeit zu verlöschen: — das ist ein Leben, das eines
+weisen Mannes werth ist! Und in Wahrheit! es steht öfter in
+unsrer Macht, als man gemeiniglich denkt, sich der großen Welt
+zu entziehen. Menschenfurcht, elende Gefälligkeit gegen mittelmäßige
+Leute, Eitelkeit, Schwäche, Nachahmungssucht — das
+ist es, was so manchen sonst nicht schlechten Mann bewegt,
+seine schönsten Stunden da zu verschleudern, wo er im Grunde
+nicht zu Hause ist, wo so oft Ekel und Langeweile ihn anwandeln,
+und allerlei unedle Leidenschaften ihr Spielwerk mit ihm
+treiben. Freilich aber muß man, um sich diesem zu entziehen,
+nicht nur, seinen Verhältnissen nach, unabhängig seyn, sondern
+auch nach festen Grundsätzen zu handeln und sich über das Geschwätz<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span>
+der Leute hinwegzusetzen den Muth haben, — mag auch
+davon gesprochen werden, was da will.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Muß oder will man aber in der großen Welt leben, und ist
+man nicht ganz sicher, daß es gelingen werde den Ton derselben
+anzunehmen: so bleibe man lieber der Art von Stimmung und
+Wendung treu, die uns Natur und Erziehung gegeben haben.
+Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn man jene Sitten
+halb und unvollständig copirt, — wenn der ehrliche Landmann,
+der schlichte Bürger, der gerade, teutsche Biedermann, den französischen
+Petit-Maitre, den Hofmann, den Politiker spielen
+will, — wenn Leute, die einer ausländischen Sprache nicht
+mächtig sind, alle Gelegenheit aufsuchen, mit fremden Zungen
+zu reden, oder, wenn sie auch in ihrer Jugend an Höfen gelebt
+haben, nicht merken, daß die galante Sprache aus Ludwigs des
+Vierzehnten Zeiten jetzt gar nicht mehr im Umlaufe ist, und eine
+Stutzer-Garderobe jetzt nur noch auf den komischen Theatern
+Wirkung thut. Solche Menschen machen sich muthwilliger Weise
+zum Gespötte, da man hingegen mit einem ungezwungenen,
+natürlichen und verständigen Betragen, Anstande und Anzuge,
+wenn dies alles auch nicht nach dem feinsten Hofschnitte ist, sich
+mitten unter dem leichtfertigen Gesindel Achtung, und, wo
+nicht ein angenehmes, doch ein ruhiges, ungekränktes Leben
+verschaffen kann. Sey also einfach in Deiner Kleidung und in
+Deinen Manieren, ehrlicher Biedermann! Sey ernsthaft, bescheiden,
+höflich, ruhig, wahrhaftig! Rede nicht zu viel und nie
+von Dingen, wovon Du nichts weißt, noch in einer Sprache,
+die Dir nicht geläufig ist, in so fern der, welcher mit Dir spricht,
+Deine Muttersprache versteht! Betrage Dich mit Würde und
+Geradheit, ohne grob zu seyn, ohne Ungeschliffenheit! so wird
+man Dich ungeneckt lassen. Freilich wirst Du dabei auch nicht
+sehr vorgezogen: Dein Gesicht wird kein Modegesicht werden.
+Hierüber aber beruhige Dich! Zeige Dich nicht verlegen, ängstlich,
+wenn in einer großen Gesellschaft kein Mensch mit Dir redet;
+Du verlierst nichts dabei, kannst für Dich an allerlei gute
+Dinge denken, auch manche nützliche Bemerkung machen, und
+man wird Dich nicht verachten, sondern vielleicht gar <em class="gesperrt">fürchten</em>,
+ohne Dich zu hassen, und das ist denn doch zuweilen so
+übel nicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span></p>
+
+<p>Leute, die in der Jugend an Höfen und in großen Städten
+keine unbeträchtliche Rolle gespielt, die vielmehr dort geglänzt,
+nachher aber sich zurückgezogen, sich einer einfachern Lebensart
+gewidmet haben, vergessen gar zu leicht, daß man, um hier
+immer ein Modegesicht zu bleiben, nie den Faden der herrschenden
+Conversation aus der Hand verlieren, nie versäumen darf,
+der Kultur — wenn man das Kultur nennen muß — auch in
+den kleinsten Fortschritten nachzufolgen. Das ist aber, bei der
+unbeschreiblichen Veränderlichkeit des Geschmacks und der Phantasie,
+unmöglich, sobald man nicht immer mit dem ganzen Geschwader
+auf dem großen Weltmeere umherschwimmen, und sich
+dem Winde und Wetter preisgeben will. Ist's anders möglich,
+als daß denjenigen eine sehr böse Laune anwandelt, der sich vernachlässigt,
+und unbärtigen Männchen nachgesetzt sieht? O!
+es ist unglaublich, wie so etwas die Fassung auch des klugen
+Mannes (denn selbst die klugen Leute sind nicht immer ganz
+von Eitelkeit frei) erschüttern, wie es verstimmen und bewirken
+kann, daß der, welcher sich in dem besten Lichte zeigen wollte,
+weil er etwas zu suchen hat, in dem ungünstigsten erscheint,
+und die Frucht einer weiten Reise und große Unkosten einbüßt,
+weil er sich mit Geringschätzung behandelt sieht, und die Fassung
+verliert. Wer sich viele Jahre hindurch an großen und kleinen
+Höfen und sonst in der großen Welt hat umher treiben müssen,
+der wird nie in Verlegenheit von jener Art kommen können.
+Er wird die Fertigkeit erlangt haben, sich geschwind zu
+orientiren, schnell zu fassen, und zu beurtheilen, welche Sprache
+hier anwendbar ist; die guten Leute hingegen, die nicht Gelegenheit
+gefunden haben, diesen Grad von Verfeinerung zu erlangen,
+sollen wohl beherzigen, was zu Anfange dieses Abschnitts
+ist gesagt worden.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Wer aber viel und immer in der großen Welt lebt, der thut
+doch wohl, den herrschenden Ton zu studiren, und die äussern
+Gebräuche derselben anzunehmen. Ersteres ist so schwer nicht,
+und Letzteres kann ohne schädlichen Einfluß auf den Charakter
+geschehen. Zeichne Dich also nicht durch altväterische Kleidung
+oder Manieren aus! aber vergiß nicht, dabei Dein Alter, Deinen
+Stand und Dein Vermögen zu berücksichtigen, und copire
+nicht die Lächerlichkeiten einzelner Thoren, noch die ephemerische<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span>
+Mode des Augenblicks! Mache Dich mit der Sprache der Hofleute,
+mit ihrer Art, sich gegen einander zu betragen, mit den
+Conventionen im Umgange bekannt; aber verleugne nicht innere
+Würde, Charakter und Wahrheit!</p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>Es lassen sich unmöglich allgemeine Regeln geben, wie weit
+man in der Nachahmung der Hofsitte gehen dürfe. Ein verständiger
+und redlicher Mann wird das am besten selbst nach seiner
+Lage, Gemüthsart und nach seinem Gewissen abmessen können.
+Doch nur so viel: Wer es nicht über sich erlangen kann, unschädliche
+Thorheiten nachzuahmen, der glaube wenigstens nicht,
+den Beruf zu haben, sie zu bekämpfen; denn gleichgültige Gewohnheiten
+und Sitten, die weiter keinen Einfluß auf den Charakter
+haben, kann man, ja! muß man zuweilen auf kurze Zeit
+annehmen, und darf um so weniger ein Bedenken tragen, dieß
+zu thun, je mehr man dadurch manches größere Gute zu bewirken
+in den Stand gesetzt wird.</p>
+
+<p>Es gibt auch Moden in der Literatur und Kunst, im Geschmacke,
+in gewissen Vergnügungen und Schauspielen, und
+der Beifall, den eine Sängerin, ein Tonkünstler, Schriftsteller,
+Prediger, Maler, Geisterseher, Putzhändler oder Schauspieler,
+oft ganz gegen Verdienst und Würdigkeit, vom vornehmen großen
+Haufen einerntet, hat nur in der Mode seinen Grund, d. h.
+darin, daß einer dem andern nachschwatzt, und es ist verlorne
+Mühe, diesem Mode-Geschmacke sich widersetzen zu wollen. Am
+besten ist es da, ruhig abzuwarten, daß eine neue Narrheit die
+alte verdränge. Es gibt sogar Moden im Gebrauche von Arzeneien,
+denen sich die Vornehmern unterwerfen zu müssen glauben,
+— sey es, daß sie sich täglich clystiren, oder in ein gewisses
+Bad und in kein anderes reisen, oder sich mit den Pillen
+oder Pulvern irgend eines Marktschreiers langsam vergiften!
+Lächle in der Stille darüber! clystire oder magnetisire Dich unmaßgeblich
+auch ein wenig, und mache mit, was sich ohne Gefahr
+und Tollheit mitmachen läßt! Wenigstens mache Dich mit
+diesen Modethorheiten bekannt, um nicht in Deinen Gesprächen
+dagegen anzustoßen! Du wirst übel anlaufen, wenn Du nach
+Deiner Empfindung eine Theater-Nymphe tadelst, deren Zwitschern
+grade zu der Zeit in der feinen Welt für Götter-Stimme
+gilt, oder wenn Du ein Buch erbärmlich nennst, dessen Verfasser<span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span>
+als ein Original-Genie anerkannt wird. Du wirst übel anlaufen,
+wenn Du eine Dame, die gerade in der Periode ist, in
+welcher sie nach der Mode freigeisterische Grundsätze haben muß,
+von religiösen Gegenständen unterhältst. Denn auch das hat
+seine Gesetze, die von der Mode bestimmt werden. Jünglinge
+fangen schon im fünf und zwanzigsten Jahre an, alt zu werden,
+nicht mehr zu tanzen, sich den Cirkeln der Greise zuzugesellen,
+ein feierliches, philosophisches, ein Geschäfts-Gesicht mit
+in die Gesellschaft zu bringen; kommen sie aber nahe an die
+Vierzige, dann werden sie wieder jung, hüpfen herum, spielen
+um Pfänder mit jungen Mädchen: — das alles muß man beobachten,
+und seine Maßregeln darnach nehmen.</p>
+
+<h4>6.</h4>
+
+<p>Uebrigens gestehe ich — es bleibt aber unter uns — daß der
+Ton, welcher jetzt unter unsern ganz jungen Leuten ziemlich allgemein
+an Höfen und in der feinen Welt eingeschlichen ist, mir
+gar nicht so gefallen will, wie der, welcher vor etwa zwanzig
+Jahren herrschte. Viele von ihnen kommen mir äusserst ungeschliffen
+und plump vor; es scheint mir, als suchten sie etwas
+darin, Bescheidenheit, Höflichkeit und Delicatesse zu beleidigen,
+stumm, ungefällig gegen Damen und Fremde zu seyn, selbst
+ihren Körper zu vernachlässigen, ohne alle Grazie beim Tanze
+herumzuspringen, krumm und schief und gebückt zu gehen, keine
+Kunst, keine Wissenschaft gründlich zu lernen, ungeachtet aller
+Mühe, welche die neuern Pädagogen anwenden, und ungeachtet
+des vortrefflichen Beispiels, das sie der Jugend in Höflichkeit,
+Bescheidenheit und Gründlichkeit geben. Es gibt freilich
+einen Bocksbeutel, einen Rang und eine Steifigkeit im Umgange,
+die in vorigen Zeiten in Teutschland herrschend war; und
+es ist ein Glück, daß wir anfangen, sie abzulegen; aber edler
+Anstand ist nicht Steifigkeit, — verbindliche Höflichkeit und
+Aufmerksamkeit nicht Kriecherei, Grazie nicht Zwang — und
+ächtes Talent, wahre Geschicklichkeit nicht Pedanterie. Und man
+sehe auch die papiernen Männchen an, wie Ueberdruß und Langeweile
+auf ihrer früh sich runzelnden Stirne wohnen; wie sie
+unfähig sind, von ganzem Herzen froh zu werden; wie sie in
+den schönsten Jahren des Lebens schon, bei den unschuldigen
+Freuden der Jugend, Ueberdruß empfinden. — Doch, ich habe
+Hoffnung, daß es bald wieder besser damit werden soll, und<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span>
+ohne Stolz auf unsre Vaterstadt kann ich es wohl sagen: Wir
+haben hier eine liebenswürdige wohlerzogene Jugend in allen
+Klassen und Ständen aufzuweisen<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a>.</p>
+
+<h4>7.</h4>
+
+<p>Verachte nicht alles, was bloß conventionellen (übereinkünftlichen)
+Werth hat, wenn Du mit Annehmlichkeit in der großen
+Welt leben willst! Verachte nicht so ganz und gar Titel, Orden,
+Glanz, äussere Auszeichnungen und Zierden; aber setze
+auch keinen innern Werth darauf! ringe nicht ängstlich darnach!
+Es gibt doch wohl Fälle, wo ein solcher an sich nichtiger Stempel
+Dir und den Deinigen, wo nicht reelle Vortheile, doch Annehmlichkeiten
+zuwege bringen kann. Heimlich in Deinem Kämmerlein
+darfst Du herzlich über alle diese Thorheiten lachen; aber
+thue das nicht laut! <em class="gesperrt">Mit einem Worte</em>: zeichne Dich unter
+den Weltleuten, mit denen Du leben mußt, nicht zu sehr durch
+eine gewisse Strenge in Deinen Sitten und Urtheilen aus! Dieß
+ist nicht nur Regel der Klugheit! nein, es ist auch Pflicht, die
+Sitten des Standes anzunehmen, den man wählt; ganz zu
+seyn, was man ist, - doch wie sich das versteht, nie auf Kosten
+des Charakters<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a>. Erwarte übrigens auf diesem Schauplatze
+nicht, daß man in Dir den edlen, weisen, geschickten
+Mann schätze, sondern nur, daß man von Dir sage: <span class="antiqua">Par Dieu!
+il a de l'esprit, comme nous autres!</span></p>
+
+<h4>8.</h4>
+
+<p>Und willst Du auch nur dies eitle Lob davon tragen, so darfst
+Du selbst nicht einmal merken lassen, daß Du von besserm
+Stoffe bist, als der große Haufe jener hirnlosen Müßiggänger.
+Der klügere und edlere Mann — bequemte er sich auch noch so
+pünktlich nach den Sitten der feinen Societät — wird dennoch<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span>
+dem Neide, der Verleumdung und den unaufhörlichen Neckereien
+und Klatschereien, welche hier herrschen, nicht ausweichen:
+denn um schaalen Köpfen zu gefallen, muß man selbst ein schaaler
+Kopf seyn. Ich rathe denn, sich das gar nicht anfechten zu
+lassen; vor allen Dingen aber keinen Verdruß, keine <em class="gesperrt">Unruhe
+zu äussern</em>, sonst bekömmt man nie Frieden. Man gehe also
+seinen Gang fort, folge seinem Systeme, und lasse die Thoren
+schwatzen, bis sie müde werden! Hier sind auch alle Erläuterungen,
+alle Entschuldigungen übel angebracht, und wenn Du
+mit Widerlegung <em class="gesperrt">einer</em> Verleumdung fertig bist, so wird man
+schon eine andere in Bereitschaft haben.</p>
+
+<h4>9.</h4>
+
+<p>In der großen Welt ist der oben entwickelte Grundsatz vorzüglich
+nicht aus den Augen zu lassen, nämlich, daß jedermann
+nur so viel gilt, als sein eigenes Bewußtseyn nach dem Urtheile
+seines Gewissens ihn gelten läßt, und wer dies Urtheil für sich
+hat, der wird sich frei, zuversichtlich und edelstolz zeigen, und
+sein Publikum nöthigen, ihm Achtung und Vertrauen zu beweisen,
+wird selbst denjenigen, die ihre Aufmerksamkeit nach dem
+Range oder Vermögen eines Menschen abzumessen gewohnt sind,
+eine gewisse Scheu einflößen, so daß sie es nicht wagen, ihn
+geringschätzig zu behandeln, weil er weder zu den hohen Standespersonen,
+noch zu den Reichen gehört.</p>
+
+<h4>10.</h4>
+
+<p>Jeder durch Bildung oder Verdienste ausgezeichnete Mann
+messe sein Betragen gegen Hofleute pünktlich nach dem ihrigen
+gegen ihn ab, und gehe ihnen keinen Schritt entgegen! Diese
+Menschen-Gattung nimmt eine Hand breit, wo man ihnen
+Finger breit einräumt. Er erwiedere Stolz mit Stolz, Kälte mit
+Kälte, Freundlichkeit mit Freundlichkeit; gebe aber nicht mehr
+und nicht weniger, als er empfängt! Die Befolgung dieser Vorsicht
+hat mannigfaltigen Nutzen. Die feinen Weltleute sind wie
+ein Rohr, das vom Winde bewegt wird. Da sie selbst so wenig
+Bewußtseyn innerer Würde haben, so beruht ihre ganze Existenz
+auf ihrem äussern Rufe. Sie werden sich an Dich schließen, sobald
+sie sehen, daß Du im guten Lichte erscheinst. Aber wenn
+Du nicht durch die niedrigste Schmeichelei und Preisgebung alle
+alten Weiber beiderlei Geschlechts auf Deine Seite ziehst, so wird
+bald einmal eine Lästerzunge etwas Dir Nachtheiliges aussprengen.<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span>
+Kaum wird ein solches Gerücht herumlaufen, so werden
+jene Sclaven lauern, welche Wirkung dieß auf das Publikum
+macht; und faßt es Wurzel, so werden sie den Kopf um ein
+paar Zoll höher gegen Dich tragen. Macht Dich das unruhig,
+ängstlich, — behandelst Du sie nach Deinem Herzen wie Leute,
+deren Freundschaft Du gern halten mögtest: so werden sie immer
+unverschämter, und helfen eifrigst die elende Klatscherei verbreiten,
+woraus Dir denn, so geringe auch die Sache scheinen
+mag, mancherlei Verdruß erwachsen kann. Wirf aber auf den
+Ersten, der Dir kalt begegnet, einen verächtlichen Blick, so wird
+er zurückspringen, vor seinem eigenen Rufe beben, kein nachtheiliges
+Wort von Dir über seine Zunge kommen lassen, und sich
+vor dem Manne beugen, von dem er glaubt, er müsse geheimen
+Schutz haben, weil er so fest steht, so gleichgültig gegen die seligmachende
+Stimme des hohen Pöbels ist. Ja, gib ihm doppelt
+wieder, was er wagt, Dir zu bieten! Laß Dich durch kein
+freundliches Wörtchen wieder heranlocken, bis er gänzlich zu
+Kreuze kriecht! Am besten ist es gewiß, über dergleichen und
+über Klatschereien aller Art wenigstens nicht die geringste Unruhe
+zu <em class="gesperrt">zeigen</em>, mit niemand weiter darüber zu reden, und
+sich auf keine Erläuterung einzulassen. Dann ist in acht Tagen
+das Mährchen vergessen, da auf jede andere Art hingegen die
+Sache ärger gemacht wird.</p>
+
+<h4>11.</h4>
+
+<p>Sey höflich und geschliffen im Aeussern! Man muß an Höfen
+und im Umgange in großen Städten manchen Menschen
+sehen, ertragen und freundlich behandeln, den man nicht schätzt;
+auch sucht man ja in diesem Getümmel keine Freunde, sondern
+nur Gesellschafter. Allein wo es Nutzen stiften, oder wenigstens
+unser Ansehen befestigen, wo es wirken kann, daß der Dich
+fürchte, der nicht anders als durch Furcht im Zaume zu halten
+ist, da laß ihn Dein Ansehen fühlen! Nimm gegen den Hofschranzen
+eine Art von Würde, von edelm Stolze und von Hoheit
+an, damit nie der Gedanke in ihm aufkeimen könne, Dich
+zu foppen, oder zu mißbrauchen! Diese Sclaven-Seelen zittern
+vor dem Uebergewicht des verständigen, consequenten Mannes;
+allein das muß weder in Aufgeblasenheit, noch in Bauernstolz
+ausarten. Sage diesen Leuten zuweilen einmal, doch ohne Hitze
+und Grobheit, die Wahrheit! Schlage ihre flachen, schiefen<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span>
+Urtheile kaltblütig mit Gründen nieder, wo es nach den Umständen
+die Klugheit erlaubt! Bringe sie durch kaltblütigen Widerspruch
+zum Schweigen, wenn sie den Redlichen lästern! Setze
+ihren Kriegslisten Muth, Thätigkeit und wahre Kraft entgegen!
+Scherze nicht vertraulich mit ihnen! Laß ächter Laune nicht den
+Lauf, — aus Furcht, ein Wort zu sprechen, das man mißbrauchen,
+verdrehen könnte!</p>
+
+<h4>12.</h4>
+
+<p>Ueberhaupt rede in der großen Welt nie eine warme Herzens-Sprache!
+Die ist dort eine fremde Mundart. Rede nicht von
+den reinen, süßen, einfachen, häuslichen Freuden! Das sind
+Mysterien für solche Profane. Habe Dein Gesicht in Deiner
+Gewalt, daß man nichts darauf geschrieben finde, weder Verwunderung,
+noch Freude, noch Widerwillen, noch Verdruß!
+Die Hofleute lesen besser Mienen, als Buchstaben: das ist fast
+ihr einziges Studium. Vertraue Deine Angelegenheiten niemand!
+Sey vorsichtig, nicht nur im Reden, sondern sogar im
+Hören! sonst wird Dein Name leicht gefährdet.</p>
+
+<h4>13.</h4>
+
+<p>Ich habe schon vorhin gesagt, daß das Betragen in der
+großen Welt nach eines Jeden besondrer Lage sich richten müsse,
+und daß, was dem Einen darin zu beobachten wichtig und nöthig
+ist, für den Andern vielleicht von gar keinem Belange seyn
+könne. Wer nicht bloß in derselben leben und geachtet werden,
+sondern auch wirken, sich empor arbeiten, regieren will, der
+muß das Ding freilich noch viel feiner studiren. Da kann es
+äusserst wichtig werden, entweder zu der herrschenden Parthei,
+oder (wobei man größtentheils am sichersten geht, wenn man
+sonst kein ganz unwichtiger Mann ist) zu gar keiner zu gehören,
+um von allen aufgesucht zu werden, und nach Gelegenheit unmerklich
+Anführer einer eigenen zu werden. Da muß oft die
+Politik uns lehren, wo wir des sichern Vortheils nicht gewiß
+sind, — wo nicht zu helfen, vielleicht die Hülfe sogar nachtheilig
+ist, und Uebel ärger macht, unsre verfolgten Freunde allein
+kämpfen zu lassen, und uns ihrer nicht öffentlich anzunehmen.
+Da kann es nöthig seyn, anfangs ganz unscheinbar dazustehen,
+um nicht beobachtet, in seinen Planen nicht gestört, vielmehr
+als ein unbedeutender Mensch (weil ein solcher immer mehr
+Stimmen auf seiner Seite hat, als der von besserer Art) befördert<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span>
+zu werden. Zu allen Geschäften aber, die man in der großen
+Welt führen muß, ist nichts so dringend anzuempfehlen, als —
+<em class="gesperrt">Kaltblütigkeit</em>, das heißt: sich nie zu vergessen; nie sich zu
+übereilen; den Verstand nie dem Herzen, dem Temperamente,
+der Phantasie preiszugeben; Vorsicht, Verschlossenheit, Wachsamkeit,
+Gegenwart des Geistes, Unterdrückung willkührlicher
+Aufwallungen und Gewalt über Regungen des Gefühls und
+Launen. Mit Kaltblütigkeit und den dahin gehörigen Eigenschaften
+sieht man Personen von den mittelmäßigsten natürlichen
+Gaben über den lebhaftesten, feinsten Feuer-Kopf herrschen.
+Aber diese schwere Kunst — wenn sie sich je erlernen läßt, wenn
+sie nicht ausschließlich ein Geschenk der Natur ist — erlangt
+man nur nach vieljähriger Arbeit und Erfahrung.</p>
+
+<h4>14.</h4>
+
+<p>Und nun zum Schlusse dieses Kapitels auch etwas über den
+Nutzen, den uns der Umgang mit Menschen in der großen Welt
+gewährt! Er ist wahrlich nicht unbeträchtlich, aber er muß auch
+oft theuer genug erkauft werden. Vorschriften, welche uns auf
+die erlaubten Sitten der feinern Gesellschaft verweisen, sind freilich
+keine Grundsätze der Moral, sondern nur der Uebereinkunft;
+allein eben diese Uebereinkunft beruht doch darauf, daß man
+suche, sich und Andern in einer zwangvollen Lage, deren Ungemächlichkeit
+man nun einmal nicht ganz aus dem Wege räumen
+kann, den Zustand so leidlich als möglich zu machen, ohne dazu
+solche Mittel zu ergreifen, die unsern innern Werth auf das
+Spiel setzen. Dieser innere Werth aber, der, wie ein Schatz
+unter der Erde, immer, auch verborgen, Gold bleibt, kann
+doch Wittwen und Waisen nähren, und Monarchen und Reiche
+zum Wohl der Welt in Wirksamkeit setzen, wenn er hervorgeholt
+und durch den Stempel der Convention in Umlauf gebracht,
+wenn er allgemein anerkannt wird, — anerkannt von Denen,
+die sich auf reines Gold verstehen, und anerkannt von Denen,
+die nur auf das Gepräge achten. — Darum sollte man nicht so
+unbedingt und so heftig gegen den wahren feinen Weltton eifern,
+ihn nicht ganz verdammen. Er lehrt uns, die kleinen Gefälligkeiten
+nicht ausser Acht zu lassen, die das Leben süß und leicht
+machen. Er erweckt in uns Aufmerksamkeit auf den Gang des
+menschlichen Herzens, schärft unsern Beobachtungs-Geist, gewöhnt
+uns, ohne zu kränken und ohne gekränkt zu werden, mit<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span>
+Menschen aller Art leben zu können. Der ächte und zugleich
+redliche alte Hofmann verdient wahrlich Verehrung; und man
+braucht nicht in die Wüsten zu fliehen, noch sich in Studirzimmern
+zu vergraben, um auf den Titel eines Philosophen Anspruch
+machen zu dürfen. Ja, ohne einige Kenntniß der großen
+Welt hilft uns alle Stuben-Gelehrsamkeit, alle Menschenkunde
+aus Büchern sehr wenig. Ich rathe also jedem jungen Manne,
+der edeln Ehrgeiz, Durst nach Welt- und Menschen-Kenntniß,
+und Lust hat, nützlich und thätig zu seyn, wenigstens auf einige
+Zeit den größern Schauplatz zu betreten, wäre es auch nur, um
+zu Beobachtungen Stoff zu sammeln, die einst im Alter seinen
+Geist beschäftigen, und ihn in den Stand setzen, seinen Kindern
+und Enkeln, die vielleicht bestimmt sind, an Höfen und in
+großen Städten ihr Glück zu suchen, weise Lehren zu geben.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Viertes_Kap.">Viertes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit Geistlichen.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Ich mache, da ich nun auf den Umgang mit Leuten von andern
+Ständen und Verhältnissen komme, billiger Weise in einem
+eigenen Kapitel mit der Geistlichkeit den Anfang. Lehrreich und
+wohlthätig ist der Umgang mit einem solchen Geistlichen, der
+sich aus ganzer Seele seinem heiligen Berufe widmet, seinen
+Verstand und Willen durch den sanften Einfluß der Religion
+Jesu geläutert, und sich eben dadurch Würde und Weisheit erworben
+hat, — der als ein unerschrockener Verkündiger und
+Diener der Wahrheit allen Guten und selbst den Feinden des
+Guten Hochachtung einflößt, und die Kraft des Worts durch
+eigenes Beispiel bestätigt, — der seiner Gemeine Bruder, Freund,
+Wohlthäter und Rathgeber, in seinem Vortrage populär, warm
+und herzlich ist, — durch Bescheidenheit, Einfalt der Sitten,
+Mäßigkeit und Uneigennützigkeit sich als einen würdigen Nachfolger
+der Apostel auszeichnet, — duldsam und billig gegen fremde
+Religions-Verwandte, väterlich nachsichtig gegen Verirrte, kein
+Feind unschuldiger Fröhlichkeit, und dabei in seinem häuslichen
+Kreise ein guter, zärtlicher und weiser Hausvater ist. Allein
+nicht alle und nicht die meisten Diener der Kirche sehen diesem<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span>
+Bilde ähnlich. Menschen ohne Erziehung und Sitten, aus dem
+niedrigsten Pöbel entsprossen, ohne gesunde Vernunft und ohne
+andre Kenntnisse, als die dazu gehören, sich nach einem elenden
+Schlendrian examiniren zu lassen, drängen sich in diesen Stand
+ein, haschen nach reichen Pfründen und Pfarren, und erlauben
+sich, um dahin zu gelangen, alle Arten von Schleichwegen und
+Niederträchtigkeiten. Haben sie nun ihren Zweck erreicht, dann
+fährt der rechte Pfaffen-Geist in sie. Geizig, habsüchtig, träge
+und kriechend, Schmeichler der Großen und Reichen, übermüthig
+und stolz gegen Niedre, voll Neid und Scheelsucht gegen
+ihres Gleichen, sind sie größtentheils daran Schuld, wenn Verachtung
+der heiligsten Religion und ihrer Diener so allgemein
+einreißt. Diese Religion behandeln sie als eine trockne Wissenschaft,
+und ihr Amt als ein einträgliches Gewerbe. Auf dem
+Lande verbauern sie, ergeben sich dem Müßiggange und der
+Bequemlichkeit, und klagen über ungeheure Arbeit, wenn sie
+alle acht Tage einmal von der Kanzel herunter die Zuhörer mit
+ihren dogmatischen, armseligen Spitzfindigkeiten einschläfern.
+Sie angeln nach Geschenken, Erbschaften und Vermächtnissen,
+wie der Teufel nach ihrer Seele. Ihr Ehrgeiz ist unermeßlich;
+ihr geistlicher Stolz, ihr Despotismus, ihre kirchliche Herrschsucht
+ohne Gränzen. Den Eifer für die Religion brauchen sie
+zum Deckmantel ihrer Leidenschaften. Orthodoxie ist die Parole;
+blinder Glaube und Ehre Gottes das Feldgeschrei, wenn sie den
+unschuldigen ruhigen Bürger, der einen Unterschied unter Religion
+und Theologie macht, den Pfaffen nicht schmeichelt, und
+ihnen nicht opfert, bis in den Tod verfolgen wollen. Ihre Feindschaft
+ist unversöhnlich — ich rede aus Erfahrung — gegen Den,
+der sich ihrem eisernen Scepter nicht unterwerfen, oder zu ihren
+Gewissenlosigkeiten nicht schweigen will. Ihre Eitelkeit ist größer,
+als die eines Weibes. Aus Vorwitz und kindischer Neugier schleichen
+sie sich in die Häuser und Familien ein, um sich in Händel
+zu mischen, die sie nichts angehen; um Ränke zu schmieden,
+Zwietracht zu stiften, und im Trüben zu fischen. Niemand versteht
+besser, als sie, die Kunst, ein Vorhaben, mit Ueberwindung
+aller Schwierigkeiten, listig durchzusetzen, ohne das Ansehen
+zu haben, als hätten sie die Hände im Spiele. Geht es auf
+die eine Weise nicht, so greifen sie die Sache am entgegengesetzten
+Ende an, drehen, wenden, bemänteln, verrücken den Gesichtspunkt,<span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span>
+und ruhen nicht eher, als bis sie, zur Befriedigung
+ihrer Herrschsucht, ihrer Rache, oder ihrer Habsucht, den vorgesetzten
+Zweck erreicht haben.</p>
+
+<p>Ihre Predigten, ihre Gespräche und Mienen sind Bann-Strahlen,
+Verdammungs-Urtheile und Drohungen gegen andre
+Religions-Verwandte und gegen Jeden, der das Unglück hat,
+nicht glauben zu können, was sie — oft selbst nicht glauben,
+sondern — nur lehren, weil es Geld einbringt. Sie lauschen
+auf die Fehler ihrer Nebenmenschen, schreien dieselben vergrößert
+aus, oder wo sie das alles nicht öffentlich thun dürfen, da wirken
+sie durch Andere im Verborgenen, oder hängen die Maske
+der Demuth, der Heuchelei, des Eifers für Gottseligkeit und
+gute Sitten vor, um mit sanfter Stimme, mit Klagen und
+Winseln, die Schwachen auf ihre Seite zu bringen, und den
+Weisern und Bessern bei dem Volke verdächtig zu machen. —
+Ja, solche Ungeheuer gibt es leider! unter den Dienern der Kirchen,
+und nicht etwa nur unter Mönchskutten und Jesuitenmänteln,
+— nein! mancher protestantische Pfaffe würde ein zweiter
+Hildebrand seyn, wenn ihm nicht die Flügel beschnitten wären.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Da nun aber hie und da, auch unter den weniger boshaften,
+ja, unter den redlichen Geistlichen, Einige doch einen kleinen
+Anstrich von manchem dieser Fehler, z. B. von geistlichem Stolze,
+von Unduldsamkeit, von Anhänglichkeit an Systemgeist, von
+falschem Priestergeist, von Habsucht, oder von Rachsucht haben:
+so kann es wohl nicht schaden, wenn man gewisse Vorsichtigkeits-Regeln
+beobachtet, die im Umgange mit <em class="gesperrt">allen</em> Personen
+dieses Standes ohne Unterschied nicht überflüßig sind.</p>
+
+<p>Man hüte sich also, ihnen Gelegenheit zu Verketzerungen zu
+geben! Und so wie überhaupt ein verständiger Mann sich enthält,
+über religiöse Gegenstände in Gesellschaften zu plaudern:
+so soll man in Gegenwart eines Geistlichen vorzüglich Acht haben,
+nie ein Wort fallen zu lassen, das übel ausgelegt, und
+als ein Ausfall gegen irgend ein Kirchensystem oder einen Religionsgebrauch
+angesehen werden könnte! Auch besuche man die
+Kirchen, selbst wenn die Art des Gottesdienstes und der Vortrag
+des Predigers unsre Andacht nicht sehr befördern, des Beispiels
+wegen, und um nicht Gelegenheit zu geben, daß man
+uns Gleichgültigkeit gegen die Religion aufbürde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span></p>
+
+<p>Man mache in Gesellschaft nie einen Geistlichen lächerlich,
+möchte er auch noch so viel Veranlassung dazu geben! Auch rede
+man mit Vorsicht von ihnen! Theils machen diese Herren gar
+zu gern ihre eigene Sache zur Sache Gottes; theils verdient
+dieser ehrwürdige Stand auf alle Weise eine Schonung, die
+man wegen der Unwürdigkeit einzelner Mitglieder nicht aus den
+Augen setzen darf; theils kann man durch das Gegentheil die
+verderbliche Verachtung der Religion, die leider so sehr einreißt,
+wider Willen befördern.</p>
+
+<p>Man bezeige hingegen den Geistlichen alle äussere Ehrerbietung,
+die sie nur irgend billiger Weise fordern können, und beleidige
+nicht nur keinen derselben, sondern mache sich auch keines
+Mangels an Höflichkeit gegen sie schuldig!</p>
+
+<p>Man lasse, bei der Entrichtung der ihnen zukommenden Gebühren
+und Abgaben, sich keine Abkürzung, noch Saumseligkeit
+zu Schulden kommen; gebe aber auch, bei Fällen, die öfter eintreten
+können, nicht zu viel! denn die Habsüchtigen unter ihnen
+schreiben gern alles auf, und machen, was die Freigebigkeit
+oder Dankbarkeit that, zum Gesetz, zu einem Recht, das sie
+sogar auf ihre Nachfolger zu vererben trachten.</p>
+
+<p>Man hüte sich, bevor man den Mann nicht recht genau
+kennt, einen Geistlichen von der alltäglichen Art zum Vertrauten
+in häuslichen Angelegenheiten und andern Dingen von Wichtigkeit
+zu machen, und halte ihn entfernt, wenn er sich unberufen
+in dergleichen mischen will!</p>
+
+<p>Man verhindere die zu große Vertraulichkeit der Weiber und
+Töchter mit gewissen Beichtvätern und geistlichen Rathgebern!</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>In Prälaturen und Klöstern muß man den Ton der Herren
+Patrum anzunehmen verstehen, wenn man ihnen willkommen
+seyn will. Ein guter gesunder Appetit, nach Verhältniß eben
+so viel Durst, und die Gabe, ein Gläschen mit Geschmack und
+oft genug ausleeren zu können; ein kurzweiliger Humor; ein
+Witz, der nicht zu fein, sondern ein wenig grobartig seyn muß;
+zuweilen ein Wortspielchen, ein lateinisches Räthsel, eine Anspielung
+auf eine scholastische Spitzfindigkeit, — einige Bekanntschaft
+mit Legenden und Kirchenvätern, — Beifall, durch baucherschütterndes
+Lachen an den Tag gelegt, wenn der Pater Spaßmacher
+(dies Amt pflegt selten unbesetzt zu seyn) einen Schwank<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span>
+hervorbringt, — viel Ehrerbietung gegen den hochwürdigen Herrn
+Prälaten, Guardian, oder Prior, — Bewunderung der Kostbarkeiten,
+Reliquien, Gebäude und Anstalten, — kein Gespräch
+über Aufklärung und Literatur, aber desto mehr über Politik,
+Krieg und Frieden, — Zeitungs-Nachrichten, — Befriedigung
+der Neugier, wenn nach Familien-Umständen und Anekdoten
+geforscht wird, — Vorsichtigkeit, wenn von andern geistlichen
+Orden, besonders von Jesuiten, die Rede ist, — Rang, Ansehen,
+Reichthum, Pracht, Titel, Orden, und mehr als dies
+alles, wo es nöthig ist, Geschenke: — das sind ungefähr die
+Mittel, dort gut aufgenommen zu werden, und sich Achtung
+zu erwerben.</p>
+
+<p>Zu Domherren braucht man größtentheils nur Appetit zum
+Essen und Trinken, muthwillige, ein wenig faunische Laune,
+und tiefes Stillschweigen über gelehrte Gegenstände mitzubringen,
+um ihnen gefällig zu werden.</p>
+
+<p>In Nonnenklöstern, so wie in katholischen und protestantischen
+weiblichen Stiftern, kann man mit einer hübschen, stämmigen
+Figur, mit treuherziger, doch äusserlich anständiger Vertraulichkeit,
+mit einem Sacke voll Mährchen, Neuigkeiten und
+Späßchen auch ziemlich weit kommen.</p>
+
+<p>Von dem Umgange der Religiosen unter sich rede ich nicht;
+darüber ist in den Briefen aus dem Noviciate und in unzähligen
+andern Schriften schon sehr viel Gutes und Treffendes
+gesagt worden.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Fuenftes_Kap.">Fünftes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Wenn der Titel eines Gelehrten nicht heut zu Tage so gemein
+würde, wie der eines <span class="antiqua">Gentleman</span> in England; wenn man sich
+unter einem Gelehrten immer nur einen Mann denken dürfte,
+der seinen Geist durch wahrhaftig nützliche Kenntnisse ausgebildet,
+und diese Kenntnisse zu Veredlung seines Herzens angewendet
+hätte; — kurz einen Mann, den Wissenschaften und
+Künste zu einem weisern, bessern und für das Wohl seiner Mitbürger
+thätigern Menschen gemacht haben; dann brauchte ich<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span>
+hier kein Kapitel über den Umgang mit Gelehrten zu schreiben.
+Bedarf es einer Vorschrift, wie man mit dem Weisen und Edeln
+umgehen soll? An seiner Seite auf die Lehren zu horchen, die
+von seinen Lippen strömen; seine Augen auf ihn gerichtet zu haben,
+um sein Beispiel zur Richtschnur unserer Handlungen zu
+machen; die Wahrheit von ihm zu vernehmen, und dieser Wahrheit
+zu folgen — dieß ist ein Glück, dessen Genuß nicht nach
+Regeln gelernt zu werden braucht. Wenn aber heut zu Tage
+jeder elende Verseschmidt, Compilator, Journalist, Anekdoten-Jäger,
+Uebersetzer, Plündrer fremder literarischer Güter, und
+überhaupt Jeder, der die unbegreifliche Nachsicht unsers Publikums
+zu mißbrauchen, sich nicht schämt, um ganze Bände voll
+Unsinn, Thorheit und Wiederholung längst besser gesagter Dinge
+drucken zu lassen, sich selber einen Gelehrten nennt; wenn die
+Wissenschaften nicht nach dem Grade ihrer Nützlichkeit für die
+Welt, sondern nach dem veränderlichen leichtfertigen Geschmacke
+des lesenden Pöbels geschätzt, und spekulative Grillen Weisheit
+genannt werden, fieberhafte Phantasie für Schwung und Begeisterung
+gilt; wenn ein Knabe, der sein sinnloses Gewäsch in
+abwechselnd kurzen und langen Zeilen in einen Musen-Almanach
+einrücken läßt, ein Dichter heißt; wenn der Mensch, der
+mit seinen Fingern ein Gewühl von falschen Tönen, ohne Verbindung
+und Ausdruck, den Saiten entlockt, ein Tonkünstler;
+der, welcher schwarze Punkte, in Abschnitte eingetheilt, auf Papier
+setzen kann, ein Componist; der, welcher auf Brettern
+herumspringt, ein Tänzer genannt wird: dann muß man wohl
+ein Paar Worte darüber sagen, wie man sich im Umgange mit
+solchen Menschen zu betragen hat, wenn man nicht für einen
+Mann ohne Geschmack und Kenntniß angesehen seyn, und Jedem
+das Seinige geben will.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Beurtheile nicht den moralischen Charakter des Gelehrten
+nach dem Inhalte seiner Schriften! Auf dem Papiere sieht der
+Mann oft ganz anders aus, als in Natura. Auch ist das nicht
+so übel zu nehmen. Am Schreibtische, wo man die ruhigste Gemüthsverfassung
+wählen kann, wenn keine stürmische Leidenschaften
+unsern Geist aus seiner Fassung bringen: da lassen sich
+herrliche Vorschriften geben, die nachher in der wirklichen Welt,
+wo Reizung, Ueberraschung und Verführung von Seiten der<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span>
+berüchtigten drei geistlichen Feinde uns hin und her treiben, nicht
+so leicht zu befolgen sind. Also soll man freilich <em class="gesperrt">den</em> Mann,
+der Tugend predigt, darum nicht immer für ein Muster von
+Tugend halten, sondern auch bedenken, daß er ein Mensch
+bleibt; ihm wenigstens dafür danken, daß er vor Fehlern warnt,
+wenn er selbst auch nicht stark genug ist, diese Fehler zu vermeiden;
+und es würde unbillig seyn, ihn deswegen für einen Heuchler
+zu halten (obgleich es eben so unbillig wäre, ohne Beweis
+vorauszusetzen, er thue das Gegentheil von dem, was er lehrt,
+oder man müsse seine Worte anders auslegen, als sie lauten).
+Von der andern Seite soll man auch nicht die Grundsätze, die
+ein Schriftsteller den Personen seiner eigenen Schöpfung in den
+Mund legt, als seine eignen ansehen, noch einen Mann deswegen
+für einen Bösewicht, oder Faun, oder Menschenhasser halten,
+weil seine üppige Phantasie, sein feuriges Blut ihn verleitet,
+irgend einen boshaften Charakter von einer glänzenden Seite
+darzustellen, oder eine wollüstige Scene mit lebhaften Farben
+zu schildern, oder mit Bitterkeit über Thorheiten zu spotten. Er
+thäte wohl besser, wenn er das unterließe, aber er ist darum
+noch kein schlechter Mann; und so wie man bei hungrigem Magen
+Götter-Mahlzeiten schildern kann, so kenne ich Dichter, die
+den Wein und die sinnliche Liebe mit allem Feuer besingen, und
+dennoch die mäßigsten, keuschesten Menschen sind; kenne Schriftsteller,
+die Greuel von Schandthaten mit der treffendsten Wahrheit
+dargestellt haben, und dennoch Rechtschaffenheit und Sanftmuth
+in ihren Handlungen zeigen; kenne endlich Satyriker,
+voll Menschenliebe und Wohlwollen.</p>
+
+<p>Eine andre Art von Ungerechtigkeit gegen Schriftsteller und
+Künstler begeht man, wenn man von ihnen erwartet, sie sollen
+auch im gemeinen Leben nichts als Kernsprüche reden, nichts
+als Weisheit und Gelehrsamkeit predigen. Der Mann, der am
+glänzendsten von einer Kunst schwatzt, ist darum nicht immer
+der, welcher die gründlichsten Kenntnisse davon besitzt. Es ist
+nicht einmal angenehm, und schmeckt nach Pedanterei, wenn
+wir Jeden ohne Unterlaß von unsern eignen Lieblings-Beschäftigungen
+unterhalten. Man geht in Gesellschaften, um sich zu
+zerstreuen, um auch einmal Andre, nicht sich selbst, zu hören.
+Nicht Jeder hat so viel Gegenwart des Geistes, um mitten im
+Getümmel, und wenn er durch Fragen und Vorwitz überrascht<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span>
+wird, mit Würde und Bestimmtheit von Gegenständen zu reden,
+die er vielleicht zu Hause in seinem einsamen Zimmer mit der
+größten Klarheit durchschauet. Und dann gibt es auch Gesellschaften,
+in welchen die Leute so gänzlich anders, als wir, gestimmt
+sind; die Dinge von so durchaus andern Seiten ansehen,
+daß es nicht möglich ist, in dem ersten Augenblicke sich so zu
+fassen, daß man etwas Gescheidtes auf das antworte, was sie
+uns vortragen. Auch hat ja ein Gelehrter, so gut wie ein anderer
+Erdensohn, seine Launen, ist nicht stets gleich aufgelegt zu
+wissenschaftlichen und überhaupt zu solchen Gesprächen, die
+Nachdenken erfordern; oder die Menschen, die er um sich sieht,
+behagen ihm nicht, scheinen ihm keines Aufwandes von Verstand
+und Witz würdig.</p>
+
+<p>Es ist ein recht garstiger Zug in dem Charakter unsers lesenden
+Publikums (wenn es anders erlaubt ist, einem Publikum
+einen Charakter zuzuschreiben), daß man so gern von guten
+Schriftstellern und überhaupt von Männern, die sich Ruf erworben
+haben, ärgerliche Anekdoten aufsammelt, um ihnen einen
+Grad der öffentlichen Achtung zu entziehen, wenn ihre
+Schriften ihnen Bewundrer gewonnen, wenn ihre Talente die
+Aufmerksamkeit verständiger Menschen mehr auf sie, als auf
+Männer gleiches Standes, gezogen haben; ja, es gibt sogar
+eine gewisse Art von Kleinstädterei, welche darin besteht, daß
+man sich den Schein gibt, auf den Mann mit Verachtung zu
+blicken, dem es gelungen ist, durch gute literarische Produkte,
+auswärts, d. h. ausser dem Kreise der Herren Vettern und
+Frauen Basen seinen Namen bekannt zu machen. Daß man
+einen Solchen im Vaterlande nicht aufkommen, auch allenfalls
+darben lasse, das finde ich ganz in der Ordnung der menschlichen
+Dinge; aber seinen moralischen Charakter aus Neid verdächtig
+machen, und ihn, wenn er auch noch so demüthig,
+noch so anspruchslos seinen stillen Gang fortgeht, durch Verachtung
+mißhandeln: das ist doch zu hart, aber es geschieht hie und
+da, besonders in einigen minder großen Städten.</p>
+
+<p>Spricht aber ein Gelehrter, ein Künstler gern und viel von
+seinem Fache, so nimm ihm auch das nicht übel auf! Die unglückliche
+Polyhistorei, die Wuth, auf allen Zweigen der Wissenschaften
+und Künste herumzuhüpfen und über alles abzuurtheilen,
+ist nicht eben das, was unserm Zeitalter am meisten<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span>
+Ehre macht; und wenn es langweilig ist, einem Manne zuzuhören,
+der alle Gespräche auf seinen Lieblings-Gegenstand zu
+lenken sucht, und sich unaufhörlich auf seinem Steckenpferde
+herumtummelt, so ist es mehr als langweilig, es ist empörend,
+wenn ein Schwätzer entscheidende Urtheile über Dinge ausspricht,
+die gänzlich ausser seinem Gesichtskreise liegen; wenn
+der Priester über Politik, der Jurist über das Theater, der Arzt
+über Malerei, die Kokette über philosophische oder religiöse Gegenstände,
+der süße Herr über Strategie sich hören läßt. Erlaube
+dem Manne, der etwas Gründliches gelernt hat, mit Leidenschaft
+von seiner Kunst, von seiner Wissenschaft zu reden; ja,
+gib ihm Gelegenheit dazu! Man ist wahrlich recht viel werth in
+der Welt, wenn man — doch übrigens bei gesundem Hausverstande
+— <em class="gesperrt">ein</em> Fach aus dem Grunde versteht; und mir ekelt
+vor den grassirenden encyclopädischen Wörterbüchern; mir ekelt
+vor den allwissenden, aburtheilnden jungen Herren, die den bescheidenen,
+zweifelnden Forscher mit Machtsprüchen zu Boden
+schlagen, und die besonders von liebenswürdigen gelehrten Damen
+unterhaltend gefunden, und eben dadurch ganz unausstehlich
+werden.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Haben die Gelehrten weniger Vorurtheile, als andere Menschen;
+so hängen sie dagegen um desto fester an denjenigen,
+welche ihnen einmal eigen sind. Man muß daher sehr behutsam
+mit ihnen umgehen. Nichts wird leichter gekränkt, als die Eitelkeit
+eines Gelehrten. Man muß sogar alle Zweideutigkeiten
+in den Lobeserhebungen vermeiden, die man an sie ausspendet.</p>
+
+<p>Die mehrsten Schriftsteller verzeihen es uns leichter, wenn
+wir ihren sittlichen Charakter, als wenn wir ihren Ruf in der
+gelehrten Welt antasten. Willst Du daher in Frieden leben, so
+sey vorsichtig in Beurtheilung ihrer Produkte! Selbst dann,
+wenn sie Dich um Deine Meinung darüber fragen, so hast Du
+dieß klüglich und demüthiglich so auszulegen, als bäten sie Dich
+um einen Lobspruch und eine Schmeichelei. Den Fall ausgenommen,
+wenn Freundschaft Dich zu völliger Offenherzigkeit
+verpflichtet, rathe ich wohlmeinend da, wo Du nicht ohne Niederträchtigkeit
+loben kannst, wenigstens etwas zu sagen, was
+die beleidigte Eitelkeit nicht als einen Tadel auslegen kann.</p>
+
+<p>Fast noch ungnädiger pflegen es die gelehrten oder vielmehr<span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span>
+schreibenden Herren aufzunehmen, wenn man gar nichts von
+ihrer Autorschaft weiß, gar nichts von ihnen gelesen, oder wenn
+man sie im gemeinen Leben nicht anders, als Jeden behandelt,
+der auf andre Weise der Welt nützlich wird; endlich, wenn man
+Grundsätze äussert, die nicht in ihr System passen, die mit denen
+streiten, zu deren Behauptung sie so manchen Bogen Papier
+mit Buchstaben versehen haben. Hüte Dich vor diesem allen,
+wenn Du einen Schriftsteller nicht beleidigen willst! Allein
+unterscheide auch wohl, welchen Mann Du vor Dir hast: groß,
+klein oder mittelmäßig! Alle riechen den Weihrauch gern, der
+ihnen gestreuet wird; aber nicht jeden darf man auf gleich grobe
+Art einräuchern. Der Eine nimmt fürlieb, wenn Du es ihm
+grade in's Gesicht sagst: er sey ein großer Mann; der Andre ist
+zufrieden, wenn Du nur ohne Widerspruch erlaubst, daß er dieß
+selbst von sich sage; der Dritte verlangt nichts von Dir, als
+Hiobs Geduld, wenn er Dir seine elenden Produkte vorlieset;
+den Vierten kitzelt eine kleine vortheilhafte Anspielung auf irgend
+eine Stelle aus seinen Schriften; dem Fünften behagt äussere
+ausgezeichnete Ehrerbietung, wenn auch von seiner Autorschaft
+nicht ausdrücklich Erwähnung geschieht; und ein Sechster endlich
+— es sey mir erlaubt, neben Diesem mein Plätzchen zu nehmen
+— begnügt sich, wenn die wenigen Edeln ihm die Gerechtigkeit
+widerfahren lassen, zu glauben, daß es ihm wenigstens
+um Wahrheit und Tugend zu thun sey, daß er nichts geschrieben
+habe, dessen sein Herz sich zu schämen braucht, und daß, wenn
+seine Werke keine Meisterstücke sind, sie doch nicht ausschließlich
+zu Makulatur sich eignen.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Lustig anzusehen aber ist es, wenn zwei Schriftsteller sich
+einander mündlich oder schriftlich loben und preisen, vortheilhafte
+Recensionen gegenseitig erschleichen, sich bei lebendigem
+Leibe einbalsamiren, und einander eine glänzende Ewigkeit zusichern.
+Auch mag ich wohl ein ruhiger Zuschauer seyn, wenn
+ein paar Leute zusammenkommen, die gern von einander bewundert
+werden möchten, oder die sehr viel Gutes von einander
+gehört haben. Wie sie sich drehen und wenden, um sich wechselsweise
+die schwache Seite abzujagen! Wenn sie nun aus einander
+gehen, zeigt sich immer, daß der Eine den Andern vortrefflich
+findet, wenn dieser ihm entweder Gelegenheit gegeben<span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span>
+hat, seine Talente auszukramen, oder wenn beide Narren sich
+auf ähnlichen sympathetischen Thorheiten ertappt haben.</p>
+
+<p>Nicht so lustig aber ist der Anblick des Unwesens, das man
+so oft unter Gelehrten wahrnimmt, die entweder, wegen der
+Verschiedenheit ihrer Meinungen und Systeme, sich vor dem
+ehrsamen Volke der geneigten Leser wie Bettelbuben herumzanken,
+oder, wenn sie an demselben Orte leben, und in demselben
+Fache auf Ruhm Anspruch machen, einander verfolgen, hassen,
+sich gegenseitig auch nicht die mindeste Gerechtigkeit widerfahren
+lassen; wie Einer den Andern zu verkleinern und bei dem Publikum
+herabzusetzen sucht. — Pfui der Niederträchtigkeit! Ist denn
+die Quelle der Wahrheit nicht reich genug, um zugleich den Durst
+vieler Tausende zu stillen? und dürfen Neid, Scheelsucht und
+pöbelhafte Erbitterung auch solche Geister herabwürdigen, die
+der Weisheit geweiht sind? — Doch hierüber ist schon oft so
+vieles gesagt worden, daß ich es für besser halte, einen Vorhang
+vor solche gelehrte Selbstbeschimpfungen zu ziehen, die leider in
+unsern Zeiten nicht selten gesehen werden.<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a></p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>Es gibt Leute, die sich dadurch ein Gewicht zu geben suchen,
+daß sie sich ihrer Verbindung, ihrer Verwandtschaft, Freundschaft,
+oder ihres Briefwechsels mit Gelehrten rühmen. Das ist
+eine Thorheit, der man sich enthalten sollte, weil sie sich dem
+Spotte preisgibt. Ein Mann kann große Verdienste als Schriftsteller
+haben, ohne daß uns desfalls eine genaue Verbindung
+mit seiner Person Ehre macht. Man ist auch darum nicht gleich
+weise und gut, wenn Weise und Edle uns mit Nachsicht und
+Freundlichkeit behandeln.<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> Auch kann ich das unmäßige und
+luxuriöse Citiren und Berufen auf fremde Autoritäten, wie überhaupt
+alles Prahlen und Schmücken mit fremden Federn nicht
+leiden. Das mittelmäßigste selbst Gedachte und mit Ueberzeugung<span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span>
+Gefühlte ist für uns mehr werth, als das Vortrefflichste,
+was wir bloß nachlallen.</p>
+
+<h4>6.</h4>
+
+<p>Unter den heutigen sogenannten Gelehrten muß man billig
+einigen unsrer Journalisten und Anekdoten-Sammler einen gewissen
+Rang einräumen, weil sie nun einmal die erklärten Lieblinge
+des leselustigen Publikums sind, und dieses gutmüthig oder
+verblendet genug ist, ihnen alles aufs Wort zu glauben. Mit
+diesen Leuten aber ist eine ganz besondere Vorsicht im Umgange
+nöthig. Sie stehen gemeiniglich, bei geringem Vorrathe von
+eigner Gelehrsamkeit, im Solde irgend einer herrschsüchtigen
+Parthei oder eines Anführers derselben, sey es nun von politischen
+Ketzermachern, Orthodoxen, Schwärmern, Vernunft-Feinden,
+Mystikern, oder wovon es immer sey. Dann ziehen sie
+durch's Land, um Mährchen zu sammeln, die sie nach Gelegenheit
+Dokumente nennen, oder mit dem Schwerte der Verleumdung
+Jeden zu verfolgen, der nicht zu ihrer Fahne schwören
+will; Jedem den Mund zu stopfen, der es wagt, an ihrer Unfehlbarkeit
+zu zweifeln. Ein einziges Wörtchen, das nicht in ihr
+System paßt, und das sie irgendwo auffangen, gibt ihnen reichen
+Stoff zu Verketzerungen, zu unwürdigen Neckereien, zu
+Verfolgungen der besten, sorglosesten und arglosesten Menschen.
+Sey behutsam im Reden, wenn ein Solcher Dich
+freundlich besucht, und denke beständig und klüglich daran,
+daß er Dich abhört, um bei Gelegenheit dem Publikum haarklein
+alles zu berichten, was er bei Dir gesehen und gehört
+hat! Der Mann, der dies Handwerk in Deutschland am ärgsten
+und ärgerlichsten treibt, und gegen den alle Art von rechtlicher
+und handfester Hülfe vergebens angewendet wird; dieser
+Mann heißt — ich muß ihn hier öffentlich nennen — heißt —
+Anonymus, auch Redacteur, und ist ein gar sonderbarer Mann.
+Da er sich, wie Cartouche, in so vielfache Gestalten umzuformen
+weiß, daß kein Steckbrief auf ihn paßt: so rathe ich, jeden
+Unbekannten, der gewisse Mode-Wörter, wie z. B. gefährliche
+und schädliche Aufklärung, Publicität, Denkfreiheit, Toleranz,
+oder Gefahr für den einzig seligmachenden Glauben,
+höhere Wissenschaften, Magnetismus, oder dergleichen gar zu
+oft im Munde führt, fürerst für jenen Herrn Anonymus zu halten,
+der ein garstiger, schadenfroher Spitzbube ist, und umhergeht,<span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span>
+wie ein brüllender Löwe, um zu suchen, wen er verschlingen
+mögte.</p>
+
+<h4>7.</h4>
+
+<p>Mit Tonkünstlern, einer gewissen nicht sehr anziehenden
+Gattung von Dichtern, Componisten, Tänzern, Schauspielern,
+Malern und Bildhauern ist der Fall ein ganz anderer. Diese
+sind — es versteht sich auch hier, daß ich in jeder Klasse die
+Bessern ausnehme — wohl keine gefährliche, aber desto eitlere
+und oft sehr zudringliche und unzuverlässige Leute. Weit entfernt,
+zu fühlen, daß die schönen Künste, obgleich man ihnen
+nicht den Einfluß auf Herz und Sitten absprechen kann, doch
+am Ende zum Hauptzwecke nur das <em class="gesperrt">Vergnügen</em> haben, folglich,
+in Ansehung ihres Einflusses auf das Glück der Welt, den
+höhern, wichtigern, ernsthaftern Wissenschaften nachstehen müssen;
+weit entfernt, zu fühlen, daß man, um wahrhaftig den
+Titel eines großen Mannes zu verdienen, mehr verstehen und
+mehr müsse bewirken können, als Augen zu vergnügen, Ohren
+zu kitzeln, Phantasien zu erhitzen, und Herzchen in Aufruhr zu
+bringen, sehen sie ihre Kunst als das Einzige an, was des Bestrebens
+eines vernünftigen Menschen werth wäre; und es muß
+uns nicht befremden, wenn ein Tänzer, der höher besoldet wird,
+als ein Staatsminister, herzlich bedauert, daß dieser nichts Besseres
+gelernt habe. Der philosophischen Künstler, so wie Georg
+Benda einer war; der bescheidnen Virtuosen, wie der edle Fränzl
+in Mannheim und sein liebenswürdiger Sohn; der verständigen,
+mit allen Privat-Tugenden geschmückten Maler, wie Tischbein;
+der Schauspieler, bei denen Kopf, Herz und Sitten gleich
+viel Hochachtung verdienen, wie der unnachahmliche Schröder, —
+solcher Männer gibt es nicht so gar viele unter ihnen. Ich rathe
+desfalls, einen äusserst vertrauten Umgang mit dieser Menschen-Klasse
+nur nach der strengsten Auswahl zu suchen. <span class="antiqua">Cantores
+amant humores</span>, das heißt: auf ein Liedchen schmeckt ein
+Schlückchen. Sänger, Dichter u. dergl. lieben das Wohlleben,
+und das kann uns nicht wundern. Es gibt wohl eine Art von
+Begeisterung, zu der sich die Seele bei der einfachsten, mäßigsten
+Lebensart erheben kann; und, die Wahrheit zu gestehen,
+das ist wohl die einzige, deren Früchte auf Unsterblichkeit Anspruch
+machen dürfen. Hoher Schwung des Genius hinauf zu
+der heiligen, reinen Quelle, aus welcher er entsprungen, ist<span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span>
+freilich von ganz anderer Art, als Spannung der Nerven, Erhitzung
+der Phantasie durch Reizung der Sinne; und man sieht
+es solchen Werken, wie Klopstocks Messias und Schillers Don
+Carlos sind, bald an, daß ihr Feuer nicht aus der Champagner-Flasche
+ist gezogen worden. Allein wie wenig Künstler werden
+von jener bessern Glut entzündet! Ihre, durch unordentliche
+Aufführung und unglückliche äussere Verhältnisse geschwächte
+Maschine fordert, wenn sie den Geist nicht ganz niederdrücken
+soll, gewaltsame Stärkungs-, oder vielmehr Berauschungs-Mittel.
+Dieß treibt sie zuerst zu einem, den sinnlichen Freuden gewidmeten
+Leben. Dazu kömmt, daß Der, welcher einmal die
+schönen Künste zu seinem einzigen Berufe gemacht hat, selten
+noch Geschmack an ernsthaften Geschäften findet, — daß diese
+ihm äusserst trocken scheinen; und da man doch nicht immer
+singen, geigen, pfeifen und pinseln kann, so bleiben viel Stunden
+des Tages auszufüllen, welche dann dem Wohlleben geopfert
+werden. An weise Vertheilung und Anwendung der Zeit, an
+Aufsuchung eines lehrreichen und vernünftigen Umgangs denken
+also diese Herren selten; und sie schätzen den Mann, der ihnen
+sinnlichen Genuß in reichem Maaße gewährt, und ihnen dabei
+schmeichelt, höher, als den Weisen, der sie auf den Weg der
+Wahrheit und Ordnung führt. Jenem drängen sie sich auf; Diesen
+fliehen sie. Bei dem allgemein einreissenden faden Geschmacke
+unseres Zeitalters, bei der Vernachlässigung nützlicher Wissenschaften,
+ist dieß, wie ich glaube, ein Wort zu seiner Zeit geredet,
+möchte man mich auch deswegen für einen Pedanten halten!
+Jeder seichte Kopf, der nur ein weiches Herz hat, und der
+den edlen Müßiggang und ein lüderliches Leben liebt, legt sich
+heut zu Tage auf die schönen Wissenschaften, glaubt Beruf zum
+Künstler zu haben, macht Verse, schreibt für das Theater, spielt
+ein Instrument, componirt, pinselt; — und so muß denn am
+Ende der Geschmack ausarten, und die Kunst verächtlich werden.
+Deswegen sehen wir auch ganze Heerden solcher Künstler
+herumlaufen, die nicht einmal mit den ersten theoretischen Grundsätzen
+ihrer Kunst bekannt sind: Musiker, die nicht wissen, aus
+welcher Tonart sie spielen; die nichts vorzutragen verstehen, als
+was sie auf ihrer Geige oder Pfeife auswendig gelernt haben;
+Künstler ohne philosophischen Geist, ohne gesunde Vernunft,
+ohne Studium, ohne wahres Natur-Gefühl, aber dagegen mit<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span>
+desto mehr Selbstgenügsamkeit und edler Dreistigkeit ausgerüstet;
+unter sich von Brodneid entbrannt; neidisch auf einen Liebhaber,
+der ihr Hauptstudium nur als Nebensache treibt, und dennoch
+mehr davon weiß, als sie, die weiter nichts gelernt haben.
+Hat ein solcher aber Anhang unter den Leuten nach der Mode,
+genießt er den Schutz der anmaßlichen Kenner, so wage man es
+ja nicht, laut zu sagen, daß er ein Stümper sey, wenn man
+nicht für einen unwissenden Menschen gelten, und alle Dilettanten
+gegen sich aufbringen will! Allein wem ekelt nicht vor
+der Menge solcher vornehmen und geringen Dilettanten, vor
+ihren schiefen Urtheilen, vor ihrem albernen Gewäsche? Willst
+Du Dich bei diesem wilden Haufen beliebt machen, so mußt
+Du die Geduld haben, ihren Unsinn anzuhören, oder gar die
+Niederträchtigkeit begehen, ihn zu loben, und ihren Machtsprüchen
+beizupflichten. Willst Du Dich aber bei ihnen in Ansehen
+setzen, so sey ja nicht bescheiden, sondern eben so unverschämt,
+wie sie! Entscheide mit Kühnheit! Tritt mit Zuversicht mitten
+unter die größten Männer! Dränge Dich hervor! Thu, als
+seyest Du äusserst ekel in Deinem Geschmacke; als sey es schwer,
+den Beifall Deines verwöhnten Auges und Ohrs zu gewinnen!
+Rede von dem allgemeinen Rufe, in welchem Deine Kenntnisse
+stünden! Verachte, was Dir zu hoch ist! Schüttle bedeutend
+mit dem Kopfe, wenn Du nichts Passendes zu sagen weißt!
+Begegne dem Anfänger mit Uebermuthe! Schmeichle vornehmen,
+reichen, mächtigen Dilettanten und Mäcenaten! Befördre
+die Lust an Spielwerken und Kleinigkeiten, an niedlichen
+Rondo's, an Bierhaus-Menuetten, mitten in ernsthaften Stücken;
+an buntschäckigtem Colorit, an Sinn-Gedichtchen, an Bombast
+und leerer Phraseologie, an Schauspielen voll Gräuel, Verwickelung
+und Uebertreibung! — So kannst Du Dein Schärflein
+zum allgemeinen Verderbnisse des Geschmacks redlich beitragen!
+Fühlst Du aber Kraft in Dir, und hast nicht Ursache,
+Menschen zu scheuen, so widersetze Dich dem Unwesen! Eifre
+gegen diese Erbärmlichkeiten, aber eifre mit Gründen, und rücke
+den <em class="gesperrt">Midassen</em> unserer Zeit die großen Perücken und Narren-Kappen
+zurück, damit man ihre langen Ohren sehe, und sich
+nicht durch ihre Amtsgesichter täuschen lasse! Traurig ist es indessen,
+daß auch der wahrhaftig große Künstler heut zu Tage
+zum Theil diese Wege einschlagen muß, wenn er nicht dem<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span>
+Marktschreier das Feld räumen will; daß er oft Natur, Bescheidenheit,
+Einfalt und Würde, der Mode und dem Vorurtheile
+aufzuopfern, sich mit falschem Glanze auszurüsten, sich zum
+Windbeutel und Spaßmacher zu erniedrigen gezwungen ist, um
+zu gefallen und Brod zu finden. Uebel ist auch oft der Künstler,
+besonders der Musiker, daran, wenn er in eine Gesellschaft von
+Leuten geräth, die ihn bewundern wollen, die ihn bitten, sich
+vor ihnen hören zu lassen, und die denn doch weder Aufmerksamkeit,
+noch Kenntniß der Kunst haben. Abschlagen darf er es
+nicht, wenn er nicht will für eigensinnig gehalten werden, und
+doch fühlt er, daß er seine Perlen den Säuen vorwirft. Er setzt
+sich an das Klavier, spielt das sanfteste Adagio, und nun brüllen
+die zuhörenden Liebhaber mitten in der rührendsten Stelle
+überlaut: »O! das ist gar schön! vortrefflich!« — und darüber
+geht die Stelle verloren. — Merke dir's, liebes Publikum,
+daß du dir solche Unarten abgewöhnen, und nicht bloß ein geehrtes,
+sondern auch ein ehrenwerthes Publikum seyn sollst.</p>
+
+<h4>8.</h4>
+
+<p>Nun noch ein Wort zur Warnung für den Jüngling, in
+Betracht der Künstler, besonders der Schauspieler, nämlich derjenigen
+von gemeiner Art! Ich habe vorhin gesagt, daß der vertraute
+Umgang mit den mehrsten derselben, von Seiten ihrer
+Kenntnisse, ihres sittlichen Lebens und ihrer ökonomischen Umstände,
+für Kopf, Herz und Geldbeutel nicht sehr vortheilhaft
+seyn könne; allein noch in andern Rücksichten ist hier Vorsicht
+zu empfehlen. — Wenn man weiß, welch ein warmer Verehrer
+der schönen Künste ich selbst bin: so wird man mir wohl nicht
+Schuld geben, daß es aus Vorurtheil oder Kälte geschehe, wenn
+ich dem Jünglinge rathe, mäßig im Genuß der schönen Künste,
+mäßig im Genusse des Umgangs mit den gefälligen Musen und
+deren Priestern zu seyn. — Musik, Poesie, Schauspielkunst,
+Tanz und Malerei, wirken freilich wohlthätig auf das Herz.
+Sie machen es weich und empfänglich für manche edle Gefühle:
+sie erheben und bereichern die Phantasie, schärfen den Witz, erwecken
+Fröhlichkeit und Laune, mildern die Sitten und befördern
+die geselligen Tugenden. Allein eben diese herrlichen Wirkungen
+können, wenn sie übertrieben werden, manchfaltiges
+Elend veranlassen. Ein zu weiches, weibisches, bei wahren und
+eingebildeten, eignen und fremden Leiden sogleich in Aufruhr<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span>
+gerathendes Gemüth ist wahrlich ein trauriges Geschenk. Ein
+Herz, das, empfänglich für jeden Eindruck, wie ein Rohr, von
+manchfaltigen Leidenschaften hin und her bewegt, jeden Augenblick
+von andern sich durchkreuzenden Empfindungen hingerissen
+wird; ein Nerven-System, auf welchem jeder Betrüger, der
+nur den rechten Ton zu treffen weiß, nach Gefallen spielen
+kann: — das alles wird uns da, wo es auf Festigkeit, unerschütterlichen
+Muth, auf Ausdauern und Beharrlichkeit ankömmt,
+sehr zur Last. Eine zu warme, zu hochfliegende Phantasie, die
+allen unsern geistigen Anstrengungen einen romanhaften Schwung
+gibt, und uns in eine Ideen-Welt versetzt, kann uns in der
+wirklichen Welt theils sehr unglücklich, theils zu gänzlich unbrauchbaren
+Menschen machen. Sie spannt uns zu Erwartungen,
+erregt Forderungen, die wir nicht befriedigen können, und
+erfüllt uns mit Ekel gegen alles, was den Idealen nicht entspricht,
+nach welchen wir in der Bezauberung wie nach Schatten
+greifen. Ein üppiger Witz, eine schalkhafte Laune, die nicht
+unter der Vormundschaft einer keuschen Vernunft stehen, können
+nicht nur leicht auf Kosten des Herzens ausarten, sondern
+würdigen uns auch herab, verleiten zu Spielwerken, so daß wir,
+statt der höhern Weisheit und nüchternen Wahrheit nachzustreben,
+und unsre Denkkraft auf wahrhaftig nützliche Gegenstände
+zu verwenden, nur den Genuß des Augenblicks suchen, und
+statt, mitten durch die Vorurtheile hindurch, in das Wesen der
+Dinge einzudringen, uns bei den glänzenden Aussenseiten verweilen.
+Fröhlichkeit kann in Zügellosigkeit, in Streben nach
+immerwährendem Taumel übergehen. Milde Sitten verwandeln
+sich nicht selten in Weichlichkeit, in übertriebene Geschmeidigkeit,
+in niedre, unverantwortliche Gefälligkeit, die alles Gepräge
+vom männlichen Charakter abschleifen; und ein Leben,
+das bloß den geselligen Freuden und dem sinnlichen Vergnügen
+gewidmet ist, verleidet uns jede ernsthafte Beschäftigung, und
+entreißt uns den edlen und dauernden Genuß, der durch Ueberwindung
+großer Schwierigkeiten und durch anhaltende Anstrengung
+gewiß nicht zu theuer erkauft werden muß; es macht uns
+die für Geist und Herz so wohlthätige Einsamkeit unerträglich,
+raubt uns die glückselige Empfänglichkeit für ein stilles häusliches,
+den Familien- und bürgerlichen Pflichten gewidmetes Daseyn
+— mit <em class="gesperrt">einem</em> Worte: wer sich gänzlich den schönen Künsten<span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span>
+widmet, und mit den Priestern ihrer Gottheiten sein ganzes
+Leben verschwelgt, der läuft Gefahr, sein wahres dauerhaftes
+Wohl zu verscherzen, und seinem Leben jeden Werth und jede
+Würze, seinem Bewußtseyn jede Seligkeit, seinem Lebensmuthe
+jede Nahrung zu entreissen, und in den späteren Jahren des
+Lebens im Ueberdruß zu verschmachten. Alles, was ich hier gesagt
+habe, trifft vorzüglich bei dem Theater und bei dem Umgange
+mit Schauspielern ein. Wenn unsere Schauspiele das
+wären, wofür man sie so gern ausgeben mag, eine Schule der
+Sitten, wo uns auf eine gefällige und treffende Weise unsre
+Verirrungen und Thorheiten dargestellt und an das Herz gelegt
+würden; ja, dann könnte es rathsam seyn, die Bühne oft zu
+besuchen, und den Umgang mit Männern zu wählen, welche
+man als Wohlthäter ihres Zeitalters ansehen müßte. Man darf
+aber nicht das Theater nach demjenigen beurtheilen, was es
+<em class="gesperrt">seyn könnte</em>, sondern nach dem, <em class="gesperrt">was es ist</em>. Wenn in unsern
+Lustspielen die komischen Züge der Narrheit so übertrieben
+geschildert sind, daß niemand das Bild seiner eignen Schwachheiten
+darin erkennt; wenn romanhafte Liebe darin begünstigt
+wird; wenn junge Phantasten und verliebte Mädchen daraus
+lernen, wie man die alten vernünftigen Väter und Mütter betrügen
+und überlisten soll, die zur ehelichen Glückseligkeit ein
+wenig mehr, als eingebildete Sympathie und vorübergehenden
+Liebes-Rausch fordern; wenn in unsern Schauspielen der Leichtsinn
+im gefälligen Gewande erscheint, vornehmes Laster in Glanz
+und Hoheit auftritt, und, durch einen Anstrich von Größe und
+Kraft, Bewundrung erzwingt; wenn im Trauerspiele unser
+Auge mit dem Anblick der ärgsten Greuel vertraut; wenn unsere
+Einbildungskraft an Erwartung wunderbarer, feenmäßiger
+Entwickelungen und Auflösungen gewöhnt wird; wenn man
+uns in den Opern dahin bringt, auf alle Täuschung Verzicht
+zu leisten, und Vernunft und Geschmack unter den Glauben an
+die Göttlichkeit der Tonkunst gefangen zu nehmen; wenn der
+elendeste Fratzen-Schneider, die ungeschickteste Dirne, in so fern
+sie Anhang unter dem Volke haben, allgemeine Bewunderung
+einernten; wenn endlich, um alle diese nichtigen Zwecke zu erlangen,
+unsre Theater-Dichter sich über Wahrscheinlichkeit, ächte
+Natur, weise Kunst und Anordnung hinwegsetzen, und sich folglich
+der Zuschauer in dem Falle befindet, im Schauspielhause<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span>
+keine Nahrung für den Geist, sondern nur Zeitverkürzung und
+sinnlichen Genuß zu suchen: — wer wird sich's da nicht zur
+Pflicht machen, Jünglingen und Mädchen den sparsamsten Genuß
+dieser Vergnügungen zu empfehlen? Und nun, was die
+Schauspieler betrifft: ihr Stand hat sehr viel Blendendes. Freiheit,
+Unabhängigkeit von dem Zwange des bürgerlichen Lebens,
+gute Bezahlung, Beifall, Vorliebe des Publikums, Gunst und
+die schöne Gelegenheit, einem glänzenden Publikum Talente zu
+zeigen, die sonst vielleicht auf immer versteckt geblieben wären;
+Schmeichelei; die Freuden der Tafel bei reichen und gastfreien
+Liebhabern der Kunst; viel Muße; Gelegenheit, Städte und
+Menschen kennen zu lernen: — das alles kann wohl einen Jüngling,
+der mit einer unangenehmen Lage, oder mit einem zerrütteten
+Gemüthe, mit übel geordneten Leidenschaften und Begierden
+kämpft, in Versuchung führen, diesen Stand zu wählen,
+besonders, wenn er in vertrauten Umgang mit Schauspielern
+und Schauspielerinnen geräth. Aber nun die Sache näher betrachtet!
+Was für Menschen sind gewöhnlich diese Theater-Helden
+und Heldinnen? Leute ohne Sitten, ohne Erziehung, ohne
+Grundsätze, ohne Kenntnisse; Abentheurer; Menschen aus den
+niedrigsten Ständen; freche Buhlerinnen; — mit diesen lebt
+man, wenn man sich demselben Stande gewidmet hat, in täglicher
+Gemeinschaft. Es ist schwer, da nicht mit dem Strome
+fortgerissen zu werden, nicht zu Grunde zu gehen. Eifersucht,
+Feindschaft und Kabale vollenden dies glänzende Elend, und da
+diese Künstler fast ganz ausser dem Staate leben, so fällt bei
+ihnen ein starker Bewegungsgrund zum Gutseyn weg, nämlich
+die Rücksicht auf ihren Ruf unter den Mitbürgern. Kömmt
+noch etwa die Verachtung, mit welcher, freilich unbilliger Weise,
+manche ernsthafte Leute auf sie herabsehen, hinzu: so wird das
+Herz erbittert und verhärtet. Die tägliche Abwechselung von
+Rollen benimmt dem Charakter alle Eigenthümlichkeit und Festigkeit;
+man wird zuletzt aus Gewohnheit, was man so oft
+vorstellen muß; man darf dabei nicht Rücksicht auf seine Gemüths-Stimmung
+nehmen, muß oft den Spaßmacher spielen,
+wenn das Herz trauert, und umgekehrt. Dies leitet zur Verstellung.
+Das Publikum wird des Mannes und seines Spiels
+überdrüssig; seine Manier gefällt nicht mehr nach zehn Jahren;
+leicht gewonnenes Geld geht eben so leicht wieder fort; — und<span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span>
+so ist denn ein armseliges, dürftiges, kränkliches Alter nicht
+selten der letzte Auftritt des Schauspieler-Lebens.</p>
+
+<h4>9.</h4>
+
+<p>Wer Schauspieler und Tonkünstler unter seiner Aufsicht und
+Leitung hat, dem rathe ich, sich gleich anfangs auf einen ernsten
+und gemessenen Fuß mit ihnen zu setzen, wenn er nicht von
+ihrem Eigensinne und ihren Grillen abhängen will. Die Hauptpunkte,
+worauf es dabei ankömmt, sind: ihnen zu zeigen, daß
+man dem Geschäfte gewachsen sey; daß man einen Künstler zu
+beurtheilen und zurechtzuweisen verstehe; sie an Pünktlichkeit
+und Ordnung zu gewöhnen, und bei der ersten Uebertretung,
+Naseweisigkeit oder Zügellosigkeit Strenge fühlen zu lassen; sie
+übrigens aber, nach Verhältniß der Talente und der sittlichen
+Aufführung eines Jeden, mit Höflichkeit und Auszeichnung zu
+behandeln, ohne sich je gemein mit ihnen zu machen.</p>
+
+<h4>10.</h4>
+
+<p>Ermuntre durch bescheidnes Lob, aber schmeichle nicht, erhebe
+nicht zur Ungebühr den jungen angehenden Schriftsteller
+und Künstler! Durch gar zu freigebiges Lob ist schon Mancher
+auf immer verdorben worden. Das übertriebne Beklatschen und
+Lobpreisen macht sie schwindlich, aufgeblasen, hochmüthig. Sie
+beeifern sich dann nicht weiter, der Vollkommenheit nachzustreben,
+und hören auf, ein Publikum zu achten, das so leicht zu
+befriedigen scheint. Leider aber zwingt uns der Zustand unsrer
+Literatur, alles zu loben, was nicht offenbar Unsinn ist, weil
+in dem Fache der schönen Wissenschaften so selten etwas unter
+uns erscheint, was sich über das Mittelmäßige erhebt, oder im
+Pulte des Verfassers seine volle Reife erlangt hat.</p>
+
+<p>Laß Dich dadurch nicht verderben, junger Mann von Talenten!
+Bewahre auch Dein Herz vor Eifersucht! Laß fremdem
+Verdienste Gerechtigkeit widerfahren! Suche immer die Gesellschaft
+solcher Männer, durch deren Umgang Du, zum Vortheile
+Deiner Kunst, weiser und besser werden kannst, nicht aber den
+Schwarm niedriger Schmeichler oder blinder Enthusiasten!</p>
+
+<h4>11.</h4>
+
+<p>So wenig Vortheil der vertrauliche Umgang mit Künstlern
+von gemeinem Schlage gewährt, so lehrreich und unterhaltend
+ist der Umgang mit Männern, die philosophischen Geist, Gelehrsamkeit
+und Witz mit Kunst und Talent verbinden. Es ist<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span>
+ein Glück, an der Seite eines ächten Künstlers zu leben, dessen
+Geist durch Kenntnisse gebildet, dessen Blick durch Studium der
+Natur und der Menschen geschärft, bei dem, durch die milden
+Einwirkungen der Musen, das Herz zu Liebe, Freundschaft und
+Wohlwollen gestimmt und die Sitten geläutert und veredelt sind.
+Seine freundliche Beredsamkeit ist aufheiternd und belebend, sein
+Umgang söhnt mit der Welt und ihren Beschwerden aus, gewährt
+Erholung von verdrießlichen, mühsamen und trocknen
+Berufs-Geschäften, und gibt demjenigen neue Federkraft, der
+durch lange Anstrengung abgespannt ist; erhöht die mäßigste
+Kost zu einem Göttermahle, unsere Hütte zu einem Heiligthume,
+unsern Heerd zu einem Altare der Musen.</p>
+
+<h4>12.</h4>
+
+<p>Man pflegt viel zum Lobe gesellschaftlicher Bühnen und ihres
+wohlthätigen Einflusses auf die Bildung junger Leute zu sagen.
+Es würde mich zu weit führen, wenn ich hier alles aus einander
+setzen wollte, was sich für und gegen die Sache sagen läßt,
+und was ich selbst vielfach darüber zu beobachten und zu erfahren
+Gelegenheit gehabt habe. Hier nur so viel: Ein großer Theil
+dessen, was über das Theaterwesen überhaupt in diesem Kapitel
+gesagt worden, ist auch auf die gesellschaftlichen Bühnen anwendbar.
+Welche besondre Vorsicht aber noch bei der Wahl der
+Stücke und der Rollen-Vertheilung zu beobachten ist, wenn gesittete
+junge Leute Schauspiele aufführen sollen, das fällt leicht
+in die Augen. Allein ich würde den Eltern noch ausserdem vorzüglich
+eine weise Rücksicht auf das Alter, auf die Gemüthsart,
+auf die Temperamente ihrer Kinder, auf den Grad der Ausbildung
+und Bestimmtheit des Charakters, den sie schon erlangt,
+oder noch nicht erlangt hätten, dringend empfehlen, wenn ich
+um Rath gefragt würde.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Sechstes_Kap.">Sechstes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im<br>
+bürgerlichen Leben.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Machen wir den Anfang mit den <em class="gesperrt">Aerzten</em>! Kein Stand ist
+für das Menschengeschlecht wohlthätiger, als dieser, wenn er
+seine Bestimmung erfüllt. Der Mann, welcher alle Schätze der<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span>
+Natur durchwühlt, und ihre Kräfte erforscht, um Mittel aufzusuchen,
+das Meisterstück der Schöpfung, den Menschen, von
+den Plagen zu befreien, von welchen sein sichtbarer, materieller
+Theil befallen wird, die seinen Geist zu Boden drücken, und oft
+schon seine Maschine zerstören, ehe noch einmal sich jede Kraft
+in ihm entwickelt hat: der Mann, der sich vor dem Anblicke des
+Elendes, Jammers und Schmerzens nicht scheuet, der seine Gemächlichkeit,
+seine Ruhe, selbst seine eigne Gesundheit und sein
+Leben daran wagt, um den leidenden Brüdern beizustehen; dieser
+Mann verdient Verehrung und warmen Dank. Er gibt einer
+zahlreichen Familie ihren Beschützer, ihren Erhalter, ihren
+Wohlthäter wieder, rettet unmündigen Kindern ihren Vater,
+Ernährer und Erzieher, führt vom Rande des Grabes den
+edeln Gatten zurück in die Arme seines treuen Weibes. —
+Mit Einem Worte: kein Stand hat so unmittelbar segenvollen
+Einfluß auf das Wohl der Welt, auf das Glück, auf die
+Ruhe, auf die Zufriedenheit der Mitbürger, wie der eines Arztes.
+Und wenn man bedenkt, welch ein Umfang von Kenntnissen,
+welch eine Besonnenheit und Ausdauer, welch eine
+Geistesgegenwart und Reife des Urtheils dazu gehört: so erscheint
+der Arzt, wenn er ganz ist, was sein Beruf fordert, in
+einer Würde, die beinahe jede andere überstrahlt, und ihm die
+stärksten Ansprüche auf Dank und Verehrung seiner Mitbürger
+gibt. — Man wird es ohne Genie in keinem Stande recht weit
+bringen; doch gibt es Wissenschaften, in welchen ein schlichter
+gesunder Hausverstand, und wohl noch etwas weniger, recht
+gute Dienste thut! große Aerzte hingegen können durchaus nur
+die feinsten Köpfe seyn. Doch das Genie macht es nicht allein
+aus; es gehört das ämsigste und mühseligste Studium dazu, um
+es in diesem Fache weit zu bringen. Endlich, wenn man überlegt,
+daß diese Kenntnisse, mit allen Hülfswissenschaften, welche
+die Arzneikunde voraussetzt, gerade die erhabensten, natürlichsten,
+ersten Grundkenntnisse des Menschen sind — Studium
+der Natur in allen ihren Reichen, in allen ihren möglichen Wirkungen,
+in allen ihren Bestandtheilen; Studium des Menschen,
+an Leib und Seele, in seinen festen und flüssigen Theilen, in
+seiner ganzen Zusammensetzung, in seinen Gemüthsbewegungen
+und Leidenschaften — was kann denn lehrreicher, tröstender,
+erquickender seyn, als der Umgang und die Hülfe eines solchen<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span>
+Mannes? Es gibt aber unter den Söhnen Aesculaps auch unzählige
+von ganz andrer Art; ungerathene Söhne des berühmten
+und erhabenen Vaters, denen der Doctorhut das Privilegium
+gibt, an armen Kranken Versuche ihrer Unwissenheit zu
+machen; Leute, die den Körper des Patienten wie ihr Eigenthum,
+wie ein Gefäß ansehen, in welches sie nach Willkühr allerlei
+flüssige und trockene Materie schütten dürfen, um wahrzunehmen,
+welche Wirkung durch den Streit dieser salzartigen,
+sauren und geistigen Dinge hervorgebracht wird, und wobei sie
+nichts wagen, als höchstens, daß das Gefäß zu Grunde geht.
+Andern fehlt es, bei der gründlichsten Kenntniß, an Beobachtungsgeist.
+Sie verwechseln die Zeichen der Krankheiten, lassen
+sich durch falsche Berichte der Kranken täuschen, forschen nicht
+kaltblütig, nicht tief, nicht fleißig genug, und verordnen dann
+Mittel, die gewiß helfen würden — wenn der Kranke in der
+That die Krankheit hätte, mit welcher sie ihn behaftet glauben.
+Wieder Andre kleben an Systemgeist, an Autorität, an Mode,
+und schieben nie auf ihre Blindheit, sondern auf die Natur die
+Schuld, wenn ihre Arzneimittel andre Wirkungen hervorbringen,
+als die erwarteten; endlich noch Andre halten aus Gewinnsucht
+die Genesung der Leidenden auf, um desto länger, nebst
+dem Apotheker und Wundarzte, den Vortheil davon zu ziehen.
+Fällt man in die Hände eines solchen Afterarztes, so ist man in
+der größten Gefahr, das Opfer der Unwissenheit, der Sorglosigkeit,
+des Eigensinns oder der Bosheit zu werden.</p>
+
+<p>Nun ist es freilich, selbst einem Laien, der sonst einen geraden
+Blick mit einiger Menschenkenntniß, Erfahrung und Gelehrsamkeit
+verbindet, nicht so schwer, den <em class="gesperrt">groben</em> Charlatan
+von dem geschickten Manne, an seinem Vortrage, an der Art
+seiner Fragen und Verordnungen, zu unterscheiden; unter <em class="gesperrt">den
+Bessern</em> aber Den auszuzeichnen, dem man am sichersten seinen
+Körper anvertrauen kann, das ist viel schwerer. Folgende
+Vorschriften würde ich daher, in Rücksicht auf den Umgang mit
+Aerzten, empfehlen:</p>
+
+<p>Lebe mäßig in allem Betracht, so wirst Du so glücklich seyn,
+den Arzt nur als Freund bei Dir zu sehen; aber Du wirst seiner
+Hülfe selten bedürfen!</p>
+
+<p>Gib wohl Acht auf das, was Deiner besondern Leibesbeschaffenheit
+schädlich oder dienlich ist, was Dir wohl, und was Dir<span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span>
+übel bekömmt! Richte darnach strenge Deine Lebensart ein, so
+wirst Du nicht oft in den Fall kommen, Dein Geld in die
+Apotheke schicken zu müssen!</p>
+
+<p>Wenn man nicht ganz fremd in der Physik, dabei ein wenig
+bewandert in medicinischen Büchern ist, sein Temperament kennt,
+und weiß, zu welchen Krankheiten man Anlage hat, und was
+Wirkung auf uns macht: so kann man auch oft, bei wirklichen
+Krankheiten, sein eigner Arzt seyn. Jeder Mensch ist <em class="gesperrt">einer</em> Art
+von Gebrechen mehr ausgesetzt, als einer <em class="gesperrt">andern</em>, in so fern
+er einförmig lebt. Studirt er nun mit Ernst diesen einzigen Zweig
+der Heilkunde, so müßte es sonderbar zugehen, wenn er davon
+nicht vielleicht mehr, wenigstens eben so viel Einsicht erlangen
+sollte, als ein Mann, der das ganze Heer von Krankheiten
+übersehen muß.</p>
+
+<p>Fordert aber die Noth, daß Du Dich an einen Arzt wendest,
+und Du willst Dir einen unter dem Haufen aussuchen: so gib
+zuerst Acht, ob der Mann gesunde Vernunft hat; ob er über
+andre Gegenstände mit Klarheit, unpartheiisch, ohne Vorurtheil
+raisonnirt; ob er bescheiden, verschwiegen, fleißig und seiner
+Kunst ganz ergeben ist; ob er ein gefühlvolles, menschenliebendes
+Herz zeigt; ob er seine Kranken mit einer Menge verschiedner
+Arzneien zu bestürmen, oder sich einfacher Mittel zu bedienen,
+der Natur wo möglich ihren Lauf zu lassen pflegt; ob er
+eine Diät empfiehlt, die nach seinen Begierden abgemessen, ob
+er verbietet, was <em class="gesperrt">ihm</em> selbst zuwider ist; nur anräth, wozu er
+selbst geneigt ist; ob er sich in Reden zuweilen widerspricht; ob
+er fest in seinem Systeme ist, oder sich irre machen läßt, und
+von einer Heilart zur andern übergehet; ob er einzelnen Kennzeichen
+entgegen arbeitet, oder immer die Hauptsache vor Augen
+hat; ob er Brodneid gegen seine Kunstverwandten, sich eben so
+bereitwillig zeigt, den Großen und Reichen, als den Niedern
+und Armen beizustehen? Bist Du über diese Punkte befriedigt
+und beruhigt, so vertraue Dich ihm an.</p>
+
+<p>Vertraue Dich aber ihm allein, gänzlich und ohne Zurückhaltung!
+Verschweige auch nicht den kleinsten Umstand, der
+dazu dienen mag, ihn mit dem Zustande und dem Sitze Deines
+Uebels bekannt zu machen! Doch mische keine nichtsbedeutende
+Kleinigkeiten, keine Thorheiten, keine Grillen, keine Einbildungen
+hinein, die ihn irre machen könnten! Folge strenge und<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span>
+pünktlich seinen Vorschriften, damit er sicher seyn dürfe, ob das,
+was Du nachher empfindest, die Folge seiner angewendeten Mittel
+sey! Laß Dich daher auch nicht verleiten, nebenher allerlei
+Hausmittel, möchten sie auch noch so unschuldig scheinen, zu
+gebrauchen, noch heimlich einen zweiten Arzt um Rath zu fragen!
+Vor allen Dingen nimm nicht etwa zu gleicher Zeit zwei
+solcher Herren öffentlich an! Die Resultate ihrer Berathungen
+werden eben so viel Todesurtheile für Dich seyn; Keinem von
+Beiden wird Deine Genesung am Herzen liegen; sie werden
+Deinen Körper zu dem Kampfplatze ihrer verschiedenen Meinungen
+gebrauchen; sie werden Einer dem Andern die Ehre mißgönnen,
+Dich gesund zu machen, und Dich also lieber gemeinschaftlich
+dem Tode überliefern, um nachher wechselseitig die
+Schuld auf einander schieben zu können.</p>
+
+<p>Den Mann, der alles anwendet, was in seinen Kräften
+steht, Deine Gesundheit herzustellen, belohne nicht sparsam, sondern
+reichlich, nach Deinem Vermögen! Hast Du aber Ursache,
+zu glauben, daß er eigennützig sey, so setze Dich auf den Fuß,
+ihm jährlich etwas Festgesetztes zu zahlen, Du mögest krank oder
+gesund seyn, damit er kein Interesse dabei habe, Dich mit allerlei
+Krankheiten zu versehen, oder Deine Herstellung aufzuhalten.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Wenden wir uns nun zu den Juristen! Nächst den natürlichen
+Gütern, nächst der Wohlfahrt des Geistes, der Seele und
+des Leibes, ist in der bürgerlichen Gesellschaft der sichre Besitz
+des Eigenthums das Heiligste und Theuerste. Wer dazu beiträgt,
+uns diesen Besitz zuzusichern; wer sich weder durch
+Freundschaft, noch Partheilichkeit, noch Weichlichkeit, noch Leidenschaft,
+noch Schmeichelei, noch Eigennutz, noch Menschen-Furcht
+bewegen läßt, auch nur einen einzelnen kleinen Schritt
+von dem geraden Wege der Gerechtigkeit abzuweichen; wer durch
+alle Künste der List und Ueberredung, durch die Unbestimmtheit,
+Zweideutigkeit und Verwirrung der geschriebenen Gesetze hindurch,
+klar zu schauen, und den Punkt, den Vernunft, Wahrheit,
+Redlichkeit und Billigkeit bestimmen, zu treffen weiß; wer
+der Beschützer der Aermern, des Schwächern und Unterdrückten
+gegen den Stärkern, Reichern und Unterdrücker; wer der Waisen
+Vater, der Unschuldigen Retter und Vertheidiger ist — der
+ist gewiß unsrer ganzen Verehrung werth.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span></p>
+
+<p>Was ich hier gesagt habe, beweist aber auch zugleich, wie
+sehr viel dazu gehöre, auf den Titel eines würdigen Richters und
+auf den eines edlen Sachwalters Anspruch machen zu dürfen;
+und es ist, am gelindesten gesprochen, sehr übereilt geurtheilt,
+wenn man behauptet, es werde, um ein guter Jurist zu seyn,
+wenig gesunde Vernunft, sondern nur Gedächtniß, ein wenig
+Schlauheit und ein wenig Phlegma, Vorliebe für den Schlendrian
+und ein hartes Herz erfordert; oder die Rechtsgelehrsamkeit
+sey nichts anders, als die Kunst, die Leute auf eine rechtsbeständige
+Art um Geld und Gut zu bringen. Freilich, wenn
+man unter einem Juristen einen Mann versteht, der nur sein
+römisches Recht im Kopfe hat, die Kunstgriffe der Auslegung
+und Anwendung der Gesetze kennt, und die spitzfindigen Distinctionen
+der Rabulisten studirt hat, so mag man Recht haben;
+aber ein solcher entheiligt auch sein ehrwürdiges Amt.</p>
+
+<p>Doch ist es in der That traurig — um auch das Böse nicht
+zu verschweigen — daß die Handlungen so vieler Richter und
+Advocaten, so wie die Justiz-Verfassung in den mehrsten Ländern,
+so viel Grund und Anlaß zu jenen harten Beschuldigungen
+geben. So geschieht es, daß sich Menschen ohne Grundsätze,
+verschrobene und alltägliche Köpfe, dem Studium der
+Rechtsgelehrsamkeit widmen, und mit der Kenntniß der Gesetze
+keine andre feine Kenntnisse verbinden, dennoch aber so stolz auf
+diesen Wust von alten römischen, auf unsre Zeiten wenig passenden
+Gesetzen sind, daß sie von dem Manne, der die edlen
+Pandecten nicht am Schnürchen hat, glauben, er könne gar
+nichts gelernt haben. Ihre ganze Gedanken-Reihe knüpft sich
+nur an ihre heilige Schrift, an das Corpus Juris an, und ein
+steifer Civilist ist daher im gesellschaftlichen Leben das langweiligste
+Geschöpf, das man sich denken mag. In allen übrigen
+menschlichen Dingen, in allen andern, den Geist aufklärenden,
+das Herz bildenden Kenntnissen unerfahren, tritt ein solcher Jurist
+in ein öffentliches Amt, und wird vielleicht für eine ganze
+Stadt der einzige Verwalter der Gerechtigkeit. Sein barbarischer
+Styl, seine bogenlangen Perioden, die unglückselige Fertigkeit,
+die einfachste deutlichste Sache zu verwickeln, zu verdunkeln,
+und unverständlich zu machen, erfüllt Jeden, der Geschmack
+und Sinn für Klarheit hat, mit Ekel und Ungeduld. Wenn
+Du auch nicht das Unglück erlebst, daß Deine Angelegenheit<span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span>
+einem eigennützigen, partheiischen, faulen, oder schwachköpfigen
+Richter in die Hände fällt; so ist es schon genug, daß Dein
+oder Deines Gegners Anwald ein Mensch ohne Gefühl, ein gewinnsüchtiger
+Gauner, ein Pinsel, oder ein Ränkeschmidt ist,
+um bei einem Rechtsstreite, den jeder unbefangene gesunde Kopf
+in einer Stunde schlichten könnte, viele Jahre lang hingehalten
+zu werden, ganze Ballen voll Acten zusammengeschrieben zu
+sehen, und dreimal so viel Unkosten zu bezahlen, als der Gegenstand
+des ganzen Streits werth ist, ja am Ende die gerechteste
+Sache zu verlieren, und Dein offenbares Eigenthum fremden
+Händen preiszugeben. Und wäre auch beides nicht der Fall;
+wären auch Richter und Sachwalter geschickte und redliche Männer,
+so ist der Gang der Justiz in manchen Ländern von der
+Art, daß man Methusalems Alter erreichen muß, um das Ende
+eines Prozesses zu erleben. Da schmachten dann ganze Familien
+im Elende und Jammer, indeß sich Schelme und hungrige
+Scribler in ihr Vermögen theilen. Da wird die gegründeteste
+Forderung wegen eines kleinen Mangels an elenden Formalitäten
+für nichtig erklärt. Da muß der Aermere sich's gefallen lassen,
+daß sein reicherer Nachbar ihm sein väterliches Erbe wegreißt,
+wenn der Anwald des Gegners Mittel findet, den Sinn
+irgend eines alten Documents zu verdrehen, oder wenn der Unterdrückte
+nicht Vermögen genug hat, die ungeheuren Kosten
+zur Führung des Prozesses aufzubringen. Da müssen Söhne
+und Enkel geduldig zusehen, wie die Güter ihrer Voreltern, unter
+dem Vorwande, die darauf haftenden Schulden zu bezahlen,
+Jahrhunderte hindurch in den Händen privilegirter Diebe bleiben,
+indeß weder sie noch die Gläubiger Genuß davon haben.
+Da muß mancher Unschuldige sein Leben auf dem Blutgerüste
+hingeben, weil die Richter mit der Sprache der Unschuld weniger
+bekannt sind, als mit den Wendungen einer falschen Beredsamkeit.
+Da lassen Professoren Urtheile über Gut und Blut
+durch ihre unbärtigen Schüler verfassen, und geben demjenigen
+Recht, der das Responsum bezahlt. — Doch was helfen hier
+alle Declamationen, und wer kennt nicht diese Greuel der Verwüstung?</p>
+
+<p>Darum bleibt es wahr, daß ein magerer Vergleich besser sey,
+als ein fetter Prozeß. Darum sey es Regel: Man halte seine
+Geschäfte in solcher Ordnung, mache alles darin bei Lebzeiten<span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span>
+so klar, daß man seinen Erben nicht die geringste Wahrscheinlichkeit
+eines gerichtlichen Zwistes hinterlasse!</p>
+
+<p>Hat uns aber der böse Feind zu einem Prozesse verholfen, so
+suche man sich einen redlichen, uneigennützigen, geschickten Advocaten
+— man wird oft ein wenig lange suchen müssen —
+und bemühe sich, mit ihm also einig zu werden, daß man ihm,
+ausser seinen Gebühren, noch reichere Bezahlung verspreche,
+nach Verhältniß der Kürze der Zeit, binnen welcher er die
+Sache zu Ende bringen wird!</p>
+
+<p>Man mache sich gefaßt, nie wieder in den Besitz seiner Güter
+zu kommen, wenn diese einmal in Advocaten- und Administratoren-Hände
+gerathen sind, besonders in Ländern, wo alter
+Schlendrian, Schläfrigkeit und Inconsequenz in Geschäften
+herrschen!</p>
+
+<p>Man erlaube sich keine Art von Bestechung der Richter!
+Wer dergleichen anwendet, der ist beinahe ein eben so arger
+Schelm, wie Der, welcher nimmt.</p>
+
+<p>Man waffne sich mit Geduld in allen Angelegenheiten, die
+man mit Juristen von gemeinem Schlage vorhat.</p>
+
+<p>Man bediene sich auch keines Solchen zu Dingen, die schleunig
+und einfach behandelt werden sollen!</p>
+
+<p>Man sey äusserst vorsichtig im Schreiben, Reden, Versprechen
+und Behaupten gegen Rechtsgelehrte! Sie kleben am Buchstaben.
+Ein juristischer Beweis ist nicht immer ein Beweis der
+gesunden Vernunft; juristische Wahrheit zuweilen etwas mehr,
+zuweilen etwas weniger, als gemeine Wahrheit; juristischer Ausdruck
+ist nicht selten einer andern Auslegung fähig, als gewöhnlicher
+Ausdruck, und juristischer Wille oft das Gegentheil von
+dem, was man im gemeinen Leben Willen nennt.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Ich komme jetzt zu dem <em class="gesperrt">Wehrstande</em>. Wenn in unsern
+heutigen Kriegen noch Mann gegen Mann föchte, und die Kunst,
+Menschen zu vertilgen, nicht so methodisch und kunstmäßig getrieben
+würde; wenn allein persönliche Tapferkeit das Glück des
+Kriegers entschiede, und der Soldat nur für sein Vaterland, zur
+Vertheidigung seines Eigenthums und seiner Freiheit stritte: so
+würde auch kein solcher Ton unter den Kriegsleuten herrschen,
+wie jetzt, da zu einem geschickten Militär ganz andre Arten von
+Kenntnissen gehören, da ein Paar neue Ressorts, nämlich Subordination<span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span>
+und ein conventioneller Begriff von Ehre, auf gewisse
+Weise an die Stelle des kühnen Muths getreten sind, und diese
+die Menschen zwingen müssen, auf ihrem Platze unbeweglich
+stehen zu bleiben und aus der Ferne in völliger Ruhe auf sich
+schießen zu lassen, weil die Leidenschaften der Fürsten, ihr Ehrgeitz
+und ihre Eroberungssucht es so wollen, und die Völker nur
+um der Fürsten willen da sind. Dennoch war eine gewisse Rohigkeit,
+Zügellosigkeit und ein trotziges Hinwegsetzen über alle
+Regeln der Moral und bürgerlichen Uebereinkunft — gleich als
+wären diese Gesetze nur Kinder des Friedens — noch in der ersten
+Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts fast der allgemeine
+Charakter eines Soldaten von hohem und niederm Range. In
+unsern Tagen aber sieht es damit ganz anders aus. Fast in allen
+europäischen Staaten, besonders in Frankreich, findet man
+im Soldatenstande Personen, die durch Kenntnisse in allen Fächern
+der Wissenschaften und Künste, besonders in solchen, die
+zu ihrem Handwerke gehören, durch ein gefälliges, geschmeidiges
+und kluges Betragen, äussere Sittlichkeit, Sanftmuth des
+Charakters und Bildung des Geistes und Herzens, sich der allgemeinen
+Achtung und Liebe werth machen. Ich würde also
+keine besondre Vorschriften über den Umgang mit Militärs zu
+geben haben, wenn nicht theils, so wie in allen Ständen, also
+auch hier, Ausnahmen Statt fänden, theils einige andre Rücksichten
+nicht mit Stillschweigen übergangen werden dürfen;
+doch kann ich mich dabei kurz fassen.</p>
+
+<p>Wer seinem Stande, seinem Alter, oder seinen Grundsätzen
+nach, sich weder necken und beleidigen zu lassen, noch eine Beleidigung
+durch den Zweikampf auszutilgen Lust haben kann,
+der thut wohl, wenn er die Gelegenheit vermeidet, bei Spiel,
+Trunk oder andern dergleichen Fällen, mit <em class="gesperrt">rohen</em> Leuten vom
+Soldatenstande in Gemeinschaft zu kommen, oder, wenn er solchen
+Gelegenheiten nicht ausweichen kann, sich so behutsam,
+höflich und ernsthaft, als möglich, aufzuführen. Indessen kömmt
+hiebei auch sehr viel auf den Ruf an, in welchem man steht;
+und ein gerader, fester, redlicher und verständiger Mann pflegt,
+selbst von ausschweifenden, ungesitteten Leuten, geachtet und
+geschont zu werden.</p>
+
+<p>Ueberhaupt aber rathe ich, im Reden und Handeln gegen
+Offiziere vorsichtig zu seyn. Das Vorurtheil von übel verstandner<span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span>
+Ehre, das in den mehrsten Armeen, vorzüglich in der französischen,
+herrschend ist, und das von mancher andern Seite einen
+Nutzen stiften kann, der hier zu weitläuftig zu entwickeln seyn
+würde, befiehlt dem Offizier, auch nicht das kleinste zweideutige
+Wörtchen, das ihm gesagt wird, hinzunehmen, ohne Genugthuung
+durch die Waffen zu fordern; und da hat denn nicht selten
+ein Ausdruck, den man sich im gemeinen Leben unbedenklich
+erlauben dürfte, für ihn einen beleidigenden Sinn. Man
+darf z. B. wohl sagen: »Das war doch <em class="gesperrt">nicht gut</em>,« aber keinesweges:
+»Das war <em class="gesperrt">schlecht</em> von Ihnen;« — und doch muß
+das, was <em class="gesperrt">nicht gut</em> ist, nothwendig <em class="gesperrt">schlecht</em> seyn. Mit dieser
+Sprache der Uebereinkunft soll man sich also <em class="gesperrt">bekannt</em> machen,
+wenn man mit Personen, denen dieselbe Gesetze auflegt, umgehen
+will.</p>
+
+<p>Daß man in Gegenwart eines Offiziers nie, auch nicht das
+Mindeste, zum Nachtheile dieses Standes vorbringen dürfe, versteht
+sich wohl um so mehr von selbst, da es in der That nöthig
+ist, daß der Soldat seinen Stand für den ersten und wichtigsten
+in der Welt halte. — Denn was soll ihn bewegen, sich einer
+so beschwerlichen und gefährlichen Lebensart zu widmen, wenn
+es nicht die Ansprüche auf Ruhm und Ehre sind?</p>
+
+<p>Endlich erwirbt man sich bei dem Soldatenstande durch ein
+offenes, treuherziges, ungezwungenes und fröhliches Wesen,
+durch freien und muntern Scherz, Gunst und Beifall; man
+muß also mit ihrer Weise bekannt seyn, wenn man mit dieser
+Klasse leben will. Doch sind vielleicht die Zeiten nicht mehr
+fern, wo jede dieser Vorschriften unnütz werden, und der Stand
+eines Soldaten nicht länger von dem eines Bürgers getrennt
+bleiben wird.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Kein Stand hat vielleicht so viel Annehmlichkeit, wie der
+eines <em class="gesperrt">Kaufmanns</em>, wenn dieser nicht ganz mit leerer Hand
+anfängt, wenn das Glück ihm nicht entschieden zuwider ist,
+wenn er ein wenig vor sich gebracht hat, wenn er seine Unternehmungen
+mit gehöriger Klugheit treibt, nicht zu viel wagt
+und auf das Spiel setzt. Kein Stand genießt einer so glücklichen
+Freiheit, wie dieser. Kein Stand hat von je her so unmittelbar
+thätigen, wichtigen Einfluß auf Moralität, Kultur und
+Lebensweise gehabt, wie die Kaufmannschaft. Wenn durch sie<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span>
+und durch die Verbindung, welche der Handel zwischen den entferntesten
+und ungleichartigsten Völkern stiftet, der Ton ganzer
+Nationen umgestimmt, und Menschen mit geistigen und körperlichen
+Bedürfnissen, mit Wissenschaften, Wünschen, Krankheiten,
+Schätzen und Sitten bekannt gemacht werden, die ausserdem
+vielleicht nie, wenigstens sehr viel später, bis dahin gedrungen
+seyn würden, so läßt sich wohl nicht zweifeln, daß eine
+Vereinigung der feinsten Köpfe dieses Standes sich die Gewalt
+erwerben könnte, dem Geschmack, der Lebensweise und selbst
+dem Urtheil eines ganzen Volks jede beliebige Richtung zu geben,
+und der Gesellschaft Gesetze vorzuschreiben, die sie nicht
+übertreten könnte. Zum Glück für unsere Freiheit aber gibt es
+theils nur sehr wenige so weitsehende, planvolle Köpfe unter Leuten
+dieses Standes in der Welt, theils sind sie durch ein sehr
+verschiedenes Interesse so getrennt, daß sie sich nicht zu einer
+solchen Machthaberschaft vereinigen können; und so fällt zwar
+die Wirkung nicht weg, welche der Handel auf Sitten und Aufklärung
+hat; aber es geht doch damit nicht methodisch zu, sondern
+alles rückt seinen Gang unter dem Einfluß der Zeit fort.
+Indessen begreift man leicht, daß eben das Ideal, welches ich
+von einem großen Handelsmanne aufgestellt habe, einen Mann
+von feinem, vorausschauenden, weit umfassenden Geiste, und,
+wenn es ihm um das Wohl der Welt zu thun ist, einen Mann
+von edeln, erhabenen Gesinnungen bezeichnet. Auch gibt es
+solche Männer in diesem Stande, und ich habe, besonders
+während meines Aufenthalts in Hamburg, Bremen und andern
+großen Handelsplätzen, deren einige kennen gelernt, die wahrlich,
+wenn sie auf einem andern Platze gestanden hätten, unter
+den größten Männern ihrer Zeit genannt worden wären.</p>
+
+<p>Da man nun aber keiner Vorschriften bedarf, um zu lernen,
+wie man mit weisen und guten Menschen umgehen soll, so will
+ich hier nur von dem Betragen im Umgange mit Kaufleuten
+von gemeinem Schlage reden. Diese werden von ihrer ersten
+Jugend an gewöhnlich so mit Leib und Seele nur dahin gerichtet,
+auf Geld und Gut ihr Augenmerk, und für nichts anders,
+als für Reichthum und Erwerb Sinn zu haben, daß sie den
+Werth eines Menschen fast immer nach der Schwere seines Geldkastens
+beurtheilen, und bei ihnen: <em class="gesperrt">der Mann ist gut</em>, so viel
+heißt, als: <em class="gesperrt">der Mann ist reich</em>. Hierzu gesellet sich wohl<span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span>
+noch, besonders in Reichsstädten, eine Art von Prahlerei, eine
+Begierde, es Andern ihres Gleichen da, wo es Aufsehen macht,
+an Pracht zuvorzuthun, um zu zeigen, daß ihre Sachen fest
+stehen. Da sie aber mit dieser Neigung immer noch Sparsamkeit
+und Habsucht verbinden, und da, wo sie nicht bemerkt werden,
+äusserst eingeschränkt und sparsam leben, und sich sehr viel
+versagen: so bemerkt man da einen Kontrast von Kleinlichkeit
+und Glanz, von Geitz und Verschwendung, von Niederträchtigkeit
+und Stolz, von Unwissenheit und Ansprüchen, der Mitleiden
+erregt; und so industriös auch sonst die Kaufleute sind,
+so fehlt es ihnen doch mehrentheils an der Gabe, ein kleines
+Fest durch geschmackvolle Anordnungen glänzend, und mit wenigen
+Kosten einen anständigen Aufwand zu machen. Ausser
+Hamburg ist dieß wohl in allen deutschen Handelsstädten mehr
+oder weniger der Fall.</p>
+
+<p>Willst Du bei diesen Leuten geachtet seyn, so mußt Du wenigstens
+in dem Rufe stehen, daß Deine Vermögens-Umstände
+nicht zerrüttet seyen: Wohlstand macht auf sie den besten Eindruck.
+Sey es durch Deine Schuld, oder durch Unglück, so
+wirst Du, auch bei den herrlichsten Vorzügen des Verstandes
+und Herzens, von ihnen verachtet werden, wenn Du Mangel
+leidest.</p>
+
+<p>Willst Du einen Solchen zu einer milden Gabe, oder sonst
+zu einer großmüthigen Handlung bewegen, so mußt Du entweder
+seine Eitelkeit mit in das Spiel bringen, daß es bekannt
+werde, wie viel dies große Haus an Arme gibt; oder der Mann
+muß glauben, daß der Himmel ihm die Gabe hundertfältig vergelten
+werde: dann wird es andächtiger Wucher.</p>
+
+<p>Große Kaufleute spielen, wenn sie spielen, gewöhnlich um
+hohes Geld. Sie betrachten das wie jeden andern Speculations-Handel;
+aber sie spielen dann auch mit aller Kunst und Aufmerksamkeit.
+Man hüte sich daher, wenn man das Spiel nicht
+versteht, und es nachlässig, bloß als einen Zeitvertreib ansieht,
+sich mit solchen Männern einzulassen!</p>
+
+<p>Laß es Dir unter Kaufleuten ja nicht einfallen, Deinen
+Stand oder Rang, oder Deine Geburt geltend machen zu wollen,
+besonders wenn Du nicht reich bist! oder Du wirst Dich
+kränkenden Demüthigungen aussetzen.</p>
+
+<p>Doch pflegt in manchen Kaufmannshäusern einem Manne<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span>
+mit Stern, Orden und Titel geschmeichelt zu werden: das geschieht
+dann aus Prahlerei, um zu zeigen, daß auch Vornehme
+da Gastfreundschaft genießen, oder daß man mit Höfen und
+großen Familien in Verhältnissen stehe.</p>
+
+<p>Auch der Gelehrte und Künstler wird hier übersehen, oder
+nur aus Eitelkeit vorgezogen. Er erwarte nicht, daß sein wahrer
+Werth erkannt werde!</p>
+
+<p>Da die Sicherheit des Handels auf Pünktlichkeit im Bezahlen
+und auf Treue und Glauben beruht, so setze Dich bei den
+Kaufleuten in den Ruf, strenge Wort zu halten und ordentlich
+zu bezahlen: so werden sie Dich höher achten, als manchen viel
+reichern Mann.</p>
+
+<p>Man hüte sich, wenn man nicht selbst den Handel aus dem
+Grunde versteht, sich von Kaufleuten zu gemeinschaftlichen Unternehmungen
+und Speculationen verleiten zu lassen. Ist bei
+der Sache ein sicherer Gewinn wahrscheinlich zu erwarten, so
+hütet sich der Kaufmann wohl, einem Laien, und wäre er sein
+bester Freund, davon Eröffnung zu thun, um ihn Theil nehmen
+zu lassen. Solche Anträge sind also immer verdächtig. Daß
+man noch ausserdem, wenn auch der Erfolg glücklich ausfällt,
+bei der Berechnung und Theilung verkürzt wird, versteht sich
+von selbst.</p>
+
+<p>Wer wohlfeil kaufen will, der kaufe für baares Geld! —
+das ist eine sehr bekannte Lehre. Man hat dann die Wahl von
+Kaufleuten und von Waaren, und man kann es niemand übel
+auslegen, wenn er, bei der Ungewißheit, ob und wie bald er
+bezahlt werde, für seine Waare einen übertriebenen Preis fordert,
+oder das Schlechteste hingibt, was er hat.</p>
+
+<p>Hat man Ursache, mit dem Betragen des Mannes, mit welchem
+man Handlungsgeschäfte getrieben hat, zufrieden zu seyn:
+so wechsele man nicht ohne Noth, laufe nicht von einem Kaufmanne
+zu dem andern! Man wird von Leuten, die uns kennen,
+denen an der Erhaltung unsrer Kundschaft gelegen ist,
+treuer bedient, und sie geben uns auch, wenn es ja unsere Umstände
+erforderten, leichter Credit, ohne deswegen den Preis der
+Waaren zu erhöhen.</p>
+
+<p>Man enthalte sich, einem Krämer für den geringen Vortheil,
+der ihm aus einem kleinen Handel mit uns zuwächst, viel Mühe,
+Zeitverlust und Wege zu machen! Diese Unart ist besonders den<span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span>
+Frauenzimmern eigen, die zuweilen sich für tausend Thaler
+Waare auspacken lassen, um, nach zweistündiger Beäuglung
+und Betastung, für einen Gulden zu kaufen, oder gar alles
+Gesehene zu schlecht und theuer zu finden.</p>
+
+<p>Bei kleinen Kaufleuten, und in Städten, wo eigentlich nur
+Krämer wohnen, ist die unartige Gewohnheit eingerissen, daß
+diese oft sehr viel mehr für ihre Waaren forden, als wofür sie
+dieselben hingeben wollen. Andre geben mit angenommener
+Treuherzigkeit und Biederkeit vor, daß sie den äussersten Preis
+setzen, und lassen sich keinen Heller abdingen; und so muß man
+oft doppelt so viel bezahlen, als die Sache werth ist. Erstern
+würde man ihre kleinen Künste leicht abgewöhnen können, wenn
+die Angesehensten in einer Stadt sich vereinigten, solchen Gaunern
+gar nichts abzukaufen. Es ist aber das jüdische Verfahren
+dieser beiden Arten von christlichen Krämern eben so unredlich,
+als unklug. Sie betrügen damit höchstens nur einige Fremde
+und Solche, die von dem Werthe der Waaren nichts verstehen;
+bei Andern hingegen verlieren sie allen Glauben; und wenn
+man erst ihre Weise kennt, so bietet man ihnen nur die Hälfte
+von dem, was sie fordern. Uebrigens soll der, welcher kaufen
+will, die Augen aufthun: es ist unvernünftig, einen Handel
+von einiger Wichtigkeit zu schließen, ohne vorher sich Kenntniß
+von dem wahren Werthe der Sache erworben zu haben, die
+man kaufen will.</p>
+
+<p>Welch eine große Vorsicht man im Pferde-Handel zu beobachten
+habe, das ist eine bekannte Sache. Bei diesem hat sich
+das Vorurtheil eingeschlichen, daß Eltern und Kinder, Geschwister
+und Freunde, Herren und Diener sich keinen Gewissensvorwurf
+machen zu dürfen glauben, wenn sie einander betrügen.</p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>Die Herren <em class="gesperrt">Buchhändler</em> verdienten wohl ein eigenes Kapitel.
+In demselben könnte man sehr viel Wahres zum Lobe derjenigen
+unter ihnen sagen, die diesen Handel nicht als einen
+jüdischen Erwerb treiben, so daß sie etwa wenig darum bekümmert
+wären, was <em class="gesperrt">für</em> Bücher bei ihnen verlegt und verkauft
+werden, in so fern nur Geld daraus gelöset wird, — denen es
+nicht gleichgültig ist, ob man sie zu Hebammen von kleinen
+Krüppeln und Mißgeburten braucht, ob sie zu Werkzeugen der
+Ausbreitung eines elenden, seichten, falschen Geschmacks und<span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span>
+schlechter Grundsätze dienen, — sondern denen, wie unserm Nicolai,
+Wahrheit, Kultur und Aufklärung am Herzen liegen, —
+die das verkannte, im Dunkeln lebende Talent ermuntern, aus
+dem Staube hervorziehen, in Thätigkeit setzen und großmüthig
+unterstützen, — die den täglichen Umgang und das Verkehr
+mit Gelehrten und Büchern dazu anwenden, sich selbst Kenntnisse
+zu sammeln, ihren Geist zu bilden, und bessere Menschen
+zu werden. Und dann würde, des Kontrastes wegen, das Gegenbild
+keine üble Wirkung machen — das Bild eines Mannes,
+der, nachdem ein halbes Jahrhundert hindurch die vortrefflichsten
+Werke durch seine schmutzigen, geldgierigen Finger gegangen
+sind, noch immer eben so unwissend und dumm geblieben
+ist — ausgenommen die kleinen Wucher-Künste, — wie ein
+zehnjähriger Knabe, — der Manuscripte und neue Bücher nach
+der Dicke, nach dem Titel und nach dem herrschenden Geschmack
+und Ungeschmack des Publikums schätzt und kauft, — der, um
+diesen falschen Geschmack zu unterhalten, durch unbärtige Knaben
+jämmerliche Broschüren, Romänchen und Mährchen schreiben,
+und unter seiner Firma (Namen) in die Welt gehen läßt, —
+der die erbärmlichste Schmiererei, deren Nichtswürdigkeit er
+selbst fühlt, durch einen viel versprechenden Mode-Titel, oder
+durch saubere Bilderchen aufgestutzt, nach Frankfurt und Leipzig
+schleppt, und für diese Lumpereien ein schändendes Lob von feilen
+Recensenten erkauft, — den Mann von Talenten wie einen
+Tagelöhner behandelt und bezahlt, von der eingeschränkten häuslichen
+Lage eines armen Schriftstellers Vortheil zieht, um ein
+Werk, das Anstrengung aller Kräfte, Nachtwachen und Aufwand
+von wahrer Geistesgröße erfordert hat, und womit er
+Tausende gewinnen kann, wie Maculatur zu erhandeln, — der,
+so oft ihm ein Werk angeboten wird, verächtlich die Nase rümpft
+und den Kopf schüttelt, um desto wohlfeiler daran zu kommen, —
+der, wie unter andern unsere Carlsruher und Frankenthaler
+Freunde, durch Nachdruck ein Dieb an fremdem Eigenthume
+wird. Endlich könnte ich Vorschriften geben, wie die Schriftsteller
+mit Buchhändlern von dieser Art umgehen sollen, um
+nicht ihre Sclaven zu werden, — wie man sich bei ihnen ein
+Gewicht geben könne, und in welche Form man seine Geistes-Produkte
+gießen müsse, damit sie von den Sosiern unsrer Zeit
+in Verlag genommen werden. — Das aber sind zum Theil<span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span>
+Zunft-Geheimnisse, die unter uns großen Gelehrten nur mündlich
+fortgepflanzt werden, und die man also nicht jedem, der
+bloß Leser ist, verrathen darf.</p>
+
+<p>Bei der ersten flüchtigen Uebersicht sollte man glauben, alle
+Buchhändler, die nur irgend einigen Verlag hätten, müßten
+reich werden. Wenn man in Deutschland vier und zwanzig Millionen
+Einwohner annimmt, und dann rechnet, daß jedes Buch
+tausendmal abgedruckt würde, so beträgt das auf 24,000 Menschen
+nur ein Exemplar. — Und welches Buch könnte so schlecht
+seyn, daß nicht unter 24,000 Menschen wenigstens Einer Lust
+bekäme, es zu kaufen? Allein man wird bald anderer Meinung,
+wenn man die Schuldbücher der Herren Buchhändler
+durchsieht; wenn man erfährt, daß sie von ihren Amtsbrüdern
+nicht mit Gelde, sondern mit Maculatur und Ladenhütern, von
+andern Käufern aber oft mit Vertröstungen bezahlt werden; daß
+man von der Summe jener 24 Millionen beinahe den ganzen
+Bauernstand und die Einwohner der kleinsten Städte abrechnen
+muß, und daß die häufigen Leih-Bibliotheken und Nachdruck-Fabriken
+ihnen beträchtlichen Schaden zufügen.</p>
+
+<p>Doch noch <em class="gesperrt">eine</em> Bemerkung: Wer sich bei Buchhändlern,
+besonders in minder großen Städten, beliebt machen will, der
+leihe und verleihe nicht viel Bücher, und errichte keine Lese-Gesellschaften!
+Man kann es sonst wahrlich den armen Handelsmännern
+nicht übel nehmen, daß sie sich durch Nachdruck, kleine
+Künste und sparsames Honorarium an ihren Collegen, am Publiko
+und an den Autoren zu erholen suchen, wenn unter zwanzig
+Personen kaum einer ein Buch kauft, die übrigen aber unentgeldlich
+mitlesen.</p>
+
+<h4>6.</h4>
+
+<p>Ich habe im ersten Theile dieses Buchs bei der Gelegenheit,
+da ich Bemerkungen über den Umgang mit Wohlthätern machte,
+zugleich von dem Betragen gegen Lehrer und Erzieher geredet.
+Unter dieser Klasse habe ich aber die sogenannten <span class="antiqua">Maîtres</span>, d. h.
+die stundenweise bedungenen Unterweiser <em class="gesperrt">in Sprachen und
+Künsten</em>, nicht mit begriffen. Von diesen muß ich daher hier
+noch ein Paar Worte sagen.</p>
+
+<p>Wirklich ist es eine recht lästige Beschäftigung, zu Erringung
+seines Unterhalts den ganzen Tag durch, in Wind und
+Wetter, von einem Hause in das andere zu laufen, und ohne<span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span>
+freie Wahl der Schüler dieselben Anfangsgründe einer Kunst oder
+Sprache unzähligemal wiederholen zu müssen. Findet man nun
+unter diesen Meistern dennoch einen Mann, den, trotz dieser
+abschreckenden Schwierigkeiten, die Fortschritte, welche seine
+Schüler machen, mehr reizen als der Gewinn, dem es ernstlich
+darum zu thun ist, seine Kunst leicht, gründlich, lebhaft und
+deutlich vorzutragen; so ehre man diesen, wie jeden Andern,
+der etwas zu unsrer Bildung beiträgt! Oft aber trifft man unter
+diesen Herren sehr schlechte Subjecte an: Menschen ohne Erziehung
+und Sitten, die von dem, was sie Andern beibringen
+wollen, selbst keine klare Begriffe, am wenigsten aber die Gabe
+haben, in Andern dergleichen zu erwecken, — Menschen, die,
+besonders wenn sie mit Kindern zu thun haben, es bloß auf
+Gedächtniß-Kenntnisse anlegen, womit sie gelegentlich die unwissenden
+Eltern täuschen können, welche sich nun überreden,
+daß ihre Kinder große Fortschritte gemacht haben, indeß der
+Meister froh ist, wenn er die Stunde überstanden hat, — Menschen,
+die, um nur die Lehrstunde auszufüllen, Stadt-Mährchen
+erzählen, aus <em class="gesperrt">einem</em> Hause in das andre tragen, oder gar
+das unedle Handwerk von Kupplern und Liebesbriefträgern verwalten.
+Ich kann jeden sorgsamen Vater, und wem sonst junge
+Leute anvertrauet sind, nicht genug vor dieser bösen Gattung
+von Unterweisern warnen, und rathe, so viel möglich, bei den
+Lehrstunden solcher Meister, die man nicht recht genau kennt,
+gegenwärtig zu seyn. Ich kann mich nicht enthalten, diese Vorsicht
+besonders gegen Musik- und Sprach-Meister zu empfehlen.
+Die größere Anzahl der Tonkünstler und französischen Sprachmeister
+besteht aus sehr leichtsinnigen, üppigen, sinnlichen Menschen.
+Die Musik erregt Gefühle, aber dunkle Gefühle, die öfter
+für Wollust, als für hohe Tugenden empfänglich machen, mehr
+die Phantasie, als die Vernunft beschäftigen. Deswegen gibt es
+unter den Virtuosen so viel verderbte und gefährliche Menschen.
+Ganz anders verhält es sich mit großen Componisten; ich rede
+nur von ausübenden Musikern. Eben so gefährlich ist eine gewisse
+Klasse von Sprachmeistern. Die französische Sprache, die
+so reich ist an glatten Worten und feinen Wendungen, wird
+von diesen Menschen benutzt, um unschuldigen Herzen das Gift
+der Eitelkeit beizubringen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span></p>
+
+<h4>7.</h4>
+
+<p>Ein redlicher, arbeitsamer und geschickter <em class="gesperrt">Handwerksmann</em>
+oder <em class="gesperrt">Künstler</em> ist eine der nützlichsten Personen im
+Staate, und es macht unsern Sitten wenig Ehre, daß wir diesen
+Stand so gering schätzen. Was hat ein müssiger Hofschranze,
+was hat ein reicher Tagedieb, der um sein baares Geld sich Titel
+und Rang erkauft hat, vor dem fleißigen Bürger voraus,
+der seinen Unterhalt auf erlaubte Weise durch seiner Hände Arbeit
+erwirbt? Dieser Stand befriedigt unsre ersten und natürlichsten
+Bedürfnisse. Ohne ihn würden wir für unsre Nahrung
+und Kleidung und für alle Gemächlichkeiten des Lebens mit eigenen
+hohen Händen sorgen müssen; und erhebt sich nun gar der
+Handwerker oder Künstler (wie es sehr oft der Fall ist) durch
+Erfindungskraft und Verfeinerung seiner Kunst über das Mechanische,
+so verdient er doppelte Achtung. Dazu kömmt, daß
+man wirklich unter diesen Leuten, die bei ihren Geschäften Zeit
+genug haben, an andre nützliche Dinge zu denken, zuweilen die
+hellsten Köpfe, und Männer antrifft, die freier von Vorurtheilen
+sind, als Viele, die durch Studiren und Systemgeist ihre
+gesunde Vernunft verschroben haben.</p>
+
+<p>Wie pflichtmäßig ist es also, einen rechtschaffenen und fleißigen
+Handwerksmann zu ehren und sich höflich gegen ihn zu
+betragen! Und wie unedel ist es, ohne Noth von ihm abzugehen,
+ob man gleich keine Ursache hat mit seiner Arbeit, mit seinem
+Fleiße und seinen Preisen unzufrieden zu seyn. Man mache
+nicht den Handwerksneid unter diesen Leuten rege! Man ziehe,
+bei gleichen Umständen, <em class="gesperrt">den</em> Handwerksmann, der unser Nachbar
+ist, dem entfernter wohnenden vor! Man bezahle ordentlich,
+pünktlich, baar, und dinge ihm nicht über die Gränzen
+der Billigkeit ab! Unverantwortlich ist das Verfahren so vieler
+Vornehmen und selbst Reichen, die, bei allem Aufwande, den
+sie machen, zuletzt daran denken, die Handwerksleute, welche
+für sie arbeiten, zu befriedigen. Eben die Verschwender, welche
+vielleicht in <em class="gesperrt">einem</em> Abende Tausende im Spiele verlieren, und
+es für eine Ehrensache halten, diese Schuld ohne Aufschub zu
+tilgen, lassen den armen Handwerksmann um eine Rechnung
+von zehn Thalern, worunter mehr als die Hälfte in baaren Auslagen
+von seiner Armuth besteht, unbarmherziger Weise Jahre
+lang warten, und manchen sauren Weg vergebens thun, lassen<span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span>
+ihn wohl gar von einem groben Haushofmeister auf eine kränkende
+Weise abfertigen. Diese Ungerechtigkeit und Härte stürzt
+so manchen ehrlichen, sonst wohlhabenden Bürger in Mangel,
+oder verleitet ihn, ein Betrüger zu werden.</p>
+
+<p>Es herrscht aber unter den Handwerksleuten die unartige
+Gewohnheit des Lügens. Sie versprechen, was sie weder halten
+können, noch halten wollen, und übernehmen mehr Arbeit, als
+sie in der bestimmten Frist zu liefern im Stande sind. Es würde
+der Mühe werth seyn, daß sich, wie ich schon oben in Ansehung
+der übertheuernden Krämer vorgeschlagen habe, die angesehensten
+Leute einer Stadt dahin vereinigten, bei einem solchen Windbeutel
+nicht mehr arbeiten zu lassen. Daher mache ich mit den
+Handwerksleuten, welche für mich arbeiten, den Vertrag, daß
+ich augenblicklich von ihnen abgehe, sobald sie mir ihre Zusage
+nicht halten. Dadurch nun, und wenn man jedesmal bei Ablieferung
+der Arbeit baar bezahlt, erlangt man, daß man seltner
+belogen wird, als Andre.</p>
+
+<h4>8.</h4>
+
+<p>Ein Blick zurück auf das, was ich von dem Umgange mit
+Kaufleuten gesagt habe, erinnert mich, daß ich bei dieser Gelegenheit
+auch von den <em class="gesperrt">Juden</em>, als gebornen Handelsmännern,
+hätte reden sollen. Ich will aber das Wenige, was ich etwa
+über diesen Gegenstand vorzutragen habe, hier nachholen.</p>
+
+<p>In Amerika trifft man sehr viel Juden an, die durchaus in
+allen ihren Sitten mit den Christen übereinstimmen, auch sogar
+mit christlichen Familien durch wechselseitige Heirathen sich verbinden.
+In Holland und in einigen Städten von Deutschland,
+besonders in Berlin, ist die Lebensart mancher jüdischen Familien
+von der Weise anderer Religions-Verwandten auch fast gar
+nicht verschieden. In diesen Fällen nun ist eine von den Ursachen
+gehoben, weswegen der Charakter dieses Volks so viel widrige
+Eigenheiten hat. Freilich bringen es leider die mehrsten
+Juden in der höhern Kultur nicht weiter, als daß sie die Einfalt
+und Strenge ihrer Sitten gegen christliche Laster und Thorheiten
+vertauschen. Ein jüdischer Stutzer, Wüstling oder Freigeist spielt
+dann mehrentheils eine sehr unwürdige Rolle. Daß übrigens die
+höchst unverantwortliche Verachtung, mit welcher wir den Juden
+begegnen, — der Druck, unter welchem sie in den mehrsten
+Ländern leben, und die Unmöglichkeit, auf andre Weise, als<span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span>
+durch Wucher, ihren Lebens-Unterhalt zu gewinnen, — daß
+diese unsere Ungerechtigkeit nicht wenig dazu beiträgt, sie moralisch
+schlecht zu machen, und zur Niederträchtigkeit und zum Betruge
+zu reizen, — endlich daß es, ungeachtet aller dieser Umstände,
+dennoch edle, wohlwollende, großmüthige Menschen unter
+ihnen gibt: — das sind bekannte, oft gesagte Dinge. Laßt
+uns aber hier die Juden, nicht wie sie unter andern Umständen
+seyn <em class="gesperrt">könnten</em>, noch wie einzelne Subjecte unter ihnen sind,
+sondern so, wie wir jetzt ihren Volks-Charakter nach der größern
+Anzahl beurtheilen müssen, betrachten!</p>
+
+<p>Sie zeigen sich rastlos und von einer unerschöpflichen Geduld
+und Ausdauer, wo etwas zu gewinnen ist; sie verschmähen auch
+den kleinsten Gewinn bei ihrem Gewerbe nicht, und machen,
+durch ihren Zusammenhang in allen Ländern und dadurch, daß
+sie sich durch keine Art von Bedrückung und Zurückweisung abschrecken
+lassen, fast unmögliche Dinge möglich. Man kann sie
+daher zu den wichtigsten Verhandlungen brauchen, und auf ihre
+Klugheit eben so sehr, wie auf ihre Ausdauer rechnen; nur muß
+man ihre Dienste gut bezahlen.</p>
+
+<p>Sie sind verschwiegen, wo sie Interesse dabei finden; vorsichtig;
+zuweilen zu furchtsam, doch für's Geld bereit, das
+Aergste zu wagen; verschlagen; witzig; scharfsinnig in ihren
+Einfällen; Schmeichler im höchsten Grade, und finden dadurch
+Mittel, sich ohne Aufsehen in den größten Häusern Einfluß zu
+verschaffen, und durchzusetzen, was man ohne sie schwerlich bewirken
+würde.</p>
+
+<p>Sie sind mißtrauisch. Sind sie aber <em class="gesperrt">einmal</em> überzeugt, daß
+sie pünktliche Bezahlung erhalten werden, und mit einem ehrlichen
+Manne zu thun haben, so kann man auch bei ihnen Hülfe
+finden, wenn alle christlichen Wucherer sich zurückziehen.</p>
+
+<p>Bist Du aber ein schlechter Wirth, oder sind Deine Vermögens-Umstände
+in einer zweideutigen Lage: so wird niemand
+dieß leichter gewahr werden, als der Jude. Rechne dann nicht
+darauf, daß er Dir Geld vorschießen werde, oder mache Dich
+gefaßt, ihm, wenn er es auf Speculation daran wagt, Dich
+zu so übertriebenen Procenten und zu solchen Bedingungen verbindlich
+machen zu müssen, daß dadurch Deine Lage gewiß noch
+unglücklicher wird!</p>
+
+<p>Es wird den Juden gewaltig schwer, sich vom Gelde zu trennen,<span class="pagenum" id="Seite_380">[S. 380]</span>
+weil es ihr höchstes Gut, und die Bedingung ihres Daseyns
+ist. Darum gehen sie in Geld-Angelegenheiten mit der
+größten Vorsicht zu Werke, und lassen sich dabei keine Mühe
+verdrießen. Wenn Jemand, den sie nicht recht genau kennen,
+sie um ein Darlehn anspricht, so werden sie denselben auf einen
+andern Tag wieder bestellen. Unterdessen forschen sie bei Handwerkern,
+Nachbaren, Bedienten u. dgl. nach den kleinsten Umständen
+des künftigen Schuldners. Kömmt dieser zur bestimmten
+Zeit wieder, so läßt sich der Jude verleugnen, oder verschiebt
+die Zahlung noch um einige Wochen, Tage oder Stunden. Und
+ist auf Deinem Gesichte nur irgend eine Spur von Verlegenheit
+über Deine Umstände, oder von zu großer Freude über die zu
+hoffende Hülfe zu lesen, so wird der Jude sich nicht von seinem
+Mammon trennen, und hätte er auch schon angefangen, das
+Geld hinzuzählen. Daß er Dir immer das leichteste Gold geben
+wird, versteht sich von selbst. Auf dies alles muß man sich gefaßt
+machen, wenn man in solche Fälle kömmt.</p>
+
+<p>Bei dem Handel mit Hebräern gemeiner Art ist es rathsam,
+die Augen oder den Beutel zu öffnen. Es ist sehr natürlich, daß
+ein Christ sich auf ihre Gewissenhaftigkeit, auf ihre Betheuerungen
+nicht verlassen darf. Sie werden Euch Kupfer für Gold,
+drei Ellen für vier, alte Sachen für neue verkaufen, falsche
+Münze für ächte geben, wenn Ihr es nicht besser verstehet.</p>
+
+<p>Wenn man alte Kleider oder andre Sachen an Juden verhandeln
+will, so suche man mit dem ersten, der ein irgend leidliches
+Gebot thut, sogleich einig zu werden! Lässest Du ihn fortgehen,
+ohne sein Gebot anzunehmen, so wird die Nachricht,
+daß bei Dir etwas zu schachern sey, und daß man Mendeln oder
+Joseph den Handel nicht verderben dürfe, wie ein Lauf-Feuer
+durch die ganze Judenschaft gehen, und in der Synagoge publicirt
+werden: in solchen Fällen halten sie treulich zusammen. Es
+werden dann haufenweise die Israeliten, fremde und einheimische,
+Dein Haus bestürmen; aber jeder später kommende wird
+immer etwas weniger bieten, als der vorhergehende, bis Du
+endlich entweder den ersten wieder aufsuchst, der aber dann die
+gleich anfangs gebotene Summe noch vermindert, oder bis Deine
+Waare Dir so zuwider wird, daß Du sie für die Hälfte des
+Werths einem Andern hingibst, der sie treulich dem Ersten einhändigt.
+Wenn auch ein Jude von gemeiner Art Dir im Handel<span class="pagenum" id="Seite_381">[S. 381]</span>
+so viel bietet, wie Du etwa fordern zu dürfen glaubst, so
+schlage doch nicht gleich zu; er wird sonst zurückziehen, entweder
+weil er nun denkt, er hätte noch wohlfeiler dazu kommen
+können, oder es stecke Betrug dahinter.</p>
+
+<p>Ist man seines Kaufs mit einem Trödel-Juden völlig einig,
+so wird er doch noch versuchen, den Verkäufer zu hintergehen.
+Er wird gewöhnlich sagen: »er habe kein baares Geld bei sich,
+wolle aber die Uhr oder sonst etwas zum Unterpfande lassen.«
+Er weiß wohl, daß man das selten annimmt. Gibt man ihm
+nun Credit und das Gekaufte mit, so schleppt er dies in der
+ganzen Stadt herum, bietet es feil, und bringt es wieder, mit
+dem Bedeuten: »man solle etwas schwinden lassen; er habe sich
+übereilt.« Oder er kömmt gar nicht wieder, und man muß
+lange hinter der Bezahlung herlaufen. Auch wollen sie gar zu
+gerne Waare statt Geld geben, denn die baare Münze ist ihnen
+gar zu sehr an's Herz gewachsen. — Auf dies alles darf man
+sich nicht einlassen. Etwas ganz Charakteristisches hat diese Nation
+übrigens in Allem. — Ich rede von dem großen Haufen
+derselben, nicht von denen, die sich (vielleicht nicht zu ihrem
+Glücke) nach den Sitten der Christen umgebildet haben. —
+Man höre die Musik in ihren Tempeln, und die ganz eigene
+Art, wie sie dieselbe vortragen! Man sehe sie tanzen! Man
+gebe Acht auf die Verzierungen, welche auch die reichsten alten
+Juden in ihren Häusern anbringen, ob nicht immer etwas von
+den Knäufen an dem Tempel Salomons, von den Verzierungen
+der Bundeslade, Scharlach, Rosenroth und gezwirnter weißer
+Seide mit unterläuft.</p>
+
+<h4>9.</h4>
+
+<p>In den mehrsten Provinzen von Deutschland lebt der <em class="gesperrt">Bauer</em>
+in einer Art von Druck und Sclaverei, die wahrlich oft härter
+ist, als die Leibeigenschaft desselben in andern Ländern. Mit
+Abgaben überhäuft, zu schweren Diensten verurtheilt, unter dem
+Joche grausamer, habsüchtiger Beamten seufzend, werden sie
+des Lebens nie froh, haben keinen Schatten von Freiheit, kein
+sichres Eigenthum, und arbeiten nicht für sich und die Ihrigen,
+sondern nur für ihre Tyrannen.</p>
+
+<p>Wen nun die Vorsehung in die glückliche Lage gesetzt hat,
+zu Erleichterung dieser so sehr gedrückten und doch so wichtigen,
+zahlreichen und nützlichen Menschen-Klasse etwas beitragen zu<span class="pagenum" id="Seite_382">[S. 382]</span>
+können: o! der schaffe sich doch die süße Wonne, in den ländlichen
+Hütten Freude zu verbreiten, und seinen Namen von
+Kindern und Enkeln mit Segen nennen zu hören!</p>
+
+<p>Freilich wohl sind die Bauern zum Theil so hartnäckige, zänkische,
+widerspenstige und unverschämte Geschöpfe, daß sie aus
+der geringsten Wohlthat eine Schuldigkeit machen, — daß sie
+nie zufrieden sind, immer klagen, immer mehr haben wollen,
+als man ihnen zugestehen kann; allein sind wir nicht selbst durch
+lange fortgesetzte unedle Behandlung und Vernachlässigung ihrer
+Bildung daran Schuld, daß niederträchtige Gesinnungen bei
+ihnen herrschend werden? und gibt es nicht einen Mittelweg
+zwischen übertriebener Nachsicht und despotischer Strenge und
+Grausamkeit? Ich verlange nicht, daß ein Landes- oder Guts-Herr
+sich, so lange die jetzige Ordnung der Dinge noch Statt
+hat, des Rechts begeben solle, seine Unterthanen zu schuldigen
+Diensten zu gebrauchen; allein, kann es erlaubt seyn, diese
+Dienste auch dann zu verlangen, wenn nur von dem edlen Vergnügen
+einer Hirsch- oder Schweine-Metzelei die Rede ist? ist
+es menschlich, den Bauer zu einer Zeit, wo seine Gegenwart zu
+Hause dringend nothwendig ist, mehrere Tage hinter einander
+in strenger Kälte mit leerem Magen herumlaufen, und Ohren
+und Nase erfrieren zu lassen? Der Gutsherr kann und soll ihm
+die schuldigen Abgaben nicht schenken; aber er soll Nachsicht
+mit seinen Umständen haben, Rücksicht auf erlittene Unglücksfälle
+nehmen, und darauf halten, daß die Beamten die Gelder
+in einer Zeit eintreiben, wo es dem armen Landmanne weniger
+schwer wird, baare Münze aufzutreiben, ohne sich mit Leib und
+Seele dem Juden oder dem bösen Feinde zu verschreiben.</p>
+
+<p>Man schwatzt so viel von Verbesserung der Dorfschulen und
+Aufklärung des Landvolks; allein überlegt man auch wohl immer
+genau genug, welch ein Grad von Aufklärung für den Landmann,
+besonders für den von niedrigem Stande, taugt? Daß
+man den Bauer nach und nach, mehr durch Beispiele als durch
+Abhandlungen, zu bewegen sucht, von manchen ererbten Vorurtheilen,
+in der Art des Feldbaues und überhaupt in der Führung
+des Haushalts, zurückzukommen, — daß man durch zweckmäßigen
+Schul-Unterricht die thörichten Grillen, den dummen
+Aberglauben, den Glauben an Gespenster, Hexen u. dergl. zu
+zerstören trachte, — daß man die Bauern gut schreiben, lesen<span class="pagenum" id="Seite_383">[S. 383]</span>
+und rechnen lehre: das ist löblich und nützlich. Ihnen aber allerlei
+Bücher, Geschichten und Fabeln in die Hände zu spielen; sie
+zu gewöhnen, sich in eine Ideen-Welt zu versetzen; ihnen die
+Augen über ihren armseligen Zustand zu öffnen, so lange man
+nicht die ernstliche Absicht hat, diesen zu verbessern; sie durch
+zu viel Aufklärung unzufrieden mit ihrer Lage, und aufgelegt zu
+machen, über die ungleiche Austheilung der Glücksgüter zu declamiren;
+ihren Sitten Geschmeidigkeit und den Anstrich der feinen
+Höflichkeit zu geben — das taugt wahrlich nicht, obgleich
+es auch grausam und ungerecht ist, die natürlichen Fortschritte
+einer solchen Aufklärung vorsätzlich <em class="gesperrt">hindern</em> zu wollen. Ohne
+alle diese künstlichen Hülfsmittel trifft man unter alten Landleuten
+Menschen von so unverfälschtem Sinne, von so hellem, heiterm
+Kopfe, und von so festem Charakter an, die manchen hochstudirten
+Herrn beschämen könnten. Es scheint also rathsam,
+hier mit großer Mäßigung und Sparsamkeit zu Werke zu gehen.
+Im Ganzen betrage man sich gegen den Bauer treuherzig, gerade,
+offen, ernsthaft, wohlwollend, nicht geschwätzig, dem
+Verhältnisse gemäß, und bleibe sich gleich: und man wird sich
+seine Achtung, sein Zutrauen erwerben, und viel über ihn vermögen.</p>
+
+<p>Von <em class="gesperrt">Land-Edelleuten</em> und andern Personen höhern Standes,
+die in den Dörfern leben, gilt zum Theil dasselbe. Man
+nehme keinen Residenz-Ton im Umgange mit ihnen an, hüte
+sich vor leeren Complimenten, nehme Theil an ihren ländlichen
+Freuden, Sorgen und Geschäften, und verbanne allen Zwang,
+ohne doch den Ton zu tief herabzustimmen: so wird man ihnen
+als Gast, Nachbar, Freund und Rathgeber willkommen seyn.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Siebentes_Kap.">Siebentes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart
+und Gewerbe.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Zuerst von den sogenannten Abentheurern und Pflastertretern.
+Ich rede hier nicht von den eigentlichen Betrügern und Gaunern
+— von diesen soll gleich nachher gehandelt werden! — sondern
+von der unschädlichen Art der Abentheurer, die, wenn sie
+sich mit der Glücksgöttin gar zu oft überworfen haben, zuletzt<span class="pagenum" id="Seite_384">[S. 384]</span>
+an die kleinen Neckereien dieses launigten Weibes so gewöhnt
+sind, daß sie immer aufs Neue blindlings in den Glückstopf
+hineingreifen, und es wagen, entweder auf die Finger geklopft
+zu werden, oder einmal einen fetten Brocken zu erhaschen. Sie
+leben, ohne festen Plan für den folgenden Tag, auf gute Hoffnung
+los, und unternehmen sorglos und leichtsinnig alles, was
+ihnen für den Augenblick eine Aussicht zu einigem Unterhalte zu
+eröffnen scheint. Wo eine reiche Wittwe zu heirathen, eine Pension,
+eine Bedienung an irgend einem Hofe, oder dergleichen
+zu erschleichen ist, da sind sie nicht saumselig. Sie verändern
+den Namen, adeln sich, schaffen sich um, so oft es ihnen beliebt,
+und es die Sache erleichtern kann. Was sich als Edelmann
+nicht durchsetzen läßt, das versuchen sie als Marquis, als
+Abbé, als Offizier. Zwischen Himmel und Erde ist kein Fach,
+kein Departement, in welchem sie nicht bereit wären, sich an
+die Spitze der Geschäfte stellen zu lassen, keine Wissenschaft,
+über welche sie nicht mit einer Zuversicht schwatzten, die sogar
+den Gelehrten zuweilen stutzen macht. Mit einer bewundernswürdigen
+Gewandtheit, mit einem <span class="antiqua">savoir faire</span>, das selbst der
+bessere Mann zum Theil von ihnen lernen sollte, gelangen sie
+zu Dingen, die der Rechtschaffenste und Verständigste nicht einmal
+zu wünschen den Muth hat. Ohne tiefe Menschenkenntniß
+haben sie gerade das, womit man in dieser Welt über wahre
+Weisheit den Meister spielt — <span class="antiqua">esprit de conduite</span>. Gelingt
+das nicht, was sie unternehmen, so werden sie doch dadurch
+nicht in ihrem guten Humor gestört; die ganze Welt ist ihr Vaterland,
+und als blinde Passagiers sind sie auf dem Postwagen
+eben so zu Hause, wie in einer prächtigen Karosse. — Ein gutmüthiges
+Völkchen, durch das Nomaden-Leben gewöhnt, Freuden
+und Leiden geduldig zu ertragen und zu theilen! Haben sie
+irgendwo ihre Rolle ausgespielt, so schnüren sie ihr Bündelchen,
+und gehen aus ihren Palästen so leichtfüßig davon, wie ein
+flüchtiger Morgen-Traum.</p>
+
+<p>Als Gesellschafter mag man diese Leute nicht verachten! Sie
+haben so Manches gesehen und erfahren, daß dem Menschen-Kenner
+ihr Umgang nicht ganz uninteressant seyn kann. Ja,
+wenn sie sonst nicht bösartig sind, so findet man bei ihnen Theilnehmung,
+Dienstfertigkeit und Gefälligkeit in hohem Grade.
+Dagegen ist zu einer genauen freundschaftlichen Verbindung mit<span class="pagenum" id="Seite_385">[S. 385]</span>
+ihnen gar nicht zu rathen. Man sey nicht zu vertraulich gegen
+sie, und bediene sich nicht ihrer Hülfe zu wichtigen Geschäften!
+Theils leidet dadurch unser eigner Ruf, theils kann man sich
+von ihrem Leichtsinne und ihrer Charakterlosigkeit wenig wahre
+Hülfe versprechen; auch pflegen sie nicht eben sehr ekel in der
+Wahl der Mittel zu seyn, welche sie anwenden, um zu einem
+Zwecke zu gelangen.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Beschäme nicht leicht den Abentheurer, auch den von schlechter
+Art nicht, wenn Du ihn irgendwo in einer erborgten Gestalt,
+unter falschem Namen, oder mit selbstgeschaffnen Titeln
+und Ehrenzeichen geschmückt antriffst, in so fern nicht wichtige
+Gründe eintreten, oder Du besondern Beruf dazu hast! Auch
+würde Dir das nicht immer gelingen; denn seine Unverschämtheit
+möchte vielleicht Wege finden, das Unangenehme einer solchen
+Scene auf Dich selbst fallen zu machen. Doch kann es zuweilen
+nützlich seyn, so einem Herrn unter vier Augen merken
+zu lassen, daß man ihn kenne, und daß es in unsrer Macht
+stehen würde, ihn zu entlarven, daß man aber seiner schonen
+wolle. Dann wird ihn vielleicht die Furcht vor der Entdeckung
+zurückhalten, böse Streiche zu spielen. Es gibt aber unter diesen
+Landläufern äusserst gefährliche Menschen, Ausspäher, Verführer,
+Verleumder, Diebe und Schelme aller Art. Nicht nur
+sollte diesen die Thür jedes ehrlichen Mannes sorgfältig verschlossen
+werden, sondern die kleinern deutschen Fürsten würden auch
+wohl thun, wenn sie sich weniger mit solchem Gesindel einließen,
+welches gewöhnlich mit einer Tasche voll Pläne und Entwürfe
+zum Besten des Landes, zur Beförderung des Handels, zum
+Flor und zur Verschönerung der Residenzen, angezogen kömmt,
+redliche Diener aus ihren Aemtern verdrängt und verdächtig
+macht, seinen Beutel zum Ruin des Landes spickt, freilich seine
+Rolle selten lange spielt; aber wenn es auch, mit Schimpf und
+Schande beladen, davon gehen muß, mehrentheils viel gestiftetes
+Unglück zurückläßt, was es nie wieder gut machen kann,
+und irgend einen andern schwachen Herrn findet, mit dem es
+seine Operationen aufs Neue versucht. In diesen Fällen ist es
+Pflicht, dem Bösewichte öffentlich die Larve abzuziehen; doch
+thue man das nicht eher, als bis man die deutlichsten Beweise
+gegen ihn in Händen hat! denn dergleichen Menschen haben die<span class="pagenum" id="Seite_386">[S. 386]</span>
+Gabe, ihre Sache von solchen Seiten vorzustellen, daß man
+sehr viel wagt, wenn man sie mit unsichern Waffen angreift.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Unter allen Abentheurern sind, nach meiner Empfindung,
+die <em class="gesperrt">Spieler</em> vom Handwerk die verächtlichsten. Indem ich nun
+von ihnen rede, werde ich auch Gelegenheit nehmen, über das
+Spiel im Allgemeinen und über das Betragen bei demselben
+etwas zu sagen.</p>
+
+<p>Keine Leidenschaft kann so weit führen, keine kann den Jüngling,
+den Mann und ganze Familien in ein grenzenloseres Elend
+stürzen, keine den Menschen in eine solche Kettenreihe von Verbrechen
+und Lastern verwickeln, als die unglückselige Spielsucht.
+Sie erzeugt und nährt alle nur ersinnlichen unedeln Empfindungen:
+Habsucht, Neid, Haß, Zorn, Schadenfreude, Verstellung,
+Falschheit und Vertrauen auf blindes Glück; sie kann zu
+Betrug, Zank, Mord, Niederträchtigkeit und Verzweiflung führen,
+und tödtet auf die schändlichste Weise die goldne Zeit. Wer
+reich ist, begeht eine unverzeihliche Thorheit, wenn er sein Geld
+auf so ungewisse Speculation anlegt; und wer nicht viel zu wagen
+hat, muß furchtsam spielen, kann die Launen des Glücks
+nicht abwarten, sondern muß bei dem ersten widrigen Schlage
+das Feld räumen, oder er wagt es darauf, aus einem Dürftigen
+ein Bettler zu werden. Doch ist die Thorheit der Erstern
+noch weit größer, als die der Letztern. Selten stirbt der Spieler
+als ein reicher Mann; wer daher auf diesem elenden Wege
+Vermögen erworben hat, und dann nicht aufhört zu spielen,
+den möchte man einen Wahnsinnigen nennen.</p>
+
+<p>Die, welche Tage und Nächte dem Spiel opfern, bedenken
+gewiß nicht, daß, wenn sie täglich spielen, sie sich eine jährliche
+<em class="gesperrt">gewisse</em> Ausgabe von wenigstens sechzig Thalern aufladen,
+die sie von dem möglichen <em class="gesperrt">ungewissen</em> Gewinne abrechnen
+müssen; nämlich das Kartengeld. Sie bedenken noch weniger,
+daß sie die unwürdigsten Zeitverschwender, und allen
+Guten und Edlen verächtlich, daß sie früher oder später der
+Verzweiflung preisgegeben sind.</p>
+
+<p>Hüte Dich, mit Leuten vom Handwerke Dich auf ein Spiel
+einzulassen, wenn Dir Dein Geld und Deine Ehre lieb ist!</p>
+
+<p>Traue Keinem von ihnen! in keiner Sache! — Die wenigen
+Ausnahmen, wo diese Regel einem ehrlichen Spieler von<span class="pagenum" id="Seite_387">[S. 387]</span>
+Profession Unrecht thun könnte, verdienen nicht in Anschlag gebracht
+zu werden; und wer sich dieser verächtlichen Lebensart
+widmet, mag es nicht übel nehmen, daß man ihm den Geist
+der bösen Zunft zutraut, zu welcher er sich bekennt.</p>
+
+<p>Laß Dich auf keine bloße Hazard-Spiele ein! Um geringen
+Preis gespielt, sind sie äusserst langweilig, und hohes Geld dem
+Ungefähr preisgeben, ist Narrheit. Ein verständiger Mann verachtet
+ohnehin jede Beschäftigung, bei welcher Kopf und Herz
+schlummern müssen, und man darf nur ein mittelmäßiger Rechner
+seyn, um sich zu überzeugen, daß bei solchen Glücksspielen
+die Wahrscheinlichkeit immer gegen uns ist. Wollen wir aber
+gar keine Wahrscheinlichkeit annehmen, so bleibt der Erfolg ein
+Werk des Zufalls: — und wer wird denn vom Zufalle abhängen
+wollen?</p>
+
+<p>Auf die sogenannten Commerenz-Spiele thue gänzlich Verzicht,
+oder lerne sie vorher recht, und spiele mit gleicher Aufmerksamkeit,
+es mag um hohen Preis, oder um eine Kleinigkeit
+gelten! Lerne Dich aber auch im Spiele beherrschen, und wage
+nicht mit Unverstand! Mache nicht, durch gehäufte Fehler der
+Aufmerksamkeit und Kunst, Dich selbst arm, und Deinen Mitspielern
+Ungeduld und Langeweile!</p>
+
+<p>Zeige keine böse Laune, wenn Du schlechte Karten bekömmst,
+und wenn Du verlierst! Wer nie Geld im Spiele verlieren will,
+der muß sich auf die Blindekuh einschränken.</p>
+
+<p>Manche Leute geben immer vor, gewonnen zu haben; andere
+klagen stets über Verlust. Die Erstern belügen nur ihren
+eigenen Geldbeutel; die Andern aber sprechen sich selbst ein böses
+Urtheil. Denn wer ohne Unterlaß verliert, ist ein Narr,
+wenn er nicht endlich das Spielen aufgibt.</p>
+
+<p>Spiele nicht so unerträglich langsam und bedächtig, daß
+Deinen Gesellschaftern alle Geduld vergehen muß. Zanke nicht,
+wenn Deine Mitspieler Fehler machen!</p>
+
+<p>Zeige keine laute Freude, wenn Du gewinnst! das pflegt
+Dem, welcher verloren hat, empfindlicher zu seyn, als der Verlust
+selbst.</p>
+
+<p>Nöthige niemand zum Spiele, wenn Du weißt, daß er ungern
+oder unglücklich spielt! Dieß geschieht vielfältig von Leuten,
+denen es eine wichtige Angelegenheit ist, ihre Parthieen
+vollzählig zu haben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_388">[S. 388]</span></p>
+
+<p>— Doch diese Materie ist wohl kaum der so langen Abhandlung
+werth. — Wenden wir uns zu andern Gegenständen!</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Unter den Abentheurern unsrer Zeit spielen die <em class="gesperrt">Geisterseher</em>,
+<em class="gesperrt">Goldmacher</em> und andre <em class="gesperrt">mystische Betrüger</em> keine unbeträchtliche
+Rolle. Diese Art von Schwärmerei, nämlich der
+Glaube an übernatürliche Wirkungen und Erscheinungen, ist
+sehr ansteckend. Bei dem Gefühle, wie manche Lücke in unsern
+philosophischen Systemen und Theorien übrig bleibt, so lange
+unser Geist in den Grenzen irdischer Ausdehnung eingeschränkt
+ist, und bei der Begierde, dennoch, über die Grenzen dieser
+Eingeschränktheit hinaus, Blicke zu thun, scheint es dem Menschen
+ganz natürlich, die unerklärbaren Sachen <span class="antiqua">a posteriori</span>
+zu erläutern, wenn es mit den Beweisen <span class="antiqua">a priori</span> nicht recht
+gehen will; d. h. aus den gesammelten Thatsachen Resultate zu
+ziehen, die ihm angenehm sind; Resultate, die theoretisch, durch
+Schlüsse, nicht vollständig herauskommen. Da geschieht es
+dann, daß, um eine Menge solcher Thatsachen zu gewinnen,
+man geneigt ist, jedes Mährchen für wahr, jede Täuschung für
+Realität zu halten, damit man seinem Glauben Gewicht gebe.
+Je aufgeklärter aber die Zeiten werden, je emsiger man sich bestrebt,
+der Wahrheit auf den Grund zu kommen, desto sichtbarer
+wird es uns, daß wir auf Erden diesen Grund nicht finden;
+um desto leichter also gerathen wir auf jenen Weg, den wir vorher
+verachtet haben, so lange noch auf dem hellen Wege der
+Theorie neue Entdeckungen zu machen waren. Ich glaube, daß
+dieß eine ungezwungene Erklärung des Phänomens ist, das so
+Manchem höchst wunderbar scheint, — des Phänomens, daß
+in den Zeiten der größten Aufklärung ein blinder Glaube an
+Ammen-Mährchen grade am stärksten einreißt.</p>
+
+<p>Diese Stimmung des Publikums nun machen sich eine
+Menge Betrüger zu Nutze, die theils planmäßig verbunden,
+uns zu unterjochen, theils einzeln, nach Zeit und Gelegenheit
+darauf ausgehen, die Augen der Schwachen zu blenden.</p>
+
+<p>Sey es nun dabei auf unsre Geldbeutel, oder auf Tyrannei
+über unsern Willen, oder auf irgend einen andern moralischen,
+intellectuellen oder politischen Mißbrauch angesehen: so ist es
+immer sehr wichtig, dagegen auf seiner Hut zu seyn.</p>
+
+<p>Obgleich ich mich nicht fest überzeugen kann, daß alle Abentheurer<span class="pagenum" id="Seite_389">[S. 389]</span>
+solcher Art, daß die Cagliostro's, Saint Germain's,
+Schröpfer und Consorten, bis auf den armen Masius hinunter,
+sämmtlich von einer einzigen Triebfeder regiert werden, und
+daß jeder solcher Wundermann seine Unternehmungen auf denselben
+Zweck zu leiten die Absicht haben sollte: so sind wir doch
+denen allen Dank schuldig, die uns vor solchen Abentheurern
+warnen, und uns wenigstens zeigen, <em class="gesperrt">wohin das führen</em>
+könnte. Um aber nicht zu wiederholen, was so vielfältig ist gesagt
+worden, und noch immer gesagt wird, will ich hier, bei
+dem Betragen gegen Leute von der Art, nur folgende Vorsichtigkeits-Regeln
+vorschlagen.</p>
+
+<p>Laß es an seinen Ort gestellt seyn, ob man Geister sehen
+und Gold machen könne, oder nicht! Leugne nicht das, wovon
+Du nicht das Gegentheil so klar beweisen kannst, daß es nicht
+möglich ist, dagegen etwas einzuwenden! — denn Beweise, die
+auf Vordersätzen beruhen, welche nur willkührlich angenommen
+sind, können bloß den überzeugen, der Lust hat, davon überzeugt
+zu werden. — Aber baue nicht, bei der Möglichkeit einer
+Sache, den Schluß auf ihre Wirklichkeit, noch auf metaphysische
+Grillen moralische Handlungen! Sollte auch jemand durch
+Schlüsse überführt werden können, daß wohl sehr wahrscheinlich
+jedes sichtbare Wesen von einer Menge unsichtbarer umgeben
+ist: so bleibt es doch immer thöricht gehandelt, wenn dies sichtbare
+Wesen seine sichtbaren Handlungen mehr nach der vermuthlichen
+unsichtbaren Gesellschaft, die ihn umgibt, einrichtet, als
+nach den Sitten der wackern wirklichen Personen, unter denen
+es umherwandelt.</p>
+
+<p>Man zeige also in Worten und Handlungen mehr Wärme
+für thätige, nützliche Wirksamkeit, als für Speculation; so werden
+sich die Herren Mystiker nicht leicht zu uns gesellen!</p>
+
+<p>Geräthst Du aber an einen solchen Wundermann, und ist
+Dir daran gelegen, ihn und sein System genauer kennen zu
+lernen: so hüte Dich, vorher Unglauben und Vorwitz zu offenbaren!
