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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/77701-0.txt b/77701-0.txt new file mode 100644 index 0000000..aa77722 --- /dev/null +++ b/77701-0.txt @@ -0,0 +1,15982 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77701 *** + + +======================================================================= + + Anmerkungen zur Transkription. + +Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des +Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler +sind stillschweigend korrigiert worden. + +Auf S. 98 ist die fehlende Überschrift (Pkt.18) hinzugefügt worden. + +Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter geschaffen. Ein Urheberrecht +wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt +genutzt werden. + +Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt +worden: + + ~gesperrt gedruckter Text~ + +antiqua gedruckter Text+ + +======================================================================= + + + + + Ueber + + den + + Umgang mit Menschen. + + + Von + + + Adolph Freiherrn Knigge. + + + + + In drei Theilen. + + + + + Zehnte Ausgabe. + + + Durchgesehen und vermehrt + + von + + F. P. Wilmsen. + + + + + Stuttgart, + + bei A. F. Macklot. 1822. + + + + + Vorrede des Herausgebers, + + zur neunten Auflage. + + +Ich habe den Wunsch der Verlagshandlung, Knigge's bekanntes und +geschätztes Werk über den Umgang mit Menschen für die neunte Ausgabe +durchzusehen, und mit einer Einleitung, Anmerkungen und Nachträgen +zu vermehren, gern erfüllt, weil ich glaubte, dadurch nützlich zu +werden. Dies Werk enthält sehr viel Gutes, und kann für Menschen, die +auf den mittleren Stufen der Bildung stehen, und wenig Gelegenheit +haben, Menschenkenntniß einzusammeln, überaus nützlich werden. Da ich +es für Pflicht hielt, Knigge selbst reden zu lassen, so habe ich mir +nur da, wo er sich eine offenbare Incorrectheit oder Nachlässigkeit +im Vortrage erlaubt hat, eine Aenderung und Uebertragung erlaubt, +und solche Anmerkungen, welche für eine Note unter den Text zu wenig +Ausdehnung hatten, gleich in den Text selbst verwebt. Dieß glaubte ich +um so eher mir erlauben zu dürfen, da diese Anmerkungen größtentheils +nur weitere Ausführungen, oder nähere Bestimmungen, oder eine festere +Begründung des von K. Gesagten enthalten. Ganz weggestrichen habe ich +nur solche Stellen, welche eine offenbare Uebertreibung oder eine +nichtssagende Anekdote, oder eine leere Amplification enthielten. Ein +zur Vollständigkeit nöthiger Nachtrag enthält besonders die Regeln des +Umgangs mit Kindern, worüber K. viel zu kurz gewesen ist, und wird die +Brauchbarkeit des Werkes hoffentlich einigermaßen erhöhen und befördern. + + ~Berlin~, im April 1817. + + ~F. P. Wilmsen.~ + + + + + Inhalt. + + + Erster Theil. + + Einleitung des Herausgebers; Seite 3. + Einleitung des Verfassers; Seite 12. + +1) Warum man mit großen und glänzenden Eigenschaften dennoch nicht +immer in der Welt sein Glück mache. Ueber den +esprit de conduite+. +Mancher will sich nicht nach den Sitten Andrer fügen. Manchem fehlt es +dazu an der nöthigen Weltkenntniß; Mancher macht zu viel Forderungen. +Aber auch mit dem besten Willen und guten Anlagen glückt es nicht +Jedem; warum? 2) In Deutschland ist es schwer, allgemein gute Eindrücke +in Gesellschaften zu machen; warum? Bilder von Verschiedenheit des +gesellschaftlichen Tons in einigen Provinzen von Deutschland, und +Bilder von den Sitten verschiedner Stände. 3) Von meinem Berufe, über +diesen Gegenstand zu schreiben. 4) Meine eignen Erfahrungen. + + + Erstes Kapitel; Seite 27. + + Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den + Umgang mit Menschen. + +1) Jeder Mensch muß sich in der Welt selbst geltend machen. Anwendung +dieses Satzes. 2) Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem +~Scheine~ der Vollkommenheit! 3) Sey nicht zu sehr ein Sclave der +Meinung Andrer! 4) Verliere nicht die Zuversicht! 5) Eigne Dir nicht +fremdes Verdienst zu! 6) Verbirg Deinen Kummer! 7) Rühme nicht zu laut +Dein Glück! 8) Enthülle nicht die Schwächen Deiner Nebenmenschen! 9) +Gib Andern Gelegenheit, zu glänzen! 10) Suche Gegenwart des Geistes +zu haben! 11) Willst Du etwas in der Welt erlangen, so mußt Du darum +bitten. 12) Nimm so wenig, wie möglich, von Andern Wohlthaten an! 13) +Grenzen der Dienstfertigkeit. 14) Halte strenge Wort, und sey wahrhaft! +15) Sey pünktlich, ordentlich, fleißig! 16) Interessire Dich für Andre, +wenn Du willst, daß Andre sich für Dich interessiren sollen! 17) +Verflicht niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und setze Dich immer +in Gedanken in andrer Leute Stelle! 18) Laß Jeden seine Handlungen +selbst verantworten, wenn Du nicht sein Vormund bist! 19) Handle nur +selbst immer folgerecht! 20) Habe stets ein gutes Gewissen! 21) Sey, +was Du bist, immer und ganz! 22) Unterschied im äussern Betragen. 23) +Sey nicht zu offenherzig! 24) Suche nie jemand lächerlich zu machen! +25) Schrecke, zerre, beunruhige und necke nicht! 26) Alle Menschen +wollen amüsirt seyn. Ueber das Spaßmachen. 27) Sage Jedem etwas +Lehrreiches oder Angenehmes! 28) Ueber Spott und Medisance. 29) Ueber +Anekdoten. 30) Trage keine Nachrichten aus einem Hause in das andre! +31) Sey vorsichtig in Tadel und Widerspruch! 32) Rede nicht zu viel und +nicht langweilig! 33) Noch von Dingen, die nur Dich interessiren! 34) +Ueber Egoismus. 35) Widersprich Dir nicht im Reden! 36) Wiederhole Dich +nicht, und schärfe Dein Gedächtniß! 37) Vermeide Zweideutigkeit; 38) +Gemeinsprüche; 39) Unnütze Fragen! 40) Lerne Widerspruch ertragen! 41) +Wo man sich zur Freude versammelt, da rede nicht von Geschäften! 42) +Ueber Religions-Gespräche. 43) Sey vorsichtig in Gesprächen über Andrer +Gebrechen! 44) Andre Vorsichtigkeits-Regeln. 45) Bringe bei niemand +unangenehme Dinge in Erinnerung! 46) Nimm nicht Theil an fremdem +Spotte! 47) Ueber Disputirgeist. 48) Ueber Verschwiegenheit. 49) +Wohlredenheit und äusserer Anstand. 50) Ueber kleine gesellschaftliche +Unschicklichkeiten. 51) Betragen, wenn uns Langeweile gemacht wird. 52) +Leichtigkeit im Umgange. 53) Man hüte sich vor zu großen Forderungen! +54) Kleidung. 55) Soll man viel oder wenig in Gesellschaften gehen? +56) Man kann in jeder Gesellschaft etwas lernen. 57) Mit wem soll man +umgehen? 58) Ueber den Umgang in großen Städten, in kleineren, und auf +dem Lande. 59) In fremden Gegenden. 60) Regeln beim Briefwechsel. 61) +Wie man die Menschen beurtheilen solle. 62) Ob diese Regeln allgemein +passen? 63) In wie fern auch Frauenzimmer nach diesen Regeln handeln +können. + + + Zweites Kapitel; Seite 74. + + Ueber den Umgang mit sich selbst. + +1) Es ist nützlich und interessant, über den Umgang mit andern +Menschen seine eigne Gesellschaft nicht zu vernachlässigen. 2) Es +kommen Augenblicke, wo wir uns selbst am nöthigsten sind. 3) Gehe +eben so vorsichtig, fein, redlich und gerecht mit Dir selbst um, +wie mit Andern! 4) Sorge für Deine Gesundheit, aber verzärtle Dich +nicht! 5) Respectire Dich selbst, und habe Zuversicht zu Dir selbst! +6) Verzweifle nicht bei dem Bewußtseyn mangelnder Vollkommenheiten, +bei den Schwierigkeiten, ein großer Mann zu werden! 7) Sey Dir ein +angenehmer Gesellschafter! 8) Aber sey Dir auch kein Schmeichler, +sondern ein aufrichtiger und gerechter Freund! Sey eben so strenge +gegen Dich, wie Du gegen Andre bist! 9) Wie man Abrechnung mit seiner +Moralität halten solle. + + + Drittes Kapitel; Seite 78. + + Ueber den Umgang mit Leuten von verschiednen Gemüthsarten, + Temperamenten und Stimmungen des + Geistes und Herzens. + +1) Ueber die vier Haupt-Temperamente und deren Mischungen. 2) Ueber +herrschsüchtige Leute. 3) Ueber Ehrgeitzige. 4) Eitle. 5) Hochmüthige, +im Gegensatze von Stolzen. 6) Ueber sehr empfindliche Leute. 7) Ueber +den Umgang mit Eigensinnigen. 8) Mit Zanksüchtigen, Widersprechern +und solchen, die Paradoxie lieben. 9) Mit Jähzornigen. 10) Mit +Rachgierigen. 11) Mit unentschlossenen, faulen und phlegmatischen +Leuten. 12) Mit Menschenfeinden, mißtrauischen, argwöhnischen, +mürrischen und verschlossenen Leuten. 13) Mit neidischen, hämischen, +verläumderischen, schadenfrohen, mißgünstigen und eifersüchtigen +Menschen. 14) Ueber den Geitz und die Verschwendung. 15) Ueber das +Betragen gegen Undankbare. 16) Gegen ränkevolle Leute und Lügner. 17) +Gegen Windbeutel. 18) Gegen Unverschämte, Müssiggänger, Schmarotzer, +Schmeichler und zudringliche Leute. 19) Gegen Schurken. 20) Gegen +zu bescheidne, zu furchtsame Menschen. 21) Gegen Unvorsichtige und +Plauderhafte, Vorwitzige und Neugierige, Zerstreute und Vergessene. 22) +Gegen Wunderliche, Sonderlinge und Launenhafte. 23) Ueber den Umgang +mit dummen, schwachen, übertrieben gutherzigen, leichtgläubigen und +solchen Menschen, die gewisse Liebhabereien und Steckenpferde haben. +24) Mit muntern und satyrischen Leuten. 25) Mit Trunkenbolden, groben +Wollüstlingen und andern lasterhaften Leuten. 26) Mit Enthusiasten, +Ueberspannten, Romanhaften, Kraft-Genies und excentrischen Leuten. 27) +Etwas von Andächtlern, Heuchlern und abergläubischen Leuten. 28) Von +Deisten, Freigeistern und Religions-Spöttern. 29) Ueber die Art, wie man +Schwermüthige, Tolle und Rasende behandeln müsse. Geschichte zweier +Wahnsinnigen. Zusatz des Herausgebers. + + + + + Zweiter Theil. + + Einleitung; Seite 125. + + Nachricht von der Art der Eintheilung aller in den drei Theilen + dieses Werks verhandelten Gegenstände. + + + Erstes Kapitel; Seite 125. + + Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter. + + + Zweites Kapitel; Seite 132. + + Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden. + + + Drittes Kapitel; Seite 139. + + Von dem Umgange unter Eheleuten. + + + Viertes Kapitel; Seite 161. + + Ueber den Umgang mit und unter Verliebten. + + + Fünftes Kapitel; Seite 167. + + Ueber den Umgang mit Frauenzimmern. + + + Sechstes Kapitel; Seite 182. + + Ueber den Umgang unter Freunden. + + + Siebentes Kapitel; Seite 198. + + Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern. + + + Achtes Kapitel; Seite 205. + + Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns in + demselben Hause wohnen. + + + Neuntes Kapitel; Seite 207. + + Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast. + + + Zehntes Kapitel; Seite 211. + + Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten + empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern, Gläubigern + und Schuldnern. + + + Eilftes Kapitel; Seite 215. + + Ueber das Betragen gegen Leute in allerlei besondern Verhältnissen + und Lagen. + + + Zwölftes Kapitel; Seite 228. + + Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen + Leben. + + Allgemeine Behandlung der Kinder in den Jahren der ersten + Entwickelung; Seite 238. + + + + + Dritter Theil. + + Einleitung; Seite 307. + + Uebergang zu den in diesem Theile verhandelten Gegenständen. + + + Erstes Kapitel; Seite 307. + + Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen + und Reichen. + + + Zweites Kapitel; Seite 325. + + Ueber den Umgang mit Geringern. + + + Drittes Kapitel; Seite 328. + + Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen. + + + Viertes Kapitel; Seite 340. + + Ueber den Umgang mit Geistlichen. + + + Fünftes Kapitel; Seite 344. + + Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern. + + + Sechstes Kapitel; Seite 360. + + Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im bürgerlichen + Leben. + + + Siebentes Kapitel; Seite 383. + + Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart und Gewerbe. + + + Achtes Kapitel; Seite 391. + + Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern + derselben. + + + Neuntes Kapitel; Seite 395. + + Ueber die Art, mit Thieren umzugehen. + + + Zehntes Kapitel; Seite 399. + + Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser. + + + Eilftes Kapitel; Seite 404. + + Schluß. + + + + + Ueber den + + Umgang mit Menschen. + + + + + Erster Theil. + + Einleitung des Herausgebers. + + +Der Umgang mit Menschen gehört zu den wirksamsten ~Bildungs-~, +~Erheiterungs-~ und ~Anregungsmitteln~ des menschlichen Geistes und +Gemüths; aber wohlthätig werden seine Wirkungen nur dann für uns +seyn, wenn wir gehörig vorbereitet unter die Menschen treten, und im +Umgange eben so viel Weisheit, als Klugheit, eben so viel Festigkeit, +als Geschmeidigkeit, eben so viel Offenheit, als Zurückhaltung zeigen +und anwenden. Die Vorbereitung besteht in der Fertigkeit, den Schein +von der Wahrheit zu unterscheiden, die Sprache des feinen Welttons +zu reden, ohne in's Gezierte und Höfische zu verfallen, und in der +Sammlung allgemeiner Kenntnisse; endlich in der richtigen Würdigung +der Menschen, damit ein Bewußtseyn des eigenen Werthes erwache, und +die Blödigkeit verschwinde, welche unfähig macht, den Umgang mit +Menschen von höherer Bildung und Erfahrung zu benutzen und zu genießen. +Man könnte sagen, daß dieß alles, was hier als Vorbereitung auf den +Umgang mit Menschen dargestellt und erfordert wird, eigentlich das +Erzeugniß dieses Umgangs selbst sey; allein wenn auch zugegeben werden +muß, daß alle jene Kenntnisse und Fertigkeiten größtentheils in der +Gesellschaft gewonnen werden, so ist doch eben so gewiß, daß die +Gesellschaft ein Recht habe, von ihren Mitgliedern zu fordern, daß +sie einen Beitrag zur Unterhaltung geben, nicht bloß empfangen und +genießen sollen. Diese billige Forderung aber kann nur von denjenigen +erfüllt werden, welche gehörig vorbereitet und ausgestattet in die +Gesellschaft treten. Dazu soll die Erziehung vor allem mitwirken, und +daneben die schriftliche Belehrung und Anweisung, welche nicht bloß +aus Schriften, wie die vorliegende des trefflichen Menschenkenners +Knigge, sondern auch, und vielleicht noch mehr aus solchen Romanen +und historischen Darstellungen geschöpft wird, welche sich durch eine +lebhafte und getreue Charakterschilderung auszeichnen, und Menschen +von allen Seiten, und in allerlei Lagen, Verhältnissen und Beziehungen +darstellen. Nicht bloß Menschenkenntniß, sondern auch die Sprache des +feineren Gesellschaftstones findet sich in solchen Schriften, und sie +gehören eben deswegen unstreitig zu den wirksamsten Bildungsmitteln. +In wie fern, und unter welchen Bedingungen auch der ~Umgang~ ein +Bildungsmittel sey, soll hier nur angedeutet, nicht ausgeführt werden, +denn für die Ausführung findet sich im Verfolg eine passendere Stelle. +~Die Weisheit im Umgange~ würde zunächst in der Sichtung der Spreu von +dem Weizen bestehen, damit sich nicht, zugleich mit den Kenntnissen und +berichtigten Urtheilen, mit den Ansichten der Welt und der Menschen, +mit der Erwärmung für das Schöne, Gute und Edle, auch Vorurtheile aller +Art, schiefe und ungerechte Urtheile, falscher Geschmack, Heuchelei und +Verstellungskunst, Leichtsinn und Eitelkeit in die Seele einschleiche. +Ohne diese Weisheit hat die Gesellschaft nur verderblichen Einfluß, +wird sie endlich selbst die Kraft überwältigen, mit welcher heilsame +Eindrücke der Erziehung auf unsern Willen wirken, wird sie den, der +sich sorglos ihrem Einfluß hingibt, zum Sclaven der Mode und Sitte +machen, und ihn um sein bestes Lebensglück betrügen. + +Aber mit der ~Weisheit~ reicht man in der Gesellschaft nicht aus; +sie fordert eben so sehr jene vorsichtige und besonnene ~Klugheit~, +welche uns lehrt, erlaubte Vortheile zu erkennen und zu benutzen, +und den Klippen auszuweichen, an welchen so leicht die Fassung, die +Heiterkeit und Laune scheitern kann. Wer im Umgange mit der großen Welt +zu oft in Verlegenheit kommt, zu oft, durch den Schein irre geführt, +sich zu einer Offenheit verleiten läßt, die er hernach mit Schrecken +gemißbraucht oder gemißdeutet sieht; wer nicht zu rechter Zeit ein +Gespräch abzubrechen, oder es auf eine ungezwungene und verständige +Weise anzuknüpfen und fortzuführen weiß, ohne vorlaut und zudringlich +zu werden, oder sich selbst zum Thema der Unterhaltung zu machen; wer +nicht mit Klugheit die Personen, aus welchen die Gesellschaft besteht, +nach ihren bürgerlichen und Familienverhältnissen berücksichtigt, +und seine Urtheile ohne alle Rücksicht fällt, seine Bemerkungen ohne +alle Umsicht mittheilt: der wird für alle diese Verstoße gegen die +Klugheit im Umgange hart büßen müssen, und sich bald genug von der +Gesellschaft ausgeschlossen sehen. Jene Weisheit, welche der Umgang +fordert, und jene Klugheit, welche er voraussetzt, besteht ferner in +der ~Festigkeit~, die nie in Starrsinn und Rechthaberei ausartet, und +in der Geschmeidigkeit, welche eben so weit von Heuchelei, als von +Blödigkeit und Menschengefälligkeit entfernt ist. Wer immer der Meinung +dessen ist, der zuletzt sprach, oder der das Wort in der Gesellschaft +führt, nie eine eigene Meinung hat, oder sie wenigstens sogleich +feigherzig aufgibt, wenn sie Widerspruch findet, wird der Gesellschaft +eben so wenig verdanken, als der, welcher mit rechthaberischer +Heftigkeit seine Gegner nur überschreit, nicht mit Gründen bekämpft. +Aber vorzüglich kommt es hier auf die ~Art~ an, wie man solche +Meinungen und Urtheile, welche lebhaft bestritten werden, vertheidigt +und begründet. Es gibt Menschen, welche bei solchen Vertheidigungen +alle Rücksichten und jede Schonung und Milde, welche zum Wesen +des Umgangs gehört, bei Seite setzen, und in leidenschaftlicher +Lebhaftigkeit ihre Gegner mehr anfallen und mißhandeln, als bekämpfen. +Hier ist die Grenze sehr leicht überschritten, besonders wenn die +Klugheit nicht von wohlwollenden Neigungen unterstützt wird, oder +persönliche Mißverhältnisse der Streitenden einwirken und sichtbar +werden. Dennoch gehört die Festigkeit recht eigentlich zu den +geselligen Tugenden, weil die Gesellschaft nicht ohne ~Reizmittel~ +bestehen kann, und der Widerspruch zu den wirksamsten Reizmitteln +gehört; aber auch deswegen, weil nur Festigkeit gegen die gefährlichen +und verderblichen Eindrücke des Umgangs waffnet und sichert, so wie +gegen die Verlegenheit und Bedrängniß, in welche wir diejenigen so oft +in der Gesellschaft gerathen sehen, welche dem Hochmuth, der Anmaßung, +Unbescheidenheit und leeren Prahlerei nichts entgegen zu setzen wissen, +und da verstummen, wo sie recht laut werden und mit Nachdruck sprechen +sollten. + +Aber wie der Umgang verderblich werden kann, wenn man seinem Einfluß +nicht mit Festigkeit zu widerstehen, und durch festen Muth alles +abzuwehren weiß, wodurch das Vergnügen der Gesellschaft gestört, oder +das Recht des Einzelnen gekränkt wird; so wird sein Reiz und sein +Genuß durch die ~Geschmeidigkeit~ erhöht, mit welcher sich Jeder +in den Ton der Gesellschaft überhaupt, und in die Schwachheiten +der Einzelnen insbesondere zu finden und zu schicken, Störungen des +gesellschaftlichen Vergnügens zu entfernen, und alles herbeizuführen +weiß, was die Unterhaltung nähren und beleben, die Bande der +Gesellschaft fester knüpfen, und den Genuß Aller erhöhen kann, und +zwar auf eine solche Art, daß Keinem etwas aufgedrungen, und nichts +erzwungen wird. Wie leicht diese Geschmeidigkeit ausarte, und wie +lästig, verächtlich und erniedrigend sie in ihrer Ausartung sey, +davon finden sich die auffallendsten Beispiele in jeder zahlreichen +Gesellschaft. Sie muß in theilnehmenden und wohlwollenden Gefühlen, in +~der~ Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit, welche sich nie vordrängt, +und keine Auszeichnung begehrt, und in dem Wunsche, sich zu belehren, +ihren Grund haben, wenn sie für eine gesellschaftliche Tugend gelten +soll. Häufig erscheint die Geschmeidigkeit als Herablassung zu den +Schwachen, als Herabstimmung zu einem uns fremden und ungemüthlichen +Gesellschaftstone, und in so fern sie selbst lauter Schwäche, nicht +Grundsatz und nicht Wohlwollen oder Klugheit ist, als ein Heulen +mit den Wölfen, als ein feigherziges und unsittliches Einstimmen in +einen Ton, den man für schlecht und niedrig erkennt. Hier würde die +Festigkeit an ihrem Orte seyn. Dagegen ist es hohe Gesellschaftstugend, +den Schwachen in der Gesellschaft sein Ohr zu leihen, wenn sie über die +Gebühr von sich selbst und ihren besondern Angelegenheiten sprechen; +der Mutter theilnehmend zuzuhören, welche von den Anlagen und von +der Liebenswürdigkeit ihrer Kinder, oder von häuslichen Leiden mit +großer Ausführlichkeit spricht; den ehrlichen Handwerksmann ausreden +zu lassen, oder durch Fragen selbst zu veranlassen, vom Handwerk zu +sprechen und seine Erfahrungskenntnisse gutmüthig mitzutheilen, wobei +dem Hörenden wohl noch durch manche nützliche Sachkenntniß seine +Herablassung vergolten wird. + +Eben so viel ~Offenheit~, als ~Zurückhaltung~, fordert endlich der +Umgang mit Menschen. Offenheit ist die Seele des Umgangs; aber +sie setzt Vertrauen voraus, und wer kann sogleich Vertrauen zu +Personen fassen, die er nur in ihren Feierkleidern sieht, und nicht +beobachten kann, wenn sie in ihrer Alltagskleidung einhergehen. +Es gibt eine Offenheit, welche mit kluger Vorsicht vereinbar ist, +und diese soll im Umgange herrschen. Niemand soll seine Grundsätze +und Ueberzeugungen verheimlichen, oder schweigen, wo die Pflicht, +sich des Verleumdeten anzunehmen, den Splitterrichter zu demüthigen +und zu strafen, den Heuchler zu entlarven, den Prahler in seiner +Erbärmlichkeit darzustellen, oder auch nur die Pflicht, seinen +Beitrag zur Unterhaltung zu geben, das Schweigen verbietet. Aber +Rücksicht auf Kinder, auf Schwache und Unwissende, auf Schüchterne +und Aengstliche, auf Horcher und Wortverdreher, auf Neuigkeitsträger +und Klatschschwestern, gebietet auch oft Zurückhaltung des Urtheils, +des Spottes, eines witzigen Einfalls, einer wahren, aber bitteren +Bemerkung, einer Meinung oder Erklärung, die leicht gemißdeutet oder +gemißbraucht werden kann. + +Dieß also wären die Bedingungen, unter welchen der Umgang +Bildungs-, Erheiterungs- und Anregungsmittel werden +kann. Wem übrigens die Wahl frei steht, zwischen großen, stark +gemischten Gesellschaften, und kleineren Gesellschaftskreisen, der +handelt weise, wenn er diese vorzieht, und jene so viel als möglich +vermeidet. Denn je zahlreicher die Gesellschaft ist, desto leerer +ist der Umgang, und nur da ist die Unterhaltung ergiebig +und lehrreich, wo Alle daran Theil nehmen, und Keiner durch +Rücksichten der Klugheit und Vorsicht zur Zurückhaltung bestimmt +wird, sondern Jeder frei und unverhohlen seine Meinung äußert. + +Auf der andern Seite ist der Umgang mit Einzelnen, wenn +sie mit einer ächten Geistesbildung eine reiche Erfahrung verbinden, +und in mannigfaltigen Verbindungen leben, viel ergiebiger +und belohnender, als das eigentliche Gesellschaftsleben, und +diejenigen, welche das Leben in dem edelsten Sinne genießen +wollen, ziehen sich daher aus der großen Welt zurück, und wissen +sich in dem Familienleben einen Genuß zu bereiten, welcher +in großen und gemischten Gesellschaften vergebens gesucht wird. +Vielleicht ist es auch nur in solcher Zurückgezogenheit möglich, +das Herz vor Thorheiten und Verirrungen zu bewahren, in welche +es so leicht durch den Einfluß der Gesellschaft verwickelt wird, +und die Ausartung des Herzens zu verhüten, welcher diejenigen +nicht entgehen, die ihrem Umgange die möglichste Ausdehnung +geben, und darin den höchsten Genuß des Lebens finden. Denn +neben dem wohlthätigen Einflusse, welchen der Umgang mit +Menschen aus allen Ständen auf die Entwickelung unseres Geistes, +Veredlung unseres Herzens, und Erheiterung unseres Gemüths +haben kann, wenn er ein gewählter ist, und mit Mäßigung +und Vorsicht genossen wird, übt er auch einen nachtheiligen +und selbst verderblichen Einfluß auf unbewachte und unbereitete +Herzen aus. + +Wenn auf der einen Seite unsere Begriffe durch den Umgang +bereichert und berichtigt werden, so verwirrt er sie auf der +andern. Wir hören Menschen, mit Witz und Scharfsinn ausgestattet, +ihre vorgefaßten Meinungen, ungerechten Urtheile +und fixen Ideen mit einer solchen Beredsamkeit und Zuversicht +als unstreitige und unläugbare Wahrheiten darstellen, daß wir +uns überreden, ein ganz neues Licht über diese Gegenstände erhalten +zu haben, und ihre Jünger werden. Ein andermal fällt +ein witziger Spötter über das Heilige her, und es gelingt ihm, +den religiösen Gefühlen einiger Schwachen in der Gesellschaft einen +Stoß zu geben. Er hat ihnen das Unersetzliche genommen, +und sie werden diesen Verlust nie verschmerzen. Der Umgang +wird heute Nahrung für unsere wohlwollenden und theilnehmenden +Gefühle; aber morgen gerathen wir in eine Gesellschaft, in +welcher der Hofton herrschend ist; wir stoßen auf lauter verlarvte +Gesichter, hören lauter Redensarten, werden überall durch die +unverschämten Uebertreibungen einer frechen Schmeichelei verletzt, +sehen eine ganze Gesellschaft von Schauspielern vor uns, +von welchen jeder seine Rolle spielt, und nirgends wird uns +Nahrung für Geist und Gefühl gereicht; was ist natürlicher, +als daß wir Menschenverachtung aus dieser Gesellschaft mitnehmen, +und uns nicht sobald wieder mit den Menschen aussöhnen; +daß sich Mißtrauen unseres Herzens bemächtigt, und der +Glaube an die Menschheit seine Kraft verliert. + +Ein unbewachtes und unbefestigtes Herz geräth in einer Gesellschaft +unter feine und beredte Schmeichler; der Giftsaame wird in das Herz +gestreut, und die Früchte werden nicht ausbleiben.-- Und wer hätte +nicht in der Gesellschaft die Kunst zu scheinen, Gefühle zu verhehlen, +eine Rolle zu spielen, zu heucheln, und sich zu verstellen, wider +seinen Willen, und ohne sein Wissen gelernt? Man gewöhnt sich in der +Gesellschaft an alles, selbst an das Lächerlichste, Erbärmlichste, +Platteste, an Mangel und Mißbrauch des Verstandes, an die häßlichsten +Gesichter und Gemüther, die widrigsten Fehler des Körpers und des +Sprachorgans; man bemerkt am Ende diese Gebrechen kaum mehr. Daher +sieht man, besonders in den höheren Ständen, die Mitglieder der +Gesellschaft ihren faden Witz, ihre beredten Verleumdungen, ihren +ungesalzenen Spott und ihre kläglichen Tagesneuigkeiten mit einer +Unbefangenheit gegen einander austauschen, als ob die unschuldigsten +Dinge vorgingen, und es fällt Keinem auch nur von ferne ein, sich +einer solchen Unterhaltung zu schämen, noch weniger, ihr eine bessere +Wendung zu geben, oder Salz zu verlangen und zu erwarten. Aber es sind +nicht bloß die Geistlosen oder Armen am Geist, die es so arg treiben; +auch Geistreiche lassen sich endlich, wenn sie lange genug Zuhörer +gewesen sind, zu solchem Kleinhandel herab, und werden aus lauter +Gefälligkeit, oder um der langen Weile zu entgehen, mit geistlos. Es +gehört Muth, Geduld und große Gewandtheit dazu, einen faden und dürren +Gesellschaftston zu beschwingen, und endlich zu verdrängen; aber diese +Kunst sollte jeder zu erringen suchen, weil dadurch großes Verdienst zu +erwerben ist, und der, welcher sie besitzt und ausübt, der Wohlthäter +einer ganzen Stadt werden kann. + +Mehr oder weniger trägt jeder das Gepräge der Gesellschaft, +und wird ihr Zögling, oft ein zu folgsamer; denn indem sie allen +seinen Trieben die mannichfaltigste und reichste Befriedigung +darbietet, besonders dem Ehrtriebe, indem sie das Bedürfniß, +zu lieben, und geliebt zu werden, eben so sehr aufregt, als kräftig +stillt, und allen seinen Zwecken dient, legt sie ihn in unauflösliche +Fesseln. Doch sie soll auch seine Kräfte in Bewegung +setzen und beschäftigen, darum muß sie Reibungen veranlassen, +und jeglichem Bestreben, wozu die vereinte Kraft Mehrerer erfordert +wird, so wie jeglicher ungeselligen Neigung Hindernisse +und Widerstand entgegenstellen. Nicht überall kommt uns in +der Gesellschaft (das Wort hier im weitesten Sinne genommen) +Theilnahme und guter Wille entgegen, nicht überall die Anerkennnng +unserer Verdienste und unserer sittlichen Güte, und da, +wo wir gern Einfluß gewinnen möchten, stößt sie uns zurück, +weil wir nicht ihre Sprache zu reden wissen, oder uns weigern, +sie zu reden, und in den Ton, der jetzt gerade der herrschende +ist, einzustimmen. Auf der andern Seite legt sie dem Rohen +und Ungesitteten Fesseln an, und zwingt ihn durch die Gewalt +ihrer conventionellen Gesetze, die Sprache der Bescheidenheit und +Ehrbarkeit zu reden; sie nöthigt ihn zu einer sehr beschwerlichen +Selbstverleugnung, und straft ihn auf der Stelle, wenn er sich +weigert, ihre Gesetze anzuerkennen und ihnen zu gehorchen. +Wenn es scheint, daß sie dadurch theils Heuchler bildet, theils +Menschenhasser, so kann sie zwar von dieser Schuld nicht ganz +frei gesprochen werden; aber sie weiß wenigstens den Schaden, +welchen sie anrichtet, mannichfaltig zu vergüten, theils durch +die Ermunterungen, welche sie denen zu Theil werden läßt, die +sich in ihr geltend zu machen wissen; theils durch die Veranlassungen, +welche sie dem Thätigen und Wohlwollenden gibt, sich +gemeinnützig zu machen, vorzüglich aber durch die Kunst und +Sorgfalt, mit welcher sie die rohen Edelsteine schleift, so daß +ihr Werth erkannt und richtig geschätzt wird. Sie kommt durch +dieß alles der Erziehung sehr wirksam zu Hülfe, und rettet Viele, +die sonst für die Welt verloren gegangen seyn würden, errettet +Andere aus dem Verderben der Milzsucht, Hypochondrie und +üblen Laune, der Blödigkeit und Verzagtheit, des Versinkens +in Eintönigkeit, Einsylbigkeit und Verschlossenheit, verhilft ihnen +zu der Entdeckung, daß ihnen auch die Gabe der Sprache, oder +wohl gar die des Witzes und Humors zu Theil geworden sey, +weckt in viel Tausenden wohlwollende und theilnehmende Gefühle, +und heilt sie gründlich von den Krankheiten, welche ihnen +durch eine verkehrte Erziehung, oder durch den Einfluß eines +bösen Familiengeistes, oder durch die Macht böser Gewohnheiten +eingeimpft worden sind. Auch für diejenigen wird sie oft +Retterinn und Wohlthäterinn, welche am Müßiggange und an +der langen Weile krank liegen, und nur der Anregung bedürfen, +um sich zu fühlen, und zur Thätigkeit zu erwachen. + +Die schwerste Aufgabe, welche uns die Gesellschaft zu lösen +gibt, und wodurch sie besonders die festen und gediegenen Charaktere, +und die einfachen Gemüther abschreckt, ist die, sich in +die oft ganz kontrastirenden Tonarten zu finden und einzustimmen, +welche in den verschiedenen Kreisen die herrschenden oder +beliebten sind. Denn seinen Geschmack verleugnen, seine Vernunft +gefangen nehmen unter dem Glauben an die Untrüglichkeit +der Mode, oder faden Witz verschlucken, und immer wieder +dieselben Späßchen sich vormachen lassen, oder einem Treibjagen +gemeiner Anekdoten zusehen, dazu gehört, wenn man wahrhaft +gebildet ist, eine Selbstverleugnung, die auch des Geduldigsten +Langmuth erschöpft, oder ein Humor, der nicht zu zerstören +ist. Da aber in dieser besten Welt niemand der Nothwendigkeit, +die Menschen zu nehmen, wie sie sind, entgehen kann, +so dürfte es zur Lebensklugheit gehören, sich mit einer solchen +Fassung und humanen Langmuth auszustatten, daß man auch +die schwersten Prüfungen dieser Art bestehen könne. + +Zur Erwerbung einer solchen Fassung und Langmuth kann eine Anleitung, +wie sie ~Knigge~ in dem vorliegenden Buche gegeben hat, allerdings +etwas beitragen, da sie die Menschen nicht nur in allerlei Gestalten +lebendig darstellt, sondern auch lehrt, wie man sie, nach Maßgabe +ihres Charakters und ihrer Bildung, zu nehmen und zu behandeln, welche +Klippen man im Umgange zu vermeiden, welche Saiten man zu berühren +und nicht zu berühren habe, und wie man sich gegen den nachtheiligen +Einfluß sichern könne, welchen der Umgang auf Gesinnung, Sitte und +Urtheil ausübt, wenn man nicht die Spreu von dem Weizen zu sondern +versteht, und sich durch das Ansehen hoher Einsicht und untrüglicher +Urtheilskraft, welches die dreisten Tonangeber in der Gesellschaft +anzunehmen wissen, täuschen und bethören läßt. Wenn der humoristische +Verfasser hie und da seiner Laune zu sehr den Zügel schießen ließ, und +sich, um einen witzigen Einfall nicht unterdrücken zu dürfen, eine +kleine Uebertreibung oder Entstellung erlaubte; wenn er sich von einem +Vorurtheil, welches man ~seiner~ Zeit zu Gute halten muß, verleiten +ließ, den französischen Gesellschaftston und die geselligen Tugenden +der Franzosen, auf Unkosten der Teutschen, zu preisen; so thut dieß +im Ganzen dem Werthe dieses Buches keinen Eintrag, da es nicht schwer +ist, in diesen Stellen die Uebertreibung zu erkennen und abzusondern; +auch hat es sich der Herausgeber angelegen seyn lassen, des Verf. +Bemerkungen in dieser Hinsicht zu berichtigen, und sein Urtheil zu +mildern. + + + + + Einleitung des Verfassers. + + + 1. + +Wir sehen die klügsten, verständigsten Menschen im gemeinen +Leben Schritte thun, wozu wir den Kopf schütteln müssen. + +Wir sehen die feinsten theoretischen Menschenkenner das +Opfer des gröbsten Betrugs werden. + +Wir sehen die erfahrensten, geschicktesten Männer, bei alltäglichen +Vorfällen, unzweckmäßige Mittel wählen; sehen, daß +es ihnen mißlingt, auf Andre zu wirken; daß sie, mit allem +Uebergewicht der Vernunft, dennoch oft von fremden Thorheiten +und Grillen und von dem Eigensinne der Schwächern abhängen; +daß sie von schiefen Köpfen, die nicht werth sind, mit +ihnen verglichen zu werden, sich müssen regieren und mißhandeln +lassen; daß hingegen Schwächlinge und Unmündige an +Geist Dinge durchsetzen, die der Weise kaum zu wünschen wagen +darf. + +Wir sehen manchen Redlichen fast allgemein verkannt. + +Wir sehen die witzigsten, hellsten Köpfe in Gesellschaften, +wo Aller Augen auf sie gerichtet waren, und jedermann begierig +auf jedes Wort lauerte, das aus ihrem Munde kommen +würde, eine untergeordnete Rolle spielen; sehen, wie sie verstummen, +oder nur gemeine Dinge sagen, indeß ein andrer, +äußerst leerer Mensch die kleine Summe von Begriffen, die er +hie und da aufgesammelt hat, so durch einander zu werfen und +aufzustutzen versteht, daß er Aufmerksamkeit erregt, und, selbst +bei Männern von Kenntnissen, für etwas gilt. + +Wir sehen, daß die glänzendsten Schönheiten nicht allenthalben +gefallen, indeß Personen, mit weniger äussern Annehmlichkeiten +ausgerüstet, allgemein interessiren. -- + +Kurz, wir werden täglich gewahr, daß die klügsten und gelehrtesten +Männer, wenn nicht zuweilen die untüchtigsten zu +allen Weltgeschäften, doch wenigstens unglücklich genug sind, +durch den Mangel einer gewissen Gewandtheit zurückgesetzt zu +bleiben, und daß die Geistreichsten, von der Natur mit allen +innern und äussern Vorzügen beschenkt, oft am wenigsten zu +gefallen, zu glänzen verstehen. + +Manche Leute glauben, ausgezeichnete Eigenschaften berechtigten +sie, die kleinen gesellschaftlichen Schicklichkeiten, die Regeln +des Anstandes, der Höflichkeit, oder der Vorsicht zu vernachlässigen +-- Sie irren sehr. Großer Eigenschaften wegen +verzeiht man große Fehler, weil Menschen von feinerm Stoffe +heftige Leidenschaften zu haben pflegen. Wo aber keine Leidenschaft +im Spiele ist, da soll der bessere Mann auch weiser handeln, +als der alltägliche; und es ist nicht weise gehandelt, die +unschuldigen Gebräuche der Gesellschaft zu verachten, wenn man +in der Gesellschaft leben und wirken will. + +Ich rede aber hier nicht von der freiwilligen Verzichtleistung +des Weisen auf die Bewunderung des vornehmen und geringen +Pöbels. Daß der Mann von bessrer Art da in sich selbst verschlossen +schweigt, wo er nicht verstanden wird; daß der Witzige, +Geistvolle, in einem Cirkel schaler Köpfe sich nicht so weit herabläßt, +den Spaßmacher zu spielen; daß der Mann von einer gewissen +Würde im Charakter zu viel Stolz hat, sein ganzes Wesen +nach jeder ihm unbedeutenden Gesellschaft umzuformen, die +Stimmung anzunehmen, wozu die jungen Laffen seiner Vaterstadt +den Ton mit von Reisen gebracht haben; daß es den Jüngling +besser kleidet, bescheiden, schüchtern und still, als nach +Art der mehrsten unsrer heutigen jungen Leute, vorlaut, selbstgenügsam +und plauderhaft zu seyn; daß der edle Mann, je klüger +er ist, um desto bescheidner, um desto mißtrauischer gegen +seine eignen Kenntnisse und Urtheile, um desto weniger zudringlich +seyn wird; oder daß, je mehr innerer, wahrer Verdienste +sich jemand bewußt ist, er um desto weniger Kunst anwenden +wird, seine vortheilhaften Seiten hervorzukehren, so wie die +wahrhafte Schönheit alle kleine anlockende, unwürdige Buhlkünste, +wodurch man sich bemerkbar zu machen sucht, verachtet +-- Das alles ist wohl sehr natürlich! -- davon rede ich +also nicht. + +Auch nicht von der beleidigten Eitelkeit eines Mannes voll +Forderungen, der unaufhörlich eingeräuchert, geschmeichelt und +vorgezogen zu werden verlangt, und, wo das nicht geschieht, +ein finsteres Gesicht macht; nicht von dem gekränkten Hochmuthe +eines abgeschmackten Pedanten, der mißlaunig wird, wenn +er das Unglück hat, nicht aller Orten für ein großes Licht der +Erde bekannt, und als ein solches behandelt zu seyn; wenn nicht +Jeder mit seinem Lämpchen herzuläuft, um es an diesem großen +Lichte der Aufklärung anzuzünden. Wenn ein steifer Professor, +der gewohnt ist, von seinem bestaubten Dreifuße herunter, sein +Lehrbuch in der Hand, einem Haufen gaffender, unbärtiger +Musensöhne stundenlang hohe Weisheit vorzupredigen, und dann +zu sehen, wie sogar seine platten, in jedem halben Jahre wiederholten +Späße sorgfältig nachgeschrieben werden; wenn ein +Solcher einmal die Residenz, oder irgend eine andere Stadt besucht, +und das Unglück nun will, daß man ihn dort kaum dem +Namen nach kennt, daß er in einer feinen Gesellschaft von zwanzig +Personen gänzlich übersehn, oder von irgend einem Fremden +für den Kammerdiener im Hause gehalten und Er genannt wird, +wer mögte es ihm verargen, wenn er ergrimmt, und ein verdrossenes +Gesicht zeigt; oder wenn ein Stuben-Gelehrter, der +ganz fremd in der Welt, ohne Erziehung und ohne Menschenkenntniß +ist, sich einmal aus dem Haufen seiner Bücher hervorarbeitet, +und dann, äusserst verlegen mit seiner Figur, buntschäckig +und altväterisch gekleidet, in seinem, vor dreißig Jahren +nach der neuesten Mode verfertigten Bräutigamsrocke, da sitzt, +und an nichts von Allem, was gesprochen wird, Antheil nehmen, +keinen Faden finden kann, um mit anzuknüpfen: so gehört +das alles nicht hieher. + +Eben so wenig rede ich von dem groben Cyniker, der alle +Regeln verachtet, welche Uebereinkunft und gegenseitige Gefälligkeit +den Menschen im bürgerlichen Leben vorgeschrieben haben, +noch von dem Kraft-Genie, das sich über Sitte, Anstand +und Vernunft hinauszusetzen, einen besondern Freibrief zu haben +glaubt. + +Und wenn ich sage, daß oft auch die weisesten und klügsten +Menschen in der Welt, im Umgange und in Erlangung äusserer +Achtung, bürgerlicher und anderer Vortheile, ihres Zwecks verfehlen, +ihr Glück nicht machen; so bringe ich hier weder in Anschlag: +daß ein widriges Geschick zuweilen den Besten verfolgt, +noch daß eine unglückliche leidenschaftliche oder ungesellige +Gemüthsart bei Manchem die vorzüglichsten, edelsten Eigenschaften +verdunkelt. + +Nein! meine Bemerkung trifft Personen, die wahrlich allen guten Willen +und treue Rechtschaffenheit mit mannigfaltigen, recht vorzüglichen +Eigenschaften und dem eifrigen Bestreben, in der Welt fortzukommen, +eignes und fremdes Glück zu bauen, verbinden, und die dennoch mit +diesem Allen verkannt, übersehen werden, zu gar nichts gelangen. +Woher kömmt das? Was ist es, das Diesen fehlt und Andere haben, die, +bei dem Mangel wahrer Vorzüge, alle Stufen menschlicher, irdischer +Glückseligkeit ersteigen? -- Es fehlt ihnen: ~die Kunst des Umgangs +mit Menschen~ -- eine Kunst, die oft der schwache Kopf, ohne darauf zu +studiren, viel besser erlauert, als der verständige, weise, witzreiche; +die Kunst, sich geltend zu machen, ohne beneidet zu werden; sich nach +den Temperamenten, Einsichten und Neigungen der Menschen zu richten, +ohne falsch zu seyn; sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft +stimmen zu können, ohne weder Eigenthümlichkeit des Charakters zu +verlieren, noch sich zu niedriger Schmeichelei herabzulassen. Der, +welchen nicht die Natur schon mit dieser glücklichen Anlage hat +geboren werden lassen, erwerbe sich Menschenkenntniß, eine gewisse +Geschmeidigkeit, Geselligkeit, Nachgiebigkeit, Duldung, lerne sich zu +rechter Zeit verleugnen, erringe Gewalt über heftige Leidenschaften, +Wachsamkeit auf sich selber, und Heiterkeit des immer gleich gestimmten +Gemüths; und er wird sich jene Kunst zu eigen machen. Doch hüte man +sich, sie zu verwechseln mit der schädlichen, niedrigen Gefälligkeit +des verworfenen Sclaven, der sich von Jedem mißbrauchen läßt, sich +Jedem preisgibt, um eine Mahlzeit zu gewinnen; dem Schurken huldigt, +und, um eine Bedienung zu erhalten, zum Unrechte schweigt, zum Betruge +die Hände bietet, und die Dummheit vergöttert. + +Indem ich aber von jenem +esprit de conduite+ rede, der +uns leiten muß, bei unserm Umgange mit Menschen aller Gattung: +will ich nicht etwa ein Complimentir-Buch schreiben, +sondern einige Resultate aus den Erfahrungen ziehn, die ich gesammelt +habe, während einer nicht kurzen Reihe von Jahren, +in welchen ich mich unter Menschen aller Arten und Stände +umhertreiben mußte und oft in der Stille beobachtete. -- Kein +vollständiges System, aber Bruchstücke, vielleicht nicht zu verwerfende +Materialien, Stoff zu weiterm Nachdenken. + + + 2. + +In keinem Lande in Europa ist es vielleicht so schwer, im +Umgange mit Menschen aus allen Klassen, Gegenden und Ständen, +allgemeinen Beifall einzuerndten: in jedem dieser Kreise +wie zu Hause zu seyn, ohne Zwang, ohne Falschheit, ohne sich +verdächtig zu machen, und ohne selbst dabei zu leiden, auf den +Fürsten wie auf den Edelmann und Bürger, auf den Kaufmann +wie auf den Geistlichen, nach Gefallen zu wirken, als in unserm +teutschen Vaterlande; denn nirgends vielleicht herrscht zu +gleicher Zeit eine so große Mannigfaltigkeit des Conversationstons, +der Erziehungsart, der Religions- und andrer Meinungen, +eine so große Verschiedenheit der Gegenstände, welche die +Aufmerksamkeit der einzelnen Volks-Klassen in den einzelnen +Provinzen beschäftigen. Dieß rührt her von der Mannigfaltigkeit +des Interesse der teutschen Staaten gegen einander und gegen +auswärtige, von dem Unterschiede der Verbindungen mit +diesem oder jenem auswärtigen Volke, und von dem sehr merklichen +Abstande der Klassen in Teutschland von einander, zwischen +denen verjährtes Vorurtheil, Erziehung und zum Theil +auch Staats-Verfassung eine viel bestimmtere Grenzlinie gezogen +haben, als in andern Ländern. Wo hat mehr, als in Teutschland, +die Idee von sechszehn Ahnen des Adels wesentlichen moralischen +und politischen Einfluß auf Denkungsart und Bildung? +Wo greift weniger allgemein, als bei uns, die Kaufmannschaft +in die übrigen Klassen ein? Wo macht mehr, als hier, das +Corps der Hofleute eine ganz eigne Gattung aus, in welche +hinein, so wie zu der Person der mehrsten Fürsten, nur Leute +von gewisser Geburt und gewissem Range sich hindrängen können? +Wo durchkreuzen sich mehr Arten von Interesse? -- Und +diese treffen nicht etwa auf irgend einen dem ganzen Volke merkbaren +Punkt zusammen, auf allgemeine National-Bedürfnisse, +Volks-Angelegenheiten, Vaterlands-Nutzen, wie in England, +wo Aufrechthaltung der Constitution, Freiheit und Glück der +Nation, Flor des Vaterlandes, der Punkt ist, in welchem sich +das Streben, Dichten und Trachten so mancher originellen Charaktere +vereinigt, noch wie in fast allen übrigen europäischen +Ländern, die entweder unter einem einzigen Oberhaupte stehen, +oder durch ein einziges, allen Gliedern wichtiges Interesse beherrscht +werden, wie die Schweiz, oder in welchen eine allein +herrschende Religion, oder ein tyrannisches Clima, über Denkungsart, +Ton und Stimmung allgemein überwiegende Gewalt +hat. + +Daß im Ganzen unsere teutsche Verfassung, so zusammengesetzt +sie auch ist, sehr große, wesentliche Vorzüge gewährt, +das leidet keinen Zweifel; allein es ist nicht weniger gewiß, daß +dieselbe den mächtigsten Einfluß auf die Verschiedenheit der Stimmung +in den einzelnen Provinzen und Staaten und unter den +mancherlei von einander abgesonderten Ständen hat. Eben daher +kommt es, daß unsre Schauspieler, Schauspiel-Dichter und +Romanen-Schreiber ein viel schwereres Studium haben, wenn +sie alle diese Nüancen kennen, bearbeiten und dennoch einen Anstrich +von originellem National-Charakter wollen durchschimmern +lassen; viel schwerer, als in Frankreich, wo die Sitten +der verschiednen Stände und einzelnen Provinzen nicht so sehr +gegen einander abstechen. Eben daher kömmt es, daß man über +wenige unsrer literarischen Produkte ein allgemein einstimmig +beifälliges Volks-Urtheil hört, daß überhaupt so wenige unserer +Werke wie National-Monumente auf die Nachwelt übergehen, +und eben daher endlich kömmt es, daß es so schwer ist, mit +Menschen aus allen Ständen und Gegenden in Teutschland umzugehn +und bei Allen gleich wohl gelitten zu seyn, auf Alle gleich +vortheilhaft zu wirken. + +Der treuherzige, naive, zuweilen ein wenig bäurische, materielle +Bayer ist äusserst verlegen, wenn er auf alle verbindlichen, +artigen Dinge antworten soll, die ihm der feine Ober-Sachse in +~einem~ Othem entgegenschickt; dem schwerfälligen Westphälinger +ist alles hebräisch, was ihm der Oesterreicher in seiner, ihm +gänzlich fremden Mundart vorpoltert; die zuvorkommende Höflichkeit +und Geschmeidigkeit des durch französische Nachbarschaft +polirten Rheinländers würde man in manchen Städten von +Nieder-Sachsen für Zudringlichkeit, für Niederträchtigkeit halten. +Man glaubt da, ein Mann, der so äusserst unterthänig +und nachgiebig ist, müsse gefährliche oder niedrige Absichten haben, +oder müsse falsch, oder sehr arm und hülfsbedürftig seyn; +und oft ist dort ein wenig zu weit getriebne äussere Höflichkeit +hinlänglich, den Mann, der sich am Rheine dadurch allgemeine +Liebe erwerben würde, an der Leine verächtlich zu machen. Dagegen +wird aber auch der, nicht kältere, nur weniger leichtsinnige, +weniger zuversichtliche, nicht so im Gedränge von Fremden, +noch auf Reisen an Leib und Seele abgeschliffene, geglättete, +sondern ernsthafte Nieder-Sachse, der bei der ersten Bekanntschaft +nicht sehr zuvorkommend, sondern wohl gar ein +wenig verlegen ist, an einem Hofe im Reiche vielleicht für einen +schüchternen Menschen, ohne Lebensart, ohne Welt, angesehen +werden[1]. + +Sich nun also nach Ort, Zeit und Umständen umzuformen, +und von verjährten Gewohnheiten sich loszumachen: das erfordert +Studium und Kunst. + +In Gegenden, aus welchen weder Unzufriedenheit mit dem +Vaterlande, noch Müßiggang, noch Verderbniß der Sitten, +noch unbestimmte, rastlose Thätigkeit, noch Anekdoten-Jagd, +noch vorwitzige Neugier, die Menschen schaarenweise auswandern +macht, und jeden Pinsel zum Reisen treibt, sind die Einwohner +mit dem, was es daheim gibt, so herzlich wohl zufrieden, +daß sie nichts Größeres kennen, nichts Größeres kennen +mögen, als das, was sie in ihrem Vaterlande von Jugend auf +betrachtet, schon als Knaben bewundert, oder von ihren Verwandten +und Freunden haben stiften, bauen, anlegen gesehn. +Ihnen sind die kleinen jährlichen oder andern Feste immer neu, +immer gleich glänzend und merkwürdig. -- Glückliche Unwissenheit! +nicht zu vertauschen mit dem Ekel, welcher den Mann +anwandelt, der in seinem Leben so gar viel aller Orten erlebt, +erfahren, gesehn, bauen und zerstören gesehn hat, und zuletzt +an nichts mehr Freude finden, nichts mehr bewundern kann, +alles mit Tadel und Langerweile erblickt! -- Doch macht die +treue Anhänglichkeit an einheimische Sitten zuweilen ungerecht, +ungeschliffen gegen Menschen, die sich durch kleine Verschiedenheiten, +wäre es auch nur in Anstand, Kleidung, Ton, Mundart +oder Gebehrden, unschuldigerweise auszeichnen. + +In freien Städten ist diese Anhänglichkeit an väterliche Sitten, +Kleidertrachten u. dgl. sehr auffallend, und hat nicht selten +Einfluß auf Regierungs-Verfassung, Religions-Verträglichkeit +und andre wichtige und unwichtige Dinge. Ich meine, diese +Verschiedenheit der Sitten und der Stimmung in den teutschen +Staaten macht es sehr schwer, außer seiner vaterländischen Gegend, +in fremden Provinzen, in Gesellschaften zu gefallen, +Freundschaften zu stiften, Geschmack am Umgange zu finden, +Andre für sich einzunehmen, und auf Andre zu wirken. + +Diese Schwierigkeiten werden größer und fühlbarer, und erzeugen +eine nicht geringe Verlegenheit, wenn man in Teutschland +in Gesellschaften geräth, welche aus Personen von verschiedenen +Ständen und Erziehungsweisen zusammengesetzt sind. +Dem Teutschen wird es schwer, sich zu einem fremden Gesellschaftston +zu erheben oder herabzustimmen; seine Theilnahme +wird nicht sogleich rege; er fühlt sich verstimmt, wenn die Form +der Unterhaltung von derjenigen, an welche er in seiner Heimath +gewöhnt ist, merklich abweicht. Kommt er aus der Provinz in +die Hauptstadt, so macht ihn die Neuheit der Form verlegen, +ängstlich, schüchtern, und also unbeholfen; ist der Fall umgekehrt, +so wird er entweder einsylbig, kaltsinnig und verdrießlich, +oder er überläßt sich der Spottlust, und wird ein Friedensstörer. +Lebt er auf dem Lande, so fühlt er sich in der Hauptstadt durch +die im Umgange herrschende Geschmeidigkeit und Gewandtheit +geängstigt, weil er gewohnt ist, sich gehen zu lassen, und auf +sein äusseres Wesen wenig Aufmerksamkeit zu wenden, und daher +sitzt er stumm und gefühllos da. + +Man sehe nur einen ehrlichen Land-Edelmann, aus treuer Lehnspflicht, +einmal nach langen Jahren wieder an dem Hofe seines Landesherrn +erscheinen! Er hat sich schon früh Morgens auf's beste ausgeschmückt +und sich die sonst gewöhnte liebe Pfeife Tabak versagt, um nicht nach +Rauch zu riechen. Auf den Gassen der Stadt war es noch öde und still, +als er schon in seinem Wirthshause umherwandelte und alles in Bewegung +setzte, um ihm beizustehen, bei dem beschwerlichen Geschäfte, sich +hofmäßig auszuschmücken. Jetzt ist er endlich fertig; die seidnen +Strümpfe ersetzen bei weitem nicht, was die heute zurückgelegten +Stiefel ihm sonst gewähren; ihn friert gewaltig an den, ihm nackend +scheinenden Beinen. Der modisch zugeschnittene Rock ist in den +Schultern nicht so bequem, wie sein treuer, alter, warmer Ueberrock; +das Stehn wird ihm unerträglich sauer. -- In dieser qualvollen +Gemüthsverfassung erscheint er im Vorzimmer. Um ihn her wimmelt ein +Haufen Hofschranzen herum, die, obgleich sie sämmtlich vielleicht nicht +so viel werth, wie dieser ehrliche, nützliche Mann, und im Grunde ihrer +Herzen nicht weniger, als er, von Langerweile geplagt sind, dennoch +mit Naserümpfen und Verachtung hier, wo sie in ihrem Elemente zu +seyn scheinen, ihn ansehen. Er fühlt jeden Spott, übersieht sie, ist +ihnen an gesundem Verstande und Urtheilskraft bei weitem überlegen, +und muß sich dennoch von ihnen demüthigen lassen. Sie nähern sich +ihm, thun mit zerstreuter, wichtiger Miene einige Fragen an ihn; +Fragen, an denen das Herz keinen Antheil nimmt, und worauf sie auch +die Antwort nicht abwarten. Er glaubt Einen unter ihnen zu entdecken, +der ihm theilnehmender scheint, als die Uebrigen; mit diesem fängt er +ein Gespräch von Dingen an, die ihm, vielleicht auch dem Vaterlande, +wichtig sind: von dem Wohlstande, den eigenthümlichen Vorzügen, den +Naturschönheiten der Provinz, in welcher er lebt; er redet mit Wärme; +Redlichkeit athmet alles, was er sagt -- aber bald sieht er, wie +sehr er sich in seiner Hoffnung getäuscht hat. Das Männchen hört ihm +mit halbem Ohre zu, erwiedert irgend ein Paar unbedeutende Sylben +zur Antwort, und läßt dann den braven Hausvater ohne Unterhaltung +da stehen. Nun nähert er sich einem Cirkel von Leuten, die mit +Interesse und Lebhaftigkeit zu reden scheinen. An diesem Gespräche +wünscht er Theil zu nehmen; aber alles, was er hört, Gegenstand, +Sprache, Ausdruck, Wendung, alles ist ihm fremd. In halb teutschen, +halb französischen Redensarten wird hier eine Sache abgehandelt, auf +welche er nie seine Aufmerksamkeit gerichtet, von welcher er nie +geglaubt hat, daß es möglich wäre, teutsche Männer könnten sich damit +beschäftigen. Seine Verlegenheit, seine Ungeduld steigt mit jedem +Augenblicke, bis er endlich das verwünschte Schloß weit hinter sich +sieht. + +Und nun, den Fall umgekehrt, lasse man einen sonst edlen Hofmann +einmal hinaus auf das Land in die Gesellschaft biederer Beamten +und Provinzial-Edelleute gerathen; -- hier herrschen ungezwungene +Fröhlichkeit, Offenherzigkeit, Freiheit; man redet von dem, was am +nächsten den Landmann angeht; man wiegt die Worte nicht ab; der +Scherz ist kunstlos, treffend, gewürzt, aber nicht zugespitzt, nicht +witzig und gesucht. Unser Hofmann versucht es, sich in diese Manier +hineinzuarbeiten: er mischt sich in die Gespräche; aber der Ausdruck +der Offenheit und Treuherzigkeit fehlt. Was bei Jenen naiv war, wird +bei ihm beleidigend. Er fühlt dieß, und will die Leute in seinen Ton +stimmen. In der Stadt gilt er für einen angenehmen Gesellschafter: +er spannt alle Segel auf, um auch hier zu glänzen; allein die +kleinen Anekdoten, die feinen Züge, worauf er anspielt, sind hier +gänzlich unbekannt, gehen verloren. Man findet ihn spottsüchtig, da +in der Stadt niemand ihn einer solchen Gesinnung beschuldiget. Seine +Höflichkeitsworte, die er wahrlich gut meint, hält man für Falschheit; +die Süßigkeiten, die er den Frauenzimmern sagt, und die nur höflich und +verbindlich seyn sollen, betrachtet man als hämischen Spott. -- So groß +ist die Verschiedenheit des Tons unter zweierlei Klassen von Menschen! +-- + +Ein Professor, der in der literarischen Welt eine nicht gemeine Rolle +spielt, meint, in seiner gelehrten Einfalt, die Universität, auf +welcher er lebt, sey der Mittelpunkt alles Lebens und aller Wirksamkeit +im Staate, und das Fach, in welchem er sich Kenntnisse erworben, die +einzige, dem Menschen nützliche, der Anstrengung, des Nachforschens und +Studiums würdige Wissenschaft. Er nennt Jeden, der sich darauf nicht +gelegt hat, verächtlicherweise einen Schöngeist. Eine Dame, die bei +ihrer Durchreise den berühmten Mann kennen zu lernen wünscht, und ihn +desfalls besucht, unterhält er in einer Sprache und über Gegenstände, +wovon sie nicht ein Wort versteht; er unterhält die Gesellschaft, +welche sich darauf gefreuet hatte, ihn recht zu genießen, bei der +Abendtafel, mit Zergliederung des neuen akademischen Credit-Edikts, +oder, wenn der Wein dem guten Manne jovialische Laune gibt, mit +Erzählung lustiger Schwänke aus seinen Studenten-Jahren. + +In welcher Verlegenheit ist zuweilen ein Mann, der nicht +viel Journale und neuere Modeschriften liest, wenn er in eine +Gesellschaft von schöngeisterischen Herren und Damen geräth. + +Gleichsam wie verrathen und verkauft scheint ein sogenannter +Profaner, wenn er sich unter einem Haufen Mitglieder einer +geheimen Verbindung befindet, oder wenn er in eine Gesellschaft +geräth, welche aus lauter wissenschaftlich gebildeten Personen +zusammengesetzt ist. + +Freilich kann nichts ungesitteter, den wahren Begriffen einer +feinen Lebensart mehr entgegen seyn, als wenn eine Anzahl +Menschen, die sich auf diese Art unter einander verstehen, einem +Fremden, der gutmüthig unter sie tritt, um an den Freuden der +Geselligkeit Theil zu nehmen, durch ununterbrochene Lenkung +des Gesprächs auf Gegenstände, wovon Dieser gar nichts versteht, +jeden Genuß der Unterredung raubt. Auf diese Art habe +ich zuweilen in meiner ersten Jugend in Familien-Cirkeln, wo +die Unterhaltung beständig mit Anspielungen auf mir gänzlich +unbekannte Anekdoten durchflochten, und durch gewisse mir +fremde Redensarten und Bonmots, womit ich gar keinen Begriff +verbinden konnte, gewürzt war, tödtende Langeweile gehabt. +Man sollte wohl mehr Rücksicht nehmen: allein selten +sind ganze Gesellschaften so billig, sich nach Einzelnen zu richten; +auch läßt sich das nicht immer mit Recht fordern; folglich +ist es wichtig für Jeden, der in der Welt mit Menschen leben +will, die Kunst zu studiren, sich nach Sitten, Ton und Stimmung +Anderer zu fügen. + + + 3. + +Ueber diese Kunst will ich etwas sagen. -- Aber habe ich +denn auch wohl Beruf, ein Buch über den feinen Gesellschaftston +zu schreiben, ich, der ich in meinem Leben vielleicht sehr +wenig von diesem Ton gezeigt habe? Ziemt es mir, Menschenkenntniß +auszukramen, da ich so oft ein Opfer der unvorsichtigsten, +einem Neulinge kaum zu verzeihenden Hingebung gewesen +bin? Wird man die Kunst des Umgangs von einem Manne +lernen wollen, der beinahe von allem menschlichen Umgange +abgesondert lebt? -- Lasset doch sehn, meine Freunde, was sich +darauf antworten läßt! + +Habe ich widrige Erfahrungen gemacht, die mich von meiner +eigenen Ungeschicklichkeit überzeugt haben -- desto besser! +Wer kann so gut vor der Gefahr warnen, als Der, welcher +darinn gesteckt hat? Haben Temperament und Weichlichkeit -- +oder darf ich es nicht Güte eines so gern sich anschließenden Herzens +nennen? -- haben Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft, +nach Gelegenheit, Andern zu dienen, und sympathetische Empfindungen +zu erregen, mich oft unvorsichtig handeln gemacht, oft +die klügelnde Vernunft weit zurückgelassen; so war es wahrlich +nicht Blödsinnigkeit, Kurzsichtigkeit, Unbekanntschaft mit Menschen, +was mich irre leitete; sondern Bedürfniß zu lieben und +geliebt zu werden, Verlangen thätig zu seyn, zum Guten zu +wirken. Uebrigens werden vielleicht wenig Menschen in einem +so kurzen Zeitraume in so manche sonderbare Verhältnisse und +Verbindungen mit andern Menschen aller Art gerathen, wie ich, +seit ungefähr zwanzig Jahren; und da hat man denn schon Gelegenheit, +wenn man nicht ganz von der Natur und Erziehung +verwahrloset ist, Bemerkungen zu machen, und vor Gefahren +zu warnen, die man selbst nicht hat vermeiden können. Daß +ich aber jetzt einsam und abgezogen lebe, geschieht weder aus +Menschenhaß, noch Blödigkeit; ich habe sehr wichtige Gründe +dazu; allein diese hier weitläuftig zu entwickeln, das hieße zu +viel von mir selbst reden, da ich ohnehin noch, zum Schlusse +dieser Einleitung, etwas über meine eignen Erfahrungen werde +sagen müssen, bevor ich zum Zwecke komme. -- Also nur noch +dieses: + + + 4. + +Ich trat als ein sehr junger Mensch, beinahe noch als ein +Kind, schon in die große Welt, und auf den Schauplatz des +Hofes. Mein Temperament war lebhaft, unruhig, bewegsam, +mein Blut warm; die Keime zu mancher heftigen Leidenschaft +lagen in mir verborgen. Ich war in der ersten Erziehung ein +wenig verzärtelt, und durch große Aufmerksamkeit, deren man +meine kleine Person früh gewürdigt hatte, gewöhnt worden, sehr +viel Rücksichten von andern Leuten zu fordern. In einem Vaterlande +aufgewachsen, wo Schmeichelei, Verstellung und ein +gewisses kriechendes Wesen nicht sehr zu Hause sind, hatte man +mich freilich auch nicht zu jener Geschmeidigkeit vorbereitet, deren +ich bedurfte, um, unter mir ganz fremden Leuten, in despotischen +Staaten große Fortschritte zu machen; auch ist der theoretische +Unterricht in wahrer Weltklugheit bei der Jugend theils +selten mit Erfolge, theils nicht immer ohne Gefahr zu ertheilen; +eigne Erfahrung muß da in der Folge das Beste thun. Diese +Lectionen, wenn man das Glück hat, wohlfeil daran zu kommen, +sind von der heilsamsten Wirkung, und prägen sich tief +ein. Noch erinnere ich mich einer kleinen Scene von der Art, die +mich auf eine Zeitlang vorsichtig machte. Ich saß in C*** in +der italiänischen Oper in der herrschaftlichen Loge; ich war früher, +als der Hof, gekommen, weil ich Mittags nicht auf dem +Schlosse, sondern in der Stadt als Gast gespeist hatte. Noch +waren wenige Menschen da; in der ganzen Reihe des ersten +Ranges saß nur einzig der Land-Commandeur, Graf I***, +ein würdiger Greis. Er hatte, wie es schien, auch darauf gerechnet, +daß es schon später wäre, als es wirklich war; weil er +nun Langeweile hatte, und mich gleichfalls einsam da sitzen sah, +trat er zu mir herein, und fing eine Unterredung mit mir an. +Er schien sehr zufrieden mit dem, was ich ihm über verschiedene +Gegenstände, von denen ich einige Kenntniß besaß, sagte; der +Greis wurde immer freundlicher und herablassender, und dieß +kitzelte mich so sehr, daß ich darauf allerlei Seitensprünge in +meinem Gespräche machte, und zuletzt ein wenig vorwitzig und +muthwillig wurde. Endlich entwischte mir eine, mir gegenwärtig +nicht mehr erinnerliche, grobe Unvorsichtigkeit im Reden; +der Graf sah mir ernsthaft in das Gesicht, und ohne weiter ein +Wort zu verlieren, ließ er mich stehn, und ging zurück in seine +Loge. Ich fühlte die ganze Stärke dieses Verweises, aber die +Arzenei half nicht lange. Meine Lebhaftigkeit verleitete mich zu +großen Verletzungen der Bescheidenheit und guten Sitte; ich +übereilte alles, that immer zu viel oder zu wenig, kam stets zu +früh oder zu spät, weil ich immer entweder eine Thorheit beging, +oder eine andere gutzumachen hatte. Daher kamen unendliche +Widersprüche in meinen Handlungen, und ich verfehlte +fast bei allen Gelegenheiten des Zwecks, weil ich keinen einfachen +Plan verfolgte. Zuerst war ich zu sorglos, zu offen, gab +mich zu unvorsichtig hin, und schadete mir dadurch; alsdann +nahm ich mir vor, ein feiner Hofmann zu werden. Mein Betragen +wurde gekünstelt, und nun traueten mir die Bessern +nicht; ich war zu geschmeidig, und verlor dadurch äussere Achtung +und innere Würde, Selbstständigkeit und Festigkeit. Erbittert +gegen mich und Andre, riß ich mich dann los, und wurde +ein Sonderling. Dieß erregte Aufsehn; die Menschen suchten +mich auf, wie sie alles Sonderbare aufsuchen. Dadurch aber +erwachte mein Trieb zur Geselligkeit wieder; ich näherte mich +auf's neue, lenkte wieder ein, und nun verschwand der Nimbus, +den nur meine Abgezogenheit von der Welt um mich her gezogen +hatte. In einer andern Periode spottete ich der herrschenden +Thorheiten, zuweilen nicht ohne Witz; man fürchtete mich, aber +man liebte mich nicht; dieß schmerzte mich; um das wieder gut +zu machen, zeigte ich mich von der unschädlichen Seite, entfaltete +ein liebevolles, wohlwollendes Herz, unfähig zu schaden und +zu verfolgen -- und die Wirkung davon war, daß jedermann, +der noch einen Rest von Groll gegen mich hegte, oder irgend einen +lustigen Einfall von mir, auf seine Rechnung geschrieben hatte, +mich jetzt mit einer Art von Geringschätzung behandelte, sobald +er sah, daß ich nur mit Rappieren und nicht mit Schwerdtern +focht, daß meine Waffen nicht zum Morde geschliffen waren. +Oder wenn meine satyrische Laune durch den Beifall lustiger +Gesellschafter aufgeweckt wurde, hechelte ich große und kleine +Thoren durch; die Spaßvögel lachten dann; aber die Weisern +schüttelten die Köpfe, und wurden kalt gegen mich. Um zu zeigen, +wie wenig bösartig meine Laune wäre, hörte ich auf, zu +spotten, und fing an, alle Thorheiten und Fehler gutmüthig zu +entschuldigen; und nun hielten Einige mich für einen Pinsel, +Andre für einen Heuchler. Wählte ich mir meinen Umgang unter +den ausgesuchtesten, aufgeklärtesten Männern, so erwartete +ich vergebens Schutz von dem am Ruder stehenden Dummkopfe; +gab ich mich elenden Leuten preis, so wurde ich mit diesen in +Eine Klasse gesetzt. Menschen ohne Erziehung, von niederm +Stande, mißbrauchten mich, wenn ich mich ihnen zu sehr näherte; +mit Vornehmern verdarb ich es, sobald sie meine Eitelkeit +beleidigten. Bald ließ ich den Geistesarmen zu sehr meine +Ueberlegenheit empfinden, und wurde verfolgt; bald war ich zu +bescheiden, und wurde übersehen. Bald richtete ich mich geschmeidig +und schonend nach den Sitten der Leute, nach dem Ton aller +unbedeutenden Gesellschaften, in welche ich gerieth, verlor +goldne Zeit, Achtung der Weisern, und Zufriedenheit mit mir +selber; dann wurde ich wieder zu einfach, und spielte eine verkehrte +Rolle, da, wo ich hätte glänzen oder wenigstens mich geltend +machen können und sollen, durch Mangel an Zuversicht zu +mir selber. Zu einer Zeit ging ich zu wenig unter Menschen, +indem ich mich meiner Laune hingab, und man hielt mich für +stolz oder menschenscheu; zu einer andern zeigte ich mich überall, +und wurde als ein Alltagsgesicht übersehen oder belächelt. In +den ersten Jünglingsjahren gab ich mich unbedachtsam, Jedem +ausschließlich, mit vollem Vertrauen, und ohne alle Vorsicht +hin, der sich meinen Freund nannte, und mir einige Zuneigung +bewies; und sahe mich schmerzlich getäuscht, oder schändlich betrogen +und gemißbraucht; dann war ich wieder, in einem Anfall +von Menschenliebe und Wohlwollen, eines Jeden Freund, +bereit, Jedem zu dienen, und nun mußte ich mit Verdruß erfahren, +daß sich niemand mit ganzer Seele an mich anschloß, +weil niemand mit dem kleinen, in so viel Partikeln getheilten +Stückchen Herzen vorlieb nehmen wollte. Wenn ich zu viel erwartete, +wurde ich getäuscht; wenn ich ohne allen Glauben an +Treue und Redlichkeit unter den Menschen umher irrte, hatte +ich gar keinen Genuß, nahm an gar nichts Theil. Es ist bekannt, +welchen thätigen Antheil ich an der Verbindung der sogenannten +Illuminaten genommen, wovon ich in einer eignen +Schrift (~Philo's Erklärung &c.~ ) Rechenschaft gegeben habe. +Diese Verbindung, an deren Spitze Personen standen, die zum +Theil, ihrer Geburt, ihren bürgerlichen Verhältnissen und ihren +Talenten nach, zu den wichtigsten Männern in Teutschland gehörten, +machte vorzüglich auch Menschenkenntniß zu einem Gegenstande +ihrer Nachforschungen. Der, durch dessen Hände, wie +das bei mir eine Zeitlang der Fall war, fast alle Geschäfte einer +so ausgebreiteten Gesellschaft gingen, fand freilich Gelegenheit +genug, Leute aus allen Ständen und von sehr verschiedener Bildung +und Stimmung, welche Mitglieder des Ordens waren, +von mancher Seite und in allerlei Lagen kennen zu lernen; allein +da man mit diesen Leuten größtentheils nur schriftlichen +Umgang pflog, so gewann im Ganzen meine praktische Erfahrung +nicht so viel dabei. Reichhaltiger war die Ausbeute, die +ich an Höfen, an welchen ich mich vielfältig umhertrieb, gemacht +habe. Soll ich es mir aber zur Schande, oder zur Ehre +rechnen? -- genug! auch auf diesem Schauplatze habe ich mehr +beobachtet, als meine Beobachtungen zu eignem Vortheile nützen +gelernt, und nie habe ich über mein zu lebhaftes Temperament +so viel gewinnen können, daß ich meine schwachen Seiten so +sorgfältig, wie ich thun sollen, verborgen hätte. -- Und so vergingen +dann die Jahre, in welchen ich hätte mein Glück machen +können, wie man das gewöhnlich nennt. Jetzt, da ich die Menschen +besser kenne, da Erfahrung mir die Augen geöffnet, mich +vorsichtig gemacht, und vielleicht die Kunst gelehrt hat, auf +Andre zu wirken; jetzt ist es zu spät für mich, von dieser so +theuer erkauften Kunst Gebrauch zu machen. Mein Rücken +krümmt sich mit Mühe zu Reverenzen; ich habe nicht viel unnütze +Zeit mehr zu verschwenden, die ich preisgeben könnte; das +Wenige, was ich noch in dem Reste meines Lebens auf solchen +Wegen erlangen könnte, lohnt die Mühe und Anstrengung nicht, +die mich das kosten würde, und es ziemt dem Mann, dessen +Grundsätze Alter und Erfahrung befestigt haben, eben so wenig, +jetzt erst anzufangen, den Geschmeidigen, wie den Stutzer zu +spielen. -- Es ist zu spät, sage ich, mit der Ausübung anzuheben; +aber nicht zu spät, Jünglingen zu zeigen, welchen Weg +sie wandeln müssen -- und so lasset uns denn den Versuch machen +und der Sache näher rücken! + + + + + Erstes Kapitel. + + Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den Umgang + mit Menschen. + + + 1. + +~Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als +er sich selbst gelten macht.~ Das ist ein goldner Spruch, +ein reiches Thema zu einem Folianten, über den +esprit de conduite+ +und über die Mittel, in der Welt seinen Zweck zu erlangen; +ein Satz, dessen Wahrheit auf die Erfahrung aller Zeitalter +gestützt ist. Diese Erfahrung lehrt den Abentheurer und +Großsprecher, sich bei dem Haufen für einen Mann von Wichtigkeit +auszugeben, von seinen Verbindungen mit Fürsten und +Staatsmännern, mit Männern, welche nicht einmal von seinem +Daseyn etwas wissen, in einem Tone zu reden, der ihm, +wo nichts mehr, doch wenigstens manche freie Mahlzeit, und +den Zutritt in den ersten Häusern erwirbt. Ich habe einen Menschen +gekannt, der auf diese Art von seiner Vertraulichkeit mit +dem Kaiser Joseph und dem Fürsten Kaunitz redete, obgleich ich +ganz gewiß wußte, daß diese ihn kaum dem Namen nach, und +zwar als einen unruhigen Kopf und als eine Lästerzunge kannten. +Indessen hatte er hiedurch, da niemand genauer nachfragte, +sich auf eine kurze Zeit in solches Ansehn gesetzt, daß Leute, die +bei des Kaisers Majestät etwas zu suchen hatten, sich an ihn +wendeten. Dann schrieb er auf so unverschämte Art an irgend +einen Großen in Wien, und sprach in diesem Briefe von seinen +übrigen vornehmen Freunden daselbst mit einer solchen Dreistigkeit, +daß er, zwar nicht Erlangung seines Zwecks, aber doch +manche höfliche Antwort erschlich, mit welcher er dann weiter +wucherte. + +Diese Erfahrung, daß es möglich ist, durch den Ton der +Zuversicht und durch eine vornehme Miene sich Gehör zu verschaffen, +macht den frechen Halbgelehrten so dreist, über Dinge +zu entscheiden, wovon er nicht früher, als eine Stunde vorher, +das erste Wort gelesen oder gehört hat, aber so zu entscheiden, +daß selbst der anwesende bescheidene Literator es nicht wagt, zu +widersprechen, noch Fragen zu thun, die des Schwätzers Fahrzeug +auf's Trockene werfen könnten. + +Diese Erfahrung ist es, welche uns Aufschluß über den Erfolg +gibt, mit welchem ein Dummkopf sich um die ersten Stellen im +Staate bewirbt, die verdienstvollsten Männer zu Boden tritt, +und niemand findet, der ihn in seine Schranken zurückwiese. + +Auf diese Erfahrung gestützt, fordert der fremde Künstler hundert +Louisd'or für ein Stück, das der einheimische, zehnfach besser +gearbeitet, um funfzig Thaler verkaufen würde; allein man reißt sich um +des Ausländers Werke: er kann nicht so viel fertig machen, als von ihm +gefordert wird, und am Ende läßt er bei dem Einheimischen arbeiten, und +verkauft das für ultramontanische Waare. + +Auf diese Erfahrung gestützt, erschleicht sich der Schriftsteller +eine vortheilhafte Recension, wenn er in der Vorrede zu dem +zweiten Theile seines langweiligen Buchs mit der schamlosesten +Frechheit von dem Beifalle redet, womit Kenner und Gelehrte, +deren Freundschaft er sich rühmt, den ersten Theil beehrt haben. + +Diese Erfahrung gibt dem vornehmen Bankerottirer, der +Geld borgen will und nie wieder bezahlen kann, den Muth, das +Anlehn in solchen Ausdrücken zu fordern, daß der reiche Wuchrer +es für Ehre hält, sich von ihm betrügen zu lassen. + +Fast alle Arten von Bitten um Schutz und Beförderung, die in diesem +Tone vorgetragen werden, finden Eingang, und werden nicht abgeschlagen; +dahingegen Verachtung, Zurücksetzung und nicht erfüllte billige Wünsche +fast immer der Preis des bescheidenen, furchtsamen Bewerbers sind. + +Kurz! der Satz: ~daß jedermann nicht mehr und nicht +weniger gelte, als er sich selbst gelten macht~, ist die +große Panacee für Abentheurer, Prahler, Windbeutel und seichte +Köpfe, um fortzukommen auf diesem Erdballe -- ich gebe also +keinen Kirschkern für dieses Universalmittel -- Doch still! sollte +denn jener Satz uns gar nichts werth seyn? Ja, meine Freunde! +er kann uns lehren, nie ohne Noth und Beruf unsre ökonomischen, +physikalischen, moralischen und intellectuellen Schwächen +aufzudecken. Ohne also sich zur Prahlerei und zu niederträchtigen +Lügen herabzulassen, soll man doch nicht die Gelegenheit +verabsäumen, sich von seinen vortheilhaften Seiten zu zeigen. + +Es gibt eine falsche Bescheidenheit und Zurückhaltung, die in einem +kleinmüthigen Mißtrauen gegen sich selbst ihren Grund hat, und die +Furcht erzeugt; von dieser gefesselt, läßt Mancher, der viel zu leisten +vermag, die günstigste Gelegenheit, sich geltend zu machen, oder die +Aufmerksamkeit der Vielvermögenden auf sich zu lenken, ungenutzt +vorübergehen; eine Gelegenheit, die nimmer wiederkommt. Daß man hiebei +mit Bescheidenheit zu Werke gehen, nichts zur Schau tragen, nicht +sein eigner Lobredner seyn müsse, darf nicht erinnert werden, denn es +bleibt dabei, daß der, welcher sich selbst erhöht, erniedrigt werde. +Auszeichnung läßt sich nicht ertrotzen, und die ertrotzte würde nicht +frommen. Hängt man ein gar zu glänzendes Schild aus, so erweckt man +dadurch die spähende und lästernde Eifersucht, oder reizt zu den +strengsten ungerechtesten Forderungen. Die Splitterrichter erheben +kreischend ihre Stimme; und so ist es sogleich um den erborgten Glanz +geschehn. Zeige Dich also mit einem gewissen bescheidnen Bewußtseyn +innerer Würde, und vor allen Dingen mit dem auf Deiner Stirne +strahlenden Bewußtseyn der Wahrheit und Redlichkeit! Zeige Vernunft +und Kenntnisse, wo Du Veranlassung dazu hast! Nicht so viel, um Neid +zu erregen und Forderungen anzukündigen; nicht so wenig, um übersehn +und überschrien zu werden! Laß Dich aufsuchen, und sey nicht zu +bereitwillig, ohne daß man Dich weder für einen Sonderling, noch für +scheu, noch für hochmüthig halte! + + + 2. + +Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem Scheine +der Vollkommenheit und Unfehlbarkeit. Die Menschen beurtheilen +und richten Dich nach dem Maaßstabe Deiner Forderungen, +und sie sind noch billig, wenn sie nur das thun, wenn sie Dir +nicht Forderungen aufbürden. Dann heißt es, wenn Du auch +nur des kleinsten Fehlers Dich schuldig machst: »Einem ~solchen +Manne~ ist das gar nicht zu verzeihn;« und da die Schwachen +sich ohnehin ein Fest daraus machen, an einem Menschen, +der sie verdunkelt, Mängel zu entdecken, so wird Dir ein einziger +Fehltritt höher angerechnet, als Andern ein ganzes Register +von Bosheiten und Pinseleien. + + + 3. + +Sey aber nicht ~gar zu sehr~ ein Sclave der Meinungen +Andrer von Dir! Sey selbstständig! Was kümmert Dich am +Ende das Urtheil der ganzen Welt, ~wenn Du thust, was +Du sollst~? und was ist Dein ganzer Prunk von äussern Tugenden +werth, wenn Du diesen Flitterputz nur über ein schwaches, +niedriges Herz hängst, um in Gesellschaften damit zu +prunken? + + + 4. + +Vor allen Dingen wache über Dich, daß Du nie die innere +Zuversicht zu Dir selber, das Vertrauen auf Gott, auf gute +Menschen und auf das Schicksal verlierest! Sobald Dein Gefährte +oder Gehülfe auf Deiner Stirne Mißmuth und Verzweiflung +liest -- so ist alles aus. Sehr oft aber ist man im Unglück +ungerecht gegen die Menschen. Jede kleine böse Laune, jede +kleine Miene von Kälte deutet man auf sich; man meint, Jeder +sehe es uns an, daß wir leiden, und weiche vor der Bitte +zurück, die wir ihm thun könnten. + + + 5. + +Schreibe aber auch nicht auf Deine Rechnung das, wovon +Andern das Verdienst gebührt! Wenn man Dir, aus Achtung +gegen einen edlen Mann, dem Du angehörst, Auszeichnung +oder Höflichkeit beweist, so brüste Dich damit nicht, sondern sey +bescheiden genug, zu fühlen, daß dieß alles vielleicht wegfallen +würde, wenn Du einzeln aufträtest! Suche aber selbst zu verdienen, +daß man Dich um Deinetwillen ehre! Sey lieber das +kleinste Lämpchen, das einen dunklen Winkel mit eignem Lichte +erleuchtet, als ein großer Mond einer fremden Sonne, oder gar +Trabant eines Planeten! + + + 6. + +Fehlt Dir etwas; hast Du Kummer, Unglück; leidest Du +Mangel; reichen Vernunft, Grundsätze und guter Wille nicht +zu: so klage Dein Leid, Deine Schwäche, Deine kleinmüthigen +Besorgnisse niemand, als dem, der helfen kann, selbst Deinem +treuen Weibe kaum! Wenige helfen tragen; fast Alle erschweren +die Bürde; ja! sehr Viele treten einen Schritt zurück, sobald +sie sehen, daß Dich das Glück nicht anlächelt. Sobald sie aber +gar annehmen, daß Du ganz ohne Hülfsquellen bist, daß Du +keinen geheimen Schutz hast, niemand, der sich Deiner annimmt +-- o! so rechne auf Keinen mehr! Wer hat den Muth, +und die Liebe, einzig und fest als die Stütze des von aller Welt +Verlassenen öffentlich aufzutreten? Wer hat den Muth zu sagen: +»Ich kenne den Mann; er ist mein Freund; er ist mehr +werth, als Ihr alle, die ihr ihn schmähet!« Und fändest Du +ja einen Solchen, so würde es doch nur etwa ein anderer armer +Tropf seyn, der selbst in elenden Umständen, aus Verzweiflung +sein Schicksal an das Deinige knüpfen wollte, dessen Schutz +Dir mehr schädlich, als nützlich wäre. + + + 7. + +Rühme aber auch nicht zu laut Deine glückliche Lage! krame nicht +zu glänzend Deine Pracht, Deinen Reichthum, Deine Talente aus! Die +Menschen vertragen selten ein solches Uebergewicht, ohne Murren und +Neid. Lege daher auch Andern keine zu große Verbindlichkeit auf! Thue +nicht zu viel für Deine Mitmenschen! Sie fliehen den überschwenglichen +Wohlthäter, wie man einen Gläubiger flieht, den man nie bezahlen kann. +Also hüte Dich, zu groß zu werden in Deiner Brüder Augen! auch fordert +dann Jeder zu viel von Dir, und eine einzige abgeschlagene Wohlthat +macht tausend wirklich erzeigte in Einem Augenblicke vergessen. Oder +wäre nicht Undank der Welt Lohn? Du wirst Ausnahmen erleben, aber +rechne nur nicht auf diese, sondern sey auf das gefaßt, was die +tägliche Erfahrung bringt. + + + 8. + +Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um +Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das +Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern! Man höret Dir wohl zu, +besonders wenn Du Deine Darstellungen mit Witz zu würzen weißt, aber +man hasset Dich gleichwohl. Dagegen wie edel ist es, da zu schweigen, +wo alle Lippen in Bewegung sind, zu lästern, zu verkleinern, und +herabzuwürdigen. O daß Du zu diesen Edlen gehören möchtest, ob auch die +Welt sie nicht zu schätzen und zu ehren weiß! + + + 9. + +Suche weniger selbst zu glänzen, als Andern Gelegenheit zu geben, +sich von vortheilhaften Seiten zu zeigen, wenn Du gelobt werden und +gefallen willst. Wenige Menschen vertragen ein Uebergewicht von Andern. +Lieber verzeihen sie uns eine zweideutige Handlung, ja! ein Verbrechen, +als eine That, durch welche wir sie verdunkeln. Doch, wenn Du fern +von ihnen, ausser ihrem Wirkungskreise stehst und ihnen nirgend in +den Weg treten kannst; dann vielleicht lassen sie Dir Gerechtigkeit +widerfahren. Auch im bloß geselligen Umgange soll man sich hüten, +hervorstechen zu wollen. Ich habe den Ruf eines vernünftigen und +witzigen Mannes aus mancher Gesellschaft mitgenommen, in welcher +wahrlich kein kluges Wort aus meinem Munde gegangen war, und in welcher +ich nichts gethan hatte, als mit musterhafter Geduld vornehmen und +halbgelehrten Unsinn anzuhören, oder hie und da einen Mann auf ein +Fach zu bringen, wovon er gern redet. Wie mancher besucht mich, mit +der demüthigen Ankündigung: (wobei ich mich oft nicht des Lachens +erwehren kann) er komme, um mir, als einem gewaltigen Gelehrten und +Schriftsteller, seine Ehrerbietung zu bezeigen! Der Mann setzt sich +dann hin und fängt an zu reden, läßt mich, den er bewundern will, gar +nicht zu Worte kommen, und geht, entzückt über meine lehrreiche und +angenehme Unterhaltung, zu welcher ich nicht zwanzig Worte geliefert +habe, von mir, höchst vergnügt, daß ich Verstand genug gehabt habe -- +ihm zuzuhören. Habe Geduld mit allen Schwächen dieser Art! Wenn daher +auch jemand ein Geschichtchen, oder sonst etwas vorbringt, das er +~gern~ erzählt, und Du hättest es auch schon mehr gehört, und es wäre +vielleicht ein Märchen, das ~Du selbst~ ihm einst mitgetheilt hättest; +so laß es ihm doch nicht auf unangenehme Weise merken, daß die Sache +Dir alt und langweilig ist, wenn die Person anders Schonung verdient! +Was kann unschuldiger seyn, als solche Ausleerungen zu befördern, wenn +man dadurch Andern Erleichterung, und sich einen guten Ruf verschafft? +Und wenn die Leute unschuldige Liebhabereien haben, z. B. gern von +Pferden reden, es gern sehen, daß man eine Pfeife Tabak mit ihnen +rauche, ein Glas Wein mit ihnen trinke; so erzeige man ihnen diese +kleine Gefälligkeit, wenn es ohne große Ungemächlichkeit und ohne +kriechende Demuth geschehen kann! Desfalls habe ich nie die Gewohnheit +der Hofleute von gemeinerm Schlage gut finden können, die jedermann nur +mit halbem Ohre und zerstreueter Miene anhören, ja! gar mitten in einer +Rede, die sie veranlaßt haben, einfallen, ohne das Ende abzuwarten. + + + 10. + +Gegenwart des Geistes ist ein seltnes Geschenk des Himmels, und macht, +daß wir im Umgange in sehr vortheilhaftem Lichte erscheinen. Dieser +Vorzug nun läßt sich freilich nicht durch Kunst erlangen; allein man +kann an sich arbeiten, daß, wenn er uns fehlet, wir wenigstens nicht +durch Uebereilung uns und Andre in Verlegenheit setzen. Sehr lebhafte +Temperamente haben hierauf vorzüglich zu achten. Ich rathe daher, wenn +eine unerwartete Frage, ein ungewöhnlicher Gegenstand, oder irgend +etwas anders uns überrascht, nur eine Minute still zu schweigen und +der Ueberlegung Zeit zu lassen, uns zu der Parthei vorzubereiten, +die wir nehmen sollen. So wie ein einziges rasches, unvorsichtiges +Wort, oder ein in der Verwirrung unternommener Schritt zu späte Reue +und unglückliche Folgen wirken können; so kann ein schnell auf der +Stelle gefaßter und ausgeführter rascher Entschluß, in entscheidenden +Augenblicken, in welchen man so leicht den Kopf verliert, Glück, +Rettung und Trost bringen. + + + 11. + +Wünschest Du zeitliche Vortheile, Unterstützung, Versorgung im +bürgerlichen Leben; mögtest Du in einer Bedienung angestellt werden, +in welcher Du Deinem Vaterlande nützlich seyn könntest: so mußt Du +darum bitten, ja! nicht selten betteln, d. h. Du mußt es Dir gefallen +lassen, in einem solchen Tone und mit einer solchen Andringlichkeit +zu bitten, als ob Dir das, was Du leisten kannst, gar keine Ansprüche +auf das Erbetene gäbe. Rechne nicht darauf, daß die Menschen, sie +müßten denn Deiner ganz nothwendig bedürfen, Dir etwas anbieten, oder +sich ungebeten für Dich verwenden werden, wenn auch Deine Verdienste +oder Leistungen noch so laut für Dich reden, und jedermann weiß, daß +Du Unterstützung bedarfst und verdienst! Jeder sorgt für sich und die +Seinigen, ohne sich um den bescheidnen Mann zu bekümmern, der indeß +nach Gemächlichkeit in seinem Winkelchen seine Talente vergraben, +oder gar verhungern kann. Darum bleibt so mancher Verdienstvolle bis +an seinen Tod unerkannt, ausser Stand gesetzt, seinen Mitmenschen +nützlich zu werden -- weil er nicht betteln, nicht kriechen kann, oder +weil er, in einem falschen Selbstgefühl, jede Bitte um das, worauf er +gerechte Ansprüche hat, unter seiner Würde hält. Warum wolltest Du ein +Märtyrer dieses Selbstgefühls werden, oder es zu einem Wurm machen, der +unaufhaltsam Deine Lebenskraft zernagt? Suchet, so werdet ihr finden! + + + 12. + +So wenig wie möglich lasset uns indessen von Andern Wohlthaten fordern +und annehmen! Man trifft gar selten Leute an, die nicht früh oder spät +für kleine Dienste große Rücksichten forderten, und das hebt dann das +Gleichgewicht im Umgange auf, raubt Freiheit, hindert uneingeschränkte +Wahl, und wenn auch unter zehnmal nicht einmal der Fall einträte, daß +dieß uns in Verlegenheit setzte, oder Verdruß zuzöge; so ist es doch +weislich gehandelt, dies mögliche Einmal zu vermeiden, und lieber +immer zu geben, Jedem zu dienen, als von Andern Dienste oder sonst +etwas anzunehmen. Auch gibt es wenig Menschen, die mit guter Art +Wohlthaten erzeigen. Versuchet es, meine Freunde! wie viele unter Euren +Bekannten nicht auf einmal, mitten in der fröhlichsten, höflichsten +Gemüthsstimmung ihr Gesicht in feierliche Falten ziehen, wenn Ihr +Eure Anrede mit den Worten anhebet: »Ich muß eine große Bitte an Sie +wagen! Ich bin in einer erschrecklichen Verlegenheit.« Sehr bereit aber +pflegen die Menschen zu seyn, uns solche Dienste anzubieten, deren wir +nicht bedürfen, oder gar, die sie selbst nicht zu leisten im Stande +sind. Der Verschwender ist immer willig, mit Gelde zu dienen; der +Dummkopf mit gutem Rathe. + +Vor allen Dingen hüte man sich, jemand um eine Gefälligkeit +zu bitten, wenn man voraus wissen kann, daß er uns nicht +wohl, wenn er auch gern möchte, eine abschlägige Antwort geben +kann! (z. B. wenn er uns Verbindlichkeit schuldig, oder +sonst von uns abhängig ist.) + +Wohlthaten annehmen, macht abhängig; man weiß nicht, +wie weit das führen kann. Man kömmt da oft in's Gedränge +zwischen der Nothwendigkeit, schlechten Menschen zu viel nachzusehn, +oder undankbar zu scheinen. + +Um nun des fremden Beistandes entbehren zu können, dazu ist das beste +Mittel, wenig Bedürfnisse zu haben, mäßig zu seyn, und bescheidne +Wünsche zu nähren; das heißt nicht: Du sollst ein Diogenes in der +Tonne seyn, und Deine Hand zum Pokal erheben, sondern es heißt nur: +Du sollst nicht eitler Ehre geitzig seyn, nicht glänzen wollen, nicht +meinen, daß es ein Unglück sey, in einer gewissen Verborgenheit und +Zurückgezogenheit leben zu müssen. Das, was Du hiebei entbehrst, +ist wahrlich keines Seufzers werth: das laß Dir von den bleichen, +früh veralteten Gesichtern und tief liegenden Augen voll Mißmuth und +Trübsinn erzählen, welche die von Dir Beneideten als Warnungstafeln vor +sich hertragen. Denn wer von unzähligen Leidenschaften in rastlosem +Taumel umhergetrieben wird, bald Ehrenstellen, bald Wucher, bald +Erwerb, bald wollüstigen Genuß verlangt; wer, von dem Luxus des +Zeitalters angesteckt, alles begehrt, was seine Augen sehen; wen +vorwitzige Neugier und ein unruhiger Geist treiben, sich in jeden +unnützen Handel zu mischen; der geräth in eine zwiefache Sclaverei; +er wird der Menschen Knecht, und seiner Leidenschaften Sclave; er +lebt in einer eben so drückenden, als verführerischen Abhängigkeit: +drückend ist sie, weil sie ihn beständig der Ungerechtigkeit der +Menschen preisgibt; verführerisch, weil sie ihn beständig reizt, sich +zu erniedrigen, um im kläglichsten Sinn des Worts erhöht zu werden. + + + 13. + +Wenn ich aber gesagt habe, daß man lieber Allen ~geben~, als von irgend +jemand ~empfangen~ sollte; so hebt doch das den Satz nicht auf, daß man +nicht gar zu viel für Andre thun dürfe. Ueberhaupt sey dienstfertig, +aber nicht zudringlich! Sey nicht jedermanns Freund und Vertrauter! Vor +allen Dingen wirf Dich nicht zum Sittenrichter der Menschen, besonders +gewisser Menschen auf, und sey der Warnung eingedenk: Ihr sollt die +Perlen nicht vor die Säue werfen, damit sie sich nicht umwenden, und +euch zerreissen. Nicht einmal Deinen unmaßgeblichen Rath sollst Du den +Menschen aufdringen. Begehren sie Deinen Rath, so begehre Du erst ein +Glaubensbekenntniß von ihnen, damit Du weißt, wen Du vor Dir hast, +und wie ihm beizukommen ist. Die Wenigsten wissen Dir Dank dafür, +und selbst wenn sie Dich um Rath fragen, sind sie gewöhnlich schon +entschlossen zu thun, was ihnen gefällt. Mische Dich auch nicht in +Familien-Händel! Vor allen Dingen hüte Dich, Zwistigkeiten schlichten +und Versöhnungen stiften zu wollen! (Es sey denn unter geliebten, +geprüften Personen.) Mehrentheils werden beide Partheien einig, um dann +über Dich herzufallen. Das Kuppeln und Heirathen-Schmieden überlasse +man dem Himmel und einer gewissen Klasse von alten Weibern! + + + 14. + +Keine Regel ist so allgemein, keine so heilig zu halten, keine +führt so sicher dahin, uns dauerhafte Achtung und Freundschaft +zu erwerben, als die: unverbrüchlich, auch in den geringsten +Kleinigkeiten, Wort zu halten, seiner Zusage treu, und stets +wahrhaftig zu seyn in seinen Reden. Nie kann man Recht und +erlaubte Ursachen haben, das Gegentheil von dem zu sagen, +was man denkt, wenn gleich man Befugniß und Gründe haben +kann, nicht alles zu offenbaren, was in uns vorgeht. Es gibt +keine Nothlügen; noch nie ist eine Unwahrheit gesprochen worden, +die nicht früh oder spät nachtheilige Folgen für jemand gehabt +hätte; der Mann aber, der dafür bekannt ist, strenge Wort +zu halten und sich keine Unwahrheit zu gestatten, gewinnt gewiß +Zutrauen, guten Ruf und Hochachtung. Du darfst zwar +nicht alles sagen, was wahr ist, aber eben so wenig statt der +Wahrheit eine Unwahrheit. Demjenigen, welcher Dein Bekenntniß +oder Deine Offenherzigkeit gewiß mißbrauchen wird, +oder der die Wahrheit, die er von Dir begehrt, nicht würde ertragen +können, bist Du keine Offenherzigkeit schuldig. + + + 15. + +Sey strenge, pünktlich, ordentlich, arbeitsam, fleissig in Deinem +Berufe! Bewahre Deine Papiere, Deine Schlüssel und alles so, daß Du +jedes einzelne Stück auch im Dunkeln finden könntest! Verfahre noch +ordentlicher mit fremden Sachen! Verleihe nie Bücher, oder andre Dinge, +die Dir sind geliehen worden; hast Du von Andern dergleichen geborgt, +so bringe oder schicke sie zu gehöriger Zeit wieder, und erwarte +nicht, daß sie, oder ihre Domestiken, weite Wege machen sollen, um ihr +Eigenthum wieder zu erlangen. -- Jedermann geht gern mit einem Menschen +um, auf dessen Pünktlichkeit und Treue in Wort und That er sich fest +verlassen kann, und der unfähig ist, Andere zu täuschen. So gehört +es auch zu den Eigenschaften, welche Vertrauen und Gunst erwerben, +zur rechten Zeit zu erscheinen, wo man erwartet wird, möge die +Zusammenkunft zu einem Vergnügen, oder einem Geschäft bestimmt seyn. +Das Spätkommen gehört zu denjenigen bösen Gewohnheiten und Mißbräuchen +in der Gesellschaft, welche eben so ausgebreitet, als verderblich, eben +so unsittlich, als ungesittet sind. Gute und böse Beispiele von ~der~ +Art reizen zur Nachfolge; und die Ungerechtigkeit anderer Menschen +rechtfertigt nicht die unsrige. + + + 16. + +Gib Andern Beweise Deiner Theilnahme, um Dich der ihrigen +zu versichern. Wer untheilnehmend, ohne Sinn für Freundschaft, +Wohlwollen und Liebe, nur sich selber lebt, der bleibt +verlassen, wenn er sich nach Beistand sehnt. + + + 17. + +Verflechte Niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und fordere +nicht von Denen, mit welchen Du umgehst, daß sie Theil +an den Uneinigkeiten nehmen sollen, die zwischen Dir und Andern +herrschen! + +Eine Menge dieser Vorschriften umfaßt die alte Regel: setze Dich in +Gedanken oft in andrer Leute Stelle, und frage Dich selbst: »Wie +würde es Dir unter denselben Umständen gefallen, wenn man ~Dir~ dieß +zumuthete, gegen ~Dich~ also handelte, von ~Dir~ das forderte? -- +diesen Dienst, diese Verwendung, diese langweilige Arbeit, diesen +Zeitaufwand, für einen geringfügigen Zweck, diese Erklärung?« + + + 18. + +Bekümmre Dich nicht um die Handlungen Deiner Nebenmenschen, in so fern +sie nicht Bezug auf Dich, oder so sehr auf die Sittlichkeit im Ganzen +haben, daß es Verbrechen seyn würde, darüber zu schweigen! Ob aber +jemand langsam oder schnell geht, viel oder wenig schläft, oft oder +selten zu Hause, prächtig oder schlecht gekleidet ist, Wein oder Bier +trinkt, Schulden oder Kapitalien macht, eine Geliebte hat oder nicht +-- was geht das Dich an, wenn Du nicht sein Vormund bist? Thatsachen +hingegen, die man durchaus wissen muß, erfährt man oft am besten von +dummen Leuten, weil diese ohne Witz, ohne Consequenzmacherei, ohne +Seitenblicke, ohne Verbrämung und ohne Leidenschaft, geradehin erzählen. + + + 19. + +Von Deinen ~Grundsätzen~ gehe nie ab, so lange Du sie +als richtig anerkennest! Ausnahmen machen ist sehr gefährlich, +und führt immer weiter, vom Kleinen zum Großen. Hast Du +Dir also einmal aus guten Gründen vorgenommen, keine Bücher +zu verleihen, keinen Wein zu trinken u. dgl.; so müsse kein +Sterblicher Dich bewegen können, davon abzugehen, so lange +die Gründe Deiner ersten Entschließung nicht wegfallen! Sey +fest; aber hüte Dich, so leicht etwas zum Grundsatze zu machen, +bevor Du alle mögliche Fälle überlegt hast, oder eigensinnig auf +Kleinigkeiten zu bestehen; denn was kann thörichter seyn, als +sogenannten Grundsätzen, d. h. einer Handlungsweise, welcher +nichts weiter, als ein vernünftiger Grund mangelt, oder die +keinen andern, als den Eigensinn, oder das ungerechteste Mißtrauen, +oder die unverzeihlichste Undienstfertigkeit, so lange und +so hartnäckig getreu zu bleiben, bis man alle Liebe und alle Achtung +der Bessern verloren hat. + +Vor allen Dingen also handle nur stets folgerecht (consequent)! +Mache Dir einen Lebensplan, und weiche nicht um +ein Tüttelchen von diesem Plane, hätte dieser Plan auch allerlei +Sonderbarkeiten, d. h. weiche er auch noch so sehr von der gemeinen +und gepriesenen Denkungsart und Lebensweise ab. -- +Die Menschen werden eine Zeitlang die Köpfe darüber zusammenstecken, +und am Ende schweigen, Dich in Ruhe lassen, und +Dir, wenn Du anders Deinen Plan mit Festigkeit und Weisheit +durchführst, ihre Hochachtung nicht versagen können. Man +gewinnt überhaupt immer durch Ausdauern und durch planmässige, +weise Festigkeit. Es ist mit Grundsätzen, wie mit jeden +andern Stoffen, woraus etwas gemacht wird, nämlich, daß +der beste Beweis für ihre Güte der ist, wenn sie lange halten, +und in der That, wenn man recht genau den Gründen nachspüren +will, warum auch den edelsten Handlungen mancher +Menschen nicht Gerechtigkeit widerfährt; so wird man oft finden, +daß das Publikum deswegen Verdacht gegen die Wahrheit +und den Zweck dieser Handlungen gefaßt hat, weil sie nicht zu +dem Lebensplan und zu der Handlungsweise dessen, der sie unternimmt, +nicht zu seinen übrigen Schritten zu passen scheinen. + + + 20. + +Was aber noch wichtiger, als jene Vorschrift ist: sey redlich, +und weihe Deine Kraft und Dein Leben der Liebe und der +Pflicht; führe ein menschliches Leben, d. h. ein Vernunftleben; +halte es für den höchsten Ruhm Deines Lebens, als ein Vernunftwesen +zu leben. -- Habe immer ein gutes Gewissen! Bei +keinem Deiner Schritte müsse Dir Dein Herz über Absicht und +Mittel Vorwürfe machen dürfen! Gehe nie schiefe Wege; und +baue dann sicher auf gute Folgen, auf Gottes Beistand und auf +Menschenhülfe in der Noth! Und verfolgt Dich auch wohl eine +Zeitlang ein widriges Geschick -- o! so wird doch die selige +Ueberzeugung von der Unschuld Deines Herzens, von der Redlichkeit +Deiner Absichten, Dir ungewöhnliche Kraft, festen, unerschütterlichen +Muth und unzerstörbare Heiterkeit geben; Dein +kummervolles Antlitz wird im Umgange mehr, weit mehr Theilnahme +erwecken, als die Fratze des lächelnden, grinzenden, +glücklich scheinenden Bösewichts. + + + 21. + +Sey, was Du bist, immer ~ganz~, und immer derselbe! Nicht heute warm, +morgen kalt; heute grob, morgen höflich und zuckersüß; heute der +lustige Gesellschafter, morgen trocken und stumm, wie eine Bildsäule! +Es ist unbegreiflich, daß diese wetterwendischen, launenhaften und +kaltherzigen Menschen nicht endlich vor sich selbst erschrecken und +zurückfahren, da sie doch täglich durch die Scheu und den Widerwillen, +womit sich Alles von ihnen entfernt, auf die klägliche Rolle, die sie +spielen, aufmerksam gemacht werden, und da sie sich selbst eben so +sehr, als Andern, zur Last leben. Wenn sie einmal, in einem Anfall +von guter Laune oder Schaam, im Umgange Freundschaft und Theilnahme +zeigen, so spielen sie eigentlich die Rolle der Betrüger. Wir bauen in +der Meinung, daß sie sich gebessert haben, auf ihre Zusicherungen und +Aeusserungen, und wollen wenig Tage nachher den Mann wieder besuchen, +der uns so gern bei sich sieht, der uns so freundlich eingeladen hat, +recht oft zu kommen. Wir gehen hin, und werden nun so frostig und +verdrießlich empfangen, oder man läßt uns ohne Unterhaltung in einer +Ecke sitzen, antwortet uns nur mit gebrochnen Sylben, weil man grade +von Menschen umgeben ist, die mehr Weihrauch spenden, als wir. Von +solchen Menschen muß man sich unmerklich zurückziehn, und wenn sie +nachher, in einem Augenblicke von Langerweile, uns wieder aufsuchen, +gleichfalls gegen sie den Spröden machen, und ihnen unter den Händen +fortschlüpfen. + + + 22. + +Mache einigen Unterschied in Deinem äussern Betragen gegen die +Menschen, mit denen Du umgehst, in dem Zeichen von Achtung, die Du +ihnen beweisest! Reiche nicht Jedem Deine rechte Hand dar! Umarme nicht +Jeden! Drücke nicht Jeden an Dein Herz! Was bewahrst Du den Bessern und +Geliebten auf, und wer wird Deinen Freundschafts-Bezeugungen trauen, +ihnen Werth beilegen, wenn Du sie so verschwenderisch austheilst? + + + 23. + +Zwei Gründe hauptsächlich müssen uns bewegen, nicht gar zu offenherzig +gegen die Menschen zu seyn: zuerst die Furcht, unsre Schwäche dadurch +aufzudecken und gemißbraucht zu werden, und dann die Ueberlegung, +daß, wenn man die Leute einmal daran gewöhnt hat, ihnen nichts +zu verschweigen, sie zuletzt von jedem unsrer kleinsten Schritte +Rechenschaft verlangen, alles wissen, um alles zu Rathe gezogen werden +wollen. Allein eben so wenig soll man übertrieben verschlossen seyn; +sonst entsteht der Verdacht gegen uns, es stecke hinter allem, was wir +thun, etwas Bedeutendes, oder gar Gefährliches, und das kann uns in +unangenehme Verlegenheit verwickeln und veranlassen, daß wir verkannt +werden, besonders in fremden Ländern, auf Reisen, bei manchen andern +Gelegenheiten, und kann uns überhaupt auch im gemeinen Leben, selbst im +Umgange mit edeln Freunden, schaden. + + + 24. + +Suche keinen Menschen, auch den Schwächsten nicht, in Gesellschaften +lächerlich zu machen! Ist er dumm: so hast Du wenig Ehre von dem Witze, +den Du an ihm verschwendest; ist er es weniger, als Du glaubst: so +kannst Du vielleicht der Gegenstand ~seines~ Spottes oder seiner Rache +werden; ist er gutmüthig und gefühlvoll: so kränkst Du ihn; und ist er +tückisch: so kann er Dir's vielleicht auf eine Rechnung setzen, die Du +früh oder spät auf irgend eine Art bezahlen mußt. -- Und wie oft kann +man nicht, wenn das Publikum auf unsre Urtheile über Menschen achtet, +einem guten Manne im bürgerlichen Leben wahrhaften Schaden zufügen, +oder einen Schwachen so niederdrücken, daß aller Muth in ihm erlöscht, +und alle Keime zu bessern Anlagen erstickt werden, indem man ihn, durch +Hervorziehn der Schwachheiten, welche Stoff zum Spotten und Lachen +geben, der Verachtung preisgibt. + + + 25. + +Schrecke, zerre und necke auch niemand, selbst Deine Freunde nicht, +mit falschen Nachrichten, mit Witzeleien, oder was sonst auf einen +Augenblick beunruhigt, und leicht in Verlegenheit setzt! Es gibt der +wahrhaft mißvergnügten, unangenehmen, ängstlichen Augenblicke so +viele im Leben, daß es wohl Bruderpflicht ist, alles hinwegzuräumen, +was die Last der wirklichen und eingebildeten Plagen auch nur um ein +Sandkorn erschweren kann. Für eben so unschicklich halte ich es, +einem Freunde, aus Scherz, wie es die Gewohnheit mancher Leute ist, +mit selbst erfundnen erfreulichen Neuigkeiten ein kurzes Vergnügen +zu machen, das nachher schmerzlich vereitelt wird. Das alles ist +Neckerei, durch welche die Freuden des Umgangs nicht gewürzt, sondern +verkümmert werden. Eben so unverzeihlich ist es, die Neugierde zu +reizen, wenn man sie nicht befriedigen kann, oder will, oder die, +welche sich reizen ließen, hernach als Getäuschte dem Gelächter der +Kaltblütigen preiszugeben. Es gibt Menschen, welche die Gewohnheit +haben, ihren Freunden mystische Warnungen hinzuwerfen, wie z. B.: »Es +läuft ein böses Gerücht von Ihnen herum, aber ich kann, ich darf Ihnen +noch nichts darüber sagen.« Dergleichen hat gar keinen Nutzen, und +beunruhigt. + +Ueberhaupt muß man so wenig wie möglich die Leute in Verlegenheit +setzen, vielmehr sich bemühen, wenn auch jemand im Begriff ist, eine +Unvorsichtigkeit zu begehen (z. B. schlecht von einem Buche zu reden, +dessen Verfasser gegenwärtig ist), oder sonst beschämt zu werden, ihm +diese Verlegenheit zu ersparen, oder die Sache auf irgend eine Weise +wieder in's Gleiche zu bringen. Und wenn jemand aus Unachtsamkeit +etwas zerbrochen, oder sonst sich einer kleinen Unvorsichtigkeit +schuldig gemacht hat: so fordert es die Humanität, nicht hinzublicken, +wenigstens nicht mit Lächeln, oder mit sichtbarem Unwillen, noch +betroffen, um seine Verwirrung nicht zu vermehren! + + + 26. + +Vor allen Dingen vergesse man nie in der Gesellschaft, daß die Leute +unterhalten, nicht belehrt und unterwiesen seyn wollen; daß selbst der +unterrichtendste Umgang ihnen in der Länge ermüdend vorkommt, wenn +er nicht zuweilen durch Witz und gute Laune gewürzt wird; daß ferner +nichts in der Welt ihnen so witzreich, so weise und so ergötzend +scheint, als wenn man sie lobt, ihnen etwas Schmeichelhaftes sagt; daß +es aber unter der Würde eines klugen Mannes ist, den Spaßmacher, und +eines redlichen Mannes unwürdig, den Schmeichler zu machen. Allein es +gibt einen gewissen Mittelweg; denn da jeder Mensch doch wenigstens +Eine gute Seite hat, die man loben darf, und dies Lob, wenn es nicht +übertrieben wird, aus dem Munde eines verständigen Mannes, Sporn zu +größerer Vervollkommnung werden kann: so kann es sogar Pflicht werden, +denen ein ermunterndes Lob nicht schuldig zu bleiben, welche es eben so +sehr verdienen, als bedürfen, und es denen nicht vorzuenthalten, die +es nicht entbehren können, ohne an sich selbst zu verzagen, oder auf +halbem Wege stehen zu bleiben. + +Zeige, so viel Du kannst, eine immer gleiche, heitre Stirne! Nichts +ist reizender und liebenswürdiger, als eine gewisse frohe, muntre +Gemüthsart, die aus der Quelle eines schuldlosen, nicht von heftigen +Leidenschaften aufgeregten, sondern von Wohlwollen und Theilnahme +bewegten Herzens hervorströmt. Wer sich's in der Gesellschaft merken +läßt, daß er sich Zwang anthue, um heiter zu erscheinen, oder wer sich +recht sichtbar anstrengt, um das Wort zu führen, und daher unaufhörlich +Anekdoten auskramt, Späßchen macht, und nach Witz hascht; wem man es +ansieht, daß er darauf studirt hat, die Gesellschaft zu unterhalten: +der gefällt nur auf kurze Zeit, und wird bei Wenigen Interesse +erwecken. Er wird nicht aufgesucht werden von denen, deren Herz sich +nach besserm Umgange, und deren Kopf sich nach lebendiger und durch +Mannigfaltigkeit gewürzter Unterhaltung sehnt. + +Wer immer Spaß machen will, der erschöpft sich nicht nur leicht und +wird matt, sondern hat auch die Unannehmlichkeit, daß, wenn er einmal +gerade nicht aufgelegt ist, seinen Vorrath von lustigen Kleinigkeiten +zu öffnen, seine Gefährten das sehr ungnädig aufnehmen. Bei jeder +Mahlzeit, zu welcher er gebeten wird, bei jeder Aufmerksamkeit, die +man ihm beweist, scheint die Bedingung schwer auf ihm zu liegen, daß +er diese Ehre durch seine Schwänke bezahlen, und die Unkosten der +Unterhaltung allein tragen solle; und will er es einmal wagen, einen +höheren und reineren Ton anzustimmen, und etwas Ernsthaftes oder +Gescheutes zu sagen, so lacht man ihm gerade in's Gesicht, ehe er mit +seiner Rede halb zu Ende ist. Wahrer Humor und ächter Witz lassen sich +nicht erzwingen, nicht erkünsteln; aber sie wirken, wie ein milder +Sonnenstrahl, erwärmend, befruchtend und wohlthuend. Willst Du witzige +Einfälle anbringen, so überlege auch wohl, in welcher Gesellschaft Du +Dich befindest! Was Personen von einer dürftigen oder mittelmäßigen +Bildung sehr unterhaltend scheint, kann Andern sehr langweilig und +unschicklich vorkommen; und ein freier Scherz, den man sich in einem +Kreise von Männern erlaubt, würde bei Frauenzimmern übel angebracht +seyn. + + + 27. + +Gehe von niemand, und laß niemand von Dir, ohne ihm etwas Lehrreiches +oder etwas Verbindliches gesagt, und mit auf den Weg gegeben zu haben; +aber beides auf eine Art, die ihm wohlthue, seine Bescheidenheit +nicht verletze, und nicht studirt scheine, damit er die Stunde nicht +verloren zu haben glaube, die er bei Dir zugebracht hat, und fühle, +Du nehmest Interesse an seiner Person: es gehe Dir von Herzen: Du +verkaufest nicht bloß Deine Höflichkeits-Waare ohne Unterschied jedem +Vorübergehenden! Man verstehe mich also recht! Ich möchte gern, wenn +es möglich wäre, alles leere Geschwätz aus dem Umgange verbannt +sehen; möchte, daß man, ohne Aengstlichkeit, auf sich Acht hätte, nie +etwas zu sagen, wovon Der, welcher es anhören muß, weder Nutzen noch +~wahres~ Vergnügen haben, woran er, weder mit dem Kopfe, noch mit +dem Herzen, Antheil nehmen könnte. Weit entfernt bin ich also, jene +Gefallsucht oder Gleißnerei in Schutz nehmen zu wollen, die Jeden ohne +Unterlaß mit leeren Complimenten, Schmeicheleien oder Lobsprüchen in +die Verlegenheit setzen, ihnen auf tausend nicht ~eins~ antworten zu +können. Ein Beispiel wird meine wahren Grundsätze darüber deutlicher +machen. Ich saß einst an einer fremden Tafel, zwischen einer hübschen, +verständigen jungen Dame und einem kleinen, garstigen Fräulein, von +etwa vierzig Jahren. Ich beging die Unhöflichkeit, die ganze Mahlzeit +hindurch mich nur mit Jener zu unterhalten, zu Dieser hingegen kein +Wort zu reden. Beim Nachtische erst erinnerte ich mich meiner Unart; +und nun machte ich den Fehler gegen die Höflichkeit durch einen +andern gegen die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit gut. Ich wendete +mich zu ihr, und redete von einer Begebenheit, die vor zwanzig Jahren +vorgegangen war -- Sie wußte nichts davon -- »Es ist kein Wunder,« +sagte ich, »Sie waren damals noch ein Kind.« Das kleine Wesen freute +sich innigst darüber, daß ich sie für so jung hielt, und dies einzige +Wort erwarb mir ihre Gunst. -- Sie hätte mich dieser niedrigen +Schmeichelei wegen verachten sollen. Wie leicht hätte ich einen +Gegenstand zu einem Gespräche mit ihr finden können, das ihr auf irgend +eine Weise anziehend gewesen wäre, oder eine Gelegenheit, ihr meine +Aufmerksamkeit zu beweisen; und es war meine Pflicht, darauf zu denken, +und ihr nicht einen ganzen Mittag hindurch die Thür der Unterhaltung +zu verschließen; eine Ungerechtigkeit, die so oft in der Gesellschaft +gegen diejenigen begangen wird, die so unglücklich sind, einen +unangenehmen oder widrigen sinnlichen Eindruck auf uns zu machen. Sie +sollten vielmehr Gegenstände unserer Theilnahme werden, und wir sollten +die Ungerechtigkeit und Zurücksetzung, welche sich die Gesellschaft +gegen sie erlaubt, vielmehr zu vergüten suchen, als nachahmen. + +Man kann sich indessen oft sehr schlecht empfehlen, indem man den +Menschen etwas recht Verbindliches gesagt zu haben meint. So gibt es +Leute, die es sehr übel nehmen würden, wenn man ihnen versicherte, daß +man sie für gutmüthig halte, und Andre, die sich beleidigt fühlen, wenn +man sie versichert, sie sähen gesund aus, oder sie hätten noch etwas +so Jugendliches in ihrem Aeussern, daß man ihr wahres Alter unmöglich +ahnen könne. + + + 28. + +Wem es darum zu thun ist, dauerhafte Achtung sich zu erwerben; +wem daran liegt, daß seine Unterhaltung niemand anstößig, Keinem +zur Last werde; der würze nicht ohne Unterlaß seine Gespräche mit +Lästerungen, Spott, Tadelsucht und Satyre, und gewöhne sich nicht an +den auszischenden Ton der Spottsucht! Das kann wohl einigemal, und, +bei einer gewissen Klasse von Menschen, auch öfter gefallen; aber man +flieht und verachtet doch endlich den Mann, der immer auf anderer Leute +Kosten, oder auf Kosten der Wahrheit die Gesellschaft vergnügen will, +und man hat Recht dazu; denn der gefühlvolle, verständige Mensch muß +Nachsicht haben mit den Schwächen Anderer. Er weiß, welchen großen +Schaden oft ein einziges, wenn gleich nicht böse gemeintes Wörtchen +anrichten kann; auch sehnt er sich nach einer unschuldigeren und +edleren Unterhaltung; ihm ekelt vor leerer Spötterei und liebloser +Tadelsucht. Gar zu leicht aber nimmt man im Verkehr mit der sogenannten +großen Welt diesen elenden Ton an; man kann nicht genug davor warnen, +da er den Charakter entstellt, und dem Dünkel die gefährlichste Nahrung +gibt, die Freuden des Umgangs vergiftet, und die Bande der Gesellschaft +zernagt. + +Uebrigens aber möchte ich auch nicht gern alle Satyre für unerlaubt +erklären, noch leugnen, daß manche Thorheiten und Unzweckmäßigkeiten, +~im weniger vertrauten Umgange~, am besten durch einen feinen, nicht +beleidigenden, nicht zu deutlich auf einzelne Personen anspielenden +Spott bekämpft werden können. Endlich bin ich auch weit entfernt, +zu fordern, man solle alles loben, und selbst offenbare Fehler +entschuldigen; vielmehr habe ich nie den Leuten getrauet, die so +sichtbar sich das Ansehen geben, alles mit dem Mantel der christlichen +Liebe bedecken zu wollen. Sie sind mehrentheils Heuchler, wollen durch +das Gute, das sie von den Leuten ~reden~, das Böse vergessen machen, +welches sie ihnen ~zufügen~, oder sie suchen dadurch Nachsicht für ihre +eigenen Gebrechen zu erlangen, und ein günstiges Vorurtheil für sich zu +erschleichen. + + + 29. + +Erzähle nicht leicht Anekdoten, besonders nie solche, die irgend jemand +in ein nachtheiliges Licht setzen, auf bloßes Hörensagen nach! Sehr oft +sind sie gar nicht auf Wahrheit gegründet, oder schon durch so viel +Hände gegangen, daß sie wenigstens vergrößert, verstümmelt worden sind, +und dadurch eine wesentlich andre Gestalt bekommen haben. Vielfältig +kann man dadurch unschuldigen guten Leuten ernstlich schaden, und öfter +sich selber großen Verdruß zuziehn. + + + 30. + +Hüte Dich, Nachrichten aus einem Hause in das andre zu tragen, +vertrauliche Tischreden, Familien-Gespräche, Bemerkungen, die Du über +das häusliche Leben von Leuten, mit welchen Du viel umgehst, gemacht +hast, u. dergl. auszuplaudern! Wenn dieß auch nicht eigentlich aus +Bosheit geschieht, so kann doch eine solche Geschwätzigkeit Mißtrauen +gegen Dich, und allerlei Zwist und Verstimmung veranlassen. + + + 31. + +Sey vorsichtig im Tadel und Widerspruche! Es gibt wenig Dinge in +der Welt, die nicht zwei Seiten haben. Vorurtheile verdunkeln oft +die Augen, selbst des klügern Mannes, und es ist sehr schwer, sich +gänzlich an eines Andern Stelle zu denken. Urtheile besonders nicht +so leicht über kluger Leute Handlungen, oder Deine Bescheidenheit +müßte Dir sagen, daß Du noch weiser, als sie seyst! und da ist es +denn eine mißliche Sache um diese Ueberzeugung. Ein kluger Mann ist +mehrentheils lebhafter, als ein Andrer, hat heftigere Leidenschaften zu +bekämpfen, bekümmert sich weniger um das Urtheil des großen Haufens, +hält es weniger der Mühe werth, sein gutes Gewissen durch ausführliche +Apologien zu rechtfertigen. Uebrigens soll man nur fragen: »Was thut +der Mann Nützliches für Andre?« und, wenn er dergleichen thut, über +dies Gute die kleinen Gemüthsfehler und Schwachheiten, die nur ihm +selber schaden, oder höchstens unwichtigen, vorübergehenden Nachtheil +wirken, vergessen. + +Vor allen Dingen maße Dir nicht an, die Bewegungsgründe zu jeder +guten Handlung ergründen und beurtheilen zu wollen! Bei einer solchen +Strenge würden vielleicht manche Deiner eignen edlen Handlungen als +sehr unedel, oder als reine Schwachheit, als Erzeugniß einer flüchtigen +Rührung, Deiner gereizten Eitelkeit, Deiner Selbstsucht erscheinen. +Jedes Gute muß nach seiner Wirkung für die Welt beurtheilt werden. + + + 32. + +Habe Acht auf Deine Gesellschaftssprache, daß Du in Deinen +Unterredungen nicht durch einen wässrigen, weitschweifigen Vortrag +ermüdest! Ein gewisser Laconismus, d. h. eine kräftige Kürze -- +in so fern er nicht in die Sucht, nur in Sentenzen und Aphorismen +zu sprechen, oder jedes Wort abzuwägen, ausartet -- ein gewisser +Laconismus und die Geschicklichkeit, einen nichtsbedeutenden Umstand +durch die Lebhaftigkeit der Darstellung interessant zu machen -- das +ist die wahre Kunst der gesellschaftlichen Beredtsamkeit. Ueberhaupt +aber rede nicht zu viel! Sey haushälterisch mit Spendung von Worten und +Kenntnissen, damit es Dir nicht früh an Stoffe fehle, damit Du nicht +redest, was Du verschweigen sollst, verschweigen wolltest, und niemand +Deine Unterhaltung lästig finde. Laß auch Andre zu Worte kommen, ihren +Theil zur allgemeinen Unterhaltung mit hergeben! Es gibt Leute, die, +ohne es selbst zu merken, aller Orten die Sprachführer sind; und wären +sie in einem Zirkel von funfzig Personen, so würden sie sich dennoch +bald Meister von der ganzen Unterhaltung machen. + +So unangenehm dieß für die Gesellschaft ist; eben so widrige, Freude +störende Eindrücke macht die Weise mancher Leute, die stumm und +gespannt horchen und lauern, und die man leicht für gefährliche +Beobachter halten kann, denen es nur darum zu thun scheint, jedes +unvorsichtige, nicht gehörig gewählte Wort, das man in sorgloser +Redseligkeit fallen läßt, zu irgend einem hämischen Zwecke aufzusammeln. + + + 33. + +Es gibt Menschen, die (so wie Manche nur zum Genießen da zu seyn +glauben) auch im geselligen Leben immer nur empfangen, nie geben +wollen; die vom übrigen Theile des Publikums belustigt, unterrichtet, +bedient, gelobt, bezahlt, gefüttert zu werden verlangen, ohne etwas +dafür zu leisten; die über Langeweile klagen, ohne zu fragen, ob sie +Andern weniger Langeweile gemacht haben; die behaglich da sitzen, +sich's wohlseyn, sich erzählen lassen, aber nicht daran denken, auch +ihren Beitrag, und wär' es auch nur ein Scherflein, zur Unterhaltung +beizusteuern. -- Das ist aber eben so ungerecht, als lästig. + +Noch Andre findet man, die immer nur ihre eigne Person, ihre häuslichen +Umstände, ihre Verhältnisse, ihre Thaten und ihre Berufs-Geschäfte zum +Gegenstande der Unterredung machen, und alles dahin zu drehen wissen, +jedes Gleichniß, jedes Bild von daher nehmen. So wenig wie möglich +laß in gemischten Gesellschaften den Schnitt, den Ton, den Dir Deine +specielle Erziehung, Dein Handwerk, Deine besondre Lebensart geben, +hervorblicken! Rede nicht von Dingen, die, ausser Dir, schwerlich +jemand interessiren können! Hüte Dich, in den Fehler Derjenigen zu +verfallen, die sich selbst bespötteln, ihre eigne werthe Person zum +Besten haben! Das setzt die Anwesenden in Verlegenheit, und verräth +einen eiteln Egoismus. Spiele nicht auf Anekdoten an, die Deinem +Nachbar unbekannt sind, auf Stellen aus Büchern, die er wahrscheinlich +nicht gelesen hat! Rede nicht in einer fremden Sprache, wenn es +glaublich ist, daß nicht jeder, der um Dich ist, dieselbe versteht! +Lerne den Ton der Gesellschaft annehmen, in welcher Du Dich befindest! +Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn der Arzt einige junge +Damen mit Beschreibung seiner Sammlung anatomischer Präparaten, der +Rechtsgelehrte einen Hofmann über die unwirksame Professions-Ergreifung +und das +edictum Divi Martii+, der alte gebrechliche Gelehrte eine +junge Cokette von seinem offnen Beinschaden unterhält. + +Oft aber tritt der Fall ein, daß man in Gesellschaften geräth, wo es +schwer ist, etwas vorzubringen, das Theilnahme erweckte. Wenn ein +verständiger Mann von leeren, beschränkten, in die Eitelkeiten des +Alltagslebens versunkenen Menschen umgeben ist, die für gar nichts von +bessrer Art Sinn haben; ei nun! so ist es seine Schuld nicht, wenn er +nicht verstanden wird. Er tröste sich also damit, daß er von Dingen +geredet hat, die billig ~interessiren müßten~! + + + 34. + +Rede also nicht zu viel von Dir selber, ausser in dem Kreise Deiner +vertrautesten Freunde, von welchen Du weißt, daß die Sache des Einen +unter ihnen eine Angelegenheit für Alle ist; und auch da bewache Dich, +daß Du nicht Egoismus zeigest! Vermeide, selbst dann zu viel von Dir +zu reden, wenn gute Freunde, wie es vielfältig geschieht, das Gespräch +aus Höflichkeit auf Deine Person, auf Deine Unternehmungen oder Deine +Schriften leiten! Bescheidenheit ist eine der liebenswürdigsten +Eigenschaften, und macht um so vortheilhaftere Eindrücke, je seltner +diese Tugend in unsern Tagen wird. Sey also auch nicht so bereit, +jedermann Deine Schriften unaufgefordert, oder gleich bei der ersten, +oft nicht so ernstlich gemeinten Aufforderung vorzulesen, Deine +Anlagen zu zeigen und Deine rühmlichen Handlungen zu erzählen, noch +auf feine Art Gelegenheit zu geben, daß man Dich darum bitten müsse! +Auch ~drücke~ niemand durch Deinen Umgang, das heißt: zeige in keiner +Gesellschaft ein solches Uebergewicht, daß Andre verstummen, sich in +schlechtem Lichte zeigen oder an sich selbst verzagen müssen! + + + 35. + +Widersprich Dir nicht selbst im Reden, so daß Du einen Satz behauptest, +dessen Gegentheil Du ein andermal vertheidigt hast! Man kann seine +Meinung von Dingen ändern; allein man thut doch wohl, in Gesellschaften +nicht eher, wenigstens nicht entscheidend zu urtheilen, als bis man +alle Gründe für und wider gehörig abgewogen hat. + + + 36. + +Hüte Dich, in die Fehler Derjenigen zu verfallen, die, aus Mangel +an Gedächtniß, oder an Aufmerksamkeit auf sich, oder weil sie so +verliebt in ihre eignen Einfälle sind, dieselben Histörchen, Anekdoten, +Spässe, Wortspiele, und witzigen Vergleichungen, bei jeder Gelegenheit +wiederholen! Ueberhaupt ist es, und besonders auch für den geselligen +Umgang, wichtig, sein Gedächtniß zu schärfen, und sich deswegen nicht +zu sehr daran zu gewöhnen, alles schriftlich aufzuzeichnen, was man +behalten will. Bist Du Deiner Sache nicht gewiß, so verleugne Dich +selbst, und widerstehe der Lust, eine Anekdote zu erzählen, wenn es +möglich wäre, daß Du sie schon einmal aufgetischt hast, oder suche das +Gespräch so zu wenden, daß Du zur Gewißheit kommst, ohne etwas gewagt +zu haben. + + + 37. + +Würze nicht Deine Unterhaltung mit Zweideutigkeiten, mit Anspielungen +auf Dinge, die entweder Ekel erwecken, oder keusche Wangen erröthen +machen; zeige auch keinen Beifall, wenn Andre dergleichen vorbringen! +Ein verständiger Mann kann an solchen Gesprächen keine Lust haben. Auch +in bloß männlichen Gesellschaften verleugne nicht die Schamhaftigkeit, +das Zartgefühl und Dein Mißfallen an Zoten, denn Du erwirbst Dir +dadurch eben so viel Ehre, als Verdienst, und rettest die Ehre Deines +Geschlechts. + + + 38. + +Flicke keine platte Gemeinsprüche in Deine Reden ein; z. B.: daß +Gesundheit ein schätzbares Gut; daß das Schlittenfahren ein kaltes +Vergnügen; daß Jeder sich selbst der Nächste sey; daß, was lange +dauert, gut werde, wovon ich das Gegentheil zu beweisen übernehme; +daß man durch Schaden klug werde, welches leider! selten eintrifft; +oder daß die Zeit schnell hingehe -- welches, im Vorbeigehen zu sagen, +gar nicht wahr ist; denn da die Zeit nach einem bestimmten Maaßstabe +berechnet wird: so geht sie nicht schneller vorbei, als sie grade muß, +und Der, welchem ein Jahr kürzer vorkömmt, als es ist, der muß in +demselben über Gebühr geschlafen haben, oder sonst seiner Sinne nicht +mächtig gewesen seyn, oder er läßt sich von einer leeren Täuschung irre +führen -- oder: daß Ausnahmen die Regel ~bestätigten~ -- Gleich als +wenn ein partikularer verneinender Satz die Wahrheit eines allgemeinen +bejahenden beweisen könnte, oder umgekehrt! da doch vielmehr durch +die Ausnahme klar wird, daß die Regel nicht allgemein ist. Solche +Sprüchwörter sind sehr langweilig, und nicht selten sinnlos und unwahr. + +Es gibt solche mechanische Menschen, deren Gespräche zur Hälfte aus +gewissen Formeln bestehen, welche sie, ohne etwas dabei zu denken, +herplappern. Sie treffen Dich tödtlich krank im Bette an, und freuen +sich, Dich wohl zu sehn. Zeigst Du ihnen Dein Bildniß: so finden sie, +daß es zwar ähnlich sehe, aber viel zu alt gemalt sey. Allen Kindern +sagen sie: sie seyen groß für ihr Alter, und gleichen dem Vater, und +was dergleichen leeres Geschwätz mehr ist. Einen eben so dürftigen +Stoff zur Unterhaltung liefern Räthsel, Wortspiele, Pfandspiele u. +dgl., wenn sie nicht ausgezeichnet sinnreich sind. Wenigstens wird +selten in einer Gesellschaft, die nur einigermaßen gemischt ist, das +Wohlgefallen daran allgemein seyn, denn es werden sich immer Einige +finden, welche sich durch solche Unterhaltungen gedrückt fühlen, weil +sie nicht Kenntnisse, oder Geist genug haben, hiebei eine anständige +Rolle zu spielen, oder der Verlegenheit zu entgehen. + + + 39. + +Belästige nicht die Leute, mit welchen Du umgehst, mit unnützen Fragen! +Man findet Menschen, die, nicht eben aus Vorwitz und Neugier, sondern +weil sie nun einmal gewöhnt sind, ihre Gespräche in Katechesations-Form +zu verfassen, uns durch Fragen so beschwerlich werden, daß es gar nicht +möglich ist, auf unsre Weise mit ihnen in Unterhaltung zu kommen. + + + 40. + +Lerne Widerspruch ertragen! Sey nicht kindisch eingenommen von Deinen +Meinungen! Werde nicht hitzig, noch grob im Zanke; auch dann nicht, +wenn man Deinen ernsthaften Gründen Spott und Bitterkeit entgegensetzt! +Du hast, bei der besten Sache, schon halb verloren, wenn Du nicht +kaltblütig bleibst, und wirst wenigstens auf diese Art nie überzeugen +und nie gefallen. + + + 41. + +An Oertern, wo man sich zur Freude versammelt: beim Tanze, in +Schauspielen, rede mit niemand von häuslichen Geschäften, noch weniger +von verdrießlichen Dingen! Man geht dahin, um sich zu erholen, um +auszuruhen, um kleine und große Sorgen abzuschütteln, und es ist also +unbescheiden, jemand mit Gewalt wieder mitten in sein tägliches Joch +hineinschieben zu wollen. + + + 42. + +Daß ein redlicher und verständiger Mann über wesentliche +Religionslehren, auch dann, wenn er das Unglück haben sollte, an +der Wahrheit derselben zu zweifeln, sich dennoch keinen Spott +erlauben wird: ich meine, das versteht sich von selber; aber auch +über kirchliche Verfassungen, über die Menschensatzungen, welche von +einigen Sekten für Glaubenslehren gehalten werden, über Ceremonien, +die Manche für wesentlich halten, und dergleichen, soll man nie in +Gesellschaften spotten. Man respektire das, was Andern ehrwürdig ist! +Man lasse Jedem die Freiheit in Meinungen, die wir für uns selbst +verlangen! Man vergesse nicht, daß das, was wir Aufklärung nennen, +Andern vielleicht Verfinsterung scheint! Man schone der Vorurtheile, +die Andern Ruhe gewähren! Man raube niemand, ohne ihm etwas Besseres +an die Stelle desselben zu geben, was ihm auf seiner Bildungsstufe, +oder in dem Zusammenhange seiner Vorstellungen als Wahrheit erscheint, +und unentbehrlich geworden ist! Man vergesse nicht, daß Spott nicht +bessert; daß unsre, hier auf Erden noch nicht entwickelte Vernunft über +so wichtige Gegenstände leicht irren kann; daß ein mangelhaftes System, +auf welchem aber der Grund einer guten Moral liegt, nicht so leicht +umzureissen ist, ohne zugleich das Gebäude selbst über den Haufen zu +werfen, und endlich, daß solche Gegenstände überhaupt gar nicht von der +Art sind, daß man sie in Gesellschaften abhandeln könne! + +Doch dünkt mich, man vermeide heut zu Tage oft zu vorsätzlich alle +Gelegenheit, über Religion zu reden. Einige Leute schämen sich, Wärme +für Gottes-Verehrung und für die höchsten Angelegenheiten des Menschen +zu zeigen, aus Furcht, für nicht aufgeklärt genug gehalten zu werden, +und Andre affektiren religiöse Empfindungen, scheuen sich, auch nur im +mindesten gegen Schwärmerei zu reden, um sich bei den Andächtlern in +Gunst zu setzen. Ersteres ist Menschenfurcht, und Letzteres Heuchelei; +Beides aber eines redlichen Mannes gleich unwerth. + + + 43. + +Wenn Du von körperlichen, geistigen, moralischen oder andern Gebrechen +redest, oder Anekdoten erzählst, die gewisse Grundsätze oder +Vorurtheile lächerlich machen, oder gewisse Stände in ein nachtheiliges +Licht setzen sollen: so siehe Dich vorher wohl um, ob niemand +gegenwärtig sey, der das übel aufnehmen, diesen Tadel oder Spott auf +sich und seine Verwandten ziehen könnte! + +Halte Dich über niemands Gestalt, Wuchs und Bildung auf! Es steht +in keines Menschen Gewalt, diese zu ändern. Nichts ist kränkender, +niederschlagender und empörender für den Mann, der unglücklicher Weise +eine etwas auffallende Gesichtsbildung oder Figur hat, als wenn er +bemerkt, daß diese der Gegenstand der Verspottung oder Befremdung wird. +Leuten, die ein wenig mit der großen Welt bekannt sind, und unter +Menschen von allerlei Formen und Ansehen gelebt haben, sollte man +darüber billig gar keine Erinnerung geben dürfen; aber leider trifft +man hie und da, selbst unter fürstlichen Personen, besonders unter +Damen, solche an, die so wenig Gewalt über sich, oder so wenig Begriffe +von Wohlanständigkeit und Billigkeit haben, daß sie die Eindrücke, +welche ein ungewöhnlicher Anblick von ~der~ Art auf sie macht, +nicht verbergen können. -- Das ist schwach, und wenn man noch dabei +überlegt, wie relativ und dem verschiednen Geschmacke unterworfen die +Begriffe von Schönheit und Häßlichkeit sind, wie so wenig auf sichern +Grundsätzen beruhend unsre physiognomische Wissenschaft ist, und wie +oft unter einer anscheinend häßlichen Larve ein schönes, edles, warmes, +großes Herz, mit einem feinen, tiefdenkenden Kopfe steckt: so sieht man +leicht, daß man sehr selten mit Recht auf das äussere Ansehen eines +Menschen nachtheilige Folgerungen bauen, und nie die Befugniß haben +kann, die Eindrücke, welche ein solcher Anblick etwa auf uns macht, +zu jemands Kränkung durch Lachen oder auf andre Art kund werden zu +lassen. Ueberhaupt ist es Schwachheit, sich von sinnlichen Eindrücken, +mögen sie günstige oder ungünstige seyn, so sehr beherrschen zu lassen, +daß man sogleich seine Zuneigung oder Abneigung verräth. Der äussere +Mensch ist oft so ganz von dem inneren verschieden, daß man sich in der +Regel bitter getäuscht sieht, wenn man sich von jenem verleiten ließ, +günstig oder ungünstig zu urtheilen. + +Ausser einer sonderbaren Figur können uns aber noch andre +Dinge an einem Menschen auffallend seyn, zum Beispiel: lächerliche, +phantastische, abgeschmackte Gebehrden, Manieren, +Verzerrungen des Körpers, Unbekanntschaft mit gewissen Sitten, +Unvorsichtigkeiten im Betragen, ungewöhnlicher, altmodischer +Anzug u. dgl. Es gehört nicht weniger zu einer guten Lebensart, +hierüber nicht durch Lachen oder durch Zeichen, die +man einem der Anwesenden gibt, sein Befremden zu erkennen +zu geben, und dadurch den armen Mann, der sich dergleichen +zu Schulden kommen läßt, noch mehr in Verlegenheit zu setzen. + + + 44. + +Wenn Du in einer Gesellschaft von einem der Anwesenden mit Deinem +Freunde reden willst (obgleich dieß, wie das Ohrenflüstern, überhaupt +unanständig ist): so gebrauche wenigstens die Vorsicht und Schonung, +die Person, von welcher Du redest, nicht dabei anzusehen! Und ist +Dir daran gelegen, etwas zu hören, das in einiger Entfernung von Dir +gesprochen wird: so wende auch Deine Blicke nicht dahin! Man wird sonst +aufmerksam auf Dich, und man hört ja auch nur mit den Ohren, nicht mit +den Augen. + + + 45. + +Man hüte sich, bei Personen, mit denen man umgeht, unberufen +unangenehme Dinge in Erinnerung zu bringen! Oft bewegt eine Art von +unkluger Theilnehmung und ein Mangel an Zartgefühl die Leute, uns um +die Beschaffenheit unsrer ökonomischen und anderer verdrießlichen +Sachen zu befragen, obgleich sie uns nicht helfen können, und uns +dadurch zu zwingen, Gegenstände in unser Gedächtniß zurückzurufen, +die wir in Gesellschaften, wo wir uns aufzuheitern dachten, so +gern vergessen möchten. Man muß so viel Menschenkenntniß haben, zu +unterscheiden, ob der Mann, den wir vor uns sehen, seinem Temperamente, +seiner Lage, und der Art seines Kummers nach, durch solche Gespräche +erheitert oder getröstet werden könne, oder ob nicht vielleicht sein +Leiden dadurch doppelt erschwert werde[2]. + +Man enthalte sich auch, andern Leuten das, was sie nun einmal haben, +und nicht wieder abschaffen können, zuwider zu machen, ihnen die Lage, +darin sie nun einmal leben müssen, durch unangenehme Schilderungen +und unwillkommene Bemerkungen zu verleiden. Es gibt solche unberufene +Wahrheits-Prediger, die sich ein Geschäft daraus machen, uns auch den +unschuldigsten glücklichen Wahn wegzuvernünfteln, und es bleibt bei +Wielands Ausspruch: + + Ein Wahn, der mich beglückt, + Ist eine Wahrheit werth, + Die mich zu Boden drückt. + + + 46. + +Nimm nicht Theil daran, lächle nicht beifällig, thu' lieber, als +hörtest Du es gar nicht, wenn jemand einem Dritten unangenehme Dinge +sagt, oder ihn beschämt! Die Feinheit eines solchen Betragens wird +gefühlt und oft dankbar belohnt. + + + 47. + +Ueber die Gewohnheit, Paradoxen vorzubringen, über +Widersprechungsgeist, Disputirsucht, Citiren und Berufen auf die +Meinungen und Aussprüche Andrer, werde ich mich im dritten Kapitel +dieses Theils erklären, und beziehe mich hier darauf. + + + 48. + +Eine der wichtigsten Tugenden im gesellschaftlichen Leben, welche +wirklich täglich seltner wird, ist die Verschwiegenheit. Man ist +heut zu Tage so äusserst trügerisch in Versprechungen, ja in +Betheurungen und Schwüren, daß man ohne Scheu ein unter dem Siegel +des Stillschweigens uns anvertrautes Geheimniß gewissenloser Weise +ausbreitet. Andre, die weniger pflichtvergessen, aber höchst +leichtsinnig sind, schwatzen Geheimnisse aus, weil sie ihrer +Redseligkeit keinen Zaum anlegen können. Sie vergessen, daß man sie +gebeten hat, zu schweigen; und so erzählen sie aus unverzeihlicher +Unvorsichtigkeit die wichtigsten Geheimnisse ihrer Freunde an +öffentlichen Orten, mit einer Unbefangenheit, die in Erstaunen und in +Schrecken setzt; oder sie vertrauen, indem sie Jeden, der ihnen während +ihres Dranges, sich zu entladen, in den Wurf kömmt, für einen treuen +Freund ansehen, das, was sie doch nicht als ihr Eigenthum betrachten +sollten, eben so leichtsinnigen Leuten an, wie sie selbst sind. Solche +Menschen gehen dann auch nicht weniger unklug mit ihren ~eignen~ +Heimlichkeiten, Planen und Begebenheiten um, zerstören dadurch sehr oft +ihre Wohlfahrt, und vernichten ihre Bestrebungen. + +Welchen Nachtheil überhaupt eine solche unvorsichtige Bewahrung +fremder und eigner Geheimnisse gewähre, das bedarf wohl keiner +Auseinandersetzung. Es gibt aber eine Menge anderer Dinge, die zwar +nicht eigentlich Geheimnisse sind, wovon uns jedoch Klugheit und +die Vernunft lehrt, daß es besser sey, sie zu verschweigen, und +andre Dinge, deren Ausbreitung wenigstens für niemand lehrreich und +unterhaltend seyn kann, und wovon es doch möglich wäre, daß ihre +Verplauderung irgend jemand nachtheilig seyn möchte. -- Darum gehört +eine gewisse Zurückhaltung, die aber nicht in Verschlossenheit und +Geheimnißkrämerei ausarten muß, zu den Tugenden, welche der Umgang +fordert. Bei Männern, welche in bedeutenden Staatsämtern stehen, ist +es vollends unverzeihlich, wenn sie sich von der Sucht, das Wort zu +führen, und sich wichtig zu machen, verleiten lassen, der Gesellschaft +etwas mitzutheilen, was ihre Amtspflicht, oder die Würde ihres Amts +zu verschweigen gebietet. Uebrigens wird man die Bemerkung wahr +finden, daß in despotischen Staaten die Menschen, im Ganzen genommen, +verschwiegner sind, als da, wo mehr Freiheit herrscht. Dort machen +Furcht und Mißtrauen verschlossen und zurückhaltend; hier folgt Jeder +dem Triebe seines Herzens, sich freimüthig mitzutheilen. + +Wenn man auch mehrern Leuten zugleich sein Geheimniß anvertrauen muß: +so lege man doch unbedingte Verschwiegenheit auf, damit jeder von ihnen +glaube, er wisse es allein, müsse allein für die Bewahrung haften. + +Manche Leute haben die sehr unartige Gewohnheit, sich, wenn man sie +zum Voraus um Verschwiegenheit über eine Sache bittet, die man ihnen +entdecken will, nicht bestimmt zu erklären, nichts zu versprechen. Aus +Gutmüthigkeit hält man dann nicht zurück, sondern redet, indem man +die Bedingung voraussetzt. Dies Betragen ist nicht nachzuahmen; der +aufrichtige Mann äussert sich ohne Rückhalt, und hört nicht eher, als +bis er gesagt hat, in wie fern er sich zur Verschwiegenheit verbindlich +machen könne, oder nicht. + + + 49. + +Menschen von lebhafter Gemüthsart werden der Gesellschaft leicht +durch den Ungestüm, mit welchem sie widersprechen, oder ihre Meinung +vertheidigen, beschwerlich. Der Umgang fordert einen gewissen +Gleichmuth, und die Selbstverleugnung, welche jeden Ausbruch der +Leidenschaft zurückzudrängen, und eigensinnigen Widerspruch zu ertragen +weiß. + +Ein großes Talent, welches durch Studium der Sprache und Achtsamkeit +auf sich selbst erlangt werden kann, ist die Kunst, sich bestimmt, +fein, richtig, körnigt auszudrücken, lebhaft im Vortrage zu seyn, +sich dabei nach den Fähigkeiten der Menschen zu richten, mit denen +man redet; sie nicht zu ermüden, gut und launigt zu erzählen, nicht +über seine eignen Einfälle zu lachen; nach den Umständen trocken oder +lustig, ernsthaft oder komisch seinen Gegenstand darzustellen, und mit +natürlichen Farben zu malen. Dabei muß ein guter Gesellschafter sein +Aeusseres studiren, und besonders sein Mienenspiel in seiner Gewalt +haben, sich vor Verzerrungen zu hüten, und sein Lachen zu mäßigen +wissen. Der Anstand und die Gebehrdensprache sollen edel seyn: man +soll nicht bei unbedeutenden, affectlosen Unterredungen, wie Personen +aus der niedrigsten Volksklasse, mit Kopf, Armen und andern Gliedern +herumfahren und um sich schlagen; man soll den Leuten gerade, aber +bescheiden und sanft, in's Gesicht sehen, sie nicht bei Aermeln, +Knöpfen und dergleichen zupfen. Kurz, alles was eine feine Erziehung, +was Aufmerksamkeit auf sich selbst und auf Andre verräth, das gehört +nothwendig dazu, den Umgang angenehm zu machen, und es ist wichtig, +sich in solchen Dingen nicht nachzusehn, sondern jede kleine Regel +des Wohlstandes, selbst in dem Cirkel seiner Familie, zu beobachten, +um sich das zur andern Natur zu machen, wogegen diejenigen so oft +fehlen, welche nie erwägen, daß es Pflichten gegen die Gesellschaft +gibt, und sich daher Alles erlauben, was ihnen gemächlich ist. Kaum +scheint es nöthig, hier noch zu bemerken, daß man so wenig als möglich +in einer Gesellschaft den Leuten den Rücken zukehren, in Titeln und +Namen sich vor Verwechselung hüten; daß man bei Personen, die es +mit den Höflichkeitsbezeigungen genau nehmen, den Vornehmern immer +auf der rechten Seite, oder wenn Drei beisammen sind, in der Mitte +gehen lasse; daß man Dem, mit welchem man spricht, frei und offen, +doch nicht starr und frech, in das Gesicht schauen, seine Stimme in +seiner Gewalt haben, nicht schreien und doch verständlich reden, in +seinem Gange Anstand beobachten, nicht aller Orten das große Wort +führen solle; daß man, wenn man ein Frauenzimmer führt, mit ihr, um +sie nicht zu stoßen, gleichen Schritt halten, und mit demselben Fuße, +wie sie, antreten, ihr auch zuweilen seine linke Hand reichen müsse, +wenn sie an der rechten Seite nicht so bequem gehen würde; daß man auf +~steilen~ Treppen im Hinuntersteigen die Frauenzimmer vorausgehen, im +Hinaufsteigen aber sie folgen lassen müsse; daß, wenn man uns nicht +versteht, und wir voraussehen, daß eine genauere Erklärung nichts +helfen würde, oder der Gegenstand von so geringer Wichtigkeit ist, +daß er keinen großen Aufwand von Worten verdient, wir dann die ganze +Sache fallen lassen müssen; daß vornehme Leute, wenn sie nicht über +Vorurtheile hinaus sind, es übel nehmen, wenn ein Geringer von sich +und ihnen in Gemeinschaft spricht, (z. B. »Als ~wir~ gestern zusammen +spazieren gingen.« »~Wir~ haben im gestrigen Spiele gewonnen, und +~unsre~ Gegner verloren,«) und, daß sie verlangen, man solle thun, +als seyen sie allein in der Welt des Nennens werth: »Ihro Excellenz, +Ihro Gnaden haben gewonnen;« (höchstens möchte man hinzusetzen: »~mit +mir~«); daß man die Leute nicht zehnmal wieder zurückrufe, ihnen noch +hundert Dinge zu sagen und nachzuschreien habe, wenn sie im Zimmer +oder auf der Gasse von uns gehen, schon die Thür in der Hand, schon +Abschied genommen haben; daß es eine unartige Gewohnheit sey, immer +etwas zwischen den Fingern oder im Munde zu führen, das man zerdrückt +und spielend zernichtet, es sey brauchbar oder nicht, gehöre uns oder +Andern; daß man erst um Erlaubniß fragen müsse, wenn man in Gegenwart +fremder Personen Briefe lesen, oder andere Geschäfte von der Art +treiben will; daß es anständig sey, wenn man jemand im Vorbeigehen +grüßen will, den Hut auf ~der~ Seite abzuziehen, wo der Fremde ~nicht~ +geht, damit man ihn nicht damit berühre, und sein Gesicht nicht vor +ihm verberge; daß man, wenn man jemand etwas darreicht, es, in so +fern dieß zu ändern steht, nicht mit der bloßen Hand hingeben müsse; +daß es sich nicht schicke, in Gesellschaften in's Ohr zu flüstern, +bei Tafel krumm zu sitzen, unanständige Gebehrden zu machen, noch zu +leiden, daß ein Frauenzimmer, oder jemand, der vornehmer ist als wir, +von einer Speise, die vor uns steht, vorlege; daß es unartig sey, +in Gesellschaften jemandem einen unschuldigen Spaß zu verderben, z. +B. wenn er Kartenkünste zeigt, seine Kunst zu enthüllen. Leuten von +gewissem Stande und einer nicht ganz gemeinen Erziehung ist das in der +ersten Jugend schon eingeprägt worden; nur erinnere ich, daß diese +kleinen Dinge in mancher Leute Augen ~große~ Dinge sind, und daß oft +unsre zeitliche Wohlfahrt in solcher Leute Händen ist. + + + 50. + +Es gibt noch andre kleine gesellschaftliche Unschicklichkeiten und +Inconsequenzen, die man vermeiden, und wobei man immer überlegen muß, +was daraus werden würde, wenn Jeder von den Anwesenden sich dieselbe +Freiheit erlauben wollte; zum Beispiel: in Concerten plaudern; hinter +eines Andern Rücken einem Freunde etwas zuflüstern, oder ihm Winke +geben, die Jener auf sich deuten kann; lächerlich schlecht tanzen, +oder ein Instrument elend spielen, sich dennoch damit sehen und hören +lassen, und dadurch die Anwesenden zum Spotte und zum Gähnen reitzen; +bei dem Tanze zugleich die Melodie mit singen; in Schauspielen so +hintreten, daß man Andern die Aussicht raubt; in jeder Versammlung +so spät erscheinen, daß man keinen Nachfolger mehr hat, und doch der +Erste seyn, der sie verläßt, oder länger verweilen, als alle übrigen +Mitglieder der Gesellschaft. Willst Du gern gesehen seyn, so vermeide +alle diese Unschicklichkeiten mit Sorgfalt, und willst Du ein edler +Mensch, nicht bloß ein guter Gesellschafter werden, so vermeide sie +nicht um der Menschen willen, sondern weil Du dieß Deinem eigenen +Herzen schuldig zu seyn glaubst, und weil Du nicht bloß ~klug~, sondern +auch ~gut~ seyn möchtest. In eben dieser Hinsicht befolge auch noch +diese Vorschriften: Du sollst nicht dem Lesenden oder Schreibenden auf +die Finger sehen, und nicht allein in einem fremden Zimmer bleiben, in +welchem Schriften oder Gelder herumliegen. Ferner: wenn zwei Personen, +die vor Dir hergehen, leise mit einander reden, ohne Deiner gewahr zu +werden, so will die Bescheidenheit und die Klugheit, daß Du ihnen durch +Geräusch Deine Nähe zu erkennen gebest, um Dich von allem Verdachte, +als wenn Du sie beschleichen wolltest, und von aller Verlegenheit zu +befreien. So klein dergleichen Aufmerksamkeiten scheinen, so machen +sie doch den Umgang angenehm und werden Bildungsmittel für Geist und +Herz, wenn man sie als solche ~ansieht~ und ~benutzt~, sind aber auch, +wenn man sie nicht von dieser Seite betrachtet, weiter nichts, als +Schleifsteine für die äussere Politur. + + + 51. + +Oft sind wir in dem Falle, daß uns durch Gespräche Langeweile gemacht +wird. Vernunft, Vorsichtigkeit und Menschenliebe gebieten uns dann, +wenn nun einmal nicht auszuweichen ist, Geduld zu fassen, und nicht +durch beleidigendes Betragen unsern Ueberdruß zu erkennen zu geben. +Man kann ja, je seelenloser das Gespräch und je geschwätziger der Mann +ist, um desto freier nebenher an andre Dinge denken; und wäre auch das +nicht -- ei nun! es geht im menschlichen Leben so manche verträumte +Stunde verloren! Ist man denn nicht einige Aufopferung der Gesellschaft +schuldig, mit welcher man umgeht? -- Und geschieht es nicht vielleicht +zuweilen, daß auch wir dagegen, so groß auch die Meinung seyn mag, +die wir von der Wichtigkeit unsrer Gespräche haben, dennoch durch +unsre Redseligkeit Andern Langeweile machen? Auch gibt es hier noch +einen Ausweg. Man sucht dem Redseligen eine Pause abzugewinnen, oder +wirft unaufhörlich Fragen, Einwürfe und Bedenklichkeiten zwischen +seine Rede, oder nöthigt ihn durch eine geschickte Wendung, manches zu +überspringen, was er noch einschieben wollte, oder bringt ihn durch +eine unerwartete Frage plötzlich auf ein anderes, nicht so ergiebiges +Thema. + + + 52. + +Gewissen Leuten ist eine Leichtigkeit im Umgange, und die Gabe, +geschwind Bekanntschaften zu machen, und Zuneigung zu gewinnen, wie +angeboren; Andern hingegen hängt von Jugend auf eine gewisse Blödigkeit +und Schüchternheit an, die sie nicht abzulegen vermögen, wenn sie +gleich täglich fremde Leute aller Art um sich sehen. Diese Blödigkeit +ist freilich sehr oft die Folge einer fehlerhaften Erziehung, so +wie auch zuweilen die Wirkung einer heimlichen Eitelkeit, die in +Verlegenheit geräth, aus Furcht, sich in Schatten zu stellen, übersehen +zu werden, und nicht zu glänzen. Manchen Menschen aber scheint diese +Schüchternheit gegen ganz fremde Leute wirklich von Natur eigen zu +seyn, und alle Mühe, welche sie sich geben, sie zu besiegen, ist +verloren. Ein regierender Fürst, einer der edelsten und verständigsten +Männer, die ich kenne, und der auch wahrlich seines Aeussern wegen +sich nicht zu schämen noch zu fürchten braucht, nachtheilige Eindrücke +zu machen, hat mich versichert, daß, obgleich ihn sein Stand von +Kindheit an in die Lage gesetzt habe, täglich große Cirkel und viele +fremde Gesichter zu sehn, er dennoch an keinem Tage in sein Vorzimmer +trete, wo der versammelte Hof seiner wartet, ohne aus Verlegenheit +auf einen Augenblick fast blind zu werden. Uebrigens hört bei +diesem liebenswürdigen Herrn, sobald er sich ein wenig erholt hat, +die Schüchternheit auf, und dann redet er freundlich und offen mit +jedermann, und sagt bessre Dinge, als gewöhnlich Fürsten, bei solchen +Gelegenheiten, über Wetter, böse Wege, Pferde und Hunde zu sagen wissen. + +Eine gewisse Leichtigkeit im Umgange also, die Gabe, sich gleich bei +der ersten Bekanntschaft vortheilhaft darzustellen, mit Menschen aller +Art zwanglos ein Gespräch anzuknüpfen, und bald zu merken, wen man +vor sich hat, und was man mit Jedem reden könne und müsse: das sind +Eigenschaften, die man zu erwerben und auszubilden trachten soll. Doch +müsse dieß nie in jene, den Abentheurern so eigne Unverschämtheit und +Zudringlichkeit ausarten, die oft, in weniger als einer Stunde Frist, +einer ganz fremden Tischgesellschaft im Wirthshause ihre Lebensläufe +abgefragt, und dagegen den ihrigen erzählt, Dienste und Freundschaft +angeboten, und Dienste, Verwendung und Hülfe für sich erbeten haben. +Die Hauptsache kommt immer darauf an, leicht in den fremden Ton +einzustimmen, und nichts auskramen, nichts geltend machen zu wollen, +was in diesem Kreise nicht verstanden oder nicht geschätzt wird, sich +auch nicht gar zu sehr dadurch niederschlagen zu lassen, daß die ersten +Versuche, die Unterhaltung in Gang zu bringen, unglücklich abgelaufen +sind. + + + 53. + +Man vermeide also auch, in alle Cirkel große Forderungen und +Erwartungen mitzunehmen, allen Menschen alles allein seyn, mit aller +Gewalt glänzen, und Aufmerksamkeit erregen zu wollen; zu verlangen, +daß aller Menschen Augen nur auf uns gerichtet, ihre Ohren nur für +uns gespitzt seyen; denn sonst werden wir freilich uns aller Orten +zurückgesetzt glauben, eine traurige Rolle spielen, uns und Andern +Langeweile machen, menschenscheu und bitter die Gesellschaft fliehn, +und von ihr geflohen werden. Ich kenne viele Leute von der Art, die +durchaus, wenn sie sich in vortheilhaftem Lichte zeigen sollen, der +Mittelpunkt seyn müssen, um welchen sich alles dreht, so wie überhaupt +manche Menschen im gemeinen Leben niemand neben sich vertragen, der mit +ihnen verglichen werden könnte. Sie handeln vortrefflich, groß, edel, +nützlich, wohlthätig, geistreich, sobald sie es allein sind, an die +man sich wendet, von denen man bittet, erwartet, hofft; aber klein, +niedrig, rachsüchtig und schwach, sobald sie in Reihe und Gliedern +stehen sollen, und zerstören jedes Gebäude, wozu sie nicht den Plan +gemacht, oder wenigstens die Kranz-Rede gehalten haben; ja, selbst ihr +eignes Gebäude, sobald nur ein Andrer eine kleine Verzierung daran +angebracht hat. Dies ist eine unglückliche, ungesellige Gemüthsart. +Ueberhaupt rathe ich, um glücklich zu leben, und Andre glücklich zu +machen, in dieser Welt so wenig als möglich zu erwarten und zu fordern. + + + 54. + +So viel über den Anstand, über schickliche Manieren, und über die +Höflichkeit im äussern Betragen, über Bescheidenheit und Mäßigung; +und nun noch etwas über die ~Kleidung~. Kleide Dich nicht ~unter~ +und nicht ~über~ Deinen Stand, nicht ~über~ und nicht ~unter~ Dein +Vermögen, nicht phantastisch, nicht bunt, nicht ohne Noth prächtig, +noch glänzend, noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und, +wo Du Aufwand machen mußt, da sey Dein Aufwand zugleich ächt und +schön! Zeichne Dich weder durch altväterische, noch jede neumodische +Thorheit nachahmende Kleidung aus! Wende eine größere Aufmerksamkeit +auf Deinen Anzug, wenn Du in der großen Welt erscheinen willst! Man +ist in Gesellschaft verstimmt, sobald man sich bewußt ist, in einer +unangenehmen Ausstaffirung aufzutreten. Trage nie geliehene Sachen! +Das hat von mehr als Einer Seite nachtheiligen Einfluß auf den +Charakter. + + + 55. + +Wenn die Frage entsteht: ob es gut sey, viel oder wenig in Gesellschaft +zu erscheinen; so muß die Beantwortung derselben freilich, nach den +verschiedenen einzelnen Lagen, Bedürfnissen und nach unzähligen kleinen +Umständen und Rücksichten, bei jedem Menschen anders ausfallen. Im +Ganzen aber kann man den Satz zur Richtschnur annehmen: daß man sich +nicht aufdringen, die Leute nicht überlaufen solle, und daß es besser +sey, wenn man es einmal nicht allen Menschen recht machen kann, daß +gefragt werde, warum wir so selten, als geklagt, daß wir zu oft und an +allen Orten erscheinen, wo Unterhaltung zu erwarten ist. Es gibt einen +feinen Sinn für die Pflege und Erweiterung des Umgangs (wenn uns nicht +übertriebne Eitelkeit und Selbstsucht die Augen blenden), einen Sinn, +der uns sagt, ob wir gerngesehn, oder überlästig sind, ob es Zeit ist, +fortzugehn, oder ob wir noch verweilen sollen. Aus der Art, wie uns +von Kindern und Domestiken in einem Hause begegnet wird, pflegt man +am leichtesten zu merken, wie die Herrschaften oder Eltern gegen uns +gestimmt sind. + +Uebrigens rathe ich, wenn man sich so weit in seiner Gewalt haben kann, +mit so wenig Leuten, als möglich, ~vertraulich~ zu werden, nur einen +kleinen Cirkel von ~Freunden~ zu haben, und diesen nur mit äusserster +Vorsicht zu erweitern. Gar zu leicht mißbrauchen und vernachlässigen +uns die Menschen, sobald wir mit ihnen in einem vollkommen +vertraulichen Tone umgehen. Um angenehm zu leben, muß man fast immer +ein ~Fremder~ unter den Leuten bleiben. Dann wird man geschont, geehrt, +aufgesucht. -- Deswegen ist das Leben in großen Städten so schön, wo +man alle Tage andre Menschen sehen kann. Für einen Mann, der sonst +nicht schüchtern ist, ist es ein Vergnügen, unter ~Unbekannten~ zu +sitzen. Da hört man, was man sonst nicht hören würde; man wird nicht +behorcht und belauscht, und kann in der Stille beobachten. + + + 56. + +Uebrigens rathe ich auch an, um seiner selbst und um Andrer willen, ja +nicht zu glauben, es sey irgend eine Gesellschaft so ganz schlecht, +das Gespräch irgend eines Mannes so ganz unbedeutend, daß man nicht +daraus etwas lernen, eine neue Erfahrung, einen Stoff zum Nachdenken +sammeln könnte. Aber man soll nicht aller Orten Gelehrsamkeit, feine +Cultur fordern, sondern sich an gesundem Hausverstand und geradem Sinn +genügen lassen, daran den eigenen beleben und stärken, und sich einmal +wieder auf den Weg der Natur leiten lassen, sich auch eben darum unter +Menschen von allerlei Ständen mischen: so lernt man zugleich nach und +nach den Ton und die Stimmung annehmen, die nach Zeit und Umständen +erfordert werden, und überzeugt sich, daß auch in den niederen +Ständen Witz, Verstand und Scharfsinn zu finden sey. Aber diese +Ueberzeugung ist sehr heilsam zur Dämpfung eines gewissen Stolzes, +der sich so leicht der Gebildeten bemächtigt, und sie ungerecht gegen +Ungebildete macht. Auch für die Erweiterung der Sprachkunde ist ein +solcher Umgang mit Menschen aus den verschiedensten Ständen und von +den verschiedensten Bildungsstufen höchst wirksam und ergiebig, und +gewährt manchen großen Genuß, besonders durch die erweiterte Kenntniß +sprichwörtlicher Redensarten, in welchen oft so viel Witz und Kraft +verborgen liegt. + + + 57. + +Mit wem aber soll man am mehrsten umgehn? Natürlicher Weise läßt sich +auch diese Frage nur nach eines Jeden besondrer Lage beantworten. +Hat man die Wahl (und wirklich hat man diese auch öfter, als man +glaubt), so wähle man sich die Weisern zu seinem Umgange; Leute, von +denen man lernen kann, die nicht schmeicheln, nicht gar zu überlegen +an Kenntnissen und Fähigkeiten sind, aber doch uns übersehen, die in +Kreisen tanzen, so oft ihr hoher Genius seine Zauberruthe schwingt. +Den Meisten aber scheint es genußreicher, untergeordnete Geister um +sich her zu versammeln. Aber diese bleiben auch immer, was und wie sie +sind, kommen nie weiter in Weisheit und Tugend. Es gibt zwar Lagen, in +welchen es nützlich und lehrreich ist, sich unter Menschen von allerlei +Fähigkeiten zu mischen, ja, wo es auch Pflicht ist, nicht bloß mit +Leuten umzugehn, von denen ~wir~, sondern auch mit solchen, die ~von +uns~ lernen können, und die ein Recht haben, dieß zu fordern. Diese +Gefälligkeit aber darf nie so weit gehen, daß die Rechenschaft, die +wir einst von unsrer goldnen Zeit, und von der Obliegenheit, uns zu +vervollkommnen, geben sollen, dabei Gefahr laufe. + + + 58. + +Es ist oft eine höchst sonderbare Sache um den Ton, der in +Gesellschaften herrscht. Vorurtheil, Eitelkeit, Schlendrian, Autorität, +Nachahmungssucht, und wer weiß, was sonst noch, stimmen diesen Ton so, +daß zuweilen Menschen, die an einem Orte zusammen leben, Jahr aus, Jahr +ein, sich auf eine Weise versammeln, unterhalten, Dinge mit einander +treiben, und über Gegenstände reden, die Allen zusammen und jedem +Einzelnen unendliche Langeweile machen. Dennoch glauben sie, sich den +Zwang anthun zu müssen, diese Lebensart also fortzuführen. Gewährt wohl +die Unterhaltung in den mehresten großen Cirkeln einem Einzigen von +den da Versammelten wahres Vergnügen? Spielen unter funfzig Personen, +die jeden Abend die Karten in die Hand nehmen, wohl zehn aus wahrer +Neigung? Um desto erbärmlicher ist es, wenn freie Menschen in kleinern +Oertern, oder gar auf Dörfern, die zwanglos leben könnten, um den Ton +der Residenzen nachzuahmen, sich eben so peinlich unter das Joch dieser +Langeweile krümmen. Hat man Gewicht bei seinen Mitbürgern und Nachbarn, +so ist es Pflicht, alles dazu beizutragen, den Ton vernünftiger zu +stimmen. Ist das aber nicht der Fall, und man geräth einzeln in einen +solchen Cirkel, so vermehre man nicht, durch ein schiefes, stummes, +oder mürrisches Betragen, unter den Anwesenden und dem Hauswirthe die +Verlegenheit, es vor einander zu verbergen, daß sie sich sämmtlich weit +von da weg wünschten; sondern man zeige sich vielmehr als einen Meister +in der Kunst, viel zu reden, ohne etwas zu sagen, und erwerbe sich +wenigstens das Verdienst, den Zeitraum mit unschuldiger Unterhaltung +auszufüllen, wovon ausserdem gewöhnlich die Verläumdung Besitz nimmt! + +In volkreichen, großen Städten kann man am unbemerktesten, und ganz +nach seiner Neigung leben. Da fallen eine Menge kleiner Rücksichten +weg; man wird nicht ausgespäht, controllirt, beobachtet; es laufen +nicht so aus Mund in Mund die interessanten Nachrichten: wie vielmal in +der Woche ich Braten esse; ob ich oft oder selten ausgehe, und wohin; +wer zu mir kömmt; wie stark der Lohn ist, den ich meiner Köchin gebe, +und ob ich kürzlich mit ihr geschmählt habe? Meine Kleidung wird nicht +gemustert; man fragt nicht in jedem Krämer-Hause meine Magd, wenn sie +für vier Pfennige Pfeffer holt, für wen der Pfeffer ist, und wozu der +Pfeffer gebraucht werden soll? Eine unbedeutende Anekdote beschäftigt +da nicht sechs Wochen lang alle Zungen; man wandelt unbemerkt, +friedenvoll und ungeneckt durch den großen Haufen hin, besorgt seine +Geschäfte, und wählt sich eine Lebensart, wie man sie für zweckmäßig +hält. In kleinen Städten ist man verurtheilt, mit einer Anzahl, oft +sehr langweiliger Magnaten, in strenger Abrechnung von Besuchen und +Gegenbesuchen zu stehn, die gewöhnlich gleich nach dem Mittagstische +ihren Anfang nehmen, und bis zu der Bürgerglocke, das heißt, bis +zehn Uhr Abends, fortdauern, während welcher Zeit die Unterhaltung +gewöhnlich den König von Preussen, die Franzosen und Engländer, den +Kaiser, andre hohe Potentaten, und was der Hamburger Correspondent von +ihnen meldet, zum Gegenstande hat. Das ist nun freilich erschrecklich; +doch gibt es auch Mittel, dort den Ton des Umgangs nach und nach zu +verfeinern, oder das schwache Publikum daran zu gewöhnen, nachdem +es ein Vierteljahr hindurch über uns gelästert hat, uns endlich +auf unsre Weise leben zu lassen, wenn man sich übrigens redlich, +menschenfreundlich, dienstfertig und gesellig beträgt. Am übelsten +aber pflegt man in den mittlern Städten daran zu seyn, sowohl in den +freien Städten, wo der Handel die Achse ist, um die sich alles dreht, +als in unbeträchtlichen Residenzen. Da herrschen gewöhnlich, neben +einem übertriebnen Luxus, und solchen sittlichen Verderbnissen, die +mit der Ausartung in den größten Städten wetteifern, noch obenein alle +Gebrechen kleiner Städte, Klatschereien, Anhänglichkeit an Schlendrian, +an Gewohnheiten und Familien-Verbindungen, die abgeschmacktesten +Forderungen und die lächerliche Classificirung der Stände. So habe ich +eine Stadt gesehn, in welcher ein Mann, durch seine kürzlich erhaltene +Bedienung, die ehemals dort nicht existirt hatte, so sehr von allen +übrigen, einmal bestimmten Rangordnungen abgesondert war, daß er, wie +ein Elephant in einer Menagerie, immer für sich allein spatzieren +gehn mußte, ohne seines Gleichen, weder einen Gesellschafter, noch +eine Gefährtin finden zu können. Da nun aber in den wenigsten Städten +von Teutschland eine glückliche Stimmung angetroffen wird, so muß +man lernen, sich in die herrschenden Sitten zu fügen; und nichts +kann unvernünftiger, und für den Eiferer selbst von nachtheiligeren +Folgen seyn, als wenn ein Einzelner, der nicht besonders in Ansehen +steht, auftreten, und seine Vaterstadt reformiren will. Nirgends kömmt +indessen ein solcher Declamator übler an, als in den freien Städten, +wo alte Sitte und Schlendrian innig verwebt sind in die Regierungsform +und in alle übrige Verhältnisse. Hier hat indeß die neueste Zeit mit +ihren Erschütterungen und den hunderttausend kostbaren Lehrmeistern, +die sie in glänzenden Uniformen und mit großem Ansehen ausgerüstet in +Teutschlands Staaten und Städte sandte, eine sehr bedeutende, doch +nicht immer heilsame Veränderung hervorgebracht. + +In Dörfern und auf seinem Landgute lebt man in der That am +ungezwungensten; und für jemand, der Lust hat, sich zu beschäftigen, +und zum Besten Andrer etwas beizutragen, findet sich da mannigfaltige +Gelegenheit, indem man an dem nützlichsten, zu sehr niedergedrückten +und vernachlässigten Stande zum Wohlthäter werden kann; allein die +geselligen Freuden sind auf dem Lande nicht so leicht zu erlangen, +und nicht so rein zu genießen. In Augenblicken, wo man gerade das +Bedürfniß fühlt, seine Arme nach einem treuen Freunde auszustrecken, +ist dieser Freund vielleicht meilenweit von uns entfernt; oder man +müßte reich genug seyn, einen ganzen Hofstaat von Freunden um sich her +zu versammeln; aber auch das hat seine üble Seite; und sehr reiche +Leute fühlen ja ohnehin selten dies Bedürfniß. Um also hier glücklich +und vergnügt leben zu können, ohne gerade ausgezeichnet wohlhabend +zu seyn, muß man die Kunst verstehen, das Gute aus dem Umgange der +Menschen, die man bei sich haben kann, zu schmecken und zu erkennen, +der einfachen Freuden nicht müde zu werden, damit zu geizen, und ihnen +auf erfindungsreiche Art Mannigfaltigkeit zu geben. Weil man auf dem +Lande seine Frau, seine Kinder und seine Hausfreunde vom Morgen bis +zum Abend ununterbrochen um sich zu sehen pflegt, so entsteht leicht +Ueberdruß, Leere im Umgange. Dieß kann durch einen Vorrath guter +Bücher, die neuen Stoff zur Unterhaltung geben, durch interessanten +Briefwechsel mit abwesenden Freunden, und durch weise Eintheilung der +Zeit, indem man manche Tagesfristen einsam in seinem Zimmer zubringt, +gehoben werden; und nichts ist süßer auf dem Lande, als wenn, nach +einem nützlich verlebten Tage, wo Jeder für sich seine Geschäfte emsig +und treulich besorgt hat, des Abends sich der kleine Cirkel zum +Spatziergange, muntern Scherze und zwanglosen Gespräche sammelt. Es +gibt selbst Prinzen, die diesen Genuß kennen, und ich habe einst, am +Fuße der vogesischen Gebirge, einige Wochen an dem Hofe eines guten und +klugen Fürsten auf diese Art sehr glücklich hingebracht. + +Nichts aber ist trauriger, und doch häufiger zu finden, als wenn +Menschen, die in kleinen Städten, oder gar auf dem platten Lande, +täglich mit einander umgehen müssen, in ewigem Zwiste mit einander +leben, und dabei doch nicht reich genug sind, sich eine besondre +Existenz zu schaffen. Sie bereiten sich eine Hölle auf Erden. +Nirgends also ist es so wichtig, als an solchen Orten, in Eintracht +mit denen zu leben, die man weder entbehren, noch vermeiden kann, +und darum mit edler Selbstverleugnung zu ertragen und zu vergeben, +was die Kleinstädterei zu tragen und zu vergeben gibt, und allezeit +schonend, nachsichtig, geschmeidig, vorsichtig, klug und mit einer +Art von Coketterie im Umgange zu verfahren, um Mißverständnissen, +Ekel und Ueberdrusse vorzubauen. Aber auch nirgends hat man Ursache, +vorsichtiger im Reden und Handeln zu seyn, als in kleinen Städten, und +da, wo ein kleinstädtischer Ton herrscht, weil da die Menschen aus +Mangel an Zerstreuung beständig auf den lieben Nächsten lauern, und +wenn gleich sonst sehr kurzsichtig, doch die scharfsichtigsten sind, +wenn es darauf ankommt, den Splitter in des Bruders Auge zu erspähen, +und die beredtesten, um den Splitter als einen Balken darzustellen. Sie +sind oft eben so sehr zu bemitleiden, als zu verachten, weil sie, von +langer Weile gepeitscht, nach Allem greifen, was ihnen auch nur eine +kurze Rettung von diesem Unholde verspricht, und nichts andres zu thun +wissen, als alles nachzuplaudern und sich um fremde Händel zu bekümmern. + + + 59. + +In fremden Städten und Ländern ist Vorsichtigkeit im Umgange zu +empfehlen, und das in manchem Betrachte. Wir mögen nun dort Unterricht +und Belehrung, oder ökonomische und politische Vortheile, oder bloß +Vergnügen suchen: so ist es sehr nothwendig, gewisse Rücksichten nicht +zu verachten. Im ersten Falle, nämlich wenn wir reisen, um uns zu +unterrichten, versteht sich's vor allen Dingen von selber, daß wir wohl +überlegen, in welchem Lande wir sind, und ob man da ohne Gefahr und +Verdruß von Allem reden und nach Allem fragen dürfe. Es gibt leider! +auch in Teutschland Staaten, in welchen die Regierungen es nicht gern +sehen, und es scharf ahnden, wenn gewisse Werke der Finsterniß an +das Tageslicht gezogen werden. Da ist Behutsamkeit nöthig, sowohl in +Gesprächen und Nachforschungen, als in der Wahl der Menschen, mit denen +man sich einläßt, und denen man sich anvertraut. Uebrigens muß ich +auch hier erinnern, daß sehr wenig Reisende eigentlich Beruf haben, +sich um die innere Verfassung fremder Länder zu bekümmern; allein +thörichte Neugier, Vorwitz, oder unruhiger Thätigkeitstrieb, jagt jetzt +haufenweise die Menschen hinaus, um in fremden Gasthöfen, Posthäusern, +Clubbs, und in den Schwitzkammern hypochondrischer Gelehrten, unsichere +Anekdoten zu einem Werkchen zu sammeln, indeß sie daheim noch unendlich +viel zu wirken und zu lernen gefunden haben würden, wenn es ihnen um +ihr und Andrer Wohl ernstlich zu thun wäre. + +Daß diese Vorsicht verdoppelt werden müsse, sobald man an einem +fremden Orte für sich etwas zu suchen oder zu fordern hat, versteht +sich wohl von selber. Da alsdann manches Auge auf uns gerichtet ist, +so müssen wir den Umgang mit Leuten vermeiden, die, unzufrieden mit +der Regierung, sich so gern den Fremden an den Hals werfen, weil sie +unter ihren Mitbürgern durch unkluge Aufführung sich einen bösen Namen +gemacht, und sich auf diese Art den Weg versperrt haben, bürgerliche +Vortheile zu erlangen, die sie aber zu verachten scheinen, wie der +Fuchs die Trauben. Diese Art Leute sucht sich dann dadurch ein wenig +zu heben, daß sie mit den Reisenden, denen sie sich in den Gasthöfen +oder auf andre Art aufdringen, durch die Gassen der Stadt laufen, +und dadurch Verbindungen in andern Ländern muthmaßen lassen. Ein +Fremder, der nur wenig Tage sich an einem Orte aufhalten will, kann +ohne Nachtheil mit diesem, mehrentheils sehr geschwätzigen, und von +lustigen und ärgerlichen Mährchen aller Art vollgepfropften Ciceroni's +nach Gefallen herumrennen, und kein vernünftiger Mann wird ihm das +verdenken. Wer aber länger in einer Stadt verweilen, in den bessern +Cirkeln Zutritt haben, oder gar ein Geschäft zu Stande bringen will; +dem rathe ich, in der Auswahl seines Umgangs auch die Stimme des +Publikums zu ehren. + +Es gibt fast in jeder Stadt eine Partei solcher Unzufriedener; es +sey nun mit der Regierung, oder nur mit der Gesellschaft. Zu Diesen +geselle Dich also nicht! Wähle nicht unter ihnen Deinen Umgang! Diese +Schwarzblütigen und Mißmuthigen glauben sich nicht geehrt genug, +oder sind unruhige Köpfe, Lästermäuler, Menschen voll unvernünftiger +Forderungen, ränkevolle, oder unsittliche Leute. Da sie nun, einer +dieser Ursachen wegen, von ihren Mitbürgern geflohen werden, so suchen +sie unter sich eine Art von Bündniß zu errichten, in welches sie, +wenn sie können, verständige und wackre Männer zu ihrer Verstärkung +durch Schmeichelei hineinziehen. Laß Dich weder darauf, noch überhaupt +auf das ein, was Partei und Faction genannt werden kann, wenn Du mit +Annehmlichkeit und Sicherheit leben willst! + + + 60. + +Briefwechsel ist schriftlicher Umgang. Fast alles, was vom persönlichen +Umgange mit Menschen gilt, leidet Anwendung auf den Briefwechsel. Als +Bildungs-, Erheiterungs- und Belebungs-Mittel ist der Briefwechsel +überaus wirksam, und oft ist es nur dadurch möglich, mit seinen +Freunden in Verbindung zu bleiben, sich in einer gewissen Thätigkeit +zu erhalten, und der Einseitigkeit und Eintönigkeit zu entgehen. Aber +auch hier ist Mäßigung und Beschränkung die Bedingung der Wirksamkeit. +Dehne also Deinen Briefwechsel, so wie Deinen Umgang, nicht über die +Gebühr aus! Ein gar zu ausgedehnter Briefwechsel ist zwecklos, fordert +einen unverhältnißmäßigen Zeitaufwand, und wird zu kostbar. Sey eben +so vorsichtig in der Wahl derer, mit denen Du einen ~vertrauten~ +Briefwechsel anfängst, wie in der Wahl Deines täglichen Umgangs und +Deiner Lectüre! Nimm Dir auch vor, nie einen ganz leeren Brief zu +schreiben, in welchem nicht wenigstens etwas stünde, das dem, an +welchen er gerichtet ist, Nutzen oder reine Freude gewähren könnte; +denn ein leerer Brief ist eine Art von Verspottung dessen, an den man +schreibt, oder wenigstens eine Täuschung, die nothwendig den, dem sie +bereitet wird, kränken, oder unwillig machen muß. Vorsichtigkeit ist im +Schreiben noch weit dringender, als im Reden zu empfehlen; und eben so +wichtig ist es, mit den Briefen, welche man erhält, behutsam umzugehn. +Man sollte es kaum glauben, was für Verdruß, Zwist und Mißverständniß +durch Versäumniß dieser Klugheits-Regel entstehen können. Ein +einziges, unvorsichtig hingeschriebenes, unauslöschliches Wort, ein +einziges, aus Unachtsamkeit liegen gebliebenes Papier, hat manches +Menschen Ruhe, und oft auf immer den Frieden einer Familie zerstört. +Brief-Klatschereien, voreilig schriftlich mitgetheilte, ungegründete +oder entstellte Nachrichten, können unendlichen Schaden stiften, den +redlichen Mann bei Tausenden verdächtig machen und seine Nachkommen in +Verlegenheit bringen. + +Ich kann daher nicht genug Vorsichtigkeit in Briefen und überhaupt im +Schreiben empfehlen. Noch einmal! Ein übereiltes mündliches Wort wird +wieder vergessen; aber ein geschriebenes kann noch nach funfzig Jahren, +in den Händen unvorsichtiger oder eitler Erben, Unheil stiften. + +Briefe, an deren richtiger und schneller Besorgung irgend etwas +gelegen ist, muß man immer auf die gewöhnliche Weise mit der Post, +oder durch eigne Boten abgehen lassen, nie aber, etwa zur Ersparung +des Porto, sie Reisenden mitgeben, oder sonst durch Gelegenheit, und +in fremden Umschlägen fortschicken. Man kann sich gar zu wenig auf die +Pünktlichkeit der Menschen verlassen. + +Lies Deine Briefe, wenn Du es ändern kannst, nicht in Andrer Gegenwart, +sondern wenn Du allein bist; sowohl, weil es die Höflichkeit also +befiehlt, als auch aus Vorsicht, um durch Deine Mienen den Inhalt nicht +zu verrathen. + +Es gibt Personen, besonders unter den Damen, welche die Leute, die mit +ihnen an demselben Ort leben, bei den unbedeutendsten Veranlassungen, +mit kleinen Briefen und Zetteln bestürmen, und dadurch dem, der seine +Zeit besser anwenden könnte, seine kostbare Zeit rauben. + + + 61. + +Glaube immer, und Du wirst Dich bei diesem Glauben sehr wohl befinden, +daß die mehrsten Menschen nicht halb so gut sind, als ihre Freunde sie +schildern; und nicht halb so böse, als ihre Feinde sie ausschreien! + +Beurtheile die Menschen nicht nach dem, was sie ~reden~, sondern nach +dem, was sie ~thun~! Die Meisten sind weder so gut, noch so böse, als +sie nach ihren Reden zu seyn scheinen, und Du mußt sie in allerlei +Lagen beobachten, wenn Du ihren wahren Werth erforschen willst. Aber +wähle zu Deinen Beobachtungen solche Augenblicke, in welchen sie +von Dir unbemerkt zu seyn glauben. Richte Deine Achtsamkeit auf die +kleinen Züge, nicht auf die Haupt-Handlungen, zu denen Jeder sich in +seinen Staatsrock steckt. Gib Acht auf die Laune, die ein gesunder Mann +beim Erwachen vom Schlafe, auf die Stimmung, die er hat, wenn er des +Morgens, wo Leib und Seele im Nachtkleide erscheinen, aus dem Schlafe +geweckt wird; -- auf das, was er vorzüglich gern ißt und trinkt: ob +sehr materielle, einfache, oder sehr feine, gewürzte, zusammengesetzte +Speisen; auf seinen Gang und Anstand; ob er lieber allein seinen Weg +geht, oder sich immer an eines Andern Arm hängt; ob er in einer geraden +Linie fortschreiten kann, oder seines Neben-Gängers Weg durchkreuzt, +oft an Andre stößt, und ihnen auf die Füße tritt; ob er durchaus keinen +Schritt allein thun, sondern stets Gesellschaft haben, immer sich an +Andre anschließen, auch um die geringsten Kleinigkeiten erst Rath +fragen, sich erkundigen will, wie es sein Nachbar, sein College macht; +ob er offne Thüren, offne Fenster, helles Licht, lautes und deutliches +Reden liebt, oder nicht; ob er gern Andern in die Rede fällt, niemand +zu Worte kommen läßt; ob er gern geheimnißvoll thut, die Leute auf die +Seite ruft, um ihnen gemeine Dinge in das Ohr zu sagen; ob er gern in +allem entscheidet, und so ferner. Auch die Handschriften der Leute +tragen mehrentheils den Stempel ihres Charakters. Alle Kinder, mit +deren Erziehung ich beschäftigt gewesen bin, haben nach meiner Hand das +Schreiben gelernt; allein, so wie sich nach und nach ihre Gemüthsarten +entwickelten, brachte jedes von ihnen seine eignen Züge hinein. Beim +ersten Anblicke schienen sie Alle einerlei Hand zu schreiben; wer +aber genauer Acht gab, und sie kannte, fand in der Manier des Einen +Trägheit, bei Andern Kleinlichkeit, oder Unbestimmtheit, Flüchtigkeit, +Festigkeit, Verschrobenheit, Ordnungsgeist, oder irgend eine andre +Eigenthümlichkeit. -- Fasse alle diese Wahrnehmungen zusammen, nur sey +nicht so unbillig, nach einzelnen solchen Zügen den ganzen Charakter zu +richten! + +Sey nicht zu parteiisch für Menschen, die Dir freundlicher begegnen, +als Andre, und schließe nicht zu schnell daraus, daß sie Dir mit +besonderer Theilnahme ergeben sind. Untersuche zuvor, ob sie vielleicht +gerade in dem Falle sind, Dich auf irgend eine Art zu ihrem Vortheil +brauchen zu können, oder ob Du ihnen etwa mit besonderer Gefälligkeit +entgegen gekommen bist, oder ihnen etwas Schmeichelhaftes gesagt hast. + +Baue nicht eher fest auf treue, immer sich bewährende Liebe und +Freundschaft, als bis Du solche Proben gesehen hast, die ~Aufopferung~ +kosten! Die mehrsten Menschen, die uns so herzlich ergeben scheinen, +treten zurück, sobald es darauf ankömmt, ihren Lieblings-Neigungen zu +unserm Vortheile zu entsagen. Darauf ist also Rücksicht zu nehmen, wenn +man wissen will, was ein Mensch uns werth ist. Es ist keine Kunst, +alles zu leisten, was man nur wünschen mag, das Einzige ausgenommen, +was Ueberwindung kostet. + + + 62. + +Alle diese allgemeinen, sodann die folgenden besondern Regeln, und viel +mehrere noch, die ich, um mein Werk nicht über Gebühr auszudehnen, der +eigenen Einsicht der Leser überlasse, zielen dahin, den Umgang leicht +und angenehm zu machen, und das gesellige Leben zu erleichtern. Es +kann aber Mancher seine besondern Gründe haben, warum er sich über +einige derselben hinaussetzen will, und da ist es denn freilich sehr +billig, Jedem zu erlauben, auf seine eigne Art seine Ruhe zu befördern. +Dringen wir niemand unsre Specifica auf! Wer weder die Gunst der +Großen sucht, noch allgemeines Lob, noch glänzenden Ruhm, noch Beifall +verlangt; wer, seiner politischen und ökonomischen Lage, oder andrer +Rücksichten wegen, nicht Ursache hat, den Cirkel seiner Bekanntschaft +zu erweitern; wer Alters oder Schwächlichkeit halber den Umgang flieht, +der bedarf keiner Regeln des Umgangs. Lasset uns daher so billig seyn, +von niemand zu fordern, daß er sich nach unsern Sitten richte, sondern +jedermann seinen Gang gehn; denn da jedes Menschen Glückseligkeit +in seinen Begriffen von Glückseligkeit beruht; so ist es grausam, +irgend Einen zwingen zu wollen, wider seinen Willen auf eine ihm nicht +zusagende Weise glücklich zu seyn. Es ist oft lustig anzusehn, wie ein +Haufen leerer Köpfe sich über einen sehr verständigen Mann aufhält, +der keinen Beruf fühlt, oder nicht aufgelegt ist, den Ton ihrer +Gesellschaft anzunehmen, sondern, mit einer abgesonderten Existenz +sehr wohl zufrieden, seine theure Zeit nicht jedem Narren preisgeben +will. Wenn wir nicht gerade Sclaven der Gesellschaft seyn wollen, so +nehmen das die müßigen Leute, die nichts Besseres zu thun wissen, +als aus dem Bette vor den Spiegel, von da an Tafel, von da an den +Spieltisch, von da wieder an Tafel, und von da endlich in das Bett zu +wandern, sehr übel, daß wir nicht wie sie leben, der Geselligkeit nicht +höhere Pflichten aufopfern wollen -- das ist eine Unart, deren man +sich enthalten soll. Es heißt nicht, sich absondern, wenn man zu Hause +bleibt, um zu thun, was man ~thun soll~, und wovon man Rechenschaft +geben muß. + + + 63. + +Und nun weiter, zu den ~besondern Umgangs-Regeln~ -- doch vorher +noch eine Erinnerung! Wenn ich allein, oder auch nur vorzüglich, für +Frauenzimmer schriebe, so würde ich eine Menge der schon gegebenen +und noch folgenden Vorschriften, theils gänzlich übergehen, theils +modificiren, theils andre an deren Stelle setzen müssen, die alsdann +für Männer weniger brauchbar wären. -- Das ist indessen nicht der Zweck +meines Buchs. Weise Frauenzimmer allein können den Personen ihres +Geschlechts die besten Lehren über ihr Betragen im gesellschaftlichen +Leben ertheilen; das ist eine Arbeit, die Männern nicht gelingen würde. +Findet jedoch das schöne Geschlecht auch etwas für sich Brauchbares +in diesen Blättern: so wird das meine Zufriedenheit über mein eignes +Werk sehr vermehren. Uebrigens haben Frauenzimmer in ihrem Umgange in +der That Rücksichten zu nehmen, die bei uns gänzlich wegfallen. Sie +hängen viel mehr vom äussern Rufe ab, dürfen nicht so zuvorkommend im +Umgange seyn, müssen sich im Ganzen mehr leidend verhalten, und eine +Art von scheuer Zurückhaltung beobachten, und kommen selten oder gar +nicht in die schwierigen gesellschaftlichen Verhältnisse, in welche +der Mann kommt, werden endlich auch durch einen gewissen feinen Takt +richtig geleitet, ohne der Regeln zu bedürfen. Man verzeiht ihnen +von einer Seite weniger Unvorsichtigkeiten, und von der andern mehr +Launen; ihre Schritte werden früher wichtig für sie, indeß dem Knaben +und Jünglinge manche Unvorsichtigkeit nachgesehen wird; ihre Existenz +schränkt sich auf den häuslichen Cirkel ein, da hingegen des Mannes +Lage ihn eigentlich fester an den Staat, an die große bürgerliche +Gesellschaft knüpft. Daher gibt es Tugenden und Laster, Handlungen +und Unterlassungen, die bei dem ersten Geschlechte von ganz andern +Folgen sind, als bei dem zweiten. -- Doch über dies alles ist den +Damen so viel Gutes in andern Büchern gesagt worden, daß jede weitere +Ausführung dieses Gegenstandes hier am unrechten Orte stehen würde. + + + + + Zweites Kapitel. + + Ueber den Umgang mit sich selbst. + + + 1. + +Die Pflichten gegen uns selbst sind die wichtigsten und ersten, +und also ist der Umgang mit unsrer eignen Person gewiß weder der +unnützeste, noch uninteressanteste. Es ist daher nicht zu verzeihen, +wenn man sich immer unter andern Menschen umhertreibt, über den +Umgang mit Menschen seine eigne Gesellschaft vernachlässigt, +gleichsam vor sich selber zu fliehen scheint, sein eignes Ich nicht +zu erforschen und zu veredeln sucht, indem man sich unaufhörlich in +fremde Angelegenheiten mischt. Wer täglich herumläuft, und sich von +Neuigkeiten nährt, wird fremd in seinem eignen Hause; wer immer in +Zerstreuungen lebt, wird fremd in seinem eignen Herzen, muß im Gedränge +müßiger Leute seine klägliche Langeweile zu tödten trachten, verliert +endlich alle Zuversicht zu sich selbst, und verzagt, wenn er einmal +Zerstreuungen entbehren, und eine Zeitlang mit sich selbst allein seyn +muß. Wer nur solche Cirkel sucht, in welchen seine Eitelkeit reichliche +Nahrung findet, verliert endlich so sehr den Sinn für Wahrheit, daß +er selbst die lautesten Erinnerungen seines Gewissens überhört, oder +sich vorsätzlich dagegen betäubt, indem er sich allen Zerstreuungen des +Lebens hingibt. + + + 2. + +Hüte Dich also, Deinen nächsten und ersten Freund, Dein eigenes Herz, +so zu vernachlässigen, daß Du es öde und leer findest, wenn Du aus +seiner Tiefe Trost und Erquickung zu schöpfen gedachtest. Ach! es +kommen Augenblicke, in denen Du Dich selbst nicht verlassen darfst, +wenn Dich auch jedermann verläßt; Augenblicke, in welchen der Umgang +mit Deinem Ich der einzige tröstliche ist. -- Was wird aber in solchen +Augenblicken aus Dir werden, wenn Du mit Deinem eignen Herzen nicht in +Frieden lebst, und auch von dieser Seite aller Trost, alle Hülfe Dir +versagt wird? Und nicht bloß von dieser Seite läufst Du Gefahr, wenn +Du ein Fremdling in Deinem eigenen Herzen geworden bist, sondern auch +noch von einer andern; Du bringst es nämlich nie zu einer gründlichen +Menschenkenntniß, lernst nie, die Menschen behandeln, und ihre +Schwachheiten ertragen, wenn Du Dich selbst nicht kennst, und nicht +Dein eigenes Herz zu behandeln weißt. + + + 3. + +Willst Du aber im Umgange mit Dir Trost, Glück und Ruhe finden, so mußt +Du eben so vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit Dir selber umgehn, +wie mit Andern, also daß Du Dich weder durch Mißhandlung erbitterst und +niederdrückest, noch durch Vernachlässigung zurücksetzest, noch durch +Schmeichelei verderbest. + + + 4. + +Sorge für die Gesundheit Deines Leibes und Deiner Seele; aber verzärtle +beide nicht! Wer auf seinen Körper losstürmt, der verschwendet ein +Gut, welches oft allein hinreicht, ihn über Menschen und Schicksal +zu erheben, und ohne welches alle Schätze der Erde eitle Bettelwaare +sind. Wer aber jedes Lüftchen fürchtet, und jede Anstrengung und +Uebung seiner Glieder scheuet: der lebt ein ängstliches, nervenloses +Austern-Leben, und versucht es vergeblich, die verrosteten Federn in +den Gang zu bringen, wenn er in den Fall kömmt, seiner natürlichen +Kräfte zu bedürfen. Wer sein Gemüth ohne Unterlaß dem Sturme der +Leidenschaften preisgibt, oder die Segel seines Geistes unaufhörlich +spannt, der läuft auf den Strand, oder muß mit durchlöchertem +Fahrzeuge nach Hause laviren, wenn grade die beste Jahrszeit zu neuen +Entdeckungen eintritt. Wer aber die Kräfte seines Verstandes und +Gedächtnisses immer schlummern läßt, oder vor jedem kleinen Kampfe, vor +jeder Art von Anstrengung zurückbebt; der hat nicht nur wenig wahren +Genuß, sondern ist auch ohne Rettung verloren, da, wo es auf Kraft, +Muth und Entschlossenheit ankommt. + +Hüte Dich vor eingebildeten Leiden des Leibes und der Seele! Laß Dich +nicht gleich niederbeugen von jedem widrigen Vorfalle, von jeder +körperlichen Unbehaglichkeit! Fasse Muth! Sey getrost! Alles in der +Welt geht vorüber; alles läßt sich überwinden, durch Standhaftigkeit; +alles läßt sich vergessen, und verschmerzen, wenn man seine +Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand heftet. Dazu soll Dir die +Gesellschaft die Hand bieten; sie soll Deine schmerzlichen Gefühle +lindern, Deinen Gedanken eine Richtung geben, welche Deinem Herzen +wohlthue; aber diesen Dienst kann sie Dir nur leisten, wenn Du sie +~aufsuchst~; sie sucht Dich nicht auf, denn sie weiß nicht, daß Du +ihrer bedarfst. So mußt Du denn vor allem mit Dir selbst umzugehen +wissen, ehe Dir die Wohlthat des Umgangs mit Andern zu Theil werden +kann, mußt die Kraft haben, Dich in so weit zu ermannen, daß Du den +Muth hast, mit einem traurigen oder verwundeten Herzen unter die +Menschen zu treten, ohne Deinen Schmerz sichtbar werden zu lassen. + + + 5. + +Ehre Dich selbst, wenn Du willst, daß Andre Dich ehren sollen! Thue +nichts im Verborgnen, dessen Du Dich schämen müßtest, wenn es ein +Fremder sähe! Handle, weniger Andern zu gefallen, als um Deine eigne +Achtung nicht zu verscherzen, gut und anständig! Selbst in Deinem +Aeussern, in Deiner Kleidung halte Dir keine Nachlässigkeit zu gute, +wenn Du allein bist! Gehe nicht schmutzig, nicht zerlumpt, nicht +unrechtlich, nicht krumm, noch mit groben Manieren einher, wenn Dich +niemand beobachtet! Mißkenne Deinen eignen Werth nicht! Verliere nie +die Zuversicht zu Dir selber, laß das Bewußtseyn Deiner Menschenwürde, +das Gefühl, wenn nicht eben so weise und geschickt, als manche Andre, +zu seyn, doch weder an Eifer, es zu werden, noch an Redlichkeit +des Herzens, irgend jemand nachzustehen, nie in Deinem Herzen +ersterben. Begleitet es Dich in die Gesellschaft, so wirst Du nie aus +Schüchternheit und Aengstlichkeit den Beitrag schuldig bleiben, den Du +zur Unterhaltung liefern sollst. + + + 6. + +Verzweifle nicht, und werde nicht mißmüthig, wenn Du nicht die +moralische oder intellectuelle Höhe erreichen kannst, auf welcher ein +Anderer steht; und sey nicht so unbillig, andre gute Seiten an Dir zu +übersehen, die Du vielleicht vor Jenen voraus haben magst! -- Und wäre +das auch nicht der Fall; müssen wir denn Alle groß seyn? + +Willst Du im Umgange Genuß des Lebens, und Freunde finden, so laß +Dich nicht von der Begierde blenden, den Ton anzugeben, und in der +Gesellschaft zu glänzen. Mit dieser Begierde wirst Du überall Anstoß +und Aergerniß geben und finden, und jede Auszeichnung theuer erkaufen; +denn wer sich selbst erhöhet, den erniedrigt die Gesellschaft; sie +wird hart und ungerecht gegen ihn, und zwingt ihn endlich, sie ganz +aufzugeben. Ich begreife es wohl: diese Sucht, ein großer Mann zu +seyn, ist bei dem inneren Gefühle von Kraft und wahrem Werthe schwer +abzulegen. Wenn man so unter mittelmäßigen Geschöpfen lebt, und sieht, +wie wenig diese erkennen und schätzen, was Gutes in uns ist, wie wenig +man über sie vermag, wie die elendesten Pinsel, die alles im Schlafe +erlangen, aus ihrer Herrlichkeit herunter blicken -- ja! es ist +hart! -- Du versuchst es in allen Fächern: Im Staate geht es nicht; +Du willst in Deinem Hause groß seyn; aber es fehlt Dir an Gelde, an +dem Beistande Deines Weibes; Deine Laune wird von häuslichen Sorgen +niedergedrückt; und so geht dann alles den Alltagsgang; Du empfindest +tief, wie so alles in Dir zu Grunde geht; Du kannst Dich durchaus nicht +entschließen, ein Mitglied des großen Haufens zu werden, und Dich auf +der Heerstraße in schlechter Gesellschaft herumzutreiben. -- Das alles +fühle ich mit Dir; allein verliere doch darum nicht den Muth, den +Glauben an Dich selbst und an die Würde und den Adel der Menschennatur; +verzweifle darum nicht, Menschen auf Deinem Lebenswege zu finden, die +Dich wieder mit der Welt aussöhnen. Und solltest Du sie nicht finden, +könntest Du nicht eine Höhe erringen, auf welcher Du Dir selbst genug +bist, und nur des Umgangs mit den Weisen des Alterthums und Deines +Volks bedarfst? Du stehst auf dieser Höhe, wenn Du durch Reinheit, +Güte und Kraft der Gesinnung ein Bewußtseyn Deines Werthes und Deiner +Würde gewonnen, und durch sorgsame Bildung Deines Geistes Dir eine +unerschöpfliche Quelle des Genusses eröffnet hast. + + + 7. + +Sey Dir selber ein angenehmer Gesellschafter! Mache Dir keine +Langeweile; das heißt: sey nie ganz müßig! Lerne Dich selbst nicht zu +sehr auswendig; sondern sammle aus Büchern und Menschen neue Ideen. Man +glaubt es gar nicht, welch ein eintöniges Wesen man wird, wenn man sich +immer in dem Cirkel seiner eignen Lieblings-Begriffe herumdreht, und +wie man dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der Stirne trägt. + +Der langweiligste Gesellschafter für sich selbst ist man ohne Zweifel +dann, wenn man mit seinem Herzen, mit seinem Gewissen in nachtheiliger +Abrechnung steht. Wer sich davon überzeugen will, der gebe Acht auf die +Verschiedenheit seiner Laune. Wie verdrießlich, wie zerstreuet, wie +sehr sich selbst zur Last ist man nach einer Reihe zwecklos, vielleicht +gar in strafbarem Genusse hingebrachter Stunden; und wie heiter, wie +froh in der Unterhaltung mit sich selbst am Abend eines der Pflicht +geweihten Tages! + + + 8. + +Es ist aber nicht genug, daß Du Dir selbst durch Heiterkeit und +Gleichmuth, Thätigkeit und Betriebsamkeit ein lieber, angenehmer und +unterhaltender Gesellschafter seyest, Du sollst Dich auch, fern von +aller Schmeichelei, als Deinen eignen, treuesten und aufrichtigsten +Freund zeigen; und wenn Du eben so viel Gefälligkeit gegen Deine +Person, als gegen Fremde haben willst, so ist es auch Pflicht, eben so +strenge gegen Dich, wie gegen Andre zu seyn. Gewöhnlich erlaubt man +sich alles, verzeiht sich alles, und Andern nichts; gibt bei eignen +Fehltritten, wenn man sie auch dafür anerkennt, dem Schicksale, oder +unwiderstehlichen Trieben die Schuld, ist aber weniger duldend gegen +die Verirrung seiner Brüder. -- Das ist nicht gut gethan. + + + 9. + +Hüte Dich besonders vor der pharisäischen Tugend, welche der wahre +Bettelstolz ist, und sprich also nicht zu Dir selbst, denke nicht bei +Dir selbst: ich danke Gott, daß ich nicht bin, wie andere Leute, kein +Tagedieb, kein Pflastertreter, kein Falschmünzer, kein Ehrloser u. +dgl. m.; sondern beurtheile Dich nach den Graden Deiner Fähigkeiten, +Anlagen, Erziehung, und der Gelegenheit, die Du gehabt hast, weiser und +besser zu werden, als Viele. Halte hierüber oft in einsamen Stunden +Abrechnung mit Dir selber, und frage Dich, als ein strenger Richter, ob +Du also diese Winke zu höherer Vervollkommnung genützt habest? + + + + + Drittes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit Menschen von verschiednen Gemüthsarten, + Temperamenten und Stimmungen des Geistes und Herzens. + + + 1. + +Man pflegt gewöhnlich vier Hauptarten von Temperamenten anzunehmen, +und zu behaupten, ein Mensch sey entweder cholerisch, phlegmatisch, +sanguinisch, oder melancholisch. Obgleich nun wohl schwerlich je eine +dieser Gemüthsarten so ausschließlich in uns wohnt, daß dieselbe +nicht durch einen kleinen Zusatz von einer andern modificirt würde, +da dann aus dieser unendlichen Mischung der Temperamente jene feinen +Nüancen und die herrlichsten Mannigfaltigkeiten entstehen: so ist doch +mehrentheils in dem Segelwerke jedes Erdensohns einer von jenen vier +Hauptwinden vorzüglich wirksam, um seinem Schiffe auf dem Oceane dieses +Lebens die Richtung zu geben. Soll ich mein Glaubensbekenntniß über die +vier Haupt-Temperamente ablegen, so muß ich aus Ueberzeugung Folgendes +sagen: + +Bloß ~cholerische~ Leute flieht vernünftiger Weise Jeder, dem seine +Ruhe lieb ist. Ihr Feuer brennt unaufhörlich, zündet und verzehret, +ohne zu wärmen. + +Bloß ~Sanguinische~ sind unzuverlässige Weichlinge, ohne Kraft und +Festigkeit. + +Bloß ~Melancholische~ sind sich selber, und bloß ~Phlegmatische~ Andern +eine unerträgliche Last. + +~Cholerisch-sanguinische~ Leute sind die, welche in der Welt sich +am mehrsten bemerklich machen und gefürchtet werden, welche Epoche +machen, am kräftigsten wirken, herrschen, zerstören und bauen; +cholerisch-sanguinisch ist also der wahre Herrscher- (der Despoten-) +Charakter; aber nur noch ein Grad von melancholischem Zusatze, -- und +der furchtbarste Tyrann ist gebildet. + +~Sanguinisch-phlegmatische~ leben wohl am glücklichsten, am ruhigsten +und ungestörtesten, genießen mit Lust, mißbrauchen nicht ihre Kräfte, +kränken niemand, vollbringen aber auch nichts Großes; allein dieser +Charakter, im höchsten Grade, artet in geschmacklose, dumme und grobe +Wollust aus. + +~Cholerisch-melancholische~ richten viel Unheil an: Blutdurst, Rache, +Verwüstung, Hinrichtung des Unschuldigen und Selbstmord sind nicht +selten die Folgen dieser Gemüthsart. + +~Melancholisch-sanguinische~ zünden sich mehrentheils an beiden Enden +zugleich an, und reiben sich selber an Leib und Seele auf. + +~Cholerisch-phlegmatische~ Menschen trifft man selten an; es scheint +ein Widerspruch in dieser Zusammensetzung zu liegen; und dennoch +gibt es deren, bei welchen diese beiden Extreme wie Ebbe und Fluth +abwechseln, und solche Leute taugen durchaus zu keinen Geschäften, zu +welchen gesunde Vernunft und Gleichmüthigkeit erfordert werden. Sie +sind nur mit äusserster Mühe in Bewegung zu setzen, und hat man sie +endlich in die Höhe gebracht, dann toben sie wie wilde Thiere umher, +fallen mit der Thür in das Haus, und verderben alles durch ihren +rasenden Ungestüm. + +~Melancholisch-phlegmatische~ Leute aber sind wohl unter allen +die unerträglichsten, und mit ihnen zu leben, das ist für jeden +vernünftigen und guten Menschen die Hölle auf Erden. + +Noch einmal! die Mischungen sind unendlich verschieden. Wo man aber +eins dieser Temperamente entschieden die Oberhand nehmen sieht, +da findet man auch in seinem Gefolge gewisse, diesem Temperamente +besonders eigne Tugenden und Laster. So sind z. B. sanguinische Leute +mehrentheils eitel, aber wohlwollend, theilnehmend, ergreifen alles mit +einer großen Lebhaftigkeit und selbst mit Leidenschaft; cholerische +pflegen ehrgeizig zu seyn; melancholische sind mißtrauisch, und nicht +selten geizig; und phlegmatische beharren eigensinnig auf vorgefaßten +Meinungen, um sich die Mühe des Nachdenkens zu ersparen. -- Man muß die +Gemüthsarten der Menschen studiren, in so fern man im Umgange mit ihnen +auf sie wirken will. Ich kann hier nur einzelne Fingerzeige geben, wenn +ich mein Buch nicht zur Ungebühr ausdehnen will. + + + 2. + +~Herrschsüchtige~ Menschen sind schwer zu behandeln, und passen nicht +zum freundschaftlichen und geselligen Umgange. Sie wollen überall +durchaus die erste Rolle spielen; alles soll nach ihrem Kopfe gehen. +Was sie nicht ersonnen, angeordnet, bestimmt und gewollt haben, das +verachten sie nicht nur; nein! sie zerstören es, wenn sie können. Wo +sie hingegen an der Spitze stehen, oder wo man sie wenigstens glauben +macht, daß alles nach ihrem Sinne gehe, und ihr Werk sey, da arbeiten +sie mit unermüdetem Eifer, und stürzen alles vor sich weg, was ihrem +Zwecke im Wege ist. Zwei herrschsüchtige Leute neben einander taugen +zu gar nichts in der Welt, und zertrümmern alles um sich her, aus +Privat-Leidenschaft. Hieraus nun ist leicht abzunehmen, wie man sich +gegen solche Leute zu betragen habe, wenn man mit ihnen leben muß; und +ich glaube darüber nichts hinzufügen zu dürfen. + + + 3. + +~Ehrgeizige~ Menschen müssen ungefähr auf eben diese Art behandelt +werden. Der Herrschsüchtige ist zugleich auch ehrgeizig, aber umgekehrt +der Ehrgeizige nicht immer herrschsüchtig, sondern begnügt sich auch +wohl mit einer Nebenrolle, in so fern er darin nur mit einigem Glanze +zu erscheinen hoffen darf; ja es können Fälle kommen, wo er selbst in +der Erniedrigung Ehre sucht; doch verzeiht er nichts weniger, als wenn +man ihn an dieser schwachen Seite kränkt. + + + 4. + +Der ~Eitle~ will geschmeichelt seyn; Lob kitzelt ihn unaussprechlich; +und wenn man ihm Aufmerksamkeit, Zuneigung, Bewundrung widmet: so +braucht nicht eben große Ehrenbezeigung damit verbunden zu seyn. Da +nun jeder Mensch mehr oder weniger von der Begierde, zu gefallen, sich +geltend zu machen und vortheilhafte Eindrücke zu machen, beherrscht +oder in Bewegung gesetzt wird: so kann man ohne Sünde hie und da einem +sonst guten Menschen, dem diese kleine Schwachheit anklebt, in solchen +Punkten ein wenig nachsehn; ein Wörtchen, das er gern hört, gegen ihn +fallen lassen, ihm erlauben, an dem Lobe, das er einerndtet, sich +zu erquicken, oder sich selbst bei Gelegenheit ein wenig zu loben. +Das schändlichste Handwerk aber treiben die niedrigen Schmeichler, +die durch unaufhörliches Weihrauch-Streuen eitlen Leuten den Kopf so +betäuben, daß diese zuletzt nichts anders mehr hören mögen, als Lob; +daß ihre Ohren für die Stimme der Wahrheit verschlossen sind, und daß +sie jeden guten graden Mann fliehen und zurücksetzen, der sich nicht so +weit erniedrigen kann, oder es für eine Art von Unbescheidenheit und +Grobheit hält, ihnen dergleichen Süßigkeiten in's Gesicht zu werfen. +Gelehrte und Damen pflegen am mehrsten in diesem Falle zu seyn, und +ich habe deren einige gekannt, mit denen ein schlichter Biedermann +deswegen fast gar nicht umgehen konnte. Wie die Kinder dem Fremden nach +den Taschen schielen, um zu erfahren, ob man ihnen keine Zuckerplätzen +mitgebracht hat; so horchen Jene auf jedes Wort, das Du sprichst, um zu +vernehmen, ob es nicht etwas Verbindliches für sie enthält, und werden +mürrischer Laune, sobald sie sich in ihrer Hoffnung betrogen finden. +Der höchste Grad dieser Eitelkeit führt zu einem Egoismus, der zu aller +gesellschaftlichen und freundschaftlichen Verbindung untüchtig macht, +und dem Eiteln eben so sehr zur Last, wie dem zum Ekel wird, der mit +ihm leben muß. + +Obgleich man nun solchen eiteln Leuten nicht schmeicheln soll, so +hat doch auch nicht Jeder Beruf, sich mit ihrer Zurechtweisung zu +befassen, besonders wenn sie mit ihm in keiner nähern Verbindung +stehen, noch weniger, sie zu demüthigen, oder ihnen jede Gefälligkeit +und Höflichkeitsbezeigung zu versagen; und es ist unbillig, wenn +diejenigen, welche täglich mit ihnen leben müssen, dieß von uns +verlangen; wenn sie fordern, daß wir mit Hand anlegen sollen, ihre +verzognen Freunde umzubilden. + +Eitle Leute pflegen gern Andern zu schmeicheln, um dagegen desto +größere Schmeicheleien als Bezahlung einzuholen, und weil sie das für +das einzige würdige Opfer, für die einzige vollwichtige Münze halten. + + + 5. + +Von Herrschsucht, Ehrgeiz und Eitelkeit ist ~Hochmuth~, so wie von +~Stolz~, unterschieden. Ich möchte gern, daß man Stolz für eine +edle Eigenschaft der Seele ansähe; für ein Bewußtseyn wahrer innrer +Erhabenheit und Würde; für ein Gefühl der Unfähigkeit, niederträchtig +zu handeln. Dieser Stolz führt zu großen, edlen Thaten; er ist die +Stütze des Redlichen, wenn er von jedermann verlassen ist; er erhebt +über Schicksal und schlechte Menschen, und erzwingt selbst von dem +mächtigen Bösewichte den Tribut der Bewunderung, den er wider Willen +dem unterdrückten Weisen zollen muß. Hochmuth hingegen brüstet sich mit +Vorzügen, die er nicht hat; bildet sich auf Dinge etwas ein, die gar +keinen Werth haben. Hochmuth ist es, der den Pinsel von sechszehn Ahnen +aufbläht, und zu der Thorheit verleitet, daß er die Verdienste seiner +Vorfahren -- die oft nicht einmal seine ächten Vorfahren sind, und oft +nicht einmal Verdienst gehabt haben, -- ~sich~ anrechnet, als wenn +Tugenden zu dem Inventario eines alten Schlosses gehörten! Hochmuth ist +es, der den reichen Bürger so grob, so steif, so ungesellig macht. Und +wahrlich! dieser pöbelhafte Hochmuth ist, da er mehrentheils von Mangel +an Lebensart und ungeschickten Manieren begleitet wird, wo möglich, +noch empörender als der des Adels. Hochmuth ist es, der den Künstler +mit so viel Zuversicht zu seinen Talenten erfüllt, die, sollten sie +auch von niemand anerkannt werden, ihn dennoch in seiner Meinung +von sich selbst über alle Erdensöhne hinaussetzen. Er wird, wenn +niemand ihn bewundert, eher auf die Geschmacklosigkeit der ganzen Welt +schimpfen, als auf den natürlichen Gedanken gerathen, daß es wohl mit +seiner Kunst nicht so ganz richtig seyn müsse. + +Wenn dieser Hochmuth nun gar in einem armen, verachteten Subjekte +wohnt, so wird er ein Gegenstand des Mitleidens, und pflegt eben nicht +viel Unheil anzurichten. Er ist aber übrigens fast immer mit Dummheit +gepaart, also durch keine vernünftigen Gründe zu bessern, und keiner +bescheidnen Behandlung werth. Hier hilft nichts, als Uebermuth gegen +Uebermuth zu setzen, oder den Schein anzunehmen, als bemerke man ein +hochmüthiges Betragen gar nicht; oder Leute, die sich aufblasen, gar +keiner Achtsamkeit zu würdigen, sie anzusehen, wie man auf einen +leeren Platz hinblickt, selbst wenn man ihrer bedarf; denn je mehr man +nachgibt, desto mehr fordern, desto übermüthiger werden sie. Bezahlt +man sie aber mit gleicher Münze, so weiß ihre Dummheit nicht, was sie +aus dieser Erfahrung machen soll, fühlt sich aber doch gedemüthigt, und +spannt gewöhnlich andre Saiten auf. + + + 6. + +Mit sehr ~empfindlichen~, leicht zu beleidigenden Leuten ist es nicht +angenehm umzugehen. Allein diese Empfindlichkeit kann verschiedne +Quellen haben. Hat man daher nachgespürt, ob der Mann, mit welchem +wir leben müssen, und der leicht durch ein kleines unschuldiges +Wörtchen, oder durch eine zweideutige Miene, oder durch einen Mangel an +Aufmerksamkeit, gekränkt und vor den Kopf gestoßen wird, aus Eitelkeit, +wie es mehrentheils der Fall ist, oder aus Ehrgeiz, oder weil er oft +von bösen Menschen hintergangen und geneckt worden ist, oder endlich +deswegen so leicht sich beleidigt glaubt, weil sein Herz zu zärtlich +fühlt, weil er von Andern eben so viel verlangt, als er ihnen selbst +gibt: so muß man sein Betragen danach einrichten, und jeden Anstoß +dieser Art sorgfältig und aus Achtung zu vermeiden suchen; doch ist +diese Aufgabe allerdings oft eine sehr schwere Aufgabe, und nur ein +bescheidenes, dankbares und gefühlvolles Herz vermag sie zu lösen. Ist +er übrigens redlich und verständig, so wird seine Verstimmung nicht +lange dauren; er wird durch eine gerade, freundliche Erklärung bald +zu besänftigen seyn; er wird zu denen, welche er für wahre Freunde +erkennt, ein unbegrenztes Vertrauen fassen, und endlich, wenn man immer +edel und offen mit ihm umgeht, von seiner Schwachheit zurückkommen. + +Von allen diesen Thoren und Schwächlingen sind in der That diejenigen +am schwersten zu befriedigen, und der Gesellschaft am lästigsten, die +sich jeden Augenblick vernachlässigt, zurückgesetzt, nicht genug geehrt +glauben. Es ist ein großes Unglück, in diesen Fehler zu verfallen, +denn man verkümmert und verbittert sich durch solch eine thörichte +Reizbarkeit nicht nur jedes gesellschaftliche Vergnügen, sondern fällt +auch Andern zur Last, macht sich verhaßt, oder wenigstens gefürchtet, +und erreicht nicht, was man zu erreichen so ängstlich strebt. + + + 7. + +~Eigensinnige~ Menschen sind viel schwerer zu behandeln, als sehr +empfindliche; doch ist mit ihnen auszukommen, wenn sie übrigens +verständig sind. Sie pflegen dann, in so fern man ihnen nur in dem +ersten Augenblicke nachzugeben scheint, bald von selber der Stimme +der Vernunft Gehör zu geben, ihr Unrecht und die Feinheit unsrer +Behandlung zu fühlen, und wenigstens auf eine kurze Frist geschmeidiger +zu werden. Ein Elend aber ist es, Starrköpfigkeit in Gesellschaft von +Dummheit anzutreffen und behandeln zu müssen. Da helfen weder Gründe, +noch Schonung. Es ist da mehrentheils nichts weiter zu thun, als einen +solchen steifsinnigen Pinsel blindlings handeln zu lassen, ihn aber +so in seine eignen Ideen, Plane und Unternehmungen zu verwickeln, daß +er, wenn er durch übereilte, unkluge Schritte in Verlegenheit geräth, +sich selbst nach unsrer Hülfe sehnen muß. Dann läßt man ihn eine +Zeitlang zappeln, wodurch er nicht selten demüthig und folgsam wird, +und das Bedürfniß, geleitet zu werden, fühlt. Hat aber ein schwacher, +eigensinniger Kopf von ungefähr ein einzigmal gegen uns Recht gehabt, +oder uns über einen kleinen Fehler erwischt; dann thue man nur Verzicht +darauf, ihn je wieder zu leiten! Er wird uns immer zu übersehen +glauben, und unsrer Einsicht und Rechtschaffenheit nie trauen; und das +ist eine höchst verdrießliche Lage. + +Bei diesen beiden Gattungen von Menschen aber helfen in +dem ersten Augenblicke keine noch so nachdrückliche Vorstellungen, +indem sie dadurch nur noch mehr verhärtet werden. Hängen wir von +Ihnen ab, und sie geben uns Aufträge, wovon wir voraussehen, daß sie +nachher von ihnen selbst werden gemißbilligt werden: so kann man nichts +Klügeres thun, als ihnen ohne Widerrede Gehorsam zu versprechen, aber +entweder die Befolgung so lange zu verschieben, bis sie sich indeß +eines Bessern besinnen, oder in der Stille die Sache nach eignen +Einsichten einzurichten, welches sie gewöhnlich in ruhigen Augenblicken +zu billigen pflegen, besonders wenn man sich den Schein zu geben weiß, +als habe man ihren Befehl also verstanden, und es klüglich unterläßt, +sich seiner besseren Einsicht zu rühmen; eine Selbstverleugnung, die +sich sogleich belohnt. + +Nur in sehr wenig dringenden, oder sonst höchst wichtigen Fällen kann +es nützlich und nöthig seyn, Eigensinn gegen Eigensinn aufzuspannen, +und schlechterdings nicht nachzugeben. Doch geht alle Wirkung +dieses Mittels verloren, wenn man es zu oft, und bei unbedeutenden +Gelegenheiten, oder gar da anwendet, wo man Unrecht hat. Wer immer +zankt, der hat die Vermuthung gegen sich, immer Unrecht zu haben; es +ist also weise gehandelt, den Andern in diesen Fall zu setzen. + + + 8. + +Eine besondre Gemüthsart, die mehrentheils aus Eigensinn entspringt, +doch auch wohl zuweilen bloß Sonderbarkeit, oder ungesellige Laune, +oder nur üble Gewohnheit zur Quelle hat, ist die ~Zanksucht~. Es gibt +Menschen, die alles besser wissen wollen, allem widersprechen, was man +vorbringt; oft gegen eigene Ueberzeugung widersprechen, um nur das +Vergnügen zu haben, streiten zu können. Andre setzen eine Ehre darein, +~Paradoxen~ aufzustellen, um sich ein Ansehn von Tiefsinn zu geben; +Dinge zu behaupten, die kein Vernünftiger irgend ernstlich also meinen +kann, bloß damit man mit ihnen darüber plaudern solle. Endlich noch +Andre, die man +Querelleurs+ (~Stänker~) nennt, suchen vorsätzlich +Gelegenheit zu persönlichem Zanke, um eine Art von Triumph über +furchtsame Leute zu gewinnen, über Leute, die wenigstens noch feiger +sind, als sie; oder, wenn sie mit dem Degen umzugehen wissen, ihren +falschen und tollen Muth in einem thörichten Zweikampfe zu zeigen. + +In dem Umgange mit allen diesen Leuten ist unüberwindliche +Kaltblütigkeit, die sich durchaus nicht in Hitze bringen läßt, das +unfehlbare Mittel, sie in Verlegenheit zu bringen, und zum Nachgeben +oder zu einem versteckten Rückzuge zu nöthigen. Mit denen von der +ersten Gattung lasse man sich in gar keinen Streit ein, sondern +breche gleich das Gespräch ab, sobald sie aus Muthwillen anfangen, +zu widersprechen. Dieß ist das einzige Mittel, ihrem Zankgeiste, +wenigstens gegen uns, Schranken zu setzen, und viel unnütze Worte zu +sparen. Denen von der zweiten Gattung kann man je zuweilen die Freude +machen, ihre Paradoxen ein wenig zu bekämpfen, oder doch besser, zu +bespötteln. Die Letztern aber müssen viel ernsthafter behandelt werden. +Kann man ihre Gesellschaft nicht vermeiden: kann man in derselben, +durch ein entfernendes, kaltsinniges und zurückgezogenes Betragen +ihrer Zudringlichkeit und ihren Grobheiten nicht ausweichen: so rathe +ich, einmal für allemal ihnen so kräftig zu begegnen, daß ihnen die +Lust vergehe, sich ein zweitesmal an uns zu reiben. Saget ihnen auf +der Stelle, in unzweideutigen, männlichen Ausdrücken Eure Meinung, +und lasset Euch durch ihre Aufschneiderei nicht irre machen! Man +wird mir zutrauen, daß ich über den Zweikampf so denke, wie jeder +vernünftige Mann darüber denken muß, nämlich, daß er eine unmoralische, +unvernünftige Handlung sey. Sollte nun aber auch jemand, seiner +bürgerlichen Lage nach, zum Beispiel ein Officier, durchaus sich dem +Vorurtheile unterwerfen müssen, eine Beleidigung durch die andre und +durch persönliche Rache auszulöschen: so kann doch dieser Fall nie dann +eintreten, wenn er, ohne die geringste Veranlassung von seiner Seite, +hämischer Weise angetastet wird; und der hat doppelt Unrecht, der +gegen einen sogenannten Raufer mit andern Waffen, als mit Verachtung, +oder, wenn es ihm gar zu nahe gelegt wird, anders, als mit einem +geschmeidigen spanischen Rohre kämpft, und hat nachher Unrecht, wenn er +ihm Genugthuung gibt, wie man das zu nennen pflegt. + +Im Allgemeinen aber wohnt in manchen Menschen ein sonderbarer Geist des +Widerspruchs. Sie wollen immer haben, was sie nicht erlangen können; +sind nie mit dem zufrieden, was Andre thun; murren gegen Alles, was +grade ~sie~ nicht also bestellt haben, und wäre es auch noch so gut. +Es ist bekannt, daß man solche Leute sehr oft dadurch leiten kann, daß +man ihnen entweder das Gegentheil von ~dem~ vorschlägt, was man gern +durchsetzen möchte, oder auf andre Weise sie unvermerkt dahin bringt, +daß sie unsre eignen Ideen gegen uns durchsetzen müssen. + + + 9. + +~Jähzornige~ Leute beleidigen nicht mit Vorsatz. Sie sind aber nicht +Meister über die Heftigkeit ihres Temperaments; und so vergessen sie +sich in solchen stürmischen Augenblicken selbst gegen ihre geliebtesten +Freunde, und bereuen nachher zu spät ihre Uebereilung. Ich brauche +wohl nicht zu erinnern, daß Nachgiebigkeit -- vorausgesetzt, daß +diese Leute, andrer guten Eigenschaften wegen, einiger Schonung werth +scheinen, denn ausserdem muß man sie gänzlich fliehen; -- daß weise +Nachgiebigkeit und Sanftmuth die einzigen Mittel sind, den Jähzornigen +zur Vernunft zurückzuführen. Allein ich muß dabei erinnern, daß, +phlegmatische Kälte dem Erzürnten entgegen zu setzen, ärger als der +heftigste Widerspruch ist; er glaubt sich dann verachtet, und wird +doppelt aufgebracht. + + + 10. + +Wenn der Jähzornige nur aus Uebereilung Unrecht thut, und über den +kleinsten Anschein von Beleidigung in Hitze geräth; nachher aber auch +eben so schnell wieder das zugefügte Unrecht bereuet, und das erlittene +verzeiht; so verschließt hingegen der ~Rachgierige~ seinen Groll im +Herzen, bis er Gelegenheit findet, ihm vollen Lauf zu lassen. Er +vergißt nicht, vergibt nicht, auch dann nicht, wenn man ihm Versöhnung +anbietet, wenn man alles, nur keine niederträchtigen Mittel anwendet, +seine Gunst wieder zu erlangen. Er erwiedert sowohl das ihm zugefügte +wahre, als das vermeintliche Uebel, und dieß nicht nach Verhältniß der +Größe und Wichtigkeit desselben, sondern tausendfältig; für kleine +Neckereien, wirkliche Verfolgung; für unüberlegte Ausdrücke, in +Uebereilung geredet, thätige Mißhandlung; für eine Kränkung unter vier +Augen, öffentliche Genugthuung; für beleidigten Ehrgeiz, Zerstörung +wesentlicher Glückseligkeit. Seine Rache schränkt sich nicht auf die +Person ein, sondern erstreckt sich auch auf die Familie, auf die +bürgerliche Existenz und auf die Freunde des Beleidigers. Mit einem +solchen Manne leben müssen, das ist in Wahrheit ein höchst trauriges +Loos, und ich kann da nichts rathen, als daß man, so viel möglich, +vermeide, ihn zu beleidigen, und zugleich sich in eine Art von +ehrerbietiger Furcht bei ihm setze, die überhaupt das einzige wirksame +Mittel ist, schlechte Leute im Zaume zu halten. + + + 11. + +~Faule~ und ~phlegmatische~ Menschen müssen ohne Unterlaß getrieben +werden; und da doch fast jeder Mensch irgend eine herrschende +Leidenschaft hat: so findet man zuweilen Gelegenheit, durch Aufregung +derselben solche schläfrige Geschöpfe in Bewegung zu setzen. + +Es gibt unter ihnen solche, die bloß aus ~Unentschlossenheit~ die +kleinsten Arbeiten jahrelang liegen lassen, ohne durch die Verlegenheit +oder Beschämung gerührt zu werden, welche sie sich dadurch zuziehen, +oder Andern verursachen, und ohne vor den Folgen zu erschrecken, die +eine solche Saumseligkeit früher oder später herbeiführen muß. Auf +einen Brief zu antworten, eine Quittung zu schreiben, eine Rechnung +zu bezahlen -- ja! das ist eine Haupt- und Staats-Action, zu welcher +unbeschreibliche Vorbereitungen gehören, und zu der sie sich, selbst +bei den dringendsten Bitten und Anmahnungen, nicht entschließen können. +Bei ihnen muß man zuweilen wirklich Gewalt brauchen; und ist das +schwere Werk einmal überstanden, dann pflegen sie sich recht dankbar +zu bezeigen, so übel sie auch anfangs unsre Zudringlichkeit aufnahmen. +Aber wehe diesen Unentschlossenen, wenn sie nicht einen kräftigen +Freund haben, der ihnen zu ihrer Rettung Gewalt anthut, und einmal alle +Schonung aus den Augen setzt, um ihren Dank zu verdienen! + + + 12. + +~Mißtrauische~, ~argwöhnische~, ~mürrische~ und ~verschlossene~ +Leute sind wohl unter allen Lästigen und Widerwärtigen diejenigen, +in deren Umgang ein edler gerader Mann am wenigsten von den Freuden +des geselligen Lebens schmeckt. Wenn man jedes Wort abwägen, jeden +unbedeutenden Schritt abmessen muß, um ihnen keine Gelegenheit zu +schändlichem Verdachte zu geben; wenn kein Funken von erquickender +Freude aus unserm Herzen in das ihrige übergeht; wenn sie keinen +frohen Genuß mit uns theilen; wenn sie die Wonne der seltnen heitern +Augenblicke, welche uns das Schicksal gönnt, uns nicht nur durch +Mangel an Theilnehmung verkümmern und verbittern, sondern sogar, +mitten in unsern glücklichsten Launen, uns unfreundlich stören, aus +unsern süßesten Träumen uns verdrießlich aufwecken; wenn sie unsre +Offenherzigkeit nie erwiedern, sondern immer auf ihrer Hut sind, +in ihrem zärtlichsten Freunde einen Bösewicht, in ihrem treuesten +Diener einen Betrüger und Verräther zu sehen glauben; dann gehört +wahrlich ein hoher Grad von fester Rechtschaffenheit dazu, um nicht +darüber selbst schlecht und menschenfeindlich zu werden. Hiebei +ist nichts zu thun, wenn ein ungezwungenes, immer gleich redliches +Betragen vergebens angewendet wird, wenn es nichts hilft, daß man +ihnen jeden Zweifel, sobald man desselben gewahr wird, durch kräftige +Vorstellungen benimmt, als daß man sich um ihren Argwohn und um ihr +mürrisches Wesen schlechterdings nicht bekümmre, sondern muthig und +munter den Weg fortgehe, den uns Klugheit und Gewissen vorschreiben. +Uebrigens sind solche Menschen herzlich zu bedauern; sie leben sich +und Andern zur Qual. Es liegt bei ihnen nicht immer Bösartigkeit zum +Grunde; nein! eine unglückliche Stimmung des Gemüths, dickes Blut, oft +auch Einwirkung des Schicksals, wenn sie gar zu oft sind hintergangen +worden -- das sind mehrentheils die Quellen ihrer Seelenkrankheit. Und +diese Krankheit ist in jüngern Jahren nicht ganz unheilbar, wenn die, +welche ein solches Gemüth zu leiten haben, stets edel und grade mit +ihm umgehen, ohne sich um seine Grillen und Launen zu bekümmern; nur +so ist es möglich, die unglückliche Anlage zum Argwohn zu vertilgen, +und ein ängstlich-scheues Gemüth mit dem seligmachenden Glauben +auszustatten, daß es noch Redlichkeit und Freundschaft in der Welt +gibt. Bei Personen von höherem Alter hingegen wird in der Regel jeder +Versuch, ihnen diesen Glauben einzuflößen, fehlschlagen, und dies Uebel +so tiefe Wurzel fassen, daß nichts übrig bleibt, als ihm Geduld und +Kaltblütigkeit entgegen zu setzen. + +Am mehrsten sind diejenigen zu beklagen, bei denen dies Mißtrauen bis +zum ~Menschenhasse~ gestiegen ist. Der Verfasser des Schauspiels: +~Menschenhaß und Reue~, läßt in demselben den Major sagen, ich hätte +vergessen, Vorschriften »für den Umgang mit dieser Art von Menschen +zu geben.« Es ist wahr, ich habe hier wenig darüber gesagt: allein +es ist auch unmöglich, dazu allgemeine Regeln vorzuschlagen, da es +nothwendig ist, bei jedem einzelnen Falle genau mit den Quellen +des Uebels bekannt zu seyn. In der Regel wird sichtbare, aber von +aller Zudringlichkeit entfernte Theilnahme, kräftige Zurückweisung +ungerechter Menschenverachtung durch Hinweisung auf Menschengröße +und Edelmuth, besonders aber die zart und klug herbeigeführte +Gelegenheit, Menschen aus großem Elende zu retten, und ihren Dank zu +erwerben, nicht ohne Wirkung bleiben. Lebt ein Menschenhasser, ganz +ohne Familien-Verbindung, in öder Einsamkeit oder Zurückgezogenheit, +so ist er nicht zu retten. Hat er das Glück, in eine große Gefahr zu +gerathen, und durch edelmüthige Selbstverleugnung, durch den Muth der +großmüthigsten Menschenliebe, durch die Wunderthat eines großherzigen +Menschenfreundes gerettet zu werden, so ist gründliche Heilung zu +hoffen. + + + 13. + +~Neidische~, ~schadenfrohe~, ~mißgünstige~ und ~eifersüchtige~ +Gemüthsarten sollten wohl nur das Erbtheil hämischer, niederträchtiger +Menschen seyn; und doch trifft man leider einen unglücklichen +Zusatz von diesen bösen Eigenschaften in den Herzen solcher Leute +an, die übrigens manche gute Eigenschaft haben. -- So schwach ist +die menschliche Natur! -- Ehrgeiz und Eitelkeit können in uns das +Gefühl erwecken, Andern ein Glück nicht zu gönnen, nach welchem wir +ausschließlich streben; sey es nun Vermögen, Glanz, Ruhm, Schönheit, +Gelehrsamkeit, Macht, ein Freund, eine Geliebte, oder was es auch +sey; und sobald diese Empfindung einen gewissen Widerwillen gegen +die Person in uns erzeugt hat, die, trotz unsrer Mißgunst, trotz +unsrer Eifersucht, im Besitze jenes ihr mißgönnten Guts bleibt: dann +können wir uns heimlich eines schadenfrohen Kitzels nicht erwehren, +wenn es dieser Person ein wenig widrig geht, und die Vorsehung unsre +feindseligen Gesinnungen, besonders, wenn wir schwach genug waren, sie +zu äußern, gleichsam rechtfertigt. Ich werde bei den Gelegenheiten, +wenn von Künstler-, Gelehrten- und Handwerks-Neide, von Mißgunst unter +Fürsten, Vornehmen, Reichen und Leuten, die in der großen Welt leben, +von Eifersucht unter Ehegenossen, Freunden und Geliebten die Rede seyn +wird, manches sagen, was auch hier anwendbar, aber überflüssig zu +wiederholen seyn würde, und es bleibt mir wirklich nichts hinzuzufügen +übrig, als daß, um allem Neide in der Welt auszuweichen, man auf jede +gute Eigenschaft, so wie auf Alles, was Erfolg unsrer Bemühungen und +Glück heißt, Verzicht thun, und, wenn es darauf ankömmt, mitten unter +einem Schwarme von mißgünstigen Leuten zu leben, und dennoch dem Neide +und der Eifersucht so wenig als möglich Nahrung zu geben, seine +Vorzüge, seine Kenntnisse und seine Talente mehr verbergen als kund +machen, keine Art von Uebergewicht zeigen, anscheinend wenig fordern, +wenig begehren, auf Weniges Ansprüche machen, und wenig leisten müsse. + +Jener Neid nun erzeugt dann oft die schrecklichen ~Verleumdungen~, +denen auch der edelste Mann ausgesetzt ist. Es läßt sich nicht fest +bestimmen, wie man sich in jedem Falle zu betragen habe, wenn man +verleumdet wird. Oft erfordern Redlichkeit und Klugheit die schnellste +und deutlichste Darstellung der wahren Beschaffenheit; oft hingegen ist +es unter der Würde eines rechtschaffenen Mannes, sich auf Erläuterungen +und Rechtfertigungen einzulassen. Der Pöbel hört nicht auf, uns zu +necken, wenn er sieht, daß es uns wehe thut, und die Zeit pflegt, früh +oder spät, die Wahrheit an das Licht zu ziehen. + + + 14. + +Der ~Geiz~ ist eine der unedelsten, schändlichsten Leidenschaften. Man +kann sich keine Niederträchtigkeit denken, deren ein Geizhals nicht +fähig wäre, wenn seine Begierde nach Reichthümern in das Spiel kömmt, +und jede Empfindung besserer Art, Freundschaft, Mitleid, Wohlwollen, +finden keinen Eingang in sein Herz, wenn sie kein Geld einbringen; +ja, er gönnt sich selber die unschuldigsten Vergnügungen nicht, in so +fern er sie nicht unentgeldlich schmecken kann. In jedem Fremden sieht +er einen Dieb, und in sich selber einen Schmarotzer, der auf Unkosten +seines bessern Ichs, seines Mammons, zehrt. + +Allein in den jetzigen Zeiten, wo der Luxus so übertrieben wird, wo +die Bedürfnisse, auch des mäßigsten Mannes, der in der Welt leben +und eine Familie unterhalten muß, so groß sind; wo der Preis der +nöthigen Lebensmittel täglich steigt; wo die Macht des Geldes so viel +entscheidet; wo der Reiche ein so beträchtliches Uebergewicht über den +Armen hat; wo endlich von der einen Seite Betrug und Falschheit, und +von der andern Mißtrauen und Mangel an Theilnahme und Wohlwollen in +allen Ständen sich ausbreiten; in diesen Zeiten der Selbstsucht und +des Egoismus, meine ich, hat man Unrecht, wenn man einen sparsamen, +vorsichtigen Mann, ohne nähere Prüfung seiner Verhältnisse und der +Bewegungsgründe, welche seine Handlungen leiten, sogleich für einen +Knicker erklärt. Man möchte vielmehr diejenigen, welche das Beispiel +einer Sparsamkeit geben, die eben so sehr von Menschenliebe, als +von Klugheit und Vorsicht erzeugt und belebt wird, für Ruhmwürdige +erklären, weil doch in der That kein geringer Grad von Seelenstärke +und Weisheit dazu erfordert wird, um den Grundsätzen einer strengen +Sparsamkeit getreu zu bleiben, und dem Urtheil der Welt eine +unwandelbare Entschlossenheit entgegen zu setzen. + +Es gibt ferner unter den wirklichen geizigen Leuten solche, die neben +dieser Geld-Begierde noch von einer andern mitherrschenden Leidenschaft +regiert werden. Diese scharren dann zusammen, sparen, betrügen Andre +und versagen sich alles, außer da, wo es auf Befriedigung dieser +Leidenschaft ankömmt; sey es nun Wollust, Gefräßigkeit, Ehrgeiz, +Eitelkeit, Neugier, Spielsucht, oder was es auch immer sey. So habe +ich Menschen gekannt, die, um einen Louisd'or zu gewinnen, Bruder und +Freund verrathen, und sich der öffentlichen Beschimpfung ausgesetzt +haben würden; hundert für den sinnlichen Genuß eines Augenblicks +hingegebene Gulden hingegen für gut angelegtes Geld hielten. + +Noch Andre rechnen so schlecht, daß sie Heller sparen, und Thaler +wegwerfen. Sie lieben das Geld, aber sie verstehen nicht, damit +umzugehen. Um also die Summen wieder zu erhaschen, um welche sie von +Gaunern, Abentheurern und Schmeichlern betrogen werden, geben sie ihrem +Gesinde nicht satt zu essen; und um tausend Thaler wieder zu gewinnen, +die sie verschleudert haben, wechseln sie auf die unanständigste Weise +aller Orten einzelne feine Gulden ein, damit sie an jedem vielleicht +einen Heller Aufgeld gewinnen. + +Endlich noch Andre sind in allen Stücken freigebig, und achten das +Geld nicht; in einem einzigen Punkte aber, worauf sie gerade eine +thörichte Wichtigkeit setzen, sind sie lächerlich geizig. Meine Freunde +haben mir oft im Scherze vorgeworfen, daß ich auf diese Art karg in +Schreib-Materialien sey, und ich gestehe diese Schwachheit. So wenig +reich ich bin, so kostet es mich doch geringere Ueberwindung, mich +von einem halben Gulden, als von einem holländischen Brief-Bogen zu +scheiden, obgleich man für zwölf Groschen vielleicht ein Buch des +feinsten Papiers kaufen kann. Ja, ich habe reiche und freigebige Leute +gekannt, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, Kleinigkeiten, +auf welche sie einen vorzüglichen Werth setzten, zu entwenden, wo sie +dergleichen liegen sahen. Jene Art der Sparsamkeit, welche auch das +Geringste, was noch auf irgend eine Art brauchbar ist, zu erhalten +und zu bewahren sucht, ist unstreitig die rechte, denn sie geht von +einer richtigen Schätzung der Dinge aus, und haßt alles Vergeuden und +Verschwenden, weil es Charakterschwäche, und eine Art von Undankbarkeit +und Kurzsichtigkeit ist. Darum läßt ~Engel~ in der bekannten Erzählung +seinen Herrn Timm sogleich mit großer Bereitwilligkeit dem Manne einen +Vorschuß leisten, der eine Nadel liegen sieht, und sie sorgfältig +aufnimmt und bewahrt. + +Die allgemeine Regel im Umgange mit geizigen Leuten ist wohl die, daß, +wenn man ihre Gunst erhalten will, man nichts von ihnen fordern müsse. +Da dieß nun aber nicht immer möglich ist, so scheint es der Klugheit +gemäß, daß man prüfe, zu welcher der vorhin geschilderten Gattungen von +Geizigen der Mann, mit dem man es zu thun hat, gehöre, um danach seine +Behandlung einzurichten. + +Ueber den Umgang mit ~Verschwendern~ brauche ich nichts zu sagen, als +daß der verständige Mann sich nicht durch ihr Beispiel zu thörichten +Ausgaben verleiten lassen, und daß der redliche Mann von ihrer übel +geordneten Freigebigkeit weder für sich, noch für Andre, Vortheile +ziehen soll. + + + 15. + +Sollen wir jetzt von dem Betragen gegen ~Undankbare~ reden? Ich habe +bei mancher Gelegenheit erinnert, daß man auf dieser Erde auch bei +den edelsten und weisesten Handlungen, weder auf Erfolg, noch auf +Dankbarkeit rechnen dürfe. Diesen Grundsatz soll man, wie ich dafür +halte, nie aus den Augen verlieren, wenn man nicht karg mit seinen +Dienstleistungen, feindselig gegen seine Mitmenschen werden, noch gegen +Vorsehung und Schicksal murren will. Bei dem Allen aber müßte man +jeder menschlichen Empfindung entsagt haben, wenn es uns nicht kränken +sollte, daß Menschen, denen wir treulich, eifrig und uneigennützig +gedient, die wir aus der Noth gerettet, denen wir uns ganz gewidmet, +für die wir uns vielleicht aufgeopfert haben, uns vernachlässigen, +sobald sie unsrer nicht mehr bedürfen, oder gar verrathen, verfolgen, +mißhandeln, wenn sie dadurch zeitliche Vortheile, oder die Gunst unsrer +mächtigen Feinde gewinnen können. Doch wird der weise Menschenkenner +und warme Freund des Guten sich dadurch nicht abschrecken lassen, +großmüthig zu handeln. Mit Bezug auf das, was hierüber im zehnten +Kapitel des zweiten Theils und im fünften Abschnitte des zweiten +Kapitels in dem dritten Theile gesagt wird, erinnere ich nur nochmals +für die, welche noch dieser Erinnerung bedürfen, daß jede gute Handlung +sich selbst durch ein seliges Bewußtseyn am reichsten belohnt; ja, daß +der Edle eine neue Quelle von innerer Freude aus der Undankbarkeit der +Menschen zu schöpfen versteht, nämlich die Freude, sich bewußt zu seyn, +gewiß uneigennützig, bloß aus Liebe zum Guten, ihnen Gutes gethan zu +haben, besonders wenn er voraus weiß, daß er auf keine Erkenntlichkeit +rechnen darf. Er bedauert die Verkehrtheit Derer, die fähig sind, +ihres Wohlthäters zu vergessen, und läßt sich dadurch nicht abhalten, +den Menschen zu dienen, die seiner Hülfe um so nöthiger bedürfen, je +schwächer sie sind, je weniger Glück sie in sich selber, in ihrem +Herzen haben. + +Klage also nicht über die Undankbarkeit, mit welcher man Dir lohnt; +wirf sie dem nicht vor, der sie Dir beweist, und Dich dadurch kränkt; +fahre fort, ihn großmüthig zu behandeln; nimm ihn wieder auf, wenn +er zu Dir zurückkehrt! Vielleicht geht er endlich in sich, fühlt +den ganzen Werth, die Zartheit und das Große Deiner Behandlung, und +wird dadurch gebessert; -- wenn nicht: so denke, daß jedes Laster +sich selbst bestraft, und daß das eigne Herz des Bösewichts und die +unausbleibliche Folge seiner Niederträchtigkeit Dich an ihm rächen +werden. -- O! welch' ein langes Kapitel über die Undankbarkeit der +Menschen könnte ich schreiben, wenn ich nicht, aus Schonung gegen Die, +welche sich von dieser Seite an mir versündigt haben, meine vielfachen +traurigen Erfahrungen in diesem Fache lieber verschweigen wollte, und +wenn ich es leugnen dürfte, daß man zuweilen durch die verfehlte Art +des Wohlthuns Undankbare mache; eine Schuld, von welcher sich selbst +die Edelsten nicht frei sprechen dürfen. + + + 16. + +Manchen Leuten ist es schlechterdings unmöglich, in irgend einer Sache +den geraden Weg zu gehen. ~Ränke~ und ~Winkelzüge~ mischen sich in +alle ihre Unternehmungen, ohne daß sie deswegen von Grund aus böse +sind. Eine unglückliche Stimmung des Gemüths, und die Einwirkung +von Lebensart und Schicksalen können diesen Charakter bilden. So +wird zum Beispiel ein sehr mißtrauischer Mann auch wohl zuweilen die +unschuldigste Handlung heimlich thun, sich verstellen, und seinen +wahren Zweck verschleiern. Ein Mann von übel geordneter Thätigkeit, +oder von zu vielem raschen Feuer, -- ein schlauer unternehmender Kopf, +der in einer Lage ist, wo ihm alles zu einfach hergeht, wo es ihm an +Gelegenheit fehlt, seine Talente zu entwickeln, wird allerlei schiefe +Seitensprünge wagen, um seinen Wirkungskreis zu erweitern, oder mehr +Interesse in die Scene zu bringen; und dann wird er nicht immer ekel +genug in der Wahl seiner Mittel seyn. Ein sehr eitler Mensch wird in +manchen Fällen versteckt handeln, um seine Schwäche zu verbergen. +Ein Mann, der lange an Höfen gelebt hat, um sich her nichts als +Verstellung, Intrigue, Cabale und Gegeneinanderwirken zu sehen, und +selbst auf geradem Wege nichts zu erlangen gewohnt ist, findet ein +Leben, das ohne Verwickelung fortgeht, zu einförmig; er wird seine +unbedeutendsten Schritte so thun, daß man ihm nicht nachspüren kann, +und seinen unschuldigsten Handlungen einen räthselhaften Anschein +geben. Der Jurist, der sich stets mit den Spitzfindigkeiten der +Chikane beschäftigt, findet innigen Seelen-Genuß darin, daß er in +Worten und Werken allerlei Cautelen und Winkelzüge anbringt. Wer seine +Gehirn-Nerven durch Romanen-Lesen und andre phantastische Träumereien +überspannt, oder wer durch ein üppiges, müssiges Leben, durch schlechte +Gesellschaft und unglückliche Verhältnisse, den Sinn für Einfalt, +kunstlose Natur und Wahrheit verloren hat, der kann ohne Intrigue +nicht existiren, -- und so gibt es eine Menge Menschen, die, was sie +auf geradem Wege erlangen könnten, nicht halb so eifrig wünschen, +als das, was sie heimlich und auf den Wegen der List und des Betrugs +zu erschleichen hoffen. Man kann aber auch endlich den edelsten, +offenherzigsten Menschen, besonders in jüngern Jahren, zu Winkelzügen +verleiten, wenn man ihm ohne Unterlaß Mißtrauen zeigt, oder ihn mit +einer so nachsichtslosen Strenge behandelt, ihn in einer solchen +Entfernung von uns hält, daß er kein Zutrauen zu uns haben kann. + +Was nun auch dazu beigetragen haben mag, manchen Menschen Ränke und +Winkelzüge zur Gewohnheit zu machen, so ist wohl folgende Art, sich +gegen sie zu betragen, die beste, die man wählen kann. + +Man handle selbst immer so offen und unverstellt, und zeige sich ihnen +in Worten und Thaten als einen so entschiednen Feind von allem, was +Schiefigkeit, Intrigue und Verstellung heißt, und als einen so warmen +Verehrer jedes redlichen, aufrichtigen Mannes, daß sie wenigstens +fühlen, wie viel sie in unsern Augen verlieren, und welche Verachtung +sie sich zuziehen würden, wenn wir sie auf Schleichwegen ertappten! + +Man flöße ihnen durch eine männliche Aeusserung des Abscheus gegen alle +Hinterlist und Falschheit eine gewisse Ehrerbietung ein, und versage +ihnen so lange sein Vertrauen nicht, als sie sich offen und redlich +zeigen. Man gebe ihnen zu erkennen, daß man sie für unfähig halte, +hinterlistig und unredlich zu seyn, und rege dadurch ihr schlummerndes +Ehrgefühl auf. + +Willst Du die Anschläge ihrer Hinterlist zerstören, so tritt ihnen +mit Festigkeit und Entschlossenheit entgegen, wenn Du merkst, daß sie +Böses im Sinne haben, und lege ihnen solche Fragen vor, worauf sie +nothwendig eine bestimmte und unumwundene Antwort geben, oder sich +verrathen müssen. Sieh ihnen dabei fest und kräftig in's Gesicht, +mit einem Blicke, der sie durchbohrt, und Du wirst sie zwingen, sich +selbst zu verachten, oder über sich selbst zu erschrecken, wirst ihnen +wenigstens, wenn sie keiner guten Regung mehr fähig sind, Furcht und +Besorgniß einflößen, und sie dadurch nöthigen, ihren Plan aufzugeben. +Stottern sie, suchen sie auszuweichen: so brich entweder ab, um ihnen +zu verstehen zu geben, daß Du ihnen die Schande eines Betrugs ersparen +wollest; nimm aber dann ein kaltes und entfernendes Betragen gegen sie +an, oder warne sie mit freundlichem, doch ernsthaftem Wesen, ihrer +nicht unwürdig zu handeln! + +Haben sie Dich dennoch einmal hintergangen, so nimm die Sache nicht zu +leicht, und verschwende keine Schonung an diese Unwürdigen, sondern laß +sie das ganze Gewicht Deines Unwillens und Deiner Verachtung fühlen, +und sey nicht sogleich bereit, zu verzeihen! Erreichst Du auch dadurch +Deine Absicht nicht, und fahren sie fort, Dich mit Winkelzügen und +Ränken zu hintergehen: so bestrafe sie durch deutliche Aeusserungen des +Mißtrauens und Kaltsinns, und suche dich ganz von ihnen los zu machen, +als von gefährlichen Menschen, die keiner Besserung fähig sind. + +Alles hierüber Gesagte paßt also auch auf das Betragen gegen ~Lügner~. + + + 17. + +Was man aber im gemeinen Leben einen ~Windbeutel~ oder ~Aufschneider~ +und ~Prahler~ nennt, das ist eine andere Gattung von Menschen. +Diese haben nicht die Absicht, jemand eigentlich zu hintergehen, +aber täuschen und blenden möchten sie gern, um Ehre und Beifall zu +erschleichen; überreden möchten sie gern Andere, ihnen einen höheren +Werth beizumessen, als sie haben; sie suchen mehr Nahrung für ihre +Eitelkeit, als Befriedigung des Eigennutzes, und für einen Lobspruch +geben sie unbedenklich die Wahrheit hin. Um sich in besserm Glanze zu +zeigen; um sich bemerklich zu machen; um Andern eine so hohe Meinung +von sich beizubringen, wie sie selbst haben; um Aufmerksamkeit durch +Erzählung wunderbarer Vorfälle zu erregen; oder um für angenehme, +unterhaltende Gesellschafter zu gelten, erdichten oder vergrößern sie; +und haben sie einmal die Fertigkeit erlangt, auf Kosten der Wahrheit +eine Begebenheit, ein Bild, einen Satz zu verzieren, so fangen sie +zuweilen an, ihren eigenen Windbeuteleien zu glauben, alle Gegenstände +durch ein Vergrößerungsglas anzusehen, und so in Riesengestalten wieder +zu Papier zu bringen. + +Die Erzählungen und Beschreibungen eines solchen Aufschneiders +sind zuweilen ganz lustig anzuhören; und wenn man erst mit seiner +Hyperbelsprache bekannt ist, weiß man schon, was man vom Ganzen +abzurechnen hat, um den Ueberrest für baares Geld anzunehmen. So läßt +man sich denn, besonders in solchen Gesellschaften, wo das Bedürfniß +eines Lustigmachers oder Wortführers lebhaft gefühlt wird, gern und +geduldig vorlügen, was sich so hübsch anhört, und wobei es zu lachen +gibt. Kommen aber einmal vernünftige Leute in eine solche Gesellschaft, +so steht es übel um den Aufschneider, denn es ist leicht, ihn durch +eine Menge von Fragen über die genauesten Umstände so in sein eignes +Gewebe zu verwickeln, daß er, indem er weder rückwärts noch vorwärts +kann, beschämt wird, oder, wenigstens einen klugen Rückzug zur Wahrheit +macht. Noch besser kann man ihn zum Schweigen bringen, wenn man ihm für +jede Unwahrheit auf komische Art eine noch derbere wieder aufheftet, +und ihm dadurch zu verstehen gibt, daß man nicht dumm genug gewesen +sey, ihm zu glauben; oder wenn man, sobald er anfängt zu blasen, die +Segel der Unterhaltung auf einmal einzieht, und seinem Winde ausweicht, +da er denn, wenn dieß öfter und von mehreren verständigen Männern +geschieht, endlich scheu und klug wird. + + + 18. + +~Unverschämte Müssiggänger~, ~Schmarotzer~, ~Schmeichler~ und +~zudringliche Leute~, rathe ich, in der gehörigen Entfernung von sich +zu halten, sich mit ihnen nicht gemein zu machen, ihnen durch ein +höfliches, aber immer steifes und ernsthaftes Betragen zu erkennen +zu geben, daß ihre Gesellschaft und Vertraulichkeit uns zuwider ist. +Einer meiner Bekannten erzählte mir einst: Er habe in Holland über +der Thür des Arbeitszimmers eines verständigen Mannes folgende Worte +mit großen Buchstaben geschrieben gefunden: »Es ist erschrecklich +beschwerlich für einen Mann, der bestimmte Geschäfte hat, von Leuten +überlaufen zu werden, die keine Geschäfte haben.« -- Der Einfall war +nicht übel. Die, welche gern bei uns schmausen, kann man am leichtesten +dadurch verscheuchen, daß man sie, ohne ihnen etwas vorzusetzen, +wieder fortgehen läßt; aber gegen Schmeichler, besonders gegen die von +feinerer Art, soll man, aus Besorgniß für sein eigenes Heil, auf seiner +Hut seyn. Sie verderben uns von Grund aus, wenn wir unser Ohr an ihren +Sirenen-Gesang gewöhnen. Dann wollen wir ohne Unterlaß gestreichelt +und gekitzelt seyn, finden die wohlthätige Stimme der Wahrheit nicht +harmonisch genug, und vernachlässigen und versäumen die treuern, +bessern Freunde, die uns aufmerksam auf unsere Fehler machen wollen. +Um nicht so tief zu fallen, waffne man sich mit Gleichgültigkeit +gegen die gefährlichen Lockungen der Schmeichelei; man fliehe vor +dem Schmeichler, wie vor dem bösen Feinde! Allein das ist nicht so +leicht, wie man wohl glaubt; es gibt eine Art, Süßigkeiten zu sagen, +die das Ansehen hat, als wollte man der Wahrheit huldigen. Der schlaue +Schmeichler, der Deine schwache Seite studirt hat, wird, wenn er Dich +für zu verständig hält, um nicht die größern Schlingen dieser Art für +gefährlich zu erkennen, Dir nicht immer Recht geben; er wird vielmehr +Dich tadeln; er wird Dir sagen: »daß er nicht begreifen könne, wie ein +so edler und weiser Mann, wie Du seyest, sich einen kleinen Augenblick +auch einmal habe vergessen können; er hätte geglaubt, so etwas könne +nur gemeinen Leuten von ~seinem~ Schlage begegnen.« Er wird an Deinen +Schriften Fehler rügen, die Dir gleich beim ersten Anblicke unbedeutend +scheinen müssen, und ihm nur dazu dienen, diejenigen Stellen um desto +unverschämter zu loben, von welchen er weiß, daß Du dir etwas darauf +zu gute thust. »Schade,« wird er ausrufen, »daß Ihre Sinfonien -- ich +bin kein Schmeichler; ich sage meine Meinung immer rund heraus -- +Schade, daß diese herrlichen Sinfonien, die gewiß in allem Betracht ein +klassisches Werk genannt werden können, so äusserst schwer vorzutragen +sind. Wo findet man Meister, die würdig wären, so etwas aufzuführen? +und doch ist das ein wesentlicher Fehler, den Sie, verzeihen Sie meiner +Offenherzigkeit! hätten vermeiden sollen.« Er wird Mängel an Dir +finden, und mit verstelltem Eifer dagegen declamiren, -- Schwachheiten +und Mängel, auf welche Deine Eitelkeit sich etwas einbildet. Er wird +Dich einen Misanthropen schelten, weil er gemerkt hat, daß Du durch +Deine abgezogene Lebensart Aufsehen erregen möchtest; er wird Dir +vorwerfen, Du seyest intrigant, wenn er merkt, daß es Dir behagt, für +einen schlauen Hofmann angesehen zu werden. Auf diese Weise wird er +sich bei Dir und andern Kurzsichtigen in den Ruf eines unpartheiischen, +wahrheitliebenden Mannes setzen; sein honigsüßer Trank wird glatt +hinuntergehen, und in der Berauschung werden Dein Herz und Dein Beutel +dem verschmitzten Spötter offen stehen. Vielfältig habe ich, besonders +an Höfen, dergleichen Männer angetroffen, die unter der Maske der +Bonhommie und bei dem Rufe, den Fürsten tapfer die Wahrheit zu sagen, +die ärgsten Maulschwätzer waren. + + + 19. + +Das Betragen gegen ~Schurken~, das heißt, gegen Leute, die von Grund +aus schlecht sind, etwa ein wenig Erbsünde abgerechnet, fordert vor +allem Festigkeit und Muth. Ich beziehe mich dabei zuerst auf das, was +ich weiterhin über den Umgang mit Feinden, und über das Betragen gegen +Verirrte und Gefallne sagen werde, und füge nur noch nachstehende +Bemerkungen hinzu: + +Daß man, wo möglich, den Umgang mit schlechten Leuten fliehen müsse, +weil durch sie Moralität, Ruf und Ruhe in Gefahr kommt, besonders wenn +sie mit Schlechtigkeit der Grundsätze eine feine Verstandesbildung +verbinden, und viel geselliges Talent haben, -- das versteht sich wohl +von selber. Wenn ein Mann von festen Grundsätzen auch nicht in Gefahr +kommt, von ihnen angesteckt zu werden, so gewöhnt er sich doch nach und +nach an ihre Art zu urtheilen und zu handeln, ihre Zweideutigkeiten +und Unsittlichkeiten, und an den Anblick ihres sittlichen Schmutzes, +und verliert den heiligen Abscheu gegen alles, was unedel ist; einen +Abscheu, der zuweilen einzig hinreicht, uns in Augenblicken der +Versuchung vor feinern Vergehungen zu bewahren. Leider aber zwingt uns +unsre Lage zuweilen, mitten unter Schurken zu leben, und mit ihnen +gemeinschaftlich Geschäfte zu treiben; und da ist es denn nöthig, +gewisse Vorsichtigkeits-Regeln nicht aus der Acht zu lassen. + +Glaube nicht, wenn Du einiges Verdienst von Seiten des Kopfs und +des Herzens hast, es jemals dahin zu bringen, daß Du von schlechten +Menschen nie in Deiner Ruhe gestört werdest, oder nie durch sie +leidest! Es herrscht ein ewiges Bündniß unter Schurken und Schleichern +gegen alle verständige und edle Menschen; auch sind sie auf eine +unbegreifliche Weise so verbrüdert, daß sie unter allen übrigen +Menschen einander erkennen und bereitwillig die Hand reichen, möchten +sie auch durch äussere Verhältnisse und Umstände noch so sehr getrennt +seyn, sobald es darauf ankömmt, das wahre Verdienst zu verfolgen +und mit Füßen zu treten. Da hilft keine Art von Vorsichtigkeit und +Zurückhaltung; da hilft nicht Unschuld, nicht Geradheit; da hilft nicht +Schonung, noch Mäßigung; da hilft es nicht, seine guten Eigenschaften +verstecken, mittelmäßig scheinen zu wollen. Niemand erkennt so leicht +das Gute, das in Dir ist, als Der, dem dies Gute fehlt. Niemand läßt +innerlich dem Verdienste mehr Gerechtigkeit widerfahren, als der +Bösewicht; aber er zittert davor, wie Satan vor dem Evangelio, und +arbeitet mit Händen und Füßen dagegen. Jene große Verbrüderung wird +Dich ohne Unterlaß necken, Deinen Ruf antasten; bald zweideutig, +bald übel von Dir reden, die unschuldigsten Deiner Worte und Thaten +boshaft auslegen. -- Aber laß Dich das nicht anfechten! würdest Du +auch wirklich von Schurken eine Zeitlang gedrückt, so wird doch die +Rechtschaffenheit und Consequenz Deiner Handlungen am Ende siegen, und +der Unhold bei einer andern Gelegenheit sich selbst die Grube graben. +Auch sind die Schelme nur so lange einig unter sich, als es nicht auf +männliche Standhaftigkeit ankömmt, so lange sie im Dunkeln fechten +können. Hole aber Licht herbei, und sie werden aus einander rennen! +Und wenn es nun gar zur Theilung der Beute ginge, dann würden sie +sich unter einander bei den Ohren zausen, und Dich indeß mit Deinem +Eigenthume ruhig davon wandern lassen. Geh Deinen geraden Gang fort! +Erlaube Dir nie schiefe Streiche, nie Schleichwege, um Schleichwegen zu +begegnen; nie Ränke, um Ränke zu zerstören; mache nie gemeinschaftliche +Sache mit Bösewichtern, gegen Bösewichter! Handle großmüthig! Unedle +Behandlung, und zu weit getriebenes Mißtrauen können Den, welcher auf +halbem Wege ist, ein Schelm zu werden, vollends dazu machen; Großmuth +hingegen kann einen nicht ganz verstockten Unhold vielleicht, auf +einige Zeit wenigstens, bessern, und die Stimme des Gewissens in ihm +erwecken. Aber er müsse fühlen, daß Du nur aus Huld, nicht aus Furcht +also handelst! Er müsse fühlen, daß, wenn es auf das Aeusserste kömmt, +wenn der Grimm eines unerschrocknen redlichen Mannes losbricht, der +kühne, rechtschaffene Weise im niedrigsten Stande mächtiger ist, als +der Schurke im Purpur; daß ein großes Herz, daß Tugend, Klugheit und +Muth, stärker machen, als erkaufte Heere, an deren Spitze ein Schurke +steht! Was hätte der wohl zu fürchten, der nichts mehr zu verlieren +hat, als was kein Sterblicher ihm rauben kann? Und was vermag in dem +Augenblicke der äussersten, verzweifelten Nothwehr ein feiger Sultan, +ein ungerechter Despot, der in sich selbst einen Feind herumträgt, von +welchem er immer bedroht, oder in die Flanke genommen wird, gegen den +niedrigsten seiner Unterthanen, der ein reines Herz, einen hellen Kopf, +Unerschrockenheit und gesunde Arme zu Bundesgenossen hat? + +Es ist unmöglich, sich bei gewissen Leuten beliebt zu machen, deren +Gunst man nur auf Unkosten seines Gewissens erwerben kann, und es wird +nicht schaden, wenn diese uns wenigstens fürchten. + +Es gibt Leute, die uns zu Vertraulichkeiten, zu gewissen Eröffnungen +zu bewegen suchen, damit sie nachher Waffen gegen uns in Händen haben, +womit sie uns drohen können, wenn wir ihnen nicht zu Gebote stehen +wollen. Die Klugheit erfordert, dagegen auf seiner Hut zu seyn. Man +erkennt sie leicht an der groben Schmeichelei, durch welche sie sich +uns zu nähern, und unser Vertrauen zu erschleichen suchen. + +Beschenke den, von dem Du fürchtest, er werde Dich ~bestehlen~, wenn Du +glaubst, daß Großmuth noch Eindruck auf ihn machen könnte! + +Ermuntre und ehre äusserlich Menschen, an denen Du irgend eine +Thatkraft zum Guten findest! Bringe sie nicht ohne Noth um Kredit! Es +gibt Leute, die viel Gutes ~sagen~, im ~Handeln~ aber heimliche Schalke +sind, oder Menschen voll Inconsequenz, Leichtsinn und Leidenschaft: +entlarve diese nicht, in so fern es nicht der Folgen wegen seyn muß! +Sie wirken durch ihre Reden manches Gute, welches unterbleibt, wenn man +sie verdächtig macht. Man sollte sie immer herumreisen lassen, um gute +Zwecke zu befördern; allein sie müßten jeden Ort früh genug verlassen, +um sich nicht zu verrathen, und durch ihr Beispiel nicht die Wirkung +ihrer Lehren zu verderben. + + + 20. + +Es gibt Menschen von guter Gesinnung, welche durch übertriebene +Bescheidenheit und unüberwindliche Furchtsamkeit, durch eine +Schüchternheit, die sie fast zu Kindern macht, sich selbst der +Geringschätzung hingeben, und sich um allen Genuß und allen Vortheil +bringen, den ihnen die Gesellschaft gewähren soll. Man macht sich um +sie und um die Gesellschaft verdient, wenn man ihnen Zuversicht zu sich +selbst einzuflößen sucht, und ihnen Veranlassung gibt, sich geltend +zu machen. So verachtungswerth Unbescheidenheit und Dünkel sind, +so unmännlich ist zu weit getriebene Schüchternheit. Der Edle soll +seinen Werth fühlen, und eben so wenig ungerecht gegen sich, als gegen +Andre seyn. Uebertriebnes Lob und zu weit ausgedehnter Vorzug aber +beleidigen den Bescheidnen. Er müsse weniger aus Deinen Worten, als aus +Deinen ungekünstelten, wahre Zuneigung verrathenden Handlungen, Deine +Hochachtung gegen ihn erkennen! + + + 21. + +~Unvorsichtigen~ und ~plauderhaften~ Leuten darf man natürlicher Weise +keine Geheimnisse anvertrauen. Besser wäre es, man hätte überhaupt +keine Geheimnisse in der Welt, könnte immer frei und offen handeln, und +alles, was im Herzen vorgeht, vor jedermann sehen lassen; besser wäre +es, man dächte und redete nichts, als was man laut denken und reden +darf. Da dieß indessen, besonders bei Männern, die in öffentlichen +Aemtern stehen, oder sonst fremde Geheimnisse zu verwahren haben, nicht +möglich ist: so muß man freilich vorsichtig in der Mittheilung dessen +seyn, was nicht Jeder wissen darf. + +Man findet Menschen, denen es schlechterdings unmöglich ist, irgend +etwas zu verschweigen. Man sieht es ihnen an, wenn sie ängstlich +umherlaufen, daß sie etwas Neues bei sich tragen, und daß sie große +Herzensangst leiden, bis sie einem andern Plaudrer ihre Nachricht heiß +mitgetheilt haben. Andern fehlt es zwar nicht an dem guten Willen zu +schweigen, wohl aber an der Klugheit, sich nicht durch Winke, Blicke, +oder auf andre Art zu verrathen; oder an der Festigkeit, sich nicht +ausfragen zu lassen; oder sie haben eine zu gute Meinung von der +Ehrlichkeit und Verschwiegenheit derer, welchen sie sich anvertrauen. +-- Gegen alle diese muß man behutsam, und selbst verschlossen seyn. + +Es kann auch zuweilen nicht schaden, wenn man plauderhafte Leute +bei der ersten Gelegenheit, da sie etwas über uns geschwatzt haben, +dergestalt in Furcht setzt, daß sie es nicht wagen dürfen, hinter +unserm Rücken auch nur einmal unsern Namen zu nennen, es sey im +Guten oder Bösen. Die eigentlichen bekannten Zeitungsträger aber, +deren es fast in jeder Stadt einige gibt, kann man nützen, wenn man +ein unschuldiges Mährchen im Publiko ausgebreitet wissen will, das +den Leuten etwas zu reden geben, oder sie zu ihrem Besten auf etwas +aufmerksam machen soll. Nur muß man dann nicht verfehlen, sie um +Verheimlichung der Sache zu bitten, sonst halten sie es vielleicht der +Mühe nicht werth, dieselbe auszuplaudern. + +~Vorwitzige~ und ~neugierige~ Menschen kann man nach den Umständen +entweder auf ernsthafte oder spaßhafte Manier behandeln. Im erstern +Falle muß man, sobald man merkt, daß sie sich im mindesten um unsere +Angelegenheiten bekümmern, uns belauschen, behorchen, sich in unsere +Geschäfte mischen, unsern Schritten nachspüren, oder unsre Plane und +Handlungen ausspähen wollen, sich gegen sie mündlich, schriftlich oder +thätig, so kräftig erklären, sie auf eine solche Weise zurückschrecken, +daß ihnen die Lust vergehe, auch nur von Weitem sich an uns zu wagen. +Will man aber seinen Spaß mit ihnen haben, so kann man ihrer Neugier +ohne Unterlaß so viel zu schaffen machen, daß sie über die Kindereien, +worauf man ihre Aufmerksamkeit lenkt, keine Muße behalten, sich +um diejenigen Dinge zu bekümmern, welche wir ihrer Beobachtung zu +entziehen wünschen. + +~Zerstreute~ und ~vergessene~ Leute taugen nicht zu Geschäften, wo es +auf Pünktlichkeit ankömmt. Jungen Personen kann man diese Fehler wohl +zu gute halten, und durch eine verständige Behandlung zuweilen noch +abgewöhnen, so, daß sie ihre Gedanken bei einander halten. Manche, die +aus zu großer Lebhaftigkeit des Temperaments leicht alles vergessen, +und nie da zu Hause sind, wo sie seyn sollten, kommen von dieser +Schwachheit zurück, wenn sie älter, kühler und sittsamer werden. Andre +affectiren, zerstreut zu seyn, weil sie glauben, das sähe vornehm oder +gelehrt aus; über solche Thoren aber soll man nur die Achseln zucken, +und sich wohl hüten, ihre Zerstreutheit geistvoll oder artig zu finden. +Es gilt von ihnen, was über diejenigen gesagt worden ist, welche sich +körperlich krank stellen, um Interesse zu erwecken. Wessen Gedächtniß +aber wirklich schwach, und nicht etwa durch Uebung nach und nach zu +stärken ist, dem rathe man, sich alles schriftlich aufzuzeichnen, was +er behalten will, und diesen Zettel täglich oder wöchentlich einmal +durchzulesen; denn es ist wahrlich nichts verdrießlicher, als wenn uns +jemand verspricht, ein Geschäft zu besorgen, an welchem uns gelegen +ist, und uns hernach, wenn wir uns auf sein Wort verlassen, mit der +Versicherung überrascht, daß er es rein vergessen habe. + +Sehr zerstreueten Leuten muß man es übrigens so hoch nicht anrechnen, +wenn sie gegen uns zuweilen in Aufmerksamkeit, Höflichkeit, oder +was man sonst im geselligen und freundschaftlichen Umgange fordert, +unvorsätzlich fehlen. + + + 22. + +Es gibt eine Art Menschen, die man ~wunderliche~ (+difficiles+) ~Leute~ +nennt. Sie sind nicht bösartig, sind nicht immer zänkisch und mürrisch; +aber man kann ihnen doch nicht leicht etwas ganz recht machen. Sie +haben sich, zum Beispiel, an eine pedantische Ordnung gewöhnt, deren +Regel nicht Jeder, so wie sie, im Kopfe hat; und da kann es denn leicht +kommen, daß man einen Stuhl in ihrem Zimmer anders hinstellt, als sie +es gern sehen (wenn dieß übrigens aus wahrem Ordnungsgeiste herrührt, +so habe ich an der Sache selbst nichts auszusetzen); oder sie hängen +gewissen Vorurtheilen an, denen man sich unterwerfen muß, wenn man +in ihren Augen Werth haben will; zum Beispiel: in Kleidertrachten, in +der Art laut oder leise zu reden, groß oder klein zu schreiben und +dergleichen. Man sollte wohl sagen, daß ein vernünftiger Mann über +solche Kleinigkeiten hinausgehen müßte; unterdessen trifft man doch +Männer an, die über andere Gegenstände sehr verständig und billig +denken, nur in solchen Punkten nicht; und was wichtiger als das ist, an +dieser Männer Gunst kann uns vielleicht sehr viel gelegen seyn. Wenn +dies Letztere nun der Fall ist, so rathe ich, in Dingen von geringem +Belange, die mit einiger Aufmerksamkeit so leicht zu befolgen sind, +sich ihnen gefällig zu zeigen. Andre aber, mit denen wir weiter in +keinem Verhältniß stehen, lasse man, in so fern sie übrigens brave +Männer sind, bei ihrer Weise, und vergesse nicht, daß wir Alle unsre +Schwachheiten haben, die man brüderlich ertragen muß! + +Leute, die etwas darin suchen, sich durch ihr Betragen in +unwesentlichen Dingen von Andern zu unterscheiden (nicht eigentlich aus +Ueberzeugung, daß es besser so sey, als anders, sondern hauptsächlich +darum, weil sie etwas darein setzen, das zu thun, was Andre nicht +thun), solche Leute nennt man ~Sonderlinge~. Sie sehen es gern, wenn +man ihre Weise bemerkt; und ein verständiger Mann muß in seinem +Betragen gegen sie wohl überlegen, ob ihr Eigensinn von unschädlicher +Art ist, und ob sie Männer sind, die in irgend einer Rücksicht Schonung +verdienen, um darnach im Umgange mit ihnen zu verfahren, wie es +Vernunft und Duldung fordern. + +Was endlich Leute betrifft, die von ~Launen~ regiert werden, so daß +man ihnen heute der willkommenste Gast, morgen der überlästigste +Gesellschafter ist, so rathe ich, -- vorausgesetzt, daß diese Launen +nicht ihren Grund in geheimen Leiden haben (denn wenn das ist, so habe +Mitleiden!) -- gar nicht zu thun, als bemerkte man solche Ebben und +Fluthen, sondern auf immer gleich-vorsichtigem Fuße mit ihnen umzugehen. + + + 23. + +~Einfältige Menschen~, die ihre Schwäche fühlen, und sich daher willig +von vernünftigen Menschen leiten lassen, auch bei ihrem natürlich +gutmüthigen, wohlwollenden, sanften Temperamente zwar leicht zum Guten, +aber schwer zum Bösen zu bewegen sind, soll man nicht verachten. Es +können nicht alle Menschen hohen, erhabnen Geistes-Schwung haben; +und die Welt würde auch sehr übel dabei fahren, wenn es also wäre. Es +müssen mehr subalterne, als Herrscher-Genies unter den Erdensöhnen +seyn, wenn nicht Alle in ewiger Fehde mit einander leben sollen. Daß +ein höherer Grad von Tugend, daß Kraft, Muth, Festigkeit, oder feine +Beurtheilungskraft, nicht mit Schwäche des Geistes bestehen könne, +ist freilich gewiß; allein das gehört ja nicht hieher. Wenn im Ganzen +nur das Gute geschieht, und die dummen Menschen zu diesem Guten sich +die Hände führen lassen; so füllen sie ihren Platz nützlicher aus, +als die überschwenglichen Genies, die Feuerköpfe, mit ihrem sich +durchkreuzenden unaufhörlichen Wirken und Streben. + +Unerträglich hingegen ist die Prüfung, wenn man es mit einem +Stockfische zu thun hat, der sich für einen Halbgott hält, mit einem +eiteln, eigensinnigen, mißtrauischen Pinsel, mit einem verzogenen, +verzärtelten, vornehmen Herrn, der Länder und Völker zu regieren hat, +und leider alles selbst regieren will. Doch soll an seinem Orte gezeigt +werden, wie man mit dieser Art Menschen umgehen müsse. + +Eine gewisse Gattung gutmüthiger, aber schwacher und plumper Menschen, +ist, selbst in der Jugend, schwer zu verfeinern. Die Sprache der Ironie +verstehen sie nicht. Ist sie zu fein, so nehmen sie es für baares Geld. +Ein ernsthafter Ton greift auch nicht ein, oder beleidigt sie. Warme, +gefühlvolle Ermahnungen bleiben gänzlich ohne Wirkung. + +Allein man thut oft gewissen Menschen großes Unrecht, welche durchaus +unfähig sind, sich zu äussern, entweder weil sie der Sprache nicht +mächtig werden, oder sich von einer ihnen durch Erziehung angebildeten +Schüchternheit nicht losmachen können, indem man sie für schwach, +dumm, gefühllos oder unwissend hält, da sie es doch keinesweges sind, +sondern nur so scheinen. Nicht Jeder hat die Gabe, seine Gedanken und +Empfindungen an den Tag zu legen, oder er thut es wenigstens nicht auf +die Weise, welche uns die rechte scheint; er hat etwas Zurückstoßendes +in seinem äusseren Wesen, er verstößt alle Augenblicke gegen die +feinere Sitte, oder gegen den Gesellschaftston, an welchen wir uns +gewöhnt haben. Er will nicht nach seinen ~Worten~, sondern nach seinem +~Thun~ gerichtet seyn, und auch sein Thun ist von der Art, daß man +ungerecht über ihn urtheilen würde, wenn man nicht Rücksicht nehmen +wollte auf seine Erziehung, seine Lage und auf die Gelegenheit, die er +gehabt, oder die ihm gefehlet hat, sich auszuzeichnen. Man überlegt +selten, daß ~der~ Mensch schon sehr viel Werth hat, der in der Welt +nur nichts Böses thut, und daß die Summe dieses negativen Guten zur +Wohlfahrt des Ganzen oft mehr beiträgt, als der lange Lebenslauf eines +thätigen Mannes, dessen heftige Leidenschaften in unaufhörlichem Kampfe +mit seinen großen, edlen Zwecken stehen. Und dann sind Gelehrsamkeit, +Kultur und gesunde Vernunft wieder sehr verschiedne Dinge. Es herrscht +unter Menschen von einer sogenannten feineren Erziehung und Bildung so +viel Convention, daß es schwer ist, Stoff und Gepräge zu unterscheiden, +und wir verwechseln nur gar zu leicht die Grundsätze, welche auf +diesem Uebereinkommen beruhen, mit den unwandelbaren Vorschriften der +reinen Weisheit. Wir sind nun einmal gewöhnt, nach jenem Richtmaße +des Herkommens zu urtheilen und zu denken, oder vielmehr Worte ganz +unbefangen zu gebrauchen und nachzusprechen, deren zweideutigen +Sinn wir Mühe haben würden, einem ganz rohen Wilden zu erklären; +und so halten wir denn Denjenigen für einen Geistesarmen, für einen +einfältigen Tropf, der das Wörterbuch der Höflichkeitssprache nicht +auswendig weiß, und daher redet, weß das Herz voll ist, also ganz +ungeschmückt und unumwunden, aber dabei ganz im Geiste des gesunden +Menschenverstandes. Daher wird man nicht selten durch die Urtheile +gemeiner Leute, die freilich dem sogenannten Kenner sehr abgeschmackt +vorkommen würden, sehr angenehm überrascht, und aus dem Zauber einer +falschen, erzwungenen Täuschung gerissen, so daß auf einmal auch in +uns der Sinn für wahre, ächte Natur wieder erwacht! Wie oft habe ich +im Schauspielhause erst das nüchterne Urtheil der Gallerie erwartet; +habe erwartet, was für Eindruck eine Scene auf das unbestochene Volk, +das wir Pöbel nennen, machen, -- habe erwartet, ob ein rührender +Auftritt allgemeine Stille, oder lautes Gelächter verbreiten würde, um +mich zu bestimmen in meinem Urtheil, wie treu der Schriftsteller und +Schauspieler die Natur kopiert, oder ob er sie verfehlt oder erreicht +habe. Auf den Gebildeten wirkt die Illusion, weil er von Jugend auf +in einer Welt voll Täuschungen wandelte; jene aber leben und weben in +der Natur und im Reiche der ungeschmückten Wahrheit. Groß ist der +Künstler, der durch das Spiel seiner Phantasie, durch seine, die Natur +auf's treueste nachahmende Darstellung, auch unkultivirte Menschen +vergessen machen kann, daß sie getäuscht werden. Groß ist ferner der +Mann, der den Sinn für ungeschminkte Wahrheit nicht in dem Meere von +Neben-Ideen, Vorurtheilen und Conventionen ersäuft hat. Aber wie selten +trifft man Kunst und Wahrheits-Sinn, Kultur und Einfalt, im schönen +Einklange an! -- Lasset uns also Den nicht verachten, der den bessern +Theil auf Kosten des schlechtern gerettet hat, und lasset uns ihn ja +nicht aufklären, sondern lieber bei solchen Einfältigen in die Schule +gehn! + +~Gutmüthige~, und dabei ~schwache~ Menschen sind fast als Unmündige +zu betrachten, welche der Vormundschaft aller Verständigen und Guten +übergeben sind. Man soll ihnen nicht den Beistand versagen, den sie +unaufhörlich bedürfen, -- soll, wenn man kann, edle Freunde um sie her +zu versammeln suchen, von denen sie nicht gemißbraucht, sondern zu +Handlungen bestimmt und gelenkt werden, die eines wohlwollenden Herzens +würdig sind. Es gibt Personen, die nichts abschlagen können, wenigstens +nicht mündlich; und da geschieht es dann, daß, um niemand zu kränken, +oder damit man nicht glaube, daß es ihnen an gutem Willen fehle, sie +mehr versprechen, als sie leisten können; mehr hingeben, mehr Arbeit +für Andre übernehmen, als sie vernünftiger Weise thun sollten. Andre +sind so ~leichtgläubig~, daß sie Jedem trauen, sich Jedem hingeben und +aufopfern, Jeden für einen treuen Freund halten, der die Aussenseite +des ehrlichen, menschenliebenden Mannes trägt. Noch Andre sind nicht im +Stande, für sich etwas zu erbitten, sollten sie auch darüber nichts in +der Welt von demjenigen erlangen, worauf sie die billigsten Ansprüche +machen dürfen. Ich brauche wohl nicht zu sagen, wie sehr alle diese +Schwachen gemißhandelt oder wenigstens vernachlässigt werden; wie man +auf die Gutherzigkeit und Dienstfertigkeit der Erstern losstürmt, und +wie den Andern die Unverschämtheit alles vor dem Munde wegnimmt, weil +sie nicht den Muth haben, zuzugreifen oder ihre Ansprüche geltend zu +machen. Mißbrauche keines Menschen Schwäche! Erschleiche von Keinem +Vortheile, Geschenke, Verwendung von Kräften, die Du nicht nach den +Regeln der strengsten Gerechtigkeit, ohne ihm Verlegenheit und Last +aufzuladen, von ihm fordern darfst; suche auch zu verhindern, daß +Andre dergleichen thun; mache dem ~Blöden~ Muth! Verwende Dich, rede +für ihn, wenn seine Schüchternheit ihn abhält, sein eigener Fürsprecher +zu seyn! + +Manche Leute haben die Schwachheit, mit ganzer Seele ~gewissen +Liebhabereien nachzuhängen~. Sey es nun irgend eine noble Passion: +Jagd, Pferde, Hunde, Katzen, Tanz, Musik, Malerei, oder die Wuth, +Kupferstiche, Naturalien, Schmetterlinge, Petschafte, Pfeifenköpfe +und dergleichen zu sammeln, oder Bau-Geist, Garten-Anlage, +Kinder-Erziehung, Mäcenatenschaft, physikalische Versuche -- oder +was für ein Steckenpferd sie auch reiten: so dreht sich doch der +ganze Kreis ihrer Gedanken immer um diesen Punkt herum; sie reden von +keiner Sache so gern, wie von diesem ihrem Lieblings-Gegenstande; +jedes Gespräch wissen sie dahin zu lenken. Sie vergessen dann, daß der +Mann, welchen sie vor sich haben, vielleicht von keinem Dinge in der +Welt weniger versteht, als von diesem, verlangen aber auch dagegen +nicht gerade, daß er mit großer Kenntniß davon rede, wenn er nur die +Geduld hat, ihnen zuzuhören; wenn er ihre Herrlichkeiten nur mit +Aufmerksamkeit betrachtet, nur bewundert, was sie ihm als die größte +Seltenheit empfehlen, und Interesse daran zu nehmen scheint. Nun, wer +wird denn wohl so hartherzig seyn, diese kleine Freude einem Manne, der +übrigens redlich und verständig ist, zu versagen oder zu verkümmern! +Vorzüglich empfehle ich Aufmerksamkeit auf die -- doch wie sich's +versteht, unschuldigen -- Liebhabereien der Großen, an deren Gunst +uns gelegen ist; denn, wie Tristram Shandy anmerkt, so wird ein Hieb, +welchen man dem Steckenpferde gibt, schmerzlicher empfunden, als ein +Schlag, den der Reiter selbst empfängt. + + + 24. + +Mit ~muntern~, ~aufgeweckten Leuten~, die von ächtem Humor beseelt +werden, ist leicht und angenehm umzugehen. Ich sage: sie müssen von +~ächtem~ Humor beseelt werden; die Fröhlichkeit muß aus dem Herzen +kommen, muß nicht erzwungen, muß nicht eitle Spaßmacherei, nicht +Haschen nach Witz seyn. Wer noch von ganzem Herzen lachen, sich den +Aufwallungen einer lebhaften Freude überlassen kann: der ist kein +ganz böser Mensch. Tücke und Bosheit machen zerstreut, ernsthaft, +nachdenkend, verschlossen; +mais un homme, qui rit, ne sera jamais +dangereux+. Daraus folgt indessen nicht, daß Jeder, der nicht von +fröhlicher Gemüthsart ist, und in der Gesellschaft einsylbig und +zurückhaltend an dem Gespräche Theil nimmt, deswegen etwas Böses im +Schilde führen sollte. Die Stimmung des Gemüths hängt vom Temperamente, +so wie von der Gesundheit und von innern und äussern Verhältnissen +ab. Aechte muntre Laune aber pflegt ansteckend zu seyn, und diese +Epidemie hat etwas so Wohlthätiges; es ist ein so wahres Seelen-Glück, +einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen zu dürfen, daß ich +dringend anrathe, sich zur Munterkeit anzufeuern, oder anfeuern zu +lassen, und wenigstens ein Paar Stunden in der Woche auf diese Weise +der gesitteten Fröhlichkeit zu widmen. + +Allein es ist schwer, in lustiger Stimmung, und wenn man dem Witze +den Zügel schießen läßt, nicht in einen ~satyrischen~ Ton zu fallen. +Was gibt uns reichern Stoff zum Lachen, als das unzählige Heer von +Thorheiten der Menschen? Und diese Thorheiten treten am lebhaftesten +vor unsre Augen, wenn wir uns die Originale dazu denken, in welchen sie +wohnen. Lachen wir nun über die Narrheit, so ist es fast unvermeidlich, +auch über den Narren mit zu lachen, und da kann dann dies Lachen sehr +ernsthafte, verdrießliche Folgen haben. Wenn ferner unsre Spöttereien +Beifall finden, so werden wir verleitet, unsern Witz immer feiner +zuzuspitzen, und Andre, denen es ausserdem vielleicht an Stoff zu +munterer Unterhaltung fehlen würde, schärfen, durch unser Beispiel +verführt, ihre Aufmerksamkeit auf die Mängel ihrer Nebenmenschen: +und wohin das führen, welche böse Folgen es haben, und wie leicht es +Streit erregen, das Vergnügen zerstören, Feindschaft erwecken könne, +das ist theils bekannt genug, theils habe ich darüber schon etwas im +ersten Kapitel gesagt. Ich halte es daher für Pflicht, im Umgange mit +sehr satyrischen Leuten auf seiner Hut zu seyn. Nicht, daß man sich +persönlich vor ihrer spitzen Zunge oder Feder fürchten müßte, denn +das zeigt wirklich den höchsten Grad von innerm Bewußtseyn eigener +Erbärmlichkeit an; sondern daß man nicht durch sie verführt werde, mit +zu lästern; daß man sich und Andern dadurch nicht schade, und daß der +Geist der Duldung nicht von uns weiche. Man bezeige daher satyrischen +Leuten keinen zu lauten Beifall, bestärke sie nicht in der Gewohnheit, +ihren Witz auf andrer Menschen Unkosten spielen zu lassen, und lache +nicht mit, wenn sie lästern und schmähen. + +Ich sage: man hat gar nicht Ursache, satyrische Leute eigentlich zu +fürchten; denn sind sie übrigens edle Männer, so werden sie, wenn +sie auch über Thorheiten lachen und spotten, doch den Charakter des +redlichen Mannes schonen. Sind sie aber boshafte Spötter, so werden sie +sich mehr, als Andern, schaden. -- An den Mann von Würde wagt sich denn +auch nicht leicht ein Solcher, wenigstens nicht zum zweiten Mal. + + + 25. + +~Trunkenbolde~, grobe ~Wollüstlinge~ und alle andre Arten von +~lasterhaften Menschen~ soll man freilich fliehn, und ihren Umgang, +wenn man kann, vermeiden; ist dieß aber durchaus unmöglich, so bedarf +es wohl keiner Erinnerung, daß man sich hüten müsse, von ihnen +angesteckt, verblendet oder verführt zu werden. Allein das ist nicht +genug. Es ist Pflicht, ihren Ausschweifungen, möchten sie solche auch +in das gefälligste Gewand hüllen, nicht nachzusehen, sie nicht zu +entschuldigen, sondern vielmehr, wo es mit Klugheit geschehen kann, +einen erklärten Abscheu dagegen zu zeigen; es ist Pflicht, und recht +heilige Pflicht, an unzüchtigen, schmutzigen Gesprächen niemals, +und auf keinerlei Art beifälligen Antheil zu nehmen. Man sieht in +der großen Welt die sogenannten +agréables débauchés+ mehrentheils +die glänzendste Rolle spielen, und in manchen, besonders männlichen +Cirkeln, die Unterhaltung auf Zoten und Zweideutigkeiten hinausgehen, +wodurch die Phantasie junger Leute erhitzt, mit schlüpfrigen Bildern +erfüllt, und die schamloseste Unsittlichkeit weiter ausgebreitet +wird. Zu diesem allgemeinen Verderbnisse der Sitten, zur Verspottung, +vielleicht gar zur Verachtung der Keuschheit, Nüchternheit, Mäßigkeit +und Schamhaftigkeit, darf kein redlicher Mann auch nur das Mindeste +beitragen. Er muß vielmehr, so viel an ihm ist, ohne Ansehn der Person, +sein Mißfallen daran bestimmt zu erkennen geben, und, wenn er es +vergebens versucht hat, Menschen, die auf dem Wege des Lasters wandeln, +durch freundschaftliche Warnung und Hinlenkung ihrer Thätigkeit auf +würdigere Gegenstände, zu bessern, ihnen wenigstens zeigen, daß er den +Sinn für Reinigkeit und Tugend nicht verloren habe, und daß in seiner +Gegenwart die Unschuld respektirt werden müsse. + + + 26. + +Einen ganz eignen Abschnitt verdienen die ~Enthusiasten~, +~überspannten~, ~romanhaften Menschen~, ~Kraft-Genies~ und +~excentrischen Leute~. Sie leben und weben in einer Atmosphäre von +Phantasien, wie ein Fisch im nassen Elemente, und sind geschworne +Feinde der kalten Ueberlegung. Mode-Lectüre, Romane, Schauspiele, +geheime Verbindungen, Mangel an gründlichen wissenschaftlichen +Kenntnissen, und Müßiggang, stimmen einen großen Theil unsrer heutigen +Jugend auf diesen Ton; man trifft aber auch Schwärmer mit grauen +Köpfen an. Sie streben ohne Unterlaß nach dem Ausserordentlichen und +Uebernatürlichen; verachten das nahe liegende Gute, um nach fernen +Erscheinungen zu greifen; versäumen das Nöthige und Nützliche, um Plane +für das Entbehrliche zu machen; legen die Hände in den Schooß, wo es +Pflicht wäre, zu wirken, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts +angehen; reformiren die Welt, und vernachlässigen ihre häuslichen +Geschäfte; finden das Wichtigste zu klein, und das Abgeschmackteste +erhaben; haben eine entschiedene Abneigung gegen alles Deutliche, +Verständige und Klare, und predigen das Unbegreifliche. Vergebens +stellst Du ihnen die Gründe der gesunden Vernunft entgegen, und +bittest sie, zu prüfen; sie werden Dich als einen gemeinen Menschen, +ohne Gefühl, ohne Sinn für das Große, verachten, Mitleiden mit Deiner +Weisheit zeigen, und sich lieber an ein Paar andre Narren von ähnlichem +Schwunge anschließen, die in ihren Unsinn einstimmen. Ist Dir's also +darum zu thun, einen solchen Schwärmer zu überzeugen, oder auch nur +einen wirksamen Einfluß auf ihn zu erhalten: so müssen Deine Gespräche +warm und feurig seyn, und Du mußt mit eben so viel Enthusiasmus der +gesunden Vernunft das Wort reden, womit er die Sache seiner Thorheit +verficht. Selten aber richtet man überhaupt etwas mit solchen Menschen +aus, und es ist am besten gethan, der Zeit ihre Heilung zu überlassen. +Indessen steckt zum Unglücke Schwärmerei an, wie der Schnupfen. Wer +daher eine sehr lebhafte Einbildungskraft hat, und nicht ganz sicher +von der Herrschaft seines Verstandes über dieselbe ist, dem rathe +ich, im Umgange mit Enthusiasten jeder Gattung auf seiner Hut zu +seyn. Unsere Zeit hat ein unglückseliges Wohlgefallen an religiöser, +theosophischer und mystischer Schwärmerei, und bringt Manches zu Ehren, +was zum Heil der Welt eine bessere Zeit verlacht und in den Staub +geworfen hatte. So hört man z. B. jetzt einen ~Jakob Böhme~ rühmen +und preisen, und alle die alten Kirchengesänge, welche in jeder Zeile +eine Sünde gegen den guten Geschmack und gegen das gesunde Gefühl +begehen, als Meisterstücke der Dichtkunst laut erheben, hört junge +Mädchen, schon lange vor ~der~ Periode, in welcher sie von Rechtswegen +in die Reihe der Betschwestern treten dürfen, gar andächtig singen, +was sie bei gesundem Urtheil und Gefühl zum Lächeln reizen müßte, +und dergleichen Erscheinungen mehr, welche beweisen, wie behaglich +es dem Menschen in seiner Schwachheit ist, von einem Extrem auf das +andere überzuspringen. Ich mag nicht entscheiden, welche von diesen +Gattungen der Schwärmerei die gefährlichste ist, halte aber doch dafür, +diejenigen, welche auf politische, halbphantastische, halbjesuitische +Plane und auf Welt-Reformation hinausgehen, gehören wohl wenigstens +nicht zu den unschädlichsten Donquixoterien; ich glaube dieß um +so fester, da gerade diese Art von Schwärmer-Systemen am mehrsten +Verwirrung im Staate anrichten kann, und die blendendste Aussenseite +zu haben pflegt, statt daß die übrigen bald Langeweile machen, und nur +schiefe und mittelmäßige Köpfe anhaltend beschäftigen. Man gewöhne +sich daher, im Umgange mit den Aposteln solcher Systeme, die jedem +Biedermanne sonst so theuren Ausdrücke: Glück der Welt, Freiheit, +Gleichheit, Rechte der Menschheit, Religiosität, Christenthum, Glaube +und dergleichen, für nichts anders, als für Lockspeise, oder höchstens +für gutgemeinte leere Worte zu nehmen, mit denen diese Leute spielen, +wie die Schulknaben mit den oratorischen Figuren und Tropen, welche sie +in ihren magern Exercitien anbringen müssen. + +Kraft-Genies und excentrische Leute lasse man laufen, so lange sie sich +noch nicht gänzlich zum Einsperren qualificiren. Die Erde ist so groß, +daß eine Menge Narren neben einander Platz darauf hat. + + + 27. + +Jetzt noch ein Wort von ~Andächtlern~, ~Frömmlern~, ~Heuchlern~ und +~abergläubischen Leuten~, welche mit den eben beschriebenen nur darin +Eine Klasse ausmachen, daß sie eine Freude an der Uebertreibung, und +eine Scheu vor dem Vernünftigen haben. + +Wem es mit seinen Empfindungen für die Religion, mit seiner Wärme +für Gottes-Liebe, Gottes-Furcht und Gottes-Verehrung, und mit seiner +Anhänglichkeit an die gottesdienstlichen Gebräuche der Kirche, zu +welcher er sich in seinem Herzen bekennt, ein aufrichtiger Ernst ist: +der hat die gegründetsten Ansprüche auf unsre Achtung. Sollte er auch +das Wesen der Religion, mehr als wir für gut halten, in bloßes Gefühl, +ohne allen Gebrauch seiner ihm von Gott verliehenen Leiterin, der +Vernunft, setzen: -- sollte auch, unsrer Meinung nach, eine erhitzte +Phantasie sich in seine religiöse Empfindungen mischen: -- sollte er +auch eine zu große Anhänglichkeit für gewisse Ceremonien, Gebräuche +und Systeme haben: so verdient er, wenn er übrigens ein redlicher +Mann, ein praktischer Christ ist, Duldung, Schonung und Bruderliebe. +Allein um desto verachtungswürdiger ist ein Heuchler und Kopfhänger, +ein gleisnerischer Bösewicht, der hinter der Larve der Heiligkeit, +Sanftmuth und Religiosität den wollüstigen Verführer, den tückischen +Verläumder, Aufrührer, Anhetzer, rachgierigen Bösewicht, oder den +fanatischen Verfolger versteckt. Beide Arten von Leuten sind aber nicht +schwer zu unterscheiden. Der fromme Edle ist gerade, offen, still und +heiter, nicht übertrieben höflich, nicht übertrieben zuvorkommend, noch +übertrieben demüthig, aber liebevoll, einfach und zutraulich in seinem +Betragen. Er ist nachsichtig, milde und duldend, redet auch nicht +viel, ausser mit vertrauten Freunden, über religiöse Gegenstände; der +Heuchler hingegen pflegt süß, kriechend, schmeichelnd, immer auf seiner +Hut, ein Sclave der Großen, ein Anhänger der herrschenden Parthei, ein +Freund der Glücklichen, nie ein Vertheidiger der Verlassenen zu seyn. +Er führt Rechtschaffenheit und Religion ohne Unterlaß im Munde, gibt +seine reichen Almosen, und erfüllt seine christlichen Liebespflichten +mit Geräusch und Aufsehen, tobt und schäumt über den Gottlosen und +Lasterhaften, oder entschuldigt fremde Fehler auf solche Weise, daß sie +dadurch tausendfältig vergrößert scheinen. Hüte Dich, diesem auf irgend +eine Weise in die Hände zu fallen; fliehe ihn; tritt ihm nicht auf den +Fuß; beleidige ihn nicht, wenn Dir Deine Ruhe lieb ist! + +Abergläubische Leute, die Ammen-Mährchen, Gespenster-Histörchen und +dergleichen lieben, und mit großer Ernsthaftigkeit erzählen, sind +nicht durch Gründe der Philosophie und durch vernünftige Vorstellungen +und Zweifel von ihrem Wahne zu befreien, am wenigsten aber durch +Declamationen, Verspottung und Ereiferung. Es ist da kein anderes +Mittel, als, ihnen nicht eher zu widersprechen, bis man zugleich eine +einzelne Thatsache strenge und kaltblütig untersuchen, und sie mit +eignen Augen von dem Betruge oder Ungrunde überzeugen kann, obgleich +es wahrlich unbillig ist, daß man Dem, welcher eine übernatürliche +Erscheinung behauptet, den Beweis erläßt, und ihn Demjenigen auflegt, +der die Rechte der Vernunft vertheidigt. + + + 28. + +Nicht toleranter, als die Frömmler, pflegen ihre Gegenfüßler, +die ~Deisten~, ~Freigeister~ und ~Religionsspötter~ von gemeiner +Art zu seyn. Ein Mann, der unglücklich genug ist, sich von der +Wahrheit, Heiligkeit und Nothwendigkeit der christlichen Religion +nicht überzeugen zu können, verdient Mitleiden, weil er einen sehr +wesentlichen Vorzug, einen kräftigen Trost im Leben und Sterben +entbehrt; er verdient mehr, als Mitleiden, er verdient Liebe und +Achtung, wenn er dabei seine Pflichten als Mensch und Bürger, so viel +an ihm ist, treulich erfüllt, und niemand in seinem Glauben irre macht. +Wenn aber die Religionsspötterei in einem lasterhaften Herzen, in der +Sucht, durch Witz und Scharfsinn zu glänzen, und in einem wahnsinnigen +Dünkel eigener Weisheit und Untrüglichkeit ihre Quelle hat, und darauf +ausgeht, Proselyten zu machen, wenn sie öffentlich mit schaalem Witze, +oder nachgebeteten voltairischen Floskeln, der Lehren spottet, auf +welche andre Menschen ihre einzige Hoffnung, ihre zeitliche und ewige +Glückseligkeit bauen; wenn der Religionsverächter verachtet, verleumdet +und schimpft, und Jeden einen Heuchler oder heimlichen Jesuiten schilt, +der nicht wie ~er~ denkt: so ist ein solcher bösartiger Thor unsrer +Verachtung werth, ist werth, daß man ihm diese Verachtung zeige, wäre +er auch ein noch so vornehmer Mann; und wenn man es für vergebliche +Mühe hält, seinem Gewäsche ernsthafte Gründe entgegenzusetzen: so +bringe man ihn wenigstens durch ernsthafte Bekämpfung zum Schweigen! + + + 29. + +Ueber die Art, wie man ~schwermüthige~, ~tolle~ und ~rasende Menschen~ +behandeln müsse, sollte billig ein philosophischer Arzt ein eignes +Werk schreiben. Dieser Mann müßte Leute von der Art in und ausser den +Hospitälern aufsuchen, dieselben genau und in verschiednen Jahrszeiten +und Mondsveränderungen beobachten, und aus den Resultaten dieser +Untersuchungen ein ganzes System ausarbeiten. Mir fehlt es an der Menge +von Thatsachen, so wie an medicinischen Kenntnissen dazu, und hier +würde eine weitläuftige Abhandlung über diesen Gegenstand auch zu viel +Raum wegnehmen, da ich schon so manches Blatt mit Bemerkungen über den +Umgang mit ~nicht eingesperrten Narren~ angefüllet habe. Also nur noch +wenig Zeilen darüber! + +Der wichtigste Punkt scheint bei solchen Kranken anfangs ~der~ zu seyn, +daß man die erste Quelle ihres Uebels aufsuche, daß man ausmittle, +ob und wie dieselben, entweder durch Zerrüttung einzelner Organe, +oder durch Gemüthsleiden, heftige Leidenschaften, oder Unglücksfälle, +entstanden seyn. Zu diesem Endzwecke muß man Acht geben, womit sich +ihre Phantasie in den Augenblicken der Raserei oder Verwirrung, und +ausser denselben, beschäftige, worüber ihre Einbildungskraft brüte. +Da würde sich's denn zeigen, daß man, um diese Unglücklichen nach und +nach zu heilen, mehrentheils nur auf einen einzigen Punkt zu wirken, +in ihnen auf vorsichtige Weise nur eine einzige herrschende Grille zu +zerstören oder zu modificiren brauchte. Ferner würde es wichtig seyn, +darauf Acht zu geben, welche Art von Wetter-Veränderung, Jahreszeit +und Monds-Wandlung Einfluß auf ihre Krankheit habe, um die glücklichen +Augenblicke zur Behandlung und Leitung zu nützen. Endlich habe ich +bemerkt, daß das Einsperren, und jede harte Verfahrungsart fast immer +das Uebel ärger macht. Ich muß bei dieser Gelegenheit mit wahrem, +aufrichtigem Lobe der Einrichtung Erwähnung thun, welche im Irrenhause +in Frankfurt am Mayn herrscht, und welche ich vielfältig zu beobachten +Gelegenheit gefunden habe. Man läßt dort die Wahnsinnigen, wenn es nur +irgend ohne Gefahr geschehen kann, wenigstens in ~den~ Jahrszeiten, von +welchen man weiß, daß alsdann ihre Tollheit weniger heftig ist, unter +unmerklicher Beobachtung frei im Hause und Garten herumgehen; und der +Zuchtmeister verfährt so sanft und liebreich mit ihnen, daß viele +derselben nach einigen Jahren völlig geheilt wieder herauskommen, und +eine größere Anzahl höchstens nur melancholisch bleibt, und allerlei +Handarbeiten zu verrichten im Stande ist, indeß diese Menschen in +manchen andern Hospitälern durch Einsperren und Härte vielleicht im +höchsten Grade wüthend geworden seyn würden. + +Man kann aber auch schwache Menschen stufenweise um ihren Verstand +bringen, wenn man eine heftige Leidenschaft, von welcher sie regiert +werden, sey es Liebe, Hochmuth oder Eitelkeit, nährt, reizt und dann +wieder kränkt. Zwei solcher elenden Geschöpfe erinnere ich mich gesehen +zu haben. Der eine trug ein Hofnarren-Kleid an dem Hofe des Fürsten von +***. Er war in der Jugend ein Mensch von feinem Kopfe, guten Anlagen +und voll Witz gewesen; noch loderten davon in ruhigen Augenblicken +Flammen hervor. Er hatte studiren sollen, aber nichts gelernt, sondern +sich einem lüderlichen Leben überlassen. Als er darauf in sein +Vaterstädtchen zurückkam, behandelte man ihn als einen unwissenden +Müssiggänger, und er selbst fühlte, daß er weiter nichts war. Er +hatte aber einen ungeheuren Hochmuth, und war nicht gänzlich arm. Von +seiner Familie und den Leuten seines Standes verstoßen, fing er nun +an, mit den Hofofficianten des Fürsten von *** sich herumzutreiben. +Seine lustigen Einfälle zogen sogar die Aufmerksamkeit dieses sehr +muntern Herrn auf ihn. Er wurde bald vertraut mit demselben und mit +dem ganzen Hofe, wodurch anfangs seine Eitelkeit gekitzelt wurde; doch +endigte sich das natürlicher Weise damit, daß man ihn mißbrauchte, +und als einen privilegirten Spaßmacher betrachtete. Dieß war indessen +immer noch eine Art von Existenz, die ihm behagte, so lange die +Sache in gewissen Schranken blieb, und es ihm erlaubt war, auf +vertraulichem Fuße mit vornehmen Leuten umzugehen, und ihnen zuweilen +derbe Wahrheiten zu sagen. Weil diese aber sich nicht umsonst so weit +herablassen wollten, auch nicht zu aller Zeit gleich gut aufgelegt +waren, seinen Witz, der zuweilen in das Grobe fiel, anzunehmen: so +erfuhr er Demüthigungen aller Art, bekam zuweilen Schläge, und konnte +doch nun nicht mehr zurück, indem ihm seine Verwandten und Bekannten +in der Stadt mit äusserster Verachtung begegneten, und sein kleines +Vermögen geschmolzen war. -- Und so sank er denn immer tiefer. Er wurde +gänzlich abhängig vom Hofe; der Fürst ließ ihm eine buntschäckigte +Kleidung machen, und es war kein Küchenjunge im Schlosse, der nicht +das Recht zu haben glaubte, einen Spaß von ihm zu begehren, oder ihm +für einen Schoppen Wein einen Nasenstüber zu geben. Aus Verzweiflung +berauschte er sich nun täglich; und war er ja einmal nüchtern, so +nagten die Vorstellungen seiner fürchterlichen Lage, das Gefühl der +unedlen Rolle, welche er spielte, die Anstrengung, neue Spässe zu +erfinden, um nicht auf immer verstoßen zu werden, und sein aufwachender +Hochmuth an seiner Seele, indeß er seinen Körper durch Ausschweifungen +zerrüttete. Er wurde wirklich ein Narr, und einmal so rasend, daß man +ihn ein halbes Jahr hindurch an der Kette verwahren mußte. Als ich ihn +sahe, war er ein alter Mann, trieb sich in einem armseligen Zustande +umher, wurde als ein verrückter Mensch angesehen, war aber mehr ein +Gegenstand des Widerwillens, als des Mitleidens, und hatte doch noch +helle Augenblicke, in welchen er ungewöhnlichen Scharfsinn, Witz und +Genie verrieth, auch, wenn er einen halben Gulden erbetteln wollte, auf +eine feine Weise zu schmeicheln, und mit so schlauer Menschenkenntniß +die schwachen Seiten der Leute zu fassen verstand, daß ich nicht wußte, +ob ich nicht mehr über die Leute, die ihn so tief hinabgestoßen hatten, +als über seine Verirrungen seufzen sollte. + +Der andre Mensch, von welchem ich reden wollte, war einst Verwalter +auf einem adelichen Gute gewesen, nachher aber auf Pension gesetzt +worden. Da nun solchergestalt die Herrschaft nichts mit ihm anzufangen +wußte, trieb sie ihren Spaß mit ihm, indem er sehr dumm und zugleich +hochmüthig und verliebt war. Sie nannten ihn ~Fürst~, gaben ihm einen +Orden, ließen erdichtete Briefe von hohen Potentaten an ihn schreiben, +in welchen ihm entdeckt wurde, daß er eigentlich aus einem großen +Hause abstamme, aber in seiner Jugend entführt worden sey; daß der +Großsultan, welcher unrechtmäßiger Weise seine Länder besäße, ihm nach +dem Leben trachtete; daß eine griechische oder hebräische Prinzessinn +in ihn verliebt sey, und dergleichen mehr. Es mußten lustige Freunde, +als Gesandte verkleidet, in Unterhandlungen mit ihm treten; -- und +kurz! nach wenig Jahren brachte man es dahin, daß der arme Tropf +wirklich verrückt wurde, und diese Thorheiten glaubte. + +Ich enthalte mich aller Anmerkungen über diese beiden Geschichten; der +Leser wird sie ohne meine Anweisung machen können. + + + + + Nachtrag des Herausgebers[3]. + + +Es ist hier der Ort, eines Geschlechts zu gedenken, welches sich leider +seit einiger Zeit so vermehrt und verbreitet hat, daß ein zweiter +Linné nöthig wäre, um es nach allen seinen Gattungen und Arten zu +klassificiren, nämlich die ~Finsterlinge~. Ich will nur drei Hauptarten +beschreiben. + +Den ersten Platz nimmt, wie billig, die Klasse der ~theologischen +Finsterlinge~ ein. Dieß ist eine alte Rasse, die vor einiger Zeit fast +im Aussterben begriffen schien, aber seit Kurzem sich dermaßen besaamt +hat, daß man sie jetzt überall wieder antrifft. Sie schimpft noch immer +auf die Vernunft, als die Wurzel alles Uebels, und verdammt daher jeden +Rationalisten als einen Naturalisten und Atheisten. Um sich durch den +weltlichen Arm zu verstärken, da sie ihre innere Schwäche wohl fühlt, +flüstert sie den Gewalthabern in's Ohr, daß sie ihr Ansehen nicht +behaupten könnten, wenn sie nicht die Forderung des blinden Glaubens +mit aller Macht unterstützten. Das Feldgeschrei der Finsterlinge ist +daher: »machet die Augen zu, daß euch die Sonne nicht blende.« -- +An diese Klasse schließt sich sehr natürlich die der ~politischen +Finsterlinge~. Sie lacht zwar insgeheim über jene, da sie wohl merkt, +daß die Finsterlinge nur durch sie herrschen wollen; aber da sie aus +Erfahrung weiß, daß der weltliche Arm doch zuletzt über den geistlichen +siegt, so nimmt sie die Empfehlung des blinden Glaubens utiliter +an, um damit die Forderung des blinden Gehorsams zu unterstützen. +Die politischen Finsterlinge behaupten demnach, daß, wie nach dem +Emanazionssysteme der morgenländischen Weltweisen alle Dinge von Gott +ausgeflossen seyen, so auch die fürstliche Gewalt unmittelbar von der +göttlichen abstamme: daß sonach die Fürsten, wie Gott, lauter Rechte +ohne Pflichten, die Völker hingegen lauter Pflichten ohne Rechte haben; +daß eben darum von Verträgen zwischen Fürsten und Völkern, und von +Verfassungen, wodurch die Ausübung der fürstlichen Gewalt gesetzlich zu +bestimmen sey, gar nicht die Rede seyn dürfe. Wie nun der ersten Klasse +das Wort Vernunft ein Gräuel ist, so der zweiten das Wort Freiheit; +denn Freiheit, meint sie, sey nur das Losungswort der Rebellen gegen +die Fürsten, wie Vernunft das Losungswort der Rebellen gegen die +Gottheit. Auch hat sie eine Menge von Geschichten bei der Hand, woraus +erhellen soll, daß die Freiheit überall in zügellose Frechheit ausarte +(besonders die Preßfreiheit), und Revolutionen erzeuge, wenn man sie +nur im mindesten gewähren lasse. Das Feldgeschrei dieser Klasse ist +daher: »laßt euch an Ketten legen, damit ihr nicht auf die Nase fallet.« + +Die dritte Klasse kann man die ~ästhetisch-philosophischen +Finsterlinge~ nennen. Diese ziehen gegen den Verstand zu Felde, und +halten es bloß mit dem Gefühle. Jener, sagen sie, kann sich nur in +prosaischer Nüchternheit aussprechen, und tummelt sich auf dem Gebiete +hohler Begriffe herum, dieses aber hebt den Menschen in poetischer +Trunkenheit bis zur unmittelbaren Anschauung des Absoluten selbst. +Daher reden sie in lauter Bildern, Orakeln und Hieroglyphen, die sie +selbst nicht verstehen, und finden es ganz unausstehlich, wenn jemand +es wagt, über irgend einen Gegenstand der Wissenschaft oder Kunst ein +klares, bestimmtes und verständliches Wort zu sprechen. Alles ist +ihnen Eins: Philosophie und Poesie, Kunst und Religion, Staat und +Kirche, Thier und Pflanze, Organisches und Unorganisches, Endliches und +Unendliches; denn alles schauen sie in mystischer Verzuckung mit einem +und demselben Gefühle der Sehnsucht und Liebe an. »Fühlt, fühlt, fühlt! +ist daher ihr Wahlspruch, und solltet ihr auch den Verstand darüber +verlieren!« + +Was wollen denn nun aber alle diese Finsterlinge? Wollen sie sich +in ihrer Blindheit gegen den gewaltigen Strom des geistigen Lebens +stemmen, und bewirken, daß er rückwärts wieder dahin fließe, wovon er +ausgegangen ist? Die ohnmächtigen Thoren! Der Strom wird unaufhaltsam +nach ewigen Gesetzen fortfließen, und sie, selbst wider ihren Willen, +mit sich fortreißen, oder -- verschlingen. + +So weit der Verf. im Freimüthigen. Es frägt sich: wie man diese +Finsterlinge im gesellschaftlichen Umgange behandeln, und wie man sie +bekämpfen und ihnen entgegen wirken solle. Daß ein großes Verdienst +hiebei zu erwerben sey, darf wohl nicht erst gesagt werden; eben so +wenig, daß große Unbefangenheit, Festigkeit und Freimüthigkeit, auch +ein wenig Witz und Scharfsinn dazu gehöre, um sie zum Schweigen zu +bringen, oder wenigstens unangesteckt zu bleiben. Menschen dieser Art +mögen gern durch einen entscheidenden und vornehmen Ton imponiren +und abschrecken; sie mögen sich nicht gern auf Gründe einlassen; sie +haben allerlei Kunstgriffe, wodurch sie dem, der sie mit Gründen und +mit kalter Fassung bekämpft, auszuweichen suchen, oder ihn wo möglich +in Verdacht bringen; sie wissen sich das Ansehen des lebendigsten +Eifers für die Wahrheit zu geben. Durch das alles suchen sie sich ein +Uebergewicht zu verschaffen. Bei dem weiblichen Geschlecht sind sie +wohl angesehen, weil sie seinem Hange zum Schwärmen Nahrung geben, und +es im Helldunkel umherführen. Man wird sie am glücklichsten bekämpfen, +wenn man ihnen eine kalte Besonnenheit und Ruhe entgegensetzt, sie bei +dunklen Redensarten und mystischen Kunstgriffen fest hält, und sich +Erläuterung ausbittet, als wolle man sich von ihnen belehren, und in +ihre Weisheit einweihen lassen; wenn man ihnen allerlei Fragen vorlegt, +durch welche sie genöthigt sind, sich näher zu erklären; wenn man sie +mit Zweifeln bestürmt, und aus ihren Behauptungen Folgerungen zieht, +deren Widersinnigkeit einleuchtet; wenn man solchen Namen, die sie als +unverwerfliche Autoritäten anführen, eben so berühmte entgegenstellt, +die das Recht der Vernunft, zu prüfen und zu forschen, dargethan +und vertheidigt haben; wenn man ihnen besonders den Stifter des +Christenthums, und die Reformatoren, als solche in's Gedächtniß bringt, +die ihren Zeitgenossen das Licht der Vernunft leuchten ließen, und sie +durch ihre ganze Lehrweise ermunterten und nöthigten, ihre Vernunft zu +gebrauchen, dem Alten, wenn es die Prüfung nicht aushielt, zu entsagen, +und das Neue, weil es besser begründet war, dafür anzunehmen. Man +erinnere sie an die Scheiterhaufen, welche die Zeit der Finsterniß +gebaut, und an die Religionskriege, die sie entzündet hat, und frage +sie, ob sie im Ernst wünschen könnten, diese Zeiten mit ihrem blinden +Glauben und ihrer Verketzerungssucht wiederkehren zu sehen. Wer die +Vernunft verdächtig macht (so erkläre man sich männlich gegen sie), +der kündigt aller Wissenschaft und aller wahren Bildung den Krieg an, +und zerstört alle Freiheit, allen Gedanken-Verkehr, und allen wahren +Geistesgenuß; der verwandelt die Schulen in Blinden-Anstalten, die +Hörsäle in Zuchthäuser, die Kirchen in Schauspielhäuser, die Herrschaft +in Sclaverei; der erklärt, daß er auf den Vorzug, selbst zu denken, +Verzicht leiste, und bei gesunden Augen und gesunden Füßen sich +lebenslang als einen Blinden wolle führen lassen. + +Nichts dürfte in unsern Tagen schwerer seyn, als bei guter Vernunft und +wahrer Unbefangenheit des Geistes zu bleiben, denn es wird immer mehr +herrschender Ton, das Begreifliche zu verwerfen, und das Unbegreifliche +als die höchste Weisheit zu rühmen und zu preisen, das Alte zu +bewundern, zu erheben und zu loben, müßte es auch mit Verleugnung +alles guten Geschmacks und aller gesunden Vernunft geschehen; und +den Gefühlen die Entscheidung zu überlassen, müßte auch darüber alle +Lebensweisheit zu Grunde gehen. Glücklicher Weise hat sich noch eine +gute Zahl von Verständigen und Einsichtsvollen unter uns nüchtern, und +bei gesunder Vernunft erhalten, und so ist denn nicht zu fürchten, daß +es den Finsterlingen gelingen werde, das Licht auszublasen, welches +eine bessere Zeit angezündet hat. + + + + + Ueber den + + Umgang mit Menschen. + + + + + Zweiter Theil. + + Einleitung. + + +Der erste Theil dieses Buchs enthält Bemerkungen über den Umgang +mit Menschen von allerlei Art, ohne Rücksicht auf ihre besondern +Verhältnisse unter einander. Die mannigfaltigen natürlichen, häuslichen +und bürgerlichen Verbindungen aber erfordern verschiedene Anwendung +der Regeln des Umgangs und neue Vorschriften für einzelne Fälle. Ich +rede daher in diesem zweiten Theile zuerst von demjenigen, was wir in +der menschlichen Gesellschaft zu beobachten haben, in so fern wir auf +Verschiedenheit des Alters und des Geschlechts, auf Blutsfreundschaft, +auf die ersten Bande des häuslichen Lebens und auf Freundschaft, +Liebe, Dankbarkeit, Wohlwollen, endlich auf die Lagen mancher Art, in +welche Menschen aus allen Ständen gerathen können, unser Augenmerk +richten. Der dritte Theil aber wird die Pflichten entwickeln, die +uns Stand, bürgerliche Verbindung, Uebereinkunft und alle übrigen +zusammengesetztern Verhältnisse auflegen. + + + + + Erstes Kapitel. + + Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter. + + + 1. + +Der Umgang unter Menschen von gleichen Jahren scheint freilich viel +Vorzüge und Annehmlichkeit zu haben. Aehnlichkeit in der Denkungsart, +und wechselseitige Austauschung solcher Ideen, die gleich lebhaft die +Aufmerksamkeit und die Theilnahme erregen, ketten die Menschen an +einander. Jedem Alter sind gewisse Neigungen und leidenschaftliche +Triebe eigen. In der Folge der Zeit verändert sich die Stimmung; man +rückt nicht so fort mit dem Geschmacke und der Mode; das Herz ist nicht +mehr so warm, faßt nicht so leicht Interesse an neuen Gegenständen; +Lebhaftigkeit und Phantasie werden herabgestimmt; manche glückliche +Täuschungen sind verschwunden; viel Gegenstände, die uns theuer waren, +sind um uns her abgestorben, entwichen, unsern Augen entrückt; die +Gefährten unserer glücklichen Jugend sind fern von uns, oder schlummern +schon im Grabe; der Jüngling hört die Erzählungen von den Freuden +unserer schönsten Jahre nur aus Gefälligkeit ohne Gähnen an. Gleiche +Erfahrungen geben reichhaltigern Stoff zur Unterhaltung, als wenn das, +was ein Mensch erlebt hat, dem Andern ganz fremd ist. -- Das alles +leidet keinen Widerspruch; doch rückt Verschiedenheit der Temperamente, +der Erziehung, der Lebensart und der Erfahrungen diese Grenzlinien +oft vor und zurück. Viele Menschen bleiben in gewissem Betrachte ewig +Kinder, indeß Andere vor der Zeit Greise werden. Der an Leib und Seele +abgestumpfte Jüngling, der alle Welt-Lüste bis zum Ekel geschmeckt hat, +findet freilich wenig Genuß im Kreise junger unschuldiger Landleute, +die noch Sinn für einfache Freuden haben: und der alte Biedermann, der +nicht weiter, als höchstens in einem Umkreise von fünf Meilen sich +von seiner Heimath entfernt hat, ist unter einem Haufen erfahrner und +belebter Residenz-Bewohner, mit ihm von gleichem Alter, eben so wenig +an seinem Platze, wie ein betagter Kapuziner in einer Gesellschaft +von alten Gelehrten. Dagegen aber binden auch manche Neigungen, zum +Beispiel die noblen Passionen der Jagd, des Spiels, der Medisance +und des Trunks, vielfältig Greise, Jünglinge und alte Weiber recht +herzlich an einander; diese Ausnahme von jener allgemeinen Bemerkung, +von der Bemerkung: daß der Umgang unter Leuten von gleichen Jahren viel +Vorzüge habe, kann indessen die Vorschriften nicht unkräftig machen, +die ich jetzt über das Betragen, welches man im Umgange mit Menschen +von verschiedenem Alter zu beobachten hat, mittheilen will. Nur muß +ich noch eine Anmerkung hinzufügen: Es ist nicht gut, wenn eine zu +bestimmte Absonderung unter Personen von verschiedenem Alter Statt +findet, wie es zum Beispiel lange in Bern war, wo fast jedes Stufenjahr +seine eignen, angewiesenen, gesellschaftlichen Cirkel hatte, so daß, +wer vierzig Jahre alt war, anständiger Weise nicht mit einem Jünglinge +von fünf und zwanzig Jahren umgehen konnte. Die Nachtheile eines +solchen conventionellen Gesetzes sind wohl nicht schwer einzusehen. +Der Ton, den die Jugend annimmt, wenn sie immer sich selbst überlassen +ist, pflegt nicht der sittlichste zu seyn; manche gute Einwirkung wird +verhindert; und alte Leute bestärken sich in der Selbstsucht, im Mangel +an Duldung, und werden mürrische Hausväter, wenn sie keine andre, als +solche Menschen um sich sehen, die mit ihnen gemeinschaftliche Sache +machen, sobald von Lobeserhebung alter Zeiten und Heruntersetzung der +gegenwärtigen, deren Ton und Vorzüge sie nie kennen lernen, die Rede +ist. + + + 2. + +Selten nehmen ältere Leute so billige Rücksicht, daß sie sich in +Gedanken an die Stelle jüngerer Personen setzten, die Freuden derselben +nicht störten, sondern vielmehr zu befördern, und durch Theilnahme zu +erhöhen suchten. Sie denken sich nicht in ihre eigenen Jugendjahre +zurück; Greise verlangen von Jünglingen dieselbe ruhige, nüchterne, +kaltblütige Ueberlegung, Abwägung des Nützlichen und Nöthigen gegen +das Entbehrliche, dieselbe Gesetztheit, die ihnen Jahre, Erfahrung +und physische Herabspannung gegeben haben. Die Spiele der Jugend +scheinen ihnen unbedeutend, die Scherze leichtfertig. Es ist aber +auch wahrlich erstaunlich schwer, sich so ganz in die Lage zurück zu +denken, in welcher wir vor zwanzig oder dreißig Jahren waren, und bei +dem besten Willen entstehen daraus manche unbillige Urtheile und manche +Uebereilungen bei Erziehung der Jugend. -- O! lasset uns doch lieber +selbst so lange als möglich jung bleiben, und, wenn der Winter unsers +Lebens unser Haar bleicht, und nun das Blut langsamer durch die Adern +rollt, das Herz nicht mehr so warm und laut im Busen pocht, doch mit +theilnehmender Freude auf unsre jüngern Brüder herabsehen, die noch +Frühlings-Blumen pflücken, wenn wir, dicht eingehüllt, am häuslichen, +väterlichen Heerde Ruhe suchen! Lasset uns nicht durch platte +Gemeinsprüche die süßen Freuden der Phantasie niederpredigen! Wenn wir +zurückschauen auf ~jene seligen Tage~, wo ein einziger Liebesblick des +holden Mädchens, das jetzt eine alte runzligte Matrone ist, uns bis +in den dritten Himmel entzückte; wo bei Musik und Tanz jede Nerve in +uns wiederhallte; wo Scherz und Witz jeden trüben Gedanken verjagten; +wo süße Träume, Ahndungen und Hoffnungen, unser Leben erheiterten; -- +o! so lasset uns doch diese glückliche Periode bei unsern Kindern +zu verlängern trachten, und, so viel möglich, an ihrem Wonnegefühle +Theil nehmen! Mit zärtlicher Ehrerbietung drängen sich dann Kind, +Knabe, Mädchen und Jüngling um den freundlichen alten Mann, der sie +zu unschuldiger Fröhlichkeit aufmuntert. Ich bin als Jüngling mit so +liebenswürdigen alten Damen umgegangen, daß ich wahrlich, wenn ich die +Wahl gehabt hätte, an ihrer Seite lieber mein Leben hingebracht haben +würde, als bei manchen hübschen, jungen Mädchen; und wenn bei großen +Tafeln mich, als einen jungen Menschen, die Reihe traf, neben einer +geistesarmen Schönheit Platz zu nehmen, habe ich oft den Mann beneidet, +dem sein Rang ein Recht gab, der Nachbar einer verständigen, muntern +alten Frau zu seyn. + + + 3. + +So schön aber diese gutmüthige Herablassung zu der Stimmung der Jugend +ist, so lächerlich muß es uns vorkommen, wenn ein Greis so sehr Würde +und Anstand verleugnet, daß er in Gesellschaft den Stutzer oder den +lustigen Studenten spielt; wenn die Dame ihre vier Lustra vergißt, +sich wie ein junges Mädchen kleidet, herausputzt, kokettirt, die +alten Gliedmaßen beim Tanze durch einander wirft, oder gar späteren +Generationen Eroberungen streitig machen will. Solche Scenen bewirken +Verachtung: nie müssen Personen von gewissen Jahren Gelegenheit geben, +daß die Jugend ihrer spotte, und die Ehrerbietung, oder irgend eine der +Rücksichten vergesse, die man ihnen schuldig ist. + + + 4. + +Es ist indessen nicht genug, daß der Umgang älterer Leute den jüngern +nicht lästig und hinderlich werde: er muß ihnen auch Nutzen schaffen. +Eine größere Summe von Erfahrungen berechtigt und verpflichtet Jene, +Diese zu unterrichten, zurechtzuweisen, ihnen durch Rath und Beispiel +nützlich zu werden. Dieß muß aber ohne Pedanterei, ohne Stolz und +Anmaßung geschehen, ohne auf eine lächerliche Weise alles anzupreisen, +was alt, und alles zu verwerfen, was neu ist, ohne beständige Huldigung +und unterthänige Aufwartung zu fordern, ohne Langeweile zu erregen, und +ohne sich aufzudringen. Man soll sich vielmehr aufsuchen lassen; und +das wird gewiß nicht fehlen, da gutgeartete junge Leute sich's zur Ehre +zu rechnen pflegen, mit freundlichen und verständigen Greisen umgehen +zu dürfen, und es der Unterhaltung mit einem solchen, der so Manches +gesehen und erlebt hat, und davon gut zu erzählen weiß, nicht an Reiz +fehlt. + + + 5. + +So viel über das Betragen bejahrter Personen gegen jüngere Leute! Jetzt +noch etwas von dem Betragen der Jünglinge im Umgange mit Männern und +Greisen! + +In unsern, von Vorurtheilen so säuberlich gereinigten, aufgeklärten +Zeiten werden manche Empfindungen, welche die Natur uns eingeprägt hat, +wegvernünftelt. Dahin gehört denn auch das Gefühl der Ehrerbietung +gegen das hohe Alter. Unsre Jünglinge werden früher reif, früher klug, +früher gelehrt; durch fleißige Lectüre, besonders der wohlgefüllten +Journale, ersetzen sie, was ihnen an Erfahrung und Einsicht fehlt; +dieß macht sie so weise, über Dinge entscheiden zu können, wovon man +ehemals glaubte, es würde vieljähriges, ämsiges Studium dazu erfordert, +nur einigermaßen ~klar~ darinn zu ~sehen~. Daher entsteht auch jenes +kühne Selbstvertrauen und jene stolze Zuversicht, die schwächere Köpfe +für Unverschämtheit halten, jene Ueberzeugung des eignen Werths, mit +welcher unbärtige Knaben heut zu Tage auf alte Männer herabsehen, und +alles verwerfen und verurtheilen, was nicht mit ihrer untrüglichen +Ansicht übereinstimmt. Das Höchste, was ein Mann von ältern Jahren +von diesen gestrengen Richtern erwarten darf, ist gnädige Nachsicht, +züchtigende Kritik, wohlmeinende Zurechtweisung und Mitleiden mit ihm, +der das Unglück gehabt hat, nicht in diesen glücklichen Tagen, in +welchen die Weisheit, ungesäet und ungepflegt, wie Manna vom Himmel +regnet, geboren worden zu seyn. Ich, der ich auch das Schicksal gehabt +habe, in einem Jahre zur Welt zu kommen, in welchem der größte Theil +der Polyhistoren, von denen ich hier rede, ihre jetzt so scharfen Zähne +noch am Wolfszahn übten, oder gar noch Embryonen waren, -- ich habe +es nicht zu jenem Grade der Aufklärung bringen können, und muß daher +um Verzeihung bitten, wenn ich hier einige Regeln zu geben wage, die +ziemlich nach der alten Mode schmecken werden. -- Doch zur Sache! + + + 6. + +Es gibt viel Dinge in dieser Welt, die sich durchaus nicht anders, als +durch Erfahrung lernen lassen; es gibt Wissenschaften, die durchaus +ein anhaltendes Studium, vielfaches Betrachten von verschiednen +Seiten, und kältres Blut erfodern, daß ich glaube, auch das feurigste +Genie, der feinste Kopf, sollte einem bejahrten Manne, der, selbst bei +schwächern Geistesgaben, Alter und Erfahrung auf seiner Seite hat, +in den mehrsten Fällen einiges Zutrauen, einige Aufmerksamkeit nicht +versagen. Und wäre auch nicht von wissenschaftlichen Fächern die Rede, +so ist doch wohl im Ganzen unleugbar, daß die Summe mannigfaltiger +Erfahrungen, die jeder in der Welt lebende Mann in einer langen Reihe +von Jahren einsammelt, ihn in den Stand setzt, schwankende Ideen zu +berichtigen, idealische Grillen zu vertreiben und diejenigen zurecht +zu weisen, die von ihrer aufgeregten Phantasie, ihrem warmen Blute +und reizbaren Nerven irre geführt werden, und sie dahin zu bringen, +daß sie die Menschen und die Dinge um sich her aus einem richtigern +Gesichtspunkte betrachten. Endlich dünkt es mich so schön, so edel, +Dem, welcher nun nicht lange mehr die Genüsse und Freuden dieser +Welt schmecken kann, den Rest seines Lebens, in welchem gewöhnlich +Sorgen und Kümmernisse zunehmen und der Genuß abnimmt, so leicht als +möglich zu machen, daß ich kein Bedenken trage, dem Jünglinge und +Knaben die uralte Lehre auf's neue zuzurufen: »Vor einem grauen Haupte +sollst Du aufstehen! Ehre das Alter! Suche den Umgang ältrer kluger +Leute! Verachte nicht den Rath der kältern Vernunft, die Warnung des +Erfahrnen! Thue dem Greise, was Du willst, daß man Dir thun solle, wenn +einst Deiner Scheitel Haar versilbert seyn wird! Pflege seiner, und +verlaß ihn nicht, wenn die wilde, leichtfertige Jugend ihn flieht!