+Er wird sonst bald merken, daß mit Dir, als einem
+Ungläubigen, nicht viel anzufangen ist; er wird Dich nicht einweihen
+in seine Geheimnisse, nicht zulassen zu seinem esoterischen
+Unterrichte, und Du wirst den Vortheil entbehren, Dich und
+Deine Freunde von dem wahren Zusammenhange zu unterrichten,
+— ungerechnet, daß es sich wirklich für einen vernünftigen<span class="pagenum" id="Seite_390">[S. 390]</span>
+Mann nicht schickt, sich früher für oder gegen eine Sache einnehmen
+zu lassen, bevor er dieselbe kaltblütig untersucht hat,
+wäre auch aller Anschein dagegen; besonders wenn es Dinge
+betrifft, in welchen selbst der Weiseste lebenslang im Finstern
+tappt.</p>
+
+<p>Glaubt man zuversichtlich, einen Betrug entdeckt zu haben;
+so ist Spott, so ist Hohnlächeln nicht das Mittel, Schwärmer
+zu bekehren. Man gehe also Schritt vor Schritt, und da die
+Sinne leichter getäuscht werden können, als die Vernunft, so
+fordre man, bevor man sich auf Erscheinungen, Proben und
+Processe einläßt, daß vor allen Dingen zuerst die Theorie, auf
+welcher das alles beruht, recht deutlich erklärt werde! und hier
+lasse man sich nicht etwa auf eine bildliche Sprache ein, sondern
+auf bestimmte, verständliche deutsche Worte, und auf den Ideen-Gang
+und Sprach-Gebrauch, der einmal unter Gelehrten üblich
+ist. Es mag vielleicht sehr viel Weisheit in dem Dunkel der
+Mystiker stecken; aber für <em class="gesperrt">uns</em> kann nur <em class="gesperrt">das</em> Werth haben,
+was <em class="gesperrt">wir</em> verstehen. Man gönne einem Jeden die Freude, einen
+schmutzigen Kiesel für einen Diamant zu halten; aber wenn
+man kein eben so großer Kenner von Edelsteinen ist, so sage
+man gutmüthig, ohne Scheu, frei heraus: »daß man diesen
+Stein für nichts anders, als für einen schmutzigen Kiesel halten
+könne!« Es ist keine Schande, etwas nicht einzusehen;
+aber es ist mehr als Schande, es ist Betrug, das Ansehen haben
+zu wollen, als verstünde man, — was man nicht versteht.</p>
+
+<p>Hat Dich indessen ein Landstreicher, ein Goldmacher, oder
+Geisterseher, bei Deiner schwachen Seite gefaßt, eine Zeitlang
+sein Spielwerk mit Dir getrieben — o! wer ist mehr in dieser
+Leute Händen gewesen, als ich? — und Du entlarvst endlich
+den Schurken: dann scheue Dich nicht, nein! denke, daß es
+Pflicht ist, zur Warnung andrer ehrlicher, leichtgläubiger Leute,
+öffentlich den Betrug bekannt zu machen, — möchtest Du auch
+dabei in keinem sehr vortheilhaften Lichte erscheinen!</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_391">[S. 391]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Achtes_Kap.">Achtes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern<br>
+derselben.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Unter die mancherlei schädlichen und unschädlichen Spielwerke,
+mit welchen sich unser philosophisches Jahrhundert beschäftigt,
+gehört auch die Menge geheimer Verbindungen und Orden verschiedener
+Art. Man wird heut zu Tage in allen Ständen wenig
+Menschen antreffen, die nicht von Wißbegierde, Thätigkeitstrieb,
+Geselligkeit, oder Vorwitz geleitet, wenigstens eine
+Zeitlang Mitglieder einer solchen geheimen Verbrüderung gewesen
+wären. Und doch möchte es wohl nun endlich einmal Zeit
+seyn, diese theils zwecklosen und thörichten, theils dem gesellschaftlichen
+Leben gefährlichen Bündnisse aufzugeben. Ich habe
+mich lange genug mit diesen Dingen beschäftigt, um aus Erfahrung
+reden, und jedem jungen Manne, dem seine Zeit lieb
+ist, mit Zuversicht den Rath geben zu können, sich in keine geheime
+Gesellschaft, sie möge Namen haben, wie sie wolle, aufnehmen
+zu lassen. Sie sind alle, freilich nicht in gleichem Grade,
+aber doch alle ohne Unterschied, zugleich unnütz und gefährlich.
+Unnütz sind sie zuerst, weil man in unserm Zeitalter keine Art
+von wichtigem Unterrichte in Geheimnisse einzuhüllen braucht.
+Die christliche Religion ist so klar und befriedigend, daß sie nicht,
+wie diese Volks-Religionen der alten Heiden, einer geheimen
+Auslegung, einer doppelten Lehrart bedarf; und in den Wissenschaften
+werden die neuesten Entdeckungen zum Wohl der Welt
+öffentlich bekannt gemacht, müssen und sollen öffentlich bekannt
+gemacht werden, damit sie jeder Sachverständige prüfen und
+bewahrheiten könne. In den einzelnen Ländern hingegen, wo
+noch Finsterniß und Aberglauben herrschen, muß man den kommenden
+Tag erwarten. Man darf da nichts übereilen; man
+verdirbt oft mehr, als man gut macht, wenn man die Zwischenstufen
+überspringen will; es hat gar keinen Nutzen, daß einzelne
+Menschen die Periode der Aufklärung zu beschleunigen<span class="pagenum" id="Seite_392">[S. 392]</span>
+trachten; auch können sie das nicht; und wenn sie es können,
+so ist es Pflicht, dieß öffentlich zu thun, um desto mehr Pflicht,
+damit andre vernünftige Männer, in demselben Lande und in
+andern Gegenden, über den Beruf der Aufklärer, über den
+Werth der geistigen Waare, welche sie feil bieten, und darüber
+mögen urtheilen können, ob das, was sie lehren, auch wirklich
+Aufklärung sey, oder ob sie nicht vielleicht schlechtere Münzen
+ausprägen, als die ist, welche sie verrufen. Unnütz sind solche
+Verbindungen ferner, von Seiten ihrer Wirksamkeit, weil sie
+mehrentheils sich mit elenden Kleinigkeiten und abgeschmackten
+Ceremonien beschäftigen, eine Bilder-Sprache reden, die alle
+mögliche Auslegung leidet, nach schlecht durchgedachten Planen
+handeln, unvorsichtig in der Wahl ihrer Mitglieder sind, folglich
+bald ausarten, und, wenn sie auch anfangs in ihrer Einrichtung
+Vorzüge vor öffentlichen Gesellschaften haben könnten,
+nachher dieselben und noch mehr solcher Gebrechen bei ihnen einreißen,
+als die, über welche man in der Welt klagt. Wer Lust
+hat, etwas Großes und Nützliches zu thun, der findet dazu im
+bürgerlichen und häuslichen Leben sehr viel Gelegenheit, die fast
+kein Einziger ganz so eifrig und freudig ergreift, wie er sollte,
+um seinem Leben einen Werth, und seinem Herzen Befriedigung
+und Freude zu geben. Es müßte erst bewiesen werden, daß auf
+diesem öffentlich privilegirten Wege nichts mehr zu thun übrig
+bliebe, oder daß dem warmen Beförderer des Guten unübersteigliche
+Hindernisse in den Weg gelegt wären, bevor man das
+Recht haben dürfte, sich einen vom Staate nicht sanctionirten,
+geheimen, besondern Wirkungskreis zu schaffen. Wohlthätigkeit
+bedarf keiner mysteriösen Hülle; Freundschaft muß auf freier
+Wahl beruhen, und Geselligkeit braucht nicht durch geheime
+Wege befördert zu werden.</p>
+
+<p>Allein diese geheimen Verbindungen sind auch schädlich für
+die Welt, und gewissermaßen unvereinbar mit unsern Pflichten
+gegen die bürgerliche Gesellschaft. Schädlich, weil alles, was
+im Verborgenen geschieht, mit Recht in Verdacht gezogen werden
+kann; unvereinbar mit unsern Pflichten gegen den Staat,
+weil die Vorsteher der bürgerlichen Gesellschaft die Befugniß haben,
+von dem Zwecke jeder Thätigkeit, zu welcher sich Mehrere
+vereinigen, Kenntniß zu verlangen, indem sonst, unter dem
+Schleier der Verborgenheit, eben sowohl gefährliche Plane und<span class="pagenum" id="Seite_393">[S. 393]</span>
+schädliche Lehren, als edle Absichten und weise Kenntnisse, versteckt
+seyn können; weil sogar nicht einmal alle Mitglieder von
+solchen verderblichen Absichten, die man zuweilen hinter der
+schönsten Aussenseite zu verhüllen pflegt, unterrichtet sind; weil
+nur Alltagsseelen sich in diesen Schraubestock einzwängen lassen,
+die bessern hingegen entweder bald zurücktreten, oder zu Grunde
+gehen, ausarten und eine schiefe Richtung bekommen, oder auf
+Kosten der Andern herrschen; weil mehrentheils unbekannte Obere
+im Hinterhalte stehen, und es eines verständigen Mannes unwerth
+ist, nach einem Plane zu arbeiten, den er nicht übersieht,
+für dessen Wichtigkeit und Güte ihm Leute einstehen, — die er
+nicht kennt, denen er sich verbindlich machen muß, ohne daß
+<em class="gesperrt">sie</em> sich <em class="gesperrt">ihm</em> verbindlich machen, ohne daß er weiß, an wen er
+sich zu halten hat, wenn man ihm dafür gar nichts leistet; weil
+schiefe Köpfe und Schurken sich dieß zu Nutze machen, sich zu
+unbekannten Obern aufwerfen, und die übrigen Mitglieder zu
+ihren Privat-Absichten mißbrauchen; weil jeder Erdensohn Leidenschaften
+hat, und diese Leidenschaften also mit in die Gesellschaft
+bringt, wo sie dann im Dunkeln der Verborgenheit freiern
+Spielraum haben, als am Tageslichte; weil solche Verbindungen
+einen unverhältnißmäßigen Aufwand von Geld und Zeit
+kosten; weil sie von ernsthaften bürgerlichen Geschäften ab- und
+zum Müßiggange oder zu zweckloser Beschäftigung hinleiten;
+weil sie bald der Sammelplatz von Abentheurern und Tagedieben
+werden; weil sie allerlei Gattungen von politischer, religiöser
+und philosophischer Schwärmerei begünstigen; weil mönchischer
+Partheigeist bei ihnen einreißt, und viel Unheil stiftet; endlich,
+weil sie Gelegenheit zu Kabalen, Zwist, Verfolgung, Intoleranz
+und Ungerechtigkeiten gegen brave Männer geben, die
+nur deswegen verwerflich sind, weil sie nicht Mitglieder eines
+solchen, oder wenigstens nicht desselben Ordens seyn wollen.</p>
+
+<p>Dieß ist mein Glaubensbekenntniß über geheime Verbindungen!
+Gibt es eine unter ihnen, die manche dieser Gebrechen
+nicht hat — ei nun! so mag sie dann als Ausnahme gelten! —
+ich kenne keine, die nicht wenigstens an einigen derselben krank
+läge.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Gehört nun die Geheimnißkrämerei zu den Auswüchsen der
+Zeit und zu den Modethorheiten, die kein Vernünftiger mitmachen<span class="pagenum" id="Seite_394">[S. 394]</span>
+soll, weil er dabei seine Vernunft verleugnen, und seine
+sittliche Freiheit mehr oder weniger aufgeben muß; ist sie Zeit-
+und Geldverschwendung, und gewährt sie durchaus keine Befriedigung,
+so folgt daraus, daß der, welcher seine Freiheit und
+Ruhe liebt, sich so wenig als möglich um die Systeme, um das
+Personale und um die Schritte geheimer Verbindungen bekümmern,
+seine Zeit nicht mit Lesung ihrer Streitschriften verschwenden,
+und vorsichtig im Reden über diesen Gegenstand seyn
+müsse, um sich Verdruß zu ersparen, und weder ein gutes noch
+böses Urtheil über solche Systeme zu wagen, weil der Grund
+derselben oft sehr tief verborgen liegt; daß er vor allem jeder
+Versuchung und Anreizung, sich einweihen zu lassen, muthigen
+Widerstand leisten müsse.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Haben aber Vorwitz, übel geordnete Begierde thätig zu seyn,
+Neugier, Ueberredung, Eitelkeit oder andre Bewegungsgründe
+Dich verleitet, in eine solche Verbindung zu treten: so laß Dich
+wenigstens von den Thorheiten und Schwärmereien und von
+dem Secten-Geiste, die in Deinem Orden herrschen, nicht ganz
+hinreißen, sondern suche Dich immer noch im Besitz und Gebrauch
+Deiner Vernunft zu behaupten. Hüte Dich, das Spielwerk,
+die Maschine verkappter Bösewichter zu werden! Dringe,
+wenn Du kein Knabe mehr bist, auf deutliche Entwickelung des
+ganzen Systems! Laß Dich nicht durch räthselhafte Vorspiegelungen,
+durch große Verheissungen, durch blendende Plane zum
+Besten der Menschheit, durch den Anschein von Uneigennützigkeit,
+Heiligkeit und Reinigkeit der Absicht blenden; sondern
+fordre Beweise von Thaten und gänzliche Uebersicht! Wirft
+man Dir dann Deinen Mangel an Empfänglichkeit, Deine
+Unwürdigkeit vor, so laß Dir erzählen, welche Eigenschaften
+die hohen Obern fordern, und beleuchte sie, diese Obern, selbst,
+nach ihrem Maaßstabe, um ihren Werth, alle Eitelkeit bei Seite
+gesetzt, gegen den Deinigen zu halten! Laß Dich aber durchaus
+nicht darauf ein, <em class="gesperrt">unbekannten</em> Obern zu huldigen, möchte
+man auch noch so einleuchtend scheinende Gründe dafür anführen!
+Sey vorsichtig in jedem Worte, das Du in Ordensgeschäften
+schreibst, und noch mehr in Uebernehmung irgend einer
+eidlichen oder andern Verbindlichkeit! Fordre Rechenschaft von
+der Anwendung der Beiträge, die man Dich bezahlen läßt! —<span class="pagenum" id="Seite_395">[S. 395]</span>
+Und wenn, bei dieser vielfachen Vorsicht, Du der Verbindung
+müde wirst, oder die Verbindung Deiner überdrüßig wird, so
+trenne Dich ohne Geräusch und Zank von ihr, und rede nachher
+nie wieder von der Sache, damit Du allen Verfolgungen
+ausweichest! Sollte man Dich aber dennoch nicht in Ruhe lassen,
+so tritt öffentlich auf, und scheue Dich nicht, Betrug,
+Narrheit und Bosheit vor den Augen des ganzen Publikums,
+Andern zur Warnung, bekannt zu machen!</p>
+
+<p>Uebrigens hat man weder Verbindlichkeit, noch Beruf, alles
+zu zerstören, was man nicht gut findet. Man kann theoretisch
+gegen manche Dinge in der Welt eifern, ohne deswegen
+sich als Verfolger zu zeigen, wodurch ohnehin das Uebel fast
+immer ärger gemacht wird. Man kann sogar Ordens-Versammlungen
+von der unschädlichsten Art besuchen, wenn man einmal
+ein Mitglied ist; sie sind, wie andere Zusammenkünfte, Beförderungsmittel
+der Geselligkeit; — ja, es kann Pflicht werden,
+sich nicht von ihnen loszusagen, um das größere Uebel zu hindern,
+gefährlichen Einwirkungen entgegen zu arbeiten, und
+Ausartung zu verhindern.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Neuntes_Kap.">Neuntes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber die Art, mit Thieren umzugehen.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>In einem Buche über den Umgang mit Menschen scheint wohl
+freilich ein Kapitel über die Art, mit Thieren umzugehen, nicht
+an seinem Platze. Allein was ich hierüber zu sagen habe, ist so
+wenig, und hat doch im Ganzen so viel Bezug auf das gesellschaftliche
+Leben überhaupt, daß ich hoffen darf, man werde
+mir diese kleine Ausschweifung gütigst verzeihen.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Der Gerechte erbarmet sich auch seines Viehes. — Das ist
+ein vortrefflicher Spruch! Ja! der edle, der gerechte Mann
+martert kein lebendiges Wesen. Wenn doch die hartherzigen,
+grausamen, oder, um billiger zu urtheilen, zum Theil nur leichtsinnigen,
+verwilderten Menschen, deren Augen sich an der Qual
+eines rastlos umhergetriebenen Hirsches, oder an der Todesangst
+eines in dem Schauplatze der Barbarei auf den Tod gehetzten<span class="pagenum" id="Seite_396">[S. 396]</span>
+Thiers weiden können; wenn sie doch bedenken wollten, was es
+heiße, <em class="gesperrt">ein Mensch seyn</em>, und welch eine Bedeutung dieser
+Titel habe! wenn die Unbesonnenen, die mit dem Leben eines
+armen Geschöpfs, das in ihre kindischen Hände fällt, wie mit
+einem Balle spielen, Fliegen und Käfern Beine ausreissen, oder
+sie spießen, um zu sehen, wie lange ein also leidendes Thier in
+convulsivischer Pein fortleben könne; wenn die vornehmen Müßiggänger,
+die, um die Ehre zu haben, am schnellsten der lieben
+Langenweile in den Rachen zu reiten oder zu fahren, ihre armen
+Pferde auf den Tod jagen; wenn Diese doch einen Augenblick
+erwägen wollten, wie tief sich der Mensch herabwürdigt, wenn
+er, als das grausamste unter allen Raubthieren, mit kaltem
+Blute, nicht aus Hunger, sondern aus Muthwillen nur, ein
+Geschöpf Gottes, das auch fühlen kann, langsam zu Tode martert,
+und wie furchtbar die Strafe des ewigen Richters seyn
+müsse, der in dem Winseln seines gemarterten Geschöpfes die
+freche Uebertretung des Gebotes vernimmt, das er dem Menschen
+in's Herz geschrieben hat; wenn sie sich doch überzeugen
+wollten, daß ein Thier eben so schmerzhaft jede Mißhandlung,
+und den barbarischen Mißbrauch größerer Stärke fühlt, wie
+wir, und vielleicht noch lebhafter, da sein ganzes Daseyn auf
+sinnlichen Empfindungen beruht; daß die Art seines Daseyns
+vielleicht die niedrigste der Stufen ist, die es zu ersteigen hat,
+um auf der Leiter der Schöpfung da anzulangen, wo <em class="gesperrt">wir</em> jetzt
+stehen; und daß die Grausamkeit gegen vernunftlose Geschöpfe
+unmerklich und unausbleiblich zur Härte und Grausamkeit gegen
+unsere vernünftigen Nebengeschöpfe führt. — Wenn sie
+doch das alles fühlen und erwägen, und ihr Herz dem sanften
+Mitleiden gegen alle lebendige Geschöpfe öffnen wollten!</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Wer diese Betrachtungen und Aufforderungen für thörichte
+und schwachsinnige Empfindelei zu erklären, oder damit zu verwechseln
+fähig ist, dem habe ich nichts zu sagen, als daß ich
+ihn bedaure, und jene Empfindelei mit ihm von ganzem Herzen
+verachte. Ich weiß, es gibt leider unter uns so zarte Männlein
+und Weiblein, die gar kein Blut sehen können; die zwar mit
+großem Appetit ihr Rebhühnchen verzehren, aber ohnmächtig
+werden würden, wenn sie eine Taube abschlachten sehen müßten!
+Leute, deren Federn und Zungen mit moralischem Gifte<span class="pagenum" id="Seite_397">[S. 397]</span>
+und Dolche den Freund und Bruder verfolgen, aber mitleidig
+einer matten Fliege das Fenster öffnen, damit sie fern von ihren
+Augen — zertreten werden könne; die ihre Bedienten in dem
+rauhesten Wetter ohne Noth stundenlang umherjagen, aber dagegen
+herzlich den armen Sperling bedauren, der, wenn es regnet,
+ohne Regenschirm und Ueberrock herumfliegen muß. Zu
+diesen süßen Seelchen gehöre ich nicht, halte auch nicht alle Jäger
+für grausame Menschen. — Es muß ja dergleichen Leute
+geben; so wie wir, wenn keine Schlächter in der Welt wären,
+bloß von Speisen aus dem Pflanzenreiche leben müßten. —
+Aber ich verlange nur, daß man nicht ohne Zweck und Nutzen
+Thiere martern, noch ein vornehmes Vergnügen darin suchen
+solle, mit wehrlosen Geschöpfen einen ungleichen Krieg zu führen.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Ich habe immer nicht begreifen können, welche Freude man
+daran haben könne, Thiere in Käfige oder Kasten einzusperren.
+Der Anblick eines lebendigen Wesens, das ausser Stand gesetzt
+ist, seine natürlichen Kräfte anzuwenden und zu entwickeln,
+darf keinem verständigen Menschen Freude gewähren. Wer mir
+daher einen schönen Vogel in einem Bauer schenken will, dem
+kann ich vorhersagen, daß das einzige Vergnügen, welches er
+mir dadurch verschaffen kann, das seyn wird, das Gefängniß
+zu öffnen, und das arme Thier aus der Sclaverei in Gottes
+freie Luft hinausfliegen zu lassen; auch ist eine Menagerie, in
+welcher wilde Thiere mit großen Kosten in kleinen Verschlägen
+aufbewahrt werden, meiner Meinung nach, ein sehr ärmlicher
+Gegenstand der Unterhaltung, und vielleicht nur von der Seite
+zu vertheidigen, daß sie dem Naturforscher Gelegenheit und Mittel
+gibt, genaue und lehrreiche Beobachtungen anzustellen.</p>
+
+<h4>5.</h4>
+
+<p>Noch abgeschmackter aber scheint es mir, wenn man sich an
+einem Vogel ergötzt, der seinen schönen Natur-Gesang hat vergessen
+müssen, um vom Morgen bis zum Abende die Melodie
+einer elenden Polonaise zu pfeifen, oder wenn man Geld ausgibt,
+um einen Hund zu sehen, den man abgerichtet hat, einen
+Reverenz wie ein Tanzmeister zu machen, und auf den Wink
+seines Meisters anzudeuten, wie viel schöne Junggesellen in der
+Versammlung sind.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_398">[S. 398]</span></p>
+
+<h4>6.</h4>
+
+<p>Habe ich aber diejenigen getadelt, die grausam gegen Thiere
+verfahren; so muß ich doch auch diejenigen anklagen, welche in
+die entgegengesetzte Uebertreibung fallen, indem sie mit dem
+Viehe eben so, wie mit Menschen umgehen, und dem vernunftlosen
+Geschöpfe die Rechte des vernünftigen zugestehen. Ich
+kenne Damen, die ihre Katzen zärtlicher umarmen, als ihre
+Ehegatten; junge Herren, die ihren Pferden sorgsamer aufwarten,
+als ihren Oheimen und Basen; und Männer, die gegen
+ihre Hunde mehr Zärtlichkeit, Schonung und Nachsicht beweisen,
+als gegen ihre Freunde, mit welchen sie sich nie anders,
+als unter dem obligaten Schnarchen ihres feisten Mopses oder
+Pudels unterhalten. Indessen scheinen manche Thiere in besserm
+Rufe zu stehen, als andere. Niemand schämt sich, zu bekennen,
+daß er Flöhe habe; gewisse andere kleine Insekten hingegen darf
+kein Mensch von Erziehung mit sich führen, obgleich beides Ungeziefer
+ist; und an Geselligkeit geben die letztern den erstern
+nichts nach.</p>
+
+<p>Es scheint manchen Leuten, besonders Frauenzimmern, eine
+natürliche Furcht vor gewissen Thieren, als Mäusen, Spinnen
+&amp;c. angeboren zu seyn. Sollte sich auch dergleichen Widerwillen,
+wie ich doch glaube, nicht nach und nach überwinden
+lassen: so vermag man es doch gewiß, in so fern Meister über
+sich zu werden, daß man in Gesellschaft, bei dem Anblicke dieser
+Feinde, sich nicht so kindisch betrage und gebehrde, wie es
+vielfältig geschieht.</p>
+
+<p>Inniges Mitleiden, nicht Spott, verdienen die Unglücklichen,
+mit denen die Menschen so übel gespielt haben, daß sie
+(mißtrauisch gegen alle vernünftige Wesen, die so oft ihre Verstandeskräfte
+nur zum Schaden ihrer Brüder anwenden) in dem
+liebevollen Drange des Herzens, das sich gern ein Geschöpf zugesellen
+und irgend etwas in der Natur zum Gegenstande seiner
+Theilnahme machen will, einen treuen Hund wie ihren einzigen
+Freund behandeln, oder, wie einst Quatremère zu Namur, in
+dem öden Kerker durch den Anblick und die Beobachtung eines
+so bewundernswürdigen Kunsttriebes, wie der ist, den die Spinnen
+zeigen, die Schmerzen und Qualen ihrer Verbannung zu
+lindern, und das bittere Gefühl ihrer Verlassenheit zu mildern
+suchen.</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_399">[S. 399]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Zehntes_Kap.">Zehntes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Ich halte es für billig, bevor ich dies Werk über den Umgang
+mit Menschen schließe, mit meinen Lesern auch ein paar Worte
+über unsre wechselseitigen Verhältnisse gegen einander zu reden.
+Zuerst also einige Bemerkungen über den Beruf, ein Buch zu
+schreiben!</p>
+
+<p>Ich habe bei andern Gelegenheiten geäußert, daß ich die
+Schriftstellerei in unsern Zeiten für nichts mehr, als für einen
+Zweig oder eine Unterart des Umgangs, und also für schriftliche
+Unterredung mit der Lesewelt halte, und daß man es daher im
+freundschaftlichen Gespräche so genau nicht nehmen dürfe, wenn
+auch einmal ein unnützes Wort mit unterliefe. Man soll es daher
+dem Schriftsteller nicht übel ausdeuten, wenn er, ein wenig
+von seiner Lebhaftigkeit und Mittheilungslust verführt, von der
+Begierde, über irgend einen Gegenstand allerlei Arten von Menschen
+seine Gedanken mitzutheilen, etwas drucken läßt, das nicht
+gerade die Quintessenz von Weisheit, Witz, Scharfsinn und
+Gelehrsamkeit enthält. Es behält ja ein Jeder die Freiheit, dem
+Schwätzer zuzuhören, oder nicht, — und kann sich, bevor er
+ein Buch kauft, erst bei Andern nach dem Manne erkundigen,
+mit dem er sich unterhalten will, — hat aber, denke ich, auf
+keinen Fall das Recht, ihm allein deswegen Grobheiten zu sagen,
+weil ihm die gedruckte Unterhaltung desselben nicht gefällt,
+in so fern er ihn nicht vorher mit unverschämten Prahlereien und
+großen Versprechungen getäuscht hat. Es ist überhaupt sehr viel
+schwerer, als man glauben sollte, seine eignen Produkte zu beurtheilen;
+nicht nur, weil unsre Eitelkeit da in das Spiel kömmt,
+sondern auch, weil die Gegenstände, über deren Beobachtung
+wir lange gebrütet, für uns, eben durch das Nachdenken, welches
+wir darauf verwenden, einen solchen Werth bekommen haben,
+daß wir unsre Gedanken darüber für äusserst wichtig halten,
+indeß einem Andern, was wir auch davon sagen mögen,<span class="pagenum" id="Seite_400">[S. 400]</span>
+unwichtig und gemein vorkommt. Und haben wir etwa gar
+Sprache und Beredsamkeit nicht in unsrer Gewalt, oder sind
+verstimmt zu der Zeit, wenn wir jene Gedanken zu Papier bringen
+wollen, oder vergessen, daß der Gegenstand, über welchen
+wir schreiben, nur durch kleine besondre Beziehungen auf unsre
+damalige Lage, die sich nicht mit übertragen lassen, uns am
+Herzen liegt; oder dies Herz ist zu voll, um, was es empfindet,
+in einer gefälligen Ordnung hererzählen zu können: so geschieht
+es, daß wir etwas schreiben, welches uns, die wir alle
+Nebenbegriffe daran knüpfen, wodurch das Bild Ausdruck und
+Farbe gewinnt, sehr unterhaltend scheint, jenen Andern aber
+gähnen macht und mit Unwillen gegen uns erfüllt. Indem es
+nun auf solche Weise leicht geschehen kann, daß selbst ein verständiger
+Mann, der das Unglück hat, von Eitelkeit geblendet,
+oder von starken Gefühlen hingerissen zu seyn, ein Buch schreibt,
+das andre Menschen für ein unnützes und langweiliges Buch
+halten, weil es eine reine Herzensergießung ist; so kann und
+darf es doch einem verständigen Manne nie begegnen, etwas
+öffentlich vor dem Publikum zu reden, das gegen Moralität
+und gesunde Vernunft stritte, oder wodurch er einem seiner Mitmenschen
+muthwillig Schaden zufügte. Denn wenn gleich
+Schriftstellerei nur dargebotene Unterhaltung und Unterredung
+ist, so ist sie doch eine solche Unterredung, bei der man hinreichende
+Zeit hat, zu bedenken, was man spricht, und um so
+mehr also die Verpflichtung übernimmt, jeden unsittlichen, ganz
+schiefen und boshaften Gedanken zu unterdrücken. Ich meine
+daher, alles, was das Publikum von einem Schriftsteller, der
+ohne zu weit getriebene Ansprüche auftritt, mit Recht fordern
+kann, ist, daß er durch seine Werke weder Sitten-Verderbniß,
+noch Vorurtheil und Unduldsamkeit verbreite, und das, was
+Allen heilig seyn soll, unangetastet und unentweiht lasse. Alles
+Uebrige: Beruf zu schreiben; Wahl des Gegenstandes; Einkleidung;
+Ansprüche auf Ruhm, Beifall und Lob; zu stiftender
+Nutzen; einzunehmender Gewinn; Hoffnung auf Unsterblichkeit
+— das alles ist <em class="gesperrt">seine Sache</em>, und es geht auf seine Gefahr,
+wenn er sich dem Schimpfe aussetzt, entweder in der
+Stille zu Fuß vom Parnasse wieder herunterschleichen zu müssen,
+oder von der Meute der Recensenten zu Tode gejagt zu
+werden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_401">[S. 401]</span></p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Wenn also ein Autor nichts Schädliches und Unsinniges
+sagt, so muß man ihm erlauben, seine Gedanken drucken zu
+lassen; wenn er etwas Nützliches sagt, so erwirbt er sich ein
+Verdienst um das Publikum, und wenn er Wahrheiten an's
+Licht zieht, die lange schon verkannt oder vergessen sind, so soll
+er gehört, und seine Schrift von allen Guten ausgezeichnet und
+verbreitet werden. — Aber wird deswegen sein Buch auch gewiß
+Beifall finden? Das ist wieder eine ganz andere Frage. —
+Allgemeiner Beifall von Guten und Bösen, von Weisen und
+Thoren, von Hohen und Niedern? — Ei nun! wer wird so
+eitel seyn, darauf Anspruch zu machen? Aber um auch nur dem
+größten Theile der Lesewelt zu gefallen, welche niedrige Mittel
+wählt da nicht mancher Schriftsteller? — Wer sich nicht, in
+Ansehung der Form, der Einkleidung, des Titels seines Buchs,
+nach dem Zeitgeschmacke, d. h. nach dem Geschmacke, nicht dieses
+Jahrzehends, sondern dieses Jahres richtet; wer keine Anekdötchen
+mit einmischt; wer nicht dafür sorgt, daß sein Werkchen
+hübsch fein gedruckt und mit Bilderchen ausgeziert werde; wer
+herrschende Vorurtheile, Mode-Systeme, glänzende Thorheiten,
+politischen, kirchlichen, gelehrten und moralischen Despotismus
+angreift oder lächerlich macht; wer sich einen Verleger wählt,
+auf den die andern Buchhändler neidisch, dem sie feind sind;
+wer sich nicht demüthig unter den Schutz irgend eines gelehrten
+Posaunen-Blasers begibt; wer nicht die Schreier im Publikum,
+und Die, welche in der feinen Welt den Ton angeben, zu gewinnen
+sucht; wer zu bescheiden auftritt; wer sein Buch einem
+Manne widmet, oder in demselben einem Manne Gerechtigkeit
+widerfahren läßt, dessen Verdienste beneidet, verfolgt werden;
+wer das Unglück hat, durch seine Geistes-Produkte mehr Aufmerksamkeit
+zu erregen, als gewisse Schriftsteller des Tages,
+welche bei dem Publikum die Lieblingsschaft zu erringen wußten;
+wer dadurch auswärts sich einen Namen macht, den ihm
+seine Landsleute nicht gönnen; — der wird, wenigstens in dieser
+Generation, vielleicht sein Glück als Schriftsteller nicht machen,
+und auch sein nützlichstes Werk bald als Maculatur behandelt
+sehen. Ich rathe daher, die unschuldigsten unter diesen kleinen
+Autorkünsten nicht eben gänzlich zu vernachlässigen. Viele
+davon sind aber eines edeln, verständigen Mannes unwerth.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_402">[S. 402]</span></p>
+
+<p>In prahlerischen Vorreden sich für den bisher erhaltenen
+allgemeinen Beifall zu bedanken; an feile Recensenten Beurtheilungen
+seiner Werke einzusenden, die man selbst, oder die
+ein gefälliger Freund aufgesetzt hat, und in welchen man dem
+Publikum dazu Glück wünscht, daß der <em class="gesperrt">Lieblings-Schriftsteller</em>
+der Nation die Welt abermals mit einem schönen Buche
+beschenkt habe, und dergleichen elende Künste mehr, helfen doch
+nur auf kurze Zeit. Sicherer, als die Recensionen, obgleich
+nicht unfehlbar für den bleibenden innern Werth eines Buchs
+entscheidend, ist die allgemeine Stimme des Publikums. Wenigstens
+ist es einem Schriftsteller zu verzeihen, wenn er ein
+Werk nicht für ganz schlecht, sondern dem Bedürfnisse des Zeitalters
+angemessen hält, das eine Reihe von Jahren hindurch
+häufig gekauft, gelesen, neu aufgelegt und übersetzt wird, wenn
+er dann auf den einzelnen Tadel unberufener Kunstrichter wenig
+achtet, und fortfährt, die Lesewelt zu unterhalten, so lange diese
+Stimmung dauert; aber wenn sie nachläßt — dann ist es freilich
+Zeit, aufzuhören.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Reden wir jetzt auch von dem Betragen und von den Pflichten
+des Lesers gegen den Schriftsteller! Zuerst soll, denke ich,
+jener nie vergessen, daß dieser sich nicht nach dem Geschmacke
+jedes Einzelnen richten kann. Was für Dich, in Deiner Lage,
+in Deiner Stimmung, höchst interessant ist, das scheint einem
+Andern vielleicht äusserst langweilig und unbedeutend, und wahrlich!
+<em class="gesperrt">der</em> Mann müßte ein Hexenmeister seyn, der ein Buch
+verfassen könnte, in welchem Jeder fände, was er suchte. Es
+gibt Bücher, die man durchaus nur dann lesen muß, wenn
+man eben so gestimmt ist, wie der Mann war, der sie schrieb,
+so wie es auch andere gibt, deren Sinn und Schönheit man
+<em class="gesperrt">immer</em>, in jeder Laune, fassen und sich eigen machen kann.
+Nicht immer sind darum <em class="gesperrt">jene</em> geistvoll, groß und erhaben nach
+ihrem Inhalte, noch im Gegentheil immer schwärmerisch und
+fieberhaft. Nicht immer enthalten darum <em class="gesperrt">diese</em> lauter bestimmte,
+ewige Wahrheiten, auf kalte, unwiderlegbare, allein des
+vollkommnen Mannes würdige, unerschütterliche Philosophie
+gegründet, oder im Gegentheile, nicht immer gemeine, ohne
+Mühe leicht zu verdauende Seelen-Speise. Sey also nicht zu
+strenge, geehrter und erleuchteter Leser, in Deiner Beurtheilung<span class="pagenum" id="Seite_403">[S. 403]</span>
+eines sonst nicht schlecht geschriebenen Buches, oder wenn Du
+es nun einmal nicht lassen kannst, zu richten, so behalte wenigstens
+Deine Meinung darüber in Deinem Kopfe, in welchem
+oft viel leerer Raum ist, und verschreie das Buch nicht! Am
+wenigsten aber laß Dich verleiten, den moralischen Charakter
+des Schriftstellers auf bloße Muthmaßung hin bei dieser Gelegenheit
+anzugreifen, ihm gefährliche Absichten beizumessen, seinen
+Worten einen erzwungenen Sinn zu geben, und seine Winke
+hämisch auszudeuten! Beurtheile nicht ein Buch, wenn Du nur
+einzelne Stellen daraus gelesen hast, und bete nicht das Lob und
+den Tadel unwissender, boshafter oder feiler Recensenten nach!</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Bei der Menge unnützer Schriften thut man übrigens wohl,
+eben so vorsichtig im Umgange mit Büchern, wie mit Menschen
+zu seyn. Um nicht zu viel Zeit mit Lesung unnützen Papiers zu
+verschwenden, das heißt: um nicht von Schwätzern mir die Zeit
+verderben zu lassen, suche ich auch von <em class="gesperrt">dieser</em> Seite nicht viel
+neue Bekanntschaft eher zu machen, als bis der allgemeine Ruf
+mich auf ein gutes, oder besonders musterhaftes Buch aufmerksam
+macht. Ich bin mit einem kleinen Cirkel alter guter Freunde
+zufrieden, die ich oft, und immer mit neuem Vergnügen, schriftlich
+mit mir reden lasse.</p>
+
+<p>Hier wäre denn wohl der Ort, einen eignen, nicht unbedeutenden
+Abschnitt den Bemerkungen über den <em class="gesperrt">Umgang mit
+verstorbenen großen und edeln Männern</em> zu widmen;
+allein das würde mich zu weit führen; wichtig ist aber gewiß
+der Einfluß, den das Studium der Geschichte, des Charakters
+und der Schriften der berühmtesten Helden und Weisen verflossener
+Jahrhunderte auf die Ausbildung eines gutbegabten Geistes
+hat. Man träumt sich in jene Zeiten hinein, wird beseelt
+von dem Geiste, der aus den Thaten und Reden jener erhabenen
+Menschen hervorgeht; und in diesem Sinne hat der Umgang
+mit Verstorbenen sehr oft größere Wirkung auf Köpfe und
+Herzen, und durch diese auf große Weltbegebenheiten geäussert,
+als der Umgang mit den Zeitgenossen.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_404">[S. 404]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Eilftes_Kap.">Eilftes Kapitel.<br>
+<span class="s5a center">Schluß.</span></h3>
+</div>
+
+<h4>1.</h4>
+
+<p>Und nun, wertheste Leser! eile ich zum Schlusse dieses Werks
+über den Umgang mit Menschen. Finden Sie etwas darin,
+das Ihrer Aufmerksamkeit werth ist, — wird dies Buch vom
+Publiko gütig aufgenommen und billig beurtheilt: so wird mir
+das mehr Freude machen, als mir bis jetzt selbst der beste Erfolg
+irgend einer meiner Schriften gewährt hat. Wenigstens
+hoffe ich, Sie werden hier keine Grundsätze antreffen, deren sich
+ein rechtschaffener und verständiger Mann schämen dürfte, und,
+wenn es sonst kein anderes Verdienst hat, ihm doch das der
+Vollständigkeit nicht absprechen; denn ich glaube, daß doch
+nicht leicht irgend ein Verhältniß im geselligen Leben gefunden
+werden könne, über welches ich nicht etwas gesagt hätte. — Ob
+gut, oder schlecht, oder beides vermischt, oder mittelmäßig von
+Anfang bis zu Ende: — das darf ich nicht entscheiden.</p>
+
+<h4>2.</h4>
+
+<p>Daß ein solches Buch aber, vorausgesetzt nämlich, daß der
+Gegenstand mit gehöriger Einsicht, Erfahrung und Menschenkenntniß
+behandelt wäre, nicht nur Jünglingen, sondern selbst
+Männern Nutzen gewähren könnte: <em class="gesperrt">das</em> darf ich wohl behaupten.
+Man verlangt von feinen, hellsehenden Leuten immer auch
+feine Lebensart; aber man hat darin Unrecht. Dieser Geist
+des Umgangs erfordert Kaltblütigkeit, Achtsamkeit auf geringe
+Dinge, auf Kleinigkeiten, die man bei feurigen Genies selten
+antrifft. Ein Wink hingegen aus einem solchen Buche kann
+Manchen aufmerksam machen auf Fehler, welche er bisher, ohne
+es zu wissen, in Behandlung der Menschen beging, — auf Fehler,
+die er an sich selbst aus zu großer Lebhaftigkeit bis jetzt
+übersehen hatte, ohne ihn deswegen abzuhalten, die fremden
+Erfahrungen auf <em class="gesperrt">seine</em> Weise zu nützen, und dennoch selbstständig
+zu handeln.</p>
+
+<h4>3.</h4>
+
+<p>Ich habe aber in diesem Werke nicht die Kunst lehren wollen,
+die Menschen zu unsern Endzwecken zu mißbrauchen, über<span class="pagenum" id="Seite_405">[S. 405]</span>
+alle nach Gefallen zu herrschen, Jeden nach Belieben für unsre
+eigennützigen Absichten in Bewegung zu setzen. Ich verachte
+den Satz: »daß man aus den Menschen machen könne, was
+man wolle, wenn man sie bei ihren schwachen Seiten zu fassen
+verstünde.« Nur ein <em class="gesperrt">Schurke</em> kann das, und will das,
+weil nur <em class="gesperrt">ihm</em> die Mittel, zu seinem Zwecke zu gelangen, gleichgültig
+sind; der <em class="gesperrt">ehrliche</em> Mann kann nicht aus allen Menschen
+alles machen, und will das auch nicht; und der Mann von festen
+Grundsätzen <em class="gesperrt">läßt</em> auch nicht alles aus sich machen. Aber
+<em class="gesperrt">das</em> wünscht, und <em class="gesperrt">das</em> kann jeder Rechtschaffene und Weise bewirken,
+daß wenigstens die Bessern ihm Gerechtigkeit widerfahren
+lassen: daß niemand ihn verachte; daß er Frieden von aussen
+her habe; daß man ihn in Ruhe lasse; daß er Genuß und
+Gewinn aus dem Umgange mit allen Klassen von Menschen
+schöpfe; daß Andere ihn nicht mißbrauchen, oder durch Verstellung
+täuschen. Und wenn er ausdauert, immer folgerecht, edel,
+vorsichtig und gerade handelt: so kann er sich allgemeine Achtung
+erzwingen, kann auch, wenn er die Menschen studirt hat,
+und sich durch keine Schwierigkeiten abschrecken läßt, fast jede
+<em class="gesperrt">gute</em> Sache am Ende durchsetzen. Hierzu nun die Mittel zu
+erleichtern, und Vorschriften zu geben, die dahin einschlagen, —
+das ist der Zweck dieses Buchs.</p>
+
+<p>Wer aber sein ganzes Leben hindurch, bei jeder willkührlichen
+Handlung, bei jedem kleinen Schritte, den er zu unternehmen
+hat, erst nachsehen wollte, ob er dazu in diesem Buche kein Recept,
+keine Vorschrift fände, der würde freilich alle Eigenthümlichkeit
+des Charakters verleugnen. — Doch, wie kann das auch
+meine Absicht seyn? Kaum bedürfte es dieser Erinnerung, wenn
+es weniger schiefe Köpfe und boshafte Ausleger in der Welt gäbe.</p>
+
+<h4>4.</h4>
+
+<p>Daß ich bei dieser Gelegenheit die Schwachheiten mancher
+Klassen von Menschen habe aufdecken müssen, ohne jedoch auf
+Einzelne unedel anzuspielen, das war wohl sehr natürlich. Aber o!
+was hätte ich sagen können, wenn ich mein Buch mit wirklichen
+Anekdoten hätte auszieren, und besondere Erfahrungen aus meinem
+Leben erzählen wollen! — Schmeichle ich mir zu viel, wenn
+ich hoffe, daß man mir dergleichen nicht Schuld geben, und mir
+wenigstens von <em class="gesperrt">dieser</em> Seite Gerechtigkeit widerfahren lassen
+werde?</p><br>
+
+
+<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Die Teutschen haben von allen Völkern das meiste Lächerliche für
+die große Welt an sich; vielleicht, weil sie noch gar zu ehrlich sind,
+und die große Welt allzusehr verehren und bewundern. Wer nichts
+anstaunt, steht mehr auf seinem Gleichgewicht. Der Engländer
+glaubt, ihm kleide alles, er habe zu allem Recht; er verachtet,
+was er nicht besitzt, und nicht mehr erwerben kann, tritt keck,
+auch wohl bengelhaft auf. Der gutmüthige Teutsche will wenigstens
+zeigen, daß er sein Möglichstes thue, Andern zu gefallen,
+und in diesem ehrlichen Eifer merkt er kaum, wie schlecht es ihm
+oft gelingt. Der Franzose und der Russe haben den sichersten,
+feinsten, und für alle in der Gesellschaft Auftretende gefährlichsten
+Takt, das Lächerliche auf den ersten Blick aufzufinden. Wer sich
+vor ihnen auf seinen Sprach- oder Tanzmeister allein verläßt, den
+werden sie bald seinen Irrthum fühlen lassen, vorausgesetzt, er
+habe Sinn genug, zu erkennen, daß eben das, was man an ihm
+am meisten bewundert, sein Lächerliches sey. <em class="gesperrt">Klinger Betrachtungen
+und Gedanken</em> 1r Thl. S. 316.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Man muß so viel Menschenkenntniß oder so viel Urtheilskraft
+haben, um die Wirkung solcher theilnehmenden Fragen voraussehen
+zu können, oder das Fragen ganz unterlassen, und lieber
+erwarten, daß nicht das Gespräch sich von selbst auf diesen Gegenstand
+wenden wird. Denjenigen, welche sich nicht taktfest in der
+Unterhaltung fühlen, sollten sich überhaupt vor Fragen hüten, denn
+Fragen werden oft, wie Blicke, unsere Verräther.</p>
+
+<p>
+A. d. H.<br>
+</p>
+
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Ich entlehne diese Stelle, welche durch ihre treffende und sinnreiche
+Darstellung sich auszeichnet, aus der Zeitschrift: <em class="gesperrt">Ernst
+und Scherz</em>, oder der alte Freimüthige, Nro. 128. des Jahrgangs
+1817, und füge nur die Anweisung zum Betragen gegen
+diese Menschen hinzu.</p>
+
+<p>
+d. H.<br>
+</p>
+
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Und das sind die Grundsätze eines Mannes, den Georg Zimmermann,
+Aloisius Hoffmann und Consorten als einen Volks-Aufwiegler
+verketzerten!</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Die Verirrungen des Philosophen, oder Geschichte Ludwigs von
+Seelberg, Theil 1. Seite 108.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Vielleicht würde der Verf., wenn er die heutige Jugend sähe,
+in ihr die Erfüllung seiner Hoffnung finden; wenigstens eine gewisse
+männliche Gesetztheit, deutsche Geradheit und Festigkeit und
+offene Freimüthigkeit wird man ihr nicht absprechen können. Aber
+Bescheidenheit würde er sehr vermissen.</p>
+
+<p>
+A. d. H.<br>
+</p>
+
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Hier, und an andern Orten ist der Verf. seinen Lesern die
+Lösung dieser schweren Aufgabe schuldig geblieben, und man muß
+glauben, daß er verzweifelte, sie zu lösen. Auch wird man wohl
+denen beipflichten müssen, die es nicht der Mühe werth halten,
+sie zu lösen.</p>
+
+<p>
+A. d. H.<br>
+</p>
+
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Wir haben in den neuesten Tagen dergleichen ärgerliche Auftritte
+in großer Zahl gesehen, und die Klage des Verf. gilt also leider
+noch immer, doch glücklicher Weise nur von den leichtfertigen
+Schriftstellern des Tages und einigen Philologen.</p>
+
+<p>
+D. H.<br>
+</p>
+
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Wer denkt hier nicht an Wielands und Johann v. Müllers gutherziges
+Loben, und an des Letzteren übergroße Nachsicht gegen
+überlästige Correspondenten?</p>
+
+<p>
+D. H.<br>
+</p>
+
+
+</div>
+</div>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77701 ***</div>
+</body>
+</html>
diff --git a/77701-h/images/cover.jpg b/77701-h/images/cover.jpg
new file mode 100644
index 0000000..a8f3ad9
--- /dev/null
+++ b/77701-h/images/cover.jpg
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6c72794
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This book, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..e88c569
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for eBook #77701
+(https://www.gutenberg.org/ebooks/77701)
diff --git a/images/cover.jpg b/images/cover.jpg
new file mode 100644
index 0000000..a8f3ad9
--- /dev/null
+++ b/images/cover.jpg
Binary files differ
diff --git a/ueber_den_umgang_mit_menschen.txt b/ueber_den_umgang_mit_menschen.txt
new file mode 100644
index 0000000..aa77722
--- /dev/null
+++ b/ueber_den_umgang_mit_menschen.txt
@@ -0,0 +1,15982 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77701 ***
+
+
+=======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Auf S. 98 ist die fehlende Überschrift (Pkt.18) hinzugefügt worden.
+
+Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter geschaffen. Ein Urheberrecht
+wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt
+genutzt werden.
+
+Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt
+worden:
+
+ ~gesperrt gedruckter Text~
+ +antiqua gedruckter Text+
+
+=======================================================================
+
+
+
+
+ Ueber
+
+ den
+
+ Umgang mit Menschen.
+
+
+ Von
+
+
+ Adolph Freiherrn Knigge.
+
+
+
+
+ In drei Theilen.
+
+
+
+
+ Zehnte Ausgabe.
+
+
+ Durchgesehen und vermehrt
+
+ von
+
+ F. P. Wilmsen.
+
+
+
+
+ Stuttgart,
+
+ bei A. F. Macklot. 1822.
+
+
+
+
+ Vorrede des Herausgebers,
+
+ zur neunten Auflage.
+
+
+Ich habe den Wunsch der Verlagshandlung, Knigge's bekanntes und
+geschätztes Werk über den Umgang mit Menschen für die neunte Ausgabe
+durchzusehen, und mit einer Einleitung, Anmerkungen und Nachträgen
+zu vermehren, gern erfüllt, weil ich glaubte, dadurch nützlich zu
+werden. Dies Werk enthält sehr viel Gutes, und kann für Menschen, die
+auf den mittleren Stufen der Bildung stehen, und wenig Gelegenheit
+haben, Menschenkenntniß einzusammeln, überaus nützlich werden. Da ich
+es für Pflicht hielt, Knigge selbst reden zu lassen, so habe ich mir
+nur da, wo er sich eine offenbare Incorrectheit oder Nachlässigkeit
+im Vortrage erlaubt hat, eine Aenderung und Uebertragung erlaubt,
+und solche Anmerkungen, welche für eine Note unter den Text zu wenig
+Ausdehnung hatten, gleich in den Text selbst verwebt. Dieß glaubte ich
+um so eher mir erlauben zu dürfen, da diese Anmerkungen größtentheils
+nur weitere Ausführungen, oder nähere Bestimmungen, oder eine festere
+Begründung des von K. Gesagten enthalten. Ganz weggestrichen habe ich
+nur solche Stellen, welche eine offenbare Uebertreibung oder eine
+nichtssagende Anekdote, oder eine leere Amplification enthielten. Ein
+zur Vollständigkeit nöthiger Nachtrag enthält besonders die Regeln des
+Umgangs mit Kindern, worüber K. viel zu kurz gewesen ist, und wird die
+Brauchbarkeit des Werkes hoffentlich einigermaßen erhöhen und befördern.
+
+ ~Berlin~, im April 1817.
+
+ ~F. P. Wilmsen.~
+
+
+
+
+ Inhalt.
+
+
+ Erster Theil.
+
+ Einleitung des Herausgebers; Seite 3.
+ Einleitung des Verfassers; Seite 12.
+
+1) Warum man mit großen und glänzenden Eigenschaften dennoch nicht
+immer in der Welt sein Glück mache. Ueber den +esprit de conduite+.
+Mancher will sich nicht nach den Sitten Andrer fügen. Manchem fehlt es
+dazu an der nöthigen Weltkenntniß; Mancher macht zu viel Forderungen.
+Aber auch mit dem besten Willen und guten Anlagen glückt es nicht
+Jedem; warum? 2) In Deutschland ist es schwer, allgemein gute Eindrücke
+in Gesellschaften zu machen; warum? Bilder von Verschiedenheit des
+gesellschaftlichen Tons in einigen Provinzen von Deutschland, und
+Bilder von den Sitten verschiedner Stände. 3) Von meinem Berufe, über
+diesen Gegenstand zu schreiben. 4) Meine eignen Erfahrungen.
+
+
+ Erstes Kapitel; Seite 27.
+
+ Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den
+ Umgang mit Menschen.
+
+1) Jeder Mensch muß sich in der Welt selbst geltend machen. Anwendung
+dieses Satzes. 2) Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem
+~Scheine~ der Vollkommenheit! 3) Sey nicht zu sehr ein Sclave der
+Meinung Andrer! 4) Verliere nicht die Zuversicht! 5) Eigne Dir nicht
+fremdes Verdienst zu! 6) Verbirg Deinen Kummer! 7) Rühme nicht zu laut
+Dein Glück! 8) Enthülle nicht die Schwächen Deiner Nebenmenschen! 9)
+Gib Andern Gelegenheit, zu glänzen! 10) Suche Gegenwart des Geistes
+zu haben! 11) Willst Du etwas in der Welt erlangen, so mußt Du darum
+bitten. 12) Nimm so wenig, wie möglich, von Andern Wohlthaten an! 13)
+Grenzen der Dienstfertigkeit. 14) Halte strenge Wort, und sey wahrhaft!
+15) Sey pünktlich, ordentlich, fleißig! 16) Interessire Dich für Andre,
+wenn Du willst, daß Andre sich für Dich interessiren sollen! 17)
+Verflicht niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und setze Dich immer
+in Gedanken in andrer Leute Stelle! 18) Laß Jeden seine Handlungen
+selbst verantworten, wenn Du nicht sein Vormund bist! 19) Handle nur
+selbst immer folgerecht! 20) Habe stets ein gutes Gewissen! 21) Sey,
+was Du bist, immer und ganz! 22) Unterschied im äussern Betragen. 23)
+Sey nicht zu offenherzig! 24) Suche nie jemand lächerlich zu machen!
+25) Schrecke, zerre, beunruhige und necke nicht! 26) Alle Menschen
+wollen amüsirt seyn. Ueber das Spaßmachen. 27) Sage Jedem etwas
+Lehrreiches oder Angenehmes! 28) Ueber Spott und Medisance. 29) Ueber
+Anekdoten. 30) Trage keine Nachrichten aus einem Hause in das andre!
+31) Sey vorsichtig in Tadel und Widerspruch! 32) Rede nicht zu viel und
+nicht langweilig! 33) Noch von Dingen, die nur Dich interessiren! 34)
+Ueber Egoismus. 35) Widersprich Dir nicht im Reden! 36) Wiederhole Dich
+nicht, und schärfe Dein Gedächtniß! 37) Vermeide Zweideutigkeit; 38)
+Gemeinsprüche; 39) Unnütze Fragen! 40) Lerne Widerspruch ertragen! 41)
+Wo man sich zur Freude versammelt, da rede nicht von Geschäften! 42)
+Ueber Religions-Gespräche. 43) Sey vorsichtig in Gesprächen über Andrer
+Gebrechen! 44) Andre Vorsichtigkeits-Regeln. 45) Bringe bei niemand
+unangenehme Dinge in Erinnerung! 46) Nimm nicht Theil an fremdem
+Spotte! 47) Ueber Disputirgeist. 48) Ueber Verschwiegenheit. 49)
+Wohlredenheit und äusserer Anstand. 50) Ueber kleine gesellschaftliche
+Unschicklichkeiten. 51) Betragen, wenn uns Langeweile gemacht wird. 52)
+Leichtigkeit im Umgange. 53) Man hüte sich vor zu großen Forderungen!
+54) Kleidung. 55) Soll man viel oder wenig in Gesellschaften gehen?
+56) Man kann in jeder Gesellschaft etwas lernen. 57) Mit wem soll man
+umgehen? 58) Ueber den Umgang in großen Städten, in kleineren, und auf
+dem Lande. 59) In fremden Gegenden. 60) Regeln beim Briefwechsel. 61)
+Wie man die Menschen beurtheilen solle. 62) Ob diese Regeln allgemein
+passen? 63) In wie fern auch Frauenzimmer nach diesen Regeln handeln
+können.
+
+
+ Zweites Kapitel; Seite 74.
+
+ Ueber den Umgang mit sich selbst.
+
+1) Es ist nützlich und interessant, über den Umgang mit andern
+Menschen seine eigne Gesellschaft nicht zu vernachlässigen. 2) Es
+kommen Augenblicke, wo wir uns selbst am nöthigsten sind. 3) Gehe
+eben so vorsichtig, fein, redlich und gerecht mit Dir selbst um,
+wie mit Andern! 4) Sorge für Deine Gesundheit, aber verzärtle Dich
+nicht! 5) Respectire Dich selbst, und habe Zuversicht zu Dir selbst!
+6) Verzweifle nicht bei dem Bewußtseyn mangelnder Vollkommenheiten,
+bei den Schwierigkeiten, ein großer Mann zu werden! 7) Sey Dir ein
+angenehmer Gesellschafter! 8) Aber sey Dir auch kein Schmeichler,
+sondern ein aufrichtiger und gerechter Freund! Sey eben so strenge
+gegen Dich, wie Du gegen Andre bist! 9) Wie man Abrechnung mit seiner
+Moralität halten solle.
+
+
+ Drittes Kapitel; Seite 78.
+
+ Ueber den Umgang mit Leuten von verschiednen Gemüthsarten,
+ Temperamenten und Stimmungen des
+ Geistes und Herzens.
+
+1) Ueber die vier Haupt-Temperamente und deren Mischungen. 2) Ueber
+herrschsüchtige Leute. 3) Ueber Ehrgeitzige. 4) Eitle. 5) Hochmüthige,
+im Gegensatze von Stolzen. 6) Ueber sehr empfindliche Leute. 7) Ueber
+den Umgang mit Eigensinnigen. 8) Mit Zanksüchtigen, Widersprechern
+und solchen, die Paradoxie lieben. 9) Mit Jähzornigen. 10) Mit
+Rachgierigen. 11) Mit unentschlossenen, faulen und phlegmatischen
+Leuten. 12) Mit Menschenfeinden, mißtrauischen, argwöhnischen,
+mürrischen und verschlossenen Leuten. 13) Mit neidischen, hämischen,
+verläumderischen, schadenfrohen, mißgünstigen und eifersüchtigen
+Menschen. 14) Ueber den Geitz und die Verschwendung. 15) Ueber das
+Betragen gegen Undankbare. 16) Gegen ränkevolle Leute und Lügner. 17)
+Gegen Windbeutel. 18) Gegen Unverschämte, Müssiggänger, Schmarotzer,
+Schmeichler und zudringliche Leute. 19) Gegen Schurken. 20) Gegen
+zu bescheidne, zu furchtsame Menschen. 21) Gegen Unvorsichtige und
+Plauderhafte, Vorwitzige und Neugierige, Zerstreute und Vergessene. 22)
+Gegen Wunderliche, Sonderlinge und Launenhafte. 23) Ueber den Umgang
+mit dummen, schwachen, übertrieben gutherzigen, leichtgläubigen und
+solchen Menschen, die gewisse Liebhabereien und Steckenpferde haben.
+24) Mit muntern und satyrischen Leuten. 25) Mit Trunkenbolden, groben
+Wollüstlingen und andern lasterhaften Leuten. 26) Mit Enthusiasten,
+Ueberspannten, Romanhaften, Kraft-Genies und excentrischen Leuten. 27)
+Etwas von Andächtlern, Heuchlern und abergläubischen Leuten. 28) Von
+Deisten, Freigeistern und Religions-Spöttern. 29) Ueber die Art, wie man
+Schwermüthige, Tolle und Rasende behandeln müsse. Geschichte zweier
+Wahnsinnigen. Zusatz des Herausgebers.
+
+
+
+
+ Zweiter Theil.
+
+ Einleitung; Seite 125.
+
+ Nachricht von der Art der Eintheilung aller in den drei Theilen
+ dieses Werks verhandelten Gegenstände.
+
+
+ Erstes Kapitel; Seite 125.
+
+ Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter.
+
+
+ Zweites Kapitel; Seite 132.
+
+ Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden.
+
+
+ Drittes Kapitel; Seite 139.
+
+ Von dem Umgange unter Eheleuten.
+
+
+ Viertes Kapitel; Seite 161.
+
+ Ueber den Umgang mit und unter Verliebten.
+
+
+ Fünftes Kapitel; Seite 167.
+
+ Ueber den Umgang mit Frauenzimmern.
+
+
+ Sechstes Kapitel; Seite 182.
+
+ Ueber den Umgang unter Freunden.
+
+
+ Siebentes Kapitel; Seite 198.
+
+ Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern.
+
+
+ Achtes Kapitel; Seite 205.
+
+ Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns in
+ demselben Hause wohnen.
+
+
+ Neuntes Kapitel; Seite 207.
+
+ Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast.
+
+
+ Zehntes Kapitel; Seite 211.
+
+ Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten
+ empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern, Gläubigern
+ und Schuldnern.
+
+
+ Eilftes Kapitel; Seite 215.
+
+ Ueber das Betragen gegen Leute in allerlei besondern Verhältnissen
+ und Lagen.
+
+
+ Zwölftes Kapitel; Seite 228.
+
+ Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen
+ Leben.
+
+ Allgemeine Behandlung der Kinder in den Jahren der ersten
+ Entwickelung; Seite 238.
+
+
+
+
+ Dritter Theil.
+
+ Einleitung; Seite 307.
+
+ Uebergang zu den in diesem Theile verhandelten Gegenständen.
+
+
+ Erstes Kapitel; Seite 307.
+
+ Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen
+ und Reichen.
+
+
+ Zweites Kapitel; Seite 325.
+
+ Ueber den Umgang mit Geringern.
+
+
+ Drittes Kapitel; Seite 328.
+
+ Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen.
+
+
+ Viertes Kapitel; Seite 340.
+
+ Ueber den Umgang mit Geistlichen.
+
+
+ Fünftes Kapitel; Seite 344.
+
+ Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern.
+
+
+ Sechstes Kapitel; Seite 360.
+
+ Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im bürgerlichen
+ Leben.
+
+
+ Siebentes Kapitel; Seite 383.
+
+ Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart und Gewerbe.
+
+
+ Achtes Kapitel; Seite 391.
+
+ Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern
+ derselben.
+
+
+ Neuntes Kapitel; Seite 395.
+
+ Ueber die Art, mit Thieren umzugehen.
+
+
+ Zehntes Kapitel; Seite 399.
+
+ Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser.
+
+
+ Eilftes Kapitel; Seite 404.
+
+ Schluß.
+
+
+
+
+ Ueber den
+
+ Umgang mit Menschen.
+
+
+
+
+ Erster Theil.
+
+ Einleitung des Herausgebers.
+
+
+Der Umgang mit Menschen gehört zu den wirksamsten ~Bildungs-~,
+~Erheiterungs-~ und ~Anregungsmitteln~ des menschlichen Geistes und
+Gemüths; aber wohlthätig werden seine Wirkungen nur dann für uns
+seyn, wenn wir gehörig vorbereitet unter die Menschen treten, und im
+Umgange eben so viel Weisheit, als Klugheit, eben so viel Festigkeit,
+als Geschmeidigkeit, eben so viel Offenheit, als Zurückhaltung zeigen
+und anwenden. Die Vorbereitung besteht in der Fertigkeit, den Schein
+von der Wahrheit zu unterscheiden, die Sprache des feinen Welttons
+zu reden, ohne in's Gezierte und Höfische zu verfallen, und in der
+Sammlung allgemeiner Kenntnisse; endlich in der richtigen Würdigung
+der Menschen, damit ein Bewußtseyn des eigenen Werthes erwache, und
+die Blödigkeit verschwinde, welche unfähig macht, den Umgang mit
+Menschen von höherer Bildung und Erfahrung zu benutzen und zu genießen.
+Man könnte sagen, daß dieß alles, was hier als Vorbereitung auf den
+Umgang mit Menschen dargestellt und erfordert wird, eigentlich das
+Erzeugniß dieses Umgangs selbst sey; allein wenn auch zugegeben werden
+muß, daß alle jene Kenntnisse und Fertigkeiten größtentheils in der
+Gesellschaft gewonnen werden, so ist doch eben so gewiß, daß die
+Gesellschaft ein Recht habe, von ihren Mitgliedern zu fordern, daß
+sie einen Beitrag zur Unterhaltung geben, nicht bloß empfangen und
+genießen sollen. Diese billige Forderung aber kann nur von denjenigen
+erfüllt werden, welche gehörig vorbereitet und ausgestattet in die
+Gesellschaft treten. Dazu soll die Erziehung vor allem mitwirken, und
+daneben die schriftliche Belehrung und Anweisung, welche nicht bloß
+aus Schriften, wie die vorliegende des trefflichen Menschenkenners
+Knigge, sondern auch, und vielleicht noch mehr aus solchen Romanen
+und historischen Darstellungen geschöpft wird, welche sich durch eine
+lebhafte und getreue Charakterschilderung auszeichnen, und Menschen
+von allen Seiten, und in allerlei Lagen, Verhältnissen und Beziehungen
+darstellen. Nicht bloß Menschenkenntniß, sondern auch die Sprache des
+feineren Gesellschaftstones findet sich in solchen Schriften, und sie
+gehören eben deswegen unstreitig zu den wirksamsten Bildungsmitteln.
+In wie fern, und unter welchen Bedingungen auch der ~Umgang~ ein
+Bildungsmittel sey, soll hier nur angedeutet, nicht ausgeführt werden,
+denn für die Ausführung findet sich im Verfolg eine passendere Stelle.
+~Die Weisheit im Umgange~ würde zunächst in der Sichtung der Spreu von
+dem Weizen bestehen, damit sich nicht, zugleich mit den Kenntnissen und
+berichtigten Urtheilen, mit den Ansichten der Welt und der Menschen,
+mit der Erwärmung für das Schöne, Gute und Edle, auch Vorurtheile aller
+Art, schiefe und ungerechte Urtheile, falscher Geschmack, Heuchelei und
+Verstellungskunst, Leichtsinn und Eitelkeit in die Seele einschleiche.
+Ohne diese Weisheit hat die Gesellschaft nur verderblichen Einfluß,
+wird sie endlich selbst die Kraft überwältigen, mit welcher heilsame
+Eindrücke der Erziehung auf unsern Willen wirken, wird sie den, der
+sich sorglos ihrem Einfluß hingibt, zum Sclaven der Mode und Sitte
+machen, und ihn um sein bestes Lebensglück betrügen.
+
+Aber mit der ~Weisheit~ reicht man in der Gesellschaft nicht aus;
+sie fordert eben so sehr jene vorsichtige und besonnene ~Klugheit~,
+welche uns lehrt, erlaubte Vortheile zu erkennen und zu benutzen,
+und den Klippen auszuweichen, an welchen so leicht die Fassung, die
+Heiterkeit und Laune scheitern kann. Wer im Umgange mit der großen Welt
+zu oft in Verlegenheit kommt, zu oft, durch den Schein irre geführt,
+sich zu einer Offenheit verleiten läßt, die er hernach mit Schrecken
+gemißbraucht oder gemißdeutet sieht; wer nicht zu rechter Zeit ein
+Gespräch abzubrechen, oder es auf eine ungezwungene und verständige
+Weise anzuknüpfen und fortzuführen weiß, ohne vorlaut und zudringlich
+zu werden, oder sich selbst zum Thema der Unterhaltung zu machen; wer
+nicht mit Klugheit die Personen, aus welchen die Gesellschaft besteht,
+nach ihren bürgerlichen und Familienverhältnissen berücksichtigt,
+und seine Urtheile ohne alle Rücksicht fällt, seine Bemerkungen ohne
+alle Umsicht mittheilt: der wird für alle diese Verstoße gegen die
+Klugheit im Umgange hart büßen müssen, und sich bald genug von der
+Gesellschaft ausgeschlossen sehen. Jene Weisheit, welche der Umgang
+fordert, und jene Klugheit, welche er voraussetzt, besteht ferner in
+der ~Festigkeit~, die nie in Starrsinn und Rechthaberei ausartet, und
+in der Geschmeidigkeit, welche eben so weit von Heuchelei, als von
+Blödigkeit und Menschengefälligkeit entfernt ist. Wer immer der Meinung
+dessen ist, der zuletzt sprach, oder der das Wort in der Gesellschaft
+führt, nie eine eigene Meinung hat, oder sie wenigstens sogleich
+feigherzig aufgibt, wenn sie Widerspruch findet, wird der Gesellschaft
+eben so wenig verdanken, als der, welcher mit rechthaberischer
+Heftigkeit seine Gegner nur überschreit, nicht mit Gründen bekämpft.
+Aber vorzüglich kommt es hier auf die ~Art~ an, wie man solche
+Meinungen und Urtheile, welche lebhaft bestritten werden, vertheidigt
+und begründet. Es gibt Menschen, welche bei solchen Vertheidigungen
+alle Rücksichten und jede Schonung und Milde, welche zum Wesen
+des Umgangs gehört, bei Seite setzen, und in leidenschaftlicher
+Lebhaftigkeit ihre Gegner mehr anfallen und mißhandeln, als bekämpfen.
+Hier ist die Grenze sehr leicht überschritten, besonders wenn die
+Klugheit nicht von wohlwollenden Neigungen unterstützt wird, oder
+persönliche Mißverhältnisse der Streitenden einwirken und sichtbar
+werden. Dennoch gehört die Festigkeit recht eigentlich zu den
+geselligen Tugenden, weil die Gesellschaft nicht ohne ~Reizmittel~
+bestehen kann, und der Widerspruch zu den wirksamsten Reizmitteln
+gehört; aber auch deswegen, weil nur Festigkeit gegen die gefährlichen
+und verderblichen Eindrücke des Umgangs waffnet und sichert, so wie
+gegen die Verlegenheit und Bedrängniß, in welche wir diejenigen so oft
+in der Gesellschaft gerathen sehen, welche dem Hochmuth, der Anmaßung,
+Unbescheidenheit und leeren Prahlerei nichts entgegen zu setzen wissen,
+und da verstummen, wo sie recht laut werden und mit Nachdruck sprechen
+sollten.
+
+Aber wie der Umgang verderblich werden kann, wenn man seinem Einfluß
+nicht mit Festigkeit zu widerstehen, und durch festen Muth alles
+abzuwehren weiß, wodurch das Vergnügen der Gesellschaft gestört, oder
+das Recht des Einzelnen gekränkt wird; so wird sein Reiz und sein
+Genuß durch die ~Geschmeidigkeit~ erhöht, mit welcher sich Jeder
+in den Ton der Gesellschaft überhaupt, und in die Schwachheiten
+der Einzelnen insbesondere zu finden und zu schicken, Störungen des
+gesellschaftlichen Vergnügens zu entfernen, und alles herbeizuführen
+weiß, was die Unterhaltung nähren und beleben, die Bande der
+Gesellschaft fester knüpfen, und den Genuß Aller erhöhen kann, und
+zwar auf eine solche Art, daß Keinem etwas aufgedrungen, und nichts
+erzwungen wird. Wie leicht diese Geschmeidigkeit ausarte, und wie
+lästig, verächtlich und erniedrigend sie in ihrer Ausartung sey,
+davon finden sich die auffallendsten Beispiele in jeder zahlreichen
+Gesellschaft. Sie muß in theilnehmenden und wohlwollenden Gefühlen, in
+~der~ Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit, welche sich nie vordrängt,
+und keine Auszeichnung begehrt, und in dem Wunsche, sich zu belehren,
+ihren Grund haben, wenn sie für eine gesellschaftliche Tugend gelten
+soll. Häufig erscheint die Geschmeidigkeit als Herablassung zu den
+Schwachen, als Herabstimmung zu einem uns fremden und ungemüthlichen
+Gesellschaftstone, und in so fern sie selbst lauter Schwäche, nicht
+Grundsatz und nicht Wohlwollen oder Klugheit ist, als ein Heulen
+mit den Wölfen, als ein feigherziges und unsittliches Einstimmen in
+einen Ton, den man für schlecht und niedrig erkennt. Hier würde die
+Festigkeit an ihrem Orte seyn. Dagegen ist es hohe Gesellschaftstugend,
+den Schwachen in der Gesellschaft sein Ohr zu leihen, wenn sie über die
+Gebühr von sich selbst und ihren besondern Angelegenheiten sprechen;
+der Mutter theilnehmend zuzuhören, welche von den Anlagen und von
+der Liebenswürdigkeit ihrer Kinder, oder von häuslichen Leiden mit
+großer Ausführlichkeit spricht; den ehrlichen Handwerksmann ausreden
+zu lassen, oder durch Fragen selbst zu veranlassen, vom Handwerk zu
+sprechen und seine Erfahrungskenntnisse gutmüthig mitzutheilen, wobei
+dem Hörenden wohl noch durch manche nützliche Sachkenntniß seine
+Herablassung vergolten wird.
+
+Eben so viel ~Offenheit~, als ~Zurückhaltung~, fordert endlich der
+Umgang mit Menschen. Offenheit ist die Seele des Umgangs; aber
+sie setzt Vertrauen voraus, und wer kann sogleich Vertrauen zu
+Personen fassen, die er nur in ihren Feierkleidern sieht, und nicht
+beobachten kann, wenn sie in ihrer Alltagskleidung einhergehen.
+Es gibt eine Offenheit, welche mit kluger Vorsicht vereinbar ist,
+und diese soll im Umgange herrschen. Niemand soll seine Grundsätze
+und Ueberzeugungen verheimlichen, oder schweigen, wo die Pflicht,
+sich des Verleumdeten anzunehmen, den Splitterrichter zu demüthigen
+und zu strafen, den Heuchler zu entlarven, den Prahler in seiner
+Erbärmlichkeit darzustellen, oder auch nur die Pflicht, seinen
+Beitrag zur Unterhaltung zu geben, das Schweigen verbietet. Aber
+Rücksicht auf Kinder, auf Schwache und Unwissende, auf Schüchterne
+und Aengstliche, auf Horcher und Wortverdreher, auf Neuigkeitsträger
+und Klatschschwestern, gebietet auch oft Zurückhaltung des Urtheils,
+des Spottes, eines witzigen Einfalls, einer wahren, aber bitteren
+Bemerkung, einer Meinung oder Erklärung, die leicht gemißdeutet oder
+gemißbraucht werden kann.
+
+Dieß also wären die Bedingungen, unter welchen der Umgang
+Bildungs-, Erheiterungs- und Anregungsmittel werden
+kann. Wem übrigens die Wahl frei steht, zwischen großen, stark
+gemischten Gesellschaften, und kleineren Gesellschaftskreisen, der
+handelt weise, wenn er diese vorzieht, und jene so viel als möglich
+vermeidet. Denn je zahlreicher die Gesellschaft ist, desto leerer
+ist der Umgang, und nur da ist die Unterhaltung ergiebig
+und lehrreich, wo Alle daran Theil nehmen, und Keiner durch
+Rücksichten der Klugheit und Vorsicht zur Zurückhaltung bestimmt
+wird, sondern Jeder frei und unverhohlen seine Meinung äußert.
+
+Auf der andern Seite ist der Umgang mit Einzelnen, wenn
+sie mit einer ächten Geistesbildung eine reiche Erfahrung verbinden,
+und in mannigfaltigen Verbindungen leben, viel ergiebiger
+und belohnender, als das eigentliche Gesellschaftsleben, und
+diejenigen, welche das Leben in dem edelsten Sinne genießen
+wollen, ziehen sich daher aus der großen Welt zurück, und wissen
+sich in dem Familienleben einen Genuß zu bereiten, welcher
+in großen und gemischten Gesellschaften vergebens gesucht wird.
+Vielleicht ist es auch nur in solcher Zurückgezogenheit möglich,
+das Herz vor Thorheiten und Verirrungen zu bewahren, in welche
+es so leicht durch den Einfluß der Gesellschaft verwickelt wird,
+und die Ausartung des Herzens zu verhüten, welcher diejenigen
+nicht entgehen, die ihrem Umgange die möglichste Ausdehnung
+geben, und darin den höchsten Genuß des Lebens finden. Denn
+neben dem wohlthätigen Einflusse, welchen der Umgang mit
+Menschen aus allen Ständen auf die Entwickelung unseres Geistes,
+Veredlung unseres Herzens, und Erheiterung unseres Gemüths
+haben kann, wenn er ein gewählter ist, und mit Mäßigung
+und Vorsicht genossen wird, übt er auch einen nachtheiligen
+und selbst verderblichen Einfluß auf unbewachte und unbereitete
+Herzen aus.
+
+Wenn auf der einen Seite unsere Begriffe durch den Umgang
+bereichert und berichtigt werden, so verwirrt er sie auf der
+andern. Wir hören Menschen, mit Witz und Scharfsinn ausgestattet,
+ihre vorgefaßten Meinungen, ungerechten Urtheile
+und fixen Ideen mit einer solchen Beredsamkeit und Zuversicht
+als unstreitige und unläugbare Wahrheiten darstellen, daß wir
+uns überreden, ein ganz neues Licht über diese Gegenstände erhalten
+zu haben, und ihre Jünger werden. Ein andermal fällt
+ein witziger Spötter über das Heilige her, und es gelingt ihm,
+den religiösen Gefühlen einiger Schwachen in der Gesellschaft einen
+Stoß zu geben. Er hat ihnen das Unersetzliche genommen,
+und sie werden diesen Verlust nie verschmerzen. Der Umgang
+wird heute Nahrung für unsere wohlwollenden und theilnehmenden
+Gefühle; aber morgen gerathen wir in eine Gesellschaft, in
+welcher der Hofton herrschend ist; wir stoßen auf lauter verlarvte
+Gesichter, hören lauter Redensarten, werden überall durch die
+unverschämten Uebertreibungen einer frechen Schmeichelei verletzt,
+sehen eine ganze Gesellschaft von Schauspielern vor uns,
+von welchen jeder seine Rolle spielt, und nirgends wird uns
+Nahrung für Geist und Gefühl gereicht; was ist natürlicher,
+als daß wir Menschenverachtung aus dieser Gesellschaft mitnehmen,
+und uns nicht sobald wieder mit den Menschen aussöhnen;
+daß sich Mißtrauen unseres Herzens bemächtigt, und der
+Glaube an die Menschheit seine Kraft verliert.
+
+Ein unbewachtes und unbefestigtes Herz geräth in einer Gesellschaft
+unter feine und beredte Schmeichler; der Giftsaame wird in das Herz
+gestreut, und die Früchte werden nicht ausbleiben.-- Und wer hätte
+nicht in der Gesellschaft die Kunst zu scheinen, Gefühle zu verhehlen,
+eine Rolle zu spielen, zu heucheln, und sich zu verstellen, wider
+seinen Willen, und ohne sein Wissen gelernt? Man gewöhnt sich in der
+Gesellschaft an alles, selbst an das Lächerlichste, Erbärmlichste,
+Platteste, an Mangel und Mißbrauch des Verstandes, an die häßlichsten
+Gesichter und Gemüther, die widrigsten Fehler des Körpers und des
+Sprachorgans; man bemerkt am Ende diese Gebrechen kaum mehr. Daher
+sieht man, besonders in den höheren Ständen, die Mitglieder der
+Gesellschaft ihren faden Witz, ihre beredten Verleumdungen, ihren
+ungesalzenen Spott und ihre kläglichen Tagesneuigkeiten mit einer
+Unbefangenheit gegen einander austauschen, als ob die unschuldigsten
+Dinge vorgingen, und es fällt Keinem auch nur von ferne ein, sich
+einer solchen Unterhaltung zu schämen, noch weniger, ihr eine bessere
+Wendung zu geben, oder Salz zu verlangen und zu erwarten. Aber es sind
+nicht bloß die Geistlosen oder Armen am Geist, die es so arg treiben;
+auch Geistreiche lassen sich endlich, wenn sie lange genug Zuhörer
+gewesen sind, zu solchem Kleinhandel herab, und werden aus lauter
+Gefälligkeit, oder um der langen Weile zu entgehen, mit geistlos. Es
+gehört Muth, Geduld und große Gewandtheit dazu, einen faden und dürren
+Gesellschaftston zu beschwingen, und endlich zu verdrängen; aber diese
+Kunst sollte jeder zu erringen suchen, weil dadurch großes Verdienst zu
+erwerben ist, und der, welcher sie besitzt und ausübt, der Wohlthäter
+einer ganzen Stadt werden kann.
+
+Mehr oder weniger trägt jeder das Gepräge der Gesellschaft,
+und wird ihr Zögling, oft ein zu folgsamer; denn indem sie allen
+seinen Trieben die mannichfaltigste und reichste Befriedigung
+darbietet, besonders dem Ehrtriebe, indem sie das Bedürfniß,
+zu lieben, und geliebt zu werden, eben so sehr aufregt, als kräftig
+stillt, und allen seinen Zwecken dient, legt sie ihn in unauflösliche
+Fesseln. Doch sie soll auch seine Kräfte in Bewegung
+setzen und beschäftigen, darum muß sie Reibungen veranlassen,
+und jeglichem Bestreben, wozu die vereinte Kraft Mehrerer erfordert
+wird, so wie jeglicher ungeselligen Neigung Hindernisse
+und Widerstand entgegenstellen. Nicht überall kommt uns in
+der Gesellschaft (das Wort hier im weitesten Sinne genommen)
+Theilnahme und guter Wille entgegen, nicht überall die Anerkennnng
+unserer Verdienste und unserer sittlichen Güte, und da,
+wo wir gern Einfluß gewinnen möchten, stößt sie uns zurück,
+weil wir nicht ihre Sprache zu reden wissen, oder uns weigern,
+sie zu reden, und in den Ton, der jetzt gerade der herrschende
+ist, einzustimmen. Auf der andern Seite legt sie dem Rohen
+und Ungesitteten Fesseln an, und zwingt ihn durch die Gewalt
+ihrer conventionellen Gesetze, die Sprache der Bescheidenheit und
+Ehrbarkeit zu reden; sie nöthigt ihn zu einer sehr beschwerlichen
+Selbstverleugnung, und straft ihn auf der Stelle, wenn er sich
+weigert, ihre Gesetze anzuerkennen und ihnen zu gehorchen.
+Wenn es scheint, daß sie dadurch theils Heuchler bildet, theils
+Menschenhasser, so kann sie zwar von dieser Schuld nicht ganz
+frei gesprochen werden; aber sie weiß wenigstens den Schaden,
+welchen sie anrichtet, mannichfaltig zu vergüten, theils durch
+die Ermunterungen, welche sie denen zu Theil werden läßt, die
+sich in ihr geltend zu machen wissen; theils durch die Veranlassungen,
+welche sie dem Thätigen und Wohlwollenden gibt, sich
+gemeinnützig zu machen, vorzüglich aber durch die Kunst und
+Sorgfalt, mit welcher sie die rohen Edelsteine schleift, so daß
+ihr Werth erkannt und richtig geschätzt wird. Sie kommt durch
+dieß alles der Erziehung sehr wirksam zu Hülfe, und rettet Viele,
+die sonst für die Welt verloren gegangen seyn würden, errettet
+Andere aus dem Verderben der Milzsucht, Hypochondrie und
+üblen Laune, der Blödigkeit und Verzagtheit, des Versinkens
+in Eintönigkeit, Einsylbigkeit und Verschlossenheit, verhilft ihnen
+zu der Entdeckung, daß ihnen auch die Gabe der Sprache, oder
+wohl gar die des Witzes und Humors zu Theil geworden sey,
+weckt in viel Tausenden wohlwollende und theilnehmende Gefühle,
+und heilt sie gründlich von den Krankheiten, welche ihnen
+durch eine verkehrte Erziehung, oder durch den Einfluß eines
+bösen Familiengeistes, oder durch die Macht böser Gewohnheiten
+eingeimpft worden sind. Auch für diejenigen wird sie oft
+Retterinn und Wohlthäterinn, welche am Müßiggange und an
+der langen Weile krank liegen, und nur der Anregung bedürfen,
+um sich zu fühlen, und zur Thätigkeit zu erwachen.
+
+Die schwerste Aufgabe, welche uns die Gesellschaft zu lösen
+gibt, und wodurch sie besonders die festen und gediegenen Charaktere,
+und die einfachen Gemüther abschreckt, ist die, sich in
+die oft ganz kontrastirenden Tonarten zu finden und einzustimmen,
+welche in den verschiedenen Kreisen die herrschenden oder
+beliebten sind. Denn seinen Geschmack verleugnen, seine Vernunft
+gefangen nehmen unter dem Glauben an die Untrüglichkeit
+der Mode, oder faden Witz verschlucken, und immer wieder
+dieselben Späßchen sich vormachen lassen, oder einem Treibjagen
+gemeiner Anekdoten zusehen, dazu gehört, wenn man wahrhaft
+gebildet ist, eine Selbstverleugnung, die auch des Geduldigsten
+Langmuth erschöpft, oder ein Humor, der nicht zu zerstören
+ist. Da aber in dieser besten Welt niemand der Nothwendigkeit,
+die Menschen zu nehmen, wie sie sind, entgehen kann,
+so dürfte es zur Lebensklugheit gehören, sich mit einer solchen
+Fassung und humanen Langmuth auszustatten, daß man auch
+die schwersten Prüfungen dieser Art bestehen könne.
+
+Zur Erwerbung einer solchen Fassung und Langmuth kann eine Anleitung,
+wie sie ~Knigge~ in dem vorliegenden Buche gegeben hat, allerdings
+etwas beitragen, da sie die Menschen nicht nur in allerlei Gestalten
+lebendig darstellt, sondern auch lehrt, wie man sie, nach Maßgabe
+ihres Charakters und ihrer Bildung, zu nehmen und zu behandeln, welche
+Klippen man im Umgange zu vermeiden, welche Saiten man zu berühren
+und nicht zu berühren habe, und wie man sich gegen den nachtheiligen
+Einfluß sichern könne, welchen der Umgang auf Gesinnung, Sitte und
+Urtheil ausübt, wenn man nicht die Spreu von dem Weizen zu sondern
+versteht, und sich durch das Ansehen hoher Einsicht und untrüglicher
+Urtheilskraft, welches die dreisten Tonangeber in der Gesellschaft
+anzunehmen wissen, täuschen und bethören läßt. Wenn der humoristische
+Verfasser hie und da seiner Laune zu sehr den Zügel schießen ließ, und
+sich, um einen witzigen Einfall nicht unterdrücken zu dürfen, eine
+kleine Uebertreibung oder Entstellung erlaubte; wenn er sich von einem
+Vorurtheil, welches man ~seiner~ Zeit zu Gute halten muß, verleiten
+ließ, den französischen Gesellschaftston und die geselligen Tugenden
+der Franzosen, auf Unkosten der Teutschen, zu preisen; so thut dieß
+im Ganzen dem Werthe dieses Buches keinen Eintrag, da es nicht schwer
+ist, in diesen Stellen die Uebertreibung zu erkennen und abzusondern;
+auch hat es sich der Herausgeber angelegen seyn lassen, des Verf.
+Bemerkungen in dieser Hinsicht zu berichtigen, und sein Urtheil zu
+mildern.
+
+
+
+
+ Einleitung des Verfassers.
+
+
+ 1.
+
+Wir sehen die klügsten, verständigsten Menschen im gemeinen
+Leben Schritte thun, wozu wir den Kopf schütteln müssen.
+
+Wir sehen die feinsten theoretischen Menschenkenner das
+Opfer des gröbsten Betrugs werden.
+
+Wir sehen die erfahrensten, geschicktesten Männer, bei alltäglichen
+Vorfällen, unzweckmäßige Mittel wählen; sehen, daß
+es ihnen mißlingt, auf Andre zu wirken; daß sie, mit allem
+Uebergewicht der Vernunft, dennoch oft von fremden Thorheiten
+und Grillen und von dem Eigensinne der Schwächern abhängen;
+daß sie von schiefen Köpfen, die nicht werth sind, mit
+ihnen verglichen zu werden, sich müssen regieren und mißhandeln
+lassen; daß hingegen Schwächlinge und Unmündige an
+Geist Dinge durchsetzen, die der Weise kaum zu wünschen wagen
+darf.
+
+Wir sehen manchen Redlichen fast allgemein verkannt.
+
+Wir sehen die witzigsten, hellsten Köpfe in Gesellschaften,
+wo Aller Augen auf sie gerichtet waren, und jedermann begierig
+auf jedes Wort lauerte, das aus ihrem Munde kommen
+würde, eine untergeordnete Rolle spielen; sehen, wie sie verstummen,
+oder nur gemeine Dinge sagen, indeß ein andrer,
+äußerst leerer Mensch die kleine Summe von Begriffen, die er
+hie und da aufgesammelt hat, so durch einander zu werfen und
+aufzustutzen versteht, daß er Aufmerksamkeit erregt, und, selbst
+bei Männern von Kenntnissen, für etwas gilt.
+
+Wir sehen, daß die glänzendsten Schönheiten nicht allenthalben
+gefallen, indeß Personen, mit weniger äussern Annehmlichkeiten
+ausgerüstet, allgemein interessiren. --
+
+Kurz, wir werden täglich gewahr, daß die klügsten und gelehrtesten
+Männer, wenn nicht zuweilen die untüchtigsten zu
+allen Weltgeschäften, doch wenigstens unglücklich genug sind,
+durch den Mangel einer gewissen Gewandtheit zurückgesetzt zu
+bleiben, und daß die Geistreichsten, von der Natur mit allen
+innern und äussern Vorzügen beschenkt, oft am wenigsten zu
+gefallen, zu glänzen verstehen.
+
+Manche Leute glauben, ausgezeichnete Eigenschaften berechtigten
+sie, die kleinen gesellschaftlichen Schicklichkeiten, die Regeln
+des Anstandes, der Höflichkeit, oder der Vorsicht zu vernachlässigen
+-- Sie irren sehr. Großer Eigenschaften wegen
+verzeiht man große Fehler, weil Menschen von feinerm Stoffe
+heftige Leidenschaften zu haben pflegen. Wo aber keine Leidenschaft
+im Spiele ist, da soll der bessere Mann auch weiser handeln,
+als der alltägliche; und es ist nicht weise gehandelt, die
+unschuldigen Gebräuche der Gesellschaft zu verachten, wenn man
+in der Gesellschaft leben und wirken will.
+
+Ich rede aber hier nicht von der freiwilligen Verzichtleistung
+des Weisen auf die Bewunderung des vornehmen und geringen
+Pöbels. Daß der Mann von bessrer Art da in sich selbst verschlossen
+schweigt, wo er nicht verstanden wird; daß der Witzige,
+Geistvolle, in einem Cirkel schaler Köpfe sich nicht so weit herabläßt,
+den Spaßmacher zu spielen; daß der Mann von einer gewissen
+Würde im Charakter zu viel Stolz hat, sein ganzes Wesen
+nach jeder ihm unbedeutenden Gesellschaft umzuformen, die
+Stimmung anzunehmen, wozu die jungen Laffen seiner Vaterstadt
+den Ton mit von Reisen gebracht haben; daß es den Jüngling
+besser kleidet, bescheiden, schüchtern und still, als nach
+Art der mehrsten unsrer heutigen jungen Leute, vorlaut, selbstgenügsam
+und plauderhaft zu seyn; daß der edle Mann, je klüger
+er ist, um desto bescheidner, um desto mißtrauischer gegen
+seine eignen Kenntnisse und Urtheile, um desto weniger zudringlich
+seyn wird; oder daß, je mehr innerer, wahrer Verdienste
+sich jemand bewußt ist, er um desto weniger Kunst anwenden
+wird, seine vortheilhaften Seiten hervorzukehren, so wie die
+wahrhafte Schönheit alle kleine anlockende, unwürdige Buhlkünste,
+wodurch man sich bemerkbar zu machen sucht, verachtet
+-- Das alles ist wohl sehr natürlich! -- davon rede ich
+also nicht.
+
+Auch nicht von der beleidigten Eitelkeit eines Mannes voll
+Forderungen, der unaufhörlich eingeräuchert, geschmeichelt und
+vorgezogen zu werden verlangt, und, wo das nicht geschieht,
+ein finsteres Gesicht macht; nicht von dem gekränkten Hochmuthe
+eines abgeschmackten Pedanten, der mißlaunig wird, wenn
+er das Unglück hat, nicht aller Orten für ein großes Licht der
+Erde bekannt, und als ein solches behandelt zu seyn; wenn nicht
+Jeder mit seinem Lämpchen herzuläuft, um es an diesem großen
+Lichte der Aufklärung anzuzünden. Wenn ein steifer Professor,
+der gewohnt ist, von seinem bestaubten Dreifuße herunter, sein
+Lehrbuch in der Hand, einem Haufen gaffender, unbärtiger
+Musensöhne stundenlang hohe Weisheit vorzupredigen, und dann
+zu sehen, wie sogar seine platten, in jedem halben Jahre wiederholten
+Späße sorgfältig nachgeschrieben werden; wenn ein
+Solcher einmal die Residenz, oder irgend eine andere Stadt besucht,
+und das Unglück nun will, daß man ihn dort kaum dem
+Namen nach kennt, daß er in einer feinen Gesellschaft von zwanzig
+Personen gänzlich übersehn, oder von irgend einem Fremden
+für den Kammerdiener im Hause gehalten und Er genannt wird,
+wer mögte es ihm verargen, wenn er ergrimmt, und ein verdrossenes
+Gesicht zeigt; oder wenn ein Stuben-Gelehrter, der
+ganz fremd in der Welt, ohne Erziehung und ohne Menschenkenntniß
+ist, sich einmal aus dem Haufen seiner Bücher hervorarbeitet,
+und dann, äusserst verlegen mit seiner Figur, buntschäckig
+und altväterisch gekleidet, in seinem, vor dreißig Jahren
+nach der neuesten Mode verfertigten Bräutigamsrocke, da sitzt,
+und an nichts von Allem, was gesprochen wird, Antheil nehmen,
+keinen Faden finden kann, um mit anzuknüpfen: so gehört
+das alles nicht hieher.
+
+Eben so wenig rede ich von dem groben Cyniker, der alle
+Regeln verachtet, welche Uebereinkunft und gegenseitige Gefälligkeit
+den Menschen im bürgerlichen Leben vorgeschrieben haben,
+noch von dem Kraft-Genie, das sich über Sitte, Anstand
+und Vernunft hinauszusetzen, einen besondern Freibrief zu haben
+glaubt.
+
+Und wenn ich sage, daß oft auch die weisesten und klügsten
+Menschen in der Welt, im Umgange und in Erlangung äusserer
+Achtung, bürgerlicher und anderer Vortheile, ihres Zwecks verfehlen,
+ihr Glück nicht machen; so bringe ich hier weder in Anschlag:
+daß ein widriges Geschick zuweilen den Besten verfolgt,
+noch daß eine unglückliche leidenschaftliche oder ungesellige
+Gemüthsart bei Manchem die vorzüglichsten, edelsten Eigenschaften
+verdunkelt.
+
+Nein! meine Bemerkung trifft Personen, die wahrlich allen guten Willen
+und treue Rechtschaffenheit mit mannigfaltigen, recht vorzüglichen
+Eigenschaften und dem eifrigen Bestreben, in der Welt fortzukommen,
+eignes und fremdes Glück zu bauen, verbinden, und die dennoch mit
+diesem Allen verkannt, übersehen werden, zu gar nichts gelangen.
+Woher kömmt das? Was ist es, das Diesen fehlt und Andere haben, die,
+bei dem Mangel wahrer Vorzüge, alle Stufen menschlicher, irdischer
+Glückseligkeit ersteigen? -- Es fehlt ihnen: ~die Kunst des Umgangs
+mit Menschen~ -- eine Kunst, die oft der schwache Kopf, ohne darauf zu
+studiren, viel besser erlauert, als der verständige, weise, witzreiche;
+die Kunst, sich geltend zu machen, ohne beneidet zu werden; sich nach
+den Temperamenten, Einsichten und Neigungen der Menschen zu richten,
+ohne falsch zu seyn; sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft
+stimmen zu können, ohne weder Eigenthümlichkeit des Charakters zu
+verlieren, noch sich zu niedriger Schmeichelei herabzulassen. Der,
+welchen nicht die Natur schon mit dieser glücklichen Anlage hat
+geboren werden lassen, erwerbe sich Menschenkenntniß, eine gewisse
+Geschmeidigkeit, Geselligkeit, Nachgiebigkeit, Duldung, lerne sich zu
+rechter Zeit verleugnen, erringe Gewalt über heftige Leidenschaften,
+Wachsamkeit auf sich selber, und Heiterkeit des immer gleich gestimmten
+Gemüths; und er wird sich jene Kunst zu eigen machen. Doch hüte man
+sich, sie zu verwechseln mit der schädlichen, niedrigen Gefälligkeit
+des verworfenen Sclaven, der sich von Jedem mißbrauchen läßt, sich
+Jedem preisgibt, um eine Mahlzeit zu gewinnen; dem Schurken huldigt,
+und, um eine Bedienung zu erhalten, zum Unrechte schweigt, zum Betruge
+die Hände bietet, und die Dummheit vergöttert.
+
+Indem ich aber von jenem +esprit de conduite+ rede, der
+uns leiten muß, bei unserm Umgange mit Menschen aller Gattung:
+will ich nicht etwa ein Complimentir-Buch schreiben,
+sondern einige Resultate aus den Erfahrungen ziehn, die ich gesammelt
+habe, während einer nicht kurzen Reihe von Jahren,
+in welchen ich mich unter Menschen aller Arten und Stände
+umhertreiben mußte und oft in der Stille beobachtete. -- Kein
+vollständiges System, aber Bruchstücke, vielleicht nicht zu verwerfende
+Materialien, Stoff zu weiterm Nachdenken.
+
+
+ 2.
+
+In keinem Lande in Europa ist es vielleicht so schwer, im
+Umgange mit Menschen aus allen Klassen, Gegenden und Ständen,
+allgemeinen Beifall einzuerndten: in jedem dieser Kreise
+wie zu Hause zu seyn, ohne Zwang, ohne Falschheit, ohne sich
+verdächtig zu machen, und ohne selbst dabei zu leiden, auf den
+Fürsten wie auf den Edelmann und Bürger, auf den Kaufmann
+wie auf den Geistlichen, nach Gefallen zu wirken, als in unserm
+teutschen Vaterlande; denn nirgends vielleicht herrscht zu
+gleicher Zeit eine so große Mannigfaltigkeit des Conversationstons,
+der Erziehungsart, der Religions- und andrer Meinungen,
+eine so große Verschiedenheit der Gegenstände, welche die
+Aufmerksamkeit der einzelnen Volks-Klassen in den einzelnen
+Provinzen beschäftigen. Dieß rührt her von der Mannigfaltigkeit
+des Interesse der teutschen Staaten gegen einander und gegen
+auswärtige, von dem Unterschiede der Verbindungen mit
+diesem oder jenem auswärtigen Volke, und von dem sehr merklichen
+Abstande der Klassen in Teutschland von einander, zwischen
+denen verjährtes Vorurtheil, Erziehung und zum Theil
+auch Staats-Verfassung eine viel bestimmtere Grenzlinie gezogen
+haben, als in andern Ländern. Wo hat mehr, als in Teutschland,
+die Idee von sechszehn Ahnen des Adels wesentlichen moralischen
+und politischen Einfluß auf Denkungsart und Bildung?
+Wo greift weniger allgemein, als bei uns, die Kaufmannschaft
+in die übrigen Klassen ein? Wo macht mehr, als hier, das
+Corps der Hofleute eine ganz eigne Gattung aus, in welche
+hinein, so wie zu der Person der mehrsten Fürsten, nur Leute
+von gewisser Geburt und gewissem Range sich hindrängen können?
+Wo durchkreuzen sich mehr Arten von Interesse? -- Und
+diese treffen nicht etwa auf irgend einen dem ganzen Volke merkbaren
+Punkt zusammen, auf allgemeine National-Bedürfnisse,
+Volks-Angelegenheiten, Vaterlands-Nutzen, wie in England,
+wo Aufrechthaltung der Constitution, Freiheit und Glück der
+Nation, Flor des Vaterlandes, der Punkt ist, in welchem sich
+das Streben, Dichten und Trachten so mancher originellen Charaktere
+vereinigt, noch wie in fast allen übrigen europäischen
+Ländern, die entweder unter einem einzigen Oberhaupte stehen,
+oder durch ein einziges, allen Gliedern wichtiges Interesse beherrscht
+werden, wie die Schweiz, oder in welchen eine allein
+herrschende Religion, oder ein tyrannisches Clima, über Denkungsart,
+Ton und Stimmung allgemein überwiegende Gewalt
+hat.
+
+Daß im Ganzen unsere teutsche Verfassung, so zusammengesetzt
+sie auch ist, sehr große, wesentliche Vorzüge gewährt,
+das leidet keinen Zweifel; allein es ist nicht weniger gewiß, daß
+dieselbe den mächtigsten Einfluß auf die Verschiedenheit der Stimmung
+in den einzelnen Provinzen und Staaten und unter den
+mancherlei von einander abgesonderten Ständen hat. Eben daher
+kommt es, daß unsre Schauspieler, Schauspiel-Dichter und
+Romanen-Schreiber ein viel schwereres Studium haben, wenn
+sie alle diese Nüancen kennen, bearbeiten und dennoch einen Anstrich
+von originellem National-Charakter wollen durchschimmern
+lassen; viel schwerer, als in Frankreich, wo die Sitten
+der verschiednen Stände und einzelnen Provinzen nicht so sehr
+gegen einander abstechen. Eben daher kömmt es, daß man über
+wenige unsrer literarischen Produkte ein allgemein einstimmig
+beifälliges Volks-Urtheil hört, daß überhaupt so wenige unserer
+Werke wie National-Monumente auf die Nachwelt übergehen,
+und eben daher endlich kömmt es, daß es so schwer ist, mit
+Menschen aus allen Ständen und Gegenden in Teutschland umzugehn
+und bei Allen gleich wohl gelitten zu seyn, auf Alle gleich
+vortheilhaft zu wirken.
+
+Der treuherzige, naive, zuweilen ein wenig bäurische, materielle
+Bayer ist äusserst verlegen, wenn er auf alle verbindlichen,
+artigen Dinge antworten soll, die ihm der feine Ober-Sachse in
+~einem~ Othem entgegenschickt; dem schwerfälligen Westphälinger
+ist alles hebräisch, was ihm der Oesterreicher in seiner, ihm
+gänzlich fremden Mundart vorpoltert; die zuvorkommende Höflichkeit
+und Geschmeidigkeit des durch französische Nachbarschaft
+polirten Rheinländers würde man in manchen Städten von
+Nieder-Sachsen für Zudringlichkeit, für Niederträchtigkeit halten.
+Man glaubt da, ein Mann, der so äusserst unterthänig
+und nachgiebig ist, müsse gefährliche oder niedrige Absichten haben,
+oder müsse falsch, oder sehr arm und hülfsbedürftig seyn;
+und oft ist dort ein wenig zu weit getriebne äussere Höflichkeit
+hinlänglich, den Mann, der sich am Rheine dadurch allgemeine
+Liebe erwerben würde, an der Leine verächtlich zu machen. Dagegen
+wird aber auch der, nicht kältere, nur weniger leichtsinnige,
+weniger zuversichtliche, nicht so im Gedränge von Fremden,
+noch auf Reisen an Leib und Seele abgeschliffene, geglättete,
+sondern ernsthafte Nieder-Sachse, der bei der ersten Bekanntschaft
+nicht sehr zuvorkommend, sondern wohl gar ein
+wenig verlegen ist, an einem Hofe im Reiche vielleicht für einen
+schüchternen Menschen, ohne Lebensart, ohne Welt, angesehen
+werden[1].
+
+Sich nun also nach Ort, Zeit und Umständen umzuformen,
+und von verjährten Gewohnheiten sich loszumachen: das erfordert
+Studium und Kunst.
+
+In Gegenden, aus welchen weder Unzufriedenheit mit dem
+Vaterlande, noch Müßiggang, noch Verderbniß der Sitten,
+noch unbestimmte, rastlose Thätigkeit, noch Anekdoten-Jagd,
+noch vorwitzige Neugier, die Menschen schaarenweise auswandern
+macht, und jeden Pinsel zum Reisen treibt, sind die Einwohner
+mit dem, was es daheim gibt, so herzlich wohl zufrieden,
+daß sie nichts Größeres kennen, nichts Größeres kennen
+mögen, als das, was sie in ihrem Vaterlande von Jugend auf
+betrachtet, schon als Knaben bewundert, oder von ihren Verwandten
+und Freunden haben stiften, bauen, anlegen gesehn.
+Ihnen sind die kleinen jährlichen oder andern Feste immer neu,
+immer gleich glänzend und merkwürdig. -- Glückliche Unwissenheit!
+nicht zu vertauschen mit dem Ekel, welcher den Mann
+anwandelt, der in seinem Leben so gar viel aller Orten erlebt,
+erfahren, gesehn, bauen und zerstören gesehn hat, und zuletzt
+an nichts mehr Freude finden, nichts mehr bewundern kann,
+alles mit Tadel und Langerweile erblickt! -- Doch macht die
+treue Anhänglichkeit an einheimische Sitten zuweilen ungerecht,
+ungeschliffen gegen Menschen, die sich durch kleine Verschiedenheiten,
+wäre es auch nur in Anstand, Kleidung, Ton, Mundart
+oder Gebehrden, unschuldigerweise auszeichnen.
+
+In freien Städten ist diese Anhänglichkeit an väterliche Sitten,
+Kleidertrachten u. dgl. sehr auffallend, und hat nicht selten
+Einfluß auf Regierungs-Verfassung, Religions-Verträglichkeit
+und andre wichtige und unwichtige Dinge. Ich meine, diese
+Verschiedenheit der Sitten und der Stimmung in den teutschen
+Staaten macht es sehr schwer, außer seiner vaterländischen Gegend,
+in fremden Provinzen, in Gesellschaften zu gefallen,
+Freundschaften zu stiften, Geschmack am Umgange zu finden,
+Andre für sich einzunehmen, und auf Andre zu wirken.
+
+Diese Schwierigkeiten werden größer und fühlbarer, und erzeugen
+eine nicht geringe Verlegenheit, wenn man in Teutschland
+in Gesellschaften geräth, welche aus Personen von verschiedenen
+Ständen und Erziehungsweisen zusammengesetzt sind.
+Dem Teutschen wird es schwer, sich zu einem fremden Gesellschaftston
+zu erheben oder herabzustimmen; seine Theilnahme
+wird nicht sogleich rege; er fühlt sich verstimmt, wenn die Form
+der Unterhaltung von derjenigen, an welche er in seiner Heimath
+gewöhnt ist, merklich abweicht. Kommt er aus der Provinz in
+die Hauptstadt, so macht ihn die Neuheit der Form verlegen,
+ängstlich, schüchtern, und also unbeholfen; ist der Fall umgekehrt,
+so wird er entweder einsylbig, kaltsinnig und verdrießlich,
+oder er überläßt sich der Spottlust, und wird ein Friedensstörer.
+Lebt er auf dem Lande, so fühlt er sich in der Hauptstadt durch
+die im Umgange herrschende Geschmeidigkeit und Gewandtheit
+geängstigt, weil er gewohnt ist, sich gehen zu lassen, und auf
+sein äusseres Wesen wenig Aufmerksamkeit zu wenden, und daher
+sitzt er stumm und gefühllos da.
+
+Man sehe nur einen ehrlichen Land-Edelmann, aus treuer Lehnspflicht,
+einmal nach langen Jahren wieder an dem Hofe seines Landesherrn
+erscheinen! Er hat sich schon früh Morgens auf's beste ausgeschmückt
+und sich die sonst gewöhnte liebe Pfeife Tabak versagt, um nicht nach
+Rauch zu riechen. Auf den Gassen der Stadt war es noch öde und still,
+als er schon in seinem Wirthshause umherwandelte und alles in Bewegung
+setzte, um ihm beizustehen, bei dem beschwerlichen Geschäfte, sich
+hofmäßig auszuschmücken. Jetzt ist er endlich fertig; die seidnen
+Strümpfe ersetzen bei weitem nicht, was die heute zurückgelegten
+Stiefel ihm sonst gewähren; ihn friert gewaltig an den, ihm nackend
+scheinenden Beinen. Der modisch zugeschnittene Rock ist in den
+Schultern nicht so bequem, wie sein treuer, alter, warmer Ueberrock;
+das Stehn wird ihm unerträglich sauer. -- In dieser qualvollen
+Gemüthsverfassung erscheint er im Vorzimmer. Um ihn her wimmelt ein
+Haufen Hofschranzen herum, die, obgleich sie sämmtlich vielleicht nicht
+so viel werth, wie dieser ehrliche, nützliche Mann, und im Grunde ihrer
+Herzen nicht weniger, als er, von Langerweile geplagt sind, dennoch
+mit Naserümpfen und Verachtung hier, wo sie in ihrem Elemente zu
+seyn scheinen, ihn ansehen. Er fühlt jeden Spott, übersieht sie, ist
+ihnen an gesundem Verstande und Urtheilskraft bei weitem überlegen,
+und muß sich dennoch von ihnen demüthigen lassen. Sie nähern sich
+ihm, thun mit zerstreuter, wichtiger Miene einige Fragen an ihn;
+Fragen, an denen das Herz keinen Antheil nimmt, und worauf sie auch
+die Antwort nicht abwarten. Er glaubt Einen unter ihnen zu entdecken,
+der ihm theilnehmender scheint, als die Uebrigen; mit diesem fängt er
+ein Gespräch von Dingen an, die ihm, vielleicht auch dem Vaterlande,
+wichtig sind: von dem Wohlstande, den eigenthümlichen Vorzügen, den
+Naturschönheiten der Provinz, in welcher er lebt; er redet mit Wärme;
+Redlichkeit athmet alles, was er sagt -- aber bald sieht er, wie
+sehr er sich in seiner Hoffnung getäuscht hat. Das Männchen hört ihm
+mit halbem Ohre zu, erwiedert irgend ein Paar unbedeutende Sylben
+zur Antwort, und läßt dann den braven Hausvater ohne Unterhaltung
+da stehen. Nun nähert er sich einem Cirkel von Leuten, die mit
+Interesse und Lebhaftigkeit zu reden scheinen. An diesem Gespräche
+wünscht er Theil zu nehmen; aber alles, was er hört, Gegenstand,
+Sprache, Ausdruck, Wendung, alles ist ihm fremd. In halb teutschen,
+halb französischen Redensarten wird hier eine Sache abgehandelt, auf
+welche er nie seine Aufmerksamkeit gerichtet, von welcher er nie
+geglaubt hat, daß es möglich wäre, teutsche Männer könnten sich damit
+beschäftigen. Seine Verlegenheit, seine Ungeduld steigt mit jedem
+Augenblicke, bis er endlich das verwünschte Schloß weit hinter sich
+sieht.
+
+Und nun, den Fall umgekehrt, lasse man einen sonst edlen Hofmann
+einmal hinaus auf das Land in die Gesellschaft biederer Beamten
+und Provinzial-Edelleute gerathen; -- hier herrschen ungezwungene
+Fröhlichkeit, Offenherzigkeit, Freiheit; man redet von dem, was am
+nächsten den Landmann angeht; man wiegt die Worte nicht ab; der
+Scherz ist kunstlos, treffend, gewürzt, aber nicht zugespitzt, nicht
+witzig und gesucht. Unser Hofmann versucht es, sich in diese Manier
+hineinzuarbeiten: er mischt sich in die Gespräche; aber der Ausdruck
+der Offenheit und Treuherzigkeit fehlt. Was bei Jenen naiv war, wird
+bei ihm beleidigend. Er fühlt dieß, und will die Leute in seinen Ton
+stimmen. In der Stadt gilt er für einen angenehmen Gesellschafter:
+er spannt alle Segel auf, um auch hier zu glänzen; allein die
+kleinen Anekdoten, die feinen Züge, worauf er anspielt, sind hier
+gänzlich unbekannt, gehen verloren. Man findet ihn spottsüchtig, da
+in der Stadt niemand ihn einer solchen Gesinnung beschuldiget. Seine
+Höflichkeitsworte, die er wahrlich gut meint, hält man für Falschheit;
+die Süßigkeiten, die er den Frauenzimmern sagt, und die nur höflich und
+verbindlich seyn sollen, betrachtet man als hämischen Spott. -- So groß
+ist die Verschiedenheit des Tons unter zweierlei Klassen von Menschen!
+--
+
+Ein Professor, der in der literarischen Welt eine nicht gemeine Rolle
+spielt, meint, in seiner gelehrten Einfalt, die Universität, auf
+welcher er lebt, sey der Mittelpunkt alles Lebens und aller Wirksamkeit
+im Staate, und das Fach, in welchem er sich Kenntnisse erworben, die
+einzige, dem Menschen nützliche, der Anstrengung, des Nachforschens und
+Studiums würdige Wissenschaft. Er nennt Jeden, der sich darauf nicht
+gelegt hat, verächtlicherweise einen Schöngeist. Eine Dame, die bei
+ihrer Durchreise den berühmten Mann kennen zu lernen wünscht, und ihn
+desfalls besucht, unterhält er in einer Sprache und über Gegenstände,
+wovon sie nicht ein Wort versteht; er unterhält die Gesellschaft,
+welche sich darauf gefreuet hatte, ihn recht zu genießen, bei der
+Abendtafel, mit Zergliederung des neuen akademischen Credit-Edikts,
+oder, wenn der Wein dem guten Manne jovialische Laune gibt, mit
+Erzählung lustiger Schwänke aus seinen Studenten-Jahren.
+
+In welcher Verlegenheit ist zuweilen ein Mann, der nicht
+viel Journale und neuere Modeschriften liest, wenn er in eine
+Gesellschaft von schöngeisterischen Herren und Damen geräth.
+
+Gleichsam wie verrathen und verkauft scheint ein sogenannter
+Profaner, wenn er sich unter einem Haufen Mitglieder einer
+geheimen Verbindung befindet, oder wenn er in eine Gesellschaft
+geräth, welche aus lauter wissenschaftlich gebildeten Personen
+zusammengesetzt ist.
+
+Freilich kann nichts ungesitteter, den wahren Begriffen einer
+feinen Lebensart mehr entgegen seyn, als wenn eine Anzahl
+Menschen, die sich auf diese Art unter einander verstehen, einem
+Fremden, der gutmüthig unter sie tritt, um an den Freuden der
+Geselligkeit Theil zu nehmen, durch ununterbrochene Lenkung
+des Gesprächs auf Gegenstände, wovon Dieser gar nichts versteht,
+jeden Genuß der Unterredung raubt. Auf diese Art habe
+ich zuweilen in meiner ersten Jugend in Familien-Cirkeln, wo
+die Unterhaltung beständig mit Anspielungen auf mir gänzlich
+unbekannte Anekdoten durchflochten, und durch gewisse mir
+fremde Redensarten und Bonmots, womit ich gar keinen Begriff
+verbinden konnte, gewürzt war, tödtende Langeweile gehabt.
+Man sollte wohl mehr Rücksicht nehmen: allein selten
+sind ganze Gesellschaften so billig, sich nach Einzelnen zu richten;
+auch läßt sich das nicht immer mit Recht fordern; folglich
+ist es wichtig für Jeden, der in der Welt mit Menschen leben
+will, die Kunst zu studiren, sich nach Sitten, Ton und Stimmung
+Anderer zu fügen.
+
+
+ 3.
+
+Ueber diese Kunst will ich etwas sagen. -- Aber habe ich
+denn auch wohl Beruf, ein Buch über den feinen Gesellschaftston
+zu schreiben, ich, der ich in meinem Leben vielleicht sehr
+wenig von diesem Ton gezeigt habe? Ziemt es mir, Menschenkenntniß
+auszukramen, da ich so oft ein Opfer der unvorsichtigsten,
+einem Neulinge kaum zu verzeihenden Hingebung gewesen
+bin? Wird man die Kunst des Umgangs von einem Manne
+lernen wollen, der beinahe von allem menschlichen Umgange
+abgesondert lebt? -- Lasset doch sehn, meine Freunde, was sich
+darauf antworten läßt!
+
+Habe ich widrige Erfahrungen gemacht, die mich von meiner
+eigenen Ungeschicklichkeit überzeugt haben -- desto besser!
+Wer kann so gut vor der Gefahr warnen, als Der, welcher
+darinn gesteckt hat? Haben Temperament und Weichlichkeit --
+oder darf ich es nicht Güte eines so gern sich anschließenden Herzens
+nennen? -- haben Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft,
+nach Gelegenheit, Andern zu dienen, und sympathetische Empfindungen
+zu erregen, mich oft unvorsichtig handeln gemacht, oft
+die klügelnde Vernunft weit zurückgelassen; so war es wahrlich
+nicht Blödsinnigkeit, Kurzsichtigkeit, Unbekanntschaft mit Menschen,
+was mich irre leitete; sondern Bedürfniß zu lieben und
+geliebt zu werden, Verlangen thätig zu seyn, zum Guten zu
+wirken. Uebrigens werden vielleicht wenig Menschen in einem
+so kurzen Zeitraume in so manche sonderbare Verhältnisse und
+Verbindungen mit andern Menschen aller Art gerathen, wie ich,
+seit ungefähr zwanzig Jahren; und da hat man denn schon Gelegenheit,
+wenn man nicht ganz von der Natur und Erziehung
+verwahrloset ist, Bemerkungen zu machen, und vor Gefahren
+zu warnen, die man selbst nicht hat vermeiden können. Daß
+ich aber jetzt einsam und abgezogen lebe, geschieht weder aus
+Menschenhaß, noch Blödigkeit; ich habe sehr wichtige Gründe
+dazu; allein diese hier weitläuftig zu entwickeln, das hieße zu
+viel von mir selbst reden, da ich ohnehin noch, zum Schlusse
+dieser Einleitung, etwas über meine eignen Erfahrungen werde
+sagen müssen, bevor ich zum Zwecke komme. -- Also nur noch
+dieses:
+
+
+ 4.
+
+Ich trat als ein sehr junger Mensch, beinahe noch als ein
+Kind, schon in die große Welt, und auf den Schauplatz des
+Hofes. Mein Temperament war lebhaft, unruhig, bewegsam,
+mein Blut warm; die Keime zu mancher heftigen Leidenschaft
+lagen in mir verborgen. Ich war in der ersten Erziehung ein
+wenig verzärtelt, und durch große Aufmerksamkeit, deren man
+meine kleine Person früh gewürdigt hatte, gewöhnt worden, sehr
+viel Rücksichten von andern Leuten zu fordern. In einem Vaterlande
+aufgewachsen, wo Schmeichelei, Verstellung und ein
+gewisses kriechendes Wesen nicht sehr zu Hause sind, hatte man
+mich freilich auch nicht zu jener Geschmeidigkeit vorbereitet, deren
+ich bedurfte, um, unter mir ganz fremden Leuten, in despotischen
+Staaten große Fortschritte zu machen; auch ist der theoretische
+Unterricht in wahrer Weltklugheit bei der Jugend theils
+selten mit Erfolge, theils nicht immer ohne Gefahr zu ertheilen;
+eigne Erfahrung muß da in der Folge das Beste thun. Diese
+Lectionen, wenn man das Glück hat, wohlfeil daran zu kommen,
+sind von der heilsamsten Wirkung, und prägen sich tief
+ein. Noch erinnere ich mich einer kleinen Scene von der Art, die
+mich auf eine Zeitlang vorsichtig machte. Ich saß in C*** in
+der italiänischen Oper in der herrschaftlichen Loge; ich war früher,
+als der Hof, gekommen, weil ich Mittags nicht auf dem
+Schlosse, sondern in der Stadt als Gast gespeist hatte. Noch
+waren wenige Menschen da; in der ganzen Reihe des ersten
+Ranges saß nur einzig der Land-Commandeur, Graf I***,
+ein würdiger Greis. Er hatte, wie es schien, auch darauf gerechnet,
+daß es schon später wäre, als es wirklich war; weil er
+nun Langeweile hatte, und mich gleichfalls einsam da sitzen sah,
+trat er zu mir herein, und fing eine Unterredung mit mir an.
+Er schien sehr zufrieden mit dem, was ich ihm über verschiedene
+Gegenstände, von denen ich einige Kenntniß besaß, sagte; der
+Greis wurde immer freundlicher und herablassender, und dieß
+kitzelte mich so sehr, daß ich darauf allerlei Seitensprünge in
+meinem Gespräche machte, und zuletzt ein wenig vorwitzig und
+muthwillig wurde. Endlich entwischte mir eine, mir gegenwärtig
+nicht mehr erinnerliche, grobe Unvorsichtigkeit im Reden;
+der Graf sah mir ernsthaft in das Gesicht, und ohne weiter ein
+Wort zu verlieren, ließ er mich stehn, und ging zurück in seine
+Loge. Ich fühlte die ganze Stärke dieses Verweises, aber die
+Arzenei half nicht lange. Meine Lebhaftigkeit verleitete mich zu
+großen Verletzungen der Bescheidenheit und guten Sitte; ich
+übereilte alles, that immer zu viel oder zu wenig, kam stets zu
+früh oder zu spät, weil ich immer entweder eine Thorheit beging,
+oder eine andere gutzumachen hatte. Daher kamen unendliche
+Widersprüche in meinen Handlungen, und ich verfehlte
+fast bei allen Gelegenheiten des Zwecks, weil ich keinen einfachen
+Plan verfolgte. Zuerst war ich zu sorglos, zu offen, gab
+mich zu unvorsichtig hin, und schadete mir dadurch; alsdann
+nahm ich mir vor, ein feiner Hofmann zu werden. Mein Betragen
+wurde gekünstelt, und nun traueten mir die Bessern
+nicht; ich war zu geschmeidig, und verlor dadurch äussere Achtung
+und innere Würde, Selbstständigkeit und Festigkeit. Erbittert
+gegen mich und Andre, riß ich mich dann los, und wurde
+ein Sonderling. Dieß erregte Aufsehn; die Menschen suchten
+mich auf, wie sie alles Sonderbare aufsuchen. Dadurch aber
+erwachte mein Trieb zur Geselligkeit wieder; ich näherte mich
+auf's neue, lenkte wieder ein, und nun verschwand der Nimbus,
+den nur meine Abgezogenheit von der Welt um mich her gezogen
+hatte. In einer andern Periode spottete ich der herrschenden
+Thorheiten, zuweilen nicht ohne Witz; man fürchtete mich, aber
+man liebte mich nicht; dieß schmerzte mich; um das wieder gut
+zu machen, zeigte ich mich von der unschädlichen Seite, entfaltete
+ein liebevolles, wohlwollendes Herz, unfähig zu schaden und
+zu verfolgen -- und die Wirkung davon war, daß jedermann,
+der noch einen Rest von Groll gegen mich hegte, oder irgend einen
+lustigen Einfall von mir, auf seine Rechnung geschrieben hatte,
+mich jetzt mit einer Art von Geringschätzung behandelte, sobald
+er sah, daß ich nur mit Rappieren und nicht mit Schwerdtern
+focht, daß meine Waffen nicht zum Morde geschliffen waren.
+Oder wenn meine satyrische Laune durch den Beifall lustiger
+Gesellschafter aufgeweckt wurde, hechelte ich große und kleine
+Thoren durch; die Spaßvögel lachten dann; aber die Weisern
+schüttelten die Köpfe, und wurden kalt gegen mich. Um zu zeigen,
+wie wenig bösartig meine Laune wäre, hörte ich auf, zu
+spotten, und fing an, alle Thorheiten und Fehler gutmüthig zu
+entschuldigen; und nun hielten Einige mich für einen Pinsel,
+Andre für einen Heuchler. Wählte ich mir meinen Umgang unter
+den ausgesuchtesten, aufgeklärtesten Männern, so erwartete
+ich vergebens Schutz von dem am Ruder stehenden Dummkopfe;
+gab ich mich elenden Leuten preis, so wurde ich mit diesen in
+Eine Klasse gesetzt. Menschen ohne Erziehung, von niederm
+Stande, mißbrauchten mich, wenn ich mich ihnen zu sehr näherte;
+mit Vornehmern verdarb ich es, sobald sie meine Eitelkeit
+beleidigten. Bald ließ ich den Geistesarmen zu sehr meine
+Ueberlegenheit empfinden, und wurde verfolgt; bald war ich zu
+bescheiden, und wurde übersehen. Bald richtete ich mich geschmeidig
+und schonend nach den Sitten der Leute, nach dem Ton aller
+unbedeutenden Gesellschaften, in welche ich gerieth, verlor
+goldne Zeit, Achtung der Weisern, und Zufriedenheit mit mir
+selber; dann wurde ich wieder zu einfach, und spielte eine verkehrte
+Rolle, da, wo ich hätte glänzen oder wenigstens mich geltend
+machen können und sollen, durch Mangel an Zuversicht zu
+mir selber. Zu einer Zeit ging ich zu wenig unter Menschen,
+indem ich mich meiner Laune hingab, und man hielt mich für
+stolz oder menschenscheu; zu einer andern zeigte ich mich überall,
+und wurde als ein Alltagsgesicht übersehen oder belächelt. In
+den ersten Jünglingsjahren gab ich mich unbedachtsam, Jedem
+ausschließlich, mit vollem Vertrauen, und ohne alle Vorsicht
+hin, der sich meinen Freund nannte, und mir einige Zuneigung
+bewies; und sahe mich schmerzlich getäuscht, oder schändlich betrogen
+und gemißbraucht; dann war ich wieder, in einem Anfall
+von Menschenliebe und Wohlwollen, eines Jeden Freund,
+bereit, Jedem zu dienen, und nun mußte ich mit Verdruß erfahren,
+daß sich niemand mit ganzer Seele an mich anschloß,
+weil niemand mit dem kleinen, in so viel Partikeln getheilten
+Stückchen Herzen vorlieb nehmen wollte. Wenn ich zu viel erwartete,
+wurde ich getäuscht; wenn ich ohne allen Glauben an
+Treue und Redlichkeit unter den Menschen umher irrte, hatte
+ich gar keinen Genuß, nahm an gar nichts Theil. Es ist bekannt,
+welchen thätigen Antheil ich an der Verbindung der sogenannten
+Illuminaten genommen, wovon ich in einer eignen
+Schrift (~Philo's Erklärung &c.~ ) Rechenschaft gegeben habe.
+Diese Verbindung, an deren Spitze Personen standen, die zum
+Theil, ihrer Geburt, ihren bürgerlichen Verhältnissen und ihren
+Talenten nach, zu den wichtigsten Männern in Teutschland gehörten,
+machte vorzüglich auch Menschenkenntniß zu einem Gegenstande
+ihrer Nachforschungen. Der, durch dessen Hände, wie
+das bei mir eine Zeitlang der Fall war, fast alle Geschäfte einer
+so ausgebreiteten Gesellschaft gingen, fand freilich Gelegenheit
+genug, Leute aus allen Ständen und von sehr verschiedener Bildung
+und Stimmung, welche Mitglieder des Ordens waren,
+von mancher Seite und in allerlei Lagen kennen zu lernen; allein
+da man mit diesen Leuten größtentheils nur schriftlichen
+Umgang pflog, so gewann im Ganzen meine praktische Erfahrung
+nicht so viel dabei. Reichhaltiger war die Ausbeute, die
+ich an Höfen, an welchen ich mich vielfältig umhertrieb, gemacht
+habe. Soll ich es mir aber zur Schande, oder zur Ehre
+rechnen? -- genug! auch auf diesem Schauplatze habe ich mehr
+beobachtet, als meine Beobachtungen zu eignem Vortheile nützen
+gelernt, und nie habe ich über mein zu lebhaftes Temperament
+so viel gewinnen können, daß ich meine schwachen Seiten so
+sorgfältig, wie ich thun sollen, verborgen hätte. -- Und so vergingen
+dann die Jahre, in welchen ich hätte mein Glück machen
+können, wie man das gewöhnlich nennt. Jetzt, da ich die Menschen
+besser kenne, da Erfahrung mir die Augen geöffnet, mich
+vorsichtig gemacht, und vielleicht die Kunst gelehrt hat, auf
+Andre zu wirken; jetzt ist es zu spät für mich, von dieser so
+theuer erkauften Kunst Gebrauch zu machen. Mein Rücken
+krümmt sich mit Mühe zu Reverenzen; ich habe nicht viel unnütze
+Zeit mehr zu verschwenden, die ich preisgeben könnte; das
+Wenige, was ich noch in dem Reste meines Lebens auf solchen
+Wegen erlangen könnte, lohnt die Mühe und Anstrengung nicht,
+die mich das kosten würde, und es ziemt dem Mann, dessen
+Grundsätze Alter und Erfahrung befestigt haben, eben so wenig,
+jetzt erst anzufangen, den Geschmeidigen, wie den Stutzer zu
+spielen. -- Es ist zu spät, sage ich, mit der Ausübung anzuheben;
+aber nicht zu spät, Jünglingen zu zeigen, welchen Weg
+sie wandeln müssen -- und so lasset uns denn den Versuch machen
+und der Sache näher rücken!
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+ Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den Umgang
+ mit Menschen.
+
+
+ 1.
+
+~Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als
+er sich selbst gelten macht.~ Das ist ein goldner Spruch,
+ein reiches Thema zu einem Folianten, über den +esprit de conduite+
+und über die Mittel, in der Welt seinen Zweck zu erlangen;
+ein Satz, dessen Wahrheit auf die Erfahrung aller Zeitalter
+gestützt ist. Diese Erfahrung lehrt den Abentheurer und
+Großsprecher, sich bei dem Haufen für einen Mann von Wichtigkeit
+auszugeben, von seinen Verbindungen mit Fürsten und
+Staatsmännern, mit Männern, welche nicht einmal von seinem
+Daseyn etwas wissen, in einem Tone zu reden, der ihm,
+wo nichts mehr, doch wenigstens manche freie Mahlzeit, und
+den Zutritt in den ersten Häusern erwirbt. Ich habe einen Menschen
+gekannt, der auf diese Art von seiner Vertraulichkeit mit
+dem Kaiser Joseph und dem Fürsten Kaunitz redete, obgleich ich
+ganz gewiß wußte, daß diese ihn kaum dem Namen nach, und
+zwar als einen unruhigen Kopf und als eine Lästerzunge kannten.
+Indessen hatte er hiedurch, da niemand genauer nachfragte,
+sich auf eine kurze Zeit in solches Ansehn gesetzt, daß Leute, die
+bei des Kaisers Majestät etwas zu suchen hatten, sich an ihn
+wendeten. Dann schrieb er auf so unverschämte Art an irgend
+einen Großen in Wien, und sprach in diesem Briefe von seinen
+übrigen vornehmen Freunden daselbst mit einer solchen Dreistigkeit,
+daß er, zwar nicht Erlangung seines Zwecks, aber doch
+manche höfliche Antwort erschlich, mit welcher er dann weiter
+wucherte.
+
+Diese Erfahrung, daß es möglich ist, durch den Ton der
+Zuversicht und durch eine vornehme Miene sich Gehör zu verschaffen,
+macht den frechen Halbgelehrten so dreist, über Dinge
+zu entscheiden, wovon er nicht früher, als eine Stunde vorher,
+das erste Wort gelesen oder gehört hat, aber so zu entscheiden,
+daß selbst der anwesende bescheidene Literator es nicht wagt, zu
+widersprechen, noch Fragen zu thun, die des Schwätzers Fahrzeug
+auf's Trockene werfen könnten.
+
+Diese Erfahrung ist es, welche uns Aufschluß über den Erfolg
+gibt, mit welchem ein Dummkopf sich um die ersten Stellen im
+Staate bewirbt, die verdienstvollsten Männer zu Boden tritt,
+und niemand findet, der ihn in seine Schranken zurückwiese.
+
+Auf diese Erfahrung gestützt, fordert der fremde Künstler hundert
+Louisd'or für ein Stück, das der einheimische, zehnfach besser
+gearbeitet, um funfzig Thaler verkaufen würde; allein man reißt sich um
+des Ausländers Werke: er kann nicht so viel fertig machen, als von ihm
+gefordert wird, und am Ende läßt er bei dem Einheimischen arbeiten, und
+verkauft das für ultramontanische Waare.
+
+Auf diese Erfahrung gestützt, erschleicht sich der Schriftsteller
+eine vortheilhafte Recension, wenn er in der Vorrede zu dem
+zweiten Theile seines langweiligen Buchs mit der schamlosesten
+Frechheit von dem Beifalle redet, womit Kenner und Gelehrte,
+deren Freundschaft er sich rühmt, den ersten Theil beehrt haben.
+
+Diese Erfahrung gibt dem vornehmen Bankerottirer, der
+Geld borgen will und nie wieder bezahlen kann, den Muth, das
+Anlehn in solchen Ausdrücken zu fordern, daß der reiche Wuchrer
+es für Ehre hält, sich von ihm betrügen zu lassen.
+
+Fast alle Arten von Bitten um Schutz und Beförderung, die in diesem
+Tone vorgetragen werden, finden Eingang, und werden nicht abgeschlagen;
+dahingegen Verachtung, Zurücksetzung und nicht erfüllte billige Wünsche
+fast immer der Preis des bescheidenen, furchtsamen Bewerbers sind.
+
+Kurz! der Satz: ~daß jedermann nicht mehr und nicht
+weniger gelte, als er sich selbst gelten macht~, ist die
+große Panacee für Abentheurer, Prahler, Windbeutel und seichte
+Köpfe, um fortzukommen auf diesem Erdballe -- ich gebe also
+keinen Kirschkern für dieses Universalmittel -- Doch still! sollte
+denn jener Satz uns gar nichts werth seyn? Ja, meine Freunde!
+er kann uns lehren, nie ohne Noth und Beruf unsre ökonomischen,
+physikalischen, moralischen und intellectuellen Schwächen
+aufzudecken. Ohne also sich zur Prahlerei und zu niederträchtigen
+Lügen herabzulassen, soll man doch nicht die Gelegenheit
+verabsäumen, sich von seinen vortheilhaften Seiten zu zeigen.
+
+Es gibt eine falsche Bescheidenheit und Zurückhaltung, die in einem
+kleinmüthigen Mißtrauen gegen sich selbst ihren Grund hat, und die
+Furcht erzeugt; von dieser gefesselt, läßt Mancher, der viel zu leisten
+vermag, die günstigste Gelegenheit, sich geltend zu machen, oder die
+Aufmerksamkeit der Vielvermögenden auf sich zu lenken, ungenutzt
+vorübergehen; eine Gelegenheit, die nimmer wiederkommt. Daß man hiebei
+mit Bescheidenheit zu Werke gehen, nichts zur Schau tragen, nicht
+sein eigner Lobredner seyn müsse, darf nicht erinnert werden, denn es
+bleibt dabei, daß der, welcher sich selbst erhöht, erniedrigt werde.
+Auszeichnung läßt sich nicht ertrotzen, und die ertrotzte würde nicht
+frommen. Hängt man ein gar zu glänzendes Schild aus, so erweckt man
+dadurch die spähende und lästernde Eifersucht, oder reizt zu den
+strengsten ungerechtesten Forderungen. Die Splitterrichter erheben
+kreischend ihre Stimme; und so ist es sogleich um den erborgten Glanz
+geschehn. Zeige Dich also mit einem gewissen bescheidnen Bewußtseyn
+innerer Würde, und vor allen Dingen mit dem auf Deiner Stirne
+strahlenden Bewußtseyn der Wahrheit und Redlichkeit! Zeige Vernunft
+und Kenntnisse, wo Du Veranlassung dazu hast! Nicht so viel, um Neid
+zu erregen und Forderungen anzukündigen; nicht so wenig, um übersehn
+und überschrien zu werden! Laß Dich aufsuchen, und sey nicht zu
+bereitwillig, ohne daß man Dich weder für einen Sonderling, noch für
+scheu, noch für hochmüthig halte!
+
+
+ 2.
+
+Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem Scheine
+der Vollkommenheit und Unfehlbarkeit. Die Menschen beurtheilen
+und richten Dich nach dem Maaßstabe Deiner Forderungen,
+und sie sind noch billig, wenn sie nur das thun, wenn sie Dir
+nicht Forderungen aufbürden. Dann heißt es, wenn Du auch
+nur des kleinsten Fehlers Dich schuldig machst: »Einem ~solchen
+Manne~ ist das gar nicht zu verzeihn;« und da die Schwachen
+sich ohnehin ein Fest daraus machen, an einem Menschen,
+der sie verdunkelt, Mängel zu entdecken, so wird Dir ein einziger
+Fehltritt höher angerechnet, als Andern ein ganzes Register
+von Bosheiten und Pinseleien.
+
+
+ 3.
+
+Sey aber nicht ~gar zu sehr~ ein Sclave der Meinungen
+Andrer von Dir! Sey selbstständig! Was kümmert Dich am
+Ende das Urtheil der ganzen Welt, ~wenn Du thust, was
+Du sollst~? und was ist Dein ganzer Prunk von äussern Tugenden
+werth, wenn Du diesen Flitterputz nur über ein schwaches,
+niedriges Herz hängst, um in Gesellschaften damit zu
+prunken?
+
+
+ 4.
+
+Vor allen Dingen wache über Dich, daß Du nie die innere
+Zuversicht zu Dir selber, das Vertrauen auf Gott, auf gute
+Menschen und auf das Schicksal verlierest! Sobald Dein Gefährte
+oder Gehülfe auf Deiner Stirne Mißmuth und Verzweiflung
+liest -- so ist alles aus. Sehr oft aber ist man im Unglück
+ungerecht gegen die Menschen. Jede kleine böse Laune, jede
+kleine Miene von Kälte deutet man auf sich; man meint, Jeder
+sehe es uns an, daß wir leiden, und weiche vor der Bitte
+zurück, die wir ihm thun könnten.
+
+
+ 5.
+
+Schreibe aber auch nicht auf Deine Rechnung das, wovon
+Andern das Verdienst gebührt! Wenn man Dir, aus Achtung
+gegen einen edlen Mann, dem Du angehörst, Auszeichnung
+oder Höflichkeit beweist, so brüste Dich damit nicht, sondern sey
+bescheiden genug, zu fühlen, daß dieß alles vielleicht wegfallen
+würde, wenn Du einzeln aufträtest! Suche aber selbst zu verdienen,
+daß man Dich um Deinetwillen ehre! Sey lieber das
+kleinste Lämpchen, das einen dunklen Winkel mit eignem Lichte
+erleuchtet, als ein großer Mond einer fremden Sonne, oder gar
+Trabant eines Planeten!
+
+
+ 6.
+
+Fehlt Dir etwas; hast Du Kummer, Unglück; leidest Du
+Mangel; reichen Vernunft, Grundsätze und guter Wille nicht
+zu: so klage Dein Leid, Deine Schwäche, Deine kleinmüthigen
+Besorgnisse niemand, als dem, der helfen kann, selbst Deinem
+treuen Weibe kaum! Wenige helfen tragen; fast Alle erschweren
+die Bürde; ja! sehr Viele treten einen Schritt zurück, sobald
+sie sehen, daß Dich das Glück nicht anlächelt. Sobald sie aber
+gar annehmen, daß Du ganz ohne Hülfsquellen bist, daß Du
+keinen geheimen Schutz hast, niemand, der sich Deiner annimmt
+-- o! so rechne auf Keinen mehr! Wer hat den Muth,
+und die Liebe, einzig und fest als die Stütze des von aller Welt
+Verlassenen öffentlich aufzutreten? Wer hat den Muth zu sagen:
+»Ich kenne den Mann; er ist mein Freund; er ist mehr
+werth, als Ihr alle, die ihr ihn schmähet!« Und fändest Du
+ja einen Solchen, so würde es doch nur etwa ein anderer armer
+Tropf seyn, der selbst in elenden Umständen, aus Verzweiflung
+sein Schicksal an das Deinige knüpfen wollte, dessen Schutz
+Dir mehr schädlich, als nützlich wäre.
+
+
+ 7.
+
+Rühme aber auch nicht zu laut Deine glückliche Lage! krame nicht
+zu glänzend Deine Pracht, Deinen Reichthum, Deine Talente aus! Die
+Menschen vertragen selten ein solches Uebergewicht, ohne Murren und
+Neid. Lege daher auch Andern keine zu große Verbindlichkeit auf! Thue
+nicht zu viel für Deine Mitmenschen! Sie fliehen den überschwenglichen
+Wohlthäter, wie man einen Gläubiger flieht, den man nie bezahlen kann.
+Also hüte Dich, zu groß zu werden in Deiner Brüder Augen! auch fordert
+dann Jeder zu viel von Dir, und eine einzige abgeschlagene Wohlthat
+macht tausend wirklich erzeigte in Einem Augenblicke vergessen. Oder
+wäre nicht Undank der Welt Lohn? Du wirst Ausnahmen erleben, aber
+rechne nur nicht auf diese, sondern sey auf das gefaßt, was die
+tägliche Erfahrung bringt.
+
+
+ 8.
+
+Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um
+Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das
+Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern! Man höret Dir wohl zu,
+besonders wenn Du Deine Darstellungen mit Witz zu würzen weißt, aber
+man hasset Dich gleichwohl. Dagegen wie edel ist es, da zu schweigen,
+wo alle Lippen in Bewegung sind, zu lästern, zu verkleinern, und
+herabzuwürdigen. O daß Du zu diesen Edlen gehören möchtest, ob auch die
+Welt sie nicht zu schätzen und zu ehren weiß!
+
+
+ 9.
+
+Suche weniger selbst zu glänzen, als Andern Gelegenheit zu geben,
+sich von vortheilhaften Seiten zu zeigen, wenn Du gelobt werden und
+gefallen willst. Wenige Menschen vertragen ein Uebergewicht von Andern.
+Lieber verzeihen sie uns eine zweideutige Handlung, ja! ein Verbrechen,
+als eine That, durch welche wir sie verdunkeln. Doch, wenn Du fern
+von ihnen, ausser ihrem Wirkungskreise stehst und ihnen nirgend in
+den Weg treten kannst; dann vielleicht lassen sie Dir Gerechtigkeit
+widerfahren. Auch im bloß geselligen Umgange soll man sich hüten,
+hervorstechen zu wollen. Ich habe den Ruf eines vernünftigen und
+witzigen Mannes aus mancher Gesellschaft mitgenommen, in welcher
+wahrlich kein kluges Wort aus meinem Munde gegangen war, und in welcher
+ich nichts gethan hatte, als mit musterhafter Geduld vornehmen und
+halbgelehrten Unsinn anzuhören, oder hie und da einen Mann auf ein
+Fach zu bringen, wovon er gern redet. Wie mancher besucht mich, mit
+der demüthigen Ankündigung: (wobei ich mich oft nicht des Lachens
+erwehren kann) er komme, um mir, als einem gewaltigen Gelehrten und
+Schriftsteller, seine Ehrerbietung zu bezeigen! Der Mann setzt sich
+dann hin und fängt an zu reden, läßt mich, den er bewundern will, gar
+nicht zu Worte kommen, und geht, entzückt über meine lehrreiche und
+angenehme Unterhaltung, zu welcher ich nicht zwanzig Worte geliefert
+habe, von mir, höchst vergnügt, daß ich Verstand genug gehabt habe --
+ihm zuzuhören. Habe Geduld mit allen Schwächen dieser Art! Wenn daher
+auch jemand ein Geschichtchen, oder sonst etwas vorbringt, das er
+~gern~ erzählt, und Du hättest es auch schon mehr gehört, und es wäre
+vielleicht ein Märchen, das ~Du selbst~ ihm einst mitgetheilt hättest;
+so laß es ihm doch nicht auf unangenehme Weise merken, daß die Sache
+Dir alt und langweilig ist, wenn die Person anders Schonung verdient!
+Was kann unschuldiger seyn, als solche Ausleerungen zu befördern, wenn
+man dadurch Andern Erleichterung, und sich einen guten Ruf verschafft?
+Und wenn die Leute unschuldige Liebhabereien haben, z. B. gern von
+Pferden reden, es gern sehen, daß man eine Pfeife Tabak mit ihnen
+rauche, ein Glas Wein mit ihnen trinke; so erzeige man ihnen diese
+kleine Gefälligkeit, wenn es ohne große Ungemächlichkeit und ohne
+kriechende Demuth geschehen kann! Desfalls habe ich nie die Gewohnheit
+der Hofleute von gemeinerm Schlage gut finden können, die jedermann nur
+mit halbem Ohre und zerstreueter Miene anhören, ja! gar mitten in einer
+Rede, die sie veranlaßt haben, einfallen, ohne das Ende abzuwarten.
+
+
+ 10.
+
+Gegenwart des Geistes ist ein seltnes Geschenk des Himmels, und macht,
+daß wir im Umgange in sehr vortheilhaftem Lichte erscheinen. Dieser
+Vorzug nun läßt sich freilich nicht durch Kunst erlangen; allein man
+kann an sich arbeiten, daß, wenn er uns fehlet, wir wenigstens nicht
+durch Uebereilung uns und Andre in Verlegenheit setzen. Sehr lebhafte
+Temperamente haben hierauf vorzüglich zu achten. Ich rathe daher, wenn
+eine unerwartete Frage, ein ungewöhnlicher Gegenstand, oder irgend
+etwas anders uns überrascht, nur eine Minute still zu schweigen und
+der Ueberlegung Zeit zu lassen, uns zu der Parthei vorzubereiten,
+die wir nehmen sollen. So wie ein einziges rasches, unvorsichtiges
+Wort, oder ein in der Verwirrung unternommener Schritt zu späte Reue
+und unglückliche Folgen wirken können; so kann ein schnell auf der
+Stelle gefaßter und ausgeführter rascher Entschluß, in entscheidenden
+Augenblicken, in welchen man so leicht den Kopf verliert, Glück,
+Rettung und Trost bringen.
+
+
+ 11.
+
+Wünschest Du zeitliche Vortheile, Unterstützung, Versorgung im
+bürgerlichen Leben; mögtest Du in einer Bedienung angestellt werden,
+in welcher Du Deinem Vaterlande nützlich seyn könntest: so mußt Du
+darum bitten, ja! nicht selten betteln, d. h. Du mußt es Dir gefallen
+lassen, in einem solchen Tone und mit einer solchen Andringlichkeit
+zu bitten, als ob Dir das, was Du leisten kannst, gar keine Ansprüche
+auf das Erbetene gäbe. Rechne nicht darauf, daß die Menschen, sie
+müßten denn Deiner ganz nothwendig bedürfen, Dir etwas anbieten, oder
+sich ungebeten für Dich verwenden werden, wenn auch Deine Verdienste
+oder Leistungen noch so laut für Dich reden, und jedermann weiß, daß
+Du Unterstützung bedarfst und verdienst! Jeder sorgt für sich und die
+Seinigen, ohne sich um den bescheidnen Mann zu bekümmern, der indeß
+nach Gemächlichkeit in seinem Winkelchen seine Talente vergraben,
+oder gar verhungern kann. Darum bleibt so mancher Verdienstvolle bis
+an seinen Tod unerkannt, ausser Stand gesetzt, seinen Mitmenschen
+nützlich zu werden -- weil er nicht betteln, nicht kriechen kann, oder
+weil er, in einem falschen Selbstgefühl, jede Bitte um das, worauf er
+gerechte Ansprüche hat, unter seiner Würde hält. Warum wolltest Du ein
+Märtyrer dieses Selbstgefühls werden, oder es zu einem Wurm machen, der
+unaufhaltsam Deine Lebenskraft zernagt? Suchet, so werdet ihr finden!
+
+
+ 12.
+
+So wenig wie möglich lasset uns indessen von Andern Wohlthaten fordern
+und annehmen! Man trifft gar selten Leute an, die nicht früh oder spät
+für kleine Dienste große Rücksichten forderten, und das hebt dann das
+Gleichgewicht im Umgange auf, raubt Freiheit, hindert uneingeschränkte
+Wahl, und wenn auch unter zehnmal nicht einmal der Fall einträte, daß
+dieß uns in Verlegenheit setzte, oder Verdruß zuzöge; so ist es doch
+weislich gehandelt, dies mögliche Einmal zu vermeiden, und lieber
+immer zu geben, Jedem zu dienen, als von Andern Dienste oder sonst
+etwas anzunehmen. Auch gibt es wenig Menschen, die mit guter Art
+Wohlthaten erzeigen. Versuchet es, meine Freunde! wie viele unter Euren
+Bekannten nicht auf einmal, mitten in der fröhlichsten, höflichsten
+Gemüthsstimmung ihr Gesicht in feierliche Falten ziehen, wenn Ihr
+Eure Anrede mit den Worten anhebet: »Ich muß eine große Bitte an Sie
+wagen! Ich bin in einer erschrecklichen Verlegenheit.« Sehr bereit aber
+pflegen die Menschen zu seyn, uns solche Dienste anzubieten, deren wir
+nicht bedürfen, oder gar, die sie selbst nicht zu leisten im Stande
+sind. Der Verschwender ist immer willig, mit Gelde zu dienen; der
+Dummkopf mit gutem Rathe.
+
+Vor allen Dingen hüte man sich, jemand um eine Gefälligkeit
+zu bitten, wenn man voraus wissen kann, daß er uns nicht
+wohl, wenn er auch gern möchte, eine abschlägige Antwort geben
+kann! (z. B. wenn er uns Verbindlichkeit schuldig, oder
+sonst von uns abhängig ist.)
+
+Wohlthaten annehmen, macht abhängig; man weiß nicht,
+wie weit das führen kann. Man kömmt da oft in's Gedränge
+zwischen der Nothwendigkeit, schlechten Menschen zu viel nachzusehn,
+oder undankbar zu scheinen.
+
+Um nun des fremden Beistandes entbehren zu können, dazu ist das beste
+Mittel, wenig Bedürfnisse zu haben, mäßig zu seyn, und bescheidne
+Wünsche zu nähren; das heißt nicht: Du sollst ein Diogenes in der
+Tonne seyn, und Deine Hand zum Pokal erheben, sondern es heißt nur:
+Du sollst nicht eitler Ehre geitzig seyn, nicht glänzen wollen, nicht
+meinen, daß es ein Unglück sey, in einer gewissen Verborgenheit und
+Zurückgezogenheit leben zu müssen. Das, was Du hiebei entbehrst,
+ist wahrlich keines Seufzers werth: das laß Dir von den bleichen,
+früh veralteten Gesichtern und tief liegenden Augen voll Mißmuth und
+Trübsinn erzählen, welche die von Dir Beneideten als Warnungstafeln vor
+sich hertragen. Denn wer von unzähligen Leidenschaften in rastlosem
+Taumel umhergetrieben wird, bald Ehrenstellen, bald Wucher, bald
+Erwerb, bald wollüstigen Genuß verlangt; wer, von dem Luxus des
+Zeitalters angesteckt, alles begehrt, was seine Augen sehen; wen
+vorwitzige Neugier und ein unruhiger Geist treiben, sich in jeden
+unnützen Handel zu mischen; der geräth in eine zwiefache Sclaverei;
+er wird der Menschen Knecht, und seiner Leidenschaften Sclave; er
+lebt in einer eben so drückenden, als verführerischen Abhängigkeit:
+drückend ist sie, weil sie ihn beständig der Ungerechtigkeit der
+Menschen preisgibt; verführerisch, weil sie ihn beständig reizt, sich
+zu erniedrigen, um im kläglichsten Sinn des Worts erhöht zu werden.
+
+
+ 13.
+
+Wenn ich aber gesagt habe, daß man lieber Allen ~geben~, als von irgend
+jemand ~empfangen~ sollte; so hebt doch das den Satz nicht auf, daß man
+nicht gar zu viel für Andre thun dürfe. Ueberhaupt sey dienstfertig,
+aber nicht zudringlich! Sey nicht jedermanns Freund und Vertrauter! Vor
+allen Dingen wirf Dich nicht zum Sittenrichter der Menschen, besonders
+gewisser Menschen auf, und sey der Warnung eingedenk: Ihr sollt die
+Perlen nicht vor die Säue werfen, damit sie sich nicht umwenden, und
+euch zerreissen. Nicht einmal Deinen unmaßgeblichen Rath sollst Du den
+Menschen aufdringen. Begehren sie Deinen Rath, so begehre Du erst ein
+Glaubensbekenntniß von ihnen, damit Du weißt, wen Du vor Dir hast,
+und wie ihm beizukommen ist. Die Wenigsten wissen Dir Dank dafür,
+und selbst wenn sie Dich um Rath fragen, sind sie gewöhnlich schon
+entschlossen zu thun, was ihnen gefällt. Mische Dich auch nicht in
+Familien-Händel! Vor allen Dingen hüte Dich, Zwistigkeiten schlichten
+und Versöhnungen stiften zu wollen! (Es sey denn unter geliebten,
+geprüften Personen.) Mehrentheils werden beide Partheien einig, um dann
+über Dich herzufallen. Das Kuppeln und Heirathen-Schmieden überlasse
+man dem Himmel und einer gewissen Klasse von alten Weibern!
+
+
+ 14.
+
+Keine Regel ist so allgemein, keine so heilig zu halten, keine
+führt so sicher dahin, uns dauerhafte Achtung und Freundschaft
+zu erwerben, als die: unverbrüchlich, auch in den geringsten
+Kleinigkeiten, Wort zu halten, seiner Zusage treu, und stets
+wahrhaftig zu seyn in seinen Reden. Nie kann man Recht und
+erlaubte Ursachen haben, das Gegentheil von dem zu sagen,
+was man denkt, wenn gleich man Befugniß und Gründe haben
+kann, nicht alles zu offenbaren, was in uns vorgeht. Es gibt
+keine Nothlügen; noch nie ist eine Unwahrheit gesprochen worden,
+die nicht früh oder spät nachtheilige Folgen für jemand gehabt
+hätte; der Mann aber, der dafür bekannt ist, strenge Wort
+zu halten und sich keine Unwahrheit zu gestatten, gewinnt gewiß
+Zutrauen, guten Ruf und Hochachtung. Du darfst zwar
+nicht alles sagen, was wahr ist, aber eben so wenig statt der
+Wahrheit eine Unwahrheit. Demjenigen, welcher Dein Bekenntniß
+oder Deine Offenherzigkeit gewiß mißbrauchen wird,
+oder der die Wahrheit, die er von Dir begehrt, nicht würde ertragen
+können, bist Du keine Offenherzigkeit schuldig.
+
+
+ 15.
+
+Sey strenge, pünktlich, ordentlich, arbeitsam, fleissig in Deinem
+Berufe! Bewahre Deine Papiere, Deine Schlüssel und alles so, daß Du
+jedes einzelne Stück auch im Dunkeln finden könntest! Verfahre noch
+ordentlicher mit fremden Sachen! Verleihe nie Bücher, oder andre Dinge,
+die Dir sind geliehen worden; hast Du von Andern dergleichen geborgt,
+so bringe oder schicke sie zu gehöriger Zeit wieder, und erwarte
+nicht, daß sie, oder ihre Domestiken, weite Wege machen sollen, um ihr
+Eigenthum wieder zu erlangen. -- Jedermann geht gern mit einem Menschen
+um, auf dessen Pünktlichkeit und Treue in Wort und That er sich fest
+verlassen kann, und der unfähig ist, Andere zu täuschen. So gehört
+es auch zu den Eigenschaften, welche Vertrauen und Gunst erwerben,
+zur rechten Zeit zu erscheinen, wo man erwartet wird, möge die
+Zusammenkunft zu einem Vergnügen, oder einem Geschäft bestimmt seyn.
+Das Spätkommen gehört zu denjenigen bösen Gewohnheiten und Mißbräuchen
+in der Gesellschaft, welche eben so ausgebreitet, als verderblich, eben
+so unsittlich, als ungesittet sind. Gute und böse Beispiele von ~der~
+Art reizen zur Nachfolge; und die Ungerechtigkeit anderer Menschen
+rechtfertigt nicht die unsrige.
+
+
+ 16.
+
+Gib Andern Beweise Deiner Theilnahme, um Dich der ihrigen
+zu versichern. Wer untheilnehmend, ohne Sinn für Freundschaft,
+Wohlwollen und Liebe, nur sich selber lebt, der bleibt
+verlassen, wenn er sich nach Beistand sehnt.
+
+
+ 17.
+
+Verflechte Niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und fordere
+nicht von Denen, mit welchen Du umgehst, daß sie Theil
+an den Uneinigkeiten nehmen sollen, die zwischen Dir und Andern
+herrschen!
+
+Eine Menge dieser Vorschriften umfaßt die alte Regel: setze Dich in
+Gedanken oft in andrer Leute Stelle, und frage Dich selbst: »Wie
+würde es Dir unter denselben Umständen gefallen, wenn man ~Dir~ dieß
+zumuthete, gegen ~Dich~ also handelte, von ~Dir~ das forderte? --
+diesen Dienst, diese Verwendung, diese langweilige Arbeit, diesen
+Zeitaufwand, für einen geringfügigen Zweck, diese Erklärung?«
+
+
+ 18.
+
+Bekümmre Dich nicht um die Handlungen Deiner Nebenmenschen, in so fern
+sie nicht Bezug auf Dich, oder so sehr auf die Sittlichkeit im Ganzen
+haben, daß es Verbrechen seyn würde, darüber zu schweigen! Ob aber
+jemand langsam oder schnell geht, viel oder wenig schläft, oft oder
+selten zu Hause, prächtig oder schlecht gekleidet ist, Wein oder Bier
+trinkt, Schulden oder Kapitalien macht, eine Geliebte hat oder nicht
+-- was geht das Dich an, wenn Du nicht sein Vormund bist? Thatsachen
+hingegen, die man durchaus wissen muß, erfährt man oft am besten von
+dummen Leuten, weil diese ohne Witz, ohne Consequenzmacherei, ohne
+Seitenblicke, ohne Verbrämung und ohne Leidenschaft, geradehin erzählen.
+
+
+ 19.
+
+Von Deinen ~Grundsätzen~ gehe nie ab, so lange Du sie
+als richtig anerkennest! Ausnahmen machen ist sehr gefährlich,
+und führt immer weiter, vom Kleinen zum Großen. Hast Du
+Dir also einmal aus guten Gründen vorgenommen, keine Bücher
+zu verleihen, keinen Wein zu trinken u. dgl.; so müsse kein
+Sterblicher Dich bewegen können, davon abzugehen, so lange
+die Gründe Deiner ersten Entschließung nicht wegfallen! Sey
+fest; aber hüte Dich, so leicht etwas zum Grundsatze zu machen,
+bevor Du alle mögliche Fälle überlegt hast, oder eigensinnig auf
+Kleinigkeiten zu bestehen; denn was kann thörichter seyn, als
+sogenannten Grundsätzen, d. h. einer Handlungsweise, welcher
+nichts weiter, als ein vernünftiger Grund mangelt, oder die
+keinen andern, als den Eigensinn, oder das ungerechteste Mißtrauen,
+oder die unverzeihlichste Undienstfertigkeit, so lange und
+so hartnäckig getreu zu bleiben, bis man alle Liebe und alle Achtung
+der Bessern verloren hat.
+
+Vor allen Dingen also handle nur stets folgerecht (consequent)!
+Mache Dir einen Lebensplan, und weiche nicht um
+ein Tüttelchen von diesem Plane, hätte dieser Plan auch allerlei
+Sonderbarkeiten, d. h. weiche er auch noch so sehr von der gemeinen
+und gepriesenen Denkungsart und Lebensweise ab. --
+Die Menschen werden eine Zeitlang die Köpfe darüber zusammenstecken,
+und am Ende schweigen, Dich in Ruhe lassen, und
+Dir, wenn Du anders Deinen Plan mit Festigkeit und Weisheit
+durchführst, ihre Hochachtung nicht versagen können. Man
+gewinnt überhaupt immer durch Ausdauern und durch planmässige,
+weise Festigkeit. Es ist mit Grundsätzen, wie mit jeden
+andern Stoffen, woraus etwas gemacht wird, nämlich, daß
+der beste Beweis für ihre Güte der ist, wenn sie lange halten,
+und in der That, wenn man recht genau den Gründen nachspüren
+will, warum auch den edelsten Handlungen mancher
+Menschen nicht Gerechtigkeit widerfährt; so wird man oft finden,
+daß das Publikum deswegen Verdacht gegen die Wahrheit
+und den Zweck dieser Handlungen gefaßt hat, weil sie nicht zu
+dem Lebensplan und zu der Handlungsweise dessen, der sie unternimmt,
+nicht zu seinen übrigen Schritten zu passen scheinen.
+
+
+ 20.
+
+Was aber noch wichtiger, als jene Vorschrift ist: sey redlich,
+und weihe Deine Kraft und Dein Leben der Liebe und der
+Pflicht; führe ein menschliches Leben, d. h. ein Vernunftleben;
+halte es für den höchsten Ruhm Deines Lebens, als ein Vernunftwesen
+zu leben. -- Habe immer ein gutes Gewissen! Bei
+keinem Deiner Schritte müsse Dir Dein Herz über Absicht und
+Mittel Vorwürfe machen dürfen! Gehe nie schiefe Wege; und
+baue dann sicher auf gute Folgen, auf Gottes Beistand und auf
+Menschenhülfe in der Noth! Und verfolgt Dich auch wohl eine
+Zeitlang ein widriges Geschick -- o! so wird doch die selige
+Ueberzeugung von der Unschuld Deines Herzens, von der Redlichkeit
+Deiner Absichten, Dir ungewöhnliche Kraft, festen, unerschütterlichen
+Muth und unzerstörbare Heiterkeit geben; Dein
+kummervolles Antlitz wird im Umgange mehr, weit mehr Theilnahme
+erwecken, als die Fratze des lächelnden, grinzenden,
+glücklich scheinenden Bösewichts.
+
+
+ 21.
+
+Sey, was Du bist, immer ~ganz~, und immer derselbe! Nicht heute warm,
+morgen kalt; heute grob, morgen höflich und zuckersüß; heute der
+lustige Gesellschafter, morgen trocken und stumm, wie eine Bildsäule!
+Es ist unbegreiflich, daß diese wetterwendischen, launenhaften und
+kaltherzigen Menschen nicht endlich vor sich selbst erschrecken und
+zurückfahren, da sie doch täglich durch die Scheu und den Widerwillen,
+womit sich Alles von ihnen entfernt, auf die klägliche Rolle, die sie
+spielen, aufmerksam gemacht werden, und da sie sich selbst eben so
+sehr, als Andern, zur Last leben. Wenn sie einmal, in einem Anfall
+von guter Laune oder Schaam, im Umgange Freundschaft und Theilnahme
+zeigen, so spielen sie eigentlich die Rolle der Betrüger. Wir bauen in
+der Meinung, daß sie sich gebessert haben, auf ihre Zusicherungen und
+Aeusserungen, und wollen wenig Tage nachher den Mann wieder besuchen,
+der uns so gern bei sich sieht, der uns so freundlich eingeladen hat,
+recht oft zu kommen. Wir gehen hin, und werden nun so frostig und
+verdrießlich empfangen, oder man läßt uns ohne Unterhaltung in einer
+Ecke sitzen, antwortet uns nur mit gebrochnen Sylben, weil man grade
+von Menschen umgeben ist, die mehr Weihrauch spenden, als wir. Von
+solchen Menschen muß man sich unmerklich zurückziehn, und wenn sie
+nachher, in einem Augenblicke von Langerweile, uns wieder aufsuchen,
+gleichfalls gegen sie den Spröden machen, und ihnen unter den Händen
+fortschlüpfen.
+
+
+ 22.
+
+Mache einigen Unterschied in Deinem äussern Betragen gegen die
+Menschen, mit denen Du umgehst, in dem Zeichen von Achtung, die Du
+ihnen beweisest! Reiche nicht Jedem Deine rechte Hand dar! Umarme nicht
+Jeden! Drücke nicht Jeden an Dein Herz! Was bewahrst Du den Bessern und
+Geliebten auf, und wer wird Deinen Freundschafts-Bezeugungen trauen,
+ihnen Werth beilegen, wenn Du sie so verschwenderisch austheilst?
+
+
+ 23.
+
+Zwei Gründe hauptsächlich müssen uns bewegen, nicht gar zu offenherzig
+gegen die Menschen zu seyn: zuerst die Furcht, unsre Schwäche dadurch
+aufzudecken und gemißbraucht zu werden, und dann die Ueberlegung,
+daß, wenn man die Leute einmal daran gewöhnt hat, ihnen nichts
+zu verschweigen, sie zuletzt von jedem unsrer kleinsten Schritte
+Rechenschaft verlangen, alles wissen, um alles zu Rathe gezogen werden
+wollen. Allein eben so wenig soll man übertrieben verschlossen seyn;
+sonst entsteht der Verdacht gegen uns, es stecke hinter allem, was wir
+thun, etwas Bedeutendes, oder gar Gefährliches, und das kann uns in
+unangenehme Verlegenheit verwickeln und veranlassen, daß wir verkannt
+werden, besonders in fremden Ländern, auf Reisen, bei manchen andern
+Gelegenheiten, und kann uns überhaupt auch im gemeinen Leben, selbst im
+Umgange mit edeln Freunden, schaden.
+
+
+ 24.
+
+Suche keinen Menschen, auch den Schwächsten nicht, in Gesellschaften
+lächerlich zu machen! Ist er dumm: so hast Du wenig Ehre von dem Witze,
+den Du an ihm verschwendest; ist er es weniger, als Du glaubst: so
+kannst Du vielleicht der Gegenstand ~seines~ Spottes oder seiner Rache
+werden; ist er gutmüthig und gefühlvoll: so kränkst Du ihn; und ist er
+tückisch: so kann er Dir's vielleicht auf eine Rechnung setzen, die Du
+früh oder spät auf irgend eine Art bezahlen mußt. -- Und wie oft kann
+man nicht, wenn das Publikum auf unsre Urtheile über Menschen achtet,
+einem guten Manne im bürgerlichen Leben wahrhaften Schaden zufügen,
+oder einen Schwachen so niederdrücken, daß aller Muth in ihm erlöscht,
+und alle Keime zu bessern Anlagen erstickt werden, indem man ihn, durch
+Hervorziehn der Schwachheiten, welche Stoff zum Spotten und Lachen
+geben, der Verachtung preisgibt.
+
+
+ 25.
+
+Schrecke, zerre und necke auch niemand, selbst Deine Freunde nicht,
+mit falschen Nachrichten, mit Witzeleien, oder was sonst auf einen
+Augenblick beunruhigt, und leicht in Verlegenheit setzt! Es gibt der
+wahrhaft mißvergnügten, unangenehmen, ängstlichen Augenblicke so
+viele im Leben, daß es wohl Bruderpflicht ist, alles hinwegzuräumen,
+was die Last der wirklichen und eingebildeten Plagen auch nur um ein
+Sandkorn erschweren kann. Für eben so unschicklich halte ich es,
+einem Freunde, aus Scherz, wie es die Gewohnheit mancher Leute ist,
+mit selbst erfundnen erfreulichen Neuigkeiten ein kurzes Vergnügen
+zu machen, das nachher schmerzlich vereitelt wird. Das alles ist
+Neckerei, durch welche die Freuden des Umgangs nicht gewürzt, sondern
+verkümmert werden. Eben so unverzeihlich ist es, die Neugierde zu
+reizen, wenn man sie nicht befriedigen kann, oder will, oder die,
+welche sich reizen ließen, hernach als Getäuschte dem Gelächter der
+Kaltblütigen preiszugeben. Es gibt Menschen, welche die Gewohnheit
+haben, ihren Freunden mystische Warnungen hinzuwerfen, wie z. B.: »Es
+läuft ein böses Gerücht von Ihnen herum, aber ich kann, ich darf Ihnen
+noch nichts darüber sagen.« Dergleichen hat gar keinen Nutzen, und
+beunruhigt.
+
+Ueberhaupt muß man so wenig wie möglich die Leute in Verlegenheit
+setzen, vielmehr sich bemühen, wenn auch jemand im Begriff ist, eine
+Unvorsichtigkeit zu begehen (z. B. schlecht von einem Buche zu reden,
+dessen Verfasser gegenwärtig ist), oder sonst beschämt zu werden, ihm
+diese Verlegenheit zu ersparen, oder die Sache auf irgend eine Weise
+wieder in's Gleiche zu bringen. Und wenn jemand aus Unachtsamkeit
+etwas zerbrochen, oder sonst sich einer kleinen Unvorsichtigkeit
+schuldig gemacht hat: so fordert es die Humanität, nicht hinzublicken,
+wenigstens nicht mit Lächeln, oder mit sichtbarem Unwillen, noch
+betroffen, um seine Verwirrung nicht zu vermehren!
+
+
+ 26.
+
+Vor allen Dingen vergesse man nie in der Gesellschaft, daß die Leute
+unterhalten, nicht belehrt und unterwiesen seyn wollen; daß selbst der
+unterrichtendste Umgang ihnen in der Länge ermüdend vorkommt, wenn
+er nicht zuweilen durch Witz und gute Laune gewürzt wird; daß ferner
+nichts in der Welt ihnen so witzreich, so weise und so ergötzend
+scheint, als wenn man sie lobt, ihnen etwas Schmeichelhaftes sagt; daß
+es aber unter der Würde eines klugen Mannes ist, den Spaßmacher, und
+eines redlichen Mannes unwürdig, den Schmeichler zu machen. Allein es
+gibt einen gewissen Mittelweg; denn da jeder Mensch doch wenigstens
+Eine gute Seite hat, die man loben darf, und dies Lob, wenn es nicht
+übertrieben wird, aus dem Munde eines verständigen Mannes, Sporn zu
+größerer Vervollkommnung werden kann: so kann es sogar Pflicht werden,
+denen ein ermunterndes Lob nicht schuldig zu bleiben, welche es eben so
+sehr verdienen, als bedürfen, und es denen nicht vorzuenthalten, die
+es nicht entbehren können, ohne an sich selbst zu verzagen, oder auf
+halbem Wege stehen zu bleiben.
+
+Zeige, so viel Du kannst, eine immer gleiche, heitre Stirne! Nichts
+ist reizender und liebenswürdiger, als eine gewisse frohe, muntre
+Gemüthsart, die aus der Quelle eines schuldlosen, nicht von heftigen
+Leidenschaften aufgeregten, sondern von Wohlwollen und Theilnahme
+bewegten Herzens hervorströmt. Wer sich's in der Gesellschaft merken
+läßt, daß er sich Zwang anthue, um heiter zu erscheinen, oder wer sich
+recht sichtbar anstrengt, um das Wort zu führen, und daher unaufhörlich
+Anekdoten auskramt, Späßchen macht, und nach Witz hascht; wem man es
+ansieht, daß er darauf studirt hat, die Gesellschaft zu unterhalten:
+der gefällt nur auf kurze Zeit, und wird bei Wenigen Interesse
+erwecken. Er wird nicht aufgesucht werden von denen, deren Herz sich
+nach besserm Umgange, und deren Kopf sich nach lebendiger und durch
+Mannigfaltigkeit gewürzter Unterhaltung sehnt.
+
+Wer immer Spaß machen will, der erschöpft sich nicht nur leicht und
+wird matt, sondern hat auch die Unannehmlichkeit, daß, wenn er einmal
+gerade nicht aufgelegt ist, seinen Vorrath von lustigen Kleinigkeiten
+zu öffnen, seine Gefährten das sehr ungnädig aufnehmen. Bei jeder
+Mahlzeit, zu welcher er gebeten wird, bei jeder Aufmerksamkeit, die
+man ihm beweist, scheint die Bedingung schwer auf ihm zu liegen, daß
+er diese Ehre durch seine Schwänke bezahlen, und die Unkosten der
+Unterhaltung allein tragen solle; und will er es einmal wagen, einen
+höheren und reineren Ton anzustimmen, und etwas Ernsthaftes oder
+Gescheutes zu sagen, so lacht man ihm gerade in's Gesicht, ehe er mit
+seiner Rede halb zu Ende ist. Wahrer Humor und ächter Witz lassen sich
+nicht erzwingen, nicht erkünsteln; aber sie wirken, wie ein milder
+Sonnenstrahl, erwärmend, befruchtend und wohlthuend. Willst Du witzige
+Einfälle anbringen, so überlege auch wohl, in welcher Gesellschaft Du
+Dich befindest! Was Personen von einer dürftigen oder mittelmäßigen
+Bildung sehr unterhaltend scheint, kann Andern sehr langweilig und
+unschicklich vorkommen; und ein freier Scherz, den man sich in einem
+Kreise von Männern erlaubt, würde bei Frauenzimmern übel angebracht
+seyn.
+
+
+ 27.
+
+Gehe von niemand, und laß niemand von Dir, ohne ihm etwas Lehrreiches
+oder etwas Verbindliches gesagt, und mit auf den Weg gegeben zu haben;
+aber beides auf eine Art, die ihm wohlthue, seine Bescheidenheit
+nicht verletze, und nicht studirt scheine, damit er die Stunde nicht
+verloren zu haben glaube, die er bei Dir zugebracht hat, und fühle,
+Du nehmest Interesse an seiner Person: es gehe Dir von Herzen: Du
+verkaufest nicht bloß Deine Höflichkeits-Waare ohne Unterschied jedem
+Vorübergehenden! Man verstehe mich also recht! Ich möchte gern, wenn
+es möglich wäre, alles leere Geschwätz aus dem Umgange verbannt
+sehen; möchte, daß man, ohne Aengstlichkeit, auf sich Acht hätte, nie
+etwas zu sagen, wovon Der, welcher es anhören muß, weder Nutzen noch
+~wahres~ Vergnügen haben, woran er, weder mit dem Kopfe, noch mit
+dem Herzen, Antheil nehmen könnte. Weit entfernt bin ich also, jene
+Gefallsucht oder Gleißnerei in Schutz nehmen zu wollen, die Jeden ohne
+Unterlaß mit leeren Complimenten, Schmeicheleien oder Lobsprüchen in
+die Verlegenheit setzen, ihnen auf tausend nicht ~eins~ antworten zu
+können. Ein Beispiel wird meine wahren Grundsätze darüber deutlicher
+machen. Ich saß einst an einer fremden Tafel, zwischen einer hübschen,
+verständigen jungen Dame und einem kleinen, garstigen Fräulein, von
+etwa vierzig Jahren. Ich beging die Unhöflichkeit, die ganze Mahlzeit
+hindurch mich nur mit Jener zu unterhalten, zu Dieser hingegen kein
+Wort zu reden. Beim Nachtische erst erinnerte ich mich meiner Unart;
+und nun machte ich den Fehler gegen die Höflichkeit durch einen
+andern gegen die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit gut. Ich wendete
+mich zu ihr, und redete von einer Begebenheit, die vor zwanzig Jahren
+vorgegangen war -- Sie wußte nichts davon -- »Es ist kein Wunder,«
+sagte ich, »Sie waren damals noch ein Kind.« Das kleine Wesen freute
+sich innigst darüber, daß ich sie für so jung hielt, und dies einzige
+Wort erwarb mir ihre Gunst. -- Sie hätte mich dieser niedrigen
+Schmeichelei wegen verachten sollen. Wie leicht hätte ich einen
+Gegenstand zu einem Gespräche mit ihr finden können, das ihr auf irgend
+eine Weise anziehend gewesen wäre, oder eine Gelegenheit, ihr meine
+Aufmerksamkeit zu beweisen; und es war meine Pflicht, darauf zu denken,
+und ihr nicht einen ganzen Mittag hindurch die Thür der Unterhaltung
+zu verschließen; eine Ungerechtigkeit, die so oft in der Gesellschaft
+gegen diejenigen begangen wird, die so unglücklich sind, einen
+unangenehmen oder widrigen sinnlichen Eindruck auf uns zu machen. Sie
+sollten vielmehr Gegenstände unserer Theilnahme werden, und wir sollten
+die Ungerechtigkeit und Zurücksetzung, welche sich die Gesellschaft
+gegen sie erlaubt, vielmehr zu vergüten suchen, als nachahmen.
+
+Man kann sich indessen oft sehr schlecht empfehlen, indem man den
+Menschen etwas recht Verbindliches gesagt zu haben meint. So gibt es
+Leute, die es sehr übel nehmen würden, wenn man ihnen versicherte, daß
+man sie für gutmüthig halte, und Andre, die sich beleidigt fühlen, wenn
+man sie versichert, sie sähen gesund aus, oder sie hätten noch etwas
+so Jugendliches in ihrem Aeussern, daß man ihr wahres Alter unmöglich
+ahnen könne.
+
+
+ 28.
+
+Wem es darum zu thun ist, dauerhafte Achtung sich zu erwerben;
+wem daran liegt, daß seine Unterhaltung niemand anstößig, Keinem
+zur Last werde; der würze nicht ohne Unterlaß seine Gespräche mit
+Lästerungen, Spott, Tadelsucht und Satyre, und gewöhne sich nicht an
+den auszischenden Ton der Spottsucht! Das kann wohl einigemal, und,
+bei einer gewissen Klasse von Menschen, auch öfter gefallen; aber man
+flieht und verachtet doch endlich den Mann, der immer auf anderer Leute
+Kosten, oder auf Kosten der Wahrheit die Gesellschaft vergnügen will,
+und man hat Recht dazu; denn der gefühlvolle, verständige Mensch muß
+Nachsicht haben mit den Schwächen Anderer. Er weiß, welchen großen
+Schaden oft ein einziges, wenn gleich nicht böse gemeintes Wörtchen
+anrichten kann; auch sehnt er sich nach einer unschuldigeren und
+edleren Unterhaltung; ihm ekelt vor leerer Spötterei und liebloser
+Tadelsucht. Gar zu leicht aber nimmt man im Verkehr mit der sogenannten
+großen Welt diesen elenden Ton an; man kann nicht genug davor warnen,
+da er den Charakter entstellt, und dem Dünkel die gefährlichste Nahrung
+gibt, die Freuden des Umgangs vergiftet, und die Bande der Gesellschaft
+zernagt.
+
+Uebrigens aber möchte ich auch nicht gern alle Satyre für unerlaubt
+erklären, noch leugnen, daß manche Thorheiten und Unzweckmäßigkeiten,
+~im weniger vertrauten Umgange~, am besten durch einen feinen, nicht
+beleidigenden, nicht zu deutlich auf einzelne Personen anspielenden
+Spott bekämpft werden können. Endlich bin ich auch weit entfernt,
+zu fordern, man solle alles loben, und selbst offenbare Fehler
+entschuldigen; vielmehr habe ich nie den Leuten getrauet, die so
+sichtbar sich das Ansehen geben, alles mit dem Mantel der christlichen
+Liebe bedecken zu wollen. Sie sind mehrentheils Heuchler, wollen durch
+das Gute, das sie von den Leuten ~reden~, das Böse vergessen machen,
+welches sie ihnen ~zufügen~, oder sie suchen dadurch Nachsicht für ihre
+eigenen Gebrechen zu erlangen, und ein günstiges Vorurtheil für sich zu
+erschleichen.
+
+
+ 29.
+
+Erzähle nicht leicht Anekdoten, besonders nie solche, die irgend jemand
+in ein nachtheiliges Licht setzen, auf bloßes Hörensagen nach! Sehr oft
+sind sie gar nicht auf Wahrheit gegründet, oder schon durch so viel
+Hände gegangen, daß sie wenigstens vergrößert, verstümmelt worden sind,
+und dadurch eine wesentlich andre Gestalt bekommen haben. Vielfältig
+kann man dadurch unschuldigen guten Leuten ernstlich schaden, und öfter
+sich selber großen Verdruß zuziehn.
+
+
+ 30.
+
+Hüte Dich, Nachrichten aus einem Hause in das andre zu tragen,
+vertrauliche Tischreden, Familien-Gespräche, Bemerkungen, die Du über
+das häusliche Leben von Leuten, mit welchen Du viel umgehst, gemacht
+hast, u. dergl. auszuplaudern! Wenn dieß auch nicht eigentlich aus
+Bosheit geschieht, so kann doch eine solche Geschwätzigkeit Mißtrauen
+gegen Dich, und allerlei Zwist und Verstimmung veranlassen.
+
+
+ 31.
+
+Sey vorsichtig im Tadel und Widerspruche! Es gibt wenig Dinge in
+der Welt, die nicht zwei Seiten haben. Vorurtheile verdunkeln oft
+die Augen, selbst des klügern Mannes, und es ist sehr schwer, sich
+gänzlich an eines Andern Stelle zu denken. Urtheile besonders nicht
+so leicht über kluger Leute Handlungen, oder Deine Bescheidenheit
+müßte Dir sagen, daß Du noch weiser, als sie seyst! und da ist es
+denn eine mißliche Sache um diese Ueberzeugung. Ein kluger Mann ist
+mehrentheils lebhafter, als ein Andrer, hat heftigere Leidenschaften zu
+bekämpfen, bekümmert sich weniger um das Urtheil des großen Haufens,
+hält es weniger der Mühe werth, sein gutes Gewissen durch ausführliche
+Apologien zu rechtfertigen. Uebrigens soll man nur fragen: »Was thut
+der Mann Nützliches für Andre?« und, wenn er dergleichen thut, über
+dies Gute die kleinen Gemüthsfehler und Schwachheiten, die nur ihm
+selber schaden, oder höchstens unwichtigen, vorübergehenden Nachtheil
+wirken, vergessen.
+
+Vor allen Dingen maße Dir nicht an, die Bewegungsgründe zu jeder
+guten Handlung ergründen und beurtheilen zu wollen! Bei einer solchen
+Strenge würden vielleicht manche Deiner eignen edlen Handlungen als
+sehr unedel, oder als reine Schwachheit, als Erzeugniß einer flüchtigen
+Rührung, Deiner gereizten Eitelkeit, Deiner Selbstsucht erscheinen.
+Jedes Gute muß nach seiner Wirkung für die Welt beurtheilt werden.
+
+
+ 32.
+
+Habe Acht auf Deine Gesellschaftssprache, daß Du in Deinen
+Unterredungen nicht durch einen wässrigen, weitschweifigen Vortrag
+ermüdest! Ein gewisser Laconismus, d. h. eine kräftige Kürze --
+in so fern er nicht in die Sucht, nur in Sentenzen und Aphorismen
+zu sprechen, oder jedes Wort abzuwägen, ausartet -- ein gewisser
+Laconismus und die Geschicklichkeit, einen nichtsbedeutenden Umstand
+durch die Lebhaftigkeit der Darstellung interessant zu machen -- das
+ist die wahre Kunst der gesellschaftlichen Beredtsamkeit. Ueberhaupt
+aber rede nicht zu viel! Sey haushälterisch mit Spendung von Worten und
+Kenntnissen, damit es Dir nicht früh an Stoffe fehle, damit Du nicht
+redest, was Du verschweigen sollst, verschweigen wolltest, und niemand
+Deine Unterhaltung lästig finde. Laß auch Andre zu Worte kommen, ihren
+Theil zur allgemeinen Unterhaltung mit hergeben! Es gibt Leute, die,
+ohne es selbst zu merken, aller Orten die Sprachführer sind; und wären
+sie in einem Zirkel von funfzig Personen, so würden sie sich dennoch
+bald Meister von der ganzen Unterhaltung machen.
+
+So unangenehm dieß für die Gesellschaft ist; eben so widrige, Freude
+störende Eindrücke macht die Weise mancher Leute, die stumm und
+gespannt horchen und lauern, und die man leicht für gefährliche
+Beobachter halten kann, denen es nur darum zu thun scheint, jedes
+unvorsichtige, nicht gehörig gewählte Wort, das man in sorgloser
+Redseligkeit fallen läßt, zu irgend einem hämischen Zwecke aufzusammeln.
+
+
+ 33.
+
+Es gibt Menschen, die (so wie Manche nur zum Genießen da zu seyn
+glauben) auch im geselligen Leben immer nur empfangen, nie geben
+wollen; die vom übrigen Theile des Publikums belustigt, unterrichtet,
+bedient, gelobt, bezahlt, gefüttert zu werden verlangen, ohne etwas
+dafür zu leisten; die über Langeweile klagen, ohne zu fragen, ob sie
+Andern weniger Langeweile gemacht haben; die behaglich da sitzen,
+sich's wohlseyn, sich erzählen lassen, aber nicht daran denken, auch
+ihren Beitrag, und wär' es auch nur ein Scherflein, zur Unterhaltung
+beizusteuern. -- Das ist aber eben so ungerecht, als lästig.
+
+Noch Andre findet man, die immer nur ihre eigne Person, ihre häuslichen
+Umstände, ihre Verhältnisse, ihre Thaten und ihre Berufs-Geschäfte zum
+Gegenstande der Unterredung machen, und alles dahin zu drehen wissen,
+jedes Gleichniß, jedes Bild von daher nehmen. So wenig wie möglich
+laß in gemischten Gesellschaften den Schnitt, den Ton, den Dir Deine
+specielle Erziehung, Dein Handwerk, Deine besondre Lebensart geben,
+hervorblicken! Rede nicht von Dingen, die, ausser Dir, schwerlich
+jemand interessiren können! Hüte Dich, in den Fehler Derjenigen zu
+verfallen, die sich selbst bespötteln, ihre eigne werthe Person zum
+Besten haben! Das setzt die Anwesenden in Verlegenheit, und verräth
+einen eiteln Egoismus. Spiele nicht auf Anekdoten an, die Deinem
+Nachbar unbekannt sind, auf Stellen aus Büchern, die er wahrscheinlich
+nicht gelesen hat! Rede nicht in einer fremden Sprache, wenn es
+glaublich ist, daß nicht jeder, der um Dich ist, dieselbe versteht!
+Lerne den Ton der Gesellschaft annehmen, in welcher Du Dich befindest!
+Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn der Arzt einige junge
+Damen mit Beschreibung seiner Sammlung anatomischer Präparaten, der
+Rechtsgelehrte einen Hofmann über die unwirksame Professions-Ergreifung
+und das +edictum Divi Martii+, der alte gebrechliche Gelehrte eine
+junge Cokette von seinem offnen Beinschaden unterhält.
+
+Oft aber tritt der Fall ein, daß man in Gesellschaften geräth, wo es
+schwer ist, etwas vorzubringen, das Theilnahme erweckte. Wenn ein
+verständiger Mann von leeren, beschränkten, in die Eitelkeiten des
+Alltagslebens versunkenen Menschen umgeben ist, die für gar nichts von
+bessrer Art Sinn haben; ei nun! so ist es seine Schuld nicht, wenn er
+nicht verstanden wird. Er tröste sich also damit, daß er von Dingen
+geredet hat, die billig ~interessiren müßten~!
+
+
+ 34.
+
+Rede also nicht zu viel von Dir selber, ausser in dem Kreise Deiner
+vertrautesten Freunde, von welchen Du weißt, daß die Sache des Einen
+unter ihnen eine Angelegenheit für Alle ist; und auch da bewache Dich,
+daß Du nicht Egoismus zeigest! Vermeide, selbst dann zu viel von Dir
+zu reden, wenn gute Freunde, wie es vielfältig geschieht, das Gespräch
+aus Höflichkeit auf Deine Person, auf Deine Unternehmungen oder Deine
+Schriften leiten! Bescheidenheit ist eine der liebenswürdigsten
+Eigenschaften, und macht um so vortheilhaftere Eindrücke, je seltner
+diese Tugend in unsern Tagen wird. Sey also auch nicht so bereit,
+jedermann Deine Schriften unaufgefordert, oder gleich bei der ersten,
+oft nicht so ernstlich gemeinten Aufforderung vorzulesen, Deine
+Anlagen zu zeigen und Deine rühmlichen Handlungen zu erzählen, noch
+auf feine Art Gelegenheit zu geben, daß man Dich darum bitten müsse!
+Auch ~drücke~ niemand durch Deinen Umgang, das heißt: zeige in keiner
+Gesellschaft ein solches Uebergewicht, daß Andre verstummen, sich in
+schlechtem Lichte zeigen oder an sich selbst verzagen müssen!
+
+
+ 35.
+
+Widersprich Dir nicht selbst im Reden, so daß Du einen Satz behauptest,
+dessen Gegentheil Du ein andermal vertheidigt hast! Man kann seine
+Meinung von Dingen ändern; allein man thut doch wohl, in Gesellschaften
+nicht eher, wenigstens nicht entscheidend zu urtheilen, als bis man
+alle Gründe für und wider gehörig abgewogen hat.
+
+
+ 36.
+
+Hüte Dich, in die Fehler Derjenigen zu verfallen, die, aus Mangel
+an Gedächtniß, oder an Aufmerksamkeit auf sich, oder weil sie so
+verliebt in ihre eignen Einfälle sind, dieselben Histörchen, Anekdoten,
+Spässe, Wortspiele, und witzigen Vergleichungen, bei jeder Gelegenheit
+wiederholen! Ueberhaupt ist es, und besonders auch für den geselligen
+Umgang, wichtig, sein Gedächtniß zu schärfen, und sich deswegen nicht
+zu sehr daran zu gewöhnen, alles schriftlich aufzuzeichnen, was man
+behalten will. Bist Du Deiner Sache nicht gewiß, so verleugne Dich
+selbst, und widerstehe der Lust, eine Anekdote zu erzählen, wenn es
+möglich wäre, daß Du sie schon einmal aufgetischt hast, oder suche das
+Gespräch so zu wenden, daß Du zur Gewißheit kommst, ohne etwas gewagt
+zu haben.
+
+
+ 37.
+
+Würze nicht Deine Unterhaltung mit Zweideutigkeiten, mit Anspielungen
+auf Dinge, die entweder Ekel erwecken, oder keusche Wangen erröthen
+machen; zeige auch keinen Beifall, wenn Andre dergleichen vorbringen!
+Ein verständiger Mann kann an solchen Gesprächen keine Lust haben. Auch
+in bloß männlichen Gesellschaften verleugne nicht die Schamhaftigkeit,
+das Zartgefühl und Dein Mißfallen an Zoten, denn Du erwirbst Dir
+dadurch eben so viel Ehre, als Verdienst, und rettest die Ehre Deines
+Geschlechts.
+
+
+ 38.
+
+Flicke keine platte Gemeinsprüche in Deine Reden ein; z. B.: daß
+Gesundheit ein schätzbares Gut; daß das Schlittenfahren ein kaltes
+Vergnügen; daß Jeder sich selbst der Nächste sey; daß, was lange
+dauert, gut werde, wovon ich das Gegentheil zu beweisen übernehme;
+daß man durch Schaden klug werde, welches leider! selten eintrifft;
+oder daß die Zeit schnell hingehe -- welches, im Vorbeigehen zu sagen,
+gar nicht wahr ist; denn da die Zeit nach einem bestimmten Maaßstabe
+berechnet wird: so geht sie nicht schneller vorbei, als sie grade muß,
+und Der, welchem ein Jahr kürzer vorkömmt, als es ist, der muß in
+demselben über Gebühr geschlafen haben, oder sonst seiner Sinne nicht
+mächtig gewesen seyn, oder er läßt sich von einer leeren Täuschung irre
+führen -- oder: daß Ausnahmen die Regel ~bestätigten~ -- Gleich als
+wenn ein partikularer verneinender Satz die Wahrheit eines allgemeinen
+bejahenden beweisen könnte, oder umgekehrt! da doch vielmehr durch
+die Ausnahme klar wird, daß die Regel nicht allgemein ist. Solche
+Sprüchwörter sind sehr langweilig, und nicht selten sinnlos und unwahr.
+
+Es gibt solche mechanische Menschen, deren Gespräche zur Hälfte aus
+gewissen Formeln bestehen, welche sie, ohne etwas dabei zu denken,
+herplappern. Sie treffen Dich tödtlich krank im Bette an, und freuen
+sich, Dich wohl zu sehn. Zeigst Du ihnen Dein Bildniß: so finden sie,
+daß es zwar ähnlich sehe, aber viel zu alt gemalt sey. Allen Kindern
+sagen sie: sie seyen groß für ihr Alter, und gleichen dem Vater, und
+was dergleichen leeres Geschwätz mehr ist. Einen eben so dürftigen
+Stoff zur Unterhaltung liefern Räthsel, Wortspiele, Pfandspiele u.
+dgl., wenn sie nicht ausgezeichnet sinnreich sind. Wenigstens wird
+selten in einer Gesellschaft, die nur einigermaßen gemischt ist, das
+Wohlgefallen daran allgemein seyn, denn es werden sich immer Einige
+finden, welche sich durch solche Unterhaltungen gedrückt fühlen, weil
+sie nicht Kenntnisse, oder Geist genug haben, hiebei eine anständige
+Rolle zu spielen, oder der Verlegenheit zu entgehen.
+
+
+ 39.
+
+Belästige nicht die Leute, mit welchen Du umgehst, mit unnützen Fragen!
+Man findet Menschen, die, nicht eben aus Vorwitz und Neugier, sondern
+weil sie nun einmal gewöhnt sind, ihre Gespräche in Katechesations-Form
+zu verfassen, uns durch Fragen so beschwerlich werden, daß es gar nicht
+möglich ist, auf unsre Weise mit ihnen in Unterhaltung zu kommen.
+
+
+ 40.
+
+Lerne Widerspruch ertragen! Sey nicht kindisch eingenommen von Deinen
+Meinungen! Werde nicht hitzig, noch grob im Zanke; auch dann nicht,
+wenn man Deinen ernsthaften Gründen Spott und Bitterkeit entgegensetzt!
+Du hast, bei der besten Sache, schon halb verloren, wenn Du nicht
+kaltblütig bleibst, und wirst wenigstens auf diese Art nie überzeugen
+und nie gefallen.
+
+
+ 41.
+
+An Oertern, wo man sich zur Freude versammelt: beim Tanze, in
+Schauspielen, rede mit niemand von häuslichen Geschäften, noch weniger
+von verdrießlichen Dingen! Man geht dahin, um sich zu erholen, um
+auszuruhen, um kleine und große Sorgen abzuschütteln, und es ist also
+unbescheiden, jemand mit Gewalt wieder mitten in sein tägliches Joch
+hineinschieben zu wollen.
+
+
+ 42.
+
+Daß ein redlicher und verständiger Mann über wesentliche
+Religionslehren, auch dann, wenn er das Unglück haben sollte, an
+der Wahrheit derselben zu zweifeln, sich dennoch keinen Spott
+erlauben wird: ich meine, das versteht sich von selber; aber auch
+über kirchliche Verfassungen, über die Menschensatzungen, welche von
+einigen Sekten für Glaubenslehren gehalten werden, über Ceremonien,
+die Manche für wesentlich halten, und dergleichen, soll man nie in
+Gesellschaften spotten. Man respektire das, was Andern ehrwürdig ist!
+Man lasse Jedem die Freiheit in Meinungen, die wir für uns selbst
+verlangen! Man vergesse nicht, daß das, was wir Aufklärung nennen,
+Andern vielleicht Verfinsterung scheint! Man schone der Vorurtheile,
+die Andern Ruhe gewähren! Man raube niemand, ohne ihm etwas Besseres
+an die Stelle desselben zu geben, was ihm auf seiner Bildungsstufe,
+oder in dem Zusammenhange seiner Vorstellungen als Wahrheit erscheint,
+und unentbehrlich geworden ist! Man vergesse nicht, daß Spott nicht
+bessert; daß unsre, hier auf Erden noch nicht entwickelte Vernunft über
+so wichtige Gegenstände leicht irren kann; daß ein mangelhaftes System,
+auf welchem aber der Grund einer guten Moral liegt, nicht so leicht
+umzureissen ist, ohne zugleich das Gebäude selbst über den Haufen zu
+werfen, und endlich, daß solche Gegenstände überhaupt gar nicht von der
+Art sind, daß man sie in Gesellschaften abhandeln könne!
+
+Doch dünkt mich, man vermeide heut zu Tage oft zu vorsätzlich alle
+Gelegenheit, über Religion zu reden. Einige Leute schämen sich, Wärme
+für Gottes-Verehrung und für die höchsten Angelegenheiten des Menschen
+zu zeigen, aus Furcht, für nicht aufgeklärt genug gehalten zu werden,
+und Andre affektiren religiöse Empfindungen, scheuen sich, auch nur im
+mindesten gegen Schwärmerei zu reden, um sich bei den Andächtlern in
+Gunst zu setzen. Ersteres ist Menschenfurcht, und Letzteres Heuchelei;
+Beides aber eines redlichen Mannes gleich unwerth.
+
+
+ 43.
+
+Wenn Du von körperlichen, geistigen, moralischen oder andern Gebrechen
+redest, oder Anekdoten erzählst, die gewisse Grundsätze oder
+Vorurtheile lächerlich machen, oder gewisse Stände in ein nachtheiliges
+Licht setzen sollen: so siehe Dich vorher wohl um, ob niemand
+gegenwärtig sey, der das übel aufnehmen, diesen Tadel oder Spott auf
+sich und seine Verwandten ziehen könnte!
+
+Halte Dich über niemands Gestalt, Wuchs und Bildung auf! Es steht
+in keines Menschen Gewalt, diese zu ändern. Nichts ist kränkender,
+niederschlagender und empörender für den Mann, der unglücklicher Weise
+eine etwas auffallende Gesichtsbildung oder Figur hat, als wenn er
+bemerkt, daß diese der Gegenstand der Verspottung oder Befremdung wird.
+Leuten, die ein wenig mit der großen Welt bekannt sind, und unter
+Menschen von allerlei Formen und Ansehen gelebt haben, sollte man
+darüber billig gar keine Erinnerung geben dürfen; aber leider trifft
+man hie und da, selbst unter fürstlichen Personen, besonders unter
+Damen, solche an, die so wenig Gewalt über sich, oder so wenig Begriffe
+von Wohlanständigkeit und Billigkeit haben, daß sie die Eindrücke,
+welche ein ungewöhnlicher Anblick von ~der~ Art auf sie macht,
+nicht verbergen können. -- Das ist schwach, und wenn man noch dabei
+überlegt, wie relativ und dem verschiednen Geschmacke unterworfen die
+Begriffe von Schönheit und Häßlichkeit sind, wie so wenig auf sichern
+Grundsätzen beruhend unsre physiognomische Wissenschaft ist, und wie
+oft unter einer anscheinend häßlichen Larve ein schönes, edles, warmes,
+großes Herz, mit einem feinen, tiefdenkenden Kopfe steckt: so sieht man
+leicht, daß man sehr selten mit Recht auf das äussere Ansehen eines
+Menschen nachtheilige Folgerungen bauen, und nie die Befugniß haben
+kann, die Eindrücke, welche ein solcher Anblick etwa auf uns macht,
+zu jemands Kränkung durch Lachen oder auf andre Art kund werden zu
+lassen. Ueberhaupt ist es Schwachheit, sich von sinnlichen Eindrücken,
+mögen sie günstige oder ungünstige seyn, so sehr beherrschen zu lassen,
+daß man sogleich seine Zuneigung oder Abneigung verräth. Der äussere
+Mensch ist oft so ganz von dem inneren verschieden, daß man sich in der
+Regel bitter getäuscht sieht, wenn man sich von jenem verleiten ließ,
+günstig oder ungünstig zu urtheilen.
+
+Ausser einer sonderbaren Figur können uns aber noch andre
+Dinge an einem Menschen auffallend seyn, zum Beispiel: lächerliche,
+phantastische, abgeschmackte Gebehrden, Manieren,
+Verzerrungen des Körpers, Unbekanntschaft mit gewissen Sitten,
+Unvorsichtigkeiten im Betragen, ungewöhnlicher, altmodischer
+Anzug u. dgl. Es gehört nicht weniger zu einer guten Lebensart,
+hierüber nicht durch Lachen oder durch Zeichen, die
+man einem der Anwesenden gibt, sein Befremden zu erkennen
+zu geben, und dadurch den armen Mann, der sich dergleichen
+zu Schulden kommen läßt, noch mehr in Verlegenheit zu setzen.
+
+
+ 44.
+
+Wenn Du in einer Gesellschaft von einem der Anwesenden mit Deinem
+Freunde reden willst (obgleich dieß, wie das Ohrenflüstern, überhaupt
+unanständig ist): so gebrauche wenigstens die Vorsicht und Schonung,
+die Person, von welcher Du redest, nicht dabei anzusehen! Und ist
+Dir daran gelegen, etwas zu hören, das in einiger Entfernung von Dir
+gesprochen wird: so wende auch Deine Blicke nicht dahin! Man wird sonst
+aufmerksam auf Dich, und man hört ja auch nur mit den Ohren, nicht mit
+den Augen.
+
+
+ 45.
+
+Man hüte sich, bei Personen, mit denen man umgeht, unberufen
+unangenehme Dinge in Erinnerung zu bringen! Oft bewegt eine Art von
+unkluger Theilnehmung und ein Mangel an Zartgefühl die Leute, uns um
+die Beschaffenheit unsrer ökonomischen und anderer verdrießlichen
+Sachen zu befragen, obgleich sie uns nicht helfen können, und uns
+dadurch zu zwingen, Gegenstände in unser Gedächtniß zurückzurufen,
+die wir in Gesellschaften, wo wir uns aufzuheitern dachten, so
+gern vergessen möchten. Man muß so viel Menschenkenntniß haben, zu
+unterscheiden, ob der Mann, den wir vor uns sehen, seinem Temperamente,
+seiner Lage, und der Art seines Kummers nach, durch solche Gespräche
+erheitert oder getröstet werden könne, oder ob nicht vielleicht sein
+Leiden dadurch doppelt erschwert werde[2].
+
+Man enthalte sich auch, andern Leuten das, was sie nun einmal haben,
+und nicht wieder abschaffen können, zuwider zu machen, ihnen die Lage,
+darin sie nun einmal leben müssen, durch unangenehme Schilderungen
+und unwillkommene Bemerkungen zu verleiden. Es gibt solche unberufene
+Wahrheits-Prediger, die sich ein Geschäft daraus machen, uns auch den
+unschuldigsten glücklichen Wahn wegzuvernünfteln, und es bleibt bei
+Wielands Ausspruch:
+
+ Ein Wahn, der mich beglückt,
+ Ist eine Wahrheit werth,
+ Die mich zu Boden drückt.
+
+
+ 46.
+
+Nimm nicht Theil daran, lächle nicht beifällig, thu' lieber, als
+hörtest Du es gar nicht, wenn jemand einem Dritten unangenehme Dinge
+sagt, oder ihn beschämt! Die Feinheit eines solchen Betragens wird
+gefühlt und oft dankbar belohnt.
+
+
+ 47.
+
+Ueber die Gewohnheit, Paradoxen vorzubringen, über
+Widersprechungsgeist, Disputirsucht, Citiren und Berufen auf die
+Meinungen und Aussprüche Andrer, werde ich mich im dritten Kapitel
+dieses Theils erklären, und beziehe mich hier darauf.
+
+
+ 48.
+
+Eine der wichtigsten Tugenden im gesellschaftlichen Leben, welche
+wirklich täglich seltner wird, ist die Verschwiegenheit. Man ist
+heut zu Tage so äusserst trügerisch in Versprechungen, ja in
+Betheurungen und Schwüren, daß man ohne Scheu ein unter dem Siegel
+des Stillschweigens uns anvertrautes Geheimniß gewissenloser Weise
+ausbreitet. Andre, die weniger pflichtvergessen, aber höchst
+leichtsinnig sind, schwatzen Geheimnisse aus, weil sie ihrer
+Redseligkeit keinen Zaum anlegen können. Sie vergessen, daß man sie
+gebeten hat, zu schweigen; und so erzählen sie aus unverzeihlicher
+Unvorsichtigkeit die wichtigsten Geheimnisse ihrer Freunde an
+öffentlichen Orten, mit einer Unbefangenheit, die in Erstaunen und in
+Schrecken setzt; oder sie vertrauen, indem sie Jeden, der ihnen während
+ihres Dranges, sich zu entladen, in den Wurf kömmt, für einen treuen
+Freund ansehen, das, was sie doch nicht als ihr Eigenthum betrachten
+sollten, eben so leichtsinnigen Leuten an, wie sie selbst sind. Solche
+Menschen gehen dann auch nicht weniger unklug mit ihren ~eignen~
+Heimlichkeiten, Planen und Begebenheiten um, zerstören dadurch sehr oft
+ihre Wohlfahrt, und vernichten ihre Bestrebungen.
+
+Welchen Nachtheil überhaupt eine solche unvorsichtige Bewahrung
+fremder und eigner Geheimnisse gewähre, das bedarf wohl keiner
+Auseinandersetzung. Es gibt aber eine Menge anderer Dinge, die zwar
+nicht eigentlich Geheimnisse sind, wovon uns jedoch Klugheit und
+die Vernunft lehrt, daß es besser sey, sie zu verschweigen, und
+andre Dinge, deren Ausbreitung wenigstens für niemand lehrreich und
+unterhaltend seyn kann, und wovon es doch möglich wäre, daß ihre
+Verplauderung irgend jemand nachtheilig seyn möchte. -- Darum gehört
+eine gewisse Zurückhaltung, die aber nicht in Verschlossenheit und
+Geheimnißkrämerei ausarten muß, zu den Tugenden, welche der Umgang
+fordert. Bei Männern, welche in bedeutenden Staatsämtern stehen, ist
+es vollends unverzeihlich, wenn sie sich von der Sucht, das Wort zu
+führen, und sich wichtig zu machen, verleiten lassen, der Gesellschaft
+etwas mitzutheilen, was ihre Amtspflicht, oder die Würde ihres Amts
+zu verschweigen gebietet. Uebrigens wird man die Bemerkung wahr
+finden, daß in despotischen Staaten die Menschen, im Ganzen genommen,
+verschwiegner sind, als da, wo mehr Freiheit herrscht. Dort machen
+Furcht und Mißtrauen verschlossen und zurückhaltend; hier folgt Jeder
+dem Triebe seines Herzens, sich freimüthig mitzutheilen.
+
+Wenn man auch mehrern Leuten zugleich sein Geheimniß anvertrauen muß:
+so lege man doch unbedingte Verschwiegenheit auf, damit jeder von ihnen
+glaube, er wisse es allein, müsse allein für die Bewahrung haften.
+
+Manche Leute haben die sehr unartige Gewohnheit, sich, wenn man sie
+zum Voraus um Verschwiegenheit über eine Sache bittet, die man ihnen
+entdecken will, nicht bestimmt zu erklären, nichts zu versprechen. Aus
+Gutmüthigkeit hält man dann nicht zurück, sondern redet, indem man
+die Bedingung voraussetzt. Dies Betragen ist nicht nachzuahmen; der
+aufrichtige Mann äussert sich ohne Rückhalt, und hört nicht eher, als
+bis er gesagt hat, in wie fern er sich zur Verschwiegenheit verbindlich
+machen könne, oder nicht.
+
+
+ 49.
+
+Menschen von lebhafter Gemüthsart werden der Gesellschaft leicht
+durch den Ungestüm, mit welchem sie widersprechen, oder ihre Meinung
+vertheidigen, beschwerlich. Der Umgang fordert einen gewissen
+Gleichmuth, und die Selbstverleugnung, welche jeden Ausbruch der
+Leidenschaft zurückzudrängen, und eigensinnigen Widerspruch zu ertragen
+weiß.
+
+Ein großes Talent, welches durch Studium der Sprache und Achtsamkeit
+auf sich selbst erlangt werden kann, ist die Kunst, sich bestimmt,
+fein, richtig, körnigt auszudrücken, lebhaft im Vortrage zu seyn,
+sich dabei nach den Fähigkeiten der Menschen zu richten, mit denen
+man redet; sie nicht zu ermüden, gut und launigt zu erzählen, nicht
+über seine eignen Einfälle zu lachen; nach den Umständen trocken oder
+lustig, ernsthaft oder komisch seinen Gegenstand darzustellen, und mit
+natürlichen Farben zu malen. Dabei muß ein guter Gesellschafter sein
+Aeusseres studiren, und besonders sein Mienenspiel in seiner Gewalt
+haben, sich vor Verzerrungen zu hüten, und sein Lachen zu mäßigen
+wissen. Der Anstand und die Gebehrdensprache sollen edel seyn: man
+soll nicht bei unbedeutenden, affectlosen Unterredungen, wie Personen
+aus der niedrigsten Volksklasse, mit Kopf, Armen und andern Gliedern
+herumfahren und um sich schlagen; man soll den Leuten gerade, aber
+bescheiden und sanft, in's Gesicht sehen, sie nicht bei Aermeln,
+Knöpfen und dergleichen zupfen. Kurz, alles was eine feine Erziehung,
+was Aufmerksamkeit auf sich selbst und auf Andre verräth, das gehört
+nothwendig dazu, den Umgang angenehm zu machen, und es ist wichtig,
+sich in solchen Dingen nicht nachzusehn, sondern jede kleine Regel
+des Wohlstandes, selbst in dem Cirkel seiner Familie, zu beobachten,
+um sich das zur andern Natur zu machen, wogegen diejenigen so oft
+fehlen, welche nie erwägen, daß es Pflichten gegen die Gesellschaft
+gibt, und sich daher Alles erlauben, was ihnen gemächlich ist. Kaum
+scheint es nöthig, hier noch zu bemerken, daß man so wenig als möglich
+in einer Gesellschaft den Leuten den Rücken zukehren, in Titeln und
+Namen sich vor Verwechselung hüten; daß man bei Personen, die es
+mit den Höflichkeitsbezeigungen genau nehmen, den Vornehmern immer
+auf der rechten Seite, oder wenn Drei beisammen sind, in der Mitte
+gehen lasse; daß man Dem, mit welchem man spricht, frei und offen,
+doch nicht starr und frech, in das Gesicht schauen, seine Stimme in
+seiner Gewalt haben, nicht schreien und doch verständlich reden, in
+seinem Gange Anstand beobachten, nicht aller Orten das große Wort
+führen solle; daß man, wenn man ein Frauenzimmer führt, mit ihr, um
+sie nicht zu stoßen, gleichen Schritt halten, und mit demselben Fuße,
+wie sie, antreten, ihr auch zuweilen seine linke Hand reichen müsse,
+wenn sie an der rechten Seite nicht so bequem gehen würde; daß man auf
+~steilen~ Treppen im Hinuntersteigen die Frauenzimmer vorausgehen, im
+Hinaufsteigen aber sie folgen lassen müsse; daß, wenn man uns nicht
+versteht, und wir voraussehen, daß eine genauere Erklärung nichts
+helfen würde, oder der Gegenstand von so geringer Wichtigkeit ist,
+daß er keinen großen Aufwand von Worten verdient, wir dann die ganze
+Sache fallen lassen müssen; daß vornehme Leute, wenn sie nicht über
+Vorurtheile hinaus sind, es übel nehmen, wenn ein Geringer von sich
+und ihnen in Gemeinschaft spricht, (z. B. »Als ~wir~ gestern zusammen
+spazieren gingen.« »~Wir~ haben im gestrigen Spiele gewonnen, und
+~unsre~ Gegner verloren,«) und, daß sie verlangen, man solle thun,
+als seyen sie allein in der Welt des Nennens werth: »Ihro Excellenz,
+Ihro Gnaden haben gewonnen;« (höchstens möchte man hinzusetzen: »~mit
+mir~«); daß man die Leute nicht zehnmal wieder zurückrufe, ihnen noch
+hundert Dinge zu sagen und nachzuschreien habe, wenn sie im Zimmer
+oder auf der Gasse von uns gehen, schon die Thür in der Hand, schon
+Abschied genommen haben; daß es eine unartige Gewohnheit sey, immer
+etwas zwischen den Fingern oder im Munde zu führen, das man zerdrückt
+und spielend zernichtet, es sey brauchbar oder nicht, gehöre uns oder
+Andern; daß man erst um Erlaubniß fragen müsse, wenn man in Gegenwart
+fremder Personen Briefe lesen, oder andere Geschäfte von der Art
+treiben will; daß es anständig sey, wenn man jemand im Vorbeigehen
+grüßen will, den Hut auf ~der~ Seite abzuziehen, wo der Fremde ~nicht~
+geht, damit man ihn nicht damit berühre, und sein Gesicht nicht vor
+ihm verberge; daß man, wenn man jemand etwas darreicht, es, in so
+fern dieß zu ändern steht, nicht mit der bloßen Hand hingeben müsse;
+daß es sich nicht schicke, in Gesellschaften in's Ohr zu flüstern,
+bei Tafel krumm zu sitzen, unanständige Gebehrden zu machen, noch zu
+leiden, daß ein Frauenzimmer, oder jemand, der vornehmer ist als wir,
+von einer Speise, die vor uns steht, vorlege; daß es unartig sey,
+in Gesellschaften jemandem einen unschuldigen Spaß zu verderben, z.
+B. wenn er Kartenkünste zeigt, seine Kunst zu enthüllen. Leuten von
+gewissem Stande und einer nicht ganz gemeinen Erziehung ist das in der
+ersten Jugend schon eingeprägt worden; nur erinnere ich, daß diese
+kleinen Dinge in mancher Leute Augen ~große~ Dinge sind, und daß oft
+unsre zeitliche Wohlfahrt in solcher Leute Händen ist.
+
+
+ 50.
+
+Es gibt noch andre kleine gesellschaftliche Unschicklichkeiten und
+Inconsequenzen, die man vermeiden, und wobei man immer überlegen muß,
+was daraus werden würde, wenn Jeder von den Anwesenden sich dieselbe
+Freiheit erlauben wollte; zum Beispiel: in Concerten plaudern; hinter
+eines Andern Rücken einem Freunde etwas zuflüstern, oder ihm Winke
+geben, die Jener auf sich deuten kann; lächerlich schlecht tanzen,
+oder ein Instrument elend spielen, sich dennoch damit sehen und hören
+lassen, und dadurch die Anwesenden zum Spotte und zum Gähnen reitzen;
+bei dem Tanze zugleich die Melodie mit singen; in Schauspielen so
+hintreten, daß man Andern die Aussicht raubt; in jeder Versammlung
+so spät erscheinen, daß man keinen Nachfolger mehr hat, und doch der
+Erste seyn, der sie verläßt, oder länger verweilen, als alle übrigen
+Mitglieder der Gesellschaft. Willst Du gern gesehen seyn, so vermeide
+alle diese Unschicklichkeiten mit Sorgfalt, und willst Du ein edler
+Mensch, nicht bloß ein guter Gesellschafter werden, so vermeide sie
+nicht um der Menschen willen, sondern weil Du dieß Deinem eigenen
+Herzen schuldig zu seyn glaubst, und weil Du nicht bloß ~klug~, sondern
+auch ~gut~ seyn möchtest. In eben dieser Hinsicht befolge auch noch
+diese Vorschriften: Du sollst nicht dem Lesenden oder Schreibenden auf
+die Finger sehen, und nicht allein in einem fremden Zimmer bleiben, in
+welchem Schriften oder Gelder herumliegen. Ferner: wenn zwei Personen,
+die vor Dir hergehen, leise mit einander reden, ohne Deiner gewahr zu
+werden, so will die Bescheidenheit und die Klugheit, daß Du ihnen durch
+Geräusch Deine Nähe zu erkennen gebest, um Dich von allem Verdachte,
+als wenn Du sie beschleichen wolltest, und von aller Verlegenheit zu
+befreien. So klein dergleichen Aufmerksamkeiten scheinen, so machen
+sie doch den Umgang angenehm und werden Bildungsmittel für Geist und
+Herz, wenn man sie als solche ~ansieht~ und ~benutzt~, sind aber auch,
+wenn man sie nicht von dieser Seite betrachtet, weiter nichts, als
+Schleifsteine für die äussere Politur.
+
+
+ 51.
+
+Oft sind wir in dem Falle, daß uns durch Gespräche Langeweile gemacht
+wird. Vernunft, Vorsichtigkeit und Menschenliebe gebieten uns dann,
+wenn nun einmal nicht auszuweichen ist, Geduld zu fassen, und nicht
+durch beleidigendes Betragen unsern Ueberdruß zu erkennen zu geben.
+Man kann ja, je seelenloser das Gespräch und je geschwätziger der Mann
+ist, um desto freier nebenher an andre Dinge denken; und wäre auch das
+nicht -- ei nun! es geht im menschlichen Leben so manche verträumte
+Stunde verloren! Ist man denn nicht einige Aufopferung der Gesellschaft
+schuldig, mit welcher man umgeht? -- Und geschieht es nicht vielleicht
+zuweilen, daß auch wir dagegen, so groß auch die Meinung seyn mag,
+die wir von der Wichtigkeit unsrer Gespräche haben, dennoch durch
+unsre Redseligkeit Andern Langeweile machen? Auch gibt es hier noch
+einen Ausweg. Man sucht dem Redseligen eine Pause abzugewinnen, oder
+wirft unaufhörlich Fragen, Einwürfe und Bedenklichkeiten zwischen
+seine Rede, oder nöthigt ihn durch eine geschickte Wendung, manches zu
+überspringen, was er noch einschieben wollte, oder bringt ihn durch
+eine unerwartete Frage plötzlich auf ein anderes, nicht so ergiebiges
+Thema.
+
+
+ 52.
+
+Gewissen Leuten ist eine Leichtigkeit im Umgange, und die Gabe,
+geschwind Bekanntschaften zu machen, und Zuneigung zu gewinnen, wie
+angeboren; Andern hingegen hängt von Jugend auf eine gewisse Blödigkeit
+und Schüchternheit an, die sie nicht abzulegen vermögen, wenn sie
+gleich täglich fremde Leute aller Art um sich sehen. Diese Blödigkeit
+ist freilich sehr oft die Folge einer fehlerhaften Erziehung, so
+wie auch zuweilen die Wirkung einer heimlichen Eitelkeit, die in
+Verlegenheit geräth, aus Furcht, sich in Schatten zu stellen, übersehen
+zu werden, und nicht zu glänzen. Manchen Menschen aber scheint diese
+Schüchternheit gegen ganz fremde Leute wirklich von Natur eigen zu
+seyn, und alle Mühe, welche sie sich geben, sie zu besiegen, ist
+verloren. Ein regierender Fürst, einer der edelsten und verständigsten
+Männer, die ich kenne, und der auch wahrlich seines Aeussern wegen
+sich nicht zu schämen noch zu fürchten braucht, nachtheilige Eindrücke
+zu machen, hat mich versichert, daß, obgleich ihn sein Stand von
+Kindheit an in die Lage gesetzt habe, täglich große Cirkel und viele
+fremde Gesichter zu sehn, er dennoch an keinem Tage in sein Vorzimmer
+trete, wo der versammelte Hof seiner wartet, ohne aus Verlegenheit
+auf einen Augenblick fast blind zu werden. Uebrigens hört bei
+diesem liebenswürdigen Herrn, sobald er sich ein wenig erholt hat,
+die Schüchternheit auf, und dann redet er freundlich und offen mit
+jedermann, und sagt bessre Dinge, als gewöhnlich Fürsten, bei solchen
+Gelegenheiten, über Wetter, böse Wege, Pferde und Hunde zu sagen wissen.
+
+Eine gewisse Leichtigkeit im Umgange also, die Gabe, sich gleich bei
+der ersten Bekanntschaft vortheilhaft darzustellen, mit Menschen aller
+Art zwanglos ein Gespräch anzuknüpfen, und bald zu merken, wen man
+vor sich hat, und was man mit Jedem reden könne und müsse: das sind
+Eigenschaften, die man zu erwerben und auszubilden trachten soll. Doch
+müsse dieß nie in jene, den Abentheurern so eigne Unverschämtheit und
+Zudringlichkeit ausarten, die oft, in weniger als einer Stunde Frist,
+einer ganz fremden Tischgesellschaft im Wirthshause ihre Lebensläufe
+abgefragt, und dagegen den ihrigen erzählt, Dienste und Freundschaft
+angeboten, und Dienste, Verwendung und Hülfe für sich erbeten haben.
+Die Hauptsache kommt immer darauf an, leicht in den fremden Ton
+einzustimmen, und nichts auskramen, nichts geltend machen zu wollen,
+was in diesem Kreise nicht verstanden oder nicht geschätzt wird, sich
+auch nicht gar zu sehr dadurch niederschlagen zu lassen, daß die ersten
+Versuche, die Unterhaltung in Gang zu bringen, unglücklich abgelaufen
+sind.
+
+
+ 53.
+
+Man vermeide also auch, in alle Cirkel große Forderungen und
+Erwartungen mitzunehmen, allen Menschen alles allein seyn, mit aller
+Gewalt glänzen, und Aufmerksamkeit erregen zu wollen; zu verlangen,
+daß aller Menschen Augen nur auf uns gerichtet, ihre Ohren nur für
+uns gespitzt seyen; denn sonst werden wir freilich uns aller Orten
+zurückgesetzt glauben, eine traurige Rolle spielen, uns und Andern
+Langeweile machen, menschenscheu und bitter die Gesellschaft fliehn,
+und von ihr geflohen werden. Ich kenne viele Leute von der Art, die
+durchaus, wenn sie sich in vortheilhaftem Lichte zeigen sollen, der
+Mittelpunkt seyn müssen, um welchen sich alles dreht, so wie überhaupt
+manche Menschen im gemeinen Leben niemand neben sich vertragen, der mit
+ihnen verglichen werden könnte. Sie handeln vortrefflich, groß, edel,
+nützlich, wohlthätig, geistreich, sobald sie es allein sind, an die
+man sich wendet, von denen man bittet, erwartet, hofft; aber klein,
+niedrig, rachsüchtig und schwach, sobald sie in Reihe und Gliedern
+stehen sollen, und zerstören jedes Gebäude, wozu sie nicht den Plan
+gemacht, oder wenigstens die Kranz-Rede gehalten haben; ja, selbst ihr
+eignes Gebäude, sobald nur ein Andrer eine kleine Verzierung daran
+angebracht hat. Dies ist eine unglückliche, ungesellige Gemüthsart.
+Ueberhaupt rathe ich, um glücklich zu leben, und Andre glücklich zu
+machen, in dieser Welt so wenig als möglich zu erwarten und zu fordern.
+
+
+ 54.
+
+So viel über den Anstand, über schickliche Manieren, und über die
+Höflichkeit im äussern Betragen, über Bescheidenheit und Mäßigung;
+und nun noch etwas über die ~Kleidung~. Kleide Dich nicht ~unter~
+und nicht ~über~ Deinen Stand, nicht ~über~ und nicht ~unter~ Dein
+Vermögen, nicht phantastisch, nicht bunt, nicht ohne Noth prächtig,
+noch glänzend, noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und,
+wo Du Aufwand machen mußt, da sey Dein Aufwand zugleich ächt und
+schön! Zeichne Dich weder durch altväterische, noch jede neumodische
+Thorheit nachahmende Kleidung aus! Wende eine größere Aufmerksamkeit
+auf Deinen Anzug, wenn Du in der großen Welt erscheinen willst! Man
+ist in Gesellschaft verstimmt, sobald man sich bewußt ist, in einer
+unangenehmen Ausstaffirung aufzutreten. Trage nie geliehene Sachen!
+Das hat von mehr als Einer Seite nachtheiligen Einfluß auf den
+Charakter.
+
+
+ 55.
+
+Wenn die Frage entsteht: ob es gut sey, viel oder wenig in Gesellschaft
+zu erscheinen; so muß die Beantwortung derselben freilich, nach den
+verschiedenen einzelnen Lagen, Bedürfnissen und nach unzähligen kleinen
+Umständen und Rücksichten, bei jedem Menschen anders ausfallen. Im
+Ganzen aber kann man den Satz zur Richtschnur annehmen: daß man sich
+nicht aufdringen, die Leute nicht überlaufen solle, und daß es besser
+sey, wenn man es einmal nicht allen Menschen recht machen kann, daß
+gefragt werde, warum wir so selten, als geklagt, daß wir zu oft und an
+allen Orten erscheinen, wo Unterhaltung zu erwarten ist. Es gibt einen
+feinen Sinn für die Pflege und Erweiterung des Umgangs (wenn uns nicht
+übertriebne Eitelkeit und Selbstsucht die Augen blenden), einen Sinn,
+der uns sagt, ob wir gerngesehn, oder überlästig sind, ob es Zeit ist,
+fortzugehn, oder ob wir noch verweilen sollen. Aus der Art, wie uns
+von Kindern und Domestiken in einem Hause begegnet wird, pflegt man
+am leichtesten zu merken, wie die Herrschaften oder Eltern gegen uns
+gestimmt sind.
+
+Uebrigens rathe ich, wenn man sich so weit in seiner Gewalt haben kann,
+mit so wenig Leuten, als möglich, ~vertraulich~ zu werden, nur einen
+kleinen Cirkel von ~Freunden~ zu haben, und diesen nur mit äusserster
+Vorsicht zu erweitern. Gar zu leicht mißbrauchen und vernachlässigen
+uns die Menschen, sobald wir mit ihnen in einem vollkommen
+vertraulichen Tone umgehen. Um angenehm zu leben, muß man fast immer
+ein ~Fremder~ unter den Leuten bleiben. Dann wird man geschont, geehrt,
+aufgesucht. -- Deswegen ist das Leben in großen Städten so schön, wo
+man alle Tage andre Menschen sehen kann. Für einen Mann, der sonst
+nicht schüchtern ist, ist es ein Vergnügen, unter ~Unbekannten~ zu
+sitzen. Da hört man, was man sonst nicht hören würde; man wird nicht
+behorcht und belauscht, und kann in der Stille beobachten.
+
+
+ 56.
+
+Uebrigens rathe ich auch an, um seiner selbst und um Andrer willen, ja
+nicht zu glauben, es sey irgend eine Gesellschaft so ganz schlecht,
+das Gespräch irgend eines Mannes so ganz unbedeutend, daß man nicht
+daraus etwas lernen, eine neue Erfahrung, einen Stoff zum Nachdenken
+sammeln könnte. Aber man soll nicht aller Orten Gelehrsamkeit, feine
+Cultur fordern, sondern sich an gesundem Hausverstand und geradem Sinn
+genügen lassen, daran den eigenen beleben und stärken, und sich einmal
+wieder auf den Weg der Natur leiten lassen, sich auch eben darum unter
+Menschen von allerlei Ständen mischen: so lernt man zugleich nach und
+nach den Ton und die Stimmung annehmen, die nach Zeit und Umständen
+erfordert werden, und überzeugt sich, daß auch in den niederen
+Ständen Witz, Verstand und Scharfsinn zu finden sey. Aber diese
+Ueberzeugung ist sehr heilsam zur Dämpfung eines gewissen Stolzes,
+der sich so leicht der Gebildeten bemächtigt, und sie ungerecht gegen
+Ungebildete macht. Auch für die Erweiterung der Sprachkunde ist ein
+solcher Umgang mit Menschen aus den verschiedensten Ständen und von
+den verschiedensten Bildungsstufen höchst wirksam und ergiebig, und
+gewährt manchen großen Genuß, besonders durch die erweiterte Kenntniß
+sprichwörtlicher Redensarten, in welchen oft so viel Witz und Kraft
+verborgen liegt.
+
+
+ 57.
+
+Mit wem aber soll man am mehrsten umgehn? Natürlicher Weise läßt sich
+auch diese Frage nur nach eines Jeden besondrer Lage beantworten.
+Hat man die Wahl (und wirklich hat man diese auch öfter, als man
+glaubt), so wähle man sich die Weisern zu seinem Umgange; Leute, von
+denen man lernen kann, die nicht schmeicheln, nicht gar zu überlegen
+an Kenntnissen und Fähigkeiten sind, aber doch uns übersehen, die in
+Kreisen tanzen, so oft ihr hoher Genius seine Zauberruthe schwingt.
+Den Meisten aber scheint es genußreicher, untergeordnete Geister um
+sich her zu versammeln. Aber diese bleiben auch immer, was und wie sie
+sind, kommen nie weiter in Weisheit und Tugend. Es gibt zwar Lagen, in
+welchen es nützlich und lehrreich ist, sich unter Menschen von allerlei
+Fähigkeiten zu mischen, ja, wo es auch Pflicht ist, nicht bloß mit
+Leuten umzugehn, von denen ~wir~, sondern auch mit solchen, die ~von
+uns~ lernen können, und die ein Recht haben, dieß zu fordern. Diese
+Gefälligkeit aber darf nie so weit gehen, daß die Rechenschaft, die
+wir einst von unsrer goldnen Zeit, und von der Obliegenheit, uns zu
+vervollkommnen, geben sollen, dabei Gefahr laufe.
+
+
+ 58.
+
+Es ist oft eine höchst sonderbare Sache um den Ton, der in
+Gesellschaften herrscht. Vorurtheil, Eitelkeit, Schlendrian, Autorität,
+Nachahmungssucht, und wer weiß, was sonst noch, stimmen diesen Ton so,
+daß zuweilen Menschen, die an einem Orte zusammen leben, Jahr aus, Jahr
+ein, sich auf eine Weise versammeln, unterhalten, Dinge mit einander
+treiben, und über Gegenstände reden, die Allen zusammen und jedem
+Einzelnen unendliche Langeweile machen. Dennoch glauben sie, sich den
+Zwang anthun zu müssen, diese Lebensart also fortzuführen. Gewährt wohl
+die Unterhaltung in den mehresten großen Cirkeln einem Einzigen von
+den da Versammelten wahres Vergnügen? Spielen unter funfzig Personen,
+die jeden Abend die Karten in die Hand nehmen, wohl zehn aus wahrer
+Neigung? Um desto erbärmlicher ist es, wenn freie Menschen in kleinern
+Oertern, oder gar auf Dörfern, die zwanglos leben könnten, um den Ton
+der Residenzen nachzuahmen, sich eben so peinlich unter das Joch dieser
+Langeweile krümmen. Hat man Gewicht bei seinen Mitbürgern und Nachbarn,
+so ist es Pflicht, alles dazu beizutragen, den Ton vernünftiger zu
+stimmen. Ist das aber nicht der Fall, und man geräth einzeln in einen
+solchen Cirkel, so vermehre man nicht, durch ein schiefes, stummes,
+oder mürrisches Betragen, unter den Anwesenden und dem Hauswirthe die
+Verlegenheit, es vor einander zu verbergen, daß sie sich sämmtlich weit
+von da weg wünschten; sondern man zeige sich vielmehr als einen Meister
+in der Kunst, viel zu reden, ohne etwas zu sagen, und erwerbe sich
+wenigstens das Verdienst, den Zeitraum mit unschuldiger Unterhaltung
+auszufüllen, wovon ausserdem gewöhnlich die Verläumdung Besitz nimmt!
+
+In volkreichen, großen Städten kann man am unbemerktesten, und ganz
+nach seiner Neigung leben. Da fallen eine Menge kleiner Rücksichten
+weg; man wird nicht ausgespäht, controllirt, beobachtet; es laufen
+nicht so aus Mund in Mund die interessanten Nachrichten: wie vielmal in
+der Woche ich Braten esse; ob ich oft oder selten ausgehe, und wohin;
+wer zu mir kömmt; wie stark der Lohn ist, den ich meiner Köchin gebe,
+und ob ich kürzlich mit ihr geschmählt habe? Meine Kleidung wird nicht
+gemustert; man fragt nicht in jedem Krämer-Hause meine Magd, wenn sie
+für vier Pfennige Pfeffer holt, für wen der Pfeffer ist, und wozu der
+Pfeffer gebraucht werden soll? Eine unbedeutende Anekdote beschäftigt
+da nicht sechs Wochen lang alle Zungen; man wandelt unbemerkt,
+friedenvoll und ungeneckt durch den großen Haufen hin, besorgt seine
+Geschäfte, und wählt sich eine Lebensart, wie man sie für zweckmäßig
+hält. In kleinen Städten ist man verurtheilt, mit einer Anzahl, oft
+sehr langweiliger Magnaten, in strenger Abrechnung von Besuchen und
+Gegenbesuchen zu stehn, die gewöhnlich gleich nach dem Mittagstische
+ihren Anfang nehmen, und bis zu der Bürgerglocke, das heißt, bis
+zehn Uhr Abends, fortdauern, während welcher Zeit die Unterhaltung
+gewöhnlich den König von Preussen, die Franzosen und Engländer, den
+Kaiser, andre hohe Potentaten, und was der Hamburger Correspondent von
+ihnen meldet, zum Gegenstande hat. Das ist nun freilich erschrecklich;
+doch gibt es auch Mittel, dort den Ton des Umgangs nach und nach zu
+verfeinern, oder das schwache Publikum daran zu gewöhnen, nachdem
+es ein Vierteljahr hindurch über uns gelästert hat, uns endlich
+auf unsre Weise leben zu lassen, wenn man sich übrigens redlich,
+menschenfreundlich, dienstfertig und gesellig beträgt. Am übelsten
+aber pflegt man in den mittlern Städten daran zu seyn, sowohl in den
+freien Städten, wo der Handel die Achse ist, um die sich alles dreht,
+als in unbeträchtlichen Residenzen. Da herrschen gewöhnlich, neben
+einem übertriebnen Luxus, und solchen sittlichen Verderbnissen, die
+mit der Ausartung in den größten Städten wetteifern, noch obenein alle
+Gebrechen kleiner Städte, Klatschereien, Anhänglichkeit an Schlendrian,
+an Gewohnheiten und Familien-Verbindungen, die abgeschmacktesten
+Forderungen und die lächerliche Classificirung der Stände. So habe ich
+eine Stadt gesehn, in welcher ein Mann, durch seine kürzlich erhaltene
+Bedienung, die ehemals dort nicht existirt hatte, so sehr von allen
+übrigen, einmal bestimmten Rangordnungen abgesondert war, daß er, wie
+ein Elephant in einer Menagerie, immer für sich allein spatzieren
+gehn mußte, ohne seines Gleichen, weder einen Gesellschafter, noch
+eine Gefährtin finden zu können. Da nun aber in den wenigsten Städten
+von Teutschland eine glückliche Stimmung angetroffen wird, so muß
+man lernen, sich in die herrschenden Sitten zu fügen; und nichts
+kann unvernünftiger, und für den Eiferer selbst von nachtheiligeren
+Folgen seyn, als wenn ein Einzelner, der nicht besonders in Ansehen
+steht, auftreten, und seine Vaterstadt reformiren will. Nirgends kömmt
+indessen ein solcher Declamator übler an, als in den freien Städten,
+wo alte Sitte und Schlendrian innig verwebt sind in die Regierungsform
+und in alle übrige Verhältnisse. Hier hat indeß die neueste Zeit mit
+ihren Erschütterungen und den hunderttausend kostbaren Lehrmeistern,
+die sie in glänzenden Uniformen und mit großem Ansehen ausgerüstet in
+Teutschlands Staaten und Städte sandte, eine sehr bedeutende, doch
+nicht immer heilsame Veränderung hervorgebracht.
+
+In Dörfern und auf seinem Landgute lebt man in der That am
+ungezwungensten; und für jemand, der Lust hat, sich zu beschäftigen,
+und zum Besten Andrer etwas beizutragen, findet sich da mannigfaltige
+Gelegenheit, indem man an dem nützlichsten, zu sehr niedergedrückten
+und vernachlässigten Stande zum Wohlthäter werden kann; allein die
+geselligen Freuden sind auf dem Lande nicht so leicht zu erlangen,
+und nicht so rein zu genießen. In Augenblicken, wo man gerade das
+Bedürfniß fühlt, seine Arme nach einem treuen Freunde auszustrecken,
+ist dieser Freund vielleicht meilenweit von uns entfernt; oder man
+müßte reich genug seyn, einen ganzen Hofstaat von Freunden um sich her
+zu versammeln; aber auch das hat seine üble Seite; und sehr reiche
+Leute fühlen ja ohnehin selten dies Bedürfniß. Um also hier glücklich
+und vergnügt leben zu können, ohne gerade ausgezeichnet wohlhabend
+zu seyn, muß man die Kunst verstehen, das Gute aus dem Umgange der
+Menschen, die man bei sich haben kann, zu schmecken und zu erkennen,
+der einfachen Freuden nicht müde zu werden, damit zu geizen, und ihnen
+auf erfindungsreiche Art Mannigfaltigkeit zu geben. Weil man auf dem
+Lande seine Frau, seine Kinder und seine Hausfreunde vom Morgen bis
+zum Abend ununterbrochen um sich zu sehen pflegt, so entsteht leicht
+Ueberdruß, Leere im Umgange. Dieß kann durch einen Vorrath guter
+Bücher, die neuen Stoff zur Unterhaltung geben, durch interessanten
+Briefwechsel mit abwesenden Freunden, und durch weise Eintheilung der
+Zeit, indem man manche Tagesfristen einsam in seinem Zimmer zubringt,
+gehoben werden; und nichts ist süßer auf dem Lande, als wenn, nach
+einem nützlich verlebten Tage, wo Jeder für sich seine Geschäfte emsig
+und treulich besorgt hat, des Abends sich der kleine Cirkel zum
+Spatziergange, muntern Scherze und zwanglosen Gespräche sammelt. Es
+gibt selbst Prinzen, die diesen Genuß kennen, und ich habe einst, am
+Fuße der vogesischen Gebirge, einige Wochen an dem Hofe eines guten und
+klugen Fürsten auf diese Art sehr glücklich hingebracht.
+
+Nichts aber ist trauriger, und doch häufiger zu finden, als wenn
+Menschen, die in kleinen Städten, oder gar auf dem platten Lande,
+täglich mit einander umgehen müssen, in ewigem Zwiste mit einander
+leben, und dabei doch nicht reich genug sind, sich eine besondre
+Existenz zu schaffen. Sie bereiten sich eine Hölle auf Erden.
+Nirgends also ist es so wichtig, als an solchen Orten, in Eintracht
+mit denen zu leben, die man weder entbehren, noch vermeiden kann,
+und darum mit edler Selbstverleugnung zu ertragen und zu vergeben,
+was die Kleinstädterei zu tragen und zu vergeben gibt, und allezeit
+schonend, nachsichtig, geschmeidig, vorsichtig, klug und mit einer
+Art von Coketterie im Umgange zu verfahren, um Mißverständnissen,
+Ekel und Ueberdrusse vorzubauen. Aber auch nirgends hat man Ursache,
+vorsichtiger im Reden und Handeln zu seyn, als in kleinen Städten, und
+da, wo ein kleinstädtischer Ton herrscht, weil da die Menschen aus
+Mangel an Zerstreuung beständig auf den lieben Nächsten lauern, und
+wenn gleich sonst sehr kurzsichtig, doch die scharfsichtigsten sind,
+wenn es darauf ankommt, den Splitter in des Bruders Auge zu erspähen,
+und die beredtesten, um den Splitter als einen Balken darzustellen. Sie
+sind oft eben so sehr zu bemitleiden, als zu verachten, weil sie, von
+langer Weile gepeitscht, nach Allem greifen, was ihnen auch nur eine
+kurze Rettung von diesem Unholde verspricht, und nichts andres zu thun
+wissen, als alles nachzuplaudern und sich um fremde Händel zu bekümmern.
+
+
+ 59.
+
+In fremden Städten und Ländern ist Vorsichtigkeit im Umgange zu
+empfehlen, und das in manchem Betrachte. Wir mögen nun dort Unterricht
+und Belehrung, oder ökonomische und politische Vortheile, oder bloß
+Vergnügen suchen: so ist es sehr nothwendig, gewisse Rücksichten nicht
+zu verachten. Im ersten Falle, nämlich wenn wir reisen, um uns zu
+unterrichten, versteht sich's vor allen Dingen von selber, daß wir wohl
+überlegen, in welchem Lande wir sind, und ob man da ohne Gefahr und
+Verdruß von Allem reden und nach Allem fragen dürfe. Es gibt leider!
+auch in Teutschland Staaten, in welchen die Regierungen es nicht gern
+sehen, und es scharf ahnden, wenn gewisse Werke der Finsterniß an
+das Tageslicht gezogen werden. Da ist Behutsamkeit nöthig, sowohl in
+Gesprächen und Nachforschungen, als in der Wahl der Menschen, mit denen
+man sich einläßt, und denen man sich anvertraut. Uebrigens muß ich
+auch hier erinnern, daß sehr wenig Reisende eigentlich Beruf haben,
+sich um die innere Verfassung fremder Länder zu bekümmern; allein
+thörichte Neugier, Vorwitz, oder unruhiger Thätigkeitstrieb, jagt jetzt
+haufenweise die Menschen hinaus, um in fremden Gasthöfen, Posthäusern,
+Clubbs, und in den Schwitzkammern hypochondrischer Gelehrten, unsichere
+Anekdoten zu einem Werkchen zu sammeln, indeß sie daheim noch unendlich
+viel zu wirken und zu lernen gefunden haben würden, wenn es ihnen um
+ihr und Andrer Wohl ernstlich zu thun wäre.
+
+Daß diese Vorsicht verdoppelt werden müsse, sobald man an einem
+fremden Orte für sich etwas zu suchen oder zu fordern hat, versteht
+sich wohl von selber. Da alsdann manches Auge auf uns gerichtet ist,
+so müssen wir den Umgang mit Leuten vermeiden, die, unzufrieden mit
+der Regierung, sich so gern den Fremden an den Hals werfen, weil sie
+unter ihren Mitbürgern durch unkluge Aufführung sich einen bösen Namen
+gemacht, und sich auf diese Art den Weg versperrt haben, bürgerliche
+Vortheile zu erlangen, die sie aber zu verachten scheinen, wie der
+Fuchs die Trauben. Diese Art Leute sucht sich dann dadurch ein wenig
+zu heben, daß sie mit den Reisenden, denen sie sich in den Gasthöfen
+oder auf andre Art aufdringen, durch die Gassen der Stadt laufen,
+und dadurch Verbindungen in andern Ländern muthmaßen lassen. Ein
+Fremder, der nur wenig Tage sich an einem Orte aufhalten will, kann
+ohne Nachtheil mit diesem, mehrentheils sehr geschwätzigen, und von
+lustigen und ärgerlichen Mährchen aller Art vollgepfropften Ciceroni's
+nach Gefallen herumrennen, und kein vernünftiger Mann wird ihm das
+verdenken. Wer aber länger in einer Stadt verweilen, in den bessern
+Cirkeln Zutritt haben, oder gar ein Geschäft zu Stande bringen will;
+dem rathe ich, in der Auswahl seines Umgangs auch die Stimme des
+Publikums zu ehren.
+
+Es gibt fast in jeder Stadt eine Partei solcher Unzufriedener; es
+sey nun mit der Regierung, oder nur mit der Gesellschaft. Zu Diesen
+geselle Dich also nicht! Wähle nicht unter ihnen Deinen Umgang! Diese
+Schwarzblütigen und Mißmuthigen glauben sich nicht geehrt genug,
+oder sind unruhige Köpfe, Lästermäuler, Menschen voll unvernünftiger
+Forderungen, ränkevolle, oder unsittliche Leute. Da sie nun, einer
+dieser Ursachen wegen, von ihren Mitbürgern geflohen werden, so suchen
+sie unter sich eine Art von Bündniß zu errichten, in welches sie,
+wenn sie können, verständige und wackre Männer zu ihrer Verstärkung
+durch Schmeichelei hineinziehen. Laß Dich weder darauf, noch überhaupt
+auf das ein, was Partei und Faction genannt werden kann, wenn Du mit
+Annehmlichkeit und Sicherheit leben willst!
+
+
+ 60.
+
+Briefwechsel ist schriftlicher Umgang. Fast alles, was vom persönlichen
+Umgange mit Menschen gilt, leidet Anwendung auf den Briefwechsel. Als
+Bildungs-, Erheiterungs- und Belebungs-Mittel ist der Briefwechsel
+überaus wirksam, und oft ist es nur dadurch möglich, mit seinen
+Freunden in Verbindung zu bleiben, sich in einer gewissen Thätigkeit
+zu erhalten, und der Einseitigkeit und Eintönigkeit zu entgehen. Aber
+auch hier ist Mäßigung und Beschränkung die Bedingung der Wirksamkeit.
+Dehne also Deinen Briefwechsel, so wie Deinen Umgang, nicht über die
+Gebühr aus! Ein gar zu ausgedehnter Briefwechsel ist zwecklos, fordert
+einen unverhältnißmäßigen Zeitaufwand, und wird zu kostbar. Sey eben
+so vorsichtig in der Wahl derer, mit denen Du einen ~vertrauten~
+Briefwechsel anfängst, wie in der Wahl Deines täglichen Umgangs und
+Deiner Lectüre! Nimm Dir auch vor, nie einen ganz leeren Brief zu
+schreiben, in welchem nicht wenigstens etwas stünde, das dem, an
+welchen er gerichtet ist, Nutzen oder reine Freude gewähren könnte;
+denn ein leerer Brief ist eine Art von Verspottung dessen, an den man
+schreibt, oder wenigstens eine Täuschung, die nothwendig den, dem sie
+bereitet wird, kränken, oder unwillig machen muß. Vorsichtigkeit ist im
+Schreiben noch weit dringender, als im Reden zu empfehlen; und eben so
+wichtig ist es, mit den Briefen, welche man erhält, behutsam umzugehn.
+Man sollte es kaum glauben, was für Verdruß, Zwist und Mißverständniß
+durch Versäumniß dieser Klugheits-Regel entstehen können. Ein
+einziges, unvorsichtig hingeschriebenes, unauslöschliches Wort, ein
+einziges, aus Unachtsamkeit liegen gebliebenes Papier, hat manches
+Menschen Ruhe, und oft auf immer den Frieden einer Familie zerstört.
+Brief-Klatschereien, voreilig schriftlich mitgetheilte, ungegründete
+oder entstellte Nachrichten, können unendlichen Schaden stiften, den
+redlichen Mann bei Tausenden verdächtig machen und seine Nachkommen in
+Verlegenheit bringen.
+
+Ich kann daher nicht genug Vorsichtigkeit in Briefen und überhaupt im
+Schreiben empfehlen. Noch einmal! Ein übereiltes mündliches Wort wird
+wieder vergessen; aber ein geschriebenes kann noch nach funfzig Jahren,
+in den Händen unvorsichtiger oder eitler Erben, Unheil stiften.
+
+Briefe, an deren richtiger und schneller Besorgung irgend etwas
+gelegen ist, muß man immer auf die gewöhnliche Weise mit der Post,
+oder durch eigne Boten abgehen lassen, nie aber, etwa zur Ersparung
+des Porto, sie Reisenden mitgeben, oder sonst durch Gelegenheit, und
+in fremden Umschlägen fortschicken. Man kann sich gar zu wenig auf die
+Pünktlichkeit der Menschen verlassen.
+
+Lies Deine Briefe, wenn Du es ändern kannst, nicht in Andrer Gegenwart,
+sondern wenn Du allein bist; sowohl, weil es die Höflichkeit also
+befiehlt, als auch aus Vorsicht, um durch Deine Mienen den Inhalt nicht
+zu verrathen.
+
+Es gibt Personen, besonders unter den Damen, welche die Leute, die mit
+ihnen an demselben Ort leben, bei den unbedeutendsten Veranlassungen,
+mit kleinen Briefen und Zetteln bestürmen, und dadurch dem, der seine
+Zeit besser anwenden könnte, seine kostbare Zeit rauben.
+
+
+ 61.
+
+Glaube immer, und Du wirst Dich bei diesem Glauben sehr wohl befinden,
+daß die mehrsten Menschen nicht halb so gut sind, als ihre Freunde sie
+schildern; und nicht halb so böse, als ihre Feinde sie ausschreien!
+
+Beurtheile die Menschen nicht nach dem, was sie ~reden~, sondern nach
+dem, was sie ~thun~! Die Meisten sind weder so gut, noch so böse, als
+sie nach ihren Reden zu seyn scheinen, und Du mußt sie in allerlei
+Lagen beobachten, wenn Du ihren wahren Werth erforschen willst. Aber
+wähle zu Deinen Beobachtungen solche Augenblicke, in welchen sie
+von Dir unbemerkt zu seyn glauben. Richte Deine Achtsamkeit auf die
+kleinen Züge, nicht auf die Haupt-Handlungen, zu denen Jeder sich in
+seinen Staatsrock steckt. Gib Acht auf die Laune, die ein gesunder Mann
+beim Erwachen vom Schlafe, auf die Stimmung, die er hat, wenn er des
+Morgens, wo Leib und Seele im Nachtkleide erscheinen, aus dem Schlafe
+geweckt wird; -- auf das, was er vorzüglich gern ißt und trinkt: ob
+sehr materielle, einfache, oder sehr feine, gewürzte, zusammengesetzte
+Speisen; auf seinen Gang und Anstand; ob er lieber allein seinen Weg
+geht, oder sich immer an eines Andern Arm hängt; ob er in einer geraden
+Linie fortschreiten kann, oder seines Neben-Gängers Weg durchkreuzt,
+oft an Andre stößt, und ihnen auf die Füße tritt; ob er durchaus keinen
+Schritt allein thun, sondern stets Gesellschaft haben, immer sich an
+Andre anschließen, auch um die geringsten Kleinigkeiten erst Rath
+fragen, sich erkundigen will, wie es sein Nachbar, sein College macht;
+ob er offne Thüren, offne Fenster, helles Licht, lautes und deutliches
+Reden liebt, oder nicht; ob er gern Andern in die Rede fällt, niemand
+zu Worte kommen läßt; ob er gern geheimnißvoll thut, die Leute auf die
+Seite ruft, um ihnen gemeine Dinge in das Ohr zu sagen; ob er gern in
+allem entscheidet, und so ferner. Auch die Handschriften der Leute
+tragen mehrentheils den Stempel ihres Charakters. Alle Kinder, mit
+deren Erziehung ich beschäftigt gewesen bin, haben nach meiner Hand das
+Schreiben gelernt; allein, so wie sich nach und nach ihre Gemüthsarten
+entwickelten, brachte jedes von ihnen seine eignen Züge hinein. Beim
+ersten Anblicke schienen sie Alle einerlei Hand zu schreiben; wer
+aber genauer Acht gab, und sie kannte, fand in der Manier des Einen
+Trägheit, bei Andern Kleinlichkeit, oder Unbestimmtheit, Flüchtigkeit,
+Festigkeit, Verschrobenheit, Ordnungsgeist, oder irgend eine andre
+Eigenthümlichkeit. -- Fasse alle diese Wahrnehmungen zusammen, nur sey
+nicht so unbillig, nach einzelnen solchen Zügen den ganzen Charakter zu
+richten!
+
+Sey nicht zu parteiisch für Menschen, die Dir freundlicher begegnen,
+als Andre, und schließe nicht zu schnell daraus, daß sie Dir mit
+besonderer Theilnahme ergeben sind. Untersuche zuvor, ob sie vielleicht
+gerade in dem Falle sind, Dich auf irgend eine Art zu ihrem Vortheil
+brauchen zu können, oder ob Du ihnen etwa mit besonderer Gefälligkeit
+entgegen gekommen bist, oder ihnen etwas Schmeichelhaftes gesagt hast.
+
+Baue nicht eher fest auf treue, immer sich bewährende Liebe und
+Freundschaft, als bis Du solche Proben gesehen hast, die ~Aufopferung~
+kosten! Die mehrsten Menschen, die uns so herzlich ergeben scheinen,
+treten zurück, sobald es darauf ankömmt, ihren Lieblings-Neigungen zu
+unserm Vortheile zu entsagen. Darauf ist also Rücksicht zu nehmen, wenn
+man wissen will, was ein Mensch uns werth ist. Es ist keine Kunst,
+alles zu leisten, was man nur wünschen mag, das Einzige ausgenommen,
+was Ueberwindung kostet.
+
+
+ 62.
+
+Alle diese allgemeinen, sodann die folgenden besondern Regeln, und viel
+mehrere noch, die ich, um mein Werk nicht über Gebühr auszudehnen, der
+eigenen Einsicht der Leser überlasse, zielen dahin, den Umgang leicht
+und angenehm zu machen, und das gesellige Leben zu erleichtern. Es
+kann aber Mancher seine besondern Gründe haben, warum er sich über
+einige derselben hinaussetzen will, und da ist es denn freilich sehr
+billig, Jedem zu erlauben, auf seine eigne Art seine Ruhe zu befördern.
+Dringen wir niemand unsre Specifica auf! Wer weder die Gunst der
+Großen sucht, noch allgemeines Lob, noch glänzenden Ruhm, noch Beifall
+verlangt; wer, seiner politischen und ökonomischen Lage, oder andrer
+Rücksichten wegen, nicht Ursache hat, den Cirkel seiner Bekanntschaft
+zu erweitern; wer Alters oder Schwächlichkeit halber den Umgang flieht,
+der bedarf keiner Regeln des Umgangs. Lasset uns daher so billig seyn,
+von niemand zu fordern, daß er sich nach unsern Sitten richte, sondern
+jedermann seinen Gang gehn; denn da jedes Menschen Glückseligkeit
+in seinen Begriffen von Glückseligkeit beruht; so ist es grausam,
+irgend Einen zwingen zu wollen, wider seinen Willen auf eine ihm nicht
+zusagende Weise glücklich zu seyn. Es ist oft lustig anzusehn, wie ein
+Haufen leerer Köpfe sich über einen sehr verständigen Mann aufhält,
+der keinen Beruf fühlt, oder nicht aufgelegt ist, den Ton ihrer
+Gesellschaft anzunehmen, sondern, mit einer abgesonderten Existenz
+sehr wohl zufrieden, seine theure Zeit nicht jedem Narren preisgeben
+will. Wenn wir nicht gerade Sclaven der Gesellschaft seyn wollen, so
+nehmen das die müßigen Leute, die nichts Besseres zu thun wissen,
+als aus dem Bette vor den Spiegel, von da an Tafel, von da an den
+Spieltisch, von da wieder an Tafel, und von da endlich in das Bett zu
+wandern, sehr übel, daß wir nicht wie sie leben, der Geselligkeit nicht
+höhere Pflichten aufopfern wollen -- das ist eine Unart, deren man
+sich enthalten soll. Es heißt nicht, sich absondern, wenn man zu Hause
+bleibt, um zu thun, was man ~thun soll~, und wovon man Rechenschaft
+geben muß.
+
+
+ 63.
+
+Und nun weiter, zu den ~besondern Umgangs-Regeln~ -- doch vorher
+noch eine Erinnerung! Wenn ich allein, oder auch nur vorzüglich, für
+Frauenzimmer schriebe, so würde ich eine Menge der schon gegebenen
+und noch folgenden Vorschriften, theils gänzlich übergehen, theils
+modificiren, theils andre an deren Stelle setzen müssen, die alsdann
+für Männer weniger brauchbar wären. -- Das ist indessen nicht der Zweck
+meines Buchs. Weise Frauenzimmer allein können den Personen ihres
+Geschlechts die besten Lehren über ihr Betragen im gesellschaftlichen
+Leben ertheilen; das ist eine Arbeit, die Männern nicht gelingen würde.
+Findet jedoch das schöne Geschlecht auch etwas für sich Brauchbares
+in diesen Blättern: so wird das meine Zufriedenheit über mein eignes
+Werk sehr vermehren. Uebrigens haben Frauenzimmer in ihrem Umgange in
+der That Rücksichten zu nehmen, die bei uns gänzlich wegfallen. Sie
+hängen viel mehr vom äussern Rufe ab, dürfen nicht so zuvorkommend im
+Umgange seyn, müssen sich im Ganzen mehr leidend verhalten, und eine
+Art von scheuer Zurückhaltung beobachten, und kommen selten oder gar
+nicht in die schwierigen gesellschaftlichen Verhältnisse, in welche
+der Mann kommt, werden endlich auch durch einen gewissen feinen Takt
+richtig geleitet, ohne der Regeln zu bedürfen. Man verzeiht ihnen
+von einer Seite weniger Unvorsichtigkeiten, und von der andern mehr
+Launen; ihre Schritte werden früher wichtig für sie, indeß dem Knaben
+und Jünglinge manche Unvorsichtigkeit nachgesehen wird; ihre Existenz
+schränkt sich auf den häuslichen Cirkel ein, da hingegen des Mannes
+Lage ihn eigentlich fester an den Staat, an die große bürgerliche
+Gesellschaft knüpft. Daher gibt es Tugenden und Laster, Handlungen
+und Unterlassungen, die bei dem ersten Geschlechte von ganz andern
+Folgen sind, als bei dem zweiten. -- Doch über dies alles ist den
+Damen so viel Gutes in andern Büchern gesagt worden, daß jede weitere
+Ausführung dieses Gegenstandes hier am unrechten Orte stehen würde.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit sich selbst.
+
+
+ 1.
+
+Die Pflichten gegen uns selbst sind die wichtigsten und ersten,
+und also ist der Umgang mit unsrer eignen Person gewiß weder der
+unnützeste, noch uninteressanteste. Es ist daher nicht zu verzeihen,
+wenn man sich immer unter andern Menschen umhertreibt, über den
+Umgang mit Menschen seine eigne Gesellschaft vernachlässigt,
+gleichsam vor sich selber zu fliehen scheint, sein eignes Ich nicht
+zu erforschen und zu veredeln sucht, indem man sich unaufhörlich in
+fremde Angelegenheiten mischt. Wer täglich herumläuft, und sich von
+Neuigkeiten nährt, wird fremd in seinem eignen Hause; wer immer in
+Zerstreuungen lebt, wird fremd in seinem eignen Herzen, muß im Gedränge
+müßiger Leute seine klägliche Langeweile zu tödten trachten, verliert
+endlich alle Zuversicht zu sich selbst, und verzagt, wenn er einmal
+Zerstreuungen entbehren, und eine Zeitlang mit sich selbst allein seyn
+muß. Wer nur solche Cirkel sucht, in welchen seine Eitelkeit reichliche
+Nahrung findet, verliert endlich so sehr den Sinn für Wahrheit, daß
+er selbst die lautesten Erinnerungen seines Gewissens überhört, oder
+sich vorsätzlich dagegen betäubt, indem er sich allen Zerstreuungen des
+Lebens hingibt.
+
+
+ 2.
+
+Hüte Dich also, Deinen nächsten und ersten Freund, Dein eigenes Herz,
+so zu vernachlässigen, daß Du es öde und leer findest, wenn Du aus
+seiner Tiefe Trost und Erquickung zu schöpfen gedachtest. Ach! es
+kommen Augenblicke, in denen Du Dich selbst nicht verlassen darfst,
+wenn Dich auch jedermann verläßt; Augenblicke, in welchen der Umgang
+mit Deinem Ich der einzige tröstliche ist. -- Was wird aber in solchen
+Augenblicken aus Dir werden, wenn Du mit Deinem eignen Herzen nicht in
+Frieden lebst, und auch von dieser Seite aller Trost, alle Hülfe Dir
+versagt wird? Und nicht bloß von dieser Seite läufst Du Gefahr, wenn
+Du ein Fremdling in Deinem eigenen Herzen geworden bist, sondern auch
+noch von einer andern; Du bringst es nämlich nie zu einer gründlichen
+Menschenkenntniß, lernst nie, die Menschen behandeln, und ihre
+Schwachheiten ertragen, wenn Du Dich selbst nicht kennst, und nicht
+Dein eigenes Herz zu behandeln weißt.
+
+
+ 3.
+
+Willst Du aber im Umgange mit Dir Trost, Glück und Ruhe finden, so mußt
+Du eben so vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit Dir selber umgehn,
+wie mit Andern, also daß Du Dich weder durch Mißhandlung erbitterst und
+niederdrückest, noch durch Vernachlässigung zurücksetzest, noch durch
+Schmeichelei verderbest.
+
+
+ 4.
+
+Sorge für die Gesundheit Deines Leibes und Deiner Seele; aber verzärtle
+beide nicht! Wer auf seinen Körper losstürmt, der verschwendet ein
+Gut, welches oft allein hinreicht, ihn über Menschen und Schicksal
+zu erheben, und ohne welches alle Schätze der Erde eitle Bettelwaare
+sind. Wer aber jedes Lüftchen fürchtet, und jede Anstrengung und
+Uebung seiner Glieder scheuet: der lebt ein ängstliches, nervenloses
+Austern-Leben, und versucht es vergeblich, die verrosteten Federn in
+den Gang zu bringen, wenn er in den Fall kömmt, seiner natürlichen
+Kräfte zu bedürfen. Wer sein Gemüth ohne Unterlaß dem Sturme der
+Leidenschaften preisgibt, oder die Segel seines Geistes unaufhörlich
+spannt, der läuft auf den Strand, oder muß mit durchlöchertem
+Fahrzeuge nach Hause laviren, wenn grade die beste Jahrszeit zu neuen
+Entdeckungen eintritt. Wer aber die Kräfte seines Verstandes und
+Gedächtnisses immer schlummern läßt, oder vor jedem kleinen Kampfe, vor
+jeder Art von Anstrengung zurückbebt; der hat nicht nur wenig wahren
+Genuß, sondern ist auch ohne Rettung verloren, da, wo es auf Kraft,
+Muth und Entschlossenheit ankommt.
+
+Hüte Dich vor eingebildeten Leiden des Leibes und der Seele! Laß Dich
+nicht gleich niederbeugen von jedem widrigen Vorfalle, von jeder
+körperlichen Unbehaglichkeit! Fasse Muth! Sey getrost! Alles in der
+Welt geht vorüber; alles läßt sich überwinden, durch Standhaftigkeit;
+alles läßt sich vergessen, und verschmerzen, wenn man seine
+Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand heftet. Dazu soll Dir die
+Gesellschaft die Hand bieten; sie soll Deine schmerzlichen Gefühle
+lindern, Deinen Gedanken eine Richtung geben, welche Deinem Herzen
+wohlthue; aber diesen Dienst kann sie Dir nur leisten, wenn Du sie
+~aufsuchst~; sie sucht Dich nicht auf, denn sie weiß nicht, daß Du
+ihrer bedarfst. So mußt Du denn vor allem mit Dir selbst umzugehen
+wissen, ehe Dir die Wohlthat des Umgangs mit Andern zu Theil werden
+kann, mußt die Kraft haben, Dich in so weit zu ermannen, daß Du den
+Muth hast, mit einem traurigen oder verwundeten Herzen unter die
+Menschen zu treten, ohne Deinen Schmerz sichtbar werden zu lassen.
+
+
+ 5.
+
+Ehre Dich selbst, wenn Du willst, daß Andre Dich ehren sollen! Thue
+nichts im Verborgnen, dessen Du Dich schämen müßtest, wenn es ein
+Fremder sähe! Handle, weniger Andern zu gefallen, als um Deine eigne
+Achtung nicht zu verscherzen, gut und anständig! Selbst in Deinem
+Aeussern, in Deiner Kleidung halte Dir keine Nachlässigkeit zu gute,
+wenn Du allein bist! Gehe nicht schmutzig, nicht zerlumpt, nicht
+unrechtlich, nicht krumm, noch mit groben Manieren einher, wenn Dich
+niemand beobachtet! Mißkenne Deinen eignen Werth nicht! Verliere nie
+die Zuversicht zu Dir selber, laß das Bewußtseyn Deiner Menschenwürde,
+das Gefühl, wenn nicht eben so weise und geschickt, als manche Andre,
+zu seyn, doch weder an Eifer, es zu werden, noch an Redlichkeit
+des Herzens, irgend jemand nachzustehen, nie in Deinem Herzen
+ersterben. Begleitet es Dich in die Gesellschaft, so wirst Du nie aus
+Schüchternheit und Aengstlichkeit den Beitrag schuldig bleiben, den Du
+zur Unterhaltung liefern sollst.
+
+
+ 6.
+
+Verzweifle nicht, und werde nicht mißmüthig, wenn Du nicht die
+moralische oder intellectuelle Höhe erreichen kannst, auf welcher ein
+Anderer steht; und sey nicht so unbillig, andre gute Seiten an Dir zu
+übersehen, die Du vielleicht vor Jenen voraus haben magst! -- Und wäre
+das auch nicht der Fall; müssen wir denn Alle groß seyn?
+
+Willst Du im Umgange Genuß des Lebens, und Freunde finden, so laß
+Dich nicht von der Begierde blenden, den Ton anzugeben, und in der
+Gesellschaft zu glänzen. Mit dieser Begierde wirst Du überall Anstoß
+und Aergerniß geben und finden, und jede Auszeichnung theuer erkaufen;
+denn wer sich selbst erhöhet, den erniedrigt die Gesellschaft; sie
+wird hart und ungerecht gegen ihn, und zwingt ihn endlich, sie ganz
+aufzugeben. Ich begreife es wohl: diese Sucht, ein großer Mann zu
+seyn, ist bei dem inneren Gefühle von Kraft und wahrem Werthe schwer
+abzulegen. Wenn man so unter mittelmäßigen Geschöpfen lebt, und sieht,
+wie wenig diese erkennen und schätzen, was Gutes in uns ist, wie wenig
+man über sie vermag, wie die elendesten Pinsel, die alles im Schlafe
+erlangen, aus ihrer Herrlichkeit herunter blicken -- ja! es ist
+hart! -- Du versuchst es in allen Fächern: Im Staate geht es nicht;
+Du willst in Deinem Hause groß seyn; aber es fehlt Dir an Gelde, an
+dem Beistande Deines Weibes; Deine Laune wird von häuslichen Sorgen
+niedergedrückt; und so geht dann alles den Alltagsgang; Du empfindest
+tief, wie so alles in Dir zu Grunde geht; Du kannst Dich durchaus nicht
+entschließen, ein Mitglied des großen Haufens zu werden, und Dich auf
+der Heerstraße in schlechter Gesellschaft herumzutreiben. -- Das alles
+fühle ich mit Dir; allein verliere doch darum nicht den Muth, den
+Glauben an Dich selbst und an die Würde und den Adel der Menschennatur;
+verzweifle darum nicht, Menschen auf Deinem Lebenswege zu finden, die
+Dich wieder mit der Welt aussöhnen. Und solltest Du sie nicht finden,
+könntest Du nicht eine Höhe erringen, auf welcher Du Dir selbst genug
+bist, und nur des Umgangs mit den Weisen des Alterthums und Deines
+Volks bedarfst? Du stehst auf dieser Höhe, wenn Du durch Reinheit,
+Güte und Kraft der Gesinnung ein Bewußtseyn Deines Werthes und Deiner
+Würde gewonnen, und durch sorgsame Bildung Deines Geistes Dir eine
+unerschöpfliche Quelle des Genusses eröffnet hast.
+
+
+ 7.
+
+Sey Dir selber ein angenehmer Gesellschafter! Mache Dir keine
+Langeweile; das heißt: sey nie ganz müßig! Lerne Dich selbst nicht zu
+sehr auswendig; sondern sammle aus Büchern und Menschen neue Ideen. Man
+glaubt es gar nicht, welch ein eintöniges Wesen man wird, wenn man sich
+immer in dem Cirkel seiner eignen Lieblings-Begriffe herumdreht, und
+wie man dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der Stirne trägt.
+
+Der langweiligste Gesellschafter für sich selbst ist man ohne Zweifel
+dann, wenn man mit seinem Herzen, mit seinem Gewissen in nachtheiliger
+Abrechnung steht. Wer sich davon überzeugen will, der gebe Acht auf die
+Verschiedenheit seiner Laune. Wie verdrießlich, wie zerstreuet, wie
+sehr sich selbst zur Last ist man nach einer Reihe zwecklos, vielleicht
+gar in strafbarem Genusse hingebrachter Stunden; und wie heiter, wie
+froh in der Unterhaltung mit sich selbst am Abend eines der Pflicht
+geweihten Tages!
+
+
+ 8.
+
+Es ist aber nicht genug, daß Du Dir selbst durch Heiterkeit und
+Gleichmuth, Thätigkeit und Betriebsamkeit ein lieber, angenehmer und
+unterhaltender Gesellschafter seyest, Du sollst Dich auch, fern von
+aller Schmeichelei, als Deinen eignen, treuesten und aufrichtigsten
+Freund zeigen; und wenn Du eben so viel Gefälligkeit gegen Deine
+Person, als gegen Fremde haben willst, so ist es auch Pflicht, eben so
+strenge gegen Dich, wie gegen Andre zu seyn. Gewöhnlich erlaubt man
+sich alles, verzeiht sich alles, und Andern nichts; gibt bei eignen
+Fehltritten, wenn man sie auch dafür anerkennt, dem Schicksale, oder
+unwiderstehlichen Trieben die Schuld, ist aber weniger duldend gegen
+die Verirrung seiner Brüder. -- Das ist nicht gut gethan.
+
+
+ 9.
+
+Hüte Dich besonders vor der pharisäischen Tugend, welche der wahre
+Bettelstolz ist, und sprich also nicht zu Dir selbst, denke nicht bei
+Dir selbst: ich danke Gott, daß ich nicht bin, wie andere Leute, kein
+Tagedieb, kein Pflastertreter, kein Falschmünzer, kein Ehrloser u.
+dgl. m.; sondern beurtheile Dich nach den Graden Deiner Fähigkeiten,
+Anlagen, Erziehung, und der Gelegenheit, die Du gehabt hast, weiser und
+besser zu werden, als Viele. Halte hierüber oft in einsamen Stunden
+Abrechnung mit Dir selber, und frage Dich, als ein strenger Richter, ob
+Du also diese Winke zu höherer Vervollkommnung genützt habest?
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit Menschen von verschiednen Gemüthsarten,
+ Temperamenten und Stimmungen des Geistes und Herzens.
+
+
+ 1.
+
+Man pflegt gewöhnlich vier Hauptarten von Temperamenten anzunehmen,
+und zu behaupten, ein Mensch sey entweder cholerisch, phlegmatisch,
+sanguinisch, oder melancholisch. Obgleich nun wohl schwerlich je eine
+dieser Gemüthsarten so ausschließlich in uns wohnt, daß dieselbe
+nicht durch einen kleinen Zusatz von einer andern modificirt würde,
+da dann aus dieser unendlichen Mischung der Temperamente jene feinen
+Nüancen und die herrlichsten Mannigfaltigkeiten entstehen: so ist doch
+mehrentheils in dem Segelwerke jedes Erdensohns einer von jenen vier
+Hauptwinden vorzüglich wirksam, um seinem Schiffe auf dem Oceane dieses
+Lebens die Richtung zu geben. Soll ich mein Glaubensbekenntniß über die
+vier Haupt-Temperamente ablegen, so muß ich aus Ueberzeugung Folgendes
+sagen:
+
+Bloß ~cholerische~ Leute flieht vernünftiger Weise Jeder, dem seine
+Ruhe lieb ist. Ihr Feuer brennt unaufhörlich, zündet und verzehret,
+ohne zu wärmen.
+
+Bloß ~Sanguinische~ sind unzuverlässige Weichlinge, ohne Kraft und
+Festigkeit.
+
+Bloß ~Melancholische~ sind sich selber, und bloß ~Phlegmatische~ Andern
+eine unerträgliche Last.
+
+~Cholerisch-sanguinische~ Leute sind die, welche in der Welt sich
+am mehrsten bemerklich machen und gefürchtet werden, welche Epoche
+machen, am kräftigsten wirken, herrschen, zerstören und bauen;
+cholerisch-sanguinisch ist also der wahre Herrscher- (der Despoten-)
+Charakter; aber nur noch ein Grad von melancholischem Zusatze, -- und
+der furchtbarste Tyrann ist gebildet.
+
+~Sanguinisch-phlegmatische~ leben wohl am glücklichsten, am ruhigsten
+und ungestörtesten, genießen mit Lust, mißbrauchen nicht ihre Kräfte,
+kränken niemand, vollbringen aber auch nichts Großes; allein dieser
+Charakter, im höchsten Grade, artet in geschmacklose, dumme und grobe
+Wollust aus.
+
+~Cholerisch-melancholische~ richten viel Unheil an: Blutdurst, Rache,
+Verwüstung, Hinrichtung des Unschuldigen und Selbstmord sind nicht
+selten die Folgen dieser Gemüthsart.
+
+~Melancholisch-sanguinische~ zünden sich mehrentheils an beiden Enden
+zugleich an, und reiben sich selber an Leib und Seele auf.
+
+~Cholerisch-phlegmatische~ Menschen trifft man selten an; es scheint
+ein Widerspruch in dieser Zusammensetzung zu liegen; und dennoch
+gibt es deren, bei welchen diese beiden Extreme wie Ebbe und Fluth
+abwechseln, und solche Leute taugen durchaus zu keinen Geschäften, zu
+welchen gesunde Vernunft und Gleichmüthigkeit erfordert werden. Sie
+sind nur mit äusserster Mühe in Bewegung zu setzen, und hat man sie
+endlich in die Höhe gebracht, dann toben sie wie wilde Thiere umher,
+fallen mit der Thür in das Haus, und verderben alles durch ihren
+rasenden Ungestüm.
+
+~Melancholisch-phlegmatische~ Leute aber sind wohl unter allen
+die unerträglichsten, und mit ihnen zu leben, das ist für jeden
+vernünftigen und guten Menschen die Hölle auf Erden.
+
+Noch einmal! die Mischungen sind unendlich verschieden. Wo man aber
+eins dieser Temperamente entschieden die Oberhand nehmen sieht,
+da findet man auch in seinem Gefolge gewisse, diesem Temperamente
+besonders eigne Tugenden und Laster. So sind z. B. sanguinische Leute
+mehrentheils eitel, aber wohlwollend, theilnehmend, ergreifen alles mit
+einer großen Lebhaftigkeit und selbst mit Leidenschaft; cholerische
+pflegen ehrgeizig zu seyn; melancholische sind mißtrauisch, und nicht
+selten geizig; und phlegmatische beharren eigensinnig auf vorgefaßten
+Meinungen, um sich die Mühe des Nachdenkens zu ersparen. -- Man muß die
+Gemüthsarten der Menschen studiren, in so fern man im Umgange mit ihnen
+auf sie wirken will. Ich kann hier nur einzelne Fingerzeige geben, wenn
+ich mein Buch nicht zur Ungebühr ausdehnen will.
+
+
+ 2.
+
+~Herrschsüchtige~ Menschen sind schwer zu behandeln, und passen nicht
+zum freundschaftlichen und geselligen Umgange. Sie wollen überall
+durchaus die erste Rolle spielen; alles soll nach ihrem Kopfe gehen.
+Was sie nicht ersonnen, angeordnet, bestimmt und gewollt haben, das
+verachten sie nicht nur; nein! sie zerstören es, wenn sie können. Wo
+sie hingegen an der Spitze stehen, oder wo man sie wenigstens glauben
+macht, daß alles nach ihrem Sinne gehe, und ihr Werk sey, da arbeiten
+sie mit unermüdetem Eifer, und stürzen alles vor sich weg, was ihrem
+Zwecke im Wege ist. Zwei herrschsüchtige Leute neben einander taugen
+zu gar nichts in der Welt, und zertrümmern alles um sich her, aus
+Privat-Leidenschaft. Hieraus nun ist leicht abzunehmen, wie man sich
+gegen solche Leute zu betragen habe, wenn man mit ihnen leben muß; und
+ich glaube darüber nichts hinzufügen zu dürfen.
+
+
+ 3.
+
+~Ehrgeizige~ Menschen müssen ungefähr auf eben diese Art behandelt
+werden. Der Herrschsüchtige ist zugleich auch ehrgeizig, aber umgekehrt
+der Ehrgeizige nicht immer herrschsüchtig, sondern begnügt sich auch
+wohl mit einer Nebenrolle, in so fern er darin nur mit einigem Glanze
+zu erscheinen hoffen darf; ja es können Fälle kommen, wo er selbst in
+der Erniedrigung Ehre sucht; doch verzeiht er nichts weniger, als wenn
+man ihn an dieser schwachen Seite kränkt.
+
+
+ 4.
+
+Der ~Eitle~ will geschmeichelt seyn; Lob kitzelt ihn unaussprechlich;
+und wenn man ihm Aufmerksamkeit, Zuneigung, Bewundrung widmet: so
+braucht nicht eben große Ehrenbezeigung damit verbunden zu seyn. Da
+nun jeder Mensch mehr oder weniger von der Begierde, zu gefallen, sich
+geltend zu machen und vortheilhafte Eindrücke zu machen, beherrscht
+oder in Bewegung gesetzt wird: so kann man ohne Sünde hie und da einem
+sonst guten Menschen, dem diese kleine Schwachheit anklebt, in solchen
+Punkten ein wenig nachsehn; ein Wörtchen, das er gern hört, gegen ihn
+fallen lassen, ihm erlauben, an dem Lobe, das er einerndtet, sich
+zu erquicken, oder sich selbst bei Gelegenheit ein wenig zu loben.
+Das schändlichste Handwerk aber treiben die niedrigen Schmeichler,
+die durch unaufhörliches Weihrauch-Streuen eitlen Leuten den Kopf so
+betäuben, daß diese zuletzt nichts anders mehr hören mögen, als Lob;
+daß ihre Ohren für die Stimme der Wahrheit verschlossen sind, und daß
+sie jeden guten graden Mann fliehen und zurücksetzen, der sich nicht so
+weit erniedrigen kann, oder es für eine Art von Unbescheidenheit und
+Grobheit hält, ihnen dergleichen Süßigkeiten in's Gesicht zu werfen.
+Gelehrte und Damen pflegen am mehrsten in diesem Falle zu seyn, und
+ich habe deren einige gekannt, mit denen ein schlichter Biedermann
+deswegen fast gar nicht umgehen konnte. Wie die Kinder dem Fremden nach
+den Taschen schielen, um zu erfahren, ob man ihnen keine Zuckerplätzen
+mitgebracht hat; so horchen Jene auf jedes Wort, das Du sprichst, um zu
+vernehmen, ob es nicht etwas Verbindliches für sie enthält, und werden
+mürrischer Laune, sobald sie sich in ihrer Hoffnung betrogen finden.
+Der höchste Grad dieser Eitelkeit führt zu einem Egoismus, der zu aller
+gesellschaftlichen und freundschaftlichen Verbindung untüchtig macht,
+und dem Eiteln eben so sehr zur Last, wie dem zum Ekel wird, der mit
+ihm leben muß.
+
+Obgleich man nun solchen eiteln Leuten nicht schmeicheln soll, so
+hat doch auch nicht Jeder Beruf, sich mit ihrer Zurechtweisung zu
+befassen, besonders wenn sie mit ihm in keiner nähern Verbindung
+stehen, noch weniger, sie zu demüthigen, oder ihnen jede Gefälligkeit
+und Höflichkeitsbezeigung zu versagen; und es ist unbillig, wenn
+diejenigen, welche täglich mit ihnen leben müssen, dieß von uns
+verlangen; wenn sie fordern, daß wir mit Hand anlegen sollen, ihre
+verzognen Freunde umzubilden.
+
+Eitle Leute pflegen gern Andern zu schmeicheln, um dagegen desto
+größere Schmeicheleien als Bezahlung einzuholen, und weil sie das für
+das einzige würdige Opfer, für die einzige vollwichtige Münze halten.
+
+
+ 5.
+
+Von Herrschsucht, Ehrgeiz und Eitelkeit ist ~Hochmuth~, so wie von
+~Stolz~, unterschieden. Ich möchte gern, daß man Stolz für eine
+edle Eigenschaft der Seele ansähe; für ein Bewußtseyn wahrer innrer
+Erhabenheit und Würde; für ein Gefühl der Unfähigkeit, niederträchtig
+zu handeln. Dieser Stolz führt zu großen, edlen Thaten; er ist die
+Stütze des Redlichen, wenn er von jedermann verlassen ist; er erhebt
+über Schicksal und schlechte Menschen, und erzwingt selbst von dem
+mächtigen Bösewichte den Tribut der Bewunderung, den er wider Willen
+dem unterdrückten Weisen zollen muß. Hochmuth hingegen brüstet sich mit
+Vorzügen, die er nicht hat; bildet sich auf Dinge etwas ein, die gar
+keinen Werth haben. Hochmuth ist es, der den Pinsel von sechszehn Ahnen
+aufbläht, und zu der Thorheit verleitet, daß er die Verdienste seiner
+Vorfahren -- die oft nicht einmal seine ächten Vorfahren sind, und oft
+nicht einmal Verdienst gehabt haben, -- ~sich~ anrechnet, als wenn
+Tugenden zu dem Inventario eines alten Schlosses gehörten! Hochmuth ist
+es, der den reichen Bürger so grob, so steif, so ungesellig macht. Und
+wahrlich! dieser pöbelhafte Hochmuth ist, da er mehrentheils von Mangel
+an Lebensart und ungeschickten Manieren begleitet wird, wo möglich,
+noch empörender als der des Adels. Hochmuth ist es, der den Künstler
+mit so viel Zuversicht zu seinen Talenten erfüllt, die, sollten sie
+auch von niemand anerkannt werden, ihn dennoch in seiner Meinung
+von sich selbst über alle Erdensöhne hinaussetzen. Er wird, wenn
+niemand ihn bewundert, eher auf die Geschmacklosigkeit der ganzen Welt
+schimpfen, als auf den natürlichen Gedanken gerathen, daß es wohl mit
+seiner Kunst nicht so ganz richtig seyn müsse.
+
+Wenn dieser Hochmuth nun gar in einem armen, verachteten Subjekte
+wohnt, so wird er ein Gegenstand des Mitleidens, und pflegt eben nicht
+viel Unheil anzurichten. Er ist aber übrigens fast immer mit Dummheit
+gepaart, also durch keine vernünftigen Gründe zu bessern, und keiner
+bescheidnen Behandlung werth. Hier hilft nichts, als Uebermuth gegen
+Uebermuth zu setzen, oder den Schein anzunehmen, als bemerke man ein
+hochmüthiges Betragen gar nicht; oder Leute, die sich aufblasen, gar
+keiner Achtsamkeit zu würdigen, sie anzusehen, wie man auf einen
+leeren Platz hinblickt, selbst wenn man ihrer bedarf; denn je mehr man
+nachgibt, desto mehr fordern, desto übermüthiger werden sie. Bezahlt
+man sie aber mit gleicher Münze, so weiß ihre Dummheit nicht, was sie
+aus dieser Erfahrung machen soll, fühlt sich aber doch gedemüthigt, und
+spannt gewöhnlich andre Saiten auf.
+
+
+ 6.
+
+Mit sehr ~empfindlichen~, leicht zu beleidigenden Leuten ist es nicht
+angenehm umzugehen. Allein diese Empfindlichkeit kann verschiedne
+Quellen haben. Hat man daher nachgespürt, ob der Mann, mit welchem
+wir leben müssen, und der leicht durch ein kleines unschuldiges
+Wörtchen, oder durch eine zweideutige Miene, oder durch einen Mangel an
+Aufmerksamkeit, gekränkt und vor den Kopf gestoßen wird, aus Eitelkeit,
+wie es mehrentheils der Fall ist, oder aus Ehrgeiz, oder weil er oft
+von bösen Menschen hintergangen und geneckt worden ist, oder endlich
+deswegen so leicht sich beleidigt glaubt, weil sein Herz zu zärtlich
+fühlt, weil er von Andern eben so viel verlangt, als er ihnen selbst
+gibt: so muß man sein Betragen danach einrichten, und jeden Anstoß
+dieser Art sorgfältig und aus Achtung zu vermeiden suchen; doch ist
+diese Aufgabe allerdings oft eine sehr schwere Aufgabe, und nur ein
+bescheidenes, dankbares und gefühlvolles Herz vermag sie zu lösen. Ist
+er übrigens redlich und verständig, so wird seine Verstimmung nicht
+lange dauren; er wird durch eine gerade, freundliche Erklärung bald
+zu besänftigen seyn; er wird zu denen, welche er für wahre Freunde
+erkennt, ein unbegrenztes Vertrauen fassen, und endlich, wenn man immer
+edel und offen mit ihm umgeht, von seiner Schwachheit zurückkommen.
+
+Von allen diesen Thoren und Schwächlingen sind in der That diejenigen
+am schwersten zu befriedigen, und der Gesellschaft am lästigsten, die
+sich jeden Augenblick vernachlässigt, zurückgesetzt, nicht genug geehrt
+glauben. Es ist ein großes Unglück, in diesen Fehler zu verfallen,
+denn man verkümmert und verbittert sich durch solch eine thörichte
+Reizbarkeit nicht nur jedes gesellschaftliche Vergnügen, sondern fällt
+auch Andern zur Last, macht sich verhaßt, oder wenigstens gefürchtet,
+und erreicht nicht, was man zu erreichen so ängstlich strebt.
+
+
+ 7.
+
+~Eigensinnige~ Menschen sind viel schwerer zu behandeln, als sehr
+empfindliche; doch ist mit ihnen auszukommen, wenn sie übrigens
+verständig sind. Sie pflegen dann, in so fern man ihnen nur in dem
+ersten Augenblicke nachzugeben scheint, bald von selber der Stimme
+der Vernunft Gehör zu geben, ihr Unrecht und die Feinheit unsrer
+Behandlung zu fühlen, und wenigstens auf eine kurze Frist geschmeidiger
+zu werden. Ein Elend aber ist es, Starrköpfigkeit in Gesellschaft von
+Dummheit anzutreffen und behandeln zu müssen. Da helfen weder Gründe,
+noch Schonung. Es ist da mehrentheils nichts weiter zu thun, als einen
+solchen steifsinnigen Pinsel blindlings handeln zu lassen, ihn aber
+so in seine eignen Ideen, Plane und Unternehmungen zu verwickeln, daß
+er, wenn er durch übereilte, unkluge Schritte in Verlegenheit geräth,
+sich selbst nach unsrer Hülfe sehnen muß. Dann läßt man ihn eine
+Zeitlang zappeln, wodurch er nicht selten demüthig und folgsam wird,
+und das Bedürfniß, geleitet zu werden, fühlt. Hat aber ein schwacher,
+eigensinniger Kopf von ungefähr ein einzigmal gegen uns Recht gehabt,
+oder uns über einen kleinen Fehler erwischt; dann thue man nur Verzicht
+darauf, ihn je wieder zu leiten! Er wird uns immer zu übersehen
+glauben, und unsrer Einsicht und Rechtschaffenheit nie trauen; und das
+ist eine höchst verdrießliche Lage.
+
+Bei diesen beiden Gattungen von Menschen aber helfen in
+dem ersten Augenblicke keine noch so nachdrückliche Vorstellungen,
+indem sie dadurch nur noch mehr verhärtet werden. Hängen wir von
+Ihnen ab, und sie geben uns Aufträge, wovon wir voraussehen, daß sie
+nachher von ihnen selbst werden gemißbilligt werden: so kann man nichts
+Klügeres thun, als ihnen ohne Widerrede Gehorsam zu versprechen, aber
+entweder die Befolgung so lange zu verschieben, bis sie sich indeß
+eines Bessern besinnen, oder in der Stille die Sache nach eignen
+Einsichten einzurichten, welches sie gewöhnlich in ruhigen Augenblicken
+zu billigen pflegen, besonders wenn man sich den Schein zu geben weiß,
+als habe man ihren Befehl also verstanden, und es klüglich unterläßt,
+sich seiner besseren Einsicht zu rühmen; eine Selbstverleugnung, die
+sich sogleich belohnt.
+
+Nur in sehr wenig dringenden, oder sonst höchst wichtigen Fällen kann
+es nützlich und nöthig seyn, Eigensinn gegen Eigensinn aufzuspannen,
+und schlechterdings nicht nachzugeben. Doch geht alle Wirkung
+dieses Mittels verloren, wenn man es zu oft, und bei unbedeutenden
+Gelegenheiten, oder gar da anwendet, wo man Unrecht hat. Wer immer
+zankt, der hat die Vermuthung gegen sich, immer Unrecht zu haben; es
+ist also weise gehandelt, den Andern in diesen Fall zu setzen.
+
+
+ 8.
+
+Eine besondre Gemüthsart, die mehrentheils aus Eigensinn entspringt,
+doch auch wohl zuweilen bloß Sonderbarkeit, oder ungesellige Laune,
+oder nur üble Gewohnheit zur Quelle hat, ist die ~Zanksucht~. Es gibt
+Menschen, die alles besser wissen wollen, allem widersprechen, was man
+vorbringt; oft gegen eigene Ueberzeugung widersprechen, um nur das
+Vergnügen zu haben, streiten zu können. Andre setzen eine Ehre darein,
+~Paradoxen~ aufzustellen, um sich ein Ansehn von Tiefsinn zu geben;
+Dinge zu behaupten, die kein Vernünftiger irgend ernstlich also meinen
+kann, bloß damit man mit ihnen darüber plaudern solle. Endlich noch
+Andre, die man +Querelleurs+ (~Stänker~) nennt, suchen vorsätzlich
+Gelegenheit zu persönlichem Zanke, um eine Art von Triumph über
+furchtsame Leute zu gewinnen, über Leute, die wenigstens noch feiger
+sind, als sie; oder, wenn sie mit dem Degen umzugehen wissen, ihren
+falschen und tollen Muth in einem thörichten Zweikampfe zu zeigen.
+
+In dem Umgange mit allen diesen Leuten ist unüberwindliche
+Kaltblütigkeit, die sich durchaus nicht in Hitze bringen läßt, das
+unfehlbare Mittel, sie in Verlegenheit zu bringen, und zum Nachgeben
+oder zu einem versteckten Rückzuge zu nöthigen. Mit denen von der
+ersten Gattung lasse man sich in gar keinen Streit ein, sondern
+breche gleich das Gespräch ab, sobald sie aus Muthwillen anfangen,
+zu widersprechen. Dieß ist das einzige Mittel, ihrem Zankgeiste,
+wenigstens gegen uns, Schranken zu setzen, und viel unnütze Worte zu
+sparen. Denen von der zweiten Gattung kann man je zuweilen die Freude
+machen, ihre Paradoxen ein wenig zu bekämpfen, oder doch besser, zu
+bespötteln. Die Letztern aber müssen viel ernsthafter behandelt werden.
+Kann man ihre Gesellschaft nicht vermeiden: kann man in derselben,
+durch ein entfernendes, kaltsinniges und zurückgezogenes Betragen
+ihrer Zudringlichkeit und ihren Grobheiten nicht ausweichen: so rathe
+ich, einmal für allemal ihnen so kräftig zu begegnen, daß ihnen die
+Lust vergehe, sich ein zweitesmal an uns zu reiben. Saget ihnen auf
+der Stelle, in unzweideutigen, männlichen Ausdrücken Eure Meinung,
+und lasset Euch durch ihre Aufschneiderei nicht irre machen! Man
+wird mir zutrauen, daß ich über den Zweikampf so denke, wie jeder
+vernünftige Mann darüber denken muß, nämlich, daß er eine unmoralische,
+unvernünftige Handlung sey. Sollte nun aber auch jemand, seiner
+bürgerlichen Lage nach, zum Beispiel ein Officier, durchaus sich dem
+Vorurtheile unterwerfen müssen, eine Beleidigung durch die andre und
+durch persönliche Rache auszulöschen: so kann doch dieser Fall nie dann
+eintreten, wenn er, ohne die geringste Veranlassung von seiner Seite,
+hämischer Weise angetastet wird; und der hat doppelt Unrecht, der
+gegen einen sogenannten Raufer mit andern Waffen, als mit Verachtung,
+oder, wenn es ihm gar zu nahe gelegt wird, anders, als mit einem
+geschmeidigen spanischen Rohre kämpft, und hat nachher Unrecht, wenn er
+ihm Genugthuung gibt, wie man das zu nennen pflegt.
+
+Im Allgemeinen aber wohnt in manchen Menschen ein sonderbarer Geist des
+Widerspruchs. Sie wollen immer haben, was sie nicht erlangen können;
+sind nie mit dem zufrieden, was Andre thun; murren gegen Alles, was
+grade ~sie~ nicht also bestellt haben, und wäre es auch noch so gut.
+Es ist bekannt, daß man solche Leute sehr oft dadurch leiten kann, daß
+man ihnen entweder das Gegentheil von ~dem~ vorschlägt, was man gern
+durchsetzen möchte, oder auf andre Weise sie unvermerkt dahin bringt,
+daß sie unsre eignen Ideen gegen uns durchsetzen müssen.
+
+
+ 9.
+
+~Jähzornige~ Leute beleidigen nicht mit Vorsatz. Sie sind aber nicht
+Meister über die Heftigkeit ihres Temperaments; und so vergessen sie
+sich in solchen stürmischen Augenblicken selbst gegen ihre geliebtesten
+Freunde, und bereuen nachher zu spät ihre Uebereilung. Ich brauche
+wohl nicht zu erinnern, daß Nachgiebigkeit -- vorausgesetzt, daß
+diese Leute, andrer guten Eigenschaften wegen, einiger Schonung werth
+scheinen, denn ausserdem muß man sie gänzlich fliehen; -- daß weise
+Nachgiebigkeit und Sanftmuth die einzigen Mittel sind, den Jähzornigen
+zur Vernunft zurückzuführen. Allein ich muß dabei erinnern, daß,
+phlegmatische Kälte dem Erzürnten entgegen zu setzen, ärger als der
+heftigste Widerspruch ist; er glaubt sich dann verachtet, und wird
+doppelt aufgebracht.
+
+
+ 10.
+
+Wenn der Jähzornige nur aus Uebereilung Unrecht thut, und über den
+kleinsten Anschein von Beleidigung in Hitze geräth; nachher aber auch
+eben so schnell wieder das zugefügte Unrecht bereuet, und das erlittene
+verzeiht; so verschließt hingegen der ~Rachgierige~ seinen Groll im
+Herzen, bis er Gelegenheit findet, ihm vollen Lauf zu lassen. Er
+vergißt nicht, vergibt nicht, auch dann nicht, wenn man ihm Versöhnung
+anbietet, wenn man alles, nur keine niederträchtigen Mittel anwendet,
+seine Gunst wieder zu erlangen. Er erwiedert sowohl das ihm zugefügte
+wahre, als das vermeintliche Uebel, und dieß nicht nach Verhältniß der
+Größe und Wichtigkeit desselben, sondern tausendfältig; für kleine
+Neckereien, wirkliche Verfolgung; für unüberlegte Ausdrücke, in
+Uebereilung geredet, thätige Mißhandlung; für eine Kränkung unter vier
+Augen, öffentliche Genugthuung; für beleidigten Ehrgeiz, Zerstörung
+wesentlicher Glückseligkeit. Seine Rache schränkt sich nicht auf die
+Person ein, sondern erstreckt sich auch auf die Familie, auf die
+bürgerliche Existenz und auf die Freunde des Beleidigers. Mit einem
+solchen Manne leben müssen, das ist in Wahrheit ein höchst trauriges
+Loos, und ich kann da nichts rathen, als daß man, so viel möglich,
+vermeide, ihn zu beleidigen, und zugleich sich in eine Art von
+ehrerbietiger Furcht bei ihm setze, die überhaupt das einzige wirksame
+Mittel ist, schlechte Leute im Zaume zu halten.
+
+
+ 11.
+
+~Faule~ und ~phlegmatische~ Menschen müssen ohne Unterlaß getrieben
+werden; und da doch fast jeder Mensch irgend eine herrschende
+Leidenschaft hat: so findet man zuweilen Gelegenheit, durch Aufregung
+derselben solche schläfrige Geschöpfe in Bewegung zu setzen.
+
+Es gibt unter ihnen solche, die bloß aus ~Unentschlossenheit~ die
+kleinsten Arbeiten jahrelang liegen lassen, ohne durch die Verlegenheit
+oder Beschämung gerührt zu werden, welche sie sich dadurch zuziehen,
+oder Andern verursachen, und ohne vor den Folgen zu erschrecken, die
+eine solche Saumseligkeit früher oder später herbeiführen muß. Auf
+einen Brief zu antworten, eine Quittung zu schreiben, eine Rechnung
+zu bezahlen -- ja! das ist eine Haupt- und Staats-Action, zu welcher
+unbeschreibliche Vorbereitungen gehören, und zu der sie sich, selbst
+bei den dringendsten Bitten und Anmahnungen, nicht entschließen können.
+Bei ihnen muß man zuweilen wirklich Gewalt brauchen; und ist das
+schwere Werk einmal überstanden, dann pflegen sie sich recht dankbar
+zu bezeigen, so übel sie auch anfangs unsre Zudringlichkeit aufnahmen.
+Aber wehe diesen Unentschlossenen, wenn sie nicht einen kräftigen
+Freund haben, der ihnen zu ihrer Rettung Gewalt anthut, und einmal alle
+Schonung aus den Augen setzt, um ihren Dank zu verdienen!
+
+
+ 12.
+
+~Mißtrauische~, ~argwöhnische~, ~mürrische~ und ~verschlossene~
+Leute sind wohl unter allen Lästigen und Widerwärtigen diejenigen,
+in deren Umgang ein edler gerader Mann am wenigsten von den Freuden
+des geselligen Lebens schmeckt. Wenn man jedes Wort abwägen, jeden
+unbedeutenden Schritt abmessen muß, um ihnen keine Gelegenheit zu
+schändlichem Verdachte zu geben; wenn kein Funken von erquickender
+Freude aus unserm Herzen in das ihrige übergeht; wenn sie keinen
+frohen Genuß mit uns theilen; wenn sie die Wonne der seltnen heitern
+Augenblicke, welche uns das Schicksal gönnt, uns nicht nur durch
+Mangel an Theilnehmung verkümmern und verbittern, sondern sogar,
+mitten in unsern glücklichsten Launen, uns unfreundlich stören, aus
+unsern süßesten Träumen uns verdrießlich aufwecken; wenn sie unsre
+Offenherzigkeit nie erwiedern, sondern immer auf ihrer Hut sind,
+in ihrem zärtlichsten Freunde einen Bösewicht, in ihrem treuesten
+Diener einen Betrüger und Verräther zu sehen glauben; dann gehört
+wahrlich ein hoher Grad von fester Rechtschaffenheit dazu, um nicht
+darüber selbst schlecht und menschenfeindlich zu werden. Hiebei
+ist nichts zu thun, wenn ein ungezwungenes, immer gleich redliches
+Betragen vergebens angewendet wird, wenn es nichts hilft, daß man
+ihnen jeden Zweifel, sobald man desselben gewahr wird, durch kräftige
+Vorstellungen benimmt, als daß man sich um ihren Argwohn und um ihr
+mürrisches Wesen schlechterdings nicht bekümmre, sondern muthig und
+munter den Weg fortgehe, den uns Klugheit und Gewissen vorschreiben.
+Uebrigens sind solche Menschen herzlich zu bedauern; sie leben sich
+und Andern zur Qual. Es liegt bei ihnen nicht immer Bösartigkeit zum
+Grunde; nein! eine unglückliche Stimmung des Gemüths, dickes Blut, oft
+auch Einwirkung des Schicksals, wenn sie gar zu oft sind hintergangen
+worden -- das sind mehrentheils die Quellen ihrer Seelenkrankheit. Und
+diese Krankheit ist in jüngern Jahren nicht ganz unheilbar, wenn die,
+welche ein solches Gemüth zu leiten haben, stets edel und grade mit
+ihm umgehen, ohne sich um seine Grillen und Launen zu bekümmern; nur
+so ist es möglich, die unglückliche Anlage zum Argwohn zu vertilgen,
+und ein ängstlich-scheues Gemüth mit dem seligmachenden Glauben
+auszustatten, daß es noch Redlichkeit und Freundschaft in der Welt
+gibt. Bei Personen von höherem Alter hingegen wird in der Regel jeder
+Versuch, ihnen diesen Glauben einzuflößen, fehlschlagen, und dies Uebel
+so tiefe Wurzel fassen, daß nichts übrig bleibt, als ihm Geduld und
+Kaltblütigkeit entgegen zu setzen.
+
+Am mehrsten sind diejenigen zu beklagen, bei denen dies Mißtrauen bis
+zum ~Menschenhasse~ gestiegen ist. Der Verfasser des Schauspiels:
+~Menschenhaß und Reue~, läßt in demselben den Major sagen, ich hätte
+vergessen, Vorschriften »für den Umgang mit dieser Art von Menschen
+zu geben.« Es ist wahr, ich habe hier wenig darüber gesagt: allein
+es ist auch unmöglich, dazu allgemeine Regeln vorzuschlagen, da es
+nothwendig ist, bei jedem einzelnen Falle genau mit den Quellen
+des Uebels bekannt zu seyn. In der Regel wird sichtbare, aber von
+aller Zudringlichkeit entfernte Theilnahme, kräftige Zurückweisung
+ungerechter Menschenverachtung durch Hinweisung auf Menschengröße
+und Edelmuth, besonders aber die zart und klug herbeigeführte
+Gelegenheit, Menschen aus großem Elende zu retten, und ihren Dank zu
+erwerben, nicht ohne Wirkung bleiben. Lebt ein Menschenhasser, ganz
+ohne Familien-Verbindung, in öder Einsamkeit oder Zurückgezogenheit,
+so ist er nicht zu retten. Hat er das Glück, in eine große Gefahr zu
+gerathen, und durch edelmüthige Selbstverleugnung, durch den Muth der
+großmüthigsten Menschenliebe, durch die Wunderthat eines großherzigen
+Menschenfreundes gerettet zu werden, so ist gründliche Heilung zu
+hoffen.
+
+
+ 13.
+
+~Neidische~, ~schadenfrohe~, ~mißgünstige~ und ~eifersüchtige~
+Gemüthsarten sollten wohl nur das Erbtheil hämischer, niederträchtiger
+Menschen seyn; und doch trifft man leider einen unglücklichen
+Zusatz von diesen bösen Eigenschaften in den Herzen solcher Leute
+an, die übrigens manche gute Eigenschaft haben. -- So schwach ist
+die menschliche Natur! -- Ehrgeiz und Eitelkeit können in uns das
+Gefühl erwecken, Andern ein Glück nicht zu gönnen, nach welchem wir
+ausschließlich streben; sey es nun Vermögen, Glanz, Ruhm, Schönheit,
+Gelehrsamkeit, Macht, ein Freund, eine Geliebte, oder was es auch
+sey; und sobald diese Empfindung einen gewissen Widerwillen gegen
+die Person in uns erzeugt hat, die, trotz unsrer Mißgunst, trotz
+unsrer Eifersucht, im Besitze jenes ihr mißgönnten Guts bleibt: dann
+können wir uns heimlich eines schadenfrohen Kitzels nicht erwehren,
+wenn es dieser Person ein wenig widrig geht, und die Vorsehung unsre
+feindseligen Gesinnungen, besonders, wenn wir schwach genug waren, sie
+zu äußern, gleichsam rechtfertigt. Ich werde bei den Gelegenheiten,
+wenn von Künstler-, Gelehrten- und Handwerks-Neide, von Mißgunst unter
+Fürsten, Vornehmen, Reichen und Leuten, die in der großen Welt leben,
+von Eifersucht unter Ehegenossen, Freunden und Geliebten die Rede seyn
+wird, manches sagen, was auch hier anwendbar, aber überflüssig zu
+wiederholen seyn würde, und es bleibt mir wirklich nichts hinzuzufügen
+übrig, als daß, um allem Neide in der Welt auszuweichen, man auf jede
+gute Eigenschaft, so wie auf Alles, was Erfolg unsrer Bemühungen und
+Glück heißt, Verzicht thun, und, wenn es darauf ankömmt, mitten unter
+einem Schwarme von mißgünstigen Leuten zu leben, und dennoch dem Neide
+und der Eifersucht so wenig als möglich Nahrung zu geben, seine
+Vorzüge, seine Kenntnisse und seine Talente mehr verbergen als kund
+machen, keine Art von Uebergewicht zeigen, anscheinend wenig fordern,
+wenig begehren, auf Weniges Ansprüche machen, und wenig leisten müsse.
+
+Jener Neid nun erzeugt dann oft die schrecklichen ~Verleumdungen~,
+denen auch der edelste Mann ausgesetzt ist. Es läßt sich nicht fest
+bestimmen, wie man sich in jedem Falle zu betragen habe, wenn man
+verleumdet wird. Oft erfordern Redlichkeit und Klugheit die schnellste
+und deutlichste Darstellung der wahren Beschaffenheit; oft hingegen ist
+es unter der Würde eines rechtschaffenen Mannes, sich auf Erläuterungen
+und Rechtfertigungen einzulassen. Der Pöbel hört nicht auf, uns zu
+necken, wenn er sieht, daß es uns wehe thut, und die Zeit pflegt, früh
+oder spät, die Wahrheit an das Licht zu ziehen.
+
+
+ 14.
+
+Der ~Geiz~ ist eine der unedelsten, schändlichsten Leidenschaften. Man
+kann sich keine Niederträchtigkeit denken, deren ein Geizhals nicht
+fähig wäre, wenn seine Begierde nach Reichthümern in das Spiel kömmt,
+und jede Empfindung besserer Art, Freundschaft, Mitleid, Wohlwollen,
+finden keinen Eingang in sein Herz, wenn sie kein Geld einbringen;
+ja, er gönnt sich selber die unschuldigsten Vergnügungen nicht, in so
+fern er sie nicht unentgeldlich schmecken kann. In jedem Fremden sieht
+er einen Dieb, und in sich selber einen Schmarotzer, der auf Unkosten
+seines bessern Ichs, seines Mammons, zehrt.
+
+Allein in den jetzigen Zeiten, wo der Luxus so übertrieben wird, wo
+die Bedürfnisse, auch des mäßigsten Mannes, der in der Welt leben
+und eine Familie unterhalten muß, so groß sind; wo der Preis der
+nöthigen Lebensmittel täglich steigt; wo die Macht des Geldes so viel
+entscheidet; wo der Reiche ein so beträchtliches Uebergewicht über den
+Armen hat; wo endlich von der einen Seite Betrug und Falschheit, und
+von der andern Mißtrauen und Mangel an Theilnahme und Wohlwollen in
+allen Ständen sich ausbreiten; in diesen Zeiten der Selbstsucht und
+des Egoismus, meine ich, hat man Unrecht, wenn man einen sparsamen,
+vorsichtigen Mann, ohne nähere Prüfung seiner Verhältnisse und der
+Bewegungsgründe, welche seine Handlungen leiten, sogleich für einen
+Knicker erklärt. Man möchte vielmehr diejenigen, welche das Beispiel
+einer Sparsamkeit geben, die eben so sehr von Menschenliebe, als
+von Klugheit und Vorsicht erzeugt und belebt wird, für Ruhmwürdige
+erklären, weil doch in der That kein geringer Grad von Seelenstärke
+und Weisheit dazu erfordert wird, um den Grundsätzen einer strengen
+Sparsamkeit getreu zu bleiben, und dem Urtheil der Welt eine
+unwandelbare Entschlossenheit entgegen zu setzen.
+
+Es gibt ferner unter den wirklichen geizigen Leuten solche, die neben
+dieser Geld-Begierde noch von einer andern mitherrschenden Leidenschaft
+regiert werden. Diese scharren dann zusammen, sparen, betrügen Andre
+und versagen sich alles, außer da, wo es auf Befriedigung dieser
+Leidenschaft ankömmt; sey es nun Wollust, Gefräßigkeit, Ehrgeiz,
+Eitelkeit, Neugier, Spielsucht, oder was es auch immer sey. So habe
+ich Menschen gekannt, die, um einen Louisd'or zu gewinnen, Bruder und
+Freund verrathen, und sich der öffentlichen Beschimpfung ausgesetzt
+haben würden; hundert für den sinnlichen Genuß eines Augenblicks
+hingegebene Gulden hingegen für gut angelegtes Geld hielten.
+
+Noch Andre rechnen so schlecht, daß sie Heller sparen, und Thaler
+wegwerfen. Sie lieben das Geld, aber sie verstehen nicht, damit
+umzugehen. Um also die Summen wieder zu erhaschen, um welche sie von
+Gaunern, Abentheurern und Schmeichlern betrogen werden, geben sie ihrem
+Gesinde nicht satt zu essen; und um tausend Thaler wieder zu gewinnen,
+die sie verschleudert haben, wechseln sie auf die unanständigste Weise
+aller Orten einzelne feine Gulden ein, damit sie an jedem vielleicht
+einen Heller Aufgeld gewinnen.
+
+Endlich noch Andre sind in allen Stücken freigebig, und achten das
+Geld nicht; in einem einzigen Punkte aber, worauf sie gerade eine
+thörichte Wichtigkeit setzen, sind sie lächerlich geizig. Meine Freunde
+haben mir oft im Scherze vorgeworfen, daß ich auf diese Art karg in
+Schreib-Materialien sey, und ich gestehe diese Schwachheit. So wenig
+reich ich bin, so kostet es mich doch geringere Ueberwindung, mich
+von einem halben Gulden, als von einem holländischen Brief-Bogen zu
+scheiden, obgleich man für zwölf Groschen vielleicht ein Buch des
+feinsten Papiers kaufen kann. Ja, ich habe reiche und freigebige Leute
+gekannt, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, Kleinigkeiten,
+auf welche sie einen vorzüglichen Werth setzten, zu entwenden, wo sie
+dergleichen liegen sahen. Jene Art der Sparsamkeit, welche auch das
+Geringste, was noch auf irgend eine Art brauchbar ist, zu erhalten
+und zu bewahren sucht, ist unstreitig die rechte, denn sie geht von
+einer richtigen Schätzung der Dinge aus, und haßt alles Vergeuden und
+Verschwenden, weil es Charakterschwäche, und eine Art von Undankbarkeit
+und Kurzsichtigkeit ist. Darum läßt ~Engel~ in der bekannten Erzählung
+seinen Herrn Timm sogleich mit großer Bereitwilligkeit dem Manne einen
+Vorschuß leisten, der eine Nadel liegen sieht, und sie sorgfältig
+aufnimmt und bewahrt.
+
+Die allgemeine Regel im Umgange mit geizigen Leuten ist wohl die, daß,
+wenn man ihre Gunst erhalten will, man nichts von ihnen fordern müsse.
+Da dieß nun aber nicht immer möglich ist, so scheint es der Klugheit
+gemäß, daß man prüfe, zu welcher der vorhin geschilderten Gattungen von
+Geizigen der Mann, mit dem man es zu thun hat, gehöre, um danach seine
+Behandlung einzurichten.
+
+Ueber den Umgang mit ~Verschwendern~ brauche ich nichts zu sagen, als
+daß der verständige Mann sich nicht durch ihr Beispiel zu thörichten
+Ausgaben verleiten lassen, und daß der redliche Mann von ihrer übel
+geordneten Freigebigkeit weder für sich, noch für Andre, Vortheile
+ziehen soll.
+
+
+ 15.
+
+Sollen wir jetzt von dem Betragen gegen ~Undankbare~ reden? Ich habe
+bei mancher Gelegenheit erinnert, daß man auf dieser Erde auch bei
+den edelsten und weisesten Handlungen, weder auf Erfolg, noch auf
+Dankbarkeit rechnen dürfe. Diesen Grundsatz soll man, wie ich dafür
+halte, nie aus den Augen verlieren, wenn man nicht karg mit seinen
+Dienstleistungen, feindselig gegen seine Mitmenschen werden, noch gegen
+Vorsehung und Schicksal murren will. Bei dem Allen aber müßte man
+jeder menschlichen Empfindung entsagt haben, wenn es uns nicht kränken
+sollte, daß Menschen, denen wir treulich, eifrig und uneigennützig
+gedient, die wir aus der Noth gerettet, denen wir uns ganz gewidmet,
+für die wir uns vielleicht aufgeopfert haben, uns vernachlässigen,
+sobald sie unsrer nicht mehr bedürfen, oder gar verrathen, verfolgen,
+mißhandeln, wenn sie dadurch zeitliche Vortheile, oder die Gunst unsrer
+mächtigen Feinde gewinnen können. Doch wird der weise Menschenkenner
+und warme Freund des Guten sich dadurch nicht abschrecken lassen,
+großmüthig zu handeln. Mit Bezug auf das, was hierüber im zehnten
+Kapitel des zweiten Theils und im fünften Abschnitte des zweiten
+Kapitels in dem dritten Theile gesagt wird, erinnere ich nur nochmals
+für die, welche noch dieser Erinnerung bedürfen, daß jede gute Handlung
+sich selbst durch ein seliges Bewußtseyn am reichsten belohnt; ja, daß
+der Edle eine neue Quelle von innerer Freude aus der Undankbarkeit der
+Menschen zu schöpfen versteht, nämlich die Freude, sich bewußt zu seyn,
+gewiß uneigennützig, bloß aus Liebe zum Guten, ihnen Gutes gethan zu
+haben, besonders wenn er voraus weiß, daß er auf keine Erkenntlichkeit
+rechnen darf. Er bedauert die Verkehrtheit Derer, die fähig sind,
+ihres Wohlthäters zu vergessen, und läßt sich dadurch nicht abhalten,
+den Menschen zu dienen, die seiner Hülfe um so nöthiger bedürfen, je
+schwächer sie sind, je weniger Glück sie in sich selber, in ihrem
+Herzen haben.
+
+Klage also nicht über die Undankbarkeit, mit welcher man Dir lohnt;
+wirf sie dem nicht vor, der sie Dir beweist, und Dich dadurch kränkt;
+fahre fort, ihn großmüthig zu behandeln; nimm ihn wieder auf, wenn
+er zu Dir zurückkehrt! Vielleicht geht er endlich in sich, fühlt
+den ganzen Werth, die Zartheit und das Große Deiner Behandlung, und
+wird dadurch gebessert; -- wenn nicht: so denke, daß jedes Laster
+sich selbst bestraft, und daß das eigne Herz des Bösewichts und die
+unausbleibliche Folge seiner Niederträchtigkeit Dich an ihm rächen
+werden. -- O! welch' ein langes Kapitel über die Undankbarkeit der
+Menschen könnte ich schreiben, wenn ich nicht, aus Schonung gegen Die,
+welche sich von dieser Seite an mir versündigt haben, meine vielfachen
+traurigen Erfahrungen in diesem Fache lieber verschweigen wollte, und
+wenn ich es leugnen dürfte, daß man zuweilen durch die verfehlte Art
+des Wohlthuns Undankbare mache; eine Schuld, von welcher sich selbst
+die Edelsten nicht frei sprechen dürfen.
+
+
+ 16.
+
+Manchen Leuten ist es schlechterdings unmöglich, in irgend einer Sache
+den geraden Weg zu gehen. ~Ränke~ und ~Winkelzüge~ mischen sich in
+alle ihre Unternehmungen, ohne daß sie deswegen von Grund aus böse
+sind. Eine unglückliche Stimmung des Gemüths, und die Einwirkung
+von Lebensart und Schicksalen können diesen Charakter bilden. So
+wird zum Beispiel ein sehr mißtrauischer Mann auch wohl zuweilen die
+unschuldigste Handlung heimlich thun, sich verstellen, und seinen
+wahren Zweck verschleiern. Ein Mann von übel geordneter Thätigkeit,
+oder von zu vielem raschen Feuer, -- ein schlauer unternehmender Kopf,
+der in einer Lage ist, wo ihm alles zu einfach hergeht, wo es ihm an
+Gelegenheit fehlt, seine Talente zu entwickeln, wird allerlei schiefe
+Seitensprünge wagen, um seinen Wirkungskreis zu erweitern, oder mehr
+Interesse in die Scene zu bringen; und dann wird er nicht immer ekel
+genug in der Wahl seiner Mittel seyn. Ein sehr eitler Mensch wird in
+manchen Fällen versteckt handeln, um seine Schwäche zu verbergen.
+Ein Mann, der lange an Höfen gelebt hat, um sich her nichts als
+Verstellung, Intrigue, Cabale und Gegeneinanderwirken zu sehen, und
+selbst auf geradem Wege nichts zu erlangen gewohnt ist, findet ein
+Leben, das ohne Verwickelung fortgeht, zu einförmig; er wird seine
+unbedeutendsten Schritte so thun, daß man ihm nicht nachspüren kann,
+und seinen unschuldigsten Handlungen einen räthselhaften Anschein
+geben. Der Jurist, der sich stets mit den Spitzfindigkeiten der
+Chikane beschäftigt, findet innigen Seelen-Genuß darin, daß er in
+Worten und Werken allerlei Cautelen und Winkelzüge anbringt. Wer seine
+Gehirn-Nerven durch Romanen-Lesen und andre phantastische Träumereien
+überspannt, oder wer durch ein üppiges, müssiges Leben, durch schlechte
+Gesellschaft und unglückliche Verhältnisse, den Sinn für Einfalt,
+kunstlose Natur und Wahrheit verloren hat, der kann ohne Intrigue
+nicht existiren, -- und so gibt es eine Menge Menschen, die, was sie
+auf geradem Wege erlangen könnten, nicht halb so eifrig wünschen,
+als das, was sie heimlich und auf den Wegen der List und des Betrugs
+zu erschleichen hoffen. Man kann aber auch endlich den edelsten,
+offenherzigsten Menschen, besonders in jüngern Jahren, zu Winkelzügen
+verleiten, wenn man ihm ohne Unterlaß Mißtrauen zeigt, oder ihn mit
+einer so nachsichtslosen Strenge behandelt, ihn in einer solchen
+Entfernung von uns hält, daß er kein Zutrauen zu uns haben kann.
+
+Was nun auch dazu beigetragen haben mag, manchen Menschen Ränke und
+Winkelzüge zur Gewohnheit zu machen, so ist wohl folgende Art, sich
+gegen sie zu betragen, die beste, die man wählen kann.
+
+Man handle selbst immer so offen und unverstellt, und zeige sich ihnen
+in Worten und Thaten als einen so entschiednen Feind von allem, was
+Schiefigkeit, Intrigue und Verstellung heißt, und als einen so warmen
+Verehrer jedes redlichen, aufrichtigen Mannes, daß sie wenigstens
+fühlen, wie viel sie in unsern Augen verlieren, und welche Verachtung
+sie sich zuziehen würden, wenn wir sie auf Schleichwegen ertappten!
+
+Man flöße ihnen durch eine männliche Aeusserung des Abscheus gegen alle
+Hinterlist und Falschheit eine gewisse Ehrerbietung ein, und versage
+ihnen so lange sein Vertrauen nicht, als sie sich offen und redlich
+zeigen. Man gebe ihnen zu erkennen, daß man sie für unfähig halte,
+hinterlistig und unredlich zu seyn, und rege dadurch ihr schlummerndes
+Ehrgefühl auf.
+
+Willst Du die Anschläge ihrer Hinterlist zerstören, so tritt ihnen
+mit Festigkeit und Entschlossenheit entgegen, wenn Du merkst, daß sie
+Böses im Sinne haben, und lege ihnen solche Fragen vor, worauf sie
+nothwendig eine bestimmte und unumwundene Antwort geben, oder sich
+verrathen müssen. Sieh ihnen dabei fest und kräftig in's Gesicht,
+mit einem Blicke, der sie durchbohrt, und Du wirst sie zwingen, sich
+selbst zu verachten, oder über sich selbst zu erschrecken, wirst ihnen
+wenigstens, wenn sie keiner guten Regung mehr fähig sind, Furcht und
+Besorgniß einflößen, und sie dadurch nöthigen, ihren Plan aufzugeben.
+Stottern sie, suchen sie auszuweichen: so brich entweder ab, um ihnen
+zu verstehen zu geben, daß Du ihnen die Schande eines Betrugs ersparen
+wollest; nimm aber dann ein kaltes und entfernendes Betragen gegen sie
+an, oder warne sie mit freundlichem, doch ernsthaftem Wesen, ihrer
+nicht unwürdig zu handeln!
+
+Haben sie Dich dennoch einmal hintergangen, so nimm die Sache nicht zu
+leicht, und verschwende keine Schonung an diese Unwürdigen, sondern laß
+sie das ganze Gewicht Deines Unwillens und Deiner Verachtung fühlen,
+und sey nicht sogleich bereit, zu verzeihen! Erreichst Du auch dadurch
+Deine Absicht nicht, und fahren sie fort, Dich mit Winkelzügen und
+Ränken zu hintergehen: so bestrafe sie durch deutliche Aeusserungen des
+Mißtrauens und Kaltsinns, und suche dich ganz von ihnen los zu machen,
+als von gefährlichen Menschen, die keiner Besserung fähig sind.
+
+Alles hierüber Gesagte paßt also auch auf das Betragen gegen ~Lügner~.
+
+
+ 17.
+
+Was man aber im gemeinen Leben einen ~Windbeutel~ oder ~Aufschneider~
+und ~Prahler~ nennt, das ist eine andere Gattung von Menschen.
+Diese haben nicht die Absicht, jemand eigentlich zu hintergehen,
+aber täuschen und blenden möchten sie gern, um Ehre und Beifall zu
+erschleichen; überreden möchten sie gern Andere, ihnen einen höheren
+Werth beizumessen, als sie haben; sie suchen mehr Nahrung für ihre
+Eitelkeit, als Befriedigung des Eigennutzes, und für einen Lobspruch
+geben sie unbedenklich die Wahrheit hin. Um sich in besserm Glanze zu
+zeigen; um sich bemerklich zu machen; um Andern eine so hohe Meinung
+von sich beizubringen, wie sie selbst haben; um Aufmerksamkeit durch
+Erzählung wunderbarer Vorfälle zu erregen; oder um für angenehme,
+unterhaltende Gesellschafter zu gelten, erdichten oder vergrößern sie;
+und haben sie einmal die Fertigkeit erlangt, auf Kosten der Wahrheit
+eine Begebenheit, ein Bild, einen Satz zu verzieren, so fangen sie
+zuweilen an, ihren eigenen Windbeuteleien zu glauben, alle Gegenstände
+durch ein Vergrößerungsglas anzusehen, und so in Riesengestalten wieder
+zu Papier zu bringen.
+
+Die Erzählungen und Beschreibungen eines solchen Aufschneiders
+sind zuweilen ganz lustig anzuhören; und wenn man erst mit seiner
+Hyperbelsprache bekannt ist, weiß man schon, was man vom Ganzen
+abzurechnen hat, um den Ueberrest für baares Geld anzunehmen. So läßt
+man sich denn, besonders in solchen Gesellschaften, wo das Bedürfniß
+eines Lustigmachers oder Wortführers lebhaft gefühlt wird, gern und
+geduldig vorlügen, was sich so hübsch anhört, und wobei es zu lachen
+gibt. Kommen aber einmal vernünftige Leute in eine solche Gesellschaft,
+so steht es übel um den Aufschneider, denn es ist leicht, ihn durch
+eine Menge von Fragen über die genauesten Umstände so in sein eignes
+Gewebe zu verwickeln, daß er, indem er weder rückwärts noch vorwärts
+kann, beschämt wird, oder, wenigstens einen klugen Rückzug zur Wahrheit
+macht. Noch besser kann man ihn zum Schweigen bringen, wenn man ihm für
+jede Unwahrheit auf komische Art eine noch derbere wieder aufheftet,
+und ihm dadurch zu verstehen gibt, daß man nicht dumm genug gewesen
+sey, ihm zu glauben; oder wenn man, sobald er anfängt zu blasen, die
+Segel der Unterhaltung auf einmal einzieht, und seinem Winde ausweicht,
+da er denn, wenn dieß öfter und von mehreren verständigen Männern
+geschieht, endlich scheu und klug wird.
+
+
+ 18.
+
+~Unverschämte Müssiggänger~, ~Schmarotzer~, ~Schmeichler~ und
+~zudringliche Leute~, rathe ich, in der gehörigen Entfernung von sich
+zu halten, sich mit ihnen nicht gemein zu machen, ihnen durch ein
+höfliches, aber immer steifes und ernsthaftes Betragen zu erkennen
+zu geben, daß ihre Gesellschaft und Vertraulichkeit uns zuwider ist.
+Einer meiner Bekannten erzählte mir einst: Er habe in Holland über
+der Thür des Arbeitszimmers eines verständigen Mannes folgende Worte
+mit großen Buchstaben geschrieben gefunden: »Es ist erschrecklich
+beschwerlich für einen Mann, der bestimmte Geschäfte hat, von Leuten
+überlaufen zu werden, die keine Geschäfte haben.« -- Der Einfall war
+nicht übel. Die, welche gern bei uns schmausen, kann man am leichtesten
+dadurch verscheuchen, daß man sie, ohne ihnen etwas vorzusetzen,
+wieder fortgehen läßt; aber gegen Schmeichler, besonders gegen die von
+feinerer Art, soll man, aus Besorgniß für sein eigenes Heil, auf seiner
+Hut seyn. Sie verderben uns von Grund aus, wenn wir unser Ohr an ihren
+Sirenen-Gesang gewöhnen. Dann wollen wir ohne Unterlaß gestreichelt
+und gekitzelt seyn, finden die wohlthätige Stimme der Wahrheit nicht
+harmonisch genug, und vernachlässigen und versäumen die treuern,
+bessern Freunde, die uns aufmerksam auf unsere Fehler machen wollen.
+Um nicht so tief zu fallen, waffne man sich mit Gleichgültigkeit
+gegen die gefährlichen Lockungen der Schmeichelei; man fliehe vor
+dem Schmeichler, wie vor dem bösen Feinde! Allein das ist nicht so
+leicht, wie man wohl glaubt; es gibt eine Art, Süßigkeiten zu sagen,
+die das Ansehen hat, als wollte man der Wahrheit huldigen. Der schlaue
+Schmeichler, der Deine schwache Seite studirt hat, wird, wenn er Dich
+für zu verständig hält, um nicht die größern Schlingen dieser Art für
+gefährlich zu erkennen, Dir nicht immer Recht geben; er wird vielmehr
+Dich tadeln; er wird Dir sagen: »daß er nicht begreifen könne, wie ein
+so edler und weiser Mann, wie Du seyest, sich einen kleinen Augenblick
+auch einmal habe vergessen können; er hätte geglaubt, so etwas könne
+nur gemeinen Leuten von ~seinem~ Schlage begegnen.« Er wird an Deinen
+Schriften Fehler rügen, die Dir gleich beim ersten Anblicke unbedeutend
+scheinen müssen, und ihm nur dazu dienen, diejenigen Stellen um desto
+unverschämter zu loben, von welchen er weiß, daß Du dir etwas darauf
+zu gute thust. »Schade,« wird er ausrufen, »daß Ihre Sinfonien -- ich
+bin kein Schmeichler; ich sage meine Meinung immer rund heraus --
+Schade, daß diese herrlichen Sinfonien, die gewiß in allem Betracht ein
+klassisches Werk genannt werden können, so äusserst schwer vorzutragen
+sind. Wo findet man Meister, die würdig wären, so etwas aufzuführen?
+und doch ist das ein wesentlicher Fehler, den Sie, verzeihen Sie meiner
+Offenherzigkeit! hätten vermeiden sollen.« Er wird Mängel an Dir
+finden, und mit verstelltem Eifer dagegen declamiren, -- Schwachheiten
+und Mängel, auf welche Deine Eitelkeit sich etwas einbildet. Er wird
+Dich einen Misanthropen schelten, weil er gemerkt hat, daß Du durch
+Deine abgezogene Lebensart Aufsehen erregen möchtest; er wird Dir
+vorwerfen, Du seyest intrigant, wenn er merkt, daß es Dir behagt, für
+einen schlauen Hofmann angesehen zu werden. Auf diese Weise wird er
+sich bei Dir und andern Kurzsichtigen in den Ruf eines unpartheiischen,
+wahrheitliebenden Mannes setzen; sein honigsüßer Trank wird glatt
+hinuntergehen, und in der Berauschung werden Dein Herz und Dein Beutel
+dem verschmitzten Spötter offen stehen. Vielfältig habe ich, besonders
+an Höfen, dergleichen Männer angetroffen, die unter der Maske der
+Bonhommie und bei dem Rufe, den Fürsten tapfer die Wahrheit zu sagen,
+die ärgsten Maulschwätzer waren.
+
+
+ 19.
+
+Das Betragen gegen ~Schurken~, das heißt, gegen Leute, die von Grund
+aus schlecht sind, etwa ein wenig Erbsünde abgerechnet, fordert vor
+allem Festigkeit und Muth. Ich beziehe mich dabei zuerst auf das, was
+ich weiterhin über den Umgang mit Feinden, und über das Betragen gegen
+Verirrte und Gefallne sagen werde, und füge nur noch nachstehende
+Bemerkungen hinzu:
+
+Daß man, wo möglich, den Umgang mit schlechten Leuten fliehen müsse,
+weil durch sie Moralität, Ruf und Ruhe in Gefahr kommt, besonders wenn
+sie mit Schlechtigkeit der Grundsätze eine feine Verstandesbildung
+verbinden, und viel geselliges Talent haben, -- das versteht sich wohl
+von selber. Wenn ein Mann von festen Grundsätzen auch nicht in Gefahr
+kommt, von ihnen angesteckt zu werden, so gewöhnt er sich doch nach und
+nach an ihre Art zu urtheilen und zu handeln, ihre Zweideutigkeiten
+und Unsittlichkeiten, und an den Anblick ihres sittlichen Schmutzes,
+und verliert den heiligen Abscheu gegen alles, was unedel ist; einen
+Abscheu, der zuweilen einzig hinreicht, uns in Augenblicken der
+Versuchung vor feinern Vergehungen zu bewahren. Leider aber zwingt uns
+unsre Lage zuweilen, mitten unter Schurken zu leben, und mit ihnen
+gemeinschaftlich Geschäfte zu treiben; und da ist es denn nöthig,
+gewisse Vorsichtigkeits-Regeln nicht aus der Acht zu lassen.