« + +Uebrigens aber ist es auch gewiß, daß es sehr viele alte Gecke gibt, +an welchen sich das Sprichwort: »Alter schadet der Thorheit nicht,« +bewährt, und dagegen hie und da weise Jünglinge, die schon geerntet +haben, wo Andre noch kaum ihr Handwerksgeräthe zum Graben und Pflügen +schleifen. + + + 7. + +Nun noch etwas von dem Umgange mit Kindern; aber nur sehr wenig! +Denn hiervon weitläuftig reden, das hieße, ein Werk über Erziehung +schreiben, und dieß ist ja nicht mein Zweck. + +Der Umgang mit Kindern hat für einen verständigen Mann unendlich +viel Interesse. Hier sieht er das Buch der Natur in unverfälschter +Ausgabe aufgeschlagen. Er sieht den wahren, einfachen Grundtext, den +man nachher nur unter dem Wuste von fremden Glossen, Verzierungen und +Verbrämungen herausfinden kann; die Anlage zu der Eigenthümlichkeit +des Charakters, die nachher leider gewöhnlich entweder ganz verloren +geht, oder sich hinter der Larve der feinern Lebensart und hinter +conventionelle Rücksichten versteckt, liegt noch offen da: über viele +Dinge urtheilen Kinder, von Systemgeist, Leidenschaft und Gelehrsamkeit +unverführt, weit richtiger, als Erwachsene; sie empfangen manche +Eindrücke weit schneller, haben noch eine große Anzahl Vorurtheile +weniger gefaßt. -- Kurz, wer Menschen studiren will, der versäume +nicht, sich unter Kinder zu mischen! Allein der Umgang mit denselben +erfordert auch eine Vorsicht und Behutsamkeit, eine Klugheit und +Selbstbeherrschung, die im Umgange mit ältern Personen unnöthig ist. +Heilige Pflicht ist es, ihnen auf keine Weise Aergerniß zu geben; sich +leichtfertiger Reden und Handlungen zu enthalten, die von niemand so +lebhaft, als von den, auf alles Neue so aufmerksam horchenden, und +Alles so fein beobachtenden Kindern aufgefangen werden; ihnen in jeder +Art Tugend, in Wohlwollen, Treue, Aufrichtigkeit und Anständigkeit +Beispiel zu geben; -- kurz, zu ihrer Bildung alles nur Mögliche +beizutragen. + +Immer herrsche Wahrheit in Deinen Reden und in Deinem Betragen gegen +diese jungen Geschöpfe! Laß Dich herab (jedoch nicht auf eine Weise, +die ihnen selbst lächerlich vorkommen muß) zu dem Tone, der ihnen nach +ihrem Alter verständlich ist! Zerre, täusche und necke die Kinder +nicht, wie einige Leute die Gewohnheit haben! -- das hat böse Einflüsse +auf den Charakter. + +Gutgeartete Kinder werden durch einen ganz eignen Sinn zu edlen, +liebevollen Menschen hingezogen, wenn diese sich auch nicht besonders +mit ihnen zu thun machen, da sie hingegen Andre fliehen, ob sie ihnen +gleich ausserordentlich gefällig sind. Reinheit, Güte und Einfalt des +Herzens, ist das große Zauberband, wodurch dieß bewirkt wird, und dafür +lassen sich also keine Vorschriften geben. + +Daß das Herz des Vaters und der Mutter an ihren Kindern hängt, ist sehr +natürlich; eine Klugheits-Regel ist es also, wenn uns an der Gunst +der Eltern gelegen ist, ihre geliebten Kinder nicht zu übersehen, +sondern ihnen einige Aufmerksamkeit zu widmen! Weit entfernt von +uns aber bleibe es, den ungezogenen Knaben und Mädchen der Großen +niederträchtiger Weise zu schmeicheln, dadurch den Hochmuth, den +Eigensinn und die Eitelkeit dieser mehrentheils schon so sehr +verderbten kleinen Geschöpfe zu nähren, und ihre moralische Ausartung +recht geflissentlich zu befördern, indem man das Grundgesetz der Natur +übertritt, welches gebietet, daß das Kind dem reifen Alter, nicht aber +der Mann dem Knaben huldige! + +Vor allen Dingen hüte man sich auch, wenn Eltern in unserer Gegenwart +ihren Kindern Verweise geben, die Parthei der Kinder zu nehmen! denn +dadurch werden diese in ihrer Unart bestärkt, und jene in ihrem +Erziehungsplane gestört. + + + + + Zweites Kapitel. + + Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden. + + + 1. + +Das erste und natürlichste Band unter den Menschen, nächst der +Vereinigung zwischen Mann und Weib, ist von jeher das Band zwischen +Eltern und Kindern gewesen. Wenn gleich die Erzeugung an sich nicht +eigentlich absichtliche Wohlthat für die neue Generation ist, so gibt +es doch wohl wenig Menschen, die nicht ganz gut damit zufrieden wären, +daß jemand sich die Mühe gegeben hat, sie in die Welt zu setzen; und +obgleich in unsern Staaten die Eltern ihre Kinder nicht bloß aus freiem +Willen auferziehen, nähren und pflegen, so ist es doch abgeschmackt, +zu sagen: die Sorge und Beschwerde, welche dieß erfordert und nach +sich zieht, lege keine Art von Verbindlichkeit auf, oder: es sey nicht +wahr, daß ein Zug von Wohlwollen, Sympathie und Dankbarkeit uns denen +Personen näher bringe, deren Fleisch und Blut wir sind, unter deren +Herzen wir gelegen, die uns genährt, für uns gewacht, gesorgt, die +alles mit uns getheilt haben. Es ist Versündigung gegen die Natur, dieß +zu behaupten. + +Unmittelbar auf diese folgt die Verbindung unter den Zweigen ~eines~ +Stammes. Die Mitglieder derselben Familie, durch ähnliche Organisation, +gleichförmige Erziehung und gemeinschaftliches Interesse harmonisch +gestimmt und an einander geknüpft, fühlen für einander, was sie für +Fremde nicht fühlen; und fremder werden ihnen die Menschen, je mehr +sich dieser Kreis erweitert. + +Vaterlands-Liebe ist schon ein zusammengesetzteres Gefühl, +aber immer noch inniger, wärmer und lebhafter, als Weltbürger-Geist, +für einen Menschen, der nicht, früh verwiesen aus der bürgerlichen +Gesellschaft, ein Abentheurer geworden ist, und von Land zu Land +irrend, kein Eigenthum und keinen Sinn für bürgerliche Pflichten +gewonnen hat. Wer die Mutter nicht liebt, deren Brüste er gesogen hat; +wessen Herz bei dem Anblicke der Gefilde nicht warm wird, in welchen +er die unschuldigen, glücklichen Jahre seiner Jugend fröhlich und +sorgenlos verlebt hat: -- was für ein Eifer oder welche Theilnahme +für das Wohl der Gesellschaft läßt sich von einem Solchen erwarten, +da Eigenthum, Moralität, und alles, was den Menschen auf dieser Erde +irgend theuer seyn kann, doch am Ende auf Erhaltung und Werthschätzung +jener Familien- und Vaterlands-Bande beruhet? + +Daß aber diese Bande täglich lockrer werden, beweist nichts, als +daß wir uns täglich weiter von der edlen Ordnung der Natur und +deren Gesetzen entfernen; und wenn ein schiefer Kopf, den sein +Vaterland als ein unbrauchbares Mitglied ausstößt, weil er sich den +Gesetzen nicht unterwerfen will, unzufrieden mit dem Zwange, den +ihm Sittlichkeit und bürgerliches Gesetz auflegen, behauptet, es +sey des Philosophen würdig, alle engere Verbindungen aufzulösen, +und kein anderes Band anzuerkennen, als das allgemeine Bruderband +unter allen Erdbewohnern: so beweist das nichts weiter, als daß +keine Behauptung so widersinnig und so närrisch ist, die nicht in +unsern Tagen in irgend einem philosophischen Systeme als Grundpfeiler +aufgestellt würde. -- Glückliches Jahrhundert, in welchem man so große +Entdeckungen macht, wie zum Beispiel: daß man, um lesen zu lernen, +nicht mit den Buchstaben und Silben bekannt zu seyn brauche, und +daß man, um alle Menschen zu lieben, keinen Einzelnen lieben dürfe! +Jahrhundert der Universal-Arzeneien, der Philalethen, Philantropen, +Alchymisten und Cosmopoliten! wohin wirst Du uns noch führen? Ich sehe +im Geiste allgemeine Aufklärung sich über alle Stände verbreiten; +ich sehe den Bauer seinen Pflug müßig stehen lassen, um dem Fürsten +über Gleichheit der Stände und über die Schuldigkeit, die Last des +Lebens gemeinschaftlich zu tragen, eine Vorlesung zu halten; ich +sehe, wie Jeder die ihm unbequemen Vorurtheile wegraisonnirt, wie +Gesetze und bürgerliche Einrichtung der Willkühr weichen, wie der +Klügre und Stärkre sein natürliches Herrscher-Recht zurückfordert, +und seinen Beruf, für das Beste der ganzen Welt zu sorgen, auf Kosten +der Schwächern gültig macht; wie Eigenthum, Staats-Verfassungen und +Grenzlinien aufhören, wie Jeder sich selbst regiert, und sich ein +System zur Befriedigung seiner Triebe erfindet. -- O gebenedeietes, +goldenes Zeitalter! dann machen wir Alle nur ~eine~ Familie aus; dann +drücken wir den edeln, liebenswürdigen Menschenfresser brüderlich an +unsre Brust, und wandeln, wenn dies Wohlwollen sich erweitert, endlich +auch mit dem genialen Orang-Outang Hand in Hand durch dies Leben. Dann +fallen alle Fesseln ab; dann schwinden alle Vorurtheile; ich brauche +nicht meines Vaters Schulden zu bezahlen, habe nicht nöthig, mich +mit ~einem~ Weibe zu begnügen, und das Schloß vor meines Nachbars +Geldkasten ist kein Hinderniß, mein angeborenes Recht auf das Gold, das +die mütterliche Erde uns Allen darreicht, in Ausübung zu bringen[4]. + +So weit sind wir nun aber noch nicht gekommen; und da es viele Menschen +gibt, unter die auch ich gehöre, die sich von der Schwachheit nicht +losmachen können, ihre Verwandten zu lieben, und Sinn für häusliche +Freuden, für das Familienband zu haben, so will ich doch hier einige +Bemerkungen über den Umgang unter Blutsfreunden liefern. + + + 2. + +Es gibt Eltern, die, in einem beständigen Wirbel von Zerstreuungen +umhergetrieben, ihre Kinder kaum ein Paar Stunden des Tages sehen, +ihren Vergnügungen nachrennen, und indeß Miethlingen die Bildung ihrer +Söhne und Töchter überlassen, oder, wenn diese schon erwachsen sind, +mit ihnen auf einem so fremden, höflichen Fuße leben, als ob sie ihnen +gar nicht angehörten. Wie unnatürlich und unverantwortlich ein solches +Verfahren sey, das bedarf wohl keines Beweises. Es gibt aber andre +Eltern, die von den Kindern eine so sclavische Ehrerbietung und so viel +peinliche Rücksichten und Aufopferungen fordern, daß durch den Zwang +und den gewaltigen Abstand, der hieraus entsteht, alles Zutrauen, alle +Herzens-Ergießung wegfällt, so daß den Kindern die Stunden, welche +sie an der Seite ihrer Eltern hinbringen müssen, fürchterlich und +langweilig vorkommen. Noch Andre vergessen, daß Knaben auch endlich +Männer werden; sie behandeln ihre erwachsenen Söhne und Töchter immer +noch wie kleine Unmündige, gestatten ihnen nicht den geringsten freien +Willen, und trauen den Einsichten derselben nicht das Mindeste zu. +-- Das alles sollte nicht so seyn. Ehrerbietung besteht nicht in +feierlicher, kalter und strenger Entfernung, sondern kann recht gut +mit liebevoller Vertraulichkeit und freier Mittheilung bestehen. Man +liebt Den nicht, an welchen man kaum hinauf zu schauen wagen darf; +man vertrauet sich dem nicht, der immer mit steifem Ernste Gesetz +predigt; Zwang tödtet alle edle, freiwillige Hingebung. Was kann +hingegen entzückender seyn, als der Anblick eines geliebten Vaters +mitten unter seinen erwachsenen Kindern, die nach seinem weisen und +freundlichen Umgange sich sehnen, keinen Gedanken ihres Herzens vor +~dem~ verbergen, der ihr treuester Rathgeber, ihr nachsichtsvoller +Freund ist, der an ihren unschuldigen, jugendlichen Freuden Theil +nimmt, oder sie wenigstens nicht stört, und mit ihnen als mit seinen +besten und natürlichsten Freunden lebt! -- Eine Verbindung, zu welcher +sich alle Empfindungen vereinigen, die nur den Menschen theuer seyn +können. -- Stimme der Natur, Sympathie, Dankbarkeit, Aehnlichkeit des +Geschmacks, gleiches Interesse und Gewohnheit des Umgangs! Allein diese +Vertraulichkeit kann auch übertrieben werden, und ich kenne Väter und +Mütter, die sich dadurch verächtlich machen, daß sie die Gefährten der +Ausschweifungen ihrer Kinder, oder gar, wenn diese besser sind, als sie +selbst, mit ihren Lastern, die sie nicht einmal zu verbergen suchen, +das Gespötte oder der Abscheu derer werden, denen sie ein Vorbild der +Tugend seyn sollten. + + + 3. + +Es ist in unsern Tagen nichts Seltenes, Kinder zu sehen, die ihre +Eltern vernachlässigen, oder undankbar, unehrerbietig und unedel +behandeln. Die Jünglinge finden ihre Väter nicht weise, nicht +unterhaltend, nicht aufgeklärt genug. Das Mädchen hat Langeweile bei +der alten Mutter, und vergißt, wie manche langweilige Stunde diese +bei seiner Wiege, bei Wartung desselben in gefährlichen Krankheiten, +oder bei den kleinen schmutzigen Arbeiten zugebracht, wie sie sich in +den schönsten Jahren ihres Lebens so manches Vergnügen versagt hat, +um für die Erhaltung und Pflege des kleinen ekelhaften Geschöpfs zu +sorgen, das vielleicht ohne diese Sorgfalt nicht mehr da seyn würde. +Die Kinder vergessen, wie viel schöne Stunden sie ihren Eltern durch +ihr betäubendes Geschrei verdorben, wie viel schlaflose Nächte sie +dem sorgsamen Vater gemacht haben, der alle Kräfte aufbot, für seine +Familie zu arbeiten, der sich so manche Bequemlichkeit entziehen, +so mancher Beschwerde unterwerfen, und vielleicht vor Schurken sich +krümmen mußte, um Unterhalt für die Seinigen zu erringen. Gutgeartete +Gemüther werden indessen nie so sehr das Gefühl der Dankbarkeit +ersticken, daß sie meiner Ermahnungen bedürften; und für niedre Seelen +schreibe ich nicht. Nur erinnere ich, daß, wenn auch Kinder Ursache +hätten, sich der Schwachheiten, oder gar der Laster ihrer Eltern +zu schämen, sie doch weiser und edler handeln, wenn sie die Fehler +derselben so viel möglich zu verstecken suchen, und im äussern Umgange +nie die Ehrerbietung aus den Augen setzen, die sie ihnen auch selbst +bei Verirrungen und Fehltritten schuldig sind. Segen des Himmels +und Achtung aller gutgesinnten Menschen sind der sichere Preis der +Sorgfalt, welche die Söhne und Töchter auf die Pflege, Erhaltung und +liebevolle Behandlung ihrer Eltern verwenden. Traurig ist die Lage +eines Kindes, welches durch die Uneinigkeit, in welcher seine Eltern +leben, oder durch ihre leidenschaftlichen Ausbrüche in Verlegenheit +geräth, Parthei ~für~ oder ~gegen~ Vater oder Mutter nehmen zu sollen. +Vernünftige Eltern werden es aber immer sorgfältig vermeiden, ihre +Kinder in solche unglückliche Zwistigkeiten zu verwickeln, und gute +Kinder werden dabei mit Vorsichtigkeit und Zartgefühl zu Werke gehen, +und sich eben so sehr von Redlichkeit und Klugheit leiten lassen. + + + 4. + +Man hört so oft darüber klagen, daß man unter fremden Leuten mehr +Schutz, Beistand und Anhänglichkeit finde, als bei seinen nächsten +Blutsfreunden; allein ich halte diese Klage größtentheils für +ungerecht. Freilich gibt es unter Verwandten Menschen ohne Liebe und +Theilnahme, und in einer zahlreichen Familie müssen sie allerdings +häufiger vorkommen, so daß wohl Mancher unter Fremden mehr Wohlwollen +und Zuneigung findet, als unter seinen nächsten Anverwandten; aber wer +dies Schicksal hat, spreche sich nicht von der Verschuldung frei, und +seufze nicht zu sehr darüber, wenn ihm nahe Verwandte Theilnahme und +Aufmerksamkeit schuldig bleiben; und suche Trost bei der Freundschaft. +Auch fordert man wohl oft von seinen Herren Oheimen und Frauen Basen +mehr, als man billiger Weise verlangen sollte. Unsre politischen +Verfassungen, und der täglich mehr überhandnehmende Luxus machen es +wahrlich nothwendig, daß Jeder vor allem für sein Haus, für Weib und +Kinder sorge, und die Herren Vettern für sich selbst sorgen lasse, die +oft, als unwissende und verschwenderische Tagediebe, in der sichern +Zuversicht, von ihren mächtigen und reichen Verwandten nicht verlassen +zu werden, sorglos in die Welt hinein leben. Unmöglich kann der Mann, +dem Pflicht und Gewissen heilig sind, solche Erwartungen befriedigen, +ohne ungerecht gegen Andre zu handeln. Um nun diesen unangenehmen +Collisionen sich nie auszusetzen, rathe ich, zwar die herzliche +Vertraulichkeit, die den Umgang im Familien-Kreise so angenehm macht, +nicht zu verletzen, aber so wenig als möglich bei Blutsfreunden +Erwartungen von Unterstützungen und Schutz zu nähren und zu erwecken, +wohl aber jede Gelegenheit, sich seiner Verwandten anzunehmen, in +so fern es ohne Unbilligkeit gegen bessere Menschen geschehen kann, +freudig zu ergreifen, ohne gerade zu fordern, daß es immer mit +Dankbarkeit erkannt und mit Klugheit benutzt werden solle. Dagegen ist +es höchst gewissenlos, wenn man sich von der Vorliebe für Verwandte +verleiten läßt, Menschen ohne Talent und ohne guten Willen zu wichtigen +Aemtern zu verhelfen, und Verdienstvolle zurückzudrängen. + +Ausserdem läßt sich auf den Umgang mit Verwandten noch dasjenige +anwenden, was weiter unten von dem Umgange unter Eheleuten und Freunden +wird gesagt werden, nämlich, daß Menschen, die sich lange kennen, und +oft ohne Larve und Schminke sehen, doppelt vorsichtig in ihrem Betragen +seyn müssen, damit einer des Andern nicht müde, und wegen kleiner +Fehler nicht blind gegen größere Tugenden werde. + +Endlich wäre es auch zu wünschen, daß zahlreiche Familien in mittlern +Städten nicht ganz ausschließend ~unter sich~ leben möchten, weil +dadurch die Gesellschaft in kleine abgesonderte Theile zerschnitten +wird, und eine starre Einseitigkeit und Eintönigkeit sich erzeugt, +neben der Selbstsucht, die ebenfalls durch solche Abgeschlossenheit +eine zu reiche Nahrung erhält, und neben der Unfreundlichkeit, mit +welcher gewöhnlich Fremde in solchen Familien behandelt werden, so daß +sie gleichsam verrathen und verkauft sind. + +Doch nun noch ein Paar Anmerkungen! Die erste: alte Vettern und +Tanten, besonders unverheirathete, pflegen so gern zu hofmeistern, +ihre podagrischen und hysterischen Launen an ihren erwachsenen Nichten +und Neffen auszulassen, und diese zu behandeln, als liefen sie noch +im Rollwägelchen herum. -- Ich denke, das sollten sie bleiben lassen. +Dadurch sind wirklich die alten Tanten und Onkel zum Sprichworte +geworden, und manche Erbschaft wird doch in der That zu theuer erkauft, +wenn man dafür so viel einschläfernde, saft- und kraftlose Predigten +anhören muß. Auch sorgen alte Leute gar schlecht für sich selbst und +ihren Lebensabend, wenn sie durch Straf- und Sittenpredigten die junge +Welt von sich zurückstoßen, da sie gewiß von ihren jungen Verwandten +mit Freuden liebevoll gepflegt und gewartet werden würden, wenn +sie weniger säuerlich in ihrem Betragen gegen sie wären. Die andre +Anmerkung: Es herrscht in manchen Städten, besonders in Reichsstädten, +ein äußerst steifer und übler Ton unter den Personen ~einer~ Familie. +Bürgerliche, ökonomische und andre Rücksichten zwingen sie, sich oft +zu sehen, und dennoch zanken, necken, hassen sie sich unaufhörlich +unter einander, und machen sich dadurch das Leben sehr schwer. Wo gar +keine Sympathie in der Denkungsart Statt findet, wo gar keine Einigkeit +und Freundschaft herrschet, da lasse man sich doch lieber ungeplagt, +betrage sich höflich gegen einander, wähle sich aber Freunde nach +seinem Herzen! + + + + + Drittes Kapitel. + + Von dem Umgange unter Eheleuten. + + + 1. + +Eine weise und verständige Wahl bei Knüpfung der wichtigsten Verbindung +im menschlichen Leben ist freilich das sicherste Mittel, um in der Ehe +glücklich zu seyn, und im Umgange mit dem Gatten die reinsten Freuden +des Lebens zu finden. Aber diese Wahl gelingt, wie die Erfahrung +lehrt, selbst den Einsichtsvollsten und Gebildetsten nur selten; die +meisten lassen sich von Gefühlen und von ihrer gereizten Sinnlichkeit +übermannen, und greifen fehl. Wie selten, daß gleichgestimmte Seelen +sich in der Ehe vereinigen, und wie oft dagegen, daß Menschen +sich vereinigen, deren Neigungen, Gesinnungen und Charaktere im +vollkommensten Widerspruche stehen. Gewiß ist die Lage solcher Eheleute +(und ein solcher Ehestand heißt wohl mit Recht ein Wehestand) höchst +traurig, eine Existenz voll immerwährender herber Aufopferung, ein +Stand der schwersten Sclaverei, ein Seufzen unter den eisernen Fesseln +der Nothwendigkeit, ohne Hoffnung einer andern Erlösung, als wenn der +dürre Knochenmann mit seiner Sense dem Unwesen ein Ende macht. + +Nicht weniger unglücklich ist dies Band, wenn auch nur von ~einer~ +Seite Unzufriedenheit und Abneigung die Ehe verbittern, wenn nicht +freie Wahl, sondern politische oder ökonomische Rücksichten, Zwang, +Verzweiflung, Noth, Dankbarkeit, +dépit amoureux+, ein Ungefähr, eine +Grille, oder nur körperliches Bedürfniß, wobei das Herz keine Stimme zu +geben hatte, die Verbindung knüpfte; wenn der eine Theil, unbescheiden +und ungerecht in seinen Forderungen, immer nur empfangen, nie geben +will, unaufhörlich begehrt, Befriedigung aller Bedürfnisse, Hülfe, +Rath, Aufmerksamkeit, Unterhaltung, Vergnügen, Trost im Leiden fordert, +-- und dagegen nichts leistet. Wähle also mit großer Vorsicht die +Gefährtin Deines Lebens, und frage nicht bloß Dein leicht getäuschtes +Herz, laß Dich nicht bloß von sinnlichem Wohlgefallen bestimmen, wenn +Deine künftige häusliche Glückseligkeit nicht ein Spiel des Zufalls +seyn soll! + + + 2. + +Erwägt man aber, daß gewöhnlich auch diejenigen Ehen, welche auf eigner +Wahl beruhen, in einem Alter und unter Umständen geschlossen werden, +wo weniger reife Ueberlegung und Vernunft, als blinde Leidenschaft +und Naturtrieb diese Wahl bestimmen, obgleich man im Brautstande +wohl sehr viel von Sympathie und Herzenshange träumt oder schwatzt: +so sollte man sich beinahe darüber verwundern, daß es noch so viel +glückliche Ehen in der Welt gibt. Aber die weise Vorsehung hat alles +so herrlich geordnet, daß eben das, was diesem Glücke im Wege zu +stehen scheint, dasselbe vielmehr befördert. Ist man in den Jahren der +Jugend weniger geschickt zu weiser Wahl, so ist man von der andern +Seite auch noch geschmeidiger, leichter zu leiten, zu bilden, und +nachgiebiger, als in dem reifern Alter. Die Ecken -- möchten sie auch +noch so scharf seyn! -- schleifen sich leichter an einander ab, und +fügen sich, wenn der Stoff noch weich ist. Man nimmt die Sachen nicht +so genau, wie nachher, wenn Erfahrung und Schicksale uns ekel und +vorsichtig gemacht, und große Forderungen in uns erweckt haben; wenn +die kältere Vernunft alles abwägt, jeden Verlust an Genuß sehr hoch +anschlägt, und ängstlich genau berechnet, wie wenig Jahre man noch +vielleicht zu leben habe, und wie geizig man mit Zeit und Vergnügen +seyn müsse. Entstehen unter jungen Eheleuten leicht Zwistigkeiten, so +ist auch die Versöhnung desto leichter gestiftet. Widerwille und Zorn +fassen nicht so feste Wurzel; und da die Sinnlichkeit hier als die +kräftigste Vermittlerin auftritt, so wird oft der heftigste Streit +durch eine einzige eheliche Umarmung wieder geschlichtet. Dazu kommen +denn nach und nach Gewohnheit, Bedürfniß mit einander zu leben, +gemeinschaftliches Interesse, häusliche Geschäfte, die uns nicht viel +Zeit zu müßigen Grillen lassen, Freude an Kindern, gemeinschaftliche +Sorgfalt für ihre Erziehung und Versorgung, -- welches alles, statt die +Last des Ehestandes zu erschweren, in den Jahren, wo Jugend, Kräfte +und Munterkeit mitwirken, dies Joch sehr süß macht, und manche reine +oder unverhoffte Freude gewährt, welche doppelt genossen wird, wenn +man sie mit einer zärtlichen und feinfühlenden Gattin theilt. Nicht +also im männlichen Alter. Da fordert man mehr für sich, will ernten, +genießen, nicht neue Bürden übernehmen; man will gepflegt seyn; der +Charakter hat eine starre Festigkeit erlangt, und mag sich nicht mehr +umformen lassen; die Begierden dringen nicht so laut auf Befriedigung. +Nur wenig Ausnahmen mögten hier Statt finden, und diese nur unter +den edelsten Menschen, die bei zunehmenden Jahren nachsichtiger, +sanfter werden, und, fest überzeugt von der allgemeinen Schwäche der +menschlichen Natur, wenig fordern und gern mit Aufopferung leisten, was +gefordert werden mag; aber immer ist dies eine Art von Heroismus, eine +heldenmüthige Selbstverleugnung, und hier ist ja von wechselseitiger +Glückseligkeits-Beförderung die Rede; -- darum kann man wohl in diesem +Alter nicht behutsam genug bei der Wahl einer Gattin zu Werke gehen, +nicht ernsthaft genug die Warnung bedenken: der Wahn ist kurz, die +Reu ist lang. Wer sich in männlichen Jahren auf diese Weise übereilt, +der mag dann die Folgen von den Thorheiten tragen, zu welchen ein +Jünglings-Kopf auf Mannes-Schultern verführt! + + + 3. + +Ich glaube nicht, daß eine völlige Gleichheit in Temperamenten, +Neigungen, Denkungsart, Fähigkeiten und Geschmack, durchaus erfordert +werde, um eine zufriedene Ehe zu stiften, vielmehr mag wohl zuweilen +gerade das Gegentheil (nur nicht in zu hohem Grade, noch in +Haupt-Grundsätzen, noch ein zu beträchtlicher Unterschied von Jahren) +mehr Glück gewähren. Bei einem Bande, das auf gemeinschaftlichem +Interesse beruht, und wo alle Ungemächlichkeit des einen Theils +zugleich mit auf den andern fällt, ist es, zur Vermeidung übereilter +Schritte und deren Folgen, oft sehr gut, wenn die zu große +Lebhaftigkeit, das rasche Feuer des Mannes, durch Sanftmuth oder ein +wenig Phlegma von Seiten des Weibes gedämpft wird, und umgekehrt. +So würde auch mancher Haushalt zu Grunde gehen, wenn beide Eheleute +gleichviel Lust an Aufwand, Pracht, Ueppigkeit, einerlei Liebhaberei, +oder gleichviel Hang zu einer nicht immer wohlgeordneten Wohlthätigkeit +und Geselligkeit hätten; und da unsre jungen Roman-Leser und Leserinnen +gemeiniglich die Ideale zu ihren künftigen Lebens-Gefährten nach ihrem +eignen werthen Ich schnitzeln, so ist es doch so übel nicht, wenn +zuweilen ein alter grämlicher Vater oder Vormund einen Querstrich durch +dergleichen Verbindungsplane macht. -- So viel nur von der Wahl des +Gatten! und das ist beinahe schon mehr, als eigentlich hieher gehört. + + + 4. + +Wichtig ist die Sorgfalt, welche Eheleute anwenden müssen, wenn sie +sich täglich sehen und immer wieder sehen müssen, daß dieser enge +und vertraute Umgang ihrer Liebe nicht nachtheilig werde, und sie +nicht verleite, ungerecht gegen einander zu werden. Denn da sie +Muße und Gelegenheit genug haben, Einer mit des Andern Fehlern und +Launen bekannt zu werden, und selbst durch die kleinsten derselben +manche Ungemächlichkeit leiden müssen, so kann es leicht geschehen, +daß sie sich gegenseitig lästig, langweilig, kalt und gleichgültig +gegen einander werden, oder gar Ekel und Abneigung empfinden. +Hier ist also weise Vorsicht im Umgange nöthig. Verstellung würde +hier das unglücklichste und strafbarste Mittel seyn; aber einer +gewissen Achtsamkeit auf sich selbst, und der möglichsten Entfernung +alles dessen, was sicher widrige Eindrücke machen muß, soll man +sich befleißigen. Man setze daher vor allen nie gegen einander +jene Gefälligkeit und Artigkeit aus den Augen, die sehr wohl mit +Vertraulichkeit bestehen mag, und die den Mann von feiner Erziehung +bezeichnet! Ohne sich durch Kaltsinn und Entfernung fremd zu werden, +sorge man doch dafür, daß man nicht durch oft wiederholte Gespräche +über dieselben Gegenstände einander langweilig werde, daß man sich +nicht gleichsam auswendig lerne, so daß endlich jedes Gespräch der +Eheleute unter vier Augen lästig scheint, und man sich nach fremder +Unterhaltung sehnt! Ich kenne einen Mann, der eine Anzahl Anekdötchen +und Einfälle besitzt, die er nun schon so oft seiner Frau, und in +deren Gegenwart fremden Leuten ausgekramt hat, daß man dem guten Weibe +jedesmal Ekel und Ueberdruß ansieht, so oft er mit einem dergleichen +Stückchen angezogen kömmt. Wer gute Bücher liest, Gesellschaften +besucht, und nachdenkt, der wird ja täglich neuen Stoff zu anziehenden +Gesprächen finden; aber freilich reicht dieser nicht zu, wenn man den +ganzen Tag müssig einander gegenüber sitzt; und man darf sich daher +nicht wundern, wenn man Eheleute antrifft, die, um dieser tödtenden +Langenweile auszuweichen, die sie einander verursachen, wenn gerade +keine andere Gesellschaft aufzutreiben ist, mit einander halbe Tage +lang Piquet spielen, oder sich zusammen an einer Flasche Wein ergötzen. +Sehr gut ist es daher, wenn der Mann bestimmte Berufsarbeiten hat, +die ihn wenigstens einige Stunden täglich an seinen Schreibtisch +fesseln, oder ausser Hause rufen; wenn zuweilen kleine Abwesenheiten, +Reisen in Geschäften und dergleichen seiner Gegenwart neuen Reiz geben. +Ihn erwartet dann sehnsuchtsvoll die treue Gattin, die indeß ihrem +Hauswesen vorgestanden und alles für seine Wiederkunft geschmückt +und gesäubert hat. Sie empfängt ihn liebreich und freundlich; die +Abendstunden gehen unter frohen Gesprächen, bei Verabredungen, die das +Wohl ihrer Familie zum Gegenstande haben, im häuslichen Cirkel vorüber, +und man wird sich einander nie überdrüssig. Es gibt eine feine, +bescheidene Art, sich rar zu machen, zu veranlassen, daß man sich nach +uns sehne; diese soll man studiren. Auch im Aeussern soll man alles +entfernen, was zurückscheuchen könnte. Man soll sich seinem Gatten, +seiner Gattin, nicht in einer ekelhaften, schmutzigen Kleidung zeigen, +sich zu Hause nicht zu viel Unmanierlichkeiten erlauben -- das ist man +ja schon sich selber schuldig -- und vor allen Dingen, wenn man auf dem +Lande lebt, nicht ~verbauern~, nicht pöbelhafte Sitten, noch niedrige, +plumpe Ausdrücke im Reden annehmen, noch unreinlich, nachlässig an +seinem Körper werden. Denn wie ist es möglich, daß eine Frau, die +unaufhörlich an ihrem Manne Fehler und Unanständigkeiten wahrnimmt, +von welchen sie alle übrige, mit welchen sie umgeht, frei erblickt, +denselben vor allen andern gern sehen, schätzen und lieben könne? Noch +einmal! wenn die Ehe ein Stand der unaufhörlichen Selbstverleugnung +und Aufopferung wird, wenn ihre Pflichten als ein schweres Gewicht auf +uns liegen: dann kann sie nur ein Zustand der Qual, keine Quelle der +Zufriedenheit seyn. + + + 5. + +Eine Haupt-Vorschrift aber für alle Stände und für alle Verhältnisse +wende man auch auf den Ehestand an! Sie ist diese: Erfülle so +sorgsam, so pünktlich, so nach einem festen Plane und nach festen +Grundsätzen Deine Pflichten, daß Du, wo möglich, darin alle Deine +Bekannten übertreffest: so wirst Du auch auf die wärmste Hochachtung +Deines Ehegatten Anspruch machen können, und in der Folge alle +Diejenigen verdunkeln, welche nur durch ~einzelne~ glänzende +Eigenschaften augenblickliche vortheilhafte Eindrücke machen. Aber +erfülle sie auch alle, diese Pflichten! Der Mann prahle nicht etwa +mit seiner Uneigennützigkeit, mit seinem Fleisse, mit seiner guten +Hauswirthschaft, mit der Achtung guter Männer, indeß er sich in der +Stille wöchentlich ein paarmal ein Räuschchen trinkt! Die Frau poche +nicht auf ihre Keuschheit und unverletzte Treue, welche vielleicht das +Verdienst des Zufalls oder eines kalten Temperaments ist, indem sie +sorglos die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigt! Nein; wer Achtung +und Zuneigung als Pflicht fordert, der muß auch Achtung und Zuneigung +zu verdienen wissen; und wenn Du willst, daß Deine Frau Dich unter +allen Menschen am mehrsten ehren und lieben solle, so verlaß Dich +nicht darauf, daß sie Dir's am Altare versprochen hat, -- wer kann so +etwas versprechen? -- sondern darauf, daß Du alle Kräfte aufbieten +willst, besser zu seyn als Andre! aber besser in jedem Betrachte; nur +den Folgen nach lassen sich Tugenden und Laster klassificiren; denn +übrigens sind sie alle gleich wichtig, und ein sorgloser Hausvater +ist eben so strafbar, wie ein unkeusches Eheweib. Allein das ist der +Menschen gewöhnliche Art zu handeln! Sie eifern gegen Laster, zu +welchen sie keinen Hang haben, und denken nicht, daß die Verabsäumung +wichtiger Tugenden ein so schweres Verbrechen ist, wie die Ausübung +einer bösen That. Ein altes Weib verfolgt mit wüthendem Grimm ein armes +junges Mädchen, das durch Temperament und Verführung zu einem Fehltritt +ist verleitet worden; daß aber die gute Matrone ihre Kinder in +thierischer Vernunftlosigkeit hat aufwachsen lassen, darüber glaubt sie +keine Verantwortung geben zu dürfen: -- hat sie doch nie die eheliche +Treue verletzt! -- Sorgsame Pflicht-Erfüllung ist also das sicherste +Mittel, um der fortdaurenden Zärtlichkeit seines Ehegatten gewiß zu +seyn, denn Hochachtung ist die kräftigste Nahrung für die Liebe. + + + 6. + +Bei dem Allen aber wird es nicht fehlen, daß nicht zuweilen fremde +liebenswürdige Menschen auf kurze Zeit vortheilhaftere Eindrücke auf +Ehegenossen machen sollten, als sie ihrer Ruhe wegen wünschen und ihrer +Eitelkeit wegen fürchten möchten. Es ist nicht zu erwarten, daß, wenn +die erste blinde Liebe verraucht ist, -- und die verraucht denn doch +bald, -- eine so zärtliche Vorliebe eintreten wird, daß man gegen die +Vorzüge anderer Leute gänzlich blind und gefühllos seyn sollte. Dazu +kommt, daß Personen, mit denen wir seltener umgehen, sich immer von +ihren besten Seiten zeigen und uns mehr schmeicheln, als die, mit +denen wir täglich leben. Eindrücke von der Art werden aber bald wieder +verschwinden, wenn nur der Gatte fortfährt, seine Pflichten treulich zu +erfüllen, und wenn er keinen niedrigen Neid, keine närrische Eifersucht +blicken läßt, die ohnehin nie gute, sondern allemal schlimme Folgen +hat. Liebe und Achtung lassen sich nicht erzwingen, nicht ertrotzen; +ein Herz, das bewacht werden muß, ist wie der Mammon eines Geizigen, +mehr eine unnütze Last, als ein wahrer Schatz, und man wird seiner nie +froh; Widerstand reizt; keine Wachsamkeit ist so groß, daß sie nicht +hintergangen werden könnte, und es liegt in der Natur des Menschen, daß +man ein Gut, das vielleicht sonst gar keinen Reiz für uns haben würde, +doppelt eifrig wünscht, sobald der Besitz desselben mit Schwierigkeiten +für uns verbunden ist. + +Jene kleinen Künste, die häufig unter Verliebten angewandt werden, +durch welche man, um die Liebe des andern Theils mehr anzufeuern, mit +Vorsatz Eifersucht zu erregen sucht, sollten Eheleute verschmähen. Bei +einem Bündniß, das auf gegenseitiger Hochachtung beruhen soll, darf man +sich durchaus keiner schiefen Mittel bedienen. Glaubt meine Frau, ich +sey fähig, meine Pflicht und Zärtlichkeit gegen sie fremden Neigungen +aufzuopfern, so muß das ihre eigene Achtung gegen mich vermindern; und +merkt sie hingegen, daß ich nur Spielwerk mit ihr treiben will: so ist +das mehr, als verlorne Arbeit, die noch obendrein oft ernstliche Folgen +haben kann. + +Wenn auch auf kurze Zeit der Mann seinem Weibe, oder die Frau ihrem +Gatten Veranlassung zur Unzufriedenheit und Eifersucht gibt, so wird +doch diese kleine Herzens-Verirrung, wenn der leidende Theil nur +fortfährt, seinen Pflichten treu zu seyn, nicht von langer Dauer seyn, +wenn es nur nicht zu leidenschaftlichen Ausbrüchen des Unwillens kommt. +Bei kaltblütiger Prüfung wird der Gedanke sich geltend machen: bewährte +Liebe und Treue kann durch keine Liebenswürdigkeit ersetzt werden, +und erprobte Mutterliebe und Vatertreue sind unschätzbar. -- Und ein +solcher Triumph der ausharrenden Liebe und Sanftmuth, komme er früh +oder spät, ist sehr süß, und macht alle ausgestandene Leiden vergessen. + + + 7. + +Klugheit und Rechtschaffenheit aber erfordern, daß man sich selber +gegen die Eindrücke größerer Liebenswürdigkeit, welche fremde Personen +auf uns machen könnten, waffne. In der frühen Jugend, wenn die +Phantasie lebhaft ist, die Begierden heftig wirken, und das Herz noch +oft mit dem Kopf davon läuft, würde ich rathen, solchen gefährlichen +Versuchungen sorgfältig auszuweichen; ein junger Mann, welcher +merkt, daß ein Frauenzimmer, mit dem er umgeht, ihm vielleicht einst +besser, als seine Frau, gefallen, wildes Feuer in ihm entzünden, +oder wenigstens seine häusliche Glückseligkeit stören könnte, thut +wohl, wenn er, in so fern er sich nicht Festigkeit genug zutrauet -- +und er urtheilt weise, wenn er sich diese nicht leicht zutrauet, -- +den verführerischen Umgang, so viel möglich, meidet, damit er ihm +nicht zum Bedürfnisse werde und sein Herz überwältige. Diese Vorsicht +ist am nöthigsten gegen die feinern Koketten, die, ohne eben Plane +auf Verletzung der Ehre zu haben, ihr Spielwerk mit der Ruhe eines +gefühlvollen redlichen Mannes treiben, und einen zwecklosen Triumph +darin suchen, schlaflose Nächte zu verursachen, Thränen zu veranlassen, +und Eifersucht rege zu machen. Es gibt viel solcher eiteln Damen, die +nicht immer durch böses Herz, noch Temperament, aber wohl durch die +nimmersatte Begierde, zu glänzen und zu gefallen, getrieben, manche +stille häusliche Ruhe und den Frieden unter Eheleuten auf diese Weise +unbarmherzig zerstören. In reifern Jahren dürfte die entgegengesetzte +Heil-Methode anwendbarer seyn. Ein Mann von festen Grundsätzen, der +seinem Verstande Rechenschaft von den Gefühlen seines Herzens gibt und +dauerhaftes Glück sucht, wird am leichtesten von einer zu günstigen +Vorstellung, die er von fremden Personen in Vergleichung mit seiner +Gattin gefaßt hat, zurückkommen, wenn er Jene so oft und vielfältig +sieht, daß er an ihnen mehr Fehler wahrnimmt, als an seinem edlen, +verständigen, treuen Weibe. Und dann kommen die Augenblicke des +Seelen-Bedürfnisses, wo man sich nach der theilnehmenden Gefährtin +sehnt, wenn schwere Bürden das Herz drücken, die kein Fremder so uns +tragen hilft, oder wenn höhere Freuden das Herz erweitern, Freuden, +die kein Fremder so mit uns theilt, oder Verlegenheiten uns ängstigen, +die wir keinem Fremden so aufrichtig, so sicher entdecken dürfen, wie +der Person, die einerlei Interesse mit uns hat; und dann ein Blick +auf wohlerzogene, durch gemeinschaftliche Sorgfalt erzogne Kinder, +auf die Früchte der ersten jugendlichen Liebe! -- und das Herz kehrt +ungezwungen zu den süßesten Pflichten zurück. + + + 8. + +Uebrigens ist es eine bedauernswürdige Schwachheit, wenn Eheleute durch +die priesterliche Einsegnung ein so ausschließliches Recht auf jede +Empfindung des Herzens erzwungen zu haben glauben, daß sie wähnen: nun +dürfe in dem Herzen des Gatten auch nicht ein Plätzchen mehr für irgend +einen andern guten Menschen übrig bleiben; der Gatte müsse für seine +Freunde und Freundinnen todt seyn, dürfe für kein Geschöpf auf der +Welt, als für die werthe Ehehälfte, Theilnahme und Zuneigung empfinden, +und es sey Verletzung der ehelichen Pflicht, mit Wärme, Zärtlichkeit +und Theilnahme von und mit andern Personen zu reden. Diese Forderungen +werden doppelt abgeschmackt bei einer ungleichen Ehe, wo von der einen +Seite schon Aufopferungen mancher Art Statt finden. Wenn da der eine +Theil, um sich in dem Umgange mit liebenswürdigen Leuten aufzuheitern, +neue Kräfte zum Ausdauern zu sammeln, und seinen Geist zu erheben und +zu erwärmen, in die Arme zärtlicher, ihm wahrhaftig treu ergebener +Freunde eilt: so sollte der andre Theil ihm dafür danken, und jeden +kränkenden Vorwurf unterdrücken. + + + 9. + +Die Wahl dieser innigeren Freunde muß aber dem Herzen, so wie die Wahl +sittlicher Vergnügungen und unschuldiger Liebhabereien dem Geschmacke +eines Jeden überlassen bleiben. Es wird nicht durchaus Gleichheit +von Neigungen, Temperamenten und Geschmack zum Eheglück erfordert. +Unerträgliche Sclaverei wäre es daher, sich seine Erheiterungen +aufdringen lassen zu müssen. Es ist wahrlich schon hart genug, wenn der +Gatte die Freude entbehren muß, edle Empfindungen, erhabne Gedanken, +feinere Eindrücke, welche seelen-erhebende Schriften, Kunstwerke und +Ereignisse hervorbrachten, mit der Gefährtin seines Lebens theilen zu +können, weil die stumpfen Organe derselben dafür nicht empfänglich +sind; aber nun gar diesem allen entsagen, oder sich in der Wahl seines +Umganges und seiner Freunde nach den Grillen eines schiefen Kopfs und +kalten Herzens richten, allen wohlthätigen Erquickungen von der Art +entsagen zu müssen: -- das ist Höllenpein! und ich brauche wohl nicht +hinzuzufügen, daß am wenigsten ~der Mann~ eine solche Beschränkung und +Sclaverei dulden dürfe, da er von der Natur und durch die bürgerliche +Verfassung bestimmt ist, das Haupt der Familie zu seyn, und Gründe +haben kann, ~warum~ er diesen oder jenen Umgang wählt, dieser oder +jener Beschäftigung sich widmet, diesen oder jenen Schritt thut, der +Manchen auffallend seyn kann. Es erleichtert hingegen das Leben unter +Menschen, die nun einmal verbunden sind, alle Leiden und Freuden zu +theilen, wenn nach und nach eine ähnliche Seelenstimmung unter ihnen +eintritt, sey es auch nur von der Liebe zum Frieden erzeugt, und es +zeugt wahrlich von der verächtlichsten Indolenz, wo nicht von dem +bösesten Willen, wenn man, nach vieljähriger Verbindung mit einem +verständigen, gebildeten und feinfühlenden Geschöpfe, noch eben so +unwissend, roh, stumpf und starrköpfig geblieben ist, wie man vorher +war. + + + 10. + +Wie soll man sich bei wirklichen Ausschweifungen verhalten? -- denn +bis jetzt war nur von Verirrungen die Rede. -- Wie soll man sich +zur Nachsicht und Ausdauer waffnen, wenn von einer Seite heftiges +Temperament, ein reizbarer Körper, Mangel an Herrschaft über die +Leidenschaften, Verführung, Buhler-Künste, anlockende Schönheiten +und Verhältnisse in Versuchung führen; von der andern vielleicht der +Gattin mürrisches Betragen, üble Laune, Geistes-Armuth, Kränklichkeit, +Mangel an Schönheit, an Jugend, an Gefälligkeit, an Temperament, +lebhaft zurückstoßen? -- Diese Schrift soll keine Pflichtenlehre +enthalten; darum überlasse ich es jedem vernünftigen Manne, diese +Frage sich selbst zu beantworten, und selbst zu beurtheilen, wie er es +anfangen müsse, über seine Begierden Meister zu werden, gefährlichen +Gelegenheiten und Verführungen auszuweichen, welches freilich in der +Jugend nicht so leicht ist, wie man wohl denkt. Doch so viel über +diesen Gegenstand, als hieher gehört, und sich ohne Beleidigung der +Sittsamkeit sagen läßt! Man gewöhne sich selbst, und Einer den Andern, +nicht an Ueppigkeit, Wollust, Weichlichkeit und Schwelgerei; lasse die +körperlichen Bedürfnisse und Begierden nicht zu heftig werden; man +sey, selbst in der Ehe, schamhaft, keusch, zart und sparsam in den +Aeußerungen der Liebe, um Ekel, Ueberdruß und faunische Lüsternheit +zu entfernen! Ein Kuß ist ein Kuß, nichts mehr, und nichts weniger, +als ein Zeichen der Zärtlichkeit, und es wird fast immer des Weibes +Schuld seyn, wenn ein sonst nicht schlechter Mann diesen Kuß, den er +von treuen, reinen und warmen Lippen ehrenvoll und bequem zu Hause +erlangen könnte, mit Hintansetzung seiner Pflicht und der Ehrbarkeit, +bei Fremden holt. Hat aber die größre Schwierigkeit und Neuheit so viel +Reiz: ei nun! so suche man auch der ehelichen Vertraulichkeit diesen +Reiz der Neuheit zu geben, zuweilen kleine Hindernisse in den Weg zu +legen, oder durch Enthaltung, Entfernung u. dgl. das Verlangen nach +Befriedigung der sinnlichen Liebe zu vermehren! In späteren Jahren +fällt dann auch dieser Vorwitz so ziemlich weg; denn da werden ja die +Triebe bescheidner und lassen sich williger von der Vernunft regieren, +oder man müßte sie muthwilliger Weise reizen. + + + 11. + +In der Ehe soll gegenseitiges uneingeschränktes Zutrauen, soll +Offenherzigkeit Statt finden. Kann denn aber gar kein Fall eintreten, +wo Einer vor dem Andern Geheimnisse haben dürfte? Ich denke. Freilich, +da der Mann von der Natur bestimmt ist, der Rathgeber seines Weibes, +das Haupt der Familie zu seyn; da die Folgen jedes übereilten +Schrittes der Gattin auf ~ihn~ fallen; da der Staat sich nur an ~ihn~ +hält; da die Frau eigentlich gar keine Person in der bürgerlichen +Gesellschaft ausmacht; da die Verletzung der Pflichten von ihrer +Seite schwer auf ~ihm~ liegt, und diese Verletzung die Familie +weit unmittelbarer beschimpft, und derselben Schande und Nachtheil +bringt, als die Ausschweifungen des Mannes; da die Frau mehr von dem +äussern Rufe abhängt, als der Mann; endlich, da Verschwiegenheit +mehr eine männliche, als weibliche Tugend ist: so kann es wohl nur +in äusserst seltenen Fällen der Frau erlaubt seyn, ohne ihres Mannes +Wissen Schritte zu thun, Verbindungen anzuknüpfen, in Verhältnisse +mit Männern zu treten, und dem Manne das alles zu verheimlichen. Er +hingegen, der an den Staat geknüpft ist, oft Geheimnisse zu bewahren +hat, die nicht ihm gehören, und durch deren Verbreitung er zugleich +mit Andern in Verlegenheit kommen könnte; er, der das Ganze seines +Hauswesens übersehen soll, auch vielfältig den Plan, nach welchem er +handelt, nicht den schwächern Einsichten unterwerfen darf, sondern +fest und unerschüttert seinem Verstande und Herzen folgen, und das +Urtheil des Volks verachten muß: ~er~ kann unmöglich alles erzählen +und mittheilen, was er unternimmt. Verschiedenheit der Lagen aber kann +diesen Gesichtspunkt verrücken. Es gibt Männer, die sehr übel fahren +würden, wenn sie einen einzigen Schritt ohne Rath und Wissen ihrer +Weiber thäten; es gibt sehr plauderhafte Herren und sehr verschwiegne +Damen; und eine Frau kann weibliche Geheimnisse von einer Freundin +anvertrauet bekommen haben. -- In allen diesen und ähnlichen Fällen +müssen Klugheit und Redlichkeit das Verhalten beider Theile bestimmen. +Das aber bleibt eine heilige Wahrheit, daß, wenn wahrhaftes Mißtrauen +sich einschleicht, wenn man ein offenes Geständniß erzwingen muß, +alles Glück der Ehe entflieht. Nichts kann endlich strafbarer seyn, +als wenn der Mann niedrig genug denkt, heimlich die Briefe seiner +Frau zu erbrechen, ihre Papiere zu durchwühlen, oder ihre Schränke +zu durchsuchen. Auch verfehlt er mit solchen unwürdigen Mitteln +immer seines Zwecks. Nichts ist leichter, als die Wachsamkeit eines +Menschen zu täuschen, wenn es bloß auf beweisbare Vergehen ankömmt, +und man die feinern Bande zerrissen, sich über alle Bedenklichkeiten +des Zartgefühls und der Ehre hinweggesetzt hat. Ein Mann, der +~einmal~ seine Frau eine Treulose nennt, steckt sich selbst das +Horn der Hahnreischaft auf. Nichts ist leichter, als einen Menschen +zu hintergehen, den man genau kennt, bei dem man allen Glauben +verloren hat, den man oft auf ungerechtem Argwohn ertappen kann, weil +Leidenschaft ihn blind macht, und der es wegen seiner argwöhnischen +Ungerechtigkeit verdient, getäuscht zu werden. -- Betrug ist fast immer +die sichere Folge davon, und man kann auf diese Weise das edelste +Geschöpf moralisch zu Grunde richten und zu Verbrechen reizen. + + + 12. + +Ich rathe, aus Gründen, die wohl jeder vernünftige Mensch selbst +einsehen wird, auch nicht einmal an, daß Eheleute alle ihre Geschäfte +gemeinschaftlich treiben, sondern daß Jeder seinen angewiesenen +Wirkungskreis habe. Es geht selten gut im Hause, wenn die Gattin +für ihren Gatten die Berichte an die höchste Behörde entwerfen, +und er dagegen, wenn Fremde eingeladen sind, die Tafel besorgen, +Cremen machen, und die Töchter ankleiden helfen muß. Daraus entsteht +Verwirrung; man setzt sich dem Gespötte des Hausgesindes aus; der Eine +verläßt sich auf den Andern, will sich aber dagegen in alles mischen, +alles wissen. -- Mit Einem Worte: das taugt nicht! + + + 13. + +Was aber die Verwaltung der Einkünfte betrifft, so kann ich die +Weise der mehresten Männer von Stande nicht billigen, welche ihren +Gemahlinnen eine gewisse Summe geben, womit sie auskommen und den +ganzen Haushalt ohne Ausnahme bestreiten müssen. Dadurch entsteht +getheiltes Interesse; die Frau tritt in die Klasse der Bedienten, wird +zum Eigennutz verleitet, muß ängstlich sparen, findet, daß der Mann zu +lecker ist, macht verdrießliche Gesichter, wenn er einen guten Freund +zur Tafel einladet; der Mann, wenn er nicht fein denkt, meint immer, +er speise für sein theures Geld zu schlecht, oder wagt es im andern +Falle aus übertriebener Zurückhaltung und Feinheit nicht, zuweilen ein +Gerichtchen mehr zu fordern, um seine Gattin nicht in Verlegenheit +zu setzen. Willst Du also Deine Hausfrau nicht in Versuchung führen, +so gib, wenn nicht etwa ein Haushofmeister oder eine Ausgeberin +diejenigen Geschäfte bei Dir versieht, die eigentlich zu den Pflichten +der Gattin gehören, eine Summe Geldes, die Deinen Einkünften und den +Zeitverhältnissen angemessen ist, zur Ausgabe! Wenn diese verwendet +ist, so sey ihr verstattet, mehr von Dir zu fordern; findest Du, daß zu +viel ist ausgegeben worden, so laß Dir die Rechnung zeigen! Ueberlege +mit ihr gemeinschaftlich, auf welcher Seite gespart werden könnte! +Mache ihr kein Geheimniß aus Deinen Vermögensumständen; allein bestimme +ihr auch eine kleine Summe zu ihren unschuldigen Vergnügungen, zu ihrem +Putze, zu stillen wohlthätigen Handlungen, und fordre davon keine +Berechnung! + + + 14. + +Gute Hauswirthschaft ist eins der nothwendigsten Stücke zur ehelichen +Glückseligkeit. Man suche daher vor allen Dingen, wenn man auch im +ledigen Stande einigen Hang zur Verschwendung gehabt hätte, sich davon +loszumachen, und sich häuslicher Sparsamkeit zu befleißigen, sobald man +heirathet! Wer noch einzeln da steht, erträgt leicht alles Ungemach +der Zeit: Noth, Mangel, Demüthigung, Zurücksetzung; am Ende steht ihm, +wenn er gesunde Arme hat, die ganze Welt offen; er kann alles im Stiche +lassen, und in einem unbekannten Winkelchen der Erde leicht mit seiner +Hände Arbeit sein Leben fristen. Aber wenn schlechte Haushaltung den +Ehemann und Vater in Armuth gestürzt hat, und er nun den Blick auf die +Personen seiner Familie umherwirft, die von ihm Unterhalt, Nahrung, +Wartung, Erziehung, Vergnügen fordern; wenn er dann oft nicht weiß, +woher er auf morgen Brod nehmen, wovon er die heranwachsenden Mädchen +kleiden soll, oder wenn seine bürgerliche Ehre, seine Beförderung, +die Versorgung seiner Kinder davon abhängt, daß er mit den Seinigen +in einem gewissen anständigen Aufzuge, vielleicht gar mit einigem +Glanze erscheine, und es doch von allen Seiten dazu fehlt; wenn das +Silbergeräthe vom Wucherer, wo es im Versatze steht, auf einen Mittag +geborgt werden muß, um Gäste bewirthen zu können, indeß unten im Hause +ein Knabe wartet, der es gleich nach der Mahlzeit wieder in Empfang +nehmen soll; wenn Gläubiger und Advokaten ihn in die Enge treiben, und +Juden an den Zipfeln seines schlaffen Geldbeutels melken: dann fallen +böse Launen, Krankheit des Leibes und der Seele den Unglücklichen +an; Verzweiflung ergreift ihn; er sucht sich zu betäuben, verfällt +in Ausschweifungen; von Innen zernagt ihn das unruhige Gewissen, von +Aussen verfolgen ihn bittre Vorwürfe seines Weibes; das Winseln seiner +Kinder schreckt ihn aus fürchterlichen Träumen auf; die Verachtung, +womit der vornehme und reiche Pöbel auf ihn herabblickt, umwölkt jeden +Strahl von Hoffnung; Muth und Trost schwinden; die Freunde fliehen, +das Hohngelächter der Feinde und Neider erschüttert jede Nerve, und +in dieser traurigen Lage schwindet dann freilich aller Schatten von +häuslicher Freude, das Haus wird zur Hölle. Der Elende flieht auch +nichts so sehr, als den Anblick und den Umgang derer, die er mit sich +in's Unglück gestürzt hat. -- Sollte also einer von den Eheleuten +zur Verschwendung geneigt seyn, so ist es rathsam, weil es noch Zeit +ist, Mittel vorzuschieben, jener gräßlichen Lage auszuweichen. Der +~andre~ Theil, der besser mit dem Gelde umzugehen weiß, übernehme die +Kasse! Man mache sich einen genauen Etat, wie man dem Haushalte wieder +aufhelfen will, und befolge diesen pünktlich, schränke sich ein, sorge +aber dafür, daß, wo möglich, auch etwas zu erlaubten Vergnügungen übrig +bleibe, damit dem Verschwender die Einschränkungen und Entbehrungen +nicht zu schwer werden! + + + 15. + +Ist es aber besser, daß ~der Mann~, oder daß ~die Frau~ reich sey? +Wenn eins seyn soll, so stimme ich für Ersteres. Gut ist es, wenn +Beide einiges Vermögen haben, um zu den Nothwendigkeiten des Lebens +gemeinschaftlich beitragen zu können, damit nicht Einer so ganz auf +Kosten des Andern zehre. Soll aber nun einmal Abhängigkeit, welche doch +natürlicher Weise auf Seiten des ärmern Theils entsteht, Statt finden: +so ist es der Natur gemäßer, daß das Haupt der Familie am mehrsten zum +Unterhalte der Familie beitrage. Heirathet ein Mann eine reiche Frau, +so verhüte er wenigstens durch angestrengte Thätigkeit, daß er nie in +eine sclavische Abhängigkeit von seiner Frau gerathe. Aus Verabsäumung +dieser Vorsicht sind so wenig Ehen von ~der~ Art glücklich. Hätte +meine Frau mir großes Vermögen zugebracht, so würde ich mich doppelt +bestreben, ihr zu beweisen, daß ich geringe Bedürfnisse hätte; ich +würde wenig an meine Person wenden; ich würde sie überzeugen, daß ich +dies Wenige mit meinem Fleisse mir erwerben könnte; ich würde ihr +Kostgeld geben; ich würde nur der Verwalter ihres Vermögens seyn; +ich würde Aufwand im Hause machen, weil das sich für reiche Leute +schickt; aber ich würde ihr zeigen, daß dieser Aufwand meiner Eitelkeit +nicht schmeichele; daß ich bei zwei Speisen eben so vergnügt, wie bei +zwanzigen sey; daß ich keine Aufwartung bedürfe; daß ich gesunde Beine +habe, die mich eben so weit, wenn gleich nicht so schnell fortbringen, +wie ihre prächtigen Wagen; und dann würde ich, wie es dem Hausherrn +zukömmt, über die Anwendung ihres Vermögens unumschränkte Gewalt +verlangen. + + + 16. + +Ist es nöthig, daß der Mann klüger sey, als die Frau? -- Das +ist wiederum eine nicht unwichtige Frage; wir wollen sie näher +beleuchten. Der Begriff von Klugheit, von Vernunft, wird, mit allen +seinen Beziehungen und Modifikationen, nicht immer auf einerlei Art +verstanden. Die Klugheit eines Mannes soll wohl von ganz anderer +Art seyn, als die, welche man von einer Frau verlangt; und wenn nun +vollends Klugheit mit Welt-Erfahrung, oder gar mit Gelehrsamkeit +verwechselt wird, so wäre es Unsinn, von diesen bei dem einen +Geschlechte so viel, wie bei dem andern, voraussetzen oder verlangen +zu wollen. Ich fordre daher von einem Frauenzimmer einen verständigen +Kleinigkeitsgeist, Feinheit, unschuldige Verschlagenheit, Behutsamkeit, +Witz, Duldsamkeit, Nachgiebigkeit und Geduld: -- lauter Stücke, +die doch auch zur Klugheit gehören; -- welche in gleichem Grade +nicht immer das Eigenthum des männlichen Charakters sind. Dagegen +erwarte ich, daß der Mann umsichtiger, gefaßter bei allen Vorfällen, +fester, unerschütterlicher, weniger den Vorurtheilen unterworfen, +ausdauernder und gebildeter sey, als das Weib. Jene Frage aber war in +allgemeinem Sinne zu verstehen, nämlich also: Wenn einer von beiden +Theilen schwach, stumpf von Organen und unwissend in manchen zum +Weltleben nöthigen Kenntnissen seyn sollte: würde es da besser seyn, +daß der Mann, oder daß die Frau der schwächere Theil wäre? -- Ich +antworte ohne Anstand: Noch habe ich nie eine glückliche und weise +geordnete Haushaltung gesehen, in welcher die Frau die entschiedne +Alleinherrschaft gehabt hätte. Es geht in einem Hause, wo ein Mann +von mittelmäßigen Fähigkeiten das Regiment führt, größtentheils immer +noch besser her, als in einem, wo eine kluge Frau ausschließlich +gebietet. Es kann vielleicht Ausnahmen davon geben; allein ~ich~ kenne +deren keine. Es versteht sich aber, daß hier nicht von der feinern +Herrschaft über das Herz eines edlen Gatten die Rede ist: wer wird +diese nicht gern einem klugen Weibe einräumen? welcher verständige +Mann wird nicht fühlen, daß er oft sanfter Zurechtweisung bedarf? +Jene ausschließliche Herrschaft hingegen scheint der Bestimmung der +Natur zuwider zu seyn. Schwächerer Körperbau; eingepflanzte Neigung zu +weniger dauerhaften Freuden; Launen aller Arten, die den Verstand, oft +in den entscheidendsten Augenblicken fesseln; Erziehung; und endlich +unsere bürgerliche Verfassung, welche die Verantwortung dessen, was +im Hause geschieht, allein auf den Mann wälzt: das alles bestimmt +die Gattin, Schutz zu suchen, und legt dem Gatten die Pflicht auf, +zu schützen. Nun ist aber doch nichts lächerlicher, als wenn der +Weisere und Stärkere bei dem Thoren und Schwachen Schutz suchen soll. +Frauenzimmer von vorzüglichen Geistesgaben handeln daher wahrlich +gegen ihren eignen Vortheil, und bereiten sich unangenehme Aussichten, +wenn sie aus Herrschsucht sich dumme Männer wünschen oder wählen; +die sichern Folgen davon sind Ueberdruß, verwirrte Haushaltung und +Verachtung des Publikums für einen von beiden Theilen, und das heißt +ja: für ~beide~ Theile. Männer aber, die so unmündig am Geiste sind, +daß sie die Rolle eines Hausvaters nicht gehörig zu spielen, nicht +Herr in ihrem Hause zu seyn vermögen, thun besser, Hagestolze zu +bleiben, und sich ein Plätzchen in einem Hospital, oder eine Präbende +zu kaufen, als daß sie sich vor Kindern, Hausgesinde und Nachbarn +lächerlich machen. Ich habe einen schwachen Fürsten gekannt, dessen +Gemahlin so unumschränkte Gebieterin über ihn war, daß, als sie einst +bestellt hatte, auszufahren, der Fürst hinunter in den Schloßhof +schlich, und den Kutscher, welcher da hielt, leise fragte: »Wisset ihr +nicht, ob ich mitfahre?« Wer möchte wohl Geschäfte mit einem Manne +treiben, dessen Willen, dessen Freundschaft und dessen Art, die Dinge +anzusehen, von den Launen, Winken und Zurechtweisungen seiner Frau +abhängen, -- der seine Briefe erst seiner Hofmeisterin zur Durchsicht +vorlegen, und über die wichtigsten, geheimsten Angelegenheiten erst +Instruktion bei der Toilette holen muß? Sogar in der Gefälligkeit +und Aufmerksamkeit gegen die Ehefrau soll der Mann seine Würde nicht +verleugnen. Verächtlich ist, selbst den Weibern, ein Mann, der, bevor +er sich zu etwas entschließt, erst jedesmal sagt: »Ich will es mit +meiner Frau überlegen;« der ihr immer das Mäntelchen nachträgt, sich +nicht untersteht, in eine Gesellschaft zu gehen, wo ~sie~ nicht ist, +oder der seine treuesten Bedienten abschaffen muß, wenn Madam deren +Gesichtsbildung nicht ertragen kann. + + + 17. + +Es gibt in diesem Leben eine Menge Ungemachs zu tragen. Auch der, +welcher der Glücklichste zu seyn scheint, hat geheime Leiden mancher +Art, wahre und eingebildete, unverschuldete oder selbstgeschaffne, +gleichviel! aber immer darum nicht minder Leiden. Sehr wenige Weiber +haben Kraft genug, das Unglück standhaft erdulden, guten Rath in der +Noth zu ertheilen, und ihren Gatten die Bürde tragen zu helfen, die +nun einmal getragen werden muß. Die mehrsten erschweren das Uebel +durch unzeitige Klagen, durch Geschwätz, wie es seyn ~könnte~, wenn +es nicht ~so~ wäre, wie es ist, oder gar durch übel angebrachte, +zuweilen sehr unbillige Vorwürfe. Ist es daher irgend möglich, kleinere +Unannehmlichkeiten (mit Haupt-Unglücksfällen aber läßt sich das selten +thun) vor Deiner Ehefrau zu verbergen, so verschließe lieber den +Kummer in Deinem Herzen! Ohnehin kann ein gutgeartetes Gemüth darin +keinen Trost finden, Andre, die es liebt, mit in seine Leiden zu +ziehen; und wenn nun gar die Last dadurch nicht erleichtert, sondern +vielmehr erschwert wird: wer wollte dann nicht lieber schweigen, und +seinen Rücken dem Sturme allein preisgeben? Schickt die Vorsehung Dir +aber einen großen, nicht zu verschweigenden Unfall, Noth, Schmerz, +Krankheit zu, -- verfolgen Dich widrige Geschicke, oder böse Menschen: +o dann rufe Deine ganze Standhaftigkeit auf! fasse Deinen Muth +zusammen, und versüße der Gefährtin Deines Lebens die Bitterkeit des +Kelchs, den sie mit Dir austrinken muß; wache über Deine Launen, +damit nicht der Unschuldige durch Dich leiden müsse! Verschließe Dich +in Dein Kämmerlein, wenn das Herz zu schwer wird! Dort erleichtre +Dich durch Thränen oder Gebet! Stärke und stähle Dein Herz durch +Philosophie, durch Zuversicht auf Gott, durch Hoffnung und durch weise +Entschließungen! und dann tritt mit heiterer Stirne hervor, und sey der +Tröster des Schwächern! -- Ist doch kein Ungemach und kein Leiden in +der Welt von beständiger Dauer, kein Schmerz so groß, der nicht freie +Augenblicke übrig ließe; führt doch ein gewisser Heroismus im Kampfe +gegen das Unglück Freuden mit sich, die selbst das härteste Ungemach +versüßen können; und der Gedanke, Andre zu trösten und aufzurichten, +erhebt das Herz wunderbar, erfüllt mit unbeschreiblicher Heiterkeit. -- +Ich rede aus Erfahrung. + + + 18. + +Wir sind darüber einig geworden, daß vollkommne Gleichheit in +Denkungsart und Temperamenten zu einer glücklichen Ehe nicht nothwendig +sey. Traurig ist aber doch immer die Lage, wenn die Ungleichheit gar zu +auffallend ist, wenn die Gattin sich bei allem kalt und gleichgültig +zeigt, was dem Gatten wichtig und interessant scheint. Traurig ist es +immer, wenn man, um den Genuß unschuldiger Freuden, um schmerzliche +Leiden, um hohe Gefühle, ferne Aussichten, wichtige Unternehmungen, -- +kurz, um alles, was Kopf und Herz beschäftigt, zu theilen, sich nach +fremden Mitgenossen sehnen muß. Traurig ist es, wenn ein phlegmatisches +Geschöpf zu jedem geistreichen Tropfen, den uns die süße Phantasie +einschenkt, Wasser gießt, uns aus jeder seligen Täuschung unsanft +aufweckt, unsre wärmsten Gespräche mit Plattheiten beantwortet, und +unsre schönsten Pflanzungen zertritt. -- Was ist aber in solchen Lagen +zu thun? Vor allen Dingen Hiobs Specificum gebraucht! Nicht lange +moralisirt, wo keine Besserung zu hoffen ist, -- geschwiegen, wenn man +doch nicht verstanden wird; und dann die Gelegenheit vermieden, Scenen +zu veranlassen, wodurch man zu sehr entrüstet, oder zu bitter gekränkt, +oder durch die Dummheit des Weibes öffentlich beschimpft werden könnte +-- so kann man doch wenigstens negativ so ziemlich glücklich seyn. + + + 19. + +Wie aber, wenn das Schicksal oder eigne Thorheit den Mann auf ewig an +ein Geschöpf gekettet hat, das, mit großen moralischen Gebrechen oder +gar mit Lastern behaftet, der Liebe und Achtung edler Menschen unwerth +ist; wenn die Frau durch ein mürrisches, feindseliges Temperament, +durch Neid, Geiz, oder unvernünftige Eifersucht dem Manne das Leben +verbittert, oder wenn sie sich durch ein falsches, tückisches Herz +verächtlich macht, oder wenn sie gar in Unzucht oder in Völlerei +lebt? Ich brauche hier nicht zu erinnern, daß mancher ehrliche Mann +unschuldiger Weise, d. h. in einer unschuldigen Verblendung in dies +Labyrinth gerathen kann, wenn ihm die Liebe oder vielmehr Fleisch +und Blut einen Streich spielen, indem der böse Feind Asmodäus im +Brautstande immer die schönste Larve vornimmt. Ich schweige hingegen +auch davon, daß sehr oft der Mann durch üble oder unvorsichtige +Behandlung daran Schuld ist, wenn Untugenden und Laster, zu welchen +der Keim in dem Herzen seiner Frau lag, zum Ausbruche kommen. Es würde +mich endlich zu weit führen, wenn ich Regeln für das Verhalten in jeder +einzelnen unglücklichen Lage von der Art geben wollte. -- Also nur so +viel im Allgemeinen! Man muß in solchen Lagen dreierlei Rücksichten +nehmen, nämlich: ~zuerst~ solche, welche auf Beförderung unserer eignen +Ruhe abzielen; ~sodann~ Rücksichten auf Kinder und Hausgenossen; und +~endlich~ auf das Publikum. Was den ersten Punkt betrifft, so rathe +ich: wenn einmal keine Hoffnung zu Bewirkung sittlicher Besserung da +ist, sich nicht mit Klagen, Vorwürfen und Zänkereien aufzuhalten, +sondern in der Stille solche kräftige Gegenmittel zu wählen, die uns +Vernunft, Rechtschaffenheit und Gefühl von Ehre anrathen. Entwirf +reiflich und mit möglichst kaltem Blute Deinen Plan! Ueberlege wohl, +ob eine Trennung nöthig sey, oder wie Du es anzufangen habest, Deinen +Zustand, wenn derselbe nun einmal nicht zu verbessern ist, leidlich zu +machen, und laß Dich dann von Deinem Entschlusse durch nichts, selbst +durch keine bloß anscheinende Besserung, noch durch Liebkosungen, +abwendig machen! Erniedrige Dich aber nie so weit, daß Du Dich durch +Hitze zu gewaltsamen Behandlungen verleiten ließest; sonst hast Du +schon zur Hälfte Unrecht. Erfülle endlich um so treuer Deine Pflichten, +je öfter Dein Weib sie übertritt: so wird auch Dein Gewissen beruhigt +seyn, und mit einem ruhigen Gewissen läßt sich alles, auch das Aergste, +ertragen. In Betracht Deiner Kinder, des Hausgesindes und des Publikums +aber vermeide alles Aufsehen! Laß, wo möglich, Dein Unglück nicht +ruchtbar werden! Wenn Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so werden +die Kinder immer schlecht erzogen. Ist diese Uneinigkeit also nicht +zu verbergen, so trenne Dich lieber von Deinen Kindern, und überlaß +ihre Leitung fremden guten Händen! Wenn offenbare Uneinigkeit unter +Eheleuten herrscht, so ist das Hausgesinde nie zur Ordnung, Treue +und Redlichkeit geneigt. Es entstehen Partheien und Klatschereien +ohne Ende. Vermeide daher allen Zank in Gegenwart des Gesindes! +Wenn öffentliche Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so verliert +der unschuldige Theil, zugleich mit dem schuldigen, die Achtung der +Mitbürger. Vertraue deswegen nicht leicht Dein häusliches Unglück +fremden Leuten. + + + 20. + +Sehr gern aber pflegen sich dienstfertige gute Freunde, alte Weiber, +beiderlei Geschlechts, Vettern und Basen in solche Angelegenheiten +zu mischen. Leide nicht, daß irgend jemand, wer es auch sey, +ohne von Dir dazu aufgefordert zu seyn, sich um Deine häuslichen +Umstände bekümmre; weise solche Einmischungen mit aller männlichen +Entschlossenheit von Dir! Gute Seelen vertragen sich ohne Vermittlung, +und mit schlechten richtet ein Friedensstifter doch nichts aus. Allein +bitte Gott, daß er Dich vor einer gewissen Art von Schwiegermüttern +bewahre, die alles wissen, alles thun, wenn sie auch bettelarm am +Geiste sind, dennoch alles dirigiren wollen; deren Geschäft ist, +Hetzereien anzustiften, zu unterhalten, und die mit Köchinnen und +Haushälterinnen gemeinschaftliche Sache machen, um aus christlicher +Liebe die Handlungen des Nächsten auszuspähen. Solltest Du aber zum +Unglücke so eine Meerkatze, ein solches satanisches Hausgeräth mit +erheirathet haben: so ergreif die erste Gelegenheit, da sie sich in +Deine Hausvater-Angelegenheiten mischen will, ihre freundlichen, +frommen Dienste so nachdrücklich zu verbitten, daß sie Dir sobald nicht +wiederkomme! Es gibt aber auch gute, edle Schwiegermütter, die ihren +verheiratheten Töchtern mit treuem Rathe beistehen, und denen man denn +um so mehr Ehrerbietung und Aufmerksamkeit schuldig ist, wenn man ihnen +die Bildung eines geliebten Weibes zu danken hat. + +Ueberhaupt sollen alle Zwistigkeiten unter Eheleuten nur unter ihren +vier Augen ausgemacht werden, und, wenn es auf das Höchste kömmt, von +der Obrigkeit; alle Mittel-Instanzen taugen gar nichts, und fremde +Friedensstifter und Beschützer des leidenden Theils machen immer das +Uebel ärger. Der Mann muß Herr seyn in seinem Hause: ~so~ wollen es +Natur und Vernunft. Mit einem Herrn zankt man nicht; er hat Richter +~über~ sich, nicht ~neben~ sich. Er soll sich auf keine Weise diese +Herrschaft rauben lassen, und auch dann, wenn die weisere Frau seiner +offenbaren Macht die heimliche Gewalt über sein Herz entgegenstellt, +muß doch das äussere Ansehen der Herrschaft nie wegfallen. + + + 21. + +Nichts erschüttert so heftig das Glück unter Gatten und Gattinnen, +als die ~Verletzung ehelicher Treue~. Der Moralität nach und unsern +religiösen und politischen Grundsätzen gemäß, ist zwar die Uebertretung +der ehelichen Pflichten von einer Seite so unedel wie von der +andern; in Rücksicht auf die Folgen hingegen ist die Unkeuschheit +einer Frau weit strafbarer, als die eines Mannes; jene zerreißt die +Familien-Bande, vererbt auf Bastarte die Vorzüge ehelicher Kinder, +zerstört die heiligen Rechte des Eigenthums, und widerspricht laut +den Gesetzen der Natur, nach welchen immer Vielweiberei weniger +unnatürlich, als Vielmännerei seyn würde. -- Man hat nicht einmal +in irgend einer Sprache einen üblichen Ausdruck für das Letztere. +Der Mann ist das Haupt der Familie; die schlechte Aufführung seiner +Frau wirft zugleich Schande auf ihn, als den Haus-Regenten; -- nicht +umgekehrt also! Ohne Betracht auf Folge und Rechenschaft aber, dünkt +mich, handelt ein Theil, der den andern für untreu hält, sehr unweise, +wenn er durch Vorwürfe, oder gar durch unvernünftiges Toben ihn in +Schranken halten will. Ist es ihm um sein Herz zu thun, so muß er +wissen, daß man nur durch sanfte, liebevolle Mittel Herzen fesselt, +durch das Gegentheil aber zurückstößt; verlangt er nur den alleinigen +Besitz des Leibes, so ist er ein Geschöpf der gemeinsten Art. Eheleute, +die durch kein edleres Band an einander geknüpft sind, finden tausend +Mittel, sich zu hintergehen, und es ist daran nicht viel verloren. +In so fern also bei der Untreue nicht Zärtlichkeit und Hochachtung +gekränkt werden, so ist wahrlich, wie die Franzosen in der That +vorgeben, die Hahnreischaft sehr wenig, und wenn man die Sache nicht +weiß, gar nichts. Noch ärger aber, und das sicherste Mittel, auch den +treuesten Gatten zu Ausschweifungen zu verleiten, ist, ihn auf bloßen +Verdacht durch Vorwürfe und niedriges Mißtrauen beleidigen. Sollte aber +Dein Unglück gewiß, und Deine Schande nicht zu verbergen seyn: so ist +freilich kein anderes Mittel, als Trennung durch gerichtliche Hülfe, +oder durch gütliche Uebereinkunft, obgleich der Schandfleck dadurch +nicht ausgelöscht wird. In allen übrigen Fällen ist die Ehescheidung +eine höchst bedenkliche Sache. Leute, die eine Reihe von Jahren mit +einander verlebt haben, können einen solchen Schritt nicht leicht +thun, ohne Beide an öffentlicher Achtung zu verlieren. Eheleute, die +Kinder haben, können, ohne sehr nachtheilige Folgen für die Bildung und +zeitliche Glückseligkeit dieser Kinder, sich nie trennen. Ist es daher +irgend möglich, bei einem weisen, vorsichtigen Betragen es mit einander +auszuhalten: so ertrage, leide und dulde man, und vermeide öffentliches +Aergerniß! + + + 22. + +Allein alle diese Vorschriften sind wohl nur auf Personen im mittlern +Stande besonders anwendbar. Die sehr vornehmen und sehr reichen +Leute haben selten Sinn für häusliche Glückseligkeit, fühlen keine +Seelen-Bedürfnisse, leben mehrentheils auf einem sehr fremden Fuße mit +ihrem Ehegatten, und bedürfen also keiner andern Regeln, als solcher, +die eine feine Erziehung vorschreibt. Und da sie auch eine eigne Moral +zu haben pflegen, so werden sie wohl in diesem Kapitel wenig finden, +das für sie tauglich wäre. + + + + + Viertes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit und unter Verliebten. + + + 1. + +Mit Verliebten ist vernünftiger Weise gar nicht umzugehen; sie sind +so wenig, wie andere Berauschte, zur Geselligkeit geschickt; ausser +ihrem Abgotte ist die ganze Welt todt für sie. Man mag übrigens leicht +mit ihnen fertig werden, wenn man nur Geduld genug hat, sie von dem +Gegenstande ihrer Zärtlichkeit reden zu hören, ohne zu gähnen; wenn +man im Gegentheile dabei einiges Interesse zeigt, sich über ihre +Thorheiten und Launen nicht zu ärgern, und im Fall die Liebe heimlich +gehalten seyn soll, sie nicht zu beobachten, nichts zu merken scheint, +wüßte auch die ganze Stadt das Geheimniß (wie es denn mehrentheils +geschieht); endlich wenn man ihre Eifersucht nicht erregt. + +Und so hätte ich denn über diesen Gegenstand weiter nichts zu reden. +-- Doch noch ein Paar Bemerkungen! Suchet Ihr einen verständigen +Freund, der Euch mit weisem Rathe, oder mit festem Muthe, mit Fleiß und +dauernder Arbeit dienen soll: so wählet keinen Verliebten dazu! Ist +es Euch aber darum zu thun, eine theilnehmende, empfindelnde Seele zu +finden, die mit Euch klage, winsele, seufze, oder Euch ohne Sicherheit +Geld borge, auf etwas subscribire, ein armes Mädchen ausstatte, einen +beleidigten Vater besänftigen helfe, oder mit Euch Ritterstreiche +mache, Kindereien treibe, oder Eure Verse, Eure Liederchen und Sonaten +lobe: -- so wendet Euch nach den Umständen an einen glücklichen oder +hoffnungslosen Liebhaber! + + + 2. + +Den Verliebten selbst Regeln über ihren Umgang mit einander zu geben, +das würde verlorne Mühe seyn; denn da diese Menschen selten bei +gesunder Vernunft sind: so wäre es eben so unsinnig, zu verlangen, daß +sie sich dabei gewissen Vorschriften unterwerfen sollten, als wenn man +einem Rasenden zumuthen wollte, in Versen zu phantasiren, oder Einem, +der die Kolik hat, nach Noten zu schreien. Doch ließe sich Einiges +sagen, das gut und leicht zu beobachten wäre, wenn man hoffen dürfte, +daß solche Menschen der Vernunft Gehör gäben, oder auch nur lichte +Zwischenräume hätten, in welchen sie etwas begreifen können. + + + 3. + +Die erste Liebe bewirkt ungeheure Revolutionen in der ganzen Sinnesart +und dem Wesen des Menschen. Wer nie geliebt hat, kann keinen Begriff +haben von den seligen Freuden, die der Umgang unter Verliebten gewährt; +wer zu oft mit seinem Herzen Tausch und Handel getrieben hat, verliert +den Sinn dafür. Ich habe einst ein Bild davon entworfen, und da ich +jetzt nichts Besseres darüber zu sagen weiß, will ich diese Stelle hier +abschreiben[5]. + +»Es ist eine gar sonderbare Sache um die ersten Liebes-Erklärungen. +Wer mit seinem Herzen schon oft Spielwerk getrieben, seine zärtlichen +Seufzer vor manchen Schönen schon ausgeblasen hat, dem wird es eben +nicht schwer, wenn er einmal wieder sich die Lust macht, verliebt zu +werden, seine Empfindungen bei einer schicklichen Gelegenheit an den +Tag zu legen; auch weiß dann die Kokette schon, was sie bei solchen +Vorfällen zu antworten hat; sie glaubt das Ding nicht sogleich, meint, +der Herr wolle sie zum Besten haben, er spiele den Roman-Helden, oder, +wenn er dringend wird, und sie glaubt nach und nach überzeugt werden +zu müssen, so kömmt zuerst eine Bitte, ihrer Schwachheit zu schonen, +ihr nicht ein Geständniß abzunöthigen, wobei sie erröthen müßte; und +dann will der entzückte Liebhaber dem holden Engel um den Hals fallen, +und in Wonne dahinschmelzen; aber die Schöne protestirt feierlich +gegen alle solche Freiheiten, verläßt sich überhaupt auf seine Ehre +und Rechtschaffenheit, reicht ihm höchstens die Backe dar, theilt +ihre Gunstverwilligungen in unendlich kleine Parcelen, um täglich +nur um ein Haar breit dem Ziele näher rücken zu dürfen, damit der +schöne Roman desto länger dauern möge; und wenn auf andre Art keine +Zeit mehr zu gewinnen ist, muß ein kleiner Zwist dazwischen kommen, +die völlige Entwickelung aufhalten, und die Uhr auf die Schäferstunde +zurückstellen. Bei allen diesen conventionellen Gaukeleien aber +empfinden dergleichen Leute gar nichts, lachen, wenn sie allein +sind, des Possenspiels, das sie mit einander treiben, können voraus +calculiren, wie weit sie morgen und übermorgen mit ihrem Geschäfte +kommen müssen, und werden dick und fett bei ihrer Liebespein.« + + »Ganz anders aber ist es mit einem Paar unschuldigen Herzen, die, zum + erstenmal vom wohlthätigen Feuer der Liebe erwärmt, so gern ihren + süßen, schuldlosen Gefühlen Luft machen möchten, und immer nicht + Muth fassen können, mit Worten zu sagen, was Augen und Gebehrden oft + schon deutlich gesagt und beantwortet haben. Der Jüngling sieht die + Geliebte zärtlich an; sie erröthet; ihr Blick wird unruhig, unstät, + wenn Er mit einem andern Mädchen zu viel und zu freundlich redet; sein + Auge möchte zürnen, er möchte gleichgültig vor ihr vorbeiblicken, + wenn sie einem Andern vertraulich etwas in's Ohr gesagt hat; man + fühlt den Vorwurf, gibt augenblickliche Genugthuung, bricht plötzlich + und fast unhöflich das Gespräch ab, welches den Argwohn erweckt + hat; der Versöhnte dankt durch das zärtliche Lächeln und durch die + fröhlichste, plötzlich aufwachende Laune; man nimmt mit den Augen + Verabredungen auf morgen, entschuldigt sich, warnet vor Beobachtern, + erkennt sich gegenseitige Rechte auf einander an -- und hat sich + doch noch mit keinem Wörtchen gesagt, ~was~ man für einander fühlt. + Allein man sucht von beiden Seiten ernstlich die Gelegenheit dazu; + sie kömmt, kömmt oft, und man läßt sie ungenützt vorbeistreichen, + drückt sich höchstens einmal leise die Hand, und doch auch das nie + ohne irgend einen schicklichen Vorwand, sagt sich aber kein Wort, + ist mißmüthig, zweifelt an Gegenliebe, und hat sich oft noch nicht + gegen einander erklärt, wenn man schon die Fabel der ganzen Stadt und + der Gegenstand der schändlichsten Verläumdung ist. Ist endlich das + längst im Busen pochende Bekenntniß den furchtsamen Lippen stotternd + entflohen, und mit gebrochenen, halb erstickten Worten, mit einem + bis in das Innerste dringenden Händedrucke begleitet, beantwortet + worden; dann lebt man vollends erst ganz für einander, ist wenig um + die übrige Welt bekümmert, sieht und hört nichts um sich her, ist in + keiner Gesellschaft verlegen mit seiner Person, wenn nur der theure + Gegenstand uns freundlich anlächelt; findet an der Seite der Geliebten + alles Ungemach des Lebens leichter zu ertragen; glaubt nicht, daß es + Krankheit, Armuth, Druck und Noth in der schönen Welt geben könne; + lebt mit allen Wesen in Frieden; verachtet Gemächlichkeit, köstliche + Speise, Schlaf. -- O Ihr! wenn Ihr je so wonnevolle Zeiten verlebt + habt, sprechet! ist auch ein süßerer Traum zu träumen möglich? Ist + unter allen phantastischen Freuden des Lebens Eine, die so unschuldig, + so natürlich, so unschädlich wäre? Eine, die so überschwenglich + glücklich, fröhlich, so friedenvoll machte? -- Ach! daß dieser selige + Zustand der Bezauberung nicht ewig dauern kann, daß man oft nur gar zu + unsanft aus diesem elysischen Schlummer aufgeschreckt wird!« + + + 4. + +In der Ehe ist ~Eifersucht~ ein schreckliches, Ruhe und Frieden +störendes Uebel, und jeder Streit von bösen Folgen; in die Liebe +hingegen bringt die Eifersucht Mannigfaltigkeit und neues Leben; +nichts ist süßer, als der Augenblick der Versöhnung nach kleinen +Zwistigkeiten, und solche Scenen knüpfen das Band fester. Zittre vor +der Eifersucht einer Kokette, vor der Rache eines Weibes, dessen Liebe +Du verschmäht hast, oder für welches Dein Herz nicht mehr spricht, wenn +sie Deiner -- sey es nun aus Lust, oder aus Eitelkeit, aus Vorwitz, +oder aus Eigensinn -- noch begehrt! Sie wird Dich mit wüthigem Grimme +verfolgen, und keine Schonung von Deiner Seite, keine Nachgiebigkeit, +keine Verschwiegenheit über die ehemaligen Verhältnisse, keine +öffentliche Ehrerbietungs-Bezeigungen werden Dir helfen, besonders wenn +sie Dich nicht etwa fürchtet. + + + 5. + +Weiber-Feinde schreien laut: das schöne Geschlecht liebe nie mit so +gänzlich treuer Ergebung, wie wir Männer; Eitelkeit, Vorwitz, Lust +an Abentheuern, oder körperliches Bedürfniß sey es nur, was sie zu +uns hinreisse, und man dürfe nicht länger auf Weibertreue rechnen, +als so lange eine von diesen Leidenschaften und Trieben nach Zeit +und Gelegenheit zu befriedigen ist; Andre hingegen lehren gerade +das Gegentheil, und beschreiben mit den reizendsten Farben die +Beständigkeit, die Innigkeit und das Feuer eines weiblichen, von Liebe +erfüllten Herzens. Jene eignen dem Geschlechte viel mehr Sinnlichkeit +und Reizbarkeit, als edlere Gefühle zu, und sagen, es sey nur Grimasse, +wenn Weiber ihre Männer überreden wollten, sie hätten ein sehr kaltes +Temperament; Diese hingegen behaupten: die reinste, heiligste Liebe, +ohne Begierde, ja, auf gewisse Art ohne Leidenschaft, diese göttliche +Flamme könne nur in weiblichen Seelen in ihrer ganzen Fülle wohnen. +Wer von beiden Partheien Recht hat, das mögen Diejenigen entscheiden, +denen eine größere Kenntniß des weiblichen Herzens, und ausgebreitete +Welt-Erfahrung ein Recht geben, über den Charakter der Weiber kühner, +unpartheiischer, mit mehr Scharfsinn und mit gründlicherer Vernunft, +als ich, zu urtheilen und zu schreiben. Ich wage das nicht; auch sind +es zwei verschiedene Fragen: aus welchen Quellen zuerst Weiberliebe +zu entspringen pflege? und: welche Eigenschaften nachher diese Liebe +habe, wenn einmal die Seele davon ergriffen ist? Das aber getraue +ich mir zu behaupten, ohne einem von beiden Geschlechtern zu nahe zu +treten, daß wir Männer an Treue und gänzlicher Hingebung in der Liebe +wohl schwerlich die Weiber übertreffen dürften. Die Geschichte aller +Zeiten ist voll von Beispielen der treuesten Anhänglichkeit, der +heldenmüthigsten Ueberwindung aller Schwierigkeiten, und Verachtung +aller Gefahren, mit welcher ein Weib sich ihrem Geliebten weiht, und +sein Leben zu beglücken, zu erhalten, zu erretten sucht. Ich kenne +kein höheres Glück auf der Welt, als so innig, so treu geliebt zu +werden. Leichtsinnige Gemüther findet man unter Männern, wie unter +Frauenzimmern; Hang zur Abwechselung ist dem ganzen Menschengeschlecht +eigen; neue Eindrücke größerer Liebenswürdigkeit, wahrer oder +eingebildeter, können die lebhaftesten Empfindungen verdrängen; aber +fast möchte ich sagen, die Fälle der Untreue wären häufiger bei +Männern, als bei Weibern, würden nur nicht so bekannt, machten weniger +Aufsehen, wir wären wirklich nicht so leicht auf immer zu fesseln; und +es würde vielleicht nicht schwer halten, die Ursachen davon anzugeben, +wenn das hieher gehörte. + + + 6. + +Treue, ächte Liebe freuet sich in der Stille des seligen Genusses, +prahlt nicht nur nie mit Gunstbezeigungen, sondern gesteht sich's sogar +selbst kaum, wie froh sie ist. Die glücklichsten Augenblicke in der +Liebe sind da, wo man sich noch nicht gegen einander mit Worten erklärt +hat, und doch jede Miene, jeden Blick versteht. Die wonnevollsten +Freuden sind die, welche man mittheilt und empfängt, ohne dem Verstande +davon Rechenschaft zu geben. Die Feinheit des Gefühls leidet oft +nicht, daß man sich über Dinge erkläre, die ganz ihren hohen Werth +verlieren, die anständiger Weise, ohne Beleidigung des Zartgefühls, +gar nicht mehr gegeben und angenommen werden können, sobald man etwas +darüber gesagt hat. Man verwilligt stillschweigend, was man nicht +verwilligen darf, wenn es erbeten, oder wenn es merkbar wird, daß es +mit Absicht gegeben werden soll. + + + 7. + +In den Jahren, in welchen so leicht das Herz mit dem Kopfe davon +läuft, bauet so Mancher das Unglück seines Lebens durch übereilte +Ehe-Versprechungen. Im Taumel der Liebe vergißt der Jüngling, wie +wichtig ein solcher Schritt ist, und daß von allen Verbindlichkeiten, +die man übernehmen kann, diese die schwerste, die gefährlichste +und leider die unauflöslichste ist. Er verbindet sich auf ewig mit +einem Geschöpfe, das sich seinen von Leidenschaft geblendeten Augen +ganz anders darstellt, als es späterhin seiner nüchternen Vernunft +erscheint, und dann hat er sich eine Hölle auf Erden bereitet; oder +er vergißt, daß mit einer solchen Verbindung die Bedürfnisse, Sorgen +und Arbeiten wachsen, und dann muß er, an der Seite eines innigst +geliebten Weibes, mit Mangel und Kummer kämpfen, und doppelt alle +Schläge des Schicksals fühlen; oder er bricht sein Wort, wenn ihm vor +der priesterlichen Einsegnung noch die Augen aufgehen; und dann sind +Gewissensbisse sein Theil. -- Allein, was vermögen Rath und Warnung im +Augenblicke des Rausches? Uebrigens beziehe ich mich auf das, was ich +im 15ten und 16ten Abschnitte des folgenden Kapitels sagen werde. + + + 8. + +Haben Liebe und Vertraulichkeit Dich an ein Geschöpf gekettet, und +Eure Bande werden getrennt, sey es nun durch Schicksale, Untreue +und Leichtfertigkeit des einen Theils, oder durch andere Umstände: +so handle, nach dem Bruche, oder wenn die Verbindung sonst aufhört, +nie unedel. Laß Dich nie hinreissen zu niedriger Rache! Mißbrauche +nicht Briefe, noch Zutrauen! Der Mann, der fähig ist, ein Mädchen zu +lästern, einem Weibe zu schaden, das einst in seinem Herzen geherrscht +hat, verdient Haß und Verachtung; und wie mancher sonst nicht sehr +liebenswürdige Mann hat die Gunst artiger Frauenzimmer nur allein +seiner erprobten Bescheidenheit, Verschwiegenheit und Vorsichtigkeit in +Liebessachen zu danken! + + + + + Fünftes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit Frauenzimmern. + + + 1. + +Ich will gleich zu Anfange dieses Kapitels feierlich erklären, daß +ich kein Weiber-Feind bin. -- Zwar sollte es billig einer solchen +Erklärung nicht bedürfen, weil es schon der gesunde Menschenverstand +lehrt, und ich kühn sagen darf, daß meine Schriften nicht Gelegenheit +geben, mich für einen Lästerer des schönen Geschlechts zu halten; doch +der Schwachen wegen füge ich es hinzu. Alles also, was ich hier im +Allgemeinen zum Nachtheile des weiblichen Charakters sagen muß, soll +der Verehrung unbeschadet gesagt seyn, die nicht nur jedes einzelne +edle Weib und Mädchen, sondern die auch das Geschlecht, im Ganzen +genommen, von so manchen Seiten, nur nicht gerade von der fehlerhaften, +verdient. ~Diese~ zu verschweigen, um ~jene~ zu erheben, das ist das +Handwerk eines feilen Schmeichlers; und der mag ich nicht seyn. Die +mehrsten Schriftsteller aber, welche etwas über die Frauenzimmer sagen, +scheinen sich's zum Geschäft zu machen, nur die Schwächen derselben +aufzudecken -- das ist noch weniger meine Absicht. Wenn ich aber über +den Umgang mit Menschen schreibe: so habe ich die Verpflichtung, auch +die Schwächen in Erwägung zu ziehen, denen man nachgeben, die man +schonen muß, um in dem Umgange mit Frauenzimmern weder ungerecht, noch +ihr Sclave zu werden. Jedes Geschlecht, jeder Stand, jedes Alter, jeder +einzelne Charakter hat dergleichen Schwächen. In so fern ich diese +kenne, gehört es zu meinem Zwecke, davon zu reden; und man wird finden, +daß ich von der andern Seite weder die Tugenden verschwiegen habe, die +den Umgang mit Männern und Frauenzimmern, mit Alten und Jungen, mit +Weisern und Schwächern, mit Vornehmen und Geringen, angenehm machen, +noch irgend eine einzelne Klasse auf Kosten oder zum Vortheile der +andern, lobe oder tadle. -- So viel als Vorrede zu diesem Kapitel. + + + 2. + +Nichts ist so geschickt, der Bildung des Jünglings die Vollendung +zu geben, als der Umgang mit tugendhaften und gesitteten Weibern. +Da werden die sanftern Tinten in den Charakter eingetragen; da wird +durch mildere und feinere Züge manche Härte gemäßigt, mancher Flecken +verwischt, -- kurz: wer nie mit Weibern besserer Art umgegangen ist, +der entbehrt nicht nur sehr viel reinen Genuß, sondern er wird auch im +geselligen Leben nicht weit kommen; und ~den~ Mann, der verächtlich +vom ganzen weiblichen Geschlechte denkt und redet, mag ich nicht +zum Freunde haben. Ich habe die seligsten Stunden in dem Kreise +liebenswürdiger Frauenzimmer verlebt; und wenn etwas Gutes an mir ist, +wenn, nach so vielfältigen Täuschungen von Menschen und Schicksalen, +Erbitterung, Mißmuth und Feindseligkeit noch nicht alles Wohlwollen, +alle Liebe und Duldung aus meiner Seele verdrängt haben: so danke ich +es den sanften Einwirkungen, die dieser Umgang auf meinen Charakter +gehabt hat. + + + 3. + +Die Weiber haben einen ganz eignen Sinn, um diejenigen unter den +Männern zu unterscheiden, welche mit ihnen sympathisiren, sie +verstehen, sich in ihren Ton stimmen können. Man hat sehr Unrecht, +wenn man ihnen Schuld gibt, körperliche Schönheit allein mache auf +sie so lebhafte Eindrücke; sehr oft hat gerade der entgegengesetzte +Fall Statt. Ich kenne Jünglinge mit Antinous-Gestalten, die ihr Glück +bei dem schönen Geschlechte nicht machen, und hingegen Männer mit +fast garstigen Larven, die dort gefallen und Theilnehmung erwecken. +Auch liegt nicht der Grund darin, daß sie die Klügern und Witzigern +vorzögen, noch in der mehrern oder mindern Schmeichelei und Huldigung; +es gibt aber eine Art mit Frauenzimmern umzugehen, die nur von ihnen +selbst erlernt werden kann; und wer ~die~ nicht versteht, der mag mit +allen innern und äussern Vorzügen ausgerüstet seyn -- er wird ihnen +nicht behagen. Man findet Männer, die von der Gabe, den Frauenzimmern +zu gefallen, großen Mißbrauch machen, denen man erwachsene Töchter +anvertrauet, die zu allen Tageszeiten bei den Damen freien Zutritt, +und sich in den Ruf gesetzt haben, ohne Bedeutung zu seyn, denen +man eben deswegen sorglos die freiesten Scherze erlaubt, oft aber +dadurch so gefährlich macht, daß man es, aber zu spät, bereut, ihnen +so viel eingeräumt zu haben. Der Mißbrauch hebt indessen den erlaubten +Gebrauch jener Kunst nicht auf. Ein kleiner Anstrich von weiblicher +Sanftmuth, die aber ja nicht in unmännliche Schwäche übergehen darf; +Gefälligkeiten, die nicht so groß, nicht so merklich seyn dürfen, +daß sie Aufsehen erregen, oder größere Gegenforderung veranlassen, +aber auch nicht so heimlich, daß sie übersehen würden; kleine, feine +Aufmerksamkeiten, wofür sich kaum danken läßt, die also kein Recht +geben, ohne Anspruch zu seyn scheinen, und doch verstanden, doch +angerechnet werden; eine Art von Augensprache, die, sehr vom Liebäugeln +unterschieden, nur von zarten, empfindungsvollen Herzen aufgefaßt +wird, ohne in Worte übersetzt werden zu dürfen; das Verbergen gewisser +geheimen Gefühle; ein freier, treuherziger Umgang, der nie in freche, +gemeine Vertraulichkeit ausarten muß; zuweilen sanfte Schwermuth, +die nicht Langeweile macht; ein gewisser romanhafter Schwung, der +weder in's Süßliche, noch Abentheuerliche fällt; Bescheidenheit, +ohne Schüchternheit; Unerschrockenheit, Muth und Lebhaftigkeit, +ohne stürmisches Wesen; körperliche Gewandtheit, Geschicktheit, +Behendigkeit, angenehme Talente; -- ich denke, das ist es ungefähr, was +den Weibern an uns gefallen könnte. + + + 4. + +Das Gefühl der Schutzbedürftigkeit, und die Ueberzeugung, daß der +Mann ein Wesen seyn müsse, das fähig sey, diesen Schutz zu verleihen, +ist von der Natur auch ~denen~ Frauen eingepflanzt, die Stärke und +Entschlossenheit genug haben, sich selbst zu schützen. Daher fühlen +auch weichgeschaffne Damen eine Art von Widerwillen gegen schwächliche, +gebrechliche Männer. Sie können gegen Leidende herzliches Mitleiden +empfinden, zum Beispiel gegen Verwundete, Kranke und dergleichen; aber +eigentliche, bleibende Gebrechlichkeiten, die den freien Gebrauch der +Kräfte hemmen, werden die Zuneigung, selbst des sittsamsten Weibes, von +Dir abwendig machen. + + + 5. + +Man hat oft den Damen vorgeworfen, daß sie sich vorzüglich für +ausschweifende Männer interessirten. Wenn das wahr ist: so kann ich +doch nichts durchaus Anstößiges darin finden. Sind sie, bei dem +Bewußtseyn eigner Schwäche, duldsamer, als wir: so macht das ihrem +Herzen Ehre; allein wir Männer tadeln auch oft nur aus Neid solche +glückliche Verbrecher von unserm Geschlechte, finden hingegen, wenn wir +die Lovelace und Carl Moor nur auf dem Papiere oder auf der Schaubühne +sehen, heimliches Wohlgefallen an ihnen. Der Grund von dem Allen liegt +wohl in einem dunkeln Gefühle, welches uns sagt, daß zu Verirrungen von +der Art eine gewisse Kraft des Gemüths, eine lebendige Thätigkeit, und +eine Empfänglichkeit des Gefühls gehöre, die immer Interesse erweckt. +Uebrigens will man bemerkt haben, daß die mehrsten Frauenzimmer nur +vorzüglich duldsam gegen ~hübsche Männer~ und gegen ~garstige Weiber~ +seyen. + + + 6. + +Noch muß ich erinnern, daß die Frauenzimmer an den Männern Reinlichkeit +und eine wohlgewählte, doch nicht phantastische Kleidung lieben, und +daß sie leicht mit einem Blicke kleine Fehler und Nachlässigkeiten im +Anzuge bemerken. + + + 7. + +Huldige nicht mehrern Frauenzimmern zu gleicher Zeit, an demselben +Orte, auf einerlei Weise, wenn es Dir darum zu thun ist, Zuneigung +oder Vorzug von einer Einzelnen zu erlangen! Sie verzeihen uns kleine +Untreuen, ja man kann dadurch bei ihnen zuweilen sogar gewinnen; aber +in dem Augenblicke, da man ihnen etwas von Empfindungen vorschwatzt, +muß man fühlen, was man sagt, und es nur ~für sie~ fühlen. Sobald sie +merken, daß Du Dein zärtliches Gewäsche einer Jeden auskramst, ist +alles vorbei. Sie mögen, was sie uns sind, gern ~ungetheilt~, ~allein~ +und ausschließend bleiben. + + + 8. + +Zwei Frauenzimmer, die Forderungen und Ansprüche von einerlei Art +machen, sey es nun von Seiten der Schönheit, Gelehrsamkeit, oder sonst, +stimmen in einer Gesellschaft nicht gut zusammen. Doch werden sie +zuweilen mit einander fertig; kömmt aber die Dritte hinzu, dann hat der +böse Feind sein Spiel. + +Hüte Dich daher auch, in Gegenwart einer Dame, die Ansprüche von irgend +einer Art macht, eine andre, wegen gleicher Eigenschaften, zu sehr +zu loben, besonders eine Nebenbuhlerin mit denselben Ansprüchen! Es +pflegt allen Menschen, die ein Gefühl von eignem Werthe, und Begierde +zu glänzen haben, vorzüglich aber den Damen, eigen zu seyn, daß sie +gern ausschließlich bewundert werden mögen, es sey nun wegen Schönheit, +wegen Geschmack, wegen Pracht, wegen Talente, wegen Gelehrsamkeit, +oder weswegen es auch sey. Sprich daher auch nicht von Aehnlichkeiten, +die Du findest, zwischen der Frau, mit welcher Du redest, und ihren +Kindern, oder irgend einer andern Person! Frauenzimmer haben zuweilen +sonderbare Grillen; man weiß nicht immer, wie sie, nach ihrer +Vorstellung, aussehen, oder gern aussehen möchten. Die Eine affectirt +Simplicität, Unschuld, Naivität; die Andre macht Anspruch auf hohe +Grazie, Adel und Würde in Gang und Gebehrde. Die Eine sähe es gern, +wenn man sagte: ihr Gesicht verrathe so viel Sanftmuth; eine Andre +möchte männlich klug, entschlossen, geistvoll, erhaben aussehen. Die +möchte mit ihren Blicken zu Boden stürzen können; Jene mit ihren Augen +alle Herzen wie Butter schmelzen. Die Eine will ein gesundes und +frisches, die Andre ein kränkliches, leidendes Ansehen haben. -- Das +sind nun kleine unschädliche Schwachheiten, nach denen man sich wohl +richten kann, oder vielmehr muß, wenn man mit Damen umgehen will. + + + 9. + +Die mehresten Frauenzimmer wollen ohne Unterlaß angenehm unterhalten +seyn. Der angenehme Gesellschafter ist ihnen oft mehr werth, als der +würdige, verdienstvolle Mann, von dessen Lippen Weisheit strömt, wenn +er redet; der aber lieber schweigen, als leere Worte sprechen mag. +Allein kein Gegenstand scheint ihnen unterhaltender, als ihr eignes +Lob, wenn es ihnen nicht gar zu stark in's Gesicht gesagt wird; -- doch +auch damit nehmen es Manche so genau nicht. Man erhebe immer einmal +die Schönheit einer alten Matrone! Man sehe immer einmal die Mutter +für die Tochter im Hause an! -- Sie werden uns darum die Augen nicht +auskratzen. Ueberhaupt aber ist es mit dem Alter der Frauenzimmer +ein kitzlicher Punkt. Man thut am besten, diese Saite gar nicht zu +berühren. Wenn man übrigens die Kunst versteht, ihnen Gelegenheit zu +geben, zu glänzen, so bedarf man weiter keiner Unterhaltung, und man +wird ihnen gewiß nicht unangenehm seyn. -- Ist das nicht bei allen +Menschen mehr oder weniger der Fall? Gewiß! doch bei Weibern öfter, +weil man wohl ohne Sünde ein wenig mehr Eitelkeit auf Rechnung ihres +Geschlechts schreiben, als dem unsrigen Schuld geben darf. + + + 10. + +Ein großes Triebrad im weiblichen Charakter ist die Neugier. Auch +darauf muß man zu rechter Zeit im Umgang mit ihnen zu wirken, und +dies Bedürfniß nach den Umständen zu erwecken, zu beschäftigen und zu +befriedigen verstehen. Sonderbar genug ist es, wie weit oft Vorwitz +und Neugier bei ihnen gehen. Auch die mitleidigsten Seelen unter +ihnen empfinden zuweilen einen unbezwinglichen Trieb, schreckliche +Scenen, Exekutionen, Operationen, Wunden und dergleichen anzuschauen, +jämmerliche Mordgeschichten zu hören; -- Gegenstände, denen sich der +weniger weibliche Mann nicht ohne Widerwillen gegenüber sieht. Deswegen +sind ihnen auch diejenigen Romane und Schauspiele größtentheils +die angenehmsten, in welchen Abentheuer ohne Ende, unerwartete +Begebenheiten in Menge, und Greuel auf Greuel gehäuft sind. Deswegen +forschen die Schlimmern unter ihnen so gern nach fremden Geheimnissen, +und spähen die Handlungen ihrer Nachbaren aus, wenn auch nicht immer +Bosheit, Neid und Schadenfreude zum Grunde liegen. Chesterfield sagt: +»Wenn Du Dich bei Weibern einschmeicheln willst, so vertraue ihnen ein +Geheimniß!« -- freilich wohl nur ein kleines Geheimniß. -- Doch warum +nicht auch größere? Können nicht manche Weiber besser schweigen, als +ihre Männer? Es kömmt nur auf den Gegenstand des Geheimnisses an. + + + 11. + +Auch die edelsten Weiber haben mehr abwechselnde Launen, sind weniger +gleichgestimmt zu allen Zeiten, als wir Männer. Reizbarere Nerven, die +leichter zu allerlei Gemüthsbewegungen in Schwingung zu bringen sind, +und ein schwächerer Körperbau, der manchen unbehaglichen Gefühlen +ausgesetzt ist, die wir gar nicht kennen, sind Schuld daran. Wundert +Euch daher nicht, meine Freunde! wenn Ihr nicht jeden Tag denselben +Grad von Theilnehmung und Liebe in den Augen derjenigen Damen zu +finden glaubet, an deren Zuneigung Euch gelegen ist! Ertraget diese +vorübergehenden Launen, aber hütet Euch in solchen Augenblicken +von Verstimmung, Euch aufzudringen, oder zur Unzeit mit Witz oder +Troste angezogen zu kommen; sondern überleget wohl, was sie in jeder +Gemüthslage etwa gern hören mögten, und wartet ruhig den Augenblick +ab, wo sie selbst den Werth Eurer Nachsicht und Schonung fühlen, und +ihr Unrecht gutmachen! + + + 12. + +Die Frauenzimmer finden ein gewisses Vergnügen an kleinen Neckereien; +mögen selbst denen Personen, die ihnen am theuersten sind, zuweilen +unruhige Augenblicke machen. Auch hiervon liegt der Grund in ihren +Launen, und nicht in Bösartigkeit des Gemüths. Wenn man sich dabei +vernünftig, duldsam, nicht stürmisch beträgt, noch durch eigne Schuld +den kleinen Zwist zu einem wirklichen förmlichen Bruche heranwachsen +läßt: so löschen sie in einer andern Stunde die Beleidigungen, die sie +uns zugefügt haben, durch verdoppelte Gefälligkeit aus, und man erlangt +dabei oft ein Recht mehr auf ihre Zuneigung. + + + 13. + +In solchen und allen übrigen kleinen Kämpfen und Streitigkeiten mit +Frauenzimmern muß man ihnen den Triumph des Augenblicks lassen, nie +aber sie merklich beschämen; denn das ist etwas, das ihre Eitelkeit +selten verzeiht. + + + 14. + +Daß die Rache eines unedlen Weibes fürchterlich, grausam, dauernd und +nicht leicht zu versöhnen sey, das hat man schon so oft gesagt, daß ich +es hier zu wiederholen fast nicht nöthig finde. Wirklich sollte man es +kaum glauben, welche Mittel solche Furien ausfindig zu machen wissen, +einen ehrlichen Mann, von dem sie sich beleidigt glauben, zu martern, +zu verfolgen; wie unauslöschlich ihr Haß ist; zu welchen niedrigen +Mitteln sie ihre Zuflucht nehmen. Der Verfasser dieses Buchs hat leider +selbst eine Erfahrung von der Art gemacht. Ein einziger unbesonnener +Schritt in seiner frühen Jugend, durch welchen sich der Ehrgeitz und +die Eitelkeit eines Weibes gekränkt fühlte, ob sie ihn gleich früher, +als er sie, auf den Fuß getreten hatte, war Schuld daran, daß er +nachher aller Orten, wo sein Schicksal ihn nöthigte, Schutz und Glück +zu suchen, Widerstand, und fast unübersteigliches Hinderniß fand; daß +heimliche, durch allerlei Wege gewonnene Verläumder mit bösen Gerüchten +vor ihm hergingen, um jeden Schritt zu hindern, jeden unschuldigen Plan +zu vereiteln, den er zu seinem Fortkommen und zum Wohl seiner Familie +anlegte. Ihm half nicht das vorsichtigste, untadelhafteste Betragen, +nicht die öffentliche Erklärung, wie sehr er sein Unrecht erkenne. +-- Die rachgierige Frau hörte nicht auf, ihn zu verfolgen, bis er +endlich freiwillig allem entsagte, wozu man die Hülfe Anderer braucht, +und sich auf eine häusliche Existenz einschränkte, die sie ihm nicht +rauben kann. -- Und das that eine Frau, in deren Macht es stand, viele +Menschen glücklich zu machen, und die von der Natur mit sehr seltnen +Vorzügen des Körpers und des Geistes ausgerüstet war. + +Es scheint übrigens in der Natur zu liegen, daß Schwächere immer +grausamer in ihrer Rache sind, als Stärkere; vielleicht, weil das +Gefühl dieser Schwäche die Empfindung des erlittenen Drucks verstärkt, +und lüsterner nach der Gelegenheit macht, auch einmal Kraft zu üben. + + + 15. + +Eine philosophische Abhandlung des Herrn Professor Meiners, über die +Frage: »ob es in unsrer Macht stehe, verliebt zu werden, oder nicht?« +läßt mich daran verzweifeln, irgend etwas Neues über die Mittel sagen +zu können, welche man anzuwenden hat, um im Umgange mit liebenswürdigen +Frauenzimmern die Freiheit seines Herzens zu bewahren und zu behaupten. +Die Liebe ist zwar ein süßes Ungemach, das über uns kömmt, gerade +wenn wir uns dessen am wenigsten versehen, gegen welches wir also +gewöhnlich erst dann anfangen, Maaßregeln zu nehmen, wenn es schon zu +spät ist; da sie aber oft sehr bittre Leiden, und Zerstörung aller Ruhe +und alles Friedens mit in ihrem Gefolge führt; da hoffnungslose Liebe +wohl eine der schrecklichsten Plagen ist, und äussere Verhältnisse +zuweilen auch den edelsten, zärtlichsten Neigungen unübersteigliche +Hindernisse in den Weg legen: so ist es doch der Mühe werth, besonders +für Den, welchen die Natur mit einem lebhaften Temperamente und mit +warmer Phantasie ausgestattet hat, sich an eine gewisse Herrschaft +des Verstandes über Gefühle und Sinnlichkeit zu gewöhnen, und, wo +er sich dazu zu schwach fühlt, -- der Versuchung auszuweichen. Groß +ist die Qual für ein fühlendes Herz, geliebt zu werden, und Liebe +nicht erwiedern zu können. Schrecklich ist die Qual, zu lieben, und +verschmäht zu werden; verzweiflungsvoll die Lage Dessen, der für +gränzenlose treue Zärtlichkeit und Hingebung mit Betrug und Untreue +belohnt wird. -- Wer gegen dies alles sichre Mittel weiß, der hat den +Stein der Weisen gefunden. Ich gestehe meine Schwäche: -- ich kenne +keins, als die Flucht, ehe es dahin kömmt. + + + 16. + +Es leben unter uns Männern Bösewichter, denen Tugend, Redlichkeit und +die Ruhe ihrer Nebenmenschen so wenig heilig sind, daß sie unschuldige, +unerfahrne Mädchen, wenn nicht durch schlaue Künste wirklich zum Laster +verführen, doch mit falschen Erwartungen oder gar mit Versprechungen +einer künftigen Eheverbindung täuschen, sich dadurch für den Augenblick +eine angenehme Existenz verschaffen, die armen Kinder aber, die indeß +ihretwegen aller Gelegenheit zu anderweitiger Versorgung ausgewichen +sind, nachher verlassen, um neue Verbindungen zu schließen. Die +Schändlichkeit eines solchen Verfahrens wird ja wohl Jeder einsehen, +der noch einen Funken von Gefühl für Ehre in seinem Busen trägt; +und wem ein solches Gefühl fremd ist, für den schreibe ich nicht. +Es gibt aber ein andres, den Folgen nach nicht weniger schädliches, +obgleich in Betracht der Absicht nicht so strafbares Betragen der +Männer gegen gefühlvolle Frauenzimmer, worüber ich einige Worte zur +Warnung sagen muß. Es glauben nämlich Manche unter uns, es könne gar +kein Interesse in den Umgang mit jungen Mädchen kommen, wenn man ihnen +nicht Süßigkeiten sage, ihnen schmeichele, oder eine Art von Wärme und +Herzens-Andringlichkeit aus Worten und Gebehrden hervorleuchten lasse. +Aber ein solches Betragen ist wahre Versündigung, denn es nährt nicht +nur den ohnehin schon so großen Hang des Geschlechts zur Eitelkeit, +sondern, da eben diese Eitelkeit, die Ueberzeugung von der Macht ihrer +Reize, gern jedes Honigwort für Sprache inniger Empfindung hält: so +setzen die guten Mädchen, deren Leichtgläubigkeit kein edler Mann +benutzen sollte, sich gleich in den Kopf, es sey ernstlich auf eine +Heirath angesehen. Der Stutzer merkt das nicht, oder wenn er es merkt, +so ist er zu leichtsinnig, den Folgen nachzudenken; er verläßt sich +darauf, daß er nie bestimmt etwas von Heiraths-Anträgen hat fallen +lassen, und wenn er nun früh oder spät aufhört, einer solchen Schönen +zu huldigen, so ist das Mädchen eben so unglücklich, als wenn er sie +absichtlich betrogen hätte. Sie welkt dahin die arme Verlassne, wenn +bittre Täuschung einer lebhaften Hoffnung an ihrem Herzen nagt, indeß +der süße Herr sorglos bei Andern herumschwärmt, und das Unglück nicht +einmal ahnet, das er angerichtet hat. + +Eine nicht minder gewöhnliche Art, junge Mädchen zu Grunde zu richten, +ist, wenn man entweder durch leichtfertige Reden und luxuriösen +Witz ihre Neugier und ihre Sinnlichkeit reizt, oder durch Erweckung +romanhafter Begriffe ihre Phantasie erhitzt, ihre Aufmerksamkeit von +solchen Gegenständen, womit sie, ihrem Berufe gemäß, sich beschäftigen +sollten, ableitet, in ihnen den Sinn für einfaches, häusliches Leben +ertödtet, oder ein junges Land-Mädchen, durch reizende Darstellung der +Stadt-Freuden, mit ihrer Lage unzufrieden macht. O habe doch Mitleiden, +leichtsinniger Jüngling, mit diesen Armen, und nimm ihnen nicht +unbarmherzig, was unersetzlich ist, die Zufriedenheit mit dem, was ihre +Lage ihnen darbietet. Erkenne doch, wie unedel es ist, Schwachheit zu +benutzen, um seiner Eitelkeit eine Nahrung zu bereiten, und wie edel +dagegen, ein unbefangenes und argloses Herz mit Achtung und Schonung zu +behandeln. + + + 17. + +Ich sollte hier billig auch etwas von dem Umgange mit groben Koketten +und Buhlerinnen sagen; allein das würde mich zu weit führen, und +schwerlich möchte meine Mühe mit Erfolge belohnt werden. Die +Schlingen, denen ein junger Mann in dieser Hinsicht auszuweichen +hat, sind unzählig. Wohl ihm, wenn er Kraft und Klugheit genug hat, +diese Ausgearteten wie die Pest zu fliehen; hat er aber einmal das +Unglück, in ihre Fallstricke gerathen zu seyn: so wird er selten so +viel kalte Ueberlegung haben, ehe er ein solches Geschöpf besucht, +vorher ein Kapitel aus meinem Buche zu lesen. Zudem hat der König +Salomon das alles weit besser gesagt. -- Doch ein Paar Zeilen darüber: +Unbeschreiblich fein sind solche verworfne Geschöpfe in der Kunst, +sich zu verstellen, unverschämt zu lügen, Empfindungen zu heucheln, +um ihre Habsucht, ihre Eitelkeit, ihre Sinnlichkeit, ihre Rache, oder +irgend eine andre Leidenschaft zu befriedigen. Unendlich schwer ist +es, zu erforschen, ob eine Buhlerin Dir wirklich um Dein Selbst willen +anhängt. Hast Du sie vielfältig auf die Probe von Uneigennützigkeit +gesetzt, und immer so befunden, wie Du wünschtest: so ist das etwas, +aber noch sehr wenig. Sie verachtet vielleicht Dein Silber, um desto +sicherer Dich selbst mit allem Deinem Golde zu gewinnen; oder ihr +Temperament leitet sie weniger zum Gelde, als zur Wollust. Hast Du sie +bei mancherlei Versuchungen, wo sie Gelegenheit und Anreizung gehabt +hätte, Dich heimlich zu hintergehen, stets treulich befunden; hat sie +zärtliche Sorgfalt, selbst für Deinen Ruf, für Deine Ehre gezeigt; +zieht sie Dich nicht ab von andern natürlichen und edlen Verbindungen; +opfert sie Dir Jugend, Schönheit, Gewinn, Glanz, Eitelkeit auf: -- ei +nun! die Mischungen der Anlagen und Temperamente sind mannigfaltig +-- so kann auch eine Buhlerin von andern Seiten gute, liebenswürdige +Eigenschaften haben; aber traue ihr darum nicht! Ein Weib, das die +ersten und heiligsten aller weiblichen Tugenden, die Keuschheit und +Sittsamkeit, für nichts achtet, wie kann das wahre Ehrfurcht für +höhere Pflichten haben? Doch bin ich weit entfernt, alle unglückliche +Gefallne und Verführte in die Klasse verachtungswerther Buhlerinnen +setzen zu wollen. Wahre Liebe kann auch ein verirrtes Herz zur Tugend +zurückführen. Es ist schon oft gesagt worden, daß derjenige sichrer +vor der Verführung sey, der die Gefahr kennt, als der, welcher nie +in Versuchung geführt worden ist; allein es bleibt bei dieser Art +von Vergehungen immer eine mißliche Sache um die sichre, dauerhafte +Besserung, und keine Lage ist demüthigender und beunruhigender, als +wenn man die geliebte Person von Andern verachtet sieht, wenn man +sich vor der Welt der Bande schämen muß, die man nicht zerreissen +mag oder kann. Liebe, reine Liebe, sichert übrigens am besten gegen +Ausschweifungen, und der Umgang mit edeln, sittsamen Weibern verfeinert +den Sinn des Jünglings für Tugend und Unschuld, waffnet sein verwöhntes +Herz gegen feine und freche Buhlerkünste. -- Uebrigens bleibt es doch +immer eine große Ungerechtigkeit, daß wir Männer uns alle Arten von +Ausschweifungen erlauben, den Weibern aber, die von Jugend auf durch +uns zur Sünde gereizt werden, keinen Fehltritt verzeihen wollen; +aber freilich, was würde aus der bürgerlichen Gesellschaft und aus +dem ganzen Menschengeschlecht werden, wenn diese Strenge gegen das +schwächere Geschlecht aufhörte? Doch bleibt es immer bei dem Ausspruch: +wer sich rein weiß, hebe den ersten Stein auf! + +Ist es aber wohl wahr, was man im gemeinen Leben so oft hört, daß +~jedes~ Weib zu verführen sey? -- o ja! so wie jeder Richter auf irgend +eine Art bestechbar, und jeder Erdensohn, wenn alle innre und äussre +Umstände dazu mitwirken, zu jeder Sünde fähig seyn würde. -- Aber heißt +das etwas andres gesagt, als: daß wir alle -- Menschen sind? Ueberlegt +man dabei, wie auf die feinern Sinne der Frauenzimmer sinnliche +Eindrücke, Verführung, Schmeichelei, Eitelkeit, Neugier, Temperament, +so mächtigen Einfluß haben; wie der kleinste Fleck von dieser Seite +an ihnen so leicht bemerkt wird, weil sie in keinen bürgerlichen +Verhältnissen stehen, ihre Verirrungen nicht durch Verdienste und +~höhere Tugenden~ vergessen machen können: -- o! wer wollte dann nicht +dulden und schweigen? -- Wenden wir uns nun zu einer erhabnen Klasse +von Frauenzimmern -- zu den ~gelehrten Weibern~! + + + 18. + +Ich muß gestehen, daß mich immer eine Art von Fieberfrost befällt, wenn +man mich in Gesellschaft einer Dame gegenüber oder an die Seite setzt, +die große Ansprüche auf Schöngeisterei, oder gar auf Gelehrsamkeit +macht. Wenn die Frauenzimmer doch nur überlegen wollten, wie viel +mehr Interesse diejenigen unter ihnen erwecken, die sich einfach an +die Bestimmung der Natur halten, und sich unter dem Haufen ihrer +Mitschwestern durch treue Erfüllung ihres Berufs auszeichnen! Was +hilft es ihnen, mit Männern in Fächern wetteifern zu wollen, denen sie +nicht gewachsen sind, wozu ihnen mehrentheils die ersten Grundbegriffe +fehlen, welche den Knaben schon von Kindheit an eingeprägt werden? Es +gibt Damen, die, neben allen häuslichen und geselligen Tugenden, neben +der edelsten Einfalt des Charakters und neben der Anmuth weiblicher +Schönheit, durch tiefe Kenntnisse, seltne Talente, feine Kultur, +philosophischen Scharfsinn in ihren Urtheilen, und Bestimmtheit im +Ausdrucke, Gelehrte vom Handwerke beschämen. Dürfte ich es wagen, hier +öffentlich ein Paar Namen zu nennen, so könnte ich beweisen, daß ich +die Originale zu diesem Bilde nicht lange zu suchen brauchte; allein +wie geringe ist gottlob die Anzahl solcher Frauen! Und ist es nicht +Pflicht, die mittelmäßigen weiblichen Genies abzuschrecken, auf Kosten +ihrer und Andrer Glückseligkeit nach einer Höhe zu streben, die so +Wenige erreichen? + +Ich tadle nicht, daß ein Frauenzimmer ihre Schreibart und ihre +mündliche Unterredung durch einiges Studium und durch sorgsam und +keusch gewählte Lectüre zu verfeinern suche; daß sie sich bemühe, +nicht ganz ohne wissenschaftliche Kenntnisse zu seyn; aber sie soll +kein Handwerk aus der Litteratur machen; sie soll nicht in allen +Theilen der Gelehrsamkeit umherschweifen. Es erregt wahrlich, wo +nicht Ekel, doch Mitleiden, wenn man hört, wie solche arme Geschöpfe +sich erkühnen, über Gegenstände abzusprechen, die Jahrhunderte der +Gegenstand der mühsamsten Nachforschung großer Männer gewesen sind, +und von denen diese dennoch mit Bescheidenheit erklärt haben, sie +sähen nicht ganz klar darin; wenn man hört, wie ein eitles Weib +darüber am Thee- oder Nachttische, in den entscheidendsten Ausdrücken, +Machtsprüche wagt, indeß sie kaum eine klare Vorstellung von dem +Gegenstande hat, wovon die Rede ist. Aber der Haufen der Stutzer und +Anbeter bewundert dennoch mit lautem Beifalle die feinen Kenntnisse +der gelehrten Dame, und bestärkt sie dadurch in ihren unbescheidenen +Ansprüchen. Dann sieht sie die wichtigsten Sorgen der Hauswirthschaft, +die Erziehung ihrer Kinder und die Achtung der sogenannten Ungebildeten +wie Kleinigkeiten an, glaubt sich berechtigt, das Joch der männlichen +Herrschaft abzuschütteln, verachtet alle andre Weiber, erweckt sich und +ihrem Gatten Feinde, träumt ohne Unterlaß sich in idealische Welten +hinein; ihre Phantasie lebt in unkeuscher Gemeinschaft mit der gesunden +Vernunft; es geht alles verkehrt im Hause; die Speisen kommen kalt oder +angebrannt auf den Tisch; es werden Schulden auf Schulden gehäuft; +der arme Mann muß mit durchlöcherten Strümpfen einherwandeln. Wenn er +nach häuslichen Freuden seufzt, unterhält ihn die gelehrte Frau mit +Journals-Nachrichten, oder rennt ihm mit einem Musen-Almanach entgegen, +in welchem ihre platten Verse stehen, und wirft ihm höhnisch vor, wie +wenig der Unwürdige, Gefühllose, den Werth des Schatzes erkennt, den er +zu seinem Jammer besitzt. + +Ich hoffe, man wird dies Bild nicht übertrieben finden. Unter +den vierzig bis funfzig Damen, die man jetzt in Deutschland als +Schriftstellerinnen zählt -- die Legionen Derer ungerechnet, die +keinen Unsinn haben drucken lassen, -- sind vielleicht kaum ein +halbes Dutzend, die, als privilegirte Genies höherer Art, wahren +Beruf haben, sich in das Fach der Wissenschaften zu werfen; und diese +sind so liebenswürdige, edle Weiber, versäumen so wenig dabei ihre +übrigen Pflichten, fühlen selbst so lebhaft die Lächerlichkeiten ihrer +halbgelehrten Mitschwestern, daß sie sich durch meine Schilderung +gewiß nicht getroffen und beleidigt finden werden. Ist es aber nicht +bei männlichen Schriftstellern auch der Fall, daß unter der großen +Menge derselben nur Wenige ausgezeichneten Werth haben? Gewiß! nur mit +dem Unterschiede, daß Begierde nach Ruhm oder Gewinn diese irre leiten +kann; die Frauenzimmer hingegen nicht so leicht Entschuldigung finden +können, wenn sie, mit mittelmäßigen, oder weniger als mittelmäßigen +Talenten und Kenntnissen, eine Laufbahn betreten, welche weder die +Natur, noch die bürgerliche Verfassung ihnen angewiesen hat. + +Was nun den Umgang mit solchen Frauenzimmern angeht, die auf Litteratur +Anspruch machen: so versteht sich's, daß, wenn diese Ansprüche gerecht +sind, ihr Umgang äusserst lehrreich und unterhaltend ist; und was die +von der andern Klasse betrifft, so kann ich nichts weiter anrathen, als +-- Geduld, und daß man es wenigstens nicht wage, ihren Machtsprüchen +Gründe entgegenzusetzen, oder ihren Geschmack zu reformiren, wenn man +sich auch nicht so weit erniedrigen will, den Haufen ihrer Schmeichler +zu vermehren. + + + 19. + +Das weibliche Geschlecht besitzt, in viel höherm Grade, als wir, die +Gabe, seine wahren Gesinnungen und Empfindungen zu verbergen. Selbst +Frauenzimmer von weniger feinen Verstandes-Kräften haben zuweilen eine +besondre Fertigkeit in der Kunst sich zu verstellen. Es gibt Fälle, in +welchen diese Kunst ihnen Schutz gegen die Nachstellungen der Männer +gewährt. Der Verführer hat gewonnenes Spiel, wenn er bemerkt, daß das +Herz der Schönen, oder ihre Sinnlichkeit, mit ihm gemeinschaftliche +Sache macht. Also rechne man es ihnen nicht zum Vorwurf, wenn sie +zuweilen anders scheinen, als sie sind! aber man nehme darauf Rücksicht +im Umgange mit ihnen! man glaube nicht immer, daß ihnen derjenige +gleichgültig sey, dem sie mit merklicher Kälte begegnen, noch daß +sie sich vorzüglich für den interessiren, mit dem sie öffentlich +vertraulich umgehen, den sie auszuzeichnen scheinen! Oft thun sie dieß +gerade, um ihr Spiel zu verbergen, wenn es nicht bloß Neckerei, oder +Wirkung ihrer Laune, ihres Eigensinnes ist. Sie ganz zu entziffern, +dazu gehört tiefes Studium des weiblichen Herzens, vieljähriger +Umgang mit den Feinern unter ihnen; kurz, mehr als in diesen Blättern +entwickelt werden kann. + + + 20. + +Ich schweige von der Vorsichtigkeit im Umgange mit alten Koketten; +mit solchen, die sich einbilden, die Ansprüche auf Bewundrung, auf +Huldigung und die Gewalt ihrer Schönheit würden, wie die gesetzmäßigen +Rechte der Juristen, durch dreißigjährigen Besitz um desto sichrer; +die in fünf Jahren nur einmal ihren Geburtstag feiern, und die, wenn +sie an der Spitze einer Bücher-Censur stünden, am ersten den Kalender +verbieten würden. Ich schweige von den Prüden, Strengen, Spröden und +Betschwestern, mit welchen man zuweilen, wie ich höre, unter vier +Augen ganz anders, als in Gesellschaft umgehen darf, und von denen +leichtfertige Leute behaupten: verschwiegne und kühne Männer machten +bei dieser Klasse gerade am leichtesten ihr Glück. Ich schweige von +den sogenannten alten Gevatterinnen und Frauen Basen, die sich's zur +christlichen Pflicht machen, den Ruf ihrer Nachbarn und Bekannten von +Zeit zu Zeit an das Licht zu ziehen, und mit denen man es daher nicht +verderben darf. -- Ich schweige von diesen allen, um die guten Damen +nicht gegen mich aufzubringen, der ich an allen diesen Lästerungen +keinen Theil nehme. + + + 21. + +Aber noch ein Paar Worte über die seligen Freuden, die der Umgang mit +verständigen und edeln Weibern gewährt! Ich habe schon vorhin gesagt, +daß ich demselben die glücklichsten Stunden meines Lebens zu verdanken +habe; und, in Wahrheit! das sprach ich aus der Fülle meines Herzens. +Ihr zartes Gefühl, ihre Gabe, so schnell zu errathen, zu begreifen, +Gedanken aufzufassen, Mienen zu verstehen; ihr feiner Sinn für die +kleinen, süßen Gefälligkeiten des Lebens; ihr reizender naiver Witz; +ihre oft so scharfsinnigen, von gelehrten, systematischen, vorgefaßten +Meinungen so freien Urtheile; unnachahmliche liebenswürdige Laune +-- interessant, selbst in ihren Ebben und Fluthen; ihre Geduld in +langwierigen Leiden, wenn gleich sie im ersten Augenblicke, wo der +Unfall sie trifft, dem Gefährten das Uebel durch Klagen schwerer +machen; ihre sanfte, liebreiche Art zu trösten, zu pflegen, zu warten, +zu harren, zu dulden; die Milde, welche in ihrem ganzen Wesen herrscht; +die kleine, unschädliche Geschwätzigkeit und Redseligkeit, wodurch sie +die Gesellschaft beleben -- das alles kenne ich, schätze ich, verehre +ich. -- Und wer wird nun, bei dem, was ich zum Nachtheil Einiger unter +ihnen habe sagen müssen, mir Lästerung aufbürden, oder gehässige +Absichten beimessen? + + + + + Sechstes Kapitel. + + Ueber den Umgang unter Freunden. + + + 1. + +Da bei dem Betragen gegen unsre Freunde alles auf die Wahl derselben +ankömmt, so muß ich zuerst einige Bemerkungen über diesen Gegenstand +vorausschicken. Keine freundschaftliche Verbindungen pflegen +dauerhafter zu seyn, als diese, welche in der frühen Jugend geschlossen +werden. Man ist da noch weniger mißtrauisch, weniger schwierig in +Kleinigkeiten; das Herz ist offner, geneigter sich mitzutheilen, +sich anzuschließen; die Charaktere fügen sich leichter zusammen; man +gibt von beiden Seiten nach, und setzt sich in gleiche Stimmung; +man erfährt mit einander so Manches, erinnert sich der sorgenlosen, +gemeinschaftlich vollbrachten, glücklichen Jugend-Jahre, und rückt +mit gleichen Schritten in Kultur und Erfahrung fort. Dazu kommen dann +Gewohnheit und Bedürfniß; wird Einer aus dem vertrauten Kreise durch +die Hand des Todes dahingerissen, so kettet das die übrigbleibenden +Gefährten um desto fester an einander. -- Ganz anders sieht es aus in +reifern Jahren. Von Menschen und Schicksalen vielfältig getäuscht, +werden wir verschlossner, trauen nicht so leicht; das Herz steht +unter der Vormundschaft der Vernunft, die genauer abwägt, und sich +selbst Rath zu schaffen sucht, bevor sie sich Andern anvertrauet. +Man fordert mehr, ist ekler in der Wahl, nicht mehr so lüstern nach +neuen Bekanntschaften, wird nicht so lebhaft betroffen von glänzenden +Aussenseiten; man hat ächtere Begriffe von Vollkommenheit, von +dauerhaften Bündnissen, von Nutzen und Schaden einer gänzlichen +Hingebung; der Charakter ist fester; die Grundsätze sind auf Systeme +zurückgeführt, in welche die Gesinnungen und Theorien eines uns +fremden Menschen selten passen; folglich wird es schwerer, eine +dauerhafte Harmonie zu Stande zu bringen; und endlich sind wir in so +manche Geschäfte und Verbindungen verflochten, daß wir kaum Muße, und +wenigstens selten Drang haben, neue zu schließen. Also vernachlässige +man seine Jugend-Freunde nicht; und wenn auch Schicksale, Reisen und +andre Umstände uns in der Welt umhergetrieben und von unsern Gespielen +getrennt haben, so suche man doch jene alten Bande wieder anzuknüpfen, +und man wird selten übel dabei fahren. + + + 2. + +Es ist ein ziemlich allgemein angenommener Grundsatz, daß zu +vollkommner Freundschaft Gleichheit des Standes und der Jahre +erfordert werde. »Die Liebe,« sagt man, »sey blind; sie fessele, durch +unerklärbaren Instinkt, Herzen an einander, die dem kalten Beobachter +gar nicht für einander geschaffen zu seyn schienen; und da sie nur +durch Gefühle, nicht durch Vernunft geleitet werde, so fielen bei +ihr alle Rücksichten des Abstandes, den äussere Umstände erzeugen, +weg. Die Freundschaft hingegen beruhe auf Harmonie in Grundsätzen und +Neigungen; nun aber habe jedes Alter, so wie jeder Stand, seine ihm +eigne Stimmung, nach der Verschiedenheit der Erziehung und Erfahrungen, +und desfalls finde unter Personen von ungleichen Jahren und ungleichen +bürgerlichen Verhältnissen keine so vollkommne Harmonie Statt, wie zur +Knüpfung des Freundschafts-Bandes erfordert werde.« + +Diese Bemerkungen enthalten viel Wahres; doch habe ich schon zärtliche +und dauerhafte Freundschaften unter Leuten wahrgenommen, die, weder +dem Alter noch dem Stande nach, sich ähnlich waren, und wenn man sich +an dasjenige erinnert, was ich zu Anfange des ersten Kapitels in +diesem Theile gesagt habe: so wird man dieß leicht erklären können. Es +gibt junge Greise und alte Jünglinge. Feine Erziehung, Mäßigkeit in +Wünschen, Freiheit in Denkungsart und Unabhängigkeit der Lage, erheben +den Bettler zu einem Manne von hohem Stande, so wie verachtungswürdige +Sitten, unedle Begierden und niedrige Gesinnungen selbst einen Fürsten +zu dem Pöbel herabwürdigen können. Das ist aber zuverlässig gewiß, daß +zu einer dauerhaften innigen Freundschaft Gleichheit in Grundsätzen und +Empfindungen erfordert wird, und daß dieselbe auch bei einer zu großen +Verschiedenheit in Fähigkeiten und Kenntnissen nicht leicht Platz +finden kann. Darf denn in dieser Verbindung gerade das fehlen, was sie +zur Quelle des edelsten Lebens-Genusses und der reinsten Glückseligkeit +macht: die Mittheilung verschwisterter Gefühle, die sanfte, durch +Theilnahme versüßte Warnung und Zurechtweisung? Und kann ich den mit +Zustimmung meines Herzens meinen Freund nennen, dem meine Empfindungen +völlig fremd sind, der kalt und gleichgültig bleibt, wo meine Seele +ganz Gefühl und Empfindung ist? Es gibt Menschen von erhabenen und +seltenen Eigenschaften des Geistes, die man nur bewundern darf, an +welche man immer hinaufschauen muß, und diese Menschen verehrt man, +aber -- man liebt sie nicht, oder man verzweifelt wenigstens daran, von +ihnen wieder geliebt zu werden. In der Freundschaft müssen beide Theile +gleichviel geben und empfangen können. Jedes zu große Uebergewicht +von ~einer~ Seite, alles, was die Gleichheit hebt, stört zugleich die +Freundschaft. + + + 3. + +Warum haben sehr vornehme und sehr reiche Leute so wenig wahren Sinn +für Freundschaft? Sie fühlen nicht dies edelste Seelen-Bedürfniß, +weil ihre ganze Erziehung und Lebensweise die theilnehmenden Gefühle +ertödtet, und sie zu Sclaven der Selbstsucht macht. Ihre Leidenschaften +zu befriedigen; rauschenden, betäubenden Freuden nachzurennen; immer +zu genießen; geschmeichelt, gelobt, geehrt zu werden; darum ist es +ihnen Allen mehr oder weniger zu thun. Von Personen ihres Gleichen +werden sie durch Eifersucht, Neid und andre Leidenschaften getrennt; +die Vornehmeren suchen sie nur auf, wenn sie ihrer, zu Begünstigung +eigennütziger oder ehrgeitziger Absichten, bedürfen; die Geringern und +Aermern aber halten sie in einer so großen Entfernung von sich, daß +sie von ihnen weder die Wahrheit annehmen, noch den Gedanken ertragen +können, sich ihnen gleichzustellen. Auch bei den Besten unter ihnen +erwacht früh oder spät die Vorstellung, daß sie von besserm Stoffe +seyen, und das tödtet dann die Freundschaft. + + + 4. + +Allein selbst unter denen Menschen, die Dir an Stand, Vermögen, Alter +und Fähigkeiten gleich sind, rechne nur auf die dauerhafte Freundschaft +Derer, die nicht von unedlen, heftigen, oder thörichten Leidenschaften +beherrscht, noch, wie ein Wetterhahn, von Launen und Grillen hin- und +hergetrieben werden! Wer rastlos rauschenden Freuden und Zerstreuungen +sich ergibt; wer wilden Begierden, der Wollust, dem Trunke, oder dem +unglückseligen Spiele alles aufopfert; wessen Abgott falsche Ehre, +Gold, oder sein eigenes Ich ist; wer, wankelmüthig in Grundsätzen und +Meinungen, einen Charakter hat, der sich, wie Wachs, von Jedem in +jede Form drücken läßt; der mag vielleicht ein guter Gesellschafter, +aber nie wird er ein beständiger, treuer Freund seyn. Sobald es auf +Verleugnung, Aufopferung, auf Beharrlichkeit und Festigkeit ankömmt, +wird ein Solcher Dich im Stiche lassen; Du wirst allein da stehen und +Dich hintergangen glauben, da doch Du allein Dich betrogst, indem Du +unvorsichtig wähltest. Ueberhaupt ist es in dieser Welt so oft der +Fall, daß unsre Phantasie uns die Menschen malt, wie wir gern möchten, +daß sie aussähen, und es nachher sehr übel nimmt, wenn sie gewahr wird, +daß die Natur nicht das Original dem Gemälde gleich geschaffen hat. + + + 5. + +Man pflegt zu sagen: das sicherste Mittel, Freunde zu haben, sey -- +keiner Freunde zu ~bedürfen~; aber jeder Mensch von Gefühl ~bedarf~ +Freunde. -- Und sollte es denn wirklich so schwer seyn, in dieser +Welt treue Freunde zu finden? Ich meine, nicht halb so schwer, wie +man gewöhnlich glaubt. Unsre empfindelnden jungen Herren schaffen +sich nur zu überspannte Begriffe von der Freundschaft. Freilich, wenn +wir gänzliche Hingebung, unbedingte Aufopferung, Verleugnung alles +eignen Interesse, in höchst kritischen Augenblicken, blinde Ergreifung +unsrer Parthei gegen eigne bessre Ueberzeugung, sogar Bewunderung +unsrer Fehler, Billigung unsrer Thorheiten, Mitwirkung bei unsern +leidenschaftlichen Verirrungen -- mit Einem Worte: wenn wir mehr von +unsern Freunden fordern, als Billigkeit und Gerechtigkeit von Menschen +verlangen darf, die Fleisch und Bein sind und freien Willen haben: so +werden wir nicht leicht unter tausend Wesen Eins finden, das sich so +gänzlich in unsre Arme würfe. Suchen wir aber verständige Menschen, +deren Hauptgrundsätze und Gefühle mit den unsrigen übereinstimmen, +kleine unmerkliche Verschiedenheiten abgerechnet; Menschen, die Freude +finden an dem, was uns freuet; die uns lieben, ohne von uns bezaubert, +das Gute in uns schätzen, ohne blind gegen unsre Schwächen zu seyn; +die uns im Unglücke nicht verlassen, uns in guten und redlichen +Bestrebungen treu und standhaft beistehen, uns mit ungeheuchelter und +herzlicher Theilnahme trösten, aufrichten, tragen helfen, uns, wo es +höchst nöthig ist, und wir dessen werth sind, alles aufopfern, ~was man +ohne Verletzung seiner Ehre und der Gerechtigkeit gegen sich selbst und +die Seinigen aufopfern darf~, uns die Wahrheit nicht verhehlen, und +aufmerksam auf unsre Mängel machen, ohne uns vorsätzlich zu beleidigen, +uns allen andern Menschen vorziehen, in so fern es ohne Unbilligkeit +geschehen kann -- -- suchen wir ernstlich Solche: nun, so finden wir +deren gewiß. -- Viele? nein! das sage ich nicht, aber doch wohl ein +Paar für jeden Biedermann; -- und was braucht man mehr in dieser Welt? + + + 6. + +Hast Du nun einen solchen treuen Freund gefunden, so bewahre ihn auch! +Halte ihn in Ehren, auch dann, wenn das Glück Dich plötzlich über ihn +erhebt, auch da, wo Dein Freund nicht glänzt, wo Deine Verbindung +mit ihm durch die öffentliche Stimme nicht gerechtfertigt zu werden +scheint! Schäme Dich nie Deines ärmern, weniger hochgeschätzten +Freundes; beneide nicht den Dir vorgezogenen Freund! Hange fest an +ihm, ohne ihm lästig zu werden! Fordre nicht mehr von ihm, als Du +selbst leisten würdest; ja, fordre nicht einmal so viel, wenn Dein +Freund nicht in allen Stücken mit Dir einerlei lebhaftes Temperament, +einerlei Fähigkeiten, einerlei Grad von Gefühl hat! Ergreife warm +und eifrig die Parthei Deines Freundes, aber nicht auf Kosten der +Gerechtigkeit und Redlichkeit! Du sollst nicht seinetwegen blind gegen +die Tugenden Andrer seyn, noch, wenn Du die Macht in Händen hast, eines +würdigen, geschickten Mannes Glück zu bauen, diesen dem weniger fähigen +Freunde nachsetzen. Du sollst nicht seine Uebereilungen vertheidigen, +seine Leidenschaften partheiisch als Tugenden erheben, in kleinen +Zwistigkeiten mit Andern, wenn er unrecht hat, geflissentlich die +Parthei des Beleidigers verstärken; nicht Dich mit in sein Verderben +stürzen, wenn ihm dadurch nicht geholfen wird, oder vielleicht gar +durch unkluge Vertheidigung seine Feinde mehr erbittern, und Dir und +den Deinigen den Untergang bereiten. Aber retten sollst Du seinen Ruf, +wenn er unschuldig verläumdet wird, auch dann, wenn jedermann ihn +verläßt und verkennt, sobald Du hoffen darfst, daß dieß ihm irgend +Vortheil bringen kann. Oeffentlich ehren sollst Du den Edeln, und +Dich nie Deiner Verbindung mit ihm schämen, wenn Schicksale oder böse +Menschen ihn unverdient zu Boden gedrückt haben. Nicht mitlächeln +sollst Du, wenn lose Buben hinter seinem Rücken her ihn höhnen. Mit +Vorsicht und Klugheit sollst Du ihm Nachricht geben von Gefahren, die +ihm und seiner bürgerlichen Ehre drohen; aber nur, in so fern dieß dazu +dienen kann, dem Uebel auszuweichen, oder Unvorsichtigkeiten wieder gut +zu machen, nicht aber, wenn er dadurch bloß beunruhigt und aufgeregt +wird. + + + 7. + +Freunde, die uns in der Noth nicht verlassen, sind äusserst selten. +-- Sey Du Einer dieser seltnen Freunde! Hilf, rette, wenn Du es +vermagst! opfre Dich auf -- nur vergiß nicht, was Klugheit und +Gerechtigkeit gegen Dich und Andre von Dir fordern! Aber tobe nicht, +klage nicht, wenn Andre nicht ein Gleiches für Dich thun! Nicht immer +herrscht böser Wille bei ihnen. Schwache, und durch Leidenschaft +beherrschte Menschen sind unsichre Freunde; doch wie wenige gibt es, +die ganz fest und unerschütterlich in ihrem Charakter, ganz frei von +kleinen Leidenschaften und Nebenabsichten sind, die nicht bei ihrer +Anhänglichkeit an Dich von klugen Rücksichten auf Deinen Ruf, Deine +Verhältnisse, bestimmt werden, oder wenigstens nicht gern Schande +vor der Welt wegen ihrer Zuneigung zu Dir auf sich laden wollen; wie +Wenige, die nicht, wo es auf Verleugnung ankömmt, den Schwächern gegen +den Mächtigern aufopfern! Wenn diese nun, sobald ein Ungewitter sich +über Deinem Haupte zusammenzieht, einen kleinen Schritt zurücktreten, +oder wenigstens ihre Liebe und Verehrung in eine Art von Protection +und Rathgebersrolle verwandeln -- nun, so sey billig! Schiebe die +Schuld auf das ängstliche Temperament der mehrsten Leute, auf ihre +Abhängigkeit von äussern Umständen, auf die Nothwendigkeit, heut +zu Tage ~durch Gunst~ sein Glück zu machen, um in schweren Zeiten +fortzukommen! Wie wenig Menschen würden übrig bleiben, mit denen Du +Hand in Hand auf dieser Erde durch Glück und Unglück wandeln könntest, +wenn Du es so genau nehmen, oder so große Forderungen an Deine Freunde +machen wolltest! Zuweilen ist auch der Fall da, daß wirklich unsre +Freunde (wenn wir uns durch kleine oder große Unvorsichtigkeiten +unser böses Schicksal selbst zugezogen haben) sich die Rechtfertigung +schuldig sind, öffentlich zu zeigen, daß sie nicht in unsre Thorheiten +verwickelt waren. Oft werden sie durch unsre widrige Lage gerade so +gestimmt, wie sie immer hätten gestimmt seyn sollen, wenn sie ein +gutes Gewissen hätten bewahren wollen; das heißt: sie hören auf, +uns so täuschend zu schmeicheln, wie sie es vorher aus Furcht, uns +zu verlieren, thaten, so lange wir von jedermann aufgesucht wurden, +und unsre Freunde ~wählen~ konnten. Ich habe in einigen blendenden +Situationen meines Lebens einen Haufen von Leuten sich mir aufdringen +gesehen, die mir ohne Unterlaß Weihrauch streuten, jeden meiner +witzigen Einfälle mit lauter Bewundrung auffingen, schmeichelhafte +Verse auf mich machten, meine Worte als Orakelsprüche ausschrien, und +meinen Ruf im Posaunenton erhoben. Ich kannte das Menschengeschlecht +genug, um nicht alles das für baare Münze aufzunehmen, sondern +fest überzeugt zu seyn, daß sie mich vernachlässigen, wohl gar auf +mich herabsehen würden, wenn ich einst in eine weniger glückliche +Lage kommen sollte, und sie meiner nicht mehr bedürften. Ich irrte +nicht; aber deswegen waren Diese doch nicht insgesammt Schurken und +Heuchler. Viele von ihnen, es ist wahr, lernte ich als Solche kennen; +sie erlaubten sich die ärgsten Niederträchtigkeiten gegen mich; es +befremdete mich nicht; ich verachtete sie; aber Manche waren vorher +nur von dem Strome mit fortgerissen worden. Die Stimme meiner Feinde +erweckte sie nun; sie stutzten, betrachteten mich mit forschendem +Auge, und sahen meine Fehler; sie warfen mir diese Fehler durch Worte +oder einige Kälte in ihrem Betragen, vielleicht ein wenig zu unsanft +vor, gaben mir dadurch Gelegenheit, selbst aufmerksam auf dieselben zu +werden, an mir zu arbeiten; und wahrlich, diese sind mir nützlichere, +ächtere Freunde gewesen, als manche Andre, die mich in meiner Eitelkeit +und Selbstgenügsamkeit zu bestärken suchten. + + + 8. + +Kein Grundsatz scheint mir so unvereinbar mit edelmüthigen Gesinnungen +und eines gefühlvollen Herzens so unwürdig, als der: »daß es ein +Trost sey, Gefährten oder Mitleidende im Unglücke zu haben.« Ist es +nicht genug, selbst leiden, und dabei überzeugt seyn zu müssen, +daß in der Welt noch viel eben so redlich gute Menschen, wie wir +sind, nicht weniger Elend zu tragen haben? Sollen wir noch die Summe +dieser Unglücklichen muthwilliger Weise dadurch vermehren, daß wir +Andre zwingen, auch unsre Last mitzutragen, die dadurch um nichts +leichter wird? Denn man sage doch nicht, daß es Erleichterung sey, +sich von seinem Schmerze zu unterhalten! Nur für altersschwache +Weiber, nicht aber für einen verständigen Mann, kann Geschwätzigkeit +von ~der~ Art Wohlthat werden. Ich habe im ersten Kapitel des ersten +Theils davon geredet: ob es gut sey, Andern seine Widerwärtigkeiten +zu klagen. Damals sagte ich zur Beantwortung dieser Frage nur das, +was Weltklugheit und Vorsichtigkeit lehren; im Umgange mit Freunden +hingegen, wovon hier die Rede ist, muß uns auch Feinheit des Gefühls +vorschreiben, unsre unangenehme Lage vor dem mitempfindenden, zärtlich +theilnehmenden Freunde so viel möglich zu verbergen. Ich sage: so viel +möglich, denn es können Fälle kommen, wo die Bedürfnisse des gepreßten +Herzens, sich zu entladen, zu groß, oder die liebreichen Anforderungen +des Freundes, der den Kummer auf unsrer Stirne liest, zu dringend +werden, wo länger zu schweigen Folter für uns, oder Beleidigung für den +Vertrauten werden würde, und wo nur sein Rath oder sein Beistand retten +kann. In allen übrigen Fällen lasset uns der Ruhe unsers Freundes, wie +unserer eignen, schonen! + + + 9. + +Klagt Dir ein bewährter Freund seine Noth, seine Schmerzen, wie +könntest Du ihn ohne innige Theilnahme anhören! Oder wie dürftest Du +seinen Klagen moralische Gemeinsprüche entgegensetzen, ihm wehe thun +durch Vorwürfe über sein Betragen, durch die Bemerkung, daß er seine +Noth hätte verhüten können! Nein, bist Du ein treuer, gefühlvoller +Freund, so wirst Du alles aufbieten, Deinem Freunde Linderung oder +Beistand zu gewähren. Aber verzärtle ihn nicht an Leib und Seele, durch +weibische Klagen! Erwecke vielmehr seinen männlichen Muth, daß er sich +über die nichtigen Leiden dieser Welt erhebe! Schmeichle ihm nicht mit +falschen Hoffnungen, mit Erwartungen eines blinden Ungefährs; sondern +hilf ihm, Wege einschlagen, die eines weisen Mannes würdig sind! + + + 10. + +Aus dem Umgange mit Freunden muß alle Verstellung verbannt seyn. +Da soll alle ~falsche~ Scham, da soll aller Zwang, den Convenienz, +übertriebne Gefälligkeit und Mißtrauen im gemeinen Leben auflegen, +wegfallen. Zutrauen und Aufrichtigkeit müssen unter innigen Freunden +herrschen. Allein man überlege dabei, daß es kindische Geschwätzigkeit +seyn würde, Geheimnisse mitzutheilen, die dem Freunde gleichgültig +sind, und durch die ihm eine schwere Verantwortlichkeit aufgelegt, +oder seine Verschwiegenheit auf eine schwere Probe gesetzt wird; daß +wenige Menschen, unter allen Umständen, unverbrüchlich ein Geheimniß zu +bewahren vermögen, wenn sie auch übrigens alle Eigenschaften haben, die +zur Freundschaft erfordert werden; daß fremde Geheimnisse nicht unser +Eigenthum sind; und endlich, daß es auch eigne Geheimnisse geben kann, +die man ohne Schaden, Gefahr und Nachtheil durchaus keinem Menschen auf +der Welt anvertrauen darf! + + + 11. + +Jede Art von schädlicher oder weibischer Schmeichelei muß im Umgange +unter ächten Freunden wegfallen, nicht aber eine gewisse Gefälligkeit, +die das Leben süß macht, Nachgiebigkeit und Geschmeidigkeit +in unschuldigen Dingen. Es gibt Menschen, deren Zuneigung man +augenblicklich verloren hat, sobald man aufhört, ihnen Weihrauch +zu streuen, sobald man nicht in allen Stücken einerlei Meinung mit +ihnen ist, einerlei Geschmack mit ihnen hat. In ihrer Gegenwart darf +man nicht einmal den Vorzügen der Verdienstvollsten Gerechtigkeit +widerfahren lassen. Gewisse Saiten kann man gar nicht berühren, +ohne sie aufzubringen. Haben sie eine Thorheit begangen; sind sie +blindlings eingenommen für oder gegen eine Sache; werden sie von +Phantasie oder Leidenschaft irregeleitet; haben sie unanständige oder +schädliche Gewohnheiten an sich; findet man in ihrer Art zu leben und +zu wirthschaften etwas mit Grunde auszusetzen, und man untersteht sich, +hierüber etwas zu sagen: so schlägt das Feuer aller Orten heraus. Andre +werden hiedurch nicht sowohl beleidigt, als gekränkt. Sie sind gewöhnt, +sich so zu verzärteln, daß sie die Stimme der Wahrheit gar nicht hören +können. Man soll nur von solchen Dingen mit ihnen reden, die ihren +faulen Seelen-Schlummer befördern. -- »Wenn ich Dich bitten darf,« +sagen sie, »so laß uns davon abbrechen! das sind Gegenstände, die ich +nicht gern in mein Gedächtniß zurückrufe. Es ist nun einmal nicht +anders! Ich weiß wohl, daß ich Unrecht habe, daß ich vielleicht anders +handeln sollte; aber es würde einen zu schweren Kampf kosten -- meine +Gesundheit, meine Ruhe, meine schwachen Nerven vertragen es nicht, +daß ich ernstlich darüber nachsinne.« -- Pfui! welch eine Feigheit +und Verblendung! ein Mensch, der einen festen Charakter besitzt, und +ernstlich das Gute liebt und sucht, muß den Muth haben, bei jedem +Gegenstande mit reifer Ueberlegung verweilen zu können. -- Alle solche +verweichlichte und feige Seelen taugen nicht zur Freundschaft. Man +muß das Herz haben, Wahrheit zu sagen und Wahrheit anzuhören, auch +dann, wenn diese Wahrheit hart ist, und unser Innerstes erschüttert. +Doch das Recht, welches die Freundschaft gibt, freimüthig zu tadeln, +und dem Freunde die Wahrheit nicht zu verhehlen, will mit Zartheit +und liebevoller Schonung ausgeübt seyn. Schon die Klugheit verbeut, +den fehlenden Freund durch lange Straf-Predigten zu ermüden und zu +erbittern, oder mit ängstlichen Besorgnissen zu erfüllen, wenn, seinem +Temperamente oder den Umständen nach, gar kein Nutzen davon zu erwarten +steht. + + + 12. + +Es ist schon gesagt, daß alles, was die Gleichheit unter Freunden +aufhebt, der Freundschaft schädlich sey. Da nun das Verhältniß +zwischen einem Wohlthäter und Dem, welcher Wohlthaten empfängt, am +wenigsten mit Gleichheit bestehen kann: so scheint es der Zartheit der +Gefühle angemessen, zu verhindern, daß durch ein zu großes Gewicht +von Wohlthaten auf ~einer~ Seite ein Freund dem andern gleichsam +unterwürfig werde. Verbindlichkeiten von der Art sind der Freiheit, +der uneingeschränkten Wahl entgegen, auf welcher die Freundschaft +beruhen soll. Sie bringen etwas in dies Bündniß hinein, das nicht +hinein gehört, nämlich die Dankbarkeit, welche nicht freiwillig, +sondern Pflicht ist. Man hat selten den Muth, so kühn und offenherzig +mit dem Wohlthäter zu reden, wie mit dem Freunde. Vorzüglich aber soll +das Zartgefühl mich abhalten, meines Freundes Güte in Anspruch zu +nehmen, weil ich voraussetzen darf, daß er mir zugestehen werde, was er +einem Fremden abschlagen würde. Wäre es endlich auch nur die einzige +Rücksicht, daß empfangene Wohlthat partheiisch für den Wohlthäter +macht, und Partheilichkeit Bestechung ist: so läge hierin schon ein +starker Grund, äusserst behutsam und bedenklich zu seyn, wenn von +Erheischung und Annahme wirklicher Wohlthaten aus der Hand des Freundes +die Rede ist, doch mit Verbannung jeder mißtrauischen Besorgniß, +als ob es möglich wäre, daß angenommene Wohlthat der Freundschaft +gefährlich werden könnte. -- Kaum darf hiebei erinnert werden, daß man +die Dienstwilligkeit seiner mächtigen oder angesehenen Freunde nie für +fremde Angelegenheiten, oder zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke +mißbrauchen sollte. Allein es gibt Mittel, den edeln Mann, der gern +Gutes thut, aufmerksam zu machen auf Gegenstände, die seiner Hülfe +werth sind. Mylord Marshall Keith wurde von einem Officier gebeten, +ihn dem Könige von Preussen zu empfehlen. Er antwortete nicht, gab ihm +aber, bei seiner Abreise nach Potsdam, einen kleinen Sack voll Erbsen +mit, den der Officier dem Könige, ohne Brief, überreichen sollte. +Friedrich begriff, daß sein Freund keinem Menschen von gemeinem Schlage +einen solchen Auftrag würde gegeben haben, und nahm den Officier +in seinen Dienst. Ueberhaupt haben feinere Seelen unter sich eine +eigne geheime, Andern unverständliche Sprache. Doch gibt es Fälle, +in welchen man ohne Scheu sich an Freunde wenden muß, nämlich wenn +die Freundschafts-Dienste, deren wir bedürfen, von der Art sind, daß +der Freund sie uns ohne Ungemächlichkeit erweisen, oder ohne uns in +Verlegenheit zu setzen und uns im mindesten zu beleidigen, verweigern +kann; wenn wir in der Lage sind, ihm gelegentlich wieder gleiche +Gefälligkeiten zu erweisen; wenn niemand so gut, wie er, von der Lage +der Sache, von der Sicherheit, mit welcher unsere Bitte gewährt werden +kann, überzeugt ist, oder wenn unser ganzes Glück auf Verschweigung +einer Sache beruht; wenn wir uns keinem Andern sicher, ohne Gefahr und +Schaden, anvertrauen, von keinem Andern Hülfe erwarten dürfen, und wenn +wir dann gewiß wissen, daß unser Freund dabei nichts verlieren, keiner +Unannehmlichkeit ausgesetzt seyn kann. In allen diesen und ähnlichen +Fällen würden wir gegen das Zutrauen sündigen, das wir ihm schuldig +sind, wenn wir ihm unsre Verlegenheiten verschwiegen. + + + 13. + +Etwas von dem, was ich über das Verhältniß unter Eheleuten gesagt +habe, findet auch bei Freunden Statt, nämlich, daß man sich hüten muß, +einander überdrüssig zu werden, oder durch zu öftern, zu vertraulichen +Umgang, widrige Eindrücke zu veranlassen. Darum sollen sich Freunde +nicht zu oft sehen, sollen den Umgang zuweilen entbehren, damit sie +ihn dann desto inniger genießen mögen, und damit nicht durch einen zu +häufigen Umgang die kleinen Fehler sichtbar und fühlbar werden, deren +jeder Mensch mehr oder weniger hat, und die so leicht die Innigkeit +der Freundschaft stören, so leicht einen Mißton erzeugen, oder +wenigstens Beschwerden verursachen, die man seinem Freunde ersparen +sollte. Diese Vorsicht ist in der Freundschaft noch nöthiger, als in +der Ehe, da in jener nicht, wie in dieser, gewisse Rücksichten und +Ueberlegungen wirksam sind, vor allen die, daß man nun einmal auf die +ganze Lebenszeit mit einander zu Freude und Leid, zu gemeinschaftlicher +Ertragung, und um ~ein~ Leib und ~eine~ Seele zu seyn, vereint ist; +folglich die Beständigkeit derselben von der behutsamsten Schonung +abhängt. Es ist wahr, daß jene unangenehme Eindrücke bei edeln und +verständigen Menschen nicht von Dauer sind, und daß es nur eines +Zwischenraums von wenig Tagen bedarf, um uns wieder die Augen zu öffnen +über den Werth und Vorzug unsers Freundes vor andern mittelmäßigen +Leuten, mit denen wir indeß gelebt haben; allein besser ist es doch, +wenn dergleichen Empfindungen gar nicht in unser Herz kommen; und +das kann man ja ändern. Man verbanne daher auch aus dem Umgange mit +Freunden jene pöbelhafte Vertraulichkeit, jenen Mangel an Höflichkeit +und jene Nachlässigkeit im Aeussern, wovon ich im dritten Kapitel +dieses Theils, besonders in dessen viertem Abschnitte, geredet habe; +und lege endlich auch dem Freunde keine Art von Zwang auf; verlange +nicht, daß er sich nach unsern Launen, nach unserm Geschmacke richten, +noch daß er den Umgang solcher Menschen, gegen welche wir eingenommen +sind, fliehen solle! + +Eben so wichtig ist es aber auch, sich den Umgang mit geliebten +Personen nicht so sehr zum Bedürfnisse zu machen, daß man ohne sie +durchaus nicht leben zu können glaubt. Wir sind auf dieser Welt nicht +Herren über unser Schicksal. Man muß sich gewöhnen, Trennungen durch +Tod, Entfernungen und andere Umstände zu ertragen, und wenn man ein Gut +besitzt, sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß man dies Gut auch +verlieren könne. Ein weiser Mann bauet nicht seine ganze Existenz auf +das Daseyn eines andern Wesens. + + + 14. + +Bleibe aber immer, auch in der Entfernung, ein warmer Freund Deiner +Freunde! sonst scheint es, als habest Du nur aus Eigennutz, nur um +den Genuß des Lebens zu erhöhen, Dich an sie geschlossen. Halte die +Vernachlässigung des Briefwechsels nicht für eine Kleinigkeit, die +man sich wohl verzeihen könne; denn wie darfst Du Dich dessen Freund +nennen, dem Du nicht einmal einige Stunden Deines Lebens in jedem +Jahre weihen willst, und wie darfst Du von demjenigen Freundschaft +erwarten, den Du so sehr vernachlässigst, daß er endlich nicht mehr +weiß, ob Du noch unter den Lebendigen bist? Fühlst Du in Monaten und +Jahren das Bedürfniß nicht, Dich schriftlich mit Deinem Freunde zu +unterhalten, so liegst Du entweder in den Fesseln des Egoismus, oder +bist überhaupt nicht mehr werth, einen Freund zu haben. Ich lasse +auch die Entschuldigung nicht gelten, daß man zuweilen lange Zeit +hindurch gar nicht gestimmt sey, seine Gedanken in Ordnung auf das +Papier zu bringen. Briefe an den Vertrauten unsers Herzens sind keine +rednerische Ausarbeitungen; jedes Wort, das Abdruck dessen ist, was in +unsrer Seele vorgeht, wird ihm willkommen seyn, und nur auf diese Weise +kann ja einem gefühlvollen Herzen die Trennung von geliebten Personen +erträglich werden. + + + 15. + +Man sieht zuweilen Menschen eben so eifersüchtig in der Freundschaft, +wie in der Liebe. Das zeugt mehr von einer selbstsüchtigen, als von +einer zärtlichen Gemüthsart. Freuen soll es Dich, wenn auch andre +Menschen den Werth dessen zu schätzen wissen, der Dir theuer ist; +freuen soll es Dich, wenn Dein Liebling noch ausser Dir gute Seelen +findet, denen er sich mittheilen, in deren Gemeinschaft er reine Wonne +schmecken kann. Er wird darum nicht blind gegen Deine Vorzüge, nicht +undankbar gegen Dich werden -- und würdest Du denn dadurch mehr Werth +in seinen Augen bekommen, daß Du ihn von liebenswürdigen Menschen zu +entfernen, oder ihn gegen sie einzunehmen suchtest, nur um ihn für Dich +allein zu behalten? + + + 16. + +Alles, was Deinem Freunde angehört, sein Vermögen, sein bürgerliches +Glück, seine Gesundheit, sein Ruf, die Ehre seines Weibes, die Unschuld +und Bildung seiner Kinder -- das alles sey Dir heilig, sey ein +Gegenstand Deiner Sorgfalt, Deiner Theilnahme und Deiner Schonung! Auch +Deine heftigste Leidenschaft, Deine unmäßigste Begierde müsse diese +Unverletzlichkeit ehren! + + + 17. + +Gaben, Anlagen und die Art, seine Empfindungen an den Tag zu legen, +sind bei den Menschen verschieden. Nicht immer ist Derjenige der +Gefühlvollste, welcher am geläufigsten von innern Regungen und +Empfindungen schwatzt; nicht immer Derjenige der treuste und +beharrlichste Freund, der mit dem heftigsten Feuer uns an seine Brust +drückt, der mit der größten Hitze hinter unserm Rücken sich unsrer +annimmt. Alles Ueberspannte taugt nicht, dauert nicht. Ruhige, stille +Hochachtung ist mehr werth, als Anbetung, Verehrung und Entzückung. +Man verlange daher nicht von Jedem denselben Grad von äussern +Freundschafts-Bezeigungen, sondern beurtheile seine Freunde nach +der fortgesetzten, immer gleichen Zuneigung und treuen Ergebenheit, +welche sie uns in der That, ohne Uebertreibung und ohne Schmeichelei, +beweisen! Leider aber ordnet unsre Eitelkeit mehrentheils den Werth +der Menschen nach dem Grade der Huldigung, welche sie uns leisten, und +die mehrsten Leute suchen solche Freunde um sich her zu versammeln, an +deren Seite sie in doppelt vortheilhaftem Lichte erscheinen, und denen +ihre Worte Orakelsprüche sind. + + + 18. + +Werbe nicht ängstlich um Freunde! Mache nicht Jagd auf jeden +ausgezeichneten Menschen, und lege es nicht geflissentlich darauf +an, daß er Dir besonders zugethan werden soll! Jede Art von +Andringlichkeit, wäre sie auch noch so gut gemeint, pflegt Verdacht +oder Geringschätzung zu erwecken; und wer in der Stille auf dem Pfade +fortwandelt, den Redlichkeit und Klugheit bezeichnen, und dabei ein +wohlwollendes, zur Mittheilung gestimmtes Herz in seinem Busen trägt, +der bleibt nicht unbemerkt, nicht unaufgesucht; er findet, ohne sich +anzudrängen, ein Paar Edle, die ihm die Hand zum brüderlichen Bunde +reichen. + + + 19. + +Es gibt aber Menschen, die gar keinen ~vertrauten~ Freund, sondern nur +Bekannte haben; entweder weil ihnen der Sinn für dies Seelen-Bedürfniß +fehlt, oder weil sie keinem lebendigen Wesen trauen, oder weil ihre +Gemüthsart kalt, unverträglich, verschlossen, eitel, oder zänkisch +ist. Andre sind aller Welt Freunde; sie werfen ihr Herz jedermann vor +die Füße, und deswegen bückt sich Keiner, greift niemand darnach, es +aufzunehmen. -- Es ist eine Ehre und ein Glück, zu keiner von diesen +beiden Menschenklassen zu gehören. + + + 20. + +Auch unter den vertrautesten Freunden können Irrungen entstehen, +Mißverständnisse eintreten. Wenn man darüber Zeit verstreichen läßt, +oder zugibt, daß sich dienstfertige Leute hineinmischen: so erwächst +daraus nicht selten eine dauerhafte Feindschaft, die mehrentheils um so +heftiger wird, je zärtlicher, je vertrauter die Verbindung war, und je +ärger man sich also hintergangen glaubt. Es ist wahrlich ein trauriger +Anblick, auf diese Weise zuweilen die edelsten Seelen gegen einander +empört zu sehen. Dringend rathe ich daher, bei dem ersten Schatten +von Unzufriedenheit über das Betragen des Freundes, nicht zu säumen, +ohne Zuthun eines Dritten, auf Erläuterung zu dringen. Da pflegt alles +sehr bald verglichen zu werden; vorausgesetzt, daß kein böser Wille +obwaltet, wie man es denn bei gutgesinnten, wohlwollenden Freunden +voraussetzen muß. + + + 21. + +Wie aber, wenn uns Freunde täuschen, wenn wir nach einiger Zeit +wahrnehmen, daß unser gutes Herz uns irregeleitet, uns an Menschen +gekettet hat, die unsrer nicht werth sind? -- Meine Leser! ich kann es +nicht oft genug wiederholen, daß wir mehrentheils selbst daran Schuld +sind, wenn wir bei näherm Umgange die Menschen anders finden, als +wir sie uns anfangs gedacht haben. Partheiische Gefühle; Sympathie, +Aehnlichkeit des Geschmacks, der Neigung; feine Schmeichelei; +Seelen-Drang, in Augenblicken, wo Jeder uns ein Wohlthäter scheint, +der nur einige Theilnahme an unserm Schicksale zeigt -- diese und +andre dergleichen Eindrücke bestechen uns gar zu leicht, und bereiten +uns bittere Täuschungen. Wir denken uns Menschen als engelreine und +erhabene Seelen, die nichts weiter, als eine gewisse natürliche +Gutmüthigkeit und Offenheit haben, und sind nachher, wenn wir ihre +Schwächen entdecken, viel unduldsamer gegen diese unsre Lieblinge, als +gegen fremde Leute, weil es unserem Stolz weh thut, daß wir so falsch +gesehen hatten, oder so kurzsichtig waren. Darum spannet doch Eure +Erwartung, Eure Meinung von Euren Freunden nicht zu hoch, so wird Euch +ein menschlicher Fehltritt, den sie in Augenblicken der Versuchung +begehen, nicht befremden, nicht ärgern! Habet Nachsicht! Ihr bedürft +deren vielleicht selbst bei andern Gelegenheiten. Richtet nicht, damit +auch Ihr nicht gerichtet werdet! -- Und was für Recht hast Du denn auch +über die Moralität Deines Freundes? Was ist er Dir anders schuldig, als +Treue, Liebe und Dienstfertigkeit? Wer hat Dich zum Sittenrichter über +ihn bestellt? -- Suche einen ganz vollkommnen Mann auf dieser Erde! -- +Du kannst hundert Jahre alt werden und wirst ihn nicht finden. + +Vor allen Dingen aber soll man sich hüten, jedem elenden Geschwätze, +womit böse oder schwache Menschen zum Nachtheile unsrer Freunde +unsre Ohren erfüllen, Glauben beizumessen. Leute, die heute mit +einem Manne, den sie bis in den Himmel erheben, ihren letzten Bissen +theilen würden, und morgen, wenn irgend ein altes Weib ihnen ein +ärgerliches Mährchen aufgehängt hat, denselben zu dem verächtlichsten +Betrüger herabwürdigen! Leute, die einen vieljährigen, genau geprüften +Freund, auf Angabe des niederträchtigen unwürdigen Pöbels, einer ihm +schuldgegebenen Schandthat fähig halten können, -- wäre auch alle +Wahrscheinlichkeit auf Seiten der Verläumder! -- solche wankelmüthige, +elende und feile Seelen verdienen nur Verachtung, und der Verlust ihrer +Freundschaft ist baarer Gewinn. Der Anschein ist oft sehr trüglich; +man kann Veranlassungen haben, mißtrauisch zu werden; es können +Umstände eintreten, die es uns unmöglich machen, gewisse zweideutig +scheinende Schritte zu erläutern; aber, daß ein bewährter, edler Mann +keine schlechte Handlung begangen habe, davon bedarf es weiter keines +Beweises, sondern nur des einfachen Glaubens, daß es unmöglich sey, +edel und schlecht zugleich zu seyn. + + + 22. + +Wenn denn nun aber wirklich unser Freund sich so sehr moralisch +verschlimmert, oder wenn unser leichtgläubiges Herz sich in einem +solchen Grade in seinem Zutrauen zu ihm betrogen sieht, daß er unsre +Vertraulichkeit gemißbraucht, uns mit Undank belohnt hätte -- nun! so +hört er auf, unser ~Freund~ zu seyn; ich meine aber, er behält doch +nicht mehr und nicht weniger Recht auf unsre Duldung, als jeder andre +uns fremde Mensch. Ich halte es für eine falsche Zärtelei, an welcher +mehrentheils die Eitelkeit, untrüglich seyn zu wollen, ihren Theil hat, +wenn man glaubt, man müsse nun von einem solchen Verräther immer mit +großer Schonung reden, weil er einst unser Freund gewesen. Das Einzige, +was uns bewegen kann, seiner zu schonen, ist der Gedanke: daß überhaupt +das menschliche Herz ein schwaches Ding ist, und daß man leicht zu +weit in seinem Widerwillen geht, wenn eine Art von Rache sich in unser +Urtheil mischt. Von der andern Seite aber macht der Umstand, daß der +Mann ~uns~ betrogen hat, sein Verbrechen auch nicht um ein Haar breit +größer, berechtigt uns nicht, ärger gegen ihn zu Felde zu ziehen, als +gegen jeden andern Schelm, der ~andre Menschen~ und überhaupt die +Tugend betrügt. + + + + + Siebentes Kapitel. + + Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern. + + + 1. + +Es ist traurig genug, daß der größte Theil des Menschengeschlechts, +durch Schwäche, Armuth, Gewalt und andre Umstände, gezwungen ist, dem +kleinern zu Gebote stehen, und daß oft der Bessere den Winken und +Launen des Schlechtern gehorchen muß. Was ist daher billiger, als daß +die, denen das Schicksal die Gewalt in die Hände gegeben hat, ihren +Nebenmenschen das Leben süß und das Joch erträglicher zu machen, diese +glückliche Lage mit Menschenfreundlichkeit und Edelmuth benutzen. + + + 2. + +Wahr ist es aber auch, daß die meisten Menschen zur Sclaverei geboren, +daß edle, wahrhaftig große Gesinnungen und Gefühle hingegen nur das +Erbtheil einer unbeträchtlichen Anzahl zu seyn scheinen. Lasset +uns indessen den Grund dieser Wahrheit weniger in den natürlichen +Anlagen, als in der Art der Erziehung, und in unsern, durch Luxus und +Despotismus verderbten Zeiten suchen! Durch sie wird eine ungeheure +Menge Bedürfnisse erzeugt, die uns von Andern abhängig machen. Das +ewige Angeln nach Erwerb und Genuß erzeugt niedrige Leidenschaften, +zwingt uns, zu erbetteln und zu erkriechen, was wir für so nöthig zu +unserer Existenz halten, statt daß Mäßigkeit und Genügsamkeit die +Quellen aller Tugend und Freiheit sind. + + + 3. + +Bleiben nun die meisten Menschen stumpf für feinere Empfindungen, und +unfähig zu erhabnen, hohen Gesinnungen: so sind sie doch nicht Alle +unerkenntlich gegen großmüthige Behandlung, noch blind gegen wahren +Werth. Rechne also weder auf die Zuneigung und Achtung, noch auf +freiwillige Folgsamkeit derer, die Dir unterworfen sind, wenn diese +selbst fühlen, daß sie moralisch besser, weiser, geschickter sind, +als Du, daß Du ihrer in einem höheren Grade bedarfst, als sie Deiner; +wenn Du sie mißhandelst, schlecht für wesentliche Dienste belohnst, +die Schmeichler unter ihnen den geraden, aufrichtigen, treuen Dienern +vorziehst; wenn sie sich schämen müssen, einem Manne anzugehören, den +Jeder haßt, oder verachtet; wenn Du mehr von ihnen verlangst, als Du +selbst an ihrer Stelle würdest leisten können; wenn Du Dich weder um +ihr moralisches, noch ökonomisches, noch physisches Wohl bekümmerst, +ihnen den Lohn ihrer Arbeit so sparsam zutheilst, daß sie verzweifeln, +oder Dich betrügen müssen, oder wenigstens keine frohe Stunde haben +können; wenn Du nicht Rücksicht nimmst auf ihren körperlichen Zustand, +sie verstößest, sobald sie alt und schwächlich werden; wenn Du ihnen +wenig Ruhe und Schlaf erlaubest; wenn sie, indeß Du schwelgst, in +rauher Jahrszeit bis nach Mitternacht, vielleicht gar dem bösen Wetter +bloßgestellt, auf Dich voll tödtender Langerweile warten müssen; wenn +Dein lächerlicher Hochmuth ein Gegenstand ihres Spottes wird, oder +Dein Jähzorn sie mit Schimpfwörtern überhäuft; wenn sie mit aller +Aufmerksamkeit kein freundliches Wort von Dir gewinnen können! -- +Geradheit, Redlichkeit, wahre Menschenliebe, Würde und Folgerichtigkeit +in unsern Handlungen zu zeigen, das ist, so wie überhaupt das sicherste +Mittel, uns allgemeine Achtung zu erwerben, so insbesondre geschickt, +uns der Ehrerbietung und Zuneigung Derer zu versichern, die von +uns abhängen, uns oft ohne Schminke in mancherlei Launen sehen, und +gegen welche wir uns also schwerlich lange verstellen können. Es ist +ein altes, aber sehr wahres Sprichwort: »So wie der Herr; also der +Knecht!« Es versteht sich, daß dieß nur von Dienstboten gilt, die lange +genug in einem Hause gedient haben, um den darin herrschenden Ton +anzunehmen; aber bei diesen trifft es denn auch fast unfehlbar ein. +Ein Kammerdiener, der ein Windbeutel ist, dient mehrentheils einem +Prahler! bescheidne Herrschaften haben höfliches Gesinde; in stillen, +ordentlichen Haushaltungen findet man sittsame, fleißige Leute zur +Aufwartung; zänkische, lüderliche Bediente und Mägde sind ~da~ zu +Hause, wo Zwist und zügellose Sitten unter den Herrschaften im Gange +sind. -- Also ist ein gutes Beispiel (wortreicher Ermahnungen bedarf es +nicht) das sicherste Mittel, brauchbares Gesinde zu bilden. + + + 4. + +So sehr ich nun einen freundlichen, liebreichen Umgang mit Bedienten +anrathe, so wenig kann ich es billigen, wenn man sich ihnen unverholen +in allen seinen Blößen zeigt, sie zu Vertrauten in heimlichen +Angelegenheiten macht, sie durch übermäßige Bezahlung an ein üppiges +Leben gewöhnt, -- wenn man sie nicht gehörig beschäftigt, alles +ihrer Willkühr überläßt, sie zu unumschränkten Herren über Kassen +und Vorräthe macht, und dadurch in ihnen Reiz zum Betrug erweckt, -- +wenn man alle Gewalt über sie und alles Ansehen freiwillig aufgibt, +und sich zu einer Vertraulichkeit und einem Tone herabläßt, der sie +nothwendig in Versuchung führen muß, sich zu vergessen. -- Man findet +unter hundert Menschen von der Art kaum Einen, der das vertragen +kann, der nicht Mißbrauch von einer solchen Nachsicht macht. Auch +ist das eben kein Mittel, sich beliebt zu machen. Ein wohlwollendes, +ernsthaftes, gesetztes, immer gleiches Betragen, entfernt von steifer, +hochmüthiger Kälte und Feierlichkeit, -- gute, richtige, nicht +übermäßige, der Wichtigkeit ihrer Dienste angemessene Bezahlung, -- +strenge Pünktlichkeit, wenn es darauf ankömmt, sie zur Ordnung und zu +demjenigen anzuhalten, wozu sie sich verbindlich gemacht haben, -- +Liebe und theilnehmende Güte, wenn sie die Gewährung einer anständigen, +bescheidnen Bitte, die Vergünstigung eines unschuldigen Vergnügens +von uns begehren, oder auch ungebeten nur erwarten können, -- weise +Ueberlegung in Zutheilung der Arbeit, so daß man sie nicht mit unnützen +Arbeiten überhäufe, mit Geschäften, die bloß unser eitles Vergnügen zum +Gegenstande haben, dennoch aber nicht leide, daß sie je müssig seyen, +sondern sie auch anhalte, für sich selbst zu arbeiten, sich in Kleidung +reinlich und rechtlich zu halten, sich Geschicklichkeit zu erwerben, +-- Aufmerksamkeit und Aufopfrung unsers eignen Interesse, wenn man +Gelegenheit hat, ihnen ein besseres Schicksal zu verschaffen, sie zu +befördern, -- väterliche Sorgsamkeit für ihre Gesundheit, für ehrlichen +Erwerb und für ihre sittliche Aufführung: -- das sind die sichersten +Mittel, gut, treu bedient, und von denen, die uns dienen, geliebt zu +werden. Hierzu füge ich noch den Rath, nicht zu viel Dienstboten zu +halten; aber die wenigen, die man hat, und deren man bedarf, nützlich +und hinreichend zu beschäftigen, gut zu bezahlen und vernünftig zu +behandeln. Je mehr Bedienten man hat, desto schlechter wird man bedient. + + + 5. + +Unsre feine Lebensart hat einem der ersten und süßesten Verhältnisse, +dem Verhältnisse zwischen Hausvater und Hausgenossen, alle Anmuth, +alle Würde genommen. Hausvaters-Rechte und Hausvaters-Freuden sind +größtentheils verschwunden; das Gesinde wird nicht mehr als Theil +der Familie angesehen, sondern als Miethlinge betrachtet, die wir +nach Gefallen abschaffen, so wie auch ~sie~ uns verlassen können, +sobald sie sonst irgendwo mehr Freiheit, mehr Gemächlichkeit oder +reichere Bezahlung zu finden glauben. Es ist nicht mehr anerkannt, +daß wir ausser den Stunden, die sie unserm Dienste widmen müssen, +kein Recht auf sie haben; wir leben nicht mehr unter ihnen, sehen sie +nur dann, wenn wir ihnen das Zeichen mit der Schelle geben, und sie +aus ihren, gewöhnlich sehr schmutzigen, ungesunden Löchern zu uns +hervorkriechen. Diese lose, auf ungewisse Zeit geknüpfte Verbindung +trennt das Interesse beider Theile, das doch ein gemeinschaftliches +seyn sollte, auf eine unnatürliche und verderbliche Weise: der Herr +sucht den Miethling recht wohlfeil zu bekommen, er müßte denn aus +Eitelkeit oder Verschwendung mehr an ihn wenden; -- was im Alter +aus dem armen dienstbaren Geschöpfe werden wird, darum bekümmert er +sich nicht, und der Bediente, der das weiß, sucht bei so ungewissen +Aussichten zu erhaschen, was zu erhaschen ist, um wo möglich einen +Nothpfenning zurückzulegen. Welchen Einfluß dieß auf Sittlichkeit, auf +Bildung, auf Vertrauen und gegenseitige Zuneigung haben müsse, ist +leicht einzusehen. Es ist wahr, daß nicht alle Herrschaften vollkommen +so fremd und unnatürlich mit ihrem Gesinde umgehen; aber wo findet man +in jetzigen Zeiten noch Solche, die, als Väter und Lehrer Derer, die +ihnen dienen, sich's zur Freude machen, mitten unter ihnen zu sitzen, +durch weise und freundliche Gespräche sie zu unterrichten, an ihrer +sittlichen und geistigen Bildung zu arbeiten, und für ihr künftiges +Schicksal besorgt zu seyn? Es ist wahr, daß Dienstboten selten so wohl +erzogen sind, daß sie den Werth einer solchen Herablassung zu erkennen +und gehörig zu nützen wissen; allein was hindert uns, das Gesinde +selbst zu erziehen, sie als Kinder anzunehmen, sie dann lebenslang, +wie die Mitglieder unsrer Familie, bei uns zu behalten, und ihr +Schicksal, nach Verhältniß ihres Verdienstes und unsers Vermögens, +zu verbessern? Ich kenne aus Erfahrung alle Ungemächlichkeiten einer +solchen Unternehmung; vielfältig mißlingt es; unsre Arbeit belohnt sich +nicht, wird nicht erkannt; die Kinder, wenn sie herangewachsen, fangen +an, sich zu fühlen, und entziehen sich unsrer väterlichen Zucht. Allein +oft sind wir selbst durch fehlerhafte Behandlung daran Schuld: und +nicht immer handeln sie undankbar gegen uns. Wir geben ihnen zuweilen +eine ganz andre Art von Erziehung, als für ihre Lage taugt, und dadurch +gerade machen wir sie unzufrieden mit ihrem Zustande, statt ihr Glück +zu bauen; oder wir behandeln sie, wenn sie schon erwachsen sind, noch +immer wie Kinder. Der Freiheitstrieb ist allen Geschöpfen von der Natur +eingeprägt; sie glauben, sich einem Joche zu entziehen, wenn sie von +uns gehen, glauben unserer nicht mehr zu bedürfen, sich selbst rathen +und regieren zu können. Vielfältig aber reuet es solche Menschen in +der Folge, uns verlassen zu haben, wenn sie erst den Unterschied unter +einem ~Herrn~ und einem ~Hausvater~ erfahren, und richtige Begriffe +von wahrer Freiheit erhalten. Das Fremde, das man nicht kennt, sieht +immer besser aus, als das gewöhnte, auch noch so Gute. Auf Erfolg und +Dankbarkeit soll man übrigens in dieser Welt nie rechnen, sondern das +Gute bloß aus Liebe zum Guten thun. Nicht alle Mühe aber ist verloren, +die verloren zu seyn scheint, und die Wirkungen einer guten Erziehung +äussern sich oft erst spät nachher. Es ist auch süß, für Andre zu +pflanzen, und dagegen ein gemeines Verdienst, Früchte zu ziehen, die +man selbst genießt. + + + 6. + +Ein Hausvater hat das Recht, sein Gesinde ernstlich zur +Pflicht-Erfüllung anzuhalten; allein nie soll er sich durch Hitze +verleiten lassen, erwachsene Dienstboten mit groben Schimpfwörtern, +oder gar mit Schlägen zu behandeln. Ein edler Mann mag nur Kraft gegen +Kraft setzen; nie wird er Den mißhandeln, der sich nicht wehren darf. + +Fast noch härter ist es, den armen Dienstboten, wegen kleiner +Unachtsamkeiten, z. B. wenn sie etwas zerbrochen haben, einen Theil +ihres sparsamen Lohns zu entziehen. Besser ist es, seinen Dienstboten +so viel Zutrauen einzuflößen, daß sie selbst es sogleich anzeigen, wenn +durch ihre Schuld etwas im Hause verloren gegangen oder zerbrochen ist, +und dann ersetze man das fehlende Stück ohne Anstand wieder, lasse sein +häusliches Inventarium nie verringert werden. Ist von einem Dutzend +Tassen, Teller, Gläser oder dgl. erst ~ein~ Stück fort: so wird nicht +mehr auf die übrigen so viel Sorgfalt verwendet, und bald sind sie alle +verschwunden, da man denn in einen vollen Beutel greifen muß. + + + 7. + +Fremden Bedienten soll man in aller Rücksicht höflich und liebreich +begegnen, denn in Betracht Unsrer sind sie freie Leute, oder wir dürfen +selbst uns nicht frei nennen, wenn wir Fürsten dienen. Dazu kömmt, daß +manche Bediente sehr viel Einfluß auf ihre Herrschaften haben, daß die +Stimme der Menschen aus niedrigen Klassen oft sehr entscheidend für +unsern Ruf werden kann, und endlich, daß diese Klasse es sehr viel +genauer damit zu nehmen pflegt, sich leichter beleidigt glaubt, als +Personen, welche die Grundsätze einer feinen Erziehung über elende +Kleinigkeiten hinaussetzt. + + + 8. + +Es wird hier nicht am unrechten Orte stehen, wenn ich die Warnung +hinzufüge, sich vor Geschwätzigkeit und Vertraulichkeit in dem Umgange +mit Haarkräuslern, Bartscheerern und Putzmacherinnen zu hüten. Dies +Volk -- doch gibt es auch da Ausnahmen -- ist sehr geneigt, aus +einem Hause in das andre zu tragen, Intriguen, Ränke, Klatschereien +anzuspinnen, und sich zu allerlei unedlen Diensten gebrauchen zu +lassen. Am besten ist es, sich mit ihnen auf einen ernsthaften Fuß zu +setzen. + + + 9. + +Das Gesinde pflegt kleine Veruntreuungen in Eß-Waaren, Kaffee, Zucker +u. dgl. für keinen Diebstahl zu halten. So unrecht dieß ist, so bleibt +es doch darum nicht weniger die Pflicht der Herrschaften, ihren +Domestiken die Gelegenheit zu benehmen, dergleichen Unredlichkeiten +sich schuldig zu machen. Zwei Dinge sind hierbei am wirksamsten: +zuerst, daß die Herrschaften mit dem Beispiel der Mäßigkeit und +Selbstbeherrschung vorangehen, und dann, daß sie von Zeit zu Zeit durch +freiwillige Darreichung solcher Bissen, welche die Lüsternheit reizen +könnten, die Versuchung verhüten. + + + 10. + +Und nun sollte ich auch etwas von dem Betragen des Dieners gegen den +Herrn reden. Hier nur so viel über diesen Gegenstand: Wer dient, der +erfülle treu die Pflichten, zu welchen er sich verbindlich gemacht +hat; er thue darin lieber zu viel, als zu wenig; den Vortheil seines +Herrn sehe er wie seinen eignen an; er handle immer so offenbar, und +führe seine Geschäfte mit solcher Ordnung, daß es ihm zu keiner Zeit +schwer fallen könne, Rechenschaft von seinem Haushalte abzulegen; er +mißbrauche nie das Zutrauen, die Vertraulichkeit seines Herrn; er +decke nie die Fehler Dessen auf, dessen Brod er ißt; er lasse sich +nicht verleiten, weder im Scherze, noch im Unwillen, die Gränzen +der Ehrerbietung zu überschreiten, die er Dem schuldig ist, dem das +Schicksal ihn unterwürfig gemacht hat; allein er betrage sich auch +immer mit einer solchen Würde, daß es dem Obern nie einfallen könne, +ihm mit Verachtung zu begegnen, oder unedle Dienste zuzumuthen, sondern +daß dieser seinen Werth, als den eines Menschen, fühle, und, wenn er +einer guten Empfindung fähig ist, des Abstandes ungeachtet, den die +bürgerliche Verfassung zwischen ihnen gesetzt hat, ihm dennoch seine +Hochachtung nicht versagen könne! Er lasse sich nicht durch blendende +Aussenseiten bewegen, seinen Zustand zu verändern, sondern überlege, +daß jede Lage ihre Ungemächlichkeiten hat, die man in der Ferne nicht +wahrnimmt! Hat er bei diesem redlichen und vorsichtigen Betragen +dennoch das Unglück, einem undankbaren, harten, ungerechten Herrn +zu dienen: so ertrage er, wenn sanfte Vorstellungen nichts helfen, +geduldig, ohne Geschwätz und ohne Murren, die lieblose Behandlung, +so lange er sich dieser Lage nicht entziehen kann. Kann er aber, so +trete er in ein anderes Verhältniß, schweige nachher über das, was +ihm begegnet ist, und enthalte sich aller Rache, aller Lästerung, +aller Plauderei! Doch können Fälle eintreten, wo seine gekränkte Ehre +eine öffentliche oder gerichtliche Rechtfertigung gegen den mächtigen +Unterdrücker fordert, und dann trete er ohne Winkelzüge, kühn und fest, +voll Zuversicht auf die Güte seiner Sache, auf Gottes und der Menschen +Gerechtigkeit, hervor, und lasse sich weder durch Menschenfurcht, noch +durch Armuth abschrecken, seinen Ruf zu retten, wenn auch der stärkere +Bösewicht ihm alles Uebrige rauben kann! + + + + + Achtes Kapitel. + + Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns in + demselben Hause wohnen. + + + 1. + +Wenn wir in der Ordnung von den ersten und natürlichsten Verhältnissen +ausgehen, und immer von den einfachen zu den zusammengesetztern +fortschreiten: so denken wir, nach den bis dahin betrachteten +Verhältnissen, nun zuerst an die Verbindung mit Nachbarn und +Hausgenossen. + +Unsre neuere Philosophie überspringt zwar diese engen Verhältnisse; +allein ich bin dazu noch nicht aufgeklärt genug, und schreibe also aus +Ueberzeugung den Satz hin: »Nächst den Personen Deiner Familie, bist +Du am ersten Deinen Nachbarn und Hausgenossen Rath, That und Hülfe +schuldig.« Es ist sehr süß, sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, wenn +man mit lieben, wackern Nachbarn eines zwanglosen, freundschaftlichen +und vertraulichen Umgangs pflegen darf. Es kommen im menschlichen Leben +so manche Fälle, wo augenblickliche kleine Hülfe uns Wohlthat ist, wo +wir uns zur Erholung von ernsthaften Arbeiten, wenn Sorgen uns drücken, +nach der Gegenwart eines guten Menschen sehnen, den wir nicht erst +weit zu suchen brauchen; -- also vernachlässige man seine Nachbarn +nicht, wenn sie irgend von geselliger, wohlwollender Gemüthsart sind! +In großen Städten gehört es leider zum guten Tone, nicht einmal zu +wissen, wer mit uns in demselben Hause wohne. Das finde ich sehr +abgeschmackt, und ich weiß nicht, was mich bewegen sollte, eine halbe +Meile weit zu fahren, wenn ich die Unterhaltung, oder die Langeweile, +welcher ich nachrenne, eben so gut zu Hause finden könnte, oder um +einen Freundschafts-Dienst die ganze Stadt zu durchjagen, wenn neben +mir an ein Mensch wohnt, der mir denselben gern erzeigen würde, in +so fern ich mir seine Freundschaft und sein Zutrauen erworben hätte. +Schämen würde ich mich, wenn es der Fall wäre, daß die Miethkutscher +und Straßenbuben mich besser, als meine Nachbarn kennten. + + + 2. + +Kaum bedarf es der Bemerkung, daß man sich hüten müsse, sowohl sich +denen aufzudringen, die uns als Hausgenossen nicht ausweichen können, +wie auch besonders, ihre Handlungen auszuspähen, uns in ihre häuslichen +Angelegenheiten zu mischen, ihren Schritten nachzuspüren, und ihre +Schwachheiten oder Fehltritte unter die Leute zu bringen. Da vor +Allen das Gesinde hierzu sehr geneigt zu seyn pflegt: so soll man +seine Dienstleute davon abzuhalten, und den Geist der Klatscherei aus +seinem Hause zu verbannen suchen. Die Aufgabe ist schwer, aber nicht +unauflöslich. + + + 3. + +Es giebt kleine Gefälligkeiten, die man Denen schuldig ist, mit welchen +man in demselben Hause, oder denen man gegenüber wohnt, oder deren +Nachbar man ist, -- Gefälligkeiten, die an sich gering sind, doch aber +dazu dienen, Frieden zu erhalten, uns beliebt zu machen, und die man +deswegen nicht verabsäumen soll. Dahin gehört: daß man Poltern, Lärmen, +spätes Thür-Zuschlagen im Hause vermeide, Andern nicht in die Fenster +gaffe, nichts in fremde Höfe oder Gärten schütte, und dergleichen mehr. + + + 4. + +Manche Menschen denken so wenig fein, daß sie glauben, gemiethete +Häuser, Gärten und Hausgeräthe brauchten gar nicht geschont zu werden, +und es sey bei Bestimmung der Mieths-Summe schon auf die Abnutzung +und Verwüstung mit gerechnet worden. Ohne zu erwähnen, daß dieß +wenigstens nicht immer der Fall ist, so denke ich auch: ein Mann, der +Erziehung hat, kann kein Vergnügen daran finden, muthwilliger Weise +etwas zu verderben, das nicht sein ist, wodurch er jemand betrübt, +und sich verhaßt macht. Es wird sehr bald bekannt, wenn man pünktlich +im Bezahlen, höflich und gefällig, dabei ordentlich und reinlich +ist, und man wird dann lieber und um billigern Preis zum Miethsmanne +aufgenommen, als mancher viel Vornehmere und Reichere. + + + 5. + +Wenn unter Leuten, die zusammen in demselben Hause wohnen, oder sonst +täglich mit einander leben müssen, Verstimmungen oder Mißverständnisse +entstehen: so thut man wohl, die Erläuterung zu beschleunigen; denn +nichts ist peinlicher, als mit Personen unter einem Dache zu leben, +gegen die man einen Widerwillen hegt. + + + + + Neuntes Kapitel. + + Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast. + + + 1. + +In alten Zeiten hatte man hohe Begriffe von den Rechten der +Gastfreundschaft. Noch pflegen diese Begriffe in Ländern und +Provinzen, die weniger bevölkert sind, oder wo einfachere Sitten bei +weniger Reichthum, Luxus und Weichlichkeit herrschen, so wie auf dem +Lande, in Ausübung gebracht, und die Rechte der Gastfreundschaft +heilig gehalten zu werden. In unsern glänzenden Städten hingegen, +wo nach und nach der Ton der feinen Lebensart allen Biedersinn zu +verdrängen anfängt, gehören die Gesetze der Gastfreundschaft nur +zu den Höflichkeits-Regeln, die Jeder nach seiner Lage und nach +seinem Gefallen mehr oder weniger anerkennt und befolgt. Auch ist +es wahrlich zu verzeihen, wenn man, bei immer zunehmendem Luxus, +und dem mannigfaltigen Mißbrauche, den man in unsern Zeiten von der +Gutherzigkeit der Menschen macht, vorsichtig in Erzeigung solcher +Gefälligkeiten wird, und wenn man genauere Rücksprache mit seinem +Geldbeutel nimmt, bevor man jedem Müßiggänger und freundlichen +Schmarotzer Haus, Küche und Keller öffnet. Wer hierin aus thörichter +Eitelkeit zu viel thut, betrügt zugleich sich und Andre: sich, indem er +ein Vermögen verschwendet, das er besser anwenden könnte; und Andre, +indem er, unter dem Titel von Gastfreundschaft, nur seinen Hang zur +Prahlerei befriedigt. Von der Gastfreundschaft der Großen und Reichen +rede ich gar nicht; Langeweile, Eitelkeit und Prachtliebe ordnen da +alles auf's Beste, und Der, welcher gibt, weiß, sowohl wie Der, welcher +empfängt, auf welche Rechnung er dieß zu schreiben, und wie er sich +dabei zu betragen habe. Aber für die Gastfreundschaft unter Personen +vom mittlern Stande will ich doch einige allgemeine Regeln geben. + + + 2. + +Man reiche das Wenige, was man der Gastfreundschaft opfern kann, in +gehörigem Maaße, mit guter Art, mit treuem Herzen und mit freundlichem +Gesichte dar! Man suche bei Bewirthung eines Fremden oder eines +Freundes weniger Glanz, als Ordnung und guten Willen zu zeigen; +fremde Reisende kann man sich vorzüglich durch gastfreundschaftliche +Aufnahme verpflichten. Es kömmt ihnen nicht auf eine köstliche freie +Mahlzeit, aber darauf kömmt es ihnen an, daß sie Eingang in guten +Häusern, und dadurch Gelegenheit erhalten, sich über Gegenstände zu +unterrichten, die zu dem Zwecke ihrer Reise gehören. Gastfreundschaft +gegen Fremde ist desfalls sehr zu empfehlen. Man sehe nicht verlegen +aus, wenn uns unerwartet ein Besuch überrascht! Nichts ist einem +Reisenden unangenehmer und peinlicher, als wenn er merkt, daß es +dem Manne, der ihn bewirthet, sauer wird, daß er ungern und nur aus +Höflichkeit hergibt, oder daß er mehr Aufwand dabei verschwendet, als +seine Umstände leiden; wenn er ohne Unterlaß seiner Frau oder seinen +Bedienten in die Ohren flüstert, oder mit ihnen zankt, sobald eine +Schüssel unrecht gestellt, oder etwas vergessen worden ist; wenn er +selbst im Hause herumläuft, alles anordnet und also an der Unterhaltung +gar nicht Theil nimmt; wenn der Mann zwar gern gibt, die Frau hingegen +dem armen Gast jeden Bissen in den Mund zählt; wenn so wenig in den +Schüsseln liegt, daß Der, welcher vorlegt, unmöglich herumreichen +kann; wenn der Wirth und die Wirthin ungestüm zum Essen und Trinken +nöthigen, oder auf eine Weise geben, die zu sagen scheint; »Es ist nun +einmal angeschafft; also füllet Euch den Bauch voll! Werdet recht satt, +so habt Ihr auf lange Zeit genug, und brauchet so bald nicht wieder zu +kommen!« endlich, wenn man Zeuge von Familienzwist und der Unordnung, +die im Hause herrscht, seyn muß. Mit Einem Worte: es gibt eine Art, +Gastfreundschaft zu erweisen, die dem Wenigen, das man darreicht, einen +höhern Werth gibt, als die üppigsten Schmausereien. Vieles trägt hierzu +die Unterhaltung bei. Man muß daher die Kunst verstehen, mit seinen +Gästen nur von solchen Dingen zu reden, die sie gern hören; in einem +größern Kreise solche Gespräche zu führen, woran Alle mit Vergnügen +Theil nehmen und sich dabei in vortheilhaftem Lichte zeigen können. +Der Blöde muß ermuntert, der Traurige aufgeheitert werden. Jeder Gast +muß Gelegenheit bekommen, von etwas zu reden, wovon er gern redet. +Weltklugheit und Menschenkenntniß müssen hier in den besondern Fällen +zum Leitfaden dienen. Man muß nichts als Auge und Ohr seyn, ohne daß +dieß mühsam aussehe, ohne daß man Anstrengung wahrnehme, oder einen +Zwang, den man sich anthut, um zu zeigen, man wisse zu leben. Man bitte +nicht Menschen zusammen, oder setze solche an Tafeln neben einander, +die sich fremd, oder gar feind sind, sich nicht verstehen, nicht zu +einander passen, sich Langeweile machen! Alle diese Aufmerksamkeiten +aber müssen auf eine solche Art erwiesen werden, daß sie nicht mehr +Zwang auflegen, als sie Wohlthat für den Gast sind. Haben die Bedienten +aus Versehen den unrechten Mann, oder haben sie einen Gast auf den +unrechten Tag gebeten; so muß der Fremde doch nicht merken, daß er uns +unerwartet kommt, wenigstens nicht, daß er uns in Verlegenheit setzt, +uns unwillkommen ist. + +Manche Menschen unterhalten sich und Andere am besten, wenn man sie +zu großen Gesellschaften bittet; Andre muß man, wenn sie glänzen, +oder sich an ihrem Platze finden sollen, ganz allein, oder nur zu +einem kleinen Familienmahl einladen: auf dies alles muß man Acht +haben. Jeder, der auf kurze oder lange Zeit in Deinem Hause ist, und +wäre er Dein ärgster Feind, muß daselbst von Die gegen alle Arten von +Beleidigung und Verfolgungen Andrer, so viel an Dir ist, geschützt +seyn! Es müsse Jeder unter unserm Dache sich so frei wie unter +seinem eignen fühlen; man lasse ihn seinen Gang gehen, renne ihm +nicht in jeden Winkel nach, wenn er vielleicht allein seyn will, und +verlange nicht von ihm, daß er für die Bewirthung alle Unkosten der +Unterhaltung allein tragen, durch Kurzweil ergötzen, und dadurch seine +Zeche bezahlen solle; endlich lasse man nicht nach in Gefälligkeit +und Bewirthung, wenn der Freund sich längre, vielleicht, ein wenig +unbescheiden, zu lange Zeit bei uns aufhält, sondern erzeige ihm gleich +in den ersten Tagen nicht mehr und nicht weniger, als man in der Folge +fortsetzen kann! + + + 3. + +Der Gast aber hat gegen den Wirth auch gegenseitig Rücksichten zu +nehmen. Ein altes Sprichwort sagt: »Ein Fisch und ein Gast halten sich +beide nicht gut länger, als drei Tage im Hause.« Diese Vorschrift +leidet nun wohl glücklicher Weise manche Ausnahmen; allein so viel +Wahres steckt doch darin, daß man sich niemand aufdringen, und +Ueberlegung genug haben soll, zu bemerken, ~wie lange~ unsre Gegenwart +in einem Hause angenehm, und für niemand eine Bürde ist. Nicht immer +ist man so aufgelegt, nicht immer in seinen häuslichen Angelegenheiten +so eingerichtet, daß man gern Gäste bei sich sieht, oder lange +beherbergt. Bei Leuten, die nicht auf einen sehr großen Fuß leben, soll +man daher nicht leicht unvermuthet kommen, oder sich selbst einladen. +Dem Manne, der uns Gastfreundschaft erweiset, sollen wir, zum Lohne +seiner Güte, so wenig Last wie möglich machen. Hat der Wirth mit seinen +Leuten zu reden, oder sonst häusliche Geschäfte: so schleiche man ruhig +davon, bis er fertig ist. Der bescheidene Gast wird ruhig und still +sich nach den Sitten des Hauses richten, den Ton der Familie annehmen, +als wenn er ein Glied derselben wäre, wenig Aufwartung fordern, +genügsam seyn, sich nicht in häusliche Angelegenheiten mischen, nicht +durch böse Launen den Ton verstimmen, und wenn es, seiner Meinung nach, +irgendwo in der Bewirthung gemangelt hat, nicht undankbar und unedel +hinter dem Rücken her darüber, oder über das, was er sonst etwa in dem +Hause gesehen hat, seinen Spott treiben. + + + 4. + +Es gibt aber auch Menschen, die einen so gewaltig hohen Werth auf +die Gastfreundschaft setzen, welche sie uns erweisen, daß sie dafür +gelobt, geschmeichelt, bedient, häufig besucht, und wer weiß was sonst +alles seyn wollen. Das ist nun freilich nicht billig. Ein mäßiger Mann +verlangt doch nicht mehr, als sich satt zu essen, und das kann er ja +leicht um geringern Preis. Das Mehr oder Weniger ist so viel nicht +werth, und ich halte wahrhaftig meine Gesellschaft und meine verlorne +Zeit eben so theuer, wie Ihre Hochmögenden Dero Pasteten und Braten. + + + + + Zehntes Kapitel. + + Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten + empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern, + Gläubigern und Schuldnern. + + + 1. + +Die Dankbarkeit ist eine der heiligsten Tugenden. Wer Dir Gutes gethan +hat, den ehre! Danke ihm nicht nur mit Worten, die ihm die Wärme Deiner +Erkenntlichkeit zeigen, sondern suche auch jede Gelegenheit auf, wo +Du ihm wieder dienen und nützlich werden kannst! Fehlt Dir aber dazu +die Veranlassung, so entfalte ihm wenigstens durch ein auszeichnend +ehrendes und theilnehmendes Betragen Dein dankbares Herz! Du darfst +nicht gerade dies Betragen pünktlich nach der Größe der Wohlthat +abmessen, die Du empfangen hast, sondern nach dem Grade des guten +Willens, den Dein Wohlthäter Dir gezeigt hat! Höre auch ~dann~ nicht +auf, dankbar gegen ihn zu seyn, wenn Du seiner nicht mehr bedarfst, +oder wenn Unglücksfälle ihn von seiner Höhe herabgestürzt, ihn seines +Glanzes beraubt haben! + + + 2. + +Nie aber laß Dich zu niederträchtiger Schmeichelei herab, um entweder +Wohlthaten zu erschleichen, oder für den empfangnen Schutz auf unedle +Weise Dich zum Sclaven eines schlechten Mannes zu machen! Wo Pflicht +und Rechtschaffenheit es fordern, da müsse Dein Mund nie zum Unrechte +schweigen, und keine Art von Bestechung die Stimme der Wahrheit zum +Schweigen bringen! Du bezahlst reichlich die Wohlthat, wenn Du dafür +die Pflichten eines ächten Freundes erfüllst, und, selbst mit Gefahr, +den Schutz zu verlieren und für undankbar gehalten zu werden, dem +Wohlthäter sagst, was ihm nöthig und heilsam zu hören ist. Eben +so wenig leide, daß jemand sich's zum Verdienste anrechnet, daß er +Dich bis jetzt hochgeschätzt, Dich bei Andern gelobt und vertheidigt +habe! Warst Du dessen würdig, so erfüllte er eine Pflicht, die man +auch seinen Feinden nicht versagen darf, wo nicht, so hat er nicht +gehandelt, wie ein gerechter und verständiger Mann, selbst in Rücksicht +seiner Freunde, handeln soll. + + + 3. + +Es ist eine unangenehme Lage, wenn man jemand, dem man viel +Verbindlichkeit schuldig ist, nachher von einer schlechten Seite +kennen lernt. Dieser Verlegenheit weicht man nun freilich aus, wenn +man so wenig wie möglich Wohlthaten annimmt. Allein nicht immer läßt +sich das thun; und wenn man dann wirklich in die Verlegenheit kommt, +einem schlechten Menschen auf diese Art verpflichtet zu werden: so +rathe ich an, ihn wenigstens mit so viel Schonung zu behandeln, als +nur immer mit Redlichkeit und weiser Wahrheitsliebe bestehen kann, und +von seiner Schlechtigkeit zu schweigen; doch nur, in so fern Schweigen +nicht Verbrechen gegen die öffentliche Wohlfahrt ist; -- denn in diesem +letztern Falle muß alle Rücksicht aufhören. So wie aber unter den +Menschen, welche Wohlthaten erzeigen: so ist auch ein Unterschied unter +den Wohlthaten selbst. Es gibt unbedeutende Gefälligkeiten, die man +ohne Furcht, auch von den schlechtesten Leuten annehmen kann. Es ist +dann ~ihre~ Schuld, wenn sie dieselben höher anrechnen, als sie werth +sind. In andern Fällen hingegen, besonders wenn man empfangene Dienste +nicht erwiedern kann, ist es klug und edel, sie lieber nicht anzunehmen. + + + 4. + +Die Art, ~wie~ man Wohlthaten erzeigt, ist oft mehr werth, als +die Handlung selbst. Man kann durch dieselbe den Preis jeder Gabe +erhöhen, so wie von der andern Seite ihr alles Verdienst rauben. +Wenig Menschen verstehen diese Kunst; nur die Edlen und Gefühlvollen +wissen sie meisterhaft auszuüben, und zugleich dem dankbaren Herzen +die Gelegenheit, sich erkenntlich zu beweisen, nicht zu verkümmern. +~Der~ gibt doppelt, der ~gleich~, zu rechter Zeit, ungebeten und mit +Freuden gibt. Gib gern! Es ist seliger Genuß, es ist Wohlthat, geben, +zur Freude Andrer etwas beitragen zu dürfen. Gib also gern, aber +verschwende nicht Deine Wohlthaten! Sey dienstfertig, bereitwillig; +aber dringe niemanden Deine Dienste auf! Rechne nicht, ob es erkannt +und belohnt werden wird! Brauche doppelte Schonung im Umgange mit +Denen, welchen Du Gutes erwiesen, aus Furcht, sie mögten argwöhnen, +Du wolltest Dich für Deine Mühe bezahlt machen, sie Dein Uebergewicht +fühlen lassen, Dir größere Freiheit gegen sie erlauben, weil sie aus +Dankbarkeit schweigen müssen! Oft ist es edler und zarter gehandelt, +von Dem keine Gegen-Gefälligkeiten anzunehmen, dem wir Wohlthaten +erzeigt haben; oft hingegen ist es edler, ihm Gelegenheiten zu +geben, uns durch kleine Dienste, die man ihm hoch anrechnen kann, +für große gleichsam zu bezahlen, damit keine zu schwere Last von +Verbindlichkeiten auf ihm zu liegen scheine. Weise nicht die Bittenden +von Deiner Thür zurück! Wenn Dich jemand um Rath, Hülfe, Wohlthat +anspricht: so höre ihm freundlich, theilnehmend und aufmerksam zu! +Laß ihn ausreden, Dir seine Sache vorstellen, ohne ihm in die Rede zu +fallen, denn dem Unglücklichen thut es sehr wohl, wenn er nur sein Herz +ausschütten kann. + + + 5. + +Keine Wohlthat ist größer, als die des Unterrichts und der Bildung. +Wer jemals etwas dazu beigetragen hat, uns zu weisern, bessern und +glücklichern Menschen zu machen, der müsse unsers wärmsten Danks +lebenslang gewiß seyn können! Hat er dabei nicht alles geleistet, was +wir jetzt, bei reifern Jahren, bei weitern Fortschritten in der Kultur, +von einem Lehrer und Erzieher fordern würden: so sollen wir doch nicht +unerkenntlich gegen das seyn, was wir von ihm empfangen haben. + +Ueberhaupt verdienen ja Diejenigen wohl mit vorzüglicher +Achtung behandelt zu werden, die sich redlich dem wichtigen +Erziehungs-Geschäfte widmen. Es ist wahrlich eine höchst schwere +Arbeit, Menschen zu bilden: -- eine Arbeit, die sich nie mit Gelde +bezahlen läßt. Der geringste Dorf-Schulmeister, wenn er seine Pflichten +treulich erfüllt, ist eine wichtigere und nützlichere Person im Staate, +als der Finanz-Minister; und da sein Gehalt gewöhnlich sparsam genug +abgemessen ist: was kann da billiger seyn, als daß man diesem Mann +wenigstens durch hinreichendes Auskommen, und einige Ehrenbezeigung das +Leben süß, und das Joch erträglich zu machen suche? Schämen sollten +sich die Menschen, die den Erzieher ihrer Kinder wie eine Art von +Dienstboten behandeln! Mögten sie nur bedenken (wenn sie auch nicht +fühlen können, wie unedel dies Betragen an sich schon ist), welchen +nachtheiligen Einfluß dieß auf die Bildung der Jugend hat! Es kann mir +durch die Seele gehen, wenn ich den Hofmeister in manchem adelichen +Hause demüthig und stumm an der Tafel seiner gnädigen Herrschaft sitzen +sehe, wo er es nicht wagt, sich in irgend ein Gespräch zu mischen, +sich auf irgend eine Weise der übrigen Gesellschaft gleich zu stellen, +-- wenn sogar den ihm untergebenen Kindern von Eltern, Fremden und +Bedienten der Rang vor ihm gegeben wird, -- vor ihm, der, wenn er +seinen Platz ganz erfüllt, als der größte Wohlthäter der Familie +angesehen werden sollte. -- Es ist wahr, daß es unter den Männern +dieser Art hie und da solche gibt, die eine so traurige Figur ausser +ihrer Studirstube spielen, daß man nicht wohl auf einem bessern Fuß +mit ihnen umgehen kann; allein das widerlegt nicht dasjenige, was ich +von der Achtung gesagt habe, die man diesem Stande schuldig ist. -- +Wehe ~den~ Eltern, die ihre Kinder solchen ~selbst~ nicht erzogenen +Miethlingen anvertrauen! + +Hast Du aber einen edlen Freund gefunden, der sich der Erziehung Deines +Sohnes annimmt: so ist es auch nicht genug, daß Du ihm ausgezeichnet +freundlich, ehrenvoll und dankbar begegnest; Du mußt ihm auch freie +Macht lassen, ohne Widerspruch seinen Erziehungsplan durchzusetzen; und +von ~dem~ Augenblicke an, da Du Dein Kind seiner Leitung übergibst, +hast Du den wichtigsten Theil Deiner väterlichen Rechte auf ihn +übertragen. -- Doch dies alles gehört mehr in ein Werk über Erziehung, +als daß hier der Ort wäre, weitläuftig davon zu handeln. Ich schweige +daher auch von dem Betragen der Lehrer und Hofmeister im Umgange mit +ihren Untergebenen, und eile weiter. + + + 6. + +Ueber den Umgang mit Schuldnern und Gläubigern habe ich wenig zu sagen. +Man sey menschlich, billig und höflich gegen die Erstern! Man glaube +nicht, daß jemand, der uns Geld schuldig ist, deswegen unser Sclave +geworden sey, daß er sich alle Arten Demüthigungen von uns müsse +gefallen lassen, daß er uns nichts abschlagen dürfe, noch überhaupt, +daß der elende Bettel, der Mammon, einen Menschen berechtigen könne, +sein Haupt über den andern emporzuheben! Seine Gläubiger bezahle man +pünktlich, und halte sein Wort treulich! Man verwechsele nicht den +ehrlichen Mann, der von billigen Zinsen leben muß, mit dem jüdischen +Wucherer: so wird man immer Kredit haben, und, wenn man in Verlegenheit +sich befindet, billige Menschen antreffen, die uns, ohne ihren Schaden, +aus der Noth helfen. + + + + + Eilftes Kapitel. + + Ueber das Betragen gegen Leute, in allerlei besondern Verhältnissen + und Lagen. + + + 1. + +Zuerst über die Aufführung gegen unsre ~Feinde~! Man kränke niemand +vorsätzlich; man sey wohlwollend, dienstfertig, verständig, vorsichtig, +gerade und ohne Winkelzüge in allen Handlungen; man erlaube sich keinen +Schritt zum Nachtheil eines Andern; man zerstöre keines Menschen +Glückseligkeit; man verläumde niemand; man verschweige selbst das +wirkliche Böse, das man von seinem Mitmenschen weiß, wenn man nicht +entschiednen Beruf hat, oder das Wohl Andrer es bestimmt erfordert, +darüber zu reden: so wird man -- etwa keine Feinde haben? -- das sage +ich nicht; aber man wird, wenn uns dennoch Neid und Bosheit verfolgen, +wenigstens die Beruhigung empfinden, keine Veranlassung zur Feindschaft +gegeben zu haben. + +Es steht nicht immer in unsrer Willkühr, geliebt, aber es hängt immer +von uns ab, geachtet zu werden. Allgemeiner Beifall, allgemeines Lob +sind eben so zweideutige, als entbehrliche Merkmale des persönlichen +Werthes; allgemeine Achtung können selbst die Schurken dem Redlichen +und Weisen in ihren Herzen nicht versagen, und der warmen Freunde +bedarf man etwa nur drei in der Welt, um glücklich zu seyn. + +Will man ohne Zwang und Unruhe in dem Umgange mit Menschen leben, +so muß man es nicht darauf anlegen, oder für wünschenswerth halten, +von allen Menschen für gut und weise gehalten zu werden. Je mehr +hervorleuchtende edle Eigenschaften aber ein Mann hat, um desto +gewisser kann er darauf rechnen, von der Scheelsucht schwacher und +schlechter Menschen Manches ertragen zu müssen; und Die, welche +die allgemeine Stimme des Pöbels aller Klassen für sich haben, sind +mehrentheils die mittelmäßigsten Leute, Leute ohne Charakter, oder +niedrige Schmeichler und Heuchler. Es ist wahrlich nicht schwer, +Menschen zu gewinnen, auch die zu gewinnen, welche am heftigsten +gegen uns eingenommen waren, und das oft durch ein einziges Gespräch +unter vier Augen, wenn man ihre schwache Seite studirt hat, und es +recht darauf anlegt. Allein das ist eine elende, des redlichen Mannes +unwürdige Kunst, -- und was kümmert es mich am Ende, ob Menschen, die +mein Herz nicht kennen, -- ja, die mich nie gesehen haben, durch die +Geschwätze irgend eines alten Weibes gegen mich eingenommen sind, oder +nicht? + +Klage aber nie über Verfolgung und Feinde, wenn Du nicht Lust hast, +die Anzahl der letztern zu vermehren; es schleicht immer eine Anzahl +furchtsamer, niederträchtiger Geschöpfe umher, die nicht den Muth +haben, gegen einen Mann von Würde sich öffentlich zu erklären, die +aber sich augenblicklich an Dich wagen, sobald sie Dich hülflos, scheu +und niedergeschlagen erblicken; und diese, so unbedeutend sie Dir auch +scheinen mögten, können mit ihren Neckereien Dir tausendfältigen Kummer +machen. Der feste Mann muß sich selbst schützen. Zeige Zuversicht zu +Dir selber, so wirst Du ganze Heere von Schelmen im Zaume halten! +Zudem ist des Kämpfens in der Welt so viel: jeder gute Mann hat mit +seinen eignen Angelegenheiten genug zu thun, so daß es vergebens ist, +Alliirte zu suchen, weil diese bei der ersten Gelegenheit, wo es eigne +Sicherheit gilt, davon laufen. Der Mann, welcher sich stellt, als merke +er nicht einmal, daß man ihn verfolgt, der von Zeit zu Zeit sagt: +»Gottlob! mir geht es gut; ich habe Freunde;« wird für einen mächtigen +Bundesgenossen gehalten, dessen man schonen müsse; dahingegen über den +Verlassenen Jeder herfällt. + +Willst Du Dich der Ueberlegenheit erfreuen, wenn Du beleidigt wirst, +so werde nie hitzig oder grob gegen Deine Feinde, weder in Gesprächen, +noch Schriften. Und wenn böser Wille und Leidenschaft, wie es +mehrentheils geschieht, bei ihnen im Spiele sind: so laß Dich auf +keine Art von Erläuterung ein! Schlechte Leute werden am besten durch +Verachtung bestraft, und Klatschereien am leichtesten widerlegt, wenn +man sich gar nicht darum bekümmert. + +Wenn man daher unschuldig verleumdet, angeklagt, verkannt wird, so +zeige man Stolz, Fassung und Würde in seinem Betragen: und die Zeit +wird alles aufklären, oder der Vergessenheit übergeben. + +Nicht alle Bösewichter sind unempfindlich gegen eine edle, großmüthige, +immer gleiche, gerade Behandlung. Mit diesen Waffen also kämpfe man, +so lange sich's irgend thun läßt, gegen seine Feinde! Sie müssen nicht +Rache fürchten, sondern den Richterstuhl des Publikums, wenn sie +fortfahren, einen Mann zu verfolgen, dem niemand seine Ehrerbietung +versagt. + +Wenn aber Dein Stillschweigen bei ihren Ausfällen sie noch kecker +macht, dann zeige einmal, was Du ~thun könntest~, wenn Du ~wolltest~! +Aber gebrauche dabei keine Winkelzüge! Vereinige Dich nie mit andern +schlechten Leuten; mache keine gemeinschaftliche Sache mit ~einem~ +Schelme, um den andern zu bekämpfen; sondern tritt ganz allein, muthig, +kühn, schnell, gerade und öffentlich gegen sie auf! Es ist unglaublich, +wie viel ein Einziger, mit einem guten Gewissen und mit edlem Feuer, +gegen Schaaren von Nichtswürdigen vermag. + +Sey nur trotzig gegen mächtige, siegende Feinde! Des Ueberwundnen, des +Unglücklichen schone, und verschweige alles Unrecht, das er Dir vormals +zugefügt hat, sobald er ausser Stande ist, Dir ferner zu schaden, +oder sobald die Stimme des Publikums ihn gerichtet hat! Allein der +Bösewicht wendet alles an, um es dahin nicht kommen zu lassen; -- das +Gefühl seiner eignen Ungerechtigkeit wird ein neues Verbrechen für Den, +welchen er muthwillig gekränkt hat. Doch endlich kömmt alles an den +Tag, und dann genieße mit Bescheidenheit die Freuden des Triumphs! + +Laß Dir nie zweimal die Hand zur Versöhnung reichen! Vergiß dann alle +Beleidigungen, solltest Du auch fürchten müssen, daß dein Beleidiger +bei der ersten Gelegenheit die Feindseligkeit erneuern wird! Sey zwar +auf Deiner Hut; aber zeige kein Mißtrauen! Es ist besser, unschuldiger +Weise zum zweitenmal beleidigt werden, als ein einzigmal den Mann, dem +es mit seiner Rückkehr zu Dir ein Ernst ist, kränken, erbittern, und +ihm allen Muth nehmen! Aber man muß auch verzeihen können, ~ohne~ +darum gebeten zu werden. + +Man hat oft die beste Gelegenheit, die Gemüthsart eines Menschen dann +kennen zu lernen, wenn er uns beleidigt hat. Man gebe Acht, ob er es +durch Bitten um Verzeihung wieder gut zu machen sucht? -- und wie? -- +gleich, oder lange nachher? -- öffentlich oder heimlich? -- und warum +nicht gleich, und vor allen Leuten? -- Aus Starrköpfigkeit, Eitelkeit, +oder Blödigkeit? -- Oder ob er gar keinen Schritt thut, sondern uns +laufen läßt, wohl gar mault, und den Gekränkten verdächtig und verhaßt +zu machen sucht? -- Ob jenes aus Leichtsinn oder Tücke? -- Oder ob er +den Fehler zu beschönigen sucht, den Gesichtspunkt zu verrücken sucht, +um Recht zu behalten. -- Schon in den Jahren der Kindheit kann man aus +diesen Zügen auf den künftigen Charakter schließen. + +Uebrigens hat man nicht Unrecht, wenn man behauptet, daß unsre Feinde +oft, ohne es zu wollen, unsre größten Wohlthäter sind. Sie machen uns +aufmerksam auf Fehler, die unsre eigne Eitelkeit, und die Nachsicht +unsrer partheiischen Freunde, und die niedrige Gefälligkeit der +Schmeichler vor unsern Augen verbergen. Ihre Schmähungen feuern in uns +den Eifer an, desto sorgsamer den Beifall der Bessern zu verdienen; und +wenn sie jedem unsrer Schritte auflauren, so lehren sie uns auf unsrer +Hut seyn, um ihnen keine Blöße zu geben. + +Keine Feindschaft pflegt heftiger zu seyn, als die unter entzweieten +Freunden. Unsre Eitelkeit kömmt da in das Spiel; wir schämen uns, +das Spielwerk eines Bösewichts gewesen zu seyn; wir wenden alles +an, um Diesen nun im schlechtesten Lichte zu zeigen, damit wir vor +der Welt unsre Trennung von ihm rechtfertigen mögen. -- Es ist ein +trauriger Anblick, zu sehen, wie dann selbst ~edle~ Menschen, wenn sie +gegen einander aufgebracht sind, sich gegenseitig höchst unedel zu +verkleinern suchen, um sich gegen sich selber zu rechtfertigen. (S. +Kap. 6.) + + + 2. + +Wir kommen oft in nicht geringe Verlegenheit, wenn unsre Lage uns +zwingt, mit ~Leuten~ umzugehen, ~die einander feind sind~, wo man es +gar leicht mit einer Parthei verdirbt, sobald man mit der andern gut +steht, oder es mit Beiden verdirbt, wenn man sich ungebeten, oder +auf unvorsichtige Weise, in diese Händel mischt; ich empfehle dabei +folgende Vorsichtigkeits-Regeln: + +So viel man kann, vermeide man es, mit zwei Partheien umzugehen, die +mit einander in Zwist leben! + +Kann man dieß aber nicht ändern, zum Beispiel, ohne plötzlich ein +Verhältniß aufzuheben, in welchem man lange Zeit gestanden: so setze +man sich, wo möglich, auf den Fuß, in die obwaltenden Streitigkeiten +durchaus nicht eingeflochten zu werden! Man bitte sich's vielmehr aus, +daß in den Gesprächen diese Sache nie berührt werde! Diese Regel findet +vorzüglich dann Statt, wenn Menschen, die ehemals vertraute Freunde +gewesen sind, nun auf einmal in Feindschaft mit einander gerathen. +Verhalte Dich ganz leidend, wenn dann einer über den andern bei Dir +klagt! Er mag nun in der ersten Empfindlichkeit ein Wort zu viel gesagt +haben, und nachher mit seinem Gegentheile wieder einig werden, oder es +mag in dauernde Feindschaft übergehen: so wird er es doch bei kaltem +Blute übel nehmen, wenn Du zum Guten oder Bösen gerathen hast. + +Kann man aber auch dieß nicht ändern, so enthalte man sich zuerst aller +feigen und heuchlerischen Zweizüngigkeit! Das heißt: man rede nicht, +wenn man bei der einen Parthei ist, zum Nachtheile der andern, und +wiederum zum Tadel jeder, wenn diese es wünschen; sondern, wenn man +sich durchaus darüber erklären muß, immer so, wie es einem redlichen, +gerechten Manne zukömmt! + +Noch schändlicher aber, als jene Duplicität, ist das Verfahren mancher +Menschen, die, um bei solcher Gelegenheit im Trüben zu fischen, oder +sich wichtig zu machen, oder aus Schadenfreude und Geist der Intrigue, +von beiden Seiten Oel zum Feuer gießen, und den Zwist unterhalten. + +Wenn man ferner die streitenden Theile nicht recht genau kennt; wenn +sie nicht unsre vertrautesten Freunde sind; wenn man nicht ganz gewiß +weiß, daß man es mit edeln, von Vernunft regierten Leuten zu thun +hat, die vielleicht nur durch Mißverständnisse, oder durch andre, +mit Hülfe eines Dritten leicht zu hebende Irrungen getrennt worden; +wenn vielmehr böser Wille, Eigennutz, ungesellige Gemüthsart, oder +unbändige Leidenschaft im Spiele ist, -- folglich keine dauerhafte +Wiedervereinigung zu hoffen steht: so lasse man sich nicht darauf ein, +Versöhnung stiften zu wollen! Man verdirbt es dabei leicht mit einer +Parthei, und nicht selten mit beiden. + +Ist es endlich gar nicht zu vermeiden, daß man sich ~für~ oder +~gegen~ eine von den beiden Partheien bestimmt erkläre, so erkläre +man sich ohne Ansehen der Person und ohne Rücksicht auf Freundschaft, +Schmeichelei und Verwandtschaft, männlich und unerschütterlich, für +Den, von dem die Vernunft sagt, daß er Recht habe, und bleibe ihm treu +und beständig zugethan, es gehe auch, wie es wolle! + + + 3. + +Wenden wir uns jetzt zu ~Kranken~ und ~Leidenden~! -- Wer je empfunden +hat, welch ein Labsal bei Krankheiten und Schmerzen eine gute, +sorgsame, stille und theilnehmende Pflege gewährt, der wird den +Gegenstand nicht unwichtig finden. Die Art der Behandlung und Sorgfalt +muß sich allerdings nach der Verschiedenheit der Krankheiten richten, +mit welchen der Leidende kämpft, und ich kann also keine allgemein +passende Regeln vorschlagen; doch, so viel sich im Ganzen über diesen +Gegenstand sagen läßt, möge hier Platz finden! + +Es gibt Krankheiten, in welchen Aufheiterung des Gemüths, Zerstreuung +und angenehme Unterhaltung sehr viel zur Genesung beitragen, und +hingegen andre, bei denen Ruhe und stille Pflege das Einzige sind, +wodurch man dem Leidenden Linderung verschaffen kann. Man soll daher +wohl unterscheiden und beobachten, welche Art von Behandlung anwendbar +seyn mögte. + +Ob in schweren Krankheiten die Aufwartung ~bezahlter~ Wärter der +sorgfältigen, liebevollen und zarten Pflege werther Freunde darum +vorzuziehen sey, weil diese leicht übertrieben, und dann dem Kranken +lästig und ängstlich wird, muß dem Gefühl eines Jeden überlassen +bleiben. Jene sind durch Erfahrung mit den kleinen Handgriffen bekannt, +und leisten ihre Dienste mit unverdrossener Geduld, Kaltblütigkeit +und strenger Pünktlichkeit, bekümmern sich nicht um unsre Launen, und +leiden nicht bei unsern Schmerzen; diese hingegen werden uns oft, +besonders wenn unsre Nerven sehr reizbar sind, durch zu viel Eifer +lästig, wissen nicht behutsam genug bei ihren Handreichungen mit uns +umzugehen, erregen unsre Ungeduld durch Fragen, und machen unser Leiden +durch zu warmes Mitgefühl, das wir in ihren Augen lesen, doppelt +schwer; wozu denn noch kömmt, daß der Gedanke, wie sehr sie mit uns +leiden, und welche Opfer sie uns bringen, uns einen peinlichen Zwang +auflegt. Will man daher seinen Freund selbst verpflegen, so suche man +die Art geübter Krankenwärter nachzuahmen, dem Leidenden so wenig wie +möglich lästig zu werden, und alles mechanisch so zu machen, wie er es +gern zu haben scheint: man werde nicht mißvergnügt, wenn ein Kranker +zuweilen auffahrend, böser Laune, oder zänkisch wird! Wir fühlen nicht, +wie ihm zu Sinne ist, und wie seine zerrüttete Maschine auf seinen +Geist wirkt. Doch kann ein Mann, der achtsam auf sein eignes Ich ist, +viel über sich erlangen, und selbst in schweren Krankheiten in so weit +Meister über seine Launen werden, daß er diejenigen Personen, welche +ihm Sorgfalt widmen, nicht unnützer Weise plage. + +Man mache nicht, besonders bei einem Kranken von sehr empfindlicher, +weicher Gemüthsart, sein Leiden durch Wehklagen und ängstliches +Bezeigen noch schwerer! + +Man rede nicht von Dingen, die ihm, selbst wenn er gesund wäre, +unangenehm seyn würden, -- nicht von häuslichen Verlegenheiten, vom +Tode, noch von Vergnügungen, an welchen er nicht Theil nehmen kann! + +Leute, die bloß in der Einbildung krank sind, muß man zwar nicht +verspotten, noch zu überzeugen suchen, daß ihnen nichts fehle; denn +das macht eine ganz entgegengesetzte Wirkung auf sie; aber man soll +sie auch nicht in ihrer Thorheit bestärken, sondern, wenn vernünftige +Vorstellungen nichts helfen, nur gar keine Theilnahme zeigen, ihre +Klagen mit Stillschweigen beantworten, und, wenn der Sitz des Uebels im +Gemüthe ist, sie durch weise gewählte Zerstreuungen auf andre Gedanken +zu bringen suchen. + +Auch gibt es Menschen, die dadurch Interesse zu erwecken glauben, daß +sie sich kränklich stellen. Das ist eine höchst thörichte Schwäche! +Man suche solche Leute durch sanften Spott und kräftige Ansprache von +ihrer Albernheit zurückzuführen, sie zu überzeugen, daß es besser sey, +Bewunderung, als Mitleiden zu erregen, und daß nichts so allgemein +vortheilhafte Eindrücke mache, als der Anblick eines Wesens, das, an +Leib und Seele, in seiner vollen Kraft, zur Ehre der Schöpfung dasteht! + +Endlich: in solchen Krankheiten, wo der Geist viel über den Körper +vermag, wo Seelen-Leiden das Uebel vermehren, und die Besserung +hindern, da soll man alle Kräfte, seine ganze Lebhaftigkeit aufbieten, +um Heiterkeit, Muth, Trost und Hoffnung in das Gemüth des Kranken +zurückzurufen. + + + 4. + +Noch schonender, als mit diesen Leidenden, soll man mit ~Leuten~ +umgehen, ~auf welchen die schwere Hand des Schicksals liegt~, -- mit +Unglücklichen, Armen, Bedrängten, Verstoßenen und Zurückgesetzten, mit +Verirrten und Gefallenen. + +Nimm Dich des ~Armen~ an, wenn Dir Gott die Mittel in die Hände +gegeben hat, seine Noth zu erleichtern! Weise nicht den Dürftigen von +Deiner Thür zurück, so lange Du noch, ohne Ungerechtigkeit gegen die +Deinigen, eine kleine Gabe zu geben hast! Sey es wenig oder viel, so +gib es mit gutem Herzen, und -- wie ich bei Gelegenheit gesagt habe, +als von der Art, Wohlthaten zu erzeigen, die Rede war, -- gib es mit +guter Art! Ein Wort ist oft besser, als eine große Gabe, und ein +holdseliger Mensch gibt sie beide, sagte schon Sirach; und was für +ein Wort könnte er meinen, als das erquickende Wort der herzlichen +Theilnahme. -- Sey ferner nicht allzu gerecht, wo vom Helfen und +Erbarmen die Rede ist. Berechne nicht so genau, ob der Mann, dem Du +helfen kannst, selbst an seinem Unglücke Schuld sey, oder nicht! Wer +in der Welt würde ~ganz~ unschuldig an den Leiden, die ihn treffen, +befunden werden, wenn man alles strenge untersuchen wollte? Willst +oder kannst Du aber gar nichts, oder nur wenig geben, so brauche keine +leere Ausflüchte! Laß den Armen nicht durch Deine Bedienten unter +allerlei Vorwande wieder bestellen, oder vertrösten! Am wenigsten +aber erlaube Dir, etwa zu Rechtfertigung Deiner Hartherzigkeit, z. B. +Grobheiten, beleidigende Strafpredigten gegen Den, dessen Bitte Du +abzuschlagen entschlossen bist, harte Vorwürfe; sondern sprich den +Bittenden selbst, und sage ihm kurz und menschenfreundlich, warum Du +nicht geben kannst, nicht geben willst! Thue auch auf das erste Wort, +was zu thun vernünftig und gut ist, und warte nicht darauf, daß man +durch wiederholtes Betteln Dein Herz erweiche! Gib aber nicht wie +ein Verschwender, sondern laß Deine Wohlthaten von der Gerechtigkeit +gegen Dich und Andre bestimmt werden, und verschleudre nicht an +den Landläufer, Bettler von Handwerke und Faullenzer, was Du dem +hülflosen Alter, der Gebrechlichkeit, und dem durch widrige Zufälle +Verunglückten schuldig bist! Und wo es Labsal geben kann, da begleite +Deine kleine Gabe ein sanftes Trostwort, ein vertraulicher Rath, und +ein freundlicher, mitleidiger Blick! Gehe schonend und äusserst fein +mit Leuten um, die in unangenehmen häuslichen Lagen sind! Sie pflegen +sehr empfindlich zu seyn, pflegen leicht zu glauben, man verachte +sie, setze sie zurück, ihrer Armuth wegen. Das elende Geld hat leider +nur gar zu viel Einfluß auf den Pöbel aller Stände. Unterscheide Dich +von diesem Haufen! Ehre den verdienstvollen Armen öffentlich! Suche +ihm wenigstens einen frohen Augenblick zu machen, wenn Du auch seine +Umstände nicht verbessern kannst! Ueberhaupt sind alle Unglückliche +mißtrauisch, und meinen, jedermann sey ~gegen~ sie. Suche ihnen diesen +quälenden Wahn zu benehmen! Bemühe Dich, ihr Zutrauen zu gewinnen! +Entziehe Dich nicht dem Anblicke des Jammers! Fliehe nicht die Hütte +der Noth und der Dürftigkeit! Man muß vertraut seyn mit dem mancherlei +Elende auf dieser Welt, um bei dem Leiden des unglücklichen Bruders +recht innig theilnehmend mitempfinden zu können. Wo der bescheidne Arme +im Verborgenen seufzt, es nicht wagt, sich herbeizudrängen und um Hülfe +zu bitten; wo widrige Vorfälle den fleißigen Mann, den Mann, der einst +bessre Tage gesehen hat, zu Boden schlagen; wo eine zahlreiche ehrliche +Familie, mit allem Fleiße, durch die tägliche Arbeit ihrer Hände nicht +so viel erringen kann, um sich gegen Hunger, Blöße und Krankheit +zu schützen; wo auf hartem Lager, in durchwachten, durchseufzten +Nächten, schamhafte Thränen über gerungene Hände rollen: -- ~dahin~, +menschenfreundlicher Wohlthäter! ~dahin~ dringe Dein Blick! ~Da~ kannst +Du Deine Gelder herrlich anlegen, und Zinsen erwerben, die keine Bank +auf Erden Dir zusichern kann. + +Wer kein Geld hat, der hat auch keinen Muth. Er fürchtet aller Orten +zurückgesetzt zu werden, glaubt jede Demüthigung ertragen zu müssen, +und zeigt sich überall in ungünstigem Lichte. -- Ach! ermuntre einen +also Niedergedrückten! Ehre ihn, wenn er es sonst verdient, und bewege +Deine Freunde, daß sie ein Gleiches thun! + +Manchen aber drücken schwerere Leiden, als die der Armuth und des +Mangels: ~Seelenleiden~, die an der Knospe des Lebens nagen. O! schone +des Kummervollen! Pflege seiner! Suche ihn aufzurichten, zu trösten, +mit Hoffnung zu erfüllen, Balsam in seine Wunden zu gießen, und wenn +Du seine Last nicht erleichtern kannst, so hilf wenigstens tragen, +und weine eine brüderliche Thräne mit ihm! Richte aber die Art Deiner +Behandlung vernünftig ein! Es gibt Augenblicke des Schmerzes, wo alle +Gründe der Philosophie keinen Eingang finden, und da ist das Mitgefühl +oft das beste Labsal. Es gibt einen Kummer, dessen Tilgung man ruhig +und still der Zeit überlassen muß; es gibt Leidende, die erleichtert +werden, wenn man ihnen Gelegenheit gibt, ihr Herz auszuschütten, und +von dem zu reden, was ihr ganzes Herz erfüllt; es gibt Schmerzen, die +nur Einsamkeit lindert, und Lagen, in welchen ein festes, männliches +Zureden, Erweckung des Muths, Aufruf zu stolzer Zuversicht, die besten +Tröstungen sind; ja es gibt selbst solche, wo man den Niedergebeugten +mit Gewalt herausreissen muß, wenn er nicht der Verzweiflung zum +Raube werden soll. Die Klugheit aber allein kann uns in jedem dieser +einzelnen Fälle lehren, welche unter diesen Mitteln wir zu wählen haben. + +Die Unglücklichen ketten sich gern an einander. Statt sich aber +gemeinschaftlich zu trösten, winseln sie mehrentheils nur mit einander, +und versinken immer tiefer in Schwermuth und Hoffnungslosigkeit. Darum +suche doch der Kummervolle, dem weder die Forderungen und Gründe seiner +eigenen Vernunft, noch Zerstreuungen seinen Zustand erträglich machen, +den Umgang eines verständigen, nicht empfindelnden Freundes, damit er +an seiner Seite die Kraft gewinne, die Gedanken auf andere Gegenstände +zu richten, die seinen Schmerz nicht nähren. + +Es gibt Menschen, die in unglücklichen Lagen und Verhältnissen, weniger +~traurig~, als ~mürrisch~, ~zänkisch~, ja, sogar ~hämisch~ sind, so +daß sie Unschuldige darunter leiden lassen, wenn nicht alles nach +ihrem Kopfe geht. Ein edles Herz wird sanfter durch den Schmerz; und +selbst der Menschenfeind, den Schicksale erbittert haben, wird, wenn +er sonst ein guter Mensch ist, wohl düster, verschlossen, auch nach +seinem Temperamente vielleicht einmal ungeduldig und auffahrend werden; +aber er wird nie vorsätzlich auf einen Dritten die Last seines Kummers +wälzen, und dieß um so weniger, je schwerer seine Leiden sind. + +Die mehrsten Menschen haben nur Mitleid mit stillem Kummer, empfinden +aber Ueberdruß bei lauten Klagen; vielleicht weil diese sie gleichsam +zwingen zu wollen scheinen, Theil daran zu nehmen. + +Der ~Unterdrückten~, ~Zurückgesetzten~ und ~Verfolgten~ soll man sich +annehmen, in so fern es die Klugheit erlaubt, und wir ihnen dadurch +nicht etwa mehr schaden, als nützen. Dieß ist nicht nur Pflicht, wenn +von thätiger Hülfe und Rettung des ehrlichen Namens die Rede ist; auch +im gesellschaftlichen Umgange, wo das bescheidene Verdienst so oft +übersehen und von leeren Windbeuteln über die Achsel angeschauet wird, +wo Rang und Glanz gegen den innern Werth verblenden, wo Schwätzer und +Windbeutel den Weisen überschreien, wird es sich der Edle zur Pflicht +machen, das bescheidene und schüchterne Verdienst hervorzuziehen, +und den Verdienstvollen, der stumm und verlegen dasteht, von niemand +angeredet, ja, mit Verachtung behandelt, gedemüthigt, lächerlich +gemacht wird, durch ehrenvolles Anreden und Entgegenkommen zu ermuntern +und auszuzeichnen. Wie unedel und wie ungerecht ist die Geringschätzung +und Härte, mit welcher zuweilen Stabs-Officiere jungen Leuten begegnen, +die doch schon die erste Stufe erstiegen haben, um zu werden, was Jene +sind; oder Patronen ihren Hofmeistern und Predigern, oder vornehme +Damen ihren Gesellschafterinnen, oder eitle Stadtmädchen einem armen +eingeschüchterten Landmädchen, das in ihre Mitte verschlagen wird. +Solch ein Betragen ist eben so sehr Verletzung der Klugheit, als der +Pflicht. + +Neid und Mißgunst verfolgen den Glücklichen; Bosheit und Kabale ruhen +selten eher, als bis sie alles niedergedrückt haben, was über sie +emporragte; aber kaum ist ein Mensch ganz zu Boden geschlagen, so sucht +Jeder, selbst Der, welcher ihn verfolgt hat, eine Ehre darin, seine +Parthei zu ergreifen; doch, wohl zu merken! wenn keine Hoffnung mehr da +ist, daß er hierdurch wieder emporkomme. Man möchte also fast sagen, +man wäre nicht ~ganz~ verloren, so lange man noch Feinde hätte. + +Unter allen Unglücklichen sind wohl die ~Verirrten~ und ~Gefallenen~ +am meisten zu bedauern. Hierunter verstehe ich Solche, die, vielleicht +durch einen einzigen Fehltritt in eine Kettenreihe von Vergehungen +verflochten, das Gefühl für die Tugend erstickt, oder die Fertigkeit, +schlecht zu handeln, erlangt, oder alle Zuversicht zu Gott, zu den +Menschen, und zu sich selbst, also auch den Muth verloren haben, +den bessern Weg wieder zu suchen, oder die wenigstens im Begriff +stehen, so tief zu fallen. Sie sind höchst bedauernswürdig; denn +sie entbehren den einzigen Trost, der uns in den schwersten Leiden +aufrichten kann: das Bewußtseyn, nicht muthwilliger Weise sich ihr +hartes Schicksal zugezogen zu haben. Diese Unglücklichen verdienen aber +nicht nur unser Mitleiden, nein, auch unsre brüderliche Nachsicht, +unsre Zurechtweisung, und, wenn es noch Zeit ist, unsern Beistand. +Wenn man immer weise, duldend und unpartheiisch genug wäre, zu +überlegen, wie leicht das schwache menschliche Herz irre zu leiten +ist; wie unwiderstehlich bei heftigen Leidenschaften, warmem Blute und +verführerischen Gelegenheiten, manche Reizungen werden können; wie +blendend, anlockend und bezaubernd die Aussenseiten mancher Laster +sind; wie das Laster sogar, mit Geist verbunden, durch sophistische +Gründe die innere Stimme der bessern Ueberzeugung zum Schweigen zu +bringen weiß, und wie es dann nur auf einen kleinen Schritt ankömmt, +um das Opfer der feinsten Täuschung, und stufenweise unmerklich in das +schrecklichste Labyrinth gelockt zu werden; wenn man bedenken wollte, +wie oft Mißmuth, oder Verzweiflung über ein feindseliges Schicksal aus +einem Menschen von den besten Anlagen einen Bösewicht und Verbrecher +machen; wie man durch ungerechtes, entstehendes Mißtrauen alle gute +Gefühle einbüßen, alles Vertrauen zu sich selbst verlieren, und in den +Abgrund des Lasters geschleudert werden kann, so würde man aufhören, +die Gefallenen mit unbarmherziger Strenge zu richten, würde nicht so +zuversichtlich auf Tugenden trotzen, die nicht selten nur das Werk +eines kalten Temperaments, das Werk glücklicher Verhältnisse und +einer vorzüglichen Leitung sind; würde es für Pflicht erkennen, sich +der Gefallenen anzunehmen, und dem Strauchelnden liebevoll die Hand +zu reichen. -- Aber heißt das nicht, tauben Ohren predigen? -- Doch +mein Herz drängt mich, über diesen Gegenstand etwas zu sagen. Also +zur Sache! -- Nichts bessert weniger, als kalte moralische Predigten. +Es gibt wenig Menschen, selbst unter den Lasterhaften, die nicht +eine Menge herrlicher Gemeinsprüche über die Pflichten, welche sie +übertreten, zu sagen wüßten; das Unglück ist nur, daß die Stimme der +Leidenschaft mit wärmerer Beredtsamkeit spricht, als die Stimme der +Vernunft. Willst Du also dieser gegen jene Gewicht geben, so mußt +Du die Kunst verstehen, Deine Tugend-Lehren in ein reizendes Gewand +zu hüllen, mußt nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz und die +Sinnlichkeit Dessen, den Du zurechtweisen willst, auf Deine Seite +bringen; Dein Vortrag muß warm, und nach den Umständen bildreich, +sinnlich, erschütternd, hinreissend seyn. Allein der Mann, den Du +vor Dir hast, muß Dich auch lieben und hochschätzen, muß sich zu Dir +hingezogen fühlen, muß mit Enthusiasmus für das Gute und Schöne erfüllt +werden, und dabei in der Entfernung Ehre, Freude und Genuß auf dem +Wege erblicken, auf welchen Du ihn zu leiten suchst. Dein Umgang, Dein +Rath und Dein Trost muß ihm zum Bedürfniß werden. Dieß aber erlangst +Du nicht, wenn Du als ein stolzer, strenger Gesetzprediger vor ihn +hintrittst; wenn Du ihm mit Deiner kalten Moral Langeweile machst; +wenn Du ihn mit Anmerkungen über das Geschehene, das doch nun nicht +mehr zu ändern ist, ermüdest, und ihm erzählst, wie es ganz anders +würde gekommen seyn, wenn -- es nicht ~so~ gekommen wäre, wie es +gekommen ist, wenn er Dir hätte folgen wollen. Nichts ist ferner so +fähig, zur Niederträchtigkeit zu verleiten, als öffentliche Verachtung +und Aeusserung eines fortdauernden Mißtrauens in die Besserung eines +Menschen. Wem es daher ein Ernst ist, einen Verirrten zu retten, der +begegne ihm mit Schonung, und zeige ihm wenigstens äusserlich ein +ermunterndes Vertrauen; der lasse ihn das stolze und selige Bewußtseyn +und die unerschütterliche Seelenruhe ahnen, welche der schöne Lohn +seiner Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung seyn wird; der werfe +dem Gefallenen nie, auch nicht auf die entfernteste Weise, seine +ehemaligen Verirrungen vor; sondern scheine nur Augen für seine jetzige +Aufführung zu haben! Allein es geht nicht so schnell mit Ablegung von +Lastern, die uns schon zu einer Art von Fertigkeit geworden sind; also +darf uns ein kleiner Rückfall nicht befremden; und obgleich Du dann die +Stärke Deines Vortrags und der Mittel zur Besserung verdoppeln mußt, so +sollst Du doch nicht muthlos werden, noch dem Rückkehrenden den Muth +benehmen. Laßt uns endlich zur Ehre der Menschheit und zur Erweckung +unsers Eifers glauben, daß niemand in der Welt so tief gefallen, so von +Grund aus verdorben seyn könne, daß ihm nicht, bei redlicher, eifriger +Anwendung der besten Rettungsmittel, noch zu helfen wäre! Und Ihr, die +Ihr in der großen Welt lebet, und so bereitwillig seyd, einen Mann oder +ein Weib, die durch irgend eine zweideutige oder schlechte Handlung +sich erniedrigt, oder auch wohl nur etwa lächerlich gemacht haben, +auf immer aus Euren Gesellschaften zu verbannen, und mit Schande und +Spott zu beladen, indeß Hunderte unter Euch umherwandeln, die entweder +dasselbe heimlich treiben, oder wenigstens treiben würden, wenn es +die Umstände erlaubten; denket, daß Ihr es zu verantworten habt, wenn +Verzweiflung Jene ergreift, wenn sie von Stufe zu Stufe hinabsinken, +und wenn sie, da die bessern Häuser ihnen verschlossen sind, sich +einen Umgang wählen, in welchem sie immer niederträchtiger werden, und +zuletzt, ohne Rettung verloren, durch ~Eure~ Schuld zu Grunde gehen! + + + + + Zwölftes Kapitel. + + Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen Leben. + + + 1. + +Ich habe bei mancher Gelegenheit Gegenwart des Geistes und +Kaltblütigkeit, als Haupt-Erfordernisse zu allen Geschäften und +Verrichtungen im menschlichen Leben, empfohlen; nirgends aber sind +uns diese Eigenschaften nothwendiger, als in Vorfällen, ~wo wir, +oder Andre, in augenscheinlicher Gefahr schweben~. Hier hängt die +ganze Rettung in kritischen Augenblicken zuweilen von einem raschen +Entschlusse ab. Halte Dich daher nicht mit Geschwätzen auf, wo +es Noth ist, zu handeln! Unterdrücke Dein zu zartes Gefühl, und +winsele nicht, wo Du zugreifen solltest! Sey besonnen in Feuer- und +Wassers-Noth und ähnlichen Gefahren, wo man oft alles verliert, wenn +man den Kopf verliert, -- wo Die, welche wir retten können, zuweilen +mit unwiderstehlicher Gewalt gezwungen werden müssen, sich uns zu +überlassen! Vorzüglich wichtig wird diese Gegenwart des Geistes +auch dann, wenn man unerwartet von Dieben und Mördern angegriffen +wird. Räuber und Banditen sind fast immer entweder furchtsam, +oder, wenn Verzweiflung sie kühn macht, nicht genug auf ihrer Hut, +-- auf ernsthaften, förmlichen Widerstand nicht vorbereitet. Ein +entschlossener, kaltblütiger Mann ist da stärker, als zehn solcher +Elenden, die ihn angreifen. Hier muß aber wohl überlegt werden, ob es +Schaden oder Nutzen stiften könne, sich mit Schieß- oder anderm Gewehre +zu vertheidigen, oder nicht; ob es gerathener sey, Lärm zu machen, +oder sich in sein Schicksal zu finden; der Uebermacht zu weichen und +mit Hingebung seines Mammons sein Leben zu erkaufen, oder das Leben +daran zu setzen. Es lassen sich darüber unmöglich allgemeine Regeln +geben. Um aber auf jeden dieser Fälle sich gefaßt zu halten, rathe +ich, bei kaltem Blute sich in dergleichen Lagen hineinzudenken, und +sich dann dienliche Maaßregeln vorzuschreiben. Ich halte es auch für +einen wichtigen Theil der Erziehung, seine Kinder zuweilen nicht nur +durch Fragen, wie sie sich bei solchen Gelegenheiten betragen würden, +aufmerksam auf unerwartete Vorfälle aller Art zu machen, sondern sie +auch zuweilen in wirkliche kleine Verlegenheit zu setzen, um sie an +Gegenwart des Geistes zu gewöhnen, und sie auf die Probe zu stellen. + + + 2. + +In einer Schrift über den Umgang mit Menschen kann nur ein geringer +Theil der Regeln Platz finden, welche man auf Reisen und unter Fremden +zu beobachten hat; doch darf ich diesen Gegenstand auch nicht ganz mit +Stillschweigen übergehen; denn zu dem, was man unter Menschen treibt, +gehört doch auch das Reisen. Also einige Bemerkungen ~über das Betragen +auf Reisen und gegen Reisende~. + +Es ist weise gehandelt, bevor man ausreist, aus Büchern oder mündlichen +Erzählungen sich genau von dem Wege, den man nehmen will, von +demjenigen, was unterweges und in den Oertern, die man besuchen möchte, +zu bemerken, zu beobachten und zu vermeiden ist, nicht weniger von den +Preisen und den unvermeidlichen Geld-Ausgaben zu unterrichten, damit +man weder betrogen werde, noch in Verlegenheit gerathe, noch etwas zu +sehen verabsäume, das der Aufmerksamkeit werth scheint. + +Der Mann von Kenntnissen, von einigen Talenten, von unbescholtenem +gutem Rufe und von feinen und guten Sitten bedarf nicht einer Menge +von Empfehlungs-Briefen, wie die mehrsten Reisenden von gemeiner Art +mit auf den Weg zu nehmen pflegen. Er wird sich schon überall bekannt +zu machen und in Achtung zu setzen wissen, ohne sich und Andern Zwang +aufzulegen. Oft fügt es sich indessen, daß man in einer Stadt, durch +Empfehlungs-Briefe oder sonst, mit zwei Personen in Bekanntschaft +kömmt, die mit einander in Feindschaft leben. Es ist daher der Klugheit +gemäß, an einem fremden Orte, bevor man von solchen kleinen Umständen +unterrichtet ist, in den Häusern, in welchen man Zutritt erhält, von +seinen übrigen Verbindungen nicht zu reden, gelegentlich aber zu +äussern, daß man, als ein Fremder, sich um dergleichen Händel nicht +bekümmern wolle. + +Man verrechnet sich leicht in seinen Ueberschlägen der Reise-Kosten; +ich rathe daher nicht nur, nach gemachtem Ueberschlag, sich immer etwa +auf ein Drittel mehr gefaßt zu halten, als die gezogene Summe beträgt, +sondern auch besorgt zu seyn, daß man in den Haupt-Oertern, durch +welche man kömmt, an sichre Geschäftsmänner gewiesen sey, oder sonst +Mittel habe, im Fall unvorhergesehene Umstände eintreten, sich aus der +Verlegenheit zu reissen. + +In Deutschland hat man mehr, als in andern Ländern, Ursache, wegen +des sehr verschiedenen Münzfußes, sich beim Geld-Wechseln in Acht zu +nehmen, und es ist etwas sehr Gewöhnliches, daß schelmische Gastwirthe +den Fremden dabei hintergehen, oder ihm auf Gold Münze herausgeben, die +er auf der nächsten Post nicht brauchen kann. + +Wem es ein Ernst ist, seine Menschen- und Länder-Kenntnisse zu +erweitern, der mische sich klüglich unter Personen von allerlei +Ständen! Die Leute von gutem Tone sehen einander in allen europäischen +Staaten und Residenzen ähnlich; aber das eigentliche Volk, oder noch +mehr der Mittelstand, trägt das Gepräge der Sitten des Landes. Nach +~ihnen~ muß man den Grad der Kultur und Aufklärung beurtheilen. + +Zum Reisen gehört Geduld, Muth, gute Laune, Vergessenheit aller +häuslichen Sorgen, und daß man sich durch kleine widrige Zufälle, +Schwierigkeiten, böses Wetter, schlechte Kost u. dergl. nicht +niederschlagen lasse. Dieß ist doppelt zu empfehlen, wenn man einen +Gesellschafter bei sich hat; denn nichts ist langweiliger und +verdrießlicher, als mit einem Manne zu reisen, und in einem Kasten +eingesperrt zu sitzen, der stumm und mürrischer Laune ist, bei dem +geringsten unangenehmen Ereigniß aus der Haut fahren will, über Dinge +jammert, die nicht zu ändern sind, und in jedem kleinen Wirthshause so +viel Gemächlichkeit, Wohlleben und Ruhe fordert, wie er zu Hause hat. + +Das Reisen macht gesellig; man wird da mit Menschen bekannt, und auf +gewisse Weise vertraut, die man ausserdem schwerlich zu Gesellschaftern +wählen würde; das ist auch weiter von keinen Folgen, wenn man sich +hütet, in der Vertraulichkeit gegen Fremde, die man unterweges +antrifft, zu weit zu gehen, und dadurch Abentheurern und Spitzbuben in +die Hände zu fallen. + +Ich rathe niemand, sich auf Reisen einen fremden Namen zu geben; man +kann dadurch, ehe man sich's versieht, in große Verlegenheit gerathen; +und selten ist es nöthig und nützlich, ein solches Incognito zu +beobachten. + +Manche Leute suchen etwas darin, auf Reisen zu prahlen, viel Geld zu +verzehren, glänzen zu wollen, und prächtig gekleidet zu seyn. Das ist +eine thörichte Eitelkeit, die sie in den Wirthshäusern theuer abbüßen +müssen, ohne für ihr Geld mehr zu erhalten, als der einfache Reisende. +Niemand erinnert sich weiter des Fremden, der so viel Aufwand gemacht +hat, wenn dieser weiter gereiset, und nichts mehr von ihm zu ziehen +ist. Doch ist es der Klugheit gemäß, anständig, und was man ~rechtlich~ +nennt, in seinem Aufzuge zu seyn, sich nicht zu vornehm und nicht zu +demüthig, nicht zu reich und nicht zu arm zu stellen, weil man sonst, +in beiden Fällen, leicht entweder für einen unwissenden Pinsel, dessen +erste Ausflucht dieß ist, und den man also nach Gefallen prellen kann, +oder für einen gewaltig vornehmen Herrn, von dem etwas zu ziehen ist, +oder für einen Abentheurer angesehen wird, dem man aus dem Wege gehen, +und der mit schlechter Bewirthung vorlieb nehmen müsse. + +Man spare auf der Reise nicht am unrechten Orte! So gebe man z. B. den +Postknechten zwar nicht übertriebene, aber doch nach den Umständen +reichliche Trinkgelder. Sie sagen sich das Einer dem Andern auf den +Stationen wieder; man kömmt dann schneller fort, und hat manche +Vortheile davon, besonders den, daß man ihrer Grobheit nicht ausgesetzt +ist. + +Wer Bäder besucht, und seine Ruhe, seine Gesundheit und sein Geld nicht +verlieren will, fliehe das Spiel, das eigentlich aus allen Bad- und +Brunnen-Oertern auf ewig verbannt seyn sollte, und überhaupt nur für +die nichtswürdigsten Menschen eine Lieblings-Beschäftigung seyn kann. +In Bädern soll Jeder dazu mitwirken, allen lästigen Zwang, nicht aber +Sittsamkeit und Gefälligkeit, aus den gesellschaftlichen Zirkeln zu +verbannen. Hier muß, besonders wenn der Kreis der Gäste klein ist, +eine Menge Rücksichten und Vorsichtigkeits-Regeln, denen man sich +im bürgerlichen Leben unterwirft, wegfallen, Duldung und Einigkeit +herrschen, und aller Partheigeist bei Seite gesetzt werden. Man lebt da +nur für unschuldigen Genuß und Vergnügen. Nach Ablauf dieser Zeit rückt +Jeder wieder in die Rolle ein, die der Staat ihm anvertrauet hat. + +Deutsche Posthalter, Wagenmeister und Postknechte pflegen in dem Rufe +einer ausgezeichneten Grobheit zu seyn. Es kömmt aber alles auf die Art +an, wie man mit ihnen umgeht; ein ernsthaftes, von einer gewissen Würde +begleitetes Betragen, und, wo es anzubringen ist, ein freundliches +Wort, wird bei diesen Leuten selten ohne gute Wirkung angewandt. + +Wenn man an dem Wagen etwas zerbricht, so sind mehrentheils in den +Städten die Handwerksleute sogleich bei der Hand, verstehen sich auch +wohl mit den Postknechten, den Schaden für viel größer anzugeben, als +er ist, um desto mehr Geld von dem Reisenden zu ziehen. Ich rathe +desfalls, bei solchen Gelegenheiten alles selbst zu untersuchen, oder +durch treue Bediente untersuchen zu lassen, bevor man Befehle zur +Ausbesserung gibt. + +Die Postknechte sind größtentheils von den Gastwirthen bestochen (oder +~ein~ Wirth verabredet sich mit dem andern in der nahe gelegenen +Stadt), um dem Fremden gewisse Gasthöfe zu empfehlen, die darum aber +weder immer die besten, noch die wohlfeilsten sind. Es ist daher +vernünftig, sich hierauf nicht zu verlassen, sondern sich bei andern +sichern Leuten zu erkundigen: wo man am besten und billigsten behandelt +werde. + +Die Bedienten, die man mit sich auf Reisen nimmt, sollen wohl darauf +Acht geben, daß die Postknechte, welche mit den Pferden zurückreiten, +nicht, wie es vielfältig geschieht, Schwengel, Nägel oder andere +Kleinigkeiten, die zum Wagen gehören, mitnehmen. Auch pflegen diese +mit den Chaussee-Aufsehern sich zu verstehen, an den Weghäusern +vorbeizufahren, unter dem Vorwande, uns nicht aufhalten zu wollen, +nachher aber eine Rechnung zu machen, vermöge deren Reisende doppelt +so viel bezahlen müssen, als festgesetzt ist, und sie gegeben haben +würden, wenn sie das Weggeld jedesmal selbst entrichtet hätten. + +Es ist eine Regel der Klugheit, vorher mit Handwerksleuten auf das +genaueste zu dingen, bevor man etwas ausbessern läßt, oder sonst Dinge, +die zur Bequemlichkeit dienen, an fremden Oertern anschafft. + +Kehrt man zum erstenmal in ein Wirthshaus ein, so kann es Vortheil +bringen, wenn man den Wirth hoffen läßt, man werde öfter da ansprechen; +er pflegt dann billiger mit der Zeche zu seyn, um sich zu empfehlen. + +Wenn der Gastwirth übermäßig viel für die Zehrung fordert, und sich +nicht auf einen starken Abzug einlassen will: so thut man doch nicht +wohl, ihm schriftliche Rechnung und genaue Specification jedes +einzelnen Punkts abzufordern, es müßte denn der Mühe werth seyn, ihn +bei der Polizei zu belangen. Fängt er an aufzuschreiben, so rechnet er +immer noch mehr heraus, als er anfangs gefordert hatte; -- und wer kann +dann mit einem solchen Taugenichts über die Preise der Lebensmittel +sich herumzanken? In Wirthshäusern, wo Wein zu haben ist, wird der +Wirth, wenn man Bier fordert, immer versichern: das Bier sey sehr +schlecht. Hier ist der beste Rath, nur gleich Wein zu bestellen, und +das Bier hinterher zu verlangen. + +Die Wirthe fragen gemeiniglich: was der Gast zu essen wünsche? -- +Das ist ein Kunstgriff, durch den man sich nicht fangen lassen muß. +Denn, bestellt man nun etwas, z. B. ein Huhn, einen Pfannekuchen, oder +dergleichen: so muß man das Gericht, und noch obenein eine gewöhnliche +Mahlzeit bezahlen. Man thut da am besten, zu antworten: man verlange +nichts, als was gerade im Hause, oder schon zubereitet sey. Auch +ist es rathsam, keine fremde Weine, sondern nur gemeinen Tischwein +zu begehren. Es kömmt doch alles aus demselben Fasse, nur mit dem +Unterschiede, daß das, was man dem Fremden als alten oder fremden Wein +verkauft, kostbareres Gift ist, als das, womit man ihn am allgemeinen +Wirthstische versorgt. Und selbst an dieser Wirthstafel zu speisen, ist +gewiß für einen einzelnen Reisenden wohlfeiler und unterhaltender, als +auf seinem Zimmer seiner eignen Person gegenüber zu sitzen. + +Manche Postmeister, die zugleich Gastwirthe sind, brauchen folgenden +Kunstgriff zu ihrem ökonomischen Vortheile: Wenn man Pferde wechselt, +und indeß eine kleine Mahlzeit bestellt, so dauert es ungebührlich +lange, ehe diese fertig wird. Indeß werden die Pferde gefüttert und +angeschirrt. Kaum aber steht das Essen auf dem Tische, so meldet schon +der Postillon mit dem Horn, daß er fertig sey und fort wolle. Man soll +also in Eil wenig essen, und dennoch eine ganze Mahlzeit bezahlen. Ich +rathe aber, wenn man nicht sehr eilig ist, sich nicht irre machen zu +lassen, sondern mit voller Muße zu speisen. + +Wenn in Ländern, wo keine gute Post-Ordnung eingeführt ist, Postmeister +dem Reisenden mehr Pferde aufdringen wollen, als billig ist, und zu +Fortschaffung seines Fuhrwerks nöthig sind, sey es nun unter dem +Vorwande von schlechten Wegen, böser Jahrszeit, oder daß die Kutsche zu +schwer sey: so hilft es selten, wenn man sich auf's Bitten legt, oder +sein Recht, auf eben solche Weise weiter befördert zu werden, wie man +gekommen ist, strenge behaupten will; denn jene Leute wissen wohl, daß +einem Fremden mehr daran gelegen ist, nicht aufgehalten zu werden, als +sich zu verweilen, um einen Proceß bei dem Ober-Postamte zu führen. +Da indessen das Vorspannen mehrerer Pferde Folgen für alle übrigen +Stationen hat, so pflegen sich die Posthalter, wenn sie recht höflich +sind, zu erbieten, einen schriftlichen Schein auszustellen, daß dieß +weiter nicht von Folgen seyn solle. Hierauf aber lasse man sich nicht +ein! Dies Papier hat keinen Nutzen. Auf dem nächsten Wechselplatze wird +man, wenn gerade ein Paar Pferde müssig stehen, nichts desto weniger +eben so viele vorspannen, und wiederum einen Schein anbieten, der eben +so unwirksam bleiben würde, wie der erste. Das sicherste Mittel bei +solchen Fällen ist, entweder dem Wagenmeister ein gutes Trinkgeld zu +geben, und den Postillon, welcher fahren soll, auf eben diese Art zu +gewinnen, oder ein Pferd ~mehr~ zu bezahlen, ohne es vorspannen zu +lassen. + +Wenn man Wasser-Reisen auf Strömen macht, oder Hausrath auf diese Weise +fortbringen läßt: so baue man nie auf die Versprechungen der Schiffer, +in Ansehung der Zeit, binnen welcher sie an Ort und Stelle seyn wollen! +Sie halten sich mehrentheils unterwegs auf, um noch mehr Fracht zu +ihrem Vortheile aufzunehmen, oder Schleichhandel zu treiben, wenn sie +heimlich Kaufmannsgüter mit eingeladen haben; es müßte denn über dies +Alles der bündigste schriftliche Contract aufgesetzt seyn. + +Wer zu Pferde reist, sey es nun ~mit~ oder ~ohne~ Reitknecht, der +darf sich nicht auf die Leute in den Wirthshäusern in Ansehung der +Verpflegung seiner Pferde verlassen, sondern muß selbst besorgt seyn, +oder seine Bedienten dazu anhalten, daß die Pferde in einem guten, +reinen und gesunden Stalle, von fremden Gäulen getrennt, gehörig +gewartet und gefüttert werden. + +Wenn ich nicht fürchtete, weitschweifig zu werden, so würde ich hier +noch manche, gewiß nicht unnütze Vorschrift geben, z. B. daß man +fremde Pferde schonen; daß man, wenn man größere Reisen machen will, +langsam ~in~ den Stall, und langsam ~aus~ dem Stalle reiten solle; +daß man nicht wohl thue, in Städten über Kanäle, die mit Brettern +bedeckt sind, zu reiten, und so ferner. Man sage nicht, daß dieß +bekannte Dinge sind, Sehr viel Leute lernen zu Pferde sitzen und Pferde +bändigen! aber praktisch ~reiten~ lernt man nicht auf der Bahn. Allein +ich sehe schon die Herren Krittler die Nase darüber rümpfen, daß so +etwas in einem Buche ~über den Umgang mit Menschen~ Platz finden +sollte. Wer aber überlegt, daß in diesem Buche überhaupt ~Vorschriften +zu einem glücklichen, ruhigen und nützlichen Leben in der Welt und +unter Menschen~ gegeben werden sollen, der wird sich wundern, wenn er +hört, daß ein +deutscher+ Recensent gesagt hat: ich sey in den Fehler +so vieler ~deutscher~ Schriftsteller gefallen, die ihren Werken zu +viel Vollständigkeit geben wollten, und darüber freilich -- weniger +unterhaltend schrieben. + +Das Fußgehen ist gewiß die angenehmste Art zu reisen. Man genießt die +Schönheiten der Natur; man kann sich unerkannt unter allerlei Leute +mischen; beobachten, was man ausserdem nicht erfahren würde; man +ist ungebunden, kann das freundlichste Wetter und den schönsten Weg +wählen, sich aufhalten, einkehren, wann und wo man will; man stärkt +den Körper, wird weniger erhitzt und gerüttelt, hat gute Eßlust und +süßen Schlaf, und ist, wenn Müdigkeit und Hunger der Bewirthung das +Wort reden, leicht mit jeder Kost und jedem Lager zufrieden. Doch ist +diese Art zu reisen in Deutschland mit einiger Schwierigkeit verknüpft. +Zuerst hat man die Ungemächlichkeit, nur wenig Kleidungsstücke, Bücher, +Schriften u. dgl. mit sich führen zu können. Diesem kann man indessen +dadurch einigermaßen abhelfen, daß man, was etwa ein Bote nicht tragen +kann, mit der Post in die Haupt-Oerter schickt, durch welche man +reisen will. Allein eine zweite Unbequemlichkeit besteht darin, daß +diese, in Deutschland für einen Mann von Stande ungewöhnliche Art zu +reisen, zu viel Aufmerksamkeit erregt, und daß die Gasthalter nicht +eigentlich wissen, wie sie uns behandeln sollen. Ist man nämlich besser +gekleidet, als gewöhnliche Fußgänger, so wird man entweder für einen +verdächtigen Menschen, für einen Abentheurer, oder für einen Geizhals +gehalten; man wird beobachtet, ausgefragt, und, mit Einem Worte: man +paßt nicht in den Tarif, nach welchem die Wirthe ihre Fremden zu +taxiren pflegen. Ist man aber schlecht gekleidet, so wird man, wie +ein reisender Handwerksbursche, in Dachstübchen und schmutzige Betten +einquartirt, oder man muß jedesmal weitläuftig erzählen: wer man sey, +und warum man nicht mit Kutschen und Pferden erscheine? Bei Fußreisen +ist die Gesellschaft eines verständigen und muntern Freundes vorzüglich +angenehm. + +Man verlasse sich nicht auf die Bauern, wenn sie uns Fußwege anzeigen, +die näher, als die gewöhnlichen, seyn sollen! So wie überhaupt diese +Menschen voll Vorurtheile und voll Anhänglichkeit an alte Gewohnheiten +sind, so gehen sie auch immer die Wege, die vom Vater auf den Sohn +herab für die nächsten sind anerkannt worden, ohne daß sie Augenmaß +und Ueberlegung gebrauchen, um die Irrthümer ihrer Voreltern zu +berichtigen. Doch kann man hierin auch leicht das Mißtrauen zu weit +treiben. + +Hat man große Tagereisen zu Fuße zu machen, so genieße man früh Morgens +nichts, als ein Glas Wasser! Hat man dann einige Stunden zurückgelegt, +und fühlt sich ermüdet, so ist Kaffee und Brod zur Erquickung heilsam. +Zuweilen ein Glas Wein, kann auch nicht schaden; Branntewein macht müde +und schlaff. + +Macht man den Weg durch einen unbekannten Wald, und denkt binnen +ein- oder zwei Tagen wieder zurückzukehren: so streue man hie und +da abgerissene Zweige auf seinen Pfad, um darnach den Weg wieder zu +finden; man gehe nie ohne Gewehr, wenigstens nie ohne Stock! + +Ueber das Betragen gegen fremde Reisende ist schon im ~neunten Kapitel~ +dieses Theils etwas gesagt worden. Hier füge ich nur noch folgende +Bemerkungen bei: man hat in jetzigen Zeiten Ursache, vorsichtig gegen +solche Leute zu handeln, nicht nur, um von Abentheurern und schlechten +Menschen unbehelligt zu bleiben, sondern auch den sogenannten reisenden +Gelehrten nicht Gelegenheit zu geben, aus unsern vertraulichen +Gesprächen ihre Anekdoten-Sammlungen zu bereichern, und uns nachher, +zum Danke für unsere Gastfreundschaft, gedruckt aufzustellen. Auf der +andern Seite aber sey man auch so billig, Fremde, ~die sich uns nicht +aufdringen~, edel zu behandeln, und sie nicht etwa zur Geschwätzigkeit +zu verleiten, um nachher aus diesen unsichern einzelnen Zügen ein Bild +von ihnen zu entwerfen, und der Welt mitzutheilen. + + + 3. + +Da leider die Nüchternheit in der Welt immer seltener zu werden +anfängt, und der Rum, selbst in Damengesellschaften, an der +Tagesordnung ist, so mag hier auch von dem Umgange mit ~betrunkenen +Leuten~ die Rede seyn, obgleich bei diesem Umgange wenig Vernunft und +Klugheit anzubringen ist. Der Wein erfreuet des Menschen Herz, und +wenn man diese Arzenei nicht wie ein nothwendiges Bedürfniß, ohne +welches man durchaus nicht in frohe Laune zu setzen ist, sondern wie +ein Erweckungsmittel braucht, um in trüben Augenblicken den natürlichen +guten Humor, der nie ganz aus dem Gemüthe eines ehrlichen Biedermannes +weichen darf, unter dem Schutte von häuslichen Sorgen hervorzurufen: +so ist nichts dagegen einzuwenden. Allein kein Anblick ist so widrig +für den verständigen Mann, als der eines Menschen, welcher sich durch +starke Getränke um Sinne und Vernunft gebracht hat. Wenn es aber +auch nicht bis zur völligen Betrunkenheit kommt, sondern nur bei +einem Rausche bleibt, so ist es doch eine etwas unbequeme Lage, der +einzige ganz Kaltblütige in einer Gesellschaft von Leuten zu seyn, die +sich durch ein Gläschen über die Gebühr erhitzt, begeistert, und um +einen Ton höher gestimmt haben; und wenn man den Tag mit ernsthaften +Geschäften hingebracht hat, und dann des Abends in einen Zirkel solcher +Gäste geräth: so ist fast kein anderes Mittel zu finden (oder man müßte +denn ~von Natur~ zu den Lustigmachern gehören), als ein wenig mit zu +zechen, um sich ~denselben~ Schwung zu geben, oder vielmehr: mit den +Wölfen zu heulen. + +Die Wirkungen des Weins auf die Gemüther der Menschen sind aber, nach +ihren natürlichen Temperamenten, sehr verschieden. Manche zeigen sich +äusserst lustig; Andre sehr zärtlich, wohlwollend und offenherzig; +Andre melancholisch, schläfrig, verschlossen; Andre hingegen +geschwätzig, und noch Andre zänkisch, wenn sie berauscht sind. Man thut +wohl, der Gelegenheit auszuweichen, mit Betrunkenen von dieser letztern +Art in Gesellschaft zu gerathen. Ist dieß aber nicht zu vermeiden, so +kann man doch darin mehrentheils mit einem vorsichtigen, nachgebenden +und höflichen Betragen, und dadurch, daß man ihnen nicht widerspricht, +so ziemlich gut fortkommen. Daß man auf das, was ein Mensch im Rausche +verspricht, nicht bauen dürfe; daß man sich wo möglich hüten müsse, +eine Ausschweifung im Trunke zu begehen, wenn man aus warnender +Erfahrung weiß, daß man einen bösen Rausch hat; daß es unedel gehandelt +sey, diesen schwachen Zustand eines Menschen zu nützen, um ihm Zusagen +oder Geheimnisse zu entlocken; und endlich, daß man mit Leuten, die zu +tief in die Flasche geschauet haben, keine ernsthafte Sachen verhandeln +müsse: -- das versteht sich wohl von selbst. + + + + + Allgemeine + Behandlung der Kinder + in den + Jahren der ersten Entwickelung. + + + 1. + +Die in ihrer richtigen und ungestörten Entwickelung begriffene Natur +des Kindes unterstütze man so, daß sie immer sichtbarer und glücklicher +gedeihe. Dazu dient zweckmäßige und abgestufte Beschäftigung -- Uebung +der Denkkraft (man soll nicht abweisen die Fragen der Wißbegier und des +Forschens), und Mittheilung neuer Kenntnisse, welche an die erlangten +geknüpft werden, damit die Seele sie desto leichter aufnehme, und das +Unbekannte durch das Bekannte erläutert werde. -- Eine Hauptsache +hiebei ist die Belebung des Selbstgefühls durch gemäßigtes Lob und +wohlwollende Ermunterung (daher kein Kritteln); Stärkung der Liebe zum +Guten durch Belohnung, doch mit Verhütung des Eigennutzes. + + + 2. + +Man wechsele mit der mehr negativen und mehr positiven Behandlung, so +wie in der Jugend-Entwickelung mehr das eine oder andere vorherrscht. +Nicht zu frühes Antreiben zum Lernen und Arbeiten -- und zum Sprechen +-- kein Erzwingen von Artigkeit, so lange das Kind noch keinen Sinn +für das Anständige haben kann. So soll die früheste Erziehung in dem +Erregen und Einflößen guter Gefühle bestehen, oder vielmehr darin, daß +man das Kind mit freundlichen Eindrücken umgibt, unter welchen sein +Inneres sich still entfaltet. + + + 3. + +Mit dem Alter des Spieles und der wirkenden Phantasie wird die positive +Einwirkung nothwendig; denn überließe man die Kinder sich selbst, +so würden sie auf dieses und jenes, und auf allerlei Thörichtes und +Gefährliches verfallen, oft nicht wissen, wie sie der Langenweile +wehren sollen, schiefe Richtungen annehmen, alles Gesehene und Gehörte +blindlings nachmachen, und schlechte Gewohnheiten sich aneignen. So +geschiehet es auch durch Verspätung und Vernachlässigung des positiven +Einwirkens durch Gebot und Strafe, Ermahnung und Warnung, daß die +Kinder den Eltern über den Kopf wachsen. Je mehr die Kraft sprudelt, +desto mehr muß sie beschäftigt und geleitet werden. Die Kinder wollen +und bedürfen dann viel, besonders körperliche Beschäftigung, und fehlt +diese, so regt sich Unmuth, Widerspenstigkeit, und es erscheint eine +ganze Reihe von Unarten. -- Man verhüte mit Strenge üble Gewohnheiten. +Jedes Ausarten der Lebhaftigkeit und der Freude in Wildheit und +Ausgelassenheit, jeder Ausbruch des Eigensinnes, des Leichtsinnes +und des Muthwillens; jeder entschiedene Ungehorsam, so wie das +Abweichen von der Wahrheit; endlich beharrliche Trägheit und Faulheit +erfordern eine unmittelbare und kräftige Einwirkung der Erziehung, +und hiebei sich leidend verhalten, heißt: sich an den Kindern schwer +versündigen. Denn wird z. B. den eigensinnigen Kindern nicht zu +rechter Zeit der Wille gebrochen, den Trägen der Sporn angesetzt, den +Wilden Einhalt gethan, so werden endlich die Hindernisse der Erziehung +unüberwindlich, und es entsteht eine solche Ausartung des kindlichen +Gemüths, ein solches Uebergewicht der Sinnlichkeit, daß zu gewaltsamen +Mitteln geschritten werden muß. Die weichliche und falsche humane +Erziehung scheuet und vermeidet jedes Verbot, als Eingriff in die +vermeintlich-rechtmäßige Freiheit der Kinder, und verdirbt dadurch +das ganze Werk. Durch Verbote muß man den Kindern, nie durch Strafe, +zu Hülfe kommen, und sie aus Fesseln erlösen, die sie nicht selbst zu +zerbrechen die Kraft haben, so wie man sie eben dadurch aus sinnlicher +Betäubung weckt, in welcher sie zu Grunde gehen müßten. + + + 4. + +Je jünger der Mensch, desto mehr werde von Seiten des Gefühls, je +älter, desto mehr von Seiten des Verstandes auf denselben gewirkt, doch +so, daß er nie von der einen oder andern Seite vernachlässigt, auch daß +er durch Beides zur ~Vernunft~ geführt werde. + +Was im frühsten Alter bloß empfunden wurde, wird späterhin gedacht, +für nützlich und gut erkannt. Man würde also widernatürlich handeln +und verderben, wenn man das frühere Alter mit Vorstellungen, oder das +spätere mit bloßen Gefühls-Eindrücken lenken wollte. -- Bewahrung +der kindlichen Herzens-Reinheit, durch Verhütung alles verführenden +Umgangs und verführerischer Beispiele durch milde Behandlung -- dann +Gewöhnung zum Nachdenken durch fleißiges Fragen: warum willst Du dieß, +hast Du dieß gethan? -- Gewöhnung zur Ordnung und Thätigkeit, das sind +die einfachen und wirksamen Bildungsmittel, welche, zu rechter Zeit +angewandt, ihres Zweckes nicht verfehlen. Es ist also das Moralisiren +bei Kindern von 3 bis 6 Jahren nicht nur vergeblich, sondern auch +verderblich. Bei Kindern von lebhafter Phantasie und lebhaften Gefühlen +muß das Nachdenken früher angeregt, und mehr auf Entwickelung des +Verstandes gewirkt werden. + + + 5. + +Das Gefühl werde von Anfang und immer zart behandelt, doch so, daß es +zur Ertragung des Widrigen erstarke. + +Harte Eindrücke stumpfen ab und erregen zugleich widrig; daher rauh +behandelte Kinder gefühllos, träge, kalt, störrisch, verschlossen, +boshaft und linkisch werden, wie das besonders an Bauernkindern +sichtbar wird. Die Schule kann hier nur wenig entgegen wirken. +Doch muß die Jugend für das Leben erzogen werden, und also auch +Unannehmlichkeiten ertragen lernen; daher hüte man sich vor dem +Bedauern bei geringfügigen Unfällen und Beschwerden, vor dem Entfernen +oder Erleichtern jeder Beschwerde und Anstrengung, vor Verwöhnung durch +Gemächlichkeit, z. B. wenn man die Kinder in geheizten Zimmern sich +auskleiden und schlafen läßt. Doch soll die Jugend jeder Stunde ihres +Lebens froh werden. Sie wird es aber eben dadurch am sichersten, daß +man sie in die Nothwendigkeit setzt, die Freude und den Genuß durch +Beschwerde zu erringen, und daß man sie vor jener Verzärtelung bewahrt, +welche die Quelle der bösen Laune und so vieler peinlichen Zustände +des Körpers und des Gemüths ist, in welchen alle Freude und aller +Genuß untergeht. Der Verwöhnte hat immer etwas zu fürchten oder zu +leiden; überall zeigen sich Störungen seiner Freude -- er begehrt einen +Zustand, welcher in der wirklichen Welt nicht Statt finden kann, und +darum behagt ihm die Wirklichkeit nicht. So ist es auch, und in noch +höherm Grade, mit der Verwöhnung der Empfindung -- Empfindelei ist der +Tod alles Lebensgenusses und aller frohen Gefühle. + + + 6. + +Der Verstand werde von Anfang erweckt, fortgebildet, und auf seine +Sphäre hingewiesen, so daß das heranwachsende Kind immer mehr zur +Einsicht gelange. + +Auf seine ~Sphäre~ oder den ihm von der Natur angewiesenen Kreis, aus +dem also die Erziehung und der Unterricht nicht heraustreten dürfen, +wenn sie mit glücklichem Erfolge begleitet seyn sollen. Das Kind soll +an Selbstthätigkeit und Selbstgefühl gewinnen, damit es die natürliche +Trägheit auf der einen, und den ungeregelten Trieb zur Thätigkeit auf +der andern Seite beherrschen lerne. Jene aber muß ein verderbliches +Uebergewicht erhalten, wenn das Kind zu spät, oder seinen Kräften +nicht angemessen beschäftigt wird, und dieser wird ausarten, wenn +er nicht zu rechter Zeit seine Richtung auf das Nützliche und Gute +erhält. Daher die Erscheinung, daß der Mehrtheil der Kinder entweder +an einer unheilbaren Schwäche des Denkvermögens, oder an einer eben so +verderblichen Schwäche der Einsichten leidet, indem man den Verstand +mit einer Menge von Kenntnissen überladet, die er nicht zu fassen +vermag. Hier wird es sichtbar, wie viel auf richtige und naturgemäße +Methode, auf die ~Geistes-Diät~ ankommt, denn die wahre Methode +entfernt sich nicht von der Natur. Sie verschmäht daher nicht den +Buchstaben, als der den Geist tödte, noch die Erfahrungs-Kenntnisse, +und sämmtliche Hülfsmittel, als unnütz und unwirksam -- noch den Stoff, +als der formalen Bildung nachtheilig. Sie sorgt vorzüglich dafür, daß +alles Gelernte auch ein Verstandenes oder Begriffenes werde, und legt +es daher nicht einseitig auf Bereicherung des Gedächtnisses mit einer +Menge unverarbeiteter Materialien an -- sie läßt das Kind in der Natur +und Kunst beobachten, erkennen, vergleichen und unterscheiden; sie +erneuert und belebt das früher Gelernte und Gedachte, und macht es +dadurch immer mehr zum Eigenthum des kindlichen Geistes. So verhütet +sie alles Scheinwissen, und einen Wahn des Vielwissens, der das ganze +Innere verdirbt. + + + 7. + +Die Kräfte des heranwachsenden jungen Menschen erhöhe man in +ihrer Zunahme, so daß er sie immer freier gebrauche, und zur +~Selbstständigkeit~ gelange. + +Hier scheidet sich die Abrichtung von der Erziehung, oder die +einseitige von der allseitigen oder vollständigen. Wenn Kinder von +selbst ihre Kräfte an etwas versuchen, so störe man sie nicht durch +Tadeln und Kritteln. Dieß gilt von Körper- und Geistes-Kraft. Man +überlasse zuweilen sie ihrem Thätigkeitstriebe, und dämme ihn nicht +durch Vorschriften ein; aber man suche ihm durch Winke eine nützliche +und angemessene Richtung zu geben -- oder -- eine gemeinschaftliche, so +daß die geselligen Triebe in Thätigkeit kommen. Ein bewährter Pädagoge +(Himly) sagt hierüber folgendes beherzigungswerthe Wort: + +»Zuletzt erscheint doch das Wesentliche aller Erziehung darin, daß +der Mensch seine Kräfte frei, zweckmäßig und so umfassend nützlich, +als möglich, gebrauchen lerne, weil dieß seinem Leben einen Werth +gibt, und ihm die Stelle anweiset, wo er als Glied des großen Ganzen +wirksam wird. Jeder soll sich, durch Hülfe derer, die auf seine Bildung +gewirkt haben, an der Stelle befinden, wo er unter harmonischer +Zusammenstimmung seiner Kräfte zu einer ihm selbst befriedigenden, und +sein Bestehen in der Gesellschaft sichernden Thätigkeit gelangt. Aber +ihn selbst befriedigt keine Thätigkeit, die ihn nur bis zum Brod-Erwerb +führt, und keine, die nicht nach Aussen gerichtet ist, nicht irgend +etwas ~hervorbringt~. Denn zum Handeln, das heißt, zum Thun nach +Aussen, zum Wirken in seiner Umgebung, ist der Mensch bestimmt, und +daher ist es das Ziel seiner Bestrebungen und sein innigster Wunsch, +einen ihm angemessenen und also ihn befriedigenden Wirkungs- oder +Thätigkeits-Kreis zu erhalten. Je freier aber, und je harmonischer +und allseitiger sich seine Kräfte entwickelt haben, desto leichter +wird er einen solchen Wirkungskreis finden, der ihn befriedigt, +und seinem Leben einen Werth gibt. Der Mensch wird aus sich selbst +hinausgetrieben, um für Andere zu wirken, und das vereinigte Daseyn +der Menschen gleicht einer Maschine von tausend und abertausend in +einandergreifenden Rädern. Es erfordert so mannigfache und so viel +geartete Verwendung. Darum mußten auch die Einzelnen so vielgeartet +seyn, damit jedes Bedürfniß des Ganzen befriedigt werden möge. Der +unzerstörbare Zusammenhang menschlicher Dinge fordert und gebietet +den wechselseitigen Austausch der Thätigkeit. Die Gesellschaft stößt +denjenigen aus, der nichts für sie thun kann oder will. So geschiehet +es denn, daß die nächsten physischen Bedürfnisse des Menschen, wie +seine feinsten und geistigsten, nur darin befriedigt werden, daß er zu +einer angemessenen Thätigkeit nach Aussen gelange. Der Mensch ist also +nur dann erst mündig, wenn er seine bestimmte, ihm angemessene Stelle +in der Gesellschaft einzunehmen vermag. Er will und bedarf zu seiner +Glückseligkeit das Bewußtseyn, daß er im Kreise einer ihm angemessenen +Thätigkeit Andern nützlich und werth sey.« + + + 8. + +Daher die Regel: Sorge immer für eine ~angemessene~ und ~bestimmte~ +Beschäftigung deines Zöglings, und für eine solche, wodurch die +harmonische Ausbildung seiner gesammten Körper- und Geistes-Kräfte +bewirkt wird, und übereile und versäume dabei nichts. + +Jene unordentliche, von einem zum andern überspringende, bei nichts +aushaltende Thätigkeit, ist nur Versplitterung der Kraft. Sie wird +verhütet durch eingeflößte Liebe für jede Art nützlicher Thätigkeit, +erregten Wetteifer, und Vereinigung der Thätigkeit Mehrerer. Die Liebe +zur Thätigkeit entsteht durch die Bemerkung des Hervorgebrachten und +des Wohlgefallens daran. Der regelmäßigste Gebrauch der Kräfte ist der +freieste. + + + 9. + +~Man gestatte der fortgehenden Bildung immer mehr Freiheit durch eigne +Kraft.~ + +Es ist zweckwidrig, bei dem Unterricht und Lernen den Kindern zu Hülfe +zu kommen, oder auch in leiblichen Angelegenheiten ihnen alles zu +erleichtern. Hat man nicht mehr gefordert, als sie leisten können, so +bestehe man auch darauf, daß sie es durch eigene Kräfte leisten. Neigt +sich die Thätigkeit vorzüglich auf einen Punkt hin, so zwinge man sie +nicht -- man impfe ihnen nicht künstlich und gewaltsam ein, was ihrer +Natur, ihrem Gemüth und ihren Anlagen nicht zusagt -- man gräme sich +nicht, daß sie nicht leisten, was andere Kinder ihres Alters leisten. +Haben sie einmal nicht die Anlage dazu, so würde doch nur eine Manier +oder steifer Zwang herauskommen, oder man würde wenigstens vergeblich +arbeiten. Nur das gehört dem Menschen wahrhaft an, was aus seinem +Innern hervorgeht. + +Bringt ihr es dahin, daß das Kind fragt, so ist es besser, als wenn ihr +ihm vordemonstriret -- erfindet es selbst etwas, so ist es besser, als +wenn ihr es ihm vorsagt -- macht es etwas auf seine Weise, und es ist +Verstand darin, so lasset es dabei. + +So besonders auch bei dem Spielen, wo sich der kindliche Verstand am +meisten thätig erweist, und am glücklichsten entwickelt. Da störe man +Kinder nicht, enge sie nicht zu sehr ein. + +Ein Kind macht Verse, man lasse es. Es zeichnet oft und gern, mögen +es für's erste auch nur Karrikaturen seyn; wenn einiges Talent darin +sichtbar wird, so halte man es nicht ab. Aber freilich hat diese Regel +ihre Grenze. Wenn man sieht, daß ein Kind eine ganz verkehrte Richtung +nimmt, seine Kräfte zersplittert -- so thue man Einhalt. + + + 10. + +Man veranstalte in der Erziehung alles, so viel möglich so, daß mehr +die ganze Umgebung auf den Zögling bildend und erhebend wirkt, als daß +er der eigentlichen und strengen Zurechtweisung bedürfe. + +Von jeher ist in der Erziehung dadurch gefehlt worden, daß man zu +viel ermahnt und zurechtgewiesen hat. Es ist nichts natürlicher, +als daß sich Kinder endlich daran so sehr gewöhnen, daß zuletzt +keine Ermahnung oder Zurechtweisung mehr Eindruck macht. Hier muß +man mehr das Thörichte und Unrechte zu verhüten, und unmöglich zu +machen suchen, auch dadurch schon, daß man Kinder auf Reizungen und +Versuchungen aufmerksam macht, in die sie gerathen werden, oder diese +entfernt und entkräftet. Je liebevoller z. B. die Behandlung ist, +und je mehr Vertrauen man den Kindern eingeflößt hat, desto mehr hat +man sie vor Versuchungen zum Lügen gesichert; je weniger man ihre +Sinnlichkeit durch leckerhafte Speisen reizt, je mehr man sie an +einfache Nahrungsmittel gewöhnt, und dafür sorgt, daß der Hunger ihnen +die Speise würze, desto weniger werden sie naschen; je sorgfältiger +man den Einfluß roher oder unsittlicher Menschen von ihnen entfernt, +desto weniger Unarten werden sie begehen; denn die meisten Unarten +erzeugt der Nachahmungs-Trieb, der bei Kindern eine unwiderstehliche +Kraft hat; je anhaltender und zweckmäßiger man sie beschäftiget, desto +weniger Thorheiten werden erscheinen. Wenn Kinder überall, wo sie sich +befinden, Ordnung und Reinlichkeit, Fleiß und Betriebsamkeit, Einfalt +und Sitten-Reinheit gewahr werden; wenn sie nur gerechte, besonnene +und billige Urtheile hören, nur Worte des Friedens und der Liebe, so +entsteht Sittlichkeit und Rechtlichkeit von selbst. + +In dieser Hinsicht haben Erziehungsanstalten einen bedeutenden Vorzug +vor der häuslichen Erziehung, weil sie alles regelmäßiger einrichten, +Störungen und Versuchungen kräftiger entfernen, eine genauere Aufsicht +anordnen, regelmäßiger beschäftigen und eine feste Tagesordnung +durchführen können; nur daß sie auf der andern Seite durch die strenge +Regelmäßigkeit auch wohl der freien Entwickelung nachtheilig werden. +Und doch ist es so mißlich, von der Regel abzuweichen, und Ausnahmen zu +gestatten. + + + 11. + +Daß Kinder immer heitere Gesichter, willige Arbeiter, einträchtige +Menschen um sich sehen; daß sie einer bestimmten Tagesordnung sich +unterwerfen müssen, und von dieser in keinem Falle abweichen dürfen -- +dieß entscheidet über ihre Sittlichkeit. Jede feigherzige Unterwerfung +unter den Zeitgeist und herrschenden Gesellschaftston, jedes +Anschmiegen an Mode und Sitte, auch da, wo sich Vernunft und Gefühl +dagegen sträuben, ist in der Erziehung unverzeihlich und führt zu den +traurigsten Ausartungen. Die Erziehung darf sich eben so wenig, wie die +Frömmigkeit, dieser Welt gleich stellen, wohl aber muß sie die Welt +überwinden lehren, und daher dem verderblichen Einfluß des Zeitgeistes +die Kraft einer sittlich-reinen Gewohnheit, feste Grundsätze und reine +Gefühle entgegenstellen, und die Gesundheit des Verstandes gegen die +giftigen Dünste des Zeitgeistes und Zeitgeschmacks zu schützen wissen. + + + 12. + +Beschränke die Freiheit Deines Zöglings nicht ohne Noth, und ~bewache~ +ihn nicht, anstatt ihn zu beobachten und zu leiten; versage ihm nicht +eine Freiheit, die seine Natur und seine Entwickelung fordert. Suche +dagegen den Mißbrauch der Freiheit möglichst zu verhüten durch Belebung +sittlicher Gefühle, durch Warnung und Zurechtweisung, und dadurch, daß +Du seinen Kräften eine angemessene Richtung gibst. + +Diejenigen Eltern, welche ihre Kinder aus übergroßer Aengstlichkeit gar +nicht aus den Augen lassen wollen, machen sich und diese zu Sclaven, +und erreichen ihren Zweck nicht. Allemal werden diejenigen Kinder die +ausgelassensten seyn, die zu sehr beschränkt wurden. Man muß erdulden +lernen, was Kinder, weil sie Kinder sind, nicht unterlassen können. +Nur in Ansehung des Umganges und der Zeit dürfte eine vernünftige +Beschränkung der Freiheit sehr nöthig und heilsam seyn, da Kinder +noch nicht beurtheilen können, welcher Umgang ihnen nachtheilig, +und wie wichtig die Benutzung der Zeit sey. Auch will die Freiheit +des Sprechens und Urtheilens bei lebhaften Kindern beschränkt seyn. +Diesen aber kann nichts Unglücklicheres begegnen, als wenn sie in die +Hände alter Erzieher fallen. Wenn Kinder Liebe zu ihren Eltern und +Geschwistern haben, so werden sie sich am meisten im Kreise der Ihrigen +gefallen. Zeigen Kinder eine frühe Gesetztheit und Besonnenheit, so +lasse man ihnen mehr Freiheit. (Jesus zu Jerusalem im zwölften Jahre.) +Besonders verkümmere man ihnen die Spielstunde nicht, lasse aber auch +nicht zu, daß sie sie willkührlich erweitern. + + + 13. + +Nimm dem Kinde nie sein Eigenthum, und laß es nie ungestraft, wenn es +in fremdes Eigenthum greift; halte ihm immer Dein Versprechen, und +sey daher auf Deiner Hut, wenn Du ihm etwas versprichst; verletze +nie sein Recht (z. B. auf Erholung, Nachsicht, Vertheidigung oder +Entschuldigung), und wenn Du etwas der Art thun müßtest, so richte es +so ein, daß das Kind Dein Verfahren nicht als Ungerechtigkeit empfinde: +laß es sich selbst das Urtheil sprechen; zeige ihm, daß es sein Recht +verwirkt habe; beschränke nur den Gebrauch des Rechts, oder die +Verwaltung und den Genuß seines Eigenthums. + + + 14. + +In der Erziehung darf keine ~Willkühr~ herrschen, denn sie erstickt die +edelsten Gefühle, entzieht Vertrauen und Liebe, bringt Verschlossenheit +und tückisches Wesen hervor. Hat z. B. ein Kind sein Spielzeug +verdorben, so verschenke man nicht das andere, sondern entziehe es ihm +nur eine Zeitlang; hat es Geld vertändelt oder vernascht, man nehme ihm +das übrige nicht. Zeigt es Geldgeiz oder Habsucht, so wirke man auf +eine andere Art entgegen, als durch Wegnehmen, indem man z. B. seine +Theilnahme reizt. -- Ist ihm ein unverständiges Geschenk gemacht, so +entziehe es ihm nur so, daß Du es aufzubewahren versprichst. + +Wenn das Kind nachlässig gearbeitet hat, hat es dann sein Recht auf +Erholung verwirkt? Oder wenn es zum zweitenmale fehlt, auf Nachsicht? +Oder soll ihm diese immer schwerer zugestanden werden? Darf sich ein +Kind lebhaft vertheidigen? Wie leicht kann man Kindern Unrecht thun! +Oft wird man durch die Farbe der Handlung irre geführt. + +Haben Kinder auch ein Recht, zu weinen, auf ihrem Willen zu bestehen, +ungeduldig zu werden? + +Besonders hüte man sich, etwas zu versprechen, vor allem Belohnungen, +und hernach, bei bessrer Einsicht, nicht zu halten, wenn man dem Kinde +nicht begreiflich machen kann, daß die Erfüllung des Versprochenen ihm +nachtheilig seyn würde. Es raubt dem Erzieher das Vertrauen und die +Liebe. + + + 15. + +Tadle nie bitter, und strafe nur dann, wenn Du voraussiehst, oder die +Erfahrung gemacht hast, daß gelindere Mittel nicht zum Zweck führen; +laß aber auch das gestrafte Kind weder zu schnell, noch zu spät, +Beweise Deiner Verzeihung und Liebe sehen. Doch unterlaß es nie, ihm +die Fehler seiner Arbeiten und seines Betragens zu zeigen, und sey +karg mit Deinem Lobe, aber freigebig mit Deiner Nachsicht, Schonung +und Ermunterung. Von der Art, wie Kinder getadelt und gestraft werden, +hängt vorzüglich der Erfolg der Erziehung ab. Die Strafe und der Tadel +müsse dem Kinde eben so gut als Erweisungen der Liebe erscheinen, wie +die Belohnung und das Lob. Ironie und Bitterkeit wirken gefährlich. +Das Ehrgefühl muß nicht nur geschont, sondern auch gepflegt werden, +doch so, daß dem Kinde immer Liebe mehr gelte als Lob, und es nach +jener vorzugsweise strebe. Eine gewisse Weichlichkeit hält vom Strafen +und Tadeln zurück, und bringt dadurch viel Böses hervor. Man lasse +sich nicht durch die Empfindlichkeit der Kinder abschrecken. Diese +Seelenschwäche kann nur durch Wohlwollen und wiederholten Tadel geheilt +werden. Eitle Kinder bedürfen vorzüglich als Arznei des Tadels; aber +er muß bei diesen besonders in der Sprache des Wohlwollens ausgedrückt +seyn, wenn er wohlthätig wirken soll. Den bittern Tadel empfinden +sie als eine Ungerechtigkeit, und ihr Herz verschließt sich dagegen. +Den Tadel begleite oft das Wort der Ermunterung, und immer trage er +mehr die Farbe der Betrübniß, als des Unwillens. Er werde nur dann +ausgesprochen, wenn es ungezweifelt ist, daß das Kind etwas Besseres +hätte machen können. + + + 16. + +Soll der Tadel nicht seine ~Wirksamkeit~ verlieren, so muß er nicht zu +oft kommen; nicht seine ~Wohlthätigkeit~, so muß er nicht im Tone der +Verachtung ausgesprochen werden; nicht seine ~Würde~, so muß er kein +ironischer und spottender seyn; nicht seine ~anregende Kraft~, so muß +er mit lebhaftem Gefühl und in der Sprache des Gefühls ausgesprochen +werden. Bei lebhaften Kindern, die in jedem Augenblick fast +Uebereilungen und Thorheiten begehen, muß die Erziehung mehr übersehen, +als rügen, und mehr verhüten, als strafen, mehr abhalten, als verbieten. + +Gelindere Mittel, als Tadel und Strafe, z. B. Entziehung einer +Bequemlichkeit, ernstes Gesicht, Drohung, Zurechtweisung -- ~scheinen~ +oft nur unwirksam, weil die Wirksamkeit nicht gleich sichtbar wird; sie +wirken nach, wie fast alle Erziehungsmittel. Ist der wiederholte und +verstärkte Tadel unwirksam, so folge ihm unmittelbar die Strafe. + + + 17. + +Dem gestraften Kinde gebe man, besonders wenn es zu den lebhaften +gehört, und noch keine Spuren der Besserung sich zeigen, nicht zu +schnell wieder Beweise der Liebe. + +Da die Kinder eher durch Lob, als durch Tadel verdorben werden, so sey +jenes noch sparsamer, als dieser. Dagegen darf man in der Erziehung mit +seiner Nachsicht freigebig seyn, besonders bei Kindern von zartem und +reizbarem Gefühl. In seltenen Fällen nur lobe man, mit Herabsetzung +eines anderen Kindes, -- beides, Lob und Tadel, geschehe mehr unter +vier Augen, als in Gegenwart Anderer, weil es sonst zu stark als +Reizmittel wirkt. + + + 18. + +~Rousseau~ verwarf alle Strafen, und vergaß, daß die vorherrschende +Sinnlichkeit eines Widerstandes bedarf, wenn ihr das Kind nicht +hingegeben werden soll. Es ist eine Art von Ungerechtigkeit, ja es ist +Grausamkeit, wenn man das Kind ungestraft läßt, denn man überliefert +es dadurch der Knechtschaft seiner Sinnlichkeit, und legt den Grund +zu seinem physischen und moralischen Verderben. Der freie Wille muß +dem Kinde eben so folgerecht und unaufhaltsam in seinen Wirkungen +erscheinen, wie die physischen Folgen, damit es eine moralische +Nothwendigkeit erkenne. Wie soll auch das Kind zur Anerkennung der +Güte im Gefühl kommen, wenn es diese nie entbehrt, wenn es bei +pflichtmäßigem und pflichtwidrigem Betragen mit gleicher Güte behandelt +wird? Die weichlichsten, und mit ihrer Güte freigebigsten Eltern +haben die undankbarsten und ungehorsamsten Kinder. Der Mensch und das +Kind weiß nur zu achten, was errungen seyn will, und nicht unverdient +gegeben wird. Das Kind wird und muß sich seinen Eltern gleich setzen, +wenn diese ihm nicht den Abstand fühlbar machen. + + + 19. + +Alles kommt auf die ~Art~ des Strafens, des Tadelns, des Ver- und +Gebietens an. Man kann so strafen, daß die Strafe bessert; aber auch +so, daß sie erbittert, und zum trotzigen Widerstande reizt. Darum sind +folgende Regeln hiebei sorgfältig zu beobachten: + +1. Habt keine Freude am Gebieten und Verbieten, sondern mehr am +kindlichen Freihandeln, und mildert das Verbot nach Zeit und Umständen; +haltet es zurück, wo es unzeitig ist. + +2. Verbietet seltener durch die That, als durch Worte. Reisset also +z. B. dem Kinde das Messer nicht weg, sondern lasset es selber, aufs +freundliche Gebot, dasselbe weglegen, damit es mit Freiheit handeln +lerne. + +3. Greifet nie durch euer Verbot in die Rechte des Kindes, z. B. »Du +sollst nicht springen, rennen, klettern.« + +Das Kind unterscheidet sehr gut den starken und ernsten Ton von dem +zürnenden; die Mutter fällt leicht in diesen, wenn sie jenen dem +Vater nachzumachen gedenkt. Sie nimmt leicht ihr Verbot zurück, oder +beschränkt es, und schwächt es dadurch. So kommt es, daß sich die +Kinder endlich nichts mehr wollen verbieten lassen. -- Das Verbieten +geschehe in kräftiger Kürze, und je jünger das Kind ist, desto nöthiger +ist diese Kürze; ja sie ist nicht einmal nöthig; schüttle den Kopf, +und damit gut. Das wortreiche Verbieten macht die Kinder nur unmuthig +und reizt sie zum Spott. Nur sey das Verbieten kein heftiges; besser +geschieht es zuerst mit leiser Stimme, damit eine ganze Stufenleiter +der Verstärkung freistehe -- und nur einmal, und für den kleinsten +Ungehorsam erfolge augenblickliche Strafe. + + + 20. + +Was das ~Strafen~ betrifft, so ist noch hiebei zu beobachten: +Strafe verhüten, ist besser und weiser, als strafen. Da, wo alle +andere mildere Mittel unwirksam geblieben sind, trete die Strafe +unausbleiblich, und mit voller Strenge ein; doch auch hier beobachte +man eine Stufenleiter, und erwäge, ob das Kind Entschuldigung verdiene, +und ob es seine Schuld zu erkennen im Stande sey, denn Strafe gebührt +nur dem, der sich der Schuld bewußt ist. Wo große und strenge Strafen +nöthig sind, da steht es schlecht um die Erziehung, und die Strafen +werden bald vergeblich seyn. Nicht strenge, aber unausbleibliche und +unerläßliche Strafen sind mächtig. »Unter dem Volke nicht nur, auch +unter den Gebildeten erzeugen die Schläge des Schicksals, welche die +Eltern empfingen, Gegenschläge auf die Kinder.« Wie oft wird nur +gestraft, weil eine üble Laune reizbar macht. Wie oft härter, als recht +ist, weil das Schreien der Kinder zum Unwillen hinreißt. + +»Wer sich gern lässet strafen, der wird klug werden; wer aber +ungestraft seyn will, bleibt ein Narr,« sagt ~Salomo~, und daher sorge +der Erzieher dafür, daß seine Zöglinge nicht ihr Herz der Strafe +verschließen, daß sie ihnen Wohlthat werde, und das wird sie seyn, +wenn sie ohne Unwillen und Heftigkeit geschieht, mit allen Zeichen +des Bedauerns, daß man strafen muß. -- »Wer seiner Ruthen schonet, der +hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, züchtiget ihn bald« (Pred. +Sal. 13, 24.). Die Strafe zu rechter Zeit und auf die rechte Art macht +bald alle Strafe unnöthig und entbehrlich. »Der hat die Ruthe schlecht +angewendet, der sie hernach zum Stock verdichten muß.« Aber ganz +entbehren kann das Kind der Strafe nicht, ob es gleich einige gibt, die +so weiche moralische Anlagen haben, daß schon die leiseste Aeusserung +des Unwillens harte Strafe ist. Kinder von heftiger Gemüthsart werden +unerträglich verwildern, und bringen es bis zur Wuth, wenn sie nicht +gestraft werden. Sir. 30, 9. 12. -- Ein Kind, das schlägt, werde +geschlagen. Aber hütet euch, ein Kind durch Schlagen zu zwingen, daß es +abbitten soll -- oder ihm eine Schand-Strafe aufzulegen. -- »Schande,« +sagt ~Friedrich Richter~, »ist eine geistige Hölle ohne Erlösung, worin +der Verdammte nichts werden kann, als höchstens ein Teufel.« -- Auch +werde nie die kleinste Strafe ~spottend~ auferlegt, sondern ernst, +öfter trauernd. Der elterliche Gram läutert dann den kindlichen, und +macht das Herz für die Ermahnung empfänglich, die die Strafe begleitet. + + + 21. + +Strafe kann nicht so viel verderben, als Lob und entzogene Nachsicht. +Wir haben gewöhnlich einen falschen Maßstab, nach welchem wir das +Betragen, die Aeusserungen und die Unarten der Kinder beurtheilen. Wer +sich am besten in die Kindes-Seele hinein versetzen kann, wird der +beste Erzieher seyn. »So ihr nicht werdet wie die Kinder,« das gilt +auch hier. Liebevolle und freundliche Behandlung sey durchaus in der +Erziehung herrschend; doch fehle auch Strenge und Strafe nicht, so oft +das jugendliche Gemüth durch diese erst jene muß verstehen und schätzen +lernen. Wer nicht hört, soll fühlen. -- Aber ferne sey jenes eben so +unnütze als verderbliche Moralisiren über das Betragen und die Unarten +der Kinder, womit viele Erzieher ihre ganze Pflicht erfüllt zu haben +glauben, und das nur in seltenen Fällen, und als liebreiche Vorstellung +der traurigen Folgen eines Vergehens fruchtet. Je mehr Freiheit, desto +mehr Güte und Wahrheit. »Was also durch einen Wink bewirkt werden kann, +soll nicht durch ein Wort geschehen, und was ein Wort ausrichten kann, +dazu soll nicht eine Ermahnungs-Rede gehalten werden.« + +In der Erziehung wird eben so oft und sehr durch Versagung als +Zugestehung der Nachsicht und Schonung gefehlt, und fast alle +Erziehungs-Gebrechen lassen sich hierauf zurückführen. Die Mittelstraße +hier zu entdecken, ist auch eben so schwer, als sie ohne Abweichung zu +gehen, da die meisten Kinder eben so sehr zur Liebe, als zum Unwillen +reizen, und die Geduld so sehr in Anspruch nehmen, als sie der Liebe +bedürfen, und da dem durch Weichlichkeit oder Erziehungs-Vorurtheile +befangenen Erzieher so leicht die nachtheiligen Folgen der Nachsicht +und Strenge entgehen, besonders was die Lüsternheit der Kinder betrifft. + + + 22. + +Bei allem Unterricht und aller sittlichen Bildung durch Ermahnung, +Warnung, Ermunterung, Tadel und Strafe, werde immer mehr dahin +gearbeitet, daß das Kind sich selbst bestimmen, und aus eigenem +Antriebe handeln lerne, damit es früh zur Selbstherrschaft gelange, und +keiner Bewachung oder peinlicher Aufsicht bedürfe. + +Nie muß man den Zweck alles Erziehens aus den Augen verlieren, welcher +ist, daß der Mensch selbstständig werde, sich selbst beherrschen und +leiten lerne, ein ganz freier Mensch werde. Daher stärke die Erziehung +seine Vernunft und seine sittliche Kraft, übe ihn im Ueberlegen, +Nachdenken, Entsagen und Erdulden, belebe seine guten Gefühle, +wecke und nähre Ehrfurcht gegen Gott, und lehre ihn merken auf die +Regungen und Urtheile seines Gewissens, damit so früh als möglich die +eigentliche Aufsicht und Erziehung entbehrlich werde. Aus solchen +Kindern, die immer unter der strengsten Zucht, und unter peinlicher +Aufsicht gehalten werden, können nie recht brauchbare Menschen werden. +Je früher Kinder an feste Grundsätze gewöhnt, und durch ihr Gefühl +und ihre Einsicht gebunden werden, desto früher entwickelt sich der +Charakter. Doch gibt es auch gewisse weiche Naturen, die jeden Eindruck +annehmen, und gewisse lebhafte und sinnliche, die es nie oder sehr +spät erst zu reifer Ueberlegung und Selbstbeherrschung bringen. Diese +bedürfen der längern und sorgsamern Erziehung und Leitung. Aber auch +diese werden endlich sich selbst bestimmen, und sich beherrschen +lernen, wenn sie sorgfältig gebildet, regelmäßig beschäftigt, und in +eine solche Laufbahn gebracht werden, in welcher ihnen wenig Muße +übrig bleibt, oder wenn ihr Ehrtrieb beständig wach erhalten wird. Bei +Mädchen ist es besonders Schamhaftigkeit, und der Trieb zu gefallen, +der bei solchen Naturen die Stelle der sittlichen Kraft vertritt, oder +diese ergänzt. + + + 23. + +Indem man Kindern zuweilen die Verwendung von Zeit und Geld überläßt, +und sie nur von Ferne beobachtet -- indem man sie in Lagen bringt, wo +sie ihrem eigenen Urtheil überlassen sind -- indem man ihnen Aufträge +ertheilt -- indem man endlich gemißbrauchte Freiheit nachdrücklich, +jedoch nicht durch Entziehung aller Freiheit straft -- wird man diesen +Zweck erreichen. + +Je mehr die Erziehung nach festen Grundsätzen geschieht, je mehr sich +Erzieher hüten, mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen, je mehr +weise Güte, mit Ernst gepaart, in der Erziehung herrscht, desto eher +wird die Selbstbestimmung erfolgen. Je mehr dagegen der Erzieher +schwankt, und von der weichlichsten Güte zur härtesten Strenge +übergeht; je mehr er der Sinnlichkeit Nahrung gibt und Laune duldet, +desto schwerer wird es ihm werden, seine Zöglinge in Ordnung zu +erhalten, und zur Selbstherrschaft zu erheben. + +Emilie ist sinnlich und lebhaft -- vergißt sich leicht -- ist leicht +hingerissen; aber wenn man ihr sagt: »wird es Dir wohl heute möglich +seyn, Dich in Deiner Lustigkeit zu mäßigen? Du würdest mir eine +große Freude machen« -- erhält sie eine gewisse Kraft über sich. Ein +treffliches Mittel ist auch der Auftrag, über kleinere Kinder die +Aufsicht zu führen, ihre Spiele zu leiten -- daher Kinder, die junge +Geschwister haben, eher sich ausbilden. + +Härte und übertriebene Strenge in der Erziehung werden bei gut +organisirten Kindern bei weitem nicht so gefährlich wirken, als +übertriebene Weichlichkeit und Nachsicht. Gegen jene ist dem Kinde in +seiner unerschöpflichen Liebe eine Waffe und Gegengewicht gegeben; aber +dieser muß es ohne Rettung und Widerstand unterliegen, weil sie ihm nur +als Wohlthat erscheinen kann. + + + 24. + +Der junge Mensch sey nie von solchen Personen umgeben, von welchen er +Schlechtes sehen und hören könnte; seine Gespielen seyen gut erzogene +Kinder, seine Hausgenossen gut gesittete Menschen. + +Die schwerste, und eine unauflösliche Aufgabe der Erziehung ist die, +Kinder gänzlich vor dem verderblichen Einfluß böser Beispiele zu +verwahren, und sie mit lauter guten Menschen und guten Eindrücken zu +umgeben. Da dieß nicht möglich ist, so muß es die Erziehung dahin +zu bringen suchen, daß das Herz des Kindes dem Einfluß des Bösen +widerstehen könne, und keinen sittlichen Schmutz annehme. Hier wirken +mehr, als andere, die religiösen Gefühle und Gesinnungen. Ist das Kind +mit diesen ausgestattet, so werden ihm böse Beispiele, Versuchungen +und Reizungen nicht nachtheilig werden. Ist das sittliche und das +ästhetische Gefühl der Kinder genährt und veredelt, so werden sie +nur Abscheu und Widerwillen bei dem Bösen, was sie sehen und hören, +empfinden und nichts davon annehmen. Nur das Böse haftet, was sie von +solchen Menschen hören und sehen, welchen sie mit Achtung, Vertrauen +und Liebe ergeben sind. Daher haben sich Eltern und Erzieher sehr +sorgfältig zu hüten, daß sie sich nicht zuweilen vergessen, z. B. in +der lebhaften Freude, oder im Unmuth und in der Heftigkeit; -- daß sie +höchst vorsichtig bei Scherzen und Urtheilen sind. Vergeblich versucht +man, wieder aufzubauen, was man durch unbedachtsamen und unbesonnenen +Scherz und Spott niedergerissen hat; daher sind witzige Menschen keine +gute Erzieher. Da es in jeder Familie Menschen gibt, deren Sitten nicht +rein sind, oder nicht fein genug, so muß man mit Kindern hierüber ganz +offen reden, und sie warnen, aber zugleich auf die guten Eigenschaften +solcher Personen aufmerksam machen. + + + 25. + +Hier ist die dunkle Seite der öffentlichen Schulen und größern +Erziehungs-Anstalten. Doch ist freilich hier auch neben dem Schlimmen +das Gute; denn wo kein Widerstand und kein Hinderniß zu überwinden ist, +da ist auch keine Kraft-Entwickelung möglich. Solche Kinder, die sich +so leicht verführen lassen, sind überhaupt schwach, und würden auch +geringeren Versuchungen unterliegen. Man unterlasse nur nicht, Kinder, +so bald sie es begreifen können, mit den Gefahren bekannt zu machen, +welchen man sie aussetzen muß. + +In Ansehung der Gespielen nur sey die Erziehung höchst vorsichtig, +weil bei dem Spiel das Herz sich ganz hingibt, die innigste +Vertraulichkeit entsteht, und eine wechselseitige sehr starke +Einwirkung Statt findet. Auch tragen gute Gespielen sehr viel zur +Entwickelung der geistigen und sittlichen Anlagen bei. Man bringe +lebhafte Kinder zu lebhaften, phlegmatische zu lebhafteren, aber nicht +zu den lebhaftesten. Das phlegmatische Kind läßt sich von dem lebhaften +alles gefallen, und dies wird herrschsüchtig und eigensinnig. Am besten +ist es, wenn die Gespielen sehr verschiedenen Gemüths sind, ohne gerade +ganz entgegengesetzte Gemüthsart zu haben. Kinder von vornehmeren +und geringeren Ständen zusammen zu bringen, ist selten rathsam; es +müßte denn das Kind geringeren Standes sich durch ausgezeichnete +Fähigkeiten geltend zu machen wissen, und reine Sitten haben. Dagegen +ist es sehr vortheilhaft, gut unterrichtete Kinder zu Lehrmeistern +der Vernachlässigten zu machen. -- Kinder, die sich fortdauernd nicht +vertragen, bringe man ja auseinander. + + + 26. + +Man lasse die Kinder übrigens ihre Gesellschaft frei wählen, so bald +man überzeugt ist, daß sie gut wählen werden, und dann auch ohne +Aufsicht spielen. Am besten ist es, wenn sie immer einige ältere +zu Freunden haben, an welche sie sich durch den Nachahmungstrieb +hinaufbilden; aber auch jüngere, um ihr Selbstgefühl nicht zu +verlieren, und hauptsächlich ihres Gleichen, weil das Gleiche sich am +innigsten vereinigt, und am glücklichsten fortstrebt. + + + 27. + +Nicht zu früh führe man Kinder in die Gesellschaft der Erwachsenen, +nämlich nicht eher, als bis sie Ausbildung und Muth genug haben, sich +in dieser Gesellschaft wohl zu befinden, und aus ihr Nutzen zu ziehen, +und auch dann geschehe es nicht zwangsweise, und nicht zu oft und zu +lange! Es ist bedenklich, Kinder stundenlang in einer erzwungenen +Ernsthaftigkeit und Ruhe zu erhalten, nicht zu gedenken, daß man eine +Grausamkeit an ihnen begeht, oder auch, wenn man sie gütig behandelt, +zu einem gewissen vorlauten Wesen und zu einer unbescheidenen +Dreistigkeit verleitet; oder sie zu Drathpuppen macht, die lauter +Manieren, und keine Natur mehr haben. Je mehr die Gesellschaften +gemischt sind, desto gefährlicher sind sie Kindern, da nur wenig +Erwachsene so viel Achtung und Rücksicht für Kinder haben, als diese +fordern können und bedürfen. Herangewachsenen Kindern, und besonders +Mädchen, ist es freilich vortheilhaft, wenn sie sich in Gesellschaft +geachteter Personen in ihre Gewalt bekommen lernen, aber auch nur +solchen. Mädchen müssen früher die gesellschaftliche Sitte und die +Sprache des Umgangs lernen, früher eine gewisse Dreistigkeit bekommen, +damit sie nicht in kindische Blödigkeit versinken, und dadurch lästig +werden. + + + 28. + +Waren Kinder in gemischter Gesellschaft, so erforsche man, was auf sie +Eindruck gemacht hat, belebe die guten, schwäche die bösen Eindrücke, +mache sie aufmerksam auf den Ton der Gesellschaft, und leite ihr +Urtheil darüber; erlaube ihnen keinen spöttelnden Tadel des Gesehenen +und Gehörten, lehre sie mehr das Unsittliche und Thörichte, als +das Lächerliche auffinden und beurtheilen, und bewahre sie vor der +conventionellen Heuchelei und Abgeschliffenheit. + +Die traurige Kunst, sich mit Anstand und Geduld zu langweilen, müssen +Kinder nie lernen; eben so wenig die Fertigkeit, viel Worte zu machen, +und die, zu schmeicheln. In so fern die Theilnahme an Gesellschaften +Nahrung der Eitelkeit und des Stolzes werden kann, ist sie besonders zu +verhüten, wenn nicht die ganze Frucht der Erziehung verloren gehen soll. + +Dabei darf die gesellschaftliche Bildung nicht vernachlässigt werden. +Bringt man junge Leute zu spät in die Gesellschaft der Erwachsenen, so +leiden sie an unheilbarer Blödigkeit und Ungelenkigkeit, und werden +der Umgangssprache nie mächtig. Aber die Erziehung muß sie zuvor in +den Stand gesetzt haben, an einem gesellschaftlichen Gespräche Antheil +nehmen zu können; ihre Urtheilskraft muß nicht mehr ungebildet, ihre +Sprache gereinigt, ihr Geschmack geläutert seyn. Denn was junge Leute +in Gesellschaft einsylbig, blöde und verlegen macht, das ist nur +Bewußtseyn ihrer Unwissenheit und Mangel an Gedanken und Kenntnissen. + + + 29. + +Viel verdanken wir dem gesellschaftlichen Umgange, und er darf von den +Erziehungsmitteln nicht ausgeschlossen werden. Die Mittheilung von +Gedanken, Urtheilen und Gefühlen befördert sehr die Bildung des Geistes +und des Herzens. Eben so belebt der Umgang alle wohlwollende Gefühle, +und übt in der Selbstverläugnung. Das Mädchen, mit größeren Anlagen zur +Geselligkeit ausgestattet, und durch diese die Seele der Gesellschaft, +soll auch hierin nicht vernachlässigt werden. Aber wenn sie zu früh in +Gesellschaft geführt wird, besonders bei äusserer Annehmlichkeit und +Liebreiz, so erhält sie eine gefährliche Nahrung für ihre Eitelkeit. +Doch auch nicht zu spät, damit sich nicht Blödigkeit festsetze, die so +viel gesellschaftliche Freude verbittert, und so schwer beseitigt wird. +Man führe eben darum das Mädchen nicht eher in die Gesellschaft, als +bis sie in dieser etwas gelten, und zur gesellschaftlichen Unterhaltung +beitragen kann, und präge ihr dann ein, daß auch sie der Gesellschaft +werth sey, wenn sie ihren Beitrag zur Unterhaltung gibt; aber eine Last +für sich und die Gesellschaft, wenn sie ihn aus Blödigkeit zurückhält. +Man bewahre sie vor gemischten Gesellschaften, und solchen, wo sie zu +sehr allein da steht; man lehre sie die Sprache des Umgangs, und übe +sie selbst darin, damit sie es zur Fertigkeit bringe; man gebe ihr +zuweilen Aufträge, die dahin abzwecken, z. B. Bestellungen. + + + 30. + +Alles, was für die Verstandes-Bildung geschieht, werde zugleich +Bildungsmittel für das Herz und den Geschmack, und umgekehrt, damit +alle Einseitigkeit und Halbheit vermieden, und das Kind zum Menschen +gebildet, zur Menschenwürde erhoben werde. + +Unterricht und Erziehung sollten nicht scharf von einander getrennt, +nicht als zwei ganz von einander verschiedene Geschäfte betrieben +werden; denn nur da, wo aller Unterricht erziehend, und alle Erziehung +belehrend wirkt, nur da kommt man zum Zweck. Der Unterricht wirkt aber +dann erziehend, oder auf Gesinnung und Gefühl, wenn er wohlwollend, im +Ton der Liebe und Güte ertheilt wird, wenn man die Kinder immer darauf +hinführt, warum und wozu sie Kenntnisse einsammeln, sie auf ihr Inneres +merken, sie unmittelbar das Gelernte und Begriffene anwenden lehrt; +wenn man sorgt, daß gegenseitige Liebe bei dem Wetteifer sey, wenn man +bei dem Unterricht es nicht bloß auf Anregung des Ehrtriebes, sondern +auch der Frömmigkeit und Sittlichkeit anlegt, und sich hütet, den +Unterricht in einen bloßen Mechanismus ausarten zu lassen, oder gar in +eine Zwangs-Anstalt und Arbeits-Strafe. Je mehr man den Kindern Lust +und Liebe zum Unterricht beizubringen weiß, je besser das Verhältniß +des Lehrenden zu den Lernenden ist, desto wohlthätiger wird er wirken. +Bei dem Unterricht werde nie Anstand und Sittlichkeit verletzt, nie +das Ehrgefühl gemißhandelt, aber auch nie das Kind weichlich geschont; +er sey Anstrengung, aber angemessene und nicht zu anhaltende; es werde +dabei eine Regel befolgt, doch ohne Härte und Zwang. Alles Gelernte und +zu Lernende werde zugleich als Nahrung für Verstand und Gefühl benutzt. +Also sey das Lesen nicht bloß Fertigkeit, sondern auch Ausdruck des +Gefühls, welches der Inhalt anregen oder beleben soll; das Schreiben +auch Bildungs-Mittel für den Schönheits-Sinn; das Rechnen Belebung +des Sinnes für Ordnung, der Sorgfalt und des Fleißes, der Geduld +und Ausdauer; die Musik Belebung frommer Gefühle und des Sinnes für +Harmonie und Wohllaut, Veredlung des Herzens und Besänftigung der +Leidenschaften -- jede Arbeit Ermunterung zur Geduld und Uebung darin, +als Pflicht-Erfüllung, als Sorge für Andere. + + + 31. + +Alles, was die Erziehung thut, werde Beförderungs- und +Befruchtungs-Mittel für den Unterricht, besonders durch Gewöhnung +an Ordnung, Regelmäßigkeit, Aufmerksamkeit, Nachdenken, Fleiß und +Gehorsam. Es komme nie dahin, daß die Kinder, von der übertriebenen +und lieblosen Strenge der Erziehung verleitet, sich dem Gebot zu +entziehen suchen, oder es umgehen, und die Erziehung biete ihnen nie +einen Anlaß dar, und reize sie nie, sich zu widersetzen, oder bemerkte +Schwachheiten zu benutzen. + +Jeder sclavische Gehorsam sey verbannt, damit das Kind sich seiner +Menschenwürde bewußt werde. Jede Unterredung sey belehrend und +ermunternd, so wie der ganze Umgang mit dem Kinde bildend und erhebend. +Das Kind werde nie mit seinen Fragen abgewiesen, nie in seiner +Thätigkeit und seinem Fleiß durch Unordnung und Geräusch gestört, nie +durch Vergnügen von der Erfüllung der Schülerpflicht abgehalten, nie +wegen seiner Anstrengung beklagt. Durch Erziehung lerne das Kind seine +Pflichten kennen, seine Verhältnisse achten, seinen Willen beherrschen; +die Erziehung führe es zu Gott. Besonders sorge die Erziehung, daß +dem Kinde Schätzung seiner Menschenrechte beigebracht, und das Herz +vor Vorurtheilen der Geburt und des Standes bewahrt werde; denn diese +verfinstern den Verstand, und lähmen die sittliche Kraft, zerstören +alle Einwirkung guter Grundsätze, und bringen Willkühr hervor. + +Darum werde das Kind nur wenig, und nur von andern Kindern, besonders +seinen Geschwistern, bedient; darum lerne es ~bitten~, auch Dienstboten +bitten; es werde Lehrer der Kleinern, es thue ihnen Handreichung, +auch beschwerliche Handreichung. Da durch Lehren gelernt wird, so +kann man nicht früh genug die Kinder zu Lehrern der Kinder machen. +Indem sie diesen ihre kleinen Kenntnisse mittheilen, wächst zugleich +Wohlwollen und Liebe, werden sie in der Geduld geübt. Auf gleiche Art +stärke sich Geduld und Kraft der Selbstverleugnung bei dem Lernen +und bei häuslichen Arbeiten, und daher mache man ihnen nicht alles +zu leicht, erspare ihnen nicht jede kleine Beschwerde, fordere sie +zur Selbstverleugnung auf, gebe ihnen Anlaß zur Ueberlegung, und zum +Handeln mit Ueberlegung. + + + 32. + +Die Art, wie der Unterricht ertheilt wird, die Liebe, die Nachsicht +und Geduld, die man dem Kinde beweist, die Art der Ermunterung und +des Tadels, die strenge Ordnung, welche man dabei beobachtet, die +gewissenhafte Treue, mit welcher die festgesetzten Stunden des +Unterrichts gehalten werden; der Eifer des Lehrenden, seine Freude +über bemerkte Fortschritte, seine Traurigkeit über Nachlässigkeit und +Trägheit, das alles müsse den Charakter des Kindes begründen helfen. + + + 33. + +Da es in der Erziehung keinen Stillstand geben darf, indem jeder +Stillstand ein Rückschritt seyn würde, so sey das Streben nach dem +Ziele ein rastloses und eifriges, und dem Zögling stehe dies Ziel, +wie dem Erzieher, immer vor Augen, damit Beider Eifer nie erkalte +und nie ermatte. Der Zögling werde sich der gewonnenen Kraft und +Kenntniß mit Freude bewußt, und diese Freude werde ihm der Sporn zu +neuer Anstrengung. Nie erscheine ihm das Lernen und Gehorchen als ein +mühseliges Tagewerk, sondern als der einzige Weg, an das Ziel zu kommen. + + + 34. + +Je öfter es in der Erziehung scheint, als sey die Kraft und Anstrengung +des Erziehers vergeblich aufgewandt, als sey gar keine Annäherung +zum Ziel, desto nöthiger ist es, daß der Erzieher sich überzeuge, +sein Eifer dürfe, auch bei dem ungünstigsten Erfolge, und bei diesem +gerade am wenigsten, nachlassen, sondern müsse unter allen Umständen +sich gleich bleiben -- und wenn er sich gleich bleibt, so könne auch +der Erfolg nicht ausbleiben. Diese Ueberzeugung erlangt man nur durch +eine sorgsame Erforschung der Natur des menschlichen Geistes, und durch +eine sorgfältige Beobachtung des Zöglings, so wie durch eine gewisse +~Bescheidenheit und Mäßigkeit in seinen Erwartungen und Forderungen~. +Der Erzieher darf eben so wenig, wie der Arzt, an die Untrüglichkeit +der Regeln seiner Wissenschaft glauben, und muß, wie dieser, von der +Natur das Meiste und Beste, von seiner Kunst und Wissenschaft das +Wenigste erwarten, muß nie der Natur entgegen arbeiten, sie nie zwingen +wollen; aber sorgfältig der Natur nachspüren und nachgehen, und ihre +Winke beachten, ihre Rechte heilig halten, ihren Beistand weise und +sorgfältig benutzen, ihre Forderungen ehrerbietig beachten. Wer bei +jedem Zöglinge denselben Erfolg von seinen Erziehungsmitteln und +Maßregeln erwartet, dessen Eifer wird bald erkalten, und dessen Muth +muß sinken, und alles Erziehen muß ihm zuletzt als ein zweckloses und +fruchtloses Werk erscheinen. + + + 35. + +Wenn aber jeder Stillstand soll verhütet werden, so darf auch, +besonders in den eigentlichen Kinderjahren, keine lange Pause in den +Arbeiten, keine öftere Ausnahme von der Ordnung des Tages, keine +eigentliche Zerstreuung des Zöglings, z. B. durch eine Reise, Statt +finden. Man erschwert sich selbst und seinen Zöglingen das Geschäft +der Erziehung unglaublich, so oft man einen längeren Ruhepunkt macht, +und von der gewohnten Ordnung abweicht, so oft man nachläßt oder ein +Nachlassen des Zöglings gestattet und geschehen läßt. Besonders gilt +dieß von einer zu weichlichen Nachsicht und Schonung der Kinder, wenn +sie krank werden, oder kränklich sind -- von den langen Pausen, die +man bei Gelegenheit der Familienfeste und bei Zurüstungen zu diesen +Festen, besonders zu Geburtstagen, macht, auf deren dramatische Feier +nicht selten Wochen verwandt werden bei dem Einstudiren. Dagegen sind +bei dem Unterricht und bei der Erziehung ~solche~ Ruhepunkte sehr +heilsam, welche bestimmt sind, die in einem längern Zeitraum gewonnene +Fähigkeit, Fertigkeit und Kenntniß zu überschauen, und sich in vollen +Besitz derselben zu setzen. Daher gehöre es zu den Familien-Festen, +wenn ein Kind irgend eine Fertigkeit erlangt, eine Bahn des Wissens und +Lernens durchlaufen hat, und man halte über diese Einnahme des Zöglings +ordentlich Buch und Rechnung. Das Kind werde zu einem recht lebendigen +Bewußtseyn seiner erlangten Fertigkeit und Kenntnisse erhoben, und +besonders zum Bewußtseyn seiner erhöhten moralischen Kraft, indem man +es erinnert an ehemalige bange Zustände und Verhältnisse, ehemalige +Schwierigkeiten und Hindernisse, die nun nicht mehr sind. Das Gehorchen +werde erleichtert durch die Billigkeit und Angemessenheit der Gebote, +durch wohlwollende Behandlung, eingeflößtes Vertrauen, erleichterte +Ueberzeugung, daß es so recht und wohlgethan sey. + + + 36. + +Am ersten wird der Eifer erkalten, und der Muth sinken, und also +Stillstand und Hemmung erfolgen bei solchen Erziehern, die sich +das Erziehen zu ~leicht~ gedacht haben, und meinten, man habe nur +zuzusehen, wie sich das Kind selbst erziehe, und ihm hie und da mit +Strafen und Belohnungen zu Hülfe zu kommen; eben so bei solchen, +die nicht Liebe genug zu den Kindern haben, und sich durch die +immer wiederkehrenden Unarten der Kinder zum Unwillen und zu einer +harten Behandlung reizen lassen, dadurch aber nichts weiter, als +einen größeren Widerstand der Kinder gegen ihre Erziehungs-Maßregeln +bewirken. Ferner bei denen, welche den Kindern ~Blößen~ geben, und +sich dadurch in ein ungünstiges Verhältniß gegen ihre Zöglinge +setzen. Endlich auch bei solchen, welche an die Untrüglichkeit +und Unfehlbarkeit ihrer Erziehungs-Grundsätze glauben, und daher +sich nicht zu fassen wissen, wenn der Erfolg nicht ihren hohen und +zuversichtlichen Erwartungen entspricht. Daraus entsteht dann leicht +ein unwilliges und hastiges Wegwerfen aller Grundsätze, und bei einem +solchen Verfahren muß allerdings der Erfolg rein ungünstig seyn, weil +dann gewöhnlich eine ganz verkehrte Behandlung des Zöglings eintritt, +alle Behandlung nach Regeln aufhört. + + + 37. + +Ein Stillstand oder Rückschritt wird ferner da unvermeidlich seyn, +wo man es mit der Bildung und Ausbildung guter Anlagen ~übereilt~ und +~übertrieben~ hat, und Kinder über ihr Vermögen anstrengte, ehe die +wahre Bildungs-Periode eingetreten war. Solche Treibhaus-Erziehung +bringt nur kränkelnde Erzeugnisse hervor. + +Es ist also Stillstand und Rückschritt in der Erziehung unausbleiblich, +wenn es keine feste Tages-Ordnung gibt; wenn nicht nach Grundsätzen +erzogen wird; wenn man in gewissen Perioden der Sinnlichkeit zu viel +Befriedigung verstattet; wenn die Eitelkeit und der Eigendünkel durch +falsch angewandte Ermunterungs-Mittel geweckt und genährt ist; wenn +die Lebens-Ordnung, welche eingeführt, und der Unterrichts-Plan, +welcher befolgt wird, nicht dem Alter und den Anlagen des Zöglings, +und überhaupt der Natur des kindlichen Gemüths und Geistes angemessen +ist, vielmehr ganz davon abweicht; wenn endlich Kindern Vorurtheile des +Standes und der Geburt eingeflößt werden, oder Wohlleben sie träge und +verdrossen macht. + + + 38. + +~Die Lehren und die Eindrücke der Religion~ müssen allen andern Lehren +und Eindrücken Kraft und Wirksamkeit geben. Daher geschehe in der +Erziehung alles mit religiösem Geiste; aber man hüte sich dabei, den +Ton zu verfehlen, der dem jedesmaligen Alter und der Bildungsstufe, +auf welcher der Zögling steht, angemessen ist. Die Erziehung benutze +sorgfältig alle die Mittel, welche ihr zu Gebote stehen, um die +religiösen Eindrücke dem Herzen unauslöschlich einzuprägen, und da +die Liebe des Gesetzes Erfüllung ist, so müsse jedes wohlwollende und +theilnehmende Gefühl sorgsam gepflegt und genährt und schon in dem +Kinde eine lebendige Ahnung seiner Menschenwürde und Bestimmung erweckt +werden. + +Die Erziehung soll vor allem den Menschen zum Menschen bilden; sie soll +die Grundzüge der Menschheit nicht verwischen, sondern ihnen Kraft und +Leben geben; sie soll es auf Selbstständigkeit anlegen, und die Anlagen +zur Sittlichkeit in dem Kinde ausbilden. Diejenigen Erzieher, die dieß +verabsäumen, haben ihre Pflicht nicht halb erfüllt. Denn nie wird es +der Mensch zu wahrer Sittlichkeit bringen, wenn er nicht Ehrfurcht, +Liebe und Vertrauen gegen ein unsichtbares Wesen fühlt, welches er als +Herr seines Schicksals betrachtet. Nur dadurch erhält der Wille Kraft +und Festigkeit, nur dieß gibt den Gefühlen Lebhaftigkeit und Wärme, +der Seele eine Richtung auf das Höhere. Aber ist die religiöse Bildung +verabsäumt, so bleibt die Bildung für das ganze Leben mangelhaft und +unvollständig; nur die Religion kann das Werk des Erziehers fördern und +krönen. Gerade darum aber, weil die Religion Sache des Gefühls werden +muß, wenn sie haften und wirksam seyn soll, müssen die religiösen +Eindrücke schon in der frühesten Kindheit geschehen. + +Dahin gehört die Scheu vor einem unsichtbaren und allwissenden Richter, +der belohnen und bestrafen kann; der Glaube, daß die Regungen des +Gewissens Gottes-Stimme sind; daß alles Gute von Gott kommt, und daß er +Beschützer und Führer der Menschen ist; daß er den Menschen durch seine +Gesandten seinen Willen bekannt gemacht habe -- daß er ihre Gebete +erhöre. + +Dahin gehört ferner Heilighaltung der Bibel, als eines göttlichen +Buches; der Kirche, als Stätte der Andacht und Anbetung; des Sonntags, +als eines dem Herrn und unserer Seele geweihten Tages; der Festtage, +als solcher Tage, die uns an eine große Wohlthat Gottes erinnern -- vor +allen auch der letzte Tag des Jahres. + + + 39. + +Die ~religiöse Bildung~ darf am wenigsten der weiblichen Seele fehlen, +weil diese mehr durch Gefühle, als durch Verstandes-Begriffe und +Grundsätze bestimmt und geleitet wird, und weil vor allem durch die +Mütter religiöse Gesinnungen und Gefühle fortgepflanzt werden sollen. +Das Menschengeschlecht wäre verloren, wenn Religiosität nicht mehr +in weiblichen Herzen gefunden, und durch sie fortgepflanzt würde, +so wie auch alle Erziehung bei Mädchen ihren Zweck nicht erreicht, +wenn sie nicht eine religiöse, und durch Religion geheiligte und +befruchtete ist. Dazu gehört nicht ein frühzeitiger eigentlicher +Religions-Unterricht, oder daß man das lallende Kind schon zum Beten +abrichte; wohl aber, daß man es durch Liebe und Ernst empfänglich mache +für die Eindrücke der Religion; daß man die Schönheiten der Natur, und +ihre furchtbaren Erscheinungen benutze, um des Kindes gerührte oder +erschütterte Seele zur Ahnung Gottes und des Göttlichen zu erheben; +daß man die, das kindliche Gemüth so sehr ansprechenden Erzählungen +und Lehren der Bibel zur Weckung religiöser Gefühle benutze, und die +einfachsten Aussprüche der Bibel seinem Gedächtnisse und Verstande +einpräge; daß man es früh zum Genuß und zum Erkennen dichterischer +Schönheit führe, und dadurch seinen Gefühlen eine höhere Richtung gebe. +Ein schönes Lied, dem Kinde mit Empfindung vorgesprochen, wird gewiß +bei den Meisten von großer Wirkung seyn. Auch das Hinführen in die +Kirche, besonders bei feierlichen Gelegenheiten, wird hiezu mitwirken; +nur verlange man nicht, daß das Kind bei dem ganzen Gottesdienste +aushalten soll. -- Schriften, wie Gumal und Lina -- ~Spiekers~ Emiliens +Stunden der Andacht -- ~Krummachers~ Parabeln und dessen Festbüchlein +-- Allwin und Theodor von ~Jakobs~, und von demselben Rosaliens Nachlaß +-- ~Witschels~ Morgen- und Abendopfer -- ~Glatz~ Andachtsbuch, werden +hiebei gute Dienste leisten, noch besser ein zweckmäßiger Vortrag der +biblischen Geschichte, und eine feierliche Morgen- und Abend-Andacht. + + + 40. + +Man beobachte sorgsam alles, was einen lebhaften und guten +Eindruck auf das Kind gemacht, sein Nachdenken anhaltend beschäftigt, +seine Wißbegierde am meisten angeregt hat, und suche alle diese +Eindrücke und Regungen wieder aufzufrischen, damit die Seele dadurch +gewisse Lichtpunkte erhalte, von wo aus sich Leben, Licht und Wärme +durch das Ganze verbreite. + +Je öfter die Erfahrung lehrt, daß gerade das, wovon man sich den +geringsten Eindruck versprach, die stärksten und bleibendsten bei +den Kindern machte, und das, was Eindruck machen sollte, desselben +verfehlte, desto nöthiger ist es, auf jenes zu merken, und den +Eindruck nicht verlöschen zu lassen. Dieß gilt besonders von dem, +was wohlwollende Gefühle, den Sinn für Gerechtigkeit und Wahrheit +weckt und belebt, was die Ahnung des Göttlichen hervorruft, das +Selbstgefühl stärkt, den Thätigkeitstrieb erhöht, zur Selbstverleugnung +ermuntert und stärkt. Bei dem einen Kinde ist's z. B. eine Aeusserung +des Mißtrauens, wodurch es tief bewegt wird; bei einem andern die +Betrübniß, die man über seine Fehltritte äussert; bei einem dritten der +Anblick eines ausgearteten Kindes; bei einem vierten das Gelingen einer +gefürchteten Arbeit -- bei einem fünften ein Geschenk von Werth -- ein +unerwartetes Lob -- ein empfindlicher oder beschämender Tadel. + + + 41. + +Nothwendig muß hiernach die Erziehung modificirt werden; es bildet +sich hieraus eine ~pädagogische Klugheitslehre~. Kinder von einer +zarten Reizbarkeit, von vorzüglichen sittlichen Anlagen, und solche, +die auf alles merken, alles zu Herzen nehmen, über alles nachdenken, +wollen mit einer vorzüglichen Sorgfalt und Behutsamkeit behandelt seyn. +Lebhafte Kinder bedürfen und ertragen starke Eindrücke, phlegmatische +starke Reizmittel. Mädchen werden leicht durch Anregung der Phantasie +fortgerissen. Eine rührende Geschichte kann sie leicht für ganze +Tage zu einer gewissen Niedergeschlagenheit stimmen, oder doch ihre +Phantasie in Aufruhr bringen -- eine Schmeichelei die Eitelkeit in +furchtbarer Kraft wecken. + + + 42. + +Die Erziehung lege es daher nicht so sehr auf starke und lebhafte, +als auf ~bleibende Eindrücke~ an. Diese werden durch ein sich gleich +bleibendes herzliches Benehmen, durch Erneurung und Belebung sittlicher +Regungen, durch Einflößung religiöser Gesinnungen und Gefühle bewirkt; +aber auch durch Benutzung ausserordentlicher Ereignisse, z. B. +Unglücks- und Todesfälle, Verluste, Krankheiten, durch welche besonders +der Sinn für Religion geweckt und belebt wird. + +Wir hören hierüber die Bekenntnisse eines gewesenen Schulmannes aus +seinen Jugend-Jahren. (S. Neue Bibliothek für Pädagogik von Gutsmuths, +Julius und August 1812.) + +»Ich vergegenwärtige mir noch lebhaft die schönen Abend-Dämmerungen, +in welchen meine Mutter, mich herumtragend, geistliche Lieder sang. +Mit sanfter, süßer Gewalt ergriffen mich diese Lieder. Ich horchte +und horchte, und mag auch wohl die Händlein gefaltet haben. Ein Reich +Gottes that sich mir auf; ich hatte an diesen Abenden, das weiß ich +noch heute, eine milde, fromme, kindliche, ich möchte sagen: heilige +Gesinnung, wie mir denn auch die gute Mutter ihre Zufriedenheit mit +meinem Thun und Treiben nicht versagen konnte, so lange diese Klänge +und Vorstellungen noch wiederhallten. Ich verstand freilich viele +Ausdrücke in diesen Liedern nicht; aber der mir zusammenhängend +verständlichen waren genug. Manches hellte mir die, zwar sehr dürftige, +Belehrung auf, und übrigens fand ich mich instinktartig zurecht. Ich +verstehe mich hier selbst wohl. Bewahre mich Gott, die Erkenntniß des +Verstandes zu verachten! Was kann herrlicher seyn, als das Denken, +welches selbst eine göttliche That ist, auf das Göttliche angewandt. +Ich meine nur, das Uebersinnliche, das im Menschen ursprünglich gesetzt +ist, als: Gott, Gewissen und Rechenschaft, wurde mir in das Bewußtseyn +gebracht durch jene Gesänge, und wenn ich einmal auf diesem heiligen +Boden war, so konnten ein Paar dunkle Vorstellungen ab und an nichts +verschlagen; die Hauptsache, der Grund aller wahren Religion, war +gewonnen. Ich segne meine Eltern, daß sie mir den Gedanken des Heiligen +eher einpflanzten, ehe noch die rechte Sünde kam, und die größere +Zerstreuung. Keine Erkenntniß zu dulden, die nicht durch den Begriff +kommt, das ist spätere Losung gewesen. Wir haben gesehen, wie weit wir +damit im Erkennen, Wollen und Fühlen gekommen sind.