+
+Glaube nicht, wenn Du einiges Verdienst von Seiten des Kopfs und
+des Herzens hast, es jemals dahin zu bringen, daß Du von schlechten
+Menschen nie in Deiner Ruhe gestört werdest, oder nie durch sie
+leidest! Es herrscht ein ewiges Bündniß unter Schurken und Schleichern
+gegen alle verständige und edle Menschen; auch sind sie auf eine
+unbegreifliche Weise so verbrüdert, daß sie unter allen übrigen
+Menschen einander erkennen und bereitwillig die Hand reichen, möchten
+sie auch durch äussere Verhältnisse und Umstände noch so sehr getrennt
+seyn, sobald es darauf ankömmt, das wahre Verdienst zu verfolgen
+und mit Füßen zu treten. Da hilft keine Art von Vorsichtigkeit und
+Zurückhaltung; da hilft nicht Unschuld, nicht Geradheit; da hilft nicht
+Schonung, noch Mäßigung; da hilft es nicht, seine guten Eigenschaften
+verstecken, mittelmäßig scheinen zu wollen. Niemand erkennt so leicht
+das Gute, das in Dir ist, als Der, dem dies Gute fehlt. Niemand läßt
+innerlich dem Verdienste mehr Gerechtigkeit widerfahren, als der
+Bösewicht; aber er zittert davor, wie Satan vor dem Evangelio, und
+arbeitet mit Händen und Füßen dagegen. Jene große Verbrüderung wird
+Dich ohne Unterlaß necken, Deinen Ruf antasten; bald zweideutig,
+bald übel von Dir reden, die unschuldigsten Deiner Worte und Thaten
+boshaft auslegen. -- Aber laß Dich das nicht anfechten! würdest Du
+auch wirklich von Schurken eine Zeitlang gedrückt, so wird doch die
+Rechtschaffenheit und Consequenz Deiner Handlungen am Ende siegen, und
+der Unhold bei einer andern Gelegenheit sich selbst die Grube graben.
+Auch sind die Schelme nur so lange einig unter sich, als es nicht auf
+männliche Standhaftigkeit ankömmt, so lange sie im Dunkeln fechten
+können. Hole aber Licht herbei, und sie werden aus einander rennen!
+Und wenn es nun gar zur Theilung der Beute ginge, dann würden sie
+sich unter einander bei den Ohren zausen, und Dich indeß mit Deinem
+Eigenthume ruhig davon wandern lassen. Geh Deinen geraden Gang fort!
+Erlaube Dir nie schiefe Streiche, nie Schleichwege, um Schleichwegen zu
+begegnen; nie Ränke, um Ränke zu zerstören; mache nie gemeinschaftliche
+Sache mit Bösewichtern, gegen Bösewichter! Handle großmüthig! Unedle
+Behandlung, und zu weit getriebenes Mißtrauen können Den, welcher auf
+halbem Wege ist, ein Schelm zu werden, vollends dazu machen; Großmuth
+hingegen kann einen nicht ganz verstockten Unhold vielleicht, auf
+einige Zeit wenigstens, bessern, und die Stimme des Gewissens in ihm
+erwecken. Aber er müsse fühlen, daß Du nur aus Huld, nicht aus Furcht
+also handelst! Er müsse fühlen, daß, wenn es auf das Aeusserste kömmt,
+wenn der Grimm eines unerschrocknen redlichen Mannes losbricht, der
+kühne, rechtschaffene Weise im niedrigsten Stande mächtiger ist, als
+der Schurke im Purpur; daß ein großes Herz, daß Tugend, Klugheit und
+Muth, stärker machen, als erkaufte Heere, an deren Spitze ein Schurke
+steht! Was hätte der wohl zu fürchten, der nichts mehr zu verlieren
+hat, als was kein Sterblicher ihm rauben kann? Und was vermag in dem
+Augenblicke der äussersten, verzweifelten Nothwehr ein feiger Sultan,
+ein ungerechter Despot, der in sich selbst einen Feind herumträgt, von
+welchem er immer bedroht, oder in die Flanke genommen wird, gegen den
+niedrigsten seiner Unterthanen, der ein reines Herz, einen hellen Kopf,
+Unerschrockenheit und gesunde Arme zu Bundesgenossen hat?
+
+Es ist unmöglich, sich bei gewissen Leuten beliebt zu machen, deren
+Gunst man nur auf Unkosten seines Gewissens erwerben kann, und es wird
+nicht schaden, wenn diese uns wenigstens fürchten.
+
+Es gibt Leute, die uns zu Vertraulichkeiten, zu gewissen Eröffnungen
+zu bewegen suchen, damit sie nachher Waffen gegen uns in Händen haben,
+womit sie uns drohen können, wenn wir ihnen nicht zu Gebote stehen
+wollen. Die Klugheit erfordert, dagegen auf seiner Hut zu seyn. Man
+erkennt sie leicht an der groben Schmeichelei, durch welche sie sich
+uns zu nähern, und unser Vertrauen zu erschleichen suchen.
+
+Beschenke den, von dem Du fürchtest, er werde Dich ~bestehlen~, wenn Du
+glaubst, daß Großmuth noch Eindruck auf ihn machen könnte!
+
+Ermuntre und ehre äusserlich Menschen, an denen Du irgend eine
+Thatkraft zum Guten findest! Bringe sie nicht ohne Noth um Kredit! Es
+gibt Leute, die viel Gutes ~sagen~, im ~Handeln~ aber heimliche Schalke
+sind, oder Menschen voll Inconsequenz, Leichtsinn und Leidenschaft:
+entlarve diese nicht, in so fern es nicht der Folgen wegen seyn muß!
+Sie wirken durch ihre Reden manches Gute, welches unterbleibt, wenn man
+sie verdächtig macht. Man sollte sie immer herumreisen lassen, um gute
+Zwecke zu befördern; allein sie müßten jeden Ort früh genug verlassen,
+um sich nicht zu verrathen, und durch ihr Beispiel nicht die Wirkung
+ihrer Lehren zu verderben.
+
+
+ 20.
+
+Es gibt Menschen von guter Gesinnung, welche durch übertriebene
+Bescheidenheit und unüberwindliche Furchtsamkeit, durch eine
+Schüchternheit, die sie fast zu Kindern macht, sich selbst der
+Geringschätzung hingeben, und sich um allen Genuß und allen Vortheil
+bringen, den ihnen die Gesellschaft gewähren soll. Man macht sich um
+sie und um die Gesellschaft verdient, wenn man ihnen Zuversicht zu sich
+selbst einzuflößen sucht, und ihnen Veranlassung gibt, sich geltend
+zu machen. So verachtungswerth Unbescheidenheit und Dünkel sind,
+so unmännlich ist zu weit getriebene Schüchternheit. Der Edle soll
+seinen Werth fühlen, und eben so wenig ungerecht gegen sich, als gegen
+Andre seyn. Uebertriebnes Lob und zu weit ausgedehnter Vorzug aber
+beleidigen den Bescheidnen. Er müsse weniger aus Deinen Worten, als aus
+Deinen ungekünstelten, wahre Zuneigung verrathenden Handlungen, Deine
+Hochachtung gegen ihn erkennen!
+
+
+ 21.
+
+~Unvorsichtigen~ und ~plauderhaften~ Leuten darf man natürlicher Weise
+keine Geheimnisse anvertrauen. Besser wäre es, man hätte überhaupt
+keine Geheimnisse in der Welt, könnte immer frei und offen handeln, und
+alles, was im Herzen vorgeht, vor jedermann sehen lassen; besser wäre
+es, man dächte und redete nichts, als was man laut denken und reden
+darf. Da dieß indessen, besonders bei Männern, die in öffentlichen
+Aemtern stehen, oder sonst fremde Geheimnisse zu verwahren haben, nicht
+möglich ist: so muß man freilich vorsichtig in der Mittheilung dessen
+seyn, was nicht Jeder wissen darf.
+
+Man findet Menschen, denen es schlechterdings unmöglich ist, irgend
+etwas zu verschweigen. Man sieht es ihnen an, wenn sie ängstlich
+umherlaufen, daß sie etwas Neues bei sich tragen, und daß sie große
+Herzensangst leiden, bis sie einem andern Plaudrer ihre Nachricht heiß
+mitgetheilt haben. Andern fehlt es zwar nicht an dem guten Willen zu
+schweigen, wohl aber an der Klugheit, sich nicht durch Winke, Blicke,
+oder auf andre Art zu verrathen; oder an der Festigkeit, sich nicht
+ausfragen zu lassen; oder sie haben eine zu gute Meinung von der
+Ehrlichkeit und Verschwiegenheit derer, welchen sie sich anvertrauen.
+-- Gegen alle diese muß man behutsam, und selbst verschlossen seyn.
+
+Es kann auch zuweilen nicht schaden, wenn man plauderhafte Leute
+bei der ersten Gelegenheit, da sie etwas über uns geschwatzt haben,
+dergestalt in Furcht setzt, daß sie es nicht wagen dürfen, hinter
+unserm Rücken auch nur einmal unsern Namen zu nennen, es sey im
+Guten oder Bösen. Die eigentlichen bekannten Zeitungsträger aber,
+deren es fast in jeder Stadt einige gibt, kann man nützen, wenn man
+ein unschuldiges Mährchen im Publiko ausgebreitet wissen will, das
+den Leuten etwas zu reden geben, oder sie zu ihrem Besten auf etwas
+aufmerksam machen soll. Nur muß man dann nicht verfehlen, sie um
+Verheimlichung der Sache zu bitten, sonst halten sie es vielleicht der
+Mühe nicht werth, dieselbe auszuplaudern.
+
+~Vorwitzige~ und ~neugierige~ Menschen kann man nach den Umständen
+entweder auf ernsthafte oder spaßhafte Manier behandeln. Im erstern
+Falle muß man, sobald man merkt, daß sie sich im mindesten um unsere
+Angelegenheiten bekümmern, uns belauschen, behorchen, sich in unsere
+Geschäfte mischen, unsern Schritten nachspüren, oder unsre Plane und
+Handlungen ausspähen wollen, sich gegen sie mündlich, schriftlich oder
+thätig, so kräftig erklären, sie auf eine solche Weise zurückschrecken,
+daß ihnen die Lust vergehe, auch nur von Weitem sich an uns zu wagen.
+Will man aber seinen Spaß mit ihnen haben, so kann man ihrer Neugier
+ohne Unterlaß so viel zu schaffen machen, daß sie über die Kindereien,
+worauf man ihre Aufmerksamkeit lenkt, keine Muße behalten, sich
+um diejenigen Dinge zu bekümmern, welche wir ihrer Beobachtung zu
+entziehen wünschen.
+
+~Zerstreute~ und ~vergessene~ Leute taugen nicht zu Geschäften, wo es
+auf Pünktlichkeit ankömmt. Jungen Personen kann man diese Fehler wohl
+zu gute halten, und durch eine verständige Behandlung zuweilen noch
+abgewöhnen, so, daß sie ihre Gedanken bei einander halten. Manche, die
+aus zu großer Lebhaftigkeit des Temperaments leicht alles vergessen,
+und nie da zu Hause sind, wo sie seyn sollten, kommen von dieser
+Schwachheit zurück, wenn sie älter, kühler und sittsamer werden. Andre
+affectiren, zerstreut zu seyn, weil sie glauben, das sähe vornehm oder
+gelehrt aus; über solche Thoren aber soll man nur die Achseln zucken,
+und sich wohl hüten, ihre Zerstreutheit geistvoll oder artig zu finden.
+Es gilt von ihnen, was über diejenigen gesagt worden ist, welche sich
+körperlich krank stellen, um Interesse zu erwecken. Wessen Gedächtniß
+aber wirklich schwach, und nicht etwa durch Uebung nach und nach zu
+stärken ist, dem rathe man, sich alles schriftlich aufzuzeichnen, was
+er behalten will, und diesen Zettel täglich oder wöchentlich einmal
+durchzulesen; denn es ist wahrlich nichts verdrießlicher, als wenn uns
+jemand verspricht, ein Geschäft zu besorgen, an welchem uns gelegen
+ist, und uns hernach, wenn wir uns auf sein Wort verlassen, mit der
+Versicherung überrascht, daß er es rein vergessen habe.
+
+Sehr zerstreueten Leuten muß man es übrigens so hoch nicht anrechnen,
+wenn sie gegen uns zuweilen in Aufmerksamkeit, Höflichkeit, oder
+was man sonst im geselligen und freundschaftlichen Umgange fordert,
+unvorsätzlich fehlen.
+
+
+ 22.
+
+Es gibt eine Art Menschen, die man ~wunderliche~ (+difficiles+) ~Leute~
+nennt. Sie sind nicht bösartig, sind nicht immer zänkisch und mürrisch;
+aber man kann ihnen doch nicht leicht etwas ganz recht machen. Sie
+haben sich, zum Beispiel, an eine pedantische Ordnung gewöhnt, deren
+Regel nicht Jeder, so wie sie, im Kopfe hat; und da kann es denn leicht
+kommen, daß man einen Stuhl in ihrem Zimmer anders hinstellt, als sie
+es gern sehen (wenn dieß übrigens aus wahrem Ordnungsgeiste herrührt,
+so habe ich an der Sache selbst nichts auszusetzen); oder sie hängen
+gewissen Vorurtheilen an, denen man sich unterwerfen muß, wenn man
+in ihren Augen Werth haben will; zum Beispiel: in Kleidertrachten, in
+der Art laut oder leise zu reden, groß oder klein zu schreiben und
+dergleichen. Man sollte wohl sagen, daß ein vernünftiger Mann über
+solche Kleinigkeiten hinausgehen müßte; unterdessen trifft man doch
+Männer an, die über andere Gegenstände sehr verständig und billig
+denken, nur in solchen Punkten nicht; und was wichtiger als das ist, an
+dieser Männer Gunst kann uns vielleicht sehr viel gelegen seyn. Wenn
+dies Letztere nun der Fall ist, so rathe ich, in Dingen von geringem
+Belange, die mit einiger Aufmerksamkeit so leicht zu befolgen sind,
+sich ihnen gefällig zu zeigen. Andre aber, mit denen wir weiter in
+keinem Verhältniß stehen, lasse man, in so fern sie übrigens brave
+Männer sind, bei ihrer Weise, und vergesse nicht, daß wir Alle unsre
+Schwachheiten haben, die man brüderlich ertragen muß!
+
+Leute, die etwas darin suchen, sich durch ihr Betragen in
+unwesentlichen Dingen von Andern zu unterscheiden (nicht eigentlich aus
+Ueberzeugung, daß es besser so sey, als anders, sondern hauptsächlich
+darum, weil sie etwas darein setzen, das zu thun, was Andre nicht
+thun), solche Leute nennt man ~Sonderlinge~. Sie sehen es gern, wenn
+man ihre Weise bemerkt; und ein verständiger Mann muß in seinem
+Betragen gegen sie wohl überlegen, ob ihr Eigensinn von unschädlicher
+Art ist, und ob sie Männer sind, die in irgend einer Rücksicht Schonung
+verdienen, um darnach im Umgange mit ihnen zu verfahren, wie es
+Vernunft und Duldung fordern.
+
+Was endlich Leute betrifft, die von ~Launen~ regiert werden, so daß
+man ihnen heute der willkommenste Gast, morgen der überlästigste
+Gesellschafter ist, so rathe ich, -- vorausgesetzt, daß diese Launen
+nicht ihren Grund in geheimen Leiden haben (denn wenn das ist, so habe
+Mitleiden!) -- gar nicht zu thun, als bemerkte man solche Ebben und
+Fluthen, sondern auf immer gleich-vorsichtigem Fuße mit ihnen umzugehen.
+
+
+ 23.
+
+~Einfältige Menschen~, die ihre Schwäche fühlen, und sich daher willig
+von vernünftigen Menschen leiten lassen, auch bei ihrem natürlich
+gutmüthigen, wohlwollenden, sanften Temperamente zwar leicht zum Guten,
+aber schwer zum Bösen zu bewegen sind, soll man nicht verachten. Es
+können nicht alle Menschen hohen, erhabnen Geistes-Schwung haben;
+und die Welt würde auch sehr übel dabei fahren, wenn es also wäre. Es
+müssen mehr subalterne, als Herrscher-Genies unter den Erdensöhnen
+seyn, wenn nicht Alle in ewiger Fehde mit einander leben sollen. Daß
+ein höherer Grad von Tugend, daß Kraft, Muth, Festigkeit, oder feine
+Beurtheilungskraft, nicht mit Schwäche des Geistes bestehen könne,
+ist freilich gewiß; allein das gehört ja nicht hieher. Wenn im Ganzen
+nur das Gute geschieht, und die dummen Menschen zu diesem Guten sich
+die Hände führen lassen; so füllen sie ihren Platz nützlicher aus,
+als die überschwenglichen Genies, die Feuerköpfe, mit ihrem sich
+durchkreuzenden unaufhörlichen Wirken und Streben.
+
+Unerträglich hingegen ist die Prüfung, wenn man es mit einem
+Stockfische zu thun hat, der sich für einen Halbgott hält, mit einem
+eiteln, eigensinnigen, mißtrauischen Pinsel, mit einem verzogenen,
+verzärtelten, vornehmen Herrn, der Länder und Völker zu regieren hat,
+und leider alles selbst regieren will. Doch soll an seinem Orte gezeigt
+werden, wie man mit dieser Art Menschen umgehen müsse.
+
+Eine gewisse Gattung gutmüthiger, aber schwacher und plumper Menschen,
+ist, selbst in der Jugend, schwer zu verfeinern. Die Sprache der Ironie
+verstehen sie nicht. Ist sie zu fein, so nehmen sie es für baares Geld.
+Ein ernsthafter Ton greift auch nicht ein, oder beleidigt sie. Warme,
+gefühlvolle Ermahnungen bleiben gänzlich ohne Wirkung.
+
+Allein man thut oft gewissen Menschen großes Unrecht, welche durchaus
+unfähig sind, sich zu äussern, entweder weil sie der Sprache nicht
+mächtig werden, oder sich von einer ihnen durch Erziehung angebildeten
+Schüchternheit nicht losmachen können, indem man sie für schwach,
+dumm, gefühllos oder unwissend hält, da sie es doch keinesweges sind,
+sondern nur so scheinen. Nicht Jeder hat die Gabe, seine Gedanken und
+Empfindungen an den Tag zu legen, oder er thut es wenigstens nicht auf
+die Weise, welche uns die rechte scheint; er hat etwas Zurückstoßendes
+in seinem äusseren Wesen, er verstößt alle Augenblicke gegen die
+feinere Sitte, oder gegen den Gesellschaftston, an welchen wir uns
+gewöhnt haben. Er will nicht nach seinen ~Worten~, sondern nach seinem
+~Thun~ gerichtet seyn, und auch sein Thun ist von der Art, daß man
+ungerecht über ihn urtheilen würde, wenn man nicht Rücksicht nehmen
+wollte auf seine Erziehung, seine Lage und auf die Gelegenheit, die er
+gehabt, oder die ihm gefehlet hat, sich auszuzeichnen. Man überlegt
+selten, daß ~der~ Mensch schon sehr viel Werth hat, der in der Welt
+nur nichts Böses thut, und daß die Summe dieses negativen Guten zur
+Wohlfahrt des Ganzen oft mehr beiträgt, als der lange Lebenslauf eines
+thätigen Mannes, dessen heftige Leidenschaften in unaufhörlichem Kampfe
+mit seinen großen, edlen Zwecken stehen. Und dann sind Gelehrsamkeit,
+Kultur und gesunde Vernunft wieder sehr verschiedne Dinge. Es herrscht
+unter Menschen von einer sogenannten feineren Erziehung und Bildung so
+viel Convention, daß es schwer ist, Stoff und Gepräge zu unterscheiden,
+und wir verwechseln nur gar zu leicht die Grundsätze, welche auf
+diesem Uebereinkommen beruhen, mit den unwandelbaren Vorschriften der
+reinen Weisheit. Wir sind nun einmal gewöhnt, nach jenem Richtmaße
+des Herkommens zu urtheilen und zu denken, oder vielmehr Worte ganz
+unbefangen zu gebrauchen und nachzusprechen, deren zweideutigen
+Sinn wir Mühe haben würden, einem ganz rohen Wilden zu erklären;
+und so halten wir denn Denjenigen für einen Geistesarmen, für einen
+einfältigen Tropf, der das Wörterbuch der Höflichkeitssprache nicht
+auswendig weiß, und daher redet, weß das Herz voll ist, also ganz
+ungeschmückt und unumwunden, aber dabei ganz im Geiste des gesunden
+Menschenverstandes. Daher wird man nicht selten durch die Urtheile
+gemeiner Leute, die freilich dem sogenannten Kenner sehr abgeschmackt
+vorkommen würden, sehr angenehm überrascht, und aus dem Zauber einer
+falschen, erzwungenen Täuschung gerissen, so daß auf einmal auch in
+uns der Sinn für wahre, ächte Natur wieder erwacht! Wie oft habe ich
+im Schauspielhause erst das nüchterne Urtheil der Gallerie erwartet;
+habe erwartet, was für Eindruck eine Scene auf das unbestochene Volk,
+das wir Pöbel nennen, machen, -- habe erwartet, ob ein rührender
+Auftritt allgemeine Stille, oder lautes Gelächter verbreiten würde, um
+mich zu bestimmen in meinem Urtheil, wie treu der Schriftsteller und
+Schauspieler die Natur kopiert, oder ob er sie verfehlt oder erreicht
+habe. Auf den Gebildeten wirkt die Illusion, weil er von Jugend auf
+in einer Welt voll Täuschungen wandelte; jene aber leben und weben in
+der Natur und im Reiche der ungeschmückten Wahrheit. Groß ist der
+Künstler, der durch das Spiel seiner Phantasie, durch seine, die Natur
+auf's treueste nachahmende Darstellung, auch unkultivirte Menschen
+vergessen machen kann, daß sie getäuscht werden. Groß ist ferner der
+Mann, der den Sinn für ungeschminkte Wahrheit nicht in dem Meere von
+Neben-Ideen, Vorurtheilen und Conventionen ersäuft hat. Aber wie selten
+trifft man Kunst und Wahrheits-Sinn, Kultur und Einfalt, im schönen
+Einklange an! -- Lasset uns also Den nicht verachten, der den bessern
+Theil auf Kosten des schlechtern gerettet hat, und lasset uns ihn ja
+nicht aufklären, sondern lieber bei solchen Einfältigen in die Schule
+gehn!
+
+~Gutmüthige~, und dabei ~schwache~ Menschen sind fast als Unmündige
+zu betrachten, welche der Vormundschaft aller Verständigen und Guten
+übergeben sind. Man soll ihnen nicht den Beistand versagen, den sie
+unaufhörlich bedürfen, -- soll, wenn man kann, edle Freunde um sie her
+zu versammeln suchen, von denen sie nicht gemißbraucht, sondern zu
+Handlungen bestimmt und gelenkt werden, die eines wohlwollenden Herzens
+würdig sind. Es gibt Personen, die nichts abschlagen können, wenigstens
+nicht mündlich; und da geschieht es dann, daß, um niemand zu kränken,
+oder damit man nicht glaube, daß es ihnen an gutem Willen fehle, sie
+mehr versprechen, als sie leisten können; mehr hingeben, mehr Arbeit
+für Andre übernehmen, als sie vernünftiger Weise thun sollten. Andre
+sind so ~leichtgläubig~, daß sie Jedem trauen, sich Jedem hingeben und
+aufopfern, Jeden für einen treuen Freund halten, der die Aussenseite
+des ehrlichen, menschenliebenden Mannes trägt. Noch Andre sind nicht im
+Stande, für sich etwas zu erbitten, sollten sie auch darüber nichts in
+der Welt von demjenigen erlangen, worauf sie die billigsten Ansprüche
+machen dürfen. Ich brauche wohl nicht zu sagen, wie sehr alle diese
+Schwachen gemißhandelt oder wenigstens vernachlässigt werden; wie man
+auf die Gutherzigkeit und Dienstfertigkeit der Erstern losstürmt, und
+wie den Andern die Unverschämtheit alles vor dem Munde wegnimmt, weil
+sie nicht den Muth haben, zuzugreifen oder ihre Ansprüche geltend zu
+machen. Mißbrauche keines Menschen Schwäche! Erschleiche von Keinem
+Vortheile, Geschenke, Verwendung von Kräften, die Du nicht nach den
+Regeln der strengsten Gerechtigkeit, ohne ihm Verlegenheit und Last
+aufzuladen, von ihm fordern darfst; suche auch zu verhindern, daß
+Andre dergleichen thun; mache dem ~Blöden~ Muth! Verwende Dich, rede
+für ihn, wenn seine Schüchternheit ihn abhält, sein eigener Fürsprecher
+zu seyn!
+
+Manche Leute haben die Schwachheit, mit ganzer Seele ~gewissen
+Liebhabereien nachzuhängen~. Sey es nun irgend eine noble Passion:
+Jagd, Pferde, Hunde, Katzen, Tanz, Musik, Malerei, oder die Wuth,
+Kupferstiche, Naturalien, Schmetterlinge, Petschafte, Pfeifenköpfe
+und dergleichen zu sammeln, oder Bau-Geist, Garten-Anlage,
+Kinder-Erziehung, Mäcenatenschaft, physikalische Versuche -- oder
+was für ein Steckenpferd sie auch reiten: so dreht sich doch der
+ganze Kreis ihrer Gedanken immer um diesen Punkt herum; sie reden von
+keiner Sache so gern, wie von diesem ihrem Lieblings-Gegenstande;
+jedes Gespräch wissen sie dahin zu lenken. Sie vergessen dann, daß der
+Mann, welchen sie vor sich haben, vielleicht von keinem Dinge in der
+Welt weniger versteht, als von diesem, verlangen aber auch dagegen
+nicht gerade, daß er mit großer Kenntniß davon rede, wenn er nur die
+Geduld hat, ihnen zuzuhören; wenn er ihre Herrlichkeiten nur mit
+Aufmerksamkeit betrachtet, nur bewundert, was sie ihm als die größte
+Seltenheit empfehlen, und Interesse daran zu nehmen scheint. Nun, wer
+wird denn wohl so hartherzig seyn, diese kleine Freude einem Manne, der
+übrigens redlich und verständig ist, zu versagen oder zu verkümmern!
+Vorzüglich empfehle ich Aufmerksamkeit auf die -- doch wie sich's
+versteht, unschuldigen -- Liebhabereien der Großen, an deren Gunst
+uns gelegen ist; denn, wie Tristram Shandy anmerkt, so wird ein Hieb,
+welchen man dem Steckenpferde gibt, schmerzlicher empfunden, als ein
+Schlag, den der Reiter selbst empfängt.
+
+
+ 24.
+
+Mit ~muntern~, ~aufgeweckten Leuten~, die von ächtem Humor beseelt
+werden, ist leicht und angenehm umzugehen. Ich sage: sie müssen von
+~ächtem~ Humor beseelt werden; die Fröhlichkeit muß aus dem Herzen
+kommen, muß nicht erzwungen, muß nicht eitle Spaßmacherei, nicht
+Haschen nach Witz seyn. Wer noch von ganzem Herzen lachen, sich den
+Aufwallungen einer lebhaften Freude überlassen kann: der ist kein
+ganz böser Mensch. Tücke und Bosheit machen zerstreut, ernsthaft,
+nachdenkend, verschlossen; +mais un homme, qui rit, ne sera jamais
+dangereux+. Daraus folgt indessen nicht, daß Jeder, der nicht von
+fröhlicher Gemüthsart ist, und in der Gesellschaft einsylbig und
+zurückhaltend an dem Gespräche Theil nimmt, deswegen etwas Böses im
+Schilde führen sollte. Die Stimmung des Gemüths hängt vom Temperamente,
+so wie von der Gesundheit und von innern und äussern Verhältnissen
+ab. Aechte muntre Laune aber pflegt ansteckend zu seyn, und diese
+Epidemie hat etwas so Wohlthätiges; es ist ein so wahres Seelen-Glück,
+einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen zu dürfen, daß ich
+dringend anrathe, sich zur Munterkeit anzufeuern, oder anfeuern zu
+lassen, und wenigstens ein Paar Stunden in der Woche auf diese Weise
+der gesitteten Fröhlichkeit zu widmen.
+
+Allein es ist schwer, in lustiger Stimmung, und wenn man dem Witze
+den Zügel schießen läßt, nicht in einen ~satyrischen~ Ton zu fallen.
+Was gibt uns reichern Stoff zum Lachen, als das unzählige Heer von
+Thorheiten der Menschen? Und diese Thorheiten treten am lebhaftesten
+vor unsre Augen, wenn wir uns die Originale dazu denken, in welchen sie
+wohnen. Lachen wir nun über die Narrheit, so ist es fast unvermeidlich,
+auch über den Narren mit zu lachen, und da kann dann dies Lachen sehr
+ernsthafte, verdrießliche Folgen haben. Wenn ferner unsre Spöttereien
+Beifall finden, so werden wir verleitet, unsern Witz immer feiner
+zuzuspitzen, und Andre, denen es ausserdem vielleicht an Stoff zu
+munterer Unterhaltung fehlen würde, schärfen, durch unser Beispiel
+verführt, ihre Aufmerksamkeit auf die Mängel ihrer Nebenmenschen:
+und wohin das führen, welche böse Folgen es haben, und wie leicht es
+Streit erregen, das Vergnügen zerstören, Feindschaft erwecken könne,
+das ist theils bekannt genug, theils habe ich darüber schon etwas im
+ersten Kapitel gesagt. Ich halte es daher für Pflicht, im Umgange mit
+sehr satyrischen Leuten auf seiner Hut zu seyn. Nicht, daß man sich
+persönlich vor ihrer spitzen Zunge oder Feder fürchten müßte, denn
+das zeigt wirklich den höchsten Grad von innerm Bewußtseyn eigener
+Erbärmlichkeit an; sondern daß man nicht durch sie verführt werde, mit
+zu lästern; daß man sich und Andern dadurch nicht schade, und daß der
+Geist der Duldung nicht von uns weiche. Man bezeige daher satyrischen
+Leuten keinen zu lauten Beifall, bestärke sie nicht in der Gewohnheit,
+ihren Witz auf andrer Menschen Unkosten spielen zu lassen, und lache
+nicht mit, wenn sie lästern und schmähen.
+
+Ich sage: man hat gar nicht Ursache, satyrische Leute eigentlich zu
+fürchten; denn sind sie übrigens edle Männer, so werden sie, wenn
+sie auch über Thorheiten lachen und spotten, doch den Charakter des
+redlichen Mannes schonen. Sind sie aber boshafte Spötter, so werden sie
+sich mehr, als Andern, schaden. -- An den Mann von Würde wagt sich denn
+auch nicht leicht ein Solcher, wenigstens nicht zum zweiten Mal.
+
+
+ 25.
+
+~Trunkenbolde~, grobe ~Wollüstlinge~ und alle andre Arten von
+~lasterhaften Menschen~ soll man freilich fliehn, und ihren Umgang,
+wenn man kann, vermeiden; ist dieß aber durchaus unmöglich, so bedarf
+es wohl keiner Erinnerung, daß man sich hüten müsse, von ihnen
+angesteckt, verblendet oder verführt zu werden. Allein das ist nicht
+genug. Es ist Pflicht, ihren Ausschweifungen, möchten sie solche auch
+in das gefälligste Gewand hüllen, nicht nachzusehen, sie nicht zu
+entschuldigen, sondern vielmehr, wo es mit Klugheit geschehen kann,
+einen erklärten Abscheu dagegen zu zeigen; es ist Pflicht, und recht
+heilige Pflicht, an unzüchtigen, schmutzigen Gesprächen niemals,
+und auf keinerlei Art beifälligen Antheil zu nehmen. Man sieht in
+der großen Welt die sogenannten +agréables débauchés+ mehrentheils
+die glänzendste Rolle spielen, und in manchen, besonders männlichen
+Cirkeln, die Unterhaltung auf Zoten und Zweideutigkeiten hinausgehen,
+wodurch die Phantasie junger Leute erhitzt, mit schlüpfrigen Bildern
+erfüllt, und die schamloseste Unsittlichkeit weiter ausgebreitet
+wird. Zu diesem allgemeinen Verderbnisse der Sitten, zur Verspottung,
+vielleicht gar zur Verachtung der Keuschheit, Nüchternheit, Mäßigkeit
+und Schamhaftigkeit, darf kein redlicher Mann auch nur das Mindeste
+beitragen. Er muß vielmehr, so viel an ihm ist, ohne Ansehn der Person,
+sein Mißfallen daran bestimmt zu erkennen geben, und, wenn er es
+vergebens versucht hat, Menschen, die auf dem Wege des Lasters wandeln,
+durch freundschaftliche Warnung und Hinlenkung ihrer Thätigkeit auf
+würdigere Gegenstände, zu bessern, ihnen wenigstens zeigen, daß er den
+Sinn für Reinigkeit und Tugend nicht verloren habe, und daß in seiner
+Gegenwart die Unschuld respektirt werden müsse.
+
+
+ 26.
+
+Einen ganz eignen Abschnitt verdienen die ~Enthusiasten~,
+~überspannten~, ~romanhaften Menschen~, ~Kraft-Genies~ und
+~excentrischen Leute~. Sie leben und weben in einer Atmosphäre von
+Phantasien, wie ein Fisch im nassen Elemente, und sind geschworne
+Feinde der kalten Ueberlegung. Mode-Lectüre, Romane, Schauspiele,
+geheime Verbindungen, Mangel an gründlichen wissenschaftlichen
+Kenntnissen, und Müßiggang, stimmen einen großen Theil unsrer heutigen
+Jugend auf diesen Ton; man trifft aber auch Schwärmer mit grauen
+Köpfen an. Sie streben ohne Unterlaß nach dem Ausserordentlichen und
+Uebernatürlichen; verachten das nahe liegende Gute, um nach fernen
+Erscheinungen zu greifen; versäumen das Nöthige und Nützliche, um Plane
+für das Entbehrliche zu machen; legen die Hände in den Schooß, wo es
+Pflicht wäre, zu wirken, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts
+angehen; reformiren die Welt, und vernachlässigen ihre häuslichen
+Geschäfte; finden das Wichtigste zu klein, und das Abgeschmackteste
+erhaben; haben eine entschiedene Abneigung gegen alles Deutliche,
+Verständige und Klare, und predigen das Unbegreifliche. Vergebens
+stellst Du ihnen die Gründe der gesunden Vernunft entgegen, und
+bittest sie, zu prüfen; sie werden Dich als einen gemeinen Menschen,
+ohne Gefühl, ohne Sinn für das Große, verachten, Mitleiden mit Deiner
+Weisheit zeigen, und sich lieber an ein Paar andre Narren von ähnlichem
+Schwunge anschließen, die in ihren Unsinn einstimmen. Ist Dir's also
+darum zu thun, einen solchen Schwärmer zu überzeugen, oder auch nur
+einen wirksamen Einfluß auf ihn zu erhalten: so müssen Deine Gespräche
+warm und feurig seyn, und Du mußt mit eben so viel Enthusiasmus der
+gesunden Vernunft das Wort reden, womit er die Sache seiner Thorheit
+verficht. Selten aber richtet man überhaupt etwas mit solchen Menschen
+aus, und es ist am besten gethan, der Zeit ihre Heilung zu überlassen.
+Indessen steckt zum Unglücke Schwärmerei an, wie der Schnupfen. Wer
+daher eine sehr lebhafte Einbildungskraft hat, und nicht ganz sicher
+von der Herrschaft seines Verstandes über dieselbe ist, dem rathe
+ich, im Umgange mit Enthusiasten jeder Gattung auf seiner Hut zu
+seyn. Unsere Zeit hat ein unglückseliges Wohlgefallen an religiöser,
+theosophischer und mystischer Schwärmerei, und bringt Manches zu Ehren,
+was zum Heil der Welt eine bessere Zeit verlacht und in den Staub
+geworfen hatte. So hört man z. B. jetzt einen ~Jakob Böhme~ rühmen
+und preisen, und alle die alten Kirchengesänge, welche in jeder Zeile
+eine Sünde gegen den guten Geschmack und gegen das gesunde Gefühl
+begehen, als Meisterstücke der Dichtkunst laut erheben, hört junge
+Mädchen, schon lange vor ~der~ Periode, in welcher sie von Rechtswegen
+in die Reihe der Betschwestern treten dürfen, gar andächtig singen,
+was sie bei gesundem Urtheil und Gefühl zum Lächeln reizen müßte,
+und dergleichen Erscheinungen mehr, welche beweisen, wie behaglich
+es dem Menschen in seiner Schwachheit ist, von einem Extrem auf das
+andere überzuspringen. Ich mag nicht entscheiden, welche von diesen
+Gattungen der Schwärmerei die gefährlichste ist, halte aber doch dafür,
+diejenigen, welche auf politische, halbphantastische, halbjesuitische
+Plane und auf Welt-Reformation hinausgehen, gehören wohl wenigstens
+nicht zu den unschädlichsten Donquixoterien; ich glaube dieß um
+so fester, da gerade diese Art von Schwärmer-Systemen am mehrsten
+Verwirrung im Staate anrichten kann, und die blendendste Aussenseite
+zu haben pflegt, statt daß die übrigen bald Langeweile machen, und nur
+schiefe und mittelmäßige Köpfe anhaltend beschäftigen. Man gewöhne
+sich daher, im Umgange mit den Aposteln solcher Systeme, die jedem
+Biedermanne sonst so theuren Ausdrücke: Glück der Welt, Freiheit,
+Gleichheit, Rechte der Menschheit, Religiosität, Christenthum, Glaube
+und dergleichen, für nichts anders, als für Lockspeise, oder höchstens
+für gutgemeinte leere Worte zu nehmen, mit denen diese Leute spielen,
+wie die Schulknaben mit den oratorischen Figuren und Tropen, welche sie
+in ihren magern Exercitien anbringen müssen.
+
+Kraft-Genies und excentrische Leute lasse man laufen, so lange sie sich
+noch nicht gänzlich zum Einsperren qualificiren. Die Erde ist so groß,
+daß eine Menge Narren neben einander Platz darauf hat.
+
+
+ 27.
+
+Jetzt noch ein Wort von ~Andächtlern~, ~Frömmlern~, ~Heuchlern~ und
+~abergläubischen Leuten~, welche mit den eben beschriebenen nur darin
+Eine Klasse ausmachen, daß sie eine Freude an der Uebertreibung, und
+eine Scheu vor dem Vernünftigen haben.
+
+Wem es mit seinen Empfindungen für die Religion, mit seiner Wärme
+für Gottes-Liebe, Gottes-Furcht und Gottes-Verehrung, und mit seiner
+Anhänglichkeit an die gottesdienstlichen Gebräuche der Kirche, zu
+welcher er sich in seinem Herzen bekennt, ein aufrichtiger Ernst ist:
+der hat die gegründetsten Ansprüche auf unsre Achtung. Sollte er auch
+das Wesen der Religion, mehr als wir für gut halten, in bloßes Gefühl,
+ohne allen Gebrauch seiner ihm von Gott verliehenen Leiterin, der
+Vernunft, setzen: -- sollte auch, unsrer Meinung nach, eine erhitzte
+Phantasie sich in seine religiöse Empfindungen mischen: -- sollte er
+auch eine zu große Anhänglichkeit für gewisse Ceremonien, Gebräuche
+und Systeme haben: so verdient er, wenn er übrigens ein redlicher
+Mann, ein praktischer Christ ist, Duldung, Schonung und Bruderliebe.
+Allein um desto verachtungswürdiger ist ein Heuchler und Kopfhänger,
+ein gleisnerischer Bösewicht, der hinter der Larve der Heiligkeit,
+Sanftmuth und Religiosität den wollüstigen Verführer, den tückischen
+Verläumder, Aufrührer, Anhetzer, rachgierigen Bösewicht, oder den
+fanatischen Verfolger versteckt. Beide Arten von Leuten sind aber nicht
+schwer zu unterscheiden. Der fromme Edle ist gerade, offen, still und
+heiter, nicht übertrieben höflich, nicht übertrieben zuvorkommend, noch
+übertrieben demüthig, aber liebevoll, einfach und zutraulich in seinem
+Betragen. Er ist nachsichtig, milde und duldend, redet auch nicht
+viel, ausser mit vertrauten Freunden, über religiöse Gegenstände; der
+Heuchler hingegen pflegt süß, kriechend, schmeichelnd, immer auf seiner
+Hut, ein Sclave der Großen, ein Anhänger der herrschenden Parthei, ein
+Freund der Glücklichen, nie ein Vertheidiger der Verlassenen zu seyn.
+Er führt Rechtschaffenheit und Religion ohne Unterlaß im Munde, gibt
+seine reichen Almosen, und erfüllt seine christlichen Liebespflichten
+mit Geräusch und Aufsehen, tobt und schäumt über den Gottlosen und
+Lasterhaften, oder entschuldigt fremde Fehler auf solche Weise, daß sie
+dadurch tausendfältig vergrößert scheinen. Hüte Dich, diesem auf irgend
+eine Weise in die Hände zu fallen; fliehe ihn; tritt ihm nicht auf den
+Fuß; beleidige ihn nicht, wenn Dir Deine Ruhe lieb ist!
+
+Abergläubische Leute, die Ammen-Mährchen, Gespenster-Histörchen und
+dergleichen lieben, und mit großer Ernsthaftigkeit erzählen, sind
+nicht durch Gründe der Philosophie und durch vernünftige Vorstellungen
+und Zweifel von ihrem Wahne zu befreien, am wenigsten aber durch
+Declamationen, Verspottung und Ereiferung. Es ist da kein anderes
+Mittel, als, ihnen nicht eher zu widersprechen, bis man zugleich eine
+einzelne Thatsache strenge und kaltblütig untersuchen, und sie mit
+eignen Augen von dem Betruge oder Ungrunde überzeugen kann, obgleich
+es wahrlich unbillig ist, daß man Dem, welcher eine übernatürliche
+Erscheinung behauptet, den Beweis erläßt, und ihn Demjenigen auflegt,
+der die Rechte der Vernunft vertheidigt.
+
+
+ 28.
+
+Nicht toleranter, als die Frömmler, pflegen ihre Gegenfüßler,
+die ~Deisten~, ~Freigeister~ und ~Religionsspötter~ von gemeiner
+Art zu seyn. Ein Mann, der unglücklich genug ist, sich von der
+Wahrheit, Heiligkeit und Nothwendigkeit der christlichen Religion
+nicht überzeugen zu können, verdient Mitleiden, weil er einen sehr
+wesentlichen Vorzug, einen kräftigen Trost im Leben und Sterben
+entbehrt; er verdient mehr, als Mitleiden, er verdient Liebe und
+Achtung, wenn er dabei seine Pflichten als Mensch und Bürger, so viel
+an ihm ist, treulich erfüllt, und niemand in seinem Glauben irre macht.
+Wenn aber die Religionsspötterei in einem lasterhaften Herzen, in der
+Sucht, durch Witz und Scharfsinn zu glänzen, und in einem wahnsinnigen
+Dünkel eigener Weisheit und Untrüglichkeit ihre Quelle hat, und darauf
+ausgeht, Proselyten zu machen, wenn sie öffentlich mit schaalem Witze,
+oder nachgebeteten voltairischen Floskeln, der Lehren spottet, auf
+welche andre Menschen ihre einzige Hoffnung, ihre zeitliche und ewige
+Glückseligkeit bauen; wenn der Religionsverächter verachtet, verleumdet
+und schimpft, und Jeden einen Heuchler oder heimlichen Jesuiten schilt,
+der nicht wie ~er~ denkt: so ist ein solcher bösartiger Thor unsrer
+Verachtung werth, ist werth, daß man ihm diese Verachtung zeige, wäre
+er auch ein noch so vornehmer Mann; und wenn man es für vergebliche
+Mühe hält, seinem Gewäsche ernsthafte Gründe entgegenzusetzen: so
+bringe man ihn wenigstens durch ernsthafte Bekämpfung zum Schweigen!
+
+
+ 29.
+
+Ueber die Art, wie man ~schwermüthige~, ~tolle~ und ~rasende Menschen~
+behandeln müsse, sollte billig ein philosophischer Arzt ein eignes
+Werk schreiben. Dieser Mann müßte Leute von der Art in und ausser den
+Hospitälern aufsuchen, dieselben genau und in verschiednen Jahrszeiten
+und Mondsveränderungen beobachten, und aus den Resultaten dieser
+Untersuchungen ein ganzes System ausarbeiten. Mir fehlt es an der Menge
+von Thatsachen, so wie an medicinischen Kenntnissen dazu, und hier
+würde eine weitläuftige Abhandlung über diesen Gegenstand auch zu viel
+Raum wegnehmen, da ich schon so manches Blatt mit Bemerkungen über den
+Umgang mit ~nicht eingesperrten Narren~ angefüllet habe. Also nur noch
+wenig Zeilen darüber!
+
+Der wichtigste Punkt scheint bei solchen Kranken anfangs ~der~ zu seyn,
+daß man die erste Quelle ihres Uebels aufsuche, daß man ausmittle,
+ob und wie dieselben, entweder durch Zerrüttung einzelner Organe,
+oder durch Gemüthsleiden, heftige Leidenschaften, oder Unglücksfälle,
+entstanden seyn. Zu diesem Endzwecke muß man Acht geben, womit sich
+ihre Phantasie in den Augenblicken der Raserei oder Verwirrung, und
+ausser denselben, beschäftige, worüber ihre Einbildungskraft brüte.
+Da würde sich's denn zeigen, daß man, um diese Unglücklichen nach und
+nach zu heilen, mehrentheils nur auf einen einzigen Punkt zu wirken,
+in ihnen auf vorsichtige Weise nur eine einzige herrschende Grille zu
+zerstören oder zu modificiren brauchte. Ferner würde es wichtig seyn,
+darauf Acht zu geben, welche Art von Wetter-Veränderung, Jahreszeit
+und Monds-Wandlung Einfluß auf ihre Krankheit habe, um die glücklichen
+Augenblicke zur Behandlung und Leitung zu nützen. Endlich habe ich
+bemerkt, daß das Einsperren, und jede harte Verfahrungsart fast immer
+das Uebel ärger macht. Ich muß bei dieser Gelegenheit mit wahrem,
+aufrichtigem Lobe der Einrichtung Erwähnung thun, welche im Irrenhause
+in Frankfurt am Mayn herrscht, und welche ich vielfältig zu beobachten
+Gelegenheit gefunden habe. Man läßt dort die Wahnsinnigen, wenn es nur
+irgend ohne Gefahr geschehen kann, wenigstens in ~den~ Jahrszeiten, von
+welchen man weiß, daß alsdann ihre Tollheit weniger heftig ist, unter
+unmerklicher Beobachtung frei im Hause und Garten herumgehen; und der
+Zuchtmeister verfährt so sanft und liebreich mit ihnen, daß viele
+derselben nach einigen Jahren völlig geheilt wieder herauskommen, und
+eine größere Anzahl höchstens nur melancholisch bleibt, und allerlei
+Handarbeiten zu verrichten im Stande ist, indeß diese Menschen in
+manchen andern Hospitälern durch Einsperren und Härte vielleicht im
+höchsten Grade wüthend geworden seyn würden.
+
+Man kann aber auch schwache Menschen stufenweise um ihren Verstand
+bringen, wenn man eine heftige Leidenschaft, von welcher sie regiert
+werden, sey es Liebe, Hochmuth oder Eitelkeit, nährt, reizt und dann
+wieder kränkt. Zwei solcher elenden Geschöpfe erinnere ich mich gesehen
+zu haben. Der eine trug ein Hofnarren-Kleid an dem Hofe des Fürsten von
+***. Er war in der Jugend ein Mensch von feinem Kopfe, guten Anlagen
+und voll Witz gewesen; noch loderten davon in ruhigen Augenblicken
+Flammen hervor. Er hatte studiren sollen, aber nichts gelernt, sondern
+sich einem lüderlichen Leben überlassen. Als er darauf in sein
+Vaterstädtchen zurückkam, behandelte man ihn als einen unwissenden
+Müssiggänger, und er selbst fühlte, daß er weiter nichts war. Er
+hatte aber einen ungeheuren Hochmuth, und war nicht gänzlich arm. Von
+seiner Familie und den Leuten seines Standes verstoßen, fing er nun
+an, mit den Hofofficianten des Fürsten von *** sich herumzutreiben.
+Seine lustigen Einfälle zogen sogar die Aufmerksamkeit dieses sehr
+muntern Herrn auf ihn. Er wurde bald vertraut mit demselben und mit
+dem ganzen Hofe, wodurch anfangs seine Eitelkeit gekitzelt wurde; doch
+endigte sich das natürlicher Weise damit, daß man ihn mißbrauchte,
+und als einen privilegirten Spaßmacher betrachtete. Dieß war indessen
+immer noch eine Art von Existenz, die ihm behagte, so lange die
+Sache in gewissen Schranken blieb, und es ihm erlaubt war, auf
+vertraulichem Fuße mit vornehmen Leuten umzugehen, und ihnen zuweilen
+derbe Wahrheiten zu sagen. Weil diese aber sich nicht umsonst so weit
+herablassen wollten, auch nicht zu aller Zeit gleich gut aufgelegt
+waren, seinen Witz, der zuweilen in das Grobe fiel, anzunehmen: so
+erfuhr er Demüthigungen aller Art, bekam zuweilen Schläge, und konnte
+doch nun nicht mehr zurück, indem ihm seine Verwandten und Bekannten
+in der Stadt mit äusserster Verachtung begegneten, und sein kleines
+Vermögen geschmolzen war. -- Und so sank er denn immer tiefer. Er wurde
+gänzlich abhängig vom Hofe; der Fürst ließ ihm eine buntschäckigte
+Kleidung machen, und es war kein Küchenjunge im Schlosse, der nicht
+das Recht zu haben glaubte, einen Spaß von ihm zu begehren, oder ihm
+für einen Schoppen Wein einen Nasenstüber zu geben. Aus Verzweiflung
+berauschte er sich nun täglich; und war er ja einmal nüchtern, so
+nagten die Vorstellungen seiner fürchterlichen Lage, das Gefühl der
+unedlen Rolle, welche er spielte, die Anstrengung, neue Spässe zu
+erfinden, um nicht auf immer verstoßen zu werden, und sein aufwachender
+Hochmuth an seiner Seele, indeß er seinen Körper durch Ausschweifungen
+zerrüttete. Er wurde wirklich ein Narr, und einmal so rasend, daß man
+ihn ein halbes Jahr hindurch an der Kette verwahren mußte. Als ich ihn
+sahe, war er ein alter Mann, trieb sich in einem armseligen Zustande
+umher, wurde als ein verrückter Mensch angesehen, war aber mehr ein
+Gegenstand des Widerwillens, als des Mitleidens, und hatte doch noch
+helle Augenblicke, in welchen er ungewöhnlichen Scharfsinn, Witz und
+Genie verrieth, auch, wenn er einen halben Gulden erbetteln wollte, auf
+eine feine Weise zu schmeicheln, und mit so schlauer Menschenkenntniß
+die schwachen Seiten der Leute zu fassen verstand, daß ich nicht wußte,
+ob ich nicht mehr über die Leute, die ihn so tief hinabgestoßen hatten,
+als über seine Verirrungen seufzen sollte.
+
+Der andre Mensch, von welchem ich reden wollte, war einst Verwalter
+auf einem adelichen Gute gewesen, nachher aber auf Pension gesetzt
+worden. Da nun solchergestalt die Herrschaft nichts mit ihm anzufangen
+wußte, trieb sie ihren Spaß mit ihm, indem er sehr dumm und zugleich
+hochmüthig und verliebt war. Sie nannten ihn ~Fürst~, gaben ihm einen
+Orden, ließen erdichtete Briefe von hohen Potentaten an ihn schreiben,
+in welchen ihm entdeckt wurde, daß er eigentlich aus einem großen
+Hause abstamme, aber in seiner Jugend entführt worden sey; daß der
+Großsultan, welcher unrechtmäßiger Weise seine Länder besäße, ihm nach
+dem Leben trachtete; daß eine griechische oder hebräische Prinzessinn
+in ihn verliebt sey, und dergleichen mehr. Es mußten lustige Freunde,
+als Gesandte verkleidet, in Unterhandlungen mit ihm treten; -- und
+kurz! nach wenig Jahren brachte man es dahin, daß der arme Tropf
+wirklich verrückt wurde, und diese Thorheiten glaubte.
+
+Ich enthalte mich aller Anmerkungen über diese beiden Geschichten; der
+Leser wird sie ohne meine Anweisung machen können.
+
+
+
+
+ Nachtrag des Herausgebers[3].
+
+
+Es ist hier der Ort, eines Geschlechts zu gedenken, welches sich leider
+seit einiger Zeit so vermehrt und verbreitet hat, daß ein zweiter
+Linné nöthig wäre, um es nach allen seinen Gattungen und Arten zu
+klassificiren, nämlich die ~Finsterlinge~. Ich will nur drei Hauptarten
+beschreiben.
+
+Den ersten Platz nimmt, wie billig, die Klasse der ~theologischen
+Finsterlinge~ ein. Dieß ist eine alte Rasse, die vor einiger Zeit fast
+im Aussterben begriffen schien, aber seit Kurzem sich dermaßen besaamt
+hat, daß man sie jetzt überall wieder antrifft. Sie schimpft noch immer
+auf die Vernunft, als die Wurzel alles Uebels, und verdammt daher jeden
+Rationalisten als einen Naturalisten und Atheisten. Um sich durch den
+weltlichen Arm zu verstärken, da sie ihre innere Schwäche wohl fühlt,
+flüstert sie den Gewalthabern in's Ohr, daß sie ihr Ansehen nicht
+behaupten könnten, wenn sie nicht die Forderung des blinden Glaubens
+mit aller Macht unterstützten. Das Feldgeschrei der Finsterlinge ist
+daher: »machet die Augen zu, daß euch die Sonne nicht blende.« --
+An diese Klasse schließt sich sehr natürlich die der ~politischen
+Finsterlinge~. Sie lacht zwar insgeheim über jene, da sie wohl merkt,
+daß die Finsterlinge nur durch sie herrschen wollen; aber da sie aus
+Erfahrung weiß, daß der weltliche Arm doch zuletzt über den geistlichen
+siegt, so nimmt sie die Empfehlung des blinden Glaubens utiliter
+an, um damit die Forderung des blinden Gehorsams zu unterstützen.
+Die politischen Finsterlinge behaupten demnach, daß, wie nach dem
+Emanazionssysteme der morgenländischen Weltweisen alle Dinge von Gott
+ausgeflossen seyen, so auch die fürstliche Gewalt unmittelbar von der
+göttlichen abstamme: daß sonach die Fürsten, wie Gott, lauter Rechte
+ohne Pflichten, die Völker hingegen lauter Pflichten ohne Rechte haben;
+daß eben darum von Verträgen zwischen Fürsten und Völkern, und von
+Verfassungen, wodurch die Ausübung der fürstlichen Gewalt gesetzlich zu
+bestimmen sey, gar nicht die Rede seyn dürfe. Wie nun der ersten Klasse
+das Wort Vernunft ein Gräuel ist, so der zweiten das Wort Freiheit;
+denn Freiheit, meint sie, sey nur das Losungswort der Rebellen gegen
+die Fürsten, wie Vernunft das Losungswort der Rebellen gegen die
+Gottheit. Auch hat sie eine Menge von Geschichten bei der Hand, woraus
+erhellen soll, daß die Freiheit überall in zügellose Frechheit ausarte
+(besonders die Preßfreiheit), und Revolutionen erzeuge, wenn man sie
+nur im mindesten gewähren lasse. Das Feldgeschrei dieser Klasse ist
+daher: »laßt euch an Ketten legen, damit ihr nicht auf die Nase fallet.«
+
+Die dritte Klasse kann man die ~ästhetisch-philosophischen
+Finsterlinge~ nennen. Diese ziehen gegen den Verstand zu Felde, und
+halten es bloß mit dem Gefühle. Jener, sagen sie, kann sich nur in
+prosaischer Nüchternheit aussprechen, und tummelt sich auf dem Gebiete
+hohler Begriffe herum, dieses aber hebt den Menschen in poetischer
+Trunkenheit bis zur unmittelbaren Anschauung des Absoluten selbst.
+Daher reden sie in lauter Bildern, Orakeln und Hieroglyphen, die sie
+selbst nicht verstehen, und finden es ganz unausstehlich, wenn jemand
+es wagt, über irgend einen Gegenstand der Wissenschaft oder Kunst ein
+klares, bestimmtes und verständliches Wort zu sprechen. Alles ist
+ihnen Eins: Philosophie und Poesie, Kunst und Religion, Staat und
+Kirche, Thier und Pflanze, Organisches und Unorganisches, Endliches und
+Unendliches; denn alles schauen sie in mystischer Verzuckung mit einem
+und demselben Gefühle der Sehnsucht und Liebe an. »Fühlt, fühlt, fühlt!
+ist daher ihr Wahlspruch, und solltet ihr auch den Verstand darüber
+verlieren!«
+
+Was wollen denn nun aber alle diese Finsterlinge? Wollen sie sich
+in ihrer Blindheit gegen den gewaltigen Strom des geistigen Lebens
+stemmen, und bewirken, daß er rückwärts wieder dahin fließe, wovon er
+ausgegangen ist? Die ohnmächtigen Thoren! Der Strom wird unaufhaltsam
+nach ewigen Gesetzen fortfließen, und sie, selbst wider ihren Willen,
+mit sich fortreißen, oder -- verschlingen.
+
+So weit der Verf. im Freimüthigen. Es frägt sich: wie man diese
+Finsterlinge im gesellschaftlichen Umgange behandeln, und wie man sie
+bekämpfen und ihnen entgegen wirken solle. Daß ein großes Verdienst
+hiebei zu erwerben sey, darf wohl nicht erst gesagt werden; eben so
+wenig, daß große Unbefangenheit, Festigkeit und Freimüthigkeit, auch
+ein wenig Witz und Scharfsinn dazu gehöre, um sie zum Schweigen zu
+bringen, oder wenigstens unangesteckt zu bleiben. Menschen dieser Art
+mögen gern durch einen entscheidenden und vornehmen Ton imponiren
+und abschrecken; sie mögen sich nicht gern auf Gründe einlassen; sie
+haben allerlei Kunstgriffe, wodurch sie dem, der sie mit Gründen und
+mit kalter Fassung bekämpft, auszuweichen suchen, oder ihn wo möglich
+in Verdacht bringen; sie wissen sich das Ansehen des lebendigsten
+Eifers für die Wahrheit zu geben. Durch das alles suchen sie sich ein
+Uebergewicht zu verschaffen. Bei dem weiblichen Geschlecht sind sie
+wohl angesehen, weil sie seinem Hange zum Schwärmen Nahrung geben, und
+es im Helldunkel umherführen. Man wird sie am glücklichsten bekämpfen,
+wenn man ihnen eine kalte Besonnenheit und Ruhe entgegensetzt, sie bei
+dunklen Redensarten und mystischen Kunstgriffen fest hält, und sich
+Erläuterung ausbittet, als wolle man sich von ihnen belehren, und in
+ihre Weisheit einweihen lassen; wenn man ihnen allerlei Fragen vorlegt,
+durch welche sie genöthigt sind, sich näher zu erklären; wenn man sie
+mit Zweifeln bestürmt, und aus ihren Behauptungen Folgerungen zieht,
+deren Widersinnigkeit einleuchtet; wenn man solchen Namen, die sie als
+unverwerfliche Autoritäten anführen, eben so berühmte entgegenstellt,
+die das Recht der Vernunft, zu prüfen und zu forschen, dargethan
+und vertheidigt haben; wenn man ihnen besonders den Stifter des
+Christenthums, und die Reformatoren, als solche in's Gedächtniß bringt,
+die ihren Zeitgenossen das Licht der Vernunft leuchten ließen, und sie
+durch ihre ganze Lehrweise ermunterten und nöthigten, ihre Vernunft zu
+gebrauchen, dem Alten, wenn es die Prüfung nicht aushielt, zu entsagen,
+und das Neue, weil es besser begründet war, dafür anzunehmen. Man
+erinnere sie an die Scheiterhaufen, welche die Zeit der Finsterniß
+gebaut, und an die Religionskriege, die sie entzündet hat, und frage
+sie, ob sie im Ernst wünschen könnten, diese Zeiten mit ihrem blinden
+Glauben und ihrer Verketzerungssucht wiederkehren zu sehen. Wer die
+Vernunft verdächtig macht (so erkläre man sich männlich gegen sie),
+der kündigt aller Wissenschaft und aller wahren Bildung den Krieg an,
+und zerstört alle Freiheit, allen Gedanken-Verkehr, und allen wahren
+Geistesgenuß; der verwandelt die Schulen in Blinden-Anstalten, die
+Hörsäle in Zuchthäuser, die Kirchen in Schauspielhäuser, die Herrschaft
+in Sclaverei; der erklärt, daß er auf den Vorzug, selbst zu denken,
+Verzicht leiste, und bei gesunden Augen und gesunden Füßen sich
+lebenslang als einen Blinden wolle führen lassen.
+
+Nichts dürfte in unsern Tagen schwerer seyn, als bei guter Vernunft und
+wahrer Unbefangenheit des Geistes zu bleiben, denn es wird immer mehr
+herrschender Ton, das Begreifliche zu verwerfen, und das Unbegreifliche
+als die höchste Weisheit zu rühmen und zu preisen, das Alte zu
+bewundern, zu erheben und zu loben, müßte es auch mit Verleugnung
+alles guten Geschmacks und aller gesunden Vernunft geschehen; und
+den Gefühlen die Entscheidung zu überlassen, müßte auch darüber alle
+Lebensweisheit zu Grunde gehen. Glücklicher Weise hat sich noch eine
+gute Zahl von Verständigen und Einsichtsvollen unter uns nüchtern, und
+bei gesunder Vernunft erhalten, und so ist denn nicht zu fürchten, daß
+es den Finsterlingen gelingen werde, das Licht auszublasen, welches
+eine bessere Zeit angezündet hat.
+
+
+
+
+ Ueber den
+
+ Umgang mit Menschen.
+
+
+
+
+ Zweiter Theil.
+
+ Einleitung.
+
+
+Der erste Theil dieses Buchs enthält Bemerkungen über den Umgang
+mit Menschen von allerlei Art, ohne Rücksicht auf ihre besondern
+Verhältnisse unter einander. Die mannigfaltigen natürlichen, häuslichen
+und bürgerlichen Verbindungen aber erfordern verschiedene Anwendung
+der Regeln des Umgangs und neue Vorschriften für einzelne Fälle. Ich
+rede daher in diesem zweiten Theile zuerst von demjenigen, was wir in
+der menschlichen Gesellschaft zu beobachten haben, in so fern wir auf
+Verschiedenheit des Alters und des Geschlechts, auf Blutsfreundschaft,
+auf die ersten Bande des häuslichen Lebens und auf Freundschaft,
+Liebe, Dankbarkeit, Wohlwollen, endlich auf die Lagen mancher Art, in
+welche Menschen aus allen Ständen gerathen können, unser Augenmerk
+richten. Der dritte Theil aber wird die Pflichten entwickeln, die
+uns Stand, bürgerliche Verbindung, Uebereinkunft und alle übrigen
+zusammengesetztern Verhältnisse auflegen.
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+ Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter.
+
+
+ 1.
+
+Der Umgang unter Menschen von gleichen Jahren scheint freilich viel
+Vorzüge und Annehmlichkeit zu haben. Aehnlichkeit in der Denkungsart,
+und wechselseitige Austauschung solcher Ideen, die gleich lebhaft die
+Aufmerksamkeit und die Theilnahme erregen, ketten die Menschen an
+einander. Jedem Alter sind gewisse Neigungen und leidenschaftliche
+Triebe eigen. In der Folge der Zeit verändert sich die Stimmung; man
+rückt nicht so fort mit dem Geschmacke und der Mode; das Herz ist nicht
+mehr so warm, faßt nicht so leicht Interesse an neuen Gegenständen;
+Lebhaftigkeit und Phantasie werden herabgestimmt; manche glückliche
+Täuschungen sind verschwunden; viel Gegenstände, die uns theuer waren,
+sind um uns her abgestorben, entwichen, unsern Augen entrückt; die
+Gefährten unserer glücklichen Jugend sind fern von uns, oder schlummern
+schon im Grabe; der Jüngling hört die Erzählungen von den Freuden
+unserer schönsten Jahre nur aus Gefälligkeit ohne Gähnen an. Gleiche
+Erfahrungen geben reichhaltigern Stoff zur Unterhaltung, als wenn das,
+was ein Mensch erlebt hat, dem Andern ganz fremd ist. -- Das alles
+leidet keinen Widerspruch; doch rückt Verschiedenheit der Temperamente,
+der Erziehung, der Lebensart und der Erfahrungen diese Grenzlinien
+oft vor und zurück. Viele Menschen bleiben in gewissem Betrachte ewig
+Kinder, indeß Andere vor der Zeit Greise werden. Der an Leib und Seele
+abgestumpfte Jüngling, der alle Welt-Lüste bis zum Ekel geschmeckt hat,
+findet freilich wenig Genuß im Kreise junger unschuldiger Landleute,
+die noch Sinn für einfache Freuden haben: und der alte Biedermann, der
+nicht weiter, als höchstens in einem Umkreise von fünf Meilen sich
+von seiner Heimath entfernt hat, ist unter einem Haufen erfahrner und
+belebter Residenz-Bewohner, mit ihm von gleichem Alter, eben so wenig
+an seinem Platze, wie ein betagter Kapuziner in einer Gesellschaft
+von alten Gelehrten. Dagegen aber binden auch manche Neigungen, zum
+Beispiel die noblen Passionen der Jagd, des Spiels, der Medisance
+und des Trunks, vielfältig Greise, Jünglinge und alte Weiber recht
+herzlich an einander; diese Ausnahme von jener allgemeinen Bemerkung,
+von der Bemerkung: daß der Umgang unter Leuten von gleichen Jahren viel
+Vorzüge habe, kann indessen die Vorschriften nicht unkräftig machen,
+die ich jetzt über das Betragen, welches man im Umgange mit Menschen
+von verschiedenem Alter zu beobachten hat, mittheilen will. Nur muß
+ich noch eine Anmerkung hinzufügen: Es ist nicht gut, wenn eine zu
+bestimmte Absonderung unter Personen von verschiedenem Alter Statt
+findet, wie es zum Beispiel lange in Bern war, wo fast jedes Stufenjahr
+seine eignen, angewiesenen, gesellschaftlichen Cirkel hatte, so daß,
+wer vierzig Jahre alt war, anständiger Weise nicht mit einem Jünglinge
+von fünf und zwanzig Jahren umgehen konnte. Die Nachtheile eines
+solchen conventionellen Gesetzes sind wohl nicht schwer einzusehen.
+Der Ton, den die Jugend annimmt, wenn sie immer sich selbst überlassen
+ist, pflegt nicht der sittlichste zu seyn; manche gute Einwirkung wird
+verhindert; und alte Leute bestärken sich in der Selbstsucht, im Mangel
+an Duldung, und werden mürrische Hausväter, wenn sie keine andre, als
+solche Menschen um sich sehen, die mit ihnen gemeinschaftliche Sache
+machen, sobald von Lobeserhebung alter Zeiten und Heruntersetzung der
+gegenwärtigen, deren Ton und Vorzüge sie nie kennen lernen, die Rede
+ist.
+
+
+ 2.
+
+Selten nehmen ältere Leute so billige Rücksicht, daß sie sich in
+Gedanken an die Stelle jüngerer Personen setzten, die Freuden derselben
+nicht störten, sondern vielmehr zu befördern, und durch Theilnahme zu
+erhöhen suchten. Sie denken sich nicht in ihre eigenen Jugendjahre
+zurück; Greise verlangen von Jünglingen dieselbe ruhige, nüchterne,
+kaltblütige Ueberlegung, Abwägung des Nützlichen und Nöthigen gegen
+das Entbehrliche, dieselbe Gesetztheit, die ihnen Jahre, Erfahrung
+und physische Herabspannung gegeben haben. Die Spiele der Jugend
+scheinen ihnen unbedeutend, die Scherze leichtfertig. Es ist aber
+auch wahrlich erstaunlich schwer, sich so ganz in die Lage zurück zu
+denken, in welcher wir vor zwanzig oder dreißig Jahren waren, und bei
+dem besten Willen entstehen daraus manche unbillige Urtheile und manche
+Uebereilungen bei Erziehung der Jugend. -- O! lasset uns doch lieber
+selbst so lange als möglich jung bleiben, und, wenn der Winter unsers
+Lebens unser Haar bleicht, und nun das Blut langsamer durch die Adern
+rollt, das Herz nicht mehr so warm und laut im Busen pocht, doch mit
+theilnehmender Freude auf unsre jüngern Brüder herabsehen, die noch
+Frühlings-Blumen pflücken, wenn wir, dicht eingehüllt, am häuslichen,
+väterlichen Heerde Ruhe suchen! Lasset uns nicht durch platte
+Gemeinsprüche die süßen Freuden der Phantasie niederpredigen! Wenn wir
+zurückschauen auf ~jene seligen Tage~, wo ein einziger Liebesblick des
+holden Mädchens, das jetzt eine alte runzligte Matrone ist, uns bis
+in den dritten Himmel entzückte; wo bei Musik und Tanz jede Nerve in
+uns wiederhallte; wo Scherz und Witz jeden trüben Gedanken verjagten;
+wo süße Träume, Ahndungen und Hoffnungen, unser Leben erheiterten; --
+o! so lasset uns doch diese glückliche Periode bei unsern Kindern
+zu verlängern trachten, und, so viel möglich, an ihrem Wonnegefühle
+Theil nehmen! Mit zärtlicher Ehrerbietung drängen sich dann Kind,
+Knabe, Mädchen und Jüngling um den freundlichen alten Mann, der sie
+zu unschuldiger Fröhlichkeit aufmuntert. Ich bin als Jüngling mit so
+liebenswürdigen alten Damen umgegangen, daß ich wahrlich, wenn ich die
+Wahl gehabt hätte, an ihrer Seite lieber mein Leben hingebracht haben
+würde, als bei manchen hübschen, jungen Mädchen; und wenn bei großen
+Tafeln mich, als einen jungen Menschen, die Reihe traf, neben einer
+geistesarmen Schönheit Platz zu nehmen, habe ich oft den Mann beneidet,
+dem sein Rang ein Recht gab, der Nachbar einer verständigen, muntern
+alten Frau zu seyn.
+
+
+ 3.
+
+So schön aber diese gutmüthige Herablassung zu der Stimmung der Jugend
+ist, so lächerlich muß es uns vorkommen, wenn ein Greis so sehr Würde
+und Anstand verleugnet, daß er in Gesellschaft den Stutzer oder den
+lustigen Studenten spielt; wenn die Dame ihre vier Lustra vergißt,
+sich wie ein junges Mädchen kleidet, herausputzt, kokettirt, die
+alten Gliedmaßen beim Tanze durch einander wirft, oder gar späteren
+Generationen Eroberungen streitig machen will. Solche Scenen bewirken
+Verachtung: nie müssen Personen von gewissen Jahren Gelegenheit geben,
+daß die Jugend ihrer spotte, und die Ehrerbietung, oder irgend eine der
+Rücksichten vergesse, die man ihnen schuldig ist.
+
+
+ 4.
+
+Es ist indessen nicht genug, daß der Umgang älterer Leute den jüngern
+nicht lästig und hinderlich werde: er muß ihnen auch Nutzen schaffen.
+Eine größere Summe von Erfahrungen berechtigt und verpflichtet Jene,
+Diese zu unterrichten, zurechtzuweisen, ihnen durch Rath und Beispiel
+nützlich zu werden. Dieß muß aber ohne Pedanterei, ohne Stolz und
+Anmaßung geschehen, ohne auf eine lächerliche Weise alles anzupreisen,
+was alt, und alles zu verwerfen, was neu ist, ohne beständige Huldigung
+und unterthänige Aufwartung zu fordern, ohne Langeweile zu erregen, und
+ohne sich aufzudringen. Man soll sich vielmehr aufsuchen lassen; und
+das wird gewiß nicht fehlen, da gutgeartete junge Leute sich's zur Ehre
+zu rechnen pflegen, mit freundlichen und verständigen Greisen umgehen
+zu dürfen, und es der Unterhaltung mit einem solchen, der so Manches
+gesehen und erlebt hat, und davon gut zu erzählen weiß, nicht an Reiz
+fehlt.
+
+
+ 5.
+
+So viel über das Betragen bejahrter Personen gegen jüngere Leute! Jetzt
+noch etwas von dem Betragen der Jünglinge im Umgange mit Männern und
+Greisen!
+
+In unsern, von Vorurtheilen so säuberlich gereinigten, aufgeklärten
+Zeiten werden manche Empfindungen, welche die Natur uns eingeprägt hat,
+wegvernünftelt. Dahin gehört denn auch das Gefühl der Ehrerbietung
+gegen das hohe Alter. Unsre Jünglinge werden früher reif, früher klug,
+früher gelehrt; durch fleißige Lectüre, besonders der wohlgefüllten
+Journale, ersetzen sie, was ihnen an Erfahrung und Einsicht fehlt;
+dieß macht sie so weise, über Dinge entscheiden zu können, wovon man
+ehemals glaubte, es würde vieljähriges, ämsiges Studium dazu erfordert,
+nur einigermaßen ~klar~ darinn zu ~sehen~. Daher entsteht auch jenes
+kühne Selbstvertrauen und jene stolze Zuversicht, die schwächere Köpfe
+für Unverschämtheit halten, jene Ueberzeugung des eignen Werths, mit
+welcher unbärtige Knaben heut zu Tage auf alte Männer herabsehen, und
+alles verwerfen und verurtheilen, was nicht mit ihrer untrüglichen
+Ansicht übereinstimmt. Das Höchste, was ein Mann von ältern Jahren
+von diesen gestrengen Richtern erwarten darf, ist gnädige Nachsicht,
+züchtigende Kritik, wohlmeinende Zurechtweisung und Mitleiden mit ihm,
+der das Unglück gehabt hat, nicht in diesen glücklichen Tagen, in
+welchen die Weisheit, ungesäet und ungepflegt, wie Manna vom Himmel
+regnet, geboren worden zu seyn. Ich, der ich auch das Schicksal gehabt
+habe, in einem Jahre zur Welt zu kommen, in welchem der größte Theil
+der Polyhistoren, von denen ich hier rede, ihre jetzt so scharfen Zähne
+noch am Wolfszahn übten, oder gar noch Embryonen waren, -- ich habe
+es nicht zu jenem Grade der Aufklärung bringen können, und muß daher
+um Verzeihung bitten, wenn ich hier einige Regeln zu geben wage, die
+ziemlich nach der alten Mode schmecken werden. -- Doch zur Sache!
+
+
+ 6.
+
+Es gibt viel Dinge in dieser Welt, die sich durchaus nicht anders, als
+durch Erfahrung lernen lassen; es gibt Wissenschaften, die durchaus
+ein anhaltendes Studium, vielfaches Betrachten von verschiednen
+Seiten, und kältres Blut erfodern, daß ich glaube, auch das feurigste
+Genie, der feinste Kopf, sollte einem bejahrten Manne, der, selbst bei
+schwächern Geistesgaben, Alter und Erfahrung auf seiner Seite hat,
+in den mehrsten Fällen einiges Zutrauen, einige Aufmerksamkeit nicht
+versagen. Und wäre auch nicht von wissenschaftlichen Fächern die Rede,
+so ist doch wohl im Ganzen unleugbar, daß die Summe mannigfaltiger
+Erfahrungen, die jeder in der Welt lebende Mann in einer langen Reihe
+von Jahren einsammelt, ihn in den Stand setzt, schwankende Ideen zu
+berichtigen, idealische Grillen zu vertreiben und diejenigen zurecht
+zu weisen, die von ihrer aufgeregten Phantasie, ihrem warmen Blute
+und reizbaren Nerven irre geführt werden, und sie dahin zu bringen,
+daß sie die Menschen und die Dinge um sich her aus einem richtigern
+Gesichtspunkte betrachten. Endlich dünkt es mich so schön, so edel,
+Dem, welcher nun nicht lange mehr die Genüsse und Freuden dieser
+Welt schmecken kann, den Rest seines Lebens, in welchem gewöhnlich
+Sorgen und Kümmernisse zunehmen und der Genuß abnimmt, so leicht als
+möglich zu machen, daß ich kein Bedenken trage, dem Jünglinge und
+Knaben die uralte Lehre auf's neue zuzurufen: »Vor einem grauen Haupte
+sollst Du aufstehen! Ehre das Alter! Suche den Umgang ältrer kluger
+Leute! Verachte nicht den Rath der kältern Vernunft, die Warnung des
+Erfahrnen! Thue dem Greise, was Du willst, daß man Dir thun solle, wenn
+einst Deiner Scheitel Haar versilbert seyn wird! Pflege seiner, und
+verlaß ihn nicht, wenn die wilde, leichtfertige Jugend ihn flieht!«
+
+Uebrigens aber ist es auch gewiß, daß es sehr viele alte Gecke gibt,
+an welchen sich das Sprichwort: »Alter schadet der Thorheit nicht,«
+bewährt, und dagegen hie und da weise Jünglinge, die schon geerntet
+haben, wo Andre noch kaum ihr Handwerksgeräthe zum Graben und Pflügen
+schleifen.
+
+
+ 7.
+
+Nun noch etwas von dem Umgange mit Kindern; aber nur sehr wenig!
+Denn hiervon weitläuftig reden, das hieße, ein Werk über Erziehung
+schreiben, und dieß ist ja nicht mein Zweck.
+
+Der Umgang mit Kindern hat für einen verständigen Mann unendlich
+viel Interesse. Hier sieht er das Buch der Natur in unverfälschter
+Ausgabe aufgeschlagen. Er sieht den wahren, einfachen Grundtext, den
+man nachher nur unter dem Wuste von fremden Glossen, Verzierungen und
+Verbrämungen herausfinden kann; die Anlage zu der Eigenthümlichkeit
+des Charakters, die nachher leider gewöhnlich entweder ganz verloren
+geht, oder sich hinter der Larve der feinern Lebensart und hinter
+conventionelle Rücksichten versteckt, liegt noch offen da: über viele
+Dinge urtheilen Kinder, von Systemgeist, Leidenschaft und Gelehrsamkeit
+unverführt, weit richtiger, als Erwachsene; sie empfangen manche
+Eindrücke weit schneller, haben noch eine große Anzahl Vorurtheile
+weniger gefaßt. -- Kurz, wer Menschen studiren will, der versäume
+nicht, sich unter Kinder zu mischen! Allein der Umgang mit denselben
+erfordert auch eine Vorsicht und Behutsamkeit, eine Klugheit und
+Selbstbeherrschung, die im Umgange mit ältern Personen unnöthig ist.
+Heilige Pflicht ist es, ihnen auf keine Weise Aergerniß zu geben; sich
+leichtfertiger Reden und Handlungen zu enthalten, die von niemand so
+lebhaft, als von den, auf alles Neue so aufmerksam horchenden, und
+Alles so fein beobachtenden Kindern aufgefangen werden; ihnen in jeder
+Art Tugend, in Wohlwollen, Treue, Aufrichtigkeit und Anständigkeit
+Beispiel zu geben; -- kurz, zu ihrer Bildung alles nur Mögliche
+beizutragen.
+
+Immer herrsche Wahrheit in Deinen Reden und in Deinem Betragen gegen
+diese jungen Geschöpfe! Laß Dich herab (jedoch nicht auf eine Weise,
+die ihnen selbst lächerlich vorkommen muß) zu dem Tone, der ihnen nach
+ihrem Alter verständlich ist! Zerre, täusche und necke die Kinder
+nicht, wie einige Leute die Gewohnheit haben! -- das hat böse Einflüsse
+auf den Charakter.
+
+Gutgeartete Kinder werden durch einen ganz eignen Sinn zu edlen,
+liebevollen Menschen hingezogen, wenn diese sich auch nicht besonders
+mit ihnen zu thun machen, da sie hingegen Andre fliehen, ob sie ihnen
+gleich ausserordentlich gefällig sind. Reinheit, Güte und Einfalt des
+Herzens, ist das große Zauberband, wodurch dieß bewirkt wird, und dafür
+lassen sich also keine Vorschriften geben.
+
+Daß das Herz des Vaters und der Mutter an ihren Kindern hängt, ist sehr
+natürlich; eine Klugheits-Regel ist es also, wenn uns an der Gunst
+der Eltern gelegen ist, ihre geliebten Kinder nicht zu übersehen,
+sondern ihnen einige Aufmerksamkeit zu widmen! Weit entfernt von
+uns aber bleibe es, den ungezogenen Knaben und Mädchen der Großen
+niederträchtiger Weise zu schmeicheln, dadurch den Hochmuth, den
+Eigensinn und die Eitelkeit dieser mehrentheils schon so sehr
+verderbten kleinen Geschöpfe zu nähren, und ihre moralische Ausartung
+recht geflissentlich zu befördern, indem man das Grundgesetz der Natur
+übertritt, welches gebietet, daß das Kind dem reifen Alter, nicht aber
+der Mann dem Knaben huldige!
+
+Vor allen Dingen hüte man sich auch, wenn Eltern in unserer Gegenwart
+ihren Kindern Verweise geben, die Parthei der Kinder zu nehmen! denn
+dadurch werden diese in ihrer Unart bestärkt, und jene in ihrem
+Erziehungsplane gestört.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+ Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden.
+
+
+ 1.
+
+Das erste und natürlichste Band unter den Menschen, nächst der
+Vereinigung zwischen Mann und Weib, ist von jeher das Band zwischen
+Eltern und Kindern gewesen. Wenn gleich die Erzeugung an sich nicht
+eigentlich absichtliche Wohlthat für die neue Generation ist, so gibt
+es doch wohl wenig Menschen, die nicht ganz gut damit zufrieden wären,
+daß jemand sich die Mühe gegeben hat, sie in die Welt zu setzen; und
+obgleich in unsern Staaten die Eltern ihre Kinder nicht bloß aus freiem
+Willen auferziehen, nähren und pflegen, so ist es doch abgeschmackt,
+zu sagen: die Sorge und Beschwerde, welche dieß erfordert und nach
+sich zieht, lege keine Art von Verbindlichkeit auf, oder: es sey nicht
+wahr, daß ein Zug von Wohlwollen, Sympathie und Dankbarkeit uns denen
+Personen näher bringe, deren Fleisch und Blut wir sind, unter deren
+Herzen wir gelegen, die uns genährt, für uns gewacht, gesorgt, die
+alles mit uns getheilt haben. Es ist Versündigung gegen die Natur, dieß
+zu behaupten.
+
+Unmittelbar auf diese folgt die Verbindung unter den Zweigen ~eines~
+Stammes. Die Mitglieder derselben Familie, durch ähnliche Organisation,
+gleichförmige Erziehung und gemeinschaftliches Interesse harmonisch
+gestimmt und an einander geknüpft, fühlen für einander, was sie für
+Fremde nicht fühlen; und fremder werden ihnen die Menschen, je mehr
+sich dieser Kreis erweitert.
+
+Vaterlands-Liebe ist schon ein zusammengesetzteres Gefühl,
+aber immer noch inniger, wärmer und lebhafter, als Weltbürger-Geist,
+für einen Menschen, der nicht, früh verwiesen aus der bürgerlichen
+Gesellschaft, ein Abentheurer geworden ist, und von Land zu Land
+irrend, kein Eigenthum und keinen Sinn für bürgerliche Pflichten
+gewonnen hat. Wer die Mutter nicht liebt, deren Brüste er gesogen hat;
+wessen Herz bei dem Anblicke der Gefilde nicht warm wird, in welchen
+er die unschuldigen, glücklichen Jahre seiner Jugend fröhlich und
+sorgenlos verlebt hat: -- was für ein Eifer oder welche Theilnahme
+für das Wohl der Gesellschaft läßt sich von einem Solchen erwarten,
+da Eigenthum, Moralität, und alles, was den Menschen auf dieser Erde
+irgend theuer seyn kann, doch am Ende auf Erhaltung und Werthschätzung
+jener Familien- und Vaterlands-Bande beruhet?
+
+Daß aber diese Bande täglich lockrer werden, beweist nichts, als
+daß wir uns täglich weiter von der edlen Ordnung der Natur und
+deren Gesetzen entfernen; und wenn ein schiefer Kopf, den sein
+Vaterland als ein unbrauchbares Mitglied ausstößt, weil er sich den
+Gesetzen nicht unterwerfen will, unzufrieden mit dem Zwange, den
+ihm Sittlichkeit und bürgerliches Gesetz auflegen, behauptet, es
+sey des Philosophen würdig, alle engere Verbindungen aufzulösen,
+und kein anderes Band anzuerkennen, als das allgemeine Bruderband
+unter allen Erdbewohnern: so beweist das nichts weiter, als daß
+keine Behauptung so widersinnig und so närrisch ist, die nicht in
+unsern Tagen in irgend einem philosophischen Systeme als Grundpfeiler
+aufgestellt würde. -- Glückliches Jahrhundert, in welchem man so große
+Entdeckungen macht, wie zum Beispiel: daß man, um lesen zu lernen,
+nicht mit den Buchstaben und Silben bekannt zu seyn brauche, und
+daß man, um alle Menschen zu lieben, keinen Einzelnen lieben dürfe!
+Jahrhundert der Universal-Arzeneien, der Philalethen, Philantropen,
+Alchymisten und Cosmopoliten! wohin wirst Du uns noch führen? Ich sehe
+im Geiste allgemeine Aufklärung sich über alle Stände verbreiten;
+ich sehe den Bauer seinen Pflug müßig stehen lassen, um dem Fürsten
+über Gleichheit der Stände und über die Schuldigkeit, die Last des
+Lebens gemeinschaftlich zu tragen, eine Vorlesung zu halten; ich
+sehe, wie Jeder die ihm unbequemen Vorurtheile wegraisonnirt, wie
+Gesetze und bürgerliche Einrichtung der Willkühr weichen, wie der
+Klügre und Stärkre sein natürliches Herrscher-Recht zurückfordert,
+und seinen Beruf, für das Beste der ganzen Welt zu sorgen, auf Kosten
+der Schwächern gültig macht; wie Eigenthum, Staats-Verfassungen und
+Grenzlinien aufhören, wie Jeder sich selbst regiert, und sich ein
+System zur Befriedigung seiner Triebe erfindet. -- O gebenedeietes,
+goldenes Zeitalter! dann machen wir Alle nur ~eine~ Familie aus; dann
+drücken wir den edeln, liebenswürdigen Menschenfresser brüderlich an
+unsre Brust, und wandeln, wenn dies Wohlwollen sich erweitert, endlich
+auch mit dem genialen Orang-Outang Hand in Hand durch dies Leben. Dann
+fallen alle Fesseln ab; dann schwinden alle Vorurtheile; ich brauche
+nicht meines Vaters Schulden zu bezahlen, habe nicht nöthig, mich
+mit ~einem~ Weibe zu begnügen, und das Schloß vor meines Nachbars
+Geldkasten ist kein Hinderniß, mein angeborenes Recht auf das Gold, das
+die mütterliche Erde uns Allen darreicht, in Ausübung zu bringen[4].
+
+So weit sind wir nun aber noch nicht gekommen; und da es viele Menschen
+gibt, unter die auch ich gehöre, die sich von der Schwachheit nicht
+losmachen können, ihre Verwandten zu lieben, und Sinn für häusliche
+Freuden, für das Familienband zu haben, so will ich doch hier einige
+Bemerkungen über den Umgang unter Blutsfreunden liefern.
+
+
+ 2.
+
+Es gibt Eltern, die, in einem beständigen Wirbel von Zerstreuungen
+umhergetrieben, ihre Kinder kaum ein Paar Stunden des Tages sehen,
+ihren Vergnügungen nachrennen, und indeß Miethlingen die Bildung ihrer
+Söhne und Töchter überlassen, oder, wenn diese schon erwachsen sind,
+mit ihnen auf einem so fremden, höflichen Fuße leben, als ob sie ihnen
+gar nicht angehörten. Wie unnatürlich und unverantwortlich ein solches
+Verfahren sey, das bedarf wohl keines Beweises. Es gibt aber andre
+Eltern, die von den Kindern eine so sclavische Ehrerbietung und so viel
+peinliche Rücksichten und Aufopferungen fordern, daß durch den Zwang
+und den gewaltigen Abstand, der hieraus entsteht, alles Zutrauen, alle
+Herzens-Ergießung wegfällt, so daß den Kindern die Stunden, welche
+sie an der Seite ihrer Eltern hinbringen müssen, fürchterlich und
+langweilig vorkommen. Noch Andre vergessen, daß Knaben auch endlich
+Männer werden; sie behandeln ihre erwachsenen Söhne und Töchter immer
+noch wie kleine Unmündige, gestatten ihnen nicht den geringsten freien
+Willen, und trauen den Einsichten derselben nicht das Mindeste zu.
+-- Das alles sollte nicht so seyn. Ehrerbietung besteht nicht in
+feierlicher, kalter und strenger Entfernung, sondern kann recht gut
+mit liebevoller Vertraulichkeit und freier Mittheilung bestehen. Man
+liebt Den nicht, an welchen man kaum hinauf zu schauen wagen darf;
+man vertrauet sich dem nicht, der immer mit steifem Ernste Gesetz
+predigt; Zwang tödtet alle edle, freiwillige Hingebung. Was kann
+hingegen entzückender seyn, als der Anblick eines geliebten Vaters
+mitten unter seinen erwachsenen Kindern, die nach seinem weisen und
+freundlichen Umgange sich sehnen, keinen Gedanken ihres Herzens vor
+~dem~ verbergen, der ihr treuester Rathgeber, ihr nachsichtsvoller
+Freund ist, der an ihren unschuldigen, jugendlichen Freuden Theil
+nimmt, oder sie wenigstens nicht stört, und mit ihnen als mit seinen
+besten und natürlichsten Freunden lebt! -- Eine Verbindung, zu welcher
+sich alle Empfindungen vereinigen, die nur den Menschen theuer seyn
+können. -- Stimme der Natur, Sympathie, Dankbarkeit, Aehnlichkeit des
+Geschmacks, gleiches Interesse und Gewohnheit des Umgangs! Allein diese
+Vertraulichkeit kann auch übertrieben werden, und ich kenne Väter und
+Mütter, die sich dadurch verächtlich machen, daß sie die Gefährten der
+Ausschweifungen ihrer Kinder, oder gar, wenn diese besser sind, als sie
+selbst, mit ihren Lastern, die sie nicht einmal zu verbergen suchen,
+das Gespötte oder der Abscheu derer werden, denen sie ein Vorbild der
+Tugend seyn sollten.
+
+
+ 3.
+
+Es ist in unsern Tagen nichts Seltenes, Kinder zu sehen, die ihre
+Eltern vernachlässigen, oder undankbar, unehrerbietig und unedel
+behandeln. Die Jünglinge finden ihre Väter nicht weise, nicht
+unterhaltend, nicht aufgeklärt genug. Das Mädchen hat Langeweile bei
+der alten Mutter, und vergißt, wie manche langweilige Stunde diese
+bei seiner Wiege, bei Wartung desselben in gefährlichen Krankheiten,
+oder bei den kleinen schmutzigen Arbeiten zugebracht, wie sie sich in
+den schönsten Jahren ihres Lebens so manches Vergnügen versagt hat,
+um für die Erhaltung und Pflege des kleinen ekelhaften Geschöpfs zu
+sorgen, das vielleicht ohne diese Sorgfalt nicht mehr da seyn würde.
+Die Kinder vergessen, wie viel schöne Stunden sie ihren Eltern durch
+ihr betäubendes Geschrei verdorben, wie viel schlaflose Nächte sie
+dem sorgsamen Vater gemacht haben, der alle Kräfte aufbot, für seine
+Familie zu arbeiten, der sich so manche Bequemlichkeit entziehen,
+so mancher Beschwerde unterwerfen, und vielleicht vor Schurken sich
+krümmen mußte, um Unterhalt für die Seinigen zu erringen. Gutgeartete
+Gemüther werden indessen nie so sehr das Gefühl der Dankbarkeit
+ersticken, daß sie meiner Ermahnungen bedürften; und für niedre Seelen
+schreibe ich nicht. Nur erinnere ich, daß, wenn auch Kinder Ursache
+hätten, sich der Schwachheiten, oder gar der Laster ihrer Eltern
+zu schämen, sie doch weiser und edler handeln, wenn sie die Fehler
+derselben so viel möglich zu verstecken suchen, und im äussern Umgange
+nie die Ehrerbietung aus den Augen setzen, die sie ihnen auch selbst
+bei Verirrungen und Fehltritten schuldig sind. Segen des Himmels
+und Achtung aller gutgesinnten Menschen sind der sichere Preis der
+Sorgfalt, welche die Söhne und Töchter auf die Pflege, Erhaltung und
+liebevolle Behandlung ihrer Eltern verwenden. Traurig ist die Lage
+eines Kindes, welches durch die Uneinigkeit, in welcher seine Eltern
+leben, oder durch ihre leidenschaftlichen Ausbrüche in Verlegenheit
+geräth, Parthei ~für~ oder ~gegen~ Vater oder Mutter nehmen zu sollen.
+Vernünftige Eltern werden es aber immer sorgfältig vermeiden, ihre
+Kinder in solche unglückliche Zwistigkeiten zu verwickeln, und gute
+Kinder werden dabei mit Vorsichtigkeit und Zartgefühl zu Werke gehen,
+und sich eben so sehr von Redlichkeit und Klugheit leiten lassen.
+
+
+ 4.
+
+Man hört so oft darüber klagen, daß man unter fremden Leuten mehr
+Schutz, Beistand und Anhänglichkeit finde, als bei seinen nächsten
+Blutsfreunden; allein ich halte diese Klage größtentheils für
+ungerecht. Freilich gibt es unter Verwandten Menschen ohne Liebe und
+Theilnahme, und in einer zahlreichen Familie müssen sie allerdings
+häufiger vorkommen, so daß wohl Mancher unter Fremden mehr Wohlwollen
+und Zuneigung findet, als unter seinen nächsten Anverwandten; aber wer
+dies Schicksal hat, spreche sich nicht von der Verschuldung frei, und
+seufze nicht zu sehr darüber, wenn ihm nahe Verwandte Theilnahme und
+Aufmerksamkeit schuldig bleiben; und suche Trost bei der Freundschaft.
+Auch fordert man wohl oft von seinen Herren Oheimen und Frauen Basen
+mehr, als man billiger Weise verlangen sollte. Unsre politischen
+Verfassungen, und der täglich mehr überhandnehmende Luxus machen es
+wahrlich nothwendig, daß Jeder vor allem für sein Haus, für Weib und
+Kinder sorge, und die Herren Vettern für sich selbst sorgen lasse, die
+oft, als unwissende und verschwenderische Tagediebe, in der sichern
+Zuversicht, von ihren mächtigen und reichen Verwandten nicht verlassen
+zu werden, sorglos in die Welt hinein leben. Unmöglich kann der Mann,
+dem Pflicht und Gewissen heilig sind, solche Erwartungen befriedigen,
+ohne ungerecht gegen Andre zu handeln. Um nun diesen unangenehmen
+Collisionen sich nie auszusetzen, rathe ich, zwar die herzliche
+Vertraulichkeit, die den Umgang im Familien-Kreise so angenehm macht,
+nicht zu verletzen, aber so wenig als möglich bei Blutsfreunden
+Erwartungen von Unterstützungen und Schutz zu nähren und zu erwecken,
+wohl aber jede Gelegenheit, sich seiner Verwandten anzunehmen, in
+so fern es ohne Unbilligkeit gegen bessere Menschen geschehen kann,
+freudig zu ergreifen, ohne gerade zu fordern, daß es immer mit
+Dankbarkeit erkannt und mit Klugheit benutzt werden solle. Dagegen ist
+es höchst gewissenlos, wenn man sich von der Vorliebe für Verwandte
+verleiten läßt, Menschen ohne Talent und ohne guten Willen zu wichtigen
+Aemtern zu verhelfen, und Verdienstvolle zurückzudrängen.
+
+Ausserdem läßt sich auf den Umgang mit Verwandten noch dasjenige
+anwenden, was weiter unten von dem Umgange unter Eheleuten und Freunden
+wird gesagt werden, nämlich, daß Menschen, die sich lange kennen, und
+oft ohne Larve und Schminke sehen, doppelt vorsichtig in ihrem Betragen
+seyn müssen, damit einer des Andern nicht müde, und wegen kleiner
+Fehler nicht blind gegen größere Tugenden werde.
+
+Endlich wäre es auch zu wünschen, daß zahlreiche Familien in mittlern
+Städten nicht ganz ausschließend ~unter sich~ leben möchten, weil
+dadurch die Gesellschaft in kleine abgesonderte Theile zerschnitten
+wird, und eine starre Einseitigkeit und Eintönigkeit sich erzeugt,
+neben der Selbstsucht, die ebenfalls durch solche Abgeschlossenheit
+eine zu reiche Nahrung erhält, und neben der Unfreundlichkeit, mit
+welcher gewöhnlich Fremde in solchen Familien behandelt werden, so daß
+sie gleichsam verrathen und verkauft sind.
+
+Doch nun noch ein Paar Anmerkungen! Die erste: alte Vettern und
+Tanten, besonders unverheirathete, pflegen so gern zu hofmeistern,
+ihre podagrischen und hysterischen Launen an ihren erwachsenen Nichten
+und Neffen auszulassen, und diese zu behandeln, als liefen sie noch
+im Rollwägelchen herum. -- Ich denke, das sollten sie bleiben lassen.
+Dadurch sind wirklich die alten Tanten und Onkel zum Sprichworte
+geworden, und manche Erbschaft wird doch in der That zu theuer erkauft,
+wenn man dafür so viel einschläfernde, saft- und kraftlose Predigten
+anhören muß. Auch sorgen alte Leute gar schlecht für sich selbst und
+ihren Lebensabend, wenn sie durch Straf- und Sittenpredigten die junge
+Welt von sich zurückstoßen, da sie gewiß von ihren jungen Verwandten
+mit Freuden liebevoll gepflegt und gewartet werden würden, wenn
+sie weniger säuerlich in ihrem Betragen gegen sie wären. Die andre
+Anmerkung: Es herrscht in manchen Städten, besonders in Reichsstädten,
+ein äußerst steifer und übler Ton unter den Personen ~einer~ Familie.
+Bürgerliche, ökonomische und andre Rücksichten zwingen sie, sich oft
+zu sehen, und dennoch zanken, necken, hassen sie sich unaufhörlich
+unter einander, und machen sich dadurch das Leben sehr schwer. Wo gar
+keine Sympathie in der Denkungsart Statt findet, wo gar keine Einigkeit
+und Freundschaft herrschet, da lasse man sich doch lieber ungeplagt,
+betrage sich höflich gegen einander, wähle sich aber Freunde nach
+seinem Herzen!
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+ Von dem Umgange unter Eheleuten.
+
+
+ 1.
+
+Eine weise und verständige Wahl bei Knüpfung der wichtigsten Verbindung
+im menschlichen Leben ist freilich das sicherste Mittel, um in der Ehe
+glücklich zu seyn, und im Umgange mit dem Gatten die reinsten Freuden
+des Lebens zu finden. Aber diese Wahl gelingt, wie die Erfahrung
+lehrt, selbst den Einsichtsvollsten und Gebildetsten nur selten; die
+meisten lassen sich von Gefühlen und von ihrer gereizten Sinnlichkeit
+übermannen, und greifen fehl. Wie selten, daß gleichgestimmte Seelen
+sich in der Ehe vereinigen, und wie oft dagegen, daß Menschen
+sich vereinigen, deren Neigungen, Gesinnungen und Charaktere im
+vollkommensten Widerspruche stehen. Gewiß ist die Lage solcher Eheleute
+(und ein solcher Ehestand heißt wohl mit Recht ein Wehestand) höchst
+traurig, eine Existenz voll immerwährender herber Aufopferung, ein
+Stand der schwersten Sclaverei, ein Seufzen unter den eisernen Fesseln
+der Nothwendigkeit, ohne Hoffnung einer andern Erlösung, als wenn der
+dürre Knochenmann mit seiner Sense dem Unwesen ein Ende macht.
+
+Nicht weniger unglücklich ist dies Band, wenn auch nur von ~einer~
+Seite Unzufriedenheit und Abneigung die Ehe verbittern, wenn nicht
+freie Wahl, sondern politische oder ökonomische Rücksichten, Zwang,
+Verzweiflung, Noth, Dankbarkeit, +dépit amoureux+, ein Ungefähr, eine
+Grille, oder nur körperliches Bedürfniß, wobei das Herz keine Stimme zu
+geben hatte, die Verbindung knüpfte; wenn der eine Theil, unbescheiden
+und ungerecht in seinen Forderungen, immer nur empfangen, nie geben
+will, unaufhörlich begehrt, Befriedigung aller Bedürfnisse, Hülfe,
+Rath, Aufmerksamkeit, Unterhaltung, Vergnügen, Trost im Leiden fordert,
+-- und dagegen nichts leistet. Wähle also mit großer Vorsicht die
+Gefährtin Deines Lebens, und frage nicht bloß Dein leicht getäuschtes
+Herz, laß Dich nicht bloß von sinnlichem Wohlgefallen bestimmen, wenn
+Deine künftige häusliche Glückseligkeit nicht ein Spiel des Zufalls
+seyn soll!
+
+
+ 2.
+
+Erwägt man aber, daß gewöhnlich auch diejenigen Ehen, welche auf eigner
+Wahl beruhen, in einem Alter und unter Umständen geschlossen werden,
+wo weniger reife Ueberlegung und Vernunft, als blinde Leidenschaft
+und Naturtrieb diese Wahl bestimmen, obgleich man im Brautstande
+wohl sehr viel von Sympathie und Herzenshange träumt oder schwatzt:
+so sollte man sich beinahe darüber verwundern, daß es noch so viel
+glückliche Ehen in der Welt gibt. Aber die weise Vorsehung hat alles
+so herrlich geordnet, daß eben das, was diesem Glücke im Wege zu
+stehen scheint, dasselbe vielmehr befördert. Ist man in den Jahren der
+Jugend weniger geschickt zu weiser Wahl, so ist man von der andern
+Seite auch noch geschmeidiger, leichter zu leiten, zu bilden, und
+nachgiebiger, als in dem reifern Alter. Die Ecken -- möchten sie auch
+noch so scharf seyn! -- schleifen sich leichter an einander ab, und
+fügen sich, wenn der Stoff noch weich ist. Man nimmt die Sachen nicht
+so genau, wie nachher, wenn Erfahrung und Schicksale uns ekel und
+vorsichtig gemacht, und große Forderungen in uns erweckt haben; wenn
+die kältere Vernunft alles abwägt, jeden Verlust an Genuß sehr hoch
+anschlägt, und ängstlich genau berechnet, wie wenig Jahre man noch
+vielleicht zu leben habe, und wie geizig man mit Zeit und Vergnügen
+seyn müsse. Entstehen unter jungen Eheleuten leicht Zwistigkeiten, so
+ist auch die Versöhnung desto leichter gestiftet. Widerwille und Zorn
+fassen nicht so feste Wurzel; und da die Sinnlichkeit hier als die
+kräftigste Vermittlerin auftritt, so wird oft der heftigste Streit
+durch eine einzige eheliche Umarmung wieder geschlichtet. Dazu kommen
+denn nach und nach Gewohnheit, Bedürfniß mit einander zu leben,
+gemeinschaftliches Interesse, häusliche Geschäfte, die uns nicht viel
+Zeit zu müßigen Grillen lassen, Freude an Kindern, gemeinschaftliche
+Sorgfalt für ihre Erziehung und Versorgung, -- welches alles, statt die
+Last des Ehestandes zu erschweren, in den Jahren, wo Jugend, Kräfte
+und Munterkeit mitwirken, dies Joch sehr süß macht, und manche reine
+oder unverhoffte Freude gewährt, welche doppelt genossen wird, wenn
+man sie mit einer zärtlichen und feinfühlenden Gattin theilt. Nicht
+also im männlichen Alter. Da fordert man mehr für sich, will ernten,
+genießen, nicht neue Bürden übernehmen; man will gepflegt seyn; der
+Charakter hat eine starre Festigkeit erlangt, und mag sich nicht mehr
+umformen lassen; die Begierden dringen nicht so laut auf Befriedigung.
+Nur wenig Ausnahmen mögten hier Statt finden, und diese nur unter
+den edelsten Menschen, die bei zunehmenden Jahren nachsichtiger,
+sanfter werden, und, fest überzeugt von der allgemeinen Schwäche der
+menschlichen Natur, wenig fordern und gern mit Aufopferung leisten, was
+gefordert werden mag; aber immer ist dies eine Art von Heroismus, eine
+heldenmüthige Selbstverleugnung, und hier ist ja von wechselseitiger
+Glückseligkeits-Beförderung die Rede; -- darum kann man wohl in diesem
+Alter nicht behutsam genug bei der Wahl einer Gattin zu Werke gehen,
+nicht ernsthaft genug die Warnung bedenken: der Wahn ist kurz, die
+Reu ist lang. Wer sich in männlichen Jahren auf diese Weise übereilt,
+der mag dann die Folgen von den Thorheiten tragen, zu welchen ein
+Jünglings-Kopf auf Mannes-Schultern verführt!
+
+
+ 3.
+
+Ich glaube nicht, daß eine völlige Gleichheit in Temperamenten,
+Neigungen, Denkungsart, Fähigkeiten und Geschmack, durchaus erfordert
+werde, um eine zufriedene Ehe zu stiften, vielmehr mag wohl zuweilen
+gerade das Gegentheil (nur nicht in zu hohem Grade, noch in
+Haupt-Grundsätzen, noch ein zu beträchtlicher Unterschied von Jahren)
+mehr Glück gewähren. Bei einem Bande, das auf gemeinschaftlichem
+Interesse beruht, und wo alle Ungemächlichkeit des einen Theils
+zugleich mit auf den andern fällt, ist es, zur Vermeidung übereilter
+Schritte und deren Folgen, oft sehr gut, wenn die zu große
+Lebhaftigkeit, das rasche Feuer des Mannes, durch Sanftmuth oder ein
+wenig Phlegma von Seiten des Weibes gedämpft wird, und umgekehrt.
+So würde auch mancher Haushalt zu Grunde gehen, wenn beide Eheleute
+gleichviel Lust an Aufwand, Pracht, Ueppigkeit, einerlei Liebhaberei,
+oder gleichviel Hang zu einer nicht immer wohlgeordneten Wohlthätigkeit
+und Geselligkeit hätten; und da unsre jungen Roman-Leser und Leserinnen
+gemeiniglich die Ideale zu ihren künftigen Lebens-Gefährten nach ihrem
+eignen werthen Ich schnitzeln, so ist es doch so übel nicht, wenn
+zuweilen ein alter grämlicher Vater oder Vormund einen Querstrich durch
+dergleichen Verbindungsplane macht. -- So viel nur von der Wahl des
+Gatten! und das ist beinahe schon mehr, als eigentlich hieher gehört.
+
+
+ 4.
+
+Wichtig ist die Sorgfalt, welche Eheleute anwenden müssen, wenn sie
+sich täglich sehen und immer wieder sehen müssen, daß dieser enge
+und vertraute Umgang ihrer Liebe nicht nachtheilig werde, und sie
+nicht verleite, ungerecht gegen einander zu werden. Denn da sie
+Muße und Gelegenheit genug haben, Einer mit des Andern Fehlern und
+Launen bekannt zu werden, und selbst durch die kleinsten derselben
+manche Ungemächlichkeit leiden müssen, so kann es leicht geschehen,
+daß sie sich gegenseitig lästig, langweilig, kalt und gleichgültig
+gegen einander werden, oder gar Ekel und Abneigung empfinden.
+Hier ist also weise Vorsicht im Umgange nöthig. Verstellung würde
+hier das unglücklichste und strafbarste Mittel seyn; aber einer
+gewissen Achtsamkeit auf sich selbst, und der möglichsten Entfernung
+alles dessen, was sicher widrige Eindrücke machen muß, soll man
+sich befleißigen. Man setze daher vor allen nie gegen einander
+jene Gefälligkeit und Artigkeit aus den Augen, die sehr wohl mit
+Vertraulichkeit bestehen mag, und die den Mann von feiner Erziehung
+bezeichnet! Ohne sich durch Kaltsinn und Entfernung fremd zu werden,
+sorge man doch dafür, daß man nicht durch oft wiederholte Gespräche
+über dieselben Gegenstände einander langweilig werde, daß man sich
+nicht gleichsam auswendig lerne, so daß endlich jedes Gespräch der
+Eheleute unter vier Augen lästig scheint, und man sich nach fremder
+Unterhaltung sehnt! Ich kenne einen Mann, der eine Anzahl Anekdötchen
+und Einfälle besitzt, die er nun schon so oft seiner Frau, und in
+deren Gegenwart fremden Leuten ausgekramt hat, daß man dem guten Weibe
+jedesmal Ekel und Ueberdruß ansieht, so oft er mit einem dergleichen
+Stückchen angezogen kömmt. Wer gute Bücher liest, Gesellschaften
+besucht, und nachdenkt, der wird ja täglich neuen Stoff zu anziehenden
+Gesprächen finden; aber freilich reicht dieser nicht zu, wenn man den
+ganzen Tag müssig einander gegenüber sitzt; und man darf sich daher
+nicht wundern, wenn man Eheleute antrifft, die, um dieser tödtenden
+Langenweile auszuweichen, die sie einander verursachen, wenn gerade
+keine andere Gesellschaft aufzutreiben ist, mit einander halbe Tage
+lang Piquet spielen, oder sich zusammen an einer Flasche Wein ergötzen.
+Sehr gut ist es daher, wenn der Mann bestimmte Berufsarbeiten hat,
+die ihn wenigstens einige Stunden täglich an seinen Schreibtisch
+fesseln, oder ausser Hause rufen; wenn zuweilen kleine Abwesenheiten,
+Reisen in Geschäften und dergleichen seiner Gegenwart neuen Reiz geben.
+Ihn erwartet dann sehnsuchtsvoll die treue Gattin, die indeß ihrem
+Hauswesen vorgestanden und alles für seine Wiederkunft geschmückt
+und gesäubert hat. Sie empfängt ihn liebreich und freundlich; die
+Abendstunden gehen unter frohen Gesprächen, bei Verabredungen, die das
+Wohl ihrer Familie zum Gegenstande haben, im häuslichen Cirkel vorüber,
+und man wird sich einander nie überdrüssig. Es gibt eine feine,
+bescheidene Art, sich rar zu machen, zu veranlassen, daß man sich nach
+uns sehne; diese soll man studiren. Auch im Aeussern soll man alles
+entfernen, was zurückscheuchen könnte. Man soll sich seinem Gatten,
+seiner Gattin, nicht in einer ekelhaften, schmutzigen Kleidung zeigen,
+sich zu Hause nicht zu viel Unmanierlichkeiten erlauben -- das ist man
+ja schon sich selber schuldig -- und vor allen Dingen, wenn man auf dem
+Lande lebt, nicht ~verbauern~, nicht pöbelhafte Sitten, noch niedrige,
+plumpe Ausdrücke im Reden annehmen, noch unreinlich, nachlässig an
+seinem Körper werden. Denn wie ist es möglich, daß eine Frau, die
+unaufhörlich an ihrem Manne Fehler und Unanständigkeiten wahrnimmt,
+von welchen sie alle übrige, mit welchen sie umgeht, frei erblickt,
+denselben vor allen andern gern sehen, schätzen und lieben könne? Noch
+einmal! wenn die Ehe ein Stand der unaufhörlichen Selbstverleugnung
+und Aufopferung wird, wenn ihre Pflichten als ein schweres Gewicht auf
+uns liegen: dann kann sie nur ein Zustand der Qual, keine Quelle der
+Zufriedenheit seyn.
+
+
+ 5.
+
+Eine Haupt-Vorschrift aber für alle Stände und für alle Verhältnisse
+wende man auch auf den Ehestand an! Sie ist diese: Erfülle so
+sorgsam, so pünktlich, so nach einem festen Plane und nach festen
+Grundsätzen Deine Pflichten, daß Du, wo möglich, darin alle Deine
+Bekannten übertreffest: so wirst Du auch auf die wärmste Hochachtung
+Deines Ehegatten Anspruch machen können, und in der Folge alle
+Diejenigen verdunkeln, welche nur durch ~einzelne~ glänzende
+Eigenschaften augenblickliche vortheilhafte Eindrücke machen. Aber
+erfülle sie auch alle, diese Pflichten! Der Mann prahle nicht etwa
+mit seiner Uneigennützigkeit, mit seinem Fleisse, mit seiner guten
+Hauswirthschaft, mit der Achtung guter Männer, indeß er sich in der
+Stille wöchentlich ein paarmal ein Räuschchen trinkt! Die Frau poche
+nicht auf ihre Keuschheit und unverletzte Treue, welche vielleicht das
+Verdienst des Zufalls oder eines kalten Temperaments ist, indem sie
+sorglos die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigt! Nein; wer Achtung
+und Zuneigung als Pflicht fordert, der muß auch Achtung und Zuneigung
+zu verdienen wissen; und wenn Du willst, daß Deine Frau Dich unter
+allen Menschen am mehrsten ehren und lieben solle, so verlaß Dich
+nicht darauf, daß sie Dir's am Altare versprochen hat, -- wer kann so
+etwas versprechen? -- sondern darauf, daß Du alle Kräfte aufbieten
+willst, besser zu seyn als Andre! aber besser in jedem Betrachte; nur
+den Folgen nach lassen sich Tugenden und Laster klassificiren; denn
+übrigens sind sie alle gleich wichtig, und ein sorgloser Hausvater
+ist eben so strafbar, wie ein unkeusches Eheweib. Allein das ist der
+Menschen gewöhnliche Art zu handeln! Sie eifern gegen Laster, zu
+welchen sie keinen Hang haben, und denken nicht, daß die Verabsäumung
+wichtiger Tugenden ein so schweres Verbrechen ist, wie die Ausübung
+einer bösen That. Ein altes Weib verfolgt mit wüthendem Grimm ein armes
+junges Mädchen, das durch Temperament und Verführung zu einem Fehltritt
+ist verleitet worden; daß aber die gute Matrone ihre Kinder in
+thierischer Vernunftlosigkeit hat aufwachsen lassen, darüber glaubt sie
+keine Verantwortung geben zu dürfen: -- hat sie doch nie die eheliche
+Treue verletzt! -- Sorgsame Pflicht-Erfüllung ist also das sicherste
+Mittel, um der fortdaurenden Zärtlichkeit seines Ehegatten gewiß zu
+seyn, denn Hochachtung ist die kräftigste Nahrung für die Liebe.
+
+
+ 6.
+
+Bei dem Allen aber wird es nicht fehlen, daß nicht zuweilen fremde
+liebenswürdige Menschen auf kurze Zeit vortheilhaftere Eindrücke auf
+Ehegenossen machen sollten, als sie ihrer Ruhe wegen wünschen und ihrer
+Eitelkeit wegen fürchten möchten. Es ist nicht zu erwarten, daß, wenn
+die erste blinde Liebe verraucht ist, -- und die verraucht denn doch
+bald, -- eine so zärtliche Vorliebe eintreten wird, daß man gegen die
+Vorzüge anderer Leute gänzlich blind und gefühllos seyn sollte. Dazu
+kommt, daß Personen, mit denen wir seltener umgehen, sich immer von
+ihren besten Seiten zeigen und uns mehr schmeicheln, als die, mit
+denen wir täglich leben. Eindrücke von der Art werden aber bald wieder
+verschwinden, wenn nur der Gatte fortfährt, seine Pflichten treulich zu
+erfüllen, und wenn er keinen niedrigen Neid, keine närrische Eifersucht
+blicken läßt, die ohnehin nie gute, sondern allemal schlimme Folgen
+hat. Liebe und Achtung lassen sich nicht erzwingen, nicht ertrotzen;
+ein Herz, das bewacht werden muß, ist wie der Mammon eines Geizigen,
+mehr eine unnütze Last, als ein wahrer Schatz, und man wird seiner nie
+froh; Widerstand reizt; keine Wachsamkeit ist so groß, daß sie nicht
+hintergangen werden könnte, und es liegt in der Natur des Menschen, daß
+man ein Gut, das vielleicht sonst gar keinen Reiz für uns haben würde,
+doppelt eifrig wünscht, sobald der Besitz desselben mit Schwierigkeiten
+für uns verbunden ist.
+
+Jene kleinen Künste, die häufig unter Verliebten angewandt werden,
+durch welche man, um die Liebe des andern Theils mehr anzufeuern, mit
+Vorsatz Eifersucht zu erregen sucht, sollten Eheleute verschmähen. Bei
+einem Bündniß, das auf gegenseitiger Hochachtung beruhen soll, darf man
+sich durchaus keiner schiefen Mittel bedienen. Glaubt meine Frau, ich
+sey fähig, meine Pflicht und Zärtlichkeit gegen sie fremden Neigungen
+aufzuopfern, so muß das ihre eigene Achtung gegen mich vermindern; und
+merkt sie hingegen, daß ich nur Spielwerk mit ihr treiben will: so ist
+das mehr, als verlorne Arbeit, die noch obendrein oft ernstliche Folgen
+haben kann.
+
+Wenn auch auf kurze Zeit der Mann seinem Weibe, oder die Frau ihrem
+Gatten Veranlassung zur Unzufriedenheit und Eifersucht gibt, so wird
+doch diese kleine Herzens-Verirrung, wenn der leidende Theil nur
+fortfährt, seinen Pflichten treu zu seyn, nicht von langer Dauer seyn,
+wenn es nur nicht zu leidenschaftlichen Ausbrüchen des Unwillens kommt.
+Bei kaltblütiger Prüfung wird der Gedanke sich geltend machen: bewährte
+Liebe und Treue kann durch keine Liebenswürdigkeit ersetzt werden,
+und erprobte Mutterliebe und Vatertreue sind unschätzbar. -- Und ein
+solcher Triumph der ausharrenden Liebe und Sanftmuth, komme er früh
+oder spät, ist sehr süß, und macht alle ausgestandene Leiden vergessen.
+
+
+ 7.
+
+Klugheit und Rechtschaffenheit aber erfordern, daß man sich selber
+gegen die Eindrücke größerer Liebenswürdigkeit, welche fremde Personen
+auf uns machen könnten, waffne. In der frühen Jugend, wenn die
+Phantasie lebhaft ist, die Begierden heftig wirken, und das Herz noch
+oft mit dem Kopf davon läuft, würde ich rathen, solchen gefährlichen
+Versuchungen sorgfältig auszuweichen; ein junger Mann, welcher
+merkt, daß ein Frauenzimmer, mit dem er umgeht, ihm vielleicht einst
+besser, als seine Frau, gefallen, wildes Feuer in ihm entzünden,
+oder wenigstens seine häusliche Glückseligkeit stören könnte, thut
+wohl, wenn er, in so fern er sich nicht Festigkeit genug zutrauet --
+und er urtheilt weise, wenn er sich diese nicht leicht zutrauet, --
+den verführerischen Umgang, so viel möglich, meidet, damit er ihm
+nicht zum Bedürfnisse werde und sein Herz überwältige. Diese Vorsicht
+ist am nöthigsten gegen die feinern Koketten, die, ohne eben Plane
+auf Verletzung der Ehre zu haben, ihr Spielwerk mit der Ruhe eines
+gefühlvollen redlichen Mannes treiben, und einen zwecklosen Triumph
+darin suchen, schlaflose Nächte zu verursachen, Thränen zu veranlassen,
+und Eifersucht rege zu machen. Es gibt viel solcher eiteln Damen, die
+nicht immer durch böses Herz, noch Temperament, aber wohl durch die
+nimmersatte Begierde, zu glänzen und zu gefallen, getrieben, manche
+stille häusliche Ruhe und den Frieden unter Eheleuten auf diese Weise
+unbarmherzig zerstören. In reifern Jahren dürfte die entgegengesetzte
+Heil-Methode anwendbarer seyn. Ein Mann von festen Grundsätzen, der
+seinem Verstande Rechenschaft von den Gefühlen seines Herzens gibt und
+dauerhaftes Glück sucht, wird am leichtesten von einer zu günstigen
+Vorstellung, die er von fremden Personen in Vergleichung mit seiner
+Gattin gefaßt hat, zurückkommen, wenn er Jene so oft und vielfältig
+sieht, daß er an ihnen mehr Fehler wahrnimmt, als an seinem edlen,
+verständigen, treuen Weibe. Und dann kommen die Augenblicke des
+Seelen-Bedürfnisses, wo man sich nach der theilnehmenden Gefährtin
+sehnt, wenn schwere Bürden das Herz drücken, die kein Fremder so uns
+tragen hilft, oder wenn höhere Freuden das Herz erweitern, Freuden,
+die kein Fremder so mit uns theilt, oder Verlegenheiten uns ängstigen,
+die wir keinem Fremden so aufrichtig, so sicher entdecken dürfen, wie
+der Person, die einerlei Interesse mit uns hat; und dann ein Blick
+auf wohlerzogene, durch gemeinschaftliche Sorgfalt erzogne Kinder,
+auf die Früchte der ersten jugendlichen Liebe! -- und das Herz kehrt
+ungezwungen zu den süßesten Pflichten zurück.
+
+
+ 8.
+
+Uebrigens ist es eine bedauernswürdige Schwachheit, wenn Eheleute durch
+die priesterliche Einsegnung ein so ausschließliches Recht auf jede
+Empfindung des Herzens erzwungen zu haben glauben, daß sie wähnen: nun
+dürfe in dem Herzen des Gatten auch nicht ein Plätzchen mehr für irgend
+einen andern guten Menschen übrig bleiben; der Gatte müsse für seine
+Freunde und Freundinnen todt seyn, dürfe für kein Geschöpf auf der
+Welt, als für die werthe Ehehälfte, Theilnahme und Zuneigung empfinden,
+und es sey Verletzung der ehelichen Pflicht, mit Wärme, Zärtlichkeit
+und Theilnahme von und mit andern Personen zu reden. Diese Forderungen
+werden doppelt abgeschmackt bei einer ungleichen Ehe, wo von der einen
+Seite schon Aufopferungen mancher Art Statt finden. Wenn da der eine
+Theil, um sich in dem Umgange mit liebenswürdigen Leuten aufzuheitern,
+neue Kräfte zum Ausdauern zu sammeln, und seinen Geist zu erheben und
+zu erwärmen, in die Arme zärtlicher, ihm wahrhaftig treu ergebener
+Freunde eilt: so sollte der andre Theil ihm dafür danken, und jeden
+kränkenden Vorwurf unterdrücken.
+
+
+ 9.
+
+Die Wahl dieser innigeren Freunde muß aber dem Herzen, so wie die Wahl
+sittlicher Vergnügungen und unschuldiger Liebhabereien dem Geschmacke
+eines Jeden überlassen bleiben. Es wird nicht durchaus Gleichheit
+von Neigungen, Temperamenten und Geschmack zum Eheglück erfordert.
+Unerträgliche Sclaverei wäre es daher, sich seine Erheiterungen
+aufdringen lassen zu müssen. Es ist wahrlich schon hart genug, wenn der
+Gatte die Freude entbehren muß, edle Empfindungen, erhabne Gedanken,
+feinere Eindrücke, welche seelen-erhebende Schriften, Kunstwerke und
+Ereignisse hervorbrachten, mit der Gefährtin seines Lebens theilen zu
+können, weil die stumpfen Organe derselben dafür nicht empfänglich
+sind; aber nun gar diesem allen entsagen, oder sich in der Wahl seines
+Umganges und seiner Freunde nach den Grillen eines schiefen Kopfs und
+kalten Herzens richten, allen wohlthätigen Erquickungen von der Art
+entsagen zu müssen: -- das ist Höllenpein! und ich brauche wohl nicht
+hinzuzufügen, daß am wenigsten ~der Mann~ eine solche Beschränkung und
+Sclaverei dulden dürfe, da er von der Natur und durch die bürgerliche
+Verfassung bestimmt ist, das Haupt der Familie zu seyn, und Gründe
+haben kann, ~warum~ er diesen oder jenen Umgang wählt, dieser oder
+jener Beschäftigung sich widmet, diesen oder jenen Schritt thut, der
+Manchen auffallend seyn kann. Es erleichtert hingegen das Leben unter
+Menschen, die nun einmal verbunden sind, alle Leiden und Freuden zu
+theilen, wenn nach und nach eine ähnliche Seelenstimmung unter ihnen
+eintritt, sey es auch nur von der Liebe zum Frieden erzeugt, und es
+zeugt wahrlich von der verächtlichsten Indolenz, wo nicht von dem
+bösesten Willen, wenn man, nach vieljähriger Verbindung mit einem
+verständigen, gebildeten und feinfühlenden Geschöpfe, noch eben so
+unwissend, roh, stumpf und starrköpfig geblieben ist, wie man vorher
+war.
+
+
+ 10.
+
+Wie soll man sich bei wirklichen Ausschweifungen verhalten? -- denn
+bis jetzt war nur von Verirrungen die Rede. -- Wie soll man sich
+zur Nachsicht und Ausdauer waffnen, wenn von einer Seite heftiges
+Temperament, ein reizbarer Körper, Mangel an Herrschaft über die
+Leidenschaften, Verführung, Buhler-Künste, anlockende Schönheiten
+und Verhältnisse in Versuchung führen; von der andern vielleicht der
+Gattin mürrisches Betragen, üble Laune, Geistes-Armuth, Kränklichkeit,
+Mangel an Schönheit, an Jugend, an Gefälligkeit, an Temperament,
+lebhaft zurückstoßen? -- Diese Schrift soll keine Pflichtenlehre
+enthalten; darum überlasse ich es jedem vernünftigen Manne, diese
+Frage sich selbst zu beantworten, und selbst zu beurtheilen, wie er es
+anfangen müsse, über seine Begierden Meister zu werden, gefährlichen
+Gelegenheiten und Verführungen auszuweichen, welches freilich in der
+Jugend nicht so leicht ist, wie man wohl denkt. Doch so viel über
+diesen Gegenstand, als hieher gehört, und sich ohne Beleidigung der
+Sittsamkeit sagen läßt! Man gewöhne sich selbst, und Einer den Andern,
+nicht an Ueppigkeit, Wollust, Weichlichkeit und Schwelgerei; lasse die
+körperlichen Bedürfnisse und Begierden nicht zu heftig werden; man
+sey, selbst in der Ehe, schamhaft, keusch, zart und sparsam in den
+Aeußerungen der Liebe, um Ekel, Ueberdruß und faunische Lüsternheit
+zu entfernen! Ein Kuß ist ein Kuß, nichts mehr, und nichts weniger,
+als ein Zeichen der Zärtlichkeit, und es wird fast immer des Weibes
+Schuld seyn, wenn ein sonst nicht schlechter Mann diesen Kuß, den er
+von treuen, reinen und warmen Lippen ehrenvoll und bequem zu Hause
+erlangen könnte, mit Hintansetzung seiner Pflicht und der Ehrbarkeit,
+bei Fremden holt. Hat aber die größre Schwierigkeit und Neuheit so viel
+Reiz: ei nun! so suche man auch der ehelichen Vertraulichkeit diesen
+Reiz der Neuheit zu geben, zuweilen kleine Hindernisse in den Weg zu
+legen, oder durch Enthaltung, Entfernung u. dgl. das Verlangen nach
+Befriedigung der sinnlichen Liebe zu vermehren! In späteren Jahren
+fällt dann auch dieser Vorwitz so ziemlich weg; denn da werden ja die
+Triebe bescheidner und lassen sich williger von der Vernunft regieren,
+oder man müßte sie muthwilliger Weise reizen.
+
+
+ 11.
+
+In der Ehe soll gegenseitiges uneingeschränktes Zutrauen, soll
+Offenherzigkeit Statt finden. Kann denn aber gar kein Fall eintreten,
+wo Einer vor dem Andern Geheimnisse haben dürfte? Ich denke. Freilich,
+da der Mann von der Natur bestimmt ist, der Rathgeber seines Weibes,
+das Haupt der Familie zu seyn; da die Folgen jedes übereilten
+Schrittes der Gattin auf ~ihn~ fallen; da der Staat sich nur an ~ihn~
+hält; da die Frau eigentlich gar keine Person in der bürgerlichen
+Gesellschaft ausmacht; da die Verletzung der Pflichten von ihrer
+Seite schwer auf ~ihm~ liegt, und diese Verletzung die Familie
+weit unmittelbarer beschimpft, und derselben Schande und Nachtheil
+bringt, als die Ausschweifungen des Mannes; da die Frau mehr von dem
+äussern Rufe abhängt, als der Mann; endlich, da Verschwiegenheit
+mehr eine männliche, als weibliche Tugend ist: so kann es wohl nur
+in äusserst seltenen Fällen der Frau erlaubt seyn, ohne ihres Mannes
+Wissen Schritte zu thun, Verbindungen anzuknüpfen, in Verhältnisse
+mit Männern zu treten, und dem Manne das alles zu verheimlichen. Er
+hingegen, der an den Staat geknüpft ist, oft Geheimnisse zu bewahren
+hat, die nicht ihm gehören, und durch deren Verbreitung er zugleich
+mit Andern in Verlegenheit kommen könnte; er, der das Ganze seines
+Hauswesens übersehen soll, auch vielfältig den Plan, nach welchem er
+handelt, nicht den schwächern Einsichten unterwerfen darf, sondern
+fest und unerschüttert seinem Verstande und Herzen folgen, und das
+Urtheil des Volks verachten muß: ~er~ kann unmöglich alles erzählen
+und mittheilen, was er unternimmt. Verschiedenheit der Lagen aber kann
+diesen Gesichtspunkt verrücken. Es gibt Männer, die sehr übel fahren
+würden, wenn sie einen einzigen Schritt ohne Rath und Wissen ihrer
+Weiber thäten; es gibt sehr plauderhafte Herren und sehr verschwiegne
+Damen; und eine Frau kann weibliche Geheimnisse von einer Freundin
+anvertrauet bekommen haben. -- In allen diesen und ähnlichen Fällen
+müssen Klugheit und Redlichkeit das Verhalten beider Theile bestimmen.
+Das aber bleibt eine heilige Wahrheit, daß, wenn wahrhaftes Mißtrauen
+sich einschleicht, wenn man ein offenes Geständniß erzwingen muß,
+alles Glück der Ehe entflieht. Nichts kann endlich strafbarer seyn,
+als wenn der Mann niedrig genug denkt, heimlich die Briefe seiner
+Frau zu erbrechen, ihre Papiere zu durchwühlen, oder ihre Schränke
+zu durchsuchen. Auch verfehlt er mit solchen unwürdigen Mitteln
+immer seines Zwecks. Nichts ist leichter, als die Wachsamkeit eines
+Menschen zu täuschen, wenn es bloß auf beweisbare Vergehen ankömmt,
+und man die feinern Bande zerrissen, sich über alle Bedenklichkeiten
+des Zartgefühls und der Ehre hinweggesetzt hat. Ein Mann, der
+~einmal~ seine Frau eine Treulose nennt, steckt sich selbst das
+Horn der Hahnreischaft auf. Nichts ist leichter, als einen Menschen
+zu hintergehen, den man genau kennt, bei dem man allen Glauben
+verloren hat, den man oft auf ungerechtem Argwohn ertappen kann, weil
+Leidenschaft ihn blind macht, und der es wegen seiner argwöhnischen
+Ungerechtigkeit verdient, getäuscht zu werden. -- Betrug ist fast immer
+die sichere Folge davon, und man kann auf diese Weise das edelste
+Geschöpf moralisch zu Grunde richten und zu Verbrechen reizen.
+
+
+ 12.
+
+Ich rathe, aus Gründen, die wohl jeder vernünftige Mensch selbst
+einsehen wird, auch nicht einmal an, daß Eheleute alle ihre Geschäfte
+gemeinschaftlich treiben, sondern daß Jeder seinen angewiesenen
+Wirkungskreis habe. Es geht selten gut im Hause, wenn die Gattin
+für ihren Gatten die Berichte an die höchste Behörde entwerfen,
+und er dagegen, wenn Fremde eingeladen sind, die Tafel besorgen,
+Cremen machen, und die Töchter ankleiden helfen muß. Daraus entsteht
+Verwirrung; man setzt sich dem Gespötte des Hausgesindes aus; der Eine
+verläßt sich auf den Andern, will sich aber dagegen in alles mischen,
+alles wissen. -- Mit Einem Worte: das taugt nicht!
+
+
+ 13.
+
+Was aber die Verwaltung der Einkünfte betrifft, so kann ich die
+Weise der mehresten Männer von Stande nicht billigen, welche ihren
+Gemahlinnen eine gewisse Summe geben, womit sie auskommen und den
+ganzen Haushalt ohne Ausnahme bestreiten müssen. Dadurch entsteht
+getheiltes Interesse; die Frau tritt in die Klasse der Bedienten, wird
+zum Eigennutz verleitet, muß ängstlich sparen, findet, daß der Mann zu
+lecker ist, macht verdrießliche Gesichter, wenn er einen guten Freund
+zur Tafel einladet; der Mann, wenn er nicht fein denkt, meint immer,
+er speise für sein theures Geld zu schlecht, oder wagt es im andern
+Falle aus übertriebener Zurückhaltung und Feinheit nicht, zuweilen ein
+Gerichtchen mehr zu fordern, um seine Gattin nicht in Verlegenheit
+zu setzen. Willst Du also Deine Hausfrau nicht in Versuchung führen,
+so gib, wenn nicht etwa ein Haushofmeister oder eine Ausgeberin
+diejenigen Geschäfte bei Dir versieht, die eigentlich zu den Pflichten
+der Gattin gehören, eine Summe Geldes, die Deinen Einkünften und den
+Zeitverhältnissen angemessen ist, zur Ausgabe! Wenn diese verwendet
+ist, so sey ihr verstattet, mehr von Dir zu fordern; findest Du, daß zu
+viel ist ausgegeben worden, so laß Dir die Rechnung zeigen! Ueberlege
+mit ihr gemeinschaftlich, auf welcher Seite gespart werden könnte!
+Mache ihr kein Geheimniß aus Deinen Vermögensumständen; allein bestimme
+ihr auch eine kleine Summe zu ihren unschuldigen Vergnügungen, zu ihrem
+Putze, zu stillen wohlthätigen Handlungen, und fordre davon keine
+Berechnung!
+
+
+ 14.
+
+Gute Hauswirthschaft ist eins der nothwendigsten Stücke zur ehelichen
+Glückseligkeit. Man suche daher vor allen Dingen, wenn man auch im
+ledigen Stande einigen Hang zur Verschwendung gehabt hätte, sich davon
+loszumachen, und sich häuslicher Sparsamkeit zu befleißigen, sobald man
+heirathet! Wer noch einzeln da steht, erträgt leicht alles Ungemach
+der Zeit: Noth, Mangel, Demüthigung, Zurücksetzung; am Ende steht ihm,
+wenn er gesunde Arme hat, die ganze Welt offen; er kann alles im Stiche
+lassen, und in einem unbekannten Winkelchen der Erde leicht mit seiner
+Hände Arbeit sein Leben fristen. Aber wenn schlechte Haushaltung den
+Ehemann und Vater in Armuth gestürzt hat, und er nun den Blick auf die
+Personen seiner Familie umherwirft, die von ihm Unterhalt, Nahrung,
+Wartung, Erziehung, Vergnügen fordern; wenn er dann oft nicht weiß,
+woher er auf morgen Brod nehmen, wovon er die heranwachsenden Mädchen
+kleiden soll, oder wenn seine bürgerliche Ehre, seine Beförderung,
+die Versorgung seiner Kinder davon abhängt, daß er mit den Seinigen
+in einem gewissen anständigen Aufzuge, vielleicht gar mit einigem
+Glanze erscheine, und es doch von allen Seiten dazu fehlt; wenn das
+Silbergeräthe vom Wucherer, wo es im Versatze steht, auf einen Mittag
+geborgt werden muß, um Gäste bewirthen zu können, indeß unten im Hause
+ein Knabe wartet, der es gleich nach der Mahlzeit wieder in Empfang
+nehmen soll; wenn Gläubiger und Advokaten ihn in die Enge treiben, und
+Juden an den Zipfeln seines schlaffen Geldbeutels melken: dann fallen
+böse Launen, Krankheit des Leibes und der Seele den Unglücklichen
+an; Verzweiflung ergreift ihn; er sucht sich zu betäuben, verfällt
+in Ausschweifungen; von Innen zernagt ihn das unruhige Gewissen, von
+Aussen verfolgen ihn bittre Vorwürfe seines Weibes; das Winseln seiner
+Kinder schreckt ihn aus fürchterlichen Träumen auf; die Verachtung,
+womit der vornehme und reiche Pöbel auf ihn herabblickt, umwölkt jeden
+Strahl von Hoffnung; Muth und Trost schwinden; die Freunde fliehen,
+das Hohngelächter der Feinde und Neider erschüttert jede Nerve, und
+in dieser traurigen Lage schwindet dann freilich aller Schatten von
+häuslicher Freude, das Haus wird zur Hölle. Der Elende flieht auch
+nichts so sehr, als den Anblick und den Umgang derer, die er mit sich
+in's Unglück gestürzt hat. -- Sollte also einer von den Eheleuten
+zur Verschwendung geneigt seyn, so ist es rathsam, weil es noch Zeit
+ist, Mittel vorzuschieben, jener gräßlichen Lage auszuweichen. Der
+~andre~ Theil, der besser mit dem Gelde umzugehen weiß, übernehme die
+Kasse! Man mache sich einen genauen Etat, wie man dem Haushalte wieder
+aufhelfen will, und befolge diesen pünktlich, schränke sich ein, sorge
+aber dafür, daß, wo möglich, auch etwas zu erlaubten Vergnügungen übrig
+bleibe, damit dem Verschwender die Einschränkungen und Entbehrungen
+nicht zu schwer werden!
+
+
+ 15.
+
+Ist es aber besser, daß ~der Mann~, oder daß ~die Frau~ reich sey?
+Wenn eins seyn soll, so stimme ich für Ersteres. Gut ist es, wenn
+Beide einiges Vermögen haben, um zu den Nothwendigkeiten des Lebens
+gemeinschaftlich beitragen zu können, damit nicht Einer so ganz auf
+Kosten des Andern zehre. Soll aber nun einmal Abhängigkeit, welche doch
+natürlicher Weise auf Seiten des ärmern Theils entsteht, Statt finden:
+so ist es der Natur gemäßer, daß das Haupt der Familie am mehrsten zum
+Unterhalte der Familie beitrage. Heirathet ein Mann eine reiche Frau,
+so verhüte er wenigstens durch angestrengte Thätigkeit, daß er nie in
+eine sclavische Abhängigkeit von seiner Frau gerathe. Aus Verabsäumung
+dieser Vorsicht sind so wenig Ehen von ~der~ Art glücklich. Hätte
+meine Frau mir großes Vermögen zugebracht, so würde ich mich doppelt
+bestreben, ihr zu beweisen, daß ich geringe Bedürfnisse hätte; ich
+würde wenig an meine Person wenden; ich würde sie überzeugen, daß ich
+dies Wenige mit meinem Fleisse mir erwerben könnte; ich würde ihr
+Kostgeld geben; ich würde nur der Verwalter ihres Vermögens seyn;
+ich würde Aufwand im Hause machen, weil das sich für reiche Leute
+schickt; aber ich würde ihr zeigen, daß dieser Aufwand meiner Eitelkeit
+nicht schmeichele; daß ich bei zwei Speisen eben so vergnügt, wie bei
+zwanzigen sey; daß ich keine Aufwartung bedürfe; daß ich gesunde Beine
+habe, die mich eben so weit, wenn gleich nicht so schnell fortbringen,
+wie ihre prächtigen Wagen; und dann würde ich, wie es dem Hausherrn
+zukömmt, über die Anwendung ihres Vermögens unumschränkte Gewalt
+verlangen.
+
+
+ 16.
+
+Ist es nöthig, daß der Mann klüger sey, als die Frau? -- Das
+ist wiederum eine nicht unwichtige Frage; wir wollen sie näher
+beleuchten. Der Begriff von Klugheit, von Vernunft, wird, mit allen
+seinen Beziehungen und Modifikationen, nicht immer auf einerlei Art
+verstanden. Die Klugheit eines Mannes soll wohl von ganz anderer
+Art seyn, als die, welche man von einer Frau verlangt; und wenn nun
+vollends Klugheit mit Welt-Erfahrung, oder gar mit Gelehrsamkeit
+verwechselt wird, so wäre es Unsinn, von diesen bei dem einen
+Geschlechte so viel, wie bei dem andern, voraussetzen oder verlangen
+zu wollen. Ich fordre daher von einem Frauenzimmer einen verständigen
+Kleinigkeitsgeist, Feinheit, unschuldige Verschlagenheit, Behutsamkeit,
+Witz, Duldsamkeit, Nachgiebigkeit und Geduld: -- lauter Stücke,
+die doch auch zur Klugheit gehören; -- welche in gleichem Grade
+nicht immer das Eigenthum des männlichen Charakters sind. Dagegen
+erwarte ich, daß der Mann umsichtiger, gefaßter bei allen Vorfällen,
+fester, unerschütterlicher, weniger den Vorurtheilen unterworfen,
+ausdauernder und gebildeter sey, als das Weib. Jene Frage aber war in
+allgemeinem Sinne zu verstehen, nämlich also: Wenn einer von beiden
+Theilen schwach, stumpf von Organen und unwissend in manchen zum
+Weltleben nöthigen Kenntnissen seyn sollte: würde es da besser seyn,
+daß der Mann, oder daß die Frau der schwächere Theil wäre? -- Ich
+antworte ohne Anstand: Noch habe ich nie eine glückliche und weise
+geordnete Haushaltung gesehen, in welcher die Frau die entschiedne
+Alleinherrschaft gehabt hätte. Es geht in einem Hause, wo ein Mann
+von mittelmäßigen Fähigkeiten das Regiment führt, größtentheils immer
+noch besser her, als in einem, wo eine kluge Frau ausschließlich
+gebietet. Es kann vielleicht Ausnahmen davon geben; allein ~ich~ kenne
+deren keine. Es versteht sich aber, daß hier nicht von der feinern
+Herrschaft über das Herz eines edlen Gatten die Rede ist: wer wird
+diese nicht gern einem klugen Weibe einräumen? welcher verständige
+Mann wird nicht fühlen, daß er oft sanfter Zurechtweisung bedarf?
+Jene ausschließliche Herrschaft hingegen scheint der Bestimmung der
+Natur zuwider zu seyn. Schwächerer Körperbau; eingepflanzte Neigung zu
+weniger dauerhaften Freuden; Launen aller Arten, die den Verstand, oft
+in den entscheidendsten Augenblicken fesseln; Erziehung; und endlich
+unsere bürgerliche Verfassung, welche die Verantwortung dessen, was
+im Hause geschieht, allein auf den Mann wälzt: das alles bestimmt
+die Gattin, Schutz zu suchen, und legt dem Gatten die Pflicht auf,
+zu schützen. Nun ist aber doch nichts lächerlicher, als wenn der
+Weisere und Stärkere bei dem Thoren und Schwachen Schutz suchen soll.
+Frauenzimmer von vorzüglichen Geistesgaben handeln daher wahrlich
+gegen ihren eignen Vortheil, und bereiten sich unangenehme Aussichten,
+wenn sie aus Herrschsucht sich dumme Männer wünschen oder wählen;
+die sichern Folgen davon sind Ueberdruß, verwirrte Haushaltung und
+Verachtung des Publikums für einen von beiden Theilen, und das heißt
+ja: für ~beide~ Theile. Männer aber, die so unmündig am Geiste sind,
+daß sie die Rolle eines Hausvaters nicht gehörig zu spielen, nicht
+Herr in ihrem Hause zu seyn vermögen, thun besser, Hagestolze zu
+bleiben, und sich ein Plätzchen in einem Hospital, oder eine Präbende
+zu kaufen, als daß sie sich vor Kindern, Hausgesinde und Nachbarn
+lächerlich machen. Ich habe einen schwachen Fürsten gekannt, dessen
+Gemahlin so unumschränkte Gebieterin über ihn war, daß, als sie einst
+bestellt hatte, auszufahren, der Fürst hinunter in den Schloßhof
+schlich, und den Kutscher, welcher da hielt, leise fragte: »Wisset ihr
+nicht, ob ich mitfahre?« Wer möchte wohl Geschäfte mit einem Manne
+treiben, dessen Willen, dessen Freundschaft und dessen Art, die Dinge
+anzusehen, von den Launen, Winken und Zurechtweisungen seiner Frau
+abhängen, -- der seine Briefe erst seiner Hofmeisterin zur Durchsicht
+vorlegen, und über die wichtigsten, geheimsten Angelegenheiten erst
+Instruktion bei der Toilette holen muß? Sogar in der Gefälligkeit
+und Aufmerksamkeit gegen die Ehefrau soll der Mann seine Würde nicht
+verleugnen. Verächtlich ist, selbst den Weibern, ein Mann, der, bevor
+er sich zu etwas entschließt, erst jedesmal sagt: »Ich will es mit
+meiner Frau überlegen;« der ihr immer das Mäntelchen nachträgt, sich
+nicht untersteht, in eine Gesellschaft zu gehen, wo ~sie~ nicht ist,
+oder der seine treuesten Bedienten abschaffen muß, wenn Madam deren
+Gesichtsbildung nicht ertragen kann.
+
+
+ 17.
+
+Es gibt in diesem Leben eine Menge Ungemachs zu tragen. Auch der,
+welcher der Glücklichste zu seyn scheint, hat geheime Leiden mancher
+Art, wahre und eingebildete, unverschuldete oder selbstgeschaffne,
+gleichviel! aber immer darum nicht minder Leiden. Sehr wenige Weiber
+haben Kraft genug, das Unglück standhaft erdulden, guten Rath in der
+Noth zu ertheilen, und ihren Gatten die Bürde tragen zu helfen, die
+nun einmal getragen werden muß. Die mehrsten erschweren das Uebel
+durch unzeitige Klagen, durch Geschwätz, wie es seyn ~könnte~, wenn
+es nicht ~so~ wäre, wie es ist, oder gar durch übel angebrachte,
+zuweilen sehr unbillige Vorwürfe. Ist es daher irgend möglich, kleinere
+Unannehmlichkeiten (mit Haupt-Unglücksfällen aber läßt sich das selten
+thun) vor Deiner Ehefrau zu verbergen, so verschließe lieber den
+Kummer in Deinem Herzen! Ohnehin kann ein gutgeartetes Gemüth darin
+keinen Trost finden, Andre, die es liebt, mit in seine Leiden zu
+ziehen; und wenn nun gar die Last dadurch nicht erleichtert, sondern
+vielmehr erschwert wird: wer wollte dann nicht lieber schweigen, und
+seinen Rücken dem Sturme allein preisgeben? Schickt die Vorsehung Dir
+aber einen großen, nicht zu verschweigenden Unfall, Noth, Schmerz,
+Krankheit zu, -- verfolgen Dich widrige Geschicke, oder böse Menschen:
+o dann rufe Deine ganze Standhaftigkeit auf! fasse Deinen Muth
+zusammen, und versüße der Gefährtin Deines Lebens die Bitterkeit des
+Kelchs, den sie mit Dir austrinken muß; wache über Deine Launen,
+damit nicht der Unschuldige durch Dich leiden müsse! Verschließe Dich
+in Dein Kämmerlein, wenn das Herz zu schwer wird! Dort erleichtre
+Dich durch Thränen oder Gebet! Stärke und stähle Dein Herz durch
+Philosophie, durch Zuversicht auf Gott, durch Hoffnung und durch weise
+Entschließungen! und dann tritt mit heiterer Stirne hervor, und sey der
+Tröster des Schwächern! -- Ist doch kein Ungemach und kein Leiden in
+der Welt von beständiger Dauer, kein Schmerz so groß, der nicht freie
+Augenblicke übrig ließe; führt doch ein gewisser Heroismus im Kampfe
+gegen das Unglück Freuden mit sich, die selbst das härteste Ungemach
+versüßen können; und der Gedanke, Andre zu trösten und aufzurichten,
+erhebt das Herz wunderbar, erfüllt mit unbeschreiblicher Heiterkeit. --
+Ich rede aus Erfahrung.
+
+
+ 18.
+
+Wir sind darüber einig geworden, daß vollkommne Gleichheit in
+Denkungsart und Temperamenten zu einer glücklichen Ehe nicht nothwendig
+sey. Traurig ist aber doch immer die Lage, wenn die Ungleichheit gar zu
+auffallend ist, wenn die Gattin sich bei allem kalt und gleichgültig
+zeigt, was dem Gatten wichtig und interessant scheint. Traurig ist es
+immer, wenn man, um den Genuß unschuldiger Freuden, um schmerzliche
+Leiden, um hohe Gefühle, ferne Aussichten, wichtige Unternehmungen, --
+kurz, um alles, was Kopf und Herz beschäftigt, zu theilen, sich nach
+fremden Mitgenossen sehnen muß. Traurig ist es, wenn ein phlegmatisches
+Geschöpf zu jedem geistreichen Tropfen, den uns die süße Phantasie
+einschenkt, Wasser gießt, uns aus jeder seligen Täuschung unsanft
+aufweckt, unsre wärmsten Gespräche mit Plattheiten beantwortet, und
+unsre schönsten Pflanzungen zertritt. -- Was ist aber in solchen Lagen
+zu thun? Vor allen Dingen Hiobs Specificum gebraucht! Nicht lange
+moralisirt, wo keine Besserung zu hoffen ist, -- geschwiegen, wenn man
+doch nicht verstanden wird; und dann die Gelegenheit vermieden, Scenen
+zu veranlassen, wodurch man zu sehr entrüstet, oder zu bitter gekränkt,
+oder durch die Dummheit des Weibes öffentlich beschimpft werden könnte
+-- so kann man doch wenigstens negativ so ziemlich glücklich seyn.
+
+
+ 19.
+
+Wie aber, wenn das Schicksal oder eigne Thorheit den Mann auf ewig an
+ein Geschöpf gekettet hat, das, mit großen moralischen Gebrechen oder
+gar mit Lastern behaftet, der Liebe und Achtung edler Menschen unwerth
+ist; wenn die Frau durch ein mürrisches, feindseliges Temperament,
+durch Neid, Geiz, oder unvernünftige Eifersucht dem Manne das Leben
+verbittert, oder wenn sie sich durch ein falsches, tückisches Herz
+verächtlich macht, oder wenn sie gar in Unzucht oder in Völlerei
+lebt? Ich brauche hier nicht zu erinnern, daß mancher ehrliche Mann
+unschuldiger Weise, d. h. in einer unschuldigen Verblendung in dies
+Labyrinth gerathen kann, wenn ihm die Liebe oder vielmehr Fleisch
+und Blut einen Streich spielen, indem der böse Feind Asmodäus im
+Brautstande immer die schönste Larve vornimmt. Ich schweige hingegen
+auch davon, daß sehr oft der Mann durch üble oder unvorsichtige
+Behandlung daran Schuld ist, wenn Untugenden und Laster, zu welchen
+der Keim in dem Herzen seiner Frau lag, zum Ausbruche kommen. Es würde
+mich endlich zu weit führen, wenn ich Regeln für das Verhalten in jeder
+einzelnen unglücklichen Lage von der Art geben wollte. -- Also nur so
+viel im Allgemeinen! Man muß in solchen Lagen dreierlei Rücksichten
+nehmen, nämlich: ~zuerst~ solche, welche auf Beförderung unserer eignen
+Ruhe abzielen; ~sodann~ Rücksichten auf Kinder und Hausgenossen; und
+~endlich~ auf das Publikum. Was den ersten Punkt betrifft, so rathe
+ich: wenn einmal keine Hoffnung zu Bewirkung sittlicher Besserung da
+ist, sich nicht mit Klagen, Vorwürfen und Zänkereien aufzuhalten,
+sondern in der Stille solche kräftige Gegenmittel zu wählen, die uns
+Vernunft, Rechtschaffenheit und Gefühl von Ehre anrathen. Entwirf
+reiflich und mit möglichst kaltem Blute Deinen Plan! Ueberlege wohl,
+ob eine Trennung nöthig sey, oder wie Du es anzufangen habest, Deinen
+Zustand, wenn derselbe nun einmal nicht zu verbessern ist, leidlich zu
+machen, und laß Dich dann von Deinem Entschlusse durch nichts, selbst
+durch keine bloß anscheinende Besserung, noch durch Liebkosungen,
+abwendig machen! Erniedrige Dich aber nie so weit, daß Du Dich durch
+Hitze zu gewaltsamen Behandlungen verleiten ließest; sonst hast Du
+schon zur Hälfte Unrecht. Erfülle endlich um so treuer Deine Pflichten,
+je öfter Dein Weib sie übertritt: so wird auch Dein Gewissen beruhigt
+seyn, und mit einem ruhigen Gewissen läßt sich alles, auch das Aergste,
+ertragen. In Betracht Deiner Kinder, des Hausgesindes und des Publikums
+aber vermeide alles Aufsehen! Laß, wo möglich, Dein Unglück nicht
+ruchtbar werden! Wenn Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so werden
+die Kinder immer schlecht erzogen. Ist diese Uneinigkeit also nicht
+zu verbergen, so trenne Dich lieber von Deinen Kindern, und überlaß
+ihre Leitung fremden guten Händen! Wenn offenbare Uneinigkeit unter
+Eheleuten herrscht, so ist das Hausgesinde nie zur Ordnung, Treue
+und Redlichkeit geneigt. Es entstehen Partheien und Klatschereien
+ohne Ende. Vermeide daher allen Zank in Gegenwart des Gesindes!
+Wenn öffentliche Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so verliert
+der unschuldige Theil, zugleich mit dem schuldigen, die Achtung der
+Mitbürger. Vertraue deswegen nicht leicht Dein häusliches Unglück
+fremden Leuten.
+
+
+ 20.
+
+Sehr gern aber pflegen sich dienstfertige gute Freunde, alte Weiber,
+beiderlei Geschlechts, Vettern und Basen in solche Angelegenheiten
+zu mischen. Leide nicht, daß irgend jemand, wer es auch sey,
+ohne von Dir dazu aufgefordert zu seyn, sich um Deine häuslichen
+Umstände bekümmre; weise solche Einmischungen mit aller männlichen
+Entschlossenheit von Dir! Gute Seelen vertragen sich ohne Vermittlung,
+und mit schlechten richtet ein Friedensstifter doch nichts aus. Allein
+bitte Gott, daß er Dich vor einer gewissen Art von Schwiegermüttern
+bewahre, die alles wissen, alles thun, wenn sie auch bettelarm am
+Geiste sind, dennoch alles dirigiren wollen; deren Geschäft ist,
+Hetzereien anzustiften, zu unterhalten, und die mit Köchinnen und
+Haushälterinnen gemeinschaftliche Sache machen, um aus christlicher
+Liebe die Handlungen des Nächsten auszuspähen. Solltest Du aber zum
+Unglücke so eine Meerkatze, ein solches satanisches Hausgeräth mit
+erheirathet haben: so ergreif die erste Gelegenheit, da sie sich in
+Deine Hausvater-Angelegenheiten mischen will, ihre freundlichen,
+frommen Dienste so nachdrücklich zu verbitten, daß sie Dir sobald nicht
+wiederkomme! Es gibt aber auch gute, edle Schwiegermütter, die ihren
+verheiratheten Töchtern mit treuem Rathe beistehen, und denen man denn
+um so mehr Ehrerbietung und Aufmerksamkeit schuldig ist, wenn man ihnen
+die Bildung eines geliebten Weibes zu danken hat.
+
+Ueberhaupt sollen alle Zwistigkeiten unter Eheleuten nur unter ihren
+vier Augen ausgemacht werden, und, wenn es auf das Höchste kömmt, von
+der Obrigkeit; alle Mittel-Instanzen taugen gar nichts, und fremde
+Friedensstifter und Beschützer des leidenden Theils machen immer das
+Uebel ärger. Der Mann muß Herr seyn in seinem Hause: ~so~ wollen es
+Natur und Vernunft. Mit einem Herrn zankt man nicht; er hat Richter
+~über~ sich, nicht ~neben~ sich. Er soll sich auf keine Weise diese
+Herrschaft rauben lassen, und auch dann, wenn die weisere Frau seiner
+offenbaren Macht die heimliche Gewalt über sein Herz entgegenstellt,
+muß doch das äussere Ansehen der Herrschaft nie wegfallen.
+
+
+ 21.
+
+Nichts erschüttert so heftig das Glück unter Gatten und Gattinnen,
+als die ~Verletzung ehelicher Treue~. Der Moralität nach und unsern
+religiösen und politischen Grundsätzen gemäß, ist zwar die Uebertretung
+der ehelichen Pflichten von einer Seite so unedel wie von der
+andern; in Rücksicht auf die Folgen hingegen ist die Unkeuschheit
+einer Frau weit strafbarer, als die eines Mannes; jene zerreißt die
+Familien-Bande, vererbt auf Bastarte die Vorzüge ehelicher Kinder,
+zerstört die heiligen Rechte des Eigenthums, und widerspricht laut
+den Gesetzen der Natur, nach welchen immer Vielweiberei weniger
+unnatürlich, als Vielmännerei seyn würde. -- Man hat nicht einmal
+in irgend einer Sprache einen üblichen Ausdruck für das Letztere.
+Der Mann ist das Haupt der Familie; die schlechte Aufführung seiner
+Frau wirft zugleich Schande auf ihn, als den Haus-Regenten; -- nicht
+umgekehrt also! Ohne Betracht auf Folge und Rechenschaft aber, dünkt
+mich, handelt ein Theil, der den andern für untreu hält, sehr unweise,
+wenn er durch Vorwürfe, oder gar durch unvernünftiges Toben ihn in
+Schranken halten will. Ist es ihm um sein Herz zu thun, so muß er
+wissen, daß man nur durch sanfte, liebevolle Mittel Herzen fesselt,
+durch das Gegentheil aber zurückstößt; verlangt er nur den alleinigen
+Besitz des Leibes, so ist er ein Geschöpf der gemeinsten Art. Eheleute,
+die durch kein edleres Band an einander geknüpft sind, finden tausend
+Mittel, sich zu hintergehen, und es ist daran nicht viel verloren.
+In so fern also bei der Untreue nicht Zärtlichkeit und Hochachtung
+gekränkt werden, so ist wahrlich, wie die Franzosen in der That
+vorgeben, die Hahnreischaft sehr wenig, und wenn man die Sache nicht
+weiß, gar nichts. Noch ärger aber, und das sicherste Mittel, auch den
+treuesten Gatten zu Ausschweifungen zu verleiten, ist, ihn auf bloßen
+Verdacht durch Vorwürfe und niedriges Mißtrauen beleidigen. Sollte aber
+Dein Unglück gewiß, und Deine Schande nicht zu verbergen seyn: so ist
+freilich kein anderes Mittel, als Trennung durch gerichtliche Hülfe,
+oder durch gütliche Uebereinkunft, obgleich der Schandfleck dadurch
+nicht ausgelöscht wird. In allen übrigen Fällen ist die Ehescheidung
+eine höchst bedenkliche Sache. Leute, die eine Reihe von Jahren mit
+einander verlebt haben, können einen solchen Schritt nicht leicht
+thun, ohne Beide an öffentlicher Achtung zu verlieren. Eheleute, die
+Kinder haben, können, ohne sehr nachtheilige Folgen für die Bildung und
+zeitliche Glückseligkeit dieser Kinder, sich nie trennen. Ist es daher
+irgend möglich, bei einem weisen, vorsichtigen Betragen es mit einander
+auszuhalten: so ertrage, leide und dulde man, und vermeide öffentliches
+Aergerniß!
+
+
+ 22.
+
+Allein alle diese Vorschriften sind wohl nur auf Personen im mittlern
+Stande besonders anwendbar. Die sehr vornehmen und sehr reichen
+Leute haben selten Sinn für häusliche Glückseligkeit, fühlen keine
+Seelen-Bedürfnisse, leben mehrentheils auf einem sehr fremden Fuße mit
+ihrem Ehegatten, und bedürfen also keiner andern Regeln, als solcher,
+die eine feine Erziehung vorschreibt. Und da sie auch eine eigne Moral
+zu haben pflegen, so werden sie wohl in diesem Kapitel wenig finden,
+das für sie tauglich wäre.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit und unter Verliebten.
+
+
+ 1.
+
+Mit Verliebten ist vernünftiger Weise gar nicht umzugehen; sie sind
+so wenig, wie andere Berauschte, zur Geselligkeit geschickt; ausser
+ihrem Abgotte ist die ganze Welt todt für sie. Man mag übrigens leicht
+mit ihnen fertig werden, wenn man nur Geduld genug hat, sie von dem
+Gegenstande ihrer Zärtlichkeit reden zu hören, ohne zu gähnen; wenn
+man im Gegentheile dabei einiges Interesse zeigt, sich über ihre
+Thorheiten und Launen nicht zu ärgern, und im Fall die Liebe heimlich
+gehalten seyn soll, sie nicht zu beobachten, nichts zu merken scheint,
+wüßte auch die ganze Stadt das Geheimniß (wie es denn mehrentheils
+geschieht); endlich wenn man ihre Eifersucht nicht erregt.
+
+Und so hätte ich denn über diesen Gegenstand weiter nichts zu reden.
+-- Doch noch ein Paar Bemerkungen! Suchet Ihr einen verständigen
+Freund, der Euch mit weisem Rathe, oder mit festem Muthe, mit Fleiß und
+dauernder Arbeit dienen soll: so wählet keinen Verliebten dazu! Ist
+es Euch aber darum zu thun, eine theilnehmende, empfindelnde Seele zu
+finden, die mit Euch klage, winsele, seufze, oder Euch ohne Sicherheit
+Geld borge, auf etwas subscribire, ein armes Mädchen ausstatte, einen
+beleidigten Vater besänftigen helfe, oder mit Euch Ritterstreiche
+mache, Kindereien treibe, oder Eure Verse, Eure Liederchen und Sonaten
+lobe: -- so wendet Euch nach den Umständen an einen glücklichen oder
+hoffnungslosen Liebhaber!
+
+
+ 2.
+
+Den Verliebten selbst Regeln über ihren Umgang mit einander zu geben,
+das würde verlorne Mühe seyn; denn da diese Menschen selten bei
+gesunder Vernunft sind: so wäre es eben so unsinnig, zu verlangen, daß
+sie sich dabei gewissen Vorschriften unterwerfen sollten, als wenn man
+einem Rasenden zumuthen wollte, in Versen zu phantasiren, oder Einem,
+der die Kolik hat, nach Noten zu schreien. Doch ließe sich Einiges
+sagen, das gut und leicht zu beobachten wäre, wenn man hoffen dürfte,
+daß solche Menschen der Vernunft Gehör gäben, oder auch nur lichte
+Zwischenräume hätten, in welchen sie etwas begreifen können.
+
+
+ 3.
+
+Die erste Liebe bewirkt ungeheure Revolutionen in der ganzen Sinnesart
+und dem Wesen des Menschen. Wer nie geliebt hat, kann keinen Begriff
+haben von den seligen Freuden, die der Umgang unter Verliebten gewährt;
+wer zu oft mit seinem Herzen Tausch und Handel getrieben hat, verliert
+den Sinn dafür. Ich habe einst ein Bild davon entworfen, und da ich
+jetzt nichts Besseres darüber zu sagen weiß, will ich diese Stelle hier
+abschreiben[5].
+
+»Es ist eine gar sonderbare Sache um die ersten Liebes-Erklärungen.
+Wer mit seinem Herzen schon oft Spielwerk getrieben, seine zärtlichen
+Seufzer vor manchen Schönen schon ausgeblasen hat, dem wird es eben
+nicht schwer, wenn er einmal wieder sich die Lust macht, verliebt zu
+werden, seine Empfindungen bei einer schicklichen Gelegenheit an den
+Tag zu legen; auch weiß dann die Kokette schon, was sie bei solchen
+Vorfällen zu antworten hat; sie glaubt das Ding nicht sogleich, meint,
+der Herr wolle sie zum Besten haben, er spiele den Roman-Helden, oder,
+wenn er dringend wird, und sie glaubt nach und nach überzeugt werden
+zu müssen, so kömmt zuerst eine Bitte, ihrer Schwachheit zu schonen,
+ihr nicht ein Geständniß abzunöthigen, wobei sie erröthen müßte; und
+dann will der entzückte Liebhaber dem holden Engel um den Hals fallen,
+und in Wonne dahinschmelzen; aber die Schöne protestirt feierlich
+gegen alle solche Freiheiten, verläßt sich überhaupt auf seine Ehre
+und Rechtschaffenheit, reicht ihm höchstens die Backe dar, theilt
+ihre Gunstverwilligungen in unendlich kleine Parcelen, um täglich
+nur um ein Haar breit dem Ziele näher rücken zu dürfen, damit der
+schöne Roman desto länger dauern möge; und wenn auf andre Art keine
+Zeit mehr zu gewinnen ist, muß ein kleiner Zwist dazwischen kommen,
+die völlige Entwickelung aufhalten, und die Uhr auf die Schäferstunde
+zurückstellen. Bei allen diesen conventionellen Gaukeleien aber
+empfinden dergleichen Leute gar nichts, lachen, wenn sie allein
+sind, des Possenspiels, das sie mit einander treiben, können voraus
+calculiren, wie weit sie morgen und übermorgen mit ihrem Geschäfte
+kommen müssen, und werden dick und fett bei ihrer Liebespein.«
+
+ »Ganz anders aber ist es mit einem Paar unschuldigen Herzen, die, zum
+ erstenmal vom wohlthätigen Feuer der Liebe erwärmt, so gern ihren
+ süßen, schuldlosen Gefühlen Luft machen möchten, und immer nicht
+ Muth fassen können, mit Worten zu sagen, was Augen und Gebehrden oft
+ schon deutlich gesagt und beantwortet haben. Der Jüngling sieht die
+ Geliebte zärtlich an; sie erröthet; ihr Blick wird unruhig, unstät,
+ wenn Er mit einem andern Mädchen zu viel und zu freundlich redet; sein
+ Auge möchte zürnen, er möchte gleichgültig vor ihr vorbeiblicken,
+ wenn sie einem Andern vertraulich etwas in's Ohr gesagt hat; man
+ fühlt den Vorwurf, gibt augenblickliche Genugthuung, bricht plötzlich
+ und fast unhöflich das Gespräch ab, welches den Argwohn erweckt
+ hat; der Versöhnte dankt durch das zärtliche Lächeln und durch die
+ fröhlichste, plötzlich aufwachende Laune; man nimmt mit den Augen
+ Verabredungen auf morgen, entschuldigt sich, warnet vor Beobachtern,
+ erkennt sich gegenseitige Rechte auf einander an -- und hat sich
+ doch noch mit keinem Wörtchen gesagt, ~was~ man für einander fühlt.
+ Allein man sucht von beiden Seiten ernstlich die Gelegenheit dazu;
+ sie kömmt, kömmt oft, und man läßt sie ungenützt vorbeistreichen,
+ drückt sich höchstens einmal leise die Hand, und doch auch das nie
+ ohne irgend einen schicklichen Vorwand, sagt sich aber kein Wort,
+ ist mißmüthig, zweifelt an Gegenliebe, und hat sich oft noch nicht
+ gegen einander erklärt, wenn man schon die Fabel der ganzen Stadt und
+ der Gegenstand der schändlichsten Verläumdung ist. Ist endlich das
+ längst im Busen pochende Bekenntniß den furchtsamen Lippen stotternd
+ entflohen, und mit gebrochenen, halb erstickten Worten, mit einem
+ bis in das Innerste dringenden Händedrucke begleitet, beantwortet
+ worden; dann lebt man vollends erst ganz für einander, ist wenig um
+ die übrige Welt bekümmert, sieht und hört nichts um sich her, ist in
+ keiner Gesellschaft verlegen mit seiner Person, wenn nur der theure
+ Gegenstand uns freundlich anlächelt; findet an der Seite der Geliebten
+ alles Ungemach des Lebens leichter zu ertragen; glaubt nicht, daß es
+ Krankheit, Armuth, Druck und Noth in der schönen Welt geben könne;
+ lebt mit allen Wesen in Frieden; verachtet Gemächlichkeit, köstliche
+ Speise, Schlaf. -- O Ihr! wenn Ihr je so wonnevolle Zeiten verlebt
+ habt, sprechet! ist auch ein süßerer Traum zu träumen möglich? Ist
+ unter allen phantastischen Freuden des Lebens Eine, die so unschuldig,
+ so natürlich, so unschädlich wäre? Eine, die so überschwenglich
+ glücklich, fröhlich, so friedenvoll machte? -- Ach! daß dieser selige
+ Zustand der Bezauberung nicht ewig dauern kann, daß man oft nur gar zu
+ unsanft aus diesem elysischen Schlummer aufgeschreckt wird!«
+
+
+ 4.
+
+In der Ehe ist ~Eifersucht~ ein schreckliches, Ruhe und Frieden
+störendes Uebel, und jeder Streit von bösen Folgen; in die Liebe
+hingegen bringt die Eifersucht Mannigfaltigkeit und neues Leben;
+nichts ist süßer, als der Augenblick der Versöhnung nach kleinen
+Zwistigkeiten, und solche Scenen knüpfen das Band fester. Zittre vor
+der Eifersucht einer Kokette, vor der Rache eines Weibes, dessen Liebe
+Du verschmäht hast, oder für welches Dein Herz nicht mehr spricht, wenn
+sie Deiner -- sey es nun aus Lust, oder aus Eitelkeit, aus Vorwitz,
+oder aus Eigensinn -- noch begehrt! Sie wird Dich mit wüthigem Grimme
+verfolgen, und keine Schonung von Deiner Seite, keine Nachgiebigkeit,
+keine Verschwiegenheit über die ehemaligen Verhältnisse, keine
+öffentliche Ehrerbietungs-Bezeigungen werden Dir helfen, besonders wenn
+sie Dich nicht etwa fürchtet.
+
+
+ 5.
+
+Weiber-Feinde schreien laut: das schöne Geschlecht liebe nie mit so
+gänzlich treuer Ergebung, wie wir Männer; Eitelkeit, Vorwitz, Lust
+an Abentheuern, oder körperliches Bedürfniß sey es nur, was sie zu
+uns hinreisse, und man dürfe nicht länger auf Weibertreue rechnen,
+als so lange eine von diesen Leidenschaften und Trieben nach Zeit
+und Gelegenheit zu befriedigen ist; Andre hingegen lehren gerade
+das Gegentheil, und beschreiben mit den reizendsten Farben die
+Beständigkeit, die Innigkeit und das Feuer eines weiblichen, von Liebe
+erfüllten Herzens. Jene eignen dem Geschlechte viel mehr Sinnlichkeit
+und Reizbarkeit, als edlere Gefühle zu, und sagen, es sey nur Grimasse,
+wenn Weiber ihre Männer überreden wollten, sie hätten ein sehr kaltes
+Temperament; Diese hingegen behaupten: die reinste, heiligste Liebe,
+ohne Begierde, ja, auf gewisse Art ohne Leidenschaft, diese göttliche
+Flamme könne nur in weiblichen Seelen in ihrer ganzen Fülle wohnen.
+Wer von beiden Partheien Recht hat, das mögen Diejenigen entscheiden,
+denen eine größere Kenntniß des weiblichen Herzens, und ausgebreitete
+Welt-Erfahrung ein Recht geben, über den Charakter der Weiber kühner,
+unpartheiischer, mit mehr Scharfsinn und mit gründlicherer Vernunft,
+als ich, zu urtheilen und zu schreiben. Ich wage das nicht; auch sind
+es zwei verschiedene Fragen: aus welchen Quellen zuerst Weiberliebe
+zu entspringen pflege? und: welche Eigenschaften nachher diese Liebe
+habe, wenn einmal die Seele davon ergriffen ist? Das aber getraue
+ich mir zu behaupten, ohne einem von beiden Geschlechtern zu nahe zu
+treten, daß wir Männer an Treue und gänzlicher Hingebung in der Liebe
+wohl schwerlich die Weiber übertreffen dürften. Die Geschichte aller
+Zeiten ist voll von Beispielen der treuesten Anhänglichkeit, der
+heldenmüthigsten Ueberwindung aller Schwierigkeiten, und Verachtung
+aller Gefahren, mit welcher ein Weib sich ihrem Geliebten weiht, und
+sein Leben zu beglücken, zu erhalten, zu erretten sucht. Ich kenne
+kein höheres Glück auf der Welt, als so innig, so treu geliebt zu
+werden. Leichtsinnige Gemüther findet man unter Männern, wie unter
+Frauenzimmern; Hang zur Abwechselung ist dem ganzen Menschengeschlecht
+eigen; neue Eindrücke größerer Liebenswürdigkeit, wahrer oder
+eingebildeter, können die lebhaftesten Empfindungen verdrängen; aber
+fast möchte ich sagen, die Fälle der Untreue wären häufiger bei
+Männern, als bei Weibern, würden nur nicht so bekannt, machten weniger
+Aufsehen, wir wären wirklich nicht so leicht auf immer zu fesseln; und
+es würde vielleicht nicht schwer halten, die Ursachen davon anzugeben,
+wenn das hieher gehörte.
+
+
+ 6.
+
+Treue, ächte Liebe freuet sich in der Stille des seligen Genusses,
+prahlt nicht nur nie mit Gunstbezeigungen, sondern gesteht sich's sogar
+selbst kaum, wie froh sie ist. Die glücklichsten Augenblicke in der
+Liebe sind da, wo man sich noch nicht gegen einander mit Worten erklärt
+hat, und doch jede Miene, jeden Blick versteht. Die wonnevollsten
+Freuden sind die, welche man mittheilt und empfängt, ohne dem Verstande
+davon Rechenschaft zu geben. Die Feinheit des Gefühls leidet oft
+nicht, daß man sich über Dinge erkläre, die ganz ihren hohen Werth
+verlieren, die anständiger Weise, ohne Beleidigung des Zartgefühls,
+gar nicht mehr gegeben und angenommen werden können, sobald man etwas
+darüber gesagt hat. Man verwilligt stillschweigend, was man nicht
+verwilligen darf, wenn es erbeten, oder wenn es merkbar wird, daß es
+mit Absicht gegeben werden soll.
+
+
+ 7.
+
+In den Jahren, in welchen so leicht das Herz mit dem Kopfe davon
+läuft, bauet so Mancher das Unglück seines Lebens durch übereilte
+Ehe-Versprechungen. Im Taumel der Liebe vergißt der Jüngling, wie
+wichtig ein solcher Schritt ist, und daß von allen Verbindlichkeiten,
+die man übernehmen kann, diese die schwerste, die gefährlichste
+und leider die unauflöslichste ist. Er verbindet sich auf ewig mit
+einem Geschöpfe, das sich seinen von Leidenschaft geblendeten Augen
+ganz anders darstellt, als es späterhin seiner nüchternen Vernunft
+erscheint, und dann hat er sich eine Hölle auf Erden bereitet; oder
+er vergißt, daß mit einer solchen Verbindung die Bedürfnisse, Sorgen
+und Arbeiten wachsen, und dann muß er, an der Seite eines innigst
+geliebten Weibes, mit Mangel und Kummer kämpfen, und doppelt alle
+Schläge des Schicksals fühlen; oder er bricht sein Wort, wenn ihm vor
+der priesterlichen Einsegnung noch die Augen aufgehen; und dann sind
+Gewissensbisse sein Theil. -- Allein, was vermögen Rath und Warnung im
+Augenblicke des Rausches? Uebrigens beziehe ich mich auf das, was ich
+im 15ten und 16ten Abschnitte des folgenden Kapitels sagen werde.
+
+
+ 8.
+
+Haben Liebe und Vertraulichkeit Dich an ein Geschöpf gekettet, und
+Eure Bande werden getrennt, sey es nun durch Schicksale, Untreue
+und Leichtfertigkeit des einen Theils, oder durch andere Umstände:
+so handle, nach dem Bruche, oder wenn die Verbindung sonst aufhört,
+nie unedel. Laß Dich nie hinreissen zu niedriger Rache! Mißbrauche
+nicht Briefe, noch Zutrauen! Der Mann, der fähig ist, ein Mädchen zu
+lästern, einem Weibe zu schaden, das einst in seinem Herzen geherrscht
+hat, verdient Haß und Verachtung; und wie mancher sonst nicht sehr
+liebenswürdige Mann hat die Gunst artiger Frauenzimmer nur allein
+seiner erprobten Bescheidenheit, Verschwiegenheit und Vorsichtigkeit in
+Liebessachen zu danken!
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit Frauenzimmern.
+
+
+ 1.
+
+Ich will gleich zu Anfange dieses Kapitels feierlich erklären, daß
+ich kein Weiber-Feind bin. -- Zwar sollte es billig einer solchen
+Erklärung nicht bedürfen, weil es schon der gesunde Menschenverstand
+lehrt, und ich kühn sagen darf, daß meine Schriften nicht Gelegenheit
+geben, mich für einen Lästerer des schönen Geschlechts zu halten; doch
+der Schwachen wegen füge ich es hinzu. Alles also, was ich hier im
+Allgemeinen zum Nachtheile des weiblichen Charakters sagen muß, soll
+der Verehrung unbeschadet gesagt seyn, die nicht nur jedes einzelne
+edle Weib und Mädchen, sondern die auch das Geschlecht, im Ganzen
+genommen, von so manchen Seiten, nur nicht gerade von der fehlerhaften,
+verdient. ~Diese~ zu verschweigen, um ~jene~ zu erheben, das ist das
+Handwerk eines feilen Schmeichlers; und der mag ich nicht seyn. Die
+mehrsten Schriftsteller aber, welche etwas über die Frauenzimmer sagen,
+scheinen sich's zum Geschäft zu machen, nur die Schwächen derselben
+aufzudecken -- das ist noch weniger meine Absicht. Wenn ich aber über
+den Umgang mit Menschen schreibe: so habe ich die Verpflichtung, auch
+die Schwächen in Erwägung zu ziehen, denen man nachgeben, die man
+schonen muß, um in dem Umgange mit Frauenzimmern weder ungerecht, noch
+ihr Sclave zu werden. Jedes Geschlecht, jeder Stand, jedes Alter, jeder
+einzelne Charakter hat dergleichen Schwächen. In so fern ich diese
+kenne, gehört es zu meinem Zwecke, davon zu reden; und man wird finden,
+daß ich von der andern Seite weder die Tugenden verschwiegen habe, die
+den Umgang mit Männern und Frauenzimmern, mit Alten und Jungen, mit
+Weisern und Schwächern, mit Vornehmen und Geringen, angenehm machen,
+noch irgend eine einzelne Klasse auf Kosten oder zum Vortheile der
+andern, lobe oder tadle. -- So viel als Vorrede zu diesem Kapitel.
+
+
+ 2.
+
+Nichts ist so geschickt, der Bildung des Jünglings die Vollendung
+zu geben, als der Umgang mit tugendhaften und gesitteten Weibern.
+Da werden die sanftern Tinten in den Charakter eingetragen; da wird
+durch mildere und feinere Züge manche Härte gemäßigt, mancher Flecken
+verwischt, -- kurz: wer nie mit Weibern besserer Art umgegangen ist,
+der entbehrt nicht nur sehr viel reinen Genuß, sondern er wird auch im
+geselligen Leben nicht weit kommen; und ~den~ Mann, der verächtlich
+vom ganzen weiblichen Geschlechte denkt und redet, mag ich nicht
+zum Freunde haben. Ich habe die seligsten Stunden in dem Kreise
+liebenswürdiger Frauenzimmer verlebt; und wenn etwas Gutes an mir ist,
+wenn, nach so vielfältigen Täuschungen von Menschen und Schicksalen,
+Erbitterung, Mißmuth und Feindseligkeit noch nicht alles Wohlwollen,
+alle Liebe und Duldung aus meiner Seele verdrängt haben: so danke ich
+es den sanften Einwirkungen, die dieser Umgang auf meinen Charakter
+gehabt hat.
+
+
+ 3.
+
+Die Weiber haben einen ganz eignen Sinn, um diejenigen unter den
+Männern zu unterscheiden, welche mit ihnen sympathisiren, sie
+verstehen, sich in ihren Ton stimmen können. Man hat sehr Unrecht,
+wenn man ihnen Schuld gibt, körperliche Schönheit allein mache auf
+sie so lebhafte Eindrücke; sehr oft hat gerade der entgegengesetzte
+Fall Statt. Ich kenne Jünglinge mit Antinous-Gestalten, die ihr Glück
+bei dem schönen Geschlechte nicht machen, und hingegen Männer mit
+fast garstigen Larven, die dort gefallen und Theilnehmung erwecken.
+Auch liegt nicht der Grund darin, daß sie die Klügern und Witzigern
+vorzögen, noch in der mehrern oder mindern Schmeichelei und Huldigung;
+es gibt aber eine Art mit Frauenzimmern umzugehen, die nur von ihnen
+selbst erlernt werden kann; und wer ~die~ nicht versteht, der mag mit
+allen innern und äussern Vorzügen ausgerüstet seyn -- er wird ihnen
+nicht behagen. Man findet Männer, die von der Gabe, den Frauenzimmern
+zu gefallen, großen Mißbrauch machen, denen man erwachsene Töchter
+anvertrauet, die zu allen Tageszeiten bei den Damen freien Zutritt,
+und sich in den Ruf gesetzt haben, ohne Bedeutung zu seyn, denen
+man eben deswegen sorglos die freiesten Scherze erlaubt, oft aber
+dadurch so gefährlich macht, daß man es, aber zu spät, bereut, ihnen
+so viel eingeräumt zu haben. Der Mißbrauch hebt indessen den erlaubten
+Gebrauch jener Kunst nicht auf. Ein kleiner Anstrich von weiblicher
+Sanftmuth, die aber ja nicht in unmännliche Schwäche übergehen darf;
+Gefälligkeiten, die nicht so groß, nicht so merklich seyn dürfen,
+daß sie Aufsehen erregen, oder größere Gegenforderung veranlassen,
+aber auch nicht so heimlich, daß sie übersehen würden; kleine, feine
+Aufmerksamkeiten, wofür sich kaum danken läßt, die also kein Recht
+geben, ohne Anspruch zu seyn scheinen, und doch verstanden, doch
+angerechnet werden; eine Art von Augensprache, die, sehr vom Liebäugeln
+unterschieden, nur von zarten, empfindungsvollen Herzen aufgefaßt
+wird, ohne in Worte übersetzt werden zu dürfen; das Verbergen gewisser
+geheimen Gefühle; ein freier, treuherziger Umgang, der nie in freche,
+gemeine Vertraulichkeit ausarten muß; zuweilen sanfte Schwermuth,
+die nicht Langeweile macht; ein gewisser romanhafter Schwung, der
+weder in's Süßliche, noch Abentheuerliche fällt; Bescheidenheit,
+ohne Schüchternheit; Unerschrockenheit, Muth und Lebhaftigkeit,
+ohne stürmisches Wesen; körperliche Gewandtheit, Geschicktheit,
+Behendigkeit, angenehme Talente; -- ich denke, das ist es ungefähr, was
+den Weibern an uns gefallen könnte.
+
+
+ 4.
+
+Das Gefühl der Schutzbedürftigkeit, und die Ueberzeugung, daß der
+Mann ein Wesen seyn müsse, das fähig sey, diesen Schutz zu verleihen,
+ist von der Natur auch ~denen~ Frauen eingepflanzt, die Stärke und
+Entschlossenheit genug haben, sich selbst zu schützen. Daher fühlen
+auch weichgeschaffne Damen eine Art von Widerwillen gegen schwächliche,
+gebrechliche Männer. Sie können gegen Leidende herzliches Mitleiden
+empfinden, zum Beispiel gegen Verwundete, Kranke und dergleichen; aber
+eigentliche, bleibende Gebrechlichkeiten, die den freien Gebrauch der
+Kräfte hemmen, werden die Zuneigung, selbst des sittsamsten Weibes, von
+Dir abwendig machen.
+
+
+ 5.
+
+Man hat oft den Damen vorgeworfen, daß sie sich vorzüglich für
+ausschweifende Männer interessirten. Wenn das wahr ist: so kann ich
+doch nichts durchaus Anstößiges darin finden. Sind sie, bei dem
+Bewußtseyn eigner Schwäche, duldsamer, als wir: so macht das ihrem
+Herzen Ehre; allein wir Männer tadeln auch oft nur aus Neid solche
+glückliche Verbrecher von unserm Geschlechte, finden hingegen, wenn wir
+die Lovelace und Carl Moor nur auf dem Papiere oder auf der Schaubühne
+sehen, heimliches Wohlgefallen an ihnen. Der Grund von dem Allen liegt
+wohl in einem dunkeln Gefühle, welches uns sagt, daß zu Verirrungen von
+der Art eine gewisse Kraft des Gemüths, eine lebendige Thätigkeit, und
+eine Empfänglichkeit des Gefühls gehöre, die immer Interesse erweckt.
+Uebrigens will man bemerkt haben, daß die mehrsten Frauenzimmer nur
+vorzüglich duldsam gegen ~hübsche Männer~ und gegen ~garstige Weiber~
+seyen.
+
+
+ 6.
+
+Noch muß ich erinnern, daß die Frauenzimmer an den Männern Reinlichkeit
+und eine wohlgewählte, doch nicht phantastische Kleidung lieben, und
+daß sie leicht mit einem Blicke kleine Fehler und Nachlässigkeiten im
+Anzuge bemerken.
+
+
+ 7.
+
+Huldige nicht mehrern Frauenzimmern zu gleicher Zeit, an demselben
+Orte, auf einerlei Weise, wenn es Dir darum zu thun ist, Zuneigung
+oder Vorzug von einer Einzelnen zu erlangen! Sie verzeihen uns kleine
+Untreuen, ja man kann dadurch bei ihnen zuweilen sogar gewinnen; aber
+in dem Augenblicke, da man ihnen etwas von Empfindungen vorschwatzt,
+muß man fühlen, was man sagt, und es nur ~für sie~ fühlen. Sobald sie
+merken, daß Du Dein zärtliches Gewäsche einer Jeden auskramst, ist
+alles vorbei. Sie mögen, was sie uns sind, gern ~ungetheilt~, ~allein~
+und ausschließend bleiben.
+
+
+ 8.
+
+Zwei Frauenzimmer, die Forderungen und Ansprüche von einerlei Art
+machen, sey es nun von Seiten der Schönheit, Gelehrsamkeit, oder sonst,
+stimmen in einer Gesellschaft nicht gut zusammen. Doch werden sie
+zuweilen mit einander fertig; kömmt aber die Dritte hinzu, dann hat der
+böse Feind sein Spiel.
+
+Hüte Dich daher auch, in Gegenwart einer Dame, die Ansprüche von irgend
+einer Art macht, eine andre, wegen gleicher Eigenschaften, zu sehr
+zu loben, besonders eine Nebenbuhlerin mit denselben Ansprüchen! Es
+pflegt allen Menschen, die ein Gefühl von eignem Werthe, und Begierde
+zu glänzen haben, vorzüglich aber den Damen, eigen zu seyn, daß sie
+gern ausschließlich bewundert werden mögen, es sey nun wegen Schönheit,
+wegen Geschmack, wegen Pracht, wegen Talente, wegen Gelehrsamkeit,
+oder weswegen es auch sey. Sprich daher auch nicht von Aehnlichkeiten,
+die Du findest, zwischen der Frau, mit welcher Du redest, und ihren
+Kindern, oder irgend einer andern Person! Frauenzimmer haben zuweilen
+sonderbare Grillen; man weiß nicht immer, wie sie, nach ihrer
+Vorstellung, aussehen, oder gern aussehen möchten. Die Eine affectirt
+Simplicität, Unschuld, Naivität; die Andre macht Anspruch auf hohe
+Grazie, Adel und Würde in Gang und Gebehrde. Die Eine sähe es gern,
+wenn man sagte: ihr Gesicht verrathe so viel Sanftmuth; eine Andre
+möchte männlich klug, entschlossen, geistvoll, erhaben aussehen. Die
+möchte mit ihren Blicken zu Boden stürzen können; Jene mit ihren Augen
+alle Herzen wie Butter schmelzen. Die Eine will ein gesundes und
+frisches, die Andre ein kränkliches, leidendes Ansehen haben. -- Das
+sind nun kleine unschädliche Schwachheiten, nach denen man sich wohl
+richten kann, oder vielmehr muß, wenn man mit Damen umgehen will.
+
+
+ 9.
+
+Die mehresten Frauenzimmer wollen ohne Unterlaß angenehm unterhalten
+seyn. Der angenehme Gesellschafter ist ihnen oft mehr werth, als der
+würdige, verdienstvolle Mann, von dessen Lippen Weisheit strömt, wenn
+er redet; der aber lieber schweigen, als leere Worte sprechen mag.
+Allein kein Gegenstand scheint ihnen unterhaltender, als ihr eignes
+Lob, wenn es ihnen nicht gar zu stark in's Gesicht gesagt wird; -- doch
+auch damit nehmen es Manche so genau nicht. Man erhebe immer einmal
+die Schönheit einer alten Matrone! Man sehe immer einmal die Mutter
+für die Tochter im Hause an! -- Sie werden uns darum die Augen nicht
+auskratzen. Ueberhaupt aber ist es mit dem Alter der Frauenzimmer
+ein kitzlicher Punkt. Man thut am besten, diese Saite gar nicht zu
+berühren. Wenn man übrigens die Kunst versteht, ihnen Gelegenheit zu
+geben, zu glänzen, so bedarf man weiter keiner Unterhaltung, und man
+wird ihnen gewiß nicht unangenehm seyn. -- Ist das nicht bei allen
+Menschen mehr oder weniger der Fall? Gewiß! doch bei Weibern öfter,
+weil man wohl ohne Sünde ein wenig mehr Eitelkeit auf Rechnung ihres
+Geschlechts schreiben, als dem unsrigen Schuld geben darf.
+
+
+ 10.
+
+Ein großes Triebrad im weiblichen Charakter ist die Neugier. Auch
+darauf muß man zu rechter Zeit im Umgang mit ihnen zu wirken, und
+dies Bedürfniß nach den Umständen zu erwecken, zu beschäftigen und zu
+befriedigen verstehen. Sonderbar genug ist es, wie weit oft Vorwitz
+und Neugier bei ihnen gehen. Auch die mitleidigsten Seelen unter
+ihnen empfinden zuweilen einen unbezwinglichen Trieb, schreckliche
+Scenen, Exekutionen, Operationen, Wunden und dergleichen anzuschauen,
+jämmerliche Mordgeschichten zu hören; -- Gegenstände, denen sich der
+weniger weibliche Mann nicht ohne Widerwillen gegenüber sieht. Deswegen
+sind ihnen auch diejenigen Romane und Schauspiele größtentheils
+die angenehmsten, in welchen Abentheuer ohne Ende, unerwartete
+Begebenheiten in Menge, und Greuel auf Greuel gehäuft sind. Deswegen
+forschen die Schlimmern unter ihnen so gern nach fremden Geheimnissen,
+und spähen die Handlungen ihrer Nachbaren aus, wenn auch nicht immer
+Bosheit, Neid und Schadenfreude zum Grunde liegen. Chesterfield sagt:
+»Wenn Du Dich bei Weibern einschmeicheln willst, so vertraue ihnen ein
+Geheimniß!« -- freilich wohl nur ein kleines Geheimniß. -- Doch warum
+nicht auch größere? Können nicht manche Weiber besser schweigen, als
+ihre Männer? Es kömmt nur auf den Gegenstand des Geheimnisses an.
+
+
+ 11.
+
+Auch die edelsten Weiber haben mehr abwechselnde Launen, sind weniger
+gleichgestimmt zu allen Zeiten, als wir Männer. Reizbarere Nerven, die
+leichter zu allerlei Gemüthsbewegungen in Schwingung zu bringen sind,
+und ein schwächerer Körperbau, der manchen unbehaglichen Gefühlen
+ausgesetzt ist, die wir gar nicht kennen, sind Schuld daran. Wundert
+Euch daher nicht, meine Freunde! wenn Ihr nicht jeden Tag denselben
+Grad von Theilnehmung und Liebe in den Augen derjenigen Damen zu
+finden glaubet, an deren Zuneigung Euch gelegen ist! Ertraget diese
+vorübergehenden Launen, aber hütet Euch in solchen Augenblicken
+von Verstimmung, Euch aufzudringen, oder zur Unzeit mit Witz oder
+Troste angezogen zu kommen; sondern überleget wohl, was sie in jeder
+Gemüthslage etwa gern hören mögten, und wartet ruhig den Augenblick
+ab, wo sie selbst den Werth Eurer Nachsicht und Schonung fühlen, und
+ihr Unrecht gutmachen!
+
+
+ 12.
+
+Die Frauenzimmer finden ein gewisses Vergnügen an kleinen Neckereien;
+mögen selbst denen Personen, die ihnen am theuersten sind, zuweilen
+unruhige Augenblicke machen. Auch hiervon liegt der Grund in ihren
+Launen, und nicht in Bösartigkeit des Gemüths. Wenn man sich dabei
+vernünftig, duldsam, nicht stürmisch beträgt, noch durch eigne Schuld
+den kleinen Zwist zu einem wirklichen förmlichen Bruche heranwachsen
+läßt: so löschen sie in einer andern Stunde die Beleidigungen, die sie
+uns zugefügt haben, durch verdoppelte Gefälligkeit aus, und man erlangt
+dabei oft ein Recht mehr auf ihre Zuneigung.
+
+
+ 13.
+
+In solchen und allen übrigen kleinen Kämpfen und Streitigkeiten mit
+Frauenzimmern muß man ihnen den Triumph des Augenblicks lassen, nie
+aber sie merklich beschämen; denn das ist etwas, das ihre Eitelkeit
+selten verzeiht.
+
+
+ 14.
+
+Daß die Rache eines unedlen Weibes fürchterlich, grausam, dauernd und
+nicht leicht zu versöhnen sey, das hat man schon so oft gesagt, daß ich
+es hier zu wiederholen fast nicht nöthig finde. Wirklich sollte man es
+kaum glauben, welche Mittel solche Furien ausfindig zu machen wissen,
+einen ehrlichen Mann, von dem sie sich beleidigt glauben, zu martern,
+zu verfolgen; wie unauslöschlich ihr Haß ist; zu welchen niedrigen
+Mitteln sie ihre Zuflucht nehmen. Der Verfasser dieses Buchs hat leider
+selbst eine Erfahrung von der Art gemacht. Ein einziger unbesonnener
+Schritt in seiner frühen Jugend, durch welchen sich der Ehrgeitz und
+die Eitelkeit eines Weibes gekränkt fühlte, ob sie ihn gleich früher,
+als er sie, auf den Fuß getreten hatte, war Schuld daran, daß er
+nachher aller Orten, wo sein Schicksal ihn nöthigte, Schutz und Glück
+zu suchen, Widerstand, und fast unübersteigliches Hinderniß fand; daß
+heimliche, durch allerlei Wege gewonnene Verläumder mit bösen Gerüchten
+vor ihm hergingen, um jeden Schritt zu hindern, jeden unschuldigen Plan
+zu vereiteln, den er zu seinem Fortkommen und zum Wohl seiner Familie
+anlegte. Ihm half nicht das vorsichtigste, untadelhafteste Betragen,
+nicht die öffentliche Erklärung, wie sehr er sein Unrecht erkenne.
+-- Die rachgierige Frau hörte nicht auf, ihn zu verfolgen, bis er
+endlich freiwillig allem entsagte, wozu man die Hülfe Anderer braucht,
+und sich auf eine häusliche Existenz einschränkte, die sie ihm nicht
+rauben kann. -- Und das that eine Frau, in deren Macht es stand, viele
+Menschen glücklich zu machen, und die von der Natur mit sehr seltnen
+Vorzügen des Körpers und des Geistes ausgerüstet war.
+
+Es scheint übrigens in der Natur zu liegen, daß Schwächere immer
+grausamer in ihrer Rache sind, als Stärkere; vielleicht, weil das
+Gefühl dieser Schwäche die Empfindung des erlittenen Drucks verstärkt,
+und lüsterner nach der Gelegenheit macht, auch einmal Kraft zu üben.
+
+
+ 15.
+
+Eine philosophische Abhandlung des Herrn Professor Meiners, über die
+Frage: »ob es in unsrer Macht stehe, verliebt zu werden, oder nicht?«
+läßt mich daran verzweifeln, irgend etwas Neues über die Mittel sagen
+zu können, welche man anzuwenden hat, um im Umgange mit liebenswürdigen
+Frauenzimmern die Freiheit seines Herzens zu bewahren und zu behaupten.
+Die Liebe ist zwar ein süßes Ungemach, das über uns kömmt, gerade
+wenn wir uns dessen am wenigsten versehen, gegen welches wir also
+gewöhnlich erst dann anfangen, Maaßregeln zu nehmen, wenn es schon zu
+spät ist; da sie aber oft sehr bittre Leiden, und Zerstörung aller Ruhe
+und alles Friedens mit in ihrem Gefolge führt; da hoffnungslose Liebe
+wohl eine der schrecklichsten Plagen ist, und äussere Verhältnisse
+zuweilen auch den edelsten, zärtlichsten Neigungen unübersteigliche
+Hindernisse in den Weg legen: so ist es doch der Mühe werth, besonders
+für Den, welchen die Natur mit einem lebhaften Temperamente und mit
+warmer Phantasie ausgestattet hat, sich an eine gewisse Herrschaft
+des Verstandes über Gefühle und Sinnlichkeit zu gewöhnen, und, wo
+er sich dazu zu schwach fühlt, -- der Versuchung auszuweichen. Groß
+ist die Qual für ein fühlendes Herz, geliebt zu werden, und Liebe
+nicht erwiedern zu können. Schrecklich ist die Qual, zu lieben, und
+verschmäht zu werden; verzweiflungsvoll die Lage Dessen, der für
+gränzenlose treue Zärtlichkeit und Hingebung mit Betrug und Untreue
+belohnt wird. -- Wer gegen dies alles sichre Mittel weiß, der hat den
+Stein der Weisen gefunden. Ich gestehe meine Schwäche: -- ich kenne
+keins, als die Flucht, ehe es dahin kömmt.
+
+
+ 16.
+
+Es leben unter uns Männern Bösewichter, denen Tugend, Redlichkeit und
+die Ruhe ihrer Nebenmenschen so wenig heilig sind, daß sie unschuldige,
+unerfahrne Mädchen, wenn nicht durch schlaue Künste wirklich zum Laster
+verführen, doch mit falschen Erwartungen oder gar mit Versprechungen
+einer künftigen Eheverbindung täuschen, sich dadurch für den Augenblick
+eine angenehme Existenz verschaffen, die armen Kinder aber, die indeß
+ihretwegen aller Gelegenheit zu anderweitiger Versorgung ausgewichen
+sind, nachher verlassen, um neue Verbindungen zu schließen. Die
+Schändlichkeit eines solchen Verfahrens wird ja wohl Jeder einsehen,
+der noch einen Funken von Gefühl für Ehre in seinem Busen trägt;
+und wem ein solches Gefühl fremd ist, für den schreibe ich nicht.
+Es gibt aber ein andres, den Folgen nach nicht weniger schädliches,
+obgleich in Betracht der Absicht nicht so strafbares Betragen der
+Männer gegen gefühlvolle Frauenzimmer, worüber ich einige Worte zur
+Warnung sagen muß. Es glauben nämlich Manche unter uns, es könne gar
+kein Interesse in den Umgang mit jungen Mädchen kommen, wenn man ihnen
+nicht Süßigkeiten sage, ihnen schmeichele, oder eine Art von Wärme und
+Herzens-Andringlichkeit aus Worten und Gebehrden hervorleuchten lasse.
+Aber ein solches Betragen ist wahre Versündigung, denn es nährt nicht
+nur den ohnehin schon so großen Hang des Geschlechts zur Eitelkeit,
+sondern, da eben diese Eitelkeit, die Ueberzeugung von der Macht ihrer
+Reize, gern jedes Honigwort für Sprache inniger Empfindung hält: so
+setzen die guten Mädchen, deren Leichtgläubigkeit kein edler Mann
+benutzen sollte, sich gleich in den Kopf, es sey ernstlich auf eine
+Heirath angesehen. Der Stutzer merkt das nicht, oder wenn er es merkt,
+so ist er zu leichtsinnig, den Folgen nachzudenken; er verläßt sich
+darauf, daß er nie bestimmt etwas von Heiraths-Anträgen hat fallen
+lassen, und wenn er nun früh oder spät aufhört, einer solchen Schönen
+zu huldigen, so ist das Mädchen eben so unglücklich, als wenn er sie
+absichtlich betrogen hätte. Sie welkt dahin die arme Verlassne, wenn
+bittre Täuschung einer lebhaften Hoffnung an ihrem Herzen nagt, indeß
+der süße Herr sorglos bei Andern herumschwärmt, und das Unglück nicht
+einmal ahnet, das er angerichtet hat.
+
+Eine nicht minder gewöhnliche Art, junge Mädchen zu Grunde zu richten,
+ist, wenn man entweder durch leichtfertige Reden und luxuriösen
+Witz ihre Neugier und ihre Sinnlichkeit reizt, oder durch Erweckung
+romanhafter Begriffe ihre Phantasie erhitzt, ihre Aufmerksamkeit von
+solchen Gegenständen, womit sie, ihrem Berufe gemäß, sich beschäftigen
+sollten, ableitet, in ihnen den Sinn für einfaches, häusliches Leben
+ertödtet, oder ein junges Land-Mädchen, durch reizende Darstellung der
+Stadt-Freuden, mit ihrer Lage unzufrieden macht. O habe doch Mitleiden,
+leichtsinniger Jüngling, mit diesen Armen, und nimm ihnen nicht
+unbarmherzig, was unersetzlich ist, die Zufriedenheit mit dem, was ihre
+Lage ihnen darbietet. Erkenne doch, wie unedel es ist, Schwachheit zu
+benutzen, um seiner Eitelkeit eine Nahrung zu bereiten, und wie edel
+dagegen, ein unbefangenes und argloses Herz mit Achtung und Schonung zu
+behandeln.
+
+
+ 17.
+
+Ich sollte hier billig auch etwas von dem Umgange mit groben Koketten
+und Buhlerinnen sagen; allein das würde mich zu weit führen, und
+schwerlich möchte meine Mühe mit Erfolge belohnt werden. Die
+Schlingen, denen ein junger Mann in dieser Hinsicht auszuweichen
+hat, sind unzählig. Wohl ihm, wenn er Kraft und Klugheit genug hat,
+diese Ausgearteten wie die Pest zu fliehen; hat er aber einmal das
+Unglück, in ihre Fallstricke gerathen zu seyn: so wird er selten so
+viel kalte Ueberlegung haben, ehe er ein solches Geschöpf besucht,
+vorher ein Kapitel aus meinem Buche zu lesen. Zudem hat der König
+Salomon das alles weit besser gesagt. -- Doch ein Paar Zeilen darüber:
+Unbeschreiblich fein sind solche verworfne Geschöpfe in der Kunst,
+sich zu verstellen, unverschämt zu lügen, Empfindungen zu heucheln,
+um ihre Habsucht, ihre Eitelkeit, ihre Sinnlichkeit, ihre Rache, oder
+irgend eine andre Leidenschaft zu befriedigen. Unendlich schwer ist
+es, zu erforschen, ob eine Buhlerin Dir wirklich um Dein Selbst willen
+anhängt. Hast Du sie vielfältig auf die Probe von Uneigennützigkeit
+gesetzt, und immer so befunden, wie Du wünschtest: so ist das etwas,
+aber noch sehr wenig. Sie verachtet vielleicht Dein Silber, um desto
+sicherer Dich selbst mit allem Deinem Golde zu gewinnen; oder ihr
+Temperament leitet sie weniger zum Gelde, als zur Wollust. Hast Du sie
+bei mancherlei Versuchungen, wo sie Gelegenheit und Anreizung gehabt
+hätte, Dich heimlich zu hintergehen, stets treulich befunden; hat sie
+zärtliche Sorgfalt, selbst für Deinen Ruf, für Deine Ehre gezeigt;
+zieht sie Dich nicht ab von andern natürlichen und edlen Verbindungen;
+opfert sie Dir Jugend, Schönheit, Gewinn, Glanz, Eitelkeit auf: -- ei
+nun! die Mischungen der Anlagen und Temperamente sind mannigfaltig
+-- so kann auch eine Buhlerin von andern Seiten gute, liebenswürdige
+Eigenschaften haben; aber traue ihr darum nicht! Ein Weib, das die
+ersten und heiligsten aller weiblichen Tugenden, die Keuschheit und
+Sittsamkeit, für nichts achtet, wie kann das wahre Ehrfurcht für
+höhere Pflichten haben? Doch bin ich weit entfernt, alle unglückliche
+Gefallne und Verführte in die Klasse verachtungswerther Buhlerinnen
+setzen zu wollen. Wahre Liebe kann auch ein verirrtes Herz zur Tugend
+zurückführen. Es ist schon oft gesagt worden, daß derjenige sichrer
+vor der Verführung sey, der die Gefahr kennt, als der, welcher nie
+in Versuchung geführt worden ist; allein es bleibt bei dieser Art
+von Vergehungen immer eine mißliche Sache um die sichre, dauerhafte
+Besserung, und keine Lage ist demüthigender und beunruhigender, als
+wenn man die geliebte Person von Andern verachtet sieht, wenn man
+sich vor der Welt der Bande schämen muß, die man nicht zerreissen
+mag oder kann. Liebe, reine Liebe, sichert übrigens am besten gegen
+Ausschweifungen, und der Umgang mit edeln, sittsamen Weibern verfeinert
+den Sinn des Jünglings für Tugend und Unschuld, waffnet sein verwöhntes
+Herz gegen feine und freche Buhlerkünste. -- Uebrigens bleibt es doch
+immer eine große Ungerechtigkeit, daß wir Männer uns alle Arten von
+Ausschweifungen erlauben, den Weibern aber, die von Jugend auf durch
+uns zur Sünde gereizt werden, keinen Fehltritt verzeihen wollen;
+aber freilich, was würde aus der bürgerlichen Gesellschaft und aus
+dem ganzen Menschengeschlecht werden, wenn diese Strenge gegen das
+schwächere Geschlecht aufhörte? Doch bleibt es immer bei dem Ausspruch:
+wer sich rein weiß, hebe den ersten Stein auf!
+
+Ist es aber wohl wahr, was man im gemeinen Leben so oft hört, daß
+~jedes~ Weib zu verführen sey? -- o ja! so wie jeder Richter auf irgend
+eine Art bestechbar, und jeder Erdensohn, wenn alle innre und äussre
+Umstände dazu mitwirken, zu jeder Sünde fähig seyn würde. -- Aber heißt
+das etwas andres gesagt, als: daß wir alle -- Menschen sind? Ueberlegt
+man dabei, wie auf die feinern Sinne der Frauenzimmer sinnliche
+Eindrücke, Verführung, Schmeichelei, Eitelkeit, Neugier, Temperament,
+so mächtigen Einfluß haben; wie der kleinste Fleck von dieser Seite
+an ihnen so leicht bemerkt wird, weil sie in keinen bürgerlichen
+Verhältnissen stehen, ihre Verirrungen nicht durch Verdienste und
+~höhere Tugenden~ vergessen machen können: -- o! wer wollte dann nicht
+dulden und schweigen? -- Wenden wir uns nun zu einer erhabnen Klasse
+von Frauenzimmern -- zu den ~gelehrten Weibern~!
+
+
+ 18.
+
+Ich muß gestehen, daß mich immer eine Art von Fieberfrost befällt, wenn
+man mich in Gesellschaft einer Dame gegenüber oder an die Seite setzt,
+die große Ansprüche auf Schöngeisterei, oder gar auf Gelehrsamkeit
+macht. Wenn die Frauenzimmer doch nur überlegen wollten, wie viel
+mehr Interesse diejenigen unter ihnen erwecken, die sich einfach an
+die Bestimmung der Natur halten, und sich unter dem Haufen ihrer
+Mitschwestern durch treue Erfüllung ihres Berufs auszeichnen! Was
+hilft es ihnen, mit Männern in Fächern wetteifern zu wollen, denen sie
+nicht gewachsen sind, wozu ihnen mehrentheils die ersten Grundbegriffe
+fehlen, welche den Knaben schon von Kindheit an eingeprägt werden? Es
+gibt Damen, die, neben allen häuslichen und geselligen Tugenden, neben
+der edelsten Einfalt des Charakters und neben der Anmuth weiblicher
+Schönheit, durch tiefe Kenntnisse, seltne Talente, feine Kultur,
+philosophischen Scharfsinn in ihren Urtheilen, und Bestimmtheit im
+Ausdrucke, Gelehrte vom Handwerke beschämen. Dürfte ich es wagen, hier
+öffentlich ein Paar Namen zu nennen, so könnte ich beweisen, daß ich
+die Originale zu diesem Bilde nicht lange zu suchen brauchte; allein
+wie geringe ist gottlob die Anzahl solcher Frauen! Und ist es nicht
+Pflicht, die mittelmäßigen weiblichen Genies abzuschrecken, auf Kosten
+ihrer und Andrer Glückseligkeit nach einer Höhe zu streben, die so
+Wenige erreichen?
+
+Ich tadle nicht, daß ein Frauenzimmer ihre Schreibart und ihre
+mündliche Unterredung durch einiges Studium und durch sorgsam und
+keusch gewählte Lectüre zu verfeinern suche; daß sie sich bemühe,
+nicht ganz ohne wissenschaftliche Kenntnisse zu seyn; aber sie soll
+kein Handwerk aus der Litteratur machen; sie soll nicht in allen
+Theilen der Gelehrsamkeit umherschweifen. Es erregt wahrlich, wo
+nicht Ekel, doch Mitleiden, wenn man hört, wie solche arme Geschöpfe
+sich erkühnen, über Gegenstände abzusprechen, die Jahrhunderte der
+Gegenstand der mühsamsten Nachforschung großer Männer gewesen sind,
+und von denen diese dennoch mit Bescheidenheit erklärt haben, sie
+sähen nicht ganz klar darin; wenn man hört, wie ein eitles Weib
+darüber am Thee- oder Nachttische, in den entscheidendsten Ausdrücken,
+Machtsprüche wagt, indeß sie kaum eine klare Vorstellung von dem
+Gegenstande hat, wovon die Rede ist. Aber der Haufen der Stutzer und
+Anbeter bewundert dennoch mit lautem Beifalle die feinen Kenntnisse
+der gelehrten Dame, und bestärkt sie dadurch in ihren unbescheidenen
+Ansprüchen. Dann sieht sie die wichtigsten Sorgen der Hauswirthschaft,
+die Erziehung ihrer Kinder und die Achtung der sogenannten Ungebildeten
+wie Kleinigkeiten an, glaubt sich berechtigt, das Joch der männlichen
+Herrschaft abzuschütteln, verachtet alle andre Weiber, erweckt sich und
+ihrem Gatten Feinde, träumt ohne Unterlaß sich in idealische Welten
+hinein; ihre Phantasie lebt in unkeuscher Gemeinschaft mit der gesunden
+Vernunft; es geht alles verkehrt im Hause; die Speisen kommen kalt oder
+angebrannt auf den Tisch; es werden Schulden auf Schulden gehäuft;
+der arme Mann muß mit durchlöcherten Strümpfen einherwandeln. Wenn er
+nach häuslichen Freuden seufzt, unterhält ihn die gelehrte Frau mit
+Journals-Nachrichten, oder rennt ihm mit einem Musen-Almanach entgegen,
+in welchem ihre platten Verse stehen, und wirft ihm höhnisch vor, wie
+wenig der Unwürdige, Gefühllose, den Werth des Schatzes erkennt, den er
+zu seinem Jammer besitzt.
+
+Ich hoffe, man wird dies Bild nicht übertrieben finden. Unter
+den vierzig bis funfzig Damen, die man jetzt in Deutschland als
+Schriftstellerinnen zählt -- die Legionen Derer ungerechnet, die
+keinen Unsinn haben drucken lassen, -- sind vielleicht kaum ein
+halbes Dutzend, die, als privilegirte Genies höherer Art, wahren
+Beruf haben, sich in das Fach der Wissenschaften zu werfen; und diese
+sind so liebenswürdige, edle Weiber, versäumen so wenig dabei ihre
+übrigen Pflichten, fühlen selbst so lebhaft die Lächerlichkeiten ihrer
+halbgelehrten Mitschwestern, daß sie sich durch meine Schilderung
+gewiß nicht getroffen und beleidigt finden werden. Ist es aber nicht
+bei männlichen Schriftstellern auch der Fall, daß unter der großen
+Menge derselben nur Wenige ausgezeichneten Werth haben? Gewiß! nur mit
+dem Unterschiede, daß Begierde nach Ruhm oder Gewinn diese irre leiten
+kann; die Frauenzimmer hingegen nicht so leicht Entschuldigung finden
+können, wenn sie, mit mittelmäßigen, oder weniger als mittelmäßigen
+Talenten und Kenntnissen, eine Laufbahn betreten, welche weder die
+Natur, noch die bürgerliche Verfassung ihnen angewiesen hat.
+
+Was nun den Umgang mit solchen Frauenzimmern angeht, die auf Litteratur
+Anspruch machen: so versteht sich's, daß, wenn diese Ansprüche gerecht
+sind, ihr Umgang äusserst lehrreich und unterhaltend ist; und was die
+von der andern Klasse betrifft, so kann ich nichts weiter anrathen, als
+-- Geduld, und daß man es wenigstens nicht wage, ihren Machtsprüchen
+Gründe entgegenzusetzen, oder ihren Geschmack zu reformiren, wenn man
+sich auch nicht so weit erniedrigen will, den Haufen ihrer Schmeichler
+zu vermehren.
+
+
+ 19.
+
+Das weibliche Geschlecht besitzt, in viel höherm Grade, als wir, die
+Gabe, seine wahren Gesinnungen und Empfindungen zu verbergen. Selbst
+Frauenzimmer von weniger feinen Verstandes-Kräften haben zuweilen eine
+besondre Fertigkeit in der Kunst sich zu verstellen. Es gibt Fälle, in
+welchen diese Kunst ihnen Schutz gegen die Nachstellungen der Männer
+gewährt. Der Verführer hat gewonnenes Spiel, wenn er bemerkt, daß das
+Herz der Schönen, oder ihre Sinnlichkeit, mit ihm gemeinschaftliche
+Sache macht. Also rechne man es ihnen nicht zum Vorwurf, wenn sie
+zuweilen anders scheinen, als sie sind! aber man nehme darauf Rücksicht
+im Umgange mit ihnen! man glaube nicht immer, daß ihnen derjenige
+gleichgültig sey, dem sie mit merklicher Kälte begegnen, noch daß
+sie sich vorzüglich für den interessiren, mit dem sie öffentlich
+vertraulich umgehen, den sie auszuzeichnen scheinen! Oft thun sie dieß
+gerade, um ihr Spiel zu verbergen, wenn es nicht bloß Neckerei, oder
+Wirkung ihrer Laune, ihres Eigensinnes ist. Sie ganz zu entziffern,
+dazu gehört tiefes Studium des weiblichen Herzens, vieljähriger
+Umgang mit den Feinern unter ihnen; kurz, mehr als in diesen Blättern
+entwickelt werden kann.
+
+
+ 20.
+
+Ich schweige von der Vorsichtigkeit im Umgange mit alten Koketten;
+mit solchen, die sich einbilden, die Ansprüche auf Bewundrung, auf
+Huldigung und die Gewalt ihrer Schönheit würden, wie die gesetzmäßigen
+Rechte der Juristen, durch dreißigjährigen Besitz um desto sichrer;
+die in fünf Jahren nur einmal ihren Geburtstag feiern, und die, wenn
+sie an der Spitze einer Bücher-Censur stünden, am ersten den Kalender
+verbieten würden. Ich schweige von den Prüden, Strengen, Spröden und
+Betschwestern, mit welchen man zuweilen, wie ich höre, unter vier
+Augen ganz anders, als in Gesellschaft umgehen darf, und von denen
+leichtfertige Leute behaupten: verschwiegne und kühne Männer machten
+bei dieser Klasse gerade am leichtesten ihr Glück. Ich schweige von
+den sogenannten alten Gevatterinnen und Frauen Basen, die sich's zur
+christlichen Pflicht machen, den Ruf ihrer Nachbarn und Bekannten von
+Zeit zu Zeit an das Licht zu ziehen, und mit denen man es daher nicht
+verderben darf. -- Ich schweige von diesen allen, um die guten Damen
+nicht gegen mich aufzubringen, der ich an allen diesen Lästerungen
+keinen Theil nehme.
+
+
+ 21.
+
+Aber noch ein Paar Worte über die seligen Freuden, die der Umgang mit
+verständigen und edeln Weibern gewährt! Ich habe schon vorhin gesagt,
+daß ich demselben die glücklichsten Stunden meines Lebens zu verdanken
+habe; und, in Wahrheit! das sprach ich aus der Fülle meines Herzens.
+Ihr zartes Gefühl, ihre Gabe, so schnell zu errathen, zu begreifen,
+Gedanken aufzufassen, Mienen zu verstehen; ihr feiner Sinn für die
+kleinen, süßen Gefälligkeiten des Lebens; ihr reizender naiver Witz;
+ihre oft so scharfsinnigen, von gelehrten, systematischen, vorgefaßten
+Meinungen so freien Urtheile; unnachahmliche liebenswürdige Laune
+-- interessant, selbst in ihren Ebben und Fluthen; ihre Geduld in
+langwierigen Leiden, wenn gleich sie im ersten Augenblicke, wo der
+Unfall sie trifft, dem Gefährten das Uebel durch Klagen schwerer
+machen; ihre sanfte, liebreiche Art zu trösten, zu pflegen, zu warten,
+zu harren, zu dulden; die Milde, welche in ihrem ganzen Wesen herrscht;
+die kleine, unschädliche Geschwätzigkeit und Redseligkeit, wodurch sie
+die Gesellschaft beleben -- das alles kenne ich, schätze ich, verehre
+ich. -- Und wer wird nun, bei dem, was ich zum Nachtheil Einiger unter
+ihnen habe sagen müssen, mir Lästerung aufbürden, oder gehässige
+Absichten beimessen?
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang unter Freunden.
+
+
+ 1.
+
+Da bei dem Betragen gegen unsre Freunde alles auf die Wahl derselben
+ankömmt, so muß ich zuerst einige Bemerkungen über diesen Gegenstand
+vorausschicken. Keine freundschaftliche Verbindungen pflegen
+dauerhafter zu seyn, als diese, welche in der frühen Jugend geschlossen
+werden. Man ist da noch weniger mißtrauisch, weniger schwierig in
+Kleinigkeiten; das Herz ist offner, geneigter sich mitzutheilen,
+sich anzuschließen; die Charaktere fügen sich leichter zusammen; man
+gibt von beiden Seiten nach, und setzt sich in gleiche Stimmung;
+man erfährt mit einander so Manches, erinnert sich der sorgenlosen,
+gemeinschaftlich vollbrachten, glücklichen Jugend-Jahre, und rückt
+mit gleichen Schritten in Kultur und Erfahrung fort. Dazu kommen dann
+Gewohnheit und Bedürfniß; wird Einer aus dem vertrauten Kreise durch
+die Hand des Todes dahingerissen, so kettet das die übrigbleibenden
+Gefährten um desto fester an einander. -- Ganz anders sieht es aus in
+reifern Jahren. Von Menschen und Schicksalen vielfältig getäuscht,
+werden wir verschlossner, trauen nicht so leicht; das Herz steht
+unter der Vormundschaft der Vernunft, die genauer abwägt, und sich
+selbst Rath zu schaffen sucht, bevor sie sich Andern anvertrauet.
+Man fordert mehr, ist ekler in der Wahl, nicht mehr so lüstern nach
+neuen Bekanntschaften, wird nicht so lebhaft betroffen von glänzenden
+Aussenseiten; man hat ächtere Begriffe von Vollkommenheit, von
+dauerhaften Bündnissen, von Nutzen und Schaden einer gänzlichen
+Hingebung; der Charakter ist fester; die Grundsätze sind auf Systeme
+zurückgeführt, in welche die Gesinnungen und Theorien eines uns
+fremden Menschen selten passen; folglich wird es schwerer, eine
+dauerhafte Harmonie zu Stande zu bringen; und endlich sind wir in so
+manche Geschäfte und Verbindungen verflochten, daß wir kaum Muße, und
+wenigstens selten Drang haben, neue zu schließen. Also vernachlässige
+man seine Jugend-Freunde nicht; und wenn auch Schicksale, Reisen und
+andre Umstände uns in der Welt umhergetrieben und von unsern Gespielen
+getrennt haben, so suche man doch jene alten Bande wieder anzuknüpfen,
+und man wird selten übel dabei fahren.
+
+
+ 2.
+
+Es ist ein ziemlich allgemein angenommener Grundsatz, daß zu
+vollkommner Freundschaft Gleichheit des Standes und der Jahre
+erfordert werde. »Die Liebe,« sagt man, »sey blind; sie fessele, durch
+unerklärbaren Instinkt, Herzen an einander, die dem kalten Beobachter
+gar nicht für einander geschaffen zu seyn schienen; und da sie nur
+durch Gefühle, nicht durch Vernunft geleitet werde, so fielen bei
+ihr alle Rücksichten des Abstandes, den äussere Umstände erzeugen,
+weg. Die Freundschaft hingegen beruhe auf Harmonie in Grundsätzen und
+Neigungen; nun aber habe jedes Alter, so wie jeder Stand, seine ihm
+eigne Stimmung, nach der Verschiedenheit der Erziehung und Erfahrungen,
+und desfalls finde unter Personen von ungleichen Jahren und ungleichen
+bürgerlichen Verhältnissen keine so vollkommne Harmonie Statt, wie zur
+Knüpfung des Freundschafts-Bandes erfordert werde.«
+
+Diese Bemerkungen enthalten viel Wahres; doch habe ich schon zärtliche
+und dauerhafte Freundschaften unter Leuten wahrgenommen, die, weder
+dem Alter noch dem Stande nach, sich ähnlich waren, und wenn man sich
+an dasjenige erinnert, was ich zu Anfange des ersten Kapitels in
+diesem Theile gesagt habe: so wird man dieß leicht erklären können. Es
+gibt junge Greise und alte Jünglinge. Feine Erziehung, Mäßigkeit in
+Wünschen, Freiheit in Denkungsart und Unabhängigkeit der Lage, erheben
+den Bettler zu einem Manne von hohem Stande, so wie verachtungswürdige
+Sitten, unedle Begierden und niedrige Gesinnungen selbst einen Fürsten
+zu dem Pöbel herabwürdigen können. Das ist aber zuverlässig gewiß, daß
+zu einer dauerhaften innigen Freundschaft Gleichheit in Grundsätzen und
+Empfindungen erfordert wird, und daß dieselbe auch bei einer zu großen
+Verschiedenheit in Fähigkeiten und Kenntnissen nicht leicht Platz
+finden kann. Darf denn in dieser Verbindung gerade das fehlen, was sie
+zur Quelle des edelsten Lebens-Genusses und der reinsten Glückseligkeit
+macht: die Mittheilung verschwisterter Gefühle, die sanfte, durch
+Theilnahme versüßte Warnung und Zurechtweisung? Und kann ich den mit
+Zustimmung meines Herzens meinen Freund nennen, dem meine Empfindungen
+völlig fremd sind, der kalt und gleichgültig bleibt, wo meine Seele
+ganz Gefühl und Empfindung ist? Es gibt Menschen von erhabenen und
+seltenen Eigenschaften des Geistes, die man nur bewundern darf, an
+welche man immer hinaufschauen muß, und diese Menschen verehrt man,
+aber -- man liebt sie nicht, oder man verzweifelt wenigstens daran, von
+ihnen wieder geliebt zu werden. In der Freundschaft müssen beide Theile
+gleichviel geben und empfangen können. Jedes zu große Uebergewicht
+von ~einer~ Seite, alles, was die Gleichheit hebt, stört zugleich die
+Freundschaft.
+
+
+ 3.
+
+Warum haben sehr vornehme und sehr reiche Leute so wenig wahren Sinn
+für Freundschaft? Sie fühlen nicht dies edelste Seelen-Bedürfniß,
+weil ihre ganze Erziehung und Lebensweise die theilnehmenden Gefühle
+ertödtet, und sie zu Sclaven der Selbstsucht macht. Ihre Leidenschaften
+zu befriedigen; rauschenden, betäubenden Freuden nachzurennen; immer
+zu genießen; geschmeichelt, gelobt, geehrt zu werden; darum ist es
+ihnen Allen mehr oder weniger zu thun. Von Personen ihres Gleichen
+werden sie durch Eifersucht, Neid und andre Leidenschaften getrennt;
+die Vornehmeren suchen sie nur auf, wenn sie ihrer, zu Begünstigung
+eigennütziger oder ehrgeitziger Absichten, bedürfen; die Geringern und
+Aermern aber halten sie in einer so großen Entfernung von sich, daß
+sie von ihnen weder die Wahrheit annehmen, noch den Gedanken ertragen
+können, sich ihnen gleichzustellen. Auch bei den Besten unter ihnen
+erwacht früh oder spät die Vorstellung, daß sie von besserm Stoffe
+seyen, und das tödtet dann die Freundschaft.
+
+
+ 4.
+
+Allein selbst unter denen Menschen, die Dir an Stand, Vermögen, Alter
+und Fähigkeiten gleich sind, rechne nur auf die dauerhafte Freundschaft
+Derer, die nicht von unedlen, heftigen, oder thörichten Leidenschaften
+beherrscht, noch, wie ein Wetterhahn, von Launen und Grillen hin- und
+hergetrieben werden! Wer rastlos rauschenden Freuden und Zerstreuungen
+sich ergibt; wer wilden Begierden, der Wollust, dem Trunke, oder dem
+unglückseligen Spiele alles aufopfert; wessen Abgott falsche Ehre,
+Gold, oder sein eigenes Ich ist; wer, wankelmüthig in Grundsätzen und
+Meinungen, einen Charakter hat, der sich, wie Wachs, von Jedem in
+jede Form drücken läßt; der mag vielleicht ein guter Gesellschafter,
+aber nie wird er ein beständiger, treuer Freund seyn. Sobald es auf
+Verleugnung, Aufopferung, auf Beharrlichkeit und Festigkeit ankömmt,
+wird ein Solcher Dich im Stiche lassen; Du wirst allein da stehen und
+Dich hintergangen glauben, da doch Du allein Dich betrogst, indem Du
+unvorsichtig wähltest. Ueberhaupt ist es in dieser Welt so oft der
+Fall, daß unsre Phantasie uns die Menschen malt, wie wir gern möchten,
+daß sie aussähen, und es nachher sehr übel nimmt, wenn sie gewahr wird,
+daß die Natur nicht das Original dem Gemälde gleich geschaffen hat.
+
+
+ 5.
+
+Man pflegt zu sagen: das sicherste Mittel, Freunde zu haben, sey --
+keiner Freunde zu ~bedürfen~; aber jeder Mensch von Gefühl ~bedarf~
+Freunde. -- Und sollte es denn wirklich so schwer seyn, in dieser
+Welt treue Freunde zu finden? Ich meine, nicht halb so schwer, wie
+man gewöhnlich glaubt. Unsre empfindelnden jungen Herren schaffen
+sich nur zu überspannte Begriffe von der Freundschaft. Freilich, wenn
+wir gänzliche Hingebung, unbedingte Aufopferung, Verleugnung alles
+eignen Interesse, in höchst kritischen Augenblicken, blinde Ergreifung
+unsrer Parthei gegen eigne bessre Ueberzeugung, sogar Bewunderung
+unsrer Fehler, Billigung unsrer Thorheiten, Mitwirkung bei unsern
+leidenschaftlichen Verirrungen -- mit Einem Worte: wenn wir mehr von
+unsern Freunden fordern, als Billigkeit und Gerechtigkeit von Menschen
+verlangen darf, die Fleisch und Bein sind und freien Willen haben: so
+werden wir nicht leicht unter tausend Wesen Eins finden, das sich so
+gänzlich in unsre Arme würfe. Suchen wir aber verständige Menschen,
+deren Hauptgrundsätze und Gefühle mit den unsrigen übereinstimmen,
+kleine unmerkliche Verschiedenheiten abgerechnet; Menschen, die Freude
+finden an dem, was uns freuet; die uns lieben, ohne von uns bezaubert,
+das Gute in uns schätzen, ohne blind gegen unsre Schwächen zu seyn;
+die uns im Unglücke nicht verlassen, uns in guten und redlichen
+Bestrebungen treu und standhaft beistehen, uns mit ungeheuchelter und
+herzlicher Theilnahme trösten, aufrichten, tragen helfen, uns, wo es
+höchst nöthig ist, und wir dessen werth sind, alles aufopfern, ~was man
+ohne Verletzung seiner Ehre und der Gerechtigkeit gegen sich selbst und
+die Seinigen aufopfern darf~, uns die Wahrheit nicht verhehlen, und
+aufmerksam auf unsre Mängel machen, ohne uns vorsätzlich zu beleidigen,
+uns allen andern Menschen vorziehen, in so fern es ohne Unbilligkeit
+geschehen kann -- -- suchen wir ernstlich Solche: nun, so finden wir
+deren gewiß. -- Viele? nein! das sage ich nicht, aber doch wohl ein
+Paar für jeden Biedermann; -- und was braucht man mehr in dieser Welt?
+
+
+ 6.
+
+Hast Du nun einen solchen treuen Freund gefunden, so bewahre ihn auch!
+Halte ihn in Ehren, auch dann, wenn das Glück Dich plötzlich über ihn
+erhebt, auch da, wo Dein Freund nicht glänzt, wo Deine Verbindung
+mit ihm durch die öffentliche Stimme nicht gerechtfertigt zu werden
+scheint! Schäme Dich nie Deines ärmern, weniger hochgeschätzten
+Freundes; beneide nicht den Dir vorgezogenen Freund! Hange fest an
+ihm, ohne ihm lästig zu werden! Fordre nicht mehr von ihm, als Du
+selbst leisten würdest; ja, fordre nicht einmal so viel, wenn Dein
+Freund nicht in allen Stücken mit Dir einerlei lebhaftes Temperament,
+einerlei Fähigkeiten, einerlei Grad von Gefühl hat! Ergreife warm
+und eifrig die Parthei Deines Freundes, aber nicht auf Kosten der
+Gerechtigkeit und Redlichkeit! Du sollst nicht seinetwegen blind gegen
+die Tugenden Andrer seyn, noch, wenn Du die Macht in Händen hast, eines
+würdigen, geschickten Mannes Glück zu bauen, diesen dem weniger fähigen
+Freunde nachsetzen. Du sollst nicht seine Uebereilungen vertheidigen,
+seine Leidenschaften partheiisch als Tugenden erheben, in kleinen
+Zwistigkeiten mit Andern, wenn er unrecht hat, geflissentlich die
+Parthei des Beleidigers verstärken; nicht Dich mit in sein Verderben
+stürzen, wenn ihm dadurch nicht geholfen wird, oder vielleicht gar
+durch unkluge Vertheidigung seine Feinde mehr erbittern, und Dir und
+den Deinigen den Untergang bereiten. Aber retten sollst Du seinen Ruf,
+wenn er unschuldig verläumdet wird, auch dann, wenn jedermann ihn
+verläßt und verkennt, sobald Du hoffen darfst, daß dieß ihm irgend
+Vortheil bringen kann. Oeffentlich ehren sollst Du den Edeln, und
+Dich nie Deiner Verbindung mit ihm schämen, wenn Schicksale oder böse
+Menschen ihn unverdient zu Boden gedrückt haben. Nicht mitlächeln
+sollst Du, wenn lose Buben hinter seinem Rücken her ihn höhnen. Mit
+Vorsicht und Klugheit sollst Du ihm Nachricht geben von Gefahren, die
+ihm und seiner bürgerlichen Ehre drohen; aber nur, in so fern dieß dazu
+dienen kann, dem Uebel auszuweichen, oder Unvorsichtigkeiten wieder gut
+zu machen, nicht aber, wenn er dadurch bloß beunruhigt und aufgeregt
+wird.
+
+
+ 7.
+
+Freunde, die uns in der Noth nicht verlassen, sind äusserst selten.
+-- Sey Du Einer dieser seltnen Freunde! Hilf, rette, wenn Du es
+vermagst! opfre Dich auf -- nur vergiß nicht, was Klugheit und
+Gerechtigkeit gegen Dich und Andre von Dir fordern! Aber tobe nicht,
+klage nicht, wenn Andre nicht ein Gleiches für Dich thun! Nicht immer
+herrscht böser Wille bei ihnen. Schwache, und durch Leidenschaft
+beherrschte Menschen sind unsichre Freunde; doch wie wenige gibt es,
+die ganz fest und unerschütterlich in ihrem Charakter, ganz frei von
+kleinen Leidenschaften und Nebenabsichten sind, die nicht bei ihrer
+Anhänglichkeit an Dich von klugen Rücksichten auf Deinen Ruf, Deine
+Verhältnisse, bestimmt werden, oder wenigstens nicht gern Schande
+vor der Welt wegen ihrer Zuneigung zu Dir auf sich laden wollen; wie
+Wenige, die nicht, wo es auf Verleugnung ankömmt, den Schwächern gegen
+den Mächtigern aufopfern! Wenn diese nun, sobald ein Ungewitter sich
+über Deinem Haupte zusammenzieht, einen kleinen Schritt zurücktreten,
+oder wenigstens ihre Liebe und Verehrung in eine Art von Protection
+und Rathgebersrolle verwandeln -- nun, so sey billig! Schiebe die
+Schuld auf das ängstliche Temperament der mehrsten Leute, auf ihre
+Abhängigkeit von äussern Umständen, auf die Nothwendigkeit, heut
+zu Tage ~durch Gunst~ sein Glück zu machen, um in schweren Zeiten
+fortzukommen! Wie wenig Menschen würden übrig bleiben, mit denen Du
+Hand in Hand auf dieser Erde durch Glück und Unglück wandeln könntest,
+wenn Du es so genau nehmen, oder so große Forderungen an Deine Freunde
+machen wolltest! Zuweilen ist auch der Fall da, daß wirklich unsre
+Freunde (wenn wir uns durch kleine oder große Unvorsichtigkeiten
+unser böses Schicksal selbst zugezogen haben) sich die Rechtfertigung
+schuldig sind, öffentlich zu zeigen, daß sie nicht in unsre Thorheiten
+verwickelt waren. Oft werden sie durch unsre widrige Lage gerade so
+gestimmt, wie sie immer hätten gestimmt seyn sollen, wenn sie ein
+gutes Gewissen hätten bewahren wollen; das heißt: sie hören auf,
+uns so täuschend zu schmeicheln, wie sie es vorher aus Furcht, uns
+zu verlieren, thaten, so lange wir von jedermann aufgesucht wurden,
+und unsre Freunde ~wählen~ konnten. Ich habe in einigen blendenden
+Situationen meines Lebens einen Haufen von Leuten sich mir aufdringen
+gesehen, die mir ohne Unterlaß Weihrauch streuten, jeden meiner
+witzigen Einfälle mit lauter Bewundrung auffingen, schmeichelhafte
+Verse auf mich machten, meine Worte als Orakelsprüche ausschrien, und
+meinen Ruf im Posaunenton erhoben. Ich kannte das Menschengeschlecht
+genug, um nicht alles das für baare Münze aufzunehmen, sondern
+fest überzeugt zu seyn, daß sie mich vernachlässigen, wohl gar auf
+mich herabsehen würden, wenn ich einst in eine weniger glückliche
+Lage kommen sollte, und sie meiner nicht mehr bedürften. Ich irrte
+nicht; aber deswegen waren Diese doch nicht insgesammt Schurken und
+Heuchler. Viele von ihnen, es ist wahr, lernte ich als Solche kennen;
+sie erlaubten sich die ärgsten Niederträchtigkeiten gegen mich; es
+befremdete mich nicht; ich verachtete sie; aber Manche waren vorher
+nur von dem Strome mit fortgerissen worden. Die Stimme meiner Feinde
+erweckte sie nun; sie stutzten, betrachteten mich mit forschendem
+Auge, und sahen meine Fehler; sie warfen mir diese Fehler durch Worte
+oder einige Kälte in ihrem Betragen, vielleicht ein wenig zu unsanft
+vor, gaben mir dadurch Gelegenheit, selbst aufmerksam auf dieselben zu
+werden, an mir zu arbeiten; und wahrlich, diese sind mir nützlichere,
+ächtere Freunde gewesen, als manche Andre, die mich in meiner Eitelkeit
+und Selbstgenügsamkeit zu bestärken suchten.
+
+
+ 8.
+
+Kein Grundsatz scheint mir so unvereinbar mit edelmüthigen Gesinnungen
+und eines gefühlvollen Herzens so unwürdig, als der: »daß es ein
+Trost sey, Gefährten oder Mitleidende im Unglücke zu haben.« Ist es
+nicht genug, selbst leiden, und dabei überzeugt seyn zu müssen,
+daß in der Welt noch viel eben so redlich gute Menschen, wie wir
+sind, nicht weniger Elend zu tragen haben? Sollen wir noch die Summe
+dieser Unglücklichen muthwilliger Weise dadurch vermehren, daß wir
+Andre zwingen, auch unsre Last mitzutragen, die dadurch um nichts
+leichter wird? Denn man sage doch nicht, daß es Erleichterung sey,
+sich von seinem Schmerze zu unterhalten! Nur für altersschwache
+Weiber, nicht aber für einen verständigen Mann, kann Geschwätzigkeit
+von ~der~ Art Wohlthat werden. Ich habe im ersten Kapitel des ersten
+Theils davon geredet: ob es gut sey, Andern seine Widerwärtigkeiten
+zu klagen. Damals sagte ich zur Beantwortung dieser Frage nur das,
+was Weltklugheit und Vorsichtigkeit lehren; im Umgange mit Freunden
+hingegen, wovon hier die Rede ist, muß uns auch Feinheit des Gefühls
+vorschreiben, unsre unangenehme Lage vor dem mitempfindenden, zärtlich
+theilnehmenden Freunde so viel möglich zu verbergen. Ich sage: so viel
+möglich, denn es können Fälle kommen, wo die Bedürfnisse des gepreßten
+Herzens, sich zu entladen, zu groß, oder die liebreichen Anforderungen
+des Freundes, der den Kummer auf unsrer Stirne liest, zu dringend
+werden, wo länger zu schweigen Folter für uns, oder Beleidigung für den
+Vertrauten werden würde, und wo nur sein Rath oder sein Beistand retten
+kann. In allen übrigen Fällen lasset uns der Ruhe unsers Freundes, wie
+unserer eignen, schonen!
+
+
+ 9.
+
+Klagt Dir ein bewährter Freund seine Noth, seine Schmerzen, wie
+könntest Du ihn ohne innige Theilnahme anhören! Oder wie dürftest Du
+seinen Klagen moralische Gemeinsprüche entgegensetzen, ihm wehe thun
+durch Vorwürfe über sein Betragen, durch die Bemerkung, daß er seine
+Noth hätte verhüten können! Nein, bist Du ein treuer, gefühlvoller
+Freund, so wirst Du alles aufbieten, Deinem Freunde Linderung oder
+Beistand zu gewähren. Aber verzärtle ihn nicht an Leib und Seele, durch
+weibische Klagen! Erwecke vielmehr seinen männlichen Muth, daß er sich
+über die nichtigen Leiden dieser Welt erhebe! Schmeichle ihm nicht mit
+falschen Hoffnungen, mit Erwartungen eines blinden Ungefährs; sondern
+hilf ihm, Wege einschlagen, die eines weisen Mannes würdig sind!
+
+
+ 10.
+
+Aus dem Umgange mit Freunden muß alle Verstellung verbannt seyn.
+Da soll alle ~falsche~ Scham, da soll aller Zwang, den Convenienz,
+übertriebne Gefälligkeit und Mißtrauen im gemeinen Leben auflegen,
+wegfallen. Zutrauen und Aufrichtigkeit müssen unter innigen Freunden
+herrschen. Allein man überlege dabei, daß es kindische Geschwätzigkeit
+seyn würde, Geheimnisse mitzutheilen, die dem Freunde gleichgültig
+sind, und durch die ihm eine schwere Verantwortlichkeit aufgelegt,
+oder seine Verschwiegenheit auf eine schwere Probe gesetzt wird; daß
+wenige Menschen, unter allen Umständen, unverbrüchlich ein Geheimniß zu
+bewahren vermögen, wenn sie auch übrigens alle Eigenschaften haben, die
+zur Freundschaft erfordert werden; daß fremde Geheimnisse nicht unser
+Eigenthum sind; und endlich, daß es auch eigne Geheimnisse geben kann,
+die man ohne Schaden, Gefahr und Nachtheil durchaus keinem Menschen auf
+der Welt anvertrauen darf!
+
+
+ 11.
+
+Jede Art von schädlicher oder weibischer Schmeichelei muß im Umgange
+unter ächten Freunden wegfallen, nicht aber eine gewisse Gefälligkeit,
+die das Leben süß macht, Nachgiebigkeit und Geschmeidigkeit
+in unschuldigen Dingen. Es gibt Menschen, deren Zuneigung man
+augenblicklich verloren hat, sobald man aufhört, ihnen Weihrauch
+zu streuen, sobald man nicht in allen Stücken einerlei Meinung mit
+ihnen ist, einerlei Geschmack mit ihnen hat. In ihrer Gegenwart darf
+man nicht einmal den Vorzügen der Verdienstvollsten Gerechtigkeit
+widerfahren lassen. Gewisse Saiten kann man gar nicht berühren,
+ohne sie aufzubringen. Haben sie eine Thorheit begangen; sind sie
+blindlings eingenommen für oder gegen eine Sache; werden sie von
+Phantasie oder Leidenschaft irregeleitet; haben sie unanständige oder
+schädliche Gewohnheiten an sich; findet man in ihrer Art zu leben und
+zu wirthschaften etwas mit Grunde auszusetzen, und man untersteht sich,
+hierüber etwas zu sagen: so schlägt das Feuer aller Orten heraus. Andre
+werden hiedurch nicht sowohl beleidigt, als gekränkt. Sie sind gewöhnt,
+sich so zu verzärteln, daß sie die Stimme der Wahrheit gar nicht hören
+können. Man soll nur von solchen Dingen mit ihnen reden, die ihren
+faulen Seelen-Schlummer befördern. -- »Wenn ich Dich bitten darf,«
+sagen sie, »so laß uns davon abbrechen! das sind Gegenstände, die ich
+nicht gern in mein Gedächtniß zurückrufe. Es ist nun einmal nicht
+anders! Ich weiß wohl, daß ich Unrecht habe, daß ich vielleicht anders
+handeln sollte; aber es würde einen zu schweren Kampf kosten -- meine
+Gesundheit, meine Ruhe, meine schwachen Nerven vertragen es nicht,
+daß ich ernstlich darüber nachsinne.« -- Pfui! welch eine Feigheit
+und Verblendung! ein Mensch, der einen festen Charakter besitzt, und
+ernstlich das Gute liebt und sucht, muß den Muth haben, bei jedem
+Gegenstande mit reifer Ueberlegung verweilen zu können. -- Alle solche
+verweichlichte und feige Seelen taugen nicht zur Freundschaft. Man
+muß das Herz haben, Wahrheit zu sagen und Wahrheit anzuhören, auch
+dann, wenn diese Wahrheit hart ist, und unser Innerstes erschüttert.
+Doch das Recht, welches die Freundschaft gibt, freimüthig zu tadeln,
+und dem Freunde die Wahrheit nicht zu verhehlen, will mit Zartheit
+und liebevoller Schonung ausgeübt seyn. Schon die Klugheit verbeut,
+den fehlenden Freund durch lange Straf-Predigten zu ermüden und zu
+erbittern, oder mit ängstlichen Besorgnissen zu erfüllen, wenn, seinem
+Temperamente oder den Umständen nach, gar kein Nutzen davon zu erwarten
+steht.
+
+
+ 12.
+
+Es ist schon gesagt, daß alles, was die Gleichheit unter Freunden
+aufhebt, der Freundschaft schädlich sey. Da nun das Verhältniß
+zwischen einem Wohlthäter und Dem, welcher Wohlthaten empfängt, am
+wenigsten mit Gleichheit bestehen kann: so scheint es der Zartheit der
+Gefühle angemessen, zu verhindern, daß durch ein zu großes Gewicht
+von Wohlthaten auf ~einer~ Seite ein Freund dem andern gleichsam
+unterwürfig werde. Verbindlichkeiten von der Art sind der Freiheit,
+der uneingeschränkten Wahl entgegen, auf welcher die Freundschaft
+beruhen soll. Sie bringen etwas in dies Bündniß hinein, das nicht
+hinein gehört, nämlich die Dankbarkeit, welche nicht freiwillig,
+sondern Pflicht ist. Man hat selten den Muth, so kühn und offenherzig
+mit dem Wohlthäter zu reden, wie mit dem Freunde. Vorzüglich aber soll
+das Zartgefühl mich abhalten, meines Freundes Güte in Anspruch zu
+nehmen, weil ich voraussetzen darf, daß er mir zugestehen werde, was er
+einem Fremden abschlagen würde. Wäre es endlich auch nur die einzige
+Rücksicht, daß empfangene Wohlthat partheiisch für den Wohlthäter
+macht, und Partheilichkeit Bestechung ist: so läge hierin schon ein
+starker Grund, äusserst behutsam und bedenklich zu seyn, wenn von
+Erheischung und Annahme wirklicher Wohlthaten aus der Hand des Freundes
+die Rede ist, doch mit Verbannung jeder mißtrauischen Besorgniß,
+als ob es möglich wäre, daß angenommene Wohlthat der Freundschaft
+gefährlich werden könnte. -- Kaum darf hiebei erinnert werden, daß man
+die Dienstwilligkeit seiner mächtigen oder angesehenen Freunde nie für
+fremde Angelegenheiten, oder zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke
+mißbrauchen sollte. Allein es gibt Mittel, den edeln Mann, der gern
+Gutes thut, aufmerksam zu machen auf Gegenstände, die seiner Hülfe
+werth sind. Mylord Marshall Keith wurde von einem Officier gebeten,
+ihn dem Könige von Preussen zu empfehlen. Er antwortete nicht, gab ihm
+aber, bei seiner Abreise nach Potsdam, einen kleinen Sack voll Erbsen
+mit, den der Officier dem Könige, ohne Brief, überreichen sollte.
+Friedrich begriff, daß sein Freund keinem Menschen von gemeinem Schlage
+einen solchen Auftrag würde gegeben haben, und nahm den Officier
+in seinen Dienst. Ueberhaupt haben feinere Seelen unter sich eine
+eigne geheime, Andern unverständliche Sprache. Doch gibt es Fälle,
+in welchen man ohne Scheu sich an Freunde wenden muß, nämlich wenn
+die Freundschafts-Dienste, deren wir bedürfen, von der Art sind, daß
+der Freund sie uns ohne Ungemächlichkeit erweisen, oder ohne uns in
+Verlegenheit zu setzen und uns im mindesten zu beleidigen, verweigern
+kann; wenn wir in der Lage sind, ihm gelegentlich wieder gleiche
+Gefälligkeiten zu erweisen; wenn niemand so gut, wie er, von der Lage
+der Sache, von der Sicherheit, mit welcher unsere Bitte gewährt werden
+kann, überzeugt ist, oder wenn unser ganzes Glück auf Verschweigung
+einer Sache beruht; wenn wir uns keinem Andern sicher, ohne Gefahr und
+Schaden, anvertrauen, von keinem Andern Hülfe erwarten dürfen, und wenn
+wir dann gewiß wissen, daß unser Freund dabei nichts verlieren, keiner
+Unannehmlichkeit ausgesetzt seyn kann. In allen diesen und ähnlichen
+Fällen würden wir gegen das Zutrauen sündigen, das wir ihm schuldig
+sind, wenn wir ihm unsre Verlegenheiten verschwiegen.
+
+
+ 13.
+
+Etwas von dem, was ich über das Verhältniß unter Eheleuten gesagt
+habe, findet auch bei Freunden Statt, nämlich, daß man sich hüten muß,
+einander überdrüssig zu werden, oder durch zu öftern, zu vertraulichen
+Umgang, widrige Eindrücke zu veranlassen. Darum sollen sich Freunde
+nicht zu oft sehen, sollen den Umgang zuweilen entbehren, damit sie
+ihn dann desto inniger genießen mögen, und damit nicht durch einen zu
+häufigen Umgang die kleinen Fehler sichtbar und fühlbar werden, deren
+jeder Mensch mehr oder weniger hat, und die so leicht die Innigkeit
+der Freundschaft stören, so leicht einen Mißton erzeugen, oder
+wenigstens Beschwerden verursachen, die man seinem Freunde ersparen
+sollte. Diese Vorsicht ist in der Freundschaft noch nöthiger, als in
+der Ehe, da in jener nicht, wie in dieser, gewisse Rücksichten und
+Ueberlegungen wirksam sind, vor allen die, daß man nun einmal auf die
+ganze Lebenszeit mit einander zu Freude und Leid, zu gemeinschaftlicher
+Ertragung, und um ~ein~ Leib und ~eine~ Seele zu seyn, vereint ist;
+folglich die Beständigkeit derselben von der behutsamsten Schonung
+abhängt. Es ist wahr, daß jene unangenehme Eindrücke bei edeln und
+verständigen Menschen nicht von Dauer sind, und daß es nur eines
+Zwischenraums von wenig Tagen bedarf, um uns wieder die Augen zu öffnen
+über den Werth und Vorzug unsers Freundes vor andern mittelmäßigen
+Leuten, mit denen wir indeß gelebt haben; allein besser ist es doch,
+wenn dergleichen Empfindungen gar nicht in unser Herz kommen; und
+das kann man ja ändern. Man verbanne daher auch aus dem Umgange mit
+Freunden jene pöbelhafte Vertraulichkeit, jenen Mangel an Höflichkeit
+und jene Nachlässigkeit im Aeussern, wovon ich im dritten Kapitel
+dieses Theils, besonders in dessen viertem Abschnitte, geredet habe;
+und lege endlich auch dem Freunde keine Art von Zwang auf; verlange
+nicht, daß er sich nach unsern Launen, nach unserm Geschmacke richten,
+noch daß er den Umgang solcher Menschen, gegen welche wir eingenommen
+sind, fliehen solle!
+
+Eben so wichtig ist es aber auch, sich den Umgang mit geliebten
+Personen nicht so sehr zum Bedürfnisse zu machen, daß man ohne sie
+durchaus nicht leben zu können glaubt. Wir sind auf dieser Welt nicht
+Herren über unser Schicksal. Man muß sich gewöhnen, Trennungen durch
+Tod, Entfernungen und andere Umstände zu ertragen, und wenn man ein Gut
+besitzt, sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß man dies Gut auch
+verlieren könne. Ein weiser Mann bauet nicht seine ganze Existenz auf
+das Daseyn eines andern Wesens.
+
+
+ 14.
+
+Bleibe aber immer, auch in der Entfernung, ein warmer Freund Deiner
+Freunde! sonst scheint es, als habest Du nur aus Eigennutz, nur um
+den Genuß des Lebens zu erhöhen, Dich an sie geschlossen. Halte die
+Vernachlässigung des Briefwechsels nicht für eine Kleinigkeit, die
+man sich wohl verzeihen könne; denn wie darfst Du Dich dessen Freund
+nennen, dem Du nicht einmal einige Stunden Deines Lebens in jedem
+Jahre weihen willst, und wie darfst Du von demjenigen Freundschaft
+erwarten, den Du so sehr vernachlässigst, daß er endlich nicht mehr
+weiß, ob Du noch unter den Lebendigen bist? Fühlst Du in Monaten und
+Jahren das Bedürfniß nicht, Dich schriftlich mit Deinem Freunde zu
+unterhalten, so liegst Du entweder in den Fesseln des Egoismus, oder
+bist überhaupt nicht mehr werth, einen Freund zu haben. Ich lasse
+auch die Entschuldigung nicht gelten, daß man zuweilen lange Zeit
+hindurch gar nicht gestimmt sey, seine Gedanken in Ordnung auf das
+Papier zu bringen. Briefe an den Vertrauten unsers Herzens sind keine
+rednerische Ausarbeitungen; jedes Wort, das Abdruck dessen ist, was in
+unsrer Seele vorgeht, wird ihm willkommen seyn, und nur auf diese Weise
+kann ja einem gefühlvollen Herzen die Trennung von geliebten Personen
+erträglich werden.
+
+
+ 15.
+
+Man sieht zuweilen Menschen eben so eifersüchtig in der Freundschaft,
+wie in der Liebe. Das zeugt mehr von einer selbstsüchtigen, als von
+einer zärtlichen Gemüthsart. Freuen soll es Dich, wenn auch andre
+Menschen den Werth dessen zu schätzen wissen, der Dir theuer ist;
+freuen soll es Dich, wenn Dein Liebling noch ausser Dir gute Seelen
+findet, denen er sich mittheilen, in deren Gemeinschaft er reine Wonne
+schmecken kann. Er wird darum nicht blind gegen Deine Vorzüge, nicht
+undankbar gegen Dich werden -- und würdest Du denn dadurch mehr Werth
+in seinen Augen bekommen, daß Du ihn von liebenswürdigen Menschen zu
+entfernen, oder ihn gegen sie einzunehmen suchtest, nur um ihn für Dich
+allein zu behalten?
+
+
+ 16.
+
+Alles, was Deinem Freunde angehört, sein Vermögen, sein bürgerliches
+Glück, seine Gesundheit, sein Ruf, die Ehre seines Weibes, die Unschuld
+und Bildung seiner Kinder -- das alles sey Dir heilig, sey ein
+Gegenstand Deiner Sorgfalt, Deiner Theilnahme und Deiner Schonung! Auch
+Deine heftigste Leidenschaft, Deine unmäßigste Begierde müsse diese
+Unverletzlichkeit ehren!
+
+
+ 17.
+
+Gaben, Anlagen und die Art, seine Empfindungen an den Tag zu legen,
+sind bei den Menschen verschieden. Nicht immer ist Derjenige der
+Gefühlvollste, welcher am geläufigsten von innern Regungen und
+Empfindungen schwatzt; nicht immer Derjenige der treuste und
+beharrlichste Freund, der mit dem heftigsten Feuer uns an seine Brust
+drückt, der mit der größten Hitze hinter unserm Rücken sich unsrer
+annimmt. Alles Ueberspannte taugt nicht, dauert nicht. Ruhige, stille
+Hochachtung ist mehr werth, als Anbetung, Verehrung und Entzückung.
+Man verlange daher nicht von Jedem denselben Grad von äussern
+Freundschafts-Bezeigungen, sondern beurtheile seine Freunde nach
+der fortgesetzten, immer gleichen Zuneigung und treuen Ergebenheit,
+welche sie uns in der That, ohne Uebertreibung und ohne Schmeichelei,
+beweisen! Leider aber ordnet unsre Eitelkeit mehrentheils den Werth
+der Menschen nach dem Grade der Huldigung, welche sie uns leisten, und
+die mehrsten Leute suchen solche Freunde um sich her zu versammeln, an
+deren Seite sie in doppelt vortheilhaftem Lichte erscheinen, und denen
+ihre Worte Orakelsprüche sind.
+
+
+ 18.
+
+Werbe nicht ängstlich um Freunde! Mache nicht Jagd auf jeden
+ausgezeichneten Menschen, und lege es nicht geflissentlich darauf
+an, daß er Dir besonders zugethan werden soll! Jede Art von
+Andringlichkeit, wäre sie auch noch so gut gemeint, pflegt Verdacht
+oder Geringschätzung zu erwecken; und wer in der Stille auf dem Pfade
+fortwandelt, den Redlichkeit und Klugheit bezeichnen, und dabei ein
+wohlwollendes, zur Mittheilung gestimmtes Herz in seinem Busen trägt,
+der bleibt nicht unbemerkt, nicht unaufgesucht; er findet, ohne sich
+anzudrängen, ein Paar Edle, die ihm die Hand zum brüderlichen Bunde
+reichen.
+
+
+ 19.
+
+Es gibt aber Menschen, die gar keinen ~vertrauten~ Freund, sondern nur
+Bekannte haben; entweder weil ihnen der Sinn für dies Seelen-Bedürfniß
+fehlt, oder weil sie keinem lebendigen Wesen trauen, oder weil ihre
+Gemüthsart kalt, unverträglich, verschlossen, eitel, oder zänkisch
+ist. Andre sind aller Welt Freunde; sie werfen ihr Herz jedermann vor
+die Füße, und deswegen bückt sich Keiner, greift niemand darnach, es
+aufzunehmen. -- Es ist eine Ehre und ein Glück, zu keiner von diesen
+beiden Menschenklassen zu gehören.
+
+
+ 20.
+
+Auch unter den vertrautesten Freunden können Irrungen entstehen,
+Mißverständnisse eintreten. Wenn man darüber Zeit verstreichen läßt,
+oder zugibt, daß sich dienstfertige Leute hineinmischen: so erwächst
+daraus nicht selten eine dauerhafte Feindschaft, die mehrentheils um so
+heftiger wird, je zärtlicher, je vertrauter die Verbindung war, und je
+ärger man sich also hintergangen glaubt. Es ist wahrlich ein trauriger
+Anblick, auf diese Weise zuweilen die edelsten Seelen gegen einander
+empört zu sehen. Dringend rathe ich daher, bei dem ersten Schatten
+von Unzufriedenheit über das Betragen des Freundes, nicht zu säumen,
+ohne Zuthun eines Dritten, auf Erläuterung zu dringen. Da pflegt alles
+sehr bald verglichen zu werden; vorausgesetzt, daß kein böser Wille
+obwaltet, wie man es denn bei gutgesinnten, wohlwollenden Freunden
+voraussetzen muß.
+
+
+ 21.
+
+Wie aber, wenn uns Freunde täuschen, wenn wir nach einiger Zeit
+wahrnehmen, daß unser gutes Herz uns irregeleitet, uns an Menschen
+gekettet hat, die unsrer nicht werth sind? -- Meine Leser! ich kann es
+nicht oft genug wiederholen, daß wir mehrentheils selbst daran Schuld
+sind, wenn wir bei näherm Umgange die Menschen anders finden, als
+wir sie uns anfangs gedacht haben. Partheiische Gefühle; Sympathie,
+Aehnlichkeit des Geschmacks, der Neigung; feine Schmeichelei;
+Seelen-Drang, in Augenblicken, wo Jeder uns ein Wohlthäter scheint,
+der nur einige Theilnahme an unserm Schicksale zeigt -- diese und
+andre dergleichen Eindrücke bestechen uns gar zu leicht, und bereiten
+uns bittere Täuschungen. Wir denken uns Menschen als engelreine und
+erhabene Seelen, die nichts weiter, als eine gewisse natürliche
+Gutmüthigkeit und Offenheit haben, und sind nachher, wenn wir ihre
+Schwächen entdecken, viel unduldsamer gegen diese unsre Lieblinge, als
+gegen fremde Leute, weil es unserem Stolz weh thut, daß wir so falsch
+gesehen hatten, oder so kurzsichtig waren. Darum spannet doch Eure
+Erwartung, Eure Meinung von Euren Freunden nicht zu hoch, so wird Euch
+ein menschlicher Fehltritt, den sie in Augenblicken der Versuchung
+begehen, nicht befremden, nicht ärgern! Habet Nachsicht! Ihr bedürft
+deren vielleicht selbst bei andern Gelegenheiten. Richtet nicht, damit
+auch Ihr nicht gerichtet werdet! -- Und was für Recht hast Du denn auch
+über die Moralität Deines Freundes? Was ist er Dir anders schuldig, als
+Treue, Liebe und Dienstfertigkeit? Wer hat Dich zum Sittenrichter über
+ihn bestellt? -- Suche einen ganz vollkommnen Mann auf dieser Erde! --
+Du kannst hundert Jahre alt werden und wirst ihn nicht finden.
+
+Vor allen Dingen aber soll man sich hüten, jedem elenden Geschwätze,
+womit böse oder schwache Menschen zum Nachtheile unsrer Freunde
+unsre Ohren erfüllen, Glauben beizumessen. Leute, die heute mit
+einem Manne, den sie bis in den Himmel erheben, ihren letzten Bissen
+theilen würden, und morgen, wenn irgend ein altes Weib ihnen ein
+ärgerliches Mährchen aufgehängt hat, denselben zu dem verächtlichsten
+Betrüger herabwürdigen! Leute, die einen vieljährigen, genau geprüften
+Freund, auf Angabe des niederträchtigen unwürdigen Pöbels, einer ihm
+schuldgegebenen Schandthat fähig halten können, -- wäre auch alle
+Wahrscheinlichkeit auf Seiten der Verläumder! -- solche wankelmüthige,
+elende und feile Seelen verdienen nur Verachtung, und der Verlust ihrer
+Freundschaft ist baarer Gewinn. Der Anschein ist oft sehr trüglich;
+man kann Veranlassungen haben, mißtrauisch zu werden; es können
+Umstände eintreten, die es uns unmöglich machen, gewisse zweideutig
+scheinende Schritte zu erläutern; aber, daß ein bewährter, edler Mann
+keine schlechte Handlung begangen habe, davon bedarf es weiter keines
+Beweises, sondern nur des einfachen Glaubens, daß es unmöglich sey,
+edel und schlecht zugleich zu seyn.
+
+
+ 22.
+
+Wenn denn nun aber wirklich unser Freund sich so sehr moralisch
+verschlimmert, oder wenn unser leichtgläubiges Herz sich in einem
+solchen Grade in seinem Zutrauen zu ihm betrogen sieht, daß er unsre
+Vertraulichkeit gemißbraucht, uns mit Undank belohnt hätte -- nun! so
+hört er auf, unser ~Freund~ zu seyn; ich meine aber, er behält doch
+nicht mehr und nicht weniger Recht auf unsre Duldung, als jeder andre
+uns fremde Mensch. Ich halte es für eine falsche Zärtelei, an welcher
+mehrentheils die Eitelkeit, untrüglich seyn zu wollen, ihren Theil hat,
+wenn man glaubt, man müsse nun von einem solchen Verräther immer mit
+großer Schonung reden, weil er einst unser Freund gewesen. Das Einzige,
+was uns bewegen kann, seiner zu schonen, ist der Gedanke: daß überhaupt
+das menschliche Herz ein schwaches Ding ist, und daß man leicht zu
+weit in seinem Widerwillen geht, wenn eine Art von Rache sich in unser
+Urtheil mischt. Von der andern Seite aber macht der Umstand, daß der
+Mann ~uns~ betrogen hat, sein Verbrechen auch nicht um ein Haar breit
+größer, berechtigt uns nicht, ärger gegen ihn zu Felde zu ziehen, als
+gegen jeden andern Schelm, der ~andre Menschen~ und überhaupt die
+Tugend betrügt.
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel.
+
+ Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern.
+
+
+ 1.
+
+Es ist traurig genug, daß der größte Theil des Menschengeschlechts,
+durch Schwäche, Armuth, Gewalt und andre Umstände, gezwungen ist, dem
+kleinern zu Gebote stehen, und daß oft der Bessere den Winken und
+Launen des Schlechtern gehorchen muß. Was ist daher billiger, als daß
+die, denen das Schicksal die Gewalt in die Hände gegeben hat, ihren
+Nebenmenschen das Leben süß und das Joch erträglicher zu machen, diese
+glückliche Lage mit Menschenfreundlichkeit und Edelmuth benutzen.
+
+
+ 2.
+
+Wahr ist es aber auch, daß die meisten Menschen zur Sclaverei geboren,
+daß edle, wahrhaftig große Gesinnungen und Gefühle hingegen nur das
+Erbtheil einer unbeträchtlichen Anzahl zu seyn scheinen. Lasset
+uns indessen den Grund dieser Wahrheit weniger in den natürlichen
+Anlagen, als in der Art der Erziehung, und in unsern, durch Luxus und
+Despotismus verderbten Zeiten suchen! Durch sie wird eine ungeheure
+Menge Bedürfnisse erzeugt, die uns von Andern abhängig machen. Das
+ewige Angeln nach Erwerb und Genuß erzeugt niedrige Leidenschaften,
+zwingt uns, zu erbetteln und zu erkriechen, was wir für so nöthig zu
+unserer Existenz halten, statt daß Mäßigkeit und Genügsamkeit die
+Quellen aller Tugend und Freiheit sind.
+
+
+ 3.
+
+Bleiben nun die meisten Menschen stumpf für feinere Empfindungen, und
+unfähig zu erhabnen, hohen Gesinnungen: so sind sie doch nicht Alle
+unerkenntlich gegen großmüthige Behandlung, noch blind gegen wahren
+Werth. Rechne also weder auf die Zuneigung und Achtung, noch auf
+freiwillige Folgsamkeit derer, die Dir unterworfen sind, wenn diese
+selbst fühlen, daß sie moralisch besser, weiser, geschickter sind,
+als Du, daß Du ihrer in einem höheren Grade bedarfst, als sie Deiner;
+wenn Du sie mißhandelst, schlecht für wesentliche Dienste belohnst,
+die Schmeichler unter ihnen den geraden, aufrichtigen, treuen Dienern
+vorziehst; wenn sie sich schämen müssen, einem Manne anzugehören, den
+Jeder haßt, oder verachtet; wenn Du mehr von ihnen verlangst, als Du
+selbst an ihrer Stelle würdest leisten können; wenn Du Dich weder um
+ihr moralisches, noch ökonomisches, noch physisches Wohl bekümmerst,
+ihnen den Lohn ihrer Arbeit so sparsam zutheilst, daß sie verzweifeln,
+oder Dich betrügen müssen, oder wenigstens keine frohe Stunde haben
+können; wenn Du nicht Rücksicht nimmst auf ihren körperlichen Zustand,
+sie verstößest, sobald sie alt und schwächlich werden; wenn Du ihnen
+wenig Ruhe und Schlaf erlaubest; wenn sie, indeß Du schwelgst, in
+rauher Jahrszeit bis nach Mitternacht, vielleicht gar dem bösen Wetter
+bloßgestellt, auf Dich voll tödtender Langerweile warten müssen; wenn
+Dein lächerlicher Hochmuth ein Gegenstand ihres Spottes wird, oder
+Dein Jähzorn sie mit Schimpfwörtern überhäuft; wenn sie mit aller
+Aufmerksamkeit kein freundliches Wort von Dir gewinnen können! --
+Geradheit, Redlichkeit, wahre Menschenliebe, Würde und Folgerichtigkeit
+in unsern Handlungen zu zeigen, das ist, so wie überhaupt das sicherste
+Mittel, uns allgemeine Achtung zu erwerben, so insbesondre geschickt,
+uns der Ehrerbietung und Zuneigung Derer zu versichern, die von
+uns abhängen, uns oft ohne Schminke in mancherlei Launen sehen, und
+gegen welche wir uns also schwerlich lange verstellen können. Es ist
+ein altes, aber sehr wahres Sprichwort: »So wie der Herr; also der
+Knecht!« Es versteht sich, daß dieß nur von Dienstboten gilt, die lange
+genug in einem Hause gedient haben, um den darin herrschenden Ton
+anzunehmen; aber bei diesen trifft es denn auch fast unfehlbar ein.
+Ein Kammerdiener, der ein Windbeutel ist, dient mehrentheils einem
+Prahler! bescheidne Herrschaften haben höfliches Gesinde; in stillen,
+ordentlichen Haushaltungen findet man sittsame, fleißige Leute zur
+Aufwartung; zänkische, lüderliche Bediente und Mägde sind ~da~ zu
+Hause, wo Zwist und zügellose Sitten unter den Herrschaften im Gange
+sind. -- Also ist ein gutes Beispiel (wortreicher Ermahnungen bedarf es
+nicht) das sicherste Mittel, brauchbares Gesinde zu bilden.
+
+
+ 4.
+
+So sehr ich nun einen freundlichen, liebreichen Umgang mit Bedienten
+anrathe, so wenig kann ich es billigen, wenn man sich ihnen unverholen
+in allen seinen Blößen zeigt, sie zu Vertrauten in heimlichen
+Angelegenheiten macht, sie durch übermäßige Bezahlung an ein üppiges
+Leben gewöhnt, -- wenn man sie nicht gehörig beschäftigt, alles
+ihrer Willkühr überläßt, sie zu unumschränkten Herren über Kassen
+und Vorräthe macht, und dadurch in ihnen Reiz zum Betrug erweckt, --
+wenn man alle Gewalt über sie und alles Ansehen freiwillig aufgibt,
+und sich zu einer Vertraulichkeit und einem Tone herabläßt, der sie
+nothwendig in Versuchung führen muß, sich zu vergessen. -- Man findet
+unter hundert Menschen von der Art kaum Einen, der das vertragen
+kann, der nicht Mißbrauch von einer solchen Nachsicht macht. Auch
+ist das eben kein Mittel, sich beliebt zu machen. Ein wohlwollendes,
+ernsthaftes, gesetztes, immer gleiches Betragen, entfernt von steifer,
+hochmüthiger Kälte und Feierlichkeit, -- gute, richtige, nicht
+übermäßige, der Wichtigkeit ihrer Dienste angemessene Bezahlung, --
+strenge Pünktlichkeit, wenn es darauf ankömmt, sie zur Ordnung und zu
+demjenigen anzuhalten, wozu sie sich verbindlich gemacht haben, --
+Liebe und theilnehmende Güte, wenn sie die Gewährung einer anständigen,
+bescheidnen Bitte, die Vergünstigung eines unschuldigen Vergnügens
+von uns begehren, oder auch ungebeten nur erwarten können, -- weise
+Ueberlegung in Zutheilung der Arbeit, so daß man sie nicht mit unnützen
+Arbeiten überhäufe, mit Geschäften, die bloß unser eitles Vergnügen zum
+Gegenstande haben, dennoch aber nicht leide, daß sie je müssig seyen,
+sondern sie auch anhalte, für sich selbst zu arbeiten, sich in Kleidung
+reinlich und rechtlich zu halten, sich Geschicklichkeit zu erwerben,
+-- Aufmerksamkeit und Aufopfrung unsers eignen Interesse, wenn man
+Gelegenheit hat, ihnen ein besseres Schicksal zu verschaffen, sie zu
+befördern, -- väterliche Sorgsamkeit für ihre Gesundheit, für ehrlichen
+Erwerb und für ihre sittliche Aufführung: -- das sind die sichersten
+Mittel, gut, treu bedient, und von denen, die uns dienen, geliebt zu
+werden. Hierzu füge ich noch den Rath, nicht zu viel Dienstboten zu
+halten; aber die wenigen, die man hat, und deren man bedarf, nützlich
+und hinreichend zu beschäftigen, gut zu bezahlen und vernünftig zu
+behandeln. Je mehr Bedienten man hat, desto schlechter wird man bedient.
+
+
+ 5.
+
+Unsre feine Lebensart hat einem der ersten und süßesten Verhältnisse,
+dem Verhältnisse zwischen Hausvater und Hausgenossen, alle Anmuth,
+alle Würde genommen. Hausvaters-Rechte und Hausvaters-Freuden sind
+größtentheils verschwunden; das Gesinde wird nicht mehr als Theil
+der Familie angesehen, sondern als Miethlinge betrachtet, die wir
+nach Gefallen abschaffen, so wie auch ~sie~ uns verlassen können,
+sobald sie sonst irgendwo mehr Freiheit, mehr Gemächlichkeit oder
+reichere Bezahlung zu finden glauben. Es ist nicht mehr anerkannt,
+daß wir ausser den Stunden, die sie unserm Dienste widmen müssen,
+kein Recht auf sie haben; wir leben nicht mehr unter ihnen, sehen sie
+nur dann, wenn wir ihnen das Zeichen mit der Schelle geben, und sie
+aus ihren, gewöhnlich sehr schmutzigen, ungesunden Löchern zu uns
+hervorkriechen. Diese lose, auf ungewisse Zeit geknüpfte Verbindung
+trennt das Interesse beider Theile, das doch ein gemeinschaftliches
+seyn sollte, auf eine unnatürliche und verderbliche Weise: der Herr
+sucht den Miethling recht wohlfeil zu bekommen, er müßte denn aus
+Eitelkeit oder Verschwendung mehr an ihn wenden; -- was im Alter
+aus dem armen dienstbaren Geschöpfe werden wird, darum bekümmert er
+sich nicht, und der Bediente, der das weiß, sucht bei so ungewissen
+Aussichten zu erhaschen, was zu erhaschen ist, um wo möglich einen
+Nothpfenning zurückzulegen. Welchen Einfluß dieß auf Sittlichkeit, auf
+Bildung, auf Vertrauen und gegenseitige Zuneigung haben müsse, ist
+leicht einzusehen. Es ist wahr, daß nicht alle Herrschaften vollkommen
+so fremd und unnatürlich mit ihrem Gesinde umgehen; aber wo findet man
+in jetzigen Zeiten noch Solche, die, als Väter und Lehrer Derer, die
+ihnen dienen, sich's zur Freude machen, mitten unter ihnen zu sitzen,
+durch weise und freundliche Gespräche sie zu unterrichten, an ihrer
+sittlichen und geistigen Bildung zu arbeiten, und für ihr künftiges
+Schicksal besorgt zu seyn? Es ist wahr, daß Dienstboten selten so wohl
+erzogen sind, daß sie den Werth einer solchen Herablassung zu erkennen
+und gehörig zu nützen wissen; allein was hindert uns, das Gesinde
+selbst zu erziehen, sie als Kinder anzunehmen, sie dann lebenslang,
+wie die Mitglieder unsrer Familie, bei uns zu behalten, und ihr
+Schicksal, nach Verhältniß ihres Verdienstes und unsers Vermögens,
+zu verbessern? Ich kenne aus Erfahrung alle Ungemächlichkeiten einer
+solchen Unternehmung; vielfältig mißlingt es; unsre Arbeit belohnt sich
+nicht, wird nicht erkannt; die Kinder, wenn sie herangewachsen, fangen
+an, sich zu fühlen, und entziehen sich unsrer väterlichen Zucht. Allein
+oft sind wir selbst durch fehlerhafte Behandlung daran Schuld: und
+nicht immer handeln sie undankbar gegen uns. Wir geben ihnen zuweilen
+eine ganz andre Art von Erziehung, als für ihre Lage taugt, und dadurch
+gerade machen wir sie unzufrieden mit ihrem Zustande, statt ihr Glück
+zu bauen; oder wir behandeln sie, wenn sie schon erwachsen sind, noch
+immer wie Kinder. Der Freiheitstrieb ist allen Geschöpfen von der Natur
+eingeprägt; sie glauben, sich einem Joche zu entziehen, wenn sie von
+uns gehen, glauben unserer nicht mehr zu bedürfen, sich selbst rathen
+und regieren zu können. Vielfältig aber reuet es solche Menschen in
+der Folge, uns verlassen zu haben, wenn sie erst den Unterschied unter
+einem ~Herrn~ und einem ~Hausvater~ erfahren, und richtige Begriffe
+von wahrer Freiheit erhalten. Das Fremde, das man nicht kennt, sieht
+immer besser aus, als das gewöhnte, auch noch so Gute. Auf Erfolg und
+Dankbarkeit soll man übrigens in dieser Welt nie rechnen, sondern das
+Gute bloß aus Liebe zum Guten thun. Nicht alle Mühe aber ist verloren,
+die verloren zu seyn scheint, und die Wirkungen einer guten Erziehung
+äussern sich oft erst spät nachher. Es ist auch süß, für Andre zu
+pflanzen, und dagegen ein gemeines Verdienst, Früchte zu ziehen, die
+man selbst genießt.
+
+
+ 6.
+
+Ein Hausvater hat das Recht, sein Gesinde ernstlich zur
+Pflicht-Erfüllung anzuhalten; allein nie soll er sich durch Hitze
+verleiten lassen, erwachsene Dienstboten mit groben Schimpfwörtern,
+oder gar mit Schlägen zu behandeln. Ein edler Mann mag nur Kraft gegen
+Kraft setzen; nie wird er Den mißhandeln, der sich nicht wehren darf.
+
+Fast noch härter ist es, den armen Dienstboten, wegen kleiner
+Unachtsamkeiten, z. B. wenn sie etwas zerbrochen haben, einen Theil
+ihres sparsamen Lohns zu entziehen. Besser ist es, seinen Dienstboten
+so viel Zutrauen einzuflößen, daß sie selbst es sogleich anzeigen, wenn
+durch ihre Schuld etwas im Hause verloren gegangen oder zerbrochen ist,
+und dann ersetze man das fehlende Stück ohne Anstand wieder, lasse sein
+häusliches Inventarium nie verringert werden. Ist von einem Dutzend
+Tassen, Teller, Gläser oder dgl. erst ~ein~ Stück fort: so wird nicht
+mehr auf die übrigen so viel Sorgfalt verwendet, und bald sind sie alle
+verschwunden, da man denn in einen vollen Beutel greifen muß.
+
+
+ 7.
+
+Fremden Bedienten soll man in aller Rücksicht höflich und liebreich
+begegnen, denn in Betracht Unsrer sind sie freie Leute, oder wir dürfen
+selbst uns nicht frei nennen, wenn wir Fürsten dienen. Dazu kömmt, daß
+manche Bediente sehr viel Einfluß auf ihre Herrschaften haben, daß die
+Stimme der Menschen aus niedrigen Klassen oft sehr entscheidend für
+unsern Ruf werden kann, und endlich, daß diese Klasse es sehr viel
+genauer damit zu nehmen pflegt, sich leichter beleidigt glaubt, als
+Personen, welche die Grundsätze einer feinen Erziehung über elende
+Kleinigkeiten hinaussetzt.
+
+
+ 8.
+
+Es wird hier nicht am unrechten Orte stehen, wenn ich die Warnung
+hinzufüge, sich vor Geschwätzigkeit und Vertraulichkeit in dem Umgange
+mit Haarkräuslern, Bartscheerern und Putzmacherinnen zu hüten. Dies
+Volk -- doch gibt es auch da Ausnahmen -- ist sehr geneigt, aus
+einem Hause in das andre zu tragen, Intriguen, Ränke, Klatschereien
+anzuspinnen, und sich zu allerlei unedlen Diensten gebrauchen zu
+lassen. Am besten ist es, sich mit ihnen auf einen ernsthaften Fuß zu
+setzen.
+
+
+ 9.
+
+Das Gesinde pflegt kleine Veruntreuungen in Eß-Waaren, Kaffee, Zucker
+u. dgl. für keinen Diebstahl zu halten. So unrecht dieß ist, so bleibt
+es doch darum nicht weniger die Pflicht der Herrschaften, ihren
+Domestiken die Gelegenheit zu benehmen, dergleichen Unredlichkeiten
+sich schuldig zu machen. Zwei Dinge sind hierbei am wirksamsten:
+zuerst, daß die Herrschaften mit dem Beispiel der Mäßigkeit und
+Selbstbeherrschung vorangehen, und dann, daß sie von Zeit zu Zeit durch
+freiwillige Darreichung solcher Bissen, welche die Lüsternheit reizen
+könnten, die Versuchung verhüten.
+
+
+ 10.
+
+Und nun sollte ich auch etwas von dem Betragen des Dieners gegen den
+Herrn reden. Hier nur so viel über diesen Gegenstand: Wer dient, der
+erfülle treu die Pflichten, zu welchen er sich verbindlich gemacht
+hat; er thue darin lieber zu viel, als zu wenig; den Vortheil seines
+Herrn sehe er wie seinen eignen an; er handle immer so offenbar, und
+führe seine Geschäfte mit solcher Ordnung, daß es ihm zu keiner Zeit
+schwer fallen könne, Rechenschaft von seinem Haushalte abzulegen; er
+mißbrauche nie das Zutrauen, die Vertraulichkeit seines Herrn; er
+decke nie die Fehler Dessen auf, dessen Brod er ißt; er lasse sich
+nicht verleiten, weder im Scherze, noch im Unwillen, die Gränzen
+der Ehrerbietung zu überschreiten, die er Dem schuldig ist, dem das
+Schicksal ihn unterwürfig gemacht hat; allein er betrage sich auch
+immer mit einer solchen Würde, daß es dem Obern nie einfallen könne,
+ihm mit Verachtung zu begegnen, oder unedle Dienste zuzumuthen, sondern
+daß dieser seinen Werth, als den eines Menschen, fühle, und, wenn er
+einer guten Empfindung fähig ist, des Abstandes ungeachtet, den die
+bürgerliche Verfassung zwischen ihnen gesetzt hat, ihm dennoch seine
+Hochachtung nicht versagen könne! Er lasse sich nicht durch blendende
+Aussenseiten bewegen, seinen Zustand zu verändern, sondern überlege,
+daß jede Lage ihre Ungemächlichkeiten hat, die man in der Ferne nicht
+wahrnimmt! Hat er bei diesem redlichen und vorsichtigen Betragen
+dennoch das Unglück, einem undankbaren, harten, ungerechten Herrn
+zu dienen: so ertrage er, wenn sanfte Vorstellungen nichts helfen,
+geduldig, ohne Geschwätz und ohne Murren, die lieblose Behandlung,
+so lange er sich dieser Lage nicht entziehen kann. Kann er aber, so
+trete er in ein anderes Verhältniß, schweige nachher über das, was
+ihm begegnet ist, und enthalte sich aller Rache, aller Lästerung,
+aller Plauderei! Doch können Fälle eintreten, wo seine gekränkte Ehre
+eine öffentliche oder gerichtliche Rechtfertigung gegen den mächtigen
+Unterdrücker fordert, und dann trete er ohne Winkelzüge, kühn und fest,
+voll Zuversicht auf die Güte seiner Sache, auf Gottes und der Menschen
+Gerechtigkeit, hervor, und lasse sich weder durch Menschenfurcht, noch
+durch Armuth abschrecken, seinen Ruf zu retten, wenn auch der stärkere
+Bösewicht ihm alles Uebrige rauben kann!
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel.
+
+ Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns in
+ demselben Hause wohnen.
+
+
+ 1.
+
+Wenn wir in der Ordnung von den ersten und natürlichsten Verhältnissen
+ausgehen, und immer von den einfachen zu den zusammengesetztern
+fortschreiten: so denken wir, nach den bis dahin betrachteten
+Verhältnissen, nun zuerst an die Verbindung mit Nachbarn und
+Hausgenossen.
+
+Unsre neuere Philosophie überspringt zwar diese engen Verhältnisse;
+allein ich bin dazu noch nicht aufgeklärt genug, und schreibe also aus
+Ueberzeugung den Satz hin: »Nächst den Personen Deiner Familie, bist
+Du am ersten Deinen Nachbarn und Hausgenossen Rath, That und Hülfe
+schuldig.« Es ist sehr süß, sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, wenn
+man mit lieben, wackern Nachbarn eines zwanglosen, freundschaftlichen
+und vertraulichen Umgangs pflegen darf. Es kommen im menschlichen Leben
+so manche Fälle, wo augenblickliche kleine Hülfe uns Wohlthat ist, wo
+wir uns zur Erholung von ernsthaften Arbeiten, wenn Sorgen uns drücken,
+nach der Gegenwart eines guten Menschen sehnen, den wir nicht erst
+weit zu suchen brauchen; -- also vernachlässige man seine Nachbarn
+nicht, wenn sie irgend von geselliger, wohlwollender Gemüthsart sind!
+In großen Städten gehört es leider zum guten Tone, nicht einmal zu
+wissen, wer mit uns in demselben Hause wohne. Das finde ich sehr
+abgeschmackt, und ich weiß nicht, was mich bewegen sollte, eine halbe
+Meile weit zu fahren, wenn ich die Unterhaltung, oder die Langeweile,
+welcher ich nachrenne, eben so gut zu Hause finden könnte, oder um
+einen Freundschafts-Dienst die ganze Stadt zu durchjagen, wenn neben
+mir an ein Mensch wohnt, der mir denselben gern erzeigen würde, in
+so fern ich mir seine Freundschaft und sein Zutrauen erworben hätte.
+Schämen würde ich mich, wenn es der Fall wäre, daß die Miethkutscher
+und Straßenbuben mich besser, als meine Nachbarn kennten.
+
+
+ 2.
+
+Kaum bedarf es der Bemerkung, daß man sich hüten müsse, sowohl sich
+denen aufzudringen, die uns als Hausgenossen nicht ausweichen können,
+wie auch besonders, ihre Handlungen auszuspähen, uns in ihre häuslichen
+Angelegenheiten zu mischen, ihren Schritten nachzuspüren, und ihre
+Schwachheiten oder Fehltritte unter die Leute zu bringen. Da vor
+Allen das Gesinde hierzu sehr geneigt zu seyn pflegt: so soll man
+seine Dienstleute davon abzuhalten, und den Geist der Klatscherei aus
+seinem Hause zu verbannen suchen. Die Aufgabe ist schwer, aber nicht
+unauflöslich.
+
+
+ 3.
+
+Es giebt kleine Gefälligkeiten, die man Denen schuldig ist, mit welchen
+man in demselben Hause, oder denen man gegenüber wohnt, oder deren
+Nachbar man ist, -- Gefälligkeiten, die an sich gering sind, doch aber
+dazu dienen, Frieden zu erhalten, uns beliebt zu machen, und die man
+deswegen nicht verabsäumen soll. Dahin gehört: daß man Poltern, Lärmen,
+spätes Thür-Zuschlagen im Hause vermeide, Andern nicht in die Fenster
+gaffe, nichts in fremde Höfe oder Gärten schütte, und dergleichen mehr.
+
+
+ 4.
+
+Manche Menschen denken so wenig fein, daß sie glauben, gemiethete
+Häuser, Gärten und Hausgeräthe brauchten gar nicht geschont zu werden,
+und es sey bei Bestimmung der Mieths-Summe schon auf die Abnutzung
+und Verwüstung mit gerechnet worden. Ohne zu erwähnen, daß dieß
+wenigstens nicht immer der Fall ist, so denke ich auch: ein Mann, der
+Erziehung hat, kann kein Vergnügen daran finden, muthwilliger Weise
+etwas zu verderben, das nicht sein ist, wodurch er jemand betrübt,
+und sich verhaßt macht. Es wird sehr bald bekannt, wenn man pünktlich
+im Bezahlen, höflich und gefällig, dabei ordentlich und reinlich
+ist, und man wird dann lieber und um billigern Preis zum Miethsmanne
+aufgenommen, als mancher viel Vornehmere und Reichere.
+
+
+ 5.
+
+Wenn unter Leuten, die zusammen in demselben Hause wohnen, oder sonst
+täglich mit einander leben müssen, Verstimmungen oder Mißverständnisse
+entstehen: so thut man wohl, die Erläuterung zu beschleunigen; denn
+nichts ist peinlicher, als mit Personen unter einem Dache zu leben,
+gegen die man einen Widerwillen hegt.
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel.
+
+ Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast.
+
+
+ 1.
+
+In alten Zeiten hatte man hohe Begriffe von den Rechten der
+Gastfreundschaft. Noch pflegen diese Begriffe in Ländern und
+Provinzen, die weniger bevölkert sind, oder wo einfachere Sitten bei
+weniger Reichthum, Luxus und Weichlichkeit herrschen, so wie auf dem
+Lande, in Ausübung gebracht, und die Rechte der Gastfreundschaft
+heilig gehalten zu werden. In unsern glänzenden Städten hingegen,
+wo nach und nach der Ton der feinen Lebensart allen Biedersinn zu
+verdrängen anfängt, gehören die Gesetze der Gastfreundschaft nur
+zu den Höflichkeits-Regeln, die Jeder nach seiner Lage und nach
+seinem Gefallen mehr oder weniger anerkennt und befolgt. Auch ist
+es wahrlich zu verzeihen, wenn man, bei immer zunehmendem Luxus,
+und dem mannigfaltigen Mißbrauche, den man in unsern Zeiten von der
+Gutherzigkeit der Menschen macht, vorsichtig in Erzeigung solcher
+Gefälligkeiten wird, und wenn man genauere Rücksprache mit seinem
+Geldbeutel nimmt, bevor man jedem Müßiggänger und freundlichen
+Schmarotzer Haus, Küche und Keller öffnet. Wer hierin aus thörichter
+Eitelkeit zu viel thut, betrügt zugleich sich und Andre: sich, indem er
+ein Vermögen verschwendet, das er besser anwenden könnte; und Andre,
+indem er, unter dem Titel von Gastfreundschaft, nur seinen Hang zur
+Prahlerei befriedigt. Von der Gastfreundschaft der Großen und Reichen
+rede ich gar nicht; Langeweile, Eitelkeit und Prachtliebe ordnen da
+alles auf's Beste, und Der, welcher gibt, weiß, sowohl wie Der, welcher
+empfängt, auf welche Rechnung er dieß zu schreiben, und wie er sich
+dabei zu betragen habe. Aber für die Gastfreundschaft unter Personen
+vom mittlern Stande will ich doch einige allgemeine Regeln geben.
+
+
+ 2.
+
+Man reiche das Wenige, was man der Gastfreundschaft opfern kann, in
+gehörigem Maaße, mit guter Art, mit treuem Herzen und mit freundlichem
+Gesichte dar! Man suche bei Bewirthung eines Fremden oder eines
+Freundes weniger Glanz, als Ordnung und guten Willen zu zeigen;
+fremde Reisende kann man sich vorzüglich durch gastfreundschaftliche
+Aufnahme verpflichten. Es kömmt ihnen nicht auf eine köstliche freie
+Mahlzeit, aber darauf kömmt es ihnen an, daß sie Eingang in guten
+Häusern, und dadurch Gelegenheit erhalten, sich über Gegenstände zu
+unterrichten, die zu dem Zwecke ihrer Reise gehören. Gastfreundschaft
+gegen Fremde ist desfalls sehr zu empfehlen. Man sehe nicht verlegen
+aus, wenn uns unerwartet ein Besuch überrascht! Nichts ist einem
+Reisenden unangenehmer und peinlicher, als wenn er merkt, daß es
+dem Manne, der ihn bewirthet, sauer wird, daß er ungern und nur aus
+Höflichkeit hergibt, oder daß er mehr Aufwand dabei verschwendet, als
+seine Umstände leiden; wenn er ohne Unterlaß seiner Frau oder seinen
+Bedienten in die Ohren flüstert, oder mit ihnen zankt, sobald eine
+Schüssel unrecht gestellt, oder etwas vergessen worden ist; wenn er
+selbst im Hause herumläuft, alles anordnet und also an der Unterhaltung
+gar nicht Theil nimmt; wenn der Mann zwar gern gibt, die Frau hingegen
+dem armen Gast jeden Bissen in den Mund zählt; wenn so wenig in den
+Schüsseln liegt, daß Der, welcher vorlegt, unmöglich herumreichen
+kann; wenn der Wirth und die Wirthin ungestüm zum Essen und Trinken
+nöthigen, oder auf eine Weise geben, die zu sagen scheint; »Es ist nun
+einmal angeschafft; also füllet Euch den Bauch voll! Werdet recht satt,
+so habt Ihr auf lange Zeit genug, und brauchet so bald nicht wieder zu
+kommen!« endlich, wenn man Zeuge von Familienzwist und der Unordnung,
+die im Hause herrscht, seyn muß. Mit Einem Worte: es gibt eine Art,
+Gastfreundschaft zu erweisen, die dem Wenigen, das man darreicht, einen
+höhern Werth gibt, als die üppigsten Schmausereien. Vieles trägt hierzu
+die Unterhaltung bei. Man muß daher die Kunst verstehen, mit seinen
+Gästen nur von solchen Dingen zu reden, die sie gern hören; in einem
+größern Kreise solche Gespräche zu führen, woran Alle mit Vergnügen
+Theil nehmen und sich dabei in vortheilhaftem Lichte zeigen können.
+Der Blöde muß ermuntert, der Traurige aufgeheitert werden. Jeder Gast
+muß Gelegenheit bekommen, von etwas zu reden, wovon er gern redet.
+Weltklugheit und Menschenkenntniß müssen hier in den besondern Fällen
+zum Leitfaden dienen. Man muß nichts als Auge und Ohr seyn, ohne daß
+dieß mühsam aussehe, ohne daß man Anstrengung wahrnehme, oder einen
+Zwang, den man sich anthut, um zu zeigen, man wisse zu leben. Man bitte
+nicht Menschen zusammen, oder setze solche an Tafeln neben einander,
+die sich fremd, oder gar feind sind, sich nicht verstehen, nicht zu
+einander passen, sich Langeweile machen! Alle diese Aufmerksamkeiten
+aber müssen auf eine solche Art erwiesen werden, daß sie nicht mehr
+Zwang auflegen, als sie Wohlthat für den Gast sind. Haben die Bedienten
+aus Versehen den unrechten Mann, oder haben sie einen Gast auf den
+unrechten Tag gebeten; so muß der Fremde doch nicht merken, daß er uns
+unerwartet kommt, wenigstens nicht, daß er uns in Verlegenheit setzt,
+uns unwillkommen ist.
+
+Manche Menschen unterhalten sich und Andere am besten, wenn man sie
+zu großen Gesellschaften bittet; Andre muß man, wenn sie glänzen,
+oder sich an ihrem Platze finden sollen, ganz allein, oder nur zu
+einem kleinen Familienmahl einladen: auf dies alles muß man Acht
+haben. Jeder, der auf kurze oder lange Zeit in Deinem Hause ist, und
+wäre er Dein ärgster Feind, muß daselbst von Die gegen alle Arten von
+Beleidigung und Verfolgungen Andrer, so viel an Dir ist, geschützt
+seyn! Es müsse Jeder unter unserm Dache sich so frei wie unter
+seinem eignen fühlen; man lasse ihn seinen Gang gehen, renne ihm
+nicht in jeden Winkel nach, wenn er vielleicht allein seyn will, und
+verlange nicht von ihm, daß er für die Bewirthung alle Unkosten der
+Unterhaltung allein tragen, durch Kurzweil ergötzen, und dadurch seine
+Zeche bezahlen solle; endlich lasse man nicht nach in Gefälligkeit
+und Bewirthung, wenn der Freund sich längre, vielleicht, ein wenig
+unbescheiden, zu lange Zeit bei uns aufhält, sondern erzeige ihm gleich
+in den ersten Tagen nicht mehr und nicht weniger, als man in der Folge
+fortsetzen kann!
+
+
+ 3.
+
+Der Gast aber hat gegen den Wirth auch gegenseitig Rücksichten zu
+nehmen. Ein altes Sprichwort sagt: »Ein Fisch und ein Gast halten sich
+beide nicht gut länger, als drei Tage im Hause.« Diese Vorschrift
+leidet nun wohl glücklicher Weise manche Ausnahmen; allein so viel
+Wahres steckt doch darin, daß man sich niemand aufdringen, und
+Ueberlegung genug haben soll, zu bemerken, ~wie lange~ unsre Gegenwart
+in einem Hause angenehm, und für niemand eine Bürde ist. Nicht immer
+ist man so aufgelegt, nicht immer in seinen häuslichen Angelegenheiten
+so eingerichtet, daß man gern Gäste bei sich sieht, oder lange
+beherbergt. Bei Leuten, die nicht auf einen sehr großen Fuß leben, soll
+man daher nicht leicht unvermuthet kommen, oder sich selbst einladen.
+Dem Manne, der uns Gastfreundschaft erweiset, sollen wir, zum Lohne
+seiner Güte, so wenig Last wie möglich machen. Hat der Wirth mit seinen
+Leuten zu reden, oder sonst häusliche Geschäfte: so schleiche man ruhig
+davon, bis er fertig ist. Der bescheidene Gast wird ruhig und still
+sich nach den Sitten des Hauses richten, den Ton der Familie annehmen,
+als wenn er ein Glied derselben wäre, wenig Aufwartung fordern,
+genügsam seyn, sich nicht in häusliche Angelegenheiten mischen, nicht
+durch böse Launen den Ton verstimmen, und wenn es, seiner Meinung nach,
+irgendwo in der Bewirthung gemangelt hat, nicht undankbar und unedel
+hinter dem Rücken her darüber, oder über das, was er sonst etwa in dem
+Hause gesehen hat, seinen Spott treiben.
+
+
+ 4.
+
+Es gibt aber auch Menschen, die einen so gewaltig hohen Werth auf
+die Gastfreundschaft setzen, welche sie uns erweisen, daß sie dafür
+gelobt, geschmeichelt, bedient, häufig besucht, und wer weiß was sonst
+alles seyn wollen. Das ist nun freilich nicht billig. Ein mäßiger Mann
+verlangt doch nicht mehr, als sich satt zu essen, und das kann er ja
+leicht um geringern Preis. Das Mehr oder Weniger ist so viel nicht
+werth, und ich halte wahrhaftig meine Gesellschaft und meine verlorne
+Zeit eben so theuer, wie Ihre Hochmögenden Dero Pasteten und Braten.
+
+
+
+
+ Zehntes Kapitel.
+
+ Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten
+ empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern,
+ Gläubigern und Schuldnern.
+
+
+ 1.
+
+Die Dankbarkeit ist eine der heiligsten Tugenden. Wer Dir Gutes gethan
+hat, den ehre! Danke ihm nicht nur mit Worten, die ihm die Wärme Deiner
+Erkenntlichkeit zeigen, sondern suche auch jede Gelegenheit auf, wo
+Du ihm wieder dienen und nützlich werden kannst! Fehlt Dir aber dazu
+die Veranlassung, so entfalte ihm wenigstens durch ein auszeichnend
+ehrendes und theilnehmendes Betragen Dein dankbares Herz! Du darfst
+nicht gerade dies Betragen pünktlich nach der Größe der Wohlthat
+abmessen, die Du empfangen hast, sondern nach dem Grade des guten
+Willens, den Dein Wohlthäter Dir gezeigt hat! Höre auch ~dann~ nicht
+auf, dankbar gegen ihn zu seyn, wenn Du seiner nicht mehr bedarfst,
+oder wenn Unglücksfälle ihn von seiner Höhe herabgestürzt, ihn seines
+Glanzes beraubt haben!
+
+
+ 2.
+
+Nie aber laß Dich zu niederträchtiger Schmeichelei herab, um entweder
+Wohlthaten zu erschleichen, oder für den empfangnen Schutz auf unedle
+Weise Dich zum Sclaven eines schlechten Mannes zu machen! Wo Pflicht
+und Rechtschaffenheit es fordern, da müsse Dein Mund nie zum Unrechte
+schweigen, und keine Art von Bestechung die Stimme der Wahrheit zum
+Schweigen bringen! Du bezahlst reichlich die Wohlthat, wenn Du dafür
+die Pflichten eines ächten Freundes erfüllst, und, selbst mit Gefahr,
+den Schutz zu verlieren und für undankbar gehalten zu werden, dem
+Wohlthäter sagst, was ihm nöthig und heilsam zu hören ist. Eben
+so wenig leide, daß jemand sich's zum Verdienste anrechnet, daß er
+Dich bis jetzt hochgeschätzt, Dich bei Andern gelobt und vertheidigt
+habe! Warst Du dessen würdig, so erfüllte er eine Pflicht, die man
+auch seinen Feinden nicht versagen darf, wo nicht, so hat er nicht
+gehandelt, wie ein gerechter und verständiger Mann, selbst in Rücksicht
+seiner Freunde, handeln soll.
+
+
+ 3.
+
+Es ist eine unangenehme Lage, wenn man jemand, dem man viel
+Verbindlichkeit schuldig ist, nachher von einer schlechten Seite
+kennen lernt. Dieser Verlegenheit weicht man nun freilich aus, wenn
+man so wenig wie möglich Wohlthaten annimmt. Allein nicht immer läßt
+sich das thun; und wenn man dann wirklich in die Verlegenheit kommt,
+einem schlechten Menschen auf diese Art verpflichtet zu werden: so
+rathe ich an, ihn wenigstens mit so viel Schonung zu behandeln, als
+nur immer mit Redlichkeit und weiser Wahrheitsliebe bestehen kann, und
+von seiner Schlechtigkeit zu schweigen; doch nur, in so fern Schweigen
+nicht Verbrechen gegen die öffentliche Wohlfahrt ist; -- denn in diesem
+letztern Falle muß alle Rücksicht aufhören. So wie aber unter den
+Menschen, welche Wohlthaten erzeigen: so ist auch ein Unterschied unter
+den Wohlthaten selbst. Es gibt unbedeutende Gefälligkeiten, die man
+ohne Furcht, auch von den schlechtesten Leuten annehmen kann. Es ist
+dann ~ihre~ Schuld, wenn sie dieselben höher anrechnen, als sie werth
+sind. In andern Fällen hingegen, besonders wenn man empfangene Dienste
+nicht erwiedern kann, ist es klug und edel, sie lieber nicht anzunehmen.
+
+
+ 4.
+
+Die Art, ~wie~ man Wohlthaten erzeigt, ist oft mehr werth, als
+die Handlung selbst. Man kann durch dieselbe den Preis jeder Gabe
+erhöhen, so wie von der andern Seite ihr alles Verdienst rauben.
+Wenig Menschen verstehen diese Kunst; nur die Edlen und Gefühlvollen
+wissen sie meisterhaft auszuüben, und zugleich dem dankbaren Herzen
+die Gelegenheit, sich erkenntlich zu beweisen, nicht zu verkümmern.
+~Der~ gibt doppelt, der ~gleich~, zu rechter Zeit, ungebeten und mit
+Freuden gibt. Gib gern! Es ist seliger Genuß, es ist Wohlthat, geben,
+zur Freude Andrer etwas beitragen zu dürfen. Gib also gern, aber
+verschwende nicht Deine Wohlthaten! Sey dienstfertig, bereitwillig;
+aber dringe niemanden Deine Dienste auf! Rechne nicht, ob es erkannt
+und belohnt werden wird! Brauche doppelte Schonung im Umgange mit
+Denen, welchen Du Gutes erwiesen, aus Furcht, sie mögten argwöhnen,
+Du wolltest Dich für Deine Mühe bezahlt machen, sie Dein Uebergewicht
+fühlen lassen, Dir größere Freiheit gegen sie erlauben, weil sie aus
+Dankbarkeit schweigen müssen! Oft ist es edler und zarter gehandelt,
+von Dem keine Gegen-Gefälligkeiten anzunehmen, dem wir Wohlthaten
+erzeigt haben; oft hingegen ist es edler, ihm Gelegenheiten zu
+geben, uns durch kleine Dienste, die man ihm hoch anrechnen kann,
+für große gleichsam zu bezahlen, damit keine zu schwere Last von
+Verbindlichkeiten auf ihm zu liegen scheine. Weise nicht die Bittenden
+von Deiner Thür zurück! Wenn Dich jemand um Rath, Hülfe, Wohlthat
+anspricht: so höre ihm freundlich, theilnehmend und aufmerksam zu!
+Laß ihn ausreden, Dir seine Sache vorstellen, ohne ihm in die Rede zu
+fallen, denn dem Unglücklichen thut es sehr wohl, wenn er nur sein Herz
+ausschütten kann.
+
+
+ 5.
+
+Keine Wohlthat ist größer, als die des Unterrichts und der Bildung.
+Wer jemals etwas dazu beigetragen hat, uns zu weisern, bessern und
+glücklichern Menschen zu machen, der müsse unsers wärmsten Danks
+lebenslang gewiß seyn können! Hat er dabei nicht alles geleistet, was
+wir jetzt, bei reifern Jahren, bei weitern Fortschritten in der Kultur,
+von einem Lehrer und Erzieher fordern würden: so sollen wir doch nicht
+unerkenntlich gegen das seyn, was wir von ihm empfangen haben.
+
+Ueberhaupt verdienen ja Diejenigen wohl mit vorzüglicher
+Achtung behandelt zu werden, die sich redlich dem wichtigen
+Erziehungs-Geschäfte widmen. Es ist wahrlich eine höchst schwere
+Arbeit, Menschen zu bilden: -- eine Arbeit, die sich nie mit Gelde
+bezahlen läßt. Der geringste Dorf-Schulmeister, wenn er seine Pflichten
+treulich erfüllt, ist eine wichtigere und nützlichere Person im Staate,
+als der Finanz-Minister; und da sein Gehalt gewöhnlich sparsam genug
+abgemessen ist: was kann da billiger seyn, als daß man diesem Mann
+wenigstens durch hinreichendes Auskommen, und einige Ehrenbezeigung das
+Leben süß, und das Joch erträglich zu machen suche? Schämen sollten
+sich die Menschen, die den Erzieher ihrer Kinder wie eine Art von
+Dienstboten behandeln! Mögten sie nur bedenken (wenn sie auch nicht
+fühlen können, wie unedel dies Betragen an sich schon ist), welchen
+nachtheiligen Einfluß dieß auf die Bildung der Jugend hat! Es kann mir
+durch die Seele gehen, wenn ich den Hofmeister in manchem adelichen
+Hause demüthig und stumm an der Tafel seiner gnädigen Herrschaft sitzen
+sehe, wo er es nicht wagt, sich in irgend ein Gespräch zu mischen,
+sich auf irgend eine Weise der übrigen Gesellschaft gleich zu stellen,
+-- wenn sogar den ihm untergebenen Kindern von Eltern, Fremden und
+Bedienten der Rang vor ihm gegeben wird, -- vor ihm, der, wenn er
+seinen Platz ganz erfüllt, als der größte Wohlthäter der Familie
+angesehen werden sollte. -- Es ist wahr, daß es unter den Männern
+dieser Art hie und da solche gibt, die eine so traurige Figur ausser
+ihrer Studirstube spielen, daß man nicht wohl auf einem bessern Fuß
+mit ihnen umgehen kann; allein das widerlegt nicht dasjenige, was ich
+von der Achtung gesagt habe, die man diesem Stande schuldig ist. --
+Wehe ~den~ Eltern, die ihre Kinder solchen ~selbst~ nicht erzogenen
+Miethlingen anvertrauen!
+
+Hast Du aber einen edlen Freund gefunden, der sich der Erziehung Deines
+Sohnes annimmt: so ist es auch nicht genug, daß Du ihm ausgezeichnet
+freundlich, ehrenvoll und dankbar begegnest; Du mußt ihm auch freie
+Macht lassen, ohne Widerspruch seinen Erziehungsplan durchzusetzen; und
+von ~dem~ Augenblicke an, da Du Dein Kind seiner Leitung übergibst,
+hast Du den wichtigsten Theil Deiner väterlichen Rechte auf ihn
+übertragen. -- Doch dies alles gehört mehr in ein Werk über Erziehung,
+als daß hier der Ort wäre, weitläuftig davon zu handeln. Ich schweige
+daher auch von dem Betragen der Lehrer und Hofmeister im Umgange mit
+ihren Untergebenen, und eile weiter.
+
+
+ 6.
+
+Ueber den Umgang mit Schuldnern und Gläubigern habe ich wenig zu sagen.
+Man sey menschlich, billig und höflich gegen die Erstern! Man glaube
+nicht, daß jemand, der uns Geld schuldig ist, deswegen unser Sclave
+geworden sey, daß er sich alle Arten Demüthigungen von uns müsse
+gefallen lassen, daß er uns nichts abschlagen dürfe, noch überhaupt,
+daß der elende Bettel, der Mammon, einen Menschen berechtigen könne,
+sein Haupt über den andern emporzuheben! Seine Gläubiger bezahle man
+pünktlich, und halte sein Wort treulich! Man verwechsele nicht den
+ehrlichen Mann, der von billigen Zinsen leben muß, mit dem jüdischen
+Wucherer: so wird man immer Kredit haben, und, wenn man in Verlegenheit
+sich befindet, billige Menschen antreffen, die uns, ohne ihren Schaden,
+aus der Noth helfen.
+
+
+
+
+ Eilftes Kapitel.
+
+ Ueber das Betragen gegen Leute, in allerlei besondern Verhältnissen
+ und Lagen.
+
+
+ 1.
+
+Zuerst über die Aufführung gegen unsre ~Feinde~! Man kränke niemand
+vorsätzlich; man sey wohlwollend, dienstfertig, verständig, vorsichtig,
+gerade und ohne Winkelzüge in allen Handlungen; man erlaube sich keinen
+Schritt zum Nachtheil eines Andern; man zerstöre keines Menschen
+Glückseligkeit; man verläumde niemand; man verschweige selbst das
+wirkliche Böse, das man von seinem Mitmenschen weiß, wenn man nicht
+entschiednen Beruf hat, oder das Wohl Andrer es bestimmt erfordert,
+darüber zu reden: so wird man -- etwa keine Feinde haben? -- das sage
+ich nicht; aber man wird, wenn uns dennoch Neid und Bosheit verfolgen,
+wenigstens die Beruhigung empfinden, keine Veranlassung zur Feindschaft
+gegeben zu haben.
+
+Es steht nicht immer in unsrer Willkühr, geliebt, aber es hängt immer
+von uns ab, geachtet zu werden. Allgemeiner Beifall, allgemeines Lob
+sind eben so zweideutige, als entbehrliche Merkmale des persönlichen
+Werthes; allgemeine Achtung können selbst die Schurken dem Redlichen
+und Weisen in ihren Herzen nicht versagen, und der warmen Freunde
+bedarf man etwa nur drei in der Welt, um glücklich zu seyn.
+
+Will man ohne Zwang und Unruhe in dem Umgange mit Menschen leben,
+so muß man es nicht darauf anlegen, oder für wünschenswerth halten,
+von allen Menschen für gut und weise gehalten zu werden. Je mehr
+hervorleuchtende edle Eigenschaften aber ein Mann hat, um desto
+gewisser kann er darauf rechnen, von der Scheelsucht schwacher und
+schlechter Menschen Manches ertragen zu müssen; und Die, welche
+die allgemeine Stimme des Pöbels aller Klassen für sich haben, sind
+mehrentheils die mittelmäßigsten Leute, Leute ohne Charakter, oder
+niedrige Schmeichler und Heuchler. Es ist wahrlich nicht schwer,
+Menschen zu gewinnen, auch die zu gewinnen, welche am heftigsten
+gegen uns eingenommen waren, und das oft durch ein einziges Gespräch
+unter vier Augen, wenn man ihre schwache Seite studirt hat, und es
+recht darauf anlegt. Allein das ist eine elende, des redlichen Mannes
+unwürdige Kunst, -- und was kümmert es mich am Ende, ob Menschen, die
+mein Herz nicht kennen, -- ja, die mich nie gesehen haben, durch die
+Geschwätze irgend eines alten Weibes gegen mich eingenommen sind, oder
+nicht?
+
+Klage aber nie über Verfolgung und Feinde, wenn Du nicht Lust hast,
+die Anzahl der letztern zu vermehren; es schleicht immer eine Anzahl
+furchtsamer, niederträchtiger Geschöpfe umher, die nicht den Muth
+haben, gegen einen Mann von Würde sich öffentlich zu erklären, die
+aber sich augenblicklich an Dich wagen, sobald sie Dich hülflos, scheu
+und niedergeschlagen erblicken; und diese, so unbedeutend sie Dir auch
+scheinen mögten, können mit ihren Neckereien Dir tausendfältigen Kummer
+machen. Der feste Mann muß sich selbst schützen. Zeige Zuversicht zu
+Dir selber, so wirst Du ganze Heere von Schelmen im Zaume halten!
+Zudem ist des Kämpfens in der Welt so viel: jeder gute Mann hat mit
+seinen eignen Angelegenheiten genug zu thun, so daß es vergebens ist,
+Alliirte zu suchen, weil diese bei der ersten Gelegenheit, wo es eigne
+Sicherheit gilt, davon laufen. Der Mann, welcher sich stellt, als merke
+er nicht einmal, daß man ihn verfolgt, der von Zeit zu Zeit sagt:
+»Gottlob! mir geht es gut; ich habe Freunde;« wird für einen mächtigen
+Bundesgenossen gehalten, dessen man schonen müsse; dahingegen über den
+Verlassenen Jeder herfällt.
+
+Willst Du Dich der Ueberlegenheit erfreuen, wenn Du beleidigt wirst,
+so werde nie hitzig oder grob gegen Deine Feinde, weder in Gesprächen,
+noch Schriften. Und wenn böser Wille und Leidenschaft, wie es
+mehrentheils geschieht, bei ihnen im Spiele sind: so laß Dich auf
+keine Art von Erläuterung ein! Schlechte Leute werden am besten durch
+Verachtung bestraft, und Klatschereien am leichtesten widerlegt, wenn
+man sich gar nicht darum bekümmert.
+
+Wenn man daher unschuldig verleumdet, angeklagt, verkannt wird, so
+zeige man Stolz, Fassung und Würde in seinem Betragen: und die Zeit
+wird alles aufklären, oder der Vergessenheit übergeben.
+
+Nicht alle Bösewichter sind unempfindlich gegen eine edle, großmüthige,
+immer gleiche, gerade Behandlung. Mit diesen Waffen also kämpfe man,
+so lange sich's irgend thun läßt, gegen seine Feinde! Sie müssen nicht
+Rache fürchten, sondern den Richterstuhl des Publikums, wenn sie
+fortfahren, einen Mann zu verfolgen, dem niemand seine Ehrerbietung
+versagt.
+
+Wenn aber Dein Stillschweigen bei ihren Ausfällen sie noch kecker
+macht, dann zeige einmal, was Du ~thun könntest~, wenn Du ~wolltest~!
+Aber gebrauche dabei keine Winkelzüge! Vereinige Dich nie mit andern
+schlechten Leuten; mache keine gemeinschaftliche Sache mit ~einem~
+Schelme, um den andern zu bekämpfen; sondern tritt ganz allein, muthig,
+kühn, schnell, gerade und öffentlich gegen sie auf! Es ist unglaublich,
+wie viel ein Einziger, mit einem guten Gewissen und mit edlem Feuer,
+gegen Schaaren von Nichtswürdigen vermag.
+
+Sey nur trotzig gegen mächtige, siegende Feinde! Des Ueberwundnen, des
+Unglücklichen schone, und verschweige alles Unrecht, das er Dir vormals
+zugefügt hat, sobald er ausser Stande ist, Dir ferner zu schaden,
+oder sobald die Stimme des Publikums ihn gerichtet hat! Allein der
+Bösewicht wendet alles an, um es dahin nicht kommen zu lassen; -- das
+Gefühl seiner eignen Ungerechtigkeit wird ein neues Verbrechen für Den,
+welchen er muthwillig gekränkt hat. Doch endlich kömmt alles an den
+Tag, und dann genieße mit Bescheidenheit die Freuden des Triumphs!
+
+Laß Dir nie zweimal die Hand zur Versöhnung reichen! Vergiß dann alle
+Beleidigungen, solltest Du auch fürchten müssen, daß dein Beleidiger
+bei der ersten Gelegenheit die Feindseligkeit erneuern wird! Sey zwar
+auf Deiner Hut; aber zeige kein Mißtrauen! Es ist besser, unschuldiger
+Weise zum zweitenmal beleidigt werden, als ein einzigmal den Mann, dem
+es mit seiner Rückkehr zu Dir ein Ernst ist, kränken, erbittern, und
+ihm allen Muth nehmen! Aber man muß auch verzeihen können, ~ohne~
+darum gebeten zu werden.
+
+Man hat oft die beste Gelegenheit, die Gemüthsart eines Menschen dann
+kennen zu lernen, wenn er uns beleidigt hat. Man gebe Acht, ob er es
+durch Bitten um Verzeihung wieder gut zu machen sucht? -- und wie? --
+gleich, oder lange nachher? -- öffentlich oder heimlich? -- und warum
+nicht gleich, und vor allen Leuten? -- Aus Starrköpfigkeit, Eitelkeit,
+oder Blödigkeit? -- Oder ob er gar keinen Schritt thut, sondern uns
+laufen läßt, wohl gar mault, und den Gekränkten verdächtig und verhaßt
+zu machen sucht? -- Ob jenes aus Leichtsinn oder Tücke? -- Oder ob er
+den Fehler zu beschönigen sucht, den Gesichtspunkt zu verrücken sucht,
+um Recht zu behalten. -- Schon in den Jahren der Kindheit kann man aus
+diesen Zügen auf den künftigen Charakter schließen.
+
+Uebrigens hat man nicht Unrecht, wenn man behauptet, daß unsre Feinde
+oft, ohne es zu wollen, unsre größten Wohlthäter sind. Sie machen uns
+aufmerksam auf Fehler, die unsre eigne Eitelkeit, und die Nachsicht
+unsrer partheiischen Freunde, und die niedrige Gefälligkeit der
+Schmeichler vor unsern Augen verbergen. Ihre Schmähungen feuern in uns
+den Eifer an, desto sorgsamer den Beifall der Bessern zu verdienen; und
+wenn sie jedem unsrer Schritte auflauren, so lehren sie uns auf unsrer
+Hut seyn, um ihnen keine Blöße zu geben.
+
+Keine Feindschaft pflegt heftiger zu seyn, als die unter entzweieten
+Freunden. Unsre Eitelkeit kömmt da in das Spiel; wir schämen uns,
+das Spielwerk eines Bösewichts gewesen zu seyn; wir wenden alles
+an, um Diesen nun im schlechtesten Lichte zu zeigen, damit wir vor
+der Welt unsre Trennung von ihm rechtfertigen mögen. -- Es ist ein
+trauriger Anblick, zu sehen, wie dann selbst ~edle~ Menschen, wenn sie
+gegen einander aufgebracht sind, sich gegenseitig höchst unedel zu
+verkleinern suchen, um sich gegen sich selber zu rechtfertigen. (S.
+Kap. 6.)
+
+
+ 2.
+
+Wir kommen oft in nicht geringe Verlegenheit, wenn unsre Lage uns
+zwingt, mit ~Leuten~ umzugehen, ~die einander feind sind~, wo man es
+gar leicht mit einer Parthei verdirbt, sobald man mit der andern gut
+steht, oder es mit Beiden verdirbt, wenn man sich ungebeten, oder
+auf unvorsichtige Weise, in diese Händel mischt; ich empfehle dabei
+folgende Vorsichtigkeits-Regeln:
+
+So viel man kann, vermeide man es, mit zwei Partheien umzugehen, die
+mit einander in Zwist leben!
+
+Kann man dieß aber nicht ändern, zum Beispiel, ohne plötzlich ein
+Verhältniß aufzuheben, in welchem man lange Zeit gestanden: so setze
+man sich, wo möglich, auf den Fuß, in die obwaltenden Streitigkeiten
+durchaus nicht eingeflochten zu werden! Man bitte sich's vielmehr aus,
+daß in den Gesprächen diese Sache nie berührt werde! Diese Regel findet
+vorzüglich dann Statt, wenn Menschen, die ehemals vertraute Freunde
+gewesen sind, nun auf einmal in Feindschaft mit einander gerathen.
+Verhalte Dich ganz leidend, wenn dann einer über den andern bei Dir
+klagt! Er mag nun in der ersten Empfindlichkeit ein Wort zu viel gesagt
+haben, und nachher mit seinem Gegentheile wieder einig werden, oder es
+mag in dauernde Feindschaft übergehen: so wird er es doch bei kaltem
+Blute übel nehmen, wenn Du zum Guten oder Bösen gerathen hast.
+
+Kann man aber auch dieß nicht ändern, so enthalte man sich zuerst aller
+feigen und heuchlerischen Zweizüngigkeit! Das heißt: man rede nicht,
+wenn man bei der einen Parthei ist, zum Nachtheile der andern, und
+wiederum zum Tadel jeder, wenn diese es wünschen; sondern, wenn man
+sich durchaus darüber erklären muß, immer so, wie es einem redlichen,
+gerechten Manne zukömmt!
+
+Noch schändlicher aber, als jene Duplicität, ist das Verfahren mancher
+Menschen, die, um bei solcher Gelegenheit im Trüben zu fischen, oder
+sich wichtig zu machen, oder aus Schadenfreude und Geist der Intrigue,
+von beiden Seiten Oel zum Feuer gießen, und den Zwist unterhalten.
+
+Wenn man ferner die streitenden Theile nicht recht genau kennt; wenn
+sie nicht unsre vertrautesten Freunde sind; wenn man nicht ganz gewiß
+weiß, daß man es mit edeln, von Vernunft regierten Leuten zu thun
+hat, die vielleicht nur durch Mißverständnisse, oder durch andre,
+mit Hülfe eines Dritten leicht zu hebende Irrungen getrennt worden;
+wenn vielmehr böser Wille, Eigennutz, ungesellige Gemüthsart, oder
+unbändige Leidenschaft im Spiele ist, -- folglich keine dauerhafte
+Wiedervereinigung zu hoffen steht: so lasse man sich nicht darauf ein,
+Versöhnung stiften zu wollen! Man verdirbt es dabei leicht mit einer
+Parthei, und nicht selten mit beiden.
+
+Ist es endlich gar nicht zu vermeiden, daß man sich ~für~ oder
+~gegen~ eine von den beiden Partheien bestimmt erkläre, so erkläre
+man sich ohne Ansehen der Person und ohne Rücksicht auf Freundschaft,
+Schmeichelei und Verwandtschaft, männlich und unerschütterlich, für
+Den, von dem die Vernunft sagt, daß er Recht habe, und bleibe ihm treu
+und beständig zugethan, es gehe auch, wie es wolle!
+
+
+ 3.
+
+Wenden wir uns jetzt zu ~Kranken~ und ~Leidenden~! -- Wer je empfunden
+hat, welch ein Labsal bei Krankheiten und Schmerzen eine gute,
+sorgsame, stille und theilnehmende Pflege gewährt, der wird den
+Gegenstand nicht unwichtig finden. Die Art der Behandlung und Sorgfalt
+muß sich allerdings nach der Verschiedenheit der Krankheiten richten,
+mit welchen der Leidende kämpft, und ich kann also keine allgemein
+passende Regeln vorschlagen; doch, so viel sich im Ganzen über diesen
+Gegenstand sagen läßt, möge hier Platz finden!
+
+Es gibt Krankheiten, in welchen Aufheiterung des Gemüths, Zerstreuung
+und angenehme Unterhaltung sehr viel zur Genesung beitragen, und
+hingegen andre, bei denen Ruhe und stille Pflege das Einzige sind,
+wodurch man dem Leidenden Linderung verschaffen kann. Man soll daher
+wohl unterscheiden und beobachten, welche Art von Behandlung anwendbar
+seyn mögte.
+
+Ob in schweren Krankheiten die Aufwartung ~bezahlter~ Wärter der
+sorgfältigen, liebevollen und zarten Pflege werther Freunde darum
+vorzuziehen sey, weil diese leicht übertrieben, und dann dem Kranken
+lästig und ängstlich wird, muß dem Gefühl eines Jeden überlassen
+bleiben. Jene sind durch Erfahrung mit den kleinen Handgriffen bekannt,
+und leisten ihre Dienste mit unverdrossener Geduld, Kaltblütigkeit
+und strenger Pünktlichkeit, bekümmern sich nicht um unsre Launen, und
+leiden nicht bei unsern Schmerzen; diese hingegen werden uns oft,
+besonders wenn unsre Nerven sehr reizbar sind, durch zu viel Eifer
+lästig, wissen nicht behutsam genug bei ihren Handreichungen mit uns
+umzugehen, erregen unsre Ungeduld durch Fragen, und machen unser Leiden
+durch zu warmes Mitgefühl, das wir in ihren Augen lesen, doppelt
+schwer; wozu denn noch kömmt, daß der Gedanke, wie sehr sie mit uns
+leiden, und welche Opfer sie uns bringen, uns einen peinlichen Zwang
+auflegt. Will man daher seinen Freund selbst verpflegen, so suche man
+die Art geübter Krankenwärter nachzuahmen, dem Leidenden so wenig wie
+möglich lästig zu werden, und alles mechanisch so zu machen, wie er es
+gern zu haben scheint: man werde nicht mißvergnügt, wenn ein Kranker
+zuweilen auffahrend, böser Laune, oder zänkisch wird! Wir fühlen nicht,
+wie ihm zu Sinne ist, und wie seine zerrüttete Maschine auf seinen
+Geist wirkt. Doch kann ein Mann, der achtsam auf sein eignes Ich ist,
+viel über sich erlangen, und selbst in schweren Krankheiten in so weit
+Meister über seine Launen werden, daß er diejenigen Personen, welche
+ihm Sorgfalt widmen, nicht unnützer Weise plage.
+
+Man mache nicht, besonders bei einem Kranken von sehr empfindlicher,
+weicher Gemüthsart, sein Leiden durch Wehklagen und ängstliches
+Bezeigen noch schwerer!
+
+Man rede nicht von Dingen, die ihm, selbst wenn er gesund wäre,
+unangenehm seyn würden, -- nicht von häuslichen Verlegenheiten, vom
+Tode, noch von Vergnügungen, an welchen er nicht Theil nehmen kann!
+
+Leute, die bloß in der Einbildung krank sind, muß man zwar nicht
+verspotten, noch zu überzeugen suchen, daß ihnen nichts fehle; denn
+das macht eine ganz entgegengesetzte Wirkung auf sie; aber man soll
+sie auch nicht in ihrer Thorheit bestärken, sondern, wenn vernünftige
+Vorstellungen nichts helfen, nur gar keine Theilnahme zeigen, ihre
+Klagen mit Stillschweigen beantworten, und, wenn der Sitz des Uebels im
+Gemüthe ist, sie durch weise gewählte Zerstreuungen auf andre Gedanken
+zu bringen suchen.
+
+Auch gibt es Menschen, die dadurch Interesse zu erwecken glauben, daß
+sie sich kränklich stellen. Das ist eine höchst thörichte Schwäche!
+Man suche solche Leute durch sanften Spott und kräftige Ansprache von
+ihrer Albernheit zurückzuführen, sie zu überzeugen, daß es besser sey,
+Bewunderung, als Mitleiden zu erregen, und daß nichts so allgemein
+vortheilhafte Eindrücke mache, als der Anblick eines Wesens, das, an
+Leib und Seele, in seiner vollen Kraft, zur Ehre der Schöpfung dasteht!
+
+Endlich: in solchen Krankheiten, wo der Geist viel über den Körper
+vermag, wo Seelen-Leiden das Uebel vermehren, und die Besserung
+hindern, da soll man alle Kräfte, seine ganze Lebhaftigkeit aufbieten,
+um Heiterkeit, Muth, Trost und Hoffnung in das Gemüth des Kranken
+zurückzurufen.
+
+
+ 4.
+
+Noch schonender, als mit diesen Leidenden, soll man mit ~Leuten~
+umgehen, ~auf welchen die schwere Hand des Schicksals liegt~, -- mit
+Unglücklichen, Armen, Bedrängten, Verstoßenen und Zurückgesetzten, mit
+Verirrten und Gefallenen.
+
+Nimm Dich des ~Armen~ an, wenn Dir Gott die Mittel in die Hände
+gegeben hat, seine Noth zu erleichtern! Weise nicht den Dürftigen von
+Deiner Thür zurück, so lange Du noch, ohne Ungerechtigkeit gegen die
+Deinigen, eine kleine Gabe zu geben hast! Sey es wenig oder viel, so
+gib es mit gutem Herzen, und -- wie ich bei Gelegenheit gesagt habe,
+als von der Art, Wohlthaten zu erzeigen, die Rede war, -- gib es mit
+guter Art! Ein Wort ist oft besser, als eine große Gabe, und ein
+holdseliger Mensch gibt sie beide, sagte schon Sirach; und was für
+ein Wort könnte er meinen, als das erquickende Wort der herzlichen
+Theilnahme. -- Sey ferner nicht allzu gerecht, wo vom Helfen und
+Erbarmen die Rede ist. Berechne nicht so genau, ob der Mann, dem Du
+helfen kannst, selbst an seinem Unglücke Schuld sey, oder nicht! Wer
+in der Welt würde ~ganz~ unschuldig an den Leiden, die ihn treffen,
+befunden werden, wenn man alles strenge untersuchen wollte? Willst
+oder kannst Du aber gar nichts, oder nur wenig geben, so brauche keine
+leere Ausflüchte! Laß den Armen nicht durch Deine Bedienten unter
+allerlei Vorwande wieder bestellen, oder vertrösten! Am wenigsten
+aber erlaube Dir, etwa zu Rechtfertigung Deiner Hartherzigkeit, z. B.
+Grobheiten, beleidigende Strafpredigten gegen Den, dessen Bitte Du
+abzuschlagen entschlossen bist, harte Vorwürfe; sondern sprich den
+Bittenden selbst, und sage ihm kurz und menschenfreundlich, warum Du
+nicht geben kannst, nicht geben willst! Thue auch auf das erste Wort,
+was zu thun vernünftig und gut ist, und warte nicht darauf, daß man
+durch wiederholtes Betteln Dein Herz erweiche! Gib aber nicht wie
+ein Verschwender, sondern laß Deine Wohlthaten von der Gerechtigkeit
+gegen Dich und Andre bestimmt werden, und verschleudre nicht an
+den Landläufer, Bettler von Handwerke und Faullenzer, was Du dem
+hülflosen Alter, der Gebrechlichkeit, und dem durch widrige Zufälle
+Verunglückten schuldig bist! Und wo es Labsal geben kann, da begleite
+Deine kleine Gabe ein sanftes Trostwort, ein vertraulicher Rath, und
+ein freundlicher, mitleidiger Blick! Gehe schonend und äusserst fein
+mit Leuten um, die in unangenehmen häuslichen Lagen sind! Sie pflegen
+sehr empfindlich zu seyn, pflegen leicht zu glauben, man verachte
+sie, setze sie zurück, ihrer Armuth wegen. Das elende Geld hat leider
+nur gar zu viel Einfluß auf den Pöbel aller Stände. Unterscheide Dich
+von diesem Haufen! Ehre den verdienstvollen Armen öffentlich! Suche
+ihm wenigstens einen frohen Augenblick zu machen, wenn Du auch seine
+Umstände nicht verbessern kannst! Ueberhaupt sind alle Unglückliche
+mißtrauisch, und meinen, jedermann sey ~gegen~ sie. Suche ihnen diesen
+quälenden Wahn zu benehmen! Bemühe Dich, ihr Zutrauen zu gewinnen!