« + +»Ich mußte früh und Abends ~beten~, vor und nach Tische, und sah es +die Eltern gleichfalls thun. Oft hatte ich keine Andacht dabei; oft +wurde ich dazu gezwungen. Ein Erzieher meiner spätern Jahre machte +es umgekehrt; er versagte mir das laute regelmäßige Beten, wenn ich +nicht gesammelt war, mit dem Beifügen, daß ich mich Gott in einer +solchen Stimmung nicht nahen dürfe, weil ich ihm mißfällig sey. Das +wirkte mächtig auf mich. Indessen entsinne ich mich keines Schadens, +den das mechanische Geplapper mir gebracht hätte. Doch kann es seyn, +daß die sinnvollere Erziehung, die ich vom neunten Jahre an ausser +dem Hause erhielt, mich vor solchem Schaden bewahrt hat. Dagegen weiß +ich, daß ich auch sehr oft andächtig betete; daß mir der Gedanke an +Gott und die Beschäftigung mit ihm etwas wurde, das sich von selbst +verstände; daß mir bei unerlaubtem Dichten und Trachten eben deshalb +die Erinnerung an Gott schneller in den Weg trat, und mich in manchem +Schlechten aufhielt; daß ich mich gewöhnte, den Tag und die Nacht als +ein Geschenk des liebevollen Gottes, und das Leben, als bedürftig der +Weihe in jedem seiner Theile zu betrachten. Ich kam zeitig unter eine +gewisse Gottesherrschaft, die dem Leben getaufter Menschen erst den +wahren Werth gibt; ich lernte endlich durch eingeimpftes Beten auch +frei beten, und meine religiösen Vorstellungen unaufgefordert an Gott +richten. Es ist in der That die Frage, ob eine allzu ängstliche Scheu +vor dem Mechanismus im Beten im Anfang der religiösen Erziehung nicht +dem höchsten, dem freien Beten selbst, auf Zeitlebens nachtheilig wird. +Mich dünkt, das Beten wolle, wie jede Seelen-Verrichtung, ~geübt~ seyn.« + +»Ich bekam Bibelsprüche zum Auswendiglernen. Viele darunter verstand +ich nicht ganz; mehrere waren in der Auslegung unrichtig; erklärt +wurden mir wenige recht. Die einen habe ich in der Folge verstehen, +die andern recht erklären gelernt. Gesetzt, mir wäre Beides nicht ganz +zu Theil geworden, so hätte ich doch immer, wie geschehen ist, einen +Schatz gesammelt von Lehre, Warnung und Trost in erhaben einfacher +Sprache der Urwelt.« + +»Dem häuslichen Vorlesen und Hören von Predigten habe ich als Kind nie +etwas abgewinnen können. Die Schuld mochte theils daran liegen, daß +Predigten für mein Kindesalter nicht paßten, theils an der schlechten +Declamation. Aber das häusliche Singen an Sonn- und Festtagen erbaute +mich mehr. Da ich ein vortreffliches Gedächtniß habe, so lernte ich +die vornehmsten Lieder unseres Gesangbuchs kennen, viele auswendig. +Wie mancher Vers der Gottbegeisterten Dichter ~Paul~, ~Gerhard~, +~Richter~, ~Luther~, ~Neumann~, und später des sanften ~Gellert~, +hat mich mahnend, warnend, tröstend durch das Leben geleitet! Wo die +heutige Jugend so oft trostlos schwankt, oder in wilder Verworrenheit +dem Abgrund zutaumelt, habt ihr Unsterblichen mich fest und aufrecht +erhalten.« + +»Die Vorstellungen und Gefühle der Religion waren es vorzüglich, die +meine dunkeln, gemeinen, verkümmerten Kinder-Jahre erhellten, adelten +und beseligten. Eine Welt ging mir im Geiste auf, deren Schimmer die +enge sichtbare mir nicht verdüstern konnte. Mit dem Ministerknaben, +der im stolzen Prachtwagen bei mir vorüber fuhr, hatte ich einen Gott, +zu dem ich beten konnte; ich war getauft, wie er; ich erstand einst +aus dem Staube, wie er, nicht mehr gebeugt, sondern verklärt. An den +einfachern Weltverhältnissen, die ich im Evangelienbuche anschaute, +richtete sich meine schüchterne Seele auf; die festlichen Tage der +Christen brachten auch in meiner Eltern Haus einen Schimmer der Freude; +an Abendmahlstagen sah ich die höchste Erhebung an ihnen, und wie sie +da mit besonderer Scheu das Unheilige mieden, so ermannten sie sich +auch, des Lebens Sorgen wegzuwerfen. Mitten unter den Thränen, die ihr +Brod benetzten, sah ich auch oft den vertrauensvollen Blick gen Himmel +gerichtet, und hörte ein Wort wechselseitiger Tröstung gesprochen, +das nicht auf täuschende Erdenhoffnungen gegründet war. So lernte ich +zeitig etwas von der erhabensten aller Künste, zu stehen wie ein Berg +Gottes, den Fuß in Ungewittern, das Haupt in Sonnenstrahlen.« + + + 43. + +~Jean Paul~ sagt in seiner Levana: »Zeiget überall, auch an den +~Grenzen~ des heiligen Landes der Religion, dem Kinde anbetende und +heilige Empfindungen; diese gehen über, und entschleiern ihm zuletzt +den Gegenstand, so wie es mit euch erschrickt, ohne zu wissen, wovor. +Newton, der sein Haupt entblößte, wenn der größte Name genannt wurde, +war ohne Worte ein Religions-Lehrer von Kindern geworden. Nicht ~mit~, +aber ~vor~ ihnen dürft ihr beten, das heißt: Gott laut danken. Eine +verordnete und befohlene Erhebung und Rührung ist eine entweihte. +Kindergebete sind ~leer~ und ~kalt~, und eigentlich nur Ueberreste des +jüdisch-christlichen Opferglaubens, der durch Unschuldige, statt durch +Unschuld, versöhnen und gewinnen will.« Das Wahre an dieser zu stark +ausgedrückten Behauptung ist wohl dieß, daß eine befohlene Andacht gar +keine ist, und daß ein Tischgebet vor dem Essen jedes Kind verfälschen +müsse. + +»Gebt dem Kinde,« heißt es dort weiter, »unser Religions-Buch in die +Hand, aber schickt die Erklärung dem Lesen nicht nach, sondern voraus, +damit in die junge Seele die fremde Form als ein Ganzes dringe. +Warum soll erst der Mißverstand der Vorläufer des Verstandes seyn? +Um die schöne Frühlingszeit der religiösen Aufnahme des Kindes unter +Erwachsene -- eine so wichtige, da es vor dem Altare zum erstenmale +öffentlich und mit allen Rechten eines ~Ichs~ auftritt und forthandelt +-- um diese einzige Zeit, wo plötzlich das dämmernde Leben in ein +Morgenroth aufbricht, und dadurch das Neue der Liebe und der Natur +verkündigt, gibt es keinen schöneren Priester für die junge Seele, als +der Dichter ist, welcher eine sterbliche Welt vernichtet, um auf ihr +eine unsterbliche zu bauen.« Levana 1. 146. + + + 44. + +Verhüte sorgsam alles, wodurch die Freudigkeit Deines Zöglings +geschwächt oder unterdrückt werden könnte, und erhalte ihn daher +in einer ununterbrochenen, seinem Alter und der kindlichen Natur +angemessenen ~Thätigkeit~; flöße ihm keine Furcht, sondern nur +ehrerbietige Scheu, keine Aengstlichkeit und Schüchternheit, sondern +Freimüthigkeit und Bescheidenheit ein; suche selbst da, wo Du einen +Zwang eintreten lassen mußt, seinen Willen zu gewinnen, und benimm ihm +nicht durch übertriebene Strenge und durch Pedanterie die Lust und +Liebe zu dem, was er thun soll. Störe ihn nicht in seinen Spielen; sey +kein Spiel-Verderber. + +»Die Erziehung unserer Väter hatte eine düstere und abschreckende +Gestalt, und noch jetzt ist das Vaterhaus für die armen Kinder ein +Zwinger, in welchem sie, gleich eingefangenem Wild, nur gefüttert und +geschlagen werden.« + +Hierin ist's besser geworden, obgleich man auch hier und da auf +das andere Extrem verfallen ist. Ganz ohne äussern Zwang geht es +freilich in der ersten Erziehung nicht ab, aber es kommt darauf an, +was für eine Farbe dieser Zwang trägt, und wie er eingeleitet wird. +Kinder sträuben sich gegen anhaltende und ernste Thätigkeit, gegen +Gehorsam und Gebot, gegen eine feste Ordnung, gegen Entbehrungen und +Entsagungen. Hier muß oft Zwang eintreten, der Wille ihnen gebrochen +werden, wenn nicht Ausartung erfolgen soll. Aber es gibt doch auch +eine freundliche und wohlwollende Strenge, es gibt Mittel, ihnen +den Zwang zu versüßen und zu erleichtern: Mannigfaltigkeit und +Abwechselung in den Beschäftigungen und Arbeiten, Herablassung und +Herabstimmung, ein freundlicher Scherz, Lob und Ermunterung, Belohnung +und gleichmäßige Thätigkeit, Sinnenlust. Es ist nicht schwer, Kindern, +deren Phantasie so beweglich ist, die Unlust zu benehmen, und dann +werden von selbst alle Kräfte rege. Man darf nur die Sinnlichkeit +der Kinder zu Hülfe rufen, und ihr einige Nahrung geben, so ist der +Wille gewonnen, »besonders da der Schmerz und die Traurigkeit der +Kinder ohne Vergangenheit und Zukunft ist.« Wer allen Forderungen +und Geboten gleich die Drohung hinzufügt, oder in einem rauhen Tone +gebietet, oder fordert, was so schwache Kräfte nicht leisten können; +wer nicht zu Hülfe ruft die Anregungen des Wetteifers, des Lobes, +der Belohnung, oder wohl gar die Arbeit als Strafe dictirt und +verordnet, der mag sich nicht beklagen, wenn ihm überall die ~Unlust~ +entgegentritt. Aber die Heiterkeit und Freudigkeit der Kinder soll +nicht erkauft und erschmeichelt, oder durch dargebotenen Genuß und +durch beständige Reizmittel erzwungen werden, vor allem nicht durch +Nährung und Befriedigung des Ehrtriebes; auf diesem Wege bildet man nur +Selbstsüchtige und eitle Thoren, die keines reinen Beweggrundes mehr +fähig sind. Auch sind diese Mittel so bald erschöpft, und es entsteht +große Verlegenheit. + + + 45. + +»~Heiterkeit~ oder ~Freudigkeit~ ist der Himmel, unter dem alles +gedeiht, Gift ausgenommen.« Aber wiederum die Heiterkeit kann nicht +gedeihen, wo die Sinnlichkeit der Kinder zu freigebig genährt wird; +vielmehr entsteht alsdann ein launichtes und mürrisches Wesen, und die +Kinder wissen nicht, was sie wollen. »Kleine Genüsse dagegen wirken, +wie Riechfläschchen, auf die jungen Seelen, und stärken von Thätigkeit +zu Thätigkeit.« -- Seltene Genüsse sind, nebst einer sich gleich +bleibenden Thätigkeit, die beste Nahrung für Heiterkeit und Frohsinn, +und ihre Bedingung ist Gesundheit des Leibes und der Seele. + +Laß das Kind nicht zu viel und nicht zu wenig, nicht zu lange und +nicht zu kurze Zeit spielen, und überhäufe es nicht mit Spielsachen, +denn das führt nur zum Ueberdruß und zur Laune; »auch verwelkt an +reicher Wirklichkeit und verarmt die Phantasie. Vor den Kindern, deren +Phantasie noch stärker, als im Jünglings-Alter, schafft, spielt Ein +Spielzeug oft alle Rollen, und es schmeckt ihnen gerade so, wie sie es +jedesmal begehren.« + +Eben deswegen bedürfen sie keines schönen Spielzeuges, denn ihre +Phantasie bildet es viel schöner, als die Kunst es vermöchte. »Daher +die Erscheinung, daß sie die häßlichsten Puppen oft am liebsten haben, +z. B. des Vaters alten Stiefelknecht an Kindes- oder Puppen-Statt +annehmen.« Hingegen je älter der Mensch wird, desto mehr bedarf er, daß +ihm eine reiche Wirklichkeit erscheine. + + + 46. + +~Das Spiel ist die eigentliche Heimath der kindlichen Seele, ist sein +Paradies, auch mit dem Baum der Erkenntniß.~ Hütet euch aber, der +flammende Cherub zu seyn, der sie aus diesem Paradiese verjagt; sie +verlassen es von selbst, wenn es aufgehört hat, für sie ein Paradies +zu seyn. Spielt das Kind zu lange, nämlich auch dann noch, wenn es +schon das Bedürfniß, beschäftigt zu seyn, lebhaft fühlt, so ist +ihm das Spiel verderblich; zu wenig, so nimmt es eine unnatürliche +Richtung, und verliert seine Freudigkeit und Heiterkeit. ~Es kommt +viel darauf an, daß der Uebergang vom Spiel zum Lernen mit Vorsicht +und Klugheit geschehe.~ Bilder und bildliche Darstellungen vermitteln +diesen Uebergang am besten; aber auch hiebei beobachte man eine +weise Sparsamkeit, und gebe ihnen nicht zuerst unbekannte Thiere und +Gewächse, die ein gelehrtes Auge fordern, sondern solche Bilder, auf +welchen Menschen oder Thiere handelnd dargestellt werden. »Auch sind +kleine Bilder den Kindern angemessener und angenehmer, als große. Was +für uns fast unsichtbar ist, ist für Kinder nur klein; sie sind nicht +bloß moralisch, sondern auch physisch kurzsichtig, folglich gewachsen +der Nähe; und mit ihren kurzen Ellen, mit ihrem Leibchen, messen sie +ohnehin überall so leicht Riesen heraus, daß wir wohl thun, wenn wir +ihnen die Welt im verjüngten Maßstabe vorführen.« + +Der Spielplatz ist die rechte Uebungsschule für alle moralische +und geistige Anlagen und Kräfte der Kinder; daher die Erscheinung, +daß einsam und einförmig erzogene Kinder sich so langsam und so +einseitig entwickeln, und immer rauhe Ecken behalten, die selbst die +Welt mit ihren Reibungen nicht abschleift. Aber soll der Spielplatz +eine solche Uebungsschule werden, so muß Freiheit herrschen, und die +Erwachsenen müssen nicht weiter, als wenn ein Friede zu schließen, +oder ein Beschluß zu fassen ist, als Mittelspersonen und Rathgeber, +oder höchstens als Redner mit Vorschlägen in dieser Volksversammlung +auftreten. Aber die Vorschläge, und das Abstimmen darüber kann von +gutem Nutzen seyn; nur bleibe es auch, wie in der Volksversammlung, bei +dem, was die Mehrheit beschlossen hat. + +Das schönste und reichste Spiel ist Sprechen, erstlich des Kindes mit +sich, und noch mehr der Eltern mit ihm. Ihr könnt im Spiele und zur +Lust nicht zu viel mit Kindern sprechen, so wie bei Strafe und Lehre +nicht zu wenig. Levana 1r Th. S. 197. + + + 47. + +»Nur Kinder sind kindisch genug für Kinder. Eltern und Lehrer sind +ihnen immer jene fremde Himmelsgötter, welche, nach dem Glauben +vieler Völker, dem neuen Menschen auf der neugebornen Erde lehrend +und helfend erschienen waren; wenigstens sind sie den Kinder-Zwergen +die körperlichen Titanen. Folglich ist ihnen in dieser Theokratie und +Monarchie freies Widerstreben verboten und verderblich, Gehorsam und +Glaube verdienstlich und heilbringend. Wo kann denn nun das Kind seine +Herrscherkräfte, seinen Widerstand, sein Vergeben, sein Geben, seine +Milde, kurz jede Blüthe und Wurzel der Gesellschaft anders zeigen und +zeitigen, als im Freistaate unter seines Gleichen? Schulet Kinder durch +Kinder. Der Eintritt in den Spielplatz ist für sie einer in ihre große +Welt, und ihre geistige Erwerbschule ist im kindlichen Spiel- und +Gesellschafts-Zimmer.« + +»Wie das Schachbrett Kriegs- und Regierungs-Unterricht auftischen soll, +so wächst auf dem Spielplatz der künftige Lorbeer- und Erkenntniß-Baum. +-- Der Schaum des kindlichen Spiels sinkt zu wahrem Wein zusammen, und +ihre Feigenblätter verhüllen nicht Blößen, sondern süße Feigen.« + + + 48. + +~Gesang~ gehört, wie Musik überhaupt, zu den wirksamsten Mitteln, die +Freudigkeit und Heiterkeit der Kinder zu beleben, und gleichsam einen +Fond von Freudigkeit in ihnen anzulegen. »Musik sollte eher, als die +Poesie, die fröhliche Kunst heißen; sie theilt Kindern nur Himmel aus, +denn sie haben noch keinen verloren, und setzen noch keine Erinnerungen +als Dämpfer auf die hellen Töne. Wählet schmelzende Tongänge und weiche +Tonarten, ihr heitert doch damit das Kind nur zu Sprüngen auf. Einige +Jahre kann das Kind weinen über Töne, wie der Vater, aber jenes nur vor +Ueberlust, da bei den Kindern unsere Erinnerung noch nicht den tönenden +Hoffnungen die Rechnungen des Verlustes unterlegt. -- Gibt es etwas +Schöneres, als ein frohsingendes Kind?« + +Wollet ihr, daß das Kind singe, und durch Gesang fröhlich gestimmt +werde, so machet es empfänglich für Einwirkung der Musik, indem ihr +seine Gefühle für's Schöne bildet und nähret, für seine Gesundheit +sorget, es vor übler Laune und Mißmuth durch Gewöhnung zur Genügsamkeit +bewahret. Jene, von Lust und sinnlichem Genuß übersättigte Kinder, +können nie fröhliche Kinder werden, denn die Freude wohnt nicht +bei dem Ueberdruß. So wie die Menschen, welche dem Glücke gleichsam +im Schooße sitzen, nie wahrhaft glücklich, und nichts weniger, als +allezeit fröhlich sind, so noch viel weniger die Kinder, welche nie +eine rauhe Luft anwehte, denen nie ein Wunsch versagt ward. + + + 49. + +Auch eine zu große Anstrengung des kindlichen Geistes ertödtet die +Fröhlichkeit der Kinder; die Seele erliegt unter der Last, die +ihrer Kraft nicht angemessen ist, und der Körper erliegt mit ihr. +Da, wo man mit ängstlicher Eilfertigkeit den Kindern gleich in den +frühesten Jahren des erwachenden Verstandes eine Masse von Kenntnissen +einzupfropfen bemüht ist, entsteht eine unnatürliche Ernsthaftigkeit, +ein verdrießliches und in sich gekehrtes Wesen, und hat das Kind auf +diese Art Schaden an seiner Seele genommen, so wird es nie wieder eine +rechte Heiterkeit gewinnen. + +Vor allem aber ist Herzensreinheit und Unschuld die Quelle der +Freudigkeit und Fröhlichkeit; darum hören die Kinder auf, fröhlich zu +seyn, so bald sie etwas zu verhehlen und zu verbergen haben. Religiöse +Eindrücke und vertrauter Umgang der Eltern werden sie am sichersten +davor bewahren. Kinder, die den Allwissenden und Allgegenwärtigen +scheuen, werden nicht leicht heimlich sündigen, und wenn sie fallen, +bald wieder aufstehen. Aber erfüllet auch gern ihre unschuldigen +Wünsche, gönnet ihnen unschuldige Genüsse, sonst nöthiget ihr +selbst sie zu Heimlichkeiten, und weg ist dann ihre Freudigkeit und +Fröhlichkeit. + + + 50. + +Endlich erhaltet sie im ~Umgange mit der Natur~, und reichet ihnen oft +den Becher der Freude, dadurch, daß ihr sie unter Gottes Himmel führet, +und sie die reine Himmelsluft einathmen lasset. Indem diese durch ihre +Adern strömt, ergreift Freude und Fröhlichkeit ihr ganzes Wesen. Die +Natur ist und bleibt die unversiegbare Quelle der Freude, und wer aus +dieser nicht schöpfen darf, genießt sein Leben nur halb. Aber gebt auch +den Kindern ~Gespielen ihrer Lust~, wenn ihr sie hinausführet; das +Kind, welches sich nicht mit andern Kindern freut, genießt nur halb. +Die Einsamkeit macht Kinder gemüthskrank, so wie der enge Horizont der +Stube und die Stubenluft. Der Geist wird freier, wo das Auge weit und +frei umher blicken kann. Viele Kinder verschmachten körperlich und +geistig, wenn sie nie oder zu selten hinauskommen in's Freie. + +Auch der Veränderlichkeit, welche zur Natur des menschlichen +Geistes gehört, und die so wohlthätig wirkt, gib mit Weisheit nach, +damit des Kindes Freudigkeit erhalten und genährt werde, durch +die Mannigfaltigkeit seiner Beschäftigungen. Wird ein Kind durch +Furcht und Strafe gezwungen, bei einer einförmigen und anstrengenden +Beschäftigung stundenlang, wohl tagelang auszuhalten, so geht leicht +Gesundheit und Freudigkeit verloren. So ist's, wenn z. B. mütterliche +Eitelkeit oder die Charlatanerie der Schule von dem armen Mädchen in +kurzer Zeit eine Arbeit erpreßt, zu welcher die höchste Sorgfalt und +Anstrengung erfordert wird. So werden oft Talente und Freuden-Tage +(z. B. Geburtsfeste) den Kindern zu Folterbänken gemacht, auf welchen +sie ihre besten Gemüthskräfte ausseufzen. Die Veränderlichkeit der +Kinder ist nicht Laune und Uebermuth, »sondern die natürliche Folge +der schnellen Entfaltungsreihe; denn das so eilig reifende Kind sucht +in neuen Ländern neue Früchte, wie ja sogar der Alte in alten neue -- +und vielleicht liegt auch der Grund noch tiefer, nämlich in dem Mangel +an Zukunft und Vergangenheit, wobei ein Kind desto stärker von der +Gegenwart getroffen und erschöpft wird.« + + + 51. + +Die Regel sagt: suche selbst da, wo Du Zwang eintreten lassen mußt, +seinen Willen zu gewinnen, besonders bei anhaltender Beschäftigung und +bei dem Uebergange vom Spiel zur Arbeit -- ferner bei Enthaltsamkeit +und Mäßigkeit im Genuß. Daher werde jeder reine Zwang möglichst +verhütet und vermieden, und der Gehorsam werde dem Kinde nicht +Ertödtung seiner kindlichen Gefühle und Triebe; denn dabei muß +nothwendig alle Freudigkeit verloren gehen, da sich der Erzieher in +einen Zuchtmeister verwandelt, und dem Kinde allen eigenen Willen +nimmt. Muß sich das Kind nicht gedrückt, gemißhandelt und gekränkt +fühlen, da es sich zu den Absichten und Gründen der Erwachsenen nicht +zu erheben vermag? muß es nicht störrisch, mürrisch und trübsinnig +werden, wenn man ihm gar keinen eigenen Willen zugestehen will? + +»Der kindliche Gehorsam kann, an und für sich, ohne Berechnung mit +seinem Motiv, keinen andern Werth haben, als daß den Eltern Vieles +dadurch leichter wird. Oder gälte es auch für Seelenwuchs, wenn +euer Kind nun überall so vor allen Menschen, wie vor euch, seinen +Willen unterordnete, böge und bräche? Welcher gelenkige, geräderte +Gliedermensch, aufs Rad des Glücks (Gehorsam) geflochten, wäre das +Kind! Allein was ihr meint, ist nicht dessen Gehorchen, sondern seine +Antriebe dazu, die Liebe, der Glaube, die Entsagungskraft, die dankende +Verehrung des Besten, nämlich des Eltern-Paars. Und dann habt ihr +Recht. Aber um so mehr ~gebietet~ nirgends, wo euch das höhere Motiv +nicht selber aufruft und gebeut.« S. Levana 1r Th. S. 221. + +~Verbieten~, besonders wenn es mit Worten der Liebe geschieht, wird das +Kind nicht so mürrisch machen, als ~Gebieten~; es wird ihm leichter, +zu unterlassen, als zu thun, weil es bei dem Unterlassen noch die +Freiheit behält, etwas anders zu thun -- ihr müßtet es denn mit euren +Verboten wie mit Schranken einengen, oder damit auf jedem Schritte +verfolgen, oder verbieten, was das Kind, weil es ein Kind, und dies +Kind ist, nicht lassen kann, z. B. zerbrechen und zerreissen, oder +lärmen und springen, oder albern seyn. -- Gebietet ihr zu viel und zu +oft, so wird das Kind furchtsam und ängstlich; immer steht ihm ein +Gebot schreckend und drohend vor Augen, und es verliert endlich alle +Heiterkeit und Freimüthigkeit: Nichts tödtet so sehr alle Freudigkeit +der Kinder, als ungerechtes Ge- und Verbieten, und nichts lähmt so +sehr ihre Willenskraft. Ein Gebot im Ton der Bitte, der Aufforderung, +wobei Liebe und Ehrtrieb zu Hülfe gerufen, oder ein ~Ableiter~ für die +Begierde aufgerichtet wird, würde anders, und besser wirken. Und der +pädagogischen Klugheit bieten sich überall solche Ableiter dar, durch +welche die Begierde nicht nur von dem Thörichten und Gefährlichen +abgeleitet, sondern auch zugleich auf etwas Gutes und Nützliches +hingeleitet wird, z. B. eine angenehme Beschäftigung, ein Auftrag, eine +Erzählung, ein Reiz für die Neugierde u. dgl. m. Und wie viel liegt +daran, daß Kinder mit Freudigkeit gehorchen lernen! -- fast die ganze +Charakterbildung. Auch ist doch nur das Gehorchen mit Freudigkeit ein +wahres Gehorchen. + +»Nur den Sclaven peitscht man zum Ueberverdienst; aber selbst das +Kameel trabt nicht hinter der Peitsche, sondern nur hinter der Flöte, +schneller.« (Jean Paul.) + + + 52. + +Auch durch ~Belohnungen~ und ~Bestrafungen~ suche die Erziehung auf den +Zögling und seinen Willen zu wirken; denn da die ~natürlichen~ Folgen +nicht gleich sichtbar und fühlbar, oft sogar durch dazwischen tretende +Umstände verzögert oder entfernt werden, und Kinder so erfinderisch +sind in Entschuldigungen und Beschönigungen; so sind ~positive~ +Belohnungen und Bestrafungen in der Erziehung unentbehrlich, um den +Willen der Kinder von Thorheiten und Fehltritten abzulenken, und ihn +für das Gute zu gewinnen; doch müssen sie, wenn sie wohlthätig wirken +sollen, der reinen Sittlichkeit keinen Eintrag thun, und also weder in +unnatürliche Zwangsmittel, noch in Bestechungen des Willens ausarten, +(wie z. B. wenn die Leckerhaftigkeit oder die Eitelkeit, oder wohl gar +der Neid der Kinder angeregt, und als Reizmittel gebraucht wird), noch +jemals einen an sich guten Trieb, wie z. B. den Ehrtrieb unterdrücken, +oder den Muth und die Freudigkeit des kindlichen Gemüths. -- Der +Zögling selbst muß sie als nothwendig und wohlthätig erkennen, und +sie müssen keine Spur von Laune, Eigennutz oder Härte an sich tragen. +Darum ist es z. B. unverantwortlich, wenn Eltern und Erzieher von vier- +und sechsjährigen Kindern ein stundenlanges Stillsitzen bei einem +Bilderbuche oder bei einer Arbeit, bei der Fibel, dem Schreibebuche, +verlangen, und es durch Drohungen oder Versprechungen erzwingen. + +Behutsam und sparsam wollen sie angewandt seyn, gleichsam als Würze der +Erziehung, damit nicht auf der einen Seite Eigennutz und Selbstsucht, +auf der andern Furcht entstehe, und der Zögling auch ~unbelohntes Gute~ +liebe, und ~unbestraftes Böse~ verabscheue. Folgende Regeln sind hiebei +zu beobachten: 1) So lange es noch andere Mittel zum Zweck gibt, trete +keine Belohnung und keine Strafe ein; nur, wenn jedes andere unwirksam +blieb, oder geringe Wirkung that. Aeusserungen der Liebe wirken besser, +als Aeusserungen des Beifalls; Aeusserungen der Unzufriedenheit und +Betrübniß besser, als Verweise und Strafen. Darum sollen diese nur +im Nothfalle eintreten. 2) Kinder, die unverwöhnt, natürlich gut und +gefühlvoll sind, sollen nicht gestraft und nicht belohnt werden, denn +das würde sie nur verderben. Bei Verwöhnten ist Strafe und Belohnung +nothwendig. Eben so bei Kindern von großer Lebhaftigkeit und starker +Sinnlichkeit. 3) Man beobachte das genaueste Verhältniß gegen Verdienst +und Schuld. Wenn ein Kind sich im Memoriren auszeichnet, oder wegen +seines Phlegma's still und folgsam ist, so hat es auf keine Belohnung +Anspruch. Wenn ein Kind von dürftiger Fähigkeit keine Fortschritte +macht, so kann es nicht bestraft und nicht getadelt werden. Da, wo +eine natürliche Weichheit und Gutmüthigkeit die einzige Quelle des +Gehorsams, der Gesetztheit und Lenksamkeit ist, wird der Erziehung +durch unberufene Lobredner und freigebige unbesonnene Lobsprüche sehr +oft ihr Werk verdorben. Wo die Natur oder die Umstände Hindernisse +in den Weg gelegt haben, aber eifriges und anhaltendes Streben sich +zeigt, da werde liebreich belehrt und ermuntert. Man unterscheide +wohl bösen Willen und Schwachheit, und traue jenen den Kindern nicht +leicht zu, versage dieser die verdiente Nachsicht nicht. Daher sind +alle feststehende Strafen und Belohnungen bedenklich; denn wie oft +wird die Schuld zur Unschuld durch die Berücksichtigung der Umstände; +wie oft sinkt das scheinbare Verdienst zur Schwachheit hinab, wenn man +genauer nach seinem Ursprunge forscht. Aber bei feststehenden Strafen +kann keine von den Rücksichten genommen werden, welche Klugheit und +Billigkeit vorschreiben. So ist es besonders mit Ehrenbezeigungen. +4) Man beobachte genau die Wirkungen der Belohnung und Strafe, denn +diese sind oft ganz anders, als man sie erwartet hatte, und bei +verschiedenen Kindern verschieden. Die Furcht, welche abschrecken +sollte, reizt zuweilen, besonders bei Kindern, welche einen festen +Willen haben, und durch ihr Temperament fortgerissen werden. 5) Man +hüte sich ein Straf-Urtheil im Zorn auszusprechen, noch mehr es im +Zorn zu vollziehen. 6) Man beobachte eine gehörige Stufenfolge im +Strafen, und lasse sich durch des Kindes Widerstreben nicht reizen. +7) Sichtbare und innige Reue wende die Strafe ab, oder diese bestehe +doch nur in der Aufgabe, den Fehler wieder gut zu machen. 8) Die +sichtbare Theilnahme des Strafenden erhöhe die Wirksamkeit der Strafe, +die immer als Aeusserung der Liebe erscheinen muß. 9) Man suche die +Strafe den natürlichen Folgen der Handlungen möglichst anzupassen und +gleich zu stellen, und schließe also z. B. das zänkische Kind von der +Spielgesellschaft aus, lasse das unmäßige und leckerhafte entweder +dieselbe Kost häufig nach einander, bis zum Ueberdruß genießen, oder +fasten, oder nur das Einfachste genießen; strafe das träge Kind durch +lange Weile, das flatterhafte durch Anhalten zur Wiederholung und zum +Bessermachen, gönne dem fleißigen vorzugsweise Erholung und Vergnügen, +schließe das geschwätzige und plauderhafte für eine Zeit von allem +Umgange aus, nöthige das ungestüme zur Abbitte, gebe dem sanftmüthigen +Aufsicht über Andere -- lasse die schmutzigen sich zurückziehen -- +die unordentlichen aufräumen. 10) Der Erzieher sorge dafür, daß +sein Mißfallen und seine Mißbilligung die schwerste Strafe sey, und +suche daher seinen Zöglingen Ehrerbietung und Liebe einzuflößen, ihr +sittliches Gefühl zu schärfen, ihr Ehrgefühl zu erhöhen. 11) In solchen +Fällen, wo an der Aufrichtigkeit der Reue zwar nicht zu zweifeln ist, +aber der Wille des Kindes sich noch sehr schwach und wankend zeigt, +erlasse man die Strafe nicht, aber man lasse dem Kinde die Wahl +zwischen zwei Strafen. + +Bei eingewurzelten Fehlern und geringem Ehrgefühl können auch solche +Strafen sehr wohlthätig werden, die beschämen und demüthigen, z. B. +Absonderung und Entfernung, Bekenntniß und Abbitte. + + + 53. + +Die Wirksamkeit der Strafe und Belohnung werde durch die Gesinnung +erhöht und befördert, welche der Erzieher dabei zu erkennen gibt: die +herzliche Betrübniß über die Fehltritte des Zöglings, das Bedauern +seines Wankelmuths, das Trauern über seinen Leichtsinn, die Freude über +seine Besserung und seine Fortschritte im Guten. Er erblicke nie den +Zorn, den eine persönliche Beleidigung entschuldigen oder rechtfertigen +würde, und zürne nur sich selbst, nie seinem strafenden Erzieher. Die +Liebe desselben sey seine höchste Belohnung, die Trauer desselben seine +härteste Strafe. + +~Für Belohnungen besonders~ stehet Folgendes ~als Regel~ fest: + +1. Sie werde nie für das ertheilt, was allein die Natur gab, und also +nicht errungen werden durfte, sondern nur für das, was Anstrengung, +Ueberwindung, Geduld und Beharrlichkeit kostete. + +2. Man lasse sie sich nicht abschmeicheln durch ein gefälliges +Betragen, zarte Aufmerksamkeit, scheinbare Folgsamkeit. Leider +kommen auch in der Kinderwelt schon die Künste der Heuchelei und des +Schmeichelns zum Vorschein. + +3. Nie Geldbelohnungen (aber wohl Geldstrafen unter gewissen +Umständen), und ~selten~, bei eitlen Kindern ~nie~, Ehren-Belohnungen; +vorzüglich dagegen Vergnügen, Befriedigung der Neugier, und einer +unschuldigen oder sogar nützlichen Liebhaberei. + +4. Leckerbissen nur bei kleinen Kindern, und nur sehr sparsam. + +5. Zur pädagogischen Klugheit gehört es, die Belohnung selbst zuweilen +weit hinaus zu setzen, sie nur in der Entfernung zu zeigen, und bei +schlaffen Kindern die Bedingungen zu erschweren, um Anstrengung zu +bewirken. + +6. Wo möglich sey die Belohnung von der Art, daß sie bei +Verschlimmerung oder Rückfall zurückgenommen, oder eine Zeitlang +entzogen werden kann, wie z. B. ein bewilligtes Taschen-Geld, +versprochene Reise u. dgl. + +7. Der Grad der Moralität bestimme den Grad der Belohnung. Daher ist es +nöthig, Kinder erst genauer kennen zu lernen, und bei Uebergängen von +einer mangelhaften Tagesordnung zu einer regelmäßigen und strengen den +Verwöhnten die Macht der Gewohnheit zu Gute zu rechnen. + + + 54. + +Die ganze Behandlung des Zöglings sollte in der Erziehung eine +fortgehende Belohnung und Bestrafung des Zöglings seyn, denn die Kinder +bedürfen fast in jedem Augenblick dieser Antriebe. Daher wird diejenige +Erziehung die wirksamste seyn, wo ein liebevoller Ernst dem Zögling +Hochachtung und Scheu eingeflößt hat, und schon eine mißbilligende +Miene, oder ein einziges Wort des Tadels oder Lobes auf des Zöglings +Willen kräftig wirkt. Dem gutgearteten Kinde ist Mißfallen und +Unzufriedenheit, vor allem ~Trauer~ des Erziehers die höchste Strafe, +der Beifall und die Liebe desselben die höchste Belohnung und das +höchste Ziel seiner Wünsche. + +~Bedenkliche Strafen~ bei lebhaften Kindern sind: Einsperren, +Stehenlassen, langwierige Geduldsprüfungen, Wegnehmen dessen, was sie +sehr hoch halten, Beschämung vor Fremden und vor Respektspersonen. +Dagegen sind oft sehr wohlthätig wirksam: körperliche Strafen, weil sie +der Gewalt des Temperaments ein Gegengewicht geben. + +~Bedenkliche Belohnungen~ sind alle die, welche der Eitelkeit und +Vergnügungsliebe Nahrung geben, oder wobei man dem Eigennutz Vorschub +leistet, und die Kinder zur Geldliebe reizt, oder die Unbelohnten zur +Eifersucht und Mißgunst verleitet. + + + 55. + +Der ~Ehrtrieb~ werde, weil er so leicht ausartet, und dann den +Charakter so sehr entstellt, nur mit der äußersten Vorsicht in der +Erziehung benutzt, und nur bei solchen Kindern, die von Natur wenig +reizbar, und mit einem sehr schwachen Gefühls-Vermögen ausgestattet +sind. Auch hüte man sich, jenes eitle Lauschen auf den Beifall der Welt +zu begünstigen, welches zur Menschenfurcht und Menschengefälligkeit +führt, und der Sittlichkeit höchst gefährlich ist. Der Beifall +achtungswürdiger Menschen erscheine zwar den Kindern als ein hohes +und schätzbares Gut, aber nie als das höchste, und das Urtheil ihres +Gewissens sey ihnen die entscheidende Stimme, der sie unbedingt +gehorchen. Keine Verirrungen sind häufiger und verderblicher, als die +des ausgearteten Ehrtriebes, und keine Vorurtheile wurzeln tiefer, als +die von Ehre und Schande. Da, wo diese Vorurtheile schon durch die +erste Erziehung, gleichsam durch Vererbung, sich festgesetzt haben, +kommt es nie zu einer richtigen und unbefangenen Ansicht der Dinge, +und es entspringen aus diesen Vorurtheilen Ungerechtigkeiten der +gröbsten Art. Hier kann nur durch Verstandesbildung und Berichtigung +der Begriffe, zuweilen durch entgegengesetztes häusliches Verhältniß +entgegengearbeitet werden. Von dieser Seite wird oft den Kindern +vornehmer Eltern die Erziehung in einer öffentlichen Erziehungsanstalt, +mit Kindern von sehr verschiedenen Ständen und Bildungsgraden, sehr +wohlthätig durch den Zwang und die Nöthigung, welche sie herbeiführt. + +Kindern soll das Lob nur als eine Stärkung von Zeit zu Zeit und +sparsam gereicht werden, denn sie können nicht viel davon ertragen. +Bei jeder Gelegenheit den Kindern eine Lobrede halten, alle ihre +kleinen Geschicklichkeiten bewundern und preisen, sie ihre Künste +machen lassen, so oft Fremde erscheinen, heißt: sie methodisch +verderben. Besonders verhüte man das Loben bei talentvollen Kindern, +da diese ohnehin schon sehr bald selbst die Bemerkung machen, daß +sie sich auszeichnen, und Vorzüge haben; man dulde nicht, daß Kinder +viel bedient werden, und entferne solche dienende Personen, die den +Kindern eine Art von Unterwürfigkeit bezeigen, und sie dadurch im +Dünkel bestärken. Man kleide Kinder nicht so kostbar, oder so glänzend, +daß ihr Anzug Aufsehen erregt, und sie den Erwachsenen gleich stellt; +man führe sie nicht zu früh in große Gesellschaften, besonders in +Tanzgesellschaften. + + + 56. + +Eben so bedenklich aber, wie es ist, dem ~Ehrtriebe~ zu viel Nahrung +zu geben, eben so bedenklich ist es, ihn zu ~unterdrücken~, und ihm +Gewalt anzuthun, durch beschämende und herabsetzende Strafen und durch +Demüthigungen. Hiebei sind folgende Regeln die bewährtesten: + +1. Wenn die natürliche Schaam sich stark genug bei Fehltritten äussert, +so verstärke man sie nicht; vielmehr gebe man dem Zöglinge den Wunsch +zu erkennen, ihm Beschämung zu ersparen. + +2. Da, wo Beschämung als Antrieb und Strafe nöthig ist, geschehe sie +doch mit möglichster Schonung, z. B. ohne Nennung des Namens, nicht vor +Dienstboten oder Fremden, ohne irgend eine Beschimpfung. So z. B. bei +wiederholten Lügen im Erzählen, bei Unordnung und Faulheit -- man lasse +dem Zögling noch einen Ausweg, die Beschämung abzuwenden. + +3. Der Erzieher hüte sich, der Ehrliebe Gewalt anzuthun; er würde nur +Haß und Verachtung ernten, und Hartnäckigkeit bewirken. Daher sind +alle solche Beschämungsmittel, welche Leidenschaftlichkeit verrathen, +und der Würde des Erziehers nicht angemessen sind, von der Erziehung +auszuschließen, und es muß in Gesellschaft von Fremden manches +übersehen, und nicht auf der Stelle gerügt werden. Nie werde das +strafbare Kind dem Gespötte Anderer ausgesetzt, nie mit entehrenden +Namen belegt. Eben so unzweckmäßig ist es, Kinder bei Fehltritten +zur Selbstanklage zu zwingen, wenigstens in den meisten Fällen, +besonders wo die Schuld schon durch Aeusserungen der Schaam und Reue +stillschweigend eingestanden ist. + + + 57. + +Nicht genug kann man der Menschenfurcht und Menschen-Gefälligkeit +bei Kindern entgegenarbeiten, weil dadurch so leicht sclavische +Hingebung entsteht. Aber wenn die Kinder den Tadel und die Ungunst der +Menschen als das höchste Uebel, Beifall und Gunst als das höchste +Glück betrachten, so werden sie bald dahin kommen, daß sie immer nur +~eine Rolle spielen~, und nur ~für~ die Gesellschaft und ~in der~ +Gesellschaft gut seyn wollen, oder daß sie Lob ~erschleichen~, anstatt +es zu ~verdienen~, nach dem Munde reden und schmeicheln lernen; eine +Ausartung, welcher das weibliche Herz vorzüglich ausgesetzt ist. + + + 58. + +Weniger ist bei dem Mädchen, als bei dem Knaben, eine ~Ausartung des +Thätigkeitstriebes~ zu fürchten, es sey denn, daß Eitelkeit und Sucht, +sich auszuzeichnen und Aufsehen zu erregen, ihr Herz beherrsche. +Daher werde die Thätigkeit des Mädchens früh, und recht vielfach +angeregt und genährt, also nicht bloß in mechanischen Beschäftigungen +und Fertigkeiten, obgleich diese vorzüglich zur weiblichen Bildung +gehören, sondern auch in geistigen. Aber jede Beschäftigung sey +den eigenthümlichen Anlagen und Bedürfnissen der weiblichen +Seele angemessen, und daher bleibe jede streng-wissenschaftliche +Beschäftigung und Bildung ausgeschlossen, da sie mit der Bestimmung des +Weibes im Widerspruche ist. + +Bis zum sechsten Jahre bedarf das Mädchen noch keiner bestimmten +Richtung des Thätigkeitstriebes; wohl aber hat die Erziehung in den +ersten Jahren zu verhüten, daß er nicht geschwächt werde, und nicht +ein Hang zur Gemächlichkeit entstehe, durch eine weichliche Erziehung, +durch Verwöhnung und Verzärtelung. Auch soll in dieser Zeit der +Thätigkeitstrieb schon ~veredelt~ werden, dadurch, daß man ihn mit den +wohlwollenden Gefühlen in Verbindung bringt, und durch diese erhöht. +Dieß geschieht, indem man die Kinder daran gewöhnt und dazu anhält, +sich unter einander, und den Erwachsenen kleine Dienste zu leisten, +und auf ihre Bedürfnisse zu merken, sich von ihnen helfen, sie etwas +tragen oder bestellen läßt. Auch mit dem Schönheits- und Ordnungssinn +setze man den Thätigkeitstrieb in Verbindung, damit er moralisch und +veredlend wirke, und gebe daher Kindern oft den Auftrag, etwas zu +ordnen und einzurichten, mache sie dabei auf Symmetrie aufmerksam, +fordere sie auf, das flüchtig Geordnete besser zu ordnen, die +Verletzung der Symmetrie anzugeben, und ein Mannigfaltiges schön und +vortheilhaft aufzustellen und anzuordnen. Man gebe ihnen, wo möglich, +Gelegenheit, zur Verschönerung der Natur thätig zu seyn, und sich mit +Garten-Arbeit zu beschäftigen. + + + 59. + +Ausser der Eitelkeit gibt auch der Trieb zu erwerben und zu gewinnen +dem Thätigkeitstriebe leicht eine gefährliche Richtung, oder doch +wenigstens eine ganz einseitige. Manche Mädchen finden an den +Geschäften der Haushaltung, und überhaupt an dem mechanischen und +hervorbringenden ein so großes Wohlgefallen, daß sie darüber die +Bildung ihres Geistes ganz aus den Augen verlieren, oder dagegen völlig +gleichgültig werden. Gegen diese Ausartung des Thätigkeitstriebes +sichert die Erziehung, indem sie den Sinn für das Geistige und für +geistige Beschäftigung weckt und nährt, und da vorzüglich, wo von Natur +kein Trieb dazu sich regt und die Anlagen dürftig sind. Doch auch +eben so sorgfältig sichere sie gegen eine andere verkehrte Richtung +des Thätigkeitstriebes, welche so häufig eine Wirkung der neuern +Erziehungsweise ist, nämlich die entschiedene Vorliebe für geistige und +wissenschaftliche Beschäftigungen, und Abneigung gegen die mechanischen +Arbeiten, welche doch des Weibes Bestimmung fordert. + +Am besten wird jede Ausartung des Thätigkeitstriebes durch ächte +Geistesbildung, religiöse Gewissenhaftigkeit und strenge Gewöhnung an +eine feste Tagesordnung verhütet. Die vollständige Geistesbildung läßt +keine Vernachlässigung des Geistes zu; die Gewissenhaftigkeit treibt zu +einer geordneten und sich gleichbleibenden Thätigkeit, die Gewöhnung +wirkt der Zeitzersplitterung und einer launigen Gemächlichkeit +entgegen. Lieblings-Beschäftigungen wird es zwar immer für jeden +Menschen geben; aber man hüte sich, den Kindern hierin zu sehr +nachzugeben. Besonders dulde man kein Aufschieben, kein Säumen und kein +hastiges und schnelles Arbeiten, da, wo Bedachtsamkeit und Sorgfalt +erfordert wird. Unausbleiblich trete die Strafe des Nocheinmalmachens +ein, wo flüchtig gearbeitet war, und das flüchtige Mädchen werde durch +langwierige und mühsame Arbeiten festgehalten, gebessert und geprüft. +Die Zeit erscheine dem Kinde immer als ein unschätzbares Gut, und +Zeitverschwendung als die strafbarste Undankbarkeit; man lehre es die +Freude des Vollbringens kennen und schätzen, und keine Plage mehr +verabscheuen, als die der langen Weile. + +Da, wo ein entschiedenes und hervorragendes Talent der Thätigkeit und +Kraftanstrengung eine bestimmte und einseitige Richtung gibt, muß +sich zwar die Erziehung mehr leidend verhalten; doch darf sie nicht +versäumen, die harmonische Entwickelung der Kräfte und Anlagen zu +bewirken, worauf doch Werth und Glück des Menschen beruht. + + + 60. + +Die Eigenthümlichkeit der weiblichen Natur macht eine besondere +Behandlung des Mädchens nothwendig. Das Mädchen will mehr negativ +behandelt seyn. Durch viele positive Behandlung wird es leicht irre +gemacht in der Entwickelung seines sichern Gefühls; die Zartheit seines +Herzens geht verloren. Gleich dem zarten Gewächse überlasse man es +seiner eigenen Entfaltung, indem man es pflegt und behütet, und schon +die leiseste Berührung sey ihm warnend oder erinnernd. Daher können +Männer nicht gut Erzieher der Töchter seyn. + +Die Unterhaltungen und Spiele des Mädchens müssen den sanftern +Charakter haben. Man lasse es nicht in das Knabenartige gerathen. Daher +ist auch hier größere Sorgfalt in der Wahl der Gespielen nöthig, deren +es nur wenige bedarf, da es leicht in eine gewisse Zerstreutheit und +Flüchtigkeit hinein geräth, in welcher es an Innigkeit des Gefühls so +sehr verliert, und herzlos wird. Die natürliche Neigung der Mädchen, +sich mit sich selbst und ihrer Puppe zu beschäftigen, will genährt +seyn, weil den Mädchen von der Natur bestimmt ist, mehr in der innern +Welt ihres Herzens, als in der äussern zu leben, und durch Gefühle +stark zu seyn. Bei dem Spiele aber gewöhne man es an Ordnung und an +das zu Rathe halten seiner Sachen, weil dieß, nach seiner Bestimmung, +Grundzug in dem weiblichen Charakter seyn muß. Die Zeit zum Stricken, +Lesen, Erzählen, sey eine fest bestimmte, anfangs kurz, bald (doch +nicht zu bald) bis zu Stunden ausgedehnt; man lasse es kleine +Bestellungen ausrichten, kleine Geschäfte in der Haushaltung besorgen, +sich von ihm an etwas erinnern, denn stille häusliche Geschäfte und +Besonnenheit dabei muß ihm zur andern Natur werden. Aber der früh sich +regende Hang zum häuslichen Fleiße verleite nicht, es zu viel in der +Stube zu erhalten. + +Bei dem siebenjährigen Mädchen muß schon der Sinn für häusliche +Beschäftigung entschieden seyn, und wenn daher eine gewisse +Lebhaftigkeit des Geistes und der Wißbegier das Mädchen davon abzieht, +so arbeite die Erziehung dem entgegen, weil sich sonst die Mädchen in +der Folgezeit unglücklich fühlen. Besonders gilt dieß vom Lesen, worin +es unsere Erziehung so leicht übertreibt, selbst zum Nachtheil der +Gesundheit. Die körperliche freie Bewegung, welche das Gemüth, wie die +Ausbildung des Körpers, fordert, werde ja nicht verabsäumt, besonders +Tanz, damit doch ja nicht der liebliche Frohsinn, diese Sonne seines +Lebens, sinke. Es ist schön, wenn man das Mädchen überall im Hause +herum singen hört. Die Tugenden, welche sich von selbst entfalten: +Schönheitssinn, Reinlichkeit und Sittsamkeit, müssen doch sorgsam +gepflegt werden, und darum wende die Erziehung viel Zeit auf den +Anzug, und entwickele und stärke besonders bei diesem und durch diesen +jene Eigenschaften und Gefühle. Es sey schon dem Kinde unerträglich, +in einem Anzuge zu erscheinen, der auch nur auf die leiseste Art das +Auge oder das Gefühl beleidigt; dieß um so mehr, da vom siebenten oder +achten Jahre an in den meisten Mädchen schon das Bestreben zu gefallen +lebhaft sich regt, welches der Sittlichkeit so leicht gefährlich wird. +Daher ist nichts in diesem Alter gefährlicher und verderblicher, als +wenn Mädchen in Gesellschaften mit einer Kunstfertigkeit oder Talent +sich zu zeigen aufgefordert werden. So besonders das Declamiren und +kleine dramatische Darstellungen. + + + 61. + +Kommt es bei der Erziehung vorzüglich auf Anregung des Sinnes für +das Gute und Schöne, und bei dem Unterricht auf die Anregung und +Entwickelung des Intellectuellen an; soll die Erziehung mehr intensiv +und der Unterricht mehr extensiv wirken, so folgt, daß ein gut +erzogener Mensch sittlich-gut und tugendhaft, ein gut unterrichteter +einsichtsvoll und gelehrt, ein gut gebildeter verständig, klug und +weise sey. In unsern Zeiten hat man die Vernachlässigung der weiblichen +Bildung, deren die Vorfahren sich schuldig machten, erkannt und zu +verhüten gesucht. Aber man ist auf das andere Extrem gerathen. Dem +Weibe ist mehr ~Fertigkeit~, als ~Wissen~ nöthig, mehr sittliche, +als wissenschaftliche Bildung, und es ist theils vergebens, theils +verderblich, daß man es darauf anlegt, dem Mädchen durch einen +streng-wissenschaftlichen Unterricht eine Ausbildung zu geben, +die man wohl ~Verbildung~ nennen mag, und sie zu sehr an den Genuß +der Lectüre zu gewöhnen, durch den sie leicht eine Abneigung gegen +mechanische Beschäftigung erhalten, die dann schwer zu besiegen ist. +Nichts hat man sorgfältiger zu verhüten, als daß das Mädchen sich +nicht unglücklich glaube und fühle, weil es durch seine Bestimmung zu +einförmigen und mechanischen Beschäftigungen verpflichtet ist, und +sich nicht dünken lasse, für diese Beschäftigung zu gut zu seyn. Daher +präge man ihnen die Wichtigkeit dieser Beschäftigung, und ihren Einfluß +auf den Wohlstand des Hauses, und den heitern Genuß des Lebens tief +ein, und gebe nicht zu, daß sie sich unter jeglichem Vorwande davon +lossprechen. Man zeige ihnen, wie viel Besonnenheit, Ueberlegung, +Einsicht und Selbstbeherrschung die Führung der Haushaltung erfordere, +und wie planmäßig dies alles eingerichtet werden könne und müsse. +Schon das zehnjährige Mädchen habe ihren kleinen Antheil an den +Haushaltungsgeschäften, und ihren Wirkungskreis, dabei Anleitung zu +solchen Fertigkeiten, die im Hause nöthig sind. + +Da ferner das Mädchen durch die äusseren und inneren Verhältnisse +des Geschlechts, und durch seine ganze Lage in der Gesellschaft zum +Entsagen und Ertragen bestimmt und verpflichtet ist, so hat die +Erziehung ganz vorzüglich hierauf Rücksicht zu nehmen, und besonders +dem Geselligkeitstriebe und der Neugier entgegen zu arbeiten, denn +beide stellen sich den Forderungen der Pflicht entgegen, und werden am +häufigsten gereizt; sie üben die stärkste Gewalt über das weibliche +Herz aus. Darum ist Eingezogenheit die gedeihliche Witterung, in +welcher sich alle Keime des Guten in dem Mädchen glücklich entfalten, +und ein zerstreutes, geräuschvolles Leben der Tod der ächten +Weiblichkeit. Da der Geselligkeitstrieb wegen des vorherrschenden +Hanges zur Mittheilung in dem weiblichen Herzen so mächtig wirkt, so +muß er nur sehr vorsichtig befriedigt werden. Der Neugier gebe man nur +selten Nahrung; sie wird leicht die ergiebige Quelle vieler Thorheiten, +und läßt keine Liebe zur häuslichen Eingezogenheit und Einförmigkeit +aufkommen; sie gewinnt leicht eine solche Herrschaft über das Herz, daß +alle weibliche Würde dabei verloren geht, besonders wenn der Umgang +mit Dienstboten sie nährt. Je mehr die Wißbegierde belebt und genährt, +das Mädchen in harmonischer Thätigkeit erhalten, sein Sinn auf das +Schöne und Edle gelenkt wird, desto freier wird es von den Fesseln der +Neugierde. + +Desto leichter wird es ihm aber auch werden, zu ~entsagen~, sich selbst +zu verleugnen und zu ~erdulden~, besonders wenn die wohlwollenden +Gefühle durch eine sanfte und liebevolle Behandlung und durch eine +religiöse Erziehung genährt sind. Doch in dem zarten Alter, wo die +Sinnlichkeit noch so mächtig, und die Vernunft noch so ohnmächtig ist, +lege man ihm nicht ausdrückliche Entsagungen und Entbehrungen auf, +wenigstens nicht ohne die sorgfältigste Rücksicht auf seine Kraft, +damit nicht der liebliche und wohlthätige Frohsinn verloren gehe. + +Schamhaftigkeit, Reinlichkeit und Sittsamkeit, so wie alle andere +weibliche Tugenden, werden zwar von selbst in dem Herzen des Mädchens +erwachen, wenn die Behandlung in der Kindheit nicht eine ganz verkehrte +ist; doch müssen auch sie gepflegt und genährt werden, besonders bei +dem achtjährigen Mädchen. + + + 62. + +»Da das Mädchen in der Regel nach dem achten Jahre aus seiner +kindlichen Unbefangenheit heraustritt, so will es von da an sorgsam +beobachtet, regelmäßig und anhaltend beschäftigt, positiver behandelt +seyn, damit durch äussere Einwirkung und Verhältnisse die innere gute +Natur bewacht und gesichert wird, vor allem durch die wohlthätige +Macht guter Gewohnheiten und Beispiele. Doch ist es schwer, hier den +rechten Ton in der Erziehung zu treffen, und dem Mädchen nicht zu viel +von seiner liebenswürdigen Natürlichkeit und Herzenseinfalt zu rauben, +indem man es an äussere Zucht und Sitte, an das Anständige, Ehrbare +und Zarte gewöhnt. Es kommen Fälle vor, in welchen man sich genöthigt +sieht, die äussere gesellschaftliche Bildung fast aufzugeben, um +Mädchen nicht zu verderben durch aufgedrungene Natur. Die Mädchenschule +ist von dieser Seite nicht ohne Nachtheile und selbst nicht ohne +Gefahr. Man denke nur an die fade Geschwätzigkeit und Modesucht, +und wie leicht dadurch, so wie durch das Wohlgefallen am Figuriren, +der reine naive und natürliche Sinn verloren geht; wie leicht eine +Abstumpfung des Gefühls durch unzarte oder schonungslose Behandlung +erfolgen kann.« ~Schwarz Erziehungslehre~ 3. 1. S. 218. + +Ein vortreffliches Bildungsmittel, sowohl für die wohlwollenden +Gefühle, als für die Thätigkeit, ist es, wenn das Mädchen früh mit +kleinen Kindern, besonders mit Geschwistern, sich zu beschäftigen +hat, wenn man ihm zuweilen die Sorge für sie überträgt, besonders in +Krankheit, und die Aufsicht über ihre Spiele. Wunderbar und herrlich +wirkt dann die Liebe, die Gott so tief in die Seele des Mädchens +gepflanzt hat, und sie haben dabei einen Lebensgenuß, der nicht zu +beschreiben ist. Die Uebung in der Geduld, Sanftmuth, Nachgiebigkeit +und Selbstverleugnung bei diesem Geschäft ist höchst wohlthätig. -- +Nur wache man, daß sie es nicht zu weit treiben, nicht die Kinder +verziehen, und lege ihnen keine zu schwere Last auf. + + + 63. + +Mit dem vierzehnten Jahre muß sich alle Sorgfalt und Einwirkung +der Erziehung verdoppeln, weil dann ein Erwachen des Mädchens zum +deutlicheren Bewußtseyn eintritt, und ein höheres Gefühl für die Würde +und für die äussern Vorzüge des Geschlechts, zugleich Ansprüche und +Verlangen, welchen die Erziehung entgegen zu arbeiten, oder vielmehr, +welchen sie den Widerstand der vernünftigen Ueberlegung entgegen +zu stellen hat. Das Mädchen wird nun aufmerksamer auf Menschen und +menschliche Verhältnisse, sieht und hört gleichsam schärfer, fühlt +tiefer, und wird nun leicht von Täuschungen der Eitelkeit und des +Leichtsinns geblendet. Hier ist es nicht genug, daß die Erziehung +höhere Forderungen an das Mädchen mache, von ihm Ueberlegung und +Besonnenheit, Ausdauer und Geduld, sorgfältigere Beobachtung des +Schicklichen und Anständigen verlange; sie muß auch dem Herzen, welches +in dem Kampfe zwischen Vernunft und Sinnlichkeit sich gedrückt und +beängstigt fühlt, mit ihrer ganzen ~Liebe~ zu Hülfe kommen und mit +einer ~weisen Strenge~; denn gerade in diesem Alter ist pünktlicher +Gehorsam eben so nothwendig, als wohlthätig, weil er die Kraft der +Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung übt, und das Mädchen der +Gewalt der Leidenschaft entzieht. Wenn Mädchen in diesem Alter +in Zerstreuungen verwickelt, an den Genuß des gesellschaftlichen +Vergnügens gewöhnt, mit den Eitelkeiten des Lebens bekannt gemacht, +und in seine Täuschungen verstrickt werden, so sind sie in den meisten +Fällen für ihre ganze Bestimmung verloren. Die regelmäßigste und +mannigfaltigste Beschäftigung muß hier, vereint mit der religiösen +Ausbildung, jeder Ausartung entgegenwirken, und besonders auch jede +krankhafte Ueberspannung der Gefühle, so wie die Uebermacht der +Phantasie verhüten. Das weibliche Gemüth mit seiner Reizbarkeit, +Weichheit und Behendigkeit der Empfindung, nimmt so leicht in diesem +Alter eine unglückliche Richtung, und wenn das Gefühlsvermögen des +Weibes einer weit höheren Ausbildung fähig ist, als das männliche, so +ist es auch einer weit größeren Ausartung fähig; und besonders zwei +Klippen sind es, woran die Würde und die Ruhe weiblicher Seelen so +leicht scheitert, Gefallsucht und Vergnügungssucht. Wenn daher die +Erziehung hier nicht zu rechter Zeit entgegen arbeitet, auf der einen +Seite durch die sorgfältigste Bildung des Verstandes und Belebung des +Bewußtseyns menschlicher und weiblicher Würde, auf der andern durch +Gewöhnung an häusliche Stille und Eingezogenheit, und durch Uebung +des Herzens in der Selbstverleugnung: so wird die Ausartung nicht zu +verhüten seyn. Die Meinung, daß junge Mädchen ihres Lebens froh werden +müßten in sinnlichem Genuß, und daß man es hierin nicht zu genau nehmen +dürfe, da doch das Herz sie so mächtig zum Vergnügen hinziehe, und dann +die mütterliche Eitelkeit selbst, die in der Schönheit der Tochter, +und in der Aufmerksamkeit, die sie erregt, Befriedigung findet, +bringen hier die traurigsten Mißgriffe hervor. Vergnügungssüchtige +und gefallsüchtige Mädchen machen die furchtbarsten Fortschritte im +Leichtsinn, der ohnehin diesem Geschlecht so natürlich ist, setzen +sich bald über die stärksten Regungen des Gewissens und sittlichen +Gefühls hinweg, oder betäuben sich dagegen, und bringen es zu einer +höchst verderblichen Abneigung gegen alles Ernsthafte und Anstrengende. +Wie die Eitelkeit die Grundlage der sittlichen Ausbildung, nämlich +die Selbstkenntniß, unmöglich macht, so die Vergnügungssucht allen +Eifer und alle Ausdauer bei dem, was Anstrengung fordert. Diese +Verirrungen des Schönheitssinnes und diese Ausartung der Sinnlichkeit +haben theils in einer mangelhaften Verstandesbildung, theils in der +Einseitigkeit der Erziehung überhaupt, und in der Unbekanntschaft mit +geistigen Freuden, oder in der Unempfänglichkeit für geistige Genüsse +ihren Grund. Daher die Erscheinung, daß viele, für gebildet geltende, +Weiber sich unbeschreiblich langweilen, wenn man ihnen zumuthet, an +geistigen Genüssen Theil zu nehmen, und daß sie alles in ein Spiel +ihrer Eitelkeit und in Genuß verwandeln wollen, und immer Unterhaltung +fordern. + + + 64. + +Das Mädchen soll der Erziehung eine selbstständige Existenz verdanken; +sie soll durch die Erziehung mit all den Kenntnissen und Fertigkeiten +ausgestattet werden, welche die weibliche Bestimmung und der +weibliche Beruf in seiner weitesten Ausdehnung fordert, damit sie +entweder Vorsteherin eines Hauswesens, oder Erzieherin, oder Beides, +oder nur eine Gewerbtreibende seyn könne. Man achte dabei auf die +besondere Richtung ihrer Haupt-Neigung, damit kein eigentliches Talent +unausgebildet bleibe. Zum Zeichnen, zur Musik und zu den wesentlich +nothwendigen Handarbeiten werde es bestimmt angehalten, doch im +richtigen Verhältnisse zur übrigen Ausbildung, und ohne daß irgend ein +Zweig derselben mit Zurücksetzung der übrigen herausgehoben werde. +Denn nichts hält den Erfolg der Erziehung, besonders in so fern sie +Ausbildung des Geistes ist, mehr auf, als das rastlose Hinarbeiten auf +die Entwickelung eines einzigen Talents. Das eigentlich Menschliche, +die Bildung zu einem Vernunftwesen, und das glückliche Gleichgewicht +der Seelenkräfte geht dann ganz verloren, und es entsteht eine +Einseitigkeit und Beschränktheit der Ausbildung, welche das ganze Leben +in einen Mechanismus verwandelt, und es dem Menschen unmöglich macht, +sich zu höhern Ansichten des Lebens zu erheben, und das Edle, das +Erhabene und Göttliche in seine Seele aufzunehmen. + +Die Erziehung hat noch nicht alles gethan, was sie thun soll, wenn +sie nur dafür sorgt, daß das Mädchen für den Beruf, der ihr zunächst +durch die Bestimmung ihres Geschlechts angewiesen ist, sorgfältig +und zweckmäßig gebildet werde; sie hat noch eine wichtige Rücksicht +zu nehmen auf die Verhältnisse des weiblichen Geschlechts in der +bürgerlichen Gesellschaft und auf das, was diese Verhältnisse fordern, +nämlich solche Fertigkeiten, Geschicklichkeiten und Kenntnisse, wodurch +es dem Weibe möglich wird, auch wenn es allein steht, sich seine +Erhaltung und einen Grad von Selbstständigkeit zu sichern. Die immer +größer werdende Seltenheit des Familien-Wohlstandes, und an sich schon +die Unsicherheit dieses Wohlstandes, macht es nothwendig, dem Mädchen +einen Erwerb zu sichern, der es gegen Mangel schützt, und bei dem es +die Würde seines Geschlechts behaupten kann. + +Es gibt gewisse Arten des Erwerbens, die eigentlich nie von Männern, +sondern immer nur von Weibern betrieben werden sollten, und es gehört +zu den Ausartungen, welche Verfeinerung und Luxus herbeiführen, daß die +Männer Erwerbszweige an sich gerissen haben, welche weder männliche +Körperkraft, noch männlichen Geist fordern. Es ist zu erwarten, daß der +Krieg, der so viele Männer hingerafft hat, diese Erwerbszweige wieder +in die rechten Hände bringen werde. Um so mehr muß aber die Erziehung +die Mädchen mit den dazu nöthigen Fertigkeiten ausstatten, aber auch +mit den sittlichen Eigenschaften, die Geschäft und Gewerbe erfordern. +Die Fertigkeiten sind: Nähen, Sticken, Stricken, Zeichnen, Spielen, +Singen, Verfertigung aller Arten von Kleidungsstücken, Schreiben und +Rechnen. Der Kleinhandel sollte nur von Weibern betrieben werden, +weil nur diese dem entehrenden und ausartenden Müßiggange entgehen +können, zu welchem er die Männer, aus Mangel einer anständigen +Hand-Arbeit, verurtheilt. Die Kleider für Frauenzimmer sollten nur von +weiblichen Händen verfertigt werden. In keiner Küche sollten mehr Köche +anzutreffen seyn. + +Die Bildung für den Erwerb sey aber keine einseitige; die bürgerliche +Gesellschaft fordert mehr als ~eine~ Fertigkeit und Geschicklichkeit +zum Bestehen, da sie Verhältnisse herbeiführt, in welchen diese +oder jene Fertigkeit nicht ernährt. Hier achte die Erziehung auf +die natürlichen Anlagen, und bilde sie für diesen Zweck vorzüglich +aus. So werde also z. B. ein musikalisches Talent, eine vorzügliche +Singestimme, eine Anlage zur mechanischen Geschicklichkeit ja nicht +vernachlässigt, weil der Genuß, der Werth und die Ruhe des Lebens +hievon abhängt. Der ~Genuß~, weil es keinen reineren gibt, als den des +Vollbringens und des Bestehens durch eigene Kraft; der ~Werth~, weil +dies den Wirkungskreis des Weibes erweitert, und ihm einen größern +Antheil an der allgemeinen Wohlfahrt, oder auch an dem Wohl einzelner +Menschen, oder der Familie gewährt; die ~Ruhe~, weil das Bewußtseyn +einer solchen Ausbildung und der mannigfaltigsten Brauchbarkeit für +die Welt jede Nahrungssorge und jede Besorgniß wegen der Zukunft +verbannt. Und wie oft wird dadurch das Schicksal einer ganzen Familie +sicher gestellt! Wie manche Tochter ernährte durch ihre Kunst Vater, +Mutter und Geschwister. Wie viele erwerben sich als Lehrerinnen, +Erzieherinnen, Vorsteherinnen einer Beschäftigungs-Anstalt große +Verdienste. Und wie quälend ist die Aussicht in die Zukunft für die, +welche nicht durch sich selbst bestehen können! + + + 65. + +Die sittlichen Eigenschaften, die mit den Fertigkeiten vereint +wirken müssen, sind: Geduld und Ausdauer, Selbstverleugnung und +Enthaltsamkeit, Besonnenheit und Ueberlegung, Erfindungsgabe. Für +die letztere Kraft in ihrer Entwickelung wirkt die Geschichte der +Erfindungen, und die Bekanntmachung mit nützlichen Verbesserungen der +gewöhnlichen häuslichen Geräthschaften. Wie oft gab schon ein einziger +glücklicher Gedanke in dieser Hinsicht einem Leben hohen Werth und +ausgebreitete Wirksamkeit, und begründete den Wohlstand einer ganzen +Familie. + + + Pädagogische Heilkunde. + +Jede Abweichung von dem Gebot, welches dem Menschen durch seine +sittlichen Gefühle und seine Vernunft in's Herz geschrieben ist, +und jede Ausartung der natürlichen Triebe, ist Krankheit der Seele, +und erfordert Heilung. In der Kindheit entstehen diese Krankheiten, +und werden oft nur dem sorgfältigen Beobachter und dem geübtern +Auge sichtbar; bleiben sie unentdeckt, und also in ihren Anfängen +ungehemmt, so gehen sie in den Charakter über. Jede Unart hat in der +Vernachlässigung der Erziehung, oder in einem nachtheiligen Einflusse +des Körpers und der physischen Gewöhnung ihren Grund. + +Jede Unart ist in ihrem tiefsten Grunde Keim des Guten, der aber +verwahrloset, oder unter ungünstigen Einflüssen untergegangen ist, +oder auch eine falsche, gewöhnlich einseitige Richtung, welche irgend +eine Seelenkraft genommen hat. Soll die Heilung gelingen, so muß die +Natur der Krankheit von dem Erzieher richtig erkannt, ihr Zusammenhang +mit andern Uebeln und mit dem Guten erforscht und berücksichtigt, also +ihr Ursprung mit Sicherheit entdeckt, ihr Grad richtig aufgefaßt, das +Heilmittel weise gewählt und mit eben so viel Geduld, als Einsicht +angewandt werden, damit nicht, indem das eine Uebel weggeschafft wird, +ein anderes hervorgebracht oder herbeigeführt werde. Der Erzieher +kann, z. B. die Trägheit des Zöglings überwältigt, aber dadurch, daß +er gewaltsame Mittel anwandte, demselben die Lust und Liebe und die +kindliche Fröhlichkeit genommen haben, oder indem er dem Eigensinnigen +den Willen brach, ihm auch das Herz gebrochen haben, oder indem er den +Leichtsinn bekämpfte, das Kind verstockt, scheu und ängstlich gemacht +haben. + +»Auf zweierlei Art werden Unarten geheilt: entweder durch Ablenkung +der Aufmerksamkeit und Neigung des Kindes, im Ganzen und im Einzelnen, +also negativ, oder auch positiv durch Strafen.« Das erste ist hier +unstreitig das Wohlthätige und Wirksamere, eine gründliche Heilung, +wobei nicht leicht ein neues Uebel sich zeigt, und wird vorzüglich auf +~die~ Art angewandt, daß man entweder das Kind in eine ganz andere, +und zwar in eine solche äussere Lage bringt, in welcher es gar keine +Reizung zu seiner Unart erhält, oder auch, daß man einen Gegenreiz, z. +B. Erregung der Neugierde, des Ehrtriebes, der Furcht, der Hoffnung, +anwendet, um seinen Neigungen eine bessere Richtung zu geben. + +Da die Unarten und die Fehler der Kinder nichts anderes, als +verwahrlosete Keime des Guten sind, so steht der Unart immer eine +Tugend gegenüber, und da jede Unart wiederum, sich verstärkend, andere +nach sich zieht oder erzeugt, so gibt es so viele Reihen von Unarten, +als es Tugenden des Kindes gibt. + +Die ersten beiden Reihen können nichts anderes seyn, als verkehrte +Richtungen der Kraft, oder Mangel an Kraft und Trieb, also Trägheit. +So z. B. wenn Kinder bei einer großen Lebhaftigkeit, und einem +ungewöhnlichen Drange zur Thätigkeit, nicht hinreichende Beschäftigung +finden, und also lange Weile empfinden -- oder wenn man sie in der +Periode, da noch der Spielgeist seine volle Kraft hat, zu angestrengter +Aufmerksamkeit beim Lernen nöthigt, und ihnen dadurch einen Widerwillen +gegen das Lernen beibringt -- oder zu der Zeit, da sie noch nicht +sichtbare Fortschritte in der sittlichen Verbesserung machen können, +unaufhörlich tadelt und krittelt, und dadurch in einen Zustand der +Spannung und des Mißmuths versetzt -- oder ohne Nachsicht straft, wo +erst die Kraft der bessern Gewöhnung eintreten müßte. Ist es nicht +natürlich, daß das Kind muthwillig, oder auch schlaff und träge wird, +weil sein Thätigkeitstrieb keine Befriedigung erhält? Darum soll der +ganze Umgang der Erwachsenen mit Kindern eine fortgehende Befriedigung +ihres Thätigkeitstriebes, und eine Richtung desselben auf das +Nützliche und Gute seyn. Wiederum, wenn Eltern oder Erzieher Lieblinge +haben, denen sie alles verstatten, alle Unarten ungestraft hingehen +lassen; müssen diese nicht eigensinnig, herrschsüchtig, trotzig +und selbstsüchtig, und die um der Lieblinge willen zurückgesetzten +verschlossen, boshaft und verdrossen werden? Bei solchen Kindern ist +es eine verkehrte Behandlung, sie durch Liebkosungen und wohl gar +Schmeicheleien an sich zu ziehen, oder durch anderweitige Reizungen +ablenken zu wollen. Gründlich können sie nur geheilt werden, wenn man +sie aus dem ganzen ungünstigen Verhältnisse heraus und in ein besseres +versetzt, mit liebreichem Ernst und Festigkeit ihnen entgegen tritt, +keine Aeusserung der Bosheit oder Herrschsucht ungerügt läßt, sie +möglichst vor Reizungen bewahrt, jede Regung besserer Gefühle durch +Lob und Ermunterung unterstützt, durch regelmäßige Beschäftigung und +gleichmäßige Behandlung sie an Ordnung und Regelmäßigkeit zu gewöhnen +sucht, die sittlichen Regungen belebt und stärkt. Verzogene Kinder +sind nicht undankbar gegen eine solche Bestrebung, sie zu bessern; +sie fühlen es bald, daß man ihnen wohl thut, wenn nur überall Liebe +und Wohlwollen durchblickt, fühlen besonders das Wohlthätige der +Beschäftigung. Nur werde jede verächtliche Behandlung vermieden, denn +diese erregt Abneigung und Widerwillen; auch Ironie und feiner Spott, +Satyre und Bitterkeit im Tadel thun entgegengesetzte Wirkung. + +Eine eben so schwere Aufgabe für die Erziehung und eben so schwer im +Umgange zu behandeln, sind solche Kinder, die überfüllt sind durch +einen planlosen Unterricht mit unverdautem Wissen, und in welchen +sich Dünkel und Trägheit zugleich festgesetzt haben, weil sie sich +bei dem Unterricht immer nur leidend verhielten, ohne Anregung und +Uebung des Nachdenkens. Verwöhnt durch eine Behandlung, bei welcher +man ihnen alle Anstrengung ersparte, versunken in eine Zerstreuung und +Schlaffheit, die alle Geisteskräfte in Schlummer wiegt, machen sie der +Erziehung durch beständige Unruhe und Unmuth, wohl durch Unbändigkeit +und Ausgelassenheit viel zu schaffen. Das sind die traurigen Folgen +einer planlosen Erziehung in Häusern, wo ein gewisser Wohlstand +herrscht, und es nicht an Zerstreuung fehlt. Dabei kann doch hie und da +Talent hervorblicken, und das Bewußtseyn im Kinde seyn, daß es etwas +vermöge; aber desto mehr macht es dann durch Ansprüche dem Erzieher +zu thun, desto schwieriger ist die Aufgabe, es bei dem Mechanischen +festzuhalten, und es an Regelmäßigkeit und Tagesordnung zu gewöhnen. +Das Ungewohnte erregt ihm widrige und schmerzliche Gefühle. Das +Anhalten zur Ordnung dünkt ihm Gewalt und Bedrückung, und es tritt bald +in ein feindseliges Verhältniß gegen den Erzieher, wenn dieser nicht +Klugheit und Mäßigung genug hat, sich mit dem langsamsten Annähern an +sein Ziel zu begnügen, und in die nothwendige Strenge die Milderung +eines sichtbaren Wohlwollens zu legen. Ein besser gezogenes Kind neben +dem verzogenen und verwöhnten thut hier treffliche Dienste. Ist dies +Mittel nicht vorhanden, so muß man eine Lieblings-Neigung des Zöglings +und den Ehrtrieb zu Hülfe rufen, um ihn für eine regelmäßige und +angestrengte Thätigkeit und für pünktlichen Gehorsam zu gewinnen. In +dem Umgange mit solchen Kindern ist es sehr schwer, den rechten Ton zu +treffen, der sich von zu großer Strenge und Milde gleich weit entfernt. + +Zweierlei Unarten stehen ferner dem Fleiß entgegen, Faulheit und +verkehrte Thätigkeit. Jene ist theils mehr im Körperlichen, theils +mehr im Geistigen, theils in beiden zugleich, und versteckt sich wohl +unter scheinbarer Thätigkeit. Die Weichlichkeit und falsche Güte in +der Erziehung erspart den Kindern jede Anstrengung, und verwöhnt sie +dadurch so sehr, daß jede Art der Thätigkeit ihnen Qual dünkt. Die +Faulheit zieht aber, da sich nun aller Trieb auf den Genuß richtet, +Gefräßigkeit und Leckerhaftigkeit nach sich, macht eben dadurch die +Kinder diebisch, lügenhaft und unreinlich. Nicht genug kann man daher +bei Kindern der Faulheit entgegenwirken, nicht sorgsam genug sie +dem Müßiggange entziehen. Aber die Aufgabe ist schwer, Kinder immer +hinreichend zu beschäftigen, die zum eigentlichen Lernen noch zu jung, +dabei lebhaft, und also veränderlich sind. Wenn man bei den Erwachsenen +die Noth als Antrieb zur Thätigkeit gebraucht, so will das bei Kindern +nicht gelingen, und ist nicht immer anzuwenden. Soll man das Kind +hungern lassen? So wird es mißmüthig, und verliert die Lust und Liebe. +Oder der Plage der langen Weile übergeben? So ist zu fürchten, daß es +auf andere Abwege geräth, oder der Schlaf hilft ihm darüber hinweg. Man +versuche es lieber zuerst mit allerlei ~sinnlichen Beschäftigungen~, +und solchen, die sich dem Spiele nähern. Du sollst mir helfen! sage +man freundlich dem Kinde. Oder: wir wollen mit einander dieß und jenes +thun. Man bringe absichtlich Bücher, Geräthschaften, Geld in Unordnung, +und lasse alles wieder von dem Kinde in Ordnung bringen. Dabei suche +man durch Lob ihr Selbstgefühl und ihre Lust zu erhöhen, sey für's +erste mit jeder Leistung zufrieden, sorge für Mannigfaltigkeit +der Beschäftigung, ohne doch der Neigung zur Veränderung zu viel +nachzugeben. Man lasse Kinder recht früh schreiben, zeichnen, in +Papier ausschneiden, Papparbeiten machen, Bücher heften und einbinden, +schnitzen und ein wenig drechseln lernen, so kann man viel Abwechselung +in ihre Beschäftigung bringen. Haben sie die Buchstaben zusammensetzen +gelernt, so gebe man ihnen ein Buchstabenkästchen, und lasse sie Wörter +zusammensetzen, eine Beschäftigung, die ihnen eben so angenehm, als +nützlich ist. Bei Gedächtniß-Uebungen halte man sie besonders fest, +weniger bei Handarbeiten, welche mehr Ausdauer fordern, als zarte +Kinder haben können. Können sie schon mit einiger Fertigkeit schreiben, +so lasse man sie das Auswendiggelernte oder das, was man ihnen vor +einiger Zeit erzählt hat, aus dem Gedächtniß niederschreiben; man +lasse die, welche ein schwaches Gedächtniß haben, durch Nachsprechen +memoriren -- man ermuntere sie zum Briefschreiben, und Abschreiben, und +lasse sie kleine Verzeichnisse anfertigen, kleine Sammlungen anlegen. + +Der Unreinlichkeit träger Kinder kann nur durch strenge Gewöhnung +und Anregung des Ehrgefühls entgegengearbeitet werden. Dabei sey man +unerbittlich in der Strenge. + +Hat man der Veränderlichkeit der Kinder und ihrer Laune zu viel +nachgegeben, oder sie zu viel sich selbst überlassen, ohne sie +regelmäßig zu beschäftigen, so entsteht die falsche Thätigkeit +(Flatterhaftigkeit). Da gibt es ein unruhiges, bald nach diesem, bald +nach jenem greifendes Wesen, Ueberdruß und Mißmuth, so oft einige +Anstrengung oder Sorgfalt gefordert wird. Das Kind fängt etwas mit +Hitze an, läßt es aber bald wieder liegen, und fängt etwas Neues an, +ohne je zu vollenden; endlich wird es aller Beschäftigung überdrüßig, +und will nur herumlaufen, spielen, amüsirt seyn. Bei Kindern von +lebhaftem Temperament und glücklichen Anlagen entsteht dies unstäte +Wesen wohl aus Mangel an solidem Unterricht und Geistes-Nahrung, aber +auch aus Ueberfüllung mit Realkenntnissen, ohne Uebung und Anstrengung +der Denkkraft. Man muß mit solchen Kindern ganz vorne anfangen, jedoch +ohne daß sie dieß inne werden, muß vor allem Denkübungen mit ihnen +vornehmen, und sie fest zu halten suchen, indem man vom Leichtern zum +Schwerern fortgeht. Man entfernt sorgfältig alles, was sie zerstreuen, +oder sie unmuthig machen könnte; man lobt ihr Wissen, und regt ihre +Wißbegierde an durch solche Aufgaben, die Verstand und Phantasie +beschäftigen; man erlaubt ihnen für's erste keine Fragen, läßt sie aber +viel nachsprechen, um sie im Aufmerken zu üben, rechnet oft mit ihnen +im Kopfe. + +Die Trägheit kündigt sich auf mancherlei Weise, nicht gerade durch +Abneigung gegen alle Beschäftigung, sondern nur gegen die, welche +Anstrengung und Ausdauer erfordert, oder die gerade jetzt gebotene an, +durch ungebehrdiges Wesen, faule und nachlässige Stellungen, Plumpheit, +Lärmen, Zanksucht und grobe Begehrlichkeiten; denn die Trägheit will +nur genießen, nicht erwerben. Mäßige Bestrafungen, kein Schelten und +Beschimpfen, bei Naschhaftigkeit strenge Strafe. + +Dem Frohsinn stehen ~Trübsinn~ und ~Leichtsinn~ entgegen. Das düstere, +verdrießliche und mürrische Wesen wird den Kindern leicht zur Natur, +wenn unfreundliche und harte Behandlung, oder lange Weile ihr Gefühl +aufgeregt haben. »Es gibt,« sagt J. P. sehr richtig, »ungelenke, +verworrene Stunden (Stimmungen?), wo das Kind durchaus gewisse Worte +nicht nachzusprechen, gewisse Befehle nicht zu erfüllen vermag, aber +wohl in der Stunde darauf. Haltet dieß nicht für Starrsinn. Ich kenne +Männer, die auf die Ausrottung einer üblen Angewohnheit Jahre lang +losarbeiteten, ohne besondern Erfolg zu erleben. Wendet dieß auf +Kinder an, welchen gewöhnlich ein paar tausend Gewohnheiten auf einmal +abzulegen befohlen wird, damit ihr nicht sofort da über Ungehorsam +schreiet, wo nur Unvermögen der überlasteten Aufmerksamkeit ist.« +Aber auch ängstliche und zu weichliche Behandlung, ein zu sorgsames +Aufmerken auf alle ihre Bedürfnisse und Wünsche, kann diese Wirkung +hervorbringen. Nur dadurch, daß man solche Kinder durch angemessene +Beschäftigung zu einem wohlthätigen Selbstgefühl erhebt, sie durch +Entbehrung und Strafe zum Nachdenken und zur Selbstbeherrschung bringt, +sie bei jeder Regung mürrischer Laune entfernt, ihnen durch Strafe Noth +verursacht, und dadurch ihren Gedanken eine andere Richtung gibt, bei +wiederkehrender Heiterkeit sie mit besonderer Güte behandelt, aber auch +bei eintretender mürrischer Laune mit unerbittlicher Strenge -- (z. B. +ich esse nicht mit einem mürrischen Kinde!), nur dadurch wird man sie +bessern. + +~Leichtsinn~ zeigt sich noch nicht im frühen Kindesalter, aber der +Keim ist da in Unachtsamkeit, Flatterhaftigkeit und Gedankenlosigkeit, +und in Gleichgültigkeit bei Lob und Tadel, in schnellem Uebergang +von tiefer Betrübniß bei Strafen zur Ausgelassenheit. Kinder, die +sich selbst überlassen sind, oder es zu gut haben, und nicht mit +der den Kindern so nothwendigen Strenge erzogen werden, sondern zu +viel Nachsicht genießen, werden leichtsinnig, und müssen es werden. +Daher ist Leichtsinn ein Uebel der höheren Stände und des weiblichen +Geschlechts. Die gutmüthige und weichliche Mutter wird gar zu leicht +die aufmerksame und willige Dienerin der Tochter; diese, zu sehr +verwöhnt, kann sich zu keiner Art von Anstrengung entschließen. -- +Ist die Unart eingewurzelt, so kann man nicht genug die Achtsamkeit +des Kindes üben, und besonders die Achtsamkeit auf sich selbst, durch +einfachen Zuruf, ohne viele Worte der Erinnerung, durch Zeichen, durch +solche Aufträge, wobei große Sorgfalt und Aufmerksamkeit nöthig ist (z. +B. zerbrechliche Sachen in Ordnung zu bringen), durch Uebung des Gehörs +und Gedächtnisses, durch kluge und kräftige Warnung. Die festeren +und kräftigern Naturen sind am wenigsten zum Leichtsinn geneigt, die +weicheren am wenigsten zum Trübsinn. + +Dem frommen (dankbaren) Sinne stehen entgegen ~Unfolgsamkeit~ und +~Wankelmuth~. In dem Kinde regt sich bald der Trieb zu herrschen, und +zeigt sich als Eigensinn und Eigenwille. Sehr bald entsteht daraus +Gefühllosigkeit und Widerspenstigkeit. Das unzeitige Nachgeben der +Eltern ist die nächste Ursache -- aber auch wohl ihr Eigensinn und +ihre Ungerechtigkeit. Werden die Kinder nur als Mittel des Geldgeizes +oder der Eitelkeit der Eltern gebraucht, stört man sie, um sie +kunstmäßig abzurichten, in ihren kindlichen Freuden, entsteht also +kein liebevolles Verhältniß zwischen Eltern und Kindern, so können +diese nicht dankbar seyn, sondern sie müssen sich, wo sie nur können, +dem Willen der Eltern widersetzen, da sie keinen andern Antrieben, +als den sinnlichen, folgen können. Fehlt nun noch dazu alle Pflege +des religiösen Gefühls, wie können die Kinder vor dieser traurigen +Ausartung bewahrt bleiben? Aber auch zu weichliche Güte, von Eltern +oder Großeltern, ist die Quelle dieser Unart. Finden die Kinder nie +Widerstand bei ihren thörichten Forderungen; zeigt man ihnen durch +unzeitiges und unverständiges Nachgeben und Einwilligen eine gewisse +Schwäche, oder Furcht vor ihrem Trotz und Eigensinn, so machen sie +bald die traurigsten Fortschritte in dem Ungehorsam und in der +mürrischen Widerspenstigkeit. Eine ganze Reihe von Unarten sind im +Gefolge des Ungehorsams, besonders hartes und boshaftes Wesen gegen +Niedere, Dünkel, Zanksucht. Wird dann nicht die ganze Behandlung des +Kindes geändert, und auch wohl seine äussere Lage, so daß es unter +ganz andere Menschen, und in ganz neue Verhältnisse kommt, so ist das +Uebel unheilbar. Muß es in seinen häuslichen Verhältnissen bleiben, so +darf ihm wenigstens von Seiten des Erziehers nie nachgegeben werden; +vielmehr muß ihm dieser mit einem festen Ernst entgegentreten, und ihm +sogar, wenn es schon einige Verstandesbildung hat, förmlich ankündigen, +daß es von nun an nicht mehr seinen Willen haben werde, wobei er ihm +begreiflich zu machen sucht, wie heilsam und nothwendig dieß sey, und +es, so oft es gehorsam ist, mit besonderer Liebe behandelt, überhaupt +aber durchaus herzlich. Eigentliche Strafen treten nur bei offenbarer +und beharrlicher Widersetzlichkeit ein, wobei man ihm aber Zeit zur +Besinnung läßt. Alles werde angewandt, Gefühle der Reue, des Dankes, +des Vertrauens in solchen verwahrloseten Kinder-Herzen zu wecken; man +zeige dem Kinde Bedauern und Theilnahme; man gewähre ihm Vergnügen +und Erholung, so oft es sich besser zeigte -- man erleichtere ihm das +Gehorchen durch die Art des Gebietens, und durch Entfernung der Reizung +zum Ungehorsam -- man suche ihm ein ermunterndes Beispiel vor die Augen +zu bringen; man zeige ihm Vertrauen, und strafe es nie zürnend. Zeigt +es Gefühl, so komme man ihm mit religiösen Vorstellungen zu Hülfe; +faßt es kein Zutrauen, und zeigt es kein Gefühl, so lasse man sich +dadurch nicht zu Bitterkeiten und zu harten Behandlungen reizen, werfe +ihm nicht seine Gefühllosigkeit vor, mache es aber auf Beispiele der +Dankbarkeit und Theilnahme aufmerksam, und freue sich mit ihm, wenn ihm +etwas Angenehmes, klage mit ihm, wenn ihm etwas Unangenehmes begegnet. + +Eine Unart, welche einigermaßen mit dieser verwandt ist, besteht +darin, daß Kinder gewöhnlich gegen jeden, der nicht zu ihrer Familie +gehört, verschlossen und ängstlich, oder finster sind; eine Folge zu +weichlicher Erziehung, und einer falschen Zärtlichkeit, oder auch +der Unvorsichtigkeit, mit welcher man Kinder im zarten Alter mit der +Schlechtigkeit der Menschen bekannt macht, auch wohl die Wirkung des +den Kindern mit der ersten Nahrung eingeflößten Rangstolzes, und +der Thorheit, ihnen eine äussere Haltung und Würde beibringen zu +wollen. Sehen sie, daß sich ihren Eltern alles mit Unterwürfigkeit +nähert, und werden besonders die Dienstboten mit verachtendem Stolz +behandelt, so kann diese Unart nicht ausbleiben. Lieblosigkeit und +Willkühr, Uebermuth und prahlerisches Wesen sind die Folgen, auch +wohl Verstellungskunst, bei einigen Naturen Blödigkeit. Auch hier ist +Veränderung der Lage das beste Heilmittel. -- Die Religion muß zu Hülfe +kommen, und ein Erzieher, der sich ganz des Herzens zu bemächtigen weiß. + +Das schmeichlerische und hingebende Wesen mancher zart organisirten und +mit wohlwollenden Gefühlen reich ausgestatteten Kinder darf man, wenn +sie heranwachsen, nicht dulden, auch geht es leicht in Gleißnerei über; +es ist eine Wirkung jener thörichten Weichlichkeit in der Erziehung, +die alles durch Liebkosung und Belohnung erreichen, und nie strafen, +nie Ernst gebrauchen will. Bei Mädchen entsteht daraus ein Hang zur +Empfindelei, ein geziertes und pretiöses Wesen, und Abneigung gegen +alles, was Anstrengung und Festigkeit fordert. Daher gewöhne man die +also Verwöhnten an ernste Behandlung, doch ohne Kälte und ohne Spott. + +Kinder von einer besondern Liebenswürdigkeit, und glücklich und früh +sich entwickelnden Anlagen, neigen sich leicht zum Hochmuth und Dünkel +hin, weil man sie gewöhnlich vorzieht, viel aus ihnen macht, und sie +unvorsichtig lobt. Dieser Hochmuth zeigt sich im Widersprechen und in +der Rechthaberei, in der Trägheit beim Unterricht, in einem vorlauten +und unbescheidenen Wesen, und verleitet wohl zum Rollenspielen. Aus +solchen Kindern werden Egoisten, und die Welt hat nichts von ihnen zu +erwarten, wo nicht ihr Ehrgeiz Befriedigung findet. Bei Mädchen wird +Eitelkeit daraus, die sich selbst gefällt und Andern gefallen will; das +Natürliche geht ganz verloren; Albernheit, Putzsucht und Koketterie +regen sich, und alles wird nur nach der Aufmerksamkeit beurtheilt und +geschätzt, die es erregt. Der sinnliche Gegenstand des Bestrebens, +fader Zeitvertreib, Tändeln und Scheinen ist an der Tagesordnung. +Solche Kinder wollen zum Gefühl im Bewußtseyn ihres Unrechts gebracht +seyn, zuweilen durch Beschämung -- die aber sehr vorsichtig anzuwenden +ist -- am besten dadurch, daß man ihnen Fragen vorlegt, und Arbeiten +aufgibt, wobei sie ihre Schwäche erkennen und gestehen müssen -- und +endlich dadurch, daß man sie auf dem Felde des Wissens herumführt, +und ihnen zeigt, wie viel noch zu lernen und zu erringen ist, sie +aber auch zugleich mit der Menschenwürde bekannt macht, und ihnen +zuweilen Aufträge gibt, wobei sie, Theilnahme zu zeigen, Aufforderung +und Gelegenheit haben. Mißlich ist es, ihnen Bescheidene zum Muster +aufzustellen, weil dieß oft nur erbittert; besser, sie eine Zeitlang +nicht zu bemerken, und ihnen alle Gelegenheit abzuschneiden, sich +sehen zu lassen, ihnen dabei den Vorzug der Gesinnung vor dem Wissen +bemerklich zu machen. + +Der Eitlen Wunsch und Streben bleibe ganz unbefriedigt, weil dadurch +die Begierde nur verstärkt werden würde, sondern man gebe ihr, was +sie wünscht, Putz und schöne Kleider; aber in ihren schönen Kleidern +lasse man sie fühlen, wie nichtig dieser Vorzug ist, und daß er +keine Ansprüche auf Werthschätzung gibt, wohl aber leicht thöricht +und unsittlich macht. Man sage ihr, doch ohne Bitterkeit, wie viel +hübscher ihr der einfache Anzug stehe, damit sie nach und nach diese +Armseligkeiten würdigen lerne. Die Mutter, die Erzieherin, die +Gespielin oder Mitschülerin gehe ihr mit dem Beispiele der höchsten +Einfachheit und Anspruchlosigkeit voran. + +Alles kommt überhaupt bei der Erziehung und bei dem erziehenden +Umgange mit Kindern auf den Ton an, welcher im Hause herrscht; er ist +gleichsam das gedeihliche oder verderbliche Klima, in welchem diese +zarten Pflanzen sich entwickeln sollen. Das Beispiel der Eltern und der +Erzieher wirkt mit einer unwiderstehlichen Gewalt auf Kinderherzen, +und darum sollten Erzieher in dem Umgange mit Kindern höchst vorsichtig +zu Werke gehen. Sieht der Sohn seinen Vater täglich dem Vergnügen +nachgehen, und seine Berufsgeschäfte mit Verdruß und so schnell und so +flüchtig als möglich abmachen, so nachläßig als möglich betreiben; hört +er ihn leichtsinnig urtheilen, oder lieblos richten; läßt er sogar den +Sohn fast an jedem Vergnügen Theil nehmen, und ohne Umstände Schule und +Unterricht versäumen, wenn ein Vergnügen sich darbietet; gibt er ihm +selbst die Spielkarten in die Hände, und bringt er vor den Augen seiner +Kinder ganze lange Abende, bis in die Nacht hinein, am Spiel-Tische zu +-- er wird einen Müßiggänger, einen Spieler, oder einen Frohnknecht +in seinem Sohne der Welt erziehen, und das schreckliche Erbtheil des +bösen Beispiels wird ihn zu Grunde richten, oder ihm wenigstens alle +Menschenwürde rauben. + +Eben so unglücklich muß der Erfolg einer Erziehung seyn, die es nur +darauf anlegt, den Kindern das Gepräge der conventionellen Bildung +oder des Zeitgeistes zu geben, und ihnen alles das beizubringen und +anzubilden, was in dem gesellschaftlichen Umgange gilt, und gerade +jetzt an der Tagesordnung ist, oder für Bildung ausgegeben wird. +Zwar hat sich, seit dem Freiheitskriege, eine eigene Secte in der +Gesellschaft gebildet, welche der conventionellen Form, weil sie +größtentheils französischen Ursprungs ist, den Krieg angekündigt, +und die freieste Form, welche eigentlich gar keine ist, als die +rechte angenommen hat; aber glücklicher Weise scheint es nicht, daß +die Grundsätze dieser Secte sich weit verbreiten werden, da man die +Bemerkung gemacht hat, daß sie zu einer Derbheit und Unschlachtigkeit +führen, welche endlich allem geselligen Umgange, besonders dem mit dem +anderen Geschlechte, den Untergang bringen müßte. Für die Beförderung +~der~ Selbstverleugnung, Bescheidenheit und Gefälligkeit, welche +die Natur des gesellschaftlichen Umgangs fordert, sind unstreitig +die conventionellen Formen sehr ersprießlich, und eben darum nicht +aufzugeben. Aber es ist eine merkwürdige Erscheinung, und eine für +Erzieher sehr lehrreiche, daß Naturen von einer unüberwindlichen +Unempfänglichkeit für diese Formen unter beiden Geschlechtern +vorkommen, an welchen alle Anstrengungen der Erziehung für diesen +Theil der Bildung völlig scheitern. Man möchte hieraus schließen, +daß es auch für die gesellschaftliche Bildung eigenthümliche Anlagen +gebe, und daß sie daher eben so wenig, wie z. B. die musikalische, zur +allgemeinen menschlichen Ausbildung gezählt werden dürfe, wenigstens +nicht ohne gewisse Modificationen; daß sie am allerwenigsten das +Hauptziel aller Erziehung seyn dürfe, sondern daß diese vor allem das +Reinmenschliche in dem Kinde auszubilden, zu pflegen und zu entwickeln +habe; daß also die Erziehung keinesweges in eine bloße Abrichtung für +den gesellschaftlichen Umgang übergehen dürfe. Diese Wahrheit wird +jetzt zur Freude aller derer, welche keine Sclaven des Zeitgeistes +sind, allgemeiner anerkannt, und sie hat eine Ueberzeugung geweckt, +welche fast ganz in den höheren Ständen verschwunden war, daß die +religiöse Bildung der Schlußstein aller wahren Bildung sey, und daß +man die Veredlung unseres Geschlechts nicht bloß auf dem Wege der +Verstandesbildung, nicht durch das Erkenntnißvermögen allein bewirken +könne. Man erwartet nun nicht mehr alles Heil für die Menschheit von +der Verbreitung wissenschaftlicher Bildung, und überhaupt von dem +Wissen, sondern läßt der Gesinnung, als dem Höchsten im Menschen, +wieder den ihr gebührenden ersten Rang unter den Bildungsstufen der +Menschheit, wobei man aber seit einiger Zeit den Gefühlen einen zu +hohen Werth beilegt, und sie gar zu gern als Surrogat der Gesinnungen +und Grundsätze einschwärzen möchte, weil es so bequem ist, sich +dem Gefühl zu überlassen, und seinem Herzen die Anstrengungen und +Beschwerden des Handelns und der Selbstverleugnung zu ersparen. Daher +möchte es die heutige Erziehung vorzüglich auf eine recht sorgfältige +Bildung der Vernunft, und also auf feste Grundsätze anzulegen haben, +und ihre Zöglinge in einem gewissen Gleichgewicht zu halten suchen, +damit sie nicht lauter Gemüth werden, und in dem Uebermaß ihrer +Gemüthlichkeit sich der Mystik und der Frömmelei in die Arme werfen. + +Drei Klippen dürften die Erzieher besonders bei dem bildenden ~Umgange~ +mit ihren Zöglingen zu vermeiden haben, nämlich: 1) Daß sie es +nicht darauf anlegen, dem Zöglinge eine bestimmte Form anzubilden, +z. B. nicht die des Oberen, des Untergebenen, des Soldaten, des +Rechtsverständigen, des gläubigen Christen, des Rationalisten, sondern +darauf: Menschen zu bilden, also Vernunftwesen, welche die Kraft haben, +sich frei zu erhalten von dem Joch der Gewohnheit, des Zeitgeistes, +der Menschenfurcht und Menschengefälligkeit, und der Leidenschaft. +2) Daß sie nicht jedem Zöglinge ein bestimmtes Maß von Bildungsstoff +zutheilen, und zwar nur von einer einzigen Gattung, z. B. nur +wissenschaftlichen, oder nur Kunst-Stoff, oder nur moralischen, oder +nur philologischen; sondern den ganzen Stoff ihm darreichen, und zwar +ganz unverarbeitet, denn die Verarbeitung ist die Sache der Natur, und +ohne ihm unsere Form und Ansicht aufzudringen. 3) Daß sie es nicht bei +dem Lehren, und also bei dem Wortwesen bewenden lassen; sondern ihm +diesen Stoff mehr durch Handlungen und Total-Eindrücke, als durch Worte +geben, so daß also der Zögling mehr sucht und findet, als nimmt und +empfängt, und alles aus ihm selbst hervorgehe. + + + + + Ueber den + + Umgang mit Menschen. + + + Dritter Theil. + + + + + Einleitung. + + +Nach dem, was ich in der Einleitung zu dem zweiten Theile dieses Buchs, +über die darin beobachtete Ordnung der Gegenstände, gesagt habe, führt +mich mein Plan nun zur Entwickelung der Vorschriften für den Umgang mit +Personen von verschiedenen Ständen und Verhältnissen im bürgerlichen +Leben, da ich denn, wie billig, mit den Großen der Erde den Anfang +mache. + + + + + Erstes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen + und Reichen. + + + 1. + +Man würde ungerecht handeln, wenn man behaupten wollte, alle Fürsten, +alle sehr vornehme und alle sehr reiche Leute hätten die Fehler +mit einander gemein, durch welche viele von ihnen ungesellig, kalt +und unfähig zur wahren Freundschaft und zum Umgange werden. Allein +man versündigt sich wahrlich nicht, wenn man sagt, daß dieß bei +den mehrsten von ihnen der Fall ist. Sie werden in der Erziehung +verwahrloset, von Jugend auf durch Schmeichelei verderbt, durch +Andere und sich selbst verzärtelt. Da ihre Lage sie über Mangel und +Bedürfniß mancher Art hinaussetzt, da sie selten in Verlegenheit +oder Noth gerathen, so lernen sie nicht, wie nöthig ~ein~ Mensch +dem andern, und wie schwer es ist, das Ungemach des Lebens allein +zu tragen, -- wie süß, theilnehmende, mitleidende Seelen zu finden, +und wie wichtig, Andrer zu schonen, damit man einst zu ihnen seine +Zuflucht nehmen könne. Sie lernen sich selbst nicht kennen, weil man +sie, aus Furcht oder Hoffnung, die widrigen Eindrücke, welche ihre +Fehler und Gebrechen machen, nicht empfinden läßt. Sie sehen sich als +Wesen besserer Art an, von der Natur begünstigt, zu herrschen und zu +regieren; die niedern Klassen hingegen bestimmt, ihrem Egoismus, ihrer +Eitelkeit zu huldigen, ihre Launen zu ertragen, und ihren Phantasien +zu schmeicheln. Auf die Voraussetzung, daß die mehrsten Großen und +Reichen größtentheils diesem Bilde gleichen, muß man sein Betragen +im Umgange mit ihnen gründen. Um desto wohlthätiger zwar ist die +Empfindung, wenn man unter ihnen Einen antrifft, der mit einem gewissen +edeln Stolze, mit mehr Feinheit, Großmuth und besserer Ausbildung, alle +Privat-Tugenden verbindet. -- Und, es gibt Deren, selbst unter Fürsten; +-- aber sie sind Seltenheiten, und nicht immer macht der allgemeine Ruf +sie uns bekannt. Auf diesen und auf die Posaunen der Zeitungsschreiber +und Journalisten darf man kein Urtheil gründen. Ich habe oft mit +inniger Betrübniß gesehen, wie der allgemein bewunderte, als Wohlthäter +des Menschengeschlechts und Beförderer alles Edeln, Großen und Schönen +gepriesene Erdengott und Liebling des Volks, in der Nähe so klein, so +erbärmlich war. ~Die besten Fürsten sind nicht selten die, von welchen +am wenigsten geredet wird, sowohl im Guten, als im Bösen.~ + + + 2. + +Der Umgang mit Großen und Reichen muß aber sehr verschieden abgestuft +seyn, je nachdem man ihrer bedarf, oder nicht; von ihnen abhängig, +oder frei ist. Im ersten Falle darf man wohl nicht immer so gänzlich +seinem Herzen folgen, muß zu Manchem schweigen, sich Manches gefallen +lassen, darf nicht so freimüthig und kühn die Wahrheit sagen, obgleich +ein fester, redlicher Mann die Geschmeidigkeit nie bis zu niedriger +Schmeichelei treiben wird. Indessen verändern kleine Umstände, so +wie die feinen Unterschiede der Charaktere das Verhältniß; daher ich +alle Regeln für den Umgang mit den Großen zusammenfassen, und den +Lesern überlassen werde, zu ordnen und auszuwählen, was in jeder Lage +anwendbar ist. + + + 3. + +Ein allgemeiner Satz für alle Fälle ist der: Dringe Dich den Vornehmen +und Reichen nicht auf, wenn Du nicht von ihnen verachtet werden willst! +Ueberlaufe sie nicht mit Bitten für Dich und Andre, wenn sie Deiner +nicht überdrüssig werden, wenn sie Dich nicht fliehen sollen! Laß Dich +vielmehr von ihnen aufsuchen! Mache Dich rar; doch dies alles, ohne daß +Deine Absicht merklich, ohne daß Dein Betragen gezwungen scheine! + + + 4. + +Suche nicht, Dir das Ansehen zu geben, als gehörtest Du zu der +Klasse der Vornehmern, oder lebtest wenigstens mit ihnen in engster +Vertraulichkeit! Rühme Dich nicht ihrer Freundschaft, ihres +Briefwechsels, ihres Zutrauens, noch Deines Uebergewichts über sie! +Wenn eine solche Verbindung Dir ein Glück zu seyn scheint, so erfreue +Dich in der Stille dieses unbequemen Glücks! Es gibt Menschen, die +durchaus dafür angesehen seyn wollen, eine größere Figur in der Welt +zu spielen, und in höherem Ansehen zu stehen, als ihnen wirklich zu +Theil geworden ist. Sie führen, auf Kosten ihres Geldbeutels, den +Luxus der Vornehmen und Reichen in ihre Häuser, oder drängen sich in +deren Cirkel ein, wo sie eine elende Figur spielen, nur hinterher +laufen müssen, und keinen frohen Genuß haben, indeß sie lehrreichern +und genußvolleren Umgang gänzlich vernachlässigen, und treue Freunde +und weise Menschen von sich entfernen. Die geizigsten Leute sparen +zuweilen keine Kosten, wenn sie Gelegenheit finden können, Zutritt in +großen Häusern zu erlangen, und hungern gern Monate hindurch, um einmal +einen Großen bei sich zu bewirthen, der dieses Opfer gar nicht gewahr +wird, oder es doch nicht zu schätzen weiß, vielleicht Langeweile bei +ihnen hat, alles sehr bürgerlich findet, und nach vierzehn Tagen wohl +gar den Namen des thörichten Wirthes vergessen hat. Andre lassen es +sich wenigstens angelegen seyn, die nichtsbedeutenden und verderbten +Sitten der Großen sclavisch nachzuahmen, ihre hochmüthige Herablassung, +ihren geschäftigen Müßiggang, ihre Zerstreuung, ihr Wichtigthun, ihre +leeren Vertröstungen, ihre seelenlosen Gespräche, ihre Zweizüngigkeit, +Windbeutelei, Gefühllosigkeit, Nachahmung der Ausländer, die Verachtung +ihrer Muttersprache, ihre fehlerhafte Schreibart, ja sogar ihre +lächerlichen Gebehrden, Gewohnheiten und Gebrechen, ihr Stammeln, +Lispeln, Achselzucken, ihre Grobheit gegen Niedere, ihre affektirte +Kränklichkeit, ihr Podagra, ihre schlechte Hauswirthschaft, ihre +kindischen Launen, und mehr dergleichen herrliche Vorzüge treulich +anzunehmen und sich einzuverleiben. Ihnen ist der beste Beweis für +die Güte einer Sache ~der~, daß doch jedermann von Stande so und nicht +anders handle und urtheile; -- als ob das in der That eine Narrheit +heiligen könnte! -- Handle selbstständig! Verleugne nicht Deine +Grundsätze, Deinen Stand, Deine Geburt, Deine Erziehung: so werden Hohe +und Niedre Dir ihre Achtung nicht versagen können! + + + 5. + +Man traue nicht zu sehr den freundlichen Gesichtern der meisten +Großen; glaube sich nicht auf dem Gipfel der Glückseligkeit, wenn +der gnädige Herr uns anlächelt, die Hand schüttelt, oder uns umarmt! +Vielleicht bedarf er unserer in diesem Augenblicke, und behandelt +uns mit Verachtung, wenigstens mit Kälte, sobald dieser Augenblick +vorüber ist. Vielleicht fühlt er gar nichts bei seiner Freundlichkeit; +wechselt Mienen, wie Andre Kleider wechseln; ist gerade in der +Verdauungs-Stunde zu unthätigem Wohlwollen gestimmt, oder will einen +andern seiner Sclaven dadurch demüthigen. Man bleibe mit dieser Gattung +Menschen immer in seinen Schranken, mache sich nicht gemein mit ihnen, +und vernachlässige nie die äussere unterscheidende Höflichkeit und +Ehrerbietung, die man ihrem Stande schuldig ist, sollten sie sich auch +noch so sehr herablassen! Früh oder spät fällt es ihnen doch ein, ihr +Haupt wieder empor zu heben, oder sie verabsäumen uns, wenn ein andrer +Schmeichler sie an sich zieht; und dann setzt man sich unangenehmen +Demüthigungen aus, die man mit weiser Vorsicht vermeiden kann. + + + 6. + +Ueberschreite nicht bei Deiner Gefälligkeit gegen die Großen der Erde, +in deren Händen Dein bürgerliches Glück ist, -- die Grenzen der wahren +Ehre! Es ist eine große Versuchung für einen armen oder ehrbegierigen +jungen Menschen, der in dem Dienst eines schwachen Fürsten sich +emporschwingen will, ob er nicht dessen ränkevollem Minister, dem +regierenden Kammerdiener, oder einer tyrannischen Buhlerin huldigen +soll; aber selten nimmt das ein gutes Ende. Solche Lieblinge stürzen +sich früh oder spät selbst, und reissen dann ihre Kreaturen mit in +ihr Verderben; und wäre auch dieß nicht, so werden doch die größten +Vortheile, die man dadurch erlangen könnte, zu theuer erkauft, wenn +man dafür die Achtung weiser und rechtschaffener Männer aufopfern muß; +und das ist gewiß immer der Fall. -- Der gerade Weg hingegen führt +unfehlbar, wo nicht zu einem glänzenden, doch zu einem dauerhaften +Glücke. + + + 7. + +Auch lasse man sich von den Erden-Göttern nicht nur zu keinen +unedeln Geschäften mißbrauchen, sondern sey auch vorsichtig in allen +Diensten, welche man ihnen erweiset. Sie machen leicht aus jeder +Gefälligkeit eine Pflicht, und halten es nachher für Verabsäumung +unsrer Schuldigkeit, wenn wir zu einer andern Zeit uns nicht gerade +aufgelegt zeigen, uns eben so, wie sonst, preiszugeben. Wenigstens +vergessen sie leicht, was man für sie gethan hat. Es bat mich einmal +der *** von ***, der sonst in der That viel gute Eigenschaften hatte, +ihm ein Paar Aufsätze in französischer und deutscher Sprache zu +verfassen, die er bei einer gewissen Gelegenheit öffentlich vorlesen +wollte, um die Gemüther zu lenken. »Es fehlt mir an ~Zeit~, mein +Lieber!« sagte er, »sonst würde ich Sie nicht bemühen; doch, Sie sind +auch in ~dergleichen~ Arbeiten geübter, als ich.« Ich wendete einige +Stunden Fleiß und Anstrengung daran, und als ich ihm das Ganze brachte, +drückte er mich an seine Brust, dankte mir unter vier Augen, in den +zärtlichsten, herablassendsten Ausdrücken dafür, und schwur sehr +übertrieben: meine Arbeit sey ein Meisterstück von Beredsamkeit. Kurz! +er gebehrdete sich, als wenn ich ihm den wichtigsten Dienst geleistet +hätte, bat mich aber, die Sache zu verschweigen, welches ich auch that. +Nach ein Paar Jahren kam ich des Morgens in *** zu ihm. Er erzählte +mir allerlei zu seinem eigenen Lobe. -- Ich hörte demüthig zu. -- »Und +das alles,« fuhr er fort, »habe ich durch ein Paar Memoires bewirkt, +die mir, ohne mich zu rühmen, nicht übel gerathen sind. Sie sollen sie +selbst lesen. Nehmen Sie sie mit sich nach Hause!« Er überreichte mir +darauf meine eigene Geistes-Waare, nur von seiner Hand geschrieben; +ich steckte sie ein, legte aber zu Hause meine Concepte dazu, und +schickte ihm dann die Papiere zurück. Er wurde ein wenig beschämt, und +wir scherzten nachher darüber; -- allein so sind auch die Besten unter +ihnen! + +Vor allen Dingen hüte man sich, von Vornehmen und Mächtigen in +gefährliche Händel gezogen zu werden! Sehr gern pflegen sie das zu +thun, und schieben dann entweder die Schuld auf den, der sich zu ihrem +Werkzeuge gebrauchen ließ, wenn die Unternehmung nicht gelingt, oder +lassen ihn gar darin stecken, und alles Ungemach allein erdulden, +wenn die Sache schief geht. Auch von letzterer Art habe ich in den +Jahren meiner Jugend Erfahrungen gemacht. Kurz! man lasse sich ihre +Geheimnisse nicht mittheilen! Sie schonen des Mannes, der um ihre +Heimlichkeiten weiß, nur so lange, als sie seiner unumgänglich +bedürfen; aber sie fürchten ihn, und suchen sich von ihm loszumachen, +sobald sie können, möchte man ihnen auch noch so deutlich zeigen, daß +man unfähig ist, dies Uebergewicht und ihr Zutrauen zu mißbrauchen! + + + 8. + +Ueberhaupt darf man auf die Dankbarkeit der meisten Vornehmen und +Reichen, so wie auf ihre Versprechungen nicht bauen. Opfere ihnen also +nichts auf! Sie fühlen den Werth davon nicht, glauben, alle andre +Menschen seyen ihnen einen solchen Tribut schuldig für den Schutz, +für die gnädigen Blicke, ja sogar für eine ungestörte Existenz; oder +man wolle dadurch kleine Vortheile erringen. Schenke ihnen also auch +nichts! Das hieße einen Tropfen köstlichen Balsams in einen Eimer +trüben Wassers fallen lassen. Ich besaß ein altes kostbares Gemälde; +ein geschickter Maler schätzte den Werth desselben auf hundert +Pistolen. Die Hälfte dieser Summe, die ich leicht dafür bekommen haben +würde, wäre bei meinen damaligen häuslichen Umständen mir äusserst +nützlich gewesen; meine Gutmüthigkeit aber, oder vielmehr meine +Thorheit, verleitete mich, das Gemälde dem Durchlauchtigsten *** von +*** zu schenken, welcher es auch annahm. Ich dachte dadurch nichts +zu erschleichen; aber theils wollte ich diesem Fürsten hiermit meine +Zuneigung bezeugen, theils hoffte ich, da ich im Begriff stand, ihn +an ein gegebenes Wort zu erinnern, er werde nun um so bereitwilliger +sein Versprechen erfüllen; allein ich betrog mich. Er umarmte mich, +als ich zu ihm kam, und zeigte mir den Ehrenplatz, welchen er meinem +Geschenke angewiesen: doch sein Versprechen erfüllte er nicht; und als +ich mich nach Jahresfrist eines Abends zugleich mit einem Gesandten, +dem er seine Kunstschätze zeigte, in seinem Cabinette befand, sagte er +diesem Fremden in meiner Gegenwart, indem er von meinem theuren Gemälde +redete: »Es ist wahrlich ein schönes Stück, und ich bin ~ziemlich +wohlfeil~ dazu gekommen.« -- Er hatte also vergessen, oder wollte es +nicht gestehen, daß ich es war, der ihm diesen ~sehr wohlfeilen~ Preis +gemacht hatte; -- und ich beseufzte die verschwundene Hoffnung und die +verlorne Summe, von welcher ich mit den Meinigen eine Zeitlang hätte +leben können. + +Eben so wenig rathe ich, den Großen Geld zu leihen, oder von ihnen +zu borgen. Im erstern Falle sehen sie nicht nur ihre Gläubiger als +Wucherer und als solche an, die sich eine Ehre daraus machen müssen, +den gnädigen Herren mit ihrem Vermögen aufzuwarten, sondern auch, +wenn sie saumselig in Wiederbezahlung der Schuld sind, was bei ihrer +unordentlichen Lebensweise in der Regel der Fall ist; so hat man +unerhörte Weitläuftigkeiten, hat zuweilen Mühe, Gerechtigkeit gegen sie +zu erlangen, und macht sich wohl noch obenein eine mächtige Parthei zu +Feinden. Im andern Falle aber, nämlich wenn man von ihnen borgt, wagt +man tausendfältig ihr Sclave zu werden. + + + 9. + +Trage nichts dazu bei, sie und ihre Kinder noch mehr zu verderben, +sie moralisch zu verschlimmern! Schmeichle ihnen nicht! Nähre +nicht ihren Stolz, ihre Ueppigkeit, ihre Eitelkeit, ihren Hang zu +nichtigen und wollüstigen Freuden! Bestärke die Großen nicht in den +Grundsätzen von angebornen Vorzügen, von Herrschers-Rechten, von +Gesalbtheit und dergleichen Grillen! Heuchle nicht! Verleugne nicht +die Wahrheit, selbst die bittre Wahrheit nicht, um ihre Gunst zu +erlangen! Sey freimüthig, aber ohne die Höflichkeit zu verletzen, +und ohne Dich selbst zu Grunde zu richten! Nimm Dich der verkannten +Unschuld, des verläumdeten Edeln, des durch Hof-Ränke verschwärzten +Ehrenmanns an; doch mit kluger Vorsicht, ohne seine Feinde dadurch +noch mehr zu erbittern, und mit bedächtiger Rücksicht auf Deine Lage +und Verhältnisse! Befördere, unterstütze, wo Klugheit es gestattet, +die Wünsche, den guten Ruf und die billigen Gesuche Derer, die zu +schüchtern, zu arm, zu bescheiden, oder zu sehr niedergedrückt, die +verkannt, oder von zu geringem Stande sind, um sich den Palästen zu +nähern! Man sollte es kaum glauben, welchen Einfluß die Reden eines +verständigen, allgemein geschätzten Mannes auf diese Menschen haben +können, sowohl im Guten, als Bösen; wie gern sie alles zum Vortheile +ihres Dünkels auslegen, und wie viel man auf sie wirken kann, wenn auch +diese Wirkungen nicht sichtbar werden. + + + 10. + +Man hüte sich, mit ihnen von Planen und Entwürfen zu reden, von deren +Ausführbarkeit man überzeugt ist, die aber mit Schonung und Vorsicht +ausgeführt seyn wollen, damit sie nicht auf den Einfall kommen, bloß +durch ihre Macht etwas erreichen zu wollen, was nur durch Einsicht und +Behutsamkeit erreicht werden kann; denn sie wissen immer die Schuld von +sich auf Andre zu wälzen, wenn der Erfolg nicht der Erwartung gemäß +ist! Ich erinnere mich (um nur ein ganz kleines Beispiel zu geben), +daß einst ein gewisser Prinz mit mir von einem platten Dache redete, +das er auf sein Gartenhaus hatte legen, aber wieder abnehmen lassen, +weil es zu schwer befunden ward. Mir fiel gerade ein, daß ich von +einem französischen Ingenieur-Officier gehört hatte: man könne ein +wohlfeiles, leichtes und dauerhaftes, plattes, italienisches Dach aus +einer Menge Lagen von blauem Zucker-Papiere, zwischendurch und obenauf +mit Schiff-Theer beschmiert und mit Kies bestreuet, verfertigen. Dieß +erzählte ich dem Prinzen beiläufig, ohne jedoch für die Güte der Sache +einzustehen. Lange nachher erfuhr ich, daß er den Versuch -- wer weiß, +wie? -- gemacht hätte, daß dieser mißlungen war, und daß er nicht +undeutlich zu verstehen gegeben hätte, ich sey ein Mann, auf dessen +Angaben man sich nicht einlassen dürfe. + +Ueberhaupt kann man kaum vorsichtig genug in seinen Reden mit den +Großen der Erde seyn. Man enthalte sich daher in ihrer Gegenwart aller +nachtheiligen Urtheile über andre Leute, aller Ausstellungen! Sie +pflegen dergleichen zwar gern zu hören, aber die Folgen sind oft sehr +unglücklich. Zuerst setzt man dadurch sich und Andre in ihren Augen +herab; denn sie lachen zwar mit, hassen aber doch den Lästerer und +Ausspäher fremder Fehler, bei dem heimlichen Bewußtseyn ihrer eigenen +vielfachen Gebrechen; und da sie ohnehin Geringere verachten, so +wächst diese Verachtung durch Aufdeckung fremder Schwachheiten. Sodann +mißbrauchen sie wohl gelegentlich unsern Namen, verdächtigen uns, indem +sie unsern Einfall nacherzählen, hetzen uns mit Andern zusammen. Auch +kann man ja nicht immer wissen, ob nicht das zeitliche Glück solcher +Menschen, von welchen man nachtheilig urtheilt, in ihren Händen ist; +und hinterher erschrickt man, wenn man erfährt, wie oft ein einziges, +in keiner bösen Absicht hingeworfenes Wort feste Wurzel faßt, und +nach langer Zeit noch die schädlichsten, unglücklichsten Folgen haben +kann. Das Gute gleitet an ihren untheilnehmenden Herzen ab; das Böse +hingegen setzt sich fest, und wird so leicht nicht ausgelöscht. Am +allervorsichtigsten aber soll man in seinen Gesprächen mit Vornehmen +über andre Personen von höherem Stande seyn. Obgleich die Erdengötter +sich unter einander selten lieben, sondern mehrentheils durch allerlei +Leidenschaften getrennt sind; so hören sie doch nicht gern, daß man +die privilegirten Lieblinge des Himmels in ihrer Gegenwart ohne +Ehrerbietung nennt. Uebrigens wollen die Vornehmen und Reichen angenehm +unterhalten, und in fröhliche Laune gesetzt seyn. Thue dieß auf +unschuldige Weise, wenn Dir an ihrer Gunst gelegen ist; aber erniedrige +Dich nicht zu ihrem besoldeten Spaßmacher, der Schwänke liefern muß, so +oft sie winken, und von dem sie kein vernünftiges Wort hören mögen. + + + 11. + +In den Herzen der mehresten Großen wohnt Mißtrauen. Es herrscht bei +ihnen der Gedanke: alle übrigen Menschen hätten einen Bund gegen +sie gemacht. Deswegen sehen sie es ungern, wenn unter denen, welche +ihnen unterworfen sind, enge Freundschaften entstehen. Wer sich um +Fürstengunst und große Verbindungen nicht zu bewerben braucht, der kann +sich hierüber gänzlich hinwegsetzen, kann Verbindungen nach seinem +Herzen schließen; und überhaupt wird kein redlicher Mann, aus niedriger +Gefälligkeit gegen irgend einen Beschützer und Gönner, einen wahren +Freund vernachlässigen, noch einen würdigen Mann, der ihm die Hand +reicht, von sich stoßen. Wer aber an Höfen sein Glück machen will, +der thut doch wohl, wenn er vorsichtig in der Wahl seines Umgangs, +seiner Vertrauten und der Gesellschaften ist, welche er am häufigsten +besucht. Es herrschen da immer Partheien und Kabalen, in welche ein +wohlwollendes, theilnehmendes Herz gar zu leicht hineingezogen wird. +Und wenn nun eine dieser Partheien über die andere siegt, so muß oft +der Unschuldigste, in so fern er nur irgend Mitwisser bei dem, was +vorgefallen, gewesen ist, die Zeche bezahlen helfen. + + + 12. + +Rede nie mit den Großen der Erde ohne Noth von Deinen häuslichen +Umständen, von Dingen, die nur persönlich Dich und Deine Familie +angehen! Klage ihnen nicht Dein Ungemach! Vertraue ihnen nicht den +Kummer Deines Herzens! Sie fühlen ja doch kein warmes Interesse dabei, +haben keinen Sinn für freundschaftliche Theilnahme; es macht ihnen +Langeweile; Deine Geheimnisse sind ihnen nicht wichtig genug, um sie +treu zu bewahren. Immer meinen sie, man wolle bei ihnen betteln, -- +und sie verachten den Mann, der nicht glücklich, nicht frei ist. Von +Jugend auf glauben sie, jedermann mache Plane auf ihren Geldbeutel, auf +ihre Wohlthaten. Ueberhaupt sehen uns die Großen von dem Augenblicke, +da wir etwas zu suchen, Andrer zu bedürfen scheinen, mit ganz andern +Augen an, als vorher. Man läßt uns Gerechtigkeit widerfahren, ja, +man zeigt sich bezaubert von unsern angenehmen Talenten, von unsern +Kenntnissen, von unsrer Herzensgüte, von den glänzenden Vorzügen unsers +Geistes, so lange wir mit allen diesen schönen Eigenschaften nichts als +höfliche Behandlung und Gefälligkeit verdienen wollen, so lange wir +als Fremde, als unabhängige Menschen, niemand im Wege stehen, niemand +verdunkeln; aber viel genauer, strenger und schonungsloser fängt man +an, uns zu richten, wenn wir unsre Vorzüge im Staate geltend machen +und die erlaubten Vortheile damit erringen wollen, worein sich so gern +die vornehmen Dummköpfe und deren Kreaturen theilen. Am besten wird +man von den Vornehmen und Reichen behandelt, wenn sie erkennen, daß +man ihrer gar nicht bedarf, und wenn man ihnen dieß zeigt, ohne sich +dessen laut zu rühmen; wenn ihnen im Gegentheil unsre Hülfe, unsre +Einsicht unentbehrlich ist; wenn wir dabei nie die Bescheidenheit und +äussere Huldigung aus den Augen setzen; wenn unser Scharfsinn, unsre +größere Weisheit, unsre Festigkeit und Geradheit, ihnen Ehrerbietung +einflößen, ohne daß sie uns eigentlich fürchten; wenn wir uns bitten, +uns aufsuchen lassen, nicht aber unsern Beistand aufdringen -- Einen +solchen Mann schonen sie sorgfältig. -- + + + 13. + +Hüte Dich aber, einen Großen, der Ansprüche auf Verstand, Witz, hohe +Tugenden, Gelehrsamkeit oder Kunstgefühl macht, deutlich, oder gar +in Gegenwart Andrer merken zu lassen, daß Du Dir bewußt bist, ihn zu +übertreffen oder zu übersehen. In der Stille darf er das wohl fühlen, +aber er muß es nur ~allein~ zu fühlen glauben. Vor allen Dingen ist +diese Vorsicht nöthig gegen Vorgesetzte, die ungeschickter in ihrem +Fache sind, als Du. Gern mögen sie Dir Deine bessern Einsichten, +gleichsam als prüften sie Dich, abfragen, sich zu eigen machen, Dir +nach Gelegenheit Deine eigne Waare wieder verkaufen; doch wehe Dir, +wenn Du das rügst, wenn Du nur einmal thust, als merktest Du es; +oder gar, wenn Du den Ton der Belehrung gegen sie annimmst! -- Wie +werden sie Dir das Leben sauer machen! Wie viel werden sie von Dir +fordern, das sie selbst nie zu leisten im Stande seyn würden, damit sie +Gelegenheit haben, Dich eines Fehlers zu überführen und herabzusetzen. + + + 14. + +Es gibt aber geringe, unschuldige Gefälligkeiten gegen die Großen +der Erde, die man ihnen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen, +erweisen, und unwichtige Forderungen von ihrer Seite, die man ohne +niedrige Schmeichelei erfüllen kann. Diese verzogenen Schooßkinder +des Glücks sind nämlich von Jugend auf daran gewöhnt, daß man sich in +Kleinigkeiten nach ihren Launen fügt, ihren Geschmack zur Richtschnur +annimmt, ihre Liebhabereien artig findet, und alles vermeidet, was +ihnen aus Vorurtheil oder kindischem Eigensinne zuwider ist. Auch die +Besten unter ihnen sind von solchen Grillen und Einbildungen nicht +ganz frei, und wenn man nun auf einen sonst redlichen, edeln Großen +dadurch zum Guten wirken kann, daß man sich hierzu bequemt, oder wenn +unser und unsrer Familie zeitliches Glück in seinen Händen ist: -- +wer sollte da nicht nachgebend seyn, und sich ein wenig nach seinen +Eigenheiten und seiner Schwachheit richten? So reden z. B. manche +Fürstenkinder sehr geschwind und undeutlich, und sehen es nicht gern, +wenn man noch einmal frägt, sondern wollen gleich verstanden seyn. +Freilich wäre es besser, wenn man ihnen diese Unart in der Kindheit +abgewöhnt hätte: aber es ist nun einmal nicht geschehen. Oder sie +lieben Pferde, Hunde, bunte Soldätchen, Schauspiele, Pfeifenköpfe, +Bilder, Geiger, Fidler; componiren auch wohl selbst; bauen, pflanzen, +errichten Academien, Museen u. dgl. -- Wie unschuldig ist es nicht da, +zuweilen mit einzustimmen, und einige Kennerschaft zu zeigen? Nur muß +man sie in ihren Lieblingsfächern nicht übersehen, nicht übertreffen +wollen, welches leicht zu geschehen pflegt, da sie oft von den Dingen, +womit sie sich am meisten beschäftigen, am wenigsten verstehen -- wie +sich denn über den vorsichtigen Umgang mit vornehmen Componisten +und unwissenden Mäcenaten ein weitläuftiges Kapitel schreiben ließe. +-- Auch was gewisse Kleider-Trachten, Manieren, den Ton der Stimme, +was Styl, Handschrift und mehr solche Dinge betrifft, darüber haben +sie zuweilen gewisse eigne Meinungen, die man schonen muß, wenn man +sich ihnen nicht unangenehm machen will. Uebrigens versteht sich's, +daß diese Gefälligkeit aufhören soll, sobald dieselbe schädlichen +Einfluß auf den Charakter haben kann: wenn sie dadurch im Egoismus +bestärkt, von ernsthaften Beschäftigungen abgezogen, unbillig gegen +Andre, ungerecht gegen wirkliche Verdienste werden, oder wenn ihre +Liebhabereien von solcher Art sind, daß dadurch ihr Herz verwildert, +verhärtet, grausam wird. + +Zu den ~mehrentheils~ schädlichen Liebhabereien großer, besonders +~regierender~ Herren, gehört auch die Lust zu reisen. Ungern möchte +ich einen Fürsten darin bestärken. Sie rennen da gewöhnlich in fremden +Himmelsgegenden herum, bevor sie ihr eigenes Land kennen, in welchem +tausend Gegenstände, mehr als die Carnavals von Venedig und die +Pferderennen in England, ihrer Aufmerksamkeit werth sind; kaufen für +den sauren Erwerb ihrer Unterthanen ausländische Possen, Krankheiten +des Leibes und der Seele, und bringen nicht selten große Forderungen, +Hang zu Verschwendung, Wollust und Ueppigkeit, böse Laune, Müßiggang, +Avanturiers u. dergl. in ihre arme Residenz zurück. + + + 15. + +Fürsten, Vornehme und Reiche pflegen zuweilen sich so weit zu Leuten +von geringerm Stande herabzulassen, daß sie dieselben um Rath fragen, +oder sie um Beurtheilung ihrer Spielwerke, ihrer Schriften, Anlagen, +Plane, Meinungen u. dergl. bitten. Hier ist die größte Behutsamkeit zu +empfehlen, und daß man sich erinnere, wie übel das Rathgeben und Warnen +dem armen Gil Blas von Santillana in dem Hause des Cardinals bekam, +obgleich dieser ihn so dringend aufgefordert hatte, ihm zu erzählen, +was die Leute von seinen Predigten redeten. So wie fast alle übrige +Menschen, so legen besonders die Großen der Erde uns mehrentheils nur +darum solche Dinge zur Beurtheilung vor, damit wir sie loben sollen, +und fragen nicht eher um Rath, als wenn sie schon beschlossen haben, +was sie thun wollen. + + + 16. + +Wenn die Befolgung dieser Klugheits- und Vorsichtsregeln schon wichtig +ist im Umgange mit solchen Personen, die zwar nicht frei von den +Fehlern einer vornehmen Erziehung, aber doch gut geartet, wohlwollend +und verständig sind; so ist sie doppelt wichtig, wenn man es mit +vornehmen Pinseln, mit Menschen zu thun hat, die zugleich hochmüthig, +unwissend, dumm, ohne Grundsätze und Gefühl, kalt und rachsüchtig sind, +-- und ich bedaure jede Christen-Seele, die von dergleichen kleinen und +großen Tyrannen abhängen muß. + + + 17. + +Wenn Du das glänzende Unglück hast, der Liebling eines schwachen +Erden-Götzen zu seyn: so bereite Dich nicht nur selber dazu vor, daß +diese Freude nicht lange dauern, daß ein Schmeichler Dich aus Deinem +Posten verdrängen wird; sondern zeige auch sowohl Deinem Sultane, +daß Du nicht gänzlich von seinen Blicken lebst, als auch dem Volke, +wie wenig Du Dir auf diesen nichtigen Vorzug zu gute thust; wie +unwesentlich zu Deiner Glückseligkeit ein solcher unbedeutender, +zufälliger Glanz ist! Wenn Du dann in tiefe Ungnade fällst, so fliehen +doch wenigstens die Bessern nicht vor Dir, wie vor einem vernichteten, +verweseten Menschen: und der undankbare Despot fühlt, daß es noch +Leute gibt, die seiner entbehren können. Baue überhaupt nicht auf die +Freundschaft, Festigkeit und Anhänglichkeit der Großen! Sie achten +Dich, so lange sie Deiner bedürfen; sie sind wankelmüthig, und mehr +geneigt, das Böse, als das Gute zu glauben, und der Letzte hat bei +ihnen immer Recht. + +Nütze aber die Zeit ihrer Gunst, um sie zur Gerechtigkeit, Treue, +Wahrheit und Menschenliebe zu ermuntern! Stimme ihnen bei, wenn sie +je vergessen wollen: ~daß sie, was sie sind, und was sie haben, nur +durch Uebereinkunft und Zustimmung des Volks sind und haben; daß man +ihnen diese Vorrechte wieder nehmen könne, wenn sie Mißbrauch davon +machen; daß unsre Güter und unsre Existenz nicht ihr Eigenthum, sondern +daß alles, was sie besitzen, unser Eigenthum ist, weil wir dafür alle +ihre und der Ihrigen Bedürfnisse befriedigen, und ihnen noch obenein +Rang, Ehre und Sicherheit geben, und Geiger und Pfeifer bezahlen; +endlich daß in diesen Zeiten der Aufklärung und richtiger Begriffe +von Menschenrechten und Volksrechten bald kein Mensch mehr daran +glauben wird, daß ein Einziger, vielleicht der Schwächste der ganzen +Nation, ein angeerbtes Recht haben könnte, hundert tausend weisern und +bessern Menschen das Fell über die Ohren zu ziehen; daß sie aber ohne +Trabanten und Wachen ruhig schlafen können, wenn das dankbare Volk, +dessen treue Diener sie sind, sie liebt, und für das Wohl der Edeln +Segen vom Himmel erfleht.~. -- Es versteht sich, daß diese Wahrheiten +einiger Einkleidung bedürfen, wenn sie den verwöhnten Ohren der Großen +harmonisch klingen sollen. + +Willst Du Dich in Gunst erhalten: so mache, daß nie der eitle Große +merke, daß Du Dich Deiner Gewalt über ihn freuest, noch daß Du gern +Deine Meinung gegen die seinige durchsetzen wollest! Zeige ihm, daß +wirklich Achtung und Liebe zu seiner Person und das Verlangen, nützlich +zu seyn, Deine Schritte leiten, nicht aber Eigennutz und kindische +Eitelkeit! Aber sey auch nicht so närrisch, billige Vortheile, oder +wohlerworbene Belohnungen Deiner Dienste zurückzuweisen, Dein Vermögen +aufzuopfern, und nachher vielleicht, wenn man Deiner müde ist, Dich mit +einem weißen Stabe fortschicken zu lassen! + +Ueber alle Geschäfte, die Dir von Fürsten aufgetragen werden, führe +so genaue pünktliche Rechnung und Controlle, daß Du zu jeder Zeit die +Rechtmäßigkeit Deiner Schritte gegen Verläumder und Ankläger beweisen +könnest! + +Ungebeten übernimm kein Geschäft, das nicht zu Deinem Amte gehört! + +Vermeide es, ihnen durch trocknen, langweiligen Vortrag die Geschäfte +noch unangenehmer zu machen, als sie ihnen schon gewöhnlich sind! + +Bist Du des Fürsten Günstling: so fehlt Dir's nicht an Neidern und +Ausspähern; sey daher dann doppelt vorsichtig in Deinem sittlichen +Betragen! + +Es gibt immer an Höfen Leute, denen daran gelegen ist, genau zu wissen, +wie groß Dein Einfluß auf den Kopf und das Herz des Fürsten ist. Um +diese nie in Deine Karte blicken zu lassen, und damit sie nicht wissen +mögen, von welcher Seite etwa der Herr gegen dich gewonnen werden +könnte: so vermeide alle Gelegenheit, in Andrer Gegenwart mit ihm von +Geschäften, oder sonst von Gegenständen, über welche Du vielleicht mit +ihm nicht gleicher Meinung bist, zu reden! + +Sey vorsichtig, höchst vorsichtig, in bestimmter Anempfehlung andrer +Leute, zum Dienste des Fürsten! + +Baue nie auf die Anhänglichkeit Deiner sogenannten Kreaturen, d. h. +solcher Menschen, die Dir ihr Glück zu verdanken haben! + +Versprich nicht Dein Fürwort, wenn Du des Erfolges nicht gewiß bist! + +Begünstige die Gesuche der Kreaturen Deiner präsumtiven Feinde in +billigen Dingen! + + + 18. + +Wenn Dein Beschützer, wenn ein Großer, dem Du in der Zeit seines +äussern Glücks, aus Noth, Höflichkeit, Politik oder gutem Willen, +gehuldigt hast, von seiner Höhe herabstürzt; wenn er Stand, Vermögen, +Einfluß oder Glanz verliert: so schlage Dich nicht zu der Parthei der +Niederträchtigen, die dem Unglücklichen, der ihnen zu nichts mehr +helfen kann, den Rücken zukehren! Verdient er Deine Hochachtung, so +zeige ihm nun mit doppeltem Eifer, daß Dein Herz nicht von der Stimme +des Pöbels abhängt; ist er aber Deiner Zuneigung unwerth, so schone +seiner wenigstens darum, weil er von jedermann verlassen ist, und also +zu Mißhandlungen schweigen muß! Räche Dich auch eben deswegen nie an +dem, von welchem Du verfolgt, gedrückt worden bist, so lange er Gewicht +hatte! Sammle vielmehr feurige Kohlen auf sein Haupt (beschäme ihn +durch sanftmüthige, liebreiche Behandlung), damit er in sich gehe, und, +wo möglich, durch Großmuth gebessert werde! + + + 19. + +Sammle nicht leicht für Arme bei Vornehmen und andern Leuten von der +großen Welt! Sie geben mehrentheils nur aus Prahlerei, und behandeln +Dich, als wäre es ein Almosen für Dich. -- Ueberhaupt hilf ~selbst~, +wo Du kannst! Gib nicht Assignationen auf fremde Hülfe! Tadle aber +auch nicht sogleich den Reichen, wenn er Dir eine Wohlthat für einen +Dürftigen versagt, die ein Aermerer Dir gewährt! Denke immer, daß seine +größern Bedürfnisse (ob wahrhafte, oder eingebildete, ist gleichviel) +und die größern Anforderungen Andrer auf seine Wohlthätigkeit ihn mit +dem, der weniger hat, in ~eine~ Klasse setzen, und daß man, wenn man +gegen Alle freigebig seyn will, gegen Einige nicht ~wohlthätig~ seyn +kann. + + + 20. + +Und nun noch einmal! Wenn ich hier sehr viel zum Nachtheile des +Charakters der meisten Großen und Reichen gesagt habe, so bin ich doch +weit entfernt, dieß ohne Unterschied auf alle Personen der höhern +Klassen ausdehnen zu wollen. Es ist mir äusserst zuwider gewesen, +zu sehen, wie manche unsrer armseligen neuern Schriftsteller es +sich zum Geschäft machen, auf die höhern Stände zu schimpfen. Viele +von ihnen sind so wenig mit den erhabenern Menschenklassen bekannt, +daß es die höchste Ungereimtheit verräth, wenn sie über Sitten und +Denkungsart derselben ein Urtheil wagen. Von ihren Dachstübchen +schielen sie neidisch und hämisch nach den Palästen der Glücklichen +hinunter. Wenn, bei grober Kost und dem traurigen Wasserkruge, die +süßen Düfte aus den Küchen und Kellern derer, die im Ueberflusse +leben, zu ihnen hinaufsteigen, so reizt das ihre Nerven, erregt ihre +Galle; es ärgert sie, daß ihre Glücksumstände ihnen nicht, wie jenen, +erlauben, ihre Leidenschaften zu befriedigen; sie verwünschen den Mann +im vergoldeten Wagen, den sie zu Fuße nicht einholen können, schimpfen +auf den hartherzigen Mäcen, der nicht eben so überzeugt scheint von +ihren großen Verdiensten, als sie selbst es sind, und fluchen auf das +Geschick, welches die Güter der Erde so ungleich ausgetheilt hat. Da +müssen es dann die armen Fürsten, Minister, Edelleute und Reichen +entgelten, die sie als Tyrannen, Bösewichter, Thoren und hartherzige +Unterdrücker alles dessen, was edel und gut ist, abschildern. Ein so +fanatischer Eifer kann wohl nie ein gesundes Gehirn ergreifen. Selbst +im Ueberflusse und mit großen Erwartungen aufgewachsen, kenne ich +recht gut die Vortheile und Nachtheile einer reichen und vornehmen +Erziehung. Meine nachherigen Schicksale aber, mein Aufenthalt an +Höfen, und der Umgang mit Menschen aller Art, das alles hat mich +gelehrt, wie nöthig es sey, denen, die nicht durch widrige Erfahrungen +gründlich ausgebildet werden, und die so selten reine, lautre, +unpartheiische Wahrheit hören, ohne Leidenschaft zu sagen, was ihnen +so nöthig ist, zu hören. Viele von ihnen sind wahrlich herzlich +gut; selbst die Schwächern haben oft manche Temperaments-Tugend, +deren Wirkungen für die Welt viel wohlthätiger werden können, als die +sanften Aufwallungen ärmerer und unmächtigerer Sterblichen. Sie haben +von ihrer ersten Jugend an alle Muße und Gelegenheit, ihren Geist zu +bilden, sich Talente zu erwerben, Welt und Menschen kennen zu lernen; +haben Veranlassungen in Menge, Gutes zu thun, und die Freuden der +Wohlthätigkeit zu schmecken. Ihr Charakter wird nicht niedergedrückt, +auch nicht verschoben durch Unglück und Mangel, oder durch die +Nothwendigkeit, sich zu schmiegen und zu beugen. Und wenn von einer +Seite Schmeichelei sie leicht verderben kann, so ist von der andern +der Gedanke, daß jede ihrer edeln Handlungen bemerkt wird, und ihre +Verirrungen oft noch der späten Nachwelt vorerzählt werden, ein Sporn +mehr, groß und vortrefflich zu werden. Auch nützen Viele von ihnen alle +diese Triebfedern; und es ist ein Glück, an der Seite eines Fürsten zu +leben und Einfluß auf ihn zu haben, der die Würde seines Standes kennt, +und sich seines hohen Berufs werth zeigt. Ich kenne deren Einige, die +es auch gewiß nicht übel aufnehmen, wenn man ihnen die Klippen zeigt, +an welchen so viele von ihnen scheitern. + + + 21. + +Zum Schlusse noch ein Paar Worte über den Umgang der Großen und Reichen +unter sich! Sie verderben sich größtentheils Einer den Andern. Die +Kleinern beeifern sich, es den Größern nach-, ja, es ihnen an Aufwand +und übelverstandener Erhabenheit zuvorzuthun: und so verewigen sie ihre +Thorheiten, welche von noch kleinern Magnaten bis auf den geringsten, +der nur einen Schuhputzer in seiner Livree herumlaufen hat, nach +möglichsten Kräften nachgeahmt werden. Lustige Beispiele von dieser Art +sieht man an den kleinen teutschen Höfen: wie sie einander aufpassen, +sich wechselseitig controlliren, beneiden, zu übertreffen suchen; wie, +wenn der durchlauchtige Herr in Y*** an seinem Geburtstage einen Ball +und zugleich eine Illumination von sieben Pfund Talglichtern gegeben +hat, der Fürst in V*** an seinem Feste ein Feuerwerk von acht Pfund +Pulver hinzuthut; wie, wenn der Eine sich einen Ober-Hof-Marschall +für drei hundert Gulden Gage und zwölf Scheffel Hafer hält; der Andre +dem Chef seines Hofes noch obenein ein breites Ordensband über den +hungrigen Magen hängt. Indeß der eine regierende Graf sich eine +Meute Jagdhunde verschreibt, wie sie kein Potentat in Europa hat, +besoldet sein Nachbar eine Meute Hof-Musici, die wenigstens eben so +viel Lärm macht; der Dritte, voll Verzweiflung darüber, daß er es +seinen Nachbarn nicht zuvorthun kann, verzehrt lieber den sauern +Erwerb seiner geplünderten Unterthanen in Paris, spielt lieber dort +eine höchst elende Rolle, als daß er in seiner Residenz den guten, +treuen Landesvater vorstellen sollte. Und so geht das weiter hinunter. +Man fange nur in Städten an, ein Concert oder dergleichen zu geben, +welches abwechselnd von einer geschlossenen Gesellschaft gehalten wird, +und womit etwa ein Abendessen verknüpft ist. Der Erste, bei welchem +sich die Gesellschaft versammelt, wird ein Paar Flaschen Wein und +kalte Küche hergeben; der Andre fügt einen Punsch hinzu; und ehe ein +Vierteljahr vergeht, ist die Anstalt in eine kostspielige Fresserei +ausgeartet. Das sollte nun unter verständigen, vornehmen und reichen +Leuten nicht also seyn. Sie sollten den Niedern Beispiele geben von +Ordnung, Einfalt, Hinwegsetzung über steife Etikette, von Mäßigkeit in +Speise, Kleidung, Pracht, Bedienung, Hausrath und allen solchen Dingen. +Sie sollten das Vorurtheil vernichten, daß die Herzen der Großen zu +keinen dauerhaften Freundschaften fähig seyen -- mit Einem Worte: sie +sollten nicht vergessen, daß die Augen so Vieler auf sie gerichtet sind. + + + 22. + +Spöttle nicht über die Kleinlichkeiten an ~kleinen~ Höfen! Besser so, +als wenn ein Herr über vier Quadrat-Meilen Landes Garden zu Fuß und +zu Pferde, Minister, Hof-Cavaliere in Menge hält, und Schulden über +Schulden macht! Es ist nur alles relativ klein, und ist immer gut, wenn +es nur nicht zwecklos und voll abgeschmackter Forderungen ist. Dreißig +Mann, die abwechselnd Ordnung in der Stadt halten, sind mehr werth, als +dreißigtausend, die man von nützlicher Arbeit abzieht, um auf Kosten +des fleißigen armen Unterthanen Spielwerk mit ihnen zu treiben. + + + + + Zweites Kapitel. + + Ueber den Umgang mit Geringern. + + + 1. + +Im siebenten Kapitel des zweiten Theils dieses Werks habe ich +von dem Betragen des Herrn gegen den Diener und von den +Pflichten geredet, welche der Vornehmere vor Augen haben soll, +damit er denen, die vom Schicksale bestimmt sind, in Unterwürfigkeit +zu leben, ihr Daseyn erleichtere und versüße. Ich verweise +also zuerst die Leser dahin, und füge nur noch einige Regeln +für den Umgang mit solchen Personen hinzu, die zwar +nicht in unsern Diensten, aber doch, der Geburt, dem Vermögen, +oder andern bürgerlichen Verhältnissen nach, tiefer, als +wir, stehen. + + + 2. + +Man sey höflich und freundlich gegen solche Menschen, denen +das Glück nicht gerade eine so reichliche Summe nichtiger +zeitlicher Vortheile zugeworfen hat, als uns, und ehre das wahre +Verdienst, den ächten Werth des Menschen, auch im niedern +Stande! Man sey nicht, wie die meisten Vornehmen und Reichen, +etwa nur dann herablassend gegen Leute von geringerm +Stande, wenn man ihrer bedarf; da man sie hingegen verabsäumt, +oder ihnen übermüthig begegnet, sobald man ihrer entbehren +kann! Man vernachlässige nicht, sobald ein Größerer +gegenwärtig ist, den Mann, den man unter vier Augen mit +Freundschaft und Vertraulichkeit behandelt, schäme sich nicht, +öffentlich den Mann vor der Welt zu ehren, der Achtung verdient, +möchte er auch weder Rang, noch Geld, noch Titel führen! +Man ziehe aber nicht die niedern Klassen bloß aus Eigennutz +und Eitelkeit vor, um die Stimme des Volks für sich zu +gewinnen, um als ein lieber, leutseliger Herr gepriesen und über +Andere erhoben zu werden! Man wähle nicht vorzüglich den +Umgang mit Leuten von gemeiner Erziehung, um etwa in diesen +Cirkeln mehr geehrt, mehr geschmeichelt zu werden, und +glaube nicht, daß man populär und natürlich sey, wenn man +die Sitten des Pöbels nachahmt! Man sey nicht lediglich darum +freundlich gegen die Geringern, um irgend einen Höhern im +Range zu demüthigen; nicht aus Stolz herablassend, um desto +mehr geehrt zu werden, sondern überall aus reiner, redlicher Absicht, +aus richtigen Begriffen von dem Adel der Menschheit, und +aus Gefühl von Gerechtigkeit, die, über alle zufällige Verhältnisse +hinaus, in dem Menschen nur ~den~ Werth schätzt, den +er als Mensch hat! + + + 3. + +Aber diese Höflichkeit sey auch wohl geordnet; sie sey nicht +übertrieben! Sobald der Geringere fühlt, daß ihm die Ehre, +welche wir ihm erweisen, unmöglich zukommen kann, so schreibt +er dieß entweder einem Mangel an Verstande zu, oder hält es +für Spott, oder gar für Falschheit; argwöhnt, es stecke etwas +dahinter, wir wollten ihn mißbrauchen. Sodann gibt es auch +eine Art von Herablassung, die wahrhaftig kränkend ist, wobei +der leidende Theil offenbar fühlt, daß man ihm nur ein mildthätiges +Almosen der Höflichkeit darreicht. Endlich gibt es eine +abgeschmackte Art von Höflichkeit, wenn man nämlich mit Leuten +von geringerm Stande eine Sprache redet, die sie gar nicht +verstehen, die unter Personen von der Klasse gar nicht üblich +ist; wenn man das conventionelle Gewäsche von Unterthänigkeit, +Gnade, Ehre, Entzücken u. s. f. bei Personen anbringt, +die an solche starke Gewürze gar nicht gewöhnt sind. Dieß ist +der gemeine Fehler der Hofleute. Sie halten ihren Jargon für +die einzige allgemeine Sprache, und machen sich dadurch oft bei +dem besten Willen lächerlich oder verdächtig. Die große Kunst +des Umgangs ist, den Ton jeder Gesellschaft zu studiren, und +nach Gelegenheit annehmen zu können. + + + 4. + +Man hüte sich aber vor grenzenloser Vertraulichkeit gegen +solche Menschen, die keine feine Erziehung haben! Sie mißbrauchen +leicht unsre Gutwilligkeit, fordern immer mehr, und +werden unbescheiden. Man gebe Jedem, so viel er zu ertragen +vermag! + + + 5. + +Sey großmüthig und billig, und laß es daher den Geringern +in Deinen glänzenden Umständen nicht entgelten, wenn er Dich, +so lange Dich das Glück nicht anlächelte, verabsäumt, wenn er +Deinen mächtigen Feinden gehuldigt hat, wenn er sich, wie die +großen gelben Blumen, nach der Sonne dreht! Denke, daß +solche Menschen oft in die Nothwendigkeit versetzt werden, wenn +sie mit den Ihrigen leben und essen wollen, sich zu krümmen +und zu schmiegen; daß wenige unter ihnen so erzogen sind, daß +sie Sinn für feinere Gefühle und Aufopferungen haben, und +daß alle Menschen mehr oder weniger aus Eigennutz handeln, +den die Geschliffenern nur künstlicher verbergen. + + + 6. + +Täusche nicht den Niedern, der Dich um Schutz, Fürsprache, +oder Hülfe bittet, mit falschen Hoffnungen, leeren Versprechungen +und nichtigen Vertröstungen, wie es die Weise der Vornehmen +ist, die, um die Klienten sich vom Halse zu schaffen, oder +in den Ruf von Leutseligkeit zu kommen, oder aus Schwäche, +aus Mangel an Festigkeit, jeden Bittenden mit süßen Worten +und Verheissungen überschütten, sobald er aber den Rücken gewendet +hat, nicht mehr an sein Anliegen denken! Der Arme +geht indeß voll Hoffnung nach Hause, glaubt seine Angelegenheit +den besten Händen anvertrauet zu haben, versäumt alle andere +Wege, die er zu Erlangung seines Zwecks einschlagen könnte, +und fühlt sich nachher doppelt unglücklich, wenn er sieht, wie +sehr er sich betrogen hat. + + + 7. + +Hilf dem, der dessen bedarf! Befördere und schütze die, welche +Dich um Hülfe, Wohlthat und Schutz ansprechen, in so fern +die Gerechtigkeit es gestattet! Aber hüte Dich, so schwach zu +seyn, daß Du durchaus nichts abschlagen könnest! Daraus entstehen +zweierlei nachtheilige Folgen: zuerst, daß Leute von niedriger +Denkungsart Deine Schwäche mißbrauchen, und Dir eine +Last von Verbindlichkeiten, Arbeiten und Sorgen auflegen, die +für Dein Herz, für Deine Kräfte, oder für Deinen Geldbeutel +zu schwer ist, oder wodurch Du gezwungen wirst, ungerecht gegen +Andre zu handeln, die weniger zudringlich sind. Und dann +der zweite Schaden: wer zu viel verspricht, der wird wider Willen +zuweilen sein Wort zu brechen genöthigt. Ein fester Mann +muß auch den Muth haben, eine abschlägige Antwort geben zu +können; und wenn er dieß auf edle, nicht beleidigende Weise, +aus wichtigen Gründen thut, und sonst dafür bekannt ist, daß +er gerecht handelt und gerne hilft: so wird er sich dadurch keine +Feinde erwecken. Allen Menschen kann man es freilich nicht +recht machen; aber wenn man immer folgerecht und weise handelt, +so werden uns wenigstens die Bessern nicht verkennen. +Schwäche ist nicht Güte; und verweigern, was man vernünftiger +Weise nicht zugestehen kann, heißt nicht hartherzig seyn. + + + 8. + +Verlange nicht einen übermäßigen Grad von Kultur und +Aufklärung von Leuten, die bestimmt sind, im niedern Stande +zu leben! Trage auch nichts dazu bei, ihre intellectuellen Kräfte +zu überspannen, und sie mit Kenntnissen zu bereichern, die ihnen +ihren Zustand widrig machen, und den Geschmack an solchen +Arbeiten verbittern, wozu Stand und Bedürfniß sie aufrufen! +Das Wort Aufklärung wird in unsern Zeiten oft sehr +gemißbraucht, und bedeutet nicht sowohl Veredelung des Geistes, +als Richtung desselben auf grillenhafte, speculative und +phantastische Spielwerke. Die beste Aufklärung des Verstandes +ist die, welche uns lehrt, mit unsrer Lage zufrieden und in unsern +Verhältnissen brauchbar, nützlich und gewissenhaft thätig +zu seyn. Alles Uebrige ist Thorheit, und führt zum Verderben. + + + 9. + +Begegne Deinen Untergebenen liebreich, ohne Deinem Ansehen bei ihnen +etwas zu vergeben. Es taugt nie, wenn die Subalternen sich ihren +Vorgesetzten unentbehrlich machen; und verächtlich wird der Chef eines +Departements, der, weil er nicht selbst arbeiten will, oder nicht +arbeiten kann, sich auf die Untergebenen verlassen muß; da er dann +nicht Ansehen und nicht Muth genug behält, einen nachlässigen oder +eigensinnigen Secretair an seine Pflicht zu erinnern, sondern sich +alles muß gefallen lassen, was Dieser gut findet vorzunehmen, oder +zurückzulegen. + + + + + Drittes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen. + + + 1. + +Ich fasse hier die Bemerkungen über den Umgang mit Hofleuten +und mit solchen Personen überhaupt, die in der sogenannten +großen Welt leben, und den Ton derselben angenommen haben, +zusammen. Leider wird dieser Ton, den Fürsten und Vornehme +von solcher Art, wie ich sie im ersten Kapitel dieses Theils beschrieben +habe, angeben und verbreiten, von allen Ständen, die +einigen Anspruch auf feine Lebensart machen, nachgeäfft. Entfernung +von der Natur; Gleichgültigkeit gegen die ersten und +süßesten Bande der Menschheit; Verspottung der Einfalt, Unschuld +und Reinigkeit, und der heiligsten Gefühle; Falschheit; +Vertilgung und Abschleifung jeder charakteristischen Eigenheit +und Originalität; Mangel an gründlichen, wahrhaftig nützlichen +Kenntnissen; an deren Stelle hingegen Unverschämtheit, +Persifflage, Impertinenz, Geschwätzigkeit, Inconsequenz, Nachlallen; +Kälte gegen alles, was gut, edel und groß ist; Ueppigkeit, +Unmäßigkeit, Unkeuschheit, Weichlichkeit, Ziererei, Wankelmuth, +Leichtsinn; abgeschmackter Hochmuth; Flitterpracht, +als Maske der Bettelei; schlechte Hauswirthschaft; Rang- und +Titelsucht; Vorurtheile aller Art; Abhängigkeit von den Blicken +der Despoten und Mäcenaten; sclavisches Kriechen, um etwas +zu erringen; Schmeichelei gegen Den, dessen Hülfe man bedarf, +aber Vernachlässigung auch des Würdigsten, der nicht helfen +kann; Aufopferung auch des Heiligsten, um seinen Zweck zu +erlangen; Falschheit, Untreue, Verstellung, Eidbrüchigkeit, +Klatscherei, Kabale; Schadenfreude, Lästerung, Anekdoten-Jagd; +lächerliche Manieren, Gebräuche und Gewohnheiten -- +das sind zum Theil die herrlichen Dinge, welche unsre Männer +und Weiber, unsre Söhne und Töchter, von dem liebenswürdigen +Hofgesinde lernen; -- das sind die Studien, nach welchen +sich die Leute von feinem Tone bilden! Da, wo dieser Ton +herrscht, wird das wahre Verdienst nicht bloß übersehen, sondern, +so viel möglich, mit Füßen getreten, unterdrückt, von +leeren Köpfen zurückgedrängt, verdunkelt, verspottet. Kein größerer +Triumph für einen faden Hofschranzen, als wenn er den +Mann von entschiedenem Werthe, dessen Uebergewicht er heimlich +fühlt, demüthigen, ihn auf einem Mangel an conventioneller +feinen Lebensart ertappen, und, durch die Art, wie er dieß +zu erkennen gibt, oder dadurch, daß er mit ihm in einer Sprache +oder über Gegenstände redet, wovon er nichts versteht, es dahin +bringen kann, daß Jener verwirrt wird, und sich in schiefem +Lichte zeigt! Kein größerer Triumph für die Petite-Maitresse, +als wenn sie eine redliche Frau, voll wahrer innerer und +äusserer Vorzüge und Würde, in einer Gesellschaft von Welt-Leuten +von einer lächerlichen Seite darstellen kann! Das alles +muß man erwarten, wenn man sich unter Menschen von dieser +Klasse mischt. Man muß sich dann nicht beunruhigen, wenn +uns dergleichen widerfährt, und hinterher sich kein graues Haar +darum wachsen lassen. Man hat sonst keinen friedlichen Augenblick, +wird unaufhörlich von tausend Leidenschaften, besonders +von Ehrgeiz und Eitelkeit, in Aufruhr gebracht. Es gibt aber +drei Mittel, allen diesen Ungemächlichkeiten auszuweichen, indem +man nämlich ~entweder~ sich von der großen Welt ganz +zurückzieht, ~oder~ in derselben seinen graden Gang fortgeht, ohne +sich alle diese Thorheiten anfechten zu lassen, ~oder~ endlich, daß +man den Ton derselben studirt, und, so viel es ohne Verleugnung +des Charakters geschehen kann, mit den Wölfen heult. + + + 2. + +Wer seiner Lage nach nicht schlechterdings dazu verdammt +ist, an Höfen, oder sonst in der großen Welt zu leben, der bleibe +fern von diesem Schauplatze des glänzenden Elends: bleibe fern +vom Getümmel, das Geist und Herz betäubt, verstimmt und +zu Grunde richtet! In friedlicher häuslicher Eingezogenheit, im +Umgange mit einigen edeln, verständigen und muntern Freunden +ein Leben führen, das unsrer Bestimmung, unsern Pflichten, +den Wissenschaften und unschuldigen Freuden gewidmet ist, +und dann zuweilen mit Nüchternheit an öffentlichen Vergnügungen, +an großen, gemischten Gesellschaften Theil nehmen, +um für die Phantasie, die doch auch nicht leer ausgehen will, +neue Bilder zu sammeln, und die kleinen, widrigen Gefühle der +Einförmigkeit zu verlöschen: -- das ist ein Leben, das eines +weisen Mannes werth ist! Und in Wahrheit! es steht öfter in +unsrer Macht, als man gemeiniglich denkt, sich der großen Welt +zu entziehen. Menschenfurcht, elende Gefälligkeit gegen mittelmäßige +Leute, Eitelkeit, Schwäche, Nachahmungssucht -- das +ist es, was so manchen sonst nicht schlechten Mann bewegt, +seine schönsten Stunden da zu verschleudern, wo er im Grunde +nicht zu Hause ist, wo so oft Ekel und Langeweile ihn anwandeln, +und allerlei unedle Leidenschaften ihr Spielwerk mit ihm +treiben. Freilich aber muß man, um sich diesem zu entziehen, +nicht nur, seinen Verhältnissen nach, unabhängig seyn, sondern +auch nach festen Grundsätzen zu handeln und sich über das Geschwätz +der Leute hinwegzusetzen den Muth haben, -- mag auch +davon gesprochen werden, was da will. + + + 3. + +Muß oder will man aber in der großen Welt leben, und ist man nicht +ganz sicher, daß es gelingen werde den Ton derselben anzunehmen: so +bleibe man lieber der Art von Stimmung und Wendung treu, die uns Natur +und Erziehung gegeben haben. Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn +man jene Sitten halb und unvollständig copirt, -- wenn der ehrliche +Landmann, der schlichte Bürger, der gerade, teutsche Biedermann, +den französischen Petit-Maitre, den Hofmann, den Politiker spielen +will, -- wenn Leute, die einer ausländischen Sprache nicht mächtig +sind, alle Gelegenheit aufsuchen, mit fremden Zungen zu reden, oder, +wenn sie auch in ihrer Jugend an Höfen gelebt haben, nicht merken, +daß die galante Sprache aus Ludwigs des Vierzehnten Zeiten jetzt +gar nicht mehr im Umlaufe ist, und eine Stutzer-Garderobe jetzt nur +noch auf den komischen Theatern Wirkung thut. Solche Menschen machen +sich muthwilliger Weise zum Gespötte, da man hingegen mit einem +ungezwungenen, natürlichen und verständigen Betragen, Anstande und +Anzuge, wenn dies alles auch nicht nach dem feinsten Hofschnitte ist, +sich mitten unter dem leichtfertigen Gesindel Achtung, und, wo nicht +ein angenehmes, doch ein ruhiges, ungekränktes Leben verschaffen kann. +Sey also einfach in Deiner Kleidung und in Deinen Manieren, ehrlicher +Biedermann! Sey ernsthaft, bescheiden, höflich, ruhig, wahrhaftig! +Rede nicht zu viel und nie von Dingen, wovon Du nichts weißt, noch in +einer Sprache, die Dir nicht geläufig ist, in so fern der, welcher mit +Dir spricht, Deine Muttersprache versteht! Betrage Dich mit Würde und +Geradheit, ohne grob zu seyn, ohne Ungeschliffenheit! so wird man Dich +ungeneckt lassen. Freilich wirst Du dabei auch nicht sehr vorgezogen: +Dein Gesicht wird kein Modegesicht werden. Hierüber aber beruhige Dich! +Zeige Dich nicht verlegen, ängstlich, wenn in einer großen Gesellschaft +kein Mensch mit Dir redet; Du verlierst nichts dabei, kannst für Dich +an allerlei gute Dinge denken, auch manche nützliche Bemerkung machen, +und man wird Dich nicht verachten, sondern vielleicht gar ~fürchten~, +ohne Dich zu hassen, und das ist denn doch zuweilen so übel nicht. + +Leute, die in der Jugend an Höfen und in großen Städten keine +unbeträchtliche Rolle gespielt, die vielmehr dort geglänzt, nachher +aber sich zurückgezogen, sich einer einfachern Lebensart gewidmet +haben, vergessen gar zu leicht, daß man, um hier immer ein Modegesicht +zu bleiben, nie den Faden der herrschenden Conversation aus der Hand +verlieren, nie versäumen darf, der Kultur -- wenn man das Kultur +nennen muß -- auch in den kleinsten Fortschritten nachzufolgen. Das +ist aber, bei der unbeschreiblichen Veränderlichkeit des Geschmacks +und der Phantasie, unmöglich, sobald man nicht immer mit dem ganzen +Geschwader auf dem großen Weltmeere umherschwimmen, und sich dem Winde +und Wetter preisgeben will. Ist's anders möglich, als daß denjenigen +eine sehr böse Laune anwandelt, der sich vernachlässigt, und unbärtigen +Männchen nachgesetzt sieht? O! es ist unglaublich, wie so etwas die +Fassung auch des klugen Mannes (denn selbst die klugen Leute sind +nicht immer ganz von Eitelkeit frei) erschüttern, wie es verstimmen +und bewirken kann, daß der, welcher sich in dem besten Lichte zeigen +wollte, weil er etwas zu suchen hat, in dem ungünstigsten erscheint, +und die Frucht einer weiten Reise und große Unkosten einbüßt, weil er +sich mit Geringschätzung behandelt sieht, und die Fassung verliert. +Wer sich viele Jahre hindurch an großen und kleinen Höfen und sonst in +der großen Welt hat umher treiben müssen, der wird nie in Verlegenheit +von jener Art kommen können. Er wird die Fertigkeit erlangt haben, +sich geschwind zu orientiren, schnell zu fassen, und zu beurtheilen, +welche Sprache hier anwendbar ist; die guten Leute hingegen, die nicht +Gelegenheit gefunden haben, diesen Grad von Verfeinerung zu erlangen, +sollen wohl beherzigen, was zu Anfange dieses Abschnitts ist gesagt +worden. + + + 4. + +Wer aber viel und immer in der großen Welt lebt, der thut +doch wohl, den herrschenden Ton zu studiren, und die äussern +Gebräuche derselben anzunehmen. Ersteres ist so schwer nicht, +und Letzteres kann ohne schädlichen Einfluß auf den Charakter +geschehen. Zeichne Dich also nicht durch altväterische Kleidung +oder Manieren aus! aber vergiß nicht, dabei Dein Alter, Deinen +Stand und Dein Vermögen zu berücksichtigen, und copire +nicht die Lächerlichkeiten einzelner Thoren, noch die ephemerische +Mode des Augenblicks! Mache Dich mit der Sprache der Hofleute, +mit ihrer Art, sich gegen einander zu betragen, mit den +Conventionen im Umgange bekannt; aber verleugne nicht innere +Würde, Charakter und Wahrheit! + + + 5. + +Es lassen sich unmöglich allgemeine Regeln geben, wie weit +man in der Nachahmung der Hofsitte gehen dürfe. Ein verständiger +und redlicher Mann wird das am besten selbst nach seiner +Lage, Gemüthsart und nach seinem Gewissen abmessen können. +Doch nur so viel: Wer es nicht über sich erlangen kann, unschädliche +Thorheiten nachzuahmen, der glaube wenigstens nicht, +den Beruf zu haben, sie zu bekämpfen; denn gleichgültige Gewohnheiten +und Sitten, die weiter keinen Einfluß auf den Charakter +haben, kann man, ja! muß man zuweilen auf kurze Zeit +annehmen, und darf um so weniger ein Bedenken tragen, dieß +zu thun, je mehr man dadurch manches größere Gute zu bewirken +in den Stand gesetzt wird. + +Es gibt auch Moden in der Literatur und Kunst, im Geschmacke, +in gewissen Vergnügungen und Schauspielen, und der Beifall, den +eine Sängerin, ein Tonkünstler, Schriftsteller, Prediger, Maler, +Geisterseher, Putzhändler oder Schauspieler, oft ganz gegen Verdienst +und Würdigkeit, vom vornehmen großen Haufen einerntet, hat nur in der +Mode seinen Grund, d. h. darin, daß einer dem andern nachschwatzt, +und es ist verlorne Mühe, diesem Mode-Geschmacke sich widersetzen zu +wollen. Am besten ist es da, ruhig abzuwarten, daß eine neue Narrheit +die alte verdränge. Es gibt sogar Moden im Gebrauche von Arzeneien, +denen sich die Vornehmern unterwerfen zu müssen glauben, -- sey es, +daß sie sich täglich clystiren, oder in ein gewisses Bad und in kein +anderes reisen, oder sich mit den Pillen oder Pulvern irgend eines +Marktschreiers langsam vergiften! Lächle in der Stille darüber! +clystire oder magnetisire Dich unmaßgeblich auch ein wenig, und mache +mit, was sich ohne Gefahr und Tollheit mitmachen läßt! Wenigstens mache +Dich mit diesen Modethorheiten bekannt, um nicht in Deinen Gesprächen +dagegen anzustoßen! Du wirst übel anlaufen, wenn Du nach Deiner +Empfindung eine Theater-Nymphe tadelst, deren Zwitschern grade zu der +Zeit in der feinen Welt für Götter-Stimme gilt, oder wenn Du ein Buch +erbärmlich nennst, dessen Verfasser als ein Original-Genie anerkannt +wird. Du wirst übel anlaufen, wenn Du eine Dame, die gerade in der +Periode ist, in welcher sie nach der Mode freigeisterische Grundsätze +haben muß, von religiösen Gegenständen unterhältst. Denn auch das hat +seine Gesetze, die von der Mode bestimmt werden. Jünglinge fangen +schon im fünf und zwanzigsten Jahre an, alt zu werden, nicht mehr zu +tanzen, sich den Cirkeln der Greise zuzugesellen, ein feierliches, +philosophisches, ein Geschäfts-Gesicht mit in die Gesellschaft zu +bringen; kommen sie aber nahe an die Vierzige, dann werden sie wieder +jung, hüpfen herum, spielen um Pfänder mit jungen Mädchen: -- das alles +muß man beobachten, und seine Maßregeln darnach nehmen. + + + 6. + +Uebrigens gestehe ich -- es bleibt aber unter uns -- daß der +Ton, welcher jetzt unter unsern ganz jungen Leuten ziemlich allgemein +an Höfen und in der feinen Welt eingeschlichen ist, mir +gar nicht so gefallen will, wie der, welcher vor etwa zwanzig +Jahren herrschte. Viele von ihnen kommen mir äusserst ungeschliffen +und plump vor; es scheint mir, als suchten sie etwas +darin, Bescheidenheit, Höflichkeit und Delicatesse zu beleidigen, +stumm, ungefällig gegen Damen und Fremde zu seyn, selbst +ihren Körper zu vernachlässigen, ohne alle Grazie beim Tanze +herumzuspringen, krumm und schief und gebückt zu gehen, keine +Kunst, keine Wissenschaft gründlich zu lernen, ungeachtet aller +Mühe, welche die neuern Pädagogen anwenden, und ungeachtet +des vortrefflichen Beispiels, das sie der Jugend in Höflichkeit, +Bescheidenheit und Gründlichkeit geben. Es gibt freilich +einen Bocksbeutel, einen Rang und eine Steifigkeit im Umgange, +die in vorigen Zeiten in Teutschland herrschend war; und +es ist ein Glück, daß wir anfangen, sie abzulegen; aber edler +Anstand ist nicht Steifigkeit, -- verbindliche Höflichkeit und +Aufmerksamkeit nicht Kriecherei, Grazie nicht Zwang -- und +ächtes Talent, wahre Geschicklichkeit nicht Pedanterie. Und man +sehe auch die papiernen Männchen an, wie Ueberdruß und Langeweile +auf ihrer früh sich runzelnden Stirne wohnen; wie sie +unfähig sind, von ganzem Herzen froh zu werden; wie sie in +den schönsten Jahren des Lebens schon, bei den unschuldigen +Freuden der Jugend, Ueberdruß empfinden. -- Doch, ich habe +Hoffnung, daß es bald wieder besser damit werden soll, und +ohne Stolz auf unsre Vaterstadt kann ich es wohl sagen: Wir +haben hier eine liebenswürdige wohlerzogene Jugend in allen +Klassen und Ständen aufzuweisen[6]. + + + 7. + +Verachte nicht alles, was bloß conventionellen (übereinkünftlichen) +Werth hat, wenn Du mit Annehmlichkeit in der großen Welt leben +willst! Verachte nicht so ganz und gar Titel, Orden, Glanz, äussere +Auszeichnungen und Zierden; aber setze auch keinen innern Werth +darauf! ringe nicht ängstlich darnach! Es gibt doch wohl Fälle, wo +ein solcher an sich nichtiger Stempel Dir und den Deinigen, wo nicht +reelle Vortheile, doch Annehmlichkeiten zuwege bringen kann. Heimlich +in Deinem Kämmerlein darfst Du herzlich über alle diese Thorheiten +lachen; aber thue das nicht laut! ~Mit einem Worte~: zeichne Dich unter +den Weltleuten, mit denen Du leben mußt, nicht zu sehr durch eine +gewisse Strenge in Deinen Sitten und Urtheilen aus! Dieß ist nicht nur +Regel der Klugheit! nein, es ist auch Pflicht, die Sitten des Standes +anzunehmen, den man wählt; ganz zu seyn, was man ist, - doch wie sich +das versteht, nie auf Kosten des Charakters[7]. Erwarte übrigens auf +diesem Schauplatze nicht, daß man in Dir den edlen, weisen, geschickten +Mann schätze, sondern nur, daß man von Dir sage: +Par Dieu! il a de +l'esprit, comme nous autres!+ + + + 8. + +Und willst Du auch nur dies eitle Lob davon tragen, so darfst +Du selbst nicht einmal merken lassen, daß Du von besserm +Stoffe bist, als der große Haufe jener hirnlosen Müßiggänger. +Der klügere und edlere Mann -- bequemte er sich auch noch so +pünktlich nach den Sitten der feinen Societät -- wird dennoch +dem Neide, der Verleumdung und den unaufhörlichen Neckereien +und Klatschereien, welche hier herrschen, nicht ausweichen: +denn um schaalen Köpfen zu gefallen, muß man selbst ein schaaler +Kopf seyn. Ich rathe denn, sich das gar nicht anfechten zu +lassen; vor allen Dingen aber keinen Verdruß, keine ~Unruhe +zu äussern~, sonst bekömmt man nie Frieden. Man gehe also +seinen Gang fort, folge seinem Systeme, und lasse die Thoren +schwatzen, bis sie müde werden! Hier sind auch alle Erläuterungen, +alle Entschuldigungen übel angebracht, und wenn Du +mit Widerlegung ~einer~ Verleumdung fertig bist, so wird man +schon eine andere in Bereitschaft haben. + + + 9. + +In der großen Welt ist der oben entwickelte Grundsatz vorzüglich nicht +aus den Augen zu lassen, nämlich, daß jedermann nur so viel gilt, +als sein eigenes Bewußtseyn nach dem Urtheile seines Gewissens ihn +gelten läßt, und wer dies Urtheil für sich hat, der wird sich frei, +zuversichtlich und edelstolz zeigen, und sein Publikum nöthigen, ihm +Achtung und Vertrauen zu beweisen, wird selbst denjenigen, die ihre +Aufmerksamkeit nach dem Range oder Vermögen eines Menschen abzumessen +gewohnt sind, eine gewisse Scheu einflößen, so daß sie es nicht +wagen, ihn geringschätzig zu behandeln, weil er weder zu den hohen +Standespersonen, noch zu den Reichen gehört. + + + 10. + +Jeder durch Bildung oder Verdienste ausgezeichnete Mann messe sein +Betragen gegen Hofleute pünktlich nach dem ihrigen gegen ihn ab, und +gehe ihnen keinen Schritt entgegen! Diese Menschen-Gattung nimmt eine +Hand breit, wo man ihnen Finger breit einräumt. Er erwiedere Stolz mit +Stolz, Kälte mit Kälte, Freundlichkeit mit Freundlichkeit; gebe aber +nicht mehr und nicht weniger, als er empfängt! Die Befolgung dieser +Vorsicht hat mannigfaltigen Nutzen. Die feinen Weltleute sind wie ein +Rohr, das vom Winde bewegt wird. Da sie selbst so wenig Bewußtseyn +innerer Würde haben, so beruht ihre ganze Existenz auf ihrem äussern +Rufe. Sie werden sich an Dich schließen, sobald sie sehen, daß Du +im guten Lichte erscheinst. Aber wenn Du nicht durch die niedrigste +Schmeichelei und Preisgebung alle alten Weiber beiderlei Geschlechts +auf Deine Seite ziehst, so wird bald einmal eine Lästerzunge etwas Dir +Nachtheiliges aussprengen. Kaum wird ein solches Gerücht herumlaufen, +so werden jene Sclaven lauern, welche Wirkung dieß auf das Publikum +macht; und faßt es Wurzel, so werden sie den Kopf um ein paar Zoll +höher gegen Dich tragen. Macht Dich das unruhig, ängstlich, -- +behandelst Du sie nach Deinem Herzen wie Leute, deren Freundschaft Du +gern halten mögtest: so werden sie immer unverschämter, und helfen +eifrigst die elende Klatscherei verbreiten, woraus Dir denn, so geringe +auch die Sache scheinen mag, mancherlei Verdruß erwachsen kann. Wirf +aber auf den Ersten, der Dir kalt begegnet, einen verächtlichen +Blick, so wird er zurückspringen, vor seinem eigenen Rufe beben, kein +nachtheiliges Wort von Dir über seine Zunge kommen lassen, und sich vor +dem Manne beugen, von dem er glaubt, er müsse geheimen Schutz haben, +weil er so fest steht, so gleichgültig gegen die seligmachende Stimme +des hohen Pöbels ist. Ja, gib ihm doppelt wieder, was er wagt, Dir zu +bieten! Laß Dich durch kein freundliches Wörtchen wieder heranlocken, +bis er gänzlich zu Kreuze kriecht! Am besten ist es gewiß, über +dergleichen und über Klatschereien aller Art wenigstens nicht die +geringste Unruhe zu ~zeigen~, mit niemand weiter darüber zu reden, und +sich auf keine Erläuterung einzulassen. Dann ist in acht Tagen das +Mährchen vergessen, da auf jede andere Art hingegen die Sache ärger +gemacht wird. + + + 11. + +Sey höflich und geschliffen im Aeussern! Man muß an Höfen und im +Umgange in großen Städten manchen Menschen sehen, ertragen und +freundlich behandeln, den man nicht schätzt; auch sucht man ja in +diesem Getümmel keine Freunde, sondern nur Gesellschafter. Allein wo +es Nutzen stiften, oder wenigstens unser Ansehen befestigen, wo es +wirken kann, daß der Dich fürchte, der nicht anders als durch Furcht +im Zaume zu halten ist, da laß ihn Dein Ansehen fühlen! Nimm gegen den +Hofschranzen eine Art von Würde, von edelm Stolze und von Hoheit an, +damit nie der Gedanke in ihm aufkeimen könne, Dich zu foppen, oder +zu mißbrauchen! Diese Sclaven-Seelen zittern vor dem Uebergewicht +des verständigen, consequenten Mannes; allein das muß weder in +Aufgeblasenheit, noch in Bauernstolz ausarten. Sage diesen Leuten +zuweilen einmal, doch ohne Hitze und Grobheit, die Wahrheit! Schlage +ihre flachen, schiefen Urtheile kaltblütig mit Gründen nieder, wo es +nach den Umständen die Klugheit erlaubt! Bringe sie durch kaltblütigen +Widerspruch zum Schweigen, wenn sie den Redlichen lästern! Setze ihren +Kriegslisten Muth, Thätigkeit und wahre Kraft entgegen! Scherze nicht +vertraulich mit ihnen! Laß ächter Laune nicht den Lauf, -- aus Furcht, +ein Wort zu sprechen, das man mißbrauchen, verdrehen könnte! + + + 12. + +Ueberhaupt rede in der großen Welt nie eine warme Herzens-Sprache! +Die ist dort eine fremde Mundart. Rede nicht von +den reinen, süßen, einfachen, häuslichen Freuden! Das sind +Mysterien für solche Profane. Habe Dein Gesicht in Deiner +Gewalt, daß man nichts darauf geschrieben finde, weder Verwunderung, +noch Freude, noch Widerwillen, noch Verdruß! +Die Hofleute lesen besser Mienen, als Buchstaben: das ist fast +ihr einziges Studium. Vertraue Deine Angelegenheiten niemand! +Sey vorsichtig, nicht nur im Reden, sondern sogar im +Hören! sonst wird Dein Name leicht gefährdet. + + + 13. + +Ich habe schon vorhin gesagt, daß das Betragen in der großen Welt nach +eines Jeden besondrer Lage sich richten müsse, und daß, was dem Einen +darin zu beobachten wichtig und nöthig ist, für den Andern vielleicht +von gar keinem Belange seyn könne. Wer nicht bloß in derselben leben +und geachtet werden, sondern auch wirken, sich empor arbeiten, regieren +will, der muß das Ding freilich noch viel feiner studiren. Da kann es +äusserst wichtig werden, entweder zu der herrschenden Parthei, oder +(wobei man größtentheils am sichersten geht, wenn man sonst kein ganz +unwichtiger Mann ist) zu gar keiner zu gehören, um von allen aufgesucht +zu werden, und nach Gelegenheit unmerklich Anführer einer eigenen zu +werden. Da muß oft die Politik uns lehren, wo wir des sichern Vortheils +nicht gewiß sind, -- wo nicht zu helfen, vielleicht die Hülfe sogar +nachtheilig ist, und Uebel ärger macht, unsre verfolgten Freunde +allein kämpfen zu lassen, und uns ihrer nicht öffentlich anzunehmen. +Da kann es nöthig seyn, anfangs ganz unscheinbar dazustehen, um +nicht beobachtet, in seinen Planen nicht gestört, vielmehr als ein +unbedeutender Mensch (weil ein solcher immer mehr Stimmen auf seiner +Seite hat, als der von besserer Art) befördert zu werden. Zu allen +Geschäften aber, die man in der großen Welt führen muß, ist nichts so +dringend anzuempfehlen, als -- ~Kaltblütigkeit~, das heißt: sich nie +zu vergessen; nie sich zu übereilen; den Verstand nie dem Herzen, dem +Temperamente, der Phantasie preiszugeben; Vorsicht, Verschlossenheit, +Wachsamkeit, Gegenwart des Geistes, Unterdrückung willkührlicher +Aufwallungen und Gewalt über Regungen des Gefühls und Launen. Mit +Kaltblütigkeit und den dahin gehörigen Eigenschaften sieht man Personen +von den mittelmäßigsten natürlichen Gaben über den lebhaftesten, +feinsten Feuer-Kopf herrschen. Aber diese schwere Kunst -- wenn sie +sich je erlernen läßt, wenn sie nicht ausschließlich ein Geschenk der +Natur ist -- erlangt man nur nach vieljähriger Arbeit und Erfahrung. + + + 14. + + Und nun zum Schlusse dieses Kapitels auch etwas über den Nutzen, + den uns der Umgang mit Menschen in der großen Welt gewährt! Er ist + wahrlich nicht unbeträchtlich, aber er muß auch oft theuer genug + erkauft werden. Vorschriften, welche uns auf die erlaubten Sitten der + feinern Gesellschaft verweisen, sind freilich keine Grundsätze der + Moral, sondern nur der Uebereinkunft; allein eben diese Uebereinkunft + beruht doch darauf, daß man suche, sich und Andern in einer + zwangvollen Lage, deren Ungemächlichkeit man nun einmal nicht ganz aus + dem Wege räumen kann, den Zustand so leidlich als möglich zu machen, + ohne dazu solche Mittel zu ergreifen, die unsern innern Werth auf das + Spiel setzen. Dieser innere Werth aber, der, wie ein Schatz unter der + Erde, immer, auch verborgen, Gold bleibt, kann doch Wittwen und Waisen + nähren, und Monarchen und Reiche zum Wohl der Welt in Wirksamkeit + setzen, wenn er hervorgeholt und durch den Stempel der Convention in + Umlauf gebracht, wenn er allgemein anerkannt wird, -- anerkannt von + Denen, die sich auf reines Gold verstehen, und anerkannt von Denen, + die nur auf das Gepräge achten. -- Darum sollte man nicht so unbedingt + und so heftig gegen den wahren feinen Weltton eifern, ihn nicht ganz + verdammen. Er lehrt uns, die kleinen Gefälligkeiten nicht ausser Acht + zu lassen, die das Leben süß und leicht machen. Er erweckt in uns + Aufmerksamkeit auf den Gang des menschlichen Herzens, schärft unsern + Beobachtungs-Geist, gewöhnt uns, ohne zu kränken und ohne gekränkt + zu werden, mit Menschen aller Art leben zu können. Der ächte und + zugleich redliche alte Hofmann verdient wahrlich Verehrung; und man + braucht nicht in die Wüsten zu fliehen, noch sich in Studirzimmern + zu vergraben, um auf den Titel eines Philosophen Anspruch machen + zu dürfen. Ja, ohne einige Kenntniß der großen Welt hilft uns alle + Stuben-Gelehrsamkeit, alle Menschenkunde aus Büchern sehr wenig. Ich + rathe also jedem jungen Manne, der edeln Ehrgeiz, Durst nach Welt- + und Menschen-Kenntniß, und Lust hat, nützlich und thätig zu seyn, + wenigstens auf einige Zeit den größern Schauplatz zu betreten, wäre + es auch nur, um zu Beobachtungen Stoff zu sammeln, die einst im Alter + seinen Geist beschäftigen, und ihn in den Stand setzen, seinen Kindern + und Enkeln, die vielleicht bestimmt sind, an Höfen und in großen + Städten ihr Glück zu suchen, weise Lehren zu geben. + + + + + Viertes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit Geistlichen. + + + 1. + +Ich mache, da ich nun auf den Umgang mit Leuten von andern Ständen +und Verhältnissen komme, billiger Weise in einem eigenen Kapitel +mit der Geistlichkeit den Anfang. Lehrreich und wohlthätig ist der +Umgang mit einem solchen Geistlichen, der sich aus ganzer Seele seinem +heiligen Berufe widmet, seinen Verstand und Willen durch den sanften +Einfluß der Religion Jesu geläutert, und sich eben dadurch Würde und +Weisheit erworben hat, -- der als ein unerschrockener Verkündiger +und Diener der Wahrheit allen Guten und selbst den Feinden des Guten +Hochachtung einflößt, und die Kraft des Worts durch eigenes Beispiel +bestätigt, -- der seiner Gemeine Bruder, Freund, Wohlthäter und +Rathgeber, in seinem Vortrage populär, warm und herzlich ist, -- durch +Bescheidenheit, Einfalt der Sitten, Mäßigkeit und Uneigennützigkeit +sich als einen würdigen Nachfolger der Apostel auszeichnet, -- duldsam +und billig gegen fremde Religions-Verwandte, väterlich nachsichtig +gegen Verirrte, kein Feind unschuldiger Fröhlichkeit, und dabei in +seinem häuslichen Kreise ein guter, zärtlicher und weiser Hausvater +ist. Allein nicht alle und nicht die meisten Diener der Kirche sehen +diesem Bilde ähnlich. Menschen ohne Erziehung und Sitten, aus dem +niedrigsten Pöbel entsprossen, ohne gesunde Vernunft und ohne andre +Kenntnisse, als die dazu gehören, sich nach einem elenden Schlendrian +examiniren zu lassen, drängen sich in diesen Stand ein, haschen +nach reichen Pfründen und Pfarren, und erlauben sich, um dahin zu +gelangen, alle Arten von Schleichwegen und Niederträchtigkeiten. Haben +sie nun ihren Zweck erreicht, dann fährt der rechte Pfaffen-Geist +in sie. Geizig, habsüchtig, träge und kriechend, Schmeichler der +Großen und Reichen, übermüthig und stolz gegen Niedre, voll Neid +und Scheelsucht gegen ihres Gleichen, sind sie größtentheils daran +Schuld, wenn Verachtung der heiligsten Religion und ihrer Diener so +allgemein einreißt. Diese Religion behandeln sie als eine trockne +Wissenschaft, und ihr Amt als ein einträgliches Gewerbe. Auf dem Lande +verbauern sie, ergeben sich dem Müßiggange und der Bequemlichkeit, +und klagen über ungeheure Arbeit, wenn sie alle acht Tage einmal von +der Kanzel herunter die Zuhörer mit ihren dogmatischen, armseligen +Spitzfindigkeiten einschläfern. Sie angeln nach Geschenken, Erbschaften +und Vermächtnissen, wie der Teufel nach ihrer Seele. Ihr Ehrgeiz ist +unermeßlich; ihr geistlicher Stolz, ihr Despotismus, ihre kirchliche +Herrschsucht ohne Gränzen. Den Eifer für die Religion brauchen sie zum +Deckmantel ihrer Leidenschaften. Orthodoxie ist die Parole; blinder +Glaube und Ehre Gottes das Feldgeschrei, wenn sie den unschuldigen +ruhigen Bürger, der einen Unterschied unter Religion und Theologie +macht, den Pfaffen nicht schmeichelt, und ihnen nicht opfert, bis +in den Tod verfolgen wollen. Ihre Feindschaft ist unversöhnlich -- +ich rede aus Erfahrung -- gegen Den, der sich ihrem eisernen Scepter +nicht unterwerfen, oder zu ihren Gewissenlosigkeiten nicht schweigen +will. Ihre Eitelkeit ist größer, als die eines Weibes. Aus Vorwitz +und kindischer Neugier schleichen sie sich in die Häuser und Familien +ein, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts angehen; um Ränke zu +schmieden, Zwietracht zu stiften, und im Trüben zu fischen. Niemand +versteht besser, als sie, die Kunst, ein Vorhaben, mit Ueberwindung +aller Schwierigkeiten, listig durchzusetzen, ohne das Ansehen zu haben, +als hätten sie die Hände im Spiele. Geht es auf die eine Weise nicht, +so greifen sie die Sache am entgegengesetzten Ende an, drehen, wenden, +bemänteln, verrücken den Gesichtspunkt, und ruhen nicht eher, als +bis sie, zur Befriedigung ihrer Herrschsucht, ihrer Rache, oder ihrer +Habsucht, den vorgesetzten Zweck erreicht haben. + +Ihre Predigten, ihre Gespräche und Mienen sind Bann-Strahlen, +Verdammungs-Urtheile und Drohungen gegen andre Religions-Verwandte +und gegen Jeden, der das Unglück hat, nicht glauben zu können, was +sie -- oft selbst nicht glauben, sondern -- nur lehren, weil es Geld +einbringt. Sie lauschen auf die Fehler ihrer Nebenmenschen, schreien +dieselben vergrößert aus, oder wo sie das alles nicht öffentlich thun +dürfen, da wirken sie durch Andere im Verborgenen, oder hängen die +Maske der Demuth, der Heuchelei, des Eifers für Gottseligkeit und +gute Sitten vor, um mit sanfter Stimme, mit Klagen und Winseln, die +Schwachen auf ihre Seite zu bringen, und den Weisern und Bessern bei +dem Volke verdächtig zu machen. -- Ja, solche Ungeheuer gibt es leider! +unter den Dienern der Kirchen, und nicht etwa nur unter Mönchskutten +und Jesuitenmänteln, -- nein! mancher protestantische Pfaffe würde ein +zweiter Hildebrand seyn, wenn ihm nicht die Flügel beschnitten wären. + + + 2. + +Da nun aber hie und da, auch unter den weniger boshaften, ja, unter +den redlichen Geistlichen, Einige doch einen kleinen Anstrich von +manchem dieser Fehler, z. B. von geistlichem Stolze, von Unduldsamkeit, +von Anhänglichkeit an Systemgeist, von falschem Priestergeist, von +Habsucht, oder von Rachsucht haben: so kann es wohl nicht schaden, +wenn man gewisse Vorsichtigkeits-Regeln beobachtet, die im Umgange mit +~allen~ Personen dieses Standes ohne Unterschied nicht überflüßig sind. + +Man hüte sich also, ihnen Gelegenheit zu Verketzerungen zu geben! Und +so wie überhaupt ein verständiger Mann sich enthält, über religiöse +Gegenstände in Gesellschaften zu plaudern: so soll man in Gegenwart +eines Geistlichen vorzüglich Acht haben, nie ein Wort fallen zu lassen, +das übel ausgelegt, und als ein Ausfall gegen irgend ein Kirchensystem +oder einen Religionsgebrauch angesehen werden könnte! Auch besuche man +die Kirchen, selbst wenn die Art des Gottesdienstes und der Vortrag des +Predigers unsre Andacht nicht sehr befördern, des Beispiels wegen, und +um nicht Gelegenheit zu geben, daß man uns Gleichgültigkeit gegen die +Religion aufbürde. + +Man mache in Gesellschaft nie einen Geistlichen lächerlich, möchte er +auch noch so viel Veranlassung dazu geben! Auch rede man mit Vorsicht +von ihnen! Theils machen diese Herren gar zu gern ihre eigene Sache zur +Sache Gottes; theils verdient dieser ehrwürdige Stand auf alle Weise +eine Schonung, die man wegen der Unwürdigkeit einzelner Mitglieder +nicht aus den Augen setzen darf; theils kann man durch das Gegentheil +die verderbliche Verachtung der Religion, die leider so sehr einreißt, +wider Willen befördern. + +Man bezeige hingegen den Geistlichen alle äussere Ehrerbietung, die +sie nur irgend billiger Weise fordern können, und beleidige nicht nur +keinen derselben, sondern mache sich auch keines Mangels an Höflichkeit +gegen sie schuldig! + +Man lasse, bei der Entrichtung der ihnen zukommenden Gebühren und +Abgaben, sich keine Abkürzung, noch Saumseligkeit zu Schulden kommen; +gebe aber auch, bei Fällen, die öfter eintreten können, nicht zu viel! +denn die Habsüchtigen unter ihnen schreiben gern alles auf, und machen, +was die Freigebigkeit oder Dankbarkeit that, zum Gesetz, zu einem +Recht, das sie sogar auf ihre Nachfolger zu vererben trachten. + +Man hüte sich, bevor man den Mann nicht recht genau kennt, einen +Geistlichen von der alltäglichen Art zum Vertrauten in häuslichen +Angelegenheiten und andern Dingen von Wichtigkeit zu machen, und halte +ihn entfernt, wenn er sich unberufen in dergleichen mischen will! + +Man verhindere die zu große Vertraulichkeit der Weiber und Töchter mit +gewissen Beichtvätern und geistlichen Rathgebern! + + + 3. + +In Prälaturen und Klöstern muß man den Ton der Herren Patrum +anzunehmen verstehen, wenn man ihnen willkommen seyn will. Ein guter +gesunder Appetit, nach Verhältniß eben so viel Durst, und die Gabe, +ein Gläschen mit Geschmack und oft genug ausleeren zu können; ein +kurzweiliger Humor; ein Witz, der nicht zu fein, sondern ein wenig +grobartig seyn muß; zuweilen ein Wortspielchen, ein lateinisches +Räthsel, eine Anspielung auf eine scholastische Spitzfindigkeit, -- +einige Bekanntschaft mit Legenden und Kirchenvätern, -- Beifall, durch +baucherschütterndes Lachen an den Tag gelegt, wenn der Pater Spaßmacher +(dies Amt pflegt selten unbesetzt zu seyn) einen Schwank hervorbringt, +-- viel Ehrerbietung gegen den hochwürdigen Herrn Prälaten, Guardian, +oder Prior, -- Bewunderung der Kostbarkeiten, Reliquien, Gebäude und +Anstalten, -- kein Gespräch über Aufklärung und Literatur, aber desto +mehr über Politik, Krieg und Frieden, -- Zeitungs-Nachrichten, -- +Befriedigung der Neugier, wenn nach Familien-Umständen und Anekdoten +geforscht wird, -- Vorsichtigkeit, wenn von andern geistlichen Orden, +besonders von Jesuiten, die Rede ist, -- Rang, Ansehen, Reichthum, +Pracht, Titel, Orden, und mehr als dies alles, wo es nöthig ist, +Geschenke: -- das sind ungefähr die Mittel, dort gut aufgenommen zu +werden, und sich Achtung zu erwerben. + +Zu Domherren braucht man größtentheils nur Appetit zum Essen +und Trinken, muthwillige, ein wenig faunische Laune, und tiefes +Stillschweigen über gelehrte Gegenstände mitzubringen, um ihnen +gefällig zu werden. + +In Nonnenklöstern, so wie in katholischen und protestantischen +weiblichen Stiftern, kann man mit einer hübschen, stämmigen Figur, mit +treuherziger, doch äusserlich anständiger Vertraulichkeit, mit einem +Sacke voll Mährchen, Neuigkeiten und Späßchen auch ziemlich weit kommen. + +Von dem Umgange der Religiosen unter sich rede ich nicht; darüber ist +in den Briefen aus dem Noviciate und in unzähligen andern Schriften +schon sehr viel Gutes und Treffendes gesagt worden. + + + + + Fünftes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern. + + + 1. + +Wenn der Titel eines Gelehrten nicht heut zu Tage so gemein würde, wie +der eines +Gentleman+ in England; wenn man sich unter einem Gelehrten +immer nur einen Mann denken dürfte, der seinen Geist durch wahrhaftig +nützliche Kenntnisse ausgebildet, und diese Kenntnisse zu Veredlung +seines Herzens angewendet hätte; -- kurz einen Mann, den Wissenschaften +und Künste zu einem weisern, bessern und für das Wohl seiner Mitbürger +thätigern Menschen gemacht haben; dann brauchte ich hier kein Kapitel +über den Umgang mit Gelehrten zu schreiben. Bedarf es einer Vorschrift, +wie man mit dem Weisen und Edeln umgehen soll? An seiner Seite auf +die Lehren zu horchen, die von seinen Lippen strömen; seine Augen +auf ihn gerichtet zu haben, um sein Beispiel zur Richtschnur unserer +Handlungen zu machen; die Wahrheit von ihm zu vernehmen, und dieser +Wahrheit zu folgen -- dieß ist ein Glück, dessen Genuß nicht nach +Regeln gelernt zu werden braucht. Wenn aber heut zu Tage jeder elende +Verseschmidt, Compilator, Journalist, Anekdoten-Jäger, Uebersetzer, +Plündrer fremder literarischer Güter, und überhaupt Jeder, der die +unbegreifliche Nachsicht unsers Publikums zu mißbrauchen, sich nicht +schämt, um ganze Bände voll Unsinn, Thorheit und Wiederholung längst +besser gesagter Dinge drucken zu lassen, sich selber einen Gelehrten +nennt; wenn die Wissenschaften nicht nach dem Grade ihrer Nützlichkeit +für die Welt, sondern nach dem veränderlichen leichtfertigen Geschmacke +des lesenden Pöbels geschätzt, und spekulative Grillen Weisheit genannt +werden, fieberhafte Phantasie für Schwung und Begeisterung gilt; wenn +ein Knabe, der sein sinnloses Gewäsch in abwechselnd kurzen und langen +Zeilen in einen Musen-Almanach einrücken läßt, ein Dichter heißt; wenn +der Mensch, der mit seinen Fingern ein Gewühl von falschen Tönen, ohne +Verbindung und Ausdruck, den Saiten entlockt, ein Tonkünstler; der, +welcher schwarze Punkte, in Abschnitte eingetheilt, auf Papier setzen +kann, ein Componist; der, welcher auf Brettern herumspringt, ein Tänzer +genannt wird: dann muß man wohl ein Paar Worte darüber sagen, wie man +sich im Umgange mit solchen Menschen zu betragen hat, wenn man nicht +für einen Mann ohne Geschmack und Kenntniß angesehen seyn, und Jedem +das Seinige geben will. + + + 2. + +Beurtheile nicht den moralischen Charakter des Gelehrten nach dem +Inhalte seiner Schriften! Auf dem Papiere sieht der Mann oft ganz +anders aus, als in Natura. Auch ist das nicht so übel zu nehmen. Am +Schreibtische, wo man die ruhigste Gemüthsverfassung wählen kann, +wenn keine stürmische Leidenschaften unsern Geist aus seiner Fassung +bringen: da lassen sich herrliche Vorschriften geben, die nachher in +der wirklichen Welt, wo Reizung, Ueberraschung und Verführung von +Seiten der berüchtigten drei geistlichen Feinde uns hin und her +treiben, nicht so leicht zu befolgen sind. Also soll man freilich ~den~ +Mann, der Tugend predigt, darum nicht immer für ein Muster von Tugend +halten, sondern auch bedenken, daß er ein Mensch bleibt; ihm wenigstens +dafür danken, daß er vor Fehlern warnt, wenn er selbst auch nicht stark +genug ist, diese Fehler zu vermeiden; und es würde unbillig seyn, ihn +deswegen für einen Heuchler zu halten (obgleich es eben so unbillig +wäre, ohne Beweis vorauszusetzen, er thue das Gegentheil von dem, was +er lehrt, oder man müsse seine Worte anders auslegen, als sie lauten). +Von der andern Seite soll man auch nicht die Grundsätze, die ein +Schriftsteller den Personen seiner eigenen Schöpfung in den Mund legt, +als seine eignen ansehen, noch einen Mann deswegen für einen Bösewicht, +oder Faun, oder Menschenhasser halten, weil seine üppige Phantasie, +sein feuriges Blut ihn verleitet, irgend einen boshaften Charakter von +einer glänzenden Seite darzustellen, oder eine wollüstige Scene mit +lebhaften Farben zu schildern, oder mit Bitterkeit über Thorheiten zu +spotten. Er thäte wohl besser, wenn er das unterließe, aber er ist +darum noch kein schlechter Mann; und so wie man bei hungrigem Magen +Götter-Mahlzeiten schildern kann, so kenne ich Dichter, die den Wein +und die sinnliche Liebe mit allem Feuer besingen, und dennoch die +mäßigsten, keuschesten Menschen sind; kenne Schriftsteller, die Greuel +von Schandthaten mit der treffendsten Wahrheit dargestellt haben, und +dennoch Rechtschaffenheit und Sanftmuth in ihren Handlungen zeigen; +kenne endlich Satyriker, voll Menschenliebe und Wohlwollen. + +Eine andre Art von Ungerechtigkeit gegen Schriftsteller und +Künstler begeht man, wenn man von ihnen erwartet, sie sollen auch +im gemeinen Leben nichts als Kernsprüche reden, nichts als Weisheit +und Gelehrsamkeit predigen. Der Mann, der am glänzendsten von einer +Kunst schwatzt, ist darum nicht immer der, welcher die gründlichsten +Kenntnisse davon besitzt. Es ist nicht einmal angenehm, und schmeckt +nach Pedanterei, wenn wir Jeden ohne Unterlaß von unsern eignen +Lieblings-Beschäftigungen unterhalten. Man geht in Gesellschaften, um +sich zu zerstreuen, um auch einmal Andre, nicht sich selbst, zu hören. +Nicht Jeder hat so viel Gegenwart des Geistes, um mitten im Getümmel, +und wenn er durch Fragen und Vorwitz überrascht wird, mit Würde und +Bestimmtheit von Gegenständen zu reden, die er vielleicht zu Hause +in seinem einsamen Zimmer mit der größten Klarheit durchschauet. Und +dann gibt es auch Gesellschaften, in welchen die Leute so gänzlich +anders, als wir, gestimmt sind; die Dinge von so durchaus andern Seiten +ansehen, daß es nicht möglich ist, in dem ersten Augenblicke sich so +zu fassen, daß man etwas Gescheidtes auf das antworte, was sie uns +vortragen. Auch hat ja ein Gelehrter, so gut wie ein anderer Erdensohn, +seine Launen, ist nicht stets gleich aufgelegt zu wissenschaftlichen +und überhaupt zu solchen Gesprächen, die Nachdenken erfordern; oder die +Menschen, die er um sich sieht, behagen ihm nicht, scheinen ihm keines +Aufwandes von Verstand und Witz würdig. + +Es ist ein recht garstiger Zug in dem Charakter unsers lesenden +Publikums (wenn es anders erlaubt ist, einem Publikum einen Charakter +zuzuschreiben), daß man so gern von guten Schriftstellern und überhaupt +von Männern, die sich Ruf erworben haben, ärgerliche Anekdoten +aufsammelt, um ihnen einen Grad der öffentlichen Achtung zu entziehen, +wenn ihre Schriften ihnen Bewundrer gewonnen, wenn ihre Talente die +Aufmerksamkeit verständiger Menschen mehr auf sie, als auf Männer +gleiches Standes, gezogen haben; ja, es gibt sogar eine gewisse Art von +Kleinstädterei, welche darin besteht, daß man sich den Schein gibt, auf +den Mann mit Verachtung zu blicken, dem es gelungen ist, durch gute +literarische Produkte, auswärts, d. h. ausser dem Kreise der Herren +Vettern und Frauen Basen seinen Namen bekannt zu machen. Daß man einen +Solchen im Vaterlande nicht aufkommen, auch allenfalls darben lasse, +das finde ich ganz in der Ordnung der menschlichen Dinge; aber seinen +moralischen Charakter aus Neid verdächtig machen, und ihn, wenn er auch +noch so demüthig, noch so anspruchslos seinen stillen Gang fortgeht, +durch Verachtung mißhandeln: das ist doch zu hart, aber es geschieht +hie und da, besonders in einigen minder großen Städten. + +Spricht aber ein Gelehrter, ein Künstler gern und viel von seinem +Fache, so nimm ihm auch das nicht übel auf! Die unglückliche +Polyhistorei, die Wuth, auf allen Zweigen der Wissenschaften und +Künste herumzuhüpfen und über alles abzuurtheilen, ist nicht eben +das, was unserm Zeitalter am meisten Ehre macht; und wenn es +langweilig ist, einem Manne zuzuhören, der alle Gespräche auf seinen +Lieblings-Gegenstand zu lenken sucht, und sich unaufhörlich auf +seinem Steckenpferde herumtummelt, so ist es mehr als langweilig, es +ist empörend, wenn ein Schwätzer entscheidende Urtheile über Dinge +ausspricht, die gänzlich ausser seinem Gesichtskreise liegen; wenn +der Priester über Politik, der Jurist über das Theater, der Arzt über +Malerei, die Kokette über philosophische oder religiöse Gegenstände, +der süße Herr über Strategie sich hören läßt. Erlaube dem Manne, der +etwas Gründliches gelernt hat, mit Leidenschaft von seiner Kunst, +von seiner Wissenschaft zu reden; ja, gib ihm Gelegenheit dazu! Man +ist wahrlich recht viel werth in der Welt, wenn man -- doch übrigens +bei gesundem Hausverstande -- ~ein~ Fach aus dem Grunde versteht; +und mir ekelt vor den grassirenden encyclopädischen Wörterbüchern; +mir ekelt vor den allwissenden, aburtheilnden jungen Herren, die den +bescheidenen, zweifelnden Forscher mit Machtsprüchen zu Boden schlagen, +und die besonders von liebenswürdigen gelehrten Damen unterhaltend +gefunden, und eben dadurch ganz unausstehlich werden. + + + 3. + +Haben die Gelehrten weniger Vorurtheile, als andere Menschen; so +hängen sie dagegen um desto fester an denjenigen, welche ihnen einmal +eigen sind. Man muß daher sehr behutsam mit ihnen umgehen. Nichts wird +leichter gekränkt, als die Eitelkeit eines Gelehrten. Man muß sogar +alle Zweideutigkeiten in den Lobeserhebungen vermeiden, die man an sie +ausspendet. + +Die mehrsten Schriftsteller verzeihen es uns leichter, wenn wir +ihren sittlichen Charakter, als wenn wir ihren Ruf in der gelehrten +Welt antasten. Willst Du daher in Frieden leben, so sey vorsichtig +in Beurtheilung ihrer Produkte! Selbst dann, wenn sie Dich um Deine +Meinung darüber fragen, so hast Du dieß klüglich und demüthiglich +so auszulegen, als bäten sie Dich um einen Lobspruch und eine +Schmeichelei. Den Fall ausgenommen, wenn Freundschaft Dich zu völliger +Offenherzigkeit verpflichtet, rathe ich wohlmeinend da, wo Du nicht +ohne Niederträchtigkeit loben kannst, wenigstens etwas zu sagen, was +die beleidigte Eitelkeit nicht als einen Tadel auslegen kann. + +Fast noch ungnädiger pflegen es die gelehrten oder vielmehr +schreibenden Herren aufzunehmen, wenn man gar nichts von ihrer +Autorschaft weiß, gar nichts von ihnen gelesen, oder wenn man sie im +gemeinen Leben nicht anders, als Jeden behandelt, der auf andre Weise +der Welt nützlich wird; endlich, wenn man Grundsätze äussert, die nicht +in ihr System passen, die mit denen streiten, zu deren Behauptung +sie so manchen Bogen Papier mit Buchstaben versehen haben. Hüte Dich +vor diesem allen, wenn Du einen Schriftsteller nicht beleidigen +willst! Allein unterscheide auch wohl, welchen Mann Du vor Dir hast: +groß, klein oder mittelmäßig! Alle riechen den Weihrauch gern, der +ihnen gestreuet wird; aber nicht jeden darf man auf gleich grobe Art +einräuchern. Der Eine nimmt fürlieb, wenn Du es ihm grade in's Gesicht +sagst: er sey ein großer Mann; der Andre ist zufrieden, wenn Du nur +ohne Widerspruch erlaubst, daß er dieß selbst von sich sage; der Dritte +verlangt nichts von Dir, als Hiobs Geduld, wenn er Dir seine elenden +Produkte vorlieset; den Vierten kitzelt eine kleine vortheilhafte +Anspielung auf irgend eine Stelle aus seinen Schriften; dem Fünften +behagt äussere ausgezeichnete Ehrerbietung, wenn auch von seiner +Autorschaft nicht ausdrücklich Erwähnung geschieht; und ein Sechster +endlich -- es sey mir erlaubt, neben Diesem mein Plätzchen zu nehmen -- +begnügt sich, wenn die wenigen Edeln ihm die Gerechtigkeit widerfahren +lassen, zu glauben, daß es ihm wenigstens um Wahrheit und Tugend zu +thun sey, daß er nichts geschrieben habe, dessen sein Herz sich zu +schämen braucht, und daß, wenn seine Werke keine Meisterstücke sind, +sie doch nicht ausschließlich zu Makulatur sich eignen. + + + 4. + +Lustig anzusehen aber ist es, wenn zwei Schriftsteller sich einander +mündlich oder schriftlich loben und preisen, vortheilhafte Recensionen +gegenseitig erschleichen, sich bei lebendigem Leibe einbalsamiren, +und einander eine glänzende Ewigkeit zusichern. Auch mag ich wohl +ein ruhiger Zuschauer seyn, wenn ein paar Leute zusammenkommen, die +gern von einander bewundert werden möchten, oder die sehr viel Gutes +von einander gehört haben. Wie sie sich drehen und wenden, um sich +wechselsweise die schwache Seite abzujagen! Wenn sie nun aus einander +gehen, zeigt sich immer, daß der Eine den Andern vortrefflich findet, +wenn dieser ihm entweder Gelegenheit gegeben hat, seine Talente +auszukramen, oder wenn beide Narren sich auf ähnlichen sympathetischen +Thorheiten ertappt haben. + +Nicht so lustig aber ist der Anblick des Unwesens, das man so oft unter +Gelehrten wahrnimmt, die entweder, wegen der Verschiedenheit ihrer +Meinungen und Systeme, sich vor dem ehrsamen Volke der geneigten Leser +wie Bettelbuben herumzanken, oder, wenn sie an demselben Orte leben, +und in demselben Fache auf Ruhm Anspruch machen, einander verfolgen, +hassen, sich gegenseitig auch nicht die mindeste Gerechtigkeit +widerfahren lassen; wie Einer den Andern zu verkleinern und bei dem +Publikum herabzusetzen sucht. -- Pfui der Niederträchtigkeit! Ist +denn die Quelle der Wahrheit nicht reich genug, um zugleich den +Durst vieler Tausende zu stillen? und dürfen Neid, Scheelsucht und +pöbelhafte Erbitterung auch solche Geister herabwürdigen, die der +Weisheit geweiht sind? -- Doch hierüber ist schon oft so vieles gesagt +worden, daß ich es für besser halte, einen Vorhang vor solche gelehrte +Selbstbeschimpfungen zu ziehen, die leider in unsern Zeiten nicht +selten gesehen werden.[8] + + + 5. + +Es gibt Leute, die sich dadurch ein Gewicht zu geben suchen, +daß sie sich ihrer Verbindung, ihrer Verwandtschaft, Freundschaft, +oder ihres Briefwechsels mit Gelehrten rühmen. Das ist +eine Thorheit, der man sich enthalten sollte, weil sie sich dem +Spotte preisgibt. Ein Mann kann große Verdienste als Schriftsteller +haben, ohne daß uns desfalls eine genaue Verbindung +mit seiner Person Ehre macht. Man ist auch darum nicht gleich +weise und gut, wenn Weise und Edle uns mit Nachsicht und +Freundlichkeit behandeln.[9] Auch kann ich das unmäßige und +luxuriöse Citiren und Berufen auf fremde Autoritäten, wie überhaupt +alles Prahlen und Schmücken mit fremden Federn nicht +leiden. Das mittelmäßigste selbst Gedachte und mit Ueberzeugung +Gefühlte ist für uns mehr werth, als das Vortrefflichste, +was wir bloß nachlallen. + + + 6. + +Unter den heutigen sogenannten Gelehrten muß man billig einigen unsrer +Journalisten und Anekdoten-Sammler einen gewissen Rang einräumen, weil +sie nun einmal die erklärten Lieblinge des leselustigen Publikums sind, +und dieses gutmüthig oder verblendet genug ist, ihnen alles aufs Wort +zu glauben. Mit diesen Leuten aber ist eine ganz besondere Vorsicht +im Umgange nöthig. Sie stehen gemeiniglich, bei geringem Vorrathe +von eigner Gelehrsamkeit, im Solde irgend einer herrschsüchtigen +Parthei oder eines Anführers derselben, sey es nun von politischen +Ketzermachern, Orthodoxen, Schwärmern, Vernunft-Feinden, Mystikern, +oder wovon es immer sey. Dann ziehen sie durch's Land, um Mährchen +zu sammeln, die sie nach Gelegenheit Dokumente nennen, oder mit dem +Schwerte der Verleumdung Jeden zu verfolgen, der nicht zu ihrer Fahne +schwören will; Jedem den Mund zu stopfen, der es wagt, an ihrer +Unfehlbarkeit zu zweifeln. Ein einziges Wörtchen, das nicht in ihr +System paßt, und das sie irgendwo auffangen, gibt ihnen reichen Stoff +zu Verketzerungen, zu unwürdigen Neckereien, zu Verfolgungen der +besten, sorglosesten und arglosesten Menschen. Sey behutsam im Reden, +wenn ein Solcher Dich freundlich besucht, und denke beständig und +klüglich daran, daß er Dich abhört, um bei Gelegenheit dem Publikum +haarklein alles zu berichten, was er bei Dir gesehen und gehört hat! +Der Mann, der dies Handwerk in Deutschland am ärgsten und ärgerlichsten +treibt, und gegen den alle Art von rechtlicher und handfester Hülfe +vergebens angewendet wird; dieser Mann heißt -- ich muß ihn hier +öffentlich nennen -- heißt -- Anonymus, auch Redacteur, und ist ein +gar sonderbarer Mann. Da er sich, wie Cartouche, in so vielfache +Gestalten umzuformen weiß, daß kein Steckbrief auf ihn paßt: so rathe +ich, jeden Unbekannten, der gewisse Mode-Wörter, wie z. B. gefährliche +und schädliche Aufklärung, Publicität, Denkfreiheit, Toleranz, oder +Gefahr für den einzig seligmachenden Glauben, höhere Wissenschaften, +Magnetismus, oder dergleichen gar zu oft im Munde führt, fürerst für +jenen Herrn Anonymus zu halten, der ein garstiger, schadenfroher +Spitzbube ist, und umhergeht, wie ein brüllender Löwe, um zu suchen, +wen er verschlingen mögte. + + + 7. + +Mit Tonkünstlern, einer gewissen nicht sehr anziehenden Gattung von +Dichtern, Componisten, Tänzern, Schauspielern, Malern und Bildhauern +ist der Fall ein ganz anderer. Diese sind -- es versteht sich auch +hier, daß ich in jeder Klasse die Bessern ausnehme -- wohl keine +gefährliche, aber desto eitlere und oft sehr zudringliche und +unzuverlässige Leute. Weit entfernt, zu fühlen, daß die schönen Künste, +obgleich man ihnen nicht den Einfluß auf Herz und Sitten absprechen +kann, doch am Ende zum Hauptzwecke nur das ~Vergnügen~ haben, folglich, +in Ansehung ihres Einflusses auf das Glück der Welt, den höhern, +wichtigern, ernsthaftern Wissenschaften nachstehen müssen; weit +entfernt, zu fühlen, daß man, um wahrhaftig den Titel eines großen +Mannes zu verdienen, mehr verstehen und mehr müsse bewirken können, +als Augen zu vergnügen, Ohren zu kitzeln, Phantasien zu erhitzen, und +Herzchen in Aufruhr zu bringen, sehen sie ihre Kunst als das Einzige +an, was des Bestrebens eines vernünftigen Menschen werth wäre; und +es muß uns nicht befremden, wenn ein Tänzer, der höher besoldet +wird, als ein Staatsminister, herzlich bedauert, daß dieser nichts +Besseres gelernt habe. Der philosophischen Künstler, so wie Georg +Benda einer war; der bescheidnen Virtuosen, wie der edle Fränzl in +Mannheim und sein liebenswürdiger Sohn; der verständigen, mit allen +Privat-Tugenden geschmückten Maler, wie Tischbein; der Schauspieler, +bei denen Kopf, Herz und Sitten gleich viel Hochachtung verdienen, +wie der unnachahmliche Schröder, -- solcher Männer gibt es nicht so +gar viele unter ihnen. Ich rathe desfalls, einen äusserst vertrauten +Umgang mit dieser Menschen-Klasse nur nach der strengsten Auswahl zu +suchen. +Cantores amant humores+, das heißt: auf ein Liedchen schmeckt +ein Schlückchen. Sänger, Dichter u. dergl. lieben das Wohlleben, und +das kann uns nicht wundern. Es gibt wohl eine Art von Begeisterung, zu +der sich die Seele bei der einfachsten, mäßigsten Lebensart erheben +kann; und, die Wahrheit zu gestehen, das ist wohl die einzige, deren +Früchte auf Unsterblichkeit Anspruch machen dürfen. Hoher Schwung +des Genius hinauf zu der heiligen, reinen Quelle, aus welcher er +entsprungen, ist freilich von ganz anderer Art, als Spannung der +Nerven, Erhitzung der Phantasie durch Reizung der Sinne; und man sieht +es solchen Werken, wie Klopstocks Messias und Schillers Don Carlos +sind, bald an, daß ihr Feuer nicht aus der Champagner-Flasche ist +gezogen worden. Allein wie wenig Künstler werden von jener bessern +Glut entzündet! Ihre, durch unordentliche Aufführung und unglückliche +äussere Verhältnisse geschwächte Maschine fordert, wenn sie den Geist +nicht ganz niederdrücken soll, gewaltsame Stärkungs-, oder vielmehr +Berauschungs-Mittel. Dieß treibt sie zuerst zu einem, den sinnlichen +Freuden gewidmeten Leben. Dazu kömmt, daß Der, welcher einmal die +schönen Künste zu seinem einzigen Berufe gemacht hat, selten noch +Geschmack an ernsthaften Geschäften findet, -- daß diese ihm äusserst +trocken scheinen; und da man doch nicht immer singen, geigen, pfeifen +und pinseln kann, so bleiben viel Stunden des Tages auszufüllen, +welche dann dem Wohlleben geopfert werden. An weise Vertheilung und +Anwendung der Zeit, an Aufsuchung eines lehrreichen und vernünftigen +Umgangs denken also diese Herren selten; und sie schätzen den Mann, +der ihnen sinnlichen Genuß in reichem Maaße gewährt, und ihnen dabei +schmeichelt, höher, als den Weisen, der sie auf den Weg der Wahrheit +und Ordnung führt. Jenem drängen sie sich auf; Diesen fliehen sie. +Bei dem allgemein einreissenden faden Geschmacke unseres Zeitalters, +bei der Vernachlässigung nützlicher Wissenschaften, ist dieß, wie +ich glaube, ein Wort zu seiner Zeit geredet, möchte man mich auch +deswegen für einen Pedanten halten! Jeder seichte Kopf, der nur ein +weiches Herz hat, und der den edlen Müßiggang und ein lüderliches Leben +liebt, legt sich heut zu Tage auf die schönen Wissenschaften, glaubt +Beruf zum Künstler zu haben, macht Verse, schreibt für das Theater, +spielt ein Instrument, componirt, pinselt; -- und so muß denn am Ende +der Geschmack ausarten, und die Kunst verächtlich werden. Deswegen +sehen wir auch ganze Heerden solcher Künstler herumlaufen, die nicht +einmal mit den ersten theoretischen Grundsätzen ihrer Kunst bekannt +sind: Musiker, die nicht wissen, aus welcher Tonart sie spielen; die +nichts vorzutragen verstehen, als was sie auf ihrer Geige oder Pfeife +auswendig gelernt haben; Künstler ohne philosophischen Geist, ohne +gesunde Vernunft, ohne Studium, ohne wahres Natur-Gefühl, aber dagegen +mit desto mehr Selbstgenügsamkeit und edler Dreistigkeit ausgerüstet; +unter sich von Brodneid entbrannt; neidisch auf einen Liebhaber, der +ihr Hauptstudium nur als Nebensache treibt, und dennoch mehr davon +weiß, als sie, die weiter nichts gelernt haben. Hat ein solcher aber +Anhang unter den Leuten nach der Mode, genießt er den Schutz der +anmaßlichen Kenner, so wage man es ja nicht, laut zu sagen, daß er ein +Stümper sey, wenn man nicht für einen unwissenden Menschen gelten, und +alle Dilettanten gegen sich aufbringen will! Allein wem ekelt nicht +vor der Menge solcher vornehmen und geringen Dilettanten, vor ihren +schiefen Urtheilen, vor ihrem albernen Gewäsche? Willst Du Dich bei +diesem wilden Haufen beliebt machen, so mußt Du die Geduld haben, +ihren Unsinn anzuhören, oder gar die Niederträchtigkeit begehen, ihn +zu loben, und ihren Machtsprüchen beizupflichten. Willst Du Dich aber +bei ihnen in Ansehen setzen, so sey ja nicht bescheiden, sondern eben +so unverschämt, wie sie! Entscheide mit Kühnheit! Tritt mit Zuversicht +mitten unter die größten Männer! Dränge Dich hervor! Thu, als seyest +Du äusserst ekel in Deinem Geschmacke; als sey es schwer, den Beifall +Deines verwöhnten Auges und Ohrs zu gewinnen! Rede von dem allgemeinen +Rufe, in welchem Deine Kenntnisse stünden! Verachte, was Dir zu hoch +ist! Schüttle bedeutend mit dem Kopfe, wenn Du nichts Passendes +zu sagen weißt! Begegne dem Anfänger mit Uebermuthe! Schmeichle +vornehmen, reichen, mächtigen Dilettanten und Mäcenaten! Befördre +die Lust an Spielwerken und Kleinigkeiten, an niedlichen Rondo's, an +Bierhaus-Menuetten, mitten in ernsthaften Stücken; an buntschäckigtem +Colorit, an Sinn-Gedichtchen, an Bombast und leerer Phraseologie, +an Schauspielen voll Gräuel, Verwickelung und Uebertreibung! -- So +kannst Du Dein Schärflein zum allgemeinen Verderbnisse des Geschmacks +redlich beitragen! Fühlst Du aber Kraft in Dir, und hast nicht Ursache, +Menschen zu scheuen, so widersetze Dich dem Unwesen! Eifre gegen diese +Erbärmlichkeiten, aber eifre mit Gründen, und rücke den ~Midassen~ +unserer Zeit die großen Perücken und Narren-Kappen zurück, damit +man ihre langen Ohren sehe, und sich nicht durch ihre Amtsgesichter +täuschen lasse! Traurig ist es indessen, daß auch der wahrhaftig +große Künstler heut zu Tage zum Theil diese Wege einschlagen muß, +wenn er nicht dem Marktschreier das Feld räumen will; daß er oft +Natur, Bescheidenheit, Einfalt und Würde, der Mode und dem Vorurtheile +aufzuopfern, sich mit falschem Glanze auszurüsten, sich zum Windbeutel +und Spaßmacher zu erniedrigen gezwungen ist, um zu gefallen und Brod zu +finden. Uebel ist auch oft der Künstler, besonders der Musiker, daran, +wenn er in eine Gesellschaft von Leuten geräth, die ihn bewundern +wollen, die ihn bitten, sich vor ihnen hören zu lassen, und die denn +doch weder Aufmerksamkeit, noch Kenntniß der Kunst haben. Abschlagen +darf er es nicht, wenn er nicht will für eigensinnig gehalten werden, +und doch fühlt er, daß er seine Perlen den Säuen vorwirft. Er setzt +sich an das Klavier, spielt das sanfteste Adagio, und nun brüllen die +zuhörenden Liebhaber mitten in der rührendsten Stelle überlaut: »O! das +ist gar schön! vortrefflich!« -- und darüber geht die Stelle verloren. +-- Merke dir's, liebes Publikum, daß du dir solche Unarten abgewöhnen, +und nicht bloß ein geehrtes, sondern auch ein ehrenwerthes Publikum +seyn sollst. + + + 8. + +Nun noch ein Wort zur Warnung für den Jüngling, in Betracht der +Künstler, besonders der Schauspieler, nämlich derjenigen von gemeiner +Art! Ich habe vorhin gesagt, daß der vertraute Umgang mit den mehrsten +derselben, von Seiten ihrer Kenntnisse, ihres sittlichen Lebens und +ihrer ökonomischen Umstände, für Kopf, Herz und Geldbeutel nicht +sehr vortheilhaft seyn könne; allein noch in andern Rücksichten +ist hier Vorsicht zu empfehlen. -- Wenn man weiß, welch ein warmer +Verehrer der schönen Künste ich selbst bin: so wird man mir wohl +nicht Schuld geben, daß es aus Vorurtheil oder Kälte geschehe, wenn +ich dem Jünglinge rathe, mäßig im Genuß der schönen Künste, mäßig im +Genusse des Umgangs mit den gefälligen Musen und deren Priestern zu +seyn. -- Musik, Poesie, Schauspielkunst, Tanz und Malerei, wirken +freilich wohlthätig auf das Herz. Sie machen es weich und empfänglich +für manche edle Gefühle: sie erheben und bereichern die Phantasie, +schärfen den Witz, erwecken Fröhlichkeit und Laune, mildern die Sitten +und befördern die geselligen Tugenden. Allein eben diese herrlichen +Wirkungen können, wenn sie übertrieben werden, manchfaltiges Elend +veranlassen. Ein zu weiches, weibisches, bei wahren und eingebildeten, +eignen und fremden Leiden sogleich in Aufruhr gerathendes Gemüth ist +wahrlich ein trauriges Geschenk. Ein Herz, das, empfänglich für jeden +Eindruck, wie ein Rohr, von manchfaltigen Leidenschaften hin und her +bewegt, jeden Augenblick von andern sich durchkreuzenden Empfindungen +hingerissen wird; ein Nerven-System, auf welchem jeder Betrüger, der +nur den rechten Ton zu treffen weiß, nach Gefallen spielen kann: -- das +alles wird uns da, wo es auf Festigkeit, unerschütterlichen Muth, auf +Ausdauern und Beharrlichkeit ankömmt, sehr zur Last. Eine zu warme, zu +hochfliegende Phantasie, die allen unsern geistigen Anstrengungen einen +romanhaften Schwung gibt, und uns in eine Ideen-Welt versetzt, kann +uns in der wirklichen Welt theils sehr unglücklich, theils zu gänzlich +unbrauchbaren Menschen machen. Sie spannt uns zu Erwartungen, erregt +Forderungen, die wir nicht befriedigen können, und erfüllt uns mit +Ekel gegen alles, was den Idealen nicht entspricht, nach welchen wir +in der Bezauberung wie nach Schatten greifen. Ein üppiger Witz, eine +schalkhafte Laune, die nicht unter der Vormundschaft einer keuschen +Vernunft stehen, können nicht nur leicht auf Kosten des Herzens +ausarten, sondern würdigen uns auch herab, verleiten zu Spielwerken, +so daß wir, statt der höhern Weisheit und nüchternen Wahrheit +nachzustreben, und unsre Denkkraft auf wahrhaftig nützliche Gegenstände +zu verwenden, nur den Genuß des Augenblicks suchen, und statt, mitten +durch die Vorurtheile hindurch, in das Wesen der Dinge einzudringen, +uns bei den glänzenden Aussenseiten verweilen. Fröhlichkeit kann in +Zügellosigkeit, in Streben nach immerwährendem Taumel übergehen. Milde +Sitten verwandeln sich nicht selten in Weichlichkeit, in übertriebene +Geschmeidigkeit, in niedre, unverantwortliche Gefälligkeit, die alles +Gepräge vom männlichen Charakter abschleifen; und ein Leben, das bloß +den geselligen Freuden und dem sinnlichen Vergnügen gewidmet ist, +verleidet uns jede ernsthafte Beschäftigung, und entreißt uns den edlen +und dauernden Genuß, der durch Ueberwindung großer Schwierigkeiten +und durch anhaltende Anstrengung gewiß nicht zu theuer erkauft werden +muß; es macht uns die für Geist und Herz so wohlthätige Einsamkeit +unerträglich, raubt uns die glückselige Empfänglichkeit für ein stilles +häusliches, den Familien- und bürgerlichen Pflichten gewidmetes Daseyn +-- mit ~einem~ Worte: wer sich gänzlich den schönen Künsten widmet, +und mit den Priestern ihrer Gottheiten sein ganzes Leben verschwelgt, +der läuft Gefahr, sein wahres dauerhaftes Wohl zu verscherzen, und +seinem Leben jeden Werth und jede Würze, seinem Bewußtseyn jede +Seligkeit, seinem Lebensmuthe jede Nahrung zu entreissen, und in den +späteren Jahren des Lebens im Ueberdruß zu verschmachten. Alles, was +ich hier gesagt habe, trifft vorzüglich bei dem Theater und bei dem +Umgange mit Schauspielern ein. Wenn unsere Schauspiele das wären, +wofür man sie so gern ausgeben mag, eine Schule der Sitten, wo uns auf +eine gefällige und treffende Weise unsre Verirrungen und Thorheiten +dargestellt und an das Herz gelegt würden; ja, dann könnte es rathsam +seyn, die Bühne oft zu besuchen, und den Umgang mit Männern zu wählen, +welche man als Wohlthäter ihres Zeitalters ansehen müßte. Man darf +aber nicht das Theater nach demjenigen beurtheilen, was es ~seyn +könnte~, sondern nach dem, ~was es ist~. Wenn in unsern Lustspielen +die komischen Züge der Narrheit so übertrieben geschildert sind, +daß niemand das Bild seiner eignen Schwachheiten darin erkennt; +wenn romanhafte Liebe darin begünstigt wird; wenn junge Phantasten +und verliebte Mädchen daraus lernen, wie man die alten vernünftigen +Väter und Mütter betrügen und überlisten soll, die zur ehelichen +Glückseligkeit ein wenig mehr, als eingebildete Sympathie und +vorübergehenden Liebes-Rausch fordern; wenn in unsern Schauspielen der +Leichtsinn im gefälligen Gewande erscheint, vornehmes Laster in Glanz +und Hoheit auftritt, und, durch einen Anstrich von Größe und Kraft, +Bewundrung erzwingt; wenn im Trauerspiele unser Auge mit dem Anblick +der ärgsten Greuel vertraut; wenn unsere Einbildungskraft an Erwartung +wunderbarer, feenmäßiger Entwickelungen und Auflösungen gewöhnt +wird; wenn man uns in den Opern dahin bringt, auf alle Täuschung +Verzicht zu leisten, und Vernunft und Geschmack unter den Glauben an +die Göttlichkeit der Tonkunst gefangen zu nehmen; wenn der elendeste +Fratzen-Schneider, die ungeschickteste Dirne, in so fern sie Anhang +unter dem Volke haben, allgemeine Bewunderung einernten; wenn endlich, +um alle diese nichtigen Zwecke zu erlangen, unsre Theater-Dichter +sich über Wahrscheinlichkeit, ächte Natur, weise Kunst und Anordnung +hinwegsetzen, und sich folglich der Zuschauer in dem Falle befindet, +im Schauspielhause keine Nahrung für den Geist, sondern nur +Zeitverkürzung und sinnlichen Genuß zu suchen: -- wer wird sich's +da nicht zur Pflicht machen, Jünglingen und Mädchen den sparsamsten +Genuß dieser Vergnügungen zu empfehlen? Und nun, was die Schauspieler +betrifft: ihr Stand hat sehr viel Blendendes. Freiheit, Unabhängigkeit +von dem Zwange des bürgerlichen Lebens, gute Bezahlung, Beifall, +Vorliebe des Publikums, Gunst und die schöne Gelegenheit, einem +glänzenden Publikum Talente zu zeigen, die sonst vielleicht auf immer +versteckt geblieben wären; Schmeichelei; die Freuden der Tafel bei +reichen und gastfreien Liebhabern der Kunst; viel Muße; Gelegenheit, +Städte und Menschen kennen zu lernen: -- das alles kann wohl einen +Jüngling, der mit einer unangenehmen Lage, oder mit einem zerrütteten +Gemüthe, mit übel geordneten Leidenschaften und Begierden kämpft, +in Versuchung führen, diesen Stand zu wählen, besonders, wenn er in +vertrauten Umgang mit Schauspielern und Schauspielerinnen geräth. Aber +nun die Sache näher betrachtet! Was für Menschen sind gewöhnlich diese +Theater-Helden und Heldinnen? Leute ohne Sitten, ohne Erziehung, ohne +Grundsätze, ohne Kenntnisse; Abentheurer; Menschen aus den niedrigsten +Ständen; freche Buhlerinnen; -- mit diesen lebt man, wenn man sich +demselben Stande gewidmet hat, in täglicher Gemeinschaft. Es ist +schwer, da nicht mit dem Strome fortgerissen zu werden, nicht zu Grunde +zu gehen. Eifersucht, Feindschaft und Kabale vollenden dies glänzende +Elend, und da diese Künstler fast ganz ausser dem Staate leben, so +fällt bei ihnen ein starker Bewegungsgrund zum Gutseyn weg, nämlich +die Rücksicht auf ihren Ruf unter den Mitbürgern. Kömmt noch etwa die +Verachtung, mit welcher, freilich unbilliger Weise, manche ernsthafte +Leute auf sie herabsehen, hinzu: so wird das Herz erbittert und +verhärtet. Die tägliche Abwechselung von Rollen benimmt dem Charakter +alle Eigenthümlichkeit und Festigkeit; man wird zuletzt aus Gewohnheit, +was man so oft vorstellen muß; man darf dabei nicht Rücksicht auf seine +Gemüths-Stimmung nehmen, muß oft den Spaßmacher spielen, wenn das Herz +trauert, und umgekehrt. Dies leitet zur Verstellung. Das Publikum wird +des Mannes und seines Spiels überdrüssig; seine Manier gefällt nicht +mehr nach zehn Jahren; leicht gewonnenes Geld geht eben so leicht +wieder fort; -- und so ist denn ein armseliges, dürftiges, kränkliches +Alter nicht selten der letzte Auftritt des Schauspieler-Lebens. + + + 9. + +Wer Schauspieler und Tonkünstler unter seiner Aufsicht und Leitung hat, +dem rathe ich, sich gleich anfangs auf einen ernsten und gemessenen +Fuß mit ihnen zu setzen, wenn er nicht von ihrem Eigensinne und ihren +Grillen abhängen will. Die Hauptpunkte, worauf es dabei ankömmt, +sind: ihnen zu zeigen, daß man dem Geschäfte gewachsen sey; daß man +einen Künstler zu beurtheilen und zurechtzuweisen verstehe; sie an +Pünktlichkeit und Ordnung zu gewöhnen, und bei der ersten Uebertretung, +Naseweisigkeit oder Zügellosigkeit Strenge fühlen zu lassen; sie +übrigens aber, nach Verhältniß der Talente und der sittlichen +Aufführung eines Jeden, mit Höflichkeit und Auszeichnung zu behandeln, +ohne sich je gemein mit ihnen zu machen. + + + 10. + +Ermuntre durch bescheidnes Lob, aber schmeichle nicht, erhebe nicht +zur Ungebühr den jungen angehenden Schriftsteller und Künstler! Durch +gar zu freigebiges Lob ist schon Mancher auf immer verdorben worden. +Das übertriebne Beklatschen und Lobpreisen macht sie schwindlich, +aufgeblasen, hochmüthig. Sie beeifern sich dann nicht weiter, der +Vollkommenheit nachzustreben, und hören auf, ein Publikum zu achten, +das so leicht zu befriedigen scheint. Leider aber zwingt uns der +Zustand unsrer Literatur, alles zu loben, was nicht offenbar Unsinn +ist, weil in dem Fache der schönen Wissenschaften so selten etwas unter +uns erscheint, was sich über das Mittelmäßige erhebt, oder im Pulte des +Verfassers seine volle Reife erlangt hat. + +Laß Dich dadurch nicht verderben, junger Mann von Talenten! Bewahre +auch Dein Herz vor Eifersucht! Laß fremdem Verdienste Gerechtigkeit +widerfahren! Suche immer die Gesellschaft solcher Männer, durch deren +Umgang Du, zum Vortheile Deiner Kunst, weiser und besser werden kannst, +nicht aber den Schwarm niedriger Schmeichler oder blinder Enthusiasten! + + + 11. + +So wenig Vortheil der vertrauliche Umgang mit Künstlern von gemeinem +Schlage gewährt, so lehrreich und unterhaltend ist der Umgang mit +Männern, die philosophischen Geist, Gelehrsamkeit und Witz mit +Kunst und Talent verbinden. Es ist ein Glück, an der Seite eines +ächten Künstlers zu leben, dessen Geist durch Kenntnisse gebildet, +dessen Blick durch Studium der Natur und der Menschen geschärft, bei +dem, durch die milden Einwirkungen der Musen, das Herz zu Liebe, +Freundschaft und Wohlwollen gestimmt und die Sitten geläutert und +veredelt sind. Seine freundliche Beredsamkeit ist aufheiternd und +belebend, sein Umgang söhnt mit der Welt und ihren Beschwerden +aus, gewährt Erholung von verdrießlichen, mühsamen und trocknen +Berufs-Geschäften, und gibt demjenigen neue Federkraft, der durch +lange Anstrengung abgespannt ist; erhöht die mäßigste Kost zu einem +Göttermahle, unsere Hütte zu einem Heiligthume, unsern Heerd zu einem +Altare der Musen. + + + 12. + +Man pflegt viel zum Lobe gesellschaftlicher Bühnen und ihres +wohlthätigen Einflusses auf die Bildung junger Leute zu sagen. Es +würde mich zu weit führen, wenn ich hier alles aus einander setzen +wollte, was sich für und gegen die Sache sagen läßt, und was ich +selbst vielfach darüber zu beobachten und zu erfahren Gelegenheit +gehabt habe. Hier nur so viel: Ein großer Theil dessen, was über das +Theaterwesen überhaupt in diesem Kapitel gesagt worden, ist auch auf +die gesellschaftlichen Bühnen anwendbar. Welche besondre Vorsicht aber +noch bei der Wahl der Stücke und der Rollen-Vertheilung zu beobachten +ist, wenn gesittete junge Leute Schauspiele aufführen sollen, das +fällt leicht in die Augen. Allein ich würde den Eltern noch ausserdem +vorzüglich eine weise Rücksicht auf das Alter, auf die Gemüthsart, +auf die Temperamente ihrer Kinder, auf den Grad der Ausbildung und +Bestimmtheit des Charakters, den sie schon erlangt, oder noch nicht +erlangt hätten, dringend empfehlen, wenn ich um Rath gefragt würde. + + + + + Sechstes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im + bürgerlichen Leben. + + + 1. + +Machen wir den Anfang mit den ~Aerzten~! Kein Stand ist für das +Menschengeschlecht wohlthätiger, als dieser, wenn er seine Bestimmung +erfüllt. Der Mann, welcher alle Schätze der Natur durchwühlt, und +ihre Kräfte erforscht, um Mittel aufzusuchen, das Meisterstück der +Schöpfung, den Menschen, von den Plagen zu befreien, von welchen sein +sichtbarer, materieller Theil befallen wird, die seinen Geist zu Boden +drücken, und oft schon seine Maschine zerstören, ehe noch einmal +sich jede Kraft in ihm entwickelt hat: der Mann, der sich vor dem +Anblicke des Elendes, Jammers und Schmerzens nicht scheuet, der seine +Gemächlichkeit, seine Ruhe, selbst seine eigne Gesundheit und sein +Leben daran wagt, um den leidenden Brüdern beizustehen; dieser Mann +verdient Verehrung und warmen Dank. Er gibt einer zahlreichen Familie +ihren Beschützer, ihren Erhalter, ihren Wohlthäter wieder, rettet +unmündigen Kindern ihren Vater, Ernährer und Erzieher, führt vom Rande +des Grabes den edeln Gatten zurück in die Arme seines treuen Weibes. -- +Mit Einem Worte: kein Stand hat so unmittelbar segenvollen Einfluß auf +das Wohl der Welt, auf das Glück, auf die Ruhe, auf die Zufriedenheit +der Mitbürger, wie der eines Arztes. Und wenn man bedenkt, welch +ein Umfang von Kenntnissen, welch eine Besonnenheit und Ausdauer, +welch eine Geistesgegenwart und Reife des Urtheils dazu gehört: so +erscheint der Arzt, wenn er ganz ist, was sein Beruf fordert, in einer +Würde, die beinahe jede andere überstrahlt, und ihm die stärksten +Ansprüche auf Dank und Verehrung seiner Mitbürger gibt. -- Man wird +es ohne Genie in keinem Stande recht weit bringen; doch gibt es +Wissenschaften, in welchen ein schlichter gesunder Hausverstand, +und wohl noch etwas weniger, recht gute Dienste thut! große Aerzte +hingegen können durchaus nur die feinsten Köpfe seyn. Doch das Genie +macht es nicht allein aus; es gehört das ämsigste und mühseligste +Studium dazu, um es in diesem Fache weit zu bringen. Endlich, wenn man +überlegt, daß diese Kenntnisse, mit allen Hülfswissenschaften, welche +die Arzneikunde voraussetzt, gerade die erhabensten, natürlichsten, +ersten Grundkenntnisse des Menschen sind -- Studium der Natur in +allen ihren Reichen, in allen ihren möglichen Wirkungen, in allen +ihren Bestandtheilen; Studium des Menschen, an Leib und Seele, in +seinen festen und flüssigen Theilen, in seiner ganzen Zusammensetzung, +in seinen Gemüthsbewegungen und Leidenschaften -- was kann denn +lehrreicher, tröstender, erquickender seyn, als der Umgang und die +Hülfe eines solchen Mannes? Es gibt aber unter den Söhnen Aesculaps +auch unzählige von ganz andrer Art; ungerathene Söhne des berühmten und +erhabenen Vaters, denen der Doctorhut das Privilegium gibt, an armen +Kranken Versuche ihrer Unwissenheit zu machen; Leute, die den Körper +des Patienten wie ihr Eigenthum, wie ein Gefäß ansehen, in welches sie +nach Willkühr allerlei flüssige und trockene Materie schütten dürfen, +um wahrzunehmen, welche Wirkung durch den Streit dieser salzartigen, +sauren und geistigen Dinge hervorgebracht wird, und wobei sie nichts +wagen, als höchstens, daß das Gefäß zu Grunde geht. Andern fehlt es, +bei der gründlichsten Kenntniß, an Beobachtungsgeist. Sie verwechseln +die Zeichen der Krankheiten, lassen sich durch falsche Berichte der +Kranken täuschen, forschen nicht kaltblütig, nicht tief, nicht fleißig +genug, und verordnen dann Mittel, die gewiß helfen würden -- wenn der +Kranke in der That die Krankheit hätte, mit welcher sie ihn behaftet +glauben. Wieder Andre kleben an Systemgeist, an Autorität, an Mode, und +schieben nie auf ihre Blindheit, sondern auf die Natur die Schuld, wenn +ihre Arzneimittel andre Wirkungen hervorbringen, als die erwarteten; +endlich noch Andre halten aus Gewinnsucht die Genesung der Leidenden +auf, um desto länger, nebst dem Apotheker und Wundarzte, den Vortheil +davon zu ziehen. Fällt man in die Hände eines solchen Afterarztes, +so ist man in der größten Gefahr, das Opfer der Unwissenheit, der +Sorglosigkeit, des Eigensinns oder der Bosheit zu werden. + +Nun ist es freilich, selbst einem Laien, der sonst einen geraden Blick +mit einiger Menschenkenntniß, Erfahrung und Gelehrsamkeit verbindet, +nicht so schwer, den ~groben~ Charlatan von dem geschickten Manne, +an seinem Vortrage, an der Art seiner Fragen und Verordnungen, zu +unterscheiden; unter ~den Bessern~ aber Den auszuzeichnen, dem man +am sichersten seinen Körper anvertrauen kann, das ist viel schwerer. +Folgende Vorschriften würde ich daher, in Rücksicht auf den Umgang mit +Aerzten, empfehlen: + +Lebe mäßig in allem Betracht, so wirst Du so glücklich seyn, den Arzt +nur als Freund bei Dir zu sehen; aber Du wirst seiner Hülfe selten +bedürfen! + +Gib wohl Acht auf das, was Deiner besondern Leibesbeschaffenheit +schädlich oder dienlich ist, was Dir wohl, und was Dir übel bekömmt! +Richte darnach strenge Deine Lebensart ein, so wirst Du nicht oft in +den Fall kommen, Dein Geld in die Apotheke schicken zu müssen! + +Wenn man nicht ganz fremd in der Physik, dabei ein wenig bewandert +in medicinischen Büchern ist, sein Temperament kennt, und weiß, zu +welchen Krankheiten man Anlage hat, und was Wirkung auf uns macht: so +kann man auch oft, bei wirklichen Krankheiten, sein eigner Arzt seyn. +Jeder Mensch ist ~einer~ Art von Gebrechen mehr ausgesetzt, als einer +~andern~, in so fern er einförmig lebt. Studirt er nun mit Ernst diesen +einzigen Zweig der Heilkunde, so müßte es sonderbar zugehen, wenn er +davon nicht vielleicht mehr, wenigstens eben so viel Einsicht erlangen +sollte, als ein Mann, der das ganze Heer von Krankheiten übersehen muß. + +Fordert aber die Noth, daß Du Dich an einen Arzt wendest, und Du +willst Dir einen unter dem Haufen aussuchen: so gib zuerst Acht, +ob der Mann gesunde Vernunft hat; ob er über andre Gegenstände mit +Klarheit, unpartheiisch, ohne Vorurtheil raisonnirt; ob er bescheiden, +verschwiegen, fleißig und seiner Kunst ganz ergeben ist; ob er ein +gefühlvolles, menschenliebendes Herz zeigt; ob er seine Kranken mit +einer Menge verschiedner Arzneien zu bestürmen, oder sich einfacher +Mittel zu bedienen, der Natur wo möglich ihren Lauf zu lassen pflegt; +ob er eine Diät empfiehlt, die nach seinen Begierden abgemessen, ob er +verbietet, was ~ihm~ selbst zuwider ist; nur anräth, wozu er selbst +geneigt ist; ob er sich in Reden zuweilen widerspricht; ob er fest in +seinem Systeme ist, oder sich irre machen läßt, und von einer Heilart +zur andern übergehet; ob er einzelnen Kennzeichen entgegen arbeitet, +oder immer die Hauptsache vor Augen hat; ob er Brodneid gegen seine +Kunstverwandten, sich eben so bereitwillig zeigt, den Großen und +Reichen, als den Niedern und Armen beizustehen? Bist Du über diese +Punkte befriedigt und beruhigt, so vertraue Dich ihm an. + +Vertraue Dich aber ihm allein, gänzlich und ohne Zurückhaltung! +Verschweige auch nicht den kleinsten Umstand, der dazu dienen mag, ihn +mit dem Zustande und dem Sitze Deines Uebels bekannt zu machen! Doch +mische keine nichtsbedeutende Kleinigkeiten, keine Thorheiten, keine +Grillen, keine Einbildungen hinein, die ihn irre machen könnten! Folge +strenge und pünktlich seinen Vorschriften, damit er sicher seyn dürfe, +ob das, was Du nachher empfindest, die Folge seiner angewendeten Mittel +sey! Laß Dich daher auch nicht verleiten, nebenher allerlei Hausmittel, +möchten sie auch noch so unschuldig scheinen, zu gebrauchen, noch +heimlich einen zweiten Arzt um Rath zu fragen! Vor allen Dingen nimm +nicht etwa zu gleicher Zeit zwei solcher Herren öffentlich an! Die +Resultate ihrer Berathungen werden eben so viel Todesurtheile für Dich +seyn; Keinem von Beiden wird Deine Genesung am Herzen liegen; sie +werden Deinen Körper zu dem Kampfplatze ihrer verschiedenen Meinungen +gebrauchen; sie werden Einer dem Andern die Ehre mißgönnen, Dich gesund +zu machen, und Dich also lieber gemeinschaftlich dem Tode überliefern, +um nachher wechselseitig die Schuld auf einander schieben zu können. + +Den Mann, der alles anwendet, was in seinen Kräften steht, Deine +Gesundheit herzustellen, belohne nicht sparsam, sondern reichlich, nach +Deinem Vermögen! Hast Du aber Ursache, zu glauben, daß er eigennützig +sey, so setze Dich auf den Fuß, ihm jährlich etwas Festgesetztes zu +zahlen, Du mögest krank oder gesund seyn, damit er kein Interesse dabei +habe, Dich mit allerlei Krankheiten zu versehen, oder Deine Herstellung +aufzuhalten. + + + 2. + +Wenden wir uns nun zu den Juristen! Nächst den natürlichen Gütern, +nächst der Wohlfahrt des Geistes, der Seele und des Leibes, ist +in der bürgerlichen Gesellschaft der sichre Besitz des Eigenthums +das Heiligste und Theuerste. Wer dazu beiträgt, uns diesen Besitz +zuzusichern; wer sich weder durch Freundschaft, noch Partheilichkeit, +noch Weichlichkeit, noch Leidenschaft, noch Schmeichelei, noch +Eigennutz, noch Menschen-Furcht bewegen läßt, auch nur einen einzelnen +kleinen Schritt von dem geraden Wege der Gerechtigkeit abzuweichen; wer +durch alle Künste der List und Ueberredung, durch die Unbestimmtheit, +Zweideutigkeit und Verwirrung der geschriebenen Gesetze hindurch, +klar zu schauen, und den Punkt, den Vernunft, Wahrheit, Redlichkeit +und Billigkeit bestimmen, zu treffen weiß; wer der Beschützer der +Aermern, des Schwächern und Unterdrückten gegen den Stärkern, Reichern +und Unterdrücker; wer der Waisen Vater, der Unschuldigen Retter und +Vertheidiger ist -- der ist gewiß unsrer ganzen Verehrung werth. + +Was ich hier gesagt habe, beweist aber auch zugleich, wie sehr viel +dazu gehöre, auf den Titel eines würdigen Richters und auf den +eines edlen Sachwalters Anspruch machen zu dürfen; und es ist, am +gelindesten gesprochen, sehr übereilt geurtheilt, wenn man behauptet, +es werde, um ein guter Jurist zu seyn, wenig gesunde Vernunft, +sondern nur Gedächtniß, ein wenig Schlauheit und ein wenig Phlegma, +Vorliebe für den Schlendrian und ein hartes Herz erfordert; oder die +Rechtsgelehrsamkeit sey nichts anders, als die Kunst, die Leute auf +eine rechtsbeständige Art um Geld und Gut zu bringen. Freilich, wenn +man unter einem Juristen einen Mann versteht, der nur sein römisches +Recht im Kopfe hat, die Kunstgriffe der Auslegung und Anwendung der +Gesetze kennt, und die spitzfindigen Distinctionen der Rabulisten +studirt hat, so mag man Recht haben; aber ein solcher entheiligt auch +sein ehrwürdiges Amt. + +Doch ist es in der That traurig -- um auch das Böse nicht zu +verschweigen -- daß die Handlungen so vieler Richter und Advocaten, +so wie die Justiz-Verfassung in den mehrsten Ländern, so viel Grund +und Anlaß zu jenen harten Beschuldigungen geben. So geschieht es, daß +sich Menschen ohne Grundsätze, verschrobene und alltägliche Köpfe, +dem Studium der Rechtsgelehrsamkeit widmen, und mit der Kenntniß der +Gesetze keine andre feine Kenntnisse verbinden, dennoch aber so stolz +auf diesen Wust von alten römischen, auf unsre Zeiten wenig passenden +Gesetzen sind, daß sie von dem Manne, der die edlen Pandecten nicht am +Schnürchen hat, glauben, er könne gar nichts gelernt haben. Ihre ganze +Gedanken-Reihe knüpft sich nur an ihre heilige Schrift, an das Corpus +Juris an, und ein steifer Civilist ist daher im gesellschaftlichen +Leben das langweiligste Geschöpf, das man sich denken mag. In allen +übrigen menschlichen Dingen, in allen andern, den Geist aufklärenden, +das Herz bildenden Kenntnissen unerfahren, tritt ein solcher Jurist +in ein öffentliches Amt, und wird vielleicht für eine ganze Stadt der +einzige Verwalter der Gerechtigkeit. Sein barbarischer Styl, seine +bogenlangen Perioden, die unglückselige Fertigkeit, die einfachste +deutlichste Sache zu verwickeln, zu verdunkeln, und unverständlich +zu machen, erfüllt Jeden, der Geschmack und Sinn für Klarheit hat, +mit Ekel und Ungeduld. Wenn Du auch nicht das Unglück erlebst, daß +Deine Angelegenheit einem eigennützigen, partheiischen, faulen, +oder schwachköpfigen Richter in die Hände fällt; so ist es schon +genug, daß Dein oder Deines Gegners Anwald ein Mensch ohne Gefühl, +ein gewinnsüchtiger Gauner, ein Pinsel, oder ein Ränkeschmidt ist, um +bei einem Rechtsstreite, den jeder unbefangene gesunde Kopf in einer +Stunde schlichten könnte, viele Jahre lang hingehalten zu werden, ganze +Ballen voll Acten zusammengeschrieben zu sehen, und dreimal so viel +Unkosten zu bezahlen, als der Gegenstand des ganzen Streits werth ist, +ja am Ende die gerechteste Sache zu verlieren, und Dein offenbares +Eigenthum fremden Händen preiszugeben. Und wäre auch beides nicht +der Fall; wären auch Richter und Sachwalter geschickte und redliche +Männer, so ist der Gang der Justiz in manchen Ländern von der Art, +daß man Methusalems Alter erreichen muß, um das Ende eines Prozesses +zu erleben. Da schmachten dann ganze Familien im Elende und Jammer, +indeß sich Schelme und hungrige Scribler in ihr Vermögen theilen. +Da wird die gegründeteste Forderung wegen eines kleinen Mangels an +elenden Formalitäten für nichtig erklärt. Da muß der Aermere sich's +gefallen lassen, daß sein reicherer Nachbar ihm sein väterliches Erbe +wegreißt, wenn der Anwald des Gegners Mittel findet, den Sinn irgend +eines alten Documents zu verdrehen, oder wenn der Unterdrückte nicht +Vermögen genug hat, die ungeheuren Kosten zur Führung des Prozesses +aufzubringen. Da müssen Söhne und Enkel geduldig zusehen, wie die Güter +ihrer Voreltern, unter dem Vorwande, die darauf haftenden Schulden +zu bezahlen, Jahrhunderte hindurch in den Händen privilegirter Diebe +bleiben, indeß weder sie noch die Gläubiger Genuß davon haben. Da muß +mancher Unschuldige sein Leben auf dem Blutgerüste hingeben, weil die +Richter mit der Sprache der Unschuld weniger bekannt sind, als mit den +Wendungen einer falschen Beredsamkeit. Da lassen Professoren Urtheile +über Gut und Blut durch ihre unbärtigen Schüler verfassen, und geben +demjenigen Recht, der das Responsum bezahlt. -- Doch was helfen hier +alle Declamationen, und wer kennt nicht diese Greuel der Verwüstung? + +Darum bleibt es wahr, daß ein magerer Vergleich besser sey, als ein +fetter Prozeß. Darum sey es Regel: Man halte seine Geschäfte in solcher +Ordnung, mache alles darin bei Lebzeiten so klar, daß man seinen Erben +nicht die geringste Wahrscheinlichkeit eines gerichtlichen Zwistes +hinterlasse! + +Hat uns aber der böse Feind zu einem Prozesse verholfen, so suche man +sich einen redlichen, uneigennützigen, geschickten Advocaten -- man +wird oft ein wenig lange suchen müssen -- und bemühe sich, mit ihm also +einig zu werden, daß man ihm, ausser seinen Gebühren, noch reichere +Bezahlung verspreche, nach Verhältniß der Kürze der Zeit, binnen +welcher er die Sache zu Ende bringen wird! + +Man mache sich gefaßt, nie wieder in den Besitz seiner Güter zu kommen, +wenn diese einmal in Advocaten- und Administratoren-Hände gerathen +sind, besonders in Ländern, wo alter Schlendrian, Schläfrigkeit und +Inconsequenz in Geschäften herrschen! + +Man erlaube sich keine Art von Bestechung der Richter! Wer dergleichen +anwendet, der ist beinahe ein eben so arger Schelm, wie Der, welcher +nimmt. + +Man waffne sich mit Geduld in allen Angelegenheiten, die man mit +Juristen von gemeinem Schlage vorhat. + +Man bediene sich auch keines Solchen zu Dingen, die schleunig und +einfach behandelt werden sollen! + +Man sey äusserst vorsichtig im Schreiben, Reden, Versprechen und +Behaupten gegen Rechtsgelehrte! Sie kleben am Buchstaben. Ein +juristischer Beweis ist nicht immer ein Beweis der gesunden Vernunft; +juristische Wahrheit zuweilen etwas mehr, zuweilen etwas weniger, als +gemeine Wahrheit; juristischer Ausdruck ist nicht selten einer andern +Auslegung fähig, als gewöhnlicher Ausdruck, und juristischer Wille oft +das Gegentheil von dem, was man im gemeinen Leben Willen nennt. + + + 3. + +Ich komme jetzt zu dem ~Wehrstande~. Wenn in unsern heutigen Kriegen +noch Mann gegen Mann föchte, und die Kunst, Menschen zu vertilgen, +nicht so methodisch und kunstmäßig getrieben würde; wenn allein +persönliche Tapferkeit das Glück des Kriegers entschiede, und der +Soldat nur für sein Vaterland, zur Vertheidigung seines Eigenthums +und seiner Freiheit stritte: so würde auch kein solcher Ton unter den +Kriegsleuten herrschen, wie jetzt, da zu einem geschickten Militär ganz +andre Arten von Kenntnissen gehören, da ein Paar neue Ressorts, nämlich +Subordination und ein conventioneller Begriff von Ehre, auf gewisse +Weise an die Stelle des kühnen Muths getreten sind, und diese die +Menschen zwingen müssen, auf ihrem Platze unbeweglich stehen zu bleiben +und aus der Ferne in völliger Ruhe auf sich schießen zu lassen, weil +die Leidenschaften der Fürsten, ihr Ehrgeitz und ihre Eroberungssucht +es so wollen, und die Völker nur um der Fürsten willen da sind. +Dennoch war eine gewisse Rohigkeit, Zügellosigkeit und ein trotziges +Hinwegsetzen über alle Regeln der Moral und bürgerlichen Uebereinkunft +-- gleich als wären diese Gesetze nur Kinder des Friedens -- noch in +der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts fast der allgemeine +Charakter eines Soldaten von hohem und niederm Range. In unsern Tagen +aber sieht es damit ganz anders aus. Fast in allen europäischen +Staaten, besonders in Frankreich, findet man im Soldatenstande +Personen, die durch Kenntnisse in allen Fächern der Wissenschaften und +Künste, besonders in solchen, die zu ihrem Handwerke gehören, durch ein +gefälliges, geschmeidiges und kluges Betragen, äussere Sittlichkeit, +Sanftmuth des Charakters und Bildung des Geistes und Herzens, sich +der allgemeinen Achtung und Liebe werth machen. Ich würde also keine +besondre Vorschriften über den Umgang mit Militärs zu geben haben, +wenn nicht theils, so wie in allen Ständen, also auch hier, Ausnahmen +Statt fänden, theils einige andre Rücksichten nicht mit Stillschweigen +übergangen werden dürfen; doch kann ich mich dabei kurz fassen. + +Wer seinem Stande, seinem Alter, oder seinen Grundsätzen nach, sich +weder necken und beleidigen zu lassen, noch eine Beleidigung durch +den Zweikampf auszutilgen Lust haben kann, der thut wohl, wenn er die +Gelegenheit vermeidet, bei Spiel, Trunk oder andern dergleichen Fällen, +mit ~rohen~ Leuten vom Soldatenstande in Gemeinschaft zu kommen, +oder, wenn er solchen Gelegenheiten nicht ausweichen kann, sich so +behutsam, höflich und ernsthaft, als möglich, aufzuführen. Indessen +kömmt hiebei auch sehr viel auf den Ruf an, in welchem man steht; und +ein gerader, fester, redlicher und verständiger Mann pflegt, selbst von +ausschweifenden, ungesitteten Leuten, geachtet und geschont zu werden. + +Ueberhaupt aber rathe ich, im Reden und Handeln gegen Offiziere +vorsichtig zu seyn. Das Vorurtheil von übel verstandner Ehre, das in +den mehrsten Armeen, vorzüglich in der französischen, herrschend ist, +und das von mancher andern Seite einen Nutzen stiften kann, der hier zu +weitläuftig zu entwickeln seyn würde, befiehlt dem Offizier, auch nicht +das kleinste zweideutige Wörtchen, das ihm gesagt wird, hinzunehmen, +ohne Genugthuung durch die Waffen zu fordern; und da hat denn nicht +selten ein Ausdruck, den man sich im gemeinen Leben unbedenklich +erlauben dürfte, für ihn einen beleidigenden Sinn. Man darf z. B. +wohl sagen: »Das war doch ~nicht gut~,« aber keinesweges: »Das war +~schlecht~ von Ihnen;« -- und doch muß das, was ~nicht gut~ ist, +nothwendig ~schlecht~ seyn. Mit dieser Sprache der Uebereinkunft soll +man sich also ~bekannt~ machen, wenn man mit Personen, denen dieselbe +Gesetze auflegt, umgehen will. + +Daß man in Gegenwart eines Offiziers nie, auch nicht das Mindeste, +zum Nachtheile dieses Standes vorbringen dürfe, versteht sich wohl +um so mehr von selbst, da es in der That nöthig ist, daß der Soldat +seinen Stand für den ersten und wichtigsten in der Welt halte. -- Denn +was soll ihn bewegen, sich einer so beschwerlichen und gefährlichen +Lebensart zu widmen, wenn es nicht die Ansprüche auf Ruhm und Ehre sind? + +Endlich erwirbt man sich bei dem Soldatenstande durch ein offenes, +treuherziges, ungezwungenes und fröhliches Wesen, durch freien und +muntern Scherz, Gunst und Beifall; man muß also mit ihrer Weise bekannt +seyn, wenn man mit dieser Klasse leben will. Doch sind vielleicht die +Zeiten nicht mehr fern, wo jede dieser Vorschriften unnütz werden, und +der Stand eines Soldaten nicht länger von dem eines Bürgers getrennt +bleiben wird. + + + 4. + +Kein Stand hat vielleicht so viel Annehmlichkeit, wie der eines +~Kaufmanns~, wenn dieser nicht ganz mit leerer Hand anfängt, wenn das +Glück ihm nicht entschieden zuwider ist, wenn er ein wenig vor sich +gebracht hat, wenn er seine Unternehmungen mit gehöriger Klugheit +treibt, nicht zu viel wagt und auf das Spiel setzt. Kein Stand genießt +einer so glücklichen Freiheit, wie dieser. Kein Stand hat von je her +so unmittelbar thätigen, wichtigen Einfluß auf Moralität, Kultur +und Lebensweise gehabt, wie die Kaufmannschaft. Wenn durch sie und +durch die Verbindung, welche der Handel zwischen den entferntesten +und ungleichartigsten Völkern stiftet, der Ton ganzer Nationen +umgestimmt, und Menschen mit geistigen und körperlichen Bedürfnissen, +mit Wissenschaften, Wünschen, Krankheiten, Schätzen und Sitten bekannt +gemacht werden, die ausserdem vielleicht nie, wenigstens sehr viel +später, bis dahin gedrungen seyn würden, so läßt sich wohl nicht +zweifeln, daß eine Vereinigung der feinsten Köpfe dieses Standes sich +die Gewalt erwerben könnte, dem Geschmack, der Lebensweise und selbst +dem Urtheil eines ganzen Volks jede beliebige Richtung zu geben, und +der Gesellschaft Gesetze vorzuschreiben, die sie nicht übertreten +könnte. Zum Glück für unsere Freiheit aber gibt es theils nur sehr +wenige so weitsehende, planvolle Köpfe unter Leuten dieses Standes +in der Welt, theils sind sie durch ein sehr verschiedenes Interesse +so getrennt, daß sie sich nicht zu einer solchen Machthaberschaft +vereinigen können; und so fällt zwar die Wirkung nicht weg, welche der +Handel auf Sitten und Aufklärung hat; aber es geht doch damit nicht +methodisch zu, sondern alles rückt seinen Gang unter dem Einfluß der +Zeit fort. Indessen begreift man leicht, daß eben das Ideal, welches +ich von einem großen Handelsmanne aufgestellt habe, einen Mann von +feinem, vorausschauenden, weit umfassenden Geiste, und, wenn es ihm +um das Wohl der Welt zu thun ist, einen Mann von edeln, erhabenen +Gesinnungen bezeichnet. Auch gibt es solche Männer in diesem Stande, +und ich habe, besonders während meines Aufenthalts in Hamburg, Bremen +und andern großen Handelsplätzen, deren einige kennen gelernt, die +wahrlich, wenn sie auf einem andern Platze gestanden hätten, unter den +größten Männern ihrer Zeit genannt worden wären. + +Da man nun aber keiner Vorschriften bedarf, um zu lernen, wie man mit +weisen und guten Menschen umgehen soll, so will ich hier nur von dem +Betragen im Umgange mit Kaufleuten von gemeinem Schlage reden. Diese +werden von ihrer ersten Jugend an gewöhnlich so mit Leib und Seele nur +dahin gerichtet, auf Geld und Gut ihr Augenmerk, und für nichts anders, +als für Reichthum und Erwerb Sinn zu haben, daß sie den Werth eines +Menschen fast immer nach der Schwere seines Geldkastens beurtheilen, +und bei ihnen: ~der Mann ist gut~, so viel heißt, als: ~der Mann ist +reich~. Hierzu gesellet sich wohl noch, besonders in Reichsstädten, +eine Art von Prahlerei, eine Begierde, es Andern ihres Gleichen da, wo +es Aufsehen macht, an Pracht zuvorzuthun, um zu zeigen, daß ihre Sachen +fest stehen. Da sie aber mit dieser Neigung immer noch Sparsamkeit +und Habsucht verbinden, und da, wo sie nicht bemerkt werden, äusserst +eingeschränkt und sparsam leben, und sich sehr viel versagen: so +bemerkt man da einen Kontrast von Kleinlichkeit und Glanz, von Geitz +und Verschwendung, von Niederträchtigkeit und Stolz, von Unwissenheit +und Ansprüchen, der Mitleiden erregt; und so industriös auch sonst die +Kaufleute sind, so fehlt es ihnen doch mehrentheils an der Gabe, ein +kleines Fest durch geschmackvolle Anordnungen glänzend, und mit wenigen +Kosten einen anständigen Aufwand zu machen. Ausser Hamburg ist dieß +wohl in allen deutschen Handelsstädten mehr oder weniger der Fall. + +Willst Du bei diesen Leuten geachtet seyn, so mußt Du wenigstens in +dem Rufe stehen, daß Deine Vermögens-Umstände nicht zerrüttet seyen: +Wohlstand macht auf sie den besten Eindruck. Sey es durch Deine Schuld, +oder durch Unglück, so wirst Du, auch bei den herrlichsten Vorzügen +des Verstandes und Herzens, von ihnen verachtet werden, wenn Du Mangel +leidest. + +Willst Du einen Solchen zu einer milden Gabe, oder sonst zu einer +großmüthigen Handlung bewegen, so mußt Du entweder seine Eitelkeit mit +in das Spiel bringen, daß es bekannt werde, wie viel dies große Haus +an Arme gibt; oder der Mann muß glauben, daß der Himmel ihm die Gabe +hundertfältig vergelten werde: dann wird es andächtiger Wucher. + +Große Kaufleute spielen, wenn sie spielen, gewöhnlich um hohes Geld. +Sie betrachten das wie jeden andern Speculations-Handel; aber sie +spielen dann auch mit aller Kunst und Aufmerksamkeit. Man hüte sich +daher, wenn man das Spiel nicht versteht, und es nachlässig, bloß als +einen Zeitvertreib ansieht, sich mit solchen Männern einzulassen! + +Laß es Dir unter Kaufleuten ja nicht einfallen, Deinen Stand oder Rang, +oder Deine Geburt geltend machen zu wollen, besonders wenn Du nicht +reich bist! oder Du wirst Dich kränkenden Demüthigungen aussetzen. + +Doch pflegt in manchen Kaufmannshäusern einem Manne mit Stern, Orden +und Titel geschmeichelt zu werden: das geschieht dann aus Prahlerei, um +zu zeigen, daß auch Vornehme da Gastfreundschaft genießen, oder daß man +mit Höfen und großen Familien in Verhältnissen stehe. + +Auch der Gelehrte und Künstler wird hier übersehen, oder nur aus +Eitelkeit vorgezogen. Er erwarte nicht, daß sein wahrer Werth erkannt +werde! + +Da die Sicherheit des Handels auf Pünktlichkeit im Bezahlen und auf +Treue und Glauben beruht, so setze Dich bei den Kaufleuten in den Ruf, +strenge Wort zu halten und ordentlich zu bezahlen: so werden sie Dich +höher achten, als manchen viel reichern Mann. + +Man hüte sich, wenn man nicht selbst den Handel aus dem Grunde +versteht, sich von Kaufleuten zu gemeinschaftlichen Unternehmungen +und Speculationen verleiten zu lassen. Ist bei der Sache ein sicherer +Gewinn wahrscheinlich zu erwarten, so hütet sich der Kaufmann wohl, +einem Laien, und wäre er sein bester Freund, davon Eröffnung zu +thun, um ihn Theil nehmen zu lassen. Solche Anträge sind also immer +verdächtig. Daß man noch ausserdem, wenn auch der Erfolg glücklich +ausfällt, bei der Berechnung und Theilung verkürzt wird, versteht sich +von selbst. + +Wer wohlfeil kaufen will, der kaufe für baares Geld! -- das ist +eine sehr bekannte Lehre. Man hat dann die Wahl von Kaufleuten und +von Waaren, und man kann es niemand übel auslegen, wenn er, bei der +Ungewißheit, ob und wie bald er bezahlt werde, für seine Waare einen +übertriebenen Preis fordert, oder das Schlechteste hingibt, was er hat. + +Hat man Ursache, mit dem Betragen des Mannes, mit welchem man +Handlungsgeschäfte getrieben hat, zufrieden zu seyn: so wechsele +man nicht ohne Noth, laufe nicht von einem Kaufmanne zu dem andern! +Man wird von Leuten, die uns kennen, denen an der Erhaltung unsrer +Kundschaft gelegen ist, treuer bedient, und sie geben uns auch, wenn +es ja unsere Umstände erforderten, leichter Credit, ohne deswegen den +Preis der Waaren zu erhöhen. + +Man enthalte sich, einem Krämer für den geringen Vortheil, der ihm +aus einem kleinen Handel mit uns zuwächst, viel Mühe, Zeitverlust und +Wege zu machen! Diese Unart ist besonders den Frauenzimmern eigen, +die zuweilen sich für tausend Thaler Waare auspacken lassen, um, nach +zweistündiger Beäuglung und Betastung, für einen Gulden zu kaufen, oder +gar alles Gesehene zu schlecht und theuer zu finden. + +Bei kleinen Kaufleuten, und in Städten, wo eigentlich nur Krämer +wohnen, ist die unartige Gewohnheit eingerissen, daß diese oft sehr +viel mehr für ihre Waaren forden, als wofür sie dieselben hingeben +wollen. Andre geben mit angenommener Treuherzigkeit und Biederkeit vor, +daß sie den äussersten Preis setzen, und lassen sich keinen Heller +abdingen; und so muß man oft doppelt so viel bezahlen, als die Sache +werth ist. Erstern würde man ihre kleinen Künste leicht abgewöhnen +können, wenn die Angesehensten in einer Stadt sich vereinigten, solchen +Gaunern gar nichts abzukaufen. Es ist aber das jüdische Verfahren +dieser beiden Arten von christlichen Krämern eben so unredlich, als +unklug. Sie betrügen damit höchstens nur einige Fremde und Solche, +die von dem Werthe der Waaren nichts verstehen; bei Andern hingegen +verlieren sie allen Glauben; und wenn man erst ihre Weise kennt, so +bietet man ihnen nur die Hälfte von dem, was sie fordern. Uebrigens +soll der, welcher kaufen will, die Augen aufthun: es ist unvernünftig, +einen Handel von einiger Wichtigkeit zu schließen, ohne vorher sich +Kenntniß von dem wahren Werthe der Sache erworben zu haben, die man +kaufen will. + +Welch eine große Vorsicht man im Pferde-Handel zu beobachten habe, +das ist eine bekannte Sache. Bei diesem hat sich das Vorurtheil +eingeschlichen, daß Eltern und Kinder, Geschwister und Freunde, Herren +und Diener sich keinen Gewissensvorwurf machen zu dürfen glauben, wenn +sie einander betrügen. + + + 5. + +Die Herren ~Buchhändler~ verdienten wohl ein eigenes Kapitel. In +demselben könnte man sehr viel Wahres zum Lobe derjenigen unter ihnen +sagen, die diesen Handel nicht als einen jüdischen Erwerb treiben, so +daß sie etwa wenig darum bekümmert wären, was ~für~ Bücher bei ihnen +verlegt und verkauft werden, in so fern nur Geld daraus gelöset wird, +-- denen es nicht gleichgültig ist, ob man sie zu Hebammen von kleinen +Krüppeln und Mißgeburten braucht, ob sie zu Werkzeugen der Ausbreitung +eines elenden, seichten, falschen Geschmacks und schlechter Grundsätze +dienen, -- sondern denen, wie unserm Nicolai, Wahrheit, Kultur und +Aufklärung am Herzen liegen, -- die das verkannte, im Dunkeln lebende +Talent ermuntern, aus dem Staube hervorziehen, in Thätigkeit setzen und +großmüthig unterstützen, -- die den täglichen Umgang und das Verkehr +mit Gelehrten und Büchern dazu anwenden, sich selbst Kenntnisse zu +sammeln, ihren Geist zu bilden, und bessere Menschen zu werden. Und +dann würde, des Kontrastes wegen, das Gegenbild keine üble Wirkung +machen -- das Bild eines Mannes, der, nachdem ein halbes Jahrhundert +hindurch die vortrefflichsten Werke durch seine schmutzigen, +geldgierigen Finger gegangen sind, noch immer eben so unwissend +und dumm geblieben ist -- ausgenommen die kleinen Wucher-Künste, +-- wie ein zehnjähriger Knabe, -- der Manuscripte und neue Bücher +nach der Dicke, nach dem Titel und nach dem herrschenden Geschmack +und Ungeschmack des Publikums schätzt und kauft, -- der, um diesen +falschen Geschmack zu unterhalten, durch unbärtige Knaben jämmerliche +Broschüren, Romänchen und Mährchen schreiben, und unter seiner Firma +(Namen) in die Welt gehen läßt, -- der die erbärmlichste Schmiererei, +deren Nichtswürdigkeit er selbst fühlt, durch einen viel versprechenden +Mode-Titel, oder durch saubere Bilderchen aufgestutzt, nach Frankfurt +und Leipzig schleppt, und für diese Lumpereien ein schändendes Lob +von feilen Recensenten erkauft, -- den Mann von Talenten wie einen +Tagelöhner behandelt und bezahlt, von der eingeschränkten häuslichen +Lage eines armen Schriftstellers Vortheil zieht, um ein Werk, +das Anstrengung aller Kräfte, Nachtwachen und Aufwand von wahrer +Geistesgröße erfordert hat, und womit er Tausende gewinnen kann, wie +Maculatur zu erhandeln, -- der, so oft ihm ein Werk angeboten wird, +verächtlich die Nase rümpft und den Kopf schüttelt, um desto wohlfeiler +daran zu kommen, -- der, wie unter andern unsere Carlsruher und +Frankenthaler Freunde, durch Nachdruck ein Dieb an fremdem Eigenthume +wird. Endlich könnte ich Vorschriften geben, wie die Schriftsteller +mit Buchhändlern von dieser Art umgehen sollen, um nicht ihre Sclaven +zu werden, -- wie man sich bei ihnen ein Gewicht geben könne, und in +welche Form man seine Geistes-Produkte gießen müsse, damit sie von den +Sosiern unsrer Zeit in Verlag genommen werden. -- Das aber sind zum +Theil Zunft-Geheimnisse, die unter uns großen Gelehrten nur mündlich +fortgepflanzt werden, und die man also nicht jedem, der bloß Leser ist, +verrathen darf. + +Bei der ersten flüchtigen Uebersicht sollte man glauben, alle +Buchhändler, die nur irgend einigen Verlag hätten, müßten reich +werden. Wenn man in Deutschland vier und zwanzig Millionen Einwohner +annimmt, und dann rechnet, daß jedes Buch tausendmal abgedruckt +würde, so beträgt das auf 24,000 Menschen nur ein Exemplar. -- Und +welches Buch könnte so schlecht seyn, daß nicht unter 24,000 Menschen +wenigstens Einer Lust bekäme, es zu kaufen? Allein man wird bald +anderer Meinung, wenn man die Schuldbücher der Herren Buchhändler +durchsieht; wenn man erfährt, daß sie von ihren Amtsbrüdern nicht mit +Gelde, sondern mit Maculatur und Ladenhütern, von andern Käufern aber +oft mit Vertröstungen bezahlt werden; daß man von der Summe jener +24 Millionen beinahe den ganzen Bauernstand und die Einwohner der +kleinsten Städte abrechnen muß, und daß die häufigen Leih-Bibliotheken +und Nachdruck-Fabriken ihnen beträchtlichen Schaden zufügen. + +Doch noch ~eine~ Bemerkung: Wer sich bei Buchhändlern, besonders in +minder großen Städten, beliebt machen will, der leihe und verleihe +nicht viel Bücher, und errichte keine Lese-Gesellschaften! Man kann +es sonst wahrlich den armen Handelsmännern nicht übel nehmen, daß +sie sich durch Nachdruck, kleine Künste und sparsames Honorarium an +ihren Collegen, am Publiko und an den Autoren zu erholen suchen, wenn +unter zwanzig Personen kaum einer ein Buch kauft, die übrigen aber +unentgeldlich mitlesen. + + + 6. + +Ich habe im ersten Theile dieses Buchs bei der Gelegenheit, da ich +Bemerkungen über den Umgang mit Wohlthätern machte, zugleich von dem +Betragen gegen Lehrer und Erzieher geredet. Unter dieser Klasse habe +ich aber die sogenannten +Maîtres+, d. h. die stundenweise bedungenen +Unterweiser ~in Sprachen und Künsten~, nicht mit begriffen. Von diesen +muß ich daher hier noch ein Paar Worte sagen. + +Wirklich ist es eine recht lästige Beschäftigung, zu Erringung seines +Unterhalts den ganzen Tag durch, in Wind und Wetter, von einem Hause +in das andere zu laufen, und ohne freie Wahl der Schüler dieselben +Anfangsgründe einer Kunst oder Sprache unzähligemal wiederholen zu +müssen. Findet man nun unter diesen Meistern dennoch einen Mann, den, +trotz dieser abschreckenden Schwierigkeiten, die Fortschritte, welche +seine Schüler machen, mehr reizen als der Gewinn, dem es ernstlich +darum zu thun ist, seine Kunst leicht, gründlich, lebhaft und deutlich +vorzutragen; so ehre man diesen, wie jeden Andern, der etwas zu +unsrer Bildung beiträgt! Oft aber trifft man unter diesen Herren sehr +schlechte Subjecte an: Menschen ohne Erziehung und Sitten, die von +dem, was sie Andern beibringen wollen, selbst keine klare Begriffe, +am wenigsten aber die Gabe haben, in Andern dergleichen zu erwecken, +-- Menschen, die, besonders wenn sie mit Kindern zu thun haben, es +bloß auf Gedächtniß-Kenntnisse anlegen, womit sie gelegentlich die +unwissenden Eltern täuschen können, welche sich nun überreden, daß +ihre Kinder große Fortschritte gemacht haben, indeß der Meister froh +ist, wenn er die Stunde überstanden hat, -- Menschen, die, um nur die +Lehrstunde auszufüllen, Stadt-Mährchen erzählen, aus ~einem~ Hause +in das andre tragen, oder gar das unedle Handwerk von Kupplern und +Liebesbriefträgern verwalten. Ich kann jeden sorgsamen Vater, und +wem sonst junge Leute anvertrauet sind, nicht genug vor dieser bösen +Gattung von Unterweisern warnen, und rathe, so viel möglich, bei +den Lehrstunden solcher Meister, die man nicht recht genau kennt, +gegenwärtig zu seyn. Ich kann mich nicht enthalten, diese Vorsicht +besonders gegen Musik- und Sprach-Meister zu empfehlen. Die größere +Anzahl der Tonkünstler und französischen Sprachmeister besteht aus sehr +leichtsinnigen, üppigen, sinnlichen Menschen. Die Musik erregt Gefühle, +aber dunkle Gefühle, die öfter für Wollust, als für hohe Tugenden +empfänglich machen, mehr die Phantasie, als die Vernunft beschäftigen. +Deswegen gibt es unter den Virtuosen so viel verderbte und gefährliche +Menschen. Ganz anders verhält es sich mit großen Componisten; ich rede +nur von ausübenden Musikern. Eben so gefährlich ist eine gewisse Klasse +von Sprachmeistern. Die französische Sprache, die so reich ist an +glatten Worten und feinen Wendungen, wird von diesen Menschen benutzt, +um unschuldigen Herzen das Gift der Eitelkeit beizubringen. + + + 7. + +Ein redlicher, arbeitsamer und geschickter ~Handwerksmann~ oder +~Künstler~ ist eine der nützlichsten Personen im Staate, und es macht +unsern Sitten wenig Ehre, daß wir diesen Stand so gering schätzen. Was +hat ein müssiger Hofschranze, was hat ein reicher Tagedieb, der um sein +baares Geld sich Titel und Rang erkauft hat, vor dem fleißigen Bürger +voraus, der seinen Unterhalt auf erlaubte Weise durch seiner Hände +Arbeit erwirbt? Dieser Stand befriedigt unsre ersten und natürlichsten +Bedürfnisse. Ohne ihn würden wir für unsre Nahrung und Kleidung und +für alle Gemächlichkeiten des Lebens mit eigenen hohen Händen sorgen +müssen; und erhebt sich nun gar der Handwerker oder Künstler (wie es +sehr oft der Fall ist) durch Erfindungskraft und Verfeinerung seiner +Kunst über das Mechanische, so verdient er doppelte Achtung. Dazu +kömmt, daß man wirklich unter diesen Leuten, die bei ihren Geschäften +Zeit genug haben, an andre nützliche Dinge zu denken, zuweilen die +hellsten Köpfe, und Männer antrifft, die freier von Vorurtheilen sind, +als Viele, die durch Studiren und Systemgeist ihre gesunde Vernunft +verschroben haben. + +Wie pflichtmäßig ist es also, einen rechtschaffenen und fleißigen +Handwerksmann zu ehren und sich höflich gegen ihn zu betragen! Und +wie unedel ist es, ohne Noth von ihm abzugehen, ob man gleich keine +Ursache hat mit seiner Arbeit, mit seinem Fleiße und seinen Preisen +unzufrieden zu seyn. Man mache nicht den Handwerksneid unter diesen +Leuten rege! Man ziehe, bei gleichen Umständen, ~den~ Handwerksmann, +der unser Nachbar ist, dem entfernter wohnenden vor! Man bezahle +ordentlich, pünktlich, baar, und dinge ihm nicht über die Gränzen +der Billigkeit ab! Unverantwortlich ist das Verfahren so vieler +Vornehmen und selbst Reichen, die, bei allem Aufwande, den sie machen, +zuletzt daran denken, die Handwerksleute, welche für sie arbeiten, zu +befriedigen. Eben die Verschwender, welche vielleicht in ~einem~ Abende +Tausende im Spiele verlieren, und es für eine Ehrensache halten, diese +Schuld ohne Aufschub zu tilgen, lassen den armen Handwerksmann um eine +Rechnung von zehn Thalern, worunter mehr als die Hälfte in baaren +Auslagen von seiner Armuth besteht, unbarmherziger Weise Jahre lang +warten, und manchen sauren Weg vergebens thun, lassen ihn wohl gar +von einem groben Haushofmeister auf eine kränkende Weise abfertigen. +Diese Ungerechtigkeit und Härte stürzt so manchen ehrlichen, sonst +wohlhabenden Bürger in Mangel, oder verleitet ihn, ein Betrüger zu +werden. + +Es herrscht aber unter den Handwerksleuten die unartige Gewohnheit +des Lügens. Sie versprechen, was sie weder halten können, noch halten +wollen, und übernehmen mehr Arbeit, als sie in der bestimmten Frist zu +liefern im Stande sind. Es würde der Mühe werth seyn, daß sich, wie +ich schon oben in Ansehung der übertheuernden Krämer vorgeschlagen +habe, die angesehensten Leute einer Stadt dahin vereinigten, bei einem +solchen Windbeutel nicht mehr arbeiten zu lassen. Daher mache ich mit +den Handwerksleuten, welche für mich arbeiten, den Vertrag, daß ich +augenblicklich von ihnen abgehe, sobald sie mir ihre Zusage nicht +halten. Dadurch nun, und wenn man jedesmal bei Ablieferung der Arbeit +baar bezahlt, erlangt man, daß man seltner belogen wird, als Andre. + + + 8. + +Ein Blick zurück auf das, was ich von dem Umgange mit +Kaufleuten gesagt habe, erinnert mich, daß ich bei dieser Gelegenheit +auch von den ~Juden~, als gebornen Handelsmännern, hätte reden +sollen. Ich will aber das Wenige, was ich etwa über diesen Gegenstand +vorzutragen habe, hier nachholen. + +In Amerika trifft man sehr viel Juden an, die durchaus in allen ihren +Sitten mit den Christen übereinstimmen, auch sogar mit christlichen +Familien durch wechselseitige Heirathen sich verbinden. In Holland +und in einigen Städten von Deutschland, besonders in Berlin, ist +die Lebensart mancher jüdischen Familien von der Weise anderer +Religions-Verwandten auch fast gar nicht verschieden. In diesen Fällen +nun ist eine von den Ursachen gehoben, weswegen der Charakter dieses +Volks so viel widrige Eigenheiten hat. Freilich bringen es leider +die mehrsten Juden in der höhern Kultur nicht weiter, als daß sie +die Einfalt und Strenge ihrer Sitten gegen christliche Laster und +Thorheiten vertauschen. Ein jüdischer Stutzer, Wüstling oder Freigeist +spielt dann mehrentheils eine sehr unwürdige Rolle. Daß übrigens +die höchst unverantwortliche Verachtung, mit welcher wir den Juden +begegnen, -- der Druck, unter welchem sie in den mehrsten Ländern +leben, und die Unmöglichkeit, auf andre Weise, als durch Wucher, ihren +Lebens-Unterhalt zu gewinnen, -- daß diese unsere Ungerechtigkeit +nicht wenig dazu beiträgt, sie moralisch schlecht zu machen, und +zur Niederträchtigkeit und zum Betruge zu reizen, -- endlich daß +es, ungeachtet aller dieser Umstände, dennoch edle, wohlwollende, +großmüthige Menschen unter ihnen gibt: -- das sind bekannte, oft +gesagte Dinge. Laßt uns aber hier die Juden, nicht wie sie unter andern +Umständen seyn ~könnten~, noch wie einzelne Subjecte unter ihnen sind, +sondern so, wie wir jetzt ihren Volks-Charakter nach der größern Anzahl +beurtheilen müssen, betrachten! + +Sie zeigen sich rastlos und von einer unerschöpflichen Geduld und +Ausdauer, wo etwas zu gewinnen ist; sie verschmähen auch den kleinsten +Gewinn bei ihrem Gewerbe nicht, und machen, durch ihren Zusammenhang in +allen Ländern und dadurch, daß sie sich durch keine Art von Bedrückung +und Zurückweisung abschrecken lassen, fast unmögliche Dinge möglich. +Man kann sie daher zu den wichtigsten Verhandlungen brauchen, und auf +ihre Klugheit eben so sehr, wie auf ihre Ausdauer rechnen; nur muß man +ihre Dienste gut bezahlen. + +Sie sind verschwiegen, wo sie Interesse dabei finden; vorsichtig; +zuweilen zu furchtsam, doch für's Geld bereit, das Aergste zu wagen; +verschlagen; witzig; scharfsinnig in ihren Einfällen; Schmeichler im +höchsten Grade, und finden dadurch Mittel, sich ohne Aufsehen in den +größten Häusern Einfluß zu verschaffen, und durchzusetzen, was man ohne +sie schwerlich bewirken würde. + +Sie sind mißtrauisch. Sind sie aber ~einmal~ überzeugt, daß sie +pünktliche Bezahlung erhalten werden, und mit einem ehrlichen Manne +zu thun haben, so kann man auch bei ihnen Hülfe finden, wenn alle +christlichen Wucherer sich zurückziehen. + +Bist Du aber ein schlechter Wirth, oder sind Deine Vermögens-Umstände +in einer zweideutigen Lage: so wird niemand dieß leichter gewahr +werden, als der Jude. Rechne dann nicht darauf, daß er Dir Geld +vorschießen werde, oder mache Dich gefaßt, ihm, wenn er es auf +Speculation daran wagt, Dich zu so übertriebenen Procenten und zu +solchen Bedingungen verbindlich machen zu müssen, daß dadurch Deine +Lage gewiß noch unglücklicher wird! + +Es wird den Juden gewaltig schwer, sich vom Gelde zu trennen, weil +es ihr höchstes Gut, und die Bedingung ihres Daseyns ist. Darum gehen +sie in Geld-Angelegenheiten mit der größten Vorsicht zu Werke, und +lassen sich dabei keine Mühe verdrießen. Wenn Jemand, den sie nicht +recht genau kennen, sie um ein Darlehn anspricht, so werden sie +denselben auf einen andern Tag wieder bestellen. Unterdessen forschen +sie bei Handwerkern, Nachbaren, Bedienten u. dgl. nach den kleinsten +Umständen des künftigen Schuldners. Kömmt dieser zur bestimmten Zeit +wieder, so läßt sich der Jude verleugnen, oder verschiebt die Zahlung +noch um einige Wochen, Tage oder Stunden. Und ist auf Deinem Gesichte +nur irgend eine Spur von Verlegenheit über Deine Umstände, oder von +zu großer Freude über die zu hoffende Hülfe zu lesen, so wird der +Jude sich nicht von seinem Mammon trennen, und hätte er auch schon +angefangen, das Geld hinzuzählen. Daß er Dir immer das leichteste Gold +geben wird, versteht sich von selbst. Auf dies alles muß man sich +gefaßt machen, wenn man in solche Fälle kömmt. + +Bei dem Handel mit Hebräern gemeiner Art ist es rathsam, die Augen oder +den Beutel zu öffnen. Es ist sehr natürlich, daß ein Christ sich auf +ihre Gewissenhaftigkeit, auf ihre Betheuerungen nicht verlassen darf. +Sie werden Euch Kupfer für Gold, drei Ellen für vier, alte Sachen für +neue verkaufen, falsche Münze für ächte geben, wenn Ihr es nicht besser +verstehet. + +Wenn man alte Kleider oder andre Sachen an Juden verhandeln will, +so suche man mit dem ersten, der ein irgend leidliches Gebot thut, +sogleich einig zu werden! Lässest Du ihn fortgehen, ohne sein Gebot +anzunehmen, so wird die Nachricht, daß bei Dir etwas zu schachern sey, +und daß man Mendeln oder Joseph den Handel nicht verderben dürfe, wie +ein Lauf-Feuer durch die ganze Judenschaft gehen, und in der Synagoge +publicirt werden: in solchen Fällen halten sie treulich zusammen. Es +werden dann haufenweise die Israeliten, fremde und einheimische, Dein +Haus bestürmen; aber jeder später kommende wird immer etwas weniger +bieten, als der vorhergehende, bis Du endlich entweder den ersten +wieder aufsuchst, der aber dann die gleich anfangs gebotene Summe +noch vermindert, oder bis Deine Waare Dir so zuwider wird, daß Du sie +für die Hälfte des Werths einem Andern hingibst, der sie treulich dem +Ersten einhändigt. Wenn auch ein Jude von gemeiner Art Dir im Handel +so viel bietet, wie Du etwa fordern zu dürfen glaubst, so schlage doch +nicht gleich zu; er wird sonst zurückziehen, entweder weil er nun +denkt, er hätte noch wohlfeiler dazu kommen können, oder es stecke +Betrug dahinter. + +Ist man seines Kaufs mit einem Trödel-Juden völlig einig, so wird er +doch noch versuchen, den Verkäufer zu hintergehen. Er wird gewöhnlich +sagen: »er habe kein baares Geld bei sich, wolle aber die Uhr oder +sonst etwas zum Unterpfande lassen.« Er weiß wohl, daß man das selten +annimmt. Gibt man ihm nun Credit und das Gekaufte mit, so schleppt er +dies in der ganzen Stadt herum, bietet es feil, und bringt es wieder, +mit dem Bedeuten: »man solle etwas schwinden lassen; er habe sich +übereilt.« Oder er kömmt gar nicht wieder, und man muß lange hinter +der Bezahlung herlaufen. Auch wollen sie gar zu gerne Waare statt +Geld geben, denn die baare Münze ist ihnen gar zu sehr an's Herz +gewachsen. -- Auf dies alles darf man sich nicht einlassen. Etwas ganz +Charakteristisches hat diese Nation übrigens in Allem. -- Ich rede von +dem großen Haufen derselben, nicht von denen, die sich (vielleicht +nicht zu ihrem Glücke) nach den Sitten der Christen umgebildet haben. +-- Man höre die Musik in ihren Tempeln, und die ganz eigene Art, +wie sie dieselbe vortragen! Man sehe sie tanzen! Man gebe Acht auf +die Verzierungen, welche auch die reichsten alten Juden in ihren +Häusern anbringen, ob nicht immer etwas von den Knäufen an dem Tempel +Salomons, von den Verzierungen der Bundeslade, Scharlach, Rosenroth und +gezwirnter weißer Seide mit unterläuft. + + + 9. + +In den mehrsten Provinzen von Deutschland lebt der ~Bauer~ +in einer Art von Druck und Sclaverei, die wahrlich oft härter ist, +als die Leibeigenschaft desselben in andern Ländern. Mit Abgaben +überhäuft, zu schweren Diensten verurtheilt, unter dem Joche grausamer, +habsüchtiger Beamten seufzend, werden sie des Lebens nie froh, haben +keinen Schatten von Freiheit, kein sichres Eigenthum, und arbeiten +nicht für sich und die Ihrigen, sondern nur für ihre Tyrannen. + +Wen nun die Vorsehung in die glückliche Lage gesetzt hat, zu +Erleichterung dieser so sehr gedrückten und doch so wichtigen, +zahlreichen und nützlichen Menschen-Klasse etwas beitragen zu können: +o! der schaffe sich doch die süße Wonne, in den ländlichen Hütten +Freude zu verbreiten, und seinen Namen von Kindern und Enkeln mit Segen +nennen zu hören! + +Freilich wohl sind die Bauern zum Theil so hartnäckige, zänkische, +widerspenstige und unverschämte Geschöpfe, daß sie aus der geringsten +Wohlthat eine Schuldigkeit machen, -- daß sie nie zufrieden sind, +immer klagen, immer mehr haben wollen, als man ihnen zugestehen kann; +allein sind wir nicht selbst durch lange fortgesetzte unedle Behandlung +und Vernachlässigung ihrer Bildung daran Schuld, daß niederträchtige +Gesinnungen bei ihnen herrschend werden? und gibt es nicht einen +Mittelweg zwischen übertriebener Nachsicht und despotischer Strenge +und Grausamkeit? Ich verlange nicht, daß ein Landes- oder Guts-Herr +sich, so lange die jetzige Ordnung der Dinge noch Statt hat, des Rechts +begeben solle, seine Unterthanen zu schuldigen Diensten zu gebrauchen; +allein, kann es erlaubt seyn, diese Dienste auch dann zu verlangen, +wenn nur von dem edlen Vergnügen einer Hirsch- oder Schweine-Metzelei +die Rede ist? ist es menschlich, den Bauer zu einer Zeit, wo seine +Gegenwart zu Hause dringend nothwendig ist, mehrere Tage hinter +einander in strenger Kälte mit leerem Magen herumlaufen, und Ohren und +Nase erfrieren zu lassen? Der Gutsherr kann und soll ihm die schuldigen +Abgaben nicht schenken; aber er soll Nachsicht mit seinen Umständen +haben, Rücksicht auf erlittene Unglücksfälle nehmen, und darauf halten, +daß die Beamten die Gelder in einer Zeit eintreiben, wo es dem armen +Landmanne weniger schwer wird, baare Münze aufzutreiben, ohne sich mit +Leib und Seele dem Juden oder dem bösen Feinde zu verschreiben. + +Man schwatzt so viel von Verbesserung der Dorfschulen und Aufklärung +des Landvolks; allein überlegt man auch wohl immer genau genug, +welch ein Grad von Aufklärung für den Landmann, besonders für den +von niedrigem Stande, taugt? Daß man den Bauer nach und nach, mehr +durch Beispiele als durch Abhandlungen, zu bewegen sucht, von manchen +ererbten Vorurtheilen, in der Art des Feldbaues und überhaupt in der +Führung des Haushalts, zurückzukommen, -- daß man durch zweckmäßigen +Schul-Unterricht die thörichten Grillen, den dummen Aberglauben, +den Glauben an Gespenster, Hexen u. dergl. zu zerstören trachte, +-- daß man die Bauern gut schreiben, lesen und rechnen lehre: das +ist löblich und nützlich. Ihnen aber allerlei Bücher, Geschichten +und Fabeln in die Hände zu spielen; sie zu gewöhnen, sich in eine +Ideen-Welt zu versetzen; ihnen die Augen über ihren armseligen Zustand +zu öffnen, so lange man nicht die ernstliche Absicht hat, diesen zu +verbessern; sie durch zu viel Aufklärung unzufrieden mit ihrer Lage, +und aufgelegt zu machen, über die ungleiche Austheilung der Glücksgüter +zu declamiren; ihren Sitten Geschmeidigkeit und den Anstrich der +feinen Höflichkeit zu geben -- das taugt wahrlich nicht, obgleich es +auch grausam und ungerecht ist, die natürlichen Fortschritte einer +solchen Aufklärung vorsätzlich ~hindern~ zu wollen. Ohne alle diese +künstlichen Hülfsmittel trifft man unter alten Landleuten Menschen +von so unverfälschtem Sinne, von so hellem, heiterm Kopfe, und von so +festem Charakter an, die manchen hochstudirten Herrn beschämen könnten. +Es scheint also rathsam, hier mit großer Mäßigung und Sparsamkeit zu +Werke zu gehen. Im Ganzen betrage man sich gegen den Bauer treuherzig, +gerade, offen, ernsthaft, wohlwollend, nicht geschwätzig, dem +Verhältnisse gemäß, und bleibe sich gleich: und man wird sich seine +Achtung, sein Zutrauen erwerben, und viel über ihn vermögen. + +Von ~Land-Edelleuten~ und andern Personen höhern Standes, die in den +Dörfern leben, gilt zum Theil dasselbe. Man nehme keinen Residenz-Ton +im Umgange mit ihnen an, hüte sich vor leeren Complimenten, nehme Theil +an ihren ländlichen Freuden, Sorgen und Geschäften, und verbanne allen +Zwang, ohne doch den Ton zu tief herabzustimmen: so wird man ihnen als +Gast, Nachbar, Freund und Rathgeber willkommen seyn. + + + + + Siebentes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart und Gewerbe. + + + 1. + +Zuerst von den sogenannten Abentheurern und Pflastertretern. Ich rede +hier nicht von den eigentlichen Betrügern und Gaunern -- von diesen +soll gleich nachher gehandelt werden! -- sondern von der unschädlichen +Art der Abentheurer, die, wenn sie sich mit der Glücksgöttin gar +zu oft überworfen haben, zuletzt an die kleinen Neckereien dieses +launigten Weibes so gewöhnt sind, daß sie immer aufs Neue blindlings +in den Glückstopf hineingreifen, und es wagen, entweder auf die Finger +geklopft zu werden, oder einmal einen fetten Brocken zu erhaschen. +Sie leben, ohne festen Plan für den folgenden Tag, auf gute Hoffnung +los, und unternehmen sorglos und leichtsinnig alles, was ihnen für den +Augenblick eine Aussicht zu einigem Unterhalte zu eröffnen scheint. +Wo eine reiche Wittwe zu heirathen, eine Pension, eine Bedienung an +irgend einem Hofe, oder dergleichen zu erschleichen ist, da sind sie +nicht saumselig. Sie verändern den Namen, adeln sich, schaffen sich um, +so oft es ihnen beliebt, und es die Sache erleichtern kann. Was sich +als Edelmann nicht durchsetzen läßt, das versuchen sie als Marquis, +als Abbé, als Offizier. Zwischen Himmel und Erde ist kein Fach, kein +Departement, in welchem sie nicht bereit wären, sich an die Spitze +der Geschäfte stellen zu lassen, keine Wissenschaft, über welche +sie nicht mit einer Zuversicht schwatzten, die sogar den Gelehrten +zuweilen stutzen macht. Mit einer bewundernswürdigen Gewandtheit, +mit einem +savoir faire+, das selbst der bessere Mann zum Theil von +ihnen lernen sollte, gelangen sie zu Dingen, die der Rechtschaffenste +und Verständigste nicht einmal zu wünschen den Muth hat. Ohne tiefe +Menschenkenntniß haben sie gerade das, womit man in dieser Welt über +wahre Weisheit den Meister spielt -- +esprit de conduite+. Gelingt +das nicht, was sie unternehmen, so werden sie doch dadurch nicht in +ihrem guten Humor gestört; die ganze Welt ist ihr Vaterland, und als +blinde Passagiers sind sie auf dem Postwagen eben so zu Hause, wie +in einer prächtigen Karosse. -- Ein gutmüthiges Völkchen, durch das +Nomaden-Leben gewöhnt, Freuden und Leiden geduldig zu ertragen und zu +theilen! Haben sie irgendwo ihre Rolle ausgespielt, so schnüren sie ihr +Bündelchen, und gehen aus ihren Palästen so leichtfüßig davon, wie ein +flüchtiger Morgen-Traum. + +Als Gesellschafter mag man diese Leute nicht verachten! Sie haben so +Manches gesehen und erfahren, daß dem Menschen-Kenner ihr Umgang nicht +ganz uninteressant seyn kann. Ja, wenn sie sonst nicht bösartig sind, +so findet man bei ihnen Theilnehmung, Dienstfertigkeit und Gefälligkeit +in hohem Grade. Dagegen ist zu einer genauen freundschaftlichen +Verbindung mit ihnen gar nicht zu rathen. Man sey nicht zu vertraulich +gegen sie, und bediene sich nicht ihrer Hülfe zu wichtigen Geschäften! +Theils leidet dadurch unser eigner Ruf, theils kann man sich von ihrem +Leichtsinne und ihrer Charakterlosigkeit wenig wahre Hülfe versprechen; +auch pflegen sie nicht eben sehr ekel in der Wahl der Mittel zu seyn, +welche sie anwenden, um zu einem Zwecke zu gelangen. + + + 2. + +Beschäme nicht leicht den Abentheurer, auch den von schlechter +Art nicht, wenn Du ihn irgendwo in einer erborgten Gestalt, unter +falschem Namen, oder mit selbstgeschaffnen Titeln und Ehrenzeichen +geschmückt antriffst, in so fern nicht wichtige Gründe eintreten, +oder Du besondern Beruf dazu hast! Auch würde Dir das nicht immer +gelingen; denn seine Unverschämtheit möchte vielleicht Wege finden, +das Unangenehme einer solchen Scene auf Dich selbst fallen zu machen. +Doch kann es zuweilen nützlich seyn, so einem Herrn unter vier Augen +merken zu lassen, daß man ihn kenne, und daß es in unsrer Macht stehen +würde, ihn zu entlarven, daß man aber seiner schonen wolle. Dann +wird ihn vielleicht die Furcht vor der Entdeckung zurückhalten, böse +Streiche zu spielen. Es gibt aber unter diesen Landläufern äusserst +gefährliche Menschen, Ausspäher, Verführer, Verleumder, Diebe und +Schelme aller Art. Nicht nur sollte diesen die Thür jedes ehrlichen +Mannes sorgfältig verschlossen werden, sondern die kleinern deutschen +Fürsten würden auch wohl thun, wenn sie sich weniger mit solchem +Gesindel einließen, welches gewöhnlich mit einer Tasche voll Pläne +und Entwürfe zum Besten des Landes, zur Beförderung des Handels, zum +Flor und zur Verschönerung der Residenzen, angezogen kömmt, redliche +Diener aus ihren Aemtern verdrängt und verdächtig macht, seinen Beutel +zum Ruin des Landes spickt, freilich seine Rolle selten lange spielt; +aber wenn es auch, mit Schimpf und Schande beladen, davon gehen muß, +mehrentheils viel gestiftetes Unglück zurückläßt, was es nie wieder gut +machen kann, und irgend einen andern schwachen Herrn findet, mit dem es +seine Operationen aufs Neue versucht. In diesen Fällen ist es Pflicht, +dem Bösewichte öffentlich die Larve abzuziehen; doch thue man das +nicht eher, als bis man die deutlichsten Beweise gegen ihn in Händen +hat! denn dergleichen Menschen haben die Gabe, ihre Sache von solchen +Seiten vorzustellen, daß man sehr viel wagt, wenn man sie mit unsichern +Waffen angreift. + + + 3. + +Unter allen Abentheurern sind, nach meiner Empfindung, die ~Spieler~ +vom Handwerk die verächtlichsten. Indem ich nun von ihnen rede, werde +ich auch Gelegenheit nehmen, über das Spiel im Allgemeinen und über das +Betragen bei demselben etwas zu sagen. + +Keine Leidenschaft kann so weit führen, keine kann den Jüngling, den +Mann und ganze Familien in ein grenzenloseres Elend stürzen, keine +den Menschen in eine solche Kettenreihe von Verbrechen und Lastern +verwickeln, als die unglückselige Spielsucht. Sie erzeugt und nährt +alle nur ersinnlichen unedeln Empfindungen: Habsucht, Neid, Haß, Zorn, +Schadenfreude, Verstellung, Falschheit und Vertrauen auf blindes Glück; +sie kann zu Betrug, Zank, Mord, Niederträchtigkeit und Verzweiflung +führen, und tödtet auf die schändlichste Weise die goldne Zeit. Wer +reich ist, begeht eine unverzeihliche Thorheit, wenn er sein Geld auf +so ungewisse Speculation anlegt; und wer nicht viel zu wagen hat, muß +furchtsam spielen, kann die Launen des Glücks nicht abwarten, sondern +muß bei dem ersten widrigen Schlage das Feld räumen, oder er wagt +es darauf, aus einem Dürftigen ein Bettler zu werden. Doch ist die +Thorheit der Erstern noch weit größer, als die der Letztern. Selten +stirbt der Spieler als ein reicher Mann; wer daher auf diesem elenden +Wege Vermögen erworben hat, und dann nicht aufhört zu spielen, den +möchte man einen Wahnsinnigen nennen. + +Die, welche Tage und Nächte dem Spiel opfern, bedenken gewiß nicht, +daß, wenn sie täglich spielen, sie sich eine jährliche ~gewisse~ +Ausgabe von wenigstens sechzig Thalern aufladen, die sie von dem +möglichen ~ungewissen~ Gewinne abrechnen müssen; nämlich das +Kartengeld. Sie bedenken noch weniger, daß sie die unwürdigsten +Zeitverschwender, und allen Guten und Edlen verächtlich, daß sie früher +oder später der Verzweiflung preisgegeben sind. + +Hüte Dich, mit Leuten vom Handwerke Dich auf ein Spiel einzulassen, +wenn Dir Dein Geld und Deine Ehre lieb ist! + +Traue Keinem von ihnen! in keiner Sache! -- Die wenigen Ausnahmen, +wo diese Regel einem ehrlichen Spieler von Profession Unrecht thun +könnte, verdienen nicht in Anschlag gebracht zu werden; und wer sich +dieser verächtlichen Lebensart widmet, mag es nicht übel nehmen, daß +man ihm den Geist der bösen Zunft zutraut, zu welcher er sich bekennt. + +Laß Dich auf keine bloße Hazard-Spiele ein! Um geringen Preis +gespielt, sind sie äusserst langweilig, und hohes Geld dem Ungefähr +preisgeben, ist Narrheit. Ein verständiger Mann verachtet ohnehin jede +Beschäftigung, bei welcher Kopf und Herz schlummern müssen, und man +darf nur ein mittelmäßiger Rechner seyn, um sich zu überzeugen, daß +bei solchen Glücksspielen die Wahrscheinlichkeit immer gegen uns ist. +Wollen wir aber gar keine Wahrscheinlichkeit annehmen, so bleibt der +Erfolg ein Werk des Zufalls: -- und wer wird denn vom Zufalle abhängen +wollen? + +Auf die sogenannten Commerenz-Spiele thue gänzlich Verzicht, oder lerne +sie vorher recht, und spiele mit gleicher Aufmerksamkeit, es mag um +hohen Preis, oder um eine Kleinigkeit gelten! Lerne Dich aber auch im +Spiele beherrschen, und wage nicht mit Unverstand! Mache nicht, durch +gehäufte Fehler der Aufmerksamkeit und Kunst, Dich selbst arm, und +Deinen Mitspielern Ungeduld und Langeweile! + +Zeige keine böse Laune, wenn Du schlechte Karten bekömmst, und wenn Du +verlierst! Wer nie Geld im Spiele verlieren will, der muß sich auf die +Blindekuh einschränken. + +Manche Leute geben immer vor, gewonnen zu haben; andere klagen stets +über Verlust. Die Erstern belügen nur ihren eigenen Geldbeutel; die +Andern aber sprechen sich selbst ein böses Urtheil. Denn wer ohne +Unterlaß verliert, ist ein Narr, wenn er nicht endlich das Spielen +aufgibt. + +Spiele nicht so unerträglich langsam und bedächtig, daß Deinen +Gesellschaftern alle Geduld vergehen muß. Zanke nicht, wenn Deine +Mitspieler Fehler machen! + +Zeige keine laute Freude, wenn Du gewinnst! das pflegt Dem, welcher +verloren hat, empfindlicher zu seyn, als der Verlust selbst. + +Nöthige niemand zum Spiele, wenn Du weißt, daß er ungern oder +unglücklich spielt! Dieß geschieht vielfältig von Leuten, denen es eine +wichtige Angelegenheit ist, ihre Parthieen vollzählig zu haben. + +-- Doch diese Materie ist wohl kaum der so langen Abhandlung werth. -- +Wenden wir uns zu andern Gegenständen! + + + 4. + +Unter den Abentheurern unsrer Zeit spielen die ~Geisterseher~, +~Goldmacher~ und andre ~mystische Betrüger~ keine unbeträchtliche +Rolle. Diese Art von Schwärmerei, nämlich der Glaube an übernatürliche +Wirkungen und Erscheinungen, ist sehr ansteckend. Bei dem Gefühle, wie +manche Lücke in unsern philosophischen Systemen und Theorien übrig +bleibt, so lange unser Geist in den Grenzen irdischer Ausdehnung +eingeschränkt ist, und bei der Begierde, dennoch, über die Grenzen +dieser Eingeschränktheit hinaus, Blicke zu thun, scheint es dem +Menschen ganz natürlich, die unerklärbaren Sachen +a posteriori+ zu +erläutern, wenn es mit den Beweisen +a priori+ nicht recht gehen +will; d. h. aus den gesammelten Thatsachen Resultate zu ziehen, die +ihm angenehm sind; Resultate, die theoretisch, durch Schlüsse, nicht +vollständig herauskommen. Da geschieht es dann, daß, um eine Menge +solcher Thatsachen zu gewinnen, man geneigt ist, jedes Mährchen für +wahr, jede Täuschung für Realität zu halten, damit man seinem Glauben +Gewicht gebe. Je aufgeklärter aber die Zeiten werden, je emsiger man +sich bestrebt, der Wahrheit auf den Grund zu kommen, desto sichtbarer +wird es uns, daß wir auf Erden diesen Grund nicht finden; um desto +leichter also gerathen wir auf jenen Weg, den wir vorher verachtet +haben, so lange noch auf dem hellen Wege der Theorie neue Entdeckungen +zu machen waren. Ich glaube, daß dieß eine ungezwungene Erklärung +des Phänomens ist, das so Manchem höchst wunderbar scheint, -- des +Phänomens, daß in den Zeiten der größten Aufklärung ein blinder Glaube +an Ammen-Mährchen grade am stärksten einreißt. + +Diese Stimmung des Publikums nun machen sich eine Menge Betrüger zu +Nutze, die theils planmäßig verbunden, uns zu unterjochen, theils +einzeln, nach Zeit und Gelegenheit darauf ausgehen, die Augen der +Schwachen zu blenden. + +Sey es nun dabei auf unsre Geldbeutel, oder auf Tyrannei über unsern +Willen, oder auf irgend einen andern moralischen, intellectuellen oder +politischen Mißbrauch angesehen: so ist es immer sehr wichtig, dagegen +auf seiner Hut zu seyn. + +Obgleich ich mich nicht fest überzeugen kann, daß alle Abentheurer +solcher Art, daß die Cagliostro's, Saint Germain's, Schröpfer und +Consorten, bis auf den armen Masius hinunter, sämmtlich von einer +einzigen Triebfeder regiert werden, und daß jeder solcher Wundermann +seine Unternehmungen auf denselben Zweck zu leiten die Absicht haben +sollte: so sind wir doch denen allen Dank schuldig, die uns vor +solchen Abentheurern warnen, und uns wenigstens zeigen, ~wohin das +führen~ könnte. Um aber nicht zu wiederholen, was so vielfältig ist +gesagt worden, und noch immer gesagt wird, will ich hier, bei dem +Betragen gegen Leute von der Art, nur folgende Vorsichtigkeits-Regeln +vorschlagen. + +Laß es an seinen Ort gestellt seyn, ob man Geister sehen und Gold +machen könne, oder nicht! Leugne nicht das, wovon Du nicht das +Gegentheil so klar beweisen kannst, daß es nicht möglich ist, dagegen +etwas einzuwenden! -- denn Beweise, die auf Vordersätzen beruhen, +welche nur willkührlich angenommen sind, können bloß den überzeugen, +der Lust hat, davon überzeugt zu werden. -- Aber baue nicht, bei +der Möglichkeit einer Sache, den Schluß auf ihre Wirklichkeit, noch +auf metaphysische Grillen moralische Handlungen! Sollte auch jemand +durch Schlüsse überführt werden können, daß wohl sehr wahrscheinlich +jedes sichtbare Wesen von einer Menge unsichtbarer umgeben ist: so +bleibt es doch immer thöricht gehandelt, wenn dies sichtbare Wesen +seine sichtbaren Handlungen mehr nach der vermuthlichen unsichtbaren +Gesellschaft, die ihn umgibt, einrichtet, als nach den Sitten der +wackern wirklichen Personen, unter denen es umherwandelt. + +Man zeige also in Worten und Handlungen mehr Wärme für thätige, +nützliche Wirksamkeit, als für Speculation; so werden sich die Herren +Mystiker nicht leicht zu uns gesellen! + +Geräthst Du aber an einen solchen Wundermann, und ist Dir daran +gelegen, ihn und sein System genauer kennen zu lernen: so hüte Dich, +vorher Unglauben und Vorwitz zu offenbaren! Er wird sonst bald merken, +daß mit Dir, als einem Ungläubigen, nicht viel anzufangen ist; er wird +Dich nicht einweihen in seine Geheimnisse, nicht zulassen zu seinem +esoterischen Unterrichte, und Du wirst den Vortheil entbehren, Dich +und Deine Freunde von dem wahren Zusammenhange zu unterrichten, -- +ungerechnet, daß es sich wirklich für einen vernünftigen Mann nicht +schickt, sich früher für oder gegen eine Sache einnehmen zu lassen, +bevor er dieselbe kaltblütig untersucht hat, wäre auch aller Anschein +dagegen; besonders wenn es Dinge betrifft, in welchen selbst der +Weiseste lebenslang im Finstern tappt. + +Glaubt man zuversichtlich, einen Betrug entdeckt zu haben; so ist +Spott, so ist Hohnlächeln nicht das Mittel, Schwärmer zu bekehren. Man +gehe also Schritt vor Schritt, und da die Sinne leichter getäuscht +werden können, als die Vernunft, so fordre man, bevor man sich auf +Erscheinungen, Proben und Processe einläßt, daß vor allen Dingen +zuerst die Theorie, auf welcher das alles beruht, recht deutlich +erklärt werde! und hier lasse man sich nicht etwa auf eine bildliche +Sprache ein, sondern auf bestimmte, verständliche deutsche Worte, und +auf den Ideen-Gang und Sprach-Gebrauch, der einmal unter Gelehrten +üblich ist. Es mag vielleicht sehr viel Weisheit in dem Dunkel der +Mystiker stecken; aber für ~uns~ kann nur ~das~ Werth haben, was ~wir~ +verstehen. Man gönne einem Jeden die Freude, einen schmutzigen Kiesel +für einen Diamant zu halten; aber wenn man kein eben so großer Kenner +von Edelsteinen ist, so sage man gutmüthig, ohne Scheu, frei heraus: +»daß man diesen Stein für nichts anders, als für einen schmutzigen +Kiesel halten könne!« Es ist keine Schande, etwas nicht einzusehen; +aber es ist mehr als Schande, es ist Betrug, das Ansehen haben zu +wollen, als verstünde man, -- was man nicht versteht. + +Hat Dich indessen ein Landstreicher, ein Goldmacher, oder Geisterseher, +bei Deiner schwachen Seite gefaßt, eine Zeitlang sein Spielwerk mit +Dir getrieben -- o! wer ist mehr in dieser Leute Händen gewesen, +als ich? -- und Du entlarvst endlich den Schurken: dann scheue Dich +nicht, nein! denke, daß es Pflicht ist, zur Warnung andrer ehrlicher, +leichtgläubiger Leute, öffentlich den Betrug bekannt zu machen, -- +möchtest Du auch dabei in keinem sehr vortheilhaften Lichte erscheinen! + + + + + Achtes Kapitel. + + Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern + derselben. + + + 1. + +Unter die mancherlei schädlichen und unschädlichen Spielwerke, mit +welchen sich unser philosophisches Jahrhundert beschäftigt, gehört auch +die Menge geheimer Verbindungen und Orden verschiedener Art. Man wird +heut zu Tage in allen Ständen wenig Menschen antreffen, die nicht von +Wißbegierde, Thätigkeitstrieb, Geselligkeit, oder Vorwitz geleitet, +wenigstens eine Zeitlang Mitglieder einer solchen geheimen Verbrüderung +gewesen wären. Und doch möchte es wohl nun endlich einmal Zeit seyn, +diese theils zwecklosen und thörichten, theils dem gesellschaftlichen +Leben gefährlichen Bündnisse aufzugeben. Ich habe mich lange genug +mit diesen Dingen beschäftigt, um aus Erfahrung reden, und jedem +jungen Manne, dem seine Zeit lieb ist, mit Zuversicht den Rath geben +zu können, sich in keine geheime Gesellschaft, sie möge Namen haben, +wie sie wolle, aufnehmen zu lassen. Sie sind alle, freilich nicht in +gleichem Grade, aber doch alle ohne Unterschied, zugleich unnütz und +gefährlich. Unnütz sind sie zuerst, weil man in unserm Zeitalter keine +Art von wichtigem Unterrichte in Geheimnisse einzuhüllen braucht. Die +christliche Religion ist so klar und befriedigend, daß sie nicht, wie +diese Volks-Religionen der alten Heiden, einer geheimen Auslegung, +einer doppelten Lehrart bedarf; und in den Wissenschaften werden die +neuesten Entdeckungen zum Wohl der Welt öffentlich bekannt gemacht, +müssen und sollen öffentlich bekannt gemacht werden, damit sie jeder +Sachverständige prüfen und bewahrheiten könne. In den einzelnen Ländern +hingegen, wo noch Finsterniß und Aberglauben herrschen, muß man den +kommenden Tag erwarten. Man darf da nichts übereilen; man verdirbt +oft mehr, als man gut macht, wenn man die Zwischenstufen überspringen +will; es hat gar keinen Nutzen, daß einzelne Menschen die Periode der +Aufklärung zu beschleunigen trachten; auch können sie das nicht; +und wenn sie es können, so ist es Pflicht, dieß öffentlich zu thun, +um desto mehr Pflicht, damit andre vernünftige Männer, in demselben +Lande und in andern Gegenden, über den Beruf der Aufklärer, über den +Werth der geistigen Waare, welche sie feil bieten, und darüber mögen +urtheilen können, ob das, was sie lehren, auch wirklich Aufklärung sey, +oder ob sie nicht vielleicht schlechtere Münzen ausprägen, als die ist, +welche sie verrufen. Unnütz sind solche Verbindungen ferner, von Seiten +ihrer Wirksamkeit, weil sie mehrentheils sich mit elenden Kleinigkeiten +und abgeschmackten Ceremonien beschäftigen, eine Bilder-Sprache reden, +die alle mögliche Auslegung leidet, nach schlecht durchgedachten Planen +handeln, unvorsichtig in der Wahl ihrer Mitglieder sind, folglich bald +ausarten, und, wenn sie auch anfangs in ihrer Einrichtung Vorzüge vor +öffentlichen Gesellschaften haben könnten, nachher dieselben und noch +mehr solcher Gebrechen bei ihnen einreißen, als die, über welche man in +der Welt klagt. Wer Lust hat, etwas Großes und Nützliches zu thun, der +findet dazu im bürgerlichen und häuslichen Leben sehr viel Gelegenheit, +die fast kein Einziger ganz so eifrig und freudig ergreift, wie er +sollte, um seinem Leben einen Werth, und seinem Herzen Befriedigung +und Freude zu geben. Es müßte erst bewiesen werden, daß auf diesem +öffentlich privilegirten Wege nichts mehr zu thun übrig bliebe, oder +daß dem warmen Beförderer des Guten unübersteigliche Hindernisse in +den Weg gelegt wären, bevor man das Recht haben dürfte, sich einen +vom Staate nicht sanctionirten, geheimen, besondern Wirkungskreis zu +schaffen. Wohlthätigkeit bedarf keiner mysteriösen Hülle; Freundschaft +muß auf freier Wahl beruhen, und Geselligkeit braucht nicht durch +geheime Wege befördert zu werden. + +Allein diese geheimen Verbindungen sind auch schädlich für die +Welt, und gewissermaßen unvereinbar mit unsern Pflichten gegen die +bürgerliche Gesellschaft. Schädlich, weil alles, was im Verborgenen +geschieht, mit Recht in Verdacht gezogen werden kann; unvereinbar mit +unsern Pflichten gegen den Staat, weil die Vorsteher der bürgerlichen +Gesellschaft die Befugniß haben, von dem Zwecke jeder Thätigkeit, zu +welcher sich Mehrere vereinigen, Kenntniß zu verlangen, indem sonst, +unter dem Schleier der Verborgenheit, eben sowohl gefährliche Plane +und schädliche Lehren, als edle Absichten und weise Kenntnisse, +versteckt seyn können; weil sogar nicht einmal alle Mitglieder +von solchen verderblichen Absichten, die man zuweilen hinter der +schönsten Aussenseite zu verhüllen pflegt, unterrichtet sind; weil +nur Alltagsseelen sich in diesen Schraubestock einzwängen lassen, die +bessern hingegen entweder bald zurücktreten, oder zu Grunde gehen, +ausarten und eine schiefe Richtung bekommen, oder auf Kosten der +Andern herrschen; weil mehrentheils unbekannte Obere im Hinterhalte +stehen, und es eines verständigen Mannes unwerth ist, nach einem +Plane zu arbeiten, den er nicht übersieht, für dessen Wichtigkeit +und Güte ihm Leute einstehen, -- die er nicht kennt, denen er sich +verbindlich machen muß, ohne daß ~sie~ sich ~ihm~ verbindlich +machen, ohne daß er weiß, an wen er sich zu halten hat, wenn man +ihm dafür gar nichts leistet; weil schiefe Köpfe und Schurken sich +dieß zu Nutze machen, sich zu unbekannten Obern aufwerfen, und die +übrigen Mitglieder zu ihren Privat-Absichten mißbrauchen; weil jeder +Erdensohn Leidenschaften hat, und diese Leidenschaften also mit in die +Gesellschaft bringt, wo sie dann im Dunkeln der Verborgenheit freiern +Spielraum haben, als am Tageslichte; weil solche Verbindungen einen +unverhältnißmäßigen Aufwand von Geld und Zeit kosten; weil sie von +ernsthaften bürgerlichen Geschäften ab- und zum Müßiggange oder zu +zweckloser Beschäftigung hinleiten; weil sie bald der Sammelplatz von +Abentheurern und Tagedieben werden; weil sie allerlei Gattungen von +politischer, religiöser und philosophischer Schwärmerei begünstigen; +weil mönchischer Partheigeist bei ihnen einreißt, und viel Unheil +stiftet; endlich, weil sie Gelegenheit zu Kabalen, Zwist, Verfolgung, +Intoleranz und Ungerechtigkeiten gegen brave Männer geben, die nur +deswegen verwerflich sind, weil sie nicht Mitglieder eines solchen, +oder wenigstens nicht desselben Ordens seyn wollen. + +Dieß ist mein Glaubensbekenntniß über geheime Verbindungen! Gibt es +eine unter ihnen, die manche dieser Gebrechen nicht hat -- ei nun! +so mag sie dann als Ausnahme gelten! -- ich kenne keine, die nicht +wenigstens an einigen derselben krank läge. + + + 2. + +Gehört nun die Geheimnißkrämerei zu den Auswüchsen der Zeit und zu +den Modethorheiten, die kein Vernünftiger mitmachen soll, weil er +dabei seine Vernunft verleugnen, und seine sittliche Freiheit mehr +oder weniger aufgeben muß; ist sie Zeit- und Geldverschwendung, und +gewährt sie durchaus keine Befriedigung, so folgt daraus, daß der, +welcher seine Freiheit und Ruhe liebt, sich so wenig als möglich um die +Systeme, um das Personale und um die Schritte geheimer Verbindungen +bekümmern, seine Zeit nicht mit Lesung ihrer Streitschriften +verschwenden, und vorsichtig im Reden über diesen Gegenstand seyn +müsse, um sich Verdruß zu ersparen, und weder ein gutes noch böses +Urtheil über solche Systeme zu wagen, weil der Grund derselben oft sehr +tief verborgen liegt; daß er vor allem jeder Versuchung und Anreizung, +sich einweihen zu lassen, muthigen Widerstand leisten müsse. + + + 3. + +Haben aber Vorwitz, übel geordnete Begierde thätig zu seyn, Neugier, +Ueberredung, Eitelkeit oder andre Bewegungsgründe Dich verleitet, +in eine solche Verbindung zu treten: so laß Dich wenigstens von den +Thorheiten und Schwärmereien und von dem Secten-Geiste, die in Deinem +Orden herrschen, nicht ganz hinreißen, sondern suche Dich immer noch +im Besitz und Gebrauch Deiner Vernunft zu behaupten. Hüte Dich, das +Spielwerk, die Maschine verkappter Bösewichter zu werden! Dringe, +wenn Du kein Knabe mehr bist, auf deutliche Entwickelung des ganzen +Systems! Laß Dich nicht durch räthselhafte Vorspiegelungen, durch +große Verheissungen, durch blendende Plane zum Besten der Menschheit, +durch den Anschein von Uneigennützigkeit, Heiligkeit und Reinigkeit +der Absicht blenden; sondern fordre Beweise von Thaten und gänzliche +Uebersicht! Wirft man Dir dann Deinen Mangel an Empfänglichkeit, Deine +Unwürdigkeit vor, so laß Dir erzählen, welche Eigenschaften die hohen +Obern fordern, und beleuchte sie, diese Obern, selbst, nach ihrem +Maaßstabe, um ihren Werth, alle Eitelkeit bei Seite gesetzt, gegen +den Deinigen zu halten! Laß Dich aber durchaus nicht darauf ein, +~unbekannten~ Obern zu huldigen, möchte man auch noch so einleuchtend +scheinende Gründe dafür anführen! Sey vorsichtig in jedem Worte, das +Du in Ordensgeschäften schreibst, und noch mehr in Uebernehmung irgend +einer eidlichen oder andern Verbindlichkeit! Fordre Rechenschaft von +der Anwendung der Beiträge, die man Dich bezahlen läßt! -- Und wenn, +bei dieser vielfachen Vorsicht, Du der Verbindung müde wirst, oder +die Verbindung Deiner überdrüßig wird, so trenne Dich ohne Geräusch +und Zank von ihr, und rede nachher nie wieder von der Sache, damit Du +allen Verfolgungen ausweichest! Sollte man Dich aber dennoch nicht in +Ruhe lassen, so tritt öffentlich auf, und scheue Dich nicht, Betrug, +Narrheit und Bosheit vor den Augen des ganzen Publikums, Andern zur +Warnung, bekannt zu machen! + +Uebrigens hat man weder Verbindlichkeit, noch Beruf, alles zu +zerstören, was man nicht gut findet. Man kann theoretisch gegen manche +Dinge in der Welt eifern, ohne deswegen sich als Verfolger zu zeigen, +wodurch ohnehin das Uebel fast immer ärger gemacht wird. Man kann +sogar Ordens-Versammlungen von der unschädlichsten Art besuchen, wenn +man einmal ein Mitglied ist; sie sind, wie andere Zusammenkünfte, +Beförderungsmittel der Geselligkeit; -- ja, es kann Pflicht werden, +sich nicht von ihnen loszusagen, um das größere Uebel zu hindern, +gefährlichen Einwirkungen entgegen zu arbeiten, und Ausartung zu +verhindern. + + + + + Neuntes Kapitel. + + Ueber die Art, mit Thieren umzugehen. + + + 1. + +In einem Buche über den Umgang mit Menschen scheint wohl freilich ein +Kapitel über die Art, mit Thieren umzugehen, nicht an seinem Platze. +Allein was ich hierüber zu sagen habe, ist so wenig, und hat doch im +Ganzen so viel Bezug auf das gesellschaftliche Leben überhaupt, daß ich +hoffen darf, man werde mir diese kleine Ausschweifung gütigst verzeihen. + + + 2. + +Der Gerechte erbarmet sich auch seines Viehes. -- Das ist ein +vortrefflicher Spruch! Ja! der edle, der gerechte Mann martert kein +lebendiges Wesen. Wenn doch die hartherzigen, grausamen, oder, um +billiger zu urtheilen, zum Theil nur leichtsinnigen, verwilderten +Menschen, deren Augen sich an der Qual eines rastlos umhergetriebenen +Hirsches, oder an der Todesangst eines in dem Schauplatze der Barbarei +auf den Tod gehetzten Thiers weiden können; wenn sie doch bedenken +wollten, was es heiße, ~ein Mensch seyn~, und welch eine Bedeutung +dieser Titel habe! wenn die Unbesonnenen, die mit dem Leben eines +armen Geschöpfs, das in ihre kindischen Hände fällt, wie mit einem +Balle spielen, Fliegen und Käfern Beine ausreissen, oder sie spießen, +um zu sehen, wie lange ein also leidendes Thier in convulsivischer +Pein fortleben könne; wenn die vornehmen Müßiggänger, die, um die +Ehre zu haben, am schnellsten der lieben Langenweile in den Rachen +zu reiten oder zu fahren, ihre armen Pferde auf den Tod jagen; wenn +Diese doch einen Augenblick erwägen wollten, wie tief sich der Mensch +herabwürdigt, wenn er, als das grausamste unter allen Raubthieren, +mit kaltem Blute, nicht aus Hunger, sondern aus Muthwillen nur, ein +Geschöpf Gottes, das auch fühlen kann, langsam zu Tode martert, und +wie furchtbar die Strafe des ewigen Richters seyn müsse, der in dem +Winseln seines gemarterten Geschöpfes die freche Uebertretung des +Gebotes vernimmt, das er dem Menschen in's Herz geschrieben hat; wenn +sie sich doch überzeugen wollten, daß ein Thier eben so schmerzhaft +jede Mißhandlung, und den barbarischen Mißbrauch größerer Stärke fühlt, +wie wir, und vielleicht noch lebhafter, da sein ganzes Daseyn auf +sinnlichen Empfindungen beruht; daß die Art seines Daseyns vielleicht +die niedrigste der Stufen ist, die es zu ersteigen hat, um auf der +Leiter der Schöpfung da anzulangen, wo ~wir~ jetzt stehen; und daß die +Grausamkeit gegen vernunftlose Geschöpfe unmerklich und unausbleiblich +zur Härte und Grausamkeit gegen unsere vernünftigen Nebengeschöpfe +führt. -- Wenn sie doch das alles fühlen und erwägen, und ihr Herz dem +sanften Mitleiden gegen alle lebendige Geschöpfe öffnen wollten! + + + 3. + +Wer diese Betrachtungen und Aufforderungen für thörichte und +schwachsinnige Empfindelei zu erklären, oder damit zu verwechseln +fähig ist, dem habe ich nichts zu sagen, als daß ich ihn bedaure, und +jene Empfindelei mit ihm von ganzem Herzen verachte. Ich weiß, es gibt +leider unter uns so zarte Männlein und Weiblein, die gar kein Blut +sehen können; die zwar mit großem Appetit ihr Rebhühnchen verzehren, +aber ohnmächtig werden würden, wenn sie eine Taube abschlachten +sehen müßten! Leute, deren Federn und Zungen mit moralischem Gifte +und Dolche den Freund und Bruder verfolgen, aber mitleidig einer +matten Fliege das Fenster öffnen, damit sie fern von ihren Augen -- +zertreten werden könne; die ihre Bedienten in dem rauhesten Wetter +ohne Noth stundenlang umherjagen, aber dagegen herzlich den armen +Sperling bedauren, der, wenn es regnet, ohne Regenschirm und Ueberrock +herumfliegen muß. Zu diesen süßen Seelchen gehöre ich nicht, halte auch +nicht alle Jäger für grausame Menschen. -- Es muß ja dergleichen Leute +geben; so wie wir, wenn keine Schlächter in der Welt wären, bloß von +Speisen aus dem Pflanzenreiche leben müßten. -- Aber ich verlange nur, +daß man nicht ohne Zweck und Nutzen Thiere martern, noch ein vornehmes +Vergnügen darin suchen solle, mit wehrlosen Geschöpfen einen ungleichen +Krieg zu führen. + + + 4. + +Ich habe immer nicht begreifen können, welche Freude man daran haben +könne, Thiere in Käfige oder Kasten einzusperren. Der Anblick eines +lebendigen Wesens, das ausser Stand gesetzt ist, seine natürlichen +Kräfte anzuwenden und zu entwickeln, darf keinem verständigen Menschen +Freude gewähren. Wer mir daher einen schönen Vogel in einem Bauer +schenken will, dem kann ich vorhersagen, daß das einzige Vergnügen, +welches er mir dadurch verschaffen kann, das seyn wird, das Gefängniß +zu öffnen, und das arme Thier aus der Sclaverei in Gottes freie Luft +hinausfliegen zu lassen; auch ist eine Menagerie, in welcher wilde +Thiere mit großen Kosten in kleinen Verschlägen aufbewahrt werden, +meiner Meinung nach, ein sehr ärmlicher Gegenstand der Unterhaltung, +und vielleicht nur von der Seite zu vertheidigen, daß sie dem +Naturforscher Gelegenheit und Mittel gibt, genaue und lehrreiche +Beobachtungen anzustellen. + + + 5. + +Noch abgeschmackter aber scheint es mir, wenn man sich an einem Vogel +ergötzt, der seinen schönen Natur-Gesang hat vergessen müssen, um vom +Morgen bis zum Abende die Melodie einer elenden Polonaise zu pfeifen, +oder wenn man Geld ausgibt, um einen Hund zu sehen, den man abgerichtet +hat, einen Reverenz wie ein Tanzmeister zu machen, und auf den Wink +seines Meisters anzudeuten, wie viel schöne Junggesellen in der +Versammlung sind. + + + 6. + +Habe ich aber diejenigen getadelt, die grausam gegen Thiere +verfahren; so muß ich doch auch diejenigen anklagen, welche in die +entgegengesetzte Uebertreibung fallen, indem sie mit dem Viehe eben +so, wie mit Menschen umgehen, und dem vernunftlosen Geschöpfe die +Rechte des vernünftigen zugestehen. Ich kenne Damen, die ihre Katzen +zärtlicher umarmen, als ihre Ehegatten; junge Herren, die ihren Pferden +sorgsamer aufwarten, als ihren Oheimen und Basen; und Männer, die +gegen ihre Hunde mehr Zärtlichkeit, Schonung und Nachsicht beweisen, +als gegen ihre Freunde, mit welchen sie sich nie anders, als unter dem +obligaten Schnarchen ihres feisten Mopses oder Pudels unterhalten. +Indessen scheinen manche Thiere in besserm Rufe zu stehen, als andere. +Niemand schämt sich, zu bekennen, daß er Flöhe habe; gewisse andere +kleine Insekten hingegen darf kein Mensch von Erziehung mit sich +führen, obgleich beides Ungeziefer ist; und an Geselligkeit geben die +letztern den erstern nichts nach. + +Es scheint manchen Leuten, besonders Frauenzimmern, eine natürliche +Furcht vor gewissen Thieren, als Mäusen, Spinnen &c. angeboren zu seyn. +Sollte sich auch dergleichen Widerwillen, wie ich doch glaube, nicht +nach und nach überwinden lassen: so vermag man es doch gewiß, in so +fern Meister über sich zu werden, daß man in Gesellschaft, bei dem +Anblicke dieser Feinde, sich nicht so kindisch betrage und gebehrde, +wie es vielfältig geschieht. + +Inniges Mitleiden, nicht Spott, verdienen die Unglücklichen, mit denen +die Menschen so übel gespielt haben, daß sie (mißtrauisch gegen alle +vernünftige Wesen, die so oft ihre Verstandeskräfte nur zum Schaden +ihrer Brüder anwenden) in dem liebevollen Drange des Herzens, das +sich gern ein Geschöpf zugesellen und irgend etwas in der Natur zum +Gegenstande seiner Theilnahme machen will, einen treuen Hund wie +ihren einzigen Freund behandeln, oder, wie einst Quatremère zu Namur, +in dem öden Kerker durch den Anblick und die Beobachtung eines so +bewundernswürdigen Kunsttriebes, wie der ist, den die Spinnen zeigen, +die Schmerzen und Qualen ihrer Verbannung zu lindern, und das bittere +Gefühl ihrer Verlassenheit zu mildern suchen. + + + + + Zehntes Kapitel. + + Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser. + + + 1. + +Ich halte es für billig, bevor ich dies Werk über den Umgang mit +Menschen schließe, mit meinen Lesern auch ein paar Worte über unsre +wechselseitigen Verhältnisse gegen einander zu reden. Zuerst also +einige Bemerkungen über den Beruf, ein Buch zu schreiben! + +Ich habe bei andern Gelegenheiten geäußert, daß ich die +Schriftstellerei in unsern Zeiten für nichts mehr, als für einen Zweig +oder eine Unterart des Umgangs, und also für schriftliche Unterredung +mit der Lesewelt halte, und daß man es daher im freundschaftlichen +Gespräche so genau nicht nehmen dürfe, wenn auch einmal ein unnützes +Wort mit unterliefe. Man soll es daher dem Schriftsteller nicht +übel ausdeuten, wenn er, ein wenig von seiner Lebhaftigkeit und +Mittheilungslust verführt, von der Begierde, über irgend einen +Gegenstand allerlei Arten von Menschen seine Gedanken mitzutheilen, +etwas drucken läßt, das nicht gerade die Quintessenz von Weisheit, +Witz, Scharfsinn und Gelehrsamkeit enthält. Es behält ja ein Jeder +die Freiheit, dem Schwätzer zuzuhören, oder nicht, -- und kann sich, +bevor er ein Buch kauft, erst bei Andern nach dem Manne erkundigen, +mit dem er sich unterhalten will, -- hat aber, denke ich, auf keinen +Fall das Recht, ihm allein deswegen Grobheiten zu sagen, weil ihm die +gedruckte Unterhaltung desselben nicht gefällt, in so fern er ihn +nicht vorher mit unverschämten Prahlereien und großen Versprechungen +getäuscht hat. Es ist überhaupt sehr viel schwerer, als man glauben +sollte, seine eignen Produkte zu beurtheilen; nicht nur, weil unsre +Eitelkeit da in das Spiel kömmt, sondern auch, weil die Gegenstände, +über deren Beobachtung wir lange gebrütet, für uns, eben durch das +Nachdenken, welches wir darauf verwenden, einen solchen Werth bekommen +haben, daß wir unsre Gedanken darüber für äusserst wichtig halten, +indeß einem Andern, was wir auch davon sagen mögen, unwichtig und +gemein vorkommt. Und haben wir etwa gar Sprache und Beredsamkeit nicht +in unsrer Gewalt, oder sind verstimmt zu der Zeit, wenn wir jene +Gedanken zu Papier bringen wollen, oder vergessen, daß der Gegenstand, +über welchen wir schreiben, nur durch kleine besondre Beziehungen auf +unsre damalige Lage, die sich nicht mit übertragen lassen, uns am +Herzen liegt; oder dies Herz ist zu voll, um, was es empfindet, in +einer gefälligen Ordnung hererzählen zu können: so geschieht es, daß +wir etwas schreiben, welches uns, die wir alle Nebenbegriffe daran +knüpfen, wodurch das Bild Ausdruck und Farbe gewinnt, sehr unterhaltend +scheint, jenen Andern aber gähnen macht und mit Unwillen gegen uns +erfüllt. Indem es nun auf solche Weise leicht geschehen kann, daß +selbst ein verständiger Mann, der das Unglück hat, von Eitelkeit +geblendet, oder von starken Gefühlen hingerissen zu seyn, ein Buch +schreibt, das andre Menschen für ein unnützes und langweiliges Buch +halten, weil es eine reine Herzensergießung ist; so kann und darf es +doch einem verständigen Manne nie begegnen, etwas öffentlich vor dem +Publikum zu reden, das gegen Moralität und gesunde Vernunft stritte, +oder wodurch er einem seiner Mitmenschen muthwillig Schaden zufügte. +Denn wenn gleich Schriftstellerei nur dargebotene Unterhaltung und +Unterredung ist, so ist sie doch eine solche Unterredung, bei der man +hinreichende Zeit hat, zu bedenken, was man spricht, und um so mehr +also die Verpflichtung übernimmt, jeden unsittlichen, ganz schiefen +und boshaften Gedanken zu unterdrücken. Ich meine daher, alles, was +das Publikum von einem Schriftsteller, der ohne zu weit getriebene +Ansprüche auftritt, mit Recht fordern kann, ist, daß er durch seine +Werke weder Sitten-Verderbniß, noch Vorurtheil und Unduldsamkeit +verbreite, und das, was Allen heilig seyn soll, unangetastet und +unentweiht lasse. Alles Uebrige: Beruf zu schreiben; Wahl des +Gegenstandes; Einkleidung; Ansprüche auf Ruhm, Beifall und Lob; zu +stiftender Nutzen; einzunehmender Gewinn; Hoffnung auf Unsterblichkeit +-- das alles ist ~seine Sache~, und es geht auf seine Gefahr, wenn er +sich dem Schimpfe aussetzt, entweder in der Stille zu Fuß vom Parnasse +wieder herunterschleichen zu müssen, oder von der Meute der Recensenten +zu Tode gejagt zu werden. + + + 2. + +Wenn also ein Autor nichts Schädliches und Unsinniges sagt, so muß +man ihm erlauben, seine Gedanken drucken zu lassen; wenn er etwas +Nützliches sagt, so erwirbt er sich ein Verdienst um das Publikum, +und wenn er Wahrheiten an's Licht zieht, die lange schon verkannt +oder vergessen sind, so soll er gehört, und seine Schrift von allen +Guten ausgezeichnet und verbreitet werden. -- Aber wird deswegen +sein Buch auch gewiß Beifall finden? Das ist wieder eine ganz andere +Frage. -- Allgemeiner Beifall von Guten und Bösen, von Weisen und +Thoren, von Hohen und Niedern? -- Ei nun! wer wird so eitel seyn, +darauf Anspruch zu machen? Aber um auch nur dem größten Theile +der Lesewelt zu gefallen, welche niedrige Mittel wählt da nicht +mancher Schriftsteller? -- Wer sich nicht, in Ansehung der Form, der +Einkleidung, des Titels seines Buchs, nach dem Zeitgeschmacke, d. h. +nach dem Geschmacke, nicht dieses Jahrzehends, sondern dieses Jahres +richtet; wer keine Anekdötchen mit einmischt; wer nicht dafür sorgt, +daß sein Werkchen hübsch fein gedruckt und mit Bilderchen ausgeziert +werde; wer herrschende Vorurtheile, Mode-Systeme, glänzende Thorheiten, +politischen, kirchlichen, gelehrten und moralischen Despotismus +angreift oder lächerlich macht; wer sich einen Verleger wählt, auf den +die andern Buchhändler neidisch, dem sie feind sind; wer sich nicht +demüthig unter den Schutz irgend eines gelehrten Posaunen-Blasers +begibt; wer nicht die Schreier im Publikum, und Die, welche in der +feinen Welt den Ton angeben, zu gewinnen sucht; wer zu bescheiden +auftritt; wer sein Buch einem Manne widmet, oder in demselben einem +Manne Gerechtigkeit widerfahren läßt, dessen Verdienste beneidet, +verfolgt werden; wer das Unglück hat, durch seine Geistes-Produkte mehr +Aufmerksamkeit zu erregen, als gewisse Schriftsteller des Tages, welche +bei dem Publikum die Lieblingsschaft zu erringen wußten; wer dadurch +auswärts sich einen Namen macht, den ihm seine Landsleute nicht gönnen; +-- der wird, wenigstens in dieser Generation, vielleicht sein Glück als +Schriftsteller nicht machen, und auch sein nützlichstes Werk bald als +Maculatur behandelt sehen. Ich rathe daher, die unschuldigsten unter +diesen kleinen Autorkünsten nicht eben gänzlich zu vernachlässigen. +Viele davon sind aber eines edeln, verständigen Mannes unwerth. + +In prahlerischen Vorreden sich für den bisher erhaltenen allgemeinen +Beifall zu bedanken; an feile Recensenten Beurtheilungen seiner +Werke einzusenden, die man selbst, oder die ein gefälliger Freund +aufgesetzt hat, und in welchen man dem Publikum dazu Glück wünscht, +daß der ~Lieblings-Schriftsteller~ der Nation die Welt abermals mit +einem schönen Buche beschenkt habe, und dergleichen elende Künste +mehr, helfen doch nur auf kurze Zeit. Sicherer, als die Recensionen, +obgleich nicht unfehlbar für den bleibenden innern Werth eines Buchs +entscheidend, ist die allgemeine Stimme des Publikums. Wenigstens ist +es einem Schriftsteller zu verzeihen, wenn er ein Werk nicht für ganz +schlecht, sondern dem Bedürfnisse des Zeitalters angemessen hält, das +eine Reihe von Jahren hindurch häufig gekauft, gelesen, neu aufgelegt +und übersetzt wird, wenn er dann auf den einzelnen Tadel unberufener +Kunstrichter wenig achtet, und fortfährt, die Lesewelt zu unterhalten, +so lange diese Stimmung dauert; aber wenn sie nachläßt -- dann ist es +freilich Zeit, aufzuhören. + + + 3. + +Reden wir jetzt auch von dem Betragen und von den Pflichten des Lesers +gegen den Schriftsteller! Zuerst soll, denke ich, jener nie vergessen, +daß dieser sich nicht nach dem Geschmacke jedes Einzelnen richten kann. +Was für Dich, in Deiner Lage, in Deiner Stimmung, höchst interessant +ist, das scheint einem Andern vielleicht äusserst langweilig und +unbedeutend, und wahrlich! ~der~ Mann müßte ein Hexenmeister seyn, +der ein Buch verfassen könnte, in welchem Jeder fände, was er suchte. +Es gibt Bücher, die man durchaus nur dann lesen muß, wenn man eben so +gestimmt ist, wie der Mann war, der sie schrieb, so wie es auch andere +gibt, deren Sinn und Schönheit man ~immer~, in jeder Laune, fassen und +sich eigen machen kann. Nicht immer sind darum ~jene~ geistvoll, groß +und erhaben nach ihrem Inhalte, noch im Gegentheil immer schwärmerisch +und fieberhaft. Nicht immer enthalten darum ~diese~ lauter bestimmte, +ewige Wahrheiten, auf kalte, unwiderlegbare, allein des vollkommnen +Mannes würdige, unerschütterliche Philosophie gegründet, oder im +Gegentheile, nicht immer gemeine, ohne Mühe leicht zu verdauende +Seelen-Speise. Sey also nicht zu strenge, geehrter und erleuchteter +Leser, in Deiner Beurtheilung eines sonst nicht schlecht geschriebenen +Buches, oder wenn Du es nun einmal nicht lassen kannst, zu richten, so +behalte wenigstens Deine Meinung darüber in Deinem Kopfe, in welchem +oft viel leerer Raum ist, und verschreie das Buch nicht! Am wenigsten +aber laß Dich verleiten, den moralischen Charakter des Schriftstellers +auf bloße Muthmaßung hin bei dieser Gelegenheit anzugreifen, ihm +gefährliche Absichten beizumessen, seinen Worten einen erzwungenen Sinn +zu geben, und seine Winke hämisch auszudeuten! Beurtheile nicht ein +Buch, wenn Du nur einzelne Stellen daraus gelesen hast, und bete nicht +das Lob und den Tadel unwissender, boshafter oder feiler Recensenten +nach! + + + 4. + +Bei der Menge unnützer Schriften thut man übrigens wohl, eben so +vorsichtig im Umgange mit Büchern, wie mit Menschen zu seyn. Um nicht +zu viel Zeit mit Lesung unnützen Papiers zu verschwenden, das heißt: um +nicht von Schwätzern mir die Zeit verderben zu lassen, suche ich auch +von ~dieser~ Seite nicht viel neue Bekanntschaft eher zu machen, als +bis der allgemeine Ruf mich auf ein gutes, oder besonders musterhaftes +Buch aufmerksam macht. Ich bin mit einem kleinen Cirkel alter guter +Freunde zufrieden, die ich oft, und immer mit neuem Vergnügen, +schriftlich mit mir reden lasse. + +Hier wäre denn wohl der Ort, einen eignen, nicht unbedeutenden +Abschnitt den Bemerkungen über den ~Umgang mit verstorbenen großen +und edeln Männern~ zu widmen; allein das würde mich zu weit führen; +wichtig ist aber gewiß der Einfluß, den das Studium der Geschichte, +des Charakters und der Schriften der berühmtesten Helden und Weisen +verflossener Jahrhunderte auf die Ausbildung eines gutbegabten +Geistes hat. Man träumt sich in jene Zeiten hinein, wird beseelt von +dem Geiste, der aus den Thaten und Reden jener erhabenen Menschen +hervorgeht; und in diesem Sinne hat der Umgang mit Verstorbenen sehr +oft größere Wirkung auf Köpfe und Herzen, und durch diese auf große +Weltbegebenheiten geäussert, als der Umgang mit den Zeitgenossen. + + + + + Eilftes Kapitel. + + Schluß. + + + 1. + +Und nun, wertheste Leser! eile ich zum Schlusse dieses Werks über den +Umgang mit Menschen. Finden Sie etwas darin, das Ihrer Aufmerksamkeit +werth ist, -- wird dies Buch vom Publiko gütig aufgenommen und billig +beurtheilt: so wird mir das mehr Freude machen, als mir bis jetzt +selbst der beste Erfolg irgend einer meiner Schriften gewährt hat. +Wenigstens hoffe ich, Sie werden hier keine Grundsätze antreffen, +deren sich ein rechtschaffener und verständiger Mann schämen dürfte, +und, wenn es sonst kein anderes Verdienst hat, ihm doch das der +Vollständigkeit nicht absprechen; denn ich glaube, daß doch nicht +leicht irgend ein Verhältniß im geselligen Leben gefunden werden könne, +über welches ich nicht etwas gesagt hätte. -- Ob gut, oder schlecht, +oder beides vermischt, oder mittelmäßig von Anfang bis zu Ende: -- das +darf ich nicht entscheiden. + + + 2. + +Daß ein solches Buch aber, vorausgesetzt nämlich, daß der Gegenstand +mit gehöriger Einsicht, Erfahrung und Menschenkenntniß behandelt wäre, +nicht nur Jünglingen, sondern selbst Männern Nutzen gewähren könnte: +~das~ darf ich wohl behaupten. Man verlangt von feinen, hellsehenden +Leuten immer auch feine Lebensart; aber man hat darin Unrecht. Dieser +Geist des Umgangs erfordert Kaltblütigkeit, Achtsamkeit auf geringe +Dinge, auf Kleinigkeiten, die man bei feurigen Genies selten antrifft. +Ein Wink hingegen aus einem solchen Buche kann Manchen aufmerksam +machen auf Fehler, welche er bisher, ohne es zu wissen, in Behandlung +der Menschen beging, -- auf Fehler, die er an sich selbst aus zu großer +Lebhaftigkeit bis jetzt übersehen hatte, ohne ihn deswegen abzuhalten, +die fremden Erfahrungen auf ~seine~ Weise zu nützen, und dennoch +selbstständig zu handeln. + + + 3. + +Ich habe aber in diesem Werke nicht die Kunst lehren wollen, die +Menschen zu unsern Endzwecken zu mißbrauchen, über alle nach Gefallen +zu herrschen, Jeden nach Belieben für unsre eigennützigen Absichten in +Bewegung zu setzen. Ich verachte den Satz: »daß man aus den Menschen +machen könne, was man wolle, wenn man sie bei ihren schwachen Seiten +zu fassen verstünde.« Nur ein ~Schurke~ kann das, und will das, weil +nur ~ihm~ die Mittel, zu seinem Zwecke zu gelangen, gleichgültig sind; +der ~ehrliche~ Mann kann nicht aus allen Menschen alles machen, und +will das auch nicht; und der Mann von festen Grundsätzen ~läßt~ auch +nicht alles aus sich machen. Aber ~das~ wünscht, und ~das~ kann jeder +Rechtschaffene und Weise bewirken, daß wenigstens die Bessern ihm +Gerechtigkeit widerfahren lassen: daß niemand ihn verachte; daß er +Frieden von aussen her habe; daß man ihn in Ruhe lasse; daß er Genuß +und Gewinn aus dem Umgange mit allen Klassen von Menschen schöpfe; daß +Andere ihn nicht mißbrauchen, oder durch Verstellung täuschen. Und wenn +er ausdauert, immer folgerecht, edel, vorsichtig und gerade handelt: +so kann er sich allgemeine Achtung erzwingen, kann auch, wenn er die +Menschen studirt hat, und sich durch keine Schwierigkeiten abschrecken +läßt, fast jede ~gute~ Sache am Ende durchsetzen. Hierzu nun die Mittel +zu erleichtern, und Vorschriften zu geben, die dahin einschlagen, -- +das ist der Zweck dieses Buchs. + +Wer aber sein ganzes Leben hindurch, bei jeder willkührlichen Handlung, +bei jedem kleinen Schritte, den er zu unternehmen hat, erst nachsehen +wollte, ob er dazu in diesem Buche kein Recept, keine Vorschrift fände, +der würde freilich alle Eigenthümlichkeit des Charakters verleugnen. +-- Doch, wie kann das auch meine Absicht seyn? Kaum bedürfte es dieser +Erinnerung, wenn es weniger schiefe Köpfe und boshafte Ausleger in der +Welt gäbe. + + + 4. + +Daß ich bei dieser Gelegenheit die Schwachheiten mancher Klassen +von Menschen habe aufdecken müssen, ohne jedoch auf Einzelne unedel +anzuspielen, das war wohl sehr natürlich. Aber o! was hätte ich sagen +können, wenn ich mein Buch mit wirklichen Anekdoten hätte auszieren, +und besondere Erfahrungen aus meinem Leben erzählen wollen! -- +Schmeichle ich mir zu viel, wenn ich hoffe, daß man mir dergleichen +nicht Schuld geben, und mir wenigstens von ~dieser~ Seite Gerechtigkeit +widerfahren lassen werde? + + +Fußnoten: + +[1] Die Teutschen haben von allen Völkern das meiste Lächerliche für +die große Welt an sich; vielleicht, weil sie noch gar zu ehrlich +sind, und die große Welt allzusehr verehren und bewundern. Wer +nichts anstaunt, steht mehr auf seinem Gleichgewicht. Der Engländer +glaubt, ihm kleide alles, er habe zu allem Recht; er verachtet, was +er nicht besitzt, und nicht mehr erwerben kann, tritt keck, auch wohl +bengelhaft auf. Der gutmüthige Teutsche will wenigstens zeigen, daß +er sein Möglichstes thue, Andern zu gefallen, und in diesem ehrlichen +Eifer merkt er kaum, wie schlecht es ihm oft gelingt. Der Franzose +und der Russe haben den sichersten, feinsten, und für alle in der +Gesellschaft Auftretende gefährlichsten Takt, das Lächerliche auf den +ersten Blick aufzufinden. Wer sich vor ihnen auf seinen Sprach- oder +Tanzmeister allein verläßt, den werden sie bald seinen Irrthum fühlen +lassen, vorausgesetzt, er habe Sinn genug, zu erkennen, daß eben das, +was man an ihm am meisten bewundert, sein Lächerliches sey. ~Klinger +Betrachtungen und Gedanken~ 1r Thl. S. 316. + +[2] Man muß so viel Menschenkenntniß oder so viel Urtheilskraft haben, +um die Wirkung solcher theilnehmenden Fragen voraussehen zu können, +oder das Fragen ganz unterlassen, und lieber erwarten, daß nicht das +Gespräch sich von selbst auf diesen Gegenstand wenden wird. Denjenigen, +welche sich nicht taktfest in der Unterhaltung fühlen, sollten sich +überhaupt vor Fragen hüten, denn Fragen werden oft, wie Blicke, unsere +Verräther. + +A. d. H. + +[3] Ich entlehne diese Stelle, welche durch ihre treffende und +sinnreiche Darstellung sich auszeichnet, aus der Zeitschrift: ~Ernst +und Scherz~, oder der alte Freimüthige, Nro. 128. des Jahrgangs 1817, +und füge nur die Anweisung zum Betragen gegen diese Menschen hinzu. + +d. H. + +[4] Und das sind die Grundsätze eines Mannes, den Georg Zimmermann, +Aloisius Hoffmann und Consorten als einen Volks-Aufwiegler verketzerten! + +[5] Die Verirrungen des Philosophen, oder Geschichte Ludwigs von +Seelberg, Theil 1. Seite 108. + +[6] Vielleicht würde der Verf., wenn er die heutige Jugend sähe, in +ihr die Erfüllung seiner Hoffnung finden; wenigstens eine gewisse +männliche Gesetztheit, deutsche Geradheit und Festigkeit und +offene Freimüthigkeit wird man ihr nicht absprechen können. Aber +Bescheidenheit würde er sehr vermissen. + +A. d. H. + +[7] Hier, und an andern Orten ist der Verf. seinen Lesern die Lösung +dieser schweren Aufgabe schuldig geblieben, und man muß glauben, daß +er verzweifelte, sie zu lösen. Auch wird man wohl denen beipflichten +müssen, die es nicht der Mühe werth halten, sie zu lösen. + +A. d. H. + +[8] Wir haben in den neuesten Tagen dergleichen ärgerliche Auftritte +in großer Zahl gesehen, und die Klage des Verf. gilt also leider +noch immer, doch glücklicher Weise nur von den leichtfertigen +Schriftstellern des Tages und einigen Philologen. + +D. H. + + +[9] Wer denkt hier nicht an Wielands und Johann v. Müllers gutherziges +Loben, und an des Letzteren übergroße Nachsicht gegen überlästige +Correspondenten? + +D. H. + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77701 *** diff --git a/77701-h/77701-h.htm b/77701-h/77701-h.htm new file mode 100644 index 0000000..12163b1 --- /dev/null +++ b/77701-h/77701-h.htm @@ -0,0 +1,17384 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Ueber Den Umgang Mit Menschen | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2,h3,h4 { + text-align: center; + clear: both; + font-weight: normal; +} + +h1 { font-size: 240%} +h2, .s2 { font-size: 180%} +h3,.s3 { font-size: 150%} +h4,.s4 { font-size: 120%} +.s5a { font-size: 70%} + +h1 { page-break-before: avoid; + font-weight: normal; +} + +h2 { + padding-top: 2.0em; + margin-bottom: 1.5em; + page-break-before: avoid; + font-weight: normal; + text-indent: 1em; +} + +h3, h4 { + margin-top: 1.8em; +} + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1em; +} + +.pcont { text-align: center; + font-size: 0.9em;} + +.p0 {text-indent: 0em;} +.p2 {margin-top: 2em;} +.p4 {margin-top: 4em;} + +hr.titel { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both; +} + +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } + +hr.full{ + width: 100%; + margin-top: 4em; + margin-bottom: 1em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + height: 4px; + border-width: 4px 0 0 0; + border-style: solid; + border-color: #000; +} + +hr.r5 {width: 5%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; margin-left: 47.5%; margin-right: 47.5%;} + +div.chapter {page-break-before: always;} +h2.nobreak {page-break-before: avoid;} + +div.cont { + page-break-before: always; + font-size: 0.9em; + max-width: 40em; + margin-left: auto; + margin-right: auto +} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; +} + +.center {text-align: center; +} + +.mleft4 {text-align: left; + margin-left: 4em; +} + +.mright6 {text-align: right; + margin-right: 6em; +} +.mbot2 {margin-bottom: 2em; +} + +.padbot2 {padding-bottom: 2em;} + +.gesperrt +{ + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; +} + +.x-ebookmaker em.gesperrt { + font-family: sans-serif, serif; + font-size: 90%; + margin-right: 0; +} + +em.gesperrt +{ + font-style: normal; +} + +.antiqua { font-style: italic;} + +/* Images */ + +img { + max-width: 100%; + height: auto; +} +img.w100 {width: 100%; +} + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%; +} + +/* Footnotes */ +.footnotes {border: 1px dashed;} + +.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} + +.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} + +.fnanchor { + vertical-align: super; + font-size: .8em; + text-decoration: + none; +} + +/* Poetry */ +/* uncomment the next line for centered poetry */ +.poetry-container {display: flex; justify-content: center;} +.poetry-container {text-align: center;} +.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} +.poetry .stanza {margin: 1em auto;} +.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif; +} +.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} + +/* Illustration classes */ +.illowp46 {width: 46%;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77701 ***</div> + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Auf S. 98 ist die fehlende Überschrift (Pkt.18) hinzugefügt worden.</p> +<p class="p0">Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter geschaffen. Ein Urheberrecht wird nicht +geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt genutzt werden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> +</div> + +<figure class="figcenter padbot2 illowp46" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> +</figure> + +<p class="s3 center">Ueber</p><br> +<p class="center">den</p> +<h1>Umgang mit Menschen.</h1> + +<p class="p2 center">Von</p> +<p class="p2 s2 mbot2 center">Adolph Freiherrn Knigge.</p> +<hr class="r5"> +<p class="s4 center">In drei Theilen.</p> +<hr class="r5"> +<p class="p4 center">Zehnte Ausgabe.</p> + +<p class="p2 center">Durchgesehen und vermehrt</p> +<p class="center">von</p> +<p class="center">F. P. Wilmsen.</p> +<hr class="r5"> +<p class ="p2 mbot2 center">Stuttgart,<br> +bei A. F. Macklot. 1822.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_iii">[S. iii]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Vorrede_des_Herausgebers">Vorrede des Herausgebers,<br> +<span class="s5a">zur neunten Auflage.</span></h2> +</div> + + +<p>Ich habe den Wunsch der Verlagshandlung, Knigge's bekanntes und +geschätztes Werk über den Umgang mit Menschen für die neunte Ausgabe +durchzusehen, und mit einer Einleitung, Anmerkungen und Nachträgen +zu vermehren, gern erfüllt, weil ich glaubte, dadurch nützlich zu +werden. Dies Werk enthält sehr viel Gutes, und kann für Menschen, die +auf den mittleren Stufen der Bildung stehen, und wenig Gelegenheit +haben, Menschenkenntniß einzusammeln, überaus nützlich werden. Da ich +es für Pflicht hielt, Knigge selbst reden zu lassen, so habe ich mir +nur da, wo er sich eine offenbare Incorrectheit oder Nachlässigkeit +im Vortrage erlaubt hat, eine Aenderung und Uebertragung erlaubt, +und solche Anmerkungen, welche für eine Note unter den Text zu wenig +Ausdehnung hatten, gleich in den Text selbst verwebt. Dieß glaubte ich +um so eher mir<span class="pagenum" id="Seite_iv">[S. iv]</span> erlauben zu dürfen, da diese Anmerkungen größtentheils +nur weitere Ausführungen, oder nähere Bestimmungen, oder eine festere +Begründung des von K. Gesagten enthalten. Ganz weggestrichen habe ich +nur solche Stellen, welche eine offenbare Uebertreibung oder eine +nichtssagende Anekdote, oder eine leere Amplification enthielten. Ein +zur Vollständigkeit nöthiger Nachtrag enthält besonders die Regeln des +Umgangs mit Kindern, worüber K. viel zu kurz gewesen ist, und wird die +Brauchbarkeit des Werkes hoffentlich einigermaßen erhöhen und befördern.</p> + +<p class="mleft4"><em class="gesperrt">Berlin</em>, im April 1817.</p> +<p class="mright6"><em class="gesperrt">F. P. Wilmsen.</em></p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_v">[S. v]</span></p> + +<h2>Inhalt</h2> + +<hr class="r5"> + +<p class="s3 center">Erster Theil.</p> + +<p class="p2 center"><a href="#Einleitung_des_Herausgebers">Einleitung des Herausgebers;</a> Seite   3.</p> +<p class="center"><a href="#Einleitung_des_Verfassers"> Einleitung des Verfassers;</a> Seite 12.</p> + +<div class="cont"> +<p>1) Warum man mit großen und glänzenden Eigenschaften dennoch +nicht immer in der Welt sein Glück mache. Ueber den <span class="antiqua">esprit de +conduite</span>. Mancher will sich nicht nach den Sitten Andrer fügen. +Manchem fehlt es dazu an der nöthigen Weltkenntniß; Mancher macht zu +viel Forderungen. Aber auch mit dem besten Willen und guten Anlagen +glückt es nicht Jedem; warum? 2) In Deutschland ist es schwer, +allgemein gute Eindrücke in Gesellschaften zu machen; warum? Bilder +von Verschiedenheit des gesellschaftlichen Tons in einigen Provinzen +von Deutschland, und Bilder von den Sitten verschiedner Stände. 3) Von +meinem Berufe, über diesen Gegenstand zu schreiben. 4) Meine eignen +Erfahrungen.</p> +</div> + +<p class="center"><a href="#Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel;</a> Seite 27.</p> +<p class="center">Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den<br> +Umgang mit Menschen.</p> + +<div class="cont"> +<p>1) Jeder Mensch muß sich in der Welt selbst geltend machen. +Anwendung dieses Satzes. 2) Strebe nach Vollkommenheit, aber +nicht nach dem <em class="gesperrt">Scheine</em> der Vollkommenheit! 3) Sey nicht zu sehr +ein Sclave der Meinung Andrer! 4) Verliere nicht die Zuversicht! +5) Eigne Dir nicht fremdes Verdienst zu! 6) Verbirg Deinen Kummer! +7) Rühme nicht zu laut Dein Glück! 8) Enthülle nicht die +Schwächen Deiner Nebenmenschen! 9) Gib Andern Gelegenheit, zu +glänzen! 10) Suche Gegenwart des Geistes zu haben! 11) Willst Du +etwas in der Welt erlangen, so mußt Du darum bitten. 12) Nimm<span class="pagenum" id="Seite_vi">[S. vi]</span> +so wenig, wie möglich, von Andern Wohlthaten an! 13) Grenzen der +Dienstfertigkeit. 14) Halte strenge Wort, und sey wahrhaft! 15) Sey +pünktlich, ordentlich, fleißig! 16) Interessire Dich für Andre, wenn +Du willst, daß Andre sich für Dich interessiren sollen! 17) Verflicht +niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und setze Dich immer in +Gedanken in andrer Leute Stelle! 18) Laß Jeden seine Handlungen +selbst verantworten, wenn Du nicht sein Vormund bist! 19) Handle +nur selbst immer folgerecht! 20) Habe stets ein gutes Gewissen! +21) Sey, was Du bist, immer und ganz! 22) Unterschied im äussern +Betragen. 23) Sey nicht zu offenherzig! 24) Suche nie jemand +lächerlich zu machen! 25) Schrecke, zerre, beunruhige und necke +nicht! 26) Alle Menschen wollen amüsirt seyn. Ueber das Spaßmachen. +27) Sage Jedem etwas Lehrreiches oder Angenehmes! 28) Ueber +Spott und Medisance. 29) Ueber Anekdoten. 30) Trage keine Nachrichten +aus einem Hause in das andre! 31) Sey vorsichtig in Tadel +und Widerspruch! 32) Rede nicht zu viel und nicht langweilig! +33) Noch von Dingen, die nur Dich interessiren! 34) Ueber Egoismus. +35) Widersprich Dir nicht im Reden! 36) Wiederhole Dich +nicht, und schärfe Dein Gedächtniß! 37) Vermeide Zweideutigkeit; +38) Gemeinsprüche; 39) Unnütze Fragen! 40) Lerne Widerspruch ertragen! +41) Wo man sich zur Freude versammelt, da rede nicht von +Geschäften! 42) Ueber Religions-Gespräche. 43) Sey vorsichtig in +Gesprächen über Andrer Gebrechen! 44) Andre Vorsichtigkeits-Regeln. +45) Bringe bei niemand unangenehme Dinge in Erinnerung! +46) Nimm nicht Theil an fremdem Spotte! 47) Ueber Disputirgeist. +48) Ueber Verschwiegenheit. 49) Wohlredenheit und äusserer Anstand. +50) Ueber kleine gesellschaftliche Unschicklichkeiten. 51) Betragen, wenn +uns Langeweile gemacht wird. 52) Leichtigkeit im Umgange. 53) Man +hüte sich vor zu großen Forderungen! 54) Kleidung. 55) Soll man +viel oder wenig in Gesellschaften gehen? 56) Man kann in jeder +Gesellschaft etwas lernen. 57) Mit wem soll man umgehen? 58) Ueber +den Umgang in großen Städten, in kleineren, und auf dem Lande. +59) In fremden Gegenden. 60) Regeln beim Briefwechsel. 61) Wie +man die Menschen beurtheilen solle. 62) Ob diese Regeln allgemein +passen? 63) In wie fern auch Frauenzimmer nach diesen Regeln +handeln können.</p> +</div> + +<p class="center"><a href="#Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel;</a> Seite 74.</p> +<p class="center">Ueber den Umgang mit sich selbst.</p> + +<div class="cont"> +<p>1) Es ist nützlich und interessant, über den Umgang mit andern +Menschen seine eigne Gesellschaft nicht zu vernachlässigen. 2) Es +kommen Augenblicke, wo wir uns selbst am nöthigsten sind. 3) Gehe +eben so vorsichtig, fein, redlich und gerecht mit Dir selbst um, +wie mit Andern! 4) Sorge für Deine Gesundheit, aber verzärtle Dich +nicht!<span class="pagenum" id="Seite_vii">[S. vii]</span> 5) Respectire Dich selbst, und habe Zuversicht zu Dir selbst! +6) Verzweifle nicht bei dem Bewußtseyn mangelnder Vollkommenheiten, +bei den Schwierigkeiten, ein großer Mann zu werden! 7) Sey Dir ein +angenehmer Gesellschafter! 8) Aber sey Dir auch kein Schmeichler, +sondern ein aufrichtiger und gerechter Freund! Sey eben so strenge +gegen Dich, wie Du gegen Andre bist! 9) Wie man Abrechnung mit seiner +Moralität halten solle.</p> +</div> + +<p class="center"><a href="#Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel;</a>Seite 78.</p> + +<p class="center">Ueber den Umgang mit Leuten von verschiednen Gemüthsarten,<br> +Temperamenten und Stimmungen des<br> +Geistes und Herzens.</p> + +<div class="cont"> +<p>1) Ueber die vier Haupt-Temperamente und deren Mischungen. +2) Ueber herrschsüchtige Leute. 3) Ueber Ehrgeitzige. 4) Eitle. 5) Hochmüthige, +im Gegensatze von Stolzen. 6) Ueber sehr empfindliche Leute. +7) Ueber den Umgang mit Eigensinnigen. 8) Mit Zanksüchtigen, +Widersprechern und solchen, die Paradoxie lieben. 9) Mit Jähzornigen. +10) Mit Rachgierigen. 11) Mit unentschlossenen, faulen und +phlegmatischen Leuten. 12) Mit Menschenfeinden, mißtrauischen, argwöhnischen, +mürrischen und verschlossenen Leuten. 13) Mit neidischen, +hämischen, verläumderischen, schadenfrohen, mißgünstigen und eifersüchtigen +Menschen. 14) Ueber den Geitz und die Verschwendung. +15) Ueber das Betragen gegen Undankbare. 16) Gegen ränkevolle +Leute und Lügner. 17) Gegen Windbeutel. 18) Gegen Unverschämte, +Müssiggänger, Schmarotzer, Schmeichler und zudringliche Leute. +19) Gegen Schurken. 20) Gegen zu bescheidne, zu furchtsame Menschen. +21) Gegen Unvorsichtige und Plauderhafte, Vorwitzige und +Neugierige, Zerstreute und Vergessene. 22) Gegen Wunderliche, Sonderlinge +und Launenhafte. 23) Ueber den Umgang mit dummen, schwachen, +übertrieben gutherzigen, leichtgläubigen und solchen Menschen, +die gewisse Liebhabereien und Steckenpferde haben. 24) Mit muntern +und satyrischen Leuten. 25) Mit Trunkenbolden, groben Wollüstlingen +und andern lasterhaften Leuten. 26) Mit Enthusiasten, Ueberspannten, +Romanhaften, Kraft-Genies und excentrischen Leuten. +27) Etwas von Andächtlern, Heuchlern und abergläubischen Leuten. +28) Von Deisten, Freigeistern und Religions-Spöttern. 29) Ueber +die Art, wie man Schwermüthige, Tolle und Rasende behandeln +müsse. Geschichte zweier Wahnsinnigen. Zusatz des Herausgebers.</p> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_viii">[S. viii]</span></p> + +<p class="p4 s3 center">Zweiter Theil.</p> + +<p class="center"><a href="#Einleitung">Einleitung;</a> Seite 125.</p> + +<p class="pcont">Nachricht von der Art der Eintheilung aller in den drei Theilen<br> +dieses Werks verhandelten Gegenstände.</p> + +<p class="center"><a href="#Erstes_Kapit.">Erstes Kapitel;</a> Seite 125.</p> +<p class="pcont">Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter.</p> + +<p class="center"><a href="#Zweites_Kapit.">Zweites Kapitel;</a> Seite 132.</p> +<p class="pcont">Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden.</p> + +<p class="center"><a href="#Drittes_Kapit.">Drittes Kapitel;</a> Seite 139.</p> +<p class="pcont">Von dem Umgange unter Eheleuten.</p> + +<p class="center"><a href="#Viertes_Kapit.">Viertes Kapitel; </a> Seite 161.</p> +<p class="pcont">Ueber den Umgang mit und unter Verliebten.</p> + +<p class="center"><a href="#Fuenftes_Kapit.">Fünftes Kapitel; </a> Seite 167.</p> +<p class="pcont">Ueber den Umgang mit Frauenzimmern.</p> + +<p class="center"><a href="#Sechstes_Kapit.">Sechstes Kapitel; </a> Seite 182.</p> +<p class="pcont">Ueber den Umgang unter Freunden.</p> + +<p class="center"><a href="#Siebentes_Kapit.">Siebentes Kapitel;</a> Seite 198.</p> +<p class="pcont">Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern.</p> + +<p class="center"><a href="#Achtes_Kapit.">Achtes Kapitel;</a> Seite 205.</p> +<p class="pcont">Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns in<br> +demselben Hause wohnen.</p> + +<p class="center"><a href="#Neuntes_Kapit.">Neuntes Kapitel;</a> Seite 207.</p> +<p class="pcont">>Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast.</p> + +<p class="center"><a href="#Zehntes_Kapit.">Zehntes Kapitel;</a> Seite 211.</p> +<p class="pcont">Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten<br> +empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern,<br> +Gläubigern und Schuldnern.</p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_ix">[S. ix]</span></p> + +<p class="center"><a href="#Eilftes_Kapit.">Eilftes Kapitel;</a> Seite 215.</p> +<p class="pcont">Ueber das Betragen gegen Leute in allerlei besondern Verhältnissen<br> +und Lagen.</p> + +<p class="center"><a href="#Zwoelftes_Kapit.">Zwölftes Kapitel;</a> Seite 228.</p> +<p class="pcont">Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen<br> +Leben.</p> + +<p class="center"><a href="#Allgemeine">Allgemeine Behandlung der Kinder in den Jahren + der ersten<br> + Entwickelung;</a> Seite 238.</p> + +<p class="p4 s3 center">Dritter Theil.</p> + +<p class="center"><a href="#Einleitung">Einleitung;</a> Seite 307.</p> +<p class="pcont">Uebergang zu den in diesem Theile verhandelten Gegenständen.</p> + +<p class="center"><a href="#Erstes_Kap.">Erstes Kapitel;</a> Seite 307.</p> +<p class="pcont">Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen<br> +und Reichen.</p> + +<p class="center"><a href="#Zweites_Kap.">Zweites Kapitel;</a> Seite 325.</p> +<p class="pcont">Ueber den Umgang mit Geringern.</p> + +<p class="center"><a href="#Drittes_Kap.">Drittes Kapitel;</a> Seite 328.</p> +<p class="pcont">Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen.</p> + +<p class="center"><a href="#Viertes_Kap.">Viertes Kapitel; </a> Seite 340.</p> +<p class="pcont">Ueber den Umgang mit Geistlichen.</p> + +<p class="center"><a href="#Fuenftes_Kap.">Fünftes Kapitel; </a> Seite 344.</p> +<p class="pcont">Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern.</p> + +<p class="center"><a href="#Sechstes_Kap.">Sechstes Kapitel; </a> Seite 360.</p> +<p class="pcont">Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im<br> + bürgerlichen Leben.</p> + +<p class="center"><a href="#Siebentes_Kap.">Siebentes Kapitel;</a> Seite 383.</p> +<p class="pcont">Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart und Gewerbe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_x">[S. x]</span></p> + +<p class="center"><a href="#Achtes_Kap.">Achtes Kapitel;</a> Seite 391.</p> +<p class="pcont">Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern<br> +derselben.</p> + +<p class="center"><a href="#Neuntes_Kap.">Neuntes Kapitel;</a> Seite 395.</p> +<p class="pcont">Ueber die Art, mit Thieren umzugehen.</p> + +<p class="center"><a href="#Zehntes_Kap.">Zehntes Kapitel;</a> Seite 399.</p> +<p class="pcont">Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser.</p> + +<p class="center"><a href="#Eilftes_Kap.">Eilftes Kapitel;</a> Seite 404.</p> +<p class="pcont">Schluß.</p> + +<hr class="full"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p> + +<p class="p4 s2 center"> <span class="s5a">Ueber den</span><br> +Umgang mit Menschen.</p> + +<hr class="titel"> + +<h2>Erster Theil.</h2> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Einleitung_des_Herausgebers">Einleitung des Herausgebers.</h3> +</div> + +<p>Der Umgang mit Menschen gehört zu den wirksamsten <em class="gesperrt">Bildungs-</em>, +<em class="gesperrt">Erheiterungs-</em> und <em class="gesperrt">Anregungsmitteln</em> des +menschlichen Geistes und Gemüths; aber wohlthätig werden +seine Wirkungen nur dann für uns seyn, wenn wir gehörig vorbereitet +unter die Menschen treten, und im Umgange eben so +viel Weisheit, als Klugheit, eben so viel Festigkeit, als Geschmeidigkeit, +eben so viel Offenheit, als Zurückhaltung zeigen +und anwenden. Die Vorbereitung besteht in der Fertigkeit, den +Schein von der Wahrheit zu unterscheiden, die Sprache des feinen +Welttons zu reden, ohne in's Gezierte und Höfische zu verfallen, +und in der Sammlung allgemeiner Kenntnisse; endlich +in der richtigen Würdigung der Menschen, damit ein Bewußtseyn +des eigenen Werthes erwache, und die Blödigkeit verschwinde, +welche unfähig macht, den Umgang mit Menschen von höherer +Bildung und Erfahrung zu benutzen und zu genießen. Man +könnte sagen, daß dieß alles, was hier als Vorbereitung auf +den Umgang mit Menschen dargestellt und erfordert wird, eigentlich +das Erzeugniß dieses Umgangs selbst sey; allein wenn +auch zugegeben werden muß, daß alle jene Kenntnisse und Fertigkeiten +größtentheils in der Gesellschaft gewonnen werden, so +ist doch eben so gewiß, daß die Gesellschaft ein Recht habe, von +ihren Mitgliedern zu fordern, daß sie einen Beitrag zur Unterhaltung +geben, nicht bloß empfangen und genießen sollen. Diese +billige Forderung aber kann nur von denjenigen erfüllt werden, +welche gehörig vorbereitet und ausgestattet in die Gesellschaft +treten. Dazu soll die Erziehung vor allem mitwirken, und daneben +die schriftliche Belehrung und Anweisung, welche nicht +bloß aus Schriften, wie die vorliegende des trefflichen Menschenkenners +Knigge, sondern auch, und vielleicht noch mehr aus solchen<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> +Romanen und historischen Darstellungen geschöpft wird, +welche sich durch eine lebhafte und getreue Charakterschilderung +auszeichnen, und Menschen von allen Seiten, und in allerlei +Lagen, Verhältnissen und Beziehungen darstellen. Nicht bloß +Menschenkenntniß, sondern auch die Sprache des feineren Gesellschaftstones +findet sich in solchen Schriften, und sie gehören +eben deswegen unstreitig zu den wirksamsten Bildungsmitteln. +In wie fern, und unter welchen Bedingungen auch der <em class="gesperrt">Umgang</em> +ein Bildungsmittel sey, soll hier nur angedeutet, nicht +ausgeführt werden, denn für die Ausführung findet sich im Verfolg +eine passendere Stelle. <em class="gesperrt">Die Weisheit im Umgange</em> +würde zunächst in der Sichtung der Spreu von dem Weizen bestehen, +damit sich nicht, zugleich mit den Kenntnissen und berichtigten +Urtheilen, mit den Ansichten der Welt und der Menschen, +mit der Erwärmung für das Schöne, Gute und Edle, +auch Vorurtheile aller Art, schiefe und ungerechte Urtheile, falscher +Geschmack, Heuchelei und Verstellungskunst, Leichtsinn +und Eitelkeit in die Seele einschleiche. Ohne diese Weisheit hat +die Gesellschaft nur verderblichen Einfluß, wird sie endlich selbst +die Kraft überwältigen, mit welcher heilsame Eindrücke der Erziehung +auf unsern Willen wirken, wird sie den, der sich sorglos +ihrem Einfluß hingibt, zum Sclaven der Mode und Sitte +machen, und ihn um sein bestes Lebensglück betrügen.</p> + +<p>Aber mit der <em class="gesperrt">Weisheit</em> reicht man in der Gesellschaft nicht +aus; sie fordert eben so sehr jene vorsichtige und besonnene <em class="gesperrt">Klugheit</em>, +welche uns lehrt, erlaubte Vortheile zu erkennen und zu +benutzen, und den Klippen auszuweichen, an welchen so leicht +die Fassung, die Heiterkeit und Laune scheitern kann. Wer im +Umgange mit der großen Welt zu oft in Verlegenheit kommt, +zu oft, durch den Schein irre geführt, sich zu einer Offenheit +verleiten läßt, die er hernach mit Schrecken gemißbraucht oder +gemißdeutet sieht; wer nicht zu rechter Zeit ein Gespräch abzubrechen, +oder es auf eine ungezwungene und verständige Weise +anzuknüpfen und fortzuführen weiß, ohne vorlaut und zudringlich +zu werden, oder sich selbst zum Thema der Unterhaltung zu +machen; wer nicht mit Klugheit die Personen, aus welchen die +Gesellschaft besteht, nach ihren bürgerlichen und Familienverhältnissen +berücksichtigt, und seine Urtheile ohne alle Rücksicht +fällt, seine Bemerkungen ohne alle Umsicht mittheilt: der wird<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> +für alle diese Verstoße gegen die Klugheit im Umgange hart +büßen müssen, und sich bald genug von der Gesellschaft ausgeschlossen +sehen. Jene Weisheit, welche der Umgang fordert, und +jene Klugheit, welche er voraussetzt, besteht ferner in der <em class="gesperrt">Festigkeit</em>, +die nie in Starrsinn und Rechthaberei ausartet, und +in der Geschmeidigkeit, welche eben so weit von Heuchelei, als +von Blödigkeit und Menschengefälligkeit entfernt ist. Wer immer +der Meinung dessen ist, der zuletzt sprach, oder der das +Wort in der Gesellschaft führt, nie eine eigene Meinung hat, +oder sie wenigstens sogleich feigherzig aufgibt, wenn sie Widerspruch +findet, wird der Gesellschaft eben so wenig verdanken, +als der, welcher mit rechthaberischer Heftigkeit seine Gegner nur +überschreit, nicht mit Gründen bekämpft. Aber vorzüglich kommt +es hier auf die <em class="gesperrt">Art</em> an, wie man solche Meinungen und Urtheile, +welche lebhaft bestritten werden, vertheidigt und begründet. +Es gibt Menschen, welche bei solchen Vertheidigungen alle +Rücksichten und jede Schonung und Milde, welche zum Wesen +des Umgangs gehört, bei Seite setzen, und in leidenschaftlicher +Lebhaftigkeit ihre Gegner mehr anfallen und mißhandeln, als +bekämpfen. Hier ist die Grenze sehr leicht überschritten, besonders +wenn die Klugheit nicht von wohlwollenden Neigungen unterstützt +wird, oder persönliche Mißverhältnisse der Streitenden +einwirken und sichtbar werden. Dennoch gehört die Festigkeit +recht eigentlich zu den geselligen Tugenden, weil die Gesellschaft +nicht ohne <em class="gesperrt">Reizmittel</em> bestehen kann, und der Widerspruch zu +den wirksamsten Reizmitteln gehört; aber auch deswegen, weil +nur Festigkeit gegen die gefährlichen und verderblichen Eindrücke +des Umgangs waffnet und sichert, so wie gegen die Verlegenheit +und Bedrängniß, in welche wir diejenigen so oft in der Gesellschaft +gerathen sehen, welche dem Hochmuth, der Anmaßung, +Unbescheidenheit und leeren Prahlerei nichts entgegen zu setzen +wissen, und da verstummen, wo sie recht laut werden und mit +Nachdruck sprechen sollten.</p> + +<p>Aber wie der Umgang verderblich werden kann, wenn man +seinem Einfluß nicht mit Festigkeit zu widerstehen, und durch +festen Muth alles abzuwehren weiß, wodurch das Vergnügen +der Gesellschaft gestört, oder das Recht des Einzelnen gekränkt +wird; so wird sein Reiz und sein Genuß durch die <em class="gesperrt">Geschmeidigkeit</em> +erhöht, mit welcher sich Jeder in den Ton der Gesellschaft<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> +überhaupt, und in die Schwachheiten der Einzelnen insbesondere +zu finden und zu schicken, Störungen des gesellschaftlichen +Vergnügens zu entfernen, und alles herbeizuführen weiß, +was die Unterhaltung nähren und beleben, die Bande der Gesellschaft +fester knüpfen, und den Genuß Aller erhöhen kann, und +zwar auf eine solche Art, daß Keinem etwas aufgedrungen, und +nichts erzwungen wird. Wie leicht diese Geschmeidigkeit ausarte, +und wie lästig, verächtlich und erniedrigend sie in ihrer Ausartung +sey, davon finden sich die auffallendsten Beispiele in jeder +zahlreichen Gesellschaft. Sie muß in theilnehmenden und wohlwollenden +Gefühlen, in <em class="gesperrt">der</em> Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit, +welche sich nie vordrängt, und keine Auszeichnung begehrt, +und in dem Wunsche, sich zu belehren, ihren Grund haben, +wenn sie für eine gesellschaftliche Tugend gelten soll. Häufig erscheint +die Geschmeidigkeit als Herablassung zu den Schwachen, +als Herabstimmung zu einem uns fremden und ungemüthlichen +Gesellschaftstone, und in so fern sie selbst lauter Schwäche, nicht +Grundsatz und nicht Wohlwollen oder Klugheit ist, als ein Heulen +mit den Wölfen, als ein feigherziges und unsittliches Einstimmen +in einen Ton, den man für schlecht und niedrig erkennt. +Hier würde die Festigkeit an ihrem Orte seyn. Dagegen ist es +hohe Gesellschaftstugend, den Schwachen in der Gesellschaft sein +Ohr zu leihen, wenn sie über die Gebühr von sich selbst und ihren +besondern Angelegenheiten sprechen; der Mutter theilnehmend +zuzuhören, welche von den Anlagen und von der Liebenswürdigkeit +ihrer Kinder, oder von häuslichen Leiden mit großer Ausführlichkeit +spricht; den ehrlichen Handwerksmann ausreden zu +lassen, oder durch Fragen selbst zu veranlassen, vom Handwerk +zu sprechen und seine Erfahrungskenntnisse gutmüthig mitzutheilen, +wobei dem Hörenden wohl noch durch manche nützliche +Sachkenntniß seine Herablassung vergolten wird.</p> + +<p>Eben so viel <em class="gesperrt">Offenheit</em>, als <em class="gesperrt">Zurückhaltung</em>, fordert +endlich der Umgang mit Menschen. Offenheit ist die Seele des +Umgangs; aber sie setzt Vertrauen voraus, und wer kann sogleich +Vertrauen zu Personen fassen, die er nur in ihren Feierkleidern +sieht, und nicht beobachten kann, wenn sie in ihrer Alltagskleidung +einhergehen. Es gibt eine Offenheit, welche mit +kluger Vorsicht vereinbar ist, und diese soll im Umgange herrschen. +Niemand soll seine Grundsätze und Ueberzeugungen verheimlichen,<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> +oder schweigen, wo die Pflicht, sich des Verleumdeten +anzunehmen, den Splitterrichter zu demüthigen und zu strafen, +den Heuchler zu entlarven, den Prahler in seiner Erbärmlichkeit +darzustellen, oder auch nur die Pflicht, seinen Beitrag +zur Unterhaltung zu geben, das Schweigen verbietet. Aber +Rücksicht auf Kinder, auf Schwache und Unwissende, auf Schüchterne +und Aengstliche, auf Horcher und Wortverdreher, auf +Neuigkeitsträger und Klatschschwestern, gebietet auch oft Zurückhaltung +des Urtheils, des Spottes, eines witzigen Einfalls, einer +wahren, aber bitteren Bemerkung, einer Meinung oder Erklärung, +die leicht gemißdeutet oder gemißbraucht werden kann.</p> + +<p>Dieß also wären die Bedingungen, unter welchen der Umgang +Bildungs-, Erheiterungs- und Anregungsmittel werden +kann. Wem übrigens die Wahl frei steht, zwischen großen, stark +gemischten Gesellschaften, und kleineren Gesellschaftskreisen, der +handelt weise, wenn er diese vorzieht, und jene so viel als möglich +vermeidet. Denn je zahlreicher die Gesellschaft ist, desto leerer +ist der Umgang, und nur da ist die Unterhaltung ergiebig +und lehrreich, wo Alle daran Theil nehmen, und Keiner durch +Rücksichten der Klugheit und Vorsicht zur Zurückhaltung bestimmt +wird, sondern Jeder frei und unverhohlen seine Meinung äußert.</p> + +<p>Auf der andern Seite ist der Umgang mit Einzelnen, wenn +sie mit einer ächten Geistesbildung eine reiche Erfahrung verbinden, +und in mannigfaltigen Verbindungen leben, viel ergiebiger +und belohnender, als das eigentliche Gesellschaftsleben, und +diejenigen, welche das Leben in dem edelsten Sinne genießen +wollen, ziehen sich daher aus der großen Welt zurück, und wissen +sich in dem Familienleben einen Genuß zu bereiten, welcher +in großen und gemischten Gesellschaften vergebens gesucht wird. +Vielleicht ist es auch nur in solcher Zurückgezogenheit möglich, +das Herz vor Thorheiten und Verirrungen zu bewahren, in welche +es so leicht durch den Einfluß der Gesellschaft verwickelt wird, +und die Ausartung des Herzens zu verhüten, welcher diejenigen +nicht entgehen, die ihrem Umgange die möglichste Ausdehnung +geben, und darin den höchsten Genuß des Lebens finden. Denn +neben dem wohlthätigen Einflusse, welchen der Umgang mit +Menschen aus allen Ständen auf die Entwickelung unseres Geistes, +Veredlung unseres Herzens, und Erheiterung unseres Gemüths +haben kann, wenn er ein gewählter ist, und mit Mäßigung<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> +und Vorsicht genossen wird, übt er auch einen nachtheiligen +und selbst verderblichen Einfluß auf unbewachte und unbereitete +Herzen aus.</p> + +<p>Wenn auf der einen Seite unsere Begriffe durch den Umgang +bereichert und berichtigt werden, so verwirrt er sie auf der +andern. Wir hören Menschen, mit Witz und Scharfsinn ausgestattet, +ihre vorgefaßten Meinungen, ungerechten Urtheile +und fixen Ideen mit einer solchen Beredsamkeit und Zuversicht +als unstreitige und unläugbare Wahrheiten darstellen, daß wir +uns überreden, ein ganz neues Licht über diese Gegenstände erhalten +zu haben, und ihre Jünger werden. Ein andermal fällt +ein witziger Spötter über das Heilige her, und es gelingt ihm, +den religiösen Gefühlen einiger Schwachen in der Gesellschaft einen +Stoß zu geben. Er hat ihnen das Unersetzliche genommen, +und sie werden diesen Verlust nie verschmerzen. Der Umgang +wird heute Nahrung für unsere wohlwollenden und theilnehmenden +Gefühle; aber morgen gerathen wir in eine Gesellschaft, in +welcher der Hofton herrschend ist; wir stoßen auf lauter verlarvte +Gesichter, hören lauter Redensarten, werden überall durch die +unverschämten Uebertreibungen einer frechen Schmeichelei verletzt, +sehen eine ganze Gesellschaft von Schauspielern vor uns, +von welchen jeder seine Rolle spielt, und nirgends wird uns +Nahrung für Geist und Gefühl gereicht; was ist natürlicher, +als daß wir Menschenverachtung aus dieser Gesellschaft mitnehmen, +und uns nicht sobald wieder mit den Menschen aussöhnen; +daß sich Mißtrauen unseres Herzens bemächtigt, und der +Glaube an die Menschheit seine Kraft verliert.</p> + +<p>Ein unbewachtes und unbefestigtes Herz geräth in einer Gesellschaft +unter feine und beredte Schmeichler; der Giftsaame +wird in das Herz gestreut, und die Früchte werden nicht ausbleiben.— Und +wer hätte nicht in der Gesellschaft die Kunst zu +scheinen, Gefühle zu verhehlen, eine Rolle zu spielen, zu heucheln, +und sich zu verstellen, wider seinen Willen, und ohne +sein Wissen gelernt? Man gewöhnt sich in der Gesellschaft an +alles, selbst an das Lächerlichste, Erbärmlichste, Platteste, an +Mangel und Mißbrauch des Verstandes, an die häßlichsten Gesichter +und Gemüther, die widrigsten Fehler des Körpers und +des Sprachorgans; man bemerkt am Ende diese Gebrechen +kaum mehr. Daher sieht man, besonders in den höheren Ständen,<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> +die Mitglieder der Gesellschaft ihren faden Witz, ihre beredten +Verleumdungen, ihren ungesalzenen Spott und ihre kläglichen +Tagesneuigkeiten mit einer Unbefangenheit gegen einander +austauschen, als ob die unschuldigsten Dinge vorgingen, +und es fällt Keinem auch nur von ferne ein, sich einer solchen +Unterhaltung zu schämen, noch weniger, ihr eine bessere Wendung +zu geben, oder Salz zu verlangen und zu erwarten. Aber +es sind nicht bloß die Geistlosen oder Armen am Geist, die es so +arg treiben; auch Geistreiche lassen sich endlich, wenn sie lange +genug Zuhörer gewesen sind, zu solchem Kleinhandel herab, und +werden aus lauter Gefälligkeit, oder um der langen Weile zu +entgehen, mit geistlos. Es gehört Muth, Geduld und große +Gewandtheit dazu, einen faden und dürren Gesellschaftston zu +beschwingen, und endlich zu verdrängen; aber diese Kunst sollte +jeder zu erringen suchen, weil dadurch großes Verdienst zu erwerben +ist, und der, welcher sie besitzt und ausübt, der Wohlthäter +einer ganzen Stadt werden kann.</p> + +<p>Mehr oder weniger trägt jeder das Gepräge der Gesellschaft, +und wird ihr Zögling, oft ein zu folgsamer; denn indem sie allen +seinen Trieben die mannichfaltigste und reichste Befriedigung +darbietet, besonders dem Ehrtriebe, indem sie das Bedürfniß, +zu lieben, und geliebt zu werden, eben so sehr aufregt, als kräftig +stillt, und allen seinen Zwecken dient, legt sie ihn in unauflösliche +Fesseln. Doch sie soll auch seine Kräfte in Bewegung +setzen und beschäftigen, darum muß sie Reibungen veranlassen, +und jeglichem Bestreben, wozu die vereinte Kraft Mehrerer erfordert +wird, so wie jeglicher ungeselligen Neigung Hindernisse +und Widerstand entgegenstellen. Nicht überall kommt uns in +der Gesellschaft (das Wort hier im weitesten Sinne genommen) +Theilnahme und guter Wille entgegen, nicht überall die Anerkennnng +unserer Verdienste und unserer sittlichen Güte, und da, +wo wir gern Einfluß gewinnen möchten, stößt sie uns zurück, +weil wir nicht ihre Sprache zu reden wissen, oder uns weigern, +sie zu reden, und in den Ton, der jetzt gerade der herrschende +ist, einzustimmen. Auf der andern Seite legt sie dem Rohen +und Ungesitteten Fesseln an, und zwingt ihn durch die Gewalt +ihrer conventionellen Gesetze, die Sprache der Bescheidenheit und +Ehrbarkeit zu reden; sie nöthigt ihn zu einer sehr beschwerlichen +Selbstverleugnung, und straft ihn auf der Stelle, wenn er sich<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> +weigert, ihre Gesetze anzuerkennen und ihnen zu gehorchen. +Wenn es scheint, daß sie dadurch theils Heuchler bildet, theils +Menschenhasser, so kann sie zwar von dieser Schuld nicht ganz +frei gesprochen werden; aber sie weiß wenigstens den Schaden, +welchen sie anrichtet, mannichfaltig zu vergüten, theils durch +die Ermunterungen, welche sie denen zu Theil werden läßt, die +sich in ihr geltend zu machen wissen; theils durch die Veranlassungen, +welche sie dem Thätigen und Wohlwollenden gibt, sich +gemeinnützig zu machen, vorzüglich aber durch die Kunst und +Sorgfalt, mit welcher sie die rohen Edelsteine schleift, so daß +ihr Werth erkannt und richtig geschätzt wird. Sie kommt durch +dieß alles der Erziehung sehr wirksam zu Hülfe, und rettet Viele, +die sonst für die Welt verloren gegangen seyn würden, errettet +Andere aus dem Verderben der Milzsucht, Hypochondrie und +üblen Laune, der Blödigkeit und Verzagtheit, des Versinkens +in Eintönigkeit, Einsylbigkeit und Verschlossenheit, verhilft ihnen +zu der Entdeckung, daß ihnen auch die Gabe der Sprache, oder +wohl gar die des Witzes und Humors zu Theil geworden sey, +weckt in viel Tausenden wohlwollende und theilnehmende Gefühle, +und heilt sie gründlich von den Krankheiten, welche ihnen +durch eine verkehrte Erziehung, oder durch den Einfluß eines +bösen Familiengeistes, oder durch die Macht böser Gewohnheiten +eingeimpft worden sind. Auch für diejenigen wird sie oft +Retterinn und Wohlthäterinn, welche am Müßiggange und an +der langen Weile krank liegen, und nur der Anregung bedürfen, +um sich zu fühlen, und zur Thätigkeit zu erwachen.</p> + +<p>Die schwerste Aufgabe, welche uns die Gesellschaft zu lösen +gibt, und wodurch sie besonders die festen und gediegenen Charaktere, +und die einfachen Gemüther abschreckt, ist die, sich in +die oft ganz kontrastirenden Tonarten zu finden und einzustimmen, +welche in den verschiedenen Kreisen die herrschenden oder +beliebten sind. Denn seinen Geschmack verleugnen, seine Vernunft +gefangen nehmen unter dem Glauben an die Untrüglichkeit +der Mode, oder faden Witz verschlucken, und immer wieder +dieselben Späßchen sich vormachen lassen, oder einem Treibjagen +gemeiner Anekdoten zusehen, dazu gehört, wenn man wahrhaft +gebildet ist, eine Selbstverleugnung, die auch des Geduldigsten +Langmuth erschöpft, oder ein Humor, der nicht zu zerstören +ist. Da aber in dieser besten Welt niemand der Nothwendigkeit,<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> +die Menschen zu nehmen, wie sie sind, entgehen kann, +so dürfte es zur Lebensklugheit gehören, sich mit einer solchen +Fassung und humanen Langmuth auszustatten, daß man auch +die schwersten Prüfungen dieser Art bestehen könne.</p> + +<p>Zur Erwerbung einer solchen Fassung und Langmuth kann +eine Anleitung, wie sie <em class="gesperrt">Knigge</em> in dem vorliegenden Buche gegeben +hat, allerdings etwas beitragen, da sie die Menschen nicht +nur in allerlei Gestalten lebendig darstellt, sondern auch lehrt, +wie man sie, nach Maßgabe ihres Charakters und ihrer Bildung, +zu nehmen und zu behandeln, welche Klippen man im +Umgange zu vermeiden, welche Saiten man zu berühren und +nicht zu berühren habe, und wie man sich gegen den nachtheiligen +Einfluß sichern könne, welchen der Umgang auf Gesinnung, +Sitte und Urtheil ausübt, wenn man nicht die Spreu von dem +Weizen zu sondern versteht, und sich durch das Ansehen hoher +Einsicht und untrüglicher Urtheilskraft, welches die dreisten Tonangeber +in der Gesellschaft anzunehmen wissen, täuschen und +bethören läßt. Wenn der humoristische Verfasser hie und da seiner +Laune zu sehr den Zügel schießen ließ, und sich, um einen +witzigen Einfall nicht unterdrücken zu dürfen, eine kleine Uebertreibung +oder Entstellung erlaubte; wenn er sich von einem Vorurtheil, +welches man <em class="gesperrt">seiner</em> Zeit zu Gute halten muß, verleiten +ließ, den französischen Gesellschaftston und die geselligen +Tugenden der Franzosen, auf Unkosten der Teutschen, zu preisen; +so thut dieß im Ganzen dem Werthe dieses Buches keinen +Eintrag, da es nicht schwer ist, in diesen Stellen die Uebertreibung +zu erkennen und abzusondern; auch hat es sich der Herausgeber +angelegen seyn lassen, des Verf. Bemerkungen in dieser +Hinsicht zu berichtigen, und sein Urtheil zu mildern.</p><br> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Einleitung_des_Verfassers">Einleitung des Verfassers.</h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Wir sehen die klügsten, verständigsten Menschen im gemeinen +Leben Schritte thun, wozu wir den Kopf schütteln müssen.</p> + +<p>Wir sehen die feinsten theoretischen Menschenkenner das +Opfer des gröbsten Betrugs werden.</p> + +<p>Wir sehen die erfahrensten, geschicktesten Männer, bei alltäglichen +Vorfällen, unzweckmäßige Mittel wählen; sehen, daß +es ihnen mißlingt, auf Andre zu wirken; daß sie, mit allem +Uebergewicht der Vernunft, dennoch oft von fremden Thorheiten +und Grillen und von dem Eigensinne der Schwächern abhängen; +daß sie von schiefen Köpfen, die nicht werth sind, mit +ihnen verglichen zu werden, sich müssen regieren und mißhandeln +lassen; daß hingegen Schwächlinge und Unmündige an +Geist Dinge durchsetzen, die der Weise kaum zu wünschen wagen +darf.</p> + +<p>Wir sehen manchen Redlichen fast allgemein verkannt.</p> + +<p>Wir sehen die witzigsten, hellsten Köpfe in Gesellschaften, +wo Aller Augen auf sie gerichtet waren, und jedermann begierig +auf jedes Wort lauerte, das aus ihrem Munde kommen +würde, eine untergeordnete Rolle spielen; sehen, wie sie verstummen, +oder nur gemeine Dinge sagen, indeß ein andrer, +äußerst leerer Mensch die kleine Summe von Begriffen, die er +hie und da aufgesammelt hat, so durch einander zu werfen und +aufzustutzen versteht, daß er Aufmerksamkeit erregt, und, selbst +bei Männern von Kenntnissen, für etwas gilt.</p> + +<p>Wir sehen, daß die glänzendsten Schönheiten nicht allenthalben +gefallen, indeß Personen, mit weniger äussern Annehmlichkeiten +ausgerüstet, allgemein interessiren. —</p> + +<p>Kurz, wir werden täglich gewahr, daß die klügsten und gelehrtesten +Männer, wenn nicht zuweilen die untüchtigsten zu<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> +allen Weltgeschäften, doch wenigstens unglücklich genug sind, +durch den Mangel einer gewissen Gewandtheit zurückgesetzt zu +bleiben, und daß die Geistreichsten, von der Natur mit allen +innern und äussern Vorzügen beschenkt, oft am wenigsten zu +gefallen, zu glänzen verstehen.</p> + +<p>Manche Leute glauben, ausgezeichnete Eigenschaften berechtigten +sie, die kleinen gesellschaftlichen Schicklichkeiten, die Regeln +des Anstandes, der Höflichkeit, oder der Vorsicht zu vernachlässigen +— Sie irren sehr. Großer Eigenschaften wegen +verzeiht man große Fehler, weil Menschen von feinerm Stoffe +heftige Leidenschaften zu haben pflegen. Wo aber keine Leidenschaft +im Spiele ist, da soll der bessere Mann auch weiser handeln, +als der alltägliche; und es ist nicht weise gehandelt, die +unschuldigen Gebräuche der Gesellschaft zu verachten, wenn man +in der Gesellschaft leben und wirken will.</p> + +<p>Ich rede aber hier nicht von der freiwilligen Verzichtleistung +des Weisen auf die Bewunderung des vornehmen und geringen +Pöbels. Daß der Mann von bessrer Art da in sich selbst verschlossen +schweigt, wo er nicht verstanden wird; daß der Witzige, +Geistvolle, in einem Cirkel schaler Köpfe sich nicht so weit herabläßt, +den Spaßmacher zu spielen; daß der Mann von einer gewissen +Würde im Charakter zu viel Stolz hat, sein ganzes Wesen +nach jeder ihm unbedeutenden Gesellschaft umzuformen, die +Stimmung anzunehmen, wozu die jungen Laffen seiner Vaterstadt +den Ton mit von Reisen gebracht haben; daß es den Jüngling +besser kleidet, bescheiden, schüchtern und still, als nach +Art der mehrsten unsrer heutigen jungen Leute, vorlaut, selbstgenügsam +und plauderhaft zu seyn; daß der edle Mann, je klüger +er ist, um desto bescheidner, um desto mißtrauischer gegen +seine eignen Kenntnisse und Urtheile, um desto weniger zudringlich +seyn wird; oder daß, je mehr innerer, wahrer Verdienste +sich jemand bewußt ist, er um desto weniger Kunst anwenden +wird, seine vortheilhaften Seiten hervorzukehren, so wie die +wahrhafte Schönheit alle kleine anlockende, unwürdige Buhlkünste, +wodurch man sich bemerkbar zu machen sucht, verachtet +— Das alles ist wohl sehr natürlich! — davon rede ich +also nicht.</p> + +<p>Auch nicht von der beleidigten Eitelkeit eines Mannes voll +Forderungen, der unaufhörlich eingeräuchert, geschmeichelt und<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> +vorgezogen zu werden verlangt, und, wo das nicht geschieht, +ein finsteres Gesicht macht; nicht von dem gekränkten Hochmuthe +eines abgeschmackten Pedanten, der mißlaunig wird, wenn +er das Unglück hat, nicht aller Orten für ein großes Licht der +Erde bekannt, und als ein solches behandelt zu seyn; wenn nicht +Jeder mit seinem Lämpchen herzuläuft, um es an diesem großen +Lichte der Aufklärung anzuzünden. Wenn ein steifer Professor, +der gewohnt ist, von seinem bestaubten Dreifuße herunter, sein +Lehrbuch in der Hand, einem Haufen gaffender, unbärtiger +Musensöhne stundenlang hohe Weisheit vorzupredigen, und dann +zu sehen, wie sogar seine platten, in jedem halben Jahre wiederholten +Späße sorgfältig nachgeschrieben werden; wenn ein +Solcher einmal die Residenz, oder irgend eine andere Stadt besucht, +und das Unglück nun will, daß man ihn dort kaum dem +Namen nach kennt, daß er in einer feinen Gesellschaft von zwanzig +Personen gänzlich übersehn, oder von irgend einem Fremden +für den Kammerdiener im Hause gehalten und Er genannt wird, +wer mögte es ihm verargen, wenn er ergrimmt, und ein verdrossenes +Gesicht zeigt; oder wenn ein Stuben-Gelehrter, der +ganz fremd in der Welt, ohne Erziehung und ohne Menschenkenntniß +ist, sich einmal aus dem Haufen seiner Bücher hervorarbeitet, +und dann, äusserst verlegen mit seiner Figur, buntschäckig +und altväterisch gekleidet, in seinem, vor dreißig Jahren +nach der neuesten Mode verfertigten Bräutigamsrocke, da sitzt, +und an nichts von Allem, was gesprochen wird, Antheil nehmen, +keinen Faden finden kann, um mit anzuknüpfen: so gehört +das alles nicht hieher.</p> + +<p>Eben so wenig rede ich von dem groben Cyniker, der alle +Regeln verachtet, welche Uebereinkunft und gegenseitige Gefälligkeit +den Menschen im bürgerlichen Leben vorgeschrieben haben, +noch von dem Kraft-Genie, das sich über Sitte, Anstand +und Vernunft hinauszusetzen, einen besondern Freibrief zu haben +glaubt.</p> + +<p>Und wenn ich sage, daß oft auch die weisesten und klügsten +Menschen in der Welt, im Umgange und in Erlangung äusserer +Achtung, bürgerlicher und anderer Vortheile, ihres Zwecks verfehlen, +ihr Glück nicht machen; so bringe ich hier weder in Anschlag: +daß ein widriges Geschick zuweilen den Besten verfolgt, +noch daß eine unglückliche leidenschaftliche oder ungesellige Gemüthsart<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> +bei Manchem die vorzüglichsten, edelsten Eigenschaften +verdunkelt.</p> + +<p>Nein! meine Bemerkung trifft Personen, die wahrlich allen +guten Willen und treue Rechtschaffenheit mit mannigfaltigen, +recht vorzüglichen Eigenschaften und dem eifrigen Bestreben, in +der Welt fortzukommen, eignes und fremdes Glück zu bauen, +verbinden, und die dennoch mit diesem Allen verkannt, übersehen +werden, zu gar nichts gelangen. Woher kömmt das? Was +ist es, das Diesen fehlt und Andere haben, die, bei dem Mangel +wahrer Vorzüge, alle Stufen menschlicher, irdischer Glückseligkeit +ersteigen? — Es fehlt ihnen: <em class="gesperrt">die Kunst des Umgangs +mit Menschen</em> — eine Kunst, die oft der schwache +Kopf, ohne darauf zu studiren, viel besser erlauert, als der verständige, +weise, witzreiche; die Kunst, sich geltend zu machen, +ohne beneidet zu werden; sich nach den Temperamenten, Einsichten +und Neigungen der Menschen zu richten, ohne falsch zu +seyn; sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft stimmen +zu können, ohne weder Eigenthümlichkeit des Charakters zu verlieren, +noch sich zu niedriger Schmeichelei herabzulassen. Der, +welchen nicht die Natur schon mit dieser glücklichen Anlage hat +geboren werden lassen, erwerbe sich Menschenkenntniß, eine gewisse +Geschmeidigkeit, Geselligkeit, Nachgiebigkeit, Duldung, +lerne sich zu rechter Zeit verleugnen, erringe Gewalt über heftige +Leidenschaften, Wachsamkeit auf sich selber, und Heiterkeit des +immer gleich gestimmten Gemüths; und er wird sich jene Kunst +zu eigen machen. Doch hüte man sich, sie zu verwechseln mit +der schädlichen, niedrigen Gefälligkeit des verworfenen Sclaven, +der sich von Jedem mißbrauchen läßt, sich Jedem preisgibt, um +eine Mahlzeit zu gewinnen; dem Schurken huldigt, und, um +eine Bedienung zu erhalten, zum Unrechte schweigt, zum Betruge +die Hände bietet, und die Dummheit vergöttert.</p> + +<p>Indem ich aber von jenem <span class="antiqua">esprit de conduite</span> rede, der +uns leiten muß, bei unserm Umgange mit Menschen aller Gattung: +will ich nicht etwa ein Complimentir-Buch schreiben, +sondern einige Resultate aus den Erfahrungen ziehn, die ich gesammelt +habe, während einer nicht kurzen Reihe von Jahren, +in welchen ich mich unter Menschen aller Arten und Stände +umhertreiben mußte und oft in der Stille beobachtete. — Kein<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> +vollständiges System, aber Bruchstücke, vielleicht nicht zu verwerfende +Materialien, Stoff zu weiterm Nachdenken.</p> + +<h4>2.</h4> +<p>In keinem Lande in Europa ist es vielleicht so schwer, im +Umgange mit Menschen aus allen Klassen, Gegenden und Ständen, +allgemeinen Beifall einzuerndten: in jedem dieser Kreise +wie zu Hause zu seyn, ohne Zwang, ohne Falschheit, ohne sich +verdächtig zu machen, und ohne selbst dabei zu leiden, auf den +Fürsten wie auf den Edelmann und Bürger, auf den Kaufmann +wie auf den Geistlichen, nach Gefallen zu wirken, als in unserm +teutschen Vaterlande; denn nirgends vielleicht herrscht zu +gleicher Zeit eine so große Mannigfaltigkeit des Conversationstons, +der Erziehungsart, der Religions- und andrer Meinungen, +eine so große Verschiedenheit der Gegenstände, welche die +Aufmerksamkeit der einzelnen Volks-Klassen in den einzelnen +Provinzen beschäftigen. Dieß rührt her von der Mannigfaltigkeit +des Interesse der teutschen Staaten gegen einander und gegen +auswärtige, von dem Unterschiede der Verbindungen mit +diesem oder jenem auswärtigen Volke, und von dem sehr merklichen +Abstande der Klassen in Teutschland von einander, zwischen +denen verjährtes Vorurtheil, Erziehung und zum Theil +auch Staats-Verfassung eine viel bestimmtere Grenzlinie gezogen +haben, als in andern Ländern. Wo hat mehr, als in Teutschland, +die Idee von sechszehn Ahnen des Adels wesentlichen moralischen +und politischen Einfluß auf Denkungsart und Bildung? +Wo greift weniger allgemein, als bei uns, die Kaufmannschaft +in die übrigen Klassen ein? Wo macht mehr, als hier, das +Corps der Hofleute eine ganz eigne Gattung aus, in welche +hinein, so wie zu der Person der mehrsten Fürsten, nur Leute +von gewisser Geburt und gewissem Range sich hindrängen können? +Wo durchkreuzen sich mehr Arten von Interesse? — Und +diese treffen nicht etwa auf irgend einen dem ganzen Volke merkbaren +Punkt zusammen, auf allgemeine National-Bedürfnisse, +Volks-Angelegenheiten, Vaterlands-Nutzen, wie in England, +wo Aufrechthaltung der Constitution, Freiheit und Glück der +Nation, Flor des Vaterlandes, der Punkt ist, in welchem sich +das Streben, Dichten und Trachten so mancher originellen Charaktere +vereinigt, noch wie in fast allen übrigen europäischen +Ländern, die entweder unter einem einzigen Oberhaupte stehen,<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> +oder durch ein einziges, allen Gliedern wichtiges Interesse beherrscht +werden, wie die Schweiz, oder in welchen eine allein +herrschende Religion, oder ein tyrannisches Clima, über Denkungsart, +Ton und Stimmung allgemein überwiegende Gewalt +hat.</p> + +<p>Daß im Ganzen unsere teutsche Verfassung, so zusammengesetzt +sie auch ist, sehr große, wesentliche Vorzüge gewährt, +das leidet keinen Zweifel; allein es ist nicht weniger gewiß, daß +dieselbe den mächtigsten Einfluß auf die Verschiedenheit der Stimmung +in den einzelnen Provinzen und Staaten und unter den +mancherlei von einander abgesonderten Ständen hat. Eben daher +kommt es, daß unsre Schauspieler, Schauspiel-Dichter und +Romanen-Schreiber ein viel schwereres Studium haben, wenn +sie alle diese Nüancen kennen, bearbeiten und dennoch einen Anstrich +von originellem National-Charakter wollen durchschimmern +lassen; viel schwerer, als in Frankreich, wo die Sitten +der verschiednen Stände und einzelnen Provinzen nicht so sehr +gegen einander abstechen. Eben daher kömmt es, daß man über +wenige unsrer literarischen Produkte ein allgemein einstimmig +beifälliges Volks-Urtheil hört, daß überhaupt so wenige unserer +Werke wie National-Monumente auf die Nachwelt übergehen, +und eben daher endlich kömmt es, daß es so schwer ist, mit +Menschen aus allen Ständen und Gegenden in Teutschland umzugehn +und bei Allen gleich wohl gelitten zu seyn, auf Alle gleich +vortheilhaft zu wirken.</p> + +<p>Der treuherzige, naive, zuweilen ein wenig bäurische, materielle +Bayer ist äusserst verlegen, wenn er auf alle verbindlichen, +artigen Dinge antworten soll, die ihm der feine Ober-Sachse in +<em class="gesperrt">einem</em> Othem entgegenschickt; dem schwerfälligen Westphälinger +ist alles hebräisch, was ihm der Oesterreicher in seiner, ihm +gänzlich fremden Mundart vorpoltert; die zuvorkommende Höflichkeit +und Geschmeidigkeit des durch französische Nachbarschaft +polirten Rheinländers würde man in manchen Städten von +Nieder-Sachsen für Zudringlichkeit, für Niederträchtigkeit halten. +Man glaubt da, ein Mann, der so äusserst unterthänig +und nachgiebig ist, müsse gefährliche oder niedrige Absichten haben, +oder müsse falsch, oder sehr arm und hülfsbedürftig seyn; +und oft ist dort ein wenig zu weit getriebne äussere Höflichkeit +hinlänglich, den Mann, der sich am Rheine dadurch allgemeine<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> +Liebe erwerben würde, an der Leine verächtlich zu machen. Dagegen +wird aber auch der, nicht kältere, nur weniger leichtsinnige, +weniger zuversichtliche, nicht so im Gedränge von Fremden, +noch auf Reisen an Leib und Seele abgeschliffene, geglättete, +sondern ernsthafte Nieder-Sachse, der bei der ersten Bekanntschaft +nicht sehr zuvorkommend, sondern wohl gar ein +wenig verlegen ist, an einem Hofe im Reiche vielleicht für einen +schüchternen Menschen, ohne Lebensart, ohne Welt, angesehen +werden<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>.</p> + +<p>Sich nun also nach Ort, Zeit und Umständen umzuformen, +und von verjährten Gewohnheiten sich loszumachen: das erfordert +Studium und Kunst.</p> + +<p>In Gegenden, aus welchen weder Unzufriedenheit mit dem +Vaterlande, noch Müßiggang, noch Verderbniß der Sitten, +noch unbestimmte, rastlose Thätigkeit, noch Anekdoten-Jagd, +noch vorwitzige Neugier, die Menschen schaarenweise auswandern +macht, und jeden Pinsel zum Reisen treibt, sind die Einwohner +mit dem, was es daheim gibt, so herzlich wohl zufrieden, +daß sie nichts Größeres kennen, nichts Größeres kennen +mögen, als das, was sie in ihrem Vaterlande von Jugend auf +betrachtet, schon als Knaben bewundert, oder von ihren Verwandten +und Freunden haben stiften, bauen, anlegen gesehn. +Ihnen sind die kleinen jährlichen oder andern Feste immer neu,<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> +immer gleich glänzend und merkwürdig. — Glückliche Unwissenheit! +nicht zu vertauschen mit dem Ekel, welcher den Mann +anwandelt, der in seinem Leben so gar viel aller Orten erlebt, +erfahren, gesehn, bauen und zerstören gesehn hat, und zuletzt +an nichts mehr Freude finden, nichts mehr bewundern kann, +alles mit Tadel und Langerweile erblickt! — Doch macht die +treue Anhänglichkeit an einheimische Sitten zuweilen ungerecht, +ungeschliffen gegen Menschen, die sich durch kleine Verschiedenheiten, +wäre es auch nur in Anstand, Kleidung, Ton, Mundart +oder Gebehrden, unschuldigerweise auszeichnen.</p> + +<p>In freien Städten ist diese Anhänglichkeit an väterliche Sitten, +Kleidertrachten u. dgl. sehr auffallend, und hat nicht selten +Einfluß auf Regierungs-Verfassung, Religions-Verträglichkeit +und andre wichtige und unwichtige Dinge. Ich meine, diese +Verschiedenheit der Sitten und der Stimmung in den teutschen +Staaten macht es sehr schwer, außer seiner vaterländischen Gegend, +in fremden Provinzen, in Gesellschaften zu gefallen, +Freundschaften zu stiften, Geschmack am Umgange zu finden, +Andre für sich einzunehmen, und auf Andre zu wirken.</p> + +<p>Diese Schwierigkeiten werden größer und fühlbarer, und erzeugen +eine nicht geringe Verlegenheit, wenn man in Teutschland +in Gesellschaften geräth, welche aus Personen von verschiedenen +Ständen und Erziehungsweisen zusammengesetzt sind. +Dem Teutschen wird es schwer, sich zu einem fremden Gesellschaftston +zu erheben oder herabzustimmen; seine Theilnahme +wird nicht sogleich rege; er fühlt sich verstimmt, wenn die Form +der Unterhaltung von derjenigen, an welche er in seiner Heimath +gewöhnt ist, merklich abweicht. Kommt er aus der Provinz in +die Hauptstadt, so macht ihn die Neuheit der Form verlegen, +ängstlich, schüchtern, und also unbeholfen; ist der Fall umgekehrt, +so wird er entweder einsylbig, kaltsinnig und verdrießlich, +oder er überläßt sich der Spottlust, und wird ein Friedensstörer. +Lebt er auf dem Lande, so fühlt er sich in der Hauptstadt durch +die im Umgange herrschende Geschmeidigkeit und Gewandtheit +geängstigt, weil er gewohnt ist, sich gehen zu lassen, und auf +sein äusseres Wesen wenig Aufmerksamkeit zu wenden, und daher +sitzt er stumm und gefühllos da.</p> + +<p>Man sehe nur einen ehrlichen Land-Edelmann, aus treuer +Lehnspflicht, einmal nach langen Jahren wieder an dem Hofe<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> +seines Landesherrn erscheinen! Er hat sich schon früh Morgens +auf's beste ausgeschmückt und sich die sonst gewöhnte liebe Pfeife +Tabak versagt, um nicht nach Rauch zu riechen. Auf den Gassen +der Stadt war es noch öde und still, als er schon in seinem +Wirthshause umherwandelte und alles in Bewegung setzte, um +ihm beizustehen, bei dem beschwerlichen Geschäfte, sich hofmäßig +auszuschmücken. Jetzt ist er endlich fertig; die seidnen Strümpfe +ersetzen bei weitem nicht, was die heute zurückgelegten Stiefel +ihm sonst gewähren; ihn friert gewaltig an den, ihm nackend +scheinenden Beinen. Der modisch zugeschnittene Rock ist in den +Schultern nicht so bequem, wie sein treuer, alter, warmer Ueberrock; +das Stehn wird ihm unerträglich sauer. — In dieser qualvollen +Gemüthsverfassung erscheint er im Vorzimmer. Um ihn +her wimmelt ein Haufen Hofschranzen herum, die, obgleich sie +sämmtlich vielleicht nicht so viel werth, wie dieser ehrliche, nützliche +Mann, und im Grunde ihrer Herzen nicht weniger, als +er, von Langerweile geplagt sind, dennoch mit Naserümpfen +und Verachtung hier, wo sie in ihrem Elemente zu seyn scheinen, +ihn ansehen. Er fühlt jeden Spott, übersieht sie, ist ihnen +an gesundem Verstande und Urtheilskraft bei weitem überlegen, +und muß sich dennoch von ihnen demüthigen lassen. Sie nähern +sich ihm, thun mit zerstreuter, wichtiger Miene einige Fragen +an ihn; Fragen, an denen das Herz keinen Antheil nimmt, und +worauf sie auch die Antwort nicht abwarten. Er glaubt Einen +unter ihnen zu entdecken, der ihm theilnehmender scheint, als +die Uebrigen; mit diesem fängt er ein Gespräch von Dingen an, +die ihm, vielleicht auch dem Vaterlande, wichtig sind: von dem +Wohlstande, den eigenthümlichen Vorzügen, den Naturschönheiten +der Provinz, in welcher er lebt; er redet mit Wärme; +Redlichkeit athmet alles, was er sagt — aber bald sieht er, wie +sehr er sich in seiner Hoffnung getäuscht hat. Das Männchen +hört ihm mit halbem Ohre zu, erwiedert irgend ein Paar unbedeutende +Sylben zur Antwort, und läßt dann den braven Hausvater +ohne Unterhaltung da stehen. Nun nähert er sich einem +Cirkel von Leuten, die mit Interesse und Lebhaftigkeit zu reden +scheinen. An diesem Gespräche wünscht er Theil zu nehmen; +aber alles, was er hört, Gegenstand, Sprache, Ausdruck, Wendung, +alles ist ihm fremd. In halb teutschen, halb französischen +Redensarten wird hier eine Sache abgehandelt, auf welche er<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> +nie seine Aufmerksamkeit gerichtet, von welcher er nie geglaubt +hat, daß es möglich wäre, teutsche Männer könnten sich damit +beschäftigen. Seine Verlegenheit, seine Ungeduld steigt mit jedem +Augenblicke, bis er endlich das verwünschte Schloß weit +hinter sich sieht.</p> + +<p>Und nun, den Fall umgekehrt, lasse man einen sonst edlen +Hofmann einmal hinaus auf das Land in die Gesellschaft biederer +Beamten und Provinzial-Edelleute gerathen; — hier herrschen +ungezwungene Fröhlichkeit, Offenherzigkeit, Freiheit; man +redet von dem, was am nächsten den Landmann angeht; man +wiegt die Worte nicht ab; der Scherz ist kunstlos, treffend, gewürzt, +aber nicht zugespitzt, nicht witzig und gesucht. Unser +Hofmann versucht es, sich in diese Manier hineinzuarbeiten: er +mischt sich in die Gespräche; aber der Ausdruck der Offenheit +und Treuherzigkeit fehlt. Was bei Jenen naiv war, wird bei +ihm beleidigend. Er fühlt dieß, und will die Leute in seinen +Ton stimmen. In der Stadt gilt er für einen angenehmen Gesellschafter: +er spannt alle Segel auf, um auch hier zu glänzen; +allein die kleinen Anekdoten, die feinen Züge, worauf er anspielt, +sind hier gänzlich unbekannt, gehen verloren. Man findet ihn +spottsüchtig, da in der Stadt niemand ihn einer solchen Gesinnung +beschuldiget. Seine Höflichkeitsworte, die er wahrlich gut +meint, hält man für Falschheit; die Süßigkeiten, die er den +Frauenzimmern sagt, und die nur höflich und verbindlich seyn +sollen, betrachtet man als hämischen Spott. — So groß ist die +Verschiedenheit des Tons unter zweierlei Klassen von Menschen! —</p> + +<p>Ein Professor, der in der literarischen Welt eine nicht gemeine +Rolle spielt, meint, in seiner gelehrten Einfalt, die Universität, +auf welcher er lebt, sey der Mittelpunkt alles Lebens +und aller Wirksamkeit im Staate, und das Fach, in welchem +er sich Kenntnisse erworben, die einzige, dem Menschen nützliche, +der Anstrengung, des Nachforschens und Studiums würdige +Wissenschaft. Er nennt Jeden, der sich darauf nicht gelegt +hat, verächtlicherweise einen Schöngeist. Eine Dame, die bei +ihrer Durchreise den berühmten Mann kennen zu lernen wünscht, +und ihn desfalls besucht, unterhält er in einer Sprache und über +Gegenstände, wovon sie nicht ein Wort versteht; er unterhält +die Gesellschaft, welche sich darauf gefreuet hatte, ihn recht zu +genießen, bei der Abendtafel, mit Zergliederung des neuen akademischen<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> +Credit-Edikts, oder, wenn der Wein dem guten +Manne jovialische Laune gibt, mit Erzählung lustiger Schwänke +aus seinen Studenten-Jahren.</p> + +<p>In welcher Verlegenheit ist zuweilen ein Mann, der nicht +viel Journale und neuere Modeschriften liest, wenn er in eine +Gesellschaft von schöngeisterischen Herren und Damen geräth.</p> + +<p>Gleichsam wie verrathen und verkauft scheint ein sogenannter +Profaner, wenn er sich unter einem Haufen Mitglieder einer +geheimen Verbindung befindet, oder wenn er in eine Gesellschaft +geräth, welche aus lauter wissenschaftlich gebildeten Personen +zusammengesetzt ist.</p> + +<p>Freilich kann nichts ungesitteter, den wahren Begriffen einer +feinen Lebensart mehr entgegen seyn, als wenn eine Anzahl +Menschen, die sich auf diese Art unter einander verstehen, einem +Fremden, der gutmüthig unter sie tritt, um an den Freuden der +Geselligkeit Theil zu nehmen, durch ununterbrochene Lenkung +des Gesprächs auf Gegenstände, wovon Dieser gar nichts versteht, +jeden Genuß der Unterredung raubt. Auf diese Art habe +ich zuweilen in meiner ersten Jugend in Familien-Cirkeln, wo +die Unterhaltung beständig mit Anspielungen auf mir gänzlich +unbekannte Anekdoten durchflochten, und durch gewisse mir +fremde Redensarten und Bonmots, womit ich gar keinen Begriff +verbinden konnte, gewürzt war, tödtende Langeweile gehabt. +Man sollte wohl mehr Rücksicht nehmen: allein selten +sind ganze Gesellschaften so billig, sich nach Einzelnen zu richten; +auch läßt sich das nicht immer mit Recht fordern; folglich +ist es wichtig für Jeden, der in der Welt mit Menschen leben +will, die Kunst zu studiren, sich nach Sitten, Ton und Stimmung +Anderer zu fügen.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Ueber diese Kunst will ich etwas sagen. — Aber habe ich +denn auch wohl Beruf, ein Buch über den feinen Gesellschaftston +zu schreiben, ich, der ich in meinem Leben vielleicht sehr +wenig von diesem Ton gezeigt habe? Ziemt es mir, Menschenkenntniß +auszukramen, da ich so oft ein Opfer der unvorsichtigsten, +einem Neulinge kaum zu verzeihenden Hingebung gewesen +bin? Wird man die Kunst des Umgangs von einem Manne +lernen wollen, der beinahe von allem menschlichen Umgange<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> +abgesondert lebt? — Lasset doch sehn, meine Freunde, was sich +darauf antworten läßt!</p> + +<p>Habe ich widrige Erfahrungen gemacht, die mich von meiner +eigenen Ungeschicklichkeit überzeugt haben — desto besser! +Wer kann so gut vor der Gefahr warnen, als Der, welcher +darinn gesteckt hat? Haben Temperament und Weichlichkeit — +oder darf ich es nicht Güte eines so gern sich anschließenden Herzens +nennen? — haben Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft, +nach Gelegenheit, Andern zu dienen, und sympathetische Empfindungen +zu erregen, mich oft unvorsichtig handeln gemacht, oft +die klügelnde Vernunft weit zurückgelassen; so war es wahrlich +nicht Blödsinnigkeit, Kurzsichtigkeit, Unbekanntschaft mit Menschen, +was mich irre leitete; sondern Bedürfniß zu lieben und +geliebt zu werden, Verlangen thätig zu seyn, zum Guten zu +wirken. Uebrigens werden vielleicht wenig Menschen in einem +so kurzen Zeitraume in so manche sonderbare Verhältnisse und +Verbindungen mit andern Menschen aller Art gerathen, wie ich, +seit ungefähr zwanzig Jahren; und da hat man denn schon Gelegenheit, +wenn man nicht ganz von der Natur und Erziehung +verwahrloset ist, Bemerkungen zu machen, und vor Gefahren +zu warnen, die man selbst nicht hat vermeiden können. Daß +ich aber jetzt einsam und abgezogen lebe, geschieht weder aus +Menschenhaß, noch Blödigkeit; ich habe sehr wichtige Gründe +dazu; allein diese hier weitläuftig zu entwickeln, das hieße zu +viel von mir selbst reden, da ich ohnehin noch, zum Schlusse +dieser Einleitung, etwas über meine eignen Erfahrungen werde +sagen müssen, bevor ich zum Zwecke komme. — Also nur noch +dieses:</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Ich trat als ein sehr junger Mensch, beinahe noch als ein +Kind, schon in die große Welt, und auf den Schauplatz des +Hofes. Mein Temperament war lebhaft, unruhig, bewegsam, +mein Blut warm; die Keime zu mancher heftigen Leidenschaft +lagen in mir verborgen. Ich war in der ersten Erziehung ein +wenig verzärtelt, und durch große Aufmerksamkeit, deren man +meine kleine Person früh gewürdigt hatte, gewöhnt worden, sehr +viel Rücksichten von andern Leuten zu fordern. In einem Vaterlande +aufgewachsen, wo Schmeichelei, Verstellung und ein +gewisses kriechendes Wesen nicht sehr zu Hause sind, hatte man<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> +mich freilich auch nicht zu jener Geschmeidigkeit vorbereitet, deren +ich bedurfte, um, unter mir ganz fremden Leuten, in despotischen +Staaten große Fortschritte zu machen; auch ist der theoretische +Unterricht in wahrer Weltklugheit bei der Jugend theils +selten mit Erfolge, theils nicht immer ohne Gefahr zu ertheilen; +eigne Erfahrung muß da in der Folge das Beste thun. Diese +Lectionen, wenn man das Glück hat, wohlfeil daran zu kommen, +sind von der heilsamsten Wirkung, und prägen sich tief +ein. Noch erinnere ich mich einer kleinen Scene von der Art, die +mich auf eine Zeitlang vorsichtig machte. Ich saß in C*** in +der italiänischen Oper in der herrschaftlichen Loge; ich war früher, +als der Hof, gekommen, weil ich Mittags nicht auf dem +Schlosse, sondern in der Stadt als Gast gespeist hatte. Noch +waren wenige Menschen da; in der ganzen Reihe des ersten +Ranges saß nur einzig der Land-Commandeur, Graf I***, +ein würdiger Greis. Er hatte, wie es schien, auch darauf gerechnet, +daß es schon später wäre, als es wirklich war; weil er +nun Langeweile hatte, und mich gleichfalls einsam da sitzen sah, +trat er zu mir herein, und fing eine Unterredung mit mir an. +Er schien sehr zufrieden mit dem, was ich ihm über verschiedene +Gegenstände, von denen ich einige Kenntniß besaß, sagte; der +Greis wurde immer freundlicher und herablassender, und dieß +kitzelte mich so sehr, daß ich darauf allerlei Seitensprünge in +meinem Gespräche machte, und zuletzt ein wenig vorwitzig und +muthwillig wurde. Endlich entwischte mir eine, mir gegenwärtig +nicht mehr erinnerliche, grobe Unvorsichtigkeit im Reden; +der Graf sah mir ernsthaft in das Gesicht, und ohne weiter ein +Wort zu verlieren, ließ er mich stehn, und ging zurück in seine +Loge. Ich fühlte die ganze Stärke dieses Verweises, aber die +Arzenei half nicht lange. Meine Lebhaftigkeit verleitete mich zu +großen Verletzungen der Bescheidenheit und guten Sitte; ich +übereilte alles, that immer zu viel oder zu wenig, kam stets zu +früh oder zu spät, weil ich immer entweder eine Thorheit beging, +oder eine andere gutzumachen hatte. Daher kamen unendliche +Widersprüche in meinen Handlungen, und ich verfehlte +fast bei allen Gelegenheiten des Zwecks, weil ich keinen einfachen +Plan verfolgte. Zuerst war ich zu sorglos, zu offen, gab +mich zu unvorsichtig hin, und schadete mir dadurch; alsdann +nahm ich mir vor, ein feiner Hofmann zu werden. Mein Betragen<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> +wurde gekünstelt, und nun traueten mir die Bessern +nicht; ich war zu geschmeidig, und verlor dadurch äussere Achtung +und innere Würde, Selbstständigkeit und Festigkeit. Erbittert +gegen mich und Andre, riß ich mich dann los, und wurde +ein Sonderling. Dieß erregte Aufsehn; die Menschen suchten +mich auf, wie sie alles Sonderbare aufsuchen. Dadurch aber +erwachte mein Trieb zur Geselligkeit wieder; ich näherte mich +auf's neue, lenkte wieder ein, und nun verschwand der Nimbus, +den nur meine Abgezogenheit von der Welt um mich her gezogen +hatte. In einer andern Periode spottete ich der herrschenden +Thorheiten, zuweilen nicht ohne Witz; man fürchtete mich, aber +man liebte mich nicht; dieß schmerzte mich; um das wieder gut +zu machen, zeigte ich mich von der unschädlichen Seite, entfaltete +ein liebevolles, wohlwollendes Herz, unfähig zu schaden und +zu verfolgen — und die Wirkung davon war, daß jedermann, +der noch einen Rest von Groll gegen mich hegte, oder irgend einen +lustigen Einfall von mir, auf seine Rechnung geschrieben hatte, +mich jetzt mit einer Art von Geringschätzung behandelte, sobald +er sah, daß ich nur mit Rappieren und nicht mit Schwerdtern +focht, daß meine Waffen nicht zum Morde geschliffen waren. +Oder wenn meine satyrische Laune durch den Beifall lustiger +Gesellschafter aufgeweckt wurde, hechelte ich große und kleine +Thoren durch; die Spaßvögel lachten dann; aber die Weisern +schüttelten die Köpfe, und wurden kalt gegen mich. Um zu zeigen, +wie wenig bösartig meine Laune wäre, hörte ich auf, zu +spotten, und fing an, alle Thorheiten und Fehler gutmüthig zu +entschuldigen; und nun hielten Einige mich für einen Pinsel, +Andre für einen Heuchler. Wählte ich mir meinen Umgang unter +den ausgesuchtesten, aufgeklärtesten Männern, so erwartete +ich vergebens Schutz von dem am Ruder stehenden Dummkopfe; +gab ich mich elenden Leuten preis, so wurde ich mit diesen in +Eine Klasse gesetzt. Menschen ohne Erziehung, von niederm +Stande, mißbrauchten mich, wenn ich mich ihnen zu sehr näherte; +mit Vornehmern verdarb ich es, sobald sie meine Eitelkeit +beleidigten. Bald ließ ich den Geistesarmen zu sehr meine +Ueberlegenheit empfinden, und wurde verfolgt; bald war ich zu +bescheiden, und wurde übersehen. Bald richtete ich mich geschmeidig +und schonend nach den Sitten der Leute, nach dem Ton aller +unbedeutenden Gesellschaften, in welche ich gerieth, verlor<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> +goldne Zeit, Achtung der Weisern, und Zufriedenheit mit mir +selber; dann wurde ich wieder zu einfach, und spielte eine verkehrte +Rolle, da, wo ich hätte glänzen oder wenigstens mich geltend +machen können und sollen, durch Mangel an Zuversicht zu +mir selber. Zu einer Zeit ging ich zu wenig unter Menschen, +indem ich mich meiner Laune hingab, und man hielt mich für +stolz oder menschenscheu; zu einer andern zeigte ich mich überall, +und wurde als ein Alltagsgesicht übersehen oder belächelt. In +den ersten Jünglingsjahren gab ich mich unbedachtsam, Jedem +ausschließlich, mit vollem Vertrauen, und ohne alle Vorsicht +hin, der sich meinen Freund nannte, und mir einige Zuneigung +bewies; und sahe mich schmerzlich getäuscht, oder schändlich betrogen +und gemißbraucht; dann war ich wieder, in einem Anfall +von Menschenliebe und Wohlwollen, eines Jeden Freund, +bereit, Jedem zu dienen, und nun mußte ich mit Verdruß erfahren, +daß sich niemand mit ganzer Seele an mich anschloß, +weil niemand mit dem kleinen, in so viel Partikeln getheilten +Stückchen Herzen vorlieb nehmen wollte. Wenn ich zu viel erwartete, +wurde ich getäuscht; wenn ich ohne allen Glauben an +Treue und Redlichkeit unter den Menschen umher irrte, hatte +ich gar keinen Genuß, nahm an gar nichts Theil. Es ist bekannt, +welchen thätigen Antheil ich an der Verbindung der sogenannten +Illuminaten genommen, wovon ich in einer eignen +Schrift (<em class="gesperrt">Philo's Erklärung &c.</em> ) Rechenschaft gegeben habe. +Diese Verbindung, an deren Spitze Personen standen, die zum +Theil, ihrer Geburt, ihren bürgerlichen Verhältnissen und ihren +Talenten nach, zu den wichtigsten Männern in Teutschland gehörten, +machte vorzüglich auch Menschenkenntniß zu einem Gegenstande +ihrer Nachforschungen. Der, durch dessen Hände, wie +das bei mir eine Zeitlang der Fall war, fast alle Geschäfte einer +so ausgebreiteten Gesellschaft gingen, fand freilich Gelegenheit +genug, Leute aus allen Ständen und von sehr verschiedener Bildung +und Stimmung, welche Mitglieder des Ordens waren, +von mancher Seite und in allerlei Lagen kennen zu lernen; allein +da man mit diesen Leuten größtentheils nur schriftlichen +Umgang pflog, so gewann im Ganzen meine praktische Erfahrung +nicht so viel dabei. Reichhaltiger war die Ausbeute, die +ich an Höfen, an welchen ich mich vielfältig umhertrieb, gemacht +habe. Soll ich es mir aber zur Schande, oder zur Ehre<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> +rechnen? — genug! auch auf diesem Schauplatze habe ich mehr +beobachtet, als meine Beobachtungen zu eignem Vortheile nützen +gelernt, und nie habe ich über mein zu lebhaftes Temperament +so viel gewinnen können, daß ich meine schwachen Seiten so +sorgfältig, wie ich thun sollen, verborgen hätte. — Und so vergingen +dann die Jahre, in welchen ich hätte mein Glück machen +können, wie man das gewöhnlich nennt. Jetzt, da ich die Menschen +besser kenne, da Erfahrung mir die Augen geöffnet, mich +vorsichtig gemacht, und vielleicht die Kunst gelehrt hat, auf +Andre zu wirken; jetzt ist es zu spät für mich, von dieser so +theuer erkauften Kunst Gebrauch zu machen. Mein Rücken +krümmt sich mit Mühe zu Reverenzen; ich habe nicht viel unnütze +Zeit mehr zu verschwenden, die ich preisgeben könnte; das +Wenige, was ich noch in dem Reste meines Lebens auf solchen +Wegen erlangen könnte, lohnt die Mühe und Anstrengung nicht, +die mich das kosten würde, und es ziemt dem Mann, dessen +Grundsätze Alter und Erfahrung befestigt haben, eben so wenig, +jetzt erst anzufangen, den Geschmeidigen, wie den Stutzer zu +spielen. — Es ist zu spät, sage ich, mit der Ausübung anzuheben; +aber nicht zu spät, Jünglingen zu zeigen, welchen Weg +sie wandeln müssen — und so lasset uns denn den Versuch machen +und der Sache näher rücken!</p><br> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den Umgang<br> +mit Menschen.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p><em class="gesperrt">Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als +er sich selbst gelten macht.</em> Das ist ein goldner Spruch, +ein reiches Thema zu einem Folianten, über den <span class="antiqua">esprit de conduite</span> +und über die Mittel, in der Welt seinen Zweck zu erlangen; +ein Satz, dessen Wahrheit auf die Erfahrung aller Zeitalter +gestützt ist. Diese Erfahrung lehrt den Abentheurer und +Großsprecher, sich bei dem Haufen für einen Mann von Wichtigkeit +auszugeben, von seinen Verbindungen mit Fürsten und +Staatsmännern, mit Männern, welche nicht einmal von seinem +Daseyn etwas wissen, in einem Tone zu reden, der ihm,<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> +wo nichts mehr, doch wenigstens manche freie Mahlzeit, und +den Zutritt in den ersten Häusern erwirbt. Ich habe einen Menschen +gekannt, der auf diese Art von seiner Vertraulichkeit mit +dem Kaiser Joseph und dem Fürsten Kaunitz redete, obgleich ich +ganz gewiß wußte, daß diese ihn kaum dem Namen nach, und +zwar als einen unruhigen Kopf und als eine Lästerzunge kannten. +Indessen hatte er hiedurch, da niemand genauer nachfragte, +sich auf eine kurze Zeit in solches Ansehn gesetzt, daß Leute, die +bei des Kaisers Majestät etwas zu suchen hatten, sich an ihn +wendeten. Dann schrieb er auf so unverschämte Art an irgend +einen Großen in Wien, und sprach in diesem Briefe von seinen +übrigen vornehmen Freunden daselbst mit einer solchen Dreistigkeit, +daß er, zwar nicht Erlangung seines Zwecks, aber doch +manche höfliche Antwort erschlich, mit welcher er dann weiter +wucherte.</p> + +<p>Diese Erfahrung, daß es möglich ist, durch den Ton der +Zuversicht und durch eine vornehme Miene sich Gehör zu verschaffen, +macht den frechen Halbgelehrten so dreist, über Dinge +zu entscheiden, wovon er nicht früher, als eine Stunde vorher, +das erste Wort gelesen oder gehört hat, aber so zu entscheiden, +daß selbst der anwesende bescheidene Literator es nicht wagt, zu +widersprechen, noch Fragen zu thun, die des Schwätzers Fahrzeug +auf's Trockene werfen könnten.</p> + +<p>Diese Erfahrung ist es, welche uns Aufschluß über den Erfolg +gibt, mit welchem ein Dummkopf sich um die ersten Stellen im +Staate bewirbt, die verdienstvollsten Männer zu Boden tritt, +und niemand findet, der ihn in seine Schranken zurückwiese.</p> + +<p>Auf diese Erfahrung gestützt, fordert der fremde Künstler +hundert Louisd'or für ein Stück, das der einheimische, zehnfach +besser gearbeitet, um funfzig Thaler verkaufen würde; allein +man reißt sich um des Ausländers Werke: er kann nicht so viel +fertig machen, als von ihm gefordert wird, und am Ende läßt +er bei dem Einheimischen arbeiten, und verkauft das für ultramontanische +Waare.</p> + +<p>Auf diese Erfahrung gestützt, erschleicht sich der Schriftsteller +eine vortheilhafte Recension, wenn er in der Vorrede zu dem +zweiten Theile seines langweiligen Buchs mit der schamlosesten +Frechheit von dem Beifalle redet, womit Kenner und Gelehrte, +deren Freundschaft er sich rühmt, den ersten Theil beehrt haben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p> + +<p>Diese Erfahrung gibt dem vornehmen Bankerottirer, der +Geld borgen will und nie wieder bezahlen kann, den Muth, das +Anlehn in solchen Ausdrücken zu fordern, daß der reiche Wuchrer +es für Ehre hält, sich von ihm betrügen zu lassen.</p> + +<p>Fast alle Arten von Bitten um Schutz und Beförderung, die +in diesem Tone vorgetragen werden, finden Eingang, und werden +nicht abgeschlagen; dahingegen Verachtung, Zurücksetzung +und nicht erfüllte billige Wünsche fast immer der Preis des bescheidenen, +furchtsamen Bewerbers sind.</p> + +<p>Kurz! der Satz: <em class="gesperrt">daß jedermann nicht mehr und nicht +weniger gelte, als er sich selbst gelten macht</em>, ist die +große Panacee für Abentheurer, Prahler, Windbeutel und seichte +Köpfe, um fortzukommen auf diesem Erdballe — ich gebe also +keinen Kirschkern für dieses Universalmittel — Doch still! sollte +denn jener Satz uns gar nichts werth seyn? Ja, meine Freunde! +er kann uns lehren, nie ohne Noth und Beruf unsre ökonomischen, +physikalischen, moralischen und intellectuellen Schwächen +aufzudecken. Ohne also sich zur Prahlerei und zu niederträchtigen +Lügen herabzulassen, soll man doch nicht die Gelegenheit +verabsäumen, sich von seinen vortheilhaften Seiten zu zeigen.</p> + +<p>Es gibt eine falsche Bescheidenheit und Zurückhaltung, die +in einem kleinmüthigen Mißtrauen gegen sich selbst ihren Grund +hat, und die Furcht erzeugt; von dieser gefesselt, läßt Mancher, +der viel zu leisten vermag, die günstigste Gelegenheit, sich geltend +zu machen, oder die Aufmerksamkeit der Vielvermögenden +auf sich zu lenken, ungenutzt vorübergehen; eine Gelegenheit, +die nimmer wiederkommt. Daß man hiebei mit Bescheidenheit +zu Werke gehen, nichts zur Schau tragen, nicht sein eigner Lobredner +seyn müsse, darf nicht erinnert werden, denn es bleibt +dabei, daß der, welcher sich selbst erhöht, erniedrigt werde. Auszeichnung +läßt sich nicht ertrotzen, und die ertrotzte würde nicht +frommen. Hängt man ein gar zu glänzendes Schild aus, so +erweckt man dadurch die spähende und lästernde Eifersucht, oder +reizt zu den strengsten ungerechtesten Forderungen. Die Splitterrichter +erheben kreischend ihre Stimme; und so ist es sogleich +um den erborgten Glanz geschehn. Zeige Dich also mit einem +gewissen bescheidnen Bewußtseyn innerer Würde, und vor allen +Dingen mit dem auf Deiner Stirne strahlenden Bewußtseyn der +Wahrheit und Redlichkeit! Zeige Vernunft und Kenntnisse, wo<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> +Du Veranlassung dazu hast! Nicht so viel, um Neid zu erregen +und Forderungen anzukündigen; nicht so wenig, um übersehn +und überschrien zu werden! Laß Dich aufsuchen, und sey nicht +zu bereitwillig, ohne daß man Dich weder für einen Sonderling, +noch für scheu, noch für hochmüthig halte!</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem Scheine +der Vollkommenheit und Unfehlbarkeit. Die Menschen beurtheilen +und richten Dich nach dem Maaßstabe Deiner Forderungen, +und sie sind noch billig, wenn sie nur das thun, wenn sie Dir +nicht Forderungen aufbürden. Dann heißt es, wenn Du auch +nur des kleinsten Fehlers Dich schuldig machst: »Einem <em class="gesperrt">solchen +Manne</em> ist das gar nicht zu verzeihn;« und da die Schwachen +sich ohnehin ein Fest daraus machen, an einem Menschen, +der sie verdunkelt, Mängel zu entdecken, so wird Dir ein einziger +Fehltritt höher angerechnet, als Andern ein ganzes Register +von Bosheiten und Pinseleien.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Sey aber nicht <em class="gesperrt">gar zu sehr</em> ein Sclave der Meinungen +Andrer von Dir! Sey selbstständig! Was kümmert Dich am +Ende das Urtheil der ganzen Welt, <em class="gesperrt">wenn Du thust, was +Du sollst</em>? und was ist Dein ganzer Prunk von äussern Tugenden +werth, wenn Du diesen Flitterputz nur über ein schwaches, +niedriges Herz hängst, um in Gesellschaften damit zu +prunken?</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Vor allen Dingen wache über Dich, daß Du nie die innere +Zuversicht zu Dir selber, das Vertrauen auf Gott, auf gute +Menschen und auf das Schicksal verlierest! Sobald Dein Gefährte +oder Gehülfe auf Deiner Stirne Mißmuth und Verzweiflung +liest — so ist alles aus. Sehr oft aber ist man im Unglück +ungerecht gegen die Menschen. Jede kleine böse Laune, jede +kleine Miene von Kälte deutet man auf sich; man meint, Jeder +sehe es uns an, daß wir leiden, und weiche vor der Bitte +zurück, die wir ihm thun könnten.</p> + +<h4>5.</h4> + +<p>Schreibe aber auch nicht auf Deine Rechnung das, wovon +Andern das Verdienst gebührt! Wenn man Dir, aus Achtung +gegen einen edlen Mann, dem Du angehörst, Auszeichnung<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> +oder Höflichkeit beweist, so brüste Dich damit nicht, sondern sey +bescheiden genug, zu fühlen, daß dieß alles vielleicht wegfallen +würde, wenn Du einzeln aufträtest! Suche aber selbst zu verdienen, +daß man Dich um Deinetwillen ehre! Sey lieber das +kleinste Lämpchen, das einen dunklen Winkel mit eignem Lichte +erleuchtet, als ein großer Mond einer fremden Sonne, oder gar +Trabant eines Planeten!</p> + +<h4>6.</h4> + +<p>Fehlt Dir etwas; hast Du Kummer, Unglück; leidest Du +Mangel; reichen Vernunft, Grundsätze und guter Wille nicht +zu: so klage Dein Leid, Deine Schwäche, Deine kleinmüthigen +Besorgnisse niemand, als dem, der helfen kann, selbst Deinem +treuen Weibe kaum! Wenige helfen tragen; fast Alle erschweren +die Bürde; ja! sehr Viele treten einen Schritt zurück, sobald +sie sehen, daß Dich das Glück nicht anlächelt. Sobald sie aber +gar annehmen, daß Du ganz ohne Hülfsquellen bist, daß Du +keinen geheimen Schutz hast, niemand, der sich Deiner annimmt +— o! so rechne auf Keinen mehr! Wer hat den Muth, +und die Liebe, einzig und fest als die Stütze des von aller Welt +Verlassenen öffentlich aufzutreten? Wer hat den Muth zu sagen: +»Ich kenne den Mann; er ist mein Freund; er ist mehr +werth, als Ihr alle, die ihr ihn schmähet!« Und fändest Du +ja einen Solchen, so würde es doch nur etwa ein anderer armer +Tropf seyn, der selbst in elenden Umständen, aus Verzweiflung +sein Schicksal an das Deinige knüpfen wollte, dessen Schutz +Dir mehr schädlich, als nützlich wäre.</p> + +<h4>7.</h4> + +<p>Rühme aber auch nicht zu laut Deine glückliche Lage! krame +nicht zu glänzend Deine Pracht, Deinen Reichthum, Deine Talente +aus! Die Menschen vertragen selten ein solches Uebergewicht, +ohne Murren und Neid. Lege daher auch Andern keine +zu große Verbindlichkeit auf! Thue nicht zu viel für Deine Mitmenschen! +Sie fliehen den überschwenglichen Wohlthäter, wie +man einen Gläubiger flieht, den man nie bezahlen kann. Also +hüte Dich, zu groß zu werden in Deiner Brüder Augen! auch +fordert dann Jeder zu viel von Dir, und eine einzige abgeschlagene +Wohlthat macht tausend wirklich erzeigte in Einem Augenblicke +vergessen. Oder wäre nicht Undank der Welt Lohn? Du<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> +wirst Ausnahmen erleben, aber rechne nur nicht auf diese, sondern +sey auf das gefaßt, was die tägliche Erfahrung bringt.</p> + +<h4>8.</h4> + +<p>Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, +um Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und +Verirrungen an das Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern! +Man höret Dir wohl zu, besonders wenn Du Deine +Darstellungen mit Witz zu würzen weißt, aber man hasset Dich +gleichwohl. Dagegen wie edel ist es, da zu schweigen, wo alle +Lippen in Bewegung sind, zu lästern, zu verkleinern, und herabzuwürdigen. +O daß Du zu diesen Edlen gehören möchtest, ob +auch die Welt sie nicht zu schätzen und zu ehren weiß!</p> + +<h4>9.</h4> + +<p>Suche weniger selbst zu glänzen, als Andern Gelegenheit zu +geben, sich von vortheilhaften Seiten zu zeigen, wenn Du gelobt +werden und gefallen willst. Wenige Menschen vertragen ein +Uebergewicht von Andern. Lieber verzeihen sie uns eine zweideutige +Handlung, ja! ein Verbrechen, als eine That, durch +welche wir sie verdunkeln. Doch, wenn Du fern von ihnen, +ausser ihrem Wirkungskreise stehst und ihnen nirgend in den Weg +treten kannst; dann vielleicht lassen sie Dir Gerechtigkeit widerfahren. +Auch im bloß geselligen Umgange soll man sich hüten, +hervorstechen zu wollen. Ich habe den Ruf eines vernünftigen +und witzigen Mannes aus mancher Gesellschaft mitgenommen, +in welcher wahrlich kein kluges Wort aus meinem Munde gegangen +war, und in welcher ich nichts gethan hatte, als mit +musterhafter Geduld vornehmen und halbgelehrten Unsinn anzuhören, +oder hie und da einen Mann auf ein Fach zu bringen, +wovon er gern redet. Wie mancher besucht mich, mit der demüthigen +Ankündigung: (wobei ich mich oft nicht des Lachens erwehren +kann) er komme, um mir, als einem gewaltigen Gelehrten +und Schriftsteller, seine Ehrerbietung zu bezeigen! Der +Mann setzt sich dann hin und fängt an zu reden, läßt mich, +den er bewundern will, gar nicht zu Worte kommen, und geht, +entzückt über meine lehrreiche und angenehme Unterhaltung, zu +welcher ich nicht zwanzig Worte geliefert habe, von mir, höchst +vergnügt, daß ich Verstand genug gehabt habe — ihm zuzuhören. +Habe Geduld mit allen Schwächen dieser Art! Wenn daher +auch jemand ein Geschichtchen, oder sonst etwas vorbringt,<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> +das er <em class="gesperrt">gern</em> erzählt, und Du hättest es auch schon mehr gehört, +und es wäre vielleicht ein Märchen, das <em class="gesperrt">Du selbst</em> ihm einst +mitgetheilt hättest; so laß es ihm doch nicht auf unangenehme +Weise merken, daß die Sache Dir alt und langweilig ist, wenn +die Person anders Schonung verdient! Was kann unschuldiger +seyn, als solche Ausleerungen zu befördern, wenn man dadurch +Andern Erleichterung, und sich einen guten Ruf verschafft? Und +wenn die Leute unschuldige Liebhabereien haben, z. B. gern von +Pferden reden, es gern sehen, daß man eine Pfeife Tabak mit +ihnen rauche, ein Glas Wein mit ihnen trinke; so erzeige man +ihnen diese kleine Gefälligkeit, wenn es ohne große Ungemächlichkeit +und ohne kriechende Demuth geschehen kann! Desfalls +habe ich nie die Gewohnheit der Hofleute von gemeinerm Schlage +gut finden können, die jedermann nur mit halbem Ohre und zerstreueter +Miene anhören, ja! gar mitten in einer Rede, die sie +veranlaßt haben, einfallen, ohne das Ende abzuwarten.</p> + +<h4>10.</h4> + +<p>Gegenwart des Geistes ist ein seltnes Geschenk des Himmels, +und macht, daß wir im Umgange in sehr vortheilhaftem Lichte +erscheinen. Dieser Vorzug nun läßt sich freilich nicht durch Kunst +erlangen; allein man kann an sich arbeiten, daß, wenn er uns +fehlet, wir wenigstens nicht durch Uebereilung uns und Andre +in Verlegenheit setzen. Sehr lebhafte Temperamente haben hierauf +vorzüglich zu achten. Ich rathe daher, wenn eine unerwartete +Frage, ein ungewöhnlicher Gegenstand, oder irgend etwas +anders uns überrascht, nur eine Minute still zu schweigen und +der Ueberlegung Zeit zu lassen, uns zu der Parthei vorzubereiten, +die wir nehmen sollen. So wie ein einziges rasches, unvorsichtiges +Wort, oder ein in der Verwirrung unternommener +Schritt zu späte Reue und unglückliche Folgen wirken können; +so kann ein schnell auf der Stelle gefaßter und ausgeführter rascher +Entschluß, in entscheidenden Augenblicken, in welchen man +so leicht den Kopf verliert, Glück, Rettung und Trost bringen.</p> + +<h4>11.</h4> + +<p>Wünschest Du zeitliche Vortheile, Unterstützung, Versorgung +im bürgerlichen Leben; mögtest Du in einer Bedienung +angestellt werden, in welcher Du Deinem Vaterlande nützlich +seyn könntest: so mußt Du darum bitten, ja! nicht selten betteln, +d. h. Du mußt es Dir gefallen lassen, in einem solchen<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> +Tone und mit einer solchen Andringlichkeit zu bitten, als ob +Dir das, was Du leisten kannst, gar keine Ansprüche auf das +Erbetene gäbe. Rechne nicht darauf, daß die Menschen, sie +müßten denn Deiner ganz nothwendig bedürfen, Dir etwas anbieten, +oder sich ungebeten für Dich verwenden werden, wenn +auch Deine Verdienste oder Leistungen noch so laut für Dich reden, +und jedermann weiß, daß Du Unterstützung bedarfst und +verdienst! Jeder sorgt für sich und die Seinigen, ohne sich um +den bescheidnen Mann zu bekümmern, der indeß nach Gemächlichkeit +in seinem Winkelchen seine Talente vergraben, oder gar +verhungern kann. Darum bleibt so mancher Verdienstvolle bis +an seinen Tod unerkannt, ausser Stand gesetzt, seinen Mitmenschen +nützlich zu werden — weil er nicht betteln, nicht kriechen +kann, oder weil er, in einem falschen Selbstgefühl, jede Bitte +um das, worauf er gerechte Ansprüche hat, unter seiner Würde +hält. Warum wolltest Du ein Märtyrer dieses Selbstgefühls +werden, oder es zu einem Wurm machen, der unaufhaltsam +Deine Lebenskraft zernagt? Suchet, so werdet ihr finden!</p> + +<h4>12.</h4> + +<p>So wenig wie möglich lasset uns indessen von Andern Wohlthaten +fordern und annehmen! Man trifft gar selten Leute an, +die nicht früh oder spät für kleine Dienste große Rücksichten forderten, +und das hebt dann das Gleichgewicht im Umgange auf, +raubt Freiheit, hindert uneingeschränkte Wahl, und wenn auch +unter zehnmal nicht einmal der Fall einträte, daß dieß uns in +Verlegenheit setzte, oder Verdruß zuzöge; so ist es doch weislich +gehandelt, dies mögliche Einmal zu vermeiden, und lieber immer +zu geben, Jedem zu dienen, als von Andern Dienste oder +sonst etwas anzunehmen. Auch gibt es wenig Menschen, die +mit guter Art Wohlthaten erzeigen. Versuchet es, meine Freunde! +wie viele unter Euren Bekannten nicht auf einmal, mitten +in der fröhlichsten, höflichsten Gemüthsstimmung ihr Gesicht in +feierliche Falten ziehen, wenn Ihr Eure Anrede mit den Worten +anhebet: »Ich muß eine große Bitte an Sie wagen! Ich +bin in einer erschrecklichen Verlegenheit.« Sehr bereit aber pflegen +die Menschen zu seyn, uns solche Dienste anzubieten, deren +wir nicht bedürfen, oder gar, die sie selbst nicht zu leisten im +Stande sind. Der Verschwender ist immer willig, mit Gelde +zu dienen; der Dummkopf mit gutem Rathe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p> + +<p>Vor allen Dingen hüte man sich, jemand um eine Gefälligkeit +zu bitten, wenn man voraus wissen kann, daß er uns nicht +wohl, wenn er auch gern möchte, eine abschlägige Antwort geben +kann! (z. B. wenn er uns Verbindlichkeit schuldig, oder +sonst von uns abhängig ist.)</p> + +<p>Wohlthaten annehmen, macht abhängig; man weiß nicht, +wie weit das führen kann. Man kömmt da oft in's Gedränge +zwischen der Nothwendigkeit, schlechten Menschen zu viel nachzusehn, +oder undankbar zu scheinen.</p> + +<p>Um nun des fremden Beistandes entbehren zu können, dazu +ist das beste Mittel, wenig Bedürfnisse zu haben, mäßig zu +seyn, und bescheidne Wünsche zu nähren; das heißt nicht: Du +sollst ein Diogenes in der Tonne seyn, und Deine Hand zum +Pokal erheben, sondern es heißt nur: Du sollst nicht eitler Ehre +geitzig seyn, nicht glänzen wollen, nicht meinen, daß es ein +Unglück sey, in einer gewissen Verborgenheit und Zurückgezogenheit +leben zu müssen. Das, was Du hiebei entbehrst, ist wahrlich +keines Seufzers werth: das laß Dir von den bleichen, früh +veralteten Gesichtern und tief liegenden Augen voll Mißmuth +und Trübsinn erzählen, welche die von Dir Beneideten als Warnungstafeln +vor sich hertragen. Denn wer von unzähligen Leidenschaften +in rastlosem Taumel umhergetrieben wird, bald Ehrenstellen, +bald Wucher, bald Erwerb, bald wollüstigen Genuß +verlangt; wer, von dem Luxus des Zeitalters angesteckt, alles +begehrt, was seine Augen sehen; wen vorwitzige Neugier und +ein unruhiger Geist treiben, sich in jeden unnützen Handel zu +mischen; der geräth in eine zwiefache Sclaverei; er wird der +Menschen Knecht, und seiner Leidenschaften Sclave; er lebt in +einer eben so drückenden, als verführerischen Abhängigkeit: drückend +ist sie, weil sie ihn beständig der Ungerechtigkeit der Menschen +preisgibt; verführerisch, weil sie ihn beständig reizt, sich +zu erniedrigen, um im kläglichsten Sinn des Worts erhöht zu +werden.</p> + +<h4>13.</h4> + +<p>Wenn ich aber gesagt habe, daß man lieber Allen <em class="gesperrt">geben</em>, +als von irgend jemand <em class="gesperrt">empfangen</em> sollte; so hebt doch das +den Satz nicht auf, daß man nicht gar zu viel für Andre thun +dürfe. Ueberhaupt sey dienstfertig, aber nicht zudringlich! Sey +nicht jedermanns Freund und Vertrauter! Vor allen Dingen<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> +wirf Dich nicht zum Sittenrichter der Menschen, besonders gewisser +Menschen auf, und sey der Warnung eingedenk: Ihr sollt +die Perlen nicht vor die Säue werfen, damit sie sich nicht umwenden, +und euch zerreissen. Nicht einmal Deinen unmaßgeblichen +Rath sollst Du den Menschen aufdringen. Begehren sie +Deinen Rath, so begehre Du erst ein Glaubensbekenntniß von +ihnen, damit Du weißt, wen Du vor Dir hast, und wie ihm +beizukommen ist. Die Wenigsten wissen Dir Dank dafür, und +selbst wenn sie Dich um Rath fragen, sind sie gewöhnlich schon +entschlossen zu thun, was ihnen gefällt. Mische Dich auch nicht +in Familien-Händel! Vor allen Dingen hüte Dich, Zwistigkeiten +schlichten und Versöhnungen stiften zu wollen! (Es sey +denn unter geliebten, geprüften Personen.) Mehrentheils werden +beide Partheien einig, um dann über Dich herzufallen. +Das Kuppeln und Heirathen-Schmieden überlasse man dem +Himmel und einer gewissen Klasse von alten Weibern!</p> + +<h4>14.</h4> + +<p>Keine Regel ist so allgemein, keine so heilig zu halten, keine +führt so sicher dahin, uns dauerhafte Achtung und Freundschaft +zu erwerben, als die: unverbrüchlich, auch in den geringsten +Kleinigkeiten, Wort zu halten, seiner Zusage treu, und stets +wahrhaftig zu seyn in seinen Reden. Nie kann man Recht und +erlaubte Ursachen haben, das Gegentheil von dem zu sagen, +was man denkt, wenn gleich man Befugniß und Gründe haben +kann, nicht alles zu offenbaren, was in uns vorgeht. Es gibt +keine Nothlügen; noch nie ist eine Unwahrheit gesprochen worden, +die nicht früh oder spät nachtheilige Folgen für jemand gehabt +hätte; der Mann aber, der dafür bekannt ist, strenge Wort +zu halten und sich keine Unwahrheit zu gestatten, gewinnt gewiß +Zutrauen, guten Ruf und Hochachtung. Du darfst zwar +nicht alles sagen, was wahr ist, aber eben so wenig statt der +Wahrheit eine Unwahrheit. Demjenigen, welcher Dein Bekenntniß +oder Deine Offenherzigkeit gewiß mißbrauchen wird, +oder der die Wahrheit, die er von Dir begehrt, nicht würde ertragen +können, bist Du keine Offenherzigkeit schuldig.</p> + +<h4>15.</h4> + +<p>Sey strenge, pünktlich, ordentlich, arbeitsam, fleissig in +Deinem Berufe! Bewahre Deine Papiere, Deine Schlüssel und +alles so, daß Du jedes einzelne Stück auch im Dunkeln finden<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> +könntest! Verfahre noch ordentlicher mit fremden Sachen! Verleihe +nie Bücher, oder andre Dinge, die Dir sind geliehen worden; +hast Du von Andern dergleichen geborgt, so bringe oder +schicke sie zu gehöriger Zeit wieder, und erwarte nicht, daß sie, +oder ihre Domestiken, weite Wege machen sollen, um ihr Eigenthum +wieder zu erlangen. — Jedermann geht gern mit einem +Menschen um, auf dessen Pünktlichkeit und Treue in Wort +und That er sich fest verlassen kann, und der unfähig ist, Andere +zu täuschen. So gehört es auch zu den Eigenschaften, welche +Vertrauen und Gunst erwerben, zur rechten Zeit zu erscheinen, +wo man erwartet wird, möge die Zusammenkunft zu einem Vergnügen, +oder einem Geschäft bestimmt seyn. Das Spätkommen +gehört zu denjenigen bösen Gewohnheiten und Mißbräuchen +in der Gesellschaft, welche eben so ausgebreitet, als verderblich, +eben so unsittlich, als ungesittet sind. Gute und böse Beispiele +von <em class="gesperrt">der</em> Art reizen zur Nachfolge; und die Ungerechtigkeit anderer +Menschen rechtfertigt nicht die unsrige.</p> + +<h4>16.</h4> + +<p>Gib Andern Beweise Deiner Theilnahme, um Dich der ihrigen +zu versichern. Wer untheilnehmend, ohne Sinn für Freundschaft, +Wohlwollen und Liebe, nur sich selber lebt, der bleibt +verlassen, wenn er sich nach Beistand sehnt.</p> + +<h4>17.</h4> + +<p>Verflechte Niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und fordere +nicht von Denen, mit welchen Du umgehst, daß sie Theil +an den Uneinigkeiten nehmen sollen, die zwischen Dir und Andern +herrschen!</p> + +<p>Eine Menge dieser Vorschriften umfaßt die alte Regel: setze +Dich in Gedanken oft in andrer Leute Stelle, und frage Dich +selbst: »Wie würde es Dir unter denselben Umständen gefallen, +wenn man <em class="gesperrt">Dir</em> dieß zumuthete, gegen <em class="gesperrt">Dich</em> also handelte, +von <em class="gesperrt">Dir</em> das forderte? — diesen Dienst, diese Verwendung, +diese langweilige Arbeit, diesen Zeitaufwand, für einen geringfügigen +Zweck, diese Erklärung?«</p> + +<h4>18.</h4> + +<p>Bekümmre Dich nicht um die Handlungen Deiner Nebenmenschen, +in so fern sie nicht Bezug auf Dich, oder so sehr auf +die Sittlichkeit im Ganzen haben, daß es Verbrechen seyn würde, +darüber zu schweigen! Ob aber jemand langsam oder schnell<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> +geht, viel oder wenig schläft, oft oder selten zu Hause, prächtig +oder schlecht gekleidet ist, Wein oder Bier trinkt, Schulden oder +Kapitalien macht, eine Geliebte hat oder nicht — was geht das +Dich an, wenn Du nicht sein Vormund bist? Thatsachen hingegen, +die man durchaus wissen muß, erfährt man oft am besten +von dummen Leuten, weil diese ohne Witz, ohne Consequenzmacherei, +ohne Seitenblicke, ohne Verbrämung und ohne +Leidenschaft, geradehin erzählen.</p> + +<h4>19.</h4> + +<p>Von Deinen <em class="gesperrt">Grundsätzen</em> gehe nie ab, so lange Du sie +als richtig anerkennest! Ausnahmen machen ist sehr gefährlich, +und führt immer weiter, vom Kleinen zum Großen. Hast Du +Dir also einmal aus guten Gründen vorgenommen, keine Bücher +zu verleihen, keinen Wein zu trinken u. dgl.; so müsse kein +Sterblicher Dich bewegen können, davon abzugehen, so lange +die Gründe Deiner ersten Entschließung nicht wegfallen! Sey +fest; aber hüte Dich, so leicht etwas zum Grundsatze zu machen, +bevor Du alle mögliche Fälle überlegt hast, oder eigensinnig auf +Kleinigkeiten zu bestehen; denn was kann thörichter seyn, als +sogenannten Grundsätzen, d. h. einer Handlungsweise, welcher +nichts weiter, als ein vernünftiger Grund mangelt, oder die +keinen andern, als den Eigensinn, oder das ungerechteste Mißtrauen, +oder die unverzeihlichste Undienstfertigkeit, so lange und +so hartnäckig getreu zu bleiben, bis man alle Liebe und alle Achtung +der Bessern verloren hat.</p> + +<p>Vor allen Dingen also handle nur stets folgerecht (consequent)! +Mache Dir einen Lebensplan, und weiche nicht um +ein Tüttelchen von diesem Plane, hätte dieser Plan auch allerlei +Sonderbarkeiten, d. h. weiche er auch noch so sehr von der gemeinen +und gepriesenen Denkungsart und Lebensweise ab. — +Die Menschen werden eine Zeitlang die Köpfe darüber zusammenstecken, +und am Ende schweigen, Dich in Ruhe lassen, und +Dir, wenn Du anders Deinen Plan mit Festigkeit und Weisheit +durchführst, ihre Hochachtung nicht versagen können. Man +gewinnt überhaupt immer durch Ausdauern und durch planmässige, +weise Festigkeit. Es ist mit Grundsätzen, wie mit jeden +andern Stoffen, woraus etwas gemacht wird, nämlich, daß +der beste Beweis für ihre Güte der ist, wenn sie lange halten, +und in der That, wenn man recht genau den Gründen nachspüren<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> +will, warum auch den edelsten Handlungen mancher +Menschen nicht Gerechtigkeit widerfährt; so wird man oft finden, +daß das Publikum deswegen Verdacht gegen die Wahrheit +und den Zweck dieser Handlungen gefaßt hat, weil sie nicht zu +dem Lebensplan und zu der Handlungsweise dessen, der sie unternimmt, +nicht zu seinen übrigen Schritten zu passen scheinen.</p> + +<h4>20.</h4> + +<p>Was aber noch wichtiger, als jene Vorschrift ist: sey redlich, +und weihe Deine Kraft und Dein Leben der Liebe und der +Pflicht; führe ein menschliches Leben, d. h. ein Vernunftleben; +halte es für den höchsten Ruhm Deines Lebens, als ein Vernunftwesen +zu leben. — Habe immer ein gutes Gewissen! Bei +keinem Deiner Schritte müsse Dir Dein Herz über Absicht und +Mittel Vorwürfe machen dürfen! Gehe nie schiefe Wege; und +baue dann sicher auf gute Folgen, auf Gottes Beistand und auf +Menschenhülfe in der Noth! Und verfolgt Dich auch wohl eine +Zeitlang ein widriges Geschick — o! so wird doch die selige +Ueberzeugung von der Unschuld Deines Herzens, von der Redlichkeit +Deiner Absichten, Dir ungewöhnliche Kraft, festen, unerschütterlichen +Muth und unzerstörbare Heiterkeit geben; Dein +kummervolles Antlitz wird im Umgange mehr, weit mehr Theilnahme +erwecken, als die Fratze des lächelnden, grinzenden, +glücklich scheinenden Bösewichts.</p> + +<h4>21.</h4> + +<p>Sey, was Du bist, immer <em class="gesperrt">ganz</em>, und immer derselbe! +Nicht heute warm, morgen kalt; heute grob, morgen höflich +und zuckersüß; heute der lustige Gesellschafter, morgen trocken +und stumm, wie eine Bildsäule! Es ist unbegreiflich, daß diese +wetterwendischen, launenhaften und kaltherzigen Menschen nicht +endlich vor sich selbst erschrecken und zurückfahren, da sie doch +täglich durch die Scheu und den Widerwillen, womit sich Alles +von ihnen entfernt, auf die klägliche Rolle, die sie spielen, aufmerksam +gemacht werden, und da sie sich selbst eben so sehr, als +Andern, zur Last leben. Wenn sie einmal, in einem Anfall von +guter Laune oder Schaam, im Umgange Freundschaft und Theilnahme +zeigen, so spielen sie eigentlich die Rolle der Betrüger. +Wir bauen in der Meinung, daß sie sich gebessert haben, auf +ihre Zusicherungen und Aeusserungen, und wollen wenig Tage +nachher den Mann wieder besuchen, der uns so gern bei sich<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> +sieht, der uns so freundlich eingeladen hat, recht oft zu kommen. +Wir gehen hin, und werden nun so frostig und verdrießlich empfangen, +oder man läßt uns ohne Unterhaltung in einer Ecke +sitzen, antwortet uns nur mit gebrochnen Sylben, weil man +grade von Menschen umgeben ist, die mehr Weihrauch spenden, +als wir. Von solchen Menschen muß man sich unmerklich zurückziehn, +und wenn sie nachher, in einem Augenblicke von Langerweile, +uns wieder aufsuchen, gleichfalls gegen sie den Spröden +machen, und ihnen unter den Händen fortschlüpfen.</p> + +<h4>22.</h4> + +<p>Mache einigen Unterschied in Deinem äussern Betragen gegen +die Menschen, mit denen Du umgehst, in dem Zeichen von +Achtung, die Du ihnen beweisest! Reiche nicht Jedem Deine +rechte Hand dar! Umarme nicht Jeden! Drücke nicht Jeden an +Dein Herz! Was bewahrst Du den Bessern und Geliebten auf, +und wer wird Deinen Freundschafts-Bezeugungen trauen, ihnen +Werth beilegen, wenn Du sie so verschwenderisch austheilst?</p> + +<h4>23.</h4> + +<p>Zwei Gründe hauptsächlich müssen uns bewegen, nicht gar +zu offenherzig gegen die Menschen zu seyn: zuerst die Furcht, +unsre Schwäche dadurch aufzudecken und gemißbraucht zu werden, +und dann die Ueberlegung, daß, wenn man die Leute einmal +daran gewöhnt hat, ihnen nichts zu verschweigen, sie zuletzt +von jedem unsrer kleinsten Schritte Rechenschaft verlangen, +alles wissen, um alles zu Rathe gezogen werden wollen. Allein +eben so wenig soll man übertrieben verschlossen seyn; sonst entsteht +der Verdacht gegen uns, es stecke hinter allem, was wir +thun, etwas Bedeutendes, oder gar Gefährliches, und das kann +uns in unangenehme Verlegenheit verwickeln und veranlassen, +daß wir verkannt werden, besonders in fremden Ländern, auf +Reisen, bei manchen andern Gelegenheiten, und kann uns überhaupt +auch im gemeinen Leben, selbst im Umgange mit edeln +Freunden, schaden.</p> + +<h4>24.</h4> + +<p>Suche keinen Menschen, auch den Schwächsten nicht, in +Gesellschaften lächerlich zu machen! Ist er dumm: so hast Du +wenig Ehre von dem Witze, den Du an ihm verschwendest; ist +er es weniger, als Du glaubst: so kannst Du vielleicht der Gegenstand +<em class="gesperrt">seines</em> Spottes oder seiner Rache werden; ist er gutmüthig<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> +und gefühlvoll: so kränkst Du ihn; und ist er tückisch: +so kann er Dir's vielleicht auf eine Rechnung setzen, die Du +früh oder spät auf irgend eine Art bezahlen mußt. — Und wie +oft kann man nicht, wenn das Publikum auf unsre Urtheile über +Menschen achtet, einem guten Manne im bürgerlichen Leben +wahrhaften Schaden zufügen, oder einen Schwachen so niederdrücken, +daß aller Muth in ihm erlöscht, und alle Keime zu bessern +Anlagen erstickt werden, indem man ihn, durch Hervorziehn +der Schwachheiten, welche Stoff zum Spotten und Lachen +geben, der Verachtung preisgibt.</p> + +<h4>25.</h4> + +<p>Schrecke, zerre und necke auch niemand, selbst Deine Freunde +nicht, mit falschen Nachrichten, mit Witzeleien, oder was sonst +auf einen Augenblick beunruhigt, und leicht in Verlegenheit setzt! +Es gibt der wahrhaft mißvergnügten, unangenehmen, ängstlichen +Augenblicke so viele im Leben, daß es wohl Bruderpflicht +ist, alles hinwegzuräumen, was die Last der wirklichen und eingebildeten +Plagen auch nur um ein Sandkorn erschweren kann. +Für eben so unschicklich halte ich es, einem Freunde, aus Scherz, +wie es die Gewohnheit mancher Leute ist, mit selbst erfundnen +erfreulichen Neuigkeiten ein kurzes Vergnügen zu machen, das +nachher schmerzlich vereitelt wird. Das alles ist Neckerei, durch +welche die Freuden des Umgangs nicht gewürzt, sondern verkümmert +werden. Eben so unverzeihlich ist es, die Neugierde zu +reizen, wenn man sie nicht befriedigen kann, oder will, oder +die, welche sich reizen ließen, hernach als Getäuschte dem Gelächter +der Kaltblütigen preiszugeben. Es gibt Menschen, welche +die Gewohnheit haben, ihren Freunden mystische Warnungen +hinzuwerfen, wie z. B.: »Es läuft ein böses Gerücht von Ihnen +herum, aber ich kann, ich darf Ihnen noch nichts darüber +sagen.« Dergleichen hat gar keinen Nutzen, und beunruhigt.</p> + +<p>Ueberhaupt muß man so wenig wie möglich die Leute in Verlegenheit +setzen, vielmehr sich bemühen, wenn auch jemand im +Begriff ist, eine Unvorsichtigkeit zu begehen (z. B. schlecht von +einem Buche zu reden, dessen Verfasser gegenwärtig ist), oder +sonst beschämt zu werden, ihm diese Verlegenheit zu ersparen, +oder die Sache auf irgend eine Weise wieder in's Gleiche zu +bringen. Und wenn jemand aus Unachtsamkeit etwas zerbrochen, +oder sonst sich einer kleinen Unvorsichtigkeit schuldig gemacht<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> +hat: so fordert es die Humanität, nicht hinzublicken, wenigstens +nicht mit Lächeln, oder mit sichtbarem Unwillen, noch +betroffen, um seine Verwirrung nicht zu vermehren!</p> + +<h4>26.</h4> + +<p>Vor allen Dingen vergesse man nie in der Gesellschaft, daß +die Leute unterhalten, nicht belehrt und unterwiesen seyn wollen; +daß selbst der unterrichtendste Umgang ihnen in der Länge ermüdend +vorkommt, wenn er nicht zuweilen durch Witz und gute +Laune gewürzt wird; daß ferner nichts in der Welt ihnen so +witzreich, so weise und so ergötzend scheint, als wenn man sie +lobt, ihnen etwas Schmeichelhaftes sagt; daß es aber unter der +Würde eines klugen Mannes ist, den Spaßmacher, und eines +redlichen Mannes unwürdig, den Schmeichler zu machen. Allein +es gibt einen gewissen Mittelweg; denn da jeder Mensch +doch wenigstens Eine gute Seite hat, die man loben darf, und +dies Lob, wenn es nicht übertrieben wird, aus dem Munde eines +verständigen Mannes, Sporn zu größerer Vervollkommnung +werden kann: so kann es sogar Pflicht werden, denen ein +ermunterndes Lob nicht schuldig zu bleiben, welche es eben so +sehr verdienen, als bedürfen, und es denen nicht vorzuenthalten, +die es nicht entbehren können, ohne an sich selbst zu verzagen, +oder auf halbem Wege stehen zu bleiben.</p> + +<p>Zeige, so viel Du kannst, eine immer gleiche, heitre Stirne! +Nichts ist reizender und liebenswürdiger, als eine gewisse frohe, +muntre Gemüthsart, die aus der Quelle eines schuldlosen, nicht +von heftigen Leidenschaften aufgeregten, sondern von Wohlwollen +und Theilnahme bewegten Herzens hervorströmt. Wer sich's +in der Gesellschaft merken läßt, daß er sich Zwang anthue, um +heiter zu erscheinen, oder wer sich recht sichtbar anstrengt, um +das Wort zu führen, und daher unaufhörlich Anekdoten auskramt, +Späßchen macht, und nach Witz hascht; wem man es +ansieht, daß er darauf studirt hat, die Gesellschaft zu unterhalten: +der gefällt nur auf kurze Zeit, und wird bei Wenigen +Interesse erwecken. Er wird nicht aufgesucht werden von denen, +deren Herz sich nach besserm Umgange, und deren Kopf +sich nach lebendiger und durch Mannigfaltigkeit gewürzter Unterhaltung +sehnt.</p> + +<p>Wer immer Spaß machen will, der erschöpft sich nicht nur +leicht und wird matt, sondern hat auch die Unannehmlichkeit,<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> +daß, wenn er einmal gerade nicht aufgelegt ist, seinen Vorrath +von lustigen Kleinigkeiten zu öffnen, seine Gefährten das sehr +ungnädig aufnehmen. Bei jeder Mahlzeit, zu welcher er gebeten +wird, bei jeder Aufmerksamkeit, die man ihm beweist, scheint +die Bedingung schwer auf ihm zu liegen, daß er diese Ehre durch +seine Schwänke bezahlen, und die Unkosten der Unterhaltung +allein tragen solle; und will er es einmal wagen, einen höheren +und reineren Ton anzustimmen, und etwas Ernsthaftes oder +Gescheutes zu sagen, so lacht man ihm gerade in's Gesicht, ehe +er mit seiner Rede halb zu Ende ist. Wahrer Humor und ächter +Witz lassen sich nicht erzwingen, nicht erkünsteln; aber sie wirken, +wie ein milder Sonnenstrahl, erwärmend, befruchtend und +wohlthuend. Willst Du witzige Einfälle anbringen, so überlege +auch wohl, in welcher Gesellschaft Du Dich befindest! Was +Personen von einer dürftigen oder mittelmäßigen Bildung sehr +unterhaltend scheint, kann Andern sehr langweilig und unschicklich +vorkommen; und ein freier Scherz, den man sich in einem +Kreise von Männern erlaubt, würde bei Frauenzimmern übel +angebracht seyn.</p> + +<h4>27.</h4> + +<p>Gehe von niemand, und laß niemand von Dir, ohne ihm +etwas Lehrreiches oder etwas Verbindliches gesagt, und mit auf +den Weg gegeben zu haben; aber beides auf eine Art, die ihm +wohlthue, seine Bescheidenheit nicht verletze, und nicht studirt +scheine, damit er die Stunde nicht verloren zu haben glaube, +die er bei Dir zugebracht hat, und fühle, Du nehmest Interesse +an seiner Person: es gehe Dir von Herzen: Du verkaufest nicht +bloß Deine Höflichkeits-Waare ohne Unterschied jedem Vorübergehenden! +Man verstehe mich also recht! Ich möchte gern, +wenn es möglich wäre, alles leere Geschwätz aus dem Umgange +verbannt sehen; möchte, daß man, ohne Aengstlichkeit, auf sich +Acht hätte, nie etwas zu sagen, wovon Der, welcher es anhören +muß, weder Nutzen noch <em class="gesperrt">wahres</em> Vergnügen haben, woran +er, weder mit dem Kopfe, noch mit dem Herzen, Antheil nehmen +könnte. Weit entfernt bin ich also, jene Gefallsucht oder +Gleißnerei in Schutz nehmen zu wollen, die Jeden ohne Unterlaß +mit leeren Complimenten, Schmeicheleien oder Lobsprüchen +in die Verlegenheit setzen, ihnen auf tausend nicht <em class="gesperrt">eins</em> antworten +zu können. Ein Beispiel wird meine wahren Grundsätze<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> +darüber deutlicher machen. Ich saß einst an einer fremden Tafel, +zwischen einer hübschen, verständigen jungen Dame und einem +kleinen, garstigen Fräulein, von etwa vierzig Jahren. Ich +beging die Unhöflichkeit, die ganze Mahlzeit hindurch mich nur +mit Jener zu unterhalten, zu Dieser hingegen kein Wort zu reden. +Beim Nachtische erst erinnerte ich mich meiner Unart; und +nun machte ich den Fehler gegen die Höflichkeit durch einen andern +gegen die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit gut. Ich wendete +mich zu ihr, und redete von einer Begebenheit, die vor +zwanzig Jahren vorgegangen war — Sie wußte nichts davon — »Es +ist kein Wunder,« sagte ich, »Sie waren damals noch ein +Kind.« Das kleine Wesen freute sich innigst darüber, daß ich +sie für so jung hielt, und dies einzige Wort erwarb mir ihre +Gunst. — Sie hätte mich dieser niedrigen Schmeichelei wegen +verachten sollen. Wie leicht hätte ich einen Gegenstand zu einem +Gespräche mit ihr finden können, das ihr auf irgend eine Weise +anziehend gewesen wäre, oder eine Gelegenheit, ihr meine Aufmerksamkeit +zu beweisen; und es war meine Pflicht, darauf zu +denken, und ihr nicht einen ganzen Mittag hindurch die Thür +der Unterhaltung zu verschließen; eine Ungerechtigkeit, die so oft +in der Gesellschaft gegen diejenigen begangen wird, die so unglücklich +sind, einen unangenehmen oder widrigen sinnlichen +Eindruck auf uns zu machen. Sie sollten vielmehr Gegenstände +unserer Theilnahme werden, und wir sollten die Ungerechtigkeit +und Zurücksetzung, welche sich die Gesellschaft gegen sie erlaubt, +vielmehr zu vergüten suchen, als nachahmen.</p> + +<p>Man kann sich indessen oft sehr schlecht empfehlen, indem +man den Menschen etwas recht Verbindliches gesagt zu haben +meint. So gibt es Leute, die es sehr übel nehmen würden, wenn +man ihnen versicherte, daß man sie für gutmüthig halte, und +Andre, die sich beleidigt fühlen, wenn man sie versichert, sie +sähen gesund aus, oder sie hätten noch etwas so Jugendliches in +ihrem Aeussern, daß man ihr wahres Alter unmöglich ahnen +könne.</p> + +<h4>28.</h4> + +<p>Wem es darum zu thun ist, dauerhafte Achtung sich zu erwerben; +wem daran liegt, daß seine Unterhaltung niemand anstößig, +Keinem zur Last werde; der würze nicht ohne Unterlaß +seine Gespräche mit Lästerungen, Spott, Tadelsucht und Satyre,<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> +und gewöhne sich nicht an den auszischenden Ton der +Spottsucht! Das kann wohl einigemal, und, bei einer gewissen +Klasse von Menschen, auch öfter gefallen; aber man flieht und +verachtet doch endlich den Mann, der immer auf anderer Leute +Kosten, oder auf Kosten der Wahrheit die Gesellschaft vergnügen +will, und man hat Recht dazu; denn der gefühlvolle, verständige +Mensch muß Nachsicht haben mit den Schwächen Anderer. +Er weiß, welchen großen Schaden oft ein einziges, wenn gleich +nicht böse gemeintes Wörtchen anrichten kann; auch sehnt er +sich nach einer unschuldigeren und edleren Unterhaltung; ihm +ekelt vor leerer Spötterei und liebloser Tadelsucht. Gar zu leicht +aber nimmt man im Verkehr mit der sogenannten großen Welt +diesen elenden Ton an; man kann nicht genug davor warnen, +da er den Charakter entstellt, und dem Dünkel die gefährlichste +Nahrung gibt, die Freuden des Umgangs vergiftet, und die +Bande der Gesellschaft zernagt.</p> + +<p>Uebrigens aber möchte ich auch nicht gern alle Satyre für +unerlaubt erklären, noch leugnen, daß manche Thorheiten und +Unzweckmäßigkeiten, <em class="gesperrt">im weniger vertrauten Umgange</em>, +am besten durch einen feinen, nicht beleidigenden, nicht zu deutlich +auf einzelne Personen anspielenden Spott bekämpft werden +können. Endlich bin ich auch weit entfernt, zu fordern, man +solle alles loben, und selbst offenbare Fehler entschuldigen; vielmehr +habe ich nie den Leuten getrauet, die so sichtbar sich das +Ansehen geben, alles mit dem Mantel der christlichen Liebe bedecken +zu wollen. Sie sind mehrentheils Heuchler, wollen durch +das Gute, das sie von den Leuten <em class="gesperrt">reden</em>, das Böse vergessen +machen, welches sie ihnen <em class="gesperrt">zufügen</em>, oder sie suchen dadurch +Nachsicht für ihre eigenen Gebrechen zu erlangen, und ein günstiges +Vorurtheil für sich zu erschleichen.</p> + +<h4>29.</h4> + +<p>Erzähle nicht leicht Anekdoten, besonders nie solche, die irgend +jemand in ein nachtheiliges Licht setzen, auf bloßes Hörensagen +nach! Sehr oft sind sie gar nicht auf Wahrheit gegründet, +oder schon durch so viel Hände gegangen, daß sie wenigstens +vergrößert, verstümmelt worden sind, und dadurch eine +wesentlich andre Gestalt bekommen haben. Vielfältig kann man +dadurch unschuldigen guten Leuten ernstlich schaden, und öfter +sich selber großen Verdruß zuziehn.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p> + + +<h4>30.</h4> + +<p>Hüte Dich, Nachrichten aus einem Hause in das andre zu +tragen, vertrauliche Tischreden, Familien-Gespräche, Bemerkungen, +die Du über das häusliche Leben von Leuten, mit welchen +Du viel umgehst, gemacht hast, u. dergl. auszuplaudern! +Wenn dieß auch nicht eigentlich aus Bosheit geschieht, so kann +doch eine solche Geschwätzigkeit Mißtrauen gegen Dich, und allerlei +Zwist und Verstimmung veranlassen.</p> + +<h4>31.</h4> + +<p>Sey vorsichtig im Tadel und Widerspruche! Es gibt wenig +Dinge in der Welt, die nicht zwei Seiten haben. Vorurtheile +verdunkeln oft die Augen, selbst des klügern Mannes, und es +ist sehr schwer, sich gänzlich an eines Andern Stelle zu denken. +Urtheile besonders nicht so leicht über kluger Leute Handlungen, +oder Deine Bescheidenheit müßte Dir sagen, daß Du noch weiser, +als sie seyst! und da ist es denn eine mißliche Sache um +diese Ueberzeugung. Ein kluger Mann ist mehrentheils lebhafter, +als ein Andrer, hat heftigere Leidenschaften zu bekämpfen, +bekümmert sich weniger um das Urtheil des großen Haufens, +hält es weniger der Mühe werth, sein gutes Gewissen durch ausführliche +Apologien zu rechtfertigen. Uebrigens soll man nur +fragen: »Was thut der Mann Nützliches für Andre?« und, +wenn er dergleichen thut, über dies Gute die kleinen Gemüthsfehler +und Schwachheiten, die nur ihm selber schaden, oder höchstens +unwichtigen, vorübergehenden Nachtheil wirken, vergessen.</p> + +<p>Vor allen Dingen maße Dir nicht an, die Bewegungsgründe +zu jeder guten Handlung ergründen und beurtheilen zu +wollen! Bei einer solchen Strenge würden vielleicht manche +Deiner eignen edlen Handlungen als sehr unedel, oder als reine +Schwachheit, als Erzeugniß einer flüchtigen Rührung, Deiner +gereizten Eitelkeit, Deiner Selbstsucht erscheinen. Jedes Gute +muß nach seiner Wirkung für die Welt beurtheilt werden.</p> + +<h4>32.</h4> + +<p>Habe Acht auf Deine Gesellschaftssprache, daß Du in Deinen +Unterredungen nicht durch einen wässrigen, weitschweifigen +Vortrag ermüdest! Ein gewisser Laconismus, d. h. eine kräftige +Kürze — in so fern er nicht in die Sucht, nur in Sentenzen +und Aphorismen zu sprechen, oder jedes Wort abzuwägen, +ausartet — ein gewisser Laconismus und die Geschicklichkeit,<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> +einen nichtsbedeutenden Umstand durch die Lebhaftigkeit der Darstellung +interessant zu machen — das ist die wahre Kunst der +gesellschaftlichen Beredtsamkeit. Ueberhaupt aber rede nicht zu +viel! Sey haushälterisch mit Spendung von Worten und Kenntnissen, +damit es Dir nicht früh an Stoffe fehle, damit Du nicht +redest, was Du verschweigen sollst, verschweigen wolltest, und +niemand Deine Unterhaltung lästig finde. Laß auch Andre zu +Worte kommen, ihren Theil zur allgemeinen Unterhaltung mit +hergeben! Es gibt Leute, die, ohne es selbst zu merken, aller +Orten die Sprachführer sind; und wären sie in einem Zirkel von +funfzig Personen, so würden sie sich dennoch bald Meister von +der ganzen Unterhaltung machen.</p> + +<p>So unangenehm dieß für die Gesellschaft ist; eben so widrige, +Freude störende Eindrücke macht die Weise mancher Leute, die +stumm und gespannt horchen und lauern, und die man leicht +für gefährliche Beobachter halten kann, denen es nur darum zu +thun scheint, jedes unvorsichtige, nicht gehörig gewählte Wort, +das man in sorgloser Redseligkeit fallen läßt, zu irgend einem +hämischen Zwecke aufzusammeln.</p> + +<h4>33.</h4> + +<p>Es gibt Menschen, die (so wie Manche nur zum Genießen +da zu seyn glauben) auch im geselligen Leben immer nur empfangen, +nie geben wollen; die vom übrigen Theile des Publikums +belustigt, unterrichtet, bedient, gelobt, bezahlt, gefüttert +zu werden verlangen, ohne etwas dafür zu leisten; die über Langeweile +klagen, ohne zu fragen, ob sie Andern weniger Langeweile +gemacht haben; die behaglich da sitzen, sich's wohlseyn, +sich erzählen lassen, aber nicht daran denken, auch ihren Beitrag, +und wär' es auch nur ein Scherflein, zur Unterhaltung +beizusteuern. — Das ist aber eben so ungerecht, als lästig.</p> + +<p>Noch Andre findet man, die immer nur ihre eigne Person, +ihre häuslichen Umstände, ihre Verhältnisse, ihre Thaten und +ihre Berufs-Geschäfte zum Gegenstande der Unterredung machen, +und alles dahin zu drehen wissen, jedes Gleichniß, jedes +Bild von daher nehmen. So wenig wie möglich laß in gemischten +Gesellschaften den Schnitt, den Ton, den Dir Deine specielle +Erziehung, Dein Handwerk, Deine besondre Lebensart +geben, hervorblicken! Rede nicht von Dingen, die, ausser Dir, +schwerlich jemand interessiren können! Hüte Dich, in den Fehler<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> +Derjenigen zu verfallen, die sich selbst bespötteln, ihre eigne +werthe Person zum Besten haben! Das setzt die Anwesenden in +Verlegenheit, und verräth einen eiteln Egoismus. Spiele nicht +auf Anekdoten an, die Deinem Nachbar unbekannt sind, auf +Stellen aus Büchern, die er wahrscheinlich nicht gelesen hat! +Rede nicht in einer fremden Sprache, wenn es glaublich ist, +daß nicht jeder, der um Dich ist, dieselbe versteht! Lerne den +Ton der Gesellschaft annehmen, in welcher Du Dich befindest! +Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn der Arzt einige junge +Damen mit Beschreibung seiner Sammlung anatomischer Präparaten, +der Rechtsgelehrte einen Hofmann über die unwirksame +Professions-Ergreifung und das <span class="antiqua">edictum Divi Martii</span>, +der alte gebrechliche Gelehrte eine junge Cokette von seinem offnen +Beinschaden unterhält.</p> + +<p>Oft aber tritt der Fall ein, daß man in Gesellschaften geräth, +wo es schwer ist, etwas vorzubringen, das Theilnahme +erweckte. Wenn ein verständiger Mann von leeren, beschränkten, +in die Eitelkeiten des Alltagslebens versunkenen Menschen +umgeben ist, die für gar nichts von bessrer Art Sinn haben; ei +nun! so ist es seine Schuld nicht, wenn er nicht verstanden +wird. Er tröste sich also damit, daß er von Dingen geredet +hat, die billig <em class="gesperrt">interessiren müßten</em>!</p> + +<h4>34.</h4> + +<p>Rede also nicht zu viel von Dir selber, ausser in dem Kreise +Deiner vertrautesten Freunde, von welchen Du weißt, daß die +Sache des Einen unter ihnen eine Angelegenheit für Alle ist; +und auch da bewache Dich, daß Du nicht Egoismus zeigest! +Vermeide, selbst dann zu viel von Dir zu reden, wenn gute +Freunde, wie es vielfältig geschieht, das Gespräch aus Höflichkeit +auf Deine Person, auf Deine Unternehmungen oder Deine +Schriften leiten! Bescheidenheit ist eine der liebenswürdigsten +Eigenschaften, und macht um so vortheilhaftere Eindrücke, je +seltner diese Tugend in unsern Tagen wird. Sey also auch nicht +so bereit, jedermann Deine Schriften unaufgefordert, oder gleich +bei der ersten, oft nicht so ernstlich gemeinten Aufforderung vorzulesen, +Deine Anlagen zu zeigen und Deine rühmlichen Handlungen +zu erzählen, noch auf feine Art Gelegenheit zu geben, +daß man Dich darum bitten müsse! Auch <em class="gesperrt">drücke</em> niemand durch +Deinen Umgang, das heißt: zeige in keiner Gesellschaft ein solches<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> +Uebergewicht, daß Andre verstummen, sich in schlechtem +Lichte zeigen oder an sich selbst verzagen müssen!</p> + +<h4>35.</h4> + +<p>Widersprich Dir nicht selbst im Reden, so daß Du einen +Satz behauptest, dessen Gegentheil Du ein andermal vertheidigt +hast! Man kann seine Meinung von Dingen ändern; allein +man thut doch wohl, in Gesellschaften nicht eher, wenigstens +nicht entscheidend zu urtheilen, als bis man alle Gründe für +und wider gehörig abgewogen hat.</p> + +<h4>36.</h4> + +<p>Hüte Dich, in die Fehler Derjenigen zu verfallen, die, aus +Mangel an Gedächtniß, oder an Aufmerksamkeit auf sich, oder +weil sie so verliebt in ihre eignen Einfälle sind, dieselben Histörchen, +Anekdoten, Spässe, Wortspiele, und witzigen Vergleichungen, +bei jeder Gelegenheit wiederholen! Ueberhaupt ist es, +und besonders auch für den geselligen Umgang, wichtig, sein +Gedächtniß zu schärfen, und sich deswegen nicht zu sehr daran +zu gewöhnen, alles schriftlich aufzuzeichnen, was man behalten +will. Bist Du Deiner Sache nicht gewiß, so verleugne Dich +selbst, und widerstehe der Lust, eine Anekdote zu erzählen, wenn +es möglich wäre, daß Du sie schon einmal aufgetischt hast, oder +suche das Gespräch so zu wenden, daß Du zur Gewißheit kommst, +ohne etwas gewagt zu haben.</p> + +<h4>37.</h4> +<p>Würze nicht Deine Unterhaltung mit Zweideutigkeiten, mit +Anspielungen auf Dinge, die entweder Ekel erwecken, oder keusche +Wangen erröthen machen; zeige auch keinen Beifall, wenn +Andre dergleichen vorbringen! Ein verständiger Mann kann an +solchen Gesprächen keine Lust haben. Auch in bloß männlichen +Gesellschaften verleugne nicht die Schamhaftigkeit, das Zartgefühl +und Dein Mißfallen an Zoten, denn Du erwirbst Dir dadurch +eben so viel Ehre, als Verdienst, und rettest die Ehre Deines +Geschlechts.</p> + +<h4>38.</h4> +<p>Flicke keine platte Gemeinsprüche in Deine Reden ein; z. B.: +daß Gesundheit ein schätzbares Gut; daß das Schlittenfahren +ein kaltes Vergnügen; daß Jeder sich selbst der Nächste sey; daß, +was lange dauert, gut werde, wovon ich das Gegentheil zu beweisen +übernehme; daß man durch Schaden klug werde, welches<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> +leider! selten eintrifft; oder daß die Zeit schnell hingehe — welches, +im Vorbeigehen zu sagen, gar nicht wahr ist; denn da +die Zeit nach einem bestimmten Maaßstabe berechnet wird: so +geht sie nicht schneller vorbei, als sie grade muß, und Der, welchem +ein Jahr kürzer vorkömmt, als es ist, der muß in demselben +über Gebühr geschlafen haben, oder sonst seiner Sinne nicht +mächtig gewesen seyn, oder er läßt sich von einer leeren Täuschung +irre führen — oder: daß Ausnahmen die Regel <em class="gesperrt">bestätigten</em> +— Gleich als wenn ein partikularer verneinender Satz +die Wahrheit eines allgemeinen bejahenden beweisen könnte, oder +umgekehrt! da doch vielmehr durch die Ausnahme klar wird, daß +die Regel nicht allgemein ist. Solche Sprüchwörter sind sehr +langweilig, und nicht selten sinnlos und unwahr.</p> + +<p>Es gibt solche mechanische Menschen, deren Gespräche zur +Hälfte aus gewissen Formeln bestehen, welche sie, ohne etwas +dabei zu denken, herplappern. Sie treffen Dich tödtlich krank +im Bette an, und freuen sich, Dich wohl zu sehn. Zeigst Du +ihnen Dein Bildniß: so finden sie, daß es zwar ähnlich sehe, +aber viel zu alt gemalt sey. Allen Kindern sagen sie: sie seyen +groß für ihr Alter, und gleichen dem Vater, und was dergleichen +leeres Geschwätz mehr ist. Einen eben so dürftigen Stoff +zur Unterhaltung liefern Räthsel, Wortspiele, Pfandspiele u. dgl., +wenn sie nicht ausgezeichnet sinnreich sind. Wenigstens wird +selten in einer Gesellschaft, die nur einigermaßen gemischt ist, +das Wohlgefallen daran allgemein seyn, denn es werden sich +immer Einige finden, welche sich durch solche Unterhaltungen +gedrückt fühlen, weil sie nicht Kenntnisse, oder Geist genug haben, +hiebei eine anständige Rolle zu spielen, oder der Verlegenheit +zu entgehen.</p> + +<h4>39.</h4> + +<p>Belästige nicht die Leute, mit welchen Du umgehst, mit unnützen +Fragen! Man findet Menschen, die, nicht eben aus +Vorwitz und Neugier, sondern weil sie nun einmal gewöhnt +sind, ihre Gespräche in Katechesations-Form zu verfassen, uns +durch Fragen so beschwerlich werden, daß es gar nicht möglich +ist, auf unsre Weise mit ihnen in Unterhaltung zu kommen.</p> + +<h4>40.</h4> + +<p>Lerne Widerspruch ertragen! Sey nicht kindisch eingenommen +von Deinen Meinungen! Werde nicht hitzig, noch grob<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> +im Zanke; auch dann nicht, wenn man Deinen ernsthaften +Gründen Spott und Bitterkeit entgegensetzt! Du hast, bei der +besten Sache, schon halb verloren, wenn Du nicht kaltblütig +bleibst, und wirst wenigstens auf diese Art nie überzeugen und +nie gefallen.</p> + +<h4>41.</h4> + +<p>An Oertern, wo man sich zur Freude versammelt: beim +Tanze, in Schauspielen, rede mit niemand von häuslichen Geschäften, +noch weniger von verdrießlichen Dingen! Man geht +dahin, um sich zu erholen, um auszuruhen, um kleine und große +Sorgen abzuschütteln, und es ist also unbescheiden, jemand mit +Gewalt wieder mitten in sein tägliches Joch hineinschieben zu +wollen.</p> + +<h4>42.</h4> + +<p>Daß ein redlicher und verständiger Mann über wesentliche +Religionslehren, auch dann, wenn er das Unglück haben sollte, +an der Wahrheit derselben zu zweifeln, sich dennoch keinen Spott +erlauben wird: ich meine, das versteht sich von selber; aber auch +über kirchliche Verfassungen, über die Menschensatzungen, welche +von einigen Sekten für Glaubenslehren gehalten werden, über +Ceremonien, die Manche für wesentlich halten, und dergleichen, +soll man nie in Gesellschaften spotten. Man respektire das, was +Andern ehrwürdig ist! Man lasse Jedem die Freiheit in Meinungen, +die wir für uns selbst verlangen! Man vergesse nicht, +daß das, was wir Aufklärung nennen, Andern vielleicht Verfinsterung +scheint! Man schone der Vorurtheile, die Andern +Ruhe gewähren! Man raube niemand, ohne ihm etwas Besseres +an die Stelle desselben zu geben, was ihm auf seiner Bildungsstufe, +oder in dem Zusammenhange seiner Vorstellungen +als Wahrheit erscheint, und unentbehrlich geworden ist! Man +vergesse nicht, daß Spott nicht bessert; daß unsre, hier auf Erden +noch nicht entwickelte Vernunft über so wichtige Gegenstände +leicht irren kann; daß ein mangelhaftes System, auf welchem +aber der Grund einer guten Moral liegt, nicht so leicht umzureissen +ist, ohne zugleich das Gebäude selbst über den Haufen zu +werfen, und endlich, daß solche Gegenstände überhaupt gar nicht +von der Art sind, daß man sie in Gesellschaften abhandeln könne!</p> + +<p>Doch dünkt mich, man vermeide heut zu Tage oft zu vorsätzlich +alle Gelegenheit, über Religion zu reden. Einige Leute<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> +schämen sich, Wärme für Gottes-Verehrung und für die höchsten +Angelegenheiten des Menschen zu zeigen, aus Furcht, für +nicht aufgeklärt genug gehalten zu werden, und Andre affektiren +religiöse Empfindungen, scheuen sich, auch nur im mindesten +gegen Schwärmerei zu reden, um sich bei den Andächtlern in +Gunst zu setzen. Ersteres ist Menschenfurcht, und Letzteres Heuchelei; +Beides aber eines redlichen Mannes gleich unwerth.</p> + +<h4>43.</h4> + +<p>Wenn Du von körperlichen, geistigen, moralischen oder andern +Gebrechen redest, oder Anekdoten erzählst, die gewisse +Grundsätze oder Vorurtheile lächerlich machen, oder gewisse +Stände in ein nachtheiliges Licht setzen sollen: so siehe Dich +vorher wohl um, ob niemand gegenwärtig sey, der das übel +aufnehmen, diesen Tadel oder Spott auf sich und seine Verwandten +ziehen könnte!</p> + +<p>Halte Dich über niemands Gestalt, Wuchs und Bildung +auf! Es steht in keines Menschen Gewalt, diese zu ändern. +Nichts ist kränkender, niederschlagender und empörender für den +Mann, der unglücklicher Weise eine etwas auffallende Gesichtsbildung +oder Figur hat, als wenn er bemerkt, daß diese der Gegenstand +der Verspottung oder Befremdung wird. Leuten, die ein +wenig mit der großen Welt bekannt sind, und unter Menschen +von allerlei Formen und Ansehen gelebt haben, sollte man darüber +billig gar keine Erinnerung geben dürfen; aber leider trifft +man hie und da, selbst unter fürstlichen Personen, besonders unter +Damen, solche an, die so wenig Gewalt über sich, oder so +wenig Begriffe von Wohlanständigkeit und Billigkeit haben, +daß sie die Eindrücke, welche ein ungewöhnlicher Anblick von +<em class="gesperrt">der</em> Art auf sie macht, nicht verbergen können. — Das ist +schwach, und wenn man noch dabei überlegt, wie relativ und +dem verschiednen Geschmacke unterworfen die Begriffe von Schönheit +und Häßlichkeit sind, wie so wenig auf sichern Grundsätzen +beruhend unsre physiognomische Wissenschaft ist, und wie oft +unter einer anscheinend häßlichen Larve ein schönes, edles, warmes, +großes Herz, mit einem feinen, tiefdenkenden Kopfe steckt: +so sieht man leicht, daß man sehr selten mit Recht auf das äussere +Ansehen eines Menschen nachtheilige Folgerungen bauen, +und nie die Befugniß haben kann, die Eindrücke, welche ein +solcher Anblick etwa auf uns macht, zu jemands Kränkung durch<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> +Lachen oder auf andre Art kund werden zu lassen. Ueberhaupt +ist es Schwachheit, sich von sinnlichen Eindrücken, mögen sie +günstige oder ungünstige seyn, so sehr beherrschen zu lassen, daß +man sogleich seine Zuneigung oder Abneigung verräth. Der äussere +Mensch ist oft so ganz von dem inneren verschieden, daß +man sich in der Regel bitter getäuscht sieht, wenn man sich von +jenem verleiten ließ, günstig oder ungünstig zu urtheilen.</p> + +<p>Ausser einer sonderbaren Figur können uns aber noch andre +Dinge an einem Menschen auffallend seyn, zum Beispiel: lächerliche, +phantastische, abgeschmackte Gebehrden, Manieren, +Verzerrungen des Körpers, Unbekanntschaft mit gewissen Sitten, +Unvorsichtigkeiten im Betragen, ungewöhnlicher, altmodischer +Anzug u. dgl. Es gehört nicht weniger zu einer guten Lebensart, +hierüber nicht durch Lachen oder durch Zeichen, die +man einem der Anwesenden gibt, sein Befremden zu erkennen +zu geben, und dadurch den armen Mann, der sich dergleichen +zu Schulden kommen läßt, noch mehr in Verlegenheit zu setzen.</p> + +<h4>44.</h4> + +<p>Wenn Du in einer Gesellschaft von einem der Anwesenden +mit Deinem Freunde reden willst (obgleich dieß, wie das Ohrenflüstern, +überhaupt unanständig ist): so gebrauche wenigstens +die Vorsicht und Schonung, die Person, von welcher Du redest, +nicht dabei anzusehen! Und ist Dir daran gelegen, etwas zu +hören, das in einiger Entfernung von Dir gesprochen wird: so +wende auch Deine Blicke nicht dahin! Man wird sonst aufmerksam +auf Dich, und man hört ja auch nur mit den Ohren, nicht +mit den Augen.</p> + + +<h4>45.</h4> + +<p>Man hüte sich, bei Personen, mit denen man umgeht, unberufen +unangenehme Dinge in Erinnerung zu bringen! Oft +bewegt eine Art von unkluger Theilnehmung und ein Mangel +an Zartgefühl die Leute, uns um die Beschaffenheit unsrer ökonomischen +und anderer verdrießlichen Sachen zu befragen, obgleich +sie uns nicht helfen können, und uns dadurch zu zwingen, +Gegenstände in unser Gedächtniß zurückzurufen, die wir in Gesellschaften, +wo wir uns aufzuheitern dachten, so gern vergessen +möchten. Man muß so viel Menschenkenntniß haben, zu unterscheiden, +ob der Mann, den wir vor uns sehen, seinem Temperamente, +seiner Lage, und der Art seines Kummers nach, durch<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> +solche Gespräche erheitert oder getröstet werden könne, oder ob +nicht vielleicht sein Leiden dadurch doppelt erschwert werde<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>.</p> + +<p>Man enthalte sich auch, andern Leuten das, was sie nun +einmal haben, und nicht wieder abschaffen können, zuwider zu +machen, ihnen die Lage, darin sie nun einmal leben müssen, +durch unangenehme Schilderungen und unwillkommene Bemerkungen +zu verleiden. Es gibt solche unberufene Wahrheits-Prediger, +die sich ein Geschäft daraus machen, uns auch den unschuldigsten +glücklichen Wahn wegzuvernünfteln, und es bleibt +bei Wielands Ausspruch:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ein Wahn, der mich beglückt,</div> + <div class="verse indent0">Ist eine Wahrheit werth,</div> + <div class="verse indent0">Die mich zu Boden drückt.</div> + </div> +</div> +</div> + +<h4>46.</h4> + +<p>Nimm nicht Theil daran, lächle nicht beifällig, thu' lieber, +als hörtest Du es gar nicht, wenn jemand einem Dritten unangenehme +Dinge sagt, oder ihn beschämt! Die Feinheit eines +solchen Betragens wird gefühlt und oft dankbar belohnt.</p> + +<h4>47.</h4> + +<p>Ueber die Gewohnheit, Paradoxen vorzubringen, über Widersprechungsgeist, +Disputirsucht, Citiren und Berufen auf die +Meinungen und Aussprüche Andrer, werde ich mich im dritten +Kapitel dieses Theils erklären, und beziehe mich hier darauf.</p> + +<h4>48.</h4> + +<p>Eine der wichtigsten Tugenden im gesellschaftlichen Leben, +welche wirklich täglich seltner wird, ist die Verschwiegenheit. +Man ist heut zu Tage so äusserst trügerisch in Versprechungen, +ja in Betheurungen und Schwüren, daß man ohne Scheu ein +unter dem Siegel des Stillschweigens uns anvertrautes Geheimniß +gewissenloser Weise ausbreitet. Andre, die weniger pflichtvergessen, +aber höchst leichtsinnig sind, schwatzen Geheimnisse +aus, weil sie ihrer Redseligkeit keinen Zaum anlegen können.<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> +Sie vergessen, daß man sie gebeten hat, zu schweigen; und so +erzählen sie aus unverzeihlicher Unvorsichtigkeit die wichtigsten +Geheimnisse ihrer Freunde an öffentlichen Orten, mit einer Unbefangenheit, +die in Erstaunen und in Schrecken setzt; oder sie +vertrauen, indem sie Jeden, der ihnen während ihres Dranges, +sich zu entladen, in den Wurf kömmt, für einen treuen Freund +ansehen, das, was sie doch nicht als ihr Eigenthum betrachten +sollten, eben so leichtsinnigen Leuten an, wie sie selbst sind. +Solche Menschen gehen dann auch nicht weniger unklug mit +ihren <em class="gesperrt">eignen</em> Heimlichkeiten, Planen und Begebenheiten um, +zerstören dadurch sehr oft ihre Wohlfahrt, und vernichten ihre +Bestrebungen.</p> + +<p>Welchen Nachtheil überhaupt eine solche unvorsichtige Bewahrung +fremder und eigner Geheimnisse gewähre, das bedarf +wohl keiner Auseinandersetzung. Es gibt aber eine Menge anderer +Dinge, die zwar nicht eigentlich Geheimnisse sind, wovon +uns jedoch Klugheit und die Vernunft lehrt, daß es besser sey, +sie zu verschweigen, und andre Dinge, deren Ausbreitung wenigstens +für niemand lehrreich und unterhaltend seyn kann, und +wovon es doch möglich wäre, daß ihre Verplauderung irgend +jemand nachtheilig seyn möchte. — Darum gehört eine gewisse +Zurückhaltung, die aber nicht in Verschlossenheit und Geheimnißkrämerei +ausarten muß, zu den Tugenden, welche der Umgang +fordert. Bei Männern, welche in bedeutenden Staatsämtern +stehen, ist es vollends unverzeihlich, wenn sie sich von +der Sucht, das Wort zu führen, und sich wichtig zu machen, +verleiten lassen, der Gesellschaft etwas mitzutheilen, was ihre +Amtspflicht, oder die Würde ihres Amts zu verschweigen gebietet. +Uebrigens wird man die Bemerkung wahr finden, daß in +despotischen Staaten die Menschen, im Ganzen genommen, verschwiegner +sind, als da, wo mehr Freiheit herrscht. Dort machen +Furcht und Mißtrauen verschlossen und zurückhaltend; hier +folgt Jeder dem Triebe seines Herzens, sich freimüthig mitzutheilen.</p> + +<p>Wenn man auch mehrern Leuten zugleich sein Geheimniß +anvertrauen muß: so lege man doch unbedingte Verschwiegenheit +auf, damit jeder von ihnen glaube, er wisse es allein, müsse +allein für die Bewahrung haften.</p> + +<p>Manche Leute haben die sehr unartige Gewohnheit, sich,<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> +wenn man sie zum Voraus um Verschwiegenheit über eine Sache +bittet, die man ihnen entdecken will, nicht bestimmt zu erklären, +nichts zu versprechen. Aus Gutmüthigkeit hält man dann +nicht zurück, sondern redet, indem man die Bedingung voraussetzt. +Dies Betragen ist nicht nachzuahmen; der aufrichtige +Mann äussert sich ohne Rückhalt, und hört nicht eher, als bis +er gesagt hat, in wie fern er sich zur Verschwiegenheit verbindlich +machen könne, oder nicht.</p> + +<h4>49.</h4> + +<p>Menschen von lebhafter Gemüthsart werden der Gesellschaft +leicht durch den Ungestüm, mit welchem sie widersprechen, oder +ihre Meinung vertheidigen, beschwerlich. Der Umgang fordert +einen gewissen Gleichmuth, und die Selbstverleugnung, welche +jeden Ausbruch der Leidenschaft zurückzudrängen, und eigensinnigen +Widerspruch zu ertragen weiß.</p> + +<p>Ein großes Talent, welches durch Studium der Sprache +und Achtsamkeit auf sich selbst erlangt werden kann, ist die +Kunst, sich bestimmt, fein, richtig, körnigt auszudrücken, lebhaft +im Vortrage zu seyn, sich dabei nach den Fähigkeiten der +Menschen zu richten, mit denen man redet; sie nicht zu ermüden, +gut und launigt zu erzählen, nicht über seine eignen Einfälle +zu lachen; nach den Umständen trocken oder lustig, ernsthaft +oder komisch seinen Gegenstand darzustellen, und mit natürlichen +Farben zu malen. Dabei muß ein guter Gesellschafter +sein Aeusseres studiren, und besonders sein Mienenspiel in seiner +Gewalt haben, sich vor Verzerrungen zu hüten, und sein Lachen +zu mäßigen wissen. Der Anstand und die Gebehrdensprache sollen +edel seyn: man soll nicht bei unbedeutenden, affectlosen Unterredungen, +wie Personen aus der niedrigsten Volksklasse, mit +Kopf, Armen und andern Gliedern herumfahren und um sich +schlagen; man soll den Leuten gerade, aber bescheiden und sanft, +in's Gesicht sehen, sie nicht bei Aermeln, Knöpfen und dergleichen +zupfen. Kurz, alles was eine feine Erziehung, was Aufmerksamkeit +auf sich selbst und auf Andre verräth, das gehört +nothwendig dazu, den Umgang angenehm zu machen, und es +ist wichtig, sich in solchen Dingen nicht nachzusehn, sondern +jede kleine Regel des Wohlstandes, selbst in dem Cirkel seiner +Familie, zu beobachten, um sich das zur andern Natur zu machen, +wogegen diejenigen so oft fehlen, welche nie erwägen, daß<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> +es Pflichten gegen die Gesellschaft gibt, und sich daher Alles erlauben, +was ihnen gemächlich ist. Kaum scheint es nöthig, hier +noch zu bemerken, daß man so wenig als möglich in einer Gesellschaft +den Leuten den Rücken zukehren, in Titeln und Namen +sich vor Verwechselung hüten; daß man bei Personen, die es +mit den Höflichkeitsbezeigungen genau nehmen, den Vornehmern +immer auf der rechten Seite, oder wenn Drei beisammen +sind, in der Mitte gehen lasse; daß man Dem, mit welchem +man spricht, frei und offen, doch nicht starr und frech, in das +Gesicht schauen, seine Stimme in seiner Gewalt haben, nicht +schreien und doch verständlich reden, in seinem Gange Anstand +beobachten, nicht aller Orten das große Wort führen solle; daß +man, wenn man ein Frauenzimmer führt, mit ihr, um sie nicht +zu stoßen, gleichen Schritt halten, und mit demselben Fuße, +wie sie, antreten, ihr auch zuweilen seine linke Hand reichen +müsse, wenn sie an der rechten Seite nicht so bequem gehen +würde; daß man auf <em class="gesperrt">steilen</em> Treppen im Hinuntersteigen die +Frauenzimmer vorausgehen, im Hinaufsteigen aber sie folgen +lassen müsse; daß, wenn man uns nicht versteht, und wir voraussehen, +daß eine genauere Erklärung nichts helfen würde, oder +der Gegenstand von so geringer Wichtigkeit ist, daß er keinen +großen Aufwand von Worten verdient, wir dann die ganze +Sache fallen lassen müssen; daß vornehme Leute, wenn sie nicht +über Vorurtheile hinaus sind, es übel nehmen, wenn ein Geringer +von sich und ihnen in Gemeinschaft spricht, (z. B. »Als +<em class="gesperrt">wir</em> gestern zusammen spazieren gingen.« »<em class="gesperrt">Wir</em> haben im +gestrigen Spiele gewonnen, und <em class="gesperrt">unsre</em> Gegner verloren,«) +und, daß sie verlangen, man solle thun, als seyen sie allein in +der Welt des Nennens werth: »Ihro Excellenz, Ihro Gnaden +haben gewonnen;« (höchstens möchte man hinzusetzen: »<em class="gesperrt">mit +mir</em>«); daß man die Leute nicht zehnmal wieder zurückrufe, +ihnen noch hundert Dinge zu sagen und nachzuschreien habe, +wenn sie im Zimmer oder auf der Gasse von uns gehen, schon +die Thür in der Hand, schon Abschied genommen haben; daß +es eine unartige Gewohnheit sey, immer etwas zwischen den +Fingern oder im Munde zu führen, das man zerdrückt und spielend +zernichtet, es sey brauchbar oder nicht, gehöre uns oder +Andern; daß man erst um Erlaubniß fragen müsse, wenn man +in Gegenwart fremder Personen Briefe lesen, oder andere Geschäfte<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> +von der Art treiben will; daß es anständig sey, wenn +man jemand im Vorbeigehen grüßen will, den Hut auf <em class="gesperrt">der</em> +Seite abzuziehen, wo der Fremde <em class="gesperrt">nicht</em> geht, damit man ihn +nicht damit berühre, und sein Gesicht nicht vor ihm verberge; +daß man, wenn man jemand etwas darreicht, es, in so fern +dieß zu ändern steht, nicht mit der bloßen Hand hingeben müsse; +daß es sich nicht schicke, in Gesellschaften in's Ohr zu flüstern, +bei Tafel krumm zu sitzen, unanständige Gebehrden zu machen, +noch zu leiden, daß ein Frauenzimmer, oder jemand, der vornehmer +ist als wir, von einer Speise, die vor uns steht, vorlege; +daß es unartig sey, in Gesellschaften jemandem einen unschuldigen +Spaß zu verderben, z. B. wenn er Kartenkünste zeigt, +seine Kunst zu enthüllen. Leuten von gewissem Stande und einer +nicht ganz gemeinen Erziehung ist das in der ersten Jugend +schon eingeprägt worden; nur erinnere ich, daß diese kleinen +Dinge in mancher Leute Augen <em class="gesperrt">große</em> Dinge sind, und daß +oft unsre zeitliche Wohlfahrt in solcher Leute Händen ist.</p> + +<h4>50.</h4> + +<p>Es gibt noch andre kleine gesellschaftliche Unschicklichkeiten +und Inconsequenzen, die man vermeiden, und wobei man immer +überlegen muß, was daraus werden würde, wenn Jeder +von den Anwesenden sich dieselbe Freiheit erlauben wollte; zum +Beispiel: in Concerten plaudern; hinter eines Andern Rücken +einem Freunde etwas zuflüstern, oder ihm Winke geben, die +Jener auf sich deuten kann; lächerlich schlecht tanzen, oder ein +Instrument elend spielen, sich dennoch damit sehen und hören +lassen, und dadurch die Anwesenden zum Spotte und zum Gähnen +reitzen; bei dem Tanze zugleich die Melodie mit singen; in +Schauspielen so hintreten, daß man Andern die Aussicht raubt; +in jeder Versammlung so spät erscheinen, daß man keinen Nachfolger +mehr hat, und doch der Erste seyn, der sie verläßt, oder +länger verweilen, als alle übrigen Mitglieder der Gesellschaft. +Willst Du gern gesehen seyn, so vermeide alle diese Unschicklichkeiten +mit Sorgfalt, und willst Du ein edler Mensch, nicht +bloß ein guter Gesellschafter werden, so vermeide sie nicht um +der Menschen willen, sondern weil Du dieß Deinem eigenen +Herzen schuldig zu seyn glaubst, und weil Du nicht bloß <em class="gesperrt">klug</em>, +sondern auch <em class="gesperrt">gut</em> seyn möchtest. In eben dieser Hinsicht befolge +auch noch diese Vorschriften: Du sollst nicht dem Lesenden oder<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> +Schreibenden auf die Finger sehen, und nicht allein in einem +fremden Zimmer bleiben, in welchem Schriften oder Gelder herumliegen. +Ferner: wenn zwei Personen, die vor Dir hergehen, +leise mit einander reden, ohne Deiner gewahr zu werden, so +will die Bescheidenheit und die Klugheit, daß Du ihnen durch +Geräusch Deine Nähe zu erkennen gebest, um Dich von allem +Verdachte, als wenn Du sie beschleichen wolltest, und von aller +Verlegenheit zu befreien. So klein dergleichen Aufmerksamkeiten +scheinen, so machen sie doch den Umgang angenehm und werden +Bildungsmittel für Geist und Herz, wenn man sie als solche +<em class="gesperrt">ansieht</em> und <em class="gesperrt">benutzt</em>, sind aber auch, wenn man sie nicht von +dieser Seite betrachtet, weiter nichts, als Schleifsteine für die +äussere Politur.</p> + +<h4>51.</h4> + +<p>Oft sind wir in dem Falle, daß uns durch Gespräche Langeweile +gemacht wird. Vernunft, Vorsichtigkeit und Menschenliebe +gebieten uns dann, wenn nun einmal nicht auszuweichen +ist, Geduld zu fassen, und nicht durch beleidigendes Betragen +unsern Ueberdruß zu erkennen zu geben. Man kann ja, je seelenloser +das Gespräch und je geschwätziger der Mann ist, um +desto freier nebenher an andre Dinge denken; und wäre auch +das nicht — ei nun! es geht im menschlichen Leben so manche +verträumte Stunde verloren! Ist man denn nicht einige Aufopferung +der Gesellschaft schuldig, mit welcher man umgeht? — +Und geschieht es nicht vielleicht zuweilen, daß auch wir dagegen, +so groß auch die Meinung seyn mag, die wir von der +Wichtigkeit unsrer Gespräche haben, dennoch durch unsre Redseligkeit +Andern Langeweile machen? Auch gibt es hier noch einen +Ausweg. Man sucht dem Redseligen eine Pause abzugewinnen, +oder wirft unaufhörlich Fragen, Einwürfe und Bedenklichkeiten +zwischen seine Rede, oder nöthigt ihn durch eine geschickte Wendung, +manches zu überspringen, was er noch einschieben wollte, +oder bringt ihn durch eine unerwartete Frage plötzlich auf ein +anderes, nicht so ergiebiges Thema.</p> + +<h4>52.</h4> + +<p>Gewissen Leuten ist eine Leichtigkeit im Umgange, und die +Gabe, geschwind Bekanntschaften zu machen, und Zuneigung +zu gewinnen, wie angeboren; Andern hingegen hängt von Jugend +auf eine gewisse Blödigkeit und Schüchternheit an, die sie<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> +nicht abzulegen vermögen, wenn sie gleich täglich fremde Leute +aller Art um sich sehen. Diese Blödigkeit ist freilich sehr oft die +Folge einer fehlerhaften Erziehung, so wie auch zuweilen die +Wirkung einer heimlichen Eitelkeit, die in Verlegenheit geräth, +aus Furcht, sich in Schatten zu stellen, übersehen zu werden, +und nicht zu glänzen. Manchen Menschen aber scheint diese +Schüchternheit gegen ganz fremde Leute wirklich von Natur eigen +zu seyn, und alle Mühe, welche sie sich geben, sie zu besiegen, +ist verloren. Ein regierender Fürst, einer der edelsten und +verständigsten Männer, die ich kenne, und der auch wahrlich +seines Aeussern wegen sich nicht zu schämen noch zu fürchten +braucht, nachtheilige Eindrücke zu machen, hat mich versichert, +daß, obgleich ihn sein Stand von Kindheit an in die Lage gesetzt +habe, täglich große Cirkel und viele fremde Gesichter zu +sehn, er dennoch an keinem Tage in sein Vorzimmer trete, wo +der versammelte Hof seiner wartet, ohne aus Verlegenheit auf +einen Augenblick fast blind zu werden. Uebrigens hört bei diesem +liebenswürdigen Herrn, sobald er sich ein wenig erholt hat, +die Schüchternheit auf, und dann redet er freundlich und offen +mit jedermann, und sagt bessre Dinge, als gewöhnlich Fürsten, +bei solchen Gelegenheiten, über Wetter, böse Wege, Pferde und +Hunde zu sagen wissen.</p> + +<p>Eine gewisse Leichtigkeit im Umgange also, die Gabe, sich +gleich bei der ersten Bekanntschaft vortheilhaft darzustellen, mit +Menschen aller Art zwanglos ein Gespräch anzuknüpfen, und +bald zu merken, wen man vor sich hat, und was man mit Jedem +reden könne und müsse: das sind Eigenschaften, die man +zu erwerben und auszubilden trachten soll. Doch müsse dieß nie +in jene, den Abentheurern so eigne Unverschämtheit und Zudringlichkeit +ausarten, die oft, in weniger als einer Stunde +Frist, einer ganz fremden Tischgesellschaft im Wirthshause ihre +Lebensläufe abgefragt, und dagegen den ihrigen erzählt, Dienste +und Freundschaft angeboten, und Dienste, Verwendung und +Hülfe für sich erbeten haben. Die Hauptsache kommt immer +darauf an, leicht in den fremden Ton einzustimmen, und nichts +auskramen, nichts geltend machen zu wollen, was in diesem +Kreise nicht verstanden oder nicht geschätzt wird, sich auch nicht +gar zu sehr dadurch niederschlagen zu lassen, daß die ersten Versuche, +die Unterhaltung in Gang zu bringen, unglücklich abgelaufen +sind.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span></p> + +<h4>53.</h4> + +<p>Man vermeide also auch, in alle Cirkel große Forderungen +und Erwartungen mitzunehmen, allen Menschen alles allein +seyn, mit aller Gewalt glänzen, und Aufmerksamkeit erregen +zu wollen; zu verlangen, daß aller Menschen Augen nur auf +uns gerichtet, ihre Ohren nur für uns gespitzt seyen; denn sonst +werden wir freilich uns aller Orten zurückgesetzt glauben, eine +traurige Rolle spielen, uns und Andern Langeweile machen, +menschenscheu und bitter die Gesellschaft fliehn, und von ihr geflohen +werden. Ich kenne viele Leute von der Art, die durchaus, +wenn sie sich in vortheilhaftem Lichte zeigen sollen, der Mittelpunkt +seyn müssen, um welchen sich alles dreht, so wie überhaupt +manche Menschen im gemeinen Leben niemand neben sich +vertragen, der mit ihnen verglichen werden könnte. Sie handeln +vortrefflich, groß, edel, nützlich, wohlthätig, geistreich, +sobald sie es allein sind, an die man sich wendet, von denen +man bittet, erwartet, hofft; aber klein, niedrig, rachsüchtig +und schwach, sobald sie in Reihe und Gliedern stehen sollen, +und zerstören jedes Gebäude, wozu sie nicht den Plan gemacht, +oder wenigstens die Kranz-Rede gehalten haben; ja, selbst ihr +eignes Gebäude, sobald nur ein Andrer eine kleine Verzierung +daran angebracht hat. Dies ist eine unglückliche, ungesellige +Gemüthsart. Ueberhaupt rathe ich, um glücklich zu leben, und +Andre glücklich zu machen, in dieser Welt so wenig als möglich +zu erwarten und zu fordern.</p> + +<h4>54.</h4> + +<p>So viel über den Anstand, über schickliche Manieren, und +über die Höflichkeit im äussern Betragen, über Bescheidenheit +und Mäßigung; und nun noch etwas über die <em class="gesperrt">Kleidung</em>. +Kleide Dich nicht <em class="gesperrt">unter</em> und nicht <em class="gesperrt">über</em> Deinen Stand, nicht +<em class="gesperrt">über</em> und nicht <em class="gesperrt">unter</em> Dein Vermögen, nicht phantastisch, +nicht bunt, nicht ohne Noth prächtig, noch glänzend, noch kostbar; +aber reinlich, geschmackvoll, und, wo Du Aufwand machen +mußt, da sey Dein Aufwand zugleich ächt und schön! +Zeichne Dich weder durch altväterische, noch jede neumodische +Thorheit nachahmende Kleidung aus! Wende eine größere Aufmerksamkeit +auf Deinen Anzug, wenn Du in der großen Welt +erscheinen willst! Man ist in Gesellschaft verstimmt, sobald man +sich bewußt ist, in einer unangenehmen Ausstaffirung aufzutreten.<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> +Trage nie geliehene Sachen! Das hat von mehr als Einer +Seite nachtheiligen Einfluß auf den Charakter.</p> + +<h4>55.</h4> + +<p>Wenn die Frage entsteht: ob es gut sey, viel oder wenig in +Gesellschaft zu erscheinen; so muß die Beantwortung derselben +freilich, nach den verschiedenen einzelnen Lagen, Bedürfnissen +und nach unzähligen kleinen Umständen und Rücksichten, bei +jedem Menschen anders ausfallen. Im Ganzen aber kann man +den Satz zur Richtschnur annehmen: daß man sich nicht aufdringen, +die Leute nicht überlaufen solle, und daß es besser sey, +wenn man es einmal nicht allen Menschen recht machen kann, +daß gefragt werde, warum wir so selten, als geklagt, daß wir +zu oft und an allen Orten erscheinen, wo Unterhaltung zu erwarten +ist. Es gibt einen feinen Sinn für die Pflege und Erweiterung +des Umgangs (wenn uns nicht übertriebne Eitelkeit +und Selbstsucht die Augen blenden), einen Sinn, der uns sagt, +ob wir gerngesehn, oder überlästig sind, ob es Zeit ist, fortzugehn, +oder ob wir noch verweilen sollen. Aus der Art, wie uns +von Kindern und Domestiken in einem Hause begegnet wird, +pflegt man am leichtesten zu merken, wie die Herrschaften oder +Eltern gegen uns gestimmt sind.</p> + +<p>Uebrigens rathe ich, wenn man sich so weit in seiner Gewalt +haben kann, mit so wenig Leuten, als möglich, <em class="gesperrt">vertraulich</em> +zu werden, nur einen kleinen Cirkel von <em class="gesperrt">Freunden</em> zu haben, +und diesen nur mit äusserster Vorsicht zu erweitern. Gar zu leicht +mißbrauchen und vernachlässigen uns die Menschen, sobald wir +mit ihnen in einem vollkommen vertraulichen Tone umgehen. +Um angenehm zu leben, muß man fast immer ein <em class="gesperrt">Fremder</em> +unter den Leuten bleiben. Dann wird man geschont, geehrt, +aufgesucht. — Deswegen ist das Leben in großen Städten so +schön, wo man alle Tage andre Menschen sehen kann. Für +einen Mann, der sonst nicht schüchtern ist, ist es ein Vergnügen, +unter <em class="gesperrt">Unbekannten</em> zu sitzen. Da hört man, was man +sonst nicht hören würde; man wird nicht behorcht und belauscht, +und kann in der Stille beobachten.</p> + +<h4>56.</h4> + +<p>Uebrigens rathe ich auch an, um seiner selbst und um Andrer +willen, ja nicht zu glauben, es sey irgend eine Gesellschaft so +ganz schlecht, das Gespräch irgend eines Mannes so ganz unbedeutend,<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> +daß man nicht daraus etwas lernen, eine neue Erfahrung, +einen Stoff zum Nachdenken sammeln könnte. Aber man +soll nicht aller Orten Gelehrsamkeit, feine Cultur fordern, sondern +sich an gesundem Hausverstand und geradem Sinn genügen +lassen, daran den eigenen beleben und stärken, und sich einmal +wieder auf den Weg der Natur leiten lassen, sich auch eben darum +unter Menschen von allerlei Ständen mischen: so lernt man zugleich +nach und nach den Ton und die Stimmung annehmen, +die nach Zeit und Umständen erfordert werden, und überzeugt +sich, daß auch in den niederen Ständen Witz, Verstand und +Scharfsinn zu finden sey. Aber diese Ueberzeugung ist sehr heilsam +zur Dämpfung eines gewissen Stolzes, der sich so leicht der +Gebildeten bemächtigt, und sie ungerecht gegen Ungebildete macht. +Auch für die Erweiterung der Sprachkunde ist ein solcher Umgang +mit Menschen aus den verschiedensten Ständen und von +den verschiedensten Bildungsstufen höchst wirksam und ergiebig, +und gewährt manchen großen Genuß, besonders durch die erweiterte +Kenntniß sprichwörtlicher Redensarten, in welchen oft +so viel Witz und Kraft verborgen liegt.</p> + +<h4>57.</h4> + +<p>Mit wem aber soll man am mehrsten umgehn? Natürlicher +Weise läßt sich auch diese Frage nur nach eines Jeden besondrer +Lage beantworten. Hat man die Wahl (und wirklich hat man +diese auch öfter, als man glaubt), so wähle man sich die Weisern +zu seinem Umgange; Leute, von denen man lernen kann, +die nicht schmeicheln, nicht gar zu überlegen an Kenntnissen und +Fähigkeiten sind, aber doch uns übersehen, die in Kreisen tanzen, +so oft ihr hoher Genius seine Zauberruthe schwingt. Den +Meisten aber scheint es genußreicher, untergeordnete Geister um +sich her zu versammeln. Aber diese bleiben auch immer, was +und wie sie sind, kommen nie weiter in Weisheit und Tugend. +Es gibt zwar Lagen, in welchen es nützlich und lehrreich ist, +sich unter Menschen von allerlei Fähigkeiten zu mischen, ja, wo +es auch Pflicht ist, nicht bloß mit Leuten umzugehn, von denen +<em class="gesperrt">wir</em>, sondern auch mit solchen, die <em class="gesperrt">von uns</em> lernen können, +und die ein Recht haben, dieß zu fordern. Diese Gefälligkeit +aber darf nie so weit gehen, daß die Rechenschaft, die wir einst +von unsrer goldnen Zeit, und von der Obliegenheit, uns zu vervollkommnen, +geben sollen, dabei Gefahr laufe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p> + +<h4>58.</h4> + +<p>Es ist oft eine höchst sonderbare Sache um den Ton, der in +Gesellschaften herrscht. Vorurtheil, Eitelkeit, Schlendrian, Autorität, +Nachahmungssucht, und wer weiß, was sonst noch, +stimmen diesen Ton so, daß zuweilen Menschen, die an einem +Orte zusammen leben, Jahr aus, Jahr ein, sich auf eine Weise +versammeln, unterhalten, Dinge mit einander treiben, und über +Gegenstände reden, die Allen zusammen und jedem Einzelnen +unendliche Langeweile machen. Dennoch glauben sie, sich den +Zwang anthun zu müssen, diese Lebensart also fortzuführen. +Gewährt wohl die Unterhaltung in den mehresten großen Cirkeln +einem Einzigen von den da Versammelten wahres Vergnügen? +Spielen unter funfzig Personen, die jeden Abend die Karten in +die Hand nehmen, wohl zehn aus wahrer Neigung? Um desto +erbärmlicher ist es, wenn freie Menschen in kleinern Oertern, +oder gar auf Dörfern, die zwanglos leben könnten, um den +Ton der Residenzen nachzuahmen, sich eben so peinlich unter +das Joch dieser Langeweile krümmen. Hat man Gewicht bei +seinen Mitbürgern und Nachbarn, so ist es Pflicht, alles dazu +beizutragen, den Ton vernünftiger zu stimmen. Ist das aber +nicht der Fall, und man geräth einzeln in einen solchen Cirkel, +so vermehre man nicht, durch ein schiefes, stummes, oder mürrisches +Betragen, unter den Anwesenden und dem Hauswirthe +die Verlegenheit, es vor einander zu verbergen, daß sie sich +sämmtlich weit von da weg wünschten; sondern man zeige sich +vielmehr als einen Meister in der Kunst, viel zu reden, ohne +etwas zu sagen, und erwerbe sich wenigstens das Verdienst, den +Zeitraum mit unschuldiger Unterhaltung auszufüllen, wovon +ausserdem gewöhnlich die Verläumdung Besitz nimmt!</p> + +<p>In volkreichen, großen Städten kann man am unbemerktesten, +und ganz nach seiner Neigung leben. Da fallen eine +Menge kleiner Rücksichten weg; man wird nicht ausgespäht, +controllirt, beobachtet; es laufen nicht so aus Mund in Mund +die interessanten Nachrichten: wie vielmal in der Woche ich +Braten esse; ob ich oft oder selten ausgehe, und wohin; wer zu +mir kömmt; wie stark der Lohn ist, den ich meiner Köchin gebe, +und ob ich kürzlich mit ihr geschmählt habe? Meine Kleidung +wird nicht gemustert; man fragt nicht in jedem Krämer-Hause +meine Magd, wenn sie für vier Pfennige Pfeffer holt, für wen<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> +der Pfeffer ist, und wozu der Pfeffer gebraucht werden soll? +Eine unbedeutende Anekdote beschäftigt da nicht sechs Wochen +lang alle Zungen; man wandelt unbemerkt, friedenvoll und +ungeneckt durch den großen Haufen hin, besorgt seine Geschäfte, +und wählt sich eine Lebensart, wie man sie für zweckmäßig hält. +In kleinen Städten ist man verurtheilt, mit einer Anzahl, oft +sehr langweiliger Magnaten, in strenger Abrechnung von Besuchen +und Gegenbesuchen zu stehn, die gewöhnlich gleich nach +dem Mittagstische ihren Anfang nehmen, und bis zu der Bürgerglocke, +das heißt, bis zehn Uhr Abends, fortdauern, während +welcher Zeit die Unterhaltung gewöhnlich den König von +Preussen, die Franzosen und Engländer, den Kaiser, andre hohe +Potentaten, und was der Hamburger Correspondent von ihnen +meldet, zum Gegenstande hat. Das ist nun freilich erschrecklich; +doch gibt es auch Mittel, dort den Ton des Umgangs nach und +nach zu verfeinern, oder das schwache Publikum daran zu gewöhnen, +nachdem es ein Vierteljahr hindurch über uns gelästert +hat, uns endlich auf unsre Weise leben zu lassen, wenn man +sich übrigens redlich, menschenfreundlich, dienstfertig und gesellig +beträgt. Am übelsten aber pflegt man in den mittlern Städten +daran zu seyn, sowohl in den freien Städten, wo der Handel +die Achse ist, um die sich alles dreht, als in unbeträchtlichen +Residenzen. Da herrschen gewöhnlich, neben einem übertriebnen +Luxus, und solchen sittlichen Verderbnissen, die mit der Ausartung +in den größten Städten wetteifern, noch obenein alle Gebrechen +kleiner Städte, Klatschereien, Anhänglichkeit an Schlendrian, +an Gewohnheiten und Familien-Verbindungen, die abgeschmacktesten +Forderungen und die lächerliche Classificirung der +Stände. So habe ich eine Stadt gesehn, in welcher ein Mann, +durch seine kürzlich erhaltene Bedienung, die ehemals dort nicht +existirt hatte, so sehr von allen übrigen, einmal bestimmten +Rangordnungen abgesondert war, daß er, wie ein Elephant in +einer Menagerie, immer für sich allein spatzieren gehn mußte, +ohne seines Gleichen, weder einen Gesellschafter, noch eine Gefährtin +finden zu können. Da nun aber in den wenigsten Städten +von Teutschland eine glückliche Stimmung angetroffen wird, +so muß man lernen, sich in die herrschenden Sitten zu fügen; +und nichts kann unvernünftiger, und für den Eiferer selbst von +nachtheiligeren Folgen seyn, als wenn ein Einzelner, der nicht<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> +besonders in Ansehen steht, auftreten, und seine Vaterstadt reformiren +will. Nirgends kömmt indessen ein solcher Declamator +übler an, als in den freien Städten, wo alte Sitte und Schlendrian +innig verwebt sind in die Regierungsform und in alle +übrige Verhältnisse. Hier hat indeß die neueste Zeit mit ihren +Erschütterungen und den hunderttausend kostbaren Lehrmeistern, +die sie in glänzenden Uniformen und mit großem Ansehen ausgerüstet +in Teutschlands Staaten und Städte sandte, eine sehr +bedeutende, doch nicht immer heilsame Veränderung hervorgebracht.</p> + +<p>In Dörfern und auf seinem Landgute lebt man in der That +am ungezwungensten; und für jemand, der Lust hat, sich zu +beschäftigen, und zum Besten Andrer etwas beizutragen, findet +sich da mannigfaltige Gelegenheit, indem man an dem nützlichsten, +zu sehr niedergedrückten und vernachlässigten Stande zum +Wohlthäter werden kann; allein die geselligen Freuden sind auf +dem Lande nicht so leicht zu erlangen, und nicht so rein zu genießen. +In Augenblicken, wo man gerade das Bedürfniß fühlt, +seine Arme nach einem treuen Freunde auszustrecken, ist dieser +Freund vielleicht meilenweit von uns entfernt; oder man müßte +reich genug seyn, einen ganzen Hofstaat von Freunden um sich +her zu versammeln; aber auch das hat seine üble Seite; und +sehr reiche Leute fühlen ja ohnehin selten dies Bedürfniß. Um +also hier glücklich und vergnügt leben zu können, ohne gerade +ausgezeichnet wohlhabend zu seyn, muß man die Kunst verstehen, +das Gute aus dem Umgange der Menschen, die man bei +sich haben kann, zu schmecken und zu erkennen, der einfachen +Freuden nicht müde zu werden, damit zu geizen, und ihnen auf +erfindungsreiche Art Mannigfaltigkeit zu geben. Weil man auf +dem Lande seine Frau, seine Kinder und seine Hausfreunde vom +Morgen bis zum Abend ununterbrochen um sich zu sehen pflegt, +so entsteht leicht Ueberdruß, Leere im Umgange. Dieß kann +durch einen Vorrath guter Bücher, die neuen Stoff zur Unterhaltung +geben, durch interessanten Briefwechsel mit abwesenden +Freunden, und durch weise Eintheilung der Zeit, indem man +manche Tagesfristen einsam in seinem Zimmer zubringt, gehoben +werden; und nichts ist süßer auf dem Lande, als wenn, +nach einem nützlich verlebten Tage, wo Jeder für sich seine Geschäfte +emsig und treulich besorgt hat, des Abends sich der kleine<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> +Cirkel zum Spatziergange, muntern Scherze und zwanglosen +Gespräche sammelt. Es gibt selbst Prinzen, die diesen Genuß +kennen, und ich habe einst, am Fuße der vogesischen Gebirge, +einige Wochen an dem Hofe eines guten und klugen Fürsten auf +diese Art sehr glücklich hingebracht.</p> + +<p>Nichts aber ist trauriger, und doch häufiger zu finden, als +wenn Menschen, die in kleinen Städten, oder gar auf dem +platten Lande, täglich mit einander umgehen müssen, in ewigem +Zwiste mit einander leben, und dabei doch nicht reich genug +sind, sich eine besondre Existenz zu schaffen. Sie bereiten +sich eine Hölle auf Erden. Nirgends also ist es so wichtig, als +an solchen Orten, in Eintracht mit denen zu leben, die man +weder entbehren, noch vermeiden kann, und darum mit edler +Selbstverleugnung zu ertragen und zu vergeben, was die Kleinstädterei +zu tragen und zu vergeben gibt, und allezeit schonend, +nachsichtig, geschmeidig, vorsichtig, klug und mit einer Art von +Coketterie im Umgange zu verfahren, um Mißverständnissen, +Ekel und Ueberdrusse vorzubauen. Aber auch nirgends hat man +Ursache, vorsichtiger im Reden und Handeln zu seyn, als in +kleinen Städten, und da, wo ein kleinstädtischer Ton herrscht, +weil da die Menschen aus Mangel an Zerstreuung beständig auf +den lieben Nächsten lauern, und wenn gleich sonst sehr kurzsichtig, +doch die scharfsichtigsten sind, wenn es darauf ankommt, +den Splitter in des Bruders Auge zu erspähen, und die beredtesten, +um den Splitter als einen Balken darzustellen. Sie sind +oft eben so sehr zu bemitleiden, als zu verachten, weil sie, von +langer Weile gepeitscht, nach Allem greifen, was ihnen auch +nur eine kurze Rettung von diesem Unholde verspricht, und nichts +andres zu thun wissen, als alles nachzuplaudern und sich um +fremde Händel zu bekümmern.</p> + +<h4>59.</h4> + +<p>In fremden Städten und Ländern ist Vorsichtigkeit im Umgange +zu empfehlen, und das in manchem Betrachte. Wir mögen +nun dort Unterricht und Belehrung, oder ökonomische und +politische Vortheile, oder bloß Vergnügen suchen: so ist es sehr +nothwendig, gewisse Rücksichten nicht zu verachten. Im ersten +Falle, nämlich wenn wir reisen, um uns zu unterrichten, versteht +sich's vor allen Dingen von selber, daß wir wohl überlegen, +in welchem Lande wir sind, und ob man da ohne Gefahr<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> +und Verdruß von Allem reden und nach Allem fragen dürfe. Es +gibt leider! auch in Teutschland Staaten, in welchen die Regierungen +es nicht gern sehen, und es scharf ahnden, wenn gewisse +Werke der Finsterniß an das Tageslicht gezogen werden. +Da ist Behutsamkeit nöthig, sowohl in Gesprächen und Nachforschungen, +als in der Wahl der Menschen, mit denen man +sich einläßt, und denen man sich anvertraut. Uebrigens muß +ich auch hier erinnern, daß sehr wenig Reisende eigentlich Beruf +haben, sich um die innere Verfassung fremder Länder zu bekümmern; +allein thörichte Neugier, Vorwitz, oder unruhiger Thätigkeitstrieb, +jagt jetzt haufenweise die Menschen hinaus, um in +fremden Gasthöfen, Posthäusern, Clubbs, und in den Schwitzkammern +hypochondrischer Gelehrten, unsichere Anekdoten zu einem +Werkchen zu sammeln, indeß sie daheim noch unendlich viel +zu wirken und zu lernen gefunden haben würden, wenn es ihnen +um ihr und Andrer Wohl ernstlich zu thun wäre.</p> + +<p>Daß diese Vorsicht verdoppelt werden müsse, sobald man an +einem fremden Orte für sich etwas zu suchen oder zu fordern hat, +versteht sich wohl von selber. Da alsdann manches Auge auf +uns gerichtet ist, so müssen wir den Umgang mit Leuten vermeiden, +die, unzufrieden mit der Regierung, sich so gern den +Fremden an den Hals werfen, weil sie unter ihren Mitbürgern +durch unkluge Aufführung sich einen bösen Namen gemacht, und +sich auf diese Art den Weg versperrt haben, bürgerliche Vortheile +zu erlangen, die sie aber zu verachten scheinen, wie der Fuchs +die Trauben. Diese Art Leute sucht sich dann dadurch ein wenig +zu heben, daß sie mit den Reisenden, denen sie sich in den Gasthöfen +oder auf andre Art aufdringen, durch die Gassen der Stadt +laufen, und dadurch Verbindungen in andern Ländern muthmaßen +lassen. Ein Fremder, der nur wenig Tage sich an einem +Orte aufhalten will, kann ohne Nachtheil mit diesem, mehrentheils +sehr geschwätzigen, und von lustigen und ärgerlichen Mährchen +aller Art vollgepfropften Ciceroni's nach Gefallen herumrennen, +und kein vernünftiger Mann wird ihm das verdenken. +Wer aber länger in einer Stadt verweilen, in den bessern Cirkeln +Zutritt haben, oder gar ein Geschäft zu Stande bringen +will; dem rathe ich, in der Auswahl seines Umgangs auch die +Stimme des Publikums zu ehren.</p> + +<p>Es gibt fast in jeder Stadt eine Partei solcher Unzufriedener;<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> +es sey nun mit der Regierung, oder nur mit der Gesellschaft. +Zu Diesen geselle Dich also nicht! Wähle nicht unter ihnen Deinen +Umgang! Diese Schwarzblütigen und Mißmuthigen glauben +sich nicht geehrt genug, oder sind unruhige Köpfe, Lästermäuler, +Menschen voll unvernünftiger Forderungen, ränkevolle, +oder unsittliche Leute. Da sie nun, einer dieser Ursachen wegen, +von ihren Mitbürgern geflohen werden, so suchen sie unter sich +eine Art von Bündniß zu errichten, in welches sie, wenn sie +können, verständige und wackre Männer zu ihrer Verstärkung +durch Schmeichelei hineinziehen. Laß Dich weder darauf, noch +überhaupt auf das ein, was Partei und Faction genannt werden +kann, wenn Du mit Annehmlichkeit und Sicherheit leben +willst!</p> + +<h4>60.</h4> + +<p>Briefwechsel ist schriftlicher Umgang. Fast alles, was vom +persönlichen Umgange mit Menschen gilt, leidet Anwendung auf +den Briefwechsel. Als Bildungs-, Erheiterungs- und Belebungs-Mittel +ist der Briefwechsel überaus wirksam, und oft ist +es nur dadurch möglich, mit seinen Freunden in Verbindung zu +bleiben, sich in einer gewissen Thätigkeit zu erhalten, und der +Einseitigkeit und Eintönigkeit zu entgehen. Aber auch hier ist +Mäßigung und Beschränkung die Bedingung der Wirksamkeit. +Dehne also Deinen Briefwechsel, so wie Deinen Umgang, nicht +über die Gebühr aus! Ein gar zu ausgedehnter Briefwechsel ist +zwecklos, fordert einen unverhältnißmäßigen Zeitaufwand, und +wird zu kostbar. Sey eben so vorsichtig in der Wahl derer, mit +denen Du einen <em class="gesperrt">vertrauten</em> Briefwechsel anfängst, wie in der +Wahl Deines täglichen Umgangs und Deiner Lectüre! Nimm +Dir auch vor, nie einen ganz leeren Brief zu schreiben, in welchem +nicht wenigstens etwas stünde, das dem, an welchen er +gerichtet ist, Nutzen oder reine Freude gewähren könnte; denn +ein leerer Brief ist eine Art von Verspottung dessen, an den +man schreibt, oder wenigstens eine Täuschung, die nothwendig +den, dem sie bereitet wird, kränken, oder unwillig machen muß. +Vorsichtigkeit ist im Schreiben noch weit dringender, als im +Reden zu empfehlen; und eben so wichtig ist es, mit den Briefen, +welche man erhält, behutsam umzugehn. Man sollte es +kaum glauben, was für Verdruß, Zwist und Mißverständniß +durch Versäumniß dieser Klugheits-Regel entstehen können. Ein<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> +einziges, unvorsichtig hingeschriebenes, unauslöschliches Wort, +ein einziges, aus Unachtsamkeit liegen gebliebenes Papier, hat +manches Menschen Ruhe, und oft auf immer den Frieden einer +Familie zerstört. Brief-Klatschereien, voreilig schriftlich mitgetheilte, +ungegründete oder entstellte Nachrichten, können unendlichen +Schaden stiften, den redlichen Mann bei Tausenden verdächtig +machen und seine Nachkommen in Verlegenheit bringen.</p> + +<p>Ich kann daher nicht genug Vorsichtigkeit in Briefen und +überhaupt im Schreiben empfehlen. Noch einmal! Ein übereiltes +mündliches Wort wird wieder vergessen; aber ein geschriebenes +kann noch nach funfzig Jahren, in den Händen unvorsichtiger +oder eitler Erben, Unheil stiften.</p> + +<p>Briefe, an deren richtiger und schneller Besorgung irgend +etwas gelegen ist, muß man immer auf die gewöhnliche Weise +mit der Post, oder durch eigne Boten abgehen lassen, nie aber, +etwa zur Ersparung des Porto, sie Reisenden mitgeben, oder +sonst durch Gelegenheit, und in fremden Umschlägen fortschicken. +Man kann sich gar zu wenig auf die Pünktlichkeit der Menschen +verlassen.</p> + +<p>Lies Deine Briefe, wenn Du es ändern kannst, nicht in +Andrer Gegenwart, sondern wenn Du allein bist; sowohl, weil +es die Höflichkeit also befiehlt, als auch aus Vorsicht, um durch +Deine Mienen den Inhalt nicht zu verrathen.</p> + +<p>Es gibt Personen, besonders unter den Damen, welche die +Leute, die mit ihnen an demselben Ort leben, bei den unbedeutendsten +Veranlassungen, mit kleinen Briefen und Zetteln bestürmen, +und dadurch dem, der seine Zeit besser anwenden +könnte, seine kostbare Zeit rauben.</p> + +<h4>61.</h4> + +<p>Glaube immer, und Du wirst Dich bei diesem Glauben sehr +wohl befinden, daß die mehrsten Menschen nicht halb so gut +sind, als ihre Freunde sie schildern; und nicht halb so böse, als +ihre Feinde sie ausschreien!</p> + +<p>Beurtheile die Menschen nicht nach dem, was sie <em class="gesperrt">reden</em>, +sondern nach dem, was sie <em class="gesperrt">thun</em>! Die Meisten sind weder so +gut, noch so böse, als sie nach ihren Reden zu seyn scheinen, +und Du mußt sie in allerlei Lagen beobachten, wenn Du ihren +wahren Werth erforschen willst. Aber wähle zu Deinen Beobachtungen<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> +solche Augenblicke, in welchen sie von Dir unbemerkt +zu seyn glauben. Richte Deine Achtsamkeit auf die kleinen Züge, +nicht auf die Haupt-Handlungen, zu denen Jeder sich in seinen +Staatsrock steckt. Gib Acht auf die Laune, die ein gesunder +Mann beim Erwachen vom Schlafe, auf die Stimmung, die +er hat, wenn er des Morgens, wo Leib und Seele im Nachtkleide +erscheinen, aus dem Schlafe geweckt wird; — auf das, +was er vorzüglich gern ißt und trinkt: ob sehr materielle, einfache, +oder sehr feine, gewürzte, zusammengesetzte Speisen; auf +seinen Gang und Anstand; ob er lieber allein seinen Weg geht, +oder sich immer an eines Andern Arm hängt; ob er in einer +geraden Linie fortschreiten kann, oder seines Neben-Gängers +Weg durchkreuzt, oft an Andre stößt, und ihnen auf die Füße +tritt; ob er durchaus keinen Schritt allein thun, sondern stets +Gesellschaft haben, immer sich an Andre anschließen, auch um +die geringsten Kleinigkeiten erst Rath fragen, sich erkundigen +will, wie es sein Nachbar, sein College macht; ob er offne Thüren, +offne Fenster, helles Licht, lautes und deutliches Reden +liebt, oder nicht; ob er gern Andern in die Rede fällt, niemand +zu Worte kommen läßt; ob er gern geheimnißvoll thut, die Leute +auf die Seite ruft, um ihnen gemeine Dinge in das Ohr zu sagen; +ob er gern in allem entscheidet, und so ferner. Auch die +Handschriften der Leute tragen mehrentheils den Stempel ihres +Charakters. Alle Kinder, mit deren Erziehung ich beschäftigt +gewesen bin, haben nach meiner Hand das Schreiben gelernt; +allein, so wie sich nach und nach ihre Gemüthsarten entwickelten, +brachte jedes von ihnen seine eignen Züge hinein. Beim +ersten Anblicke schienen sie Alle einerlei Hand zu schreiben; wer +aber genauer Acht gab, und sie kannte, fand in der Manier des +Einen Trägheit, bei Andern Kleinlichkeit, oder Unbestimmtheit, +Flüchtigkeit, Festigkeit, Verschrobenheit, Ordnungsgeist, oder +irgend eine andre Eigenthümlichkeit. — Fasse alle diese Wahrnehmungen +zusammen, nur sey nicht so unbillig, nach einzelnen +solchen Zügen den ganzen Charakter zu richten!</p> + +<p>Sey nicht zu parteiisch für Menschen, die Dir freundlicher +begegnen, als Andre, und schließe nicht zu schnell daraus, daß +sie Dir mit besonderer Theilnahme ergeben sind. Untersuche zuvor, +ob sie vielleicht gerade in dem Falle sind, Dich auf irgend +eine Art zu ihrem Vortheil brauchen zu können, oder ob Du<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> +ihnen etwa mit besonderer Gefälligkeit entgegen gekommen bist, +oder ihnen etwas Schmeichelhaftes gesagt hast.</p> + +<p>Baue nicht eher fest auf treue, immer sich bewährende Liebe +und Freundschaft, als bis Du solche Proben gesehen hast, die +<em class="gesperrt">Aufopferung</em> kosten! Die mehrsten Menschen, die uns so +herzlich ergeben scheinen, treten zurück, sobald es darauf ankömmt, +ihren Lieblings-Neigungen zu unserm Vortheile zu entsagen. +Darauf ist also Rücksicht zu nehmen, wenn man wissen +will, was ein Mensch uns werth ist. Es ist keine Kunst, alles +zu leisten, was man nur wünschen mag, das Einzige ausgenommen, +was Ueberwindung kostet.</p> + +<h4>62.</h4> + +<p>Alle diese allgemeinen, sodann die folgenden besondern Regeln, +und viel mehrere noch, die ich, um mein Werk nicht über +Gebühr auszudehnen, der eigenen Einsicht der Leser überlasse, +zielen dahin, den Umgang leicht und angenehm zu machen, und +das gesellige Leben zu erleichtern. Es kann aber Mancher seine +besondern Gründe haben, warum er sich über einige derselben +hinaussetzen will, und da ist es denn freilich sehr billig, Jedem zu +erlauben, auf seine eigne Art seine Ruhe zu befördern. Dringen +wir niemand unsre Specifica auf! Wer weder die Gunst der +Großen sucht, noch allgemeines Lob, noch glänzenden Ruhm, +noch Beifall verlangt; wer, seiner politischen und ökonomischen +Lage, oder andrer Rücksichten wegen, nicht Ursache hat, den +Cirkel seiner Bekanntschaft zu erweitern; wer Alters oder +Schwächlichkeit halber den Umgang flieht, der bedarf keiner +Regeln des Umgangs. Lasset uns daher so billig seyn, von niemand +zu fordern, daß er sich nach unsern Sitten richte, sondern +jedermann seinen Gang gehn; denn da jedes Menschen Glückseligkeit +in seinen Begriffen von Glückseligkeit beruht; so ist es +grausam, irgend Einen zwingen zu wollen, wider seinen Willen +auf eine ihm nicht zusagende Weise glücklich zu seyn. Es ist oft +lustig anzusehn, wie ein Haufen leerer Köpfe sich über einen sehr +verständigen Mann aufhält, der keinen Beruf fühlt, oder nicht +aufgelegt ist, den Ton ihrer Gesellschaft anzunehmen, sondern, +mit einer abgesonderten Existenz sehr wohl zufrieden, seine theure +Zeit nicht jedem Narren preisgeben will. Wenn wir nicht gerade +Sclaven der Gesellschaft seyn wollen, so nehmen das die +müßigen Leute, die nichts Besseres zu thun wissen, als aus dem<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> +Bette vor den Spiegel, von da an Tafel, von da an den Spieltisch, +von da wieder an Tafel, und von da endlich in das Bett +zu wandern, sehr übel, daß wir nicht wie sie leben, der Geselligkeit +nicht höhere Pflichten aufopfern wollen — das ist eine +Unart, deren man sich enthalten soll. Es heißt nicht, sich absondern, +wenn man zu Hause bleibt, um zu thun, was man +<em class="gesperrt">thun soll</em>, und wovon man Rechenschaft geben muß.</p> + +<h4>63.</h4> + +<p>Und nun weiter, zu den <em class="gesperrt">besondern Umgangs-Regeln</em> — +doch vorher noch eine Erinnerung! Wenn ich allein, oder auch +nur vorzüglich, für Frauenzimmer schriebe, so würde ich eine +Menge der schon gegebenen und noch folgenden Vorschriften, +theils gänzlich übergehen, theils modificiren, theils andre an +deren Stelle setzen müssen, die alsdann für Männer weniger +brauchbar wären. — Das ist indessen nicht der Zweck meines +Buchs. Weise Frauenzimmer allein können den Personen ihres +Geschlechts die besten Lehren über ihr Betragen im gesellschaftlichen +Leben ertheilen; das ist eine Arbeit, die Männern nicht +gelingen würde. Findet jedoch das schöne Geschlecht auch etwas +für sich Brauchbares in diesen Blättern: so wird das meine Zufriedenheit +über mein eignes Werk sehr vermehren. Uebrigens +haben Frauenzimmer in ihrem Umgange in der That Rücksichten +zu nehmen, die bei uns gänzlich wegfallen. Sie hängen +viel mehr vom äussern Rufe ab, dürfen nicht so zuvorkommend +im Umgange seyn, müssen sich im Ganzen mehr leidend verhalten, +und eine Art von scheuer Zurückhaltung beobachten, und +kommen selten oder gar nicht in die schwierigen gesellschaftlichen +Verhältnisse, in welche der Mann kommt, werden endlich auch +durch einen gewissen feinen Takt richtig geleitet, ohne der Regeln +zu bedürfen. Man verzeiht ihnen von einer Seite weniger +Unvorsichtigkeiten, und von der andern mehr Launen; ihre +Schritte werden früher wichtig für sie, indeß dem Knaben und +Jünglinge manche Unvorsichtigkeit nachgesehen wird; ihre Existenz +schränkt sich auf den häuslichen Cirkel ein, da hingegen +des Mannes Lage ihn eigentlich fester an den Staat, an die +große bürgerliche Gesellschaft knüpft. Daher gibt es Tugenden +und Laster, Handlungen und Unterlassungen, die bei dem ersten +Geschlechte von ganz andern Folgen sind, als bei dem zweiten. — +Doch über dies alles ist den Damen so viel Gutes in andern<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> +Büchern gesagt worden, daß jede weitere Ausführung dieses +Gegenstandes hier am unrechten Orte stehen würde.</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.<br> +<span class="s5a">Ueber den Umgang mit sich selbst.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Die Pflichten gegen uns selbst sind die wichtigsten und ersten, +und also ist der Umgang mit unsrer eignen Person gewiß weder +der unnützeste, noch uninteressanteste. Es ist daher nicht zu verzeihen, +wenn man sich immer unter andern Menschen umhertreibt, +über den Umgang mit Menschen seine eigne Gesellschaft +vernachlässigt, gleichsam vor sich selber zu fliehen scheint, sein +eignes Ich nicht zu erforschen und zu veredeln sucht, indem man +sich unaufhörlich in fremde Angelegenheiten mischt. Wer täglich +herumläuft, und sich von Neuigkeiten nährt, wird fremd in seinem +eignen Hause; wer immer in Zerstreuungen lebt, wird +fremd in seinem eignen Herzen, muß im Gedränge müßiger +Leute seine klägliche Langeweile zu tödten trachten, verliert endlich +alle Zuversicht zu sich selbst, und verzagt, wenn er einmal +Zerstreuungen entbehren, und eine Zeitlang mit sich selbst allein +seyn muß. Wer nur solche Cirkel sucht, in welchen seine Eitelkeit +reichliche Nahrung findet, verliert endlich so sehr den Sinn +für Wahrheit, daß er selbst die lautesten Erinnerungen seines +Gewissens überhört, oder sich vorsätzlich dagegen betäubt, indem +er sich allen Zerstreuungen des Lebens hingibt.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Hüte Dich also, Deinen nächsten und ersten Freund, Dein +eigenes Herz, so zu vernachlässigen, daß Du es öde und leer +findest, wenn Du aus seiner Tiefe Trost und Erquickung zu +schöpfen gedachtest. Ach! es kommen Augenblicke, in denen Du +Dich selbst nicht verlassen darfst, wenn Dich auch jedermann +verläßt; Augenblicke, in welchen der Umgang mit Deinem Ich +der einzige tröstliche ist. — Was wird aber in solchen Augenblicken +aus Dir werden, wenn Du mit Deinem eignen Herzen +nicht in Frieden lebst, und auch von dieser Seite aller Trost, +alle Hülfe Dir versagt wird? Und nicht bloß von dieser Seite +läufst Du Gefahr, wenn Du ein Fremdling in Deinem eigenen<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> +Herzen geworden bist, sondern auch noch von einer andern; Du +bringst es nämlich nie zu einer gründlichen Menschenkenntniß, +lernst nie, die Menschen behandeln, und ihre Schwachheiten ertragen, +wenn Du Dich selbst nicht kennst, und nicht Dein eigenes +Herz zu behandeln weißt.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Willst Du aber im Umgange mit Dir Trost, Glück und +Ruhe finden, so mußt Du eben so vorsichtig, redlich, fein und +gerecht mit Dir selber umgehn, wie mit Andern, also daß Du +Dich weder durch Mißhandlung erbitterst und niederdrückest, +noch durch Vernachlässigung zurücksetzest, noch durch Schmeichelei +verderbest.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Sorge für die Gesundheit Deines Leibes und Deiner Seele; +aber verzärtle beide nicht! Wer auf seinen Körper losstürmt, +der verschwendet ein Gut, welches oft allein hinreicht, ihn über +Menschen und Schicksal zu erheben, und ohne welches alle +Schätze der Erde eitle Bettelwaare sind. Wer aber jedes Lüftchen +fürchtet, und jede Anstrengung und Uebung seiner Glieder +scheuet: der lebt ein ängstliches, nervenloses Austern-Leben, und +versucht es vergeblich, die verrosteten Federn in den Gang zu +bringen, wenn er in den Fall kömmt, seiner natürlichen Kräfte +zu bedürfen. Wer sein Gemüth ohne Unterlaß dem Sturme der +Leidenschaften preisgibt, oder die Segel seines Geistes unaufhörlich +spannt, der läuft auf den Strand, oder muß mit durchlöchertem +Fahrzeuge nach Hause laviren, wenn grade die beste +Jahrszeit zu neuen Entdeckungen eintritt. Wer aber die Kräfte +seines Verstandes und Gedächtnisses immer schlummern läßt, +oder vor jedem kleinen Kampfe, vor jeder Art von Anstrengung +zurückbebt; der hat nicht nur wenig wahren Genuß, sondern ist +auch ohne Rettung verloren, da, wo es auf Kraft, Muth und +Entschlossenheit ankommt.</p> + +<p>Hüte Dich vor eingebildeten Leiden des Leibes und der Seele! +Laß Dich nicht gleich niederbeugen von jedem widrigen Vorfalle, +von jeder körperlichen Unbehaglichkeit! Fasse Muth! Sey getrost! +Alles in der Welt geht vorüber; alles läßt sich überwinden, +durch Standhaftigkeit; alles läßt sich vergessen, und verschmerzen, +wenn man seine Aufmerksamkeit auf einen andern +Gegenstand heftet. Dazu soll Dir die Gesellschaft die Hand bieten;<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> +sie soll Deine schmerzlichen Gefühle lindern, Deinen Gedanken +eine Richtung geben, welche Deinem Herzen wohlthue; +aber diesen Dienst kann sie Dir nur leisten, wenn Du sie <em class="gesperrt">aufsuchst</em>; +sie sucht Dich nicht auf, denn sie weiß nicht, daß Du +ihrer bedarfst. So mußt Du denn vor allem mit Dir selbst umzugehen +wissen, ehe Dir die Wohlthat des Umgangs mit Andern +zu Theil werden kann, mußt die Kraft haben, Dich in so weit +zu ermannen, daß Du den Muth hast, mit einem traurigen +oder verwundeten Herzen unter die Menschen zu treten, ohne +Deinen Schmerz sichtbar werden zu lassen.</p> + +<h4>5.</h4> + +<p>Ehre Dich selbst, wenn Du willst, daß Andre Dich ehren +sollen! Thue nichts im Verborgnen, dessen Du Dich schämen +müßtest, wenn es ein Fremder sähe! Handle, weniger Andern +zu gefallen, als um Deine eigne Achtung nicht zu verscherzen, +gut und anständig! Selbst in Deinem Aeussern, in Deiner Kleidung +halte Dir keine Nachlässigkeit zu gute, wenn Du allein +bist! Gehe nicht schmutzig, nicht zerlumpt, nicht unrechtlich, +nicht krumm, noch mit groben Manieren einher, wenn Dich +niemand beobachtet! Mißkenne Deinen eignen Werth nicht! +Verliere nie die Zuversicht zu Dir selber, laß das Bewußtseyn +Deiner Menschenwürde, das Gefühl, wenn nicht eben so weise +und geschickt, als manche Andre, zu seyn, doch weder an Eifer, +es zu werden, noch an Redlichkeit des Herzens, irgend jemand +nachzustehen, nie in Deinem Herzen ersterben. Begleitet es Dich +in die Gesellschaft, so wirst Du nie aus Schüchternheit und +Aengstlichkeit den Beitrag schuldig bleiben, den Du zur Unterhaltung +liefern sollst.</p> + +<h4>6.</h4> + +<p>Verzweifle nicht, und werde nicht mißmüthig, wenn Du +nicht die moralische oder intellectuelle Höhe erreichen kannst, auf +welcher ein Anderer steht; und sey nicht so unbillig, andre gute +Seiten an Dir zu übersehen, die Du vielleicht vor Jenen voraus +haben magst! — Und wäre das auch nicht der Fall; müssen +wir denn Alle groß seyn?</p> + +<p>Willst Du im Umgange Genuß des Lebens, und Freunde +finden, so laß Dich nicht von der Begierde blenden, den Ton +anzugeben, und in der Gesellschaft zu glänzen. Mit dieser Begierde +wirst Du überall Anstoß und Aergerniß geben und finden,<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> +und jede Auszeichnung theuer erkaufen; denn wer sich selbst erhöhet, +den erniedrigt die Gesellschaft; sie wird hart und ungerecht +gegen ihn, und zwingt ihn endlich, sie ganz aufzugeben. +Ich begreife es wohl: diese Sucht, ein großer Mann zu seyn, +ist bei dem inneren Gefühle von Kraft und wahrem Werthe +schwer abzulegen. Wenn man so unter mittelmäßigen Geschöpfen +lebt, und sieht, wie wenig diese erkennen und schätzen, was +Gutes in uns ist, wie wenig man über sie vermag, wie die elendesten +Pinsel, die alles im Schlafe erlangen, aus ihrer Herrlichkeit +herunter blicken — ja! es ist hart! — Du versuchst es in +allen Fächern: Im Staate geht es nicht; Du willst in Deinem +Hause groß seyn; aber es fehlt Dir an Gelde, an dem Beistande +Deines Weibes; Deine Laune wird von häuslichen Sorgen niedergedrückt; +und so geht dann alles den Alltagsgang; Du empfindest +tief, wie so alles in Dir zu Grunde geht; Du kannst +Dich durchaus nicht entschließen, ein Mitglied des großen Haufens +zu werden, und Dich auf der Heerstraße in schlechter Gesellschaft +herumzutreiben. — Das alles fühle ich mit Dir; allein +verliere doch darum nicht den Muth, den Glauben an Dich +selbst und an die Würde und den Adel der Menschennatur; verzweifle +darum nicht, Menschen auf Deinem Lebenswege zu finden, +die Dich wieder mit der Welt aussöhnen. Und solltest Du +sie nicht finden, könntest Du nicht eine Höhe erringen, auf welcher +Du Dir selbst genug bist, und nur des Umgangs mit den +Weisen des Alterthums und Deines Volks bedarfst? Du stehst auf +dieser Höhe, wenn Du durch Reinheit, Güte und Kraft der Gesinnung +ein Bewußtseyn Deines Werthes und Deiner Würde +gewonnen, und durch sorgsame Bildung Deines Geistes Dir +eine unerschöpfliche Quelle des Genusses eröffnet hast.</p> + +<h4>7.</h4> + +<p>Sey Dir selber ein angenehmer Gesellschafter! Mache Dir +keine Langeweile; das heißt: sey nie ganz müßig! Lerne Dich +selbst nicht zu sehr auswendig; sondern sammle aus Büchern +und Menschen neue Ideen. Man glaubt es gar nicht, welch ein +eintöniges Wesen man wird, wenn man sich immer in dem Cirkel +seiner eignen Lieblings-Begriffe herumdreht, und wie man +dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der Stirne trägt.</p> + +<p>Der langweiligste Gesellschafter für sich selbst ist man ohne +Zweifel dann, wenn man mit seinem Herzen, mit seinem Gewissen<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> +in nachtheiliger Abrechnung steht. Wer sich davon überzeugen +will, der gebe Acht auf die Verschiedenheit seiner Laune. +Wie verdrießlich, wie zerstreuet, wie sehr sich selbst zur Last ist +man nach einer Reihe zwecklos, vielleicht gar in strafbarem Genusse +hingebrachter Stunden; und wie heiter, wie froh in der +Unterhaltung mit sich selbst am Abend eines der Pflicht geweihten +Tages!</p> + +<h4>8.</h4> + +<p>Es ist aber nicht genug, daß Du Dir selbst durch Heiterkeit +und Gleichmuth, Thätigkeit und Betriebsamkeit ein lieber, angenehmer +und unterhaltender Gesellschafter seyest, Du sollst Dich +auch, fern von aller Schmeichelei, als Deinen eignen, treuesten +und aufrichtigsten Freund zeigen; und wenn Du eben so viel +Gefälligkeit gegen Deine Person, als gegen Fremde haben willst, +so ist es auch Pflicht, eben so strenge gegen Dich, wie gegen +Andre zu seyn. Gewöhnlich erlaubt man sich alles, verzeiht sich +alles, und Andern nichts; gibt bei eignen Fehltritten, wenn +man sie auch dafür anerkennt, dem Schicksale, oder unwiderstehlichen +Trieben die Schuld, ist aber weniger duldend gegen +die Verirrung seiner Brüder. — Das ist nicht gut gethan.</p> + +<h4>9.</h4> + +<p>Hüte Dich besonders vor der pharisäischen Tugend, welche +der wahre Bettelstolz ist, und sprich also nicht zu Dir selbst, +denke nicht bei Dir selbst: ich danke Gott, daß ich nicht bin, +wie andere Leute, kein Tagedieb, kein Pflastertreter, kein Falschmünzer, +kein Ehrloser u. dgl. m.; sondern beurtheile Dich nach +den Graden Deiner Fähigkeiten, Anlagen, Erziehung, und der +Gelegenheit, die Du gehabt hast, weiser und besser zu werden, +als Viele. Halte hierüber oft in einsamen Stunden Abrechnung +mit Dir selber, und frage Dich, als ein strenger Richter, ob +Du also diese Winke zu höherer Vervollkommnung genützt habest?</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.<br> +<span class="s5a">Ueber den Umgang mit Menschen von verschiednen Gemüthsarten,<br> +Temperamenten und Stimmungen des Geistes und Herzens.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Man pflegt gewöhnlich vier Hauptarten von Temperamenten +anzunehmen, und zu behaupten, ein Mensch sey entweder cholerisch,<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> +phlegmatisch, sanguinisch, oder melancholisch. Obgleich +nun wohl schwerlich je eine dieser Gemüthsarten so ausschließlich +in uns wohnt, daß dieselbe nicht durch einen kleinen Zusatz von +einer andern modificirt würde, da dann aus dieser unendlichen +Mischung der Temperamente jene feinen Nüancen und die herrlichsten +Mannigfaltigkeiten entstehen: so ist doch mehrentheils +in dem Segelwerke jedes Erdensohns einer von jenen vier Hauptwinden +vorzüglich wirksam, um seinem Schiffe auf dem Oceane +dieses Lebens die Richtung zu geben. Soll ich mein Glaubensbekenntniß +über die vier Haupt-Temperamente ablegen, so muß +ich aus Ueberzeugung Folgendes sagen:</p> + +<p>Bloß <em class="gesperrt">cholerische</em> Leute flieht vernünftiger Weise Jeder, +dem seine Ruhe lieb ist. Ihr Feuer brennt unaufhörlich, zündet +und verzehret, ohne zu wärmen.</p> + +<p>Bloß <em class="gesperrt">Sanguinische</em> sind unzuverlässige Weichlinge, ohne +Kraft und Festigkeit.</p> + +<p>Bloß <em class="gesperrt">Melancholische</em> sind sich selber, und bloß <em class="gesperrt">Phlegmatische</em> +Andern eine unerträgliche Last.</p> + +<p><em class="gesperrt">Cholerisch-sanguinische</em> Leute sind die, welche in der +Welt sich am mehrsten bemerklich machen und gefürchtet werden, +welche Epoche machen, am kräftigsten wirken, herrschen, zerstören +und bauen; cholerisch-sanguinisch ist also der wahre Herrscher- +(der Despoten-) Charakter; aber nur noch ein Grad von +melancholischem Zusatze, — und der furchtbarste Tyrann ist gebildet.</p> + +<p><em class="gesperrt">Sanguinisch-phlegmatische</em> leben wohl am glücklichsten, +am ruhigsten und ungestörtesten, genießen mit Lust, mißbrauchen +nicht ihre Kräfte, kränken niemand, vollbringen aber +auch nichts Großes; allein dieser Charakter, im höchsten Grade, +artet in geschmacklose, dumme und grobe Wollust aus.</p> + +<p><em class="gesperrt">Cholerisch-melancholische</em> richten viel Unheil an: Blutdurst, +Rache, Verwüstung, Hinrichtung des Unschuldigen und +Selbstmord sind nicht selten die Folgen dieser Gemüthsart.</p> + +<p><em class="gesperrt">Melancholisch-sanguinische</em> zünden sich mehrentheils +an beiden Enden zugleich an, und reiben sich selber an Leib und +Seele auf.</p> + +<p><em class="gesperrt">Cholerisch-phlegmatische</em> Menschen trifft man selten +an; es scheint ein Widerspruch in dieser Zusammensetzung zu liegen; +und dennoch gibt es deren, bei welchen diese beiden Extreme<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> +wie Ebbe und Fluth abwechseln, und solche Leute taugen +durchaus zu keinen Geschäften, zu welchen gesunde Vernunft +und Gleichmüthigkeit erfordert werden. Sie sind nur mit äusserster +Mühe in Bewegung zu setzen, und hat man sie endlich +in die Höhe gebracht, dann toben sie wie wilde Thiere umher, +fallen mit der Thür in das Haus, und verderben alles durch +ihren rasenden Ungestüm.</p> + +<p><em class="gesperrt">Melancholisch-phlegmatische</em> Leute aber sind wohl unter +allen die unerträglichsten, und mit ihnen zu leben, das ist +für jeden vernünftigen und guten Menschen die Hölle auf Erden.</p> + +<p>Noch einmal! die Mischungen sind unendlich verschieden. +Wo man aber eins dieser Temperamente entschieden die Oberhand +nehmen sieht, da findet man auch in seinem Gefolge gewisse, +diesem Temperamente besonders eigne Tugenden und Laster. +So sind z. B. sanguinische Leute mehrentheils eitel, aber +wohlwollend, theilnehmend, ergreifen alles mit einer großen Lebhaftigkeit +und selbst mit Leidenschaft; cholerische pflegen ehrgeizig +zu seyn; melancholische sind mißtrauisch, und nicht selten geizig; +und phlegmatische beharren eigensinnig auf vorgefaßten Meinungen, +um sich die Mühe des Nachdenkens zu ersparen. — +Man muß die Gemüthsarten der Menschen studiren, in so fern +man im Umgange mit ihnen auf sie wirken will. Ich kann hier +nur einzelne Fingerzeige geben, wenn ich mein Buch nicht zur +Ungebühr ausdehnen will.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p><em class="gesperrt">Herrschsüchtige</em> Menschen sind schwer zu behandeln, und +passen nicht zum freundschaftlichen und geselligen Umgange. Sie +wollen überall durchaus die erste Rolle spielen; alles soll nach +ihrem Kopfe gehen. Was sie nicht ersonnen, angeordnet, bestimmt +und gewollt haben, das verachten sie nicht nur; nein! +sie zerstören es, wenn sie können. Wo sie hingegen an der Spitze +stehen, oder wo man sie wenigstens glauben macht, daß alles +nach ihrem Sinne gehe, und ihr Werk sey, da arbeiten sie mit +unermüdetem Eifer, und stürzen alles vor sich weg, was ihrem +Zwecke im Wege ist. Zwei herrschsüchtige Leute neben einander +taugen zu gar nichts in der Welt, und zertrümmern alles um +sich her, aus Privat-Leidenschaft. Hieraus nun ist leicht abzunehmen, +wie man sich gegen solche Leute zu betragen habe, wenn +man mit ihnen leben muß; und ich glaube darüber nichts hinzufügen +zu dürfen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p> + +<h4>3.</h4> + +<p><em class="gesperrt">Ehrgeizige</em> Menschen müssen ungefähr auf eben diese Art +behandelt werden. Der Herrschsüchtige ist zugleich auch ehrgeizig, +aber umgekehrt der Ehrgeizige nicht immer herrschsüchtig, +sondern begnügt sich auch wohl mit einer Nebenrolle, in so fern +er darin nur mit einigem Glanze zu erscheinen hoffen darf; ja +es können Fälle kommen, wo er selbst in der Erniedrigung Ehre +sucht; doch verzeiht er nichts weniger, als wenn man ihn an +dieser schwachen Seite kränkt.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Der <em class="gesperrt">Eitle</em> will geschmeichelt seyn; Lob kitzelt ihn unaussprechlich; +und wenn man ihm Aufmerksamkeit, Zuneigung, +Bewundrung widmet: so braucht nicht eben große Ehrenbezeigung +damit verbunden zu seyn. Da nun jeder Mensch mehr +oder weniger von der Begierde, zu gefallen, sich geltend zu machen +und vortheilhafte Eindrücke zu machen, beherrscht oder in +Bewegung gesetzt wird: so kann man ohne Sünde hie und da +einem sonst guten Menschen, dem diese kleine Schwachheit anklebt, +in solchen Punkten ein wenig nachsehn; ein Wörtchen, +das er gern hört, gegen ihn fallen lassen, ihm erlauben, an +dem Lobe, das er einerndtet, sich zu erquicken, oder sich selbst +bei Gelegenheit ein wenig zu loben. Das schändlichste Handwerk +aber treiben die niedrigen Schmeichler, die durch unaufhörliches +Weihrauch-Streuen eitlen Leuten den Kopf so betäuben, daß +diese zuletzt nichts anders mehr hören mögen, als Lob; daß ihre +Ohren für die Stimme der Wahrheit verschlossen sind, und daß +sie jeden guten graden Mann fliehen und zurücksetzen, der sich +nicht so weit erniedrigen kann, oder es für eine Art von Unbescheidenheit +und Grobheit hält, ihnen dergleichen Süßigkeiten +in's Gesicht zu werfen. Gelehrte und Damen pflegen am mehrsten +in diesem Falle zu seyn, und ich habe deren einige gekannt, +mit denen ein schlichter Biedermann deswegen fast gar nicht +umgehen konnte. Wie die Kinder dem Fremden nach den Taschen +schielen, um zu erfahren, ob man ihnen keine Zuckerplätzen +mitgebracht hat; so horchen Jene auf jedes Wort, das Du +sprichst, um zu vernehmen, ob es nicht etwas Verbindliches für +sie enthält, und werden mürrischer Laune, sobald sie sich in ihrer +Hoffnung betrogen finden. Der höchste Grad dieser Eitelkeit +führt zu einem Egoismus, der zu aller gesellschaftlichen und<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> +freundschaftlichen Verbindung untüchtig macht, und dem Eiteln +eben so sehr zur Last, wie dem zum Ekel wird, der mit ihm +leben muß.</p> + +<p>Obgleich man nun solchen eiteln Leuten nicht schmeicheln +soll, so hat doch auch nicht Jeder Beruf, sich mit ihrer Zurechtweisung +zu befassen, besonders wenn sie mit ihm in keiner nähern +Verbindung stehen, noch weniger, sie zu demüthigen, oder +ihnen jede Gefälligkeit und Höflichkeitsbezeigung zu versagen; +und es ist unbillig, wenn diejenigen, welche täglich mit ihnen +leben müssen, dieß von uns verlangen; wenn sie fordern, daß +wir mit Hand anlegen sollen, ihre verzognen Freunde umzubilden.</p> + +<p>Eitle Leute pflegen gern Andern zu schmeicheln, um dagegen +desto größere Schmeicheleien als Bezahlung einzuholen, und +weil sie das für das einzige würdige Opfer, für die einzige +vollwichtige Münze halten.</p> + +<h4>5.</h4> + +<p>Von Herrschsucht, Ehrgeiz und Eitelkeit ist <em class="gesperrt">Hochmuth</em>, so +wie von <em class="gesperrt">Stolz</em>, unterschieden. Ich möchte gern, daß man +Stolz für eine edle Eigenschaft der Seele ansähe; für ein Bewußtseyn +wahrer innrer Erhabenheit und Würde; für ein Gefühl +der Unfähigkeit, niederträchtig zu handeln. Dieser Stolz +führt zu großen, edlen Thaten; er ist die Stütze des Redlichen, +wenn er von jedermann verlassen ist; er erhebt über Schicksal +und schlechte Menschen, und erzwingt selbst von dem mächtigen +Bösewichte den Tribut der Bewunderung, den er wider Willen +dem unterdrückten Weisen zollen muß. Hochmuth hingegen brüstet +sich mit Vorzügen, die er nicht hat; bildet sich auf Dinge +etwas ein, die gar keinen Werth haben. Hochmuth ist es, der +den Pinsel von sechszehn Ahnen aufbläht, und zu der Thorheit +verleitet, daß er die Verdienste seiner Vorfahren — die oft nicht +einmal seine ächten Vorfahren sind, und oft nicht einmal Verdienst +gehabt haben, — <em class="gesperrt">sich</em> anrechnet, als wenn Tugenden zu +dem Inventario eines alten Schlosses gehörten! Hochmuth ist +es, der den reichen Bürger so grob, so steif, so ungesellig macht. +Und wahrlich! dieser pöbelhafte Hochmuth ist, da er mehrentheils +von Mangel an Lebensart und ungeschickten Manieren begleitet +wird, wo möglich, noch empörender als der des Adels. +Hochmuth ist es, der den Künstler mit so viel Zuversicht zu seinen +Talenten erfüllt, die, sollten sie auch von niemand anerkannt<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> +werden, ihn dennoch in seiner Meinung von sich selbst +über alle Erdensöhne hinaussetzen. Er wird, wenn niemand ihn +bewundert, eher auf die Geschmacklosigkeit der ganzen Welt +schimpfen, als auf den natürlichen Gedanken gerathen, daß es +wohl mit seiner Kunst nicht so ganz richtig seyn müsse.</p> + +<p>Wenn dieser Hochmuth nun gar in einem armen, verachteten +Subjekte wohnt, so wird er ein Gegenstand des Mitleidens, +und pflegt eben nicht viel Unheil anzurichten. Er ist aber übrigens +fast immer mit Dummheit gepaart, also durch keine vernünftigen +Gründe zu bessern, und keiner bescheidnen Behandlung +werth. Hier hilft nichts, als Uebermuth gegen Uebermuth +zu setzen, oder den Schein anzunehmen, als bemerke man ein +hochmüthiges Betragen gar nicht; oder Leute, die sich aufblasen, +gar keiner Achtsamkeit zu würdigen, sie anzusehen, wie +man auf einen leeren Platz hinblickt, selbst wenn man ihrer bedarf; +denn je mehr man nachgibt, desto mehr fordern, desto +übermüthiger werden sie. Bezahlt man sie aber mit gleicher +Münze, so weiß ihre Dummheit nicht, was sie aus dieser Erfahrung +machen soll, fühlt sich aber doch gedemüthigt, und +spannt gewöhnlich andre Saiten auf.</p> + +<h4>6.</h4> + +<p>Mit sehr <em class="gesperrt">empfindlichen</em>, leicht zu beleidigenden Leuten ist +es nicht angenehm umzugehen. Allein diese Empfindlichkeit kann +verschiedne Quellen haben. Hat man daher nachgespürt, ob der +Mann, mit welchem wir leben müssen, und der leicht durch ein +kleines unschuldiges Wörtchen, oder durch eine zweideutige Miene, +oder durch einen Mangel an Aufmerksamkeit, gekränkt und vor +den Kopf gestoßen wird, aus Eitelkeit, wie es mehrentheils der +Fall ist, oder aus Ehrgeiz, oder weil er oft von bösen Menschen +hintergangen und geneckt worden ist, oder endlich deswegen so +leicht sich beleidigt glaubt, weil sein Herz zu zärtlich fühlt, weil +er von Andern eben so viel verlangt, als er ihnen selbst gibt: so +muß man sein Betragen danach einrichten, und jeden Anstoß +dieser Art sorgfältig und aus Achtung zu vermeiden suchen; doch +ist diese Aufgabe allerdings oft eine sehr schwere Aufgabe, und +nur ein bescheidenes, dankbares und gefühlvolles Herz vermag +sie zu lösen. Ist er übrigens redlich und verständig, so wird seine +Verstimmung nicht lange dauren; er wird durch eine gerade, +freundliche Erklärung bald zu besänftigen seyn; er wird zu denen,<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> +welche er für wahre Freunde erkennt, ein unbegrenztes +Vertrauen fassen, und endlich, wenn man immer edel und offen +mit ihm umgeht, von seiner Schwachheit zurückkommen.</p> + +<p>Von allen diesen Thoren und Schwächlingen sind in der +That diejenigen am schwersten zu befriedigen, und der Gesellschaft +am lästigsten, die sich jeden Augenblick vernachlässigt, zurückgesetzt, +nicht genug geehrt glauben. Es ist ein großes Unglück, +in diesen Fehler zu verfallen, denn man verkümmert und +verbittert sich durch solch eine thörichte Reizbarkeit nicht nur jedes +gesellschaftliche Vergnügen, sondern fällt auch Andern zur +Last, macht sich verhaßt, oder wenigstens gefürchtet, und erreicht +nicht, was man zu erreichen so ängstlich strebt.</p> + +<h4>7.</h4> + +<p><em class="gesperrt">Eigensinnige</em> Menschen sind viel schwerer zu behandeln, +als sehr empfindliche; doch ist mit ihnen auszukommen, wenn +sie übrigens verständig sind. Sie pflegen dann, in so fern man +ihnen nur in dem ersten Augenblicke nachzugeben scheint, bald +von selber der Stimme der Vernunft Gehör zu geben, ihr Unrecht +und die Feinheit unsrer Behandlung zu fühlen, und wenigstens +auf eine kurze Frist geschmeidiger zu werden. Ein Elend +aber ist es, Starrköpfigkeit in Gesellschaft von Dummheit anzutreffen +und behandeln zu müssen. Da helfen weder Gründe, noch +Schonung. Es ist da mehrentheils nichts weiter zu thun, als +einen solchen steifsinnigen Pinsel blindlings handeln zu lassen, +ihn aber so in seine eignen Ideen, Plane und Unternehmungen +zu verwickeln, daß er, wenn er durch übereilte, unkluge Schritte +in Verlegenheit geräth, sich selbst nach unsrer Hülfe sehnen muß. +Dann läßt man ihn eine Zeitlang zappeln, wodurch er nicht selten +demüthig und folgsam wird, und das Bedürfniß, geleitet +zu werden, fühlt. Hat aber ein schwacher, eigensinniger Kopf +von ungefähr ein einzigmal gegen uns Recht gehabt, oder uns +über einen kleinen Fehler erwischt; dann thue man nur Verzicht +darauf, ihn je wieder zu leiten! Er wird uns immer zu übersehen +glauben, und unsrer Einsicht und Rechtschaffenheit nie +trauen; und das ist eine höchst verdrießliche Lage.</p> + +<p>Bei diesen beiden Gattungen von Menschen aber helfen in +dem ersten Augenblicke keine noch so nachdrückliche Vorstellungen, +indem sie dadurch nur noch mehr verhärtet werden. Hängen +wir von Ihnen ab, und sie geben uns Aufträge, wovon wir<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> +voraussehen, daß sie nachher von ihnen selbst werden gemißbilligt +werden: so kann man nichts Klügeres thun, als ihnen ohne +Widerrede Gehorsam zu versprechen, aber entweder die Befolgung +so lange zu verschieben, bis sie sich indeß eines Bessern +besinnen, oder in der Stille die Sache nach eignen Einsichten +einzurichten, welches sie gewöhnlich in ruhigen Augenblicken zu +billigen pflegen, besonders wenn man sich den Schein zu geben +weiß, als habe man ihren Befehl also verstanden, und es klüglich +unterläßt, sich seiner besseren Einsicht zu rühmen; eine +Selbstverleugnung, die sich sogleich belohnt.</p> + +<p>Nur in sehr wenig dringenden, oder sonst höchst wichtigen +Fällen kann es nützlich und nöthig seyn, Eigensinn gegen Eigensinn +aufzuspannen, und schlechterdings nicht nachzugeben. +Doch geht alle Wirkung dieses Mittels verloren, wenn man es +zu oft, und bei unbedeutenden Gelegenheiten, oder gar da anwendet, +wo man Unrecht hat. Wer immer zankt, der hat die +Vermuthung gegen sich, immer Unrecht zu haben; es ist also +weise gehandelt, den Andern in diesen Fall zu setzen.</p> + +<h4>8.</h4> + +<p>Eine besondre Gemüthsart, die mehrentheils aus Eigensinn +entspringt, doch auch wohl zuweilen bloß Sonderbarkeit, oder +ungesellige Laune, oder nur üble Gewohnheit zur Quelle hat, ist +die <em class="gesperrt">Zanksucht</em>. Es gibt Menschen, die alles besser wissen wollen, +allem widersprechen, was man vorbringt; oft gegen eigene +Ueberzeugung widersprechen, um nur das Vergnügen zu haben, +streiten zu können. Andre setzen eine Ehre darein, <em class="gesperrt">Paradoxen</em> +aufzustellen, um sich ein Ansehn von Tiefsinn zu geben; Dinge +zu behaupten, die kein Vernünftiger irgend ernstlich also meinen +kann, bloß damit man mit ihnen darüber plaudern solle. Endlich +noch Andre, die man <span class="antiqua">Querelleurs</span> (<em class="gesperrt">Stänker</em>) nennt, +suchen vorsätzlich Gelegenheit zu persönlichem Zanke, um eine +Art von Triumph über furchtsame Leute zu gewinnen, über +Leute, die wenigstens noch feiger sind, als sie; oder, wenn sie +mit dem Degen umzugehen wissen, ihren falschen und tollen +Muth in einem thörichten Zweikampfe zu zeigen.</p> + +<p>In dem Umgange mit allen diesen Leuten ist unüberwindliche +Kaltblütigkeit, die sich durchaus nicht in Hitze bringen läßt, +das unfehlbare Mittel, sie in Verlegenheit zu bringen, und zum +Nachgeben oder zu einem versteckten Rückzuge zu nöthigen. Mit<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> +denen von der ersten Gattung lasse man sich in gar keinen Streit +ein, sondern breche gleich das Gespräch ab, sobald sie aus Muthwillen +anfangen, zu widersprechen. Dieß ist das einzige Mittel, +ihrem Zankgeiste, wenigstens gegen uns, Schranken zu +setzen, und viel unnütze Worte zu sparen. Denen von der zweiten +Gattung kann man je zuweilen die Freude machen, ihre +Paradoxen ein wenig zu bekämpfen, oder doch besser, zu bespötteln. +Die Letztern aber müssen viel ernsthafter behandelt werden. +Kann man ihre Gesellschaft nicht vermeiden: kann man in derselben, +durch ein entfernendes, kaltsinniges und zurückgezogenes +Betragen ihrer Zudringlichkeit und ihren Grobheiten nicht ausweichen: +so rathe ich, einmal für allemal ihnen so kräftig zu +begegnen, daß ihnen die Lust vergehe, sich ein zweitesmal an +uns zu reiben. Saget ihnen auf der Stelle, in unzweideutigen, +männlichen Ausdrücken Eure Meinung, und lasset Euch durch +ihre Aufschneiderei nicht irre machen! Man wird mir zutrauen, +daß ich über den Zweikampf so denke, wie jeder vernünftige +Mann darüber denken muß, nämlich, daß er eine unmoralische, +unvernünftige Handlung sey. Sollte nun aber auch jemand, +seiner bürgerlichen Lage nach, zum Beispiel ein Officier, durchaus +sich dem Vorurtheile unterwerfen müssen, eine Beleidigung +durch die andre und durch persönliche Rache auszulöschen: so +kann doch dieser Fall nie dann eintreten, wenn er, ohne die geringste +Veranlassung von seiner Seite, hämischer Weise angetastet +wird; und der hat doppelt Unrecht, der gegen einen sogenannten +Raufer mit andern Waffen, als mit Verachtung, oder, +wenn es ihm gar zu nahe gelegt wird, anders, als mit einem +geschmeidigen spanischen Rohre kämpft, und hat nachher Unrecht, +wenn er ihm Genugthuung gibt, wie man das zu nennen +pflegt.</p> + +<p>Im Allgemeinen aber wohnt in manchen Menschen ein sonderbarer +Geist des Widerspruchs. Sie wollen immer haben, was +sie nicht erlangen können; sind nie mit dem zufrieden, was Andre +thun; murren gegen Alles, was grade <em class="gesperrt">sie</em> nicht also bestellt +haben, und wäre es auch noch so gut. Es ist bekannt, daß man +solche Leute sehr oft dadurch leiten kann, daß man ihnen entweder +das Gegentheil von <em class="gesperrt">dem</em> vorschlägt, was man gern durchsetzen +möchte, oder auf andre Weise sie unvermerkt dahin bringt, +daß sie unsre eignen Ideen gegen uns durchsetzen müssen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p> + +<h4>9.</h4> + +<p><em class="gesperrt">Jähzornige</em> Leute beleidigen nicht mit Vorsatz. Sie sind +aber nicht Meister über die Heftigkeit ihres Temperaments; und +so vergessen sie sich in solchen stürmischen Augenblicken selbst gegen +ihre geliebtesten Freunde, und bereuen nachher zu spät ihre +Uebereilung. Ich brauche wohl nicht zu erinnern, daß Nachgiebigkeit — +vorausgesetzt, daß diese Leute, andrer guten Eigenschaften +wegen, einiger Schonung werth scheinen, denn ausserdem +muß man sie gänzlich fliehen; — daß weise Nachgiebigkeit +und Sanftmuth die einzigen Mittel sind, den Jähzornigen zur +Vernunft zurückzuführen. Allein ich muß dabei erinnern, daß, +phlegmatische Kälte dem Erzürnten entgegen zu setzen, ärger +als der heftigste Widerspruch ist; er glaubt sich dann verachtet, +und wird doppelt aufgebracht.</p> + +<h4>10.</h4> + +<p>Wenn der Jähzornige nur aus Uebereilung Unrecht thut, +und über den kleinsten Anschein von Beleidigung in Hitze geräth; +nachher aber auch eben so schnell wieder das zugefügte Unrecht +bereuet, und das erlittene verzeiht; so verschließt hingegen +der <em class="gesperrt">Rachgierige</em> seinen Groll im Herzen, bis er Gelegenheit +findet, ihm vollen Lauf zu lassen. Er vergißt nicht, vergibt +nicht, auch dann nicht, wenn man ihm Versöhnung anbietet, +wenn man alles, nur keine niederträchtigen Mittel anwendet, +seine Gunst wieder zu erlangen. Er erwiedert sowohl das ihm +zugefügte wahre, als das vermeintliche Uebel, und dieß nicht +nach Verhältniß der Größe und Wichtigkeit desselben, sondern +tausendfältig; für kleine Neckereien, wirkliche Verfolgung; für +unüberlegte Ausdrücke, in Uebereilung geredet, thätige Mißhandlung; +für eine Kränkung unter vier Augen, öffentliche Genugthuung; +für beleidigten Ehrgeiz, Zerstörung wesentlicher +Glückseligkeit. Seine Rache schränkt sich nicht auf die Person +ein, sondern erstreckt sich auch auf die Familie, auf die bürgerliche +Existenz und auf die Freunde des Beleidigers. Mit einem +solchen Manne leben müssen, das ist in Wahrheit ein höchst +trauriges Loos, und ich kann da nichts rathen, als daß man, +so viel möglich, vermeide, ihn zu beleidigen, und zugleich sich in +eine Art von ehrerbietiger Furcht bei ihm setze, die überhaupt +das einzige wirksame Mittel ist, schlechte Leute im Zaume zu +halten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span></p> + +<h4>11.</h4> +<p><em class="gesperrt">Faule</em> und <em class="gesperrt">phlegmatische</em> Menschen müssen ohne Unterlaß +getrieben werden; und da doch fast jeder Mensch irgend eine +herrschende Leidenschaft hat: so findet man zuweilen Gelegenheit, +durch Aufregung derselben solche schläfrige Geschöpfe in +Bewegung zu setzen.</p> + +<p>Es gibt unter ihnen solche, die bloß aus <em class="gesperrt">Unentschlossenheit</em> +die kleinsten Arbeiten jahrelang liegen lassen, ohne durch +die Verlegenheit oder Beschämung gerührt zu werden, welche sie +sich dadurch zuziehen, oder Andern verursachen, und ohne vor +den Folgen zu erschrecken, die eine solche Saumseligkeit früher +oder später herbeiführen muß. Auf einen Brief zu antworten, +eine Quittung zu schreiben, eine Rechnung zu bezahlen — ja! +das ist eine Haupt- und Staats-Action, zu welcher unbeschreibliche +Vorbereitungen gehören, und zu der sie sich, selbst bei den +dringendsten Bitten und Anmahnungen, nicht entschließen können. +Bei ihnen muß man zuweilen wirklich Gewalt brauchen; +und ist das schwere Werk einmal überstanden, dann pflegen sie +sich recht dankbar zu bezeigen, so übel sie auch anfangs unsre +Zudringlichkeit aufnahmen. Aber wehe diesen Unentschlossenen, +wenn sie nicht einen kräftigen Freund haben, der ihnen zu ihrer +Rettung Gewalt anthut, und einmal alle Schonung aus den +Augen setzt, um ihren Dank zu verdienen!</p> + +<h4>12.</h4> + +<p><em class="gesperrt">Mißtrauische</em>, <em class="gesperrt">argwöhnische</em>, <em class="gesperrt">mürrische</em> und <em class="gesperrt">verschlossene</em> +Leute sind wohl unter allen Lästigen und Widerwärtigen +diejenigen, in deren Umgang ein edler gerader Mann am +wenigsten von den Freuden des geselligen Lebens schmeckt. Wenn +man jedes Wort abwägen, jeden unbedeutenden Schritt abmessen +muß, um ihnen keine Gelegenheit zu schändlichem Verdachte +zu geben; wenn kein Funken von erquickender Freude aus unserm +Herzen in das ihrige übergeht; wenn sie keinen frohen Genuß +mit uns theilen; wenn sie die Wonne der seltnen heitern +Augenblicke, welche uns das Schicksal gönnt, uns nicht nur +durch Mangel an Theilnehmung verkümmern und verbittern, +sondern sogar, mitten in unsern glücklichsten Launen, uns unfreundlich +stören, aus unsern süßesten Träumen uns verdrießlich +aufwecken; wenn sie unsre Offenherzigkeit nie erwiedern, sondern +immer auf ihrer Hut sind, in ihrem zärtlichsten Freunde<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> +einen Bösewicht, in ihrem treuesten Diener einen Betrüger und +Verräther zu sehen glauben; dann gehört wahrlich ein hoher +Grad von fester Rechtschaffenheit dazu, um nicht darüber selbst +schlecht und menschenfeindlich zu werden. Hiebei ist nichts zu +thun, wenn ein ungezwungenes, immer gleich redliches Betragen +vergebens angewendet wird, wenn es nichts hilft, daß man +ihnen jeden Zweifel, sobald man desselben gewahr wird, durch +kräftige Vorstellungen benimmt, als daß man sich um ihren +Argwohn und um ihr mürrisches Wesen schlechterdings nicht bekümmre, +sondern muthig und munter den Weg fortgehe, den +uns Klugheit und Gewissen vorschreiben. Uebrigens sind solche +Menschen herzlich zu bedauern; sie leben sich und Andern zur +Qual. Es liegt bei ihnen nicht immer Bösartigkeit zum Grunde; +nein! eine unglückliche Stimmung des Gemüths, dickes Blut, +oft auch Einwirkung des Schicksals, wenn sie gar zu oft sind +hintergangen worden — das sind mehrentheils die Quellen ihrer +Seelenkrankheit. Und diese Krankheit ist in jüngern Jahren +nicht ganz unheilbar, wenn die, welche ein solches Gemüth zu +leiten haben, stets edel und grade mit ihm umgehen, ohne sich +um seine Grillen und Launen zu bekümmern; nur so ist es möglich, +die unglückliche Anlage zum Argwohn zu vertilgen, und +ein ängstlich-scheues Gemüth mit dem seligmachenden Glauben +auszustatten, daß es noch Redlichkeit und Freundschaft in der +Welt gibt. Bei Personen von höherem Alter hingegen wird in +der Regel jeder Versuch, ihnen diesen Glauben einzuflößen, fehlschlagen, +und dies Uebel so tiefe Wurzel fassen, daß nichts übrig +bleibt, als ihm Geduld und Kaltblütigkeit entgegen zu setzen.</p> + +<p>Am mehrsten sind diejenigen zu beklagen, bei denen dies +Mißtrauen bis zum <em class="gesperrt">Menschenhasse</em> gestiegen ist. Der Verfasser +des Schauspiels: <em class="gesperrt">Menschenhaß und Reue</em>, läßt in +demselben den Major sagen, ich hätte vergessen, Vorschriften +»für den Umgang mit dieser Art von Menschen zu geben.« Es +ist wahr, ich habe hier wenig darüber gesagt: allein es ist auch +unmöglich, dazu allgemeine Regeln vorzuschlagen, da es nothwendig +ist, bei jedem einzelnen Falle genau mit den Quellen +des Uebels bekannt zu seyn. In der Regel wird sichtbare, aber +von aller Zudringlichkeit entfernte Theilnahme, kräftige Zurückweisung +ungerechter Menschenverachtung durch Hinweisung auf +Menschengröße und Edelmuth, besonders aber die zart und klug<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> +herbeigeführte Gelegenheit, Menschen aus großem Elende zu retten, +und ihren Dank zu erwerben, nicht ohne Wirkung bleiben. +Lebt ein Menschenhasser, ganz ohne Familien-Verbindung, in +öder Einsamkeit oder Zurückgezogenheit, so ist er nicht zu retten. +Hat er das Glück, in eine große Gefahr zu gerathen, und durch +edelmüthige Selbstverleugnung, durch den Muth der großmüthigsten +Menschenliebe, durch die Wunderthat eines großherzigen +Menschenfreundes gerettet zu werden, so ist gründliche Heilung +zu hoffen.</p> + +<h4>13.</h4> + +<p><em class="gesperrt">Neidische</em>, <em class="gesperrt">schadenfrohe</em>, <em class="gesperrt">mißgünstige</em> und <em class="gesperrt">eifersüchtige</em> +Gemüthsarten sollten wohl nur das Erbtheil hämischer, +niederträchtiger Menschen seyn; und doch trifft man leider +einen unglücklichen Zusatz von diesen bösen Eigenschaften in +den Herzen solcher Leute an, die übrigens manche gute Eigenschaft +haben. — So schwach ist die menschliche Natur! — Ehrgeiz +und Eitelkeit können in uns das Gefühl erwecken, Andern +ein Glück nicht zu gönnen, nach welchem wir ausschließlich streben; +sey es nun Vermögen, Glanz, Ruhm, Schönheit, Gelehrsamkeit, +Macht, ein Freund, eine Geliebte, oder was es auch sey; +und sobald diese Empfindung einen gewissen Widerwillen gegen die +Person in uns erzeugt hat, die, trotz unsrer Mißgunst, trotz unsrer +Eifersucht, im Besitze jenes ihr mißgönnten Guts bleibt: dann +können wir uns heimlich eines schadenfrohen Kitzels nicht erwehren, +wenn es dieser Person ein wenig widrig geht, und die Vorsehung +unsre feindseligen Gesinnungen, besonders, wenn wir +schwach genug waren, sie zu äußern, gleichsam rechtfertigt. Ich +werde bei den Gelegenheiten, wenn von Künstler-, Gelehrten- +und Handwerks-Neide, von Mißgunst unter Fürsten, Vornehmen, +Reichen und Leuten, die in der großen Welt leben, von +Eifersucht unter Ehegenossen, Freunden und Geliebten die Rede +seyn wird, manches sagen, was auch hier anwendbar, aber +überflüssig zu wiederholen seyn würde, und es bleibt mir wirklich +nichts hinzuzufügen übrig, als daß, um allem Neide in der +Welt auszuweichen, man auf jede gute Eigenschaft, so wie auf +Alles, was Erfolg unsrer Bemühungen und Glück heißt, Verzicht +thun, und, wenn es darauf ankömmt, mitten unter einem +Schwarme von mißgünstigen Leuten zu leben, und dennoch dem +Neide und der Eifersucht so wenig als möglich Nahrung zu geben,<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> +seine Vorzüge, seine Kenntnisse und seine Talente mehr +verbergen als kund machen, keine Art von Uebergewicht zeigen, +anscheinend wenig fordern, wenig begehren, auf Weniges Ansprüche +machen, und wenig leisten müsse.</p> + +<p>Jener Neid nun erzeugt dann oft die schrecklichen <em class="gesperrt">Verleumdungen</em>, +denen auch der edelste Mann ausgesetzt ist. Es läßt +sich nicht fest bestimmen, wie man sich in jedem Falle zu betragen +habe, wenn man verleumdet wird. Oft erfordern Redlichkeit +und Klugheit die schnellste und deutlichste Darstellung der wahren +Beschaffenheit; oft hingegen ist es unter der Würde eines +rechtschaffenen Mannes, sich auf Erläuterungen und Rechtfertigungen +einzulassen. Der Pöbel hört nicht auf, uns zu necken, +wenn er sieht, daß es uns wehe thut, und die Zeit pflegt, früh +oder spät, die Wahrheit an das Licht zu ziehen.</p> + +<h4>14.</h4> + +<p>Der <em class="gesperrt">Geiz</em> ist eine der unedelsten, schändlichsten Leidenschaften. +Man kann sich keine Niederträchtigkeit denken, deren ein +Geizhals nicht fähig wäre, wenn seine Begierde nach Reichthümern +in das Spiel kömmt, und jede Empfindung besserer Art, +Freundschaft, Mitleid, Wohlwollen, finden keinen Eingang +in sein Herz, wenn sie kein Geld einbringen; ja, er gönnt sich +selber die unschuldigsten Vergnügungen nicht, in so fern er sie +nicht unentgeldlich schmecken kann. In jedem Fremden sieht er +einen Dieb, und in sich selber einen Schmarotzer, der auf Unkosten +seines bessern Ichs, seines Mammons, zehrt.</p> + +<p>Allein in den jetzigen Zeiten, wo der Luxus so übertrieben +wird, wo die Bedürfnisse, auch des mäßigsten Mannes, der in +der Welt leben und eine Familie unterhalten muß, so groß sind; +wo der Preis der nöthigen Lebensmittel täglich steigt; wo die +Macht des Geldes so viel entscheidet; wo der Reiche ein so beträchtliches +Uebergewicht über den Armen hat; wo endlich von +der einen Seite Betrug und Falschheit, und von der andern +Mißtrauen und Mangel an Theilnahme und Wohlwollen in allen +Ständen sich ausbreiten; in diesen Zeiten der Selbstsucht +und des Egoismus, meine ich, hat man Unrecht, wenn man +einen sparsamen, vorsichtigen Mann, ohne nähere Prüfung seiner +Verhältnisse und der Bewegungsgründe, welche seine Handlungen +leiten, sogleich für einen Knicker erklärt. Man möchte +vielmehr diejenigen, welche das Beispiel einer Sparsamkeit geben,<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> +die eben so sehr von Menschenliebe, als von Klugheit und +Vorsicht erzeugt und belebt wird, für Ruhmwürdige erklären, +weil doch in der That kein geringer Grad von Seelenstärke und +Weisheit dazu erfordert wird, um den Grundsätzen einer strengen +Sparsamkeit getreu zu bleiben, und dem Urtheil der Welt +eine unwandelbare Entschlossenheit entgegen zu setzen.</p> + +<p>Es gibt ferner unter den wirklichen geizigen Leuten solche, +die neben dieser Geld-Begierde noch von einer andern mitherrschenden +Leidenschaft regiert werden. Diese scharren dann zusammen, +sparen, betrügen Andre und versagen sich alles, außer +da, wo es auf Befriedigung dieser Leidenschaft ankömmt; sey +es nun Wollust, Gefräßigkeit, Ehrgeiz, Eitelkeit, Neugier, +Spielsucht, oder was es auch immer sey. So habe ich Menschen +gekannt, die, um einen Louisd'or zu gewinnen, Bruder und +Freund verrathen, und sich der öffentlichen Beschimpfung ausgesetzt +haben würden; hundert für den sinnlichen Genuß eines +Augenblicks hingegebene Gulden hingegen für gut angelegtes +Geld hielten.</p> + +<p>Noch Andre rechnen so schlecht, daß sie Heller sparen, und +Thaler wegwerfen. Sie lieben das Geld, aber sie verstehen nicht, +damit umzugehen. Um also die Summen wieder zu erhaschen, +um welche sie von Gaunern, Abentheurern und Schmeichlern +betrogen werden, geben sie ihrem Gesinde nicht satt zu essen; +und um tausend Thaler wieder zu gewinnen, die sie verschleudert +haben, wechseln sie auf die unanständigste Weise aller Orten +einzelne feine Gulden ein, damit sie an jedem vielleicht einen +Heller Aufgeld gewinnen.</p> + +<p>Endlich noch Andre sind in allen Stücken freigebig, und +achten das Geld nicht; in einem einzigen Punkte aber, worauf +sie gerade eine thörichte Wichtigkeit setzen, sind sie lächerlich geizig. +Meine Freunde haben mir oft im Scherze vorgeworfen, +daß ich auf diese Art karg in Schreib-Materialien sey, und ich +gestehe diese Schwachheit. So wenig reich ich bin, so kostet es +mich doch geringere Ueberwindung, mich von einem halben Gulden, +als von einem holländischen Brief-Bogen zu scheiden, obgleich +man für zwölf Groschen vielleicht ein Buch des feinsten +Papiers kaufen kann. Ja, ich habe reiche und freigebige Leute +gekannt, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, Kleinigkeiten, +auf welche sie einen vorzüglichen Werth setzten, zu entwenden,<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> +wo sie dergleichen liegen sahen. Jene Art der Sparsamkeit, +welche auch das Geringste, was noch auf irgend eine +Art brauchbar ist, zu erhalten und zu bewahren sucht, ist unstreitig +die rechte, denn sie geht von einer richtigen Schätzung +der Dinge aus, und haßt alles Vergeuden und Verschwenden, +weil es Charakterschwäche, und eine Art von Undankbarkeit und +Kurzsichtigkeit ist. Darum läßt <em class="gesperrt">Engel</em> in der bekannten Erzählung +seinen Herrn Timm sogleich mit großer Bereitwilligkeit +dem Manne einen Vorschuß leisten, der eine Nadel liegen sieht, +und sie sorgfältig aufnimmt und bewahrt.</p> + +<p>Die allgemeine Regel im Umgange mit geizigen Leuten ist +wohl die, daß, wenn man ihre Gunst erhalten will, man nichts +von ihnen fordern müsse. Da dieß nun aber nicht immer möglich +ist, so scheint es der Klugheit gemäß, daß man prüfe, zu +welcher der vorhin geschilderten Gattungen von Geizigen der +Mann, mit dem man es zu thun hat, gehöre, um danach seine +Behandlung einzurichten.</p> + +<p>Ueber den Umgang mit <em class="gesperrt">Verschwendern</em> brauche ich nichts +zu sagen, als daß der verständige Mann sich nicht durch ihr +Beispiel zu thörichten Ausgaben verleiten lassen, und daß der +redliche Mann von ihrer übel geordneten Freigebigkeit weder für +sich, noch für Andre, Vortheile ziehen soll.</p> + +<h4>15.</h4> + +<p>Sollen wir jetzt von dem Betragen gegen <em class="gesperrt">Undankbare</em> +reden? Ich habe bei mancher Gelegenheit erinnert, daß man +auf dieser Erde auch bei den edelsten und weisesten Handlungen, +weder auf Erfolg, noch auf Dankbarkeit rechnen dürfe. Diesen +Grundsatz soll man, wie ich dafür halte, nie aus den Augen +verlieren, wenn man nicht karg mit seinen Dienstleistungen, +feindselig gegen seine Mitmenschen werden, noch gegen Vorsehung +und Schicksal murren will. Bei dem Allen aber müßte +man jeder menschlichen Empfindung entsagt haben, wenn es +uns nicht kränken sollte, daß Menschen, denen wir treulich, +eifrig und uneigennützig gedient, die wir aus der Noth gerettet, +denen wir uns ganz gewidmet, für die wir uns vielleicht aufgeopfert +haben, uns vernachlässigen, sobald sie unsrer nicht +mehr bedürfen, oder gar verrathen, verfolgen, mißhandeln, +wenn sie dadurch zeitliche Vortheile, oder die Gunst unsrer mächtigen +Feinde gewinnen können. Doch wird der weise Menschenkenner<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> +und warme Freund des Guten sich dadurch nicht abschrecken +lassen, großmüthig zu handeln. Mit Bezug auf das, +was hierüber im zehnten Kapitel des zweiten Theils und im +fünften Abschnitte des zweiten Kapitels in dem dritten Theile +gesagt wird, erinnere ich nur nochmals für die, welche noch dieser +Erinnerung bedürfen, daß jede gute Handlung sich selbst +durch ein seliges Bewußtseyn am reichsten belohnt; ja, daß der +Edle eine neue Quelle von innerer Freude aus der Undankbarkeit +der Menschen zu schöpfen versteht, nämlich die Freude, sich bewußt +zu seyn, gewiß uneigennützig, bloß aus Liebe zum Guten, +ihnen Gutes gethan zu haben, besonders wenn er voraus +weiß, daß er auf keine Erkenntlichkeit rechnen darf. Er bedauert +die Verkehrtheit Derer, die fähig sind, ihres Wohlthäters zu vergessen, +und läßt sich dadurch nicht abhalten, den Menschen zu +dienen, die seiner Hülfe um so nöthiger bedürfen, je schwächer sie +sind, je weniger Glück sie in sich selber, in ihrem Herzen haben.</p> + +<p>Klage also nicht über die Undankbarkeit, mit welcher man +Dir lohnt; wirf sie dem nicht vor, der sie Dir beweist, und +Dich dadurch kränkt; fahre fort, ihn großmüthig zu behandeln; +nimm ihn wieder auf, wenn er zu Dir zurückkehrt! Vielleicht +geht er endlich in sich, fühlt den ganzen Werth, die Zartheit +und das Große Deiner Behandlung, und wird dadurch gebessert; +— wenn nicht: so denke, daß jedes Laster sich selbst bestraft, +und daß das eigne Herz des Bösewichts und die unausbleibliche +Folge seiner Niederträchtigkeit Dich an ihm rächen werden. +— O! welch' ein langes Kapitel über die Undankbarkeit +der Menschen könnte ich schreiben, wenn ich nicht, aus Schonung +gegen Die, welche sich von dieser Seite an mir versündigt +haben, meine vielfachen traurigen Erfahrungen in diesem Fache +lieber verschweigen wollte, und wenn ich es leugnen dürfte, daß +man zuweilen durch die verfehlte Art des Wohlthuns Undankbare +mache; eine Schuld, von welcher sich selbst die Edelsten +nicht frei sprechen dürfen.</p> + +<h4>16.</h4> + +<p>Manchen Leuten ist es schlechterdings unmöglich, in irgend +einer Sache den geraden Weg zu gehen. <em class="gesperrt">Ränke</em> und <em class="gesperrt">Winkelzüge</em> +mischen sich in alle ihre Unternehmungen, ohne daß sie +deswegen von Grund aus böse sind. Eine unglückliche Stimmung +des Gemüths, und die Einwirkung von Lebensart und<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> +Schicksalen können diesen Charakter bilden. So wird zum Beispiel +ein sehr mißtrauischer Mann auch wohl zuweilen die unschuldigste +Handlung heimlich thun, sich verstellen, und seinen +wahren Zweck verschleiern. Ein Mann von übel geordneter Thätigkeit, +oder von zu vielem raschen Feuer, — ein schlauer unternehmender +Kopf, der in einer Lage ist, wo ihm alles zu einfach +hergeht, wo es ihm an Gelegenheit fehlt, seine Talente zu +entwickeln, wird allerlei schiefe Seitensprünge wagen, um seinen +Wirkungskreis zu erweitern, oder mehr Interesse in die +Scene zu bringen; und dann wird er nicht immer ekel genug in +der Wahl seiner Mittel seyn. Ein sehr eitler Mensch wird in +manchen Fällen versteckt handeln, um seine Schwäche zu verbergen. +Ein Mann, der lange an Höfen gelebt hat, um sich +her nichts als Verstellung, Intrigue, Cabale und Gegeneinanderwirken +zu sehen, und selbst auf geradem Wege nichts zu erlangen +gewohnt ist, findet ein Leben, das ohne Verwickelung +fortgeht, zu einförmig; er wird seine unbedeutendsten Schritte +so thun, daß man ihm nicht nachspüren kann, und seinen unschuldigsten +Handlungen einen räthselhaften Anschein geben. Der +Jurist, der sich stets mit den Spitzfindigkeiten der Chikane beschäftigt, +findet innigen Seelen-Genuß darin, daß er in Worten +und Werken allerlei Cautelen und Winkelzüge anbringt. Wer +seine Gehirn-Nerven durch Romanen-Lesen und andre phantastische +Träumereien überspannt, oder wer durch ein üppiges, +müssiges Leben, durch schlechte Gesellschaft und unglückliche Verhältnisse, +den Sinn für Einfalt, kunstlose Natur und Wahrheit +verloren hat, der kann ohne Intrigue nicht existiren, — und so +gibt es eine Menge Menschen, die, was sie auf geradem Wege +erlangen könnten, nicht halb so eifrig wünschen, als das, was +sie heimlich und auf den Wegen der List und des Betrugs zu erschleichen +hoffen. Man kann aber auch endlich den edelsten, offenherzigsten +Menschen, besonders in jüngern Jahren, zu Winkelzügen +verleiten, wenn man ihm ohne Unterlaß Mißtrauen +zeigt, oder ihn mit einer so nachsichtslosen Strenge behandelt, +ihn in einer solchen Entfernung von uns hält, daß er kein Zutrauen +zu uns haben kann.</p> + +<p>Was nun auch dazu beigetragen haben mag, manchen Menschen +Ränke und Winkelzüge zur Gewohnheit zu machen, so ist +wohl folgende Art, sich gegen sie zu betragen, die beste, die man +wählen kann.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span></p> + +<p>Man handle selbst immer so offen und unverstellt, und zeige +sich ihnen in Worten und Thaten als einen so entschiednen Feind +von allem, was Schiefigkeit, Intrigue und Verstellung heißt, +und als einen so warmen Verehrer jedes redlichen, aufrichtigen +Mannes, daß sie wenigstens fühlen, wie viel sie in unsern Augen +verlieren, und welche Verachtung sie sich zuziehen würden, +wenn wir sie auf Schleichwegen ertappten!</p> + +<p>Man flöße ihnen durch eine männliche Aeusserung des Abscheus +gegen alle Hinterlist und Falschheit eine gewisse Ehrerbietung +ein, und versage ihnen so lange sein Vertrauen nicht, als +sie sich offen und redlich zeigen. Man gebe ihnen zu erkennen, +daß man sie für unfähig halte, hinterlistig und unredlich zu +seyn, und rege dadurch ihr schlummerndes Ehrgefühl auf.</p> + +<p>Willst Du die Anschläge ihrer Hinterlist zerstören, so tritt +ihnen mit Festigkeit und Entschlossenheit entgegen, wenn Du +merkst, daß sie Böses im Sinne haben, und lege ihnen solche +Fragen vor, worauf sie nothwendig eine bestimmte und unumwundene +Antwort geben, oder sich verrathen müssen. Sieh ihnen +dabei fest und kräftig in's Gesicht, mit einem Blicke, der +sie durchbohrt, und Du wirst sie zwingen, sich selbst zu verachten, +oder über sich selbst zu erschrecken, wirst ihnen wenigstens, +wenn sie keiner guten Regung mehr fähig sind, Furcht und Besorgniß +einflößen, und sie dadurch nöthigen, ihren Plan aufzugeben. +Stottern sie, suchen sie auszuweichen: so brich entweder +ab, um ihnen zu verstehen zu geben, daß Du ihnen die +Schande eines Betrugs ersparen wollest; nimm aber dann ein +kaltes und entfernendes Betragen gegen sie an, oder warne sie +mit freundlichem, doch ernsthaftem Wesen, ihrer nicht unwürdig +zu handeln!</p> + +<p>Haben sie Dich dennoch einmal hintergangen, so nimm die +Sache nicht zu leicht, und verschwende keine Schonung an diese +Unwürdigen, sondern laß sie das ganze Gewicht Deines Unwillens +und Deiner Verachtung fühlen, und sey nicht sogleich bereit, +zu verzeihen! Erreichst Du auch dadurch Deine Absicht +nicht, und fahren sie fort, Dich mit Winkelzügen und Ränken +zu hintergehen: so bestrafe sie durch deutliche Aeusserungen des +Mißtrauens und Kaltsinns, und suche dich ganz von ihnen los +zu machen, als von gefährlichen Menschen, die keiner Besserung +fähig sind.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p> + +<p>Alles hierüber Gesagte paßt also auch auf das Betragen +gegen <em class="gesperrt">Lügner</em>.</p> + +<h4>17.</h4> + +<p>Was man aber im gemeinen Leben einen <em class="gesperrt">Windbeutel</em> oder +<em class="gesperrt">Aufschneider</em> und <em class="gesperrt">Prahler</em> nennt, das ist eine andere Gattung +von Menschen. Diese haben nicht die Absicht, jemand eigentlich +zu hintergehen, aber täuschen und blenden möchten sie +gern, um Ehre und Beifall zu erschleichen; überreden möchten +sie gern Andere, ihnen einen höheren Werth beizumessen, als +sie haben; sie suchen mehr Nahrung für ihre Eitelkeit, als Befriedigung +des Eigennutzes, und für einen Lobspruch geben sie +unbedenklich die Wahrheit hin. Um sich in besserm Glanze zu +zeigen; um sich bemerklich zu machen; um Andern eine so hohe +Meinung von sich beizubringen, wie sie selbst haben; um Aufmerksamkeit +durch Erzählung wunderbarer Vorfälle zu erregen; +oder um für angenehme, unterhaltende Gesellschafter zu gelten, +erdichten oder vergrößern sie; und haben sie einmal die Fertigkeit +erlangt, auf Kosten der Wahrheit eine Begebenheit, ein +Bild, einen Satz zu verzieren, so fangen sie zuweilen an, ihren +eigenen Windbeuteleien zu glauben, alle Gegenstände durch ein +Vergrößerungsglas anzusehen, und so in Riesengestalten wieder +zu Papier zu bringen.</p> + +<p>Die Erzählungen und Beschreibungen eines solchen Aufschneiders +sind zuweilen ganz lustig anzuhören; und wenn man +erst mit seiner Hyperbelsprache bekannt ist, weiß man schon, +was man vom Ganzen abzurechnen hat, um den Ueberrest für +baares Geld anzunehmen. So läßt man sich denn, besonders +in solchen Gesellschaften, wo das Bedürfniß eines Lustigmachers +oder Wortführers lebhaft gefühlt wird, gern und geduldig vorlügen, +was sich so hübsch anhört, und wobei es zu lachen gibt. +Kommen aber einmal vernünftige Leute in eine solche Gesellschaft, +so steht es übel um den Aufschneider, denn es ist leicht, +ihn durch eine Menge von Fragen über die genauesten Umstände +so in sein eignes Gewebe zu verwickeln, daß er, indem er weder +rückwärts noch vorwärts kann, beschämt wird, oder, wenigstens +einen klugen Rückzug zur Wahrheit macht. Noch besser +kann man ihn zum Schweigen bringen, wenn man ihm für jede +Unwahrheit auf komische Art eine noch derbere wieder aufheftet, +und ihm dadurch zu verstehen gibt, daß man nicht dumm genug<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> +gewesen sey, ihm zu glauben; oder wenn man, sobald er anfängt +zu blasen, die Segel der Unterhaltung auf einmal einzieht, +und seinem Winde ausweicht, da er denn, wenn dieß öfter und +von mehreren verständigen Männern geschieht, endlich scheu +und klug wird.</p> + +<h4>18.</h4> + +<p><em class="gesperrt">Unverschämte Müssiggänger</em>, <em class="gesperrt">Schmarotzer</em>, +<em class="gesperrt">Schmeichler</em> und <em class="gesperrt">zudringliche Leute</em>, rathe ich, in der +gehörigen Entfernung von sich zu halten, sich mit ihnen nicht +gemein zu machen, ihnen durch ein höfliches, aber immer steifes +und ernsthaftes Betragen zu erkennen zu geben, daß ihre Gesellschaft +und Vertraulichkeit uns zuwider ist. Einer meiner Bekannten +erzählte mir einst: Er habe in Holland über der Thür +des Arbeitszimmers eines verständigen Mannes folgende Worte +mit großen Buchstaben geschrieben gefunden: »Es ist erschrecklich +beschwerlich für einen Mann, der bestimmte Geschäfte hat, +von Leuten überlaufen zu werden, die keine Geschäfte haben.« — +Der Einfall war nicht übel. Die, welche gern bei uns schmausen, +kann man am leichtesten dadurch verscheuchen, daß man +sie, ohne ihnen etwas vorzusetzen, wieder fortgehen läßt; aber +gegen Schmeichler, besonders gegen die von feinerer Art, soll +man, aus Besorgniß für sein eigenes Heil, auf seiner Hut seyn. +Sie verderben uns von Grund aus, wenn wir unser Ohr an +ihren Sirenen-Gesang gewöhnen. Dann wollen wir ohne Unterlaß +gestreichelt und gekitzelt seyn, finden die wohlthätige +Stimme der Wahrheit nicht harmonisch genug, und vernachlässigen +und versäumen die treuern, bessern Freunde, die uns aufmerksam +auf unsere Fehler machen wollen. Um nicht so tief zu +fallen, waffne man sich mit Gleichgültigkeit gegen die gefährlichen +Lockungen der Schmeichelei; man fliehe vor dem Schmeichler, +wie vor dem bösen Feinde! Allein das ist nicht so leicht, +wie man wohl glaubt; es gibt eine Art, Süßigkeiten zu sagen, +die das Ansehen hat, als wollte man der Wahrheit huldigen. +Der schlaue Schmeichler, der Deine schwache Seite studirt hat, +wird, wenn er Dich für zu verständig hält, um nicht die größern +Schlingen dieser Art für gefährlich zu erkennen, Dir nicht immer +Recht geben; er wird vielmehr Dich tadeln; er wird Dir +sagen: »daß er nicht begreifen könne, wie ein so edler und weiser +Mann, wie Du seyest, sich einen kleinen Augenblick auch +einmal habe vergessen können; er hätte geglaubt, so etwas<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> +könne nur gemeinen Leuten von <em class="gesperrt">seinem</em> Schlage begegnen.« +Er wird an Deinen Schriften Fehler rügen, die Dir gleich beim +ersten Anblicke unbedeutend scheinen müssen, und ihm nur dazu +dienen, diejenigen Stellen um desto unverschämter zu loben, +von welchen er weiß, daß Du dir etwas darauf zu gute thust. +»Schade,« wird er ausrufen, »daß Ihre Sinfonien — ich bin +kein Schmeichler; ich sage meine Meinung immer rund heraus +— Schade, daß diese herrlichen Sinfonien, die gewiß in +allem Betracht ein klassisches Werk genannt werden können, +so äusserst schwer vorzutragen sind. Wo findet man Meister, +die würdig wären, so etwas aufzuführen? und doch ist das ein +wesentlicher Fehler, den Sie, verzeihen Sie meiner Offenherzigkeit! +hätten vermeiden sollen.« Er wird Mängel an Dir +finden, und mit verstelltem Eifer dagegen declamiren, — Schwachheiten +und Mängel, auf welche Deine Eitelkeit sich etwas einbildet. +Er wird Dich einen Misanthropen schelten, weil er gemerkt +hat, daß Du durch Deine abgezogene Lebensart Aufsehen +erregen möchtest; er wird Dir vorwerfen, Du seyest intrigant, +wenn er merkt, daß es Dir behagt, für einen schlauen Hofmann +angesehen zu werden. Auf diese Weise wird er sich bei Dir und +andern Kurzsichtigen in den Ruf eines unpartheiischen, wahrheitliebenden +Mannes setzen; sein honigsüßer Trank wird glatt +hinuntergehen, und in der Berauschung werden Dein Herz und +Dein Beutel dem verschmitzten Spötter offen stehen. Vielfältig +habe ich, besonders an Höfen, dergleichen Männer angetroffen, +die unter der Maske der Bonhommie und bei dem Rufe, den +Fürsten tapfer die Wahrheit zu sagen, die ärgsten Maulschwätzer +waren.</p> + +<h4>19.</h4> + +<p>Das Betragen gegen <em class="gesperrt">Schurken</em>, das heißt, gegen Leute, +die von Grund aus schlecht sind, etwa ein wenig Erbsünde abgerechnet, +fordert vor allem Festigkeit und Muth. Ich beziehe +mich dabei zuerst auf das, was ich weiterhin über den Umgang +mit Feinden, und über das Betragen gegen Verirrte und Gefallne +sagen werde, und füge nur noch nachstehende Bemerkungen +hinzu:</p> + +<p>Daß man, wo möglich, den Umgang mit schlechten Leuten +fliehen müsse, weil durch sie Moralität, Ruf und Ruhe in Gefahr +kommt, besonders wenn sie mit Schlechtigkeit der Grundsätze<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> +eine feine Verstandesbildung verbinden, und viel geselliges +Talent haben, — das versteht sich wohl von selber. Wenn ein +Mann von festen Grundsätzen auch nicht in Gefahr kommt, von +ihnen angesteckt zu werden, so gewöhnt er sich doch nach und +nach an ihre Art zu urtheilen und zu handeln, ihre Zweideutigkeiten +und Unsittlichkeiten, und an den Anblick ihres sittlichen +Schmutzes, und verliert den heiligen Abscheu gegen alles, was +unedel ist; einen Abscheu, der zuweilen einzig hinreicht, uns in +Augenblicken der Versuchung vor feinern Vergehungen zu bewahren. +Leider aber zwingt uns unsre Lage zuweilen, mitten +unter Schurken zu leben, und mit ihnen gemeinschaftlich Geschäfte +zu treiben; und da ist es denn nöthig, gewisse Vorsichtigkeits-Regeln +nicht aus der Acht zu lassen.</p> + +<p>Glaube nicht, wenn Du einiges Verdienst von Seiten des +Kopfs und des Herzens hast, es jemals dahin zu bringen, daß +Du von schlechten Menschen nie in Deiner Ruhe gestört werdest, +oder nie durch sie leidest! Es herrscht ein ewiges Bündniß +unter Schurken und Schleichern gegen alle verständige und edle +Menschen; auch sind sie auf eine unbegreifliche Weise so verbrüdert, +daß sie unter allen übrigen Menschen einander erkennen +und bereitwillig die Hand reichen, möchten sie auch durch äussere +Verhältnisse und Umstände noch so sehr getrennt seyn, sobald es +darauf ankömmt, das wahre Verdienst zu verfolgen und mit +Füßen zu treten. Da hilft keine Art von Vorsichtigkeit und Zurückhaltung; +da hilft nicht Unschuld, nicht Geradheit; da hilft +nicht Schonung, noch Mäßigung; da hilft es nicht, seine guten +Eigenschaften verstecken, mittelmäßig scheinen zu wollen. +Niemand erkennt so leicht das Gute, das in Dir ist, als Der, +dem dies Gute fehlt. Niemand läßt innerlich dem Verdienste +mehr Gerechtigkeit widerfahren, als der Bösewicht; aber er zittert +davor, wie Satan vor dem Evangelio, und arbeitet mit +Händen und Füßen dagegen. Jene große Verbrüderung wird +Dich ohne Unterlaß necken, Deinen Ruf antasten; bald zweideutig, +bald übel von Dir reden, die unschuldigsten Deiner +Worte und Thaten boshaft auslegen. — Aber laß Dich das +nicht anfechten! würdest Du auch wirklich von Schurken eine +Zeitlang gedrückt, so wird doch die Rechtschaffenheit und Consequenz +Deiner Handlungen am Ende siegen, und der Unhold bei +einer andern Gelegenheit sich selbst die Grube graben. Auch sind<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> +die Schelme nur so lange einig unter sich, als es nicht auf +männliche Standhaftigkeit ankömmt, so lange sie im Dunkeln +fechten können. Hole aber Licht herbei, und sie werden aus einander +rennen! Und wenn es nun gar zur Theilung der Beute +ginge, dann würden sie sich unter einander bei den Ohren zausen, +und Dich indeß mit Deinem Eigenthume ruhig davon wandern +lassen. Geh Deinen geraden Gang fort! Erlaube Dir nie +schiefe Streiche, nie Schleichwege, um Schleichwegen zu begegnen; +nie Ränke, um Ränke zu zerstören; mache nie gemeinschaftliche +Sache mit Bösewichtern, gegen Bösewichter! Handle +großmüthig! Unedle Behandlung, und zu weit getriebenes Mißtrauen +können Den, welcher auf halbem Wege ist, ein Schelm +zu werden, vollends dazu machen; Großmuth hingegen kann +einen nicht ganz verstockten Unhold vielleicht, auf einige Zeit +wenigstens, bessern, und die Stimme des Gewissens in ihm erwecken. +Aber er müsse fühlen, daß Du nur aus Huld, nicht +aus Furcht also handelst! Er müsse fühlen, daß, wenn es auf +das Aeusserste kömmt, wenn der Grimm eines unerschrocknen +redlichen Mannes losbricht, der kühne, rechtschaffene Weise im +niedrigsten Stande mächtiger ist, als der Schurke im Purpur; +daß ein großes Herz, daß Tugend, Klugheit und Muth, stärker +machen, als erkaufte Heere, an deren Spitze ein Schurke +steht! Was hätte der wohl zu fürchten, der nichts mehr zu verlieren +hat, als was kein Sterblicher ihm rauben kann? Und +was vermag in dem Augenblicke der äussersten, verzweifelten +Nothwehr ein feiger Sultan, ein ungerechter Despot, der in sich +selbst einen Feind herumträgt, von welchem er immer bedroht, +oder in die Flanke genommen wird, gegen den niedrigsten seiner +Unterthanen, der ein reines Herz, einen hellen Kopf, Unerschrockenheit +und gesunde Arme zu Bundesgenossen hat?</p> + +<p>Es ist unmöglich, sich bei gewissen Leuten beliebt zu machen, +deren Gunst man nur auf Unkosten seines Gewissens erwerben +kann, und es wird nicht schaden, wenn diese uns wenigstens +fürchten.</p> + +<p>Es gibt Leute, die uns zu Vertraulichkeiten, zu gewissen +Eröffnungen zu bewegen suchen, damit sie nachher Waffen gegen +uns in Händen haben, womit sie uns drohen können, wenn +wir ihnen nicht zu Gebote stehen wollen. Die Klugheit erfordert, +dagegen auf seiner Hut zu seyn. Man erkennt sie leicht<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> +an der groben Schmeichelei, durch welche sie sich uns zu nähern, +und unser Vertrauen zu erschleichen suchen.</p> + +<p>Beschenke den, von dem Du fürchtest, er werde Dich <em class="gesperrt">bestehlen</em>, +wenn Du glaubst, daß Großmuth noch Eindruck auf +ihn machen könnte!</p> + +<p>Ermuntre und ehre äusserlich Menschen, an denen Du irgend +eine Thatkraft zum Guten findest! Bringe sie nicht ohne +Noth um Kredit! Es gibt Leute, die viel Gutes <em class="gesperrt">sagen</em>, im +<em class="gesperrt">Handeln</em> aber heimliche Schalke sind, oder Menschen voll Inconsequenz, +Leichtsinn und Leidenschaft: entlarve diese nicht, in +so fern es nicht der Folgen wegen seyn muß! Sie wirken durch +ihre Reden manches Gute, welches unterbleibt, wenn man sie +verdächtig macht. Man sollte sie immer herumreisen lassen, um +gute Zwecke zu befördern; allein sie müßten jeden Ort früh genug +verlassen, um sich nicht zu verrathen, und durch ihr Beispiel +nicht die Wirkung ihrer Lehren zu verderben.</p> + +<h4>20.</h4> + +<p>Es gibt Menschen von guter Gesinnung, welche durch übertriebene +Bescheidenheit und unüberwindliche Furchtsamkeit, durch +eine Schüchternheit, die sie fast zu Kindern macht, sich selbst +der Geringschätzung hingeben, und sich um allen Genuß und +allen Vortheil bringen, den ihnen die Gesellschaft gewähren soll. +Man macht sich um sie und um die Gesellschaft verdient, wenn +man ihnen Zuversicht zu sich selbst einzuflößen sucht, und ihnen +Veranlassung gibt, sich geltend zu machen. So verachtungswerth +Unbescheidenheit und Dünkel sind, so unmännlich ist zu +weit getriebene Schüchternheit. Der Edle soll seinen Werth fühlen, +und eben so wenig ungerecht gegen sich, als gegen Andre +seyn. Uebertriebnes Lob und zu weit ausgedehnter Vorzug aber +beleidigen den Bescheidnen. Er müsse weniger aus Deinen Worten, +als aus Deinen ungekünstelten, wahre Zuneigung verrathenden +Handlungen, Deine Hochachtung gegen ihn erkennen!</p> + +<h4>21.</h4> + +<p><em class="gesperrt">Unvorsichtigen</em> und <em class="gesperrt">plauderhaften</em> Leuten darf man +natürlicher Weise keine Geheimnisse anvertrauen. Besser wäre +es, man hätte überhaupt keine Geheimnisse in der Welt, könnte +immer frei und offen handeln, und alles, was im Herzen vorgeht, +vor jedermann sehen lassen; besser wäre es, man dächte +und redete nichts, als was man laut denken und reden darf.<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> +Da dieß indessen, besonders bei Männern, die in öffentlichen +Aemtern stehen, oder sonst fremde Geheimnisse zu verwahren +haben, nicht möglich ist: so muß man freilich vorsichtig in der +Mittheilung dessen seyn, was nicht Jeder wissen darf.</p> + +<p>Man findet Menschen, denen es schlechterdings unmöglich +ist, irgend etwas zu verschweigen. Man sieht es ihnen an, wenn +sie ängstlich umherlaufen, daß sie etwas Neues bei sich tragen, +und daß sie große Herzensangst leiden, bis sie einem andern +Plaudrer ihre Nachricht heiß mitgetheilt haben. Andern fehlt es +zwar nicht an dem guten Willen zu schweigen, wohl aber an +der Klugheit, sich nicht durch Winke, Blicke, oder auf andre +Art zu verrathen; oder an der Festigkeit, sich nicht ausfragen +zu lassen; oder sie haben eine zu gute Meinung von der Ehrlichkeit +und Verschwiegenheit derer, welchen sie sich anvertrauen. — +Gegen alle diese muß man behutsam, und selbst verschlossen seyn.</p> + +<p>Es kann auch zuweilen nicht schaden, wenn man plauderhafte +Leute bei der ersten Gelegenheit, da sie etwas über uns +geschwatzt haben, dergestalt in Furcht setzt, daß sie es nicht +wagen dürfen, hinter unserm Rücken auch nur einmal unsern +Namen zu nennen, es sey im Guten oder Bösen. Die eigentlichen +bekannten Zeitungsträger aber, deren es fast in jeder Stadt +einige gibt, kann man nützen, wenn man ein unschuldiges +Mährchen im Publiko ausgebreitet wissen will, das den Leuten +etwas zu reden geben, oder sie zu ihrem Besten auf etwas aufmerksam +machen soll. Nur muß man dann nicht verfehlen, sie +um Verheimlichung der Sache zu bitten, sonst halten sie es vielleicht +der Mühe nicht werth, dieselbe auszuplaudern.</p> + +<p><em class="gesperrt">Vorwitzige</em> und <em class="gesperrt">neugierige</em> Menschen kann man nach +den Umständen entweder auf ernsthafte oder spaßhafte Manier +behandeln. Im erstern Falle muß man, sobald man merkt, daß +sie sich im mindesten um unsere Angelegenheiten bekümmern, +uns belauschen, behorchen, sich in unsere Geschäfte mischen, unsern +Schritten nachspüren, oder unsre Plane und Handlungen +ausspähen wollen, sich gegen sie mündlich, schriftlich oder thätig, +so kräftig erklären, sie auf eine solche Weise zurückschrecken, +daß ihnen die Lust vergehe, auch nur von Weitem sich an uns +zu wagen. Will man aber seinen Spaß mit ihnen haben, so +kann man ihrer Neugier ohne Unterlaß so viel zu schaffen machen, +daß sie über die Kindereien, worauf man ihre Aufmerksamkeit<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> +lenkt, keine Muße behalten, sich um diejenigen Dinge +zu bekümmern, welche wir ihrer Beobachtung zu entziehen wünschen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Zerstreute</em> und <em class="gesperrt">vergessene</em> Leute taugen nicht zu Geschäften, +wo es auf Pünktlichkeit ankömmt. Jungen Personen kann +man diese Fehler wohl zu gute halten, und durch eine verständige +Behandlung zuweilen noch abgewöhnen, so, daß sie ihre +Gedanken bei einander halten. Manche, die aus zu großer Lebhaftigkeit +des Temperaments leicht alles vergessen, und nie da +zu Hause sind, wo sie seyn sollten, kommen von dieser Schwachheit +zurück, wenn sie älter, kühler und sittsamer werden. Andre +affectiren, zerstreut zu seyn, weil sie glauben, das sähe vornehm +oder gelehrt aus; über solche Thoren aber soll man nur die Achseln +zucken, und sich wohl hüten, ihre Zerstreutheit geistvoll oder +artig zu finden. Es gilt von ihnen, was über diejenigen gesagt +worden ist, welche sich körperlich krank stellen, um Interesse zu +erwecken. Wessen Gedächtniß aber wirklich schwach, und nicht +etwa durch Uebung nach und nach zu stärken ist, dem rathe +man, sich alles schriftlich aufzuzeichnen, was er behalten will, +und diesen Zettel täglich oder wöchentlich einmal durchzulesen; +denn es ist wahrlich nichts verdrießlicher, als wenn uns jemand +verspricht, ein Geschäft zu besorgen, an welchem uns gelegen +ist, und uns hernach, wenn wir uns auf sein Wort verlassen, +mit der Versicherung überrascht, daß er es rein vergessen habe.</p> + +<p>Sehr zerstreueten Leuten muß man es übrigens so hoch nicht +anrechnen, wenn sie gegen uns zuweilen in Aufmerksamkeit, +Höflichkeit, oder was man sonst im geselligen und freundschaftlichen +Umgange fordert, unvorsätzlich fehlen.</p> + +<h4>22.</h4> + +<p>Es gibt eine Art Menschen, die man <em class="gesperrt">wunderliche</em> (<span class="antiqua">difficiles</span>) +<em class="gesperrt">Leute</em> nennt. Sie sind nicht bösartig, sind nicht immer +zänkisch und mürrisch; aber man kann ihnen doch nicht leicht +etwas ganz recht machen. Sie haben sich, zum Beispiel, an +eine pedantische Ordnung gewöhnt, deren Regel nicht Jeder, so +wie sie, im Kopfe hat; und da kann es denn leicht kommen, +daß man einen Stuhl in ihrem Zimmer anders hinstellt, als sie +es gern sehen (wenn dieß übrigens aus wahrem Ordnungsgeiste +herrührt, so habe ich an der Sache selbst nichts auszusetzen); +oder sie hängen gewissen Vorurtheilen an, denen man sich unterwerfen<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> +muß, wenn man in ihren Augen Werth haben will; +zum Beispiel: in Kleidertrachten, in der Art laut oder leise zu +reden, groß oder klein zu schreiben und dergleichen. Man sollte +wohl sagen, daß ein vernünftiger Mann über solche Kleinigkeiten +hinausgehen müßte; unterdessen trifft man doch Männer +an, die über andere Gegenstände sehr verständig und billig denken, +nur in solchen Punkten nicht; und was wichtiger als das +ist, an dieser Männer Gunst kann uns vielleicht sehr viel gelegen +seyn. Wenn dies Letztere nun der Fall ist, so rathe ich, in +Dingen von geringem Belange, die mit einiger Aufmerksamkeit +so leicht zu befolgen sind, sich ihnen gefällig zu zeigen. Andre +aber, mit denen wir weiter in keinem Verhältniß stehen, lasse +man, in so fern sie übrigens brave Männer sind, bei ihrer +Weise, und vergesse nicht, daß wir Alle unsre Schwachheiten +haben, die man brüderlich ertragen muß!</p> + +<p>Leute, die etwas darin suchen, sich durch ihr Betragen in +unwesentlichen Dingen von Andern zu unterscheiden (nicht eigentlich +aus Ueberzeugung, daß es besser so sey, als anders, +sondern hauptsächlich darum, weil sie etwas darein setzen, das +zu thun, was Andre nicht thun), solche Leute nennt man <em class="gesperrt">Sonderlinge</em>. +Sie sehen es gern, wenn man ihre Weise bemerkt; +und ein verständiger Mann muß in seinem Betragen gegen sie +wohl überlegen, ob ihr Eigensinn von unschädlicher Art ist, und +ob sie Männer sind, die in irgend einer Rücksicht Schonung +verdienen, um darnach im Umgange mit ihnen zu verfahren, +wie es Vernunft und Duldung fordern.</p> + +<p>Was endlich Leute betrifft, die von <em class="gesperrt">Launen</em> regiert werden, +so daß man ihnen heute der willkommenste Gast, morgen der +überlästigste Gesellschafter ist, so rathe ich, — vorausgesetzt, +daß diese Launen nicht ihren Grund in geheimen Leiden haben +(denn wenn das ist, so habe Mitleiden!) — gar nicht zu thun, +als bemerkte man solche Ebben und Fluthen, sondern auf immer +gleich-vorsichtigem Fuße mit ihnen umzugehen.</p> + +<h4>23.</h4> + +<p><em class="gesperrt">Einfältige Menschen</em>, die ihre Schwäche fühlen, und +sich daher willig von vernünftigen Menschen leiten lassen, auch +bei ihrem natürlich gutmüthigen, wohlwollenden, sanften Temperamente +zwar leicht zum Guten, aber schwer zum Bösen zu +bewegen sind, soll man nicht verachten. Es können nicht alle<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> +Menschen hohen, erhabnen Geistes-Schwung haben; und die +Welt würde auch sehr übel dabei fahren, wenn es also wäre. +Es müssen mehr subalterne, als Herrscher-Genies unter den Erdensöhnen +seyn, wenn nicht Alle in ewiger Fehde mit einander +leben sollen. Daß ein höherer Grad von Tugend, daß Kraft, +Muth, Festigkeit, oder feine Beurtheilungskraft, nicht mit +Schwäche des Geistes bestehen könne, ist freilich gewiß; allein +das gehört ja nicht hieher. Wenn im Ganzen nur das Gute geschieht, +und die dummen Menschen zu diesem Guten sich die +Hände führen lassen; so füllen sie ihren Platz nützlicher aus, als +die überschwenglichen Genies, die Feuerköpfe, mit ihrem sich +durchkreuzenden unaufhörlichen Wirken und Streben.</p> + +<p>Unerträglich hingegen ist die Prüfung, wenn man es mit +einem Stockfische zu thun hat, der sich für einen Halbgott hält, +mit einem eiteln, eigensinnigen, mißtrauischen Pinsel, mit einem +verzogenen, verzärtelten, vornehmen Herrn, der Länder +und Völker zu regieren hat, und leider alles selbst regieren will. +Doch soll an seinem Orte gezeigt werden, wie man mit dieser +Art Menschen umgehen müsse.</p> + +<p>Eine gewisse Gattung gutmüthiger, aber schwacher und +plumper Menschen, ist, selbst in der Jugend, schwer zu verfeinern. +Die Sprache der Ironie verstehen sie nicht. Ist sie zu +fein, so nehmen sie es für baares Geld. Ein ernsthafter Ton +greift auch nicht ein, oder beleidigt sie. Warme, gefühlvolle +Ermahnungen bleiben gänzlich ohne Wirkung.</p> + +<p>Allein man thut oft gewissen Menschen großes Unrecht, welche +durchaus unfähig sind, sich zu äussern, entweder weil sie der +Sprache nicht mächtig werden, oder sich von einer ihnen durch +Erziehung angebildeten Schüchternheit nicht losmachen können, +indem man sie für schwach, dumm, gefühllos oder unwissend +hält, da sie es doch keinesweges sind, sondern nur so scheinen. +Nicht Jeder hat die Gabe, seine Gedanken und Empfindungen +an den Tag zu legen, oder er thut es wenigstens nicht auf die +Weise, welche uns die rechte scheint; er hat etwas Zurückstoßendes +in seinem äusseren Wesen, er verstößt alle Augenblicke gegen +die feinere Sitte, oder gegen den Gesellschaftston, an welchen +wir uns gewöhnt haben. Er will nicht nach seinen <em class="gesperrt">Worten</em>, +sondern nach seinem <em class="gesperrt">Thun</em> gerichtet seyn, und auch sein Thun +ist von der Art, daß man ungerecht über ihn urtheilen würde,<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> +wenn man nicht Rücksicht nehmen wollte auf seine Erziehung, +seine Lage und auf die Gelegenheit, die er gehabt, oder die ihm +gefehlet hat, sich auszuzeichnen. Man überlegt selten, daß <em class="gesperrt">der</em> +Mensch schon sehr viel Werth hat, der in der Welt nur nichts +Böses thut, und daß die Summe dieses negativen Guten zur +Wohlfahrt des Ganzen oft mehr beiträgt, als der lange Lebenslauf +eines thätigen Mannes, dessen heftige Leidenschaften in +unaufhörlichem Kampfe mit seinen großen, edlen Zwecken stehen. +Und dann sind Gelehrsamkeit, Kultur und gesunde Vernunft +wieder sehr verschiedne Dinge. Es herrscht unter Menschen von +einer sogenannten feineren Erziehung und Bildung so viel Convention, +daß es schwer ist, Stoff und Gepräge zu unterscheiden, +und wir verwechseln nur gar zu leicht die Grundsätze, welche auf +diesem Uebereinkommen beruhen, mit den unwandelbaren Vorschriften +der reinen Weisheit. Wir sind nun einmal gewöhnt, +nach jenem Richtmaße des Herkommens zu urtheilen und zu denken, +oder vielmehr Worte ganz unbefangen zu gebrauchen und +nachzusprechen, deren zweideutigen Sinn wir Mühe haben würden, +einem ganz rohen Wilden zu erklären; und so halten wir +denn Denjenigen für einen Geistesarmen, für einen einfältigen +Tropf, der das Wörterbuch der Höflichkeitssprache nicht auswendig +weiß, und daher redet, weß das Herz voll ist, also ganz +ungeschmückt und unumwunden, aber dabei ganz im Geiste des +gesunden Menschenverstandes. Daher wird man nicht selten +durch die Urtheile gemeiner Leute, die freilich dem sogenannten +Kenner sehr abgeschmackt vorkommen würden, sehr angenehm +überrascht, und aus dem Zauber einer falschen, erzwungenen +Täuschung gerissen, so daß auf einmal auch in uns der Sinn +für wahre, ächte Natur wieder erwacht! Wie oft habe ich im +Schauspielhause erst das nüchterne Urtheil der Gallerie erwartet; +habe erwartet, was für Eindruck eine Scene auf das unbestochene +Volk, das wir Pöbel nennen, machen, — habe erwartet, +ob ein rührender Auftritt allgemeine Stille, oder lautes Gelächter +verbreiten würde, um mich zu bestimmen in meinem Urtheil, +wie treu der Schriftsteller und Schauspieler die Natur kopiert, +oder ob er sie verfehlt oder erreicht habe. Auf den Gebildeten +wirkt die Illusion, weil er von Jugend auf in einer Welt voll +Täuschungen wandelte; jene aber leben und weben in der Natur +und im Reiche der ungeschmückten Wahrheit. Groß ist der<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> +Künstler, der durch das Spiel seiner Phantasie, durch seine, die +Natur auf's treueste nachahmende Darstellung, auch unkultivirte +Menschen vergessen machen kann, daß sie getäuscht werden. +Groß ist ferner der Mann, der den Sinn für ungeschminkte +Wahrheit nicht in dem Meere von Neben-Ideen, Vorurtheilen +und Conventionen ersäuft hat. Aber wie selten trifft man Kunst +und Wahrheits-Sinn, Kultur und Einfalt, im schönen Einklange +an! — Lasset uns also Den nicht verachten, der den bessern +Theil auf Kosten des schlechtern gerettet hat, und lasset uns +ihn ja nicht aufklären, sondern lieber bei solchen Einfältigen in +die Schule gehn!</p> + +<p><em class="gesperrt">Gutmüthige</em>, und dabei <em class="gesperrt">schwache</em> Menschen sind fast als +Unmündige zu betrachten, welche der Vormundschaft aller Verständigen +und Guten übergeben sind. Man soll ihnen nicht den +Beistand versagen, den sie unaufhörlich bedürfen, — soll, wenn +man kann, edle Freunde um sie her zu versammeln suchen, von +denen sie nicht gemißbraucht, sondern zu Handlungen bestimmt +und gelenkt werden, die eines wohlwollenden Herzens würdig +sind. Es gibt Personen, die nichts abschlagen können, wenigstens +nicht mündlich; und da geschieht es dann, daß, um niemand +zu kränken, oder damit man nicht glaube, daß es ihnen +an gutem Willen fehle, sie mehr versprechen, als sie leisten können; +mehr hingeben, mehr Arbeit für Andre übernehmen, als +sie vernünftiger Weise thun sollten. Andre sind so <em class="gesperrt">leichtgläubig</em>, +daß sie Jedem trauen, sich Jedem hingeben und aufopfern, +Jeden für einen treuen Freund halten, der die Aussenseite des +ehrlichen, menschenliebenden Mannes trägt. Noch Andre sind +nicht im Stande, für sich etwas zu erbitten, sollten sie auch +darüber nichts in der Welt von demjenigen erlangen, worauf +sie die billigsten Ansprüche machen dürfen. Ich brauche wohl +nicht zu sagen, wie sehr alle diese Schwachen gemißhandelt oder +wenigstens vernachlässigt werden; wie man auf die Gutherzigkeit +und Dienstfertigkeit der Erstern losstürmt, und wie den +Andern die Unverschämtheit alles vor dem Munde wegnimmt, +weil sie nicht den Muth haben, zuzugreifen oder ihre Ansprüche +geltend zu machen. Mißbrauche keines Menschen Schwäche! +Erschleiche von Keinem Vortheile, Geschenke, Verwendung von +Kräften, die Du nicht nach den Regeln der strengsten Gerechtigkeit, +ohne ihm Verlegenheit und Last aufzuladen, von ihm fordern<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> +darfst; suche auch zu verhindern, daß Andre dergleichen +thun; mache dem <em class="gesperrt">Blöden</em> Muth! Verwende Dich, rede für +ihn, wenn seine Schüchternheit ihn abhält, sein eigener Fürsprecher +zu seyn!</p> + +<p>Manche Leute haben die Schwachheit, mit ganzer Seele <em class="gesperrt">gewissen +Liebhabereien nachzuhängen</em>. Sey es nun irgend +eine noble Passion: Jagd, Pferde, Hunde, Katzen, Tanz, +Musik, Malerei, oder die Wuth, Kupferstiche, Naturalien, +Schmetterlinge, Petschafte, Pfeifenköpfe und dergleichen zu sammeln, +oder Bau-Geist, Garten-Anlage, Kinder-Erziehung, +Mäcenatenschaft, physikalische Versuche — oder was für ein +Steckenpferd sie auch reiten: so dreht sich doch der ganze Kreis +ihrer Gedanken immer um diesen Punkt herum; sie reden von +keiner Sache so gern, wie von diesem ihrem Lieblings-Gegenstande; +jedes Gespräch wissen sie dahin zu lenken. Sie vergessen +dann, daß der Mann, welchen sie vor sich haben, vielleicht von +keinem Dinge in der Welt weniger versteht, als von diesem, +verlangen aber auch dagegen nicht gerade, daß er mit großer +Kenntniß davon rede, wenn er nur die Geduld hat, ihnen zuzuhören; +wenn er ihre Herrlichkeiten nur mit Aufmerksamkeit +betrachtet, nur bewundert, was sie ihm als die größte Seltenheit +empfehlen, und Interesse daran zu nehmen scheint. Nun, +wer wird denn wohl so hartherzig seyn, diese kleine Freude einem +Manne, der übrigens redlich und verständig ist, zu versagen +oder zu verkümmern! Vorzüglich empfehle ich Aufmerksamkeit +auf die — doch wie sich's versteht, unschuldigen — Liebhabereien +der Großen, an deren Gunst uns gelegen ist; denn, wie +Tristram Shandy anmerkt, so wird ein Hieb, welchen man +dem Steckenpferde gibt, schmerzlicher empfunden, als ein Schlag, +den der Reiter selbst empfängt.</p> + +<h4>24.</h4> + +<p>Mit <em class="gesperrt">muntern</em>, <em class="gesperrt">aufgeweckten Leuten</em>, die von ächtem +Humor beseelt werden, ist leicht und angenehm umzugehen. Ich +sage: sie müssen von <em class="gesperrt">ächtem</em> Humor beseelt werden; die Fröhlichkeit +muß aus dem Herzen kommen, muß nicht erzwungen, +muß nicht eitle Spaßmacherei, nicht Haschen nach Witz seyn. +Wer noch von ganzem Herzen lachen, sich den Aufwallungen +einer lebhaften Freude überlassen kann: der ist kein ganz böser +Mensch. Tücke und Bosheit machen zerstreut, ernsthaft, nachdenkend,<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> +verschlossen; <span class="antiqua">mais un homme, qui rit, ne sera jamais +dangereux</span>. Daraus folgt indessen nicht, daß Jeder, der +nicht von fröhlicher Gemüthsart ist, und in der Gesellschaft einsylbig +und zurückhaltend an dem Gespräche Theil nimmt, deswegen +etwas Böses im Schilde führen sollte. Die Stimmung +des Gemüths hängt vom Temperamente, so wie von der Gesundheit +und von innern und äussern Verhältnissen ab. Aechte +muntre Laune aber pflegt ansteckend zu seyn, und diese Epidemie +hat etwas so Wohlthätiges; es ist ein so wahres Seelen-Glück, +einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen +zu dürfen, daß ich dringend anrathe, sich zur Munterkeit anzufeuern, +oder anfeuern zu lassen, und wenigstens ein Paar Stunden +in der Woche auf diese Weise der gesitteten Fröhlichkeit zu +widmen.</p> + +<p>Allein es ist schwer, in lustiger Stimmung, und wenn man +dem Witze den Zügel schießen läßt, nicht in einen <em class="gesperrt">satyrischen</em> +Ton zu fallen. Was gibt uns reichern Stoff zum Lachen, als +das unzählige Heer von Thorheiten der Menschen? Und diese +Thorheiten treten am lebhaftesten vor unsre Augen, wenn wir +uns die Originale dazu denken, in welchen sie wohnen. Lachen +wir nun über die Narrheit, so ist es fast unvermeidlich, auch +über den Narren mit zu lachen, und da kann dann dies Lachen +sehr ernsthafte, verdrießliche Folgen haben. Wenn ferner unsre +Spöttereien Beifall finden, so werden wir verleitet, unsern Witz +immer feiner zuzuspitzen, und Andre, denen es ausserdem vielleicht +an Stoff zu munterer Unterhaltung fehlen würde, schärfen, +durch unser Beispiel verführt, ihre Aufmerksamkeit auf die +Mängel ihrer Nebenmenschen: und wohin das führen, welche +böse Folgen es haben, und wie leicht es Streit erregen, das +Vergnügen zerstören, Feindschaft erwecken könne, das ist theils +bekannt genug, theils habe ich darüber schon etwas im ersten +Kapitel gesagt. Ich halte es daher für Pflicht, im Umgange +mit sehr satyrischen Leuten auf seiner Hut zu seyn. Nicht, daß +man sich persönlich vor ihrer spitzen Zunge oder Feder fürchten +müßte, denn das zeigt wirklich den höchsten Grad von innerm +Bewußtseyn eigener Erbärmlichkeit an; sondern daß man nicht +durch sie verführt werde, mit zu lästern; daß man sich und Andern +dadurch nicht schade, und daß der Geist der Duldung nicht +von uns weiche. Man bezeige daher satyrischen Leuten keinen<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> +zu lauten Beifall, bestärke sie nicht in der Gewohnheit, ihren +Witz auf andrer Menschen Unkosten spielen zu lassen, und lache +nicht mit, wenn sie lästern und schmähen.</p> + +<p>Ich sage: man hat gar nicht Ursache, satyrische Leute eigentlich +zu fürchten; denn sind sie übrigens edle Männer, so werden +sie, wenn sie auch über Thorheiten lachen und spotten, doch +den Charakter des redlichen Mannes schonen. Sind sie aber boshafte +Spötter, so werden sie sich mehr, als Andern, schaden. — +An den Mann von Würde wagt sich denn auch nicht leicht ein +Solcher, wenigstens nicht zum zweiten Mal.</p> + +<h4>25.</h4> + +<p><em class="gesperrt">Trunkenbolde</em>, grobe <em class="gesperrt">Wollüstlinge</em> und alle andre Arten +von <em class="gesperrt">lasterhaften Menschen</em> soll man freilich fliehn, und +ihren Umgang, wenn man kann, vermeiden; ist dieß aber durchaus +unmöglich, so bedarf es wohl keiner Erinnerung, daß man +sich hüten müsse, von ihnen angesteckt, verblendet oder verführt +zu werden. Allein das ist nicht genug. Es ist Pflicht, ihren +Ausschweifungen, möchten sie solche auch in das gefälligste Gewand +hüllen, nicht nachzusehen, sie nicht zu entschuldigen, sondern +vielmehr, wo es mit Klugheit geschehen kann, einen erklärten +Abscheu dagegen zu zeigen; es ist Pflicht, und recht heilige +Pflicht, an unzüchtigen, schmutzigen Gesprächen niemals, und +auf keinerlei Art beifälligen Antheil zu nehmen. Man sieht in +der großen Welt die sogenannten <span class="antiqua">agréables débauchés</span> mehrentheils +die glänzendste Rolle spielen, und in manchen, besonders +männlichen Cirkeln, die Unterhaltung auf Zoten und Zweideutigkeiten +hinausgehen, wodurch die Phantasie junger Leute erhitzt, +mit schlüpfrigen Bildern erfüllt, und die schamloseste Unsittlichkeit +weiter ausgebreitet wird. Zu diesem allgemeinen Verderbnisse +der Sitten, zur Verspottung, vielleicht gar zur Verachtung +der Keuschheit, Nüchternheit, Mäßigkeit und Schamhaftigkeit, +darf kein redlicher Mann auch nur das Mindeste beitragen. +Er muß vielmehr, so viel an ihm ist, ohne Ansehn der Person, +sein Mißfallen daran bestimmt zu erkennen geben, und, wenn +er es vergebens versucht hat, Menschen, die auf dem Wege des +Lasters wandeln, durch freundschaftliche Warnung und Hinlenkung +ihrer Thätigkeit auf würdigere Gegenstände, zu bessern, +ihnen wenigstens zeigen, daß er den Sinn für Reinigkeit und<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> +Tugend nicht verloren habe, und daß in seiner Gegenwart die +Unschuld respektirt werden müsse.</p> + +<h4>26.</h4> + +<p>Einen ganz eignen Abschnitt verdienen die <em class="gesperrt">Enthusiasten</em>, +<em class="gesperrt">überspannten</em>, <em class="gesperrt">romanhaften Menschen</em>, <em class="gesperrt">Kraft-Genies</em> +und <em class="gesperrt">excentrischen Leute</em>. Sie leben und weben in einer +Atmosphäre von Phantasien, wie ein Fisch im nassen Elemente, +und sind geschworne Feinde der kalten Ueberlegung. +Mode-Lectüre, Romane, Schauspiele, geheime Verbindungen, +Mangel an gründlichen wissenschaftlichen Kenntnissen, und Müßiggang, +stimmen einen großen Theil unsrer heutigen Jugend +auf diesen Ton; man trifft aber auch Schwärmer mit grauen +Köpfen an. Sie streben ohne Unterlaß nach dem Ausserordentlichen +und Uebernatürlichen; verachten das nahe liegende Gute, +um nach fernen Erscheinungen zu greifen; versäumen das Nöthige +und Nützliche, um Plane für das Entbehrliche zu machen; +legen die Hände in den Schooß, wo es Pflicht wäre, zu wirken, +um sich in Händel zu mischen, die sie nichts angehen; reformiren +die Welt, und vernachlässigen ihre häuslichen Geschäfte; +finden das Wichtigste zu klein, und das Abgeschmackteste erhaben; +haben eine entschiedene Abneigung gegen alles Deutliche, +Verständige und Klare, und predigen das Unbegreifliche. Vergebens +stellst Du ihnen die Gründe der gesunden Vernunft entgegen, +und bittest sie, zu prüfen; sie werden Dich als einen +gemeinen Menschen, ohne Gefühl, ohne Sinn für das Große, +verachten, Mitleiden mit Deiner Weisheit zeigen, und sich lieber +an ein Paar andre Narren von ähnlichem Schwunge anschließen, +die in ihren Unsinn einstimmen. Ist Dir's also darum +zu thun, einen solchen Schwärmer zu überzeugen, oder auch +nur einen wirksamen Einfluß auf ihn zu erhalten: so müssen +Deine Gespräche warm und feurig seyn, und Du mußt mit eben +so viel Enthusiasmus der gesunden Vernunft das Wort reden, +womit er die Sache seiner Thorheit verficht. Selten aber richtet +man überhaupt etwas mit solchen Menschen aus, und es ist am +besten gethan, der Zeit ihre Heilung zu überlassen. Indessen +steckt zum Unglücke Schwärmerei an, wie der Schnupfen. Wer +daher eine sehr lebhafte Einbildungskraft hat, und nicht ganz +sicher von der Herrschaft seines Verstandes über dieselbe ist, dem +rathe ich, im Umgange mit Enthusiasten jeder Gattung auf<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> +seiner Hut zu seyn. Unsere Zeit hat ein unglückseliges Wohlgefallen +an religiöser, theosophischer und mystischer Schwärmerei, +und bringt Manches zu Ehren, was zum Heil der Welt eine +bessere Zeit verlacht und in den Staub geworfen hatte. So hört +man z. B. jetzt einen <em class="gesperrt">Jakob Böhme</em> rühmen und preisen, und +alle die alten Kirchengesänge, welche in jeder Zeile eine Sünde +gegen den guten Geschmack und gegen das gesunde Gefühl begehen, +als Meisterstücke der Dichtkunst laut erheben, hört junge +Mädchen, schon lange vor <em class="gesperrt">der</em> Periode, in welcher sie von +Rechtswegen in die Reihe der Betschwestern treten dürfen, gar +andächtig singen, was sie bei gesundem Urtheil und Gefühl zum +Lächeln reizen müßte, und dergleichen Erscheinungen mehr, +welche beweisen, wie behaglich es dem Menschen in seiner +Schwachheit ist, von einem Extrem auf das andere überzuspringen. +Ich mag nicht entscheiden, welche von diesen Gattungen +der Schwärmerei die gefährlichste ist, halte aber doch dafür, diejenigen, +welche auf politische, halbphantastische, halbjesuitische +Plane und auf Welt-Reformation hinausgehen, gehören wohl +wenigstens nicht zu den unschädlichsten Donquixoterien; ich +glaube dieß um so fester, da gerade diese Art von Schwärmer-Systemen +am mehrsten Verwirrung im Staate anrichten kann, +und die blendendste Aussenseite zu haben pflegt, statt daß die +übrigen bald Langeweile machen, und nur schiefe und mittelmäßige +Köpfe anhaltend beschäftigen. Man gewöhne sich daher, +im Umgange mit den Aposteln solcher Systeme, die jedem Biedermanne +sonst so theuren Ausdrücke: Glück der Welt, Freiheit, +Gleichheit, Rechte der Menschheit, Religiosität, Christenthum, +Glaube und dergleichen, für nichts anders, als für Lockspeise, +oder höchstens für gutgemeinte leere Worte zu nehmen, mit denen +diese Leute spielen, wie die Schulknaben mit den oratorischen +Figuren und Tropen, welche sie in ihren magern Exercitien +anbringen müssen.</p> + +<p>Kraft-Genies und excentrische Leute lasse man laufen, so +lange sie sich noch nicht gänzlich zum Einsperren qualificiren. +Die Erde ist so groß, daß eine Menge Narren neben einander +Platz darauf hat.</p> + +<h4>27.</h4> + +<p>Jetzt noch ein Wort von <em class="gesperrt">Andächtlern</em>, <em class="gesperrt">Frömmlern</em>, +<em class="gesperrt">Heuchlern</em> und <em class="gesperrt">abergläubischen Leuten</em>, welche mit den<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> +eben beschriebenen nur darin Eine Klasse ausmachen, daß sie +eine Freude an der Uebertreibung, und eine Scheu vor dem +Vernünftigen haben.</p> + +<p>Wem es mit seinen Empfindungen für die Religion, mit seiner +Wärme für Gottes-Liebe, Gottes-Furcht und Gottes-Verehrung, +und mit seiner Anhänglichkeit an die gottesdienstlichen +Gebräuche der Kirche, zu welcher er sich in seinem Herzen bekennt, +ein aufrichtiger Ernst ist: der hat die gegründetsten Ansprüche +auf unsre Achtung. Sollte er auch das Wesen der Religion, +mehr als wir für gut halten, in bloßes Gefühl, ohne allen +Gebrauch seiner ihm von Gott verliehenen Leiterin, der Vernunft, +setzen: — sollte auch, unsrer Meinung nach, eine erhitzte +Phantasie sich in seine religiöse Empfindungen mischen: — sollte +er auch eine zu große Anhänglichkeit für gewisse Ceremonien, +Gebräuche und Systeme haben: so verdient er, wenn er übrigens +ein redlicher Mann, ein praktischer Christ ist, Duldung, +Schonung und Bruderliebe. Allein um desto verachtungswürdiger +ist ein Heuchler und Kopfhänger, ein gleisnerischer Bösewicht, +der hinter der Larve der Heiligkeit, Sanftmuth und Religiosität +den wollüstigen Verführer, den tückischen Verläumder, +Aufrührer, Anhetzer, rachgierigen Bösewicht, oder den fanatischen +Verfolger versteckt. Beide Arten von Leuten sind aber nicht +schwer zu unterscheiden. Der fromme Edle ist gerade, offen, still +und heiter, nicht übertrieben höflich, nicht übertrieben zuvorkommend, +noch übertrieben demüthig, aber liebevoll, einfach und +zutraulich in seinem Betragen. Er ist nachsichtig, milde und +duldend, redet auch nicht viel, ausser mit vertrauten Freunden, +über religiöse Gegenstände; der Heuchler hingegen pflegt süß, +kriechend, schmeichelnd, immer auf seiner Hut, ein Sclave der +Großen, ein Anhänger der herrschenden Parthei, ein Freund der +Glücklichen, nie ein Vertheidiger der Verlassenen zu seyn. Er +führt Rechtschaffenheit und Religion ohne Unterlaß im Munde, +gibt seine reichen Almosen, und erfüllt seine christlichen Liebespflichten +mit Geräusch und Aufsehen, tobt und schäumt über +den Gottlosen und Lasterhaften, oder entschuldigt fremde Fehler +auf solche Weise, daß sie dadurch tausendfältig vergrößert scheinen. +Hüte Dich, diesem auf irgend eine Weise in die Hände zu +fallen; fliehe ihn; tritt ihm nicht auf den Fuß; beleidige ihn +nicht, wenn Dir Deine Ruhe lieb ist!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p> + +<p>Abergläubische Leute, die Ammen-Mährchen, Gespenster-Histörchen +und dergleichen lieben, und mit großer Ernsthaftigkeit +erzählen, sind nicht durch Gründe der Philosophie und durch +vernünftige Vorstellungen und Zweifel von ihrem Wahne zu befreien, +am wenigsten aber durch Declamationen, Verspottung +und Ereiferung. Es ist da kein anderes Mittel, als, ihnen nicht +eher zu widersprechen, bis man zugleich eine einzelne Thatsache +strenge und kaltblütig untersuchen, und sie mit eignen Augen +von dem Betruge oder Ungrunde überzeugen kann, obgleich es +wahrlich unbillig ist, daß man Dem, welcher eine übernatürliche +Erscheinung behauptet, den Beweis erläßt, und ihn Demjenigen +auflegt, der die Rechte der Vernunft vertheidigt.</p> + +<h4>28.</h4> + +<p>Nicht toleranter, als die Frömmler, pflegen ihre Gegenfüßler, +die <em class="gesperrt">Deisten</em>, <em class="gesperrt">Freigeister</em> und <em class="gesperrt">Religions-Spötter</em> +von gemeiner Art zu seyn. Ein Mann, der unglücklich genug +ist, sich von der Wahrheit, Heiligkeit und Nothwendigkeit der +christlichen Religion nicht überzeugen zu können, verdient Mitleiden, +weil er einen sehr wesentlichen Vorzug, einen kräftigen +Trost im Leben und Sterben entbehrt; er verdient mehr, als +Mitleiden, er verdient Liebe und Achtung, wenn er dabei seine +Pflichten als Mensch und Bürger, so viel an ihm ist, treulich +erfüllt, und niemand in seinem Glauben irre macht. Wenn aber +die Religionsspötterei in einem lasterhaften Herzen, in der Sucht, +durch Witz und Scharfsinn zu glänzen, und in einem wahnsinnigen +Dünkel eigener Weisheit und Untrüglichkeit ihre Quelle +hat, und darauf ausgeht, Proselyten zu machen, wenn sie öffentlich +mit schaalem Witze, oder nachgebeteten voltairischen +Floskeln, der Lehren spottet, auf welche andre Menschen ihre +einzige Hoffnung, ihre zeitliche und ewige Glückseligkeit bauen; +wenn der Religionsverächter verachtet, verleumdet und schimpft, +und Jeden einen Heuchler oder heimlichen Jesuiten schilt, der +nicht wie <em class="gesperrt">er</em> denkt: so ist ein solcher bösartiger Thor unsrer Verachtung +werth, ist werth, daß man ihm diese Verachtung zeige, +wäre er auch ein noch so vornehmer Mann; und wenn man es +für vergebliche Mühe hält, seinem Gewäsche ernsthafte Gründe +entgegenzusetzen: so bringe man ihn wenigstens durch ernsthafte +Bekämpfung zum Schweigen!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p> + +<h4>29.</h4> + +<p>Ueber die Art, wie man <em class="gesperrt">schwermüthige</em>, <em class="gesperrt">tolle</em> und <em class="gesperrt">rasende +Menschen</em> behandeln müsse, sollte billig ein philosophischer +Arzt ein eignes Werk schreiben. Dieser Mann müßte Leute +von der Art in und ausser den Hospitälern aufsuchen, dieselben +genau und in verschiednen Jahrszeiten und Mondsveränderungen +beobachten, und aus den Resultaten dieser Untersuchungen +ein ganzes System ausarbeiten. Mir fehlt es an der Menge +von Thatsachen, so wie an medicinischen Kenntnissen dazu, und +hier würde eine weitläuftige Abhandlung über diesen Gegenstand +auch zu viel Raum wegnehmen, da ich schon so manches Blatt +mit Bemerkungen über den Umgang mit <em class="gesperrt">nicht eingesperrten +Narren</em> angefüllet habe. Also nur noch wenig Zeilen darüber!