+Entziehe Dich nicht dem Anblicke des Jammers! Fliehe nicht die Hütte
+der Noth und der Dürftigkeit! Man muß vertraut seyn mit dem mancherlei
+Elende auf dieser Welt, um bei dem Leiden des unglücklichen Bruders
+recht innig theilnehmend mitempfinden zu können. Wo der bescheidne Arme
+im Verborgenen seufzt, es nicht wagt, sich herbeizudrängen und um Hülfe
+zu bitten; wo widrige Vorfälle den fleißigen Mann, den Mann, der einst
+bessre Tage gesehen hat, zu Boden schlagen; wo eine zahlreiche ehrliche
+Familie, mit allem Fleiße, durch die tägliche Arbeit ihrer Hände nicht
+so viel erringen kann, um sich gegen Hunger, Blöße und Krankheit
+zu schützen; wo auf hartem Lager, in durchwachten, durchseufzten
+Nächten, schamhafte Thränen über gerungene Hände rollen: -- ~dahin~,
+menschenfreundlicher Wohlthäter! ~dahin~ dringe Dein Blick! ~Da~ kannst
+Du Deine Gelder herrlich anlegen, und Zinsen erwerben, die keine Bank
+auf Erden Dir zusichern kann.
+
+Wer kein Geld hat, der hat auch keinen Muth. Er fürchtet aller Orten
+zurückgesetzt zu werden, glaubt jede Demüthigung ertragen zu müssen,
+und zeigt sich überall in ungünstigem Lichte. -- Ach! ermuntre einen
+also Niedergedrückten! Ehre ihn, wenn er es sonst verdient, und bewege
+Deine Freunde, daß sie ein Gleiches thun!
+
+Manchen aber drücken schwerere Leiden, als die der Armuth und des
+Mangels: ~Seelenleiden~, die an der Knospe des Lebens nagen. O! schone
+des Kummervollen! Pflege seiner! Suche ihn aufzurichten, zu trösten,
+mit Hoffnung zu erfüllen, Balsam in seine Wunden zu gießen, und wenn
+Du seine Last nicht erleichtern kannst, so hilf wenigstens tragen,
+und weine eine brüderliche Thräne mit ihm! Richte aber die Art Deiner
+Behandlung vernünftig ein! Es gibt Augenblicke des Schmerzes, wo alle
+Gründe der Philosophie keinen Eingang finden, und da ist das Mitgefühl
+oft das beste Labsal. Es gibt einen Kummer, dessen Tilgung man ruhig
+und still der Zeit überlassen muß; es gibt Leidende, die erleichtert
+werden, wenn man ihnen Gelegenheit gibt, ihr Herz auszuschütten, und
+von dem zu reden, was ihr ganzes Herz erfüllt; es gibt Schmerzen, die
+nur Einsamkeit lindert, und Lagen, in welchen ein festes, männliches
+Zureden, Erweckung des Muths, Aufruf zu stolzer Zuversicht, die besten
+Tröstungen sind; ja es gibt selbst solche, wo man den Niedergebeugten
+mit Gewalt herausreissen muß, wenn er nicht der Verzweiflung zum
+Raube werden soll. Die Klugheit aber allein kann uns in jedem dieser
+einzelnen Fälle lehren, welche unter diesen Mitteln wir zu wählen haben.
+
+Die Unglücklichen ketten sich gern an einander. Statt sich aber
+gemeinschaftlich zu trösten, winseln sie mehrentheils nur mit einander,
+und versinken immer tiefer in Schwermuth und Hoffnungslosigkeit. Darum
+suche doch der Kummervolle, dem weder die Forderungen und Gründe seiner
+eigenen Vernunft, noch Zerstreuungen seinen Zustand erträglich machen,
+den Umgang eines verständigen, nicht empfindelnden Freundes, damit er
+an seiner Seite die Kraft gewinne, die Gedanken auf andere Gegenstände
+zu richten, die seinen Schmerz nicht nähren.
+
+Es gibt Menschen, die in unglücklichen Lagen und Verhältnissen, weniger
+~traurig~, als ~mürrisch~, ~zänkisch~, ja, sogar ~hämisch~ sind, so
+daß sie Unschuldige darunter leiden lassen, wenn nicht alles nach
+ihrem Kopfe geht. Ein edles Herz wird sanfter durch den Schmerz; und
+selbst der Menschenfeind, den Schicksale erbittert haben, wird, wenn
+er sonst ein guter Mensch ist, wohl düster, verschlossen, auch nach
+seinem Temperamente vielleicht einmal ungeduldig und auffahrend werden;
+aber er wird nie vorsätzlich auf einen Dritten die Last seines Kummers
+wälzen, und dieß um so weniger, je schwerer seine Leiden sind.
+
+Die mehrsten Menschen haben nur Mitleid mit stillem Kummer, empfinden
+aber Ueberdruß bei lauten Klagen; vielleicht weil diese sie gleichsam
+zwingen zu wollen scheinen, Theil daran zu nehmen.
+
+Der ~Unterdrückten~, ~Zurückgesetzten~ und ~Verfolgten~ soll man sich
+annehmen, in so fern es die Klugheit erlaubt, und wir ihnen dadurch
+nicht etwa mehr schaden, als nützen. Dieß ist nicht nur Pflicht, wenn
+von thätiger Hülfe und Rettung des ehrlichen Namens die Rede ist; auch
+im gesellschaftlichen Umgange, wo das bescheidene Verdienst so oft
+übersehen und von leeren Windbeuteln über die Achsel angeschauet wird,
+wo Rang und Glanz gegen den innern Werth verblenden, wo Schwätzer und
+Windbeutel den Weisen überschreien, wird es sich der Edle zur Pflicht
+machen, das bescheidene und schüchterne Verdienst hervorzuziehen,
+und den Verdienstvollen, der stumm und verlegen dasteht, von niemand
+angeredet, ja, mit Verachtung behandelt, gedemüthigt, lächerlich
+gemacht wird, durch ehrenvolles Anreden und Entgegenkommen zu ermuntern
+und auszuzeichnen. Wie unedel und wie ungerecht ist die Geringschätzung
+und Härte, mit welcher zuweilen Stabs-Officiere jungen Leuten begegnen,
+die doch schon die erste Stufe erstiegen haben, um zu werden, was Jene
+sind; oder Patronen ihren Hofmeistern und Predigern, oder vornehme
+Damen ihren Gesellschafterinnen, oder eitle Stadtmädchen einem armen
+eingeschüchterten Landmädchen, das in ihre Mitte verschlagen wird.
+Solch ein Betragen ist eben so sehr Verletzung der Klugheit, als der
+Pflicht.
+
+Neid und Mißgunst verfolgen den Glücklichen; Bosheit und Kabale ruhen
+selten eher, als bis sie alles niedergedrückt haben, was über sie
+emporragte; aber kaum ist ein Mensch ganz zu Boden geschlagen, so sucht
+Jeder, selbst Der, welcher ihn verfolgt hat, eine Ehre darin, seine
+Parthei zu ergreifen; doch, wohl zu merken! wenn keine Hoffnung mehr da
+ist, daß er hierdurch wieder emporkomme. Man möchte also fast sagen,
+man wäre nicht ~ganz~ verloren, so lange man noch Feinde hätte.
+
+Unter allen Unglücklichen sind wohl die ~Verirrten~ und ~Gefallenen~
+am meisten zu bedauern. Hierunter verstehe ich Solche, die, vielleicht
+durch einen einzigen Fehltritt in eine Kettenreihe von Vergehungen
+verflochten, das Gefühl für die Tugend erstickt, oder die Fertigkeit,
+schlecht zu handeln, erlangt, oder alle Zuversicht zu Gott, zu den
+Menschen, und zu sich selbst, also auch den Muth verloren haben,
+den bessern Weg wieder zu suchen, oder die wenigstens im Begriff
+stehen, so tief zu fallen. Sie sind höchst bedauernswürdig; denn
+sie entbehren den einzigen Trost, der uns in den schwersten Leiden
+aufrichten kann: das Bewußtseyn, nicht muthwilliger Weise sich ihr
+hartes Schicksal zugezogen zu haben. Diese Unglücklichen verdienen aber
+nicht nur unser Mitleiden, nein, auch unsre brüderliche Nachsicht,
+unsre Zurechtweisung, und, wenn es noch Zeit ist, unsern Beistand.
+Wenn man immer weise, duldend und unpartheiisch genug wäre, zu
+überlegen, wie leicht das schwache menschliche Herz irre zu leiten
+ist; wie unwiderstehlich bei heftigen Leidenschaften, warmem Blute und
+verführerischen Gelegenheiten, manche Reizungen werden können; wie
+blendend, anlockend und bezaubernd die Aussenseiten mancher Laster
+sind; wie das Laster sogar, mit Geist verbunden, durch sophistische
+Gründe die innere Stimme der bessern Ueberzeugung zum Schweigen zu
+bringen weiß, und wie es dann nur auf einen kleinen Schritt ankömmt,
+um das Opfer der feinsten Täuschung, und stufenweise unmerklich in das
+schrecklichste Labyrinth gelockt zu werden; wenn man bedenken wollte,
+wie oft Mißmuth, oder Verzweiflung über ein feindseliges Schicksal aus
+einem Menschen von den besten Anlagen einen Bösewicht und Verbrecher
+machen; wie man durch ungerechtes, entstehendes Mißtrauen alle gute
+Gefühle einbüßen, alles Vertrauen zu sich selbst verlieren, und in den
+Abgrund des Lasters geschleudert werden kann, so würde man aufhören,
+die Gefallenen mit unbarmherziger Strenge zu richten, würde nicht so
+zuversichtlich auf Tugenden trotzen, die nicht selten nur das Werk
+eines kalten Temperaments, das Werk glücklicher Verhältnisse und
+einer vorzüglichen Leitung sind; würde es für Pflicht erkennen, sich
+der Gefallenen anzunehmen, und dem Strauchelnden liebevoll die Hand
+zu reichen. -- Aber heißt das nicht, tauben Ohren predigen? -- Doch
+mein Herz drängt mich, über diesen Gegenstand etwas zu sagen. Also
+zur Sache! -- Nichts bessert weniger, als kalte moralische Predigten.
+Es gibt wenig Menschen, selbst unter den Lasterhaften, die nicht
+eine Menge herrlicher Gemeinsprüche über die Pflichten, welche sie
+übertreten, zu sagen wüßten; das Unglück ist nur, daß die Stimme der
+Leidenschaft mit wärmerer Beredtsamkeit spricht, als die Stimme der
+Vernunft. Willst Du also dieser gegen jene Gewicht geben, so mußt
+Du die Kunst verstehen, Deine Tugend-Lehren in ein reizendes Gewand
+zu hüllen, mußt nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz und die
+Sinnlichkeit Dessen, den Du zurechtweisen willst, auf Deine Seite
+bringen; Dein Vortrag muß warm, und nach den Umständen bildreich,
+sinnlich, erschütternd, hinreissend seyn. Allein der Mann, den Du
+vor Dir hast, muß Dich auch lieben und hochschätzen, muß sich zu Dir
+hingezogen fühlen, muß mit Enthusiasmus für das Gute und Schöne erfüllt
+werden, und dabei in der Entfernung Ehre, Freude und Genuß auf dem
+Wege erblicken, auf welchen Du ihn zu leiten suchst. Dein Umgang, Dein
+Rath und Dein Trost muß ihm zum Bedürfniß werden. Dieß aber erlangst
+Du nicht, wenn Du als ein stolzer, strenger Gesetzprediger vor ihn
+hintrittst; wenn Du ihm mit Deiner kalten Moral Langeweile machst;
+wenn Du ihn mit Anmerkungen über das Geschehene, das doch nun nicht
+mehr zu ändern ist, ermüdest, und ihm erzählst, wie es ganz anders
+würde gekommen seyn, wenn -- es nicht ~so~ gekommen wäre, wie es
+gekommen ist, wenn er Dir hätte folgen wollen. Nichts ist ferner so
+fähig, zur Niederträchtigkeit zu verleiten, als öffentliche Verachtung
+und Aeusserung eines fortdauernden Mißtrauens in die Besserung eines
+Menschen. Wem es daher ein Ernst ist, einen Verirrten zu retten, der
+begegne ihm mit Schonung, und zeige ihm wenigstens äusserlich ein
+ermunterndes Vertrauen; der lasse ihn das stolze und selige Bewußtseyn
+und die unerschütterliche Seelenruhe ahnen, welche der schöne Lohn
+seiner Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung seyn wird; der werfe
+dem Gefallenen nie, auch nicht auf die entfernteste Weise, seine
+ehemaligen Verirrungen vor; sondern scheine nur Augen für seine jetzige
+Aufführung zu haben! Allein es geht nicht so schnell mit Ablegung von
+Lastern, die uns schon zu einer Art von Fertigkeit geworden sind; also
+darf uns ein kleiner Rückfall nicht befremden; und obgleich Du dann die
+Stärke Deines Vortrags und der Mittel zur Besserung verdoppeln mußt, so
+sollst Du doch nicht muthlos werden, noch dem Rückkehrenden den Muth
+benehmen. Laßt uns endlich zur Ehre der Menschheit und zur Erweckung
+unsers Eifers glauben, daß niemand in der Welt so tief gefallen, so von
+Grund aus verdorben seyn könne, daß ihm nicht, bei redlicher, eifriger
+Anwendung der besten Rettungsmittel, noch zu helfen wäre! Und Ihr, die
+Ihr in der großen Welt lebet, und so bereitwillig seyd, einen Mann oder
+ein Weib, die durch irgend eine zweideutige oder schlechte Handlung
+sich erniedrigt, oder auch wohl nur etwa lächerlich gemacht haben,
+auf immer aus Euren Gesellschaften zu verbannen, und mit Schande und
+Spott zu beladen, indeß Hunderte unter Euch umherwandeln, die entweder
+dasselbe heimlich treiben, oder wenigstens treiben würden, wenn es
+die Umstände erlaubten; denket, daß Ihr es zu verantworten habt, wenn
+Verzweiflung Jene ergreift, wenn sie von Stufe zu Stufe hinabsinken,
+und wenn sie, da die bessern Häuser ihnen verschlossen sind, sich
+einen Umgang wählen, in welchem sie immer niederträchtiger werden, und
+zuletzt, ohne Rettung verloren, durch ~Eure~ Schuld zu Grunde gehen!
+
+
+
+
+ Zwölftes Kapitel.
+
+ Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen Leben.
+
+
+ 1.
+
+Ich habe bei mancher Gelegenheit Gegenwart des Geistes und
+Kaltblütigkeit, als Haupt-Erfordernisse zu allen Geschäften und
+Verrichtungen im menschlichen Leben, empfohlen; nirgends aber sind
+uns diese Eigenschaften nothwendiger, als in Vorfällen, ~wo wir,
+oder Andre, in augenscheinlicher Gefahr schweben~. Hier hängt die
+ganze Rettung in kritischen Augenblicken zuweilen von einem raschen
+Entschlusse ab. Halte Dich daher nicht mit Geschwätzen auf, wo
+es Noth ist, zu handeln! Unterdrücke Dein zu zartes Gefühl, und
+winsele nicht, wo Du zugreifen solltest! Sey besonnen in Feuer- und
+Wassers-Noth und ähnlichen Gefahren, wo man oft alles verliert, wenn
+man den Kopf verliert, -- wo Die, welche wir retten können, zuweilen
+mit unwiderstehlicher Gewalt gezwungen werden müssen, sich uns zu
+überlassen! Vorzüglich wichtig wird diese Gegenwart des Geistes
+auch dann, wenn man unerwartet von Dieben und Mördern angegriffen
+wird. Räuber und Banditen sind fast immer entweder furchtsam,
+oder, wenn Verzweiflung sie kühn macht, nicht genug auf ihrer Hut,
+-- auf ernsthaften, förmlichen Widerstand nicht vorbereitet. Ein
+entschlossener, kaltblütiger Mann ist da stärker, als zehn solcher
+Elenden, die ihn angreifen. Hier muß aber wohl überlegt werden, ob es
+Schaden oder Nutzen stiften könne, sich mit Schieß- oder anderm Gewehre
+zu vertheidigen, oder nicht; ob es gerathener sey, Lärm zu machen,
+oder sich in sein Schicksal zu finden; der Uebermacht zu weichen und
+mit Hingebung seines Mammons sein Leben zu erkaufen, oder das Leben
+daran zu setzen. Es lassen sich darüber unmöglich allgemeine Regeln
+geben. Um aber auf jeden dieser Fälle sich gefaßt zu halten, rathe
+ich, bei kaltem Blute sich in dergleichen Lagen hineinzudenken, und
+sich dann dienliche Maaßregeln vorzuschreiben. Ich halte es auch für
+einen wichtigen Theil der Erziehung, seine Kinder zuweilen nicht nur
+durch Fragen, wie sie sich bei solchen Gelegenheiten betragen würden,
+aufmerksam auf unerwartete Vorfälle aller Art zu machen, sondern sie
+auch zuweilen in wirkliche kleine Verlegenheit zu setzen, um sie an
+Gegenwart des Geistes zu gewöhnen, und sie auf die Probe zu stellen.
+
+
+ 2.
+
+In einer Schrift über den Umgang mit Menschen kann nur ein geringer
+Theil der Regeln Platz finden, welche man auf Reisen und unter Fremden
+zu beobachten hat; doch darf ich diesen Gegenstand auch nicht ganz mit
+Stillschweigen übergehen; denn zu dem, was man unter Menschen treibt,
+gehört doch auch das Reisen. Also einige Bemerkungen ~über das Betragen
+auf Reisen und gegen Reisende~.
+
+Es ist weise gehandelt, bevor man ausreist, aus Büchern oder mündlichen
+Erzählungen sich genau von dem Wege, den man nehmen will, von
+demjenigen, was unterweges und in den Oertern, die man besuchen möchte,
+zu bemerken, zu beobachten und zu vermeiden ist, nicht weniger von den
+Preisen und den unvermeidlichen Geld-Ausgaben zu unterrichten, damit
+man weder betrogen werde, noch in Verlegenheit gerathe, noch etwas zu
+sehen verabsäume, das der Aufmerksamkeit werth scheint.
+
+Der Mann von Kenntnissen, von einigen Talenten, von unbescholtenem
+gutem Rufe und von feinen und guten Sitten bedarf nicht einer Menge
+von Empfehlungs-Briefen, wie die mehrsten Reisenden von gemeiner Art
+mit auf den Weg zu nehmen pflegen. Er wird sich schon überall bekannt
+zu machen und in Achtung zu setzen wissen, ohne sich und Andern Zwang
+aufzulegen. Oft fügt es sich indessen, daß man in einer Stadt, durch
+Empfehlungs-Briefe oder sonst, mit zwei Personen in Bekanntschaft
+kömmt, die mit einander in Feindschaft leben. Es ist daher der Klugheit
+gemäß, an einem fremden Orte, bevor man von solchen kleinen Umständen
+unterrichtet ist, in den Häusern, in welchen man Zutritt erhält, von
+seinen übrigen Verbindungen nicht zu reden, gelegentlich aber zu
+äussern, daß man, als ein Fremder, sich um dergleichen Händel nicht
+bekümmern wolle.
+
+Man verrechnet sich leicht in seinen Ueberschlägen der Reise-Kosten;
+ich rathe daher nicht nur, nach gemachtem Ueberschlag, sich immer etwa
+auf ein Drittel mehr gefaßt zu halten, als die gezogene Summe beträgt,
+sondern auch besorgt zu seyn, daß man in den Haupt-Oertern, durch
+welche man kömmt, an sichre Geschäftsmänner gewiesen sey, oder sonst
+Mittel habe, im Fall unvorhergesehene Umstände eintreten, sich aus der
+Verlegenheit zu reissen.
+
+In Deutschland hat man mehr, als in andern Ländern, Ursache, wegen
+des sehr verschiedenen Münzfußes, sich beim Geld-Wechseln in Acht zu
+nehmen, und es ist etwas sehr Gewöhnliches, daß schelmische Gastwirthe
+den Fremden dabei hintergehen, oder ihm auf Gold Münze herausgeben, die
+er auf der nächsten Post nicht brauchen kann.
+
+Wem es ein Ernst ist, seine Menschen- und Länder-Kenntnisse zu
+erweitern, der mische sich klüglich unter Personen von allerlei
+Ständen! Die Leute von gutem Tone sehen einander in allen europäischen
+Staaten und Residenzen ähnlich; aber das eigentliche Volk, oder noch
+mehr der Mittelstand, trägt das Gepräge der Sitten des Landes. Nach
+~ihnen~ muß man den Grad der Kultur und Aufklärung beurtheilen.
+
+Zum Reisen gehört Geduld, Muth, gute Laune, Vergessenheit aller
+häuslichen Sorgen, und daß man sich durch kleine widrige Zufälle,
+Schwierigkeiten, böses Wetter, schlechte Kost u. dergl. nicht
+niederschlagen lasse. Dieß ist doppelt zu empfehlen, wenn man einen
+Gesellschafter bei sich hat; denn nichts ist langweiliger und
+verdrießlicher, als mit einem Manne zu reisen, und in einem Kasten
+eingesperrt zu sitzen, der stumm und mürrischer Laune ist, bei dem
+geringsten unangenehmen Ereigniß aus der Haut fahren will, über Dinge
+jammert, die nicht zu ändern sind, und in jedem kleinen Wirthshause so
+viel Gemächlichkeit, Wohlleben und Ruhe fordert, wie er zu Hause hat.
+
+Das Reisen macht gesellig; man wird da mit Menschen bekannt, und auf
+gewisse Weise vertraut, die man ausserdem schwerlich zu Gesellschaftern
+wählen würde; das ist auch weiter von keinen Folgen, wenn man sich
+hütet, in der Vertraulichkeit gegen Fremde, die man unterweges
+antrifft, zu weit zu gehen, und dadurch Abentheurern und Spitzbuben in
+die Hände zu fallen.
+
+Ich rathe niemand, sich auf Reisen einen fremden Namen zu geben; man
+kann dadurch, ehe man sich's versieht, in große Verlegenheit gerathen;
+und selten ist es nöthig und nützlich, ein solches Incognito zu
+beobachten.
+
+Manche Leute suchen etwas darin, auf Reisen zu prahlen, viel Geld zu
+verzehren, glänzen zu wollen, und prächtig gekleidet zu seyn. Das ist
+eine thörichte Eitelkeit, die sie in den Wirthshäusern theuer abbüßen
+müssen, ohne für ihr Geld mehr zu erhalten, als der einfache Reisende.
+Niemand erinnert sich weiter des Fremden, der so viel Aufwand gemacht
+hat, wenn dieser weiter gereiset, und nichts mehr von ihm zu ziehen
+ist. Doch ist es der Klugheit gemäß, anständig, und was man ~rechtlich~
+nennt, in seinem Aufzuge zu seyn, sich nicht zu vornehm und nicht zu
+demüthig, nicht zu reich und nicht zu arm zu stellen, weil man sonst,
+in beiden Fällen, leicht entweder für einen unwissenden Pinsel, dessen
+erste Ausflucht dieß ist, und den man also nach Gefallen prellen kann,
+oder für einen gewaltig vornehmen Herrn, von dem etwas zu ziehen ist,
+oder für einen Abentheurer angesehen wird, dem man aus dem Wege gehen,
+und der mit schlechter Bewirthung vorlieb nehmen müsse.
+
+Man spare auf der Reise nicht am unrechten Orte! So gebe man z. B. den
+Postknechten zwar nicht übertriebene, aber doch nach den Umständen
+reichliche Trinkgelder. Sie sagen sich das Einer dem Andern auf den
+Stationen wieder; man kömmt dann schneller fort, und hat manche
+Vortheile davon, besonders den, daß man ihrer Grobheit nicht ausgesetzt
+ist.
+
+Wer Bäder besucht, und seine Ruhe, seine Gesundheit und sein Geld nicht
+verlieren will, fliehe das Spiel, das eigentlich aus allen Bad- und
+Brunnen-Oertern auf ewig verbannt seyn sollte, und überhaupt nur für
+die nichtswürdigsten Menschen eine Lieblings-Beschäftigung seyn kann.
+In Bädern soll Jeder dazu mitwirken, allen lästigen Zwang, nicht aber
+Sittsamkeit und Gefälligkeit, aus den gesellschaftlichen Zirkeln zu
+verbannen. Hier muß, besonders wenn der Kreis der Gäste klein ist,
+eine Menge Rücksichten und Vorsichtigkeits-Regeln, denen man sich
+im bürgerlichen Leben unterwirft, wegfallen, Duldung und Einigkeit
+herrschen, und aller Partheigeist bei Seite gesetzt werden. Man lebt da
+nur für unschuldigen Genuß und Vergnügen. Nach Ablauf dieser Zeit rückt
+Jeder wieder in die Rolle ein, die der Staat ihm anvertrauet hat.
+
+Deutsche Posthalter, Wagenmeister und Postknechte pflegen in dem Rufe
+einer ausgezeichneten Grobheit zu seyn. Es kömmt aber alles auf die Art
+an, wie man mit ihnen umgeht; ein ernsthaftes, von einer gewissen Würde
+begleitetes Betragen, und, wo es anzubringen ist, ein freundliches
+Wort, wird bei diesen Leuten selten ohne gute Wirkung angewandt.
+
+Wenn man an dem Wagen etwas zerbricht, so sind mehrentheils in den
+Städten die Handwerksleute sogleich bei der Hand, verstehen sich auch
+wohl mit den Postknechten, den Schaden für viel größer anzugeben, als
+er ist, um desto mehr Geld von dem Reisenden zu ziehen. Ich rathe
+desfalls, bei solchen Gelegenheiten alles selbst zu untersuchen, oder
+durch treue Bediente untersuchen zu lassen, bevor man Befehle zur
+Ausbesserung gibt.
+
+Die Postknechte sind größtentheils von den Gastwirthen bestochen (oder
+~ein~ Wirth verabredet sich mit dem andern in der nahe gelegenen
+Stadt), um dem Fremden gewisse Gasthöfe zu empfehlen, die darum aber
+weder immer die besten, noch die wohlfeilsten sind. Es ist daher
+vernünftig, sich hierauf nicht zu verlassen, sondern sich bei andern
+sichern Leuten zu erkundigen: wo man am besten und billigsten behandelt
+werde.
+
+Die Bedienten, die man mit sich auf Reisen nimmt, sollen wohl darauf
+Acht geben, daß die Postknechte, welche mit den Pferden zurückreiten,
+nicht, wie es vielfältig geschieht, Schwengel, Nägel oder andere
+Kleinigkeiten, die zum Wagen gehören, mitnehmen. Auch pflegen diese
+mit den Chaussee-Aufsehern sich zu verstehen, an den Weghäusern
+vorbeizufahren, unter dem Vorwande, uns nicht aufhalten zu wollen,
+nachher aber eine Rechnung zu machen, vermöge deren Reisende doppelt
+so viel bezahlen müssen, als festgesetzt ist, und sie gegeben haben
+würden, wenn sie das Weggeld jedesmal selbst entrichtet hätten.
+
+Es ist eine Regel der Klugheit, vorher mit Handwerksleuten auf das
+genaueste zu dingen, bevor man etwas ausbessern läßt, oder sonst Dinge,
+die zur Bequemlichkeit dienen, an fremden Oertern anschafft.
+
+Kehrt man zum erstenmal in ein Wirthshaus ein, so kann es Vortheil
+bringen, wenn man den Wirth hoffen läßt, man werde öfter da ansprechen;
+er pflegt dann billiger mit der Zeche zu seyn, um sich zu empfehlen.
+
+Wenn der Gastwirth übermäßig viel für die Zehrung fordert, und sich
+nicht auf einen starken Abzug einlassen will: so thut man doch nicht
+wohl, ihm schriftliche Rechnung und genaue Specification jedes
+einzelnen Punkts abzufordern, es müßte denn der Mühe werth seyn, ihn
+bei der Polizei zu belangen. Fängt er an aufzuschreiben, so rechnet er
+immer noch mehr heraus, als er anfangs gefordert hatte; -- und wer kann
+dann mit einem solchen Taugenichts über die Preise der Lebensmittel
+sich herumzanken? In Wirthshäusern, wo Wein zu haben ist, wird der
+Wirth, wenn man Bier fordert, immer versichern: das Bier sey sehr
+schlecht. Hier ist der beste Rath, nur gleich Wein zu bestellen, und
+das Bier hinterher zu verlangen.
+
+Die Wirthe fragen gemeiniglich: was der Gast zu essen wünsche? --
+Das ist ein Kunstgriff, durch den man sich nicht fangen lassen muß.
+Denn, bestellt man nun etwas, z. B. ein Huhn, einen Pfannekuchen, oder
+dergleichen: so muß man das Gericht, und noch obenein eine gewöhnliche
+Mahlzeit bezahlen. Man thut da am besten, zu antworten: man verlange
+nichts, als was gerade im Hause, oder schon zubereitet sey. Auch
+ist es rathsam, keine fremde Weine, sondern nur gemeinen Tischwein
+zu begehren. Es kömmt doch alles aus demselben Fasse, nur mit dem
+Unterschiede, daß das, was man dem Fremden als alten oder fremden Wein
+verkauft, kostbareres Gift ist, als das, womit man ihn am allgemeinen
+Wirthstische versorgt. Und selbst an dieser Wirthstafel zu speisen, ist
+gewiß für einen einzelnen Reisenden wohlfeiler und unterhaltender, als
+auf seinem Zimmer seiner eignen Person gegenüber zu sitzen.
+
+Manche Postmeister, die zugleich Gastwirthe sind, brauchen folgenden
+Kunstgriff zu ihrem ökonomischen Vortheile: Wenn man Pferde wechselt,
+und indeß eine kleine Mahlzeit bestellt, so dauert es ungebührlich
+lange, ehe diese fertig wird. Indeß werden die Pferde gefüttert und
+angeschirrt. Kaum aber steht das Essen auf dem Tische, so meldet schon
+der Postillon mit dem Horn, daß er fertig sey und fort wolle. Man soll
+also in Eil wenig essen, und dennoch eine ganze Mahlzeit bezahlen. Ich
+rathe aber, wenn man nicht sehr eilig ist, sich nicht irre machen zu
+lassen, sondern mit voller Muße zu speisen.
+
+Wenn in Ländern, wo keine gute Post-Ordnung eingeführt ist, Postmeister
+dem Reisenden mehr Pferde aufdringen wollen, als billig ist, und zu
+Fortschaffung seines Fuhrwerks nöthig sind, sey es nun unter dem
+Vorwande von schlechten Wegen, böser Jahrszeit, oder daß die Kutsche zu
+schwer sey: so hilft es selten, wenn man sich auf's Bitten legt, oder
+sein Recht, auf eben solche Weise weiter befördert zu werden, wie man
+gekommen ist, strenge behaupten will; denn jene Leute wissen wohl, daß
+einem Fremden mehr daran gelegen ist, nicht aufgehalten zu werden, als
+sich zu verweilen, um einen Proceß bei dem Ober-Postamte zu führen.
+Da indessen das Vorspannen mehrerer Pferde Folgen für alle übrigen
+Stationen hat, so pflegen sich die Posthalter, wenn sie recht höflich
+sind, zu erbieten, einen schriftlichen Schein auszustellen, daß dieß
+weiter nicht von Folgen seyn solle. Hierauf aber lasse man sich nicht
+ein! Dies Papier hat keinen Nutzen. Auf dem nächsten Wechselplatze wird
+man, wenn gerade ein Paar Pferde müssig stehen, nichts desto weniger
+eben so viele vorspannen, und wiederum einen Schein anbieten, der eben
+so unwirksam bleiben würde, wie der erste. Das sicherste Mittel bei
+solchen Fällen ist, entweder dem Wagenmeister ein gutes Trinkgeld zu
+geben, und den Postillon, welcher fahren soll, auf eben diese Art zu
+gewinnen, oder ein Pferd ~mehr~ zu bezahlen, ohne es vorspannen zu
+lassen.
+
+Wenn man Wasser-Reisen auf Strömen macht, oder Hausrath auf diese Weise
+fortbringen läßt: so baue man nie auf die Versprechungen der Schiffer,
+in Ansehung der Zeit, binnen welcher sie an Ort und Stelle seyn wollen!
+Sie halten sich mehrentheils unterwegs auf, um noch mehr Fracht zu
+ihrem Vortheile aufzunehmen, oder Schleichhandel zu treiben, wenn sie
+heimlich Kaufmannsgüter mit eingeladen haben; es müßte denn über dies
+Alles der bündigste schriftliche Contract aufgesetzt seyn.
+
+Wer zu Pferde reist, sey es nun ~mit~ oder ~ohne~ Reitknecht, der
+darf sich nicht auf die Leute in den Wirthshäusern in Ansehung der
+Verpflegung seiner Pferde verlassen, sondern muß selbst besorgt seyn,
+oder seine Bedienten dazu anhalten, daß die Pferde in einem guten,
+reinen und gesunden Stalle, von fremden Gäulen getrennt, gehörig
+gewartet und gefüttert werden.
+
+Wenn ich nicht fürchtete, weitschweifig zu werden, so würde ich hier
+noch manche, gewiß nicht unnütze Vorschrift geben, z. B. daß man
+fremde Pferde schonen; daß man, wenn man größere Reisen machen will,
+langsam ~in~ den Stall, und langsam ~aus~ dem Stalle reiten solle;
+daß man nicht wohl thue, in Städten über Kanäle, die mit Brettern
+bedeckt sind, zu reiten, und so ferner. Man sage nicht, daß dieß
+bekannte Dinge sind, Sehr viel Leute lernen zu Pferde sitzen und Pferde
+bändigen! aber praktisch ~reiten~ lernt man nicht auf der Bahn. Allein
+ich sehe schon die Herren Krittler die Nase darüber rümpfen, daß so
+etwas in einem Buche ~über den Umgang mit Menschen~ Platz finden
+sollte. Wer aber überlegt, daß in diesem Buche überhaupt ~Vorschriften
+zu einem glücklichen, ruhigen und nützlichen Leben in der Welt und
+unter Menschen~ gegeben werden sollen, der wird sich wundern, wenn er
+hört, daß ein +deutscher+ Recensent gesagt hat: ich sey in den Fehler
+so vieler ~deutscher~ Schriftsteller gefallen, die ihren Werken zu
+viel Vollständigkeit geben wollten, und darüber freilich -- weniger
+unterhaltend schrieben.
+
+Das Fußgehen ist gewiß die angenehmste Art zu reisen. Man genießt die
+Schönheiten der Natur; man kann sich unerkannt unter allerlei Leute
+mischen; beobachten, was man ausserdem nicht erfahren würde; man
+ist ungebunden, kann das freundlichste Wetter und den schönsten Weg
+wählen, sich aufhalten, einkehren, wann und wo man will; man stärkt
+den Körper, wird weniger erhitzt und gerüttelt, hat gute Eßlust und
+süßen Schlaf, und ist, wenn Müdigkeit und Hunger der Bewirthung das
+Wort reden, leicht mit jeder Kost und jedem Lager zufrieden. Doch ist
+diese Art zu reisen in Deutschland mit einiger Schwierigkeit verknüpft.
+Zuerst hat man die Ungemächlichkeit, nur wenig Kleidungsstücke, Bücher,
+Schriften u. dgl. mit sich führen zu können. Diesem kann man indessen
+dadurch einigermaßen abhelfen, daß man, was etwa ein Bote nicht tragen
+kann, mit der Post in die Haupt-Oerter schickt, durch welche man
+reisen will. Allein eine zweite Unbequemlichkeit besteht darin, daß
+diese, in Deutschland für einen Mann von Stande ungewöhnliche Art zu
+reisen, zu viel Aufmerksamkeit erregt, und daß die Gasthalter nicht
+eigentlich wissen, wie sie uns behandeln sollen. Ist man nämlich besser
+gekleidet, als gewöhnliche Fußgänger, so wird man entweder für einen
+verdächtigen Menschen, für einen Abentheurer, oder für einen Geizhals
+gehalten; man wird beobachtet, ausgefragt, und, mit Einem Worte: man
+paßt nicht in den Tarif, nach welchem die Wirthe ihre Fremden zu
+taxiren pflegen. Ist man aber schlecht gekleidet, so wird man, wie
+ein reisender Handwerksbursche, in Dachstübchen und schmutzige Betten
+einquartirt, oder man muß jedesmal weitläuftig erzählen: wer man sey,
+und warum man nicht mit Kutschen und Pferden erscheine? Bei Fußreisen
+ist die Gesellschaft eines verständigen und muntern Freundes vorzüglich
+angenehm.
+
+Man verlasse sich nicht auf die Bauern, wenn sie uns Fußwege anzeigen,
+die näher, als die gewöhnlichen, seyn sollen! So wie überhaupt diese
+Menschen voll Vorurtheile und voll Anhänglichkeit an alte Gewohnheiten
+sind, so gehen sie auch immer die Wege, die vom Vater auf den Sohn
+herab für die nächsten sind anerkannt worden, ohne daß sie Augenmaß
+und Ueberlegung gebrauchen, um die Irrthümer ihrer Voreltern zu
+berichtigen. Doch kann man hierin auch leicht das Mißtrauen zu weit
+treiben.
+
+Hat man große Tagereisen zu Fuße zu machen, so genieße man früh Morgens
+nichts, als ein Glas Wasser! Hat man dann einige Stunden zurückgelegt,
+und fühlt sich ermüdet, so ist Kaffee und Brod zur Erquickung heilsam.
+Zuweilen ein Glas Wein, kann auch nicht schaden; Branntewein macht müde
+und schlaff.
+
+Macht man den Weg durch einen unbekannten Wald, und denkt binnen
+ein- oder zwei Tagen wieder zurückzukehren: so streue man hie und
+da abgerissene Zweige auf seinen Pfad, um darnach den Weg wieder zu
+finden; man gehe nie ohne Gewehr, wenigstens nie ohne Stock!
+
+Ueber das Betragen gegen fremde Reisende ist schon im ~neunten Kapitel~
+dieses Theils etwas gesagt worden. Hier füge ich nur noch folgende
+Bemerkungen bei: man hat in jetzigen Zeiten Ursache, vorsichtig gegen
+solche Leute zu handeln, nicht nur, um von Abentheurern und schlechten
+Menschen unbehelligt zu bleiben, sondern auch den sogenannten reisenden
+Gelehrten nicht Gelegenheit zu geben, aus unsern vertraulichen
+Gesprächen ihre Anekdoten-Sammlungen zu bereichern, und uns nachher,
+zum Danke für unsere Gastfreundschaft, gedruckt aufzustellen. Auf der
+andern Seite aber sey man auch so billig, Fremde, ~die sich uns nicht
+aufdringen~, edel zu behandeln, und sie nicht etwa zur Geschwätzigkeit
+zu verleiten, um nachher aus diesen unsichern einzelnen Zügen ein Bild
+von ihnen zu entwerfen, und der Welt mitzutheilen.
+
+
+ 3.
+
+Da leider die Nüchternheit in der Welt immer seltener zu werden
+anfängt, und der Rum, selbst in Damengesellschaften, an der
+Tagesordnung ist, so mag hier auch von dem Umgange mit ~betrunkenen
+Leuten~ die Rede seyn, obgleich bei diesem Umgange wenig Vernunft und
+Klugheit anzubringen ist. Der Wein erfreuet des Menschen Herz, und
+wenn man diese Arzenei nicht wie ein nothwendiges Bedürfniß, ohne
+welches man durchaus nicht in frohe Laune zu setzen ist, sondern wie
+ein Erweckungsmittel braucht, um in trüben Augenblicken den natürlichen
+guten Humor, der nie ganz aus dem Gemüthe eines ehrlichen Biedermannes
+weichen darf, unter dem Schutte von häuslichen Sorgen hervorzurufen:
+so ist nichts dagegen einzuwenden. Allein kein Anblick ist so widrig
+für den verständigen Mann, als der eines Menschen, welcher sich durch
+starke Getränke um Sinne und Vernunft gebracht hat. Wenn es aber
+auch nicht bis zur völligen Betrunkenheit kommt, sondern nur bei
+einem Rausche bleibt, so ist es doch eine etwas unbequeme Lage, der
+einzige ganz Kaltblütige in einer Gesellschaft von Leuten zu seyn, die
+sich durch ein Gläschen über die Gebühr erhitzt, begeistert, und um
+einen Ton höher gestimmt haben; und wenn man den Tag mit ernsthaften
+Geschäften hingebracht hat, und dann des Abends in einen Zirkel solcher
+Gäste geräth: so ist fast kein anderes Mittel zu finden (oder man müßte
+denn ~von Natur~ zu den Lustigmachern gehören), als ein wenig mit zu
+zechen, um sich ~denselben~ Schwung zu geben, oder vielmehr: mit den
+Wölfen zu heulen.
+
+Die Wirkungen des Weins auf die Gemüther der Menschen sind aber, nach
+ihren natürlichen Temperamenten, sehr verschieden. Manche zeigen sich
+äusserst lustig; Andre sehr zärtlich, wohlwollend und offenherzig;
+Andre melancholisch, schläfrig, verschlossen; Andre hingegen
+geschwätzig, und noch Andre zänkisch, wenn sie berauscht sind. Man thut
+wohl, der Gelegenheit auszuweichen, mit Betrunkenen von dieser letztern
+Art in Gesellschaft zu gerathen. Ist dieß aber nicht zu vermeiden, so
+kann man doch darin mehrentheils mit einem vorsichtigen, nachgebenden
+und höflichen Betragen, und dadurch, daß man ihnen nicht widerspricht,
+so ziemlich gut fortkommen. Daß man auf das, was ein Mensch im Rausche
+verspricht, nicht bauen dürfe; daß man sich wo möglich hüten müsse,
+eine Ausschweifung im Trunke zu begehen, wenn man aus warnender
+Erfahrung weiß, daß man einen bösen Rausch hat; daß es unedel gehandelt
+sey, diesen schwachen Zustand eines Menschen zu nützen, um ihm Zusagen
+oder Geheimnisse zu entlocken; und endlich, daß man mit Leuten, die zu
+tief in die Flasche geschauet haben, keine ernsthafte Sachen verhandeln
+müsse: -- das versteht sich wohl von selbst.
+
+
+
+
+ Allgemeine
+ Behandlung der Kinder
+ in den
+ Jahren der ersten Entwickelung.
+
+
+ 1.
+
+Die in ihrer richtigen und ungestörten Entwickelung begriffene Natur
+des Kindes unterstütze man so, daß sie immer sichtbarer und glücklicher
+gedeihe. Dazu dient zweckmäßige und abgestufte Beschäftigung -- Uebung
+der Denkkraft (man soll nicht abweisen die Fragen der Wißbegier und des
+Forschens), und Mittheilung neuer Kenntnisse, welche an die erlangten
+geknüpft werden, damit die Seele sie desto leichter aufnehme, und das
+Unbekannte durch das Bekannte erläutert werde. -- Eine Hauptsache
+hiebei ist die Belebung des Selbstgefühls durch gemäßigtes Lob und
+wohlwollende Ermunterung (daher kein Kritteln); Stärkung der Liebe zum
+Guten durch Belohnung, doch mit Verhütung des Eigennutzes.
+
+
+ 2.
+
+Man wechsele mit der mehr negativen und mehr positiven Behandlung, so
+wie in der Jugend-Entwickelung mehr das eine oder andere vorherrscht.
+Nicht zu frühes Antreiben zum Lernen und Arbeiten -- und zum Sprechen
+-- kein Erzwingen von Artigkeit, so lange das Kind noch keinen Sinn
+für das Anständige haben kann. So soll die früheste Erziehung in dem
+Erregen und Einflößen guter Gefühle bestehen, oder vielmehr darin, daß
+man das Kind mit freundlichen Eindrücken umgibt, unter welchen sein
+Inneres sich still entfaltet.
+
+
+ 3.
+
+Mit dem Alter des Spieles und der wirkenden Phantasie wird die positive
+Einwirkung nothwendig; denn überließe man die Kinder sich selbst,
+so würden sie auf dieses und jenes, und auf allerlei Thörichtes und
+Gefährliches verfallen, oft nicht wissen, wie sie der Langenweile
+wehren sollen, schiefe Richtungen annehmen, alles Gesehene und Gehörte
+blindlings nachmachen, und schlechte Gewohnheiten sich aneignen. So
+geschiehet es auch durch Verspätung und Vernachlässigung des positiven
+Einwirkens durch Gebot und Strafe, Ermahnung und Warnung, daß die
+Kinder den Eltern über den Kopf wachsen. Je mehr die Kraft sprudelt,
+desto mehr muß sie beschäftigt und geleitet werden. Die Kinder wollen
+und bedürfen dann viel, besonders körperliche Beschäftigung, und fehlt
+diese, so regt sich Unmuth, Widerspenstigkeit, und es erscheint eine
+ganze Reihe von Unarten. -- Man verhüte mit Strenge üble Gewohnheiten.
+Jedes Ausarten der Lebhaftigkeit und der Freude in Wildheit und
+Ausgelassenheit, jeder Ausbruch des Eigensinnes, des Leichtsinnes
+und des Muthwillens; jeder entschiedene Ungehorsam, so wie das
+Abweichen von der Wahrheit; endlich beharrliche Trägheit und Faulheit
+erfordern eine unmittelbare und kräftige Einwirkung der Erziehung,
+und hiebei sich leidend verhalten, heißt: sich an den Kindern schwer
+versündigen. Denn wird z. B. den eigensinnigen Kindern nicht zu
+rechter Zeit der Wille gebrochen, den Trägen der Sporn angesetzt, den
+Wilden Einhalt gethan, so werden endlich die Hindernisse der Erziehung
+unüberwindlich, und es entsteht eine solche Ausartung des kindlichen
+Gemüths, ein solches Uebergewicht der Sinnlichkeit, daß zu gewaltsamen
+Mitteln geschritten werden muß. Die weichliche und falsche humane
+Erziehung scheuet und vermeidet jedes Verbot, als Eingriff in die
+vermeintlich-rechtmäßige Freiheit der Kinder, und verdirbt dadurch
+das ganze Werk. Durch Verbote muß man den Kindern, nie durch Strafe,
+zu Hülfe kommen, und sie aus Fesseln erlösen, die sie nicht selbst zu
+zerbrechen die Kraft haben, so wie man sie eben dadurch aus sinnlicher
+Betäubung weckt, in welcher sie zu Grunde gehen müßten.
+
+
+ 4.
+
+Je jünger der Mensch, desto mehr werde von Seiten des Gefühls, je
+älter, desto mehr von Seiten des Verstandes auf denselben gewirkt, doch
+so, daß er nie von der einen oder andern Seite vernachlässigt, auch daß
+er durch Beides zur ~Vernunft~ geführt werde.
+
+Was im frühsten Alter bloß empfunden wurde, wird späterhin gedacht,
+für nützlich und gut erkannt. Man würde also widernatürlich handeln
+und verderben, wenn man das frühere Alter mit Vorstellungen, oder das
+spätere mit bloßen Gefühls-Eindrücken lenken wollte. -- Bewahrung
+der kindlichen Herzens-Reinheit, durch Verhütung alles verführenden
+Umgangs und verführerischer Beispiele durch milde Behandlung -- dann
+Gewöhnung zum Nachdenken durch fleißiges Fragen: warum willst Du dieß,
+hast Du dieß gethan? -- Gewöhnung zur Ordnung und Thätigkeit, das sind
+die einfachen und wirksamen Bildungsmittel, welche, zu rechter Zeit
+angewandt, ihres Zweckes nicht verfehlen. Es ist also das Moralisiren
+bei Kindern von 3 bis 6 Jahren nicht nur vergeblich, sondern auch
+verderblich. Bei Kindern von lebhafter Phantasie und lebhaften Gefühlen
+muß das Nachdenken früher angeregt, und mehr auf Entwickelung des
+Verstandes gewirkt werden.
+
+
+ 5.
+
+Das Gefühl werde von Anfang und immer zart behandelt, doch so, daß es
+zur Ertragung des Widrigen erstarke.
+
+Harte Eindrücke stumpfen ab und erregen zugleich widrig; daher rauh
+behandelte Kinder gefühllos, träge, kalt, störrisch, verschlossen,
+boshaft und linkisch werden, wie das besonders an Bauernkindern
+sichtbar wird. Die Schule kann hier nur wenig entgegen wirken.
+Doch muß die Jugend für das Leben erzogen werden, und also auch
+Unannehmlichkeiten ertragen lernen; daher hüte man sich vor dem
+Bedauern bei geringfügigen Unfällen und Beschwerden, vor dem Entfernen
+oder Erleichtern jeder Beschwerde und Anstrengung, vor Verwöhnung durch
+Gemächlichkeit, z. B. wenn man die Kinder in geheizten Zimmern sich
+auskleiden und schlafen läßt. Doch soll die Jugend jeder Stunde ihres
+Lebens froh werden. Sie wird es aber eben dadurch am sichersten, daß
+man sie in die Nothwendigkeit setzt, die Freude und den Genuß durch
+Beschwerde zu erringen, und daß man sie vor jener Verzärtelung bewahrt,
+welche die Quelle der bösen Laune und so vieler peinlichen Zustände
+des Körpers und des Gemüths ist, in welchen alle Freude und aller
+Genuß untergeht. Der Verwöhnte hat immer etwas zu fürchten oder zu
+leiden; überall zeigen sich Störungen seiner Freude -- er begehrt einen
+Zustand, welcher in der wirklichen Welt nicht Statt finden kann, und
+darum behagt ihm die Wirklichkeit nicht. So ist es auch, und in noch
+höherm Grade, mit der Verwöhnung der Empfindung -- Empfindelei ist der
+Tod alles Lebensgenusses und aller frohen Gefühle.
+
+
+ 6.
+
+Der Verstand werde von Anfang erweckt, fortgebildet, und auf seine
+Sphäre hingewiesen, so daß das heranwachsende Kind immer mehr zur
+Einsicht gelange.
+
+Auf seine ~Sphäre~ oder den ihm von der Natur angewiesenen Kreis, aus
+dem also die Erziehung und der Unterricht nicht heraustreten dürfen,
+wenn sie mit glücklichem Erfolge begleitet seyn sollen. Das Kind soll
+an Selbstthätigkeit und Selbstgefühl gewinnen, damit es die natürliche
+Trägheit auf der einen, und den ungeregelten Trieb zur Thätigkeit auf
+der andern Seite beherrschen lerne. Jene aber muß ein verderbliches
+Uebergewicht erhalten, wenn das Kind zu spät, oder seinen Kräften
+nicht angemessen beschäftigt wird, und dieser wird ausarten, wenn
+er nicht zu rechter Zeit seine Richtung auf das Nützliche und Gute
+erhält. Daher die Erscheinung, daß der Mehrtheil der Kinder entweder
+an einer unheilbaren Schwäche des Denkvermögens, oder an einer eben so
+verderblichen Schwäche der Einsichten leidet, indem man den Verstand
+mit einer Menge von Kenntnissen überladet, die er nicht zu fassen
+vermag. Hier wird es sichtbar, wie viel auf richtige und naturgemäße
+Methode, auf die ~Geistes-Diät~ ankommt, denn die wahre Methode
+entfernt sich nicht von der Natur. Sie verschmäht daher nicht den
+Buchstaben, als der den Geist tödte, noch die Erfahrungs-Kenntnisse,
+und sämmtliche Hülfsmittel, als unnütz und unwirksam -- noch den Stoff,
+als der formalen Bildung nachtheilig. Sie sorgt vorzüglich dafür, daß
+alles Gelernte auch ein Verstandenes oder Begriffenes werde, und legt
+es daher nicht einseitig auf Bereicherung des Gedächtnisses mit einer
+Menge unverarbeiteter Materialien an -- sie läßt das Kind in der Natur
+und Kunst beobachten, erkennen, vergleichen und unterscheiden; sie
+erneuert und belebt das früher Gelernte und Gedachte, und macht es
+dadurch immer mehr zum Eigenthum des kindlichen Geistes. So verhütet
+sie alles Scheinwissen, und einen Wahn des Vielwissens, der das ganze
+Innere verdirbt.
+
+
+ 7.
+
+Die Kräfte des heranwachsenden jungen Menschen erhöhe man in
+ihrer Zunahme, so daß er sie immer freier gebrauche, und zur
+~Selbstständigkeit~ gelange.
+
+Hier scheidet sich die Abrichtung von der Erziehung, oder die
+einseitige von der allseitigen oder vollständigen. Wenn Kinder von
+selbst ihre Kräfte an etwas versuchen, so störe man sie nicht durch
+Tadeln und Kritteln. Dieß gilt von Körper- und Geistes-Kraft. Man
+überlasse zuweilen sie ihrem Thätigkeitstriebe, und dämme ihn nicht
+durch Vorschriften ein; aber man suche ihm durch Winke eine nützliche
+und angemessene Richtung zu geben -- oder -- eine gemeinschaftliche, so
+daß die geselligen Triebe in Thätigkeit kommen. Ein bewährter Pädagoge
+(Himly) sagt hierüber folgendes beherzigungswerthe Wort:
+
+»Zuletzt erscheint doch das Wesentliche aller Erziehung darin, daß
+der Mensch seine Kräfte frei, zweckmäßig und so umfassend nützlich,
+als möglich, gebrauchen lerne, weil dieß seinem Leben einen Werth
+gibt, und ihm die Stelle anweiset, wo er als Glied des großen Ganzen
+wirksam wird. Jeder soll sich, durch Hülfe derer, die auf seine Bildung
+gewirkt haben, an der Stelle befinden, wo er unter harmonischer
+Zusammenstimmung seiner Kräfte zu einer ihm selbst befriedigenden, und
+sein Bestehen in der Gesellschaft sichernden Thätigkeit gelangt. Aber
+ihn selbst befriedigt keine Thätigkeit, die ihn nur bis zum Brod-Erwerb
+führt, und keine, die nicht nach Aussen gerichtet ist, nicht irgend
+etwas ~hervorbringt~. Denn zum Handeln, das heißt, zum Thun nach
+Aussen, zum Wirken in seiner Umgebung, ist der Mensch bestimmt, und
+daher ist es das Ziel seiner Bestrebungen und sein innigster Wunsch,
+einen ihm angemessenen und also ihn befriedigenden Wirkungs- oder
+Thätigkeits-Kreis zu erhalten. Je freier aber, und je harmonischer
+und allseitiger sich seine Kräfte entwickelt haben, desto leichter
+wird er einen solchen Wirkungskreis finden, der ihn befriedigt,
+und seinem Leben einen Werth gibt. Der Mensch wird aus sich selbst
+hinausgetrieben, um für Andere zu wirken, und das vereinigte Daseyn
+der Menschen gleicht einer Maschine von tausend und abertausend in
+einandergreifenden Rädern. Es erfordert so mannigfache und so viel
+geartete Verwendung. Darum mußten auch die Einzelnen so vielgeartet
+seyn, damit jedes Bedürfniß des Ganzen befriedigt werden möge. Der
+unzerstörbare Zusammenhang menschlicher Dinge fordert und gebietet
+den wechselseitigen Austausch der Thätigkeit. Die Gesellschaft stößt
+denjenigen aus, der nichts für sie thun kann oder will. So geschiehet
+es denn, daß die nächsten physischen Bedürfnisse des Menschen, wie
+seine feinsten und geistigsten, nur darin befriedigt werden, daß er zu
+einer angemessenen Thätigkeit nach Aussen gelange. Der Mensch ist also
+nur dann erst mündig, wenn er seine bestimmte, ihm angemessene Stelle
+in der Gesellschaft einzunehmen vermag. Er will und bedarf zu seiner
+Glückseligkeit das Bewußtseyn, daß er im Kreise einer ihm angemessenen
+Thätigkeit Andern nützlich und werth sey.«
+
+
+ 8.
+
+Daher die Regel: Sorge immer für eine ~angemessene~ und ~bestimmte~
+Beschäftigung deines Zöglings, und für eine solche, wodurch die
+harmonische Ausbildung seiner gesammten Körper- und Geistes-Kräfte
+bewirkt wird, und übereile und versäume dabei nichts.
+
+Jene unordentliche, von einem zum andern überspringende, bei nichts
+aushaltende Thätigkeit, ist nur Versplitterung der Kraft. Sie wird
+verhütet durch eingeflößte Liebe für jede Art nützlicher Thätigkeit,
+erregten Wetteifer, und Vereinigung der Thätigkeit Mehrerer. Die Liebe
+zur Thätigkeit entsteht durch die Bemerkung des Hervorgebrachten und
+des Wohlgefallens daran. Der regelmäßigste Gebrauch der Kräfte ist der
+freieste.
+
+
+ 9.
+
+~Man gestatte der fortgehenden Bildung immer mehr Freiheit durch eigne
+Kraft.~
+
+Es ist zweckwidrig, bei dem Unterricht und Lernen den Kindern zu Hülfe
+zu kommen, oder auch in leiblichen Angelegenheiten ihnen alles zu
+erleichtern. Hat man nicht mehr gefordert, als sie leisten können, so
+bestehe man auch darauf, daß sie es durch eigene Kräfte leisten. Neigt
+sich die Thätigkeit vorzüglich auf einen Punkt hin, so zwinge man sie
+nicht -- man impfe ihnen nicht künstlich und gewaltsam ein, was ihrer
+Natur, ihrem Gemüth und ihren Anlagen nicht zusagt -- man gräme sich
+nicht, daß sie nicht leisten, was andere Kinder ihres Alters leisten.
+Haben sie einmal nicht die Anlage dazu, so würde doch nur eine Manier
+oder steifer Zwang herauskommen, oder man würde wenigstens vergeblich
+arbeiten. Nur das gehört dem Menschen wahrhaft an, was aus seinem
+Innern hervorgeht.
+
+Bringt ihr es dahin, daß das Kind fragt, so ist es besser, als wenn ihr
+ihm vordemonstriret -- erfindet es selbst etwas, so ist es besser, als
+wenn ihr es ihm vorsagt -- macht es etwas auf seine Weise, und es ist
+Verstand darin, so lasset es dabei.
+
+So besonders auch bei dem Spielen, wo sich der kindliche Verstand am
+meisten thätig erweist, und am glücklichsten entwickelt. Da störe man
+Kinder nicht, enge sie nicht zu sehr ein.
+
+Ein Kind macht Verse, man lasse es. Es zeichnet oft und gern, mögen
+es für's erste auch nur Karrikaturen seyn; wenn einiges Talent darin
+sichtbar wird, so halte man es nicht ab. Aber freilich hat diese Regel
+ihre Grenze. Wenn man sieht, daß ein Kind eine ganz verkehrte Richtung
+nimmt, seine Kräfte zersplittert -- so thue man Einhalt.
+
+
+ 10.
+
+Man veranstalte in der Erziehung alles, so viel möglich so, daß mehr
+die ganze Umgebung auf den Zögling bildend und erhebend wirkt, als daß
+er der eigentlichen und strengen Zurechtweisung bedürfe.
+
+Von jeher ist in der Erziehung dadurch gefehlt worden, daß man zu
+viel ermahnt und zurechtgewiesen hat. Es ist nichts natürlicher,
+als daß sich Kinder endlich daran so sehr gewöhnen, daß zuletzt
+keine Ermahnung oder Zurechtweisung mehr Eindruck macht. Hier muß
+man mehr das Thörichte und Unrechte zu verhüten, und unmöglich zu
+machen suchen, auch dadurch schon, daß man Kinder auf Reizungen und
+Versuchungen aufmerksam macht, in die sie gerathen werden, oder diese
+entfernt und entkräftet. Je liebevoller z. B. die Behandlung ist,
+und je mehr Vertrauen man den Kindern eingeflößt hat, desto mehr hat
+man sie vor Versuchungen zum Lügen gesichert; je weniger man ihre
+Sinnlichkeit durch leckerhafte Speisen reizt, je mehr man sie an
+einfache Nahrungsmittel gewöhnt, und dafür sorgt, daß der Hunger ihnen
+die Speise würze, desto weniger werden sie naschen; je sorgfältiger
+man den Einfluß roher oder unsittlicher Menschen von ihnen entfernt,
+desto weniger Unarten werden sie begehen; denn die meisten Unarten
+erzeugt der Nachahmungs-Trieb, der bei Kindern eine unwiderstehliche
+Kraft hat; je anhaltender und zweckmäßiger man sie beschäftiget, desto
+weniger Thorheiten werden erscheinen. Wenn Kinder überall, wo sie sich
+befinden, Ordnung und Reinlichkeit, Fleiß und Betriebsamkeit, Einfalt
+und Sitten-Reinheit gewahr werden; wenn sie nur gerechte, besonnene
+und billige Urtheile hören, nur Worte des Friedens und der Liebe, so
+entsteht Sittlichkeit und Rechtlichkeit von selbst.
+
+In dieser Hinsicht haben Erziehungsanstalten einen bedeutenden Vorzug
+vor der häuslichen Erziehung, weil sie alles regelmäßiger einrichten,
+Störungen und Versuchungen kräftiger entfernen, eine genauere Aufsicht
+anordnen, regelmäßiger beschäftigen und eine feste Tagesordnung
+durchführen können; nur daß sie auf der andern Seite durch die strenge
+Regelmäßigkeit auch wohl der freien Entwickelung nachtheilig werden.
+Und doch ist es so mißlich, von der Regel abzuweichen, und Ausnahmen zu
+gestatten.
+
+
+ 11.
+
+Daß Kinder immer heitere Gesichter, willige Arbeiter, einträchtige
+Menschen um sich sehen; daß sie einer bestimmten Tagesordnung sich
+unterwerfen müssen, und von dieser in keinem Falle abweichen dürfen --
+dieß entscheidet über ihre Sittlichkeit. Jede feigherzige Unterwerfung
+unter den Zeitgeist und herrschenden Gesellschaftston, jedes
+Anschmiegen an Mode und Sitte, auch da, wo sich Vernunft und Gefühl
+dagegen sträuben, ist in der Erziehung unverzeihlich und führt zu den
+traurigsten Ausartungen. Die Erziehung darf sich eben so wenig, wie die
+Frömmigkeit, dieser Welt gleich stellen, wohl aber muß sie die Welt
+überwinden lehren, und daher dem verderblichen Einfluß des Zeitgeistes
+die Kraft einer sittlich-reinen Gewohnheit, feste Grundsätze und reine
+Gefühle entgegenstellen, und die Gesundheit des Verstandes gegen die
+giftigen Dünste des Zeitgeistes und Zeitgeschmacks zu schützen wissen.
+
+
+ 12.
+
+Beschränke die Freiheit Deines Zöglings nicht ohne Noth, und ~bewache~
+ihn nicht, anstatt ihn zu beobachten und zu leiten; versage ihm nicht
+eine Freiheit, die seine Natur und seine Entwickelung fordert. Suche
+dagegen den Mißbrauch der Freiheit möglichst zu verhüten durch Belebung
+sittlicher Gefühle, durch Warnung und Zurechtweisung, und dadurch, daß
+Du seinen Kräften eine angemessene Richtung gibst.
+
+Diejenigen Eltern, welche ihre Kinder aus übergroßer Aengstlichkeit gar
+nicht aus den Augen lassen wollen, machen sich und diese zu Sclaven,
+und erreichen ihren Zweck nicht. Allemal werden diejenigen Kinder die
+ausgelassensten seyn, die zu sehr beschränkt wurden. Man muß erdulden
+lernen, was Kinder, weil sie Kinder sind, nicht unterlassen können.
+Nur in Ansehung des Umganges und der Zeit dürfte eine vernünftige
+Beschränkung der Freiheit sehr nöthig und heilsam seyn, da Kinder
+noch nicht beurtheilen können, welcher Umgang ihnen nachtheilig,
+und wie wichtig die Benutzung der Zeit sey. Auch will die Freiheit
+des Sprechens und Urtheilens bei lebhaften Kindern beschränkt seyn.
+Diesen aber kann nichts Unglücklicheres begegnen, als wenn sie in die
+Hände alter Erzieher fallen. Wenn Kinder Liebe zu ihren Eltern und
+Geschwistern haben, so werden sie sich am meisten im Kreise der Ihrigen
+gefallen. Zeigen Kinder eine frühe Gesetztheit und Besonnenheit, so
+lasse man ihnen mehr Freiheit. (Jesus zu Jerusalem im zwölften Jahre.)
+Besonders verkümmere man ihnen die Spielstunde nicht, lasse aber auch
+nicht zu, daß sie sie willkührlich erweitern.
+
+
+ 13.
+
+Nimm dem Kinde nie sein Eigenthum, und laß es nie ungestraft, wenn es
+in fremdes Eigenthum greift; halte ihm immer Dein Versprechen, und
+sey daher auf Deiner Hut, wenn Du ihm etwas versprichst; verletze
+nie sein Recht (z. B. auf Erholung, Nachsicht, Vertheidigung oder
+Entschuldigung), und wenn Du etwas der Art thun müßtest, so richte es
+so ein, daß das Kind Dein Verfahren nicht als Ungerechtigkeit empfinde:
+laß es sich selbst das Urtheil sprechen; zeige ihm, daß es sein Recht
+verwirkt habe; beschränke nur den Gebrauch des Rechts, oder die
+Verwaltung und den Genuß seines Eigenthums.
+
+
+ 14.
+
+In der Erziehung darf keine ~Willkühr~ herrschen, denn sie erstickt die
+edelsten Gefühle, entzieht Vertrauen und Liebe, bringt Verschlossenheit
+und tückisches Wesen hervor. Hat z. B. ein Kind sein Spielzeug
+verdorben, so verschenke man nicht das andere, sondern entziehe es ihm
+nur eine Zeitlang; hat es Geld vertändelt oder vernascht, man nehme ihm
+das übrige nicht. Zeigt es Geldgeiz oder Habsucht, so wirke man auf
+eine andere Art entgegen, als durch Wegnehmen, indem man z. B. seine
+Theilnahme reizt. -- Ist ihm ein unverständiges Geschenk gemacht, so
+entziehe es ihm nur so, daß Du es aufzubewahren versprichst.
+
+Wenn das Kind nachlässig gearbeitet hat, hat es dann sein Recht auf
+Erholung verwirkt? Oder wenn es zum zweitenmale fehlt, auf Nachsicht?
+Oder soll ihm diese immer schwerer zugestanden werden? Darf sich ein
+Kind lebhaft vertheidigen? Wie leicht kann man Kindern Unrecht thun!
+Oft wird man durch die Farbe der Handlung irre geführt.
+
+Haben Kinder auch ein Recht, zu weinen, auf ihrem Willen zu bestehen,
+ungeduldig zu werden?
+
+Besonders hüte man sich, etwas zu versprechen, vor allem Belohnungen,
+und hernach, bei bessrer Einsicht, nicht zu halten, wenn man dem Kinde
+nicht begreiflich machen kann, daß die Erfüllung des Versprochenen ihm
+nachtheilig seyn würde. Es raubt dem Erzieher das Vertrauen und die
+Liebe.
+
+
+ 15.
+
+Tadle nie bitter, und strafe nur dann, wenn Du voraussiehst, oder die
+Erfahrung gemacht hast, daß gelindere Mittel nicht zum Zweck führen;
+laß aber auch das gestrafte Kind weder zu schnell, noch zu spät,
+Beweise Deiner Verzeihung und Liebe sehen. Doch unterlaß es nie, ihm
+die Fehler seiner Arbeiten und seines Betragens zu zeigen, und sey
+karg mit Deinem Lobe, aber freigebig mit Deiner Nachsicht, Schonung
+und Ermunterung. Von der Art, wie Kinder getadelt und gestraft werden,
+hängt vorzüglich der Erfolg der Erziehung ab. Die Strafe und der Tadel
+müsse dem Kinde eben so gut als Erweisungen der Liebe erscheinen, wie
+die Belohnung und das Lob. Ironie und Bitterkeit wirken gefährlich.
+Das Ehrgefühl muß nicht nur geschont, sondern auch gepflegt werden,
+doch so, daß dem Kinde immer Liebe mehr gelte als Lob, und es nach
+jener vorzugsweise strebe. Eine gewisse Weichlichkeit hält vom Strafen
+und Tadeln zurück, und bringt dadurch viel Böses hervor. Man lasse
+sich nicht durch die Empfindlichkeit der Kinder abschrecken. Diese
+Seelenschwäche kann nur durch Wohlwollen und wiederholten Tadel geheilt
+werden. Eitle Kinder bedürfen vorzüglich als Arznei des Tadels; aber
+er muß bei diesen besonders in der Sprache des Wohlwollens ausgedrückt
+seyn, wenn er wohlthätig wirken soll. Den bittern Tadel empfinden
+sie als eine Ungerechtigkeit, und ihr Herz verschließt sich dagegen.
+Den Tadel begleite oft das Wort der Ermunterung, und immer trage er
+mehr die Farbe der Betrübniß, als des Unwillens. Er werde nur dann
+ausgesprochen, wenn es ungezweifelt ist, daß das Kind etwas Besseres
+hätte machen können.
+
+
+ 16.
+
+Soll der Tadel nicht seine ~Wirksamkeit~ verlieren, so muß er nicht zu
+oft kommen; nicht seine ~Wohlthätigkeit~, so muß er nicht im Tone der
+Verachtung ausgesprochen werden; nicht seine ~Würde~, so muß er kein
+ironischer und spottender seyn; nicht seine ~anregende Kraft~, so muß
+er mit lebhaftem Gefühl und in der Sprache des Gefühls ausgesprochen
+werden. Bei lebhaften Kindern, die in jedem Augenblick fast
+Uebereilungen und Thorheiten begehen, muß die Erziehung mehr übersehen,
+als rügen, und mehr verhüten, als strafen, mehr abhalten, als verbieten.
+
+Gelindere Mittel, als Tadel und Strafe, z. B. Entziehung einer
+Bequemlichkeit, ernstes Gesicht, Drohung, Zurechtweisung -- ~scheinen~
+oft nur unwirksam, weil die Wirksamkeit nicht gleich sichtbar wird; sie
+wirken nach, wie fast alle Erziehungsmittel. Ist der wiederholte und
+verstärkte Tadel unwirksam, so folge ihm unmittelbar die Strafe.
+
+
+ 17.
+
+Dem gestraften Kinde gebe man, besonders wenn es zu den lebhaften
+gehört, und noch keine Spuren der Besserung sich zeigen, nicht zu
+schnell wieder Beweise der Liebe.
+
+Da die Kinder eher durch Lob, als durch Tadel verdorben werden, so sey
+jenes noch sparsamer, als dieser. Dagegen darf man in der Erziehung mit
+seiner Nachsicht freigebig seyn, besonders bei Kindern von zartem und
+reizbarem Gefühl. In seltenen Fällen nur lobe man, mit Herabsetzung
+eines anderen Kindes, -- beides, Lob und Tadel, geschehe mehr unter
+vier Augen, als in Gegenwart Anderer, weil es sonst zu stark als
+Reizmittel wirkt.
+
+
+ 18.
+
+~Rousseau~ verwarf alle Strafen, und vergaß, daß die vorherrschende
+Sinnlichkeit eines Widerstandes bedarf, wenn ihr das Kind nicht
+hingegeben werden soll. Es ist eine Art von Ungerechtigkeit, ja es ist
+Grausamkeit, wenn man das Kind ungestraft läßt, denn man überliefert
+es dadurch der Knechtschaft seiner Sinnlichkeit, und legt den Grund
+zu seinem physischen und moralischen Verderben. Der freie Wille muß
+dem Kinde eben so folgerecht und unaufhaltsam in seinen Wirkungen
+erscheinen, wie die physischen Folgen, damit es eine moralische
+Nothwendigkeit erkenne. Wie soll auch das Kind zur Anerkennung der
+Güte im Gefühl kommen, wenn es diese nie entbehrt, wenn es bei
+pflichtmäßigem und pflichtwidrigem Betragen mit gleicher Güte behandelt
+wird? Die weichlichsten, und mit ihrer Güte freigebigsten Eltern
+haben die undankbarsten und ungehorsamsten Kinder. Der Mensch und das
+Kind weiß nur zu achten, was errungen seyn will, und nicht unverdient
+gegeben wird. Das Kind wird und muß sich seinen Eltern gleich setzen,
+wenn diese ihm nicht den Abstand fühlbar machen.
+
+
+ 19.
+
+Alles kommt auf die ~Art~ des Strafens, des Tadelns, des Ver- und
+Gebietens an. Man kann so strafen, daß die Strafe bessert; aber auch
+so, daß sie erbittert, und zum trotzigen Widerstande reizt. Darum sind
+folgende Regeln hiebei sorgfältig zu beobachten:
+
+1. Habt keine Freude am Gebieten und Verbieten, sondern mehr am
+kindlichen Freihandeln, und mildert das Verbot nach Zeit und Umständen;
+haltet es zurück, wo es unzeitig ist.
+
+2. Verbietet seltener durch die That, als durch Worte. Reisset also
+z. B. dem Kinde das Messer nicht weg, sondern lasset es selber, aufs
+freundliche Gebot, dasselbe weglegen, damit es mit Freiheit handeln
+lerne.
+
+3. Greifet nie durch euer Verbot in die Rechte des Kindes, z. B. »Du
+sollst nicht springen, rennen, klettern.«
+
+Das Kind unterscheidet sehr gut den starken und ernsten Ton von dem
+zürnenden; die Mutter fällt leicht in diesen, wenn sie jenen dem
+Vater nachzumachen gedenkt. Sie nimmt leicht ihr Verbot zurück, oder
+beschränkt es, und schwächt es dadurch. So kommt es, daß sich die
+Kinder endlich nichts mehr wollen verbieten lassen. -- Das Verbieten
+geschehe in kräftiger Kürze, und je jünger das Kind ist, desto nöthiger
+ist diese Kürze; ja sie ist nicht einmal nöthig; schüttle den Kopf,
+und damit gut. Das wortreiche Verbieten macht die Kinder nur unmuthig
+und reizt sie zum Spott. Nur sey das Verbieten kein heftiges; besser
+geschieht es zuerst mit leiser Stimme, damit eine ganze Stufenleiter
+der Verstärkung freistehe -- und nur einmal, und für den kleinsten
+Ungehorsam erfolge augenblickliche Strafe.
+
+
+ 20.
+
+Was das ~Strafen~ betrifft, so ist noch hiebei zu beobachten:
+Strafe verhüten, ist besser und weiser, als strafen. Da, wo alle
+andere mildere Mittel unwirksam geblieben sind, trete die Strafe
+unausbleiblich, und mit voller Strenge ein; doch auch hier beobachte
+man eine Stufenleiter, und erwäge, ob das Kind Entschuldigung verdiene,
+und ob es seine Schuld zu erkennen im Stande sey, denn Strafe gebührt
+nur dem, der sich der Schuld bewußt ist. Wo große und strenge Strafen
+nöthig sind, da steht es schlecht um die Erziehung, und die Strafen
+werden bald vergeblich seyn. Nicht strenge, aber unausbleibliche und
+unerläßliche Strafen sind mächtig. »Unter dem Volke nicht nur, auch
+unter den Gebildeten erzeugen die Schläge des Schicksals, welche die
+Eltern empfingen, Gegenschläge auf die Kinder.« Wie oft wird nur
+gestraft, weil eine üble Laune reizbar macht. Wie oft härter, als recht
+ist, weil das Schreien der Kinder zum Unwillen hinreißt.
+
+»Wer sich gern lässet strafen, der wird klug werden; wer aber
+ungestraft seyn will, bleibt ein Narr,« sagt ~Salomo~, und daher sorge
+der Erzieher dafür, daß seine Zöglinge nicht ihr Herz der Strafe
+verschließen, daß sie ihnen Wohlthat werde, und das wird sie seyn,
+wenn sie ohne Unwillen und Heftigkeit geschieht, mit allen Zeichen
+des Bedauerns, daß man strafen muß. -- »Wer seiner Ruthen schonet, der
+hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, züchtiget ihn bald« (Pred.
+Sal. 13, 24.). Die Strafe zu rechter Zeit und auf die rechte Art macht
+bald alle Strafe unnöthig und entbehrlich. »Der hat die Ruthe schlecht
+angewendet, der sie hernach zum Stock verdichten muß.« Aber ganz
+entbehren kann das Kind der Strafe nicht, ob es gleich einige gibt, die
+so weiche moralische Anlagen haben, daß schon die leiseste Aeusserung
+des Unwillens harte Strafe ist. Kinder von heftiger Gemüthsart werden
+unerträglich verwildern, und bringen es bis zur Wuth, wenn sie nicht
+gestraft werden. Sir. 30, 9. 12. -- Ein Kind, das schlägt, werde
+geschlagen. Aber hütet euch, ein Kind durch Schlagen zu zwingen, daß es
+abbitten soll -- oder ihm eine Schand-Strafe aufzulegen. -- »Schande,«
+sagt ~Friedrich Richter~, »ist eine geistige Hölle ohne Erlösung, worin
+der Verdammte nichts werden kann, als höchstens ein Teufel.« -- Auch
+werde nie die kleinste Strafe ~spottend~ auferlegt, sondern ernst,
+öfter trauernd. Der elterliche Gram läutert dann den kindlichen, und
+macht das Herz für die Ermahnung empfänglich, die die Strafe begleitet.
+
+
+ 21.
+
+Strafe kann nicht so viel verderben, als Lob und entzogene Nachsicht.
+Wir haben gewöhnlich einen falschen Maßstab, nach welchem wir das
+Betragen, die Aeusserungen und die Unarten der Kinder beurtheilen. Wer
+sich am besten in die Kindes-Seele hinein versetzen kann, wird der
+beste Erzieher seyn. »So ihr nicht werdet wie die Kinder,« das gilt
+auch hier. Liebevolle und freundliche Behandlung sey durchaus in der
+Erziehung herrschend; doch fehle auch Strenge und Strafe nicht, so oft
+das jugendliche Gemüth durch diese erst jene muß verstehen und schätzen
+lernen. Wer nicht hört, soll fühlen. -- Aber ferne sey jenes eben so
+unnütze als verderbliche Moralisiren über das Betragen und die Unarten
+der Kinder, womit viele Erzieher ihre ganze Pflicht erfüllt zu haben
+glauben, und das nur in seltenen Fällen, und als liebreiche Vorstellung
+der traurigen Folgen eines Vergehens fruchtet. Je mehr Freiheit, desto
+mehr Güte und Wahrheit. »Was also durch einen Wink bewirkt werden kann,
+soll nicht durch ein Wort geschehen, und was ein Wort ausrichten kann,
+dazu soll nicht eine Ermahnungs-Rede gehalten werden.«
+
+In der Erziehung wird eben so oft und sehr durch Versagung als
+Zugestehung der Nachsicht und Schonung gefehlt, und fast alle
+Erziehungs-Gebrechen lassen sich hierauf zurückführen. Die Mittelstraße
+hier zu entdecken, ist auch eben so schwer, als sie ohne Abweichung zu
+gehen, da die meisten Kinder eben so sehr zur Liebe, als zum Unwillen
+reizen, und die Geduld so sehr in Anspruch nehmen, als sie der Liebe
+bedürfen, und da dem durch Weichlichkeit oder Erziehungs-Vorurtheile
+befangenen Erzieher so leicht die nachtheiligen Folgen der Nachsicht
+und Strenge entgehen, besonders was die Lüsternheit der Kinder betrifft.
+
+
+ 22.
+
+Bei allem Unterricht und aller sittlichen Bildung durch Ermahnung,
+Warnung, Ermunterung, Tadel und Strafe, werde immer mehr dahin
+gearbeitet, daß das Kind sich selbst bestimmen, und aus eigenem
+Antriebe handeln lerne, damit es früh zur Selbstherrschaft gelange, und
+keiner Bewachung oder peinlicher Aufsicht bedürfe.
+
+Nie muß man den Zweck alles Erziehens aus den Augen verlieren, welcher
+ist, daß der Mensch selbstständig werde, sich selbst beherrschen und
+leiten lerne, ein ganz freier Mensch werde. Daher stärke die Erziehung
+seine Vernunft und seine sittliche Kraft, übe ihn im Ueberlegen,
+Nachdenken, Entsagen und Erdulden, belebe seine guten Gefühle,
+wecke und nähre Ehrfurcht gegen Gott, und lehre ihn merken auf die
+Regungen und Urtheile seines Gewissens, damit so früh als möglich die
+eigentliche Aufsicht und Erziehung entbehrlich werde. Aus solchen
+Kindern, die immer unter der strengsten Zucht, und unter peinlicher
+Aufsicht gehalten werden, können nie recht brauchbare Menschen werden.
+Je früher Kinder an feste Grundsätze gewöhnt, und durch ihr Gefühl
+und ihre Einsicht gebunden werden, desto früher entwickelt sich der
+Charakter. Doch gibt es auch gewisse weiche Naturen, die jeden Eindruck
+annehmen, und gewisse lebhafte und sinnliche, die es nie oder sehr
+spät erst zu reifer Ueberlegung und Selbstbeherrschung bringen. Diese
+bedürfen der längern und sorgsamern Erziehung und Leitung. Aber auch
+diese werden endlich sich selbst bestimmen, und sich beherrschen
+lernen, wenn sie sorgfältig gebildet, regelmäßig beschäftigt, und in
+eine solche Laufbahn gebracht werden, in welcher ihnen wenig Muße
+übrig bleibt, oder wenn ihr Ehrtrieb beständig wach erhalten wird. Bei
+Mädchen ist es besonders Schamhaftigkeit, und der Trieb zu gefallen,
+der bei solchen Naturen die Stelle der sittlichen Kraft vertritt, oder
+diese ergänzt.
+
+
+ 23.
+
+Indem man Kindern zuweilen die Verwendung von Zeit und Geld überläßt,
+und sie nur von Ferne beobachtet -- indem man sie in Lagen bringt, wo
+sie ihrem eigenen Urtheil überlassen sind -- indem man ihnen Aufträge
+ertheilt -- indem man endlich gemißbrauchte Freiheit nachdrücklich,
+jedoch nicht durch Entziehung aller Freiheit straft -- wird man diesen
+Zweck erreichen.
+
+Je mehr die Erziehung nach festen Grundsätzen geschieht, je mehr sich
+Erzieher hüten, mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen, je mehr
+weise Güte, mit Ernst gepaart, in der Erziehung herrscht, desto eher
+wird die Selbstbestimmung erfolgen. Je mehr dagegen der Erzieher
+schwankt, und von der weichlichsten Güte zur härtesten Strenge
+übergeht; je mehr er der Sinnlichkeit Nahrung gibt und Laune duldet,
+desto schwerer wird es ihm werden, seine Zöglinge in Ordnung zu
+erhalten, und zur Selbstherrschaft zu erheben.
+
+Emilie ist sinnlich und lebhaft -- vergißt sich leicht -- ist leicht
+hingerissen; aber wenn man ihr sagt: »wird es Dir wohl heute möglich
+seyn, Dich in Deiner Lustigkeit zu mäßigen? Du würdest mir eine
+große Freude machen« -- erhält sie eine gewisse Kraft über sich. Ein
+treffliches Mittel ist auch der Auftrag, über kleinere Kinder die
+Aufsicht zu führen, ihre Spiele zu leiten -- daher Kinder, die junge
+Geschwister haben, eher sich ausbilden.
+
+Härte und übertriebene Strenge in der Erziehung werden bei gut
+organisirten Kindern bei weitem nicht so gefährlich wirken, als
+übertriebene Weichlichkeit und Nachsicht. Gegen jene ist dem Kinde in
+seiner unerschöpflichen Liebe eine Waffe und Gegengewicht gegeben; aber
+dieser muß es ohne Rettung und Widerstand unterliegen, weil sie ihm nur
+als Wohlthat erscheinen kann.
+
+
+ 24.
+
+Der junge Mensch sey nie von solchen Personen umgeben, von welchen er
+Schlechtes sehen und hören könnte; seine Gespielen seyen gut erzogene
+Kinder, seine Hausgenossen gut gesittete Menschen.
+
+Die schwerste, und eine unauflösliche Aufgabe der Erziehung ist die,
+Kinder gänzlich vor dem verderblichen Einfluß böser Beispiele zu
+verwahren, und sie mit lauter guten Menschen und guten Eindrücken zu
+umgeben. Da dieß nicht möglich ist, so muß es die Erziehung dahin
+zu bringen suchen, daß das Herz des Kindes dem Einfluß des Bösen
+widerstehen könne, und keinen sittlichen Schmutz annehme. Hier wirken
+mehr, als andere, die religiösen Gefühle und Gesinnungen. Ist das Kind
+mit diesen ausgestattet, so werden ihm böse Beispiele, Versuchungen
+und Reizungen nicht nachtheilig werden. Ist das sittliche und das
+ästhetische Gefühl der Kinder genährt und veredelt, so werden sie
+nur Abscheu und Widerwillen bei dem Bösen, was sie sehen und hören,
+empfinden und nichts davon annehmen. Nur das Böse haftet, was sie von
+solchen Menschen hören und sehen, welchen sie mit Achtung, Vertrauen
+und Liebe ergeben sind. Daher haben sich Eltern und Erzieher sehr
+sorgfältig zu hüten, daß sie sich nicht zuweilen vergessen, z. B. in
+der lebhaften Freude, oder im Unmuth und in der Heftigkeit; -- daß sie
+höchst vorsichtig bei Scherzen und Urtheilen sind. Vergeblich versucht
+man, wieder aufzubauen, was man durch unbedachtsamen und unbesonnenen
+Scherz und Spott niedergerissen hat; daher sind witzige Menschen keine
+gute Erzieher. Da es in jeder Familie Menschen gibt, deren Sitten nicht
+rein sind, oder nicht fein genug, so muß man mit Kindern hierüber ganz
+offen reden, und sie warnen, aber zugleich auf die guten Eigenschaften
+solcher Personen aufmerksam machen.
+
+
+ 25.
+
+Hier ist die dunkle Seite der öffentlichen Schulen und größern
+Erziehungs-Anstalten. Doch ist freilich hier auch neben dem Schlimmen
+das Gute; denn wo kein Widerstand und kein Hinderniß zu überwinden ist,
+da ist auch keine Kraft-Entwickelung möglich. Solche Kinder, die sich
+so leicht verführen lassen, sind überhaupt schwach, und würden auch
+geringeren Versuchungen unterliegen. Man unterlasse nur nicht, Kinder,
+so bald sie es begreifen können, mit den Gefahren bekannt zu machen,
+welchen man sie aussetzen muß.
+
+In Ansehung der Gespielen nur sey die Erziehung höchst vorsichtig,
+weil bei dem Spiel das Herz sich ganz hingibt, die innigste
+Vertraulichkeit entsteht, und eine wechselseitige sehr starke
+Einwirkung Statt findet. Auch tragen gute Gespielen sehr viel zur
+Entwickelung der geistigen und sittlichen Anlagen bei. Man bringe
+lebhafte Kinder zu lebhaften, phlegmatische zu lebhafteren, aber nicht
+zu den lebhaftesten. Das phlegmatische Kind läßt sich von dem lebhaften
+alles gefallen, und dies wird herrschsüchtig und eigensinnig. Am besten
+ist es, wenn die Gespielen sehr verschiedenen Gemüths sind, ohne gerade
+ganz entgegengesetzte Gemüthsart zu haben. Kinder von vornehmeren
+und geringeren Ständen zusammen zu bringen, ist selten rathsam; es
+müßte denn das Kind geringeren Standes sich durch ausgezeichnete
+Fähigkeiten geltend zu machen wissen, und reine Sitten haben. Dagegen
+ist es sehr vortheilhaft, gut unterrichtete Kinder zu Lehrmeistern
+der Vernachlässigten zu machen. -- Kinder, die sich fortdauernd nicht
+vertragen, bringe man ja auseinander.
+
+
+ 26.
+
+Man lasse die Kinder übrigens ihre Gesellschaft frei wählen, so bald
+man überzeugt ist, daß sie gut wählen werden, und dann auch ohne
+Aufsicht spielen. Am besten ist es, wenn sie immer einige ältere
+zu Freunden haben, an welche sie sich durch den Nachahmungstrieb
+hinaufbilden; aber auch jüngere, um ihr Selbstgefühl nicht zu
+verlieren, und hauptsächlich ihres Gleichen, weil das Gleiche sich am
+innigsten vereinigt, und am glücklichsten fortstrebt.
+
+
+ 27.
+
+Nicht zu früh führe man Kinder in die Gesellschaft der Erwachsenen,
+nämlich nicht eher, als bis sie Ausbildung und Muth genug haben, sich
+in dieser Gesellschaft wohl zu befinden, und aus ihr Nutzen zu ziehen,
+und auch dann geschehe es nicht zwangsweise, und nicht zu oft und zu
+lange! Es ist bedenklich, Kinder stundenlang in einer erzwungenen
+Ernsthaftigkeit und Ruhe zu erhalten, nicht zu gedenken, daß man eine
+Grausamkeit an ihnen begeht, oder auch, wenn man sie gütig behandelt,
+zu einem gewissen vorlauten Wesen und zu einer unbescheidenen
+Dreistigkeit verleitet; oder sie zu Drathpuppen macht, die lauter
+Manieren, und keine Natur mehr haben. Je mehr die Gesellschaften
+gemischt sind, desto gefährlicher sind sie Kindern, da nur wenig
+Erwachsene so viel Achtung und Rücksicht für Kinder haben, als diese
+fordern können und bedürfen. Herangewachsenen Kindern, und besonders
+Mädchen, ist es freilich vortheilhaft, wenn sie sich in Gesellschaft
+geachteter Personen in ihre Gewalt bekommen lernen, aber auch nur
+solchen. Mädchen müssen früher die gesellschaftliche Sitte und die
+Sprache des Umgangs lernen, früher eine gewisse Dreistigkeit bekommen,
+damit sie nicht in kindische Blödigkeit versinken, und dadurch lästig
+werden.
+
+
+ 28.
+
+Waren Kinder in gemischter Gesellschaft, so erforsche man, was auf sie
+Eindruck gemacht hat, belebe die guten, schwäche die bösen Eindrücke,
+mache sie aufmerksam auf den Ton der Gesellschaft, und leite ihr
+Urtheil darüber; erlaube ihnen keinen spöttelnden Tadel des Gesehenen
+und Gehörten, lehre sie mehr das Unsittliche und Thörichte, als
+das Lächerliche auffinden und beurtheilen, und bewahre sie vor der
+conventionellen Heuchelei und Abgeschliffenheit.
+
+Die traurige Kunst, sich mit Anstand und Geduld zu langweilen, müssen
+Kinder nie lernen; eben so wenig die Fertigkeit, viel Worte zu machen,
+und die, zu schmeicheln. In so fern die Theilnahme an Gesellschaften
+Nahrung der Eitelkeit und des Stolzes werden kann, ist sie besonders zu
+verhüten, wenn nicht die ganze Frucht der Erziehung verloren gehen soll.
+
+Dabei darf die gesellschaftliche Bildung nicht vernachlässigt werden.
+Bringt man junge Leute zu spät in die Gesellschaft der Erwachsenen, so
+leiden sie an unheilbarer Blödigkeit und Ungelenkigkeit, und werden
+der Umgangssprache nie mächtig. Aber die Erziehung muß sie zuvor in
+den Stand gesetzt haben, an einem gesellschaftlichen Gespräche Antheil
+nehmen zu können; ihre Urtheilskraft muß nicht mehr ungebildet, ihre
+Sprache gereinigt, ihr Geschmack geläutert seyn. Denn was junge Leute
+in Gesellschaft einsylbig, blöde und verlegen macht, das ist nur
+Bewußtseyn ihrer Unwissenheit und Mangel an Gedanken und Kenntnissen.
+
+
+ 29.
+
+Viel verdanken wir dem gesellschaftlichen Umgange, und er darf von den
+Erziehungsmitteln nicht ausgeschlossen werden. Die Mittheilung von
+Gedanken, Urtheilen und Gefühlen befördert sehr die Bildung des Geistes
+und des Herzens. Eben so belebt der Umgang alle wohlwollende Gefühle,
+und übt in der Selbstverläugnung. Das Mädchen, mit größeren Anlagen zur
+Geselligkeit ausgestattet, und durch diese die Seele der Gesellschaft,
+soll auch hierin nicht vernachlässigt werden. Aber wenn sie zu früh in
+Gesellschaft geführt wird, besonders bei äusserer Annehmlichkeit und
+Liebreiz, so erhält sie eine gefährliche Nahrung für ihre Eitelkeit.
+Doch auch nicht zu spät, damit sich nicht Blödigkeit festsetze, die so
+viel gesellschaftliche Freude verbittert, und so schwer beseitigt wird.
+Man führe eben darum das Mädchen nicht eher in die Gesellschaft, als
+bis sie in dieser etwas gelten, und zur gesellschaftlichen Unterhaltung
+beitragen kann, und präge ihr dann ein, daß auch sie der Gesellschaft
+werth sey, wenn sie ihren Beitrag zur Unterhaltung gibt; aber eine Last
+für sich und die Gesellschaft, wenn sie ihn aus Blödigkeit zurückhält.
+Man bewahre sie vor gemischten Gesellschaften, und solchen, wo sie zu
+sehr allein da steht; man lehre sie die Sprache des Umgangs, und übe
+sie selbst darin, damit sie es zur Fertigkeit bringe; man gebe ihr
+zuweilen Aufträge, die dahin abzwecken, z. B. Bestellungen.
+
+
+ 30.
+
+Alles, was für die Verstandes-Bildung geschieht, werde zugleich
+Bildungsmittel für das Herz und den Geschmack, und umgekehrt, damit
+alle Einseitigkeit und Halbheit vermieden, und das Kind zum Menschen
+gebildet, zur Menschenwürde erhoben werde.
+
+Unterricht und Erziehung sollten nicht scharf von einander getrennt,
+nicht als zwei ganz von einander verschiedene Geschäfte betrieben
+werden; denn nur da, wo aller Unterricht erziehend, und alle Erziehung
+belehrend wirkt, nur da kommt man zum Zweck. Der Unterricht wirkt aber
+dann erziehend, oder auf Gesinnung und Gefühl, wenn er wohlwollend, im
+Ton der Liebe und Güte ertheilt wird, wenn man die Kinder immer darauf
+hinführt, warum und wozu sie Kenntnisse einsammeln, sie auf ihr Inneres
+merken, sie unmittelbar das Gelernte und Begriffene anwenden lehrt;
+wenn man sorgt, daß gegenseitige Liebe bei dem Wetteifer sey, wenn man
+bei dem Unterricht es nicht bloß auf Anregung des Ehrtriebes, sondern
+auch der Frömmigkeit und Sittlichkeit anlegt, und sich hütet, den
+Unterricht in einen bloßen Mechanismus ausarten zu lassen, oder gar in
+eine Zwangs-Anstalt und Arbeits-Strafe. Je mehr man den Kindern Lust
+und Liebe zum Unterricht beizubringen weiß, je besser das Verhältniß
+des Lehrenden zu den Lernenden ist, desto wohlthätiger wird er wirken.
+Bei dem Unterricht werde nie Anstand und Sittlichkeit verletzt, nie
+das Ehrgefühl gemißhandelt, aber auch nie das Kind weichlich geschont;
+er sey Anstrengung, aber angemessene und nicht zu anhaltende; es werde
+dabei eine Regel befolgt, doch ohne Härte und Zwang. Alles Gelernte und
+zu Lernende werde zugleich als Nahrung für Verstand und Gefühl benutzt.
+Also sey das Lesen nicht bloß Fertigkeit, sondern auch Ausdruck des
+Gefühls, welches der Inhalt anregen oder beleben soll; das Schreiben
+auch Bildungs-Mittel für den Schönheits-Sinn; das Rechnen Belebung
+des Sinnes für Ordnung, der Sorgfalt und des Fleißes, der Geduld
+und Ausdauer; die Musik Belebung frommer Gefühle und des Sinnes für
+Harmonie und Wohllaut, Veredlung des Herzens und Besänftigung der
+Leidenschaften -- jede Arbeit Ermunterung zur Geduld und Uebung darin,
+als Pflicht-Erfüllung, als Sorge für Andere.
+
+
+ 31.
+
+Alles, was die Erziehung thut, werde Beförderungs- und
+Befruchtungs-Mittel für den Unterricht, besonders durch Gewöhnung
+an Ordnung, Regelmäßigkeit, Aufmerksamkeit, Nachdenken, Fleiß und
+Gehorsam. Es komme nie dahin, daß die Kinder, von der übertriebenen
+und lieblosen Strenge der Erziehung verleitet, sich dem Gebot zu
+entziehen suchen, oder es umgehen, und die Erziehung biete ihnen nie
+einen Anlaß dar, und reize sie nie, sich zu widersetzen, oder bemerkte
+Schwachheiten zu benutzen.
+
+Jeder sclavische Gehorsam sey verbannt, damit das Kind sich seiner
+Menschenwürde bewußt werde. Jede Unterredung sey belehrend und
+ermunternd, so wie der ganze Umgang mit dem Kinde bildend und erhebend.
+Das Kind werde nie mit seinen Fragen abgewiesen, nie in seiner
+Thätigkeit und seinem Fleiß durch Unordnung und Geräusch gestört, nie
+durch Vergnügen von der Erfüllung der Schülerpflicht abgehalten, nie
+wegen seiner Anstrengung beklagt. Durch Erziehung lerne das Kind seine
+Pflichten kennen, seine Verhältnisse achten, seinen Willen beherrschen;
+die Erziehung führe es zu Gott. Besonders sorge die Erziehung, daß
+dem Kinde Schätzung seiner Menschenrechte beigebracht, und das Herz
+vor Vorurtheilen der Geburt und des Standes bewahrt werde; denn diese
+verfinstern den Verstand, und lähmen die sittliche Kraft, zerstören
+alle Einwirkung guter Grundsätze, und bringen Willkühr hervor.
+
+Darum werde das Kind nur wenig, und nur von andern Kindern, besonders
+seinen Geschwistern, bedient; darum lerne es ~bitten~, auch Dienstboten
+bitten; es werde Lehrer der Kleinern, es thue ihnen Handreichung,
+auch beschwerliche Handreichung. Da durch Lehren gelernt wird, so
+kann man nicht früh genug die Kinder zu Lehrern der Kinder machen.
+Indem sie diesen ihre kleinen Kenntnisse mittheilen, wächst zugleich
+Wohlwollen und Liebe, werden sie in der Geduld geübt. Auf gleiche Art
+stärke sich Geduld und Kraft der Selbstverleugnung bei dem Lernen
+und bei häuslichen Arbeiten, und daher mache man ihnen nicht alles
+zu leicht, erspare ihnen nicht jede kleine Beschwerde, fordere sie
+zur Selbstverleugnung auf, gebe ihnen Anlaß zur Ueberlegung, und zum
+Handeln mit Ueberlegung.
+
+
+ 32.
+
+Die Art, wie der Unterricht ertheilt wird, die Liebe, die Nachsicht
+und Geduld, die man dem Kinde beweist, die Art der Ermunterung und
+des Tadels, die strenge Ordnung, welche man dabei beobachtet, die
+gewissenhafte Treue, mit welcher die festgesetzten Stunden des
+Unterrichts gehalten werden; der Eifer des Lehrenden, seine Freude
+über bemerkte Fortschritte, seine Traurigkeit über Nachlässigkeit und
+Trägheit, das alles müsse den Charakter des Kindes begründen helfen.
+
+
+ 33.
+
+Da es in der Erziehung keinen Stillstand geben darf, indem jeder
+Stillstand ein Rückschritt seyn würde, so sey das Streben nach dem
+Ziele ein rastloses und eifriges, und dem Zögling stehe dies Ziel,
+wie dem Erzieher, immer vor Augen, damit Beider Eifer nie erkalte
+und nie ermatte. Der Zögling werde sich der gewonnenen Kraft und
+Kenntniß mit Freude bewußt, und diese Freude werde ihm der Sporn zu
+neuer Anstrengung. Nie erscheine ihm das Lernen und Gehorchen als ein
+mühseliges Tagewerk, sondern als der einzige Weg, an das Ziel zu kommen.
+
+
+ 34.
+
+Je öfter es in der Erziehung scheint, als sey die Kraft und Anstrengung
+des Erziehers vergeblich aufgewandt, als sey gar keine Annäherung
+zum Ziel, desto nöthiger ist es, daß der Erzieher sich überzeuge,
+sein Eifer dürfe, auch bei dem ungünstigsten Erfolge, und bei diesem
+gerade am wenigsten, nachlassen, sondern müsse unter allen Umständen
+sich gleich bleiben -- und wenn er sich gleich bleibt, so könne auch
+der Erfolg nicht ausbleiben. Diese Ueberzeugung erlangt man nur durch
+eine sorgsame Erforschung der Natur des menschlichen Geistes, und durch
+eine sorgfältige Beobachtung des Zöglings, so wie durch eine gewisse
+~Bescheidenheit und Mäßigkeit in seinen Erwartungen und Forderungen~.
+Der Erzieher darf eben so wenig, wie der Arzt, an die Untrüglichkeit
+der Regeln seiner Wissenschaft glauben, und muß, wie dieser, von der
+Natur das Meiste und Beste, von seiner Kunst und Wissenschaft das
+Wenigste erwarten, muß nie der Natur entgegen arbeiten, sie nie zwingen
+wollen; aber sorgfältig der Natur nachspüren und nachgehen, und ihre
+Winke beachten, ihre Rechte heilig halten, ihren Beistand weise und
+sorgfältig benutzen, ihre Forderungen ehrerbietig beachten. Wer bei
+jedem Zöglinge denselben Erfolg von seinen Erziehungsmitteln und
+Maßregeln erwartet, dessen Eifer wird bald erkalten, und dessen Muth
+muß sinken, und alles Erziehen muß ihm zuletzt als ein zweckloses und
+fruchtloses Werk erscheinen.
+
+
+ 35.
+
+Wenn aber jeder Stillstand soll verhütet werden, so darf auch,
+besonders in den eigentlichen Kinderjahren, keine lange Pause in den
+Arbeiten, keine öftere Ausnahme von der Ordnung des Tages, keine
+eigentliche Zerstreuung des Zöglings, z. B. durch eine Reise, Statt
+finden. Man erschwert sich selbst und seinen Zöglingen das Geschäft
+der Erziehung unglaublich, so oft man einen längeren Ruhepunkt macht,
+und von der gewohnten Ordnung abweicht, so oft man nachläßt oder ein
+Nachlassen des Zöglings gestattet und geschehen läßt. Besonders gilt
+dieß von einer zu weichlichen Nachsicht und Schonung der Kinder, wenn
+sie krank werden, oder kränklich sind -- von den langen Pausen, die
+man bei Gelegenheit der Familienfeste und bei Zurüstungen zu diesen
+Festen, besonders zu Geburtstagen, macht, auf deren dramatische Feier
+nicht selten Wochen verwandt werden bei dem Einstudiren. Dagegen sind
+bei dem Unterricht und bei der Erziehung ~solche~ Ruhepunkte sehr
+heilsam, welche bestimmt sind, die in einem längern Zeitraum gewonnene
+Fähigkeit, Fertigkeit und Kenntniß zu überschauen, und sich in vollen
+Besitz derselben zu setzen. Daher gehöre es zu den Familien-Festen,
+wenn ein Kind irgend eine Fertigkeit erlangt, eine Bahn des Wissens und
+Lernens durchlaufen hat, und man halte über diese Einnahme des Zöglings
+ordentlich Buch und Rechnung. Das Kind werde zu einem recht lebendigen
+Bewußtseyn seiner erlangten Fertigkeit und Kenntnisse erhoben, und
+besonders zum Bewußtseyn seiner erhöhten moralischen Kraft, indem man
+es erinnert an ehemalige bange Zustände und Verhältnisse, ehemalige
+Schwierigkeiten und Hindernisse, die nun nicht mehr sind. Das Gehorchen
+werde erleichtert durch die Billigkeit und Angemessenheit der Gebote,
+durch wohlwollende Behandlung, eingeflößtes Vertrauen, erleichterte
+Ueberzeugung, daß es so recht und wohlgethan sey.
+
+
+ 36.
+
+Am ersten wird der Eifer erkalten, und der Muth sinken, und also
+Stillstand und Hemmung erfolgen bei solchen Erziehern, die sich
+das Erziehen zu ~leicht~ gedacht haben, und meinten, man habe nur
+zuzusehen, wie sich das Kind selbst erziehe, und ihm hie und da mit
+Strafen und Belohnungen zu Hülfe zu kommen; eben so bei solchen,
+die nicht Liebe genug zu den Kindern haben, und sich durch die
+immer wiederkehrenden Unarten der Kinder zum Unwillen und zu einer
+harten Behandlung reizen lassen, dadurch aber nichts weiter, als
+einen größeren Widerstand der Kinder gegen ihre Erziehungs-Maßregeln
+bewirken. Ferner bei denen, welche den Kindern ~Blößen~ geben, und
+sich dadurch in ein ungünstiges Verhältniß gegen ihre Zöglinge
+setzen. Endlich auch bei solchen, welche an die Untrüglichkeit
+und Unfehlbarkeit ihrer Erziehungs-Grundsätze glauben, und daher
+sich nicht zu fassen wissen, wenn der Erfolg nicht ihren hohen und
+zuversichtlichen Erwartungen entspricht. Daraus entsteht dann leicht
+ein unwilliges und hastiges Wegwerfen aller Grundsätze, und bei einem
+solchen Verfahren muß allerdings der Erfolg rein ungünstig seyn, weil
+dann gewöhnlich eine ganz verkehrte Behandlung des Zöglings eintritt,
+alle Behandlung nach Regeln aufhört.
+
+
+ 37.
+
+Ein Stillstand oder Rückschritt wird ferner da unvermeidlich seyn,
+wo man es mit der Bildung und Ausbildung guter Anlagen ~übereilt~ und
+~übertrieben~ hat, und Kinder über ihr Vermögen anstrengte, ehe die
+wahre Bildungs-Periode eingetreten war. Solche Treibhaus-Erziehung
+bringt nur kränkelnde Erzeugnisse hervor.
+
+Es ist also Stillstand und Rückschritt in der Erziehung unausbleiblich,
+wenn es keine feste Tages-Ordnung gibt; wenn nicht nach Grundsätzen
+erzogen wird; wenn man in gewissen Perioden der Sinnlichkeit zu viel
+Befriedigung verstattet; wenn die Eitelkeit und der Eigendünkel durch
+falsch angewandte Ermunterungs-Mittel geweckt und genährt ist; wenn
+die Lebens-Ordnung, welche eingeführt, und der Unterrichts-Plan,
+welcher befolgt wird, nicht dem Alter und den Anlagen des Zöglings,
+und überhaupt der Natur des kindlichen Gemüths und Geistes angemessen
+ist, vielmehr ganz davon abweicht; wenn endlich Kindern Vorurtheile des
+Standes und der Geburt eingeflößt werden, oder Wohlleben sie träge und
+verdrossen macht.
+
+
+ 38.
+
+~Die Lehren und die Eindrücke der Religion~ müssen allen andern Lehren
+und Eindrücken Kraft und Wirksamkeit geben. Daher geschehe in der
+Erziehung alles mit religiösem Geiste; aber man hüte sich dabei, den
+Ton zu verfehlen, der dem jedesmaligen Alter und der Bildungsstufe,
+auf welcher der Zögling steht, angemessen ist. Die Erziehung benutze
+sorgfältig alle die Mittel, welche ihr zu Gebote stehen, um die
+religiösen Eindrücke dem Herzen unauslöschlich einzuprägen, und da
+die Liebe des Gesetzes Erfüllung ist, so müsse jedes wohlwollende und
+theilnehmende Gefühl sorgsam gepflegt und genährt und schon in dem
+Kinde eine lebendige Ahnung seiner Menschenwürde und Bestimmung erweckt
+werden.
+
+Die Erziehung soll vor allem den Menschen zum Menschen bilden; sie soll
+die Grundzüge der Menschheit nicht verwischen, sondern ihnen Kraft und
+Leben geben; sie soll es auf Selbstständigkeit anlegen, und die Anlagen
+zur Sittlichkeit in dem Kinde ausbilden. Diejenigen Erzieher, die dieß
+verabsäumen, haben ihre Pflicht nicht halb erfüllt. Denn nie wird es
+der Mensch zu wahrer Sittlichkeit bringen, wenn er nicht Ehrfurcht,
+Liebe und Vertrauen gegen ein unsichtbares Wesen fühlt, welches er als
+Herr seines Schicksals betrachtet. Nur dadurch erhält der Wille Kraft
+und Festigkeit, nur dieß gibt den Gefühlen Lebhaftigkeit und Wärme,
+der Seele eine Richtung auf das Höhere. Aber ist die religiöse Bildung
+verabsäumt, so bleibt die Bildung für das ganze Leben mangelhaft und
+unvollständig; nur die Religion kann das Werk des Erziehers fördern und
+krönen. Gerade darum aber, weil die Religion Sache des Gefühls werden
+muß, wenn sie haften und wirksam seyn soll, müssen die religiösen
+Eindrücke schon in der frühesten Kindheit geschehen.
+
+Dahin gehört die Scheu vor einem unsichtbaren und allwissenden Richter,
+der belohnen und bestrafen kann; der Glaube, daß die Regungen des
+Gewissens Gottes-Stimme sind; daß alles Gute von Gott kommt, und daß er
+Beschützer und Führer der Menschen ist; daß er den Menschen durch seine
+Gesandten seinen Willen bekannt gemacht habe -- daß er ihre Gebete
+erhöre.
+
+Dahin gehört ferner Heilighaltung der Bibel, als eines göttlichen
+Buches; der Kirche, als Stätte der Andacht und Anbetung; des Sonntags,
+als eines dem Herrn und unserer Seele geweihten Tages; der Festtage,
+als solcher Tage, die uns an eine große Wohlthat Gottes erinnern -- vor
+allen auch der letzte Tag des Jahres.
+
+
+ 39.
+
+Die ~religiöse Bildung~ darf am wenigsten der weiblichen Seele fehlen,
+weil diese mehr durch Gefühle, als durch Verstandes-Begriffe und
+Grundsätze bestimmt und geleitet wird, und weil vor allem durch die
+Mütter religiöse Gesinnungen und Gefühle fortgepflanzt werden sollen.
+Das Menschengeschlecht wäre verloren, wenn Religiosität nicht mehr
+in weiblichen Herzen gefunden, und durch sie fortgepflanzt würde,
+so wie auch alle Erziehung bei Mädchen ihren Zweck nicht erreicht,
+wenn sie nicht eine religiöse, und durch Religion geheiligte und
+befruchtete ist. Dazu gehört nicht ein frühzeitiger eigentlicher
+Religions-Unterricht, oder daß man das lallende Kind schon zum Beten
+abrichte; wohl aber, daß man es durch Liebe und Ernst empfänglich mache
+für die Eindrücke der Religion; daß man die Schönheiten der Natur, und
+ihre furchtbaren Erscheinungen benutze, um des Kindes gerührte oder
+erschütterte Seele zur Ahnung Gottes und des Göttlichen zu erheben;
+daß man die, das kindliche Gemüth so sehr ansprechenden Erzählungen
+und Lehren der Bibel zur Weckung religiöser Gefühle benutze, und die
+einfachsten Aussprüche der Bibel seinem Gedächtnisse und Verstande
+einpräge; daß man es früh zum Genuß und zum Erkennen dichterischer
+Schönheit führe, und dadurch seinen Gefühlen eine höhere Richtung gebe.
+Ein schönes Lied, dem Kinde mit Empfindung vorgesprochen, wird gewiß
+bei den Meisten von großer Wirkung seyn. Auch das Hinführen in die
+Kirche, besonders bei feierlichen Gelegenheiten, wird hiezu mitwirken;
+nur verlange man nicht, daß das Kind bei dem ganzen Gottesdienste
+aushalten soll. -- Schriften, wie Gumal und Lina -- ~Spiekers~ Emiliens
+Stunden der Andacht -- ~Krummachers~ Parabeln und dessen Festbüchlein
+-- Allwin und Theodor von ~Jakobs~, und von demselben Rosaliens Nachlaß
+-- ~Witschels~ Morgen- und Abendopfer -- ~Glatz~ Andachtsbuch, werden
+hiebei gute Dienste leisten, noch besser ein zweckmäßiger Vortrag der
+biblischen Geschichte, und eine feierliche Morgen- und Abend-Andacht.
+
+
+ 40.
+
+Man beobachte sorgsam alles, was einen lebhaften und guten
+Eindruck auf das Kind gemacht, sein Nachdenken anhaltend beschäftigt,
+seine Wißbegierde am meisten angeregt hat, und suche alle diese
+Eindrücke und Regungen wieder aufzufrischen, damit die Seele dadurch
+gewisse Lichtpunkte erhalte, von wo aus sich Leben, Licht und Wärme
+durch das Ganze verbreite.
+
+Je öfter die Erfahrung lehrt, daß gerade das, wovon man sich den
+geringsten Eindruck versprach, die stärksten und bleibendsten bei
+den Kindern machte, und das, was Eindruck machen sollte, desselben
+verfehlte, desto nöthiger ist es, auf jenes zu merken, und den
+Eindruck nicht verlöschen zu lassen. Dieß gilt besonders von dem,
+was wohlwollende Gefühle, den Sinn für Gerechtigkeit und Wahrheit
+weckt und belebt, was die Ahnung des Göttlichen hervorruft, das
+Selbstgefühl stärkt, den Thätigkeitstrieb erhöht, zur Selbstverleugnung
+ermuntert und stärkt. Bei dem einen Kinde ist's z. B. eine Aeusserung
+des Mißtrauens, wodurch es tief bewegt wird; bei einem andern die
+Betrübniß, die man über seine Fehltritte äussert; bei einem dritten der
+Anblick eines ausgearteten Kindes; bei einem vierten das Gelingen einer
+gefürchteten Arbeit -- bei einem fünften ein Geschenk von Werth -- ein
+unerwartetes Lob -- ein empfindlicher oder beschämender Tadel.
+
+
+ 41.
+
+Nothwendig muß hiernach die Erziehung modificirt werden; es bildet
+sich hieraus eine ~pädagogische Klugheitslehre~. Kinder von einer
+zarten Reizbarkeit, von vorzüglichen sittlichen Anlagen, und solche,
+die auf alles merken, alles zu Herzen nehmen, über alles nachdenken,
+wollen mit einer vorzüglichen Sorgfalt und Behutsamkeit behandelt seyn.
+Lebhafte Kinder bedürfen und ertragen starke Eindrücke, phlegmatische
+starke Reizmittel. Mädchen werden leicht durch Anregung der Phantasie
+fortgerissen. Eine rührende Geschichte kann sie leicht für ganze
+Tage zu einer gewissen Niedergeschlagenheit stimmen, oder doch ihre
+Phantasie in Aufruhr bringen -- eine Schmeichelei die Eitelkeit in
+furchtbarer Kraft wecken.
+
+
+ 42.
+
+Die Erziehung lege es daher nicht so sehr auf starke und lebhafte,
+als auf ~bleibende Eindrücke~ an. Diese werden durch ein sich gleich
+bleibendes herzliches Benehmen, durch Erneurung und Belebung sittlicher
+Regungen, durch Einflößung religiöser Gesinnungen und Gefühle bewirkt;
+aber auch durch Benutzung ausserordentlicher Ereignisse, z. B.
+Unglücks- und Todesfälle, Verluste, Krankheiten, durch welche besonders
+der Sinn für Religion geweckt und belebt wird.
+
+Wir hören hierüber die Bekenntnisse eines gewesenen Schulmannes aus
+seinen Jugend-Jahren. (S. Neue Bibliothek für Pädagogik von Gutsmuths,
+Julius und August 1812.)
+
+»Ich vergegenwärtige mir noch lebhaft die schönen Abend-Dämmerungen,
+in welchen meine Mutter, mich herumtragend, geistliche Lieder sang.
+Mit sanfter, süßer Gewalt ergriffen mich diese Lieder. Ich horchte
+und horchte, und mag auch wohl die Händlein gefaltet haben. Ein Reich
+Gottes that sich mir auf; ich hatte an diesen Abenden, das weiß ich
+noch heute, eine milde, fromme, kindliche, ich möchte sagen: heilige
+Gesinnung, wie mir denn auch die gute Mutter ihre Zufriedenheit mit
+meinem Thun und Treiben nicht versagen konnte, so lange diese Klänge
+und Vorstellungen noch wiederhallten. Ich verstand freilich viele
+Ausdrücke in diesen Liedern nicht; aber der mir zusammenhängend
+verständlichen waren genug. Manches hellte mir die, zwar sehr dürftige,
+Belehrung auf, und übrigens fand ich mich instinktartig zurecht. Ich
+verstehe mich hier selbst wohl. Bewahre mich Gott, die Erkenntniß des
+Verstandes zu verachten! Was kann herrlicher seyn, als das Denken,
+welches selbst eine göttliche That ist, auf das Göttliche angewandt.
+Ich meine nur, das Uebersinnliche, das im Menschen ursprünglich gesetzt
+ist, als: Gott, Gewissen und Rechenschaft, wurde mir in das Bewußtseyn
+gebracht durch jene Gesänge, und wenn ich einmal auf diesem heiligen
+Boden war, so konnten ein Paar dunkle Vorstellungen ab und an nichts
+verschlagen; die Hauptsache, der Grund aller wahren Religion, war
+gewonnen. Ich segne meine Eltern, daß sie mir den Gedanken des Heiligen
+eher einpflanzten, ehe noch die rechte Sünde kam, und die größere
+Zerstreuung. Keine Erkenntniß zu dulden, die nicht durch den Begriff
+kommt, das ist spätere Losung gewesen. Wir haben gesehen, wie weit wir
+damit im Erkennen, Wollen und Fühlen gekommen sind.«
+
+»Ich mußte früh und Abends ~beten~, vor und nach Tische, und sah es
+die Eltern gleichfalls thun. Oft hatte ich keine Andacht dabei; oft
+wurde ich dazu gezwungen. Ein Erzieher meiner spätern Jahre machte
+es umgekehrt; er versagte mir das laute regelmäßige Beten, wenn ich
+nicht gesammelt war, mit dem Beifügen, daß ich mich Gott in einer
+solchen Stimmung nicht nahen dürfe, weil ich ihm mißfällig sey. Das
+wirkte mächtig auf mich. Indessen entsinne ich mich keines Schadens,
+den das mechanische Geplapper mir gebracht hätte. Doch kann es seyn,
+daß die sinnvollere Erziehung, die ich vom neunten Jahre an ausser
+dem Hause erhielt, mich vor solchem Schaden bewahrt hat. Dagegen weiß
+ich, daß ich auch sehr oft andächtig betete; daß mir der Gedanke an
+Gott und die Beschäftigung mit ihm etwas wurde, das sich von selbst
+verstände; daß mir bei unerlaubtem Dichten und Trachten eben deshalb
+die Erinnerung an Gott schneller in den Weg trat, und mich in manchem
+Schlechten aufhielt; daß ich mich gewöhnte, den Tag und die Nacht als
+ein Geschenk des liebevollen Gottes, und das Leben, als bedürftig der
+Weihe in jedem seiner Theile zu betrachten. Ich kam zeitig unter eine
+gewisse Gottesherrschaft, die dem Leben getaufter Menschen erst den
+wahren Werth gibt; ich lernte endlich durch eingeimpftes Beten auch
+frei beten, und meine religiösen Vorstellungen unaufgefordert an Gott
+richten. Es ist in der That die Frage, ob eine allzu ängstliche Scheu
+vor dem Mechanismus im Beten im Anfang der religiösen Erziehung nicht
+dem höchsten, dem freien Beten selbst, auf Zeitlebens nachtheilig wird.
+Mich dünkt, das Beten wolle, wie jede Seelen-Verrichtung, ~geübt~ seyn.«
+
+»Ich bekam Bibelsprüche zum Auswendiglernen. Viele darunter verstand
+ich nicht ganz; mehrere waren in der Auslegung unrichtig; erklärt
+wurden mir wenige recht. Die einen habe ich in der Folge verstehen,
+die andern recht erklären gelernt. Gesetzt, mir wäre Beides nicht ganz
+zu Theil geworden, so hätte ich doch immer, wie geschehen ist, einen
+Schatz gesammelt von Lehre, Warnung und Trost in erhaben einfacher
+Sprache der Urwelt.«
+
+»Dem häuslichen Vorlesen und Hören von Predigten habe ich als Kind nie
+etwas abgewinnen können. Die Schuld mochte theils daran liegen, daß
+Predigten für mein Kindesalter nicht paßten, theils an der schlechten
+Declamation. Aber das häusliche Singen an Sonn- und Festtagen erbaute
+mich mehr. Da ich ein vortreffliches Gedächtniß habe, so lernte ich
+die vornehmsten Lieder unseres Gesangbuchs kennen, viele auswendig.
+Wie mancher Vers der Gottbegeisterten Dichter ~Paul~, ~Gerhard~,
+~Richter~, ~Luther~, ~Neumann~, und später des sanften ~Gellert~,
+hat mich mahnend, warnend, tröstend durch das Leben geleitet! Wo die
+heutige Jugend so oft trostlos schwankt, oder in wilder Verworrenheit
+dem Abgrund zutaumelt, habt ihr Unsterblichen mich fest und aufrecht
+erhalten.«
+
+»Die Vorstellungen und Gefühle der Religion waren es vorzüglich, die
+meine dunkeln, gemeinen, verkümmerten Kinder-Jahre erhellten, adelten
+und beseligten. Eine Welt ging mir im Geiste auf, deren Schimmer die
+enge sichtbare mir nicht verdüstern konnte. Mit dem Ministerknaben,
+der im stolzen Prachtwagen bei mir vorüber fuhr, hatte ich einen Gott,
+zu dem ich beten konnte; ich war getauft, wie er; ich erstand einst
+aus dem Staube, wie er, nicht mehr gebeugt, sondern verklärt. An den
+einfachern Weltverhältnissen, die ich im Evangelienbuche anschaute,
+richtete sich meine schüchterne Seele auf; die festlichen Tage der
+Christen brachten auch in meiner Eltern Haus einen Schimmer der Freude;
+an Abendmahlstagen sah ich die höchste Erhebung an ihnen, und wie sie
+da mit besonderer Scheu das Unheilige mieden, so ermannten sie sich
+auch, des Lebens Sorgen wegzuwerfen. Mitten unter den Thränen, die ihr
+Brod benetzten, sah ich auch oft den vertrauensvollen Blick gen Himmel
+gerichtet, und hörte ein Wort wechselseitiger Tröstung gesprochen,
+das nicht auf täuschende Erdenhoffnungen gegründet war. So lernte ich
+zeitig etwas von der erhabensten aller Künste, zu stehen wie ein Berg
+Gottes, den Fuß in Ungewittern, das Haupt in Sonnenstrahlen.«
+
+
+ 43.
+
+~Jean Paul~ sagt in seiner Levana: »Zeiget überall, auch an den
+~Grenzen~ des heiligen Landes der Religion, dem Kinde anbetende und
+heilige Empfindungen; diese gehen über, und entschleiern ihm zuletzt
+den Gegenstand, so wie es mit euch erschrickt, ohne zu wissen, wovor.
+Newton, der sein Haupt entblößte, wenn der größte Name genannt wurde,
+war ohne Worte ein Religions-Lehrer von Kindern geworden. Nicht ~mit~,
+aber ~vor~ ihnen dürft ihr beten, das heißt: Gott laut danken. Eine
+verordnete und befohlene Erhebung und Rührung ist eine entweihte.
+Kindergebete sind ~leer~ und ~kalt~, und eigentlich nur Ueberreste des
+jüdisch-christlichen Opferglaubens, der durch Unschuldige, statt durch
+Unschuld, versöhnen und gewinnen will.« Das Wahre an dieser zu stark
+ausgedrückten Behauptung ist wohl dieß, daß eine befohlene Andacht gar
+keine ist, und daß ein Tischgebet vor dem Essen jedes Kind verfälschen
+müsse.
+
+»Gebt dem Kinde,« heißt es dort weiter, »unser Religions-Buch in die
+Hand, aber schickt die Erklärung dem Lesen nicht nach, sondern voraus,
+damit in die junge Seele die fremde Form als ein Ganzes dringe.
+Warum soll erst der Mißverstand der Vorläufer des Verstandes seyn?
+Um die schöne Frühlingszeit der religiösen Aufnahme des Kindes unter
+Erwachsene -- eine so wichtige, da es vor dem Altare zum erstenmale
+öffentlich und mit allen Rechten eines ~Ichs~ auftritt und forthandelt
+-- um diese einzige Zeit, wo plötzlich das dämmernde Leben in ein
+Morgenroth aufbricht, und dadurch das Neue der Liebe und der Natur
+verkündigt, gibt es keinen schöneren Priester für die junge Seele, als
+der Dichter ist, welcher eine sterbliche Welt vernichtet, um auf ihr
+eine unsterbliche zu bauen.« Levana 1. 146.
+
+
+ 44.
+
+Verhüte sorgsam alles, wodurch die Freudigkeit Deines Zöglings
+geschwächt oder unterdrückt werden könnte, und erhalte ihn daher
+in einer ununterbrochenen, seinem Alter und der kindlichen Natur
+angemessenen ~Thätigkeit~; flöße ihm keine Furcht, sondern nur
+ehrerbietige Scheu, keine Aengstlichkeit und Schüchternheit, sondern
+Freimüthigkeit und Bescheidenheit ein; suche selbst da, wo Du einen
+Zwang eintreten lassen mußt, seinen Willen zu gewinnen, und benimm ihm
+nicht durch übertriebene Strenge und durch Pedanterie die Lust und
+Liebe zu dem, was er thun soll. Störe ihn nicht in seinen Spielen; sey
+kein Spiel-Verderber.
+
+»Die Erziehung unserer Väter hatte eine düstere und abschreckende
+Gestalt, und noch jetzt ist das Vaterhaus für die armen Kinder ein
+Zwinger, in welchem sie, gleich eingefangenem Wild, nur gefüttert und
+geschlagen werden.«
+
+Hierin ist's besser geworden, obgleich man auch hier und da auf
+das andere Extrem verfallen ist. Ganz ohne äussern Zwang geht es
+freilich in der ersten Erziehung nicht ab, aber es kommt darauf an,
+was für eine Farbe dieser Zwang trägt, und wie er eingeleitet wird.
+Kinder sträuben sich gegen anhaltende und ernste Thätigkeit, gegen
+Gehorsam und Gebot, gegen eine feste Ordnung, gegen Entbehrungen und
+Entsagungen. Hier muß oft Zwang eintreten, der Wille ihnen gebrochen
+werden, wenn nicht Ausartung erfolgen soll. Aber es gibt doch auch
+eine freundliche und wohlwollende Strenge, es gibt Mittel, ihnen
+den Zwang zu versüßen und zu erleichtern: Mannigfaltigkeit und
+Abwechselung in den Beschäftigungen und Arbeiten, Herablassung und
+Herabstimmung, ein freundlicher Scherz, Lob und Ermunterung, Belohnung
+und gleichmäßige Thätigkeit, Sinnenlust. Es ist nicht schwer, Kindern,
+deren Phantasie so beweglich ist, die Unlust zu benehmen, und dann
+werden von selbst alle Kräfte rege. Man darf nur die Sinnlichkeit
+der Kinder zu Hülfe rufen, und ihr einige Nahrung geben, so ist der
+Wille gewonnen, »besonders da der Schmerz und die Traurigkeit der
+Kinder ohne Vergangenheit und Zukunft ist.« Wer allen Forderungen
+und Geboten gleich die Drohung hinzufügt, oder in einem rauhen Tone
+gebietet, oder fordert, was so schwache Kräfte nicht leisten können;
+wer nicht zu Hülfe ruft die Anregungen des Wetteifers, des Lobes,
+der Belohnung, oder wohl gar die Arbeit als Strafe dictirt und
+verordnet, der mag sich nicht beklagen, wenn ihm überall die ~Unlust~
+entgegentritt. Aber die Heiterkeit und Freudigkeit der Kinder soll
+nicht erkauft und erschmeichelt, oder durch dargebotenen Genuß und
+durch beständige Reizmittel erzwungen werden, vor allem nicht durch
+Nährung und Befriedigung des Ehrtriebes; auf diesem Wege bildet man nur
+Selbstsüchtige und eitle Thoren, die keines reinen Beweggrundes mehr
+fähig sind. Auch sind diese Mittel so bald erschöpft, und es entsteht
+große Verlegenheit.
+
+
+ 45.
+
+»~Heiterkeit~ oder ~Freudigkeit~ ist der Himmel, unter dem alles
+gedeiht, Gift ausgenommen.« Aber wiederum die Heiterkeit kann nicht
+gedeihen, wo die Sinnlichkeit der Kinder zu freigebig genährt wird;
+vielmehr entsteht alsdann ein launichtes und mürrisches Wesen, und die
+Kinder wissen nicht, was sie wollen. »Kleine Genüsse dagegen wirken,
+wie Riechfläschchen, auf die jungen Seelen, und stärken von Thätigkeit
+zu Thätigkeit.« -- Seltene Genüsse sind, nebst einer sich gleich
+bleibenden Thätigkeit, die beste Nahrung für Heiterkeit und Frohsinn,
+und ihre Bedingung ist Gesundheit des Leibes und der Seele.
+
+Laß das Kind nicht zu viel und nicht zu wenig, nicht zu lange und
+nicht zu kurze Zeit spielen, und überhäufe es nicht mit Spielsachen,
+denn das führt nur zum Ueberdruß und zur Laune; »auch verwelkt an
+reicher Wirklichkeit und verarmt die Phantasie. Vor den Kindern, deren
+Phantasie noch stärker, als im Jünglings-Alter, schafft, spielt Ein
+Spielzeug oft alle Rollen, und es schmeckt ihnen gerade so, wie sie es
+jedesmal begehren.«
+
+Eben deswegen bedürfen sie keines schönen Spielzeuges, denn ihre
+Phantasie bildet es viel schöner, als die Kunst es vermöchte. »Daher
+die Erscheinung, daß sie die häßlichsten Puppen oft am liebsten haben,
+z. B. des Vaters alten Stiefelknecht an Kindes- oder Puppen-Statt
+annehmen.« Hingegen je älter der Mensch wird, desto mehr bedarf er, daß
+ihm eine reiche Wirklichkeit erscheine.
+
+
+ 46.
+
+~Das Spiel ist die eigentliche Heimath der kindlichen Seele, ist sein
+Paradies, auch mit dem Baum der Erkenntniß.~ Hütet euch aber, der
+flammende Cherub zu seyn, der sie aus diesem Paradiese verjagt; sie
+verlassen es von selbst, wenn es aufgehört hat, für sie ein Paradies
+zu seyn. Spielt das Kind zu lange, nämlich auch dann noch, wenn es
+schon das Bedürfniß, beschäftigt zu seyn, lebhaft fühlt, so ist
+ihm das Spiel verderblich; zu wenig, so nimmt es eine unnatürliche
+Richtung, und verliert seine Freudigkeit und Heiterkeit. ~Es kommt
+viel darauf an, daß der Uebergang vom Spiel zum Lernen mit Vorsicht
+und Klugheit geschehe.~ Bilder und bildliche Darstellungen vermitteln
+diesen Uebergang am besten; aber auch hiebei beobachte man eine
+weise Sparsamkeit, und gebe ihnen nicht zuerst unbekannte Thiere und
+Gewächse, die ein gelehrtes Auge fordern, sondern solche Bilder, auf
+welchen Menschen oder Thiere handelnd dargestellt werden. »Auch sind
+kleine Bilder den Kindern angemessener und angenehmer, als große. Was
+für uns fast unsichtbar ist, ist für Kinder nur klein; sie sind nicht
+bloß moralisch, sondern auch physisch kurzsichtig, folglich gewachsen
+der Nähe; und mit ihren kurzen Ellen, mit ihrem Leibchen, messen sie
+ohnehin überall so leicht Riesen heraus, daß wir wohl thun, wenn wir
+ihnen die Welt im verjüngten Maßstabe vorführen.«
+
+Der Spielplatz ist die rechte Uebungsschule für alle moralische
+und geistige Anlagen und Kräfte der Kinder; daher die Erscheinung,
+daß einsam und einförmig erzogene Kinder sich so langsam und so
+einseitig entwickeln, und immer rauhe Ecken behalten, die selbst die
+Welt mit ihren Reibungen nicht abschleift. Aber soll der Spielplatz
+eine solche Uebungsschule werden, so muß Freiheit herrschen, und die
+Erwachsenen müssen nicht weiter, als wenn ein Friede zu schließen,
+oder ein Beschluß zu fassen ist, als Mittelspersonen und Rathgeber,
+oder höchstens als Redner mit Vorschlägen in dieser Volksversammlung
+auftreten. Aber die Vorschläge, und das Abstimmen darüber kann von
+gutem Nutzen seyn; nur bleibe es auch, wie in der Volksversammlung, bei
+dem, was die Mehrheit beschlossen hat.
+
+Das schönste und reichste Spiel ist Sprechen, erstlich des Kindes mit
+sich, und noch mehr der Eltern mit ihm. Ihr könnt im Spiele und zur
+Lust nicht zu viel mit Kindern sprechen, so wie bei Strafe und Lehre
+nicht zu wenig. Levana 1r Th. S. 197.
+
+
+ 47.
+
+»Nur Kinder sind kindisch genug für Kinder. Eltern und Lehrer sind
+ihnen immer jene fremde Himmelsgötter, welche, nach dem Glauben
+vieler Völker, dem neuen Menschen auf der neugebornen Erde lehrend
+und helfend erschienen waren; wenigstens sind sie den Kinder-Zwergen
+die körperlichen Titanen. Folglich ist ihnen in dieser Theokratie und
+Monarchie freies Widerstreben verboten und verderblich, Gehorsam und
+Glaube verdienstlich und heilbringend. Wo kann denn nun das Kind seine
+Herrscherkräfte, seinen Widerstand, sein Vergeben, sein Geben, seine
+Milde, kurz jede Blüthe und Wurzel der Gesellschaft anders zeigen und
+zeitigen, als im Freistaate unter seines Gleichen? Schulet Kinder durch
+Kinder. Der Eintritt in den Spielplatz ist für sie einer in ihre große
+Welt, und ihre geistige Erwerbschule ist im kindlichen Spiel- und
+Gesellschafts-Zimmer.«
+
+»Wie das Schachbrett Kriegs- und Regierungs-Unterricht auftischen soll,
+so wächst auf dem Spielplatz der künftige Lorbeer- und Erkenntniß-Baum.
+-- Der Schaum des kindlichen Spiels sinkt zu wahrem Wein zusammen, und
+ihre Feigenblätter verhüllen nicht Blößen, sondern süße Feigen.«
+
+
+ 48.
+
+~Gesang~ gehört, wie Musik überhaupt, zu den wirksamsten Mitteln, die
+Freudigkeit und Heiterkeit der Kinder zu beleben, und gleichsam einen
+Fond von Freudigkeit in ihnen anzulegen. »Musik sollte eher, als die
+Poesie, die fröhliche Kunst heißen; sie theilt Kindern nur Himmel aus,
+denn sie haben noch keinen verloren, und setzen noch keine Erinnerungen
+als Dämpfer auf die hellen Töne. Wählet schmelzende Tongänge und weiche
+Tonarten, ihr heitert doch damit das Kind nur zu Sprüngen auf. Einige
+Jahre kann das Kind weinen über Töne, wie der Vater, aber jenes nur vor
+Ueberlust, da bei den Kindern unsere Erinnerung noch nicht den tönenden
+Hoffnungen die Rechnungen des Verlustes unterlegt. -- Gibt es etwas
+Schöneres, als ein frohsingendes Kind?«
+
+Wollet ihr, daß das Kind singe, und durch Gesang fröhlich gestimmt
+werde, so machet es empfänglich für Einwirkung der Musik, indem ihr
+seine Gefühle für's Schöne bildet und nähret, für seine Gesundheit
+sorget, es vor übler Laune und Mißmuth durch Gewöhnung zur Genügsamkeit
+bewahret. Jene, von Lust und sinnlichem Genuß übersättigte Kinder,
+können nie fröhliche Kinder werden, denn die Freude wohnt nicht
+bei dem Ueberdruß. So wie die Menschen, welche dem Glücke gleichsam
+im Schooße sitzen, nie wahrhaft glücklich, und nichts weniger, als
+allezeit fröhlich sind, so noch viel weniger die Kinder, welche nie
+eine rauhe Luft anwehte, denen nie ein Wunsch versagt ward.
+
+
+ 49.
+
+Auch eine zu große Anstrengung des kindlichen Geistes ertödtet die
+Fröhlichkeit der Kinder; die Seele erliegt unter der Last, die
+ihrer Kraft nicht angemessen ist, und der Körper erliegt mit ihr.
+Da, wo man mit ängstlicher Eilfertigkeit den Kindern gleich in den
+frühesten Jahren des erwachenden Verstandes eine Masse von Kenntnissen
+einzupfropfen bemüht ist, entsteht eine unnatürliche Ernsthaftigkeit,
+ein verdrießliches und in sich gekehrtes Wesen, und hat das Kind auf
+diese Art Schaden an seiner Seele genommen, so wird es nie wieder eine
+rechte Heiterkeit gewinnen.
+
+Vor allem aber ist Herzensreinheit und Unschuld die Quelle der
+Freudigkeit und Fröhlichkeit; darum hören die Kinder auf, fröhlich zu
+seyn, so bald sie etwas zu verhehlen und zu verbergen haben. Religiöse
+Eindrücke und vertrauter Umgang der Eltern werden sie am sichersten
+davor bewahren. Kinder, die den Allwissenden und Allgegenwärtigen
+scheuen, werden nicht leicht heimlich sündigen, und wenn sie fallen,
+bald wieder aufstehen. Aber erfüllet auch gern ihre unschuldigen
+Wünsche, gönnet ihnen unschuldige Genüsse, sonst nöthiget ihr
+selbst sie zu Heimlichkeiten, und weg ist dann ihre Freudigkeit und
+Fröhlichkeit.
+
+
+ 50.
+
+Endlich erhaltet sie im ~Umgange mit der Natur~, und reichet ihnen oft
+den Becher der Freude, dadurch, daß ihr sie unter Gottes Himmel führet,
+und sie die reine Himmelsluft einathmen lasset. Indem diese durch ihre
+Adern strömt, ergreift Freude und Fröhlichkeit ihr ganzes Wesen. Die
+Natur ist und bleibt die unversiegbare Quelle der Freude, und wer aus
+dieser nicht schöpfen darf, genießt sein Leben nur halb. Aber gebt auch
+den Kindern ~Gespielen ihrer Lust~, wenn ihr sie hinausführet; das
+Kind, welches sich nicht mit andern Kindern freut, genießt nur halb.
+Die Einsamkeit macht Kinder gemüthskrank, so wie der enge Horizont der
+Stube und die Stubenluft. Der Geist wird freier, wo das Auge weit und
+frei umher blicken kann. Viele Kinder verschmachten körperlich und
+geistig, wenn sie nie oder zu selten hinauskommen in's Freie.
+
+Auch der Veränderlichkeit, welche zur Natur des menschlichen
+Geistes gehört, und die so wohlthätig wirkt, gib mit Weisheit nach,
+damit des Kindes Freudigkeit erhalten und genährt werde, durch
+die Mannigfaltigkeit seiner Beschäftigungen. Wird ein Kind durch
+Furcht und Strafe gezwungen, bei einer einförmigen und anstrengenden
+Beschäftigung stundenlang, wohl tagelang auszuhalten, so geht leicht
+Gesundheit und Freudigkeit verloren. So ist's, wenn z. B. mütterliche
+Eitelkeit oder die Charlatanerie der Schule von dem armen Mädchen in
+kurzer Zeit eine Arbeit erpreßt, zu welcher die höchste Sorgfalt und
+Anstrengung erfordert wird. So werden oft Talente und Freuden-Tage
+(z. B. Geburtsfeste) den Kindern zu Folterbänken gemacht, auf welchen
+sie ihre besten Gemüthskräfte ausseufzen. Die Veränderlichkeit der
+Kinder ist nicht Laune und Uebermuth, »sondern die natürliche Folge
+der schnellen Entfaltungsreihe; denn das so eilig reifende Kind sucht
+in neuen Ländern neue Früchte, wie ja sogar der Alte in alten neue --
+und vielleicht liegt auch der Grund noch tiefer, nämlich in dem Mangel
+an Zukunft und Vergangenheit, wobei ein Kind desto stärker von der
+Gegenwart getroffen und erschöpft wird.«
+
+
+ 51.
+
+Die Regel sagt: suche selbst da, wo Du Zwang eintreten lassen mußt,
+seinen Willen zu gewinnen, besonders bei anhaltender Beschäftigung und
+bei dem Uebergange vom Spiel zur Arbeit -- ferner bei Enthaltsamkeit
+und Mäßigkeit im Genuß. Daher werde jeder reine Zwang möglichst
+verhütet und vermieden, und der Gehorsam werde dem Kinde nicht
+Ertödtung seiner kindlichen Gefühle und Triebe; denn dabei muß
+nothwendig alle Freudigkeit verloren gehen, da sich der Erzieher in
+einen Zuchtmeister verwandelt, und dem Kinde allen eigenen Willen
+nimmt. Muß sich das Kind nicht gedrückt, gemißhandelt und gekränkt
+fühlen, da es sich zu den Absichten und Gründen der Erwachsenen nicht
+zu erheben vermag? muß es nicht störrisch, mürrisch und trübsinnig
+werden, wenn man ihm gar keinen eigenen Willen zugestehen will?
+
+»Der kindliche Gehorsam kann, an und für sich, ohne Berechnung mit
+seinem Motiv, keinen andern Werth haben, als daß den Eltern Vieles
+dadurch leichter wird. Oder gälte es auch für Seelenwuchs, wenn
+euer Kind nun überall so vor allen Menschen, wie vor euch, seinen
+Willen unterordnete, böge und bräche? Welcher gelenkige, geräderte
+Gliedermensch, aufs Rad des Glücks (Gehorsam) geflochten, wäre das
+Kind! Allein was ihr meint, ist nicht dessen Gehorchen, sondern seine
+Antriebe dazu, die Liebe, der Glaube, die Entsagungskraft, die dankende
+Verehrung des Besten, nämlich des Eltern-Paars. Und dann habt ihr
+Recht. Aber um so mehr ~gebietet~ nirgends, wo euch das höhere Motiv
+nicht selber aufruft und gebeut.« S. Levana 1r Th. S. 221.
+
+~Verbieten~, besonders wenn es mit Worten der Liebe geschieht, wird das
+Kind nicht so mürrisch machen, als ~Gebieten~; es wird ihm leichter,
+zu unterlassen, als zu thun, weil es bei dem Unterlassen noch die
+Freiheit behält, etwas anders zu thun -- ihr müßtet es denn mit euren
+Verboten wie mit Schranken einengen, oder damit auf jedem Schritte
+verfolgen, oder verbieten, was das Kind, weil es ein Kind, und dies
+Kind ist, nicht lassen kann, z. B. zerbrechen und zerreissen, oder
+lärmen und springen, oder albern seyn. -- Gebietet ihr zu viel und zu
+oft, so wird das Kind furchtsam und ängstlich; immer steht ihm ein
+Gebot schreckend und drohend vor Augen, und es verliert endlich alle
+Heiterkeit und Freimüthigkeit: Nichts tödtet so sehr alle Freudigkeit
+der Kinder, als ungerechtes Ge- und Verbieten, und nichts lähmt so
+sehr ihre Willenskraft. Ein Gebot im Ton der Bitte, der Aufforderung,
+wobei Liebe und Ehrtrieb zu Hülfe gerufen, oder ein ~Ableiter~ für die
+Begierde aufgerichtet wird, würde anders, und besser wirken. Und der
+pädagogischen Klugheit bieten sich überall solche Ableiter dar, durch
+welche die Begierde nicht nur von dem Thörichten und Gefährlichen
+abgeleitet, sondern auch zugleich auf etwas Gutes und Nützliches
+hingeleitet wird, z. B. eine angenehme Beschäftigung, ein Auftrag, eine
+Erzählung, ein Reiz für die Neugierde u. dgl. m. Und wie viel liegt
+daran, daß Kinder mit Freudigkeit gehorchen lernen! -- fast die ganze
+Charakterbildung. Auch ist doch nur das Gehorchen mit Freudigkeit ein
+wahres Gehorchen.
+
+»Nur den Sclaven peitscht man zum Ueberverdienst; aber selbst das
+Kameel trabt nicht hinter der Peitsche, sondern nur hinter der Flöte,
+schneller.« (Jean Paul.)
+
+
+ 52.
+
+Auch durch ~Belohnungen~ und ~Bestrafungen~ suche die Erziehung auf den
+Zögling und seinen Willen zu wirken; denn da die ~natürlichen~ Folgen
+nicht gleich sichtbar und fühlbar, oft sogar durch dazwischen tretende
+Umstände verzögert oder entfernt werden, und Kinder so erfinderisch
+sind in Entschuldigungen und Beschönigungen; so sind ~positive~
+Belohnungen und Bestrafungen in der Erziehung unentbehrlich, um den
+Willen der Kinder von Thorheiten und Fehltritten abzulenken, und ihn
+für das Gute zu gewinnen; doch müssen sie, wenn sie wohlthätig wirken
+sollen, der reinen Sittlichkeit keinen Eintrag thun, und also weder in
+unnatürliche Zwangsmittel, noch in Bestechungen des Willens ausarten,
+(wie z. B. wenn die Leckerhaftigkeit oder die Eitelkeit, oder wohl gar
+der Neid der Kinder angeregt, und als Reizmittel gebraucht wird), noch
+jemals einen an sich guten Trieb, wie z. B. den Ehrtrieb unterdrücken,
+oder den Muth und die Freudigkeit des kindlichen Gemüths. -- Der
+Zögling selbst muß sie als nothwendig und wohlthätig erkennen, und
+sie müssen keine Spur von Laune, Eigennutz oder Härte an sich tragen.
+Darum ist es z. B. unverantwortlich, wenn Eltern und Erzieher von vier-
+und sechsjährigen Kindern ein stundenlanges Stillsitzen bei einem
+Bilderbuche oder bei einer Arbeit, bei der Fibel, dem Schreibebuche,
+verlangen, und es durch Drohungen oder Versprechungen erzwingen.
+
+Behutsam und sparsam wollen sie angewandt seyn, gleichsam als Würze der
+Erziehung, damit nicht auf der einen Seite Eigennutz und Selbstsucht,
+auf der andern Furcht entstehe, und der Zögling auch ~unbelohntes Gute~
+liebe, und ~unbestraftes Böse~ verabscheue. Folgende Regeln sind hiebei
+zu beobachten: 1) So lange es noch andere Mittel zum Zweck gibt, trete
+keine Belohnung und keine Strafe ein; nur, wenn jedes andere unwirksam
+blieb, oder geringe Wirkung that. Aeusserungen der Liebe wirken besser,
+als Aeusserungen des Beifalls; Aeusserungen der Unzufriedenheit und
+Betrübniß besser, als Verweise und Strafen. Darum sollen diese nur
+im Nothfalle eintreten. 2) Kinder, die unverwöhnt, natürlich gut und
+gefühlvoll sind, sollen nicht gestraft und nicht belohnt werden, denn
+das würde sie nur verderben. Bei Verwöhnten ist Strafe und Belohnung
+nothwendig. Eben so bei Kindern von großer Lebhaftigkeit und starker
+Sinnlichkeit. 3) Man beobachte das genaueste Verhältniß gegen Verdienst
+und Schuld. Wenn ein Kind sich im Memoriren auszeichnet, oder wegen
+seines Phlegma's still und folgsam ist, so hat es auf keine Belohnung
+Anspruch. Wenn ein Kind von dürftiger Fähigkeit keine Fortschritte
+macht, so kann es nicht bestraft und nicht getadelt werden. Da, wo
+eine natürliche Weichheit und Gutmüthigkeit die einzige Quelle des
+Gehorsams, der Gesetztheit und Lenksamkeit ist, wird der Erziehung
+durch unberufene Lobredner und freigebige unbesonnene Lobsprüche sehr
+oft ihr Werk verdorben. Wo die Natur oder die Umstände Hindernisse
+in den Weg gelegt haben, aber eifriges und anhaltendes Streben sich
+zeigt, da werde liebreich belehrt und ermuntert. Man unterscheide
+wohl bösen Willen und Schwachheit, und traue jenen den Kindern nicht
+leicht zu, versage dieser die verdiente Nachsicht nicht. Daher sind
+alle feststehende Strafen und Belohnungen bedenklich; denn wie oft
+wird die Schuld zur Unschuld durch die Berücksichtigung der Umstände;
+wie oft sinkt das scheinbare Verdienst zur Schwachheit hinab, wenn man
+genauer nach seinem Ursprunge forscht. Aber bei feststehenden Strafen
+kann keine von den Rücksichten genommen werden, welche Klugheit und
+Billigkeit vorschreiben. So ist es besonders mit Ehrenbezeigungen.
+4) Man beobachte genau die Wirkungen der Belohnung und Strafe, denn
+diese sind oft ganz anders, als man sie erwartet hatte, und bei
+verschiedenen Kindern verschieden. Die Furcht, welche abschrecken
+sollte, reizt zuweilen, besonders bei Kindern, welche einen festen
+Willen haben, und durch ihr Temperament fortgerissen werden. 5) Man
+hüte sich ein Straf-Urtheil im Zorn auszusprechen, noch mehr es im
+Zorn zu vollziehen. 6) Man beobachte eine gehörige Stufenfolge im
+Strafen, und lasse sich durch des Kindes Widerstreben nicht reizen.
+7) Sichtbare und innige Reue wende die Strafe ab, oder diese bestehe
+doch nur in der Aufgabe, den Fehler wieder gut zu machen. 8) Die
+sichtbare Theilnahme des Strafenden erhöhe die Wirksamkeit der Strafe,
+die immer als Aeusserung der Liebe erscheinen muß. 9) Man suche die
+Strafe den natürlichen Folgen der Handlungen möglichst anzupassen und
+gleich zu stellen, und schließe also z. B. das zänkische Kind von der
+Spielgesellschaft aus, lasse das unmäßige und leckerhafte entweder
+dieselbe Kost häufig nach einander, bis zum Ueberdruß genießen, oder
+fasten, oder nur das Einfachste genießen; strafe das träge Kind durch
+lange Weile, das flatterhafte durch Anhalten zur Wiederholung und zum
+Bessermachen, gönne dem fleißigen vorzugsweise Erholung und Vergnügen,
+schließe das geschwätzige und plauderhafte für eine Zeit von allem
+Umgange aus, nöthige das ungestüme zur Abbitte, gebe dem sanftmüthigen
+Aufsicht über Andere -- lasse die schmutzigen sich zurückziehen --
+die unordentlichen aufräumen. 10) Der Erzieher sorge dafür, daß
+sein Mißfallen und seine Mißbilligung die schwerste Strafe sey, und
+suche daher seinen Zöglingen Ehrerbietung und Liebe einzuflößen, ihr
+sittliches Gefühl zu schärfen, ihr Ehrgefühl zu erhöhen. 11) In solchen
+Fällen, wo an der Aufrichtigkeit der Reue zwar nicht zu zweifeln ist,
+aber der Wille des Kindes sich noch sehr schwach und wankend zeigt,
+erlasse man die Strafe nicht, aber man lasse dem Kinde die Wahl
+zwischen zwei Strafen.
+
+Bei eingewurzelten Fehlern und geringem Ehrgefühl können auch solche
+Strafen sehr wohlthätig werden, die beschämen und demüthigen, z. B.
+Absonderung und Entfernung, Bekenntniß und Abbitte.
+
+
+ 53.
+
+Die Wirksamkeit der Strafe und Belohnung werde durch die Gesinnung
+erhöht und befördert, welche der Erzieher dabei zu erkennen gibt: die
+herzliche Betrübniß über die Fehltritte des Zöglings, das Bedauern
+seines Wankelmuths, das Trauern über seinen Leichtsinn, die Freude über
+seine Besserung und seine Fortschritte im Guten. Er erblicke nie den
+Zorn, den eine persönliche Beleidigung entschuldigen oder rechtfertigen
+würde, und zürne nur sich selbst, nie seinem strafenden Erzieher. Die
+Liebe desselben sey seine höchste Belohnung, die Trauer desselben seine
+härteste Strafe.
+
+~Für Belohnungen besonders~ stehet Folgendes ~als Regel~ fest:
+
+1. Sie werde nie für das ertheilt, was allein die Natur gab, und also
+nicht errungen werden durfte, sondern nur für das, was Anstrengung,
+Ueberwindung, Geduld und Beharrlichkeit kostete.
+
+2. Man lasse sie sich nicht abschmeicheln durch ein gefälliges
+Betragen, zarte Aufmerksamkeit, scheinbare Folgsamkeit. Leider
+kommen auch in der Kinderwelt schon die Künste der Heuchelei und des
+Schmeichelns zum Vorschein.
+
+3. Nie Geldbelohnungen (aber wohl Geldstrafen unter gewissen
+Umständen), und ~selten~, bei eitlen Kindern ~nie~, Ehren-Belohnungen;
+vorzüglich dagegen Vergnügen, Befriedigung der Neugier, und einer
+unschuldigen oder sogar nützlichen Liebhaberei.
+
+4. Leckerbissen nur bei kleinen Kindern, und nur sehr sparsam.
+
+5. Zur pädagogischen Klugheit gehört es, die Belohnung selbst zuweilen
+weit hinaus zu setzen, sie nur in der Entfernung zu zeigen, und bei
+schlaffen Kindern die Bedingungen zu erschweren, um Anstrengung zu
+bewirken.
+
+6. Wo möglich sey die Belohnung von der Art, daß sie bei
+Verschlimmerung oder Rückfall zurückgenommen, oder eine Zeitlang
+entzogen werden kann, wie z. B. ein bewilligtes Taschen-Geld,
+versprochene Reise u. dgl.
+
+7. Der Grad der Moralität bestimme den Grad der Belohnung. Daher ist es
+nöthig, Kinder erst genauer kennen zu lernen, und bei Uebergängen von
+einer mangelhaften Tagesordnung zu einer regelmäßigen und strengen den
+Verwöhnten die Macht der Gewohnheit zu Gute zu rechnen.
+
+
+ 54.
+
+Die ganze Behandlung des Zöglings sollte in der Erziehung eine
+fortgehende Belohnung und Bestrafung des Zöglings seyn, denn die Kinder
+bedürfen fast in jedem Augenblick dieser Antriebe. Daher wird diejenige
+Erziehung die wirksamste seyn, wo ein liebevoller Ernst dem Zögling
+Hochachtung und Scheu eingeflößt hat, und schon eine mißbilligende
+Miene, oder ein einziges Wort des Tadels oder Lobes auf des Zöglings
+Willen kräftig wirkt. Dem gutgearteten Kinde ist Mißfallen und
+Unzufriedenheit, vor allem ~Trauer~ des Erziehers die höchste Strafe,
+der Beifall und die Liebe desselben die höchste Belohnung und das
+höchste Ziel seiner Wünsche.
+
+~Bedenkliche Strafen~ bei lebhaften Kindern sind: Einsperren,
+Stehenlassen, langwierige Geduldsprüfungen, Wegnehmen dessen, was sie
+sehr hoch halten, Beschämung vor Fremden und vor Respektspersonen.
+Dagegen sind oft sehr wohlthätig wirksam: körperliche Strafen, weil sie
+der Gewalt des Temperaments ein Gegengewicht geben.
+
+~Bedenkliche Belohnungen~ sind alle die, welche der Eitelkeit und
+Vergnügungsliebe Nahrung geben, oder wobei man dem Eigennutz Vorschub
+leistet, und die Kinder zur Geldliebe reizt, oder die Unbelohnten zur
+Eifersucht und Mißgunst verleitet.
+
+
+ 55.
+
+Der ~Ehrtrieb~ werde, weil er so leicht ausartet, und dann den
+Charakter so sehr entstellt, nur mit der äußersten Vorsicht in der
+Erziehung benutzt, und nur bei solchen Kindern, die von Natur wenig
+reizbar, und mit einem sehr schwachen Gefühls-Vermögen ausgestattet
+sind. Auch hüte man sich, jenes eitle Lauschen auf den Beifall der Welt
+zu begünstigen, welches zur Menschenfurcht und Menschengefälligkeit
+führt, und der Sittlichkeit höchst gefährlich ist. Der Beifall
+achtungswürdiger Menschen erscheine zwar den Kindern als ein hohes
+und schätzbares Gut, aber nie als das höchste, und das Urtheil ihres
+Gewissens sey ihnen die entscheidende Stimme, der sie unbedingt
+gehorchen. Keine Verirrungen sind häufiger und verderblicher, als die
+des ausgearteten Ehrtriebes, und keine Vorurtheile wurzeln tiefer, als
+die von Ehre und Schande. Da, wo diese Vorurtheile schon durch die
+erste Erziehung, gleichsam durch Vererbung, sich festgesetzt haben,
+kommt es nie zu einer richtigen und unbefangenen Ansicht der Dinge,
+und es entspringen aus diesen Vorurtheilen Ungerechtigkeiten der
+gröbsten Art. Hier kann nur durch Verstandesbildung und Berichtigung
+der Begriffe, zuweilen durch entgegengesetztes häusliches Verhältniß
+entgegengearbeitet werden. Von dieser Seite wird oft den Kindern
+vornehmer Eltern die Erziehung in einer öffentlichen Erziehungsanstalt,
+mit Kindern von sehr verschiedenen Ständen und Bildungsgraden, sehr
+wohlthätig durch den Zwang und die Nöthigung, welche sie herbeiführt.
+
+Kindern soll das Lob nur als eine Stärkung von Zeit zu Zeit und
+sparsam gereicht werden, denn sie können nicht viel davon ertragen.
+Bei jeder Gelegenheit den Kindern eine Lobrede halten, alle ihre
+kleinen Geschicklichkeiten bewundern und preisen, sie ihre Künste
+machen lassen, so oft Fremde erscheinen, heißt: sie methodisch
+verderben. Besonders verhüte man das Loben bei talentvollen Kindern,
+da diese ohnehin schon sehr bald selbst die Bemerkung machen, daß
+sie sich auszeichnen, und Vorzüge haben; man dulde nicht, daß Kinder
+viel bedient werden, und entferne solche dienende Personen, die den
+Kindern eine Art von Unterwürfigkeit bezeigen, und sie dadurch im
+Dünkel bestärken. Man kleide Kinder nicht so kostbar, oder so glänzend,
+daß ihr Anzug Aufsehen erregt, und sie den Erwachsenen gleich stellt;
+man führe sie nicht zu früh in große Gesellschaften, besonders in
+Tanzgesellschaften.
+
+
+ 56.
+
+Eben so bedenklich aber, wie es ist, dem ~Ehrtriebe~ zu viel Nahrung
+zu geben, eben so bedenklich ist es, ihn zu ~unterdrücken~, und ihm
+Gewalt anzuthun, durch beschämende und herabsetzende Strafen und durch
+Demüthigungen. Hiebei sind folgende Regeln die bewährtesten:
+
+1. Wenn die natürliche Schaam sich stark genug bei Fehltritten äussert,
+so verstärke man sie nicht; vielmehr gebe man dem Zöglinge den Wunsch
+zu erkennen, ihm Beschämung zu ersparen.
+
+2. Da, wo Beschämung als Antrieb und Strafe nöthig ist, geschehe sie
+doch mit möglichster Schonung, z. B. ohne Nennung des Namens, nicht vor
+Dienstboten oder Fremden, ohne irgend eine Beschimpfung. So z. B. bei
+wiederholten Lügen im Erzählen, bei Unordnung und Faulheit -- man lasse
+dem Zögling noch einen Ausweg, die Beschämung abzuwenden.
+
+3. Der Erzieher hüte sich, der Ehrliebe Gewalt anzuthun; er würde nur
+Haß und Verachtung ernten, und Hartnäckigkeit bewirken. Daher sind
+alle solche Beschämungsmittel, welche Leidenschaftlichkeit verrathen,
+und der Würde des Erziehers nicht angemessen sind, von der Erziehung
+auszuschließen, und es muß in Gesellschaft von Fremden manches
+übersehen, und nicht auf der Stelle gerügt werden. Nie werde das
+strafbare Kind dem Gespötte Anderer ausgesetzt, nie mit entehrenden
+Namen belegt. Eben so unzweckmäßig ist es, Kinder bei Fehltritten
+zur Selbstanklage zu zwingen, wenigstens in den meisten Fällen,
+besonders wo die Schuld schon durch Aeusserungen der Schaam und Reue
+stillschweigend eingestanden ist.
+
+
+ 57.
+
+Nicht genug kann man der Menschenfurcht und Menschen-Gefälligkeit
+bei Kindern entgegenarbeiten, weil dadurch so leicht sclavische
+Hingebung entsteht. Aber wenn die Kinder den Tadel und die Ungunst der
+Menschen als das höchste Uebel, Beifall und Gunst als das höchste
+Glück betrachten, so werden sie bald dahin kommen, daß sie immer nur
+~eine Rolle spielen~, und nur ~für~ die Gesellschaft und ~in der~
+Gesellschaft gut seyn wollen, oder daß sie Lob ~erschleichen~, anstatt
+es zu ~verdienen~, nach dem Munde reden und schmeicheln lernen; eine
+Ausartung, welcher das weibliche Herz vorzüglich ausgesetzt ist.
+
+
+ 58.
+
+Weniger ist bei dem Mädchen, als bei dem Knaben, eine ~Ausartung des
+Thätigkeitstriebes~ zu fürchten, es sey denn, daß Eitelkeit und Sucht,
+sich auszuzeichnen und Aufsehen zu erregen, ihr Herz beherrsche.
+Daher werde die Thätigkeit des Mädchens früh, und recht vielfach
+angeregt und genährt, also nicht bloß in mechanischen Beschäftigungen
+und Fertigkeiten, obgleich diese vorzüglich zur weiblichen Bildung
+gehören, sondern auch in geistigen. Aber jede Beschäftigung sey
+den eigenthümlichen Anlagen und Bedürfnissen der weiblichen
+Seele angemessen, und daher bleibe jede streng-wissenschaftliche
+Beschäftigung und Bildung ausgeschlossen, da sie mit der Bestimmung des
+Weibes im Widerspruche ist.
+
+Bis zum sechsten Jahre bedarf das Mädchen noch keiner bestimmten
+Richtung des Thätigkeitstriebes; wohl aber hat die Erziehung in den
+ersten Jahren zu verhüten, daß er nicht geschwächt werde, und nicht
+ein Hang zur Gemächlichkeit entstehe, durch eine weichliche Erziehung,
+durch Verwöhnung und Verzärtelung. Auch soll in dieser Zeit der
+Thätigkeitstrieb schon ~veredelt~ werden, dadurch, daß man ihn mit den
+wohlwollenden Gefühlen in Verbindung bringt, und durch diese erhöht.
+Dieß geschieht, indem man die Kinder daran gewöhnt und dazu anhält,
+sich unter einander, und den Erwachsenen kleine Dienste zu leisten,
+und auf ihre Bedürfnisse zu merken, sich von ihnen helfen, sie etwas
+tragen oder bestellen läßt. Auch mit dem Schönheits- und Ordnungssinn
+setze man den Thätigkeitstrieb in Verbindung, damit er moralisch und
+veredlend wirke, und gebe daher Kindern oft den Auftrag, etwas zu
+ordnen und einzurichten, mache sie dabei auf Symmetrie aufmerksam,
+fordere sie auf, das flüchtig Geordnete besser zu ordnen, die
+Verletzung der Symmetrie anzugeben, und ein Mannigfaltiges schön und
+vortheilhaft aufzustellen und anzuordnen. Man gebe ihnen, wo möglich,
+Gelegenheit, zur Verschönerung der Natur thätig zu seyn, und sich mit
+Garten-Arbeit zu beschäftigen.
+
+
+ 59.
+
+Ausser der Eitelkeit gibt auch der Trieb zu erwerben und zu gewinnen
+dem Thätigkeitstriebe leicht eine gefährliche Richtung, oder doch
+wenigstens eine ganz einseitige. Manche Mädchen finden an den
+Geschäften der Haushaltung, und überhaupt an dem mechanischen und
+hervorbringenden ein so großes Wohlgefallen, daß sie darüber die
+Bildung ihres Geistes ganz aus den Augen verlieren, oder dagegen völlig
+gleichgültig werden. Gegen diese Ausartung des Thätigkeitstriebes
+sichert die Erziehung, indem sie den Sinn für das Geistige und für
+geistige Beschäftigung weckt und nährt, und da vorzüglich, wo von Natur
+kein Trieb dazu sich regt und die Anlagen dürftig sind. Doch auch
+eben so sorgfältig sichere sie gegen eine andere verkehrte Richtung
+des Thätigkeitstriebes, welche so häufig eine Wirkung der neuern
+Erziehungsweise ist, nämlich die entschiedene Vorliebe für geistige und
+wissenschaftliche Beschäftigungen, und Abneigung gegen die mechanischen
+Arbeiten, welche doch des Weibes Bestimmung fordert.