</p> + +<p>Der wichtigste Punkt scheint bei solchen Kranken anfangs +<em class="gesperrt">der</em> zu seyn, daß man die erste Quelle ihres Uebels aufsuche, +daß man ausmittle, ob und wie dieselben, entweder durch Zerrüttung +einzelner Organe, oder durch Gemüthsleiden, heftige +Leidenschaften, oder Unglücksfälle, entstanden seyn. Zu diesem +Endzwecke muß man Acht geben, womit sich ihre Phantasie in +den Augenblicken der Raserei oder Verwirrung, und ausser denselben, +beschäftige, worüber ihre Einbildungskraft brüte. Da +würde sich's denn zeigen, daß man, um diese Unglücklichen nach +und nach zu heilen, mehrentheils nur auf einen einzigen Punkt +zu wirken, in ihnen auf vorsichtige Weise nur eine einzige herrschende +Grille zu zerstören oder zu modificiren brauchte. Ferner +würde es wichtig seyn, darauf Acht zu geben, welche Art von +Wetter-Veränderung, Jahreszeit und Monds-Wandlung Einfluß +auf ihre Krankheit habe, um die glücklichen Augenblicke zur +Behandlung und Leitung zu nützen. Endlich habe ich bemerkt, +daß das Einsperren, und jede harte Verfahrungsart fast immer +das Uebel ärger macht. Ich muß bei dieser Gelegenheit mit wahrem, +aufrichtigem Lobe der Einrichtung Erwähnung thun, welche +im Irrenhause in Frankfurt am Mayn herrscht, und welche ich +vielfältig zu beobachten Gelegenheit gefunden habe. Man läßt +dort die Wahnsinnigen, wenn es nur irgend ohne Gefahr geschehen +kann, wenigstens in <em class="gesperrt">den</em> Jahrszeiten, von welchen man +weiß, daß alsdann ihre Tollheit weniger heftig ist, unter unmerklicher +Beobachtung frei im Hause und Garten herumgehen; +und der Zuchtmeister verfährt so sanft und liebreich mit ihnen,<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> +daß viele derselben nach einigen Jahren völlig geheilt wieder herauskommen, +und eine größere Anzahl höchstens nur melancholisch +bleibt, und allerlei Handarbeiten zu verrichten im Stande ist, +indeß diese Menschen in manchen andern Hospitälern durch Einsperren +und Härte vielleicht im höchsten Grade wüthend geworden +seyn würden.</p> + +<p>Man kann aber auch schwache Menschen stufenweise um ihren +Verstand bringen, wenn man eine heftige Leidenschaft, von +welcher sie regiert werden, sey es Liebe, Hochmuth oder Eitelkeit, +nährt, reizt und dann wieder kränkt. Zwei solcher elenden +Geschöpfe erinnere ich mich gesehen zu haben. Der eine trug ein +Hofnarren-Kleid an dem Hofe des Fürsten von ***. Er war +in der Jugend ein Mensch von feinem Kopfe, guten Anlagen +und voll Witz gewesen; noch loderten davon in ruhigen Augenblicken +Flammen hervor. Er hatte studiren sollen, aber nichts +gelernt, sondern sich einem lüderlichen Leben überlassen. Als er +darauf in sein Vaterstädtchen zurückkam, behandelte man ihn +als einen unwissenden Müssiggänger, und er selbst fühlte, daß +er weiter nichts war. Er hatte aber einen ungeheuren Hochmuth, +und war nicht gänzlich arm. Von seiner Familie und +den Leuten seines Standes verstoßen, fing er nun an, mit den +Hofofficianten des Fürsten von *** sich herumzutreiben. Seine +lustigen Einfälle zogen sogar die Aufmerksamkeit dieses sehr muntern +Herrn auf ihn. Er wurde bald vertraut mit demselben und +mit dem ganzen Hofe, wodurch anfangs seine Eitelkeit gekitzelt +wurde; doch endigte sich das natürlicher Weise damit, daß man +ihn mißbrauchte, und als einen privilegirten Spaßmacher betrachtete. +Dieß war indessen immer noch eine Art von Existenz, +die ihm behagte, so lange die Sache in gewissen Schranken blieb, +und es ihm erlaubt war, auf vertraulichem Fuße mit vornehmen +Leuten umzugehen, und ihnen zuweilen derbe Wahrheiten zu sagen. +Weil diese aber sich nicht umsonst so weit herablassen wollten, +auch nicht zu aller Zeit gleich gut aufgelegt waren, seinen +Witz, der zuweilen in das Grobe fiel, anzunehmen: so erfuhr +er Demüthigungen aller Art, bekam zuweilen Schläge, und +konnte doch nun nicht mehr zurück, indem ihm seine Verwandten +und Bekannten in der Stadt mit äusserster Verachtung begegneten, +und sein kleines Vermögen geschmolzen war. — Und +so sank er denn immer tiefer. Er wurde gänzlich abhängig vom<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> +Hofe; der Fürst ließ ihm eine buntschäckigte Kleidung machen, +und es war kein Küchenjunge im Schlosse, der nicht das Recht +zu haben glaubte, einen Spaß von ihm zu begehren, oder ihm +für einen Schoppen Wein einen Nasenstüber zu geben. Aus +Verzweiflung berauschte er sich nun täglich; und war er ja einmal +nüchtern, so nagten die Vorstellungen seiner fürchterlichen +Lage, das Gefühl der unedlen Rolle, welche er spielte, die Anstrengung, +neue Spässe zu erfinden, um nicht auf immer verstoßen +zu werden, und sein aufwachender Hochmuth an seiner +Seele, indeß er seinen Körper durch Ausschweifungen zerrüttete. +Er wurde wirklich ein Narr, und einmal so rasend, daß man +ihn ein halbes Jahr hindurch an der Kette verwahren mußte. +Als ich ihn sahe, war er ein alter Mann, trieb sich in einem +armseligen Zustande umher, wurde als ein verrückter Mensch +angesehen, war aber mehr ein Gegenstand des Widerwillens, +als des Mitleidens, und hatte doch noch helle Augenblicke, in +welchen er ungewöhnlichen Scharfsinn, Witz und Genie verrieth, +auch, wenn er einen halben Gulden erbetteln wollte, auf eine +feine Weise zu schmeicheln, und mit so schlauer Menschenkenntniß +die schwachen Seiten der Leute zu fassen verstand, daß ich +nicht wußte, ob ich nicht mehr über die Leute, die ihn so tief +hinabgestoßen hatten, als über seine Verirrungen seufzen sollte.</p> + +<p>Der andre Mensch, von welchem ich reden wollte, war einst +Verwalter auf einem adelichen Gute gewesen, nachher aber auf +Pension gesetzt worden. Da nun solchergestalt die Herrschaft +nichts mit ihm anzufangen wußte, trieb sie ihren Spaß mit +ihm, indem er sehr dumm und zugleich hochmüthig und verliebt +war. Sie nannten ihn <em class="gesperrt">Fürst</em>, gaben ihm einen Orden, ließen +erdichtete Briefe von hohen Potentaten an ihn schreiben, in welchen +ihm entdeckt wurde, daß er eigentlich aus einem großen +Hause abstamme, aber in seiner Jugend entführt worden sey; +daß der Großsultan, welcher unrechtmäßiger Weise seine Länder +besäße, ihm nach dem Leben trachtete; daß eine griechische oder +hebräische Prinzessinn in ihn verliebt sey, und dergleichen mehr. +Es mußten lustige Freunde, als Gesandte verkleidet, in Unterhandlungen +mit ihm treten; — und kurz! nach wenig Jahren +brachte man es dahin, daß der arme Tropf wirklich verrückt +wurde, und diese Thorheiten glaubte.</p> + +<p>Ich enthalte mich aller Anmerkungen über diese beiden<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> +Geschichten; der Leser wird sie ohne meine Anweisung machen +können.</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Nachtrag_des_Herausgebers">Nachtrag des Herausgebers +<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>.</h3> +</div> + +<p>Es ist hier der Ort, eines Geschlechts zu gedenken, welches sich +leider seit einiger Zeit so vermehrt und verbreitet hat, daß ein +zweiter Linné nöthig wäre, um es nach allen seinen Gattungen +und Arten zu klassificiren, nämlich die <em class="gesperrt">Finsterlinge</em>. Ich will +nur drei Hauptarten beschreiben.</p> + +<p>Den ersten Platz nimmt, wie billig, die Klasse der <em class="gesperrt">theologischen +Finsterlinge</em> ein. Dieß ist eine alte Rasse, die vor +einiger Zeit fast im Aussterben begriffen schien, aber seit Kurzem +sich dermaßen besaamt hat, daß man sie jetzt überall wieder antrifft. +Sie schimpft noch immer auf die Vernunft, als die Wurzel +alles Uebels, und verdammt daher jeden Rationalisten als +einen Naturalisten und Atheisten. Um sich durch den weltlichen +Arm zu verstärken, da sie ihre innere Schwäche wohl fühlt, flüstert +sie den Gewalthabern in's Ohr, daß sie ihr Ansehen nicht +behaupten könnten, wenn sie nicht die Forderung des blinden +Glaubens mit aller Macht unterstützten. Das Feldgeschrei der +Finsterlinge ist daher: »machet die Augen zu, daß euch die +Sonne nicht blende.« — An diese Klasse schließt sich sehr natürlich +die der <em class="gesperrt">politischen Finsterlinge</em>. Sie lacht zwar insgeheim +über jene, da sie wohl merkt, daß die Finsterlinge nur +durch sie herrschen wollen; aber da sie aus Erfahrung weiß, daß +der weltliche Arm doch zuletzt über den geistlichen siegt, so nimmt +sie die Empfehlung des blinden Glaubens utiliter an, um damit +die Forderung des blinden Gehorsams zu unterstützen. Die +politischen Finsterlinge behaupten demnach, daß, wie nach dem +Emanazionssysteme der morgenländischen Weltweisen alle Dinge +von Gott ausgeflossen seyen, so auch die fürstliche Gewalt unmittelbar +von der göttlichen abstamme: daß sonach die Fürsten,<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> +wie Gott, lauter Rechte ohne Pflichten, die Völker hingegen +lauter Pflichten ohne Rechte haben; daß eben darum von Verträgen +zwischen Fürsten und Völkern, und von Verfassungen, +wodurch die Ausübung der fürstlichen Gewalt gesetzlich zu bestimmen +sey, gar nicht die Rede seyn dürfe. Wie nun der ersten +Klasse das Wort Vernunft ein Gräuel ist, so der zweiten das +Wort Freiheit; denn Freiheit, meint sie, sey nur das Losungswort +der Rebellen gegen die Fürsten, wie Vernunft das Losungswort +der Rebellen gegen die Gottheit. Auch hat sie eine Menge +von Geschichten bei der Hand, woraus erhellen soll, daß die +Freiheit überall in zügellose Frechheit ausarte (besonders die Preßfreiheit), +und Revolutionen erzeuge, wenn man sie nur im mindesten +gewähren lasse. Das Feldgeschrei dieser Klasse ist daher: +»laßt euch an Ketten legen, damit ihr nicht auf die Nase fallet.«</p> + +<p>Die dritte Klasse kann man die <em class="gesperrt">ästhetisch-philosophischen +Finsterlinge</em> nennen. Diese ziehen gegen den Verstand +zu Felde, und halten es bloß mit dem Gefühle. Jener, sagen +sie, kann sich nur in prosaischer Nüchternheit aussprechen, und +tummelt sich auf dem Gebiete hohler Begriffe herum, dieses aber +hebt den Menschen in poetischer Trunkenheit bis zur unmittelbaren +Anschauung des Absoluten selbst. Daher reden sie in lauter +Bildern, Orakeln und Hieroglyphen, die sie selbst nicht verstehen, +und finden es ganz unausstehlich, wenn jemand es wagt, +über irgend einen Gegenstand der Wissenschaft oder Kunst ein +klares, bestimmtes und verständliches Wort zu sprechen. Alles +ist ihnen Eins: Philosophie und Poesie, Kunst und Religion, +Staat und Kirche, Thier und Pflanze, Organisches und Unorganisches, +Endliches und Unendliches; denn alles schauen sie in +mystischer Verzuckung mit einem und demselben Gefühle der +Sehnsucht und Liebe an. »Fühlt, fühlt, fühlt! ist daher ihr +Wahlspruch, und solltet ihr auch den Verstand darüber verlieren!«</p> + +<p>Was wollen denn nun aber alle diese Finsterlinge? Wollen +sie sich in ihrer Blindheit gegen den gewaltigen Strom des geistigen +Lebens stemmen, und bewirken, daß er rückwärts wieder +dahin fließe, wovon er ausgegangen ist? Die ohnmächtigen +Thoren! Der Strom wird unaufhaltsam nach ewigen Gesetzen +fortfließen, und sie, selbst wider ihren Willen, mit sich fortreißen, +oder — verschlingen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p> + +<p>So weit der Verf. im Freimüthigen. Es frägt sich: wie +man diese Finsterlinge im gesellschaftlichen Umgange behandeln, +und wie man sie bekämpfen und ihnen entgegen wirken solle. +Daß ein großes Verdienst hiebei zu erwerben sey, darf wohl +nicht erst gesagt werden; eben so wenig, daß große Unbefangenheit, +Festigkeit und Freimüthigkeit, auch ein wenig Witz und +Scharfsinn dazu gehöre, um sie zum Schweigen zu bringen, +oder wenigstens unangesteckt zu bleiben. Menschen dieser Art +mögen gern durch einen entscheidenden und vornehmen Ton imponiren +und abschrecken; sie mögen sich nicht gern auf Gründe +einlassen; sie haben allerlei Kunstgriffe, wodurch sie dem, der +sie mit Gründen und mit kalter Fassung bekämpft, auszuweichen +suchen, oder ihn wo möglich in Verdacht bringen; sie wissen +sich das Ansehen des lebendigsten Eifers für die Wahrheit zu +geben. Durch das alles suchen sie sich ein Uebergewicht zu verschaffen. +Bei dem weiblichen Geschlecht sind sie wohl angesehen, +weil sie seinem Hange zum Schwärmen Nahrung geben, und +es im Helldunkel umherführen. Man wird sie am glücklichsten +bekämpfen, wenn man ihnen eine kalte Besonnenheit und Ruhe +entgegensetzt, sie bei dunklen Redensarten und mystischen Kunstgriffen +fest hält, und sich Erläuterung ausbittet, als wolle man +sich von ihnen belehren, und in ihre Weisheit einweihen lassen; +wenn man ihnen allerlei Fragen vorlegt, durch welche sie genöthigt +sind, sich näher zu erklären; wenn man sie mit Zweifeln +bestürmt, und aus ihren Behauptungen Folgerungen zieht, deren +Widersinnigkeit einleuchtet; wenn man solchen Namen, die +sie als unverwerfliche Autoritäten anführen, eben so berühmte +entgegenstellt, die das Recht der Vernunft, zu prüfen und zu +forschen, dargethan und vertheidigt haben; wenn man ihnen +besonders den Stifter des Christenthums, und die Reformatoren, +als solche in's Gedächtniß bringt, die ihren Zeitgenossen +das Licht der Vernunft leuchten ließen, und sie durch ihre ganze +Lehrweise ermunterten und nöthigten, ihre Vernunft zu gebrauchen, +dem Alten, wenn es die Prüfung nicht aushielt, zu entsagen, +und das Neue, weil es besser begründet war, dafür anzunehmen. +Man erinnere sie an die Scheiterhaufen, welche die +Zeit der Finsterniß gebaut, und an die Religionskriege, die sie +entzündet hat, und frage sie, ob sie im Ernst wünschen könnten, +diese Zeiten mit ihrem blinden Glauben und ihrer Verketzerungssucht<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> +wiederkehren zu sehen. Wer die Vernunft verdächtig +macht (so erkläre man sich männlich gegen sie), der kündigt +aller Wissenschaft und aller wahren Bildung den Krieg an, und +zerstört alle Freiheit, allen Gedanken-Verkehr, und allen wahren +Geistesgenuß; der verwandelt die Schulen in Blinden-Anstalten, +die Hörsäle in Zuchthäuser, die Kirchen in Schauspielhäuser, +die Herrschaft in Sclaverei; der erklärt, daß er auf den +Vorzug, selbst zu denken, Verzicht leiste, und bei gesunden Augen +und gesunden Füßen sich lebenslang als einen Blinden wolle +führen lassen.</p> + +<p>Nichts dürfte in unsern Tagen schwerer seyn, als bei guter +Vernunft und wahrer Unbefangenheit des Geistes zu bleiben, +denn es wird immer mehr herrschender Ton, das Begreifliche zu +verwerfen, und das Unbegreifliche als die höchste Weisheit zu +rühmen und zu preisen, das Alte zu bewundern, zu erheben +und zu loben, müßte es auch mit Verleugnung alles guten Geschmacks +und aller gesunden Vernunft geschehen; und den Gefühlen +die Entscheidung zu überlassen, müßte auch darüber alle +Lebensweisheit zu Grunde gehen. Glücklicher Weise hat sich noch +eine gute Zahl von Verständigen und Einsichtsvollen unter uns +nüchtern, und bei gesunder Vernunft erhalten, und so ist denn +nicht zu fürchten, daß es den Finsterlingen gelingen werde, das +Licht auszublasen, welches eine bessere Zeit angezündet hat.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span></p> + +<p class="p4 s2 center"> <span class="s5a">Ueber den</span><br> +Umgang mit Menschen.</p> +</div> + +<hr class="titel"> +<h2>Zweiter Theil.</h2> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Einleit.">Einleitung.</h3> +</div> + +<p>Der erste Theil dieses Buchs enthält Bemerkungen über den +Umgang mit Menschen von allerlei Art, ohne Rücksicht auf ihre +besondern Verhältnisse unter einander. Die mannigfaltigen natürlichen, +häuslichen und bürgerlichen Verbindungen aber erfordern +verschiedene Anwendung der Regeln des Umgangs und neue +Vorschriften für einzelne Fälle. Ich rede daher in diesem zweiten +Theile zuerst von demjenigen, was wir in der menschlichen Gesellschaft +zu beobachten haben, in so fern wir auf Verschiedenheit +des Alters und des Geschlechts, auf Blutsfreundschaft, auf +die ersten Bande des häuslichen Lebens und auf Freundschaft, +Liebe, Dankbarkeit, Wohlwollen, endlich auf die Lagen mancher +Art, in welche Menschen aus allen Ständen gerathen können, +unser Augenmerk richten. Der dritte Theil aber wird die +Pflichten entwickeln, die uns Stand, bürgerliche Verbindung, +Uebereinkunft und alle übrigen zusammengesetztern Verhältnisse +auflegen.</p> + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Erstes_Kapit.">Erstes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Der Umgang unter Menschen von gleichen Jahren scheint freilich +viel Vorzüge und Annehmlichkeit zu haben. Aehnlichkeit in +der Denkungsart, und wechselseitige Austauschung solcher Ideen, +die gleich lebhaft die Aufmerksamkeit und die Theilnahme erregen, +ketten die Menschen an einander. Jedem Alter sind gewisse +Neigungen und leidenschaftliche Triebe eigen. In der Folge der +Zeit verändert sich die Stimmung; man rückt nicht so fort mit +dem Geschmacke und der Mode; das Herz ist nicht mehr so warm,<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> +faßt nicht so leicht Interesse an neuen Gegenständen; Lebhaftigkeit +und Phantasie werden herabgestimmt; manche glückliche +Täuschungen sind verschwunden; viel Gegenstände, die uns +theuer waren, sind um uns her abgestorben, entwichen, unsern +Augen entrückt; die Gefährten unserer glücklichen Jugend sind +fern von uns, oder schlummern schon im Grabe; der Jüngling +hört die Erzählungen von den Freuden unserer schönsten Jahre +nur aus Gefälligkeit ohne Gähnen an. Gleiche Erfahrungen +geben reichhaltigern Stoff zur Unterhaltung, als wenn das, +was ein Mensch erlebt hat, dem Andern ganz fremd ist. — Das +alles leidet keinen Widerspruch; doch rückt Verschiedenheit der +Temperamente, der Erziehung, der Lebensart und der Erfahrungen +diese Grenzlinien oft vor und zurück. Viele Menschen +bleiben in gewissem Betrachte ewig Kinder, indeß Andere vor +der Zeit Greise werden. Der an Leib und Seele abgestumpfte +Jüngling, der alle Welt-Lüste bis zum Ekel geschmeckt hat, findet +freilich wenig Genuß im Kreise junger unschuldiger Landleute, +die noch Sinn für einfache Freuden haben: und der alte +Biedermann, der nicht weiter, als höchstens in einem Umkreise +von fünf Meilen sich von seiner Heimath entfernt hat, ist unter +einem Haufen erfahrner und belebter Residenz-Bewohner, mit +ihm von gleichem Alter, eben so wenig an seinem Platze, wie +ein betagter Kapuziner in einer Gesellschaft von alten Gelehrten. +Dagegen aber binden auch manche Neigungen, zum Beispiel die +noblen Passionen der Jagd, des Spiels, der Medisance und +des Trunks, vielfältig Greise, Jünglinge und alte Weiber recht +herzlich an einander; diese Ausnahme von jener allgemeinen +Bemerkung, von der Bemerkung: daß der Umgang unter Leuten +von gleichen Jahren viel Vorzüge habe, kann indessen die +Vorschriften nicht unkräftig machen, die ich jetzt über das Betragen, +welches man im Umgange mit Menschen von verschiedenem +Alter zu beobachten hat, mittheilen will. Nur muß ich +noch eine Anmerkung hinzufügen: Es ist nicht gut, wenn eine +zu bestimmte Absonderung unter Personen von verschiedenem +Alter Statt findet, wie es zum Beispiel lange in Bern war, +wo fast jedes Stufenjahr seine eignen, angewiesenen, gesellschaftlichen +Cirkel hatte, so daß, wer vierzig Jahre alt war, anständiger +Weise nicht mit einem Jünglinge von fünf und zwanzig +Jahren umgehen konnte. Die Nachtheile eines solchen conventionellen<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> +Gesetzes sind wohl nicht schwer einzusehen. Der Ton, +den die Jugend annimmt, wenn sie immer sich selbst überlassen +ist, pflegt nicht der sittlichste zu seyn; manche gute Einwirkung +wird verhindert; und alte Leute bestärken sich in der Selbstsucht, +im Mangel an Duldung, und werden mürrische Hausväter, +wenn sie keine andre, als solche Menschen um sich sehen, die mit +ihnen gemeinschaftliche Sache machen, sobald von Lobeserhebung +alter Zeiten und Heruntersetzung der gegenwärtigen, deren Ton +und Vorzüge sie nie kennen lernen, die Rede ist.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Selten nehmen ältere Leute so billige Rücksicht, daß sie sich +in Gedanken an die Stelle jüngerer Personen setzten, die Freuden +derselben nicht störten, sondern vielmehr zu befördern, und +durch Theilnahme zu erhöhen suchten. Sie denken sich nicht in +ihre eigenen Jugendjahre zurück; Greise verlangen von Jünglingen +dieselbe ruhige, nüchterne, kaltblütige Ueberlegung, Abwägung +des Nützlichen und Nöthigen gegen das Entbehrliche, +dieselbe Gesetztheit, die ihnen Jahre, Erfahrung und physische +Herabspannung gegeben haben. Die Spiele der Jugend scheinen +ihnen unbedeutend, die Scherze leichtfertig. Es ist aber auch +wahrlich erstaunlich schwer, sich so ganz in die Lage zurück zu +denken, in welcher wir vor zwanzig oder dreißig Jahren waren, +und bei dem besten Willen entstehen daraus manche unbillige +Urtheile und manche Uebereilungen bei Erziehung der Jugend. — +O! lasset uns doch lieber selbst so lange als möglich jung bleiben, +und, wenn der Winter unsers Lebens unser Haar bleicht, +und nun das Blut langsamer durch die Adern rollt, das Herz +nicht mehr so warm und laut im Busen pocht, doch mit theilnehmender +Freude auf unsre jüngern Brüder herabsehen, die noch +Frühlings-Blumen pflücken, wenn wir, dicht eingehüllt, am +häuslichen, väterlichen Heerde Ruhe suchen! Lasset uns nicht +durch platte Gemeinsprüche die süßen Freuden der Phantasie niederpredigen! +Wenn wir zurückschauen auf <em class="gesperrt">jene seligen Tage</em>, +wo ein einziger Liebesblick des holden Mädchens, das jetzt eine +alte runzligte Matrone ist, uns bis in den dritten Himmel entzückte; +wo bei Musik und Tanz jede Nerve in uns wiederhallte; +wo Scherz und Witz jeden trüben Gedanken verjagten; wo süße +Träume, Ahndungen und Hoffnungen, unser Leben erheiterten; +— o! so lasset uns doch diese glückliche Periode bei unsern<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> +Kindern zu verlängern trachten, und, so viel möglich, an ihrem +Wonnegefühle Theil nehmen! Mit zärtlicher Ehrerbietung drängen +sich dann Kind, Knabe, Mädchen und Jüngling um den +freundlichen alten Mann, der sie zu unschuldiger Fröhlichkeit +aufmuntert. Ich bin als Jüngling mit so liebenswürdigen alten +Damen umgegangen, daß ich wahrlich, wenn ich die Wahl +gehabt hätte, an ihrer Seite lieber mein Leben hingebracht haben +würde, als bei manchen hübschen, jungen Mädchen; und +wenn bei großen Tafeln mich, als einen jungen Menschen, die +Reihe traf, neben einer geistesarmen Schönheit Platz zu nehmen, +habe ich oft den Mann beneidet, dem sein Rang ein Recht +gab, der Nachbar einer verständigen, muntern alten Frau zu seyn.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>So schön aber diese gutmüthige Herablassung zu der Stimmung +der Jugend ist, so lächerlich muß es uns vorkommen, +wenn ein Greis so sehr Würde und Anstand verleugnet, daß er +in Gesellschaft den Stutzer oder den lustigen Studenten spielt; +wenn die Dame ihre vier Lustra vergißt, sich wie ein junges +Mädchen kleidet, herausputzt, kokettirt, die alten Gliedmaßen +beim Tanze durch einander wirft, oder gar späteren Generationen +Eroberungen streitig machen will. Solche Scenen bewirken +Verachtung: nie müssen Personen von gewissen Jahren Gelegenheit +geben, daß die Jugend ihrer spotte, und die Ehrerbietung, +oder irgend eine der Rücksichten vergesse, die man ihnen +schuldig ist.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Es ist indessen nicht genug, daß der Umgang älterer Leute +den jüngern nicht lästig und hinderlich werde: er muß ihnen +auch Nutzen schaffen. Eine größere Summe von Erfahrungen +berechtigt und verpflichtet Jene, Diese zu unterrichten, zurechtzuweisen, +ihnen durch Rath und Beispiel nützlich zu werden. +Dieß muß aber ohne Pedanterei, ohne Stolz und Anmaßung +geschehen, ohne auf eine lächerliche Weise alles anzupreisen, was +alt, und alles zu verwerfen, was neu ist, ohne beständige +Huldigung und unterthänige Aufwartung zu fordern, ohne Langeweile +zu erregen, und ohne sich aufzudringen. Man soll sich +vielmehr aufsuchen lassen; und das wird gewiß nicht fehlen, da +gutgeartete junge Leute sich's zur Ehre zu rechnen pflegen, mit +freundlichen und verständigen Greisen umgehen zu dürfen, und<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> +es der Unterhaltung mit einem solchen, der so Manches gesehen +und erlebt hat, und davon gut zu erzählen weiß, nicht an Reiz +fehlt.</p> + +<h4>5.</h4> + +<p>So viel über das Betragen bejahrter Personen gegen jüngere +Leute! Jetzt noch etwas von dem Betragen der Jünglinge im +Umgange mit Männern und Greisen!</p> + +<p>In unsern, von Vorurtheilen so säuberlich gereinigten, aufgeklärten +Zeiten werden manche Empfindungen, welche die Natur +uns eingeprägt hat, wegvernünftelt. Dahin gehört denn +auch das Gefühl der Ehrerbietung gegen das hohe Alter. Unsre +Jünglinge werden früher reif, früher klug, früher gelehrt; durch +fleißige Lectüre, besonders der wohlgefüllten Journale, ersetzen +sie, was ihnen an Erfahrung und Einsicht fehlt; dieß macht sie +so weise, über Dinge entscheiden zu können, wovon man ehemals +glaubte, es würde vieljähriges, ämsiges Studium dazu +erfordert, nur einigermaßen <em class="gesperrt">klar</em> darinn zu <em class="gesperrt">sehen</em>. Daher entsteht +auch jenes kühne Selbstvertrauen und jene stolze Zuversicht, +die schwächere Köpfe für Unverschämtheit halten, jene Ueberzeugung +des eignen Werths, mit welcher unbärtige Knaben heut zu +Tage auf alte Männer herabsehen, und alles verwerfen und verurtheilen, +was nicht mit ihrer untrüglichen Ansicht übereinstimmt. +Das Höchste, was ein Mann von ältern Jahren von +diesen gestrengen Richtern erwarten darf, ist gnädige Nachsicht, +züchtigende Kritik, wohlmeinende Zurechtweisung und Mitleiden +mit ihm, der das Unglück gehabt hat, nicht in diesen glücklichen +Tagen, in welchen die Weisheit, ungesäet und ungepflegt, +wie Manna vom Himmel regnet, geboren worden zu seyn. Ich, +der ich auch das Schicksal gehabt habe, in einem Jahre zur Welt +zu kommen, in welchem der größte Theil der Polyhistoren, von +denen ich hier rede, ihre jetzt so scharfen Zähne noch am Wolfszahn +übten, oder gar noch Embryonen waren, — ich habe es +nicht zu jenem Grade der Aufklärung bringen können, und muß +daher um Verzeihung bitten, wenn ich hier einige Regeln zu +geben wage, die ziemlich nach der alten Mode schmecken werden. +— Doch zur Sache!</p> + +<h4>6.</h4> + +<p>Es gibt viel Dinge in dieser Welt, die sich durchaus nicht +anders, als durch Erfahrung lernen lassen; es gibt Wissenschaften,<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> +die durchaus ein anhaltendes Studium, vielfaches Betrachten +von verschiednen Seiten, und kältres Blut erfodern, daß ich +glaube, auch das feurigste Genie, der feinste Kopf, sollte einem +bejahrten Manne, der, selbst bei schwächern Geistesgaben, Alter +und Erfahrung auf seiner Seite hat, in den mehrsten Fällen +einiges Zutrauen, einige Aufmerksamkeit nicht versagen. Und +wäre auch nicht von wissenschaftlichen Fächern die Rede, so ist +doch wohl im Ganzen unleugbar, daß die Summe mannigfaltiger +Erfahrungen, die jeder in der Welt lebende Mann in einer +langen Reihe von Jahren einsammelt, ihn in den Stand setzt, +schwankende Ideen zu berichtigen, idealische Grillen zu vertreiben +und diejenigen zurecht zu weisen, die von ihrer aufgeregten +Phantasie, ihrem warmen Blute und reizbaren Nerven irre geführt +werden, und sie dahin zu bringen, daß sie die Menschen +und die Dinge um sich her aus einem richtigern Gesichtspunkte +betrachten. Endlich dünkt es mich so schön, so edel, Dem, welcher +nun nicht lange mehr die Genüsse und Freuden dieser Welt +schmecken kann, den Rest seines Lebens, in welchem gewöhnlich +Sorgen und Kümmernisse zunehmen und der Genuß abnimmt, +so leicht als möglich zu machen, daß ich kein Bedenken trage, +dem Jünglinge und Knaben die uralte Lehre auf's neue zuzurufen: +»Vor einem grauen Haupte sollst Du aufstehen! Ehre das +Alter! Suche den Umgang ältrer kluger Leute! Verachte nicht +den Rath der kältern Vernunft, die Warnung des Erfahrnen! +Thue dem Greise, was Du willst, daß man Dir thun solle, +wenn einst Deiner Scheitel Haar versilbert seyn wird! Pflege +seiner, und verlaß ihn nicht, wenn die wilde, leichtfertige Jugend +ihn flieht!«</p> + +<p>Uebrigens aber ist es auch gewiß, daß es sehr viele alte Gecke +gibt, an welchen sich das Sprichwort: »Alter schadet der Thorheit +nicht,« bewährt, und dagegen hie und da weise Jünglinge, +die schon geerntet haben, wo Andre noch kaum ihr Handwerksgeräthe +zum Graben und Pflügen schleifen.</p> + +<h4>7.</h4> + +<p>Nun noch etwas von dem Umgange mit Kindern; aber nur +sehr wenig! Denn hiervon weitläuftig reden, das hieße, ein +Werk über Erziehung schreiben, und dieß ist ja nicht mein Zweck.</p> + +<p>Der Umgang mit Kindern hat für einen verständigen Mann +unendlich viel Interesse. Hier sieht er das Buch der Natur in<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> +unverfälschter Ausgabe aufgeschlagen. Er sieht den wahren, einfachen +Grundtext, den man nachher nur unter dem Wuste von +fremden Glossen, Verzierungen und Verbrämungen herausfinden +kann; die Anlage zu der Eigenthümlichkeit des Charakters, +die nachher leider gewöhnlich entweder ganz verloren geht, oder +sich hinter der Larve der feinern Lebensart und hinter conventionelle +Rücksichten versteckt, liegt noch offen da: über viele Dinge +urtheilen Kinder, von Systemgeist, Leidenschaft und Gelehrsamkeit +unverführt, weit richtiger, als Erwachsene; sie empfangen +manche Eindrücke weit schneller, haben noch eine große Anzahl +Vorurtheile weniger gefaßt. — Kurz, wer Menschen studiren +will, der versäume nicht, sich unter Kinder zu mischen! Allein +der Umgang mit denselben erfordert auch eine Vorsicht und Behutsamkeit, +eine Klugheit und Selbstbeherrschung, die im Umgange +mit ältern Personen unnöthig ist. Heilige Pflicht ist es, +ihnen auf keine Weise Aergerniß zu geben; sich leichtfertiger Reden +und Handlungen zu enthalten, die von niemand so lebhaft, +als von den, auf alles Neue so aufmerksam horchenden, und +Alles so fein beobachtenden Kindern aufgefangen werden; ihnen +in jeder Art Tugend, in Wohlwollen, Treue, Aufrichtigkeit +und Anständigkeit Beispiel zu geben; — kurz, zu ihrer Bildung +alles nur Mögliche beizutragen.</p> + +<p>Immer herrsche Wahrheit in Deinen Reden und in Deinem +Betragen gegen diese jungen Geschöpfe! Laß Dich herab +(jedoch nicht auf eine Weise, die ihnen selbst lächerlich vorkommen +muß) zu dem Tone, der ihnen nach ihrem Alter verständlich +ist! Zerre, täusche und necke die Kinder nicht, wie einige +Leute die Gewohnheit haben! — das hat böse Einflüsse auf den +Charakter.</p> + +<p>Gutgeartete Kinder werden durch einen ganz eignen Sinn +zu edlen, liebevollen Menschen hingezogen, wenn diese sich auch +nicht besonders mit ihnen zu thun machen, da sie hingegen Andre +fliehen, ob sie ihnen gleich ausserordentlich gefällig sind. Reinheit, +Güte und Einfalt des Herzens, ist das große Zauberband, +wodurch dieß bewirkt wird, und dafür lassen sich also keine Vorschriften +geben.</p> + +<p>Daß das Herz des Vaters und der Mutter an ihren Kindern +hängt, ist sehr natürlich; eine Klugheits-Regel ist es also, wenn +uns an der Gunst der Eltern gelegen ist, ihre geliebten Kinder<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> +nicht zu übersehen, sondern ihnen einige Aufmerksamkeit zu widmen! +Weit entfernt von uns aber bleibe es, den ungezogenen +Knaben und Mädchen der Großen niederträchtiger Weise zu +schmeicheln, dadurch den Hochmuth, den Eigensinn und die Eitelkeit +dieser mehrentheils schon so sehr verderbten kleinen Geschöpfe +zu nähren, und ihre moralische Ausartung recht geflissentlich +zu befördern, indem man das Grundgesetz der Natur +übertritt, welches gebietet, daß das Kind dem reifen Alter, nicht +aber der Mann dem Knaben huldige!</p> + +<p>Vor allen Dingen hüte man sich auch, wenn Eltern in unserer +Gegenwart ihren Kindern Verweise geben, die Parthei der +Kinder zu nehmen! denn dadurch werden diese in ihrer Unart +bestärkt, und jene in ihrem Erziehungsplane gestört.</p> + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Zweites_Kapit.">Zweites Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Das erste und natürlichste Band unter den Menschen, nächst +der Vereinigung zwischen Mann und Weib, ist von jeher das +Band zwischen Eltern und Kindern gewesen. Wenn gleich die +Erzeugung an sich nicht eigentlich absichtliche Wohlthat für die +neue Generation ist, so gibt es doch wohl wenig Menschen, die +nicht ganz gut damit zufrieden wären, daß jemand sich die +Mühe gegeben hat, sie in die Welt zu setzen; und obgleich in +unsern Staaten die Eltern ihre Kinder nicht bloß aus freiem +Willen auferziehen, nähren und pflegen, so ist es doch abgeschmackt, +zu sagen: die Sorge und Beschwerde, welche dieß erfordert +und nach sich zieht, lege keine Art von Verbindlichkeit +auf, oder: es sey nicht wahr, daß ein Zug von Wohlwollen, +Sympathie und Dankbarkeit uns denen Personen näher bringe, +deren Fleisch und Blut wir sind, unter deren Herzen wir gelegen, +die uns genährt, für uns gewacht, gesorgt, die alles mit +uns getheilt haben. Es ist Versündigung gegen die Natur, dieß +zu behaupten.</p> + +<p>Unmittelbar auf diese folgt die Verbindung unter den Zweigen +<em class="gesperrt">eines</em> Stammes. Die Mitglieder derselben Familie, durch +ähnliche Organisation, gleichförmige Erziehung und gemeinschaftliches<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> +Interesse harmonisch gestimmt und an einander geknüpft, +fühlen für einander, was sie für Fremde nicht fühlen; und fremder +werden ihnen die Menschen, je mehr sich dieser Kreis erweitert.</p> + +<p>Vaterlands-Liebe ist schon ein zusammengesetzteres Gefühl, +aber immer noch inniger, wärmer und lebhafter, als Weltbürger-Geist, +für einen Menschen, der nicht, früh verwiesen aus +der bürgerlichen Gesellschaft, ein Abentheurer geworden ist, und +von Land zu Land irrend, kein Eigenthum und keinen Sinn für +bürgerliche Pflichten gewonnen hat. Wer die Mutter nicht liebt, +deren Brüste er gesogen hat; wessen Herz bei dem Anblicke der +Gefilde nicht warm wird, in welchen er die unschuldigen, glücklichen +Jahre seiner Jugend fröhlich und sorgenlos verlebt hat: — +was für ein Eifer oder welche Theilnahme für das Wohl der +Gesellschaft läßt sich von einem Solchen erwarten, da Eigenthum, +Moralität, und alles, was den Menschen auf dieser Erde +irgend theuer seyn kann, doch am Ende auf Erhaltung und +Werthschätzung jener Familien- und Vaterlands-Bande beruhet?</p> + +<p>Daß aber diese Bande täglich lockrer werden, beweist nichts, +als daß wir uns täglich weiter von der edlen Ordnung der Natur +und deren Gesetzen entfernen; und wenn ein schiefer Kopf, +den sein Vaterland als ein unbrauchbares Mitglied ausstößt, +weil er sich den Gesetzen nicht unterwerfen will, unzufrieden mit +dem Zwange, den ihm Sittlichkeit und bürgerliches Gesetz auflegen, +behauptet, es sey des Philosophen würdig, alle engere +Verbindungen aufzulösen, und kein anderes Band anzuerkennen, +als das allgemeine Bruderband unter allen Erdbewohnern: +so beweist das nichts weiter, als daß keine Behauptung so widersinnig +und so närrisch ist, die nicht in unsern Tagen in irgend +einem philosophischen Systeme als Grundpfeiler aufgestellt würde. +— Glückliches Jahrhundert, in welchem man +so große Entdeckungen macht, wie zum Beispiel: daß man, +um lesen zu lernen, nicht mit den Buchstaben und Silben bekannt +zu seyn brauche, und daß man, um alle Menschen zu lieben, +keinen Einzelnen lieben dürfe! Jahrhundert der Universal-Arzeneien, +der Philalethen, Philantropen, Alchymisten und Cosmopoliten! +wohin wirst Du uns noch führen? Ich sehe im Geiste +allgemeine Aufklärung sich über alle Stände verbreiten; ich sehe +den Bauer seinen Pflug müßig stehen lassen, um dem Fürsten +über Gleichheit der Stände und über die Schuldigkeit, die Last<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> +des Lebens gemeinschaftlich zu tragen, eine Vorlesung zu halten; +ich sehe, wie Jeder die ihm unbequemen Vorurtheile wegraisonnirt, +wie Gesetze und bürgerliche Einrichtung der Willkühr weichen, +wie der Klügre und Stärkre sein natürliches Herrscher-Recht +zurückfordert, und seinen Beruf, für das Beste der ganzen +Welt zu sorgen, auf Kosten der Schwächern gültig macht; +wie Eigenthum, Staats-Verfassungen und Grenzlinien aufhören, +wie Jeder sich selbst regiert, und sich ein System zur Befriedigung +seiner Triebe erfindet. — O gebenedeietes, goldenes +Zeitalter! dann machen wir Alle nur <em class="gesperrt">eine</em> Familie aus; dann +drücken wir den edeln, liebenswürdigen Menschenfresser brüderlich +an unsre Brust, und wandeln, wenn dies Wohlwollen sich +erweitert, endlich auch mit dem genialen Orang-Outang Hand +in Hand durch dies Leben. Dann fallen alle Fesseln ab; dann +schwinden alle Vorurtheile; ich brauche nicht meines Vaters +Schulden zu bezahlen, habe nicht nöthig, mich mit <em class="gesperrt">einem</em> +Weibe zu begnügen, und das Schloß vor meines Nachbars Geldkasten +ist kein Hinderniß, mein angeborenes Recht auf das Gold, +das die mütterliche Erde uns Allen darreicht, in Ausübung zu +bringen<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a>.</p> + +<p>So weit sind wir nun aber noch nicht gekommen; und da +es viele Menschen gibt, unter die auch ich gehöre, die sich von +der Schwachheit nicht losmachen können, ihre Verwandten zu +lieben, und Sinn für häusliche Freuden, für das Familienband +zu haben, so will ich doch hier einige Bemerkungen über den +Umgang unter Blutsfreunden liefern.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Es gibt Eltern, die, in einem beständigen Wirbel von Zerstreuungen +umhergetrieben, ihre Kinder kaum ein Paar Stunden +des Tages sehen, ihren Vergnügungen nachrennen, und indeß +Miethlingen die Bildung ihrer Söhne und Töchter überlassen, +oder, wenn diese schon erwachsen sind, mit ihnen auf einem +so fremden, höflichen Fuße leben, als ob sie ihnen gar +nicht angehörten. Wie unnatürlich und unverantwortlich ein +solches Verfahren sey, das bedarf wohl keines Beweises. Es<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> +gibt aber andre Eltern, die von den Kindern eine so sclavische +Ehrerbietung und so viel peinliche Rücksichten und Aufopferungen +fordern, daß durch den Zwang und den gewaltigen Abstand, +der hieraus entsteht, alles Zutrauen, alle Herzens-Ergießung +wegfällt, so daß den Kindern die Stunden, welche sie an der +Seite ihrer Eltern hinbringen müssen, fürchterlich und langweilig +vorkommen. Noch Andre vergessen, daß Knaben auch endlich +Männer werden; sie behandeln ihre erwachsenen Söhne und +Töchter immer noch wie kleine Unmündige, gestatten ihnen nicht +den geringsten freien Willen, und trauen den Einsichten derselben +nicht das Mindeste zu. — Das alles sollte nicht so seyn. +Ehrerbietung besteht nicht in feierlicher, kalter und strenger Entfernung, +sondern kann recht gut mit liebevoller Vertraulichkeit +und freier Mittheilung bestehen. Man liebt Den nicht, an welchen +man kaum hinauf zu schauen wagen darf; man vertrauet +sich dem nicht, der immer mit steifem Ernste Gesetz predigt; +Zwang tödtet alle edle, freiwillige Hingebung. Was kann hingegen +entzückender seyn, als der Anblick eines geliebten Vaters +mitten unter seinen erwachsenen Kindern, die nach seinem weisen +und freundlichen Umgange sich sehnen, keinen Gedanken +ihres Herzens vor <em class="gesperrt">dem</em> verbergen, der ihr treuester Rathgeber, +ihr nachsichtsvoller Freund ist, der an ihren unschuldigen, jugendlichen +Freuden Theil nimmt, oder sie wenigstens nicht stört, +und mit ihnen als mit seinen besten und natürlichsten Freunden +lebt! — Eine Verbindung, zu welcher sich alle Empfindungen +vereinigen, die nur den Menschen theuer seyn können. — Stimme +der Natur, Sympathie, Dankbarkeit, Aehnlichkeit des Geschmacks, +gleiches Interesse und Gewohnheit des Umgangs! +Allein diese Vertraulichkeit kann auch übertrieben werden, und +ich kenne Väter und Mütter, die sich dadurch verächtlich machen, +daß sie die Gefährten der Ausschweifungen ihrer Kinder, +oder gar, wenn diese besser sind, als sie selbst, mit ihren Lastern, +die sie nicht einmal zu verbergen suchen, das Gespötte +oder der Abscheu derer werden, denen sie ein Vorbild der Tugend +seyn sollten.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Es ist in unsern Tagen nichts Seltenes, Kinder zu sehen, +die ihre Eltern vernachlässigen, oder undankbar, unehrerbietig +und unedel behandeln. Die Jünglinge finden ihre Väter nicht<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> +weise, nicht unterhaltend, nicht aufgeklärt genug. Das Mädchen +hat Langeweile bei der alten Mutter, und vergißt, wie +manche langweilige Stunde diese bei seiner Wiege, bei Wartung +desselben in gefährlichen Krankheiten, oder bei den kleinen schmutzigen +Arbeiten zugebracht, wie sie sich in den schönsten Jahren +ihres Lebens so manches Vergnügen versagt hat, um für die Erhaltung +und Pflege des kleinen ekelhaften Geschöpfs zu sorgen, +das vielleicht ohne diese Sorgfalt nicht mehr da seyn würde. Die +Kinder vergessen, wie viel schöne Stunden sie ihren Eltern durch +ihr betäubendes Geschrei verdorben, wie viel schlaflose Nächte +sie dem sorgsamen Vater gemacht haben, der alle Kräfte aufbot, +für seine Familie zu arbeiten, der sich so manche Bequemlichkeit +entziehen, so mancher Beschwerde unterwerfen, und vielleicht +vor Schurken sich krümmen mußte, um Unterhalt für die +Seinigen zu erringen. Gutgeartete Gemüther werden indessen +nie so sehr das Gefühl der Dankbarkeit ersticken, daß sie meiner +Ermahnungen bedürften; und für niedre Seelen schreibe ich +nicht. Nur erinnere ich, daß, wenn auch Kinder Ursache hätten, +sich der Schwachheiten, oder gar der Laster ihrer Eltern zu +schämen, sie doch weiser und edler handeln, wenn sie die Fehler +derselben so viel möglich zu verstecken suchen, und im äussern +Umgange nie die Ehrerbietung aus den Augen setzen, die sie +ihnen auch selbst bei Verirrungen und Fehltritten schuldig sind. +Segen des Himmels und Achtung aller gutgesinnten Menschen +sind der sichere Preis der Sorgfalt, welche die Söhne und Töchter +auf die Pflege, Erhaltung und liebevolle Behandlung ihrer +Eltern verwenden. Traurig ist die Lage eines Kindes, welches +durch die Uneinigkeit, in welcher seine Eltern leben, oder durch +ihre leidenschaftlichen Ausbrüche in Verlegenheit geräth, Parthei +<em class="gesperrt">für</em> oder <em class="gesperrt">gegen</em> Vater oder Mutter nehmen zu sollen. Vernünftige +Eltern werden es aber immer sorgfältig vermeiden, ihre +Kinder in solche unglückliche Zwistigkeiten zu verwickeln, und +gute Kinder werden dabei mit Vorsichtigkeit und Zartgefühl zu +Werke gehen, und sich eben so sehr von Redlichkeit und Klugheit +leiten lassen.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Man hört so oft darüber klagen, daß man unter fremden +Leuten mehr Schutz, Beistand und Anhänglichkeit finde, als +bei seinen nächsten Blutsfreunden; allein ich halte diese Klage<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> +größtentheils für ungerecht. Freilich gibt es unter Verwandten +Menschen ohne Liebe und Theilnahme, und in einer zahlreichen +Familie müssen sie allerdings häufiger vorkommen, so daß wohl +Mancher unter Fremden mehr Wohlwollen und Zuneigung findet, +als unter seinen nächsten Anverwandten; aber wer dies +Schicksal hat, spreche sich nicht von der Verschuldung frei, und +seufze nicht zu sehr darüber, wenn ihm nahe Verwandte Theilnahme +und Aufmerksamkeit schuldig bleiben; und suche Trost +bei der Freundschaft. Auch fordert man wohl oft von seinen Herren +Oheimen und Frauen Basen mehr, als man billiger Weise +verlangen sollte. Unsre politischen Verfassungen, und der täglich +mehr überhandnehmende Luxus machen es wahrlich nothwendig, +daß Jeder vor allem für sein Haus, für Weib und +Kinder sorge, und die Herren Vettern für sich selbst sorgen lasse, +die oft, als unwissende und verschwenderische Tagediebe, in der +sichern Zuversicht, von ihren mächtigen und reichen Verwandten +nicht verlassen zu werden, sorglos in die Welt hinein leben. Unmöglich +kann der Mann, dem Pflicht und Gewissen heilig sind, +solche Erwartungen befriedigen, ohne ungerecht gegen Andre zu +handeln. Um nun diesen unangenehmen Collisionen sich nie +auszusetzen, rathe ich, zwar die herzliche Vertraulichkeit, die +den Umgang im Familien-Kreise so angenehm macht, nicht zu +verletzen, aber so wenig als möglich bei Blutsfreunden Erwartungen +von Unterstützungen und Schutz zu nähren und zu erwecken, +wohl aber jede Gelegenheit, sich seiner Verwandten anzunehmen, +in so fern es ohne Unbilligkeit gegen bessere Menschen +geschehen kann, freudig zu ergreifen, ohne gerade zu fordern, +daß es immer mit Dankbarkeit erkannt und mit Klugheit +benutzt werden solle. Dagegen ist es höchst gewissenlos, wenn +man sich von der Vorliebe für Verwandte verleiten läßt, Menschen +ohne Talent und ohne guten Willen zu wichtigen Aemtern +zu verhelfen, und Verdienstvolle zurückzudrängen.</p> + +<p>Ausserdem läßt sich auf den Umgang mit Verwandten noch +dasjenige anwenden, was weiter unten von dem Umgange unter +Eheleuten und Freunden wird gesagt werden, nämlich, daß +Menschen, die sich lange kennen, und oft ohne Larve und +Schminke sehen, doppelt vorsichtig in ihrem Betragen seyn müssen, +damit einer des Andern nicht müde, und wegen kleiner +Fehler nicht blind gegen größere Tugenden werde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p> + +<p>Endlich wäre es auch zu wünschen, daß zahlreiche Familien +in mittlern Städten nicht ganz ausschließend <em class="gesperrt">unter sich</em> leben +möchten, weil dadurch die Gesellschaft in kleine abgesonderte +Theile zerschnitten wird, und eine starre Einseitigkeit und Eintönigkeit +sich erzeugt, neben der Selbstsucht, die ebenfalls durch +solche Abgeschlossenheit eine zu reiche Nahrung erhält, und neben +der Unfreundlichkeit, mit welcher gewöhnlich Fremde in solchen +Familien behandelt werden, so daß sie gleichsam verrathen +und verkauft sind.</p> + +<p>Doch nun noch ein Paar Anmerkungen! Die erste: alte +Vettern und Tanten, besonders unverheirathete, pflegen so gern +zu hofmeistern, ihre podagrischen und hysterischen Launen an +ihren erwachsenen Nichten und Neffen auszulassen, und diese zu +behandeln, als liefen sie noch im Rollwägelchen herum. — Ich +denke, das sollten sie bleiben lassen. Dadurch sind wirklich die +alten Tanten und Onkel zum Sprichworte geworden, und manche +Erbschaft wird doch in der That zu theuer erkauft, wenn +man dafür so viel einschläfernde, saft- und kraftlose Predigten +anhören muß. Auch sorgen alte Leute gar schlecht für sich selbst +und ihren Lebensabend, wenn sie durch Straf- und Sittenpredigten +die junge Welt von sich zurückstoßen, da sie gewiß von +ihren jungen Verwandten mit Freuden liebevoll gepflegt und gewartet +werden würden, wenn sie weniger säuerlich in ihrem Betragen +gegen sie wären. Die andre Anmerkung: Es herrscht in +manchen Städten, besonders in Reichsstädten, ein äußerst steifer +und übler Ton unter den Personen <em class="gesperrt">einer</em> Familie. Bürgerliche, +ökonomische und andre Rücksichten zwingen sie, sich oft +zu sehen, und dennoch zanken, necken, hassen sie sich unaufhörlich +unter einander, und machen sich dadurch das Leben sehr +schwer. Wo gar keine Sympathie in der Denkungsart Statt +findet, wo gar keine Einigkeit und Freundschaft herrschet, da +lasse man sich doch lieber ungeplagt, betrage sich höflich gegen +einander, wähle sich aber Freunde nach seinem Herzen!</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Drittes_Kapit.">Drittes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Von dem Umgange unter Eheleuten.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Eine weise und verständige Wahl bei Knüpfung der wichtigsten +Verbindung im menschlichen Leben ist freilich das sicherste Mittel, +um in der Ehe glücklich zu seyn, und im Umgange mit dem +Gatten die reinsten Freuden des Lebens zu finden. Aber diese +Wahl gelingt, wie die Erfahrung lehrt, selbst den Einsichtsvollsten +und Gebildetsten nur selten; die meisten lassen sich von Gefühlen +und von ihrer gereizten Sinnlichkeit übermannen, und +greifen fehl. Wie selten, daß gleichgestimmte Seelen sich in der +Ehe vereinigen, und wie oft dagegen, daß Menschen sich vereinigen, +deren Neigungen, Gesinnungen und Charaktere im vollkommensten +Widerspruche stehen. Gewiß ist die Lage solcher +Eheleute (und ein solcher Ehestand heißt wohl mit Recht ein +Wehestand) höchst traurig, eine Existenz voll immerwährender +herber Aufopferung, ein Stand der schwersten Sclaverei, ein +Seufzen unter den eisernen Fesseln der Nothwendigkeit, ohne +Hoffnung einer andern Erlösung, als wenn der dürre Knochenmann +mit seiner Sense dem Unwesen ein Ende macht.</p> + +<p>Nicht weniger unglücklich ist dies Band, wenn auch nur von +<em class="gesperrt">einer</em> Seite Unzufriedenheit und Abneigung die Ehe verbittern, +wenn nicht freie Wahl, sondern politische oder ökonomische Rücksichten, +Zwang, Verzweiflung, Noth, Dankbarkeit, <span class="antiqua">dépit +amoureux</span>, ein Ungefähr, eine Grille, oder nur körperliches +Bedürfniß, wobei das Herz keine Stimme zu geben hatte, die +Verbindung knüpfte; wenn der eine Theil, unbescheiden und +ungerecht in seinen Forderungen, immer nur empfangen, nie +geben will, unaufhörlich begehrt, Befriedigung aller Bedürfnisse, +Hülfe, Rath, Aufmerksamkeit, Unterhaltung, Vergnügen, +Trost im Leiden fordert, — und dagegen nichts leistet. +Wähle also mit großer Vorsicht die Gefährtin Deines Lebens, +und frage nicht bloß Dein leicht getäuschtes Herz, laß Dich +nicht bloß von sinnlichem Wohlgefallen bestimmen, wenn Deine +künftige häusliche Glückseligkeit nicht ein Spiel des Zufalls +seyn soll!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span></p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Erwägt man aber, daß gewöhnlich auch diejenigen Ehen, +welche auf eigner Wahl beruhen, in einem Alter und unter Umständen +geschlossen werden, wo weniger reife Ueberlegung und +Vernunft, als blinde Leidenschaft und Naturtrieb diese Wahl +bestimmen, obgleich man im Brautstande wohl sehr viel von +Sympathie und Herzenshange träumt oder schwatzt: so sollte +man sich beinahe darüber verwundern, daß es noch so viel glückliche +Ehen in der Welt gibt. Aber die weise Vorsehung hat alles +so herrlich geordnet, daß eben das, was diesem Glücke im Wege +zu stehen scheint, dasselbe vielmehr befördert. Ist man in den +Jahren der Jugend weniger geschickt zu weiser Wahl, so ist man +von der andern Seite auch noch geschmeidiger, leichter zu leiten, +zu bilden, und nachgiebiger, als in dem reifern Alter. Die +Ecken — möchten sie auch noch so scharf seyn! — schleifen sich +leichter an einander ab, und fügen sich, wenn der Stoff noch +weich ist. Man nimmt die Sachen nicht so genau, wie nachher, +wenn Erfahrung und Schicksale uns ekel und vorsichtig gemacht, +und große Forderungen in uns erweckt haben; wenn die +kältere Vernunft alles abwägt, jeden Verlust an Genuß sehr +hoch anschlägt, und ängstlich genau berechnet, wie wenig Jahre +man noch vielleicht zu leben habe, und wie geizig man mit Zeit +und Vergnügen seyn müsse. Entstehen unter jungen Eheleuten +leicht Zwistigkeiten, so ist auch die Versöhnung desto leichter gestiftet. +Widerwille und Zorn fassen nicht so feste Wurzel; und +da die Sinnlichkeit hier als die kräftigste Vermittlerin auftritt, +so wird oft der heftigste Streit durch eine einzige eheliche Umarmung +wieder geschlichtet. Dazu kommen denn nach und nach +Gewohnheit, Bedürfniß mit einander zu leben, gemeinschaftliches +Interesse, häusliche Geschäfte, die uns nicht viel Zeit zu +müßigen Grillen lassen, Freude an Kindern, gemeinschaftliche +Sorgfalt für ihre Erziehung und Versorgung, — welches alles, +statt die Last des Ehestandes zu erschweren, in den Jahren, wo +Jugend, Kräfte und Munterkeit mitwirken, dies Joch sehr süß +macht, und manche reine oder unverhoffte Freude gewährt, welche +doppelt genossen wird, wenn man sie mit einer zärtlichen und +feinfühlenden Gattin theilt. Nicht also im männlichen Alter. +Da fordert man mehr für sich, will ernten, genießen, nicht neue +Bürden übernehmen; man will gepflegt seyn; der Charakter hat<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> +eine starre Festigkeit erlangt, und mag sich nicht mehr umformen +lassen; die Begierden dringen nicht so laut auf Befriedigung. +Nur wenig Ausnahmen mögten hier Statt finden, und +diese nur unter den edelsten Menschen, die bei zunehmenden Jahren +nachsichtiger, sanfter werden, und, fest überzeugt von der +allgemeinen Schwäche der menschlichen Natur, wenig fordern +und gern mit Aufopferung leisten, was gefordert werden mag; +aber immer ist dies eine Art von Heroismus, eine heldenmüthige +Selbstverleugnung, und hier ist ja von wechselseitiger Glückseligkeits-Beförderung +die Rede; — darum kann man wohl in +diesem Alter nicht behutsam genug bei der Wahl einer Gattin zu +Werke gehen, nicht ernsthaft genug die Warnung bedenken: der +Wahn ist kurz, die Reu ist lang. Wer sich in männlichen Jahren +auf diese Weise übereilt, der mag dann die Folgen von den +Thorheiten tragen, zu welchen ein Jünglings-Kopf auf Mannes-Schultern +verführt!</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Ich glaube nicht, daß eine völlige Gleichheit in Temperamenten, +Neigungen, Denkungsart, Fähigkeiten und Geschmack, +durchaus erfordert werde, um eine zufriedene Ehe zu stiften, +vielmehr mag wohl zuweilen gerade das Gegentheil (nur nicht +in zu hohem Grade, noch in Haupt-Grundsätzen, noch ein zu +beträchtlicher Unterschied von Jahren) mehr Glück gewähren. +Bei einem Bande, das auf gemeinschaftlichem Interesse beruht, +und wo alle Ungemächlichkeit des einen Theils zugleich mit auf +den andern fällt, ist es, zur Vermeidung übereilter Schritte und +deren Folgen, oft sehr gut, wenn die zu große Lebhaftigkeit, das +rasche Feuer des Mannes, durch Sanftmuth oder ein wenig +Phlegma von Seiten des Weibes gedämpft wird, und umgekehrt. +So würde auch mancher Haushalt zu Grunde gehen, +wenn beide Eheleute gleichviel Lust an Aufwand, Pracht, Ueppigkeit, +einerlei Liebhaberei, oder gleichviel Hang zu einer nicht +immer wohlgeordneten Wohlthätigkeit und Geselligkeit hätten; +und da unsre jungen Roman-Leser und Leserinnen gemeiniglich +die Ideale zu ihren künftigen Lebens-Gefährten nach ihrem eignen +werthen Ich schnitzeln, so ist es doch so übel nicht, wenn +zuweilen ein alter grämlicher Vater oder Vormund einen Querstrich +durch dergleichen Verbindungsplane macht. — So viel +nur von der Wahl des Gatten! und das ist beinahe schon mehr, +als eigentlich hieher gehört.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span></p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Wichtig ist die Sorgfalt, welche Eheleute anwenden müssen, +wenn sie sich täglich sehen und immer wieder sehen müssen, daß +dieser enge und vertraute Umgang ihrer Liebe nicht nachtheilig +werde, und sie nicht verleite, ungerecht gegen einander zu werden. +Denn da sie Muße und Gelegenheit genug haben, Einer +mit des Andern Fehlern und Launen bekannt zu werden, und +selbst durch die kleinsten derselben manche Ungemächlichkeit leiden +müssen, so kann es leicht geschehen, daß sie sich gegenseitig +lästig, langweilig, kalt und gleichgültig gegen einander werden, +oder gar Ekel und Abneigung empfinden. Hier ist also weise +Vorsicht im Umgange nöthig. Verstellung würde hier das unglücklichste +und strafbarste Mittel seyn; aber einer gewissen Achtsamkeit +auf sich selbst, und der möglichsten Entfernung alles dessen, +was sicher widrige Eindrücke machen muß, soll man sich +befleißigen. Man setze daher vor allen nie gegen einander jene +Gefälligkeit und Artigkeit aus den Augen, die sehr wohl mit +Vertraulichkeit bestehen mag, und die den Mann von feiner Erziehung +bezeichnet! Ohne sich durch Kaltsinn und Entfernung +fremd zu werden, sorge man doch dafür, daß man nicht durch +oft wiederholte Gespräche über dieselben Gegenstände einander +langweilig werde, daß man sich nicht gleichsam auswendig lerne, +so daß endlich jedes Gespräch der Eheleute unter vier Augen lästig +scheint, und man sich nach fremder Unterhaltung sehnt! +Ich kenne einen Mann, der eine Anzahl Anekdötchen und Einfälle +besitzt, die er nun schon so oft seiner Frau, und in deren +Gegenwart fremden Leuten ausgekramt hat, daß man dem guten +Weibe jedesmal Ekel und Ueberdruß ansieht, so oft er mit +einem dergleichen Stückchen angezogen kömmt. Wer gute Bücher +liest, Gesellschaften besucht, und nachdenkt, der wird ja +täglich neuen Stoff zu anziehenden Gesprächen finden; aber freilich +reicht dieser nicht zu, wenn man den ganzen Tag müssig +einander gegenüber sitzt; und man darf sich daher nicht wundern, +wenn man Eheleute antrifft, die, um dieser tödtenden +Langenweile auszuweichen, die sie einander verursachen, wenn +gerade keine andere Gesellschaft aufzutreiben ist, mit einander +halbe Tage lang Piquet spielen, oder sich zusammen an einer +Flasche Wein ergötzen. Sehr gut ist es daher, wenn der Mann +bestimmte Berufsarbeiten hat, die ihn wenigstens einige Stunden<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> +täglich an seinen Schreibtisch fesseln, oder ausser Hause rufen; +wenn zuweilen kleine Abwesenheiten, Reisen in Geschäften +und dergleichen seiner Gegenwart neuen Reiz geben. Ihn erwartet +dann sehnsuchtsvoll die treue Gattin, die indeß ihrem +Hauswesen vorgestanden und alles für seine Wiederkunft geschmückt +und gesäubert hat. Sie empfängt ihn liebreich und +freundlich; die Abendstunden gehen unter frohen Gesprächen, bei +Verabredungen, die das Wohl ihrer Familie zum Gegenstande +haben, im häuslichen Cirkel vorüber, und man wird sich einander +nie überdrüssig. Es gibt eine feine, bescheidene Art, sich rar +zu machen, zu veranlassen, daß man sich nach uns sehne; diese +soll man studiren. Auch im Aeussern soll man alles entfernen, +was zurückscheuchen könnte. Man soll sich seinem Gatten, seiner +Gattin, nicht in einer ekelhaften, schmutzigen Kleidung zeigen, +sich zu Hause nicht zu viel Unmanierlichkeiten erlauben — +das ist man ja schon sich selber schuldig — und vor allen Dingen, +wenn man auf dem Lande lebt, nicht <em class="gesperrt">verbauern</em>, nicht +pöbelhafte Sitten, noch niedrige, plumpe Ausdrücke im Reden +annehmen, noch unreinlich, nachlässig an seinem Körper werden. +Denn wie ist es möglich, daß eine Frau, die unaufhörlich +an ihrem Manne Fehler und Unanständigkeiten wahrnimmt, +von welchen sie alle übrige, mit welchen sie umgeht, frei erblickt, +denselben vor allen andern gern sehen, schätzen und lieben könne? +Noch einmal! wenn die Ehe ein Stand der unaufhörlichen +Selbstverleugnung und Aufopferung wird, wenn ihre Pflichten +als ein schweres Gewicht auf uns liegen: dann kann sie nur +ein Zustand der Qual, keine Quelle der Zufriedenheit seyn.</p> + +<h4>5.</h4> + +<p>Eine Haupt-Vorschrift aber für alle Stände und für alle +Verhältnisse wende man auch auf den Ehestand an! Sie ist +diese: Erfülle so sorgsam, so pünktlich, so nach einem festen +Plane und nach festen Grundsätzen Deine Pflichten, daß Du, +wo möglich, darin alle Deine Bekannten übertreffest: so wirst +Du auch auf die wärmste Hochachtung Deines Ehegatten Anspruch +machen können, und in der Folge alle Diejenigen verdunkeln, +welche nur durch <em class="gesperrt">einzelne</em> glänzende Eigenschaften +augenblickliche vortheilhafte Eindrücke machen. Aber erfülle sie +auch alle, diese Pflichten! Der Mann prahle nicht etwa mit +seiner Uneigennützigkeit, mit seinem Fleisse, mit seiner guten<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> +Hauswirthschaft, mit der Achtung guter Männer, indeß er sich +in der Stille wöchentlich ein paarmal ein Räuschchen trinkt! +Die Frau poche nicht auf ihre Keuschheit und unverletzte Treue, +welche vielleicht das Verdienst des Zufalls oder eines kalten Temperaments +ist, indem sie sorglos die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigt! +Nein; wer Achtung und Zuneigung als Pflicht fordert, +der muß auch Achtung und Zuneigung zu verdienen wissen; +und wenn Du willst, daß Deine Frau Dich unter allen +Menschen am mehrsten ehren und lieben solle, so verlaß Dich +nicht darauf, daß sie Dir's am Altare versprochen hat, — wer +kann so etwas versprechen? — sondern darauf, daß Du alle +Kräfte aufbieten willst, besser zu seyn als Andre! aber besser in +jedem Betrachte; nur den Folgen nach lassen sich Tugenden +und Laster klassificiren; denn übrigens sind sie alle gleich wichtig, +und ein sorgloser Hausvater ist eben so strafbar, wie ein +unkeusches Eheweib. Allein das ist der Menschen gewöhnliche +Art zu handeln! Sie eifern gegen Laster, zu welchen sie keinen +Hang haben, und denken nicht, daß die Verabsäumung wichtiger +Tugenden ein so schweres Verbrechen ist, wie die Ausübung +einer bösen That. Ein altes Weib verfolgt mit wüthendem +Grimm ein armes junges Mädchen, das durch Temperament +und Verführung zu einem Fehltritt ist verleitet worden; daß +aber die gute Matrone ihre Kinder in thierischer Vernunftlosigkeit +hat aufwachsen lassen, darüber glaubt sie keine Verantwortung +geben zu dürfen: — hat sie doch nie die eheliche Treue +verletzt! — Sorgsame Pflicht-Erfüllung ist also das sicherste +Mittel, um der fortdaurenden Zärtlichkeit seines Ehegatten gewiß +zu seyn, denn Hochachtung ist die kräftigste Nahrung für +die Liebe.</p> + +<h4>6.</h4> + +<p>Bei dem Allen aber wird es nicht fehlen, daß nicht zuweilen +fremde liebenswürdige Menschen auf kurze Zeit vortheilhaftere +Eindrücke auf Ehegenossen machen sollten, als sie ihrer Ruhe +wegen wünschen und ihrer Eitelkeit wegen fürchten möchten. +Es ist nicht zu erwarten, daß, wenn die erste blinde Liebe verraucht +ist, — und die verraucht denn doch bald, — eine so +zärtliche Vorliebe eintreten wird, daß man gegen die Vorzüge +anderer Leute gänzlich blind und gefühllos seyn sollte. Dazu +kommt, daß Personen, mit denen wir seltener umgehen, sich<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> +immer von ihren besten Seiten zeigen und uns mehr schmeicheln, +als die, mit denen wir täglich leben. Eindrücke von der Art +werden aber bald wieder verschwinden, wenn nur der Gatte fortfährt, +seine Pflichten treulich zu erfüllen, und wenn er keinen +niedrigen Neid, keine närrische Eifersucht blicken läßt, die ohnehin +nie gute, sondern allemal schlimme Folgen hat. Liebe und +Achtung lassen sich nicht erzwingen, nicht ertrotzen; ein Herz, +das bewacht werden muß, ist wie der Mammon eines Geizigen, +mehr eine unnütze Last, als ein wahrer Schatz, und man wird +seiner nie froh; Widerstand reizt; keine Wachsamkeit ist so groß, +daß sie nicht hintergangen werden könnte, und es liegt in der +Natur des Menschen, daß man ein Gut, das vielleicht sonst +gar keinen Reiz für uns haben würde, doppelt eifrig wünscht, +sobald der Besitz desselben mit Schwierigkeiten für uns verbunden +ist.</p> + +<p>Jene kleinen Künste, die häufig unter Verliebten angewandt +werden, durch welche man, um die Liebe des andern Theils +mehr anzufeuern, mit Vorsatz Eifersucht zu erregen sucht, sollten +Eheleute verschmähen. Bei einem Bündniß, das auf gegenseitiger +Hochachtung beruhen soll, darf man sich durchaus keiner +schiefen Mittel bedienen. Glaubt meine Frau, ich sey fähig, +meine Pflicht und Zärtlichkeit gegen sie fremden Neigungen aufzuopfern, +so muß das ihre eigene Achtung gegen mich vermindern; +und merkt sie hingegen, daß ich nur Spielwerk mit ihr +treiben will: so ist das mehr, als verlorne Arbeit, die noch +obendrein oft ernstliche Folgen haben kann.</p> + +<p>Wenn auch auf kurze Zeit der Mann seinem Weibe, oder die +Frau ihrem Gatten Veranlassung zur Unzufriedenheit und Eifersucht +gibt, so wird doch diese kleine Herzens-Verirrung, wenn +der leidende Theil nur fortfährt, seinen Pflichten treu zu seyn, +nicht von langer Dauer seyn, wenn es nur nicht zu leidenschaftlichen +Ausbrüchen des Unwillens kommt. Bei kaltblütiger Prüfung +wird der Gedanke sich geltend machen: bewährte Liebe und +Treue kann durch keine Liebenswürdigkeit ersetzt werden, und +erprobte Mutterliebe und Vatertreue sind unschätzbar. — Und +ein solcher Triumph der ausharrenden Liebe und Sanftmuth, +komme er früh oder spät, ist sehr süß, und macht alle ausgestandene +Leiden vergessen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span></p> + +<h4>7.</h4> + +<p>Klugheit und Rechtschaffenheit aber erfordern, daß man sich +selber gegen die Eindrücke größerer Liebenswürdigkeit, welche +fremde Personen auf uns machen könnten, waffne. In der frühen +Jugend, wenn die Phantasie lebhaft ist, die Begierden heftig +wirken, und das Herz noch oft mit dem Kopf davon läuft, +würde ich rathen, solchen gefährlichen Versuchungen sorgfältig +auszuweichen; ein junger Mann, welcher merkt, daß ein Frauenzimmer, +mit dem er umgeht, ihm vielleicht einst besser, als seine +Frau, gefallen, wildes Feuer in ihm entzünden, oder wenigstens +seine häusliche Glückseligkeit stören könnte, thut wohl, +wenn er, in so fern er sich nicht Festigkeit genug zutrauet — +und er urtheilt weise, wenn er sich diese nicht leicht zutrauet, — +den verführerischen Umgang, so viel möglich, meidet, damit er +ihm nicht zum Bedürfnisse werde und sein Herz überwältige. +Diese Vorsicht ist am nöthigsten gegen die feinern Koketten, die, +ohne eben Plane auf Verletzung der Ehre zu haben, ihr Spielwerk +mit der Ruhe eines gefühlvollen redlichen Mannes treiben, +und einen zwecklosen Triumph darin suchen, schlaflose Nächte +zu verursachen, Thränen zu veranlassen, und Eifersucht rege zu +machen. Es gibt viel solcher eiteln Damen, die nicht immer +durch böses Herz, noch Temperament, aber wohl durch die nimmersatte +Begierde, zu glänzen und zu gefallen, getrieben, manche +stille häusliche Ruhe und den Frieden unter Eheleuten auf diese +Weise unbarmherzig zerstören. In reifern Jahren dürfte die entgegengesetzte +Heil-Methode anwendbarer seyn. Ein Mann von +festen Grundsätzen, der seinem Verstande Rechenschaft von den +Gefühlen seines Herzens gibt und dauerhaftes Glück sucht, wird +am leichtesten von einer zu günstigen Vorstellung, die er von +fremden Personen in Vergleichung mit seiner Gattin gefaßt hat, +zurückkommen, wenn er Jene so oft und vielfältig sieht, daß er +an ihnen mehr Fehler wahrnimmt, als an seinem edlen, verständigen, +treuen Weibe. Und dann kommen die Augenblicke +des Seelen-Bedürfnisses, wo man sich nach der theilnehmenden +Gefährtin sehnt, wenn schwere Bürden das Herz drücken, die +kein Fremder so uns tragen hilft, oder wenn höhere Freuden +das Herz erweitern, Freuden, die kein Fremder so mit uns +theilt, oder Verlegenheiten uns ängstigen, die wir keinem Fremden +so aufrichtig, so sicher entdecken dürfen, wie der Person,<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> +die einerlei Interesse mit uns hat; und dann ein Blick auf wohlerzogene, +durch gemeinschaftliche Sorgfalt erzogne Kinder, auf +die Früchte der ersten jugendlichen Liebe! — und das Herz kehrt +ungezwungen zu den süßesten Pflichten zurück.</p> + +<h4>8.</h4> + +<p>Uebrigens ist es eine bedauernswürdige Schwachheit, wenn +Eheleute durch die priesterliche Einsegnung ein so ausschließliches +Recht auf jede Empfindung des Herzens erzwungen zu haben +glauben, daß sie wähnen: nun dürfe in dem Herzen des Gatten +auch nicht ein Plätzchen mehr für irgend einen andern guten +Menschen übrig bleiben; der Gatte müsse für seine Freunde und +Freundinnen todt seyn, dürfe für kein Geschöpf auf der Welt, +als für die werthe Ehehälfte, Theilnahme und Zuneigung empfinden, +und es sey Verletzung der ehelichen Pflicht, mit Wärme, +Zärtlichkeit und Theilnahme von und mit andern Personen +zu reden. Diese Forderungen werden doppelt abgeschmackt bei +einer ungleichen Ehe, wo von der einen Seite schon Aufopferungen +mancher Art Statt finden. Wenn da der eine Theil, +um sich in dem Umgange mit liebenswürdigen Leuten aufzuheitern, +neue Kräfte zum Ausdauern zu sammeln, und seinen Geist +zu erheben und zu erwärmen, in die Arme zärtlicher, ihm wahrhaftig +treu ergebener Freunde eilt: so sollte der andre Theil ihm +dafür danken, und jeden kränkenden Vorwurf unterdrücken.</p> + +<h4>9.</h4> + +<p>Die Wahl dieser innigeren Freunde muß aber dem Herzen, +so wie die Wahl sittlicher Vergnügungen und unschuldiger Liebhabereien +dem Geschmacke eines Jeden überlassen bleiben. Es +wird nicht durchaus Gleichheit von Neigungen, Temperamenten +und Geschmack zum Eheglück erfordert. Unerträgliche Sclaverei +wäre es daher, sich seine Erheiterungen aufdringen lassen +zu müssen. Es ist wahrlich schon hart genug, wenn der Gatte +die Freude entbehren muß, edle Empfindungen, erhabne Gedanken, +feinere Eindrücke, welche seelen-erhebende Schriften, +Kunstwerke und Ereignisse hervorbrachten, mit der Gefährtin +seines Lebens theilen zu können, weil die stumpfen Organe derselben +dafür nicht empfänglich sind; aber nun gar diesem allen +entsagen, oder sich in der Wahl seines Umganges und seiner +Freunde nach den Grillen eines schiefen Kopfs und kalten Herzens +richten, allen wohlthätigen Erquickungen von der Art entsagen<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> +zu müssen: — das ist Höllenpein! und ich brauche wohl +nicht hinzuzufügen, daß am wenigsten <em class="gesperrt">der Mann</em> eine solche +Beschränkung und Sclaverei dulden dürfe, da er von der Natur +und durch die bürgerliche Verfassung bestimmt ist, das Haupt +der Familie zu seyn, und Gründe haben kann, <em class="gesperrt">warum</em> er diesen +oder jenen Umgang wählt, dieser oder jener Beschäftigung +sich widmet, diesen oder jenen Schritt thut, der Manchen auffallend +seyn kann. Es erleichtert hingegen das Leben unter Menschen, +die nun einmal verbunden sind, alle Leiden und Freuden +zu theilen, wenn nach und nach eine ähnliche Seelenstimmung +unter ihnen eintritt, sey es auch nur von der Liebe zum Frieden +erzeugt, und es zeugt wahrlich von der verächtlichsten Indolenz, +wo nicht von dem bösesten Willen, wenn man, nach vieljähriger +Verbindung mit einem verständigen, gebildeten und feinfühlenden +Geschöpfe, noch eben so unwissend, roh, stumpf und +starrköpfig geblieben ist, wie man vorher war.</p> + +<h4>10.</h4> + +<p>Wie soll man sich bei wirklichen Ausschweifungen verhalten? +— denn bis jetzt war nur von Verirrungen die Rede. — +Wie soll man sich zur Nachsicht und Ausdauer waffnen, wenn +von einer Seite heftiges Temperament, ein reizbarer Körper, +Mangel an Herrschaft über die Leidenschaften, Verführung, +Buhler-Künste, anlockende Schönheiten und Verhältnisse in Versuchung +führen; von der andern vielleicht der Gattin mürrisches +Betragen, üble Laune, Geistes-Armuth, Kränklichkeit, Mangel +an Schönheit, an Jugend, an Gefälligkeit, an Temperament, +lebhaft zurückstoßen? — Diese Schrift soll keine Pflichtenlehre +enthalten; darum überlasse ich es jedem vernünftigen Manne, +diese Frage sich selbst zu beantworten, und selbst zu beurtheilen, +wie er es anfangen müsse, über seine Begierden Meister zu werden, +gefährlichen Gelegenheiten und Verführungen auszuweichen, +welches freilich in der Jugend nicht so leicht ist, wie man +wohl denkt. Doch so viel über diesen Gegenstand, als hieher +gehört, und sich ohne Beleidigung der Sittsamkeit sagen läßt! +Man gewöhne sich selbst, und Einer den Andern, nicht an Ueppigkeit, +Wollust, Weichlichkeit und Schwelgerei; lasse die körperlichen +Bedürfnisse und Begierden nicht zu heftig werden; man +sey, selbst in der Ehe, schamhaft, keusch, zart und sparsam in +den Aeußerungen der Liebe, um Ekel, Ueberdruß und faunische<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> +Lüsternheit zu entfernen! Ein Kuß ist ein Kuß, nichts mehr, +und nichts weniger, als ein Zeichen der Zärtlichkeit, und es wird +fast immer des Weibes Schuld seyn, wenn ein sonst nicht schlechter +Mann diesen Kuß, den er von treuen, reinen und warmen +Lippen ehrenvoll und bequem zu Hause erlangen könnte, mit +Hintansetzung seiner Pflicht und der Ehrbarkeit, bei Fremden +holt. Hat aber die größre Schwierigkeit und Neuheit so viel +Reiz: ei nun! so suche man auch der ehelichen Vertraulichkeit +diesen Reiz der Neuheit zu geben, zuweilen kleine Hindernisse in +den Weg zu legen, oder durch Enthaltung, Entfernung u. dgl. +das Verlangen nach Befriedigung der sinnlichen Liebe zu vermehren! +In späteren Jahren fällt dann auch dieser Vorwitz so ziemlich +weg; denn da werden ja die Triebe bescheidner und lassen +sich williger von der Vernunft regieren, oder man müßte sie +muthwilliger Weise reizen.</p> + +<h4>11.</h4> + +<p>In der Ehe soll gegenseitiges uneingeschränktes Zutrauen, +soll Offenherzigkeit Statt finden. Kann denn aber gar kein Fall +eintreten, wo Einer vor dem Andern Geheimnisse haben dürfte? +Ich denke. Freilich, da der Mann von der Natur bestimmt ist, +der Rathgeber seines Weibes, das Haupt der Familie zu seyn; +da die Folgen jedes übereilten Schrittes der Gattin auf <em class="gesperrt">ihn</em> fallen; +da der Staat sich nur an <em class="gesperrt">ihn</em> hält; da die Frau eigentlich +gar keine Person in der bürgerlichen Gesellschaft ausmacht; da +die Verletzung der Pflichten von ihrer Seite schwer auf <em class="gesperrt">ihm</em> +liegt, und diese Verletzung die Familie weit unmittelbarer beschimpft, +und derselben Schande und Nachtheil bringt, als die +Ausschweifungen des Mannes; da die Frau mehr von dem äussern +Rufe abhängt, als der Mann; endlich, da Verschwiegenheit +mehr eine männliche, als weibliche Tugend ist: so kann es +wohl nur in äusserst seltenen Fällen der Frau erlaubt seyn, ohne +ihres Mannes Wissen Schritte zu thun, Verbindungen anzuknüpfen, +in Verhältnisse mit Männern zu treten, und dem +Manne das alles zu verheimlichen. Er hingegen, der an den +Staat geknüpft ist, oft Geheimnisse zu bewahren hat, die nicht +ihm gehören, und durch deren Verbreitung er zugleich mit Andern +in Verlegenheit kommen könnte; er, der das Ganze seines +Hauswesens übersehen soll, auch vielfältig den Plan, nach welchem +er handelt, nicht den schwächern Einsichten unterwerfen<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> +darf, sondern fest und unerschüttert seinem Verstande und Herzen +folgen, und das Urtheil des Volks verachten muß: <em class="gesperrt">er</em> kann +unmöglich alles erzählen und mittheilen, was er unternimmt. +Verschiedenheit der Lagen aber kann diesen Gesichtspunkt verrücken. +Es gibt Männer, die sehr übel fahren würden, wenn +sie einen einzigen Schritt ohne Rath und Wissen ihrer Weiber +thäten; es gibt sehr plauderhafte Herren und sehr verschwiegne +Damen; und eine Frau kann weibliche Geheimnisse von einer +Freundin anvertrauet bekommen haben. — In allen diesen und +ähnlichen Fällen müssen Klugheit und Redlichkeit das Verhalten +beider Theile bestimmen. Das aber bleibt eine heilige Wahrheit, +daß, wenn wahrhaftes Mißtrauen sich einschleicht, wenn man +ein offenes Geständniß erzwingen muß, alles Glück der Ehe +entflieht. Nichts kann endlich strafbarer seyn, als wenn der +Mann niedrig genug denkt, heimlich die Briefe seiner Frau zu +erbrechen, ihre Papiere zu durchwühlen, oder ihre Schränke zu +durchsuchen. Auch verfehlt er mit solchen unwürdigen Mitteln +immer seines Zwecks. Nichts ist leichter, als die Wachsamkeit +eines Menschen zu täuschen, wenn es bloß auf beweisbare Vergehen +ankömmt, und man die feinern Bande zerrissen, sich über +alle Bedenklichkeiten des Zartgefühls und der Ehre hinweggesetzt +hat. Ein Mann, der <em class="gesperrt">einmal</em> seine Frau eine Treulose nennt, +steckt sich selbst das Horn der Hahnreischaft auf. Nichts ist leichter, +als einen Menschen zu hintergehen, den man genau kennt, +bei dem man allen Glauben verloren hat, den man oft auf ungerechtem +Argwohn ertappen kann, weil Leidenschaft ihn blind +macht, und der es wegen seiner argwöhnischen Ungerechtigkeit +verdient, getäuscht zu werden. — Betrug ist fast immer die +sichere Folge davon, und man kann auf diese Weise das edelste +Geschöpf moralisch zu Grunde richten und zu Verbrechen reizen.</p> + +<h4>12.</h4> + +<p>Ich rathe, aus Gründen, die wohl jeder vernünftige Mensch +selbst einsehen wird, auch nicht einmal an, daß Eheleute alle +ihre Geschäfte gemeinschaftlich treiben, sondern daß Jeder seinen +angewiesenen Wirkungskreis habe. Es geht selten gut im Hause, +wenn die Gattin für ihren Gatten die Berichte an die höchste +Behörde entwerfen, und er dagegen, wenn Fremde eingeladen +sind, die Tafel besorgen, Cremen machen, und die Töchter ankleiden +helfen muß. Daraus entsteht Verwirrung; man setzt sich<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> +dem Gespötte des Hausgesindes aus; der Eine verläßt sich auf +den Andern, will sich aber dagegen in alles mischen, alles wissen. +— Mit Einem Worte: das taugt nicht!</p> + +<h4>13.</h4> + +<p>Was aber die Verwaltung der Einkünfte betrifft, so kann +ich die Weise der mehresten Männer von Stande nicht billigen, +welche ihren Gemahlinnen eine gewisse Summe geben, womit +sie auskommen und den ganzen Haushalt ohne Ausnahme bestreiten +müssen. Dadurch entsteht getheiltes Interesse; die Frau +tritt in die Klasse der Bedienten, wird zum Eigennutz verleitet, +muß ängstlich sparen, findet, daß der Mann zu lecker ist, macht +verdrießliche Gesichter, wenn er einen guten Freund zur Tafel +einladet; der Mann, wenn er nicht fein denkt, meint immer, +er speise für sein theures Geld zu schlecht, oder wagt es im andern +Falle aus übertriebener Zurückhaltung und Feinheit nicht, +zuweilen ein Gerichtchen mehr zu fordern, um seine Gattin nicht +in Verlegenheit zu setzen. Willst Du also Deine Hausfrau nicht +in Versuchung führen, so gib, wenn nicht etwa ein Haushofmeister +oder eine Ausgeberin diejenigen Geschäfte bei Dir versieht, +die eigentlich zu den Pflichten der Gattin gehören, eine +Summe Geldes, die Deinen Einkünften und den Zeitverhältnissen +angemessen ist, zur Ausgabe! Wenn diese verwendet ist, so +sey ihr verstattet, mehr von Dir zu fordern; findest Du, daß zu +viel ist ausgegeben worden, so laß Dir die Rechnung zeigen! +Ueberlege mit ihr gemeinschaftlich, auf welcher Seite gespart +werden könnte! Mache ihr kein Geheimniß aus Deinen Vermögensumständen; +allein bestimme ihr auch eine kleine Summe +zu ihren unschuldigen Vergnügungen, zu ihrem Putze, zu stillen +wohlthätigen Handlungen, und fordre davon keine Berechnung!</p> + +<h4>14.</h4> + +<p>Gute Hauswirthschaft ist eins der nothwendigsten Stücke zur +ehelichen Glückseligkeit. Man suche daher vor allen Dingen, +wenn man auch im ledigen Stande einigen Hang zur Verschwendung +gehabt hätte, sich davon loszumachen, und sich +häuslicher Sparsamkeit zu befleißigen, sobald man heirathet! +Wer noch einzeln da steht, erträgt leicht alles Ungemach der +Zeit: Noth, Mangel, Demüthigung, Zurücksetzung; am Ende +steht ihm, wenn er gesunde Arme hat, die ganze Welt offen; er +kann alles im Stiche lassen, und in einem unbekannten Winkelchen<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> +der Erde leicht mit seiner Hände Arbeit sein Leben fristen. +Aber wenn schlechte Haushaltung den Ehemann und Vater in +Armuth gestürzt hat, und er nun den Blick auf die Personen +seiner Familie umherwirft, die von ihm Unterhalt, Nahrung, +Wartung, Erziehung, Vergnügen fordern; wenn er dann oft +nicht weiß, woher er auf morgen Brod nehmen, wovon er die +heranwachsenden Mädchen kleiden soll, oder wenn seine bürgerliche +Ehre, seine Beförderung, die Versorgung seiner Kinder +davon abhängt, daß er mit den Seinigen in einem gewissen anständigen +Aufzuge, vielleicht gar mit einigem Glanze erscheine, +und es doch von allen Seiten dazu fehlt; wenn das Silbergeräthe +vom Wucherer, wo es im Versatze steht, auf einen Mittag +geborgt werden muß, um Gäste bewirthen zu können, indeß +unten im Hause ein Knabe wartet, der es gleich nach der +Mahlzeit wieder in Empfang nehmen soll; wenn Gläubiger und +Advokaten ihn in die Enge treiben, und Juden an den Zipfeln +seines schlaffen Geldbeutels melken: dann fallen böse Launen, +Krankheit des Leibes und der Seele den Unglücklichen an; Verzweiflung +ergreift ihn; er sucht sich zu betäuben, verfällt in Ausschweifungen; +von Innen zernagt ihn das unruhige Gewissen, +von Aussen verfolgen ihn bittre Vorwürfe seines Weibes; das +Winseln seiner Kinder schreckt ihn aus fürchterlichen Träumen +auf; die Verachtung, womit der vornehme und reiche Pöbel auf +ihn herabblickt, umwölkt jeden Strahl von Hoffnung; Muth +und Trost schwinden; die Freunde fliehen, das Hohngelächter +der Feinde und Neider erschüttert jede Nerve, und in dieser traurigen +Lage schwindet dann freilich aller Schatten von häuslicher +Freude, das Haus wird zur Hölle. Der Elende flieht auch nichts +so sehr, als den Anblick und den Umgang derer, die er mit sich +in's Unglück gestürzt hat. — Sollte also einer von den Eheleuten +zur Verschwendung geneigt seyn, so ist es rathsam, weil es +noch Zeit ist, Mittel vorzuschieben, jener gräßlichen Lage auszuweichen. +Der <em class="gesperrt">andre</em> Theil, der besser mit dem Gelde umzugehen +weiß, übernehme die Kasse! Man mache sich einen genauen +Etat, wie man dem Haushalte wieder aufhelfen will, +und befolge diesen pünktlich, schränke sich ein, sorge aber dafür, +daß, wo möglich, auch etwas zu erlaubten Vergnügungen übrig +bleibe, damit dem Verschwender die Einschränkungen und Entbehrungen +nicht zu schwer werden!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p> + +<h4>15.</h4> + +<p>Ist es aber besser, daß <em class="gesperrt">der Mann</em>, oder daß <em class="gesperrt">die Frau</em> +reich sey? Wenn eins seyn soll, so stimme ich für Ersteres. Gut +ist es, wenn Beide einiges Vermögen haben, um zu den Nothwendigkeiten +des Lebens gemeinschaftlich beitragen zu können, +damit nicht Einer so ganz auf Kosten des Andern zehre. Soll +aber nun einmal Abhängigkeit, welche doch natürlicher Weise +auf Seiten des ärmern Theils entsteht, Statt finden: so ist es +der Natur gemäßer, daß das Haupt der Familie am mehrsten +zum Unterhalte der Familie beitrage. Heirathet ein Mann eine +reiche Frau, so verhüte er wenigstens durch angestrengte Thätigkeit, +daß er nie in eine sclavische Abhängigkeit von seiner +Frau gerathe. Aus Verabsäumung dieser Vorsicht sind so wenig +Ehen von <em class="gesperrt">der</em> Art glücklich. Hätte meine Frau mir großes Vermögen +zugebracht, so würde ich mich doppelt bestreben, ihr zu +beweisen, daß ich geringe Bedürfnisse hätte; ich würde wenig +an meine Person wenden; ich würde sie überzeugen, daß ich +dies Wenige mit meinem Fleisse mir erwerben könnte; ich würde +ihr Kostgeld geben; ich würde nur der Verwalter ihres Vermögens +seyn; ich würde Aufwand im Hause machen, weil das sich +für reiche Leute schickt; aber ich würde ihr zeigen, daß dieser +Aufwand meiner Eitelkeit nicht schmeichele; daß ich bei zwei +Speisen eben so vergnügt, wie bei zwanzigen sey; daß ich keine +Aufwartung bedürfe; daß ich gesunde Beine habe, die mich eben +so weit, wenn gleich nicht so schnell fortbringen, wie ihre prächtigen +Wagen; und dann würde ich, wie es dem Hausherrn zukömmt, +über die Anwendung ihres Vermögens unumschränkte +Gewalt verlangen.</p> + +<h4>16.</h4> + +<p>Ist es nöthig, daß der Mann klüger sey, als die Frau? — +Das ist wiederum eine nicht unwichtige Frage; wir wollen sie +näher beleuchten. Der Begriff von Klugheit, von Vernunft, +wird, mit allen seinen Beziehungen und Modifikationen, nicht +immer auf einerlei Art verstanden. Die Klugheit eines Mannes +soll wohl von ganz anderer Art seyn, als die, welche man von +einer Frau verlangt; und wenn nun vollends Klugheit mit Welt-Erfahrung, +oder gar mit Gelehrsamkeit verwechselt wird, so +wäre es Unsinn, von diesen bei dem einen Geschlechte so viel, +wie bei dem andern, voraussetzen oder verlangen zu wollen. Ich<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> +fordre daher von einem Frauenzimmer einen verständigen Kleinigkeitsgeist, +Feinheit, unschuldige Verschlagenheit, Behutsamkeit, +Witz, Duldsamkeit, Nachgiebigkeit und Geduld: — lauter +Stücke, die doch auch zur Klugheit gehören; — welche in +gleichem Grade nicht immer das Eigenthum des männlichen +Charakters sind. Dagegen erwarte ich, daß der Mann umsichtiger, +gefaßter bei allen Vorfällen, fester, unerschütterlicher, +weniger den Vorurtheilen unterworfen, ausdauernder und gebildeter +sey, als das Weib. Jene Frage aber war in allgemeinem +Sinne zu verstehen, nämlich also: Wenn einer von beiden Theilen +schwach, stumpf von Organen und unwissend in manchen +zum Weltleben nöthigen Kenntnissen seyn sollte: würde es da +besser seyn, daß der Mann, oder daß die Frau der schwächere +Theil wäre? — Ich antworte ohne Anstand: Noch habe ich nie +eine glückliche und weise geordnete Haushaltung gesehen, in welcher +die Frau die entschiedne Alleinherrschaft gehabt hätte. Es +geht in einem Hause, wo ein Mann von mittelmäßigen Fähigkeiten +das Regiment führt, größtentheils immer noch besser her, +als in einem, wo eine kluge Frau ausschließlich gebietet. Es +kann vielleicht Ausnahmen davon geben; allein <em class="gesperrt">ich</em> kenne deren +keine. Es versteht sich aber, daß hier nicht von der feinern Herrschaft +über das Herz eines edlen Gatten die Rede ist: wer wird +diese nicht gern einem klugen Weibe einräumen? welcher verständige +Mann wird nicht fühlen, daß er oft sanfter Zurechtweisung +bedarf? Jene ausschließliche Herrschaft hingegen scheint +der Bestimmung der Natur zuwider zu seyn. Schwächerer Körperbau; +eingepflanzte Neigung zu weniger dauerhaften Freuden; +Launen aller Arten, die den Verstand, oft in den entscheidendsten +Augenblicken fesseln; Erziehung; und endlich unsere +bürgerliche Verfassung, welche die Verantwortung dessen, was +im Hause geschieht, allein auf den Mann wälzt: das alles bestimmt +die Gattin, Schutz zu suchen, und legt dem Gatten die +Pflicht auf, zu schützen. Nun ist aber doch nichts lächerlicher, +als wenn der Weisere und Stärkere bei dem Thoren und Schwachen +Schutz suchen soll. Frauenzimmer von vorzüglichen Geistesgaben +handeln daher wahrlich gegen ihren eignen Vortheil, +und bereiten sich unangenehme Aussichten, wenn sie aus Herrschsucht +sich dumme Männer wünschen oder wählen; die sichern +Folgen davon sind Ueberdruß, verwirrte Haushaltung und Verachtung<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> +des Publikums für einen von beiden Theilen, und das +heißt ja: für <em class="gesperrt">beide</em> Theile. Männer aber, die so unmündig +am Geiste sind, daß sie die Rolle eines Hausvaters nicht gehörig +zu spielen, nicht Herr in ihrem Hause zu seyn vermögen, +thun besser, Hagestolze zu bleiben, und sich ein Plätzchen in einem +Hospital, oder eine Präbende zu kaufen, als daß sie sich +vor Kindern, Hausgesinde und Nachbarn lächerlich machen. Ich +habe einen schwachen Fürsten gekannt, dessen Gemahlin so unumschränkte +Gebieterin über ihn war, daß, als sie einst bestellt +hatte, auszufahren, der Fürst hinunter in den Schloßhof schlich, +und den Kutscher, welcher da hielt, leise fragte: »Wisset ihr +nicht, ob ich mitfahre?« Wer möchte wohl Geschäfte mit einem +Manne treiben, dessen Willen, dessen Freundschaft und dessen +Art, die Dinge anzusehen, von den Launen, Winken und Zurechtweisungen +seiner Frau abhängen, — der seine Briefe erst +seiner Hofmeisterin zur Durchsicht vorlegen, und über die wichtigsten, +geheimsten Angelegenheiten erst Instruktion bei der Toilette +holen muß? Sogar in der Gefälligkeit und Aufmerksamkeit +gegen die Ehefrau soll der Mann seine Würde nicht verleugnen. +Verächtlich ist, selbst den Weibern, ein Mann, der, bevor +er sich zu etwas entschließt, erst jedesmal sagt: »Ich will +es mit meiner Frau überlegen;« der ihr immer das Mäntelchen +nachträgt, sich nicht untersteht, in eine Gesellschaft zu gehen, +wo <em class="gesperrt">sie</em> nicht ist, oder der seine treuesten Bedienten abschaffen +muß, wenn Madam deren Gesichtsbildung nicht ertragen kann.</p> + +<h4>17.</h4> + +<p>Es gibt in diesem Leben eine Menge Ungemachs zu tragen. +Auch der, welcher der Glücklichste zu seyn scheint, hat geheime +Leiden mancher Art, wahre und eingebildete, unverschuldete oder +selbstgeschaffne, gleichviel! aber immer darum nicht minder Leiden. +Sehr wenige Weiber haben Kraft genug, das Unglück +standhaft erdulden, guten Rath in der Noth zu ertheilen, und +ihren Gatten die Bürde tragen zu helfen, die nun einmal getragen +werden muß. Die mehrsten erschweren das Uebel durch unzeitige +Klagen, durch Geschwätz, wie es seyn <em class="gesperrt">könnte</em>, wenn +es nicht <em class="gesperrt">so</em> wäre, wie es ist, oder gar durch übel angebrachte, +zuweilen sehr unbillige Vorwürfe. Ist es daher irgend möglich, +kleinere Unannehmlichkeiten (mit Haupt-Unglücksfällen aber +läßt sich das selten thun) vor Deiner Ehefrau zu verbergen, so<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> +verschließe lieber den Kummer in Deinem Herzen! Ohnehin +kann ein gutgeartetes Gemüth darin keinen Trost finden, Andre, +die es liebt, mit in seine Leiden zu ziehen; und wenn nun gar +die Last dadurch nicht erleichtert, sondern vielmehr erschwert wird: +wer wollte dann nicht lieber schweigen, und seinen Rücken dem +Sturme allein preisgeben? Schickt die Vorsehung Dir aber einen +großen, nicht zu verschweigenden Unfall, Noth, Schmerz, +Krankheit zu, — verfolgen Dich widrige Geschicke, oder böse +Menschen: o dann rufe Deine ganze Standhaftigkeit auf! fasse +Deinen Muth zusammen, und versüße der Gefährtin Deines +Lebens die Bitterkeit des Kelchs, den sie mit Dir austrinken +muß; wache über Deine Launen, damit nicht der Unschuldige +durch Dich leiden müsse! Verschließe Dich in Dein Kämmerlein, +wenn das Herz zu schwer wird! Dort erleichtre Dich durch Thränen +oder Gebet! Stärke und stähle Dein Herz durch Philosophie, +durch Zuversicht auf Gott, durch Hoffnung und durch weise +Entschließungen! und dann tritt mit heiterer Stirne hervor, und +sey der Tröster des Schwächern! — Ist doch kein Ungemach und +kein Leiden in der Welt von beständiger Dauer, kein Schmerz +so groß, der nicht freie Augenblicke übrig ließe; führt doch ein +gewisser Heroismus im Kampfe gegen das Unglück Freuden mit +sich, die selbst das härteste Ungemach versüßen können; und der +Gedanke, Andre zu trösten und aufzurichten, erhebt das Herz +wunderbar, erfüllt mit unbeschreiblicher Heiterkeit. — Ich rede +aus Erfahrung.</p> + +<h4>18.</h4> + +<p>Wir sind darüber einig geworden, daß vollkommne Gleichheit +in Denkungsart und Temperamenten zu einer glücklichen +Ehe nicht nothwendig sey. Traurig ist aber doch immer die Lage, +wenn die Ungleichheit gar zu auffallend ist, wenn die Gattin +sich bei allem kalt und gleichgültig zeigt, was dem Gatten wichtig +und interessant scheint. Traurig ist es immer, wenn man, +um den Genuß unschuldiger Freuden, um schmerzliche Leiden, +um hohe Gefühle, ferne Aussichten, wichtige Unternehmungen, — +kurz, um alles, was Kopf und Herz beschäftigt, zu theilen, sich +nach fremden Mitgenossen sehnen muß. Traurig ist es, wenn +ein phlegmatisches Geschöpf zu jedem geistreichen Tropfen, den +uns die süße Phantasie einschenkt, Wasser gießt, uns aus jeder +seligen Täuschung unsanft aufweckt, unsre wärmsten Gespräche<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> +mit Plattheiten beantwortet, und unsre schönsten Pflanzungen +zertritt. — Was ist aber in solchen Lagen zu thun? Vor allen +Dingen Hiobs Specificum gebraucht! Nicht lange moralisirt, +wo keine Besserung zu hoffen ist, — geschwiegen, wenn man +doch nicht verstanden wird; und dann die Gelegenheit vermieden, +Scenen zu veranlassen, wodurch man zu sehr entrüstet, +oder zu bitter gekränkt, oder durch die Dummheit des Weibes +öffentlich beschimpft werden könnte — so kann man doch wenigstens +negativ so ziemlich glücklich seyn.</p> + +<h4>19.</h4> + +<p>Wie aber, wenn das Schicksal oder eigne Thorheit den Mann +auf ewig an ein Geschöpf gekettet hat, das, mit großen moralischen +Gebrechen oder gar mit Lastern behaftet, der Liebe und +Achtung edler Menschen unwerth ist; wenn die Frau durch ein +mürrisches, feindseliges Temperament, durch Neid, Geiz, oder +unvernünftige Eifersucht dem Manne das Leben verbittert, oder +wenn sie sich durch ein falsches, tückisches Herz verächtlich macht, +oder wenn sie gar in Unzucht oder in Völlerei lebt? Ich brauche +hier nicht zu erinnern, daß mancher ehrliche Mann unschuldiger +Weise, d. h. in einer unschuldigen Verblendung in dies Labyrinth +gerathen kann, wenn ihm die Liebe oder vielmehr Fleisch +und Blut einen Streich spielen, indem der böse Feind Asmodäus +im Brautstande immer die schönste Larve vornimmt. Ich +schweige hingegen auch davon, daß sehr oft der Mann durch +üble oder unvorsichtige Behandlung daran Schuld ist, wenn +Untugenden und Laster, zu welchen der Keim in dem Herzen +seiner Frau lag, zum Ausbruche kommen. Es würde mich endlich +zu weit führen, wenn ich Regeln für das Verhalten in jeder +einzelnen unglücklichen Lage von der Art geben wollte. — +Also nur so viel im Allgemeinen! Man muß in solchen Lagen +dreierlei Rücksichten nehmen, nämlich: <em class="gesperrt">zuerst</em> solche, welche +auf Beförderung unserer eignen Ruhe abzielen; <em class="gesperrt">sodann</em> Rücksichten +auf Kinder und Hausgenossen; und <em class="gesperrt">endlich</em> auf das +Publikum. Was den ersten Punkt betrifft, so rathe ich: wenn +einmal keine Hoffnung zu Bewirkung sittlicher Besserung da ist, +sich nicht mit Klagen, Vorwürfen und Zänkereien aufzuhalten, +sondern in der Stille solche kräftige Gegenmittel zu wählen, die +uns Vernunft, Rechtschaffenheit und Gefühl von Ehre anrathen. +Entwirf reiflich und mit möglichst kaltem Blute Deinen Plan!<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> +Ueberlege wohl, ob eine Trennung nöthig sey, oder wie Du es +anzufangen habest, Deinen Zustand, wenn derselbe nun einmal +nicht zu verbessern ist, leidlich zu machen, und laß Dich dann +von Deinem Entschlusse durch nichts, selbst durch keine bloß anscheinende +Besserung, noch durch Liebkosungen, abwendig machen! +Erniedrige Dich aber nie so weit, daß Du Dich durch +Hitze zu gewaltsamen Behandlungen verleiten ließest; sonst hast +Du schon zur Hälfte Unrecht. Erfülle endlich um so treuer Deine +Pflichten, je öfter Dein Weib sie übertritt: so wird auch Dein +Gewissen beruhigt seyn, und mit einem ruhigen Gewissen läßt +sich alles, auch das Aergste, ertragen. In Betracht Deiner Kinder, +des Hausgesindes und des Publikums aber vermeide alles +Aufsehen! Laß, wo möglich, Dein Unglück nicht ruchtbar werden! +Wenn Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so werden die +Kinder immer schlecht erzogen. Ist diese Uneinigkeit also nicht +zu verbergen, so trenne Dich lieber von Deinen Kindern, und +überlaß ihre Leitung fremden guten Händen! Wenn offenbare +Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so ist das Hausgesinde +nie zur Ordnung, Treue und Redlichkeit geneigt. Es entstehen +Partheien und Klatschereien ohne Ende. Vermeide daher allen +Zank in Gegenwart des Gesindes! Wenn öffentliche Uneinigkeit +unter Eheleuten herrscht, so verliert der unschuldige Theil, zugleich +mit dem schuldigen, die Achtung der Mitbürger. Vertraue +deswegen nicht leicht Dein häusliches Unglück fremden Leuten.</p> + +<h4>20.</h4> + +<p>Sehr gern aber pflegen sich dienstfertige gute Freunde, alte +Weiber, beiderlei Geschlechts, Vettern und Basen in solche Angelegenheiten +zu mischen. Leide nicht, daß irgend jemand, wer +es auch sey, ohne von Dir dazu aufgefordert zu seyn, sich um +Deine häuslichen Umstände bekümmre; weise solche Einmischungen +mit aller männlichen Entschlossenheit von Dir! Gute Seelen +vertragen sich ohne Vermittlung, und mit schlechten richtet +ein Friedensstifter doch nichts aus. Allein bitte Gott, daß er +Dich vor einer gewissen Art von Schwiegermüttern bewahre, +die alles wissen, alles thun, wenn sie auch bettelarm am Geiste +sind, dennoch alles dirigiren wollen; deren Geschäft ist, Hetzereien +anzustiften, zu unterhalten, und die mit Köchinnen und +Haushälterinnen gemeinschaftliche Sache machen, um aus christlicher +Liebe die Handlungen des Nächsten auszuspähen. Solltest<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> +Du aber zum Unglücke so eine Meerkatze, ein solches satanisches +Hausgeräth mit erheirathet haben: so ergreif die erste Gelegenheit, +da sie sich in Deine Hausvater-Angelegenheiten mischen +will, ihre freundlichen, frommen Dienste so nachdrücklich zu verbitten, +daß sie Dir sobald nicht wiederkomme! Es gibt aber +auch gute, edle Schwiegermütter, die ihren verheiratheten Töchtern +mit treuem Rathe beistehen, und denen man denn um so +mehr Ehrerbietung und Aufmerksamkeit schuldig ist, wenn man +ihnen die Bildung eines geliebten Weibes zu danken hat.</p> + +<p>Ueberhaupt sollen alle Zwistigkeiten unter Eheleuten nur unter +ihren vier Augen ausgemacht werden, und, wenn es auf das +Höchste kömmt, von der Obrigkeit; alle Mittel-Instanzen taugen +gar nichts, und fremde Friedensstifter und Beschützer des +leidenden Theils machen immer das Uebel ärger. Der Mann +muß Herr seyn in seinem Hause: <em class="gesperrt">so</em> wollen es Natur und Vernunft. +Mit einem Herrn zankt man nicht; er hat Richter <em class="gesperrt">über</em> +sich, nicht <em class="gesperrt">neben</em> sich. Er soll sich auf keine Weise diese Herrschaft +rauben lassen, und auch dann, wenn die weisere Frau +seiner offenbaren Macht die heimliche Gewalt über sein Herz +entgegenstellt, muß doch das äussere Ansehen der Herrschaft nie +wegfallen.</p> + +<h4>21.</h4> + +<p>Nichts erschüttert so heftig das Glück unter Gatten und +Gattinnen, als die <em class="gesperrt">Verletzung ehelicher Treue</em>. Der +Moralität nach und unsern religiösen und politischen Grundsätzen +gemäß, ist zwar die Uebertretung der ehelichen Pflichten +von einer Seite so unedel wie von der andern; in Rücksicht auf +die Folgen hingegen ist die Unkeuschheit einer Frau weit strafbarer, +als die eines Mannes; jene zerreißt die Familien-Bande, +vererbt auf Bastarte die Vorzüge ehelicher Kinder, zerstört die +heiligen Rechte des Eigenthums, und widerspricht laut den Gesetzen +der Natur, nach welchen immer Vielweiberei weniger unnatürlich, +als Vielmännerei seyn würde. — Man hat nicht +einmal in irgend einer Sprache einen üblichen Ausdruck für das +Letztere. Der Mann ist das Haupt der Familie; die schlechte +Aufführung seiner Frau wirft zugleich Schande auf ihn, als den +Haus-Regenten; — nicht umgekehrt also! Ohne Betracht auf +Folge und Rechenschaft aber, dünkt mich, handelt ein Theil, +der den andern für untreu hält, sehr unweise, wenn er durch<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> +Vorwürfe, oder gar durch unvernünftiges Toben ihn in Schranken +halten will. Ist es ihm um sein Herz zu thun, so muß er +wissen, daß man nur durch sanfte, liebevolle Mittel Herzen fesselt, +durch das Gegentheil aber zurückstößt; verlangt er nur den +alleinigen Besitz des Leibes, so ist er ein Geschöpf der gemeinsten +Art. Eheleute, die durch kein edleres Band an einander +geknüpft sind, finden tausend Mittel, sich zu hintergehen, und +es ist daran nicht viel verloren. In so fern also bei der Untreue +nicht Zärtlichkeit und Hochachtung gekränkt werden, so ist wahrlich, +wie die Franzosen in der That vorgeben, die Hahnreischaft +sehr wenig, und wenn man die Sache nicht weiß, gar nichts. Noch +ärger aber, und das sicherste Mittel, auch den treuesten Gatten +zu Ausschweifungen zu verleiten, ist, ihn auf bloßen Verdacht +durch Vorwürfe und niedriges Mißtrauen beleidigen. Sollte +aber Dein Unglück gewiß, und Deine Schande nicht zu verbergen +seyn: so ist freilich kein anderes Mittel, als Trennung durch +gerichtliche Hülfe, oder durch gütliche Uebereinkunft, obgleich +der Schandfleck dadurch nicht ausgelöscht wird. In allen übrigen +Fällen ist die Ehescheidung eine höchst bedenkliche Sache. +Leute, die eine Reihe von Jahren mit einander verlebt haben, +können einen solchen Schritt nicht leicht thun, ohne Beide an +öffentlicher Achtung zu verlieren. Eheleute, die Kinder haben, +können, ohne sehr nachtheilige Folgen für die Bildung und zeitliche +Glückseligkeit dieser Kinder, sich nie trennen. Ist es daher +irgend möglich, bei einem weisen, vorsichtigen Betragen es mit +einander auszuhalten: so ertrage, leide und dulde man, und +vermeide öffentliches Aergerniß!</p> + +<h4>22.</h4> + +<p>Allein alle diese Vorschriften sind wohl nur auf Personen im +mittlern Stande besonders anwendbar. Die sehr vornehmen und +sehr reichen Leute haben selten Sinn für häusliche Glückseligkeit, +fühlen keine Seelen-Bedürfnisse, leben mehrentheils auf einem +sehr fremden Fuße mit ihrem Ehegatten, und bedürfen also keiner +andern Regeln, als solcher, die eine feine Erziehung vorschreibt. +Und da sie auch eine eigne Moral zu haben pflegen, +so werden sie wohl in diesem Kapitel wenig finden, das für +sie tauglich wäre.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Viertes_Kapit.">Viertes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit und unter Verliebten.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Mit Verliebten ist vernünftiger Weise gar nicht umzugehen; sie +sind so wenig, wie andere Berauschte, zur Geselligkeit geschickt; +ausser ihrem Abgotte ist die ganze Welt todt für sie. Man mag +übrigens leicht mit ihnen fertig werden, wenn man nur Geduld +genug hat, sie von dem Gegenstande ihrer Zärtlichkeit reden zu +hören, ohne zu gähnen; wenn man im Gegentheile dabei einiges +Interesse zeigt, sich über ihre Thorheiten und Launen nicht +zu ärgern, und im Fall die Liebe heimlich gehalten seyn soll, sie +nicht zu beobachten, nichts zu merken scheint, wüßte auch die +ganze Stadt das Geheimniß (wie es denn mehrentheils geschieht); +endlich wenn man ihre Eifersucht nicht erregt.</p> + +<p>Und so hätte ich denn über diesen Gegenstand weiter nichts +zu reden. — Doch noch ein Paar Bemerkungen! Suchet Ihr +einen verständigen Freund, der Euch mit weisem Rathe, oder +mit festem Muthe, mit Fleiß und dauernder Arbeit dienen soll: +so wählet keinen Verliebten dazu! Ist es Euch aber darum zu +thun, eine theilnehmende, empfindelnde Seele zu finden, die mit +Euch klage, winsele, seufze, oder Euch ohne Sicherheit Geld +borge, auf etwas subscribire, ein armes Mädchen ausstatte, einen +beleidigten Vater besänftigen helfe, oder mit Euch Ritterstreiche +mache, Kindereien treibe, oder Eure Verse, Eure Liederchen +und Sonaten lobe: — so wendet Euch nach den Umständen +an einen glücklichen oder hoffnungslosen Liebhaber!</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Den Verliebten selbst Regeln über ihren Umgang mit einander +zu geben, das würde verlorne Mühe seyn; denn da diese +Menschen selten bei gesunder Vernunft sind: so wäre es eben so +unsinnig, zu verlangen, daß sie sich dabei gewissen Vorschriften +unterwerfen sollten, als wenn man einem Rasenden zumuthen +wollte, in Versen zu phantasiren, oder Einem, der die Kolik +hat, nach Noten zu schreien. Doch ließe sich Einiges sagen, das +gut und leicht zu beobachten wäre, wenn man hoffen dürfte, daß<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> +solche Menschen der Vernunft Gehör gäben, oder auch nur lichte +Zwischenräume hätten, in welchen sie etwas begreifen können.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Die erste Liebe bewirkt ungeheure Revolutionen in der ganzen +Sinnesart und dem Wesen des Menschen. Wer nie geliebt +hat, kann keinen Begriff haben von den seligen Freuden, die +der Umgang unter Verliebten gewährt; wer zu oft mit seinem +Herzen Tausch und Handel getrieben hat, verliert den Sinn +dafür. Ich habe einst ein Bild davon entworfen, und da ich +jetzt nichts Besseres darüber zu sagen weiß, will ich diese Stelle +hier abschreiben<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a>.</p> + +<p>»Es ist eine gar sonderbare Sache um die ersten Liebes-Erklärungen. +Wer mit seinem Herzen schon oft Spielwerk getrieben, +seine zärtlichen Seufzer vor manchen Schönen schon +ausgeblasen hat, dem wird es eben nicht schwer, wenn er einmal +wieder sich die Lust macht, verliebt zu werden, seine Empfindungen +bei einer schicklichen Gelegenheit an den Tag zu +legen; auch weiß dann die Kokette schon, was sie bei solchen +Vorfällen zu antworten hat; sie glaubt das Ding nicht sogleich, +meint, der Herr wolle sie zum Besten haben, er spiele +den Roman-Helden, oder, wenn er dringend wird, und sie +glaubt nach und nach überzeugt werden zu müssen, so kömmt +zuerst eine Bitte, ihrer Schwachheit zu schonen, ihr nicht ein +Geständniß abzunöthigen, wobei sie erröthen müßte; und dann +will der entzückte Liebhaber dem holden Engel um den Hals +fallen, und in Wonne dahinschmelzen; aber die Schöne protestirt +feierlich gegen alle solche Freiheiten, verläßt sich überhaupt +auf seine Ehre und Rechtschaffenheit, reicht ihm höchstens die +Backe dar, theilt ihre Gunstverwilligungen in unendlich kleine +Parcelen, um täglich nur um ein Haar breit dem Ziele näher +rücken zu dürfen, damit der schöne Roman desto länger dauern +möge; und wenn auf andre Art keine Zeit mehr zu gewinnen +ist, muß ein kleiner Zwist dazwischen kommen, die völlige Entwickelung +aufhalten, und die Uhr auf die Schäferstunde zurückstellen. +Bei allen diesen conventionellen Gaukeleien aber +empfinden dergleichen Leute gar nichts, lachen, wenn sie allein<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> +sind, des Possenspiels, das sie mit einander treiben, können +voraus calculiren, wie weit sie morgen und übermorgen +mit ihrem Geschäfte kommen müssen, und werden dick und +fett bei ihrer Liebespein.«</p> + +<p>»Ganz anders aber ist es mit einem Paar unschuldigen Herzen, +die, zum erstenmal vom wohlthätigen Feuer der Liebe erwärmt, +so gern ihren süßen, schuldlosen Gefühlen Luft machen +möchten, und immer nicht Muth fassen können, mit Worten +zu sagen, was Augen und Gebehrden oft schon deutlich gesagt +und beantwortet haben. Der Jüngling sieht die Geliebte zärtlich +an; sie erröthet; ihr Blick wird unruhig, unstät, wenn +Er mit einem andern Mädchen zu viel und zu freundlich redet; +sein Auge möchte zürnen, er möchte gleichgültig vor ihr vorbeiblicken, +wenn sie einem Andern vertraulich etwas in's Ohr gesagt +hat; man fühlt den Vorwurf, gibt augenblickliche Genugthuung, +bricht plötzlich und fast unhöflich das Gespräch ab, +welches den Argwohn erweckt hat; der Versöhnte dankt durch +das zärtliche Lächeln und durch die fröhlichste, plötzlich aufwachende +Laune; man nimmt mit den Augen Verabredungen auf +morgen, entschuldigt sich, warnet vor Beobachtern, erkennt +sich gegenseitige Rechte auf einander an — und hat sich doch +noch mit keinem Wörtchen gesagt, <em class="gesperrt">was</em> man für einander +fühlt. Allein man sucht von beiden Seiten ernstlich die Gelegenheit +dazu; sie kömmt, kömmt oft, und man läßt sie ungenützt +vorbeistreichen, drückt sich höchstens einmal leise die Hand, +und doch auch das nie ohne irgend einen schicklichen Vorwand, +sagt sich aber kein Wort, ist mißmüthig, zweifelt an Gegenliebe, +und hat sich oft noch nicht gegen einander erklärt, wenn +man schon die Fabel der ganzen Stadt und der Gegenstand +der schändlichsten Verläumdung ist. Ist endlich das längst im +Busen pochende Bekenntniß den furchtsamen Lippen stotternd +entflohen, und mit gebrochenen, halb erstickten Worten, mit +einem bis in das Innerste dringenden Händedrucke begleitet, +beantwortet worden; dann lebt man vollends erst ganz für +einander, ist wenig um die übrige Welt bekümmert, sieht und +hört nichts um sich her, ist in keiner Gesellschaft verlegen mit +seiner Person, wenn nur der theure Gegenstand uns freundlich +anlächelt; findet an der Seite der Geliebten alles Ungemach +des Lebens leichter zu ertragen; glaubt nicht, daß es Krankheit,<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> +Armuth, Druck und Noth in der schönen Welt geben +könne; lebt mit allen Wesen in Frieden; verachtet Gemächlichkeit, +köstliche Speise, Schlaf. — O Ihr! wenn Ihr je so +wonnevolle Zeiten verlebt habt, sprechet! ist auch ein süßerer +Traum zu träumen möglich? Ist unter allen phantastischen +Freuden des Lebens Eine, die so unschuldig, so natürlich, so +unschädlich wäre? Eine, die so überschwenglich glücklich, fröhlich, +so friedenvoll machte? — Ach! daß dieser selige Zustand +der Bezauberung nicht ewig dauern kann, daß man oft nur +gar zu unsanft aus diesem elysischen Schlummer aufgeschreckt +wird!«</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>In der Ehe ist <em class="gesperrt">Eifersucht</em> ein schreckliches, Ruhe und Frieden +störendes Uebel, und jeder Streit von bösen Folgen; in die +Liebe hingegen bringt die Eifersucht Mannigfaltigkeit und neues +Leben; nichts ist süßer, als der Augenblick der Versöhnung nach +kleinen Zwistigkeiten, und solche Scenen knüpfen das Band fester. +Zittre vor der Eifersucht einer Kokette, vor der Rache eines +Weibes, dessen Liebe Du verschmäht hast, oder für welches Dein +Herz nicht mehr spricht, wenn sie Deiner — sey es nun aus +Lust, oder aus Eitelkeit, aus Vorwitz, oder aus Eigensinn — +noch begehrt! Sie wird Dich mit wüthigem Grimme verfolgen, +und keine Schonung von Deiner Seite, keine Nachgiebigkeit, +keine Verschwiegenheit über die ehemaligen Verhältnisse, keine +öffentliche Ehrerbietungs-Bezeigungen werden Dir helfen, besonders +wenn sie Dich nicht etwa fürchtet.</p> + +<h4>5.</h4> + +<p>Weiber-Feinde schreien laut: das schöne Geschlecht liebe nie +mit so gänzlich treuer Ergebung, wie wir Männer; Eitelkeit, +Vorwitz, Lust an Abentheuern, oder körperliches Bedürfniß sey +es nur, was sie zu uns hinreisse, und man dürfe nicht länger +auf Weibertreue rechnen, als so lange eine von diesen Leidenschaften +und Trieben nach Zeit und Gelegenheit zu befriedigen +ist; Andre hingegen lehren gerade das Gegentheil, und beschreiben +mit den reizendsten Farben die Beständigkeit, die Innigkeit +und das Feuer eines weiblichen, von Liebe erfüllten Herzens. +Jene eignen dem Geschlechte viel mehr Sinnlichkeit und Reizbarkeit, +als edlere Gefühle zu, und sagen, es sey nur Grimasse, +wenn Weiber ihre Männer überreden wollten, sie hätten ein sehr<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> +kaltes Temperament; Diese hingegen behaupten: die reinste, +heiligste Liebe, ohne Begierde, ja, auf gewisse Art ohne Leidenschaft, +diese göttliche Flamme könne nur in weiblichen Seelen +in ihrer ganzen Fülle wohnen. Wer von beiden Partheien Recht +hat, das mögen Diejenigen entscheiden, denen eine größere +Kenntniß des weiblichen Herzens, und ausgebreitete Welt-Erfahrung +ein Recht geben, über den Charakter der Weiber kühner, +unpartheiischer, mit mehr Scharfsinn und mit gründlicherer +Vernunft, als ich, zu urtheilen und zu schreiben. Ich wage +das nicht; auch sind es zwei verschiedene Fragen: aus welchen +Quellen zuerst Weiberliebe zu entspringen pflege? und: welche +Eigenschaften nachher diese Liebe habe, wenn einmal die Seele +davon ergriffen ist? Das aber getraue ich mir zu behaupten, +ohne einem von beiden Geschlechtern zu nahe zu treten, daß wir +Männer an Treue und gänzlicher Hingebung in der Liebe wohl +schwerlich die Weiber übertreffen dürften. Die Geschichte aller +Zeiten ist voll von Beispielen der treuesten Anhänglichkeit, der +heldenmüthigsten Ueberwindung aller Schwierigkeiten, und Verachtung +aller Gefahren, mit welcher ein Weib sich ihrem Geliebten +weiht, und sein Leben zu beglücken, zu erhalten, zu erretten +sucht. Ich kenne kein höheres Glück auf der Welt, als so innig, +so treu geliebt zu werden. Leichtsinnige Gemüther findet man +unter Männern, wie unter Frauenzimmern; Hang zur Abwechselung +ist dem ganzen Menschengeschlecht eigen; neue Eindrücke +größerer Liebenswürdigkeit, wahrer oder eingebildeter, können +die lebhaftesten Empfindungen verdrängen; aber fast möchte ich +sagen, die Fälle der Untreue wären häufiger bei Männern, als +bei Weibern, würden nur nicht so bekannt, machten weniger +Aufsehen, wir wären wirklich nicht so leicht auf immer zu fesseln; +und es würde vielleicht nicht schwer halten, die Ursachen +davon anzugeben, wenn das hieher gehörte.</p> + +<h4>6.</h4> + +<p>Treue, ächte Liebe freuet sich in der Stille des seligen Genusses, +prahlt nicht nur nie mit Gunstbezeigungen, sondern gesteht +sich's sogar selbst kaum, wie froh sie ist. Die glücklichsten +Augenblicke in der Liebe sind da, wo man sich noch nicht gegen +einander mit Worten erklärt hat, und doch jede Miene, jeden +Blick versteht. Die wonnevollsten Freuden sind die, welche man +mittheilt und empfängt, ohne dem Verstande davon Rechenschaft<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> +zu geben. Die Feinheit des Gefühls leidet oft nicht, daß man +sich über Dinge erkläre, die ganz ihren hohen Werth verlieren, +die anständiger Weise, ohne Beleidigung des Zartgefühls, gar +nicht mehr gegeben und angenommen werden können, sobald +man etwas darüber gesagt hat. Man verwilligt stillschweigend, +was man nicht verwilligen darf, wenn es erbeten, oder wenn +es merkbar wird, daß es mit Absicht gegeben werden soll.</p> + +<h4>7.</h4> + +<p>In den Jahren, in welchen so leicht das Herz mit dem Kopfe +davon läuft, bauet so Mancher das Unglück seines Lebens durch +übereilte Ehe-Versprechungen. Im Taumel der Liebe vergißt +der Jüngling, wie wichtig ein solcher Schritt ist, und daß von +allen Verbindlichkeiten, die man übernehmen kann, diese die +schwerste, die gefährlichste und leider die unauflöslichste ist. Er +verbindet sich auf ewig mit einem Geschöpfe, das sich seinen +von Leidenschaft geblendeten Augen ganz anders darstellt, als +es späterhin seiner nüchternen Vernunft erscheint, und dann hat +er sich eine Hölle auf Erden bereitet; oder er vergißt, daß mit +einer solchen Verbindung die Bedürfnisse, Sorgen und Arbeiten +wachsen, und dann muß er, an der Seite eines innigst geliebten +Weibes, mit Mangel und Kummer kämpfen, und doppelt +alle Schläge des Schicksals fühlen; oder er bricht sein Wort, +wenn ihm vor der priesterlichen Einsegnung noch die Augen aufgehen; +und dann sind Gewissensbisse sein Theil. — Allein, was +vermögen Rath und Warnung im Augenblicke des Rausches? +Uebrigens beziehe ich mich auf das, was ich im 15ten und +16ten Abschnitte des folgenden Kapitels sagen werde.</p> + +<h4>8.</h4> + +<p>Haben Liebe und Vertraulichkeit Dich an ein Geschöpf gekettet, +und Eure Bande werden getrennt, sey es nun durch +Schicksale, Untreue und Leichtfertigkeit des einen Theils, oder +durch andere Umstände: so handle, nach dem Bruche, oder wenn +die Verbindung sonst aufhört, nie unedel. Laß Dich nie hinreissen +zu niedriger Rache! Mißbrauche nicht Briefe, noch Zutrauen! +Der Mann, der fähig ist, ein Mädchen zu lästern, +einem Weibe zu schaden, das einst in seinem Herzen geherrscht +hat, verdient Haß und Verachtung; und wie mancher sonst nicht +sehr liebenswürdige Mann hat die Gunst artiger Frauenzimmer<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> +nur allein seiner erprobten Bescheidenheit, Verschwiegenheit und +Vorsichtigkeit in Liebessachen zu danken!</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapit.">Fünftes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit Frauenzimmern.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Ich will gleich zu Anfange dieses Kapitels feierlich erklären, +daß ich kein Weiber-Feind bin. — Zwar sollte es billig einer +solchen Erklärung nicht bedürfen, weil es schon der gesunde Menschenverstand +lehrt, und ich kühn sagen darf, daß meine Schriften +nicht Gelegenheit geben, mich für einen Lästerer des schönen +Geschlechts zu halten; doch der Schwachen wegen füge ich es +hinzu. Alles also, was ich hier im Allgemeinen zum Nachtheile +des weiblichen Charakters sagen muß, soll der Verehrung unbeschadet +gesagt seyn, die nicht nur jedes einzelne edle Weib und +Mädchen, sondern die auch das Geschlecht, im Ganzen genommen, +von so manchen Seiten, nur nicht gerade von der fehlerhaften, +verdient. <em class="gesperrt">Diese</em> zu verschweigen, um <em class="gesperrt">jene</em> zu erheben, +das ist das Handwerk eines feilen Schmeichlers; und der mag +ich nicht seyn. Die mehrsten Schriftsteller aber, welche etwas +über die Frauenzimmer sagen, scheinen sich's zum Geschäft zu +machen, nur die Schwächen derselben aufzudecken — das ist +noch weniger meine Absicht. Wenn ich aber über den Umgang +mit Menschen schreibe: so habe ich die Verpflichtung, auch die +Schwächen in Erwägung zu ziehen, denen man nachgeben, die +man schonen muß, um in dem Umgange mit Frauenzimmern +weder ungerecht, noch ihr Sclave zu werden. Jedes Geschlecht, +jeder Stand, jedes Alter, jeder einzelne Charakter hat dergleichen +Schwächen. In so fern ich diese kenne, gehört es zu meinem +Zwecke, davon zu reden; und man wird finden, daß ich +von der andern Seite weder die Tugenden verschwiegen habe, +die den Umgang mit Männern und Frauenzimmern, mit Alten +und Jungen, mit Weisern und Schwächern, mit Vornehmen +und Geringen, angenehm machen, noch irgend eine einzelne +Klasse auf Kosten oder zum Vortheile der andern, lobe oder +tadle. — So viel als Vorrede zu diesem Kapitel.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Nichts ist so geschickt, der Bildung des Jünglings die Vollendung +zu geben, als der Umgang mit tugendhaften und gesitteten +Weibern. Da werden die sanftern Tinten in den Charakter +eingetragen; da wird durch mildere und feinere Züge manche +Härte gemäßigt, mancher Flecken verwischt, — kurz: wer nie +mit Weibern besserer Art umgegangen ist, der entbehrt nicht nur +sehr viel reinen Genuß, sondern er wird auch im geselligen Leben +nicht weit kommen; und <em class="gesperrt">den</em> Mann, der verächtlich vom +ganzen weiblichen Geschlechte denkt und redet, mag ich nicht +zum Freunde haben. Ich habe die seligsten Stunden in dem +Kreise liebenswürdiger Frauenzimmer verlebt; und wenn etwas +Gutes an mir ist, wenn, nach so vielfältigen Täuschungen von +Menschen und Schicksalen, Erbitterung, Mißmuth und Feindseligkeit +noch nicht alles Wohlwollen, alle Liebe und Duldung +aus meiner Seele verdrängt haben: so danke ich es den sanften +Einwirkungen, die dieser Umgang auf meinen Charakter gehabt +hat.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Die Weiber haben einen ganz eignen Sinn, um diejenigen +unter den Männern zu unterscheiden, welche mit ihnen sympathisiren, +sie verstehen, sich in ihren Ton stimmen können. Man +hat sehr Unrecht, wenn man ihnen Schuld gibt, körperliche +Schönheit allein mache auf sie so lebhafte Eindrücke; sehr oft +hat gerade der entgegengesetzte Fall Statt. Ich kenne Jünglinge +mit Antinous-Gestalten, die ihr Glück bei dem schönen +Geschlechte nicht machen, und hingegen Männer mit fast garstigen +Larven, die dort gefallen und Theilnehmung erwecken. +Auch liegt nicht der Grund darin, daß sie die Klügern und +Witzigern vorzögen, noch in der mehrern oder mindern Schmeichelei +und Huldigung; es gibt aber eine Art mit Frauenzimmern +umzugehen, die nur von ihnen selbst erlernt werden kann; und +wer <em class="gesperrt">die</em> nicht versteht, der mag mit allen innern und äussern +Vorzügen ausgerüstet seyn — er wird ihnen nicht behagen. Man +findet Männer, die von der Gabe, den Frauenzimmern zu gefallen, +großen Mißbrauch machen, denen man erwachsene Töchter +anvertrauet, die zu allen Tageszeiten bei den Damen freien +Zutritt, und sich in den Ruf gesetzt haben, ohne Bedeutung zu +seyn, denen man eben deswegen sorglos die freiesten Scherze<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> +erlaubt, oft aber dadurch so gefährlich macht, daß man es, aber +zu spät, bereut, ihnen so viel eingeräumt zu haben. Der Mißbrauch +hebt indessen den erlaubten Gebrauch jener Kunst nicht +auf. Ein kleiner Anstrich von weiblicher Sanftmuth, die aber +ja nicht in unmännliche Schwäche übergehen darf; Gefälligkeiten, +die nicht so groß, nicht so merklich seyn dürfen, daß sie +Aufsehen erregen, oder größere Gegenforderung veranlassen, aber +auch nicht so heimlich, daß sie übersehen würden; kleine, feine +Aufmerksamkeiten, wofür sich kaum danken läßt, die also kein +Recht geben, ohne Anspruch zu seyn scheinen, und doch verstanden, +doch angerechnet werden; eine Art von Augensprache, die, +sehr vom Liebäugeln unterschieden, nur von zarten, empfindungsvollen +Herzen aufgefaßt wird, ohne in Worte übersetzt +werden zu dürfen; das Verbergen gewisser geheimen Gefühle; +ein freier, treuherziger Umgang, der nie in freche, gemeine Vertraulichkeit +ausarten muß; zuweilen sanfte Schwermuth, die +nicht Langeweile macht; ein gewisser romanhafter Schwung, +der weder in's Süßliche, noch Abentheuerliche fällt; Bescheidenheit, +ohne Schüchternheit; Unerschrockenheit, Muth und Lebhaftigkeit, +ohne stürmisches Wesen; körperliche Gewandtheit, +Geschicktheit, Behendigkeit, angenehme Talente; — ich denke, +das ist es ungefähr, was den Weibern an uns gefallen könnte.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Das Gefühl der Schutzbedürftigkeit, und die Ueberzeugung, +daß der Mann ein Wesen seyn müsse, das fähig sey, diesen +Schutz zu verleihen, ist von der Natur auch <em class="gesperrt">denen</em> Frauen eingepflanzt, +die Stärke und Entschlossenheit genug haben, sich +selbst zu schützen. Daher fühlen auch weichgeschaffne Damen +eine Art von Widerwillen gegen schwächliche, gebrechliche Männer. +Sie können gegen Leidende herzliches Mitleiden empfinden, +zum Beispiel gegen Verwundete, Kranke und dergleichen; +aber eigentliche, bleibende Gebrechlichkeiten, die den freien Gebrauch +der Kräfte hemmen, werden die Zuneigung, selbst des +sittsamsten Weibes, von Dir abwendig machen.</p> + +<h4>5.</h4> + +<p>Man hat oft den Damen vorgeworfen, daß sie sich vorzüglich +für ausschweifende Männer interessirten. Wenn das wahr +ist: so kann ich doch nichts durchaus Anstößiges darin finden. +Sind sie, bei dem Bewußtseyn eigner Schwäche, duldsamer,<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> +als wir: so macht das ihrem Herzen Ehre; allein wir Männer +tadeln auch oft nur aus Neid solche glückliche Verbrecher von +unserm Geschlechte, finden hingegen, wenn wir die Lovelace und +Carl Moor nur auf dem Papiere oder auf der Schaubühne sehen, +heimliches Wohlgefallen an ihnen. Der Grund von dem +Allen liegt wohl in einem dunkeln Gefühle, welches uns sagt, +daß zu Verirrungen von der Art eine gewisse Kraft des Gemüths, +eine lebendige Thätigkeit, und eine Empfänglichkeit des Gefühls +gehöre, die immer Interesse erweckt. Uebrigens will man bemerkt +haben, daß die mehrsten Frauenzimmer nur vorzüglich +duldsam gegen <em class="gesperrt">hübsche Männer</em> und gegen <em class="gesperrt">garstige Weiber</em> +seyen.</p> + +<h4>6.</h4> + +<p>Noch muß ich erinnern, daß die Frauenzimmer an den Männern +Reinlichkeit und eine wohlgewählte, doch nicht phantastische +Kleidung lieben, und daß sie leicht mit einem Blicke kleine +Fehler und Nachlässigkeiten im Anzuge bemerken.</p> + +<h4>7.</h4> + +<p>Huldige nicht mehrern Frauenzimmern zu gleicher Zeit, an +demselben Orte, auf einerlei Weise, wenn es Dir darum zu +thun ist, Zuneigung oder Vorzug von einer Einzelnen zu erlangen! +Sie verzeihen uns kleine Untreuen, ja man kann dadurch +bei ihnen zuweilen sogar gewinnen; aber in dem Augenblicke, +da man ihnen etwas von Empfindungen vorschwatzt, muß man +fühlen, was man sagt, und es nur <em class="gesperrt">für sie</em> fühlen. Sobald sie +merken, daß Du Dein zärtliches Gewäsche einer Jeden auskramst, +ist alles vorbei. Sie mögen, was sie uns sind, gern +<em class="gesperrt">ungetheilt</em>, <em class="gesperrt">allein</em> und ausschließend bleiben.</p> + +<h4>8.</h4> + +<p>Zwei Frauenzimmer, die Forderungen und Ansprüche von +einerlei Art machen, sey es nun von Seiten der Schönheit, Gelehrsamkeit, +oder sonst, stimmen in einer Gesellschaft nicht gut +zusammen. Doch werden sie zuweilen mit einander fertig; kömmt +aber die Dritte hinzu, dann hat der böse Feind sein Spiel.</p> + +<p>Hüte Dich daher auch, in Gegenwart einer Dame, die Ansprüche +von irgend einer Art macht, eine andre, wegen gleicher +Eigenschaften, zu sehr zu loben, besonders eine Nebenbuhlerin +mit denselben Ansprüchen! Es pflegt allen Menschen, die ein +Gefühl von eignem Werthe, und Begierde zu glänzen haben,<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> +vorzüglich aber den Damen, eigen zu seyn, daß sie gern ausschließlich +bewundert werden mögen, es sey nun wegen Schönheit, +wegen Geschmack, wegen Pracht, wegen Talente, wegen +Gelehrsamkeit, oder weswegen es auch sey. Sprich daher auch +nicht von Aehnlichkeiten, die Du findest, zwischen der Frau, mit +welcher Du redest, und ihren Kindern, oder irgend einer andern +Person! Frauenzimmer haben zuweilen sonderbare Grillen; man +weiß nicht immer, wie sie, nach ihrer Vorstellung, aussehen, +oder gern aussehen möchten. Die Eine affectirt Simplicität, +Unschuld, Naivität; die Andre macht Anspruch auf hohe Grazie, +Adel und Würde in Gang und Gebehrde. Die Eine sähe +es gern, wenn man sagte: ihr Gesicht verrathe so viel Sanftmuth; +eine Andre möchte männlich klug, entschlossen, geistvoll, +erhaben aussehen. Die möchte mit ihren Blicken zu Boden stürzen +können; Jene mit ihren Augen alle Herzen wie Butter +schmelzen. Die Eine will ein gesundes und frisches, die Andre +ein kränkliches, leidendes Ansehen haben. — Das sind nun +kleine unschädliche Schwachheiten, nach denen man sich wohl +richten kann, oder vielmehr muß, wenn man mit Damen umgehen +will.</p> + +<h4>9.</h4> + +<p>Die mehresten Frauenzimmer wollen ohne Unterlaß angenehm +unterhalten seyn. Der angenehme Gesellschafter ist ihnen +oft mehr werth, als der würdige, verdienstvolle Mann, von dessen +Lippen Weisheit strömt, wenn er redet; der aber lieber schweigen, +als leere Worte sprechen mag. Allein kein Gegenstand +scheint ihnen unterhaltender, als ihr eignes Lob, wenn es ihnen +nicht gar zu stark in's Gesicht gesagt wird; — doch auch damit +nehmen es Manche so genau nicht. Man erhebe immer einmal +die Schönheit einer alten Matrone! Man sehe immer einmal +die Mutter für die Tochter im Hause an! — Sie werden uns +darum die Augen nicht auskratzen. Ueberhaupt aber ist es mit +dem Alter der Frauenzimmer ein kitzlicher Punkt. Man thut +am besten, diese Saite gar nicht zu berühren. Wenn man übrigens +die Kunst versteht, ihnen Gelegenheit zu geben, zu glänzen, +so bedarf man weiter keiner Unterhaltung, und man wird +ihnen gewiß nicht unangenehm seyn. — Ist das nicht bei allen +Menschen mehr oder weniger der Fall? Gewiß! doch bei Weibern +öfter, weil man wohl ohne Sünde ein wenig mehr Eitelkeit<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> +auf Rechnung ihres Geschlechts schreiben, als dem unsrigen +Schuld geben darf.</p> + +<h4>10.</h4> + +<p>Ein großes Triebrad im weiblichen Charakter ist die Neugier. +Auch darauf muß man zu rechter Zeit im Umgang mit +ihnen zu wirken, und dies Bedürfniß nach den Umständen zu +erwecken, zu beschäftigen und zu befriedigen verstehen. Sonderbar +genug ist es, wie weit oft Vorwitz und Neugier bei ihnen +gehen. Auch die mitleidigsten Seelen unter ihnen empfinden +zuweilen einen unbezwinglichen Trieb, schreckliche Scenen, Exekutionen, +Operationen, Wunden und dergleichen anzuschauen, +jämmerliche Mordgeschichten zu hören; — Gegenstände, denen +sich der weniger weibliche Mann nicht ohne Widerwillen gegenüber +sieht. Deswegen sind ihnen auch diejenigen Romane und +Schauspiele größtentheils die angenehmsten, in welchen Abentheuer +ohne Ende, unerwartete Begebenheiten in Menge, und +Greuel auf Greuel gehäuft sind. Deswegen forschen die Schlimmern +unter ihnen so gern nach fremden Geheimnissen, und spähen +die Handlungen ihrer Nachbaren aus, wenn auch nicht immer +Bosheit, Neid und Schadenfreude zum Grunde liegen. +Chesterfield sagt: »Wenn Du Dich bei Weibern einschmeicheln +willst, so vertraue ihnen ein Geheimniß!« — freilich wohl +nur ein kleines Geheimniß. — Doch warum nicht auch größere? +Können nicht manche Weiber besser schweigen, als ihre Männer? +Es kömmt nur auf den Gegenstand des Geheimnisses an.</p> + +<h4>11.</h4> + +<p>Auch die edelsten Weiber haben mehr abwechselnde Launen, +sind weniger gleichgestimmt zu allen Zeiten, als wir Männer. +Reizbarere Nerven, die leichter zu allerlei Gemüthsbewegungen +in Schwingung zu bringen sind, und ein schwächerer Körperbau, +der manchen unbehaglichen Gefühlen ausgesetzt ist, die wir +gar nicht kennen, sind Schuld daran. Wundert Euch daher +nicht, meine Freunde! wenn Ihr nicht jeden Tag denselben +Grad von Theilnehmung und Liebe in den Augen derjenigen +Damen zu finden glaubet, an deren Zuneigung Euch gelegen ist! +Ertraget diese vorübergehenden Launen, aber hütet Euch in solchen +Augenblicken von Verstimmung, Euch aufzudringen, oder +zur Unzeit mit Witz oder Troste angezogen zu kommen; sondern +überleget wohl, was sie in jeder Gemüthslage etwa gern hören<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> +mögten, und wartet ruhig den Augenblick ab, wo sie selbst den +Werth Eurer Nachsicht und Schonung fühlen, und ihr Unrecht +gutmachen!</p> + +<h4>12.</h4> + +<p>Die Frauenzimmer finden ein gewisses Vergnügen an kleinen +Neckereien; mögen selbst denen Personen, die ihnen am +theuersten sind, zuweilen unruhige Augenblicke machen. Auch +hiervon liegt der Grund in ihren Launen, und nicht in Bösartigkeit +des Gemüths. Wenn man sich dabei vernünftig, duldsam, +nicht stürmisch beträgt, noch durch eigne Schuld den kleinen +Zwist zu einem wirklichen förmlichen Bruche heranwachsen +läßt: so löschen sie in einer andern Stunde die Beleidigungen, +die sie uns zugefügt haben, durch verdoppelte Gefälligkeit aus, +und man erlangt dabei oft ein Recht mehr auf ihre Zuneigung.</p> + +<h4>13.</h4> + +<p>In solchen und allen übrigen kleinen Kämpfen und Streitigkeiten +mit Frauenzimmern muß man ihnen den Triumph des +Augenblicks lassen, nie aber sie merklich beschämen; denn das +ist etwas, das ihre Eitelkeit selten verzeiht.</p> + +<h4>14.</h4> + +<p>Daß die Rache eines unedlen Weibes fürchterlich, grausam, +dauernd und nicht leicht zu versöhnen sey, das hat man schon +so oft gesagt, daß ich es hier zu wiederholen fast nicht nöthig +finde. Wirklich sollte man es kaum glauben, welche Mittel solche +Furien ausfindig zu machen wissen, einen ehrlichen Mann, von +dem sie sich beleidigt glauben, zu martern, zu verfolgen; wie +unauslöschlich ihr Haß ist; zu welchen niedrigen Mitteln sie ihre +Zuflucht nehmen. Der Verfasser dieses Buchs hat leider selbst +eine Erfahrung von der Art gemacht. Ein einziger unbesonnener +Schritt in seiner frühen Jugend, durch welchen sich der Ehrgeitz +und die Eitelkeit eines Weibes gekränkt fühlte, ob sie ihn +gleich früher, als er sie, auf den Fuß getreten hatte, war Schuld +daran, daß er nachher aller Orten, wo sein Schicksal ihn nöthigte, +Schutz und Glück zu suchen, Widerstand, und fast unübersteigliches +Hinderniß fand; daß heimliche, durch allerlei Wege +gewonnene Verläumder mit bösen Gerüchten vor ihm hergingen, +um jeden Schritt zu hindern, jeden unschuldigen Plan zu vereiteln, +den er zu seinem Fortkommen und zum Wohl seiner Familie +anlegte. Ihm half nicht das vorsichtigste, untadelhafteste<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> +Betragen, nicht die öffentliche Erklärung, wie sehr er sein Unrecht +erkenne. — Die rachgierige Frau hörte nicht auf, ihn zu +verfolgen, bis er endlich freiwillig allem entsagte, wozu man +die Hülfe Anderer braucht, und sich auf eine häusliche Existenz +einschränkte, die sie ihm nicht rauben kann. — Und das that +eine Frau, in deren Macht es stand, viele Menschen glücklich +zu machen, und die von der Natur mit sehr seltnen Vorzügen +des Körpers und des Geistes ausgerüstet war.</p> + +<p>Es scheint übrigens in der Natur zu liegen, daß Schwächere +immer grausamer in ihrer Rache sind, als Stärkere; vielleicht, +weil das Gefühl dieser Schwäche die Empfindung des +erlittenen Drucks verstärkt, und lüsterner nach der Gelegenheit +macht, auch einmal Kraft zu üben.</p> + +<h4>15.</h4> + +<p>Eine philosophische Abhandlung des Herrn Professor Meiners, +über die Frage: »ob es in unsrer Macht stehe, verliebt zu +werden, oder nicht?« läßt mich daran verzweifeln, irgend etwas +Neues über die Mittel sagen zu können, welche man anzuwenden +hat, um im Umgange mit liebenswürdigen Frauenzimmern +die Freiheit seines Herzens zu bewahren und zu behaupten. +Die Liebe ist zwar ein süßes Ungemach, das über uns kömmt, +gerade wenn wir uns dessen am wenigsten versehen, gegen welches +wir also gewöhnlich erst dann anfangen, Maaßregeln zu +nehmen, wenn es schon zu spät ist; da sie aber oft sehr bittre +Leiden, und Zerstörung aller Ruhe und alles Friedens mit in +ihrem Gefolge führt; da hoffnungslose Liebe wohl eine der schrecklichsten +Plagen ist, und äussere Verhältnisse zuweilen auch den +edelsten, zärtlichsten Neigungen unübersteigliche Hindernisse in +den Weg legen: so ist es doch der Mühe werth, besonders für +Den, welchen die Natur mit einem lebhaften Temperamente +und mit warmer Phantasie ausgestattet hat, sich an eine gewisse +Herrschaft des Verstandes über Gefühle und Sinnlichkeit zu gewöhnen, +und, wo er sich dazu zu schwach fühlt, — der Versuchung +auszuweichen. Groß ist die Qual für ein fühlendes Herz, +geliebt zu werden, und Liebe nicht erwiedern zu können. Schrecklich +ist die Qual, zu lieben, und verschmäht zu werden; verzweiflungsvoll +die Lage Dessen, der für gränzenlose treue Zärtlichkeit +und Hingebung mit Betrug und Untreue belohnt wird. — +Wer gegen dies alles sichre Mittel weiß, der hat den Stein der<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> +Weisen gefunden. Ich gestehe meine Schwäche: — ich kenne +keins, als die Flucht, ehe es dahin kömmt.</p> + +<h4>16.</h4> + +<p>Es leben unter uns Männern Bösewichter, denen Tugend, +Redlichkeit und die Ruhe ihrer Nebenmenschen so wenig heilig +sind, daß sie unschuldige, unerfahrne Mädchen, wenn nicht +durch schlaue Künste wirklich zum Laster verführen, doch mit +falschen Erwartungen oder gar mit Versprechungen einer künftigen +Eheverbindung täuschen, sich dadurch für den Augenblick +eine angenehme Existenz verschaffen, die armen Kinder aber, die +indeß ihretwegen aller Gelegenheit zu anderweitiger Versorgung +ausgewichen sind, nachher verlassen, um neue Verbindungen zu +schließen. Die Schändlichkeit eines solchen Verfahrens wird ja +wohl Jeder einsehen, der noch einen Funken von Gefühl für +Ehre in seinem Busen trägt; und wem ein solches Gefühl fremd +ist, für den schreibe ich nicht. Es gibt aber ein andres, den Folgen +nach nicht weniger schädliches, obgleich in Betracht der Absicht +nicht so strafbares Betragen der Männer gegen gefühlvolle +Frauenzimmer, worüber ich einige Worte zur Warnung sagen +muß. Es glauben nämlich Manche unter uns, es könne gar +kein Interesse in den Umgang mit jungen Mädchen kommen, +wenn man ihnen nicht Süßigkeiten sage, ihnen schmeichele, oder +eine Art von Wärme und Herzens-Andringlichkeit aus Worten +und Gebehrden hervorleuchten lasse. Aber ein solches Betragen +ist wahre Versündigung, denn es nährt nicht nur den ohnehin +schon so großen Hang des Geschlechts zur Eitelkeit, sondern, da +eben diese Eitelkeit, die Ueberzeugung von der Macht ihrer Reize, +gern jedes Honigwort für Sprache inniger Empfindung hält: +so setzen die guten Mädchen, deren Leichtgläubigkeit kein edler +Mann benutzen sollte, sich gleich in den Kopf, es sey ernstlich +auf eine Heirath angesehen. Der Stutzer merkt das nicht, oder +wenn er es merkt, so ist er zu leichtsinnig, den Folgen nachzudenken; +er verläßt sich darauf, daß er nie bestimmt etwas von +Heiraths-Anträgen hat fallen lassen, und wenn er nun früh +oder spät aufhört, einer solchen Schönen zu huldigen, so ist das +Mädchen eben so unglücklich, als wenn er sie absichtlich betrogen +hätte. Sie welkt dahin die arme Verlassne, wenn bittre +Täuschung einer lebhaften Hoffnung an ihrem Herzen nagt, indeß<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> +der süße Herr sorglos bei Andern herumschwärmt, und das +Unglück nicht einmal ahnet, das er angerichtet hat.</p> + +<p>Eine nicht minder gewöhnliche Art, junge Mädchen zu +Grunde zu richten, ist, wenn man entweder durch leichtfertige +Reden und luxuriösen Witz ihre Neugier und ihre Sinnlichkeit +reizt, oder durch Erweckung romanhafter Begriffe ihre Phantasie +erhitzt, ihre Aufmerksamkeit von solchen Gegenständen, womit +sie, ihrem Berufe gemäß, sich beschäftigen sollten, ableitet, in +ihnen den Sinn für einfaches, häusliches Leben ertödtet, oder +ein junges Land-Mädchen, durch reizende Darstellung der Stadt-Freuden, +mit ihrer Lage unzufrieden macht. O habe doch Mitleiden, +leichtsinniger Jüngling, mit diesen Armen, und nimm +ihnen nicht unbarmherzig, was unersetzlich ist, die Zufriedenheit +mit dem, was ihre Lage ihnen darbietet. Erkenne doch, wie +unedel es ist, Schwachheit zu benutzen, um seiner Eitelkeit eine +Nahrung zu bereiten, und wie edel dagegen, ein unbefangenes +und argloses Herz mit Achtung und Schonung zu behandeln.</p> + +<h4>17.</h4> + +<p>Ich sollte hier billig auch etwas von dem Umgange mit groben +Koketten und Buhlerinnen sagen; allein das würde mich zu +weit führen, und schwerlich möchte meine Mühe mit Erfolge +belohnt werden. Die Schlingen, denen ein junger Mann in +dieser Hinsicht auszuweichen hat, sind unzählig. Wohl ihm, +wenn er Kraft und Klugheit genug hat, diese Ausgearteten wie +die Pest zu fliehen; hat er aber einmal das Unglück, in ihre +Fallstricke gerathen zu seyn: so wird er selten so viel kalte Ueberlegung +haben, ehe er ein solches Geschöpf besucht, vorher ein +Kapitel aus meinem Buche zu lesen. Zudem hat der König Salomon +das alles weit besser gesagt. — Doch ein Paar Zeilen +darüber: Unbeschreiblich fein sind solche verworfne Geschöpfe in +der Kunst, sich zu verstellen, unverschämt zu lügen, Empfindungen +zu heucheln, um ihre Habsucht, ihre Eitelkeit, ihre Sinnlichkeit, +ihre Rache, oder irgend eine andre Leidenschaft zu befriedigen. +Unendlich schwer ist es, zu erforschen, ob eine Buhlerin +Dir wirklich um Dein Selbst willen anhängt. Hast Du +sie vielfältig auf die Probe von Uneigennützigkeit gesetzt, und +immer so befunden, wie Du wünschtest: so ist das etwas, aber +noch sehr wenig. Sie verachtet vielleicht Dein Silber, um desto +sicherer Dich selbst mit allem Deinem Golde zu gewinnen; oder<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> +ihr Temperament leitet sie weniger zum Gelde, als zur Wollust. +Hast Du sie bei mancherlei Versuchungen, wo sie Gelegenheit +und Anreizung gehabt hätte, Dich heimlich zu hintergehen, stets +treulich befunden; hat sie zärtliche Sorgfalt, selbst für Deinen +Ruf, für Deine Ehre gezeigt; zieht sie Dich nicht ab von andern +natürlichen und edlen Verbindungen; opfert sie Dir Jugend, +Schönheit, Gewinn, Glanz, Eitelkeit auf: — ei nun! +die Mischungen der Anlagen und Temperamente sind mannigfaltig +— so kann auch eine Buhlerin von andern Seiten gute, +liebenswürdige Eigenschaften haben; aber traue ihr darum nicht! +Ein Weib, das die ersten und heiligsten aller weiblichen Tugenden, +die Keuschheit und Sittsamkeit, für nichts achtet, wie kann +das wahre Ehrfurcht für höhere Pflichten haben? Doch bin ich +weit entfernt, alle unglückliche Gefallne und Verführte in die +Klasse verachtungswerther Buhlerinnen setzen zu wollen. Wahre +Liebe kann auch ein verirrtes Herz zur Tugend zurückführen. Es +ist schon oft gesagt worden, daß derjenige sichrer vor der Verführung +sey, der die Gefahr kennt, als der, welcher nie in Versuchung +geführt worden ist; allein es bleibt bei dieser Art von +Vergehungen immer eine mißliche Sache um die sichre, dauerhafte +Besserung, und keine Lage ist demüthigender und beunruhigender, +als wenn man die geliebte Person von Andern verachtet +sieht, wenn man sich vor der Welt der Bande schämen muß, +die man nicht zerreissen mag oder kann. Liebe, reine Liebe, +sichert übrigens am besten gegen Ausschweifungen, und der Umgang +mit edeln, sittsamen Weibern verfeinert den Sinn des +Jünglings für Tugend und Unschuld, waffnet sein verwöhntes +Herz gegen feine und freche Buhlerkünste. — Uebrigens bleibt +es doch immer eine große Ungerechtigkeit, daß wir Männer uns +alle Arten von Ausschweifungen erlauben, den Weibern aber, +die von Jugend auf durch uns zur Sünde gereizt werden, keinen +Fehltritt verzeihen wollen; aber freilich, was würde aus der +bürgerlichen Gesellschaft und aus dem ganzen Menschengeschlecht +werden, wenn diese Strenge gegen das schwächere Geschlecht +aufhörte? Doch bleibt es immer bei dem Ausspruch: wer sich +rein weiß, hebe den ersten Stein auf!</p> + +<p>Ist es aber wohl wahr, was man im gemeinen Leben so oft +hört, daß <em class="gesperrt">jedes</em> Weib zu verführen sey? — o ja! so wie jeder +Richter auf irgend eine Art bestechbar, und jeder Erdensohn,<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> +wenn alle innre und äussre Umstände dazu mitwirken, zu jeder +Sünde fähig seyn würde. — Aber heißt das etwas andres gesagt, +als: daß wir alle — Menschen sind? Ueberlegt man dabei, +wie auf die feinern Sinne der Frauenzimmer sinnliche Eindrücke, +Verführung, Schmeichelei, Eitelkeit, Neugier, Temperament, +so mächtigen Einfluß haben; wie der kleinste Fleck von +dieser Seite an ihnen so leicht bemerkt wird, weil sie in keinen +bürgerlichen Verhältnissen stehen, ihre Verirrungen nicht durch +Verdienste und <em class="gesperrt">höhere Tugenden</em> vergessen machen können: — +o! wer wollte dann nicht dulden und schweigen? — Wenden +wir uns nun zu einer erhabnen Klasse von Frauenzimmern — +zu den <em class="gesperrt">gelehrten Weibern</em>!</p> + +<h4>18.</h4> + +<p>Ich muß gestehen, daß mich immer eine Art von Fieberfrost +befällt, wenn man mich in Gesellschaft einer Dame gegenüber +oder an die Seite setzt, die große Ansprüche auf Schöngeisterei, +oder gar auf Gelehrsamkeit macht. Wenn die Frauenzimmer +doch nur überlegen wollten, wie viel mehr Interesse diejenigen +unter ihnen erwecken, die sich einfach an die Bestimmung der +Natur halten, und sich unter dem Haufen ihrer Mitschwestern +durch treue Erfüllung ihres Berufs auszeichnen! Was hilft es +ihnen, mit Männern in Fächern wetteifern zu wollen, denen +sie nicht gewachsen sind, wozu ihnen mehrentheils die ersten +Grundbegriffe fehlen, welche den Knaben schon von Kindheit an +eingeprägt werden? Es gibt Damen, die, neben allen häuslichen +und geselligen Tugenden, neben der edelsten Einfalt des +Charakters und neben der Anmuth weiblicher Schönheit, durch +tiefe Kenntnisse, seltne Talente, feine Kultur, philosophischen +Scharfsinn in ihren Urtheilen, und Bestimmtheit im Ausdrucke, +Gelehrte vom Handwerke beschämen. Dürfte ich es wagen, hier +öffentlich ein Paar Namen zu nennen, so könnte ich beweisen, +daß ich die Originale zu diesem Bilde nicht lange zu suchen +brauchte; allein wie geringe ist gottlob die Anzahl solcher Frauen! +Und ist es nicht Pflicht, die mittelmäßigen weiblichen Genies +abzuschrecken, auf Kosten ihrer und Andrer Glückseligkeit nach +einer Höhe zu streben, die so Wenige erreichen?</p> + +<p>Ich tadle nicht, daß ein Frauenzimmer ihre Schreibart und +ihre mündliche Unterredung durch einiges Studium und durch +sorgsam und keusch gewählte Lectüre zu verfeinern suche; daß sie<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> +sich bemühe, nicht ganz ohne wissenschaftliche Kenntnisse zu seyn; +aber sie soll kein Handwerk aus der Litteratur machen; sie soll +nicht in allen Theilen der Gelehrsamkeit umherschweifen. Es erregt +wahrlich, wo nicht Ekel, doch Mitleiden, wenn man hört, +wie solche arme Geschöpfe sich erkühnen, über Gegenstände abzusprechen, +die Jahrhunderte der Gegenstand der mühsamsten +Nachforschung großer Männer gewesen sind, und von denen +diese dennoch mit Bescheidenheit erklärt haben, sie sähen nicht +ganz klar darin; wenn man hört, wie ein eitles Weib darüber +am Thee- oder Nachttische, in den entscheidendsten Ausdrücken, +Machtsprüche wagt, indeß sie kaum eine klare Vorstellung von +dem Gegenstande hat, wovon die Rede ist. Aber der Haufen +der Stutzer und Anbeter bewundert dennoch mit lautem Beifalle +die feinen Kenntnisse der gelehrten Dame, und bestärkt sie dadurch +in ihren unbescheidenen Ansprüchen. Dann sieht sie die +wichtigsten Sorgen der Hauswirthschaft, die Erziehung ihrer +Kinder und die Achtung der sogenannten Ungebildeten wie Kleinigkeiten +an, glaubt sich berechtigt, das Joch der männlichen +Herrschaft abzuschütteln, verachtet alle andre Weiber, erweckt +sich und ihrem Gatten Feinde, träumt ohne Unterlaß sich in +idealische Welten hinein; ihre Phantasie lebt in unkeuscher Gemeinschaft +mit der gesunden Vernunft; es geht alles verkehrt im +Hause; die Speisen kommen kalt oder angebrannt auf den Tisch; +es werden Schulden auf Schulden gehäuft; der arme Mann +muß mit durchlöcherten Strümpfen einherwandeln. Wenn er +nach häuslichen Freuden seufzt, unterhält ihn die gelehrte Frau +mit Journals-Nachrichten, oder rennt ihm mit einem Musen-Almanach +entgegen, in welchem ihre platten Verse stehen, und +wirft ihm höhnisch vor, wie wenig der Unwürdige, Gefühllose, +den Werth des Schatzes erkennt, den er zu seinem Jammer besitzt.</p> + +<p>Ich hoffe, man wird dies Bild nicht übertrieben finden. Unter +den vierzig bis funfzig Damen, die man jetzt in Deutschland +als Schriftstellerinnen zählt — die Legionen Derer ungerechnet, +die keinen Unsinn haben drucken lassen, — sind vielleicht kaum +ein halbes Dutzend, die, als privilegirte Genies höherer Art, +wahren Beruf haben, sich in das Fach der Wissenschaften zu +werfen; und diese sind so liebenswürdige, edle Weiber, versäumen +so wenig dabei ihre übrigen Pflichten, fühlen selbst so lebhaft +die Lächerlichkeiten ihrer halbgelehrten Mitschwestern, daß<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> +sie sich durch meine Schilderung gewiß nicht getroffen und beleidigt +finden werden. Ist es aber nicht bei männlichen Schriftstellern +auch der Fall, daß unter der großen Menge derselben +nur Wenige ausgezeichneten Werth haben? Gewiß! nur mit +dem Unterschiede, daß Begierde nach Ruhm oder Gewinn diese +irre leiten kann; die Frauenzimmer hingegen nicht so leicht Entschuldigung +finden können, wenn sie, mit mittelmäßigen, oder +weniger als mittelmäßigen Talenten und Kenntnissen, eine +Laufbahn betreten, welche weder die Natur, noch die bürgerliche +Verfassung ihnen angewiesen hat.</p> + +<p>Was nun den Umgang mit solchen Frauenzimmern angeht, +die auf Litteratur Anspruch machen: so versteht sich's, daß, +wenn diese Ansprüche gerecht sind, ihr Umgang äusserst lehrreich +und unterhaltend ist; und was die von der andern Klasse betrifft, +so kann ich nichts weiter anrathen, als — Geduld, und daß +man es wenigstens nicht wage, ihren Machtsprüchen Gründe +entgegenzusetzen, oder ihren Geschmack zu reformiren, wenn +man sich auch nicht so weit erniedrigen will, den Haufen ihrer +Schmeichler zu vermehren.</p> + +<h4>19.</h4> + +<p>Das weibliche Geschlecht besitzt, in viel höherm Grade, als +wir, die Gabe, seine wahren Gesinnungen und Empfindungen +zu verbergen. Selbst Frauenzimmer von weniger feinen Verstandes-Kräften +haben zuweilen eine besondre Fertigkeit in der +Kunst sich zu verstellen. Es gibt Fälle, in welchen diese Kunst +ihnen Schutz gegen die Nachstellungen der Männer gewährt. +Der Verführer hat gewonnenes Spiel, wenn er bemerkt, daß +das Herz der Schönen, oder ihre Sinnlichkeit, mit ihm gemeinschaftliche +Sache macht. Also rechne man es ihnen nicht zum +Vorwurf, wenn sie zuweilen anders scheinen, als sie sind! aber +man nehme darauf Rücksicht im Umgange mit ihnen! man +glaube nicht immer, daß ihnen derjenige gleichgültig sey, dem +sie mit merklicher Kälte begegnen, noch daß sie sich vorzüglich +für den interessiren, mit dem sie öffentlich vertraulich umgehen, +den sie auszuzeichnen scheinen! Oft thun sie dieß gerade, um +ihr Spiel zu verbergen, wenn es nicht bloß Neckerei, oder Wirkung +ihrer Laune, ihres Eigensinnes ist. Sie ganz zu entziffern, +dazu gehört tiefes Studium des weiblichen Herzens, vieljähriger<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> +Umgang mit den Feinern unter ihnen; kurz, mehr als in +diesen Blättern entwickelt werden kann.</p> + +<h4>20.</h4> + +<p>Ich schweige von der Vorsichtigkeit im Umgange mit alten +Koketten; mit solchen, die sich einbilden, die Ansprüche auf Bewundrung, +auf Huldigung und die Gewalt ihrer Schönheit würden, +wie die gesetzmäßigen Rechte der Juristen, durch dreißigjährigen +Besitz um desto sichrer; die in fünf Jahren nur einmal +ihren Geburtstag feiern, und die, wenn sie an der Spitze einer +Bücher-Censur stünden, am ersten den Kalender verbieten würden. +Ich schweige von den Prüden, Strengen, Spröden und +Betschwestern, mit welchen man zuweilen, wie ich höre, unter +vier Augen ganz anders, als in Gesellschaft umgehen darf, und +von denen leichtfertige Leute behaupten: verschwiegne und kühne +Männer machten bei dieser Klasse gerade am leichtesten ihr Glück. +Ich schweige von den sogenannten alten Gevatterinnen und +Frauen Basen, die sich's zur christlichen Pflicht machen, den +Ruf ihrer Nachbarn und Bekannten von Zeit zu Zeit an das +Licht zu ziehen, und mit denen man es daher nicht verderben +darf. — Ich schweige von diesen allen, um die guten Damen +nicht gegen mich aufzubringen, der ich an allen diesen Lästerungen +keinen Theil nehme.</p> + +<h4>21.</h4> + +<p>Aber noch ein Paar Worte über die seligen Freuden, die der +Umgang mit verständigen und edeln Weibern gewährt! Ich +habe schon vorhin gesagt, daß ich demselben die glücklichsten +Stunden meines Lebens zu verdanken habe; und, in Wahrheit! +das sprach ich aus der Fülle meines Herzens. Ihr zartes Gefühl, +ihre Gabe, so schnell zu errathen, zu begreifen, Gedanken aufzufassen, +Mienen zu verstehen; ihr feiner Sinn für die kleinen, +süßen Gefälligkeiten des Lebens; ihr reizender naiver Witz; ihre +oft so scharfsinnigen, von gelehrten, systematischen, vorgefaßten +Meinungen so freien Urtheile; unnachahmliche liebenswürdige +Laune — interessant, selbst in ihren Ebben und Fluthen; ihre +Geduld in langwierigen Leiden, wenn gleich sie im ersten Augenblicke, +wo der Unfall sie trifft, dem Gefährten das Uebel +durch Klagen schwerer machen; ihre sanfte, liebreiche Art zu trösten, +zu pflegen, zu warten, zu harren, zu dulden; die Milde, +welche in ihrem ganzen Wesen herrscht; die kleine, unschädliche<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> +Geschwätzigkeit und Redseligkeit, wodurch sie die Gesellschaft +beleben — das alles kenne ich, schätze ich, verehre ich. — Und +wer wird nun, bei dem, was ich zum Nachtheil Einiger unter +ihnen habe sagen müssen, mir Lästerung aufbürden, oder gehässige +Absichten beimessen?</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Sechstes_Kapit.">Sechstes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber den Umgang unter Freunden.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Da bei dem Betragen gegen unsre Freunde alles auf die Wahl +derselben ankömmt, so muß ich zuerst einige Bemerkungen über +diesen Gegenstand vorausschicken. Keine freundschaftliche Verbindungen +pflegen dauerhafter zu seyn, als diese, welche in der +frühen Jugend geschlossen werden. Man ist da noch weniger +mißtrauisch, weniger schwierig in Kleinigkeiten; das Herz ist +offner, geneigter sich mitzutheilen, sich anzuschließen; die Charaktere +fügen sich leichter zusammen; man gibt von beiden Seiten +nach, und setzt sich in gleiche Stimmung; man erfährt mit +einander so Manches, erinnert sich der sorgenlosen, gemeinschaftlich +vollbrachten, glücklichen Jugend-Jahre, und rückt mit +gleichen Schritten in Kultur und Erfahrung fort. Dazu kommen +dann Gewohnheit und Bedürfniß; wird Einer aus dem +vertrauten Kreise durch die Hand des Todes dahingerissen, so +kettet das die übrigbleibenden Gefährten um desto fester an einander. +— Ganz anders sieht es aus in reifern Jahren. Von +Menschen und Schicksalen vielfältig getäuscht, werden wir verschlossner, +trauen nicht so leicht; das Herz steht unter der Vormundschaft +der Vernunft, die genauer abwägt, und sich selbst +Rath zu schaffen sucht, bevor sie sich Andern anvertrauet. Man +fordert mehr, ist ekler in der Wahl, nicht mehr so lüstern nach +neuen Bekanntschaften, wird nicht so lebhaft betroffen von glänzenden +Aussenseiten; man hat ächtere Begriffe von Vollkommenheit, +von dauerhaften Bündnissen, von Nutzen und Schaden +einer gänzlichen Hingebung; der Charakter ist fester; die Grundsätze +sind auf Systeme zurückgeführt, in welche die Gesinnungen +und Theorien eines uns fremden Menschen selten passen; folglich +wird es schwerer, eine dauerhafte Harmonie zu Stande zu<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> +bringen; und endlich sind wir in so manche Geschäfte und Verbindungen +verflochten, daß wir kaum Muße, und wenigstens +selten Drang haben, neue zu schließen. Also vernachlässige man +seine Jugend-Freunde nicht; und wenn auch Schicksale, Reisen +und andre Umstände uns in der Welt umhergetrieben und von +unsern Gespielen getrennt haben, so suche man doch jene alten +Bande wieder anzuknüpfen, und man wird selten übel dabei +fahren.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Es ist ein ziemlich allgemein angenommener Grundsatz, daß +zu vollkommner Freundschaft Gleichheit des Standes und der +Jahre erfordert werde. »Die Liebe,« sagt man, »sey blind; +sie fessele, durch unerklärbaren Instinkt, Herzen an einander, +die dem kalten Beobachter gar nicht für einander geschaffen zu +seyn schienen; und da sie nur durch Gefühle, nicht durch Vernunft +geleitet werde, so fielen bei ihr alle Rücksichten des Abstandes, +den äussere Umstände erzeugen, weg. Die Freundschaft +hingegen beruhe auf Harmonie in Grundsätzen und Neigungen; +nun aber habe jedes Alter, so wie jeder Stand, seine +ihm eigne Stimmung, nach der Verschiedenheit der Erziehung +und Erfahrungen, und desfalls finde unter Personen von ungleichen +Jahren und ungleichen bürgerlichen Verhältnissen keine +so vollkommne Harmonie Statt, wie zur Knüpfung des Freundschafts-Bandes +erfordert werde.«</p> + +<p>Diese Bemerkungen enthalten viel Wahres; doch habe ich +schon zärtliche und dauerhafte Freundschaften unter Leuten wahrgenommen, +die, weder dem Alter noch dem Stande nach, sich +ähnlich waren, und wenn man sich an dasjenige erinnert, was +ich zu Anfange des ersten Kapitels in diesem Theile gesagt habe: +so wird man dieß leicht erklären können. Es gibt junge Greise +und alte Jünglinge. Feine Erziehung, Mäßigkeit in Wünschen, +Freiheit in Denkungsart und Unabhängigkeit der Lage, erheben +den Bettler zu einem Manne von hohem Stande, so wie verachtungswürdige +Sitten, unedle Begierden und niedrige Gesinnungen +selbst einen Fürsten zu dem Pöbel herabwürdigen können. +Das ist aber zuverlässig gewiß, daß zu einer dauerhaften innigen +Freundschaft Gleichheit in Grundsätzen und Empfindungen +erfordert wird, und daß dieselbe auch bei einer zu großen Verschiedenheit +in Fähigkeiten und Kenntnissen nicht leicht Platz<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> +finden kann. Darf denn in dieser Verbindung gerade das fehlen, +was sie zur Quelle des edelsten Lebens-Genusses und der +reinsten Glückseligkeit macht: die Mittheilung verschwisterter +Gefühle, die sanfte, durch Theilnahme versüßte Warnung und +Zurechtweisung? Und kann ich den mit Zustimmung meines +Herzens meinen Freund nennen, dem meine Empfindungen völlig +fremd sind, der kalt und gleichgültig bleibt, wo meine Seele +ganz Gefühl und Empfindung ist? Es gibt Menschen von erhabenen +und seltenen Eigenschaften des Geistes, die man nur +bewundern darf, an welche man immer hinaufschauen muß, +und diese Menschen verehrt man, aber — man liebt sie nicht, +oder man verzweifelt wenigstens daran, von ihnen wieder geliebt +zu werden. In der Freundschaft müssen beide Theile gleichviel +geben und empfangen können. Jedes zu große Uebergewicht von +<em class="gesperrt">einer</em> Seite, alles, was die Gleichheit hebt, stört zugleich die +Freundschaft.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Warum haben sehr vornehme und sehr reiche Leute so wenig +wahren Sinn für Freundschaft? Sie fühlen nicht dies edelste +Seelen-Bedürfniß, weil ihre ganze Erziehung und Lebensweise +die theilnehmenden Gefühle ertödtet, und sie zu Sclaven der +Selbstsucht macht. Ihre Leidenschaften zu befriedigen; rauschenden, +betäubenden Freuden nachzurennen; immer zu genießen; +geschmeichelt, gelobt, geehrt zu werden; darum ist es ihnen Allen +mehr oder weniger zu thun. Von Personen ihres Gleichen +werden sie durch Eifersucht, Neid und andre Leidenschaften getrennt; +die Vornehmeren suchen sie nur auf, wenn sie ihrer, zu +Begünstigung eigennütziger oder ehrgeitziger Absichten, bedürfen; +die Geringern und Aermern aber halten sie in einer so +großen Entfernung von sich, daß sie von ihnen weder die Wahrheit +annehmen, noch den Gedanken ertragen können, sich ihnen +gleichzustellen. Auch bei den Besten unter ihnen erwacht früh +oder spät die Vorstellung, daß sie von besserm Stoffe seyen, +und das tödtet dann die Freundschaft.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Allein selbst unter denen Menschen, die Dir an Stand, Vermögen, +Alter und Fähigkeiten gleich sind, rechne nur auf die +dauerhafte Freundschaft Derer, die nicht von unedlen, heftigen, +oder thörichten Leidenschaften beherrscht, noch, wie ein Wetterhahn,<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> +von Launen und Grillen hin- und hergetrieben werden! +Wer rastlos rauschenden Freuden und Zerstreuungen sich ergibt; +wer wilden Begierden, der Wollust, dem Trunke, oder dem unglückseligen +Spiele alles aufopfert; wessen Abgott falsche Ehre, +Gold, oder sein eigenes Ich ist; wer, wankelmüthig in Grundsätzen +und Meinungen, einen Charakter hat, der sich, wie +Wachs, von Jedem in jede Form drücken läßt; der mag vielleicht +ein guter Gesellschafter, aber nie wird er ein beständiger, +treuer Freund seyn. Sobald es auf Verleugnung, Aufopferung, +auf Beharrlichkeit und Festigkeit ankömmt, wird ein Solcher +Dich im Stiche lassen; Du wirst allein da stehen und Dich hintergangen +glauben, da doch Du allein Dich betrogst, indem +Du unvorsichtig wähltest. Ueberhaupt ist es in dieser Welt so +oft der Fall, daß unsre Phantasie uns die Menschen malt, wie +wir gern möchten, daß sie aussähen, und es nachher sehr übel +nimmt, wenn sie gewahr wird, daß die Natur nicht das Original +dem Gemälde gleich geschaffen hat.</p> + +<h4>5.</h4> + +<p>Man pflegt zu sagen: das sicherste Mittel, Freunde zu haben, +sey — keiner Freunde zu <em class="gesperrt">bedürfen</em>; aber jeder Mensch +von Gefühl <em class="gesperrt">bedarf</em> Freunde. — Und sollte es denn wirklich so +schwer seyn, in dieser Welt treue Freunde zu finden? Ich meine, +nicht halb so schwer, wie man gewöhnlich glaubt. Unsre empfindelnden +jungen Herren schaffen sich nur zu überspannte Begriffe +von der Freundschaft. Freilich, wenn wir gänzliche Hingebung, +unbedingte Aufopferung, Verleugnung alles eignen Interesse, +in höchst kritischen Augenblicken, blinde Ergreifung unsrer Parthei +gegen eigne bessre Ueberzeugung, sogar Bewunderung unsrer +Fehler, Billigung unsrer Thorheiten, Mitwirkung bei unsern +leidenschaftlichen Verirrungen — mit Einem Worte: wenn wir +mehr von unsern Freunden fordern, als Billigkeit und Gerechtigkeit +von Menschen verlangen darf, die Fleisch und Bein sind +und freien Willen haben: so werden wir nicht leicht unter tausend +Wesen Eins finden, das sich so gänzlich in unsre Arme +würfe. Suchen wir aber verständige Menschen, deren Hauptgrundsätze +und Gefühle mit den unsrigen übereinstimmen, kleine +unmerkliche Verschiedenheiten abgerechnet; Menschen, die Freude +finden an dem, was uns freuet; die uns lieben, ohne von uns +bezaubert, das Gute in uns schätzen, ohne blind gegen unsre<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> +Schwächen zu seyn; die uns im Unglücke nicht verlassen, uns +in guten und redlichen Bestrebungen treu und standhaft beistehen, +uns mit ungeheuchelter und herzlicher Theilnahme trösten, +aufrichten, tragen helfen, uns, wo es höchst nöthig ist, und +wir dessen werth sind, alles aufopfern, <em class="gesperrt">was man ohne Verletzung +seiner Ehre und der Gerechtigkeit gegen sich +selbst und die Seinigen aufopfern darf</em>, uns die Wahrheit +nicht verhehlen, und aufmerksam auf unsre Mängel machen, +ohne uns vorsätzlich zu beleidigen, uns allen andern Menschen +vorziehen, in so fern es ohne Unbilligkeit geschehen kann — — +suchen wir ernstlich Solche: nun, so finden wir deren gewiß. — +Viele? nein! das sage ich nicht, aber doch wohl ein Paar für +jeden Biedermann; — und was braucht man mehr in dieser +Welt?</p> + +<h4>6.</h4> + +<p>Hast Du nun einen solchen treuen Freund gefunden, so bewahre +ihn auch! Halte ihn in Ehren, auch dann, wenn das +Glück Dich plötzlich über ihn erhebt, auch da, wo Dein Freund +nicht glänzt, wo Deine Verbindung mit ihm durch die öffentliche +Stimme nicht gerechtfertigt zu werden scheint! Schäme +Dich nie Deines ärmern, weniger hochgeschätzten Freundes; beneide +nicht den Dir vorgezogenen Freund! Hange fest an ihm, +ohne ihm lästig zu werden! Fordre nicht mehr von ihm, als +Du selbst leisten würdest; ja, fordre nicht einmal so viel, wenn +Dein Freund nicht in allen Stücken mit Dir einerlei lebhaftes +Temperament, einerlei Fähigkeiten, einerlei Grad von Gefühl +hat! Ergreife warm und eifrig die Parthei Deines Freundes, +aber nicht auf Kosten der Gerechtigkeit und Redlichkeit! Du +sollst nicht seinetwegen blind gegen die Tugenden Andrer seyn, +noch, wenn Du die Macht in Händen hast, eines würdigen, +geschickten Mannes Glück zu bauen, diesen dem weniger fähigen +Freunde nachsetzen. Du sollst nicht seine Uebereilungen vertheidigen, +seine Leidenschaften partheiisch als Tugenden erheben, +in kleinen Zwistigkeiten mit Andern, wenn er unrecht hat, geflissentlich +die Parthei des Beleidigers verstärken; nicht Dich mit +in sein Verderben stürzen, wenn ihm dadurch nicht geholfen +wird, oder vielleicht gar durch unkluge Vertheidigung seine Feinde +mehr erbittern, und Dir und den Deinigen den Untergang bereiten. +Aber retten sollst Du seinen Ruf, wenn er unschuldig<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> +verläumdet wird, auch dann, wenn jedermann ihn verläßt und +verkennt, sobald Du hoffen darfst, daß dieß ihm irgend Vortheil +bringen kann. Oeffentlich ehren sollst Du den Edeln, und Dich +nie Deiner Verbindung mit ihm schämen, wenn Schicksale oder +böse Menschen ihn unverdient zu Boden gedrückt haben. Nicht +mitlächeln sollst Du, wenn lose Buben hinter seinem Rücken her +ihn höhnen. Mit Vorsicht und Klugheit sollst Du ihm Nachricht +geben von Gefahren, die ihm und seiner bürgerlichen Ehre drohen; +aber nur, in so fern dieß dazu dienen kann, dem Uebel +auszuweichen, oder Unvorsichtigkeiten wieder gut zu machen, +nicht aber, wenn er dadurch bloß beunruhigt und aufgeregt wird.</p> + +<h4>7.</h4> + +<p>Freunde, die uns in der Noth nicht verlassen, sind äusserst +selten. — Sey Du Einer dieser seltnen Freunde! Hilf, rette, +wenn Du es vermagst! opfre Dich auf — nur vergiß nicht, +was Klugheit und Gerechtigkeit gegen Dich und Andre von Dir +fordern! Aber tobe nicht, klage nicht, wenn Andre nicht ein +Gleiches für Dich thun! Nicht immer herrscht böser Wille bei +ihnen. Schwache, und durch Leidenschaft beherrschte Menschen +sind unsichre Freunde; doch wie wenige gibt es, die ganz fest +und unerschütterlich in ihrem Charakter, ganz frei von kleinen +Leidenschaften und Nebenabsichten sind, die nicht bei ihrer Anhänglichkeit +an Dich von klugen Rücksichten auf Deinen Ruf, +Deine Verhältnisse, bestimmt werden, oder wenigstens nicht +gern Schande vor der Welt wegen ihrer Zuneigung zu Dir auf +sich laden wollen; wie Wenige, die nicht, wo es auf Verleugnung +ankömmt, den Schwächern gegen den Mächtigern aufopfern! +Wenn diese nun, sobald ein Ungewitter sich über Deinem +Haupte zusammenzieht, einen kleinen Schritt zurücktreten, +oder wenigstens ihre Liebe und Verehrung in eine Art von Protection +und Rathgebersrolle verwandeln — nun, so sey billig! +Schiebe die Schuld auf das ängstliche Temperament der mehrsten +Leute, auf ihre Abhängigkeit von äussern Umständen, auf +die Nothwendigkeit, heut zu Tage <em class="gesperrt">durch Gunst</em> sein Glück zu +machen, um in schweren Zeiten fortzukommen! Wie wenig +Menschen würden übrig bleiben, mit denen Du Hand in Hand +auf dieser Erde durch Glück und Unglück wandeln könntest, wenn +Du es so genau nehmen, oder so große Forderungen an Deine +Freunde machen wolltest! Zuweilen ist auch der Fall da, daß<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> +wirklich unsre Freunde (wenn wir uns durch kleine oder große +Unvorsichtigkeiten unser böses Schicksal selbst zugezogen haben) +sich die Rechtfertigung schuldig sind, öffentlich zu zeigen, daß +sie nicht in unsre Thorheiten verwickelt waren. Oft werden sie +durch unsre widrige Lage gerade so gestimmt, wie sie immer hätten +gestimmt seyn sollen, wenn sie ein gutes Gewissen hätten +bewahren wollen; das heißt: sie hören auf, uns so täuschend +zu schmeicheln, wie sie es vorher aus Furcht, uns zu verlieren, +thaten, so lange wir von jedermann aufgesucht wurden, und +unsre Freunde <em class="gesperrt">wählen</em> konnten. Ich habe in einigen blendenden +Situationen meines Lebens einen Haufen von Leuten sich +mir aufdringen gesehen, die mir ohne Unterlaß Weihrauch streuten, +jeden meiner witzigen Einfälle mit lauter Bewundrung auffingen, +schmeichelhafte Verse auf mich machten, meine Worte +als Orakelsprüche ausschrien, und meinen Ruf im Posaunenton +erhoben. Ich kannte das Menschengeschlecht genug, um nicht +alles das für baare Münze aufzunehmen, sondern fest überzeugt +zu seyn, daß sie mich vernachlässigen, wohl gar auf mich herabsehen +würden, wenn ich einst in eine weniger glückliche Lage +kommen sollte, und sie meiner nicht mehr bedürften. Ich irrte +nicht; aber deswegen waren Diese doch nicht insgesammt Schurken +und Heuchler. Viele von ihnen, es ist wahr, lernte ich als +Solche kennen; sie erlaubten sich die ärgsten Niederträchtigkeiten +gegen mich; es befremdete mich nicht; ich verachtete sie; aber +Manche waren vorher nur von dem Strome mit fortgerissen +worden. Die Stimme meiner Feinde erweckte sie nun; sie stutzten, +betrachteten mich mit forschendem Auge, und sahen meine +Fehler; sie warfen mir diese Fehler durch Worte oder einige +Kälte in ihrem Betragen, vielleicht ein wenig zu unsanft vor, +gaben mir dadurch Gelegenheit, selbst aufmerksam auf dieselben +zu werden, an mir zu arbeiten; und wahrlich, diese sind mir +nützlichere, ächtere Freunde gewesen, als manche Andre, die +mich in meiner Eitelkeit und Selbstgenügsamkeit zu bestärken +suchten.</p> + +<h4>8.</h4> + +<p>Kein Grundsatz scheint mir so unvereinbar mit edelmüthigen +Gesinnungen und eines gefühlvollen Herzens so unwürdig, als +der: »daß es ein Trost sey, Gefährten oder Mitleidende im Unglücke +zu haben.« Ist es nicht genug, selbst leiden, und dabei<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> +überzeugt seyn zu müssen, daß in der Welt noch viel eben so +redlich gute Menschen, wie wir sind, nicht weniger Elend zu +tragen haben? Sollen wir noch die Summe dieser Unglücklichen +muthwilliger Weise dadurch vermehren, daß wir Andre zwingen, +auch unsre Last mitzutragen, die dadurch um nichts leichter +wird? Denn man sage doch nicht, daß es Erleichterung sey, +sich von seinem Schmerze zu unterhalten! Nur für altersschwache +Weiber, nicht aber für einen verständigen Mann, kann Geschwätzigkeit +von <em class="gesperrt">der</em> Art Wohlthat werden. Ich habe im ersten +Kapitel des ersten Theils davon geredet: ob es gut sey, Andern +seine Widerwärtigkeiten zu klagen. Damals sagte ich zur Beantwortung +dieser Frage nur das, was Weltklugheit und Vorsichtigkeit +lehren; im Umgange mit Freunden hingegen, wovon +hier die Rede ist, muß uns auch Feinheit des Gefühls vorschreiben, +unsre unangenehme Lage vor dem mitempfindenden, zärtlich +theilnehmenden Freunde so viel möglich zu verbergen. Ich +sage: so viel möglich, denn es können Fälle kommen, wo die +Bedürfnisse des gepreßten Herzens, sich zu entladen, zu groß, +oder die liebreichen Anforderungen des Freundes, der den Kummer +auf unsrer Stirne liest, zu dringend werden, wo länger zu +schweigen Folter für uns, oder Beleidigung für den Vertrauten +werden würde, und wo nur sein Rath oder sein Beistand retten +kann. In allen übrigen Fällen lasset uns der Ruhe unsers +Freundes, wie unserer eignen, schonen!</p> + +<h4>9.</h4> + +<p>Klagt Dir ein bewährter Freund seine Noth, seine Schmerzen, +wie könntest Du ihn ohne innige Theilnahme anhören! +Oder wie dürftest Du seinen Klagen moralische Gemeinsprüche +entgegensetzen, ihm wehe thun durch Vorwürfe über sein Betragen, +durch die Bemerkung, daß er seine Noth hätte verhüten +können! Nein, bist Du ein treuer, gefühlvoller Freund, so wirst +Du alles aufbieten, Deinem Freunde Linderung oder Beistand +zu gewähren. Aber verzärtle ihn nicht an Leib und Seele, +durch weibische Klagen! Erwecke vielmehr seinen männlichen +Muth, daß er sich über die nichtigen Leiden dieser Welt erhebe! +Schmeichle ihm nicht mit falschen Hoffnungen, mit Erwartungen +eines blinden Ungefährs; sondern hilf ihm, Wege einschlagen, +die eines weisen Mannes würdig sind!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span></p> + +<h4>10.</h4> + +<p>Aus dem Umgange mit Freunden muß alle Verstellung verbannt +seyn. Da soll alle <em class="gesperrt">falsche</em> Scham, da soll aller Zwang, +den Convenienz, übertriebne Gefälligkeit und Mißtrauen im gemeinen +Leben auflegen, wegfallen. Zutrauen und Aufrichtigkeit +müssen unter innigen Freunden herrschen. Allein man überlege +dabei, daß es kindische Geschwätzigkeit seyn würde, Geheimnisse +mitzutheilen, die dem Freunde gleichgültig sind, und durch die +ihm eine schwere Verantwortlichkeit aufgelegt, oder seine Verschwiegenheit +auf eine schwere Probe gesetzt wird; daß wenige +Menschen, unter allen Umständen, unverbrüchlich ein Geheimniß +zu bewahren vermögen, wenn sie auch übrigens alle Eigenschaften +haben, die zur Freundschaft erfordert werden; daß fremde +Geheimnisse nicht unser Eigenthum sind; und endlich, daß es +auch eigne Geheimnisse geben kann, die man ohne Schaden, +Gefahr und Nachtheil durchaus keinem Menschen auf der Welt +anvertrauen darf!</p> + +<h4>11.</h4> + +<p>Jede Art von schädlicher oder weibischer Schmeichelei muß +im Umgange unter ächten Freunden wegfallen, nicht aber eine +gewisse Gefälligkeit, die das Leben süß macht, Nachgiebigkeit +und Geschmeidigkeit in unschuldigen Dingen. Es gibt Menschen, +deren Zuneigung man augenblicklich verloren hat, sobald man +aufhört, ihnen Weihrauch zu streuen, sobald man nicht in allen +Stücken einerlei Meinung mit ihnen ist, einerlei Geschmack mit +ihnen hat. In ihrer Gegenwart darf man nicht einmal den Vorzügen +der Verdienstvollsten Gerechtigkeit widerfahren lassen. Gewisse +Saiten kann man gar nicht berühren, ohne sie aufzubringen. +Haben sie eine Thorheit begangen; sind sie blindlings eingenommen +für oder gegen eine Sache; werden sie von Phantasie +oder Leidenschaft irregeleitet; haben sie unanständige oder schädliche +Gewohnheiten an sich; findet man in ihrer Art zu leben +und zu wirthschaften etwas mit Grunde auszusetzen, und man +untersteht sich, hierüber etwas zu sagen: so schlägt das Feuer +aller Orten heraus. Andre werden hiedurch nicht sowohl beleidigt, +als gekränkt. Sie sind gewöhnt, sich so zu verzärteln, +daß sie die Stimme der Wahrheit gar nicht hören können. Man +soll nur von solchen Dingen mit ihnen reden, die ihren faulen +Seelen-Schlummer befördern. — »Wenn ich Dich bitten darf,«<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> +sagen sie, »so laß uns davon abbrechen! das sind Gegenstände, +die ich nicht gern in mein Gedächtniß zurückrufe. Es ist nun +einmal nicht anders! Ich weiß wohl, daß ich Unrecht habe, +daß ich vielleicht anders handeln sollte; aber es würde einen zu +schweren Kampf kosten — meine Gesundheit, meine Ruhe, +meine schwachen Nerven vertragen es nicht, daß ich ernstlich +darüber nachsinne.« — Pfui! welch eine Feigheit und Verblendung! +ein Mensch, der einen festen Charakter besitzt, und +ernstlich das Gute liebt und sucht, muß den Muth haben, bei +jedem Gegenstande mit reifer Ueberlegung verweilen zu können. — +Alle solche verweichlichte und feige Seelen taugen nicht zur +Freundschaft. Man muß das Herz haben, Wahrheit zu sagen +und Wahrheit anzuhören, auch dann, wenn diese Wahrheit hart +ist, und unser Innerstes erschüttert. Doch das Recht, welches +die Freundschaft gibt, freimüthig zu tadeln, und dem Freunde +die Wahrheit nicht zu verhehlen, will mit Zartheit und liebevoller +Schonung ausgeübt seyn. Schon die Klugheit verbeut, den +fehlenden Freund durch lange Straf-Predigten zu ermüden und +zu erbittern, oder mit ängstlichen Besorgnissen zu erfüllen, +wenn, seinem Temperamente oder den Umständen nach, gar +kein Nutzen davon zu erwarten steht.</p> + +<h4>12.</h4> + +<p>Es ist schon gesagt, daß alles, was die Gleichheit unter +Freunden aufhebt, der Freundschaft schädlich sey. Da nun das +Verhältniß zwischen einem Wohlthäter und Dem, welcher Wohlthaten +empfängt, am wenigsten mit Gleichheit bestehen kann: +so scheint es der Zartheit der Gefühle angemessen, zu verhindern, +daß durch ein zu großes Gewicht von Wohlthaten auf <em class="gesperrt">einer</em> +Seite ein Freund dem andern gleichsam unterwürfig werde. Verbindlichkeiten +von der Art sind der Freiheit, der uneingeschränkten +Wahl entgegen, auf welcher die Freundschaft beruhen soll. +Sie bringen etwas in dies Bündniß hinein, das nicht hinein +gehört, nämlich die Dankbarkeit, welche nicht freiwillig, sondern +Pflicht ist. Man hat selten den Muth, so kühn und offenherzig +mit dem Wohlthäter zu reden, wie mit dem Freunde. +Vorzüglich aber soll das Zartgefühl mich abhalten, meines Freundes +Güte in Anspruch zu nehmen, weil ich voraussetzen darf, +daß er mir zugestehen werde, was er einem Fremden abschlagen<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> +würde. Wäre es endlich auch nur die einzige Rücksicht, daß +empfangene Wohlthat partheiisch für den Wohlthäter macht, und +Partheilichkeit Bestechung ist: so läge hierin schon ein starker +Grund, äusserst behutsam und bedenklich zu seyn, wenn von Erheischung +und Annahme wirklicher Wohlthaten aus der Hand +des Freundes die Rede ist, doch mit Verbannung jeder mißtrauischen +Besorgniß, als ob es möglich wäre, daß angenommene +Wohlthat der Freundschaft gefährlich werden könnte. — +Kaum darf hiebei erinnert werden, daß man die Dienstwilligkeit +seiner mächtigen oder angesehenen Freunde nie für fremde +Angelegenheiten, oder zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke mißbrauchen +sollte. Allein es gibt Mittel, den edeln Mann, der +gern Gutes thut, aufmerksam zu machen auf Gegenstände, die +seiner Hülfe werth sind. Mylord Marshall Keith wurde von einem +Officier gebeten, ihn dem Könige von Preussen zu empfehlen. +Er antwortete nicht, gab ihm aber, bei seiner Abreise nach +Potsdam, einen kleinen Sack voll Erbsen mit, den der Officier +dem Könige, ohne Brief, überreichen sollte. Friedrich begriff, +daß sein Freund keinem Menschen von gemeinem Schlage einen +solchen Auftrag würde gegeben haben, und nahm den Officier +in seinen Dienst. Ueberhaupt haben feinere Seelen unter sich +eine eigne geheime, Andern unverständliche Sprache. Doch gibt +es Fälle, in welchen man ohne Scheu sich an Freunde wenden +muß, nämlich wenn die Freundschafts-Dienste, deren wir bedürfen, +von der Art sind, daß der Freund sie uns ohne Ungemächlichkeit +erweisen, oder ohne uns in Verlegenheit zu setzen +und uns im mindesten zu beleidigen, verweigern kann; wenn +wir in der Lage sind, ihm gelegentlich wieder gleiche Gefälligkeiten +zu erweisen; wenn niemand so gut, wie er, von der Lage +der Sache, von der Sicherheit, mit welcher unsere Bitte gewährt +werden kann, überzeugt ist, oder wenn unser ganzes Glück +auf Verschweigung einer Sache beruht; wenn wir uns keinem +Andern sicher, ohne Gefahr und Schaden, anvertrauen, von +keinem Andern Hülfe erwarten dürfen, und wenn wir dann gewiß +wissen, daß unser Freund dabei nichts verlieren, keiner +Unannehmlichkeit ausgesetzt seyn kann. In allen diesen und +ähnlichen Fällen würden wir gegen das Zutrauen sündigen, das +wir ihm schuldig sind, wenn wir ihm unsre Verlegenheiten verschwiegen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span></p> + +<h4>13.</h4> + +<p>Etwas von dem, was ich über das Verhältniß unter Eheleuten +gesagt habe, findet auch bei Freunden Statt, nämlich, +daß man sich hüten muß, einander überdrüssig zu werden, oder +durch zu öftern, zu vertraulichen Umgang, widrige Eindrücke +zu veranlassen. Darum sollen sich Freunde nicht zu oft sehen, +sollen den Umgang zuweilen entbehren, damit sie ihn dann desto +inniger genießen mögen, und damit nicht durch einen zu häufigen +Umgang die kleinen Fehler sichtbar und fühlbar werden, deren +jeder Mensch mehr oder weniger hat, und die so leicht die +Innigkeit der Freundschaft stören, so leicht einen Mißton erzeugen, +oder wenigstens Beschwerden verursachen, die man seinem +Freunde ersparen sollte. Diese Vorsicht ist in der Freundschaft +noch nöthiger, als in der Ehe, da in jener nicht, wie in dieser, +gewisse Rücksichten und Ueberlegungen wirksam sind, vor allen +die, daß man nun einmal auf die ganze Lebenszeit mit einander +zu Freude und Leid, zu gemeinschaftlicher Ertragung, und +um <em class="gesperrt">ein</em> Leib und <em class="gesperrt">eine</em> Seele zu seyn, vereint ist; folglich die +Beständigkeit derselben von der behutsamsten Schonung abhängt. +Es ist wahr, daß jene unangenehme Eindrücke bei edeln und +verständigen Menschen nicht von Dauer sind, und daß es nur +eines Zwischenraums von wenig Tagen bedarf, um uns wieder +die Augen zu öffnen über den Werth und Vorzug unsers Freundes +vor andern mittelmäßigen Leuten, mit denen wir indeß gelebt +haben; allein besser ist es doch, wenn dergleichen Empfindungen +gar nicht in unser Herz kommen; und das kann man +ja ändern. Man verbanne daher auch aus dem Umgange mit +Freunden jene pöbelhafte Vertraulichkeit, jenen Mangel an Höflichkeit +und jene Nachlässigkeit im Aeussern, wovon ich im dritten +Kapitel dieses Theils, besonders in dessen viertem Abschnitte, +geredet habe; und lege endlich auch dem Freunde keine Art von +Zwang auf; verlange nicht, daß er sich nach unsern Launen, +nach unserm Geschmacke richten, noch daß er den Umgang solcher +Menschen, gegen welche wir eingenommen sind, fliehen +solle!</p> + +<p>Eben so wichtig ist es aber auch, sich den Umgang mit geliebten +Personen nicht so sehr zum Bedürfnisse zu machen, daß +man ohne sie durchaus nicht leben zu können glaubt. Wir sind +auf dieser Welt nicht Herren über unser Schicksal. Man muß<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> +sich gewöhnen, Trennungen durch Tod, Entfernungen und andere +Umstände zu ertragen, und wenn man ein Gut besitzt, sich +mit dem Gedanken vertraut machen, daß man dies Gut auch +verlieren könne. Ein weiser Mann bauet nicht seine ganze Existenz +auf das Daseyn eines andern Wesens.</p> + +<h4>14.</h4> + +<p>Bleibe aber immer, auch in der Entfernung, ein warmer +Freund Deiner Freunde! sonst scheint es, als habest Du nur +aus Eigennutz, nur um den Genuß des Lebens zu erhöhen, Dich +an sie geschlossen. Halte die Vernachlässigung des Briefwechsels +nicht für eine Kleinigkeit, die man sich wohl verzeihen könne; +denn wie darfst Du Dich dessen Freund nennen, dem Du nicht +einmal einige Stunden Deines Lebens in jedem Jahre weihen +willst, und wie darfst Du von demjenigen Freundschaft erwarten, +den Du so sehr vernachlässigst, daß er endlich nicht mehr +weiß, ob Du noch unter den Lebendigen bist? Fühlst Du in +Monaten und Jahren das Bedürfniß nicht, Dich schriftlich mit +Deinem Freunde zu unterhalten, so liegst Du entweder in den +Fesseln des Egoismus, oder bist überhaupt nicht mehr werth, +einen Freund zu haben. Ich lasse auch die Entschuldigung nicht +gelten, daß man zuweilen lange Zeit hindurch gar nicht gestimmt +sey, seine Gedanken in Ordnung auf das Papier zu bringen. +Briefe an den Vertrauten unsers Herzens sind keine rednerische +Ausarbeitungen; jedes Wort, das Abdruck dessen ist, was in +unsrer Seele vorgeht, wird ihm willkommen seyn, und nur auf +diese Weise kann ja einem gefühlvollen Herzen die Trennung +von geliebten Personen erträglich werden.</p> + +<h4>15.</h4> + +<p>Man sieht zuweilen Menschen eben so eifersüchtig in der +Freundschaft, wie in der Liebe. Das zeugt mehr von einer selbstsüchtigen, +als von einer zärtlichen Gemüthsart. Freuen soll es +Dich, wenn auch andre Menschen den Werth dessen zu schätzen +wissen, der Dir theuer ist; freuen soll es Dich, wenn Dein Liebling +noch ausser Dir gute Seelen findet, denen er sich mittheilen, +in deren Gemeinschaft er reine Wonne schmecken kann. Er +wird darum nicht blind gegen Deine Vorzüge, nicht undankbar +gegen Dich werden — und würdest Du denn dadurch mehr +Werth in seinen Augen bekommen, daß Du ihn von liebenswürdigen<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> +Menschen zu entfernen, oder ihn gegen sie einzunehmen +suchtest, nur um ihn für Dich allein zu behalten?</p> + +<h4>16.</h4> + +<p>Alles, was Deinem Freunde angehört, sein Vermögen, sein +bürgerliches Glück, seine Gesundheit, sein Ruf, die Ehre seines +Weibes, die Unschuld und Bildung seiner Kinder — das alles +sey Dir heilig, sey ein Gegenstand Deiner Sorgfalt, Deiner +Theilnahme und Deiner Schonung! Auch Deine heftigste Leidenschaft, +Deine unmäßigste Begierde müsse diese Unverletzlichkeit +ehren!</p> + +<h4>17.</h4> + +<p>Gaben, Anlagen und die Art, seine Empfindungen an den +Tag zu legen, sind bei den Menschen verschieden. Nicht immer +ist Derjenige der Gefühlvollste, welcher am geläufigsten von innern +Regungen und Empfindungen schwatzt; nicht immer Derjenige +der treuste und beharrlichste Freund, der mit dem heftigsten +Feuer uns an seine Brust drückt, der mit der größten Hitze +hinter unserm Rücken sich unsrer annimmt. Alles Ueberspannte +taugt nicht, dauert nicht. Ruhige, stille Hochachtung ist mehr +werth, als Anbetung, Verehrung und Entzückung. Man verlange +daher nicht von Jedem denselben Grad von äussern Freundschafts-Bezeigungen, +sondern beurtheile seine Freunde nach der +fortgesetzten, immer gleichen Zuneigung und treuen Ergebenheit, +welche sie uns in der That, ohne Uebertreibung und ohne Schmeichelei, +beweisen! Leider aber ordnet unsre Eitelkeit mehrentheils +den Werth der Menschen nach dem Grade der Huldigung, welche +sie uns leisten, und die mehrsten Leute suchen solche Freunde um +sich her zu versammeln, an deren Seite sie in doppelt vortheilhaftem +Lichte erscheinen, und denen ihre Worte Orakelsprüche sind.</p> + +<h4>18.</h4> + +<p>Werbe nicht ängstlich um Freunde! Mache nicht Jagd auf +jeden ausgezeichneten Menschen, und lege es nicht geflissentlich +darauf an, daß er Dir besonders zugethan werden soll! Jede +Art von Andringlichkeit, wäre sie auch noch so gut gemeint, +pflegt Verdacht oder Geringschätzung zu erwecken; und wer in +der Stille auf dem Pfade fortwandelt, den Redlichkeit und Klugheit +bezeichnen, und dabei ein wohlwollendes, zur Mittheilung +gestimmtes Herz in seinem Busen trägt, der bleibt nicht unbemerkt, +nicht unaufgesucht; er findet, ohne sich anzudrängen,<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> +ein Paar Edle, die ihm die Hand zum brüderlichen Bunde reichen.</p> + +<h4>19.</h4> + +<p>Es gibt aber Menschen, die gar keinen <em class="gesperrt">vertrauten</em> Freund, +sondern nur Bekannte haben; entweder weil ihnen der Sinn +für dies Seelen-Bedürfniß fehlt, oder weil sie keinem lebendigen +Wesen trauen, oder weil ihre Gemüthsart kalt, unverträglich, +verschlossen, eitel, oder zänkisch ist. Andre sind aller Welt Freunde; +sie werfen ihr Herz jedermann vor die Füße, und deswegen +bückt sich Keiner, greift niemand darnach, es aufzunehmen. — +Es ist eine Ehre und ein Glück, zu keiner von diesen beiden +Menschenklassen zu gehören.</p> + +<h4>20.</h4> + +<p>Auch unter den vertrautesten Freunden können Irrungen entstehen, +Mißverständnisse eintreten. Wenn man darüber Zeit +verstreichen läßt, oder zugibt, daß sich dienstfertige Leute hineinmischen: +so erwächst daraus nicht selten eine dauerhafte Feindschaft, +die mehrentheils um so heftiger wird, je zärtlicher, je +vertrauter die Verbindung war, und je ärger man sich also hintergangen +glaubt. Es ist wahrlich ein trauriger Anblick, auf +diese Weise zuweilen die edelsten Seelen gegen einander empört +zu sehen. Dringend rathe ich daher, bei dem ersten Schatten +von Unzufriedenheit über das Betragen des Freundes, nicht zu +säumen, ohne Zuthun eines Dritten, auf Erläuterung zu dringen. +Da pflegt alles sehr bald verglichen zu werden; vorausgesetzt, +daß kein böser Wille obwaltet, wie man es denn bei gutgesinnten, +wohlwollenden Freunden voraussetzen muß.</p> + +<h4>21.</h4> + +<p>Wie aber, wenn uns Freunde täuschen, wenn wir nach einiger +Zeit wahrnehmen, daß unser gutes Herz uns irregeleitet, +uns an Menschen gekettet hat, die unsrer nicht werth sind? — +Meine Leser! ich kann es nicht oft genug wiederholen, daß wir +mehrentheils selbst daran Schuld sind, wenn wir bei näherm +Umgange die Menschen anders finden, als wir sie uns anfangs +gedacht haben. Partheiische Gefühle; Sympathie, Aehnlichkeit +des Geschmacks, der Neigung; feine Schmeichelei; Seelen-Drang, +in Augenblicken, wo Jeder uns ein Wohlthäter scheint, +der nur einige Theilnahme an unserm Schicksale zeigt — diese +und andre dergleichen Eindrücke bestechen uns gar zu leicht, und<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> +bereiten uns bittere Täuschungen. Wir denken uns Menschen +als engelreine und erhabene Seelen, die nichts weiter, als eine +gewisse natürliche Gutmüthigkeit und Offenheit haben, und sind +nachher, wenn wir ihre Schwächen entdecken, viel unduldsamer +gegen diese unsre Lieblinge, als gegen fremde Leute, weil es unserem +Stolz weh thut, daß wir so falsch gesehen hatten, oder so +kurzsichtig waren. Darum spannet doch Eure Erwartung, Eure +Meinung von Euren Freunden nicht zu hoch, so wird Euch ein +menschlicher Fehltritt, den sie in Augenblicken der Versuchung +begehen, nicht befremden, nicht ärgern! Habet Nachsicht! Ihr +bedürft deren vielleicht selbst bei andern Gelegenheiten. Richtet +nicht, damit auch Ihr nicht gerichtet werdet! — Und was für +Recht hast Du denn auch über die Moralität Deines Freundes? +Was ist er Dir anders schuldig, als Treue, Liebe und Dienstfertigkeit? +Wer hat Dich zum Sittenrichter über ihn bestellt? — +Suche einen ganz vollkommnen Mann auf dieser Erde! — Du +kannst hundert Jahre alt werden und wirst ihn nicht finden.</p> + +<p>Vor allen Dingen aber soll man sich hüten, jedem elenden +Geschwätze, womit böse oder schwache Menschen zum Nachtheile +unsrer Freunde unsre Ohren erfüllen, Glauben beizumessen. Leute, +die heute mit einem Manne, den sie bis in den Himmel erheben, +ihren letzten Bissen theilen würden, und morgen, wenn +irgend ein altes Weib ihnen ein ärgerliches Mährchen aufgehängt +hat, denselben zu dem verächtlichsten Betrüger herabwürdigen! +Leute, die einen vieljährigen, genau geprüften Freund, auf Angabe +des niederträchtigen unwürdigen Pöbels, einer ihm schuldgegebenen +Schandthat fähig halten können, — wäre auch alle +Wahrscheinlichkeit auf Seiten der Verläumder! — solche wankelmüthige, +elende und feile Seelen verdienen nur Verachtung, +und der Verlust ihrer Freundschaft ist baarer Gewinn. Der Anschein +ist oft sehr trüglich; man kann Veranlassungen haben, +mißtrauisch zu werden; es können Umstände eintreten, die es +uns unmöglich machen, gewisse zweideutig scheinende Schritte zu +erläutern; aber, daß ein bewährter, edler Mann keine schlechte +Handlung begangen habe, davon bedarf es weiter keines Beweises, +sondern nur des einfachen Glaubens, daß es unmöglich +sey, edel und schlecht zugleich zu seyn.</p> + +<h4>22.</h4> + +<p>Wenn denn nun aber wirklich unser Freund sich so sehr moralisch<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> +verschlimmert, oder wenn unser leichtgläubiges Herz sich +in einem solchen Grade in seinem Zutrauen zu ihm betrogen +sieht, daß er unsre Vertraulichkeit gemißbraucht, uns mit Undank +belohnt hätte — nun! so hört er auf, unser <em class="gesperrt">Freund</em> zu +seyn; ich meine aber, er behält doch nicht mehr und nicht weniger +Recht auf unsre Duldung, als jeder andre uns fremde +Mensch. Ich halte es für eine falsche Zärtelei, an welcher mehrentheils +die Eitelkeit, untrüglich seyn zu wollen, ihren Theil +hat, wenn man glaubt, man müsse nun von einem solchen Verräther +immer mit großer Schonung reden, weil er einst unser +Freund gewesen. Das Einzige, was uns bewegen kann, seiner +zu schonen, ist der Gedanke: daß überhaupt das menschliche +Herz ein schwaches Ding ist, und daß man leicht zu weit in seinem +Widerwillen geht, wenn eine Art von Rache sich in unser +Urtheil mischt. Von der andern Seite aber macht der Umstand, +daß der Mann <em class="gesperrt">uns</em> betrogen hat, sein Verbrechen auch nicht +um ein Haar breit größer, berechtigt uns nicht, ärger gegen +ihn zu Felde zu ziehen, als gegen jeden andern Schelm, der +<em class="gesperrt">andre Menschen</em> und überhaupt die Tugend betrügt.</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Siebentes_Kapit.">Siebentes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Es ist traurig genug, daß der größte Theil des Menschengeschlechts, +durch Schwäche, Armuth, Gewalt und andre Umstände, +gezwungen ist, dem kleinern zu Gebote stehen, und daß +oft der Bessere den Winken und Launen des Schlechtern gehorchen +muß. Was ist daher billiger, als daß die, denen das +Schicksal die Gewalt in die Hände gegeben hat, ihren Nebenmenschen +das Leben süß und das Joch erträglicher zu machen, +diese glückliche Lage mit Menschenfreundlichkeit und Edelmuth +benutzen.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Wahr ist es aber auch, daß die meisten Menschen zur Sclaverei +geboren, daß edle, wahrhaftig große Gesinnungen und +Gefühle hingegen nur das Erbtheil einer unbeträchtlichen Anzahl +zu seyn scheinen. Lasset uns indessen den Grund dieser Wahrheit<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> +weniger in den natürlichen Anlagen, als in der Art der Erziehung, +und in unsern, durch Luxus und Despotismus verderbten +Zeiten suchen! Durch sie wird eine ungeheure Menge Bedürfnisse +erzeugt, die uns von Andern abhängig machen. Das ewige +Angeln nach Erwerb und Genuß erzeugt niedrige Leidenschaften, +zwingt uns, zu erbetteln und zu erkriechen, was wir für so nöthig +zu unserer Existenz halten, statt daß Mäßigkeit und Genügsamkeit +die Quellen aller Tugend und Freiheit sind.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Bleiben nun die meisten Menschen stumpf für feinere Empfindungen, +und unfähig zu erhabnen, hohen Gesinnungen: so +sind sie doch nicht Alle unerkenntlich gegen großmüthige Behandlung, +noch blind gegen wahren Werth. Rechne also weder +auf die Zuneigung und Achtung, noch auf freiwillige Folgsamkeit +derer, die Dir unterworfen sind, wenn diese selbst fühlen, +daß sie moralisch besser, weiser, geschickter sind, als Du, daß +Du ihrer in einem höheren Grade bedarfst, als sie Deiner; wenn +Du sie mißhandelst, schlecht für wesentliche Dienste belohnst, die +Schmeichler unter ihnen den geraden, aufrichtigen, treuen Dienern +vorziehst; wenn sie sich schämen müssen, einem Manne +anzugehören, den Jeder haßt, oder verachtet; wenn Du mehr +von ihnen verlangst, als Du selbst an ihrer Stelle würdest leisten +können; wenn Du Dich weder um ihr moralisches, noch +ökonomisches, noch physisches Wohl bekümmerst, ihnen den +Lohn ihrer Arbeit so sparsam zutheilst, daß sie verzweifeln, oder +Dich betrügen müssen, oder wenigstens keine frohe Stunde haben +können; wenn Du nicht Rücksicht nimmst auf ihren körperlichen +Zustand, sie verstößest, sobald sie alt und schwächlich werden; +wenn Du ihnen wenig Ruhe und Schlaf erlaubest; wenn +sie, indeß Du schwelgst, in rauher Jahrszeit bis nach Mitternacht, +vielleicht gar dem bösen Wetter bloßgestellt, auf Dich +voll tödtender Langerweile warten müssen; wenn Dein lächerlicher +Hochmuth ein Gegenstand ihres Spottes wird, oder Dein +Jähzorn sie mit Schimpfwörtern überhäuft; wenn sie mit aller +Aufmerksamkeit kein freundliches Wort von Dir gewinnen können! +— Geradheit, Redlichkeit, wahre Menschenliebe, Würde +und Folgerichtigkeit in unsern Handlungen zu zeigen, das ist, +so wie überhaupt das sicherste Mittel, uns allgemeine Achtung +zu erwerben, so insbesondre geschickt, uns der Ehrerbietung und<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> +Zuneigung Derer zu versichern, die von uns abhängen, uns oft +ohne Schminke in mancherlei Launen sehen, und gegen welche +wir uns also schwerlich lange verstellen können. Es ist ein altes, +aber sehr wahres Sprichwort: »So wie der Herr; also der +Knecht!« Es versteht sich, daß dieß nur von Dienstboten gilt, +die lange genug in einem Hause gedient haben, um den darin +herrschenden Ton anzunehmen; aber bei diesen trifft es denn +auch fast unfehlbar ein. Ein Kammerdiener, der ein Windbeutel +ist, dient mehrentheils einem Prahler! bescheidne Herrschaften +haben höfliches Gesinde; in stillen, ordentlichen Haushaltungen +findet man sittsame, fleißige Leute zur Aufwartung; +zänkische, lüderliche Bediente und Mägde sind <em class="gesperrt">da</em> zu Hause, +wo Zwist und zügellose Sitten unter den Herrschaften im Gange +sind. — Also ist ein gutes Beispiel (wortreicher Ermahnungen +bedarf es nicht) das sicherste Mittel, brauchbares Gesinde zu +bilden.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>So sehr ich nun einen freundlichen, liebreichen Umgang mit +Bedienten anrathe, so wenig kann ich es billigen, wenn man +sich ihnen unverholen in allen seinen Blößen zeigt, sie zu Vertrauten +in heimlichen Angelegenheiten macht, sie durch übermäßige +Bezahlung an ein üppiges Leben gewöhnt, — wenn +man sie nicht gehörig beschäftigt, alles ihrer Willkühr überläßt, +sie zu unumschränkten Herren über Kassen und Vorräthe macht, +und dadurch in ihnen Reiz zum Betrug erweckt, — wenn man +alle Gewalt über sie und alles Ansehen freiwillig aufgibt, und +sich zu einer Vertraulichkeit und einem Tone herabläßt, der sie +nothwendig in Versuchung führen muß, sich zu vergessen. — +Man findet unter hundert Menschen von der Art kaum Einen, +der das vertragen kann, der nicht Mißbrauch von einer solchen +Nachsicht macht. Auch ist das eben kein Mittel, sich beliebt zu +machen. Ein wohlwollendes, ernsthaftes, gesetztes, immer gleiches +Betragen, entfernt von steifer, hochmüthiger Kälte und +Feierlichkeit, — gute, richtige, nicht übermäßige, der Wichtigkeit +ihrer Dienste angemessene Bezahlung, — strenge Pünktlichkeit, +wenn es darauf ankömmt, sie zur Ordnung und zu demjenigen +anzuhalten, wozu sie sich verbindlich gemacht haben, — +Liebe und theilnehmende Güte, wenn sie die Gewährung einer +anständigen, bescheidnen Bitte, die Vergünstigung eines unschuldigen<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> +Vergnügens von uns begehren, oder auch ungebeten +nur erwarten können, — weise Ueberlegung in Zutheilung der +Arbeit, so daß man sie nicht mit unnützen Arbeiten überhäufe, +mit Geschäften, die bloß unser eitles Vergnügen zum Gegenstande +haben, dennoch aber nicht leide, daß sie je müssig seyen, +sondern sie auch anhalte, für sich selbst zu arbeiten, sich in Kleidung +reinlich und rechtlich zu halten, sich Geschicklichkeit zu erwerben, +— Aufmerksamkeit und Aufopfrung unsers eignen Interesse, +wenn man Gelegenheit hat, ihnen ein besseres Schicksal +zu verschaffen, sie zu befördern, — väterliche Sorgsamkeit für +ihre Gesundheit, für ehrlichen Erwerb und für ihre sittliche Aufführung: +— das sind die sichersten Mittel, gut, treu bedient, +und von denen, die uns dienen, geliebt zu werden. Hierzu füge +ich noch den Rath, nicht zu viel Dienstboten zu halten; aber +die wenigen, die man hat, und deren man bedarf, nützlich und +hinreichend zu beschäftigen, gut zu bezahlen und vernünftig zu +behandeln. Je mehr Bedienten man hat, desto schlechter wird +man bedient.</p> + +<h4>5.</h4> + +<p>Unsre feine Lebensart hat einem der ersten und süßesten Verhältnisse, +dem Verhältnisse zwischen Hausvater und Hausgenossen, +alle Anmuth, alle Würde genommen. Hausvaters-Rechte +und Hausvaters-Freuden sind größtentheils verschwunden; das +Gesinde wird nicht mehr als Theil der Familie angesehen, sondern +als Miethlinge betrachtet, die wir nach Gefallen abschaffen, +so wie auch <em class="gesperrt">sie</em> uns verlassen können, sobald sie sonst irgendwo +mehr Freiheit, mehr Gemächlichkeit oder reichere Bezahlung +zu finden glauben. Es ist nicht mehr anerkannt, daß wir +ausser den Stunden, die sie unserm Dienste widmen müssen, +kein Recht auf sie haben; wir leben nicht mehr unter ihnen, sehen +sie nur dann, wenn wir ihnen das Zeichen mit der Schelle +geben, und sie aus ihren, gewöhnlich sehr schmutzigen, ungesunden +Löchern zu uns hervorkriechen. Diese lose, auf ungewisse +Zeit geknüpfte Verbindung trennt das Interesse beider Theile, +das doch ein gemeinschaftliches seyn sollte, auf eine unnatürliche +und verderbliche Weise: der Herr sucht den Miethling recht wohlfeil +zu bekommen, er müßte denn aus Eitelkeit oder Verschwendung +mehr an ihn wenden; — was im Alter aus dem armen +dienstbaren Geschöpfe werden wird, darum bekümmert er sich<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> +nicht, und der Bediente, der das weiß, sucht bei so ungewissen +Aussichten zu erhaschen, was zu erhaschen ist, um wo möglich +einen Nothpfenning zurückzulegen. Welchen Einfluß dieß auf +Sittlichkeit, auf Bildung, auf Vertrauen und gegenseitige Zuneigung +haben müsse, ist leicht einzusehen. Es ist wahr, daß +nicht alle Herrschaften vollkommen so fremd und unnatürlich +mit ihrem Gesinde umgehen; aber wo findet man in jetzigen +Zeiten noch Solche, die, als Väter und Lehrer Derer, die ihnen +dienen, sich's zur Freude machen, mitten unter ihnen zu sitzen, +durch weise und freundliche Gespräche sie zu unterrichten, an +ihrer sittlichen und geistigen Bildung zu arbeiten, und für ihr +künftiges Schicksal besorgt zu seyn? Es ist wahr, daß Dienstboten +selten so wohl erzogen sind, daß sie den Werth einer solchen +Herablassung zu erkennen und gehörig zu nützen wissen; +allein was hindert uns, das Gesinde selbst zu erziehen, sie als +Kinder anzunehmen, sie dann lebenslang, wie die Mitglieder +unsrer Familie, bei uns zu behalten, und ihr Schicksal, nach +Verhältniß ihres Verdienstes und unsers Vermögens, zu verbessern? +Ich kenne aus Erfahrung alle Ungemächlichkeiten einer +solchen Unternehmung; vielfältig mißlingt es; unsre Arbeit belohnt +sich nicht, wird nicht erkannt; die Kinder, wenn sie herangewachsen, +fangen an, sich zu fühlen, und entziehen sich +unsrer väterlichen Zucht. Allein oft sind wir selbst durch fehlerhafte +Behandlung daran Schuld: und nicht immer handeln sie +undankbar gegen uns. Wir geben ihnen zuweilen eine ganz andre +Art von Erziehung, als für ihre Lage taugt, und dadurch +gerade machen wir sie unzufrieden mit ihrem Zustande, statt ihr +Glück zu bauen; oder wir behandeln sie, wenn sie schon erwachsen +sind, noch immer wie Kinder. Der Freiheitstrieb ist allen +Geschöpfen von der Natur eingeprägt; sie glauben, sich einem +Joche zu entziehen, wenn sie von uns gehen, glauben unserer +nicht mehr zu bedürfen, sich selbst rathen und regieren zu können. +Vielfältig aber reuet es solche Menschen in der Folge, uns +verlassen zu haben, wenn sie erst den Unterschied unter einem +<em class="gesperrt">Herrn</em> und einem <em class="gesperrt">Hausvater</em> erfahren, und richtige Begriffe +von wahrer Freiheit erhalten. Das Fremde, das man nicht +kennt, sieht immer besser aus, als das gewöhnte, auch noch so +Gute. Auf Erfolg und Dankbarkeit soll man übrigens in dieser +Welt nie rechnen, sondern das Gute bloß aus Liebe zum Guten<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> +thun. Nicht alle Mühe aber ist verloren, die verloren zu seyn +scheint, und die Wirkungen einer guten Erziehung äussern sich +oft erst spät nachher. Es ist auch süß, für Andre zu pflanzen, +und dagegen ein gemeines Verdienst, Früchte zu ziehen, die +man selbst genießt.</p> + +<h4>6.</h4> + +<p>Ein Hausvater hat das Recht, sein Gesinde ernstlich zur +Pflicht-Erfüllung anzuhalten; allein nie soll er sich durch Hitze +verleiten lassen, erwachsene Dienstboten mit groben Schimpfwörtern, +oder gar mit Schlägen zu behandeln. Ein edler Mann +mag nur Kraft gegen Kraft setzen; nie wird er Den mißhandeln, +der sich nicht wehren darf.</p> + +<p>Fast noch härter ist es, den armen Dienstboten, wegen kleiner +Unachtsamkeiten, z. B. wenn sie etwas zerbrochen haben, +einen Theil ihres sparsamen Lohns zu entziehen. Besser ist es, +seinen Dienstboten so viel Zutrauen einzuflößen, daß sie selbst +es sogleich anzeigen, wenn durch ihre Schuld etwas im Hause +verloren gegangen oder zerbrochen ist, und dann ersetze man das +fehlende Stück ohne Anstand wieder, lasse sein häusliches Inventarium +nie verringert werden. Ist von einem Dutzend Tassen, +Teller, Gläser oder dgl. erst <em class="gesperrt">ein</em> Stück fort: so wird nicht +mehr auf die übrigen so viel Sorgfalt verwendet, und bald sind +sie alle verschwunden, da man denn in einen vollen Beutel greifen +muß.</p> + +<h4>7.</h4> + +<p>Fremden Bedienten soll man in aller Rücksicht höflich und +liebreich begegnen, denn in Betracht Unsrer sind sie freie Leute, +oder wir dürfen selbst uns nicht frei nennen, wenn wir Fürsten +dienen. Dazu kömmt, daß manche Bediente sehr viel Einfluß +auf ihre Herrschaften haben, daß die Stimme der Menschen aus +niedrigen Klassen oft sehr entscheidend für unsern Ruf werden +kann, und endlich, daß diese Klasse es sehr viel genauer damit +zu nehmen pflegt, sich leichter beleidigt glaubt, als Personen, +welche die Grundsätze einer feinen Erziehung über elende Kleinigkeiten +hinaussetzt.</p> + +<h4>8.</h4> + +<p>Es wird hier nicht am unrechten Orte stehen, wenn ich die +Warnung hinzufüge, sich vor Geschwätzigkeit und Vertraulichkeit +in dem Umgange mit Haarkräuslern, Bartscheerern und<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> +Putzmacherinnen zu hüten. Dies Volk — doch gibt es auch da +Ausnahmen — ist sehr geneigt, aus einem Hause in das andre +zu tragen, Intriguen, Ränke, Klatschereien anzuspinnen, und +sich zu allerlei unedlen Diensten gebrauchen zu lassen. Am besten +ist es, sich mit ihnen auf einen ernsthaften Fuß zu setzen.</p> + +<h4>9.</h4> + +<p>Das Gesinde pflegt kleine Veruntreuungen in Eß-Waaren, +Kaffee, Zucker u. dgl. für keinen Diebstahl zu halten. So unrecht +dieß ist, so bleibt es doch darum nicht weniger die Pflicht +der Herrschaften, ihren Domestiken die Gelegenheit zu benehmen, +dergleichen Unredlichkeiten sich schuldig zu machen. Zwei +Dinge sind hierbei am wirksamsten: zuerst, daß die Herrschaften +mit dem Beispiel der Mäßigkeit und Selbstbeherrschung vorangehen, +und dann, daß sie von Zeit zu Zeit durch freiwillige +Darreichung solcher Bissen, welche die Lüsternheit reizen könnten, +die Versuchung verhüten.</p> + +<h4>10.</h4> + +<p>Und nun sollte ich auch etwas von dem Betragen des Dieners +gegen den Herrn reden. Hier nur so viel über diesen Gegenstand: +Wer dient, der erfülle treu die Pflichten, zu welchen +er sich verbindlich gemacht hat; er thue darin lieber zu viel, als +zu wenig; den Vortheil seines Herrn sehe er wie seinen eignen +an; er handle immer so offenbar, und führe seine Geschäfte mit +solcher Ordnung, daß es ihm zu keiner Zeit schwer fallen könne, +Rechenschaft von seinem Haushalte abzulegen; er mißbrauche +nie das Zutrauen, die Vertraulichkeit seines Herrn; er decke nie +die Fehler Dessen auf, dessen Brod er ißt; er lasse sich nicht verleiten, +weder im Scherze, noch im Unwillen, die Gränzen der +Ehrerbietung zu überschreiten, die er Dem schuldig ist, dem das +Schicksal ihn unterwürfig gemacht hat; allein er betrage sich +auch immer mit einer solchen Würde, daß es dem Obern nie +einfallen könne, ihm mit Verachtung zu begegnen, oder unedle +Dienste zuzumuthen, sondern daß dieser seinen Werth, als den +eines Menschen, fühle, und, wenn er einer guten Empfindung +fähig ist, des Abstandes ungeachtet, den die bürgerliche Verfassung +zwischen ihnen gesetzt hat, ihm dennoch seine Hochachtung +nicht versagen könne! Er lasse sich nicht durch blendende Aussenseiten +bewegen, seinen Zustand zu verändern, sondern überlege, +daß jede Lage ihre Ungemächlichkeiten hat, die man in der<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> +Ferne nicht wahrnimmt! Hat er bei diesem redlichen und vorsichtigen +Betragen dennoch das Unglück, einem undankbaren, +harten, ungerechten Herrn zu dienen: so ertrage er, wenn sanfte +Vorstellungen nichts helfen, geduldig, ohne Geschwätz und ohne +Murren, die lieblose Behandlung, so lange er sich dieser Lage +nicht entziehen kann. Kann er aber, so trete er in ein anderes +Verhältniß, schweige nachher über das, was ihm begegnet ist, +und enthalte sich aller Rache, aller Lästerung, aller Plauderei! +Doch können Fälle eintreten, wo seine gekränkte Ehre eine öffentliche +oder gerichtliche Rechtfertigung gegen den mächtigen +Unterdrücker fordert, und dann trete er ohne Winkelzüge, kühn +und fest, voll Zuversicht auf die Güte seiner Sache, auf Gottes +und der Menschen Gerechtigkeit, hervor, und lasse sich weder +durch Menschenfurcht, noch durch Armuth abschrecken, seinen +Ruf zu retten, wenn auch der stärkere Bösewicht ihm alles +Uebrige rauben kann!</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Achtes_Kapit.">Achtes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns<br> +in demselben Hause wohnen.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Wenn wir in der Ordnung von den ersten und natürlichsten +Verhältnissen ausgehen, und immer von den einfachen zu den +zusammengesetztern fortschreiten: so denken wir, nach den bis +dahin betrachteten Verhältnissen, nun zuerst an die Verbindung +mit Nachbarn und Hausgenossen.</p> + +<p>Unsre neuere Philosophie überspringt zwar diese engen Verhältnisse; +allein ich bin dazu noch nicht aufgeklärt genug, und +schreibe also aus Ueberzeugung den Satz hin: »Nächst den Personen +Deiner Familie, bist Du am ersten Deinen Nachbarn +und Hausgenossen Rath, That und Hülfe schuldig.« Es ist +sehr süß, sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, wenn man +mit lieben, wackern Nachbarn eines zwanglosen, freundschaftlichen +und vertraulichen Umgangs pflegen darf. Es kommen im +menschlichen Leben so manche Fälle, wo augenblickliche kleine +Hülfe uns Wohlthat ist, wo wir uns zur Erholung von ernsthaften +Arbeiten, wenn Sorgen uns drücken, nach der Gegenwart<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> +eines guten Menschen sehnen, den wir nicht erst weit zu +suchen brauchen; — also vernachlässige man seine Nachbarn +nicht, wenn sie irgend von geselliger, wohlwollender Gemüthsart +sind! In großen Städten gehört es leider zum guten Tone, +nicht einmal zu wissen, wer mit uns in demselben Hause wohne. +Das finde ich sehr abgeschmackt, und ich weiß nicht, was mich +bewegen sollte, eine halbe Meile weit zu fahren, wenn ich die +Unterhaltung, oder die Langeweile, welcher ich nachrenne, eben +so gut zu Hause finden könnte, oder um einen Freundschafts-Dienst +die ganze Stadt zu durchjagen, wenn neben mir an ein +Mensch wohnt, der mir denselben gern erzeigen würde, in so +fern ich mir seine Freundschaft und sein Zutrauen erworben hätte. +Schämen würde ich mich, wenn es der Fall wäre, daß die +Miethkutscher und Straßenbuben mich besser, als meine Nachbarn +kennten.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Kaum bedarf es der Bemerkung, daß man sich hüten müsse, +sowohl sich denen aufzudringen, die uns als Hausgenossen nicht +ausweichen können, wie auch besonders, ihre Handlungen auszuspähen, +uns in ihre häuslichen Angelegenheiten zu mischen, +ihren Schritten nachzuspüren, und ihre Schwachheiten oder Fehltritte +unter die Leute zu bringen. Da vor Allen das Gesinde +hierzu sehr geneigt zu seyn pflegt: so soll man seine Dienstleute +davon abzuhalten, und den Geist der Klatscherei aus seinem +Hause zu verbannen suchen. Die Aufgabe ist schwer, aber nicht +unauflöslich.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Es giebt kleine Gefälligkeiten, die man Denen schuldig ist, +mit welchen man in demselben Hause, oder denen man gegenüber +wohnt, oder deren Nachbar man ist, — Gefälligkeiten, +die an sich gering sind, doch aber dazu dienen, Frieden zu erhalten, +uns beliebt zu machen, und die man deswegen nicht +verabsäumen soll. Dahin gehört: daß man Poltern, Lärmen, +spätes Thür-Zuschlagen im Hause vermeide, Andern nicht in +die Fenster gaffe, nichts in fremde Höfe oder Gärten schütte, +und dergleichen mehr.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Manche Menschen denken so wenig fein, daß sie glauben, +gemiethete Häuser, Gärten und Hausgeräthe brauchten gar nicht<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> +geschont zu werden, und es sey bei Bestimmung der Mieths-Summe +schon auf die Abnutzung und Verwüstung mit gerechnet +worden. Ohne zu erwähnen, daß dieß wenigstens nicht immer +der Fall ist, so denke ich auch: ein Mann, der Erziehung +hat, kann kein Vergnügen daran finden, muthwilliger Weise +etwas zu verderben, das nicht sein ist, wodurch er jemand betrübt, +und sich verhaßt macht. Es wird sehr bald bekannt, wenn +man pünktlich im Bezahlen, höflich und gefällig, dabei ordentlich +und reinlich ist, und man wird dann lieber und um billigern +Preis zum Miethsmanne aufgenommen, als mancher viel +Vornehmere und Reichere.</p> + +<h4>5.</h4> + +<p>Wenn unter Leuten, die zusammen in demselben Hause wohnen, +oder sonst täglich mit einander leben müssen, Verstimmungen +oder Mißverständnisse entstehen: so thut man wohl, die Erläuterung +zu beschleunigen; denn nichts ist peinlicher, als mit +Personen unter einem Dache zu leben, gegen die man einen +Widerwillen hegt.</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Neuntes_Kapit.">Neuntes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>In alten Zeiten hatte man hohe Begriffe von den Rechten der +Gastfreundschaft. Noch pflegen diese Begriffe in Ländern und +Provinzen, die weniger bevölkert sind, oder wo einfachere Sitten +bei weniger Reichthum, Luxus und Weichlichkeit herrschen, +so wie auf dem Lande, in Ausübung gebracht, und die Rechte +der Gastfreundschaft heilig gehalten zu werden. In unsern glänzenden +Städten hingegen, wo nach und nach der Ton der feinen +Lebensart allen Biedersinn zu verdrängen anfängt, gehören +die Gesetze der Gastfreundschaft nur zu den Höflichkeits-Regeln, +die Jeder nach seiner Lage und nach seinem Gefallen mehr oder +weniger anerkennt und befolgt. Auch ist es wahrlich zu verzeihen, +wenn man, bei immer zunehmendem Luxus, und dem +mannigfaltigen Mißbrauche, den man in unsern Zeiten von der +Gutherzigkeit der Menschen macht, vorsichtig in Erzeigung solcher +Gefälligkeiten wird, und wenn man genauere Rücksprache<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> +mit seinem Geldbeutel nimmt, bevor man jedem Müßiggänger +und freundlichen Schmarotzer Haus, Küche und Keller öffnet. +Wer hierin aus thörichter Eitelkeit zu viel thut, betrügt zugleich +sich und Andre: sich, indem er ein Vermögen verschwendet, +das er besser anwenden könnte; und Andre, indem er, unter +dem Titel von Gastfreundschaft, nur seinen Hang zur Prahlerei +befriedigt. Von der Gastfreundschaft der Großen und Reichen +rede ich gar nicht; Langeweile, Eitelkeit und Prachtliebe ordnen +da alles auf's Beste, und Der, welcher gibt, weiß, sowohl wie +Der, welcher empfängt, auf welche Rechnung er dieß zu schreiben, +und wie er sich dabei zu betragen habe. Aber für die Gastfreundschaft +unter Personen vom mittlern Stande will ich doch +einige allgemeine Regeln geben.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Man reiche das Wenige, was man der Gastfreundschaft +opfern kann, in gehörigem Maaße, mit guter Art, mit treuem +Herzen und mit freundlichem Gesichte dar! Man suche bei Bewirthung +eines Fremden oder eines Freundes weniger Glanz, +als Ordnung und guten Willen zu zeigen; fremde Reisende kann +man sich vorzüglich durch gastfreundschaftliche Aufnahme verpflichten. +Es kömmt ihnen nicht auf eine köstliche freie Mahlzeit, +aber darauf kömmt es ihnen an, daß sie Eingang in guten +Häusern, und dadurch Gelegenheit erhalten, sich über Gegenstände +zu unterrichten, die zu dem Zwecke ihrer Reise gehören. +Gastfreundschaft gegen Fremde ist desfalls sehr zu empfehlen. +Man sehe nicht verlegen aus, wenn uns unerwartet ein Besuch +überrascht! Nichts ist einem Reisenden unangenehmer und peinlicher, +als wenn er merkt, daß es dem Manne, der ihn bewirthet, +sauer wird, daß er ungern und nur aus Höflichkeit hergibt, +oder daß er mehr Aufwand dabei verschwendet, als seine Umstände +leiden; wenn er ohne Unterlaß seiner Frau oder seinen +Bedienten in die Ohren flüstert, oder mit ihnen zankt, sobald +eine Schüssel unrecht gestellt, oder etwas vergessen worden ist; +wenn er selbst im Hause herumläuft, alles anordnet und also an +der Unterhaltung gar nicht Theil nimmt; wenn der Mann zwar +gern gibt, die Frau hingegen dem armen Gast jeden Bissen in +den Mund zählt; wenn so wenig in den Schüsseln liegt, daß +Der, welcher vorlegt, unmöglich herumreichen kann; wenn der +Wirth und die Wirthin ungestüm zum Essen und Trinken nöthigen,<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> +oder auf eine Weise geben, die zu sagen scheint; »Es ist +nun einmal angeschafft; also füllet Euch den Bauch voll! Werdet +recht satt, so habt Ihr auf lange Zeit genug, und brauchet +so bald nicht wieder zu kommen!« endlich, wenn man Zeuge +von Familienzwist und der Unordnung, die im Hause herrscht, +seyn muß. Mit Einem Worte: es gibt eine Art, Gastfreundschaft +zu erweisen, die dem Wenigen, das man darreicht, einen +höhern Werth gibt, als die üppigsten Schmausereien. Vieles +trägt hierzu die Unterhaltung bei. Man muß daher die Kunst +verstehen, mit seinen Gästen nur von solchen Dingen zu reden, +die sie gern hören; in einem größern Kreise solche Gespräche zu +führen, woran Alle mit Vergnügen Theil nehmen und sich dabei +in vortheilhaftem Lichte zeigen können. Der Blöde muß ermuntert, +der Traurige aufgeheitert werden. Jeder Gast muß +Gelegenheit bekommen, von etwas zu reden, wovon er gern redet. +Weltklugheit und Menschenkenntniß müssen hier in den besondern +Fällen zum Leitfaden dienen. Man muß nichts als +Auge und Ohr seyn, ohne daß dieß mühsam aussehe, ohne daß +man Anstrengung wahrnehme, oder einen Zwang, den man +sich anthut, um zu zeigen, man wisse zu leben. Man bitte nicht +Menschen zusammen, oder setze solche an Tafeln neben einander, +die sich fremd, oder gar feind sind, sich nicht verstehen, nicht +zu einander passen, sich Langeweile machen! Alle diese Aufmerksamkeiten +aber müssen auf eine solche Art erwiesen werden, +daß sie nicht mehr Zwang auflegen, als sie Wohlthat für den +Gast sind. Haben die Bedienten aus Versehen den unrechten +Mann, oder haben sie einen Gast auf den unrechten Tag gebeten; +so muß der Fremde doch nicht merken, daß er uns unerwartet +kommt, wenigstens nicht, daß er uns in Verlegenheit +setzt, uns unwillkommen ist.</p> + +<p>Manche Menschen unterhalten sich und Andere am besten, +wenn man sie zu großen Gesellschaften bittet; Andre muß man, +wenn sie glänzen, oder sich an ihrem Platze finden sollen, ganz +allein, oder nur zu einem kleinen Familienmahl einladen: auf +dies alles muß man Acht haben. Jeder, der auf kurze oder +lange Zeit in Deinem Hause ist, und wäre er Dein ärgster +Feind, muß daselbst von Die gegen alle Arten von Beleidigung +und Verfolgungen Andrer, so viel an Dir ist, geschützt seyn! +Es müsse Jeder unter unserm Dache sich so frei wie unter seinem<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> +eignen fühlen; man lasse ihn seinen Gang gehen, renne ihm +nicht in jeden Winkel nach, wenn er vielleicht allein seyn will, +und verlange nicht von ihm, daß er für die Bewirthung alle +Unkosten der Unterhaltung allein tragen, durch Kurzweil ergötzen, +und dadurch seine Zeche bezahlen solle; endlich lasse man +nicht nach in Gefälligkeit und Bewirthung, wenn der Freund +sich längre, vielleicht, ein wenig unbescheiden, zu lange Zeit bei +uns aufhält, sondern erzeige ihm gleich in den ersten Tagen +nicht mehr und nicht weniger, als man in der Folge fortsetzen +kann!</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Der Gast aber hat gegen den Wirth auch gegenseitig Rücksichten +zu nehmen. Ein altes Sprichwort sagt: »Ein Fisch und +ein Gast halten sich beide nicht gut länger, als drei Tage im +Hause.« Diese Vorschrift leidet nun wohl glücklicher Weise +manche Ausnahmen; allein so viel Wahres steckt doch darin, +daß man sich niemand aufdringen, und Ueberlegung genug haben +soll, zu bemerken, <em class="gesperrt">wie lange</em> unsre Gegenwart in einem +Hause angenehm, und für niemand eine Bürde ist. Nicht immer +ist man so aufgelegt, nicht immer in seinen häuslichen Angelegenheiten +so eingerichtet, daß man gern Gäste bei sich sieht, +oder lange beherbergt. Bei Leuten, die nicht auf einen sehr großen +Fuß leben, soll man daher nicht leicht unvermuthet kommen, +oder sich selbst einladen. Dem Manne, der uns Gastfreundschaft +erweiset, sollen wir, zum Lohne seiner Güte, so wenig Last wie +möglich machen. Hat der Wirth mit seinen Leuten zu reden, oder +sonst häusliche Geschäfte: so schleiche man ruhig davon, bis er +fertig ist. Der bescheidene Gast wird ruhig und still sich nach den +Sitten des Hauses richten, den Ton der Familie annehmen, als +wenn er ein Glied derselben wäre, wenig Aufwartung fordern, +genügsam seyn, sich nicht in häusliche Angelegenheiten mischen, +nicht durch böse Launen den Ton verstimmen, und wenn es, +seiner Meinung nach, irgendwo in der Bewirthung gemangelt +hat, nicht undankbar und unedel hinter dem Rücken her darüber, +oder über das, was er sonst etwa in dem Hause gesehen hat, seinen +Spott treiben.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Es gibt aber auch Menschen, die einen so gewaltig hohen +Werth auf die Gastfreundschaft setzen, welche sie uns erweisen,<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> +daß sie dafür gelobt, geschmeichelt, bedient, häufig besucht, und +wer weiß was sonst alles seyn wollen. Das ist nun freilich nicht +billig. Ein mäßiger Mann verlangt doch nicht mehr, als sich +satt zu essen, und das kann er ja leicht um geringern Preis. +Das Mehr oder Weniger ist so viel nicht werth, und ich halte +wahrhaftig meine Gesellschaft und meine verlorne Zeit eben so +theuer, wie Ihre Hochmögenden Dero Pasteten und Braten.</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Zehntes_Kapit.">Zehntes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten<br> +empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern,<br> +Gläubigern und Schuldnern.</span></h3> +</div> +<h4>1.</h4> + +<p>Die Dankbarkeit ist eine der heiligsten Tugenden. Wer Dir +Gutes gethan hat, den ehre! Danke ihm nicht nur mit Worten, +die ihm die Wärme Deiner Erkenntlichkeit zeigen, sondern +suche auch jede Gelegenheit auf, wo Du ihm wieder dienen und +nützlich werden kannst! Fehlt Dir aber dazu die Veranlassung, +so entfalte ihm wenigstens durch ein auszeichnend ehrendes und +theilnehmendes Betragen Dein dankbares Herz! Du darfst nicht +gerade dies Betragen pünktlich nach der Größe der Wohlthat +abmessen, die Du empfangen hast, sondern nach dem Grade des +guten Willens, den Dein Wohlthäter Dir gezeigt hat! Höre +auch <em class="gesperrt">dann</em> nicht auf, dankbar gegen ihn zu seyn, wenn Du +seiner nicht mehr bedarfst, oder wenn Unglücksfälle ihn von seiner +Höhe herabgestürzt, ihn seines Glanzes beraubt haben!</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Nie aber laß Dich zu niederträchtiger Schmeichelei herab, +um entweder Wohlthaten zu erschleichen, oder für den empfangnen +Schutz auf unedle Weise Dich zum Sclaven eines schlechten +Mannes zu machen! Wo Pflicht und Rechtschaffenheit es fordern, +da müsse Dein Mund nie zum Unrechte schweigen, und +keine Art von Bestechung die Stimme der Wahrheit zum Schweigen +bringen! Du bezahlst reichlich die Wohlthat, wenn Du dafür +die Pflichten eines ächten Freundes erfüllst, und, selbst mit +Gefahr, den Schutz zu verlieren und für undankbar gehalten zu +werden, dem Wohlthäter sagst, was ihm nöthig und heilsam zu<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> +hören ist. Eben so wenig leide, daß jemand sich's zum Verdienste +anrechnet, daß er Dich bis jetzt hochgeschätzt, Dich bei +Andern gelobt und vertheidigt habe! Warst Du dessen würdig, +so erfüllte er eine Pflicht, die man auch seinen Feinden nicht +versagen darf, wo nicht, so hat er nicht gehandelt, wie ein gerechter +und verständiger Mann, selbst in Rücksicht seiner Freunde, +handeln soll.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Es ist eine unangenehme Lage, wenn man jemand, dem +man viel Verbindlichkeit schuldig ist, nachher von einer schlechten +Seite kennen lernt. Dieser Verlegenheit weicht man nun +freilich aus, wenn man so wenig wie möglich Wohlthaten annimmt. +Allein nicht immer läßt sich das thun; und wenn man +dann wirklich in die Verlegenheit kommt, einem schlechten Menschen +auf diese Art verpflichtet zu werden: so rathe ich an, ihn +wenigstens mit so viel Schonung zu behandeln, als nur immer +mit Redlichkeit und weiser Wahrheitsliebe bestehen kann, und +von seiner Schlechtigkeit zu schweigen; doch nur, in so fern +Schweigen nicht Verbrechen gegen die öffentliche Wohlfahrt +ist; — denn in diesem letztern Falle muß alle Rücksicht aufhören. +So wie aber unter den Menschen, welche Wohlthaten erzeigen: +so ist auch ein Unterschied unter den Wohlthaten selbst. +Es gibt unbedeutende Gefälligkeiten, die man ohne Furcht, auch +von den schlechtesten Leuten annehmen kann. Es ist dann <em class="gesperrt">ihre</em> +Schuld, wenn sie dieselben höher anrechnen, als sie werth sind. +In andern Fällen hingegen, besonders wenn man empfangene +Dienste nicht erwiedern kann, ist es klug und edel, sie lieber +nicht anzunehmen.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Die Art, <em class="gesperrt">wie</em> man Wohlthaten erzeigt, ist oft mehr werth, +als die Handlung selbst. Man kann durch dieselbe den Preis jeder +Gabe erhöhen, so wie von der andern Seite ihr alles Verdienst +rauben. Wenig Menschen verstehen diese Kunst; nur die +Edlen und Gefühlvollen wissen sie meisterhaft auszuüben, und +zugleich dem dankbaren Herzen die Gelegenheit, sich erkenntlich +zu beweisen, nicht zu verkümmern. <em class="gesperrt">Der</em> gibt doppelt, der +<em class="gesperrt">gleich</em>, zu rechter Zeit, ungebeten und mit Freuden gibt. Gib +gern! Es ist seliger Genuß, es ist Wohlthat, geben, zur Freude +Andrer etwas beitragen zu dürfen. Gib also gern, aber verschwende<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> +nicht Deine Wohlthaten! Sey dienstfertig, bereitwillig; +aber dringe niemanden Deine Dienste auf! Rechne nicht, +ob es erkannt und belohnt werden wird! Brauche doppelte Schonung +im Umgange mit Denen, welchen Du Gutes erwiesen, +aus Furcht, sie mögten argwöhnen, Du wolltest Dich für Deine +Mühe bezahlt machen, sie Dein Uebergewicht fühlen lassen, Dir +größere Freiheit gegen sie erlauben, weil sie aus Dankbarkeit +schweigen müssen! Oft ist es edler und zarter gehandelt, von +Dem keine Gegen-Gefälligkeiten anzunehmen, dem wir Wohlthaten +erzeigt haben; oft hingegen ist es edler, ihm Gelegenheiten +zu geben, uns durch kleine Dienste, die man ihm hoch anrechnen +kann, für große gleichsam zu bezahlen, damit keine zu +schwere Last von Verbindlichkeiten auf ihm zu liegen scheine. +Weise nicht die Bittenden von Deiner Thür zurück! Wenn Dich +jemand um Rath, Hülfe, Wohlthat anspricht: so höre ihm +freundlich, theilnehmend und aufmerksam zu! Laß ihn ausreden, +Dir seine Sache vorstellen, ohne ihm in die Rede zu fallen, denn +dem Unglücklichen thut es sehr wohl, wenn er nur sein Herz +ausschütten kann.</p> + +<h4>5.</h4> + +<p>Keine Wohlthat ist größer, als die des Unterrichts und der +Bildung. Wer jemals etwas dazu beigetragen hat, uns zu weisern, +bessern und glücklichern Menschen zu machen, der müsse +unsers wärmsten Danks lebenslang gewiß seyn können! Hat er +dabei nicht alles geleistet, was wir jetzt, bei reifern Jahren, bei +weitern Fortschritten in der Kultur, von einem Lehrer und Erzieher +fordern würden: so sollen wir doch nicht unerkenntlich gegen +das seyn, was wir von ihm empfangen haben.</p> + +<p>Ueberhaupt verdienen ja Diejenigen wohl mit vorzüglicher +Achtung behandelt zu werden, die sich redlich dem wichtigen Erziehungs-Geschäfte +widmen. Es ist wahrlich eine höchst schwere +Arbeit, Menschen zu bilden: — eine Arbeit, die sich nie mit +Gelde bezahlen läßt. Der geringste Dorf-Schulmeister, wenn +er seine Pflichten treulich erfüllt, ist eine wichtigere und nützlichere +Person im Staate, als der Finanz-Minister; und da sein +Gehalt gewöhnlich sparsam genug abgemessen ist: was kann da +billiger seyn, als daß man diesem Mann wenigstens durch hinreichendes +Auskommen, und einige Ehrenbezeigung das Leben +süß, und das Joch erträglich zu machen suche? Schämen sollten<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> +sich die Menschen, die den Erzieher ihrer Kinder wie eine Art +von Dienstboten behandeln! Mögten sie nur bedenken (wenn +sie auch nicht fühlen können, wie unedel dies Betragen an sich +schon ist), welchen nachtheiligen Einfluß dieß auf die Bildung +der Jugend hat! Es kann mir durch die Seele gehen, wenn ich +den Hofmeister in manchem adelichen Hause demüthig und stumm +an der Tafel seiner gnädigen Herrschaft sitzen sehe, wo er es nicht +wagt, sich in irgend ein Gespräch zu mischen, sich auf irgend +eine Weise der übrigen Gesellschaft gleich zu stellen, — wenn +sogar den ihm untergebenen Kindern von Eltern, Fremden und +Bedienten der Rang vor ihm gegeben wird, — vor ihm, der, +wenn er seinen Platz ganz erfüllt, als der größte Wohlthäter +der Familie angesehen werden sollte. — Es ist wahr, daß es +unter den Männern dieser Art hie und da solche gibt, die eine +so traurige Figur ausser ihrer Studirstube spielen, daß man nicht +wohl auf einem bessern Fuß mit ihnen umgehen kann; allein +das widerlegt nicht dasjenige, was ich von der Achtung gesagt +habe, die man diesem Stande schuldig ist. — Wehe <em class="gesperrt">den</em> Eltern, +die ihre Kinder solchen <em class="gesperrt">selbst</em> nicht erzogenen Miethlingen +anvertrauen!</p> + +<p>Hast Du aber einen edlen Freund gefunden, der sich der Erziehung +Deines Sohnes annimmt: so ist es auch nicht genug, +daß Du ihm ausgezeichnet freundlich, ehrenvoll und dankbar begegnest; +Du mußt ihm auch freie Macht lassen, ohne Widerspruch +seinen Erziehungsplan durchzusetzen; und von <em class="gesperrt">dem</em> Augenblicke +an, da Du Dein Kind seiner Leitung übergibst, hast +Du den wichtigsten Theil Deiner väterlichen Rechte auf ihn +übertragen. — Doch dies alles gehört mehr in ein Werk über +Erziehung, als daß hier der Ort wäre, weitläuftig davon zu +handeln. Ich schweige daher auch von dem Betragen der Lehrer +und Hofmeister im Umgange mit ihren Untergebenen, und eile +weiter.</p> + +<h4>6.</h4> + +<p>Ueber den Umgang mit Schuldnern und Gläubigern habe +ich wenig zu sagen. Man sey menschlich, billig und höflich gegen +die Erstern! Man glaube nicht, daß jemand, der uns Geld +schuldig ist, deswegen unser Sclave geworden sey, daß er sich +alle Arten Demüthigungen von uns müsse gefallen lassen, daß +er uns nichts abschlagen dürfe, noch überhaupt, daß der elende<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> +Bettel, der Mammon, einen Menschen berechtigen könne, sein +Haupt über den andern emporzuheben! Seine Gläubiger bezahle +man pünktlich, und halte sein Wort treulich! Man verwechsele +nicht den ehrlichen Mann, der von billigen Zinsen leben muß, +mit dem jüdischen Wucherer: so wird man immer Kredit haben, +und, wenn man in Verlegenheit sich befindet, billige Menschen +antreffen, die uns, ohne ihren Schaden, aus der Noth helfen.</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Eilftes_Kapit.">Eilftes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber das Betragen gegen Leute, in allerlei besondern Verhältnissen<br> +und Lagen.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Zuerst über die Aufführung gegen unsre <em class="gesperrt">Feinde</em>! Man kränke +niemand vorsätzlich; man sey wohlwollend, dienstfertig, verständig, +vorsichtig, gerade und ohne Winkelzüge in allen Handlungen; +man erlaube sich keinen Schritt zum Nachtheil eines Andern; +man zerstöre keines Menschen Glückseligkeit; man verläumde +niemand; man verschweige selbst das wirkliche Böse, das +man von seinem Mitmenschen weiß, wenn man nicht entschiednen +Beruf hat, oder das Wohl Andrer es bestimmt erfordert, +darüber zu reden: so wird man — etwa keine Feinde haben? — +das sage ich nicht; aber man wird, wenn uns dennoch Neid +und Bosheit verfolgen, wenigstens die Beruhigung empfinden, +keine Veranlassung zur Feindschaft gegeben zu haben.</p> + +<p>Es steht nicht immer in unsrer Willkühr, geliebt, aber es +hängt immer von uns ab, geachtet zu werden. Allgemeiner Beifall, +allgemeines Lob sind eben so zweideutige, als entbehrliche +Merkmale des persönlichen Werthes; allgemeine Achtung können +selbst die Schurken dem Redlichen und Weisen in ihren Herzen +nicht versagen, und der warmen Freunde bedarf man etwa +nur drei in der Welt, um glücklich zu seyn.</p> + +<p>Will man ohne Zwang und Unruhe in dem Umgange mit +Menschen leben, so muß man es nicht darauf anlegen, oder für +wünschenswerth halten, von allen Menschen für gut und weise +gehalten zu werden. Je mehr hervorleuchtende edle Eigenschaften +aber ein Mann hat, um desto gewisser kann er darauf rechnen, +von der Scheelsucht schwacher und schlechter Menschen<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> +Manches ertragen zu müssen; und Die, welche die allgemeine +Stimme des Pöbels aller Klassen für sich haben, sind mehrentheils +die mittelmäßigsten Leute, Leute ohne Charakter, oder +niedrige Schmeichler und Heuchler. Es ist wahrlich nicht schwer, +Menschen zu gewinnen, auch die zu gewinnen, welche am heftigsten +gegen uns eingenommen waren, und das oft durch ein +einziges Gespräch unter vier Augen, wenn man ihre schwache +Seite studirt hat, und es recht darauf anlegt. Allein das ist +eine elende, des redlichen Mannes unwürdige Kunst, — und +was kümmert es mich am Ende, ob Menschen, die mein Herz +nicht kennen, — ja, die mich nie gesehen haben, durch die Geschwätze +irgend eines alten Weibes gegen mich eingenommen +sind, oder nicht?</p> + +<p>Klage aber nie über Verfolgung und Feinde, wenn Du nicht +Lust hast, die Anzahl der letztern zu vermehren; es schleicht immer +eine Anzahl furchtsamer, niederträchtiger Geschöpfe umher, +die nicht den Muth haben, gegen einen Mann von Würde sich +öffentlich zu erklären, die aber sich augenblicklich an Dich wagen, +sobald sie Dich hülflos, scheu und niedergeschlagen erblicken; +und diese, so unbedeutend sie Dir auch scheinen mögten, können +mit ihren Neckereien Dir tausendfältigen Kummer machen. Der +feste Mann muß sich selbst schützen. Zeige Zuversicht zu Dir selber, +so wirst Du ganze Heere von Schelmen im Zaume halten! +Zudem ist des Kämpfens in der Welt so viel: jeder gute Mann +hat mit seinen eignen Angelegenheiten genug zu thun, so daß +es vergebens ist, Alliirte zu suchen, weil diese bei der ersten Gelegenheit, +wo es eigne Sicherheit gilt, davon laufen. Der Mann, +welcher sich stellt, als merke er nicht einmal, daß man ihn verfolgt, +der von Zeit zu Zeit sagt: »Gottlob! mir geht es gut; +ich habe Freunde;« wird für einen mächtigen Bundesgenossen +gehalten, dessen man schonen müsse; dahingegen über den Verlassenen +Jeder herfällt.</p> + +<p>Willst Du Dich der Ueberlegenheit erfreuen, wenn Du beleidigt +wirst, so werde nie hitzig oder grob gegen Deine Feinde, +weder in Gesprächen, noch Schriften. Und wenn böser Wille +und Leidenschaft, wie es mehrentheils geschieht, bei ihnen im +Spiele sind: so laß Dich auf keine Art von Erläuterung ein! +Schlechte Leute werden am besten durch Verachtung bestraft,<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> +und Klatschereien am leichtesten widerlegt, wenn man sich gar +nicht darum bekümmert.</p> + +<p>Wenn man daher unschuldig verleumdet, angeklagt, verkannt +wird, so zeige man Stolz, Fassung und Würde in seinem +Betragen: und die Zeit wird alles aufklären, oder der Vergessenheit +übergeben.</p> + +<p>Nicht alle Bösewichter sind unempfindlich gegen eine edle, +großmüthige, immer gleiche, gerade Behandlung. Mit diesen +Waffen also kämpfe man, so lange sich's irgend thun läßt, gegen +seine Feinde! Sie müssen nicht Rache fürchten, sondern +den Richterstuhl des Publikums, wenn sie fortfahren, einen +Mann zu verfolgen, dem niemand seine Ehrerbietung versagt.</p> + +<p>Wenn aber Dein Stillschweigen bei ihren Ausfällen sie noch +kecker macht, dann zeige einmal, was Du <em class="gesperrt">thun könntest</em>, +wenn Du <em class="gesperrt">wolltest</em>! Aber gebrauche dabei keine Winkelzüge! +Vereinige Dich nie mit andern schlechten Leuten; mache keine +gemeinschaftliche Sache mit <em class="gesperrt">einem</em> Schelme, um den andern +zu bekämpfen; sondern tritt ganz allein, muthig, kühn, schnell, +gerade und öffentlich gegen sie auf! Es ist unglaublich, wie viel +ein Einziger, mit einem guten Gewissen und mit edlem Feuer, +gegen Schaaren von Nichtswürdigen vermag.</p> + +<p>Sey nur trotzig gegen mächtige, siegende Feinde! Des Ueberwundnen, +des Unglücklichen schone, und verschweige alles Unrecht, +das er Dir vormals zugefügt hat, sobald er ausser Stande +ist, Dir ferner zu schaden, oder sobald die Stimme des Publikums +ihn gerichtet hat! Allein der Bösewicht wendet alles an, +um es dahin nicht kommen zu lassen; — das Gefühl seiner eignen +Ungerechtigkeit wird ein neues Verbrechen für Den, welchen +er muthwillig gekränkt hat. Doch endlich kömmt alles an +den Tag, und dann genieße mit Bescheidenheit die Freuden des +Triumphs!</p> + +<p>Laß Dir nie zweimal die Hand zur Versöhnung reichen! Vergiß +dann alle Beleidigungen, solltest Du auch fürchten müssen, +daß dein Beleidiger bei der ersten Gelegenheit die Feindseligkeit +erneuern wird! Sey zwar auf Deiner Hut; aber zeige kein Mißtrauen! +Es ist besser, unschuldiger Weise zum zweitenmal beleidigt +werden, als ein einzigmal den Mann, dem es mit seiner +Rückkehr zu Dir ein Ernst ist, kränken, erbittern, und ihm allen<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> +Muth nehmen! Aber man muß auch verzeihen können, <em class="gesperrt">ohne</em> +darum gebeten zu werden.</p> + +<p>Man hat oft die beste Gelegenheit, die Gemüthsart eines +Menschen dann kennen zu lernen, wenn er uns beleidigt hat. +Man gebe Acht, ob er es durch Bitten um Verzeihung wieder +gut zu machen sucht? — und wie? — gleich, oder lange nachher? +— öffentlich oder heimlich? — und warum nicht gleich, +und vor allen Leuten? — Aus Starrköpfigkeit, Eitelkeit, oder +Blödigkeit? — Oder ob er gar keinen Schritt thut, sondern +uns laufen läßt, wohl gar mault, und den Gekränkten verdächtig +und verhaßt zu machen sucht? — Ob jenes aus Leichtsinn +oder Tücke? — Oder ob er den Fehler zu beschönigen sucht, den +Gesichtspunkt zu verrücken sucht, um Recht zu behalten. — +Schon in den Jahren der Kindheit kann man aus diesen Zügen +auf den künftigen Charakter schließen.</p> + +<p>Uebrigens hat man nicht Unrecht, wenn man behauptet, daß +unsre Feinde oft, ohne es zu wollen, unsre größten Wohlthäter +sind. Sie machen uns aufmerksam auf Fehler, die unsre eigne +Eitelkeit, und die Nachsicht unsrer partheiischen Freunde, und +die niedrige Gefälligkeit der Schmeichler vor unsern Augen verbergen. +Ihre Schmähungen feuern in uns den Eifer an, desto +sorgsamer den Beifall der Bessern zu verdienen; und wenn sie +jedem unsrer Schritte auflauren, so lehren sie uns auf unsrer +Hut seyn, um ihnen keine Blöße zu geben.</p> + +<p>Keine Feindschaft pflegt heftiger zu seyn, als die unter entzweieten +Freunden. Unsre Eitelkeit kömmt da in das Spiel; +wir schämen uns, das Spielwerk eines Bösewichts gewesen zu +seyn; wir wenden alles an, um Diesen nun im schlechtesten +Lichte zu zeigen, damit wir vor der Welt unsre Trennung von +ihm rechtfertigen mögen. — Es ist ein trauriger Anblick, zu +sehen, wie dann selbst <em class="gesperrt">edle</em> Menschen, wenn sie gegen einander +aufgebracht sind, sich gegenseitig höchst unedel zu verkleinern suchen, +um sich gegen sich selber zu rechtfertigen. (S. Kap. 6.)</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Wir kommen oft in nicht geringe Verlegenheit, wenn unsre +Lage uns zwingt, mit <em class="gesperrt">Leuten</em> umzugehen, <em class="gesperrt">die einander +feind sind</em>, wo man es gar leicht mit einer Parthei verdirbt, +sobald man mit der andern gut steht, oder es mit Beiden verdirbt, +wenn man sich ungebeten, oder auf unvorsichtige Weise,<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> +in diese Händel mischt; ich empfehle dabei folgende Vorsichtigkeits-Regeln:</p> + +<p>So viel man kann, vermeide man es, mit zwei Partheien +umzugehen, die mit einander in Zwist leben!</p> + +<p>Kann man dieß aber nicht ändern, zum Beispiel, ohne plötzlich +ein Verhältniß aufzuheben, in welchem man lange Zeit gestanden: +so setze man sich, wo möglich, auf den Fuß, in die +obwaltenden Streitigkeiten durchaus nicht eingeflochten zu werden! +Man bitte sich's vielmehr aus, daß in den Gesprächen +diese Sache nie berührt werde! Diese Regel findet vorzüglich +dann Statt, wenn Menschen, die ehemals vertraute Freunde +gewesen sind, nun auf einmal in Feindschaft mit einander gerathen. +Verhalte Dich ganz leidend, wenn dann einer über den +andern bei Dir klagt! Er mag nun in der ersten Empfindlichkeit +ein Wort zu viel gesagt haben, und nachher mit seinem Gegentheile +wieder einig werden, oder es mag in dauernde Feindschaft +übergehen: so wird er es doch bei kaltem Blute übel nehmen, +wenn Du zum Guten oder Bösen gerathen hast.</p> + +<p>Kann man aber auch dieß nicht ändern, so enthalte man +sich zuerst aller feigen und heuchlerischen Zweizüngigkeit! Das +heißt: man rede nicht, wenn man bei der einen Parthei ist, +zum Nachtheile der andern, und wiederum zum Tadel jeder, +wenn diese es wünschen; sondern, wenn man sich durchaus darüber +erklären muß, immer so, wie es einem redlichen, gerechten +Manne zukömmt!</p> + +<p>Noch schändlicher aber, als jene Duplicität, ist das Verfahren +mancher Menschen, die, um bei solcher Gelegenheit im Trüben +zu fischen, oder sich wichtig zu machen, oder aus Schadenfreude +und Geist der Intrigue, von beiden Seiten Oel zum +Feuer gießen, und den Zwist unterhalten.</p> + +<p>Wenn man ferner die streitenden Theile nicht recht genau +kennt; wenn sie nicht unsre vertrautesten Freunde sind; wenn +man nicht ganz gewiß weiß, daß man es mit edeln, von Vernunft +regierten Leuten zu thun hat, die vielleicht nur durch Mißverständnisse, +oder durch andre, mit Hülfe eines Dritten leicht +zu hebende Irrungen getrennt worden; wenn vielmehr böser +Wille, Eigennutz, ungesellige Gemüthsart, oder unbändige Leidenschaft +im Spiele ist, — folglich keine dauerhafte Wiedervereinigung +zu hoffen steht: so lasse man sich nicht darauf ein, Versöhnung<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> +stiften zu wollen! Man verdirbt es dabei leicht mit einer +Parthei, und nicht selten mit beiden.</p> + +<p>Ist es endlich gar nicht zu vermeiden, daß man sich <em class="gesperrt">für</em> +oder <em class="gesperrt">gegen</em> eine von den beiden Partheien bestimmt erkläre, so +erkläre man sich ohne Ansehen der Person und ohne Rücksicht +auf Freundschaft, Schmeichelei und Verwandtschaft, männlich +und unerschütterlich, für Den, von dem die Vernunft sagt, daß +er Recht habe, und bleibe ihm treu und beständig zugethan, +es gehe auch, wie es wolle!</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Wenden wir uns jetzt zu <em class="gesperrt">Kranken</em> und <em class="gesperrt">Leidenden</em>! — +Wer je empfunden hat, welch ein Labsal bei Krankheiten und +Schmerzen eine gute, sorgsame, stille und theilnehmende Pflege +gewährt, der wird den Gegenstand nicht unwichtig finden. Die +Art der Behandlung und Sorgfalt muß sich allerdings nach der +Verschiedenheit der Krankheiten richten, mit welchen der Leidende +kämpft, und ich kann also keine allgemein passende Regeln vorschlagen; +doch, so viel sich im Ganzen über diesen Gegenstand +sagen läßt, möge hier Platz finden!</p> + +<p>Es gibt Krankheiten, in welchen Aufheiterung des Gemüths, +Zerstreuung und angenehme Unterhaltung sehr viel zur Genesung +beitragen, und hingegen andre, bei denen Ruhe und stille Pflege +das Einzige sind, wodurch man dem Leidenden Linderung verschaffen +kann. Man soll daher wohl unterscheiden und beobachten, +welche Art von Behandlung anwendbar seyn mögte.</p> + +<p>Ob in schweren Krankheiten die Aufwartung <em class="gesperrt">bezahlter</em> +Wärter der sorgfältigen, liebevollen und zarten Pflege werther +Freunde darum vorzuziehen sey, weil diese leicht übertrieben, +und dann dem Kranken lästig und ängstlich wird, muß dem Gefühl +eines Jeden überlassen bleiben. Jene sind durch Erfahrung +mit den kleinen Handgriffen bekannt, und leisten ihre Dienste +mit unverdrossener Geduld, Kaltblütigkeit und strenger Pünktlichkeit, +bekümmern sich nicht um unsre Launen, und leiden +nicht bei unsern Schmerzen; diese hingegen werden uns oft, besonders +wenn unsre Nerven sehr reizbar sind, durch zu viel Eifer +lästig, wissen nicht behutsam genug bei ihren Handreichungen +mit uns umzugehen, erregen unsre Ungeduld durch Fragen, und +machen unser Leiden durch zu warmes Mitgefühl, das wir in +ihren Augen lesen, doppelt schwer; wozu denn noch kömmt, daß<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> +der Gedanke, wie sehr sie mit uns leiden, und welche Opfer sie +uns bringen, uns einen peinlichen Zwang auflegt. Will man +daher seinen Freund selbst verpflegen, so suche man die Art geübter +Krankenwärter nachzuahmen, dem Leidenden so wenig wie +möglich lästig zu werden, und alles mechanisch so zu machen, +wie er es gern zu haben scheint: man werde nicht mißvergnügt, +wenn ein Kranker zuweilen auffahrend, böser Laune, oder zänkisch +wird! Wir fühlen nicht, wie ihm zu Sinne ist, und wie +seine zerrüttete Maschine auf seinen Geist wirkt. Doch kann ein +Mann, der achtsam auf sein eignes Ich ist, viel über sich erlangen, +und selbst in schweren Krankheiten in so weit Meister über +seine Launen werden, daß er diejenigen Personen, welche ihm +Sorgfalt widmen, nicht unnützer Weise plage.</p> + +<p>Man mache nicht, besonders bei einem Kranken von sehr +empfindlicher, weicher Gemüthsart, sein Leiden durch Wehklagen +und ängstliches Bezeigen noch schwerer!</p> + +<p>Man rede nicht von Dingen, die ihm, selbst wenn er gesund +wäre, unangenehm seyn würden, — nicht von häuslichen Verlegenheiten, +vom Tode, noch von Vergnügungen, an welchen +er nicht Theil nehmen kann!</p> + +<p>Leute, die bloß in der Einbildung krank sind, muß man +zwar nicht verspotten, noch zu überzeugen suchen, daß ihnen +nichts fehle; denn das macht eine ganz entgegengesetzte Wirkung +auf sie; aber man soll sie auch nicht in ihrer Thorheit bestärken, +sondern, wenn vernünftige Vorstellungen nichts helfen, nur gar +keine Theilnahme zeigen, ihre Klagen mit Stillschweigen beantworten, +und, wenn der Sitz des Uebels im Gemüthe ist, sie +durch weise gewählte Zerstreuungen auf andre Gedanken zu bringen +suchen.</p> + +<p>Auch gibt es Menschen, die dadurch Interesse zu erwecken +glauben, daß sie sich kränklich stellen. Das ist eine höchst thörichte +Schwäche! Man suche solche Leute durch sanften Spott +und kräftige Ansprache von ihrer Albernheit zurückzuführen, sie +zu überzeugen, daß es besser sey, Bewunderung, als Mitleiden +zu erregen, und daß nichts so allgemein vortheilhafte Eindrücke +mache, als der Anblick eines Wesens, das, an Leib und Seele, +in seiner vollen Kraft, zur Ehre der Schöpfung dasteht!</p> + +<p>Endlich: in solchen Krankheiten, wo der Geist viel über den +Körper vermag, wo Seelen-Leiden das Uebel vermehren, und<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> +die Besserung hindern, da soll man alle Kräfte, seine ganze Lebhaftigkeit +aufbieten, um Heiterkeit, Muth, Trost und Hoffnung +in das Gemüth des Kranken zurückzurufen.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Noch schonender, als mit diesen Leidenden, soll man mit +<em class="gesperrt">Leuten</em> umgehen, <em class="gesperrt">auf welchen die schwere Hand des +Schicksals liegt</em>, — mit Unglücklichen, Armen, Bedrängten, +Verstoßenen und Zurückgesetzten, mit Verirrten und Gefallenen.</p> + +<p>Nimm Dich des <em class="gesperrt">Armen</em> an, wenn Dir Gott die Mittel in +die Hände gegeben hat, seine Noth zu erleichtern! Weise nicht +den Dürftigen von Deiner Thür zurück, so lange Du noch, ohne +Ungerechtigkeit gegen die Deinigen, eine kleine Gabe zu geben +hast! Sey es wenig oder viel, so gib es mit gutem Herzen, +und — wie ich bei Gelegenheit gesagt habe, als von der Art, +Wohlthaten zu erzeigen, die Rede war, — gib es mit guter +Art! Ein Wort ist oft besser, als eine große Gabe, und ein +holdseliger Mensch gibt sie beide, sagte schon Sirach; und was +für ein Wort könnte er meinen, als das erquickende Wort der +herzlichen Theilnahme. — Sey ferner nicht allzu gerecht, wo +vom Helfen und Erbarmen die Rede ist. Berechne nicht so genau, +ob der Mann, dem Du helfen kannst, selbst an seinem +Unglücke Schuld sey, oder nicht! Wer in der Welt würde <em class="gesperrt">ganz</em> +unschuldig an den Leiden, die ihn treffen, befunden werden, +wenn man alles strenge untersuchen wollte? Willst oder kannst +Du aber gar nichts, oder nur wenig geben, so brauche keine +leere Ausflüchte! Laß den Armen nicht durch Deine Bedienten +unter allerlei Vorwande wieder bestellen, oder vertrösten! Am +wenigsten aber erlaube Dir, etwa zu Rechtfertigung Deiner +Hartherzigkeit, z. B. Grobheiten, beleidigende Strafpredigten +gegen Den, dessen Bitte Du abzuschlagen entschlossen bist, harte +Vorwürfe; sondern sprich den Bittenden selbst, und sage ihm +kurz und menschenfreundlich, warum Du nicht geben kannst, +nicht geben willst! Thue auch auf das erste Wort, was zu thun +vernünftig und gut ist, und warte nicht darauf, daß man durch +wiederholtes Betteln Dein Herz erweiche! Gib aber nicht wie +ein Verschwender, sondern laß Deine Wohlthaten von der Gerechtigkeit +gegen Dich und Andre bestimmt werden, und verschleudre +nicht an den Landläufer, Bettler von Handwerke und +Faullenzer, was Du dem hülflosen Alter, der Gebrechlichkeit,<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> +und dem durch widrige Zufälle Verunglückten schuldig bist! Und +wo es Labsal geben kann, da begleite Deine kleine Gabe ein +sanftes Trostwort, ein vertraulicher Rath, und ein freundlicher, +mitleidiger Blick! Gehe schonend und äusserst fein mit Leuten +um, die in unangenehmen häuslichen Lagen sind! Sie pflegen +sehr empfindlich zu seyn, pflegen leicht zu glauben, man verachte +sie, setze sie zurück, ihrer Armuth wegen. Das elende Geld +hat leider nur gar zu viel Einfluß auf den Pöbel aller Stände. +Unterscheide Dich von diesem Haufen! Ehre den verdienstvollen +Armen öffentlich! Suche ihm wenigstens einen frohen Augenblick +zu machen, wenn Du auch seine Umstände nicht verbessern +kannst! Ueberhaupt sind alle Unglückliche mißtrauisch, und meinen, +jedermann sey <em class="gesperrt">gegen</em> sie. Suche ihnen diesen quälenden +Wahn zu benehmen! Bemühe Dich, ihr Zutrauen zu gewinnen! +Entziehe Dich nicht dem Anblicke des Jammers! Fliehe nicht +die Hütte der Noth und der Dürftigkeit! Man muß vertraut +seyn mit dem mancherlei Elende auf dieser Welt, um bei dem +Leiden des unglücklichen Bruders recht innig theilnehmend mitempfinden +zu können. Wo der bescheidne Arme im Verborgenen +seufzt, es nicht wagt, sich herbeizudrängen und um Hülfe zu +bitten; wo widrige Vorfälle den fleißigen Mann, den Mann, +der einst bessre Tage gesehen hat, zu Boden schlagen; wo eine +zahlreiche ehrliche Familie, mit allem Fleiße, durch die tägliche +Arbeit ihrer Hände nicht so viel erringen kann, um sich gegen +Hunger, Blöße und Krankheit zu schützen; wo auf hartem Lager, +in durchwachten, durchseufzten Nächten, schamhafte Thränen +über gerungene Hände rollen: — <em class="gesperrt">dahin</em>, menschenfreundlicher +Wohlthäter! <em class="gesperrt">dahin</em> dringe Dein Blick! <em class="gesperrt">Da</em> kannst Du +Deine Gelder herrlich anlegen, und Zinsen erwerben, die keine +Bank auf Erden Dir zusichern kann.</p> + +<p>Wer kein Geld hat, der hat auch keinen Muth. Er fürchtet +aller Orten zurückgesetzt zu werden, glaubt jede Demüthigung +ertragen zu müssen, und zeigt sich überall in ungünstigem Lichte. +— Ach! ermuntre einen also Niedergedrückten! Ehre ihn, +wenn er es sonst verdient, und bewege Deine Freunde, daß sie +ein Gleiches thun!</p> + +<p>Manchen aber drücken schwerere Leiden, als die der Armuth +und des Mangels: <em class="gesperrt">Seelenleiden</em>, die an der Knospe des Lebens +nagen. O! schone des Kummervollen! Pflege seiner!<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> +Suche ihn aufzurichten, zu trösten, mit Hoffnung zu erfüllen, +Balsam in seine Wunden zu gießen, und wenn Du seine Last +nicht erleichtern kannst, so hilf wenigstens tragen, und weine +eine brüderliche Thräne mit ihm! Richte aber die Art Deiner +Behandlung vernünftig ein! Es gibt Augenblicke des Schmerzes, +wo alle Gründe der Philosophie keinen Eingang finden, +und da ist das Mitgefühl oft das beste Labsal. Es gibt einen +Kummer, dessen Tilgung man ruhig und still der Zeit überlassen +muß; es gibt Leidende, die erleichtert werden, wenn man +ihnen Gelegenheit gibt, ihr Herz auszuschütten, und von dem +zu reden, was ihr ganzes Herz erfüllt; es gibt Schmerzen, die +nur Einsamkeit lindert, und Lagen, in welchen ein festes, männliches +Zureden, Erweckung des Muths, Aufruf zu stolzer Zuversicht, +die besten Tröstungen sind; ja es gibt selbst solche, wo +man den Niedergebeugten mit Gewalt herausreissen muß, wenn +er nicht der Verzweiflung zum Raube werden soll. Die Klugheit +aber allein kann uns in jedem dieser einzelnen Fälle lehren, +welche unter diesen Mitteln wir zu wählen haben.</p> + +<p>Die Unglücklichen ketten sich gern an einander. Statt sich +aber gemeinschaftlich zu trösten, winseln sie mehrentheils nur +mit einander, und versinken immer tiefer in Schwermuth und +Hoffnungslosigkeit. Darum suche doch der Kummervolle, dem +weder die Forderungen und Gründe seiner eigenen Vernunft, +noch Zerstreuungen seinen Zustand erträglich machen, den Umgang +eines verständigen, nicht empfindelnden Freundes, damit +er an seiner Seite die Kraft gewinne, die Gedanken auf andere +Gegenstände zu richten, die seinen Schmerz nicht nähren.</p> + +<p>Es gibt Menschen, die in unglücklichen Lagen und Verhältnissen, +weniger <em class="gesperrt">traurig</em>, als <em class="gesperrt">mürrisch</em>, <em class="gesperrt">zänkisch</em>, ja, sogar +<em class="gesperrt">hämisch</em> sind, so daß sie Unschuldige darunter leiden lassen, +wenn nicht alles nach ihrem Kopfe geht. Ein edles Herz wird +sanfter durch den Schmerz; und selbst der Menschenfeind, den +Schicksale erbittert haben, wird, wenn er sonst ein guter Mensch +ist, wohl düster, verschlossen, auch nach seinem Temperamente +vielleicht einmal ungeduldig und auffahrend werden; aber er +wird nie vorsätzlich auf einen Dritten die Last seines Kummers +wälzen, und dieß um so weniger, je schwerer seine Leiden sind.</p> + +<p>Die mehrsten Menschen haben nur Mitleid mit stillem Kummer, +empfinden aber Ueberdruß bei lauten Klagen; vielleicht<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> +weil diese sie gleichsam zwingen zu wollen scheinen, Theil daran +zu nehmen.</p> + +<p>Der <em class="gesperrt">Unterdrückten</em>, <em class="gesperrt">Zurückgesetzten</em> und <em class="gesperrt">Verfolgten</em> +soll man sich annehmen, in so fern es die Klugheit erlaubt, +und wir ihnen dadurch nicht etwa mehr schaden, als nützen. +Dieß ist nicht nur Pflicht, wenn von thätiger Hülfe und Rettung +des ehrlichen Namens die Rede ist; auch im gesellschaftlichen +Umgange, wo das bescheidene Verdienst so oft übersehen +und von leeren Windbeuteln über die Achsel angeschauet wird, +wo Rang und Glanz gegen den innern Werth verblenden, wo +Schwätzer und Windbeutel den Weisen überschreien, wird es +sich der Edle zur Pflicht machen, das bescheidene und schüchterne +Verdienst hervorzuziehen, und den Verdienstvollen, der stumm +und verlegen dasteht, von niemand angeredet, ja, mit Verachtung +behandelt, gedemüthigt, lächerlich gemacht wird, durch +ehrenvolles Anreden und Entgegenkommen zu ermuntern und +auszuzeichnen. Wie unedel und wie ungerecht ist die Geringschätzung +und Härte, mit welcher zuweilen Stabs-Officiere jungen +Leuten begegnen, die doch schon die erste Stufe erstiegen +haben, um zu werden, was Jene sind; oder Patronen ihren +Hofmeistern und Predigern, oder vornehme Damen ihren Gesellschafterinnen, +oder eitle Stadtmädchen einem armen eingeschüchterten +Landmädchen, das in ihre Mitte verschlagen wird. +Solch ein Betragen ist eben so sehr Verletzung der Klugheit, als +der Pflicht.</p> + +<p>Neid und Mißgunst verfolgen den Glücklichen; Bosheit und +Kabale ruhen selten eher, als bis sie alles niedergedrückt haben, +was über sie emporragte; aber kaum ist ein Mensch ganz zu +Boden geschlagen, so sucht Jeder, selbst Der, welcher ihn verfolgt +hat, eine Ehre darin, seine Parthei zu ergreifen; doch, +wohl zu merken! wenn keine Hoffnung mehr da ist, daß er hierdurch +wieder emporkomme. Man möchte also fast sagen, man +wäre nicht <em class="gesperrt">ganz</em> verloren, so lange man noch Feinde hätte.</p> + +<p>Unter allen Unglücklichen sind wohl die <em class="gesperrt">Verirrten</em> und +<em class="gesperrt">Gefallenen</em> am meisten zu bedauern. Hierunter verstehe ich +Solche, die, vielleicht durch einen einzigen Fehltritt in eine Kettenreihe +von Vergehungen verflochten, das Gefühl für die Tugend +erstickt, oder die Fertigkeit, schlecht zu handeln, erlangt, +oder alle Zuversicht zu Gott, zu den Menschen, und zu sich<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> +selbst, also auch den Muth verloren haben, den bessern Weg +wieder zu suchen, oder die wenigstens im Begriff stehen, so tief +zu fallen. Sie sind höchst bedauernswürdig; denn sie entbehren +den einzigen Trost, der uns in den schwersten Leiden aufrichten +kann: das Bewußtseyn, nicht muthwilliger Weise sich ihr hartes +Schicksal zugezogen zu haben. Diese Unglücklichen verdienen +aber nicht nur unser Mitleiden, nein, auch unsre brüderliche +Nachsicht, unsre Zurechtweisung, und, wenn es noch Zeit ist, +unsern Beistand. Wenn man immer weise, duldend und unpartheiisch +genug wäre, zu überlegen, wie leicht das schwache menschliche +Herz irre zu leiten ist; wie unwiderstehlich bei heftigen Leidenschaften, +warmem Blute und verführerischen Gelegenheiten, +manche Reizungen werden können; wie blendend, anlockend +und bezaubernd die Aussenseiten mancher Laster sind; wie das +Laster sogar, mit Geist verbunden, durch sophistische Gründe die +innere Stimme der bessern Ueberzeugung zum Schweigen zu +bringen weiß, und wie es dann nur auf einen kleinen Schritt +ankömmt, um das Opfer der feinsten Täuschung, und stufenweise +unmerklich in das schrecklichste Labyrinth gelockt zu werden; +wenn man bedenken wollte, wie oft Mißmuth, oder Verzweiflung +über ein feindseliges Schicksal aus einem Menschen +von den besten Anlagen einen Bösewicht und Verbrecher machen; +wie man durch ungerechtes, entstehendes Mißtrauen alle gute +Gefühle einbüßen, alles Vertrauen zu sich selbst verlieren, und +in den Abgrund des Lasters geschleudert werden kann, so würde +man aufhören, die Gefallenen mit unbarmherziger Strenge zu +richten, würde nicht so zuversichtlich auf Tugenden trotzen, die +nicht selten nur das Werk eines kalten Temperaments, das Werk +glücklicher Verhältnisse und einer vorzüglichen Leitung sind; +würde es für Pflicht erkennen, sich der Gefallenen anzunehmen, +und dem Strauchelnden liebevoll die Hand zu reichen. — Aber +heißt das nicht, tauben Ohren predigen? — Doch mein Herz +drängt mich, über diesen Gegenstand etwas zu sagen. Also zur +Sache! — Nichts bessert weniger, als kalte moralische Predigten. +Es gibt wenig Menschen, selbst unter den Lasterhaften, die +nicht eine Menge herrlicher Gemeinsprüche über die Pflichten, +welche sie übertreten, zu sagen wüßten; das Unglück ist nur, +daß die Stimme der Leidenschaft mit wärmerer Beredtsamkeit +spricht, als die Stimme der Vernunft. Willst Du also dieser<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> +gegen jene Gewicht geben, so mußt Du die Kunst verstehen, +Deine Tugend-Lehren in ein reizendes Gewand zu hüllen, mußt +nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz und die Sinnlichkeit +Dessen, den Du zurechtweisen willst, auf Deine Seite bringen; +Dein Vortrag muß warm, und nach den Umständen bildreich, +sinnlich, erschütternd, hinreissend seyn. Allein der Mann, +den Du vor Dir hast, muß Dich auch lieben und hochschätzen, +muß sich zu Dir hingezogen fühlen, muß mit Enthusiasmus für +das Gute und Schöne erfüllt werden, und dabei in der Entfernung +Ehre, Freude und Genuß auf dem Wege erblicken, auf +welchen Du ihn zu leiten suchst. Dein Umgang, Dein Rath +und Dein Trost muß ihm zum Bedürfniß werden. Dieß aber +erlangst Du nicht, wenn Du als ein stolzer, strenger Gesetzprediger +vor ihn hintrittst; wenn Du ihm mit Deiner kalten Moral +Langeweile machst; wenn Du ihn mit Anmerkungen über +das Geschehene, das doch nun nicht mehr zu ändern ist, ermüdest, +und ihm erzählst, wie es ganz anders würde gekommen +seyn, wenn — es nicht <em class="gesperrt">so</em> gekommen wäre, wie es gekommen +ist, wenn er Dir hätte folgen wollen. Nichts ist ferner so fähig, +zur Niederträchtigkeit zu verleiten, als öffentliche Verachtung +und Aeusserung eines fortdauernden Mißtrauens in die Besserung +eines Menschen. Wem es daher ein Ernst ist, einen Verirrten +zu retten, der begegne ihm mit Schonung, und zeige ihm +wenigstens äusserlich ein ermunterndes Vertrauen; der lasse ihn +das stolze und selige Bewußtseyn und die unerschütterliche Seelenruhe +ahnen, welche der schöne Lohn seiner Selbstverleugnung +und Selbstbeherrschung seyn wird; der werfe dem Gefallenen +nie, auch nicht auf die entfernteste Weise, seine ehemaligen Verirrungen +vor; sondern scheine nur Augen für seine jetzige Aufführung +zu haben! Allein es geht nicht so schnell mit Ablegung +von Lastern, die uns schon zu einer Art von Fertigkeit geworden +sind; also darf uns ein kleiner Rückfall nicht befremden; +und obgleich Du dann die Stärke Deines Vortrags und der +Mittel zur Besserung verdoppeln mußt, so sollst Du doch nicht +muthlos werden, noch dem Rückkehrenden den Muth benehmen. +Laßt uns endlich zur Ehre der Menschheit und zur Erweckung +unsers Eifers glauben, daß niemand in der Welt so tief gefallen, +so von Grund aus verdorben seyn könne, daß ihm nicht, +bei redlicher, eifriger Anwendung der besten Rettungsmittel,<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> +noch zu helfen wäre! Und Ihr, die Ihr in der großen Welt lebet, +und so bereitwillig seyd, einen Mann oder ein Weib, die +durch irgend eine zweideutige oder schlechte Handlung sich erniedrigt, +oder auch wohl nur etwa lächerlich gemacht haben, auf +immer aus Euren Gesellschaften zu verbannen, und mit Schande +und Spott zu beladen, indeß Hunderte unter Euch umherwandeln, +die entweder dasselbe heimlich treiben, oder wenigstens treiben +würden, wenn es die Umstände erlaubten; denket, daß Ihr +es zu verantworten habt, wenn Verzweiflung Jene ergreift, +wenn sie von Stufe zu Stufe hinabsinken, und wenn sie, da +die bessern Häuser ihnen verschlossen sind, sich einen Umgang +wählen, in welchem sie immer niederträchtiger werden, und zuletzt, +ohne Rettung verloren, durch <em class="gesperrt">Eure</em> Schuld zu Grunde +gehen!</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Zwoelftes_Kapit.">Zwölftes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen +im menschlichen Leben.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Ich habe bei mancher Gelegenheit Gegenwart des Geistes und +Kaltblütigkeit, als Haupt-Erfordernisse zu allen Geschäften und +Verrichtungen im menschlichen Leben, empfohlen; nirgends aber +sind uns diese Eigenschaften nothwendiger, als in Vorfällen, +<em class="gesperrt">wo wir, oder Andre, in augenscheinlicher Gefahr +schweben</em>. Hier hängt die ganze Rettung in kritischen Augenblicken +zuweilen von einem raschen Entschlusse ab. Halte Dich +daher nicht mit Geschwätzen auf, wo es Noth ist, zu handeln! +Unterdrücke Dein zu zartes Gefühl, und winsele nicht, wo Du +zugreifen solltest! Sey besonnen in Feuer- und Wassers-Noth +und ähnlichen Gefahren, wo man oft alles verliert, wenn man +den Kopf verliert, — wo Die, welche wir retten können, zuweilen +mit unwiderstehlicher Gewalt gezwungen werden müssen, +sich uns zu überlassen! Vorzüglich wichtig wird diese Gegenwart +des Geistes auch dann, wenn man unerwartet von Dieben +und Mördern angegriffen wird. Räuber und Banditen sind +fast immer entweder furchtsam, oder, wenn Verzweiflung sie +kühn macht, nicht genug auf ihrer Hut, — auf ernsthaften, +förmlichen Widerstand nicht vorbereitet. Ein entschlossener, kaltblütiger<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> +Mann ist da stärker, als zehn solcher Elenden, die ihn +angreifen. Hier muß aber wohl überlegt werden, ob es Schaden +oder Nutzen stiften könne, sich mit Schieß- oder anderm +Gewehre zu vertheidigen, oder nicht; ob es gerathener sey, Lärm +zu machen, oder sich in sein Schicksal zu finden; der Uebermacht +zu weichen und mit Hingebung seines Mammons sein Leben zu +erkaufen, oder das Leben daran zu setzen. Es lassen sich darüber +unmöglich allgemeine Regeln geben. Um aber auf jeden dieser +Fälle sich gefaßt zu halten, rathe ich, bei kaltem Blute sich in +dergleichen Lagen hineinzudenken, und sich dann dienliche Maaßregeln +vorzuschreiben. Ich halte es auch für einen wichtigen +Theil der Erziehung, seine Kinder zuweilen nicht nur durch Fragen, +wie sie sich bei solchen Gelegenheiten betragen würden, aufmerksam +auf unerwartete Vorfälle aller Art zu machen, sondern +sie auch zuweilen in wirkliche kleine Verlegenheit zu setzen, um +sie an Gegenwart des Geistes zu gewöhnen, und sie auf die +Probe zu stellen.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>In einer Schrift über den Umgang mit Menschen kann nur +ein geringer Theil der Regeln Platz finden, welche man auf +Reisen und unter Fremden zu beobachten hat; doch darf ich diesen +Gegenstand auch nicht ganz mit Stillschweigen übergehen; +denn zu dem, was man unter Menschen treibt, gehört doch +auch das Reisen. Also einige Bemerkungen <em class="gesperrt">über das Betragen +auf Reisen und gegen Reisende</em>.</p> + +<p>Es ist weise gehandelt, bevor man ausreist, aus Büchern +oder mündlichen Erzählungen sich genau von dem Wege, den +man nehmen will, von demjenigen, was unterweges und in +den Oertern, die man besuchen möchte, zu bemerken, zu beobachten +und zu vermeiden ist, nicht weniger von den Preisen und +den unvermeidlichen Geld-Ausgaben zu unterrichten, damit man +weder betrogen werde, noch in Verlegenheit gerathe, noch etwas +zu sehen verabsäume, das der Aufmerksamkeit werth scheint.</p> + +<p>Der Mann von Kenntnissen, von einigen Talenten, von +unbescholtenem gutem Rufe und von feinen und guten Sitten +bedarf nicht einer Menge von Empfehlungs-Briefen, wie die +mehrsten Reisenden von gemeiner Art mit auf den Weg zu nehmen +pflegen. Er wird sich schon überall bekannt zu machen und +in Achtung zu setzen wissen, ohne sich und Andern Zwang aufzulegen.<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> +Oft fügt es sich indessen, daß man in einer Stadt, +durch Empfehlungs-Briefe oder sonst, mit zwei Personen in +Bekanntschaft kömmt, die mit einander in Feindschaft leben. Es +ist daher der Klugheit gemäß, an einem fremden Orte, bevor +man von solchen kleinen Umständen unterrichtet ist, in den Häusern, +in welchen man Zutritt erhält, von seinen übrigen Verbindungen +nicht zu reden, gelegentlich aber zu äussern, daß man, +als ein Fremder, sich um dergleichen Händel nicht bekümmern +wolle.</p> + +<p>Man verrechnet sich leicht in seinen Ueberschlägen der Reise-Kosten; +ich rathe daher nicht nur, nach gemachtem Ueberschlag, +sich immer etwa auf ein Drittel mehr gefaßt zu halten, als die +gezogene Summe beträgt, sondern auch besorgt zu seyn, daß +man in den Haupt-Oertern, durch welche man kömmt, an sichre +Geschäftsmänner gewiesen sey, oder sonst Mittel habe, im Fall +unvorhergesehene Umstände eintreten, sich aus der Verlegenheit +zu reissen.</p> + +<p>In Deutschland hat man mehr, als in andern Ländern, Ursache, +wegen des sehr verschiedenen Münzfußes, sich beim Geld-Wechseln +in Acht zu nehmen, und es ist etwas sehr Gewöhnliches, +daß schelmische Gastwirthe den Fremden dabei hintergehen, +oder ihm auf Gold Münze herausgeben, die er auf der nächsten +Post nicht brauchen kann.</p> + +<p>Wem es ein Ernst ist, seine Menschen- und Länder-Kenntnisse +zu erweitern, der mische sich klüglich unter Personen von +allerlei Ständen! Die Leute von gutem Tone sehen einander in +allen europäischen Staaten und Residenzen ähnlich; aber das +eigentliche Volk, oder noch mehr der Mittelstand, trägt das Gepräge +der Sitten des Landes. Nach <em class="gesperrt">ihnen</em> muß man den Grad +der Kultur und Aufklärung beurtheilen.</p> + +<p>Zum Reisen gehört Geduld, Muth, gute Laune, Vergessenheit +aller häuslichen Sorgen, und daß man sich durch kleine +widrige Zufälle, Schwierigkeiten, böses Wetter, schlechte Kost +u. dergl. nicht niederschlagen lasse. Dieß ist doppelt zu empfehlen, +wenn man einen Gesellschafter bei sich hat; denn nichts ist +langweiliger und verdrießlicher, als mit einem Manne zu reisen, +und in einem Kasten eingesperrt zu sitzen, der stumm und mürrischer +Laune ist, bei dem geringsten unangenehmen Ereigniß +aus der Haut fahren will, über Dinge jammert, die nicht zu<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> +ändern sind, und in jedem kleinen Wirthshause so viel Gemächlichkeit, +Wohlleben und Ruhe fordert, wie er zu Hause hat.</p> + +<p>Das Reisen macht gesellig; man wird da mit Menschen bekannt, +und auf gewisse Weise vertraut, die man ausserdem +schwerlich zu Gesellschaftern wählen würde; das ist auch weiter +von keinen Folgen, wenn man sich hütet, in der Vertraulichkeit +gegen Fremde, die man unterweges antrifft, zu weit zu gehen, +und dadurch Abentheurern und Spitzbuben in die Hände zu fallen.</p> + +<p>Ich rathe niemand, sich auf Reisen einen fremden Namen +zu geben; man kann dadurch, ehe man sich's versieht, in große +Verlegenheit gerathen; und selten ist es nöthig und nützlich, ein +solches Incognito zu beobachten.</p> + +<p>Manche Leute suchen etwas darin, auf Reisen zu prahlen, +viel Geld zu verzehren, glänzen zu wollen, und prächtig gekleidet +zu seyn. Das ist eine thörichte Eitelkeit, die sie in den +Wirthshäusern theuer abbüßen müssen, ohne für ihr Geld mehr +zu erhalten, als der einfache Reisende. Niemand erinnert sich +weiter des Fremden, der so viel Aufwand gemacht hat, wenn +dieser weiter gereiset, und nichts mehr von ihm zu ziehen ist. +Doch ist es der Klugheit gemäß, anständig, und was man +<em class="gesperrt">rechtlich</em> nennt, in seinem Aufzuge zu seyn, sich nicht zu vornehm +und nicht zu demüthig, nicht zu reich und nicht zu arm +zu stellen, weil man sonst, in beiden Fällen, leicht entweder für +einen unwissenden Pinsel, dessen erste Ausflucht dieß ist, und +den man also nach Gefallen prellen kann, oder für einen gewaltig +vornehmen Herrn, von dem etwas zu ziehen ist, oder für +einen Abentheurer angesehen wird, dem man aus dem Wege gehen, +und der mit schlechter Bewirthung vorlieb nehmen müsse.</p> + +<p>Man spare auf der Reise nicht am unrechten Orte! So gebe +man z. B. den Postknechten zwar nicht übertriebene, aber doch +nach den Umständen reichliche Trinkgelder. Sie sagen sich das +Einer dem Andern auf den Stationen wieder; man kömmt dann +schneller fort, und hat manche Vortheile davon, besonders den, +daß man ihrer Grobheit nicht ausgesetzt ist.</p> + +<p>Wer Bäder besucht, und seine Ruhe, seine Gesundheit und +sein Geld nicht verlieren will, fliehe das Spiel, das eigentlich +aus allen Bad- und Brunnen-Oertern auf ewig verbannt seyn +sollte, und überhaupt nur für die nichtswürdigsten Menschen +eine Lieblings-Beschäftigung seyn kann. In Bädern soll Jeder<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> +dazu mitwirken, allen lästigen Zwang, nicht aber Sittsamkeit +und Gefälligkeit, aus den gesellschaftlichen Zirkeln zu verbannen. +Hier muß, besonders wenn der Kreis der Gäste klein ist, eine +Menge Rücksichten und Vorsichtigkeits-Regeln, denen man sich +im bürgerlichen Leben unterwirft, wegfallen, Duldung und Einigkeit +herrschen, und aller Partheigeist bei Seite gesetzt werden. +Man lebt da nur für unschuldigen Genuß und Vergnügen. Nach +Ablauf dieser Zeit rückt Jeder wieder in die Rolle ein, die der +Staat ihm anvertrauet hat.</p> + +<p>Deutsche Posthalter, Wagenmeister und Postknechte pflegen +in dem Rufe einer ausgezeichneten Grobheit zu seyn. Es kömmt +aber alles auf die Art an, wie man mit ihnen umgeht; ein +ernsthaftes, von einer gewissen Würde begleitetes Betragen, +und, wo es anzubringen ist, ein freundliches Wort, wird bei +diesen Leuten selten ohne gute Wirkung angewandt.</p> + +<p>Wenn man an dem Wagen etwas zerbricht, so sind mehrentheils +in den Städten die Handwerksleute sogleich bei der Hand, +verstehen sich auch wohl mit den Postknechten, den Schaden für +viel größer anzugeben, als er ist, um desto mehr Geld von dem +Reisenden zu ziehen. Ich rathe desfalls, bei solchen Gelegenheiten +alles selbst zu untersuchen, oder durch treue Bediente untersuchen +zu lassen, bevor man Befehle zur Ausbesserung gibt.</p> + +<p>Die Postknechte sind größtentheils von den Gastwirthen bestochen +(oder <em class="gesperrt">ein</em> Wirth verabredet sich mit dem andern in der +nahe gelegenen Stadt), um dem Fremden gewisse Gasthöfe zu +empfehlen, die darum aber weder immer die besten, noch die +wohlfeilsten sind. Es ist daher vernünftig, sich hierauf nicht zu +verlassen, sondern sich bei andern sichern Leuten zu erkundigen: +wo man am besten und billigsten behandelt werde.</p> + +<p>Die Bedienten, die man mit sich auf Reisen nimmt, sollen +wohl darauf Acht geben, daß die Postknechte, welche mit den +Pferden zurückreiten, nicht, wie es vielfältig geschieht, Schwengel, +Nägel oder andere Kleinigkeiten, die zum Wagen gehören, +mitnehmen. Auch pflegen diese mit den Chaussee-Aufsehern sich +zu verstehen, an den Weghäusern vorbeizufahren, unter dem +Vorwande, uns nicht aufhalten zu wollen, nachher aber eine +Rechnung zu machen, vermöge deren Reisende doppelt so viel +bezahlen müssen, als festgesetzt ist, und sie gegeben haben würden, +wenn sie das Weggeld jedesmal selbst entrichtet hätten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span></p> + +<p>Es ist eine Regel der Klugheit, vorher mit Handwerksleuten +auf das genaueste zu dingen, bevor man etwas ausbessern läßt, +oder sonst Dinge, die zur Bequemlichkeit dienen, an fremden +Oertern anschafft.</p> + +<p>Kehrt man zum erstenmal in ein Wirthshaus ein, so kann +es Vortheil bringen, wenn man den Wirth hoffen läßt, man +werde öfter da ansprechen; er pflegt dann billiger mit der Zeche +zu seyn, um sich zu empfehlen.</p> + +<p>Wenn der Gastwirth übermäßig viel für die Zehrung fordert, +und sich nicht auf einen starken Abzug einlassen will: so thut +man doch nicht wohl, ihm schriftliche Rechnung und genaue +Specification jedes einzelnen Punkts abzufordern, es müßte +denn der Mühe werth seyn, ihn bei der Polizei zu belangen. +Fängt er an aufzuschreiben, so rechnet er immer noch mehr heraus, +als er anfangs gefordert hatte; — und wer kann dann +mit einem solchen Taugenichts über die Preise der Lebensmittel +sich herumzanken? In Wirthshäusern, wo Wein zu haben ist, +wird der Wirth, wenn man Bier fordert, immer versichern: +das Bier sey sehr schlecht. Hier ist der beste Rath, nur gleich +Wein zu bestellen, und das Bier hinterher zu verlangen.</p> + +<p>Die Wirthe fragen gemeiniglich: was der Gast zu essen +wünsche? — Das ist ein Kunstgriff, durch den man sich nicht +fangen lassen muß. Denn, bestellt man nun etwas, z. B. ein +Huhn, einen Pfannekuchen, oder dergleichen: so muß man das +Gericht, und noch obenein eine gewöhnliche Mahlzeit bezahlen. +Man thut da am besten, zu antworten: man verlange nichts, +als was gerade im Hause, oder schon zubereitet sey. Auch ist es +rathsam, keine fremde Weine, sondern nur gemeinen Tischwein +zu begehren. Es kömmt doch alles aus demselben Fasse, nur mit +dem Unterschiede, daß das, was man dem Fremden als alten +oder fremden Wein verkauft, kostbareres Gift ist, als das, womit +man ihn am allgemeinen Wirthstische versorgt. Und selbst +an dieser Wirthstafel zu speisen, ist gewiß für einen einzelnen +Reisenden wohlfeiler und unterhaltender, als auf seinem Zimmer +seiner eignen Person gegenüber zu sitzen.</p> + +<p>Manche Postmeister, die zugleich Gastwirthe sind, brauchen +folgenden Kunstgriff zu ihrem ökonomischen Vortheile: Wenn +man Pferde wechselt, und indeß eine kleine Mahlzeit bestellt, so +dauert es ungebührlich lange, ehe diese fertig wird. Indeß werden<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> +die Pferde gefüttert und angeschirrt. Kaum aber steht das +Essen auf dem Tische, so meldet schon der Postillon mit dem +Horn, daß er fertig sey und fort wolle. Man soll also in Eil +wenig essen, und dennoch eine ganze Mahlzeit bezahlen. Ich +rathe aber, wenn man nicht sehr eilig ist, sich nicht irre machen +zu lassen, sondern mit voller Muße zu speisen.</p> + +<p>Wenn in Ländern, wo keine gute Post-Ordnung eingeführt +ist, Postmeister dem Reisenden mehr Pferde aufdringen wollen, +als billig ist, und zu Fortschaffung seines Fuhrwerks nöthig sind, +sey es nun unter dem Vorwande von schlechten Wegen, böser +Jahrszeit, oder daß die Kutsche zu schwer sey: so hilft es selten, +wenn man sich auf's Bitten legt, oder sein Recht, auf eben +solche Weise weiter befördert zu werden, wie man gekommen ist, +strenge behaupten will; denn jene Leute wissen wohl, daß einem +Fremden mehr daran gelegen ist, nicht aufgehalten zu werden, +als sich zu verweilen, um einen Proceß bei dem Ober-Postamte +zu führen. Da indessen das Vorspannen mehrerer Pferde Folgen +für alle übrigen Stationen hat, so pflegen sich die Posthalter, +wenn sie recht höflich sind, zu erbieten, einen schriftlichen +Schein auszustellen, daß dieß weiter nicht von Folgen seyn solle. +Hierauf aber lasse man sich nicht ein! Dies Papier hat keinen +Nutzen. Auf dem nächsten Wechselplatze wird man, wenn gerade +ein Paar Pferde müssig stehen, nichts desto weniger eben +so viele vorspannen, und wiederum einen Schein anbieten, der +eben so unwirksam bleiben würde, wie der erste. Das sicherste +Mittel bei solchen Fällen ist, entweder dem Wagenmeister ein +gutes Trinkgeld zu geben, und den Postillon, welcher fahren +soll, auf eben diese Art zu gewinnen, oder ein Pferd <em class="gesperrt">mehr</em> zu +bezahlen, ohne es vorspannen zu lassen.</p> + +<p>Wenn man Wasser-Reisen auf Strömen macht, oder Hausrath +auf diese Weise fortbringen läßt: so baue man nie auf die +Versprechungen der Schiffer, in Ansehung der Zeit, binnen welcher +sie an Ort und Stelle seyn wollen! Sie halten sich mehrentheils +unterwegs auf, um noch mehr Fracht zu ihrem Vortheile +aufzunehmen, oder Schleichhandel zu treiben, wenn sie heimlich +Kaufmannsgüter mit eingeladen haben; es müßte denn über +dies Alles der bündigste schriftliche Contract aufgesetzt seyn.</p> + +<p>Wer zu Pferde reist, sey es nun <em class="gesperrt">mit</em> oder <em class="gesperrt">ohne</em> Reitknecht, +der darf sich nicht auf die Leute in den Wirthshäusern in Ansehung<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> +der Verpflegung seiner Pferde verlassen, sondern muß selbst +besorgt seyn, oder seine Bedienten dazu anhalten, daß die Pferde +in einem guten, reinen und gesunden Stalle, von fremden Gäulen +getrennt, gehörig gewartet und gefüttert werden.</p> + +<p>Wenn ich nicht fürchtete, weitschweifig zu werden, so würde +ich hier noch manche, gewiß nicht unnütze Vorschrift geben, +z. B. daß man fremde Pferde schonen; daß man, wenn man +größere Reisen machen will, langsam <em class="gesperrt">in</em> den Stall, und langsam +<em class="gesperrt">aus</em> dem Stalle reiten solle; daß man nicht wohl thue, in +Städten über Kanäle, die mit Brettern bedeckt sind, zu reiten, +und so ferner. Man sage nicht, daß dieß bekannte Dinge sind, +Sehr viel Leute lernen zu Pferde sitzen und Pferde bändigen! +aber praktisch <em class="gesperrt">reiten</em> lernt man nicht auf der Bahn. Allein ich +sehe schon die Herren Krittler die Nase darüber rümpfen, daß +so etwas in einem Buche <em class="gesperrt">über den Umgang mit Menschen</em> +Platz finden sollte. Wer aber überlegt, daß in diesem Buche +überhaupt <em class="gesperrt">Vorschriften zu einem glücklichen, ruhigen +und nützlichen Leben in der Welt und unter Menschen</em> +gegeben werden sollen, der wird sich wundern, wenn er hört, +daß ein <span class="antiqua">deutscher</span> Recensent gesagt hat: ich sey in den Fehler +so vieler <em class="gesperrt">deutscher</em> Schriftsteller gefallen, die ihren Werken zu +viel Vollständigkeit geben wollten, und darüber freilich — weniger +unterhaltend schrieben.</p> + +<p>Das Fußgehen ist gewiß die angenehmste Art zu reisen. Man +genießt die Schönheiten der Natur; man kann sich unerkannt +unter allerlei Leute mischen; beobachten, was man ausserdem +nicht erfahren würde; man ist ungebunden, kann das freundlichste +Wetter und den schönsten Weg wählen, sich aufhalten, +einkehren, wann und wo man will; man stärkt den Körper, +wird weniger erhitzt und gerüttelt, hat gute Eßlust und süßen +Schlaf, und ist, wenn Müdigkeit und Hunger der Bewirthung +das Wort reden, leicht mit jeder Kost und jedem Lager zufrieden. +Doch ist diese Art zu reisen in Deutschland mit einiger +Schwierigkeit verknüpft. Zuerst hat man die Ungemächlichkeit, +nur wenig Kleidungsstücke, Bücher, Schriften u. dgl. mit sich +führen zu können. Diesem kann man indessen dadurch einigermaßen +abhelfen, daß man, was etwa ein Bote nicht tragen +kann, mit der Post in die Haupt-Oerter schickt, durch welche +man reisen will. Allein eine zweite Unbequemlichkeit besteht<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> +darin, daß diese, in Deutschland für einen Mann von Stande +ungewöhnliche Art zu reisen, zu viel Aufmerksamkeit erregt, und +daß die Gasthalter nicht eigentlich wissen, wie sie uns behandeln +sollen. Ist man nämlich besser gekleidet, als gewöhnliche +Fußgänger, so wird man entweder für einen verdächtigen Menschen, +für einen Abentheurer, oder für einen Geizhals gehalten; +man wird beobachtet, ausgefragt, und, mit Einem Worte: +man paßt nicht in den Tarif, nach welchem die Wirthe ihre +Fremden zu taxiren pflegen. Ist man aber schlecht gekleidet, so +wird man, wie ein reisender Handwerksbursche, in Dachstübchen +und schmutzige Betten einquartirt, oder man muß jedesmal +weitläuftig erzählen: wer man sey, und warum man nicht +mit Kutschen und Pferden erscheine? Bei Fußreisen ist die Gesellschaft +eines verständigen und muntern Freundes vorzüglich +angenehm.</p> + +<p>Man verlasse sich nicht auf die Bauern, wenn sie uns Fußwege +anzeigen, die näher, als die gewöhnlichen, seyn sollen! +So wie überhaupt diese Menschen voll Vorurtheile und voll Anhänglichkeit +an alte Gewohnheiten sind, so gehen sie auch immer +die Wege, die vom Vater auf den Sohn herab für die nächsten +sind anerkannt worden, ohne daß sie Augenmaß und Ueberlegung +gebrauchen, um die Irrthümer ihrer Voreltern zu berichtigen. +Doch kann man hierin auch leicht das Mißtrauen zu weit +treiben.</p> + +<p>Hat man große Tagereisen zu Fuße zu machen, so genieße +man früh Morgens nichts, als ein Glas Wasser! Hat man +dann einige Stunden zurückgelegt, und fühlt sich ermüdet, so +ist Kaffee und Brod zur Erquickung heilsam. Zuweilen ein Glas +Wein, kann auch nicht schaden; Branntewein macht müde und +schlaff.</p> + +<p>Macht man den Weg durch einen unbekannten Wald, und +denkt binnen ein- oder zwei Tagen wieder zurückzukehren: so +streue man hie und da abgerissene Zweige auf seinen Pfad, um +darnach den Weg wieder zu finden; man gehe nie ohne Gewehr, +wenigstens nie ohne Stock!</p> + +<p>Ueber das Betragen gegen fremde Reisende ist schon im +<em class="gesperrt">neunten Kapitel</em> dieses Theils etwas gesagt worden. Hier +füge ich nur noch folgende Bemerkungen bei: man hat in jetzigen +Zeiten Ursache, vorsichtig gegen solche Leute zu handeln,<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> +nicht nur, um von Abentheurern und schlechten Menschen unbehelligt +zu bleiben, sondern auch den sogenannten reisenden Gelehrten +nicht Gelegenheit zu geben, aus unsern vertraulichen +Gesprächen ihre Anekdoten-Sammlungen zu bereichern, und +uns nachher, zum Danke für unsere Gastfreundschaft, gedruckt +aufzustellen. Auf der andern Seite aber sey man auch so billig, +Fremde, <em class="gesperrt">die sich uns nicht aufdringen</em>, edel zu behandeln, +und sie nicht etwa zur Geschwätzigkeit zu verleiten, um nachher +aus diesen unsichern einzelnen Zügen ein Bild von ihnen zu entwerfen, +und der Welt mitzutheilen.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Da leider die Nüchternheit in der Welt immer seltener zu +werden anfängt, und der Rum, selbst in Damengesellschaften, +an der Tagesordnung ist, so mag hier auch von dem Umgange +mit <em class="gesperrt">betrunkenen Leuten</em> die Rede seyn, obgleich bei diesem +Umgange wenig Vernunft und Klugheit anzubringen ist. Der +Wein erfreuet des Menschen Herz, und wenn man diese Arzenei +nicht wie ein nothwendiges Bedürfniß, ohne welches man durchaus +nicht in frohe Laune zu setzen ist, sondern wie ein Erweckungsmittel +braucht, um in trüben Augenblicken den natürlichen +guten Humor, der nie ganz aus dem Gemüthe eines ehrlichen +Biedermannes weichen darf, unter dem Schutte von häuslichen +Sorgen hervorzurufen: so ist nichts dagegen einzuwenden. +Allein kein Anblick ist so widrig für den verständigen Mann, +als der eines Menschen, welcher sich durch starke Getränke um +Sinne und Vernunft gebracht hat. Wenn es aber auch nicht +bis zur völligen Betrunkenheit kommt, sondern nur bei einem +Rausche bleibt, so ist es doch eine etwas unbequeme Lage, der +einzige ganz Kaltblütige in einer Gesellschaft von Leuten zu seyn, +die sich durch ein Gläschen über die Gebühr erhitzt, begeistert, +und um einen Ton höher gestimmt haben; und wenn man den +Tag mit ernsthaften Geschäften hingebracht hat, und dann des +Abends in einen Zirkel solcher Gäste geräth: so ist fast kein anderes +Mittel zu finden (oder man müßte denn <em class="gesperrt">von Natur</em> zu +den Lustigmachern gehören), als ein wenig mit zu zechen, um +sich <em class="gesperrt">denselben</em> Schwung zu geben, oder vielmehr: mit den +Wölfen zu heulen.</p> + +<p>Die Wirkungen des Weins auf die Gemüther der Menschen +sind aber, nach ihren natürlichen Temperamenten, sehr verschieden.<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> +Manche zeigen sich äusserst lustig; Andre sehr zärtlich, +wohlwollend und offenherzig; Andre melancholisch, schläfrig, +verschlossen; Andre hingegen geschwätzig, und noch Andre zänkisch, +wenn sie berauscht sind. Man thut wohl, der Gelegenheit +auszuweichen, mit Betrunkenen von dieser letztern Art in Gesellschaft +zu gerathen. Ist dieß aber nicht zu vermeiden, so kann +man doch darin mehrentheils mit einem vorsichtigen, nachgebenden +und höflichen Betragen, und dadurch, daß man ihnen +nicht widerspricht, so ziemlich gut fortkommen. Daß man auf +das, was ein Mensch im Rausche verspricht, nicht bauen dürfe; +daß man sich wo möglich hüten müsse, eine Ausschweifung im +Trunke zu begehen, wenn man aus warnender Erfahrung weiß, +daß man einen bösen Rausch hat; daß es unedel gehandelt sey, +diesen schwachen Zustand eines Menschen zu nützen, um ihm +Zusagen oder Geheimnisse zu entlocken; und endlich, daß man +mit Leuten, die zu tief in die Flasche geschauet haben, keine +ernsthafte Sachen verhandeln müsse: — das versteht sich wohl +von selbst.</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Allgemeine"><span class="s5a center">Allgemeine</span><br> +Behandlung der Kinder<br> +<span class="s5a center">in den<br> Jahren der ersten Entwickelung.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Die in ihrer richtigen und ungestörten Entwickelung begriffene +Natur des Kindes unterstütze man so, daß sie immer sichtbarer +und glücklicher gedeihe. Dazu dient zweckmäßige und abgestufte +Beschäftigung — Uebung der Denkkraft (man soll nicht abweisen +die Fragen der Wißbegier und des Forschens), und Mittheilung +neuer Kenntnisse, welche an die erlangten geknüpft werden, +damit die Seele sie desto leichter aufnehme, und das Unbekannte +durch das Bekannte erläutert werde. — Eine Hauptsache +hiebei ist die Belebung des Selbstgefühls durch gemäßigtes +Lob und wohlwollende Ermunterung (daher kein Kritteln); +Stärkung der Liebe zum Guten durch Belohnung, doch mit +Verhütung des Eigennutzes.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span></p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Man wechsele mit der mehr negativen und mehr positiven +Behandlung, so wie in der Jugend-Entwickelung mehr das eine +oder andere vorherrscht. Nicht zu frühes Antreiben zum Lernen +und Arbeiten — und zum Sprechen — kein Erzwingen von +Artigkeit, so lange das Kind noch keinen Sinn für das Anständige +haben kann. So soll die früheste Erziehung in dem Erregen +und Einflößen guter Gefühle bestehen, oder vielmehr darin, +daß man das Kind mit freundlichen Eindrücken umgibt, unter +welchen sein Inneres sich still entfaltet.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Mit dem Alter des Spieles und der wirkenden Phantasie +wird die positive Einwirkung nothwendig; denn überließe man +die Kinder sich selbst, so würden sie auf dieses und jenes, und +auf allerlei Thörichtes und Gefährliches verfallen, oft nicht wissen, +wie sie der Langenweile wehren sollen, schiefe Richtungen +annehmen, alles Gesehene und Gehörte blindlings nachmachen, +und schlechte Gewohnheiten sich aneignen. So geschiehet es auch +durch Verspätung und Vernachlässigung des positiven Einwirkens +durch Gebot und Strafe, Ermahnung und Warnung, daß +die Kinder den Eltern über den Kopf wachsen. Je mehr die +Kraft sprudelt, desto mehr muß sie beschäftigt und geleitet werden. +Die Kinder wollen und bedürfen dann viel, besonders körperliche +Beschäftigung, und fehlt diese, so regt sich Unmuth, +Widerspenstigkeit, und es erscheint eine ganze Reihe von Unarten. +— Man verhüte mit Strenge üble Gewohnheiten. Jedes +Ausarten der Lebhaftigkeit und der Freude in Wildheit und Ausgelassenheit, +jeder Ausbruch des Eigensinnes, des Leichtsinnes +und des Muthwillens; jeder entschiedene Ungehorsam, so wie +das Abweichen von der Wahrheit; endlich beharrliche Trägheit +und Faulheit erfordern eine unmittelbare und kräftige Einwirkung +der Erziehung, und hiebei sich leidend verhalten, heißt: +sich an den Kindern schwer versündigen. Denn wird z. B. den +eigensinnigen Kindern nicht zu rechter Zeit der Wille gebrochen, +den Trägen der Sporn angesetzt, den Wilden Einhalt gethan, +so werden endlich die Hindernisse der Erziehung unüberwindlich, +und es entsteht eine solche Ausartung des kindlichen Gemüths, +ein solches Uebergewicht der Sinnlichkeit, daß zu gewaltsamen +Mitteln geschritten werden muß. Die weichliche und falsche humane<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> +Erziehung scheuet und vermeidet jedes Verbot, als Eingriff +in die vermeintlich-rechtmäßige Freiheit der Kinder, und +verdirbt dadurch das ganze Werk. Durch Verbote muß man den +Kindern, nie durch Strafe, zu Hülfe kommen, und sie aus Fesseln +erlösen, die sie nicht selbst zu zerbrechen die Kraft haben, so +wie man sie eben dadurch aus sinnlicher Betäubung weckt, in +welcher sie zu Grunde gehen müßten.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Je jünger der Mensch, desto mehr werde von Seiten des +Gefühls, je älter, desto mehr von Seiten des Verstandes auf +denselben gewirkt, doch so, daß er nie von der einen oder andern +Seite vernachlässigt, auch daß er durch Beides zur <em class="gesperrt">Vernunft</em> +geführt werde.</p> + +<p>Was im frühsten Alter bloß empfunden wurde, wird späterhin +gedacht, für nützlich und gut erkannt. Man würde also widernatürlich +handeln und verderben, wenn man das frühere +Alter mit Vorstellungen, oder das spätere mit bloßen Gefühls-Eindrücken +lenken wollte. — Bewahrung der kindlichen Herzens-Reinheit, +durch Verhütung alles verführenden Umgangs +und verführerischer Beispiele durch milde Behandlung — dann +Gewöhnung zum Nachdenken durch fleißiges Fragen: warum +willst Du dieß, hast Du dieß gethan? — Gewöhnung zur Ordnung +und Thätigkeit, das sind die einfachen und wirksamen +Bildungsmittel, welche, zu rechter Zeit angewandt, ihres Zweckes +nicht verfehlen. Es ist also das Moralisiren bei Kindern von 3 +bis 6 Jahren nicht nur vergeblich, sondern auch verderblich. Bei +Kindern von lebhafter Phantasie und lebhaften Gefühlen muß +das Nachdenken früher angeregt, und mehr auf Entwickelung +des Verstandes gewirkt werden.</p> + +<h4>5.</h4> + +<p>Das Gefühl werde von Anfang und immer zart behandelt, +doch so, daß es zur Ertragung des Widrigen erstarke.</p> + +<p>Harte Eindrücke stumpfen ab und erregen zugleich widrig; +daher rauh behandelte Kinder gefühllos, träge, kalt, störrisch, +verschlossen, boshaft und linkisch werden, wie das besonders an +Bauernkindern sichtbar wird. Die Schule kann hier nur wenig +entgegen wirken. Doch muß die Jugend für das Leben erzogen +werden, und also auch Unannehmlichkeiten ertragen lernen; daher +hüte man sich vor dem Bedauern bei geringfügigen Unfällen<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> +und Beschwerden, vor dem Entfernen oder Erleichtern jeder Beschwerde +und Anstrengung, vor Verwöhnung durch Gemächlichkeit, +z. B. wenn man die Kinder in geheizten Zimmern sich auskleiden +und schlafen läßt. Doch soll die Jugend jeder Stunde +ihres Lebens froh werden. Sie wird es aber eben dadurch am +sichersten, daß man sie in die Nothwendigkeit setzt, die Freude +und den Genuß durch Beschwerde zu erringen, und daß man sie +vor jener Verzärtelung bewahrt, welche die Quelle der bösen +Laune und so vieler peinlichen Zustände des Körpers und des +Gemüths ist, in welchen alle Freude und aller Genuß untergeht. +Der Verwöhnte hat immer etwas zu fürchten oder zu leiden; +überall zeigen sich Störungen seiner Freude — er begehrt einen +Zustand, welcher in der wirklichen Welt nicht Statt finden kann, +und darum behagt ihm die Wirklichkeit nicht. So ist es auch, +und in noch höherm Grade, mit der Verwöhnung der Empfindung +— Empfindelei ist der Tod alles Lebensgenusses und aller +frohen Gefühle.</p> + +<h4>6.</h4> + +<p>Der Verstand werde von Anfang erweckt, fortgebildet, und +auf seine Sphäre hingewiesen, so daß das heranwachsende Kind +immer mehr zur Einsicht gelange.</p> + +<p>Auf seine <em class="gesperrt">Sphäre</em> oder den ihm von der Natur angewiesenen +Kreis, aus dem also die Erziehung und der Unterricht nicht +heraustreten dürfen, wenn sie mit glücklichem Erfolge begleitet +seyn sollen. Das Kind soll an Selbstthätigkeit und Selbstgefühl +gewinnen, damit es die natürliche Trägheit auf der einen, und +den ungeregelten Trieb zur Thätigkeit auf der andern Seite beherrschen +lerne. Jene aber muß ein verderbliches Uebergewicht +erhalten, wenn das Kind zu spät, oder seinen Kräften nicht angemessen +beschäftigt wird, und dieser wird ausarten, wenn er +nicht zu rechter Zeit seine Richtung auf das Nützliche und Gute +erhält. Daher die Erscheinung, daß der Mehrtheil der Kinder +entweder an einer unheilbaren Schwäche des Denkvermögens, +oder an einer eben so verderblichen Schwäche der Einsichten leidet, +indem man den Verstand mit einer Menge von Kenntnissen +überladet, die er nicht zu fassen vermag. Hier wird es sichtbar, +wie viel auf richtige und naturgemäße Methode, auf die +<em class="gesperrt">Geistes-Diät</em> ankommt, denn die wahre Methode entfernt +sich nicht von der Natur. Sie verschmäht daher nicht den Buchstaben,<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> +als der den Geist tödte, noch die Erfahrungs-Kenntnisse, +und sämmtliche Hülfsmittel, als unnütz und unwirksam — +noch den Stoff, als der formalen Bildung nachtheilig. Sie +sorgt vorzüglich dafür, daß alles Gelernte auch ein Verstandenes +oder Begriffenes werde, und legt es daher nicht einseitig auf +Bereicherung des Gedächtnisses mit einer Menge unverarbeiteter +Materialien an — sie läßt das Kind in der Natur und Kunst +beobachten, erkennen, vergleichen und unterscheiden; sie erneuert +und belebt das früher Gelernte und Gedachte, und macht es dadurch +immer mehr zum Eigenthum des kindlichen Geistes. So +verhütet sie alles Scheinwissen, und einen Wahn des Vielwissens, +der das ganze Innere verdirbt.</p> + +<h4>7.</h4> + +<p>Die Kräfte des heranwachsenden jungen Menschen erhöhe +man in ihrer Zunahme, so daß er sie immer freier gebrauche, +und zur <em class="gesperrt">Selbstständigkeit</em> gelange.</p> + +<p>Hier scheidet sich die Abrichtung von der Erziehung, oder die +einseitige von der allseitigen oder vollständigen. Wenn Kinder +von selbst ihre Kräfte an etwas versuchen, so störe man sie nicht +durch Tadeln und Kritteln. Dieß gilt von Körper- und Geistes-Kraft. +Man überlasse zuweilen sie ihrem Thätigkeitstriebe, und +dämme ihn nicht durch Vorschriften ein; aber man suche ihm +durch Winke eine nützliche und angemessene Richtung zu geben — +oder — eine gemeinschaftliche, so daß die geselligen Triebe in +Thätigkeit kommen. Ein bewährter Pädagoge (Himly) sagt +hierüber folgendes beherzigungswerthe Wort:</p> + +<p>»Zuletzt erscheint doch das Wesentliche aller Erziehung darin, +daß der Mensch seine Kräfte frei, zweckmäßig und so umfassend +nützlich, als möglich, gebrauchen lerne, weil dieß seinem +Leben einen Werth gibt, und ihm die Stelle anweiset, wo er +als Glied des großen Ganzen wirksam wird. Jeder soll sich, +durch Hülfe derer, die auf seine Bildung gewirkt haben, an +der Stelle befinden, wo er unter harmonischer Zusammenstimmung +seiner Kräfte zu einer ihm selbst befriedigenden, und sein +Bestehen in der Gesellschaft sichernden Thätigkeit gelangt. Aber +ihn selbst befriedigt keine Thätigkeit, die ihn nur bis zum Brod-Erwerb +führt, und keine, die nicht nach Aussen gerichtet ist, +nicht irgend etwas <em class="gesperrt">hervorbringt</em>. Denn zum Handeln, das +heißt, zum Thun nach Aussen, zum Wirken in seiner Umgebung,<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> +ist der Mensch bestimmt, und daher ist es das Ziel seiner +Bestrebungen und sein innigster Wunsch, einen ihm angemessenen +und also ihn befriedigenden Wirkungs- oder Thätigkeits-Kreis +zu erhalten. Je freier aber, und je harmonischer +und allseitiger sich seine Kräfte entwickelt haben, desto leichter +wird er einen solchen Wirkungskreis finden, der ihn befriedigt, +und seinem Leben einen Werth gibt. Der Mensch wird aus +sich selbst hinausgetrieben, um für Andere zu wirken, und das +vereinigte Daseyn der Menschen gleicht einer Maschine von +tausend und abertausend in einandergreifenden Rädern. Es +erfordert so mannigfache und so viel geartete Verwendung. +Darum mußten auch die Einzelnen so vielgeartet seyn, damit +jedes Bedürfniß des Ganzen befriedigt werden möge. Der unzerstörbare +Zusammenhang menschlicher Dinge fordert und gebietet +den wechselseitigen Austausch der Thätigkeit. Die Gesellschaft +stößt denjenigen aus, der nichts für sie thun kann +oder will. So geschiehet es denn, daß die nächsten physischen +Bedürfnisse des Menschen, wie seine feinsten und geistigsten, +nur darin befriedigt werden, daß er zu einer angemessenen +Thätigkeit nach Aussen gelange. Der Mensch ist also nur dann +erst mündig, wenn er seine bestimmte, ihm angemessene Stelle +in der Gesellschaft einzunehmen vermag. Er will und bedarf +zu seiner Glückseligkeit das Bewußtseyn, daß er im Kreise einer +ihm angemessenen Thätigkeit Andern nützlich und werth sey.«</p> + +<h4>8.</h4> + +<p>Daher die Regel: Sorge immer für eine <em class="gesperrt">angemessene</em> und +<em class="gesperrt">bestimmte</em> Beschäftigung deines Zöglings, und für eine solche, +wodurch die harmonische Ausbildung seiner gesammten Körper- und Geistes-Kräfte +bewirkt wird, und übereile und versäume dabei nichts.</p> + +<p>Jene unordentliche, von einem zum andern überspringende, +bei nichts aushaltende Thätigkeit, ist nur Versplitterung der +Kraft. Sie wird verhütet durch eingeflößte Liebe für jede Art +nützlicher Thätigkeit, erregten Wetteifer, und Vereinigung der +Thätigkeit Mehrerer. Die Liebe zur Thätigkeit entsteht durch die +Bemerkung des Hervorgebrachten und des Wohlgefallens daran. +Der regelmäßigste Gebrauch der Kräfte ist der freieste.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span></p> + +<h4>9.</h4> + +<p><em class="gesperrt">Man gestatte der fortgehenden Bildung immer +mehr Freiheit durch eigne Kraft.</em></p> + +<p>Es ist zweckwidrig, bei dem Unterricht und Lernen den Kindern +zu Hülfe zu kommen, oder auch in leiblichen Angelegenheiten +ihnen alles zu erleichtern. Hat man nicht mehr gefordert, +als sie leisten können, so bestehe man auch darauf, daß sie es +durch eigene Kräfte leisten. Neigt sich die Thätigkeit vorzüglich +auf einen Punkt hin, so zwinge man sie nicht — man impfe +ihnen nicht künstlich und gewaltsam ein, was ihrer Natur, ihrem +Gemüth und ihren Anlagen nicht zusagt — man gräme +sich nicht, daß sie nicht leisten, was andere Kinder ihres Alters +leisten. Haben sie einmal nicht die Anlage dazu, so würde doch +nur eine Manier oder steifer Zwang herauskommen, oder man +würde wenigstens vergeblich arbeiten. Nur das gehört dem Menschen +wahrhaft an, was aus seinem Innern hervorgeht.</p> + +<p>Bringt ihr es dahin, daß das Kind fragt, so ist es besser, +als wenn ihr ihm vordemonstriret — erfindet es selbst etwas, so +ist es besser, als wenn ihr es ihm vorsagt — macht es etwas +auf seine Weise, und es ist Verstand darin, so lasset es dabei.</p> + +<p>So besonders auch bei dem Spielen, wo sich der kindliche +Verstand am meisten thätig erweist, und am glücklichsten entwickelt. +Da störe man Kinder nicht, enge sie nicht zu sehr ein.</p> + +<p>Ein Kind macht Verse, man lasse es. Es zeichnet oft und +gern, mögen es für's erste auch nur Karrikaturen seyn; wenn +einiges Talent darin sichtbar wird, so halte man es nicht ab. +Aber freilich hat diese Regel ihre Grenze. Wenn man sieht, daß +ein Kind eine ganz verkehrte Richtung nimmt, seine Kräfte zersplittert +— so thue man Einhalt.</p> + +<h4>10.</h4> + +<p>Man veranstalte in der Erziehung alles, so viel möglich so, +daß mehr die ganze Umgebung auf den Zögling bildend und erhebend +wirkt, als daß er der eigentlichen und strengen Zurechtweisung +bedürfe.</p> + +<p>Von jeher ist in der Erziehung dadurch gefehlt worden, daß +man zu viel ermahnt und zurechtgewiesen hat. Es ist nichts natürlicher, +als daß sich Kinder endlich daran so sehr gewöhnen, +daß zuletzt keine Ermahnung oder Zurechtweisung mehr Eindruck +macht. Hier muß man mehr das Thörichte und Unrechte zu verhüten,<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> +und unmöglich zu machen suchen, auch dadurch schon, +daß man Kinder auf Reizungen und Versuchungen aufmerksam +macht, in die sie gerathen werden, oder diese entfernt und entkräftet. +Je liebevoller z. B. die Behandlung ist, und je mehr +Vertrauen man den Kindern eingeflößt hat, desto mehr hat man +sie vor Versuchungen zum Lügen gesichert; je weniger man ihre +Sinnlichkeit durch leckerhafte Speisen reizt, je mehr man sie an +einfache Nahrungsmittel gewöhnt, und dafür sorgt, daß der +Hunger ihnen die Speise würze, desto weniger werden sie naschen; +je sorgfältiger man den Einfluß roher oder unsittlicher +Menschen von ihnen entfernt, desto weniger Unarten werden sie +begehen; denn die meisten Unarten erzeugt der Nachahmungs-Trieb, +der bei Kindern eine unwiderstehliche Kraft hat; je anhaltender +und zweckmäßiger man sie beschäftiget, desto weniger +Thorheiten werden erscheinen. Wenn Kinder überall, wo sie sich +befinden, Ordnung und Reinlichkeit, Fleiß und Betriebsamkeit, +Einfalt und Sitten-Reinheit gewahr werden; wenn sie nur gerechte, +besonnene und billige Urtheile hören, nur Worte des +Friedens und der Liebe, so entsteht Sittlichkeit und Rechtlichkeit +von selbst.</p> + +<p>In dieser Hinsicht haben Erziehungsanstalten einen bedeutenden +Vorzug vor der häuslichen Erziehung, weil sie alles regelmäßiger +einrichten, Störungen und Versuchungen kräftiger +entfernen, eine genauere Aufsicht anordnen, regelmäßiger beschäftigen +und eine feste Tagesordnung durchführen können; nur +daß sie auf der andern Seite durch die strenge Regelmäßigkeit +auch wohl der freien Entwickelung nachtheilig werden. Und doch +ist es so mißlich, von der Regel abzuweichen, und Ausnahmen +zu gestatten.