+
+Am besten wird jede Ausartung des Thätigkeitstriebes durch ächte
+Geistesbildung, religiöse Gewissenhaftigkeit und strenge Gewöhnung an
+eine feste Tagesordnung verhütet. Die vollständige Geistesbildung läßt
+keine Vernachlässigung des Geistes zu; die Gewissenhaftigkeit treibt zu
+einer geordneten und sich gleichbleibenden Thätigkeit, die Gewöhnung
+wirkt der Zeitzersplitterung und einer launigen Gemächlichkeit
+entgegen. Lieblings-Beschäftigungen wird es zwar immer für jeden
+Menschen geben; aber man hüte sich, den Kindern hierin zu sehr
+nachzugeben. Besonders dulde man kein Aufschieben, kein Säumen und kein
+hastiges und schnelles Arbeiten, da, wo Bedachtsamkeit und Sorgfalt
+erfordert wird. Unausbleiblich trete die Strafe des Nocheinmalmachens
+ein, wo flüchtig gearbeitet war, und das flüchtige Mädchen werde durch
+langwierige und mühsame Arbeiten festgehalten, gebessert und geprüft.
+Die Zeit erscheine dem Kinde immer als ein unschätzbares Gut, und
+Zeitverschwendung als die strafbarste Undankbarkeit; man lehre es die
+Freude des Vollbringens kennen und schätzen, und keine Plage mehr
+verabscheuen, als die der langen Weile.
+
+Da, wo ein entschiedenes und hervorragendes Talent der Thätigkeit und
+Kraftanstrengung eine bestimmte und einseitige Richtung gibt, muß
+sich zwar die Erziehung mehr leidend verhalten; doch darf sie nicht
+versäumen, die harmonische Entwickelung der Kräfte und Anlagen zu
+bewirken, worauf doch Werth und Glück des Menschen beruht.
+
+
+ 60.
+
+Die Eigenthümlichkeit der weiblichen Natur macht eine besondere
+Behandlung des Mädchens nothwendig. Das Mädchen will mehr negativ
+behandelt seyn. Durch viele positive Behandlung wird es leicht irre
+gemacht in der Entwickelung seines sichern Gefühls; die Zartheit seines
+Herzens geht verloren. Gleich dem zarten Gewächse überlasse man es
+seiner eigenen Entfaltung, indem man es pflegt und behütet, und schon
+die leiseste Berührung sey ihm warnend oder erinnernd. Daher können
+Männer nicht gut Erzieher der Töchter seyn.
+
+Die Unterhaltungen und Spiele des Mädchens müssen den sanftern
+Charakter haben. Man lasse es nicht in das Knabenartige gerathen. Daher
+ist auch hier größere Sorgfalt in der Wahl der Gespielen nöthig, deren
+es nur wenige bedarf, da es leicht in eine gewisse Zerstreutheit und
+Flüchtigkeit hinein geräth, in welcher es an Innigkeit des Gefühls so
+sehr verliert, und herzlos wird. Die natürliche Neigung der Mädchen,
+sich mit sich selbst und ihrer Puppe zu beschäftigen, will genährt
+seyn, weil den Mädchen von der Natur bestimmt ist, mehr in der innern
+Welt ihres Herzens, als in der äussern zu leben, und durch Gefühle
+stark zu seyn. Bei dem Spiele aber gewöhne man es an Ordnung und an
+das zu Rathe halten seiner Sachen, weil dieß, nach seiner Bestimmung,
+Grundzug in dem weiblichen Charakter seyn muß. Die Zeit zum Stricken,
+Lesen, Erzählen, sey eine fest bestimmte, anfangs kurz, bald (doch
+nicht zu bald) bis zu Stunden ausgedehnt; man lasse es kleine
+Bestellungen ausrichten, kleine Geschäfte in der Haushaltung besorgen,
+sich von ihm an etwas erinnern, denn stille häusliche Geschäfte und
+Besonnenheit dabei muß ihm zur andern Natur werden. Aber der früh sich
+regende Hang zum häuslichen Fleiße verleite nicht, es zu viel in der
+Stube zu erhalten.
+
+Bei dem siebenjährigen Mädchen muß schon der Sinn für häusliche
+Beschäftigung entschieden seyn, und wenn daher eine gewisse
+Lebhaftigkeit des Geistes und der Wißbegier das Mädchen davon abzieht,
+so arbeite die Erziehung dem entgegen, weil sich sonst die Mädchen in
+der Folgezeit unglücklich fühlen. Besonders gilt dieß vom Lesen, worin
+es unsere Erziehung so leicht übertreibt, selbst zum Nachtheil der
+Gesundheit. Die körperliche freie Bewegung, welche das Gemüth, wie die
+Ausbildung des Körpers, fordert, werde ja nicht verabsäumt, besonders
+Tanz, damit doch ja nicht der liebliche Frohsinn, diese Sonne seines
+Lebens, sinke. Es ist schön, wenn man das Mädchen überall im Hause
+herum singen hört. Die Tugenden, welche sich von selbst entfalten:
+Schönheitssinn, Reinlichkeit und Sittsamkeit, müssen doch sorgsam
+gepflegt werden, und darum wende die Erziehung viel Zeit auf den
+Anzug, und entwickele und stärke besonders bei diesem und durch diesen
+jene Eigenschaften und Gefühle. Es sey schon dem Kinde unerträglich,
+in einem Anzuge zu erscheinen, der auch nur auf die leiseste Art das
+Auge oder das Gefühl beleidigt; dieß um so mehr, da vom siebenten oder
+achten Jahre an in den meisten Mädchen schon das Bestreben zu gefallen
+lebhaft sich regt, welches der Sittlichkeit so leicht gefährlich wird.
+Daher ist nichts in diesem Alter gefährlicher und verderblicher, als
+wenn Mädchen in Gesellschaften mit einer Kunstfertigkeit oder Talent
+sich zu zeigen aufgefordert werden. So besonders das Declamiren und
+kleine dramatische Darstellungen.
+
+
+ 61.
+
+Kommt es bei der Erziehung vorzüglich auf Anregung des Sinnes für
+das Gute und Schöne, und bei dem Unterricht auf die Anregung und
+Entwickelung des Intellectuellen an; soll die Erziehung mehr intensiv
+und der Unterricht mehr extensiv wirken, so folgt, daß ein gut
+erzogener Mensch sittlich-gut und tugendhaft, ein gut unterrichteter
+einsichtsvoll und gelehrt, ein gut gebildeter verständig, klug und
+weise sey. In unsern Zeiten hat man die Vernachlässigung der weiblichen
+Bildung, deren die Vorfahren sich schuldig machten, erkannt und zu
+verhüten gesucht. Aber man ist auf das andere Extrem gerathen. Dem
+Weibe ist mehr ~Fertigkeit~, als ~Wissen~ nöthig, mehr sittliche,
+als wissenschaftliche Bildung, und es ist theils vergebens, theils
+verderblich, daß man es darauf anlegt, dem Mädchen durch einen
+streng-wissenschaftlichen Unterricht eine Ausbildung zu geben,
+die man wohl ~Verbildung~ nennen mag, und sie zu sehr an den Genuß
+der Lectüre zu gewöhnen, durch den sie leicht eine Abneigung gegen
+mechanische Beschäftigung erhalten, die dann schwer zu besiegen ist.
+Nichts hat man sorgfältiger zu verhüten, als daß das Mädchen sich
+nicht unglücklich glaube und fühle, weil es durch seine Bestimmung zu
+einförmigen und mechanischen Beschäftigungen verpflichtet ist, und
+sich nicht dünken lasse, für diese Beschäftigung zu gut zu seyn. Daher
+präge man ihnen die Wichtigkeit dieser Beschäftigung, und ihren Einfluß
+auf den Wohlstand des Hauses, und den heitern Genuß des Lebens tief
+ein, und gebe nicht zu, daß sie sich unter jeglichem Vorwande davon
+lossprechen. Man zeige ihnen, wie viel Besonnenheit, Ueberlegung,
+Einsicht und Selbstbeherrschung die Führung der Haushaltung erfordere,
+und wie planmäßig dies alles eingerichtet werden könne und müsse.
+Schon das zehnjährige Mädchen habe ihren kleinen Antheil an den
+Haushaltungsgeschäften, und ihren Wirkungskreis, dabei Anleitung zu
+solchen Fertigkeiten, die im Hause nöthig sind.
+
+Da ferner das Mädchen durch die äusseren und inneren Verhältnisse
+des Geschlechts, und durch seine ganze Lage in der Gesellschaft zum
+Entsagen und Ertragen bestimmt und verpflichtet ist, so hat die
+Erziehung ganz vorzüglich hierauf Rücksicht zu nehmen, und besonders
+dem Geselligkeitstriebe und der Neugier entgegen zu arbeiten, denn
+beide stellen sich den Forderungen der Pflicht entgegen, und werden am
+häufigsten gereizt; sie üben die stärkste Gewalt über das weibliche
+Herz aus. Darum ist Eingezogenheit die gedeihliche Witterung, in
+welcher sich alle Keime des Guten in dem Mädchen glücklich entfalten,
+und ein zerstreutes, geräuschvolles Leben der Tod der ächten
+Weiblichkeit. Da der Geselligkeitstrieb wegen des vorherrschenden
+Hanges zur Mittheilung in dem weiblichen Herzen so mächtig wirkt, so
+muß er nur sehr vorsichtig befriedigt werden. Der Neugier gebe man nur
+selten Nahrung; sie wird leicht die ergiebige Quelle vieler Thorheiten,
+und läßt keine Liebe zur häuslichen Eingezogenheit und Einförmigkeit
+aufkommen; sie gewinnt leicht eine solche Herrschaft über das Herz, daß
+alle weibliche Würde dabei verloren geht, besonders wenn der Umgang
+mit Dienstboten sie nährt. Je mehr die Wißbegierde belebt und genährt,
+das Mädchen in harmonischer Thätigkeit erhalten, sein Sinn auf das
+Schöne und Edle gelenkt wird, desto freier wird es von den Fesseln der
+Neugierde.
+
+Desto leichter wird es ihm aber auch werden, zu ~entsagen~, sich selbst
+zu verleugnen und zu ~erdulden~, besonders wenn die wohlwollenden
+Gefühle durch eine sanfte und liebevolle Behandlung und durch eine
+religiöse Erziehung genährt sind. Doch in dem zarten Alter, wo die
+Sinnlichkeit noch so mächtig, und die Vernunft noch so ohnmächtig ist,
+lege man ihm nicht ausdrückliche Entsagungen und Entbehrungen auf,
+wenigstens nicht ohne die sorgfältigste Rücksicht auf seine Kraft,
+damit nicht der liebliche und wohlthätige Frohsinn verloren gehe.
+
+Schamhaftigkeit, Reinlichkeit und Sittsamkeit, so wie alle andere
+weibliche Tugenden, werden zwar von selbst in dem Herzen des Mädchens
+erwachen, wenn die Behandlung in der Kindheit nicht eine ganz verkehrte
+ist; doch müssen auch sie gepflegt und genährt werden, besonders bei
+dem achtjährigen Mädchen.
+
+
+ 62.
+
+»Da das Mädchen in der Regel nach dem achten Jahre aus seiner
+kindlichen Unbefangenheit heraustritt, so will es von da an sorgsam
+beobachtet, regelmäßig und anhaltend beschäftigt, positiver behandelt
+seyn, damit durch äussere Einwirkung und Verhältnisse die innere gute
+Natur bewacht und gesichert wird, vor allem durch die wohlthätige
+Macht guter Gewohnheiten und Beispiele. Doch ist es schwer, hier den
+rechten Ton in der Erziehung zu treffen, und dem Mädchen nicht zu viel
+von seiner liebenswürdigen Natürlichkeit und Herzenseinfalt zu rauben,
+indem man es an äussere Zucht und Sitte, an das Anständige, Ehrbare
+und Zarte gewöhnt. Es kommen Fälle vor, in welchen man sich genöthigt
+sieht, die äussere gesellschaftliche Bildung fast aufzugeben, um
+Mädchen nicht zu verderben durch aufgedrungene Natur. Die Mädchenschule
+ist von dieser Seite nicht ohne Nachtheile und selbst nicht ohne
+Gefahr. Man denke nur an die fade Geschwätzigkeit und Modesucht,
+und wie leicht dadurch, so wie durch das Wohlgefallen am Figuriren,
+der reine naive und natürliche Sinn verloren geht; wie leicht eine
+Abstumpfung des Gefühls durch unzarte oder schonungslose Behandlung
+erfolgen kann.« ~Schwarz Erziehungslehre~ 3. 1. S. 218.
+
+Ein vortreffliches Bildungsmittel, sowohl für die wohlwollenden
+Gefühle, als für die Thätigkeit, ist es, wenn das Mädchen früh mit
+kleinen Kindern, besonders mit Geschwistern, sich zu beschäftigen
+hat, wenn man ihm zuweilen die Sorge für sie überträgt, besonders in
+Krankheit, und die Aufsicht über ihre Spiele. Wunderbar und herrlich
+wirkt dann die Liebe, die Gott so tief in die Seele des Mädchens
+gepflanzt hat, und sie haben dabei einen Lebensgenuß, der nicht zu
+beschreiben ist. Die Uebung in der Geduld, Sanftmuth, Nachgiebigkeit
+und Selbstverleugnung bei diesem Geschäft ist höchst wohlthätig. --
+Nur wache man, daß sie es nicht zu weit treiben, nicht die Kinder
+verziehen, und lege ihnen keine zu schwere Last auf.
+
+
+ 63.
+
+Mit dem vierzehnten Jahre muß sich alle Sorgfalt und Einwirkung
+der Erziehung verdoppeln, weil dann ein Erwachen des Mädchens zum
+deutlicheren Bewußtseyn eintritt, und ein höheres Gefühl für die Würde
+und für die äussern Vorzüge des Geschlechts, zugleich Ansprüche und
+Verlangen, welchen die Erziehung entgegen zu arbeiten, oder vielmehr,
+welchen sie den Widerstand der vernünftigen Ueberlegung entgegen
+zu stellen hat. Das Mädchen wird nun aufmerksamer auf Menschen und
+menschliche Verhältnisse, sieht und hört gleichsam schärfer, fühlt
+tiefer, und wird nun leicht von Täuschungen der Eitelkeit und des
+Leichtsinns geblendet. Hier ist es nicht genug, daß die Erziehung
+höhere Forderungen an das Mädchen mache, von ihm Ueberlegung und
+Besonnenheit, Ausdauer und Geduld, sorgfältigere Beobachtung des
+Schicklichen und Anständigen verlange; sie muß auch dem Herzen, welches
+in dem Kampfe zwischen Vernunft und Sinnlichkeit sich gedrückt und
+beängstigt fühlt, mit ihrer ganzen ~Liebe~ zu Hülfe kommen und mit
+einer ~weisen Strenge~; denn gerade in diesem Alter ist pünktlicher
+Gehorsam eben so nothwendig, als wohlthätig, weil er die Kraft der
+Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung übt, und das Mädchen der
+Gewalt der Leidenschaft entzieht. Wenn Mädchen in diesem Alter
+in Zerstreuungen verwickelt, an den Genuß des gesellschaftlichen
+Vergnügens gewöhnt, mit den Eitelkeiten des Lebens bekannt gemacht,
+und in seine Täuschungen verstrickt werden, so sind sie in den meisten
+Fällen für ihre ganze Bestimmung verloren. Die regelmäßigste und
+mannigfaltigste Beschäftigung muß hier, vereint mit der religiösen
+Ausbildung, jeder Ausartung entgegenwirken, und besonders auch jede
+krankhafte Ueberspannung der Gefühle, so wie die Uebermacht der
+Phantasie verhüten. Das weibliche Gemüth mit seiner Reizbarkeit,
+Weichheit und Behendigkeit der Empfindung, nimmt so leicht in diesem
+Alter eine unglückliche Richtung, und wenn das Gefühlsvermögen des
+Weibes einer weit höheren Ausbildung fähig ist, als das männliche, so
+ist es auch einer weit größeren Ausartung fähig; und besonders zwei
+Klippen sind es, woran die Würde und die Ruhe weiblicher Seelen so
+leicht scheitert, Gefallsucht und Vergnügungssucht. Wenn daher die
+Erziehung hier nicht zu rechter Zeit entgegen arbeitet, auf der einen
+Seite durch die sorgfältigste Bildung des Verstandes und Belebung des
+Bewußtseyns menschlicher und weiblicher Würde, auf der andern durch
+Gewöhnung an häusliche Stille und Eingezogenheit, und durch Uebung
+des Herzens in der Selbstverleugnung: so wird die Ausartung nicht zu
+verhüten seyn. Die Meinung, daß junge Mädchen ihres Lebens froh werden
+müßten in sinnlichem Genuß, und daß man es hierin nicht zu genau nehmen
+dürfe, da doch das Herz sie so mächtig zum Vergnügen hinziehe, und dann
+die mütterliche Eitelkeit selbst, die in der Schönheit der Tochter,
+und in der Aufmerksamkeit, die sie erregt, Befriedigung findet,
+bringen hier die traurigsten Mißgriffe hervor. Vergnügungssüchtige
+und gefallsüchtige Mädchen machen die furchtbarsten Fortschritte im
+Leichtsinn, der ohnehin diesem Geschlecht so natürlich ist, setzen
+sich bald über die stärksten Regungen des Gewissens und sittlichen
+Gefühls hinweg, oder betäuben sich dagegen, und bringen es zu einer
+höchst verderblichen Abneigung gegen alles Ernsthafte und Anstrengende.
+Wie die Eitelkeit die Grundlage der sittlichen Ausbildung, nämlich
+die Selbstkenntniß, unmöglich macht, so die Vergnügungssucht allen
+Eifer und alle Ausdauer bei dem, was Anstrengung fordert. Diese
+Verirrungen des Schönheitssinnes und diese Ausartung der Sinnlichkeit
+haben theils in einer mangelhaften Verstandesbildung, theils in der
+Einseitigkeit der Erziehung überhaupt, und in der Unbekanntschaft mit
+geistigen Freuden, oder in der Unempfänglichkeit für geistige Genüsse
+ihren Grund. Daher die Erscheinung, daß viele, für gebildet geltende,
+Weiber sich unbeschreiblich langweilen, wenn man ihnen zumuthet, an
+geistigen Genüssen Theil zu nehmen, und daß sie alles in ein Spiel
+ihrer Eitelkeit und in Genuß verwandeln wollen, und immer Unterhaltung
+fordern.
+
+
+ 64.
+
+Das Mädchen soll der Erziehung eine selbstständige Existenz verdanken;
+sie soll durch die Erziehung mit all den Kenntnissen und Fertigkeiten
+ausgestattet werden, welche die weibliche Bestimmung und der
+weibliche Beruf in seiner weitesten Ausdehnung fordert, damit sie
+entweder Vorsteherin eines Hauswesens, oder Erzieherin, oder Beides,
+oder nur eine Gewerbtreibende seyn könne. Man achte dabei auf die
+besondere Richtung ihrer Haupt-Neigung, damit kein eigentliches Talent
+unausgebildet bleibe. Zum Zeichnen, zur Musik und zu den wesentlich
+nothwendigen Handarbeiten werde es bestimmt angehalten, doch im
+richtigen Verhältnisse zur übrigen Ausbildung, und ohne daß irgend ein
+Zweig derselben mit Zurücksetzung der übrigen herausgehoben werde.
+Denn nichts hält den Erfolg der Erziehung, besonders in so fern sie
+Ausbildung des Geistes ist, mehr auf, als das rastlose Hinarbeiten auf
+die Entwickelung eines einzigen Talents. Das eigentlich Menschliche,
+die Bildung zu einem Vernunftwesen, und das glückliche Gleichgewicht
+der Seelenkräfte geht dann ganz verloren, und es entsteht eine
+Einseitigkeit und Beschränktheit der Ausbildung, welche das ganze Leben
+in einen Mechanismus verwandelt, und es dem Menschen unmöglich macht,
+sich zu höhern Ansichten des Lebens zu erheben, und das Edle, das
+Erhabene und Göttliche in seine Seele aufzunehmen.
+
+Die Erziehung hat noch nicht alles gethan, was sie thun soll, wenn
+sie nur dafür sorgt, daß das Mädchen für den Beruf, der ihr zunächst
+durch die Bestimmung ihres Geschlechts angewiesen ist, sorgfältig
+und zweckmäßig gebildet werde; sie hat noch eine wichtige Rücksicht
+zu nehmen auf die Verhältnisse des weiblichen Geschlechts in der
+bürgerlichen Gesellschaft und auf das, was diese Verhältnisse fordern,
+nämlich solche Fertigkeiten, Geschicklichkeiten und Kenntnisse, wodurch
+es dem Weibe möglich wird, auch wenn es allein steht, sich seine
+Erhaltung und einen Grad von Selbstständigkeit zu sichern. Die immer
+größer werdende Seltenheit des Familien-Wohlstandes, und an sich schon
+die Unsicherheit dieses Wohlstandes, macht es nothwendig, dem Mädchen
+einen Erwerb zu sichern, der es gegen Mangel schützt, und bei dem es
+die Würde seines Geschlechts behaupten kann.
+
+Es gibt gewisse Arten des Erwerbens, die eigentlich nie von Männern,
+sondern immer nur von Weibern betrieben werden sollten, und es gehört
+zu den Ausartungen, welche Verfeinerung und Luxus herbeiführen, daß die
+Männer Erwerbszweige an sich gerissen haben, welche weder männliche
+Körperkraft, noch männlichen Geist fordern. Es ist zu erwarten, daß der
+Krieg, der so viele Männer hingerafft hat, diese Erwerbszweige wieder
+in die rechten Hände bringen werde. Um so mehr muß aber die Erziehung
+die Mädchen mit den dazu nöthigen Fertigkeiten ausstatten, aber auch
+mit den sittlichen Eigenschaften, die Geschäft und Gewerbe erfordern.
+Die Fertigkeiten sind: Nähen, Sticken, Stricken, Zeichnen, Spielen,
+Singen, Verfertigung aller Arten von Kleidungsstücken, Schreiben und
+Rechnen. Der Kleinhandel sollte nur von Weibern betrieben werden,
+weil nur diese dem entehrenden und ausartenden Müßiggange entgehen
+können, zu welchem er die Männer, aus Mangel einer anständigen
+Hand-Arbeit, verurtheilt. Die Kleider für Frauenzimmer sollten nur von
+weiblichen Händen verfertigt werden. In keiner Küche sollten mehr Köche
+anzutreffen seyn.
+
+Die Bildung für den Erwerb sey aber keine einseitige; die bürgerliche
+Gesellschaft fordert mehr als ~eine~ Fertigkeit und Geschicklichkeit
+zum Bestehen, da sie Verhältnisse herbeiführt, in welchen diese
+oder jene Fertigkeit nicht ernährt. Hier achte die Erziehung auf
+die natürlichen Anlagen, und bilde sie für diesen Zweck vorzüglich
+aus. So werde also z. B. ein musikalisches Talent, eine vorzügliche
+Singestimme, eine Anlage zur mechanischen Geschicklichkeit ja nicht
+vernachlässigt, weil der Genuß, der Werth und die Ruhe des Lebens
+hievon abhängt. Der ~Genuß~, weil es keinen reineren gibt, als den des
+Vollbringens und des Bestehens durch eigene Kraft; der ~Werth~, weil
+dies den Wirkungskreis des Weibes erweitert, und ihm einen größern
+Antheil an der allgemeinen Wohlfahrt, oder auch an dem Wohl einzelner
+Menschen, oder der Familie gewährt; die ~Ruhe~, weil das Bewußtseyn
+einer solchen Ausbildung und der mannigfaltigsten Brauchbarkeit für
+die Welt jede Nahrungssorge und jede Besorgniß wegen der Zukunft
+verbannt. Und wie oft wird dadurch das Schicksal einer ganzen Familie
+sicher gestellt! Wie manche Tochter ernährte durch ihre Kunst Vater,
+Mutter und Geschwister. Wie viele erwerben sich als Lehrerinnen,
+Erzieherinnen, Vorsteherinnen einer Beschäftigungs-Anstalt große
+Verdienste. Und wie quälend ist die Aussicht in die Zukunft für die,
+welche nicht durch sich selbst bestehen können!
+
+
+ 65.
+
+Die sittlichen Eigenschaften, die mit den Fertigkeiten vereint
+wirken müssen, sind: Geduld und Ausdauer, Selbstverleugnung und
+Enthaltsamkeit, Besonnenheit und Ueberlegung, Erfindungsgabe. Für
+die letztere Kraft in ihrer Entwickelung wirkt die Geschichte der
+Erfindungen, und die Bekanntmachung mit nützlichen Verbesserungen der
+gewöhnlichen häuslichen Geräthschaften. Wie oft gab schon ein einziger
+glücklicher Gedanke in dieser Hinsicht einem Leben hohen Werth und
+ausgebreitete Wirksamkeit, und begründete den Wohlstand einer ganzen
+Familie.
+
+
+ Pädagogische Heilkunde.
+
+Jede Abweichung von dem Gebot, welches dem Menschen durch seine
+sittlichen Gefühle und seine Vernunft in's Herz geschrieben ist,
+und jede Ausartung der natürlichen Triebe, ist Krankheit der Seele,
+und erfordert Heilung. In der Kindheit entstehen diese Krankheiten,
+und werden oft nur dem sorgfältigen Beobachter und dem geübtern
+Auge sichtbar; bleiben sie unentdeckt, und also in ihren Anfängen
+ungehemmt, so gehen sie in den Charakter über. Jede Unart hat in der
+Vernachlässigung der Erziehung, oder in einem nachtheiligen Einflusse
+des Körpers und der physischen Gewöhnung ihren Grund.
+
+Jede Unart ist in ihrem tiefsten Grunde Keim des Guten, der aber
+verwahrloset, oder unter ungünstigen Einflüssen untergegangen ist,
+oder auch eine falsche, gewöhnlich einseitige Richtung, welche irgend
+eine Seelenkraft genommen hat. Soll die Heilung gelingen, so muß die
+Natur der Krankheit von dem Erzieher richtig erkannt, ihr Zusammenhang
+mit andern Uebeln und mit dem Guten erforscht und berücksichtigt, also
+ihr Ursprung mit Sicherheit entdeckt, ihr Grad richtig aufgefaßt, das
+Heilmittel weise gewählt und mit eben so viel Geduld, als Einsicht
+angewandt werden, damit nicht, indem das eine Uebel weggeschafft wird,
+ein anderes hervorgebracht oder herbeigeführt werde. Der Erzieher
+kann, z. B. die Trägheit des Zöglings überwältigt, aber dadurch, daß
+er gewaltsame Mittel anwandte, demselben die Lust und Liebe und die
+kindliche Fröhlichkeit genommen haben, oder indem er dem Eigensinnigen
+den Willen brach, ihm auch das Herz gebrochen haben, oder indem er den
+Leichtsinn bekämpfte, das Kind verstockt, scheu und ängstlich gemacht
+haben.
+
+»Auf zweierlei Art werden Unarten geheilt: entweder durch Ablenkung
+der Aufmerksamkeit und Neigung des Kindes, im Ganzen und im Einzelnen,
+also negativ, oder auch positiv durch Strafen.« Das erste ist hier
+unstreitig das Wohlthätige und Wirksamere, eine gründliche Heilung,
+wobei nicht leicht ein neues Uebel sich zeigt, und wird vorzüglich auf
+~die~ Art angewandt, daß man entweder das Kind in eine ganz andere,
+und zwar in eine solche äussere Lage bringt, in welcher es gar keine
+Reizung zu seiner Unart erhält, oder auch, daß man einen Gegenreiz, z.
+B. Erregung der Neugierde, des Ehrtriebes, der Furcht, der Hoffnung,
+anwendet, um seinen Neigungen eine bessere Richtung zu geben.
+
+Da die Unarten und die Fehler der Kinder nichts anderes, als
+verwahrlosete Keime des Guten sind, so steht der Unart immer eine
+Tugend gegenüber, und da jede Unart wiederum, sich verstärkend, andere
+nach sich zieht oder erzeugt, so gibt es so viele Reihen von Unarten,
+als es Tugenden des Kindes gibt.
+
+Die ersten beiden Reihen können nichts anderes seyn, als verkehrte
+Richtungen der Kraft, oder Mangel an Kraft und Trieb, also Trägheit.
+So z. B. wenn Kinder bei einer großen Lebhaftigkeit, und einem
+ungewöhnlichen Drange zur Thätigkeit, nicht hinreichende Beschäftigung
+finden, und also lange Weile empfinden -- oder wenn man sie in der
+Periode, da noch der Spielgeist seine volle Kraft hat, zu angestrengter
+Aufmerksamkeit beim Lernen nöthigt, und ihnen dadurch einen Widerwillen
+gegen das Lernen beibringt -- oder zu der Zeit, da sie noch nicht
+sichtbare Fortschritte in der sittlichen Verbesserung machen können,
+unaufhörlich tadelt und krittelt, und dadurch in einen Zustand der
+Spannung und des Mißmuths versetzt -- oder ohne Nachsicht straft, wo
+erst die Kraft der bessern Gewöhnung eintreten müßte. Ist es nicht
+natürlich, daß das Kind muthwillig, oder auch schlaff und träge wird,
+weil sein Thätigkeitstrieb keine Befriedigung erhält? Darum soll der
+ganze Umgang der Erwachsenen mit Kindern eine fortgehende Befriedigung
+ihres Thätigkeitstriebes, und eine Richtung desselben auf das
+Nützliche und Gute seyn. Wiederum, wenn Eltern oder Erzieher Lieblinge
+haben, denen sie alles verstatten, alle Unarten ungestraft hingehen
+lassen; müssen diese nicht eigensinnig, herrschsüchtig, trotzig
+und selbstsüchtig, und die um der Lieblinge willen zurückgesetzten
+verschlossen, boshaft und verdrossen werden? Bei solchen Kindern ist
+es eine verkehrte Behandlung, sie durch Liebkosungen und wohl gar
+Schmeicheleien an sich zu ziehen, oder durch anderweitige Reizungen
+ablenken zu wollen. Gründlich können sie nur geheilt werden, wenn man
+sie aus dem ganzen ungünstigen Verhältnisse heraus und in ein besseres
+versetzt, mit liebreichem Ernst und Festigkeit ihnen entgegen tritt,
+keine Aeusserung der Bosheit oder Herrschsucht ungerügt läßt, sie
+möglichst vor Reizungen bewahrt, jede Regung besserer Gefühle durch
+Lob und Ermunterung unterstützt, durch regelmäßige Beschäftigung und
+gleichmäßige Behandlung sie an Ordnung und Regelmäßigkeit zu gewöhnen
+sucht, die sittlichen Regungen belebt und stärkt. Verzogene Kinder
+sind nicht undankbar gegen eine solche Bestrebung, sie zu bessern;
+sie fühlen es bald, daß man ihnen wohl thut, wenn nur überall Liebe
+und Wohlwollen durchblickt, fühlen besonders das Wohlthätige der
+Beschäftigung. Nur werde jede verächtliche Behandlung vermieden, denn
+diese erregt Abneigung und Widerwillen; auch Ironie und feiner Spott,
+Satyre und Bitterkeit im Tadel thun entgegengesetzte Wirkung.
+
+Eine eben so schwere Aufgabe für die Erziehung und eben so schwer im
+Umgange zu behandeln, sind solche Kinder, die überfüllt sind durch
+einen planlosen Unterricht mit unverdautem Wissen, und in welchen
+sich Dünkel und Trägheit zugleich festgesetzt haben, weil sie sich
+bei dem Unterricht immer nur leidend verhielten, ohne Anregung und
+Uebung des Nachdenkens. Verwöhnt durch eine Behandlung, bei welcher
+man ihnen alle Anstrengung ersparte, versunken in eine Zerstreuung und
+Schlaffheit, die alle Geisteskräfte in Schlummer wiegt, machen sie der
+Erziehung durch beständige Unruhe und Unmuth, wohl durch Unbändigkeit
+und Ausgelassenheit viel zu schaffen. Das sind die traurigen Folgen
+einer planlosen Erziehung in Häusern, wo ein gewisser Wohlstand
+herrscht, und es nicht an Zerstreuung fehlt. Dabei kann doch hie und da
+Talent hervorblicken, und das Bewußtseyn im Kinde seyn, daß es etwas
+vermöge; aber desto mehr macht es dann durch Ansprüche dem Erzieher
+zu thun, desto schwieriger ist die Aufgabe, es bei dem Mechanischen
+festzuhalten, und es an Regelmäßigkeit und Tagesordnung zu gewöhnen.
+Das Ungewohnte erregt ihm widrige und schmerzliche Gefühle. Das
+Anhalten zur Ordnung dünkt ihm Gewalt und Bedrückung, und es tritt bald
+in ein feindseliges Verhältniß gegen den Erzieher, wenn dieser nicht
+Klugheit und Mäßigung genug hat, sich mit dem langsamsten Annähern an
+sein Ziel zu begnügen, und in die nothwendige Strenge die Milderung
+eines sichtbaren Wohlwollens zu legen. Ein besser gezogenes Kind neben
+dem verzogenen und verwöhnten thut hier treffliche Dienste. Ist dies
+Mittel nicht vorhanden, so muß man eine Lieblings-Neigung des Zöglings
+und den Ehrtrieb zu Hülfe rufen, um ihn für eine regelmäßige und
+angestrengte Thätigkeit und für pünktlichen Gehorsam zu gewinnen. In
+dem Umgange mit solchen Kindern ist es sehr schwer, den rechten Ton zu
+treffen, der sich von zu großer Strenge und Milde gleich weit entfernt.
+
+Zweierlei Unarten stehen ferner dem Fleiß entgegen, Faulheit und
+verkehrte Thätigkeit. Jene ist theils mehr im Körperlichen, theils
+mehr im Geistigen, theils in beiden zugleich, und versteckt sich wohl
+unter scheinbarer Thätigkeit. Die Weichlichkeit und falsche Güte in
+der Erziehung erspart den Kindern jede Anstrengung, und verwöhnt sie
+dadurch so sehr, daß jede Art der Thätigkeit ihnen Qual dünkt. Die
+Faulheit zieht aber, da sich nun aller Trieb auf den Genuß richtet,
+Gefräßigkeit und Leckerhaftigkeit nach sich, macht eben dadurch die
+Kinder diebisch, lügenhaft und unreinlich. Nicht genug kann man daher
+bei Kindern der Faulheit entgegenwirken, nicht sorgsam genug sie
+dem Müßiggange entziehen. Aber die Aufgabe ist schwer, Kinder immer
+hinreichend zu beschäftigen, die zum eigentlichen Lernen noch zu jung,
+dabei lebhaft, und also veränderlich sind. Wenn man bei den Erwachsenen
+die Noth als Antrieb zur Thätigkeit gebraucht, so will das bei Kindern
+nicht gelingen, und ist nicht immer anzuwenden. Soll man das Kind
+hungern lassen? So wird es mißmüthig, und verliert die Lust und Liebe.
+Oder der Plage der langen Weile übergeben? So ist zu fürchten, daß es
+auf andere Abwege geräth, oder der Schlaf hilft ihm darüber hinweg. Man
+versuche es lieber zuerst mit allerlei ~sinnlichen Beschäftigungen~,
+und solchen, die sich dem Spiele nähern. Du sollst mir helfen! sage
+man freundlich dem Kinde. Oder: wir wollen mit einander dieß und jenes
+thun. Man bringe absichtlich Bücher, Geräthschaften, Geld in Unordnung,
+und lasse alles wieder von dem Kinde in Ordnung bringen. Dabei suche
+man durch Lob ihr Selbstgefühl und ihre Lust zu erhöhen, sey für's
+erste mit jeder Leistung zufrieden, sorge für Mannigfaltigkeit
+der Beschäftigung, ohne doch der Neigung zur Veränderung zu viel
+nachzugeben. Man lasse Kinder recht früh schreiben, zeichnen, in
+Papier ausschneiden, Papparbeiten machen, Bücher heften und einbinden,
+schnitzen und ein wenig drechseln lernen, so kann man viel Abwechselung
+in ihre Beschäftigung bringen. Haben sie die Buchstaben zusammensetzen
+gelernt, so gebe man ihnen ein Buchstabenkästchen, und lasse sie Wörter
+zusammensetzen, eine Beschäftigung, die ihnen eben so angenehm, als
+nützlich ist. Bei Gedächtniß-Uebungen halte man sie besonders fest,
+weniger bei Handarbeiten, welche mehr Ausdauer fordern, als zarte
+Kinder haben können. Können sie schon mit einiger Fertigkeit schreiben,
+so lasse man sie das Auswendiggelernte oder das, was man ihnen vor
+einiger Zeit erzählt hat, aus dem Gedächtniß niederschreiben; man
+lasse die, welche ein schwaches Gedächtniß haben, durch Nachsprechen
+memoriren -- man ermuntere sie zum Briefschreiben, und Abschreiben, und
+lasse sie kleine Verzeichnisse anfertigen, kleine Sammlungen anlegen.
+
+Der Unreinlichkeit träger Kinder kann nur durch strenge Gewöhnung
+und Anregung des Ehrgefühls entgegengearbeitet werden. Dabei sey man
+unerbittlich in der Strenge.
+
+Hat man der Veränderlichkeit der Kinder und ihrer Laune zu viel
+nachgegeben, oder sie zu viel sich selbst überlassen, ohne sie
+regelmäßig zu beschäftigen, so entsteht die falsche Thätigkeit
+(Flatterhaftigkeit). Da gibt es ein unruhiges, bald nach diesem, bald
+nach jenem greifendes Wesen, Ueberdruß und Mißmuth, so oft einige
+Anstrengung oder Sorgfalt gefordert wird. Das Kind fängt etwas mit
+Hitze an, läßt es aber bald wieder liegen, und fängt etwas Neues an,
+ohne je zu vollenden; endlich wird es aller Beschäftigung überdrüßig,
+und will nur herumlaufen, spielen, amüsirt seyn. Bei Kindern von
+lebhaftem Temperament und glücklichen Anlagen entsteht dies unstäte
+Wesen wohl aus Mangel an solidem Unterricht und Geistes-Nahrung, aber
+auch aus Ueberfüllung mit Realkenntnissen, ohne Uebung und Anstrengung
+der Denkkraft. Man muß mit solchen Kindern ganz vorne anfangen, jedoch
+ohne daß sie dieß inne werden, muß vor allem Denkübungen mit ihnen
+vornehmen, und sie fest zu halten suchen, indem man vom Leichtern zum
+Schwerern fortgeht. Man entfernt sorgfältig alles, was sie zerstreuen,
+oder sie unmuthig machen könnte; man lobt ihr Wissen, und regt ihre
+Wißbegierde an durch solche Aufgaben, die Verstand und Phantasie
+beschäftigen; man erlaubt ihnen für's erste keine Fragen, läßt sie aber
+viel nachsprechen, um sie im Aufmerken zu üben, rechnet oft mit ihnen
+im Kopfe.
+
+Die Trägheit kündigt sich auf mancherlei Weise, nicht gerade durch
+Abneigung gegen alle Beschäftigung, sondern nur gegen die, welche
+Anstrengung und Ausdauer erfordert, oder die gerade jetzt gebotene an,
+durch ungebehrdiges Wesen, faule und nachlässige Stellungen, Plumpheit,
+Lärmen, Zanksucht und grobe Begehrlichkeiten; denn die Trägheit will
+nur genießen, nicht erwerben. Mäßige Bestrafungen, kein Schelten und
+Beschimpfen, bei Naschhaftigkeit strenge Strafe.
+
+Dem Frohsinn stehen ~Trübsinn~ und ~Leichtsinn~ entgegen. Das düstere,
+verdrießliche und mürrische Wesen wird den Kindern leicht zur Natur,
+wenn unfreundliche und harte Behandlung, oder lange Weile ihr Gefühl
+aufgeregt haben. »Es gibt,« sagt J. P. sehr richtig, »ungelenke,
+verworrene Stunden (Stimmungen?), wo das Kind durchaus gewisse Worte
+nicht nachzusprechen, gewisse Befehle nicht zu erfüllen vermag, aber
+wohl in der Stunde darauf. Haltet dieß nicht für Starrsinn. Ich kenne
+Männer, die auf die Ausrottung einer üblen Angewohnheit Jahre lang
+losarbeiteten, ohne besondern Erfolg zu erleben. Wendet dieß auf
+Kinder an, welchen gewöhnlich ein paar tausend Gewohnheiten auf einmal
+abzulegen befohlen wird, damit ihr nicht sofort da über Ungehorsam
+schreiet, wo nur Unvermögen der überlasteten Aufmerksamkeit ist.«
+Aber auch ängstliche und zu weichliche Behandlung, ein zu sorgsames
+Aufmerken auf alle ihre Bedürfnisse und Wünsche, kann diese Wirkung
+hervorbringen. Nur dadurch, daß man solche Kinder durch angemessene
+Beschäftigung zu einem wohlthätigen Selbstgefühl erhebt, sie durch
+Entbehrung und Strafe zum Nachdenken und zur Selbstbeherrschung bringt,
+sie bei jeder Regung mürrischer Laune entfernt, ihnen durch Strafe Noth
+verursacht, und dadurch ihren Gedanken eine andere Richtung gibt, bei
+wiederkehrender Heiterkeit sie mit besonderer Güte behandelt, aber auch
+bei eintretender mürrischer Laune mit unerbittlicher Strenge -- (z. B.
+ich esse nicht mit einem mürrischen Kinde!), nur dadurch wird man sie
+bessern.
+
+~Leichtsinn~ zeigt sich noch nicht im frühen Kindesalter, aber der
+Keim ist da in Unachtsamkeit, Flatterhaftigkeit und Gedankenlosigkeit,
+und in Gleichgültigkeit bei Lob und Tadel, in schnellem Uebergang
+von tiefer Betrübniß bei Strafen zur Ausgelassenheit. Kinder, die
+sich selbst überlassen sind, oder es zu gut haben, und nicht mit
+der den Kindern so nothwendigen Strenge erzogen werden, sondern zu
+viel Nachsicht genießen, werden leichtsinnig, und müssen es werden.
+Daher ist Leichtsinn ein Uebel der höheren Stände und des weiblichen
+Geschlechts. Die gutmüthige und weichliche Mutter wird gar zu leicht
+die aufmerksame und willige Dienerin der Tochter; diese, zu sehr
+verwöhnt, kann sich zu keiner Art von Anstrengung entschließen. --
+Ist die Unart eingewurzelt, so kann man nicht genug die Achtsamkeit
+des Kindes üben, und besonders die Achtsamkeit auf sich selbst, durch
+einfachen Zuruf, ohne viele Worte der Erinnerung, durch Zeichen, durch
+solche Aufträge, wobei große Sorgfalt und Aufmerksamkeit nöthig ist (z.
+B. zerbrechliche Sachen in Ordnung zu bringen), durch Uebung des Gehörs
+und Gedächtnisses, durch kluge und kräftige Warnung. Die festeren
+und kräftigern Naturen sind am wenigsten zum Leichtsinn geneigt, die
+weicheren am wenigsten zum Trübsinn.
+
+Dem frommen (dankbaren) Sinne stehen entgegen ~Unfolgsamkeit~ und
+~Wankelmuth~. In dem Kinde regt sich bald der Trieb zu herrschen, und
+zeigt sich als Eigensinn und Eigenwille. Sehr bald entsteht daraus
+Gefühllosigkeit und Widerspenstigkeit. Das unzeitige Nachgeben der
+Eltern ist die nächste Ursache -- aber auch wohl ihr Eigensinn und
+ihre Ungerechtigkeit. Werden die Kinder nur als Mittel des Geldgeizes
+oder der Eitelkeit der Eltern gebraucht, stört man sie, um sie
+kunstmäßig abzurichten, in ihren kindlichen Freuden, entsteht also
+kein liebevolles Verhältniß zwischen Eltern und Kindern, so können
+diese nicht dankbar seyn, sondern sie müssen sich, wo sie nur können,
+dem Willen der Eltern widersetzen, da sie keinen andern Antrieben,
+als den sinnlichen, folgen können. Fehlt nun noch dazu alle Pflege
+des religiösen Gefühls, wie können die Kinder vor dieser traurigen
+Ausartung bewahrt bleiben? Aber auch zu weichliche Güte, von Eltern
+oder Großeltern, ist die Quelle dieser Unart. Finden die Kinder nie
+Widerstand bei ihren thörichten Forderungen; zeigt man ihnen durch
+unzeitiges und unverständiges Nachgeben und Einwilligen eine gewisse
+Schwäche, oder Furcht vor ihrem Trotz und Eigensinn, so machen sie
+bald die traurigsten Fortschritte in dem Ungehorsam und in der
+mürrischen Widerspenstigkeit. Eine ganze Reihe von Unarten sind im
+Gefolge des Ungehorsams, besonders hartes und boshaftes Wesen gegen
+Niedere, Dünkel, Zanksucht. Wird dann nicht die ganze Behandlung des
+Kindes geändert, und auch wohl seine äussere Lage, so daß es unter
+ganz andere Menschen, und in ganz neue Verhältnisse kommt, so ist das
+Uebel unheilbar. Muß es in seinen häuslichen Verhältnissen bleiben, so
+darf ihm wenigstens von Seiten des Erziehers nie nachgegeben werden;
+vielmehr muß ihm dieser mit einem festen Ernst entgegentreten, und ihm
+sogar, wenn es schon einige Verstandesbildung hat, förmlich ankündigen,
+daß es von nun an nicht mehr seinen Willen haben werde, wobei er ihm
+begreiflich zu machen sucht, wie heilsam und nothwendig dieß sey, und
+es, so oft es gehorsam ist, mit besonderer Liebe behandelt, überhaupt
+aber durchaus herzlich. Eigentliche Strafen treten nur bei offenbarer
+und beharrlicher Widersetzlichkeit ein, wobei man ihm aber Zeit zur
+Besinnung läßt. Alles werde angewandt, Gefühle der Reue, des Dankes,
+des Vertrauens in solchen verwahrloseten Kinder-Herzen zu wecken; man
+zeige dem Kinde Bedauern und Theilnahme; man gewähre ihm Vergnügen
+und Erholung, so oft es sich besser zeigte -- man erleichtere ihm das
+Gehorchen durch die Art des Gebietens, und durch Entfernung der Reizung
+zum Ungehorsam -- man suche ihm ein ermunterndes Beispiel vor die Augen
+zu bringen; man zeige ihm Vertrauen, und strafe es nie zürnend. Zeigt
+es Gefühl, so komme man ihm mit religiösen Vorstellungen zu Hülfe;
+faßt es kein Zutrauen, und zeigt es kein Gefühl, so lasse man sich
+dadurch nicht zu Bitterkeiten und zu harten Behandlungen reizen, werfe
+ihm nicht seine Gefühllosigkeit vor, mache es aber auf Beispiele der
+Dankbarkeit und Theilnahme aufmerksam, und freue sich mit ihm, wenn ihm
+etwas Angenehmes, klage mit ihm, wenn ihm etwas Unangenehmes begegnet.
+
+Eine Unart, welche einigermaßen mit dieser verwandt ist, besteht
+darin, daß Kinder gewöhnlich gegen jeden, der nicht zu ihrer Familie
+gehört, verschlossen und ängstlich, oder finster sind; eine Folge zu
+weichlicher Erziehung, und einer falschen Zärtlichkeit, oder auch
+der Unvorsichtigkeit, mit welcher man Kinder im zarten Alter mit der
+Schlechtigkeit der Menschen bekannt macht, auch wohl die Wirkung des
+den Kindern mit der ersten Nahrung eingeflößten Rangstolzes, und
+der Thorheit, ihnen eine äussere Haltung und Würde beibringen zu
+wollen. Sehen sie, daß sich ihren Eltern alles mit Unterwürfigkeit
+nähert, und werden besonders die Dienstboten mit verachtendem Stolz
+behandelt, so kann diese Unart nicht ausbleiben. Lieblosigkeit und
+Willkühr, Uebermuth und prahlerisches Wesen sind die Folgen, auch
+wohl Verstellungskunst, bei einigen Naturen Blödigkeit. Auch hier ist
+Veränderung der Lage das beste Heilmittel. -- Die Religion muß zu Hülfe
+kommen, und ein Erzieher, der sich ganz des Herzens zu bemächtigen weiß.
+
+Das schmeichlerische und hingebende Wesen mancher zart organisirten und
+mit wohlwollenden Gefühlen reich ausgestatteten Kinder darf man, wenn
+sie heranwachsen, nicht dulden, auch geht es leicht in Gleißnerei über;
+es ist eine Wirkung jener thörichten Weichlichkeit in der Erziehung,
+die alles durch Liebkosung und Belohnung erreichen, und nie strafen,
+nie Ernst gebrauchen will. Bei Mädchen entsteht daraus ein Hang zur
+Empfindelei, ein geziertes und pretiöses Wesen, und Abneigung gegen
+alles, was Anstrengung und Festigkeit fordert. Daher gewöhne man die
+also Verwöhnten an ernste Behandlung, doch ohne Kälte und ohne Spott.
+
+Kinder von einer besondern Liebenswürdigkeit, und glücklich und früh
+sich entwickelnden Anlagen, neigen sich leicht zum Hochmuth und Dünkel
+hin, weil man sie gewöhnlich vorzieht, viel aus ihnen macht, und sie
+unvorsichtig lobt. Dieser Hochmuth zeigt sich im Widersprechen und in
+der Rechthaberei, in der Trägheit beim Unterricht, in einem vorlauten
+und unbescheidenen Wesen, und verleitet wohl zum Rollenspielen. Aus
+solchen Kindern werden Egoisten, und die Welt hat nichts von ihnen zu
+erwarten, wo nicht ihr Ehrgeiz Befriedigung findet. Bei Mädchen wird
+Eitelkeit daraus, die sich selbst gefällt und Andern gefallen will; das
+Natürliche geht ganz verloren; Albernheit, Putzsucht und Koketterie
+regen sich, und alles wird nur nach der Aufmerksamkeit beurtheilt und
+geschätzt, die es erregt. Der sinnliche Gegenstand des Bestrebens,
+fader Zeitvertreib, Tändeln und Scheinen ist an der Tagesordnung.
+Solche Kinder wollen zum Gefühl im Bewußtseyn ihres Unrechts gebracht
+seyn, zuweilen durch Beschämung -- die aber sehr vorsichtig anzuwenden
+ist -- am besten dadurch, daß man ihnen Fragen vorlegt, und Arbeiten
+aufgibt, wobei sie ihre Schwäche erkennen und gestehen müssen -- und
+endlich dadurch, daß man sie auf dem Felde des Wissens herumführt,
+und ihnen zeigt, wie viel noch zu lernen und zu erringen ist, sie
+aber auch zugleich mit der Menschenwürde bekannt macht, und ihnen
+zuweilen Aufträge gibt, wobei sie, Theilnahme zu zeigen, Aufforderung
+und Gelegenheit haben. Mißlich ist es, ihnen Bescheidene zum Muster
+aufzustellen, weil dieß oft nur erbittert; besser, sie eine Zeitlang
+nicht zu bemerken, und ihnen alle Gelegenheit abzuschneiden, sich
+sehen zu lassen, ihnen dabei den Vorzug der Gesinnung vor dem Wissen
+bemerklich zu machen.
+
+Der Eitlen Wunsch und Streben bleibe ganz unbefriedigt, weil dadurch
+die Begierde nur verstärkt werden würde, sondern man gebe ihr, was
+sie wünscht, Putz und schöne Kleider; aber in ihren schönen Kleidern
+lasse man sie fühlen, wie nichtig dieser Vorzug ist, und daß er
+keine Ansprüche auf Werthschätzung gibt, wohl aber leicht thöricht
+und unsittlich macht. Man sage ihr, doch ohne Bitterkeit, wie viel
+hübscher ihr der einfache Anzug stehe, damit sie nach und nach diese
+Armseligkeiten würdigen lerne. Die Mutter, die Erzieherin, die
+Gespielin oder Mitschülerin gehe ihr mit dem Beispiele der höchsten
+Einfachheit und Anspruchlosigkeit voran.
+
+Alles kommt überhaupt bei der Erziehung und bei dem erziehenden
+Umgange mit Kindern auf den Ton an, welcher im Hause herrscht; er ist
+gleichsam das gedeihliche oder verderbliche Klima, in welchem diese
+zarten Pflanzen sich entwickeln sollen. Das Beispiel der Eltern und der
+Erzieher wirkt mit einer unwiderstehlichen Gewalt auf Kinderherzen,
+und darum sollten Erzieher in dem Umgange mit Kindern höchst vorsichtig
+zu Werke gehen. Sieht der Sohn seinen Vater täglich dem Vergnügen
+nachgehen, und seine Berufsgeschäfte mit Verdruß und so schnell und so
+flüchtig als möglich abmachen, so nachläßig als möglich betreiben; hört
+er ihn leichtsinnig urtheilen, oder lieblos richten; läßt er sogar den
+Sohn fast an jedem Vergnügen Theil nehmen, und ohne Umstände Schule und
+Unterricht versäumen, wenn ein Vergnügen sich darbietet; gibt er ihm
+selbst die Spielkarten in die Hände, und bringt er vor den Augen seiner
+Kinder ganze lange Abende, bis in die Nacht hinein, am Spiel-Tische zu
+-- er wird einen Müßiggänger, einen Spieler, oder einen Frohnknecht
+in seinem Sohne der Welt erziehen, und das schreckliche Erbtheil des
+bösen Beispiels wird ihn zu Grunde richten, oder ihm wenigstens alle
+Menschenwürde rauben.
+
+Eben so unglücklich muß der Erfolg einer Erziehung seyn, die es nur
+darauf anlegt, den Kindern das Gepräge der conventionellen Bildung
+oder des Zeitgeistes zu geben, und ihnen alles das beizubringen und
+anzubilden, was in dem gesellschaftlichen Umgange gilt, und gerade
+jetzt an der Tagesordnung ist, oder für Bildung ausgegeben wird.
+Zwar hat sich, seit dem Freiheitskriege, eine eigene Secte in der
+Gesellschaft gebildet, welche der conventionellen Form, weil sie
+größtentheils französischen Ursprungs ist, den Krieg angekündigt,
+und die freieste Form, welche eigentlich gar keine ist, als die
+rechte angenommen hat; aber glücklicher Weise scheint es nicht, daß
+die Grundsätze dieser Secte sich weit verbreiten werden, da man die
+Bemerkung gemacht hat, daß sie zu einer Derbheit und Unschlachtigkeit
+führen, welche endlich allem geselligen Umgange, besonders dem mit dem
+anderen Geschlechte, den Untergang bringen müßte. Für die Beförderung
+~der~ Selbstverleugnung, Bescheidenheit und Gefälligkeit, welche
+die Natur des gesellschaftlichen Umgangs fordert, sind unstreitig
+die conventionellen Formen sehr ersprießlich, und eben darum nicht
+aufzugeben. Aber es ist eine merkwürdige Erscheinung, und eine für
+Erzieher sehr lehrreiche, daß Naturen von einer unüberwindlichen
+Unempfänglichkeit für diese Formen unter beiden Geschlechtern
+vorkommen, an welchen alle Anstrengungen der Erziehung für diesen
+Theil der Bildung völlig scheitern. Man möchte hieraus schließen,
+daß es auch für die gesellschaftliche Bildung eigenthümliche Anlagen
+gebe, und daß sie daher eben so wenig, wie z. B. die musikalische, zur
+allgemeinen menschlichen Ausbildung gezählt werden dürfe, wenigstens
+nicht ohne gewisse Modificationen; daß sie am allerwenigsten das
+Hauptziel aller Erziehung seyn dürfe, sondern daß diese vor allem das
+Reinmenschliche in dem Kinde auszubilden, zu pflegen und zu entwickeln
+habe; daß also die Erziehung keinesweges in eine bloße Abrichtung für
+den gesellschaftlichen Umgang übergehen dürfe. Diese Wahrheit wird
+jetzt zur Freude aller derer, welche keine Sclaven des Zeitgeistes
+sind, allgemeiner anerkannt, und sie hat eine Ueberzeugung geweckt,
+welche fast ganz in den höheren Ständen verschwunden war, daß die
+religiöse Bildung der Schlußstein aller wahren Bildung sey, und daß
+man die Veredlung unseres Geschlechts nicht bloß auf dem Wege der
+Verstandesbildung, nicht durch das Erkenntnißvermögen allein bewirken
+könne. Man erwartet nun nicht mehr alles Heil für die Menschheit von
+der Verbreitung wissenschaftlicher Bildung, und überhaupt von dem
+Wissen, sondern läßt der Gesinnung, als dem Höchsten im Menschen,
+wieder den ihr gebührenden ersten Rang unter den Bildungsstufen der
+Menschheit, wobei man aber seit einiger Zeit den Gefühlen einen zu
+hohen Werth beilegt, und sie gar zu gern als Surrogat der Gesinnungen
+und Grundsätze einschwärzen möchte, weil es so bequem ist, sich
+dem Gefühl zu überlassen, und seinem Herzen die Anstrengungen und
+Beschwerden des Handelns und der Selbstverleugnung zu ersparen. Daher
+möchte es die heutige Erziehung vorzüglich auf eine recht sorgfältige
+Bildung der Vernunft, und also auf feste Grundsätze anzulegen haben,
+und ihre Zöglinge in einem gewissen Gleichgewicht zu halten suchen,
+damit sie nicht lauter Gemüth werden, und in dem Uebermaß ihrer
+Gemüthlichkeit sich der Mystik und der Frömmelei in die Arme werfen.
+
+Drei Klippen dürften die Erzieher besonders bei dem bildenden ~Umgange~
+mit ihren Zöglingen zu vermeiden haben, nämlich: 1) Daß sie es
+nicht darauf anlegen, dem Zöglinge eine bestimmte Form anzubilden,
+z. B. nicht die des Oberen, des Untergebenen, des Soldaten, des
+Rechtsverständigen, des gläubigen Christen, des Rationalisten, sondern
+darauf: Menschen zu bilden, also Vernunftwesen, welche die Kraft haben,
+sich frei zu erhalten von dem Joch der Gewohnheit, des Zeitgeistes,
+der Menschenfurcht und Menschengefälligkeit, und der Leidenschaft.
+2) Daß sie nicht jedem Zöglinge ein bestimmtes Maß von Bildungsstoff
+zutheilen, und zwar nur von einer einzigen Gattung, z. B. nur
+wissenschaftlichen, oder nur Kunst-Stoff, oder nur moralischen, oder
+nur philologischen; sondern den ganzen Stoff ihm darreichen, und zwar
+ganz unverarbeitet, denn die Verarbeitung ist die Sache der Natur, und
+ohne ihm unsere Form und Ansicht aufzudringen. 3) Daß sie es nicht bei
+dem Lehren, und also bei dem Wortwesen bewenden lassen; sondern ihm
+diesen Stoff mehr durch Handlungen und Total-Eindrücke, als durch Worte
+geben, so daß also der Zögling mehr sucht und findet, als nimmt und
+empfängt, und alles aus ihm selbst hervorgehe.
+
+
+
+
+ Ueber den
+
+ Umgang mit Menschen.
+
+
+ Dritter Theil.
+
+
+
+
+ Einleitung.
+
+
+Nach dem, was ich in der Einleitung zu dem zweiten Theile dieses Buchs,
+über die darin beobachtete Ordnung der Gegenstände, gesagt habe, führt
+mich mein Plan nun zur Entwickelung der Vorschriften für den Umgang mit
+Personen von verschiedenen Ständen und Verhältnissen im bürgerlichen
+Leben, da ich denn, wie billig, mit den Großen der Erde den Anfang
+mache.
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen
+ und Reichen.
+
+
+ 1.
+
+Man würde ungerecht handeln, wenn man behaupten wollte, alle Fürsten,
+alle sehr vornehme und alle sehr reiche Leute hätten die Fehler
+mit einander gemein, durch welche viele von ihnen ungesellig, kalt
+und unfähig zur wahren Freundschaft und zum Umgange werden. Allein
+man versündigt sich wahrlich nicht, wenn man sagt, daß dieß bei
+den mehrsten von ihnen der Fall ist. Sie werden in der Erziehung
+verwahrloset, von Jugend auf durch Schmeichelei verderbt, durch
+Andere und sich selbst verzärtelt. Da ihre Lage sie über Mangel und
+Bedürfniß mancher Art hinaussetzt, da sie selten in Verlegenheit
+oder Noth gerathen, so lernen sie nicht, wie nöthig ~ein~ Mensch
+dem andern, und wie schwer es ist, das Ungemach des Lebens allein
+zu tragen, -- wie süß, theilnehmende, mitleidende Seelen zu finden,
+und wie wichtig, Andrer zu schonen, damit man einst zu ihnen seine
+Zuflucht nehmen könne. Sie lernen sich selbst nicht kennen, weil man
+sie, aus Furcht oder Hoffnung, die widrigen Eindrücke, welche ihre
+Fehler und Gebrechen machen, nicht empfinden läßt. Sie sehen sich als
+Wesen besserer Art an, von der Natur begünstigt, zu herrschen und zu
+regieren; die niedern Klassen hingegen bestimmt, ihrem Egoismus, ihrer
+Eitelkeit zu huldigen, ihre Launen zu ertragen, und ihren Phantasien
+zu schmeicheln. Auf die Voraussetzung, daß die mehrsten Großen und
+Reichen größtentheils diesem Bilde gleichen, muß man sein Betragen
+im Umgange mit ihnen gründen. Um desto wohlthätiger zwar ist die
+Empfindung, wenn man unter ihnen Einen antrifft, der mit einem gewissen
+edeln Stolze, mit mehr Feinheit, Großmuth und besserer Ausbildung, alle
+Privat-Tugenden verbindet. -- Und, es gibt Deren, selbst unter Fürsten;
+-- aber sie sind Seltenheiten, und nicht immer macht der allgemeine Ruf
+sie uns bekannt. Auf diesen und auf die Posaunen der Zeitungsschreiber
+und Journalisten darf man kein Urtheil gründen. Ich habe oft mit
+inniger Betrübniß gesehen, wie der allgemein bewunderte, als Wohlthäter
+des Menschengeschlechts und Beförderer alles Edeln, Großen und Schönen
+gepriesene Erdengott und Liebling des Volks, in der Nähe so klein, so
+erbärmlich war. ~Die besten Fürsten sind nicht selten die, von welchen
+am wenigsten geredet wird, sowohl im Guten, als im Bösen.~
+
+
+ 2.
+
+Der Umgang mit Großen und Reichen muß aber sehr verschieden abgestuft
+seyn, je nachdem man ihrer bedarf, oder nicht; von ihnen abhängig,
+oder frei ist. Im ersten Falle darf man wohl nicht immer so gänzlich
+seinem Herzen folgen, muß zu Manchem schweigen, sich Manches gefallen
+lassen, darf nicht so freimüthig und kühn die Wahrheit sagen, obgleich
+ein fester, redlicher Mann die Geschmeidigkeit nie bis zu niedriger
+Schmeichelei treiben wird. Indessen verändern kleine Umstände, so
+wie die feinen Unterschiede der Charaktere das Verhältniß; daher ich
+alle Regeln für den Umgang mit den Großen zusammenfassen, und den
+Lesern überlassen werde, zu ordnen und auszuwählen, was in jeder Lage
+anwendbar ist.
+
+
+ 3.
+
+Ein allgemeiner Satz für alle Fälle ist der: Dringe Dich den Vornehmen
+und Reichen nicht auf, wenn Du nicht von ihnen verachtet werden willst!
+Ueberlaufe sie nicht mit Bitten für Dich und Andre, wenn sie Deiner
+nicht überdrüssig werden, wenn sie Dich nicht fliehen sollen! Laß Dich
+vielmehr von ihnen aufsuchen! Mache Dich rar; doch dies alles, ohne daß
+Deine Absicht merklich, ohne daß Dein Betragen gezwungen scheine!
+
+
+ 4.
+
+Suche nicht, Dir das Ansehen zu geben, als gehörtest Du zu der
+Klasse der Vornehmern, oder lebtest wenigstens mit ihnen in engster
+Vertraulichkeit! Rühme Dich nicht ihrer Freundschaft, ihres
+Briefwechsels, ihres Zutrauens, noch Deines Uebergewichts über sie!
+Wenn eine solche Verbindung Dir ein Glück zu seyn scheint, so erfreue
+Dich in der Stille dieses unbequemen Glücks! Es gibt Menschen, die
+durchaus dafür angesehen seyn wollen, eine größere Figur in der Welt
+zu spielen, und in höherem Ansehen zu stehen, als ihnen wirklich zu
+Theil geworden ist. Sie führen, auf Kosten ihres Geldbeutels, den
+Luxus der Vornehmen und Reichen in ihre Häuser, oder drängen sich in
+deren Cirkel ein, wo sie eine elende Figur spielen, nur hinterher
+laufen müssen, und keinen frohen Genuß haben, indeß sie lehrreichern
+und genußvolleren Umgang gänzlich vernachlässigen, und treue Freunde
+und weise Menschen von sich entfernen. Die geizigsten Leute sparen
+zuweilen keine Kosten, wenn sie Gelegenheit finden können, Zutritt in
+großen Häusern zu erlangen, und hungern gern Monate hindurch, um einmal
+einen Großen bei sich zu bewirthen, der dieses Opfer gar nicht gewahr
+wird, oder es doch nicht zu schätzen weiß, vielleicht Langeweile bei
+ihnen hat, alles sehr bürgerlich findet, und nach vierzehn Tagen wohl
+gar den Namen des thörichten Wirthes vergessen hat. Andre lassen es
+sich wenigstens angelegen seyn, die nichtsbedeutenden und verderbten
+Sitten der Großen sclavisch nachzuahmen, ihre hochmüthige Herablassung,
+ihren geschäftigen Müßiggang, ihre Zerstreuung, ihr Wichtigthun, ihre
+leeren Vertröstungen, ihre seelenlosen Gespräche, ihre Zweizüngigkeit,
+Windbeutelei, Gefühllosigkeit, Nachahmung der Ausländer, die Verachtung
+ihrer Muttersprache, ihre fehlerhafte Schreibart, ja sogar ihre
+lächerlichen Gebehrden, Gewohnheiten und Gebrechen, ihr Stammeln,
+Lispeln, Achselzucken, ihre Grobheit gegen Niedere, ihre affektirte
+Kränklichkeit, ihr Podagra, ihre schlechte Hauswirthschaft, ihre
+kindischen Launen, und mehr dergleichen herrliche Vorzüge treulich
+anzunehmen und sich einzuverleiben. Ihnen ist der beste Beweis für
+die Güte einer Sache ~der~, daß doch jedermann von Stande so und nicht
+anders handle und urtheile; -- als ob das in der That eine Narrheit
+heiligen könnte! -- Handle selbstständig! Verleugne nicht Deine
+Grundsätze, Deinen Stand, Deine Geburt, Deine Erziehung: so werden Hohe
+und Niedre Dir ihre Achtung nicht versagen können!
+
+
+ 5.
+
+Man traue nicht zu sehr den freundlichen Gesichtern der meisten
+Großen; glaube sich nicht auf dem Gipfel der Glückseligkeit, wenn
+der gnädige Herr uns anlächelt, die Hand schüttelt, oder uns umarmt!
+Vielleicht bedarf er unserer in diesem Augenblicke, und behandelt
+uns mit Verachtung, wenigstens mit Kälte, sobald dieser Augenblick
+vorüber ist. Vielleicht fühlt er gar nichts bei seiner Freundlichkeit;
+wechselt Mienen, wie Andre Kleider wechseln; ist gerade in der
+Verdauungs-Stunde zu unthätigem Wohlwollen gestimmt, oder will einen
+andern seiner Sclaven dadurch demüthigen. Man bleibe mit dieser Gattung
+Menschen immer in seinen Schranken, mache sich nicht gemein mit ihnen,
+und vernachlässige nie die äussere unterscheidende Höflichkeit und
+Ehrerbietung, die man ihrem Stande schuldig ist, sollten sie sich auch
+noch so sehr herablassen! Früh oder spät fällt es ihnen doch ein, ihr
+Haupt wieder empor zu heben, oder sie verabsäumen uns, wenn ein andrer
+Schmeichler sie an sich zieht; und dann setzt man sich unangenehmen
+Demüthigungen aus, die man mit weiser Vorsicht vermeiden kann.
+
+
+ 6.
+
+Ueberschreite nicht bei Deiner Gefälligkeit gegen die Großen der Erde,
+in deren Händen Dein bürgerliches Glück ist, -- die Grenzen der wahren
+Ehre! Es ist eine große Versuchung für einen armen oder ehrbegierigen
+jungen Menschen, der in dem Dienst eines schwachen Fürsten sich
+emporschwingen will, ob er nicht dessen ränkevollem Minister, dem
+regierenden Kammerdiener, oder einer tyrannischen Buhlerin huldigen
+soll; aber selten nimmt das ein gutes Ende. Solche Lieblinge stürzen
+sich früh oder spät selbst, und reissen dann ihre Kreaturen mit in
+ihr Verderben; und wäre auch dieß nicht, so werden doch die größten
+Vortheile, die man dadurch erlangen könnte, zu theuer erkauft, wenn
+man dafür die Achtung weiser und rechtschaffener Männer aufopfern muß;
+und das ist gewiß immer der Fall. -- Der gerade Weg hingegen führt
+unfehlbar, wo nicht zu einem glänzenden, doch zu einem dauerhaften
+Glücke.
+
+
+ 7.
+
+Auch lasse man sich von den Erden-Göttern nicht nur zu keinen
+unedeln Geschäften mißbrauchen, sondern sey auch vorsichtig in allen
+Diensten, welche man ihnen erweiset. Sie machen leicht aus jeder
+Gefälligkeit eine Pflicht, und halten es nachher für Verabsäumung
+unsrer Schuldigkeit, wenn wir zu einer andern Zeit uns nicht gerade
+aufgelegt zeigen, uns eben so, wie sonst, preiszugeben. Wenigstens
+vergessen sie leicht, was man für sie gethan hat. Es bat mich einmal
+der *** von ***, der sonst in der That viel gute Eigenschaften hatte,
+ihm ein Paar Aufsätze in französischer und deutscher Sprache zu
+verfassen, die er bei einer gewissen Gelegenheit öffentlich vorlesen
+wollte, um die Gemüther zu lenken. »Es fehlt mir an ~Zeit~, mein
+Lieber!« sagte er, »sonst würde ich Sie nicht bemühen; doch, Sie sind
+auch in ~dergleichen~ Arbeiten geübter, als ich.« Ich wendete einige
+Stunden Fleiß und Anstrengung daran, und als ich ihm das Ganze brachte,
+drückte er mich an seine Brust, dankte mir unter vier Augen, in den
+zärtlichsten, herablassendsten Ausdrücken dafür, und schwur sehr
+übertrieben: meine Arbeit sey ein Meisterstück von Beredsamkeit. Kurz!
+er gebehrdete sich, als wenn ich ihm den wichtigsten Dienst geleistet
+hätte, bat mich aber, die Sache zu verschweigen, welches ich auch that.
+Nach ein Paar Jahren kam ich des Morgens in *** zu ihm. Er erzählte
+mir allerlei zu seinem eigenen Lobe. -- Ich hörte demüthig zu. -- »Und
+das alles,« fuhr er fort, »habe ich durch ein Paar Memoires bewirkt,
+die mir, ohne mich zu rühmen, nicht übel gerathen sind. Sie sollen sie
+selbst lesen. Nehmen Sie sie mit sich nach Hause!« Er überreichte mir
+darauf meine eigene Geistes-Waare, nur von seiner Hand geschrieben;
+ich steckte sie ein, legte aber zu Hause meine Concepte dazu, und
+schickte ihm dann die Papiere zurück. Er wurde ein wenig beschämt, und
+wir scherzten nachher darüber; -- allein so sind auch die Besten unter
+ihnen!
+
+Vor allen Dingen hüte man sich, von Vornehmen und Mächtigen in
+gefährliche Händel gezogen zu werden! Sehr gern pflegen sie das zu
+thun, und schieben dann entweder die Schuld auf den, der sich zu ihrem
+Werkzeuge gebrauchen ließ, wenn die Unternehmung nicht gelingt, oder
+lassen ihn gar darin stecken, und alles Ungemach allein erdulden,
+wenn die Sache schief geht. Auch von letzterer Art habe ich in den
+Jahren meiner Jugend Erfahrungen gemacht. Kurz! man lasse sich ihre
+Geheimnisse nicht mittheilen! Sie schonen des Mannes, der um ihre
+Heimlichkeiten weiß, nur so lange, als sie seiner unumgänglich
+bedürfen; aber sie fürchten ihn, und suchen sich von ihm loszumachen,
+sobald sie können, möchte man ihnen auch noch so deutlich zeigen, daß
+man unfähig ist, dies Uebergewicht und ihr Zutrauen zu mißbrauchen!
+
+
+ 8.
+
+Ueberhaupt darf man auf die Dankbarkeit der meisten Vornehmen und
+Reichen, so wie auf ihre Versprechungen nicht bauen. Opfere ihnen also
+nichts auf! Sie fühlen den Werth davon nicht, glauben, alle andre
+Menschen seyen ihnen einen solchen Tribut schuldig für den Schutz,
+für die gnädigen Blicke, ja sogar für eine ungestörte Existenz; oder
+man wolle dadurch kleine Vortheile erringen. Schenke ihnen also auch
+nichts! Das hieße einen Tropfen köstlichen Balsams in einen Eimer
+trüben Wassers fallen lassen. Ich besaß ein altes kostbares Gemälde;
+ein geschickter Maler schätzte den Werth desselben auf hundert
+Pistolen. Die Hälfte dieser Summe, die ich leicht dafür bekommen haben
+würde, wäre bei meinen damaligen häuslichen Umständen mir äusserst
+nützlich gewesen; meine Gutmüthigkeit aber, oder vielmehr meine
+Thorheit, verleitete mich, das Gemälde dem Durchlauchtigsten *** von
+*** zu schenken, welcher es auch annahm. Ich dachte dadurch nichts
+zu erschleichen; aber theils wollte ich diesem Fürsten hiermit meine
+Zuneigung bezeugen, theils hoffte ich, da ich im Begriff stand, ihn
+an ein gegebenes Wort zu erinnern, er werde nun um so bereitwilliger
+sein Versprechen erfüllen; allein ich betrog mich. Er umarmte mich,
+als ich zu ihm kam, und zeigte mir den Ehrenplatz, welchen er meinem
+Geschenke angewiesen: doch sein Versprechen erfüllte er nicht; und als
+ich mich nach Jahresfrist eines Abends zugleich mit einem Gesandten,
+dem er seine Kunstschätze zeigte, in seinem Cabinette befand, sagte er
+diesem Fremden in meiner Gegenwart, indem er von meinem theuren Gemälde
+redete: »Es ist wahrlich ein schönes Stück, und ich bin ~ziemlich
+wohlfeil~ dazu gekommen.« -- Er hatte also vergessen, oder wollte es
+nicht gestehen, daß ich es war, der ihm diesen ~sehr wohlfeilen~ Preis
+gemacht hatte; -- und ich beseufzte die verschwundene Hoffnung und die
+verlorne Summe, von welcher ich mit den Meinigen eine Zeitlang hätte
+leben können.
+
+Eben so wenig rathe ich, den Großen Geld zu leihen, oder von ihnen
+zu borgen. Im erstern Falle sehen sie nicht nur ihre Gläubiger als
+Wucherer und als solche an, die sich eine Ehre daraus machen müssen,
+den gnädigen Herren mit ihrem Vermögen aufzuwarten, sondern auch,
+wenn sie saumselig in Wiederbezahlung der Schuld sind, was bei ihrer
+unordentlichen Lebensweise in der Regel der Fall ist; so hat man
+unerhörte Weitläuftigkeiten, hat zuweilen Mühe, Gerechtigkeit gegen sie
+zu erlangen, und macht sich wohl noch obenein eine mächtige Parthei zu
+Feinden. Im andern Falle aber, nämlich wenn man von ihnen borgt, wagt
+man tausendfältig ihr Sclave zu werden.
+
+
+ 9.
+
+Trage nichts dazu bei, sie und ihre Kinder noch mehr zu verderben,
+sie moralisch zu verschlimmern! Schmeichle ihnen nicht! Nähre
+nicht ihren Stolz, ihre Ueppigkeit, ihre Eitelkeit, ihren Hang zu
+nichtigen und wollüstigen Freuden! Bestärke die Großen nicht in den
+Grundsätzen von angebornen Vorzügen, von Herrschers-Rechten, von
+Gesalbtheit und dergleichen Grillen! Heuchle nicht! Verleugne nicht
+die Wahrheit, selbst die bittre Wahrheit nicht, um ihre Gunst zu
+erlangen! Sey freimüthig, aber ohne die Höflichkeit zu verletzen,
+und ohne Dich selbst zu Grunde zu richten! Nimm Dich der verkannten
+Unschuld, des verläumdeten Edeln, des durch Hof-Ränke verschwärzten
+Ehrenmanns an; doch mit kluger Vorsicht, ohne seine Feinde dadurch
+noch mehr zu erbittern, und mit bedächtiger Rücksicht auf Deine Lage
+und Verhältnisse! Befördere, unterstütze, wo Klugheit es gestattet,
+die Wünsche, den guten Ruf und die billigen Gesuche Derer, die zu
+schüchtern, zu arm, zu bescheiden, oder zu sehr niedergedrückt, die
+verkannt, oder von zu geringem Stande sind, um sich den Palästen zu
+nähern! Man sollte es kaum glauben, welchen Einfluß die Reden eines
+verständigen, allgemein geschätzten Mannes auf diese Menschen haben
+können, sowohl im Guten, als Bösen; wie gern sie alles zum Vortheile
+ihres Dünkels auslegen, und wie viel man auf sie wirken kann, wenn auch
+diese Wirkungen nicht sichtbar werden.
+
+
+ 10.
+
+Man hüte sich, mit ihnen von Planen und Entwürfen zu reden, von deren
+Ausführbarkeit man überzeugt ist, die aber mit Schonung und Vorsicht
+ausgeführt seyn wollen, damit sie nicht auf den Einfall kommen, bloß
+durch ihre Macht etwas erreichen zu wollen, was nur durch Einsicht und
+Behutsamkeit erreicht werden kann; denn sie wissen immer die Schuld von
+sich auf Andre zu wälzen, wenn der Erfolg nicht der Erwartung gemäß
+ist! Ich erinnere mich (um nur ein ganz kleines Beispiel zu geben),
+daß einst ein gewisser Prinz mit mir von einem platten Dache redete,
+das er auf sein Gartenhaus hatte legen, aber wieder abnehmen lassen,
+weil es zu schwer befunden ward. Mir fiel gerade ein, daß ich von
+einem französischen Ingenieur-Officier gehört hatte: man könne ein
+wohlfeiles, leichtes und dauerhaftes, plattes, italienisches Dach aus
+einer Menge Lagen von blauem Zucker-Papiere, zwischendurch und obenauf
+mit Schiff-Theer beschmiert und mit Kies bestreuet, verfertigen. Dieß
+erzählte ich dem Prinzen beiläufig, ohne jedoch für die Güte der Sache
+einzustehen. Lange nachher erfuhr ich, daß er den Versuch -- wer weiß,
+wie? -- gemacht hätte, daß dieser mißlungen war, und daß er nicht
+undeutlich zu verstehen gegeben hätte, ich sey ein Mann, auf dessen
+Angaben man sich nicht einlassen dürfe.
+
+Ueberhaupt kann man kaum vorsichtig genug in seinen Reden mit den
+Großen der Erde seyn. Man enthalte sich daher in ihrer Gegenwart aller
+nachtheiligen Urtheile über andre Leute, aller Ausstellungen! Sie
+pflegen dergleichen zwar gern zu hören, aber die Folgen sind oft sehr
+unglücklich. Zuerst setzt man dadurch sich und Andre in ihren Augen
+herab; denn sie lachen zwar mit, hassen aber doch den Lästerer und
+Ausspäher fremder Fehler, bei dem heimlichen Bewußtseyn ihrer eigenen
+vielfachen Gebrechen; und da sie ohnehin Geringere verachten, so
+wächst diese Verachtung durch Aufdeckung fremder Schwachheiten. Sodann
+mißbrauchen sie wohl gelegentlich unsern Namen, verdächtigen uns, indem
+sie unsern Einfall nacherzählen, hetzen uns mit Andern zusammen. Auch
+kann man ja nicht immer wissen, ob nicht das zeitliche Glück solcher
+Menschen, von welchen man nachtheilig urtheilt, in ihren Händen ist;
+und hinterher erschrickt man, wenn man erfährt, wie oft ein einziges,
+in keiner bösen Absicht hingeworfenes Wort feste Wurzel faßt, und
+nach langer Zeit noch die schädlichsten, unglücklichsten Folgen haben
+kann. Das Gute gleitet an ihren untheilnehmenden Herzen ab; das Böse
+hingegen setzt sich fest, und wird so leicht nicht ausgelöscht. Am
+allervorsichtigsten aber soll man in seinen Gesprächen mit Vornehmen
+über andre Personen von höherem Stande seyn. Obgleich die Erdengötter
+sich unter einander selten lieben, sondern mehrentheils durch allerlei
+Leidenschaften getrennt sind; so hören sie doch nicht gern, daß man
+die privilegirten Lieblinge des Himmels in ihrer Gegenwart ohne
+Ehrerbietung nennt. Uebrigens wollen die Vornehmen und Reichen angenehm
+unterhalten, und in fröhliche Laune gesetzt seyn. Thue dieß auf
+unschuldige Weise, wenn Dir an ihrer Gunst gelegen ist; aber erniedrige
+Dich nicht zu ihrem besoldeten Spaßmacher, der Schwänke liefern muß, so
+oft sie winken, und von dem sie kein vernünftiges Wort hören mögen.
+
+
+ 11.
+
+In den Herzen der mehresten Großen wohnt Mißtrauen. Es herrscht bei
+ihnen der Gedanke: alle übrigen Menschen hätten einen Bund gegen
+sie gemacht. Deswegen sehen sie es ungern, wenn unter denen, welche
+ihnen unterworfen sind, enge Freundschaften entstehen. Wer sich um
+Fürstengunst und große Verbindungen nicht zu bewerben braucht, der kann
+sich hierüber gänzlich hinwegsetzen, kann Verbindungen nach seinem
+Herzen schließen; und überhaupt wird kein redlicher Mann, aus niedriger
+Gefälligkeit gegen irgend einen Beschützer und Gönner, einen wahren
+Freund vernachlässigen, noch einen würdigen Mann, der ihm die Hand
+reicht, von sich stoßen. Wer aber an Höfen sein Glück machen will,
+der thut doch wohl, wenn er vorsichtig in der Wahl seines Umgangs,
+seiner Vertrauten und der Gesellschaften ist, welche er am häufigsten
+besucht. Es herrschen da immer Partheien und Kabalen, in welche ein
+wohlwollendes, theilnehmendes Herz gar zu leicht hineingezogen wird.
+Und wenn nun eine dieser Partheien über die andere siegt, so muß oft
+der Unschuldigste, in so fern er nur irgend Mitwisser bei dem, was
+vorgefallen, gewesen ist, die Zeche bezahlen helfen.
+
+
+ 12.
+
+Rede nie mit den Großen der Erde ohne Noth von Deinen häuslichen
+Umständen, von Dingen, die nur persönlich Dich und Deine Familie
+angehen! Klage ihnen nicht Dein Ungemach! Vertraue ihnen nicht den
+Kummer Deines Herzens! Sie fühlen ja doch kein warmes Interesse dabei,
+haben keinen Sinn für freundschaftliche Theilnahme; es macht ihnen
+Langeweile; Deine Geheimnisse sind ihnen nicht wichtig genug, um sie
+treu zu bewahren. Immer meinen sie, man wolle bei ihnen betteln, --
+und sie verachten den Mann, der nicht glücklich, nicht frei ist. Von
+Jugend auf glauben sie, jedermann mache Plane auf ihren Geldbeutel, auf
+ihre Wohlthaten. Ueberhaupt sehen uns die Großen von dem Augenblicke,
+da wir etwas zu suchen, Andrer zu bedürfen scheinen, mit ganz andern
+Augen an, als vorher. Man läßt uns Gerechtigkeit widerfahren, ja,
+man zeigt sich bezaubert von unsern angenehmen Talenten, von unsern
+Kenntnissen, von unsrer Herzensgüte, von den glänzenden Vorzügen unsers
+Geistes, so lange wir mit allen diesen schönen Eigenschaften nichts als
+höfliche Behandlung und Gefälligkeit verdienen wollen, so lange wir
+als Fremde, als unabhängige Menschen, niemand im Wege stehen, niemand
+verdunkeln; aber viel genauer, strenger und schonungsloser fängt man
+an, uns zu richten, wenn wir unsre Vorzüge im Staate geltend machen
+und die erlaubten Vortheile damit erringen wollen, worein sich so gern
+die vornehmen Dummköpfe und deren Kreaturen theilen. Am besten wird
+man von den Vornehmen und Reichen behandelt, wenn sie erkennen, daß
+man ihrer gar nicht bedarf, und wenn man ihnen dieß zeigt, ohne sich
+dessen laut zu rühmen; wenn ihnen im Gegentheil unsre Hülfe, unsre
+Einsicht unentbehrlich ist; wenn wir dabei nie die Bescheidenheit und
+äussere Huldigung aus den Augen setzen; wenn unser Scharfsinn, unsre
+größere Weisheit, unsre Festigkeit und Geradheit, ihnen Ehrerbietung
+einflößen, ohne daß sie uns eigentlich fürchten; wenn wir uns bitten,
+uns aufsuchen lassen, nicht aber unsern Beistand aufdringen -- Einen
+solchen Mann schonen sie sorgfältig. --
+
+
+ 13.
+
+Hüte Dich aber, einen Großen, der Ansprüche auf Verstand, Witz, hohe
+Tugenden, Gelehrsamkeit oder Kunstgefühl macht, deutlich, oder gar
+in Gegenwart Andrer merken zu lassen, daß Du Dir bewußt bist, ihn zu
+übertreffen oder zu übersehen. In der Stille darf er das wohl fühlen,
+aber er muß es nur ~allein~ zu fühlen glauben. Vor allen Dingen ist
+diese Vorsicht nöthig gegen Vorgesetzte, die ungeschickter in ihrem
+Fache sind, als Du. Gern mögen sie Dir Deine bessern Einsichten,
+gleichsam als prüften sie Dich, abfragen, sich zu eigen machen, Dir
+nach Gelegenheit Deine eigne Waare wieder verkaufen; doch wehe Dir,
+wenn Du das rügst, wenn Du nur einmal thust, als merktest Du es;
+oder gar, wenn Du den Ton der Belehrung gegen sie annimmst! -- Wie
+werden sie Dir das Leben sauer machen! Wie viel werden sie von Dir
+fordern, das sie selbst nie zu leisten im Stande seyn würden, damit sie
+Gelegenheit haben, Dich eines Fehlers zu überführen und herabzusetzen.
+
+
+ 14.
+
+Es gibt aber geringe, unschuldige Gefälligkeiten gegen die Großen
+der Erde, die man ihnen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen,
+erweisen, und unwichtige Forderungen von ihrer Seite, die man ohne
+niedrige Schmeichelei erfüllen kann. Diese verzogenen Schooßkinder
+des Glücks sind nämlich von Jugend auf daran gewöhnt, daß man sich in
+Kleinigkeiten nach ihren Launen fügt, ihren Geschmack zur Richtschnur
+annimmt, ihre Liebhabereien artig findet, und alles vermeidet, was
+ihnen aus Vorurtheil oder kindischem Eigensinne zuwider ist. Auch die
+Besten unter ihnen sind von solchen Grillen und Einbildungen nicht
+ganz frei, und wenn man nun auf einen sonst redlichen, edeln Großen
+dadurch zum Guten wirken kann, daß man sich hierzu bequemt, oder wenn
+unser und unsrer Familie zeitliches Glück in seinen Händen ist: --
+wer sollte da nicht nachgebend seyn, und sich ein wenig nach seinen
+Eigenheiten und seiner Schwachheit richten? So reden z. B. manche
+Fürstenkinder sehr geschwind und undeutlich, und sehen es nicht gern,
+wenn man noch einmal frägt, sondern wollen gleich verstanden seyn.
+Freilich wäre es besser, wenn man ihnen diese Unart in der Kindheit
+abgewöhnt hätte: aber es ist nun einmal nicht geschehen. Oder sie
+lieben Pferde, Hunde, bunte Soldätchen, Schauspiele, Pfeifenköpfe,
+Bilder, Geiger, Fidler; componiren auch wohl selbst; bauen, pflanzen,
+errichten Academien, Museen u. dgl. -- Wie unschuldig ist es nicht da,
+zuweilen mit einzustimmen, und einige Kennerschaft zu zeigen? Nur muß
+man sie in ihren Lieblingsfächern nicht übersehen, nicht übertreffen
+wollen, welches leicht zu geschehen pflegt, da sie oft von den Dingen,
+womit sie sich am meisten beschäftigen, am wenigsten verstehen -- wie
+sich denn über den vorsichtigen Umgang mit vornehmen Componisten
+und unwissenden Mäcenaten ein weitläuftiges Kapitel schreiben ließe.
+-- Auch was gewisse Kleider-Trachten, Manieren, den Ton der Stimme,
+was Styl, Handschrift und mehr solche Dinge betrifft, darüber haben
+sie zuweilen gewisse eigne Meinungen, die man schonen muß, wenn man
+sich ihnen nicht unangenehm machen will. Uebrigens versteht sich's,
+daß diese Gefälligkeit aufhören soll, sobald dieselbe schädlichen
+Einfluß auf den Charakter haben kann: wenn sie dadurch im Egoismus
+bestärkt, von ernsthaften Beschäftigungen abgezogen, unbillig gegen
+Andre, ungerecht gegen wirkliche Verdienste werden, oder wenn ihre
+Liebhabereien von solcher Art sind, daß dadurch ihr Herz verwildert,
+verhärtet, grausam wird.
+
+Zu den ~mehrentheils~ schädlichen Liebhabereien großer, besonders
+~regierender~ Herren, gehört auch die Lust zu reisen. Ungern möchte
+ich einen Fürsten darin bestärken. Sie rennen da gewöhnlich in fremden
+Himmelsgegenden herum, bevor sie ihr eigenes Land kennen, in welchem
+tausend Gegenstände, mehr als die Carnavals von Venedig und die
+Pferderennen in England, ihrer Aufmerksamkeit werth sind; kaufen für
+den sauren Erwerb ihrer Unterthanen ausländische Possen, Krankheiten
+des Leibes und der Seele, und bringen nicht selten große Forderungen,
+Hang zu Verschwendung, Wollust und Ueppigkeit, böse Laune, Müßiggang,
+Avanturiers u. dergl. in ihre arme Residenz zurück.
+
+
+ 15.
+
+Fürsten, Vornehme und Reiche pflegen zuweilen sich so weit zu Leuten
+von geringerm Stande herabzulassen, daß sie dieselben um Rath fragen,
+oder sie um Beurtheilung ihrer Spielwerke, ihrer Schriften, Anlagen,
+Plane, Meinungen u. dergl. bitten. Hier ist die größte Behutsamkeit zu
+empfehlen, und daß man sich erinnere, wie übel das Rathgeben und Warnen
+dem armen Gil Blas von Santillana in dem Hause des Cardinals bekam,
+obgleich dieser ihn so dringend aufgefordert hatte, ihm zu erzählen,
+was die Leute von seinen Predigten redeten. So wie fast alle übrige
+Menschen, so legen besonders die Großen der Erde uns mehrentheils nur
+darum solche Dinge zur Beurtheilung vor, damit wir sie loben sollen,
+und fragen nicht eher um Rath, als wenn sie schon beschlossen haben,
+was sie thun wollen.
+
+
+ 16.
+
+Wenn die Befolgung dieser Klugheits- und Vorsichtsregeln schon wichtig
+ist im Umgange mit solchen Personen, die zwar nicht frei von den
+Fehlern einer vornehmen Erziehung, aber doch gut geartet, wohlwollend
+und verständig sind; so ist sie doppelt wichtig, wenn man es mit
+vornehmen Pinseln, mit Menschen zu thun hat, die zugleich hochmüthig,
+unwissend, dumm, ohne Grundsätze und Gefühl, kalt und rachsüchtig sind,
+-- und ich bedaure jede Christen-Seele, die von dergleichen kleinen und
+großen Tyrannen abhängen muß.
+
+
+ 17.
+
+Wenn Du das glänzende Unglück hast, der Liebling eines schwachen
+Erden-Götzen zu seyn: so bereite Dich nicht nur selber dazu vor, daß
+diese Freude nicht lange dauern, daß ein Schmeichler Dich aus Deinem
+Posten verdrängen wird; sondern zeige auch sowohl Deinem Sultane,
+daß Du nicht gänzlich von seinen Blicken lebst, als auch dem Volke,
+wie wenig Du Dir auf diesen nichtigen Vorzug zu gute thust; wie
+unwesentlich zu Deiner Glückseligkeit ein solcher unbedeutender,
+zufälliger Glanz ist! Wenn Du dann in tiefe Ungnade fällst, so fliehen
+doch wenigstens die Bessern nicht vor Dir, wie vor einem vernichteten,
+verweseten Menschen: und der undankbare Despot fühlt, daß es noch
+Leute gibt, die seiner entbehren können. Baue überhaupt nicht auf die
+Freundschaft, Festigkeit und Anhänglichkeit der Großen! Sie achten
+Dich, so lange sie Deiner bedürfen; sie sind wankelmüthig, und mehr
+geneigt, das Böse, als das Gute zu glauben, und der Letzte hat bei
+ihnen immer Recht.
+
+Nütze aber die Zeit ihrer Gunst, um sie zur Gerechtigkeit, Treue,
+Wahrheit und Menschenliebe zu ermuntern! Stimme ihnen bei, wenn sie
+je vergessen wollen: ~daß sie, was sie sind, und was sie haben, nur
+durch Uebereinkunft und Zustimmung des Volks sind und haben; daß man
+ihnen diese Vorrechte wieder nehmen könne, wenn sie Mißbrauch davon
+machen; daß unsre Güter und unsre Existenz nicht ihr Eigenthum, sondern
+daß alles, was sie besitzen, unser Eigenthum ist, weil wir dafür alle
+ihre und der Ihrigen Bedürfnisse befriedigen, und ihnen noch obenein
+Rang, Ehre und Sicherheit geben, und Geiger und Pfeifer bezahlen;
+endlich daß in diesen Zeiten der Aufklärung und richtiger Begriffe
+von Menschenrechten und Volksrechten bald kein Mensch mehr daran
+glauben wird, daß ein Einziger, vielleicht der Schwächste der ganzen
+Nation, ein angeerbtes Recht haben könnte, hundert tausend weisern und
+bessern Menschen das Fell über die Ohren zu ziehen; daß sie aber ohne
+Trabanten und Wachen ruhig schlafen können, wenn das dankbare Volk,
+dessen treue Diener sie sind, sie liebt, und für das Wohl der Edeln
+Segen vom Himmel erfleht.~. -- Es versteht sich, daß diese Wahrheiten
+einiger Einkleidung bedürfen, wenn sie den verwöhnten Ohren der Großen
+harmonisch klingen sollen.
+
+Willst Du Dich in Gunst erhalten: so mache, daß nie der eitle Große
+merke, daß Du Dich Deiner Gewalt über ihn freuest, noch daß Du gern
+Deine Meinung gegen die seinige durchsetzen wollest! Zeige ihm, daß
+wirklich Achtung und Liebe zu seiner Person und das Verlangen, nützlich
+zu seyn, Deine Schritte leiten, nicht aber Eigennutz und kindische
+Eitelkeit! Aber sey auch nicht so närrisch, billige Vortheile, oder
+wohlerworbene Belohnungen Deiner Dienste zurückzuweisen, Dein Vermögen
+aufzuopfern, und nachher vielleicht, wenn man Deiner müde ist, Dich mit
+einem weißen Stabe fortschicken zu lassen!
+
+Ueber alle Geschäfte, die Dir von Fürsten aufgetragen werden, führe
+so genaue pünktliche Rechnung und Controlle, daß Du zu jeder Zeit die
+Rechtmäßigkeit Deiner Schritte gegen Verläumder und Ankläger beweisen
+könnest!
+
+Ungebeten übernimm kein Geschäft, das nicht zu Deinem Amte gehört!
+
+Vermeide es, ihnen durch trocknen, langweiligen Vortrag die Geschäfte
+noch unangenehmer zu machen, als sie ihnen schon gewöhnlich sind!
+
+Bist Du des Fürsten Günstling: so fehlt Dir's nicht an Neidern und
+Ausspähern; sey daher dann doppelt vorsichtig in Deinem sittlichen
+Betragen!
+
+Es gibt immer an Höfen Leute, denen daran gelegen ist, genau zu wissen,
+wie groß Dein Einfluß auf den Kopf und das Herz des Fürsten ist. Um
+diese nie in Deine Karte blicken zu lassen, und damit sie nicht wissen
+mögen, von welcher Seite etwa der Herr gegen dich gewonnen werden
+könnte: so vermeide alle Gelegenheit, in Andrer Gegenwart mit ihm von
+Geschäften, oder sonst von Gegenständen, über welche Du vielleicht mit
+ihm nicht gleicher Meinung bist, zu reden!
+
+Sey vorsichtig, höchst vorsichtig, in bestimmter Anempfehlung andrer
+Leute, zum Dienste des Fürsten!
+
+Baue nie auf die Anhänglichkeit Deiner sogenannten Kreaturen, d. h.
+solcher Menschen, die Dir ihr Glück zu verdanken haben!
+
+Versprich nicht Dein Fürwort, wenn Du des Erfolges nicht gewiß bist!
+
+Begünstige die Gesuche der Kreaturen Deiner präsumtiven Feinde in
+billigen Dingen!
+
+
+ 18.
+
+Wenn Dein Beschützer, wenn ein Großer, dem Du in der Zeit seines
+äussern Glücks, aus Noth, Höflichkeit, Politik oder gutem Willen,
+gehuldigt hast, von seiner Höhe herabstürzt; wenn er Stand, Vermögen,
+Einfluß oder Glanz verliert: so schlage Dich nicht zu der Parthei der
+Niederträchtigen, die dem Unglücklichen, der ihnen zu nichts mehr
+helfen kann, den Rücken zukehren! Verdient er Deine Hochachtung, so
+zeige ihm nun mit doppeltem Eifer, daß Dein Herz nicht von der Stimme
+des Pöbels abhängt; ist er aber Deiner Zuneigung unwerth, so schone
+seiner wenigstens darum, weil er von jedermann verlassen ist, und also
+zu Mißhandlungen schweigen muß! Räche Dich auch eben deswegen nie an
+dem, von welchem Du verfolgt, gedrückt worden bist, so lange er Gewicht
+hatte! Sammle vielmehr feurige Kohlen auf sein Haupt (beschäme ihn
+durch sanftmüthige, liebreiche Behandlung), damit er in sich gehe, und,
+wo möglich, durch Großmuth gebessert werde!
+
+
+ 19.
+
+Sammle nicht leicht für Arme bei Vornehmen und andern Leuten von der
+großen Welt! Sie geben mehrentheils nur aus Prahlerei, und behandeln
+Dich, als wäre es ein Almosen für Dich. -- Ueberhaupt hilf ~selbst~,
+wo Du kannst! Gib nicht Assignationen auf fremde Hülfe! Tadle aber
+auch nicht sogleich den Reichen, wenn er Dir eine Wohlthat für einen
+Dürftigen versagt, die ein Aermerer Dir gewährt! Denke immer, daß seine
+größern Bedürfnisse (ob wahrhafte, oder eingebildete, ist gleichviel)
+und die größern Anforderungen Andrer auf seine Wohlthätigkeit ihn mit
+dem, der weniger hat, in ~eine~ Klasse setzen, und daß man, wenn man
+gegen Alle freigebig seyn will, gegen Einige nicht ~wohlthätig~ seyn
+kann.
+
+
+ 20.
+
+Und nun noch einmal! Wenn ich hier sehr viel zum Nachtheile des
+Charakters der meisten Großen und Reichen gesagt habe, so bin ich doch
+weit entfernt, dieß ohne Unterschied auf alle Personen der höhern
+Klassen ausdehnen zu wollen. Es ist mir äusserst zuwider gewesen,
+zu sehen, wie manche unsrer armseligen neuern Schriftsteller es
+sich zum Geschäft machen, auf die höhern Stände zu schimpfen. Viele
+von ihnen sind so wenig mit den erhabenern Menschenklassen bekannt,
+daß es die höchste Ungereimtheit verräth, wenn sie über Sitten und
+Denkungsart derselben ein Urtheil wagen. Von ihren Dachstübchen
+schielen sie neidisch und hämisch nach den Palästen der Glücklichen
+hinunter. Wenn, bei grober Kost und dem traurigen Wasserkruge, die
+süßen Düfte aus den Küchen und Kellern derer, die im Ueberflusse
+leben, zu ihnen hinaufsteigen, so reizt das ihre Nerven, erregt ihre
+Galle; es ärgert sie, daß ihre Glücksumstände ihnen nicht, wie jenen,
+erlauben, ihre Leidenschaften zu befriedigen; sie verwünschen den Mann
+im vergoldeten Wagen, den sie zu Fuße nicht einholen können, schimpfen
+auf den hartherzigen Mäcen, der nicht eben so überzeugt scheint von
+ihren großen Verdiensten, als sie selbst es sind, und fluchen auf das
+Geschick, welches die Güter der Erde so ungleich ausgetheilt hat. Da
+müssen es dann die armen Fürsten, Minister, Edelleute und Reichen
+entgelten, die sie als Tyrannen, Bösewichter, Thoren und hartherzige
+Unterdrücker alles dessen, was edel und gut ist, abschildern. Ein so
+fanatischer Eifer kann wohl nie ein gesundes Gehirn ergreifen. Selbst
+im Ueberflusse und mit großen Erwartungen aufgewachsen, kenne ich
+recht gut die Vortheile und Nachtheile einer reichen und vornehmen
+Erziehung. Meine nachherigen Schicksale aber, mein Aufenthalt an
+Höfen, und der Umgang mit Menschen aller Art, das alles hat mich
+gelehrt, wie nöthig es sey, denen, die nicht durch widrige Erfahrungen
+gründlich ausgebildet werden, und die so selten reine, lautre,
+unpartheiische Wahrheit hören, ohne Leidenschaft zu sagen, was ihnen
+so nöthig ist, zu hören. Viele von ihnen sind wahrlich herzlich
+gut; selbst die Schwächern haben oft manche Temperaments-Tugend,
+deren Wirkungen für die Welt viel wohlthätiger werden können, als die
+sanften Aufwallungen ärmerer und unmächtigerer Sterblichen. Sie haben
+von ihrer ersten Jugend an alle Muße und Gelegenheit, ihren Geist zu
+bilden, sich Talente zu erwerben, Welt und Menschen kennen zu lernen;
+haben Veranlassungen in Menge, Gutes zu thun, und die Freuden der
+Wohlthätigkeit zu schmecken. Ihr Charakter wird nicht niedergedrückt,
+auch nicht verschoben durch Unglück und Mangel, oder durch die
+Nothwendigkeit, sich zu schmiegen und zu beugen. Und wenn von einer
+Seite Schmeichelei sie leicht verderben kann, so ist von der andern
+der Gedanke, daß jede ihrer edeln Handlungen bemerkt wird, und ihre
+Verirrungen oft noch der späten Nachwelt vorerzählt werden, ein Sporn
+mehr, groß und vortrefflich zu werden. Auch nützen Viele von ihnen alle
+diese Triebfedern; und es ist ein Glück, an der Seite eines Fürsten zu
+leben und Einfluß auf ihn zu haben, der die Würde seines Standes kennt,
+und sich seines hohen Berufs werth zeigt. Ich kenne deren Einige, die
+es auch gewiß nicht übel aufnehmen, wenn man ihnen die Klippen zeigt,
+an welchen so viele von ihnen scheitern.
+
+
+ 21.
+
+Zum Schlusse noch ein Paar Worte über den Umgang der Großen und Reichen
+unter sich! Sie verderben sich größtentheils Einer den Andern. Die
+Kleinern beeifern sich, es den Größern nach-, ja, es ihnen an Aufwand
+und übelverstandener Erhabenheit zuvorzuthun: und so verewigen sie ihre
+Thorheiten, welche von noch kleinern Magnaten bis auf den geringsten,
+der nur einen Schuhputzer in seiner Livree herumlaufen hat, nach
+möglichsten Kräften nachgeahmt werden. Lustige Beispiele von dieser Art
+sieht man an den kleinen teutschen Höfen: wie sie einander aufpassen,
+sich wechselseitig controlliren, beneiden, zu übertreffen suchen; wie,
+wenn der durchlauchtige Herr in Y*** an seinem Geburtstage einen Ball
+und zugleich eine Illumination von sieben Pfund Talglichtern gegeben
+hat, der Fürst in V*** an seinem Feste ein Feuerwerk von acht Pfund
+Pulver hinzuthut; wie, wenn der Eine sich einen Ober-Hof-Marschall
+für drei hundert Gulden Gage und zwölf Scheffel Hafer hält; der Andre
+dem Chef seines Hofes noch obenein ein breites Ordensband über den
+hungrigen Magen hängt. Indeß der eine regierende Graf sich eine
+Meute Jagdhunde verschreibt, wie sie kein Potentat in Europa hat,
+besoldet sein Nachbar eine Meute Hof-Musici, die wenigstens eben so
+viel Lärm macht; der Dritte, voll Verzweiflung darüber, daß er es
+seinen Nachbarn nicht zuvorthun kann, verzehrt lieber den sauern
+Erwerb seiner geplünderten Unterthanen in Paris, spielt lieber dort
+eine höchst elende Rolle, als daß er in seiner Residenz den guten,
+treuen Landesvater vorstellen sollte. Und so geht das weiter hinunter.
+Man fange nur in Städten an, ein Concert oder dergleichen zu geben,
+welches abwechselnd von einer geschlossenen Gesellschaft gehalten wird,
+und womit etwa ein Abendessen verknüpft ist. Der Erste, bei welchem
+sich die Gesellschaft versammelt, wird ein Paar Flaschen Wein und
+kalte Küche hergeben; der Andre fügt einen Punsch hinzu; und ehe ein
+Vierteljahr vergeht, ist die Anstalt in eine kostspielige Fresserei
+ausgeartet. Das sollte nun unter verständigen, vornehmen und reichen
+Leuten nicht also seyn. Sie sollten den Niedern Beispiele geben von
+Ordnung, Einfalt, Hinwegsetzung über steife Etikette, von Mäßigkeit in
+Speise, Kleidung, Pracht, Bedienung, Hausrath und allen solchen Dingen.
+Sie sollten das Vorurtheil vernichten, daß die Herzen der Großen zu
+keinen dauerhaften Freundschaften fähig seyen -- mit Einem Worte: sie
+sollten nicht vergessen, daß die Augen so Vieler auf sie gerichtet sind.
+
+
+ 22.
+
+Spöttle nicht über die Kleinlichkeiten an ~kleinen~ Höfen! Besser so,
+als wenn ein Herr über vier Quadrat-Meilen Landes Garden zu Fuß und
+zu Pferde, Minister, Hof-Cavaliere in Menge hält, und Schulden über
+Schulden macht! Es ist nur alles relativ klein, und ist immer gut, wenn
+es nur nicht zwecklos und voll abgeschmackter Forderungen ist. Dreißig
+Mann, die abwechselnd Ordnung in der Stadt halten, sind mehr werth, als
+dreißigtausend, die man von nützlicher Arbeit abzieht, um auf Kosten
+des fleißigen armen Unterthanen Spielwerk mit ihnen zu treiben.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit Geringern.
+
+
+ 1.
+
+Im siebenten Kapitel des zweiten Theils dieses Werks habe ich
+von dem Betragen des Herrn gegen den Diener und von den
+Pflichten geredet, welche der Vornehmere vor Augen haben soll,
+damit er denen, die vom Schicksale bestimmt sind, in Unterwürfigkeit
+zu leben, ihr Daseyn erleichtere und versüße. Ich verweise
+also zuerst die Leser dahin, und füge nur noch einige Regeln
+für den Umgang mit solchen Personen hinzu, die zwar
+nicht in unsern Diensten, aber doch, der Geburt, dem Vermögen,
+oder andern bürgerlichen Verhältnissen nach, tiefer, als
+wir, stehen.
+
+
+ 2.
+
+Man sey höflich und freundlich gegen solche Menschen, denen
+das Glück nicht gerade eine so reichliche Summe nichtiger
+zeitlicher Vortheile zugeworfen hat, als uns, und ehre das wahre
+Verdienst, den ächten Werth des Menschen, auch im niedern
+Stande! Man sey nicht, wie die meisten Vornehmen und Reichen,
+etwa nur dann herablassend gegen Leute von geringerm
+Stande, wenn man ihrer bedarf; da man sie hingegen verabsäumt,
+oder ihnen übermüthig begegnet, sobald man ihrer entbehren
+kann! Man vernachlässige nicht, sobald ein Größerer
+gegenwärtig ist, den Mann, den man unter vier Augen mit
+Freundschaft und Vertraulichkeit behandelt, schäme sich nicht,
+öffentlich den Mann vor der Welt zu ehren, der Achtung verdient,
+möchte er auch weder Rang, noch Geld, noch Titel führen!
+Man ziehe aber nicht die niedern Klassen bloß aus Eigennutz
+und Eitelkeit vor, um die Stimme des Volks für sich zu
+gewinnen, um als ein lieber, leutseliger Herr gepriesen und über
+Andere erhoben zu werden! Man wähle nicht vorzüglich den
+Umgang mit Leuten von gemeiner Erziehung, um etwa in diesen
+Cirkeln mehr geehrt, mehr geschmeichelt zu werden, und
+glaube nicht, daß man populär und natürlich sey, wenn man
+die Sitten des Pöbels nachahmt! Man sey nicht lediglich darum
+freundlich gegen die Geringern, um irgend einen Höhern im
+Range zu demüthigen; nicht aus Stolz herablassend, um desto
+mehr geehrt zu werden, sondern überall aus reiner, redlicher Absicht,
+aus richtigen Begriffen von dem Adel der Menschheit, und
+aus Gefühl von Gerechtigkeit, die, über alle zufällige Verhältnisse
+hinaus, in dem Menschen nur ~den~ Werth schätzt, den
+er als Mensch hat!
+
+
+ 3.
+
+Aber diese Höflichkeit sey auch wohl geordnet; sie sey nicht
+übertrieben! Sobald der Geringere fühlt, daß ihm die Ehre,
+welche wir ihm erweisen, unmöglich zukommen kann, so schreibt
+er dieß entweder einem Mangel an Verstande zu, oder hält es
+für Spott, oder gar für Falschheit; argwöhnt, es stecke etwas
+dahinter, wir wollten ihn mißbrauchen. Sodann gibt es auch
+eine Art von Herablassung, die wahrhaftig kränkend ist, wobei
+der leidende Theil offenbar fühlt, daß man ihm nur ein mildthätiges
+Almosen der Höflichkeit darreicht. Endlich gibt es eine
+abgeschmackte Art von Höflichkeit, wenn man nämlich mit Leuten
+von geringerm Stande eine Sprache redet, die sie gar nicht
+verstehen, die unter Personen von der Klasse gar nicht üblich
+ist; wenn man das conventionelle Gewäsche von Unterthänigkeit,
+Gnade, Ehre, Entzücken u. s. f. bei Personen anbringt,
+die an solche starke Gewürze gar nicht gewöhnt sind. Dieß ist
+der gemeine Fehler der Hofleute. Sie halten ihren Jargon für
+die einzige allgemeine Sprache, und machen sich dadurch oft bei
+dem besten Willen lächerlich oder verdächtig. Die große Kunst
+des Umgangs ist, den Ton jeder Gesellschaft zu studiren, und
+nach Gelegenheit annehmen zu können.
+
+
+ 4.
+
+Man hüte sich aber vor grenzenloser Vertraulichkeit gegen
+solche Menschen, die keine feine Erziehung haben! Sie mißbrauchen
+leicht unsre Gutwilligkeit, fordern immer mehr, und
+werden unbescheiden. Man gebe Jedem, so viel er zu ertragen
+vermag!
+
+
+ 5.
+
+Sey großmüthig und billig, und laß es daher den Geringern
+in Deinen glänzenden Umständen nicht entgelten, wenn er Dich,
+so lange Dich das Glück nicht anlächelte, verabsäumt, wenn er
+Deinen mächtigen Feinden gehuldigt hat, wenn er sich, wie die
+großen gelben Blumen, nach der Sonne dreht! Denke, daß
+solche Menschen oft in die Nothwendigkeit versetzt werden, wenn
+sie mit den Ihrigen leben und essen wollen, sich zu krümmen
+und zu schmiegen; daß wenige unter ihnen so erzogen sind, daß
+sie Sinn für feinere Gefühle und Aufopferungen haben, und
+daß alle Menschen mehr oder weniger aus Eigennutz handeln,
+den die Geschliffenern nur künstlicher verbergen.
+
+
+ 6.
+
+Täusche nicht den Niedern, der Dich um Schutz, Fürsprache,
+oder Hülfe bittet, mit falschen Hoffnungen, leeren Versprechungen
+und nichtigen Vertröstungen, wie es die Weise der Vornehmen
+ist, die, um die Klienten sich vom Halse zu schaffen, oder
+in den Ruf von Leutseligkeit zu kommen, oder aus Schwäche,
+aus Mangel an Festigkeit, jeden Bittenden mit süßen Worten
+und Verheissungen überschütten, sobald er aber den Rücken gewendet
+hat, nicht mehr an sein Anliegen denken! Der Arme
+geht indeß voll Hoffnung nach Hause, glaubt seine Angelegenheit
+den besten Händen anvertrauet zu haben, versäumt alle andere
+Wege, die er zu Erlangung seines Zwecks einschlagen könnte,
+und fühlt sich nachher doppelt unglücklich, wenn er sieht, wie
+sehr er sich betrogen hat.
+
+
+ 7.
+
+Hilf dem, der dessen bedarf! Befördere und schütze die, welche
+Dich um Hülfe, Wohlthat und Schutz ansprechen, in so fern
+die Gerechtigkeit es gestattet! Aber hüte Dich, so schwach zu
+seyn, daß Du durchaus nichts abschlagen könnest! Daraus entstehen
+zweierlei nachtheilige Folgen: zuerst, daß Leute von niedriger
+Denkungsart Deine Schwäche mißbrauchen, und Dir eine
+Last von Verbindlichkeiten, Arbeiten und Sorgen auflegen, die
+für Dein Herz, für Deine Kräfte, oder für Deinen Geldbeutel
+zu schwer ist, oder wodurch Du gezwungen wirst, ungerecht gegen
+Andre zu handeln, die weniger zudringlich sind. Und dann
+der zweite Schaden: wer zu viel verspricht, der wird wider Willen
+zuweilen sein Wort zu brechen genöthigt. Ein fester Mann
+muß auch den Muth haben, eine abschlägige Antwort geben zu
+können; und wenn er dieß auf edle, nicht beleidigende Weise,
+aus wichtigen Gründen thut, und sonst dafür bekannt ist, daß
+er gerecht handelt und gerne hilft: so wird er sich dadurch keine
+Feinde erwecken. Allen Menschen kann man es freilich nicht
+recht machen; aber wenn man immer folgerecht und weise handelt,
+so werden uns wenigstens die Bessern nicht verkennen.
+Schwäche ist nicht Güte; und verweigern, was man vernünftiger
+Weise nicht zugestehen kann, heißt nicht hartherzig seyn.
+
+
+ 8.
+
+Verlange nicht einen übermäßigen Grad von Kultur und
+Aufklärung von Leuten, die bestimmt sind, im niedern Stande
+zu leben! Trage auch nichts dazu bei, ihre intellectuellen Kräfte
+zu überspannen, und sie mit Kenntnissen zu bereichern, die ihnen
+ihren Zustand widrig machen, und den Geschmack an solchen
+Arbeiten verbittern, wozu Stand und Bedürfniß sie aufrufen!
+Das Wort Aufklärung wird in unsern Zeiten oft sehr
+gemißbraucht, und bedeutet nicht sowohl Veredelung des Geistes,
+als Richtung desselben auf grillenhafte, speculative und
+phantastische Spielwerke. Die beste Aufklärung des Verstandes
+ist die, welche uns lehrt, mit unsrer Lage zufrieden und in unsern
+Verhältnissen brauchbar, nützlich und gewissenhaft thätig
+zu seyn. Alles Uebrige ist Thorheit, und führt zum Verderben.
+
+
+ 9.
+
+Begegne Deinen Untergebenen liebreich, ohne Deinem Ansehen bei ihnen
+etwas zu vergeben. Es taugt nie, wenn die Subalternen sich ihren
+Vorgesetzten unentbehrlich machen; und verächtlich wird der Chef eines
+Departements, der, weil er nicht selbst arbeiten will, oder nicht
+arbeiten kann, sich auf die Untergebenen verlassen muß; da er dann
+nicht Ansehen und nicht Muth genug behält, einen nachlässigen oder
+eigensinnigen Secretair an seine Pflicht zu erinnern, sondern sich
+alles muß gefallen lassen, was Dieser gut findet vorzunehmen, oder
+zurückzulegen.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen.
+
+
+ 1.
+
+Ich fasse hier die Bemerkungen über den Umgang mit Hofleuten
+und mit solchen Personen überhaupt, die in der sogenannten
+großen Welt leben, und den Ton derselben angenommen haben,
+zusammen. Leider wird dieser Ton, den Fürsten und Vornehme
+von solcher Art, wie ich sie im ersten Kapitel dieses Theils beschrieben
+habe, angeben und verbreiten, von allen Ständen, die
+einigen Anspruch auf feine Lebensart machen, nachgeäfft. Entfernung
+von der Natur; Gleichgültigkeit gegen die ersten und
+süßesten Bande der Menschheit; Verspottung der Einfalt, Unschuld
+und Reinigkeit, und der heiligsten Gefühle; Falschheit;
+Vertilgung und Abschleifung jeder charakteristischen Eigenheit
+und Originalität; Mangel an gründlichen, wahrhaftig nützlichen
+Kenntnissen; an deren Stelle hingegen Unverschämtheit,
+Persifflage, Impertinenz, Geschwätzigkeit, Inconsequenz, Nachlallen;
+Kälte gegen alles, was gut, edel und groß ist; Ueppigkeit,
+Unmäßigkeit, Unkeuschheit, Weichlichkeit, Ziererei, Wankelmuth,
+Leichtsinn; abgeschmackter Hochmuth; Flitterpracht,
+als Maske der Bettelei; schlechte Hauswirthschaft; Rang- und
+Titelsucht; Vorurtheile aller Art; Abhängigkeit von den Blicken
+der Despoten und Mäcenaten; sclavisches Kriechen, um etwas
+zu erringen; Schmeichelei gegen Den, dessen Hülfe man bedarf,
+aber Vernachlässigung auch des Würdigsten, der nicht helfen
+kann; Aufopferung auch des Heiligsten, um seinen Zweck zu
+erlangen; Falschheit, Untreue, Verstellung, Eidbrüchigkeit,
+Klatscherei, Kabale; Schadenfreude, Lästerung, Anekdoten-Jagd;
+lächerliche Manieren, Gebräuche und Gewohnheiten --
+das sind zum Theil die herrlichen Dinge, welche unsre Männer
+und Weiber, unsre Söhne und Töchter, von dem liebenswürdigen
+Hofgesinde lernen; -- das sind die Studien, nach welchen
+sich die Leute von feinem Tone bilden! Da, wo dieser Ton
+herrscht, wird das wahre Verdienst nicht bloß übersehen, sondern,
+so viel möglich, mit Füßen getreten, unterdrückt, von
+leeren Köpfen zurückgedrängt, verdunkelt, verspottet. Kein größerer
+Triumph für einen faden Hofschranzen, als wenn er den
+Mann von entschiedenem Werthe, dessen Uebergewicht er heimlich
+fühlt, demüthigen, ihn auf einem Mangel an conventioneller
+feinen Lebensart ertappen, und, durch die Art, wie er dieß
+zu erkennen gibt, oder dadurch, daß er mit ihm in einer Sprache
+oder über Gegenstände redet, wovon er nichts versteht, es dahin
+bringen kann, daß Jener verwirrt wird, und sich in schiefem
+Lichte zeigt! Kein größerer Triumph für die Petite-Maitresse,
+als wenn sie eine redliche Frau, voll wahrer innerer und
+äusserer Vorzüge und Würde, in einer Gesellschaft von Welt-Leuten
+von einer lächerlichen Seite darstellen kann! Das alles
+muß man erwarten, wenn man sich unter Menschen von dieser
+Klasse mischt. Man muß sich dann nicht beunruhigen, wenn
+uns dergleichen widerfährt, und hinterher sich kein graues Haar
+darum wachsen lassen. Man hat sonst keinen friedlichen Augenblick,
+wird unaufhörlich von tausend Leidenschaften, besonders
+von Ehrgeiz und Eitelkeit, in Aufruhr gebracht. Es gibt aber
+drei Mittel, allen diesen Ungemächlichkeiten auszuweichen, indem
+man nämlich ~entweder~ sich von der großen Welt ganz
+zurückzieht, ~oder~ in derselben seinen graden Gang fortgeht, ohne
+sich alle diese Thorheiten anfechten zu lassen, ~oder~ endlich, daß
+man den Ton derselben studirt, und, so viel es ohne Verleugnung
+des Charakters geschehen kann, mit den Wölfen heult.
+
+
+ 2.
+
+Wer seiner Lage nach nicht schlechterdings dazu verdammt
+ist, an Höfen, oder sonst in der großen Welt zu leben, der bleibe
+fern von diesem Schauplatze des glänzenden Elends: bleibe fern
+vom Getümmel, das Geist und Herz betäubt, verstimmt und
+zu Grunde richtet! In friedlicher häuslicher Eingezogenheit, im
+Umgange mit einigen edeln, verständigen und muntern Freunden
+ein Leben führen, das unsrer Bestimmung, unsern Pflichten,
+den Wissenschaften und unschuldigen Freuden gewidmet ist,
+und dann zuweilen mit Nüchternheit an öffentlichen Vergnügungen,
+an großen, gemischten Gesellschaften Theil nehmen,
+um für die Phantasie, die doch auch nicht leer ausgehen will,
+neue Bilder zu sammeln, und die kleinen, widrigen Gefühle der
+Einförmigkeit zu verlöschen: -- das ist ein Leben, das eines
+weisen Mannes werth ist! Und in Wahrheit! es steht öfter in
+unsrer Macht, als man gemeiniglich denkt, sich der großen Welt
+zu entziehen. Menschenfurcht, elende Gefälligkeit gegen mittelmäßige
+Leute, Eitelkeit, Schwäche, Nachahmungssucht -- das
+ist es, was so manchen sonst nicht schlechten Mann bewegt,
+seine schönsten Stunden da zu verschleudern, wo er im Grunde
+nicht zu Hause ist, wo so oft Ekel und Langeweile ihn anwandeln,
+und allerlei unedle Leidenschaften ihr Spielwerk mit ihm
+treiben. Freilich aber muß man, um sich diesem zu entziehen,
+nicht nur, seinen Verhältnissen nach, unabhängig seyn, sondern
+auch nach festen Grundsätzen zu handeln und sich über das Geschwätz
+der Leute hinwegzusetzen den Muth haben, -- mag auch
+davon gesprochen werden, was da will.
+
+
+ 3.
+
+Muß oder will man aber in der großen Welt leben, und ist man nicht
+ganz sicher, daß es gelingen werde den Ton derselben anzunehmen: so
+bleibe man lieber der Art von Stimmung und Wendung treu, die uns Natur
+und Erziehung gegeben haben. Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn
+man jene Sitten halb und unvollständig copirt, -- wenn der ehrliche
+Landmann, der schlichte Bürger, der gerade, teutsche Biedermann,
+den französischen Petit-Maitre, den Hofmann, den Politiker spielen
+will, -- wenn Leute, die einer ausländischen Sprache nicht mächtig
+sind, alle Gelegenheit aufsuchen, mit fremden Zungen zu reden, oder,
+wenn sie auch in ihrer Jugend an Höfen gelebt haben, nicht merken,
+daß die galante Sprache aus Ludwigs des Vierzehnten Zeiten jetzt
+gar nicht mehr im Umlaufe ist, und eine Stutzer-Garderobe jetzt nur
+noch auf den komischen Theatern Wirkung thut. Solche Menschen machen
+sich muthwilliger Weise zum Gespötte, da man hingegen mit einem
+ungezwungenen, natürlichen und verständigen Betragen, Anstande und
+Anzuge, wenn dies alles auch nicht nach dem feinsten Hofschnitte ist,
+sich mitten unter dem leichtfertigen Gesindel Achtung, und, wo nicht
+ein angenehmes, doch ein ruhiges, ungekränktes Leben verschaffen kann.
+Sey also einfach in Deiner Kleidung und in Deinen Manieren, ehrlicher
+Biedermann! Sey ernsthaft, bescheiden, höflich, ruhig, wahrhaftig!
+Rede nicht zu viel und nie von Dingen, wovon Du nichts weißt, noch in
+einer Sprache, die Dir nicht geläufig ist, in so fern der, welcher mit
+Dir spricht, Deine Muttersprache versteht! Betrage Dich mit Würde und
+Geradheit, ohne grob zu seyn, ohne Ungeschliffenheit! so wird man Dich
+ungeneckt lassen. Freilich wirst Du dabei auch nicht sehr vorgezogen:
+Dein Gesicht wird kein Modegesicht werden. Hierüber aber beruhige Dich!
+Zeige Dich nicht verlegen, ängstlich, wenn in einer großen Gesellschaft
+kein Mensch mit Dir redet; Du verlierst nichts dabei, kannst für Dich
+an allerlei gute Dinge denken, auch manche nützliche Bemerkung machen,
+und man wird Dich nicht verachten, sondern vielleicht gar ~fürchten~,
+ohne Dich zu hassen, und das ist denn doch zuweilen so übel nicht.
+
+Leute, die in der Jugend an Höfen und in großen Städten keine
+unbeträchtliche Rolle gespielt, die vielmehr dort geglänzt, nachher
+aber sich zurückgezogen, sich einer einfachern Lebensart gewidmet
+haben, vergessen gar zu leicht, daß man, um hier immer ein Modegesicht
+zu bleiben, nie den Faden der herrschenden Conversation aus der Hand
+verlieren, nie versäumen darf, der Kultur -- wenn man das Kultur
+nennen muß -- auch in den kleinsten Fortschritten nachzufolgen. Das
+ist aber, bei der unbeschreiblichen Veränderlichkeit des Geschmacks
+und der Phantasie, unmöglich, sobald man nicht immer mit dem ganzen
+Geschwader auf dem großen Weltmeere umherschwimmen, und sich dem Winde
+und Wetter preisgeben will. Ist's anders möglich, als daß denjenigen
+eine sehr böse Laune anwandelt, der sich vernachlässigt, und unbärtigen
+Männchen nachgesetzt sieht? O! es ist unglaublich, wie so etwas die
+Fassung auch des klugen Mannes (denn selbst die klugen Leute sind
+nicht immer ganz von Eitelkeit frei) erschüttern, wie es verstimmen
+und bewirken kann, daß der, welcher sich in dem besten Lichte zeigen
+wollte, weil er etwas zu suchen hat, in dem ungünstigsten erscheint,
+und die Frucht einer weiten Reise und große Unkosten einbüßt, weil er
+sich mit Geringschätzung behandelt sieht, und die Fassung verliert.
+Wer sich viele Jahre hindurch an großen und kleinen Höfen und sonst in
+der großen Welt hat umher treiben müssen, der wird nie in Verlegenheit
+von jener Art kommen können. Er wird die Fertigkeit erlangt haben,
+sich geschwind zu orientiren, schnell zu fassen, und zu beurtheilen,
+welche Sprache hier anwendbar ist; die guten Leute hingegen, die nicht
+Gelegenheit gefunden haben, diesen Grad von Verfeinerung zu erlangen,
+sollen wohl beherzigen, was zu Anfange dieses Abschnitts ist gesagt
+worden.
+
+
+ 4.
+
+Wer aber viel und immer in der großen Welt lebt, der thut
+doch wohl, den herrschenden Ton zu studiren, und die äussern
+Gebräuche derselben anzunehmen. Ersteres ist so schwer nicht,
+und Letzteres kann ohne schädlichen Einfluß auf den Charakter
+geschehen. Zeichne Dich also nicht durch altväterische Kleidung
+oder Manieren aus! aber vergiß nicht, dabei Dein Alter, Deinen
+Stand und Dein Vermögen zu berücksichtigen, und copire
+nicht die Lächerlichkeiten einzelner Thoren, noch die ephemerische
+Mode des Augenblicks! Mache Dich mit der Sprache der Hofleute,
+mit ihrer Art, sich gegen einander zu betragen, mit den
+Conventionen im Umgange bekannt; aber verleugne nicht innere
+Würde, Charakter und Wahrheit!
+
+
+ 5.
+
+Es lassen sich unmöglich allgemeine Regeln geben, wie weit
+man in der Nachahmung der Hofsitte gehen dürfe. Ein verständiger
+und redlicher Mann wird das am besten selbst nach seiner
+Lage, Gemüthsart und nach seinem Gewissen abmessen können.
+Doch nur so viel: Wer es nicht über sich erlangen kann, unschädliche
+Thorheiten nachzuahmen, der glaube wenigstens nicht,
+den Beruf zu haben, sie zu bekämpfen; denn gleichgültige Gewohnheiten
+und Sitten, die weiter keinen Einfluß auf den Charakter
+haben, kann man, ja! muß man zuweilen auf kurze Zeit
+annehmen, und darf um so weniger ein Bedenken tragen, dieß
+zu thun, je mehr man dadurch manches größere Gute zu bewirken
+in den Stand gesetzt wird.
+
+Es gibt auch Moden in der Literatur und Kunst, im Geschmacke,
+in gewissen Vergnügungen und Schauspielen, und der Beifall, den
+eine Sängerin, ein Tonkünstler, Schriftsteller, Prediger, Maler,
+Geisterseher, Putzhändler oder Schauspieler, oft ganz gegen Verdienst
+und Würdigkeit, vom vornehmen großen Haufen einerntet, hat nur in der
+Mode seinen Grund, d. h. darin, daß einer dem andern nachschwatzt,
+und es ist verlorne Mühe, diesem Mode-Geschmacke sich widersetzen zu
+wollen. Am besten ist es da, ruhig abzuwarten, daß eine neue Narrheit
+die alte verdränge. Es gibt sogar Moden im Gebrauche von Arzeneien,
+denen sich die Vornehmern unterwerfen zu müssen glauben, -- sey es,
+daß sie sich täglich clystiren, oder in ein gewisses Bad und in kein
+anderes reisen, oder sich mit den Pillen oder Pulvern irgend eines
+Marktschreiers langsam vergiften! Lächle in der Stille darüber!
+clystire oder magnetisire Dich unmaßgeblich auch ein wenig, und mache
+mit, was sich ohne Gefahr und Tollheit mitmachen läßt! Wenigstens mache
+Dich mit diesen Modethorheiten bekannt, um nicht in Deinen Gesprächen
+dagegen anzustoßen! Du wirst übel anlaufen, wenn Du nach Deiner
+Empfindung eine Theater-Nymphe tadelst, deren Zwitschern grade zu der
+Zeit in der feinen Welt für Götter-Stimme gilt, oder wenn Du ein Buch
+erbärmlich nennst, dessen Verfasser als ein Original-Genie anerkannt
+wird. Du wirst übel anlaufen, wenn Du eine Dame, die gerade in der
+Periode ist, in welcher sie nach der Mode freigeisterische Grundsätze
+haben muß, von religiösen Gegenständen unterhältst. Denn auch das hat
+seine Gesetze, die von der Mode bestimmt werden. Jünglinge fangen
+schon im fünf und zwanzigsten Jahre an, alt zu werden, nicht mehr zu
+tanzen, sich den Cirkeln der Greise zuzugesellen, ein feierliches,
+philosophisches, ein Geschäfts-Gesicht mit in die Gesellschaft zu
+bringen; kommen sie aber nahe an die Vierzige, dann werden sie wieder
+jung, hüpfen herum, spielen um Pfänder mit jungen Mädchen: -- das alles
+muß man beobachten, und seine Maßregeln darnach nehmen.
+
+
+ 6.
+
+Uebrigens gestehe ich -- es bleibt aber unter uns -- daß der
+Ton, welcher jetzt unter unsern ganz jungen Leuten ziemlich allgemein
+an Höfen und in der feinen Welt eingeschlichen ist, mir
+gar nicht so gefallen will, wie der, welcher vor etwa zwanzig
+Jahren herrschte. Viele von ihnen kommen mir äusserst ungeschliffen
+und plump vor; es scheint mir, als suchten sie etwas
+darin, Bescheidenheit, Höflichkeit und Delicatesse zu beleidigen,
+stumm, ungefällig gegen Damen und Fremde zu seyn, selbst
+ihren Körper zu vernachlässigen, ohne alle Grazie beim Tanze
+herumzuspringen, krumm und schief und gebückt zu gehen, keine
+Kunst, keine Wissenschaft gründlich zu lernen, ungeachtet aller
+Mühe, welche die neuern Pädagogen anwenden, und ungeachtet
+des vortrefflichen Beispiels, das sie der Jugend in Höflichkeit,
+Bescheidenheit und Gründlichkeit geben. Es gibt freilich
+einen Bocksbeutel, einen Rang und eine Steifigkeit im Umgange,
+die in vorigen Zeiten in Teutschland herrschend war; und
+es ist ein Glück, daß wir anfangen, sie abzulegen; aber edler
+Anstand ist nicht Steifigkeit, -- verbindliche Höflichkeit und
+Aufmerksamkeit nicht Kriecherei, Grazie nicht Zwang -- und
+ächtes Talent, wahre Geschicklichkeit nicht Pedanterie. Und man
+sehe auch die papiernen Männchen an, wie Ueberdruß und Langeweile
+auf ihrer früh sich runzelnden Stirne wohnen; wie sie
+unfähig sind, von ganzem Herzen froh zu werden; wie sie in
+den schönsten Jahren des Lebens schon, bei den unschuldigen
+Freuden der Jugend, Ueberdruß empfinden. -- Doch, ich habe
+Hoffnung, daß es bald wieder besser damit werden soll, und
+ohne Stolz auf unsre Vaterstadt kann ich es wohl sagen: Wir
+haben hier eine liebenswürdige wohlerzogene Jugend in allen
+Klassen und Ständen aufzuweisen[6].
+
+
+ 7.
+
+Verachte nicht alles, was bloß conventionellen (übereinkünftlichen)
+Werth hat, wenn Du mit Annehmlichkeit in der großen Welt leben
+willst! Verachte nicht so ganz und gar Titel, Orden, Glanz, äussere
+Auszeichnungen und Zierden; aber setze auch keinen innern Werth
+darauf! ringe nicht ängstlich darnach! Es gibt doch wohl Fälle, wo
+ein solcher an sich nichtiger Stempel Dir und den Deinigen, wo nicht
+reelle Vortheile, doch Annehmlichkeiten zuwege bringen kann. Heimlich
+in Deinem Kämmerlein darfst Du herzlich über alle diese Thorheiten
+lachen; aber thue das nicht laut! ~Mit einem Worte~: zeichne Dich unter
+den Weltleuten, mit denen Du leben mußt, nicht zu sehr durch eine
+gewisse Strenge in Deinen Sitten und Urtheilen aus! Dieß ist nicht nur
+Regel der Klugheit! nein, es ist auch Pflicht, die Sitten des Standes
+anzunehmen, den man wählt; ganz zu seyn, was man ist, - doch wie sich
+das versteht, nie auf Kosten des Charakters[7]. Erwarte übrigens auf
+diesem Schauplatze nicht, daß man in Dir den edlen, weisen, geschickten
+Mann schätze, sondern nur, daß man von Dir sage: +Par Dieu! il a de
+l'esprit, comme nous autres!+
+
+
+ 8.
+
+Und willst Du auch nur dies eitle Lob davon tragen, so darfst
+Du selbst nicht einmal merken lassen, daß Du von besserm
+Stoffe bist, als der große Haufe jener hirnlosen Müßiggänger.
+Der klügere und edlere Mann -- bequemte er sich auch noch so
+pünktlich nach den Sitten der feinen Societät -- wird dennoch
+dem Neide, der Verleumdung und den unaufhörlichen Neckereien
+und Klatschereien, welche hier herrschen, nicht ausweichen:
+denn um schaalen Köpfen zu gefallen, muß man selbst ein schaaler
+Kopf seyn. Ich rathe denn, sich das gar nicht anfechten zu
+lassen; vor allen Dingen aber keinen Verdruß, keine ~Unruhe
+zu äussern~, sonst bekömmt man nie Frieden. Man gehe also
+seinen Gang fort, folge seinem Systeme, und lasse die Thoren
+schwatzen, bis sie müde werden! Hier sind auch alle Erläuterungen,
+alle Entschuldigungen übel angebracht, und wenn Du
+mit Widerlegung ~einer~ Verleumdung fertig bist, so wird man
+schon eine andere in Bereitschaft haben.
+
+
+ 9.
+
+In der großen Welt ist der oben entwickelte Grundsatz vorzüglich nicht
+aus den Augen zu lassen, nämlich, daß jedermann nur so viel gilt,
+als sein eigenes Bewußtseyn nach dem Urtheile seines Gewissens ihn
+gelten läßt, und wer dies Urtheil für sich hat, der wird sich frei,
+zuversichtlich und edelstolz zeigen, und sein Publikum nöthigen, ihm
+Achtung und Vertrauen zu beweisen, wird selbst denjenigen, die ihre
+Aufmerksamkeit nach dem Range oder Vermögen eines Menschen abzumessen
+gewohnt sind, eine gewisse Scheu einflößen, so daß sie es nicht
+wagen, ihn geringschätzig zu behandeln, weil er weder zu den hohen
+Standespersonen, noch zu den Reichen gehört.
+
+
+ 10.
+
+Jeder durch Bildung oder Verdienste ausgezeichnete Mann messe sein
+Betragen gegen Hofleute pünktlich nach dem ihrigen gegen ihn ab, und
+gehe ihnen keinen Schritt entgegen! Diese Menschen-Gattung nimmt eine
+Hand breit, wo man ihnen Finger breit einräumt. Er erwiedere Stolz mit
+Stolz, Kälte mit Kälte, Freundlichkeit mit Freundlichkeit; gebe aber
+nicht mehr und nicht weniger, als er empfängt! Die Befolgung dieser
+Vorsicht hat mannigfaltigen Nutzen. Die feinen Weltleute sind wie ein
+Rohr, das vom Winde bewegt wird. Da sie selbst so wenig Bewußtseyn
+innerer Würde haben, so beruht ihre ganze Existenz auf ihrem äussern
+Rufe. Sie werden sich an Dich schließen, sobald sie sehen, daß Du
+im guten Lichte erscheinst. Aber wenn Du nicht durch die niedrigste
+Schmeichelei und Preisgebung alle alten Weiber beiderlei Geschlechts
+auf Deine Seite ziehst, so wird bald einmal eine Lästerzunge etwas Dir
+Nachtheiliges aussprengen. Kaum wird ein solches Gerücht herumlaufen,
+so werden jene Sclaven lauern, welche Wirkung dieß auf das Publikum
+macht; und faßt es Wurzel, so werden sie den Kopf um ein paar Zoll
+höher gegen Dich tragen. Macht Dich das unruhig, ängstlich, --
+behandelst Du sie nach Deinem Herzen wie Leute, deren Freundschaft Du
+gern halten mögtest: so werden sie immer unverschämter, und helfen
+eifrigst die elende Klatscherei verbreiten, woraus Dir denn, so geringe
+auch die Sache scheinen mag, mancherlei Verdruß erwachsen kann. Wirf
+aber auf den Ersten, der Dir kalt begegnet, einen verächtlichen
+Blick, so wird er zurückspringen, vor seinem eigenen Rufe beben, kein
+nachtheiliges Wort von Dir über seine Zunge kommen lassen, und sich vor
+dem Manne beugen, von dem er glaubt, er müsse geheimen Schutz haben,
+weil er so fest steht, so gleichgültig gegen die seligmachende Stimme
+des hohen Pöbels ist. Ja, gib ihm doppelt wieder, was er wagt, Dir zu
+bieten! Laß Dich durch kein freundliches Wörtchen wieder heranlocken,
+bis er gänzlich zu Kreuze kriecht! Am besten ist es gewiß, über
+dergleichen und über Klatschereien aller Art wenigstens nicht die
+geringste Unruhe zu ~zeigen~, mit niemand weiter darüber zu reden, und
+sich auf keine Erläuterung einzulassen. Dann ist in acht Tagen das
+Mährchen vergessen, da auf jede andere Art hingegen die Sache ärger
+gemacht wird.
+
+
+ 11.
+
+Sey höflich und geschliffen im Aeussern! Man muß an Höfen und im
+Umgange in großen Städten manchen Menschen sehen, ertragen und
+freundlich behandeln, den man nicht schätzt; auch sucht man ja in
+diesem Getümmel keine Freunde, sondern nur Gesellschafter. Allein wo
+es Nutzen stiften, oder wenigstens unser Ansehen befestigen, wo es
+wirken kann, daß der Dich fürchte, der nicht anders als durch Furcht
+im Zaume zu halten ist, da laß ihn Dein Ansehen fühlen! Nimm gegen den
+Hofschranzen eine Art von Würde, von edelm Stolze und von Hoheit an,
+damit nie der Gedanke in ihm aufkeimen könne, Dich zu foppen, oder
+zu mißbrauchen! Diese Sclaven-Seelen zittern vor dem Uebergewicht
+des verständigen, consequenten Mannes; allein das muß weder in
+Aufgeblasenheit, noch in Bauernstolz ausarten. Sage diesen Leuten
+zuweilen einmal, doch ohne Hitze und Grobheit, die Wahrheit! Schlage
+ihre flachen, schiefen Urtheile kaltblütig mit Gründen nieder, wo es
+nach den Umständen die Klugheit erlaubt! Bringe sie durch kaltblütigen
+Widerspruch zum Schweigen, wenn sie den Redlichen lästern! Setze ihren
+Kriegslisten Muth, Thätigkeit und wahre Kraft entgegen! Scherze nicht
+vertraulich mit ihnen! Laß ächter Laune nicht den Lauf, -- aus Furcht,
+ein Wort zu sprechen, das man mißbrauchen, verdrehen könnte!
+
+
+ 12.
+
+Ueberhaupt rede in der großen Welt nie eine warme Herzens-Sprache!
+Die ist dort eine fremde Mundart. Rede nicht von
+den reinen, süßen, einfachen, häuslichen Freuden! Das sind
+Mysterien für solche Profane. Habe Dein Gesicht in Deiner
+Gewalt, daß man nichts darauf geschrieben finde, weder Verwunderung,
+noch Freude, noch Widerwillen, noch Verdruß!
+Die Hofleute lesen besser Mienen, als Buchstaben: das ist fast
+ihr einziges Studium. Vertraue Deine Angelegenheiten niemand!
+Sey vorsichtig, nicht nur im Reden, sondern sogar im
+Hören! sonst wird Dein Name leicht gefährdet.
+
+
+ 13.
+
+Ich habe schon vorhin gesagt, daß das Betragen in der großen Welt nach
+eines Jeden besondrer Lage sich richten müsse, und daß, was dem Einen
+darin zu beobachten wichtig und nöthig ist, für den Andern vielleicht
+von gar keinem Belange seyn könne. Wer nicht bloß in derselben leben
+und geachtet werden, sondern auch wirken, sich empor arbeiten, regieren
+will, der muß das Ding freilich noch viel feiner studiren. Da kann es
+äusserst wichtig werden, entweder zu der herrschenden Parthei, oder
+(wobei man größtentheils am sichersten geht, wenn man sonst kein ganz
+unwichtiger Mann ist) zu gar keiner zu gehören, um von allen aufgesucht
+zu werden, und nach Gelegenheit unmerklich Anführer einer eigenen zu
+werden. Da muß oft die Politik uns lehren, wo wir des sichern Vortheils
+nicht gewiß sind, -- wo nicht zu helfen, vielleicht die Hülfe sogar
+nachtheilig ist, und Uebel ärger macht, unsre verfolgten Freunde
+allein kämpfen zu lassen, und uns ihrer nicht öffentlich anzunehmen.
+Da kann es nöthig seyn, anfangs ganz unscheinbar dazustehen, um
+nicht beobachtet, in seinen Planen nicht gestört, vielmehr als ein
+unbedeutender Mensch (weil ein solcher immer mehr Stimmen auf seiner
+Seite hat, als der von besserer Art) befördert zu werden. Zu allen
+Geschäften aber, die man in der großen Welt führen muß, ist nichts so
+dringend anzuempfehlen, als -- ~Kaltblütigkeit~, das heißt: sich nie
+zu vergessen; nie sich zu übereilen; den Verstand nie dem Herzen, dem
+Temperamente, der Phantasie preiszugeben; Vorsicht, Verschlossenheit,
+Wachsamkeit, Gegenwart des Geistes, Unterdrückung willkührlicher
+Aufwallungen und Gewalt über Regungen des Gefühls und Launen. Mit
+Kaltblütigkeit und den dahin gehörigen Eigenschaften sieht man Personen
+von den mittelmäßigsten natürlichen Gaben über den lebhaftesten,
+feinsten Feuer-Kopf herrschen. Aber diese schwere Kunst -- wenn sie
+sich je erlernen läßt, wenn sie nicht ausschließlich ein Geschenk der
+Natur ist -- erlangt man nur nach vieljähriger Arbeit und Erfahrung.
+
+
+ 14.
+
+ Und nun zum Schlusse dieses Kapitels auch etwas über den Nutzen,
+ den uns der Umgang mit Menschen in der großen Welt gewährt! Er ist
+ wahrlich nicht unbeträchtlich, aber er muß auch oft theuer genug
+ erkauft werden. Vorschriften, welche uns auf die erlaubten Sitten der
+ feinern Gesellschaft verweisen, sind freilich keine Grundsätze der
+ Moral, sondern nur der Uebereinkunft; allein eben diese Uebereinkunft
+ beruht doch darauf, daß man suche, sich und Andern in einer
+ zwangvollen Lage, deren Ungemächlichkeit man nun einmal nicht ganz aus
+ dem Wege räumen kann, den Zustand so leidlich als möglich zu machen,
+ ohne dazu solche Mittel zu ergreifen, die unsern innern Werth auf das
+ Spiel setzen. Dieser innere Werth aber, der, wie ein Schatz unter der
+ Erde, immer, auch verborgen, Gold bleibt, kann doch Wittwen und Waisen
+ nähren, und Monarchen und Reiche zum Wohl der Welt in Wirksamkeit
+ setzen, wenn er hervorgeholt und durch den Stempel der Convention in
+ Umlauf gebracht, wenn er allgemein anerkannt wird, -- anerkannt von
+ Denen, die sich auf reines Gold verstehen, und anerkannt von Denen,
+ die nur auf das Gepräge achten. -- Darum sollte man nicht so unbedingt
+ und so heftig gegen den wahren feinen Weltton eifern, ihn nicht ganz
+ verdammen. Er lehrt uns, die kleinen Gefälligkeiten nicht ausser Acht
+ zu lassen, die das Leben süß und leicht machen. Er erweckt in uns
+ Aufmerksamkeit auf den Gang des menschlichen Herzens, schärft unsern
+ Beobachtungs-Geist, gewöhnt uns, ohne zu kränken und ohne gekränkt
+ zu werden, mit Menschen aller Art leben zu können. Der ächte und
+ zugleich redliche alte Hofmann verdient wahrlich Verehrung; und man
+ braucht nicht in die Wüsten zu fliehen, noch sich in Studirzimmern
+ zu vergraben, um auf den Titel eines Philosophen Anspruch machen
+ zu dürfen. Ja, ohne einige Kenntniß der großen Welt hilft uns alle
+ Stuben-Gelehrsamkeit, alle Menschenkunde aus Büchern sehr wenig. Ich
+ rathe also jedem jungen Manne, der edeln Ehrgeiz, Durst nach Welt-
+ und Menschen-Kenntniß, und Lust hat, nützlich und thätig zu seyn,
+ wenigstens auf einige Zeit den größern Schauplatz zu betreten, wäre
+ es auch nur, um zu Beobachtungen Stoff zu sammeln, die einst im Alter
+ seinen Geist beschäftigen, und ihn in den Stand setzen, seinen Kindern
+ und Enkeln, die vielleicht bestimmt sind, an Höfen und in großen
+ Städten ihr Glück zu suchen, weise Lehren zu geben.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit Geistlichen.
+
+
+ 1.
+
+Ich mache, da ich nun auf den Umgang mit Leuten von andern Ständen
+und Verhältnissen komme, billiger Weise in einem eigenen Kapitel
+mit der Geistlichkeit den Anfang. Lehrreich und wohlthätig ist der
+Umgang mit einem solchen Geistlichen, der sich aus ganzer Seele seinem
+heiligen Berufe widmet, seinen Verstand und Willen durch den sanften
+Einfluß der Religion Jesu geläutert, und sich eben dadurch Würde und
+Weisheit erworben hat, -- der als ein unerschrockener Verkündiger
+und Diener der Wahrheit allen Guten und selbst den Feinden des Guten
+Hochachtung einflößt, und die Kraft des Worts durch eigenes Beispiel
+bestätigt, -- der seiner Gemeine Bruder, Freund, Wohlthäter und
+Rathgeber, in seinem Vortrage populär, warm und herzlich ist, -- durch
+Bescheidenheit, Einfalt der Sitten, Mäßigkeit und Uneigennützigkeit
+sich als einen würdigen Nachfolger der Apostel auszeichnet, -- duldsam
+und billig gegen fremde Religions-Verwandte, väterlich nachsichtig
+gegen Verirrte, kein Feind unschuldiger Fröhlichkeit, und dabei in
+seinem häuslichen Kreise ein guter, zärtlicher und weiser Hausvater
+ist. Allein nicht alle und nicht die meisten Diener der Kirche sehen
+diesem Bilde ähnlich. Menschen ohne Erziehung und Sitten, aus dem
+niedrigsten Pöbel entsprossen, ohne gesunde Vernunft und ohne andre
+Kenntnisse, als die dazu gehören, sich nach einem elenden Schlendrian
+examiniren zu lassen, drängen sich in diesen Stand ein, haschen
+nach reichen Pfründen und Pfarren, und erlauben sich, um dahin zu
+gelangen, alle Arten von Schleichwegen und Niederträchtigkeiten. Haben
+sie nun ihren Zweck erreicht, dann fährt der rechte Pfaffen-Geist
+in sie. Geizig, habsüchtig, träge und kriechend, Schmeichler der
+Großen und Reichen, übermüthig und stolz gegen Niedre, voll Neid
+und Scheelsucht gegen ihres Gleichen, sind sie größtentheils daran
+Schuld, wenn Verachtung der heiligsten Religion und ihrer Diener so
+allgemein einreißt. Diese Religion behandeln sie als eine trockne
+Wissenschaft, und ihr Amt als ein einträgliches Gewerbe. Auf dem Lande
+verbauern sie, ergeben sich dem Müßiggange und der Bequemlichkeit,
+und klagen über ungeheure Arbeit, wenn sie alle acht Tage einmal von
+der Kanzel herunter die Zuhörer mit ihren dogmatischen, armseligen
+Spitzfindigkeiten einschläfern. Sie angeln nach Geschenken, Erbschaften
+und Vermächtnissen, wie der Teufel nach ihrer Seele. Ihr Ehrgeiz ist
+unermeßlich; ihr geistlicher Stolz, ihr Despotismus, ihre kirchliche
+Herrschsucht ohne Gränzen. Den Eifer für die Religion brauchen sie zum
+Deckmantel ihrer Leidenschaften. Orthodoxie ist die Parole; blinder
+Glaube und Ehre Gottes das Feldgeschrei, wenn sie den unschuldigen
+ruhigen Bürger, der einen Unterschied unter Religion und Theologie
+macht, den Pfaffen nicht schmeichelt, und ihnen nicht opfert, bis
+in den Tod verfolgen wollen. Ihre Feindschaft ist unversöhnlich --
+ich rede aus Erfahrung -- gegen Den, der sich ihrem eisernen Scepter
+nicht unterwerfen, oder zu ihren Gewissenlosigkeiten nicht schweigen
+will. Ihre Eitelkeit ist größer, als die eines Weibes. Aus Vorwitz
+und kindischer Neugier schleichen sie sich in die Häuser und Familien
+ein, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts angehen; um Ränke zu
+schmieden, Zwietracht zu stiften, und im Trüben zu fischen. Niemand
+versteht besser, als sie, die Kunst, ein Vorhaben, mit Ueberwindung
+aller Schwierigkeiten, listig durchzusetzen, ohne das Ansehen zu haben,
+als hätten sie die Hände im Spiele. Geht es auf die eine Weise nicht,
+so greifen sie die Sache am entgegengesetzten Ende an, drehen, wenden,
+bemänteln, verrücken den Gesichtspunkt, und ruhen nicht eher, als
+bis sie, zur Befriedigung ihrer Herrschsucht, ihrer Rache, oder ihrer
+Habsucht, den vorgesetzten Zweck erreicht haben.
+
+Ihre Predigten, ihre Gespräche und Mienen sind Bann-Strahlen,
+Verdammungs-Urtheile und Drohungen gegen andre Religions-Verwandte
+und gegen Jeden, der das Unglück hat, nicht glauben zu können, was
+sie -- oft selbst nicht glauben, sondern -- nur lehren, weil es Geld
+einbringt. Sie lauschen auf die Fehler ihrer Nebenmenschen, schreien
+dieselben vergrößert aus, oder wo sie das alles nicht öffentlich thun
+dürfen, da wirken sie durch Andere im Verborgenen, oder hängen die
+Maske der Demuth, der Heuchelei, des Eifers für Gottseligkeit und
+gute Sitten vor, um mit sanfter Stimme, mit Klagen und Winseln, die
+Schwachen auf ihre Seite zu bringen, und den Weisern und Bessern bei
+dem Volke verdächtig zu machen. -- Ja, solche Ungeheuer gibt es leider!
+unter den Dienern der Kirchen, und nicht etwa nur unter Mönchskutten
+und Jesuitenmänteln, -- nein! mancher protestantische Pfaffe würde ein
+zweiter Hildebrand seyn, wenn ihm nicht die Flügel beschnitten wären.
+
+
+ 2.
+
+Da nun aber hie und da, auch unter den weniger boshaften, ja, unter
+den redlichen Geistlichen, Einige doch einen kleinen Anstrich von
+manchem dieser Fehler, z. B. von geistlichem Stolze, von Unduldsamkeit,
+von Anhänglichkeit an Systemgeist, von falschem Priestergeist, von
+Habsucht, oder von Rachsucht haben: so kann es wohl nicht schaden,
+wenn man gewisse Vorsichtigkeits-Regeln beobachtet, die im Umgange mit
+~allen~ Personen dieses Standes ohne Unterschied nicht überflüßig sind.
+
+Man hüte sich also, ihnen Gelegenheit zu Verketzerungen zu geben! Und
+so wie überhaupt ein verständiger Mann sich enthält, über religiöse
+Gegenstände in Gesellschaften zu plaudern: so soll man in Gegenwart
+eines Geistlichen vorzüglich Acht haben, nie ein Wort fallen zu lassen,
+das übel ausgelegt, und als ein Ausfall gegen irgend ein Kirchensystem
+oder einen Religionsgebrauch angesehen werden könnte! Auch besuche man
+die Kirchen, selbst wenn die Art des Gottesdienstes und der Vortrag des
+Predigers unsre Andacht nicht sehr befördern, des Beispiels wegen, und
+um nicht Gelegenheit zu geben, daß man uns Gleichgültigkeit gegen die
+Religion aufbürde.
+
+Man mache in Gesellschaft nie einen Geistlichen lächerlich, möchte er
+auch noch so viel Veranlassung dazu geben! Auch rede man mit Vorsicht
+von ihnen! Theils machen diese Herren gar zu gern ihre eigene Sache zur
+Sache Gottes; theils verdient dieser ehrwürdige Stand auf alle Weise
+eine Schonung, die man wegen der Unwürdigkeit einzelner Mitglieder
+nicht aus den Augen setzen darf; theils kann man durch das Gegentheil
+die verderbliche Verachtung der Religion, die leider so sehr einreißt,
+wider Willen befördern.
+
+Man bezeige hingegen den Geistlichen alle äussere Ehrerbietung, die
+sie nur irgend billiger Weise fordern können, und beleidige nicht nur
+keinen derselben, sondern mache sich auch keines Mangels an Höflichkeit
+gegen sie schuldig!
+
+Man lasse, bei der Entrichtung der ihnen zukommenden Gebühren und
+Abgaben, sich keine Abkürzung, noch Saumseligkeit zu Schulden kommen;
+gebe aber auch, bei Fällen, die öfter eintreten können, nicht zu viel!
+denn die Habsüchtigen unter ihnen schreiben gern alles auf, und machen,
+was die Freigebigkeit oder Dankbarkeit that, zum Gesetz, zu einem
+Recht, das sie sogar auf ihre Nachfolger zu vererben trachten.
+
+Man hüte sich, bevor man den Mann nicht recht genau kennt, einen
+Geistlichen von der alltäglichen Art zum Vertrauten in häuslichen
+Angelegenheiten und andern Dingen von Wichtigkeit zu machen, und halte
+ihn entfernt, wenn er sich unberufen in dergleichen mischen will!
+
+Man verhindere die zu große Vertraulichkeit der Weiber und Töchter mit
+gewissen Beichtvätern und geistlichen Rathgebern!
+
+
+ 3.
+
+In Prälaturen und Klöstern muß man den Ton der Herren Patrum
+anzunehmen verstehen, wenn man ihnen willkommen seyn will. Ein guter
+gesunder Appetit, nach Verhältniß eben so viel Durst, und die Gabe,
+ein Gläschen mit Geschmack und oft genug ausleeren zu können; ein
+kurzweiliger Humor; ein Witz, der nicht zu fein, sondern ein wenig
+grobartig seyn muß; zuweilen ein Wortspielchen, ein lateinisches
+Räthsel, eine Anspielung auf eine scholastische Spitzfindigkeit, --
+einige Bekanntschaft mit Legenden und Kirchenvätern, -- Beifall, durch
+baucherschütterndes Lachen an den Tag gelegt, wenn der Pater Spaßmacher
+(dies Amt pflegt selten unbesetzt zu seyn) einen Schwank hervorbringt,
+-- viel Ehrerbietung gegen den hochwürdigen Herrn Prälaten, Guardian,
+oder Prior, -- Bewunderung der Kostbarkeiten, Reliquien, Gebäude und
+Anstalten, -- kein Gespräch über Aufklärung und Literatur, aber desto
+mehr über Politik, Krieg und Frieden, -- Zeitungs-Nachrichten, --
+Befriedigung der Neugier, wenn nach Familien-Umständen und Anekdoten
+geforscht wird, -- Vorsichtigkeit, wenn von andern geistlichen Orden,
+besonders von Jesuiten, die Rede ist, -- Rang, Ansehen, Reichthum,
+Pracht, Titel, Orden, und mehr als dies alles, wo es nöthig ist,
+Geschenke: -- das sind ungefähr die Mittel, dort gut aufgenommen zu
+werden, und sich Achtung zu erwerben.
+
+Zu Domherren braucht man größtentheils nur Appetit zum Essen
+und Trinken, muthwillige, ein wenig faunische Laune, und tiefes
+Stillschweigen über gelehrte Gegenstände mitzubringen, um ihnen
+gefällig zu werden.
+
+In Nonnenklöstern, so wie in katholischen und protestantischen
+weiblichen Stiftern, kann man mit einer hübschen, stämmigen Figur, mit
+treuherziger, doch äusserlich anständiger Vertraulichkeit, mit einem
+Sacke voll Mährchen, Neuigkeiten und Späßchen auch ziemlich weit kommen.
+
+Von dem Umgange der Religiosen unter sich rede ich nicht; darüber ist
+in den Briefen aus dem Noviciate und in unzähligen andern Schriften
+schon sehr viel Gutes und Treffendes gesagt worden.
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern.
+
+
+ 1.
+
+Wenn der Titel eines Gelehrten nicht heut zu Tage so gemein würde, wie
+der eines +Gentleman+ in England; wenn man sich unter einem Gelehrten
+immer nur einen Mann denken dürfte, der seinen Geist durch wahrhaftig
+nützliche Kenntnisse ausgebildet, und diese Kenntnisse zu Veredlung
+seines Herzens angewendet hätte; -- kurz einen Mann, den Wissenschaften
+und Künste zu einem weisern, bessern und für das Wohl seiner Mitbürger
+thätigern Menschen gemacht haben; dann brauchte ich hier kein Kapitel
+über den Umgang mit Gelehrten zu schreiben. Bedarf es einer Vorschrift,
+wie man mit dem Weisen und Edeln umgehen soll? An seiner Seite auf
+die Lehren zu horchen, die von seinen Lippen strömen; seine Augen
+auf ihn gerichtet zu haben, um sein Beispiel zur Richtschnur unserer
+Handlungen zu machen; die Wahrheit von ihm zu vernehmen, und dieser
+Wahrheit zu folgen -- dieß ist ein Glück, dessen Genuß nicht nach
+Regeln gelernt zu werden braucht. Wenn aber heut zu Tage jeder elende
+Verseschmidt, Compilator, Journalist, Anekdoten-Jäger, Uebersetzer,
+Plündrer fremder literarischer Güter, und überhaupt Jeder, der die
+unbegreifliche Nachsicht unsers Publikums zu mißbrauchen, sich nicht
+schämt, um ganze Bände voll Unsinn, Thorheit und Wiederholung längst
+besser gesagter Dinge drucken zu lassen, sich selber einen Gelehrten
+nennt; wenn die Wissenschaften nicht nach dem Grade ihrer Nützlichkeit
+für die Welt, sondern nach dem veränderlichen leichtfertigen Geschmacke
+des lesenden Pöbels geschätzt, und spekulative Grillen Weisheit genannt
+werden, fieberhafte Phantasie für Schwung und Begeisterung gilt; wenn
+ein Knabe, der sein sinnloses Gewäsch in abwechselnd kurzen und langen
+Zeilen in einen Musen-Almanach einrücken läßt, ein Dichter heißt; wenn
+der Mensch, der mit seinen Fingern ein Gewühl von falschen Tönen, ohne
+Verbindung und Ausdruck, den Saiten entlockt, ein Tonkünstler; der,
+welcher schwarze Punkte, in Abschnitte eingetheilt, auf Papier setzen
+kann, ein Componist; der, welcher auf Brettern herumspringt, ein Tänzer
+genannt wird: dann muß man wohl ein Paar Worte darüber sagen, wie man
+sich im Umgange mit solchen Menschen zu betragen hat, wenn man nicht
+für einen Mann ohne Geschmack und Kenntniß angesehen seyn, und Jedem
+das Seinige geben will.
+
+
+ 2.
+
+Beurtheile nicht den moralischen Charakter des Gelehrten nach dem
+Inhalte seiner Schriften! Auf dem Papiere sieht der Mann oft ganz
+anders aus, als in Natura. Auch ist das nicht so übel zu nehmen. Am
+Schreibtische, wo man die ruhigste Gemüthsverfassung wählen kann,
+wenn keine stürmische Leidenschaften unsern Geist aus seiner Fassung
+bringen: da lassen sich herrliche Vorschriften geben, die nachher in
+der wirklichen Welt, wo Reizung, Ueberraschung und Verführung von
+Seiten der berüchtigten drei geistlichen Feinde uns hin und her
+treiben, nicht so leicht zu befolgen sind. Also soll man freilich ~den~
+Mann, der Tugend predigt, darum nicht immer für ein Muster von Tugend
+halten, sondern auch bedenken, daß er ein Mensch bleibt; ihm wenigstens
+dafür danken, daß er vor Fehlern warnt, wenn er selbst auch nicht stark
+genug ist, diese Fehler zu vermeiden; und es würde unbillig seyn, ihn
+deswegen für einen Heuchler zu halten (obgleich es eben so unbillig
+wäre, ohne Beweis vorauszusetzen, er thue das Gegentheil von dem, was
+er lehrt, oder man müsse seine Worte anders auslegen, als sie lauten).
+Von der andern Seite soll man auch nicht die Grundsätze, die ein
+Schriftsteller den Personen seiner eigenen Schöpfung in den Mund legt,
+als seine eignen ansehen, noch einen Mann deswegen für einen Bösewicht,
+oder Faun, oder Menschenhasser halten, weil seine üppige Phantasie,
+sein feuriges Blut ihn verleitet, irgend einen boshaften Charakter von
+einer glänzenden Seite darzustellen, oder eine wollüstige Scene mit
+lebhaften Farben zu schildern, oder mit Bitterkeit über Thorheiten zu
+spotten. Er thäte wohl besser, wenn er das unterließe, aber er ist
+darum noch kein schlechter Mann; und so wie man bei hungrigem Magen
+Götter-Mahlzeiten schildern kann, so kenne ich Dichter, die den Wein
+und die sinnliche Liebe mit allem Feuer besingen, und dennoch die
+mäßigsten, keuschesten Menschen sind; kenne Schriftsteller, die Greuel
+von Schandthaten mit der treffendsten Wahrheit dargestellt haben, und
+dennoch Rechtschaffenheit und Sanftmuth in ihren Handlungen zeigen;
+kenne endlich Satyriker, voll Menschenliebe und Wohlwollen.