</p> + +<h4>11.</h4> + +<p>Daß Kinder immer heitere Gesichter, willige Arbeiter, einträchtige +Menschen um sich sehen; daß sie einer bestimmten Tagesordnung +sich unterwerfen müssen, und von dieser in keinem +Falle abweichen dürfen — dieß entscheidet über ihre Sittlichkeit. +Jede feigherzige Unterwerfung unter den Zeitgeist und herrschenden +Gesellschaftston, jedes Anschmiegen an Mode und Sitte, +auch da, wo sich Vernunft und Gefühl dagegen sträuben, ist in +der Erziehung unverzeihlich und führt zu den traurigsten Ausartungen. +Die Erziehung darf sich eben so wenig, wie die Frömmigkeit,<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> +dieser Welt gleich stellen, wohl aber muß sie die Welt +überwinden lehren, und daher dem verderblichen Einfluß des +Zeitgeistes die Kraft einer sittlich-reinen Gewohnheit, feste +Grundsätze und reine Gefühle entgegenstellen, und die Gesundheit +des Verstandes gegen die giftigen Dünste des Zeitgeistes +und Zeitgeschmacks zu schützen wissen.</p> + +<h4>12.</h4> + +<p>Beschränke die Freiheit Deines Zöglings nicht ohne Noth, +und <em class="gesperrt">bewache</em> ihn nicht, anstatt ihn zu beobachten und zu leiten; +versage ihm nicht eine Freiheit, die seine Natur und seine +Entwickelung fordert. Suche dagegen den Mißbrauch der Freiheit +möglichst zu verhüten durch Belebung sittlicher Gefühle, +durch Warnung und Zurechtweisung, und dadurch, daß Du seinen +Kräften eine angemessene Richtung gibst.</p> + +<p>Diejenigen Eltern, welche ihre Kinder aus übergroßer Aengstlichkeit +gar nicht aus den Augen lassen wollen, machen sich und +diese zu Sclaven, und erreichen ihren Zweck nicht. Allemal werden +diejenigen Kinder die ausgelassensten seyn, die zu sehr beschränkt +wurden. Man muß erdulden lernen, was Kinder, weil +sie Kinder sind, nicht unterlassen können. Nur in Ansehung des +Umganges und der Zeit dürfte eine vernünftige Beschränkung +der Freiheit sehr nöthig und heilsam seyn, da Kinder noch nicht +beurtheilen können, welcher Umgang ihnen nachtheilig, und wie +wichtig die Benutzung der Zeit sey. Auch will die Freiheit des +Sprechens und Urtheilens bei lebhaften Kindern beschränkt seyn. +Diesen aber kann nichts Unglücklicheres begegnen, als wenn sie +in die Hände alter Erzieher fallen. Wenn Kinder Liebe zu ihren +Eltern und Geschwistern haben, so werden sie sich am meisten +im Kreise der Ihrigen gefallen. Zeigen Kinder eine frühe Gesetztheit +und Besonnenheit, so lasse man ihnen mehr Freiheit. (Jesus +zu Jerusalem im zwölften Jahre.) Besonders verkümmere +man ihnen die Spielstunde nicht, lasse aber auch nicht zu, daß +sie sie willkührlich erweitern.</p> + +<h4>13.</h4> + +<p>Nimm dem Kinde nie sein Eigenthum, und laß es nie ungestraft, +wenn es in fremdes Eigenthum greift; halte ihm immer +Dein Versprechen, und sey daher auf Deiner Hut, wenn +Du ihm etwas versprichst; verletze nie sein Recht (z. B. auf +Erholung, Nachsicht, Vertheidigung oder Entschuldigung), und<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> +wenn Du etwas der Art thun müßtest, so richte es so ein, daß +das Kind Dein Verfahren nicht als Ungerechtigkeit empfinde: +laß es sich selbst das Urtheil sprechen; zeige ihm, daß es sein +Recht verwirkt habe; beschränke nur den Gebrauch des Rechts, +oder die Verwaltung und den Genuß seines Eigenthums.</p> + +<h4>14.</h4> + +<p>In der Erziehung darf keine <em class="gesperrt">Willkühr</em> herrschen, denn sie +erstickt die edelsten Gefühle, entzieht Vertrauen und Liebe, bringt +Verschlossenheit und tückisches Wesen hervor. Hat z. B. ein Kind +sein Spielzeug verdorben, so verschenke man nicht das andere, +sondern entziehe es ihm nur eine Zeitlang; hat es Geld vertändelt +oder vernascht, man nehme ihm das übrige nicht. Zeigt es +Geldgeiz oder Habsucht, so wirke man auf eine andere Art entgegen, +als durch Wegnehmen, indem man z. B. seine Theilnahme +reizt. — Ist ihm ein unverständiges Geschenk gemacht, +so entziehe es ihm nur so, daß Du es aufzubewahren versprichst.</p> + +<p>Wenn das Kind nachlässig gearbeitet hat, hat es dann sein +Recht auf Erholung verwirkt? Oder wenn es zum zweitenmale +fehlt, auf Nachsicht? Oder soll ihm diese immer schwerer zugestanden +werden? Darf sich ein Kind lebhaft vertheidigen? Wie +leicht kann man Kindern Unrecht thun! Oft wird man durch +die Farbe der Handlung irre geführt.</p> + +<p>Haben Kinder auch ein Recht, zu weinen, auf ihrem Willen +zu bestehen, ungeduldig zu werden?</p> + +<p>Besonders hüte man sich, etwas zu versprechen, vor allem +Belohnungen, und hernach, bei bessrer Einsicht, nicht zu halten, +wenn man dem Kinde nicht begreiflich machen kann, daß +die Erfüllung des Versprochenen ihm nachtheilig seyn würde. +Es raubt dem Erzieher das Vertrauen und die Liebe.</p> + +<h4>15.</h4> + +<p>Tadle nie bitter, und strafe nur dann, wenn Du voraussiehst, +oder die Erfahrung gemacht hast, daß gelindere Mittel +nicht zum Zweck führen; laß aber auch das gestrafte Kind weder +zu schnell, noch zu spät, Beweise Deiner Verzeihung und Liebe +sehen. Doch unterlaß es nie, ihm die Fehler seiner Arbeiten und +seines Betragens zu zeigen, und sey karg mit Deinem Lobe, +aber freigebig mit Deiner Nachsicht, Schonung und Ermunterung. +Von der Art, wie Kinder getadelt und gestraft werden, +hängt vorzüglich der Erfolg der Erziehung ab. Die Strafe und<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> +der Tadel müsse dem Kinde eben so gut als Erweisungen der +Liebe erscheinen, wie die Belohnung und das Lob. Ironie und +Bitterkeit wirken gefährlich. Das Ehrgefühl muß nicht nur geschont, +sondern auch gepflegt werden, doch so, daß dem Kinde +immer Liebe mehr gelte als Lob, und es nach jener vorzugsweise +strebe. Eine gewisse Weichlichkeit hält vom Strafen und Tadeln +zurück, und bringt dadurch viel Böses hervor. Man lasse sich +nicht durch die Empfindlichkeit der Kinder abschrecken. Diese +Seelenschwäche kann nur durch Wohlwollen und wiederholten +Tadel geheilt werden. Eitle Kinder bedürfen vorzüglich als +Arznei des Tadels; aber er muß bei diesen besonders in der +Sprache des Wohlwollens ausgedrückt seyn, wenn er wohlthätig +wirken soll. Den bittern Tadel empfinden sie als eine Ungerechtigkeit, +und ihr Herz verschließt sich dagegen. Den Tadel +begleite oft das Wort der Ermunterung, und immer trage er +mehr die Farbe der Betrübniß, als des Unwillens. Er werde +nur dann ausgesprochen, wenn es ungezweifelt ist, daß das +Kind etwas Besseres hätte machen können.</p> + +<h4>16.</h4> + +<p>Soll der Tadel nicht seine <em class="gesperrt">Wirksamkeit</em> verlieren, so muß +er nicht zu oft kommen; nicht seine <em class="gesperrt">Wohlthätigkeit</em>, so muß +er nicht im Tone der Verachtung ausgesprochen werden; nicht +seine <em class="gesperrt">Würde</em>, so muß er kein ironischer und spottender seyn; +nicht seine <em class="gesperrt">anregende Kraft</em>, so muß er mit lebhaftem Gefühl +und in der Sprache des Gefühls ausgesprochen werden. +Bei lebhaften Kindern, die in jedem Augenblick fast Uebereilungen +und Thorheiten begehen, muß die Erziehung mehr übersehen, +als rügen, und mehr verhüten, als strafen, mehr abhalten, +als verbieten.</p> + +<p>Gelindere Mittel, als Tadel und Strafe, z. B. Entziehung +einer Bequemlichkeit, ernstes Gesicht, Drohung, Zurechtweisung +— <em class="gesperrt">scheinen</em> oft nur unwirksam, weil die Wirksamkeit +nicht gleich sichtbar wird; sie wirken nach, wie fast alle Erziehungsmittel. +Ist der wiederholte und verstärkte Tadel unwirksam, +so folge ihm unmittelbar die Strafe.</p> + +<h4>17.</h4> + +<p>Dem gestraften Kinde gebe man, besonders wenn es zu den +lebhaften gehört, und noch keine Spuren der Besserung sich zeigen, +nicht zu schnell wieder Beweise der Liebe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span></p> + +<p>Da die Kinder eher durch Lob, als durch Tadel verdorben +werden, so sey jenes noch sparsamer, als dieser. Dagegen darf +man in der Erziehung mit seiner Nachsicht freigebig seyn, besonders +bei Kindern von zartem und reizbarem Gefühl. In seltenen +Fällen nur lobe man, mit Herabsetzung eines anderen +Kindes, — beides, Lob und Tadel, geschehe mehr unter vier +Augen, als in Gegenwart Anderer, weil es sonst zu stark als +Reizmittel wirkt.</p> + +<h4>18.</h4> + +<p><em class="gesperrt">Rousseau</em> verwarf alle Strafen, und vergaß, daß die vorherrschende +Sinnlichkeit eines Widerstandes bedarf, wenn ihr +das Kind nicht hingegeben werden soll. Es ist eine Art von Ungerechtigkeit, +ja es ist Grausamkeit, wenn man das Kind ungestraft +läßt, denn man überliefert es dadurch der Knechtschaft seiner +Sinnlichkeit, und legt den Grund zu seinem physischen und +moralischen Verderben. Der freie Wille muß dem Kinde eben so +folgerecht und unaufhaltsam in seinen Wirkungen erscheinen, wie +die physischen Folgen, damit es eine moralische Nothwendigkeit +erkenne. Wie soll auch das Kind zur Anerkennung der Güte im +Gefühl kommen, wenn es diese nie entbehrt, wenn es bei pflichtmäßigem +und pflichtwidrigem Betragen mit gleicher Güte behandelt +wird? Die weichlichsten, und mit ihrer Güte freigebigsten +Eltern haben die undankbarsten und ungehorsamsten Kinder. +Der Mensch und das Kind weiß nur zu achten, was errungen +seyn will, und nicht unverdient gegeben wird. Das Kind wird +und muß sich seinen Eltern gleich setzen, wenn diese ihm nicht +den Abstand fühlbar machen.</p> + +<h4>19.</h4> + +<p>Alles kommt auf die <em class="gesperrt">Art</em> des Strafens, des Tadelns, des +Ver- und Gebietens an. Man kann so strafen, daß die Strafe +bessert; aber auch so, daß sie erbittert, und zum trotzigen Widerstande +reizt. Darum sind folgende Regeln hiebei sorgfältig +zu beobachten:</p> + +<p>1. Habt keine Freude am Gebieten und Verbieten, sondern +mehr am kindlichen Freihandeln, und mildert das Verbot nach +Zeit und Umständen; haltet es zurück, wo es unzeitig ist.</p> + +<p>2. Verbietet seltener durch die That, als durch Worte. Reisset +also z. B. dem Kinde das Messer nicht weg, sondern lasset<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> +es selber, aufs freundliche Gebot, dasselbe weglegen, damit es +mit Freiheit handeln lerne.</p> + +<p>3. Greifet nie durch euer Verbot in die Rechte des Kindes, +z. B. »Du sollst nicht springen, rennen, klettern.«</p> + +<p>Das Kind unterscheidet sehr gut den starken und ernsten Ton +von dem zürnenden; die Mutter fällt leicht in diesen, wenn sie +jenen dem Vater nachzumachen gedenkt. Sie nimmt leicht ihr +Verbot zurück, oder beschränkt es, und schwächt es dadurch. +So kommt es, daß sich die Kinder endlich nichts mehr wollen +verbieten lassen. — Das Verbieten geschehe in kräftiger Kürze, +und je jünger das Kind ist, desto nöthiger ist diese Kürze; ja +sie ist nicht einmal nöthig; schüttle den Kopf, und damit gut. +Das wortreiche Verbieten macht die Kinder nur unmuthig und +reizt sie zum Spott. Nur sey das Verbieten kein heftiges; besser +geschieht es zuerst mit leiser Stimme, damit eine ganze Stufenleiter +der Verstärkung freistehe — und nur einmal, und für den +kleinsten Ungehorsam erfolge augenblickliche Strafe.</p> + +<h4>20.</h4> + +<p>Was das <em class="gesperrt">Strafen</em> betrifft, so ist noch hiebei zu beobachten: +Strafe verhüten, ist besser und weiser, als strafen. Da, +wo alle andere mildere Mittel unwirksam geblieben sind, trete +die Strafe unausbleiblich, und mit voller Strenge ein; doch +auch hier beobachte man eine Stufenleiter, und erwäge, ob das +Kind Entschuldigung verdiene, und ob es seine Schuld zu erkennen +im Stande sey, denn Strafe gebührt nur dem, der sich der +Schuld bewußt ist. Wo große und strenge Strafen nöthig sind, +da steht es schlecht um die Erziehung, und die Strafen werden +bald vergeblich seyn. Nicht strenge, aber unausbleibliche und +unerläßliche Strafen sind mächtig. »Unter dem Volke nicht +nur, auch unter den Gebildeten erzeugen die Schläge des +Schicksals, welche die Eltern empfingen, Gegenschläge auf die +Kinder.« Wie oft wird nur gestraft, weil eine üble Laune reizbar +macht. Wie oft härter, als recht ist, weil das Schreien +der Kinder zum Unwillen hinreißt.</p> + +<p>»Wer sich gern lässet strafen, der wird klug werden; wer +aber ungestraft seyn will, bleibt ein Narr,« sagt <em class="gesperrt">Salomo</em>, +und daher sorge der Erzieher dafür, daß seine Zöglinge nicht ihr +Herz der Strafe verschließen, daß sie ihnen Wohlthat werde, +und das wird sie seyn, wenn sie ohne Unwillen und Heftigkeit<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> +geschieht, mit allen Zeichen des Bedauerns, daß man strafen +muß. — »Wer seiner Ruthen schonet, der hasset seinen Sohn; +wer ihn aber lieb hat, züchtiget ihn bald« (Pred. Sal. 13, 24.). +Die Strafe zu rechter Zeit und auf die rechte Art macht bald +alle Strafe unnöthig und entbehrlich. »Der hat die Ruthe +schlecht angewendet, der sie hernach zum Stock verdichten muß.« +Aber ganz entbehren kann das Kind der Strafe nicht, ob es +gleich einige gibt, die so weiche moralische Anlagen haben, daß +schon die leiseste Aeusserung des Unwillens harte Strafe ist. Kinder +von heftiger Gemüthsart werden unerträglich verwildern, +und bringen es bis zur Wuth, wenn sie nicht gestraft werden. +Sir. 30, 9. 12. — Ein Kind, das schlägt, werde geschlagen. +Aber hütet euch, ein Kind durch Schlagen zu zwingen, daß es +abbitten soll — oder ihm eine Schand-Strafe aufzulegen. — +»Schande,« sagt <em class="gesperrt">Friedrich Richter</em>, »ist eine geistige Hölle +ohne Erlösung, worin der Verdammte nichts werden kann, +als höchstens ein Teufel.« — Auch werde nie die kleinste Strafe +<em class="gesperrt">spottend</em> auferlegt, sondern ernst, öfter trauernd. Der elterliche +Gram läutert dann den kindlichen, und macht das Herz +für die Ermahnung empfänglich, die die Strafe begleitet.</p> + +<h4>21.</h4> + +<p>Strafe kann nicht so viel verderben, als Lob und entzogene +Nachsicht. Wir haben gewöhnlich einen falschen Maßstab, nach +welchem wir das Betragen, die Aeusserungen und die Unarten +der Kinder beurtheilen. Wer sich am besten in die Kindes-Seele +hinein versetzen kann, wird der beste Erzieher seyn. »So ihr +nicht werdet wie die Kinder,« das gilt auch hier. Liebevolle und +freundliche Behandlung sey durchaus in der Erziehung herrschend; +doch fehle auch Strenge und Strafe nicht, so oft das +jugendliche Gemüth durch diese erst jene muß verstehen und +schätzen lernen. Wer nicht hört, soll fühlen. — Aber ferne sey +jenes eben so unnütze als verderbliche Moralisiren über das Betragen +und die Unarten der Kinder, womit viele Erzieher ihre +ganze Pflicht erfüllt zu haben glauben, und das nur in seltenen +Fällen, und als liebreiche Vorstellung der traurigen Folgen eines +Vergehens fruchtet. Je mehr Freiheit, desto mehr Güte und +Wahrheit. »Was also durch einen Wink bewirkt werden kann, +soll nicht durch ein Wort geschehen, und was ein Wort ausrichten<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> +kann, dazu soll nicht eine Ermahnungs-Rede gehalten +werden.«</p> + +<p>In der Erziehung wird eben so oft und sehr durch Versagung +als Zugestehung der Nachsicht und Schonung gefehlt, und fast +alle Erziehungs-Gebrechen lassen sich hierauf zurückführen. Die +Mittelstraße hier zu entdecken, ist auch eben so schwer, als sie +ohne Abweichung zu gehen, da die meisten Kinder eben so sehr +zur Liebe, als zum Unwillen reizen, und die Geduld so sehr in +Anspruch nehmen, als sie der Liebe bedürfen, und da dem durch +Weichlichkeit oder Erziehungs-Vorurtheile befangenen Erzieher +so leicht die nachtheiligen Folgen der Nachsicht und Strenge entgehen, +besonders was die Lüsternheit der Kinder betrifft.</p> + +<h4>22.</h4> + +<p>Bei allem Unterricht und aller sittlichen Bildung durch Ermahnung, +Warnung, Ermunterung, Tadel und Strafe, werde +immer mehr dahin gearbeitet, daß das Kind sich selbst bestimmen, +und aus eigenem Antriebe handeln lerne, damit es früh +zur Selbstherrschaft gelange, und keiner Bewachung oder peinlicher +Aufsicht bedürfe.</p> + +<p>Nie muß man den Zweck alles Erziehens aus den Augen +verlieren, welcher ist, daß der Mensch selbstständig werde, sich +selbst beherrschen und leiten lerne, ein ganz freier Mensch werde. +Daher stärke die Erziehung seine Vernunft und seine sittliche +Kraft, übe ihn im Ueberlegen, Nachdenken, Entsagen und Erdulden, +belebe seine guten Gefühle, wecke und nähre Ehrfurcht +gegen Gott, und lehre ihn merken auf die Regungen und Urtheile +seines Gewissens, damit so früh als möglich die eigentliche +Aufsicht und Erziehung entbehrlich werde. Aus solchen Kindern, +die immer unter der strengsten Zucht, und unter peinlicher Aufsicht +gehalten werden, können nie recht brauchbare Menschen +werden. Je früher Kinder an feste Grundsätze gewöhnt, und +durch ihr Gefühl und ihre Einsicht gebunden werden, desto früher +entwickelt sich der Charakter. Doch gibt es auch gewisse +weiche Naturen, die jeden Eindruck annehmen, und gewisse lebhafte +und sinnliche, die es nie oder sehr spät erst zu reifer Ueberlegung +und Selbstbeherrschung bringen. Diese bedürfen der längern +und sorgsamern Erziehung und Leitung. Aber auch diese +werden endlich sich selbst bestimmen, und sich beherrschen lernen, +wenn sie sorgfältig gebildet, regelmäßig beschäftigt, und in eine<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> +solche Laufbahn gebracht werden, in welcher ihnen wenig Muße +übrig bleibt, oder wenn ihr Ehrtrieb beständig wach erhalten +wird. Bei Mädchen ist es besonders Schamhaftigkeit, und der +Trieb zu gefallen, der bei solchen Naturen die Stelle der sittlichen +Kraft vertritt, oder diese ergänzt.</p> + +<h4>23.</h4> + +<p>Indem man Kindern zuweilen die Verwendung von Zeit und +Geld überläßt, und sie nur von Ferne beobachtet — indem man +sie in Lagen bringt, wo sie ihrem eigenen Urtheil überlassen +sind — indem man ihnen Aufträge ertheilt — indem man endlich +gemißbrauchte Freiheit nachdrücklich, jedoch nicht durch Entziehung +aller Freiheit straft — wird man diesen Zweck erreichen.</p> + +<p>Je mehr die Erziehung nach festen Grundsätzen geschieht, je +mehr sich Erzieher hüten, mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen, +je mehr weise Güte, mit Ernst gepaart, in der Erziehung +herrscht, desto eher wird die Selbstbestimmung erfolgen. +Je mehr dagegen der Erzieher schwankt, und von der weichlichsten +Güte zur härtesten Strenge übergeht; je mehr er der Sinnlichkeit +Nahrung gibt und Laune duldet, desto schwerer wird es +ihm werden, seine Zöglinge in Ordnung zu erhalten, und zur +Selbstherrschaft zu erheben.</p> + +<p>Emilie ist sinnlich und lebhaft — vergißt sich leicht — ist +leicht hingerissen; aber wenn man ihr sagt: »wird es Dir wohl +heute möglich seyn, Dich in Deiner Lustigkeit zu mäßigen? Du +würdest mir eine große Freude machen« — erhält sie eine gewisse +Kraft über sich. Ein treffliches Mittel ist auch der Auftrag, +über kleinere Kinder die Aufsicht zu führen, ihre Spiele +zu leiten — daher Kinder, die junge Geschwister haben, eher +sich ausbilden.</p> + +<p>Härte und übertriebene Strenge in der Erziehung werden bei +gut organisirten Kindern bei weitem nicht so gefährlich wirken, +als übertriebene Weichlichkeit und Nachsicht. Gegen jene ist dem +Kinde in seiner unerschöpflichen Liebe eine Waffe und Gegengewicht +gegeben; aber dieser muß es ohne Rettung und Widerstand +unterliegen, weil sie ihm nur als Wohlthat erscheinen kann.</p> + + +<h4>24.</h4> + +<p>Der junge Mensch sey nie von solchen Personen umgeben, +von welchen er Schlechtes sehen und hören könnte; seine Gespielen<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> +seyen gut erzogene Kinder, seine Hausgenossen gut gesittete +Menschen.</p> + +<p>Die schwerste, und eine unauflösliche Aufgabe der Erziehung +ist die, Kinder gänzlich vor dem verderblichen Einfluß böser Beispiele +zu verwahren, und sie mit lauter guten Menschen und +guten Eindrücken zu umgeben. Da dieß nicht möglich ist, so +muß es die Erziehung dahin zu bringen suchen, daß das Herz +des Kindes dem Einfluß des Bösen widerstehen könne, und keinen +sittlichen Schmutz annehme. Hier wirken mehr, als andere, +die religiösen Gefühle und Gesinnungen. Ist das Kind mit diesen +ausgestattet, so werden ihm böse Beispiele, Versuchungen +und Reizungen nicht nachtheilig werden. Ist das sittliche und +das ästhetische Gefühl der Kinder genährt und veredelt, so werden +sie nur Abscheu und Widerwillen bei dem Bösen, was sie +sehen und hören, empfinden und nichts davon annehmen. Nur +das Böse haftet, was sie von solchen Menschen hören und sehen, +welchen sie mit Achtung, Vertrauen und Liebe ergeben sind. +Daher haben sich Eltern und Erzieher sehr sorgfältig zu hüten, +daß sie sich nicht zuweilen vergessen, z. B. in der lebhaften +Freude, oder im Unmuth und in der Heftigkeit; — daß sie +höchst vorsichtig bei Scherzen und Urtheilen sind. Vergeblich +versucht man, wieder aufzubauen, was man durch unbedachtsamen +und unbesonnenen Scherz und Spott niedergerissen hat; +daher sind witzige Menschen keine gute Erzieher. Da es in jeder +Familie Menschen gibt, deren Sitten nicht rein sind, oder nicht +fein genug, so muß man mit Kindern hierüber ganz offen reden, +und sie warnen, aber zugleich auf die guten Eigenschaften +solcher Personen aufmerksam machen.</p> + +<h4>25.</h4> + +<p>Hier ist die dunkle Seite der öffentlichen Schulen und größern +Erziehungs-Anstalten. Doch ist freilich hier auch neben dem +Schlimmen das Gute; denn wo kein Widerstand und kein Hinderniß +zu überwinden ist, da ist auch keine Kraft-Entwickelung +möglich. Solche Kinder, die sich so leicht verführen lassen, sind +überhaupt schwach, und würden auch geringeren Versuchungen +unterliegen. Man unterlasse nur nicht, Kinder, so bald sie es +begreifen können, mit den Gefahren bekannt zu machen, welchen +man sie aussetzen muß.</p> + +<p>In Ansehung der Gespielen nur sey die Erziehung höchst vorsichtig,<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> +weil bei dem Spiel das Herz sich ganz hingibt, die innigste +Vertraulichkeit entsteht, und eine wechselseitige sehr starke +Einwirkung Statt findet. Auch tragen gute Gespielen sehr viel +zur Entwickelung der geistigen und sittlichen Anlagen bei. Man +bringe lebhafte Kinder zu lebhaften, phlegmatische zu lebhafteren, +aber nicht zu den lebhaftesten. Das phlegmatische Kind +läßt sich von dem lebhaften alles gefallen, und dies wird herrschsüchtig +und eigensinnig. Am besten ist es, wenn die Gespielen +sehr verschiedenen Gemüths sind, ohne gerade ganz entgegengesetzte +Gemüthsart zu haben. Kinder von vornehmeren und geringeren +Ständen zusammen zu bringen, ist selten rathsam; es +müßte denn das Kind geringeren Standes sich durch ausgezeichnete +Fähigkeiten geltend zu machen wissen, und reine Sitten +haben. Dagegen ist es sehr vortheilhaft, gut unterrichtete Kinder +zu Lehrmeistern der Vernachlässigten zu machen. — Kinder, +die sich fortdauernd nicht vertragen, bringe man ja auseinander.</p> + +<h4>26.</h4> + +<p>Man lasse die Kinder übrigens ihre Gesellschaft frei wählen, +so bald man überzeugt ist, daß sie gut wählen werden, und +dann auch ohne Aufsicht spielen. Am besten ist es, wenn sie +immer einige ältere zu Freunden haben, an welche sie sich durch +den Nachahmungstrieb hinaufbilden; aber auch jüngere, um ihr +Selbstgefühl nicht zu verlieren, und hauptsächlich ihres Gleichen, +weil das Gleiche sich am innigsten vereinigt, und am glücklichsten +fortstrebt.</p> + +<h4>27.</h4> + +<p>Nicht zu früh führe man Kinder in die Gesellschaft der Erwachsenen, +nämlich nicht eher, als bis sie Ausbildung und +Muth genug haben, sich in dieser Gesellschaft wohl zu befinden, +und aus ihr Nutzen zu ziehen, und auch dann geschehe es nicht +zwangsweise, und nicht zu oft und zu lange! Es ist bedenklich, +Kinder stundenlang in einer erzwungenen Ernsthaftigkeit und +Ruhe zu erhalten, nicht zu gedenken, daß man eine Grausamkeit +an ihnen begeht, oder auch, wenn man sie gütig behandelt, +zu einem gewissen vorlauten Wesen und zu einer unbescheidenen +Dreistigkeit verleitet; oder sie zu Drathpuppen macht, die lauter +Manieren, und keine Natur mehr haben. Je mehr die Gesellschaften +gemischt sind, desto gefährlicher sind sie Kindern, da +nur wenig Erwachsene so viel Achtung und Rücksicht für Kinder<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> +haben, als diese fordern können und bedürfen. Herangewachsenen +Kindern, und besonders Mädchen, ist es freilich vortheilhaft, +wenn sie sich in Gesellschaft geachteter Personen in ihre +Gewalt bekommen lernen, aber auch nur solchen. Mädchen müssen +früher die gesellschaftliche Sitte und die Sprache des Umgangs +lernen, früher eine gewisse Dreistigkeit bekommen, damit +sie nicht in kindische Blödigkeit versinken, und dadurch lästig +werden.</p> + +<h4>28.</h4> + +<p>Waren Kinder in gemischter Gesellschaft, so erforsche man, +was auf sie Eindruck gemacht hat, belebe die guten, schwäche +die bösen Eindrücke, mache sie aufmerksam auf den Ton der +Gesellschaft, und leite ihr Urtheil darüber; erlaube ihnen keinen +spöttelnden Tadel des Gesehenen und Gehörten, lehre sie mehr +das Unsittliche und Thörichte, als das Lächerliche auffinden und +beurtheilen, und bewahre sie vor der conventionellen Heuchelei +und Abgeschliffenheit.</p> + +<p>Die traurige Kunst, sich mit Anstand und Geduld zu langweilen, +müssen Kinder nie lernen; eben so wenig die Fertigkeit, +viel Worte zu machen, und die, zu schmeicheln. In so fern die +Theilnahme an Gesellschaften Nahrung der Eitelkeit und des +Stolzes werden kann, ist sie besonders zu verhüten, wenn nicht +die ganze Frucht der Erziehung verloren gehen soll.</p> + +<p>Dabei darf die gesellschaftliche Bildung nicht vernachlässigt +werden. Bringt man junge Leute zu spät in die Gesellschaft der +Erwachsenen, so leiden sie an unheilbarer Blödigkeit und Ungelenkigkeit, +und werden der Umgangssprache nie mächtig. Aber +die Erziehung muß sie zuvor in den Stand gesetzt haben, an +einem gesellschaftlichen Gespräche Antheil nehmen zu können; +ihre Urtheilskraft muß nicht mehr ungebildet, ihre Sprache gereinigt, +ihr Geschmack geläutert seyn. Denn was junge Leute +in Gesellschaft einsylbig, blöde und verlegen macht, das ist nur +Bewußtseyn ihrer Unwissenheit und Mangel an Gedanken und +Kenntnissen.</p> + +<h4>29.</h4> + +<p>Viel verdanken wir dem gesellschaftlichen Umgange, und er +darf von den Erziehungsmitteln nicht ausgeschlossen werden. +Die Mittheilung von Gedanken, Urtheilen und Gefühlen befördert +sehr die Bildung des Geistes und des Herzens. Eben so<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> +belebt der Umgang alle wohlwollende Gefühle, und übt in der +Selbstverläugnung. Das Mädchen, mit größeren Anlagen zur +Geselligkeit ausgestattet, und durch diese die Seele der Gesellschaft, +soll auch hierin nicht vernachlässigt werden. Aber wenn +sie zu früh in Gesellschaft geführt wird, besonders bei äusserer +Annehmlichkeit und Liebreiz, so erhält sie eine gefährliche Nahrung +für ihre Eitelkeit. Doch auch nicht zu spät, damit sich nicht +Blödigkeit festsetze, die so viel gesellschaftliche Freude verbittert, +und so schwer beseitigt wird. Man führe eben darum das Mädchen +nicht eher in die Gesellschaft, als bis sie in dieser etwas +gelten, und zur gesellschaftlichen Unterhaltung beitragen kann, +und präge ihr dann ein, daß auch sie der Gesellschaft werth sey, +wenn sie ihren Beitrag zur Unterhaltung gibt; aber eine Last +für sich und die Gesellschaft, wenn sie ihn aus Blödigkeit zurückhält. +Man bewahre sie vor gemischten Gesellschaften, und solchen, +wo sie zu sehr allein da steht; man lehre sie die Sprache +des Umgangs, und übe sie selbst darin, damit sie es zur Fertigkeit +bringe; man gebe ihr zuweilen Aufträge, die dahin abzwecken, +z. B. Bestellungen.</p> + +<h4>30.</h4> + +<p>Alles, was für die Verstandes-Bildung geschieht, werde zugleich +Bildungsmittel für das Herz und den Geschmack, und +umgekehrt, damit alle Einseitigkeit und Halbheit vermieden, und +das Kind zum Menschen gebildet, zur Menschenwürde erhoben +werde.</p> + +<p>Unterricht und Erziehung sollten nicht scharf von einander +getrennt, nicht als zwei ganz von einander verschiedene Geschäfte +betrieben werden; denn nur da, wo aller Unterricht erziehend, +und alle Erziehung belehrend wirkt, nur da kommt man zum +Zweck. Der Unterricht wirkt aber dann erziehend, oder auf Gesinnung +und Gefühl, wenn er wohlwollend, im Ton der Liebe +und Güte ertheilt wird, wenn man die Kinder immer darauf +hinführt, warum und wozu sie Kenntnisse einsammeln, sie auf +ihr Inneres merken, sie unmittelbar das Gelernte und Begriffene +anwenden lehrt; wenn man sorgt, daß gegenseitige Liebe +bei dem Wetteifer sey, wenn man bei dem Unterricht es nicht +bloß auf Anregung des Ehrtriebes, sondern auch der Frömmigkeit +und Sittlichkeit anlegt, und sich hütet, den Unterricht in +einen bloßen Mechanismus ausarten zu lassen, oder gar in eine<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> +Zwangs-Anstalt und Arbeits-Strafe. Je mehr man den Kindern +Lust und Liebe zum Unterricht beizubringen weiß, je besser +das Verhältniß des Lehrenden zu den Lernenden ist, desto wohlthätiger +wird er wirken. Bei dem Unterricht werde nie Anstand +und Sittlichkeit verletzt, nie das Ehrgefühl gemißhandelt, aber +auch nie das Kind weichlich geschont; er sey Anstrengung, aber +angemessene und nicht zu anhaltende; es werde dabei eine Regel +befolgt, doch ohne Härte und Zwang. Alles Gelernte und zu +Lernende werde zugleich als Nahrung für Verstand und Gefühl +benutzt. Also sey das Lesen nicht bloß Fertigkeit, sondern auch +Ausdruck des Gefühls, welches der Inhalt anregen oder beleben +soll; das Schreiben auch Bildungs-Mittel für den Schönheits-Sinn; +das Rechnen Belebung des Sinnes für Ordnung, der +Sorgfalt und des Fleißes, der Geduld und Ausdauer; die Musik +Belebung frommer Gefühle und des Sinnes für Harmonie und +Wohllaut, Veredlung des Herzens und Besänftigung der Leidenschaften +— jede Arbeit Ermunterung zur Geduld und Uebung +darin, als Pflicht-Erfüllung, als Sorge für Andere.</p> + +<h4>31.</h4> + +<p>Alles, was die Erziehung thut, werde Beförderungs- und +Befruchtungs-Mittel für den Unterricht, besonders durch Gewöhnung +an Ordnung, Regelmäßigkeit, Aufmerksamkeit, Nachdenken, +Fleiß und Gehorsam. Es komme nie dahin, daß die +Kinder, von der übertriebenen und lieblosen Strenge der Erziehung +verleitet, sich dem Gebot zu entziehen suchen, oder es umgehen, +und die Erziehung biete ihnen nie einen Anlaß dar, und +reize sie nie, sich zu widersetzen, oder bemerkte Schwachheiten +zu benutzen.</p> + +<p>Jeder sclavische Gehorsam sey verbannt, damit das Kind sich +seiner Menschenwürde bewußt werde. Jede Unterredung sey belehrend +und ermunternd, so wie der ganze Umgang mit dem +Kinde bildend und erhebend. Das Kind werde nie mit seinen +Fragen abgewiesen, nie in seiner Thätigkeit und seinem Fleiß +durch Unordnung und Geräusch gestört, nie durch Vergnügen +von der Erfüllung der Schülerpflicht abgehalten, nie wegen seiner +Anstrengung beklagt. Durch Erziehung lerne das Kind seine +Pflichten kennen, seine Verhältnisse achten, seinen Willen beherrschen; +die Erziehung führe es zu Gott. Besonders sorge die +Erziehung, daß dem Kinde Schätzung seiner Menschenrechte<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> +beigebracht, und das Herz vor Vorurtheilen der Geburt und des +Standes bewahrt werde; denn diese verfinstern den Verstand, +und lähmen die sittliche Kraft, zerstören alle Einwirkung guter +Grundsätze, und bringen Willkühr hervor.</p> + +<p>Darum werde das Kind nur wenig, und nur von andern +Kindern, besonders seinen Geschwistern, bedient; darum lerne +es <em class="gesperrt">bitten</em>, auch Dienstboten bitten; es werde Lehrer der Kleinern, +es thue ihnen Handreichung, auch beschwerliche Handreichung. +Da durch Lehren gelernt wird, so kann man nicht früh +genug die Kinder zu Lehrern der Kinder machen. Indem sie diesen +ihre kleinen Kenntnisse mittheilen, wächst zugleich Wohlwollen +und Liebe, werden sie in der Geduld geübt. Auf gleiche Art +stärke sich Geduld und Kraft der Selbstverleugnung bei dem Lernen +und bei häuslichen Arbeiten, und daher mache man ihnen +nicht alles zu leicht, erspare ihnen nicht jede kleine Beschwerde, +fordere sie zur Selbstverleugnung auf, gebe ihnen Anlaß zur +Ueberlegung, und zum Handeln mit Ueberlegung.</p> + +<h4>32.</h4> + +<p>Die Art, wie der Unterricht ertheilt wird, die Liebe, die +Nachsicht und Geduld, die man dem Kinde beweist, die Art der +Ermunterung und des Tadels, die strenge Ordnung, welche +man dabei beobachtet, die gewissenhafte Treue, mit welcher die +festgesetzten Stunden des Unterrichts gehalten werden; der Eifer +des Lehrenden, seine Freude über bemerkte Fortschritte, seine +Traurigkeit über Nachlässigkeit und Trägheit, das alles müsse +den Charakter des Kindes begründen helfen.</p> + +<h4>33.</h4> + +<p>Da es in der Erziehung keinen Stillstand geben darf, indem +jeder Stillstand ein Rückschritt seyn würde, so sey das Streben +nach dem Ziele ein rastloses und eifriges, und dem Zögling stehe +dies Ziel, wie dem Erzieher, immer vor Augen, damit Beider +Eifer nie erkalte und nie ermatte. Der Zögling werde sich der +gewonnenen Kraft und Kenntniß mit Freude bewußt, und diese +Freude werde ihm der Sporn zu neuer Anstrengung. Nie erscheine +ihm das Lernen und Gehorchen als ein mühseliges Tagewerk, +sondern als der einzige Weg, an das Ziel zu kommen.</p> + +<h4>34.</h4> + +<p>Je öfter es in der Erziehung scheint, als sey die Kraft und +Anstrengung des Erziehers vergeblich aufgewandt, als sey gar<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> +keine Annäherung zum Ziel, desto nöthiger ist es, daß der Erzieher +sich überzeuge, sein Eifer dürfe, auch bei dem ungünstigsten +Erfolge, und bei diesem gerade am wenigsten, nachlassen, +sondern müsse unter allen Umständen sich gleich bleiben — und +wenn er sich gleich bleibt, so könne auch der Erfolg nicht ausbleiben. +Diese Ueberzeugung erlangt man nur durch eine sorgsame +Erforschung der Natur des menschlichen Geistes, und durch +eine sorgfältige Beobachtung des Zöglings, so wie durch eine +gewisse <em class="gesperrt">Bescheidenheit und Mäßigkeit in seinen Erwartungen +und Forderungen</em>. Der Erzieher darf eben so +wenig, wie der Arzt, an die Untrüglichkeit der Regeln seiner +Wissenschaft glauben, und muß, wie dieser, von der Natur das +Meiste und Beste, von seiner Kunst und Wissenschaft das Wenigste +erwarten, muß nie der Natur entgegen arbeiten, sie nie +zwingen wollen; aber sorgfältig der Natur nachspüren und nachgehen, +und ihre Winke beachten, ihre Rechte heilig halten, ihren +Beistand weise und sorgfältig benutzen, ihre Forderungen ehrerbietig +beachten. Wer bei jedem Zöglinge denselben Erfolg von +seinen Erziehungsmitteln und Maßregeln erwartet, dessen Eifer +wird bald erkalten, und dessen Muth muß sinken, und alles +Erziehen muß ihm zuletzt als ein zweckloses und fruchtloses Werk +erscheinen.</p> + +<h4>35.</h4> + +<p>Wenn aber jeder Stillstand soll verhütet werden, so darf +auch, besonders in den eigentlichen Kinderjahren, keine lange +Pause in den Arbeiten, keine öftere Ausnahme von der Ordnung +des Tages, keine eigentliche Zerstreuung des Zöglings, z. B. +durch eine Reise, Statt finden. Man erschwert sich selbst und +seinen Zöglingen das Geschäft der Erziehung unglaublich, so oft +man einen längeren Ruhepunkt macht, und von der gewohnten +Ordnung abweicht, so oft man nachläßt oder ein Nachlassen des +Zöglings gestattet und geschehen läßt. Besonders gilt dieß von +einer zu weichlichen Nachsicht und Schonung der Kinder, wenn +sie krank werden, oder kränklich sind — von den langen Pausen, +die man bei Gelegenheit der Familienfeste und bei Zurüstungen +zu diesen Festen, besonders zu Geburtstagen, macht, +auf deren dramatische Feier nicht selten Wochen verwandt werden +bei dem Einstudiren. Dagegen sind bei dem Unterricht und +bei der Erziehung <em class="gesperrt">solche</em> Ruhepunkte sehr heilsam, welche bestimmt<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> +sind, die in einem längern Zeitraum gewonnene Fähigkeit, +Fertigkeit und Kenntniß zu überschauen, und sich in vollen +Besitz derselben zu setzen. Daher gehöre es zu den Familien-Festen, +wenn ein Kind irgend eine Fertigkeit erlangt, eine Bahn +des Wissens und Lernens durchlaufen hat, und man halte über +diese Einnahme des Zöglings ordentlich Buch und Rechnung. +Das Kind werde zu einem recht lebendigen Bewußtseyn seiner +erlangten Fertigkeit und Kenntnisse erhoben, und besonders zum +Bewußtseyn seiner erhöhten moralischen Kraft, indem man es +erinnert an ehemalige bange Zustände und Verhältnisse, ehemalige +Schwierigkeiten und Hindernisse, die nun nicht mehr sind. +Das Gehorchen werde erleichtert durch die Billigkeit und Angemessenheit +der Gebote, durch wohlwollende Behandlung, eingeflößtes +Vertrauen, erleichterte Ueberzeugung, daß es so recht +und wohlgethan sey.</p> + +<h4>36.</h4> + +<p>Am ersten wird der Eifer erkalten, und der Muth sinken, +und also Stillstand und Hemmung erfolgen bei solchen Erziehern, +die sich das Erziehen zu <em class="gesperrt">leicht</em> gedacht haben, und meinten, +man habe nur zuzusehen, wie sich das Kind selbst erziehe, +und ihm hie und da mit Strafen und Belohnungen zu Hülfe zu +kommen; eben so bei solchen, die nicht Liebe genug zu den Kindern +haben, und sich durch die immer wiederkehrenden Unarten +der Kinder zum Unwillen und zu einer harten Behandlung reizen +lassen, dadurch aber nichts weiter, als einen größeren Widerstand +der Kinder gegen ihre Erziehungs-Maßregeln bewirken. +Ferner bei denen, welche den Kindern <em class="gesperrt">Blößen</em> geben, und sich +dadurch in ein ungünstiges Verhältniß gegen ihre Zöglinge setzen. +Endlich auch bei solchen, welche an die Untrüglichkeit und Unfehlbarkeit +ihrer Erziehungs-Grundsätze glauben, und daher sich +nicht zu fassen wissen, wenn der Erfolg nicht ihren hohen und +zuversichtlichen Erwartungen entspricht. Daraus entsteht dann +leicht ein unwilliges und hastiges Wegwerfen aller Grundsätze, +und bei einem solchen Verfahren muß allerdings der Erfolg rein +ungünstig seyn, weil dann gewöhnlich eine ganz verkehrte Behandlung +des Zöglings eintritt, alle Behandlung nach Regeln +aufhört.</p> + +<h4>37.</h4> + +<p>Ein Stillstand oder Rückschritt wird ferner da unvermeidlich<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> +seyn, wo man es mit der Bildung und Ausbildung guter Anlagen +<em class="gesperrt">übereilt</em> und <em class="gesperrt">übertrieben</em> hat, und Kinder über ihr +Vermögen anstrengte, ehe die wahre Bildungs-Periode eingetreten +war. Solche Treibhaus-Erziehung bringt nur kränkelnde +Erzeugnisse hervor.</p> + +<p>Es ist also Stillstand und Rückschritt in der Erziehung unausbleiblich, +wenn es keine feste Tages-Ordnung gibt; wenn +nicht nach Grundsätzen erzogen wird; wenn man in gewissen +Perioden der Sinnlichkeit zu viel Befriedigung verstattet; wenn +die Eitelkeit und der Eigendünkel durch falsch angewandte Ermunterungs-Mittel +geweckt und genährt ist; wenn die Lebens-Ordnung, +welche eingeführt, und der Unterrichts-Plan, welcher +befolgt wird, nicht dem Alter und den Anlagen des Zöglings, +und überhaupt der Natur des kindlichen Gemüths und Geistes +angemessen ist, vielmehr ganz davon abweicht; wenn endlich +Kindern Vorurtheile des Standes und der Geburt eingeflößt +werden, oder Wohlleben sie träge und verdrossen macht.</p> + +<h4>38.</h4> + +<p><em class="gesperrt">Die Lehren und die Eindrücke der Religion</em> müssen +allen andern Lehren und Eindrücken Kraft und Wirksamkeit geben. +Daher geschehe in der Erziehung alles mit religiösem Geiste; +aber man hüte sich dabei, den Ton zu verfehlen, der dem jedesmaligen +Alter und der Bildungsstufe, auf welcher der Zögling +steht, angemessen ist. Die Erziehung benutze sorgfältig alle die +Mittel, welche ihr zu Gebote stehen, um die religiösen Eindrücke +dem Herzen unauslöschlich einzuprägen, und da die Liebe des +Gesetzes Erfüllung ist, so müsse jedes wohlwollende und theilnehmende +Gefühl sorgsam gepflegt und genährt und schon in +dem Kinde eine lebendige Ahnung seiner Menschenwürde und +Bestimmung erweckt werden.</p> + +<p>Die Erziehung soll vor allem den Menschen zum Menschen +bilden; sie soll die Grundzüge der Menschheit nicht verwischen, +sondern ihnen Kraft und Leben geben; sie soll es auf Selbstständigkeit +anlegen, und die Anlagen zur Sittlichkeit in dem +Kinde ausbilden. Diejenigen Erzieher, die dieß verabsäumen, +haben ihre Pflicht nicht halb erfüllt. Denn nie wird es der +Mensch zu wahrer Sittlichkeit bringen, wenn er nicht Ehrfurcht, +Liebe und Vertrauen gegen ein unsichtbares Wesen fühlt, welches +er als Herr seines Schicksals betrachtet. Nur dadurch erhält<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> +der Wille Kraft und Festigkeit, nur dieß gibt den Gefühlen Lebhaftigkeit +und Wärme, der Seele eine Richtung auf das Höhere. +Aber ist die religiöse Bildung verabsäumt, so bleibt die Bildung +für das ganze Leben mangelhaft und unvollständig; nur die Religion +kann das Werk des Erziehers fördern und krönen. Gerade +darum aber, weil die Religion Sache des Gefühls werden muß, +wenn sie haften und wirksam seyn soll, müssen die religiösen +Eindrücke schon in der frühesten Kindheit geschehen.</p> + +<p>Dahin gehört die Scheu vor einem unsichtbaren und allwissenden +Richter, der belohnen und bestrafen kann; der Glaube, +daß die Regungen des Gewissens Gottes-Stimme sind; daß +alles Gute von Gott kommt, und daß er Beschützer und Führer +der Menschen ist; daß er den Menschen durch seine Gesandten +seinen Willen bekannt gemacht habe — daß er ihre Gebete erhöre.</p> + +<p>Dahin gehört ferner Heilighaltung der Bibel, als eines göttlichen +Buches; der Kirche, als Stätte der Andacht und Anbetung; +des Sonntags, als eines dem Herrn und unserer Seele +geweihten Tages; der Festtage, als solcher Tage, die uns an +eine große Wohlthat Gottes erinnern — vor allen auch der +letzte Tag des Jahres.</p> + +<h4>39.</h4> + +<p>Die <em class="gesperrt">religiöse Bildung</em> darf am wenigsten der weiblichen +Seele fehlen, weil diese mehr durch Gefühle, als durch Verstandes-Begriffe +und Grundsätze bestimmt und geleitet wird, und +weil vor allem durch die Mütter religiöse Gesinnungen und Gefühle +fortgepflanzt werden sollen. Das Menschengeschlecht wäre +verloren, wenn Religiosität nicht mehr in weiblichen Herzen gefunden, +und durch sie fortgepflanzt würde, so wie auch alle Erziehung +bei Mädchen ihren Zweck nicht erreicht, wenn sie nicht +eine religiöse, und durch Religion geheiligte und befruchtete ist. +Dazu gehört nicht ein frühzeitiger eigentlicher Religions-Unterricht, +oder daß man das lallende Kind schon zum Beten abrichte; +wohl aber, daß man es durch Liebe und Ernst empfänglich mache +für die Eindrücke der Religion; daß man die Schönheiten der +Natur, und ihre furchtbaren Erscheinungen benutze, um des +Kindes gerührte oder erschütterte Seele zur Ahnung Gottes und +des Göttlichen zu erheben; daß man die, das kindliche Gemüth +so sehr ansprechenden Erzählungen und Lehren der Bibel zur +Weckung religiöser Gefühle benutze, und die einfachsten Aussprüche<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> +der Bibel seinem Gedächtnisse und Verstande einpräge; +daß man es früh zum Genuß und zum Erkennen dichterischer +Schönheit führe, und dadurch seinen Gefühlen eine höhere Richtung +gebe. Ein schönes Lied, dem Kinde mit Empfindung vorgesprochen, +wird gewiß bei den Meisten von großer Wirkung +seyn. Auch das Hinführen in die Kirche, besonders bei feierlichen +Gelegenheiten, wird hiezu mitwirken; nur verlange man +nicht, daß das Kind bei dem ganzen Gottesdienste aushalten +soll. — Schriften, wie Gumal und Lina — <em class="gesperrt">Spiekers</em> Emiliens +Stunden der Andacht — <em class="gesperrt">Krummachers</em> Parabeln und +dessen Festbüchlein — Allwin und Theodor von <em class="gesperrt">Jakobs</em>, und +von demselben Rosaliens Nachlaß — <em class="gesperrt">Witschels</em> Morgen- und +Abendopfer — <em class="gesperrt">Glatz</em> Andachtsbuch, werden hiebei gute Dienste +leisten, noch besser ein zweckmäßiger Vortrag der biblischen Geschichte, +und eine feierliche Morgen- und Abend-Andacht.</p> + +<h4>40.</h4> + +<p>Man beobachte sorgsam alles, was einen lebhaften und guten +Eindruck auf das Kind gemacht, sein Nachdenken anhaltend +beschäftigt, seine Wißbegierde am meisten angeregt hat, und +suche alle diese Eindrücke und Regungen wieder aufzufrischen, +damit die Seele dadurch gewisse Lichtpunkte erhalte, von wo +aus sich Leben, Licht und Wärme durch das Ganze verbreite.</p> + +<p>Je öfter die Erfahrung lehrt, daß gerade das, wovon man +sich den geringsten Eindruck versprach, die stärksten und bleibendsten +bei den Kindern machte, und das, was Eindruck machen +sollte, desselben verfehlte, desto nöthiger ist es, auf jenes +zu merken, und den Eindruck nicht verlöschen zu lassen. Dieß +gilt besonders von dem, was wohlwollende Gefühle, den Sinn +für Gerechtigkeit und Wahrheit weckt und belebt, was die Ahnung +des Göttlichen hervorruft, das Selbstgefühl stärkt, den +Thätigkeitstrieb erhöht, zur Selbstverleugnung ermuntert und +stärkt. Bei dem einen Kinde ist's z. B. eine Aeusserung des +Mißtrauens, wodurch es tief bewegt wird; bei einem andern +die Betrübniß, die man über seine Fehltritte äussert; bei einem +dritten der Anblick eines ausgearteten Kindes; bei einem vierten +das Gelingen einer gefürchteten Arbeit — bei einem fünften +ein Geschenk von Werth — ein unerwartetes Lob — ein +empfindlicher oder beschämender Tadel.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span></p> + +<h4>41.</h4> + +<p>Nothwendig muß hiernach die Erziehung modificirt werden; +es bildet sich hieraus eine <em class="gesperrt">pädagogische Klugheitslehre</em>. +Kinder von einer zarten Reizbarkeit, von vorzüglichen sittlichen +Anlagen, und solche, die auf alles merken, alles zu Herzen nehmen, +über alles nachdenken, wollen mit einer vorzüglichen +Sorgfalt und Behutsamkeit behandelt seyn. Lebhafte Kinder bedürfen +und ertragen starke Eindrücke, phlegmatische starke Reizmittel. +Mädchen werden leicht durch Anregung der Phantasie +fortgerissen. Eine rührende Geschichte kann sie leicht für ganze +Tage zu einer gewissen Niedergeschlagenheit stimmen, oder doch +ihre Phantasie in Aufruhr bringen — eine Schmeichelei die Eitelkeit +in furchtbarer Kraft wecken.</p> + +<h4>42.</h4> + +<p>Die Erziehung lege es daher nicht so sehr auf starke und lebhafte, +als auf <em class="gesperrt">bleibende Eindrücke</em> an. Diese werden durch +ein sich gleich bleibendes herzliches Benehmen, durch Erneurung +und Belebung sittlicher Regungen, durch Einflößung religiöser +Gesinnungen und Gefühle bewirkt; aber auch durch Benutzung +ausserordentlicher Ereignisse, z. B. Unglücks- und Todesfälle, +Verluste, Krankheiten, durch welche besonders der Sinn für +Religion geweckt und belebt wird.</p> + +<p>Wir hören hierüber die Bekenntnisse eines gewesenen Schulmannes +aus seinen Jugend-Jahren. (S. Neue Bibliothek für +Pädagogik von Gutsmuths, Julius und August 1812.)</p> + +<p>»Ich vergegenwärtige mir noch lebhaft die schönen Abend-Dämmerungen, +in welchen meine Mutter, mich herumtragend, +geistliche Lieder sang. Mit sanfter, süßer Gewalt ergriffen mich +diese Lieder. Ich horchte und horchte, und mag auch wohl die +Händlein gefaltet haben. Ein Reich Gottes that sich mir auf; +ich hatte an diesen Abenden, das weiß ich noch heute, eine +milde, fromme, kindliche, ich möchte sagen: heilige Gesinnung, +wie mir denn auch die gute Mutter ihre Zufriedenheit +mit meinem Thun und Treiben nicht versagen konnte, so lange +diese Klänge und Vorstellungen noch wiederhallten. Ich verstand +freilich viele Ausdrücke in diesen Liedern nicht; aber der +mir zusammenhängend verständlichen waren genug. Manches +hellte mir die, zwar sehr dürftige, Belehrung auf, und übrigens +fand ich mich instinktartig zurecht. Ich verstehe mich hier<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> +selbst wohl. Bewahre mich Gott, die Erkenntniß des Verstandes +zu verachten! Was kann herrlicher seyn, als das Denken, +welches selbst eine göttliche That ist, auf das Göttliche angewandt. +Ich meine nur, das Uebersinnliche, das im Menschen +ursprünglich gesetzt ist, als: Gott, Gewissen und Rechenschaft, +wurde mir in das Bewußtseyn gebracht durch jene Gesänge, +und wenn ich einmal auf diesem heiligen Boden war, so konnten +ein Paar dunkle Vorstellungen ab und an nichts verschlagen; +die Hauptsache, der Grund aller wahren Religion, war +gewonnen. Ich segne meine Eltern, daß sie mir den Gedanken +des Heiligen eher einpflanzten, ehe noch die rechte Sünde +kam, und die größere Zerstreuung. Keine Erkenntniß zu dulden, +die nicht durch den Begriff kommt, das ist spätere Losung +gewesen. Wir haben gesehen, wie weit wir damit im Erkennen, +Wollen und Fühlen gekommen sind.«</p> + +<p>»Ich mußte früh und Abends <em class="gesperrt">beten</em>, vor und nach Tische, +und sah es die Eltern gleichfalls thun. Oft hatte ich keine Andacht +dabei; oft wurde ich dazu gezwungen. Ein Erzieher meiner +spätern Jahre machte es umgekehrt; er versagte mir das +laute regelmäßige Beten, wenn ich nicht gesammelt war, mit +dem Beifügen, daß ich mich Gott in einer solchen Stimmung +nicht nahen dürfe, weil ich ihm mißfällig sey. Das wirkte +mächtig auf mich. Indessen entsinne ich mich keines Schadens, +den das mechanische Geplapper mir gebracht hätte. Doch +kann es seyn, daß die sinnvollere Erziehung, die ich vom neunten +Jahre an ausser dem Hause erhielt, mich vor solchem Schaden +bewahrt hat. Dagegen weiß ich, daß ich auch sehr oft andächtig +betete; daß mir der Gedanke an Gott und die Beschäftigung +mit ihm etwas wurde, das sich von selbst verstände; +daß mir bei unerlaubtem Dichten und Trachten eben deshalb +die Erinnerung an Gott schneller in den Weg trat, und mich +in manchem Schlechten aufhielt; daß ich mich gewöhnte, den +Tag und die Nacht als ein Geschenk des liebevollen Gottes, +und das Leben, als bedürftig der Weihe in jedem seiner Theile +zu betrachten. Ich kam zeitig unter eine gewisse Gottesherrschaft, +die dem Leben getaufter Menschen erst den wahren +Werth gibt; ich lernte endlich durch eingeimpftes Beten auch +frei beten, und meine religiösen Vorstellungen unaufgefordert +an Gott richten. Es ist in der That die Frage, ob eine allzu<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> +ängstliche Scheu vor dem Mechanismus im Beten im Anfang +der religiösen Erziehung nicht dem höchsten, dem freien Beten +selbst, auf Zeitlebens nachtheilig wird. Mich dünkt, das Beten +wolle, wie jede Seelen-Verrichtung, <em class="gesperrt">geübt</em> seyn.«</p> + +<p>»Ich bekam Bibelsprüche zum Auswendiglernen. Viele darunter +verstand ich nicht ganz; mehrere waren in der Auslegung +unrichtig; erklärt wurden mir wenige recht. Die einen habe +ich in der Folge verstehen, die andern recht erklären gelernt. +Gesetzt, mir wäre Beides nicht ganz zu Theil geworden, so +hätte ich doch immer, wie geschehen ist, einen Schatz gesammelt +von Lehre, Warnung und Trost in erhaben einfacher +Sprache der Urwelt.«</p> + +<p>»Dem häuslichen Vorlesen und Hören von Predigten habe +ich als Kind nie etwas abgewinnen können. Die Schuld mochte +theils daran liegen, daß Predigten für mein Kindesalter nicht +paßten, theils an der schlechten Declamation. Aber das häusliche +Singen an Sonn- und Festtagen erbaute mich mehr. Da +ich ein vortreffliches Gedächtniß habe, so lernte ich die vornehmsten +Lieder unseres Gesangbuchs kennen, viele auswendig. +Wie mancher Vers der Gottbegeisterten Dichter <em class="gesperrt">Paul</em>, <em class="gesperrt">Gerhard</em>, +<em class="gesperrt">Richter</em>, <em class="gesperrt">Luther</em>, <em class="gesperrt">Neumann</em>, und später des sanften +<em class="gesperrt">Gellert</em>, hat mich mahnend, warnend, tröstend durch +das Leben geleitet! Wo die heutige Jugend so oft trostlos +schwankt, oder in wilder Verworrenheit dem Abgrund zutaumelt, +habt ihr Unsterblichen mich fest und aufrecht erhalten.«</p> + +<p>»Die Vorstellungen und Gefühle der Religion waren es vorzüglich, +die meine dunkeln, gemeinen, verkümmerten Kinder-Jahre +erhellten, adelten und beseligten. Eine Welt ging mir +im Geiste auf, deren Schimmer die enge sichtbare mir nicht +verdüstern konnte. Mit dem Ministerknaben, der im stolzen +Prachtwagen bei mir vorüber fuhr, hatte ich einen Gott, zu +dem ich beten konnte; ich war getauft, wie er; ich erstand +einst aus dem Staube, wie er, nicht mehr gebeugt, sondern +verklärt. An den einfachern Weltverhältnissen, die ich im Evangelienbuche +anschaute, richtete sich meine schüchterne Seele auf; +die festlichen Tage der Christen brachten auch in meiner Eltern +Haus einen Schimmer der Freude; an Abendmahlstagen sah +ich die höchste Erhebung an ihnen, und wie sie da mit besonderer +Scheu das Unheilige mieden, so ermannten sie sich auch,<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> +des Lebens Sorgen wegzuwerfen. Mitten unter den Thränen, +die ihr Brod benetzten, sah ich auch oft den vertrauensvollen +Blick gen Himmel gerichtet, und hörte ein Wort wechselseitiger +Tröstung gesprochen, das nicht auf täuschende Erdenhoffnungen +gegründet war. So lernte ich zeitig etwas von der erhabensten +aller Künste, zu stehen wie ein Berg Gottes, den Fuß +in Ungewittern, das Haupt in Sonnenstrahlen.«</p> + +<h4>43.</h4> + +<p><em class="gesperrt">Jean Paul</em> sagt in seiner Levana: »Zeiget überall, auch an +den <em class="gesperrt">Grenzen</em> des heiligen Landes der Religion, dem Kinde anbetende +und heilige Empfindungen; diese gehen über, und entschleiern +ihm zuletzt den Gegenstand, so wie es mit euch erschrickt, +ohne zu wissen, wovor. Newton, der sein Haupt entblößte, +wenn der größte Name genannt wurde, war ohne Worte ein +Religions-Lehrer von Kindern geworden. Nicht <em class="gesperrt">mit</em>, aber <em class="gesperrt">vor</em> +ihnen dürft ihr beten, das heißt: Gott laut danken. Eine verordnete +und befohlene Erhebung und Rührung ist eine entweihte. +Kindergebete sind <em class="gesperrt">leer</em> und <em class="gesperrt">kalt</em>, und eigentlich nur Ueberreste +des jüdisch-christlichen Opferglaubens, der durch Unschuldige, +statt durch Unschuld, versöhnen und gewinnen will.« Das +Wahre an dieser zu stark ausgedrückten Behauptung ist wohl +dieß, daß eine befohlene Andacht gar keine ist, und daß ein +Tischgebet vor dem Essen jedes Kind verfälschen müsse.</p> + +<p>»Gebt dem Kinde,« heißt es dort weiter, »unser Religions-Buch +in die Hand, aber schickt die Erklärung dem Lesen nicht +nach, sondern voraus, damit in die junge Seele die fremde +Form als ein Ganzes dringe. Warum soll erst der Mißverstand +der Vorläufer des Verstandes seyn? Um die schöne Frühlingszeit +der religiösen Aufnahme des Kindes unter Erwachsene +— eine so wichtige, da es vor dem Altare zum erstenmale +öffentlich und mit allen Rechten eines <em class="gesperrt">Ichs</em> auftritt und forthandelt +— um diese einzige Zeit, wo plötzlich das dämmernde +Leben in ein Morgenroth aufbricht, und dadurch das Neue der +Liebe und der Natur verkündigt, gibt es keinen schöneren Priester +für die junge Seele, als der Dichter ist, welcher eine sterbliche +Welt vernichtet, um auf ihr eine unsterbliche zu bauen.« +Levana 1. 146.</p> + +<h4>44.</h4> + +<p>Verhüte sorgsam alles, wodurch die Freudigkeit Deines Zöglings<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> +geschwächt oder unterdrückt werden könnte, und erhalte ihn +daher in einer ununterbrochenen, seinem Alter und der kindlichen +Natur angemessenen <em class="gesperrt">Thätigkeit</em>; flöße ihm keine Furcht, +sondern nur ehrerbietige Scheu, keine Aengstlichkeit und Schüchternheit, +sondern Freimüthigkeit und Bescheidenheit ein; suche +selbst da, wo Du einen Zwang eintreten lassen mußt, seinen +Willen zu gewinnen, und benimm ihm nicht durch übertriebene +Strenge und durch Pedanterie die Lust und Liebe zu dem, was +er thun soll. Störe ihn nicht in seinen Spielen; sey kein Spiel-Verderber.</p> + +<p>»Die Erziehung unserer Väter hatte eine düstere und abschreckende +Gestalt, und noch jetzt ist das Vaterhaus für die +armen Kinder ein Zwinger, in welchem sie, gleich eingefangenem +Wild, nur gefüttert und geschlagen werden.«</p> + +<p>Hierin ist's besser geworden, obgleich man auch hier und da +auf das andere Extrem verfallen ist. Ganz ohne äussern Zwang +geht es freilich in der ersten Erziehung nicht ab, aber es kommt +darauf an, was für eine Farbe dieser Zwang trägt, und wie er +eingeleitet wird. Kinder sträuben sich gegen anhaltende und +ernste Thätigkeit, gegen Gehorsam und Gebot, gegen eine feste +Ordnung, gegen Entbehrungen und Entsagungen. Hier muß +oft Zwang eintreten, der Wille ihnen gebrochen werden, wenn +nicht Ausartung erfolgen soll. Aber es gibt doch auch eine +freundliche und wohlwollende Strenge, es gibt Mittel, ihnen +den Zwang zu versüßen und zu erleichtern: Mannigfaltigkeit +und Abwechselung in den Beschäftigungen und Arbeiten, Herablassung +und Herabstimmung, ein freundlicher Scherz, Lob und +Ermunterung, Belohnung und gleichmäßige Thätigkeit, Sinnenlust. +Es ist nicht schwer, Kindern, deren Phantasie so beweglich +ist, die Unlust zu benehmen, und dann werden von selbst +alle Kräfte rege. Man darf nur die Sinnlichkeit der Kinder zu +Hülfe rufen, und ihr einige Nahrung geben, so ist der Wille +gewonnen, »besonders da der Schmerz und die Traurigkeit der +Kinder ohne Vergangenheit und Zukunft ist.« Wer allen Forderungen +und Geboten gleich die Drohung hinzufügt, oder in +einem rauhen Tone gebietet, oder fordert, was so schwache +Kräfte nicht leisten können; wer nicht zu Hülfe ruft die Anregungen +des Wetteifers, des Lobes, der Belohnung, oder wohl +gar die Arbeit als Strafe dictirt und verordnet, der mag sich<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> +nicht beklagen, wenn ihm überall die <em class="gesperrt">Unlust</em> entgegentritt. +Aber die Heiterkeit und Freudigkeit der Kinder soll nicht erkauft +und erschmeichelt, oder durch dargebotenen Genuß und durch +beständige Reizmittel erzwungen werden, vor allem nicht durch +Nährung und Befriedigung des Ehrtriebes; auf diesem Wege +bildet man nur Selbstsüchtige und eitle Thoren, die keines reinen +Beweggrundes mehr fähig sind. Auch sind diese Mittel so +bald erschöpft, und es entsteht große Verlegenheit.</p> + +<h4>45.</h4> + +<p>»<em class="gesperrt">Heiterkeit</em> oder <em class="gesperrt">Freudigkeit</em> ist der Himmel, unter +dem alles gedeiht, Gift ausgenommen.« Aber wiederum die +Heiterkeit kann nicht gedeihen, wo die Sinnlichkeit der Kinder +zu freigebig genährt wird; vielmehr entsteht alsdann ein launichtes +und mürrisches Wesen, und die Kinder wissen nicht, +was sie wollen. »Kleine Genüsse dagegen wirken, wie Riechfläschchen, +auf die jungen Seelen, und stärken von Thätigkeit +zu Thätigkeit.« — Seltene Genüsse sind, nebst einer sich +gleich bleibenden Thätigkeit, die beste Nahrung für Heiterkeit +und Frohsinn, und ihre Bedingung ist Gesundheit des Leibes +und der Seele.</p> + +<p>Laß das Kind nicht zu viel und nicht zu wenig, nicht zu +lange und nicht zu kurze Zeit spielen, und überhäufe es nicht +mit Spielsachen, denn das führt nur zum Ueberdruß und zur +Laune; »auch verwelkt an reicher Wirklichkeit und verarmt die +Phantasie. Vor den Kindern, deren Phantasie noch stärker, +als im Jünglings-Alter, schafft, spielt Ein Spielzeug oft alle +Rollen, und es schmeckt ihnen gerade so, wie sie es jedesmal +begehren.«</p> + +<p>Eben deswegen bedürfen sie keines schönen Spielzeuges, denn +ihre Phantasie bildet es viel schöner, als die Kunst es vermöchte. +»Daher die Erscheinung, daß sie die häßlichsten Puppen oft am +liebsten haben, z. B. des Vaters alten Stiefelknecht an Kindes- oder +Puppen-Statt annehmen.« Hingegen je älter der +Mensch wird, desto mehr bedarf er, daß ihm eine reiche Wirklichkeit +erscheine.</p> + +<h4>46.</h4> + +<p><em class="gesperrt">Das Spiel ist die eigentliche Heimath der kindlichen +Seele, ist sein Paradies, auch mit dem Baum +der Erkenntniß.</em> Hütet euch aber, der flammende Cherub zu<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> +seyn, der sie aus diesem Paradiese verjagt; sie verlassen es von +selbst, wenn es aufgehört hat, für sie ein Paradies zu seyn. +Spielt das Kind zu lange, nämlich auch dann noch, wenn es +schon das Bedürfniß, beschäftigt zu seyn, lebhaft fühlt, so ist +ihm das Spiel verderblich; zu wenig, so nimmt es eine unnatürliche +Richtung, und verliert seine Freudigkeit und Heiterkeit. +<em class="gesperrt">Es kommt viel darauf an, daß der Uebergang vom +Spiel zum Lernen mit Vorsicht und Klugheit geschehe.</em> +Bilder und bildliche Darstellungen vermitteln diesen +Uebergang am besten; aber auch hiebei beobachte man eine weise +Sparsamkeit, und gebe ihnen nicht zuerst unbekannte Thiere +und Gewächse, die ein gelehrtes Auge fordern, sondern solche +Bilder, auf welchen Menschen oder Thiere handelnd dargestellt +werden. »Auch sind kleine Bilder den Kindern angemessener und +angenehmer, als große. Was für uns fast unsichtbar ist, ist +für Kinder nur klein; sie sind nicht bloß moralisch, sondern +auch physisch kurzsichtig, folglich gewachsen der Nähe; und +mit ihren kurzen Ellen, mit ihrem Leibchen, messen sie ohnehin +überall so leicht Riesen heraus, daß wir wohl thun, wenn +wir ihnen die Welt im verjüngten Maßstabe vorführen.«</p> + +<p>Der Spielplatz ist die rechte Uebungsschule für alle moralische +und geistige Anlagen und Kräfte der Kinder; daher die Erscheinung, +daß einsam und einförmig erzogene Kinder sich so +langsam und so einseitig entwickeln, und immer rauhe Ecken +behalten, die selbst die Welt mit ihren Reibungen nicht abschleift. +Aber soll der Spielplatz eine solche Uebungsschule werden, +so muß Freiheit herrschen, und die Erwachsenen müssen +nicht weiter, als wenn ein Friede zu schließen, oder ein Beschluß +zu fassen ist, als Mittelspersonen und Rathgeber, oder +höchstens als Redner mit Vorschlägen in dieser Volksversammlung +auftreten. Aber die Vorschläge, und das Abstimmen darüber +kann von gutem Nutzen seyn; nur bleibe es auch, wie in +der Volksversammlung, bei dem, was die Mehrheit beschlossen hat.</p> + +<p>Das schönste und reichste Spiel ist Sprechen, erstlich des +Kindes mit sich, und noch mehr der Eltern mit ihm. Ihr könnt +im Spiele und zur Lust nicht zu viel mit Kindern sprechen, so +wie bei Strafe und Lehre nicht zu wenig. Levana 1r Th. S. 197.</p> + +<h4>47.</h4> + +<p>»Nur Kinder sind kindisch genug für Kinder. Eltern und<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> +Lehrer sind ihnen immer jene fremde Himmelsgötter, welche, +nach dem Glauben vieler Völker, dem neuen Menschen auf +der neugebornen Erde lehrend und helfend erschienen waren; +wenigstens sind sie den Kinder-Zwergen die körperlichen Titanen. +Folglich ist ihnen in dieser Theokratie und Monarchie +freies Widerstreben verboten und verderblich, Gehorsam und +Glaube verdienstlich und heilbringend. Wo kann denn nun das +Kind seine Herrscherkräfte, seinen Widerstand, sein Vergeben, +sein Geben, seine Milde, kurz jede Blüthe und Wurzel der +Gesellschaft anders zeigen und zeitigen, als im Freistaate unter +seines Gleichen? Schulet Kinder durch Kinder. Der Eintritt +in den Spielplatz ist für sie einer in ihre große Welt, und ihre +geistige Erwerbschule ist im kindlichen Spiel- und Gesellschafts-Zimmer.«</p> + +<p>»Wie das Schachbrett Kriegs- und Regierungs-Unterricht +auftischen soll, so wächst auf dem Spielplatz der künftige Lorbeer- +und Erkenntniß-Baum. — Der Schaum des kindlichen +Spiels sinkt zu wahrem Wein zusammen, und ihre Feigenblätter +verhüllen nicht Blößen, sondern süße Feigen.«</p> + +<h4>48.</h4> + +<p><em class="gesperrt">Gesang</em> gehört, wie Musik überhaupt, zu den wirksamsten +Mitteln, die Freudigkeit und Heiterkeit der Kinder zu beleben, +und gleichsam einen Fond von Freudigkeit in ihnen anzulegen. +»Musik sollte eher, als die Poesie, die fröhliche Kunst heißen; +sie theilt Kindern nur Himmel aus, denn sie haben noch keinen +verloren, und setzen noch keine Erinnerungen als Dämpfer +auf die hellen Töne. Wählet schmelzende Tongänge und weiche +Tonarten, ihr heitert doch damit das Kind nur zu Sprüngen +auf. Einige Jahre kann das Kind weinen über Töne, wie der +Vater, aber jenes nur vor Ueberlust, da bei den Kindern unsere +Erinnerung noch nicht den tönenden Hoffnungen die Rechnungen +des Verlustes unterlegt. — Gibt es etwas Schöneres, +als ein frohsingendes Kind?«</p> + +<p>Wollet ihr, daß das Kind singe, und durch Gesang fröhlich +gestimmt werde, so machet es empfänglich für Einwirkung der +Musik, indem ihr seine Gefühle für's Schöne bildet und nähret, +für seine Gesundheit sorget, es vor übler Laune und Mißmuth +durch Gewöhnung zur Genügsamkeit bewahret. Jene, von Lust +und sinnlichem Genuß übersättigte Kinder, können nie fröhliche<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> +Kinder werden, denn die Freude wohnt nicht bei dem Ueberdruß. +So wie die Menschen, welche dem Glücke gleichsam im Schooße +sitzen, nie wahrhaft glücklich, und nichts weniger, als allezeit +fröhlich sind, so noch viel weniger die Kinder, welche nie eine +rauhe Luft anwehte, denen nie ein Wunsch versagt ward.</p> + +<h4>49.</h4> + +<p>Auch eine zu große Anstrengung des kindlichen Geistes ertödtet +die Fröhlichkeit der Kinder; die Seele erliegt unter der +Last, die ihrer Kraft nicht angemessen ist, und der Körper erliegt +mit ihr. Da, wo man mit ängstlicher Eilfertigkeit den Kindern +gleich in den frühesten Jahren des erwachenden Verstandes eine +Masse von Kenntnissen einzupfropfen bemüht ist, entsteht eine +unnatürliche Ernsthaftigkeit, ein verdrießliches und in sich gekehrtes +Wesen, und hat das Kind auf diese Art Schaden an seiner +Seele genommen, so wird es nie wieder eine rechte Heiterkeit +gewinnen.</p> + +<p>Vor allem aber ist Herzensreinheit und Unschuld die Quelle +der Freudigkeit und Fröhlichkeit; darum hören die Kinder auf, +fröhlich zu seyn, so bald sie etwas zu verhehlen und zu verbergen +haben. Religiöse Eindrücke und vertrauter Umgang der Eltern +werden sie am sichersten davor bewahren. Kinder, die den Allwissenden +und Allgegenwärtigen scheuen, werden nicht leicht +heimlich sündigen, und wenn sie fallen, bald wieder aufstehen. +Aber erfüllet auch gern ihre unschuldigen Wünsche, gönnet ihnen +unschuldige Genüsse, sonst nöthiget ihr selbst sie zu Heimlichkeiten, +und weg ist dann ihre Freudigkeit und Fröhlichkeit.</p> + +<h4>50.</h4> + +<p>Endlich erhaltet sie im <em class="gesperrt">Umgange mit der Natur</em>, und +reichet ihnen oft den Becher der Freude, dadurch, daß ihr sie +unter Gottes Himmel führet, und sie die reine Himmelsluft einathmen +lasset. Indem diese durch ihre Adern strömt, ergreift +Freude und Fröhlichkeit ihr ganzes Wesen. Die Natur ist und +bleibt die unversiegbare Quelle der Freude, und wer aus dieser +nicht schöpfen darf, genießt sein Leben nur halb. Aber gebt auch +den Kindern <em class="gesperrt">Gespielen ihrer Lust</em>, wenn ihr sie hinausführet; +das Kind, welches sich nicht mit andern Kindern freut, genießt +nur halb. Die Einsamkeit macht Kinder gemüthskrank, +so wie der enge Horizont der Stube und die Stubenluft. Der +Geist wird freier, wo das Auge weit und frei umher blicken kann.<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> +Viele Kinder verschmachten körperlich und geistig, wenn sie nie +oder zu selten hinauskommen in's Freie.</p> + +<p>Auch der Veränderlichkeit, welche zur Natur des menschlichen +Geistes gehört, und die so wohlthätig wirkt, gib mit Weisheit +nach, damit des Kindes Freudigkeit erhalten und genährt werde, +durch die Mannigfaltigkeit seiner Beschäftigungen. Wird ein +Kind durch Furcht und Strafe gezwungen, bei einer einförmigen +und anstrengenden Beschäftigung stundenlang, wohl tagelang +auszuhalten, so geht leicht Gesundheit und Freudigkeit verloren. +So ist's, wenn z. B. mütterliche Eitelkeit oder die Charlatanerie +der Schule von dem armen Mädchen in kurzer Zeit +eine Arbeit erpreßt, zu welcher die höchste Sorgfalt und Anstrengung +erfordert wird. So werden oft Talente und Freuden-Tage +(z. B. Geburtsfeste) den Kindern zu Folterbänken gemacht, +auf welchen sie ihre besten Gemüthskräfte ausseufzen. +Die Veränderlichkeit der Kinder ist nicht Laune und Uebermuth, +»sondern die natürliche Folge der schnellen Entfaltungsreihe; +denn das so eilig reifende Kind sucht in neuen Ländern neue +Früchte, wie ja sogar der Alte in alten neue — und vielleicht +liegt auch der Grund noch tiefer, nämlich in dem Mangel an +Zukunft und Vergangenheit, wobei ein Kind desto stärker von +der Gegenwart getroffen und erschöpft wird.«</p> + +<h4>51.</h4> + +<p>Die Regel sagt: suche selbst da, wo Du Zwang eintreten +lassen mußt, seinen Willen zu gewinnen, besonders bei anhaltender +Beschäftigung und bei dem Uebergange vom Spiel zur +Arbeit — ferner bei Enthaltsamkeit und Mäßigkeit im Genuß. +Daher werde jeder reine Zwang möglichst verhütet und vermieden, +und der Gehorsam werde dem Kinde nicht Ertödtung seiner +kindlichen Gefühle und Triebe; denn dabei muß nothwendig +alle Freudigkeit verloren gehen, da sich der Erzieher in einen +Zuchtmeister verwandelt, und dem Kinde allen eigenen Willen +nimmt. Muß sich das Kind nicht gedrückt, gemißhandelt und +gekränkt fühlen, da es sich zu den Absichten und Gründen der +Erwachsenen nicht zu erheben vermag? muß es nicht störrisch, +mürrisch und trübsinnig werden, wenn man ihm gar keinen eigenen +Willen zugestehen will?</p> + +<p>»Der kindliche Gehorsam kann, an und für sich, ohne Berechnung +mit seinem Motiv, keinen andern Werth haben, als<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> +daß den Eltern Vieles dadurch leichter wird. Oder gälte es +auch für Seelenwuchs, wenn euer Kind nun überall so vor allen +Menschen, wie vor euch, seinen Willen unterordnete, böge +und bräche? Welcher gelenkige, geräderte Gliedermensch, aufs +Rad des Glücks (Gehorsam) geflochten, wäre das Kind! Allein +was ihr meint, ist nicht dessen Gehorchen, sondern seine +Antriebe dazu, die Liebe, der Glaube, die Entsagungskraft, +die dankende Verehrung des Besten, nämlich des Eltern-Paars. +Und dann habt ihr Recht. Aber um so mehr <em class="gesperrt">gebietet</em> nirgends, +wo euch das höhere Motiv nicht selber aufruft und gebeut.« +S. Levana 1r Th. S. 221.</p> + +<p><em class="gesperrt">Verbieten</em>, besonders wenn es mit Worten der Liebe geschieht, +wird das Kind nicht so mürrisch machen, als <em class="gesperrt">Gebieten</em>; +es wird ihm leichter, zu unterlassen, als zu thun, weil es +bei dem Unterlassen noch die Freiheit behält, etwas anders zu +thun — ihr müßtet es denn mit euren Verboten wie mit Schranken +einengen, oder damit auf jedem Schritte verfolgen, oder +verbieten, was das Kind, weil es ein Kind, und dies Kind ist, +nicht lassen kann, z. B. zerbrechen und zerreissen, oder lärmen +und springen, oder albern seyn. — Gebietet ihr zu viel und zu +oft, so wird das Kind furchtsam und ängstlich; immer steht ihm +ein Gebot schreckend und drohend vor Augen, und es verliert +endlich alle Heiterkeit und Freimüthigkeit: Nichts tödtet so sehr +alle Freudigkeit der Kinder, als ungerechtes Ge- und Verbieten, +und nichts lähmt so sehr ihre Willenskraft. Ein Gebot im Ton +der Bitte, der Aufforderung, wobei Liebe und Ehrtrieb zu Hülfe +gerufen, oder ein <em class="gesperrt">Ableiter</em> für die Begierde aufgerichtet wird, +würde anders, und besser wirken. Und der pädagogischen Klugheit +bieten sich überall solche Ableiter dar, durch welche die Begierde +nicht nur von dem Thörichten und Gefährlichen abgeleitet, +sondern auch zugleich auf etwas Gutes und Nützliches hingeleitet +wird, z. B. eine angenehme Beschäftigung, ein Auftrag, +eine Erzählung, ein Reiz für die Neugierde u. dgl. m. Und wie +viel liegt daran, daß Kinder mit Freudigkeit gehorchen lernen! — +fast die ganze Charakterbildung. Auch ist doch nur das Gehorchen +mit Freudigkeit ein wahres Gehorchen.</p> + +<p>»Nur den Sclaven peitscht man zum Ueberverdienst; aber +selbst das Kameel trabt nicht hinter der Peitsche, sondern nur +hinter der Flöte, schneller.« (Jean Paul.)</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span></p> + +<h4>52.</h4> + +<p>Auch durch <em class="gesperrt">Belohnungen</em> und <em class="gesperrt">Bestrafungen</em> suche die +Erziehung auf den Zögling und seinen Willen zu wirken; denn +da die <em class="gesperrt">natürlichen</em> Folgen nicht gleich sichtbar und fühlbar, +oft sogar durch dazwischen tretende Umstände verzögert oder entfernt +werden, und Kinder so erfinderisch sind in Entschuldigungen +und Beschönigungen; so sind <em class="gesperrt">positive</em> Belohnungen und +Bestrafungen in der Erziehung unentbehrlich, um den Willen +der Kinder von Thorheiten und Fehltritten abzulenken, und ihn +für das Gute zu gewinnen; doch müssen sie, wenn sie wohlthätig +wirken sollen, der reinen Sittlichkeit keinen Eintrag thun, +und also weder in unnatürliche Zwangsmittel, noch in Bestechungen +des Willens ausarten, (wie z. B. wenn die Leckerhaftigkeit +oder die Eitelkeit, oder wohl gar der Neid der Kinder angeregt, +und als Reizmittel gebraucht wird), noch jemals einen +an sich guten Trieb, wie z. B. den Ehrtrieb unterdrücken, oder +den Muth und die Freudigkeit des kindlichen Gemüths. — Der +Zögling selbst muß sie als nothwendig und wohlthätig erkennen, +und sie müssen keine Spur von Laune, Eigennutz oder Härte +an sich tragen. Darum ist es z. B. unverantwortlich, wenn +Eltern und Erzieher von vier- und sechsjährigen Kindern ein +stundenlanges Stillsitzen bei einem Bilderbuche oder bei einer +Arbeit, bei der Fibel, dem Schreibebuche, verlangen, und es +durch Drohungen oder Versprechungen erzwingen.</p> + +<p>Behutsam und sparsam wollen sie angewandt seyn, gleichsam +als Würze der Erziehung, damit nicht auf der einen Seite +Eigennutz und Selbstsucht, auf der andern Furcht entstehe, und +der Zögling auch <em class="gesperrt">unbelohntes Gute</em> liebe, und <em class="gesperrt">unbestraftes +Böse</em> verabscheue. Folgende Regeln sind hiebei zu beobachten: +1) So lange es noch andere Mittel zum Zweck gibt, trete +keine Belohnung und keine Strafe ein; nur, wenn jedes andere +unwirksam blieb, oder geringe Wirkung that. Aeusserungen der +Liebe wirken besser, als Aeusserungen des Beifalls; Aeusserungen +der Unzufriedenheit und Betrübniß besser, als Verweise und +Strafen. Darum sollen diese nur im Nothfalle eintreten. 2) Kinder, +die unverwöhnt, natürlich gut und gefühlvoll sind, sollen +nicht gestraft und nicht belohnt werden, denn das würde sie nur +verderben. Bei Verwöhnten ist Strafe und Belohnung nothwendig. +Eben so bei Kindern von großer Lebhaftigkeit und starker<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> +Sinnlichkeit. 3) Man beobachte das genaueste Verhältniß +gegen Verdienst und Schuld. Wenn ein Kind sich im Memoriren +auszeichnet, oder wegen seines Phlegma's still und folgsam +ist, so hat es auf keine Belohnung Anspruch. Wenn ein Kind +von dürftiger Fähigkeit keine Fortschritte macht, so kann es nicht +bestraft und nicht getadelt werden. Da, wo eine natürliche +Weichheit und Gutmüthigkeit die einzige Quelle des Gehorsams, +der Gesetztheit und Lenksamkeit ist, wird der Erziehung durch +unberufene Lobredner und freigebige unbesonnene Lobsprüche sehr +oft ihr Werk verdorben. Wo die Natur oder die Umstände Hindernisse +in den Weg gelegt haben, aber eifriges und anhaltendes +Streben sich zeigt, da werde liebreich belehrt und ermuntert. +Man unterscheide wohl bösen Willen und Schwachheit, und traue +jenen den Kindern nicht leicht zu, versage dieser die verdiente +Nachsicht nicht. Daher sind alle feststehende Strafen und Belohnungen +bedenklich; denn wie oft wird die Schuld zur Unschuld +durch die Berücksichtigung der Umstände; wie oft sinkt +das scheinbare Verdienst zur Schwachheit hinab, wenn man genauer +nach seinem Ursprunge forscht. Aber bei feststehenden +Strafen kann keine von den Rücksichten genommen werden, +welche Klugheit und Billigkeit vorschreiben. So ist es besonders +mit Ehrenbezeigungen. 4) Man beobachte genau die Wirkungen +der Belohnung und Strafe, denn diese sind oft ganz anders, +als man sie erwartet hatte, und bei verschiedenen Kindern +verschieden. Die Furcht, welche abschrecken sollte, reizt zuweilen, +besonders bei Kindern, welche einen festen Willen haben, +und durch ihr Temperament fortgerissen werden. 5) Man hüte +sich ein Straf-Urtheil im Zorn auszusprechen, noch mehr es im +Zorn zu vollziehen. 6) Man beobachte eine gehörige Stufenfolge +im Strafen, und lasse sich durch des Kindes Widerstreben +nicht reizen. 7) Sichtbare und innige Reue wende die Strafe +ab, oder diese bestehe doch nur in der Aufgabe, den Fehler wieder +gut zu machen. 8) Die sichtbare Theilnahme des Strafenden +erhöhe die Wirksamkeit der Strafe, die immer als Aeusserung +der Liebe erscheinen muß. 9) Man suche die Strafe den +natürlichen Folgen der Handlungen möglichst anzupassen und +gleich zu stellen, und schließe also z. B. das zänkische Kind von +der Spielgesellschaft aus, lasse das unmäßige und leckerhafte +entweder dieselbe Kost häufig nach einander, bis zum Ueberdruß<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> +genießen, oder fasten, oder nur das Einfachste genießen; strafe +das träge Kind durch lange Weile, das flatterhafte durch Anhalten +zur Wiederholung und zum Bessermachen, gönne dem +fleißigen vorzugsweise Erholung und Vergnügen, schließe das +geschwätzige und plauderhafte für eine Zeit von allem Umgange +aus, nöthige das ungestüme zur Abbitte, gebe dem sanftmüthigen +Aufsicht über Andere — lasse die schmutzigen sich zurückziehen +— die unordentlichen aufräumen. 10) Der Erzieher +sorge dafür, daß sein Mißfallen und seine Mißbilligung die +schwerste Strafe sey, und suche daher seinen Zöglingen Ehrerbietung +und Liebe einzuflößen, ihr sittliches Gefühl zu schärfen, +ihr Ehrgefühl zu erhöhen. 11) In solchen Fällen, wo an der +Aufrichtigkeit der Reue zwar nicht zu zweifeln ist, aber der +Wille des Kindes sich noch sehr schwach und wankend zeigt, erlasse +man die Strafe nicht, aber man lasse dem Kinde die +Wahl zwischen zwei Strafen.</p> + +<p>Bei eingewurzelten Fehlern und geringem Ehrgefühl können +auch solche Strafen sehr wohlthätig werden, die beschämen und +demüthigen, z. B. Absonderung und Entfernung, Bekenntniß +und Abbitte.</p> + +<h4>53.</h4> + +<p>Die Wirksamkeit der Strafe und Belohnung werde durch die +Gesinnung erhöht und befördert, welche der Erzieher dabei zu +erkennen gibt: die herzliche Betrübniß über die Fehltritte des +Zöglings, das Bedauern seines Wankelmuths, das Trauern +über seinen Leichtsinn, die Freude über seine Besserung und seine +Fortschritte im Guten. Er erblicke nie den Zorn, den eine persönliche +Beleidigung entschuldigen oder rechtfertigen würde, und +zürne nur sich selbst, nie seinem strafenden Erzieher. Die Liebe +desselben sey seine höchste Belohnung, die Trauer desselben seine +härteste Strafe.</p> + +<p><em class="gesperrt">Für Belohnungen besonders</em> stehet Folgendes <em class="gesperrt">als Regel</em> +fest:</p> + +<p>1. Sie werde nie für das ertheilt, was allein die Natur gab, +und also nicht errungen werden durfte, sondern nur für das, +was Anstrengung, Ueberwindung, Geduld und Beharrlichkeit +kostete.</p> + +<p>2. Man lasse sie sich nicht abschmeicheln durch ein gefälliges +Betragen, zarte Aufmerksamkeit, scheinbare Folgsamkeit. Leider<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> +kommen auch in der Kinderwelt schon die Künste der Heuchelei +und des Schmeichelns zum Vorschein.</p> + +<p>3. Nie Geldbelohnungen (aber wohl Geldstrafen unter gewissen +Umständen), und <em class="gesperrt">selten</em>, bei eitlen Kindern <em class="gesperrt">nie</em>, Ehren-Belohnungen; +vorzüglich dagegen Vergnügen, Befriedigung der +Neugier, und einer unschuldigen oder sogar nützlichen Liebhaberei.</p> + +<p>4. Leckerbissen nur bei kleinen Kindern, und nur sehr sparsam.</p> + +<p>5. Zur pädagogischen Klugheit gehört es, die Belohnung +selbst zuweilen weit hinaus zu setzen, sie nur in der Entfernung +zu zeigen, und bei schlaffen Kindern die Bedingungen zu erschweren, +um Anstrengung zu bewirken.</p> + +<p>6. Wo möglich sey die Belohnung von der Art, daß sie bei +Verschlimmerung oder Rückfall zurückgenommen, oder eine Zeitlang +entzogen werden kann, wie z. B. ein bewilligtes Taschen-Geld, +versprochene Reise u. dgl.</p> + +<p>7. Der Grad der Moralität bestimme den Grad der Belohnung. +Daher ist es nöthig, Kinder erst genauer kennen zu lernen, +und bei Uebergängen von einer mangelhaften Tagesordnung +zu einer regelmäßigen und strengen den Verwöhnten die +Macht der Gewohnheit zu Gute zu rechnen.</p> + +<h4>54.</h4> + +<p>Die ganze Behandlung des Zöglings sollte in der Erziehung +eine fortgehende Belohnung und Bestrafung des Zöglings seyn, +denn die Kinder bedürfen fast in jedem Augenblick dieser Antriebe. +Daher wird diejenige Erziehung die wirksamste seyn, wo +ein liebevoller Ernst dem Zögling Hochachtung und Scheu eingeflößt +hat, und schon eine mißbilligende Miene, oder ein einziges +Wort des Tadels oder Lobes auf des Zöglings Willen kräftig +wirkt. Dem gutgearteten Kinde ist Mißfallen und Unzufriedenheit, +vor allem <em class="gesperrt">Trauer</em> des Erziehers die höchste Strafe, der +Beifall und die Liebe desselben die höchste Belohnung und das +höchste Ziel seiner Wünsche.</p> + +<p><em class="gesperrt">Bedenkliche Strafen</em> bei lebhaften Kindern sind: Einsperren, +Stehenlassen, langwierige Geduldsprüfungen, Wegnehmen +dessen, was sie sehr hoch halten, Beschämung vor Fremden +und vor Respektspersonen. Dagegen sind oft sehr wohlthätig +wirksam: körperliche Strafen, weil sie der Gewalt des Temperaments +ein Gegengewicht geben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span></p> + +<p><em class="gesperrt">Bedenkliche Belohnungen</em> sind alle die, welche der Eitelkeit +und Vergnügungsliebe Nahrung geben, oder wobei man +dem Eigennutz Vorschub leistet, und die Kinder zur Geldliebe +reizt, oder die Unbelohnten zur Eifersucht und Mißgunst verleitet.</p> + +<h4>55.</h4> + +<p>Der <em class="gesperrt">Ehrtrieb</em> werde, weil er so leicht ausartet, und dann +den Charakter so sehr entstellt, nur mit der äußersten Vorsicht +in der Erziehung benutzt, und nur bei solchen Kindern, die von +Natur wenig reizbar, und mit einem sehr schwachen Gefühls-Vermögen +ausgestattet sind. Auch hüte man sich, jenes eitle +Lauschen auf den Beifall der Welt zu begünstigen, welches zur +Menschenfurcht und Menschengefälligkeit führt, und der Sittlichkeit +höchst gefährlich ist. Der Beifall achtungswürdiger Menschen +erscheine zwar den Kindern als ein hohes und schätzbares +Gut, aber nie als das höchste, und das Urtheil ihres Gewissens +sey ihnen die entscheidende Stimme, der sie unbedingt gehorchen. +Keine Verirrungen sind häufiger und verderblicher, als die des +ausgearteten Ehrtriebes, und keine Vorurtheile wurzeln tiefer, +als die von Ehre und Schande. Da, wo diese Vorurtheile schon +durch die erste Erziehung, gleichsam durch Vererbung, sich festgesetzt +haben, kommt es nie zu einer richtigen und unbefangenen +Ansicht der Dinge, und es entspringen aus diesen Vorurtheilen +Ungerechtigkeiten der gröbsten Art. Hier kann nur durch Verstandesbildung +und Berichtigung der Begriffe, zuweilen durch +entgegengesetztes häusliches Verhältniß entgegengearbeitet werden. +Von dieser Seite wird oft den Kindern vornehmer Eltern +die Erziehung in einer öffentlichen Erziehungsanstalt, mit Kindern +von sehr verschiedenen Ständen und Bildungsgraden, sehr +wohlthätig durch den Zwang und die Nöthigung, welche sie herbeiführt.</p> + +<p>Kindern soll das Lob nur als eine Stärkung von Zeit zu Zeit +und sparsam gereicht werden, denn sie können nicht viel davon +ertragen. Bei jeder Gelegenheit den Kindern eine Lobrede halten, +alle ihre kleinen Geschicklichkeiten bewundern und preisen, +sie ihre Künste machen lassen, so oft Fremde erscheinen, heißt: +sie methodisch verderben. Besonders verhüte man das Loben bei +talentvollen Kindern, da diese ohnehin schon sehr bald selbst die +Bemerkung machen, daß sie sich auszeichnen, und Vorzüge +haben; man dulde nicht, daß Kinder viel bedient werden, und<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> +entferne solche dienende Personen, die den Kindern eine Art von +Unterwürfigkeit bezeigen, und sie dadurch im Dünkel bestärken. +Man kleide Kinder nicht so kostbar, oder so glänzend, daß ihr +Anzug Aufsehen erregt, und sie den Erwachsenen gleich stellt; +man führe sie nicht zu früh in große Gesellschaften, besonders +in Tanzgesellschaften.</p> + +<h4>56.</h4> + +<p>Eben so bedenklich aber, wie es ist, dem <em class="gesperrt">Ehrtriebe</em> zu viel +Nahrung zu geben, eben so bedenklich ist es, ihn zu <em class="gesperrt">unterdrücken</em>, +und ihm Gewalt anzuthun, durch beschämende und +herabsetzende Strafen und durch Demüthigungen. Hiebei sind +folgende Regeln die bewährtesten:</p> + +<p>1. Wenn die natürliche Schaam sich stark genug bei Fehltritten +äussert, so verstärke man sie nicht; vielmehr gebe man +dem Zöglinge den Wunsch zu erkennen, ihm Beschämung zu +ersparen.</p> + +<p>2. Da, wo Beschämung als Antrieb und Strafe nöthig ist, +geschehe sie doch mit möglichster Schonung, z. B. ohne Nennung +des Namens, nicht vor Dienstboten oder Fremden, ohne +irgend eine Beschimpfung. So z. B. bei wiederholten Lügen im +Erzählen, bei Unordnung und Faulheit — man lasse dem Zögling +noch einen Ausweg, die Beschämung abzuwenden.</p> + +<p>3. Der Erzieher hüte sich, der Ehrliebe Gewalt anzuthun; +er würde nur Haß und Verachtung ernten, und Hartnäckigkeit +bewirken. Daher sind alle solche Beschämungsmittel, welche Leidenschaftlichkeit +verrathen, und der Würde des Erziehers nicht +angemessen sind, von der Erziehung auszuschließen, und es muß +in Gesellschaft von Fremden manches übersehen, und nicht auf +der Stelle gerügt werden. Nie werde das strafbare Kind dem +Gespötte Anderer ausgesetzt, nie mit entehrenden Namen belegt. +Eben so unzweckmäßig ist es, Kinder bei Fehltritten zur Selbstanklage +zu zwingen, wenigstens in den meisten Fällen, besonders +wo die Schuld schon durch Aeusserungen der Schaam und +Reue stillschweigend eingestanden ist.</p> + +<h4>57.</h4> + +<p>Nicht genug kann man der Menschenfurcht und Menschen-Gefälligkeit +bei Kindern entgegenarbeiten, weil dadurch so leicht +sclavische Hingebung entsteht. Aber wenn die Kinder den Tadel +und die Ungunst der Menschen als das höchste Uebel, Beifall<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> +und Gunst als das höchste Glück betrachten, so werden sie bald +dahin kommen, daß sie immer nur <em class="gesperrt">eine Rolle spielen</em>, und +nur <em class="gesperrt">für</em> die Gesellschaft und <em class="gesperrt">in der</em> Gesellschaft gut seyn wollen, +oder daß sie Lob <em class="gesperrt">erschleichen</em>, anstatt es zu <em class="gesperrt">verdienen</em>, +nach dem Munde reden und schmeicheln lernen; eine Ausartung, +welcher das weibliche Herz vorzüglich ausgesetzt ist.</p> + +<h4>58.</h4> + +<p>Weniger ist bei dem Mädchen, als bei dem Knaben, eine +<em class="gesperrt">Ausartung des Thätigkeitstriebes</em> zu fürchten, es sey +denn, daß Eitelkeit und Sucht, sich auszuzeichnen und Aufsehen +zu erregen, ihr Herz beherrsche. Daher werde die Thätigkeit des +Mädchens früh, und recht vielfach angeregt und genährt, also +nicht bloß in mechanischen Beschäftigungen und Fertigkeiten, +obgleich diese vorzüglich zur weiblichen Bildung gehören, sondern +auch in geistigen. Aber jede Beschäftigung sey den eigenthümlichen +Anlagen und Bedürfnissen der weiblichen Seele angemessen, +und daher bleibe jede streng-wissenschaftliche Beschäftigung +und Bildung ausgeschlossen, da sie mit der Bestimmung des +Weibes im Widerspruche ist.</p> + +<p>Bis zum sechsten Jahre bedarf das Mädchen noch keiner bestimmten +Richtung des Thätigkeitstriebes; wohl aber hat die +Erziehung in den ersten Jahren zu verhüten, daß er nicht geschwächt +werde, und nicht ein Hang zur Gemächlichkeit entstehe, +durch eine weichliche Erziehung, durch Verwöhnung und Verzärtelung. +Auch soll in dieser Zeit der Thätigkeitstrieb schon <em class="gesperrt">veredelt</em> +werden, dadurch, daß man ihn mit den wohlwollenden +Gefühlen in Verbindung bringt, und durch diese erhöht. Dieß +geschieht, indem man die Kinder daran gewöhnt und dazu anhält, +sich unter einander, und den Erwachsenen kleine Dienste +zu leisten, und auf ihre Bedürfnisse zu merken, sich von ihnen +helfen, sie etwas tragen oder bestellen läßt. Auch mit dem +Schönheits- und Ordnungssinn setze man den Thätigkeitstrieb +in Verbindung, damit er moralisch und veredlend wirke, und +gebe daher Kindern oft den Auftrag, etwas zu ordnen und einzurichten, +mache sie dabei auf Symmetrie aufmerksam, fordere +sie auf, das flüchtig Geordnete besser zu ordnen, die Verletzung +der Symmetrie anzugeben, und ein Mannigfaltiges schön und +vortheilhaft aufzustellen und anzuordnen. Man gebe ihnen, wo<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> +möglich, Gelegenheit, zur Verschönerung der Natur thätig zu +seyn, und sich mit Garten-Arbeit zu beschäftigen.</p> + +<h4>59.</h4> + +<p>Ausser der Eitelkeit gibt auch der Trieb zu erwerben und zu +gewinnen dem Thätigkeitstriebe leicht eine gefährliche Richtung, +oder doch wenigstens eine ganz einseitige. Manche Mädchen finden +an den Geschäften der Haushaltung, und überhaupt an dem +mechanischen und hervorbringenden ein so großes Wohlgefallen, +daß sie darüber die Bildung ihres Geistes ganz aus den Augen +verlieren, oder dagegen völlig gleichgültig werden. Gegen diese +Ausartung des Thätigkeitstriebes sichert die Erziehung, indem +sie den Sinn für das Geistige und für geistige Beschäftigung +weckt und nährt, und da vorzüglich, wo von Natur kein Trieb +dazu sich regt und die Anlagen dürftig sind. Doch auch eben so +sorgfältig sichere sie gegen eine andere verkehrte Richtung des +Thätigkeitstriebes, welche so häufig eine Wirkung der neuern +Erziehungsweise ist, nämlich die entschiedene Vorliebe für geistige +und wissenschaftliche Beschäftigungen, und Abneigung gegen die +mechanischen Arbeiten, welche doch des Weibes Bestimmung fordert.</p> + +<p>Am besten wird jede Ausartung des Thätigkeitstriebes durch +ächte Geistesbildung, religiöse Gewissenhaftigkeit und strenge +Gewöhnung an eine feste Tagesordnung verhütet. Die vollständige +Geistesbildung läßt keine Vernachlässigung des Geistes zu; +die Gewissenhaftigkeit treibt zu einer geordneten und sich gleichbleibenden +Thätigkeit, die Gewöhnung wirkt der Zeitzersplitterung +und einer launigen Gemächlichkeit entgegen. Lieblings-Beschäftigungen +wird es zwar immer für jeden Menschen geben; +aber man hüte sich, den Kindern hierin zu sehr nachzugeben. +Besonders dulde man kein Aufschieben, kein Säumen und +kein hastiges und schnelles Arbeiten, da, wo Bedachtsamkeit +und Sorgfalt erfordert wird. Unausbleiblich trete die Strafe des +Nocheinmalmachens ein, wo flüchtig gearbeitet war, und das +flüchtige Mädchen werde durch langwierige und mühsame Arbeiten +festgehalten, gebessert und geprüft. Die Zeit erscheine dem +Kinde immer als ein unschätzbares Gut, und Zeitverschwendung +als die strafbarste Undankbarkeit; man lehre es die Freude des +Vollbringens kennen und schätzen, und keine Plage mehr verabscheuen, +als die der langen Weile.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span></p> + +<p>Da, wo ein entschiedenes und hervorragendes Talent der +Thätigkeit und Kraftanstrengung eine bestimmte und einseitige +Richtung gibt, muß sich zwar die Erziehung mehr leidend verhalten; +doch darf sie nicht versäumen, die harmonische Entwickelung +der Kräfte und Anlagen zu bewirken, worauf doch Werth +und Glück des Menschen beruht.</p> + +<h4>60.</h4> + +<p>Die Eigenthümlichkeit der weiblichen Natur macht eine besondere +Behandlung des Mädchens nothwendig. Das Mädchen +will mehr negativ behandelt seyn. Durch viele positive Behandlung +wird es leicht irre gemacht in der Entwickelung seines sichern +Gefühls; die Zartheit seines Herzens geht verloren. Gleich dem +zarten Gewächse überlasse man es seiner eigenen Entfaltung, +indem man es pflegt und behütet, und schon die leiseste Berührung +sey ihm warnend oder erinnernd. Daher können Männer +nicht gut Erzieher der Töchter seyn.</p> + +<p>Die Unterhaltungen und Spiele des Mädchens müssen den +sanftern Charakter haben. Man lasse es nicht in das Knabenartige +gerathen. Daher ist auch hier größere Sorgfalt in der +Wahl der Gespielen nöthig, deren es nur wenige bedarf, da es +leicht in eine gewisse Zerstreutheit und Flüchtigkeit hinein geräth, +in welcher es an Innigkeit des Gefühls so sehr verliert, und +herzlos wird. Die natürliche Neigung der Mädchen, sich mit +sich selbst und ihrer Puppe zu beschäftigen, will genährt seyn, +weil den Mädchen von der Natur bestimmt ist, mehr in der innern +Welt ihres Herzens, als in der äussern zu leben, und durch +Gefühle stark zu seyn. Bei dem Spiele aber gewöhne man es +an Ordnung und an das zu Rathe halten seiner Sachen, weil +dieß, nach seiner Bestimmung, Grundzug in dem weiblichen +Charakter seyn muß. Die Zeit zum Stricken, Lesen, Erzählen, +sey eine fest bestimmte, anfangs kurz, bald (doch nicht zu bald) +bis zu Stunden ausgedehnt; man lasse es kleine Bestellungen +ausrichten, kleine Geschäfte in der Haushaltung besorgen, sich +von ihm an etwas erinnern, denn stille häusliche Geschäfte und +Besonnenheit dabei muß ihm zur andern Natur werden. Aber +der früh sich regende Hang zum häuslichen Fleiße verleite nicht, +es zu viel in der Stube zu erhalten.</p> + +<p>Bei dem siebenjährigen Mädchen muß schon der Sinn für +häusliche Beschäftigung entschieden seyn, und wenn daher eine<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> +gewisse Lebhaftigkeit des Geistes und der Wißbegier das Mädchen +davon abzieht, so arbeite die Erziehung dem entgegen, weil +sich sonst die Mädchen in der Folgezeit unglücklich fühlen. Besonders +gilt dieß vom Lesen, worin es unsere Erziehung so leicht +übertreibt, selbst zum Nachtheil der Gesundheit. Die körperliche +freie Bewegung, welche das Gemüth, wie die Ausbildung des +Körpers, fordert, werde ja nicht verabsäumt, besonders Tanz, +damit doch ja nicht der liebliche Frohsinn, diese Sonne seines +Lebens, sinke. Es ist schön, wenn man das Mädchen überall +im Hause herum singen hört. Die Tugenden, welche sich von +selbst entfalten: Schönheitssinn, Reinlichkeit und Sittsamkeit, +müssen doch sorgsam gepflegt werden, und darum wende die +Erziehung viel Zeit auf den Anzug, und entwickele und stärke +besonders bei diesem und durch diesen jene Eigenschaften und Gefühle. +Es sey schon dem Kinde unerträglich, in einem Anzuge +zu erscheinen, der auch nur auf die leiseste Art das Auge oder das +Gefühl beleidigt; dieß um so mehr, da vom siebenten oder achten +Jahre an in den meisten Mädchen schon das Bestreben zu +gefallen lebhaft sich regt, welches der Sittlichkeit so leicht gefährlich +wird. Daher ist nichts in diesem Alter gefährlicher und verderblicher, +als wenn Mädchen in Gesellschaften mit einer Kunstfertigkeit +oder Talent sich zu zeigen aufgefordert werden. So besonders +das Declamiren und kleine dramatische Darstellungen.</p> + +<h4>61.</h4> + +<p>Kommt es bei der Erziehung vorzüglich auf Anregung des +Sinnes für das Gute und Schöne, und bei dem Unterricht auf +die Anregung und Entwickelung des Intellectuellen an; soll die +Erziehung mehr intensiv und der Unterricht mehr extensiv wirken, +so folgt, daß ein gut erzogener Mensch sittlich-gut und +tugendhaft, ein gut unterrichteter einsichtsvoll und gelehrt, ein +gut gebildeter verständig, klug und weise sey. In unsern Zeiten +hat man die Vernachlässigung der weiblichen Bildung, deren +die Vorfahren sich schuldig machten, erkannt und zu verhüten +gesucht. Aber man ist auf das andere Extrem gerathen. Dem +Weibe ist mehr <em class="gesperrt">Fertigkeit</em>, als <em class="gesperrt">Wissen</em> nöthig, mehr sittliche, +als wissenschaftliche Bildung, und es ist theils vergebens, theils +verderblich, daß man es darauf anlegt, dem Mädchen durch einen +streng-wissenschaftlichen Unterricht eine Ausbildung zu geben,<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> +die man wohl <em class="gesperrt">Verbildung</em> nennen mag, und sie zu sehr +an den Genuß der Lectüre zu gewöhnen, durch den sie leicht eine +Abneigung gegen mechanische Beschäftigung erhalten, die dann +schwer zu besiegen ist. Nichts hat man sorgfältiger zu verhüten, +als daß das Mädchen sich nicht unglücklich glaube und fühle, +weil es durch seine Bestimmung zu einförmigen und mechanischen +Beschäftigungen verpflichtet ist, und sich nicht dünken lasse, +für diese Beschäftigung zu gut zu seyn. Daher präge man ihnen +die Wichtigkeit dieser Beschäftigung, und ihren Einfluß auf den +Wohlstand des Hauses, und den heitern Genuß des Lebens tief +ein, und gebe nicht zu, daß sie sich unter jeglichem Vorwande +davon lossprechen. Man zeige ihnen, wie viel Besonnenheit, +Ueberlegung, Einsicht und Selbstbeherrschung die Führung der +Haushaltung erfordere, und wie planmäßig dies alles eingerichtet +werden könne und müsse. Schon das zehnjährige Mädchen +habe ihren kleinen Antheil an den Haushaltungsgeschäften, und +ihren Wirkungskreis, dabei Anleitung zu solchen Fertigkeiten, +die im Hause nöthig sind.</p> + +<p>Da ferner das Mädchen durch die äusseren und inneren Verhältnisse +des Geschlechts, und durch seine ganze Lage in der Gesellschaft +zum Entsagen und Ertragen bestimmt und verpflichtet +ist, so hat die Erziehung ganz vorzüglich hierauf Rücksicht zu +nehmen, und besonders dem Geselligkeitstriebe und der Neugier +entgegen zu arbeiten, denn beide stellen sich den Forderungen +der Pflicht entgegen, und werden am häufigsten gereizt; sie üben +die stärkste Gewalt über das weibliche Herz aus. Darum ist Eingezogenheit +die gedeihliche Witterung, in welcher sich alle Keime +des Guten in dem Mädchen glücklich entfalten, und ein zerstreutes, +geräuschvolles Leben der Tod der ächten Weiblichkeit. Da +der Geselligkeitstrieb wegen des vorherrschenden Hanges zur Mittheilung +in dem weiblichen Herzen so mächtig wirkt, so muß er +nur sehr vorsichtig befriedigt werden. Der Neugier gebe man +nur selten Nahrung; sie wird leicht die ergiebige Quelle vieler +Thorheiten, und läßt keine Liebe zur häuslichen Eingezogenheit +und Einförmigkeit aufkommen; sie gewinnt leicht eine solche +Herrschaft über das Herz, daß alle weibliche Würde dabei verloren +geht, besonders wenn der Umgang mit Dienstboten sie nährt. +Je mehr die Wißbegierde belebt und genährt, das Mädchen in +harmonischer Thätigkeit erhalten, sein Sinn auf das Schöne und<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> +Edle gelenkt wird, desto freier wird es von den Fesseln der Neugierde.</p> + +<p>Desto leichter wird es ihm aber auch werden, zu <em class="gesperrt">entsagen</em>, +sich selbst zu verleugnen und zu <em class="gesperrt">erdulden</em>, besonders wenn die +wohlwollenden Gefühle durch eine sanfte und liebevolle Behandlung +und durch eine religiöse Erziehung genährt sind. Doch in +dem zarten Alter, wo die Sinnlichkeit noch so mächtig, und die +Vernunft noch so ohnmächtig ist, lege man ihm nicht ausdrückliche +Entsagungen und Entbehrungen auf, wenigstens nicht ohne +die sorgfältigste Rücksicht auf seine Kraft, damit nicht der liebliche +und wohlthätige Frohsinn verloren gehe.</p> + +<p>Schamhaftigkeit, Reinlichkeit und Sittsamkeit, so wie alle +andere weibliche Tugenden, werden zwar von selbst in dem Herzen +des Mädchens erwachen, wenn die Behandlung in der Kindheit +nicht eine ganz verkehrte ist; doch müssen auch sie gepflegt +und genährt werden, besonders bei dem achtjährigen Mädchen.</p> + +<h4>62.</h4> + +<p>»Da das Mädchen in der Regel nach dem achten Jahre aus +seiner kindlichen Unbefangenheit heraustritt, so will es von da +an sorgsam beobachtet, regelmäßig und anhaltend beschäftigt, +positiver behandelt seyn, damit durch äussere Einwirkung und +Verhältnisse die innere gute Natur bewacht und gesichert wird, +vor allem durch die wohlthätige Macht guter Gewohnheiten +und Beispiele. Doch ist es schwer, hier den rechten Ton in der +Erziehung zu treffen, und dem Mädchen nicht zu viel von seiner +liebenswürdigen Natürlichkeit und Herzenseinfalt zu rauben, +indem man es an äussere Zucht und Sitte, an das Anständige, +Ehrbare und Zarte gewöhnt. Es kommen Fälle vor, +in welchen man sich genöthigt sieht, die äussere gesellschaftliche +Bildung fast aufzugeben, um Mädchen nicht zu verderben durch +aufgedrungene Natur. Die Mädchenschule ist von dieser Seite +nicht ohne Nachtheile und selbst nicht ohne Gefahr. Man denke +nur an die fade Geschwätzigkeit und Modesucht, und wie leicht +dadurch, so wie durch das Wohlgefallen am Figuriren, der +reine naive und natürliche Sinn verloren geht; wie leicht eine +Abstumpfung des Gefühls durch unzarte oder schonungslose +Behandlung erfolgen kann.« <em class="gesperrt">Schwarz Erziehungslehre</em> +3. 1. S. 218.</p> + +<p>Ein vortreffliches Bildungsmittel, sowohl für die wohlwollenden<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> +Gefühle, als für die Thätigkeit, ist es, wenn das Mädchen +früh mit kleinen Kindern, besonders mit Geschwistern, sich +zu beschäftigen hat, wenn man ihm zuweilen die Sorge für sie +überträgt, besonders in Krankheit, und die Aufsicht über ihre +Spiele. Wunderbar und herrlich wirkt dann die Liebe, die Gott +so tief in die Seele des Mädchens gepflanzt hat, und sie haben +dabei einen Lebensgenuß, der nicht zu beschreiben ist. Die Uebung +in der Geduld, Sanftmuth, Nachgiebigkeit und Selbstverleugnung +bei diesem Geschäft ist höchst wohlthätig. — Nur wache +man, daß sie es nicht zu weit treiben, nicht die Kinder verziehen, +und lege ihnen keine zu schwere Last auf.</p> + +<h4>63.</h4> + +<p>Mit dem vierzehnten Jahre muß sich alle Sorgfalt und Einwirkung +der Erziehung verdoppeln, weil dann ein Erwachen des +Mädchens zum deutlicheren Bewußtseyn eintritt, und ein höheres +Gefühl für die Würde und für die äussern Vorzüge des Geschlechts, +zugleich Ansprüche und Verlangen, welchen die Erziehung +entgegen zu arbeiten, oder vielmehr, welchen sie den Widerstand +der vernünftigen Ueberlegung entgegen zu stellen hat. +Das Mädchen wird nun aufmerksamer auf Menschen und menschliche +Verhältnisse, sieht und hört gleichsam schärfer, fühlt tiefer, +und wird nun leicht von Täuschungen der Eitelkeit und des +Leichtsinns geblendet. Hier ist es nicht genug, daß die Erziehung +höhere Forderungen an das Mädchen mache, von ihm +Ueberlegung und Besonnenheit, Ausdauer und Geduld, sorgfältigere +Beobachtung des Schicklichen und Anständigen verlange; +sie muß auch dem Herzen, welches in dem Kampfe zwischen +Vernunft und Sinnlichkeit sich gedrückt und beängstigt fühlt, +mit ihrer ganzen <em class="gesperrt">Liebe</em> zu Hülfe kommen und mit einer <em class="gesperrt">weisen +Strenge</em>; denn gerade in diesem Alter ist pünktlicher Gehorsam +eben so nothwendig, als wohlthätig, weil er die Kraft +der Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung übt, und das +Mädchen der Gewalt der Leidenschaft entzieht. Wenn Mädchen +in diesem Alter in Zerstreuungen verwickelt, an den Genuß des +gesellschaftlichen Vergnügens gewöhnt, mit den Eitelkeiten des +Lebens bekannt gemacht, und in seine Täuschungen verstrickt +werden, so sind sie in den meisten Fällen für ihre ganze Bestimmung +verloren. Die regelmäßigste und mannigfaltigste Beschäftigung +muß hier, vereint mit der religiösen Ausbildung, jeder<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> +Ausartung entgegenwirken, und besonders auch jede krankhafte +Ueberspannung der Gefühle, so wie die Uebermacht der Phantasie +verhüten. Das weibliche Gemüth mit seiner Reizbarkeit, +Weichheit und Behendigkeit der Empfindung, nimmt so leicht +in diesem Alter eine unglückliche Richtung, und wenn das Gefühlsvermögen +des Weibes einer weit höheren Ausbildung fähig +ist, als das männliche, so ist es auch einer weit größeren Ausartung +fähig; und besonders zwei Klippen sind es, woran die +Würde und die Ruhe weiblicher Seelen so leicht scheitert, Gefallsucht +und Vergnügungssucht. Wenn daher die Erziehung hier +nicht zu rechter Zeit entgegen arbeitet, auf der einen Seite durch +die sorgfältigste Bildung des Verstandes und Belebung des Bewußtseyns +menschlicher und weiblicher Würde, auf der andern +durch Gewöhnung an häusliche Stille und Eingezogenheit, und +durch Uebung des Herzens in der Selbstverleugnung: so wird +die Ausartung nicht zu verhüten seyn. Die Meinung, daß junge +Mädchen ihres Lebens froh werden müßten in sinnlichem Genuß, +und daß man es hierin nicht zu genau nehmen dürfe, da +doch das Herz sie so mächtig zum Vergnügen hinziehe, und dann +die mütterliche Eitelkeit selbst, die in der Schönheit der Tochter, +und in der Aufmerksamkeit, die sie erregt, Befriedigung findet, +bringen hier die traurigsten Mißgriffe hervor. Vergnügungssüchtige +und gefallsüchtige Mädchen machen die furchtbarsten +Fortschritte im Leichtsinn, der ohnehin diesem Geschlecht so natürlich +ist, setzen sich bald über die stärksten Regungen des Gewissens +und sittlichen Gefühls hinweg, oder betäuben sich dagegen, +und bringen es zu einer höchst verderblichen Abneigung gegen +alles Ernsthafte und Anstrengende. Wie die Eitelkeit die +Grundlage der sittlichen Ausbildung, nämlich die Selbstkenntniß, +unmöglich macht, so die Vergnügungssucht allen Eifer und +alle Ausdauer bei dem, was Anstrengung fordert. Diese Verirrungen +des Schönheitssinnes und diese Ausartung der Sinnlichkeit +haben theils in einer mangelhaften Verstandesbildung, theils +in der Einseitigkeit der Erziehung überhaupt, und in der Unbekanntschaft +mit geistigen Freuden, oder in der Unempfänglichkeit +für geistige Genüsse ihren Grund. Daher die Erscheinung, +daß viele, für gebildet geltende, Weiber sich unbeschreiblich langweilen, +wenn man ihnen zumuthet, an geistigen Genüssen Theil +zu nehmen, und daß sie alles in ein Spiel ihrer Eitelkeit und<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> +in Genuß verwandeln wollen, und immer Unterhaltung fordern.</p> + +<h4>64.</h4> + +<p>Das Mädchen soll der Erziehung eine selbstständige Existenz +verdanken; sie soll durch die Erziehung mit all den Kenntnissen +und Fertigkeiten ausgestattet werden, welche die weibliche Bestimmung +und der weibliche Beruf in seiner weitesten Ausdehnung +fordert, damit sie entweder Vorsteherin eines Hauswesens, +oder Erzieherin, oder Beides, oder nur eine Gewerbtreibende +seyn könne. Man achte dabei auf die besondere Richtung ihrer +Haupt-Neigung, damit kein eigentliches Talent unausgebildet +bleibe. Zum Zeichnen, zur Musik und zu den wesentlich nothwendigen +Handarbeiten werde es bestimmt angehalten, doch im +richtigen Verhältnisse zur übrigen Ausbildung, und ohne daß +irgend ein Zweig derselben mit Zurücksetzung der übrigen herausgehoben +werde. Denn nichts hält den Erfolg der Erziehung, besonders +in so fern sie Ausbildung des Geistes ist, mehr auf, als +das rastlose Hinarbeiten auf die Entwickelung eines einzigen Talents. +Das eigentlich Menschliche, die Bildung zu einem Vernunftwesen, +und das glückliche Gleichgewicht der Seelenkräfte +geht dann ganz verloren, und es entsteht eine Einseitigkeit und +Beschränktheit der Ausbildung, welche das ganze Leben in einen +Mechanismus verwandelt, und es dem Menschen unmöglich +macht, sich zu höhern Ansichten des Lebens zu erheben, und das +Edle, das Erhabene und Göttliche in seine Seele aufzunehmen.</p> + +<p>Die Erziehung hat noch nicht alles gethan, was sie thun +soll, wenn sie nur dafür sorgt, daß das Mädchen für den Beruf, +der ihr zunächst durch die Bestimmung ihres Geschlechts +angewiesen ist, sorgfältig und zweckmäßig gebildet werde; sie +hat noch eine wichtige Rücksicht zu nehmen auf die Verhältnisse +des weiblichen Geschlechts in der bürgerlichen Gesellschaft und +auf das, was diese Verhältnisse fordern, nämlich solche Fertigkeiten, +Geschicklichkeiten und Kenntnisse, wodurch es dem Weibe +möglich wird, auch wenn es allein steht, sich seine Erhaltung +und einen Grad von Selbstständigkeit zu sichern. Die immer +größer werdende Seltenheit des Familien-Wohlstandes, und an +sich schon die Unsicherheit dieses Wohlstandes, macht es nothwendig, +dem Mädchen einen Erwerb zu sichern, der es gegen<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> +Mangel schützt, und bei dem es die Würde seines Geschlechts +behaupten kann.</p> + +<p>Es gibt gewisse Arten des Erwerbens, die eigentlich nie von +Männern, sondern immer nur von Weibern betrieben werden +sollten, und es gehört zu den Ausartungen, welche Verfeinerung +und Luxus herbeiführen, daß die Männer Erwerbszweige +an sich gerissen haben, welche weder männliche Körperkraft, noch +männlichen Geist fordern. Es ist zu erwarten, daß der Krieg, +der so viele Männer hingerafft hat, diese Erwerbszweige wieder +in die rechten Hände bringen werde. Um so mehr muß aber die +Erziehung die Mädchen mit den dazu nöthigen Fertigkeiten ausstatten, +aber auch mit den sittlichen Eigenschaften, die Geschäft +und Gewerbe erfordern. Die Fertigkeiten sind: Nähen, Sticken, +Stricken, Zeichnen, Spielen, Singen, Verfertigung aller Arten +von Kleidungsstücken, Schreiben und Rechnen. Der Kleinhandel +sollte nur von Weibern betrieben werden, weil nur diese dem +entehrenden und ausartenden Müßiggange entgehen können, zu +welchem er die Männer, aus Mangel einer anständigen Hand-Arbeit, +verurtheilt. Die Kleider für Frauenzimmer sollten nur +von weiblichen Händen verfertigt werden. In keiner Küche +sollten mehr Köche anzutreffen seyn.</p> + +<p>Die Bildung für den Erwerb sey aber keine einseitige; die +bürgerliche Gesellschaft fordert mehr als <em class="gesperrt">eine</em> Fertigkeit und Geschicklichkeit +zum Bestehen, da sie Verhältnisse herbeiführt, in +welchen diese oder jene Fertigkeit nicht ernährt. Hier achte die +Erziehung auf die natürlichen Anlagen, und bilde sie für diesen +Zweck vorzüglich aus. So werde also z. B. ein musikalisches +Talent, eine vorzügliche Singestimme, eine Anlage zur mechanischen +Geschicklichkeit ja nicht vernachlässigt, weil der Genuß, +der Werth und die Ruhe des Lebens hievon abhängt. Der <em class="gesperrt">Genuß</em>, +weil es keinen reineren gibt, als den des Vollbringens +und des Bestehens durch eigene Kraft; der <em class="gesperrt">Werth</em>, weil dies +den Wirkungskreis des Weibes erweitert, und ihm einen größern +Antheil an der allgemeinen Wohlfahrt, oder auch an dem Wohl +einzelner Menschen, oder der Familie gewährt; die <em class="gesperrt">Ruhe</em>, weil +das Bewußtseyn einer solchen Ausbildung und der mannigfaltigsten +Brauchbarkeit für die Welt jede Nahrungssorge und jede +Besorgniß wegen der Zukunft verbannt. Und wie oft wird dadurch +das Schicksal einer ganzen Familie sicher gestellt! Wie<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> +manche Tochter ernährte durch ihre Kunst Vater, Mutter und +Geschwister. Wie viele erwerben sich als Lehrerinnen, Erzieherinnen, +Vorsteherinnen einer Beschäftigungs-Anstalt große Verdienste. +Und wie quälend ist die Aussicht in die Zukunft für die, +welche nicht durch sich selbst bestehen können!</p> + +<h4>65.</h4> + +<p>Die sittlichen Eigenschaften, die mit den Fertigkeiten vereint +wirken müssen, sind: Geduld und Ausdauer, Selbstverleugnung +und Enthaltsamkeit, Besonnenheit und Ueberlegung, Erfindungsgabe. +Für die letztere Kraft in ihrer Entwickelung wirkt +die Geschichte der Erfindungen, und die Bekanntmachung mit +nützlichen Verbesserungen der gewöhnlichen häuslichen Geräthschaften. +Wie oft gab schon ein einziger glücklicher Gedanke in +dieser Hinsicht einem Leben hohen Werth und ausgebreitete Wirksamkeit, +und begründete den Wohlstand einer ganzen Familie.</p> + + +<p>Pädagogische Heilkunde.</p> + +<p>Jede Abweichung von dem Gebot, welches dem Menschen +durch seine sittlichen Gefühle und seine Vernunft in's Herz geschrieben +ist, und jede Ausartung der natürlichen Triebe, ist +Krankheit der Seele, und erfordert Heilung. In der Kindheit +entstehen diese Krankheiten, und werden oft nur dem sorgfältigen +Beobachter und dem geübtern Auge sichtbar; bleiben sie unentdeckt, +und also in ihren Anfängen ungehemmt, so gehen sie +in den Charakter über. Jede Unart hat in der Vernachlässigung +der Erziehung, oder in einem nachtheiligen Einflusse des Körpers +und der physischen Gewöhnung ihren Grund.</p> + +<p>Jede Unart ist in ihrem tiefsten Grunde Keim des Guten, +der aber verwahrloset, oder unter ungünstigen Einflüssen untergegangen +ist, oder auch eine falsche, gewöhnlich einseitige Richtung, +welche irgend eine Seelenkraft genommen hat. Soll die +Heilung gelingen, so muß die Natur der Krankheit von dem Erzieher +richtig erkannt, ihr Zusammenhang mit andern Uebeln +und mit dem Guten erforscht und berücksichtigt, also ihr Ursprung +mit Sicherheit entdeckt, ihr Grad richtig aufgefaßt, das +Heilmittel weise gewählt und mit eben so viel Geduld, als Einsicht +angewandt werden, damit nicht, indem das eine Uebel<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span> +weggeschafft wird, ein anderes hervorgebracht oder herbeigeführt +werde. Der Erzieher kann, z. B. die Trägheit des Zöglings +überwältigt, aber dadurch, daß er gewaltsame Mittel anwandte, +demselben die Lust und Liebe und die kindliche Fröhlichkeit genommen +haben, oder indem er dem Eigensinnigen den Willen +brach, ihm auch das Herz gebrochen haben, oder indem er den +Leichtsinn bekämpfte, das Kind verstockt, scheu und ängstlich +gemacht haben.</p> + +<p>»Auf zweierlei Art werden Unarten geheilt: entweder durch +Ablenkung der Aufmerksamkeit und Neigung des Kindes, im +Ganzen und im Einzelnen, also negativ, oder auch positiv +durch Strafen.« Das erste ist hier unstreitig das Wohlthätige +und Wirksamere, eine gründliche Heilung, wobei nicht leicht ein +neues Uebel sich zeigt, und wird vorzüglich auf <em class="gesperrt">die</em> Art angewandt, +daß man entweder das Kind in eine ganz andere, und +zwar in eine solche äussere Lage bringt, in welcher es gar keine +Reizung zu seiner Unart erhält, oder auch, daß man einen Gegenreiz, +z. B. Erregung der Neugierde, des Ehrtriebes, der +Furcht, der Hoffnung, anwendet, um seinen Neigungen eine +bessere Richtung zu geben.</p> + +<p>Da die Unarten und die Fehler der Kinder nichts anderes, +als verwahrlosete Keime des Guten sind, so steht der Unart immer +eine Tugend gegenüber, und da jede Unart wiederum, sich +verstärkend, andere nach sich zieht oder erzeugt, so gibt es so +viele Reihen von Unarten, als es Tugenden des Kindes gibt.</p> + +<p>Die ersten beiden Reihen können nichts anderes seyn, als +verkehrte Richtungen der Kraft, oder Mangel an Kraft und +Trieb, also Trägheit. So z. B. wenn Kinder bei einer großen +Lebhaftigkeit, und einem ungewöhnlichen Drange zur Thätigkeit, +nicht hinreichende Beschäftigung finden, und also lange Weile +empfinden — oder wenn man sie in der Periode, da noch der +Spielgeist seine volle Kraft hat, zu angestrengter Aufmerksamkeit +beim Lernen nöthigt, und ihnen dadurch einen Widerwillen +gegen das Lernen beibringt — oder zu der Zeit, da sie noch +nicht sichtbare Fortschritte in der sittlichen Verbesserung machen +können, unaufhörlich tadelt und krittelt, und dadurch in einen +Zustand der Spannung und des Mißmuths versetzt — oder ohne +Nachsicht straft, wo erst die Kraft der bessern Gewöhnung eintreten +müßte. Ist es nicht natürlich, daß das Kind muthwillig,<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> +oder auch schlaff und träge wird, weil sein Thätigkeitstrieb +keine Befriedigung erhält? Darum soll der ganze Umgang der +Erwachsenen mit Kindern eine fortgehende Befriedigung ihres +Thätigkeitstriebes, und eine Richtung desselben auf das Nützliche +und Gute seyn. Wiederum, wenn Eltern oder Erzieher +Lieblinge haben, denen sie alles verstatten, alle Unarten ungestraft +hingehen lassen; müssen diese nicht eigensinnig, herrschsüchtig, +trotzig und selbstsüchtig, und die um der Lieblinge willen +zurückgesetzten verschlossen, boshaft und verdrossen werden? +Bei solchen Kindern ist es eine verkehrte Behandlung, sie durch +Liebkosungen und wohl gar Schmeicheleien an sich zu ziehen, +oder durch anderweitige Reizungen ablenken zu wollen. Gründlich +können sie nur geheilt werden, wenn man sie aus dem ganzen +ungünstigen Verhältnisse heraus und in ein besseres versetzt, +mit liebreichem Ernst und Festigkeit ihnen entgegen tritt, keine +Aeusserung der Bosheit oder Herrschsucht ungerügt läßt, sie +möglichst vor Reizungen bewahrt, jede Regung besserer Gefühle +durch Lob und Ermunterung unterstützt, durch regelmäßige Beschäftigung +und gleichmäßige Behandlung sie an Ordnung und +Regelmäßigkeit zu gewöhnen sucht, die sittlichen Regungen belebt +und stärkt. Verzogene Kinder sind nicht undankbar gegen +eine solche Bestrebung, sie zu bessern; sie fühlen es bald, daß +man ihnen wohl thut, wenn nur überall Liebe und Wohlwollen +durchblickt, fühlen besonders das Wohlthätige der Beschäftigung. +Nur werde jede verächtliche Behandlung vermieden, denn diese +erregt Abneigung und Widerwillen; auch Ironie und feiner +Spott, Satyre und Bitterkeit im Tadel thun entgegengesetzte +Wirkung.</p> + +<p>Eine eben so schwere Aufgabe für die Erziehung und eben so +schwer im Umgange zu behandeln, sind solche Kinder, die überfüllt +sind durch einen planlosen Unterricht mit unverdautem Wissen, +und in welchen sich Dünkel und Trägheit zugleich festgesetzt +haben, weil sie sich bei dem Unterricht immer nur leidend verhielten, +ohne Anregung und Uebung des Nachdenkens. Verwöhnt +durch eine Behandlung, bei welcher man ihnen alle Anstrengung +ersparte, versunken in eine Zerstreuung und Schlaffheit, +die alle Geisteskräfte in Schlummer wiegt, machen sie der +Erziehung durch beständige Unruhe und Unmuth, wohl durch +Unbändigkeit und Ausgelassenheit viel zu schaffen. Das sind die<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> +traurigen Folgen einer planlosen Erziehung in Häusern, wo ein +gewisser Wohlstand herrscht, und es nicht an Zerstreuung fehlt. +Dabei kann doch hie und da Talent hervorblicken, und das Bewußtseyn +im Kinde seyn, daß es etwas vermöge; aber desto +mehr macht es dann durch Ansprüche dem Erzieher zu thun, desto +schwieriger ist die Aufgabe, es bei dem Mechanischen festzuhalten, +und es an Regelmäßigkeit und Tagesordnung zu gewöhnen. +Das Ungewohnte erregt ihm widrige und schmerzliche Gefühle. +Das Anhalten zur Ordnung dünkt ihm Gewalt und Bedrückung, +und es tritt bald in ein feindseliges Verhältniß gegen den Erzieher, +wenn dieser nicht Klugheit und Mäßigung genug hat, sich +mit dem langsamsten Annähern an sein Ziel zu begnügen, und +in die nothwendige Strenge die Milderung eines sichtbaren Wohlwollens +zu legen. Ein besser gezogenes Kind neben dem verzogenen +und verwöhnten thut hier treffliche Dienste. Ist dies Mittel +nicht vorhanden, so muß man eine Lieblings-Neigung des +Zöglings und den Ehrtrieb zu Hülfe rufen, um ihn für eine +regelmäßige und angestrengte Thätigkeit und für pünktlichen +Gehorsam zu gewinnen. In dem Umgange mit solchen Kindern +ist es sehr schwer, den rechten Ton zu treffen, der sich +von zu großer Strenge und Milde gleich weit entfernt.</p> + +<p>Zweierlei Unarten stehen ferner dem Fleiß entgegen, Faulheit +und verkehrte Thätigkeit. Jene ist theils mehr im Körperlichen, +theils mehr im Geistigen, theils in beiden zugleich, und +versteckt sich wohl unter scheinbarer Thätigkeit. Die Weichlichkeit +und falsche Güte in der Erziehung erspart den Kindern jede +Anstrengung, und verwöhnt sie dadurch so sehr, daß jede Art +der Thätigkeit ihnen Qual dünkt. Die Faulheit zieht aber, da +sich nun aller Trieb auf den Genuß richtet, Gefräßigkeit und +Leckerhaftigkeit nach sich, macht eben dadurch die Kinder diebisch, +lügenhaft und unreinlich. Nicht genug kann man daher bei Kindern +der Faulheit entgegenwirken, nicht sorgsam genug sie dem +Müßiggange entziehen. Aber die Aufgabe ist schwer, Kinder +immer hinreichend zu beschäftigen, die zum eigentlichen Lernen +noch zu jung, dabei lebhaft, und also veränderlich sind. Wenn +man bei den Erwachsenen die Noth als Antrieb zur Thätigkeit +gebraucht, so will das bei Kindern nicht gelingen, und ist nicht +immer anzuwenden. Soll man das Kind hungern lassen? So +wird es mißmüthig, und verliert die Lust und Liebe. Oder der<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> +Plage der langen Weile übergeben? So ist zu fürchten, daß es +auf andere Abwege geräth, oder der Schlaf hilft ihm darüber +hinweg. Man versuche es lieber zuerst mit allerlei <em class="gesperrt">sinnlichen +Beschäftigungen</em>, und solchen, die sich dem Spiele nähern. +Du sollst mir helfen! sage man freundlich dem Kinde. Oder: +wir wollen mit einander dieß und jenes thun. Man bringe absichtlich +Bücher, Geräthschaften, Geld in Unordnung, und lasse +alles wieder von dem Kinde in Ordnung bringen. Dabei suche +man durch Lob ihr Selbstgefühl und ihre Lust zu erhöhen, sey +für's erste mit jeder Leistung zufrieden, sorge für Mannigfaltigkeit +der Beschäftigung, ohne doch der Neigung zur Veränderung +zu viel nachzugeben. Man lasse Kinder recht früh schreiben, zeichnen, +in Papier ausschneiden, Papparbeiten machen, Bücher +heften und einbinden, schnitzen und ein wenig drechseln lernen, +so kann man viel Abwechselung in ihre Beschäftigung bringen. +Haben sie die Buchstaben zusammensetzen gelernt, so gebe man +ihnen ein Buchstabenkästchen, und lasse sie Wörter zusammensetzen, +eine Beschäftigung, die ihnen eben so angenehm, als +nützlich ist. Bei Gedächtniß-Uebungen halte man sie besonders +fest, weniger bei Handarbeiten, welche mehr Ausdauer fordern, +als zarte Kinder haben können. Können sie schon mit einiger +Fertigkeit schreiben, so lasse man sie das Auswendiggelernte +oder das, was man ihnen vor einiger Zeit erzählt hat, aus dem +Gedächtniß niederschreiben; man lasse die, welche ein schwaches +Gedächtniß haben, durch Nachsprechen memoriren — man ermuntere +sie zum Briefschreiben, und Abschreiben, und lasse sie +kleine Verzeichnisse anfertigen, kleine Sammlungen anlegen.</p> + +<p>Der Unreinlichkeit träger Kinder kann nur durch strenge Gewöhnung +und Anregung des Ehrgefühls entgegengearbeitet werden. +Dabei sey man unerbittlich in der Strenge.</p> + +<p>Hat man der Veränderlichkeit der Kinder und ihrer Laune zu +viel nachgegeben, oder sie zu viel sich selbst überlassen, ohne sie +regelmäßig zu beschäftigen, so entsteht die falsche Thätigkeit +(Flatterhaftigkeit). Da gibt es ein unruhiges, bald nach diesem, +bald nach jenem greifendes Wesen, Ueberdruß und Mißmuth, +so oft einige Anstrengung oder Sorgfalt gefordert wird. +Das Kind fängt etwas mit Hitze an, läßt es aber bald wieder +liegen, und fängt etwas Neues an, ohne je zu vollenden; endlich +wird es aller Beschäftigung überdrüßig, und will nur herumlaufen,<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> +spielen, amüsirt seyn. Bei Kindern von lebhaftem Temperament +und glücklichen Anlagen entsteht dies unstäte Wesen +wohl aus Mangel an solidem Unterricht und Geistes-Nahrung, +aber auch aus Ueberfüllung mit Realkenntnissen, ohne Uebung +und Anstrengung der Denkkraft. Man muß mit solchen Kindern +ganz vorne anfangen, jedoch ohne daß sie dieß inne werden, +muß vor allem Denkübungen mit ihnen vornehmen, und +sie fest zu halten suchen, indem man vom Leichtern zum Schwerern +fortgeht. Man entfernt sorgfältig alles, was sie zerstreuen, oder +sie unmuthig machen könnte; man lobt ihr Wissen, und regt +ihre Wißbegierde an durch solche Aufgaben, die Verstand und +Phantasie beschäftigen; man erlaubt ihnen für's erste keine Fragen, +läßt sie aber viel nachsprechen, um sie im Aufmerken zu +üben, rechnet oft mit ihnen im Kopfe.</p> + +<p>Die Trägheit kündigt sich auf mancherlei Weise, nicht gerade +durch Abneigung gegen alle Beschäftigung, sondern nur +gegen die, welche Anstrengung und Ausdauer erfordert, oder +die gerade jetzt gebotene an, durch ungebehrdiges Wesen, faule +und nachlässige Stellungen, Plumpheit, Lärmen, Zanksucht und +grobe Begehrlichkeiten; denn die Trägheit will nur genießen, +nicht erwerben. Mäßige Bestrafungen, kein Schelten und Beschimpfen, +bei Naschhaftigkeit strenge Strafe.</p> + +<p>Dem Frohsinn stehen <em class="gesperrt">Trübsinn</em> und <em class="gesperrt">Leichtsinn</em> entgegen. +Das düstere, verdrießliche und mürrische Wesen wird den +Kindern leicht zur Natur, wenn unfreundliche und harte Behandlung, +oder lange Weile ihr Gefühl aufgeregt haben. »Es +gibt,« sagt J. P. sehr richtig, »ungelenke, verworrene Stunden +(Stimmungen?), wo das Kind durchaus gewisse Worte +nicht nachzusprechen, gewisse Befehle nicht zu erfüllen vermag, +aber wohl in der Stunde darauf. Haltet dieß nicht für Starrsinn. +Ich kenne Männer, die auf die Ausrottung einer üblen +Angewohnheit Jahre lang losarbeiteten, ohne besondern Erfolg +zu erleben. Wendet dieß auf Kinder an, welchen gewöhnlich ein +paar tausend Gewohnheiten auf einmal abzulegen befohlen wird, +damit ihr nicht sofort da über Ungehorsam schreiet, wo nur Unvermögen +der überlasteten Aufmerksamkeit ist.« Aber auch ängstliche +und zu weichliche Behandlung, ein zu sorgsames Aufmerken +auf alle ihre Bedürfnisse und Wünsche, kann diese Wirkung +hervorbringen. Nur dadurch, daß man solche Kinder durch angemessene<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> +Beschäftigung zu einem wohlthätigen Selbstgefühl erhebt, +sie durch Entbehrung und Strafe zum Nachdenken und zur +Selbstbeherrschung bringt, sie bei jeder Regung mürrischer Laune +entfernt, ihnen durch Strafe Noth verursacht, und dadurch ihren +Gedanken eine andere Richtung gibt, bei wiederkehrender +Heiterkeit sie mit besonderer Güte behandelt, aber auch bei eintretender +mürrischer Laune mit unerbittlicher Strenge — (z. B. +ich esse nicht mit einem mürrischen Kinde!), nur dadurch wird +man sie bessern.</p> + +<p><em class="gesperrt">Leichtsinn</em> zeigt sich noch nicht im frühen Kindesalter, aber +der Keim ist da in Unachtsamkeit, Flatterhaftigkeit und Gedankenlosigkeit, +und in Gleichgültigkeit bei Lob und Tadel, in +schnellem Uebergang von tiefer Betrübniß bei Strafen zur Ausgelassenheit. +Kinder, die sich selbst überlassen sind, oder es zu +gut haben, und nicht mit der den Kindern so nothwendigen +Strenge erzogen werden, sondern zu viel Nachsicht genießen, +werden leichtsinnig, und müssen es werden. Daher ist Leichtsinn +ein Uebel der höheren Stände und des weiblichen Geschlechts. +Die gutmüthige und weichliche Mutter wird gar zu leicht die +aufmerksame und willige Dienerin der Tochter; diese, zu sehr +verwöhnt, kann sich zu keiner Art von Anstrengung entschließen. +— Ist die Unart eingewurzelt, so kann man nicht genug +die Achtsamkeit des Kindes üben, und besonders die Achtsamkeit +auf sich selbst, durch einfachen Zuruf, ohne viele Worte der Erinnerung, +durch Zeichen, durch solche Aufträge, wobei große +Sorgfalt und Aufmerksamkeit nöthig ist (z. B. zerbrechliche Sachen +in Ordnung zu bringen), durch Uebung des Gehörs und +Gedächtnisses, durch kluge und kräftige Warnung. Die festeren +und kräftigern Naturen sind am wenigsten zum Leichtsinn geneigt, +die weicheren am wenigsten zum Trübsinn.</p> + +<p>Dem frommen (dankbaren) Sinne stehen entgegen <em class="gesperrt">Unfolgsamkeit</em> +und <em class="gesperrt">Wankelmuth</em>. In dem Kinde regt sich bald der +Trieb zu herrschen, und zeigt sich als Eigensinn und Eigenwille. +Sehr bald entsteht daraus Gefühllosigkeit und Widerspenstigkeit. +Das unzeitige Nachgeben der Eltern ist die nächste Ursache +— aber auch wohl ihr Eigensinn und ihre Ungerechtigkeit. +Werden die Kinder nur als Mittel des Geldgeizes oder der Eitelkeit +der Eltern gebraucht, stört man sie, um sie kunstmäßig +abzurichten, in ihren kindlichen Freuden, entsteht also kein liebevolles<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> +Verhältniß zwischen Eltern und Kindern, so können +diese nicht dankbar seyn, sondern sie müssen sich, wo sie nur +können, dem Willen der Eltern widersetzen, da sie keinen andern +Antrieben, als den sinnlichen, folgen können. Fehlt nun +noch dazu alle Pflege des religiösen Gefühls, wie können die +Kinder vor dieser traurigen Ausartung bewahrt bleiben? Aber +auch zu weichliche Güte, von Eltern oder Großeltern, ist die +Quelle dieser Unart. Finden die Kinder nie Widerstand bei ihren +thörichten Forderungen; zeigt man ihnen durch unzeitiges +und unverständiges Nachgeben und Einwilligen eine gewisse +Schwäche, oder Furcht vor ihrem Trotz und Eigensinn, so machen +sie bald die traurigsten Fortschritte in dem Ungehorsam und +in der mürrischen Widerspenstigkeit. Eine ganze Reihe von Unarten +sind im Gefolge des Ungehorsams, besonders hartes und +boshaftes Wesen gegen Niedere, Dünkel, Zanksucht. Wird dann +nicht die ganze Behandlung des Kindes geändert, und auch +wohl seine äussere Lage, so daß es unter ganz andere Menschen, +und in ganz neue Verhältnisse kommt, so ist das Uebel unheilbar. +Muß es in seinen häuslichen Verhältnissen bleiben, so darf +ihm wenigstens von Seiten des Erziehers nie nachgegeben werden; +vielmehr muß ihm dieser mit einem festen Ernst entgegentreten, +und ihm sogar, wenn es schon einige Verstandesbildung +hat, förmlich ankündigen, daß es von nun an nicht mehr seinen +Willen haben werde, wobei er ihm begreiflich zu machen +sucht, wie heilsam und nothwendig dieß sey, und es, so oft es +gehorsam ist, mit besonderer Liebe behandelt, überhaupt aber +durchaus herzlich. Eigentliche Strafen treten nur bei offenbarer +und beharrlicher Widersetzlichkeit ein, wobei man ihm aber Zeit +zur Besinnung läßt. Alles werde angewandt, Gefühle der Reue, +des Dankes, des Vertrauens in solchen verwahrloseten Kinder-Herzen +zu wecken; man zeige dem Kinde Bedauern und Theilnahme; +man gewähre ihm Vergnügen und Erholung, so oft es +sich besser zeigte — man erleichtere ihm das Gehorchen durch die +Art des Gebietens, und durch Entfernung der Reizung zum Ungehorsam +— man suche ihm ein ermunterndes Beispiel vor die +Augen zu bringen; man zeige ihm Vertrauen, und strafe es nie +zürnend. Zeigt es Gefühl, so komme man ihm mit religiösen +Vorstellungen zu Hülfe; faßt es kein Zutrauen, und zeigt es +kein Gefühl, so lasse man sich dadurch nicht zu Bitterkeiten und<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> +zu harten Behandlungen reizen, werfe ihm nicht seine Gefühllosigkeit +vor, mache es aber auf Beispiele der Dankbarkeit und +Theilnahme aufmerksam, und freue sich mit ihm, wenn ihm +etwas Angenehmes, klage mit ihm, wenn ihm etwas Unangenehmes +begegnet.</p> + +<p>Eine Unart, welche einigermaßen mit dieser verwandt ist, +besteht darin, daß Kinder gewöhnlich gegen jeden, der nicht zu +ihrer Familie gehört, verschlossen und ängstlich, oder finster sind; +eine Folge zu weichlicher Erziehung, und einer falschen Zärtlichkeit, +oder auch der Unvorsichtigkeit, mit welcher man Kinder +im zarten Alter mit der Schlechtigkeit der Menschen bekannt +macht, auch wohl die Wirkung des den Kindern mit der ersten +Nahrung eingeflößten Rangstolzes, und der Thorheit, ihnen +eine äussere Haltung und Würde beibringen zu wollen. Sehen +sie, daß sich ihren Eltern alles mit Unterwürfigkeit nähert, und +werden besonders die Dienstboten mit verachtendem Stolz behandelt, +so kann diese Unart nicht ausbleiben. Lieblosigkeit und +Willkühr, Uebermuth und prahlerisches Wesen sind die Folgen, +auch wohl Verstellungskunst, bei einigen Naturen Blödigkeit. +Auch hier ist Veränderung der Lage das beste Heilmittel. — Die +Religion muß zu Hülfe kommen, und ein Erzieher, der sich +ganz des Herzens zu bemächtigen weiß.</p> + +<p>Das schmeichlerische und hingebende Wesen mancher zart organisirten +und mit wohlwollenden Gefühlen reich ausgestatteten +Kinder darf man, wenn sie heranwachsen, nicht dulden, auch +geht es leicht in Gleißnerei über; es ist eine Wirkung jener thörichten +Weichlichkeit in der Erziehung, die alles durch Liebkosung +und Belohnung erreichen, und nie strafen, nie Ernst gebrauchen +will. Bei Mädchen entsteht daraus ein Hang zur Empfindelei, +ein geziertes und pretiöses Wesen, und Abneigung gegen alles, +was Anstrengung und Festigkeit fordert. Daher gewöhne man +die also Verwöhnten an ernste Behandlung, doch ohne Kälte und +ohne Spott.</p> + +<p>Kinder von einer besondern Liebenswürdigkeit, und glücklich +und früh sich entwickelnden Anlagen, neigen sich leicht zum +Hochmuth und Dünkel hin, weil man sie gewöhnlich vorzieht, +viel aus ihnen macht, und sie unvorsichtig lobt. Dieser Hochmuth +zeigt sich im Widersprechen und in der Rechthaberei, in +der Trägheit beim Unterricht, in einem vorlauten und unbescheidenen<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> +Wesen, und verleitet wohl zum Rollenspielen. Aus solchen +Kindern werden Egoisten, und die Welt hat nichts von +ihnen zu erwarten, wo nicht ihr Ehrgeiz Befriedigung findet. +Bei Mädchen wird Eitelkeit daraus, die sich selbst gefällt und +Andern gefallen will; das Natürliche geht ganz verloren; Albernheit, +Putzsucht und Koketterie regen sich, und alles wird nur +nach der Aufmerksamkeit beurtheilt und geschätzt, die es erregt. +Der sinnliche Gegenstand des Bestrebens, fader Zeitvertreib, +Tändeln und Scheinen ist an der Tagesordnung. Solche Kinder +wollen zum Gefühl im Bewußtseyn ihres Unrechts gebracht +seyn, zuweilen durch Beschämung — die aber sehr vorsichtig +anzuwenden ist — am besten dadurch, daß man ihnen Fragen +vorlegt, und Arbeiten aufgibt, wobei sie ihre Schwäche erkennen +und gestehen müssen — und endlich dadurch, daß man sie +auf dem Felde des Wissens herumführt, und ihnen zeigt, wie +viel noch zu lernen und zu erringen ist, sie aber auch zugleich +mit der Menschenwürde bekannt macht, und ihnen zuweilen +Aufträge gibt, wobei sie, Theilnahme zu zeigen, Aufforderung +und Gelegenheit haben. Mißlich ist es, ihnen Bescheidene zum +Muster aufzustellen, weil dieß oft nur erbittert; besser, sie eine +Zeitlang nicht zu bemerken, und ihnen alle Gelegenheit abzuschneiden, +sich sehen zu lassen, ihnen dabei den Vorzug der Gesinnung +vor dem Wissen bemerklich zu machen.</p> + +<p>Der Eitlen Wunsch und Streben bleibe ganz unbefriedigt, +weil dadurch die Begierde nur verstärkt werden würde, sondern +man gebe ihr, was sie wünscht, Putz und schöne Kleider; aber +in ihren schönen Kleidern lasse man sie fühlen, wie nichtig dieser +Vorzug ist, und daß er keine Ansprüche auf Werthschätzung gibt, +wohl aber leicht thöricht und unsittlich macht. Man sage ihr, +doch ohne Bitterkeit, wie viel hübscher ihr der einfache Anzug +stehe, damit sie nach und nach diese Armseligkeiten würdigen +lerne. Die Mutter, die Erzieherin, die Gespielin oder Mitschülerin +gehe ihr mit dem Beispiele der höchsten Einfachheit und +Anspruchlosigkeit voran.</p> + +<p>Alles kommt überhaupt bei der Erziehung und bei dem erziehenden +Umgange mit Kindern auf den Ton an, welcher im +Hause herrscht; er ist gleichsam das gedeihliche oder verderbliche +Klima, in welchem diese zarten Pflanzen sich entwickeln sollen. +Das Beispiel der Eltern und der Erzieher wirkt mit einer unwiderstehlichen<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> +Gewalt auf Kinderherzen, und darum sollten Erzieher +in dem Umgange mit Kindern höchst vorsichtig zu Werke +gehen. Sieht der Sohn seinen Vater täglich dem Vergnügen +nachgehen, und seine Berufsgeschäfte mit Verdruß und so schnell +und so flüchtig als möglich abmachen, so nachläßig als möglich +betreiben; hört er ihn leichtsinnig urtheilen, oder lieblos +richten; läßt er sogar den Sohn fast an jedem Vergnügen Theil +nehmen, und ohne Umstände Schule und Unterricht versäumen, +wenn ein Vergnügen sich darbietet; gibt er ihm selbst die Spielkarten +in die Hände, und bringt er vor den Augen seiner Kinder +ganze lange Abende, bis in die Nacht hinein, am Spiel-Tische +zu — er wird einen Müßiggänger, einen Spieler, oder +einen Frohnknecht in seinem Sohne der Welt erziehen, und das +schreckliche Erbtheil des bösen Beispiels wird ihn zu Grunde richten, +oder ihm wenigstens alle Menschenwürde rauben.</p> + +<p>Eben so unglücklich muß der Erfolg einer Erziehung seyn, +die es nur darauf anlegt, den Kindern das Gepräge der conventionellen +Bildung oder des Zeitgeistes zu geben, und ihnen +alles das beizubringen und anzubilden, was in dem gesellschaftlichen +Umgange gilt, und gerade jetzt an der Tagesordnung ist, +oder für Bildung ausgegeben wird. Zwar hat sich, seit dem +Freiheitskriege, eine eigene Secte in der Gesellschaft gebildet, +welche der conventionellen Form, weil sie größtentheils französischen +Ursprungs ist, den Krieg angekündigt, und die freieste +Form, welche eigentlich gar keine ist, als die rechte angenommen +hat; aber glücklicher Weise scheint es nicht, daß die Grundsätze +dieser Secte sich weit verbreiten werden, da man die Bemerkung +gemacht hat, daß sie zu einer Derbheit und Unschlachtigkeit +führen, welche endlich allem geselligen Umgange, besonders +dem mit dem anderen Geschlechte, den Untergang bringen +müßte. Für die Beförderung <em class="gesperrt">der</em> Selbstverleugnung, Bescheidenheit +und Gefälligkeit, welche die Natur des gesellschaftlichen +Umgangs fordert, sind unstreitig die conventionellen Formen +sehr ersprießlich, und eben darum nicht aufzugeben. Aber es ist +eine merkwürdige Erscheinung, und eine für Erzieher sehr lehrreiche, +daß Naturen von einer unüberwindlichen Unempfänglichkeit +für diese Formen unter beiden Geschlechtern vorkommen, +an welchen alle Anstrengungen der Erziehung für diesen Theil +der Bildung völlig scheitern. Man möchte hieraus schließen,<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> +daß es auch für die gesellschaftliche Bildung eigenthümliche Anlagen +gebe, und daß sie daher eben so wenig, wie z. B. die musikalische, +zur allgemeinen menschlichen Ausbildung gezählt werden +dürfe, wenigstens nicht ohne gewisse Modificationen; daß +sie am allerwenigsten das Hauptziel aller Erziehung seyn dürfe, +sondern daß diese vor allem das Reinmenschliche in dem Kinde +auszubilden, zu pflegen und zu entwickeln habe; daß also die +Erziehung keinesweges in eine bloße Abrichtung für den gesellschaftlichen +Umgang übergehen dürfe. Diese Wahrheit wird jetzt +zur Freude aller derer, welche keine Sclaven des Zeitgeistes sind, +allgemeiner anerkannt, und sie hat eine Ueberzeugung geweckt, +welche fast ganz in den höheren Ständen verschwunden war, +daß die religiöse Bildung der Schlußstein aller wahren Bildung +sey, und daß man die Veredlung unseres Geschlechts nicht bloß +auf dem Wege der Verstandesbildung, nicht durch das Erkenntnißvermögen +allein bewirken könne. Man erwartet nun nicht +mehr alles Heil für die Menschheit von der Verbreitung wissenschaftlicher +Bildung, und überhaupt von dem Wissen, sondern +läßt der Gesinnung, als dem Höchsten im Menschen, wieder +den ihr gebührenden ersten Rang unter den Bildungsstufen der +Menschheit, wobei man aber seit einiger Zeit den Gefühlen einen +zu hohen Werth beilegt, und sie gar zu gern als Surrogat +der Gesinnungen und Grundsätze einschwärzen möchte, weil es +so bequem ist, sich dem Gefühl zu überlassen, und seinem Herzen +die Anstrengungen und Beschwerden des Handelns und der +Selbstverleugnung zu ersparen. Daher möchte es die heutige Erziehung +vorzüglich auf eine recht sorgfältige Bildung der Vernunft, +und also auf feste Grundsätze anzulegen haben, und ihre Zöglinge +in einem gewissen Gleichgewicht zu halten suchen, damit +sie nicht lauter Gemüth werden, und in dem Uebermaß ihrer +Gemüthlichkeit sich der Mystik und der Frömmelei in die Arme +werfen.</p> + +<p>Drei Klippen dürften die Erzieher besonders bei dem bildenden +<em class="gesperrt">Umgange</em> mit ihren Zöglingen zu vermeiden haben, nämlich: +1) Daß sie es nicht darauf anlegen, dem Zöglinge eine +bestimmte Form anzubilden, z. B. nicht die des Oberen, des +Untergebenen, des Soldaten, des Rechtsverständigen, des gläubigen +Christen, des Rationalisten, sondern darauf: Menschen +zu bilden, also Vernunftwesen, welche die Kraft haben, sich<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> +frei zu erhalten von dem Joch der Gewohnheit, des Zeitgeistes, +der Menschenfurcht und Menschengefälligkeit, und der Leidenschaft. +2) Daß sie nicht jedem Zöglinge ein bestimmtes Maß +von Bildungsstoff zutheilen, und zwar nur von einer einzigen +Gattung, z. B. nur wissenschaftlichen, oder nur Kunst-Stoff, +oder nur moralischen, oder nur philologischen; sondern den ganzen +Stoff ihm darreichen, und zwar ganz unverarbeitet, denn +die Verarbeitung ist die Sache der Natur, und ohne ihm unsere +Form und Ansicht aufzudringen. 3) Daß sie es nicht bei dem +Lehren, und also bei dem Wortwesen bewenden lassen; sondern +ihm diesen Stoff mehr durch Handlungen und Total-Eindrücke, +als durch Worte geben, so daß also der Zögling mehr sucht +und findet, als nimmt und empfängt, und alles aus ihm selbst +hervorgehe.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Ueber_den">Ueber den<br> +Umgang mit Menschen.</h2> + +<hr class="titel"> + +<h2>Dritter Theil.</h2> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Einleitung">Einleitung.</h3> +</div> + + +<p>Nach dem, was ich in der Einleitung zu dem zweiten Theile +dieses Buchs, über die darin beobachtete Ordnung der Gegenstände, +gesagt habe, führt mich mein Plan nun zur Entwickelung +der Vorschriften für den Umgang mit Personen von verschiedenen +Ständen und Verhältnissen im bürgerlichen Leben, +da ich denn, wie billig, mit den Großen der Erde den Anfang +mache.</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Erstes_Kap.">Erstes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen<br> +und Reichen.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Man würde ungerecht handeln, wenn man behaupten wollte, +alle Fürsten, alle sehr vornehme und alle sehr reiche Leute hätten +die Fehler mit einander gemein, durch welche viele von ihnen +ungesellig, kalt und unfähig zur wahren Freundschaft und zum +Umgange werden. Allein man versündigt sich wahrlich nicht, +wenn man sagt, daß dieß bei den mehrsten von ihnen der Fall +ist. Sie werden in der Erziehung verwahrloset, von Jugend auf +durch Schmeichelei verderbt, durch Andere und sich selbst verzärtelt. +Da ihre Lage sie über Mangel und Bedürfniß mancher Art +hinaussetzt, da sie selten in Verlegenheit oder Noth gerathen, so +lernen sie nicht, wie nöthig <em class="gesperrt">ein</em> Mensch dem andern, und wie +schwer es ist, das Ungemach des Lebens allein zu tragen, — wie +süß, theilnehmende, mitleidende Seelen zu finden, und wie wichtig, +Andrer zu schonen, damit man einst zu ihnen seine Zuflucht +nehmen könne. Sie lernen sich selbst nicht kennen, weil man +sie, aus Furcht oder Hoffnung, die widrigen Eindrücke, welche<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> +ihre Fehler und Gebrechen machen, nicht empfinden läßt. Sie +sehen sich als Wesen besserer Art an, von der Natur begünstigt, +zu herrschen und zu regieren; die niedern Klassen hingegen bestimmt, +ihrem Egoismus, ihrer Eitelkeit zu huldigen, ihre Launen +zu ertragen, und ihren Phantasien zu schmeicheln. Auf die +Voraussetzung, daß die mehrsten Großen und Reichen größtentheils +diesem Bilde gleichen, muß man sein Betragen im Umgange +mit ihnen gründen. Um desto wohlthätiger zwar ist die +Empfindung, wenn man unter ihnen Einen antrifft, der mit +einem gewissen edeln Stolze, mit mehr Feinheit, Großmuth +und besserer Ausbildung, alle Privat-Tugenden verbindet. — +Und, es gibt Deren, selbst unter Fürsten; — aber sie sind Seltenheiten, +und nicht immer macht der allgemeine Ruf sie uns +bekannt. Auf diesen und auf die Posaunen der Zeitungsschreiber +und Journalisten darf man kein Urtheil gründen. Ich habe oft +mit inniger Betrübniß gesehen, wie der allgemein bewunderte, +als Wohlthäter des Menschengeschlechts und Beförderer alles +Edeln, Großen und Schönen gepriesene Erdengott und Liebling +des Volks, in der Nähe so klein, so erbärmlich war. <em class="gesperrt">Die besten +Fürsten sind nicht selten die, von welchen am +wenigsten geredet wird, sowohl im Guten, als im +Bösen.</em></p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Der Umgang mit Großen und Reichen muß aber sehr verschieden +abgestuft seyn, je nachdem man ihrer bedarf, oder nicht; +von ihnen abhängig, oder frei ist. Im ersten Falle darf man +wohl nicht immer so gänzlich seinem Herzen folgen, muß zu +Manchem schweigen, sich Manches gefallen lassen, darf nicht +so freimüthig und kühn die Wahrheit sagen, obgleich ein fester, +redlicher Mann die Geschmeidigkeit nie bis zu niedriger Schmeichelei +treiben wird. Indessen verändern kleine Umstände, so wie +die feinen Unterschiede der Charaktere das Verhältniß; daher ich +alle Regeln für den Umgang mit den Großen zusammenfassen, +und den Lesern überlassen werde, zu ordnen und auszuwählen, +was in jeder Lage anwendbar ist.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Ein allgemeiner Satz für alle Fälle ist der: Dringe Dich +den Vornehmen und Reichen nicht auf, wenn Du nicht von +ihnen verachtet werden willst! Ueberlaufe sie nicht mit Bitten<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> +für Dich und Andre, wenn sie Deiner nicht überdrüssig werden, +wenn sie Dich nicht fliehen sollen! Laß Dich vielmehr von ihnen +aufsuchen! Mache Dich rar; doch dies alles, ohne daß Deine +Absicht merklich, ohne daß Dein Betragen gezwungen scheine!</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Suche nicht, Dir das Ansehen zu geben, als gehörtest Du +zu der Klasse der Vornehmern, oder lebtest wenigstens mit ihnen +in engster Vertraulichkeit! Rühme Dich nicht ihrer Freundschaft, +ihres Briefwechsels, ihres Zutrauens, noch Deines Uebergewichts +über sie! Wenn eine solche Verbindung Dir ein Glück zu seyn +scheint, so erfreue Dich in der Stille dieses unbequemen Glücks! +Es gibt Menschen, die durchaus dafür angesehen seyn wollen, +eine größere Figur in der Welt zu spielen, und in höherem Ansehen +zu stehen, als ihnen wirklich zu Theil geworden ist. Sie +führen, auf Kosten ihres Geldbeutels, den Luxus der Vornehmen +und Reichen in ihre Häuser, oder drängen sich in deren +Cirkel ein, wo sie eine elende Figur spielen, nur hinterher laufen +müssen, und keinen frohen Genuß haben, indeß sie lehrreichern +und genußvolleren Umgang gänzlich vernachlässigen, und +treue Freunde und weise Menschen von sich entfernen. Die geizigsten +Leute sparen zuweilen keine Kosten, wenn sie Gelegenheit +finden können, Zutritt in großen Häusern zu erlangen, und +hungern gern Monate hindurch, um einmal einen Großen bei +sich zu bewirthen, der dieses Opfer gar nicht gewahr wird, oder +es doch nicht zu schätzen weiß, vielleicht Langeweile bei ihnen +hat, alles sehr bürgerlich findet, und nach vierzehn Tagen wohl +gar den Namen des thörichten Wirthes vergessen hat. Andre +lassen es sich wenigstens angelegen seyn, die nichtsbedeutenden +und verderbten Sitten der Großen sclavisch nachzuahmen, ihre +hochmüthige Herablassung, ihren geschäftigen Müßiggang, ihre +Zerstreuung, ihr Wichtigthun, ihre leeren Vertröstungen, ihre +seelenlosen Gespräche, ihre Zweizüngigkeit, Windbeutelei, Gefühllosigkeit, +Nachahmung der Ausländer, die Verachtung ihrer +Muttersprache, ihre fehlerhafte Schreibart, ja sogar ihre lächerlichen +Gebehrden, Gewohnheiten und Gebrechen, ihr Stammeln, +Lispeln, Achselzucken, ihre Grobheit gegen Niedere, ihre +affektirte Kränklichkeit, ihr Podagra, ihre schlechte Hauswirthschaft, +ihre kindischen Launen, und mehr dergleichen herrliche +Vorzüge treulich anzunehmen und sich einzuverleiben. Ihnen ist<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> +der beste Beweis für die Güte einer Sache <em class="gesperrt">der</em>, daß doch jedermann +von Stande so und nicht anders handle und urtheile; — +als ob das in der That eine Narrheit heiligen könnte! — Handle +selbstständig! Verleugne nicht Deine Grundsätze, Deinen Stand, +Deine Geburt, Deine Erziehung: so werden Hohe und Niedre +Dir ihre Achtung nicht versagen können!</p> + +<h4>5.</h4> + +<p>Man traue nicht zu sehr den freundlichen Gesichtern der meisten +Großen; glaube sich nicht auf dem Gipfel der Glückseligkeit, +wenn der gnädige Herr uns anlächelt, die Hand schüttelt, +oder uns umarmt! Vielleicht bedarf er unserer in diesem Augenblicke, +und behandelt uns mit Verachtung, wenigstens mit Kälte, +sobald dieser Augenblick vorüber ist. Vielleicht fühlt er gar nichts +bei seiner Freundlichkeit; wechselt Mienen, wie Andre Kleider +wechseln; ist gerade in der Verdauungs-Stunde zu unthätigem +Wohlwollen gestimmt, oder will einen andern seiner Sclaven +dadurch demüthigen. Man bleibe mit dieser Gattung Menschen +immer in seinen Schranken, mache sich nicht gemein mit ihnen, +und vernachlässige nie die äussere unterscheidende Höflichkeit und +Ehrerbietung, die man ihrem Stande schuldig ist, sollten sie +sich auch noch so sehr herablassen! Früh oder spät fällt es ihnen +doch ein, ihr Haupt wieder empor zu heben, oder sie verabsäumen +uns, wenn ein andrer Schmeichler sie an sich zieht; und +dann setzt man sich unangenehmen Demüthigungen aus, die +man mit weiser Vorsicht vermeiden kann.</p> + +<h4>6.</h4> + +<p>Ueberschreite nicht bei Deiner Gefälligkeit gegen die Großen +der Erde, in deren Händen Dein bürgerliches Glück ist, — die +Grenzen der wahren Ehre! Es ist eine große Versuchung für +einen armen oder ehrbegierigen jungen Menschen, der in dem +Dienst eines schwachen Fürsten sich emporschwingen will, ob er +nicht dessen ränkevollem Minister, dem regierenden Kammerdiener, +oder einer tyrannischen Buhlerin huldigen soll; aber selten +nimmt das ein gutes Ende. Solche Lieblinge stürzen sich früh +oder spät selbst, und reissen dann ihre Kreaturen mit in ihr Verderben; +und wäre auch dieß nicht, so werden doch die größten +Vortheile, die man dadurch erlangen könnte, zu theuer erkauft, +wenn man dafür die Achtung weiser und rechtschaffener Männer +aufopfern muß; und das ist gewiß immer der Fall. — Der<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> +gerade Weg hingegen führt unfehlbar, wo nicht zu einem glänzenden, +doch zu einem dauerhaften Glücke.</p> + +<h4>7.</h4> + +<p>Auch lasse man sich von den Erden-Göttern nicht nur zu +keinen unedeln Geschäften mißbrauchen, sondern sey auch vorsichtig +in allen Diensten, welche man ihnen erweiset. Sie machen +leicht aus jeder Gefälligkeit eine Pflicht, und halten es +nachher für Verabsäumung unsrer Schuldigkeit, wenn wir zu +einer andern Zeit uns nicht gerade aufgelegt zeigen, uns eben +so, wie sonst, preiszugeben. Wenigstens vergessen sie leicht, +was man für sie gethan hat. Es bat mich einmal der *** von +***, der sonst in der That viel gute Eigenschaften hatte, ihm +ein Paar Aufsätze in französischer und deutscher Sprache zu verfassen, +die er bei einer gewissen Gelegenheit öffentlich vorlesen +wollte, um die Gemüther zu lenken. »Es fehlt mir an <em class="gesperrt">Zeit</em>, +mein Lieber!« sagte er, »sonst würde ich Sie nicht bemühen; +doch, Sie sind auch in <em class="gesperrt">dergleichen</em> Arbeiten geübter, als +ich.« Ich wendete einige Stunden Fleiß und Anstrengung +daran, und als ich ihm das Ganze brachte, drückte er mich an +seine Brust, dankte mir unter vier Augen, in den zärtlichsten, +herablassendsten Ausdrücken dafür, und schwur sehr übertrieben: +meine Arbeit sey ein Meisterstück von Beredsamkeit. Kurz! er +gebehrdete sich, als wenn ich ihm den wichtigsten Dienst geleistet +hätte, bat mich aber, die Sache zu verschweigen, welches +ich auch that. Nach ein Paar Jahren kam ich des Morgens in +*** zu ihm. Er erzählte mir allerlei zu seinem eigenen Lobe. — +Ich hörte demüthig zu. — »Und das alles,« fuhr er fort, »habe +ich durch ein Paar Memoires bewirkt, die mir, ohne mich zu +rühmen, nicht übel gerathen sind. Sie sollen sie selbst lesen. +Nehmen Sie sie mit sich nach Hause!« Er überreichte mir +darauf meine eigene Geistes-Waare, nur von seiner Hand geschrieben; +ich steckte sie ein, legte aber zu Hause meine Concepte +dazu, und schickte ihm dann die Papiere zurück. Er wurde ein +wenig beschämt, und wir scherzten nachher darüber; — allein +so sind auch die Besten unter ihnen!</p> + +<p>Vor allen Dingen hüte man sich, von Vornehmen und Mächtigen +in gefährliche Händel gezogen zu werden! Sehr gern pflegen +sie das zu thun, und schieben dann entweder die Schuld auf +den, der sich zu ihrem Werkzeuge gebrauchen ließ, wenn die<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> +Unternehmung nicht gelingt, oder lassen ihn gar darin stecken, +und alles Ungemach allein erdulden, wenn die Sache schief geht. +Auch von letzterer Art habe ich in den Jahren meiner Jugend +Erfahrungen gemacht. Kurz! man lasse sich ihre Geheimnisse +nicht mittheilen! Sie schonen des Mannes, der um ihre Heimlichkeiten +weiß, nur so lange, als sie seiner unumgänglich bedürfen; +aber sie fürchten ihn, und suchen sich von ihm loszumachen, +sobald sie können, möchte man ihnen auch noch so deutlich +zeigen, daß man unfähig ist, dies Uebergewicht und ihr +Zutrauen zu mißbrauchen!</p> + +<h4>8.</h4> + +<p>Ueberhaupt darf man auf die Dankbarkeit der meisten Vornehmen +und Reichen, so wie auf ihre Versprechungen nicht +bauen. Opfere ihnen also nichts auf! Sie fühlen den Werth davon +nicht, glauben, alle andre Menschen seyen ihnen einen solchen +Tribut schuldig für den Schutz, für die gnädigen Blicke, +ja sogar für eine ungestörte Existenz; oder man wolle dadurch +kleine Vortheile erringen. Schenke ihnen also auch nichts! Das +hieße einen Tropfen köstlichen Balsams in einen Eimer trüben +Wassers fallen lassen. Ich besaß ein altes kostbares Gemälde; +ein geschickter Maler schätzte den Werth desselben auf hundert +Pistolen. Die Hälfte dieser Summe, die ich leicht dafür bekommen +haben würde, wäre bei meinen damaligen häuslichen Umständen +mir äusserst nützlich gewesen; meine Gutmüthigkeit aber, +oder vielmehr meine Thorheit, verleitete mich, das Gemälde dem +Durchlauchtigsten *** von *** zu schenken, welcher es auch +annahm. Ich dachte dadurch nichts zu erschleichen; aber theils +wollte ich diesem Fürsten hiermit meine Zuneigung bezeugen, +theils hoffte ich, da ich im Begriff stand, ihn an ein gegebenes +Wort zu erinnern, er werde nun um so bereitwilliger sein Versprechen +erfüllen; allein ich betrog mich. Er umarmte mich, als +ich zu ihm kam, und zeigte mir den Ehrenplatz, welchen er meinem +Geschenke angewiesen: doch sein Versprechen erfüllte er +nicht; und als ich mich nach Jahresfrist eines Abends zugleich +mit einem Gesandten, dem er seine Kunstschätze zeigte, in seinem +Cabinette befand, sagte er diesem Fremden in meiner Gegenwart, +indem er von meinem theuren Gemälde redete: »Es +ist wahrlich ein schönes Stück, und ich bin <em class="gesperrt">ziemlich wohlfeil</em> +dazu gekommen.« — Er hatte also vergessen, oder wollte<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span> +es nicht gestehen, daß ich es war, der ihm diesen <em class="gesperrt">sehr wohlfeilen</em> +Preis gemacht hatte; — und ich beseufzte die verschwundene +Hoffnung und die verlorne Summe, von welcher ich mit +den Meinigen eine Zeitlang hätte leben können.</p> + +<p>Eben so wenig rathe ich, den Großen Geld zu leihen, oder +von ihnen zu borgen. Im erstern Falle sehen sie nicht nur ihre +Gläubiger als Wucherer und als solche an, die sich eine Ehre +daraus machen müssen, den gnädigen Herren mit ihrem Vermögen +aufzuwarten, sondern auch, wenn sie saumselig in Wiederbezahlung +der Schuld sind, was bei ihrer unordentlichen Lebensweise +in der Regel der Fall ist; so hat man unerhörte Weitläuftigkeiten, +hat zuweilen Mühe, Gerechtigkeit gegen sie zu +erlangen, und macht sich wohl noch obenein eine mächtige Parthei +zu Feinden. Im andern Falle aber, nämlich wenn man von +ihnen borgt, wagt man tausendfältig ihr Sclave zu werden.</p> + +<h4>9.</h4> + +<p>Trage nichts dazu bei, sie und ihre Kinder noch mehr zu +verderben, sie moralisch zu verschlimmern! Schmeichle ihnen +nicht! Nähre nicht ihren Stolz, ihre Ueppigkeit, ihre Eitelkeit, +ihren Hang zu nichtigen und wollüstigen Freuden! Bestärke die +Großen nicht in den Grundsätzen von angebornen Vorzügen, +von Herrschers-Rechten, von Gesalbtheit und dergleichen Grillen! +Heuchle nicht! Verleugne nicht die Wahrheit, selbst die +bittre Wahrheit nicht, um ihre Gunst zu erlangen! Sey freimüthig, +aber ohne die Höflichkeit zu verletzen, und ohne Dich +selbst zu Grunde zu richten! Nimm Dich der verkannten Unschuld, +des verläumdeten Edeln, des durch Hof-Ränke verschwärzten +Ehrenmanns an; doch mit kluger Vorsicht, ohne seine Feinde +dadurch noch mehr zu erbittern, und mit bedächtiger Rücksicht +auf Deine Lage und Verhältnisse! Befördere, unterstütze, wo +Klugheit es gestattet, die Wünsche, den guten Ruf und die billigen +Gesuche Derer, die zu schüchtern, zu arm, zu bescheiden, +oder zu sehr niedergedrückt, die verkannt, oder von zu geringem +Stande sind, um sich den Palästen zu nähern! Man sollte es +kaum glauben, welchen Einfluß die Reden eines verständigen, +allgemein geschätzten Mannes auf diese Menschen haben können, +sowohl im Guten, als Bösen; wie gern sie alles zum Vortheile +ihres Dünkels auslegen, und wie viel man auf sie wirken kann, +wenn auch diese Wirkungen nicht sichtbar werden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span></p> + +<h4>10.</h4> + +<p>Man hüte sich, mit ihnen von Planen und Entwürfen zu +reden, von deren Ausführbarkeit man überzeugt ist, die aber +mit Schonung und Vorsicht ausgeführt seyn wollen, damit sie +nicht auf den Einfall kommen, bloß durch ihre Macht etwas +erreichen zu wollen, was nur durch Einsicht und Behutsamkeit +erreicht werden kann; denn sie wissen immer die Schuld von +sich auf Andre zu wälzen, wenn der Erfolg nicht der Erwartung +gemäß ist! Ich erinnere mich (um nur ein ganz kleines Beispiel +zu geben), daß einst ein gewisser Prinz mit mir von einem platten +Dache redete, das er auf sein Gartenhaus hatte legen, aber +wieder abnehmen lassen, weil es zu schwer befunden ward. Mir +fiel gerade ein, daß ich von einem französischen Ingenieur-Officier +gehört hatte: man könne ein wohlfeiles, leichtes und dauerhaftes, +plattes, italienisches Dach aus einer Menge Lagen von +blauem Zucker-Papiere, zwischendurch und obenauf mit Schiff-Theer +beschmiert und mit Kies bestreuet, verfertigen. Dieß erzählte +ich dem Prinzen beiläufig, ohne jedoch für die Güte der +Sache einzustehen. Lange nachher erfuhr ich, daß er den Versuch +— wer weiß, wie? — gemacht hätte, daß dieser mißlungen +war, und daß er nicht undeutlich zu verstehen gegeben hätte, +ich sey ein Mann, auf dessen Angaben man sich nicht einlassen +dürfe.</p> + +<p>Ueberhaupt kann man kaum vorsichtig genug in seinen Reden +mit den Großen der Erde seyn. Man enthalte sich daher in +ihrer Gegenwart aller nachtheiligen Urtheile über andre Leute, +aller Ausstellungen! Sie pflegen dergleichen zwar gern zu hören, +aber die Folgen sind oft sehr unglücklich. Zuerst setzt man +dadurch sich und Andre in ihren Augen herab; denn sie lachen +zwar mit, hassen aber doch den Lästerer und Ausspäher fremder +Fehler, bei dem heimlichen Bewußtseyn ihrer eigenen vielfachen +Gebrechen; und da sie ohnehin Geringere verachten, so wächst +diese Verachtung durch Aufdeckung fremder Schwachheiten. Sodann +mißbrauchen sie wohl gelegentlich unsern Namen, verdächtigen +uns, indem sie unsern Einfall nacherzählen, hetzen uns +mit Andern zusammen. Auch kann man ja nicht immer wissen, +ob nicht das zeitliche Glück solcher Menschen, von welchen man +nachtheilig urtheilt, in ihren Händen ist; und hinterher erschrickt +man, wenn man erfährt, wie oft ein einziges, in keiner bösen<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> +Absicht hingeworfenes Wort feste Wurzel faßt, und nach langer +Zeit noch die schädlichsten, unglücklichsten Folgen haben kann. +Das Gute gleitet an ihren untheilnehmenden Herzen ab; das +Böse hingegen setzt sich fest, und wird so leicht nicht ausgelöscht. +Am allervorsichtigsten aber soll man in seinen Gesprächen mit +Vornehmen über andre Personen von höherem Stande seyn. Obgleich +die Erdengötter sich unter einander selten lieben, sondern +mehrentheils durch allerlei Leidenschaften getrennt sind; so hören +sie doch nicht gern, daß man die privilegirten Lieblinge des +Himmels in ihrer Gegenwart ohne Ehrerbietung nennt. Uebrigens +wollen die Vornehmen und Reichen angenehm unterhalten, +und in fröhliche Laune gesetzt seyn. Thue dieß auf unschuldige +Weise, wenn Dir an ihrer Gunst gelegen ist; aber erniedrige +Dich nicht zu ihrem besoldeten Spaßmacher, der Schwänke liefern +muß, so oft sie winken, und von dem sie kein vernünftiges +Wort hören mögen.</p> + +<h4>11.</h4> + +<p>In den Herzen der mehresten Großen wohnt Mißtrauen. +Es herrscht bei ihnen der Gedanke: alle übrigen Menschen hätten +einen Bund gegen sie gemacht. Deswegen sehen sie es ungern, +wenn unter denen, welche ihnen unterworfen sind, enge +Freundschaften entstehen. Wer sich um Fürstengunst und große +Verbindungen nicht zu bewerben braucht, der kann sich hierüber +gänzlich hinwegsetzen, kann Verbindungen nach seinem Herzen +schließen; und überhaupt wird kein redlicher Mann, aus niedriger +Gefälligkeit gegen irgend einen Beschützer und Gönner, einen +wahren Freund vernachlässigen, noch einen würdigen Mann, +der ihm die Hand reicht, von sich stoßen. Wer aber an Höfen +sein Glück machen will, der thut doch wohl, wenn er vorsichtig +in der Wahl seines Umgangs, seiner Vertrauten und der Gesellschaften +ist, welche er am häufigsten besucht. Es herrschen da +immer Partheien und Kabalen, in welche ein wohlwollendes, +theilnehmendes Herz gar zu leicht hineingezogen wird. Und wenn +nun eine dieser Partheien über die andere siegt, so muß oft der +Unschuldigste, in so fern er nur irgend Mitwisser bei dem, was +vorgefallen, gewesen ist, die Zeche bezahlen helfen.</p> + +<h4>12.</h4> + +<p>Rede nie mit den Großen der Erde ohne Noth von Deinen +häuslichen Umständen, von Dingen, die nur persönlich Dich<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> +und Deine Familie angehen! Klage ihnen nicht Dein Ungemach! +Vertraue ihnen nicht den Kummer Deines Herzens! Sie +fühlen ja doch kein warmes Interesse dabei, haben keinen Sinn +für freundschaftliche Theilnahme; es macht ihnen Langeweile; +Deine Geheimnisse sind ihnen nicht wichtig genug, um sie treu +zu bewahren. Immer meinen sie, man wolle bei ihnen betteln, +— und sie verachten den Mann, der nicht glücklich, nicht +frei ist. Von Jugend auf glauben sie, jedermann mache Plane +auf ihren Geldbeutel, auf ihre Wohlthaten. Ueberhaupt sehen +uns die Großen von dem Augenblicke, da wir etwas zu suchen, +Andrer zu bedürfen scheinen, mit ganz andern Augen an, als +vorher. Man läßt uns Gerechtigkeit widerfahren, ja, man zeigt +sich bezaubert von unsern angenehmen Talenten, von unsern +Kenntnissen, von unsrer Herzensgüte, von den glänzenden Vorzügen +unsers Geistes, so lange wir mit allen diesen schönen Eigenschaften +nichts als höfliche Behandlung und Gefälligkeit verdienen +wollen, so lange wir als Fremde, als unabhängige Menschen, +niemand im Wege stehen, niemand verdunkeln; aber viel +genauer, strenger und schonungsloser fängt man an, uns zu +richten, wenn wir unsre Vorzüge im Staate geltend machen +und die erlaubten Vortheile damit erringen wollen, worein sich +so gern die vornehmen Dummköpfe und deren Kreaturen theilen. +Am besten wird man von den Vornehmen und Reichen behandelt, +wenn sie erkennen, daß man ihrer gar nicht bedarf, und +wenn man ihnen dieß zeigt, ohne sich dessen laut zu rühmen; +wenn ihnen im Gegentheil unsre Hülfe, unsre Einsicht unentbehrlich +ist; wenn wir dabei nie die Bescheidenheit und äussere +Huldigung aus den Augen setzen; wenn unser Scharfsinn, unsre +größere Weisheit, unsre Festigkeit und Geradheit, ihnen Ehrerbietung +einflößen, ohne daß sie uns eigentlich fürchten; wenn +wir uns bitten, uns aufsuchen lassen, nicht aber unsern Beistand +aufdringen — Einen solchen Mann schonen sie sorgfältig. —</p> + +<h4>13.</h4> + +<p>Hüte Dich aber, einen Großen, der Ansprüche auf Verstand, +Witz, hohe Tugenden, Gelehrsamkeit oder Kunstgefühl macht, +deutlich, oder gar in Gegenwart Andrer merken zu lassen, daß +Du Dir bewußt bist, ihn zu übertreffen oder zu übersehen. In +der Stille darf er das wohl fühlen, aber er muß es nur <em class="gesperrt">allein</em> +zu fühlen glauben. Vor allen Dingen ist diese Vorsicht nöthig<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> +gegen Vorgesetzte, die ungeschickter in ihrem Fache sind, als Du. +Gern mögen sie Dir Deine bessern Einsichten, gleichsam als +prüften sie Dich, abfragen, sich zu eigen machen, Dir nach +Gelegenheit Deine eigne Waare wieder verkaufen; doch wehe +Dir, wenn Du das rügst, wenn Du nur einmal thust, als +merktest Du es; oder gar, wenn Du den Ton der Belehrung +gegen sie annimmst! — Wie werden sie Dir das Leben sauer +machen! Wie viel werden sie von Dir fordern, das sie selbst nie +zu leisten im Stande seyn würden, damit sie Gelegenheit haben, +Dich eines Fehlers zu überführen und herabzusetzen.</p> + +<h4>14.</h4> + +<p>Es gibt aber geringe, unschuldige Gefälligkeiten gegen die +Großen der Erde, die man ihnen, ohne sich ein Gewissen daraus +zu machen, erweisen, und unwichtige Forderungen von ihrer +Seite, die man ohne niedrige Schmeichelei erfüllen kann. +Diese verzogenen Schooßkinder des Glücks sind nämlich von +Jugend auf daran gewöhnt, daß man sich in Kleinigkeiten nach +ihren Launen fügt, ihren Geschmack zur Richtschnur annimmt, +ihre Liebhabereien artig findet, und alles vermeidet, was ihnen +aus Vorurtheil oder kindischem Eigensinne zuwider ist. Auch die +Besten unter ihnen sind von solchen Grillen und Einbildungen +nicht ganz frei, und wenn man nun auf einen sonst redlichen, +edeln Großen dadurch zum Guten wirken kann, daß man sich +hierzu bequemt, oder wenn unser und unsrer Familie zeitliches +Glück in seinen Händen ist: — wer sollte da nicht nachgebend +seyn, und sich ein wenig nach seinen Eigenheiten und seiner +Schwachheit richten? So reden z. B. manche Fürstenkinder sehr +geschwind und undeutlich, und sehen es nicht gern, wenn man +noch einmal frägt, sondern wollen gleich verstanden seyn. Freilich +wäre es besser, wenn man ihnen diese Unart in der Kindheit +abgewöhnt hätte: aber es ist nun einmal nicht geschehen. +Oder sie lieben Pferde, Hunde, bunte Soldätchen, Schauspiele, +Pfeifenköpfe, Bilder, Geiger, Fidler; componiren auch wohl +selbst; bauen, pflanzen, errichten Academien, Museen u. dgl. — +Wie unschuldig ist es nicht da, zuweilen mit einzustimmen, und +einige Kennerschaft zu zeigen? Nur muß man sie in ihren Lieblingsfächern +nicht übersehen, nicht übertreffen wollen, welches +leicht zu geschehen pflegt, da sie oft von den Dingen, womit sie +sich am meisten beschäftigen, am wenigsten verstehen — wie sich<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> +denn über den vorsichtigen Umgang mit vornehmen Componisten +und unwissenden Mäcenaten ein weitläuftiges Kapitel schreiben +ließe. — Auch was gewisse Kleider-Trachten, Manieren, +den Ton der Stimme, was Styl, Handschrift und mehr solche +Dinge betrifft, darüber haben sie zuweilen gewisse eigne Meinungen, +die man schonen muß, wenn man sich ihnen nicht +unangenehm machen will. Uebrigens versteht sich's, daß diese +Gefälligkeit aufhören soll, sobald dieselbe schädlichen Einfluß auf +den Charakter haben kann: wenn sie dadurch im Egoismus bestärkt, +von ernsthaften Beschäftigungen abgezogen, unbillig gegen +Andre, ungerecht gegen wirkliche Verdienste werden, oder +wenn ihre Liebhabereien von solcher Art sind, daß dadurch ihr +Herz verwildert, verhärtet, grausam wird.</p> + +<p>Zu den <em class="gesperrt">mehrentheils</em> schädlichen Liebhabereien großer, besonders +<em class="gesperrt">regierender</em> Herren, gehört auch die Lust zu reisen. +Ungern möchte ich einen Fürsten darin bestärken. Sie rennen +da gewöhnlich in fremden Himmelsgegenden herum, bevor sie +ihr eigenes Land kennen, in welchem tausend Gegenstände, mehr +als die Carnavals von Venedig und die Pferderennen in England, +ihrer Aufmerksamkeit werth sind; kaufen für den sauren +Erwerb ihrer Unterthanen ausländische Possen, Krankheiten des +Leibes und der Seele, und bringen nicht selten große Forderungen, +Hang zu Verschwendung, Wollust und Ueppigkeit, böse +Laune, Müßiggang, Avanturiers u. dergl. in ihre arme Residenz +zurück.</p> + +<h4>15.</h4> + +<p>Fürsten, Vornehme und Reiche pflegen zuweilen sich so weit +zu Leuten von geringerm Stande herabzulassen, daß sie dieselben +um Rath fragen, oder sie um Beurtheilung ihrer Spielwerke, +ihrer Schriften, Anlagen, Plane, Meinungen u. dergl. bitten. +Hier ist die größte Behutsamkeit zu empfehlen, und daß man +sich erinnere, wie übel das Rathgeben und Warnen dem armen +Gil Blas von Santillana in dem Hause des Cardinals bekam, +obgleich dieser ihn so dringend aufgefordert hatte, ihm zu erzählen, +was die Leute von seinen Predigten redeten. So wie fast +alle übrige Menschen, so legen besonders die Großen der Erde +uns mehrentheils nur darum solche Dinge zur Beurtheilung vor, +damit wir sie loben sollen, und fragen nicht eher um Rath, als +wenn sie schon beschlossen haben, was sie thun wollen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span></p> + +<h4>16.</h4> + +<p>Wenn die Befolgung dieser Klugheits- und Vorsichtsregeln +schon wichtig ist im Umgange mit solchen Personen, die zwar +nicht frei von den Fehlern einer vornehmen Erziehung, aber doch +gut geartet, wohlwollend und verständig sind; so ist sie doppelt +wichtig, wenn man es mit vornehmen Pinseln, mit Menschen +zu thun hat, die zugleich hochmüthig, unwissend, dumm, ohne +Grundsätze und Gefühl, kalt und rachsüchtig sind, — und ich +bedaure jede Christen-Seele, die von dergleichen kleinen und +großen Tyrannen abhängen muß.</p> + +<h4>17.</h4> + +<p>Wenn Du das glänzende Unglück hast, der Liebling eines +schwachen Erdengötzen zu seyn: so bereite Dich nicht nur selber +dazu vor, daß diese Freude nicht lange dauern, daß ein +Schmeichler Dich aus Deinem Posten verdrängen wird; sondern +zeige auch sowohl Deinem Sultane, daß Du nicht gänzlich von +seinen Blicken lebst, als auch dem Volke, wie wenig Du Dir +auf diesen nichtigen Vorzug zu gute thust; wie unwesentlich zu +Deiner Glückseligkeit ein solcher unbedeutender, zufälliger Glanz +ist! Wenn Du dann in tiefe Ungnade fällst, so fliehen doch +wenigstens die Bessern nicht vor Dir, wie vor einem vernichteten, +verweseten Menschen: und der undankbare Despot fühlt, +daß es noch Leute gibt, die seiner entbehren können. Baue überhaupt +nicht auf die Freundschaft, Festigkeit und Anhänglichkeit +der Großen! Sie achten Dich, so lange sie Deiner bedürfen; +sie sind wankelmüthig, und mehr geneigt, das Böse, als das +Gute zu glauben, und der Letzte hat bei ihnen immer Recht.</p> + +<p>Nütze aber die Zeit ihrer Gunst, um sie zur Gerechtigkeit, +Treue, Wahrheit und Menschenliebe zu ermuntern! Stimme +ihnen bei, wenn sie je vergessen wollen: <em class="gesperrt">daß sie, was sie +sind, und was sie haben, nur durch Uebereinkunft +und Zustimmung des Volks sind und haben; daß man +ihnen diese Vorrechte wieder nehmen könne, wenn +sie Mißbrauch davon machen; daß unsre Güter und +unsre Existenz nicht ihr Eigenthum, sondern daß alles, +was sie besitzen, unser Eigenthum ist, weil wir +dafür alle ihre und der Ihrigen Bedürfnisse befriedigen, +und ihnen noch obenein Rang, Ehre und Sicherheit +geben, und Geiger und Pfeifer bezahlen;<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> +endlich daß in diesen Zeiten der Aufklärung und richtiger +Begriffe von Menschenrechten und Volksrechten +bald kein Mensch mehr daran glauben wird, daß +ein Einziger, vielleicht der Schwächste der ganzen +Nation, ein angeerbtes Recht haben könnte, hundert +tausend weisern und bessern Menschen das Fell über +die Ohren zu ziehen; daß sie aber ohne Trabanten +und Wachen ruhig schlafen können, wenn das dankbare +Volk, dessen treue Diener sie sind, sie liebt, +und für das Wohl der Edeln Segen vom Himmel +erfleht.</em>. — Es versteht sich, daß diese Wahrheiten einiger Einkleidung +bedürfen, wenn sie den verwöhnten Ohren der Großen +harmonisch klingen sollen.</p> + +<p>Willst Du Dich in Gunst erhalten: so mache, daß nie der +eitle Große merke, daß Du Dich Deiner Gewalt über ihn freuest, +noch daß Du gern Deine Meinung gegen die seinige durchsetzen +wollest! Zeige ihm, daß wirklich Achtung und Liebe zu seiner +Person und das Verlangen, nützlich zu seyn, Deine Schritte +leiten, nicht aber Eigennutz und kindische Eitelkeit! Aber sey +auch nicht so närrisch, billige Vortheile, oder wohlerworbene +Belohnungen Deiner Dienste zurückzuweisen, Dein Vermögen +aufzuopfern, und nachher vielleicht, wenn man Deiner müde +ist, Dich mit einem weißen Stabe fortschicken zu lassen!</p> + +<p>Ueber alle Geschäfte, die Dir von Fürsten aufgetragen werden, +führe so genaue pünktliche Rechnung und Controlle, daß +Du zu jeder Zeit die Rechtmäßigkeit Deiner Schritte gegen +Verläumder und Ankläger beweisen könnest!</p> + +<p>Ungebeten übernimm kein Geschäft, das nicht zu Deinem +Amte gehört!</p> + +<p>Vermeide es, ihnen durch trocknen, langweiligen Vortrag +die Geschäfte noch unangenehmer zu machen, als sie ihnen schon +gewöhnlich sind!</p> + +<p>Bist Du des Fürsten Günstling: so fehlt Dir's nicht an +Neidern und Ausspähern; sey daher dann doppelt vorsichtig in +Deinem sittlichen Betragen!</p> + +<p>Es gibt immer an Höfen Leute, denen daran gelegen ist, +genau zu wissen, wie groß Dein Einfluß auf den Kopf und +das Herz des Fürsten ist. Um diese nie in Deine Karte blicken +zu lassen, und damit sie nicht wissen mögen, von welcher Seite<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span> +etwa der Herr gegen dich gewonnen werden könnte: so vermeide +alle Gelegenheit, in Andrer Gegenwart mit ihm von Geschäften, +oder sonst von Gegenständen, über welche Du vielleicht +mit ihm nicht gleicher Meinung bist, zu reden!</p> + +<p>Sey vorsichtig, höchst vorsichtig, in bestimmter Anempfehlung +andrer Leute, zum Dienste des Fürsten!</p> + +<p>Baue nie auf die Anhänglichkeit Deiner sogenannten Kreaturen, +d. h. solcher Menschen, die Dir ihr Glück zu verdanken +haben!</p> + +<p>Versprich nicht Dein Fürwort, wenn Du des Erfolges nicht +gewiß bist!</p> + +<p>Begünstige die Gesuche der Kreaturen Deiner präsumtiven +Feinde in billigen Dingen!</p> + +<h4>18.</h4> + +<p>Wenn Dein Beschützer, wenn ein Großer, dem Du in der +Zeit seines äussern Glücks, aus Noth, Höflichkeit, Politik oder +gutem Willen, gehuldigt hast, von seiner Höhe herabstürzt; +wenn er Stand, Vermögen, Einfluß oder Glanz verliert: so +schlage Dich nicht zu der Parthei der Niederträchtigen, die dem +Unglücklichen, der ihnen zu nichts mehr helfen kann, den Rücken +zukehren! Verdient er Deine Hochachtung, so zeige ihm nun +mit doppeltem Eifer, daß Dein Herz nicht von der Stimme des +Pöbels abhängt; ist er aber Deiner Zuneigung unwerth, so +schone seiner wenigstens darum, weil er von jedermann verlassen +ist, und also zu Mißhandlungen schweigen muß! Räche +Dich auch eben deswegen nie an dem, von welchem Du verfolgt, +gedrückt worden bist, so lange er Gewicht hatte! Sammle vielmehr +feurige Kohlen auf sein Haupt (beschäme ihn durch sanftmüthige, +liebreiche Behandlung), damit er in sich gehe, und, +wo möglich, durch Großmuth gebessert werde!</p> + +<h4>19.</h4> + +<p>Sammle nicht leicht für Arme bei Vornehmen und andern +Leuten von der großen Welt! Sie geben mehrentheils nur aus +Prahlerei, und behandeln Dich, als wäre es ein Almosen für +Dich. — Ueberhaupt hilf <em class="gesperrt">selbst</em>, wo Du kannst! Gib nicht +Assignationen auf fremde Hülfe! Tadle aber auch nicht sogleich +den Reichen, wenn er Dir eine Wohlthat für einen Dürftigen +versagt, die ein Aermerer Dir gewährt! Denke immer, daß seine +größern Bedürfnisse (ob wahrhafte, oder eingebildete, ist gleichviel)<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> +und die größern Anforderungen Andrer auf seine Wohlthätigkeit +ihn mit dem, der weniger hat, in <em class="gesperrt">eine</em> Klasse setzen, +und daß man, wenn man gegen Alle freigebig seyn will, gegen +Einige nicht <em class="gesperrt">wohlthätig</em> seyn kann.</p> + +<h4>20.</h4> + +<p>Und nun noch einmal! Wenn ich hier sehr viel zum Nachtheile +des Charakters der meisten Großen und Reichen gesagt +habe, so bin ich doch weit entfernt, dieß ohne Unterschied auf +alle Personen der höhern Klassen ausdehnen zu wollen. Es ist +mir äusserst zuwider gewesen, zu sehen, wie manche unsrer armseligen +neuern Schriftsteller es sich zum Geschäft machen, auf +die höhern Stände zu schimpfen. Viele von ihnen sind so wenig +mit den erhabenern Menschenklassen bekannt, daß es die höchste +Ungereimtheit verräth, wenn sie über Sitten und Denkungsart +derselben ein Urtheil wagen. Von ihren Dachstübchen schielen +sie neidisch und hämisch nach den Palästen der Glücklichen hinunter. +Wenn, bei grober Kost und dem traurigen Wasserkruge, +die süßen Düfte aus den Küchen und Kellern derer, die im Ueberflusse +leben, zu ihnen hinaufsteigen, so reizt das ihre Nerven, +erregt ihre Galle; es ärgert sie, daß ihre Glücksumstände ihnen +nicht, wie jenen, erlauben, ihre Leidenschaften zu befriedigen; +sie verwünschen den Mann im vergoldeten Wagen, den sie zu +Fuße nicht einholen können, schimpfen auf den hartherzigen +Mäcen, der nicht eben so überzeugt scheint von ihren großen +Verdiensten, als sie selbst es sind, und fluchen auf das Geschick, +welches die Güter der Erde so ungleich ausgetheilt hat. Da müssen +es dann die armen Fürsten, Minister, Edelleute und Reichen +entgelten, die sie als Tyrannen, Bösewichter, Thoren und +hartherzige Unterdrücker alles dessen, was edel und gut ist, abschildern. +Ein so fanatischer Eifer kann wohl nie ein gesundes +Gehirn ergreifen. Selbst im Ueberflusse und mit großen Erwartungen +aufgewachsen, kenne ich recht gut die Vortheile und +Nachtheile einer reichen und vornehmen Erziehung. Meine nachherigen +Schicksale aber, mein Aufenthalt an Höfen, und der +Umgang mit Menschen aller Art, das alles hat mich gelehrt, +wie nöthig es sey, denen, die nicht durch widrige Erfahrungen +gründlich ausgebildet werden, und die so selten reine, lautre, +unpartheiische Wahrheit hören, ohne Leidenschaft zu sagen, was +ihnen so nöthig ist, zu hören. Viele von ihnen sind wahrlich<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> +herzlich gut; selbst die Schwächern haben oft manche Temperaments-Tugend, +deren Wirkungen für die Welt viel wohlthätiger +werden können, als die sanften Aufwallungen ärmerer und +unmächtigerer Sterblichen. Sie haben von ihrer ersten Jugend +an alle Muße und Gelegenheit, ihren Geist zu bilden, sich Talente +zu erwerben, Welt und Menschen kennen zu lernen; haben +Veranlassungen in Menge, Gutes zu thun, und die Freuden +der Wohlthätigkeit zu schmecken. Ihr Charakter wird nicht niedergedrückt, +auch nicht verschoben durch Unglück und Mangel, +oder durch die Nothwendigkeit, sich zu schmiegen und zu beugen. +Und wenn von einer Seite Schmeichelei sie leicht verderben +kann, so ist von der andern der Gedanke, daß jede ihrer edeln +Handlungen bemerkt wird, und ihre Verirrungen oft noch der +späten Nachwelt vorerzählt werden, ein Sporn mehr, groß und +vortrefflich zu werden. Auch nützen Viele von ihnen alle diese +Triebfedern; und es ist ein Glück, an der Seite eines Fürsten +zu leben und Einfluß auf ihn zu haben, der die Würde seines +Standes kennt, und sich seines hohen Berufs werth zeigt. Ich +kenne deren Einige, die es auch gewiß nicht übel aufnehmen, +wenn man ihnen die Klippen zeigt, an welchen so viele von ihnen +scheitern.</p> + +<h4>21.</h4> + +<p>Zum Schlusse noch ein Paar Worte über den Umgang der +Großen und Reichen unter sich! Sie verderben sich größtentheils +Einer den Andern. Die Kleinern beeifern sich, es den Größern +nach-, ja, es ihnen an Aufwand und übelverstandener Erhabenheit +zuvorzuthun: und so verewigen sie ihre Thorheiten, welche +von noch kleinern Magnaten bis auf den geringsten, der nur +einen Schuhputzer in seiner Livree herumlaufen hat, nach möglichsten +Kräften nachgeahmt werden. Lustige Beispiele von dieser +Art sieht man an den kleinen teutschen Höfen: wie sie einander +aufpassen, sich wechselseitig controlliren, beneiden, zu übertreffen +suchen; wie, wenn der durchlauchtige Herr in Y*** an +seinem Geburtstage einen Ball und zugleich eine Illumination +von sieben Pfund Talglichtern gegeben hat, der Fürst in V*** +an seinem Feste ein Feuerwerk von acht Pfund Pulver hinzuthut; +wie, wenn der Eine sich einen Ober-Hof-Marschall für +drei hundert Gulden Gage und zwölf Scheffel Hafer hält; der +Andre dem Chef seines Hofes noch obenein ein breites Ordensband<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> +über den hungrigen Magen hängt. Indeß der eine regierende +Graf sich eine Meute Jagdhunde verschreibt, wie sie kein +Potentat in Europa hat, besoldet sein Nachbar eine Meute Hof-Musici, +die wenigstens eben so viel Lärm macht; der Dritte, +voll Verzweiflung darüber, daß er es seinen Nachbarn nicht zuvorthun +kann, verzehrt lieber den sauern Erwerb seiner geplünderten +Unterthanen in Paris, spielt lieber dort eine höchst elende +Rolle, als daß er in seiner Residenz den guten, treuen Landesvater +vorstellen sollte. Und so geht das weiter hinunter. Man +fange nur in Städten an, ein Concert oder dergleichen zu geben, +welches abwechselnd von einer geschlossenen Gesellschaft gehalten +wird, und womit etwa ein Abendessen verknüpft ist. Der Erste, +bei welchem sich die Gesellschaft versammelt, wird ein Paar Flaschen +Wein und kalte Küche hergeben; der Andre fügt einen +Punsch hinzu; und ehe ein Vierteljahr vergeht, ist die Anstalt +in eine kostspielige Fresserei ausgeartet. Das sollte nun unter +verständigen, vornehmen und reichen Leuten nicht also seyn. +Sie sollten den Niedern Beispiele geben von Ordnung, Einfalt, +Hinwegsetzung über steife Etikette, von Mäßigkeit in Speise, +Kleidung, Pracht, Bedienung, Hausrath und allen solchen Dingen. +Sie sollten das Vorurtheil vernichten, daß die Herzen der +Großen zu keinen dauerhaften Freundschaften fähig seyen — mit +Einem Worte: sie sollten nicht vergessen, daß die Augen so Vieler +auf sie gerichtet sind.</p> + +<h4>22.</h4> + +<p>Spöttle nicht über die Kleinlichkeiten an <em class="gesperrt">kleinen</em> Höfen! +Besser so, als wenn ein Herr über vier Quadrat-Meilen Landes +Garden zu Fuß und zu Pferde, Minister, Hof-Cavaliere +in Menge hält, und Schulden über Schulden macht! Es ist nur +alles relativ klein, und ist immer gut, wenn es nur nicht zwecklos +und voll abgeschmackter Forderungen ist. Dreißig Mann, +die abwechselnd Ordnung in der Stadt halten, sind mehr werth, +als dreißigtausend, die man von nützlicher Arbeit abzieht, um +auf Kosten des fleißigen armen Unterthanen Spielwerk mit ihnen +zu treiben.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Zweites_Kap.">Zweites Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit Geringern.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Im siebenten Kapitel des zweiten Theils dieses Werks habe ich +von dem Betragen des Herrn gegen den Diener und von den +Pflichten geredet, welche der Vornehmere vor Augen haben soll, +damit er denen, die vom Schicksale bestimmt sind, in Unterwürfigkeit +zu leben, ihr Daseyn erleichtere und versüße. Ich verweise +also zuerst die Leser dahin, und füge nur noch einige Regeln +für den Umgang mit solchen Personen hinzu, die zwar +nicht in unsern Diensten, aber doch, der Geburt, dem Vermögen, +oder andern bürgerlichen Verhältnissen nach, tiefer, als +wir, stehen.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Man sey höflich und freundlich gegen solche Menschen, denen +das Glück nicht gerade eine so reichliche Summe nichtiger +zeitlicher Vortheile zugeworfen hat, als uns, und ehre das wahre +Verdienst, den ächten Werth des Menschen, auch im niedern +Stande! Man sey nicht, wie die meisten Vornehmen und Reichen, +etwa nur dann herablassend gegen Leute von geringerm +Stande, wenn man ihrer bedarf; da man sie hingegen verabsäumt, +oder ihnen übermüthig begegnet, sobald man ihrer entbehren +kann! Man vernachlässige nicht, sobald ein Größerer +gegenwärtig ist, den Mann, den man unter vier Augen mit +Freundschaft und Vertraulichkeit behandelt, schäme sich nicht, +öffentlich den Mann vor der Welt zu ehren, der Achtung verdient, +möchte er auch weder Rang, noch Geld, noch Titel führen! +Man ziehe aber nicht die niedern Klassen bloß aus Eigennutz +und Eitelkeit vor, um die Stimme des Volks für sich zu +gewinnen, um als ein lieber, leutseliger Herr gepriesen und über +Andere erhoben zu werden! Man wähle nicht vorzüglich den +Umgang mit Leuten von gemeiner Erziehung, um etwa in diesen +Cirkeln mehr geehrt, mehr geschmeichelt zu werden, und +glaube nicht, daß man populär und natürlich sey, wenn man<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> +die Sitten des Pöbels nachahmt! Man sey nicht lediglich darum +freundlich gegen die Geringern, um irgend einen Höhern im +Range zu demüthigen; nicht aus Stolz herablassend, um desto +mehr geehrt zu werden, sondern überall aus reiner, redlicher Absicht, +aus richtigen Begriffen von dem Adel der Menschheit, und +aus Gefühl von Gerechtigkeit, die, über alle zufällige Verhältnisse +hinaus, in dem Menschen nur <em class="gesperrt">den</em> Werth schätzt, den +er als Mensch hat!</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Aber diese Höflichkeit sey auch wohl geordnet; sie sey nicht +übertrieben! Sobald der Geringere fühlt, daß ihm die Ehre, +welche wir ihm erweisen, unmöglich zukommen kann, so schreibt +er dieß entweder einem Mangel an Verstande zu, oder hält es +für Spott, oder gar für Falschheit; argwöhnt, es stecke etwas +dahinter, wir wollten ihn mißbrauchen. Sodann gibt es auch +eine Art von Herablassung, die wahrhaftig kränkend ist, wobei +der leidende Theil offenbar fühlt, daß man ihm nur ein mildthätiges +Almosen der Höflichkeit darreicht. Endlich gibt es eine +abgeschmackte Art von Höflichkeit, wenn man nämlich mit Leuten +von geringerm Stande eine Sprache redet, die sie gar nicht +verstehen, die unter Personen von der Klasse gar nicht üblich +ist; wenn man das conventionelle Gewäsche von Unterthänigkeit, +Gnade, Ehre, Entzücken u. s. f. bei Personen anbringt, +die an solche starke Gewürze gar nicht gewöhnt sind. Dieß ist +der gemeine Fehler der Hofleute. Sie halten ihren Jargon für +die einzige allgemeine Sprache, und machen sich dadurch oft bei +dem besten Willen lächerlich oder verdächtig. Die große Kunst +des Umgangs ist, den Ton jeder Gesellschaft zu studiren, und +nach Gelegenheit annehmen zu können.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Man hüte sich aber vor grenzenloser Vertraulichkeit gegen +solche Menschen, die keine feine Erziehung haben! Sie mißbrauchen +leicht unsre Gutwilligkeit, fordern immer mehr, und +werden unbescheiden. Man gebe Jedem, so viel er zu ertragen +vermag!</p> + +<h4>5.</h4> + +<p>Sey großmüthig und billig, und laß es daher den Geringern +in Deinen glänzenden Umständen nicht entgelten, wenn er Dich, +so lange Dich das Glück nicht anlächelte, verabsäumt, wenn er<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> +Deinen mächtigen Feinden gehuldigt hat, wenn er sich, wie die +großen gelben Blumen, nach der Sonne dreht! Denke, daß +solche Menschen oft in die Nothwendigkeit versetzt werden, wenn +sie mit den Ihrigen leben und essen wollen, sich zu krümmen +und zu schmiegen; daß wenige unter ihnen so erzogen sind, daß +sie Sinn für feinere Gefühle und Aufopferungen haben, und +daß alle Menschen mehr oder weniger aus Eigennutz handeln, +den die Geschliffenern nur künstlicher verbergen.</p> + +<h4>6.</h4> + +<p>Täusche nicht den Niedern, der Dich um Schutz, Fürsprache, +oder Hülfe bittet, mit falschen Hoffnungen, leeren Versprechungen +und nichtigen Vertröstungen, wie es die Weise der Vornehmen +ist, die, um die Klienten sich vom Halse zu schaffen, oder +in den Ruf von Leutseligkeit zu kommen, oder aus Schwäche, +aus Mangel an Festigkeit, jeden Bittenden mit süßen Worten +und Verheissungen überschütten, sobald er aber den Rücken gewendet +hat, nicht mehr an sein Anliegen denken! Der Arme +geht indeß voll Hoffnung nach Hause, glaubt seine Angelegenheit +den besten Händen anvertrauet zu haben, versäumt alle andere +Wege, die er zu Erlangung seines Zwecks einschlagen könnte, +und fühlt sich nachher doppelt unglücklich, wenn er sieht, wie +sehr er sich betrogen hat.</p> + +<h4>7.</h4> + +<p>Hilf dem, der dessen bedarf! Befördere und schütze die, welche +Dich um Hülfe, Wohlthat und Schutz ansprechen, in so fern +die Gerechtigkeit es gestattet! Aber hüte Dich, so schwach zu +seyn, daß Du durchaus nichts abschlagen könnest! Daraus entstehen +zweierlei nachtheilige Folgen: zuerst, daß Leute von niedriger +Denkungsart Deine Schwäche mißbrauchen, und Dir eine +Last von Verbindlichkeiten, Arbeiten und Sorgen auflegen, die +für Dein Herz, für Deine Kräfte, oder für Deinen Geldbeutel +zu schwer ist, oder wodurch Du gezwungen wirst, ungerecht gegen +Andre zu handeln, die weniger zudringlich sind. Und dann +der zweite Schaden: wer zu viel verspricht, der wird wider Willen +zuweilen sein Wort zu brechen genöthigt. Ein fester Mann +muß auch den Muth haben, eine abschlägige Antwort geben zu +können; und wenn er dieß auf edle, nicht beleidigende Weise, +aus wichtigen Gründen thut, und sonst dafür bekannt ist, daß +er gerecht handelt und gerne hilft: so wird er sich dadurch keine<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> +Feinde erwecken. Allen Menschen kann man es freilich nicht +recht machen; aber wenn man immer folgerecht und weise handelt, +so werden uns wenigstens die Bessern nicht verkennen. +Schwäche ist nicht Güte; und verweigern, was man vernünftiger +Weise nicht zugestehen kann, heißt nicht hartherzig seyn.</p> + +<h4>8.</h4> + +<p>Verlange nicht einen übermäßigen Grad von Kultur und +Aufklärung von Leuten, die bestimmt sind, im niedern Stande +zu leben! Trage auch nichts dazu bei, ihre intellectuellen Kräfte +zu überspannen, und sie mit Kenntnissen zu bereichern, die ihnen +ihren Zustand widrig machen, und den Geschmack an solchen +Arbeiten verbittern, wozu Stand und Bedürfniß sie aufrufen! +Das Wort Aufklärung wird in unsern Zeiten oft sehr +gemißbraucht, und bedeutet nicht sowohl Veredelung des Geistes, +als Richtung desselben auf grillenhafte, speculative und +phantastische Spielwerke. Die beste Aufklärung des Verstandes +ist die, welche uns lehrt, mit unsrer Lage zufrieden und in unsern +Verhältnissen brauchbar, nützlich und gewissenhaft thätig +zu seyn. Alles Uebrige ist Thorheit, und führt zum Verderben.</p> + +<h4>9.</h4> + +<p>Begegne Deinen Untergebenen liebreich, ohne Deinem Ansehen +bei ihnen etwas zu vergeben. Es taugt nie, wenn die +Subalternen sich ihren Vorgesetzten unentbehrlich machen; und +verächtlich wird der Chef eines Departements, der, weil er nicht +selbst arbeiten will, oder nicht arbeiten kann, sich auf die Untergebenen +verlassen muß; da er dann nicht Ansehen und nicht +Muth genug behält, einen nachlässigen oder eigensinnigen Secretair +an seine Pflicht zu erinnern, sondern sich alles muß gefallen +lassen, was Dieser gut findet vorzunehmen, oder zurückzulegen.</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Drittes_Kap.">Drittes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Ich fasse hier die Bemerkungen über den Umgang mit Hofleuten +und mit solchen Personen überhaupt, die in der sogenannten +großen Welt leben, und den Ton derselben angenommen haben,<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span> +zusammen. Leider wird dieser Ton, den Fürsten und Vornehme +von solcher Art, wie ich sie im ersten Kapitel dieses Theils beschrieben +habe, angeben und verbreiten, von allen Ständen, die +einigen Anspruch auf feine Lebensart machen, nachgeäfft. Entfernung +von der Natur; Gleichgültigkeit gegen die ersten und +süßesten Bande der Menschheit; Verspottung der Einfalt, Unschuld +und Reinigkeit, und der heiligsten Gefühle; Falschheit; +Vertilgung und Abschleifung jeder charakteristischen Eigenheit +und Originalität; Mangel an gründlichen, wahrhaftig nützlichen +Kenntnissen; an deren Stelle hingegen Unverschämtheit, +Persifflage, Impertinenz, Geschwätzigkeit, Inconsequenz, Nachlallen; +Kälte gegen alles, was gut, edel und groß ist; Ueppigkeit, +Unmäßigkeit, Unkeuschheit, Weichlichkeit, Ziererei, Wankelmuth, +Leichtsinn; abgeschmackter Hochmuth; Flitterpracht, +als Maske der Bettelei; schlechte Hauswirthschaft; Rang- und +Titelsucht; Vorurtheile aller Art; Abhängigkeit von den Blicken +der Despoten und Mäcenaten; sclavisches Kriechen, um etwas +zu erringen; Schmeichelei gegen Den, dessen Hülfe man bedarf, +aber Vernachlässigung auch des Würdigsten, der nicht helfen +kann; Aufopferung auch des Heiligsten, um seinen Zweck zu +erlangen; Falschheit, Untreue, Verstellung, Eidbrüchigkeit, +Klatscherei, Kabale; Schadenfreude, Lästerung, Anekdoten-Jagd; +lächerliche Manieren, Gebräuche und Gewohnheiten — +das sind zum Theil die herrlichen Dinge, welche unsre Männer +und Weiber, unsre Söhne und Töchter, von dem liebenswürdigen +Hofgesinde lernen; — das sind die Studien, nach welchen +sich die Leute von feinem Tone bilden! Da, wo dieser Ton +herrscht, wird das wahre Verdienst nicht bloß übersehen, sondern, +so viel möglich, mit Füßen getreten, unterdrückt, von +leeren Köpfen zurückgedrängt, verdunkelt, verspottet. Kein größerer +Triumph für einen faden Hofschranzen, als wenn er den +Mann von entschiedenem Werthe, dessen Uebergewicht er heimlich +fühlt, demüthigen, ihn auf einem Mangel an conventioneller +feinen Lebensart ertappen, und, durch die Art, wie er dieß +zu erkennen gibt, oder dadurch, daß er mit ihm in einer Sprache +oder über Gegenstände redet, wovon er nichts versteht, es dahin +bringen kann, daß Jener verwirrt wird, und sich in schiefem +Lichte zeigt! Kein größerer Triumph für die Petite-Maitresse, +als wenn sie eine redliche Frau, voll wahrer innerer und<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> +äusserer Vorzüge und Würde, in einer Gesellschaft von Welt-Leuten +von einer lächerlichen Seite darstellen kann! Das alles +muß man erwarten, wenn man sich unter Menschen von dieser +Klasse mischt. Man muß sich dann nicht beunruhigen, wenn +uns dergleichen widerfährt, und hinterher sich kein graues Haar +darum wachsen lassen. Man hat sonst keinen friedlichen Augenblick, +wird unaufhörlich von tausend Leidenschaften, besonders +von Ehrgeiz und Eitelkeit, in Aufruhr gebracht. Es gibt aber +drei Mittel, allen diesen Ungemächlichkeiten auszuweichen, indem +man nämlich <em class="gesperrt">entweder</em> sich von der großen Welt ganz +zurückzieht, <em class="gesperrt">oder</em> in derselben seinen graden Gang fortgeht, ohne +sich alle diese Thorheiten anfechten zu lassen, <em class="gesperrt">oder</em> endlich, daß +man den Ton derselben studirt, und, so viel es ohne Verleugnung +des Charakters geschehen kann, mit den Wölfen heult.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Wer seiner Lage nach nicht schlechterdings dazu verdammt +ist, an Höfen, oder sonst in der großen Welt zu leben, der bleibe +fern von diesem Schauplatze des glänzenden Elends: bleibe fern +vom Getümmel, das Geist und Herz betäubt, verstimmt und +zu Grunde richtet! In friedlicher häuslicher Eingezogenheit, im +Umgange mit einigen edeln, verständigen und muntern Freunden +ein Leben führen, das unsrer Bestimmung, unsern Pflichten, +den Wissenschaften und unschuldigen Freuden gewidmet ist, +und dann zuweilen mit Nüchternheit an öffentlichen Vergnügungen, +an großen, gemischten Gesellschaften Theil nehmen, +um für die Phantasie, die doch auch nicht leer ausgehen will, +neue Bilder zu sammeln, und die kleinen, widrigen Gefühle der +Einförmigkeit zu verlöschen: — das ist ein Leben, das eines +weisen Mannes werth ist! Und in Wahrheit! es steht öfter in +unsrer Macht, als man gemeiniglich denkt, sich der großen Welt +zu entziehen. Menschenfurcht, elende Gefälligkeit gegen mittelmäßige +Leute, Eitelkeit, Schwäche, Nachahmungssucht — das +ist es, was so manchen sonst nicht schlechten Mann bewegt, +seine schönsten Stunden da zu verschleudern, wo er im Grunde +nicht zu Hause ist, wo so oft Ekel und Langeweile ihn anwandeln, +und allerlei unedle Leidenschaften ihr Spielwerk mit ihm +treiben. Freilich aber muß man, um sich diesem zu entziehen, +nicht nur, seinen Verhältnissen nach, unabhängig seyn, sondern +auch nach festen Grundsätzen zu handeln und sich über das Geschwätz<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> +der Leute hinwegzusetzen den Muth haben, — mag auch +davon gesprochen werden, was da will.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Muß oder will man aber in der großen Welt leben, und ist +man nicht ganz sicher, daß es gelingen werde den Ton derselben +anzunehmen: so bleibe man lieber der Art von Stimmung und +Wendung treu, die uns Natur und Erziehung gegeben haben. +Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn man jene Sitten +halb und unvollständig copirt, — wenn der ehrliche Landmann, +der schlichte Bürger, der gerade, teutsche Biedermann, den französischen +Petit-Maitre, den Hofmann, den Politiker spielen +will, — wenn Leute, die einer ausländischen Sprache nicht +mächtig sind, alle Gelegenheit aufsuchen, mit fremden Zungen +zu reden, oder, wenn sie auch in ihrer Jugend an Höfen gelebt +haben, nicht merken, daß die galante Sprache aus Ludwigs des +Vierzehnten Zeiten jetzt gar nicht mehr im Umlaufe ist, und eine +Stutzer-Garderobe jetzt nur noch auf den komischen Theatern +Wirkung thut. Solche Menschen machen sich muthwilliger Weise +zum Gespötte, da man hingegen mit einem ungezwungenen, +natürlichen und verständigen Betragen, Anstande und Anzuge, +wenn dies alles auch nicht nach dem feinsten Hofschnitte ist, sich +mitten unter dem leichtfertigen Gesindel Achtung, und, wo +nicht ein angenehmes, doch ein ruhiges, ungekränktes Leben +verschaffen kann. Sey also einfach in Deiner Kleidung und in +Deinen Manieren, ehrlicher Biedermann! Sey ernsthaft, bescheiden, +höflich, ruhig, wahrhaftig! Rede nicht zu viel und nie +von Dingen, wovon Du nichts weißt, noch in einer Sprache, +die Dir nicht geläufig ist, in so fern der, welcher mit Dir spricht, +Deine Muttersprache versteht! Betrage Dich mit Würde und +Geradheit, ohne grob zu seyn, ohne Ungeschliffenheit! so wird +man Dich ungeneckt lassen. Freilich wirst Du dabei auch nicht +sehr vorgezogen: Dein Gesicht wird kein Modegesicht werden. +Hierüber aber beruhige Dich! Zeige Dich nicht verlegen, ängstlich, +wenn in einer großen Gesellschaft kein Mensch mit Dir redet; +Du verlierst nichts dabei, kannst für Dich an allerlei gute +Dinge denken, auch manche nützliche Bemerkung machen, und +man wird Dich nicht verachten, sondern vielleicht gar <em class="gesperrt">fürchten</em>, +ohne Dich zu hassen, und das ist denn doch zuweilen so +übel nicht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span></p> + +<p>Leute, die in der Jugend an Höfen und in großen Städten +keine unbeträchtliche Rolle gespielt, die vielmehr dort geglänzt, +nachher aber sich zurückgezogen, sich einer einfachern Lebensart +gewidmet haben, vergessen gar zu leicht, daß man, um hier +immer ein Modegesicht zu bleiben, nie den Faden der herrschenden +Conversation aus der Hand verlieren, nie versäumen darf, +der Kultur — wenn man das Kultur nennen muß — auch in +den kleinsten Fortschritten nachzufolgen. Das ist aber, bei der +unbeschreiblichen Veränderlichkeit des Geschmacks und der Phantasie, +unmöglich, sobald man nicht immer mit dem ganzen Geschwader +auf dem großen Weltmeere umherschwimmen, und sich +dem Winde und Wetter preisgeben will. Ist's anders möglich, +als daß denjenigen eine sehr böse Laune anwandelt, der sich vernachlässigt, +und unbärtigen Männchen nachgesetzt sieht? O! +es ist unglaublich, wie so etwas die Fassung auch des klugen +Mannes (denn selbst die klugen Leute sind nicht immer ganz +von Eitelkeit frei) erschüttern, wie es verstimmen und bewirken +kann, daß der, welcher sich in dem besten Lichte zeigen wollte, +weil er etwas zu suchen hat, in dem ungünstigsten erscheint, +und die Frucht einer weiten Reise und große Unkosten einbüßt, +weil er sich mit Geringschätzung behandelt sieht, und die Fassung +verliert. Wer sich viele Jahre hindurch an großen und kleinen +Höfen und sonst in der großen Welt hat umher treiben müssen, +der wird nie in Verlegenheit von jener Art kommen können. +Er wird die Fertigkeit erlangt haben, sich geschwind zu +orientiren, schnell zu fassen, und zu beurtheilen, welche Sprache +hier anwendbar ist; die guten Leute hingegen, die nicht Gelegenheit +gefunden haben, diesen Grad von Verfeinerung zu erlangen, +sollen wohl beherzigen, was zu Anfange dieses Abschnitts +ist gesagt worden.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Wer aber viel und immer in der großen Welt lebt, der thut +doch wohl, den herrschenden Ton zu studiren, und die äussern +Gebräuche derselben anzunehmen. Ersteres ist so schwer nicht, +und Letzteres kann ohne schädlichen Einfluß auf den Charakter +geschehen. Zeichne Dich also nicht durch altväterische Kleidung +oder Manieren aus! aber vergiß nicht, dabei Dein Alter, Deinen +Stand und Dein Vermögen zu berücksichtigen, und copire +nicht die Lächerlichkeiten einzelner Thoren, noch die ephemerische<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> +Mode des Augenblicks! Mache Dich mit der Sprache der Hofleute, +mit ihrer Art, sich gegen einander zu betragen, mit den +Conventionen im Umgange bekannt; aber verleugne nicht innere +Würde, Charakter und Wahrheit!</p> + +<h4>5.</h4> + +<p>Es lassen sich unmöglich allgemeine Regeln geben, wie weit +man in der Nachahmung der Hofsitte gehen dürfe. Ein verständiger +und redlicher Mann wird das am besten selbst nach seiner +Lage, Gemüthsart und nach seinem Gewissen abmessen können. +Doch nur so viel: Wer es nicht über sich erlangen kann, unschädliche +Thorheiten nachzuahmen, der glaube wenigstens nicht, +den Beruf zu haben, sie zu bekämpfen; denn gleichgültige Gewohnheiten +und Sitten, die weiter keinen Einfluß auf den Charakter +haben, kann man, ja! muß man zuweilen auf kurze Zeit +annehmen, und darf um so weniger ein Bedenken tragen, dieß +zu thun, je mehr man dadurch manches größere Gute zu bewirken +in den Stand gesetzt wird.</p> + +<p>Es gibt auch Moden in der Literatur und Kunst, im Geschmacke, +in gewissen Vergnügungen und Schauspielen, und +der Beifall, den eine Sängerin, ein Tonkünstler, Schriftsteller, +Prediger, Maler, Geisterseher, Putzhändler oder Schauspieler, +oft ganz gegen Verdienst und Würdigkeit, vom vornehmen großen +Haufen einerntet, hat nur in der Mode seinen Grund, d. h. +darin, daß einer dem andern nachschwatzt, und es ist verlorne +Mühe, diesem Mode-Geschmacke sich widersetzen zu wollen. Am +besten ist es da, ruhig abzuwarten, daß eine neue Narrheit die +alte verdränge. Es gibt sogar Moden im Gebrauche von Arzeneien, +denen sich die Vornehmern unterwerfen zu müssen glauben, +— sey es, daß sie sich täglich clystiren, oder in ein gewisses +Bad und in kein anderes reisen, oder sich mit den Pillen +oder Pulvern irgend eines Marktschreiers langsam vergiften! +Lächle in der Stille darüber! clystire oder magnetisire Dich unmaßgeblich +auch ein wenig, und mache mit, was sich ohne Gefahr +und Tollheit mitmachen läßt! Wenigstens mache Dich mit +diesen Modethorheiten bekannt, um nicht in Deinen Gesprächen +dagegen anzustoßen! Du wirst übel anlaufen, wenn Du nach +Deiner Empfindung eine Theater-Nymphe tadelst, deren Zwitschern +grade zu der Zeit in der feinen Welt für Götter-Stimme +gilt, oder wenn Du ein Buch erbärmlich nennst, dessen Verfasser<span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span> +als ein Original-Genie anerkannt wird. Du wirst übel anlaufen, +wenn Du eine Dame, die gerade in der Periode ist, in +welcher sie nach der Mode freigeisterische Grundsätze haben muß, +von religiösen Gegenständen unterhältst. Denn auch das hat +seine Gesetze, die von der Mode bestimmt werden. Jünglinge +fangen schon im fünf und zwanzigsten Jahre an, alt zu werden, +nicht mehr zu tanzen, sich den Cirkeln der Greise zuzugesellen, +ein feierliches, philosophisches, ein Geschäfts-Gesicht mit +in die Gesellschaft zu bringen; kommen sie aber nahe an die +Vierzige, dann werden sie wieder jung, hüpfen herum, spielen +um Pfänder mit jungen Mädchen: — das alles muß man beobachten, +und seine Maßregeln darnach nehmen.</p> + +<h4>6.</h4> + +<p>Uebrigens gestehe ich — es bleibt aber unter uns — daß der +Ton, welcher jetzt unter unsern ganz jungen Leuten ziemlich allgemein +an Höfen und in der feinen Welt eingeschlichen ist, mir +gar nicht so gefallen will, wie der, welcher vor etwa zwanzig +Jahren herrschte. Viele von ihnen kommen mir äusserst ungeschliffen +und plump vor; es scheint mir, als suchten sie etwas +darin, Bescheidenheit, Höflichkeit und Delicatesse zu beleidigen, +stumm, ungefällig gegen Damen und Fremde zu seyn, selbst +ihren Körper zu vernachlässigen, ohne alle Grazie beim Tanze +herumzuspringen, krumm und schief und gebückt zu gehen, keine +Kunst, keine Wissenschaft gründlich zu lernen, ungeachtet aller +Mühe, welche die neuern Pädagogen anwenden, und ungeachtet +des vortrefflichen Beispiels, das sie der Jugend in Höflichkeit, +Bescheidenheit und Gründlichkeit geben. Es gibt freilich +einen Bocksbeutel, einen Rang und eine Steifigkeit im Umgange, +die in vorigen Zeiten in Teutschland herrschend war; und +es ist ein Glück, daß wir anfangen, sie abzulegen; aber edler +Anstand ist nicht Steifigkeit, — verbindliche Höflichkeit und +Aufmerksamkeit nicht Kriecherei, Grazie nicht Zwang — und +ächtes Talent, wahre Geschicklichkeit nicht Pedanterie. Und man +sehe auch die papiernen Männchen an, wie Ueberdruß und Langeweile +auf ihrer früh sich runzelnden Stirne wohnen; wie sie +unfähig sind, von ganzem Herzen froh zu werden; wie sie in +den schönsten Jahren des Lebens schon, bei den unschuldigen +Freuden der Jugend, Ueberdruß empfinden. — Doch, ich habe +Hoffnung, daß es bald wieder besser damit werden soll, und<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span> +ohne Stolz auf unsre Vaterstadt kann ich es wohl sagen: Wir +haben hier eine liebenswürdige wohlerzogene Jugend in allen +Klassen und Ständen aufzuweisen<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a>.</p> + +<h4>7.</h4> + +<p>Verachte nicht alles, was bloß conventionellen (übereinkünftlichen) +Werth hat, wenn Du mit Annehmlichkeit in der großen +Welt leben willst! Verachte nicht so ganz und gar Titel, Orden, +Glanz, äussere Auszeichnungen und Zierden; aber setze +auch keinen innern Werth darauf! ringe nicht ängstlich darnach! +Es gibt doch wohl Fälle, wo ein solcher an sich nichtiger Stempel +Dir und den Deinigen, wo nicht reelle Vortheile, doch Annehmlichkeiten +zuwege bringen kann. Heimlich in Deinem Kämmerlein +darfst Du herzlich über alle diese Thorheiten lachen; aber +thue das nicht laut! <em class="gesperrt">Mit einem Worte</em>: zeichne Dich unter +den Weltleuten, mit denen Du leben mußt, nicht zu sehr durch +eine gewisse Strenge in Deinen Sitten und Urtheilen aus! Dieß +ist nicht nur Regel der Klugheit! nein, es ist auch Pflicht, die +Sitten des Standes anzunehmen, den man wählt; ganz zu +seyn, was man ist, - doch wie sich das versteht, nie auf Kosten +des Charakters<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a>. Erwarte übrigens auf diesem Schauplatze +nicht, daß man in Dir den edlen, weisen, geschickten +Mann schätze, sondern nur, daß man von Dir sage: <span class="antiqua">Par Dieu! +il a de l'esprit, comme nous autres!</span></p> + +<h4>8.</h4> + +<p>Und willst Du auch nur dies eitle Lob davon tragen, so darfst +Du selbst nicht einmal merken lassen, daß Du von besserm +Stoffe bist, als der große Haufe jener hirnlosen Müßiggänger. +Der klügere und edlere Mann — bequemte er sich auch noch so +pünktlich nach den Sitten der feinen Societät — wird dennoch<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> +dem Neide, der Verleumdung und den unaufhörlichen Neckereien +und Klatschereien, welche hier herrschen, nicht ausweichen: +denn um schaalen Köpfen zu gefallen, muß man selbst ein schaaler +Kopf seyn. Ich rathe denn, sich das gar nicht anfechten zu +lassen; vor allen Dingen aber keinen Verdruß, keine <em class="gesperrt">Unruhe +zu äussern</em>, sonst bekömmt man nie Frieden. Man gehe also +seinen Gang fort, folge seinem Systeme, und lasse die Thoren +schwatzen, bis sie müde werden! Hier sind auch alle Erläuterungen, +alle Entschuldigungen übel angebracht, und wenn Du +mit Widerlegung <em class="gesperrt">einer</em> Verleumdung fertig bist, so wird man +schon eine andere in Bereitschaft haben.</p> + +<h4>9.</h4> + +<p>In der großen Welt ist der oben entwickelte Grundsatz vorzüglich +nicht aus den Augen zu lassen, nämlich, daß jedermann +nur so viel gilt, als sein eigenes Bewußtseyn nach dem Urtheile +seines Gewissens ihn gelten läßt, und wer dies Urtheil für sich +hat, der wird sich frei, zuversichtlich und edelstolz zeigen, und +sein Publikum nöthigen, ihm Achtung und Vertrauen zu beweisen, +wird selbst denjenigen, die ihre Aufmerksamkeit nach dem +Range oder Vermögen eines Menschen abzumessen gewohnt sind, +eine gewisse Scheu einflößen, so daß sie es nicht wagen, ihn +geringschätzig zu behandeln, weil er weder zu den hohen Standespersonen, +noch zu den Reichen gehört.</p> + +<h4>10.</h4> + +<p>Jeder durch Bildung oder Verdienste ausgezeichnete Mann +messe sein Betragen gegen Hofleute pünktlich nach dem ihrigen +gegen ihn ab, und gehe ihnen keinen Schritt entgegen! Diese +Menschen-Gattung nimmt eine Hand breit, wo man ihnen +Finger breit einräumt. Er erwiedere Stolz mit Stolz, Kälte mit +Kälte, Freundlichkeit mit Freundlichkeit; gebe aber nicht mehr +und nicht weniger, als er empfängt! Die Befolgung dieser Vorsicht +hat mannigfaltigen Nutzen. Die feinen Weltleute sind wie +ein Rohr, das vom Winde bewegt wird. Da sie selbst so wenig +Bewußtseyn innerer Würde haben, so beruht ihre ganze Existenz +auf ihrem äussern Rufe. Sie werden sich an Dich schließen, sobald +sie sehen, daß Du im guten Lichte erscheinst. Aber wenn +Du nicht durch die niedrigste Schmeichelei und Preisgebung alle +alten Weiber beiderlei Geschlechts auf Deine Seite ziehst, so wird +bald einmal eine Lästerzunge etwas Dir Nachtheiliges aussprengen.<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> +Kaum wird ein solches Gerücht herumlaufen, so werden +jene Sclaven lauern, welche Wirkung dieß auf das Publikum +macht; und faßt es Wurzel, so werden sie den Kopf um ein +paar Zoll höher gegen Dich tragen. Macht Dich das unruhig, +ängstlich, — behandelst Du sie nach Deinem Herzen wie Leute, +deren Freundschaft Du gern halten mögtest: so werden sie immer +unverschämter, und helfen eifrigst die elende Klatscherei verbreiten, +woraus Dir denn, so geringe auch die Sache scheinen +mag, mancherlei Verdruß erwachsen kann. Wirf aber auf den +Ersten, der Dir kalt begegnet, einen verächtlichen Blick, so wird +er zurückspringen, vor seinem eigenen Rufe beben, kein nachtheiliges +Wort von Dir über seine Zunge kommen lassen, und sich +vor dem Manne beugen, von dem er glaubt, er müsse geheimen +Schutz haben, weil er so fest steht, so gleichgültig gegen die seligmachende +Stimme des hohen Pöbels ist. Ja, gib ihm doppelt +wieder, was er wagt, Dir zu bieten! Laß Dich durch kein +freundliches Wörtchen wieder heranlocken, bis er gänzlich zu +Kreuze kriecht! Am besten ist es gewiß, über dergleichen und +über Klatschereien aller Art wenigstens nicht die geringste Unruhe +zu <em class="gesperrt">zeigen</em>, mit niemand weiter darüber zu reden, und +sich auf keine Erläuterung einzulassen. Dann ist in acht Tagen +das Mährchen vergessen, da auf jede andere Art hingegen die +Sache ärger gemacht wird.</p> + +<h4>11.</h4> + +<p>Sey höflich und geschliffen im Aeussern! Man muß an Höfen +und im Umgange in großen Städten manchen Menschen +sehen, ertragen und freundlich behandeln, den man nicht schätzt; +auch sucht man ja in diesem Getümmel keine Freunde, sondern +nur Gesellschafter. Allein wo es Nutzen stiften, oder wenigstens +unser Ansehen befestigen, wo es wirken kann, daß der Dich +fürchte, der nicht anders als durch Furcht im Zaume zu halten +ist, da laß ihn Dein Ansehen fühlen! Nimm gegen den Hofschranzen +eine Art von Würde, von edelm Stolze und von Hoheit +an, damit nie der Gedanke in ihm aufkeimen könne, Dich +zu foppen, oder zu mißbrauchen! Diese Sclaven-Seelen zittern +vor dem Uebergewicht des verständigen, consequenten Mannes; +allein das muß weder in Aufgeblasenheit, noch in Bauernstolz +ausarten. Sage diesen Leuten zuweilen einmal, doch ohne Hitze +und Grobheit, die Wahrheit! Schlage ihre flachen, schiefen<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> +Urtheile kaltblütig mit Gründen nieder, wo es nach den Umständen +die Klugheit erlaubt! Bringe sie durch kaltblütigen Widerspruch +zum Schweigen, wenn sie den Redlichen lästern! Setze +ihren Kriegslisten Muth, Thätigkeit und wahre Kraft entgegen! +Scherze nicht vertraulich mit ihnen! Laß ächter Laune nicht den +Lauf, — aus Furcht, ein Wort zu sprechen, das man mißbrauchen, +verdrehen könnte!</p> + +<h4>12.</h4> + +<p>Ueberhaupt rede in der großen Welt nie eine warme Herzens-Sprache! +Die ist dort eine fremde Mundart. Rede nicht von +den reinen, süßen, einfachen, häuslichen Freuden! Das sind +Mysterien für solche Profane. Habe Dein Gesicht in Deiner +Gewalt, daß man nichts darauf geschrieben finde, weder Verwunderung, +noch Freude, noch Widerwillen, noch Verdruß! +Die Hofleute lesen besser Mienen, als Buchstaben: das ist fast +ihr einziges Studium. Vertraue Deine Angelegenheiten niemand! +Sey vorsichtig, nicht nur im Reden, sondern sogar im +Hören! sonst wird Dein Name leicht gefährdet.</p> + +<h4>13.</h4> + +<p>Ich habe schon vorhin gesagt, daß das Betragen in der +großen Welt nach eines Jeden besondrer Lage sich richten müsse, +und daß, was dem Einen darin zu beobachten wichtig und nöthig +ist, für den Andern vielleicht von gar keinem Belange seyn +könne. Wer nicht bloß in derselben leben und geachtet werden, +sondern auch wirken, sich empor arbeiten, regieren will, der +muß das Ding freilich noch viel feiner studiren. Da kann es +äusserst wichtig werden, entweder zu der herrschenden Parthei, +oder (wobei man größtentheils am sichersten geht, wenn man +sonst kein ganz unwichtiger Mann ist) zu gar keiner zu gehören, +um von allen aufgesucht zu werden, und nach Gelegenheit unmerklich +Anführer einer eigenen zu werden. Da muß oft die +Politik uns lehren, wo wir des sichern Vortheils nicht gewiß +sind, — wo nicht zu helfen, vielleicht die Hülfe sogar nachtheilig +ist, und Uebel ärger macht, unsre verfolgten Freunde allein +kämpfen zu lassen, und uns ihrer nicht öffentlich anzunehmen. +Da kann es nöthig seyn, anfangs ganz unscheinbar dazustehen, +um nicht beobachtet, in seinen Planen nicht gestört, vielmehr +als ein unbedeutender Mensch (weil ein solcher immer mehr +Stimmen auf seiner Seite hat, als der von besserer Art) befördert<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> +zu werden. Zu allen Geschäften aber, die man in der großen +Welt führen muß, ist nichts so dringend anzuempfehlen, als — +<em class="gesperrt">Kaltblütigkeit</em>, das heißt: sich nie zu vergessen; nie sich zu +übereilen; den Verstand nie dem Herzen, dem Temperamente, +der Phantasie preiszugeben; Vorsicht, Verschlossenheit, Wachsamkeit, +Gegenwart des Geistes, Unterdrückung willkührlicher +Aufwallungen und Gewalt über Regungen des Gefühls und +Launen. Mit Kaltblütigkeit und den dahin gehörigen Eigenschaften +sieht man Personen von den mittelmäßigsten natürlichen +Gaben über den lebhaftesten, feinsten Feuer-Kopf herrschen. +Aber diese schwere Kunst — wenn sie sich je erlernen läßt, wenn +sie nicht ausschließlich ein Geschenk der Natur ist — erlangt +man nur nach vieljähriger Arbeit und Erfahrung.</p> + +<h4>14.</h4> + +<p>Und nun zum Schlusse dieses Kapitels auch etwas über den +Nutzen, den uns der Umgang mit Menschen in der großen Welt +gewährt! Er ist wahrlich nicht unbeträchtlich, aber er muß auch +oft theuer genug erkauft werden. Vorschriften, welche uns auf +die erlaubten Sitten der feinern Gesellschaft verweisen, sind freilich +keine Grundsätze der Moral, sondern nur der Uebereinkunft; +allein eben diese Uebereinkunft beruht doch darauf, daß man +suche, sich und Andern in einer zwangvollen Lage, deren Ungemächlichkeit +man nun einmal nicht ganz aus dem Wege räumen +kann, den Zustand so leidlich als möglich zu machen, ohne dazu +solche Mittel zu ergreifen, die unsern innern Werth auf das +Spiel setzen. Dieser innere Werth aber, der, wie ein Schatz +unter der Erde, immer, auch verborgen, Gold bleibt, kann +doch Wittwen und Waisen nähren, und Monarchen und Reiche +zum Wohl der Welt in Wirksamkeit setzen, wenn er hervorgeholt +und durch den Stempel der Convention in Umlauf gebracht, +wenn er allgemein anerkannt wird, — anerkannt von Denen, +die sich auf reines Gold verstehen, und anerkannt von Denen, +die nur auf das Gepräge achten. — Darum sollte man nicht so +unbedingt und so heftig gegen den wahren feinen Weltton eifern, +ihn nicht ganz verdammen. Er lehrt uns, die kleinen Gefälligkeiten +nicht ausser Acht zu lassen, die das Leben süß und leicht +machen. Er erweckt in uns Aufmerksamkeit auf den Gang des +menschlichen Herzens, schärft unsern Beobachtungs-Geist, gewöhnt +uns, ohne zu kränken und ohne gekränkt zu werden, mit<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> +Menschen aller Art leben zu können. Der ächte und zugleich +redliche alte Hofmann verdient wahrlich Verehrung; und man +braucht nicht in die Wüsten zu fliehen, noch sich in Studirzimmern +zu vergraben, um auf den Titel eines Philosophen Anspruch +machen zu dürfen. Ja, ohne einige Kenntniß der großen +Welt hilft uns alle Stuben-Gelehrsamkeit, alle Menschenkunde +aus Büchern sehr wenig. Ich rathe also jedem jungen Manne, +der edeln Ehrgeiz, Durst nach Welt- und Menschen-Kenntniß, +und Lust hat, nützlich und thätig zu seyn, wenigstens auf einige +Zeit den größern Schauplatz zu betreten, wäre es auch nur, um +zu Beobachtungen Stoff zu sammeln, die einst im Alter seinen +Geist beschäftigen, und ihn in den Stand setzen, seinen Kindern +und Enkeln, die vielleicht bestimmt sind, an Höfen und in +großen Städten ihr Glück zu suchen, weise Lehren zu geben.</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Viertes_Kap.">Viertes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit Geistlichen.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Ich mache, da ich nun auf den Umgang mit Leuten von andern +Ständen und Verhältnissen komme, billiger Weise in einem +eigenen Kapitel mit der Geistlichkeit den Anfang. Lehrreich und +wohlthätig ist der Umgang mit einem solchen Geistlichen, der +sich aus ganzer Seele seinem heiligen Berufe widmet, seinen +Verstand und Willen durch den sanften Einfluß der Religion +Jesu geläutert, und sich eben dadurch Würde und Weisheit erworben +hat, — der als ein unerschrockener Verkündiger und +Diener der Wahrheit allen Guten und selbst den Feinden des +Guten Hochachtung einflößt, und die Kraft des Worts durch +eigenes Beispiel bestätigt, — der seiner Gemeine Bruder, Freund, +Wohlthäter und Rathgeber, in seinem Vortrage populär, warm +und herzlich ist, — durch Bescheidenheit, Einfalt der Sitten, +Mäßigkeit und Uneigennützigkeit sich als einen würdigen Nachfolger +der Apostel auszeichnet, — duldsam und billig gegen fremde +Religions-Verwandte, väterlich nachsichtig gegen Verirrte, kein +Feind unschuldiger Fröhlichkeit, und dabei in seinem häuslichen +Kreise ein guter, zärtlicher und weiser Hausvater ist. Allein +nicht alle und nicht die meisten Diener der Kirche sehen diesem<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> +Bilde ähnlich. Menschen ohne Erziehung und Sitten, aus dem +niedrigsten Pöbel entsprossen, ohne gesunde Vernunft und ohne +andre Kenntnisse, als die dazu gehören, sich nach einem elenden +Schlendrian examiniren zu lassen, drängen sich in diesen Stand +ein, haschen nach reichen Pfründen und Pfarren, und erlauben +sich, um dahin zu gelangen, alle Arten von Schleichwegen und +Niederträchtigkeiten. Haben sie nun ihren Zweck erreicht, dann +fährt der rechte Pfaffen-Geist in sie. Geizig, habsüchtig, träge +und kriechend, Schmeichler der Großen und Reichen, übermüthig +und stolz gegen Niedre, voll Neid und Scheelsucht gegen +ihres Gleichen, sind sie größtentheils daran Schuld, wenn Verachtung +der heiligsten Religion und ihrer Diener so allgemein +einreißt. Diese Religion behandeln sie als eine trockne Wissenschaft, +und ihr Amt als ein einträgliches Gewerbe. Auf dem +Lande verbauern sie, ergeben sich dem Müßiggange und der +Bequemlichkeit, und klagen über ungeheure Arbeit, wenn sie +alle acht Tage einmal von der Kanzel herunter die Zuhörer mit +ihren dogmatischen, armseligen Spitzfindigkeiten einschläfern. +Sie angeln nach Geschenken, Erbschaften und Vermächtnissen, +wie der Teufel nach ihrer Seele. Ihr Ehrgeiz ist unermeßlich; +ihr geistlicher Stolz, ihr Despotismus, ihre kirchliche Herrschsucht +ohne Gränzen. Den Eifer für die Religion brauchen sie +zum Deckmantel ihrer Leidenschaften. Orthodoxie ist die Parole; +blinder Glaube und Ehre Gottes das Feldgeschrei, wenn sie den +unschuldigen ruhigen Bürger, der einen Unterschied unter Religion +und Theologie macht, den Pfaffen nicht schmeichelt, und +ihnen nicht opfert, bis in den Tod verfolgen wollen. Ihre Feindschaft +ist unversöhnlich — ich rede aus Erfahrung — gegen Den, +der sich ihrem eisernen Scepter nicht unterwerfen, oder zu ihren +Gewissenlosigkeiten nicht schweigen will. Ihre Eitelkeit ist größer, +als die eines Weibes. Aus Vorwitz und kindischer Neugier schleichen +sie sich in die Häuser und Familien ein, um sich in Händel +zu mischen, die sie nichts angehen; um Ränke zu schmieden, +Zwietracht zu stiften, und im Trüben zu fischen. Niemand versteht +besser, als sie, die Kunst, ein Vorhaben, mit Ueberwindung +aller Schwierigkeiten, listig durchzusetzen, ohne das Ansehen +zu haben, als hätten sie die Hände im Spiele. Geht es auf +die eine Weise nicht, so greifen sie die Sache am entgegengesetzten +Ende an, drehen, wenden, bemänteln, verrücken den Gesichtspunkt,<span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span> +und ruhen nicht eher, als bis sie, zur Befriedigung +ihrer Herrschsucht, ihrer Rache, oder ihrer Habsucht, den vorgesetzten +Zweck erreicht haben.</p> + +<p>Ihre Predigten, ihre Gespräche und Mienen sind Bann-Strahlen, +Verdammungs-Urtheile und Drohungen gegen andre +Religions-Verwandte und gegen Jeden, der das Unglück hat, +nicht glauben zu können, was sie — oft selbst nicht glauben, +sondern — nur lehren, weil es Geld einbringt. Sie lauschen +auf die Fehler ihrer Nebenmenschen, schreien dieselben vergrößert +aus, oder wo sie das alles nicht öffentlich thun dürfen, da wirken +sie durch Andere im Verborgenen, oder hängen die Maske +der Demuth, der Heuchelei, des Eifers für Gottseligkeit und +gute Sitten vor, um mit sanfter Stimme, mit Klagen und +Winseln, die Schwachen auf ihre Seite zu bringen, und den +Weisern und Bessern bei dem Volke verdächtig zu machen. — +Ja, solche Ungeheuer gibt es leider! unter den Dienern der Kirchen, +und nicht etwa nur unter Mönchskutten und Jesuitenmänteln, +— nein! mancher protestantische Pfaffe würde ein zweiter +Hildebrand seyn, wenn ihm nicht die Flügel beschnitten wären.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Da nun aber hie und da, auch unter den weniger boshaften, +ja, unter den redlichen Geistlichen, Einige doch einen kleinen +Anstrich von manchem dieser Fehler, z. B. von geistlichem Stolze, +von Unduldsamkeit, von Anhänglichkeit an Systemgeist, von +falschem Priestergeist, von Habsucht, oder von Rachsucht haben: +so kann es wohl nicht schaden, wenn man gewisse Vorsichtigkeits-Regeln +beobachtet, die im Umgange mit <em class="gesperrt">allen</em> Personen +dieses Standes ohne Unterschied nicht überflüßig sind.</p> + +<p>Man hüte sich also, ihnen Gelegenheit zu Verketzerungen zu +geben! Und so wie überhaupt ein verständiger Mann sich enthält, +über religiöse Gegenstände in Gesellschaften zu plaudern: +so soll man in Gegenwart eines Geistlichen vorzüglich Acht haben, +nie ein Wort fallen zu lassen, das übel ausgelegt, und +als ein Ausfall gegen irgend ein Kirchensystem oder einen Religionsgebrauch +angesehen werden könnte! Auch besuche man die +Kirchen, selbst wenn die Art des Gottesdienstes und der Vortrag +des Predigers unsre Andacht nicht sehr befördern, des Beispiels +wegen, und um nicht Gelegenheit zu geben, daß man +uns Gleichgültigkeit gegen die Religion aufbürde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span></p> + +<p>Man mache in Gesellschaft nie einen Geistlichen lächerlich, +möchte er auch noch so viel Veranlassung dazu geben! Auch rede +man mit Vorsicht von ihnen! Theils machen diese Herren gar +zu gern ihre eigene Sache zur Sache Gottes; theils verdient +dieser ehrwürdige Stand auf alle Weise eine Schonung, die +man wegen der Unwürdigkeit einzelner Mitglieder nicht aus den +Augen setzen darf; theils kann man durch das Gegentheil die +verderbliche Verachtung der Religion, die leider so sehr einreißt, +wider Willen befördern.</p> + +<p>Man bezeige hingegen den Geistlichen alle äussere Ehrerbietung, +die sie nur irgend billiger Weise fordern können, und beleidige +nicht nur keinen derselben, sondern mache sich auch keines +Mangels an Höflichkeit gegen sie schuldig!</p> + +<p>Man lasse, bei der Entrichtung der ihnen zukommenden Gebühren +und Abgaben, sich keine Abkürzung, noch Saumseligkeit +zu Schulden kommen; gebe aber auch, bei Fällen, die öfter eintreten +können, nicht zu viel! denn die Habsüchtigen unter ihnen +schreiben gern alles auf, und machen, was die Freigebigkeit +oder Dankbarkeit that, zum Gesetz, zu einem Recht, das sie +sogar auf ihre Nachfolger zu vererben trachten.</p> + +<p>Man hüte sich, bevor man den Mann nicht recht genau +kennt, einen Geistlichen von der alltäglichen Art zum Vertrauten +in häuslichen Angelegenheiten und andern Dingen von Wichtigkeit +zu machen, und halte ihn entfernt, wenn er sich unberufen +in dergleichen mischen will!</p> + +<p>Man verhindere die zu große Vertraulichkeit der Weiber und +Töchter mit gewissen Beichtvätern und geistlichen Rathgebern!</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>In Prälaturen und Klöstern muß man den Ton der Herren +Patrum anzunehmen verstehen, wenn man ihnen willkommen +seyn will. Ein guter gesunder Appetit, nach Verhältniß eben +so viel Durst, und die Gabe, ein Gläschen mit Geschmack und +oft genug ausleeren zu können; ein kurzweiliger Humor; ein +Witz, der nicht zu fein, sondern ein wenig grobartig seyn muß; +zuweilen ein Wortspielchen, ein lateinisches Räthsel, eine Anspielung +auf eine scholastische Spitzfindigkeit, — einige Bekanntschaft +mit Legenden und Kirchenvätern, — Beifall, durch baucherschütterndes +Lachen an den Tag gelegt, wenn der Pater Spaßmacher +(dies Amt pflegt selten unbesetzt zu seyn) einen Schwank<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span> +hervorbringt, — viel Ehrerbietung gegen den hochwürdigen Herrn +Prälaten, Guardian, oder Prior, — Bewunderung der Kostbarkeiten, +Reliquien, Gebäude und Anstalten, — kein Gespräch +über Aufklärung und Literatur, aber desto mehr über Politik, +Krieg und Frieden, — Zeitungs-Nachrichten, — Befriedigung +der Neugier, wenn nach Familien-Umständen und Anekdoten +geforscht wird, — Vorsichtigkeit, wenn von andern geistlichen +Orden, besonders von Jesuiten, die Rede ist, — Rang, Ansehen, +Reichthum, Pracht, Titel, Orden, und mehr als dies +alles, wo es nöthig ist, Geschenke: — das sind ungefähr die +Mittel, dort gut aufgenommen zu werden, und sich Achtung +zu erwerben.</p> + +<p>Zu Domherren braucht man größtentheils nur Appetit zum +Essen und Trinken, muthwillige, ein wenig faunische Laune, +und tiefes Stillschweigen über gelehrte Gegenstände mitzubringen, +um ihnen gefällig zu werden.</p> + +<p>In Nonnenklöstern, so wie in katholischen und protestantischen +weiblichen Stiftern, kann man mit einer hübschen, stämmigen +Figur, mit treuherziger, doch äusserlich anständiger Vertraulichkeit, +mit einem Sacke voll Mährchen, Neuigkeiten und +Späßchen auch ziemlich weit kommen.</p> + +<p>Von dem Umgange der Religiosen unter sich rede ich nicht; +darüber ist in den Briefen aus dem Noviciate und in unzähligen +andern Schriften schon sehr viel Gutes und Treffendes +gesagt worden.</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Fuenftes_Kap.">Fünftes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Wenn der Titel eines Gelehrten nicht heut zu Tage so gemein +würde, wie der eines <span class="antiqua">Gentleman</span> in England; wenn man sich +unter einem Gelehrten immer nur einen Mann denken dürfte, +der seinen Geist durch wahrhaftig nützliche Kenntnisse ausgebildet, +und diese Kenntnisse zu Veredlung seines Herzens angewendet +hätte; — kurz einen Mann, den Wissenschaften und +Künste zu einem weisern, bessern und für das Wohl seiner Mitbürger +thätigern Menschen gemacht haben; dann brauchte ich<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> +hier kein Kapitel über den Umgang mit Gelehrten zu schreiben. +Bedarf es einer Vorschrift, wie man mit dem Weisen und Edeln +umgehen soll? An seiner Seite auf die Lehren zu horchen, die +von seinen Lippen strömen; seine Augen auf ihn gerichtet zu haben, +um sein Beispiel zur Richtschnur unserer Handlungen zu +machen; die Wahrheit von ihm zu vernehmen, und dieser Wahrheit +zu folgen — dieß ist ein Glück, dessen Genuß nicht nach +Regeln gelernt zu werden braucht. Wenn aber heut zu Tage +jeder elende Verseschmidt, Compilator, Journalist, Anekdoten-Jäger, +Uebersetzer, Plündrer fremder literarischer Güter, und +überhaupt Jeder, der die unbegreifliche Nachsicht unsers Publikums +zu mißbrauchen, sich nicht schämt, um ganze Bände voll +Unsinn, Thorheit und Wiederholung längst besser gesagter Dinge +drucken zu lassen, sich selber einen Gelehrten nennt; wenn die +Wissenschaften nicht nach dem Grade ihrer Nützlichkeit für die +Welt, sondern nach dem veränderlichen leichtfertigen Geschmacke +des lesenden Pöbels geschätzt, und spekulative Grillen Weisheit +genannt werden, fieberhafte Phantasie für Schwung und Begeisterung +gilt; wenn ein Knabe, der sein sinnloses Gewäsch in +abwechselnd kurzen und langen Zeilen in einen Musen-Almanach +einrücken läßt, ein Dichter heißt; wenn der Mensch, der +mit seinen Fingern ein Gewühl von falschen Tönen, ohne Verbindung +und Ausdruck, den Saiten entlockt, ein Tonkünstler; +der, welcher schwarze Punkte, in Abschnitte eingetheilt, auf Papier +setzen kann, ein Componist; der, welcher auf Brettern +herumspringt, ein Tänzer genannt wird: dann muß man wohl +ein Paar Worte darüber sagen, wie man sich im Umgange mit +solchen Menschen zu betragen hat, wenn man nicht für einen +Mann ohne Geschmack und Kenntniß angesehen seyn, und Jedem +das Seinige geben will.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Beurtheile nicht den moralischen Charakter des Gelehrten +nach dem Inhalte seiner Schriften! Auf dem Papiere sieht der +Mann oft ganz anders aus, als in Natura. Auch ist das nicht +so übel zu nehmen. Am Schreibtische, wo man die ruhigste Gemüthsverfassung +wählen kann, wenn keine stürmische Leidenschaften +unsern Geist aus seiner Fassung bringen: da lassen sich +herrliche Vorschriften geben, die nachher in der wirklichen Welt, +wo Reizung, Ueberraschung und Verführung von Seiten der<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> +berüchtigten drei geistlichen Feinde uns hin und her treiben, nicht +so leicht zu befolgen sind. Also soll man freilich <em class="gesperrt">den</em> Mann, +der Tugend predigt, darum nicht immer für ein Muster von +Tugend halten, sondern auch bedenken, daß er ein Mensch +bleibt; ihm wenigstens dafür danken, daß er vor Fehlern warnt, +wenn er selbst auch nicht stark genug ist, diese Fehler zu vermeiden; +und es würde unbillig seyn, ihn deswegen für einen Heuchler +zu halten (obgleich es eben so unbillig wäre, ohne Beweis +vorauszusetzen, er thue das Gegentheil von dem, was er lehrt, +oder man müsse seine Worte anders auslegen, als sie lauten). +Von der andern Seite soll man auch nicht die Grundsätze, die +ein Schriftsteller den Personen seiner eigenen Schöpfung in den +Mund legt, als seine eignen ansehen, noch einen Mann deswegen +für einen Bösewicht, oder Faun, oder Menschenhasser halten, +weil seine üppige Phantasie, sein feuriges Blut ihn verleitet, +irgend einen boshaften Charakter von einer glänzenden Seite +darzustellen, oder eine wollüstige Scene mit lebhaften Farben +zu schildern, oder mit Bitterkeit über Thorheiten zu spotten. Er +thäte wohl besser, wenn er das unterließe, aber er ist darum +noch kein schlechter Mann; und so wie man bei hungrigem Magen +Götter-Mahlzeiten schildern kann, so kenne ich Dichter, die +den Wein und die sinnliche Liebe mit allem Feuer besingen, und +dennoch die mäßigsten, keuschesten Menschen sind; kenne Schriftsteller, +die Greuel von Schandthaten mit der treffendsten Wahrheit +dargestellt haben, und dennoch Rechtschaffenheit und Sanftmuth +in ihren Handlungen zeigen; kenne endlich Satyriker, +voll Menschenliebe und Wohlwollen.</p> + +<p>Eine andre Art von Ungerechtigkeit gegen Schriftsteller und +Künstler begeht man, wenn man von ihnen erwartet, sie sollen +auch im gemeinen Leben nichts als Kernsprüche reden, nichts +als Weisheit und Gelehrsamkeit predigen. Der Mann, der am +glänzendsten von einer Kunst schwatzt, ist darum nicht immer +der, welcher die gründlichsten Kenntnisse davon besitzt. Es ist +nicht einmal angenehm, und schmeckt nach Pedanterei, wenn +wir Jeden ohne Unterlaß von unsern eignen Lieblings-Beschäftigungen +unterhalten. Man geht in Gesellschaften, um sich zu +zerstreuen, um auch einmal Andre, nicht sich selbst, zu hören. +Nicht Jeder hat so viel Gegenwart des Geistes, um mitten im +Getümmel, und wenn er durch Fragen und Vorwitz überrascht<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> +wird, mit Würde und Bestimmtheit von Gegenständen zu reden, +die er vielleicht zu Hause in seinem einsamen Zimmer mit der +größten Klarheit durchschauet. Und dann gibt es auch Gesellschaften, +in welchen die Leute so gänzlich anders, als wir, gestimmt +sind; die Dinge von so durchaus andern Seiten ansehen, +daß es nicht möglich ist, in dem ersten Augenblicke sich so zu +fassen, daß man etwas Gescheidtes auf das antworte, was sie +uns vortragen. Auch hat ja ein Gelehrter, so gut wie ein anderer +Erdensohn, seine Launen, ist nicht stets gleich aufgelegt zu +wissenschaftlichen und überhaupt zu solchen Gesprächen, die +Nachdenken erfordern; oder die Menschen, die er um sich sieht, +behagen ihm nicht, scheinen ihm keines Aufwandes von Verstand +und Witz würdig.</p> + +<p>Es ist ein recht garstiger Zug in dem Charakter unsers lesenden +Publikums (wenn es anders erlaubt ist, einem Publikum +einen Charakter zuzuschreiben), daß man so gern von guten +Schriftstellern und überhaupt von Männern, die sich Ruf erworben +haben, ärgerliche Anekdoten aufsammelt, um ihnen einen +Grad der öffentlichen Achtung zu entziehen, wenn ihre +Schriften ihnen Bewundrer gewonnen, wenn ihre Talente die +Aufmerksamkeit verständiger Menschen mehr auf sie, als auf +Männer gleiches Standes, gezogen haben; ja, es gibt sogar +eine gewisse Art von Kleinstädterei, welche darin besteht, daß +man sich den Schein gibt, auf den Mann mit Verachtung zu +blicken, dem es gelungen ist, durch gute literarische Produkte, +auswärts, d. h. ausser dem Kreise der Herren Vettern und +Frauen Basen seinen Namen bekannt zu machen. Daß man +einen Solchen im Vaterlande nicht aufkommen, auch allenfalls +darben lasse, das finde ich ganz in der Ordnung der menschlichen +Dinge; aber seinen moralischen Charakter aus Neid verdächtig +machen, und ihn, wenn er auch noch so demüthig, +noch so anspruchslos seinen stillen Gang fortgeht, durch Verachtung +mißhandeln: das ist doch zu hart, aber es geschieht hie und +da, besonders in einigen minder großen Städten.</p> + +<p>Spricht aber ein Gelehrter, ein Künstler gern und viel von +seinem Fache, so nimm ihm auch das nicht übel auf! Die unglückliche +Polyhistorei, die Wuth, auf allen Zweigen der Wissenschaften +und Künste herumzuhüpfen und über alles abzuurtheilen, +ist nicht eben das, was unserm Zeitalter am meisten<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> +Ehre macht; und wenn es langweilig ist, einem Manne zuzuhören, +der alle Gespräche auf seinen Lieblings-Gegenstand zu +lenken sucht, und sich unaufhörlich auf seinem Steckenpferde +herumtummelt, so ist es mehr als langweilig, es ist empörend, +wenn ein Schwätzer entscheidende Urtheile über Dinge ausspricht, +die gänzlich ausser seinem Gesichtskreise liegen; wenn +der Priester über Politik, der Jurist über das Theater, der Arzt +über Malerei, die Kokette über philosophische oder religiöse Gegenstände, +der süße Herr über Strategie sich hören läßt. Erlaube +dem Manne, der etwas Gründliches gelernt hat, mit Leidenschaft +von seiner Kunst, von seiner Wissenschaft zu reden; ja, +gib ihm Gelegenheit dazu! Man ist wahrlich recht viel werth in +der Welt, wenn man — doch übrigens bei gesundem Hausverstande +— <em class="gesperrt">ein</em> Fach aus dem Grunde versteht; und mir ekelt +vor den grassirenden encyclopädischen Wörterbüchern; mir ekelt +vor den allwissenden, aburtheilnden jungen Herren, die den bescheidenen, +zweifelnden Forscher mit Machtsprüchen zu Boden +schlagen, und die besonders von liebenswürdigen gelehrten Damen +unterhaltend gefunden, und eben dadurch ganz unausstehlich +werden.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Haben die Gelehrten weniger Vorurtheile, als andere Menschen; +so hängen sie dagegen um desto fester an denjenigen, +welche ihnen einmal eigen sind. Man muß daher sehr behutsam +mit ihnen umgehen. Nichts wird leichter gekränkt, als die Eitelkeit +eines Gelehrten. Man muß sogar alle Zweideutigkeiten +in den Lobeserhebungen vermeiden, die man an sie ausspendet.</p> + +<p>Die mehrsten Schriftsteller verzeihen es uns leichter, wenn +wir ihren sittlichen Charakter, als wenn wir ihren Ruf in der +gelehrten Welt antasten. Willst Du daher in Frieden leben, so +sey vorsichtig in Beurtheilung ihrer Produkte! Selbst dann, +wenn sie Dich um Deine Meinung darüber fragen, so hast Du +dieß klüglich und demüthiglich so auszulegen, als bäten sie Dich +um einen Lobspruch und eine Schmeichelei. Den Fall ausgenommen, +wenn Freundschaft Dich zu völliger Offenherzigkeit +verpflichtet, rathe ich wohlmeinend da, wo Du nicht ohne Niederträchtigkeit +loben kannst, wenigstens etwas zu sagen, was +die beleidigte Eitelkeit nicht als einen Tadel auslegen kann.</p> + +<p>Fast noch ungnädiger pflegen es die gelehrten oder vielmehr<span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span> +schreibenden Herren aufzunehmen, wenn man gar nichts von +ihrer Autorschaft weiß, gar nichts von ihnen gelesen, oder wenn +man sie im gemeinen Leben nicht anders, als Jeden behandelt, +der auf andre Weise der Welt nützlich wird; endlich, wenn man +Grundsätze äussert, die nicht in ihr System passen, die mit denen +streiten, zu deren Behauptung sie so manchen Bogen Papier +mit Buchstaben versehen haben. Hüte Dich vor diesem allen, +wenn Du einen Schriftsteller nicht beleidigen willst! Allein +unterscheide auch wohl, welchen Mann Du vor Dir hast: groß, +klein oder mittelmäßig! Alle riechen den Weihrauch gern, der +ihnen gestreuet wird; aber nicht jeden darf man auf gleich grobe +Art einräuchern. Der Eine nimmt fürlieb, wenn Du es ihm +grade in's Gesicht sagst: er sey ein großer Mann; der Andre ist +zufrieden, wenn Du nur ohne Widerspruch erlaubst, daß er dieß +selbst von sich sage; der Dritte verlangt nichts von Dir, als +Hiobs Geduld, wenn er Dir seine elenden Produkte vorlieset; +den Vierten kitzelt eine kleine vortheilhafte Anspielung auf irgend +eine Stelle aus seinen Schriften; dem Fünften behagt äussere +ausgezeichnete Ehrerbietung, wenn auch von seiner Autorschaft +nicht ausdrücklich Erwähnung geschieht; und ein Sechster endlich +— es sey mir erlaubt, neben Diesem mein Plätzchen zu nehmen +— begnügt sich, wenn die wenigen Edeln ihm die Gerechtigkeit +widerfahren lassen, zu glauben, daß es ihm wenigstens +um Wahrheit und Tugend zu thun sey, daß er nichts geschrieben +habe, dessen sein Herz sich zu schämen braucht, und daß, wenn +seine Werke keine Meisterstücke sind, sie doch nicht ausschließlich +zu Makulatur sich eignen.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Lustig anzusehen aber ist es, wenn zwei Schriftsteller sich +einander mündlich oder schriftlich loben und preisen, vortheilhafte +Recensionen gegenseitig erschleichen, sich bei lebendigem +Leibe einbalsamiren, und einander eine glänzende Ewigkeit zusichern. +Auch mag ich wohl ein ruhiger Zuschauer seyn, wenn +ein paar Leute zusammenkommen, die gern von einander bewundert +werden möchten, oder die sehr viel Gutes von einander +gehört haben. Wie sie sich drehen und wenden, um sich wechselsweise +die schwache Seite abzujagen! Wenn sie nun aus einander +gehen, zeigt sich immer, daß der Eine den Andern vortrefflich +findet, wenn dieser ihm entweder Gelegenheit gegeben<span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span> +hat, seine Talente auszukramen, oder wenn beide Narren sich +auf ähnlichen sympathetischen Thorheiten ertappt haben.</p> + +<p>Nicht so lustig aber ist der Anblick des Unwesens, das man +so oft unter Gelehrten wahrnimmt, die entweder, wegen der +Verschiedenheit ihrer Meinungen und Systeme, sich vor dem +ehrsamen Volke der geneigten Leser wie Bettelbuben herumzanken, +oder, wenn sie an demselben Orte leben, und in demselben +Fache auf Ruhm Anspruch machen, einander verfolgen, hassen, +sich gegenseitig auch nicht die mindeste Gerechtigkeit widerfahren +lassen; wie Einer den Andern zu verkleinern und bei dem Publikum +herabzusetzen sucht. — Pfui der Niederträchtigkeit! Ist denn +die Quelle der Wahrheit nicht reich genug, um zugleich den Durst +vieler Tausende zu stillen? und dürfen Neid, Scheelsucht und +pöbelhafte Erbitterung auch solche Geister herabwürdigen, die +der Weisheit geweiht sind? — Doch hierüber ist schon oft so +vieles gesagt worden, daß ich es für besser halte, einen Vorhang +vor solche gelehrte Selbstbeschimpfungen zu ziehen, die leider in +unsern Zeiten nicht selten gesehen werden.<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a></p> + +<h4>5.</h4> + +<p>Es gibt Leute, die sich dadurch ein Gewicht zu geben suchen, +daß sie sich ihrer Verbindung, ihrer Verwandtschaft, Freundschaft, +oder ihres Briefwechsels mit Gelehrten rühmen. Das ist +eine Thorheit, der man sich enthalten sollte, weil sie sich dem +Spotte preisgibt. Ein Mann kann große Verdienste als Schriftsteller +haben, ohne daß uns desfalls eine genaue Verbindung +mit seiner Person Ehre macht. Man ist auch darum nicht gleich +weise und gut, wenn Weise und Edle uns mit Nachsicht und +Freundlichkeit behandeln.<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> Auch kann ich das unmäßige und +luxuriöse Citiren und Berufen auf fremde Autoritäten, wie überhaupt +alles Prahlen und Schmücken mit fremden Federn nicht +leiden. Das mittelmäßigste selbst Gedachte und mit Ueberzeugung<span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span> +Gefühlte ist für uns mehr werth, als das Vortrefflichste, +was wir bloß nachlallen.</p> + +<h4>6.</h4> + +<p>Unter den heutigen sogenannten Gelehrten muß man billig +einigen unsrer Journalisten und Anekdoten-Sammler einen gewissen +Rang einräumen, weil sie nun einmal die erklärten Lieblinge +des leselustigen Publikums sind, und dieses gutmüthig oder +verblendet genug ist, ihnen alles aufs Wort zu glauben. Mit +diesen Leuten aber ist eine ganz besondere Vorsicht im Umgange +nöthig. Sie stehen gemeiniglich, bei geringem Vorrathe von +eigner Gelehrsamkeit, im Solde irgend einer herrschsüchtigen +Parthei oder eines Anführers derselben, sey es nun von politischen +Ketzermachern, Orthodoxen, Schwärmern, Vernunft-Feinden, +Mystikern, oder wovon es immer sey. Dann ziehen sie +durch's Land, um Mährchen zu sammeln, die sie nach Gelegenheit +Dokumente nennen, oder mit dem Schwerte der Verleumdung +Jeden zu verfolgen, der nicht zu ihrer Fahne schwören +will; Jedem den Mund zu stopfen, der es wagt, an ihrer Unfehlbarkeit +zu zweifeln. Ein einziges Wörtchen, das nicht in ihr +System paßt, und das sie irgendwo auffangen, gibt ihnen reichen +Stoff zu Verketzerungen, zu unwürdigen Neckereien, zu +Verfolgungen der besten, sorglosesten und arglosesten Menschen. +Sey behutsam im Reden, wenn ein Solcher Dich +freundlich besucht, und denke beständig und klüglich daran, +daß er Dich abhört, um bei Gelegenheit dem Publikum haarklein +alles zu berichten, was er bei Dir gesehen und gehört +hat! Der Mann, der dies Handwerk in Deutschland am ärgsten +und ärgerlichsten treibt, und gegen den alle Art von rechtlicher +und handfester Hülfe vergebens angewendet wird; dieser +Mann heißt — ich muß ihn hier öffentlich nennen — heißt — +Anonymus, auch Redacteur, und ist ein gar sonderbarer Mann. +Da er sich, wie Cartouche, in so vielfache Gestalten umzuformen +weiß, daß kein Steckbrief auf ihn paßt: so rathe ich, jeden +Unbekannten, der gewisse Mode-Wörter, wie z. B. gefährliche +und schädliche Aufklärung, Publicität, Denkfreiheit, Toleranz, +oder Gefahr für den einzig seligmachenden Glauben, +höhere Wissenschaften, Magnetismus, oder dergleichen gar zu +oft im Munde führt, fürerst für jenen Herrn Anonymus zu halten, +der ein garstiger, schadenfroher Spitzbube ist, und umhergeht,<span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span> +wie ein brüllender Löwe, um zu suchen, wen er verschlingen +mögte.</p> + +<h4>7.</h4> + +<p>Mit Tonkünstlern, einer gewissen nicht sehr anziehenden +Gattung von Dichtern, Componisten, Tänzern, Schauspielern, +Malern und Bildhauern ist der Fall ein ganz anderer. Diese +sind — es versteht sich auch hier, daß ich in jeder Klasse die +Bessern ausnehme — wohl keine gefährliche, aber desto eitlere +und oft sehr zudringliche und unzuverlässige Leute. Weit entfernt, +zu fühlen, daß die schönen Künste, obgleich man ihnen +nicht den Einfluß auf Herz und Sitten absprechen kann, doch +am Ende zum Hauptzwecke nur das <em class="gesperrt">Vergnügen</em> haben, folglich, +in Ansehung ihres Einflusses auf das Glück der Welt, den +höhern, wichtigern, ernsthaftern Wissenschaften nachstehen müssen; +weit entfernt, zu fühlen, daß man, um wahrhaftig den +Titel eines großen Mannes zu verdienen, mehr verstehen und +mehr müsse bewirken können, als Augen zu vergnügen, Ohren +zu kitzeln, Phantasien zu erhitzen, und Herzchen in Aufruhr zu +bringen, sehen sie ihre Kunst als das Einzige an, was des Bestrebens +eines vernünftigen Menschen werth wäre; und es muß +uns nicht befremden, wenn ein Tänzer, der höher besoldet wird, +als ein Staatsminister, herzlich bedauert, daß dieser nichts Besseres +gelernt habe. Der philosophischen Künstler, so wie Georg +Benda einer war; der bescheidnen Virtuosen, wie der edle Fränzl +in Mannheim und sein liebenswürdiger Sohn; der verständigen, +mit allen Privat-Tugenden geschmückten Maler, wie Tischbein; +der Schauspieler, bei denen Kopf, Herz und Sitten gleich +viel Hochachtung verdienen, wie der unnachahmliche Schröder, — +solcher Männer gibt es nicht so gar viele unter ihnen. Ich rathe +desfalls, einen äusserst vertrauten Umgang mit dieser Menschen-Klasse +nur nach der strengsten Auswahl zu suchen. <span class="antiqua">Cantores +amant humores</span>, das heißt: auf ein Liedchen schmeckt ein +Schlückchen. Sänger, Dichter u. dergl. lieben das Wohlleben, +und das kann uns nicht wundern. Es gibt wohl eine Art von +Begeisterung, zu der sich die Seele bei der einfachsten, mäßigsten +Lebensart erheben kann; und, die Wahrheit zu gestehen, +das ist wohl die einzige, deren Früchte auf Unsterblichkeit Anspruch +machen dürfen. Hoher Schwung des Genius hinauf zu +der heiligen, reinen Quelle, aus welcher er entsprungen, ist<span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span> +freilich von ganz anderer Art, als Spannung der Nerven, Erhitzung +der Phantasie durch Reizung der Sinne; und man sieht +es solchen Werken, wie Klopstocks Messias und Schillers Don +Carlos sind, bald an, daß ihr Feuer nicht aus der Champagner-Flasche +ist gezogen worden. Allein wie wenig Künstler werden +von jener bessern Glut entzündet! Ihre, durch unordentliche +Aufführung und unglückliche äussere Verhältnisse geschwächte +Maschine fordert, wenn sie den Geist nicht ganz niederdrücken +soll, gewaltsame Stärkungs-, oder vielmehr Berauschungs-Mittel. +Dieß treibt sie zuerst zu einem, den sinnlichen Freuden gewidmeten +Leben. Dazu kömmt, daß Der, welcher einmal die +schönen Künste zu seinem einzigen Berufe gemacht hat, selten +noch Geschmack an ernsthaften Geschäften findet, — daß diese +ihm äusserst trocken scheinen; und da man doch nicht immer +singen, geigen, pfeifen und pinseln kann, so bleiben viel Stunden +des Tages auszufüllen, welche dann dem Wohlleben geopfert +werden. An weise Vertheilung und Anwendung der Zeit, an +Aufsuchung eines lehrreichen und vernünftigen Umgangs denken +also diese Herren selten; und sie schätzen den Mann, der ihnen +sinnlichen Genuß in reichem Maaße gewährt, und ihnen dabei +schmeichelt, höher, als den Weisen, der sie auf den Weg der +Wahrheit und Ordnung führt. Jenem drängen sie sich auf; Diesen +fliehen sie. Bei dem allgemein einreissenden faden Geschmacke +unseres Zeitalters, bei der Vernachlässigung nützlicher Wissenschaften, +ist dieß, wie ich glaube, ein Wort zu seiner Zeit geredet, +möchte man mich auch deswegen für einen Pedanten halten! +Jeder seichte Kopf, der nur ein weiches Herz hat, und der +den edlen Müßiggang und ein lüderliches Leben liebt, legt sich +heut zu Tage auf die schönen Wissenschaften, glaubt Beruf zum +Künstler zu haben, macht Verse, schreibt für das Theater, spielt +ein Instrument, componirt, pinselt; — und so muß denn am +Ende der Geschmack ausarten, und die Kunst verächtlich werden. +Deswegen sehen wir auch ganze Heerden solcher Künstler +herumlaufen, die nicht einmal mit den ersten theoretischen Grundsätzen +ihrer Kunst bekannt sind: Musiker, die nicht wissen, aus +welcher Tonart sie spielen; die nichts vorzutragen verstehen, als +was sie auf ihrer Geige oder Pfeife auswendig gelernt haben; +Künstler ohne philosophischen Geist, ohne gesunde Vernunft, +ohne Studium, ohne wahres Natur-Gefühl, aber dagegen mit<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span> +desto mehr Selbstgenügsamkeit und edler Dreistigkeit ausgerüstet; +unter sich von Brodneid entbrannt; neidisch auf einen Liebhaber, +der ihr Hauptstudium nur als Nebensache treibt, und dennoch +mehr davon weiß, als sie, die weiter nichts gelernt haben. +Hat ein solcher aber Anhang unter den Leuten nach der Mode, +genießt er den Schutz der anmaßlichen Kenner, so wage man es +ja nicht, laut zu sagen, daß er ein Stümper sey, wenn man +nicht für einen unwissenden Menschen gelten, und alle Dilettanten +gegen sich aufbringen will! Allein wem ekelt nicht vor +der Menge solcher vornehmen und geringen Dilettanten, vor +ihren schiefen Urtheilen, vor ihrem albernen Gewäsche? Willst +Du Dich bei diesem wilden Haufen beliebt machen, so mußt +Du die Geduld haben, ihren Unsinn anzuhören, oder gar die +Niederträchtigkeit begehen, ihn zu loben, und ihren Machtsprüchen +beizupflichten. Willst Du Dich aber bei ihnen in Ansehen +setzen, so sey ja nicht bescheiden, sondern eben so unverschämt, +wie sie! Entscheide mit Kühnheit! Tritt mit Zuversicht mitten +unter die größten Männer! Dränge Dich hervor! Thu, als +seyest Du äusserst ekel in Deinem Geschmacke; als sey es schwer, +den Beifall Deines verwöhnten Auges und Ohrs zu gewinnen! +Rede von dem allgemeinen Rufe, in welchem Deine Kenntnisse +stünden! Verachte, was Dir zu hoch ist! Schüttle bedeutend +mit dem Kopfe, wenn Du nichts Passendes zu sagen weißt! +Begegne dem Anfänger mit Uebermuthe! Schmeichle vornehmen, +reichen, mächtigen Dilettanten und Mäcenaten! Befördre +die Lust an Spielwerken und Kleinigkeiten, an niedlichen +Rondo's, an Bierhaus-Menuetten, mitten in ernsthaften Stücken; +an buntschäckigtem Colorit, an Sinn-Gedichtchen, an Bombast +und leerer Phraseologie, an Schauspielen voll Gräuel, Verwickelung +und Uebertreibung! — So kannst Du Dein Schärflein +zum allgemeinen Verderbnisse des Geschmacks redlich beitragen! +Fühlst Du aber Kraft in Dir, und hast nicht Ursache, +Menschen zu scheuen, so widersetze Dich dem Unwesen! Eifre +gegen diese Erbärmlichkeiten, aber eifre mit Gründen, und rücke +den <em class="gesperrt">Midassen</em> unserer Zeit die großen Perücken und Narren-Kappen +zurück, damit man ihre langen Ohren sehe, und sich +nicht durch ihre Amtsgesichter täuschen lasse! Traurig ist es indessen, +daß auch der wahrhaftig große Künstler heut zu Tage +zum Theil diese Wege einschlagen muß, wenn er nicht dem<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span> +Marktschreier das Feld räumen will; daß er oft Natur, Bescheidenheit, +Einfalt und Würde, der Mode und dem Vorurtheile +aufzuopfern, sich mit falschem Glanze auszurüsten, sich zum +Windbeutel und Spaßmacher zu erniedrigen gezwungen ist, um +zu gefallen und Brod zu finden. Uebel ist auch oft der Künstler, +besonders der Musiker, daran, wenn er in eine Gesellschaft von +Leuten geräth, die ihn bewundern wollen, die ihn bitten, sich +vor ihnen hören zu lassen, und die denn doch weder Aufmerksamkeit, +noch Kenntniß der Kunst haben. Abschlagen darf er es +nicht, wenn er nicht will für eigensinnig gehalten werden, und +doch fühlt er, daß er seine Perlen den Säuen vorwirft. Er setzt +sich an das Klavier, spielt das sanfteste Adagio, und nun brüllen +die zuhörenden Liebhaber mitten in der rührendsten Stelle +überlaut: »O! das ist gar schön! vortrefflich!« — und darüber +geht die Stelle verloren. — Merke dir's, liebes Publikum, +daß du dir solche Unarten abgewöhnen, und nicht bloß ein geehrtes, +sondern auch ein ehrenwerthes Publikum seyn sollst.</p> + +<h4>8.</h4> + +<p>Nun noch ein Wort zur Warnung für den Jüngling, in +Betracht der Künstler, besonders der Schauspieler, nämlich derjenigen +von gemeiner Art! Ich habe vorhin gesagt, daß der vertraute +Umgang mit den mehrsten derselben, von Seiten ihrer +Kenntnisse, ihres sittlichen Lebens und ihrer ökonomischen Umstände, +für Kopf, Herz und Geldbeutel nicht sehr vortheilhaft +seyn könne; allein noch in andern Rücksichten ist hier Vorsicht +zu empfehlen. — Wenn man weiß, welch ein warmer Verehrer +der schönen Künste ich selbst bin: so wird man mir wohl nicht +Schuld geben, daß es aus Vorurtheil oder Kälte geschehe, wenn +ich dem Jünglinge rathe, mäßig im Genuß der schönen Künste, +mäßig im Genusse des Umgangs mit den gefälligen Musen und +deren Priestern zu seyn. — Musik, Poesie, Schauspielkunst, +Tanz und Malerei, wirken freilich wohlthätig auf das Herz. +Sie machen es weich und empfänglich für manche edle Gefühle: +sie erheben und bereichern die Phantasie, schärfen den Witz, erwecken +Fröhlichkeit und Laune, mildern die Sitten und befördern +die geselligen Tugenden. Allein eben diese herrlichen Wirkungen +können, wenn sie übertrieben werden, manchfaltiges +Elend veranlassen. Ein zu weiches, weibisches, bei wahren und +eingebildeten, eignen und fremden Leiden sogleich in Aufruhr<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span> +gerathendes Gemüth ist wahrlich ein trauriges Geschenk. Ein +Herz, das, empfänglich für jeden Eindruck, wie ein Rohr, von +manchfaltigen Leidenschaften hin und her bewegt, jeden Augenblick +von andern sich durchkreuzenden Empfindungen hingerissen +wird; ein Nerven-System, auf welchem jeder Betrüger, der +nur den rechten Ton zu treffen weiß, nach Gefallen spielen +kann: — das alles wird uns da, wo es auf Festigkeit, unerschütterlichen +Muth, auf Ausdauern und Beharrlichkeit ankömmt, +sehr zur Last. Eine zu warme, zu hochfliegende Phantasie, die +allen unsern geistigen Anstrengungen einen romanhaften Schwung +gibt, und uns in eine Ideen-Welt versetzt, kann uns in der +wirklichen Welt theils sehr unglücklich, theils zu gänzlich unbrauchbaren +Menschen machen. Sie spannt uns zu Erwartungen, +erregt Forderungen, die wir nicht befriedigen können, und +erfüllt uns mit Ekel gegen alles, was den Idealen nicht entspricht, +nach welchen wir in der Bezauberung wie nach Schatten +greifen. Ein üppiger Witz, eine schalkhafte Laune, die nicht +unter der Vormundschaft einer keuschen Vernunft stehen, können +nicht nur leicht auf Kosten des Herzens ausarten, sondern +würdigen uns auch herab, verleiten zu Spielwerken, so daß wir, +statt der höhern Weisheit und nüchternen Wahrheit nachzustreben, +und unsre Denkkraft auf wahrhaftig nützliche Gegenstände +zu verwenden, nur den Genuß des Augenblicks suchen, und +statt, mitten durch die Vorurtheile hindurch, in das Wesen der +Dinge einzudringen, uns bei den glänzenden Aussenseiten verweilen. +Fröhlichkeit kann in Zügellosigkeit, in Streben nach +immerwährendem Taumel übergehen. Milde Sitten verwandeln +sich nicht selten in Weichlichkeit, in übertriebene Geschmeidigkeit, +in niedre, unverantwortliche Gefälligkeit, die alles Gepräge +vom männlichen Charakter abschleifen; und ein Leben, +das bloß den geselligen Freuden und dem sinnlichen Vergnügen +gewidmet ist, verleidet uns jede ernsthafte Beschäftigung, und +entreißt uns den edlen und dauernden Genuß, der durch Ueberwindung +großer Schwierigkeiten und durch anhaltende Anstrengung +gewiß nicht zu theuer erkauft werden muß; es macht uns +die für Geist und Herz so wohlthätige Einsamkeit unerträglich, +raubt uns die glückselige Empfänglichkeit für ein stilles häusliches, +den Familien- und bürgerlichen Pflichten gewidmetes Daseyn +— mit <em class="gesperrt">einem</em> Worte: wer sich gänzlich den schönen Künsten<span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span> +widmet, und mit den Priestern ihrer Gottheiten sein ganzes +Leben verschwelgt, der läuft Gefahr, sein wahres dauerhaftes +Wohl zu verscherzen, und seinem Leben jeden Werth und jede +Würze, seinem Bewußtseyn jede Seligkeit, seinem Lebensmuthe +jede Nahrung zu entreissen, und in den späteren Jahren des +Lebens im Ueberdruß zu verschmachten. Alles, was ich hier gesagt +habe, trifft vorzüglich bei dem Theater und bei dem Umgange +mit Schauspielern ein. Wenn unsere Schauspiele das +wären, wofür man sie so gern ausgeben mag, eine Schule der +Sitten, wo uns auf eine gefällige und treffende Weise unsre +Verirrungen und Thorheiten dargestellt und an das Herz gelegt +würden; ja, dann könnte es rathsam seyn, die Bühne oft zu +besuchen, und den Umgang mit Männern zu wählen, welche +man als Wohlthäter ihres Zeitalters ansehen müßte. Man darf +aber nicht das Theater nach demjenigen beurtheilen, was es +<em class="gesperrt">seyn könnte</em>, sondern nach dem, <em class="gesperrt">was es ist</em>. Wenn in unsern +Lustspielen die komischen Züge der Narrheit so übertrieben +geschildert sind, daß niemand das Bild seiner eignen Schwachheiten +darin erkennt; wenn romanhafte Liebe darin begünstigt +wird; wenn junge Phantasten und verliebte Mädchen daraus +lernen, wie man die alten vernünftigen Väter und Mütter betrügen +und überlisten soll, die zur ehelichen Glückseligkeit ein +wenig mehr, als eingebildete Sympathie und vorübergehenden +Liebes-Rausch fordern; wenn in unsern Schauspielen der Leichtsinn +im gefälligen Gewande erscheint, vornehmes Laster in Glanz +und Hoheit auftritt, und, durch einen Anstrich von Größe und +Kraft, Bewundrung erzwingt; wenn im Trauerspiele unser +Auge mit dem Anblick der ärgsten Greuel vertraut; wenn unsere +Einbildungskraft an Erwartung wunderbarer, feenmäßiger +Entwickelungen und Auflösungen gewöhnt wird; wenn man +uns in den Opern dahin bringt, auf alle Täuschung Verzicht +zu leisten, und Vernunft und Geschmack unter den Glauben an +die Göttlichkeit der Tonkunst gefangen zu nehmen; wenn der +elendeste Fratzen-Schneider, die ungeschickteste Dirne, in so fern +sie Anhang unter dem Volke haben, allgemeine Bewunderung +einernten; wenn endlich, um alle diese nichtigen Zwecke zu erlangen, +unsre Theater-Dichter sich über Wahrscheinlichkeit, ächte +Natur, weise Kunst und Anordnung hinwegsetzen, und sich folglich +der Zuschauer in dem Falle befindet, im Schauspielhause<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span> +keine Nahrung für den Geist, sondern nur Zeitverkürzung und +sinnlichen Genuß zu suchen: — wer wird sich's da nicht zur +Pflicht machen, Jünglingen und Mädchen den sparsamsten Genuß +dieser Vergnügungen zu empfehlen? Und nun, was die +Schauspieler betrifft: ihr Stand hat sehr viel Blendendes. Freiheit, +Unabhängigkeit von dem Zwange des bürgerlichen Lebens, +gute Bezahlung, Beifall, Vorliebe des Publikums, Gunst und +die schöne Gelegenheit, einem glänzenden Publikum Talente zu +zeigen, die sonst vielleicht auf immer versteckt geblieben wären; +Schmeichelei; die Freuden der Tafel bei reichen und gastfreien +Liebhabern der Kunst; viel Muße; Gelegenheit, Städte und +Menschen kennen zu lernen: — das alles kann wohl einen Jüngling, +der mit einer unangenehmen Lage, oder mit einem zerrütteten +Gemüthe, mit übel geordneten Leidenschaften und Begierden +kämpft, in Versuchung führen, diesen Stand zu wählen, +besonders, wenn er in vertrauten Umgang mit Schauspielern +und Schauspielerinnen geräth. Aber nun die Sache näher betrachtet! +Was für Menschen sind gewöhnlich diese Theater-Helden +und Heldinnen? Leute ohne Sitten, ohne Erziehung, ohne +Grundsätze, ohne Kenntnisse; Abentheurer; Menschen aus den +niedrigsten Ständen; freche Buhlerinnen; — mit diesen lebt +man, wenn man sich demselben Stande gewidmet hat, in täglicher +Gemeinschaft. Es ist schwer, da nicht mit dem Strome +fortgerissen zu werden, nicht zu Grunde zu gehen. Eifersucht, +Feindschaft und Kabale vollenden dies glänzende Elend, und da +diese Künstler fast ganz ausser dem Staate leben, so fällt bei +ihnen ein starker Bewegungsgrund zum Gutseyn weg, nämlich +die Rücksicht auf ihren Ruf unter den Mitbürgern. Kömmt +noch etwa die Verachtung, mit welcher, freilich unbilliger Weise, +manche ernsthafte Leute auf sie herabsehen, hinzu: so wird das +Herz erbittert und verhärtet. Die tägliche Abwechselung von +Rollen benimmt dem Charakter alle Eigenthümlichkeit und Festigkeit; +man wird zuletzt aus Gewohnheit, was man so oft +vorstellen muß; man darf dabei nicht Rücksicht auf seine Gemüths-Stimmung +nehmen, muß oft den Spaßmacher spielen, +wenn das Herz trauert, und umgekehrt. Dies leitet zur Verstellung. +Das Publikum wird des Mannes und seines Spiels +überdrüssig; seine Manier gefällt nicht mehr nach zehn Jahren; +leicht gewonnenes Geld geht eben so leicht wieder fort; — und<span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span> +so ist denn ein armseliges, dürftiges, kränkliches Alter nicht +selten der letzte Auftritt des Schauspieler-Lebens.</p> + +<h4>9.</h4> + +<p>Wer Schauspieler und Tonkünstler unter seiner Aufsicht und +Leitung hat, dem rathe ich, sich gleich anfangs auf einen ernsten +und gemessenen Fuß mit ihnen zu setzen, wenn er nicht von +ihrem Eigensinne und ihren Grillen abhängen will. Die Hauptpunkte, +worauf es dabei ankömmt, sind: ihnen zu zeigen, daß +man dem Geschäfte gewachsen sey; daß man einen Künstler zu +beurtheilen und zurechtzuweisen verstehe; sie an Pünktlichkeit +und Ordnung zu gewöhnen, und bei der ersten Uebertretung, +Naseweisigkeit oder Zügellosigkeit Strenge fühlen zu lassen; sie +übrigens aber, nach Verhältniß der Talente und der sittlichen +Aufführung eines Jeden, mit Höflichkeit und Auszeichnung zu +behandeln, ohne sich je gemein mit ihnen zu machen.</p> + +<h4>10.</h4> + +<p>Ermuntre durch bescheidnes Lob, aber schmeichle nicht, erhebe +nicht zur Ungebühr den jungen angehenden Schriftsteller +und Künstler! Durch gar zu freigebiges Lob ist schon Mancher +auf immer verdorben worden. Das übertriebne Beklatschen und +Lobpreisen macht sie schwindlich, aufgeblasen, hochmüthig. Sie +beeifern sich dann nicht weiter, der Vollkommenheit nachzustreben, +und hören auf, ein Publikum zu achten, das so leicht zu +befriedigen scheint. Leider aber zwingt uns der Zustand unsrer +Literatur, alles zu loben, was nicht offenbar Unsinn ist, weil +in dem Fache der schönen Wissenschaften so selten etwas unter +uns erscheint, was sich über das Mittelmäßige erhebt, oder im +Pulte des Verfassers seine volle Reife erlangt hat.</p> + +<p>Laß Dich dadurch nicht verderben, junger Mann von Talenten! +Bewahre auch Dein Herz vor Eifersucht! Laß fremdem +Verdienste Gerechtigkeit widerfahren! Suche immer die Gesellschaft +solcher Männer, durch deren Umgang Du, zum Vortheile +Deiner Kunst, weiser und besser werden kannst, nicht aber den +Schwarm niedriger Schmeichler oder blinder Enthusiasten!</p> + +<h4>11.</h4> + +<p>So wenig Vortheil der vertrauliche Umgang mit Künstlern +von gemeinem Schlage gewährt, so lehrreich und unterhaltend +ist der Umgang mit Männern, die philosophischen Geist, Gelehrsamkeit +und Witz mit Kunst und Talent verbinden. Es ist<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> +ein Glück, an der Seite eines ächten Künstlers zu leben, dessen +Geist durch Kenntnisse gebildet, dessen Blick durch Studium der +Natur und der Menschen geschärft, bei dem, durch die milden +Einwirkungen der Musen, das Herz zu Liebe, Freundschaft und +Wohlwollen gestimmt und die Sitten geläutert und veredelt sind. +Seine freundliche Beredsamkeit ist aufheiternd und belebend, sein +Umgang söhnt mit der Welt und ihren Beschwerden aus, gewährt +Erholung von verdrießlichen, mühsamen und trocknen +Berufs-Geschäften, und gibt demjenigen neue Federkraft, der +durch lange Anstrengung abgespannt ist; erhöht die mäßigste +Kost zu einem Göttermahle, unsere Hütte zu einem Heiligthume, +unsern Heerd zu einem Altare der Musen.</p> + +<h4>12.</h4> + +<p>Man pflegt viel zum Lobe gesellschaftlicher Bühnen und ihres +wohlthätigen Einflusses auf die Bildung junger Leute zu sagen. +Es würde mich zu weit führen, wenn ich hier alles aus einander +setzen wollte, was sich für und gegen die Sache sagen läßt, +und was ich selbst vielfach darüber zu beobachten und zu erfahren +Gelegenheit gehabt habe. Hier nur so viel: Ein großer Theil +dessen, was über das Theaterwesen überhaupt in diesem Kapitel +gesagt worden, ist auch auf die gesellschaftlichen Bühnen anwendbar. +Welche besondre Vorsicht aber noch bei der Wahl der +Stücke und der Rollen-Vertheilung zu beobachten ist, wenn gesittete +junge Leute Schauspiele aufführen sollen, das fällt leicht +in die Augen. Allein ich würde den Eltern noch ausserdem vorzüglich +eine weise Rücksicht auf das Alter, auf die Gemüthsart, +auf die Temperamente ihrer Kinder, auf den Grad der Ausbildung +und Bestimmtheit des Charakters, den sie schon erlangt, +oder noch nicht erlangt hätten, dringend empfehlen, wenn ich +um Rath gefragt würde.</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Sechstes_Kap.">Sechstes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im<br> +bürgerlichen Leben.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Machen wir den Anfang mit den <em class="gesperrt">Aerzten</em>! Kein Stand ist +für das Menschengeschlecht wohlthätiger, als dieser, wenn er +seine Bestimmung erfüllt. Der Mann, welcher alle Schätze der<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> +Natur durchwühlt, und ihre Kräfte erforscht, um Mittel aufzusuchen, +das Meisterstück der Schöpfung, den Menschen, von +den Plagen zu befreien, von welchen sein sichtbarer, materieller +Theil befallen wird, die seinen Geist zu Boden drücken, und oft +schon seine Maschine zerstören, ehe noch einmal sich jede Kraft +in ihm entwickelt hat: der Mann, der sich vor dem Anblicke des +Elendes, Jammers und Schmerzens nicht scheuet, der seine Gemächlichkeit, +seine Ruhe, selbst seine eigne Gesundheit und sein +Leben daran wagt, um den leidenden Brüdern beizustehen; dieser +Mann verdient Verehrung und warmen Dank. Er gibt einer +zahlreichen Familie ihren Beschützer, ihren Erhalter, ihren +Wohlthäter wieder, rettet unmündigen Kindern ihren Vater, +Ernährer und Erzieher, führt vom Rande des Grabes den +edeln Gatten zurück in die Arme seines treuen Weibes. — +Mit Einem Worte: kein Stand hat so unmittelbar segenvollen +Einfluß auf das Wohl der Welt, auf das Glück, auf die +Ruhe, auf die Zufriedenheit der Mitbürger, wie der eines Arztes. +Und wenn man bedenkt, welch ein Umfang von Kenntnissen, +welch eine Besonnenheit und Ausdauer, welch eine +Geistesgegenwart und Reife des Urtheils dazu gehört: so erscheint +der Arzt, wenn er ganz ist, was sein Beruf fordert, in +einer Würde, die beinahe jede andere überstrahlt, und ihm die +stärksten Ansprüche auf Dank und Verehrung seiner Mitbürger +gibt. — Man wird es ohne Genie in keinem Stande recht weit +bringen; doch gibt es Wissenschaften, in welchen ein schlichter +gesunder Hausverstand, und wohl noch etwas weniger, recht +gute Dienste thut! große Aerzte hingegen können durchaus nur +die feinsten Köpfe seyn. Doch das Genie macht es nicht allein +aus; es gehört das ämsigste und mühseligste Studium dazu, um +es in diesem Fache weit zu bringen. Endlich, wenn man überlegt, +daß diese Kenntnisse, mit allen Hülfswissenschaften, welche +die Arzneikunde voraussetzt, gerade die erhabensten, natürlichsten, +ersten Grundkenntnisse des Menschen sind — Studium +der Natur in allen ihren Reichen, in allen ihren möglichen Wirkungen, +in allen ihren Bestandtheilen; Studium des Menschen, +an Leib und Seele, in seinen festen und flüssigen Theilen, in +seiner ganzen Zusammensetzung, in seinen Gemüthsbewegungen +und Leidenschaften — was kann denn lehrreicher, tröstender, +erquickender seyn, als der Umgang und die Hülfe eines solchen<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> +Mannes? Es gibt aber unter den Söhnen Aesculaps auch unzählige +von ganz andrer Art; ungerathene Söhne des berühmten +und erhabenen Vaters, denen der Doctorhut das Privilegium +gibt, an armen Kranken Versuche ihrer Unwissenheit zu +machen; Leute, die den Körper des Patienten wie ihr Eigenthum, +wie ein Gefäß ansehen, in welches sie nach Willkühr allerlei +flüssige und trockene Materie schütten dürfen, um wahrzunehmen, +welche Wirkung durch den Streit dieser salzartigen, +sauren und geistigen Dinge hervorgebracht wird, und wobei sie +nichts wagen, als höchstens, daß das Gefäß zu Grunde geht. +Andern fehlt es, bei der gründlichsten Kenntniß, an Beobachtungsgeist. +Sie verwechseln die Zeichen der Krankheiten, lassen +sich durch falsche Berichte der Kranken täuschen, forschen nicht +kaltblütig, nicht tief, nicht fleißig genug, und verordnen dann +Mittel, die gewiß helfen würden — wenn der Kranke in der +That die Krankheit hätte, mit welcher sie ihn behaftet glauben. +Wieder Andre kleben an Systemgeist, an Autorität, an Mode, +und schieben nie auf ihre Blindheit, sondern auf die Natur die +Schuld, wenn ihre Arzneimittel andre Wirkungen hervorbringen, +als die erwarteten; endlich noch Andre halten aus Gewinnsucht +die Genesung der Leidenden auf, um desto länger, nebst +dem Apotheker und Wundarzte, den Vortheil davon zu ziehen. +Fällt man in die Hände eines solchen Afterarztes, so ist man in +der größten Gefahr, das Opfer der Unwissenheit, der Sorglosigkeit, +des Eigensinns oder der Bosheit zu werden.</p> + +<p>Nun ist es freilich, selbst einem Laien, der sonst einen geraden +Blick mit einiger Menschenkenntniß, Erfahrung und Gelehrsamkeit +verbindet, nicht so schwer, den <em class="gesperrt">groben</em> Charlatan +von dem geschickten Manne, an seinem Vortrage, an der Art +seiner Fragen und Verordnungen, zu unterscheiden; unter <em class="gesperrt">den +Bessern</em> aber Den auszuzeichnen, dem man am sichersten seinen +Körper anvertrauen kann, das ist viel schwerer. Folgende +Vorschriften würde ich daher, in Rücksicht auf den Umgang mit +Aerzten, empfehlen:</p> + +<p>Lebe mäßig in allem Betracht, so wirst Du so glücklich seyn, +den Arzt nur als Freund bei Dir zu sehen; aber Du wirst seiner +Hülfe selten bedürfen!</p> + +<p>Gib wohl Acht auf das, was Deiner besondern Leibesbeschaffenheit +schädlich oder dienlich ist, was Dir wohl, und was Dir<span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span> +übel bekömmt! Richte darnach strenge Deine Lebensart ein, so +wirst Du nicht oft in den Fall kommen, Dein Geld in die +Apotheke schicken zu müssen!</p> + +<p>Wenn man nicht ganz fremd in der Physik, dabei ein wenig +bewandert in medicinischen Büchern ist, sein Temperament kennt, +und weiß, zu welchen Krankheiten man Anlage hat, und was +Wirkung auf uns macht: so kann man auch oft, bei wirklichen +Krankheiten, sein eigner Arzt seyn. Jeder Mensch ist <em class="gesperrt">einer</em> Art +von Gebrechen mehr ausgesetzt, als einer <em class="gesperrt">andern</em>, in so fern +er einförmig lebt. Studirt er nun mit Ernst diesen einzigen Zweig +der Heilkunde, so müßte es sonderbar zugehen, wenn er davon +nicht vielleicht mehr, wenigstens eben so viel Einsicht erlangen +sollte, als ein Mann, der das ganze Heer von Krankheiten +übersehen muß.</p> + +<p>Fordert aber die Noth, daß Du Dich an einen Arzt wendest, +und Du willst Dir einen unter dem Haufen aussuchen: so gib +zuerst Acht, ob der Mann gesunde Vernunft hat; ob er über +andre Gegenstände mit Klarheit, unpartheiisch, ohne Vorurtheil +raisonnirt; ob er bescheiden, verschwiegen, fleißig und seiner +Kunst ganz ergeben ist; ob er ein gefühlvolles, menschenliebendes +Herz zeigt; ob er seine Kranken mit einer Menge verschiedner +Arzneien zu bestürmen, oder sich einfacher Mittel zu bedienen, +der Natur wo möglich ihren Lauf zu lassen pflegt; ob er +eine Diät empfiehlt, die nach seinen Begierden abgemessen, ob +er verbietet, was <em class="gesperrt">ihm</em> selbst zuwider ist; nur anräth, wozu er +selbst geneigt ist; ob er sich in Reden zuweilen widerspricht; ob +er fest in seinem Systeme ist, oder sich irre machen läßt, und +von einer Heilart zur andern übergehet; ob er einzelnen Kennzeichen +entgegen arbeitet, oder immer die Hauptsache vor Augen +hat; ob er Brodneid gegen seine Kunstverwandten, sich eben so +bereitwillig zeigt, den Großen und Reichen, als den Niedern +und Armen beizustehen? Bist Du über diese Punkte befriedigt +und beruhigt, so vertraue Dich ihm an.</p> + +<p>Vertraue Dich aber ihm allein, gänzlich und ohne Zurückhaltung! +Verschweige auch nicht den kleinsten Umstand, der +dazu dienen mag, ihn mit dem Zustande und dem Sitze Deines +Uebels bekannt zu machen! Doch mische keine nichtsbedeutende +Kleinigkeiten, keine Thorheiten, keine Grillen, keine Einbildungen +hinein, die ihn irre machen könnten! Folge strenge und<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span> +pünktlich seinen Vorschriften, damit er sicher seyn dürfe, ob das, +was Du nachher empfindest, die Folge seiner angewendeten Mittel +sey! Laß Dich daher auch nicht verleiten, nebenher allerlei +Hausmittel, möchten sie auch noch so unschuldig scheinen, zu +gebrauchen, noch heimlich einen zweiten Arzt um Rath zu fragen! +Vor allen Dingen nimm nicht etwa zu gleicher Zeit zwei +solcher Herren öffentlich an! Die Resultate ihrer Berathungen +werden eben so viel Todesurtheile für Dich seyn; Keinem von +Beiden wird Deine Genesung am Herzen liegen; sie werden +Deinen Körper zu dem Kampfplatze ihrer verschiedenen Meinungen +gebrauchen; sie werden Einer dem Andern die Ehre mißgönnen, +Dich gesund zu machen, und Dich also lieber gemeinschaftlich +dem Tode überliefern, um nachher wechselseitig die +Schuld auf einander schieben zu können.</p> + +<p>Den Mann, der alles anwendet, was in seinen Kräften +steht, Deine Gesundheit herzustellen, belohne nicht sparsam, sondern +reichlich, nach Deinem Vermögen! Hast Du aber Ursache, +zu glauben, daß er eigennützig sey, so setze Dich auf den Fuß, +ihm jährlich etwas Festgesetztes zu zahlen, Du mögest krank oder +gesund seyn, damit er kein Interesse dabei habe, Dich mit allerlei +Krankheiten zu versehen, oder Deine Herstellung aufzuhalten.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Wenden wir uns nun zu den Juristen! Nächst den natürlichen +Gütern, nächst der Wohlfahrt des Geistes, der Seele und +des Leibes, ist in der bürgerlichen Gesellschaft der sichre Besitz +des Eigenthums das Heiligste und Theuerste. Wer dazu beiträgt, +uns diesen Besitz zuzusichern; wer sich weder durch +Freundschaft, noch Partheilichkeit, noch Weichlichkeit, noch Leidenschaft, +noch Schmeichelei, noch Eigennutz, noch Menschen-Furcht +bewegen läßt, auch nur einen einzelnen kleinen Schritt +von dem geraden Wege der Gerechtigkeit abzuweichen; wer durch +alle Künste der List und Ueberredung, durch die Unbestimmtheit, +Zweideutigkeit und Verwirrung der geschriebenen Gesetze hindurch, +klar zu schauen, und den Punkt, den Vernunft, Wahrheit, +Redlichkeit und Billigkeit bestimmen, zu treffen weiß; wer +der Beschützer der Aermern, des Schwächern und Unterdrückten +gegen den Stärkern, Reichern und Unterdrücker; wer der Waisen +Vater, der Unschuldigen Retter und Vertheidiger ist — der +ist gewiß unsrer ganzen Verehrung werth.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span></p> + +<p>Was ich hier gesagt habe, beweist aber auch zugleich, wie +sehr viel dazu gehöre, auf den Titel eines würdigen Richters und +auf den eines edlen Sachwalters Anspruch machen zu dürfen; +und es ist, am gelindesten gesprochen, sehr übereilt geurtheilt, +wenn man behauptet, es werde, um ein guter Jurist zu seyn, +wenig gesunde Vernunft, sondern nur Gedächtniß, ein wenig +Schlauheit und ein wenig Phlegma, Vorliebe für den Schlendrian +und ein hartes Herz erfordert; oder die Rechtsgelehrsamkeit +sey nichts anders, als die Kunst, die Leute auf eine rechtsbeständige +Art um Geld und Gut zu bringen. Freilich, wenn +man unter einem Juristen einen Mann versteht, der nur sein +römisches Recht im Kopfe hat, die Kunstgriffe der Auslegung +und Anwendung der Gesetze kennt, und die spitzfindigen Distinctionen +der Rabulisten studirt hat, so mag man Recht haben; +aber ein solcher entheiligt auch sein ehrwürdiges Amt.</p> + +<p>Doch ist es in der That traurig — um auch das Böse nicht +zu verschweigen — daß die Handlungen so vieler Richter und +Advocaten, so wie die Justiz-Verfassung in den mehrsten Ländern, +so viel Grund und Anlaß zu jenen harten Beschuldigungen +geben. So geschieht es, daß sich Menschen ohne Grundsätze, +verschrobene und alltägliche Köpfe, dem Studium der +Rechtsgelehrsamkeit widmen, und mit der Kenntniß der Gesetze +keine andre feine Kenntnisse verbinden, dennoch aber so stolz auf +diesen Wust von alten römischen, auf unsre Zeiten wenig passenden +Gesetzen sind, daß sie von dem Manne, der die edlen +Pandecten nicht am Schnürchen hat, glauben, er könne gar +nichts gelernt haben. Ihre ganze Gedanken-Reihe knüpft sich +nur an ihre heilige Schrift, an das Corpus Juris an, und ein +steifer Civilist ist daher im gesellschaftlichen Leben das langweiligste +Geschöpf, das man sich denken mag. In allen übrigen +menschlichen Dingen, in allen andern, den Geist aufklärenden, +das Herz bildenden Kenntnissen unerfahren, tritt ein solcher Jurist +in ein öffentliches Amt, und wird vielleicht für eine ganze +Stadt der einzige Verwalter der Gerechtigkeit. Sein barbarischer +Styl, seine bogenlangen Perioden, die unglückselige Fertigkeit, +die einfachste deutlichste Sache zu verwickeln, zu verdunkeln, +und unverständlich zu machen, erfüllt Jeden, der Geschmack +und Sinn für Klarheit hat, mit Ekel und Ungeduld. Wenn +Du auch nicht das Unglück erlebst, daß Deine Angelegenheit<span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span> +einem eigennützigen, partheiischen, faulen, oder schwachköpfigen +Richter in die Hände fällt; so ist es schon genug, daß Dein +oder Deines Gegners Anwald ein Mensch ohne Gefühl, ein gewinnsüchtiger +Gauner, ein Pinsel, oder ein Ränkeschmidt ist, +um bei einem Rechtsstreite, den jeder unbefangene gesunde Kopf +in einer Stunde schlichten könnte, viele Jahre lang hingehalten +zu werden, ganze Ballen voll Acten zusammengeschrieben zu +sehen, und dreimal so viel Unkosten zu bezahlen, als der Gegenstand +des ganzen Streits werth ist, ja am Ende die gerechteste +Sache zu verlieren, und Dein offenbares Eigenthum fremden +Händen preiszugeben. Und wäre auch beides nicht der Fall; +wären auch Richter und Sachwalter geschickte und redliche Männer, +so ist der Gang der Justiz in manchen Ländern von der +Art, daß man Methusalems Alter erreichen muß, um das Ende +eines Prozesses zu erleben. Da schmachten dann ganze Familien +im Elende und Jammer, indeß sich Schelme und hungrige +Scribler in ihr Vermögen theilen. Da wird die gegründeteste +Forderung wegen eines kleinen Mangels an elenden Formalitäten +für nichtig erklärt. Da muß der Aermere sich's gefallen lassen, +daß sein reicherer Nachbar ihm sein väterliches Erbe wegreißt, +wenn der Anwald des Gegners Mittel findet, den Sinn +irgend eines alten Documents zu verdrehen, oder wenn der Unterdrückte +nicht Vermögen genug hat, die ungeheuren Kosten +zur Führung des Prozesses aufzubringen. Da müssen Söhne +und Enkel geduldig zusehen, wie die Güter ihrer Voreltern, unter +dem Vorwande, die darauf haftenden Schulden zu bezahlen, +Jahrhunderte hindurch in den Händen privilegirter Diebe bleiben, +indeß weder sie noch die Gläubiger Genuß davon haben. +Da muß mancher Unschuldige sein Leben auf dem Blutgerüste +hingeben, weil die Richter mit der Sprache der Unschuld weniger +bekannt sind, als mit den Wendungen einer falschen Beredsamkeit. +Da lassen Professoren Urtheile über Gut und Blut +durch ihre unbärtigen Schüler verfassen, und geben demjenigen +Recht, der das Responsum bezahlt. — Doch was helfen hier +alle Declamationen, und wer kennt nicht diese Greuel der Verwüstung?</p> + +<p>Darum bleibt es wahr, daß ein magerer Vergleich besser sey, +als ein fetter Prozeß. Darum sey es Regel: Man halte seine +Geschäfte in solcher Ordnung, mache alles darin bei Lebzeiten<span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span> +so klar, daß man seinen Erben nicht die geringste Wahrscheinlichkeit +eines gerichtlichen Zwistes hinterlasse!</p> + +<p>Hat uns aber der böse Feind zu einem Prozesse verholfen, so +suche man sich einen redlichen, uneigennützigen, geschickten Advocaten +— man wird oft ein wenig lange suchen müssen — +und bemühe sich, mit ihm also einig zu werden, daß man ihm, +ausser seinen Gebühren, noch reichere Bezahlung verspreche, +nach Verhältniß der Kürze der Zeit, binnen welcher er die +Sache zu Ende bringen wird!</p> + +<p>Man mache sich gefaßt, nie wieder in den Besitz seiner Güter +zu kommen, wenn diese einmal in Advocaten- und Administratoren-Hände +gerathen sind, besonders in Ländern, wo alter +Schlendrian, Schläfrigkeit und Inconsequenz in Geschäften +herrschen!</p> + +<p>Man erlaube sich keine Art von Bestechung der Richter! +Wer dergleichen anwendet, der ist beinahe ein eben so arger +Schelm, wie Der, welcher nimmt.</p> + +<p>Man waffne sich mit Geduld in allen Angelegenheiten, die +man mit Juristen von gemeinem Schlage vorhat.</p> + +<p>Man bediene sich auch keines Solchen zu Dingen, die schleunig +und einfach behandelt werden sollen!</p> + +<p>Man sey äusserst vorsichtig im Schreiben, Reden, Versprechen +und Behaupten gegen Rechtsgelehrte! Sie kleben am Buchstaben. +Ein juristischer Beweis ist nicht immer ein Beweis der +gesunden Vernunft; juristische Wahrheit zuweilen etwas mehr, +zuweilen etwas weniger, als gemeine Wahrheit; juristischer Ausdruck +ist nicht selten einer andern Auslegung fähig, als gewöhnlicher +Ausdruck, und juristischer Wille oft das Gegentheil von +dem, was man im gemeinen Leben Willen nennt.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Ich komme jetzt zu dem <em class="gesperrt">Wehrstande</em>. Wenn in unsern +heutigen Kriegen noch Mann gegen Mann föchte, und die Kunst, +Menschen zu vertilgen, nicht so methodisch und kunstmäßig getrieben +würde; wenn allein persönliche Tapferkeit das Glück des +Kriegers entschiede, und der Soldat nur für sein Vaterland, zur +Vertheidigung seines Eigenthums und seiner Freiheit stritte: so +würde auch kein solcher Ton unter den Kriegsleuten herrschen, +wie jetzt, da zu einem geschickten Militär ganz andre Arten von +Kenntnissen gehören, da ein Paar neue Ressorts, nämlich Subordination<span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span> +und ein conventioneller Begriff von Ehre, auf gewisse +Weise an die Stelle des kühnen Muths getreten sind, und diese +die Menschen zwingen müssen, auf ihrem Platze unbeweglich +stehen zu bleiben und aus der Ferne in völliger Ruhe auf sich +schießen zu lassen, weil die Leidenschaften der Fürsten, ihr Ehrgeitz +und ihre Eroberungssucht es so wollen, und die Völker nur +um der Fürsten willen da sind. Dennoch war eine gewisse Rohigkeit, +Zügellosigkeit und ein trotziges Hinwegsetzen über alle +Regeln der Moral und bürgerlichen Uebereinkunft — gleich als +wären diese Gesetze nur Kinder des Friedens — noch in der ersten +Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts fast der allgemeine +Charakter eines Soldaten von hohem und niederm Range. In +unsern Tagen aber sieht es damit ganz anders aus. Fast in allen +europäischen Staaten, besonders in Frankreich, findet man +im Soldatenstande Personen, die durch Kenntnisse in allen Fächern +der Wissenschaften und Künste, besonders in solchen, die +zu ihrem Handwerke gehören, durch ein gefälliges, geschmeidiges +und kluges Betragen, äussere Sittlichkeit, Sanftmuth des +Charakters und Bildung des Geistes und Herzens, sich der allgemeinen +Achtung und Liebe werth machen. Ich würde also +keine besondre Vorschriften über den Umgang mit Militärs zu +geben haben, wenn nicht theils, so wie in allen Ständen, also +auch hier, Ausnahmen Statt fänden, theils einige andre Rücksichten +nicht mit Stillschweigen übergangen werden dürfen; +doch kann ich mich dabei kurz fassen.</p> + +<p>Wer seinem Stande, seinem Alter, oder seinen Grundsätzen +nach, sich weder necken und beleidigen zu lassen, noch eine Beleidigung +durch den Zweikampf auszutilgen Lust haben kann, +der thut wohl, wenn er die Gelegenheit vermeidet, bei Spiel, +Trunk oder andern dergleichen Fällen, mit <em class="gesperrt">rohen</em> Leuten vom +Soldatenstande in Gemeinschaft zu kommen, oder, wenn er solchen +Gelegenheiten nicht ausweichen kann, sich so behutsam, +höflich und ernsthaft, als möglich, aufzuführen. Indessen kömmt +hiebei auch sehr viel auf den Ruf an, in welchem man steht; +und ein gerader, fester, redlicher und verständiger Mann pflegt, +selbst von ausschweifenden, ungesitteten Leuten, geachtet und +geschont zu werden.</p> + +<p>Ueberhaupt aber rathe ich, im Reden und Handeln gegen +Offiziere vorsichtig zu seyn. Das Vorurtheil von übel verstandner<span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span> +Ehre, das in den mehrsten Armeen, vorzüglich in der französischen, +herrschend ist, und das von mancher andern Seite einen +Nutzen stiften kann, der hier zu weitläuftig zu entwickeln seyn +würde, befiehlt dem Offizier, auch nicht das kleinste zweideutige +Wörtchen, das ihm gesagt wird, hinzunehmen, ohne Genugthuung +durch die Waffen zu fordern; und da hat denn nicht selten +ein Ausdruck, den man sich im gemeinen Leben unbedenklich +erlauben dürfte, für ihn einen beleidigenden Sinn. Man +darf z. B. wohl sagen: »Das war doch <em class="gesperrt">nicht gut</em>,« aber keinesweges: +»Das war <em class="gesperrt">schlecht</em> von Ihnen;« — und doch muß +das, was <em class="gesperrt">nicht gut</em> ist, nothwendig <em class="gesperrt">schlecht</em> seyn. Mit dieser +Sprache der Uebereinkunft soll man sich also <em class="gesperrt">bekannt</em> machen, +wenn man mit Personen, denen dieselbe Gesetze auflegt, umgehen +will.</p> + +<p>Daß man in Gegenwart eines Offiziers nie, auch nicht das +Mindeste, zum Nachtheile dieses Standes vorbringen dürfe, versteht +sich wohl um so mehr von selbst, da es in der That nöthig +ist, daß der Soldat seinen Stand für den ersten und wichtigsten +in der Welt halte. — Denn was soll ihn bewegen, sich einer +so beschwerlichen und gefährlichen Lebensart zu widmen, wenn +es nicht die Ansprüche auf Ruhm und Ehre sind?</p> + +<p>Endlich erwirbt man sich bei dem Soldatenstande durch ein +offenes, treuherziges, ungezwungenes und fröhliches Wesen, +durch freien und muntern Scherz, Gunst und Beifall; man +muß also mit ihrer Weise bekannt seyn, wenn man mit dieser +Klasse leben will. Doch sind vielleicht die Zeiten nicht mehr +fern, wo jede dieser Vorschriften unnütz werden, und der Stand +eines Soldaten nicht länger von dem eines Bürgers getrennt +bleiben wird.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Kein Stand hat vielleicht so viel Annehmlichkeit, wie der +eines <em class="gesperrt">Kaufmanns</em>, wenn dieser nicht ganz mit leerer Hand +anfängt, wenn das Glück ihm nicht entschieden zuwider ist, +wenn er ein wenig vor sich gebracht hat, wenn er seine Unternehmungen +mit gehöriger Klugheit treibt, nicht zu viel wagt +und auf das Spiel setzt. Kein Stand genießt einer so glücklichen +Freiheit, wie dieser. Kein Stand hat von je her so unmittelbar +thätigen, wichtigen Einfluß auf Moralität, Kultur und +Lebensweise gehabt, wie die Kaufmannschaft. Wenn durch sie<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span> +und durch die Verbindung, welche der Handel zwischen den entferntesten +und ungleichartigsten Völkern stiftet, der Ton ganzer +Nationen umgestimmt, und Menschen mit geistigen und körperlichen +Bedürfnissen, mit Wissenschaften, Wünschen, Krankheiten, +Schätzen und Sitten bekannt gemacht werden, die ausserdem +vielleicht nie, wenigstens sehr viel später, bis dahin gedrungen +seyn würden, so läßt sich wohl nicht zweifeln, daß eine +Vereinigung der feinsten Köpfe dieses Standes sich die Gewalt +erwerben könnte, dem Geschmack, der Lebensweise und selbst +dem Urtheil eines ganzen Volks jede beliebige Richtung zu geben, +und der Gesellschaft Gesetze vorzuschreiben, die sie nicht +übertreten könnte. Zum Glück für unsere Freiheit aber gibt es +theils nur sehr wenige so weitsehende, planvolle Köpfe unter Leuten +dieses Standes in der Welt, theils sind sie durch ein sehr +verschiedenes Interesse so getrennt, daß sie sich nicht zu einer +solchen Machthaberschaft vereinigen können; und so fällt zwar +die Wirkung nicht weg, welche der Handel auf Sitten und Aufklärung +hat; aber es geht doch damit nicht methodisch zu, sondern +alles rückt seinen Gang unter dem Einfluß der Zeit fort. +Indessen begreift man leicht, daß eben das Ideal, welches ich +von einem großen Handelsmanne aufgestellt habe, einen Mann +von feinem, vorausschauenden, weit umfassenden Geiste, und, +wenn es ihm um das Wohl der Welt zu thun ist, einen Mann +von edeln, erhabenen Gesinnungen bezeichnet. Auch gibt es +solche Männer in diesem Stande, und ich habe, besonders +während meines Aufenthalts in Hamburg, Bremen und andern +großen Handelsplätzen, deren einige kennen gelernt, die wahrlich, +wenn sie auf einem andern Platze gestanden hätten, unter +den größten Männern ihrer Zeit genannt worden wären.</p> + +<p>Da man nun aber keiner Vorschriften bedarf, um zu lernen, +wie man mit weisen und guten Menschen umgehen soll, so will +ich hier nur von dem Betragen im Umgange mit Kaufleuten +von gemeinem Schlage reden. Diese werden von ihrer ersten +Jugend an gewöhnlich so mit Leib und Seele nur dahin gerichtet, +auf Geld und Gut ihr Augenmerk, und für nichts anders, +als für Reichthum und Erwerb Sinn zu haben, daß sie den +Werth eines Menschen fast immer nach der Schwere seines Geldkastens +beurtheilen, und bei ihnen: <em class="gesperrt">der Mann ist gut</em>, so viel +heißt, als: <em class="gesperrt">der Mann ist reich</em>. Hierzu gesellet sich wohl<span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span> +noch, besonders in Reichsstädten, eine Art von Prahlerei, eine +Begierde, es Andern ihres Gleichen da, wo es Aufsehen macht, +an Pracht zuvorzuthun, um zu zeigen, daß ihre Sachen fest +stehen. Da sie aber mit dieser Neigung immer noch Sparsamkeit +und Habsucht verbinden, und da, wo sie nicht bemerkt werden, +äusserst eingeschränkt und sparsam leben, und sich sehr viel +versagen: so bemerkt man da einen Kontrast von Kleinlichkeit +und Glanz, von Geitz und Verschwendung, von Niederträchtigkeit +und Stolz, von Unwissenheit und Ansprüchen, der Mitleiden +erregt; und so industriös auch sonst die Kaufleute sind, +so fehlt es ihnen doch mehrentheils an der Gabe, ein kleines +Fest durch geschmackvolle Anordnungen glänzend, und mit wenigen +Kosten einen anständigen Aufwand zu machen. Ausser +Hamburg ist dieß wohl in allen deutschen Handelsstädten mehr +oder weniger der Fall.</p> + +<p>Willst Du bei diesen Leuten geachtet seyn, so mußt Du wenigstens +in dem Rufe stehen, daß Deine Vermögens-Umstände +nicht zerrüttet seyen: Wohlstand macht auf sie den besten Eindruck. +Sey es durch Deine Schuld, oder durch Unglück, so +wirst Du, auch bei den herrlichsten Vorzügen des Verstandes +und Herzens, von ihnen verachtet werden, wenn Du Mangel +leidest.</p> + +<p>Willst Du einen Solchen zu einer milden Gabe, oder sonst +zu einer großmüthigen Handlung bewegen, so mußt Du entweder +seine Eitelkeit mit in das Spiel bringen, daß es bekannt +werde, wie viel dies große Haus an Arme gibt; oder der Mann +muß glauben, daß der Himmel ihm die Gabe hundertfältig vergelten +werde: dann wird es andächtiger Wucher.</p> + +<p>Große Kaufleute spielen, wenn sie spielen, gewöhnlich um +hohes Geld. Sie betrachten das wie jeden andern Speculations-Handel; +aber sie spielen dann auch mit aller Kunst und Aufmerksamkeit. +Man hüte sich daher, wenn man das Spiel nicht +versteht, und es nachlässig, bloß als einen Zeitvertreib ansieht, +sich mit solchen Männern einzulassen!</p> + +<p>Laß es Dir unter Kaufleuten ja nicht einfallen, Deinen +Stand oder Rang, oder Deine Geburt geltend machen zu wollen, +besonders wenn Du nicht reich bist! oder Du wirst Dich +kränkenden Demüthigungen aussetzen.</p> + +<p>Doch pflegt in manchen Kaufmannshäusern einem Manne<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span> +mit Stern, Orden und Titel geschmeichelt zu werden: das geschieht +dann aus Prahlerei, um zu zeigen, daß auch Vornehme +da Gastfreundschaft genießen, oder daß man mit Höfen und +großen Familien in Verhältnissen stehe.</p> + +<p>Auch der Gelehrte und Künstler wird hier übersehen, oder +nur aus Eitelkeit vorgezogen. Er erwarte nicht, daß sein wahrer +Werth erkannt werde!</p> + +<p>Da die Sicherheit des Handels auf Pünktlichkeit im Bezahlen +und auf Treue und Glauben beruht, so setze Dich bei den +Kaufleuten in den Ruf, strenge Wort zu halten und ordentlich +zu bezahlen: so werden sie Dich höher achten, als manchen viel +reichern Mann.</p> + +<p>Man hüte sich, wenn man nicht selbst den Handel aus dem +Grunde versteht, sich von Kaufleuten zu gemeinschaftlichen Unternehmungen +und Speculationen verleiten zu lassen. Ist bei +der Sache ein sicherer Gewinn wahrscheinlich zu erwarten, so +hütet sich der Kaufmann wohl, einem Laien, und wäre er sein +bester Freund, davon Eröffnung zu thun, um ihn Theil nehmen +zu lassen. Solche Anträge sind also immer verdächtig. Daß +man noch ausserdem, wenn auch der Erfolg glücklich ausfällt, +bei der Berechnung und Theilung verkürzt wird, versteht sich +von selbst.</p> + +<p>Wer wohlfeil kaufen will, der kaufe für baares Geld! — +das ist eine sehr bekannte Lehre. Man hat dann die Wahl von +Kaufleuten und von Waaren, und man kann es niemand übel +auslegen, wenn er, bei der Ungewißheit, ob und wie bald er +bezahlt werde, für seine Waare einen übertriebenen Preis fordert, +oder das Schlechteste hingibt, was er hat.</p> + +<p>Hat man Ursache, mit dem Betragen des Mannes, mit welchem +man Handlungsgeschäfte getrieben hat, zufrieden zu seyn: +so wechsele man nicht ohne Noth, laufe nicht von einem Kaufmanne +zu dem andern! Man wird von Leuten, die uns kennen, +denen an der Erhaltung unsrer Kundschaft gelegen ist, +treuer bedient, und sie geben uns auch, wenn es ja unsere Umstände +erforderten, leichter Credit, ohne deswegen den Preis der +Waaren zu erhöhen.</p> + +<p>Man enthalte sich, einem Krämer für den geringen Vortheil, +der ihm aus einem kleinen Handel mit uns zuwächst, viel Mühe, +Zeitverlust und Wege zu machen! Diese Unart ist besonders den<span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span> +Frauenzimmern eigen, die zuweilen sich für tausend Thaler +Waare auspacken lassen, um, nach zweistündiger Beäuglung +und Betastung, für einen Gulden zu kaufen, oder gar alles +Gesehene zu schlecht und theuer zu finden.</p> + +<p>Bei kleinen Kaufleuten, und in Städten, wo eigentlich nur +Krämer wohnen, ist die unartige Gewohnheit eingerissen, daß +diese oft sehr viel mehr für ihre Waaren forden, als wofür sie +dieselben hingeben wollen. Andre geben mit angenommener +Treuherzigkeit und Biederkeit vor, daß sie den äussersten Preis +setzen, und lassen sich keinen Heller abdingen; und so muß man +oft doppelt so viel bezahlen, als die Sache werth ist. Erstern +würde man ihre kleinen Künste leicht abgewöhnen können, wenn +die Angesehensten in einer Stadt sich vereinigten, solchen Gaunern +gar nichts abzukaufen. Es ist aber das jüdische Verfahren +dieser beiden Arten von christlichen Krämern eben so unredlich, +als unklug. Sie betrügen damit höchstens nur einige Fremde +und Solche, die von dem Werthe der Waaren nichts verstehen; +bei Andern hingegen verlieren sie allen Glauben; und wenn +man erst ihre Weise kennt, so bietet man ihnen nur die Hälfte +von dem, was sie fordern. Uebrigens soll der, welcher kaufen +will, die Augen aufthun: es ist unvernünftig, einen Handel +von einiger Wichtigkeit zu schließen, ohne vorher sich Kenntniß +von dem wahren Werthe der Sache erworben zu haben, die +man kaufen will.</p> + +<p>Welch eine große Vorsicht man im Pferde-Handel zu beobachten +habe, das ist eine bekannte Sache. Bei diesem hat sich +das Vorurtheil eingeschlichen, daß Eltern und Kinder, Geschwister +und Freunde, Herren und Diener sich keinen Gewissensvorwurf +machen zu dürfen glauben, wenn sie einander betrügen.</p> + +<h4>5.</h4> + +<p>Die Herren <em class="gesperrt">Buchhändler</em> verdienten wohl ein eigenes Kapitel. +In demselben könnte man sehr viel Wahres zum Lobe derjenigen +unter ihnen sagen, die diesen Handel nicht als einen +jüdischen Erwerb treiben, so daß sie etwa wenig darum bekümmert +wären, was <em class="gesperrt">für</em> Bücher bei ihnen verlegt und verkauft +werden, in so fern nur Geld daraus gelöset wird, — denen es +nicht gleichgültig ist, ob man sie zu Hebammen von kleinen +Krüppeln und Mißgeburten braucht, ob sie zu Werkzeugen der +Ausbreitung eines elenden, seichten, falschen Geschmacks und<span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span> +schlechter Grundsätze dienen, — sondern denen, wie unserm Nicolai, +Wahrheit, Kultur und Aufklärung am Herzen liegen, — +die das verkannte, im Dunkeln lebende Talent ermuntern, aus +dem Staube hervorziehen, in Thätigkeit setzen und großmüthig +unterstützen, — die den täglichen Umgang und das Verkehr +mit Gelehrten und Büchern dazu anwenden, sich selbst Kenntnisse +zu sammeln, ihren Geist zu bilden, und bessere Menschen +zu werden. Und dann würde, des Kontrastes wegen, das Gegenbild +keine üble Wirkung machen — das Bild eines Mannes, +der, nachdem ein halbes Jahrhundert hindurch die vortrefflichsten +Werke durch seine schmutzigen, geldgierigen Finger gegangen +sind, noch immer eben so unwissend und dumm geblieben +ist — ausgenommen die kleinen Wucher-Künste, — wie ein +zehnjähriger Knabe, — der Manuscripte und neue Bücher nach +der Dicke, nach dem Titel und nach dem herrschenden Geschmack +und Ungeschmack des Publikums schätzt und kauft, — der, um +diesen falschen Geschmack zu unterhalten, durch unbärtige Knaben +jämmerliche Broschüren, Romänchen und Mährchen schreiben, +und unter seiner Firma (Namen) in die Welt gehen läßt, — +der die erbärmlichste Schmiererei, deren Nichtswürdigkeit er +selbst fühlt, durch einen viel versprechenden Mode-Titel, oder +durch saubere Bilderchen aufgestutzt, nach Frankfurt und Leipzig +schleppt, und für diese Lumpereien ein schändendes Lob von feilen +Recensenten erkauft, — den Mann von Talenten wie einen +Tagelöhner behandelt und bezahlt, von der eingeschränkten häuslichen +Lage eines armen Schriftstellers Vortheil zieht, um ein +Werk, das Anstrengung aller Kräfte, Nachtwachen und Aufwand +von wahrer Geistesgröße erfordert hat, und womit er +Tausende gewinnen kann, wie Maculatur zu erhandeln, — der, +so oft ihm ein Werk angeboten wird, verächtlich die Nase rümpft +und den Kopf schüttelt, um desto wohlfeiler daran zu kommen, — +der, wie unter andern unsere Carlsruher und Frankenthaler +Freunde, durch Nachdruck ein Dieb an fremdem Eigenthume +wird. Endlich könnte ich Vorschriften geben, wie die Schriftsteller +mit Buchhändlern von dieser Art umgehen sollen, um +nicht ihre Sclaven zu werden, — wie man sich bei ihnen ein +Gewicht geben könne, und in welche Form man seine Geistes-Produkte +gießen müsse, damit sie von den Sosiern unsrer Zeit +in Verlag genommen werden. — Das aber sind zum Theil<span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span> +Zunft-Geheimnisse, die unter uns großen Gelehrten nur mündlich +fortgepflanzt werden, und die man also nicht jedem, der +bloß Leser ist, verrathen darf.