+
+Eine andre Art von Ungerechtigkeit gegen Schriftsteller und
+Künstler begeht man, wenn man von ihnen erwartet, sie sollen auch
+im gemeinen Leben nichts als Kernsprüche reden, nichts als Weisheit
+und Gelehrsamkeit predigen. Der Mann, der am glänzendsten von einer
+Kunst schwatzt, ist darum nicht immer der, welcher die gründlichsten
+Kenntnisse davon besitzt. Es ist nicht einmal angenehm, und schmeckt
+nach Pedanterei, wenn wir Jeden ohne Unterlaß von unsern eignen
+Lieblings-Beschäftigungen unterhalten. Man geht in Gesellschaften, um
+sich zu zerstreuen, um auch einmal Andre, nicht sich selbst, zu hören.
+Nicht Jeder hat so viel Gegenwart des Geistes, um mitten im Getümmel,
+und wenn er durch Fragen und Vorwitz überrascht wird, mit Würde und
+Bestimmtheit von Gegenständen zu reden, die er vielleicht zu Hause
+in seinem einsamen Zimmer mit der größten Klarheit durchschauet. Und
+dann gibt es auch Gesellschaften, in welchen die Leute so gänzlich
+anders, als wir, gestimmt sind; die Dinge von so durchaus andern Seiten
+ansehen, daß es nicht möglich ist, in dem ersten Augenblicke sich so
+zu fassen, daß man etwas Gescheidtes auf das antworte, was sie uns
+vortragen. Auch hat ja ein Gelehrter, so gut wie ein anderer Erdensohn,
+seine Launen, ist nicht stets gleich aufgelegt zu wissenschaftlichen
+und überhaupt zu solchen Gesprächen, die Nachdenken erfordern; oder die
+Menschen, die er um sich sieht, behagen ihm nicht, scheinen ihm keines
+Aufwandes von Verstand und Witz würdig.
+
+Es ist ein recht garstiger Zug in dem Charakter unsers lesenden
+Publikums (wenn es anders erlaubt ist, einem Publikum einen Charakter
+zuzuschreiben), daß man so gern von guten Schriftstellern und überhaupt
+von Männern, die sich Ruf erworben haben, ärgerliche Anekdoten
+aufsammelt, um ihnen einen Grad der öffentlichen Achtung zu entziehen,
+wenn ihre Schriften ihnen Bewundrer gewonnen, wenn ihre Talente die
+Aufmerksamkeit verständiger Menschen mehr auf sie, als auf Männer
+gleiches Standes, gezogen haben; ja, es gibt sogar eine gewisse Art von
+Kleinstädterei, welche darin besteht, daß man sich den Schein gibt, auf
+den Mann mit Verachtung zu blicken, dem es gelungen ist, durch gute
+literarische Produkte, auswärts, d. h. ausser dem Kreise der Herren
+Vettern und Frauen Basen seinen Namen bekannt zu machen. Daß man einen
+Solchen im Vaterlande nicht aufkommen, auch allenfalls darben lasse,
+das finde ich ganz in der Ordnung der menschlichen Dinge; aber seinen
+moralischen Charakter aus Neid verdächtig machen, und ihn, wenn er auch
+noch so demüthig, noch so anspruchslos seinen stillen Gang fortgeht,
+durch Verachtung mißhandeln: das ist doch zu hart, aber es geschieht
+hie und da, besonders in einigen minder großen Städten.
+
+Spricht aber ein Gelehrter, ein Künstler gern und viel von seinem
+Fache, so nimm ihm auch das nicht übel auf! Die unglückliche
+Polyhistorei, die Wuth, auf allen Zweigen der Wissenschaften und
+Künste herumzuhüpfen und über alles abzuurtheilen, ist nicht eben
+das, was unserm Zeitalter am meisten Ehre macht; und wenn es
+langweilig ist, einem Manne zuzuhören, der alle Gespräche auf seinen
+Lieblings-Gegenstand zu lenken sucht, und sich unaufhörlich auf
+seinem Steckenpferde herumtummelt, so ist es mehr als langweilig, es
+ist empörend, wenn ein Schwätzer entscheidende Urtheile über Dinge
+ausspricht, die gänzlich ausser seinem Gesichtskreise liegen; wenn
+der Priester über Politik, der Jurist über das Theater, der Arzt über
+Malerei, die Kokette über philosophische oder religiöse Gegenstände,
+der süße Herr über Strategie sich hören läßt. Erlaube dem Manne, der
+etwas Gründliches gelernt hat, mit Leidenschaft von seiner Kunst,
+von seiner Wissenschaft zu reden; ja, gib ihm Gelegenheit dazu! Man
+ist wahrlich recht viel werth in der Welt, wenn man -- doch übrigens
+bei gesundem Hausverstande -- ~ein~ Fach aus dem Grunde versteht;
+und mir ekelt vor den grassirenden encyclopädischen Wörterbüchern;
+mir ekelt vor den allwissenden, aburtheilnden jungen Herren, die den
+bescheidenen, zweifelnden Forscher mit Machtsprüchen zu Boden schlagen,
+und die besonders von liebenswürdigen gelehrten Damen unterhaltend
+gefunden, und eben dadurch ganz unausstehlich werden.
+
+
+ 3.
+
+Haben die Gelehrten weniger Vorurtheile, als andere Menschen; so
+hängen sie dagegen um desto fester an denjenigen, welche ihnen einmal
+eigen sind. Man muß daher sehr behutsam mit ihnen umgehen. Nichts wird
+leichter gekränkt, als die Eitelkeit eines Gelehrten. Man muß sogar
+alle Zweideutigkeiten in den Lobeserhebungen vermeiden, die man an sie
+ausspendet.
+
+Die mehrsten Schriftsteller verzeihen es uns leichter, wenn wir
+ihren sittlichen Charakter, als wenn wir ihren Ruf in der gelehrten
+Welt antasten. Willst Du daher in Frieden leben, so sey vorsichtig
+in Beurtheilung ihrer Produkte! Selbst dann, wenn sie Dich um Deine
+Meinung darüber fragen, so hast Du dieß klüglich und demüthiglich
+so auszulegen, als bäten sie Dich um einen Lobspruch und eine
+Schmeichelei. Den Fall ausgenommen, wenn Freundschaft Dich zu völliger
+Offenherzigkeit verpflichtet, rathe ich wohlmeinend da, wo Du nicht
+ohne Niederträchtigkeit loben kannst, wenigstens etwas zu sagen, was
+die beleidigte Eitelkeit nicht als einen Tadel auslegen kann.
+
+Fast noch ungnädiger pflegen es die gelehrten oder vielmehr
+schreibenden Herren aufzunehmen, wenn man gar nichts von ihrer
+Autorschaft weiß, gar nichts von ihnen gelesen, oder wenn man sie im
+gemeinen Leben nicht anders, als Jeden behandelt, der auf andre Weise
+der Welt nützlich wird; endlich, wenn man Grundsätze äussert, die nicht
+in ihr System passen, die mit denen streiten, zu deren Behauptung
+sie so manchen Bogen Papier mit Buchstaben versehen haben. Hüte Dich
+vor diesem allen, wenn Du einen Schriftsteller nicht beleidigen
+willst! Allein unterscheide auch wohl, welchen Mann Du vor Dir hast:
+groß, klein oder mittelmäßig! Alle riechen den Weihrauch gern, der
+ihnen gestreuet wird; aber nicht jeden darf man auf gleich grobe Art
+einräuchern. Der Eine nimmt fürlieb, wenn Du es ihm grade in's Gesicht
+sagst: er sey ein großer Mann; der Andre ist zufrieden, wenn Du nur
+ohne Widerspruch erlaubst, daß er dieß selbst von sich sage; der Dritte
+verlangt nichts von Dir, als Hiobs Geduld, wenn er Dir seine elenden
+Produkte vorlieset; den Vierten kitzelt eine kleine vortheilhafte
+Anspielung auf irgend eine Stelle aus seinen Schriften; dem Fünften
+behagt äussere ausgezeichnete Ehrerbietung, wenn auch von seiner
+Autorschaft nicht ausdrücklich Erwähnung geschieht; und ein Sechster
+endlich -- es sey mir erlaubt, neben Diesem mein Plätzchen zu nehmen --
+begnügt sich, wenn die wenigen Edeln ihm die Gerechtigkeit widerfahren
+lassen, zu glauben, daß es ihm wenigstens um Wahrheit und Tugend zu
+thun sey, daß er nichts geschrieben habe, dessen sein Herz sich zu
+schämen braucht, und daß, wenn seine Werke keine Meisterstücke sind,
+sie doch nicht ausschließlich zu Makulatur sich eignen.
+
+
+ 4.
+
+Lustig anzusehen aber ist es, wenn zwei Schriftsteller sich einander
+mündlich oder schriftlich loben und preisen, vortheilhafte Recensionen
+gegenseitig erschleichen, sich bei lebendigem Leibe einbalsamiren,
+und einander eine glänzende Ewigkeit zusichern. Auch mag ich wohl
+ein ruhiger Zuschauer seyn, wenn ein paar Leute zusammenkommen, die
+gern von einander bewundert werden möchten, oder die sehr viel Gutes
+von einander gehört haben. Wie sie sich drehen und wenden, um sich
+wechselsweise die schwache Seite abzujagen! Wenn sie nun aus einander
+gehen, zeigt sich immer, daß der Eine den Andern vortrefflich findet,
+wenn dieser ihm entweder Gelegenheit gegeben hat, seine Talente
+auszukramen, oder wenn beide Narren sich auf ähnlichen sympathetischen
+Thorheiten ertappt haben.
+
+Nicht so lustig aber ist der Anblick des Unwesens, das man so oft unter
+Gelehrten wahrnimmt, die entweder, wegen der Verschiedenheit ihrer
+Meinungen und Systeme, sich vor dem ehrsamen Volke der geneigten Leser
+wie Bettelbuben herumzanken, oder, wenn sie an demselben Orte leben,
+und in demselben Fache auf Ruhm Anspruch machen, einander verfolgen,
+hassen, sich gegenseitig auch nicht die mindeste Gerechtigkeit
+widerfahren lassen; wie Einer den Andern zu verkleinern und bei dem
+Publikum herabzusetzen sucht. -- Pfui der Niederträchtigkeit! Ist
+denn die Quelle der Wahrheit nicht reich genug, um zugleich den
+Durst vieler Tausende zu stillen? und dürfen Neid, Scheelsucht und
+pöbelhafte Erbitterung auch solche Geister herabwürdigen, die der
+Weisheit geweiht sind? -- Doch hierüber ist schon oft so vieles gesagt
+worden, daß ich es für besser halte, einen Vorhang vor solche gelehrte
+Selbstbeschimpfungen zu ziehen, die leider in unsern Zeiten nicht
+selten gesehen werden.[8]
+
+
+ 5.
+
+Es gibt Leute, die sich dadurch ein Gewicht zu geben suchen,
+daß sie sich ihrer Verbindung, ihrer Verwandtschaft, Freundschaft,
+oder ihres Briefwechsels mit Gelehrten rühmen. Das ist
+eine Thorheit, der man sich enthalten sollte, weil sie sich dem
+Spotte preisgibt. Ein Mann kann große Verdienste als Schriftsteller
+haben, ohne daß uns desfalls eine genaue Verbindung
+mit seiner Person Ehre macht. Man ist auch darum nicht gleich
+weise und gut, wenn Weise und Edle uns mit Nachsicht und
+Freundlichkeit behandeln.[9] Auch kann ich das unmäßige und
+luxuriöse Citiren und Berufen auf fremde Autoritäten, wie überhaupt
+alles Prahlen und Schmücken mit fremden Federn nicht
+leiden. Das mittelmäßigste selbst Gedachte und mit Ueberzeugung
+Gefühlte ist für uns mehr werth, als das Vortrefflichste,
+was wir bloß nachlallen.
+
+
+ 6.
+
+Unter den heutigen sogenannten Gelehrten muß man billig einigen unsrer
+Journalisten und Anekdoten-Sammler einen gewissen Rang einräumen, weil
+sie nun einmal die erklärten Lieblinge des leselustigen Publikums sind,
+und dieses gutmüthig oder verblendet genug ist, ihnen alles aufs Wort
+zu glauben. Mit diesen Leuten aber ist eine ganz besondere Vorsicht
+im Umgange nöthig. Sie stehen gemeiniglich, bei geringem Vorrathe
+von eigner Gelehrsamkeit, im Solde irgend einer herrschsüchtigen
+Parthei oder eines Anführers derselben, sey es nun von politischen
+Ketzermachern, Orthodoxen, Schwärmern, Vernunft-Feinden, Mystikern,
+oder wovon es immer sey. Dann ziehen sie durch's Land, um Mährchen
+zu sammeln, die sie nach Gelegenheit Dokumente nennen, oder mit dem
+Schwerte der Verleumdung Jeden zu verfolgen, der nicht zu ihrer Fahne
+schwören will; Jedem den Mund zu stopfen, der es wagt, an ihrer
+Unfehlbarkeit zu zweifeln. Ein einziges Wörtchen, das nicht in ihr
+System paßt, und das sie irgendwo auffangen, gibt ihnen reichen Stoff
+zu Verketzerungen, zu unwürdigen Neckereien, zu Verfolgungen der
+besten, sorglosesten und arglosesten Menschen. Sey behutsam im Reden,
+wenn ein Solcher Dich freundlich besucht, und denke beständig und
+klüglich daran, daß er Dich abhört, um bei Gelegenheit dem Publikum
+haarklein alles zu berichten, was er bei Dir gesehen und gehört hat!
+Der Mann, der dies Handwerk in Deutschland am ärgsten und ärgerlichsten
+treibt, und gegen den alle Art von rechtlicher und handfester Hülfe
+vergebens angewendet wird; dieser Mann heißt -- ich muß ihn hier
+öffentlich nennen -- heißt -- Anonymus, auch Redacteur, und ist ein
+gar sonderbarer Mann. Da er sich, wie Cartouche, in so vielfache
+Gestalten umzuformen weiß, daß kein Steckbrief auf ihn paßt: so rathe
+ich, jeden Unbekannten, der gewisse Mode-Wörter, wie z. B. gefährliche
+und schädliche Aufklärung, Publicität, Denkfreiheit, Toleranz, oder
+Gefahr für den einzig seligmachenden Glauben, höhere Wissenschaften,
+Magnetismus, oder dergleichen gar zu oft im Munde führt, fürerst für
+jenen Herrn Anonymus zu halten, der ein garstiger, schadenfroher
+Spitzbube ist, und umhergeht, wie ein brüllender Löwe, um zu suchen,
+wen er verschlingen mögte.
+
+
+ 7.
+
+Mit Tonkünstlern, einer gewissen nicht sehr anziehenden Gattung von
+Dichtern, Componisten, Tänzern, Schauspielern, Malern und Bildhauern
+ist der Fall ein ganz anderer. Diese sind -- es versteht sich auch
+hier, daß ich in jeder Klasse die Bessern ausnehme -- wohl keine
+gefährliche, aber desto eitlere und oft sehr zudringliche und
+unzuverlässige Leute. Weit entfernt, zu fühlen, daß die schönen Künste,
+obgleich man ihnen nicht den Einfluß auf Herz und Sitten absprechen
+kann, doch am Ende zum Hauptzwecke nur das ~Vergnügen~ haben, folglich,
+in Ansehung ihres Einflusses auf das Glück der Welt, den höhern,
+wichtigern, ernsthaftern Wissenschaften nachstehen müssen; weit
+entfernt, zu fühlen, daß man, um wahrhaftig den Titel eines großen
+Mannes zu verdienen, mehr verstehen und mehr müsse bewirken können,
+als Augen zu vergnügen, Ohren zu kitzeln, Phantasien zu erhitzen, und
+Herzchen in Aufruhr zu bringen, sehen sie ihre Kunst als das Einzige
+an, was des Bestrebens eines vernünftigen Menschen werth wäre; und
+es muß uns nicht befremden, wenn ein Tänzer, der höher besoldet
+wird, als ein Staatsminister, herzlich bedauert, daß dieser nichts
+Besseres gelernt habe. Der philosophischen Künstler, so wie Georg
+Benda einer war; der bescheidnen Virtuosen, wie der edle Fränzl in
+Mannheim und sein liebenswürdiger Sohn; der verständigen, mit allen
+Privat-Tugenden geschmückten Maler, wie Tischbein; der Schauspieler,
+bei denen Kopf, Herz und Sitten gleich viel Hochachtung verdienen,
+wie der unnachahmliche Schröder, -- solcher Männer gibt es nicht so
+gar viele unter ihnen. Ich rathe desfalls, einen äusserst vertrauten
+Umgang mit dieser Menschen-Klasse nur nach der strengsten Auswahl zu
+suchen. +Cantores amant humores+, das heißt: auf ein Liedchen schmeckt
+ein Schlückchen. Sänger, Dichter u. dergl. lieben das Wohlleben, und
+das kann uns nicht wundern. Es gibt wohl eine Art von Begeisterung, zu
+der sich die Seele bei der einfachsten, mäßigsten Lebensart erheben
+kann; und, die Wahrheit zu gestehen, das ist wohl die einzige, deren
+Früchte auf Unsterblichkeit Anspruch machen dürfen. Hoher Schwung
+des Genius hinauf zu der heiligen, reinen Quelle, aus welcher er
+entsprungen, ist freilich von ganz anderer Art, als Spannung der
+Nerven, Erhitzung der Phantasie durch Reizung der Sinne; und man sieht
+es solchen Werken, wie Klopstocks Messias und Schillers Don Carlos
+sind, bald an, daß ihr Feuer nicht aus der Champagner-Flasche ist
+gezogen worden. Allein wie wenig Künstler werden von jener bessern
+Glut entzündet! Ihre, durch unordentliche Aufführung und unglückliche
+äussere Verhältnisse geschwächte Maschine fordert, wenn sie den Geist
+nicht ganz niederdrücken soll, gewaltsame Stärkungs-, oder vielmehr
+Berauschungs-Mittel. Dieß treibt sie zuerst zu einem, den sinnlichen
+Freuden gewidmeten Leben. Dazu kömmt, daß Der, welcher einmal die
+schönen Künste zu seinem einzigen Berufe gemacht hat, selten noch
+Geschmack an ernsthaften Geschäften findet, -- daß diese ihm äusserst
+trocken scheinen; und da man doch nicht immer singen, geigen, pfeifen
+und pinseln kann, so bleiben viel Stunden des Tages auszufüllen,
+welche dann dem Wohlleben geopfert werden. An weise Vertheilung und
+Anwendung der Zeit, an Aufsuchung eines lehrreichen und vernünftigen
+Umgangs denken also diese Herren selten; und sie schätzen den Mann,
+der ihnen sinnlichen Genuß in reichem Maaße gewährt, und ihnen dabei
+schmeichelt, höher, als den Weisen, der sie auf den Weg der Wahrheit
+und Ordnung führt. Jenem drängen sie sich auf; Diesen fliehen sie.
+Bei dem allgemein einreissenden faden Geschmacke unseres Zeitalters,
+bei der Vernachlässigung nützlicher Wissenschaften, ist dieß, wie
+ich glaube, ein Wort zu seiner Zeit geredet, möchte man mich auch
+deswegen für einen Pedanten halten! Jeder seichte Kopf, der nur ein
+weiches Herz hat, und der den edlen Müßiggang und ein lüderliches Leben
+liebt, legt sich heut zu Tage auf die schönen Wissenschaften, glaubt
+Beruf zum Künstler zu haben, macht Verse, schreibt für das Theater,
+spielt ein Instrument, componirt, pinselt; -- und so muß denn am Ende
+der Geschmack ausarten, und die Kunst verächtlich werden. Deswegen
+sehen wir auch ganze Heerden solcher Künstler herumlaufen, die nicht
+einmal mit den ersten theoretischen Grundsätzen ihrer Kunst bekannt
+sind: Musiker, die nicht wissen, aus welcher Tonart sie spielen; die
+nichts vorzutragen verstehen, als was sie auf ihrer Geige oder Pfeife
+auswendig gelernt haben; Künstler ohne philosophischen Geist, ohne
+gesunde Vernunft, ohne Studium, ohne wahres Natur-Gefühl, aber dagegen
+mit desto mehr Selbstgenügsamkeit und edler Dreistigkeit ausgerüstet;
+unter sich von Brodneid entbrannt; neidisch auf einen Liebhaber, der
+ihr Hauptstudium nur als Nebensache treibt, und dennoch mehr davon
+weiß, als sie, die weiter nichts gelernt haben. Hat ein solcher aber
+Anhang unter den Leuten nach der Mode, genießt er den Schutz der
+anmaßlichen Kenner, so wage man es ja nicht, laut zu sagen, daß er ein
+Stümper sey, wenn man nicht für einen unwissenden Menschen gelten, und
+alle Dilettanten gegen sich aufbringen will! Allein wem ekelt nicht
+vor der Menge solcher vornehmen und geringen Dilettanten, vor ihren
+schiefen Urtheilen, vor ihrem albernen Gewäsche? Willst Du Dich bei
+diesem wilden Haufen beliebt machen, so mußt Du die Geduld haben,
+ihren Unsinn anzuhören, oder gar die Niederträchtigkeit begehen, ihn
+zu loben, und ihren Machtsprüchen beizupflichten. Willst Du Dich aber
+bei ihnen in Ansehen setzen, so sey ja nicht bescheiden, sondern eben
+so unverschämt, wie sie! Entscheide mit Kühnheit! Tritt mit Zuversicht
+mitten unter die größten Männer! Dränge Dich hervor! Thu, als seyest
+Du äusserst ekel in Deinem Geschmacke; als sey es schwer, den Beifall
+Deines verwöhnten Auges und Ohrs zu gewinnen! Rede von dem allgemeinen
+Rufe, in welchem Deine Kenntnisse stünden! Verachte, was Dir zu hoch
+ist! Schüttle bedeutend mit dem Kopfe, wenn Du nichts Passendes
+zu sagen weißt! Begegne dem Anfänger mit Uebermuthe! Schmeichle
+vornehmen, reichen, mächtigen Dilettanten und Mäcenaten! Befördre
+die Lust an Spielwerken und Kleinigkeiten, an niedlichen Rondo's, an
+Bierhaus-Menuetten, mitten in ernsthaften Stücken; an buntschäckigtem
+Colorit, an Sinn-Gedichtchen, an Bombast und leerer Phraseologie,
+an Schauspielen voll Gräuel, Verwickelung und Uebertreibung! -- So
+kannst Du Dein Schärflein zum allgemeinen Verderbnisse des Geschmacks
+redlich beitragen! Fühlst Du aber Kraft in Dir, und hast nicht Ursache,
+Menschen zu scheuen, so widersetze Dich dem Unwesen! Eifre gegen diese
+Erbärmlichkeiten, aber eifre mit Gründen, und rücke den ~Midassen~
+unserer Zeit die großen Perücken und Narren-Kappen zurück, damit
+man ihre langen Ohren sehe, und sich nicht durch ihre Amtsgesichter
+täuschen lasse! Traurig ist es indessen, daß auch der wahrhaftig
+große Künstler heut zu Tage zum Theil diese Wege einschlagen muß,
+wenn er nicht dem Marktschreier das Feld räumen will; daß er oft
+Natur, Bescheidenheit, Einfalt und Würde, der Mode und dem Vorurtheile
+aufzuopfern, sich mit falschem Glanze auszurüsten, sich zum Windbeutel
+und Spaßmacher zu erniedrigen gezwungen ist, um zu gefallen und Brod zu
+finden. Uebel ist auch oft der Künstler, besonders der Musiker, daran,
+wenn er in eine Gesellschaft von Leuten geräth, die ihn bewundern
+wollen, die ihn bitten, sich vor ihnen hören zu lassen, und die denn
+doch weder Aufmerksamkeit, noch Kenntniß der Kunst haben. Abschlagen
+darf er es nicht, wenn er nicht will für eigensinnig gehalten werden,
+und doch fühlt er, daß er seine Perlen den Säuen vorwirft. Er setzt
+sich an das Klavier, spielt das sanfteste Adagio, und nun brüllen die
+zuhörenden Liebhaber mitten in der rührendsten Stelle überlaut: »O! das
+ist gar schön! vortrefflich!« -- und darüber geht die Stelle verloren.
+-- Merke dir's, liebes Publikum, daß du dir solche Unarten abgewöhnen,
+und nicht bloß ein geehrtes, sondern auch ein ehrenwerthes Publikum
+seyn sollst.
+
+
+ 8.
+
+Nun noch ein Wort zur Warnung für den Jüngling, in Betracht der
+Künstler, besonders der Schauspieler, nämlich derjenigen von gemeiner
+Art! Ich habe vorhin gesagt, daß der vertraute Umgang mit den mehrsten
+derselben, von Seiten ihrer Kenntnisse, ihres sittlichen Lebens und
+ihrer ökonomischen Umstände, für Kopf, Herz und Geldbeutel nicht
+sehr vortheilhaft seyn könne; allein noch in andern Rücksichten
+ist hier Vorsicht zu empfehlen. -- Wenn man weiß, welch ein warmer
+Verehrer der schönen Künste ich selbst bin: so wird man mir wohl
+nicht Schuld geben, daß es aus Vorurtheil oder Kälte geschehe, wenn
+ich dem Jünglinge rathe, mäßig im Genuß der schönen Künste, mäßig im
+Genusse des Umgangs mit den gefälligen Musen und deren Priestern zu
+seyn. -- Musik, Poesie, Schauspielkunst, Tanz und Malerei, wirken
+freilich wohlthätig auf das Herz. Sie machen es weich und empfänglich
+für manche edle Gefühle: sie erheben und bereichern die Phantasie,
+schärfen den Witz, erwecken Fröhlichkeit und Laune, mildern die Sitten
+und befördern die geselligen Tugenden. Allein eben diese herrlichen
+Wirkungen können, wenn sie übertrieben werden, manchfaltiges Elend
+veranlassen. Ein zu weiches, weibisches, bei wahren und eingebildeten,
+eignen und fremden Leiden sogleich in Aufruhr gerathendes Gemüth ist
+wahrlich ein trauriges Geschenk. Ein Herz, das, empfänglich für jeden
+Eindruck, wie ein Rohr, von manchfaltigen Leidenschaften hin und her
+bewegt, jeden Augenblick von andern sich durchkreuzenden Empfindungen
+hingerissen wird; ein Nerven-System, auf welchem jeder Betrüger, der
+nur den rechten Ton zu treffen weiß, nach Gefallen spielen kann: -- das
+alles wird uns da, wo es auf Festigkeit, unerschütterlichen Muth, auf
+Ausdauern und Beharrlichkeit ankömmt, sehr zur Last. Eine zu warme, zu
+hochfliegende Phantasie, die allen unsern geistigen Anstrengungen einen
+romanhaften Schwung gibt, und uns in eine Ideen-Welt versetzt, kann
+uns in der wirklichen Welt theils sehr unglücklich, theils zu gänzlich
+unbrauchbaren Menschen machen. Sie spannt uns zu Erwartungen, erregt
+Forderungen, die wir nicht befriedigen können, und erfüllt uns mit
+Ekel gegen alles, was den Idealen nicht entspricht, nach welchen wir
+in der Bezauberung wie nach Schatten greifen. Ein üppiger Witz, eine
+schalkhafte Laune, die nicht unter der Vormundschaft einer keuschen
+Vernunft stehen, können nicht nur leicht auf Kosten des Herzens
+ausarten, sondern würdigen uns auch herab, verleiten zu Spielwerken,
+so daß wir, statt der höhern Weisheit und nüchternen Wahrheit
+nachzustreben, und unsre Denkkraft auf wahrhaftig nützliche Gegenstände
+zu verwenden, nur den Genuß des Augenblicks suchen, und statt, mitten
+durch die Vorurtheile hindurch, in das Wesen der Dinge einzudringen,
+uns bei den glänzenden Aussenseiten verweilen. Fröhlichkeit kann in
+Zügellosigkeit, in Streben nach immerwährendem Taumel übergehen. Milde
+Sitten verwandeln sich nicht selten in Weichlichkeit, in übertriebene
+Geschmeidigkeit, in niedre, unverantwortliche Gefälligkeit, die alles
+Gepräge vom männlichen Charakter abschleifen; und ein Leben, das bloß
+den geselligen Freuden und dem sinnlichen Vergnügen gewidmet ist,
+verleidet uns jede ernsthafte Beschäftigung, und entreißt uns den edlen
+und dauernden Genuß, der durch Ueberwindung großer Schwierigkeiten
+und durch anhaltende Anstrengung gewiß nicht zu theuer erkauft werden
+muß; es macht uns die für Geist und Herz so wohlthätige Einsamkeit
+unerträglich, raubt uns die glückselige Empfänglichkeit für ein stilles
+häusliches, den Familien- und bürgerlichen Pflichten gewidmetes Daseyn
+-- mit ~einem~ Worte: wer sich gänzlich den schönen Künsten widmet,
+und mit den Priestern ihrer Gottheiten sein ganzes Leben verschwelgt,
+der läuft Gefahr, sein wahres dauerhaftes Wohl zu verscherzen, und
+seinem Leben jeden Werth und jede Würze, seinem Bewußtseyn jede
+Seligkeit, seinem Lebensmuthe jede Nahrung zu entreissen, und in den
+späteren Jahren des Lebens im Ueberdruß zu verschmachten. Alles, was
+ich hier gesagt habe, trifft vorzüglich bei dem Theater und bei dem
+Umgange mit Schauspielern ein. Wenn unsere Schauspiele das wären,
+wofür man sie so gern ausgeben mag, eine Schule der Sitten, wo uns auf
+eine gefällige und treffende Weise unsre Verirrungen und Thorheiten
+dargestellt und an das Herz gelegt würden; ja, dann könnte es rathsam
+seyn, die Bühne oft zu besuchen, und den Umgang mit Männern zu wählen,
+welche man als Wohlthäter ihres Zeitalters ansehen müßte. Man darf
+aber nicht das Theater nach demjenigen beurtheilen, was es ~seyn
+könnte~, sondern nach dem, ~was es ist~. Wenn in unsern Lustspielen
+die komischen Züge der Narrheit so übertrieben geschildert sind,
+daß niemand das Bild seiner eignen Schwachheiten darin erkennt;
+wenn romanhafte Liebe darin begünstigt wird; wenn junge Phantasten
+und verliebte Mädchen daraus lernen, wie man die alten vernünftigen
+Väter und Mütter betrügen und überlisten soll, die zur ehelichen
+Glückseligkeit ein wenig mehr, als eingebildete Sympathie und
+vorübergehenden Liebes-Rausch fordern; wenn in unsern Schauspielen der
+Leichtsinn im gefälligen Gewande erscheint, vornehmes Laster in Glanz
+und Hoheit auftritt, und, durch einen Anstrich von Größe und Kraft,
+Bewundrung erzwingt; wenn im Trauerspiele unser Auge mit dem Anblick
+der ärgsten Greuel vertraut; wenn unsere Einbildungskraft an Erwartung
+wunderbarer, feenmäßiger Entwickelungen und Auflösungen gewöhnt
+wird; wenn man uns in den Opern dahin bringt, auf alle Täuschung
+Verzicht zu leisten, und Vernunft und Geschmack unter den Glauben an
+die Göttlichkeit der Tonkunst gefangen zu nehmen; wenn der elendeste
+Fratzen-Schneider, die ungeschickteste Dirne, in so fern sie Anhang
+unter dem Volke haben, allgemeine Bewunderung einernten; wenn endlich,
+um alle diese nichtigen Zwecke zu erlangen, unsre Theater-Dichter
+sich über Wahrscheinlichkeit, ächte Natur, weise Kunst und Anordnung
+hinwegsetzen, und sich folglich der Zuschauer in dem Falle befindet,
+im Schauspielhause keine Nahrung für den Geist, sondern nur
+Zeitverkürzung und sinnlichen Genuß zu suchen: -- wer wird sich's
+da nicht zur Pflicht machen, Jünglingen und Mädchen den sparsamsten
+Genuß dieser Vergnügungen zu empfehlen? Und nun, was die Schauspieler
+betrifft: ihr Stand hat sehr viel Blendendes. Freiheit, Unabhängigkeit
+von dem Zwange des bürgerlichen Lebens, gute Bezahlung, Beifall,
+Vorliebe des Publikums, Gunst und die schöne Gelegenheit, einem
+glänzenden Publikum Talente zu zeigen, die sonst vielleicht auf immer
+versteckt geblieben wären; Schmeichelei; die Freuden der Tafel bei
+reichen und gastfreien Liebhabern der Kunst; viel Muße; Gelegenheit,
+Städte und Menschen kennen zu lernen: -- das alles kann wohl einen
+Jüngling, der mit einer unangenehmen Lage, oder mit einem zerrütteten
+Gemüthe, mit übel geordneten Leidenschaften und Begierden kämpft,
+in Versuchung führen, diesen Stand zu wählen, besonders, wenn er in
+vertrauten Umgang mit Schauspielern und Schauspielerinnen geräth. Aber
+nun die Sache näher betrachtet! Was für Menschen sind gewöhnlich diese
+Theater-Helden und Heldinnen? Leute ohne Sitten, ohne Erziehung, ohne
+Grundsätze, ohne Kenntnisse; Abentheurer; Menschen aus den niedrigsten
+Ständen; freche Buhlerinnen; -- mit diesen lebt man, wenn man sich
+demselben Stande gewidmet hat, in täglicher Gemeinschaft. Es ist
+schwer, da nicht mit dem Strome fortgerissen zu werden, nicht zu Grunde
+zu gehen. Eifersucht, Feindschaft und Kabale vollenden dies glänzende
+Elend, und da diese Künstler fast ganz ausser dem Staate leben, so
+fällt bei ihnen ein starker Bewegungsgrund zum Gutseyn weg, nämlich
+die Rücksicht auf ihren Ruf unter den Mitbürgern. Kömmt noch etwa die
+Verachtung, mit welcher, freilich unbilliger Weise, manche ernsthafte
+Leute auf sie herabsehen, hinzu: so wird das Herz erbittert und
+verhärtet. Die tägliche Abwechselung von Rollen benimmt dem Charakter
+alle Eigenthümlichkeit und Festigkeit; man wird zuletzt aus Gewohnheit,
+was man so oft vorstellen muß; man darf dabei nicht Rücksicht auf seine
+Gemüths-Stimmung nehmen, muß oft den Spaßmacher spielen, wenn das Herz
+trauert, und umgekehrt. Dies leitet zur Verstellung. Das Publikum wird
+des Mannes und seines Spiels überdrüssig; seine Manier gefällt nicht
+mehr nach zehn Jahren; leicht gewonnenes Geld geht eben so leicht
+wieder fort; -- und so ist denn ein armseliges, dürftiges, kränkliches
+Alter nicht selten der letzte Auftritt des Schauspieler-Lebens.
+
+
+ 9.
+
+Wer Schauspieler und Tonkünstler unter seiner Aufsicht und Leitung hat,
+dem rathe ich, sich gleich anfangs auf einen ernsten und gemessenen
+Fuß mit ihnen zu setzen, wenn er nicht von ihrem Eigensinne und ihren
+Grillen abhängen will. Die Hauptpunkte, worauf es dabei ankömmt,
+sind: ihnen zu zeigen, daß man dem Geschäfte gewachsen sey; daß man
+einen Künstler zu beurtheilen und zurechtzuweisen verstehe; sie an
+Pünktlichkeit und Ordnung zu gewöhnen, und bei der ersten Uebertretung,
+Naseweisigkeit oder Zügellosigkeit Strenge fühlen zu lassen; sie
+übrigens aber, nach Verhältniß der Talente und der sittlichen
+Aufführung eines Jeden, mit Höflichkeit und Auszeichnung zu behandeln,
+ohne sich je gemein mit ihnen zu machen.
+
+
+ 10.
+
+Ermuntre durch bescheidnes Lob, aber schmeichle nicht, erhebe nicht
+zur Ungebühr den jungen angehenden Schriftsteller und Künstler! Durch
+gar zu freigebiges Lob ist schon Mancher auf immer verdorben worden.
+Das übertriebne Beklatschen und Lobpreisen macht sie schwindlich,
+aufgeblasen, hochmüthig. Sie beeifern sich dann nicht weiter, der
+Vollkommenheit nachzustreben, und hören auf, ein Publikum zu achten,
+das so leicht zu befriedigen scheint. Leider aber zwingt uns der
+Zustand unsrer Literatur, alles zu loben, was nicht offenbar Unsinn
+ist, weil in dem Fache der schönen Wissenschaften so selten etwas unter
+uns erscheint, was sich über das Mittelmäßige erhebt, oder im Pulte des
+Verfassers seine volle Reife erlangt hat.
+
+Laß Dich dadurch nicht verderben, junger Mann von Talenten! Bewahre
+auch Dein Herz vor Eifersucht! Laß fremdem Verdienste Gerechtigkeit
+widerfahren! Suche immer die Gesellschaft solcher Männer, durch deren
+Umgang Du, zum Vortheile Deiner Kunst, weiser und besser werden kannst,
+nicht aber den Schwarm niedriger Schmeichler oder blinder Enthusiasten!
+
+
+ 11.
+
+So wenig Vortheil der vertrauliche Umgang mit Künstlern von gemeinem
+Schlage gewährt, so lehrreich und unterhaltend ist der Umgang mit
+Männern, die philosophischen Geist, Gelehrsamkeit und Witz mit
+Kunst und Talent verbinden. Es ist ein Glück, an der Seite eines
+ächten Künstlers zu leben, dessen Geist durch Kenntnisse gebildet,
+dessen Blick durch Studium der Natur und der Menschen geschärft, bei
+dem, durch die milden Einwirkungen der Musen, das Herz zu Liebe,
+Freundschaft und Wohlwollen gestimmt und die Sitten geläutert und
+veredelt sind. Seine freundliche Beredsamkeit ist aufheiternd und
+belebend, sein Umgang söhnt mit der Welt und ihren Beschwerden
+aus, gewährt Erholung von verdrießlichen, mühsamen und trocknen
+Berufs-Geschäften, und gibt demjenigen neue Federkraft, der durch
+lange Anstrengung abgespannt ist; erhöht die mäßigste Kost zu einem
+Göttermahle, unsere Hütte zu einem Heiligthume, unsern Heerd zu einem
+Altare der Musen.
+
+
+ 12.
+
+Man pflegt viel zum Lobe gesellschaftlicher Bühnen und ihres
+wohlthätigen Einflusses auf die Bildung junger Leute zu sagen. Es
+würde mich zu weit führen, wenn ich hier alles aus einander setzen
+wollte, was sich für und gegen die Sache sagen läßt, und was ich
+selbst vielfach darüber zu beobachten und zu erfahren Gelegenheit
+gehabt habe. Hier nur so viel: Ein großer Theil dessen, was über das
+Theaterwesen überhaupt in diesem Kapitel gesagt worden, ist auch auf
+die gesellschaftlichen Bühnen anwendbar. Welche besondre Vorsicht aber
+noch bei der Wahl der Stücke und der Rollen-Vertheilung zu beobachten
+ist, wenn gesittete junge Leute Schauspiele aufführen sollen, das
+fällt leicht in die Augen. Allein ich würde den Eltern noch ausserdem
+vorzüglich eine weise Rücksicht auf das Alter, auf die Gemüthsart,
+auf die Temperamente ihrer Kinder, auf den Grad der Ausbildung und
+Bestimmtheit des Charakters, den sie schon erlangt, oder noch nicht
+erlangt hätten, dringend empfehlen, wenn ich um Rath gefragt würde.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im
+ bürgerlichen Leben.
+
+
+ 1.
+
+Machen wir den Anfang mit den ~Aerzten~! Kein Stand ist für das
+Menschengeschlecht wohlthätiger, als dieser, wenn er seine Bestimmung
+erfüllt. Der Mann, welcher alle Schätze der Natur durchwühlt, und
+ihre Kräfte erforscht, um Mittel aufzusuchen, das Meisterstück der
+Schöpfung, den Menschen, von den Plagen zu befreien, von welchen sein
+sichtbarer, materieller Theil befallen wird, die seinen Geist zu Boden
+drücken, und oft schon seine Maschine zerstören, ehe noch einmal
+sich jede Kraft in ihm entwickelt hat: der Mann, der sich vor dem
+Anblicke des Elendes, Jammers und Schmerzens nicht scheuet, der seine
+Gemächlichkeit, seine Ruhe, selbst seine eigne Gesundheit und sein
+Leben daran wagt, um den leidenden Brüdern beizustehen; dieser Mann
+verdient Verehrung und warmen Dank. Er gibt einer zahlreichen Familie
+ihren Beschützer, ihren Erhalter, ihren Wohlthäter wieder, rettet
+unmündigen Kindern ihren Vater, Ernährer und Erzieher, führt vom Rande
+des Grabes den edeln Gatten zurück in die Arme seines treuen Weibes. --
+Mit Einem Worte: kein Stand hat so unmittelbar segenvollen Einfluß auf
+das Wohl der Welt, auf das Glück, auf die Ruhe, auf die Zufriedenheit
+der Mitbürger, wie der eines Arztes. Und wenn man bedenkt, welch
+ein Umfang von Kenntnissen, welch eine Besonnenheit und Ausdauer,
+welch eine Geistesgegenwart und Reife des Urtheils dazu gehört: so
+erscheint der Arzt, wenn er ganz ist, was sein Beruf fordert, in einer
+Würde, die beinahe jede andere überstrahlt, und ihm die stärksten
+Ansprüche auf Dank und Verehrung seiner Mitbürger gibt. -- Man wird
+es ohne Genie in keinem Stande recht weit bringen; doch gibt es
+Wissenschaften, in welchen ein schlichter gesunder Hausverstand,
+und wohl noch etwas weniger, recht gute Dienste thut! große Aerzte
+hingegen können durchaus nur die feinsten Köpfe seyn. Doch das Genie
+macht es nicht allein aus; es gehört das ämsigste und mühseligste
+Studium dazu, um es in diesem Fache weit zu bringen. Endlich, wenn man
+überlegt, daß diese Kenntnisse, mit allen Hülfswissenschaften, welche
+die Arzneikunde voraussetzt, gerade die erhabensten, natürlichsten,
+ersten Grundkenntnisse des Menschen sind -- Studium der Natur in
+allen ihren Reichen, in allen ihren möglichen Wirkungen, in allen
+ihren Bestandtheilen; Studium des Menschen, an Leib und Seele, in
+seinen festen und flüssigen Theilen, in seiner ganzen Zusammensetzung,
+in seinen Gemüthsbewegungen und Leidenschaften -- was kann denn
+lehrreicher, tröstender, erquickender seyn, als der Umgang und die
+Hülfe eines solchen Mannes? Es gibt aber unter den Söhnen Aesculaps
+auch unzählige von ganz andrer Art; ungerathene Söhne des berühmten und
+erhabenen Vaters, denen der Doctorhut das Privilegium gibt, an armen
+Kranken Versuche ihrer Unwissenheit zu machen; Leute, die den Körper
+des Patienten wie ihr Eigenthum, wie ein Gefäß ansehen, in welches sie
+nach Willkühr allerlei flüssige und trockene Materie schütten dürfen,
+um wahrzunehmen, welche Wirkung durch den Streit dieser salzartigen,
+sauren und geistigen Dinge hervorgebracht wird, und wobei sie nichts
+wagen, als höchstens, daß das Gefäß zu Grunde geht. Andern fehlt es,
+bei der gründlichsten Kenntniß, an Beobachtungsgeist. Sie verwechseln
+die Zeichen der Krankheiten, lassen sich durch falsche Berichte der
+Kranken täuschen, forschen nicht kaltblütig, nicht tief, nicht fleißig
+genug, und verordnen dann Mittel, die gewiß helfen würden -- wenn der
+Kranke in der That die Krankheit hätte, mit welcher sie ihn behaftet
+glauben. Wieder Andre kleben an Systemgeist, an Autorität, an Mode, und
+schieben nie auf ihre Blindheit, sondern auf die Natur die Schuld, wenn
+ihre Arzneimittel andre Wirkungen hervorbringen, als die erwarteten;
+endlich noch Andre halten aus Gewinnsucht die Genesung der Leidenden
+auf, um desto länger, nebst dem Apotheker und Wundarzte, den Vortheil
+davon zu ziehen. Fällt man in die Hände eines solchen Afterarztes,
+so ist man in der größten Gefahr, das Opfer der Unwissenheit, der
+Sorglosigkeit, des Eigensinns oder der Bosheit zu werden.
+
+Nun ist es freilich, selbst einem Laien, der sonst einen geraden Blick
+mit einiger Menschenkenntniß, Erfahrung und Gelehrsamkeit verbindet,
+nicht so schwer, den ~groben~ Charlatan von dem geschickten Manne,
+an seinem Vortrage, an der Art seiner Fragen und Verordnungen, zu
+unterscheiden; unter ~den Bessern~ aber Den auszuzeichnen, dem man
+am sichersten seinen Körper anvertrauen kann, das ist viel schwerer.
+Folgende Vorschriften würde ich daher, in Rücksicht auf den Umgang mit
+Aerzten, empfehlen:
+
+Lebe mäßig in allem Betracht, so wirst Du so glücklich seyn, den Arzt
+nur als Freund bei Dir zu sehen; aber Du wirst seiner Hülfe selten
+bedürfen!
+
+Gib wohl Acht auf das, was Deiner besondern Leibesbeschaffenheit
+schädlich oder dienlich ist, was Dir wohl, und was Dir übel bekömmt!
+Richte darnach strenge Deine Lebensart ein, so wirst Du nicht oft in
+den Fall kommen, Dein Geld in die Apotheke schicken zu müssen!
+
+Wenn man nicht ganz fremd in der Physik, dabei ein wenig bewandert
+in medicinischen Büchern ist, sein Temperament kennt, und weiß, zu
+welchen Krankheiten man Anlage hat, und was Wirkung auf uns macht: so
+kann man auch oft, bei wirklichen Krankheiten, sein eigner Arzt seyn.
+Jeder Mensch ist ~einer~ Art von Gebrechen mehr ausgesetzt, als einer
+~andern~, in so fern er einförmig lebt. Studirt er nun mit Ernst diesen
+einzigen Zweig der Heilkunde, so müßte es sonderbar zugehen, wenn er
+davon nicht vielleicht mehr, wenigstens eben so viel Einsicht erlangen
+sollte, als ein Mann, der das ganze Heer von Krankheiten übersehen muß.
+
+Fordert aber die Noth, daß Du Dich an einen Arzt wendest, und Du
+willst Dir einen unter dem Haufen aussuchen: so gib zuerst Acht,
+ob der Mann gesunde Vernunft hat; ob er über andre Gegenstände mit
+Klarheit, unpartheiisch, ohne Vorurtheil raisonnirt; ob er bescheiden,
+verschwiegen, fleißig und seiner Kunst ganz ergeben ist; ob er ein
+gefühlvolles, menschenliebendes Herz zeigt; ob er seine Kranken mit
+einer Menge verschiedner Arzneien zu bestürmen, oder sich einfacher
+Mittel zu bedienen, der Natur wo möglich ihren Lauf zu lassen pflegt;
+ob er eine Diät empfiehlt, die nach seinen Begierden abgemessen, ob er
+verbietet, was ~ihm~ selbst zuwider ist; nur anräth, wozu er selbst
+geneigt ist; ob er sich in Reden zuweilen widerspricht; ob er fest in
+seinem Systeme ist, oder sich irre machen läßt, und von einer Heilart
+zur andern übergehet; ob er einzelnen Kennzeichen entgegen arbeitet,
+oder immer die Hauptsache vor Augen hat; ob er Brodneid gegen seine
+Kunstverwandten, sich eben so bereitwillig zeigt, den Großen und
+Reichen, als den Niedern und Armen beizustehen? Bist Du über diese
+Punkte befriedigt und beruhigt, so vertraue Dich ihm an.
+
+Vertraue Dich aber ihm allein, gänzlich und ohne Zurückhaltung!
+Verschweige auch nicht den kleinsten Umstand, der dazu dienen mag, ihn
+mit dem Zustande und dem Sitze Deines Uebels bekannt zu machen! Doch
+mische keine nichtsbedeutende Kleinigkeiten, keine Thorheiten, keine
+Grillen, keine Einbildungen hinein, die ihn irre machen könnten! Folge
+strenge und pünktlich seinen Vorschriften, damit er sicher seyn dürfe,
+ob das, was Du nachher empfindest, die Folge seiner angewendeten Mittel
+sey! Laß Dich daher auch nicht verleiten, nebenher allerlei Hausmittel,
+möchten sie auch noch so unschuldig scheinen, zu gebrauchen, noch
+heimlich einen zweiten Arzt um Rath zu fragen! Vor allen Dingen nimm
+nicht etwa zu gleicher Zeit zwei solcher Herren öffentlich an! Die
+Resultate ihrer Berathungen werden eben so viel Todesurtheile für Dich
+seyn; Keinem von Beiden wird Deine Genesung am Herzen liegen; sie
+werden Deinen Körper zu dem Kampfplatze ihrer verschiedenen Meinungen
+gebrauchen; sie werden Einer dem Andern die Ehre mißgönnen, Dich gesund
+zu machen, und Dich also lieber gemeinschaftlich dem Tode überliefern,
+um nachher wechselseitig die Schuld auf einander schieben zu können.
+
+Den Mann, der alles anwendet, was in seinen Kräften steht, Deine
+Gesundheit herzustellen, belohne nicht sparsam, sondern reichlich, nach
+Deinem Vermögen! Hast Du aber Ursache, zu glauben, daß er eigennützig
+sey, so setze Dich auf den Fuß, ihm jährlich etwas Festgesetztes zu
+zahlen, Du mögest krank oder gesund seyn, damit er kein Interesse dabei
+habe, Dich mit allerlei Krankheiten zu versehen, oder Deine Herstellung
+aufzuhalten.
+
+
+ 2.
+
+Wenden wir uns nun zu den Juristen! Nächst den natürlichen Gütern,
+nächst der Wohlfahrt des Geistes, der Seele und des Leibes, ist
+in der bürgerlichen Gesellschaft der sichre Besitz des Eigenthums
+das Heiligste und Theuerste. Wer dazu beiträgt, uns diesen Besitz
+zuzusichern; wer sich weder durch Freundschaft, noch Partheilichkeit,
+noch Weichlichkeit, noch Leidenschaft, noch Schmeichelei, noch
+Eigennutz, noch Menschen-Furcht bewegen läßt, auch nur einen einzelnen
+kleinen Schritt von dem geraden Wege der Gerechtigkeit abzuweichen; wer
+durch alle Künste der List und Ueberredung, durch die Unbestimmtheit,
+Zweideutigkeit und Verwirrung der geschriebenen Gesetze hindurch,
+klar zu schauen, und den Punkt, den Vernunft, Wahrheit, Redlichkeit
+und Billigkeit bestimmen, zu treffen weiß; wer der Beschützer der
+Aermern, des Schwächern und Unterdrückten gegen den Stärkern, Reichern
+und Unterdrücker; wer der Waisen Vater, der Unschuldigen Retter und
+Vertheidiger ist -- der ist gewiß unsrer ganzen Verehrung werth.
+
+Was ich hier gesagt habe, beweist aber auch zugleich, wie sehr viel
+dazu gehöre, auf den Titel eines würdigen Richters und auf den
+eines edlen Sachwalters Anspruch machen zu dürfen; und es ist, am
+gelindesten gesprochen, sehr übereilt geurtheilt, wenn man behauptet,
+es werde, um ein guter Jurist zu seyn, wenig gesunde Vernunft,
+sondern nur Gedächtniß, ein wenig Schlauheit und ein wenig Phlegma,
+Vorliebe für den Schlendrian und ein hartes Herz erfordert; oder die
+Rechtsgelehrsamkeit sey nichts anders, als die Kunst, die Leute auf
+eine rechtsbeständige Art um Geld und Gut zu bringen. Freilich, wenn
+man unter einem Juristen einen Mann versteht, der nur sein römisches
+Recht im Kopfe hat, die Kunstgriffe der Auslegung und Anwendung der
+Gesetze kennt, und die spitzfindigen Distinctionen der Rabulisten
+studirt hat, so mag man Recht haben; aber ein solcher entheiligt auch
+sein ehrwürdiges Amt.
+
+Doch ist es in der That traurig -- um auch das Böse nicht zu
+verschweigen -- daß die Handlungen so vieler Richter und Advocaten,
+so wie die Justiz-Verfassung in den mehrsten Ländern, so viel Grund
+und Anlaß zu jenen harten Beschuldigungen geben. So geschieht es, daß
+sich Menschen ohne Grundsätze, verschrobene und alltägliche Köpfe,
+dem Studium der Rechtsgelehrsamkeit widmen, und mit der Kenntniß der
+Gesetze keine andre feine Kenntnisse verbinden, dennoch aber so stolz
+auf diesen Wust von alten römischen, auf unsre Zeiten wenig passenden
+Gesetzen sind, daß sie von dem Manne, der die edlen Pandecten nicht am
+Schnürchen hat, glauben, er könne gar nichts gelernt haben. Ihre ganze
+Gedanken-Reihe knüpft sich nur an ihre heilige Schrift, an das Corpus
+Juris an, und ein steifer Civilist ist daher im gesellschaftlichen
+Leben das langweiligste Geschöpf, das man sich denken mag. In allen
+übrigen menschlichen Dingen, in allen andern, den Geist aufklärenden,
+das Herz bildenden Kenntnissen unerfahren, tritt ein solcher Jurist
+in ein öffentliches Amt, und wird vielleicht für eine ganze Stadt der
+einzige Verwalter der Gerechtigkeit. Sein barbarischer Styl, seine
+bogenlangen Perioden, die unglückselige Fertigkeit, die einfachste
+deutlichste Sache zu verwickeln, zu verdunkeln, und unverständlich
+zu machen, erfüllt Jeden, der Geschmack und Sinn für Klarheit hat,
+mit Ekel und Ungeduld. Wenn Du auch nicht das Unglück erlebst, daß
+Deine Angelegenheit einem eigennützigen, partheiischen, faulen,
+oder schwachköpfigen Richter in die Hände fällt; so ist es schon
+genug, daß Dein oder Deines Gegners Anwald ein Mensch ohne Gefühl,
+ein gewinnsüchtiger Gauner, ein Pinsel, oder ein Ränkeschmidt ist, um
+bei einem Rechtsstreite, den jeder unbefangene gesunde Kopf in einer
+Stunde schlichten könnte, viele Jahre lang hingehalten zu werden, ganze
+Ballen voll Acten zusammengeschrieben zu sehen, und dreimal so viel
+Unkosten zu bezahlen, als der Gegenstand des ganzen Streits werth ist,
+ja am Ende die gerechteste Sache zu verlieren, und Dein offenbares
+Eigenthum fremden Händen preiszugeben. Und wäre auch beides nicht
+der Fall; wären auch Richter und Sachwalter geschickte und redliche
+Männer, so ist der Gang der Justiz in manchen Ländern von der Art,
+daß man Methusalems Alter erreichen muß, um das Ende eines Prozesses
+zu erleben. Da schmachten dann ganze Familien im Elende und Jammer,
+indeß sich Schelme und hungrige Scribler in ihr Vermögen theilen.
+Da wird die gegründeteste Forderung wegen eines kleinen Mangels an
+elenden Formalitäten für nichtig erklärt. Da muß der Aermere sich's
+gefallen lassen, daß sein reicherer Nachbar ihm sein väterliches Erbe
+wegreißt, wenn der Anwald des Gegners Mittel findet, den Sinn irgend
+eines alten Documents zu verdrehen, oder wenn der Unterdrückte nicht
+Vermögen genug hat, die ungeheuren Kosten zur Führung des Prozesses
+aufzubringen. Da müssen Söhne und Enkel geduldig zusehen, wie die Güter
+ihrer Voreltern, unter dem Vorwande, die darauf haftenden Schulden
+zu bezahlen, Jahrhunderte hindurch in den Händen privilegirter Diebe
+bleiben, indeß weder sie noch die Gläubiger Genuß davon haben. Da muß
+mancher Unschuldige sein Leben auf dem Blutgerüste hingeben, weil die
+Richter mit der Sprache der Unschuld weniger bekannt sind, als mit den
+Wendungen einer falschen Beredsamkeit. Da lassen Professoren Urtheile
+über Gut und Blut durch ihre unbärtigen Schüler verfassen, und geben
+demjenigen Recht, der das Responsum bezahlt. -- Doch was helfen hier
+alle Declamationen, und wer kennt nicht diese Greuel der Verwüstung?
+
+Darum bleibt es wahr, daß ein magerer Vergleich besser sey, als ein
+fetter Prozeß. Darum sey es Regel: Man halte seine Geschäfte in solcher
+Ordnung, mache alles darin bei Lebzeiten so klar, daß man seinen Erben
+nicht die geringste Wahrscheinlichkeit eines gerichtlichen Zwistes
+hinterlasse!
+
+Hat uns aber der böse Feind zu einem Prozesse verholfen, so suche man
+sich einen redlichen, uneigennützigen, geschickten Advocaten -- man
+wird oft ein wenig lange suchen müssen -- und bemühe sich, mit ihm also
+einig zu werden, daß man ihm, ausser seinen Gebühren, noch reichere
+Bezahlung verspreche, nach Verhältniß der Kürze der Zeit, binnen
+welcher er die Sache zu Ende bringen wird!
+
+Man mache sich gefaßt, nie wieder in den Besitz seiner Güter zu kommen,
+wenn diese einmal in Advocaten- und Administratoren-Hände gerathen
+sind, besonders in Ländern, wo alter Schlendrian, Schläfrigkeit und
+Inconsequenz in Geschäften herrschen!
+
+Man erlaube sich keine Art von Bestechung der Richter! Wer dergleichen
+anwendet, der ist beinahe ein eben so arger Schelm, wie Der, welcher
+nimmt.
+
+Man waffne sich mit Geduld in allen Angelegenheiten, die man mit
+Juristen von gemeinem Schlage vorhat.
+
+Man bediene sich auch keines Solchen zu Dingen, die schleunig und
+einfach behandelt werden sollen!
+
+Man sey äusserst vorsichtig im Schreiben, Reden, Versprechen und
+Behaupten gegen Rechtsgelehrte! Sie kleben am Buchstaben. Ein
+juristischer Beweis ist nicht immer ein Beweis der gesunden Vernunft;
+juristische Wahrheit zuweilen etwas mehr, zuweilen etwas weniger, als
+gemeine Wahrheit; juristischer Ausdruck ist nicht selten einer andern
+Auslegung fähig, als gewöhnlicher Ausdruck, und juristischer Wille oft
+das Gegentheil von dem, was man im gemeinen Leben Willen nennt.
+
+
+ 3.
+
+Ich komme jetzt zu dem ~Wehrstande~. Wenn in unsern heutigen Kriegen
+noch Mann gegen Mann föchte, und die Kunst, Menschen zu vertilgen,
+nicht so methodisch und kunstmäßig getrieben würde; wenn allein
+persönliche Tapferkeit das Glück des Kriegers entschiede, und der
+Soldat nur für sein Vaterland, zur Vertheidigung seines Eigenthums
+und seiner Freiheit stritte: so würde auch kein solcher Ton unter den
+Kriegsleuten herrschen, wie jetzt, da zu einem geschickten Militär ganz
+andre Arten von Kenntnissen gehören, da ein Paar neue Ressorts, nämlich
+Subordination und ein conventioneller Begriff von Ehre, auf gewisse
+Weise an die Stelle des kühnen Muths getreten sind, und diese die
+Menschen zwingen müssen, auf ihrem Platze unbeweglich stehen zu bleiben
+und aus der Ferne in völliger Ruhe auf sich schießen zu lassen, weil
+die Leidenschaften der Fürsten, ihr Ehrgeitz und ihre Eroberungssucht
+es so wollen, und die Völker nur um der Fürsten willen da sind.
+Dennoch war eine gewisse Rohigkeit, Zügellosigkeit und ein trotziges
+Hinwegsetzen über alle Regeln der Moral und bürgerlichen Uebereinkunft
+-- gleich als wären diese Gesetze nur Kinder des Friedens -- noch in
+der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts fast der allgemeine
+Charakter eines Soldaten von hohem und niederm Range. In unsern Tagen
+aber sieht es damit ganz anders aus. Fast in allen europäischen
+Staaten, besonders in Frankreich, findet man im Soldatenstande
+Personen, die durch Kenntnisse in allen Fächern der Wissenschaften und
+Künste, besonders in solchen, die zu ihrem Handwerke gehören, durch ein
+gefälliges, geschmeidiges und kluges Betragen, äussere Sittlichkeit,
+Sanftmuth des Charakters und Bildung des Geistes und Herzens, sich
+der allgemeinen Achtung und Liebe werth machen. Ich würde also keine
+besondre Vorschriften über den Umgang mit Militärs zu geben haben,
+wenn nicht theils, so wie in allen Ständen, also auch hier, Ausnahmen
+Statt fänden, theils einige andre Rücksichten nicht mit Stillschweigen
+übergangen werden dürfen; doch kann ich mich dabei kurz fassen.
+
+Wer seinem Stande, seinem Alter, oder seinen Grundsätzen nach, sich
+weder necken und beleidigen zu lassen, noch eine Beleidigung durch
+den Zweikampf auszutilgen Lust haben kann, der thut wohl, wenn er die
+Gelegenheit vermeidet, bei Spiel, Trunk oder andern dergleichen Fällen,
+mit ~rohen~ Leuten vom Soldatenstande in Gemeinschaft zu kommen,
+oder, wenn er solchen Gelegenheiten nicht ausweichen kann, sich so
+behutsam, höflich und ernsthaft, als möglich, aufzuführen. Indessen
+kömmt hiebei auch sehr viel auf den Ruf an, in welchem man steht; und
+ein gerader, fester, redlicher und verständiger Mann pflegt, selbst von
+ausschweifenden, ungesitteten Leuten, geachtet und geschont zu werden.
+
+Ueberhaupt aber rathe ich, im Reden und Handeln gegen Offiziere
+vorsichtig zu seyn. Das Vorurtheil von übel verstandner Ehre, das in
+den mehrsten Armeen, vorzüglich in der französischen, herrschend ist,
+und das von mancher andern Seite einen Nutzen stiften kann, der hier zu
+weitläuftig zu entwickeln seyn würde, befiehlt dem Offizier, auch nicht
+das kleinste zweideutige Wörtchen, das ihm gesagt wird, hinzunehmen,
+ohne Genugthuung durch die Waffen zu fordern; und da hat denn nicht
+selten ein Ausdruck, den man sich im gemeinen Leben unbedenklich
+erlauben dürfte, für ihn einen beleidigenden Sinn. Man darf z. B.
+wohl sagen: »Das war doch ~nicht gut~,« aber keinesweges: »Das war
+~schlecht~ von Ihnen;« -- und doch muß das, was ~nicht gut~ ist,
+nothwendig ~schlecht~ seyn. Mit dieser Sprache der Uebereinkunft soll
+man sich also ~bekannt~ machen, wenn man mit Personen, denen dieselbe
+Gesetze auflegt, umgehen will.
+
+Daß man in Gegenwart eines Offiziers nie, auch nicht das Mindeste,
+zum Nachtheile dieses Standes vorbringen dürfe, versteht sich wohl
+um so mehr von selbst, da es in der That nöthig ist, daß der Soldat
+seinen Stand für den ersten und wichtigsten in der Welt halte. -- Denn
+was soll ihn bewegen, sich einer so beschwerlichen und gefährlichen
+Lebensart zu widmen, wenn es nicht die Ansprüche auf Ruhm und Ehre sind?
+
+Endlich erwirbt man sich bei dem Soldatenstande durch ein offenes,
+treuherziges, ungezwungenes und fröhliches Wesen, durch freien und
+muntern Scherz, Gunst und Beifall; man muß also mit ihrer Weise bekannt
+seyn, wenn man mit dieser Klasse leben will. Doch sind vielleicht die
+Zeiten nicht mehr fern, wo jede dieser Vorschriften unnütz werden, und
+der Stand eines Soldaten nicht länger von dem eines Bürgers getrennt
+bleiben wird.
+
+
+ 4.
+
+Kein Stand hat vielleicht so viel Annehmlichkeit, wie der eines
+~Kaufmanns~, wenn dieser nicht ganz mit leerer Hand anfängt, wenn das
+Glück ihm nicht entschieden zuwider ist, wenn er ein wenig vor sich
+gebracht hat, wenn er seine Unternehmungen mit gehöriger Klugheit
+treibt, nicht zu viel wagt und auf das Spiel setzt. Kein Stand genießt
+einer so glücklichen Freiheit, wie dieser. Kein Stand hat von je her
+so unmittelbar thätigen, wichtigen Einfluß auf Moralität, Kultur
+und Lebensweise gehabt, wie die Kaufmannschaft. Wenn durch sie und
+durch die Verbindung, welche der Handel zwischen den entferntesten
+und ungleichartigsten Völkern stiftet, der Ton ganzer Nationen
+umgestimmt, und Menschen mit geistigen und körperlichen Bedürfnissen,
+mit Wissenschaften, Wünschen, Krankheiten, Schätzen und Sitten bekannt
+gemacht werden, die ausserdem vielleicht nie, wenigstens sehr viel
+später, bis dahin gedrungen seyn würden, so läßt sich wohl nicht
+zweifeln, daß eine Vereinigung der feinsten Köpfe dieses Standes sich
+die Gewalt erwerben könnte, dem Geschmack, der Lebensweise und selbst
+dem Urtheil eines ganzen Volks jede beliebige Richtung zu geben, und
+der Gesellschaft Gesetze vorzuschreiben, die sie nicht übertreten
+könnte. Zum Glück für unsere Freiheit aber gibt es theils nur sehr
+wenige so weitsehende, planvolle Köpfe unter Leuten dieses Standes
+in der Welt, theils sind sie durch ein sehr verschiedenes Interesse
+so getrennt, daß sie sich nicht zu einer solchen Machthaberschaft
+vereinigen können; und so fällt zwar die Wirkung nicht weg, welche der
+Handel auf Sitten und Aufklärung hat; aber es geht doch damit nicht
+methodisch zu, sondern alles rückt seinen Gang unter dem Einfluß der
+Zeit fort. Indessen begreift man leicht, daß eben das Ideal, welches
+ich von einem großen Handelsmanne aufgestellt habe, einen Mann von
+feinem, vorausschauenden, weit umfassenden Geiste, und, wenn es ihm
+um das Wohl der Welt zu thun ist, einen Mann von edeln, erhabenen
+Gesinnungen bezeichnet. Auch gibt es solche Männer in diesem Stande,
+und ich habe, besonders während meines Aufenthalts in Hamburg, Bremen
+und andern großen Handelsplätzen, deren einige kennen gelernt, die
+wahrlich, wenn sie auf einem andern Platze gestanden hätten, unter den
+größten Männern ihrer Zeit genannt worden wären.
+
+Da man nun aber keiner Vorschriften bedarf, um zu lernen, wie man mit
+weisen und guten Menschen umgehen soll, so will ich hier nur von dem
+Betragen im Umgange mit Kaufleuten von gemeinem Schlage reden. Diese
+werden von ihrer ersten Jugend an gewöhnlich so mit Leib und Seele nur
+dahin gerichtet, auf Geld und Gut ihr Augenmerk, und für nichts anders,
+als für Reichthum und Erwerb Sinn zu haben, daß sie den Werth eines
+Menschen fast immer nach der Schwere seines Geldkastens beurtheilen,
+und bei ihnen: ~der Mann ist gut~, so viel heißt, als: ~der Mann ist
+reich~. Hierzu gesellet sich wohl noch, besonders in Reichsstädten,
+eine Art von Prahlerei, eine Begierde, es Andern ihres Gleichen da, wo
+es Aufsehen macht, an Pracht zuvorzuthun, um zu zeigen, daß ihre Sachen
+fest stehen. Da sie aber mit dieser Neigung immer noch Sparsamkeit
+und Habsucht verbinden, und da, wo sie nicht bemerkt werden, äusserst
+eingeschränkt und sparsam leben, und sich sehr viel versagen: so
+bemerkt man da einen Kontrast von Kleinlichkeit und Glanz, von Geitz
+und Verschwendung, von Niederträchtigkeit und Stolz, von Unwissenheit
+und Ansprüchen, der Mitleiden erregt; und so industriös auch sonst die
+Kaufleute sind, so fehlt es ihnen doch mehrentheils an der Gabe, ein
+kleines Fest durch geschmackvolle Anordnungen glänzend, und mit wenigen
+Kosten einen anständigen Aufwand zu machen. Ausser Hamburg ist dieß
+wohl in allen deutschen Handelsstädten mehr oder weniger der Fall.
+
+Willst Du bei diesen Leuten geachtet seyn, so mußt Du wenigstens in
+dem Rufe stehen, daß Deine Vermögens-Umstände nicht zerrüttet seyen:
+Wohlstand macht auf sie den besten Eindruck. Sey es durch Deine Schuld,
+oder durch Unglück, so wirst Du, auch bei den herrlichsten Vorzügen
+des Verstandes und Herzens, von ihnen verachtet werden, wenn Du Mangel
+leidest.
+
+Willst Du einen Solchen zu einer milden Gabe, oder sonst zu einer
+großmüthigen Handlung bewegen, so mußt Du entweder seine Eitelkeit mit
+in das Spiel bringen, daß es bekannt werde, wie viel dies große Haus
+an Arme gibt; oder der Mann muß glauben, daß der Himmel ihm die Gabe
+hundertfältig vergelten werde: dann wird es andächtiger Wucher.
+
+Große Kaufleute spielen, wenn sie spielen, gewöhnlich um hohes Geld.
+Sie betrachten das wie jeden andern Speculations-Handel; aber sie
+spielen dann auch mit aller Kunst und Aufmerksamkeit. Man hüte sich
+daher, wenn man das Spiel nicht versteht, und es nachlässig, bloß als
+einen Zeitvertreib ansieht, sich mit solchen Männern einzulassen!
+
+Laß es Dir unter Kaufleuten ja nicht einfallen, Deinen Stand oder Rang,
+oder Deine Geburt geltend machen zu wollen, besonders wenn Du nicht
+reich bist! oder Du wirst Dich kränkenden Demüthigungen aussetzen.
+
+Doch pflegt in manchen Kaufmannshäusern einem Manne mit Stern, Orden
+und Titel geschmeichelt zu werden: das geschieht dann aus Prahlerei, um
+zu zeigen, daß auch Vornehme da Gastfreundschaft genießen, oder daß man
+mit Höfen und großen Familien in Verhältnissen stehe.
+
+Auch der Gelehrte und Künstler wird hier übersehen, oder nur aus
+Eitelkeit vorgezogen. Er erwarte nicht, daß sein wahrer Werth erkannt
+werde!
+
+Da die Sicherheit des Handels auf Pünktlichkeit im Bezahlen und auf
+Treue und Glauben beruht, so setze Dich bei den Kaufleuten in den Ruf,
+strenge Wort zu halten und ordentlich zu bezahlen: so werden sie Dich
+höher achten, als manchen viel reichern Mann.
+
+Man hüte sich, wenn man nicht selbst den Handel aus dem Grunde
+versteht, sich von Kaufleuten zu gemeinschaftlichen Unternehmungen
+und Speculationen verleiten zu lassen. Ist bei der Sache ein sicherer
+Gewinn wahrscheinlich zu erwarten, so hütet sich der Kaufmann wohl,
+einem Laien, und wäre er sein bester Freund, davon Eröffnung zu
+thun, um ihn Theil nehmen zu lassen. Solche Anträge sind also immer
+verdächtig. Daß man noch ausserdem, wenn auch der Erfolg glücklich
+ausfällt, bei der Berechnung und Theilung verkürzt wird, versteht sich
+von selbst.
+
+Wer wohlfeil kaufen will, der kaufe für baares Geld! -- das ist
+eine sehr bekannte Lehre. Man hat dann die Wahl von Kaufleuten und
+von Waaren, und man kann es niemand übel auslegen, wenn er, bei der
+Ungewißheit, ob und wie bald er bezahlt werde, für seine Waare einen
+übertriebenen Preis fordert, oder das Schlechteste hingibt, was er hat.
+
+Hat man Ursache, mit dem Betragen des Mannes, mit welchem man
+Handlungsgeschäfte getrieben hat, zufrieden zu seyn: so wechsele
+man nicht ohne Noth, laufe nicht von einem Kaufmanne zu dem andern!
+Man wird von Leuten, die uns kennen, denen an der Erhaltung unsrer
+Kundschaft gelegen ist, treuer bedient, und sie geben uns auch, wenn
+es ja unsere Umstände erforderten, leichter Credit, ohne deswegen den
+Preis der Waaren zu erhöhen.
+
+Man enthalte sich, einem Krämer für den geringen Vortheil, der ihm
+aus einem kleinen Handel mit uns zuwächst, viel Mühe, Zeitverlust und
+Wege zu machen! Diese Unart ist besonders den Frauenzimmern eigen,
+die zuweilen sich für tausend Thaler Waare auspacken lassen, um, nach
+zweistündiger Beäuglung und Betastung, für einen Gulden zu kaufen, oder
+gar alles Gesehene zu schlecht und theuer zu finden.
+
+Bei kleinen Kaufleuten, und in Städten, wo eigentlich nur Krämer
+wohnen, ist die unartige Gewohnheit eingerissen, daß diese oft sehr
+viel mehr für ihre Waaren forden, als wofür sie dieselben hingeben
+wollen. Andre geben mit angenommener Treuherzigkeit und Biederkeit vor,
+daß sie den äussersten Preis setzen, und lassen sich keinen Heller
+abdingen; und so muß man oft doppelt so viel bezahlen, als die Sache
+werth ist. Erstern würde man ihre kleinen Künste leicht abgewöhnen
+können, wenn die Angesehensten in einer Stadt sich vereinigten, solchen
+Gaunern gar nichts abzukaufen. Es ist aber das jüdische Verfahren
+dieser beiden Arten von christlichen Krämern eben so unredlich, als
+unklug. Sie betrügen damit höchstens nur einige Fremde und Solche,
+die von dem Werthe der Waaren nichts verstehen; bei Andern hingegen
+verlieren sie allen Glauben; und wenn man erst ihre Weise kennt, so
+bietet man ihnen nur die Hälfte von dem, was sie fordern. Uebrigens
+soll der, welcher kaufen will, die Augen aufthun: es ist unvernünftig,
+einen Handel von einiger Wichtigkeit zu schließen, ohne vorher sich
+Kenntniß von dem wahren Werthe der Sache erworben zu haben, die man
+kaufen will.
+
+Welch eine große Vorsicht man im Pferde-Handel zu beobachten habe,
+das ist eine bekannte Sache. Bei diesem hat sich das Vorurtheil
+eingeschlichen, daß Eltern und Kinder, Geschwister und Freunde, Herren
+und Diener sich keinen Gewissensvorwurf machen zu dürfen glauben, wenn
+sie einander betrügen.
+
+
+ 5.
+
+Die Herren ~Buchhändler~ verdienten wohl ein eigenes Kapitel. In
+demselben könnte man sehr viel Wahres zum Lobe derjenigen unter ihnen
+sagen, die diesen Handel nicht als einen jüdischen Erwerb treiben, so
+daß sie etwa wenig darum bekümmert wären, was ~für~ Bücher bei ihnen
+verlegt und verkauft werden, in so fern nur Geld daraus gelöset wird,
+-- denen es nicht gleichgültig ist, ob man sie zu Hebammen von kleinen
+Krüppeln und Mißgeburten braucht, ob sie zu Werkzeugen der Ausbreitung
+eines elenden, seichten, falschen Geschmacks und schlechter Grundsätze
+dienen, -- sondern denen, wie unserm Nicolai, Wahrheit, Kultur und
+Aufklärung am Herzen liegen, -- die das verkannte, im Dunkeln lebende
+Talent ermuntern, aus dem Staube hervorziehen, in Thätigkeit setzen und
+großmüthig unterstützen, -- die den täglichen Umgang und das Verkehr
+mit Gelehrten und Büchern dazu anwenden, sich selbst Kenntnisse zu
+sammeln, ihren Geist zu bilden, und bessere Menschen zu werden. Und
+dann würde, des Kontrastes wegen, das Gegenbild keine üble Wirkung
+machen -- das Bild eines Mannes, der, nachdem ein halbes Jahrhundert
+hindurch die vortrefflichsten Werke durch seine schmutzigen,
+geldgierigen Finger gegangen sind, noch immer eben so unwissend
+und dumm geblieben ist -- ausgenommen die kleinen Wucher-Künste,
+-- wie ein zehnjähriger Knabe, -- der Manuscripte und neue Bücher
+nach der Dicke, nach dem Titel und nach dem herrschenden Geschmack
+und Ungeschmack des Publikums schätzt und kauft, -- der, um diesen
+falschen Geschmack zu unterhalten, durch unbärtige Knaben jämmerliche
+Broschüren, Romänchen und Mährchen schreiben, und unter seiner Firma
+(Namen) in die Welt gehen läßt, -- der die erbärmlichste Schmiererei,
+deren Nichtswürdigkeit er selbst fühlt, durch einen viel versprechenden
+Mode-Titel, oder durch saubere Bilderchen aufgestutzt, nach Frankfurt
+und Leipzig schleppt, und für diese Lumpereien ein schändendes Lob
+von feilen Recensenten erkauft, -- den Mann von Talenten wie einen
+Tagelöhner behandelt und bezahlt, von der eingeschränkten häuslichen
+Lage eines armen Schriftstellers Vortheil zieht, um ein Werk,
+das Anstrengung aller Kräfte, Nachtwachen und Aufwand von wahrer
+Geistesgröße erfordert hat, und womit er Tausende gewinnen kann, wie
+Maculatur zu erhandeln, -- der, so oft ihm ein Werk angeboten wird,
+verächtlich die Nase rümpft und den Kopf schüttelt, um desto wohlfeiler
+daran zu kommen, -- der, wie unter andern unsere Carlsruher und
+Frankenthaler Freunde, durch Nachdruck ein Dieb an fremdem Eigenthume
+wird. Endlich könnte ich Vorschriften geben, wie die Schriftsteller
+mit Buchhändlern von dieser Art umgehen sollen, um nicht ihre Sclaven
+zu werden, -- wie man sich bei ihnen ein Gewicht geben könne, und in
+welche Form man seine Geistes-Produkte gießen müsse, damit sie von den
+Sosiern unsrer Zeit in Verlag genommen werden. -- Das aber sind zum
+Theil Zunft-Geheimnisse, die unter uns großen Gelehrten nur mündlich
+fortgepflanzt werden, und die man also nicht jedem, der bloß Leser ist,
+verrathen darf.
+
+Bei der ersten flüchtigen Uebersicht sollte man glauben, alle
+Buchhändler, die nur irgend einigen Verlag hätten, müßten reich
+werden. Wenn man in Deutschland vier und zwanzig Millionen Einwohner
+annimmt, und dann rechnet, daß jedes Buch tausendmal abgedruckt
+würde, so beträgt das auf 24,000 Menschen nur ein Exemplar. -- Und
+welches Buch könnte so schlecht seyn, daß nicht unter 24,000 Menschen
+wenigstens Einer Lust bekäme, es zu kaufen? Allein man wird bald
+anderer Meinung, wenn man die Schuldbücher der Herren Buchhändler
+durchsieht; wenn man erfährt, daß sie von ihren Amtsbrüdern nicht mit
+Gelde, sondern mit Maculatur und Ladenhütern, von andern Käufern aber
+oft mit Vertröstungen bezahlt werden; daß man von der Summe jener
+24 Millionen beinahe den ganzen Bauernstand und die Einwohner der
+kleinsten Städte abrechnen muß, und daß die häufigen Leih-Bibliotheken
+und Nachdruck-Fabriken ihnen beträchtlichen Schaden zufügen.
+
+Doch noch ~eine~ Bemerkung: Wer sich bei Buchhändlern, besonders in
+minder großen Städten, beliebt machen will, der leihe und verleihe
+nicht viel Bücher, und errichte keine Lese-Gesellschaften! Man kann
+es sonst wahrlich den armen Handelsmännern nicht übel nehmen, daß
+sie sich durch Nachdruck, kleine Künste und sparsames Honorarium an
+ihren Collegen, am Publiko und an den Autoren zu erholen suchen, wenn
+unter zwanzig Personen kaum einer ein Buch kauft, die übrigen aber
+unentgeldlich mitlesen.
+
+
+ 6.
+
+Ich habe im ersten Theile dieses Buchs bei der Gelegenheit, da ich
+Bemerkungen über den Umgang mit Wohlthätern machte, zugleich von dem
+Betragen gegen Lehrer und Erzieher geredet. Unter dieser Klasse habe
+ich aber die sogenannten +Maîtres+, d. h. die stundenweise bedungenen
+Unterweiser ~in Sprachen und Künsten~, nicht mit begriffen. Von diesen
+muß ich daher hier noch ein Paar Worte sagen.
+
+Wirklich ist es eine recht lästige Beschäftigung, zu Erringung seines
+Unterhalts den ganzen Tag durch, in Wind und Wetter, von einem Hause
+in das andere zu laufen, und ohne freie Wahl der Schüler dieselben
+Anfangsgründe einer Kunst oder Sprache unzähligemal wiederholen zu
+müssen. Findet man nun unter diesen Meistern dennoch einen Mann, den,
+trotz dieser abschreckenden Schwierigkeiten, die Fortschritte, welche
+seine Schüler machen, mehr reizen als der Gewinn, dem es ernstlich
+darum zu thun ist, seine Kunst leicht, gründlich, lebhaft und deutlich
+vorzutragen; so ehre man diesen, wie jeden Andern, der etwas zu
+unsrer Bildung beiträgt! Oft aber trifft man unter diesen Herren sehr
+schlechte Subjecte an: Menschen ohne Erziehung und Sitten, die von
+dem, was sie Andern beibringen wollen, selbst keine klare Begriffe,
+am wenigsten aber die Gabe haben, in Andern dergleichen zu erwecken,
+-- Menschen, die, besonders wenn sie mit Kindern zu thun haben, es
+bloß auf Gedächtniß-Kenntnisse anlegen, womit sie gelegentlich die
+unwissenden Eltern täuschen können, welche sich nun überreden, daß
+ihre Kinder große Fortschritte gemacht haben, indeß der Meister froh
+ist, wenn er die Stunde überstanden hat, -- Menschen, die, um nur die
+Lehrstunde auszufüllen, Stadt-Mährchen erzählen, aus ~einem~ Hause
+in das andre tragen, oder gar das unedle Handwerk von Kupplern und
+Liebesbriefträgern verwalten. Ich kann jeden sorgsamen Vater, und
+wem sonst junge Leute anvertrauet sind, nicht genug vor dieser bösen
+Gattung von Unterweisern warnen, und rathe, so viel möglich, bei
+den Lehrstunden solcher Meister, die man nicht recht genau kennt,
+gegenwärtig zu seyn. Ich kann mich nicht enthalten, diese Vorsicht
+besonders gegen Musik- und Sprach-Meister zu empfehlen. Die größere
+Anzahl der Tonkünstler und französischen Sprachmeister besteht aus sehr
+leichtsinnigen, üppigen, sinnlichen Menschen. Die Musik erregt Gefühle,
+aber dunkle Gefühle, die öfter für Wollust, als für hohe Tugenden
+empfänglich machen, mehr die Phantasie, als die Vernunft beschäftigen.
+Deswegen gibt es unter den Virtuosen so viel verderbte und gefährliche
+Menschen. Ganz anders verhält es sich mit großen Componisten; ich rede
+nur von ausübenden Musikern. Eben so gefährlich ist eine gewisse Klasse
+von Sprachmeistern. Die französische Sprache, die so reich ist an
+glatten Worten und feinen Wendungen, wird von diesen Menschen benutzt,
+um unschuldigen Herzen das Gift der Eitelkeit beizubringen.
+
+
+ 7.
+
+Ein redlicher, arbeitsamer und geschickter ~Handwerksmann~ oder
+~Künstler~ ist eine der nützlichsten Personen im Staate, und es macht
+unsern Sitten wenig Ehre, daß wir diesen Stand so gering schätzen. Was
+hat ein müssiger Hofschranze, was hat ein reicher Tagedieb, der um sein
+baares Geld sich Titel und Rang erkauft hat, vor dem fleißigen Bürger
+voraus, der seinen Unterhalt auf erlaubte Weise durch seiner Hände
+Arbeit erwirbt? Dieser Stand befriedigt unsre ersten und natürlichsten
+Bedürfnisse. Ohne ihn würden wir für unsre Nahrung und Kleidung und
+für alle Gemächlichkeiten des Lebens mit eigenen hohen Händen sorgen
+müssen; und erhebt sich nun gar der Handwerker oder Künstler (wie es
+sehr oft der Fall ist) durch Erfindungskraft und Verfeinerung seiner
+Kunst über das Mechanische, so verdient er doppelte Achtung. Dazu
+kömmt, daß man wirklich unter diesen Leuten, die bei ihren Geschäften
+Zeit genug haben, an andre nützliche Dinge zu denken, zuweilen die
+hellsten Köpfe, und Männer antrifft, die freier von Vorurtheilen sind,
+als Viele, die durch Studiren und Systemgeist ihre gesunde Vernunft
+verschroben haben.
+
+Wie pflichtmäßig ist es also, einen rechtschaffenen und fleißigen
+Handwerksmann zu ehren und sich höflich gegen ihn zu betragen! Und
+wie unedel ist es, ohne Noth von ihm abzugehen, ob man gleich keine
+Ursache hat mit seiner Arbeit, mit seinem Fleiße und seinen Preisen
+unzufrieden zu seyn. Man mache nicht den Handwerksneid unter diesen
+Leuten rege! Man ziehe, bei gleichen Umständen, ~den~ Handwerksmann,
+der unser Nachbar ist, dem entfernter wohnenden vor! Man bezahle
+ordentlich, pünktlich, baar, und dinge ihm nicht über die Gränzen
+der Billigkeit ab! Unverantwortlich ist das Verfahren so vieler
+Vornehmen und selbst Reichen, die, bei allem Aufwande, den sie machen,
+zuletzt daran denken, die Handwerksleute, welche für sie arbeiten, zu
+befriedigen. Eben die Verschwender, welche vielleicht in ~einem~ Abende
+Tausende im Spiele verlieren, und es für eine Ehrensache halten, diese
+Schuld ohne Aufschub zu tilgen, lassen den armen Handwerksmann um eine
+Rechnung von zehn Thalern, worunter mehr als die Hälfte in baaren
+Auslagen von seiner Armuth besteht, unbarmherziger Weise Jahre lang
+warten, und manchen sauren Weg vergebens thun, lassen ihn wohl gar
+von einem groben Haushofmeister auf eine kränkende Weise abfertigen.
+Diese Ungerechtigkeit und Härte stürzt so manchen ehrlichen, sonst
+wohlhabenden Bürger in Mangel, oder verleitet ihn, ein Betrüger zu
+werden.
+
+Es herrscht aber unter den Handwerksleuten die unartige Gewohnheit
+des Lügens. Sie versprechen, was sie weder halten können, noch halten
+wollen, und übernehmen mehr Arbeit, als sie in der bestimmten Frist zu
+liefern im Stande sind. Es würde der Mühe werth seyn, daß sich, wie
+ich schon oben in Ansehung der übertheuernden Krämer vorgeschlagen
+habe, die angesehensten Leute einer Stadt dahin vereinigten, bei einem
+solchen Windbeutel nicht mehr arbeiten zu lassen. Daher mache ich mit
+den Handwerksleuten, welche für mich arbeiten, den Vertrag, daß ich
+augenblicklich von ihnen abgehe, sobald sie mir ihre Zusage nicht
+halten. Dadurch nun, und wenn man jedesmal bei Ablieferung der Arbeit
+baar bezahlt, erlangt man, daß man seltner belogen wird, als Andre.
+
+
+ 8.
+
+Ein Blick zurück auf das, was ich von dem Umgange mit
+Kaufleuten gesagt habe, erinnert mich, daß ich bei dieser Gelegenheit
+auch von den ~Juden~, als gebornen Handelsmännern, hätte reden
+sollen. Ich will aber das Wenige, was ich etwa über diesen Gegenstand
+vorzutragen habe, hier nachholen.
+
+In Amerika trifft man sehr viel Juden an, die durchaus in allen ihren
+Sitten mit den Christen übereinstimmen, auch sogar mit christlichen
+Familien durch wechselseitige Heirathen sich verbinden. In Holland
+und in einigen Städten von Deutschland, besonders in Berlin, ist
+die Lebensart mancher jüdischen Familien von der Weise anderer
+Religions-Verwandten auch fast gar nicht verschieden. In diesen Fällen
+nun ist eine von den Ursachen gehoben, weswegen der Charakter dieses
+Volks so viel widrige Eigenheiten hat. Freilich bringen es leider
+die mehrsten Juden in der höhern Kultur nicht weiter, als daß sie
+die Einfalt und Strenge ihrer Sitten gegen christliche Laster und
+Thorheiten vertauschen. Ein jüdischer Stutzer, Wüstling oder Freigeist
+spielt dann mehrentheils eine sehr unwürdige Rolle. Daß übrigens
+die höchst unverantwortliche Verachtung, mit welcher wir den Juden
+begegnen, -- der Druck, unter welchem sie in den mehrsten Ländern
+leben, und die Unmöglichkeit, auf andre Weise, als durch Wucher, ihren
+Lebens-Unterhalt zu gewinnen, -- daß diese unsere Ungerechtigkeit
+nicht wenig dazu beiträgt, sie moralisch schlecht zu machen, und
+zur Niederträchtigkeit und zum Betruge zu reizen, -- endlich daß
+es, ungeachtet aller dieser Umstände, dennoch edle, wohlwollende,
+großmüthige Menschen unter ihnen gibt: -- das sind bekannte, oft
+gesagte Dinge. Laßt uns aber hier die Juden, nicht wie sie unter andern
+Umständen seyn ~könnten~, noch wie einzelne Subjecte unter ihnen sind,
+sondern so, wie wir jetzt ihren Volks-Charakter nach der größern Anzahl
+beurtheilen müssen, betrachten!
+
+Sie zeigen sich rastlos und von einer unerschöpflichen Geduld und
+Ausdauer, wo etwas zu gewinnen ist; sie verschmähen auch den kleinsten
+Gewinn bei ihrem Gewerbe nicht, und machen, durch ihren Zusammenhang in
+allen Ländern und dadurch, daß sie sich durch keine Art von Bedrückung
+und Zurückweisung abschrecken lassen, fast unmögliche Dinge möglich.
+Man kann sie daher zu den wichtigsten Verhandlungen brauchen, und auf
+ihre Klugheit eben so sehr, wie auf ihre Ausdauer rechnen; nur muß man
+ihre Dienste gut bezahlen.
+
+Sie sind verschwiegen, wo sie Interesse dabei finden; vorsichtig;
+zuweilen zu furchtsam, doch für's Geld bereit, das Aergste zu wagen;
+verschlagen; witzig; scharfsinnig in ihren Einfällen; Schmeichler im
+höchsten Grade, und finden dadurch Mittel, sich ohne Aufsehen in den
+größten Häusern Einfluß zu verschaffen, und durchzusetzen, was man ohne
+sie schwerlich bewirken würde.
+
+Sie sind mißtrauisch. Sind sie aber ~einmal~ überzeugt, daß sie
+pünktliche Bezahlung erhalten werden, und mit einem ehrlichen Manne
+zu thun haben, so kann man auch bei ihnen Hülfe finden, wenn alle
+christlichen Wucherer sich zurückziehen.
+
+Bist Du aber ein schlechter Wirth, oder sind Deine Vermögens-Umstände
+in einer zweideutigen Lage: so wird niemand dieß leichter gewahr
+werden, als der Jude. Rechne dann nicht darauf, daß er Dir Geld
+vorschießen werde, oder mache Dich gefaßt, ihm, wenn er es auf
+Speculation daran wagt, Dich zu so übertriebenen Procenten und zu
+solchen Bedingungen verbindlich machen zu müssen, daß dadurch Deine
+Lage gewiß noch unglücklicher wird!
+
+Es wird den Juden gewaltig schwer, sich vom Gelde zu trennen, weil
+es ihr höchstes Gut, und die Bedingung ihres Daseyns ist. Darum gehen
+sie in Geld-Angelegenheiten mit der größten Vorsicht zu Werke, und
+lassen sich dabei keine Mühe verdrießen. Wenn Jemand, den sie nicht
+recht genau kennen, sie um ein Darlehn anspricht, so werden sie
+denselben auf einen andern Tag wieder bestellen. Unterdessen forschen
+sie bei Handwerkern, Nachbaren, Bedienten u. dgl. nach den kleinsten
+Umständen des künftigen Schuldners. Kömmt dieser zur bestimmten Zeit
+wieder, so läßt sich der Jude verleugnen, oder verschiebt die Zahlung
+noch um einige Wochen, Tage oder Stunden. Und ist auf Deinem Gesichte
+nur irgend eine Spur von Verlegenheit über Deine Umstände, oder von
+zu großer Freude über die zu hoffende Hülfe zu lesen, so wird der
+Jude sich nicht von seinem Mammon trennen, und hätte er auch schon
+angefangen, das Geld hinzuzählen. Daß er Dir immer das leichteste Gold
+geben wird, versteht sich von selbst. Auf dies alles muß man sich
+gefaßt machen, wenn man in solche Fälle kömmt.
+
+Bei dem Handel mit Hebräern gemeiner Art ist es rathsam, die Augen oder
+den Beutel zu öffnen. Es ist sehr natürlich, daß ein Christ sich auf
+ihre Gewissenhaftigkeit, auf ihre Betheuerungen nicht verlassen darf.
+Sie werden Euch Kupfer für Gold, drei Ellen für vier, alte Sachen für
+neue verkaufen, falsche Münze für ächte geben, wenn Ihr es nicht besser
+verstehet.
+
+Wenn man alte Kleider oder andre Sachen an Juden verhandeln will,
+so suche man mit dem ersten, der ein irgend leidliches Gebot thut,
+sogleich einig zu werden! Lässest Du ihn fortgehen, ohne sein Gebot
+anzunehmen, so wird die Nachricht, daß bei Dir etwas zu schachern sey,
+und daß man Mendeln oder Joseph den Handel nicht verderben dürfe, wie
+ein Lauf-Feuer durch die ganze Judenschaft gehen, und in der Synagoge
+publicirt werden: in solchen Fällen halten sie treulich zusammen. Es
+werden dann haufenweise die Israeliten, fremde und einheimische, Dein
+Haus bestürmen; aber jeder später kommende wird immer etwas weniger
+bieten, als der vorhergehende, bis Du endlich entweder den ersten
+wieder aufsuchst, der aber dann die gleich anfangs gebotene Summe
+noch vermindert, oder bis Deine Waare Dir so zuwider wird, daß Du sie
+für die Hälfte des Werths einem Andern hingibst, der sie treulich dem
+Ersten einhändigt. Wenn auch ein Jude von gemeiner Art Dir im Handel
+so viel bietet, wie Du etwa fordern zu dürfen glaubst, so schlage doch
+nicht gleich zu; er wird sonst zurückziehen, entweder weil er nun
+denkt, er hätte noch wohlfeiler dazu kommen können, oder es stecke
+Betrug dahinter.
+
+Ist man seines Kaufs mit einem Trödel-Juden völlig einig, so wird er
+doch noch versuchen, den Verkäufer zu hintergehen. Er wird gewöhnlich
+sagen: »er habe kein baares Geld bei sich, wolle aber die Uhr oder
+sonst etwas zum Unterpfande lassen.« Er weiß wohl, daß man das selten
+annimmt. Gibt man ihm nun Credit und das Gekaufte mit, so schleppt er
+dies in der ganzen Stadt herum, bietet es feil, und bringt es wieder,
+mit dem Bedeuten: »man solle etwas schwinden lassen; er habe sich
+übereilt.« Oder er kömmt gar nicht wieder, und man muß lange hinter
+der Bezahlung herlaufen. Auch wollen sie gar zu gerne Waare statt
+Geld geben, denn die baare Münze ist ihnen gar zu sehr an's Herz
+gewachsen. -- Auf dies alles darf man sich nicht einlassen. Etwas ganz
+Charakteristisches hat diese Nation übrigens in Allem. -- Ich rede von
+dem großen Haufen derselben, nicht von denen, die sich (vielleicht
+nicht zu ihrem Glücke) nach den Sitten der Christen umgebildet haben.
+-- Man höre die Musik in ihren Tempeln, und die ganz eigene Art,
+wie sie dieselbe vortragen! Man sehe sie tanzen! Man gebe Acht auf
+die Verzierungen, welche auch die reichsten alten Juden in ihren
+Häusern anbringen, ob nicht immer etwas von den Knäufen an dem Tempel
+Salomons, von den Verzierungen der Bundeslade, Scharlach, Rosenroth und
+gezwirnter weißer Seide mit unterläuft.
+
+
+ 9.
+
+In den mehrsten Provinzen von Deutschland lebt der ~Bauer~
+in einer Art von Druck und Sclaverei, die wahrlich oft härter ist,
+als die Leibeigenschaft desselben in andern Ländern. Mit Abgaben
+überhäuft, zu schweren Diensten verurtheilt, unter dem Joche grausamer,
+habsüchtiger Beamten seufzend, werden sie des Lebens nie froh, haben
+keinen Schatten von Freiheit, kein sichres Eigenthum, und arbeiten
+nicht für sich und die Ihrigen, sondern nur für ihre Tyrannen.
+
+Wen nun die Vorsehung in die glückliche Lage gesetzt hat, zu
+Erleichterung dieser so sehr gedrückten und doch so wichtigen,
+zahlreichen und nützlichen Menschen-Klasse etwas beitragen zu können:
+o! der schaffe sich doch die süße Wonne, in den ländlichen Hütten
+Freude zu verbreiten, und seinen Namen von Kindern und Enkeln mit Segen
+nennen zu hören!
+
+Freilich wohl sind die Bauern zum Theil so hartnäckige, zänkische,
+widerspenstige und unverschämte Geschöpfe, daß sie aus der geringsten
+Wohlthat eine Schuldigkeit machen, -- daß sie nie zufrieden sind,
+immer klagen, immer mehr haben wollen, als man ihnen zugestehen kann;
+allein sind wir nicht selbst durch lange fortgesetzte unedle Behandlung
+und Vernachlässigung ihrer Bildung daran Schuld, daß niederträchtige
+Gesinnungen bei ihnen herrschend werden? und gibt es nicht einen
+Mittelweg zwischen übertriebener Nachsicht und despotischer Strenge
+und Grausamkeit? Ich verlange nicht, daß ein Landes- oder Guts-Herr
+sich, so lange die jetzige Ordnung der Dinge noch Statt hat, des Rechts
+begeben solle, seine Unterthanen zu schuldigen Diensten zu gebrauchen;
+allein, kann es erlaubt seyn, diese Dienste auch dann zu verlangen,
+wenn nur von dem edlen Vergnügen einer Hirsch- oder Schweine-Metzelei
+die Rede ist? ist es menschlich, den Bauer zu einer Zeit, wo seine
+Gegenwart zu Hause dringend nothwendig ist, mehrere Tage hinter
+einander in strenger Kälte mit leerem Magen herumlaufen, und Ohren und
+Nase erfrieren zu lassen? Der Gutsherr kann und soll ihm die schuldigen
+Abgaben nicht schenken; aber er soll Nachsicht mit seinen Umständen
+haben, Rücksicht auf erlittene Unglücksfälle nehmen, und darauf halten,
+daß die Beamten die Gelder in einer Zeit eintreiben, wo es dem armen
+Landmanne weniger schwer wird, baare Münze aufzutreiben, ohne sich mit
+Leib und Seele dem Juden oder dem bösen Feinde zu verschreiben.
+
+Man schwatzt so viel von Verbesserung der Dorfschulen und Aufklärung
+des Landvolks; allein überlegt man auch wohl immer genau genug,
+welch ein Grad von Aufklärung für den Landmann, besonders für den
+von niedrigem Stande, taugt? Daß man den Bauer nach und nach, mehr
+durch Beispiele als durch Abhandlungen, zu bewegen sucht, von manchen
+ererbten Vorurtheilen, in der Art des Feldbaues und überhaupt in der
+Führung des Haushalts, zurückzukommen, -- daß man durch zweckmäßigen
+Schul-Unterricht die thörichten Grillen, den dummen Aberglauben,
+den Glauben an Gespenster, Hexen u. dergl. zu zerstören trachte,
+-- daß man die Bauern gut schreiben, lesen und rechnen lehre: das
+ist löblich und nützlich. Ihnen aber allerlei Bücher, Geschichten
+und Fabeln in die Hände zu spielen; sie zu gewöhnen, sich in eine
+Ideen-Welt zu versetzen; ihnen die Augen über ihren armseligen Zustand
+zu öffnen, so lange man nicht die ernstliche Absicht hat, diesen zu
+verbessern; sie durch zu viel Aufklärung unzufrieden mit ihrer Lage,
+und aufgelegt zu machen, über die ungleiche Austheilung der Glücksgüter
+zu declamiren; ihren Sitten Geschmeidigkeit und den Anstrich der
+feinen Höflichkeit zu geben -- das taugt wahrlich nicht, obgleich es
+auch grausam und ungerecht ist, die natürlichen Fortschritte einer
+solchen Aufklärung vorsätzlich ~hindern~ zu wollen. Ohne alle diese
+künstlichen Hülfsmittel trifft man unter alten Landleuten Menschen
+von so unverfälschtem Sinne, von so hellem, heiterm Kopfe, und von so
+festem Charakter an, die manchen hochstudirten Herrn beschämen könnten.
+Es scheint also rathsam, hier mit großer Mäßigung und Sparsamkeit zu
+Werke zu gehen. Im Ganzen betrage man sich gegen den Bauer treuherzig,
+gerade, offen, ernsthaft, wohlwollend, nicht geschwätzig, dem
+Verhältnisse gemäß, und bleibe sich gleich: und man wird sich seine
+Achtung, sein Zutrauen erwerben, und viel über ihn vermögen.
+
+Von ~Land-Edelleuten~ und andern Personen höhern Standes, die in den
+Dörfern leben, gilt zum Theil dasselbe. Man nehme keinen Residenz-Ton
+im Umgange mit ihnen an, hüte sich vor leeren Complimenten, nehme Theil
+an ihren ländlichen Freuden, Sorgen und Geschäften, und verbanne allen
+Zwang, ohne doch den Ton zu tief herabzustimmen: so wird man ihnen als
+Gast, Nachbar, Freund und Rathgeber willkommen seyn.
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel.
+
+ Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart und Gewerbe.
+
+
+ 1.
+
+Zuerst von den sogenannten Abentheurern und Pflastertretern. Ich rede
+hier nicht von den eigentlichen Betrügern und Gaunern -- von diesen
+soll gleich nachher gehandelt werden! -- sondern von der unschädlichen
+Art der Abentheurer, die, wenn sie sich mit der Glücksgöttin gar
+zu oft überworfen haben, zuletzt an die kleinen Neckereien dieses
+launigten Weibes so gewöhnt sind, daß sie immer aufs Neue blindlings
+in den Glückstopf hineingreifen, und es wagen, entweder auf die Finger
+geklopft zu werden, oder einmal einen fetten Brocken zu erhaschen.
+Sie leben, ohne festen Plan für den folgenden Tag, auf gute Hoffnung
+los, und unternehmen sorglos und leichtsinnig alles, was ihnen für den
+Augenblick eine Aussicht zu einigem Unterhalte zu eröffnen scheint.
+Wo eine reiche Wittwe zu heirathen, eine Pension, eine Bedienung an
+irgend einem Hofe, oder dergleichen zu erschleichen ist, da sind sie
+nicht saumselig. Sie verändern den Namen, adeln sich, schaffen sich um,
+so oft es ihnen beliebt, und es die Sache erleichtern kann. Was sich
+als Edelmann nicht durchsetzen läßt, das versuchen sie als Marquis,
+als Abbé, als Offizier. Zwischen Himmel und Erde ist kein Fach, kein
+Departement, in welchem sie nicht bereit wären, sich an die Spitze
+der Geschäfte stellen zu lassen, keine Wissenschaft, über welche
+sie nicht mit einer Zuversicht schwatzten, die sogar den Gelehrten
+zuweilen stutzen macht. Mit einer bewundernswürdigen Gewandtheit,
+mit einem +savoir faire+, das selbst der bessere Mann zum Theil von
+ihnen lernen sollte, gelangen sie zu Dingen, die der Rechtschaffenste
+und Verständigste nicht einmal zu wünschen den Muth hat. Ohne tiefe
+Menschenkenntniß haben sie gerade das, womit man in dieser Welt über
+wahre Weisheit den Meister spielt -- +esprit de conduite+. Gelingt
+das nicht, was sie unternehmen, so werden sie doch dadurch nicht in
+ihrem guten Humor gestört; die ganze Welt ist ihr Vaterland, und als
+blinde Passagiers sind sie auf dem Postwagen eben so zu Hause, wie
+in einer prächtigen Karosse. -- Ein gutmüthiges Völkchen, durch das
+Nomaden-Leben gewöhnt, Freuden und Leiden geduldig zu ertragen und zu
+theilen! Haben sie irgendwo ihre Rolle ausgespielt, so schnüren sie ihr
+Bündelchen, und gehen aus ihren Palästen so leichtfüßig davon, wie ein
+flüchtiger Morgen-Traum.
+
+Als Gesellschafter mag man diese Leute nicht verachten! Sie haben so
+Manches gesehen und erfahren, daß dem Menschen-Kenner ihr Umgang nicht
+ganz uninteressant seyn kann. Ja, wenn sie sonst nicht bösartig sind,
+so findet man bei ihnen Theilnehmung, Dienstfertigkeit und Gefälligkeit
+in hohem Grade. Dagegen ist zu einer genauen freundschaftlichen
+Verbindung mit ihnen gar nicht zu rathen. Man sey nicht zu vertraulich
+gegen sie, und bediene sich nicht ihrer Hülfe zu wichtigen Geschäften!
+Theils leidet dadurch unser eigner Ruf, theils kann man sich von ihrem
+Leichtsinne und ihrer Charakterlosigkeit wenig wahre Hülfe versprechen;
+auch pflegen sie nicht eben sehr ekel in der Wahl der Mittel zu seyn,
+welche sie anwenden, um zu einem Zwecke zu gelangen.
+
+
+ 2.
+
+Beschäme nicht leicht den Abentheurer, auch den von schlechter
+Art nicht, wenn Du ihn irgendwo in einer erborgten Gestalt, unter
+falschem Namen, oder mit selbstgeschaffnen Titeln und Ehrenzeichen
+geschmückt antriffst, in so fern nicht wichtige Gründe eintreten,
+oder Du besondern Beruf dazu hast! Auch würde Dir das nicht immer
+gelingen; denn seine Unverschämtheit möchte vielleicht Wege finden,
+das Unangenehme einer solchen Scene auf Dich selbst fallen zu machen.
+Doch kann es zuweilen nützlich seyn, so einem Herrn unter vier Augen
+merken zu lassen, daß man ihn kenne, und daß es in unsrer Macht stehen
+würde, ihn zu entlarven, daß man aber seiner schonen wolle. Dann
+wird ihn vielleicht die Furcht vor der Entdeckung zurückhalten, böse
+Streiche zu spielen. Es gibt aber unter diesen Landläufern äusserst
+gefährliche Menschen, Ausspäher, Verführer, Verleumder, Diebe und
+Schelme aller Art. Nicht nur sollte diesen die Thür jedes ehrlichen
+Mannes sorgfältig verschlossen werden, sondern die kleinern deutschen
+Fürsten würden auch wohl thun, wenn sie sich weniger mit solchem
+Gesindel einließen, welches gewöhnlich mit einer Tasche voll Pläne
+und Entwürfe zum Besten des Landes, zur Beförderung des Handels, zum
+Flor und zur Verschönerung der Residenzen, angezogen kömmt, redliche
+Diener aus ihren Aemtern verdrängt und verdächtig macht, seinen Beutel
+zum Ruin des Landes spickt, freilich seine Rolle selten lange spielt;
+aber wenn es auch, mit Schimpf und Schande beladen, davon gehen muß,
+mehrentheils viel gestiftetes Unglück zurückläßt, was es nie wieder gut
+machen kann, und irgend einen andern schwachen Herrn findet, mit dem es
+seine Operationen aufs Neue versucht. In diesen Fällen ist es Pflicht,
+dem Bösewichte öffentlich die Larve abzuziehen; doch thue man das
+nicht eher, als bis man die deutlichsten Beweise gegen ihn in Händen
+hat! denn dergleichen Menschen haben die Gabe, ihre Sache von solchen
+Seiten vorzustellen, daß man sehr viel wagt, wenn man sie mit unsichern
+Waffen angreift.
+
+
+ 3.
+
+Unter allen Abentheurern sind, nach meiner Empfindung, die ~Spieler~
+vom Handwerk die verächtlichsten. Indem ich nun von ihnen rede, werde
+ich auch Gelegenheit nehmen, über das Spiel im Allgemeinen und über das
+Betragen bei demselben etwas zu sagen.
+
+Keine Leidenschaft kann so weit führen, keine kann den Jüngling, den
+Mann und ganze Familien in ein grenzenloseres Elend stürzen, keine
+den Menschen in eine solche Kettenreihe von Verbrechen und Lastern
+verwickeln, als die unglückselige Spielsucht. Sie erzeugt und nährt
+alle nur ersinnlichen unedeln Empfindungen: Habsucht, Neid, Haß, Zorn,
+Schadenfreude, Verstellung, Falschheit und Vertrauen auf blindes Glück;
+sie kann zu Betrug, Zank, Mord, Niederträchtigkeit und Verzweiflung
+führen, und tödtet auf die schändlichste Weise die goldne Zeit. Wer
+reich ist, begeht eine unverzeihliche Thorheit, wenn er sein Geld auf
+so ungewisse Speculation anlegt; und wer nicht viel zu wagen hat, muß
+furchtsam spielen, kann die Launen des Glücks nicht abwarten, sondern
+muß bei dem ersten widrigen Schlage das Feld räumen, oder er wagt
+es darauf, aus einem Dürftigen ein Bettler zu werden. Doch ist die
+Thorheit der Erstern noch weit größer, als die der Letztern. Selten
+stirbt der Spieler als ein reicher Mann; wer daher auf diesem elenden
+Wege Vermögen erworben hat, und dann nicht aufhört zu spielen, den
+möchte man einen Wahnsinnigen nennen.
+
+Die, welche Tage und Nächte dem Spiel opfern, bedenken gewiß nicht,
+daß, wenn sie täglich spielen, sie sich eine jährliche ~gewisse~
+Ausgabe von wenigstens sechzig Thalern aufladen, die sie von dem
+möglichen ~ungewissen~ Gewinne abrechnen müssen; nämlich das
+Kartengeld. Sie bedenken noch weniger, daß sie die unwürdigsten
+Zeitverschwender, und allen Guten und Edlen verächtlich, daß sie früher
+oder später der Verzweiflung preisgegeben sind.
+
+Hüte Dich, mit Leuten vom Handwerke Dich auf ein Spiel einzulassen,
+wenn Dir Dein Geld und Deine Ehre lieb ist!
+
+Traue Keinem von ihnen! in keiner Sache! -- Die wenigen Ausnahmen,
+wo diese Regel einem ehrlichen Spieler von Profession Unrecht thun
+könnte, verdienen nicht in Anschlag gebracht zu werden; und wer sich
+dieser verächtlichen Lebensart widmet, mag es nicht übel nehmen, daß
+man ihm den Geist der bösen Zunft zutraut, zu welcher er sich bekennt.
+
+Laß Dich auf keine bloße Hazard-Spiele ein! Um geringen Preis
+gespielt, sind sie äusserst langweilig, und hohes Geld dem Ungefähr
+preisgeben, ist Narrheit. Ein verständiger Mann verachtet ohnehin jede
+Beschäftigung, bei welcher Kopf und Herz schlummern müssen, und man
+darf nur ein mittelmäßiger Rechner seyn, um sich zu überzeugen, daß
+bei solchen Glücksspielen die Wahrscheinlichkeit immer gegen uns ist.
+Wollen wir aber gar keine Wahrscheinlichkeit annehmen, so bleibt der
+Erfolg ein Werk des Zufalls: -- und wer wird denn vom Zufalle abhängen
+wollen?
+
+Auf die sogenannten Commerenz-Spiele thue gänzlich Verzicht, oder lerne
+sie vorher recht, und spiele mit gleicher Aufmerksamkeit, es mag um
+hohen Preis, oder um eine Kleinigkeit gelten! Lerne Dich aber auch im
+Spiele beherrschen, und wage nicht mit Unverstand! Mache nicht, durch
+gehäufte Fehler der Aufmerksamkeit und Kunst, Dich selbst arm, und
+Deinen Mitspielern Ungeduld und Langeweile!
+
+Zeige keine böse Laune, wenn Du schlechte Karten bekömmst, und wenn Du
+verlierst! Wer nie Geld im Spiele verlieren will, der muß sich auf die
+Blindekuh einschränken.
+
+Manche Leute geben immer vor, gewonnen zu haben; andere klagen stets
+über Verlust. Die Erstern belügen nur ihren eigenen Geldbeutel; die
+Andern aber sprechen sich selbst ein böses Urtheil. Denn wer ohne
+Unterlaß verliert, ist ein Narr, wenn er nicht endlich das Spielen
+aufgibt.
+
+Spiele nicht so unerträglich langsam und bedächtig, daß Deinen
+Gesellschaftern alle Geduld vergehen muß. Zanke nicht, wenn Deine
+Mitspieler Fehler machen!
+
+Zeige keine laute Freude, wenn Du gewinnst! das pflegt Dem, welcher
+verloren hat, empfindlicher zu seyn, als der Verlust selbst.
+
+Nöthige niemand zum Spiele, wenn Du weißt, daß er ungern oder
+unglücklich spielt! Dieß geschieht vielfältig von Leuten, denen es eine
+wichtige Angelegenheit ist, ihre Parthieen vollzählig zu haben.
+
+-- Doch diese Materie ist wohl kaum der so langen Abhandlung werth. --
+Wenden wir uns zu andern Gegenständen!
+
+
+ 4.
+
+Unter den Abentheurern unsrer Zeit spielen die ~Geisterseher~,
+~Goldmacher~ und andre ~mystische Betrüger~ keine unbeträchtliche
+Rolle. Diese Art von Schwärmerei, nämlich der Glaube an übernatürliche
+Wirkungen und Erscheinungen, ist sehr ansteckend. Bei dem Gefühle, wie
+manche Lücke in unsern philosophischen Systemen und Theorien übrig
+bleibt, so lange unser Geist in den Grenzen irdischer Ausdehnung
+eingeschränkt ist, und bei der Begierde, dennoch, über die Grenzen
+dieser Eingeschränktheit hinaus, Blicke zu thun, scheint es dem
+Menschen ganz natürlich, die unerklärbaren Sachen +a posteriori+ zu
+erläutern, wenn es mit den Beweisen +a priori+ nicht recht gehen
+will; d. h. aus den gesammelten Thatsachen Resultate zu ziehen, die
+ihm angenehm sind; Resultate, die theoretisch, durch Schlüsse, nicht
+vollständig herauskommen. Da geschieht es dann, daß, um eine Menge
+solcher Thatsachen zu gewinnen, man geneigt ist, jedes Mährchen für
+wahr, jede Täuschung für Realität zu halten, damit man seinem Glauben
+Gewicht gebe. Je aufgeklärter aber die Zeiten werden, je emsiger man
+sich bestrebt, der Wahrheit auf den Grund zu kommen, desto sichtbarer
+wird es uns, daß wir auf Erden diesen Grund nicht finden; um desto
+leichter also gerathen wir auf jenen Weg, den wir vorher verachtet
+haben, so lange noch auf dem hellen Wege der Theorie neue Entdeckungen
+zu machen waren. Ich glaube, daß dieß eine ungezwungene Erklärung
+des Phänomens ist, das so Manchem höchst wunderbar scheint, -- des
+Phänomens, daß in den Zeiten der größten Aufklärung ein blinder Glaube
+an Ammen-Mährchen grade am stärksten einreißt.
+
+Diese Stimmung des Publikums nun machen sich eine Menge Betrüger zu
+Nutze, die theils planmäßig verbunden, uns zu unterjochen, theils
+einzeln, nach Zeit und Gelegenheit darauf ausgehen, die Augen der
+Schwachen zu blenden.
+
+Sey es nun dabei auf unsre Geldbeutel, oder auf Tyrannei über unsern
+Willen, oder auf irgend einen andern moralischen, intellectuellen oder
+politischen Mißbrauch angesehen: so ist es immer sehr wichtig, dagegen
+auf seiner Hut zu seyn.
+
+Obgleich ich mich nicht fest überzeugen kann, daß alle Abentheurer
+solcher Art, daß die Cagliostro's, Saint Germain's, Schröpfer und
+Consorten, bis auf den armen Masius hinunter, sämmtlich von einer
+einzigen Triebfeder regiert werden, und daß jeder solcher Wundermann
+seine Unternehmungen auf denselben Zweck zu leiten die Absicht haben
+sollte: so sind wir doch denen allen Dank schuldig, die uns vor
+solchen Abentheurern warnen, und uns wenigstens zeigen, ~wohin das
+führen~ könnte. Um aber nicht zu wiederholen, was so vielfältig ist
+gesagt worden, und noch immer gesagt wird, will ich hier, bei dem
+Betragen gegen Leute von der Art, nur folgende Vorsichtigkeits-Regeln
+vorschlagen.
+
+Laß es an seinen Ort gestellt seyn, ob man Geister sehen und Gold
+machen könne, oder nicht! Leugne nicht das, wovon Du nicht das
+Gegentheil so klar beweisen kannst, daß es nicht möglich ist, dagegen
+etwas einzuwenden! -- denn Beweise, die auf Vordersätzen beruhen,
+welche nur willkührlich angenommen sind, können bloß den überzeugen,
+der Lust hat, davon überzeugt zu werden. -- Aber baue nicht, bei
+der Möglichkeit einer Sache, den Schluß auf ihre Wirklichkeit, noch
+auf metaphysische Grillen moralische Handlungen! Sollte auch jemand
+durch Schlüsse überführt werden können, daß wohl sehr wahrscheinlich
+jedes sichtbare Wesen von einer Menge unsichtbarer umgeben ist: so
+bleibt es doch immer thöricht gehandelt, wenn dies sichtbare Wesen
+seine sichtbaren Handlungen mehr nach der vermuthlichen unsichtbaren
+Gesellschaft, die ihn umgibt, einrichtet, als nach den Sitten der
+wackern wirklichen Personen, unter denen es umherwandelt.
+
+Man zeige also in Worten und Handlungen mehr Wärme für thätige,
+nützliche Wirksamkeit, als für Speculation; so werden sich die Herren
+Mystiker nicht leicht zu uns gesellen!
+
+Geräthst Du aber an einen solchen Wundermann, und ist Dir daran
+gelegen, ihn und sein System genauer kennen zu lernen: so hüte Dich,
+vorher Unglauben und Vorwitz zu offenbaren! Er wird sonst bald merken,
+daß mit Dir, als einem Ungläubigen, nicht viel anzufangen ist; er wird
+Dich nicht einweihen in seine Geheimnisse, nicht zulassen zu seinem
+esoterischen Unterrichte, und Du wirst den Vortheil entbehren, Dich
+und Deine Freunde von dem wahren Zusammenhange zu unterrichten, --
+ungerechnet, daß es sich wirklich für einen vernünftigen Mann nicht
+schickt, sich früher für oder gegen eine Sache einnehmen zu lassen,
+bevor er dieselbe kaltblütig untersucht hat, wäre auch aller Anschein
+dagegen; besonders wenn es Dinge betrifft, in welchen selbst der
+Weiseste lebenslang im Finstern tappt.
+
+Glaubt man zuversichtlich, einen Betrug entdeckt zu haben; so ist
+Spott, so ist Hohnlächeln nicht das Mittel, Schwärmer zu bekehren. Man
+gehe also Schritt vor Schritt, und da die Sinne leichter getäuscht
+werden können, als die Vernunft, so fordre man, bevor man sich auf
+Erscheinungen, Proben und Processe einläßt, daß vor allen Dingen
+zuerst die Theorie, auf welcher das alles beruht, recht deutlich
+erklärt werde! und hier lasse man sich nicht etwa auf eine bildliche
+Sprache ein, sondern auf bestimmte, verständliche deutsche Worte, und
+auf den Ideen-Gang und Sprach-Gebrauch, der einmal unter Gelehrten
+üblich ist. Es mag vielleicht sehr viel Weisheit in dem Dunkel der
+Mystiker stecken; aber für ~uns~ kann nur ~das~ Werth haben, was ~wir~
+verstehen. Man gönne einem Jeden die Freude, einen schmutzigen Kiesel
+für einen Diamant zu halten; aber wenn man kein eben so großer Kenner
+von Edelsteinen ist, so sage man gutmüthig, ohne Scheu, frei heraus:
+»daß man diesen Stein für nichts anders, als für einen schmutzigen
+Kiesel halten könne!« Es ist keine Schande, etwas nicht einzusehen;
+aber es ist mehr als Schande, es ist Betrug, das Ansehen haben zu
+wollen, als verstünde man, -- was man nicht versteht.
+
+Hat Dich indessen ein Landstreicher, ein Goldmacher, oder Geisterseher,
+bei Deiner schwachen Seite gefaßt, eine Zeitlang sein Spielwerk mit
+Dir getrieben -- o! wer ist mehr in dieser Leute Händen gewesen,
+als ich? -- und Du entlarvst endlich den Schurken: dann scheue Dich
+nicht, nein! denke, daß es Pflicht ist, zur Warnung andrer ehrlicher,
+leichtgläubiger Leute, öffentlich den Betrug bekannt zu machen, --
+möchtest Du auch dabei in keinem sehr vortheilhaften Lichte erscheinen!
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel.
+
+ Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern
+ derselben.
+
+
+ 1.
+
+Unter die mancherlei schädlichen und unschädlichen Spielwerke, mit
+welchen sich unser philosophisches Jahrhundert beschäftigt, gehört auch
+die Menge geheimer Verbindungen und Orden verschiedener Art. Man wird
+heut zu Tage in allen Ständen wenig Menschen antreffen, die nicht von
+Wißbegierde, Thätigkeitstrieb, Geselligkeit, oder Vorwitz geleitet,
+wenigstens eine Zeitlang Mitglieder einer solchen geheimen Verbrüderung
+gewesen wären. Und doch möchte es wohl nun endlich einmal Zeit seyn,
+diese theils zwecklosen und thörichten, theils dem gesellschaftlichen
+Leben gefährlichen Bündnisse aufzugeben. Ich habe mich lange genug
+mit diesen Dingen beschäftigt, um aus Erfahrung reden, und jedem
+jungen Manne, dem seine Zeit lieb ist, mit Zuversicht den Rath geben
+zu können, sich in keine geheime Gesellschaft, sie möge Namen haben,
+wie sie wolle, aufnehmen zu lassen. Sie sind alle, freilich nicht in
+gleichem Grade, aber doch alle ohne Unterschied, zugleich unnütz und
+gefährlich. Unnütz sind sie zuerst, weil man in unserm Zeitalter keine
+Art von wichtigem Unterrichte in Geheimnisse einzuhüllen braucht. Die
+christliche Religion ist so klar und befriedigend, daß sie nicht, wie
+diese Volks-Religionen der alten Heiden, einer geheimen Auslegung,
+einer doppelten Lehrart bedarf; und in den Wissenschaften werden die
+neuesten Entdeckungen zum Wohl der Welt öffentlich bekannt gemacht,
+müssen und sollen öffentlich bekannt gemacht werden, damit sie jeder
+Sachverständige prüfen und bewahrheiten könne. In den einzelnen Ländern
+hingegen, wo noch Finsterniß und Aberglauben herrschen, muß man den
+kommenden Tag erwarten. Man darf da nichts übereilen; man verdirbt
+oft mehr, als man gut macht, wenn man die Zwischenstufen überspringen
+will; es hat gar keinen Nutzen, daß einzelne Menschen die Periode der
+Aufklärung zu beschleunigen trachten; auch können sie das nicht;
+und wenn sie es können, so ist es Pflicht, dieß öffentlich zu thun,
+um desto mehr Pflicht, damit andre vernünftige Männer, in demselben
+Lande und in andern Gegenden, über den Beruf der Aufklärer, über den
+Werth der geistigen Waare, welche sie feil bieten, und darüber mögen
+urtheilen können, ob das, was sie lehren, auch wirklich Aufklärung sey,
+oder ob sie nicht vielleicht schlechtere Münzen ausprägen, als die ist,
+welche sie verrufen. Unnütz sind solche Verbindungen ferner, von Seiten
+ihrer Wirksamkeit, weil sie mehrentheils sich mit elenden Kleinigkeiten
+und abgeschmackten Ceremonien beschäftigen, eine Bilder-Sprache reden,
+die alle mögliche Auslegung leidet, nach schlecht durchgedachten Planen
+handeln, unvorsichtig in der Wahl ihrer Mitglieder sind, folglich bald
+ausarten, und, wenn sie auch anfangs in ihrer Einrichtung Vorzüge vor
+öffentlichen Gesellschaften haben könnten, nachher dieselben und noch
+mehr solcher Gebrechen bei ihnen einreißen, als die, über welche man in
+der Welt klagt. Wer Lust hat, etwas Großes und Nützliches zu thun, der
+findet dazu im bürgerlichen und häuslichen Leben sehr viel Gelegenheit,
+die fast kein Einziger ganz so eifrig und freudig ergreift, wie er
+sollte, um seinem Leben einen Werth, und seinem Herzen Befriedigung
+und Freude zu geben. Es müßte erst bewiesen werden, daß auf diesem
+öffentlich privilegirten Wege nichts mehr zu thun übrig bliebe, oder
+daß dem warmen Beförderer des Guten unübersteigliche Hindernisse in
+den Weg gelegt wären, bevor man das Recht haben dürfte, sich einen
+vom Staate nicht sanctionirten, geheimen, besondern Wirkungskreis zu
+schaffen. Wohlthätigkeit bedarf keiner mysteriösen Hülle; Freundschaft
+muß auf freier Wahl beruhen, und Geselligkeit braucht nicht durch
+geheime Wege befördert zu werden.
+
+Allein diese geheimen Verbindungen sind auch schädlich für die
+Welt, und gewissermaßen unvereinbar mit unsern Pflichten gegen die
+bürgerliche Gesellschaft. Schädlich, weil alles, was im Verborgenen
+geschieht, mit Recht in Verdacht gezogen werden kann; unvereinbar mit
+unsern Pflichten gegen den Staat, weil die Vorsteher der bürgerlichen
+Gesellschaft die Befugniß haben, von dem Zwecke jeder Thätigkeit, zu
+welcher sich Mehrere vereinigen, Kenntniß zu verlangen, indem sonst,
+unter dem Schleier der Verborgenheit, eben sowohl gefährliche Plane
+und schädliche Lehren, als edle Absichten und weise Kenntnisse,
+versteckt seyn können; weil sogar nicht einmal alle Mitglieder
+von solchen verderblichen Absichten, die man zuweilen hinter der
+schönsten Aussenseite zu verhüllen pflegt, unterrichtet sind; weil
+nur Alltagsseelen sich in diesen Schraubestock einzwängen lassen, die
+bessern hingegen entweder bald zurücktreten, oder zu Grunde gehen,
+ausarten und eine schiefe Richtung bekommen, oder auf Kosten der
+Andern herrschen; weil mehrentheils unbekannte Obere im Hinterhalte
+stehen, und es eines verständigen Mannes unwerth ist, nach einem
+Plane zu arbeiten, den er nicht übersieht, für dessen Wichtigkeit
+und Güte ihm Leute einstehen, -- die er nicht kennt, denen er sich
+verbindlich machen muß, ohne daß ~sie~ sich ~ihm~ verbindlich
+machen, ohne daß er weiß, an wen er sich zu halten hat, wenn man
+ihm dafür gar nichts leistet; weil schiefe Köpfe und Schurken sich
+dieß zu Nutze machen, sich zu unbekannten Obern aufwerfen, und die
+übrigen Mitglieder zu ihren Privat-Absichten mißbrauchen; weil jeder
+Erdensohn Leidenschaften hat, und diese Leidenschaften also mit in die
+Gesellschaft bringt, wo sie dann im Dunkeln der Verborgenheit freiern
+Spielraum haben, als am Tageslichte; weil solche Verbindungen einen
+unverhältnißmäßigen Aufwand von Geld und Zeit kosten; weil sie von
+ernsthaften bürgerlichen Geschäften ab- und zum Müßiggange oder zu
+zweckloser Beschäftigung hinleiten; weil sie bald der Sammelplatz von
+Abentheurern und Tagedieben werden; weil sie allerlei Gattungen von
+politischer, religiöser und philosophischer Schwärmerei begünstigen;
+weil mönchischer Partheigeist bei ihnen einreißt, und viel Unheil
+stiftet; endlich, weil sie Gelegenheit zu Kabalen, Zwist, Verfolgung,
+Intoleranz und Ungerechtigkeiten gegen brave Männer geben, die nur
+deswegen verwerflich sind, weil sie nicht Mitglieder eines solchen,
+oder wenigstens nicht desselben Ordens seyn wollen.
+
+Dieß ist mein Glaubensbekenntniß über geheime Verbindungen! Gibt es
+eine unter ihnen, die manche dieser Gebrechen nicht hat -- ei nun!
+so mag sie dann als Ausnahme gelten! -- ich kenne keine, die nicht
+wenigstens an einigen derselben krank läge.
+
+
+ 2.
+
+Gehört nun die Geheimnißkrämerei zu den Auswüchsen der Zeit und zu
+den Modethorheiten, die kein Vernünftiger mitmachen soll, weil er
+dabei seine Vernunft verleugnen, und seine sittliche Freiheit mehr
+oder weniger aufgeben muß; ist sie Zeit- und Geldverschwendung, und
+gewährt sie durchaus keine Befriedigung, so folgt daraus, daß der,
+welcher seine Freiheit und Ruhe liebt, sich so wenig als möglich um die
+Systeme, um das Personale und um die Schritte geheimer Verbindungen
+bekümmern, seine Zeit nicht mit Lesung ihrer Streitschriften
+verschwenden, und vorsichtig im Reden über diesen Gegenstand seyn
+müsse, um sich Verdruß zu ersparen, und weder ein gutes noch böses
+Urtheil über solche Systeme zu wagen, weil der Grund derselben oft sehr
+tief verborgen liegt; daß er vor allem jeder Versuchung und Anreizung,
+sich einweihen zu lassen, muthigen Widerstand leisten müsse.
+
+
+ 3.
+
+Haben aber Vorwitz, übel geordnete Begierde thätig zu seyn, Neugier,
+Ueberredung, Eitelkeit oder andre Bewegungsgründe Dich verleitet,
+in eine solche Verbindung zu treten: so laß Dich wenigstens von den
+Thorheiten und Schwärmereien und von dem Secten-Geiste, die in Deinem
+Orden herrschen, nicht ganz hinreißen, sondern suche Dich immer noch
+im Besitz und Gebrauch Deiner Vernunft zu behaupten. Hüte Dich, das
+Spielwerk, die Maschine verkappter Bösewichter zu werden! Dringe,
+wenn Du kein Knabe mehr bist, auf deutliche Entwickelung des ganzen
+Systems! Laß Dich nicht durch räthselhafte Vorspiegelungen, durch
+große Verheissungen, durch blendende Plane zum Besten der Menschheit,
+durch den Anschein von Uneigennützigkeit, Heiligkeit und Reinigkeit
+der Absicht blenden; sondern fordre Beweise von Thaten und gänzliche
+Uebersicht! Wirft man Dir dann Deinen Mangel an Empfänglichkeit, Deine
+Unwürdigkeit vor, so laß Dir erzählen, welche Eigenschaften die hohen
+Obern fordern, und beleuchte sie, diese Obern, selbst, nach ihrem
+Maaßstabe, um ihren Werth, alle Eitelkeit bei Seite gesetzt, gegen
+den Deinigen zu halten! Laß Dich aber durchaus nicht darauf ein,
+~unbekannten~ Obern zu huldigen, möchte man auch noch so einleuchtend
+scheinende Gründe dafür anführen! Sey vorsichtig in jedem Worte, das
+Du in Ordensgeschäften schreibst, und noch mehr in Uebernehmung irgend
+einer eidlichen oder andern Verbindlichkeit! Fordre Rechenschaft von
+der Anwendung der Beiträge, die man Dich bezahlen läßt! -- Und wenn,
+bei dieser vielfachen Vorsicht, Du der Verbindung müde wirst, oder
+die Verbindung Deiner überdrüßig wird, so trenne Dich ohne Geräusch
+und Zank von ihr, und rede nachher nie wieder von der Sache, damit Du
+allen Verfolgungen ausweichest! Sollte man Dich aber dennoch nicht in
+Ruhe lassen, so tritt öffentlich auf, und scheue Dich nicht, Betrug,
+Narrheit und Bosheit vor den Augen des ganzen Publikums, Andern zur
+Warnung, bekannt zu machen!
+
+Uebrigens hat man weder Verbindlichkeit, noch Beruf, alles zu
+zerstören, was man nicht gut findet. Man kann theoretisch gegen manche
+Dinge in der Welt eifern, ohne deswegen sich als Verfolger zu zeigen,
+wodurch ohnehin das Uebel fast immer ärger gemacht wird. Man kann
+sogar Ordens-Versammlungen von der unschädlichsten Art besuchen, wenn
+man einmal ein Mitglied ist; sie sind, wie andere Zusammenkünfte,
+Beförderungsmittel der Geselligkeit; -- ja, es kann Pflicht werden,
+sich nicht von ihnen loszusagen, um das größere Uebel zu hindern,
+gefährlichen Einwirkungen entgegen zu arbeiten, und Ausartung zu
+verhindern.
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel.
+
+ Ueber die Art, mit Thieren umzugehen.
+
+
+ 1.
+
+In einem Buche über den Umgang mit Menschen scheint wohl freilich ein
+Kapitel über die Art, mit Thieren umzugehen, nicht an seinem Platze.
+Allein was ich hierüber zu sagen habe, ist so wenig, und hat doch im
+Ganzen so viel Bezug auf das gesellschaftliche Leben überhaupt, daß ich
+hoffen darf, man werde mir diese kleine Ausschweifung gütigst verzeihen.
+
+
+ 2.
+
+Der Gerechte erbarmet sich auch seines Viehes. -- Das ist ein
+vortrefflicher Spruch! Ja! der edle, der gerechte Mann martert kein
+lebendiges Wesen. Wenn doch die hartherzigen, grausamen, oder, um
+billiger zu urtheilen, zum Theil nur leichtsinnigen, verwilderten
+Menschen, deren Augen sich an der Qual eines rastlos umhergetriebenen
+Hirsches, oder an der Todesangst eines in dem Schauplatze der Barbarei
+auf den Tod gehetzten Thiers weiden können; wenn sie doch bedenken
+wollten, was es heiße, ~ein Mensch seyn~, und welch eine Bedeutung
+dieser Titel habe! wenn die Unbesonnenen, die mit dem Leben eines
+armen Geschöpfs, das in ihre kindischen Hände fällt, wie mit einem
+Balle spielen, Fliegen und Käfern Beine ausreissen, oder sie spießen,
+um zu sehen, wie lange ein also leidendes Thier in convulsivischer
+Pein fortleben könne; wenn die vornehmen Müßiggänger, die, um die
+Ehre zu haben, am schnellsten der lieben Langenweile in den Rachen
+zu reiten oder zu fahren, ihre armen Pferde auf den Tod jagen; wenn
+Diese doch einen Augenblick erwägen wollten, wie tief sich der Mensch
+herabwürdigt, wenn er, als das grausamste unter allen Raubthieren,
+mit kaltem Blute, nicht aus Hunger, sondern aus Muthwillen nur, ein
+Geschöpf Gottes, das auch fühlen kann, langsam zu Tode martert, und
+wie furchtbar die Strafe des ewigen Richters seyn müsse, der in dem
+Winseln seines gemarterten Geschöpfes die freche Uebertretung des
+Gebotes vernimmt, das er dem Menschen in's Herz geschrieben hat; wenn
+sie sich doch überzeugen wollten, daß ein Thier eben so schmerzhaft
+jede Mißhandlung, und den barbarischen Mißbrauch größerer Stärke fühlt,
+wie wir, und vielleicht noch lebhafter, da sein ganzes Daseyn auf
+sinnlichen Empfindungen beruht; daß die Art seines Daseyns vielleicht
+die niedrigste der Stufen ist, die es zu ersteigen hat, um auf der
+Leiter der Schöpfung da anzulangen, wo ~wir~ jetzt stehen; und daß die
+Grausamkeit gegen vernunftlose Geschöpfe unmerklich und unausbleiblich
+zur Härte und Grausamkeit gegen unsere vernünftigen Nebengeschöpfe
+führt. -- Wenn sie doch das alles fühlen und erwägen, und ihr Herz dem
+sanften Mitleiden gegen alle lebendige Geschöpfe öffnen wollten!
+
+
+ 3.
+
+Wer diese Betrachtungen und Aufforderungen für thörichte und
+schwachsinnige Empfindelei zu erklären, oder damit zu verwechseln
+fähig ist, dem habe ich nichts zu sagen, als daß ich ihn bedaure, und
+jene Empfindelei mit ihm von ganzem Herzen verachte. Ich weiß, es gibt
+leider unter uns so zarte Männlein und Weiblein, die gar kein Blut
+sehen können; die zwar mit großem Appetit ihr Rebhühnchen verzehren,
+aber ohnmächtig werden würden, wenn sie eine Taube abschlachten
+sehen müßten! Leute, deren Federn und Zungen mit moralischem Gifte
+und Dolche den Freund und Bruder verfolgen, aber mitleidig einer
+matten Fliege das Fenster öffnen, damit sie fern von ihren Augen --
+zertreten werden könne; die ihre Bedienten in dem rauhesten Wetter
+ohne Noth stundenlang umherjagen, aber dagegen herzlich den armen
+Sperling bedauren, der, wenn es regnet, ohne Regenschirm und Ueberrock
+herumfliegen muß. Zu diesen süßen Seelchen gehöre ich nicht, halte auch
+nicht alle Jäger für grausame Menschen. -- Es muß ja dergleichen Leute
+geben; so wie wir, wenn keine Schlächter in der Welt wären, bloß von
+Speisen aus dem Pflanzenreiche leben müßten. -- Aber ich verlange nur,
+daß man nicht ohne Zweck und Nutzen Thiere martern, noch ein vornehmes
+Vergnügen darin suchen solle, mit wehrlosen Geschöpfen einen ungleichen
+Krieg zu führen.
+
+
+ 4.
+
+Ich habe immer nicht begreifen können, welche Freude man daran haben
+könne, Thiere in Käfige oder Kasten einzusperren. Der Anblick eines
+lebendigen Wesens, das ausser Stand gesetzt ist, seine natürlichen
+Kräfte anzuwenden und zu entwickeln, darf keinem verständigen Menschen
+Freude gewähren. Wer mir daher einen schönen Vogel in einem Bauer
+schenken will, dem kann ich vorhersagen, daß das einzige Vergnügen,
+welches er mir dadurch verschaffen kann, das seyn wird, das Gefängniß
+zu öffnen, und das arme Thier aus der Sclaverei in Gottes freie Luft
+hinausfliegen zu lassen; auch ist eine Menagerie, in welcher wilde
+Thiere mit großen Kosten in kleinen Verschlägen aufbewahrt werden,
+meiner Meinung nach, ein sehr ärmlicher Gegenstand der Unterhaltung,
+und vielleicht nur von der Seite zu vertheidigen, daß sie dem
+Naturforscher Gelegenheit und Mittel gibt, genaue und lehrreiche
+Beobachtungen anzustellen.
+
+
+ 5.
+
+Noch abgeschmackter aber scheint es mir, wenn man sich an einem Vogel
+ergötzt, der seinen schönen Natur-Gesang hat vergessen müssen, um vom
+Morgen bis zum Abende die Melodie einer elenden Polonaise zu pfeifen,
+oder wenn man Geld ausgibt, um einen Hund zu sehen, den man abgerichtet
+hat, einen Reverenz wie ein Tanzmeister zu machen, und auf den Wink
+seines Meisters anzudeuten, wie viel schöne Junggesellen in der
+Versammlung sind.
+
+
+ 6.
+
+Habe ich aber diejenigen getadelt, die grausam gegen Thiere
+verfahren; so muß ich doch auch diejenigen anklagen, welche in die
+entgegengesetzte Uebertreibung fallen, indem sie mit dem Viehe eben
+so, wie mit Menschen umgehen, und dem vernunftlosen Geschöpfe die
+Rechte des vernünftigen zugestehen. Ich kenne Damen, die ihre Katzen
+zärtlicher umarmen, als ihre Ehegatten; junge Herren, die ihren Pferden
+sorgsamer aufwarten, als ihren Oheimen und Basen; und Männer, die
+gegen ihre Hunde mehr Zärtlichkeit, Schonung und Nachsicht beweisen,
+als gegen ihre Freunde, mit welchen sie sich nie anders, als unter dem
+obligaten Schnarchen ihres feisten Mopses oder Pudels unterhalten.
+Indessen scheinen manche Thiere in besserm Rufe zu stehen, als andere.
+Niemand schämt sich, zu bekennen, daß er Flöhe habe; gewisse andere
+kleine Insekten hingegen darf kein Mensch von Erziehung mit sich
+führen, obgleich beides Ungeziefer ist; und an Geselligkeit geben die
+letztern den erstern nichts nach.
+
+Es scheint manchen Leuten, besonders Frauenzimmern, eine natürliche
+Furcht vor gewissen Thieren, als Mäusen, Spinnen &c. angeboren zu seyn.
+Sollte sich auch dergleichen Widerwillen, wie ich doch glaube, nicht
+nach und nach überwinden lassen: so vermag man es doch gewiß, in so
+fern Meister über sich zu werden, daß man in Gesellschaft, bei dem
+Anblicke dieser Feinde, sich nicht so kindisch betrage und gebehrde,
+wie es vielfältig geschieht.
+
+Inniges Mitleiden, nicht Spott, verdienen die Unglücklichen, mit denen
+die Menschen so übel gespielt haben, daß sie (mißtrauisch gegen alle
+vernünftige Wesen, die so oft ihre Verstandeskräfte nur zum Schaden
+ihrer Brüder anwenden) in dem liebevollen Drange des Herzens, das
+sich gern ein Geschöpf zugesellen und irgend etwas in der Natur zum
+Gegenstande seiner Theilnahme machen will, einen treuen Hund wie
+ihren einzigen Freund behandeln, oder, wie einst Quatremère zu Namur,
+in dem öden Kerker durch den Anblick und die Beobachtung eines so
+bewundernswürdigen Kunsttriebes, wie der ist, den die Spinnen zeigen,
+die Schmerzen und Qualen ihrer Verbannung zu lindern, und das bittere
+Gefühl ihrer Verlassenheit zu mildern suchen.
+
+
+
+
+ Zehntes Kapitel.
+
+ Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser.
+
+
+ 1.
+
+Ich halte es für billig, bevor ich dies Werk über den Umgang mit
+Menschen schließe, mit meinen Lesern auch ein paar Worte über unsre
+wechselseitigen Verhältnisse gegen einander zu reden. Zuerst also
+einige Bemerkungen über den Beruf, ein Buch zu schreiben!
+
+Ich habe bei andern Gelegenheiten geäußert, daß ich die
+Schriftstellerei in unsern Zeiten für nichts mehr, als für einen Zweig
+oder eine Unterart des Umgangs, und also für schriftliche Unterredung
+mit der Lesewelt halte, und daß man es daher im freundschaftlichen
+Gespräche so genau nicht nehmen dürfe, wenn auch einmal ein unnützes
+Wort mit unterliefe. Man soll es daher dem Schriftsteller nicht
+übel ausdeuten, wenn er, ein wenig von seiner Lebhaftigkeit und
+Mittheilungslust verführt, von der Begierde, über irgend einen
+Gegenstand allerlei Arten von Menschen seine Gedanken mitzutheilen,
+etwas drucken läßt, das nicht gerade die Quintessenz von Weisheit,
+Witz, Scharfsinn und Gelehrsamkeit enthält. Es behält ja ein Jeder
+die Freiheit, dem Schwätzer zuzuhören, oder nicht, -- und kann sich,
+bevor er ein Buch kauft, erst bei Andern nach dem Manne erkundigen,
+mit dem er sich unterhalten will, -- hat aber, denke ich, auf keinen
+Fall das Recht, ihm allein deswegen Grobheiten zu sagen, weil ihm die
+gedruckte Unterhaltung desselben nicht gefällt, in so fern er ihn
+nicht vorher mit unverschämten Prahlereien und großen Versprechungen
+getäuscht hat. Es ist überhaupt sehr viel schwerer, als man glauben
+sollte, seine eignen Produkte zu beurtheilen; nicht nur, weil unsre
+Eitelkeit da in das Spiel kömmt, sondern auch, weil die Gegenstände,
+über deren Beobachtung wir lange gebrütet, für uns, eben durch das
+Nachdenken, welches wir darauf verwenden, einen solchen Werth bekommen
+haben, daß wir unsre Gedanken darüber für äusserst wichtig halten,
+indeß einem Andern, was wir auch davon sagen mögen, unwichtig und
+gemein vorkommt. Und haben wir etwa gar Sprache und Beredsamkeit nicht
+in unsrer Gewalt, oder sind verstimmt zu der Zeit, wenn wir jene
+Gedanken zu Papier bringen wollen, oder vergessen, daß der Gegenstand,
+über welchen wir schreiben, nur durch kleine besondre Beziehungen auf
+unsre damalige Lage, die sich nicht mit übertragen lassen, uns am
+Herzen liegt; oder dies Herz ist zu voll, um, was es empfindet, in
+einer gefälligen Ordnung hererzählen zu können: so geschieht es, daß
+wir etwas schreiben, welches uns, die wir alle Nebenbegriffe daran
+knüpfen, wodurch das Bild Ausdruck und Farbe gewinnt, sehr unterhaltend
+scheint, jenen Andern aber gähnen macht und mit Unwillen gegen uns
+erfüllt. Indem es nun auf solche Weise leicht geschehen kann, daß
+selbst ein verständiger Mann, der das Unglück hat, von Eitelkeit
+geblendet, oder von starken Gefühlen hingerissen zu seyn, ein Buch
+schreibt, das andre Menschen für ein unnützes und langweiliges Buch
+halten, weil es eine reine Herzensergießung ist; so kann und darf es
+doch einem verständigen Manne nie begegnen, etwas öffentlich vor dem
+Publikum zu reden, das gegen Moralität und gesunde Vernunft stritte,
+oder wodurch er einem seiner Mitmenschen muthwillig Schaden zufügte.
+Denn wenn gleich Schriftstellerei nur dargebotene Unterhaltung und
+Unterredung ist, so ist sie doch eine solche Unterredung, bei der man
+hinreichende Zeit hat, zu bedenken, was man spricht, und um so mehr
+also die Verpflichtung übernimmt, jeden unsittlichen, ganz schiefen
+und boshaften Gedanken zu unterdrücken. Ich meine daher, alles, was
+das Publikum von einem Schriftsteller, der ohne zu weit getriebene
+Ansprüche auftritt, mit Recht fordern kann, ist, daß er durch seine
+Werke weder Sitten-Verderbniß, noch Vorurtheil und Unduldsamkeit
+verbreite, und das, was Allen heilig seyn soll, unangetastet und
+unentweiht lasse. Alles Uebrige: Beruf zu schreiben; Wahl des
+Gegenstandes; Einkleidung; Ansprüche auf Ruhm, Beifall und Lob; zu
+stiftender Nutzen; einzunehmender Gewinn; Hoffnung auf Unsterblichkeit
+-- das alles ist ~seine Sache~, und es geht auf seine Gefahr, wenn er
+sich dem Schimpfe aussetzt, entweder in der Stille zu Fuß vom Parnasse
+wieder herunterschleichen zu müssen, oder von der Meute der Recensenten
+zu Tode gejagt zu werden.
+
+
+ 2.
+
+Wenn also ein Autor nichts Schädliches und Unsinniges sagt, so muß
+man ihm erlauben, seine Gedanken drucken zu lassen; wenn er etwas
+Nützliches sagt, so erwirbt er sich ein Verdienst um das Publikum,
+und wenn er Wahrheiten an's Licht zieht, die lange schon verkannt
+oder vergessen sind, so soll er gehört, und seine Schrift von allen
+Guten ausgezeichnet und verbreitet werden. -- Aber wird deswegen
+sein Buch auch gewiß Beifall finden? Das ist wieder eine ganz andere
+Frage. -- Allgemeiner Beifall von Guten und Bösen, von Weisen und
+Thoren, von Hohen und Niedern? -- Ei nun! wer wird so eitel seyn,
+darauf Anspruch zu machen? Aber um auch nur dem größten Theile
+der Lesewelt zu gefallen, welche niedrige Mittel wählt da nicht
+mancher Schriftsteller? -- Wer sich nicht, in Ansehung der Form, der
+Einkleidung, des Titels seines Buchs, nach dem Zeitgeschmacke, d. h.
+nach dem Geschmacke, nicht dieses Jahrzehends, sondern dieses Jahres
+richtet; wer keine Anekdötchen mit einmischt; wer nicht dafür sorgt,
+daß sein Werkchen hübsch fein gedruckt und mit Bilderchen ausgeziert
+werde; wer herrschende Vorurtheile, Mode-Systeme, glänzende Thorheiten,
+politischen, kirchlichen, gelehrten und moralischen Despotismus
+angreift oder lächerlich macht; wer sich einen Verleger wählt, auf den
+die andern Buchhändler neidisch, dem sie feind sind; wer sich nicht
+demüthig unter den Schutz irgend eines gelehrten Posaunen-Blasers
+begibt; wer nicht die Schreier im Publikum, und Die, welche in der
+feinen Welt den Ton angeben, zu gewinnen sucht; wer zu bescheiden
+auftritt; wer sein Buch einem Manne widmet, oder in demselben einem
+Manne Gerechtigkeit widerfahren läßt, dessen Verdienste beneidet,
+verfolgt werden; wer das Unglück hat, durch seine Geistes-Produkte mehr
+Aufmerksamkeit zu erregen, als gewisse Schriftsteller des Tages, welche
+bei dem Publikum die Lieblingsschaft zu erringen wußten; wer dadurch
+auswärts sich einen Namen macht, den ihm seine Landsleute nicht gönnen;
+-- der wird, wenigstens in dieser Generation, vielleicht sein Glück als
+Schriftsteller nicht machen, und auch sein nützlichstes Werk bald als
+Maculatur behandelt sehen. Ich rathe daher, die unschuldigsten unter
+diesen kleinen Autorkünsten nicht eben gänzlich zu vernachlässigen.
+Viele davon sind aber eines edeln, verständigen Mannes unwerth.
+
+In prahlerischen Vorreden sich für den bisher erhaltenen allgemeinen
+Beifall zu bedanken; an feile Recensenten Beurtheilungen seiner
+Werke einzusenden, die man selbst, oder die ein gefälliger Freund
+aufgesetzt hat, und in welchen man dem Publikum dazu Glück wünscht,
+daß der ~Lieblings-Schriftsteller~ der Nation die Welt abermals mit
+einem schönen Buche beschenkt habe, und dergleichen elende Künste
+mehr, helfen doch nur auf kurze Zeit. Sicherer, als die Recensionen,
+obgleich nicht unfehlbar für den bleibenden innern Werth eines Buchs
+entscheidend, ist die allgemeine Stimme des Publikums. Wenigstens ist
+es einem Schriftsteller zu verzeihen, wenn er ein Werk nicht für ganz
+schlecht, sondern dem Bedürfnisse des Zeitalters angemessen hält, das
+eine Reihe von Jahren hindurch häufig gekauft, gelesen, neu aufgelegt
+und übersetzt wird, wenn er dann auf den einzelnen Tadel unberufener
+Kunstrichter wenig achtet, und fortfährt, die Lesewelt zu unterhalten,
+so lange diese Stimmung dauert; aber wenn sie nachläßt -- dann ist es
+freilich Zeit, aufzuhören.
+
+
+ 3.
+
+Reden wir jetzt auch von dem Betragen und von den Pflichten des Lesers
+gegen den Schriftsteller! Zuerst soll, denke ich, jener nie vergessen,
+daß dieser sich nicht nach dem Geschmacke jedes Einzelnen richten kann.
+Was für Dich, in Deiner Lage, in Deiner Stimmung, höchst interessant
+ist, das scheint einem Andern vielleicht äusserst langweilig und
+unbedeutend, und wahrlich! ~der~ Mann müßte ein Hexenmeister seyn,
+der ein Buch verfassen könnte, in welchem Jeder fände, was er suchte.
+Es gibt Bücher, die man durchaus nur dann lesen muß, wenn man eben so
+gestimmt ist, wie der Mann war, der sie schrieb, so wie es auch andere
+gibt, deren Sinn und Schönheit man ~immer~, in jeder Laune, fassen und
+sich eigen machen kann. Nicht immer sind darum ~jene~ geistvoll, groß
+und erhaben nach ihrem Inhalte, noch im Gegentheil immer schwärmerisch
+und fieberhaft. Nicht immer enthalten darum ~diese~ lauter bestimmte,
+ewige Wahrheiten, auf kalte, unwiderlegbare, allein des vollkommnen
+Mannes würdige, unerschütterliche Philosophie gegründet, oder im
+Gegentheile, nicht immer gemeine, ohne Mühe leicht zu verdauende
+Seelen-Speise. Sey also nicht zu strenge, geehrter und erleuchteter
+Leser, in Deiner Beurtheilung eines sonst nicht schlecht geschriebenen
+Buches, oder wenn Du es nun einmal nicht lassen kannst, zu richten, so
+behalte wenigstens Deine Meinung darüber in Deinem Kopfe, in welchem
+oft viel leerer Raum ist, und verschreie das Buch nicht! Am wenigsten
+aber laß Dich verleiten, den moralischen Charakter des Schriftstellers
+auf bloße Muthmaßung hin bei dieser Gelegenheit anzugreifen, ihm
+gefährliche Absichten beizumessen, seinen Worten einen erzwungenen Sinn
+zu geben, und seine Winke hämisch auszudeuten! Beurtheile nicht ein
+Buch, wenn Du nur einzelne Stellen daraus gelesen hast, und bete nicht
+das Lob und den Tadel unwissender, boshafter oder feiler Recensenten
+nach!
+
+
+ 4.
+
+Bei der Menge unnützer Schriften thut man übrigens wohl, eben so
+vorsichtig im Umgange mit Büchern, wie mit Menschen zu seyn. Um nicht
+zu viel Zeit mit Lesung unnützen Papiers zu verschwenden, das heißt: um
+nicht von Schwätzern mir die Zeit verderben zu lassen, suche ich auch
+von ~dieser~ Seite nicht viel neue Bekanntschaft eher zu machen, als
+bis der allgemeine Ruf mich auf ein gutes, oder besonders musterhaftes
+Buch aufmerksam macht. Ich bin mit einem kleinen Cirkel alter guter
+Freunde zufrieden, die ich oft, und immer mit neuem Vergnügen,
+schriftlich mit mir reden lasse.
+
+Hier wäre denn wohl der Ort, einen eignen, nicht unbedeutenden
+Abschnitt den Bemerkungen über den ~Umgang mit verstorbenen großen
+und edeln Männern~ zu widmen; allein das würde mich zu weit führen;
+wichtig ist aber gewiß der Einfluß, den das Studium der Geschichte,
+des Charakters und der Schriften der berühmtesten Helden und Weisen
+verflossener Jahrhunderte auf die Ausbildung eines gutbegabten
+Geistes hat. Man träumt sich in jene Zeiten hinein, wird beseelt von
+dem Geiste, der aus den Thaten und Reden jener erhabenen Menschen
+hervorgeht; und in diesem Sinne hat der Umgang mit Verstorbenen sehr
+oft größere Wirkung auf Köpfe und Herzen, und durch diese auf große
+Weltbegebenheiten geäussert, als der Umgang mit den Zeitgenossen.
+
+
+
+
+ Eilftes Kapitel.
+
+ Schluß.
+
+
+ 1.
+
+Und nun, wertheste Leser! eile ich zum Schlusse dieses Werks über den
+Umgang mit Menschen. Finden Sie etwas darin, das Ihrer Aufmerksamkeit
+werth ist, -- wird dies Buch vom Publiko gütig aufgenommen und billig
+beurtheilt: so wird mir das mehr Freude machen, als mir bis jetzt
+selbst der beste Erfolg irgend einer meiner Schriften gewährt hat.
+Wenigstens hoffe ich, Sie werden hier keine Grundsätze antreffen,
+deren sich ein rechtschaffener und verständiger Mann schämen dürfte,
+und, wenn es sonst kein anderes Verdienst hat, ihm doch das der
+Vollständigkeit nicht absprechen; denn ich glaube, daß doch nicht
+leicht irgend ein Verhältniß im geselligen Leben gefunden werden könne,
+über welches ich nicht etwas gesagt hätte. -- Ob gut, oder schlecht,
+oder beides vermischt, oder mittelmäßig von Anfang bis zu Ende: -- das
+darf ich nicht entscheiden.
+
+
+ 2.
+
+Daß ein solches Buch aber, vorausgesetzt nämlich, daß der Gegenstand
+mit gehöriger Einsicht, Erfahrung und Menschenkenntniß behandelt wäre,
+nicht nur Jünglingen, sondern selbst Männern Nutzen gewähren könnte:
+~das~ darf ich wohl behaupten. Man verlangt von feinen, hellsehenden
+Leuten immer auch feine Lebensart; aber man hat darin Unrecht. Dieser
+Geist des Umgangs erfordert Kaltblütigkeit, Achtsamkeit auf geringe
+Dinge, auf Kleinigkeiten, die man bei feurigen Genies selten antrifft.
+Ein Wink hingegen aus einem solchen Buche kann Manchen aufmerksam
+machen auf Fehler, welche er bisher, ohne es zu wissen, in Behandlung
+der Menschen beging, -- auf Fehler, die er an sich selbst aus zu großer
+Lebhaftigkeit bis jetzt übersehen hatte, ohne ihn deswegen abzuhalten,
+die fremden Erfahrungen auf ~seine~ Weise zu nützen, und dennoch
+selbstständig zu handeln.
+
+
+ 3.
+
+Ich habe aber in diesem Werke nicht die Kunst lehren wollen, die
+Menschen zu unsern Endzwecken zu mißbrauchen, über alle nach Gefallen
+zu herrschen, Jeden nach Belieben für unsre eigennützigen Absichten in
+Bewegung zu setzen. Ich verachte den Satz: »daß man aus den Menschen
+machen könne, was man wolle, wenn man sie bei ihren schwachen Seiten
+zu fassen verstünde.« Nur ein ~Schurke~ kann das, und will das, weil
+nur ~ihm~ die Mittel, zu seinem Zwecke zu gelangen, gleichgültig sind;
+der ~ehrliche~ Mann kann nicht aus allen Menschen alles machen, und
+will das auch nicht; und der Mann von festen Grundsätzen ~läßt~ auch
+nicht alles aus sich machen. Aber ~das~ wünscht, und ~das~ kann jeder
+Rechtschaffene und Weise bewirken, daß wenigstens die Bessern ihm
+Gerechtigkeit widerfahren lassen: daß niemand ihn verachte; daß er
+Frieden von aussen her habe; daß man ihn in Ruhe lasse; daß er Genuß
+und Gewinn aus dem Umgange mit allen Klassen von Menschen schöpfe; daß
+Andere ihn nicht mißbrauchen, oder durch Verstellung täuschen. Und wenn
+er ausdauert, immer folgerecht, edel, vorsichtig und gerade handelt:
+so kann er sich allgemeine Achtung erzwingen, kann auch, wenn er die
+Menschen studirt hat, und sich durch keine Schwierigkeiten abschrecken
+läßt, fast jede ~gute~ Sache am Ende durchsetzen. Hierzu nun die Mittel
+zu erleichtern, und Vorschriften zu geben, die dahin einschlagen, --
+das ist der Zweck dieses Buchs.
+
+Wer aber sein ganzes Leben hindurch, bei jeder willkührlichen Handlung,
+bei jedem kleinen Schritte, den er zu unternehmen hat, erst nachsehen
+wollte, ob er dazu in diesem Buche kein Recept, keine Vorschrift fände,
+der würde freilich alle Eigenthümlichkeit des Charakters verleugnen.
+-- Doch, wie kann das auch meine Absicht seyn? Kaum bedürfte es dieser
+Erinnerung, wenn es weniger schiefe Köpfe und boshafte Ausleger in der
+Welt gäbe.
+
+
+ 4.
+
+Daß ich bei dieser Gelegenheit die Schwachheiten mancher Klassen
+von Menschen habe aufdecken müssen, ohne jedoch auf Einzelne unedel
+anzuspielen, das war wohl sehr natürlich. Aber o! was hätte ich sagen
+können, wenn ich mein Buch mit wirklichen Anekdoten hätte auszieren,
+und besondere Erfahrungen aus meinem Leben erzählen wollen! --
+Schmeichle ich mir zu viel, wenn ich hoffe, daß man mir dergleichen
+nicht Schuld geben, und mir wenigstens von ~dieser~ Seite Gerechtigkeit
+widerfahren lassen werde?
+
+
+Fußnoten:
+
+[1] Die Teutschen haben von allen Völkern das meiste Lächerliche für
+die große Welt an sich; vielleicht, weil sie noch gar zu ehrlich
+sind, und die große Welt allzusehr verehren und bewundern. Wer
+nichts anstaunt, steht mehr auf seinem Gleichgewicht. Der Engländer
+glaubt, ihm kleide alles, er habe zu allem Recht; er verachtet, was
+er nicht besitzt, und nicht mehr erwerben kann, tritt keck, auch wohl
+bengelhaft auf. Der gutmüthige Teutsche will wenigstens zeigen, daß
+er sein Möglichstes thue, Andern zu gefallen, und in diesem ehrlichen
+Eifer merkt er kaum, wie schlecht es ihm oft gelingt. Der Franzose
+und der Russe haben den sichersten, feinsten, und für alle in der
+Gesellschaft Auftretende gefährlichsten Takt, das Lächerliche auf den
+ersten Blick aufzufinden. Wer sich vor ihnen auf seinen Sprach- oder
+Tanzmeister allein verläßt, den werden sie bald seinen Irrthum fühlen
+lassen, vorausgesetzt, er habe Sinn genug, zu erkennen, daß eben das,
+was man an ihm am meisten bewundert, sein Lächerliches sey. ~Klinger
+Betrachtungen und Gedanken~ 1r Thl. S. 316.
+
+[2] Man muß so viel Menschenkenntniß oder so viel Urtheilskraft haben,
+um die Wirkung solcher theilnehmenden Fragen voraussehen zu können,
+oder das Fragen ganz unterlassen, und lieber erwarten, daß nicht das
+Gespräch sich von selbst auf diesen Gegenstand wenden wird. Denjenigen,
+welche sich nicht taktfest in der Unterhaltung fühlen, sollten sich
+überhaupt vor Fragen hüten, denn Fragen werden oft, wie Blicke, unsere
+Verräther.
+
+A. d. H.
+
+[3] Ich entlehne diese Stelle, welche durch ihre treffende und
+sinnreiche Darstellung sich auszeichnet, aus der Zeitschrift: ~Ernst
+und Scherz~, oder der alte Freimüthige, Nro. 128. des Jahrgangs 1817,
+und füge nur die Anweisung zum Betragen gegen diese Menschen hinzu.
+
+d. H.
+
+[4] Und das sind die Grundsätze eines Mannes, den Georg Zimmermann,
+Aloisius Hoffmann und Consorten als einen Volks-Aufwiegler verketzerten!
+
+[5] Die Verirrungen des Philosophen, oder Geschichte Ludwigs von
+Seelberg, Theil 1. Seite 108.
+
+[6] Vielleicht würde der Verf., wenn er die heutige Jugend sähe, in
+ihr die Erfüllung seiner Hoffnung finden; wenigstens eine gewisse
+männliche Gesetztheit, deutsche Geradheit und Festigkeit und
+offene Freimüthigkeit wird man ihr nicht absprechen können. Aber
+Bescheidenheit würde er sehr vermissen.
+
+A. d. H.
+
+[7] Hier, und an andern Orten ist der Verf. seinen Lesern die Lösung
+dieser schweren Aufgabe schuldig geblieben, und man muß glauben, daß
+er verzweifelte, sie zu lösen. Auch wird man wohl denen beipflichten
+müssen, die es nicht der Mühe werth halten, sie zu lösen.
+
+A. d. H.
+
+[8] Wir haben in den neuesten Tagen dergleichen ärgerliche Auftritte
+in großer Zahl gesehen, und die Klage des Verf. gilt also leider
+noch immer, doch glücklicher Weise nur von den leichtfertigen
+Schriftstellern des Tages und einigen Philologen.
+
+D. H.
+
+
+[9] Wer denkt hier nicht an Wielands und Johann v. Müllers gutherziges
+Loben, und an des Letzteren übergroße Nachsicht gegen überlästige
+Correspondenten?
+
+D. H.
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77701 ***