</p> + +<p>Bei der ersten flüchtigen Uebersicht sollte man glauben, alle +Buchhändler, die nur irgend einigen Verlag hätten, müßten +reich werden. Wenn man in Deutschland vier und zwanzig Millionen +Einwohner annimmt, und dann rechnet, daß jedes Buch +tausendmal abgedruckt würde, so beträgt das auf 24,000 Menschen +nur ein Exemplar. — Und welches Buch könnte so schlecht +seyn, daß nicht unter 24,000 Menschen wenigstens Einer Lust +bekäme, es zu kaufen? Allein man wird bald anderer Meinung, +wenn man die Schuldbücher der Herren Buchhändler +durchsieht; wenn man erfährt, daß sie von ihren Amtsbrüdern +nicht mit Gelde, sondern mit Maculatur und Ladenhütern, von +andern Käufern aber oft mit Vertröstungen bezahlt werden; daß +man von der Summe jener 24 Millionen beinahe den ganzen +Bauernstand und die Einwohner der kleinsten Städte abrechnen +muß, und daß die häufigen Leih-Bibliotheken und Nachdruck-Fabriken +ihnen beträchtlichen Schaden zufügen.</p> + +<p>Doch noch <em class="gesperrt">eine</em> Bemerkung: Wer sich bei Buchhändlern, +besonders in minder großen Städten, beliebt machen will, der +leihe und verleihe nicht viel Bücher, und errichte keine Lese-Gesellschaften! +Man kann es sonst wahrlich den armen Handelsmännern +nicht übel nehmen, daß sie sich durch Nachdruck, kleine +Künste und sparsames Honorarium an ihren Collegen, am Publiko +und an den Autoren zu erholen suchen, wenn unter zwanzig +Personen kaum einer ein Buch kauft, die übrigen aber unentgeldlich +mitlesen.</p> + +<h4>6.</h4> + +<p>Ich habe im ersten Theile dieses Buchs bei der Gelegenheit, +da ich Bemerkungen über den Umgang mit Wohlthätern machte, +zugleich von dem Betragen gegen Lehrer und Erzieher geredet. +Unter dieser Klasse habe ich aber die sogenannten <span class="antiqua">Maîtres</span>, d. h. +die stundenweise bedungenen Unterweiser <em class="gesperrt">in Sprachen und +Künsten</em>, nicht mit begriffen. Von diesen muß ich daher hier +noch ein Paar Worte sagen.</p> + +<p>Wirklich ist es eine recht lästige Beschäftigung, zu Erringung +seines Unterhalts den ganzen Tag durch, in Wind und +Wetter, von einem Hause in das andere zu laufen, und ohne<span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span> +freie Wahl der Schüler dieselben Anfangsgründe einer Kunst oder +Sprache unzähligemal wiederholen zu müssen. Findet man nun +unter diesen Meistern dennoch einen Mann, den, trotz dieser +abschreckenden Schwierigkeiten, die Fortschritte, welche seine +Schüler machen, mehr reizen als der Gewinn, dem es ernstlich +darum zu thun ist, seine Kunst leicht, gründlich, lebhaft und +deutlich vorzutragen; so ehre man diesen, wie jeden Andern, +der etwas zu unsrer Bildung beiträgt! Oft aber trifft man unter +diesen Herren sehr schlechte Subjecte an: Menschen ohne Erziehung +und Sitten, die von dem, was sie Andern beibringen +wollen, selbst keine klare Begriffe, am wenigsten aber die Gabe +haben, in Andern dergleichen zu erwecken, — Menschen, die, +besonders wenn sie mit Kindern zu thun haben, es bloß auf +Gedächtniß-Kenntnisse anlegen, womit sie gelegentlich die unwissenden +Eltern täuschen können, welche sich nun überreden, +daß ihre Kinder große Fortschritte gemacht haben, indeß der +Meister froh ist, wenn er die Stunde überstanden hat, — Menschen, +die, um nur die Lehrstunde auszufüllen, Stadt-Mährchen +erzählen, aus <em class="gesperrt">einem</em> Hause in das andre tragen, oder gar +das unedle Handwerk von Kupplern und Liebesbriefträgern verwalten. +Ich kann jeden sorgsamen Vater, und wem sonst junge +Leute anvertrauet sind, nicht genug vor dieser bösen Gattung +von Unterweisern warnen, und rathe, so viel möglich, bei den +Lehrstunden solcher Meister, die man nicht recht genau kennt, +gegenwärtig zu seyn. Ich kann mich nicht enthalten, diese Vorsicht +besonders gegen Musik- und Sprach-Meister zu empfehlen. +Die größere Anzahl der Tonkünstler und französischen Sprachmeister +besteht aus sehr leichtsinnigen, üppigen, sinnlichen Menschen. +Die Musik erregt Gefühle, aber dunkle Gefühle, die öfter +für Wollust, als für hohe Tugenden empfänglich machen, mehr +die Phantasie, als die Vernunft beschäftigen. Deswegen gibt es +unter den Virtuosen so viel verderbte und gefährliche Menschen. +Ganz anders verhält es sich mit großen Componisten; ich rede +nur von ausübenden Musikern. Eben so gefährlich ist eine gewisse +Klasse von Sprachmeistern. Die französische Sprache, die +so reich ist an glatten Worten und feinen Wendungen, wird +von diesen Menschen benutzt, um unschuldigen Herzen das Gift +der Eitelkeit beizubringen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span></p> + +<h4>7.</h4> + +<p>Ein redlicher, arbeitsamer und geschickter <em class="gesperrt">Handwerksmann</em> +oder <em class="gesperrt">Künstler</em> ist eine der nützlichsten Personen im +Staate, und es macht unsern Sitten wenig Ehre, daß wir diesen +Stand so gering schätzen. Was hat ein müssiger Hofschranze, +was hat ein reicher Tagedieb, der um sein baares Geld sich Titel +und Rang erkauft hat, vor dem fleißigen Bürger voraus, +der seinen Unterhalt auf erlaubte Weise durch seiner Hände Arbeit +erwirbt? Dieser Stand befriedigt unsre ersten und natürlichsten +Bedürfnisse. Ohne ihn würden wir für unsre Nahrung +und Kleidung und für alle Gemächlichkeiten des Lebens mit eigenen +hohen Händen sorgen müssen; und erhebt sich nun gar der +Handwerker oder Künstler (wie es sehr oft der Fall ist) durch +Erfindungskraft und Verfeinerung seiner Kunst über das Mechanische, +so verdient er doppelte Achtung. Dazu kömmt, daß +man wirklich unter diesen Leuten, die bei ihren Geschäften Zeit +genug haben, an andre nützliche Dinge zu denken, zuweilen die +hellsten Köpfe, und Männer antrifft, die freier von Vorurtheilen +sind, als Viele, die durch Studiren und Systemgeist ihre +gesunde Vernunft verschroben haben.</p> + +<p>Wie pflichtmäßig ist es also, einen rechtschaffenen und fleißigen +Handwerksmann zu ehren und sich höflich gegen ihn zu +betragen! Und wie unedel ist es, ohne Noth von ihm abzugehen, +ob man gleich keine Ursache hat mit seiner Arbeit, mit seinem +Fleiße und seinen Preisen unzufrieden zu seyn. Man mache +nicht den Handwerksneid unter diesen Leuten rege! Man ziehe, +bei gleichen Umständen, <em class="gesperrt">den</em> Handwerksmann, der unser Nachbar +ist, dem entfernter wohnenden vor! Man bezahle ordentlich, +pünktlich, baar, und dinge ihm nicht über die Gränzen +der Billigkeit ab! Unverantwortlich ist das Verfahren so vieler +Vornehmen und selbst Reichen, die, bei allem Aufwande, den +sie machen, zuletzt daran denken, die Handwerksleute, welche +für sie arbeiten, zu befriedigen. Eben die Verschwender, welche +vielleicht in <em class="gesperrt">einem</em> Abende Tausende im Spiele verlieren, und +es für eine Ehrensache halten, diese Schuld ohne Aufschub zu +tilgen, lassen den armen Handwerksmann um eine Rechnung +von zehn Thalern, worunter mehr als die Hälfte in baaren Auslagen +von seiner Armuth besteht, unbarmherziger Weise Jahre +lang warten, und manchen sauren Weg vergebens thun, lassen<span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span> +ihn wohl gar von einem groben Haushofmeister auf eine kränkende +Weise abfertigen. Diese Ungerechtigkeit und Härte stürzt +so manchen ehrlichen, sonst wohlhabenden Bürger in Mangel, +oder verleitet ihn, ein Betrüger zu werden.</p> + +<p>Es herrscht aber unter den Handwerksleuten die unartige +Gewohnheit des Lügens. Sie versprechen, was sie weder halten +können, noch halten wollen, und übernehmen mehr Arbeit, als +sie in der bestimmten Frist zu liefern im Stande sind. Es würde +der Mühe werth seyn, daß sich, wie ich schon oben in Ansehung +der übertheuernden Krämer vorgeschlagen habe, die angesehensten +Leute einer Stadt dahin vereinigten, bei einem solchen Windbeutel +nicht mehr arbeiten zu lassen. Daher mache ich mit den +Handwerksleuten, welche für mich arbeiten, den Vertrag, daß +ich augenblicklich von ihnen abgehe, sobald sie mir ihre Zusage +nicht halten. Dadurch nun, und wenn man jedesmal bei Ablieferung +der Arbeit baar bezahlt, erlangt man, daß man seltner +belogen wird, als Andre.</p> + +<h4>8.</h4> + +<p>Ein Blick zurück auf das, was ich von dem Umgange mit +Kaufleuten gesagt habe, erinnert mich, daß ich bei dieser Gelegenheit +auch von den <em class="gesperrt">Juden</em>, als gebornen Handelsmännern, +hätte reden sollen. Ich will aber das Wenige, was ich etwa +über diesen Gegenstand vorzutragen habe, hier nachholen.</p> + +<p>In Amerika trifft man sehr viel Juden an, die durchaus in +allen ihren Sitten mit den Christen übereinstimmen, auch sogar +mit christlichen Familien durch wechselseitige Heirathen sich verbinden. +In Holland und in einigen Städten von Deutschland, +besonders in Berlin, ist die Lebensart mancher jüdischen Familien +von der Weise anderer Religions-Verwandten auch fast gar +nicht verschieden. In diesen Fällen nun ist eine von den Ursachen +gehoben, weswegen der Charakter dieses Volks so viel widrige +Eigenheiten hat. Freilich bringen es leider die mehrsten +Juden in der höhern Kultur nicht weiter, als daß sie die Einfalt +und Strenge ihrer Sitten gegen christliche Laster und Thorheiten +vertauschen. Ein jüdischer Stutzer, Wüstling oder Freigeist spielt +dann mehrentheils eine sehr unwürdige Rolle. Daß übrigens die +höchst unverantwortliche Verachtung, mit welcher wir den Juden +begegnen, — der Druck, unter welchem sie in den mehrsten +Ländern leben, und die Unmöglichkeit, auf andre Weise, als<span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span> +durch Wucher, ihren Lebens-Unterhalt zu gewinnen, — daß +diese unsere Ungerechtigkeit nicht wenig dazu beiträgt, sie moralisch +schlecht zu machen, und zur Niederträchtigkeit und zum Betruge +zu reizen, — endlich daß es, ungeachtet aller dieser Umstände, +dennoch edle, wohlwollende, großmüthige Menschen unter +ihnen gibt: — das sind bekannte, oft gesagte Dinge. Laßt +uns aber hier die Juden, nicht wie sie unter andern Umständen +seyn <em class="gesperrt">könnten</em>, noch wie einzelne Subjecte unter ihnen sind, +sondern so, wie wir jetzt ihren Volks-Charakter nach der größern +Anzahl beurtheilen müssen, betrachten!</p> + +<p>Sie zeigen sich rastlos und von einer unerschöpflichen Geduld +und Ausdauer, wo etwas zu gewinnen ist; sie verschmähen auch +den kleinsten Gewinn bei ihrem Gewerbe nicht, und machen, +durch ihren Zusammenhang in allen Ländern und dadurch, daß +sie sich durch keine Art von Bedrückung und Zurückweisung abschrecken +lassen, fast unmögliche Dinge möglich. Man kann sie +daher zu den wichtigsten Verhandlungen brauchen, und auf ihre +Klugheit eben so sehr, wie auf ihre Ausdauer rechnen; nur muß +man ihre Dienste gut bezahlen.</p> + +<p>Sie sind verschwiegen, wo sie Interesse dabei finden; vorsichtig; +zuweilen zu furchtsam, doch für's Geld bereit, das +Aergste zu wagen; verschlagen; witzig; scharfsinnig in ihren +Einfällen; Schmeichler im höchsten Grade, und finden dadurch +Mittel, sich ohne Aufsehen in den größten Häusern Einfluß zu +verschaffen, und durchzusetzen, was man ohne sie schwerlich bewirken +würde.</p> + +<p>Sie sind mißtrauisch. Sind sie aber <em class="gesperrt">einmal</em> überzeugt, daß +sie pünktliche Bezahlung erhalten werden, und mit einem ehrlichen +Manne zu thun haben, so kann man auch bei ihnen Hülfe +finden, wenn alle christlichen Wucherer sich zurückziehen.</p> + +<p>Bist Du aber ein schlechter Wirth, oder sind Deine Vermögens-Umstände +in einer zweideutigen Lage: so wird niemand +dieß leichter gewahr werden, als der Jude. Rechne dann nicht +darauf, daß er Dir Geld vorschießen werde, oder mache Dich +gefaßt, ihm, wenn er es auf Speculation daran wagt, Dich +zu so übertriebenen Procenten und zu solchen Bedingungen verbindlich +machen zu müssen, daß dadurch Deine Lage gewiß noch +unglücklicher wird!</p> + +<p>Es wird den Juden gewaltig schwer, sich vom Gelde zu trennen,<span class="pagenum" id="Seite_380">[S. 380]</span> +weil es ihr höchstes Gut, und die Bedingung ihres Daseyns +ist. Darum gehen sie in Geld-Angelegenheiten mit der +größten Vorsicht zu Werke, und lassen sich dabei keine Mühe +verdrießen. Wenn Jemand, den sie nicht recht genau kennen, +sie um ein Darlehn anspricht, so werden sie denselben auf einen +andern Tag wieder bestellen. Unterdessen forschen sie bei Handwerkern, +Nachbaren, Bedienten u. dgl. nach den kleinsten Umständen +des künftigen Schuldners. Kömmt dieser zur bestimmten +Zeit wieder, so läßt sich der Jude verleugnen, oder verschiebt +die Zahlung noch um einige Wochen, Tage oder Stunden. Und +ist auf Deinem Gesichte nur irgend eine Spur von Verlegenheit +über Deine Umstände, oder von zu großer Freude über die zu +hoffende Hülfe zu lesen, so wird der Jude sich nicht von seinem +Mammon trennen, und hätte er auch schon angefangen, das +Geld hinzuzählen. Daß er Dir immer das leichteste Gold geben +wird, versteht sich von selbst. Auf dies alles muß man sich gefaßt +machen, wenn man in solche Fälle kömmt.</p> + +<p>Bei dem Handel mit Hebräern gemeiner Art ist es rathsam, +die Augen oder den Beutel zu öffnen. Es ist sehr natürlich, daß +ein Christ sich auf ihre Gewissenhaftigkeit, auf ihre Betheuerungen +nicht verlassen darf. Sie werden Euch Kupfer für Gold, +drei Ellen für vier, alte Sachen für neue verkaufen, falsche +Münze für ächte geben, wenn Ihr es nicht besser verstehet.</p> + +<p>Wenn man alte Kleider oder andre Sachen an Juden verhandeln +will, so suche man mit dem ersten, der ein irgend leidliches +Gebot thut, sogleich einig zu werden! Lässest Du ihn fortgehen, +ohne sein Gebot anzunehmen, so wird die Nachricht, +daß bei Dir etwas zu schachern sey, und daß man Mendeln oder +Joseph den Handel nicht verderben dürfe, wie ein Lauf-Feuer +durch die ganze Judenschaft gehen, und in der Synagoge publicirt +werden: in solchen Fällen halten sie treulich zusammen. Es +werden dann haufenweise die Israeliten, fremde und einheimische, +Dein Haus bestürmen; aber jeder später kommende wird +immer etwas weniger bieten, als der vorhergehende, bis Du +endlich entweder den ersten wieder aufsuchst, der aber dann die +gleich anfangs gebotene Summe noch vermindert, oder bis Deine +Waare Dir so zuwider wird, daß Du sie für die Hälfte des +Werths einem Andern hingibst, der sie treulich dem Ersten einhändigt. +Wenn auch ein Jude von gemeiner Art Dir im Handel<span class="pagenum" id="Seite_381">[S. 381]</span> +so viel bietet, wie Du etwa fordern zu dürfen glaubst, so +schlage doch nicht gleich zu; er wird sonst zurückziehen, entweder +weil er nun denkt, er hätte noch wohlfeiler dazu kommen +können, oder es stecke Betrug dahinter.</p> + +<p>Ist man seines Kaufs mit einem Trödel-Juden völlig einig, +so wird er doch noch versuchen, den Verkäufer zu hintergehen. +Er wird gewöhnlich sagen: »er habe kein baares Geld bei sich, +wolle aber die Uhr oder sonst etwas zum Unterpfande lassen.« +Er weiß wohl, daß man das selten annimmt. Gibt man ihm +nun Credit und das Gekaufte mit, so schleppt er dies in der +ganzen Stadt herum, bietet es feil, und bringt es wieder, mit +dem Bedeuten: »man solle etwas schwinden lassen; er habe sich +übereilt.« Oder er kömmt gar nicht wieder, und man muß +lange hinter der Bezahlung herlaufen. Auch wollen sie gar zu +gerne Waare statt Geld geben, denn die baare Münze ist ihnen +gar zu sehr an's Herz gewachsen. — Auf dies alles darf man +sich nicht einlassen. Etwas ganz Charakteristisches hat diese Nation +übrigens in Allem. — Ich rede von dem großen Haufen +derselben, nicht von denen, die sich (vielleicht nicht zu ihrem +Glücke) nach den Sitten der Christen umgebildet haben. — +Man höre die Musik in ihren Tempeln, und die ganz eigene +Art, wie sie dieselbe vortragen! Man sehe sie tanzen! Man +gebe Acht auf die Verzierungen, welche auch die reichsten alten +Juden in ihren Häusern anbringen, ob nicht immer etwas von +den Knäufen an dem Tempel Salomons, von den Verzierungen +der Bundeslade, Scharlach, Rosenroth und gezwirnter weißer +Seide mit unterläuft.</p> + +<h4>9.</h4> + +<p>In den mehrsten Provinzen von Deutschland lebt der <em class="gesperrt">Bauer</em> +in einer Art von Druck und Sclaverei, die wahrlich oft härter +ist, als die Leibeigenschaft desselben in andern Ländern. Mit +Abgaben überhäuft, zu schweren Diensten verurtheilt, unter dem +Joche grausamer, habsüchtiger Beamten seufzend, werden sie +des Lebens nie froh, haben keinen Schatten von Freiheit, kein +sichres Eigenthum, und arbeiten nicht für sich und die Ihrigen, +sondern nur für ihre Tyrannen.</p> + +<p>Wen nun die Vorsehung in die glückliche Lage gesetzt hat, +zu Erleichterung dieser so sehr gedrückten und doch so wichtigen, +zahlreichen und nützlichen Menschen-Klasse etwas beitragen zu<span class="pagenum" id="Seite_382">[S. 382]</span> +können: o! der schaffe sich doch die süße Wonne, in den ländlichen +Hütten Freude zu verbreiten, und seinen Namen von +Kindern und Enkeln mit Segen nennen zu hören!</p> + +<p>Freilich wohl sind die Bauern zum Theil so hartnäckige, zänkische, +widerspenstige und unverschämte Geschöpfe, daß sie aus +der geringsten Wohlthat eine Schuldigkeit machen, — daß sie +nie zufrieden sind, immer klagen, immer mehr haben wollen, +als man ihnen zugestehen kann; allein sind wir nicht selbst durch +lange fortgesetzte unedle Behandlung und Vernachlässigung ihrer +Bildung daran Schuld, daß niederträchtige Gesinnungen bei +ihnen herrschend werden? und gibt es nicht einen Mittelweg +zwischen übertriebener Nachsicht und despotischer Strenge und +Grausamkeit? Ich verlange nicht, daß ein Landes- oder Guts-Herr +sich, so lange die jetzige Ordnung der Dinge noch Statt +hat, des Rechts begeben solle, seine Unterthanen zu schuldigen +Diensten zu gebrauchen; allein, kann es erlaubt seyn, diese +Dienste auch dann zu verlangen, wenn nur von dem edlen Vergnügen +einer Hirsch- oder Schweine-Metzelei die Rede ist? ist +es menschlich, den Bauer zu einer Zeit, wo seine Gegenwart zu +Hause dringend nothwendig ist, mehrere Tage hinter einander +in strenger Kälte mit leerem Magen herumlaufen, und Ohren +und Nase erfrieren zu lassen? Der Gutsherr kann und soll ihm +die schuldigen Abgaben nicht schenken; aber er soll Nachsicht +mit seinen Umständen haben, Rücksicht auf erlittene Unglücksfälle +nehmen, und darauf halten, daß die Beamten die Gelder +in einer Zeit eintreiben, wo es dem armen Landmanne weniger +schwer wird, baare Münze aufzutreiben, ohne sich mit Leib und +Seele dem Juden oder dem bösen Feinde zu verschreiben.</p> + +<p>Man schwatzt so viel von Verbesserung der Dorfschulen und +Aufklärung des Landvolks; allein überlegt man auch wohl immer +genau genug, welch ein Grad von Aufklärung für den Landmann, +besonders für den von niedrigem Stande, taugt? Daß +man den Bauer nach und nach, mehr durch Beispiele als durch +Abhandlungen, zu bewegen sucht, von manchen ererbten Vorurtheilen, +in der Art des Feldbaues und überhaupt in der Führung +des Haushalts, zurückzukommen, — daß man durch zweckmäßigen +Schul-Unterricht die thörichten Grillen, den dummen +Aberglauben, den Glauben an Gespenster, Hexen u. dergl. zu +zerstören trachte, — daß man die Bauern gut schreiben, lesen<span class="pagenum" id="Seite_383">[S. 383]</span> +und rechnen lehre: das ist löblich und nützlich. Ihnen aber allerlei +Bücher, Geschichten und Fabeln in die Hände zu spielen; sie +zu gewöhnen, sich in eine Ideen-Welt zu versetzen; ihnen die +Augen über ihren armseligen Zustand zu öffnen, so lange man +nicht die ernstliche Absicht hat, diesen zu verbessern; sie durch +zu viel Aufklärung unzufrieden mit ihrer Lage, und aufgelegt zu +machen, über die ungleiche Austheilung der Glücksgüter zu declamiren; +ihren Sitten Geschmeidigkeit und den Anstrich der feinen +Höflichkeit zu geben — das taugt wahrlich nicht, obgleich +es auch grausam und ungerecht ist, die natürlichen Fortschritte +einer solchen Aufklärung vorsätzlich <em class="gesperrt">hindern</em> zu wollen. Ohne +alle diese künstlichen Hülfsmittel trifft man unter alten Landleuten +Menschen von so unverfälschtem Sinne, von so hellem, heiterm +Kopfe, und von so festem Charakter an, die manchen hochstudirten +Herrn beschämen könnten. Es scheint also rathsam, +hier mit großer Mäßigung und Sparsamkeit zu Werke zu gehen. +Im Ganzen betrage man sich gegen den Bauer treuherzig, gerade, +offen, ernsthaft, wohlwollend, nicht geschwätzig, dem +Verhältnisse gemäß, und bleibe sich gleich: und man wird sich +seine Achtung, sein Zutrauen erwerben, und viel über ihn vermögen.</p> + +<p>Von <em class="gesperrt">Land-Edelleuten</em> und andern Personen höhern Standes, +die in den Dörfern leben, gilt zum Theil dasselbe. Man +nehme keinen Residenz-Ton im Umgange mit ihnen an, hüte +sich vor leeren Complimenten, nehme Theil an ihren ländlichen +Freuden, Sorgen und Geschäften, und verbanne allen Zwang, +ohne doch den Ton zu tief herabzustimmen: so wird man ihnen +als Gast, Nachbar, Freund und Rathgeber willkommen seyn.</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Siebentes_Kap.">Siebentes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart +und Gewerbe.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Zuerst von den sogenannten Abentheurern und Pflastertretern. +Ich rede hier nicht von den eigentlichen Betrügern und Gaunern +— von diesen soll gleich nachher gehandelt werden! — sondern +von der unschädlichen Art der Abentheurer, die, wenn sie +sich mit der Glücksgöttin gar zu oft überworfen haben, zuletzt<span class="pagenum" id="Seite_384">[S. 384]</span> +an die kleinen Neckereien dieses launigten Weibes so gewöhnt +sind, daß sie immer aufs Neue blindlings in den Glückstopf +hineingreifen, und es wagen, entweder auf die Finger geklopft +zu werden, oder einmal einen fetten Brocken zu erhaschen. Sie +leben, ohne festen Plan für den folgenden Tag, auf gute Hoffnung +los, und unternehmen sorglos und leichtsinnig alles, was +ihnen für den Augenblick eine Aussicht zu einigem Unterhalte zu +eröffnen scheint. Wo eine reiche Wittwe zu heirathen, eine Pension, +eine Bedienung an irgend einem Hofe, oder dergleichen +zu erschleichen ist, da sind sie nicht saumselig. Sie verändern +den Namen, adeln sich, schaffen sich um, so oft es ihnen beliebt, +und es die Sache erleichtern kann. Was sich als Edelmann +nicht durchsetzen läßt, das versuchen sie als Marquis, als +Abbé, als Offizier. Zwischen Himmel und Erde ist kein Fach, +kein Departement, in welchem sie nicht bereit wären, sich an +die Spitze der Geschäfte stellen zu lassen, keine Wissenschaft, +über welche sie nicht mit einer Zuversicht schwatzten, die sogar +den Gelehrten zuweilen stutzen macht. Mit einer bewundernswürdigen +Gewandtheit, mit einem <span class="antiqua">savoir faire</span>, das selbst der +bessere Mann zum Theil von ihnen lernen sollte, gelangen sie +zu Dingen, die der Rechtschaffenste und Verständigste nicht einmal +zu wünschen den Muth hat. Ohne tiefe Menschenkenntniß +haben sie gerade das, womit man in dieser Welt über wahre +Weisheit den Meister spielt — <span class="antiqua">esprit de conduite</span>. Gelingt +das nicht, was sie unternehmen, so werden sie doch dadurch +nicht in ihrem guten Humor gestört; die ganze Welt ist ihr Vaterland, +und als blinde Passagiers sind sie auf dem Postwagen +eben so zu Hause, wie in einer prächtigen Karosse. — Ein gutmüthiges +Völkchen, durch das Nomaden-Leben gewöhnt, Freuden +und Leiden geduldig zu ertragen und zu theilen! Haben sie +irgendwo ihre Rolle ausgespielt, so schnüren sie ihr Bündelchen, +und gehen aus ihren Palästen so leichtfüßig davon, wie ein +flüchtiger Morgen-Traum.</p> + +<p>Als Gesellschafter mag man diese Leute nicht verachten! Sie +haben so Manches gesehen und erfahren, daß dem Menschen-Kenner +ihr Umgang nicht ganz uninteressant seyn kann. Ja, +wenn sie sonst nicht bösartig sind, so findet man bei ihnen Theilnehmung, +Dienstfertigkeit und Gefälligkeit in hohem Grade. +Dagegen ist zu einer genauen freundschaftlichen Verbindung mit<span class="pagenum" id="Seite_385">[S. 385]</span> +ihnen gar nicht zu rathen. Man sey nicht zu vertraulich gegen +sie, und bediene sich nicht ihrer Hülfe zu wichtigen Geschäften! +Theils leidet dadurch unser eigner Ruf, theils kann man sich +von ihrem Leichtsinne und ihrer Charakterlosigkeit wenig wahre +Hülfe versprechen; auch pflegen sie nicht eben sehr ekel in der +Wahl der Mittel zu seyn, welche sie anwenden, um zu einem +Zwecke zu gelangen.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Beschäme nicht leicht den Abentheurer, auch den von schlechter +Art nicht, wenn Du ihn irgendwo in einer erborgten Gestalt, +unter falschem Namen, oder mit selbstgeschaffnen Titeln +und Ehrenzeichen geschmückt antriffst, in so fern nicht wichtige +Gründe eintreten, oder Du besondern Beruf dazu hast! Auch +würde Dir das nicht immer gelingen; denn seine Unverschämtheit +möchte vielleicht Wege finden, das Unangenehme einer solchen +Scene auf Dich selbst fallen zu machen. Doch kann es zuweilen +nützlich seyn, so einem Herrn unter vier Augen merken +zu lassen, daß man ihn kenne, und daß es in unsrer Macht +stehen würde, ihn zu entlarven, daß man aber seiner schonen +wolle. Dann wird ihn vielleicht die Furcht vor der Entdeckung +zurückhalten, böse Streiche zu spielen. Es gibt aber unter diesen +Landläufern äusserst gefährliche Menschen, Ausspäher, Verführer, +Verleumder, Diebe und Schelme aller Art. Nicht nur +sollte diesen die Thür jedes ehrlichen Mannes sorgfältig verschlossen +werden, sondern die kleinern deutschen Fürsten würden auch +wohl thun, wenn sie sich weniger mit solchem Gesindel einließen, +welches gewöhnlich mit einer Tasche voll Pläne und Entwürfe +zum Besten des Landes, zur Beförderung des Handels, zum +Flor und zur Verschönerung der Residenzen, angezogen kömmt, +redliche Diener aus ihren Aemtern verdrängt und verdächtig +macht, seinen Beutel zum Ruin des Landes spickt, freilich seine +Rolle selten lange spielt; aber wenn es auch, mit Schimpf und +Schande beladen, davon gehen muß, mehrentheils viel gestiftetes +Unglück zurückläßt, was es nie wieder gut machen kann, +und irgend einen andern schwachen Herrn findet, mit dem es +seine Operationen aufs Neue versucht. In diesen Fällen ist es +Pflicht, dem Bösewichte öffentlich die Larve abzuziehen; doch +thue man das nicht eher, als bis man die deutlichsten Beweise +gegen ihn in Händen hat! denn dergleichen Menschen haben die<span class="pagenum" id="Seite_386">[S. 386]</span> +Gabe, ihre Sache von solchen Seiten vorzustellen, daß man +sehr viel wagt, wenn man sie mit unsichern Waffen angreift.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Unter allen Abentheurern sind, nach meiner Empfindung, +die <em class="gesperrt">Spieler</em> vom Handwerk die verächtlichsten. Indem ich nun +von ihnen rede, werde ich auch Gelegenheit nehmen, über das +Spiel im Allgemeinen und über das Betragen bei demselben +etwas zu sagen.</p> + +<p>Keine Leidenschaft kann so weit führen, keine kann den Jüngling, +den Mann und ganze Familien in ein grenzenloseres Elend +stürzen, keine den Menschen in eine solche Kettenreihe von Verbrechen +und Lastern verwickeln, als die unglückselige Spielsucht. +Sie erzeugt und nährt alle nur ersinnlichen unedeln Empfindungen: +Habsucht, Neid, Haß, Zorn, Schadenfreude, Verstellung, +Falschheit und Vertrauen auf blindes Glück; sie kann zu +Betrug, Zank, Mord, Niederträchtigkeit und Verzweiflung führen, +und tödtet auf die schändlichste Weise die goldne Zeit. Wer +reich ist, begeht eine unverzeihliche Thorheit, wenn er sein Geld +auf so ungewisse Speculation anlegt; und wer nicht viel zu wagen +hat, muß furchtsam spielen, kann die Launen des Glücks +nicht abwarten, sondern muß bei dem ersten widrigen Schlage +das Feld räumen, oder er wagt es darauf, aus einem Dürftigen +ein Bettler zu werden. Doch ist die Thorheit der Erstern +noch weit größer, als die der Letztern. Selten stirbt der Spieler +als ein reicher Mann; wer daher auf diesem elenden Wege +Vermögen erworben hat, und dann nicht aufhört zu spielen, +den möchte man einen Wahnsinnigen nennen.</p> + +<p>Die, welche Tage und Nächte dem Spiel opfern, bedenken +gewiß nicht, daß, wenn sie täglich spielen, sie sich eine jährliche +<em class="gesperrt">gewisse</em> Ausgabe von wenigstens sechzig Thalern aufladen, +die sie von dem möglichen <em class="gesperrt">ungewissen</em> Gewinne abrechnen +müssen; nämlich das Kartengeld. Sie bedenken noch weniger, +daß sie die unwürdigsten Zeitverschwender, und allen +Guten und Edlen verächtlich, daß sie früher oder später der +Verzweiflung preisgegeben sind.</p> + +<p>Hüte Dich, mit Leuten vom Handwerke Dich auf ein Spiel +einzulassen, wenn Dir Dein Geld und Deine Ehre lieb ist!</p> + +<p>Traue Keinem von ihnen! in keiner Sache! — Die wenigen +Ausnahmen, wo diese Regel einem ehrlichen Spieler von<span class="pagenum" id="Seite_387">[S. 387]</span> +Profession Unrecht thun könnte, verdienen nicht in Anschlag gebracht +zu werden; und wer sich dieser verächtlichen Lebensart +widmet, mag es nicht übel nehmen, daß man ihm den Geist +der bösen Zunft zutraut, zu welcher er sich bekennt.</p> + +<p>Laß Dich auf keine bloße Hazard-Spiele ein! Um geringen +Preis gespielt, sind sie äusserst langweilig, und hohes Geld dem +Ungefähr preisgeben, ist Narrheit. Ein verständiger Mann verachtet +ohnehin jede Beschäftigung, bei welcher Kopf und Herz +schlummern müssen, und man darf nur ein mittelmäßiger Rechner +seyn, um sich zu überzeugen, daß bei solchen Glücksspielen +die Wahrscheinlichkeit immer gegen uns ist. Wollen wir aber +gar keine Wahrscheinlichkeit annehmen, so bleibt der Erfolg ein +Werk des Zufalls: — und wer wird denn vom Zufalle abhängen +wollen?</p> + +<p>Auf die sogenannten Commerenz-Spiele thue gänzlich Verzicht, +oder lerne sie vorher recht, und spiele mit gleicher Aufmerksamkeit, +es mag um hohen Preis, oder um eine Kleinigkeit +gelten! Lerne Dich aber auch im Spiele beherrschen, und wage +nicht mit Unverstand! Mache nicht, durch gehäufte Fehler der +Aufmerksamkeit und Kunst, Dich selbst arm, und Deinen Mitspielern +Ungeduld und Langeweile!</p> + +<p>Zeige keine böse Laune, wenn Du schlechte Karten bekömmst, +und wenn Du verlierst! Wer nie Geld im Spiele verlieren will, +der muß sich auf die Blindekuh einschränken.</p> + +<p>Manche Leute geben immer vor, gewonnen zu haben; andere +klagen stets über Verlust. Die Erstern belügen nur ihren +eigenen Geldbeutel; die Andern aber sprechen sich selbst ein böses +Urtheil. Denn wer ohne Unterlaß verliert, ist ein Narr, +wenn er nicht endlich das Spielen aufgibt.</p> + +<p>Spiele nicht so unerträglich langsam und bedächtig, daß +Deinen Gesellschaftern alle Geduld vergehen muß. Zanke nicht, +wenn Deine Mitspieler Fehler machen!</p> + +<p>Zeige keine laute Freude, wenn Du gewinnst! das pflegt +Dem, welcher verloren hat, empfindlicher zu seyn, als der Verlust +selbst.</p> + +<p>Nöthige niemand zum Spiele, wenn Du weißt, daß er ungern +oder unglücklich spielt! Dieß geschieht vielfältig von Leuten, +denen es eine wichtige Angelegenheit ist, ihre Parthieen +vollzählig zu haben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_388">[S. 388]</span></p> + +<p>— Doch diese Materie ist wohl kaum der so langen Abhandlung +werth. — Wenden wir uns zu andern Gegenständen!</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Unter den Abentheurern unsrer Zeit spielen die <em class="gesperrt">Geisterseher</em>, +<em class="gesperrt">Goldmacher</em> und andre <em class="gesperrt">mystische Betrüger</em> keine unbeträchtliche +Rolle. Diese Art von Schwärmerei, nämlich der +Glaube an übernatürliche Wirkungen und Erscheinungen, ist +sehr ansteckend. Bei dem Gefühle, wie manche Lücke in unsern +philosophischen Systemen und Theorien übrig bleibt, so lange +unser Geist in den Grenzen irdischer Ausdehnung eingeschränkt +ist, und bei der Begierde, dennoch, über die Grenzen dieser +Eingeschränktheit hinaus, Blicke zu thun, scheint es dem Menschen +ganz natürlich, die unerklärbaren Sachen <span class="antiqua">a posteriori</span> +zu erläutern, wenn es mit den Beweisen <span class="antiqua">a priori</span> nicht recht +gehen will; d. h. aus den gesammelten Thatsachen Resultate zu +ziehen, die ihm angenehm sind; Resultate, die theoretisch, durch +Schlüsse, nicht vollständig herauskommen. Da geschieht es +dann, daß, um eine Menge solcher Thatsachen zu gewinnen, +man geneigt ist, jedes Mährchen für wahr, jede Täuschung für +Realität zu halten, damit man seinem Glauben Gewicht gebe. +Je aufgeklärter aber die Zeiten werden, je emsiger man sich bestrebt, +der Wahrheit auf den Grund zu kommen, desto sichtbarer +wird es uns, daß wir auf Erden diesen Grund nicht finden; +um desto leichter also gerathen wir auf jenen Weg, den wir vorher +verachtet haben, so lange noch auf dem hellen Wege der +Theorie neue Entdeckungen zu machen waren. Ich glaube, daß +dieß eine ungezwungene Erklärung des Phänomens ist, das so +Manchem höchst wunderbar scheint, — des Phänomens, daß +in den Zeiten der größten Aufklärung ein blinder Glaube an +Ammen-Mährchen grade am stärksten einreißt.</p> + +<p>Diese Stimmung des Publikums nun machen sich eine +Menge Betrüger zu Nutze, die theils planmäßig verbunden, +uns zu unterjochen, theils einzeln, nach Zeit und Gelegenheit +darauf ausgehen, die Augen der Schwachen zu blenden.</p> + +<p>Sey es nun dabei auf unsre Geldbeutel, oder auf Tyrannei +über unsern Willen, oder auf irgend einen andern moralischen, +intellectuellen oder politischen Mißbrauch angesehen: so ist es +immer sehr wichtig, dagegen auf seiner Hut zu seyn.</p> + +<p>Obgleich ich mich nicht fest überzeugen kann, daß alle Abentheurer<span class="pagenum" id="Seite_389">[S. 389]</span> +solcher Art, daß die Cagliostro's, Saint Germain's, +Schröpfer und Consorten, bis auf den armen Masius hinunter, +sämmtlich von einer einzigen Triebfeder regiert werden, und +daß jeder solcher Wundermann seine Unternehmungen auf denselben +Zweck zu leiten die Absicht haben sollte: so sind wir doch +denen allen Dank schuldig, die uns vor solchen Abentheurern +warnen, und uns wenigstens zeigen, <em class="gesperrt">wohin das führen</em> +könnte. Um aber nicht zu wiederholen, was so vielfältig ist gesagt +worden, und noch immer gesagt wird, will ich hier, bei +dem Betragen gegen Leute von der Art, nur folgende Vorsichtigkeits-Regeln +vorschlagen.</p> + +<p>Laß es an seinen Ort gestellt seyn, ob man Geister sehen +und Gold machen könne, oder nicht! Leugne nicht das, wovon +Du nicht das Gegentheil so klar beweisen kannst, daß es nicht +möglich ist, dagegen etwas einzuwenden! — denn Beweise, die +auf Vordersätzen beruhen, welche nur willkührlich angenommen +sind, können bloß den überzeugen, der Lust hat, davon überzeugt +zu werden. — Aber baue nicht, bei der Möglichkeit einer +Sache, den Schluß auf ihre Wirklichkeit, noch auf metaphysische +Grillen moralische Handlungen! Sollte auch jemand durch +Schlüsse überführt werden können, daß wohl sehr wahrscheinlich +jedes sichtbare Wesen von einer Menge unsichtbarer umgeben +ist: so bleibt es doch immer thöricht gehandelt, wenn dies sichtbare +Wesen seine sichtbaren Handlungen mehr nach der vermuthlichen +unsichtbaren Gesellschaft, die ihn umgibt, einrichtet, als +nach den Sitten der wackern wirklichen Personen, unter denen +es umherwandelt.</p> + +<p>Man zeige also in Worten und Handlungen mehr Wärme +für thätige, nützliche Wirksamkeit, als für Speculation; so werden +sich die Herren Mystiker nicht leicht zu uns gesellen!</p> + +<p>Geräthst Du aber an einen solchen Wundermann, und ist +Dir daran gelegen, ihn und sein System genauer kennen zu +lernen: so hüte Dich, vorher Unglauben und Vorwitz zu offenbaren! +Er wird sonst bald merken, daß mit Dir, als einem +Ungläubigen, nicht viel anzufangen ist; er wird Dich nicht einweihen +in seine Geheimnisse, nicht zulassen zu seinem esoterischen +Unterrichte, und Du wirst den Vortheil entbehren, Dich und +Deine Freunde von dem wahren Zusammenhange zu unterrichten, +— ungerechnet, daß es sich wirklich für einen vernünftigen<span class="pagenum" id="Seite_390">[S. 390]</span> +Mann nicht schickt, sich früher für oder gegen eine Sache einnehmen +zu lassen, bevor er dieselbe kaltblütig untersucht hat, +wäre auch aller Anschein dagegen; besonders wenn es Dinge +betrifft, in welchen selbst der Weiseste lebenslang im Finstern +tappt.</p> + +<p>Glaubt man zuversichtlich, einen Betrug entdeckt zu haben; +so ist Spott, so ist Hohnlächeln nicht das Mittel, Schwärmer +zu bekehren. Man gehe also Schritt vor Schritt, und da die +Sinne leichter getäuscht werden können, als die Vernunft, so +fordre man, bevor man sich auf Erscheinungen, Proben und +Processe einläßt, daß vor allen Dingen zuerst die Theorie, auf +welcher das alles beruht, recht deutlich erklärt werde! und hier +lasse man sich nicht etwa auf eine bildliche Sprache ein, sondern +auf bestimmte, verständliche deutsche Worte, und auf den Ideen-Gang +und Sprach-Gebrauch, der einmal unter Gelehrten üblich +ist. Es mag vielleicht sehr viel Weisheit in dem Dunkel der +Mystiker stecken; aber für <em class="gesperrt">uns</em> kann nur <em class="gesperrt">das</em> Werth haben, +was <em class="gesperrt">wir</em> verstehen. Man gönne einem Jeden die Freude, einen +schmutzigen Kiesel für einen Diamant zu halten; aber wenn +man kein eben so großer Kenner von Edelsteinen ist, so sage +man gutmüthig, ohne Scheu, frei heraus: »daß man diesen +Stein für nichts anders, als für einen schmutzigen Kiesel halten +könne!« Es ist keine Schande, etwas nicht einzusehen; +aber es ist mehr als Schande, es ist Betrug, das Ansehen haben +zu wollen, als verstünde man, — was man nicht versteht.</p> + +<p>Hat Dich indessen ein Landstreicher, ein Goldmacher, oder +Geisterseher, bei Deiner schwachen Seite gefaßt, eine Zeitlang +sein Spielwerk mit Dir getrieben — o! wer ist mehr in dieser +Leute Händen gewesen, als ich? — und Du entlarvst endlich +den Schurken: dann scheue Dich nicht, nein! denke, daß es +Pflicht ist, zur Warnung andrer ehrlicher, leichtgläubiger Leute, +öffentlich den Betrug bekannt zu machen, — möchtest Du auch +dabei in keinem sehr vortheilhaften Lichte erscheinen!</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_391">[S. 391]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Achtes_Kap.">Achtes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern<br> +derselben.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Unter die mancherlei schädlichen und unschädlichen Spielwerke, +mit welchen sich unser philosophisches Jahrhundert beschäftigt, +gehört auch die Menge geheimer Verbindungen und Orden verschiedener +Art. Man wird heut zu Tage in allen Ständen wenig +Menschen antreffen, die nicht von Wißbegierde, Thätigkeitstrieb, +Geselligkeit, oder Vorwitz geleitet, wenigstens eine +Zeitlang Mitglieder einer solchen geheimen Verbrüderung gewesen +wären. Und doch möchte es wohl nun endlich einmal Zeit +seyn, diese theils zwecklosen und thörichten, theils dem gesellschaftlichen +Leben gefährlichen Bündnisse aufzugeben. Ich habe +mich lange genug mit diesen Dingen beschäftigt, um aus Erfahrung +reden, und jedem jungen Manne, dem seine Zeit lieb +ist, mit Zuversicht den Rath geben zu können, sich in keine geheime +Gesellschaft, sie möge Namen haben, wie sie wolle, aufnehmen +zu lassen. Sie sind alle, freilich nicht in gleichem Grade, +aber doch alle ohne Unterschied, zugleich unnütz und gefährlich. +Unnütz sind sie zuerst, weil man in unserm Zeitalter keine Art +von wichtigem Unterrichte in Geheimnisse einzuhüllen braucht. +Die christliche Religion ist so klar und befriedigend, daß sie nicht, +wie diese Volks-Religionen der alten Heiden, einer geheimen +Auslegung, einer doppelten Lehrart bedarf; und in den Wissenschaften +werden die neuesten Entdeckungen zum Wohl der Welt +öffentlich bekannt gemacht, müssen und sollen öffentlich bekannt +gemacht werden, damit sie jeder Sachverständige prüfen und +bewahrheiten könne. In den einzelnen Ländern hingegen, wo +noch Finsterniß und Aberglauben herrschen, muß man den kommenden +Tag erwarten. Man darf da nichts übereilen; man +verdirbt oft mehr, als man gut macht, wenn man die Zwischenstufen +überspringen will; es hat gar keinen Nutzen, daß einzelne +Menschen die Periode der Aufklärung zu beschleunigen<span class="pagenum" id="Seite_392">[S. 392]</span> +trachten; auch können sie das nicht; und wenn sie es können, +so ist es Pflicht, dieß öffentlich zu thun, um desto mehr Pflicht, +damit andre vernünftige Männer, in demselben Lande und in +andern Gegenden, über den Beruf der Aufklärer, über den +Werth der geistigen Waare, welche sie feil bieten, und darüber +mögen urtheilen können, ob das, was sie lehren, auch wirklich +Aufklärung sey, oder ob sie nicht vielleicht schlechtere Münzen +ausprägen, als die ist, welche sie verrufen. Unnütz sind solche +Verbindungen ferner, von Seiten ihrer Wirksamkeit, weil sie +mehrentheils sich mit elenden Kleinigkeiten und abgeschmackten +Ceremonien beschäftigen, eine Bilder-Sprache reden, die alle +mögliche Auslegung leidet, nach schlecht durchgedachten Planen +handeln, unvorsichtig in der Wahl ihrer Mitglieder sind, folglich +bald ausarten, und, wenn sie auch anfangs in ihrer Einrichtung +Vorzüge vor öffentlichen Gesellschaften haben könnten, +nachher dieselben und noch mehr solcher Gebrechen bei ihnen einreißen, +als die, über welche man in der Welt klagt. Wer Lust +hat, etwas Großes und Nützliches zu thun, der findet dazu im +bürgerlichen und häuslichen Leben sehr viel Gelegenheit, die fast +kein Einziger ganz so eifrig und freudig ergreift, wie er sollte, +um seinem Leben einen Werth, und seinem Herzen Befriedigung +und Freude zu geben. Es müßte erst bewiesen werden, daß auf +diesem öffentlich privilegirten Wege nichts mehr zu thun übrig +bliebe, oder daß dem warmen Beförderer des Guten unübersteigliche +Hindernisse in den Weg gelegt wären, bevor man das +Recht haben dürfte, sich einen vom Staate nicht sanctionirten, +geheimen, besondern Wirkungskreis zu schaffen. Wohlthätigkeit +bedarf keiner mysteriösen Hülle; Freundschaft muß auf freier +Wahl beruhen, und Geselligkeit braucht nicht durch geheime +Wege befördert zu werden.</p> + +<p>Allein diese geheimen Verbindungen sind auch schädlich für +die Welt, und gewissermaßen unvereinbar mit unsern Pflichten +gegen die bürgerliche Gesellschaft. Schädlich, weil alles, was +im Verborgenen geschieht, mit Recht in Verdacht gezogen werden +kann; unvereinbar mit unsern Pflichten gegen den Staat, +weil die Vorsteher der bürgerlichen Gesellschaft die Befugniß haben, +von dem Zwecke jeder Thätigkeit, zu welcher sich Mehrere +vereinigen, Kenntniß zu verlangen, indem sonst, unter dem +Schleier der Verborgenheit, eben sowohl gefährliche Plane und<span class="pagenum" id="Seite_393">[S. 393]</span> +schädliche Lehren, als edle Absichten und weise Kenntnisse, versteckt +seyn können; weil sogar nicht einmal alle Mitglieder von +solchen verderblichen Absichten, die man zuweilen hinter der +schönsten Aussenseite zu verhüllen pflegt, unterrichtet sind; weil +nur Alltagsseelen sich in diesen Schraubestock einzwängen lassen, +die bessern hingegen entweder bald zurücktreten, oder zu Grunde +gehen, ausarten und eine schiefe Richtung bekommen, oder auf +Kosten der Andern herrschen; weil mehrentheils unbekannte Obere +im Hinterhalte stehen, und es eines verständigen Mannes unwerth +ist, nach einem Plane zu arbeiten, den er nicht übersieht, +für dessen Wichtigkeit und Güte ihm Leute einstehen, — die er +nicht kennt, denen er sich verbindlich machen muß, ohne daß +<em class="gesperrt">sie</em> sich <em class="gesperrt">ihm</em> verbindlich machen, ohne daß er weiß, an wen er +sich zu halten hat, wenn man ihm dafür gar nichts leistet; weil +schiefe Köpfe und Schurken sich dieß zu Nutze machen, sich zu +unbekannten Obern aufwerfen, und die übrigen Mitglieder zu +ihren Privat-Absichten mißbrauchen; weil jeder Erdensohn Leidenschaften +hat, und diese Leidenschaften also mit in die Gesellschaft +bringt, wo sie dann im Dunkeln der Verborgenheit freiern +Spielraum haben, als am Tageslichte; weil solche Verbindungen +einen unverhältnißmäßigen Aufwand von Geld und Zeit +kosten; weil sie von ernsthaften bürgerlichen Geschäften ab- und +zum Müßiggange oder zu zweckloser Beschäftigung hinleiten; +weil sie bald der Sammelplatz von Abentheurern und Tagedieben +werden; weil sie allerlei Gattungen von politischer, religiöser +und philosophischer Schwärmerei begünstigen; weil mönchischer +Partheigeist bei ihnen einreißt, und viel Unheil stiftet; endlich, +weil sie Gelegenheit zu Kabalen, Zwist, Verfolgung, Intoleranz +und Ungerechtigkeiten gegen brave Männer geben, die +nur deswegen verwerflich sind, weil sie nicht Mitglieder eines +solchen, oder wenigstens nicht desselben Ordens seyn wollen.</p> + +<p>Dieß ist mein Glaubensbekenntniß über geheime Verbindungen! +Gibt es eine unter ihnen, die manche dieser Gebrechen +nicht hat — ei nun! so mag sie dann als Ausnahme gelten! — +ich kenne keine, die nicht wenigstens an einigen derselben krank +läge.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Gehört nun die Geheimnißkrämerei zu den Auswüchsen der +Zeit und zu den Modethorheiten, die kein Vernünftiger mitmachen<span class="pagenum" id="Seite_394">[S. 394]</span> +soll, weil er dabei seine Vernunft verleugnen, und seine +sittliche Freiheit mehr oder weniger aufgeben muß; ist sie Zeit- +und Geldverschwendung, und gewährt sie durchaus keine Befriedigung, +so folgt daraus, daß der, welcher seine Freiheit und +Ruhe liebt, sich so wenig als möglich um die Systeme, um das +Personale und um die Schritte geheimer Verbindungen bekümmern, +seine Zeit nicht mit Lesung ihrer Streitschriften verschwenden, +und vorsichtig im Reden über diesen Gegenstand seyn +müsse, um sich Verdruß zu ersparen, und weder ein gutes noch +böses Urtheil über solche Systeme zu wagen, weil der Grund +derselben oft sehr tief verborgen liegt; daß er vor allem jeder +Versuchung und Anreizung, sich einweihen zu lassen, muthigen +Widerstand leisten müsse.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Haben aber Vorwitz, übel geordnete Begierde thätig zu seyn, +Neugier, Ueberredung, Eitelkeit oder andre Bewegungsgründe +Dich verleitet, in eine solche Verbindung zu treten: so laß Dich +wenigstens von den Thorheiten und Schwärmereien und von +dem Secten-Geiste, die in Deinem Orden herrschen, nicht ganz +hinreißen, sondern suche Dich immer noch im Besitz und Gebrauch +Deiner Vernunft zu behaupten. Hüte Dich, das Spielwerk, +die Maschine verkappter Bösewichter zu werden! Dringe, +wenn Du kein Knabe mehr bist, auf deutliche Entwickelung des +ganzen Systems! Laß Dich nicht durch räthselhafte Vorspiegelungen, +durch große Verheissungen, durch blendende Plane zum +Besten der Menschheit, durch den Anschein von Uneigennützigkeit, +Heiligkeit und Reinigkeit der Absicht blenden; sondern +fordre Beweise von Thaten und gänzliche Uebersicht! Wirft +man Dir dann Deinen Mangel an Empfänglichkeit, Deine +Unwürdigkeit vor, so laß Dir erzählen, welche Eigenschaften +die hohen Obern fordern, und beleuchte sie, diese Obern, selbst, +nach ihrem Maaßstabe, um ihren Werth, alle Eitelkeit bei Seite +gesetzt, gegen den Deinigen zu halten! Laß Dich aber durchaus +nicht darauf ein, <em class="gesperrt">unbekannten</em> Obern zu huldigen, möchte +man auch noch so einleuchtend scheinende Gründe dafür anführen! +Sey vorsichtig in jedem Worte, das Du in Ordensgeschäften +schreibst, und noch mehr in Uebernehmung irgend einer +eidlichen oder andern Verbindlichkeit! Fordre Rechenschaft von +der Anwendung der Beiträge, die man Dich bezahlen läßt! —<span class="pagenum" id="Seite_395">[S. 395]</span> +Und wenn, bei dieser vielfachen Vorsicht, Du der Verbindung +müde wirst, oder die Verbindung Deiner überdrüßig wird, so +trenne Dich ohne Geräusch und Zank von ihr, und rede nachher +nie wieder von der Sache, damit Du allen Verfolgungen +ausweichest! Sollte man Dich aber dennoch nicht in Ruhe lassen, +so tritt öffentlich auf, und scheue Dich nicht, Betrug, +Narrheit und Bosheit vor den Augen des ganzen Publikums, +Andern zur Warnung, bekannt zu machen!</p> + +<p>Uebrigens hat man weder Verbindlichkeit, noch Beruf, alles +zu zerstören, was man nicht gut findet. Man kann theoretisch +gegen manche Dinge in der Welt eifern, ohne deswegen +sich als Verfolger zu zeigen, wodurch ohnehin das Uebel fast +immer ärger gemacht wird. Man kann sogar Ordens-Versammlungen +von der unschädlichsten Art besuchen, wenn man einmal +ein Mitglied ist; sie sind, wie andere Zusammenkünfte, Beförderungsmittel +der Geselligkeit; — ja, es kann Pflicht werden, +sich nicht von ihnen loszusagen, um das größere Uebel zu hindern, +gefährlichen Einwirkungen entgegen zu arbeiten, und +Ausartung zu verhindern.</p> + + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Neuntes_Kap.">Neuntes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber die Art, mit Thieren umzugehen.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>In einem Buche über den Umgang mit Menschen scheint wohl +freilich ein Kapitel über die Art, mit Thieren umzugehen, nicht +an seinem Platze. Allein was ich hierüber zu sagen habe, ist so +wenig, und hat doch im Ganzen so viel Bezug auf das gesellschaftliche +Leben überhaupt, daß ich hoffen darf, man werde +mir diese kleine Ausschweifung gütigst verzeihen.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Der Gerechte erbarmet sich auch seines Viehes. — Das ist +ein vortrefflicher Spruch! Ja! der edle, der gerechte Mann +martert kein lebendiges Wesen. Wenn doch die hartherzigen, +grausamen, oder, um billiger zu urtheilen, zum Theil nur leichtsinnigen, +verwilderten Menschen, deren Augen sich an der Qual +eines rastlos umhergetriebenen Hirsches, oder an der Todesangst +eines in dem Schauplatze der Barbarei auf den Tod gehetzten<span class="pagenum" id="Seite_396">[S. 396]</span> +Thiers weiden können; wenn sie doch bedenken wollten, was es +heiße, <em class="gesperrt">ein Mensch seyn</em>, und welch eine Bedeutung dieser +Titel habe! wenn die Unbesonnenen, die mit dem Leben eines +armen Geschöpfs, das in ihre kindischen Hände fällt, wie mit +einem Balle spielen, Fliegen und Käfern Beine ausreissen, oder +sie spießen, um zu sehen, wie lange ein also leidendes Thier in +convulsivischer Pein fortleben könne; wenn die vornehmen Müßiggänger, +die, um die Ehre zu haben, am schnellsten der lieben +Langenweile in den Rachen zu reiten oder zu fahren, ihre armen +Pferde auf den Tod jagen; wenn Diese doch einen Augenblick +erwägen wollten, wie tief sich der Mensch herabwürdigt, wenn +er, als das grausamste unter allen Raubthieren, mit kaltem +Blute, nicht aus Hunger, sondern aus Muthwillen nur, ein +Geschöpf Gottes, das auch fühlen kann, langsam zu Tode martert, +und wie furchtbar die Strafe des ewigen Richters seyn +müsse, der in dem Winseln seines gemarterten Geschöpfes die +freche Uebertretung des Gebotes vernimmt, das er dem Menschen +in's Herz geschrieben hat; wenn sie sich doch überzeugen +wollten, daß ein Thier eben so schmerzhaft jede Mißhandlung, +und den barbarischen Mißbrauch größerer Stärke fühlt, wie +wir, und vielleicht noch lebhafter, da sein ganzes Daseyn auf +sinnlichen Empfindungen beruht; daß die Art seines Daseyns +vielleicht die niedrigste der Stufen ist, die es zu ersteigen hat, +um auf der Leiter der Schöpfung da anzulangen, wo <em class="gesperrt">wir</em> jetzt +stehen; und daß die Grausamkeit gegen vernunftlose Geschöpfe +unmerklich und unausbleiblich zur Härte und Grausamkeit gegen +unsere vernünftigen Nebengeschöpfe führt. — Wenn sie +doch das alles fühlen und erwägen, und ihr Herz dem sanften +Mitleiden gegen alle lebendige Geschöpfe öffnen wollten!</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Wer diese Betrachtungen und Aufforderungen für thörichte +und schwachsinnige Empfindelei zu erklären, oder damit zu verwechseln +fähig ist, dem habe ich nichts zu sagen, als daß ich +ihn bedaure, und jene Empfindelei mit ihm von ganzem Herzen +verachte. Ich weiß, es gibt leider unter uns so zarte Männlein +und Weiblein, die gar kein Blut sehen können; die zwar mit +großem Appetit ihr Rebhühnchen verzehren, aber ohnmächtig +werden würden, wenn sie eine Taube abschlachten sehen müßten! +Leute, deren Federn und Zungen mit moralischem Gifte<span class="pagenum" id="Seite_397">[S. 397]</span> +und Dolche den Freund und Bruder verfolgen, aber mitleidig +einer matten Fliege das Fenster öffnen, damit sie fern von ihren +Augen — zertreten werden könne; die ihre Bedienten in dem +rauhesten Wetter ohne Noth stundenlang umherjagen, aber dagegen +herzlich den armen Sperling bedauren, der, wenn es regnet, +ohne Regenschirm und Ueberrock herumfliegen muß. Zu +diesen süßen Seelchen gehöre ich nicht, halte auch nicht alle Jäger +für grausame Menschen. — Es muß ja dergleichen Leute +geben; so wie wir, wenn keine Schlächter in der Welt wären, +bloß von Speisen aus dem Pflanzenreiche leben müßten. — +Aber ich verlange nur, daß man nicht ohne Zweck und Nutzen +Thiere martern, noch ein vornehmes Vergnügen darin suchen +solle, mit wehrlosen Geschöpfen einen ungleichen Krieg zu führen.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Ich habe immer nicht begreifen können, welche Freude man +daran haben könne, Thiere in Käfige oder Kasten einzusperren. +Der Anblick eines lebendigen Wesens, das ausser Stand gesetzt +ist, seine natürlichen Kräfte anzuwenden und zu entwickeln, +darf keinem verständigen Menschen Freude gewähren. Wer mir +daher einen schönen Vogel in einem Bauer schenken will, dem +kann ich vorhersagen, daß das einzige Vergnügen, welches er +mir dadurch verschaffen kann, das seyn wird, das Gefängniß +zu öffnen, und das arme Thier aus der Sclaverei in Gottes +freie Luft hinausfliegen zu lassen; auch ist eine Menagerie, in +welcher wilde Thiere mit großen Kosten in kleinen Verschlägen +aufbewahrt werden, meiner Meinung nach, ein sehr ärmlicher +Gegenstand der Unterhaltung, und vielleicht nur von der Seite +zu vertheidigen, daß sie dem Naturforscher Gelegenheit und Mittel +gibt, genaue und lehrreiche Beobachtungen anzustellen.</p> + +<h4>5.</h4> + +<p>Noch abgeschmackter aber scheint es mir, wenn man sich an +einem Vogel ergötzt, der seinen schönen Natur-Gesang hat vergessen +müssen, um vom Morgen bis zum Abende die Melodie +einer elenden Polonaise zu pfeifen, oder wenn man Geld ausgibt, +um einen Hund zu sehen, den man abgerichtet hat, einen +Reverenz wie ein Tanzmeister zu machen, und auf den Wink +seines Meisters anzudeuten, wie viel schöne Junggesellen in der +Versammlung sind.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_398">[S. 398]</span></p> + +<h4>6.</h4> + +<p>Habe ich aber diejenigen getadelt, die grausam gegen Thiere +verfahren; so muß ich doch auch diejenigen anklagen, welche in +die entgegengesetzte Uebertreibung fallen, indem sie mit dem +Viehe eben so, wie mit Menschen umgehen, und dem vernunftlosen +Geschöpfe die Rechte des vernünftigen zugestehen. Ich +kenne Damen, die ihre Katzen zärtlicher umarmen, als ihre +Ehegatten; junge Herren, die ihren Pferden sorgsamer aufwarten, +als ihren Oheimen und Basen; und Männer, die gegen +ihre Hunde mehr Zärtlichkeit, Schonung und Nachsicht beweisen, +als gegen ihre Freunde, mit welchen sie sich nie anders, +als unter dem obligaten Schnarchen ihres feisten Mopses oder +Pudels unterhalten. Indessen scheinen manche Thiere in besserm +Rufe zu stehen, als andere. Niemand schämt sich, zu bekennen, +daß er Flöhe habe; gewisse andere kleine Insekten hingegen darf +kein Mensch von Erziehung mit sich führen, obgleich beides Ungeziefer +ist; und an Geselligkeit geben die letztern den erstern +nichts nach.</p> + +<p>Es scheint manchen Leuten, besonders Frauenzimmern, eine +natürliche Furcht vor gewissen Thieren, als Mäusen, Spinnen +&c. angeboren zu seyn. Sollte sich auch dergleichen Widerwillen, +wie ich doch glaube, nicht nach und nach überwinden +lassen: so vermag man es doch gewiß, in so fern Meister über +sich zu werden, daß man in Gesellschaft, bei dem Anblicke dieser +Feinde, sich nicht so kindisch betrage und gebehrde, wie es +vielfältig geschieht.</p> + +<p>Inniges Mitleiden, nicht Spott, verdienen die Unglücklichen, +mit denen die Menschen so übel gespielt haben, daß sie +(mißtrauisch gegen alle vernünftige Wesen, die so oft ihre Verstandeskräfte +nur zum Schaden ihrer Brüder anwenden) in dem +liebevollen Drange des Herzens, das sich gern ein Geschöpf zugesellen +und irgend etwas in der Natur zum Gegenstande seiner +Theilnahme machen will, einen treuen Hund wie ihren einzigen +Freund behandeln, oder, wie einst Quatremère zu Namur, in +dem öden Kerker durch den Anblick und die Beobachtung eines +so bewundernswürdigen Kunsttriebes, wie der ist, den die Spinnen +zeigen, die Schmerzen und Qualen ihrer Verbannung zu +lindern, und das bittere Gefühl ihrer Verlassenheit zu mildern +suchen.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_399">[S. 399]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Zehntes_Kap.">Zehntes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Ich halte es für billig, bevor ich dies Werk über den Umgang +mit Menschen schließe, mit meinen Lesern auch ein paar Worte +über unsre wechselseitigen Verhältnisse gegen einander zu reden. +Zuerst also einige Bemerkungen über den Beruf, ein Buch zu +schreiben!</p> + +<p>Ich habe bei andern Gelegenheiten geäußert, daß ich die +Schriftstellerei in unsern Zeiten für nichts mehr, als für einen +Zweig oder eine Unterart des Umgangs, und also für schriftliche +Unterredung mit der Lesewelt halte, und daß man es daher im +freundschaftlichen Gespräche so genau nicht nehmen dürfe, wenn +auch einmal ein unnützes Wort mit unterliefe. Man soll es daher +dem Schriftsteller nicht übel ausdeuten, wenn er, ein wenig +von seiner Lebhaftigkeit und Mittheilungslust verführt, von der +Begierde, über irgend einen Gegenstand allerlei Arten von Menschen +seine Gedanken mitzutheilen, etwas drucken läßt, das nicht +gerade die Quintessenz von Weisheit, Witz, Scharfsinn und +Gelehrsamkeit enthält. Es behält ja ein Jeder die Freiheit, dem +Schwätzer zuzuhören, oder nicht, — und kann sich, bevor er +ein Buch kauft, erst bei Andern nach dem Manne erkundigen, +mit dem er sich unterhalten will, — hat aber, denke ich, auf +keinen Fall das Recht, ihm allein deswegen Grobheiten zu sagen, +weil ihm die gedruckte Unterhaltung desselben nicht gefällt, +in so fern er ihn nicht vorher mit unverschämten Prahlereien und +großen Versprechungen getäuscht hat. Es ist überhaupt sehr viel +schwerer, als man glauben sollte, seine eignen Produkte zu beurtheilen; +nicht nur, weil unsre Eitelkeit da in das Spiel kömmt, +sondern auch, weil die Gegenstände, über deren Beobachtung +wir lange gebrütet, für uns, eben durch das Nachdenken, welches +wir darauf verwenden, einen solchen Werth bekommen haben, +daß wir unsre Gedanken darüber für äusserst wichtig halten, +indeß einem Andern, was wir auch davon sagen mögen,<span class="pagenum" id="Seite_400">[S. 400]</span> +unwichtig und gemein vorkommt. Und haben wir etwa gar +Sprache und Beredsamkeit nicht in unsrer Gewalt, oder sind +verstimmt zu der Zeit, wenn wir jene Gedanken zu Papier bringen +wollen, oder vergessen, daß der Gegenstand, über welchen +wir schreiben, nur durch kleine besondre Beziehungen auf unsre +damalige Lage, die sich nicht mit übertragen lassen, uns am +Herzen liegt; oder dies Herz ist zu voll, um, was es empfindet, +in einer gefälligen Ordnung hererzählen zu können: so geschieht +es, daß wir etwas schreiben, welches uns, die wir alle +Nebenbegriffe daran knüpfen, wodurch das Bild Ausdruck und +Farbe gewinnt, sehr unterhaltend scheint, jenen Andern aber +gähnen macht und mit Unwillen gegen uns erfüllt. Indem es +nun auf solche Weise leicht geschehen kann, daß selbst ein verständiger +Mann, der das Unglück hat, von Eitelkeit geblendet, +oder von starken Gefühlen hingerissen zu seyn, ein Buch schreibt, +das andre Menschen für ein unnützes und langweiliges Buch +halten, weil es eine reine Herzensergießung ist; so kann und +darf es doch einem verständigen Manne nie begegnen, etwas +öffentlich vor dem Publikum zu reden, das gegen Moralität +und gesunde Vernunft stritte, oder wodurch er einem seiner Mitmenschen +muthwillig Schaden zufügte. Denn wenn gleich +Schriftstellerei nur dargebotene Unterhaltung und Unterredung +ist, so ist sie doch eine solche Unterredung, bei der man hinreichende +Zeit hat, zu bedenken, was man spricht, und um so +mehr also die Verpflichtung übernimmt, jeden unsittlichen, ganz +schiefen und boshaften Gedanken zu unterdrücken. Ich meine +daher, alles, was das Publikum von einem Schriftsteller, der +ohne zu weit getriebene Ansprüche auftritt, mit Recht fordern +kann, ist, daß er durch seine Werke weder Sitten-Verderbniß, +noch Vorurtheil und Unduldsamkeit verbreite, und das, was +Allen heilig seyn soll, unangetastet und unentweiht lasse. Alles +Uebrige: Beruf zu schreiben; Wahl des Gegenstandes; Einkleidung; +Ansprüche auf Ruhm, Beifall und Lob; zu stiftender +Nutzen; einzunehmender Gewinn; Hoffnung auf Unsterblichkeit +— das alles ist <em class="gesperrt">seine Sache</em>, und es geht auf seine Gefahr, +wenn er sich dem Schimpfe aussetzt, entweder in der +Stille zu Fuß vom Parnasse wieder herunterschleichen zu müssen, +oder von der Meute der Recensenten zu Tode gejagt zu +werden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_401">[S. 401]</span></p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Wenn also ein Autor nichts Schädliches und Unsinniges +sagt, so muß man ihm erlauben, seine Gedanken drucken zu +lassen; wenn er etwas Nützliches sagt, so erwirbt er sich ein +Verdienst um das Publikum, und wenn er Wahrheiten an's +Licht zieht, die lange schon verkannt oder vergessen sind, so soll +er gehört, und seine Schrift von allen Guten ausgezeichnet und +verbreitet werden. — Aber wird deswegen sein Buch auch gewiß +Beifall finden? Das ist wieder eine ganz andere Frage. — +Allgemeiner Beifall von Guten und Bösen, von Weisen und +Thoren, von Hohen und Niedern? — Ei nun! wer wird so +eitel seyn, darauf Anspruch zu machen? Aber um auch nur dem +größten Theile der Lesewelt zu gefallen, welche niedrige Mittel +wählt da nicht mancher Schriftsteller? — Wer sich nicht, in +Ansehung der Form, der Einkleidung, des Titels seines Buchs, +nach dem Zeitgeschmacke, d. h. nach dem Geschmacke, nicht dieses +Jahrzehends, sondern dieses Jahres richtet; wer keine Anekdötchen +mit einmischt; wer nicht dafür sorgt, daß sein Werkchen +hübsch fein gedruckt und mit Bilderchen ausgeziert werde; wer +herrschende Vorurtheile, Mode-Systeme, glänzende Thorheiten, +politischen, kirchlichen, gelehrten und moralischen Despotismus +angreift oder lächerlich macht; wer sich einen Verleger wählt, +auf den die andern Buchhändler neidisch, dem sie feind sind; +wer sich nicht demüthig unter den Schutz irgend eines gelehrten +Posaunen-Blasers begibt; wer nicht die Schreier im Publikum, +und Die, welche in der feinen Welt den Ton angeben, zu gewinnen +sucht; wer zu bescheiden auftritt; wer sein Buch einem +Manne widmet, oder in demselben einem Manne Gerechtigkeit +widerfahren läßt, dessen Verdienste beneidet, verfolgt werden; +wer das Unglück hat, durch seine Geistes-Produkte mehr Aufmerksamkeit +zu erregen, als gewisse Schriftsteller des Tages, +welche bei dem Publikum die Lieblingsschaft zu erringen wußten; +wer dadurch auswärts sich einen Namen macht, den ihm +seine Landsleute nicht gönnen; — der wird, wenigstens in dieser +Generation, vielleicht sein Glück als Schriftsteller nicht machen, +und auch sein nützlichstes Werk bald als Maculatur behandelt +sehen. Ich rathe daher, die unschuldigsten unter diesen kleinen +Autorkünsten nicht eben gänzlich zu vernachlässigen. Viele +davon sind aber eines edeln, verständigen Mannes unwerth.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_402">[S. 402]</span></p> + +<p>In prahlerischen Vorreden sich für den bisher erhaltenen +allgemeinen Beifall zu bedanken; an feile Recensenten Beurtheilungen +seiner Werke einzusenden, die man selbst, oder die +ein gefälliger Freund aufgesetzt hat, und in welchen man dem +Publikum dazu Glück wünscht, daß der <em class="gesperrt">Lieblings-Schriftsteller</em> +der Nation die Welt abermals mit einem schönen Buche +beschenkt habe, und dergleichen elende Künste mehr, helfen doch +nur auf kurze Zeit. Sicherer, als die Recensionen, obgleich +nicht unfehlbar für den bleibenden innern Werth eines Buchs +entscheidend, ist die allgemeine Stimme des Publikums. Wenigstens +ist es einem Schriftsteller zu verzeihen, wenn er ein +Werk nicht für ganz schlecht, sondern dem Bedürfnisse des Zeitalters +angemessen hält, das eine Reihe von Jahren hindurch +häufig gekauft, gelesen, neu aufgelegt und übersetzt wird, wenn +er dann auf den einzelnen Tadel unberufener Kunstrichter wenig +achtet, und fortfährt, die Lesewelt zu unterhalten, so lange diese +Stimmung dauert; aber wenn sie nachläßt — dann ist es freilich +Zeit, aufzuhören.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Reden wir jetzt auch von dem Betragen und von den Pflichten +des Lesers gegen den Schriftsteller! Zuerst soll, denke ich, +jener nie vergessen, daß dieser sich nicht nach dem Geschmacke +jedes Einzelnen richten kann. Was für Dich, in Deiner Lage, +in Deiner Stimmung, höchst interessant ist, das scheint einem +Andern vielleicht äusserst langweilig und unbedeutend, und wahrlich! +<em class="gesperrt">der</em> Mann müßte ein Hexenmeister seyn, der ein Buch +verfassen könnte, in welchem Jeder fände, was er suchte. Es +gibt Bücher, die man durchaus nur dann lesen muß, wenn +man eben so gestimmt ist, wie der Mann war, der sie schrieb, +so wie es auch andere gibt, deren Sinn und Schönheit man +<em class="gesperrt">immer</em>, in jeder Laune, fassen und sich eigen machen kann. +Nicht immer sind darum <em class="gesperrt">jene</em> geistvoll, groß und erhaben nach +ihrem Inhalte, noch im Gegentheil immer schwärmerisch und +fieberhaft. Nicht immer enthalten darum <em class="gesperrt">diese</em> lauter bestimmte, +ewige Wahrheiten, auf kalte, unwiderlegbare, allein des +vollkommnen Mannes würdige, unerschütterliche Philosophie +gegründet, oder im Gegentheile, nicht immer gemeine, ohne +Mühe leicht zu verdauende Seelen-Speise. Sey also nicht zu +strenge, geehrter und erleuchteter Leser, in Deiner Beurtheilung<span class="pagenum" id="Seite_403">[S. 403]</span> +eines sonst nicht schlecht geschriebenen Buches, oder wenn Du +es nun einmal nicht lassen kannst, zu richten, so behalte wenigstens +Deine Meinung darüber in Deinem Kopfe, in welchem +oft viel leerer Raum ist, und verschreie das Buch nicht! Am +wenigsten aber laß Dich verleiten, den moralischen Charakter +des Schriftstellers auf bloße Muthmaßung hin bei dieser Gelegenheit +anzugreifen, ihm gefährliche Absichten beizumessen, seinen +Worten einen erzwungenen Sinn zu geben, und seine Winke +hämisch auszudeuten! Beurtheile nicht ein Buch, wenn Du nur +einzelne Stellen daraus gelesen hast, und bete nicht das Lob und +den Tadel unwissender, boshafter oder feiler Recensenten nach!</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Bei der Menge unnützer Schriften thut man übrigens wohl, +eben so vorsichtig im Umgange mit Büchern, wie mit Menschen +zu seyn. Um nicht zu viel Zeit mit Lesung unnützen Papiers zu +verschwenden, das heißt: um nicht von Schwätzern mir die Zeit +verderben zu lassen, suche ich auch von <em class="gesperrt">dieser</em> Seite nicht viel +neue Bekanntschaft eher zu machen, als bis der allgemeine Ruf +mich auf ein gutes, oder besonders musterhaftes Buch aufmerksam +macht. Ich bin mit einem kleinen Cirkel alter guter Freunde +zufrieden, die ich oft, und immer mit neuem Vergnügen, schriftlich +mit mir reden lasse.</p> + +<p>Hier wäre denn wohl der Ort, einen eignen, nicht unbedeutenden +Abschnitt den Bemerkungen über den <em class="gesperrt">Umgang mit +verstorbenen großen und edeln Männern</em> zu widmen; +allein das würde mich zu weit führen; wichtig ist aber gewiß +der Einfluß, den das Studium der Geschichte, des Charakters +und der Schriften der berühmtesten Helden und Weisen verflossener +Jahrhunderte auf die Ausbildung eines gutbegabten Geistes +hat. Man träumt sich in jene Zeiten hinein, wird beseelt +von dem Geiste, der aus den Thaten und Reden jener erhabenen +Menschen hervorgeht; und in diesem Sinne hat der Umgang +mit Verstorbenen sehr oft größere Wirkung auf Köpfe und +Herzen, und durch diese auf große Weltbegebenheiten geäussert, +als der Umgang mit den Zeitgenossen.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_404">[S. 404]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Eilftes_Kap.">Eilftes Kapitel.<br> +<span class="s5a center">Schluß.</span></h3> +</div> + +<h4>1.</h4> + +<p>Und nun, wertheste Leser! eile ich zum Schlusse dieses Werks +über den Umgang mit Menschen. Finden Sie etwas darin, +das Ihrer Aufmerksamkeit werth ist, — wird dies Buch vom +Publiko gütig aufgenommen und billig beurtheilt: so wird mir +das mehr Freude machen, als mir bis jetzt selbst der beste Erfolg +irgend einer meiner Schriften gewährt hat. Wenigstens +hoffe ich, Sie werden hier keine Grundsätze antreffen, deren sich +ein rechtschaffener und verständiger Mann schämen dürfte, und, +wenn es sonst kein anderes Verdienst hat, ihm doch das der +Vollständigkeit nicht absprechen; denn ich glaube, daß doch +nicht leicht irgend ein Verhältniß im geselligen Leben gefunden +werden könne, über welches ich nicht etwas gesagt hätte. — Ob +gut, oder schlecht, oder beides vermischt, oder mittelmäßig von +Anfang bis zu Ende: — das darf ich nicht entscheiden.</p> + +<h4>2.</h4> + +<p>Daß ein solches Buch aber, vorausgesetzt nämlich, daß der +Gegenstand mit gehöriger Einsicht, Erfahrung und Menschenkenntniß +behandelt wäre, nicht nur Jünglingen, sondern selbst +Männern Nutzen gewähren könnte: <em class="gesperrt">das</em> darf ich wohl behaupten. +Man verlangt von feinen, hellsehenden Leuten immer auch +feine Lebensart; aber man hat darin Unrecht. Dieser Geist +des Umgangs erfordert Kaltblütigkeit, Achtsamkeit auf geringe +Dinge, auf Kleinigkeiten, die man bei feurigen Genies selten +antrifft. Ein Wink hingegen aus einem solchen Buche kann +Manchen aufmerksam machen auf Fehler, welche er bisher, ohne +es zu wissen, in Behandlung der Menschen beging, — auf Fehler, +die er an sich selbst aus zu großer Lebhaftigkeit bis jetzt +übersehen hatte, ohne ihn deswegen abzuhalten, die fremden +Erfahrungen auf <em class="gesperrt">seine</em> Weise zu nützen, und dennoch selbstständig +zu handeln.</p> + +<h4>3.</h4> + +<p>Ich habe aber in diesem Werke nicht die Kunst lehren wollen, +die Menschen zu unsern Endzwecken zu mißbrauchen, über<span class="pagenum" id="Seite_405">[S. 405]</span> +alle nach Gefallen zu herrschen, Jeden nach Belieben für unsre +eigennützigen Absichten in Bewegung zu setzen. Ich verachte +den Satz: »daß man aus den Menschen machen könne, was +man wolle, wenn man sie bei ihren schwachen Seiten zu fassen +verstünde.« Nur ein <em class="gesperrt">Schurke</em> kann das, und will das, +weil nur <em class="gesperrt">ihm</em> die Mittel, zu seinem Zwecke zu gelangen, gleichgültig +sind; der <em class="gesperrt">ehrliche</em> Mann kann nicht aus allen Menschen +alles machen, und will das auch nicht; und der Mann von festen +Grundsätzen <em class="gesperrt">läßt</em> auch nicht alles aus sich machen. Aber +<em class="gesperrt">das</em> wünscht, und <em class="gesperrt">das</em> kann jeder Rechtschaffene und Weise bewirken, +daß wenigstens die Bessern ihm Gerechtigkeit widerfahren +lassen: daß niemand ihn verachte; daß er Frieden von aussen +her habe; daß man ihn in Ruhe lasse; daß er Genuß und +Gewinn aus dem Umgange mit allen Klassen von Menschen +schöpfe; daß Andere ihn nicht mißbrauchen, oder durch Verstellung +täuschen. Und wenn er ausdauert, immer folgerecht, edel, +vorsichtig und gerade handelt: so kann er sich allgemeine Achtung +erzwingen, kann auch, wenn er die Menschen studirt hat, +und sich durch keine Schwierigkeiten abschrecken läßt, fast jede +<em class="gesperrt">gute</em> Sache am Ende durchsetzen. Hierzu nun die Mittel zu +erleichtern, und Vorschriften zu geben, die dahin einschlagen, — +das ist der Zweck dieses Buchs.</p> + +<p>Wer aber sein ganzes Leben hindurch, bei jeder willkührlichen +Handlung, bei jedem kleinen Schritte, den er zu unternehmen +hat, erst nachsehen wollte, ob er dazu in diesem Buche kein Recept, +keine Vorschrift fände, der würde freilich alle Eigenthümlichkeit +des Charakters verleugnen. — Doch, wie kann das auch +meine Absicht seyn? Kaum bedürfte es dieser Erinnerung, wenn +es weniger schiefe Köpfe und boshafte Ausleger in der Welt gäbe.</p> + +<h4>4.</h4> + +<p>Daß ich bei dieser Gelegenheit die Schwachheiten mancher +Klassen von Menschen habe aufdecken müssen, ohne jedoch auf +Einzelne unedel anzuspielen, das war wohl sehr natürlich. Aber o! +was hätte ich sagen können, wenn ich mein Buch mit wirklichen +Anekdoten hätte auszieren, und besondere Erfahrungen aus meinem +Leben erzählen wollen! — Schmeichle ich mir zu viel, wenn +ich hoffe, daß man mir dergleichen nicht Schuld geben, und mir +wenigstens von <em class="gesperrt">dieser</em> Seite Gerechtigkeit widerfahren lassen +werde?</p><br> + + +<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Die Teutschen haben von allen Völkern das meiste Lächerliche für +die große Welt an sich; vielleicht, weil sie noch gar zu ehrlich sind, +und die große Welt allzusehr verehren und bewundern. Wer nichts +anstaunt, steht mehr auf seinem Gleichgewicht. Der Engländer +glaubt, ihm kleide alles, er habe zu allem Recht; er verachtet, +was er nicht besitzt, und nicht mehr erwerben kann, tritt keck, +auch wohl bengelhaft auf. Der gutmüthige Teutsche will wenigstens +zeigen, daß er sein Möglichstes thue, Andern zu gefallen, +und in diesem ehrlichen Eifer merkt er kaum, wie schlecht es ihm +oft gelingt. Der Franzose und der Russe haben den sichersten, +feinsten, und für alle in der Gesellschaft Auftretende gefährlichsten +Takt, das Lächerliche auf den ersten Blick aufzufinden. Wer sich +vor ihnen auf seinen Sprach- oder Tanzmeister allein verläßt, den +werden sie bald seinen Irrthum fühlen lassen, vorausgesetzt, er +habe Sinn genug, zu erkennen, daß eben das, was man an ihm +am meisten bewundert, sein Lächerliches sey. <em class="gesperrt">Klinger Betrachtungen +und Gedanken</em> 1r Thl. S. 316.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Man muß so viel Menschenkenntniß oder so viel Urtheilskraft +haben, um die Wirkung solcher theilnehmenden Fragen voraussehen +zu können, oder das Fragen ganz unterlassen, und lieber +erwarten, daß nicht das Gespräch sich von selbst auf diesen Gegenstand +wenden wird. Denjenigen, welche sich nicht taktfest in der +Unterhaltung fühlen, sollten sich überhaupt vor Fragen hüten, denn +Fragen werden oft, wie Blicke, unsere Verräther.</p> + +<p> +A. d. H.<br> +</p> + + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Ich entlehne diese Stelle, welche durch ihre treffende und sinnreiche +Darstellung sich auszeichnet, aus der Zeitschrift: <em class="gesperrt">Ernst +und Scherz</em>, oder der alte Freimüthige, Nro. 128. des Jahrgangs +1817, und füge nur die Anweisung zum Betragen gegen +diese Menschen hinzu.</p> + +<p> +d. H.<br> +</p> + + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Und das sind die Grundsätze eines Mannes, den Georg Zimmermann, +Aloisius Hoffmann und Consorten als einen Volks-Aufwiegler +verketzerten!</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Die Verirrungen des Philosophen, oder Geschichte Ludwigs von +Seelberg, Theil 1. Seite 108.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Vielleicht würde der Verf., wenn er die heutige Jugend sähe, +in ihr die Erfüllung seiner Hoffnung finden; wenigstens eine gewisse +männliche Gesetztheit, deutsche Geradheit und Festigkeit und +offene Freimüthigkeit wird man ihr nicht absprechen können. Aber +Bescheidenheit würde er sehr vermissen.</p> + +<p> +A. d. H.<br> +</p> + + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Hier, und an andern Orten ist der Verf. seinen Lesern die +Lösung dieser schweren Aufgabe schuldig geblieben, und man muß +glauben, daß er verzweifelte, sie zu lösen. Auch wird man wohl +denen beipflichten müssen, die es nicht der Mühe werth halten, +sie zu lösen.</p> + +<p> +A. d. H.<br> +</p> + + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Wir haben in den neuesten Tagen dergleichen ärgerliche Auftritte +in großer Zahl gesehen, und die Klage des Verf. gilt also leider +noch immer, doch glücklicher Weise nur von den leichtfertigen +Schriftstellern des Tages und einigen Philologen.</p> + +<p> +D. H.<br> +</p> + + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Wer denkt hier nicht an Wielands und Johann v. Müllers gutherziges +Loben, und an des Letzteren übergroße Nachsicht gegen +überlästige Correspondenten?</p> + +<p> +D. H.<br> +</p> + + +</div> +</div> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77701 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/77701-h/images/cover.jpg b/77701-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a8f3ad9 --- /dev/null +++ b/77701-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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Schreibweise und Interpunktion des +Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler +sind stillschweigend korrigiert worden. + +Auf S. 98 ist die fehlende Überschrift (Pkt.18) hinzugefügt worden. + +Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter geschaffen. Ein Urheberrecht +wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt +genutzt werden. + +Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt +worden: + + ~gesperrt gedruckter Text~ + +antiqua gedruckter Text+ + +======================================================================= + + + + + Ueber + + den + + Umgang mit Menschen. + + + Von + + + Adolph Freiherrn Knigge. + + + + + In drei Theilen. + + + + + Zehnte Ausgabe. + + + Durchgesehen und vermehrt + + von + + F. P. Wilmsen. + + + + + Stuttgart, + + bei A. F. Macklot. 1822. + + + + + Vorrede des Herausgebers, + + zur neunten Auflage. + + +Ich habe den Wunsch der Verlagshandlung, Knigge's bekanntes und +geschätztes Werk über den Umgang mit Menschen für die neunte Ausgabe +durchzusehen, und mit einer Einleitung, Anmerkungen und Nachträgen +zu vermehren, gern erfüllt, weil ich glaubte, dadurch nützlich zu +werden. Dies Werk enthält sehr viel Gutes, und kann für Menschen, die +auf den mittleren Stufen der Bildung stehen, und wenig Gelegenheit +haben, Menschenkenntniß einzusammeln, überaus nützlich werden. Da ich +es für Pflicht hielt, Knigge selbst reden zu lassen, so habe ich mir +nur da, wo er sich eine offenbare Incorrectheit oder Nachlässigkeit +im Vortrage erlaubt hat, eine Aenderung und Uebertragung erlaubt, +und solche Anmerkungen, welche für eine Note unter den Text zu wenig +Ausdehnung hatten, gleich in den Text selbst verwebt. Dieß glaubte ich +um so eher mir erlauben zu dürfen, da diese Anmerkungen größtentheils +nur weitere Ausführungen, oder nähere Bestimmungen, oder eine festere +Begründung des von K. Gesagten enthalten. Ganz weggestrichen habe ich +nur solche Stellen, welche eine offenbare Uebertreibung oder eine +nichtssagende Anekdote, oder eine leere Amplification enthielten. Ein +zur Vollständigkeit nöthiger Nachtrag enthält besonders die Regeln des +Umgangs mit Kindern, worüber K. viel zu kurz gewesen ist, und wird die +Brauchbarkeit des Werkes hoffentlich einigermaßen erhöhen und befördern. + + ~Berlin~, im April 1817. + + ~F. P. Wilmsen.~ + + + + + Inhalt. + + + Erster Theil. + + Einleitung des Herausgebers; Seite 3. + Einleitung des Verfassers; Seite 12. + +1) Warum man mit großen und glänzenden Eigenschaften dennoch nicht +immer in der Welt sein Glück mache. Ueber den +esprit de conduite+. +Mancher will sich nicht nach den Sitten Andrer fügen. Manchem fehlt es +dazu an der nöthigen Weltkenntniß; Mancher macht zu viel Forderungen. +Aber auch mit dem besten Willen und guten Anlagen glückt es nicht +Jedem; warum? 2) In Deutschland ist es schwer, allgemein gute Eindrücke +in Gesellschaften zu machen; warum? Bilder von Verschiedenheit des +gesellschaftlichen Tons in einigen Provinzen von Deutschland, und +Bilder von den Sitten verschiedner Stände. 3) Von meinem Berufe, über +diesen Gegenstand zu schreiben. 4) Meine eignen Erfahrungen. + + + Erstes Kapitel; Seite 27. + + Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den + Umgang mit Menschen. + +1) Jeder Mensch muß sich in der Welt selbst geltend machen. Anwendung +dieses Satzes. 2) Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem +~Scheine~ der Vollkommenheit! 3) Sey nicht zu sehr ein Sclave der +Meinung Andrer! 4) Verliere nicht die Zuversicht! 5) Eigne Dir nicht +fremdes Verdienst zu! 6) Verbirg Deinen Kummer! 7) Rühme nicht zu laut +Dein Glück! 8) Enthülle nicht die Schwächen Deiner Nebenmenschen! 9) +Gib Andern Gelegenheit, zu glänzen! 10) Suche Gegenwart des Geistes +zu haben! 11) Willst Du etwas in der Welt erlangen, so mußt Du darum +bitten. 12) Nimm so wenig, wie möglich, von Andern Wohlthaten an! 13) +Grenzen der Dienstfertigkeit. 14) Halte strenge Wort, und sey wahrhaft! +15) Sey pünktlich, ordentlich, fleißig! 16) Interessire Dich für Andre, +wenn Du willst, daß Andre sich für Dich interessiren sollen! 17) +Verflicht niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und setze Dich immer +in Gedanken in andrer Leute Stelle! 18) Laß Jeden seine Handlungen +selbst verantworten, wenn Du nicht sein Vormund bist! 19) Handle nur +selbst immer folgerecht! 20) Habe stets ein gutes Gewissen! 21) Sey, +was Du bist, immer und ganz! 22) Unterschied im äussern Betragen. 23) +Sey nicht zu offenherzig! 24) Suche nie jemand lächerlich zu machen! +25) Schrecke, zerre, beunruhige und necke nicht! 26) Alle Menschen +wollen amüsirt seyn. Ueber das Spaßmachen. 27) Sage Jedem etwas +Lehrreiches oder Angenehmes! 28) Ueber Spott und Medisance. 29) Ueber +Anekdoten. 30) Trage keine Nachrichten aus einem Hause in das andre! +31) Sey vorsichtig in Tadel und Widerspruch! 32) Rede nicht zu viel und +nicht langweilig! 33) Noch von Dingen, die nur Dich interessiren! 34) +Ueber Egoismus. 35) Widersprich Dir nicht im Reden! 36) Wiederhole Dich +nicht, und schärfe Dein Gedächtniß! 37) Vermeide Zweideutigkeit; 38) +Gemeinsprüche; 39) Unnütze Fragen! 40) Lerne Widerspruch ertragen! 41) +Wo man sich zur Freude versammelt, da rede nicht von Geschäften! 42) +Ueber Religions-Gespräche. 43) Sey vorsichtig in Gesprächen über Andrer +Gebrechen! 44) Andre Vorsichtigkeits-Regeln. 45) Bringe bei niemand +unangenehme Dinge in Erinnerung! 46) Nimm nicht Theil an fremdem +Spotte! 47) Ueber Disputirgeist. 48) Ueber Verschwiegenheit. 49) +Wohlredenheit und äusserer Anstand. 50) Ueber kleine gesellschaftliche +Unschicklichkeiten. 51) Betragen, wenn uns Langeweile gemacht wird. 52) +Leichtigkeit im Umgange. 53) Man hüte sich vor zu großen Forderungen! +54) Kleidung. 55) Soll man viel oder wenig in Gesellschaften gehen? +56) Man kann in jeder Gesellschaft etwas lernen. 57) Mit wem soll man +umgehen? 58) Ueber den Umgang in großen Städten, in kleineren, und auf +dem Lande. 59) In fremden Gegenden. 60) Regeln beim Briefwechsel. 61) +Wie man die Menschen beurtheilen solle. 62) Ob diese Regeln allgemein +passen? 63) In wie fern auch Frauenzimmer nach diesen Regeln handeln +können. + + + Zweites Kapitel; Seite 74. + + Ueber den Umgang mit sich selbst. + +1) Es ist nützlich und interessant, über den Umgang mit andern +Menschen seine eigne Gesellschaft nicht zu vernachlässigen. 2) Es +kommen Augenblicke, wo wir uns selbst am nöthigsten sind. 3) Gehe +eben so vorsichtig, fein, redlich und gerecht mit Dir selbst um, +wie mit Andern! 4) Sorge für Deine Gesundheit, aber verzärtle Dich +nicht! 5) Respectire Dich selbst, und habe Zuversicht zu Dir selbst! +6) Verzweifle nicht bei dem Bewußtseyn mangelnder Vollkommenheiten, +bei den Schwierigkeiten, ein großer Mann zu werden! 7) Sey Dir ein +angenehmer Gesellschafter! 8) Aber sey Dir auch kein Schmeichler, +sondern ein aufrichtiger und gerechter Freund! Sey eben so strenge +gegen Dich, wie Du gegen Andre bist! 9) Wie man Abrechnung mit seiner +Moralität halten solle. + + + Drittes Kapitel; Seite 78. + + Ueber den Umgang mit Leuten von verschiednen Gemüthsarten, + Temperamenten und Stimmungen des + Geistes und Herzens. + +1) Ueber die vier Haupt-Temperamente und deren Mischungen. 2) Ueber +herrschsüchtige Leute. 3) Ueber Ehrgeitzige. 4) Eitle. 5) Hochmüthige, +im Gegensatze von Stolzen. 6) Ueber sehr empfindliche Leute. 7) Ueber +den Umgang mit Eigensinnigen. 8) Mit Zanksüchtigen, Widersprechern +und solchen, die Paradoxie lieben. 9) Mit Jähzornigen. 10) Mit +Rachgierigen. 11) Mit unentschlossenen, faulen und phlegmatischen +Leuten. 12) Mit Menschenfeinden, mißtrauischen, argwöhnischen, +mürrischen und verschlossenen Leuten. 13) Mit neidischen, hämischen, +verläumderischen, schadenfrohen, mißgünstigen und eifersüchtigen +Menschen. 14) Ueber den Geitz und die Verschwendung. 15) Ueber das +Betragen gegen Undankbare. 16) Gegen ränkevolle Leute und Lügner. 17) +Gegen Windbeutel. 18) Gegen Unverschämte, Müssiggänger, Schmarotzer, +Schmeichler und zudringliche Leute. 19) Gegen Schurken. 20) Gegen +zu bescheidne, zu furchtsame Menschen. 21) Gegen Unvorsichtige und +Plauderhafte, Vorwitzige und Neugierige, Zerstreute und Vergessene. 22) +Gegen Wunderliche, Sonderlinge und Launenhafte. 23) Ueber den Umgang +mit dummen, schwachen, übertrieben gutherzigen, leichtgläubigen und +solchen Menschen, die gewisse Liebhabereien und Steckenpferde haben. +24) Mit muntern und satyrischen Leuten. 25) Mit Trunkenbolden, groben +Wollüstlingen und andern lasterhaften Leuten. 26) Mit Enthusiasten, +Ueberspannten, Romanhaften, Kraft-Genies und excentrischen Leuten. 27) +Etwas von Andächtlern, Heuchlern und abergläubischen Leuten. 28) Von +Deisten, Freigeistern und Religions-Spöttern. 29) Ueber die Art, wie man +Schwermüthige, Tolle und Rasende behandeln müsse. Geschichte zweier +Wahnsinnigen. Zusatz des Herausgebers. + + + + + Zweiter Theil. + + Einleitung; Seite 125. + + Nachricht von der Art der Eintheilung aller in den drei Theilen + dieses Werks verhandelten Gegenstände. + + + Erstes Kapitel; Seite 125. + + Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter. + + + Zweites Kapitel; Seite 132. + + Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden. + + + Drittes Kapitel; Seite 139. + + Von dem Umgange unter Eheleuten. + + + Viertes Kapitel; Seite 161. + + Ueber den Umgang mit und unter Verliebten. + + + Fünftes Kapitel; Seite 167. + + Ueber den Umgang mit Frauenzimmern. + + + Sechstes Kapitel; Seite 182. + + Ueber den Umgang unter Freunden. + + + Siebentes Kapitel; Seite 198. + + Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern. + + + Achtes Kapitel; Seite 205. + + Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns in + demselben Hause wohnen. + + + Neuntes Kapitel; Seite 207. + + Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast. + + + Zehntes Kapitel; Seite 211. + + Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten + empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern, Gläubigern + und Schuldnern. + + + Eilftes Kapitel; Seite 215. + + Ueber das Betragen gegen Leute in allerlei besondern Verhältnissen + und Lagen. + + + Zwölftes Kapitel; Seite 228. + + Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen + Leben. + + Allgemeine Behandlung der Kinder in den Jahren der ersten + Entwickelung; Seite 238. + + + + + Dritter Theil. + + Einleitung; Seite 307. + + Uebergang zu den in diesem Theile verhandelten Gegenständen. + + + Erstes Kapitel; Seite 307. + + Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen + und Reichen. + + + Zweites Kapitel; Seite 325. + + Ueber den Umgang mit Geringern. + + + Drittes Kapitel; Seite 328. + + Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen. + + + Viertes Kapitel; Seite 340. + + Ueber den Umgang mit Geistlichen. + + + Fünftes Kapitel; Seite 344. + + Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern. + + + Sechstes Kapitel; Seite 360. + + Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im bürgerlichen + Leben. + + + Siebentes Kapitel; Seite 383. + + Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart und Gewerbe. + + + Achtes Kapitel; Seite 391. + + Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern + derselben. + + + Neuntes Kapitel; Seite 395. + + Ueber die Art, mit Thieren umzugehen. + + + Zehntes Kapitel; Seite 399. + + Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser. + + + Eilftes Kapitel; Seite 404. + + Schluß. + + + + + Ueber den + + Umgang mit Menschen. + + + + + Erster Theil. + + Einleitung des Herausgebers. + + +Der Umgang mit Menschen gehört zu den wirksamsten ~Bildungs-~, +~Erheiterungs-~ und ~Anregungsmitteln~ des menschlichen Geistes und +Gemüths; aber wohlthätig werden seine Wirkungen nur dann für uns +seyn, wenn wir gehörig vorbereitet unter die Menschen treten, und im +Umgange eben so viel Weisheit, als Klugheit, eben so viel Festigkeit, +als Geschmeidigkeit, eben so viel Offenheit, als Zurückhaltung zeigen +und anwenden. Die Vorbereitung besteht in der Fertigkeit, den Schein +von der Wahrheit zu unterscheiden, die Sprache des feinen Welttons +zu reden, ohne in's Gezierte und Höfische zu verfallen, und in der +Sammlung allgemeiner Kenntnisse; endlich in der richtigen Würdigung +der Menschen, damit ein Bewußtseyn des eigenen Werthes erwache, und +die Blödigkeit verschwinde, welche unfähig macht, den Umgang mit +Menschen von höherer Bildung und Erfahrung zu benutzen und zu genießen. +Man könnte sagen, daß dieß alles, was hier als Vorbereitung auf den +Umgang mit Menschen dargestellt und erfordert wird, eigentlich das +Erzeugniß dieses Umgangs selbst sey; allein wenn auch zugegeben werden +muß, daß alle jene Kenntnisse und Fertigkeiten größtentheils in der +Gesellschaft gewonnen werden, so ist doch eben so gewiß, daß die +Gesellschaft ein Recht habe, von ihren Mitgliedern zu fordern, daß +sie einen Beitrag zur Unterhaltung geben, nicht bloß empfangen und +genießen sollen. Diese billige Forderung aber kann nur von denjenigen +erfüllt werden, welche gehörig vorbereitet und ausgestattet in die +Gesellschaft treten. Dazu soll die Erziehung vor allem mitwirken, und +daneben die schriftliche Belehrung und Anweisung, welche nicht bloß +aus Schriften, wie die vorliegende des trefflichen Menschenkenners +Knigge, sondern auch, und vielleicht noch mehr aus solchen Romanen +und historischen Darstellungen geschöpft wird, welche sich durch eine +lebhafte und getreue Charakterschilderung auszeichnen, und Menschen +von allen Seiten, und in allerlei Lagen, Verhältnissen und Beziehungen +darstellen. Nicht bloß Menschenkenntniß, sondern auch die Sprache des +feineren Gesellschaftstones findet sich in solchen Schriften, und sie +gehören eben deswegen unstreitig zu den wirksamsten Bildungsmitteln. +In wie fern, und unter welchen Bedingungen auch der ~Umgang~ ein +Bildungsmittel sey, soll hier nur angedeutet, nicht ausgeführt werden, +denn für die Ausführung findet sich im Verfolg eine passendere Stelle. +~Die Weisheit im Umgange~ würde zunächst in der Sichtung der Spreu von +dem Weizen bestehen, damit sich nicht, zugleich mit den Kenntnissen und +berichtigten Urtheilen, mit den Ansichten der Welt und der Menschen, +mit der Erwärmung für das Schöne, Gute und Edle, auch Vorurtheile aller +Art, schiefe und ungerechte Urtheile, falscher Geschmack, Heuchelei und +Verstellungskunst, Leichtsinn und Eitelkeit in die Seele einschleiche. +Ohne diese Weisheit hat die Gesellschaft nur verderblichen Einfluß, +wird sie endlich selbst die Kraft überwältigen, mit welcher heilsame +Eindrücke der Erziehung auf unsern Willen wirken, wird sie den, der +sich sorglos ihrem Einfluß hingibt, zum Sclaven der Mode und Sitte +machen, und ihn um sein bestes Lebensglück betrügen. + +Aber mit der ~Weisheit~ reicht man in der Gesellschaft nicht aus; +sie fordert eben so sehr jene vorsichtige und besonnene ~Klugheit~, +welche uns lehrt, erlaubte Vortheile zu erkennen und zu benutzen, +und den Klippen auszuweichen, an welchen so leicht die Fassung, die +Heiterkeit und Laune scheitern kann. Wer im Umgange mit der großen Welt +zu oft in Verlegenheit kommt, zu oft, durch den Schein irre geführt, +sich zu einer Offenheit verleiten läßt, die er hernach mit Schrecken +gemißbraucht oder gemißdeutet sieht; wer nicht zu rechter Zeit ein +Gespräch abzubrechen, oder es auf eine ungezwungene und verständige +Weise anzuknüpfen und fortzuführen weiß, ohne vorlaut und zudringlich +zu werden, oder sich selbst zum Thema der Unterhaltung zu machen; wer +nicht mit Klugheit die Personen, aus welchen die Gesellschaft besteht, +nach ihren bürgerlichen und Familienverhältnissen berücksichtigt, +und seine Urtheile ohne alle Rücksicht fällt, seine Bemerkungen ohne +alle Umsicht mittheilt: der wird für alle diese Verstoße gegen die +Klugheit im Umgange hart büßen müssen, und sich bald genug von der +Gesellschaft ausgeschlossen sehen. Jene Weisheit, welche der Umgang +fordert, und jene Klugheit, welche er voraussetzt, besteht ferner in +der ~Festigkeit~, die nie in Starrsinn und Rechthaberei ausartet, und +in der Geschmeidigkeit, welche eben so weit von Heuchelei, als von +Blödigkeit und Menschengefälligkeit entfernt ist. Wer immer der Meinung +dessen ist, der zuletzt sprach, oder der das Wort in der Gesellschaft +führt, nie eine eigene Meinung hat, oder sie wenigstens sogleich +feigherzig aufgibt, wenn sie Widerspruch findet, wird der Gesellschaft +eben so wenig verdanken, als der, welcher mit rechthaberischer +Heftigkeit seine Gegner nur überschreit, nicht mit Gründen bekämpft. +Aber vorzüglich kommt es hier auf die ~Art~ an, wie man solche +Meinungen und Urtheile, welche lebhaft bestritten werden, vertheidigt +und begründet. Es gibt Menschen, welche bei solchen Vertheidigungen +alle Rücksichten und jede Schonung und Milde, welche zum Wesen +des Umgangs gehört, bei Seite setzen, und in leidenschaftlicher +Lebhaftigkeit ihre Gegner mehr anfallen und mißhandeln, als bekämpfen. +Hier ist die Grenze sehr leicht überschritten, besonders wenn die +Klugheit nicht von wohlwollenden Neigungen unterstützt wird, oder +persönliche Mißverhältnisse der Streitenden einwirken und sichtbar +werden. Dennoch gehört die Festigkeit recht eigentlich zu den +geselligen Tugenden, weil die Gesellschaft nicht ohne ~Reizmittel~ +bestehen kann, und der Widerspruch zu den wirksamsten Reizmitteln +gehört; aber auch deswegen, weil nur Festigkeit gegen die gefährlichen +und verderblichen Eindrücke des Umgangs waffnet und sichert, so wie +gegen die Verlegenheit und Bedrängniß, in welche wir diejenigen so oft +in der Gesellschaft gerathen sehen, welche dem Hochmuth, der Anmaßung, +Unbescheidenheit und leeren Prahlerei nichts entgegen zu setzen wissen, +und da verstummen, wo sie recht laut werden und mit Nachdruck sprechen +sollten. + +Aber wie der Umgang verderblich werden kann, wenn man seinem Einfluß +nicht mit Festigkeit zu widerstehen, und durch festen Muth alles +abzuwehren weiß, wodurch das Vergnügen der Gesellschaft gestört, oder +das Recht des Einzelnen gekränkt wird; so wird sein Reiz und sein +Genuß durch die ~Geschmeidigkeit~ erhöht, mit welcher sich Jeder +in den Ton der Gesellschaft überhaupt, und in die Schwachheiten +der Einzelnen insbesondere zu finden und zu schicken, Störungen des +gesellschaftlichen Vergnügens zu entfernen, und alles herbeizuführen +weiß, was die Unterhaltung nähren und beleben, die Bande der +Gesellschaft fester knüpfen, und den Genuß Aller erhöhen kann, und +zwar auf eine solche Art, daß Keinem etwas aufgedrungen, und nichts +erzwungen wird. Wie leicht diese Geschmeidigkeit ausarte, und wie +lästig, verächtlich und erniedrigend sie in ihrer Ausartung sey, +davon finden sich die auffallendsten Beispiele in jeder zahlreichen +Gesellschaft. Sie muß in theilnehmenden und wohlwollenden Gefühlen, in +~der~ Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit, welche sich nie vordrängt, +und keine Auszeichnung begehrt, und in dem Wunsche, sich zu belehren, +ihren Grund haben, wenn sie für eine gesellschaftliche Tugend gelten +soll. Häufig erscheint die Geschmeidigkeit als Herablassung zu den +Schwachen, als Herabstimmung zu einem uns fremden und ungemüthlichen +Gesellschaftstone, und in so fern sie selbst lauter Schwäche, nicht +Grundsatz und nicht Wohlwollen oder Klugheit ist, als ein Heulen +mit den Wölfen, als ein feigherziges und unsittliches Einstimmen in +einen Ton, den man für schlecht und niedrig erkennt. Hier würde die +Festigkeit an ihrem Orte seyn. Dagegen ist es hohe Gesellschaftstugend, +den Schwachen in der Gesellschaft sein Ohr zu leihen, wenn sie über die +Gebühr von sich selbst und ihren besondern Angelegenheiten sprechen; +der Mutter theilnehmend zuzuhören, welche von den Anlagen und von +der Liebenswürdigkeit ihrer Kinder, oder von häuslichen Leiden mit +großer Ausführlichkeit spricht; den ehrlichen Handwerksmann ausreden +zu lassen, oder durch Fragen selbst zu veranlassen, vom Handwerk zu +sprechen und seine Erfahrungskenntnisse gutmüthig mitzutheilen, wobei +dem Hörenden wohl noch durch manche nützliche Sachkenntniß seine +Herablassung vergolten wird. + +Eben so viel ~Offenheit~, als ~Zurückhaltung~, fordert endlich der +Umgang mit Menschen. Offenheit ist die Seele des Umgangs; aber +sie setzt Vertrauen voraus, und wer kann sogleich Vertrauen zu +Personen fassen, die er nur in ihren Feierkleidern sieht, und nicht +beobachten kann, wenn sie in ihrer Alltagskleidung einhergehen. +Es gibt eine Offenheit, welche mit kluger Vorsicht vereinbar ist, +und diese soll im Umgange herrschen. Niemand soll seine Grundsätze +und Ueberzeugungen verheimlichen, oder schweigen, wo die Pflicht, +sich des Verleumdeten anzunehmen, den Splitterrichter zu demüthigen +und zu strafen, den Heuchler zu entlarven, den Prahler in seiner +Erbärmlichkeit darzustellen, oder auch nur die Pflicht, seinen +Beitrag zur Unterhaltung zu geben, das Schweigen verbietet. Aber +Rücksicht auf Kinder, auf Schwache und Unwissende, auf Schüchterne +und Aengstliche, auf Horcher und Wortverdreher, auf Neuigkeitsträger +und Klatschschwestern, gebietet auch oft Zurückhaltung des Urtheils, +des Spottes, eines witzigen Einfalls, einer wahren, aber bitteren +Bemerkung, einer Meinung oder Erklärung, die leicht gemißdeutet oder +gemißbraucht werden kann. + +Dieß also wären die Bedingungen, unter welchen der Umgang +Bildungs-, Erheiterungs- und Anregungsmittel werden +kann. Wem übrigens die Wahl frei steht, zwischen großen, stark +gemischten Gesellschaften, und kleineren Gesellschaftskreisen, der +handelt weise, wenn er diese vorzieht, und jene so viel als möglich +vermeidet. Denn je zahlreicher die Gesellschaft ist, desto leerer +ist der Umgang, und nur da ist die Unterhaltung ergiebig +und lehrreich, wo Alle daran Theil nehmen, und Keiner durch +Rücksichten der Klugheit und Vorsicht zur Zurückhaltung bestimmt +wird, sondern Jeder frei und unverhohlen seine Meinung äußert. + +Auf der andern Seite ist der Umgang mit Einzelnen, wenn +sie mit einer ächten Geistesbildung eine reiche Erfahrung verbinden, +und in mannigfaltigen Verbindungen leben, viel ergiebiger +und belohnender, als das eigentliche Gesellschaftsleben, und +diejenigen, welche das Leben in dem edelsten Sinne genießen +wollen, ziehen sich daher aus der großen Welt zurück, und wissen +sich in dem Familienleben einen Genuß zu bereiten, welcher +in großen und gemischten Gesellschaften vergebens gesucht wird. +Vielleicht ist es auch nur in solcher Zurückgezogenheit möglich, +das Herz vor Thorheiten und Verirrungen zu bewahren, in welche +es so leicht durch den Einfluß der Gesellschaft verwickelt wird, +und die Ausartung des Herzens zu verhüten, welcher diejenigen +nicht entgehen, die ihrem Umgange die möglichste Ausdehnung +geben, und darin den höchsten Genuß des Lebens finden. Denn +neben dem wohlthätigen Einflusse, welchen der Umgang mit +Menschen aus allen Ständen auf die Entwickelung unseres Geistes, +Veredlung unseres Herzens, und Erheiterung unseres Gemüths +haben kann, wenn er ein gewählter ist, und mit Mäßigung +und Vorsicht genossen wird, übt er auch einen nachtheiligen +und selbst verderblichen Einfluß auf unbewachte und unbereitete +Herzen aus. + +Wenn auf der einen Seite unsere Begriffe durch den Umgang +bereichert und berichtigt werden, so verwirrt er sie auf der +andern. Wir hören Menschen, mit Witz und Scharfsinn ausgestattet, +ihre vorgefaßten Meinungen, ungerechten Urtheile +und fixen Ideen mit einer solchen Beredsamkeit und Zuversicht +als unstreitige und unläugbare Wahrheiten darstellen, daß wir +uns überreden, ein ganz neues Licht über diese Gegenstände erhalten +zu haben, und ihre Jünger werden. Ein andermal fällt +ein witziger Spötter über das Heilige her, und es gelingt ihm, +den religiösen Gefühlen einiger Schwachen in der Gesellschaft einen +Stoß zu geben. Er hat ihnen das Unersetzliche genommen, +und sie werden diesen Verlust nie verschmerzen. Der Umgang +wird heute Nahrung für unsere wohlwollenden und theilnehmenden +Gefühle; aber morgen gerathen wir in eine Gesellschaft, in +welcher der Hofton herrschend ist; wir stoßen auf lauter verlarvte +Gesichter, hören lauter Redensarten, werden überall durch die +unverschämten Uebertreibungen einer frechen Schmeichelei verletzt, +sehen eine ganze Gesellschaft von Schauspielern vor uns, +von welchen jeder seine Rolle spielt, und nirgends wird uns +Nahrung für Geist und Gefühl gereicht; was ist natürlicher, +als daß wir Menschenverachtung aus dieser Gesellschaft mitnehmen, +und uns nicht sobald wieder mit den Menschen aussöhnen; +daß sich Mißtrauen unseres Herzens bemächtigt, und der +Glaube an die Menschheit seine Kraft verliert. + +Ein unbewachtes und unbefestigtes Herz geräth in einer Gesellschaft +unter feine und beredte Schmeichler; der Giftsaame wird in das Herz +gestreut, und die Früchte werden nicht ausbleiben.-- Und wer hätte +nicht in der Gesellschaft die Kunst zu scheinen, Gefühle zu verhehlen, +eine Rolle zu spielen, zu heucheln, und sich zu verstellen, wider +seinen Willen, und ohne sein Wissen gelernt? Man gewöhnt sich in der +Gesellschaft an alles, selbst an das Lächerlichste, Erbärmlichste, +Platteste, an Mangel und Mißbrauch des Verstandes, an die häßlichsten +Gesichter und Gemüther, die widrigsten Fehler des Körpers und des +Sprachorgans; man bemerkt am Ende diese Gebrechen kaum mehr. Daher +sieht man, besonders in den höheren Ständen, die Mitglieder der +Gesellschaft ihren faden Witz, ihre beredten Verleumdungen, ihren +ungesalzenen Spott und ihre kläglichen Tagesneuigkeiten mit einer +Unbefangenheit gegen einander austauschen, als ob die unschuldigsten +Dinge vorgingen, und es fällt Keinem auch nur von ferne ein, sich +einer solchen Unterhaltung zu schämen, noch weniger, ihr eine bessere +Wendung zu geben, oder Salz zu verlangen und zu erwarten. Aber es sind +nicht bloß die Geistlosen oder Armen am Geist, die es so arg treiben; +auch Geistreiche lassen sich endlich, wenn sie lange genug Zuhörer +gewesen sind, zu solchem Kleinhandel herab, und werden aus lauter +Gefälligkeit, oder um der langen Weile zu entgehen, mit geistlos. Es +gehört Muth, Geduld und große Gewandtheit dazu, einen faden und dürren +Gesellschaftston zu beschwingen, und endlich zu verdrängen; aber diese +Kunst sollte jeder zu erringen suchen, weil dadurch großes Verdienst zu +erwerben ist, und der, welcher sie besitzt und ausübt, der Wohlthäter +einer ganzen Stadt werden kann. + +Mehr oder weniger trägt jeder das Gepräge der Gesellschaft, +und wird ihr Zögling, oft ein zu folgsamer; denn indem sie allen +seinen Trieben die mannichfaltigste und reichste Befriedigung +darbietet, besonders dem Ehrtriebe, indem sie das Bedürfniß, +zu lieben, und geliebt zu werden, eben so sehr aufregt, als kräftig +stillt, und allen seinen Zwecken dient, legt sie ihn in unauflösliche +Fesseln. Doch sie soll auch seine Kräfte in Bewegung +setzen und beschäftigen, darum muß sie Reibungen veranlassen, +und jeglichem Bestreben, wozu die vereinte Kraft Mehrerer erfordert +wird, so wie jeglicher ungeselligen Neigung Hindernisse +und Widerstand entgegenstellen. Nicht überall kommt uns in +der Gesellschaft (das Wort hier im weitesten Sinne genommen) +Theilnahme und guter Wille entgegen, nicht überall die Anerkennnng +unserer Verdienste und unserer sittlichen Güte, und da, +wo wir gern Einfluß gewinnen möchten, stößt sie uns zurück, +weil wir nicht ihre Sprache zu reden wissen, oder uns weigern, +sie zu reden, und in den Ton, der jetzt gerade der herrschende +ist, einzustimmen. Auf der andern Seite legt sie dem Rohen +und Ungesitteten Fesseln an, und zwingt ihn durch die Gewalt +ihrer conventionellen Gesetze, die Sprache der Bescheidenheit und +Ehrbarkeit zu reden; sie nöthigt ihn zu einer sehr beschwerlichen +Selbstverleugnung, und straft ihn auf der Stelle, wenn er sich +weigert, ihre Gesetze anzuerkennen und ihnen zu gehorchen. +Wenn es scheint, daß sie dadurch theils Heuchler bildet, theils +Menschenhasser, so kann sie zwar von dieser Schuld nicht ganz +frei gesprochen werden; aber sie weiß wenigstens den Schaden, +welchen sie anrichtet, mannichfaltig zu vergüten, theils durch +die Ermunterungen, welche sie denen zu Theil werden läßt, die +sich in ihr geltend zu machen wissen; theils durch die Veranlassungen, +welche sie dem Thätigen und Wohlwollenden gibt, sich +gemeinnützig zu machen, vorzüglich aber durch die Kunst und +Sorgfalt, mit welcher sie die rohen Edelsteine schleift, so daß +ihr Werth erkannt und richtig geschätzt wird. Sie kommt durch +dieß alles der Erziehung sehr wirksam zu Hülfe, und rettet Viele, +die sonst für die Welt verloren gegangen seyn würden, errettet +Andere aus dem Verderben der Milzsucht, Hypochondrie und +üblen Laune, der Blödigkeit und Verzagtheit, des Versinkens +in Eintönigkeit, Einsylbigkeit und Verschlossenheit, verhilft ihnen +zu der Entdeckung, daß ihnen auch die Gabe der Sprache, oder +wohl gar die des Witzes und Humors zu Theil geworden sey, +weckt in viel Tausenden wohlwollende und theilnehmende Gefühle, +und heilt sie gründlich von den Krankheiten, welche ihnen +durch eine verkehrte Erziehung, oder durch den Einfluß eines +bösen Familiengeistes, oder durch die Macht böser Gewohnheiten +eingeimpft worden sind. Auch für diejenigen wird sie oft +Retterinn und Wohlthäterinn, welche am Müßiggange und an +der langen Weile krank liegen, und nur der Anregung bedürfen, +um sich zu fühlen, und zur Thätigkeit zu erwachen. + +Die schwerste Aufgabe, welche uns die Gesellschaft zu lösen +gibt, und wodurch sie besonders die festen und gediegenen Charaktere, +und die einfachen Gemüther abschreckt, ist die, sich in +die oft ganz kontrastirenden Tonarten zu finden und einzustimmen, +welche in den verschiedenen Kreisen die herrschenden oder +beliebten sind. Denn seinen Geschmack verleugnen, seine Vernunft +gefangen nehmen unter dem Glauben an die Untrüglichkeit +der Mode, oder faden Witz verschlucken, und immer wieder +dieselben Späßchen sich vormachen lassen, oder einem Treibjagen +gemeiner Anekdoten zusehen, dazu gehört, wenn man wahrhaft +gebildet ist, eine Selbstverleugnung, die auch des Geduldigsten +Langmuth erschöpft, oder ein Humor, der nicht zu zerstören +ist. Da aber in dieser besten Welt niemand der Nothwendigkeit, +die Menschen zu nehmen, wie sie sind, entgehen kann, +so dürfte es zur Lebensklugheit gehören, sich mit einer solchen +Fassung und humanen Langmuth auszustatten, daß man auch +die schwersten Prüfungen dieser Art bestehen könne. + +Zur Erwerbung einer solchen Fassung und Langmuth kann eine Anleitung, +wie sie ~Knigge~ in dem vorliegenden Buche gegeben hat, allerdings +etwas beitragen, da sie die Menschen nicht nur in allerlei Gestalten +lebendig darstellt, sondern auch lehrt, wie man sie, nach Maßgabe +ihres Charakters und ihrer Bildung, zu nehmen und zu behandeln, welche +Klippen man im Umgange zu vermeiden, welche Saiten man zu berühren +und nicht zu berühren habe, und wie man sich gegen den nachtheiligen +Einfluß sichern könne, welchen der Umgang auf Gesinnung, Sitte und +Urtheil ausübt, wenn man nicht die Spreu von dem Weizen zu sondern +versteht, und sich durch das Ansehen hoher Einsicht und untrüglicher +Urtheilskraft, welches die dreisten Tonangeber in der Gesellschaft +anzunehmen wissen, täuschen und bethören läßt. Wenn der humoristische +Verfasser hie und da seiner Laune zu sehr den Zügel schießen ließ, und +sich, um einen witzigen Einfall nicht unterdrücken zu dürfen, eine +kleine Uebertreibung oder Entstellung erlaubte; wenn er sich von einem +Vorurtheil, welches man ~seiner~ Zeit zu Gute halten muß, verleiten +ließ, den französischen Gesellschaftston und die geselligen Tugenden +der Franzosen, auf Unkosten der Teutschen, zu preisen; so thut dieß +im Ganzen dem Werthe dieses Buches keinen Eintrag, da es nicht schwer +ist, in diesen Stellen die Uebertreibung zu erkennen und abzusondern; +auch hat es sich der Herausgeber angelegen seyn lassen, des Verf. +Bemerkungen in dieser Hinsicht zu berichtigen, und sein Urtheil zu +mildern. + + + + + Einleitung des Verfassers. + + + 1. + +Wir sehen die klügsten, verständigsten Menschen im gemeinen +Leben Schritte thun, wozu wir den Kopf schütteln müssen. + +Wir sehen die feinsten theoretischen Menschenkenner das +Opfer des gröbsten Betrugs werden. + +Wir sehen die erfahrensten, geschicktesten Männer, bei alltäglichen +Vorfällen, unzweckmäßige Mittel wählen; sehen, daß +es ihnen mißlingt, auf Andre zu wirken; daß sie, mit allem +Uebergewicht der Vernunft, dennoch oft von fremden Thorheiten +und Grillen und von dem Eigensinne der Schwächern abhängen; +daß sie von schiefen Köpfen, die nicht werth sind, mit +ihnen verglichen zu werden, sich müssen regieren und mißhandeln +lassen; daß hingegen Schwächlinge und Unmündige an +Geist Dinge durchsetzen, die der Weise kaum zu wünschen wagen +darf. + +Wir sehen manchen Redlichen fast allgemein verkannt. + +Wir sehen die witzigsten, hellsten Köpfe in Gesellschaften, +wo Aller Augen auf sie gerichtet waren, und jedermann begierig +auf jedes Wort lauerte, das aus ihrem Munde kommen +würde, eine untergeordnete Rolle spielen; sehen, wie sie verstummen, +oder nur gemeine Dinge sagen, indeß ein andrer, +äußerst leerer Mensch die kleine Summe von Begriffen, die er +hie und da aufgesammelt hat, so durch einander zu werfen und +aufzustutzen versteht, daß er Aufmerksamkeit erregt, und, selbst +bei Männern von Kenntnissen, für etwas gilt. + +Wir sehen, daß die glänzendsten Schönheiten nicht allenthalben +gefallen, indeß Personen, mit weniger äussern Annehmlichkeiten +ausgerüstet, allgemein interessiren. -- + +Kurz, wir werden täglich gewahr, daß die klügsten und gelehrtesten +Männer, wenn nicht zuweilen die untüchtigsten zu +allen Weltgeschäften, doch wenigstens unglücklich genug sind, +durch den Mangel einer gewissen Gewandtheit zurückgesetzt zu +bleiben, und daß die Geistreichsten, von der Natur mit allen +innern und äussern Vorzügen beschenkt, oft am wenigsten zu +gefallen, zu glänzen verstehen. + +Manche Leute glauben, ausgezeichnete Eigenschaften berechtigten +sie, die kleinen gesellschaftlichen Schicklichkeiten, die Regeln +des Anstandes, der Höflichkeit, oder der Vorsicht zu vernachlässigen +-- Sie irren sehr. Großer Eigenschaften wegen +verzeiht man große Fehler, weil Menschen von feinerm Stoffe +heftige Leidenschaften zu haben pflegen. Wo aber keine Leidenschaft +im Spiele ist, da soll der bessere Mann auch weiser handeln, +als der alltägliche; und es ist nicht weise gehandelt, die +unschuldigen Gebräuche der Gesellschaft zu verachten, wenn man +in der Gesellschaft leben und wirken will. + +Ich rede aber hier nicht von der freiwilligen Verzichtleistung +des Weisen auf die Bewunderung des vornehmen und geringen +Pöbels. Daß der Mann von bessrer Art da in sich selbst verschlossen +schweigt, wo er nicht verstanden wird; daß der Witzige, +Geistvolle, in einem Cirkel schaler Köpfe sich nicht so weit herabläßt, +den Spaßmacher zu spielen; daß der Mann von einer gewissen +Würde im Charakter zu viel Stolz hat, sein ganzes Wesen +nach jeder ihm unbedeutenden Gesellschaft umzuformen, die +Stimmung anzunehmen, wozu die jungen Laffen seiner Vaterstadt +den Ton mit von Reisen gebracht haben; daß es den Jüngling +besser kleidet, bescheiden, schüchtern und still, als nach +Art der mehrsten unsrer heutigen jungen Leute, vorlaut, selbstgenügsam +und plauderhaft zu seyn; daß der edle Mann, je klüger +er ist, um desto bescheidner, um desto mißtrauischer gegen +seine eignen Kenntnisse und Urtheile, um desto weniger zudringlich +seyn wird; oder daß, je mehr innerer, wahrer Verdienste +sich jemand bewußt ist, er um desto weniger Kunst anwenden +wird, seine vortheilhaften Seiten hervorzukehren, so wie die +wahrhafte Schönheit alle kleine anlockende, unwürdige Buhlkünste, +wodurch man sich bemerkbar zu machen sucht, verachtet +-- Das alles ist wohl sehr natürlich! -- davon rede ich +also nicht. + +Auch nicht von der beleidigten Eitelkeit eines Mannes voll +Forderungen, der unaufhörlich eingeräuchert, geschmeichelt und +vorgezogen zu werden verlangt, und, wo das nicht geschieht, +ein finsteres Gesicht macht; nicht von dem gekränkten Hochmuthe +eines abgeschmackten Pedanten, der mißlaunig wird, wenn +er das Unglück hat, nicht aller Orten für ein großes Licht der +Erde bekannt, und als ein solches behandelt zu seyn; wenn nicht +Jeder mit seinem Lämpchen herzuläuft, um es an diesem großen +Lichte der Aufklärung anzuzünden. Wenn ein steifer Professor, +der gewohnt ist, von seinem bestaubten Dreifuße herunter, sein +Lehrbuch in der Hand, einem Haufen gaffender, unbärtiger +Musensöhne stundenlang hohe Weisheit vorzupredigen, und dann +zu sehen, wie sogar seine platten, in jedem halben Jahre wiederholten +Späße sorgfältig nachgeschrieben werden; wenn ein +Solcher einmal die Residenz, oder irgend eine andere Stadt besucht, +und das Unglück nun will, daß man ihn dort kaum dem +Namen nach kennt, daß er in einer feinen Gesellschaft von zwanzig +Personen gänzlich übersehn, oder von irgend einem Fremden +für den Kammerdiener im Hause gehalten und Er genannt wird, +wer mögte es ihm verargen, wenn er ergrimmt, und ein verdrossenes +Gesicht zeigt; oder wenn ein Stuben-Gelehrter, der +ganz fremd in der Welt, ohne Erziehung und ohne Menschenkenntniß +ist, sich einmal aus dem Haufen seiner Bücher hervorarbeitet, +und dann, äusserst verlegen mit seiner Figur, buntschäckig +und altväterisch gekleidet, in seinem, vor dreißig Jahren +nach der neuesten Mode verfertigten Bräutigamsrocke, da sitzt, +und an nichts von Allem, was gesprochen wird, Antheil nehmen, +keinen Faden finden kann, um mit anzuknüpfen: so gehört +das alles nicht hieher. + +Eben so wenig rede ich von dem groben Cyniker, der alle +Regeln verachtet, welche Uebereinkunft und gegenseitige Gefälligkeit +den Menschen im bürgerlichen Leben vorgeschrieben haben, +noch von dem Kraft-Genie, das sich über Sitte, Anstand +und Vernunft hinauszusetzen, einen besondern Freibrief zu haben +glaubt. + +Und wenn ich sage, daß oft auch die weisesten und klügsten +Menschen in der Welt, im Umgange und in Erlangung äusserer +Achtung, bürgerlicher und anderer Vortheile, ihres Zwecks verfehlen, +ihr Glück nicht machen; so bringe ich hier weder in Anschlag: +daß ein widriges Geschick zuweilen den Besten verfolgt, +noch daß eine unglückliche leidenschaftliche oder ungesellige +Gemüthsart bei Manchem die vorzüglichsten, edelsten Eigenschaften +verdunkelt. + +Nein! meine Bemerkung trifft Personen, die wahrlich allen guten Willen +und treue Rechtschaffenheit mit mannigfaltigen, recht vorzüglichen +Eigenschaften und dem eifrigen Bestreben, in der Welt fortzukommen, +eignes und fremdes Glück zu bauen, verbinden, und die dennoch mit +diesem Allen verkannt, übersehen werden, zu gar nichts gelangen. +Woher kömmt das? Was ist es, das Diesen fehlt und Andere haben, die, +bei dem Mangel wahrer Vorzüge, alle Stufen menschlicher, irdischer +Glückseligkeit ersteigen? -- Es fehlt ihnen: ~die Kunst des Umgangs +mit Menschen~ -- eine Kunst, die oft der schwache Kopf, ohne darauf zu +studiren, viel besser erlauert, als der verständige, weise, witzreiche; +die Kunst, sich geltend zu machen, ohne beneidet zu werden; sich nach +den Temperamenten, Einsichten und Neigungen der Menschen zu richten, +ohne falsch zu seyn; sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft +stimmen zu können, ohne weder Eigenthümlichkeit des Charakters zu +verlieren, noch sich zu niedriger Schmeichelei herabzulassen. Der, +welchen nicht die Natur schon mit dieser glücklichen Anlage hat +geboren werden lassen, erwerbe sich Menschenkenntniß, eine gewisse +Geschmeidigkeit, Geselligkeit, Nachgiebigkeit, Duldung, lerne sich zu +rechter Zeit verleugnen, erringe Gewalt über heftige Leidenschaften, +Wachsamkeit auf sich selber, und Heiterkeit des immer gleich gestimmten +Gemüths; und er wird sich jene Kunst zu eigen machen. Doch hüte man +sich, sie zu verwechseln mit der schädlichen, niedrigen Gefälligkeit +des verworfenen Sclaven, der sich von Jedem mißbrauchen läßt, sich +Jedem preisgibt, um eine Mahlzeit zu gewinnen; dem Schurken huldigt, +und, um eine Bedienung zu erhalten, zum Unrechte schweigt, zum Betruge +die Hände bietet, und die Dummheit vergöttert. + +Indem ich aber von jenem +esprit de conduite+ rede, der +uns leiten muß, bei unserm Umgange mit Menschen aller Gattung: +will ich nicht etwa ein Complimentir-Buch schreiben, +sondern einige Resultate aus den Erfahrungen ziehn, die ich gesammelt +habe, während einer nicht kurzen Reihe von Jahren, +in welchen ich mich unter Menschen aller Arten und Stände +umhertreiben mußte und oft in der Stille beobachtete. -- Kein +vollständiges System, aber Bruchstücke, vielleicht nicht zu verwerfende +Materialien, Stoff zu weiterm Nachdenken. + + + 2. + +In keinem Lande in Europa ist es vielleicht so schwer, im +Umgange mit Menschen aus allen Klassen, Gegenden und Ständen, +allgemeinen Beifall einzuerndten: in jedem dieser Kreise +wie zu Hause zu seyn, ohne Zwang, ohne Falschheit, ohne sich +verdächtig zu machen, und ohne selbst dabei zu leiden, auf den +Fürsten wie auf den Edelmann und Bürger, auf den Kaufmann +wie auf den Geistlichen, nach Gefallen zu wirken, als in unserm +teutschen Vaterlande; denn nirgends vielleicht herrscht zu +gleicher Zeit eine so große Mannigfaltigkeit des Conversationstons, +der Erziehungsart, der Religions- und andrer Meinungen, +eine so große Verschiedenheit der Gegenstände, welche die +Aufmerksamkeit der einzelnen Volks-Klassen in den einzelnen +Provinzen beschäftigen. Dieß rührt her von der Mannigfaltigkeit +des Interesse der teutschen Staaten gegen einander und gegen +auswärtige, von dem Unterschiede der Verbindungen mit +diesem oder jenem auswärtigen Volke, und von dem sehr merklichen +Abstande der Klassen in Teutschland von einander, zwischen +denen verjährtes Vorurtheil, Erziehung und zum Theil +auch Staats-Verfassung eine viel bestimmtere Grenzlinie gezogen +haben, als in andern Ländern. Wo hat mehr, als in Teutschland, +die Idee von sechszehn Ahnen des Adels wesentlichen moralischen +und politischen Einfluß auf Denkungsart und Bildung? +Wo greift weniger allgemein, als bei uns, die Kaufmannschaft +in die übrigen Klassen ein? Wo macht mehr, als hier, das +Corps der Hofleute eine ganz eigne Gattung aus, in welche +hinein, so wie zu der Person der mehrsten Fürsten, nur Leute +von gewisser Geburt und gewissem Range sich hindrängen können? +Wo durchkreuzen sich mehr Arten von Interesse? -- Und +diese treffen nicht etwa auf irgend einen dem ganzen Volke merkbaren +Punkt zusammen, auf allgemeine National-Bedürfnisse, +Volks-Angelegenheiten, Vaterlands-Nutzen, wie in England, +wo Aufrechthaltung der Constitution, Freiheit und Glück der +Nation, Flor des Vaterlandes, der Punkt ist, in welchem sich +das Streben, Dichten und Trachten so mancher originellen Charaktere +vereinigt, noch wie in fast allen übrigen europäischen +Ländern, die entweder unter einem einzigen Oberhaupte stehen, +oder durch ein einziges, allen Gliedern wichtiges Interesse beherrscht +werden, wie die Schweiz, oder in welchen eine allein +herrschende Religion, oder ein tyrannisches Clima, über Denkungsart, +Ton und Stimmung allgemein überwiegende Gewalt +hat. + +Daß im Ganzen unsere teutsche Verfassung, so zusammengesetzt +sie auch ist, sehr große, wesentliche Vorzüge gewährt, +das leidet keinen Zweifel; allein es ist nicht weniger gewiß, daß +dieselbe den mächtigsten Einfluß auf die Verschiedenheit der Stimmung +in den einzelnen Provinzen und Staaten und unter den +mancherlei von einander abgesonderten Ständen hat. Eben daher +kommt es, daß unsre Schauspieler, Schauspiel-Dichter und +Romanen-Schreiber ein viel schwereres Studium haben, wenn +sie alle diese Nüancen kennen, bearbeiten und dennoch einen Anstrich +von originellem National-Charakter wollen durchschimmern +lassen; viel schwerer, als in Frankreich, wo die Sitten +der verschiednen Stände und einzelnen Provinzen nicht so sehr +gegen einander abstechen. Eben daher kömmt es, daß man über +wenige unsrer literarischen Produkte ein allgemein einstimmig +beifälliges Volks-Urtheil hört, daß überhaupt so wenige unserer +Werke wie National-Monumente auf die Nachwelt übergehen, +und eben daher endlich kömmt es, daß es so schwer ist, mit +Menschen aus allen Ständen und Gegenden in Teutschland umzugehn +und bei Allen gleich wohl gelitten zu seyn, auf Alle gleich +vortheilhaft zu wirken. + +Der treuherzige, naive, zuweilen ein wenig bäurische, materielle +Bayer ist äusserst verlegen, wenn er auf alle verbindlichen, +artigen Dinge antworten soll, die ihm der feine Ober-Sachse in +~einem~ Othem entgegenschickt; dem schwerfälligen Westphälinger +ist alles hebräisch, was ihm der Oesterreicher in seiner, ihm +gänzlich fremden Mundart vorpoltert; die zuvorkommende Höflichkeit +und Geschmeidigkeit des durch französische Nachbarschaft +polirten Rheinländers würde man in manchen Städten von +Nieder-Sachsen für Zudringlichkeit, für Niederträchtigkeit halten. +Man glaubt da, ein Mann, der so äusserst unterthänig +und nachgiebig ist, müsse gefährliche oder niedrige Absichten haben, +oder müsse falsch, oder sehr arm und hülfsbedürftig seyn; +und oft ist dort ein wenig zu weit getriebne äussere Höflichkeit +hinlänglich, den Mann, der sich am Rheine dadurch allgemeine +Liebe erwerben würde, an der Leine verächtlich zu machen. Dagegen +wird aber auch der, nicht kältere, nur weniger leichtsinnige, +weniger zuversichtliche, nicht so im Gedränge von Fremden, +noch auf Reisen an Leib und Seele abgeschliffene, geglättete, +sondern ernsthafte Nieder-Sachse, der bei der ersten Bekanntschaft +nicht sehr zuvorkommend, sondern wohl gar ein +wenig verlegen ist, an einem Hofe im Reiche vielleicht für einen +schüchternen Menschen, ohne Lebensart, ohne Welt, angesehen +werden[1]. + +Sich nun also nach Ort, Zeit und Umständen umzuformen, +und von verjährten Gewohnheiten sich loszumachen: das erfordert +Studium und Kunst. + +In Gegenden, aus welchen weder Unzufriedenheit mit dem +Vaterlande, noch Müßiggang, noch Verderbniß der Sitten, +noch unbestimmte, rastlose Thätigkeit, noch Anekdoten-Jagd, +noch vorwitzige Neugier, die Menschen schaarenweise auswandern +macht, und jeden Pinsel zum Reisen treibt, sind die Einwohner +mit dem, was es daheim gibt, so herzlich wohl zufrieden, +daß sie nichts Größeres kennen, nichts Größeres kennen +mögen, als das, was sie in ihrem Vaterlande von Jugend auf +betrachtet, schon als Knaben bewundert, oder von ihren Verwandten +und Freunden haben stiften, bauen, anlegen gesehn. +Ihnen sind die kleinen jährlichen oder andern Feste immer neu, +immer gleich glänzend und merkwürdig. -- Glückliche Unwissenheit! +nicht zu vertauschen mit dem Ekel, welcher den Mann +anwandelt, der in seinem Leben so gar viel aller Orten erlebt, +erfahren, gesehn, bauen und zerstören gesehn hat, und zuletzt +an nichts mehr Freude finden, nichts mehr bewundern kann, +alles mit Tadel und Langerweile erblickt! -- Doch macht die +treue Anhänglichkeit an einheimische Sitten zuweilen ungerecht, +ungeschliffen gegen Menschen, die sich durch kleine Verschiedenheiten, +wäre es auch nur in Anstand, Kleidung, Ton, Mundart +oder Gebehrden, unschuldigerweise auszeichnen. + +In freien Städten ist diese Anhänglichkeit an väterliche Sitten, +Kleidertrachten u. dgl. sehr auffallend, und hat nicht selten +Einfluß auf Regierungs-Verfassung, Religions-Verträglichkeit +und andre wichtige und unwichtige Dinge. Ich meine, diese +Verschiedenheit der Sitten und der Stimmung in den teutschen +Staaten macht es sehr schwer, außer seiner vaterländischen Gegend, +in fremden Provinzen, in Gesellschaften zu gefallen, +Freundschaften zu stiften, Geschmack am Umgange zu finden, +Andre für sich einzunehmen, und auf Andre zu wirken. + +Diese Schwierigkeiten werden größer und fühlbarer, und erzeugen +eine nicht geringe Verlegenheit, wenn man in Teutschland +in Gesellschaften geräth, welche aus Personen von verschiedenen +Ständen und Erziehungsweisen zusammengesetzt sind. +Dem Teutschen wird es schwer, sich zu einem fremden Gesellschaftston +zu erheben oder herabzustimmen; seine Theilnahme +wird nicht sogleich rege; er fühlt sich verstimmt, wenn die Form +der Unterhaltung von derjenigen, an welche er in seiner Heimath +gewöhnt ist, merklich abweicht. Kommt er aus der Provinz in +die Hauptstadt, so macht ihn die Neuheit der Form verlegen, +ängstlich, schüchtern, und also unbeholfen; ist der Fall umgekehrt, +so wird er entweder einsylbig, kaltsinnig und verdrießlich, +oder er überläßt sich der Spottlust, und wird ein Friedensstörer. +Lebt er auf dem Lande, so fühlt er sich in der Hauptstadt durch +die im Umgange herrschende Geschmeidigkeit und Gewandtheit +geängstigt, weil er gewohnt ist, sich gehen zu lassen, und auf +sein äusseres Wesen wenig Aufmerksamkeit zu wenden, und daher +sitzt er stumm und gefühllos da. + +Man sehe nur einen ehrlichen Land-Edelmann, aus treuer Lehnspflicht, +einmal nach langen Jahren wieder an dem Hofe seines Landesherrn +erscheinen! Er hat sich schon früh Morgens auf's beste ausgeschmückt +und sich die sonst gewöhnte liebe Pfeife Tabak versagt, um nicht nach +Rauch zu riechen. Auf den Gassen der Stadt war es noch öde und still, +als er schon in seinem Wirthshause umherwandelte und alles in Bewegung +setzte, um ihm beizustehen, bei dem beschwerlichen Geschäfte, sich +hofmäßig auszuschmücken. Jetzt ist er endlich fertig; die seidnen +Strümpfe ersetzen bei weitem nicht, was die heute zurückgelegten +Stiefel ihm sonst gewähren; ihn friert gewaltig an den, ihm nackend +scheinenden Beinen. Der modisch zugeschnittene Rock ist in den +Schultern nicht so bequem, wie sein treuer, alter, warmer Ueberrock; +das Stehn wird ihm unerträglich sauer. -- In dieser qualvollen +Gemüthsverfassung erscheint er im Vorzimmer. Um ihn her wimmelt ein +Haufen Hofschranzen herum, die, obgleich sie sämmtlich vielleicht nicht +so viel werth, wie dieser ehrliche, nützliche Mann, und im Grunde ihrer +Herzen nicht weniger, als er, von Langerweile geplagt sind, dennoch +mit Naserümpfen und Verachtung hier, wo sie in ihrem Elemente zu +seyn scheinen, ihn ansehen. Er fühlt jeden Spott, übersieht sie, ist +ihnen an gesundem Verstande und Urtheilskraft bei weitem überlegen, +und muß sich dennoch von ihnen demüthigen lassen. Sie nähern sich +ihm, thun mit zerstreuter, wichtiger Miene einige Fragen an ihn; +Fragen, an denen das Herz keinen Antheil nimmt, und worauf sie auch +die Antwort nicht abwarten. Er glaubt Einen unter ihnen zu entdecken, +der ihm theilnehmender scheint, als die Uebrigen; mit diesem fängt er +ein Gespräch von Dingen an, die ihm, vielleicht auch dem Vaterlande, +wichtig sind: von dem Wohlstande, den eigenthümlichen Vorzügen, den +Naturschönheiten der Provinz, in welcher er lebt; er redet mit Wärme; +Redlichkeit athmet alles, was er sagt -- aber bald sieht er, wie +sehr er sich in seiner Hoffnung getäuscht hat. Das Männchen hört ihm +mit halbem Ohre zu, erwiedert irgend ein Paar unbedeutende Sylben +zur Antwort, und läßt dann den braven Hausvater ohne Unterhaltung +da stehen. Nun nähert er sich einem Cirkel von Leuten, die mit +Interesse und Lebhaftigkeit zu reden scheinen. An diesem Gespräche +wünscht er Theil zu nehmen; aber alles, was er hört, Gegenstand, +Sprache, Ausdruck, Wendung, alles ist ihm fremd. In halb teutschen, +halb französischen Redensarten wird hier eine Sache abgehandelt, auf +welche er nie seine Aufmerksamkeit gerichtet, von welcher er nie +geglaubt hat, daß es möglich wäre, teutsche Männer könnten sich damit +beschäftigen. Seine Verlegenheit, seine Ungeduld steigt mit jedem +Augenblicke, bis er endlich das verwünschte Schloß weit hinter sich +sieht. + +Und nun, den Fall umgekehrt, lasse man einen sonst edlen Hofmann +einmal hinaus auf das Land in die Gesellschaft biederer Beamten +und Provinzial-Edelleute gerathen; -- hier herrschen ungezwungene +Fröhlichkeit, Offenherzigkeit, Freiheit; man redet von dem, was am +nächsten den Landmann angeht; man wiegt die Worte nicht ab; der +Scherz ist kunstlos, treffend, gewürzt, aber nicht zugespitzt, nicht +witzig und gesucht. Unser Hofmann versucht es, sich in diese Manier +hineinzuarbeiten: er mischt sich in die Gespräche; aber der Ausdruck +der Offenheit und Treuherzigkeit fehlt. Was bei Jenen naiv war, wird +bei ihm beleidigend. Er fühlt dieß, und will die Leute in seinen Ton +stimmen. In der Stadt gilt er für einen angenehmen Gesellschafter: +er spannt alle Segel auf, um auch hier zu glänzen; allein die +kleinen Anekdoten, die feinen Züge, worauf er anspielt, sind hier +gänzlich unbekannt, gehen verloren. Man findet ihn spottsüchtig, da +in der Stadt niemand ihn einer solchen Gesinnung beschuldiget. Seine +Höflichkeitsworte, die er wahrlich gut meint, hält man für Falschheit; +die Süßigkeiten, die er den Frauenzimmern sagt, und die nur höflich und +verbindlich seyn sollen, betrachtet man als hämischen Spott. -- So groß +ist die Verschiedenheit des Tons unter zweierlei Klassen von Menschen! +-- + +Ein Professor, der in der literarischen Welt eine nicht gemeine Rolle +spielt, meint, in seiner gelehrten Einfalt, die Universität, auf +welcher er lebt, sey der Mittelpunkt alles Lebens und aller Wirksamkeit +im Staate, und das Fach, in welchem er sich Kenntnisse erworben, die +einzige, dem Menschen nützliche, der Anstrengung, des Nachforschens und +Studiums würdige Wissenschaft. Er nennt Jeden, der sich darauf nicht +gelegt hat, verächtlicherweise einen Schöngeist. Eine Dame, die bei +ihrer Durchreise den berühmten Mann kennen zu lernen wünscht, und ihn +desfalls besucht, unterhält er in einer Sprache und über Gegenstände, +wovon sie nicht ein Wort versteht; er unterhält die Gesellschaft, +welche sich darauf gefreuet hatte, ihn recht zu genießen, bei der +Abendtafel, mit Zergliederung des neuen akademischen Credit-Edikts, +oder, wenn der Wein dem guten Manne jovialische Laune gibt, mit +Erzählung lustiger Schwänke aus seinen Studenten-Jahren. + +In welcher Verlegenheit ist zuweilen ein Mann, der nicht +viel Journale und neuere Modeschriften liest, wenn er in eine +Gesellschaft von schöngeisterischen Herren und Damen geräth. + +Gleichsam wie verrathen und verkauft scheint ein sogenannter +Profaner, wenn er sich unter einem Haufen Mitglieder einer +geheimen Verbindung befindet, oder wenn er in eine Gesellschaft +geräth, welche aus lauter wissenschaftlich gebildeten Personen +zusammengesetzt ist. + +Freilich kann nichts ungesitteter, den wahren Begriffen einer +feinen Lebensart mehr entgegen seyn, als wenn eine Anzahl +Menschen, die sich auf diese Art unter einander verstehen, einem +Fremden, der gutmüthig unter sie tritt, um an den Freuden der +Geselligkeit Theil zu nehmen, durch ununterbrochene Lenkung +des Gesprächs auf Gegenstände, wovon Dieser gar nichts versteht, +jeden Genuß der Unterredung raubt. Auf diese Art habe +ich zuweilen in meiner ersten Jugend in Familien-Cirkeln, wo +die Unterhaltung beständig mit Anspielungen auf mir gänzlich +unbekannte Anekdoten durchflochten, und durch gewisse mir +fremde Redensarten und Bonmots, womit ich gar keinen Begriff +verbinden konnte, gewürzt war, tödtende Langeweile gehabt. +Man sollte wohl mehr Rücksicht nehmen: allein selten +sind ganze Gesellschaften so billig, sich nach Einzelnen zu richten; +auch läßt sich das nicht immer mit Recht fordern; folglich +ist es wichtig für Jeden, der in der Welt mit Menschen leben +will, die Kunst zu studiren, sich nach Sitten, Ton und Stimmung +Anderer zu fügen. + + + 3. + +Ueber diese Kunst will ich etwas sagen. -- Aber habe ich +denn auch wohl Beruf, ein Buch über den feinen Gesellschaftston +zu schreiben, ich, der ich in meinem Leben vielleicht sehr +wenig von diesem Ton gezeigt habe? Ziemt es mir, Menschenkenntniß +auszukramen, da ich so oft ein Opfer der unvorsichtigsten, +einem Neulinge kaum zu verzeihenden Hingebung gewesen +bin? Wird man die Kunst des Umgangs von einem Manne +lernen wollen, der beinahe von allem menschlichen Umgange +abgesondert lebt? -- Lasset doch sehn, meine Freunde, was sich +darauf antworten läßt! + +Habe ich widrige Erfahrungen gemacht, die mich von meiner +eigenen Ungeschicklichkeit überzeugt haben -- desto besser! +Wer kann so gut vor der Gefahr warnen, als Der, welcher +darinn gesteckt hat? Haben Temperament und Weichlichkeit -- +oder darf ich es nicht Güte eines so gern sich anschließenden Herzens +nennen? -- haben Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft, +nach Gelegenheit, Andern zu dienen, und sympathetische Empfindungen +zu erregen, mich oft unvorsichtig handeln gemacht, oft +die klügelnde Vernunft weit zurückgelassen; so war es wahrlich +nicht Blödsinnigkeit, Kurzsichtigkeit, Unbekanntschaft mit Menschen, +was mich irre leitete; sondern Bedürfniß zu lieben und +geliebt zu werden, Verlangen thätig zu seyn, zum Guten zu +wirken. Uebrigens werden vielleicht wenig Menschen in einem +so kurzen Zeitraume in so manche sonderbare Verhältnisse und +Verbindungen mit andern Menschen aller Art gerathen, wie ich, +seit ungefähr zwanzig Jahren; und da hat man denn schon Gelegenheit, +wenn man nicht ganz von der Natur und Erziehung +verwahrloset ist, Bemerkungen zu machen, und vor Gefahren +zu warnen, die man selbst nicht hat vermeiden können. Daß +ich aber jetzt einsam und abgezogen lebe, geschieht weder aus +Menschenhaß, noch Blödigkeit; ich habe sehr wichtige Gründe +dazu; allein diese hier weitläuftig zu entwickeln, das hieße zu +viel von mir selbst reden, da ich ohnehin noch, zum Schlusse +dieser Einleitung, etwas über meine eignen Erfahrungen werde +sagen müssen, bevor ich zum Zwecke komme. -- Also nur noch +dieses: + + + 4. + +Ich trat als ein sehr junger Mensch, beinahe noch als ein +Kind, schon in die große Welt, und auf den Schauplatz des +Hofes. Mein Temperament war lebhaft, unruhig, bewegsam, +mein Blut warm; die Keime zu mancher heftigen Leidenschaft +lagen in mir verborgen. Ich war in der ersten Erziehung ein +wenig verzärtelt, und durch große Aufmerksamkeit, deren man +meine kleine Person früh gewürdigt hatte, gewöhnt worden, sehr +viel Rücksichten von andern Leuten zu fordern. In einem Vaterlande +aufgewachsen, wo Schmeichelei, Verstellung und ein +gewisses kriechendes Wesen nicht sehr zu Hause sind, hatte man +mich freilich auch nicht zu jener Geschmeidigkeit vorbereitet, deren +ich bedurfte, um, unter mir ganz fremden Leuten, in despotischen +Staaten große Fortschritte zu machen; auch ist der theoretische +Unterricht in wahrer Weltklugheit bei der Jugend theils +selten mit Erfolge, theils nicht immer ohne Gefahr zu ertheilen; +eigne Erfahrung muß da in der Folge das Beste thun. Diese +Lectionen, wenn man das Glück hat, wohlfeil daran zu kommen, +sind von der heilsamsten Wirkung, und prägen sich tief +ein. Noch erinnere ich mich einer kleinen Scene von der Art, die +mich auf eine Zeitlang vorsichtig machte. Ich saß in C*** in +der italiänischen Oper in der herrschaftlichen Loge; ich war früher, +als der Hof, gekommen, weil ich Mittags nicht auf dem +Schlosse, sondern in der Stadt als Gast gespeist hatte. Noch +waren wenige Menschen da; in der ganzen Reihe des ersten +Ranges saß nur einzig der Land-Commandeur, Graf I***, +ein würdiger Greis. Er hatte, wie es schien, auch darauf gerechnet, +daß es schon später wäre, als es wirklich war; weil er +nun Langeweile hatte, und mich gleichfalls einsam da sitzen sah, +trat er zu mir herein, und fing eine Unterredung mit mir an. +Er schien sehr zufrieden mit dem, was ich ihm über verschiedene +Gegenstände, von denen ich einige Kenntniß besaß, sagte; der +Greis wurde immer freundlicher und herablassender, und dieß +kitzelte mich so sehr, daß ich darauf allerlei Seitensprünge in +meinem Gespräche machte, und zuletzt ein wenig vorwitzig und +muthwillig wurde. Endlich entwischte mir eine, mir gegenwärtig +nicht mehr erinnerliche, grobe Unvorsichtigkeit im Reden; +der Graf sah mir ernsthaft in das Gesicht, und ohne weiter ein +Wort zu verlieren, ließ er mich stehn, und ging zurück in seine +Loge. Ich fühlte die ganze Stärke dieses Verweises, aber die +Arzenei half nicht lange. Meine Lebhaftigkeit verleitete mich zu +großen Verletzungen der Bescheidenheit und guten Sitte; ich +übereilte alles, that immer zu viel oder zu wenig, kam stets zu +früh oder zu spät, weil ich immer entweder eine Thorheit beging, +oder eine andere gutzumachen hatte. Daher kamen unendliche +Widersprüche in meinen Handlungen, und ich verfehlte +fast bei allen Gelegenheiten des Zwecks, weil ich keinen einfachen +Plan verfolgte. Zuerst war ich zu sorglos, zu offen, gab +mich zu unvorsichtig hin, und schadete mir dadurch; alsdann +nahm ich mir vor, ein feiner Hofmann zu werden. Mein Betragen +wurde gekünstelt, und nun traueten mir die Bessern +nicht; ich war zu geschmeidig, und verlor dadurch äussere Achtung +und innere Würde, Selbstständigkeit und Festigkeit. Erbittert +gegen mich und Andre, riß ich mich dann los, und wurde +ein Sonderling. Dieß erregte Aufsehn; die Menschen suchten +mich auf, wie sie alles Sonderbare aufsuchen. Dadurch aber +erwachte mein Trieb zur Geselligkeit wieder; ich näherte mich +auf's neue, lenkte wieder ein, und nun verschwand der Nimbus, +den nur meine Abgezogenheit von der Welt um mich her gezogen +hatte. In einer andern Periode spottete ich der herrschenden +Thorheiten, zuweilen nicht ohne Witz; man fürchtete mich, aber +man liebte mich nicht; dieß schmerzte mich; um das wieder gut +zu machen, zeigte ich mich von der unschädlichen Seite, entfaltete +ein liebevolles, wohlwollendes Herz, unfähig zu schaden und +zu verfolgen -- und die Wirkung davon war, daß jedermann, +der noch einen Rest von Groll gegen mich hegte, oder irgend einen +lustigen Einfall von mir, auf seine Rechnung geschrieben hatte, +mich jetzt mit einer Art von Geringschätzung behandelte, sobald +er sah, daß ich nur mit Rappieren und nicht mit Schwerdtern +focht, daß meine Waffen nicht zum Morde geschliffen waren. +Oder wenn meine satyrische Laune durch den Beifall lustiger +Gesellschafter aufgeweckt wurde, hechelte ich große und kleine +Thoren durch; die Spaßvögel lachten dann; aber die Weisern +schüttelten die Köpfe, und wurden kalt gegen mich. Um zu zeigen, +wie wenig bösartig meine Laune wäre, hörte ich auf, zu +spotten, und fing an, alle Thorheiten und Fehler gutmüthig zu +entschuldigen; und nun hielten Einige mich für einen Pinsel, +Andre für einen Heuchler. Wählte ich mir meinen Umgang unter +den ausgesuchtesten, aufgeklärtesten Männern, so erwartete +ich vergebens Schutz von dem am Ruder stehenden Dummkopfe; +gab ich mich elenden Leuten preis, so wurde ich mit diesen in +Eine Klasse gesetzt. Menschen ohne Erziehung, von niederm +Stande, mißbrauchten mich, wenn ich mich ihnen zu sehr näherte; +mit Vornehmern verdarb ich es, sobald sie meine Eitelkeit +beleidigten. Bald ließ ich den Geistesarmen zu sehr meine +Ueberlegenheit empfinden, und wurde verfolgt; bald war ich zu +bescheiden, und wurde übersehen. Bald richtete ich mich geschmeidig +und schonend nach den Sitten der Leute, nach dem Ton aller +unbedeutenden Gesellschaften, in welche ich gerieth, verlor +goldne Zeit, Achtung der Weisern, und Zufriedenheit mit mir +selber; dann wurde ich wieder zu einfach, und spielte eine verkehrte +Rolle, da, wo ich hätte glänzen oder wenigstens mich geltend +machen können und sollen, durch Mangel an Zuversicht zu +mir selber. Zu einer Zeit ging ich zu wenig unter Menschen, +indem ich mich meiner Laune hingab, und man hielt mich für +stolz oder menschenscheu; zu einer andern zeigte ich mich überall, +und wurde als ein Alltagsgesicht übersehen oder belächelt. In +den ersten Jünglingsjahren gab ich mich unbedachtsam, Jedem +ausschließlich, mit vollem Vertrauen, und ohne alle Vorsicht +hin, der sich meinen Freund nannte, und mir einige Zuneigung +bewies; und sahe mich schmerzlich getäuscht, oder schändlich betrogen +und gemißbraucht; dann war ich wieder, in einem Anfall +von Menschenliebe und Wohlwollen, eines Jeden Freund, +bereit, Jedem zu dienen, und nun mußte ich mit Verdruß erfahren, +daß sich niemand mit ganzer Seele an mich anschloß, +weil niemand mit dem kleinen, in so viel Partikeln getheilten +Stückchen Herzen vorlieb nehmen wollte. Wenn ich zu viel erwartete, +wurde ich getäuscht; wenn ich ohne allen Glauben an +Treue und Redlichkeit unter den Menschen umher irrte, hatte +ich gar keinen Genuß, nahm an gar nichts Theil. Es ist bekannt, +welchen thätigen Antheil ich an der Verbindung der sogenannten +Illuminaten genommen, wovon ich in einer eignen +Schrift (~Philo's Erklärung &c.~ ) Rechenschaft gegeben habe. +Diese Verbindung, an deren Spitze Personen standen, die zum +Theil, ihrer Geburt, ihren bürgerlichen Verhältnissen und ihren +Talenten nach, zu den wichtigsten Männern in Teutschland gehörten, +machte vorzüglich auch Menschenkenntniß zu einem Gegenstande +ihrer Nachforschungen. Der, durch dessen Hände, wie +das bei mir eine Zeitlang der Fall war, fast alle Geschäfte einer +so ausgebreiteten Gesellschaft gingen, fand freilich Gelegenheit +genug, Leute aus allen Ständen und von sehr verschiedener Bildung +und Stimmung, welche Mitglieder des Ordens waren, +von mancher Seite und in allerlei Lagen kennen zu lernen; allein +da man mit diesen Leuten größtentheils nur schriftlichen +Umgang pflog, so gewann im Ganzen meine praktische Erfahrung +nicht so viel dabei. Reichhaltiger war die Ausbeute, die +ich an Höfen, an welchen ich mich vielfältig umhertrieb, gemacht +habe. Soll ich es mir aber zur Schande, oder zur Ehre +rechnen? -- genug! auch auf diesem Schauplatze habe ich mehr +beobachtet, als meine Beobachtungen zu eignem Vortheile nützen +gelernt, und nie habe ich über mein zu lebhaftes Temperament +so viel gewinnen können, daß ich meine schwachen Seiten so +sorgfältig, wie ich thun sollen, verborgen hätte. -- Und so vergingen +dann die Jahre, in welchen ich hätte mein Glück machen +können, wie man das gewöhnlich nennt. Jetzt, da ich die Menschen +besser kenne, da Erfahrung mir die Augen geöffnet, mich +vorsichtig gemacht, und vielleicht die Kunst gelehrt hat, auf +Andre zu wirken; jetzt ist es zu spät für mich, von dieser so +theuer erkauften Kunst Gebrauch zu machen. Mein Rücken +krümmt sich mit Mühe zu Reverenzen; ich habe nicht viel unnütze +Zeit mehr zu verschwenden, die ich preisgeben könnte; das +Wenige, was ich noch in dem Reste meines Lebens auf solchen +Wegen erlangen könnte, lohnt die Mühe und Anstrengung nicht, +die mich das kosten würde, und es ziemt dem Mann, dessen +Grundsätze Alter und Erfahrung befestigt haben, eben so wenig, +jetzt erst anzufangen, den Geschmeidigen, wie den Stutzer zu +spielen. -- Es ist zu spät, sage ich, mit der Ausübung anzuheben; +aber nicht zu spät, Jünglingen zu zeigen, welchen Weg +sie wandeln müssen -- und so lasset uns denn den Versuch machen +und der Sache näher rücken! + + + + + Erstes Kapitel. + + Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den Umgang + mit Menschen. + + + 1. + +~Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als +er sich selbst gelten macht.~ Das ist ein goldner Spruch, +ein reiches Thema zu einem Folianten, über den +esprit de conduite+ +und über die Mittel, in der Welt seinen Zweck zu erlangen; +ein Satz, dessen Wahrheit auf die Erfahrung aller Zeitalter +gestützt ist. Diese Erfahrung lehrt den Abentheurer und +Großsprecher, sich bei dem Haufen für einen Mann von Wichtigkeit +auszugeben, von seinen Verbindungen mit Fürsten und +Staatsmännern, mit Männern, welche nicht einmal von seinem +Daseyn etwas wissen, in einem Tone zu reden, der ihm, +wo nichts mehr, doch wenigstens manche freie Mahlzeit, und +den Zutritt in den ersten Häusern erwirbt. Ich habe einen Menschen +gekannt, der auf diese Art von seiner Vertraulichkeit mit +dem Kaiser Joseph und dem Fürsten Kaunitz redete, obgleich ich +ganz gewiß wußte, daß diese ihn kaum dem Namen nach, und +zwar als einen unruhigen Kopf und als eine Lästerzunge kannten. +Indessen hatte er hiedurch, da niemand genauer nachfragte, +sich auf eine kurze Zeit in solches Ansehn gesetzt, daß Leute, die +bei des Kaisers Majestät etwas zu suchen hatten, sich an ihn +wendeten. Dann schrieb er auf so unverschämte Art an irgend +einen Großen in Wien, und sprach in diesem Briefe von seinen +übrigen vornehmen Freunden daselbst mit einer solchen Dreistigkeit, +daß er, zwar nicht Erlangung seines Zwecks, aber doch +manche höfliche Antwort erschlich, mit welcher er dann weiter +wucherte. + +Diese Erfahrung, daß es möglich ist, durch den Ton der +Zuversicht und durch eine vornehme Miene sich Gehör zu verschaffen, +macht den frechen Halbgelehrten so dreist, über Dinge +zu entscheiden, wovon er nicht früher, als eine Stunde vorher, +das erste Wort gelesen oder gehört hat, aber so zu entscheiden, +daß selbst der anwesende bescheidene Literator es nicht wagt, zu +widersprechen, noch Fragen zu thun, die des Schwätzers Fahrzeug +auf's Trockene werfen könnten. + +Diese Erfahrung ist es, welche uns Aufschluß über den Erfolg +gibt, mit welchem ein Dummkopf sich um die ersten Stellen im +Staate bewirbt, die verdienstvollsten Männer zu Boden tritt, +und niemand findet, der ihn in seine Schranken zurückwiese. + +Auf diese Erfahrung gestützt, fordert der fremde Künstler hundert +Louisd'or für ein Stück, das der einheimische, zehnfach besser +gearbeitet, um funfzig Thaler verkaufen würde; allein man reißt sich um +des Ausländers Werke: er kann nicht so viel fertig machen, als von ihm +gefordert wird, und am Ende läßt er bei dem Einheimischen arbeiten, und +verkauft das für ultramontanische Waare. + +Auf diese Erfahrung gestützt, erschleicht sich der Schriftsteller +eine vortheilhafte Recension, wenn er in der Vorrede zu dem +zweiten Theile seines langweiligen Buchs mit der schamlosesten +Frechheit von dem Beifalle redet, womit Kenner und Gelehrte, +deren Freundschaft er sich rühmt, den ersten Theil beehrt haben. + +Diese Erfahrung gibt dem vornehmen Bankerottirer, der +Geld borgen will und nie wieder bezahlen kann, den Muth, das +Anlehn in solchen Ausdrücken zu fordern, daß der reiche Wuchrer +es für Ehre hält, sich von ihm betrügen zu lassen. + +Fast alle Arten von Bitten um Schutz und Beförderung, die in diesem +Tone vorgetragen werden, finden Eingang, und werden nicht abgeschlagen; +dahingegen Verachtung, Zurücksetzung und nicht erfüllte billige Wünsche +fast immer der Preis des bescheidenen, furchtsamen Bewerbers sind. + +Kurz! der Satz: ~daß jedermann nicht mehr und nicht +weniger gelte, als er sich selbst gelten macht~, ist die +große Panacee für Abentheurer, Prahler, Windbeutel und seichte +Köpfe, um fortzukommen auf diesem Erdballe -- ich gebe also +keinen Kirschkern für dieses Universalmittel -- Doch still! sollte +denn jener Satz uns gar nichts werth seyn? Ja, meine Freunde! +er kann uns lehren, nie ohne Noth und Beruf unsre ökonomischen, +physikalischen, moralischen und intellectuellen Schwächen +aufzudecken. Ohne also sich zur Prahlerei und zu niederträchtigen +Lügen herabzulassen, soll man doch nicht die Gelegenheit +verabsäumen, sich von seinen vortheilhaften Seiten zu zeigen. + +Es gibt eine falsche Bescheidenheit und Zurückhaltung, die in einem +kleinmüthigen Mißtrauen gegen sich selbst ihren Grund hat, und die +Furcht erzeugt; von dieser gefesselt, läßt Mancher, der viel zu leisten +vermag, die günstigste Gelegenheit, sich geltend zu machen, oder die +Aufmerksamkeit der Vielvermögenden auf sich zu lenken, ungenutzt +vorübergehen; eine Gelegenheit, die nimmer wiederkommt. Daß man hiebei +mit Bescheidenheit zu Werke gehen, nichts zur Schau tragen, nicht +sein eigner Lobredner seyn müsse, darf nicht erinnert werden, denn es +bleibt dabei, daß der, welcher sich selbst erhöht, erniedrigt werde. +Auszeichnung läßt sich nicht ertrotzen, und die ertrotzte würde nicht +frommen. Hängt man ein gar zu glänzendes Schild aus, so erweckt man +dadurch die spähende und lästernde Eifersucht, oder reizt zu den +strengsten ungerechtesten Forderungen. Die Splitterrichter erheben +kreischend ihre Stimme; und so ist es sogleich um den erborgten Glanz +geschehn. Zeige Dich also mit einem gewissen bescheidnen Bewußtseyn +innerer Würde, und vor allen Dingen mit dem auf Deiner Stirne +strahlenden Bewußtseyn der Wahrheit und Redlichkeit! Zeige Vernunft +und Kenntnisse, wo Du Veranlassung dazu hast! Nicht so viel, um Neid +zu erregen und Forderungen anzukündigen; nicht so wenig, um übersehn +und überschrien zu werden! Laß Dich aufsuchen, und sey nicht zu +bereitwillig, ohne daß man Dich weder für einen Sonderling, noch für +scheu, noch für hochmüthig halte! + + + 2. + +Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem Scheine +der Vollkommenheit und Unfehlbarkeit. Die Menschen beurtheilen +und richten Dich nach dem Maaßstabe Deiner Forderungen, +und sie sind noch billig, wenn sie nur das thun, wenn sie Dir +nicht Forderungen aufbürden. Dann heißt es, wenn Du auch +nur des kleinsten Fehlers Dich schuldig machst: »Einem ~solchen +Manne~ ist das gar nicht zu verzeihn;« und da die Schwachen +sich ohnehin ein Fest daraus machen, an einem Menschen, +der sie verdunkelt, Mängel zu entdecken, so wird Dir ein einziger +Fehltritt höher angerechnet, als Andern ein ganzes Register +von Bosheiten und Pinseleien. + + + 3. + +Sey aber nicht ~gar zu sehr~ ein Sclave der Meinungen +Andrer von Dir! Sey selbstständig! Was kümmert Dich am +Ende das Urtheil der ganzen Welt, ~wenn Du thust, was +Du sollst~? und was ist Dein ganzer Prunk von äussern Tugenden +werth, wenn Du diesen Flitterputz nur über ein schwaches, +niedriges Herz hängst, um in Gesellschaften damit zu +prunken? + + + 4. + +Vor allen Dingen wache über Dich, daß Du nie die innere +Zuversicht zu Dir selber, das Vertrauen auf Gott, auf gute +Menschen und auf das Schicksal verlierest! Sobald Dein Gefährte +oder Gehülfe auf Deiner Stirne Mißmuth und Verzweiflung +liest -- so ist alles aus. Sehr oft aber ist man im Unglück +ungerecht gegen die Menschen. Jede kleine böse Laune, jede +kleine Miene von Kälte deutet man auf sich; man meint, Jeder +sehe es uns an, daß wir leiden, und weiche vor der Bitte +zurück, die wir ihm thun könnten. + + + 5. + +Schreibe aber auch nicht auf Deine Rechnung das, wovon +Andern das Verdienst gebührt! Wenn man Dir, aus Achtung +gegen einen edlen Mann, dem Du angehörst, Auszeichnung +oder Höflichkeit beweist, so brüste Dich damit nicht, sondern sey +bescheiden genug, zu fühlen, daß dieß alles vielleicht wegfallen +würde, wenn Du einzeln aufträtest! Suche aber selbst zu verdienen, +daß man Dich um Deinetwillen ehre! Sey lieber das +kleinste Lämpchen, das einen dunklen Winkel mit eignem Lichte +erleuchtet, als ein großer Mond einer fremden Sonne, oder gar +Trabant eines Planeten! + + + 6. + +Fehlt Dir etwas; hast Du Kummer, Unglück; leidest Du +Mangel; reichen Vernunft, Grundsätze und guter Wille nicht +zu: so klage Dein Leid, Deine Schwäche, Deine kleinmüthigen +Besorgnisse niemand, als dem, der helfen kann, selbst Deinem +treuen Weibe kaum! Wenige helfen tragen; fast Alle erschweren +die Bürde; ja! sehr Viele treten einen Schritt zurück, sobald +sie sehen, daß Dich das Glück nicht anlächelt. Sobald sie aber +gar annehmen, daß Du ganz ohne Hülfsquellen bist, daß Du +keinen geheimen Schutz hast, niemand, der sich Deiner annimmt +-- o! so rechne auf Keinen mehr! Wer hat den Muth, +und die Liebe, einzig und fest als die Stütze des von aller Welt +Verlassenen öffentlich aufzutreten? Wer hat den Muth zu sagen: +»Ich kenne den Mann; er ist mein Freund; er ist mehr +werth, als Ihr alle, die ihr ihn schmähet!« Und fändest Du +ja einen Solchen, so würde es doch nur etwa ein anderer armer +Tropf seyn, der selbst in elenden Umständen, aus Verzweiflung +sein Schicksal an das Deinige knüpfen wollte, dessen Schutz +Dir mehr schädlich, als nützlich wäre. + + + 7. + +Rühme aber auch nicht zu laut Deine glückliche Lage! krame nicht +zu glänzend Deine Pracht, Deinen Reichthum, Deine Talente aus! Die +Menschen vertragen selten ein solches Uebergewicht, ohne Murren und +Neid. Lege daher auch Andern keine zu große Verbindlichkeit auf! Thue +nicht zu viel für Deine Mitmenschen! Sie fliehen den überschwenglichen +Wohlthäter, wie man einen Gläubiger flieht, den man nie bezahlen kann. +Also hüte Dich, zu groß zu werden in Deiner Brüder Augen! auch fordert +dann Jeder zu viel von Dir, und eine einzige abgeschlagene Wohlthat +macht tausend wirklich erzeigte in Einem Augenblicke vergessen. Oder +wäre nicht Undank der Welt Lohn? Du wirst Ausnahmen erleben, aber +rechne nur nicht auf diese, sondern sey auf das gefaßt, was die +tägliche Erfahrung bringt. + + + 8. + +Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um +Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das +Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern! Man höret Dir wohl zu, +besonders wenn Du Deine Darstellungen mit Witz zu würzen weißt, aber +man hasset Dich gleichwohl. Dagegen wie edel ist es, da zu schweigen, +wo alle Lippen in Bewegung sind, zu lästern, zu verkleinern, und +herabzuwürdigen. O daß Du zu diesen Edlen gehören möchtest, ob auch die +Welt sie nicht zu schätzen und zu ehren weiß! + + + 9. + +Suche weniger selbst zu glänzen, als Andern Gelegenheit zu geben, +sich von vortheilhaften Seiten zu zeigen, wenn Du gelobt werden und +gefallen willst. Wenige Menschen vertragen ein Uebergewicht von Andern. +Lieber verzeihen sie uns eine zweideutige Handlung, ja! ein Verbrechen, +als eine That, durch welche wir sie verdunkeln. Doch, wenn Du fern +von ihnen, ausser ihrem Wirkungskreise stehst und ihnen nirgend in +den Weg treten kannst; dann vielleicht lassen sie Dir Gerechtigkeit +widerfahren. Auch im bloß geselligen Umgange soll man sich hüten, +hervorstechen zu wollen. Ich habe den Ruf eines vernünftigen und +witzigen Mannes aus mancher Gesellschaft mitgenommen, in welcher +wahrlich kein kluges Wort aus meinem Munde gegangen war, und in welcher +ich nichts gethan hatte, als mit musterhafter Geduld vornehmen und +halbgelehrten Unsinn anzuhören, oder hie und da einen Mann auf ein +Fach zu bringen, wovon er gern redet. Wie mancher besucht mich, mit +der demüthigen Ankündigung: (wobei ich mich oft nicht des Lachens +erwehren kann) er komme, um mir, als einem gewaltigen Gelehrten und +Schriftsteller, seine Ehrerbietung zu bezeigen! Der Mann setzt sich +dann hin und fängt an zu reden, läßt mich, den er bewundern will, gar +nicht zu Worte kommen, und geht, entzückt über meine lehrreiche und +angenehme Unterhaltung, zu welcher ich nicht zwanzig Worte geliefert +habe, von mir, höchst vergnügt, daß ich Verstand genug gehabt habe -- +ihm zuzuhören. Habe Geduld mit allen Schwächen dieser Art! Wenn daher +auch jemand ein Geschichtchen, oder sonst etwas vorbringt, das er +~gern~ erzählt, und Du hättest es auch schon mehr gehört, und es wäre +vielleicht ein Märchen, das ~Du selbst~ ihm einst mitgetheilt hättest; +so laß es ihm doch nicht auf unangenehme Weise merken, daß die Sache +Dir alt und langweilig ist, wenn die Person anders Schonung verdient! +Was kann unschuldiger seyn, als solche Ausleerungen zu befördern, wenn +man dadurch Andern Erleichterung, und sich einen guten Ruf verschafft? +Und wenn die Leute unschuldige Liebhabereien haben, z. B. gern von +Pferden reden, es gern sehen, daß man eine Pfeife Tabak mit ihnen +rauche, ein Glas Wein mit ihnen trinke; so erzeige man ihnen diese +kleine Gefälligkeit, wenn es ohne große Ungemächlichkeit und ohne +kriechende Demuth geschehen kann! Desfalls habe ich nie die Gewohnheit +der Hofleute von gemeinerm Schlage gut finden können, die jedermann nur +mit halbem Ohre und zerstreueter Miene anhören, ja! gar mitten in einer +Rede, die sie veranlaßt haben, einfallen, ohne das Ende abzuwarten. + + + 10. + +Gegenwart des Geistes ist ein seltnes Geschenk des Himmels, und macht, +daß wir im Umgange in sehr vortheilhaftem Lichte erscheinen. Dieser +Vorzug nun läßt sich freilich nicht durch Kunst erlangen; allein man +kann an sich arbeiten, daß, wenn er uns fehlet, wir wenigstens nicht +durch Uebereilung uns und Andre in Verlegenheit setzen. Sehr lebhafte +Temperamente haben hierauf vorzüglich zu achten. Ich rathe daher, wenn +eine unerwartete Frage, ein ungewöhnlicher Gegenstand, oder irgend +etwas anders uns überrascht, nur eine Minute still zu schweigen und +der Ueberlegung Zeit zu lassen, uns zu der Parthei vorzubereiten, +die wir nehmen sollen. So wie ein einziges rasches, unvorsichtiges +Wort, oder ein in der Verwirrung unternommener Schritt zu späte Reue +und unglückliche Folgen wirken können; so kann ein schnell auf der +Stelle gefaßter und ausgeführter rascher Entschluß, in entscheidenden +Augenblicken, in welchen man so leicht den Kopf verliert, Glück, +Rettung und Trost bringen. + + + 11. + +Wünschest Du zeitliche Vortheile, Unterstützung, Versorgung im +bürgerlichen Leben; mögtest Du in einer Bedienung angestellt werden, +in welcher Du Deinem Vaterlande nützlich seyn könntest: so mußt Du +darum bitten, ja! nicht selten betteln, d. h. Du mußt es Dir gefallen +lassen, in einem solchen Tone und mit einer solchen Andringlichkeit +zu bitten, als ob Dir das, was Du leisten kannst, gar keine Ansprüche +auf das Erbetene gäbe. Rechne nicht darauf, daß die Menschen, sie +müßten denn Deiner ganz nothwendig bedürfen, Dir etwas anbieten, oder +sich ungebeten für Dich verwenden werden, wenn auch Deine Verdienste +oder Leistungen noch so laut für Dich reden, und jedermann weiß, daß +Du Unterstützung bedarfst und verdienst! Jeder sorgt für sich und die +Seinigen, ohne sich um den bescheidnen Mann zu bekümmern, der indeß +nach Gemächlichkeit in seinem Winkelchen seine Talente vergraben, +oder gar verhungern kann. Darum bleibt so mancher Verdienstvolle bis +an seinen Tod unerkannt, ausser Stand gesetzt, seinen Mitmenschen +nützlich zu werden -- weil er nicht betteln, nicht kriechen kann, oder +weil er, in einem falschen Selbstgefühl, jede Bitte um das, worauf er +gerechte Ansprüche hat, unter seiner Würde hält. Warum wolltest Du ein +Märtyrer dieses Selbstgefühls werden, oder es zu einem Wurm machen, der +unaufhaltsam Deine Lebenskraft zernagt? Suchet, so werdet ihr finden! + + + 12. + +So wenig wie möglich lasset uns indessen von Andern Wohlthaten fordern +und annehmen! Man trifft gar selten Leute an, die nicht früh oder spät +für kleine Dienste große Rücksichten forderten, und das hebt dann das +Gleichgewicht im Umgange auf, raubt Freiheit, hindert uneingeschränkte +Wahl, und wenn auch unter zehnmal nicht einmal der Fall einträte, daß +dieß uns in Verlegenheit setzte, oder Verdruß zuzöge; so ist es doch +weislich gehandelt, dies mögliche Einmal zu vermeiden, und lieber +immer zu geben, Jedem zu dienen, als von Andern Dienste oder sonst +etwas anzunehmen. Auch gibt es wenig Menschen, die mit guter Art +Wohlthaten erzeigen. Versuchet es, meine Freunde! wie viele unter Euren +Bekannten nicht auf einmal, mitten in der fröhlichsten, höflichsten +Gemüthsstimmung ihr Gesicht in feierliche Falten ziehen, wenn Ihr +Eure Anrede mit den Worten anhebet: »Ich muß eine große Bitte an Sie +wagen! Ich bin in einer erschrecklichen Verlegenheit.« Sehr bereit aber +pflegen die Menschen zu seyn, uns solche Dienste anzubieten, deren wir +nicht bedürfen, oder gar, die sie selbst nicht zu leisten im Stande +sind. Der Verschwender ist immer willig, mit Gelde zu dienen; der +Dummkopf mit gutem Rathe. + +Vor allen Dingen hüte man sich, jemand um eine Gefälligkeit +zu bitten, wenn man voraus wissen kann, daß er uns nicht +wohl, wenn er auch gern möchte, eine abschlägige Antwort geben +kann! (z. B. wenn er uns Verbindlichkeit schuldig, oder +sonst von uns abhängig ist.) + +Wohlthaten annehmen, macht abhängig; man weiß nicht, +wie weit das führen kann. Man kömmt da oft in's Gedränge +zwischen der Nothwendigkeit, schlechten Menschen zu viel nachzusehn, +oder undankbar zu scheinen. + +Um nun des fremden Beistandes entbehren zu können, dazu ist das beste +Mittel, wenig Bedürfnisse zu haben, mäßig zu seyn, und bescheidne +Wünsche zu nähren; das heißt nicht: Du sollst ein Diogenes in der +Tonne seyn, und Deine Hand zum Pokal erheben, sondern es heißt nur: +Du sollst nicht eitler Ehre geitzig seyn, nicht glänzen wollen, nicht +meinen, daß es ein Unglück sey, in einer gewissen Verborgenheit und +Zurückgezogenheit leben zu müssen. Das, was Du hiebei entbehrst, +ist wahrlich keines Seufzers werth: das laß Dir von den bleichen, +früh veralteten Gesichtern und tief liegenden Augen voll Mißmuth und +Trübsinn erzählen, welche die von Dir Beneideten als Warnungstafeln vor +sich hertragen. Denn wer von unzähligen Leidenschaften in rastlosem +Taumel umhergetrieben wird, bald Ehrenstellen, bald Wucher, bald +Erwerb, bald wollüstigen Genuß verlangt; wer, von dem Luxus des +Zeitalters angesteckt, alles begehrt, was seine Augen sehen; wen +vorwitzige Neugier und ein unruhiger Geist treiben, sich in jeden +unnützen Handel zu mischen; der geräth in eine zwiefache Sclaverei; +er wird der Menschen Knecht, und seiner Leidenschaften Sclave; er +lebt in einer eben so drückenden, als verführerischen Abhängigkeit: +drückend ist sie, weil sie ihn beständig der Ungerechtigkeit der +Menschen preisgibt; verführerisch, weil sie ihn beständig reizt, sich +zu erniedrigen, um im kläglichsten Sinn des Worts erhöht zu werden. + + + 13. + +Wenn ich aber gesagt habe, daß man lieber Allen ~geben~, als von irgend +jemand ~empfangen~ sollte; so hebt doch das den Satz nicht auf, daß man +nicht gar zu viel für Andre thun dürfe. Ueberhaupt sey dienstfertig, +aber nicht zudringlich! Sey nicht jedermanns Freund und Vertrauter! Vor +allen Dingen wirf Dich nicht zum Sittenrichter der Menschen, besonders +gewisser Menschen auf, und sey der Warnung eingedenk: Ihr sollt die +Perlen nicht vor die Säue werfen, damit sie sich nicht umwenden, und +euch zerreissen. Nicht einmal Deinen unmaßgeblichen Rath sollst Du den +Menschen aufdringen. Begehren sie Deinen Rath, so begehre Du erst ein +Glaubensbekenntniß von ihnen, damit Du weißt, wen Du vor Dir hast, +und wie ihm beizukommen ist. Die Wenigsten wissen Dir Dank dafür, +und selbst wenn sie Dich um Rath fragen, sind sie gewöhnlich schon +entschlossen zu thun, was ihnen gefällt. Mische Dich auch nicht in +Familien-Händel! Vor allen Dingen hüte Dich, Zwistigkeiten schlichten +und Versöhnungen stiften zu wollen! (Es sey denn unter geliebten, +geprüften Personen.) Mehrentheils werden beide Partheien einig, um dann +über Dich herzufallen. Das Kuppeln und Heirathen-Schmieden überlasse +man dem Himmel und einer gewissen Klasse von alten Weibern! + + + 14. + +Keine Regel ist so allgemein, keine so heilig zu halten, keine +führt so sicher dahin, uns dauerhafte Achtung und Freundschaft +zu erwerben, als die: unverbrüchlich, auch in den geringsten +Kleinigkeiten, Wort zu halten, seiner Zusage treu, und stets +wahrhaftig zu seyn in seinen Reden. Nie kann man Recht und +erlaubte Ursachen haben, das Gegentheil von dem zu sagen, +was man denkt, wenn gleich man Befugniß und Gründe haben +kann, nicht alles zu offenbaren, was in uns vorgeht. Es gibt +keine Nothlügen; noch nie ist eine Unwahrheit gesprochen worden, +die nicht früh oder spät nachtheilige Folgen für jemand gehabt +hätte; der Mann aber, der dafür bekannt ist, strenge Wort +zu halten und sich keine Unwahrheit zu gestatten, gewinnt gewiß +Zutrauen, guten Ruf und Hochachtung. Du darfst zwar +nicht alles sagen, was wahr ist, aber eben so wenig statt der +Wahrheit eine Unwahrheit. Demjenigen, welcher Dein Bekenntniß +oder Deine Offenherzigkeit gewiß mißbrauchen wird, +oder der die Wahrheit, die er von Dir begehrt, nicht würde ertragen +können, bist Du keine Offenherzigkeit schuldig. + + + 15. + +Sey strenge, pünktlich, ordentlich, arbeitsam, fleissig in Deinem +Berufe! Bewahre Deine Papiere, Deine Schlüssel und alles so, daß Du +jedes einzelne Stück auch im Dunkeln finden könntest! Verfahre noch +ordentlicher mit fremden Sachen! Verleihe nie Bücher, oder andre Dinge, +die Dir sind geliehen worden; hast Du von Andern dergleichen geborgt, +so bringe oder schicke sie zu gehöriger Zeit wieder, und erwarte +nicht, daß sie, oder ihre Domestiken, weite Wege machen sollen, um ihr +Eigenthum wieder zu erlangen. -- Jedermann geht gern mit einem Menschen +um, auf dessen Pünktlichkeit und Treue in Wort und That er sich fest +verlassen kann, und der unfähig ist, Andere zu täuschen. So gehört +es auch zu den Eigenschaften, welche Vertrauen und Gunst erwerben, +zur rechten Zeit zu erscheinen, wo man erwartet wird, möge die +Zusammenkunft zu einem Vergnügen, oder einem Geschäft bestimmt seyn. +Das Spätkommen gehört zu denjenigen bösen Gewohnheiten und Mißbräuchen +in der Gesellschaft, welche eben so ausgebreitet, als verderblich, eben +so unsittlich, als ungesittet sind. Gute und böse Beispiele von ~der~ +Art reizen zur Nachfolge; und die Ungerechtigkeit anderer Menschen +rechtfertigt nicht die unsrige. + + + 16. + +Gib Andern Beweise Deiner Theilnahme, um Dich der ihrigen +zu versichern. Wer untheilnehmend, ohne Sinn für Freundschaft, +Wohlwollen und Liebe, nur sich selber lebt, der bleibt +verlassen, wenn er sich nach Beistand sehnt. + + + 17. + +Verflechte Niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und fordere +nicht von Denen, mit welchen Du umgehst, daß sie Theil +an den Uneinigkeiten nehmen sollen, die zwischen Dir und Andern +herrschen! + +Eine Menge dieser Vorschriften umfaßt die alte Regel: setze Dich in +Gedanken oft in andrer Leute Stelle, und frage Dich selbst: »Wie +würde es Dir unter denselben Umständen gefallen, wenn man ~Dir~ dieß +zumuthete, gegen ~Dich~ also handelte, von ~Dir~ das forderte? -- +diesen Dienst, diese Verwendung, diese langweilige Arbeit, diesen +Zeitaufwand, für einen geringfügigen Zweck, diese Erklärung?« + + + 18. + +Bekümmre Dich nicht um die Handlungen Deiner Nebenmenschen, in so fern +sie nicht Bezug auf Dich, oder so sehr auf die Sittlichkeit im Ganzen +haben, daß es Verbrechen seyn würde, darüber zu schweigen! Ob aber +jemand langsam oder schnell geht, viel oder wenig schläft, oft oder +selten zu Hause, prächtig oder schlecht gekleidet ist, Wein oder Bier +trinkt, Schulden oder Kapitalien macht, eine Geliebte hat oder nicht +-- was geht das Dich an, wenn Du nicht sein Vormund bist? Thatsachen +hingegen, die man durchaus wissen muß, erfährt man oft am besten von +dummen Leuten, weil diese ohne Witz, ohne Consequenzmacherei, ohne +Seitenblicke, ohne Verbrämung und ohne Leidenschaft, geradehin erzählen. + + + 19. + +Von Deinen ~Grundsätzen~ gehe nie ab, so lange Du sie +als richtig anerkennest! Ausnahmen machen ist sehr gefährlich, +und führt immer weiter, vom Kleinen zum Großen. Hast Du +Dir also einmal aus guten Gründen vorgenommen, keine Bücher +zu verleihen, keinen Wein zu trinken u. dgl.; so müsse kein +Sterblicher Dich bewegen können, davon abzugehen, so lange +die Gründe Deiner ersten Entschließung nicht wegfallen! Sey +fest; aber hüte Dich, so leicht etwas zum Grundsatze zu machen, +bevor Du alle mögliche Fälle überlegt hast, oder eigensinnig auf +Kleinigkeiten zu bestehen; denn was kann thörichter seyn, als +sogenannten Grundsätzen, d. h. einer Handlungsweise, welcher +nichts weiter, als ein vernünftiger Grund mangelt, oder die +keinen andern, als den Eigensinn, oder das ungerechteste Mißtrauen, +oder die unverzeihlichste Undienstfertigkeit, so lange und +so hartnäckig getreu zu bleiben, bis man alle Liebe und alle Achtung +der Bessern verloren hat. + +Vor allen Dingen also handle nur stets folgerecht (consequent)! +Mache Dir einen Lebensplan, und weiche nicht um +ein Tüttelchen von diesem Plane, hätte dieser Plan auch allerlei +Sonderbarkeiten, d. h. weiche er auch noch so sehr von der gemeinen +und gepriesenen Denkungsart und Lebensweise ab. -- +Die Menschen werden eine Zeitlang die Köpfe darüber zusammenstecken, +und am Ende schweigen, Dich in Ruhe lassen, und +Dir, wenn Du anders Deinen Plan mit Festigkeit und Weisheit +durchführst, ihre Hochachtung nicht versagen können. Man +gewinnt überhaupt immer durch Ausdauern und durch planmässige, +weise Festigkeit. Es ist mit Grundsätzen, wie mit jeden +andern Stoffen, woraus etwas gemacht wird, nämlich, daß +der beste Beweis für ihre Güte der ist, wenn sie lange halten, +und in der That, wenn man recht genau den Gründen nachspüren +will, warum auch den edelsten Handlungen mancher +Menschen nicht Gerechtigkeit widerfährt; so wird man oft finden, +daß das Publikum deswegen Verdacht gegen die Wahrheit +und den Zweck dieser Handlungen gefaßt hat, weil sie nicht zu +dem Lebensplan und zu der Handlungsweise dessen, der sie unternimmt, +nicht zu seinen übrigen Schritten zu passen scheinen. + + + 20. + +Was aber noch wichtiger, als jene Vorschrift ist: sey redlich, +und weihe Deine Kraft und Dein Leben der Liebe und der +Pflicht; führe ein menschliches Leben, d. h. ein Vernunftleben; +halte es für den höchsten Ruhm Deines Lebens, als ein Vernunftwesen +zu leben. -- Habe immer ein gutes Gewissen! Bei +keinem Deiner Schritte müsse Dir Dein Herz über Absicht und +Mittel Vorwürfe machen dürfen! Gehe nie schiefe Wege; und +baue dann sicher auf gute Folgen, auf Gottes Beistand und auf +Menschenhülfe in der Noth! Und verfolgt Dich auch wohl eine +Zeitlang ein widriges Geschick -- o! so wird doch die selige +Ueberzeugung von der Unschuld Deines Herzens, von der Redlichkeit +Deiner Absichten, Dir ungewöhnliche Kraft, festen, unerschütterlichen +Muth und unzerstörbare Heiterkeit geben; Dein +kummervolles Antlitz wird im Umgange mehr, weit mehr Theilnahme +erwecken, als die Fratze des lächelnden, grinzenden, +glücklich scheinenden Bösewichts. + + + 21. + +Sey, was Du bist, immer ~ganz~, und immer derselbe! Nicht heute warm, +morgen kalt; heute grob, morgen höflich und zuckersüß; heute der +lustige Gesellschafter, morgen trocken und stumm, wie eine Bildsäule! +Es ist unbegreiflich, daß diese wetterwendischen, launenhaften und +kaltherzigen Menschen nicht endlich vor sich selbst erschrecken und +zurückfahren, da sie doch täglich durch die Scheu und den Widerwillen, +womit sich Alles von ihnen entfernt, auf die klägliche Rolle, die sie +spielen, aufmerksam gemacht werden, und da sie sich selbst eben so +sehr, als Andern, zur Last leben. Wenn sie einmal, in einem Anfall +von guter Laune oder Schaam, im Umgange Freundschaft und Theilnahme +zeigen, so spielen sie eigentlich die Rolle der Betrüger. Wir bauen in +der Meinung, daß sie sich gebessert haben, auf ihre Zusicherungen und +Aeusserungen, und wollen wenig Tage nachher den Mann wieder besuchen, +der uns so gern bei sich sieht, der uns so freundlich eingeladen hat, +recht oft zu kommen. Wir gehen hin, und werden nun so frostig und +verdrießlich empfangen, oder man läßt uns ohne Unterhaltung in einer +Ecke sitzen, antwortet uns nur mit gebrochnen Sylben, weil man grade +von Menschen umgeben ist, die mehr Weihrauch spenden, als wir. Von +solchen Menschen muß man sich unmerklich zurückziehn, und wenn sie +nachher, in einem Augenblicke von Langerweile, uns wieder aufsuchen, +gleichfalls gegen sie den Spröden machen, und ihnen unter den Händen +fortschlüpfen. + + + 22. + +Mache einigen Unterschied in Deinem äussern Betragen gegen die +Menschen, mit denen Du umgehst, in dem Zeichen von Achtung, die Du +ihnen beweisest! Reiche nicht Jedem Deine rechte Hand dar! Umarme nicht +Jeden! Drücke nicht Jeden an Dein Herz! Was bewahrst Du den Bessern und +Geliebten auf, und wer wird Deinen Freundschafts-Bezeugungen trauen, +ihnen Werth beilegen, wenn Du sie so verschwenderisch austheilst? + + + 23. + +Zwei Gründe hauptsächlich müssen uns bewegen, nicht gar zu offenherzig +gegen die Menschen zu seyn: zuerst die Furcht, unsre Schwäche dadurch +aufzudecken und gemißbraucht zu werden, und dann die Ueberlegung, +daß, wenn man die Leute einmal daran gewöhnt hat, ihnen nichts +zu verschweigen, sie zuletzt von jedem unsrer kleinsten Schritte +Rechenschaft verlangen, alles wissen, um alles zu Rathe gezogen werden +wollen. Allein eben so wenig soll man übertrieben verschlossen seyn; +sonst entsteht der Verdacht gegen uns, es stecke hinter allem, was wir +thun, etwas Bedeutendes, oder gar Gefährliches, und das kann uns in +unangenehme Verlegenheit verwickeln und veranlassen, daß wir verkannt +werden, besonders in fremden Ländern, auf Reisen, bei manchen andern +Gelegenheiten, und kann uns überhaupt auch im gemeinen Leben, selbst im +Umgange mit edeln Freunden, schaden. + + + 24. + +Suche keinen Menschen, auch den Schwächsten nicht, in Gesellschaften +lächerlich zu machen! Ist er dumm: so hast Du wenig Ehre von dem Witze, +den Du an ihm verschwendest; ist er es weniger, als Du glaubst: so +kannst Du vielleicht der Gegenstand ~seines~ Spottes oder seiner Rache +werden; ist er gutmüthig und gefühlvoll: so kränkst Du ihn; und ist er +tückisch: so kann er Dir's vielleicht auf eine Rechnung setzen, die Du +früh oder spät auf irgend eine Art bezahlen mußt. -- Und wie oft kann +man nicht, wenn das Publikum auf unsre Urtheile über Menschen achtet, +einem guten Manne im bürgerlichen Leben wahrhaften Schaden zufügen, +oder einen Schwachen so niederdrücken, daß aller Muth in ihm erlöscht, +und alle Keime zu bessern Anlagen erstickt werden, indem man ihn, durch +Hervorziehn der Schwachheiten, welche Stoff zum Spotten und Lachen +geben, der Verachtung preisgibt. + + + 25. + +Schrecke, zerre und necke auch niemand, selbst Deine Freunde nicht, +mit falschen Nachrichten, mit Witzeleien, oder was sonst auf einen +Augenblick beunruhigt, und leicht in Verlegenheit setzt! Es gibt der +wahrhaft mißvergnügten, unangenehmen, ängstlichen Augenblicke so +viele im Leben, daß es wohl Bruderpflicht ist, alles hinwegzuräumen, +was die Last der wirklichen und eingebildeten Plagen auch nur um ein +Sandkorn erschweren kann. Für eben so unschicklich halte ich es, +einem Freunde, aus Scherz, wie es die Gewohnheit mancher Leute ist, +mit selbst erfundnen erfreulichen Neuigkeiten ein kurzes Vergnügen +zu machen, das nachher schmerzlich vereitelt wird. Das alles ist +Neckerei, durch welche die Freuden des Umgangs nicht gewürzt, sondern +verkümmert werden. Eben so unverzeihlich ist es, die Neugierde zu +reizen, wenn man sie nicht befriedigen kann, oder will, oder die, +welche sich reizen ließen, hernach als Getäuschte dem Gelächter der +Kaltblütigen preiszugeben. Es gibt Menschen, welche die Gewohnheit +haben, ihren Freunden mystische Warnungen hinzuwerfen, wie z. B.: »Es +läuft ein böses Gerücht von Ihnen herum, aber ich kann, ich darf Ihnen +noch nichts darüber sagen.« Dergleichen hat gar keinen Nutzen, und +beunruhigt. + +Ueberhaupt muß man so wenig wie möglich die Leute in Verlegenheit +setzen, vielmehr sich bemühen, wenn auch jemand im Begriff ist, eine +Unvorsichtigkeit zu begehen (z. B. schlecht von einem Buche zu reden, +dessen Verfasser gegenwärtig ist), oder sonst beschämt zu werden, ihm +diese Verlegenheit zu ersparen, oder die Sache auf irgend eine Weise +wieder in's Gleiche zu bringen. Und wenn jemand aus Unachtsamkeit +etwas zerbrochen, oder sonst sich einer kleinen Unvorsichtigkeit +schuldig gemacht hat: so fordert es die Humanität, nicht hinzublicken, +wenigstens nicht mit Lächeln, oder mit sichtbarem Unwillen, noch +betroffen, um seine Verwirrung nicht zu vermehren! + + + 26. + +Vor allen Dingen vergesse man nie in der Gesellschaft, daß die Leute +unterhalten, nicht belehrt und unterwiesen seyn wollen; daß selbst der +unterrichtendste Umgang ihnen in der Länge ermüdend vorkommt, wenn +er nicht zuweilen durch Witz und gute Laune gewürzt wird; daß ferner +nichts in der Welt ihnen so witzreich, so weise und so ergötzend +scheint, als wenn man sie lobt, ihnen etwas Schmeichelhaftes sagt; daß +es aber unter der Würde eines klugen Mannes ist, den Spaßmacher, und +eines redlichen Mannes unwürdig, den Schmeichler zu machen. Allein es +gibt einen gewissen Mittelweg; denn da jeder Mensch doch wenigstens +Eine gute Seite hat, die man loben darf, und dies Lob, wenn es nicht +übertrieben wird, aus dem Munde eines verständigen Mannes, Sporn zu +größerer Vervollkommnung werden kann: so kann es sogar Pflicht werden, +denen ein ermunterndes Lob nicht schuldig zu bleiben, welche es eben so +sehr verdienen, als bedürfen, und es denen nicht vorzuenthalten, die +es nicht entbehren können, ohne an sich selbst zu verzagen, oder auf +halbem Wege stehen zu bleiben. + +Zeige, so viel Du kannst, eine immer gleiche, heitre Stirne! Nichts +ist reizender und liebenswürdiger, als eine gewisse frohe, muntre +Gemüthsart, die aus der Quelle eines schuldlosen, nicht von heftigen +Leidenschaften aufgeregten, sondern von Wohlwollen und Theilnahme +bewegten Herzens hervorströmt. Wer sich's in der Gesellschaft merken +läßt, daß er sich Zwang anthue, um heiter zu erscheinen, oder wer sich +recht sichtbar anstrengt, um das Wort zu führen, und daher unaufhörlich +Anekdoten auskramt, Späßchen macht, und nach Witz hascht; wem man es +ansieht, daß er darauf studirt hat, die Gesellschaft zu unterhalten: +der gefällt nur auf kurze Zeit, und wird bei Wenigen Interesse +erwecken. Er wird nicht aufgesucht werden von denen, deren Herz sich +nach besserm Umgange, und deren Kopf sich nach lebendiger und durch +Mannigfaltigkeit gewürzter Unterhaltung sehnt. + +Wer immer Spaß machen will, der erschöpft sich nicht nur leicht und +wird matt, sondern hat auch die Unannehmlichkeit, daß, wenn er einmal +gerade nicht aufgelegt ist, seinen Vorrath von lustigen Kleinigkeiten +zu öffnen, seine Gefährten das sehr ungnädig aufnehmen. Bei jeder +Mahlzeit, zu welcher er gebeten wird, bei jeder Aufmerksamkeit, die +man ihm beweist, scheint die Bedingung schwer auf ihm zu liegen, daß +er diese Ehre durch seine Schwänke bezahlen, und die Unkosten der +Unterhaltung allein tragen solle; und will er es einmal wagen, einen +höheren und reineren Ton anzustimmen, und etwas Ernsthaftes oder +Gescheutes zu sagen, so lacht man ihm gerade in's Gesicht, ehe er mit +seiner Rede halb zu Ende ist. Wahrer Humor und ächter Witz lassen sich +nicht erzwingen, nicht erkünsteln; aber sie wirken, wie ein milder +Sonnenstrahl, erwärmend, befruchtend und wohlthuend. Willst Du witzige +Einfälle anbringen, so überlege auch wohl, in welcher Gesellschaft Du +Dich befindest! Was Personen von einer dürftigen oder mittelmäßigen +Bildung sehr unterhaltend scheint, kann Andern sehr langweilig und +unschicklich vorkommen; und ein freier Scherz, den man sich in einem +Kreise von Männern erlaubt, würde bei Frauenzimmern übel angebracht +seyn. + + + 27. + +Gehe von niemand, und laß niemand von Dir, ohne ihm etwas Lehrreiches +oder etwas Verbindliches gesagt, und mit auf den Weg gegeben zu haben; +aber beides auf eine Art, die ihm wohlthue, seine Bescheidenheit +nicht verletze, und nicht studirt scheine, damit er die Stunde nicht +verloren zu haben glaube, die er bei Dir zugebracht hat, und fühle, +Du nehmest Interesse an seiner Person: es gehe Dir von Herzen: Du +verkaufest nicht bloß Deine Höflichkeits-Waare ohne Unterschied jedem +Vorübergehenden! Man verstehe mich also recht! Ich möchte gern, wenn +es möglich wäre, alles leere Geschwätz aus dem Umgange verbannt +sehen; möchte, daß man, ohne Aengstlichkeit, auf sich Acht hätte, nie +etwas zu sagen, wovon Der, welcher es anhören muß, weder Nutzen noch +~wahres~ Vergnügen haben, woran er, weder mit dem Kopfe, noch mit +dem Herzen, Antheil nehmen könnte. Weit entfernt bin ich also, jene +Gefallsucht oder Gleißnerei in Schutz nehmen zu wollen, die Jeden ohne +Unterlaß mit leeren Complimenten, Schmeicheleien oder Lobsprüchen in +die Verlegenheit setzen, ihnen auf tausend nicht ~eins~ antworten zu +können. Ein Beispiel wird meine wahren Grundsätze darüber deutlicher +machen. Ich saß einst an einer fremden Tafel, zwischen einer hübschen, +verständigen jungen Dame und einem kleinen, garstigen Fräulein, von +etwa vierzig Jahren. Ich beging die Unhöflichkeit, die ganze Mahlzeit +hindurch mich nur mit Jener zu unterhalten, zu Dieser hingegen kein +Wort zu reden. Beim Nachtische erst erinnerte ich mich meiner Unart; +und nun machte ich den Fehler gegen die Höflichkeit durch einen +andern gegen die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit gut. Ich wendete +mich zu ihr, und redete von einer Begebenheit, die vor zwanzig Jahren +vorgegangen war -- Sie wußte nichts davon -- »Es ist kein Wunder,« +sagte ich, »Sie waren damals noch ein Kind.« Das kleine Wesen freute +sich innigst darüber, daß ich sie für so jung hielt, und dies einzige +Wort erwarb mir ihre Gunst. -- Sie hätte mich dieser niedrigen +Schmeichelei wegen verachten sollen. Wie leicht hätte ich einen +Gegenstand zu einem Gespräche mit ihr finden können, das ihr auf irgend +eine Weise anziehend gewesen wäre, oder eine Gelegenheit, ihr meine +Aufmerksamkeit zu beweisen; und es war meine Pflicht, darauf zu denken, +und ihr nicht einen ganzen Mittag hindurch die Thür der Unterhaltung +zu verschließen; eine Ungerechtigkeit, die so oft in der Gesellschaft +gegen diejenigen begangen wird, die so unglücklich sind, einen +unangenehmen oder widrigen sinnlichen Eindruck auf uns zu machen. Sie +sollten vielmehr Gegenstände unserer Theilnahme werden, und wir sollten +die Ungerechtigkeit und Zurücksetzung, welche sich die Gesellschaft +gegen sie erlaubt, vielmehr zu vergüten suchen, als nachahmen. + +Man kann sich indessen oft sehr schlecht empfehlen, indem man den +Menschen etwas recht Verbindliches gesagt zu haben meint. So gibt es +Leute, die es sehr übel nehmen würden, wenn man ihnen versicherte, daß +man sie für gutmüthig halte, und Andre, die sich beleidigt fühlen, wenn +man sie versichert, sie sähen gesund aus, oder sie hätten noch etwas +so Jugendliches in ihrem Aeussern, daß man ihr wahres Alter unmöglich +ahnen könne. + + + 28. + +Wem es darum zu thun ist, dauerhafte Achtung sich zu erwerben; +wem daran liegt, daß seine Unterhaltung niemand anstößig, Keinem +zur Last werde; der würze nicht ohne Unterlaß seine Gespräche mit +Lästerungen, Spott, Tadelsucht und Satyre, und gewöhne sich nicht an +den auszischenden Ton der Spottsucht! Das kann wohl einigemal, und, +bei einer gewissen Klasse von Menschen, auch öfter gefallen; aber man +flieht und verachtet doch endlich den Mann, der immer auf anderer Leute +Kosten, oder auf Kosten der Wahrheit die Gesellschaft vergnügen will, +und man hat Recht dazu; denn der gefühlvolle, verständige Mensch muß +Nachsicht haben mit den Schwächen Anderer. Er weiß, welchen großen +Schaden oft ein einziges, wenn gleich nicht böse gemeintes Wörtchen +anrichten kann; auch sehnt er sich nach einer unschuldigeren und +edleren Unterhaltung; ihm ekelt vor leerer Spötterei und liebloser +Tadelsucht. Gar zu leicht aber nimmt man im Verkehr mit der sogenannten +großen Welt diesen elenden Ton an; man kann nicht genug davor warnen, +da er den Charakter entstellt, und dem Dünkel die gefährlichste Nahrung +gibt, die Freuden des Umgangs vergiftet, und die Bande der Gesellschaft +zernagt. + +Uebrigens aber möchte ich auch nicht gern alle Satyre für unerlaubt +erklären, noch leugnen, daß manche Thorheiten und Unzweckmäßigkeiten, +~im weniger vertrauten Umgange~, am besten durch einen feinen, nicht +beleidigenden, nicht zu deutlich auf einzelne Personen anspielenden +Spott bekämpft werden können. Endlich bin ich auch weit entfernt, +zu fordern, man solle alles loben, und selbst offenbare Fehler +entschuldigen; vielmehr habe ich nie den Leuten getrauet, die so +sichtbar sich das Ansehen geben, alles mit dem Mantel der christlichen +Liebe bedecken zu wollen. Sie sind mehrentheils Heuchler, wollen durch +das Gute, das sie von den Leuten ~reden~, das Böse vergessen machen, +welches sie ihnen ~zufügen~, oder sie suchen dadurch Nachsicht für ihre +eigenen Gebrechen zu erlangen, und ein günstiges Vorurtheil für sich zu +erschleichen. + + + 29. + +Erzähle nicht leicht Anekdoten, besonders nie solche, die irgend jemand +in ein nachtheiliges Licht setzen, auf bloßes Hörensagen nach! Sehr oft +sind sie gar nicht auf Wahrheit gegründet, oder schon durch so viel +Hände gegangen, daß sie wenigstens vergrößert, verstümmelt worden sind, +und dadurch eine wesentlich andre Gestalt bekommen haben. Vielfältig +kann man dadurch unschuldigen guten Leuten ernstlich schaden, und öfter +sich selber großen Verdruß zuziehn. + + + 30. + +Hüte Dich, Nachrichten aus einem Hause in das andre zu tragen, +vertrauliche Tischreden, Familien-Gespräche, Bemerkungen, die Du über +das häusliche Leben von Leuten, mit welchen Du viel umgehst, gemacht +hast, u. dergl. auszuplaudern! Wenn dieß auch nicht eigentlich aus +Bosheit geschieht, so kann doch eine solche Geschwätzigkeit Mißtrauen +gegen Dich, und allerlei Zwist und Verstimmung veranlassen. + + + 31. + +Sey vorsichtig im Tadel und Widerspruche! Es gibt wenig Dinge in +der Welt, die nicht zwei Seiten haben. Vorurtheile verdunkeln oft +die Augen, selbst des klügern Mannes, und es ist sehr schwer, sich +gänzlich an eines Andern Stelle zu denken. Urtheile besonders nicht +so leicht über kluger Leute Handlungen, oder Deine Bescheidenheit +müßte Dir sagen, daß Du noch weiser, als sie seyst! und da ist es +denn eine mißliche Sache um diese Ueberzeugung. Ein kluger Mann ist +mehrentheils lebhafter, als ein Andrer, hat heftigere Leidenschaften zu +bekämpfen, bekümmert sich weniger um das Urtheil des großen Haufens, +hält es weniger der Mühe werth, sein gutes Gewissen durch ausführliche +Apologien zu rechtfertigen. Uebrigens soll man nur fragen: »Was thut +der Mann Nützliches für Andre?« und, wenn er dergleichen thut, über +dies Gute die kleinen Gemüthsfehler und Schwachheiten, die nur ihm +selber schaden, oder höchstens unwichtigen, vorübergehenden Nachtheil +wirken, vergessen. + +Vor allen Dingen maße Dir nicht an, die Bewegungsgründe zu jeder +guten Handlung ergründen und beurtheilen zu wollen! Bei einer solchen +Strenge würden vielleicht manche Deiner eignen edlen Handlungen als +sehr unedel, oder als reine Schwachheit, als Erzeugniß einer flüchtigen +Rührung, Deiner gereizten Eitelkeit, Deiner Selbstsucht erscheinen. +Jedes Gute muß nach seiner Wirkung für die Welt beurtheilt werden. + + + 32. + +Habe Acht auf Deine Gesellschaftssprache, daß Du in Deinen +Unterredungen nicht durch einen wässrigen, weitschweifigen Vortrag +ermüdest! Ein gewisser Laconismus, d. h. eine kräftige Kürze -- +in so fern er nicht in die Sucht, nur in Sentenzen und Aphorismen +zu sprechen, oder jedes Wort abzuwägen, ausartet -- ein gewisser +Laconismus und die Geschicklichkeit, einen nichtsbedeutenden Umstand +durch die Lebhaftigkeit der Darstellung interessant zu machen -- das +ist die wahre Kunst der gesellschaftlichen Beredtsamkeit. Ueberhaupt +aber rede nicht zu viel! Sey haushälterisch mit Spendung von Worten und +Kenntnissen, damit es Dir nicht früh an Stoffe fehle, damit Du nicht +redest, was Du verschweigen sollst, verschweigen wolltest, und niemand +Deine Unterhaltung lästig finde. Laß auch Andre zu Worte kommen, ihren +Theil zur allgemeinen Unterhaltung mit hergeben! Es gibt Leute, die, +ohne es selbst zu merken, aller Orten die Sprachführer sind; und wären +sie in einem Zirkel von funfzig Personen, so würden sie sich dennoch +bald Meister von der ganzen Unterhaltung machen. + +So unangenehm dieß für die Gesellschaft ist; eben so widrige, Freude +störende Eindrücke macht die Weise mancher Leute, die stumm und +gespannt horchen und lauern, und die man leicht für gefährliche +Beobachter halten kann, denen es nur darum zu thun scheint, jedes +unvorsichtige, nicht gehörig gewählte Wort, das man in sorgloser +Redseligkeit fallen läßt, zu irgend einem hämischen Zwecke aufzusammeln. + + + 33. + +Es gibt Menschen, die (so wie Manche nur zum Genießen da zu seyn +glauben) auch im geselligen Leben immer nur empfangen, nie geben +wollen; die vom übrigen Theile des Publikums belustigt, unterrichtet, +bedient, gelobt, bezahlt, gefüttert zu werden verlangen, ohne etwas +dafür zu leisten; die über Langeweile klagen, ohne zu fragen, ob sie +Andern weniger Langeweile gemacht haben; die behaglich da sitzen, +sich's wohlseyn, sich erzählen lassen, aber nicht daran denken, auch +ihren Beitrag, und wär' es auch nur ein Scherflein, zur Unterhaltung +beizusteuern. -- Das ist aber eben so ungerecht, als lästig. + +Noch Andre findet man, die immer nur ihre eigne Person, ihre häuslichen +Umstände, ihre Verhältnisse, ihre Thaten und ihre Berufs-Geschäfte zum +Gegenstande der Unterredung machen, und alles dahin zu drehen wissen, +jedes Gleichniß, jedes Bild von daher nehmen. So wenig wie möglich +laß in gemischten Gesellschaften den Schnitt, den Ton, den Dir Deine +specielle Erziehung, Dein Handwerk, Deine besondre Lebensart geben, +hervorblicken! Rede nicht von Dingen, die, ausser Dir, schwerlich +jemand interessiren können! Hüte Dich, in den Fehler Derjenigen zu +verfallen, die sich selbst bespötteln, ihre eigne werthe Person zum +Besten haben! Das setzt die Anwesenden in Verlegenheit, und verräth +einen eiteln Egoismus. Spiele nicht auf Anekdoten an, die Deinem +Nachbar unbekannt sind, auf Stellen aus Büchern, die er wahrscheinlich +nicht gelesen hat! Rede nicht in einer fremden Sprache, wenn es +glaublich ist, daß nicht jeder, der um Dich ist, dieselbe versteht! +Lerne den Ton der Gesellschaft annehmen, in welcher Du Dich befindest! +Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn der Arzt einige junge +Damen mit Beschreibung seiner Sammlung anatomischer Präparaten, der +Rechtsgelehrte einen Hofmann über die unwirksame Professions-Ergreifung +und das +edictum Divi Martii+, der alte gebrechliche Gelehrte eine +junge Cokette von seinem offnen Beinschaden unterhält. + +Oft aber tritt der Fall ein, daß man in Gesellschaften geräth, wo es +schwer ist, etwas vorzubringen, das Theilnahme erweckte. Wenn ein +verständiger Mann von leeren, beschränkten, in die Eitelkeiten des +Alltagslebens versunkenen Menschen umgeben ist, die für gar nichts von +bessrer Art Sinn haben; ei nun! so ist es seine Schuld nicht, wenn er +nicht verstanden wird. Er tröste sich also damit, daß er von Dingen +geredet hat, die billig ~interessiren müßten~! + + + 34. + +Rede also nicht zu viel von Dir selber, ausser in dem Kreise Deiner +vertrautesten Freunde, von welchen Du weißt, daß die Sache des Einen +unter ihnen eine Angelegenheit für Alle ist; und auch da bewache Dich, +daß Du nicht Egoismus zeigest! Vermeide, selbst dann zu viel von Dir +zu reden, wenn gute Freunde, wie es vielfältig geschieht, das Gespräch +aus Höflichkeit auf Deine Person, auf Deine Unternehmungen oder Deine +Schriften leiten! Bescheidenheit ist eine der liebenswürdigsten +Eigenschaften, und macht um so vortheilhaftere Eindrücke, je seltner +diese Tugend in unsern Tagen wird. Sey also auch nicht so bereit, +jedermann Deine Schriften unaufgefordert, oder gleich bei der ersten, +oft nicht so ernstlich gemeinten Aufforderung vorzulesen, Deine +Anlagen zu zeigen und Deine rühmlichen Handlungen zu erzählen, noch +auf feine Art Gelegenheit zu geben, daß man Dich darum bitten müsse! +Auch ~drücke~ niemand durch Deinen Umgang, das heißt: zeige in keiner +Gesellschaft ein solches Uebergewicht, daß Andre verstummen, sich in +schlechtem Lichte zeigen oder an sich selbst verzagen müssen! + + + 35. + +Widersprich Dir nicht selbst im Reden, so daß Du einen Satz behauptest, +dessen Gegentheil Du ein andermal vertheidigt hast! Man kann seine +Meinung von Dingen ändern; allein man thut doch wohl, in Gesellschaften +nicht eher, wenigstens nicht entscheidend zu urtheilen, als bis man +alle Gründe für und wider gehörig abgewogen hat. + + + 36. + +Hüte Dich, in die Fehler Derjenigen zu verfallen, die, aus Mangel +an Gedächtniß, oder an Aufmerksamkeit auf sich, oder weil sie so +verliebt in ihre eignen Einfälle sind, dieselben Histörchen, Anekdoten, +Spässe, Wortspiele, und witzigen Vergleichungen, bei jeder Gelegenheit +wiederholen! Ueberhaupt ist es, und besonders auch für den geselligen +Umgang, wichtig, sein Gedächtniß zu schärfen, und sich deswegen nicht +zu sehr daran zu gewöhnen, alles schriftlich aufzuzeichnen, was man +behalten will. Bist Du Deiner Sache nicht gewiß, so verleugne Dich +selbst, und widerstehe der Lust, eine Anekdote zu erzählen, wenn es +möglich wäre, daß Du sie schon einmal aufgetischt hast, oder suche das +Gespräch so zu wenden, daß Du zur Gewißheit kommst, ohne etwas gewagt +zu haben. + + + 37. + +Würze nicht Deine Unterhaltung mit Zweideutigkeiten, mit Anspielungen +auf Dinge, die entweder Ekel erwecken, oder keusche Wangen erröthen +machen; zeige auch keinen Beifall, wenn Andre dergleichen vorbringen! +Ein verständiger Mann kann an solchen Gesprächen keine Lust haben. Auch +in bloß männlichen Gesellschaften verleugne nicht die Schamhaftigkeit, +das Zartgefühl und Dein Mißfallen an Zoten, denn Du erwirbst Dir +dadurch eben so viel Ehre, als Verdienst, und rettest die Ehre Deines +Geschlechts. + + + 38. + +Flicke keine platte Gemeinsprüche in Deine Reden ein; z. B.: daß +Gesundheit ein schätzbares Gut; daß das Schlittenfahren ein kaltes +Vergnügen; daß Jeder sich selbst der Nächste sey; daß, was lange +dauert, gut werde, wovon ich das Gegentheil zu beweisen übernehme; +daß man durch Schaden klug werde, welches leider! selten eintrifft; +oder daß die Zeit schnell hingehe -- welches, im Vorbeigehen zu sagen, +gar nicht wahr ist; denn da die Zeit nach einem bestimmten Maaßstabe +berechnet wird: so geht sie nicht schneller vorbei, als sie grade muß, +und Der, welchem ein Jahr kürzer vorkömmt, als es ist, der muß in +demselben über Gebühr geschlafen haben, oder sonst seiner Sinne nicht +mächtig gewesen seyn, oder er läßt sich von einer leeren Täuschung irre +führen -- oder: daß Ausnahmen die Regel ~bestätigten~ -- Gleich als +wenn ein partikularer verneinender Satz die Wahrheit eines allgemeinen +bejahenden beweisen könnte, oder umgekehrt! da doch vielmehr durch +die Ausnahme klar wird, daß die Regel nicht allgemein ist. Solche +Sprüchwörter sind sehr langweilig, und nicht selten sinnlos und unwahr. + +Es gibt solche mechanische Menschen, deren Gespräche zur Hälfte aus +gewissen Formeln bestehen, welche sie, ohne etwas dabei zu denken, +herplappern. Sie treffen Dich tödtlich krank im Bette an, und freuen +sich, Dich wohl zu sehn. Zeigst Du ihnen Dein Bildniß: so finden sie, +daß es zwar ähnlich sehe, aber viel zu alt gemalt sey. Allen Kindern +sagen sie: sie seyen groß für ihr Alter, und gleichen dem Vater, und +was dergleichen leeres Geschwätz mehr ist. Einen eben so dürftigen +Stoff zur Unterhaltung liefern Räthsel, Wortspiele, Pfandspiele u. +dgl., wenn sie nicht ausgezeichnet sinnreich sind. Wenigstens wird +selten in einer Gesellschaft, die nur einigermaßen gemischt ist, das +Wohlgefallen daran allgemein seyn, denn es werden sich immer Einige +finden, welche sich durch solche Unterhaltungen gedrückt fühlen, weil +sie nicht Kenntnisse, oder Geist genug haben, hiebei eine anständige +Rolle zu spielen, oder der Verlegenheit zu entgehen. + + + 39. + +Belästige nicht die Leute, mit welchen Du umgehst, mit unnützen Fragen! +Man findet Menschen, die, nicht eben aus Vorwitz und Neugier, sondern +weil sie nun einmal gewöhnt sind, ihre Gespräche in Katechesations-Form +zu verfassen, uns durch Fragen so beschwerlich werden, daß es gar nicht +möglich ist, auf unsre Weise mit ihnen in Unterhaltung zu kommen. + + + 40. + +Lerne Widerspruch ertragen! Sey nicht kindisch eingenommen von Deinen +Meinungen! Werde nicht hitzig, noch grob im Zanke; auch dann nicht, +wenn man Deinen ernsthaften Gründen Spott und Bitterkeit entgegensetzt! +Du hast, bei der besten Sache, schon halb verloren, wenn Du nicht +kaltblütig bleibst, und wirst wenigstens auf diese Art nie überzeugen +und nie gefallen. + + + 41. + +An Oertern, wo man sich zur Freude versammelt: beim Tanze, in +Schauspielen, rede mit niemand von häuslichen Geschäften, noch weniger +von verdrießlichen Dingen! Man geht dahin, um sich zu erholen, um +auszuruhen, um kleine und große Sorgen abzuschütteln, und es ist also +unbescheiden, jemand mit Gewalt wieder mitten in sein tägliches Joch +hineinschieben zu wollen. + + + 42. + +Daß ein redlicher und verständiger Mann über wesentliche +Religionslehren, auch dann, wenn er das Unglück haben sollte, an +der Wahrheit derselben zu zweifeln, sich dennoch keinen Spott +erlauben wird: ich meine, das versteht sich von selber; aber auch +über kirchliche Verfassungen, über die Menschensatzungen, welche von +einigen Sekten für Glaubenslehren gehalten werden, über Ceremonien, +die Manche für wesentlich halten, und dergleichen, soll man nie in +Gesellschaften spotten. Man respektire das, was Andern ehrwürdig ist! +Man lasse Jedem die Freiheit in Meinungen, die wir für uns selbst +verlangen! Man vergesse nicht, daß das, was wir Aufklärung nennen, +Andern vielleicht Verfinsterung scheint! Man schone der Vorurtheile, +die Andern Ruhe gewähren! Man raube niemand, ohne ihm etwas Besseres +an die Stelle desselben zu geben, was ihm auf seiner Bildungsstufe, +oder in dem Zusammenhange seiner Vorstellungen als Wahrheit erscheint, +und unentbehrlich geworden ist! Man vergesse nicht, daß Spott nicht +bessert; daß unsre, hier auf Erden noch nicht entwickelte Vernunft über +so wichtige Gegenstände leicht irren kann; daß ein mangelhaftes System, +auf welchem aber der Grund einer guten Moral liegt, nicht so leicht +umzureissen ist, ohne zugleich das Gebäude selbst über den Haufen zu +werfen, und endlich, daß solche Gegenstände überhaupt gar nicht von der +Art sind, daß man sie in Gesellschaften abhandeln könne! + +Doch dünkt mich, man vermeide heut zu Tage oft zu vorsätzlich alle +Gelegenheit, über Religion zu reden. Einige Leute schämen sich, Wärme +für Gottes-Verehrung und für die höchsten Angelegenheiten des Menschen +zu zeigen, aus Furcht, für nicht aufgeklärt genug gehalten zu werden, +und Andre affektiren religiöse Empfindungen, scheuen sich, auch nur im +mindesten gegen Schwärmerei zu reden, um sich bei den Andächtlern in +Gunst zu setzen. Ersteres ist Menschenfurcht, und Letzteres Heuchelei; +Beides aber eines redlichen Mannes gleich unwerth. + + + 43. + +Wenn Du von körperlichen, geistigen, moralischen oder andern Gebrechen +redest, oder Anekdoten erzählst, die gewisse Grundsätze oder +Vorurtheile lächerlich machen, oder gewisse Stände in ein nachtheiliges +Licht setzen sollen: so siehe Dich vorher wohl um, ob niemand +gegenwärtig sey, der das übel aufnehmen, diesen Tadel oder Spott auf +sich und seine Verwandten ziehen könnte! + +Halte Dich über niemands Gestalt, Wuchs und Bildung auf! Es steht +in keines Menschen Gewalt, diese zu ändern. Nichts ist kränkender, +niederschlagender und empörender für den Mann, der unglücklicher Weise +eine etwas auffallende Gesichtsbildung oder Figur hat, als wenn er +bemerkt, daß diese der Gegenstand der Verspottung oder Befremdung wird. +Leuten, die ein wenig mit der großen Welt bekannt sind, und unter +Menschen von allerlei Formen und Ansehen gelebt haben, sollte man +darüber billig gar keine Erinnerung geben dürfen; aber leider trifft +man hie und da, selbst unter fürstlichen Personen, besonders unter +Damen, solche an, die so wenig Gewalt über sich, oder so wenig Begriffe +von Wohlanständigkeit und Billigkeit haben, daß sie die Eindrücke, +welche ein ungewöhnlicher Anblick von ~der~ Art auf sie macht, +nicht verbergen können. -- Das ist schwach, und wenn man noch dabei +überlegt, wie relativ und dem verschiednen Geschmacke unterworfen die +Begriffe von Schönheit und Häßlichkeit sind, wie so wenig auf sichern +Grundsätzen beruhend unsre physiognomische Wissenschaft ist, und wie +oft unter einer anscheinend häßlichen Larve ein schönes, edles, warmes, +großes Herz, mit einem feinen, tiefdenkenden Kopfe steckt: so sieht man +leicht, daß man sehr selten mit Recht auf das äussere Ansehen eines +Menschen nachtheilige Folgerungen bauen, und nie die Befugniß haben +kann, die Eindrücke, welche ein solcher Anblick etwa auf uns macht, +zu jemands Kränkung durch Lachen oder auf andre Art kund werden zu +lassen. Ueberhaupt ist es Schwachheit, sich von sinnlichen Eindrücken, +mögen sie günstige oder ungünstige seyn, so sehr beherrschen zu lassen, +daß man sogleich seine Zuneigung oder Abneigung verräth. Der äussere +Mensch ist oft so ganz von dem inneren verschieden, daß man sich in der +Regel bitter getäuscht sieht, wenn man sich von jenem verleiten ließ, +günstig oder ungünstig zu urtheilen. + +Ausser einer sonderbaren Figur können uns aber noch andre +Dinge an einem Menschen auffallend seyn, zum Beispiel: lächerliche, +phantastische, abgeschmackte Gebehrden, Manieren, +Verzerrungen des Körpers, Unbekanntschaft mit gewissen Sitten, +Unvorsichtigkeiten im Betragen, ungewöhnlicher, altmodischer +Anzug u. dgl. Es gehört nicht weniger zu einer guten Lebensart, +hierüber nicht durch Lachen oder durch Zeichen, die +man einem der Anwesenden gibt, sein Befremden zu erkennen +zu geben, und dadurch den armen Mann, der sich dergleichen +zu Schulden kommen läßt, noch mehr in Verlegenheit zu setzen. + + + 44. + +Wenn Du in einer Gesellschaft von einem der Anwesenden mit Deinem +Freunde reden willst (obgleich dieß, wie das Ohrenflüstern, überhaupt +unanständig ist): so gebrauche wenigstens die Vorsicht und Schonung, +die Person, von welcher Du redest, nicht dabei anzusehen! Und ist +Dir daran gelegen, etwas zu hören, das in einiger Entfernung von Dir +gesprochen wird: so wende auch Deine Blicke nicht dahin! Man wird sonst +aufmerksam auf Dich, und man hört ja auch nur mit den Ohren, nicht mit +den Augen. + + + 45. + +Man hüte sich, bei Personen, mit denen man umgeht, unberufen +unangenehme Dinge in Erinnerung zu bringen! Oft bewegt eine Art von +unkluger Theilnehmung und ein Mangel an Zartgefühl die Leute, uns um +die Beschaffenheit unsrer ökonomischen und anderer verdrießlichen +Sachen zu befragen, obgleich sie uns nicht helfen können, und uns +dadurch zu zwingen, Gegenstände in unser Gedächtniß zurückzurufen, +die wir in Gesellschaften, wo wir uns aufzuheitern dachten, so +gern vergessen möchten. Man muß so viel Menschenkenntniß haben, zu +unterscheiden, ob der Mann, den wir vor uns sehen, seinem Temperamente, +seiner Lage, und der Art seines Kummers nach, durch solche Gespräche +erheitert oder getröstet werden könne, oder ob nicht vielleicht sein +Leiden dadurch doppelt erschwert werde[2]. + +Man enthalte sich auch, andern Leuten das, was sie nun einmal haben, +und nicht wieder abschaffen können, zuwider zu machen, ihnen die Lage, +darin sie nun einmal leben müssen, durch unangenehme Schilderungen +und unwillkommene Bemerkungen zu verleiden. Es gibt solche unberufene +Wahrheits-Prediger, die sich ein Geschäft daraus machen, uns auch den +unschuldigsten glücklichen Wahn wegzuvernünfteln, und es bleibt bei +Wielands Ausspruch: + + Ein Wahn, der mich beglückt, + Ist eine Wahrheit werth, + Die mich zu Boden drückt. + + + 46. + +Nimm nicht Theil daran, lächle nicht beifällig, thu' lieber, als +hörtest Du es gar nicht, wenn jemand einem Dritten unangenehme Dinge +sagt, oder ihn beschämt! Die Feinheit eines solchen Betragens wird +gefühlt und oft dankbar belohnt. + + + 47. + +Ueber die Gewohnheit, Paradoxen vorzubringen, über +Widersprechungsgeist, Disputirsucht, Citiren und Berufen auf die +Meinungen und Aussprüche Andrer, werde ich mich im dritten Kapitel +dieses Theils erklären, und beziehe mich hier darauf. + + + 48. + +Eine der wichtigsten Tugenden im gesellschaftlichen Leben, welche +wirklich täglich seltner wird, ist die Verschwiegenheit. Man ist +heut zu Tage so äusserst trügerisch in Versprechungen, ja in +Betheurungen und Schwüren, daß man ohne Scheu ein unter dem Siegel +des Stillschweigens uns anvertrautes Geheimniß gewissenloser Weise +ausbreitet. Andre, die weniger pflichtvergessen, aber höchst +leichtsinnig sind, schwatzen Geheimnisse aus, weil sie ihrer +Redseligkeit keinen Zaum anlegen können. Sie vergessen, daß man sie +gebeten hat, zu schweigen; und so erzählen sie aus unverzeihlicher +Unvorsichtigkeit die wichtigsten Geheimnisse ihrer Freunde an +öffentlichen Orten, mit einer Unbefangenheit, die in Erstaunen und in +Schrecken setzt; oder sie vertrauen, indem sie Jeden, der ihnen während +ihres Dranges, sich zu entladen, in den Wurf kömmt, für einen treuen +Freund ansehen, das, was sie doch nicht als ihr Eigenthum betrachten +sollten, eben so leichtsinnigen Leuten an, wie sie selbst sind. Solche +Menschen gehen dann auch nicht weniger unklug mit ihren ~eignen~ +Heimlichkeiten, Planen und Begebenheiten um, zerstören dadurch sehr oft +ihre Wohlfahrt, und vernichten ihre Bestrebungen. + +Welchen Nachtheil überhaupt eine solche unvorsichtige Bewahrung +fremder und eigner Geheimnisse gewähre, das bedarf wohl keiner +Auseinandersetzung. Es gibt aber eine Menge anderer Dinge, die zwar +nicht eigentlich Geheimnisse sind, wovon uns jedoch Klugheit und +die Vernunft lehrt, daß es besser sey, sie zu verschweigen, und +andre Dinge, deren Ausbreitung wenigstens für niemand lehrreich und +unterhaltend seyn kann, und wovon es doch möglich wäre, daß ihre +Verplauderung irgend jemand nachtheilig seyn möchte. -- Darum gehört +eine gewisse Zurückhaltung, die aber nicht in Verschlossenheit und +Geheimnißkrämerei ausarten muß, zu den Tugenden, welche der Umgang +fordert. Bei Männern, welche in bedeutenden Staatsämtern stehen, ist +es vollends unverzeihlich, wenn sie sich von der Sucht, das Wort zu +führen, und sich wichtig zu machen, verleiten lassen, der Gesellschaft +etwas mitzutheilen, was ihre Amtspflicht, oder die Würde ihres Amts +zu verschweigen gebietet. Uebrigens wird man die Bemerkung wahr +finden, daß in despotischen Staaten die Menschen, im Ganzen genommen, +verschwiegner sind, als da, wo mehr Freiheit herrscht. Dort machen +Furcht und Mißtrauen verschlossen und zurückhaltend; hier folgt Jeder +dem Triebe seines Herzens, sich freimüthig mitzutheilen. + +Wenn man auch mehrern Leuten zugleich sein Geheimniß anvertrauen muß: +so lege man doch unbedingte Verschwiegenheit auf, damit jeder von ihnen +glaube, er wisse es allein, müsse allein für die Bewahrung haften. + +Manche Leute haben die sehr unartige Gewohnheit, sich, wenn man sie +zum Voraus um Verschwiegenheit über eine Sache bittet, die man ihnen +entdecken will, nicht bestimmt zu erklären, nichts zu versprechen. Aus +Gutmüthigkeit hält man dann nicht zurück, sondern redet, indem man +die Bedingung voraussetzt. Dies Betragen ist nicht nachzuahmen; der +aufrichtige Mann äussert sich ohne Rückhalt, und hört nicht eher, als +bis er gesagt hat, in wie fern er sich zur Verschwiegenheit verbindlich +machen könne, oder nicht. + + + 49. + +Menschen von lebhafter Gemüthsart werden der Gesellschaft leicht +durch den Ungestüm, mit welchem sie widersprechen, oder ihre Meinung +vertheidigen, beschwerlich. Der Umgang fordert einen gewissen +Gleichmuth, und die Selbstverleugnung, welche jeden Ausbruch der +Leidenschaft zurückzudrängen, und eigensinnigen Widerspruch zu ertragen +weiß. + +Ein großes Talent, welches durch Studium der Sprache und Achtsamkeit +auf sich selbst erlangt werden kann, ist die Kunst, sich bestimmt, +fein, richtig, körnigt auszudrücken, lebhaft im Vortrage zu seyn, +sich dabei nach den Fähigkeiten der Menschen zu richten, mit denen +man redet; sie nicht zu ermüden, gut und launigt zu erzählen, nicht +über seine eignen Einfälle zu lachen; nach den Umständen trocken oder +lustig, ernsthaft oder komisch seinen Gegenstand darzustellen, und mit +natürlichen Farben zu malen. Dabei muß ein guter Gesellschafter sein +Aeusseres studiren, und besonders sein Mienenspiel in seiner Gewalt +haben, sich vor Verzerrungen zu hüten, und sein Lachen zu mäßigen +wissen. Der Anstand und die Gebehrdensprache sollen edel seyn: man +soll nicht bei unbedeutenden, affectlosen Unterredungen, wie Personen +aus der niedrigsten Volksklasse, mit Kopf, Armen und andern Gliedern +herumfahren und um sich schlagen; man soll den Leuten gerade, aber +bescheiden und sanft, in's Gesicht sehen, sie nicht bei Aermeln, +Knöpfen und dergleichen zupfen. Kurz, alles was eine feine Erziehung, +was Aufmerksamkeit auf sich selbst und auf Andre verräth, das gehört +nothwendig dazu, den Umgang angenehm zu machen, und es ist wichtig, +sich in solchen Dingen nicht nachzusehn, sondern jede kleine Regel +des Wohlstandes, selbst in dem Cirkel seiner Familie, zu beobachten, +um sich das zur andern Natur zu machen, wogegen diejenigen so oft +fehlen, welche nie erwägen, daß es Pflichten gegen die Gesellschaft +gibt, und sich daher Alles erlauben, was ihnen gemächlich ist. Kaum +scheint es nöthig, hier noch zu bemerken, daß man so wenig als möglich +in einer Gesellschaft den Leuten den Rücken zukehren, in Titeln und +Namen sich vor Verwechselung hüten; daß man bei Personen, die es +mit den Höflichkeitsbezeigungen genau nehmen, den Vornehmern immer +auf der rechten Seite, oder wenn Drei beisammen sind, in der Mitte +gehen lasse; daß man Dem, mit welchem man spricht, frei und offen, +doch nicht starr und frech, in das Gesicht schauen, seine Stimme in +seiner Gewalt haben, nicht schreien und doch verständlich reden, in +seinem Gange Anstand beobachten, nicht aller Orten das große Wort +führen solle; daß man, wenn man ein Frauenzimmer führt, mit ihr, um +sie nicht zu stoßen, gleichen Schritt halten, und mit demselben Fuße, +wie sie, antreten, ihr auch zuweilen seine linke Hand reichen müsse, +wenn sie an der rechten Seite nicht so bequem gehen würde; daß man auf +~steilen~ Treppen im Hinuntersteigen die Frauenzimmer vorausgehen, im +Hinaufsteigen aber sie folgen lassen müsse; daß, wenn man uns nicht +versteht, und wir voraussehen, daß eine genauere Erklärung nichts +helfen würde, oder der Gegenstand von so geringer Wichtigkeit ist, +daß er keinen großen Aufwand von Worten verdient, wir dann die ganze +Sache fallen lassen müssen; daß vornehme Leute, wenn sie nicht über +Vorurtheile hinaus sind, es übel nehmen, wenn ein Geringer von sich +und ihnen in Gemeinschaft spricht, (z. B. »Als ~wir~ gestern zusammen +spazieren gingen.« »~Wir~ haben im gestrigen Spiele gewonnen, und +~unsre~ Gegner verloren,«) und, daß sie verlangen, man solle thun, +als seyen sie allein in der Welt des Nennens werth: »Ihro Excellenz, +Ihro Gnaden haben gewonnen;« (höchstens möchte man hinzusetzen: »~mit +mir~«); daß man die Leute nicht zehnmal wieder zurückrufe, ihnen noch +hundert Dinge zu sagen und nachzuschreien habe, wenn sie im Zimmer +oder auf der Gasse von uns gehen, schon die Thür in der Hand, schon +Abschied genommen haben; daß es eine unartige Gewohnheit sey, immer +etwas zwischen den Fingern oder im Munde zu führen, das man zerdrückt +und spielend zernichtet, es sey brauchbar oder nicht, gehöre uns oder +Andern; daß man erst um Erlaubniß fragen müsse, wenn man in Gegenwart +fremder Personen Briefe lesen, oder andere Geschäfte von der Art +treiben will; daß es anständig sey, wenn man jemand im Vorbeigehen +grüßen will, den Hut auf ~der~ Seite abzuziehen, wo der Fremde ~nicht~ +geht, damit man ihn nicht damit berühre, und sein Gesicht nicht vor +ihm verberge; daß man, wenn man jemand etwas darreicht, es, in so +fern dieß zu ändern steht, nicht mit der bloßen Hand hingeben müsse; +daß es sich nicht schicke, in Gesellschaften in's Ohr zu flüstern, +bei Tafel krumm zu sitzen, unanständige Gebehrden zu machen, noch zu +leiden, daß ein Frauenzimmer, oder jemand, der vornehmer ist als wir, +von einer Speise, die vor uns steht, vorlege; daß es unartig sey, +in Gesellschaften jemandem einen unschuldigen Spaß zu verderben, z. +B. wenn er Kartenkünste zeigt, seine Kunst zu enthüllen. Leuten von +gewissem Stande und einer nicht ganz gemeinen Erziehung ist das in der +ersten Jugend schon eingeprägt worden; nur erinnere ich, daß diese +kleinen Dinge in mancher Leute Augen ~große~ Dinge sind, und daß oft +unsre zeitliche Wohlfahrt in solcher Leute Händen ist. + + + 50. + +Es gibt noch andre kleine gesellschaftliche Unschicklichkeiten und +Inconsequenzen, die man vermeiden, und wobei man immer überlegen muß, +was daraus werden würde, wenn Jeder von den Anwesenden sich dieselbe +Freiheit erlauben wollte; zum Beispiel: in Concerten plaudern; hinter +eines Andern Rücken einem Freunde etwas zuflüstern, oder ihm Winke +geben, die Jener auf sich deuten kann; lächerlich schlecht tanzen, +oder ein Instrument elend spielen, sich dennoch damit sehen und hören +lassen, und dadurch die Anwesenden zum Spotte und zum Gähnen reitzen; +bei dem Tanze zugleich die Melodie mit singen; in Schauspielen so +hintreten, daß man Andern die Aussicht raubt; in jeder Versammlung +so spät erscheinen, daß man keinen Nachfolger mehr hat, und doch der +Erste seyn, der sie verläßt, oder länger verweilen, als alle übrigen +Mitglieder der Gesellschaft. Willst Du gern gesehen seyn, so vermeide +alle diese Unschicklichkeiten mit Sorgfalt, und willst Du ein edler +Mensch, nicht bloß ein guter Gesellschafter werden, so vermeide sie +nicht um der Menschen willen, sondern weil Du dieß Deinem eigenen +Herzen schuldig zu seyn glaubst, und weil Du nicht bloß ~klug~, sondern +auch ~gut~ seyn möchtest. In eben dieser Hinsicht befolge auch noch +diese Vorschriften: Du sollst nicht dem Lesenden oder Schreibenden auf +die Finger sehen, und nicht allein in einem fremden Zimmer bleiben, in +welchem Schriften oder Gelder herumliegen. Ferner: wenn zwei Personen, +die vor Dir hergehen, leise mit einander reden, ohne Deiner gewahr zu +werden, so will die Bescheidenheit und die Klugheit, daß Du ihnen durch +Geräusch Deine Nähe zu erkennen gebest, um Dich von allem Verdachte, +als wenn Du sie beschleichen wolltest, und von aller Verlegenheit zu +befreien. So klein dergleichen Aufmerksamkeiten scheinen, so machen +sie doch den Umgang angenehm und werden Bildungsmittel für Geist und +Herz, wenn man sie als solche ~ansieht~ und ~benutzt~, sind aber auch, +wenn man sie nicht von dieser Seite betrachtet, weiter nichts, als +Schleifsteine für die äussere Politur. + + + 51. + +Oft sind wir in dem Falle, daß uns durch Gespräche Langeweile gemacht +wird. Vernunft, Vorsichtigkeit und Menschenliebe gebieten uns dann, +wenn nun einmal nicht auszuweichen ist, Geduld zu fassen, und nicht +durch beleidigendes Betragen unsern Ueberdruß zu erkennen zu geben. +Man kann ja, je seelenloser das Gespräch und je geschwätziger der Mann +ist, um desto freier nebenher an andre Dinge denken; und wäre auch das +nicht -- ei nun! es geht im menschlichen Leben so manche verträumte +Stunde verloren! Ist man denn nicht einige Aufopferung der Gesellschaft +schuldig, mit welcher man umgeht? -- Und geschieht es nicht vielleicht +zuweilen, daß auch wir dagegen, so groß auch die Meinung seyn mag, +die wir von der Wichtigkeit unsrer Gespräche haben, dennoch durch +unsre Redseligkeit Andern Langeweile machen? Auch gibt es hier noch +einen Ausweg. Man sucht dem Redseligen eine Pause abzugewinnen, oder +wirft unaufhörlich Fragen, Einwürfe und Bedenklichkeiten zwischen +seine Rede, oder nöthigt ihn durch eine geschickte Wendung, manches zu +überspringen, was er noch einschieben wollte, oder bringt ihn durch +eine unerwartete Frage plötzlich auf ein anderes, nicht so ergiebiges +Thema. + + + 52. + +Gewissen Leuten ist eine Leichtigkeit im Umgange, und die Gabe, +geschwind Bekanntschaften zu machen, und Zuneigung zu gewinnen, wie +angeboren; Andern hingegen hängt von Jugend auf eine gewisse Blödigkeit +und Schüchternheit an, die sie nicht abzulegen vermögen, wenn sie +gleich täglich fremde Leute aller Art um sich sehen. Diese Blödigkeit +ist freilich sehr oft die Folge einer fehlerhaften Erziehung, so +wie auch zuweilen die Wirkung einer heimlichen Eitelkeit, die in +Verlegenheit geräth, aus Furcht, sich in Schatten zu stellen, übersehen +zu werden, und nicht zu glänzen. Manchen Menschen aber scheint diese +Schüchternheit gegen ganz fremde Leute wirklich von Natur eigen zu +seyn, und alle Mühe, welche sie sich geben, sie zu besiegen, ist +verloren. Ein regierender Fürst, einer der edelsten und verständigsten +Männer, die ich kenne, und der auch wahrlich seines Aeussern wegen +sich nicht zu schämen noch zu fürchten braucht, nachtheilige Eindrücke +zu machen, hat mich versichert, daß, obgleich ihn sein Stand von +Kindheit an in die Lage gesetzt habe, täglich große Cirkel und viele +fremde Gesichter zu sehn, er dennoch an keinem Tage in sein Vorzimmer +trete, wo der versammelte Hof seiner wartet, ohne aus Verlegenheit +auf einen Augenblick fast blind zu werden. Uebrigens hört bei +diesem liebenswürdigen Herrn, sobald er sich ein wenig erholt hat, +die Schüchternheit auf, und dann redet er freundlich und offen mit +jedermann, und sagt bessre Dinge, als gewöhnlich Fürsten, bei solchen +Gelegenheiten, über Wetter, böse Wege, Pferde und Hunde zu sagen wissen. + +Eine gewisse Leichtigkeit im Umgange also, die Gabe, sich gleich bei +der ersten Bekanntschaft vortheilhaft darzustellen, mit Menschen aller +Art zwanglos ein Gespräch anzuknüpfen, und bald zu merken, wen man +vor sich hat, und was man mit Jedem reden könne und müsse: das sind +Eigenschaften, die man zu erwerben und auszubilden trachten soll. Doch +müsse dieß nie in jene, den Abentheurern so eigne Unverschämtheit und +Zudringlichkeit ausarten, die oft, in weniger als einer Stunde Frist, +einer ganz fremden Tischgesellschaft im Wirthshause ihre Lebensläufe +abgefragt, und dagegen den ihrigen erzählt, Dienste und Freundschaft +angeboten, und Dienste, Verwendung und Hülfe für sich erbeten haben. +Die Hauptsache kommt immer darauf an, leicht in den fremden Ton +einzustimmen, und nichts auskramen, nichts geltend machen zu wollen, +was in diesem Kreise nicht verstanden oder nicht geschätzt wird, sich +auch nicht gar zu sehr dadurch niederschlagen zu lassen, daß die ersten +Versuche, die Unterhaltung in Gang zu bringen, unglücklich abgelaufen +sind. + + + 53. + +Man vermeide also auch, in alle Cirkel große Forderungen und +Erwartungen mitzunehmen, allen Menschen alles allein seyn, mit aller +Gewalt glänzen, und Aufmerksamkeit erregen zu wollen; zu verlangen, +daß aller Menschen Augen nur auf uns gerichtet, ihre Ohren nur für +uns gespitzt seyen; denn sonst werden wir freilich uns aller Orten +zurückgesetzt glauben, eine traurige Rolle spielen, uns und Andern +Langeweile machen, menschenscheu und bitter die Gesellschaft fliehn, +und von ihr geflohen werden. Ich kenne viele Leute von der Art, die +durchaus, wenn sie sich in vortheilhaftem Lichte zeigen sollen, der +Mittelpunkt seyn müssen, um welchen sich alles dreht, so wie überhaupt +manche Menschen im gemeinen Leben niemand neben sich vertragen, der mit +ihnen verglichen werden könnte. Sie handeln vortrefflich, groß, edel, +nützlich, wohlthätig, geistreich, sobald sie es allein sind, an die +man sich wendet, von denen man bittet, erwartet, hofft; aber klein, +niedrig, rachsüchtig und schwach, sobald sie in Reihe und Gliedern +stehen sollen, und zerstören jedes Gebäude, wozu sie nicht den Plan +gemacht, oder wenigstens die Kranz-Rede gehalten haben; ja, selbst ihr +eignes Gebäude, sobald nur ein Andrer eine kleine Verzierung daran +angebracht hat. Dies ist eine unglückliche, ungesellige Gemüthsart. +Ueberhaupt rathe ich, um glücklich zu leben, und Andre glücklich zu +machen, in dieser Welt so wenig als möglich zu erwarten und zu fordern. + + + 54. + +So viel über den Anstand, über schickliche Manieren, und über die +Höflichkeit im äussern Betragen, über Bescheidenheit und Mäßigung; +und nun noch etwas über die ~Kleidung~. Kleide Dich nicht ~unter~ +und nicht ~über~ Deinen Stand, nicht ~über~ und nicht ~unter~ Dein +Vermögen, nicht phantastisch, nicht bunt, nicht ohne Noth prächtig, +noch glänzend, noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und, +wo Du Aufwand machen mußt, da sey Dein Aufwand zugleich ächt und +schön! Zeichne Dich weder durch altväterische, noch jede neumodische +Thorheit nachahmende Kleidung aus! Wende eine größere Aufmerksamkeit +auf Deinen Anzug, wenn Du in der großen Welt erscheinen willst! Man +ist in Gesellschaft verstimmt, sobald man sich bewußt ist, in einer +unangenehmen Ausstaffirung aufzutreten. Trage nie geliehene Sachen! +Das hat von mehr als Einer Seite nachtheiligen Einfluß auf den +Charakter. + + + 55. + +Wenn die Frage entsteht: ob es gut sey, viel oder wenig in Gesellschaft +zu erscheinen; so muß die Beantwortung derselben freilich, nach den +verschiedenen einzelnen Lagen, Bedürfnissen und nach unzähligen kleinen +Umständen und Rücksichten, bei jedem Menschen anders ausfallen. Im +Ganzen aber kann man den Satz zur Richtschnur annehmen: daß man sich +nicht aufdringen, die Leute nicht überlaufen solle, und daß es besser +sey, wenn man es einmal nicht allen Menschen recht machen kann, daß +gefragt werde, warum wir so selten, als geklagt, daß wir zu oft und an +allen Orten erscheinen, wo Unterhaltung zu erwarten ist. Es gibt einen +feinen Sinn für die Pflege und Erweiterung des Umgangs (wenn uns nicht +übertriebne Eitelkeit und Selbstsucht die Augen blenden), einen Sinn, +der uns sagt, ob wir gerngesehn, oder überlästig sind, ob es Zeit ist, +fortzugehn, oder ob wir noch verweilen sollen. Aus der Art, wie uns +von Kindern und Domestiken in einem Hause begegnet wird, pflegt man +am leichtesten zu merken, wie die Herrschaften oder Eltern gegen uns +gestimmt sind. + +Uebrigens rathe ich, wenn man sich so weit in seiner Gewalt haben kann, +mit so wenig Leuten, als möglich, ~vertraulich~ zu werden, nur einen +kleinen Cirkel von ~Freunden~ zu haben, und diesen nur mit äusserster +Vorsicht zu erweitern. Gar zu leicht mißbrauchen und vernachlässigen +uns die Menschen, sobald wir mit ihnen in einem vollkommen +vertraulichen Tone umgehen. Um angenehm zu leben, muß man fast immer +ein ~Fremder~ unter den Leuten bleiben. Dann wird man geschont, geehrt, +aufgesucht. -- Deswegen ist das Leben in großen Städten so schön, wo +man alle Tage andre Menschen sehen kann. Für einen Mann, der sonst +nicht schüchtern ist, ist es ein Vergnügen, unter ~Unbekannten~ zu +sitzen. Da hört man, was man sonst nicht hören würde; man wird nicht +behorcht und belauscht, und kann in der Stille beobachten. + + + 56. + +Uebrigens rathe ich auch an, um seiner selbst und um Andrer willen, ja +nicht zu glauben, es sey irgend eine Gesellschaft so ganz schlecht, +das Gespräch irgend eines Mannes so ganz unbedeutend, daß man nicht +daraus etwas lernen, eine neue Erfahrung, einen Stoff zum Nachdenken +sammeln könnte. Aber man soll nicht aller Orten Gelehrsamkeit, feine +Cultur fordern, sondern sich an gesundem Hausverstand und geradem Sinn +genügen lassen, daran den eigenen beleben und stärken, und sich einmal +wieder auf den Weg der Natur leiten lassen, sich auch eben darum unter +Menschen von allerlei Ständen mischen: so lernt man zugleich nach und +nach den Ton und die Stimmung annehmen, die nach Zeit und Umständen +erfordert werden, und überzeugt sich, daß auch in den niederen +Ständen Witz, Verstand und Scharfsinn zu finden sey. Aber diese +Ueberzeugung ist sehr heilsam zur Dämpfung eines gewissen Stolzes, +der sich so leicht der Gebildeten bemächtigt, und sie ungerecht gegen +Ungebildete macht. Auch für die Erweiterung der Sprachkunde ist ein +solcher Umgang mit Menschen aus den verschiedensten Ständen und von +den verschiedensten Bildungsstufen höchst wirksam und ergiebig, und +gewährt manchen großen Genuß, besonders durch die erweiterte Kenntniß +sprichwörtlicher Redensarten, in welchen oft so viel Witz und Kraft +verborgen liegt. + + + 57. + +Mit wem aber soll man am mehrsten umgehn? Natürlicher Weise läßt sich +auch diese Frage nur nach eines Jeden besondrer Lage beantworten. +Hat man die Wahl (und wirklich hat man diese auch öfter, als man +glaubt), so wähle man sich die Weisern zu seinem Umgange; Leute, von +denen man lernen kann, die nicht schmeicheln, nicht gar zu überlegen +an Kenntnissen und Fähigkeiten sind, aber doch uns übersehen, die in +Kreisen tanzen, so oft ihr hoher Genius seine Zauberruthe schwingt. +Den Meisten aber scheint es genußreicher, untergeordnete Geister um +sich her zu versammeln. Aber diese bleiben auch immer, was und wie sie +sind, kommen nie weiter in Weisheit und Tugend. Es gibt zwar Lagen, in +welchen es nützlich und lehrreich ist, sich unter Menschen von allerlei +Fähigkeiten zu mischen, ja, wo es auch Pflicht ist, nicht bloß mit +Leuten umzugehn, von denen ~wir~, sondern auch mit solchen, die ~von +uns~ lernen können, und die ein Recht haben, dieß zu fordern. Diese +Gefälligkeit aber darf nie so weit gehen, daß die Rechenschaft, die +wir einst von unsrer goldnen Zeit, und von der Obliegenheit, uns zu +vervollkommnen, geben sollen, dabei Gefahr laufe. + + + 58. + +Es ist oft eine höchst sonderbare Sache um den Ton, der in +Gesellschaften herrscht. Vorurtheil, Eitelkeit, Schlendrian, Autorität, +Nachahmungssucht, und wer weiß, was sonst noch, stimmen diesen Ton so, +daß zuweilen Menschen, die an einem Orte zusammen leben, Jahr aus, Jahr +ein, sich auf eine Weise versammeln, unterhalten, Dinge mit einander +treiben, und über Gegenstände reden, die Allen zusammen und jedem +Einzelnen unendliche Langeweile machen. Dennoch glauben sie, sich den +Zwang anthun zu müssen, diese Lebensart also fortzuführen. Gewährt wohl +die Unterhaltung in den mehresten großen Cirkeln einem Einzigen von +den da Versammelten wahres Vergnügen? Spielen unter funfzig Personen, +die jeden Abend die Karten in die Hand nehmen, wohl zehn aus wahrer +Neigung? Um desto erbärmlicher ist es, wenn freie Menschen in kleinern +Oertern, oder gar auf Dörfern, die zwanglos leben könnten, um den Ton +der Residenzen nachzuahmen, sich eben so peinlich unter das Joch dieser +Langeweile krümmen. Hat man Gewicht bei seinen Mitbürgern und Nachbarn, +so ist es Pflicht, alles dazu beizutragen, den Ton vernünftiger zu +stimmen. Ist das aber nicht der Fall, und man geräth einzeln in einen +solchen Cirkel, so vermehre man nicht, durch ein schiefes, stummes, +oder mürrisches Betragen, unter den Anwesenden und dem Hauswirthe die +Verlegenheit, es vor einander zu verbergen, daß sie sich sämmtlich weit +von da weg wünschten; sondern man zeige sich vielmehr als einen Meister +in der Kunst, viel zu reden, ohne etwas zu sagen, und erwerbe sich +wenigstens das Verdienst, den Zeitraum mit unschuldiger Unterhaltung +auszufüllen, wovon ausserdem gewöhnlich die Verläumdung Besitz nimmt! + +In volkreichen, großen Städten kann man am unbemerktesten, und ganz +nach seiner Neigung leben. Da fallen eine Menge kleiner Rücksichten +weg; man wird nicht ausgespäht, controllirt, beobachtet; es laufen +nicht so aus Mund in Mund die interessanten Nachrichten: wie vielmal in +der Woche ich Braten esse; ob ich oft oder selten ausgehe, und wohin; +wer zu mir kömmt; wie stark der Lohn ist, den ich meiner Köchin gebe, +und ob ich kürzlich mit ihr geschmählt habe? Meine Kleidung wird nicht +gemustert; man fragt nicht in jedem Krämer-Hause meine Magd, wenn sie +für vier Pfennige Pfeffer holt, für wen der Pfeffer ist, und wozu der +Pfeffer gebraucht werden soll? Eine unbedeutende Anekdote beschäftigt +da nicht sechs Wochen lang alle Zungen; man wandelt unbemerkt, +friedenvoll und ungeneckt durch den großen Haufen hin, besorgt seine +Geschäfte, und wählt sich eine Lebensart, wie man sie für zweckmäßig +hält. In kleinen Städten ist man verurtheilt, mit einer Anzahl, oft +sehr langweiliger Magnaten, in strenger Abrechnung von Besuchen und +Gegenbesuchen zu stehn, die gewöhnlich gleich nach dem Mittagstische +ihren Anfang nehmen, und bis zu der Bürgerglocke, das heißt, bis +zehn Uhr Abends, fortdauern, während welcher Zeit die Unterhaltung +gewöhnlich den König von Preussen, die Franzosen und Engländer, den +Kaiser, andre hohe Potentaten, und was der Hamburger Correspondent von +ihnen meldet, zum Gegenstande hat. Das ist nun freilich erschrecklich; +doch gibt es auch Mittel, dort den Ton des Umgangs nach und nach zu +verfeinern, oder das schwache Publikum daran zu gewöhnen, nachdem +es ein Vierteljahr hindurch über uns gelästert hat, uns endlich +auf unsre Weise leben zu lassen, wenn man sich übrigens redlich, +menschenfreundlich, dienstfertig und gesellig beträgt. Am übelsten +aber pflegt man in den mittlern Städten daran zu seyn, sowohl in den +freien Städten, wo der Handel die Achse ist, um die sich alles dreht, +als in unbeträchtlichen Residenzen. Da herrschen gewöhnlich, neben +einem übertriebnen Luxus, und solchen sittlichen Verderbnissen, die +mit der Ausartung in den größten Städten wetteifern, noch obenein alle +Gebrechen kleiner Städte, Klatschereien, Anhänglichkeit an Schlendrian, +an Gewohnheiten und Familien-Verbindungen, die abgeschmacktesten +Forderungen und die lächerliche Classificirung der Stände. So habe ich +eine Stadt gesehn, in welcher ein Mann, durch seine kürzlich erhaltene +Bedienung, die ehemals dort nicht existirt hatte, so sehr von allen +übrigen, einmal bestimmten Rangordnungen abgesondert war, daß er, wie +ein Elephant in einer Menagerie, immer für sich allein spatzieren +gehn mußte, ohne seines Gleichen, weder einen Gesellschafter, noch +eine Gefährtin finden zu können. Da nun aber in den wenigsten Städten +von Teutschland eine glückliche Stimmung angetroffen wird, so muß +man lernen, sich in die herrschenden Sitten zu fügen; und nichts +kann unvernünftiger, und für den Eiferer selbst von nachtheiligeren +Folgen seyn, als wenn ein Einzelner, der nicht besonders in Ansehen +steht, auftreten, und seine Vaterstadt reformiren will. Nirgends kömmt +indessen ein solcher Declamator übler an, als in den freien Städten, +wo alte Sitte und Schlendrian innig verwebt sind in die Regierungsform +und in alle übrige Verhältnisse. Hier hat indeß die neueste Zeit mit +ihren Erschütterungen und den hunderttausend kostbaren Lehrmeistern, +die sie in glänzenden Uniformen und mit großem Ansehen ausgerüstet in +Teutschlands Staaten und Städte sandte, eine sehr bedeutende, doch +nicht immer heilsame Veränderung hervorgebracht. + +In Dörfern und auf seinem Landgute lebt man in der That am +ungezwungensten; und für jemand, der Lust hat, sich zu beschäftigen, +und zum Besten Andrer etwas beizutragen, findet sich da mannigfaltige +Gelegenheit, indem man an dem nützlichsten, zu sehr niedergedrückten +und vernachlässigten Stande zum Wohlthäter werden kann; allein die +geselligen Freuden sind auf dem Lande nicht so leicht zu erlangen, +und nicht so rein zu genießen. In Augenblicken, wo man gerade das +Bedürfniß fühlt, seine Arme nach einem treuen Freunde auszustrecken, +ist dieser Freund vielleicht meilenweit von uns entfernt; oder man +müßte reich genug seyn, einen ganzen Hofstaat von Freunden um sich her +zu versammeln; aber auch das hat seine üble Seite; und sehr reiche +Leute fühlen ja ohnehin selten dies Bedürfniß. Um also hier glücklich +und vergnügt leben zu können, ohne gerade ausgezeichnet wohlhabend +zu seyn, muß man die Kunst verstehen, das Gute aus dem Umgange der +Menschen, die man bei sich haben kann, zu schmecken und zu erkennen, +der einfachen Freuden nicht müde zu werden, damit zu geizen, und ihnen +auf erfindungsreiche Art Mannigfaltigkeit zu geben. Weil man auf dem +Lande seine Frau, seine Kinder und seine Hausfreunde vom Morgen bis +zum Abend ununterbrochen um sich zu sehen pflegt, so entsteht leicht +Ueberdruß, Leere im Umgange. Dieß kann durch einen Vorrath guter +Bücher, die neuen Stoff zur Unterhaltung geben, durch interessanten +Briefwechsel mit abwesenden Freunden, und durch weise Eintheilung der +Zeit, indem man manche Tagesfristen einsam in seinem Zimmer zubringt, +gehoben werden; und nichts ist süßer auf dem Lande, als wenn, nach +einem nützlich verlebten Tage, wo Jeder für sich seine Geschäfte emsig +und treulich besorgt hat, des Abends sich der kleine Cirkel zum +Spatziergange, muntern Scherze und zwanglosen Gespräche sammelt. Es +gibt selbst Prinzen, die diesen Genuß kennen, und ich habe einst, am +Fuße der vogesischen Gebirge, einige Wochen an dem Hofe eines guten und +klugen Fürsten auf diese Art sehr glücklich hingebracht. + +Nichts aber ist trauriger, und doch häufiger zu finden, als wenn +Menschen, die in kleinen Städten, oder gar auf dem platten Lande, +täglich mit einander umgehen müssen, in ewigem Zwiste mit einander +leben, und dabei doch nicht reich genug sind, sich eine besondre +Existenz zu schaffen. Sie bereiten sich eine Hölle auf Erden. +Nirgends also ist es so wichtig, als an solchen Orten, in Eintracht +mit denen zu leben, die man weder entbehren, noch vermeiden kann, +und darum mit edler Selbstverleugnung zu ertragen und zu vergeben, +was die Kleinstädterei zu tragen und zu vergeben gibt, und allezeit +schonend, nachsichtig, geschmeidig, vorsichtig, klug und mit einer +Art von Coketterie im Umgange zu verfahren, um Mißverständnissen, +Ekel und Ueberdrusse vorzubauen. Aber auch nirgends hat man Ursache, +vorsichtiger im Reden und Handeln zu seyn, als in kleinen Städten, und +da, wo ein kleinstädtischer Ton herrscht, weil da die Menschen aus +Mangel an Zerstreuung beständig auf den lieben Nächsten lauern, und +wenn gleich sonst sehr kurzsichtig, doch die scharfsichtigsten sind, +wenn es darauf ankommt, den Splitter in des Bruders Auge zu erspähen, +und die beredtesten, um den Splitter als einen Balken darzustellen. Sie +sind oft eben so sehr zu bemitleiden, als zu verachten, weil sie, von +langer Weile gepeitscht, nach Allem greifen, was ihnen auch nur eine +kurze Rettung von diesem Unholde verspricht, und nichts andres zu thun +wissen, als alles nachzuplaudern und sich um fremde Händel zu bekümmern. + + + 59. + +In fremden Städten und Ländern ist Vorsichtigkeit im Umgange zu +empfehlen, und das in manchem Betrachte. Wir mögen nun dort Unterricht +und Belehrung, oder ökonomische und politische Vortheile, oder bloß +Vergnügen suchen: so ist es sehr nothwendig, gewisse Rücksichten nicht +zu verachten. Im ersten Falle, nämlich wenn wir reisen, um uns zu +unterrichten, versteht sich's vor allen Dingen von selber, daß wir wohl +überlegen, in welchem Lande wir sind, und ob man da ohne Gefahr und +Verdruß von Allem reden und nach Allem fragen dürfe. Es gibt leider! +auch in Teutschland Staaten, in welchen die Regierungen es nicht gern +sehen, und es scharf ahnden, wenn gewisse Werke der Finsterniß an +das Tageslicht gezogen werden. Da ist Behutsamkeit nöthig, sowohl in +Gesprächen und Nachforschungen, als in der Wahl der Menschen, mit denen +man sich einläßt, und denen man sich anvertraut. Uebrigens muß ich +auch hier erinnern, daß sehr wenig Reisende eigentlich Beruf haben, +sich um die innere Verfassung fremder Länder zu bekümmern; allein +thörichte Neugier, Vorwitz, oder unruhiger Thätigkeitstrieb, jagt jetzt +haufenweise die Menschen hinaus, um in fremden Gasthöfen, Posthäusern, +Clubbs, und in den Schwitzkammern hypochondrischer Gelehrten, unsichere +Anekdoten zu einem Werkchen zu sammeln, indeß sie daheim noch unendlich +viel zu wirken und zu lernen gefunden haben würden, wenn es ihnen um +ihr und Andrer Wohl ernstlich zu thun wäre. + +Daß diese Vorsicht verdoppelt werden müsse, sobald man an einem +fremden Orte für sich etwas zu suchen oder zu fordern hat, versteht +sich wohl von selber. Da alsdann manches Auge auf uns gerichtet ist, +so müssen wir den Umgang mit Leuten vermeiden, die, unzufrieden mit +der Regierung, sich so gern den Fremden an den Hals werfen, weil sie +unter ihren Mitbürgern durch unkluge Aufführung sich einen bösen Namen +gemacht, und sich auf diese Art den Weg versperrt haben, bürgerliche +Vortheile zu erlangen, die sie aber zu verachten scheinen, wie der +Fuchs die Trauben. Diese Art Leute sucht sich dann dadurch ein wenig +zu heben, daß sie mit den Reisenden, denen sie sich in den Gasthöfen +oder auf andre Art aufdringen, durch die Gassen der Stadt laufen, +und dadurch Verbindungen in andern Ländern muthmaßen lassen. Ein +Fremder, der nur wenig Tage sich an einem Orte aufhalten will, kann +ohne Nachtheil mit diesem, mehrentheils sehr geschwätzigen, und von +lustigen und ärgerlichen Mährchen aller Art vollgepfropften Ciceroni's +nach Gefallen herumrennen, und kein vernünftiger Mann wird ihm das +verdenken. Wer aber länger in einer Stadt verweilen, in den bessern +Cirkeln Zutritt haben, oder gar ein Geschäft zu Stande bringen will; +dem rathe ich, in der Auswahl seines Umgangs auch die Stimme des +Publikums zu ehren. + +Es gibt fast in jeder Stadt eine Partei solcher Unzufriedener; es +sey nun mit der Regierung, oder nur mit der Gesellschaft. Zu Diesen +geselle Dich also nicht! Wähle nicht unter ihnen Deinen Umgang! Diese +Schwarzblütigen und Mißmuthigen glauben sich nicht geehrt genug, +oder sind unruhige Köpfe, Lästermäuler, Menschen voll unvernünftiger +Forderungen, ränkevolle, oder unsittliche Leute. Da sie nun, einer +dieser Ursachen wegen, von ihren Mitbürgern geflohen werden, so suchen +sie unter sich eine Art von Bündniß zu errichten, in welches sie, +wenn sie können, verständige und wackre Männer zu ihrer Verstärkung +durch Schmeichelei hineinziehen. Laß Dich weder darauf, noch überhaupt +auf das ein, was Partei und Faction genannt werden kann, wenn Du mit +Annehmlichkeit und Sicherheit leben willst! + + + 60. + +Briefwechsel ist schriftlicher Umgang. Fast alles, was vom persönlichen +Umgange mit Menschen gilt, leidet Anwendung auf den Briefwechsel. Als +Bildungs-, Erheiterungs- und Belebungs-Mittel ist der Briefwechsel +überaus wirksam, und oft ist es nur dadurch möglich, mit seinen +Freunden in Verbindung zu bleiben, sich in einer gewissen Thätigkeit +zu erhalten, und der Einseitigkeit und Eintönigkeit zu entgehen. Aber +auch hier ist Mäßigung und Beschränkung die Bedingung der Wirksamkeit. +Dehne also Deinen Briefwechsel, so wie Deinen Umgang, nicht über die +Gebühr aus! Ein gar zu ausgedehnter Briefwechsel ist zwecklos, fordert +einen unverhältnißmäßigen Zeitaufwand, und wird zu kostbar. Sey eben +so vorsichtig in der Wahl derer, mit denen Du einen ~vertrauten~ +Briefwechsel anfängst, wie in der Wahl Deines täglichen Umgangs und +Deiner Lectüre! Nimm Dir auch vor, nie einen ganz leeren Brief zu +schreiben, in welchem nicht wenigstens etwas stünde, das dem, an +welchen er gerichtet ist, Nutzen oder reine Freude gewähren könnte; +denn ein leerer Brief ist eine Art von Verspottung dessen, an den man +schreibt, oder wenigstens eine Täuschung, die nothwendig den, dem sie +bereitet wird, kränken, oder unwillig machen muß. Vorsichtigkeit ist im +Schreiben noch weit dringender, als im Reden zu empfehlen; und eben so +wichtig ist es, mit den Briefen, welche man erhält, behutsam umzugehn. +Man sollte es kaum glauben, was für Verdruß, Zwist und Mißverständniß +durch Versäumniß dieser Klugheits-Regel entstehen können. Ein +einziges, unvorsichtig hingeschriebenes, unauslöschliches Wort, ein +einziges, aus Unachtsamkeit liegen gebliebenes Papier, hat manches +Menschen Ruhe, und oft auf immer den Frieden einer Familie zerstört. +Brief-Klatschereien, voreilig schriftlich mitgetheilte, ungegründete +oder entstellte Nachrichten, können unendlichen Schaden stiften, den +redlichen Mann bei Tausenden verdächtig machen und seine Nachkommen in +Verlegenheit bringen. + +Ich kann daher nicht genug Vorsichtigkeit in Briefen und überhaupt im +Schreiben empfehlen. Noch einmal! Ein übereiltes mündliches Wort wird +wieder vergessen; aber ein geschriebenes kann noch nach funfzig Jahren, +in den Händen unvorsichtiger oder eitler Erben, Unheil stiften. + +Briefe, an deren richtiger und schneller Besorgung irgend etwas +gelegen ist, muß man immer auf die gewöhnliche Weise mit der Post, +oder durch eigne Boten abgehen lassen, nie aber, etwa zur Ersparung +des Porto, sie Reisenden mitgeben, oder sonst durch Gelegenheit, und +in fremden Umschlägen fortschicken. Man kann sich gar zu wenig auf die +Pünktlichkeit der Menschen verlassen. + +Lies Deine Briefe, wenn Du es ändern kannst, nicht in Andrer Gegenwart, +sondern wenn Du allein bist; sowohl, weil es die Höflichkeit also +befiehlt, als auch aus Vorsicht, um durch Deine Mienen den Inhalt nicht +zu verrathen. + +Es gibt Personen, besonders unter den Damen, welche die Leute, die mit +ihnen an demselben Ort leben, bei den unbedeutendsten Veranlassungen, +mit kleinen Briefen und Zetteln bestürmen, und dadurch dem, der seine +Zeit besser anwenden könnte, seine kostbare Zeit rauben. + + + 61. + +Glaube immer, und Du wirst Dich bei diesem Glauben sehr wohl befinden, +daß die mehrsten Menschen nicht halb so gut sind, als ihre Freunde sie +schildern; und nicht halb so böse, als ihre Feinde sie ausschreien! + +Beurtheile die Menschen nicht nach dem, was sie ~reden~, sondern nach +dem, was sie ~thun~! Die Meisten sind weder so gut, noch so böse, als +sie nach ihren Reden zu seyn scheinen, und Du mußt sie in allerlei +Lagen beobachten, wenn Du ihren wahren Werth erforschen willst. Aber +wähle zu Deinen Beobachtungen solche Augenblicke, in welchen sie +von Dir unbemerkt zu seyn glauben. Richte Deine Achtsamkeit auf die +kleinen Züge, nicht auf die Haupt-Handlungen, zu denen Jeder sich in +seinen Staatsrock steckt. Gib Acht auf die Laune, die ein gesunder Mann +beim Erwachen vom Schlafe, auf die Stimmung, die er hat, wenn er des +Morgens, wo Leib und Seele im Nachtkleide erscheinen, aus dem Schlafe +geweckt wird; -- auf das, was er vorzüglich gern ißt und trinkt: ob +sehr materielle, einfache, oder sehr feine, gewürzte, zusammengesetzte +Speisen; auf seinen Gang und Anstand; ob er lieber allein seinen Weg +geht, oder sich immer an eines Andern Arm hängt; ob er in einer geraden +Linie fortschreiten kann, oder seines Neben-Gängers Weg durchkreuzt, +oft an Andre stößt, und ihnen auf die Füße tritt; ob er durchaus keinen +Schritt allein thun, sondern stets Gesellschaft haben, immer sich an +Andre anschließen, auch um die geringsten Kleinigkeiten erst Rath +fragen, sich erkundigen will, wie es sein Nachbar, sein College macht; +ob er offne Thüren, offne Fenster, helles Licht, lautes und deutliches +Reden liebt, oder nicht; ob er gern Andern in die Rede fällt, niemand +zu Worte kommen läßt; ob er gern geheimnißvoll thut, die Leute auf die +Seite ruft, um ihnen gemeine Dinge in das Ohr zu sagen; ob er gern in +allem entscheidet, und so ferner. Auch die Handschriften der Leute +tragen mehrentheils den Stempel ihres Charakters. Alle Kinder, mit +deren Erziehung ich beschäftigt gewesen bin, haben nach meiner Hand das +Schreiben gelernt; allein, so wie sich nach und nach ihre Gemüthsarten +entwickelten, brachte jedes von ihnen seine eignen Züge hinein. Beim +ersten Anblicke schienen sie Alle einerlei Hand zu schreiben; wer +aber genauer Acht gab, und sie kannte, fand in der Manier des Einen +Trägheit, bei Andern Kleinlichkeit, oder Unbestimmtheit, Flüchtigkeit, +Festigkeit, Verschrobenheit, Ordnungsgeist, oder irgend eine andre +Eigenthümlichkeit. -- Fasse alle diese Wahrnehmungen zusammen, nur sey +nicht so unbillig, nach einzelnen solchen Zügen den ganzen Charakter zu +richten! + +Sey nicht zu parteiisch für Menschen, die Dir freundlicher begegnen, +als Andre, und schließe nicht zu schnell daraus, daß sie Dir mit +besonderer Theilnahme ergeben sind. Untersuche zuvor, ob sie vielleicht +gerade in dem Falle sind, Dich auf irgend eine Art zu ihrem Vortheil +brauchen zu können, oder ob Du ihnen etwa mit besonderer Gefälligkeit +entgegen gekommen bist, oder ihnen etwas Schmeichelhaftes gesagt hast. + +Baue nicht eher fest auf treue, immer sich bewährende Liebe und +Freundschaft, als bis Du solche Proben gesehen hast, die ~Aufopferung~ +kosten! Die mehrsten Menschen, die uns so herzlich ergeben scheinen, +treten zurück, sobald es darauf ankömmt, ihren Lieblings-Neigungen zu +unserm Vortheile zu entsagen. Darauf ist also Rücksicht zu nehmen, wenn +man wissen will, was ein Mensch uns werth ist. Es ist keine Kunst, +alles zu leisten, was man nur wünschen mag, das Einzige ausgenommen, +was Ueberwindung kostet. + + + 62. + +Alle diese allgemeinen, sodann die folgenden besondern Regeln, und viel +mehrere noch, die ich, um mein Werk nicht über Gebühr auszudehnen, der +eigenen Einsicht der Leser überlasse, zielen dahin, den Umgang leicht +und angenehm zu machen, und das gesellige Leben zu erleichtern. Es +kann aber Mancher seine besondern Gründe haben, warum er sich über +einige derselben hinaussetzen will, und da ist es denn freilich sehr +billig, Jedem zu erlauben, auf seine eigne Art seine Ruhe zu befördern. +Dringen wir niemand unsre Specifica auf! Wer weder die Gunst der +Großen sucht, noch allgemeines Lob, noch glänzenden Ruhm, noch Beifall +verlangt; wer, seiner politischen und ökonomischen Lage, oder andrer +Rücksichten wegen, nicht Ursache hat, den Cirkel seiner Bekanntschaft +zu erweitern; wer Alters oder Schwächlichkeit halber den Umgang flieht, +der bedarf keiner Regeln des Umgangs. Lasset uns daher so billig seyn, +von niemand zu fordern, daß er sich nach unsern Sitten richte, sondern +jedermann seinen Gang gehn; denn da jedes Menschen Glückseligkeit +in seinen Begriffen von Glückseligkeit beruht; so ist es grausam, +irgend Einen zwingen zu wollen, wider seinen Willen auf eine ihm nicht +zusagende Weise glücklich zu seyn. Es ist oft lustig anzusehn, wie ein +Haufen leerer Köpfe sich über einen sehr verständigen Mann aufhält, +der keinen Beruf fühlt, oder nicht aufgelegt ist, den Ton ihrer +Gesellschaft anzunehmen, sondern, mit einer abgesonderten Existenz +sehr wohl zufrieden, seine theure Zeit nicht jedem Narren preisgeben +will. Wenn wir nicht gerade Sclaven der Gesellschaft seyn wollen, so +nehmen das die müßigen Leute, die nichts Besseres zu thun wissen, +als aus dem Bette vor den Spiegel, von da an Tafel, von da an den +Spieltisch, von da wieder an Tafel, und von da endlich in das Bett zu +wandern, sehr übel, daß wir nicht wie sie leben, der Geselligkeit nicht +höhere Pflichten aufopfern wollen -- das ist eine Unart, deren man +sich enthalten soll. Es heißt nicht, sich absondern, wenn man zu Hause +bleibt, um zu thun, was man ~thun soll~, und wovon man Rechenschaft +geben muß. + + + 63. + +Und nun weiter, zu den ~besondern Umgangs-Regeln~ -- doch vorher +noch eine Erinnerung! Wenn ich allein, oder auch nur vorzüglich, für +Frauenzimmer schriebe, so würde ich eine Menge der schon gegebenen +und noch folgenden Vorschriften, theils gänzlich übergehen, theils +modificiren, theils andre an deren Stelle setzen müssen, die alsdann +für Männer weniger brauchbar wären. -- Das ist indessen nicht der Zweck +meines Buchs. Weise Frauenzimmer allein können den Personen ihres +Geschlechts die besten Lehren über ihr Betragen im gesellschaftlichen +Leben ertheilen; das ist eine Arbeit, die Männern nicht gelingen würde. +Findet jedoch das schöne Geschlecht auch etwas für sich Brauchbares +in diesen Blättern: so wird das meine Zufriedenheit über mein eignes +Werk sehr vermehren. Uebrigens haben Frauenzimmer in ihrem Umgange in +der That Rücksichten zu nehmen, die bei uns gänzlich wegfallen. Sie +hängen viel mehr vom äussern Rufe ab, dürfen nicht so zuvorkommend im +Umgange seyn, müssen sich im Ganzen mehr leidend verhalten, und eine +Art von scheuer Zurückhaltung beobachten, und kommen selten oder gar +nicht in die schwierigen gesellschaftlichen Verhältnisse, in welche +der Mann kommt, werden endlich auch durch einen gewissen feinen Takt +richtig geleitet, ohne der Regeln zu bedürfen. Man verzeiht ihnen +von einer Seite weniger Unvorsichtigkeiten, und von der andern mehr +Launen; ihre Schritte werden früher wichtig für sie, indeß dem Knaben +und Jünglinge manche Unvorsichtigkeit nachgesehen wird; ihre Existenz +schränkt sich auf den häuslichen Cirkel ein, da hingegen des Mannes +Lage ihn eigentlich fester an den Staat, an die große bürgerliche +Gesellschaft knüpft. Daher gibt es Tugenden und Laster, Handlungen +und Unterlassungen, die bei dem ersten Geschlechte von ganz andern +Folgen sind, als bei dem zweiten. -- Doch über dies alles ist den +Damen so viel Gutes in andern Büchern gesagt worden, daß jede weitere +Ausführung dieses Gegenstandes hier am unrechten Orte stehen würde. + + + + + Zweites Kapitel. + + Ueber den Umgang mit sich selbst. + + + 1. + +Die Pflichten gegen uns selbst sind die wichtigsten und ersten, +und also ist der Umgang mit unsrer eignen Person gewiß weder der +unnützeste, noch uninteressanteste. Es ist daher nicht zu verzeihen, +wenn man sich immer unter andern Menschen umhertreibt, über den +Umgang mit Menschen seine eigne Gesellschaft vernachlässigt, +gleichsam vor sich selber zu fliehen scheint, sein eignes Ich nicht +zu erforschen und zu veredeln sucht, indem man sich unaufhörlich in +fremde Angelegenheiten mischt. Wer täglich herumläuft, und sich von +Neuigkeiten nährt, wird fremd in seinem eignen Hause; wer immer in +Zerstreuungen lebt, wird fremd in seinem eignen Herzen, muß im Gedränge +müßiger Leute seine klägliche Langeweile zu tödten trachten, verliert +endlich alle Zuversicht zu sich selbst, und verzagt, wenn er einmal +Zerstreuungen entbehren, und eine Zeitlang mit sich selbst allein seyn +muß. Wer nur solche Cirkel sucht, in welchen seine Eitelkeit reichliche +Nahrung findet, verliert endlich so sehr den Sinn für Wahrheit, daß +er selbst die lautesten Erinnerungen seines Gewissens überhört, oder +sich vorsätzlich dagegen betäubt, indem er sich allen Zerstreuungen des +Lebens hingibt. + + + 2. + +Hüte Dich also, Deinen nächsten und ersten Freund, Dein eigenes Herz, +so zu vernachlässigen, daß Du es öde und leer findest, wenn Du aus +seiner Tiefe Trost und Erquickung zu schöpfen gedachtest. Ach! es +kommen Augenblicke, in denen Du Dich selbst nicht verlassen darfst, +wenn Dich auch jedermann verläßt; Augenblicke, in welchen der Umgang +mit Deinem Ich der einzige tröstliche ist. -- Was wird aber in solchen +Augenblicken aus Dir werden, wenn Du mit Deinem eignen Herzen nicht in +Frieden lebst, und auch von dieser Seite aller Trost, alle Hülfe Dir +versagt wird? Und nicht bloß von dieser Seite läufst Du Gefahr, wenn +Du ein Fremdling in Deinem eigenen Herzen geworden bist, sondern auch +noch von einer andern; Du bringst es nämlich nie zu einer gründlichen +Menschenkenntniß, lernst nie, die Menschen behandeln, und ihre +Schwachheiten ertragen, wenn Du Dich selbst nicht kennst, und nicht +Dein eigenes Herz zu behandeln weißt. + + + 3. + +Willst Du aber im Umgange mit Dir Trost, Glück und Ruhe finden, so mußt +Du eben so vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit Dir selber umgehn, +wie mit Andern, also daß Du Dich weder durch Mißhandlung erbitterst und +niederdrückest, noch durch Vernachlässigung zurücksetzest, noch durch +Schmeichelei verderbest. + + + 4. + +Sorge für die Gesundheit Deines Leibes und Deiner Seele; aber verzärtle +beide nicht! Wer auf seinen Körper losstürmt, der verschwendet ein +Gut, welches oft allein hinreicht, ihn über Menschen und Schicksal +zu erheben, und ohne welches alle Schätze der Erde eitle Bettelwaare +sind. Wer aber jedes Lüftchen fürchtet, und jede Anstrengung und +Uebung seiner Glieder scheuet: der lebt ein ängstliches, nervenloses +Austern-Leben, und versucht es vergeblich, die verrosteten Federn in +den Gang zu bringen, wenn er in den Fall kömmt, seiner natürlichen +Kräfte zu bedürfen. Wer sein Gemüth ohne Unterlaß dem Sturme der +Leidenschaften preisgibt, oder die Segel seines Geistes unaufhörlich +spannt, der läuft auf den Strand, oder muß mit durchlöchertem +Fahrzeuge nach Hause laviren, wenn grade die beste Jahrszeit zu neuen +Entdeckungen eintritt. Wer aber die Kräfte seines Verstandes und +Gedächtnisses immer schlummern läßt, oder vor jedem kleinen Kampfe, vor +jeder Art von Anstrengung zurückbebt; der hat nicht nur wenig wahren +Genuß, sondern ist auch ohne Rettung verloren, da, wo es auf Kraft, +Muth und Entschlossenheit ankommt. + +Hüte Dich vor eingebildeten Leiden des Leibes und der Seele! Laß Dich +nicht gleich niederbeugen von jedem widrigen Vorfalle, von jeder +körperlichen Unbehaglichkeit! Fasse Muth! Sey getrost! Alles in der +Welt geht vorüber; alles läßt sich überwinden, durch Standhaftigkeit; +alles läßt sich vergessen, und verschmerzen, wenn man seine +Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand heftet. Dazu soll Dir die +Gesellschaft die Hand bieten; sie soll Deine schmerzlichen Gefühle +lindern, Deinen Gedanken eine Richtung geben, welche Deinem Herzen +wohlthue; aber diesen Dienst kann sie Dir nur leisten, wenn Du sie +~aufsuchst~; sie sucht Dich nicht auf, denn sie weiß nicht, daß Du +ihrer bedarfst. So mußt Du denn vor allem mit Dir selbst umzugehen +wissen, ehe Dir die Wohlthat des Umgangs mit Andern zu Theil werden +kann, mußt die Kraft haben, Dich in so weit zu ermannen, daß Du den +Muth hast, mit einem traurigen oder verwundeten Herzen unter die +Menschen zu treten, ohne Deinen Schmerz sichtbar werden zu lassen. + + + 5. + +Ehre Dich selbst, wenn Du willst, daß Andre Dich ehren sollen! Thue +nichts im Verborgnen, dessen Du Dich schämen müßtest, wenn es ein +Fremder sähe! Handle, weniger Andern zu gefallen, als um Deine eigne +Achtung nicht zu verscherzen, gut und anständig! Selbst in Deinem +Aeussern, in Deiner Kleidung halte Dir keine Nachlässigkeit zu gute, +wenn Du allein bist! Gehe nicht schmutzig, nicht zerlumpt, nicht +unrechtlich, nicht krumm, noch mit groben Manieren einher, wenn Dich +niemand beobachtet! Mißkenne Deinen eignen Werth nicht! Verliere nie +die Zuversicht zu Dir selber, laß das Bewußtseyn Deiner Menschenwürde, +das Gefühl, wenn nicht eben so weise und geschickt, als manche Andre, +zu seyn, doch weder an Eifer, es zu werden, noch an Redlichkeit +des Herzens, irgend jemand nachzustehen, nie in Deinem Herzen +ersterben. Begleitet es Dich in die Gesellschaft, so wirst Du nie aus +Schüchternheit und Aengstlichkeit den Beitrag schuldig bleiben, den Du +zur Unterhaltung liefern sollst. + + + 6. + +Verzweifle nicht, und werde nicht mißmüthig, wenn Du nicht die +moralische oder intellectuelle Höhe erreichen kannst, auf welcher ein +Anderer steht; und sey nicht so unbillig, andre gute Seiten an Dir zu +übersehen, die Du vielleicht vor Jenen voraus haben magst! -- Und wäre +das auch nicht der Fall; müssen wir denn Alle groß seyn? + +Willst Du im Umgange Genuß des Lebens, und Freunde finden, so laß +Dich nicht von der Begierde blenden, den Ton anzugeben, und in der +Gesellschaft zu glänzen. Mit dieser Begierde wirst Du überall Anstoß +und Aergerniß geben und finden, und jede Auszeichnung theuer erkaufen; +denn wer sich selbst erhöhet, den erniedrigt die Gesellschaft; sie +wird hart und ungerecht gegen ihn, und zwingt ihn endlich, sie ganz +aufzugeben. Ich begreife es wohl: diese Sucht, ein großer Mann zu +seyn, ist bei dem inneren Gefühle von Kraft und wahrem Werthe schwer +abzulegen. Wenn man so unter mittelmäßigen Geschöpfen lebt, und sieht, +wie wenig diese erkennen und schätzen, was Gutes in uns ist, wie wenig +man über sie vermag, wie die elendesten Pinsel, die alles im Schlafe +erlangen, aus ihrer Herrlichkeit herunter blicken -- ja! es ist +hart! -- Du versuchst es in allen Fächern: Im Staate geht es nicht; +Du willst in Deinem Hause groß seyn; aber es fehlt Dir an Gelde, an +dem Beistande Deines Weibes; Deine Laune wird von häuslichen Sorgen +niedergedrückt; und so geht dann alles den Alltagsgang; Du empfindest +tief, wie so alles in Dir zu Grunde geht; Du kannst Dich durchaus nicht +entschließen, ein Mitglied des großen Haufens zu werden, und Dich auf +der Heerstraße in schlechter Gesellschaft herumzutreiben. -- Das alles +fühle ich mit Dir; allein verliere doch darum nicht den Muth, den +Glauben an Dich selbst und an die Würde und den Adel der Menschennatur; +verzweifle darum nicht, Menschen auf Deinem Lebenswege zu finden, die +Dich wieder mit der Welt aussöhnen. Und solltest Du sie nicht finden, +könntest Du nicht eine Höhe erringen, auf welcher Du Dir selbst genug +bist, und nur des Umgangs mit den Weisen des Alterthums und Deines +Volks bedarfst? Du stehst auf dieser Höhe, wenn Du durch Reinheit, +Güte und Kraft der Gesinnung ein Bewußtseyn Deines Werthes und Deiner +Würde gewonnen, und durch sorgsame Bildung Deines Geistes Dir eine +unerschöpfliche Quelle des Genusses eröffnet hast. + + + 7. + +Sey Dir selber ein angenehmer Gesellschafter! Mache Dir keine +Langeweile; das heißt: sey nie ganz müßig! Lerne Dich selbst nicht zu +sehr auswendig; sondern sammle aus Büchern und Menschen neue Ideen. Man +glaubt es gar nicht, welch ein eintöniges Wesen man wird, wenn man sich +immer in dem Cirkel seiner eignen Lieblings-Begriffe herumdreht, und +wie man dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der Stirne trägt. + +Der langweiligste Gesellschafter für sich selbst ist man ohne Zweifel +dann, wenn man mit seinem Herzen, mit seinem Gewissen in nachtheiliger +Abrechnung steht. Wer sich davon überzeugen will, der gebe Acht auf die +Verschiedenheit seiner Laune. Wie verdrießlich, wie zerstreuet, wie +sehr sich selbst zur Last ist man nach einer Reihe zwecklos, vielleicht +gar in strafbarem Genusse hingebrachter Stunden; und wie heiter, wie +froh in der Unterhaltung mit sich selbst am Abend eines der Pflicht +geweihten Tages! + + + 8. + +Es ist aber nicht genug, daß Du Dir selbst durch Heiterkeit und +Gleichmuth, Thätigkeit und Betriebsamkeit ein lieber, angenehmer und +unterhaltender Gesellschafter seyest, Du sollst Dich auch, fern von +aller Schmeichelei, als Deinen eignen, treuesten und aufrichtigsten +Freund zeigen; und wenn Du eben so viel Gefälligkeit gegen Deine +Person, als gegen Fremde haben willst, so ist es auch Pflicht, eben so +strenge gegen Dich, wie gegen Andre zu seyn. Gewöhnlich erlaubt man +sich alles, verzeiht sich alles, und Andern nichts; gibt bei eignen +Fehltritten, wenn man sie auch dafür anerkennt, dem Schicksale, oder +unwiderstehlichen Trieben die Schuld, ist aber weniger duldend gegen +die Verirrung seiner Brüder. -- Das ist nicht gut gethan. + + + 9. + +Hüte Dich besonders vor der pharisäischen Tugend, welche der wahre +Bettelstolz ist, und sprich also nicht zu Dir selbst, denke nicht bei +Dir selbst: ich danke Gott, daß ich nicht bin, wie andere Leute, kein +Tagedieb, kein Pflastertreter, kein Falschmünzer, kein Ehrloser u. +dgl. m.; sondern beurtheile Dich nach den Graden Deiner Fähigkeiten, +Anlagen, Erziehung, und der Gelegenheit, die Du gehabt hast, weiser und +besser zu werden, als Viele. Halte hierüber oft in einsamen Stunden +Abrechnung mit Dir selber, und frage Dich, als ein strenger Richter, ob +Du also diese Winke zu höherer Vervollkommnung genützt habest? + + + + + Drittes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit Menschen von verschiednen Gemüthsarten, + Temperamenten und Stimmungen des Geistes und Herzens. + + + 1. + +Man pflegt gewöhnlich vier Hauptarten von Temperamenten anzunehmen, +und zu behaupten, ein Mensch sey entweder cholerisch, phlegmatisch, +sanguinisch, oder melancholisch. Obgleich nun wohl schwerlich je eine +dieser Gemüthsarten so ausschließlich in uns wohnt, daß dieselbe +nicht durch einen kleinen Zusatz von einer andern modificirt würde, +da dann aus dieser unendlichen Mischung der Temperamente jene feinen +Nüancen und die herrlichsten Mannigfaltigkeiten entstehen: so ist doch +mehrentheils in dem Segelwerke jedes Erdensohns einer von jenen vier +Hauptwinden vorzüglich wirksam, um seinem Schiffe auf dem Oceane dieses +Lebens die Richtung zu geben. Soll ich mein Glaubensbekenntniß über die +vier Haupt-Temperamente ablegen, so muß ich aus Ueberzeugung Folgendes +sagen: + +Bloß ~cholerische~ Leute flieht vernünftiger Weise Jeder, dem seine +Ruhe lieb ist. Ihr Feuer brennt unaufhörlich, zündet und verzehret, +ohne zu wärmen. + +Bloß ~Sanguinische~ sind unzuverlässige Weichlinge, ohne Kraft und +Festigkeit. + +Bloß ~Melancholische~ sind sich selber, und bloß ~Phlegmatische~ Andern +eine unerträgliche Last. + +~Cholerisch-sanguinische~ Leute sind die, welche in der Welt sich +am mehrsten bemerklich machen und gefürchtet werden, welche Epoche +machen, am kräftigsten wirken, herrschen, zerstören und bauen; +cholerisch-sanguinisch ist also der wahre Herrscher- (der Despoten-) +Charakter; aber nur noch ein Grad von melancholischem Zusatze, -- und +der furchtbarste Tyrann ist gebildet. + +~Sanguinisch-phlegmatische~ leben wohl am glücklichsten, am ruhigsten +und ungestörtesten, genießen mit Lust, mißbrauchen nicht ihre Kräfte, +kränken niemand, vollbringen aber auch nichts Großes; allein dieser +Charakter, im höchsten Grade, artet in geschmacklose, dumme und grobe +Wollust aus. + +~Cholerisch-melancholische~ richten viel Unheil an: Blutdurst, Rache, +Verwüstung, Hinrichtung des Unschuldigen und Selbstmord sind nicht +selten die Folgen dieser Gemüthsart. + +~Melancholisch-sanguinische~ zünden sich mehrentheils an beiden Enden +zugleich an, und reiben sich selber an Leib und Seele auf. + +~Cholerisch-phlegmatische~ Menschen trifft man selten an; es scheint +ein Widerspruch in dieser Zusammensetzung zu liegen; und dennoch +gibt es deren, bei welchen diese beiden Extreme wie Ebbe und Fluth +abwechseln, und solche Leute taugen durchaus zu keinen Geschäften, zu +welchen gesunde Vernunft und Gleichmüthigkeit erfordert werden. Sie +sind nur mit äusserster Mühe in Bewegung zu setzen, und hat man sie +endlich in die Höhe gebracht, dann toben sie wie wilde Thiere umher, +fallen mit der Thür in das Haus, und verderben alles durch ihren +rasenden Ungestüm. + +~Melancholisch-phlegmatische~ Leute aber sind wohl unter allen +die unerträglichsten, und mit ihnen zu leben, das ist für jeden +vernünftigen und guten Menschen die Hölle auf Erden. + +Noch einmal! die Mischungen sind unendlich verschieden. Wo man aber +eins dieser Temperamente entschieden die Oberhand nehmen sieht, +da findet man auch in seinem Gefolge gewisse, diesem Temperamente +besonders eigne Tugenden und Laster. So sind z. B. sanguinische Leute +mehrentheils eitel, aber wohlwollend, theilnehmend, ergreifen alles mit +einer großen Lebhaftigkeit und selbst mit Leidenschaft; cholerische +pflegen ehrgeizig zu seyn; melancholische sind mißtrauisch, und nicht +selten geizig; und phlegmatische beharren eigensinnig auf vorgefaßten +Meinungen, um sich die Mühe des Nachdenkens zu ersparen. -- Man muß die +Gemüthsarten der Menschen studiren, in so fern man im Umgange mit ihnen +auf sie wirken will. Ich kann hier nur einzelne Fingerzeige geben, wenn +ich mein Buch nicht zur Ungebühr ausdehnen will. + + + 2. + +~Herrschsüchtige~ Menschen sind schwer zu behandeln, und passen nicht +zum freundschaftlichen und geselligen Umgange. Sie wollen überall +durchaus die erste Rolle spielen; alles soll nach ihrem Kopfe gehen. +Was sie nicht ersonnen, angeordnet, bestimmt und gewollt haben, das +verachten sie nicht nur; nein! sie zerstören es, wenn sie können. Wo +sie hingegen an der Spitze stehen, oder wo man sie wenigstens glauben +macht, daß alles nach ihrem Sinne gehe, und ihr Werk sey, da arbeiten +sie mit unermüdetem Eifer, und stürzen alles vor sich weg, was ihrem +Zwecke im Wege ist. Zwei herrschsüchtige Leute neben einander taugen +zu gar nichts in der Welt, und zertrümmern alles um sich her, aus +Privat-Leidenschaft. Hieraus nun ist leicht abzunehmen, wie man sich +gegen solche Leute zu betragen habe, wenn man mit ihnen leben muß; und +ich glaube darüber nichts hinzufügen zu dürfen. + + + 3. + +~Ehrgeizige~ Menschen müssen ungefähr auf eben diese Art behandelt +werden. Der Herrschsüchtige ist zugleich auch ehrgeizig, aber umgekehrt +der Ehrgeizige nicht immer herrschsüchtig, sondern begnügt sich auch +wohl mit einer Nebenrolle, in so fern er darin nur mit einigem Glanze +zu erscheinen hoffen darf; ja es können Fälle kommen, wo er selbst in +der Erniedrigung Ehre sucht; doch verzeiht er nichts weniger, als wenn +man ihn an dieser schwachen Seite kränkt. + + + 4. + +Der ~Eitle~ will geschmeichelt seyn; Lob kitzelt ihn unaussprechlich; +und wenn man ihm Aufmerksamkeit, Zuneigung, Bewundrung widmet: so +braucht nicht eben große Ehrenbezeigung damit verbunden zu seyn. Da +nun jeder Mensch mehr oder weniger von der Begierde, zu gefallen, sich +geltend zu machen und vortheilhafte Eindrücke zu machen, beherrscht +oder in Bewegung gesetzt wird: so kann man ohne Sünde hie und da einem +sonst guten Menschen, dem diese kleine Schwachheit anklebt, in solchen +Punkten ein wenig nachsehn; ein Wörtchen, das er gern hört, gegen ihn +fallen lassen, ihm erlauben, an dem Lobe, das er einerndtet, sich +zu erquicken, oder sich selbst bei Gelegenheit ein wenig zu loben. +Das schändlichste Handwerk aber treiben die niedrigen Schmeichler, +die durch unaufhörliches Weihrauch-Streuen eitlen Leuten den Kopf so +betäuben, daß diese zuletzt nichts anders mehr hören mögen, als Lob; +daß ihre Ohren für die Stimme der Wahrheit verschlossen sind, und daß +sie jeden guten graden Mann fliehen und zurücksetzen, der sich nicht so +weit erniedrigen kann, oder es für eine Art von Unbescheidenheit und +Grobheit hält, ihnen dergleichen Süßigkeiten in's Gesicht zu werfen. +Gelehrte und Damen pflegen am mehrsten in diesem Falle zu seyn, und +ich habe deren einige gekannt, mit denen ein schlichter Biedermann +deswegen fast gar nicht umgehen konnte. Wie die Kinder dem Fremden nach +den Taschen schielen, um zu erfahren, ob man ihnen keine Zuckerplätzen +mitgebracht hat; so horchen Jene auf jedes Wort, das Du sprichst, um zu +vernehmen, ob es nicht etwas Verbindliches für sie enthält, und werden +mürrischer Laune, sobald sie sich in ihrer Hoffnung betrogen finden. +Der höchste Grad dieser Eitelkeit führt zu einem Egoismus, der zu aller +gesellschaftlichen und freundschaftlichen Verbindung untüchtig macht, +und dem Eiteln eben so sehr zur Last, wie dem zum Ekel wird, der mit +ihm leben muß. + +Obgleich man nun solchen eiteln Leuten nicht schmeicheln soll, so +hat doch auch nicht Jeder Beruf, sich mit ihrer Zurechtweisung zu +befassen, besonders wenn sie mit ihm in keiner nähern Verbindung +stehen, noch weniger, sie zu demüthigen, oder ihnen jede Gefälligkeit +und Höflichkeitsbezeigung zu versagen; und es ist unbillig, wenn +diejenigen, welche täglich mit ihnen leben müssen, dieß von uns +verlangen; wenn sie fordern, daß wir mit Hand anlegen sollen, ihre +verzognen Freunde umzubilden. + +Eitle Leute pflegen gern Andern zu schmeicheln, um dagegen desto +größere Schmeicheleien als Bezahlung einzuholen, und weil sie das für +das einzige würdige Opfer, für die einzige vollwichtige Münze halten. + + + 5. + +Von Herrschsucht, Ehrgeiz und Eitelkeit ist ~Hochmuth~, so wie von +~Stolz~, unterschieden. Ich möchte gern, daß man Stolz für eine +edle Eigenschaft der Seele ansähe; für ein Bewußtseyn wahrer innrer +Erhabenheit und Würde; für ein Gefühl der Unfähigkeit, niederträchtig +zu handeln. Dieser Stolz führt zu großen, edlen Thaten; er ist die +Stütze des Redlichen, wenn er von jedermann verlassen ist; er erhebt +über Schicksal und schlechte Menschen, und erzwingt selbst von dem +mächtigen Bösewichte den Tribut der Bewunderung, den er wider Willen +dem unterdrückten Weisen zollen muß. Hochmuth hingegen brüstet sich mit +Vorzügen, die er nicht hat; bildet sich auf Dinge etwas ein, die gar +keinen Werth haben. Hochmuth ist es, der den Pinsel von sechszehn Ahnen +aufbläht, und zu der Thorheit verleitet, daß er die Verdienste seiner +Vorfahren -- die oft nicht einmal seine ächten Vorfahren sind, und oft +nicht einmal Verdienst gehabt haben, -- ~sich~ anrechnet, als wenn +Tugenden zu dem Inventario eines alten Schlosses gehörten! Hochmuth ist +es, der den reichen Bürger so grob, so steif, so ungesellig macht. Und +wahrlich! dieser pöbelhafte Hochmuth ist, da er mehrentheils von Mangel +an Lebensart und ungeschickten Manieren begleitet wird, wo möglich, +noch empörender als der des Adels. Hochmuth ist es, der den Künstler +mit so viel Zuversicht zu seinen Talenten erfüllt, die, sollten sie +auch von niemand anerkannt werden, ihn dennoch in seiner Meinung +von sich selbst über alle Erdensöhne hinaussetzen. Er wird, wenn +niemand ihn bewundert, eher auf die Geschmacklosigkeit der ganzen Welt +schimpfen, als auf den natürlichen Gedanken gerathen, daß es wohl mit +seiner Kunst nicht so ganz richtig seyn müsse. + +Wenn dieser Hochmuth nun gar in einem armen, verachteten Subjekte +wohnt, so wird er ein Gegenstand des Mitleidens, und pflegt eben nicht +viel Unheil anzurichten. Er ist aber übrigens fast immer mit Dummheit +gepaart, also durch keine vernünftigen Gründe zu bessern, und keiner +bescheidnen Behandlung werth. Hier hilft nichts, als Uebermuth gegen +Uebermuth zu setzen, oder den Schein anzunehmen, als bemerke man ein +hochmüthiges Betragen gar nicht; oder Leute, die sich aufblasen, gar +keiner Achtsamkeit zu würdigen, sie anzusehen, wie man auf einen +leeren Platz hinblickt, selbst wenn man ihrer bedarf; denn je mehr man +nachgibt, desto mehr fordern, desto übermüthiger werden sie. Bezahlt +man sie aber mit gleicher Münze, so weiß ihre Dummheit nicht, was sie +aus dieser Erfahrung machen soll, fühlt sich aber doch gedemüthigt, und +spannt gewöhnlich andre Saiten auf. + + + 6. + +Mit sehr ~empfindlichen~, leicht zu beleidigenden Leuten ist es nicht +angenehm umzugehen. Allein diese Empfindlichkeit kann verschiedne +Quellen haben. Hat man daher nachgespürt, ob der Mann, mit welchem +wir leben müssen, und der leicht durch ein kleines unschuldiges +Wörtchen, oder durch eine zweideutige Miene, oder durch einen Mangel an +Aufmerksamkeit, gekränkt und vor den Kopf gestoßen wird, aus Eitelkeit, +wie es mehrentheils der Fall ist, oder aus Ehrgeiz, oder weil er oft +von bösen Menschen hintergangen und geneckt worden ist, oder endlich +deswegen so leicht sich beleidigt glaubt, weil sein Herz zu zärtlich +fühlt, weil er von Andern eben so viel verlangt, als er ihnen selbst +gibt: so muß man sein Betragen danach einrichten, und jeden Anstoß +dieser Art sorgfältig und aus Achtung zu vermeiden suchen; doch ist +diese Aufgabe allerdings oft eine sehr schwere Aufgabe, und nur ein +bescheidenes, dankbares und gefühlvolles Herz vermag sie zu lösen. Ist +er übrigens redlich und verständig, so wird seine Verstimmung nicht +lange dauren; er wird durch eine gerade, freundliche Erklärung bald +zu besänftigen seyn; er wird zu denen, welche er für wahre Freunde +erkennt, ein unbegrenztes Vertrauen fassen, und endlich, wenn man immer +edel und offen mit ihm umgeht, von seiner Schwachheit zurückkommen. + +Von allen diesen Thoren und Schwächlingen sind in der That diejenigen +am schwersten zu befriedigen, und der Gesellschaft am lästigsten, die +sich jeden Augenblick vernachlässigt, zurückgesetzt, nicht genug geehrt +glauben. Es ist ein großes Unglück, in diesen Fehler zu verfallen, +denn man verkümmert und verbittert sich durch solch eine thörichte +Reizbarkeit nicht nur jedes gesellschaftliche Vergnügen, sondern fällt +auch Andern zur Last, macht sich verhaßt, oder wenigstens gefürchtet, +und erreicht nicht, was man zu erreichen so ängstlich strebt. + + + 7. + +~Eigensinnige~ Menschen sind viel schwerer zu behandeln, als sehr +empfindliche; doch ist mit ihnen auszukommen, wenn sie übrigens +verständig sind. Sie pflegen dann, in so fern man ihnen nur in dem +ersten Augenblicke nachzugeben scheint, bald von selber der Stimme +der Vernunft Gehör zu geben, ihr Unrecht und die Feinheit unsrer +Behandlung zu fühlen, und wenigstens auf eine kurze Frist geschmeidiger +zu werden. Ein Elend aber ist es, Starrköpfigkeit in Gesellschaft von +Dummheit anzutreffen und behandeln zu müssen. Da helfen weder Gründe, +noch Schonung. Es ist da mehrentheils nichts weiter zu thun, als einen +solchen steifsinnigen Pinsel blindlings handeln zu lassen, ihn aber +so in seine eignen Ideen, Plane und Unternehmungen zu verwickeln, daß +er, wenn er durch übereilte, unkluge Schritte in Verlegenheit geräth, +sich selbst nach unsrer Hülfe sehnen muß. Dann läßt man ihn eine +Zeitlang zappeln, wodurch er nicht selten demüthig und folgsam wird, +und das Bedürfniß, geleitet zu werden, fühlt. Hat aber ein schwacher, +eigensinniger Kopf von ungefähr ein einzigmal gegen uns Recht gehabt, +oder uns über einen kleinen Fehler erwischt; dann thue man nur Verzicht +darauf, ihn je wieder zu leiten! Er wird uns immer zu übersehen +glauben, und unsrer Einsicht und Rechtschaffenheit nie trauen; und das +ist eine höchst verdrießliche Lage. + +Bei diesen beiden Gattungen von Menschen aber helfen in +dem ersten Augenblicke keine noch so nachdrückliche Vorstellungen, +indem sie dadurch nur noch mehr verhärtet werden. Hängen wir von +Ihnen ab, und sie geben uns Aufträge, wovon wir voraussehen, daß sie +nachher von ihnen selbst werden gemißbilligt werden: so kann man nichts +Klügeres thun, als ihnen ohne Widerrede Gehorsam zu versprechen, aber +entweder die Befolgung so lange zu verschieben, bis sie sich indeß +eines Bessern besinnen, oder in der Stille die Sache nach eignen +Einsichten einzurichten, welches sie gewöhnlich in ruhigen Augenblicken +zu billigen pflegen, besonders wenn man sich den Schein zu geben weiß, +als habe man ihren Befehl also verstanden, und es klüglich unterläßt, +sich seiner besseren Einsicht zu rühmen; eine Selbstverleugnung, die +sich sogleich belohnt. + +Nur in sehr wenig dringenden, oder sonst höchst wichtigen Fällen kann +es nützlich und nöthig seyn, Eigensinn gegen Eigensinn aufzuspannen, +und schlechterdings nicht nachzugeben. Doch geht alle Wirkung +dieses Mittels verloren, wenn man es zu oft, und bei unbedeutenden +Gelegenheiten, oder gar da anwendet, wo man Unrecht hat. Wer immer +zankt, der hat die Vermuthung gegen sich, immer Unrecht zu haben; es +ist also weise gehandelt, den Andern in diesen Fall zu setzen. + + + 8. + +Eine besondre Gemüthsart, die mehrentheils aus Eigensinn entspringt, +doch auch wohl zuweilen bloß Sonderbarkeit, oder ungesellige Laune, +oder nur üble Gewohnheit zur Quelle hat, ist die ~Zanksucht~. Es gibt +Menschen, die alles besser wissen wollen, allem widersprechen, was man +vorbringt; oft gegen eigene Ueberzeugung widersprechen, um nur das +Vergnügen zu haben, streiten zu können. Andre setzen eine Ehre darein, +~Paradoxen~ aufzustellen, um sich ein Ansehn von Tiefsinn zu geben; +Dinge zu behaupten, die kein Vernünftiger irgend ernstlich also meinen +kann, bloß damit man mit ihnen darüber plaudern solle. Endlich noch +Andre, die man +Querelleurs+ (~Stänker~) nennt, suchen vorsätzlich +Gelegenheit zu persönlichem Zanke, um eine Art von Triumph über +furchtsame Leute zu gewinnen, über Leute, die wenigstens noch feiger +sind, als sie; oder, wenn sie mit dem Degen umzugehen wissen, ihren +falschen und tollen Muth in einem thörichten Zweikampfe zu zeigen. + +In dem Umgange mit allen diesen Leuten ist unüberwindliche +Kaltblütigkeit, die sich durchaus nicht in Hitze bringen läßt, das +unfehlbare Mittel, sie in Verlegenheit zu bringen, und zum Nachgeben +oder zu einem versteckten Rückzuge zu nöthigen. Mit denen von der +ersten Gattung lasse man sich in gar keinen Streit ein, sondern +breche gleich das Gespräch ab, sobald sie aus Muthwillen anfangen, +zu widersprechen. Dieß ist das einzige Mittel, ihrem Zankgeiste, +wenigstens gegen uns, Schranken zu setzen, und viel unnütze Worte zu +sparen. Denen von der zweiten Gattung kann man je zuweilen die Freude +machen, ihre Paradoxen ein wenig zu bekämpfen, oder doch besser, zu +bespötteln. Die Letztern aber müssen viel ernsthafter behandelt werden. +Kann man ihre Gesellschaft nicht vermeiden: kann man in derselben, +durch ein entfernendes, kaltsinniges und zurückgezogenes Betragen +ihrer Zudringlichkeit und ihren Grobheiten nicht ausweichen: so rathe +ich, einmal für allemal ihnen so kräftig zu begegnen, daß ihnen die +Lust vergehe, sich ein zweitesmal an uns zu reiben. Saget ihnen auf +der Stelle, in unzweideutigen, männlichen Ausdrücken Eure Meinung, +und lasset Euch durch ihre Aufschneiderei nicht irre machen! Man +wird mir zutrauen, daß ich über den Zweikampf so denke, wie jeder +vernünftige Mann darüber denken muß, nämlich, daß er eine unmoralische, +unvernünftige Handlung sey. Sollte nun aber auch jemand, seiner +bürgerlichen Lage nach, zum Beispiel ein Officier, durchaus sich dem +Vorurtheile unterwerfen müssen, eine Beleidigung durch die andre und +durch persönliche Rache auszulöschen: so kann doch dieser Fall nie dann +eintreten, wenn er, ohne die geringste Veranlassung von seiner Seite, +hämischer Weise angetastet wird; und der hat doppelt Unrecht, der +gegen einen sogenannten Raufer mit andern Waffen, als mit Verachtung, +oder, wenn es ihm gar zu nahe gelegt wird, anders, als mit einem +geschmeidigen spanischen Rohre kämpft, und hat nachher Unrecht, wenn er +ihm Genugthuung gibt, wie man das zu nennen pflegt. + +Im Allgemeinen aber wohnt in manchen Menschen ein sonderbarer Geist des +Widerspruchs. Sie wollen immer haben, was sie nicht erlangen können; +sind nie mit dem zufrieden, was Andre thun; murren gegen Alles, was +grade ~sie~ nicht also bestellt haben, und wäre es auch noch so gut. +Es ist bekannt, daß man solche Leute sehr oft dadurch leiten kann, daß +man ihnen entweder das Gegentheil von ~dem~ vorschlägt, was man gern +durchsetzen möchte, oder auf andre Weise sie unvermerkt dahin bringt, +daß sie unsre eignen Ideen gegen uns durchsetzen müssen. + + + 9. + +~Jähzornige~ Leute beleidigen nicht mit Vorsatz. Sie sind aber nicht +Meister über die Heftigkeit ihres Temperaments; und so vergessen sie +sich in solchen stürmischen Augenblicken selbst gegen ihre geliebtesten +Freunde, und bereuen nachher zu spät ihre Uebereilung. Ich brauche +wohl nicht zu erinnern, daß Nachgiebigkeit -- vorausgesetzt, daß +diese Leute, andrer guten Eigenschaften wegen, einiger Schonung werth +scheinen, denn ausserdem muß man sie gänzlich fliehen; -- daß weise +Nachgiebigkeit und Sanftmuth die einzigen Mittel sind, den Jähzornigen +zur Vernunft zurückzuführen. Allein ich muß dabei erinnern, daß, +phlegmatische Kälte dem Erzürnten entgegen zu setzen, ärger als der +heftigste Widerspruch ist; er glaubt sich dann verachtet, und wird +doppelt aufgebracht. + + + 10. + +Wenn der Jähzornige nur aus Uebereilung Unrecht thut, und über den +kleinsten Anschein von Beleidigung in Hitze geräth; nachher aber auch +eben so schnell wieder das zugefügte Unrecht bereuet, und das erlittene +verzeiht; so verschließt hingegen der ~Rachgierige~ seinen Groll im +Herzen, bis er Gelegenheit findet, ihm vollen Lauf zu lassen. Er +vergißt nicht, vergibt nicht, auch dann nicht, wenn man ihm Versöhnung +anbietet, wenn man alles, nur keine niederträchtigen Mittel anwendet, +seine Gunst wieder zu erlangen. Er erwiedert sowohl das ihm zugefügte +wahre, als das vermeintliche Uebel, und dieß nicht nach Verhältniß der +Größe und Wichtigkeit desselben, sondern tausendfältig; für kleine +Neckereien, wirkliche Verfolgung; für unüberlegte Ausdrücke, in +Uebereilung geredet, thätige Mißhandlung; für eine Kränkung unter vier +Augen, öffentliche Genugthuung; für beleidigten Ehrgeiz, Zerstörung +wesentlicher Glückseligkeit. Seine Rache schränkt sich nicht auf die +Person ein, sondern erstreckt sich auch auf die Familie, auf die +bürgerliche Existenz und auf die Freunde des Beleidigers. Mit einem +solchen Manne leben müssen, das ist in Wahrheit ein höchst trauriges +Loos, und ich kann da nichts rathen, als daß man, so viel möglich, +vermeide, ihn zu beleidigen, und zugleich sich in eine Art von +ehrerbietiger Furcht bei ihm setze, die überhaupt das einzige wirksame +Mittel ist, schlechte Leute im Zaume zu halten. + + + 11. + +~Faule~ und ~phlegmatische~ Menschen müssen ohne Unterlaß getrieben +werden; und da doch fast jeder Mensch irgend eine herrschende +Leidenschaft hat: so findet man zuweilen Gelegenheit, durch Aufregung +derselben solche schläfrige Geschöpfe in Bewegung zu setzen. + +Es gibt unter ihnen solche, die bloß aus ~Unentschlossenheit~ die +kleinsten Arbeiten jahrelang liegen lassen, ohne durch die Verlegenheit +oder Beschämung gerührt zu werden, welche sie sich dadurch zuziehen, +oder Andern verursachen, und ohne vor den Folgen zu erschrecken, die +eine solche Saumseligkeit früher oder später herbeiführen muß. Auf +einen Brief zu antworten, eine Quittung zu schreiben, eine Rechnung +zu bezahlen -- ja! das ist eine Haupt- und Staats-Action, zu welcher +unbeschreibliche Vorbereitungen gehören, und zu der sie sich, selbst +bei den dringendsten Bitten und Anmahnungen, nicht entschließen können. +Bei ihnen muß man zuweilen wirklich Gewalt brauchen; und ist das +schwere Werk einmal überstanden, dann pflegen sie sich recht dankbar +zu bezeigen, so übel sie auch anfangs unsre Zudringlichkeit aufnahmen. +Aber wehe diesen Unentschlossenen, wenn sie nicht einen kräftigen +Freund haben, der ihnen zu ihrer Rettung Gewalt anthut, und einmal alle +Schonung aus den Augen setzt, um ihren Dank zu verdienen! + + + 12. + +~Mißtrauische~, ~argwöhnische~, ~mürrische~ und ~verschlossene~ +Leute sind wohl unter allen Lästigen und Widerwärtigen diejenigen, +in deren Umgang ein edler gerader Mann am wenigsten von den Freuden +des geselligen Lebens schmeckt. Wenn man jedes Wort abwägen, jeden +unbedeutenden Schritt abmessen muß, um ihnen keine Gelegenheit zu +schändlichem Verdachte zu geben; wenn kein Funken von erquickender +Freude aus unserm Herzen in das ihrige übergeht; wenn sie keinen +frohen Genuß mit uns theilen; wenn sie die Wonne der seltnen heitern +Augenblicke, welche uns das Schicksal gönnt, uns nicht nur durch +Mangel an Theilnehmung verkümmern und verbittern, sondern sogar, +mitten in unsern glücklichsten Launen, uns unfreundlich stören, aus +unsern süßesten Träumen uns verdrießlich aufwecken; wenn sie unsre +Offenherzigkeit nie erwiedern, sondern immer auf ihrer Hut sind, +in ihrem zärtlichsten Freunde einen Bösewicht, in ihrem treuesten +Diener einen Betrüger und Verräther zu sehen glauben; dann gehört +wahrlich ein hoher Grad von fester Rechtschaffenheit dazu, um nicht +darüber selbst schlecht und menschenfeindlich zu werden. Hiebei +ist nichts zu thun, wenn ein ungezwungenes, immer gleich redliches +Betragen vergebens angewendet wird, wenn es nichts hilft, daß man +ihnen jeden Zweifel, sobald man desselben gewahr wird, durch kräftige +Vorstellungen benimmt, als daß man sich um ihren Argwohn und um ihr +mürrisches Wesen schlechterdings nicht bekümmre, sondern muthig und +munter den Weg fortgehe, den uns Klugheit und Gewissen vorschreiben. +Uebrigens sind solche Menschen herzlich zu bedauern; sie leben sich +und Andern zur Qual. Es liegt bei ihnen nicht immer Bösartigkeit zum +Grunde; nein! eine unglückliche Stimmung des Gemüths, dickes Blut, oft +auch Einwirkung des Schicksals, wenn sie gar zu oft sind hintergangen +worden -- das sind mehrentheils die Quellen ihrer Seelenkrankheit. Und +diese Krankheit ist in jüngern Jahren nicht ganz unheilbar, wenn die, +welche ein solches Gemüth zu leiten haben, stets edel und grade mit +ihm umgehen, ohne sich um seine Grillen und Launen zu bekümmern; nur +so ist es möglich, die unglückliche Anlage zum Argwohn zu vertilgen, +und ein ängstlich-scheues Gemüth mit dem seligmachenden Glauben +auszustatten, daß es noch Redlichkeit und Freundschaft in der Welt +gibt. Bei Personen von höherem Alter hingegen wird in der Regel jeder +Versuch, ihnen diesen Glauben einzuflößen, fehlschlagen, und dies Uebel +so tiefe Wurzel fassen, daß nichts übrig bleibt, als ihm Geduld und +Kaltblütigkeit entgegen zu setzen. + +Am mehrsten sind diejenigen zu beklagen, bei denen dies Mißtrauen bis +zum ~Menschenhasse~ gestiegen ist. Der Verfasser des Schauspiels: +~Menschenhaß und Reue~, läßt in demselben den Major sagen, ich hätte +vergessen, Vorschriften »für den Umgang mit dieser Art von Menschen +zu geben.« Es ist wahr, ich habe hier wenig darüber gesagt: allein +es ist auch unmöglich, dazu allgemeine Regeln vorzuschlagen, da es +nothwendig ist, bei jedem einzelnen Falle genau mit den Quellen +des Uebels bekannt zu seyn. In der Regel wird sichtbare, aber von +aller Zudringlichkeit entfernte Theilnahme, kräftige Zurückweisung +ungerechter Menschenverachtung durch Hinweisung auf Menschengröße +und Edelmuth, besonders aber die zart und klug herbeigeführte +Gelegenheit, Menschen aus großem Elende zu retten, und ihren Dank zu +erwerben, nicht ohne Wirkung bleiben. Lebt ein Menschenhasser, ganz +ohne Familien-Verbindung, in öder Einsamkeit oder Zurückgezogenheit, +so ist er nicht zu retten. Hat er das Glück, in eine große Gefahr zu +gerathen, und durch edelmüthige Selbstverleugnung, durch den Muth der +großmüthigsten Menschenliebe, durch die Wunderthat eines großherzigen +Menschenfreundes gerettet zu werden, so ist gründliche Heilung zu +hoffen. + + + 13. + +~Neidische~, ~schadenfrohe~, ~mißgünstige~ und ~eifersüchtige~ +Gemüthsarten sollten wohl nur das Erbtheil hämischer, niederträchtiger +Menschen seyn; und doch trifft man leider einen unglücklichen +Zusatz von diesen bösen Eigenschaften in den Herzen solcher Leute +an, die übrigens manche gute Eigenschaft haben. -- So schwach ist +die menschliche Natur! -- Ehrgeiz und Eitelkeit können in uns das +Gefühl erwecken, Andern ein Glück nicht zu gönnen, nach welchem wir +ausschließlich streben; sey es nun Vermögen, Glanz, Ruhm, Schönheit, +Gelehrsamkeit, Macht, ein Freund, eine Geliebte, oder was es auch +sey; und sobald diese Empfindung einen gewissen Widerwillen gegen +die Person in uns erzeugt hat, die, trotz unsrer Mißgunst, trotz +unsrer Eifersucht, im Besitze jenes ihr mißgönnten Guts bleibt: dann +können wir uns heimlich eines schadenfrohen Kitzels nicht erwehren, +wenn es dieser Person ein wenig widrig geht, und die Vorsehung unsre +feindseligen Gesinnungen, besonders, wenn wir schwach genug waren, sie +zu äußern, gleichsam rechtfertigt. Ich werde bei den Gelegenheiten, +wenn von Künstler-, Gelehrten- und Handwerks-Neide, von Mißgunst unter +Fürsten, Vornehmen, Reichen und Leuten, die in der großen Welt leben, +von Eifersucht unter Ehegenossen, Freunden und Geliebten die Rede seyn +wird, manches sagen, was auch hier anwendbar, aber überflüssig zu +wiederholen seyn würde, und es bleibt mir wirklich nichts hinzuzufügen +übrig, als daß, um allem Neide in der Welt auszuweichen, man auf jede +gute Eigenschaft, so wie auf Alles, was Erfolg unsrer Bemühungen und +Glück heißt, Verzicht thun, und, wenn es darauf ankömmt, mitten unter +einem Schwarme von mißgünstigen Leuten zu leben, und dennoch dem Neide +und der Eifersucht so wenig als möglich Nahrung zu geben, seine +Vorzüge, seine Kenntnisse und seine Talente mehr verbergen als kund +machen, keine Art von Uebergewicht zeigen, anscheinend wenig fordern, +wenig begehren, auf Weniges Ansprüche machen, und wenig leisten müsse. + +Jener Neid nun erzeugt dann oft die schrecklichen ~Verleumdungen~, +denen auch der edelste Mann ausgesetzt ist. Es läßt sich nicht fest +bestimmen, wie man sich in jedem Falle zu betragen habe, wenn man +verleumdet wird. Oft erfordern Redlichkeit und Klugheit die schnellste +und deutlichste Darstellung der wahren Beschaffenheit; oft hingegen ist +es unter der Würde eines rechtschaffenen Mannes, sich auf Erläuterungen +und Rechtfertigungen einzulassen. Der Pöbel hört nicht auf, uns zu +necken, wenn er sieht, daß es uns wehe thut, und die Zeit pflegt, früh +oder spät, die Wahrheit an das Licht zu ziehen. + + + 14. + +Der ~Geiz~ ist eine der unedelsten, schändlichsten Leidenschaften. Man +kann sich keine Niederträchtigkeit denken, deren ein Geizhals nicht +fähig wäre, wenn seine Begierde nach Reichthümern in das Spiel kömmt, +und jede Empfindung besserer Art, Freundschaft, Mitleid, Wohlwollen, +finden keinen Eingang in sein Herz, wenn sie kein Geld einbringen; +ja, er gönnt sich selber die unschuldigsten Vergnügungen nicht, in so +fern er sie nicht unentgeldlich schmecken kann. In jedem Fremden sieht +er einen Dieb, und in sich selber einen Schmarotzer, der auf Unkosten +seines bessern Ichs, seines Mammons, zehrt. + +Allein in den jetzigen Zeiten, wo der Luxus so übertrieben wird, wo +die Bedürfnisse, auch des mäßigsten Mannes, der in der Welt leben +und eine Familie unterhalten muß, so groß sind; wo der Preis der +nöthigen Lebensmittel täglich steigt; wo die Macht des Geldes so viel +entscheidet; wo der Reiche ein so beträchtliches Uebergewicht über den +Armen hat; wo endlich von der einen Seite Betrug und Falschheit, und +von der andern Mißtrauen und Mangel an Theilnahme und Wohlwollen in +allen Ständen sich ausbreiten; in diesen Zeiten der Selbstsucht und +des Egoismus, meine ich, hat man Unrecht, wenn man einen sparsamen, +vorsichtigen Mann, ohne nähere Prüfung seiner Verhältnisse und der +Bewegungsgründe, welche seine Handlungen leiten, sogleich für einen +Knicker erklärt. Man möchte vielmehr diejenigen, welche das Beispiel +einer Sparsamkeit geben, die eben so sehr von Menschenliebe, als +von Klugheit und Vorsicht erzeugt und belebt wird, für Ruhmwürdige +erklären, weil doch in der That kein geringer Grad von Seelenstärke +und Weisheit dazu erfordert wird, um den Grundsätzen einer strengen +Sparsamkeit getreu zu bleiben, und dem Urtheil der Welt eine +unwandelbare Entschlossenheit entgegen zu setzen. + +Es gibt ferner unter den wirklichen geizigen Leuten solche, die neben +dieser Geld-Begierde noch von einer andern mitherrschenden Leidenschaft +regiert werden. Diese scharren dann zusammen, sparen, betrügen Andre +und versagen sich alles, außer da, wo es auf Befriedigung dieser +Leidenschaft ankömmt; sey es nun Wollust, Gefräßigkeit, Ehrgeiz, +Eitelkeit, Neugier, Spielsucht, oder was es auch immer sey. So habe +ich Menschen gekannt, die, um einen Louisd'or zu gewinnen, Bruder und +Freund verrathen, und sich der öffentlichen Beschimpfung ausgesetzt +haben würden; hundert für den sinnlichen Genuß eines Augenblicks +hingegebene Gulden hingegen für gut angelegtes Geld hielten. + +Noch Andre rechnen so schlecht, daß sie Heller sparen, und Thaler +wegwerfen. Sie lieben das Geld, aber sie verstehen nicht, damit +umzugehen. Um also die Summen wieder zu erhaschen, um welche sie von +Gaunern, Abentheurern und Schmeichlern betrogen werden, geben sie ihrem +Gesinde nicht satt zu essen; und um tausend Thaler wieder zu gewinnen, +die sie verschleudert haben, wechseln sie auf die unanständigste Weise +aller Orten einzelne feine Gulden ein, damit sie an jedem vielleicht +einen Heller Aufgeld gewinnen. + +Endlich noch Andre sind in allen Stücken freigebig, und achten das +Geld nicht; in einem einzigen Punkte aber, worauf sie gerade eine +thörichte Wichtigkeit setzen, sind sie lächerlich geizig. Meine Freunde +haben mir oft im Scherze vorgeworfen, daß ich auf diese Art karg in +Schreib-Materialien sey, und ich gestehe diese Schwachheit. So wenig +reich ich bin, so kostet es mich doch geringere Ueberwindung, mich +von einem halben Gulden, als von einem holländischen Brief-Bogen zu +scheiden, obgleich man für zwölf Groschen vielleicht ein Buch des +feinsten Papiers kaufen kann. Ja, ich habe reiche und freigebige Leute +gekannt, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, Kleinigkeiten, +auf welche sie einen vorzüglichen Werth setzten, zu entwenden, wo sie +dergleichen liegen sahen. Jene Art der Sparsamkeit, welche auch das +Geringste, was noch auf irgend eine Art brauchbar ist, zu erhalten +und zu bewahren sucht, ist unstreitig die rechte, denn sie geht von +einer richtigen Schätzung der Dinge aus, und haßt alles Vergeuden und +Verschwenden, weil es Charakterschwäche, und eine Art von Undankbarkeit +und Kurzsichtigkeit ist. Darum läßt ~Engel~ in der bekannten Erzählung +seinen Herrn Timm sogleich mit großer Bereitwilligkeit dem Manne einen +Vorschuß leisten, der eine Nadel liegen sieht, und sie sorgfältig +aufnimmt und bewahrt. + +Die allgemeine Regel im Umgange mit geizigen Leuten ist wohl die, daß, +wenn man ihre Gunst erhalten will, man nichts von ihnen fordern müsse. +Da dieß nun aber nicht immer möglich ist, so scheint es der Klugheit +gemäß, daß man prüfe, zu welcher der vorhin geschilderten Gattungen von +Geizigen der Mann, mit dem man es zu thun hat, gehöre, um danach seine +Behandlung einzurichten. + +Ueber den Umgang mit ~Verschwendern~ brauche ich nichts zu sagen, als +daß der verständige Mann sich nicht durch ihr Beispiel zu thörichten +Ausgaben verleiten lassen, und daß der redliche Mann von ihrer übel +geordneten Freigebigkeit weder für sich, noch für Andre, Vortheile +ziehen soll. + + + 15. + +Sollen wir jetzt von dem Betragen gegen ~Undankbare~ reden? Ich habe +bei mancher Gelegenheit erinnert, daß man auf dieser Erde auch bei +den edelsten und weisesten Handlungen, weder auf Erfolg, noch auf +Dankbarkeit rechnen dürfe. Diesen Grundsatz soll man, wie ich dafür +halte, nie aus den Augen verlieren, wenn man nicht karg mit seinen +Dienstleistungen, feindselig gegen seine Mitmenschen werden, noch gegen +Vorsehung und Schicksal murren will. Bei dem Allen aber müßte man +jeder menschlichen Empfindung entsagt haben, wenn es uns nicht kränken +sollte, daß Menschen, denen wir treulich, eifrig und uneigennützig +gedient, die wir aus der Noth gerettet, denen wir uns ganz gewidmet, +für die wir uns vielleicht aufgeopfert haben, uns vernachlässigen, +sobald sie unsrer nicht mehr bedürfen, oder gar verrathen, verfolgen, +mißhandeln, wenn sie dadurch zeitliche Vortheile, oder die Gunst unsrer +mächtigen Feinde gewinnen können. Doch wird der weise Menschenkenner +und warme Freund des Guten sich dadurch nicht abschrecken lassen, +großmüthig zu handeln. Mit Bezug auf das, was hierüber im zehnten +Kapitel des zweiten Theils und im fünften Abschnitte des zweiten +Kapitels in dem dritten Theile gesagt wird, erinnere ich nur nochmals +für die, welche noch dieser Erinnerung bedürfen, daß jede gute Handlung +sich selbst durch ein seliges Bewußtseyn am reichsten belohnt; ja, daß +der Edle eine neue Quelle von innerer Freude aus der Undankbarkeit der +Menschen zu schöpfen versteht, nämlich die Freude, sich bewußt zu seyn, +gewiß uneigennützig, bloß aus Liebe zum Guten, ihnen Gutes gethan zu +haben, besonders wenn er voraus weiß, daß er auf keine Erkenntlichkeit +rechnen darf. Er bedauert die Verkehrtheit Derer, die fähig sind, +ihres Wohlthäters zu vergessen, und läßt sich dadurch nicht abhalten, +den Menschen zu dienen, die seiner Hülfe um so nöthiger bedürfen, je +schwächer sie sind, je weniger Glück sie in sich selber, in ihrem +Herzen haben. + +Klage also nicht über die Undankbarkeit, mit welcher man Dir lohnt; +wirf sie dem nicht vor, der sie Dir beweist, und Dich dadurch kränkt; +fahre fort, ihn großmüthig zu behandeln; nimm ihn wieder auf, wenn +er zu Dir zurückkehrt! Vielleicht geht er endlich in sich, fühlt +den ganzen Werth, die Zartheit und das Große Deiner Behandlung, und +wird dadurch gebessert; -- wenn nicht: so denke, daß jedes Laster +sich selbst bestraft, und daß das eigne Herz des Bösewichts und die +unausbleibliche Folge seiner Niederträchtigkeit Dich an ihm rächen +werden. -- O! welch' ein langes Kapitel über die Undankbarkeit der +Menschen könnte ich schreiben, wenn ich nicht, aus Schonung gegen Die, +welche sich von dieser Seite an mir versündigt haben, meine vielfachen +traurigen Erfahrungen in diesem Fache lieber verschweigen wollte, und +wenn ich es leugnen dürfte, daß man zuweilen durch die verfehlte Art +des Wohlthuns Undankbare mache; eine Schuld, von welcher sich selbst +die Edelsten nicht frei sprechen dürfen. + + + 16. + +Manchen Leuten ist es schlechterdings unmöglich, in irgend einer Sache +den geraden Weg zu gehen. ~Ränke~ und ~Winkelzüge~ mischen sich in +alle ihre Unternehmungen, ohne daß sie deswegen von Grund aus böse +sind. Eine unglückliche Stimmung des Gemüths, und die Einwirkung +von Lebensart und Schicksalen können diesen Charakter bilden. So +wird zum Beispiel ein sehr mißtrauischer Mann auch wohl zuweilen die +unschuldigste Handlung heimlich thun, sich verstellen, und seinen +wahren Zweck verschleiern. Ein Mann von übel geordneter Thätigkeit, +oder von zu vielem raschen Feuer, -- ein schlauer unternehmender Kopf, +der in einer Lage ist, wo ihm alles zu einfach hergeht, wo es ihm an +Gelegenheit fehlt, seine Talente zu entwickeln, wird allerlei schiefe +Seitensprünge wagen, um seinen Wirkungskreis zu erweitern, oder mehr +Interesse in die Scene zu bringen; und dann wird er nicht immer ekel +genug in der Wahl seiner Mittel seyn. Ein sehr eitler Mensch wird in +manchen Fällen versteckt handeln, um seine Schwäche zu verbergen. +Ein Mann, der lange an Höfen gelebt hat, um sich her nichts als +Verstellung, Intrigue, Cabale und Gegeneinanderwirken zu sehen, und +selbst auf geradem Wege nichts zu erlangen gewohnt ist, findet ein +Leben, das ohne Verwickelung fortgeht, zu einförmig; er wird seine +unbedeutendsten Schritte so thun, daß man ihm nicht nachspüren kann, +und seinen unschuldigsten Handlungen einen räthselhaften Anschein +geben. Der Jurist, der sich stets mit den Spitzfindigkeiten der +Chikane beschäftigt, findet innigen Seelen-Genuß darin, daß er in +Worten und Werken allerlei Cautelen und Winkelzüge anbringt. Wer seine +Gehirn-Nerven durch Romanen-Lesen und andre phantastische Träumereien +überspannt, oder wer durch ein üppiges, müssiges Leben, durch schlechte +Gesellschaft und unglückliche Verhältnisse, den Sinn für Einfalt, +kunstlose Natur und Wahrheit verloren hat, der kann ohne Intrigue +nicht existiren, -- und so gibt es eine Menge Menschen, die, was sie +auf geradem Wege erlangen könnten, nicht halb so eifrig wünschen, +als das, was sie heimlich und auf den Wegen der List und des Betrugs +zu erschleichen hoffen. Man kann aber auch endlich den edelsten, +offenherzigsten Menschen, besonders in jüngern Jahren, zu Winkelzügen +verleiten, wenn man ihm ohne Unterlaß Mißtrauen zeigt, oder ihn mit +einer so nachsichtslosen Strenge behandelt, ihn in einer solchen +Entfernung von uns hält, daß er kein Zutrauen zu uns haben kann. + +Was nun auch dazu beigetragen haben mag, manchen Menschen Ränke und +Winkelzüge zur Gewohnheit zu machen, so ist wohl folgende Art, sich +gegen sie zu betragen, die beste, die man wählen kann. + +Man handle selbst immer so offen und unverstellt, und zeige sich ihnen +in Worten und Thaten als einen so entschiednen Feind von allem, was +Schiefigkeit, Intrigue und Verstellung heißt, und als einen so warmen +Verehrer jedes redlichen, aufrichtigen Mannes, daß sie wenigstens +fühlen, wie viel sie in unsern Augen verlieren, und welche Verachtung +sie sich zuziehen würden, wenn wir sie auf Schleichwegen ertappten! + +Man flöße ihnen durch eine männliche Aeusserung des Abscheus gegen alle +Hinterlist und Falschheit eine gewisse Ehrerbietung ein, und versage +ihnen so lange sein Vertrauen nicht, als sie sich offen und redlich +zeigen. Man gebe ihnen zu erkennen, daß man sie für unfähig halte, +hinterlistig und unredlich zu seyn, und rege dadurch ihr schlummerndes +Ehrgefühl auf. + +Willst Du die Anschläge ihrer Hinterlist zerstören, so tritt ihnen +mit Festigkeit und Entschlossenheit entgegen, wenn Du merkst, daß sie +Böses im Sinne haben, und lege ihnen solche Fragen vor, worauf sie +nothwendig eine bestimmte und unumwundene Antwort geben, oder sich +verrathen müssen. Sieh ihnen dabei fest und kräftig in's Gesicht, +mit einem Blicke, der sie durchbohrt, und Du wirst sie zwingen, sich +selbst zu verachten, oder über sich selbst zu erschrecken, wirst ihnen +wenigstens, wenn sie keiner guten Regung mehr fähig sind, Furcht und +Besorgniß einflößen, und sie dadurch nöthigen, ihren Plan aufzugeben. +Stottern sie, suchen sie auszuweichen: so brich entweder ab, um ihnen +zu verstehen zu geben, daß Du ihnen die Schande eines Betrugs ersparen +wollest; nimm aber dann ein kaltes und entfernendes Betragen gegen sie +an, oder warne sie mit freundlichem, doch ernsthaftem Wesen, ihrer +nicht unwürdig zu handeln! + +Haben sie Dich dennoch einmal hintergangen, so nimm die Sache nicht zu +leicht, und verschwende keine Schonung an diese Unwürdigen, sondern laß +sie das ganze Gewicht Deines Unwillens und Deiner Verachtung fühlen, +und sey nicht sogleich bereit, zu verzeihen! Erreichst Du auch dadurch +Deine Absicht nicht, und fahren sie fort, Dich mit Winkelzügen und +Ränken zu hintergehen: so bestrafe sie durch deutliche Aeusserungen des +Mißtrauens und Kaltsinns, und suche dich ganz von ihnen los zu machen, +als von gefährlichen Menschen, die keiner Besserung fähig sind. + +Alles hierüber Gesagte paßt also auch auf das Betragen gegen ~Lügner~. + + + 17. + +Was man aber im gemeinen Leben einen ~Windbeutel~ oder ~Aufschneider~ +und ~Prahler~ nennt, das ist eine andere Gattung von Menschen. +Diese haben nicht die Absicht, jemand eigentlich zu hintergehen, +aber täuschen und blenden möchten sie gern, um Ehre und Beifall zu +erschleichen; überreden möchten sie gern Andere, ihnen einen höheren +Werth beizumessen, als sie haben; sie suchen mehr Nahrung für ihre +Eitelkeit, als Befriedigung des Eigennutzes, und für einen Lobspruch +geben sie unbedenklich die Wahrheit hin. Um sich in besserm Glanze zu +zeigen; um sich bemerklich zu machen; um Andern eine so hohe Meinung +von sich beizubringen, wie sie selbst haben; um Aufmerksamkeit durch +Erzählung wunderbarer Vorfälle zu erregen; oder um für angenehme, +unterhaltende Gesellschafter zu gelten, erdichten oder vergrößern sie; +und haben sie einmal die Fertigkeit erlangt, auf Kosten der Wahrheit +eine Begebenheit, ein Bild, einen Satz zu verzieren, so fangen sie +zuweilen an, ihren eigenen Windbeuteleien zu glauben, alle Gegenstände +durch ein Vergrößerungsglas anzusehen, und so in Riesengestalten wieder +zu Papier zu bringen. + +Die Erzählungen und Beschreibungen eines solchen Aufschneiders +sind zuweilen ganz lustig anzuhören; und wenn man erst mit seiner +Hyperbelsprache bekannt ist, weiß man schon, was man vom Ganzen +abzurechnen hat, um den Ueberrest für baares Geld anzunehmen. So läßt +man sich denn, besonders in solchen Gesellschaften, wo das Bedürfniß +eines Lustigmachers oder Wortführers lebhaft gefühlt wird, gern und +geduldig vorlügen, was sich so hübsch anhört, und wobei es zu lachen +gibt. Kommen aber einmal vernünftige Leute in eine solche Gesellschaft, +so steht es übel um den Aufschneider, denn es ist leicht, ihn durch +eine Menge von Fragen über die genauesten Umstände so in sein eignes +Gewebe zu verwickeln, daß er, indem er weder rückwärts noch vorwärts +kann, beschämt wird, oder, wenigstens einen klugen Rückzug zur Wahrheit +macht. Noch besser kann man ihn zum Schweigen bringen, wenn man ihm für +jede Unwahrheit auf komische Art eine noch derbere wieder aufheftet, +und ihm dadurch zu verstehen gibt, daß man nicht dumm genug gewesen +sey, ihm zu glauben; oder wenn man, sobald er anfängt zu blasen, die +Segel der Unterhaltung auf einmal einzieht, und seinem Winde ausweicht, +da er denn, wenn dieß öfter und von mehreren verständigen Männern +geschieht, endlich scheu und klug wird. + + + 18. + +~Unverschämte Müssiggänger~, ~Schmarotzer~, ~Schmeichler~ und +~zudringliche Leute~, rathe ich, in der gehörigen Entfernung von sich +zu halten, sich mit ihnen nicht gemein zu machen, ihnen durch ein +höfliches, aber immer steifes und ernsthaftes Betragen zu erkennen +zu geben, daß ihre Gesellschaft und Vertraulichkeit uns zuwider ist. +Einer meiner Bekannten erzählte mir einst: Er habe in Holland über +der Thür des Arbeitszimmers eines verständigen Mannes folgende Worte +mit großen Buchstaben geschrieben gefunden: »Es ist erschrecklich +beschwerlich für einen Mann, der bestimmte Geschäfte hat, von Leuten +überlaufen zu werden, die keine Geschäfte haben.« -- Der Einfall war +nicht übel. Die, welche gern bei uns schmausen, kann man am leichtesten +dadurch verscheuchen, daß man sie, ohne ihnen etwas vorzusetzen, +wieder fortgehen läßt; aber gegen Schmeichler, besonders gegen die von +feinerer Art, soll man, aus Besorgniß für sein eigenes Heil, auf seiner +Hut seyn. Sie verderben uns von Grund aus, wenn wir unser Ohr an ihren +Sirenen-Gesang gewöhnen. Dann wollen wir ohne Unterlaß gestreichelt +und gekitzelt seyn, finden die wohlthätige Stimme der Wahrheit nicht +harmonisch genug, und vernachlässigen und versäumen die treuern, +bessern Freunde, die uns aufmerksam auf unsere Fehler machen wollen. +Um nicht so tief zu fallen, waffne man sich mit Gleichgültigkeit +gegen die gefährlichen Lockungen der Schmeichelei; man fliehe vor +dem Schmeichler, wie vor dem bösen Feinde! Allein das ist nicht so +leicht, wie man wohl glaubt; es gibt eine Art, Süßigkeiten zu sagen, +die das Ansehen hat, als wollte man der Wahrheit huldigen. Der schlaue +Schmeichler, der Deine schwache Seite studirt hat, wird, wenn er Dich +für zu verständig hält, um nicht die größern Schlingen dieser Art für +gefährlich zu erkennen, Dir nicht immer Recht geben; er wird vielmehr +Dich tadeln; er wird Dir sagen: »daß er nicht begreifen könne, wie ein +so edler und weiser Mann, wie Du seyest, sich einen kleinen Augenblick +auch einmal habe vergessen können; er hätte geglaubt, so etwas könne +nur gemeinen Leuten von ~seinem~ Schlage begegnen.« Er wird an Deinen +Schriften Fehler rügen, die Dir gleich beim ersten Anblicke unbedeutend +scheinen müssen, und ihm nur dazu dienen, diejenigen Stellen um desto +unverschämter zu loben, von welchen er weiß, daß Du dir etwas darauf +zu gute thust. »Schade,« wird er ausrufen, »daß Ihre Sinfonien -- ich +bin kein Schmeichler; ich sage meine Meinung immer rund heraus -- +Schade, daß diese herrlichen Sinfonien, die gewiß in allem Betracht ein +klassisches Werk genannt werden können, so äusserst schwer vorzutragen +sind. Wo findet man Meister, die würdig wären, so etwas aufzuführen? +und doch ist das ein wesentlicher Fehler, den Sie, verzeihen Sie meiner +Offenherzigkeit! hätten vermeiden sollen.« Er wird Mängel an Dir +finden, und mit verstelltem Eifer dagegen declamiren, -- Schwachheiten +und Mängel, auf welche Deine Eitelkeit sich etwas einbildet. Er wird +Dich einen Misanthropen schelten, weil er gemerkt hat, daß Du durch +Deine abgezogene Lebensart Aufsehen erregen möchtest; er wird Dir +vorwerfen, Du seyest intrigant, wenn er merkt, daß es Dir behagt, für +einen schlauen Hofmann angesehen zu werden. Auf diese Weise wird er +sich bei Dir und andern Kurzsichtigen in den Ruf eines unpartheiischen, +wahrheitliebenden Mannes setzen; sein honigsüßer Trank wird glatt +hinuntergehen, und in der Berauschung werden Dein Herz und Dein Beutel +dem verschmitzten Spötter offen stehen. Vielfältig habe ich, besonders +an Höfen, dergleichen Männer angetroffen, die unter der Maske der +Bonhommie und bei dem Rufe, den Fürsten tapfer die Wahrheit zu sagen, +die ärgsten Maulschwätzer waren. + + + 19. + +Das Betragen gegen ~Schurken~, das heißt, gegen Leute, die von Grund +aus schlecht sind, etwa ein wenig Erbsünde abgerechnet, fordert vor +allem Festigkeit und Muth. Ich beziehe mich dabei zuerst auf das, was +ich weiterhin über den Umgang mit Feinden, und über das Betragen gegen +Verirrte und Gefallne sagen werde, und füge nur noch nachstehende +Bemerkungen hinzu: + +Daß man, wo möglich, den Umgang mit schlechten Leuten fliehen müsse, +weil durch sie Moralität, Ruf und Ruhe in Gefahr kommt, besonders wenn +sie mit Schlechtigkeit der Grundsätze eine feine Verstandesbildung +verbinden, und viel geselliges Talent haben, -- das versteht sich wohl +von selber. Wenn ein Mann von festen Grundsätzen auch nicht in Gefahr +kommt, von ihnen angesteckt zu werden, so gewöhnt er sich doch nach und +nach an ihre Art zu urtheilen und zu handeln, ihre Zweideutigkeiten +und Unsittlichkeiten, und an den Anblick ihres sittlichen Schmutzes, +und verliert den heiligen Abscheu gegen alles, was unedel ist; einen +Abscheu, der zuweilen einzig hinreicht, uns in Augenblicken der +Versuchung vor feinern Vergehungen zu bewahren. Leider aber zwingt uns +unsre Lage zuweilen, mitten unter Schurken zu leben, und mit ihnen +gemeinschaftlich Geschäfte zu treiben; und da ist es denn nöthig, +gewisse Vorsichtigkeits-Regeln nicht aus der Acht zu lassen. + +Glaube nicht, wenn Du einiges Verdienst von Seiten des Kopfs und +des Herzens hast, es jemals dahin zu bringen, daß Du von schlechten +Menschen nie in Deiner Ruhe gestört werdest, oder nie durch sie +leidest! Es herrscht ein ewiges Bündniß unter Schurken und Schleichern +gegen alle verständige und edle Menschen; auch sind sie auf eine +unbegreifliche Weise so verbrüdert, daß sie unter allen übrigen +Menschen einander erkennen und bereitwillig die Hand reichen, möchten +sie auch durch äussere Verhältnisse und Umstände noch so sehr getrennt +seyn, sobald es darauf ankömmt, das wahre Verdienst zu verfolgen +und mit Füßen zu treten. Da hilft keine Art von Vorsichtigkeit und +Zurückhaltung; da hilft nicht Unschuld, nicht Geradheit; da hilft nicht +Schonung, noch Mäßigung; da hilft es nicht, seine guten Eigenschaften +verstecken, mittelmäßig scheinen zu wollen. Niemand erkennt so leicht +das Gute, das in Dir ist, als Der, dem dies Gute fehlt. Niemand läßt +innerlich dem Verdienste mehr Gerechtigkeit widerfahren, als der +Bösewicht; aber er zittert davor, wie Satan vor dem Evangelio, und +arbeitet mit Händen und Füßen dagegen. Jene große Verbrüderung wird +Dich ohne Unterlaß necken, Deinen Ruf antasten; bald zweideutig, +bald übel von Dir reden, die unschuldigsten Deiner Worte und Thaten +boshaft auslegen. -- Aber laß Dich das nicht anfechten! würdest Du +auch wirklich von Schurken eine Zeitlang gedrückt, so wird doch die +Rechtschaffenheit und Consequenz Deiner Handlungen am Ende siegen, und +der Unhold bei einer andern Gelegenheit sich selbst die Grube graben. +Auch sind die Schelme nur so lange einig unter sich, als es nicht auf +männliche Standhaftigkeit ankömmt, so lange sie im Dunkeln fechten +können. Hole aber Licht herbei, und sie werden aus einander rennen! +Und wenn es nun gar zur Theilung der Beute ginge, dann würden sie +sich unter einander bei den Ohren zausen, und Dich indeß mit Deinem +Eigenthume ruhig davon wandern lassen. Geh Deinen geraden Gang fort! +Erlaube Dir nie schiefe Streiche, nie Schleichwege, um Schleichwegen zu +begegnen; nie Ränke, um Ränke zu zerstören; mache nie gemeinschaftliche +Sache mit Bösewichtern, gegen Bösewichter! Handle großmüthig! Unedle +Behandlung, und zu weit getriebenes Mißtrauen können Den, welcher auf +halbem Wege ist, ein Schelm zu werden, vollends dazu machen; Großmuth +hingegen kann einen nicht ganz verstockten Unhold vielleicht, auf +einige Zeit wenigstens, bessern, und die Stimme des Gewissens in ihm +erwecken. Aber er müsse fühlen, daß Du nur aus Huld, nicht aus Furcht +also handelst! Er müsse fühlen, daß, wenn es auf das Aeusserste kömmt, +wenn der Grimm eines unerschrocknen redlichen Mannes losbricht, der +kühne, rechtschaffene Weise im niedrigsten Stande mächtiger ist, als +der Schurke im Purpur; daß ein großes Herz, daß Tugend, Klugheit und +Muth, stärker machen, als erkaufte Heere, an deren Spitze ein Schurke +steht! Was hätte der wohl zu fürchten, der nichts mehr zu verlieren +hat, als was kein Sterblicher ihm rauben kann? Und was vermag in dem +Augenblicke der äussersten, verzweifelten Nothwehr ein feiger Sultan, +ein ungerechter Despot, der in sich selbst einen Feind herumträgt, von +welchem er immer bedroht, oder in die Flanke genommen wird, gegen den +niedrigsten seiner Unterthanen, der ein reines Herz, einen hellen Kopf, +Unerschrockenheit und gesunde Arme zu Bundesgenossen hat? + +Es ist unmöglich, sich bei gewissen Leuten beliebt zu machen, deren +Gunst man nur auf Unkosten seines Gewissens erwerben kann, und es wird +nicht schaden, wenn diese uns wenigstens fürchten. + +Es gibt Leute, die uns zu Vertraulichkeiten, zu gewissen Eröffnungen +zu bewegen suchen, damit sie nachher Waffen gegen uns in Händen haben, +womit sie uns drohen können, wenn wir ihnen nicht zu Gebote stehen +wollen. Die Klugheit erfordert, dagegen auf seiner Hut zu seyn. Man +erkennt sie leicht an der groben Schmeichelei, durch welche sie sich +uns zu nähern, und unser Vertrauen zu erschleichen suchen. + +Beschenke den, von dem Du fürchtest, er werde Dich ~bestehlen~, wenn Du +glaubst, daß Großmuth noch Eindruck auf ihn machen könnte! + +Ermuntre und ehre äusserlich Menschen, an denen Du irgend eine +Thatkraft zum Guten findest! Bringe sie nicht ohne Noth um Kredit! Es +gibt Leute, die viel Gutes ~sagen~, im ~Handeln~ aber heimliche Schalke +sind, oder Menschen voll Inconsequenz, Leichtsinn und Leidenschaft: +entlarve diese nicht, in so fern es nicht der Folgen wegen seyn muß! +Sie wirken durch ihre Reden manches Gute, welches unterbleibt, wenn man +sie verdächtig macht. Man sollte sie immer herumreisen lassen, um gute +Zwecke zu befördern; allein sie müßten jeden Ort früh genug verlassen, +um sich nicht zu verrathen, und durch ihr Beispiel nicht die Wirkung +ihrer Lehren zu verderben. + + + 20. + +Es gibt Menschen von guter Gesinnung, welche durch übertriebene +Bescheidenheit und unüberwindliche Furchtsamkeit, durch eine +Schüchternheit, die sie fast zu Kindern macht, sich selbst der +Geringschätzung hingeben, und sich um allen Genuß und allen Vortheil +bringen, den ihnen die Gesellschaft gewähren soll. Man macht sich um +sie und um die Gesellschaft verdient, wenn man ihnen Zuversicht zu sich +selbst einzuflößen sucht, und ihnen Veranlassung gibt, sich geltend +zu machen. So verachtungswerth Unbescheidenheit und Dünkel sind, +so unmännlich ist zu weit getriebene Schüchternheit. Der Edle soll +seinen Werth fühlen, und eben so wenig ungerecht gegen sich, als gegen +Andre seyn. Uebertriebnes Lob und zu weit ausgedehnter Vorzug aber +beleidigen den Bescheidnen. Er müsse weniger aus Deinen Worten, als aus +Deinen ungekünstelten, wahre Zuneigung verrathenden Handlungen, Deine +Hochachtung gegen ihn erkennen! + + + 21. + +~Unvorsichtigen~ und ~plauderhaften~ Leuten darf man natürlicher Weise +keine Geheimnisse anvertrauen. Besser wäre es, man hätte überhaupt +keine Geheimnisse in der Welt, könnte immer frei und offen handeln, und +alles, was im Herzen vorgeht, vor jedermann sehen lassen; besser wäre +es, man dächte und redete nichts, als was man laut denken und reden +darf. Da dieß indessen, besonders bei Männern, die in öffentlichen +Aemtern stehen, oder sonst fremde Geheimnisse zu verwahren haben, nicht +möglich ist: so muß man freilich vorsichtig in der Mittheilung dessen +seyn, was nicht Jeder wissen darf. + +Man findet Menschen, denen es schlechterdings unmöglich ist, irgend +etwas zu verschweigen. Man sieht es ihnen an, wenn sie ängstlich +umherlaufen, daß sie etwas Neues bei sich tragen, und daß sie große +Herzensangst leiden, bis sie einem andern Plaudrer ihre Nachricht heiß +mitgetheilt haben. Andern fehlt es zwar nicht an dem guten Willen zu +schweigen, wohl aber an der Klugheit, sich nicht durch Winke, Blicke, +oder auf andre Art zu verrathen; oder an der Festigkeit, sich nicht +ausfragen zu lassen; oder sie haben eine zu gute Meinung von der +Ehrlichkeit und Verschwiegenheit derer, welchen sie sich anvertrauen. +-- Gegen alle diese muß man behutsam, und selbst verschlossen seyn. + +Es kann auch zuweilen nicht schaden, wenn man plauderhafte Leute +bei der ersten Gelegenheit, da sie etwas über uns geschwatzt haben, +dergestalt in Furcht setzt, daß sie es nicht wagen dürfen, hinter +unserm Rücken auch nur einmal unsern Namen zu nennen, es sey im +Guten oder Bösen. Die eigentlichen bekannten Zeitungsträger aber, +deren es fast in jeder Stadt einige gibt, kann man nützen, wenn man +ein unschuldiges Mährchen im Publiko ausgebreitet wissen will, das +den Leuten etwas zu reden geben, oder sie zu ihrem Besten auf etwas +aufmerksam machen soll. Nur muß man dann nicht verfehlen, sie um +Verheimlichung der Sache zu bitten, sonst halten sie es vielleicht der +Mühe nicht werth, dieselbe auszuplaudern. + +~Vorwitzige~ und ~neugierige~ Menschen kann man nach den Umständen +entweder auf ernsthafte oder spaßhafte Manier behandeln. Im erstern +Falle muß man, sobald man merkt, daß sie sich im mindesten um unsere +Angelegenheiten bekümmern, uns belauschen, behorchen, sich in unsere +Geschäfte mischen, unsern Schritten nachspüren, oder unsre Plane und +Handlungen ausspähen wollen, sich gegen sie mündlich, schriftlich oder +thätig, so kräftig erklären, sie auf eine solche Weise zurückschrecken, +daß ihnen die Lust vergehe, auch nur von Weitem sich an uns zu wagen. +Will man aber seinen Spaß mit ihnen haben, so kann man ihrer Neugier +ohne Unterlaß so viel zu schaffen machen, daß sie über die Kindereien, +worauf man ihre Aufmerksamkeit lenkt, keine Muße behalten, sich +um diejenigen Dinge zu bekümmern, welche wir ihrer Beobachtung zu +entziehen wünschen. + +~Zerstreute~ und ~vergessene~ Leute taugen nicht zu Geschäften, wo es +auf Pünktlichkeit ankömmt. Jungen Personen kann man diese Fehler wohl +zu gute halten, und durch eine verständige Behandlung zuweilen noch +abgewöhnen, so, daß sie ihre Gedanken bei einander halten. Manche, die +aus zu großer Lebhaftigkeit des Temperaments leicht alles vergessen, +und nie da zu Hause sind, wo sie seyn sollten, kommen von dieser +Schwachheit zurück, wenn sie älter, kühler und sittsamer werden. Andre +affectiren, zerstreut zu seyn, weil sie glauben, das sähe vornehm oder +gelehrt aus; über solche Thoren aber soll man nur die Achseln zucken, +und sich wohl hüten, ihre Zerstreutheit geistvoll oder artig zu finden. +Es gilt von ihnen, was über diejenigen gesagt worden ist, welche sich +körperlich krank stellen, um Interesse zu erwecken. Wessen Gedächtniß +aber wirklich schwach, und nicht etwa durch Uebung nach und nach zu +stärken ist, dem rathe man, sich alles schriftlich aufzuzeichnen, was +er behalten will, und diesen Zettel täglich oder wöchentlich einmal +durchzulesen; denn es ist wahrlich nichts verdrießlicher, als wenn uns +jemand verspricht, ein Geschäft zu besorgen, an welchem uns gelegen +ist, und uns hernach, wenn wir uns auf sein Wort verlassen, mit der +Versicherung überrascht, daß er es rein vergessen habe. + +Sehr zerstreueten Leuten muß man es übrigens so hoch nicht anrechnen, +wenn sie gegen uns zuweilen in Aufmerksamkeit, Höflichkeit, oder +was man sonst im geselligen und freundschaftlichen Umgange fordert, +unvorsätzlich fehlen. + + + 22. + +Es gibt eine Art Menschen, die man ~wunderliche~ (+difficiles+) ~Leute~ +nennt. Sie sind nicht bösartig, sind nicht immer zänkisch und mürrisch; +aber man kann ihnen doch nicht leicht etwas ganz recht machen. Sie +haben sich, zum Beispiel, an eine pedantische Ordnung gewöhnt, deren +Regel nicht Jeder, so wie sie, im Kopfe hat; und da kann es denn leicht +kommen, daß man einen Stuhl in ihrem Zimmer anders hinstellt, als sie +es gern sehen (wenn dieß übrigens aus wahrem Ordnungsgeiste herrührt, +so habe ich an der Sache selbst nichts auszusetzen); oder sie hängen +gewissen Vorurtheilen an, denen man sich unterwerfen muß, wenn man +in ihren Augen Werth haben will; zum Beispiel: in Kleidertrachten, in +der Art laut oder leise zu reden, groß oder klein zu schreiben und +dergleichen. Man sollte wohl sagen, daß ein vernünftiger Mann über +solche Kleinigkeiten hinausgehen müßte; unterdessen trifft man doch +Männer an, die über andere Gegenstände sehr verständig und billig +denken, nur in solchen Punkten nicht; und was wichtiger als das ist, an +dieser Männer Gunst kann uns vielleicht sehr viel gelegen seyn. Wenn +dies Letztere nun der Fall ist, so rathe ich, in Dingen von geringem +Belange, die mit einiger Aufmerksamkeit so leicht zu befolgen sind, +sich ihnen gefällig zu zeigen. Andre aber, mit denen wir weiter in +keinem Verhältniß stehen, lasse man, in so fern sie übrigens brave +Männer sind, bei ihrer Weise, und vergesse nicht, daß wir Alle unsre +Schwachheiten haben, die man brüderlich ertragen muß! + +Leute, die etwas darin suchen, sich durch ihr Betragen in +unwesentlichen Dingen von Andern zu unterscheiden (nicht eigentlich aus +Ueberzeugung, daß es besser so sey, als anders, sondern hauptsächlich +darum, weil sie etwas darein setzen, das zu thun, was Andre nicht +thun), solche Leute nennt man ~Sonderlinge~. Sie sehen es gern, wenn +man ihre Weise bemerkt; und ein verständiger Mann muß in seinem +Betragen gegen sie wohl überlegen, ob ihr Eigensinn von unschädlicher +Art ist, und ob sie Männer sind, die in irgend einer Rücksicht Schonung +verdienen, um darnach im Umgange mit ihnen zu verfahren, wie es +Vernunft und Duldung fordern. + +Was endlich Leute betrifft, die von ~Launen~ regiert werden, so daß +man ihnen heute der willkommenste Gast, morgen der überlästigste +Gesellschafter ist, so rathe ich, -- vorausgesetzt, daß diese Launen +nicht ihren Grund in geheimen Leiden haben (denn wenn das ist, so habe +Mitleiden!) -- gar nicht zu thun, als bemerkte man solche Ebben und +Fluthen, sondern auf immer gleich-vorsichtigem Fuße mit ihnen umzugehen. + + + 23. + +~Einfältige Menschen~, die ihre Schwäche fühlen, und sich daher willig +von vernünftigen Menschen leiten lassen, auch bei ihrem natürlich +gutmüthigen, wohlwollenden, sanften Temperamente zwar leicht zum Guten, +aber schwer zum Bösen zu bewegen sind, soll man nicht verachten. Es +können nicht alle Menschen hohen, erhabnen Geistes-Schwung haben; +und die Welt würde auch sehr übel dabei fahren, wenn es also wäre. Es +müssen mehr subalterne, als Herrscher-Genies unter den Erdensöhnen +seyn, wenn nicht Alle in ewiger Fehde mit einander leben sollen. Daß +ein höherer Grad von Tugend, daß Kraft, Muth, Festigkeit, oder feine +Beurtheilungskraft, nicht mit Schwäche des Geistes bestehen könne, +ist freilich gewiß; allein das gehört ja nicht hieher. Wenn im Ganzen +nur das Gute geschieht, und die dummen Menschen zu diesem Guten sich +die Hände führen lassen; so füllen sie ihren Platz nützlicher aus, +als die überschwenglichen Genies, die Feuerköpfe, mit ihrem sich +durchkreuzenden unaufhörlichen Wirken und Streben. + +Unerträglich hingegen ist die Prüfung, wenn man es mit einem +Stockfische zu thun hat, der sich für einen Halbgott hält, mit einem +eiteln, eigensinnigen, mißtrauischen Pinsel, mit einem verzogenen, +verzärtelten, vornehmen Herrn, der Länder und Völker zu regieren hat, +und leider alles selbst regieren will. Doch soll an seinem Orte gezeigt +werden, wie man mit dieser Art Menschen umgehen müsse. + +Eine gewisse Gattung gutmüthiger, aber schwacher und plumper Menschen, +ist, selbst in der Jugend, schwer zu verfeinern. Die Sprache der Ironie +verstehen sie nicht. Ist sie zu fein, so nehmen sie es für baares Geld. +Ein ernsthafter Ton greift auch nicht ein, oder beleidigt sie. Warme, +gefühlvolle Ermahnungen bleiben gänzlich ohne Wirkung. + +Allein man thut oft gewissen Menschen großes Unrecht, welche durchaus +unfähig sind, sich zu äussern, entweder weil sie der Sprache nicht +mächtig werden, oder sich von einer ihnen durch Erziehung angebildeten +Schüchternheit nicht losmachen können, indem man sie für schwach, +dumm, gefühllos oder unwissend hält, da sie es doch keinesweges sind, +sondern nur so scheinen. Nicht Jeder hat die Gabe, seine Gedanken und +Empfindungen an den Tag zu legen, oder er thut es wenigstens nicht auf +die Weise, welche uns die rechte scheint; er hat etwas Zurückstoßendes +in seinem äusseren Wesen, er verstößt alle Augenblicke gegen die +feinere Sitte, oder gegen den Gesellschaftston, an welchen wir uns +gewöhnt haben. Er will nicht nach seinen ~Worten~, sondern nach seinem +~Thun~ gerichtet seyn, und auch sein Thun ist von der Art, daß man +ungerecht über ihn urtheilen würde, wenn man nicht Rücksicht nehmen +wollte auf seine Erziehung, seine Lage und auf die Gelegenheit, die er +gehabt, oder die ihm gefehlet hat, sich auszuzeichnen. Man überlegt +selten, daß ~der~ Mensch schon sehr viel Werth hat, der in der Welt +nur nichts Böses thut, und daß die Summe dieses negativen Guten zur +Wohlfahrt des Ganzen oft mehr beiträgt, als der lange Lebenslauf eines +thätigen Mannes, dessen heftige Leidenschaften in unaufhörlichem Kampfe +mit seinen großen, edlen Zwecken stehen. Und dann sind Gelehrsamkeit, +Kultur und gesunde Vernunft wieder sehr verschiedne Dinge. Es herrscht +unter Menschen von einer sogenannten feineren Erziehung und Bildung so +viel Convention, daß es schwer ist, Stoff und Gepräge zu unterscheiden, +und wir verwechseln nur gar zu leicht die Grundsätze, welche auf +diesem Uebereinkommen beruhen, mit den unwandelbaren Vorschriften der +reinen Weisheit. Wir sind nun einmal gewöhnt, nach jenem Richtmaße +des Herkommens zu urtheilen und zu denken, oder vielmehr Worte ganz +unbefangen zu gebrauchen und nachzusprechen, deren zweideutigen +Sinn wir Mühe haben würden, einem ganz rohen Wilden zu erklären; +und so halten wir denn Denjenigen für einen Geistesarmen, für einen +einfältigen Tropf, der das Wörterbuch der Höflichkeitssprache nicht +auswendig weiß, und daher redet, weß das Herz voll ist, also ganz +ungeschmückt und unumwunden, aber dabei ganz im Geiste des gesunden +Menschenverstandes. Daher wird man nicht selten durch die Urtheile +gemeiner Leute, die freilich dem sogenannten Kenner sehr abgeschmackt +vorkommen würden, sehr angenehm überrascht, und aus dem Zauber einer +falschen, erzwungenen Täuschung gerissen, so daß auf einmal auch in +uns der Sinn für wahre, ächte Natur wieder erwacht! Wie oft habe ich +im Schauspielhause erst das nüchterne Urtheil der Gallerie erwartet; +habe erwartet, was für Eindruck eine Scene auf das unbestochene Volk, +das wir Pöbel nennen, machen, -- habe erwartet, ob ein rührender +Auftritt allgemeine Stille, oder lautes Gelächter verbreiten würde, um +mich zu bestimmen in meinem Urtheil, wie treu der Schriftsteller und +Schauspieler die Natur kopiert, oder ob er sie verfehlt oder erreicht +habe. Auf den Gebildeten wirkt die Illusion, weil er von Jugend auf +in einer Welt voll Täuschungen wandelte; jene aber leben und weben in +der Natur und im Reiche der ungeschmückten Wahrheit. Groß ist der +Künstler, der durch das Spiel seiner Phantasie, durch seine, die Natur +auf's treueste nachahmende Darstellung, auch unkultivirte Menschen +vergessen machen kann, daß sie getäuscht werden. Groß ist ferner der +Mann, der den Sinn für ungeschminkte Wahrheit nicht in dem Meere von +Neben-Ideen, Vorurtheilen und Conventionen ersäuft hat. Aber wie selten +trifft man Kunst und Wahrheits-Sinn, Kultur und Einfalt, im schönen +Einklange an! -- Lasset uns also Den nicht verachten, der den bessern +Theil auf Kosten des schlechtern gerettet hat, und lasset uns ihn ja +nicht aufklären, sondern lieber bei solchen Einfältigen in die Schule +gehn! + +~Gutmüthige~, und dabei ~schwache~ Menschen sind fast als Unmündige +zu betrachten, welche der Vormundschaft aller Verständigen und Guten +übergeben sind. Man soll ihnen nicht den Beistand versagen, den sie +unaufhörlich bedürfen, -- soll, wenn man kann, edle Freunde um sie her +zu versammeln suchen, von denen sie nicht gemißbraucht, sondern zu +Handlungen bestimmt und gelenkt werden, die eines wohlwollenden Herzens +würdig sind. Es gibt Personen, die nichts abschlagen können, wenigstens +nicht mündlich; und da geschieht es dann, daß, um niemand zu kränken, +oder damit man nicht glaube, daß es ihnen an gutem Willen fehle, sie +mehr versprechen, als sie leisten können; mehr hingeben, mehr Arbeit +für Andre übernehmen, als sie vernünftiger Weise thun sollten. Andre +sind so ~leichtgläubig~, daß sie Jedem trauen, sich Jedem hingeben und +aufopfern, Jeden für einen treuen Freund halten, der die Aussenseite +des ehrlichen, menschenliebenden Mannes trägt. Noch Andre sind nicht im +Stande, für sich etwas zu erbitten, sollten sie auch darüber nichts in +der Welt von demjenigen erlangen, worauf sie die billigsten Ansprüche +machen dürfen. Ich brauche wohl nicht zu sagen, wie sehr alle diese +Schwachen gemißhandelt oder wenigstens vernachlässigt werden; wie man +auf die Gutherzigkeit und Dienstfertigkeit der Erstern losstürmt, und +wie den Andern die Unverschämtheit alles vor dem Munde wegnimmt, weil +sie nicht den Muth haben, zuzugreifen oder ihre Ansprüche geltend zu +machen. Mißbrauche keines Menschen Schwäche! Erschleiche von Keinem +Vortheile, Geschenke, Verwendung von Kräften, die Du nicht nach den +Regeln der strengsten Gerechtigkeit, ohne ihm Verlegenheit und Last +aufzuladen, von ihm fordern darfst; suche auch zu verhindern, daß +Andre dergleichen thun; mache dem ~Blöden~ Muth! Verwende Dich, rede +für ihn, wenn seine Schüchternheit ihn abhält, sein eigener Fürsprecher +zu seyn! + +Manche Leute haben die Schwachheit, mit ganzer Seele ~gewissen +Liebhabereien nachzuhängen~. Sey es nun irgend eine noble Passion: +Jagd, Pferde, Hunde, Katzen, Tanz, Musik, Malerei, oder die Wuth, +Kupferstiche, Naturalien, Schmetterlinge, Petschafte, Pfeifenköpfe +und dergleichen zu sammeln, oder Bau-Geist, Garten-Anlage, +Kinder-Erziehung, Mäcenatenschaft, physikalische Versuche -- oder +was für ein Steckenpferd sie auch reiten: so dreht sich doch der +ganze Kreis ihrer Gedanken immer um diesen Punkt herum; sie reden von +keiner Sache so gern, wie von diesem ihrem Lieblings-Gegenstande; +jedes Gespräch wissen sie dahin zu lenken. Sie vergessen dann, daß der +Mann, welchen sie vor sich haben, vielleicht von keinem Dinge in der +Welt weniger versteht, als von diesem, verlangen aber auch dagegen +nicht gerade, daß er mit großer Kenntniß davon rede, wenn er nur die +Geduld hat, ihnen zuzuhören; wenn er ihre Herrlichkeiten nur mit +Aufmerksamkeit betrachtet, nur bewundert, was sie ihm als die größte +Seltenheit empfehlen, und Interesse daran zu nehmen scheint. Nun, wer +wird denn wohl so hartherzig seyn, diese kleine Freude einem Manne, der +übrigens redlich und verständig ist, zu versagen oder zu verkümmern! +Vorzüglich empfehle ich Aufmerksamkeit auf die -- doch wie sich's +versteht, unschuldigen -- Liebhabereien der Großen, an deren Gunst +uns gelegen ist; denn, wie Tristram Shandy anmerkt, so wird ein Hieb, +welchen man dem Steckenpferde gibt, schmerzlicher empfunden, als ein +Schlag, den der Reiter selbst empfängt. + + + 24. + +Mit ~muntern~, ~aufgeweckten Leuten~, die von ächtem Humor beseelt +werden, ist leicht und angenehm umzugehen. Ich sage: sie müssen von +~ächtem~ Humor beseelt werden; die Fröhlichkeit muß aus dem Herzen +kommen, muß nicht erzwungen, muß nicht eitle Spaßmacherei, nicht +Haschen nach Witz seyn. Wer noch von ganzem Herzen lachen, sich den +Aufwallungen einer lebhaften Freude überlassen kann: der ist kein +ganz böser Mensch. Tücke und Bosheit machen zerstreut, ernsthaft, +nachdenkend, verschlossen; +mais un homme, qui rit, ne sera jamais +dangereux+. Daraus folgt indessen nicht, daß Jeder, der nicht von +fröhlicher Gemüthsart ist, und in der Gesellschaft einsylbig und +zurückhaltend an dem Gespräche Theil nimmt, deswegen etwas Böses im +Schilde führen sollte. Die Stimmung des Gemüths hängt vom Temperamente, +so wie von der Gesundheit und von innern und äussern Verhältnissen +ab. Aechte muntre Laune aber pflegt ansteckend zu seyn, und diese +Epidemie hat etwas so Wohlthätiges; es ist ein so wahres Seelen-Glück, +einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen zu dürfen, daß ich +dringend anrathe, sich zur Munterkeit anzufeuern, oder anfeuern zu +lassen, und wenigstens ein Paar Stunden in der Woche auf diese Weise +der gesitteten Fröhlichkeit zu widmen. + +Allein es ist schwer, in lustiger Stimmung, und wenn man dem Witze +den Zügel schießen läßt, nicht in einen ~satyrischen~ Ton zu fallen. +Was gibt uns reichern Stoff zum Lachen, als das unzählige Heer von +Thorheiten der Menschen? Und diese Thorheiten treten am lebhaftesten +vor unsre Augen, wenn wir uns die Originale dazu denken, in welchen sie +wohnen. Lachen wir nun über die Narrheit, so ist es fast unvermeidlich, +auch über den Narren mit zu lachen, und da kann dann dies Lachen sehr +ernsthafte, verdrießliche Folgen haben. Wenn ferner unsre Spöttereien +Beifall finden, so werden wir verleitet, unsern Witz immer feiner +zuzuspitzen, und Andre, denen es ausserdem vielleicht an Stoff zu +munterer Unterhaltung fehlen würde, schärfen, durch unser Beispiel +verführt, ihre Aufmerksamkeit auf die Mängel ihrer Nebenmenschen: +und wohin das führen, welche böse Folgen es haben, und wie leicht es +Streit erregen, das Vergnügen zerstören, Feindschaft erwecken könne, +das ist theils bekannt genug, theils habe ich darüber schon etwas im +ersten Kapitel gesagt. Ich halte es daher für Pflicht, im Umgange mit +sehr satyrischen Leuten auf seiner Hut zu seyn. Nicht, daß man sich +persönlich vor ihrer spitzen Zunge oder Feder fürchten müßte, denn +das zeigt wirklich den höchsten Grad von innerm Bewußtseyn eigener +Erbärmlichkeit an; sondern daß man nicht durch sie verführt werde, mit +zu lästern; daß man sich und Andern dadurch nicht schade, und daß der +Geist der Duldung nicht von uns weiche. Man bezeige daher satyrischen +Leuten keinen zu lauten Beifall, bestärke sie nicht in der Gewohnheit, +ihren Witz auf andrer Menschen Unkosten spielen zu lassen, und lache +nicht mit, wenn sie lästern und schmähen. + +Ich sage: man hat gar nicht Ursache, satyrische Leute eigentlich zu +fürchten; denn sind sie übrigens edle Männer, so werden sie, wenn +sie auch über Thorheiten lachen und spotten, doch den Charakter des +redlichen Mannes schonen. Sind sie aber boshafte Spötter, so werden sie +sich mehr, als Andern, schaden. -- An den Mann von Würde wagt sich denn +auch nicht leicht ein Solcher, wenigstens nicht zum zweiten Mal. + + + 25. + +~Trunkenbolde~, grobe ~Wollüstlinge~ und alle andre Arten von +~lasterhaften Menschen~ soll man freilich fliehn, und ihren Umgang, +wenn man kann, vermeiden; ist dieß aber durchaus unmöglich, so bedarf +es wohl keiner Erinnerung, daß man sich hüten müsse, von ihnen +angesteckt, verblendet oder verführt zu werden. Allein das ist nicht +genug. Es ist Pflicht, ihren Ausschweifungen, möchten sie solche auch +in das gefälligste Gewand hüllen, nicht nachzusehen, sie nicht zu +entschuldigen, sondern vielmehr, wo es mit Klugheit geschehen kann, +einen erklärten Abscheu dagegen zu zeigen; es ist Pflicht, und recht +heilige Pflicht, an unzüchtigen, schmutzigen Gesprächen niemals, +und auf keinerlei Art beifälligen Antheil zu nehmen. Man sieht in +der großen Welt die sogenannten +agréables débauchés+ mehrentheils +die glänzendste Rolle spielen, und in manchen, besonders männlichen +Cirkeln, die Unterhaltung auf Zoten und Zweideutigkeiten hinausgehen, +wodurch die Phantasie junger Leute erhitzt, mit schlüpfrigen Bildern +erfüllt, und die schamloseste Unsittlichkeit weiter ausgebreitet +wird. Zu diesem allgemeinen Verderbnisse der Sitten, zur Verspottung, +vielleicht gar zur Verachtung der Keuschheit, Nüchternheit, Mäßigkeit +und Schamhaftigkeit, darf kein redlicher Mann auch nur das Mindeste +beitragen. Er muß vielmehr, so viel an ihm ist, ohne Ansehn der Person, +sein Mißfallen daran bestimmt zu erkennen geben, und, wenn er es +vergebens versucht hat, Menschen, die auf dem Wege des Lasters wandeln, +durch freundschaftliche Warnung und Hinlenkung ihrer Thätigkeit auf +würdigere Gegenstände, zu bessern, ihnen wenigstens zeigen, daß er den +Sinn für Reinigkeit und Tugend nicht verloren habe, und daß in seiner +Gegenwart die Unschuld respektirt werden müsse. + + + 26. + +Einen ganz eignen Abschnitt verdienen die ~Enthusiasten~, +~überspannten~, ~romanhaften Menschen~, ~Kraft-Genies~ und +~excentrischen Leute~. Sie leben und weben in einer Atmosphäre von +Phantasien, wie ein Fisch im nassen Elemente, und sind geschworne +Feinde der kalten Ueberlegung. Mode-Lectüre, Romane, Schauspiele, +geheime Verbindungen, Mangel an gründlichen wissenschaftlichen +Kenntnissen, und Müßiggang, stimmen einen großen Theil unsrer heutigen +Jugend auf diesen Ton; man trifft aber auch Schwärmer mit grauen +Köpfen an. Sie streben ohne Unterlaß nach dem Ausserordentlichen und +Uebernatürlichen; verachten das nahe liegende Gute, um nach fernen +Erscheinungen zu greifen; versäumen das Nöthige und Nützliche, um Plane +für das Entbehrliche zu machen; legen die Hände in den Schooß, wo es +Pflicht wäre, zu wirken, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts +angehen; reformiren die Welt, und vernachlässigen ihre häuslichen +Geschäfte; finden das Wichtigste zu klein, und das Abgeschmackteste +erhaben; haben eine entschiedene Abneigung gegen alles Deutliche, +Verständige und Klare, und predigen das Unbegreifliche. Vergebens +stellst Du ihnen die Gründe der gesunden Vernunft entgegen, und +bittest sie, zu prüfen; sie werden Dich als einen gemeinen Menschen, +ohne Gefühl, ohne Sinn für das Große, verachten, Mitleiden mit Deiner +Weisheit zeigen, und sich lieber an ein Paar andre Narren von ähnlichem +Schwunge anschließen, die in ihren Unsinn einstimmen. Ist Dir's also +darum zu thun, einen solchen Schwärmer zu überzeugen, oder auch nur +einen wirksamen Einfluß auf ihn zu erhalten: so müssen Deine Gespräche +warm und feurig seyn, und Du mußt mit eben so viel Enthusiasmus der +gesunden Vernunft das Wort reden, womit er die Sache seiner Thorheit +verficht. Selten aber richtet man überhaupt etwas mit solchen Menschen +aus, und es ist am besten gethan, der Zeit ihre Heilung zu überlassen. +Indessen steckt zum Unglücke Schwärmerei an, wie der Schnupfen. Wer +daher eine sehr lebhafte Einbildungskraft hat, und nicht ganz sicher +von der Herrschaft seines Verstandes über dieselbe ist, dem rathe +ich, im Umgange mit Enthusiasten jeder Gattung auf seiner Hut zu +seyn. Unsere Zeit hat ein unglückseliges Wohlgefallen an religiöser, +theosophischer und mystischer Schwärmerei, und bringt Manches zu Ehren, +was zum Heil der Welt eine bessere Zeit verlacht und in den Staub +geworfen hatte. So hört man z. B. jetzt einen ~Jakob Böhme~ rühmen +und preisen, und alle die alten Kirchengesänge, welche in jeder Zeile +eine Sünde gegen den guten Geschmack und gegen das gesunde Gefühl +begehen, als Meisterstücke der Dichtkunst laut erheben, hört junge +Mädchen, schon lange vor ~der~ Periode, in welcher sie von Rechtswegen +in die Reihe der Betschwestern treten dürfen, gar andächtig singen, +was sie bei gesundem Urtheil und Gefühl zum Lächeln reizen müßte, +und dergleichen Erscheinungen mehr, welche beweisen, wie behaglich +es dem Menschen in seiner Schwachheit ist, von einem Extrem auf das +andere überzuspringen. Ich mag nicht entscheiden, welche von diesen +Gattungen der Schwärmerei die gefährlichste ist, halte aber doch dafür, +diejenigen, welche auf politische, halbphantastische, halbjesuitische +Plane und auf Welt-Reformation hinausgehen, gehören wohl wenigstens +nicht zu den unschädlichsten Donquixoterien; ich glaube dieß um +so fester, da gerade diese Art von Schwärmer-Systemen am mehrsten +Verwirrung im Staate anrichten kann, und die blendendste Aussenseite +zu haben pflegt, statt daß die übrigen bald Langeweile machen, und nur +schiefe und mittelmäßige Köpfe anhaltend beschäftigen. Man gewöhne +sich daher, im Umgange mit den Aposteln solcher Systeme, die jedem +Biedermanne sonst so theuren Ausdrücke: Glück der Welt, Freiheit, +Gleichheit, Rechte der Menschheit, Religiosität, Christenthum, Glaube +und dergleichen, für nichts anders, als für Lockspeise, oder höchstens +für gutgemeinte leere Worte zu nehmen, mit denen diese Leute spielen, +wie die Schulknaben mit den oratorischen Figuren und Tropen, welche sie +in ihren magern Exercitien anbringen müssen. + +Kraft-Genies und excentrische Leute lasse man laufen, so lange sie sich +noch nicht gänzlich zum Einsperren qualificiren. Die Erde ist so groß, +daß eine Menge Narren neben einander Platz darauf hat. + + + 27. + +Jetzt noch ein Wort von ~Andächtlern~, ~Frömmlern~, ~Heuchlern~ und +~abergläubischen Leuten~, welche mit den eben beschriebenen nur darin +Eine Klasse ausmachen, daß sie eine Freude an der Uebertreibung, und +eine Scheu vor dem Vernünftigen haben. + +Wem es mit seinen Empfindungen für die Religion, mit seiner Wärme +für Gottes-Liebe, Gottes-Furcht und Gottes-Verehrung, und mit seiner +Anhänglichkeit an die gottesdienstlichen Gebräuche der Kirche, zu +welcher er sich in seinem Herzen bekennt, ein aufrichtiger Ernst ist: +der hat die gegründetsten Ansprüche auf unsre Achtung. Sollte er auch +das Wesen der Religion, mehr als wir für gut halten, in bloßes Gefühl, +ohne allen Gebrauch seiner ihm von Gott verliehenen Leiterin, der +Vernunft, setzen: -- sollte auch, unsrer Meinung nach, eine erhitzte +Phantasie sich in seine religiöse Empfindungen mischen: -- sollte er +auch eine zu große Anhänglichkeit für gewisse Ceremonien, Gebräuche +und Systeme haben: so verdient er, wenn er übrigens ein redlicher +Mann, ein praktischer Christ ist, Duldung, Schonung und Bruderliebe. +Allein um desto verachtungswürdiger ist ein Heuchler und Kopfhänger, +ein gleisnerischer Bösewicht, der hinter der Larve der Heiligkeit, +Sanftmuth und Religiosität den wollüstigen Verführer, den tückischen +Verläumder, Aufrührer, Anhetzer, rachgierigen Bösewicht, oder den +fanatischen Verfolger versteckt. Beide Arten von Leuten sind aber nicht +schwer zu unterscheiden. Der fromme Edle ist gerade, offen, still und +heiter, nicht übertrieben höflich, nicht übertrieben zuvorkommend, noch +übertrieben demüthig, aber liebevoll, einfach und zutraulich in seinem +Betragen. Er ist nachsichtig, milde und duldend, redet auch nicht +viel, ausser mit vertrauten Freunden, über religiöse Gegenstände; der +Heuchler hingegen pflegt süß, kriechend, schmeichelnd, immer auf seiner +Hut, ein Sclave der Großen, ein Anhänger der herrschenden Parthei, ein +Freund der Glücklichen, nie ein Vertheidiger der Verlassenen zu seyn. +Er führt Rechtschaffenheit und Religion ohne Unterlaß im Munde, gibt +seine reichen Almosen, und erfüllt seine christlichen Liebespflichten +mit Geräusch und Aufsehen, tobt und schäumt über den Gottlosen und +Lasterhaften, oder entschuldigt fremde Fehler auf solche Weise, daß sie +dadurch tausendfältig vergrößert scheinen. Hüte Dich, diesem auf irgend +eine Weise in die Hände zu fallen; fliehe ihn; tritt ihm nicht auf den +Fuß; beleidige ihn nicht, wenn Dir Deine Ruhe lieb ist! + +Abergläubische Leute, die Ammen-Mährchen, Gespenster-Histörchen und +dergleichen lieben, und mit großer Ernsthaftigkeit erzählen, sind +nicht durch Gründe der Philosophie und durch vernünftige Vorstellungen +und Zweifel von ihrem Wahne zu befreien, am wenigsten aber durch +Declamationen, Verspottung und Ereiferung. Es ist da kein anderes +Mittel, als, ihnen nicht eher zu widersprechen, bis man zugleich eine +einzelne Thatsache strenge und kaltblütig untersuchen, und sie mit +eignen Augen von dem Betruge oder Ungrunde überzeugen kann, obgleich +es wahrlich unbillig ist, daß man Dem, welcher eine übernatürliche +Erscheinung behauptet, den Beweis erläßt, und ihn Demjenigen auflegt, +der die Rechte der Vernunft vertheidigt. + + + 28. + +Nicht toleranter, als die Frömmler, pflegen ihre Gegenfüßler, +die ~Deisten~, ~Freigeister~ und ~Religionsspötter~ von gemeiner +Art zu seyn. Ein Mann, der unglücklich genug ist, sich von der +Wahrheit, Heiligkeit und Nothwendigkeit der christlichen Religion +nicht überzeugen zu können, verdient Mitleiden, weil er einen sehr +wesentlichen Vorzug, einen kräftigen Trost im Leben und Sterben +entbehrt; er verdient mehr, als Mitleiden, er verdient Liebe und +Achtung, wenn er dabei seine Pflichten als Mensch und Bürger, so viel +an ihm ist, treulich erfüllt, und niemand in seinem Glauben irre macht. +Wenn aber die Religionsspötterei in einem lasterhaften Herzen, in der +Sucht, durch Witz und Scharfsinn zu glänzen, und in einem wahnsinnigen +Dünkel eigener Weisheit und Untrüglichkeit ihre Quelle hat, und darauf +ausgeht, Proselyten zu machen, wenn sie öffentlich mit schaalem Witze, +oder nachgebeteten voltairischen Floskeln, der Lehren spottet, auf +welche andre Menschen ihre einzige Hoffnung, ihre zeitliche und ewige +Glückseligkeit bauen; wenn der Religionsverächter verachtet, verleumdet +und schimpft, und Jeden einen Heuchler oder heimlichen Jesuiten schilt, +der nicht wie ~er~ denkt: so ist ein solcher bösartiger Thor unsrer +Verachtung werth, ist werth, daß man ihm diese Verachtung zeige, wäre +er auch ein noch so vornehmer Mann; und wenn man es für vergebliche +Mühe hält, seinem Gewäsche ernsthafte Gründe entgegenzusetzen: so +bringe man ihn wenigstens durch ernsthafte Bekämpfung zum Schweigen! + + + 29. + +Ueber die Art, wie man ~schwermüthige~, ~tolle~ und ~rasende Menschen~ +behandeln müsse, sollte billig ein philosophischer Arzt ein eignes +Werk schreiben. Dieser Mann müßte Leute von der Art in und ausser den +Hospitälern aufsuchen, dieselben genau und in verschiednen Jahrszeiten +und Mondsveränderungen beobachten, und aus den Resultaten dieser +Untersuchungen ein ganzes System ausarbeiten. Mir fehlt es an der Menge +von Thatsachen, so wie an medicinischen Kenntnissen dazu, und hier +würde eine weitläuftige Abhandlung über diesen Gegenstand auch zu viel +Raum wegnehmen, da ich schon so manches Blatt mit Bemerkungen über den +Umgang mit ~nicht eingesperrten Narren~ angefüllet habe. Also nur noch +wenig Zeilen darüber! + +Der wichtigste Punkt scheint bei solchen Kranken anfangs ~der~ zu seyn, +daß man die erste Quelle ihres Uebels aufsuche, daß man ausmittle, +ob und wie dieselben, entweder durch Zerrüttung einzelner Organe, +oder durch Gemüthsleiden, heftige Leidenschaften, oder Unglücksfälle, +entstanden seyn. Zu diesem Endzwecke muß man Acht geben, womit sich +ihre Phantasie in den Augenblicken der Raserei oder Verwirrung, und +ausser denselben, beschäftige, worüber ihre Einbildungskraft brüte. +Da würde sich's denn zeigen, daß man, um diese Unglücklichen nach und +nach zu heilen, mehrentheils nur auf einen einzigen Punkt zu wirken, +in ihnen auf vorsichtige Weise nur eine einzige herrschende Grille zu +zerstören oder zu modificiren brauchte. Ferner würde es wichtig seyn, +darauf Acht zu geben, welche Art von Wetter-Veränderung, Jahreszeit +und Monds-Wandlung Einfluß auf ihre Krankheit habe, um die glücklichen +Augenblicke zur Behandlung und Leitung zu nützen. Endlich habe ich +bemerkt, daß das Einsperren, und jede harte Verfahrungsart fast immer +das Uebel ärger macht. Ich muß bei dieser Gelegenheit mit wahrem, +aufrichtigem Lobe der Einrichtung Erwähnung thun, welche im Irrenhause +in Frankfurt am Mayn herrscht, und welche ich vielfältig zu beobachten +Gelegenheit gefunden habe. Man läßt dort die Wahnsinnigen, wenn es nur +irgend ohne Gefahr geschehen kann, wenigstens in ~den~ Jahrszeiten, von +welchen man weiß, daß alsdann ihre Tollheit weniger heftig ist, unter +unmerklicher Beobachtung frei im Hause und Garten herumgehen; und der +Zuchtmeister verfährt so sanft und liebreich mit ihnen, daß viele +derselben nach einigen Jahren völlig geheilt wieder herauskommen, und +eine größere Anzahl höchstens nur melancholisch bleibt, und allerlei +Handarbeiten zu verrichten im Stande ist, indeß diese Menschen in +manchen andern Hospitälern durch Einsperren und Härte vielleicht im +höchsten Grade wüthend geworden seyn würden. + +Man kann aber auch schwache Menschen stufenweise um ihren Verstand +bringen, wenn man eine heftige Leidenschaft, von welcher sie regiert +werden, sey es Liebe, Hochmuth oder Eitelkeit, nährt, reizt und dann +wieder kränkt. Zwei solcher elenden Geschöpfe erinnere ich mich gesehen +zu haben. Der eine trug ein Hofnarren-Kleid an dem Hofe des Fürsten von +***. Er war in der Jugend ein Mensch von feinem Kopfe, guten Anlagen +und voll Witz gewesen; noch loderten davon in ruhigen Augenblicken +Flammen hervor. Er hatte studiren sollen, aber nichts gelernt, sondern +sich einem lüderlichen Leben überlassen. Als er darauf in sein +Vaterstädtchen zurückkam, behandelte man ihn als einen unwissenden +Müssiggänger, und er selbst fühlte, daß er weiter nichts war. Er +hatte aber einen ungeheuren Hochmuth, und war nicht gänzlich arm. Von +seiner Familie und den Leuten seines Standes verstoßen, fing er nun +an, mit den Hofofficianten des Fürsten von *** sich herumzutreiben. +Seine lustigen Einfälle zogen sogar die Aufmerksamkeit dieses sehr +muntern Herrn auf ihn. Er wurde bald vertraut mit demselben und mit +dem ganzen Hofe, wodurch anfangs seine Eitelkeit gekitzelt wurde; doch +endigte sich das natürlicher Weise damit, daß man ihn mißbrauchte, +und als einen privilegirten Spaßmacher betrachtete. Dieß war indessen +immer noch eine Art von Existenz, die ihm behagte, so lange die +Sache in gewissen Schranken blieb, und es ihm erlaubt war, auf +vertraulichem Fuße mit vornehmen Leuten umzugehen, und ihnen zuweilen +derbe Wahrheiten zu sagen. Weil diese aber sich nicht umsonst so weit +herablassen wollten, auch nicht zu aller Zeit gleich gut aufgelegt +waren, seinen Witz, der zuweilen in das Grobe fiel, anzunehmen: so +erfuhr er Demüthigungen aller Art, bekam zuweilen Schläge, und konnte +doch nun nicht mehr zurück, indem ihm seine Verwandten und Bekannten +in der Stadt mit äusserster Verachtung begegneten, und sein kleines +Vermögen geschmolzen war. -- Und so sank er denn immer tiefer. Er wurde +gänzlich abhängig vom Hofe; der Fürst ließ ihm eine buntschäckigte +Kleidung machen, und es war kein Küchenjunge im Schlosse, der nicht +das Recht zu haben glaubte, einen Spaß von ihm zu begehren, oder ihm +für einen Schoppen Wein einen Nasenstüber zu geben. Aus Verzweiflung +berauschte er sich nun täglich; und war er ja einmal nüchtern, so +nagten die Vorstellungen seiner fürchterlichen Lage, das Gefühl der +unedlen Rolle, welche er spielte, die Anstrengung, neue Spässe zu +erfinden, um nicht auf immer verstoßen zu werden, und sein aufwachender +Hochmuth an seiner Seele, indeß er seinen Körper durch Ausschweifungen +zerrüttete. Er wurde wirklich ein Narr, und einmal so rasend, daß man +ihn ein halbes Jahr hindurch an der Kette verwahren mußte. Als ich ihn +sahe, war er ein alter Mann, trieb sich in einem armseligen Zustande +umher, wurde als ein verrückter Mensch angesehen, war aber mehr ein +Gegenstand des Widerwillens, als des Mitleidens, und hatte doch noch +helle Augenblicke, in welchen er ungewöhnlichen Scharfsinn, Witz und +Genie verrieth, auch, wenn er einen halben Gulden erbetteln wollte, auf +eine feine Weise zu schmeicheln, und mit so schlauer Menschenkenntniß +die schwachen Seiten der Leute zu fassen verstand, daß ich nicht wußte, +ob ich nicht mehr über die Leute, die ihn so tief hinabgestoßen hatten, +als über seine Verirrungen seufzen sollte. + +Der andre Mensch, von welchem ich reden wollte, war einst Verwalter +auf einem adelichen Gute gewesen, nachher aber auf Pension gesetzt +worden. Da nun solchergestalt die Herrschaft nichts mit ihm anzufangen +wußte, trieb sie ihren Spaß mit ihm, indem er sehr dumm und zugleich +hochmüthig und verliebt war. Sie nannten ihn ~Fürst~, gaben ihm einen +Orden, ließen erdichtete Briefe von hohen Potentaten an ihn schreiben, +in welchen ihm entdeckt wurde, daß er eigentlich aus einem großen +Hause abstamme, aber in seiner Jugend entführt worden sey; daß der +Großsultan, welcher unrechtmäßiger Weise seine Länder besäße, ihm nach +dem Leben trachtete; daß eine griechische oder hebräische Prinzessinn +in ihn verliebt sey, und dergleichen mehr. Es mußten lustige Freunde, +als Gesandte verkleidet, in Unterhandlungen mit ihm treten; -- und +kurz! nach wenig Jahren brachte man es dahin, daß der arme Tropf +wirklich verrückt wurde, und diese Thorheiten glaubte. + +Ich enthalte mich aller Anmerkungen über diese beiden Geschichten; der +Leser wird sie ohne meine Anweisung machen können. + + + + + Nachtrag des Herausgebers[3]. + + +Es ist hier der Ort, eines Geschlechts zu gedenken, welches sich leider +seit einiger Zeit so vermehrt und verbreitet hat, daß ein zweiter +Linné nöthig wäre, um es nach allen seinen Gattungen und Arten zu +klassificiren, nämlich die ~Finsterlinge~. Ich will nur drei Hauptarten +beschreiben. + +Den ersten Platz nimmt, wie billig, die Klasse der ~theologischen +Finsterlinge~ ein. Dieß ist eine alte Rasse, die vor einiger Zeit fast +im Aussterben begriffen schien, aber seit Kurzem sich dermaßen besaamt +hat, daß man sie jetzt überall wieder antrifft. Sie schimpft noch immer +auf die Vernunft, als die Wurzel alles Uebels, und verdammt daher jeden +Rationalisten als einen Naturalisten und Atheisten. Um sich durch den +weltlichen Arm zu verstärken, da sie ihre innere Schwäche wohl fühlt, +flüstert sie den Gewalthabern in's Ohr, daß sie ihr Ansehen nicht +behaupten könnten, wenn sie nicht die Forderung des blinden Glaubens +mit aller Macht unterstützten. Das Feldgeschrei der Finsterlinge ist +daher: »machet die Augen zu, daß euch die Sonne nicht blende.« -- +An diese Klasse schließt sich sehr natürlich die der ~politischen +Finsterlinge~. Sie lacht zwar insgeheim über jene, da sie wohl merkt, +daß die Finsterlinge nur durch sie herrschen wollen; aber da sie aus +Erfahrung weiß, daß der weltliche Arm doch zuletzt über den geistlichen +siegt, so nimmt sie die Empfehlung des blinden Glaubens utiliter +an, um damit die Forderung des blinden Gehorsams zu unterstützen. +Die politischen Finsterlinge behaupten demnach, daß, wie nach dem +Emanazionssysteme der morgenländischen Weltweisen alle Dinge von Gott +ausgeflossen seyen, so auch die fürstliche Gewalt unmittelbar von der +göttlichen abstamme: daß sonach die Fürsten, wie Gott, lauter Rechte +ohne Pflichten, die Völker hingegen lauter Pflichten ohne Rechte haben; +daß eben darum von Verträgen zwischen Fürsten und Völkern, und von +Verfassungen, wodurch die Ausübung der fürstlichen Gewalt gesetzlich zu +bestimmen sey, gar nicht die Rede seyn dürfe. Wie nun der ersten Klasse +das Wort Vernunft ein Gräuel ist, so der zweiten das Wort Freiheit; +denn Freiheit, meint sie, sey nur das Losungswort der Rebellen gegen +die Fürsten, wie Vernunft das Losungswort der Rebellen gegen die +Gottheit. Auch hat sie eine Menge von Geschichten bei der Hand, woraus +erhellen soll, daß die Freiheit überall in zügellose Frechheit ausarte +(besonders die Preßfreiheit), und Revolutionen erzeuge, wenn man sie +nur im mindesten gewähren lasse. Das Feldgeschrei dieser Klasse ist +daher: »laßt euch an Ketten legen, damit ihr nicht auf die Nase fallet.« + +Die dritte Klasse kann man die ~ästhetisch-philosophischen +Finsterlinge~ nennen. Diese ziehen gegen den Verstand zu Felde, und +halten es bloß mit dem Gefühle. Jener, sagen sie, kann sich nur in +prosaischer Nüchternheit aussprechen, und tummelt sich auf dem Gebiete +hohler Begriffe herum, dieses aber hebt den Menschen in poetischer +Trunkenheit bis zur unmittelbaren Anschauung des Absoluten selbst. +Daher reden sie in lauter Bildern, Orakeln und Hieroglyphen, die sie +selbst nicht verstehen, und finden es ganz unausstehlich, wenn jemand +es wagt, über irgend einen Gegenstand der Wissenschaft oder Kunst ein +klares, bestimmtes und verständliches Wort zu sprechen. Alles ist +ihnen Eins: Philosophie und Poesie, Kunst und Religion, Staat und +Kirche, Thier und Pflanze, Organisches und Unorganisches, Endliches und +Unendliches; denn alles schauen sie in mystischer Verzuckung mit einem +und demselben Gefühle der Sehnsucht und Liebe an. »Fühlt, fühlt, fühlt! +ist daher ihr Wahlspruch, und solltet ihr auch den Verstand darüber +verlieren!« + +Was wollen denn nun aber alle diese Finsterlinge? Wollen sie sich +in ihrer Blindheit gegen den gewaltigen Strom des geistigen Lebens +stemmen, und bewirken, daß er rückwärts wieder dahin fließe, wovon er +ausgegangen ist? Die ohnmächtigen Thoren! Der Strom wird unaufhaltsam +nach ewigen Gesetzen fortfließen, und sie, selbst wider ihren Willen, +mit sich fortreißen, oder -- verschlingen. + +So weit der Verf. im Freimüthigen. Es frägt sich: wie man diese +Finsterlinge im gesellschaftlichen Umgange behandeln, und wie man sie +bekämpfen und ihnen entgegen wirken solle. Daß ein großes Verdienst +hiebei zu erwerben sey, darf wohl nicht erst gesagt werden; eben so +wenig, daß große Unbefangenheit, Festigkeit und Freimüthigkeit, auch +ein wenig Witz und Scharfsinn dazu gehöre, um sie zum Schweigen zu +bringen, oder wenigstens unangesteckt zu bleiben. Menschen dieser Art +mögen gern durch einen entscheidenden und vornehmen Ton imponiren +und abschrecken; sie mögen sich nicht gern auf Gründe einlassen; sie +haben allerlei Kunstgriffe, wodurch sie dem, der sie mit Gründen und +mit kalter Fassung bekämpft, auszuweichen suchen, oder ihn wo möglich +in Verdacht bringen; sie wissen sich das Ansehen des lebendigsten +Eifers für die Wahrheit zu geben. Durch das alles suchen sie sich ein +Uebergewicht zu verschaffen. Bei dem weiblichen Geschlecht sind sie +wohl angesehen, weil sie seinem Hange zum Schwärmen Nahrung geben, und +es im Helldunkel umherführen. Man wird sie am glücklichsten bekämpfen, +wenn man ihnen eine kalte Besonnenheit und Ruhe entgegensetzt, sie bei +dunklen Redensarten und mystischen Kunstgriffen fest hält, und sich +Erläuterung ausbittet, als wolle man sich von ihnen belehren, und in +ihre Weisheit einweihen lassen; wenn man ihnen allerlei Fragen vorlegt, +durch welche sie genöthigt sind, sich näher zu erklären; wenn man sie +mit Zweifeln bestürmt, und aus ihren Behauptungen Folgerungen zieht, +deren Widersinnigkeit einleuchtet; wenn man solchen Namen, die sie als +unverwerfliche Autoritäten anführen, eben so berühmte entgegenstellt, +die das Recht der Vernunft, zu prüfen und zu forschen, dargethan +und vertheidigt haben; wenn man ihnen besonders den Stifter des +Christenthums, und die Reformatoren, als solche in's Gedächtniß bringt, +die ihren Zeitgenossen das Licht der Vernunft leuchten ließen, und sie +durch ihre ganze Lehrweise ermunterten und nöthigten, ihre Vernunft zu +gebrauchen, dem Alten, wenn es die Prüfung nicht aushielt, zu entsagen, +und das Neue, weil es besser begründet war, dafür anzunehmen. Man +erinnere sie an die Scheiterhaufen, welche die Zeit der Finsterniß +gebaut, und an die Religionskriege, die sie entzündet hat, und frage +sie, ob sie im Ernst wünschen könnten, diese Zeiten mit ihrem blinden +Glauben und ihrer Verketzerungssucht wiederkehren zu sehen. Wer die +Vernunft verdächtig macht (so erkläre man sich männlich gegen sie), +der kündigt aller Wissenschaft und aller wahren Bildung den Krieg an, +und zerstört alle Freiheit, allen Gedanken-Verkehr, und allen wahren +Geistesgenuß; der verwandelt die Schulen in Blinden-Anstalten, die +Hörsäle in Zuchthäuser, die Kirchen in Schauspielhäuser, die Herrschaft +in Sclaverei; der erklärt, daß er auf den Vorzug, selbst zu denken, +Verzicht leiste, und bei gesunden Augen und gesunden Füßen sich +lebenslang als einen Blinden wolle führen lassen. + +Nichts dürfte in unsern Tagen schwerer seyn, als bei guter Vernunft und +wahrer Unbefangenheit des Geistes zu bleiben, denn es wird immer mehr +herrschender Ton, das Begreifliche zu verwerfen, und das Unbegreifliche +als die höchste Weisheit zu rühmen und zu preisen, das Alte zu +bewundern, zu erheben und zu loben, müßte es auch mit Verleugnung +alles guten Geschmacks und aller gesunden Vernunft geschehen; und +den Gefühlen die Entscheidung zu überlassen, müßte auch darüber alle +Lebensweisheit zu Grunde gehen. Glücklicher Weise hat sich noch eine +gute Zahl von Verständigen und Einsichtsvollen unter uns nüchtern, und +bei gesunder Vernunft erhalten, und so ist denn nicht zu fürchten, daß +es den Finsterlingen gelingen werde, das Licht auszublasen, welches +eine bessere Zeit angezündet hat. + + + + + Ueber den + + Umgang mit Menschen. + + + + + Zweiter Theil. + + Einleitung. + + +Der erste Theil dieses Buchs enthält Bemerkungen über den Umgang +mit Menschen von allerlei Art, ohne Rücksicht auf ihre besondern +Verhältnisse unter einander. Die mannigfaltigen natürlichen, häuslichen +und bürgerlichen Verbindungen aber erfordern verschiedene Anwendung +der Regeln des Umgangs und neue Vorschriften für einzelne Fälle. Ich +rede daher in diesem zweiten Theile zuerst von demjenigen, was wir in +der menschlichen Gesellschaft zu beobachten haben, in so fern wir auf +Verschiedenheit des Alters und des Geschlechts, auf Blutsfreundschaft, +auf die ersten Bande des häuslichen Lebens und auf Freundschaft, +Liebe, Dankbarkeit, Wohlwollen, endlich auf die Lagen mancher Art, in +welche Menschen aus allen Ständen gerathen können, unser Augenmerk +richten. Der dritte Theil aber wird die Pflichten entwickeln, die +uns Stand, bürgerliche Verbindung, Uebereinkunft und alle übrigen +zusammengesetztern Verhältnisse auflegen. + + + + + Erstes Kapitel. + + Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter. + + + 1. + +Der Umgang unter Menschen von gleichen Jahren scheint freilich viel +Vorzüge und Annehmlichkeit zu haben. Aehnlichkeit in der Denkungsart, +und wechselseitige Austauschung solcher Ideen, die gleich lebhaft die +Aufmerksamkeit und die Theilnahme erregen, ketten die Menschen an +einander. Jedem Alter sind gewisse Neigungen und leidenschaftliche +Triebe eigen. In der Folge der Zeit verändert sich die Stimmung; man +rückt nicht so fort mit dem Geschmacke und der Mode; das Herz ist nicht +mehr so warm, faßt nicht so leicht Interesse an neuen Gegenständen; +Lebhaftigkeit und Phantasie werden herabgestimmt; manche glückliche +Täuschungen sind verschwunden; viel Gegenstände, die uns theuer waren, +sind um uns her abgestorben, entwichen, unsern Augen entrückt; die +Gefährten unserer glücklichen Jugend sind fern von uns, oder schlummern +schon im Grabe; der Jüngling hört die Erzählungen von den Freuden +unserer schönsten Jahre nur aus Gefälligkeit ohne Gähnen an. Gleiche +Erfahrungen geben reichhaltigern Stoff zur Unterhaltung, als wenn das, +was ein Mensch erlebt hat, dem Andern ganz fremd ist. -- Das alles +leidet keinen Widerspruch; doch rückt Verschiedenheit der Temperamente, +der Erziehung, der Lebensart und der Erfahrungen diese Grenzlinien +oft vor und zurück. Viele Menschen bleiben in gewissem Betrachte ewig +Kinder, indeß Andere vor der Zeit Greise werden. Der an Leib und Seele +abgestumpfte Jüngling, der alle Welt-Lüste bis zum Ekel geschmeckt hat, +findet freilich wenig Genuß im Kreise junger unschuldiger Landleute, +die noch Sinn für einfache Freuden haben: und der alte Biedermann, der +nicht weiter, als höchstens in einem Umkreise von fünf Meilen sich +von seiner Heimath entfernt hat, ist unter einem Haufen erfahrner und +belebter Residenz-Bewohner, mit ihm von gleichem Alter, eben so wenig +an seinem Platze, wie ein betagter Kapuziner in einer Gesellschaft +von alten Gelehrten. Dagegen aber binden auch manche Neigungen, zum +Beispiel die noblen Passionen der Jagd, des Spiels, der Medisance +und des Trunks, vielfältig Greise, Jünglinge und alte Weiber recht +herzlich an einander; diese Ausnahme von jener allgemeinen Bemerkung, +von der Bemerkung: daß der Umgang unter Leuten von gleichen Jahren viel +Vorzüge habe, kann indessen die Vorschriften nicht unkräftig machen, +die ich jetzt über das Betragen, welches man im Umgange mit Menschen +von verschiedenem Alter zu beobachten hat, mittheilen will. Nur muß +ich noch eine Anmerkung hinzufügen: Es ist nicht gut, wenn eine zu +bestimmte Absonderung unter Personen von verschiedenem Alter Statt +findet, wie es zum Beispiel lange in Bern war, wo fast jedes Stufenjahr +seine eignen, angewiesenen, gesellschaftlichen Cirkel hatte, so daß, +wer vierzig Jahre alt war, anständiger Weise nicht mit einem Jünglinge +von fünf und zwanzig Jahren umgehen konnte. Die Nachtheile eines +solchen conventionellen Gesetzes sind wohl nicht schwer einzusehen. +Der Ton, den die Jugend annimmt, wenn sie immer sich selbst überlassen +ist, pflegt nicht der sittlichste zu seyn; manche gute Einwirkung wird +verhindert; und alte Leute bestärken sich in der Selbstsucht, im Mangel +an Duldung, und werden mürrische Hausväter, wenn sie keine andre, als +solche Menschen um sich sehen, die mit ihnen gemeinschaftliche Sache +machen, sobald von Lobeserhebung alter Zeiten und Heruntersetzung der +gegenwärtigen, deren Ton und Vorzüge sie nie kennen lernen, die Rede +ist. + + + 2. + +Selten nehmen ältere Leute so billige Rücksicht, daß sie sich in +Gedanken an die Stelle jüngerer Personen setzten, die Freuden derselben +nicht störten, sondern vielmehr zu befördern, und durch Theilnahme zu +erhöhen suchten. Sie denken sich nicht in ihre eigenen Jugendjahre +zurück; Greise verlangen von Jünglingen dieselbe ruhige, nüchterne, +kaltblütige Ueberlegung, Abwägung des Nützlichen und Nöthigen gegen +das Entbehrliche, dieselbe Gesetztheit, die ihnen Jahre, Erfahrung +und physische Herabspannung gegeben haben. Die Spiele der Jugend +scheinen ihnen unbedeutend, die Scherze leichtfertig. Es ist aber +auch wahrlich erstaunlich schwer, sich so ganz in die Lage zurück zu +denken, in welcher wir vor zwanzig oder dreißig Jahren waren, und bei +dem besten Willen entstehen daraus manche unbillige Urtheile und manche +Uebereilungen bei Erziehung der Jugend. -- O! lasset uns doch lieber +selbst so lange als möglich jung bleiben, und, wenn der Winter unsers +Lebens unser Haar bleicht, und nun das Blut langsamer durch die Adern +rollt, das Herz nicht mehr so warm und laut im Busen pocht, doch mit +theilnehmender Freude auf unsre jüngern Brüder herabsehen, die noch +Frühlings-Blumen pflücken, wenn wir, dicht eingehüllt, am häuslichen, +väterlichen Heerde Ruhe suchen! Lasset uns nicht durch platte +Gemeinsprüche die süßen Freuden der Phantasie niederpredigen! Wenn wir +zurückschauen auf ~jene seligen Tage~, wo ein einziger Liebesblick des +holden Mädchens, das jetzt eine alte runzligte Matrone ist, uns bis +in den dritten Himmel entzückte; wo bei Musik und Tanz jede Nerve in +uns wiederhallte; wo Scherz und Witz jeden trüben Gedanken verjagten; +wo süße Träume, Ahndungen und Hoffnungen, unser Leben erheiterten; -- +o! so lasset uns doch diese glückliche Periode bei unsern Kindern +zu verlängern trachten, und, so viel möglich, an ihrem Wonnegefühle +Theil nehmen! Mit zärtlicher Ehrerbietung drängen sich dann Kind, +Knabe, Mädchen und Jüngling um den freundlichen alten Mann, der sie +zu unschuldiger Fröhlichkeit aufmuntert. Ich bin als Jüngling mit so +liebenswürdigen alten Damen umgegangen, daß ich wahrlich, wenn ich die +Wahl gehabt hätte, an ihrer Seite lieber mein Leben hingebracht haben +würde, als bei manchen hübschen, jungen Mädchen; und wenn bei großen +Tafeln mich, als einen jungen Menschen, die Reihe traf, neben einer +geistesarmen Schönheit Platz zu nehmen, habe ich oft den Mann beneidet, +dem sein Rang ein Recht gab, der Nachbar einer verständigen, muntern +alten Frau zu seyn. + + + 3. + +So schön aber diese gutmüthige Herablassung zu der Stimmung der Jugend +ist, so lächerlich muß es uns vorkommen, wenn ein Greis so sehr Würde +und Anstand verleugnet, daß er in Gesellschaft den Stutzer oder den +lustigen Studenten spielt; wenn die Dame ihre vier Lustra vergißt, +sich wie ein junges Mädchen kleidet, herausputzt, kokettirt, die +alten Gliedmaßen beim Tanze durch einander wirft, oder gar späteren +Generationen Eroberungen streitig machen will. Solche Scenen bewirken +Verachtung: nie müssen Personen von gewissen Jahren Gelegenheit geben, +daß die Jugend ihrer spotte, und die Ehrerbietung, oder irgend eine der +Rücksichten vergesse, die man ihnen schuldig ist. + + + 4. + +Es ist indessen nicht genug, daß der Umgang älterer Leute den jüngern +nicht lästig und hinderlich werde: er muß ihnen auch Nutzen schaffen. +Eine größere Summe von Erfahrungen berechtigt und verpflichtet Jene, +Diese zu unterrichten, zurechtzuweisen, ihnen durch Rath und Beispiel +nützlich zu werden. Dieß muß aber ohne Pedanterei, ohne Stolz und +Anmaßung geschehen, ohne auf eine lächerliche Weise alles anzupreisen, +was alt, und alles zu verwerfen, was neu ist, ohne beständige Huldigung +und unterthänige Aufwartung zu fordern, ohne Langeweile zu erregen, und +ohne sich aufzudringen. Man soll sich vielmehr aufsuchen lassen; und +das wird gewiß nicht fehlen, da gutgeartete junge Leute sich's zur Ehre +zu rechnen pflegen, mit freundlichen und verständigen Greisen umgehen +zu dürfen, und es der Unterhaltung mit einem solchen, der so Manches +gesehen und erlebt hat, und davon gut zu erzählen weiß, nicht an Reiz +fehlt. + + + 5. + +So viel über das Betragen bejahrter Personen gegen jüngere Leute! Jetzt +noch etwas von dem Betragen der Jünglinge im Umgange mit Männern und +Greisen! + +In unsern, von Vorurtheilen so säuberlich gereinigten, aufgeklärten +Zeiten werden manche Empfindungen, welche die Natur uns eingeprägt hat, +wegvernünftelt. Dahin gehört denn auch das Gefühl der Ehrerbietung +gegen das hohe Alter. Unsre Jünglinge werden früher reif, früher klug, +früher gelehrt; durch fleißige Lectüre, besonders der wohlgefüllten +Journale, ersetzen sie, was ihnen an Erfahrung und Einsicht fehlt; +dieß macht sie so weise, über Dinge entscheiden zu können, wovon man +ehemals glaubte, es würde vieljähriges, ämsiges Studium dazu erfordert, +nur einigermaßen ~klar~ darinn zu ~sehen~. Daher entsteht auch jenes +kühne Selbstvertrauen und jene stolze Zuversicht, die schwächere Köpfe +für Unverschämtheit halten, jene Ueberzeugung des eignen Werths, mit +welcher unbärtige Knaben heut zu Tage auf alte Männer herabsehen, und +alles verwerfen und verurtheilen, was nicht mit ihrer untrüglichen +Ansicht übereinstimmt. Das Höchste, was ein Mann von ältern Jahren +von diesen gestrengen Richtern erwarten darf, ist gnädige Nachsicht, +züchtigende Kritik, wohlmeinende Zurechtweisung und Mitleiden mit ihm, +der das Unglück gehabt hat, nicht in diesen glücklichen Tagen, in +welchen die Weisheit, ungesäet und ungepflegt, wie Manna vom Himmel +regnet, geboren worden zu seyn. Ich, der ich auch das Schicksal gehabt +habe, in einem Jahre zur Welt zu kommen, in welchem der größte Theil +der Polyhistoren, von denen ich hier rede, ihre jetzt so scharfen Zähne +noch am Wolfszahn übten, oder gar noch Embryonen waren, -- ich habe +es nicht zu jenem Grade der Aufklärung bringen können, und muß daher +um Verzeihung bitten, wenn ich hier einige Regeln zu geben wage, die +ziemlich nach der alten Mode schmecken werden. -- Doch zur Sache! + + + 6. + +Es gibt viel Dinge in dieser Welt, die sich durchaus nicht anders, als +durch Erfahrung lernen lassen; es gibt Wissenschaften, die durchaus +ein anhaltendes Studium, vielfaches Betrachten von verschiednen +Seiten, und kältres Blut erfodern, daß ich glaube, auch das feurigste +Genie, der feinste Kopf, sollte einem bejahrten Manne, der, selbst bei +schwächern Geistesgaben, Alter und Erfahrung auf seiner Seite hat, +in den mehrsten Fällen einiges Zutrauen, einige Aufmerksamkeit nicht +versagen. Und wäre auch nicht von wissenschaftlichen Fächern die Rede, +so ist doch wohl im Ganzen unleugbar, daß die Summe mannigfaltiger +Erfahrungen, die jeder in der Welt lebende Mann in einer langen Reihe +von Jahren einsammelt, ihn in den Stand setzt, schwankende Ideen zu +berichtigen, idealische Grillen zu vertreiben und diejenigen zurecht +zu weisen, die von ihrer aufgeregten Phantasie, ihrem warmen Blute +und reizbaren Nerven irre geführt werden, und sie dahin zu bringen, +daß sie die Menschen und die Dinge um sich her aus einem richtigern +Gesichtspunkte betrachten. Endlich dünkt es mich so schön, so edel, +Dem, welcher nun nicht lange mehr die Genüsse und Freuden dieser +Welt schmecken kann, den Rest seines Lebens, in welchem gewöhnlich +Sorgen und Kümmernisse zunehmen und der Genuß abnimmt, so leicht als +möglich zu machen, daß ich kein Bedenken trage, dem Jünglinge und +Knaben die uralte Lehre auf's neue zuzurufen: »Vor einem grauen Haupte +sollst Du aufstehen! Ehre das Alter! Suche den Umgang ältrer kluger +Leute! Verachte nicht den Rath der kältern Vernunft, die Warnung des +Erfahrnen! Thue dem Greise, was Du willst, daß man Dir thun solle, wenn +einst Deiner Scheitel Haar versilbert seyn wird! Pflege seiner, und +verlaß ihn nicht, wenn die wilde, leichtfertige Jugend ihn flieht!« + +Uebrigens aber ist es auch gewiß, daß es sehr viele alte Gecke gibt, +an welchen sich das Sprichwort: »Alter schadet der Thorheit nicht,« +bewährt, und dagegen hie und da weise Jünglinge, die schon geerntet +haben, wo Andre noch kaum ihr Handwerksgeräthe zum Graben und Pflügen +schleifen. + + + 7. + +Nun noch etwas von dem Umgange mit Kindern; aber nur sehr wenig! +Denn hiervon weitläuftig reden, das hieße, ein Werk über Erziehung +schreiben, und dieß ist ja nicht mein Zweck. + +Der Umgang mit Kindern hat für einen verständigen Mann unendlich +viel Interesse. Hier sieht er das Buch der Natur in unverfälschter +Ausgabe aufgeschlagen. Er sieht den wahren, einfachen Grundtext, den +man nachher nur unter dem Wuste von fremden Glossen, Verzierungen und +Verbrämungen herausfinden kann; die Anlage zu der Eigenthümlichkeit +des Charakters, die nachher leider gewöhnlich entweder ganz verloren +geht, oder sich hinter der Larve der feinern Lebensart und hinter +conventionelle Rücksichten versteckt, liegt noch offen da: über viele +Dinge urtheilen Kinder, von Systemgeist, Leidenschaft und Gelehrsamkeit +unverführt, weit richtiger, als Erwachsene; sie empfangen manche +Eindrücke weit schneller, haben noch eine große Anzahl Vorurtheile +weniger gefaßt. -- Kurz, wer Menschen studiren will, der versäume +nicht, sich unter Kinder zu mischen! Allein der Umgang mit denselben +erfordert auch eine Vorsicht und Behutsamkeit, eine Klugheit und +Selbstbeherrschung, die im Umgange mit ältern Personen unnöthig ist. +Heilige Pflicht ist es, ihnen auf keine Weise Aergerniß zu geben; sich +leichtfertiger Reden und Handlungen zu enthalten, die von niemand so +lebhaft, als von den, auf alles Neue so aufmerksam horchenden, und +Alles so fein beobachtenden Kindern aufgefangen werden; ihnen in jeder +Art Tugend, in Wohlwollen, Treue, Aufrichtigkeit und Anständigkeit +Beispiel zu geben; -- kurz, zu ihrer Bildung alles nur Mögliche +beizutragen. + +Immer herrsche Wahrheit in Deinen Reden und in Deinem Betragen gegen +diese jungen Geschöpfe! Laß Dich herab (jedoch nicht auf eine Weise, +die ihnen selbst lächerlich vorkommen muß) zu dem Tone, der ihnen nach +ihrem Alter verständlich ist! Zerre, täusche und necke die Kinder +nicht, wie einige Leute die Gewohnheit haben! -- das hat böse Einflüsse +auf den Charakter. + +Gutgeartete Kinder werden durch einen ganz eignen Sinn zu edlen, +liebevollen Menschen hingezogen, wenn diese sich auch nicht besonders +mit ihnen zu thun machen, da sie hingegen Andre fliehen, ob sie ihnen +gleich ausserordentlich gefällig sind. Reinheit, Güte und Einfalt des +Herzens, ist das große Zauberband, wodurch dieß bewirkt wird, und dafür +lassen sich also keine Vorschriften geben. + +Daß das Herz des Vaters und der Mutter an ihren Kindern hängt, ist sehr +natürlich; eine Klugheits-Regel ist es also, wenn uns an der Gunst +der Eltern gelegen ist, ihre geliebten Kinder nicht zu übersehen, +sondern ihnen einige Aufmerksamkeit zu widmen! Weit entfernt von +uns aber bleibe es, den ungezogenen Knaben und Mädchen der Großen +niederträchtiger Weise zu schmeicheln, dadurch den Hochmuth, den +Eigensinn und die Eitelkeit dieser mehrentheils schon so sehr +verderbten kleinen Geschöpfe zu nähren, und ihre moralische Ausartung +recht geflissentlich zu befördern, indem man das Grundgesetz der Natur +übertritt, welches gebietet, daß das Kind dem reifen Alter, nicht aber +der Mann dem Knaben huldige! + +Vor allen Dingen hüte man sich auch, wenn Eltern in unserer Gegenwart +ihren Kindern Verweise geben, die Parthei der Kinder zu nehmen! denn +dadurch werden diese in ihrer Unart bestärkt, und jene in ihrem +Erziehungsplane gestört. + + + + + Zweites Kapitel. + + Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden. + + + 1. + +Das erste und natürlichste Band unter den Menschen, nächst der +Vereinigung zwischen Mann und Weib, ist von jeher das Band zwischen +Eltern und Kindern gewesen. Wenn gleich die Erzeugung an sich nicht +eigentlich absichtliche Wohlthat für die neue Generation ist, so gibt +es doch wohl wenig Menschen, die nicht ganz gut damit zufrieden wären, +daß jemand sich die Mühe gegeben hat, sie in die Welt zu setzen; und +obgleich in unsern Staaten die Eltern ihre Kinder nicht bloß aus freiem +Willen auferziehen, nähren und pflegen, so ist es doch abgeschmackt, +zu sagen: die Sorge und Beschwerde, welche dieß erfordert und nach +sich zieht, lege keine Art von Verbindlichkeit auf, oder: es sey nicht +wahr, daß ein Zug von Wohlwollen, Sympathie und Dankbarkeit uns denen +Personen näher bringe, deren Fleisch und Blut wir sind, unter deren +Herzen wir gelegen, die uns genährt, für uns gewacht, gesorgt, die +alles mit uns getheilt haben. Es ist Versündigung gegen die Natur, dieß +zu behaupten. + +Unmittelbar auf diese folgt die Verbindung unter den Zweigen ~eines~ +Stammes. Die Mitglieder derselben Familie, durch ähnliche Organisation, +gleichförmige Erziehung und gemeinschaftliches Interesse harmonisch +gestimmt und an einander geknüpft, fühlen für einander, was sie für +Fremde nicht fühlen; und fremder werden ihnen die Menschen, je mehr +sich dieser Kreis erweitert. + +Vaterlands-Liebe ist schon ein zusammengesetzteres Gefühl, +aber immer noch inniger, wärmer und lebhafter, als Weltbürger-Geist, +für einen Menschen, der nicht, früh verwiesen aus der bürgerlichen +Gesellschaft, ein Abentheurer geworden ist, und von Land zu Land +irrend, kein Eigenthum und keinen Sinn für bürgerliche Pflichten +gewonnen hat. Wer die Mutter nicht liebt, deren Brüste er gesogen hat; +wessen Herz bei dem Anblicke der Gefilde nicht warm wird, in welchen +er die unschuldigen, glücklichen Jahre seiner Jugend fröhlich und +sorgenlos verlebt hat: -- was für ein Eifer oder welche Theilnahme +für das Wohl der Gesellschaft läßt sich von einem Solchen erwarten, +da Eigenthum, Moralität, und alles, was den Menschen auf dieser Erde +irgend theuer seyn kann, doch am Ende auf Erhaltung und Werthschätzung +jener Familien- und Vaterlands-Bande beruhet? + +Daß aber diese Bande täglich lockrer werden, beweist nichts, als +daß wir uns täglich weiter von der edlen Ordnung der Natur und +deren Gesetzen entfernen; und wenn ein schiefer Kopf, den sein +Vaterland als ein unbrauchbares Mitglied ausstößt, weil er sich den +Gesetzen nicht unterwerfen will, unzufrieden mit dem Zwange, den +ihm Sittlichkeit und bürgerliches Gesetz auflegen, behauptet, es +sey des Philosophen würdig, alle engere Verbindungen aufzulösen, +und kein anderes Band anzuerkennen, als das allgemeine Bruderband +unter allen Erdbewohnern: so beweist das nichts weiter, als daß +keine Behauptung so widersinnig und so närrisch ist, die nicht in +unsern Tagen in irgend einem philosophischen Systeme als Grundpfeiler +aufgestellt würde. -- Glückliches Jahrhundert, in welchem man so große +Entdeckungen macht, wie zum Beispiel: daß man, um lesen zu lernen, +nicht mit den Buchstaben und Silben bekannt zu seyn brauche, und +daß man, um alle Menschen zu lieben, keinen Einzelnen lieben dürfe! +Jahrhundert der Universal-Arzeneien, der Philalethen, Philantropen, +Alchymisten und Cosmopoliten! wohin wirst Du uns noch führen? Ich sehe +im Geiste allgemeine Aufklärung sich über alle Stände verbreiten; +ich sehe den Bauer seinen Pflug müßig stehen lassen, um dem Fürsten +über Gleichheit der Stände und über die Schuldigkeit, die Last des +Lebens gemeinschaftlich zu tragen, eine Vorlesung zu halten; ich +sehe, wie Jeder die ihm unbequemen Vorurtheile wegraisonnirt, wie +Gesetze und bürgerliche Einrichtung der Willkühr weichen, wie der +Klügre und Stärkre sein natürliches Herrscher-Recht zurückfordert, +und seinen Beruf, für das Beste der ganzen Welt zu sorgen, auf Kosten +der Schwächern gültig macht; wie Eigenthum, Staats-Verfassungen und +Grenzlinien aufhören, wie Jeder sich selbst regiert, und sich ein +System zur Befriedigung seiner Triebe erfindet. -- O gebenedeietes, +goldenes Zeitalter! dann machen wir Alle nur ~eine~ Familie aus; dann +drücken wir den edeln, liebenswürdigen Menschenfresser brüderlich an +unsre Brust, und wandeln, wenn dies Wohlwollen sich erweitert, endlich +auch mit dem genialen Orang-Outang Hand in Hand durch dies Leben. Dann +fallen alle Fesseln ab; dann schwinden alle Vorurtheile; ich brauche +nicht meines Vaters Schulden zu bezahlen, habe nicht nöthig, mich +mit ~einem~ Weibe zu begnügen, und das Schloß vor meines Nachbars +Geldkasten ist kein Hinderniß, mein angeborenes Recht auf das Gold, das +die mütterliche Erde uns Allen darreicht, in Ausübung zu bringen[4]. + +So weit sind wir nun aber noch nicht gekommen; und da es viele Menschen +gibt, unter die auch ich gehöre, die sich von der Schwachheit nicht +losmachen können, ihre Verwandten zu lieben, und Sinn für häusliche +Freuden, für das Familienband zu haben, so will ich doch hier einige +Bemerkungen über den Umgang unter Blutsfreunden liefern. + + + 2. + +Es gibt Eltern, die, in einem beständigen Wirbel von Zerstreuungen +umhergetrieben, ihre Kinder kaum ein Paar Stunden des Tages sehen, +ihren Vergnügungen nachrennen, und indeß Miethlingen die Bildung ihrer +Söhne und Töchter überlassen, oder, wenn diese schon erwachsen sind, +mit ihnen auf einem so fremden, höflichen Fuße leben, als ob sie ihnen +gar nicht angehörten. Wie unnatürlich und unverantwortlich ein solches +Verfahren sey, das bedarf wohl keines Beweises. Es gibt aber andre +Eltern, die von den Kindern eine so sclavische Ehrerbietung und so viel +peinliche Rücksichten und Aufopferungen fordern, daß durch den Zwang +und den gewaltigen Abstand, der hieraus entsteht, alles Zutrauen, alle +Herzens-Ergießung wegfällt, so daß den Kindern die Stunden, welche +sie an der Seite ihrer Eltern hinbringen müssen, fürchterlich und +langweilig vorkommen. Noch Andre vergessen, daß Knaben auch endlich +Männer werden; sie behandeln ihre erwachsenen Söhne und Töchter immer +noch wie kleine Unmündige, gestatten ihnen nicht den geringsten freien +Willen, und trauen den Einsichten derselben nicht das Mindeste zu. +-- Das alles sollte nicht so seyn. Ehrerbietung besteht nicht in +feierlicher, kalter und strenger Entfernung, sondern kann recht gut +mit liebevoller Vertraulichkeit und freier Mittheilung bestehen. Man +liebt Den nicht, an welchen man kaum hinauf zu schauen wagen darf; +man vertrauet sich dem nicht, der immer mit steifem Ernste Gesetz +predigt; Zwang tödtet alle edle, freiwillige Hingebung. Was kann +hingegen entzückender seyn, als der Anblick eines geliebten Vaters +mitten unter seinen erwachsenen Kindern, die nach seinem weisen und +freundlichen Umgange sich sehnen, keinen Gedanken ihres Herzens vor +~dem~ verbergen, der ihr treuester Rathgeber, ihr nachsichtsvoller +Freund ist, der an ihren unschuldigen, jugendlichen Freuden Theil +nimmt, oder sie wenigstens nicht stört, und mit ihnen als mit seinen +besten und natürlichsten Freunden lebt! -- Eine Verbindung, zu welcher +sich alle Empfindungen vereinigen, die nur den Menschen theuer seyn +können. -- Stimme der Natur, Sympathie, Dankbarkeit, Aehnlichkeit des +Geschmacks, gleiches Interesse und Gewohnheit des Umgangs! Allein diese +Vertraulichkeit kann auch übertrieben werden, und ich kenne Väter und +Mütter, die sich dadurch verächtlich machen, daß sie die Gefährten der +Ausschweifungen ihrer Kinder, oder gar, wenn diese besser sind, als sie +selbst, mit ihren Lastern, die sie nicht einmal zu verbergen suchen, +das Gespötte oder der Abscheu derer werden, denen sie ein Vorbild der +Tugend seyn sollten. + + + 3. + +Es ist in unsern Tagen nichts Seltenes, Kinder zu sehen, die ihre +Eltern vernachlässigen, oder undankbar, unehrerbietig und unedel +behandeln. Die Jünglinge finden ihre Väter nicht weise, nicht +unterhaltend, nicht aufgeklärt genug. Das Mädchen hat Langeweile bei +der alten Mutter, und vergißt, wie manche langweilige Stunde diese +bei seiner Wiege, bei Wartung desselben in gefährlichen Krankheiten, +oder bei den kleinen schmutzigen Arbeiten zugebracht, wie sie sich in +den schönsten Jahren ihres Lebens so manches Vergnügen versagt hat, +um für die Erhaltung und Pflege des kleinen ekelhaften Geschöpfs zu +sorgen, das vielleicht ohne diese Sorgfalt nicht mehr da seyn würde. +Die Kinder vergessen, wie viel schöne Stunden sie ihren Eltern durch +ihr betäubendes Geschrei verdorben, wie viel schlaflose Nächte sie +dem sorgsamen Vater gemacht haben, der alle Kräfte aufbot, für seine +Familie zu arbeiten, der sich so manche Bequemlichkeit entziehen, +so mancher Beschwerde unterwerfen, und vielleicht vor Schurken sich +krümmen mußte, um Unterhalt für die Seinigen zu erringen. Gutgeartete +Gemüther werden indessen nie so sehr das Gefühl der Dankbarkeit +ersticken, daß sie meiner Ermahnungen bedürften; und für niedre Seelen +schreibe ich nicht. Nur erinnere ich, daß, wenn auch Kinder Ursache +hätten, sich der Schwachheiten, oder gar der Laster ihrer Eltern +zu schämen, sie doch weiser und edler handeln, wenn sie die Fehler +derselben so viel möglich zu verstecken suchen, und im äussern Umgange +nie die Ehrerbietung aus den Augen setzen, die sie ihnen auch selbst +bei Verirrungen und Fehltritten schuldig sind. Segen des Himmels +und Achtung aller gutgesinnten Menschen sind der sichere Preis der +Sorgfalt, welche die Söhne und Töchter auf die Pflege, Erhaltung und +liebevolle Behandlung ihrer Eltern verwenden. Traurig ist die Lage +eines Kindes, welches durch die Uneinigkeit, in welcher seine Eltern +leben, oder durch ihre leidenschaftlichen Ausbrüche in Verlegenheit +geräth, Parthei ~für~ oder ~gegen~ Vater oder Mutter nehmen zu sollen. +Vernünftige Eltern werden es aber immer sorgfältig vermeiden, ihre +Kinder in solche unglückliche Zwistigkeiten zu verwickeln, und gute +Kinder werden dabei mit Vorsichtigkeit und Zartgefühl zu Werke gehen, +und sich eben so sehr von Redlichkeit und Klugheit leiten lassen. + + + 4. + +Man hört so oft darüber klagen, daß man unter fremden Leuten mehr +Schutz, Beistand und Anhänglichkeit finde, als bei seinen nächsten +Blutsfreunden; allein ich halte diese Klage größtentheils für +ungerecht. Freilich gibt es unter Verwandten Menschen ohne Liebe und +Theilnahme, und in einer zahlreichen Familie müssen sie allerdings +häufiger vorkommen, so daß wohl Mancher unter Fremden mehr Wohlwollen +und Zuneigung findet, als unter seinen nächsten Anverwandten; aber wer +dies Schicksal hat, spreche sich nicht von der Verschuldung frei, und +seufze nicht zu sehr darüber, wenn ihm nahe Verwandte Theilnahme und +Aufmerksamkeit schuldig bleiben; und suche Trost bei der Freundschaft. +Auch fordert man wohl oft von seinen Herren Oheimen und Frauen Basen +mehr, als man billiger Weise verlangen sollte. Unsre politischen +Verfassungen, und der täglich mehr überhandnehmende Luxus machen es +wahrlich nothwendig, daß Jeder vor allem für sein Haus, für Weib und +Kinder sorge, und die Herren Vettern für sich selbst sorgen lasse, die +oft, als unwissende und verschwenderische Tagediebe, in der sichern +Zuversicht, von ihren mächtigen und reichen Verwandten nicht verlassen +zu werden, sorglos in die Welt hinein leben. Unmöglich kann der Mann, +dem Pflicht und Gewissen heilig sind, solche Erwartungen befriedigen, +ohne ungerecht gegen Andre zu handeln. Um nun diesen unangenehmen +Collisionen sich nie auszusetzen, rathe ich, zwar die herzliche +Vertraulichkeit, die den Umgang im Familien-Kreise so angenehm macht, +nicht zu verletzen, aber so wenig als möglich bei Blutsfreunden +Erwartungen von Unterstützungen und Schutz zu nähren und zu erwecken, +wohl aber jede Gelegenheit, sich seiner Verwandten anzunehmen, in +so fern es ohne Unbilligkeit gegen bessere Menschen geschehen kann, +freudig zu ergreifen, ohne gerade zu fordern, daß es immer mit +Dankbarkeit erkannt und mit Klugheit benutzt werden solle. Dagegen ist +es höchst gewissenlos, wenn man sich von der Vorliebe für Verwandte +verleiten läßt, Menschen ohne Talent und ohne guten Willen zu wichtigen +Aemtern zu verhelfen, und Verdienstvolle zurückzudrängen. + +Ausserdem läßt sich auf den Umgang mit Verwandten noch dasjenige +anwenden, was weiter unten von dem Umgange unter Eheleuten und Freunden +wird gesagt werden, nämlich, daß Menschen, die sich lange kennen, und +oft ohne Larve und Schminke sehen, doppelt vorsichtig in ihrem Betragen +seyn müssen, damit einer des Andern nicht müde, und wegen kleiner +Fehler nicht blind gegen größere Tugenden werde. + +Endlich wäre es auch zu wünschen, daß zahlreiche Familien in mittlern +Städten nicht ganz ausschließend ~unter sich~ leben möchten, weil +dadurch die Gesellschaft in kleine abgesonderte Theile zerschnitten +wird, und eine starre Einseitigkeit und Eintönigkeit sich erzeugt, +neben der Selbstsucht, die ebenfalls durch solche Abgeschlossenheit +eine zu reiche Nahrung erhält, und neben der Unfreundlichkeit, mit +welcher gewöhnlich Fremde in solchen Familien behandelt werden, so daß +sie gleichsam verrathen und verkauft sind. + +Doch nun noch ein Paar Anmerkungen! Die erste: alte Vettern und +Tanten, besonders unverheirathete, pflegen so gern zu hofmeistern, +ihre podagrischen und hysterischen Launen an ihren erwachsenen Nichten +und Neffen auszulassen, und diese zu behandeln, als liefen sie noch +im Rollwägelchen herum. -- Ich denke, das sollten sie bleiben lassen. +Dadurch sind wirklich die alten Tanten und Onkel zum Sprichworte +geworden, und manche Erbschaft wird doch in der That zu theuer erkauft, +wenn man dafür so viel einschläfernde, saft- und kraftlose Predigten +anhören muß. Auch sorgen alte Leute gar schlecht für sich selbst und +ihren Lebensabend, wenn sie durch Straf- und Sittenpredigten die junge +Welt von sich zurückstoßen, da sie gewiß von ihren jungen Verwandten +mit Freuden liebevoll gepflegt und gewartet werden würden, wenn +sie weniger säuerlich in ihrem Betragen gegen sie wären. Die andre +Anmerkung: Es herrscht in manchen Städten, besonders in Reichsstädten, +ein äußerst steifer und übler Ton unter den Personen ~einer~ Familie. +Bürgerliche, ökonomische und andre Rücksichten zwingen sie, sich oft +zu sehen, und dennoch zanken, necken, hassen sie sich unaufhörlich +unter einander, und machen sich dadurch das Leben sehr schwer. Wo gar +keine Sympathie in der Denkungsart Statt findet, wo gar keine Einigkeit +und Freundschaft herrschet, da lasse man sich doch lieber ungeplagt, +betrage sich höflich gegen einander, wähle sich aber Freunde nach +seinem Herzen! + + + + + Drittes Kapitel. + + Von dem Umgange unter Eheleuten. + + + 1. + +Eine weise und verständige Wahl bei Knüpfung der wichtigsten Verbindung +im menschlichen Leben ist freilich das sicherste Mittel, um in der Ehe +glücklich zu seyn, und im Umgange mit dem Gatten die reinsten Freuden +des Lebens zu finden. Aber diese Wahl gelingt, wie die Erfahrung +lehrt, selbst den Einsichtsvollsten und Gebildetsten nur selten; die +meisten lassen sich von Gefühlen und von ihrer gereizten Sinnlichkeit +übermannen, und greifen fehl. Wie selten, daß gleichgestimmte Seelen +sich in der Ehe vereinigen, und wie oft dagegen, daß Menschen +sich vereinigen, deren Neigungen, Gesinnungen und Charaktere im +vollkommensten Widerspruche stehen. Gewiß ist die Lage solcher Eheleute +(und ein solcher Ehestand heißt wohl mit Recht ein Wehestand) höchst +traurig, eine Existenz voll immerwährender herber Aufopferung, ein +Stand der schwersten Sclaverei, ein Seufzen unter den eisernen Fesseln +der Nothwendigkeit, ohne Hoffnung einer andern Erlösung, als wenn der +dürre Knochenmann mit seiner Sense dem Unwesen ein Ende macht. + +Nicht weniger unglücklich ist dies Band, wenn auch nur von ~einer~ +Seite Unzufriedenheit und Abneigung die Ehe verbittern, wenn nicht +freie Wahl, sondern politische oder ökonomische Rücksichten, Zwang, +Verzweiflung, Noth, Dankbarkeit, +dépit amoureux+, ein Ungefähr, eine +Grille, oder nur körperliches Bedürfniß, wobei das Herz keine Stimme zu +geben hatte, die Verbindung knüpfte; wenn der eine Theil, unbescheiden +und ungerecht in seinen Forderungen, immer nur empfangen, nie geben +will, unaufhörlich begehrt, Befriedigung aller Bedürfnisse, Hülfe, +Rath, Aufmerksamkeit, Unterhaltung, Vergnügen, Trost im Leiden fordert, +-- und dagegen nichts leistet. Wähle also mit großer Vorsicht die +Gefährtin Deines Lebens, und frage nicht bloß Dein leicht getäuschtes +Herz, laß Dich nicht bloß von sinnlichem Wohlgefallen bestimmen, wenn +Deine künftige häusliche Glückseligkeit nicht ein Spiel des Zufalls +seyn soll! + + + 2. + +Erwägt man aber, daß gewöhnlich auch diejenigen Ehen, welche auf eigner +Wahl beruhen, in einem Alter und unter Umständen geschlossen werden, +wo weniger reife Ueberlegung und Vernunft, als blinde Leidenschaft +und Naturtrieb diese Wahl bestimmen, obgleich man im Brautstande +wohl sehr viel von Sympathie und Herzenshange träumt oder schwatzt: +so sollte man sich beinahe darüber verwundern, daß es noch so viel +glückliche Ehen in der Welt gibt. Aber die weise Vorsehung hat alles +so herrlich geordnet, daß eben das, was diesem Glücke im Wege zu +stehen scheint, dasselbe vielmehr befördert. Ist man in den Jahren der +Jugend weniger geschickt zu weiser Wahl, so ist man von der andern +Seite auch noch geschmeidiger, leichter zu leiten, zu bilden, und +nachgiebiger, als in dem reifern Alter. Die Ecken -- möchten sie auch +noch so scharf seyn! -- schleifen sich leichter an einander ab, und +fügen sich, wenn der Stoff noch weich ist. Man nimmt die Sachen nicht +so genau, wie nachher, wenn Erfahrung und Schicksale uns ekel und +vorsichtig gemacht, und große Forderungen in uns erweckt haben; wenn +die kältere Vernunft alles abwägt, jeden Verlust an Genuß sehr hoch +anschlägt, und ängstlich genau berechnet, wie wenig Jahre man noch +vielleicht zu leben habe, und wie geizig man mit Zeit und Vergnügen +seyn müsse. Entstehen unter jungen Eheleuten leicht Zwistigkeiten, so +ist auch die Versöhnung desto leichter gestiftet. Widerwille und Zorn +fassen nicht so feste Wurzel; und da die Sinnlichkeit hier als die +kräftigste Vermittlerin auftritt, so wird oft der heftigste Streit +durch eine einzige eheliche Umarmung wieder geschlichtet. Dazu kommen +denn nach und nach Gewohnheit, Bedürfniß mit einander zu leben, +gemeinschaftliches Interesse, häusliche Geschäfte, die uns nicht viel +Zeit zu müßigen Grillen lassen, Freude an Kindern, gemeinschaftliche +Sorgfalt für ihre Erziehung und Versorgung, -- welches alles, statt die +Last des Ehestandes zu erschweren, in den Jahren, wo Jugend, Kräfte +und Munterkeit mitwirken, dies Joch sehr süß macht, und manche reine +oder unverhoffte Freude gewährt, welche doppelt genossen wird, wenn +man sie mit einer zärtlichen und feinfühlenden Gattin theilt. Nicht +also im männlichen Alter. Da fordert man mehr für sich, will ernten, +genießen, nicht neue Bürden übernehmen; man will gepflegt seyn; der +Charakter hat eine starre Festigkeit erlangt, und mag sich nicht mehr +umformen lassen; die Begierden dringen nicht so laut auf Befriedigung. +Nur wenig Ausnahmen mögten hier Statt finden, und diese nur unter +den edelsten Menschen, die bei zunehmenden Jahren nachsichtiger, +sanfter werden, und, fest überzeugt von der allgemeinen Schwäche der +menschlichen Natur, wenig fordern und gern mit Aufopferung leisten, was +gefordert werden mag; aber immer ist dies eine Art von Heroismus, eine +heldenmüthige Selbstverleugnung, und hier ist ja von wechselseitiger +Glückseligkeits-Beförderung die Rede; -- darum kann man wohl in diesem +Alter nicht behutsam genug bei der Wahl einer Gattin zu Werke gehen, +nicht ernsthaft genug die Warnung bedenken: der Wahn ist kurz, die +Reu ist lang. Wer sich in männlichen Jahren auf diese Weise übereilt, +der mag dann die Folgen von den Thorheiten tragen, zu welchen ein +Jünglings-Kopf auf Mannes-Schultern verführt! + + + 3. + +Ich glaube nicht, daß eine völlige Gleichheit in Temperamenten, +Neigungen, Denkungsart, Fähigkeiten und Geschmack, durchaus erfordert +werde, um eine zufriedene Ehe zu stiften, vielmehr mag wohl zuweilen +gerade das Gegentheil (nur nicht in zu hohem Grade, noch in +Haupt-Grundsätzen, noch ein zu beträchtlicher Unterschied von Jahren) +mehr Glück gewähren. Bei einem Bande, das auf gemeinschaftlichem +Interesse beruht, und wo alle Ungemächlichkeit des einen Theils +zugleich mit auf den andern fällt, ist es, zur Vermeidung übereilter +Schritte und deren Folgen, oft sehr gut, wenn die zu große +Lebhaftigkeit, das rasche Feuer des Mannes, durch Sanftmuth oder ein +wenig Phlegma von Seiten des Weibes gedämpft wird, und umgekehrt. +So würde auch mancher Haushalt zu Grunde gehen, wenn beide Eheleute +gleichviel Lust an Aufwand, Pracht, Ueppigkeit, einerlei Liebhaberei, +oder gleichviel Hang zu einer nicht immer wohlgeordneten Wohlthätigkeit +und Geselligkeit hätten; und da unsre jungen Roman-Leser und Leserinnen +gemeiniglich die Ideale zu ihren künftigen Lebens-Gefährten nach ihrem +eignen werthen Ich schnitzeln, so ist es doch so übel nicht, wenn +zuweilen ein alter grämlicher Vater oder Vormund einen Querstrich durch +dergleichen Verbindungsplane macht. -- So viel nur von der Wahl des +Gatten! und das ist beinahe schon mehr, als eigentlich hieher gehört. + + + 4. + +Wichtig ist die Sorgfalt, welche Eheleute anwenden müssen, wenn sie +sich täglich sehen und immer wieder sehen müssen, daß dieser enge +und vertraute Umgang ihrer Liebe nicht nachtheilig werde, und sie +nicht verleite, ungerecht gegen einander zu werden. Denn da sie +Muße und Gelegenheit genug haben, Einer mit des Andern Fehlern und +Launen bekannt zu werden, und selbst durch die kleinsten derselben +manche Ungemächlichkeit leiden müssen, so kann es leicht geschehen, +daß sie sich gegenseitig lästig, langweilig, kalt und gleichgültig +gegen einander werden, oder gar Ekel und Abneigung empfinden. +Hier ist also weise Vorsicht im Umgange nöthig. Verstellung würde +hier das unglücklichste und strafbarste Mittel seyn; aber einer +gewissen Achtsamkeit auf sich selbst, und der möglichsten Entfernung +alles dessen, was sicher widrige Eindrücke machen muß, soll man +sich befleißigen. Man setze daher vor allen nie gegen einander +jene Gefälligkeit und Artigkeit aus den Augen, die sehr wohl mit +Vertraulichkeit bestehen mag, und die den Mann von feiner Erziehung +bezeichnet! Ohne sich durch Kaltsinn und Entfernung fremd zu werden, +sorge man doch dafür, daß man nicht durch oft wiederholte Gespräche +über dieselben Gegenstände einander langweilig werde, daß man sich +nicht gleichsam auswendig lerne, so daß endlich jedes Gespräch der +Eheleute unter vier Augen lästig scheint, und man sich nach fremder +Unterhaltung sehnt! Ich kenne einen Mann, der eine Anzahl Anekdötchen +und Einfälle besitzt, die er nun schon so oft seiner Frau, und in +deren Gegenwart fremden Leuten ausgekramt hat, daß man dem guten Weibe +jedesmal Ekel und Ueberdruß ansieht, so oft er mit einem dergleichen +Stückchen angezogen kömmt. Wer gute Bücher liest, Gesellschaften +besucht, und nachdenkt, der wird ja täglich neuen Stoff zu anziehenden +Gesprächen finden; aber freilich reicht dieser nicht zu, wenn man den +ganzen Tag müssig einander gegenüber sitzt; und man darf sich daher +nicht wundern, wenn man Eheleute antrifft, die, um dieser tödtenden +Langenweile auszuweichen, die sie einander verursachen, wenn gerade +keine andere Gesellschaft aufzutreiben ist, mit einander halbe Tage +lang Piquet spielen, oder sich zusammen an einer Flasche Wein ergötzen. +Sehr gut ist es daher, wenn der Mann bestimmte Berufsarbeiten hat, +die ihn wenigstens einige Stunden täglich an seinen Schreibtisch +fesseln, oder ausser Hause rufen; wenn zuweilen kleine Abwesenheiten, +Reisen in Geschäften und dergleichen seiner Gegenwart neuen Reiz geben. +Ihn erwartet dann sehnsuchtsvoll die treue Gattin, die indeß ihrem +Hauswesen vorgestanden und alles für seine Wiederkunft geschmückt +und gesäubert hat. Sie empfängt ihn liebreich und freundlich; die +Abendstunden gehen unter frohen Gesprächen, bei Verabredungen, die das +Wohl ihrer Familie zum Gegenstande haben, im häuslichen Cirkel vorüber, +und man wird sich einander nie überdrüssig. Es gibt eine feine, +bescheidene Art, sich rar zu machen, zu veranlassen, daß man sich nach +uns sehne; diese soll man studiren. Auch im Aeussern soll man alles +entfernen, was zurückscheuchen könnte. Man soll sich seinem Gatten, +seiner Gattin, nicht in einer ekelhaften, schmutzigen Kleidung zeigen, +sich zu Hause nicht zu viel Unmanierlichkeiten erlauben -- das ist man +ja schon sich selber schuldig -- und vor allen Dingen, wenn man auf dem +Lande lebt, nicht ~verbauern~, nicht pöbelhafte Sitten, noch niedrige, +plumpe Ausdrücke im Reden annehmen, noch unreinlich, nachlässig an +seinem Körper werden. Denn wie ist es möglich, daß eine Frau, die +unaufhörlich an ihrem Manne Fehler und Unanständigkeiten wahrnimmt, +von welchen sie alle übrige, mit welchen sie umgeht, frei erblickt, +denselben vor allen andern gern sehen, schätzen und lieben könne? Noch +einmal! wenn die Ehe ein Stand der unaufhörlichen Selbstverleugnung +und Aufopferung wird, wenn ihre Pflichten als ein schweres Gewicht auf +uns liegen: dann kann sie nur ein Zustand der Qual, keine Quelle der +Zufriedenheit seyn. + + + 5. + +Eine Haupt-Vorschrift aber für alle Stände und für alle Verhältnisse +wende man auch auf den Ehestand an! Sie ist diese: Erfülle so +sorgsam, so pünktlich, so nach einem festen Plane und nach festen +Grundsätzen Deine Pflichten, daß Du, wo möglich, darin alle Deine +Bekannten übertreffest: so wirst Du auch auf die wärmste Hochachtung +Deines Ehegatten Anspruch machen können, und in der Folge alle +Diejenigen verdunkeln, welche nur durch ~einzelne~ glänzende +Eigenschaften augenblickliche vortheilhafte Eindrücke machen. Aber +erfülle sie auch alle, diese Pflichten! Der Mann prahle nicht etwa +mit seiner Uneigennützigkeit, mit seinem Fleisse, mit seiner guten +Hauswirthschaft, mit der Achtung guter Männer, indeß er sich in der +Stille wöchentlich ein paarmal ein Räuschchen trinkt! Die Frau poche +nicht auf ihre Keuschheit und unverletzte Treue, welche vielleicht das +Verdienst des Zufalls oder eines kalten Temperaments ist, indem sie +sorglos die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigt! Nein; wer Achtung +und Zuneigung als Pflicht fordert, der muß auch Achtung und Zuneigung +zu verdienen wissen; und wenn Du willst, daß Deine Frau Dich unter +allen Menschen am mehrsten ehren und lieben solle, so verlaß Dich +nicht darauf, daß sie Dir's am Altare versprochen hat, -- wer kann so +etwas versprechen? -- sondern darauf, daß Du alle Kräfte aufbieten +willst, besser zu seyn als Andre! aber besser in jedem Betrachte; nur +den Folgen nach lassen sich Tugenden und Laster klassificiren; denn +übrigens sind sie alle gleich wichtig, und ein sorgloser Hausvater +ist eben so strafbar, wie ein unkeusches Eheweib. Allein das ist der +Menschen gewöhnliche Art zu handeln! Sie eifern gegen Laster, zu +welchen sie keinen Hang haben, und denken nicht, daß die Verabsäumung +wichtiger Tugenden ein so schweres Verbrechen ist, wie die Ausübung +einer bösen That. Ein altes Weib verfolgt mit wüthendem Grimm ein armes +junges Mädchen, das durch Temperament und Verführung zu einem Fehltritt +ist verleitet worden; daß aber die gute Matrone ihre Kinder in +thierischer Vernunftlosigkeit hat aufwachsen lassen, darüber glaubt sie +keine Verantwortung geben zu dürfen: -- hat sie doch nie die eheliche +Treue verletzt! -- Sorgsame Pflicht-Erfüllung ist also das sicherste +Mittel, um der fortdaurenden Zärtlichkeit seines Ehegatten gewiß zu +seyn, denn Hochachtung ist die kräftigste Nahrung für die Liebe. + + + 6. + +Bei dem Allen aber wird es nicht fehlen, daß nicht zuweilen fremde +liebenswürdige Menschen auf kurze Zeit vortheilhaftere Eindrücke auf +Ehegenossen machen sollten, als sie ihrer Ruhe wegen wünschen und ihrer +Eitelkeit wegen fürchten möchten. Es ist nicht zu erwarten, daß, wenn +die erste blinde Liebe verraucht ist, -- und die verraucht denn doch +bald, -- eine so zärtliche Vorliebe eintreten wird, daß man gegen die +Vorzüge anderer Leute gänzlich blind und gefühllos seyn sollte. Dazu +kommt, daß Personen, mit denen wir seltener umgehen, sich immer von +ihren besten Seiten zeigen und uns mehr schmeicheln, als die, mit +denen wir täglich leben. Eindrücke von der Art werden aber bald wieder +verschwinden, wenn nur der Gatte fortfährt, seine Pflichten treulich zu +erfüllen, und wenn er keinen niedrigen Neid, keine närrische Eifersucht +blicken läßt, die ohnehin nie gute, sondern allemal schlimme Folgen +hat. Liebe und Achtung lassen sich nicht erzwingen, nicht ertrotzen; +ein Herz, das bewacht werden muß, ist wie der Mammon eines Geizigen, +mehr eine unnütze Last, als ein wahrer Schatz, und man wird seiner nie +froh; Widerstand reizt; keine Wachsamkeit ist so groß, daß sie nicht +hintergangen werden könnte, und es liegt in der Natur des Menschen, daß +man ein Gut, das vielleicht sonst gar keinen Reiz für uns haben würde, +doppelt eifrig wünscht, sobald der Besitz desselben mit Schwierigkeiten +für uns verbunden ist. + +Jene kleinen Künste, die häufig unter Verliebten angewandt werden, +durch welche man, um die Liebe des andern Theils mehr anzufeuern, mit +Vorsatz Eifersucht zu erregen sucht, sollten Eheleute verschmähen. Bei +einem Bündniß, das auf gegenseitiger Hochachtung beruhen soll, darf man +sich durchaus keiner schiefen Mittel bedienen. Glaubt meine Frau, ich +sey fähig, meine Pflicht und Zärtlichkeit gegen sie fremden Neigungen +aufzuopfern, so muß das ihre eigene Achtung gegen mich vermindern; und +merkt sie hingegen, daß ich nur Spielwerk mit ihr treiben will: so ist +das mehr, als verlorne Arbeit, die noch obendrein oft ernstliche Folgen +haben kann. + +Wenn auch auf kurze Zeit der Mann seinem Weibe, oder die Frau ihrem +Gatten Veranlassung zur Unzufriedenheit und Eifersucht gibt, so wird +doch diese kleine Herzens-Verirrung, wenn der leidende Theil nur +fortfährt, seinen Pflichten treu zu seyn, nicht von langer Dauer seyn, +wenn es nur nicht zu leidenschaftlichen Ausbrüchen des Unwillens kommt. +Bei kaltblütiger Prüfung wird der Gedanke sich geltend machen: bewährte +Liebe und Treue kann durch keine Liebenswürdigkeit ersetzt werden, +und erprobte Mutterliebe und Vatertreue sind unschätzbar. -- Und ein +solcher Triumph der ausharrenden Liebe und Sanftmuth, komme er früh +oder spät, ist sehr süß, und macht alle ausgestandene Leiden vergessen. + + + 7. + +Klugheit und Rechtschaffenheit aber erfordern, daß man sich selber +gegen die Eindrücke größerer Liebenswürdigkeit, welche fremde Personen +auf uns machen könnten, waffne. In der frühen Jugend, wenn die +Phantasie lebhaft ist, die Begierden heftig wirken, und das Herz noch +oft mit dem Kopf davon läuft, würde ich rathen, solchen gefährlichen +Versuchungen sorgfältig auszuweichen; ein junger Mann, welcher +merkt, daß ein Frauenzimmer, mit dem er umgeht, ihm vielleicht einst +besser, als seine Frau, gefallen, wildes Feuer in ihm entzünden, +oder wenigstens seine häusliche Glückseligkeit stören könnte, thut +wohl, wenn er, in so fern er sich nicht Festigkeit genug zutrauet -- +und er urtheilt weise, wenn er sich diese nicht leicht zutrauet, -- +den verführerischen Umgang, so viel möglich, meidet, damit er ihm +nicht zum Bedürfnisse werde und sein Herz überwältige. Diese Vorsicht +ist am nöthigsten gegen die feinern Koketten, die, ohne eben Plane +auf Verletzung der Ehre zu haben, ihr Spielwerk mit der Ruhe eines +gefühlvollen redlichen Mannes treiben, und einen zwecklosen Triumph +darin suchen, schlaflose Nächte zu verursachen, Thränen zu veranlassen, +und Eifersucht rege zu machen. Es gibt viel solcher eiteln Damen, die +nicht immer durch böses Herz, noch Temperament, aber wohl durch die +nimmersatte Begierde, zu glänzen und zu gefallen, getrieben, manche +stille häusliche Ruhe und den Frieden unter Eheleuten auf diese Weise +unbarmherzig zerstören. In reifern Jahren dürfte die entgegengesetzte +Heil-Methode anwendbarer seyn. Ein Mann von festen Grundsätzen, der +seinem Verstande Rechenschaft von den Gefühlen seines Herzens gibt und +dauerhaftes Glück sucht, wird am leichtesten von einer zu günstigen +Vorstellung, die er von fremden Personen in Vergleichung mit seiner +Gattin gefaßt hat, zurückkommen, wenn er Jene so oft und vielfältig +sieht, daß er an ihnen mehr Fehler wahrnimmt, als an seinem edlen, +verständigen, treuen Weibe. Und dann kommen die Augenblicke des +Seelen-Bedürfnisses, wo man sich nach der theilnehmenden Gefährtin +sehnt, wenn schwere Bürden das Herz drücken, die kein Fremder so uns +tragen hilft, oder wenn höhere Freuden das Herz erweitern, Freuden, +die kein Fremder so mit uns theilt, oder Verlegenheiten uns ängstigen, +die wir keinem Fremden so aufrichtig, so sicher entdecken dürfen, wie +der Person, die einerlei Interesse mit uns hat; und dann ein Blick +auf wohlerzogene, durch gemeinschaftliche Sorgfalt erzogne Kinder, +auf die Früchte der ersten jugendlichen Liebe! -- und das Herz kehrt +ungezwungen zu den süßesten Pflichten zurück. + + + 8. + +Uebrigens ist es eine bedauernswürdige Schwachheit, wenn Eheleute durch +die priesterliche Einsegnung ein so ausschließliches Recht auf jede +Empfindung des Herzens erzwungen zu haben glauben, daß sie wähnen: nun +dürfe in dem Herzen des Gatten auch nicht ein Plätzchen mehr für irgend +einen andern guten Menschen übrig bleiben; der Gatte müsse für seine +Freunde und Freundinnen todt seyn, dürfe für kein Geschöpf auf der +Welt, als für die werthe Ehehälfte, Theilnahme und Zuneigung empfinden, +und es sey Verletzung der ehelichen Pflicht, mit Wärme, Zärtlichkeit +und Theilnahme von und mit andern Personen zu reden. Diese Forderungen +werden doppelt abgeschmackt bei einer ungleichen Ehe, wo von der einen +Seite schon Aufopferungen mancher Art Statt finden. Wenn da der eine +Theil, um sich in dem Umgange mit liebenswürdigen Leuten aufzuheitern, +neue Kräfte zum Ausdauern zu sammeln, und seinen Geist zu erheben und +zu erwärmen, in die Arme zärtlicher, ihm wahrhaftig treu ergebener +Freunde eilt: so sollte der andre Theil ihm dafür danken, und jeden +kränkenden Vorwurf unterdrücken. + + + 9. + +Die Wahl dieser innigeren Freunde muß aber dem Herzen, so wie die Wahl +sittlicher Vergnügungen und unschuldiger Liebhabereien dem Geschmacke +eines Jeden überlassen bleiben. Es wird nicht durchaus Gleichheit +von Neigungen, Temperamenten und Geschmack zum Eheglück erfordert. +Unerträgliche Sclaverei wäre es daher, sich seine Erheiterungen +aufdringen lassen zu müssen. Es ist wahrlich schon hart genug, wenn der +Gatte die Freude entbehren muß, edle Empfindungen, erhabne Gedanken, +feinere Eindrücke, welche seelen-erhebende Schriften, Kunstwerke und +Ereignisse hervorbrachten, mit der Gefährtin seines Lebens theilen zu +können, weil die stumpfen Organe derselben dafür nicht empfänglich +sind; aber nun gar diesem allen entsagen, oder sich in der Wahl seines +Umganges und seiner Freunde nach den Grillen eines schiefen Kopfs und +kalten Herzens richten, allen wohlthätigen Erquickungen von der Art +entsagen zu müssen: -- das ist Höllenpein! und ich brauche wohl nicht +hinzuzufügen, daß am wenigsten ~der Mann~ eine solche Beschränkung und +Sclaverei dulden dürfe, da er von der Natur und durch die bürgerliche +Verfassung bestimmt ist, das Haupt der Familie zu seyn, und Gründe +haben kann, ~warum~ er diesen oder jenen Umgang wählt, dieser oder +jener Beschäftigung sich widmet, diesen oder jenen Schritt thut, der +Manchen auffallend seyn kann. Es erleichtert hingegen das Leben unter +Menschen, die nun einmal verbunden sind, alle Leiden und Freuden zu +theilen, wenn nach und nach eine ähnliche Seelenstimmung unter ihnen +eintritt, sey es auch nur von der Liebe zum Frieden erzeugt, und es +zeugt wahrlich von der verächtlichsten Indolenz, wo nicht von dem +bösesten Willen, wenn man, nach vieljähriger Verbindung mit einem +verständigen, gebildeten und feinfühlenden Geschöpfe, noch eben so +unwissend, roh, stumpf und starrköpfig geblieben ist, wie man vorher +war. + + + 10. + +Wie soll man sich bei wirklichen Ausschweifungen verhalten? -- denn +bis jetzt war nur von Verirrungen die Rede. -- Wie soll man sich +zur Nachsicht und Ausdauer waffnen, wenn von einer Seite heftiges +Temperament, ein reizbarer Körper, Mangel an Herrschaft über die +Leidenschaften, Verführung, Buhler-Künste, anlockende Schönheiten +und Verhältnisse in Versuchung führen; von der andern vielleicht der +Gattin mürrisches Betragen, üble Laune, Geistes-Armuth, Kränklichkeit, +Mangel an Schönheit, an Jugend, an Gefälligkeit, an Temperament, +lebhaft zurückstoßen? -- Diese Schrift soll keine Pflichtenlehre +enthalten; darum überlasse ich es jedem vernünftigen Manne, diese +Frage sich selbst zu beantworten, und selbst zu beurtheilen, wie er es +anfangen müsse, über seine Begierden Meister zu werden, gefährlichen +Gelegenheiten und Verführungen auszuweichen, welches freilich in der +Jugend nicht so leicht ist, wie man wohl denkt. Doch so viel über +diesen Gegenstand, als hieher gehört, und sich ohne Beleidigung der +Sittsamkeit sagen läßt! Man gewöhne sich selbst, und Einer den Andern, +nicht an Ueppigkeit, Wollust, Weichlichkeit und Schwelgerei; lasse die +körperlichen Bedürfnisse und Begierden nicht zu heftig werden; man +sey, selbst in der Ehe, schamhaft, keusch, zart und sparsam in den +Aeußerungen der Liebe, um Ekel, Ueberdruß und faunische Lüsternheit +zu entfernen! Ein Kuß ist ein Kuß, nichts mehr, und nichts weniger, +als ein Zeichen der Zärtlichkeit, und es wird fast immer des Weibes +Schuld seyn, wenn ein sonst nicht schlechter Mann diesen Kuß, den er +von treuen, reinen und warmen Lippen ehrenvoll und bequem zu Hause +erlangen könnte, mit Hintansetzung seiner Pflicht und der Ehrbarkeit, +bei Fremden holt. Hat aber die größre Schwierigkeit und Neuheit so viel +Reiz: ei nun! so suche man auch der ehelichen Vertraulichkeit diesen +Reiz der Neuheit zu geben, zuweilen kleine Hindernisse in den Weg zu +legen, oder durch Enthaltung, Entfernung u. dgl. das Verlangen nach +Befriedigung der sinnlichen Liebe zu vermehren! In späteren Jahren +fällt dann auch dieser Vorwitz so ziemlich weg; denn da werden ja die +Triebe bescheidner und lassen sich williger von der Vernunft regieren, +oder man müßte sie muthwilliger Weise reizen. + + + 11. + +In der Ehe soll gegenseitiges uneingeschränktes Zutrauen, soll +Offenherzigkeit Statt finden. Kann denn aber gar kein Fall eintreten, +wo Einer vor dem Andern Geheimnisse haben dürfte? Ich denke. Freilich, +da der Mann von der Natur bestimmt ist, der Rathgeber seines Weibes, +das Haupt der Familie zu seyn; da die Folgen jedes übereilten +Schrittes der Gattin auf ~ihn~ fallen; da der Staat sich nur an ~ihn~ +hält; da die Frau eigentlich gar keine Person in der bürgerlichen +Gesellschaft ausmacht; da die Verletzung der Pflichten von ihrer +Seite schwer auf ~ihm~ liegt, und diese Verletzung die Familie +weit unmittelbarer beschimpft, und derselben Schande und Nachtheil +bringt, als die Ausschweifungen des Mannes; da die Frau mehr von dem +äussern Rufe abhängt, als der Mann; endlich, da Verschwiegenheit +mehr eine männliche, als weibliche Tugend ist: so kann es wohl nur +in äusserst seltenen Fällen der Frau erlaubt seyn, ohne ihres Mannes +Wissen Schritte zu thun, Verbindungen anzuknüpfen, in Verhältnisse +mit Männern zu treten, und dem Manne das alles zu verheimlichen. Er +hingegen, der an den Staat geknüpft ist, oft Geheimnisse zu bewahren +hat, die nicht ihm gehören, und durch deren Verbreitung er zugleich +mit Andern in Verlegenheit kommen könnte; er, der das Ganze seines +Hauswesens übersehen soll, auch vielfältig den Plan, nach welchem er +handelt, nicht den schwächern Einsichten unterwerfen darf, sondern +fest und unerschüttert seinem Verstande und Herzen folgen, und das +Urtheil des Volks verachten muß: ~er~ kann unmöglich alles erzählen +und mittheilen, was er unternimmt. Verschiedenheit der Lagen aber kann +diesen Gesichtspunkt verrücken. Es gibt Männer, die sehr übel fahren +würden, wenn sie einen einzigen Schritt ohne Rath und Wissen ihrer +Weiber thäten; es gibt sehr plauderhafte Herren und sehr verschwiegne +Damen; und eine Frau kann weibliche Geheimnisse von einer Freundin +anvertrauet bekommen haben. -- In allen diesen und ähnlichen Fällen +müssen Klugheit und Redlichkeit das Verhalten beider Theile bestimmen. +Das aber bleibt eine heilige Wahrheit, daß, wenn wahrhaftes Mißtrauen +sich einschleicht, wenn man ein offenes Geständniß erzwingen muß, +alles Glück der Ehe entflieht. Nichts kann endlich strafbarer seyn, +als wenn der Mann niedrig genug denkt, heimlich die Briefe seiner +Frau zu erbrechen, ihre Papiere zu durchwühlen, oder ihre Schränke +zu durchsuchen. Auch verfehlt er mit solchen unwürdigen Mitteln +immer seines Zwecks. Nichts ist leichter, als die Wachsamkeit eines +Menschen zu täuschen, wenn es bloß auf beweisbare Vergehen ankömmt, +und man die feinern Bande zerrissen, sich über alle Bedenklichkeiten +des Zartgefühls und der Ehre hinweggesetzt hat. Ein Mann, der +~einmal~ seine Frau eine Treulose nennt, steckt sich selbst das +Horn der Hahnreischaft auf. Nichts ist leichter, als einen Menschen +zu hintergehen, den man genau kennt, bei dem man allen Glauben +verloren hat, den man oft auf ungerechtem Argwohn ertappen kann, weil +Leidenschaft ihn blind macht, und der es wegen seiner argwöhnischen +Ungerechtigkeit verdient, getäuscht zu werden. -- Betrug ist fast immer +die sichere Folge davon, und man kann auf diese Weise das edelste +Geschöpf moralisch zu Grunde richten und zu Verbrechen reizen. + + + 12. + +Ich rathe, aus Gründen, die wohl jeder vernünftige Mensch selbst +einsehen wird, auch nicht einmal an, daß Eheleute alle ihre Geschäfte +gemeinschaftlich treiben, sondern daß Jeder seinen angewiesenen +Wirkungskreis habe. Es geht selten gut im Hause, wenn die Gattin +für ihren Gatten die Berichte an die höchste Behörde entwerfen, +und er dagegen, wenn Fremde eingeladen sind, die Tafel besorgen, +Cremen machen, und die Töchter ankleiden helfen muß. Daraus entsteht +Verwirrung; man setzt sich dem Gespötte des Hausgesindes aus; der Eine +verläßt sich auf den Andern, will sich aber dagegen in alles mischen, +alles wissen. -- Mit Einem Worte: das taugt nicht! + + + 13. + +Was aber die Verwaltung der Einkünfte betrifft, so kann ich die +Weise der mehresten Männer von Stande nicht billigen, welche ihren +Gemahlinnen eine gewisse Summe geben, womit sie auskommen und den +ganzen Haushalt ohne Ausnahme bestreiten müssen. Dadurch entsteht +getheiltes Interesse; die Frau tritt in die Klasse der Bedienten, wird +zum Eigennutz verleitet, muß ängstlich sparen, findet, daß der Mann zu +lecker ist, macht verdrießliche Gesichter, wenn er einen guten Freund +zur Tafel einladet; der Mann, wenn er nicht fein denkt, meint immer, +er speise für sein theures Geld zu schlecht, oder wagt es im andern +Falle aus übertriebener Zurückhaltung und Feinheit nicht, zuweilen ein +Gerichtchen mehr zu fordern, um seine Gattin nicht in Verlegenheit +zu setzen. Willst Du also Deine Hausfrau nicht in Versuchung führen, +so gib, wenn nicht etwa ein Haushofmeister oder eine Ausgeberin +diejenigen Geschäfte bei Dir versieht, die eigentlich zu den Pflichten +der Gattin gehören, eine Summe Geldes, die Deinen Einkünften und den +Zeitverhältnissen angemessen ist, zur Ausgabe! Wenn diese verwendet +ist, so sey ihr verstattet, mehr von Dir zu fordern; findest Du, daß zu +viel ist ausgegeben worden, so laß Dir die Rechnung zeigen! Ueberlege +mit ihr gemeinschaftlich, auf welcher Seite gespart werden könnte! +Mache ihr kein Geheimniß aus Deinen Vermögensumständen; allein bestimme +ihr auch eine kleine Summe zu ihren unschuldigen Vergnügungen, zu ihrem +Putze, zu stillen wohlthätigen Handlungen, und fordre davon keine +Berechnung! + + + 14. + +Gute Hauswirthschaft ist eins der nothwendigsten Stücke zur ehelichen +Glückseligkeit. Man suche daher vor allen Dingen, wenn man auch im +ledigen Stande einigen Hang zur Verschwendung gehabt hätte, sich davon +loszumachen, und sich häuslicher Sparsamkeit zu befleißigen, sobald man +heirathet! Wer noch einzeln da steht, erträgt leicht alles Ungemach +der Zeit: Noth, Mangel, Demüthigung, Zurücksetzung; am Ende steht ihm, +wenn er gesunde Arme hat, die ganze Welt offen; er kann alles im Stiche +lassen, und in einem unbekannten Winkelchen der Erde leicht mit seiner +Hände Arbeit sein Leben fristen. Aber wenn schlechte Haushaltung den +Ehemann und Vater in Armuth gestürzt hat, und er nun den Blick auf die +Personen seiner Familie umherwirft, die von ihm Unterhalt, Nahrung, +Wartung, Erziehung, Vergnügen fordern; wenn er dann oft nicht weiß, +woher er auf morgen Brod nehmen, wovon er die heranwachsenden Mädchen +kleiden soll, oder wenn seine bürgerliche Ehre, seine Beförderung, +die Versorgung seiner Kinder davon abhängt, daß er mit den Seinigen +in einem gewissen anständigen Aufzuge, vielleicht gar mit einigem +Glanze erscheine, und es doch von allen Seiten dazu fehlt; wenn das +Silbergeräthe vom Wucherer, wo es im Versatze steht, auf einen Mittag +geborgt werden muß, um Gäste bewirthen zu können, indeß unten im Hause +ein Knabe wartet, der es gleich nach der Mahlzeit wieder in Empfang +nehmen soll; wenn Gläubiger und Advokaten ihn in die Enge treiben, und +Juden an den Zipfeln seines schlaffen Geldbeutels melken: dann fallen +böse Launen, Krankheit des Leibes und der Seele den Unglücklichen +an; Verzweiflung ergreift ihn; er sucht sich zu betäuben, verfällt +in Ausschweifungen; von Innen zernagt ihn das unruhige Gewissen, von +Aussen verfolgen ihn bittre Vorwürfe seines Weibes; das Winseln seiner +Kinder schreckt ihn aus fürchterlichen Träumen auf; die Verachtung, +womit der vornehme und reiche Pöbel auf ihn herabblickt, umwölkt jeden +Strahl von Hoffnung; Muth und Trost schwinden; die Freunde fliehen, +das Hohngelächter der Feinde und Neider erschüttert jede Nerve, und +in dieser traurigen Lage schwindet dann freilich aller Schatten von +häuslicher Freude, das Haus wird zur Hölle. Der Elende flieht auch +nichts so sehr, als den Anblick und den Umgang derer, die er mit sich +in's Unglück gestürzt hat. -- Sollte also einer von den Eheleuten +zur Verschwendung geneigt seyn, so ist es rathsam, weil es noch Zeit +ist, Mittel vorzuschieben, jener gräßlichen Lage auszuweichen. Der +~andre~ Theil, der besser mit dem Gelde umzugehen weiß, übernehme die +Kasse! Man mache sich einen genauen Etat, wie man dem Haushalte wieder +aufhelfen will, und befolge diesen pünktlich, schränke sich ein, sorge +aber dafür, daß, wo möglich, auch etwas zu erlaubten Vergnügungen übrig +bleibe, damit dem Verschwender die Einschränkungen und Entbehrungen +nicht zu schwer werden! + + + 15. + +Ist es aber besser, daß ~der Mann~, oder daß ~die Frau~ reich sey? +Wenn eins seyn soll, so stimme ich für Ersteres. Gut ist es, wenn +Beide einiges Vermögen haben, um zu den Nothwendigkeiten des Lebens +gemeinschaftlich beitragen zu können, damit nicht Einer so ganz auf +Kosten des Andern zehre. Soll aber nun einmal Abhängigkeit, welche doch +natürlicher Weise auf Seiten des ärmern Theils entsteht, Statt finden: +so ist es der Natur gemäßer, daß das Haupt der Familie am mehrsten zum +Unterhalte der Familie beitrage. Heirathet ein Mann eine reiche Frau, +so verhüte er wenigstens durch angestrengte Thätigkeit, daß er nie in +eine sclavische Abhängigkeit von seiner Frau gerathe. Aus Verabsäumung +dieser Vorsicht sind so wenig Ehen von ~der~ Art glücklich. Hätte +meine Frau mir großes Vermögen zugebracht, so würde ich mich doppelt +bestreben, ihr zu beweisen, daß ich geringe Bedürfnisse hätte; ich +würde wenig an meine Person wenden; ich würde sie überzeugen, daß ich +dies Wenige mit meinem Fleisse mir erwerben könnte; ich würde ihr +Kostgeld geben; ich würde nur der Verwalter ihres Vermögens seyn; +ich würde Aufwand im Hause machen, weil das sich für reiche Leute +schickt; aber ich würde ihr zeigen, daß dieser Aufwand meiner Eitelkeit +nicht schmeichele; daß ich bei zwei Speisen eben so vergnügt, wie bei +zwanzigen sey; daß ich keine Aufwartung bedürfe; daß ich gesunde Beine +habe, die mich eben so weit, wenn gleich nicht so schnell fortbringen, +wie ihre prächtigen Wagen; und dann würde ich, wie es dem Hausherrn +zukömmt, über die Anwendung ihres Vermögens unumschränkte Gewalt +verlangen. + + + 16. + +Ist es nöthig, daß der Mann klüger sey, als die Frau? -- Das +ist wiederum eine nicht unwichtige Frage; wir wollen sie näher +beleuchten. Der Begriff von Klugheit, von Vernunft, wird, mit allen +seinen Beziehungen und Modifikationen, nicht immer auf einerlei Art +verstanden. Die Klugheit eines Mannes soll wohl von ganz anderer +Art seyn, als die, welche man von einer Frau verlangt; und wenn nun +vollends Klugheit mit Welt-Erfahrung, oder gar mit Gelehrsamkeit +verwechselt wird, so wäre es Unsinn, von diesen bei dem einen +Geschlechte so viel, wie bei dem andern, voraussetzen oder verlangen +zu wollen. Ich fordre daher von einem Frauenzimmer einen verständigen +Kleinigkeitsgeist, Feinheit, unschuldige Verschlagenheit, Behutsamkeit, +Witz, Duldsamkeit, Nachgiebigkeit und Geduld: -- lauter Stücke, +die doch auch zur Klugheit gehören; -- welche in gleichem Grade +nicht immer das Eigenthum des männlichen Charakters sind. Dagegen +erwarte ich, daß der Mann umsichtiger, gefaßter bei allen Vorfällen, +fester, unerschütterlicher, weniger den Vorurtheilen unterworfen, +ausdauernder und gebildeter sey, als das Weib. Jene Frage aber war in +allgemeinem Sinne zu verstehen, nämlich also: Wenn einer von beiden +Theilen schwach, stumpf von Organen und unwissend in manchen zum +Weltleben nöthigen Kenntnissen seyn sollte: würde es da besser seyn, +daß der Mann, oder daß die Frau der schwächere Theil wäre? -- Ich +antworte ohne Anstand: Noch habe ich nie eine glückliche und weise +geordnete Haushaltung gesehen, in welcher die Frau die entschiedne +Alleinherrschaft gehabt hätte. Es geht in einem Hause, wo ein Mann +von mittelmäßigen Fähigkeiten das Regiment führt, größtentheils immer +noch besser her, als in einem, wo eine kluge Frau ausschließlich +gebietet. Es kann vielleicht Ausnahmen davon geben; allein ~ich~ kenne +deren keine. Es versteht sich aber, daß hier nicht von der feinern +Herrschaft über das Herz eines edlen Gatten die Rede ist: wer wird +diese nicht gern einem klugen Weibe einräumen? welcher verständige +Mann wird nicht fühlen, daß er oft sanfter Zurechtweisung bedarf? +Jene ausschließliche Herrschaft hingegen scheint der Bestimmung der +Natur zuwider zu seyn. Schwächerer Körperbau; eingepflanzte Neigung zu +weniger dauerhaften Freuden; Launen aller Arten, die den Verstand, oft +in den entscheidendsten Augenblicken fesseln; Erziehung; und endlich +unsere bürgerliche Verfassung, welche die Verantwortung dessen, was +im Hause geschieht, allein auf den Mann wälzt: das alles bestimmt +die Gattin, Schutz zu suchen, und legt dem Gatten die Pflicht auf, +zu schützen. Nun ist aber doch nichts lächerlicher, als wenn der +Weisere und Stärkere bei dem Thoren und Schwachen Schutz suchen soll. +Frauenzimmer von vorzüglichen Geistesgaben handeln daher wahrlich +gegen ihren eignen Vortheil, und bereiten sich unangenehme Aussichten, +wenn sie aus Herrschsucht sich dumme Männer wünschen oder wählen; +die sichern Folgen davon sind Ueberdruß, verwirrte Haushaltung und +Verachtung des Publikums für einen von beiden Theilen, und das heißt +ja: für ~beide~ Theile. Männer aber, die so unmündig am Geiste sind, +daß sie die Rolle eines Hausvaters nicht gehörig zu spielen, nicht +Herr in ihrem Hause zu seyn vermögen, thun besser, Hagestolze zu +bleiben, und sich ein Plätzchen in einem Hospital, oder eine Präbende +zu kaufen, als daß sie sich vor Kindern, Hausgesinde und Nachbarn +lächerlich machen. Ich habe einen schwachen Fürsten gekannt, dessen +Gemahlin so unumschränkte Gebieterin über ihn war, daß, als sie einst +bestellt hatte, auszufahren, der Fürst hinunter in den Schloßhof +schlich, und den Kutscher, welcher da hielt, leise fragte: »Wisset ihr +nicht, ob ich mitfahre?« Wer möchte wohl Geschäfte mit einem Manne +treiben, dessen Willen, dessen Freundschaft und dessen Art, die Dinge +anzusehen, von den Launen, Winken und Zurechtweisungen seiner Frau +abhängen, -- der seine Briefe erst seiner Hofmeisterin zur Durchsicht +vorlegen, und über die wichtigsten, geheimsten Angelegenheiten erst +Instruktion bei der Toilette holen muß? Sogar in der Gefälligkeit +und Aufmerksamkeit gegen die Ehefrau soll der Mann seine Würde nicht +verleugnen. Verächtlich ist, selbst den Weibern, ein Mann, der, bevor +er sich zu etwas entschließt, erst jedesmal sagt: »Ich will es mit +meiner Frau überlegen;« der ihr immer das Mäntelchen nachträgt, sich +nicht untersteht, in eine Gesellschaft zu gehen, wo ~sie~ nicht ist, +oder der seine treuesten Bedienten abschaffen muß, wenn Madam deren +Gesichtsbildung nicht ertragen kann. + + + 17. + +Es gibt in diesem Leben eine Menge Ungemachs zu tragen. Auch der, +welcher der Glücklichste zu seyn scheint, hat geheime Leiden mancher +Art, wahre und eingebildete, unverschuldete oder selbstgeschaffne, +gleichviel! aber immer darum nicht minder Leiden. Sehr wenige Weiber +haben Kraft genug, das Unglück standhaft erdulden, guten Rath in der +Noth zu ertheilen, und ihren Gatten die Bürde tragen zu helfen, die +nun einmal getragen werden muß. Die mehrsten erschweren das Uebel +durch unzeitige Klagen, durch Geschwätz, wie es seyn ~könnte~, wenn +es nicht ~so~ wäre, wie es ist, oder gar durch übel angebrachte, +zuweilen sehr unbillige Vorwürfe. Ist es daher irgend möglich, kleinere +Unannehmlichkeiten (mit Haupt-Unglücksfällen aber läßt sich das selten +thun) vor Deiner Ehefrau zu verbergen, so verschließe lieber den +Kummer in Deinem Herzen! Ohnehin kann ein gutgeartetes Gemüth darin +keinen Trost finden, Andre, die es liebt, mit in seine Leiden zu +ziehen; und wenn nun gar die Last dadurch nicht erleichtert, sondern +vielmehr erschwert wird: wer wollte dann nicht lieber schweigen, und +seinen Rücken dem Sturme allein preisgeben? Schickt die Vorsehung Dir +aber einen großen, nicht zu verschweigenden Unfall, Noth, Schmerz, +Krankheit zu, -- verfolgen Dich widrige Geschicke, oder böse Menschen: +o dann rufe Deine ganze Standhaftigkeit auf! fasse Deinen Muth +zusammen, und versüße der Gefährtin Deines Lebens die Bitterkeit des +Kelchs, den sie mit Dir austrinken muß; wache über Deine Launen, +damit nicht der Unschuldige durch Dich leiden müsse! Verschließe Dich +in Dein Kämmerlein, wenn das Herz zu schwer wird! Dort erleichtre +Dich durch Thränen oder Gebet! Stärke und stähle Dein Herz durch +Philosophie, durch Zuversicht auf Gott, durch Hoffnung und durch weise +Entschließungen! und dann tritt mit heiterer Stirne hervor, und sey der +Tröster des Schwächern! -- Ist doch kein Ungemach und kein Leiden in +der Welt von beständiger Dauer, kein Schmerz so groß, der nicht freie +Augenblicke übrig ließe; führt doch ein gewisser Heroismus im Kampfe +gegen das Unglück Freuden mit sich, die selbst das härteste Ungemach +versüßen können; und der Gedanke, Andre zu trösten und aufzurichten, +erhebt das Herz wunderbar, erfüllt mit unbeschreiblicher Heiterkeit. -- +Ich rede aus Erfahrung. + + + 18. + +Wir sind darüber einig geworden, daß vollkommne Gleichheit in +Denkungsart und Temperamenten zu einer glücklichen Ehe nicht nothwendig +sey. Traurig ist aber doch immer die Lage, wenn die Ungleichheit gar zu +auffallend ist, wenn die Gattin sich bei allem kalt und gleichgültig +zeigt, was dem Gatten wichtig und interessant scheint. Traurig ist es +immer, wenn man, um den Genuß unschuldiger Freuden, um schmerzliche +Leiden, um hohe Gefühle, ferne Aussichten, wichtige Unternehmungen, -- +kurz, um alles, was Kopf und Herz beschäftigt, zu theilen, sich nach +fremden Mitgenossen sehnen muß. Traurig ist es, wenn ein phlegmatisches +Geschöpf zu jedem geistreichen Tropfen, den uns die süße Phantasie +einschenkt, Wasser gießt, uns aus jeder seligen Täuschung unsanft +aufweckt, unsre wärmsten Gespräche mit Plattheiten beantwortet, und +unsre schönsten Pflanzungen zertritt. -- Was ist aber in solchen Lagen +zu thun? Vor allen Dingen Hiobs Specificum gebraucht! Nicht lange +moralisirt, wo keine Besserung zu hoffen ist, -- geschwiegen, wenn man +doch nicht verstanden wird; und dann die Gelegenheit vermieden, Scenen +zu veranlassen, wodurch man zu sehr entrüstet, oder zu bitter gekränkt, +oder durch die Dummheit des Weibes öffentlich beschimpft werden könnte +-- so kann man doch wenigstens negativ so ziemlich glücklich seyn. + + + 19. + +Wie aber, wenn das Schicksal oder eigne Thorheit den Mann auf ewig an +ein Geschöpf gekettet hat, das, mit großen moralischen Gebrechen oder +gar mit Lastern behaftet, der Liebe und Achtung edler Menschen unwerth +ist; wenn die Frau durch ein mürrisches, feindseliges Temperament, +durch Neid, Geiz, oder unvernünftige Eifersucht dem Manne das Leben +verbittert, oder wenn sie sich durch ein falsches, tückisches Herz +verächtlich macht, oder wenn sie gar in Unzucht oder in Völlerei +lebt? Ich brauche hier nicht zu erinnern, daß mancher ehrliche Mann +unschuldiger Weise, d. h. in einer unschuldigen Verblendung in dies +Labyrinth gerathen kann, wenn ihm die Liebe oder vielmehr Fleisch +und Blut einen Streich spielen, indem der böse Feind Asmodäus im +Brautstande immer die schönste Larve vornimmt. Ich schweige hingegen +auch davon, daß sehr oft der Mann durch üble oder unvorsichtige +Behandlung daran Schuld ist, wenn Untugenden und Laster, zu welchen +der Keim in dem Herzen seiner Frau lag, zum Ausbruche kommen. Es würde +mich endlich zu weit führen, wenn ich Regeln für das Verhalten in jeder +einzelnen unglücklichen Lage von der Art geben wollte. -- Also nur so +viel im Allgemeinen! Man muß in solchen Lagen dreierlei Rücksichten +nehmen, nämlich: ~zuerst~ solche, welche auf Beförderung unserer eignen +Ruhe abzielen; ~sodann~ Rücksichten auf Kinder und Hausgenossen; und +~endlich~ auf das Publikum. Was den ersten Punkt betrifft, so rathe +ich: wenn einmal keine Hoffnung zu Bewirkung sittlicher Besserung da +ist, sich nicht mit Klagen, Vorwürfen und Zänkereien aufzuhalten, +sondern in der Stille solche kräftige Gegenmittel zu wählen, die uns +Vernunft, Rechtschaffenheit und Gefühl von Ehre anrathen. Entwirf +reiflich und mit möglichst kaltem Blute Deinen Plan! Ueberlege wohl, +ob eine Trennung nöthig sey, oder wie Du es anzufangen habest, Deinen +Zustand, wenn derselbe nun einmal nicht zu verbessern ist, leidlich zu +machen, und laß Dich dann von Deinem Entschlusse durch nichts, selbst +durch keine bloß anscheinende Besserung, noch durch Liebkosungen, +abwendig machen! Erniedrige Dich aber nie so weit, daß Du Dich durch +Hitze zu gewaltsamen Behandlungen verleiten ließest; sonst hast Du +schon zur Hälfte Unrecht. Erfülle endlich um so treuer Deine Pflichten, +je öfter Dein Weib sie übertritt: so wird auch Dein Gewissen beruhigt +seyn, und mit einem ruhigen Gewissen läßt sich alles, auch das Aergste, +ertragen. In Betracht Deiner Kinder, des Hausgesindes und des Publikums +aber vermeide alles Aufsehen! Laß, wo möglich, Dein Unglück nicht +ruchtbar werden! Wenn Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so werden +die Kinder immer schlecht erzogen. Ist diese Uneinigkeit also nicht +zu verbergen, so trenne Dich lieber von Deinen Kindern, und überlaß +ihre Leitung fremden guten Händen! Wenn offenbare Uneinigkeit unter +Eheleuten herrscht, so ist das Hausgesinde nie zur Ordnung, Treue +und Redlichkeit geneigt. Es entstehen Partheien und Klatschereien +ohne Ende. Vermeide daher allen Zank in Gegenwart des Gesindes! +Wenn öffentliche Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so verliert +der unschuldige Theil, zugleich mit dem schuldigen, die Achtung der +Mitbürger. Vertraue deswegen nicht leicht Dein häusliches Unglück +fremden Leuten. + + + 20. + +Sehr gern aber pflegen sich dienstfertige gute Freunde, alte Weiber, +beiderlei Geschlechts, Vettern und Basen in solche Angelegenheiten +zu mischen. Leide nicht, daß irgend jemand, wer es auch sey, +ohne von Dir dazu aufgefordert zu seyn, sich um Deine häuslichen +Umstände bekümmre; weise solche Einmischungen mit aller männlichen +Entschlossenheit von Dir! Gute Seelen vertragen sich ohne Vermittlung, +und mit schlechten richtet ein Friedensstifter doch nichts aus. Allein +bitte Gott, daß er Dich vor einer gewissen Art von Schwiegermüttern +bewahre, die alles wissen, alles thun, wenn sie auch bettelarm am +Geiste sind, dennoch alles dirigiren wollen; deren Geschäft ist, +Hetzereien anzustiften, zu unterhalten, und die mit Köchinnen und +Haushälterinnen gemeinschaftliche Sache machen, um aus christlicher +Liebe die Handlungen des Nächsten auszuspähen. Solltest Du aber zum +Unglücke so eine Meerkatze, ein solches satanisches Hausgeräth mit +erheirathet haben: so ergreif die erste Gelegenheit, da sie sich in +Deine Hausvater-Angelegenheiten mischen will, ihre freundlichen, +frommen Dienste so nachdrücklich zu verbitten, daß sie Dir sobald nicht +wiederkomme! Es gibt aber auch gute, edle Schwiegermütter, die ihren +verheiratheten Töchtern mit treuem Rathe beistehen, und denen man denn +um so mehr Ehrerbietung und Aufmerksamkeit schuldig ist, wenn man ihnen +die Bildung eines geliebten Weibes zu danken hat. + +Ueberhaupt sollen alle Zwistigkeiten unter Eheleuten nur unter ihren +vier Augen ausgemacht werden, und, wenn es auf das Höchste kömmt, von +der Obrigkeit; alle Mittel-Instanzen taugen gar nichts, und fremde +Friedensstifter und Beschützer des leidenden Theils machen immer das +Uebel ärger. Der Mann muß Herr seyn in seinem Hause: ~so~ wollen es +Natur und Vernunft. Mit einem Herrn zankt man nicht; er hat Richter +~über~ sich, nicht ~neben~ sich. Er soll sich auf keine Weise diese +Herrschaft rauben lassen, und auch dann, wenn die weisere Frau seiner +offenbaren Macht die heimliche Gewalt über sein Herz entgegenstellt, +muß doch das äussere Ansehen der Herrschaft nie wegfallen. + + + 21. + +Nichts erschüttert so heftig das Glück unter Gatten und Gattinnen, +als die ~Verletzung ehelicher Treue~. Der Moralität nach und unsern +religiösen und politischen Grundsätzen gemäß, ist zwar die Uebertretung +der ehelichen Pflichten von einer Seite so unedel wie von der +andern; in Rücksicht auf die Folgen hingegen ist die Unkeuschheit +einer Frau weit strafbarer, als die eines Mannes; jene zerreißt die +Familien-Bande, vererbt auf Bastarte die Vorzüge ehelicher Kinder, +zerstört die heiligen Rechte des Eigenthums, und widerspricht laut +den Gesetzen der Natur, nach welchen immer Vielweiberei weniger +unnatürlich, als Vielmännerei seyn würde. -- Man hat nicht einmal +in irgend einer Sprache einen üblichen Ausdruck für das Letztere. +Der Mann ist das Haupt der Familie; die schlechte Aufführung seiner +Frau wirft zugleich Schande auf ihn, als den Haus-Regenten; -- nicht +umgekehrt also! Ohne Betracht auf Folge und Rechenschaft aber, dünkt +mich, handelt ein Theil, der den andern für untreu hält, sehr unweise, +wenn er durch Vorwürfe, oder gar durch unvernünftiges Toben ihn in +Schranken halten will. Ist es ihm um sein Herz zu thun, so muß er +wissen, daß man nur durch sanfte, liebevolle Mittel Herzen fesselt, +durch das Gegentheil aber zurückstößt; verlangt er nur den alleinigen +Besitz des Leibes, so ist er ein Geschöpf der gemeinsten Art. Eheleute, +die durch kein edleres Band an einander geknüpft sind, finden tausend +Mittel, sich zu hintergehen, und es ist daran nicht viel verloren. +In so fern also bei der Untreue nicht Zärtlichkeit und Hochachtung +gekränkt werden, so ist wahrlich, wie die Franzosen in der That +vorgeben, die Hahnreischaft sehr wenig, und wenn man die Sache nicht +weiß, gar nichts. Noch ärger aber, und das sicherste Mittel, auch den +treuesten Gatten zu Ausschweifungen zu verleiten, ist, ihn auf bloßen +Verdacht durch Vorwürfe und niedriges Mißtrauen beleidigen. Sollte aber +Dein Unglück gewiß, und Deine Schande nicht zu verbergen seyn: so ist +freilich kein anderes Mittel, als Trennung durch gerichtliche Hülfe, +oder durch gütliche Uebereinkunft, obgleich der Schandfleck dadurch +nicht ausgelöscht wird. In allen übrigen Fällen ist die Ehescheidung +eine höchst bedenkliche Sache. Leute, die eine Reihe von Jahren mit +einander verlebt haben, können einen solchen Schritt nicht leicht +thun, ohne Beide an öffentlicher Achtung zu verlieren. Eheleute, die +Kinder haben, können, ohne sehr nachtheilige Folgen für die Bildung und +zeitliche Glückseligkeit dieser Kinder, sich nie trennen. Ist es daher +irgend möglich, bei einem weisen, vorsichtigen Betragen es mit einander +auszuhalten: so ertrage, leide und dulde man, und vermeide öffentliches +Aergerniß! + + + 22. + +Allein alle diese Vorschriften sind wohl nur auf Personen im mittlern +Stande besonders anwendbar. Die sehr vornehmen und sehr reichen +Leute haben selten Sinn für häusliche Glückseligkeit, fühlen keine +Seelen-Bedürfnisse, leben mehrentheils auf einem sehr fremden Fuße mit +ihrem Ehegatten, und bedürfen also keiner andern Regeln, als solcher, +die eine feine Erziehung vorschreibt. Und da sie auch eine eigne Moral +zu haben pflegen, so werden sie wohl in diesem Kapitel wenig finden, +das für sie tauglich wäre. + + + + + Viertes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit und unter Verliebten. + + + 1. + +Mit Verliebten ist vernünftiger Weise gar nicht umzugehen; sie sind +so wenig, wie andere Berauschte, zur Geselligkeit geschickt; ausser +ihrem Abgotte ist die ganze Welt todt für sie. Man mag übrigens leicht +mit ihnen fertig werden, wenn man nur Geduld genug hat, sie von dem +Gegenstande ihrer Zärtlichkeit reden zu hören, ohne zu gähnen; wenn +man im Gegentheile dabei einiges Interesse zeigt, sich über ihre +Thorheiten und Launen nicht zu ärgern, und im Fall die Liebe heimlich +gehalten seyn soll, sie nicht zu beobachten, nichts zu merken scheint, +wüßte auch die ganze Stadt das Geheimniß (wie es denn mehrentheils +geschieht); endlich wenn man ihre Eifersucht nicht erregt. + +Und so hätte ich denn über diesen Gegenstand weiter nichts zu reden. +-- Doch noch ein Paar Bemerkungen! Suchet Ihr einen verständigen +Freund, der Euch mit weisem Rathe, oder mit festem Muthe, mit Fleiß und +dauernder Arbeit dienen soll: so wählet keinen Verliebten dazu! Ist +es Euch aber darum zu thun, eine theilnehmende, empfindelnde Seele zu +finden, die mit Euch klage, winsele, seufze, oder Euch ohne Sicherheit +Geld borge, auf etwas subscribire, ein armes Mädchen ausstatte, einen +beleidigten Vater besänftigen helfe, oder mit Euch Ritterstreiche +mache, Kindereien treibe, oder Eure Verse, Eure Liederchen und Sonaten +lobe: -- so wendet Euch nach den Umständen an einen glücklichen oder +hoffnungslosen Liebhaber! + + + 2. + +Den Verliebten selbst Regeln über ihren Umgang mit einander zu geben, +das würde verlorne Mühe seyn; denn da diese Menschen selten bei +gesunder Vernunft sind: so wäre es eben so unsinnig, zu verlangen, daß +sie sich dabei gewissen Vorschriften unterwerfen sollten, als wenn man +einem Rasenden zumuthen wollte, in Versen zu phantasiren, oder Einem, +der die Kolik hat, nach Noten zu schreien. Doch ließe sich Einiges +sagen, das gut und leicht zu beobachten wäre, wenn man hoffen dürfte, +daß solche Menschen der Vernunft Gehör gäben, oder auch nur lichte +Zwischenräume hätten, in welchen sie etwas begreifen können. + + + 3. + +Die erste Liebe bewirkt ungeheure Revolutionen in der ganzen Sinnesart +und dem Wesen des Menschen. Wer nie geliebt hat, kann keinen Begriff +haben von den seligen Freuden, die der Umgang unter Verliebten gewährt; +wer zu oft mit seinem Herzen Tausch und Handel getrieben hat, verliert +den Sinn dafür. Ich habe einst ein Bild davon entworfen, und da ich +jetzt nichts Besseres darüber zu sagen weiß, will ich diese Stelle hier +abschreiben[5]. + +»Es ist eine gar sonderbare Sache um die ersten Liebes-Erklärungen. +Wer mit seinem Herzen schon oft Spielwerk getrieben, seine zärtlichen +Seufzer vor manchen Schönen schon ausgeblasen hat, dem wird es eben +nicht schwer, wenn er einmal wieder sich die Lust macht, verliebt zu +werden, seine Empfindungen bei einer schicklichen Gelegenheit an den +Tag zu legen; auch weiß dann die Kokette schon, was sie bei solchen +Vorfällen zu antworten hat; sie glaubt das Ding nicht sogleich, meint, +der Herr wolle sie zum Besten haben, er spiele den Roman-Helden, oder, +wenn er dringend wird, und sie glaubt nach und nach überzeugt werden +zu müssen, so kömmt zuerst eine Bitte, ihrer Schwachheit zu schonen, +ihr nicht ein Geständniß abzunöthigen, wobei sie erröthen müßte; und +dann will der entzückte Liebhaber dem holden Engel um den Hals fallen, +und in Wonne dahinschmelzen; aber die Schöne protestirt feierlich +gegen alle solche Freiheiten, verläßt sich überhaupt auf seine Ehre +und Rechtschaffenheit, reicht ihm höchstens die Backe dar, theilt +ihre Gunstverwilligungen in unendlich kleine Parcelen, um täglich +nur um ein Haar breit dem Ziele näher rücken zu dürfen, damit der +schöne Roman desto länger dauern möge; und wenn auf andre Art keine +Zeit mehr zu gewinnen ist, muß ein kleiner Zwist dazwischen kommen, +die völlige Entwickelung aufhalten, und die Uhr auf die Schäferstunde +zurückstellen. Bei allen diesen conventionellen Gaukeleien aber +empfinden dergleichen Leute gar nichts, lachen, wenn sie allein +sind, des Possenspiels, das sie mit einander treiben, können voraus +calculiren, wie weit sie morgen und übermorgen mit ihrem Geschäfte +kommen müssen, und werden dick und fett bei ihrer Liebespein.« + + »Ganz anders aber ist es mit einem Paar unschuldigen Herzen, die, zum + erstenmal vom wohlthätigen Feuer der Liebe erwärmt, so gern ihren + süßen, schuldlosen Gefühlen Luft machen möchten, und immer nicht + Muth fassen können, mit Worten zu sagen, was Augen und Gebehrden oft + schon deutlich gesagt und beantwortet haben. Der Jüngling sieht die + Geliebte zärtlich an; sie erröthet; ihr Blick wird unruhig, unstät, + wenn Er mit einem andern Mädchen zu viel und zu freundlich redet; sein + Auge möchte zürnen, er möchte gleichgültig vor ihr vorbeiblicken, + wenn sie einem Andern vertraulich etwas in's Ohr gesagt hat; man + fühlt den Vorwurf, gibt augenblickliche Genugthuung, bricht plötzlich + und fast unhöflich das Gespräch ab, welches den Argwohn erweckt + hat; der Versöhnte dankt durch das zärtliche Lächeln und durch die + fröhlichste, plötzlich aufwachende Laune; man nimmt mit den Augen + Verabredungen auf morgen, entschuldigt sich, warnet vor Beobachtern, + erkennt sich gegenseitige Rechte auf einander an -- und hat sich + doch noch mit keinem Wörtchen gesagt, ~was~ man für einander fühlt. + Allein man sucht von beiden Seiten ernstlich die Gelegenheit dazu; + sie kömmt, kömmt oft, und man läßt sie ungenützt vorbeistreichen, + drückt sich höchstens einmal leise die Hand, und doch auch das nie + ohne irgend einen schicklichen Vorwand, sagt sich aber kein Wort, + ist mißmüthig, zweifelt an Gegenliebe, und hat sich oft noch nicht + gegen einander erklärt, wenn man schon die Fabel der ganzen Stadt und + der Gegenstand der schändlichsten Verläumdung ist. Ist endlich das + längst im Busen pochende Bekenntniß den furchtsamen Lippen stotternd + entflohen, und mit gebrochenen, halb erstickten Worten, mit einem + bis in das Innerste dringenden Händedrucke begleitet, beantwortet + worden; dann lebt man vollends erst ganz für einander, ist wenig um + die übrige Welt bekümmert, sieht und hört nichts um sich her, ist in + keiner Gesellschaft verlegen mit seiner Person, wenn nur der theure + Gegenstand uns freundlich anlächelt; findet an der Seite der Geliebten + alles Ungemach des Lebens leichter zu ertragen; glaubt nicht, daß es + Krankheit, Armuth, Druck und Noth in der schönen Welt geben könne; + lebt mit allen Wesen in Frieden; verachtet Gemächlichkeit, köstliche + Speise, Schlaf. -- O Ihr! wenn Ihr je so wonnevolle Zeiten verlebt + habt, sprechet! ist auch ein süßerer Traum zu träumen möglich? Ist + unter allen phantastischen Freuden des Lebens Eine, die so unschuldig, + so natürlich, so unschädlich wäre? Eine, die so überschwenglich + glücklich, fröhlich, so friedenvoll machte? -- Ach! daß dieser selige + Zustand der Bezauberung nicht ewig dauern kann, daß man oft nur gar zu + unsanft aus diesem elysischen Schlummer aufgeschreckt wird!« + + + 4. + +In der Ehe ist ~Eifersucht~ ein schreckliches, Ruhe und Frieden +störendes Uebel, und jeder Streit von bösen Folgen; in die Liebe +hingegen bringt die Eifersucht Mannigfaltigkeit und neues Leben; +nichts ist süßer, als der Augenblick der Versöhnung nach kleinen +Zwistigkeiten, und solche Scenen knüpfen das Band fester. Zittre vor +der Eifersucht einer Kokette, vor der Rache eines Weibes, dessen Liebe +Du verschmäht hast, oder für welches Dein Herz nicht mehr spricht, wenn +sie Deiner -- sey es nun aus Lust, oder aus Eitelkeit, aus Vorwitz, +oder aus Eigensinn -- noch begehrt! Sie wird Dich mit wüthigem Grimme +verfolgen, und keine Schonung von Deiner Seite, keine Nachgiebigkeit, +keine Verschwiegenheit über die ehemaligen Verhältnisse, keine +öffentliche Ehrerbietungs-Bezeigungen werden Dir helfen, besonders wenn +sie Dich nicht etwa fürchtet. + + + 5. + +Weiber-Feinde schreien laut: das schöne Geschlecht liebe nie mit so +gänzlich treuer Ergebung, wie wir Männer; Eitelkeit, Vorwitz, Lust +an Abentheuern, oder körperliches Bedürfniß sey es nur, was sie zu +uns hinreisse, und man dürfe nicht länger auf Weibertreue rechnen, +als so lange eine von diesen Leidenschaften und Trieben nach Zeit +und Gelegenheit zu befriedigen ist; Andre hingegen lehren gerade +das Gegentheil, und beschreiben mit den reizendsten Farben die +Beständigkeit, die Innigkeit und das Feuer eines weiblichen, von Liebe +erfüllten Herzens. Jene eignen dem Geschlechte viel mehr Sinnlichkeit +und Reizbarkeit, als edlere Gefühle zu, und sagen, es sey nur Grimasse, +wenn Weiber ihre Männer überreden wollten, sie hätten ein sehr kaltes +Temperament; Diese hingegen behaupten: die reinste, heiligste Liebe, +ohne Begierde, ja, auf gewisse Art ohne Leidenschaft, diese göttliche +Flamme könne nur in weiblichen Seelen in ihrer ganzen Fülle wohnen. +Wer von beiden Partheien Recht hat, das mögen Diejenigen entscheiden, +denen eine größere Kenntniß des weiblichen Herzens, und ausgebreitete +Welt-Erfahrung ein Recht geben, über den Charakter der Weiber kühner, +unpartheiischer, mit mehr Scharfsinn und mit gründlicherer Vernunft, +als ich, zu urtheilen und zu schreiben. Ich wage das nicht; auch sind +es zwei verschiedene Fragen: aus welchen Quellen zuerst Weiberliebe +zu entspringen pflege? und: welche Eigenschaften nachher diese Liebe +habe, wenn einmal die Seele davon ergriffen ist? Das aber getraue +ich mir zu behaupten, ohne einem von beiden Geschlechtern zu nahe zu +treten, daß wir Männer an Treue und gänzlicher Hingebung in der Liebe +wohl schwerlich die Weiber übertreffen dürften. Die Geschichte aller +Zeiten ist voll von Beispielen der treuesten Anhänglichkeit, der +heldenmüthigsten Ueberwindung aller Schwierigkeiten, und Verachtung +aller Gefahren, mit welcher ein Weib sich ihrem Geliebten weiht, und +sein Leben zu beglücken, zu erhalten, zu erretten sucht. Ich kenne +kein höheres Glück auf der Welt, als so innig, so treu geliebt zu +werden. Leichtsinnige Gemüther findet man unter Männern, wie unter +Frauenzimmern; Hang zur Abwechselung ist dem ganzen Menschengeschlecht +eigen; neue Eindrücke größerer Liebenswürdigkeit, wahrer oder +eingebildeter, können die lebhaftesten Empfindungen verdrängen; aber +fast möchte ich sagen, die Fälle der Untreue wären häufiger bei +Männern, als bei Weibern, würden nur nicht so bekannt, machten weniger +Aufsehen, wir wären wirklich nicht so leicht auf immer zu fesseln; und +es würde vielleicht nicht schwer halten, die Ursachen davon anzugeben, +wenn das hieher gehörte. + + + 6. + +Treue, ächte Liebe freuet sich in der Stille des seligen Genusses, +prahlt nicht nur nie mit Gunstbezeigungen, sondern gesteht sich's sogar +selbst kaum, wie froh sie ist. Die glücklichsten Augenblicke in der +Liebe sind da, wo man sich noch nicht gegen einander mit Worten erklärt +hat, und doch jede Miene, jeden Blick versteht. Die wonnevollsten +Freuden sind die, welche man mittheilt und empfängt, ohne dem Verstande +davon Rechenschaft zu geben. Die Feinheit des Gefühls leidet oft +nicht, daß man sich über Dinge erkläre, die ganz ihren hohen Werth +verlieren, die anständiger Weise, ohne Beleidigung des Zartgefühls, +gar nicht mehr gegeben und angenommen werden können, sobald man etwas +darüber gesagt hat. Man verwilligt stillschweigend, was man nicht +verwilligen darf, wenn es erbeten, oder wenn es merkbar wird, daß es +mit Absicht gegeben werden soll. + + + 7. + +In den Jahren, in welchen so leicht das Herz mit dem Kopfe davon +läuft, bauet so Mancher das Unglück seines Lebens durch übereilte +Ehe-Versprechungen. Im Taumel der Liebe vergißt der Jüngling, wie +wichtig ein solcher Schritt ist, und daß von allen Verbindlichkeiten, +die man übernehmen kann, diese die schwerste, die gefährlichste +und leider die unauflöslichste ist. Er verbindet sich auf ewig mit +einem Geschöpfe, das sich seinen von Leidenschaft geblendeten Augen +ganz anders darstellt, als es späterhin seiner nüchternen Vernunft +erscheint, und dann hat er sich eine Hölle auf Erden bereitet; oder +er vergißt, daß mit einer solchen Verbindung die Bedürfnisse, Sorgen +und Arbeiten wachsen, und dann muß er, an der Seite eines innigst +geliebten Weibes, mit Mangel und Kummer kämpfen, und doppelt alle +Schläge des Schicksals fühlen; oder er bricht sein Wort, wenn ihm vor +der priesterlichen Einsegnung noch die Augen aufgehen; und dann sind +Gewissensbisse sein Theil. -- Allein, was vermögen Rath und Warnung im +Augenblicke des Rausches? Uebrigens beziehe ich mich auf das, was ich +im 15ten und 16ten Abschnitte des folgenden Kapitels sagen werde. + + + 8. + +Haben Liebe und Vertraulichkeit Dich an ein Geschöpf gekettet, und +Eure Bande werden getrennt, sey es nun durch Schicksale, Untreue +und Leichtfertigkeit des einen Theils, oder durch andere Umstände: +so handle, nach dem Bruche, oder wenn die Verbindung sonst aufhört, +nie unedel. Laß Dich nie hinreissen zu niedriger Rache! Mißbrauche +nicht Briefe, noch Zutrauen! Der Mann, der fähig ist, ein Mädchen zu +lästern, einem Weibe zu schaden, das einst in seinem Herzen geherrscht +hat, verdient Haß und Verachtung; und wie mancher sonst nicht sehr +liebenswürdige Mann hat die Gunst artiger Frauenzimmer nur allein +seiner erprobten Bescheidenheit, Verschwiegenheit und Vorsichtigkeit in +Liebessachen zu danken! + + + + + Fünftes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit Frauenzimmern. + + + 1. + +Ich will gleich zu Anfange dieses Kapitels feierlich erklären, daß +ich kein Weiber-Feind bin. -- Zwar sollte es billig einer solchen +Erklärung nicht bedürfen, weil es schon der gesunde Menschenverstand +lehrt, und ich kühn sagen darf, daß meine Schriften nicht Gelegenheit +geben, mich für einen Lästerer des schönen Geschlechts zu halten; doch +der Schwachen wegen füge ich es hinzu. Alles also, was ich hier im +Allgemeinen zum Nachtheile des weiblichen Charakters sagen muß, soll +der Verehrung unbeschadet gesagt seyn, die nicht nur jedes einzelne +edle Weib und Mädchen, sondern die auch das Geschlecht, im Ganzen +genommen, von so manchen Seiten, nur nicht gerade von der fehlerhaften, +verdient. ~Diese~ zu verschweigen, um ~jene~ zu erheben, das ist das +Handwerk eines feilen Schmeichlers; und der mag ich nicht seyn. Die +mehrsten Schriftsteller aber, welche etwas über die Frauenzimmer sagen, +scheinen sich's zum Geschäft zu machen, nur die Schwächen derselben +aufzudecken -- das ist noch weniger meine Absicht. Wenn ich aber über +den Umgang mit Menschen schreibe: so habe ich die Verpflichtung, auch +die Schwächen in Erwägung zu ziehen, denen man nachgeben, die man +schonen muß, um in dem Umgange mit Frauenzimmern weder ungerecht, noch +ihr Sclave zu werden. Jedes Geschlecht, jeder Stand, jedes Alter, jeder +einzelne Charakter hat dergleichen Schwächen. In so fern ich diese +kenne, gehört es zu meinem Zwecke, davon zu reden; und man wird finden, +daß ich von der andern Seite weder die Tugenden verschwiegen habe, die +den Umgang mit Männern und Frauenzimmern, mit Alten und Jungen, mit +Weisern und Schwächern, mit Vornehmen und Geringen, angenehm machen, +noch irgend eine einzelne Klasse auf Kosten oder zum Vortheile der +andern, lobe oder tadle. -- So viel als Vorrede zu diesem Kapitel. + + + 2. + +Nichts ist so geschickt, der Bildung des Jünglings die Vollendung +zu geben, als der Umgang mit tugendhaften und gesitteten Weibern. +Da werden die sanftern Tinten in den Charakter eingetragen; da wird +durch mildere und feinere Züge manche Härte gemäßigt, mancher Flecken +verwischt, -- kurz: wer nie mit Weibern besserer Art umgegangen ist, +der entbehrt nicht nur sehr viel reinen Genuß, sondern er wird auch im +geselligen Leben nicht weit kommen; und ~den~ Mann, der verächtlich +vom ganzen weiblichen Geschlechte denkt und redet, mag ich nicht +zum Freunde haben. Ich habe die seligsten Stunden in dem Kreise +liebenswürdiger Frauenzimmer verlebt; und wenn etwas Gutes an mir ist, +wenn, nach so vielfältigen Täuschungen von Menschen und Schicksalen, +Erbitterung, Mißmuth und Feindseligkeit noch nicht alles Wohlwollen, +alle Liebe und Duldung aus meiner Seele verdrängt haben: so danke ich +es den sanften Einwirkungen, die dieser Umgang auf meinen Charakter +gehabt hat. + + + 3. + +Die Weiber haben einen ganz eignen Sinn, um diejenigen unter den +Männern zu unterscheiden, welche mit ihnen sympathisiren, sie +verstehen, sich in ihren Ton stimmen können. Man hat sehr Unrecht, +wenn man ihnen Schuld gibt, körperliche Schönheit allein mache auf +sie so lebhafte Eindrücke; sehr oft hat gerade der entgegengesetzte +Fall Statt. Ich kenne Jünglinge mit Antinous-Gestalten, die ihr Glück +bei dem schönen Geschlechte nicht machen, und hingegen Männer mit +fast garstigen Larven, die dort gefallen und Theilnehmung erwecken. +Auch liegt nicht der Grund darin, daß sie die Klügern und Witzigern +vorzögen, noch in der mehrern oder mindern Schmeichelei und Huldigung; +es gibt aber eine Art mit Frauenzimmern umzugehen, die nur von ihnen +selbst erlernt werden kann; und wer ~die~ nicht versteht, der mag mit +allen innern und äussern Vorzügen ausgerüstet seyn -- er wird ihnen +nicht behagen. Man findet Männer, die von der Gabe, den Frauenzimmern +zu gefallen, großen Mißbrauch machen, denen man erwachsene Töchter +anvertrauet, die zu allen Tageszeiten bei den Damen freien Zutritt, +und sich in den Ruf gesetzt haben, ohne Bedeutung zu seyn, denen +man eben deswegen sorglos die freiesten Scherze erlaubt, oft aber +dadurch so gefährlich macht, daß man es, aber zu spät, bereut, ihnen +so viel eingeräumt zu haben. Der Mißbrauch hebt indessen den erlaubten +Gebrauch jener Kunst nicht auf. Ein kleiner Anstrich von weiblicher +Sanftmuth, die aber ja nicht in unmännliche Schwäche übergehen darf; +Gefälligkeiten, die nicht so groß, nicht so merklich seyn dürfen, +daß sie Aufsehen erregen, oder größere Gegenforderung veranlassen, +aber auch nicht so heimlich, daß sie übersehen würden; kleine, feine +Aufmerksamkeiten, wofür sich kaum danken läßt, die also kein Recht +geben, ohne Anspruch zu seyn scheinen, und doch verstanden, doch +angerechnet werden; eine Art von Augensprache, die, sehr vom Liebäugeln +unterschieden, nur von zarten, empfindungsvollen Herzen aufgefaßt +wird, ohne in Worte übersetzt werden zu dürfen; das Verbergen gewisser +geheimen Gefühle; ein freier, treuherziger Umgang, der nie in freche, +gemeine Vertraulichkeit ausarten muß; zuweilen sanfte Schwermuth, +die nicht Langeweile macht; ein gewisser romanhafter Schwung, der +weder in's Süßliche, noch Abentheuerliche fällt; Bescheidenheit, +ohne Schüchternheit; Unerschrockenheit, Muth und Lebhaftigkeit, +ohne stürmisches Wesen; körperliche Gewandtheit, Geschicktheit, +Behendigkeit, angenehme Talente; -- ich denke, das ist es ungefähr, was +den Weibern an uns gefallen könnte. + + + 4. + +Das Gefühl der Schutzbedürftigkeit, und die Ueberzeugung, daß der +Mann ein Wesen seyn müsse, das fähig sey, diesen Schutz zu verleihen, +ist von der Natur auch ~denen~ Frauen eingepflanzt, die Stärke und +Entschlossenheit genug haben, sich selbst zu schützen. Daher fühlen +auch weichgeschaffne Damen eine Art von Widerwillen gegen schwächliche, +gebrechliche Männer. Sie können gegen Leidende herzliches Mitleiden +empfinden, zum Beispiel gegen Verwundete, Kranke und dergleichen; aber +eigentliche, bleibende Gebrechlichkeiten, die den freien Gebrauch der +Kräfte hemmen, werden die Zuneigung, selbst des sittsamsten Weibes, von +Dir abwendig machen. + + + 5. + +Man hat oft den Damen vorgeworfen, daß sie sich vorzüglich für +ausschweifende Männer interessirten. Wenn das wahr ist: so kann ich +doch nichts durchaus Anstößiges darin finden. Sind sie, bei dem +Bewußtseyn eigner Schwäche, duldsamer, als wir: so macht das ihrem +Herzen Ehre; allein wir Männer tadeln auch oft nur aus Neid solche +glückliche Verbrecher von unserm Geschlechte, finden hingegen, wenn wir +die Lovelace und Carl Moor nur auf dem Papiere oder auf der Schaubühne +sehen, heimliches Wohlgefallen an ihnen. Der Grund von dem Allen liegt +wohl in einem dunkeln Gefühle, welches uns sagt, daß zu Verirrungen von +der Art eine gewisse Kraft des Gemüths, eine lebendige Thätigkeit, und +eine Empfänglichkeit des Gefühls gehöre, die immer Interesse erweckt. +Uebrigens will man bemerkt haben, daß die mehrsten Frauenzimmer nur +vorzüglich duldsam gegen ~hübsche Männer~ und gegen ~garstige Weiber~ +seyen. + + + 6. + +Noch muß ich erinnern, daß die Frauenzimmer an den Männern Reinlichkeit +und eine wohlgewählte, doch nicht phantastische Kleidung lieben, und +daß sie leicht mit einem Blicke kleine Fehler und Nachlässigkeiten im +Anzuge bemerken. + + + 7. + +Huldige nicht mehrern Frauenzimmern zu gleicher Zeit, an demselben +Orte, auf einerlei Weise, wenn es Dir darum zu thun ist, Zuneigung +oder Vorzug von einer Einzelnen zu erlangen! Sie verzeihen uns kleine +Untreuen, ja man kann dadurch bei ihnen zuweilen sogar gewinnen; aber +in dem Augenblicke, da man ihnen etwas von Empfindungen vorschwatzt, +muß man fühlen, was man sagt, und es nur ~für sie~ fühlen. Sobald sie +merken, daß Du Dein zärtliches Gewäsche einer Jeden auskramst, ist +alles vorbei. Sie mögen, was sie uns sind, gern ~ungetheilt~, ~allein~ +und ausschließend bleiben. + + + 8. + +Zwei Frauenzimmer, die Forderungen und Ansprüche von einerlei Art +machen, sey es nun von Seiten der Schönheit, Gelehrsamkeit, oder sonst, +stimmen in einer Gesellschaft nicht gut zusammen. Doch werden sie +zuweilen mit einander fertig; kömmt aber die Dritte hinzu, dann hat der +böse Feind sein Spiel. + +Hüte Dich daher auch, in Gegenwart einer Dame, die Ansprüche von irgend +einer Art macht, eine andre, wegen gleicher Eigenschaften, zu sehr +zu loben, besonders eine Nebenbuhlerin mit denselben Ansprüchen! Es +pflegt allen Menschen, die ein Gefühl von eignem Werthe, und Begierde +zu glänzen haben, vorzüglich aber den Damen, eigen zu seyn, daß sie +gern ausschließlich bewundert werden mögen, es sey nun wegen Schönheit, +wegen Geschmack, wegen Pracht, wegen Talente, wegen Gelehrsamkeit, +oder weswegen es auch sey. Sprich daher auch nicht von Aehnlichkeiten, +die Du findest, zwischen der Frau, mit welcher Du redest, und ihren +Kindern, oder irgend einer andern Person! Frauenzimmer haben zuweilen +sonderbare Grillen; man weiß nicht immer, wie sie, nach ihrer +Vorstellung, aussehen, oder gern aussehen möchten. Die Eine affectirt +Simplicität, Unschuld, Naivität; die Andre macht Anspruch auf hohe +Grazie, Adel und Würde in Gang und Gebehrde. Die Eine sähe es gern, +wenn man sagte: ihr Gesicht verrathe so viel Sanftmuth; eine Andre +möchte männlich klug, entschlossen, geistvoll, erhaben aussehen. Die +möchte mit ihren Blicken zu Boden stürzen können; Jene mit ihren Augen +alle Herzen wie Butter schmelzen. Die Eine will ein gesundes und +frisches, die Andre ein kränkliches, leidendes Ansehen haben. -- Das +sind nun kleine unschädliche Schwachheiten, nach denen man sich wohl +richten kann, oder vielmehr muß, wenn man mit Damen umgehen will. + + + 9. + +Die mehresten Frauenzimmer wollen ohne Unterlaß angenehm unterhalten +seyn. Der angenehme Gesellschafter ist ihnen oft mehr werth, als der +würdige, verdienstvolle Mann, von dessen Lippen Weisheit strömt, wenn +er redet; der aber lieber schweigen, als leere Worte sprechen mag. +Allein kein Gegenstand scheint ihnen unterhaltender, als ihr eignes +Lob, wenn es ihnen nicht gar zu stark in's Gesicht gesagt wird; -- doch +auch damit nehmen es Manche so genau nicht. Man erhebe immer einmal +die Schönheit einer alten Matrone! Man sehe immer einmal die Mutter +für die Tochter im Hause an! -- Sie werden uns darum die Augen nicht +auskratzen. Ueberhaupt aber ist es mit dem Alter der Frauenzimmer +ein kitzlicher Punkt. Man thut am besten, diese Saite gar nicht zu +berühren. Wenn man übrigens die Kunst versteht, ihnen Gelegenheit zu +geben, zu glänzen, so bedarf man weiter keiner Unterhaltung, und man +wird ihnen gewiß nicht unangenehm seyn. -- Ist das nicht bei allen +Menschen mehr oder weniger der Fall? Gewiß! doch bei Weibern öfter, +weil man wohl ohne Sünde ein wenig mehr Eitelkeit auf Rechnung ihres +Geschlechts schreiben, als dem unsrigen Schuld geben darf. + + + 10. + +Ein großes Triebrad im weiblichen Charakter ist die Neugier. Auch +darauf muß man zu rechter Zeit im Umgang mit ihnen zu wirken, und +dies Bedürfniß nach den Umständen zu erwecken, zu beschäftigen und zu +befriedigen verstehen. Sonderbar genug ist es, wie weit oft Vorwitz +und Neugier bei ihnen gehen. Auch die mitleidigsten Seelen unter +ihnen empfinden zuweilen einen unbezwinglichen Trieb, schreckliche +Scenen, Exekutionen, Operationen, Wunden und dergleichen anzuschauen, +jämmerliche Mordgeschichten zu hören; -- Gegenstände, denen sich der +weniger weibliche Mann nicht ohne Widerwillen gegenüber sieht. Deswegen +sind ihnen auch diejenigen Romane und Schauspiele größtentheils +die angenehmsten, in welchen Abentheuer ohne Ende, unerwartete +Begebenheiten in Menge, und Greuel auf Greuel gehäuft sind. Deswegen +forschen die Schlimmern unter ihnen so gern nach fremden Geheimnissen, +und spähen die Handlungen ihrer Nachbaren aus, wenn auch nicht immer +Bosheit, Neid und Schadenfreude zum Grunde liegen. Chesterfield sagt: +»Wenn Du Dich bei Weibern einschmeicheln willst, so vertraue ihnen ein +Geheimniß!« -- freilich wohl nur ein kleines Geheimniß. -- Doch warum +nicht auch größere? Können nicht manche Weiber besser schweigen, als +ihre Männer? Es kömmt nur auf den Gegenstand des Geheimnisses an. + + + 11. + +Auch die edelsten Weiber haben mehr abwechselnde Launen, sind weniger +gleichgestimmt zu allen Zeiten, als wir Männer. Reizbarere Nerven, die +leichter zu allerlei Gemüthsbewegungen in Schwingung zu bringen sind, +und ein schwächerer Körperbau, der manchen unbehaglichen Gefühlen +ausgesetzt ist, die wir gar nicht kennen, sind Schuld daran. Wundert +Euch daher nicht, meine Freunde! wenn Ihr nicht jeden Tag denselben +Grad von Theilnehmung und Liebe in den Augen derjenigen Damen zu +finden glaubet, an deren Zuneigung Euch gelegen ist! Ertraget diese +vorübergehenden Launen, aber hütet Euch in solchen Augenblicken +von Verstimmung, Euch aufzudringen, oder zur Unzeit mit Witz oder +Troste angezogen zu kommen; sondern überleget wohl, was sie in jeder +Gemüthslage etwa gern hören mögten, und wartet ruhig den Augenblick +ab, wo sie selbst den Werth Eurer Nachsicht und Schonung fühlen, und +ihr Unrecht gutmachen! + + + 12. + +Die Frauenzimmer finden ein gewisses Vergnügen an kleinen Neckereien; +mögen selbst denen Personen, die ihnen am theuersten sind, zuweilen +unruhige Augenblicke machen. Auch hiervon liegt der Grund in ihren +Launen, und nicht in Bösartigkeit des Gemüths. Wenn man sich dabei +vernünftig, duldsam, nicht stürmisch beträgt, noch durch eigne Schuld +den kleinen Zwist zu einem wirklichen förmlichen Bruche heranwachsen +läßt: so löschen sie in einer andern Stunde die Beleidigungen, die sie +uns zugefügt haben, durch verdoppelte Gefälligkeit aus, und man erlangt +dabei oft ein Recht mehr auf ihre Zuneigung. + + + 13. + +In solchen und allen übrigen kleinen Kämpfen und Streitigkeiten mit +Frauenzimmern muß man ihnen den Triumph des Augenblicks lassen, nie +aber sie merklich beschämen; denn das ist etwas, das ihre Eitelkeit +selten verzeiht. + + + 14. + +Daß die Rache eines unedlen Weibes fürchterlich, grausam, dauernd und +nicht leicht zu versöhnen sey, das hat man schon so oft gesagt, daß ich +es hier zu wiederholen fast nicht nöthig finde. Wirklich sollte man es +kaum glauben, welche Mittel solche Furien ausfindig zu machen wissen, +einen ehrlichen Mann, von dem sie sich beleidigt glauben, zu martern, +zu verfolgen; wie unauslöschlich ihr Haß ist; zu welchen niedrigen +Mitteln sie ihre Zuflucht nehmen. Der Verfasser dieses Buchs hat leider +selbst eine Erfahrung von der Art gemacht. Ein einziger unbesonnener +Schritt in seiner frühen Jugend, durch welchen sich der Ehrgeitz und +die Eitelkeit eines Weibes gekränkt fühlte, ob sie ihn gleich früher, +als er sie, auf den Fuß getreten hatte, war Schuld daran, daß er +nachher aller Orten, wo sein Schicksal ihn nöthigte, Schutz und Glück +zu suchen, Widerstand, und fast unübersteigliches Hinderniß fand; daß +heimliche, durch allerlei Wege gewonnene Verläumder mit bösen Gerüchten +vor ihm hergingen, um jeden Schritt zu hindern, jeden unschuldigen Plan +zu vereiteln, den er zu seinem Fortkommen und zum Wohl seiner Familie +anlegte. Ihm half nicht das vorsichtigste, untadelhafteste Betragen, +nicht die öffentliche Erklärung, wie sehr er sein Unrecht erkenne. +-- Die rachgierige Frau hörte nicht auf, ihn zu verfolgen, bis er +endlich freiwillig allem entsagte, wozu man die Hülfe Anderer braucht, +und sich auf eine häusliche Existenz einschränkte, die sie ihm nicht +rauben kann. -- Und das that eine Frau, in deren Macht es stand, viele +Menschen glücklich zu machen, und die von der Natur mit sehr seltnen +Vorzügen des Körpers und des Geistes ausgerüstet war. + +Es scheint übrigens in der Natur zu liegen, daß Schwächere immer +grausamer in ihrer Rache sind, als Stärkere; vielleicht, weil das +Gefühl dieser Schwäche die Empfindung des erlittenen Drucks verstärkt, +und lüsterner nach der Gelegenheit macht, auch einmal Kraft zu üben. + + + 15. + +Eine philosophische Abhandlung des Herrn Professor Meiners, über die +Frage: »ob es in unsrer Macht stehe, verliebt zu werden, oder nicht?« +läßt mich daran verzweifeln, irgend etwas Neues über die Mittel sagen +zu können, welche man anzuwenden hat, um im Umgange mit liebenswürdigen +Frauenzimmern die Freiheit seines Herzens zu bewahren und zu behaupten. +Die Liebe ist zwar ein süßes Ungemach, das über uns kömmt, gerade +wenn wir uns dessen am wenigsten versehen, gegen welches wir also +gewöhnlich erst dann anfangen, Maaßregeln zu nehmen, wenn es schon zu +spät ist; da sie aber oft sehr bittre Leiden, und Zerstörung aller Ruhe +und alles Friedens mit in ihrem Gefolge führt; da hoffnungslose Liebe +wohl eine der schrecklichsten Plagen ist, und äussere Verhältnisse +zuweilen auch den edelsten, zärtlichsten Neigungen unübersteigliche +Hindernisse in den Weg legen: so ist es doch der Mühe werth, besonders +für Den, welchen die Natur mit einem lebhaften Temperamente und mit +warmer Phantasie ausgestattet hat, sich an eine gewisse Herrschaft +des Verstandes über Gefühle und Sinnlichkeit zu gewöhnen, und, wo +er sich dazu zu schwach fühlt, -- der Versuchung auszuweichen. Groß +ist die Qual für ein fühlendes Herz, geliebt zu werden, und Liebe +nicht erwiedern zu können. Schrecklich ist die Qual, zu lieben, und +verschmäht zu werden; verzweiflungsvoll die Lage Dessen, der für +gränzenlose treue Zärtlichkeit und Hingebung mit Betrug und Untreue +belohnt wird. -- Wer gegen dies alles sichre Mittel weiß, der hat den +Stein der Weisen gefunden. Ich gestehe meine Schwäche: -- ich kenne +keins, als die Flucht, ehe es dahin kömmt. + + + 16. + +Es leben unter uns Männern Bösewichter, denen Tugend, Redlichkeit und +die Ruhe ihrer Nebenmenschen so wenig heilig sind, daß sie unschuldige, +unerfahrne Mädchen, wenn nicht durch schlaue Künste wirklich zum Laster +verführen, doch mit falschen Erwartungen oder gar mit Versprechungen +einer künftigen Eheverbindung täuschen, sich dadurch für den Augenblick +eine angenehme Existenz verschaffen, die armen Kinder aber, die indeß +ihretwegen aller Gelegenheit zu anderweitiger Versorgung ausgewichen +sind, nachher verlassen, um neue Verbindungen zu schließen. Die +Schändlichkeit eines solchen Verfahrens wird ja wohl Jeder einsehen, +der noch einen Funken von Gefühl für Ehre in seinem Busen trägt; +und wem ein solches Gefühl fremd ist, für den schreibe ich nicht. +Es gibt aber ein andres, den Folgen nach nicht weniger schädliches, +obgleich in Betracht der Absicht nicht so strafbares Betragen der +Männer gegen gefühlvolle Frauenzimmer, worüber ich einige Worte zur +Warnung sagen muß. Es glauben nämlich Manche unter uns, es könne gar +kein Interesse in den Umgang mit jungen Mädchen kommen, wenn man ihnen +nicht Süßigkeiten sage, ihnen schmeichele, oder eine Art von Wärme und +Herzens-Andringlichkeit aus Worten und Gebehrden hervorleuchten lasse. +Aber ein solches Betragen ist wahre Versündigung, denn es nährt nicht +nur den ohnehin schon so großen Hang des Geschlechts zur Eitelkeit, +sondern, da eben diese Eitelkeit, die Ueberzeugung von der Macht ihrer +Reize, gern jedes Honigwort für Sprache inniger Empfindung hält: so +setzen die guten Mädchen, deren Leichtgläubigkeit kein edler Mann +benutzen sollte, sich gleich in den Kopf, es sey ernstlich auf eine +Heirath angesehen. Der Stutzer merkt das nicht, oder wenn er es merkt, +so ist er zu leichtsinnig, den Folgen nachzudenken; er verläßt sich +darauf, daß er nie bestimmt etwas von Heiraths-Anträgen hat fallen +lassen, und wenn er nun früh oder spät aufhört, einer solchen Schönen +zu huldigen, so ist das Mädchen eben so unglücklich, als wenn er sie +absichtlich betrogen hätte. Sie welkt dahin die arme Verlassne, wenn +bittre Täuschung einer lebhaften Hoffnung an ihrem Herzen nagt, indeß +der süße Herr sorglos bei Andern herumschwärmt, und das Unglück nicht +einmal ahnet, das er angerichtet hat. + +Eine nicht minder gewöhnliche Art, junge Mädchen zu Grunde zu richten, +ist, wenn man entweder durch leichtfertige Reden und luxuriösen +Witz ihre Neugier und ihre Sinnlichkeit reizt, oder durch Erweckung +romanhafter Begriffe ihre Phantasie erhitzt, ihre Aufmerksamkeit von +solchen Gegenständen, womit sie, ihrem Berufe gemäß, sich beschäftigen +sollten, ableitet, in ihnen den Sinn für einfaches, häusliches Leben +ertödtet, oder ein junges Land-Mädchen, durch reizende Darstellung der +Stadt-Freuden, mit ihrer Lage unzufrieden macht. O habe doch Mitleiden, +leichtsinniger Jüngling, mit diesen Armen, und nimm ihnen nicht +unbarmherzig, was unersetzlich ist, die Zufriedenheit mit dem, was ihre +Lage ihnen darbietet. Erkenne doch, wie unedel es ist, Schwachheit zu +benutzen, um seiner Eitelkeit eine Nahrung zu bereiten, und wie edel +dagegen, ein unbefangenes und argloses Herz mit Achtung und Schonung zu +behandeln. + + + 17. + +Ich sollte hier billig auch etwas von dem Umgange mit groben Koketten +und Buhlerinnen sagen; allein das würde mich zu weit führen, und +schwerlich möchte meine Mühe mit Erfolge belohnt werden. Die +Schlingen, denen ein junger Mann in dieser Hinsicht auszuweichen +hat, sind unzählig. Wohl ihm, wenn er Kraft und Klugheit genug hat, +diese Ausgearteten wie die Pest zu fliehen; hat er aber einmal das +Unglück, in ihre Fallstricke gerathen zu seyn: so wird er selten so +viel kalte Ueberlegung haben, ehe er ein solches Geschöpf besucht, +vorher ein Kapitel aus meinem Buche zu lesen. Zudem hat der König +Salomon das alles weit besser gesagt. -- Doch ein Paar Zeilen darüber: +Unbeschreiblich fein sind solche verworfne Geschöpfe in der Kunst, +sich zu verstellen, unverschämt zu lügen, Empfindungen zu heucheln, +um ihre Habsucht, ihre Eitelkeit, ihre Sinnlichkeit, ihre Rache, oder +irgend eine andre Leidenschaft zu befriedigen. Unendlich schwer ist +es, zu erforschen, ob eine Buhlerin Dir wirklich um Dein Selbst willen +anhängt. Hast Du sie vielfältig auf die Probe von Uneigennützigkeit +gesetzt, und immer so befunden, wie Du wünschtest: so ist das etwas, +aber noch sehr wenig. Sie verachtet vielleicht Dein Silber, um desto +sicherer Dich selbst mit allem Deinem Golde zu gewinnen; oder ihr +Temperament leitet sie weniger zum Gelde, als zur Wollust. Hast Du sie +bei mancherlei Versuchungen, wo sie Gelegenheit und Anreizung gehabt +hätte, Dich heimlich zu hintergehen, stets treulich befunden; hat sie +zärtliche Sorgfalt, selbst für Deinen Ruf, für Deine Ehre gezeigt; +zieht sie Dich nicht ab von andern natürlichen und edlen Verbindungen; +opfert sie Dir Jugend, Schönheit, Gewinn, Glanz, Eitelkeit auf: -- ei +nun! die Mischungen der Anlagen und Temperamente sind mannigfaltig +-- so kann auch eine Buhlerin von andern Seiten gute, liebenswürdige +Eigenschaften haben; aber traue ihr darum nicht! Ein Weib, das die +ersten und heiligsten aller weiblichen Tugenden, die Keuschheit und +Sittsamkeit, für nichts achtet, wie kann das wahre Ehrfurcht für +höhere Pflichten haben? Doch bin ich weit entfernt, alle unglückliche +Gefallne und Verführte in die Klasse verachtungswerther Buhlerinnen +setzen zu wollen. Wahre Liebe kann auch ein verirrtes Herz zur Tugend +zurückführen. Es ist schon oft gesagt worden, daß derjenige sichrer +vor der Verführung sey, der die Gefahr kennt, als der, welcher nie +in Versuchung geführt worden ist; allein es bleibt bei dieser Art +von Vergehungen immer eine mißliche Sache um die sichre, dauerhafte +Besserung, und keine Lage ist demüthigender und beunruhigender, als +wenn man die geliebte Person von Andern verachtet sieht, wenn man +sich vor der Welt der Bande schämen muß, die man nicht zerreissen +mag oder kann. Liebe, reine Liebe, sichert übrigens am besten gegen +Ausschweifungen, und der Umgang mit edeln, sittsamen Weibern verfeinert +den Sinn des Jünglings für Tugend und Unschuld, waffnet sein verwöhntes +Herz gegen feine und freche Buhlerkünste. -- Uebrigens bleibt es doch +immer eine große Ungerechtigkeit, daß wir Männer uns alle Arten von +Ausschweifungen erlauben, den Weibern aber, die von Jugend auf durch +uns zur Sünde gereizt werden, keinen Fehltritt verzeihen wollen; +aber freilich, was würde aus der bürgerlichen Gesellschaft und aus +dem ganzen Menschengeschlecht werden, wenn diese Strenge gegen das +schwächere Geschlecht aufhörte? Doch bleibt es immer bei dem Ausspruch: +wer sich rein weiß, hebe den ersten Stein auf! + +Ist es aber wohl wahr, was man im gemeinen Leben so oft hört, daß +~jedes~ Weib zu verführen sey? -- o ja! so wie jeder Richter auf irgend +eine Art bestechbar, und jeder Erdensohn, wenn alle innre und äussre +Umstände dazu mitwirken, zu jeder Sünde fähig seyn würde. -- Aber heißt +das etwas andres gesagt, als: daß wir alle -- Menschen sind? Ueberlegt +man dabei, wie auf die feinern Sinne der Frauenzimmer sinnliche +Eindrücke, Verführung, Schmeichelei, Eitelkeit, Neugier, Temperament, +so mächtigen Einfluß haben; wie der kleinste Fleck von dieser Seite +an ihnen so leicht bemerkt wird, weil sie in keinen bürgerlichen +Verhältnissen stehen, ihre Verirrungen nicht durch Verdienste und +~höhere Tugenden~ vergessen machen können: -- o! wer wollte dann nicht +dulden und schweigen? -- Wenden wir uns nun zu einer erhabnen Klasse +von Frauenzimmern -- zu den ~gelehrten Weibern~! + + + 18. + +Ich muß gestehen, daß mich immer eine Art von Fieberfrost befällt, wenn +man mich in Gesellschaft einer Dame gegenüber oder an die Seite setzt, +die große Ansprüche auf Schöngeisterei, oder gar auf Gelehrsamkeit +macht. Wenn die Frauenzimmer doch nur überlegen wollten, wie viel +mehr Interesse diejenigen unter ihnen erwecken, die sich einfach an +die Bestimmung der Natur halten, und sich unter dem Haufen ihrer +Mitschwestern durch treue Erfüllung ihres Berufs auszeichnen! Was +hilft es ihnen, mit Männern in Fächern wetteifern zu wollen, denen sie +nicht gewachsen sind, wozu ihnen mehrentheils die ersten Grundbegriffe +fehlen, welche den Knaben schon von Kindheit an eingeprägt werden? Es +gibt Damen, die, neben allen häuslichen und geselligen Tugenden, neben +der edelsten Einfalt des Charakters und neben der Anmuth weiblicher +Schönheit, durch tiefe Kenntnisse, seltne Talente, feine Kultur, +philosophischen Scharfsinn in ihren Urtheilen, und Bestimmtheit im +Ausdrucke, Gelehrte vom Handwerke beschämen. Dürfte ich es wagen, hier +öffentlich ein Paar Namen zu nennen, so könnte ich beweisen, daß ich +die Originale zu diesem Bilde nicht lange zu suchen brauchte; allein +wie geringe ist gottlob die Anzahl solcher Frauen! Und ist es nicht +Pflicht, die mittelmäßigen weiblichen Genies abzuschrecken, auf Kosten +ihrer und Andrer Glückseligkeit nach einer Höhe zu streben, die so +Wenige erreichen? + +Ich tadle nicht, daß ein Frauenzimmer ihre Schreibart und ihre +mündliche Unterredung durch einiges Studium und durch sorgsam und +keusch gewählte Lectüre zu verfeinern suche; daß sie sich bemühe, +nicht ganz ohne wissenschaftliche Kenntnisse zu seyn; aber sie soll +kein Handwerk aus der Litteratur machen; sie soll nicht in allen +Theilen der Gelehrsamkeit umherschweifen. Es erregt wahrlich, wo +nicht Ekel, doch Mitleiden, wenn man hört, wie solche arme Geschöpfe +sich erkühnen, über Gegenstände abzusprechen, die Jahrhunderte der +Gegenstand der mühsamsten Nachforschung großer Männer gewesen sind, +und von denen diese dennoch mit Bescheidenheit erklärt haben, sie +sähen nicht ganz klar darin; wenn man hört, wie ein eitles Weib +darüber am Thee- oder Nachttische, in den entscheidendsten Ausdrücken, +Machtsprüche wagt, indeß sie kaum eine klare Vorstellung von dem +Gegenstande hat, wovon die Rede ist. Aber der Haufen der Stutzer und +Anbeter bewundert dennoch mit lautem Beifalle die feinen Kenntnisse +der gelehrten Dame, und bestärkt sie dadurch in ihren unbescheidenen +Ansprüchen. Dann sieht sie die wichtigsten Sorgen der Hauswirthschaft, +die Erziehung ihrer Kinder und die Achtung der sogenannten Ungebildeten +wie Kleinigkeiten an, glaubt sich berechtigt, das Joch der männlichen +Herrschaft abzuschütteln, verachtet alle andre Weiber, erweckt sich und +ihrem Gatten Feinde, träumt ohne Unterlaß sich in idealische Welten +hinein; ihre Phantasie lebt in unkeuscher Gemeinschaft mit der gesunden +Vernunft; es geht alles verkehrt im Hause; die Speisen kommen kalt oder +angebrannt auf den Tisch; es werden Schulden auf Schulden gehäuft; +der arme Mann muß mit durchlöcherten Strümpfen einherwandeln. Wenn er +nach häuslichen Freuden seufzt, unterhält ihn die gelehrte Frau mit +Journals-Nachrichten, oder rennt ihm mit einem Musen-Almanach entgegen, +in welchem ihre platten Verse stehen, und wirft ihm höhnisch vor, wie +wenig der Unwürdige, Gefühllose, den Werth des Schatzes erkennt, den er +zu seinem Jammer besitzt. + +Ich hoffe, man wird dies Bild nicht übertrieben finden. Unter +den vierzig bis funfzig Damen, die man jetzt in Deutschland als +Schriftstellerinnen zählt -- die Legionen Derer ungerechnet, die +keinen Unsinn haben drucken lassen, -- sind vielleicht kaum ein +halbes Dutzend, die, als privilegirte Genies höherer Art, wahren +Beruf haben, sich in das Fach der Wissenschaften zu werfen; und diese +sind so liebenswürdige, edle Weiber, versäumen so wenig dabei ihre +übrigen Pflichten, fühlen selbst so lebhaft die Lächerlichkeiten ihrer +halbgelehrten Mitschwestern, daß sie sich durch meine Schilderung +gewiß nicht getroffen und beleidigt finden werden. Ist es aber nicht +bei männlichen Schriftstellern auch der Fall, daß unter der großen +Menge derselben nur Wenige ausgezeichneten Werth haben? Gewiß! nur mit +dem Unterschiede, daß Begierde nach Ruhm oder Gewinn diese irre leiten +kann; die Frauenzimmer hingegen nicht so leicht Entschuldigung finden +können, wenn sie, mit mittelmäßigen, oder weniger als mittelmäßigen +Talenten und Kenntnissen, eine Laufbahn betreten, welche weder die +Natur, noch die bürgerliche Verfassung ihnen angewiesen hat. + +Was nun den Umgang mit solchen Frauenzimmern angeht, die auf Litteratur +Anspruch machen: so versteht sich's, daß, wenn diese Ansprüche gerecht +sind, ihr Umgang äusserst lehrreich und unterhaltend ist; und was die +von der andern Klasse betrifft, so kann ich nichts weiter anrathen, als +-- Geduld, und daß man es wenigstens nicht wage, ihren Machtsprüchen +Gründe entgegenzusetzen, oder ihren Geschmack zu reformiren, wenn man +sich auch nicht so weit erniedrigen will, den Haufen ihrer Schmeichler +zu vermehren. + + + 19. + +Das weibliche Geschlecht besitzt, in viel höherm Grade, als wir, die +Gabe, seine wahren Gesinnungen und Empfindungen zu verbergen. Selbst +Frauenzimmer von weniger feinen Verstandes-Kräften haben zuweilen eine +besondre Fertigkeit in der Kunst sich zu verstellen. Es gibt Fälle, in +welchen diese Kunst ihnen Schutz gegen die Nachstellungen der Männer +gewährt. Der Verführer hat gewonnenes Spiel, wenn er bemerkt, daß das +Herz der Schönen, oder ihre Sinnlichkeit, mit ihm gemeinschaftliche +Sache macht. Also rechne man es ihnen nicht zum Vorwurf, wenn sie +zuweilen anders scheinen, als sie sind! aber man nehme darauf Rücksicht +im Umgange mit ihnen! man glaube nicht immer, daß ihnen derjenige +gleichgültig sey, dem sie mit merklicher Kälte begegnen, noch daß +sie sich vorzüglich für den interessiren, mit dem sie öffentlich +vertraulich umgehen, den sie auszuzeichnen scheinen! Oft thun sie dieß +gerade, um ihr Spiel zu verbergen, wenn es nicht bloß Neckerei, oder +Wirkung ihrer Laune, ihres Eigensinnes ist. Sie ganz zu entziffern, +dazu gehört tiefes Studium des weiblichen Herzens, vieljähriger +Umgang mit den Feinern unter ihnen; kurz, mehr als in diesen Blättern +entwickelt werden kann. + + + 20. + +Ich schweige von der Vorsichtigkeit im Umgange mit alten Koketten; +mit solchen, die sich einbilden, die Ansprüche auf Bewundrung, auf +Huldigung und die Gewalt ihrer Schönheit würden, wie die gesetzmäßigen +Rechte der Juristen, durch dreißigjährigen Besitz um desto sichrer; +die in fünf Jahren nur einmal ihren Geburtstag feiern, und die, wenn +sie an der Spitze einer Bücher-Censur stünden, am ersten den Kalender +verbieten würden. Ich schweige von den Prüden, Strengen, Spröden und +Betschwestern, mit welchen man zuweilen, wie ich höre, unter vier +Augen ganz anders, als in Gesellschaft umgehen darf, und von denen +leichtfertige Leute behaupten: verschwiegne und kühne Männer machten +bei dieser Klasse gerade am leichtesten ihr Glück. Ich schweige von +den sogenannten alten Gevatterinnen und Frauen Basen, die sich's zur +christlichen Pflicht machen, den Ruf ihrer Nachbarn und Bekannten von +Zeit zu Zeit an das Licht zu ziehen, und mit denen man es daher nicht +verderben darf. -- Ich schweige von diesen allen, um die guten Damen +nicht gegen mich aufzubringen, der ich an allen diesen Lästerungen +keinen Theil nehme. + + + 21. + +Aber noch ein Paar Worte über die seligen Freuden, die der Umgang mit +verständigen und edeln Weibern gewährt! Ich habe schon vorhin gesagt, +daß ich demselben die glücklichsten Stunden meines Lebens zu verdanken +habe; und, in Wahrheit! das sprach ich aus der Fülle meines Herzens. +Ihr zartes Gefühl, ihre Gabe, so schnell zu errathen, zu begreifen, +Gedanken aufzufassen, Mienen zu verstehen; ihr feiner Sinn für die +kleinen, süßen Gefälligkeiten des Lebens; ihr reizender naiver Witz; +ihre oft so scharfsinnigen, von gelehrten, systematischen, vorgefaßten +Meinungen so freien Urtheile; unnachahmliche liebenswürdige Laune +-- interessant, selbst in ihren Ebben und Fluthen; ihre Geduld in +langwierigen Leiden, wenn gleich sie im ersten Augenblicke, wo der +Unfall sie trifft, dem Gefährten das Uebel durch Klagen schwerer +machen; ihre sanfte, liebreiche Art zu trösten, zu pflegen, zu warten, +zu harren, zu dulden; die Milde, welche in ihrem ganzen Wesen herrscht; +die kleine, unschädliche Geschwätzigkeit und Redseligkeit, wodurch sie +die Gesellschaft beleben -- das alles kenne ich, schätze ich, verehre +ich. -- Und wer wird nun, bei dem, was ich zum Nachtheil Einiger unter +ihnen habe sagen müssen, mir Lästerung aufbürden, oder gehässige +Absichten beimessen? + + + + + Sechstes Kapitel. + + Ueber den Umgang unter Freunden. + + + 1. + +Da bei dem Betragen gegen unsre Freunde alles auf die Wahl derselben +ankömmt, so muß ich zuerst einige Bemerkungen über diesen Gegenstand +vorausschicken. Keine freundschaftliche Verbindungen pflegen +dauerhafter zu seyn, als diese, welche in der frühen Jugend geschlossen +werden. Man ist da noch weniger mißtrauisch, weniger schwierig in +Kleinigkeiten; das Herz ist offner, geneigter sich mitzutheilen, +sich anzuschließen; die Charaktere fügen sich leichter zusammen; man +gibt von beiden Seiten nach, und setzt sich in gleiche Stimmung; +man erfährt mit einander so Manches, erinnert sich der sorgenlosen, +gemeinschaftlich vollbrachten, glücklichen Jugend-Jahre, und rückt +mit gleichen Schritten in Kultur und Erfahrung fort. Dazu kommen dann +Gewohnheit und Bedürfniß; wird Einer aus dem vertrauten Kreise durch +die Hand des Todes dahingerissen, so kettet das die übrigbleibenden +Gefährten um desto fester an einander. -- Ganz anders sieht es aus in +reifern Jahren. Von Menschen und Schicksalen vielfältig getäuscht, +werden wir verschlossner, trauen nicht so leicht; das Herz steht +unter der Vormundschaft der Vernunft, die genauer abwägt, und sich +selbst Rath zu schaffen sucht, bevor sie sich Andern anvertrauet. +Man fordert mehr, ist ekler in der Wahl, nicht mehr so lüstern nach +neuen Bekanntschaften, wird nicht so lebhaft betroffen von glänzenden +Aussenseiten; man hat ächtere Begriffe von Vollkommenheit, von +dauerhaften Bündnissen, von Nutzen und Schaden einer gänzlichen +Hingebung; der Charakter ist fester; die Grundsätze sind auf Systeme +zurückgeführt, in welche die Gesinnungen und Theorien eines uns +fremden Menschen selten passen; folglich wird es schwerer, eine +dauerhafte Harmonie zu Stande zu bringen; und endlich sind wir in so +manche Geschäfte und Verbindungen verflochten, daß wir kaum Muße, und +wenigstens selten Drang haben, neue zu schließen. Also vernachlässige +man seine Jugend-Freunde nicht; und wenn auch Schicksale, Reisen und +andre Umstände uns in der Welt umhergetrieben und von unsern Gespielen +getrennt haben, so suche man doch jene alten Bande wieder anzuknüpfen, +und man wird selten übel dabei fahren. + + + 2. + +Es ist ein ziemlich allgemein angenommener Grundsatz, daß zu +vollkommner Freundschaft Gleichheit des Standes und der Jahre +erfordert werde. »Die Liebe,« sagt man, »sey blind; sie fessele, durch +unerklärbaren Instinkt, Herzen an einander, die dem kalten Beobachter +gar nicht für einander geschaffen zu seyn schienen; und da sie nur +durch Gefühle, nicht durch Vernunft geleitet werde, so fielen bei +ihr alle Rücksichten des Abstandes, den äussere Umstände erzeugen, +weg. Die Freundschaft hingegen beruhe auf Harmonie in Grundsätzen und +Neigungen; nun aber habe jedes Alter, so wie jeder Stand, seine ihm +eigne Stimmung, nach der Verschiedenheit der Erziehung und Erfahrungen, +und desfalls finde unter Personen von ungleichen Jahren und ungleichen +bürgerlichen Verhältnissen keine so vollkommne Harmonie Statt, wie zur +Knüpfung des Freundschafts-Bandes erfordert werde.« + +Diese Bemerkungen enthalten viel Wahres; doch habe ich schon zärtliche +und dauerhafte Freundschaften unter Leuten wahrgenommen, die, weder +dem Alter noch dem Stande nach, sich ähnlich waren, und wenn man sich +an dasjenige erinnert, was ich zu Anfange des ersten Kapitels in +diesem Theile gesagt habe: so wird man dieß leicht erklären können. Es +gibt junge Greise und alte Jünglinge. Feine Erziehung, Mäßigkeit in +Wünschen, Freiheit in Denkungsart und Unabhängigkeit der Lage, erheben +den Bettler zu einem Manne von hohem Stande, so wie verachtungswürdige +Sitten, unedle Begierden und niedrige Gesinnungen selbst einen Fürsten +zu dem Pöbel herabwürdigen können. Das ist aber zuverlässig gewiß, daß +zu einer dauerhaften innigen Freundschaft Gleichheit in Grundsätzen und +Empfindungen erfordert wird, und daß dieselbe auch bei einer zu großen +Verschiedenheit in Fähigkeiten und Kenntnissen nicht leicht Platz +finden kann. Darf denn in dieser Verbindung gerade das fehlen, was sie +zur Quelle des edelsten Lebens-Genusses und der reinsten Glückseligkeit +macht: die Mittheilung verschwisterter Gefühle, die sanfte, durch +Theilnahme versüßte Warnung und Zurechtweisung? Und kann ich den mit +Zustimmung meines Herzens meinen Freund nennen, dem meine Empfindungen +völlig fremd sind, der kalt und gleichgültig bleibt, wo meine Seele +ganz Gefühl und Empfindung ist? Es gibt Menschen von erhabenen und +seltenen Eigenschaften des Geistes, die man nur bewundern darf, an +welche man immer hinaufschauen muß, und diese Menschen verehrt man, +aber -- man liebt sie nicht, oder man verzweifelt wenigstens daran, von +ihnen wieder geliebt zu werden. In der Freundschaft müssen beide Theile +gleichviel geben und empfangen können. Jedes zu große Uebergewicht +von ~einer~ Seite, alles, was die Gleichheit hebt, stört zugleich die +Freundschaft. + + + 3. + +Warum haben sehr vornehme und sehr reiche Leute so wenig wahren Sinn +für Freundschaft? Sie fühlen nicht dies edelste Seelen-Bedürfniß, +weil ihre ganze Erziehung und Lebensweise die theilnehmenden Gefühle +ertödtet, und sie zu Sclaven der Selbstsucht macht. Ihre Leidenschaften +zu befriedigen; rauschenden, betäubenden Freuden nachzurennen; immer +zu genießen; geschmeichelt, gelobt, geehrt zu werden; darum ist es +ihnen Allen mehr oder weniger zu thun. Von Personen ihres Gleichen +werden sie durch Eifersucht, Neid und andre Leidenschaften getrennt; +die Vornehmeren suchen sie nur auf, wenn sie ihrer, zu Begünstigung +eigennütziger oder ehrgeitziger Absichten, bedürfen; die Geringern und +Aermern aber halten sie in einer so großen Entfernung von sich, daß +sie von ihnen weder die Wahrheit annehmen, noch den Gedanken ertragen +können, sich ihnen gleichzustellen. Auch bei den Besten unter ihnen +erwacht früh oder spät die Vorstellung, daß sie von besserm Stoffe +seyen, und das tödtet dann die Freundschaft. + + + 4. + +Allein selbst unter denen Menschen, die Dir an Stand, Vermögen, Alter +und Fähigkeiten gleich sind, rechne nur auf die dauerhafte Freundschaft +Derer, die nicht von unedlen, heftigen, oder thörichten Leidenschaften +beherrscht, noch, wie ein Wetterhahn, von Launen und Grillen hin- und +hergetrieben werden! Wer rastlos rauschenden Freuden und Zerstreuungen +sich ergibt; wer wilden Begierden, der Wollust, dem Trunke, oder dem +unglückseligen Spiele alles aufopfert; wessen Abgott falsche Ehre, +Gold, oder sein eigenes Ich ist; wer, wankelmüthig in Grundsätzen und +Meinungen, einen Charakter hat, der sich, wie Wachs, von Jedem in +jede Form drücken läßt; der mag vielleicht ein guter Gesellschafter, +aber nie wird er ein beständiger, treuer Freund seyn. Sobald es auf +Verleugnung, Aufopferung, auf Beharrlichkeit und Festigkeit ankömmt, +wird ein Solcher Dich im Stiche lassen; Du wirst allein da stehen und +Dich hintergangen glauben, da doch Du allein Dich betrogst, indem Du +unvorsichtig wähltest. Ueberhaupt ist es in dieser Welt so oft der +Fall, daß unsre Phantasie uns die Menschen malt, wie wir gern möchten, +daß sie aussähen, und es nachher sehr übel nimmt, wenn sie gewahr wird, +daß die Natur nicht das Original dem Gemälde gleich geschaffen hat. + + + 5. + +Man pflegt zu sagen: das sicherste Mittel, Freunde zu haben, sey -- +keiner Freunde zu ~bedürfen~; aber jeder Mensch von Gefühl ~bedarf~ +Freunde. -- Und sollte es denn wirklich so schwer seyn, in dieser +Welt treue Freunde zu finden? Ich meine, nicht halb so schwer, wie +man gewöhnlich glaubt. Unsre empfindelnden jungen Herren schaffen +sich nur zu überspannte Begriffe von der Freundschaft. Freilich, wenn +wir gänzliche Hingebung, unbedingte Aufopferung, Verleugnung alles +eignen Interesse, in höchst kritischen Augenblicken, blinde Ergreifung +unsrer Parthei gegen eigne bessre Ueberzeugung, sogar Bewunderung +unsrer Fehler, Billigung unsrer Thorheiten, Mitwirkung bei unsern +leidenschaftlichen Verirrungen -- mit Einem Worte: wenn wir mehr von +unsern Freunden fordern, als Billigkeit und Gerechtigkeit von Menschen +verlangen darf, die Fleisch und Bein sind und freien Willen haben: so +werden wir nicht leicht unter tausend Wesen Eins finden, das sich so +gänzlich in unsre Arme würfe. Suchen wir aber verständige Menschen, +deren Hauptgrundsätze und Gefühle mit den unsrigen übereinstimmen, +kleine unmerkliche Verschiedenheiten abgerechnet; Menschen, die Freude +finden an dem, was uns freuet; die uns lieben, ohne von uns bezaubert, +das Gute in uns schätzen, ohne blind gegen unsre Schwächen zu seyn; +die uns im Unglücke nicht verlassen, uns in guten und redlichen +Bestrebungen treu und standhaft beistehen, uns mit ungeheuchelter und +herzlicher Theilnahme trösten, aufrichten, tragen helfen, uns, wo es +höchst nöthig ist, und wir dessen werth sind, alles aufopfern, ~was man +ohne Verletzung seiner Ehre und der Gerechtigkeit gegen sich selbst und +die Seinigen aufopfern darf~, uns die Wahrheit nicht verhehlen, und +aufmerksam auf unsre Mängel machen, ohne uns vorsätzlich zu beleidigen, +uns allen andern Menschen vorziehen, in so fern es ohne Unbilligkeit +geschehen kann -- -- suchen wir ernstlich Solche: nun, so finden wir +deren gewiß. -- Viele? nein! das sage ich nicht, aber doch wohl ein +Paar für jeden Biedermann; -- und was braucht man mehr in dieser Welt? + + + 6. + +Hast Du nun einen solchen treuen Freund gefunden, so bewahre ihn auch! +Halte ihn in Ehren, auch dann, wenn das Glück Dich plötzlich über ihn +erhebt, auch da, wo Dein Freund nicht glänzt, wo Deine Verbindung +mit ihm durch die öffentliche Stimme nicht gerechtfertigt zu werden +scheint! Schäme Dich nie Deines ärmern, weniger hochgeschätzten +Freundes; beneide nicht den Dir vorgezogenen Freund! Hange fest an +ihm, ohne ihm lästig zu werden! Fordre nicht mehr von ihm, als Du +selbst leisten würdest; ja, fordre nicht einmal so viel, wenn Dein +Freund nicht in allen Stücken mit Dir einerlei lebhaftes Temperament, +einerlei Fähigkeiten, einerlei Grad von Gefühl hat! Ergreife warm +und eifrig die Parthei Deines Freundes, aber nicht auf Kosten der +Gerechtigkeit und Redlichkeit! Du sollst nicht seinetwegen blind gegen +die Tugenden Andrer seyn, noch, wenn Du die Macht in Händen hast, eines +würdigen, geschickten Mannes Glück zu bauen, diesen dem weniger fähigen +Freunde nachsetzen. Du sollst nicht seine Uebereilungen vertheidigen, +seine Leidenschaften partheiisch als Tugenden erheben, in kleinen +Zwistigkeiten mit Andern, wenn er unrecht hat, geflissentlich die +Parthei des Beleidigers verstärken; nicht Dich mit in sein Verderben +stürzen, wenn ihm dadurch nicht geholfen wird, oder vielleicht gar +durch unkluge Vertheidigung seine Feinde mehr erbittern, und Dir und +den Deinigen den Untergang bereiten. Aber retten sollst Du seinen Ruf, +wenn er unschuldig verläumdet wird, auch dann, wenn jedermann ihn +verläßt und verkennt, sobald Du hoffen darfst, daß dieß ihm irgend +Vortheil bringen kann. Oeffentlich ehren sollst Du den Edeln, und +Dich nie Deiner Verbindung mit ihm schämen, wenn Schicksale oder böse +Menschen ihn unverdient zu Boden gedrückt haben. Nicht mitlächeln +sollst Du, wenn lose Buben hinter seinem Rücken her ihn höhnen. Mit +Vorsicht und Klugheit sollst Du ihm Nachricht geben von Gefahren, die +ihm und seiner bürgerlichen Ehre drohen; aber nur, in so fern dieß dazu +dienen kann, dem Uebel auszuweichen, oder Unvorsichtigkeiten wieder gut +zu machen, nicht aber, wenn er dadurch bloß beunruhigt und aufgeregt +wird. + + + 7. + +Freunde, die uns in der Noth nicht verlassen, sind äusserst selten. +-- Sey Du Einer dieser seltnen Freunde! Hilf, rette, wenn Du es +vermagst! opfre Dich auf -- nur vergiß nicht, was Klugheit und +Gerechtigkeit gegen Dich und Andre von Dir fordern! Aber tobe nicht, +klage nicht, wenn Andre nicht ein Gleiches für Dich thun! Nicht immer +herrscht böser Wille bei ihnen. Schwache, und durch Leidenschaft +beherrschte Menschen sind unsichre Freunde; doch wie wenige gibt es, +die ganz fest und unerschütterlich in ihrem Charakter, ganz frei von +kleinen Leidenschaften und Nebenabsichten sind, die nicht bei ihrer +Anhänglichkeit an Dich von klugen Rücksichten auf Deinen Ruf, Deine +Verhältnisse, bestimmt werden, oder wenigstens nicht gern Schande +vor der Welt wegen ihrer Zuneigung zu Dir auf sich laden wollen; wie +Wenige, die nicht, wo es auf Verleugnung ankömmt, den Schwächern gegen +den Mächtigern aufopfern! Wenn diese nun, sobald ein Ungewitter sich +über Deinem Haupte zusammenzieht, einen kleinen Schritt zurücktreten, +oder wenigstens ihre Liebe und Verehrung in eine Art von Protection +und Rathgebersrolle verwandeln -- nun, so sey billig! Schiebe die +Schuld auf das ängstliche Temperament der mehrsten Leute, auf ihre +Abhängigkeit von äussern Umständen, auf die Nothwendigkeit, heut +zu Tage ~durch Gunst~ sein Glück zu machen, um in schweren Zeiten +fortzukommen! Wie wenig Menschen würden übrig bleiben, mit denen Du +Hand in Hand auf dieser Erde durch Glück und Unglück wandeln könntest, +wenn Du es so genau nehmen, oder so große Forderungen an Deine Freunde +machen wolltest! Zuweilen ist auch der Fall da, daß wirklich unsre +Freunde (wenn wir uns durch kleine oder große Unvorsichtigkeiten +unser böses Schicksal selbst zugezogen haben) sich die Rechtfertigung +schuldig sind, öffentlich zu zeigen, daß sie nicht in unsre Thorheiten +verwickelt waren. Oft werden sie durch unsre widrige Lage gerade so +gestimmt, wie sie immer hätten gestimmt seyn sollen, wenn sie ein +gutes Gewissen hätten bewahren wollen; das heißt: sie hören auf, +uns so täuschend zu schmeicheln, wie sie es vorher aus Furcht, uns +zu verlieren, thaten, so lange wir von jedermann aufgesucht wurden, +und unsre Freunde ~wählen~ konnten. Ich habe in einigen blendenden +Situationen meines Lebens einen Haufen von Leuten sich mir aufdringen +gesehen, die mir ohne Unterlaß Weihrauch streuten, jeden meiner +witzigen Einfälle mit lauter Bewundrung auffingen, schmeichelhafte +Verse auf mich machten, meine Worte als Orakelsprüche ausschrien, und +meinen Ruf im Posaunenton erhoben. Ich kannte das Menschengeschlecht +genug, um nicht alles das für baare Münze aufzunehmen, sondern +fest überzeugt zu seyn, daß sie mich vernachlässigen, wohl gar auf +mich herabsehen würden, wenn ich einst in eine weniger glückliche +Lage kommen sollte, und sie meiner nicht mehr bedürften. Ich irrte +nicht; aber deswegen waren Diese doch nicht insgesammt Schurken und +Heuchler. Viele von ihnen, es ist wahr, lernte ich als Solche kennen; +sie erlaubten sich die ärgsten Niederträchtigkeiten gegen mich; es +befremdete mich nicht; ich verachtete sie; aber Manche waren vorher +nur von dem Strome mit fortgerissen worden. Die Stimme meiner Feinde +erweckte sie nun; sie stutzten, betrachteten mich mit forschendem +Auge, und sahen meine Fehler; sie warfen mir diese Fehler durch Worte +oder einige Kälte in ihrem Betragen, vielleicht ein wenig zu unsanft +vor, gaben mir dadurch Gelegenheit, selbst aufmerksam auf dieselben zu +werden, an mir zu arbeiten; und wahrlich, diese sind mir nützlichere, +ächtere Freunde gewesen, als manche Andre, die mich in meiner Eitelkeit +und Selbstgenügsamkeit zu bestärken suchten. + + + 8. + +Kein Grundsatz scheint mir so unvereinbar mit edelmüthigen Gesinnungen +und eines gefühlvollen Herzens so unwürdig, als der: »daß es ein +Trost sey, Gefährten oder Mitleidende im Unglücke zu haben.« Ist es +nicht genug, selbst leiden, und dabei überzeugt seyn zu müssen, +daß in der Welt noch viel eben so redlich gute Menschen, wie wir +sind, nicht weniger Elend zu tragen haben? Sollen wir noch die Summe +dieser Unglücklichen muthwilliger Weise dadurch vermehren, daß wir +Andre zwingen, auch unsre Last mitzutragen, die dadurch um nichts +leichter wird? Denn man sage doch nicht, daß es Erleichterung sey, +sich von seinem Schmerze zu unterhalten! Nur für altersschwache +Weiber, nicht aber für einen verständigen Mann, kann Geschwätzigkeit +von ~der~ Art Wohlthat werden. Ich habe im ersten Kapitel des ersten +Theils davon geredet: ob es gut sey, Andern seine Widerwärtigkeiten +zu klagen. Damals sagte ich zur Beantwortung dieser Frage nur das, +was Weltklugheit und Vorsichtigkeit lehren; im Umgange mit Freunden +hingegen, wovon hier die Rede ist, muß uns auch Feinheit des Gefühls +vorschreiben, unsre unangenehme Lage vor dem mitempfindenden, zärtlich +theilnehmenden Freunde so viel möglich zu verbergen. Ich sage: so viel +möglich, denn es können Fälle kommen, wo die Bedürfnisse des gepreßten +Herzens, sich zu entladen, zu groß, oder die liebreichen Anforderungen +des Freundes, der den Kummer auf unsrer Stirne liest, zu dringend +werden, wo länger zu schweigen Folter für uns, oder Beleidigung für den +Vertrauten werden würde, und wo nur sein Rath oder sein Beistand retten +kann. In allen übrigen Fällen lasset uns der Ruhe unsers Freundes, wie +unserer eignen, schonen! + + + 9. + +Klagt Dir ein bewährter Freund seine Noth, seine Schmerzen, wie +könntest Du ihn ohne innige Theilnahme anhören! Oder wie dürftest Du +seinen Klagen moralische Gemeinsprüche entgegensetzen, ihm wehe thun +durch Vorwürfe über sein Betragen, durch die Bemerkung, daß er seine +Noth hätte verhüten können! Nein, bist Du ein treuer, gefühlvoller +Freund, so wirst Du alles aufbieten, Deinem Freunde Linderung oder +Beistand zu gewähren. Aber verzärtle ihn nicht an Leib und Seele, durch +weibische Klagen! Erwecke vielmehr seinen männlichen Muth, daß er sich +über die nichtigen Leiden dieser Welt erhebe! Schmeichle ihm nicht mit +falschen Hoffnungen, mit Erwartungen eines blinden Ungefährs; sondern +hilf ihm, Wege einschlagen, die eines weisen Mannes würdig sind! + + + 10. + +Aus dem Umgange mit Freunden muß alle Verstellung verbannt seyn. +Da soll alle ~falsche~ Scham, da soll aller Zwang, den Convenienz, +übertriebne Gefälligkeit und Mißtrauen im gemeinen Leben auflegen, +wegfallen. Zutrauen und Aufrichtigkeit müssen unter innigen Freunden +herrschen. Allein man überlege dabei, daß es kindische Geschwätzigkeit +seyn würde, Geheimnisse mitzutheilen, die dem Freunde gleichgültig +sind, und durch die ihm eine schwere Verantwortlichkeit aufgelegt, +oder seine Verschwiegenheit auf eine schwere Probe gesetzt wird; daß +wenige Menschen, unter allen Umständen, unverbrüchlich ein Geheimniß zu +bewahren vermögen, wenn sie auch übrigens alle Eigenschaften haben, die +zur Freundschaft erfordert werden; daß fremde Geheimnisse nicht unser +Eigenthum sind; und endlich, daß es auch eigne Geheimnisse geben kann, +die man ohne Schaden, Gefahr und Nachtheil durchaus keinem Menschen auf +der Welt anvertrauen darf! + + + 11. + +Jede Art von schädlicher oder weibischer Schmeichelei muß im Umgange +unter ächten Freunden wegfallen, nicht aber eine gewisse Gefälligkeit, +die das Leben süß macht, Nachgiebigkeit und Geschmeidigkeit +in unschuldigen Dingen. Es gibt Menschen, deren Zuneigung man +augenblicklich verloren hat, sobald man aufhört, ihnen Weihrauch +zu streuen, sobald man nicht in allen Stücken einerlei Meinung mit +ihnen ist, einerlei Geschmack mit ihnen hat. In ihrer Gegenwart darf +man nicht einmal den Vorzügen der Verdienstvollsten Gerechtigkeit +widerfahren lassen. Gewisse Saiten kann man gar nicht berühren, +ohne sie aufzubringen. Haben sie eine Thorheit begangen; sind sie +blindlings eingenommen für oder gegen eine Sache; werden sie von +Phantasie oder Leidenschaft irregeleitet; haben sie unanständige oder +schädliche Gewohnheiten an sich; findet man in ihrer Art zu leben und +zu wirthschaften etwas mit Grunde auszusetzen, und man untersteht sich, +hierüber etwas zu sagen: so schlägt das Feuer aller Orten heraus. Andre +werden hiedurch nicht sowohl beleidigt, als gekränkt. Sie sind gewöhnt, +sich so zu verzärteln, daß sie die Stimme der Wahrheit gar nicht hören +können. Man soll nur von solchen Dingen mit ihnen reden, die ihren +faulen Seelen-Schlummer befördern. -- »Wenn ich Dich bitten darf,« +sagen sie, »so laß uns davon abbrechen! das sind Gegenstände, die ich +nicht gern in mein Gedächtniß zurückrufe. Es ist nun einmal nicht +anders! Ich weiß wohl, daß ich Unrecht habe, daß ich vielleicht anders +handeln sollte; aber es würde einen zu schweren Kampf kosten -- meine +Gesundheit, meine Ruhe, meine schwachen Nerven vertragen es nicht, +daß ich ernstlich darüber nachsinne.« -- Pfui! welch eine Feigheit +und Verblendung! ein Mensch, der einen festen Charakter besitzt, und +ernstlich das Gute liebt und sucht, muß den Muth haben, bei jedem +Gegenstande mit reifer Ueberlegung verweilen zu können. -- Alle solche +verweichlichte und feige Seelen taugen nicht zur Freundschaft. Man +muß das Herz haben, Wahrheit zu sagen und Wahrheit anzuhören, auch +dann, wenn diese Wahrheit hart ist, und unser Innerstes erschüttert. +Doch das Recht, welches die Freundschaft gibt, freimüthig zu tadeln, +und dem Freunde die Wahrheit nicht zu verhehlen, will mit Zartheit +und liebevoller Schonung ausgeübt seyn. Schon die Klugheit verbeut, +den fehlenden Freund durch lange Straf-Predigten zu ermüden und zu +erbittern, oder mit ängstlichen Besorgnissen zu erfüllen, wenn, seinem +Temperamente oder den Umständen nach, gar kein Nutzen davon zu erwarten +steht. + + + 12. + +Es ist schon gesagt, daß alles, was die Gleichheit unter Freunden +aufhebt, der Freundschaft schädlich sey. Da nun das Verhältniß +zwischen einem Wohlthäter und Dem, welcher Wohlthaten empfängt, am +wenigsten mit Gleichheit bestehen kann: so scheint es der Zartheit der +Gefühle angemessen, zu verhindern, daß durch ein zu großes Gewicht +von Wohlthaten auf ~einer~ Seite ein Freund dem andern gleichsam +unterwürfig werde. Verbindlichkeiten von der Art sind der Freiheit, +der uneingeschränkten Wahl entgegen, auf welcher die Freundschaft +beruhen soll. Sie bringen etwas in dies Bündniß hinein, das nicht +hinein gehört, nämlich die Dankbarkeit, welche nicht freiwillig, +sondern Pflicht ist. Man hat selten den Muth, so kühn und offenherzig +mit dem Wohlthäter zu reden, wie mit dem Freunde. Vorzüglich aber soll +das Zartgefühl mich abhalten, meines Freundes Güte in Anspruch zu +nehmen, weil ich voraussetzen darf, daß er mir zugestehen werde, was er +einem Fremden abschlagen würde. Wäre es endlich auch nur die einzige +Rücksicht, daß empfangene Wohlthat partheiisch für den Wohlthäter +macht, und Partheilichkeit Bestechung ist: so läge hierin schon ein +starker Grund, äusserst behutsam und bedenklich zu seyn, wenn von +Erheischung und Annahme wirklicher Wohlthaten aus der Hand des Freundes +die Rede ist, doch mit Verbannung jeder mißtrauischen Besorgniß, +als ob es möglich wäre, daß angenommene Wohlthat der Freundschaft +gefährlich werden könnte. -- Kaum darf hiebei erinnert werden, daß man +die Dienstwilligkeit seiner mächtigen oder angesehenen Freunde nie für +fremde Angelegenheiten, oder zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke +mißbrauchen sollte. Allein es gibt Mittel, den edeln Mann, der gern +Gutes thut, aufmerksam zu machen auf Gegenstände, die seiner Hülfe +werth sind. Mylord Marshall Keith wurde von einem Officier gebeten, +ihn dem Könige von Preussen zu empfehlen. Er antwortete nicht, gab ihm +aber, bei seiner Abreise nach Potsdam, einen kleinen Sack voll Erbsen +mit, den der Officier dem Könige, ohne Brief, überreichen sollte. +Friedrich begriff, daß sein Freund keinem Menschen von gemeinem Schlage +einen solchen Auftrag würde gegeben haben, und nahm den Officier +in seinen Dienst. Ueberhaupt haben feinere Seelen unter sich eine +eigne geheime, Andern unverständliche Sprache. Doch gibt es Fälle, +in welchen man ohne Scheu sich an Freunde wenden muß, nämlich wenn +die Freundschafts-Dienste, deren wir bedürfen, von der Art sind, daß +der Freund sie uns ohne Ungemächlichkeit erweisen, oder ohne uns in +Verlegenheit zu setzen und uns im mindesten zu beleidigen, verweigern +kann; wenn wir in der Lage sind, ihm gelegentlich wieder gleiche +Gefälligkeiten zu erweisen; wenn niemand so gut, wie er, von der Lage +der Sache, von der Sicherheit, mit welcher unsere Bitte gewährt werden +kann, überzeugt ist, oder wenn unser ganzes Glück auf Verschweigung +einer Sache beruht; wenn wir uns keinem Andern sicher, ohne Gefahr und +Schaden, anvertrauen, von keinem Andern Hülfe erwarten dürfen, und wenn +wir dann gewiß wissen, daß unser Freund dabei nichts verlieren, keiner +Unannehmlichkeit ausgesetzt seyn kann. In allen diesen und ähnlichen +Fällen würden wir gegen das Zutrauen sündigen, das wir ihm schuldig +sind, wenn wir ihm unsre Verlegenheiten verschwiegen. + + + 13. + +Etwas von dem, was ich über das Verhältniß unter Eheleuten gesagt +habe, findet auch bei Freunden Statt, nämlich, daß man sich hüten muß, +einander überdrüssig zu werden, oder durch zu öftern, zu vertraulichen +Umgang, widrige Eindrücke zu veranlassen. Darum sollen sich Freunde +nicht zu oft sehen, sollen den Umgang zuweilen entbehren, damit sie +ihn dann desto inniger genießen mögen, und damit nicht durch einen zu +häufigen Umgang die kleinen Fehler sichtbar und fühlbar werden, deren +jeder Mensch mehr oder weniger hat, und die so leicht die Innigkeit +der Freundschaft stören, so leicht einen Mißton erzeugen, oder +wenigstens Beschwerden verursachen, die man seinem Freunde ersparen +sollte. Diese Vorsicht ist in der Freundschaft noch nöthiger, als in +der Ehe, da in jener nicht, wie in dieser, gewisse Rücksichten und +Ueberlegungen wirksam sind, vor allen die, daß man nun einmal auf die +ganze Lebenszeit mit einander zu Freude und Leid, zu gemeinschaftlicher +Ertragung, und um ~ein~ Leib und ~eine~ Seele zu seyn, vereint ist; +folglich die Beständigkeit derselben von der behutsamsten Schonung +abhängt. Es ist wahr, daß jene unangenehme Eindrücke bei edeln und +verständigen Menschen nicht von Dauer sind, und daß es nur eines +Zwischenraums von wenig Tagen bedarf, um uns wieder die Augen zu öffnen +über den Werth und Vorzug unsers Freundes vor andern mittelmäßigen +Leuten, mit denen wir indeß gelebt haben; allein besser ist es doch, +wenn dergleichen Empfindungen gar nicht in unser Herz kommen; und +das kann man ja ändern. Man verbanne daher auch aus dem Umgange mit +Freunden jene pöbelhafte Vertraulichkeit, jenen Mangel an Höflichkeit +und jene Nachlässigkeit im Aeussern, wovon ich im dritten Kapitel +dieses Theils, besonders in dessen viertem Abschnitte, geredet habe; +und lege endlich auch dem Freunde keine Art von Zwang auf; verlange +nicht, daß er sich nach unsern Launen, nach unserm Geschmacke richten, +noch daß er den Umgang solcher Menschen, gegen welche wir eingenommen +sind, fliehen solle! + +Eben so wichtig ist es aber auch, sich den Umgang mit geliebten +Personen nicht so sehr zum Bedürfnisse zu machen, daß man ohne sie +durchaus nicht leben zu können glaubt. Wir sind auf dieser Welt nicht +Herren über unser Schicksal. Man muß sich gewöhnen, Trennungen durch +Tod, Entfernungen und andere Umstände zu ertragen, und wenn man ein Gut +besitzt, sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß man dies Gut auch +verlieren könne. Ein weiser Mann bauet nicht seine ganze Existenz auf +das Daseyn eines andern Wesens. + + + 14. + +Bleibe aber immer, auch in der Entfernung, ein warmer Freund Deiner +Freunde! sonst scheint es, als habest Du nur aus Eigennutz, nur um +den Genuß des Lebens zu erhöhen, Dich an sie geschlossen. Halte die +Vernachlässigung des Briefwechsels nicht für eine Kleinigkeit, die +man sich wohl verzeihen könne; denn wie darfst Du Dich dessen Freund +nennen, dem Du nicht einmal einige Stunden Deines Lebens in jedem +Jahre weihen willst, und wie darfst Du von demjenigen Freundschaft +erwarten, den Du so sehr vernachlässigst, daß er endlich nicht mehr +weiß, ob Du noch unter den Lebendigen bist? Fühlst Du in Monaten und +Jahren das Bedürfniß nicht, Dich schriftlich mit Deinem Freunde zu +unterhalten, so liegst Du entweder in den Fesseln des Egoismus, oder +bist überhaupt nicht mehr werth, einen Freund zu haben. Ich lasse +auch die Entschuldigung nicht gelten, daß man zuweilen lange Zeit +hindurch gar nicht gestimmt sey, seine Gedanken in Ordnung auf das +Papier zu bringen. Briefe an den Vertrauten unsers Herzens sind keine +rednerische Ausarbeitungen; jedes Wort, das Abdruck dessen ist, was in +unsrer Seele vorgeht, wird ihm willkommen seyn, und nur auf diese Weise +kann ja einem gefühlvollen Herzen die Trennung von geliebten Personen +erträglich werden. + + + 15. + +Man sieht zuweilen Menschen eben so eifersüchtig in der Freundschaft, +wie in der Liebe. Das zeugt mehr von einer selbstsüchtigen, als von +einer zärtlichen Gemüthsart. Freuen soll es Dich, wenn auch andre +Menschen den Werth dessen zu schätzen wissen, der Dir theuer ist; +freuen soll es Dich, wenn Dein Liebling noch ausser Dir gute Seelen +findet, denen er sich mittheilen, in deren Gemeinschaft er reine Wonne +schmecken kann. Er wird darum nicht blind gegen Deine Vorzüge, nicht +undankbar gegen Dich werden -- und würdest Du denn dadurch mehr Werth +in seinen Augen bekommen, daß Du ihn von liebenswürdigen Menschen zu +entfernen, oder ihn gegen sie einzunehmen suchtest, nur um ihn für Dich +allein zu behalten? + + + 16. + +Alles, was Deinem Freunde angehört, sein Vermögen, sein bürgerliches +Glück, seine Gesundheit, sein Ruf, die Ehre seines Weibes, die Unschuld +und Bildung seiner Kinder -- das alles sey Dir heilig, sey ein +Gegenstand Deiner Sorgfalt, Deiner Theilnahme und Deiner Schonung! Auch +Deine heftigste Leidenschaft, Deine unmäßigste Begierde müsse diese +Unverletzlichkeit ehren! + + + 17. + +Gaben, Anlagen und die Art, seine Empfindungen an den Tag zu legen, +sind bei den Menschen verschieden. Nicht immer ist Derjenige der +Gefühlvollste, welcher am geläufigsten von innern Regungen und +Empfindungen schwatzt; nicht immer Derjenige der treuste und +beharrlichste Freund, der mit dem heftigsten Feuer uns an seine Brust +drückt, der mit der größten Hitze hinter unserm Rücken sich unsrer +annimmt. Alles Ueberspannte taugt nicht, dauert nicht. Ruhige, stille +Hochachtung ist mehr werth, als Anbetung, Verehrung und Entzückung. +Man verlange daher nicht von Jedem denselben Grad von äussern +Freundschafts-Bezeigungen, sondern beurtheile seine Freunde nach +der fortgesetzten, immer gleichen Zuneigung und treuen Ergebenheit, +welche sie uns in der That, ohne Uebertreibung und ohne Schmeichelei, +beweisen! Leider aber ordnet unsre Eitelkeit mehrentheils den Werth +der Menschen nach dem Grade der Huldigung, welche sie uns leisten, und +die mehrsten Leute suchen solche Freunde um sich her zu versammeln, an +deren Seite sie in doppelt vortheilhaftem Lichte erscheinen, und denen +ihre Worte Orakelsprüche sind. + + + 18. + +Werbe nicht ängstlich um Freunde! Mache nicht Jagd auf jeden +ausgezeichneten Menschen, und lege es nicht geflissentlich darauf +an, daß er Dir besonders zugethan werden soll! Jede Art von +Andringlichkeit, wäre sie auch noch so gut gemeint, pflegt Verdacht +oder Geringschätzung zu erwecken; und wer in der Stille auf dem Pfade +fortwandelt, den Redlichkeit und Klugheit bezeichnen, und dabei ein +wohlwollendes, zur Mittheilung gestimmtes Herz in seinem Busen trägt, +der bleibt nicht unbemerkt, nicht unaufgesucht; er findet, ohne sich +anzudrängen, ein Paar Edle, die ihm die Hand zum brüderlichen Bunde +reichen. + + + 19. + +Es gibt aber Menschen, die gar keinen ~vertrauten~ Freund, sondern nur +Bekannte haben; entweder weil ihnen der Sinn für dies Seelen-Bedürfniß +fehlt, oder weil sie keinem lebendigen Wesen trauen, oder weil ihre +Gemüthsart kalt, unverträglich, verschlossen, eitel, oder zänkisch +ist. Andre sind aller Welt Freunde; sie werfen ihr Herz jedermann vor +die Füße, und deswegen bückt sich Keiner, greift niemand darnach, es +aufzunehmen. -- Es ist eine Ehre und ein Glück, zu keiner von diesen +beiden Menschenklassen zu gehören. + + + 20. + +Auch unter den vertrautesten Freunden können Irrungen entstehen, +Mißverständnisse eintreten. Wenn man darüber Zeit verstreichen läßt, +oder zugibt, daß sich dienstfertige Leute hineinmischen: so erwächst +daraus nicht selten eine dauerhafte Feindschaft, die mehrentheils um so +heftiger wird, je zärtlicher, je vertrauter die Verbindung war, und je +ärger man sich also hintergangen glaubt. Es ist wahrlich ein trauriger +Anblick, auf diese Weise zuweilen die edelsten Seelen gegen einander +empört zu sehen. Dringend rathe ich daher, bei dem ersten Schatten +von Unzufriedenheit über das Betragen des Freundes, nicht zu säumen, +ohne Zuthun eines Dritten, auf Erläuterung zu dringen. Da pflegt alles +sehr bald verglichen zu werden; vorausgesetzt, daß kein böser Wille +obwaltet, wie man es denn bei gutgesinnten, wohlwollenden Freunden +voraussetzen muß. + + + 21. + +Wie aber, wenn uns Freunde täuschen, wenn wir nach einiger Zeit +wahrnehmen, daß unser gutes Herz uns irregeleitet, uns an Menschen +gekettet hat, die unsrer nicht werth sind? -- Meine Leser! ich kann es +nicht oft genug wiederholen, daß wir mehrentheils selbst daran Schuld +sind, wenn wir bei näherm Umgange die Menschen anders finden, als +wir sie uns anfangs gedacht haben. Partheiische Gefühle; Sympathie, +Aehnlichkeit des Geschmacks, der Neigung; feine Schmeichelei; +Seelen-Drang, in Augenblicken, wo Jeder uns ein Wohlthäter scheint, +der nur einige Theilnahme an unserm Schicksale zeigt -- diese und +andre dergleichen Eindrücke bestechen uns gar zu leicht, und bereiten +uns bittere Täuschungen. Wir denken uns Menschen als engelreine und +erhabene Seelen, die nichts weiter, als eine gewisse natürliche +Gutmüthigkeit und Offenheit haben, und sind nachher, wenn wir ihre +Schwächen entdecken, viel unduldsamer gegen diese unsre Lieblinge, als +gegen fremde Leute, weil es unserem Stolz weh thut, daß wir so falsch +gesehen hatten, oder so kurzsichtig waren. Darum spannet doch Eure +Erwartung, Eure Meinung von Euren Freunden nicht zu hoch, so wird Euch +ein menschlicher Fehltritt, den sie in Augenblicken der Versuchung +begehen, nicht befremden, nicht ärgern! Habet Nachsicht! Ihr bedürft +deren vielleicht selbst bei andern Gelegenheiten. Richtet nicht, damit +auch Ihr nicht gerichtet werdet! -- Und was für Recht hast Du denn auch +über die Moralität Deines Freundes? Was ist er Dir anders schuldig, als +Treue, Liebe und Dienstfertigkeit? Wer hat Dich zum Sittenrichter über +ihn bestellt? -- Suche einen ganz vollkommnen Mann auf dieser Erde! -- +Du kannst hundert Jahre alt werden und wirst ihn nicht finden. + +Vor allen Dingen aber soll man sich hüten, jedem elenden Geschwätze, +womit böse oder schwache Menschen zum Nachtheile unsrer Freunde +unsre Ohren erfüllen, Glauben beizumessen. Leute, die heute mit +einem Manne, den sie bis in den Himmel erheben, ihren letzten Bissen +theilen würden, und morgen, wenn irgend ein altes Weib ihnen ein +ärgerliches Mährchen aufgehängt hat, denselben zu dem verächtlichsten +Betrüger herabwürdigen! Leute, die einen vieljährigen, genau geprüften +Freund, auf Angabe des niederträchtigen unwürdigen Pöbels, einer ihm +schuldgegebenen Schandthat fähig halten können, -- wäre auch alle +Wahrscheinlichkeit auf Seiten der Verläumder! -- solche wankelmüthige, +elende und feile Seelen verdienen nur Verachtung, und der Verlust ihrer +Freundschaft ist baarer Gewinn. Der Anschein ist oft sehr trüglich; +man kann Veranlassungen haben, mißtrauisch zu werden; es können +Umstände eintreten, die es uns unmöglich machen, gewisse zweideutig +scheinende Schritte zu erläutern; aber, daß ein bewährter, edler Mann +keine schlechte Handlung begangen habe, davon bedarf es weiter keines +Beweises, sondern nur des einfachen Glaubens, daß es unmöglich sey, +edel und schlecht zugleich zu seyn. + + + 22. + +Wenn denn nun aber wirklich unser Freund sich so sehr moralisch +verschlimmert, oder wenn unser leichtgläubiges Herz sich in einem +solchen Grade in seinem Zutrauen zu ihm betrogen sieht, daß er unsre +Vertraulichkeit gemißbraucht, uns mit Undank belohnt hätte -- nun! so +hört er auf, unser ~Freund~ zu seyn; ich meine aber, er behält doch +nicht mehr und nicht weniger Recht auf unsre Duldung, als jeder andre +uns fremde Mensch. Ich halte es für eine falsche Zärtelei, an welcher +mehrentheils die Eitelkeit, untrüglich seyn zu wollen, ihren Theil hat, +wenn man glaubt, man müsse nun von einem solchen Verräther immer mit +großer Schonung reden, weil er einst unser Freund gewesen. Das Einzige, +was uns bewegen kann, seiner zu schonen, ist der Gedanke: daß überhaupt +das menschliche Herz ein schwaches Ding ist, und daß man leicht zu +weit in seinem Widerwillen geht, wenn eine Art von Rache sich in unser +Urtheil mischt. Von der andern Seite aber macht der Umstand, daß der +Mann ~uns~ betrogen hat, sein Verbrechen auch nicht um ein Haar breit +größer, berechtigt uns nicht, ärger gegen ihn zu Felde zu ziehen, als +gegen jeden andern Schelm, der ~andre Menschen~ und überhaupt die +Tugend betrügt. + + + + + Siebentes Kapitel. + + Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern. + + + 1. + +Es ist traurig genug, daß der größte Theil des Menschengeschlechts, +durch Schwäche, Armuth, Gewalt und andre Umstände, gezwungen ist, dem +kleinern zu Gebote stehen, und daß oft der Bessere den Winken und +Launen des Schlechtern gehorchen muß. Was ist daher billiger, als daß +die, denen das Schicksal die Gewalt in die Hände gegeben hat, ihren +Nebenmenschen das Leben süß und das Joch erträglicher zu machen, diese +glückliche Lage mit Menschenfreundlichkeit und Edelmuth benutzen. + + + 2. + +Wahr ist es aber auch, daß die meisten Menschen zur Sclaverei geboren, +daß edle, wahrhaftig große Gesinnungen und Gefühle hingegen nur das +Erbtheil einer unbeträchtlichen Anzahl zu seyn scheinen. Lasset +uns indessen den Grund dieser Wahrheit weniger in den natürlichen +Anlagen, als in der Art der Erziehung, und in unsern, durch Luxus und +Despotismus verderbten Zeiten suchen! Durch sie wird eine ungeheure +Menge Bedürfnisse erzeugt, die uns von Andern abhängig machen. Das +ewige Angeln nach Erwerb und Genuß erzeugt niedrige Leidenschaften, +zwingt uns, zu erbetteln und zu erkriechen, was wir für so nöthig zu +unserer Existenz halten, statt daß Mäßigkeit und Genügsamkeit die +Quellen aller Tugend und Freiheit sind. + + + 3. + +Bleiben nun die meisten Menschen stumpf für feinere Empfindungen, und +unfähig zu erhabnen, hohen Gesinnungen: so sind sie doch nicht Alle +unerkenntlich gegen großmüthige Behandlung, noch blind gegen wahren +Werth. Rechne also weder auf die Zuneigung und Achtung, noch auf +freiwillige Folgsamkeit derer, die Dir unterworfen sind, wenn diese +selbst fühlen, daß sie moralisch besser, weiser, geschickter sind, +als Du, daß Du ihrer in einem höheren Grade bedarfst, als sie Deiner; +wenn Du sie mißhandelst, schlecht für wesentliche Dienste belohnst, +die Schmeichler unter ihnen den geraden, aufrichtigen, treuen Dienern +vorziehst; wenn sie sich schämen müssen, einem Manne anzugehören, den +Jeder haßt, oder verachtet; wenn Du mehr von ihnen verlangst, als Du +selbst an ihrer Stelle würdest leisten können; wenn Du Dich weder um +ihr moralisches, noch ökonomisches, noch physisches Wohl bekümmerst, +ihnen den Lohn ihrer Arbeit so sparsam zutheilst, daß sie verzweifeln, +oder Dich betrügen müssen, oder wenigstens keine frohe Stunde haben +können; wenn Du nicht Rücksicht nimmst auf ihren körperlichen Zustand, +sie verstößest, sobald sie alt und schwächlich werden; wenn Du ihnen +wenig Ruhe und Schlaf erlaubest; wenn sie, indeß Du schwelgst, in +rauher Jahrszeit bis nach Mitternacht, vielleicht gar dem bösen Wetter +bloßgestellt, auf Dich voll tödtender Langerweile warten müssen; wenn +Dein lächerlicher Hochmuth ein Gegenstand ihres Spottes wird, oder +Dein Jähzorn sie mit Schimpfwörtern überhäuft; wenn sie mit aller +Aufmerksamkeit kein freundliches Wort von Dir gewinnen können! -- +Geradheit, Redlichkeit, wahre Menschenliebe, Würde und Folgerichtigkeit +in unsern Handlungen zu zeigen, das ist, so wie überhaupt das sicherste +Mittel, uns allgemeine Achtung zu erwerben, so insbesondre geschickt, +uns der Ehrerbietung und Zuneigung Derer zu versichern, die von +uns abhängen, uns oft ohne Schminke in mancherlei Launen sehen, und +gegen welche wir uns also schwerlich lange verstellen können. Es ist +ein altes, aber sehr wahres Sprichwort: »So wie der Herr; also der +Knecht!« Es versteht sich, daß dieß nur von Dienstboten gilt, die lange +genug in einem Hause gedient haben, um den darin herrschenden Ton +anzunehmen; aber bei diesen trifft es denn auch fast unfehlbar ein. +Ein Kammerdiener, der ein Windbeutel ist, dient mehrentheils einem +Prahler! bescheidne Herrschaften haben höfliches Gesinde; in stillen, +ordentlichen Haushaltungen findet man sittsame, fleißige Leute zur +Aufwartung; zänkische, lüderliche Bediente und Mägde sind ~da~ zu +Hause, wo Zwist und zügellose Sitten unter den Herrschaften im Gange +sind. -- Also ist ein gutes Beispiel (wortreicher Ermahnungen bedarf es +nicht) das sicherste Mittel, brauchbares Gesinde zu bilden. + + + 4. + +So sehr ich nun einen freundlichen, liebreichen Umgang mit Bedienten +anrathe, so wenig kann ich es billigen, wenn man sich ihnen unverholen +in allen seinen Blößen zeigt, sie zu Vertrauten in heimlichen +Angelegenheiten macht, sie durch übermäßige Bezahlung an ein üppiges +Leben gewöhnt, -- wenn man sie nicht gehörig beschäftigt, alles +ihrer Willkühr überläßt, sie zu unumschränkten Herren über Kassen +und Vorräthe macht, und dadurch in ihnen Reiz zum Betrug erweckt, -- +wenn man alle Gewalt über sie und alles Ansehen freiwillig aufgibt, +und sich zu einer Vertraulichkeit und einem Tone herabläßt, der sie +nothwendig in Versuchung führen muß, sich zu vergessen. -- Man findet +unter hundert Menschen von der Art kaum Einen, der das vertragen +kann, der nicht Mißbrauch von einer solchen Nachsicht macht. Auch +ist das eben kein Mittel, sich beliebt zu machen. Ein wohlwollendes, +ernsthaftes, gesetztes, immer gleiches Betragen, entfernt von steifer, +hochmüthiger Kälte und Feierlichkeit, -- gute, richtige, nicht +übermäßige, der Wichtigkeit ihrer Dienste angemessene Bezahlung, -- +strenge Pünktlichkeit, wenn es darauf ankömmt, sie zur Ordnung und zu +demjenigen anzuhalten, wozu sie sich verbindlich gemacht haben, -- +Liebe und theilnehmende Güte, wenn sie die Gewährung einer anständigen, +bescheidnen Bitte, die Vergünstigung eines unschuldigen Vergnügens +von uns begehren, oder auch ungebeten nur erwarten können, -- weise +Ueberlegung in Zutheilung der Arbeit, so daß man sie nicht mit unnützen +Arbeiten überhäufe, mit Geschäften, die bloß unser eitles Vergnügen zum +Gegenstande haben, dennoch aber nicht leide, daß sie je müssig seyen, +sondern sie auch anhalte, für sich selbst zu arbeiten, sich in Kleidung +reinlich und rechtlich zu halten, sich Geschicklichkeit zu erwerben, +-- Aufmerksamkeit und Aufopfrung unsers eignen Interesse, wenn man +Gelegenheit hat, ihnen ein besseres Schicksal zu verschaffen, sie zu +befördern, -- väterliche Sorgsamkeit für ihre Gesundheit, für ehrlichen +Erwerb und für ihre sittliche Aufführung: -- das sind die sichersten +Mittel, gut, treu bedient, und von denen, die uns dienen, geliebt zu +werden. Hierzu füge ich noch den Rath, nicht zu viel Dienstboten zu +halten; aber die wenigen, die man hat, und deren man bedarf, nützlich +und hinreichend zu beschäftigen, gut zu bezahlen und vernünftig zu +behandeln. Je mehr Bedienten man hat, desto schlechter wird man bedient. + + + 5. + +Unsre feine Lebensart hat einem der ersten und süßesten Verhältnisse, +dem Verhältnisse zwischen Hausvater und Hausgenossen, alle Anmuth, +alle Würde genommen. Hausvaters-Rechte und Hausvaters-Freuden sind +größtentheils verschwunden; das Gesinde wird nicht mehr als Theil +der Familie angesehen, sondern als Miethlinge betrachtet, die wir +nach Gefallen abschaffen, so wie auch ~sie~ uns verlassen können, +sobald sie sonst irgendwo mehr Freiheit, mehr Gemächlichkeit oder +reichere Bezahlung zu finden glauben. Es ist nicht mehr anerkannt, +daß wir ausser den Stunden, die sie unserm Dienste widmen müssen, +kein Recht auf sie haben; wir leben nicht mehr unter ihnen, sehen sie +nur dann, wenn wir ihnen das Zeichen mit der Schelle geben, und sie +aus ihren, gewöhnlich sehr schmutzigen, ungesunden Löchern zu uns +hervorkriechen. Diese lose, auf ungewisse Zeit geknüpfte Verbindung +trennt das Interesse beider Theile, das doch ein gemeinschaftliches +seyn sollte, auf eine unnatürliche und verderbliche Weise: der Herr +sucht den Miethling recht wohlfeil zu bekommen, er müßte denn aus +Eitelkeit oder Verschwendung mehr an ihn wenden; -- was im Alter +aus dem armen dienstbaren Geschöpfe werden wird, darum bekümmert er +sich nicht, und der Bediente, der das weiß, sucht bei so ungewissen +Aussichten zu erhaschen, was zu erhaschen ist, um wo möglich einen +Nothpfenning zurückzulegen. Welchen Einfluß dieß auf Sittlichkeit, auf +Bildung, auf Vertrauen und gegenseitige Zuneigung haben müsse, ist +leicht einzusehen. Es ist wahr, daß nicht alle Herrschaften vollkommen +so fremd und unnatürlich mit ihrem Gesinde umgehen; aber wo findet man +in jetzigen Zeiten noch Solche, die, als Väter und Lehrer Derer, die +ihnen dienen, sich's zur Freude machen, mitten unter ihnen zu sitzen, +durch weise und freundliche Gespräche sie zu unterrichten, an ihrer +sittlichen und geistigen Bildung zu arbeiten, und für ihr künftiges +Schicksal besorgt zu seyn? Es ist wahr, daß Dienstboten selten so wohl +erzogen sind, daß sie den Werth einer solchen Herablassung zu erkennen +und gehörig zu nützen wissen; allein was hindert uns, das Gesinde +selbst zu erziehen, sie als Kinder anzunehmen, sie dann lebenslang, +wie die Mitglieder unsrer Familie, bei uns zu behalten, und ihr +Schicksal, nach Verhältniß ihres Verdienstes und unsers Vermögens, +zu verbessern? Ich kenne aus Erfahrung alle Ungemächlichkeiten einer +solchen Unternehmung; vielfältig mißlingt es; unsre Arbeit belohnt sich +nicht, wird nicht erkannt; die Kinder, wenn sie herangewachsen, fangen +an, sich zu fühlen, und entziehen sich unsrer väterlichen Zucht. Allein +oft sind wir selbst durch fehlerhafte Behandlung daran Schuld: und +nicht immer handeln sie undankbar gegen uns. Wir geben ihnen zuweilen +eine ganz andre Art von Erziehung, als für ihre Lage taugt, und dadurch +gerade machen wir sie unzufrieden mit ihrem Zustande, statt ihr Glück +zu bauen; oder wir behandeln sie, wenn sie schon erwachsen sind, noch +immer wie Kinder. Der Freiheitstrieb ist allen Geschöpfen von der Natur +eingeprägt; sie glauben, sich einem Joche zu entziehen, wenn sie von +uns gehen, glauben unserer nicht mehr zu bedürfen, sich selbst rathen +und regieren zu können. Vielfältig aber reuet es solche Menschen in +der Folge, uns verlassen zu haben, wenn sie erst den Unterschied unter +einem ~Herrn~ und einem ~Hausvater~ erfahren, und richtige Begriffe +von wahrer Freiheit erhalten. Das Fremde, das man nicht kennt, sieht +immer besser aus, als das gewöhnte, auch noch so Gute. Auf Erfolg und +Dankbarkeit soll man übrigens in dieser Welt nie rechnen, sondern das +Gute bloß aus Liebe zum Guten thun. Nicht alle Mühe aber ist verloren, +die verloren zu seyn scheint, und die Wirkungen einer guten Erziehung +äussern sich oft erst spät nachher. Es ist auch süß, für Andre zu +pflanzen, und dagegen ein gemeines Verdienst, Früchte zu ziehen, die +man selbst genießt. + + + 6. + +Ein Hausvater hat das Recht, sein Gesinde ernstlich zur +Pflicht-Erfüllung anzuhalten; allein nie soll er sich durch Hitze +verleiten lassen, erwachsene Dienstboten mit groben Schimpfwörtern, +oder gar mit Schlägen zu behandeln. Ein edler Mann mag nur Kraft gegen +Kraft setzen; nie wird er Den mißhandeln, der sich nicht wehren darf. + +Fast noch härter ist es, den armen Dienstboten, wegen kleiner +Unachtsamkeiten, z. B. wenn sie etwas zerbrochen haben, einen Theil +ihres sparsamen Lohns zu entziehen. Besser ist es, seinen Dienstboten +so viel Zutrauen einzuflößen, daß sie selbst es sogleich anzeigen, wenn +durch ihre Schuld etwas im Hause verloren gegangen oder zerbrochen ist, +und dann ersetze man das fehlende Stück ohne Anstand wieder, lasse sein +häusliches Inventarium nie verringert werden. Ist von einem Dutzend +Tassen, Teller, Gläser oder dgl. erst ~ein~ Stück fort: so wird nicht +mehr auf die übrigen so viel Sorgfalt verwendet, und bald sind sie alle +verschwunden, da man denn in einen vollen Beutel greifen muß. + + + 7. + +Fremden Bedienten soll man in aller Rücksicht höflich und liebreich +begegnen, denn in Betracht Unsrer sind sie freie Leute, oder wir dürfen +selbst uns nicht frei nennen, wenn wir Fürsten dienen. Dazu kömmt, daß +manche Bediente sehr viel Einfluß auf ihre Herrschaften haben, daß die +Stimme der Menschen aus niedrigen Klassen oft sehr entscheidend für +unsern Ruf werden kann, und endlich, daß diese Klasse es sehr viel +genauer damit zu nehmen pflegt, sich leichter beleidigt glaubt, als +Personen, welche die Grundsätze einer feinen Erziehung über elende +Kleinigkeiten hinaussetzt. + + + 8. + +Es wird hier nicht am unrechten Orte stehen, wenn ich die Warnung +hinzufüge, sich vor Geschwätzigkeit und Vertraulichkeit in dem Umgange +mit Haarkräuslern, Bartscheerern und Putzmacherinnen zu hüten. Dies +Volk -- doch gibt es auch da Ausnahmen -- ist sehr geneigt, aus +einem Hause in das andre zu tragen, Intriguen, Ränke, Klatschereien +anzuspinnen, und sich zu allerlei unedlen Diensten gebrauchen zu +lassen. Am besten ist es, sich mit ihnen auf einen ernsthaften Fuß zu +setzen. + + + 9. + +Das Gesinde pflegt kleine Veruntreuungen in Eß-Waaren, Kaffee, Zucker +u. dgl. für keinen Diebstahl zu halten. So unrecht dieß ist, so bleibt +es doch darum nicht weniger die Pflicht der Herrschaften, ihren +Domestiken die Gelegenheit zu benehmen, dergleichen Unredlichkeiten +sich schuldig zu machen. Zwei Dinge sind hierbei am wirksamsten: +zuerst, daß die Herrschaften mit dem Beispiel der Mäßigkeit und +Selbstbeherrschung vorangehen, und dann, daß sie von Zeit zu Zeit durch +freiwillige Darreichung solcher Bissen, welche die Lüsternheit reizen +könnten, die Versuchung verhüten. + + + 10. + +Und nun sollte ich auch etwas von dem Betragen des Dieners gegen den +Herrn reden. Hier nur so viel über diesen Gegenstand: Wer dient, der +erfülle treu die Pflichten, zu welchen er sich verbindlich gemacht +hat; er thue darin lieber zu viel, als zu wenig; den Vortheil seines +Herrn sehe er wie seinen eignen an; er handle immer so offenbar, und +führe seine Geschäfte mit solcher Ordnung, daß es ihm zu keiner Zeit +schwer fallen könne, Rechenschaft von seinem Haushalte abzulegen; er +mißbrauche nie das Zutrauen, die Vertraulichkeit seines Herrn; er +decke nie die Fehler Dessen auf, dessen Brod er ißt; er lasse sich +nicht verleiten, weder im Scherze, noch im Unwillen, die Gränzen +der Ehrerbietung zu überschreiten, die er Dem schuldig ist, dem das +Schicksal ihn unterwürfig gemacht hat; allein er betrage sich auch +immer mit einer solchen Würde, daß es dem Obern nie einfallen könne, +ihm mit Verachtung zu begegnen, oder unedle Dienste zuzumuthen, sondern +daß dieser seinen Werth, als den eines Menschen, fühle, und, wenn er +einer guten Empfindung fähig ist, des Abstandes ungeachtet, den die +bürgerliche Verfassung zwischen ihnen gesetzt hat, ihm dennoch seine +Hochachtung nicht versagen könne! Er lasse sich nicht durch blendende +Aussenseiten bewegen, seinen Zustand zu verändern, sondern überlege, +daß jede Lage ihre Ungemächlichkeiten hat, die man in der Ferne nicht +wahrnimmt! Hat er bei diesem redlichen und vorsichtigen Betragen +dennoch das Unglück, einem undankbaren, harten, ungerechten Herrn +zu dienen: so ertrage er, wenn sanfte Vorstellungen nichts helfen, +geduldig, ohne Geschwätz und ohne Murren, die lieblose Behandlung, +so lange er sich dieser Lage nicht entziehen kann. Kann er aber, so +trete er in ein anderes Verhältniß, schweige nachher über das, was +ihm begegnet ist, und enthalte sich aller Rache, aller Lästerung, +aller Plauderei! Doch können Fälle eintreten, wo seine gekränkte Ehre +eine öffentliche oder gerichtliche Rechtfertigung gegen den mächtigen +Unterdrücker fordert, und dann trete er ohne Winkelzüge, kühn und fest, +voll Zuversicht auf die Güte seiner Sache, auf Gottes und der Menschen +Gerechtigkeit, hervor, und lasse sich weder durch Menschenfurcht, noch +durch Armuth abschrecken, seinen Ruf zu retten, wenn auch der stärkere +Bösewicht ihm alles Uebrige rauben kann! + + + + + Achtes Kapitel. + + Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns in + demselben Hause wohnen. + + + 1. + +Wenn wir in der Ordnung von den ersten und natürlichsten Verhältnissen +ausgehen, und immer von den einfachen zu den zusammengesetztern +fortschreiten: so denken wir, nach den bis dahin betrachteten +Verhältnissen, nun zuerst an die Verbindung mit Nachbarn und +Hausgenossen. + +Unsre neuere Philosophie überspringt zwar diese engen Verhältnisse; +allein ich bin dazu noch nicht aufgeklärt genug, und schreibe also aus +Ueberzeugung den Satz hin: »Nächst den Personen Deiner Familie, bist +Du am ersten Deinen Nachbarn und Hausgenossen Rath, That und Hülfe +schuldig.« Es ist sehr süß, sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, wenn +man mit lieben, wackern Nachbarn eines zwanglosen, freundschaftlichen +und vertraulichen Umgangs pflegen darf. Es kommen im menschlichen Leben +so manche Fälle, wo augenblickliche kleine Hülfe uns Wohlthat ist, wo +wir uns zur Erholung von ernsthaften Arbeiten, wenn Sorgen uns drücken, +nach der Gegenwart eines guten Menschen sehnen, den wir nicht erst +weit zu suchen brauchen; -- also vernachlässige man seine Nachbarn +nicht, wenn sie irgend von geselliger, wohlwollender Gemüthsart sind! +In großen Städten gehört es leider zum guten Tone, nicht einmal zu +wissen, wer mit uns in demselben Hause wohne. Das finde ich sehr +abgeschmackt, und ich weiß nicht, was mich bewegen sollte, eine halbe +Meile weit zu fahren, wenn ich die Unterhaltung, oder die Langeweile, +welcher ich nachrenne, eben so gut zu Hause finden könnte, oder um +einen Freundschafts-Dienst die ganze Stadt zu durchjagen, wenn neben +mir an ein Mensch wohnt, der mir denselben gern erzeigen würde, in +so fern ich mir seine Freundschaft und sein Zutrauen erworben hätte. +Schämen würde ich mich, wenn es der Fall wäre, daß die Miethkutscher +und Straßenbuben mich besser, als meine Nachbarn kennten. + + + 2. + +Kaum bedarf es der Bemerkung, daß man sich hüten müsse, sowohl sich +denen aufzudringen, die uns als Hausgenossen nicht ausweichen können, +wie auch besonders, ihre Handlungen auszuspähen, uns in ihre häuslichen +Angelegenheiten zu mischen, ihren Schritten nachzuspüren, und ihre +Schwachheiten oder Fehltritte unter die Leute zu bringen. Da vor +Allen das Gesinde hierzu sehr geneigt zu seyn pflegt: so soll man +seine Dienstleute davon abzuhalten, und den Geist der Klatscherei aus +seinem Hause zu verbannen suchen. Die Aufgabe ist schwer, aber nicht +unauflöslich. + + + 3. + +Es giebt kleine Gefälligkeiten, die man Denen schuldig ist, mit welchen +man in demselben Hause, oder denen man gegenüber wohnt, oder deren +Nachbar man ist, -- Gefälligkeiten, die an sich gering sind, doch aber +dazu dienen, Frieden zu erhalten, uns beliebt zu machen, und die man +deswegen nicht verabsäumen soll. Dahin gehört: daß man Poltern, Lärmen, +spätes Thür-Zuschlagen im Hause vermeide, Andern nicht in die Fenster +gaffe, nichts in fremde Höfe oder Gärten schütte, und dergleichen mehr. + + + 4. + +Manche Menschen denken so wenig fein, daß sie glauben, gemiethete +Häuser, Gärten und Hausgeräthe brauchten gar nicht geschont zu werden, +und es sey bei Bestimmung der Mieths-Summe schon auf die Abnutzung +und Verwüstung mit gerechnet worden. Ohne zu erwähnen, daß dieß +wenigstens nicht immer der Fall ist, so denke ich auch: ein Mann, der +Erziehung hat, kann kein Vergnügen daran finden, muthwilliger Weise +etwas zu verderben, das nicht sein ist, wodurch er jemand betrübt, +und sich verhaßt macht. Es wird sehr bald bekannt, wenn man pünktlich +im Bezahlen, höflich und gefällig, dabei ordentlich und reinlich +ist, und man wird dann lieber und um billigern Preis zum Miethsmanne +aufgenommen, als mancher viel Vornehmere und Reichere. + + + 5. + +Wenn unter Leuten, die zusammen in demselben Hause wohnen, oder sonst +täglich mit einander leben müssen, Verstimmungen oder Mißverständnisse +entstehen: so thut man wohl, die Erläuterung zu beschleunigen; denn +nichts ist peinlicher, als mit Personen unter einem Dache zu leben, +gegen die man einen Widerwillen hegt. + + + + + Neuntes Kapitel. + + Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast. + + + 1. + +In alten Zeiten hatte man hohe Begriffe von den Rechten der +Gastfreundschaft. Noch pflegen diese Begriffe in Ländern und +Provinzen, die weniger bevölkert sind, oder wo einfachere Sitten bei +weniger Reichthum, Luxus und Weichlichkeit herrschen, so wie auf dem +Lande, in Ausübung gebracht, und die Rechte der Gastfreundschaft +heilig gehalten zu werden. In unsern glänzenden Städten hingegen, +wo nach und nach der Ton der feinen Lebensart allen Biedersinn zu +verdrängen anfängt, gehören die Gesetze der Gastfreundschaft nur +zu den Höflichkeits-Regeln, die Jeder nach seiner Lage und nach +seinem Gefallen mehr oder weniger anerkennt und befolgt. Auch ist +es wahrlich zu verzeihen, wenn man, bei immer zunehmendem Luxus, +und dem mannigfaltigen Mißbrauche, den man in unsern Zeiten von der +Gutherzigkeit der Menschen macht, vorsichtig in Erzeigung solcher +Gefälligkeiten wird, und wenn man genauere Rücksprache mit seinem +Geldbeutel nimmt, bevor man jedem Müßiggänger und freundlichen +Schmarotzer Haus, Küche und Keller öffnet. Wer hierin aus thörichter +Eitelkeit zu viel thut, betrügt zugleich sich und Andre: sich, indem er +ein Vermögen verschwendet, das er besser anwenden könnte; und Andre, +indem er, unter dem Titel von Gastfreundschaft, nur seinen Hang zur +Prahlerei befriedigt. Von der Gastfreundschaft der Großen und Reichen +rede ich gar nicht; Langeweile, Eitelkeit und Prachtliebe ordnen da +alles auf's Beste, und Der, welcher gibt, weiß, sowohl wie Der, welcher +empfängt, auf welche Rechnung er dieß zu schreiben, und wie er sich +dabei zu betragen habe. Aber für die Gastfreundschaft unter Personen +vom mittlern Stande will ich doch einige allgemeine Regeln geben. + + + 2. + +Man reiche das Wenige, was man der Gastfreundschaft opfern kann, in +gehörigem Maaße, mit guter Art, mit treuem Herzen und mit freundlichem +Gesichte dar! Man suche bei Bewirthung eines Fremden oder eines +Freundes weniger Glanz, als Ordnung und guten Willen zu zeigen; +fremde Reisende kann man sich vorzüglich durch gastfreundschaftliche +Aufnahme verpflichten. Es kömmt ihnen nicht auf eine köstliche freie +Mahlzeit, aber darauf kömmt es ihnen an, daß sie Eingang in guten +Häusern, und dadurch Gelegenheit erhalten, sich über Gegenstände zu +unterrichten, die zu dem Zwecke ihrer Reise gehören. Gastfreundschaft +gegen Fremde ist desfalls sehr zu empfehlen. Man sehe nicht verlegen +aus, wenn uns unerwartet ein Besuch überrascht! Nichts ist einem +Reisenden unangenehmer und peinlicher, als wenn er merkt, daß es +dem Manne, der ihn bewirthet, sauer wird, daß er ungern und nur aus +Höflichkeit hergibt, oder daß er mehr Aufwand dabei verschwendet, als +seine Umstände leiden; wenn er ohne Unterlaß seiner Frau oder seinen +Bedienten in die Ohren flüstert, oder mit ihnen zankt, sobald eine +Schüssel unrecht gestellt, oder etwas vergessen worden ist; wenn er +selbst im Hause herumläuft, alles anordnet und also an der Unterhaltung +gar nicht Theil nimmt; wenn der Mann zwar gern gibt, die Frau hingegen +dem armen Gast jeden Bissen in den Mund zählt; wenn so wenig in den +Schüsseln liegt, daß Der, welcher vorlegt, unmöglich herumreichen +kann; wenn der Wirth und die Wirthin ungestüm zum Essen und Trinken +nöthigen, oder auf eine Weise geben, die zu sagen scheint; »Es ist nun +einmal angeschafft; also füllet Euch den Bauch voll! Werdet recht satt, +so habt Ihr auf lange Zeit genug, und brauchet so bald nicht wieder zu +kommen!« endlich, wenn man Zeuge von Familienzwist und der Unordnung, +die im Hause herrscht, seyn muß. Mit Einem Worte: es gibt eine Art, +Gastfreundschaft zu erweisen, die dem Wenigen, das man darreicht, einen +höhern Werth gibt, als die üppigsten Schmausereien. Vieles trägt hierzu +die Unterhaltung bei. Man muß daher die Kunst verstehen, mit seinen +Gästen nur von solchen Dingen zu reden, die sie gern hören; in einem +größern Kreise solche Gespräche zu führen, woran Alle mit Vergnügen +Theil nehmen und sich dabei in vortheilhaftem Lichte zeigen können. +Der Blöde muß ermuntert, der Traurige aufgeheitert werden. Jeder Gast +muß Gelegenheit bekommen, von etwas zu reden, wovon er gern redet. +Weltklugheit und Menschenkenntniß müssen hier in den besondern Fällen +zum Leitfaden dienen. Man muß nichts als Auge und Ohr seyn, ohne daß +dieß mühsam aussehe, ohne daß man Anstrengung wahrnehme, oder einen +Zwang, den man sich anthut, um zu zeigen, man wisse zu leben. Man bitte +nicht Menschen zusammen, oder setze solche an Tafeln neben einander, +die sich fremd, oder gar feind sind, sich nicht verstehen, nicht zu +einander passen, sich Langeweile machen! Alle diese Aufmerksamkeiten +aber müssen auf eine solche Art erwiesen werden, daß sie nicht mehr +Zwang auflegen, als sie Wohlthat für den Gast sind. Haben die Bedienten +aus Versehen den unrechten Mann, oder haben sie einen Gast auf den +unrechten Tag gebeten; so muß der Fremde doch nicht merken, daß er uns +unerwartet kommt, wenigstens nicht, daß er uns in Verlegenheit setzt, +uns unwillkommen ist. + +Manche Menschen unterhalten sich und Andere am besten, wenn man sie +zu großen Gesellschaften bittet; Andre muß man, wenn sie glänzen, +oder sich an ihrem Platze finden sollen, ganz allein, oder nur zu +einem kleinen Familienmahl einladen: auf dies alles muß man Acht +haben. Jeder, der auf kurze oder lange Zeit in Deinem Hause ist, und +wäre er Dein ärgster Feind, muß daselbst von Die gegen alle Arten von +Beleidigung und Verfolgungen Andrer, so viel an Dir ist, geschützt +seyn! Es müsse Jeder unter unserm Dache sich so frei wie unter +seinem eignen fühlen; man lasse ihn seinen Gang gehen, renne ihm +nicht in jeden Winkel nach, wenn er vielleicht allein seyn will, und +verlange nicht von ihm, daß er für die Bewirthung alle Unkosten der +Unterhaltung allein tragen, durch Kurzweil ergötzen, und dadurch seine +Zeche bezahlen solle; endlich lasse man nicht nach in Gefälligkeit +und Bewirthung, wenn der Freund sich längre, vielleicht, ein wenig +unbescheiden, zu lange Zeit bei uns aufhält, sondern erzeige ihm gleich +in den ersten Tagen nicht mehr und nicht weniger, als man in der Folge +fortsetzen kann! + + + 3. + +Der Gast aber hat gegen den Wirth auch gegenseitig Rücksichten zu +nehmen. Ein altes Sprichwort sagt: »Ein Fisch und ein Gast halten sich +beide nicht gut länger, als drei Tage im Hause.« Diese Vorschrift +leidet nun wohl glücklicher Weise manche Ausnahmen; allein so viel +Wahres steckt doch darin, daß man sich niemand aufdringen, und +Ueberlegung genug haben soll, zu bemerken, ~wie lange~ unsre Gegenwart +in einem Hause angenehm, und für niemand eine Bürde ist. Nicht immer +ist man so aufgelegt, nicht immer in seinen häuslichen Angelegenheiten +so eingerichtet, daß man gern Gäste bei sich sieht, oder lange +beherbergt. Bei Leuten, die nicht auf einen sehr großen Fuß leben, soll +man daher nicht leicht unvermuthet kommen, oder sich selbst einladen. +Dem Manne, der uns Gastfreundschaft erweiset, sollen wir, zum Lohne +seiner Güte, so wenig Last wie möglich machen. Hat der Wirth mit seinen +Leuten zu reden, oder sonst häusliche Geschäfte: so schleiche man ruhig +davon, bis er fertig ist. Der bescheidene Gast wird ruhig und still +sich nach den Sitten des Hauses richten, den Ton der Familie annehmen, +als wenn er ein Glied derselben wäre, wenig Aufwartung fordern, +genügsam seyn, sich nicht in häusliche Angelegenheiten mischen, nicht +durch böse Launen den Ton verstimmen, und wenn es, seiner Meinung nach, +irgendwo in der Bewirthung gemangelt hat, nicht undankbar und unedel +hinter dem Rücken her darüber, oder über das, was er sonst etwa in dem +Hause gesehen hat, seinen Spott treiben. + + + 4. + +Es gibt aber auch Menschen, die einen so gewaltig hohen Werth auf +die Gastfreundschaft setzen, welche sie uns erweisen, daß sie dafür +gelobt, geschmeichelt, bedient, häufig besucht, und wer weiß was sonst +alles seyn wollen. Das ist nun freilich nicht billig. Ein mäßiger Mann +verlangt doch nicht mehr, als sich satt zu essen, und das kann er ja +leicht um geringern Preis. Das Mehr oder Weniger ist so viel nicht +werth, und ich halte wahrhaftig meine Gesellschaft und meine verlorne +Zeit eben so theuer, wie Ihre Hochmögenden Dero Pasteten und Braten. + + + + + Zehntes Kapitel. + + Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten + empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern, + Gläubigern und Schuldnern. + + + 1. + +Die Dankbarkeit ist eine der heiligsten Tugenden. Wer Dir Gutes gethan +hat, den ehre! Danke ihm nicht nur mit Worten, die ihm die Wärme Deiner +Erkenntlichkeit zeigen, sondern suche auch jede Gelegenheit auf, wo +Du ihm wieder dienen und nützlich werden kannst! Fehlt Dir aber dazu +die Veranlassung, so entfalte ihm wenigstens durch ein auszeichnend +ehrendes und theilnehmendes Betragen Dein dankbares Herz! Du darfst +nicht gerade dies Betragen pünktlich nach der Größe der Wohlthat +abmessen, die Du empfangen hast, sondern nach dem Grade des guten +Willens, den Dein Wohlthäter Dir gezeigt hat! Höre auch ~dann~ nicht +auf, dankbar gegen ihn zu seyn, wenn Du seiner nicht mehr bedarfst, +oder wenn Unglücksfälle ihn von seiner Höhe herabgestürzt, ihn seines +Glanzes beraubt haben! + + + 2. + +Nie aber laß Dich zu niederträchtiger Schmeichelei herab, um entweder +Wohlthaten zu erschleichen, oder für den empfangnen Schutz auf unedle +Weise Dich zum Sclaven eines schlechten Mannes zu machen! Wo Pflicht +und Rechtschaffenheit es fordern, da müsse Dein Mund nie zum Unrechte +schweigen, und keine Art von Bestechung die Stimme der Wahrheit zum +Schweigen bringen! Du bezahlst reichlich die Wohlthat, wenn Du dafür +die Pflichten eines ächten Freundes erfüllst, und, selbst mit Gefahr, +den Schutz zu verlieren und für undankbar gehalten zu werden, dem +Wohlthäter sagst, was ihm nöthig und heilsam zu hören ist. Eben +so wenig leide, daß jemand sich's zum Verdienste anrechnet, daß er +Dich bis jetzt hochgeschätzt, Dich bei Andern gelobt und vertheidigt +habe! Warst Du dessen würdig, so erfüllte er eine Pflicht, die man +auch seinen Feinden nicht versagen darf, wo nicht, so hat er nicht +gehandelt, wie ein gerechter und verständiger Mann, selbst in Rücksicht +seiner Freunde, handeln soll. + + + 3. + +Es ist eine unangenehme Lage, wenn man jemand, dem man viel +Verbindlichkeit schuldig ist, nachher von einer schlechten Seite +kennen lernt. Dieser Verlegenheit weicht man nun freilich aus, wenn +man so wenig wie möglich Wohlthaten annimmt. Allein nicht immer läßt +sich das thun; und wenn man dann wirklich in die Verlegenheit kommt, +einem schlechten Menschen auf diese Art verpflichtet zu werden: so +rathe ich an, ihn wenigstens mit so viel Schonung zu behandeln, als +nur immer mit Redlichkeit und weiser Wahrheitsliebe bestehen kann, und +von seiner Schlechtigkeit zu schweigen; doch nur, in so fern Schweigen +nicht Verbrechen gegen die öffentliche Wohlfahrt ist; -- denn in diesem +letztern Falle muß alle Rücksicht aufhören. So wie aber unter den +Menschen, welche Wohlthaten erzeigen: so ist auch ein Unterschied unter +den Wohlthaten selbst. Es gibt unbedeutende Gefälligkeiten, die man +ohne Furcht, auch von den schlechtesten Leuten annehmen kann. Es ist +dann ~ihre~ Schuld, wenn sie dieselben höher anrechnen, als sie werth +sind. In andern Fällen hingegen, besonders wenn man empfangene Dienste +nicht erwiedern kann, ist es klug und edel, sie lieber nicht anzunehmen. + + + 4. + +Die Art, ~wie~ man Wohlthaten erzeigt, ist oft mehr werth, als +die Handlung selbst. Man kann durch dieselbe den Preis jeder Gabe +erhöhen, so wie von der andern Seite ihr alles Verdienst rauben. +Wenig Menschen verstehen diese Kunst; nur die Edlen und Gefühlvollen +wissen sie meisterhaft auszuüben, und zugleich dem dankbaren Herzen +die Gelegenheit, sich erkenntlich zu beweisen, nicht zu verkümmern. +~Der~ gibt doppelt, der ~gleich~, zu rechter Zeit, ungebeten und mit +Freuden gibt. Gib gern! Es ist seliger Genuß, es ist Wohlthat, geben, +zur Freude Andrer etwas beitragen zu dürfen. Gib also gern, aber +verschwende nicht Deine Wohlthaten! Sey dienstfertig, bereitwillig; +aber dringe niemanden Deine Dienste auf! Rechne nicht, ob es erkannt +und belohnt werden wird! Brauche doppelte Schonung im Umgange mit +Denen, welchen Du Gutes erwiesen, aus Furcht, sie mögten argwöhnen, +Du wolltest Dich für Deine Mühe bezahlt machen, sie Dein Uebergewicht +fühlen lassen, Dir größere Freiheit gegen sie erlauben, weil sie aus +Dankbarkeit schweigen müssen! Oft ist es edler und zarter gehandelt, +von Dem keine Gegen-Gefälligkeiten anzunehmen, dem wir Wohlthaten +erzeigt haben; oft hingegen ist es edler, ihm Gelegenheiten zu +geben, uns durch kleine Dienste, die man ihm hoch anrechnen kann, +für große gleichsam zu bezahlen, damit keine zu schwere Last von +Verbindlichkeiten auf ihm zu liegen scheine. Weise nicht die Bittenden +von Deiner Thür zurück! Wenn Dich jemand um Rath, Hülfe, Wohlthat +anspricht: so höre ihm freundlich, theilnehmend und aufmerksam zu! +Laß ihn ausreden, Dir seine Sache vorstellen, ohne ihm in die Rede zu +fallen, denn dem Unglücklichen thut es sehr wohl, wenn er nur sein Herz +ausschütten kann. + + + 5. + +Keine Wohlthat ist größer, als die des Unterrichts und der Bildung. +Wer jemals etwas dazu beigetragen hat, uns zu weisern, bessern und +glücklichern Menschen zu machen, der müsse unsers wärmsten Danks +lebenslang gewiß seyn können! Hat er dabei nicht alles geleistet, was +wir jetzt, bei reifern Jahren, bei weitern Fortschritten in der Kultur, +von einem Lehrer und Erzieher fordern würden: so sollen wir doch nicht +unerkenntlich gegen das seyn, was wir von ihm empfangen haben. + +Ueberhaupt verdienen ja Diejenigen wohl mit vorzüglicher +Achtung behandelt zu werden, die sich redlich dem wichtigen +Erziehungs-Geschäfte widmen. Es ist wahrlich eine höchst schwere +Arbeit, Menschen zu bilden: -- eine Arbeit, die sich nie mit Gelde +bezahlen läßt. Der geringste Dorf-Schulmeister, wenn er seine Pflichten +treulich erfüllt, ist eine wichtigere und nützlichere Person im Staate, +als der Finanz-Minister; und da sein Gehalt gewöhnlich sparsam genug +abgemessen ist: was kann da billiger seyn, als daß man diesem Mann +wenigstens durch hinreichendes Auskommen, und einige Ehrenbezeigung das +Leben süß, und das Joch erträglich zu machen suche? Schämen sollten +sich die Menschen, die den Erzieher ihrer Kinder wie eine Art von +Dienstboten behandeln! Mögten sie nur bedenken (wenn sie auch nicht +fühlen können, wie unedel dies Betragen an sich schon ist), welchen +nachtheiligen Einfluß dieß auf die Bildung der Jugend hat! Es kann mir +durch die Seele gehen, wenn ich den Hofmeister in manchem adelichen +Hause demüthig und stumm an der Tafel seiner gnädigen Herrschaft sitzen +sehe, wo er es nicht wagt, sich in irgend ein Gespräch zu mischen, +sich auf irgend eine Weise der übrigen Gesellschaft gleich zu stellen, +-- wenn sogar den ihm untergebenen Kindern von Eltern, Fremden und +Bedienten der Rang vor ihm gegeben wird, -- vor ihm, der, wenn er +seinen Platz ganz erfüllt, als der größte Wohlthäter der Familie +angesehen werden sollte. -- Es ist wahr, daß es unter den Männern +dieser Art hie und da solche gibt, die eine so traurige Figur ausser +ihrer Studirstube spielen, daß man nicht wohl auf einem bessern Fuß +mit ihnen umgehen kann; allein das widerlegt nicht dasjenige, was ich +von der Achtung gesagt habe, die man diesem Stande schuldig ist. -- +Wehe ~den~ Eltern, die ihre Kinder solchen ~selbst~ nicht erzogenen +Miethlingen anvertrauen! + +Hast Du aber einen edlen Freund gefunden, der sich der Erziehung Deines +Sohnes annimmt: so ist es auch nicht genug, daß Du ihm ausgezeichnet +freundlich, ehrenvoll und dankbar begegnest; Du mußt ihm auch freie +Macht lassen, ohne Widerspruch seinen Erziehungsplan durchzusetzen; und +von ~dem~ Augenblicke an, da Du Dein Kind seiner Leitung übergibst, +hast Du den wichtigsten Theil Deiner väterlichen Rechte auf ihn +übertragen. -- Doch dies alles gehört mehr in ein Werk über Erziehung, +als daß hier der Ort wäre, weitläuftig davon zu handeln. Ich schweige +daher auch von dem Betragen der Lehrer und Hofmeister im Umgange mit +ihren Untergebenen, und eile weiter. + + + 6. + +Ueber den Umgang mit Schuldnern und Gläubigern habe ich wenig zu sagen. +Man sey menschlich, billig und höflich gegen die Erstern! Man glaube +nicht, daß jemand, der uns Geld schuldig ist, deswegen unser Sclave +geworden sey, daß er sich alle Arten Demüthigungen von uns müsse +gefallen lassen, daß er uns nichts abschlagen dürfe, noch überhaupt, +daß der elende Bettel, der Mammon, einen Menschen berechtigen könne, +sein Haupt über den andern emporzuheben! Seine Gläubiger bezahle man +pünktlich, und halte sein Wort treulich! Man verwechsele nicht den +ehrlichen Mann, der von billigen Zinsen leben muß, mit dem jüdischen +Wucherer: so wird man immer Kredit haben, und, wenn man in Verlegenheit +sich befindet, billige Menschen antreffen, die uns, ohne ihren Schaden, +aus der Noth helfen. + + + + + Eilftes Kapitel. + + Ueber das Betragen gegen Leute, in allerlei besondern Verhältnissen + und Lagen. + + + 1. + +Zuerst über die Aufführung gegen unsre ~Feinde~! Man kränke niemand +vorsätzlich; man sey wohlwollend, dienstfertig, verständig, vorsichtig, +gerade und ohne Winkelzüge in allen Handlungen; man erlaube sich keinen +Schritt zum Nachtheil eines Andern; man zerstöre keines Menschen +Glückseligkeit; man verläumde niemand; man verschweige selbst das +wirkliche Böse, das man von seinem Mitmenschen weiß, wenn man nicht +entschiednen Beruf hat, oder das Wohl Andrer es bestimmt erfordert, +darüber zu reden: so wird man -- etwa keine Feinde haben? -- das sage +ich nicht; aber man wird, wenn uns dennoch Neid und Bosheit verfolgen, +wenigstens die Beruhigung empfinden, keine Veranlassung zur Feindschaft +gegeben zu haben. + +Es steht nicht immer in unsrer Willkühr, geliebt, aber es hängt immer +von uns ab, geachtet zu werden. Allgemeiner Beifall, allgemeines Lob +sind eben so zweideutige, als entbehrliche Merkmale des persönlichen +Werthes; allgemeine Achtung können selbst die Schurken dem Redlichen +und Weisen in ihren Herzen nicht versagen, und der warmen Freunde +bedarf man etwa nur drei in der Welt, um glücklich zu seyn. + +Will man ohne Zwang und Unruhe in dem Umgange mit Menschen leben, +so muß man es nicht darauf anlegen, oder für wünschenswerth halten, +von allen Menschen für gut und weise gehalten zu werden. Je mehr +hervorleuchtende edle Eigenschaften aber ein Mann hat, um desto +gewisser kann er darauf rechnen, von der Scheelsucht schwacher und +schlechter Menschen Manches ertragen zu müssen; und Die, welche +die allgemeine Stimme des Pöbels aller Klassen für sich haben, sind +mehrentheils die mittelmäßigsten Leute, Leute ohne Charakter, oder +niedrige Schmeichler und Heuchler. Es ist wahrlich nicht schwer, +Menschen zu gewinnen, auch die zu gewinnen, welche am heftigsten +gegen uns eingenommen waren, und das oft durch ein einziges Gespräch +unter vier Augen, wenn man ihre schwache Seite studirt hat, und es +recht darauf anlegt. Allein das ist eine elende, des redlichen Mannes +unwürdige Kunst, -- und was kümmert es mich am Ende, ob Menschen, die +mein Herz nicht kennen, -- ja, die mich nie gesehen haben, durch die +Geschwätze irgend eines alten Weibes gegen mich eingenommen sind, oder +nicht? + +Klage aber nie über Verfolgung und Feinde, wenn Du nicht Lust hast, +die Anzahl der letztern zu vermehren; es schleicht immer eine Anzahl +furchtsamer, niederträchtiger Geschöpfe umher, die nicht den Muth +haben, gegen einen Mann von Würde sich öffentlich zu erklären, die +aber sich augenblicklich an Dich wagen, sobald sie Dich hülflos, scheu +und niedergeschlagen erblicken; und diese, so unbedeutend sie Dir auch +scheinen mögten, können mit ihren Neckereien Dir tausendfältigen Kummer +machen. Der feste Mann muß sich selbst schützen. Zeige Zuversicht zu +Dir selber, so wirst Du ganze Heere von Schelmen im Zaume halten! +Zudem ist des Kämpfens in der Welt so viel: jeder gute Mann hat mit +seinen eignen Angelegenheiten genug zu thun, so daß es vergebens ist, +Alliirte zu suchen, weil diese bei der ersten Gelegenheit, wo es eigne +Sicherheit gilt, davon laufen. Der Mann, welcher sich stellt, als merke +er nicht einmal, daß man ihn verfolgt, der von Zeit zu Zeit sagt: +»Gottlob! mir geht es gut; ich habe Freunde;« wird für einen mächtigen +Bundesgenossen gehalten, dessen man schonen müsse; dahingegen über den +Verlassenen Jeder herfällt. + +Willst Du Dich der Ueberlegenheit erfreuen, wenn Du beleidigt wirst, +so werde nie hitzig oder grob gegen Deine Feinde, weder in Gesprächen, +noch Schriften. Und wenn böser Wille und Leidenschaft, wie es +mehrentheils geschieht, bei ihnen im Spiele sind: so laß Dich auf +keine Art von Erläuterung ein! Schlechte Leute werden am besten durch +Verachtung bestraft, und Klatschereien am leichtesten widerlegt, wenn +man sich gar nicht darum bekümmert. + +Wenn man daher unschuldig verleumdet, angeklagt, verkannt wird, so +zeige man Stolz, Fassung und Würde in seinem Betragen: und die Zeit +wird alles aufklären, oder der Vergessenheit übergeben. + +Nicht alle Bösewichter sind unempfindlich gegen eine edle, großmüthige, +immer gleiche, gerade Behandlung. Mit diesen Waffen also kämpfe man, +so lange sich's irgend thun läßt, gegen seine Feinde! Sie müssen nicht +Rache fürchten, sondern den Richterstuhl des Publikums, wenn sie +fortfahren, einen Mann zu verfolgen, dem niemand seine Ehrerbietung +versagt. + +Wenn aber Dein Stillschweigen bei ihren Ausfällen sie noch kecker +macht, dann zeige einmal, was Du ~thun könntest~, wenn Du ~wolltest~! +Aber gebrauche dabei keine Winkelzüge! Vereinige Dich nie mit andern +schlechten Leuten; mache keine gemeinschaftliche Sache mit ~einem~ +Schelme, um den andern zu bekämpfen; sondern tritt ganz allein, muthig, +kühn, schnell, gerade und öffentlich gegen sie auf! Es ist unglaublich, +wie viel ein Einziger, mit einem guten Gewissen und mit edlem Feuer, +gegen Schaaren von Nichtswürdigen vermag. + +Sey nur trotzig gegen mächtige, siegende Feinde! Des Ueberwundnen, des +Unglücklichen schone, und verschweige alles Unrecht, das er Dir vormals +zugefügt hat, sobald er ausser Stande ist, Dir ferner zu schaden, +oder sobald die Stimme des Publikums ihn gerichtet hat! Allein der +Bösewicht wendet alles an, um es dahin nicht kommen zu lassen; -- das +Gefühl seiner eignen Ungerechtigkeit wird ein neues Verbrechen für Den, +welchen er muthwillig gekränkt hat. Doch endlich kömmt alles an den +Tag, und dann genieße mit Bescheidenheit die Freuden des Triumphs! + +Laß Dir nie zweimal die Hand zur Versöhnung reichen! Vergiß dann alle +Beleidigungen, solltest Du auch fürchten müssen, daß dein Beleidiger +bei der ersten Gelegenheit die Feindseligkeit erneuern wird! Sey zwar +auf Deiner Hut; aber zeige kein Mißtrauen! Es ist besser, unschuldiger +Weise zum zweitenmal beleidigt werden, als ein einzigmal den Mann, dem +es mit seiner Rückkehr zu Dir ein Ernst ist, kränken, erbittern, und +ihm allen Muth nehmen! Aber man muß auch verzeihen können, ~ohne~ +darum gebeten zu werden. + +Man hat oft die beste Gelegenheit, die Gemüthsart eines Menschen dann +kennen zu lernen, wenn er uns beleidigt hat. Man gebe Acht, ob er es +durch Bitten um Verzeihung wieder gut zu machen sucht? -- und wie? -- +gleich, oder lange nachher? -- öffentlich oder heimlich? -- und warum +nicht gleich, und vor allen Leuten? -- Aus Starrköpfigkeit, Eitelkeit, +oder Blödigkeit? -- Oder ob er gar keinen Schritt thut, sondern uns +laufen läßt, wohl gar mault, und den Gekränkten verdächtig und verhaßt +zu machen sucht? -- Ob jenes aus Leichtsinn oder Tücke? -- Oder ob er +den Fehler zu beschönigen sucht, den Gesichtspunkt zu verrücken sucht, +um Recht zu behalten. -- Schon in den Jahren der Kindheit kann man aus +diesen Zügen auf den künftigen Charakter schließen. + +Uebrigens hat man nicht Unrecht, wenn man behauptet, daß unsre Feinde +oft, ohne es zu wollen, unsre größten Wohlthäter sind. Sie machen uns +aufmerksam auf Fehler, die unsre eigne Eitelkeit, und die Nachsicht +unsrer partheiischen Freunde, und die niedrige Gefälligkeit der +Schmeichler vor unsern Augen verbergen. Ihre Schmähungen feuern in uns +den Eifer an, desto sorgsamer den Beifall der Bessern zu verdienen; und +wenn sie jedem unsrer Schritte auflauren, so lehren sie uns auf unsrer +Hut seyn, um ihnen keine Blöße zu geben. + +Keine Feindschaft pflegt heftiger zu seyn, als die unter entzweieten +Freunden. Unsre Eitelkeit kömmt da in das Spiel; wir schämen uns, +das Spielwerk eines Bösewichts gewesen zu seyn; wir wenden alles +an, um Diesen nun im schlechtesten Lichte zu zeigen, damit wir vor +der Welt unsre Trennung von ihm rechtfertigen mögen. -- Es ist ein +trauriger Anblick, zu sehen, wie dann selbst ~edle~ Menschen, wenn sie +gegen einander aufgebracht sind, sich gegenseitig höchst unedel zu +verkleinern suchen, um sich gegen sich selber zu rechtfertigen. (S. +Kap. 6.) + + + 2. + +Wir kommen oft in nicht geringe Verlegenheit, wenn unsre Lage uns +zwingt, mit ~Leuten~ umzugehen, ~die einander feind sind~, wo man es +gar leicht mit einer Parthei verdirbt, sobald man mit der andern gut +steht, oder es mit Beiden verdirbt, wenn man sich ungebeten, oder +auf unvorsichtige Weise, in diese Händel mischt; ich empfehle dabei +folgende Vorsichtigkeits-Regeln: + +So viel man kann, vermeide man es, mit zwei Partheien umzugehen, die +mit einander in Zwist leben! + +Kann man dieß aber nicht ändern, zum Beispiel, ohne plötzlich ein +Verhältniß aufzuheben, in welchem man lange Zeit gestanden: so setze +man sich, wo möglich, auf den Fuß, in die obwaltenden Streitigkeiten +durchaus nicht eingeflochten zu werden! Man bitte sich's vielmehr aus, +daß in den Gesprächen diese Sache nie berührt werde! Diese Regel findet +vorzüglich dann Statt, wenn Menschen, die ehemals vertraute Freunde +gewesen sind, nun auf einmal in Feindschaft mit einander gerathen. +Verhalte Dich ganz leidend, wenn dann einer über den andern bei Dir +klagt! Er mag nun in der ersten Empfindlichkeit ein Wort zu viel gesagt +haben, und nachher mit seinem Gegentheile wieder einig werden, oder es +mag in dauernde Feindschaft übergehen: so wird er es doch bei kaltem +Blute übel nehmen, wenn Du zum Guten oder Bösen gerathen hast. + +Kann man aber auch dieß nicht ändern, so enthalte man sich zuerst aller +feigen und heuchlerischen Zweizüngigkeit! Das heißt: man rede nicht, +wenn man bei der einen Parthei ist, zum Nachtheile der andern, und +wiederum zum Tadel jeder, wenn diese es wünschen; sondern, wenn man +sich durchaus darüber erklären muß, immer so, wie es einem redlichen, +gerechten Manne zukömmt! + +Noch schändlicher aber, als jene Duplicität, ist das Verfahren mancher +Menschen, die, um bei solcher Gelegenheit im Trüben zu fischen, oder +sich wichtig zu machen, oder aus Schadenfreude und Geist der Intrigue, +von beiden Seiten Oel zum Feuer gießen, und den Zwist unterhalten. + +Wenn man ferner die streitenden Theile nicht recht genau kennt; wenn +sie nicht unsre vertrautesten Freunde sind; wenn man nicht ganz gewiß +weiß, daß man es mit edeln, von Vernunft regierten Leuten zu thun +hat, die vielleicht nur durch Mißverständnisse, oder durch andre, +mit Hülfe eines Dritten leicht zu hebende Irrungen getrennt worden; +wenn vielmehr böser Wille, Eigennutz, ungesellige Gemüthsart, oder +unbändige Leidenschaft im Spiele ist, -- folglich keine dauerhafte +Wiedervereinigung zu hoffen steht: so lasse man sich nicht darauf ein, +Versöhnung stiften zu wollen! Man verdirbt es dabei leicht mit einer +Parthei, und nicht selten mit beiden. + +Ist es endlich gar nicht zu vermeiden, daß man sich ~für~ oder +~gegen~ eine von den beiden Partheien bestimmt erkläre, so erkläre +man sich ohne Ansehen der Person und ohne Rücksicht auf Freundschaft, +Schmeichelei und Verwandtschaft, männlich und unerschütterlich, für +Den, von dem die Vernunft sagt, daß er Recht habe, und bleibe ihm treu +und beständig zugethan, es gehe auch, wie es wolle! + + + 3. + +Wenden wir uns jetzt zu ~Kranken~ und ~Leidenden~! -- Wer je empfunden +hat, welch ein Labsal bei Krankheiten und Schmerzen eine gute, +sorgsame, stille und theilnehmende Pflege gewährt, der wird den +Gegenstand nicht unwichtig finden. Die Art der Behandlung und Sorgfalt +muß sich allerdings nach der Verschiedenheit der Krankheiten richten, +mit welchen der Leidende kämpft, und ich kann also keine allgemein +passende Regeln vorschlagen; doch, so viel sich im Ganzen über diesen +Gegenstand sagen läßt, möge hier Platz finden! + +Es gibt Krankheiten, in welchen Aufheiterung des Gemüths, Zerstreuung +und angenehme Unterhaltung sehr viel zur Genesung beitragen, und +hingegen andre, bei denen Ruhe und stille Pflege das Einzige sind, +wodurch man dem Leidenden Linderung verschaffen kann. Man soll daher +wohl unterscheiden und beobachten, welche Art von Behandlung anwendbar +seyn mögte. + +Ob in schweren Krankheiten die Aufwartung ~bezahlter~ Wärter der +sorgfältigen, liebevollen und zarten Pflege werther Freunde darum +vorzuziehen sey, weil diese leicht übertrieben, und dann dem Kranken +lästig und ängstlich wird, muß dem Gefühl eines Jeden überlassen +bleiben. Jene sind durch Erfahrung mit den kleinen Handgriffen bekannt, +und leisten ihre Dienste mit unverdrossener Geduld, Kaltblütigkeit +und strenger Pünktlichkeit, bekümmern sich nicht um unsre Launen, und +leiden nicht bei unsern Schmerzen; diese hingegen werden uns oft, +besonders wenn unsre Nerven sehr reizbar sind, durch zu viel Eifer +lästig, wissen nicht behutsam genug bei ihren Handreichungen mit uns +umzugehen, erregen unsre Ungeduld durch Fragen, und machen unser Leiden +durch zu warmes Mitgefühl, das wir in ihren Augen lesen, doppelt +schwer; wozu denn noch kömmt, daß der Gedanke, wie sehr sie mit uns +leiden, und welche Opfer sie uns bringen, uns einen peinlichen Zwang +auflegt. Will man daher seinen Freund selbst verpflegen, so suche man +die Art geübter Krankenwärter nachzuahmen, dem Leidenden so wenig wie +möglich lästig zu werden, und alles mechanisch so zu machen, wie er es +gern zu haben scheint: man werde nicht mißvergnügt, wenn ein Kranker +zuweilen auffahrend, böser Laune, oder zänkisch wird! Wir fühlen nicht, +wie ihm zu Sinne ist, und wie seine zerrüttete Maschine auf seinen +Geist wirkt. Doch kann ein Mann, der achtsam auf sein eignes Ich ist, +viel über sich erlangen, und selbst in schweren Krankheiten in so weit +Meister über seine Launen werden, daß er diejenigen Personen, welche +ihm Sorgfalt widmen, nicht unnützer Weise plage. + +Man mache nicht, besonders bei einem Kranken von sehr empfindlicher, +weicher Gemüthsart, sein Leiden durch Wehklagen und ängstliches +Bezeigen noch schwerer! + +Man rede nicht von Dingen, die ihm, selbst wenn er gesund wäre, +unangenehm seyn würden, -- nicht von häuslichen Verlegenheiten, vom +Tode, noch von Vergnügungen, an welchen er nicht Theil nehmen kann! + +Leute, die bloß in der Einbildung krank sind, muß man zwar nicht +verspotten, noch zu überzeugen suchen, daß ihnen nichts fehle; denn +das macht eine ganz entgegengesetzte Wirkung auf sie; aber man soll +sie auch nicht in ihrer Thorheit bestärken, sondern, wenn vernünftige +Vorstellungen nichts helfen, nur gar keine Theilnahme zeigen, ihre +Klagen mit Stillschweigen beantworten, und, wenn der Sitz des Uebels im +Gemüthe ist, sie durch weise gewählte Zerstreuungen auf andre Gedanken +zu bringen suchen. + +Auch gibt es Menschen, die dadurch Interesse zu erwecken glauben, daß +sie sich kränklich stellen. Das ist eine höchst thörichte Schwäche! +Man suche solche Leute durch sanften Spott und kräftige Ansprache von +ihrer Albernheit zurückzuführen, sie zu überzeugen, daß es besser sey, +Bewunderung, als Mitleiden zu erregen, und daß nichts so allgemein +vortheilhafte Eindrücke mache, als der Anblick eines Wesens, das, an +Leib und Seele, in seiner vollen Kraft, zur Ehre der Schöpfung dasteht! + +Endlich: in solchen Krankheiten, wo der Geist viel über den Körper +vermag, wo Seelen-Leiden das Uebel vermehren, und die Besserung +hindern, da soll man alle Kräfte, seine ganze Lebhaftigkeit aufbieten, +um Heiterkeit, Muth, Trost und Hoffnung in das Gemüth des Kranken +zurückzurufen. + + + 4. + +Noch schonender, als mit diesen Leidenden, soll man mit ~Leuten~ +umgehen, ~auf welchen die schwere Hand des Schicksals liegt~, -- mit +Unglücklichen, Armen, Bedrängten, Verstoßenen und Zurückgesetzten, mit +Verirrten und Gefallenen. + +Nimm Dich des ~Armen~ an, wenn Dir Gott die Mittel in die Hände +gegeben hat, seine Noth zu erleichtern! Weise nicht den Dürftigen von +Deiner Thür zurück, so lange Du noch, ohne Ungerechtigkeit gegen die +Deinigen, eine kleine Gabe zu geben hast! Sey es wenig oder viel, so +gib es mit gutem Herzen, und -- wie ich bei Gelegenheit gesagt habe, +als von der Art, Wohlthaten zu erzeigen, die Rede war, -- gib es mit +guter Art! Ein Wort ist oft besser, als eine große Gabe, und ein +holdseliger Mensch gibt sie beide, sagte schon Sirach; und was für +ein Wort könnte er meinen, als das erquickende Wort der herzlichen +Theilnahme. -- Sey ferner nicht allzu gerecht, wo vom Helfen und +Erbarmen die Rede ist. Berechne nicht so genau, ob der Mann, dem Du +helfen kannst, selbst an seinem Unglücke Schuld sey, oder nicht! Wer +in der Welt würde ~ganz~ unschuldig an den Leiden, die ihn treffen, +befunden werden, wenn man alles strenge untersuchen wollte? Willst +oder kannst Du aber gar nichts, oder nur wenig geben, so brauche keine +leere Ausflüchte! Laß den Armen nicht durch Deine Bedienten unter +allerlei Vorwande wieder bestellen, oder vertrösten! Am wenigsten +aber erlaube Dir, etwa zu Rechtfertigung Deiner Hartherzigkeit, z. B. +Grobheiten, beleidigende Strafpredigten gegen Den, dessen Bitte Du +abzuschlagen entschlossen bist, harte Vorwürfe; sondern sprich den +Bittenden selbst, und sage ihm kurz und menschenfreundlich, warum Du +nicht geben kannst, nicht geben willst! Thue auch auf das erste Wort, +was zu thun vernünftig und gut ist, und warte nicht darauf, daß man +durch wiederholtes Betteln Dein Herz erweiche! Gib aber nicht wie +ein Verschwender, sondern laß Deine Wohlthaten von der Gerechtigkeit +gegen Dich und Andre bestimmt werden, und verschleudre nicht an +den Landläufer, Bettler von Handwerke und Faullenzer, was Du dem +hülflosen Alter, der Gebrechlichkeit, und dem durch widrige Zufälle +Verunglückten schuldig bist! Und wo es Labsal geben kann, da begleite +Deine kleine Gabe ein sanftes Trostwort, ein vertraulicher Rath, und +ein freundlicher, mitleidiger Blick! Gehe schonend und äusserst fein +mit Leuten um, die in unangenehmen häuslichen Lagen sind! Sie pflegen +sehr empfindlich zu seyn, pflegen leicht zu glauben, man verachte +sie, setze sie zurück, ihrer Armuth wegen. Das elende Geld hat leider +nur gar zu viel Einfluß auf den Pöbel aller Stände. Unterscheide Dich +von diesem Haufen! Ehre den verdienstvollen Armen öffentlich! Suche +ihm wenigstens einen frohen Augenblick zu machen, wenn Du auch seine +Umstände nicht verbessern kannst! Ueberhaupt sind alle Unglückliche +mißtrauisch, und meinen, jedermann sey ~gegen~ sie. Suche ihnen diesen +quälenden Wahn zu benehmen! Bemühe Dich, ihr Zutrauen zu gewinnen! +Entziehe Dich nicht dem Anblicke des Jammers! Fliehe nicht die Hütte +der Noth und der Dürftigkeit! Man muß vertraut seyn mit dem mancherlei +Elende auf dieser Welt, um bei dem Leiden des unglücklichen Bruders +recht innig theilnehmend mitempfinden zu können. Wo der bescheidne Arme +im Verborgenen seufzt, es nicht wagt, sich herbeizudrängen und um Hülfe +zu bitten; wo widrige Vorfälle den fleißigen Mann, den Mann, der einst +bessre Tage gesehen hat, zu Boden schlagen; wo eine zahlreiche ehrliche +Familie, mit allem Fleiße, durch die tägliche Arbeit ihrer Hände nicht +so viel erringen kann, um sich gegen Hunger, Blöße und Krankheit +zu schützen; wo auf hartem Lager, in durchwachten, durchseufzten +Nächten, schamhafte Thränen über gerungene Hände rollen: -- ~dahin~, +menschenfreundlicher Wohlthäter! ~dahin~ dringe Dein Blick! ~Da~ kannst +Du Deine Gelder herrlich anlegen, und Zinsen erwerben, die keine Bank +auf Erden Dir zusichern kann. + +Wer kein Geld hat, der hat auch keinen Muth. Er fürchtet aller Orten +zurückgesetzt zu werden, glaubt jede Demüthigung ertragen zu müssen, +und zeigt sich überall in ungünstigem Lichte. -- Ach! ermuntre einen +also Niedergedrückten! Ehre ihn, wenn er es sonst verdient, und bewege +Deine Freunde, daß sie ein Gleiches thun! + +Manchen aber drücken schwerere Leiden, als die der Armuth und des +Mangels: ~Seelenleiden~, die an der Knospe des Lebens nagen. O! schone +des Kummervollen! Pflege seiner! Suche ihn aufzurichten, zu trösten, +mit Hoffnung zu erfüllen, Balsam in seine Wunden zu gießen, und wenn +Du seine Last nicht erleichtern kannst, so hilf wenigstens tragen, +und weine eine brüderliche Thräne mit ihm! Richte aber die Art Deiner +Behandlung vernünftig ein! Es gibt Augenblicke des Schmerzes, wo alle +Gründe der Philosophie keinen Eingang finden, und da ist das Mitgefühl +oft das beste Labsal. Es gibt einen Kummer, dessen Tilgung man ruhig +und still der Zeit überlassen muß; es gibt Leidende, die erleichtert +werden, wenn man ihnen Gelegenheit gibt, ihr Herz auszuschütten, und +von dem zu reden, was ihr ganzes Herz erfüllt; es gibt Schmerzen, die +nur Einsamkeit lindert, und Lagen, in welchen ein festes, männliches +Zureden, Erweckung des Muths, Aufruf zu stolzer Zuversicht, die besten +Tröstungen sind; ja es gibt selbst solche, wo man den Niedergebeugten +mit Gewalt herausreissen muß, wenn er nicht der Verzweiflung zum +Raube werden soll. Die Klugheit aber allein kann uns in jedem dieser +einzelnen Fälle lehren, welche unter diesen Mitteln wir zu wählen haben. + +Die Unglücklichen ketten sich gern an einander. Statt sich aber +gemeinschaftlich zu trösten, winseln sie mehrentheils nur mit einander, +und versinken immer tiefer in Schwermuth und Hoffnungslosigkeit. Darum +suche doch der Kummervolle, dem weder die Forderungen und Gründe seiner +eigenen Vernunft, noch Zerstreuungen seinen Zustand erträglich machen, +den Umgang eines verständigen, nicht empfindelnden Freundes, damit er +an seiner Seite die Kraft gewinne, die Gedanken auf andere Gegenstände +zu richten, die seinen Schmerz nicht nähren. + +Es gibt Menschen, die in unglücklichen Lagen und Verhältnissen, weniger +~traurig~, als ~mürrisch~, ~zänkisch~, ja, sogar ~hämisch~ sind, so +daß sie Unschuldige darunter leiden lassen, wenn nicht alles nach +ihrem Kopfe geht. Ein edles Herz wird sanfter durch den Schmerz; und +selbst der Menschenfeind, den Schicksale erbittert haben, wird, wenn +er sonst ein guter Mensch ist, wohl düster, verschlossen, auch nach +seinem Temperamente vielleicht einmal ungeduldig und auffahrend werden; +aber er wird nie vorsätzlich auf einen Dritten die Last seines Kummers +wälzen, und dieß um so weniger, je schwerer seine Leiden sind. + +Die mehrsten Menschen haben nur Mitleid mit stillem Kummer, empfinden +aber Ueberdruß bei lauten Klagen; vielleicht weil diese sie gleichsam +zwingen zu wollen scheinen, Theil daran zu nehmen. + +Der ~Unterdrückten~, ~Zurückgesetzten~ und ~Verfolgten~ soll man sich +annehmen, in so fern es die Klugheit erlaubt, und wir ihnen dadurch +nicht etwa mehr schaden, als nützen. Dieß ist nicht nur Pflicht, wenn +von thätiger Hülfe und Rettung des ehrlichen Namens die Rede ist; auch +im gesellschaftlichen Umgange, wo das bescheidene Verdienst so oft +übersehen und von leeren Windbeuteln über die Achsel angeschauet wird, +wo Rang und Glanz gegen den innern Werth verblenden, wo Schwätzer und +Windbeutel den Weisen überschreien, wird es sich der Edle zur Pflicht +machen, das bescheidene und schüchterne Verdienst hervorzuziehen, +und den Verdienstvollen, der stumm und verlegen dasteht, von niemand +angeredet, ja, mit Verachtung behandelt, gedemüthigt, lächerlich +gemacht wird, durch ehrenvolles Anreden und Entgegenkommen zu ermuntern +und auszuzeichnen. Wie unedel und wie ungerecht ist die Geringschätzung +und Härte, mit welcher zuweilen Stabs-Officiere jungen Leuten begegnen, +die doch schon die erste Stufe erstiegen haben, um zu werden, was Jene +sind; oder Patronen ihren Hofmeistern und Predigern, oder vornehme +Damen ihren Gesellschafterinnen, oder eitle Stadtmädchen einem armen +eingeschüchterten Landmädchen, das in ihre Mitte verschlagen wird. +Solch ein Betragen ist eben so sehr Verletzung der Klugheit, als der +Pflicht. + +Neid und Mißgunst verfolgen den Glücklichen; Bosheit und Kabale ruhen +selten eher, als bis sie alles niedergedrückt haben, was über sie +emporragte; aber kaum ist ein Mensch ganz zu Boden geschlagen, so sucht +Jeder, selbst Der, welcher ihn verfolgt hat, eine Ehre darin, seine +Parthei zu ergreifen; doch, wohl zu merken! wenn keine Hoffnung mehr da +ist, daß er hierdurch wieder emporkomme. Man möchte also fast sagen, +man wäre nicht ~ganz~ verloren, so lange man noch Feinde hätte. + +Unter allen Unglücklichen sind wohl die ~Verirrten~ und ~Gefallenen~ +am meisten zu bedauern. Hierunter verstehe ich Solche, die, vielleicht +durch einen einzigen Fehltritt in eine Kettenreihe von Vergehungen +verflochten, das Gefühl für die Tugend erstickt, oder die Fertigkeit, +schlecht zu handeln, erlangt, oder alle Zuversicht zu Gott, zu den +Menschen, und zu sich selbst, also auch den Muth verloren haben, +den bessern Weg wieder zu suchen, oder die wenigstens im Begriff +stehen, so tief zu fallen. Sie sind höchst bedauernswürdig; denn +sie entbehren den einzigen Trost, der uns in den schwersten Leiden +aufrichten kann: das Bewußtseyn, nicht muthwilliger Weise sich ihr +hartes Schicksal zugezogen zu haben. Diese Unglücklichen verdienen aber +nicht nur unser Mitleiden, nein, auch unsre brüderliche Nachsicht, +unsre Zurechtweisung, und, wenn es noch Zeit ist, unsern Beistand. +Wenn man immer weise, duldend und unpartheiisch genug wäre, zu +überlegen, wie leicht das schwache menschliche Herz irre zu leiten +ist; wie unwiderstehlich bei heftigen Leidenschaften, warmem Blute und +verführerischen Gelegenheiten, manche Reizungen werden können; wie +blendend, anlockend und bezaubernd die Aussenseiten mancher Laster +sind; wie das Laster sogar, mit Geist verbunden, durch sophistische +Gründe die innere Stimme der bessern Ueberzeugung zum Schweigen zu +bringen weiß, und wie es dann nur auf einen kleinen Schritt ankömmt, +um das Opfer der feinsten Täuschung, und stufenweise unmerklich in das +schrecklichste Labyrinth gelockt zu werden; wenn man bedenken wollte, +wie oft Mißmuth, oder Verzweiflung über ein feindseliges Schicksal aus +einem Menschen von den besten Anlagen einen Bösewicht und Verbrecher +machen; wie man durch ungerechtes, entstehendes Mißtrauen alle gute +Gefühle einbüßen, alles Vertrauen zu sich selbst verlieren, und in den +Abgrund des Lasters geschleudert werden kann, so würde man aufhören, +die Gefallenen mit unbarmherziger Strenge zu richten, würde nicht so +zuversichtlich auf Tugenden trotzen, die nicht selten nur das Werk +eines kalten Temperaments, das Werk glücklicher Verhältnisse und +einer vorzüglichen Leitung sind; würde es für Pflicht erkennen, sich +der Gefallenen anzunehmen, und dem Strauchelnden liebevoll die Hand +zu reichen. -- Aber heißt das nicht, tauben Ohren predigen? -- Doch +mein Herz drängt mich, über diesen Gegenstand etwas zu sagen. Also +zur Sache! -- Nichts bessert weniger, als kalte moralische Predigten. +Es gibt wenig Menschen, selbst unter den Lasterhaften, die nicht +eine Menge herrlicher Gemeinsprüche über die Pflichten, welche sie +übertreten, zu sagen wüßten; das Unglück ist nur, daß die Stimme der +Leidenschaft mit wärmerer Beredtsamkeit spricht, als die Stimme der +Vernunft. Willst Du also dieser gegen jene Gewicht geben, so mußt +Du die Kunst verstehen, Deine Tugend-Lehren in ein reizendes Gewand +zu hüllen, mußt nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz und die +Sinnlichkeit Dessen, den Du zurechtweisen willst, auf Deine Seite +bringen; Dein Vortrag muß warm, und nach den Umständen bildreich, +sinnlich, erschütternd, hinreissend seyn. Allein der Mann, den Du +vor Dir hast, muß Dich auch lieben und hochschätzen, muß sich zu Dir +hingezogen fühlen, muß mit Enthusiasmus für das Gute und Schöne erfüllt +werden, und dabei in der Entfernung Ehre, Freude und Genuß auf dem +Wege erblicken, auf welchen Du ihn zu leiten suchst. Dein Umgang, Dein +Rath und Dein Trost muß ihm zum Bedürfniß werden. Dieß aber erlangst +Du nicht, wenn Du als ein stolzer, strenger Gesetzprediger vor ihn +hintrittst; wenn Du ihm mit Deiner kalten Moral Langeweile machst; +wenn Du ihn mit Anmerkungen über das Geschehene, das doch nun nicht +mehr zu ändern ist, ermüdest, und ihm erzählst, wie es ganz anders +würde gekommen seyn, wenn -- es nicht ~so~ gekommen wäre, wie es +gekommen ist, wenn er Dir hätte folgen wollen. Nichts ist ferner so +fähig, zur Niederträchtigkeit zu verleiten, als öffentliche Verachtung +und Aeusserung eines fortdauernden Mißtrauens in die Besserung eines +Menschen. Wem es daher ein Ernst ist, einen Verirrten zu retten, der +begegne ihm mit Schonung, und zeige ihm wenigstens äusserlich ein +ermunterndes Vertrauen; der lasse ihn das stolze und selige Bewußtseyn +und die unerschütterliche Seelenruhe ahnen, welche der schöne Lohn +seiner Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung seyn wird; der werfe +dem Gefallenen nie, auch nicht auf die entfernteste Weise, seine +ehemaligen Verirrungen vor; sondern scheine nur Augen für seine jetzige +Aufführung zu haben! Allein es geht nicht so schnell mit Ablegung von +Lastern, die uns schon zu einer Art von Fertigkeit geworden sind; also +darf uns ein kleiner Rückfall nicht befremden; und obgleich Du dann die +Stärke Deines Vortrags und der Mittel zur Besserung verdoppeln mußt, so +sollst Du doch nicht muthlos werden, noch dem Rückkehrenden den Muth +benehmen. Laßt uns endlich zur Ehre der Menschheit und zur Erweckung +unsers Eifers glauben, daß niemand in der Welt so tief gefallen, so von +Grund aus verdorben seyn könne, daß ihm nicht, bei redlicher, eifriger +Anwendung der besten Rettungsmittel, noch zu helfen wäre! Und Ihr, die +Ihr in der großen Welt lebet, und so bereitwillig seyd, einen Mann oder +ein Weib, die durch irgend eine zweideutige oder schlechte Handlung +sich erniedrigt, oder auch wohl nur etwa lächerlich gemacht haben, +auf immer aus Euren Gesellschaften zu verbannen, und mit Schande und +Spott zu beladen, indeß Hunderte unter Euch umherwandeln, die entweder +dasselbe heimlich treiben, oder wenigstens treiben würden, wenn es +die Umstände erlaubten; denket, daß Ihr es zu verantworten habt, wenn +Verzweiflung Jene ergreift, wenn sie von Stufe zu Stufe hinabsinken, +und wenn sie, da die bessern Häuser ihnen verschlossen sind, sich +einen Umgang wählen, in welchem sie immer niederträchtiger werden, und +zuletzt, ohne Rettung verloren, durch ~Eure~ Schuld zu Grunde gehen! + + + + + Zwölftes Kapitel. + + Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen Leben. + + + 1. + +Ich habe bei mancher Gelegenheit Gegenwart des Geistes und +Kaltblütigkeit, als Haupt-Erfordernisse zu allen Geschäften und +Verrichtungen im menschlichen Leben, empfohlen; nirgends aber sind +uns diese Eigenschaften nothwendiger, als in Vorfällen, ~wo wir, +oder Andre, in augenscheinlicher Gefahr schweben~. Hier hängt die +ganze Rettung in kritischen Augenblicken zuweilen von einem raschen +Entschlusse ab. Halte Dich daher nicht mit Geschwätzen auf, wo +es Noth ist, zu handeln! Unterdrücke Dein zu zartes Gefühl, und +winsele nicht, wo Du zugreifen solltest! Sey besonnen in Feuer- und +Wassers-Noth und ähnlichen Gefahren, wo man oft alles verliert, wenn +man den Kopf verliert, -- wo Die, welche wir retten können, zuweilen +mit unwiderstehlicher Gewalt gezwungen werden müssen, sich uns zu +überlassen! Vorzüglich wichtig wird diese Gegenwart des Geistes +auch dann, wenn man unerwartet von Dieben und Mördern angegriffen +wird. Räuber und Banditen sind fast immer entweder furchtsam, +oder, wenn Verzweiflung sie kühn macht, nicht genug auf ihrer Hut, +-- auf ernsthaften, förmlichen Widerstand nicht vorbereitet. Ein +entschlossener, kaltblütiger Mann ist da stärker, als zehn solcher +Elenden, die ihn angreifen. Hier muß aber wohl überlegt werden, ob es +Schaden oder Nutzen stiften könne, sich mit Schieß- oder anderm Gewehre +zu vertheidigen, oder nicht; ob es gerathener sey, Lärm zu machen, +oder sich in sein Schicksal zu finden; der Uebermacht zu weichen und +mit Hingebung seines Mammons sein Leben zu erkaufen, oder das Leben +daran zu setzen. Es lassen sich darüber unmöglich allgemeine Regeln +geben. Um aber auf jeden dieser Fälle sich gefaßt zu halten, rathe +ich, bei kaltem Blute sich in dergleichen Lagen hineinzudenken, und +sich dann dienliche Maaßregeln vorzuschreiben. Ich halte es auch für +einen wichtigen Theil der Erziehung, seine Kinder zuweilen nicht nur +durch Fragen, wie sie sich bei solchen Gelegenheiten betragen würden, +aufmerksam auf unerwartete Vorfälle aller Art zu machen, sondern sie +auch zuweilen in wirkliche kleine Verlegenheit zu setzen, um sie an +Gegenwart des Geistes zu gewöhnen, und sie auf die Probe zu stellen. + + + 2. + +In einer Schrift über den Umgang mit Menschen kann nur ein geringer +Theil der Regeln Platz finden, welche man auf Reisen und unter Fremden +zu beobachten hat; doch darf ich diesen Gegenstand auch nicht ganz mit +Stillschweigen übergehen; denn zu dem, was man unter Menschen treibt, +gehört doch auch das Reisen. Also einige Bemerkungen ~über das Betragen +auf Reisen und gegen Reisende~. + +Es ist weise gehandelt, bevor man ausreist, aus Büchern oder mündlichen +Erzählungen sich genau von dem Wege, den man nehmen will, von +demjenigen, was unterweges und in den Oertern, die man besuchen möchte, +zu bemerken, zu beobachten und zu vermeiden ist, nicht weniger von den +Preisen und den unvermeidlichen Geld-Ausgaben zu unterrichten, damit +man weder betrogen werde, noch in Verlegenheit gerathe, noch etwas zu +sehen verabsäume, das der Aufmerksamkeit werth scheint. + +Der Mann von Kenntnissen, von einigen Talenten, von unbescholtenem +gutem Rufe und von feinen und guten Sitten bedarf nicht einer Menge +von Empfehlungs-Briefen, wie die mehrsten Reisenden von gemeiner Art +mit auf den Weg zu nehmen pflegen. Er wird sich schon überall bekannt +zu machen und in Achtung zu setzen wissen, ohne sich und Andern Zwang +aufzulegen. Oft fügt es sich indessen, daß man in einer Stadt, durch +Empfehlungs-Briefe oder sonst, mit zwei Personen in Bekanntschaft +kömmt, die mit einander in Feindschaft leben. Es ist daher der Klugheit +gemäß, an einem fremden Orte, bevor man von solchen kleinen Umständen +unterrichtet ist, in den Häusern, in welchen man Zutritt erhält, von +seinen übrigen Verbindungen nicht zu reden, gelegentlich aber zu +äussern, daß man, als ein Fremder, sich um dergleichen Händel nicht +bekümmern wolle. + +Man verrechnet sich leicht in seinen Ueberschlägen der Reise-Kosten; +ich rathe daher nicht nur, nach gemachtem Ueberschlag, sich immer etwa +auf ein Drittel mehr gefaßt zu halten, als die gezogene Summe beträgt, +sondern auch besorgt zu seyn, daß man in den Haupt-Oertern, durch +welche man kömmt, an sichre Geschäftsmänner gewiesen sey, oder sonst +Mittel habe, im Fall unvorhergesehene Umstände eintreten, sich aus der +Verlegenheit zu reissen. + +In Deutschland hat man mehr, als in andern Ländern, Ursache, wegen +des sehr verschiedenen Münzfußes, sich beim Geld-Wechseln in Acht zu +nehmen, und es ist etwas sehr Gewöhnliches, daß schelmische Gastwirthe +den Fremden dabei hintergehen, oder ihm auf Gold Münze herausgeben, die +er auf der nächsten Post nicht brauchen kann. + +Wem es ein Ernst ist, seine Menschen- und Länder-Kenntnisse zu +erweitern, der mische sich klüglich unter Personen von allerlei +Ständen! Die Leute von gutem Tone sehen einander in allen europäischen +Staaten und Residenzen ähnlich; aber das eigentliche Volk, oder noch +mehr der Mittelstand, trägt das Gepräge der Sitten des Landes. Nach +~ihnen~ muß man den Grad der Kultur und Aufklärung beurtheilen. + +Zum Reisen gehört Geduld, Muth, gute Laune, Vergessenheit aller +häuslichen Sorgen, und daß man sich durch kleine widrige Zufälle, +Schwierigkeiten, böses Wetter, schlechte Kost u. dergl. nicht +niederschlagen lasse. Dieß ist doppelt zu empfehlen, wenn man einen +Gesellschafter bei sich hat; denn nichts ist langweiliger und +verdrießlicher, als mit einem Manne zu reisen, und in einem Kasten +eingesperrt zu sitzen, der stumm und mürrischer Laune ist, bei dem +geringsten unangenehmen Ereigniß aus der Haut fahren will, über Dinge +jammert, die nicht zu ändern sind, und in jedem kleinen Wirthshause so +viel Gemächlichkeit, Wohlleben und Ruhe fordert, wie er zu Hause hat. + +Das Reisen macht gesellig; man wird da mit Menschen bekannt, und auf +gewisse Weise vertraut, die man ausserdem schwerlich zu Gesellschaftern +wählen würde; das ist auch weiter von keinen Folgen, wenn man sich +hütet, in der Vertraulichkeit gegen Fremde, die man unterweges +antrifft, zu weit zu gehen, und dadurch Abentheurern und Spitzbuben in +die Hände zu fallen. + +Ich rathe niemand, sich auf Reisen einen fremden Namen zu geben; man +kann dadurch, ehe man sich's versieht, in große Verlegenheit gerathen; +und selten ist es nöthig und nützlich, ein solches Incognito zu +beobachten. + +Manche Leute suchen etwas darin, auf Reisen zu prahlen, viel Geld zu +verzehren, glänzen zu wollen, und prächtig gekleidet zu seyn. Das ist +eine thörichte Eitelkeit, die sie in den Wirthshäusern theuer abbüßen +müssen, ohne für ihr Geld mehr zu erhalten, als der einfache Reisende. +Niemand erinnert sich weiter des Fremden, der so viel Aufwand gemacht +hat, wenn dieser weiter gereiset, und nichts mehr von ihm zu ziehen +ist. Doch ist es der Klugheit gemäß, anständig, und was man ~rechtlich~ +nennt, in seinem Aufzuge zu seyn, sich nicht zu vornehm und nicht zu +demüthig, nicht zu reich und nicht zu arm zu stellen, weil man sonst, +in beiden Fällen, leicht entweder für einen unwissenden Pinsel, dessen +erste Ausflucht dieß ist, und den man also nach Gefallen prellen kann, +oder für einen gewaltig vornehmen Herrn, von dem etwas zu ziehen ist, +oder für einen Abentheurer angesehen wird, dem man aus dem Wege gehen, +und der mit schlechter Bewirthung vorlieb nehmen müsse. + +Man spare auf der Reise nicht am unrechten Orte! So gebe man z. B. den +Postknechten zwar nicht übertriebene, aber doch nach den Umständen +reichliche Trinkgelder. Sie sagen sich das Einer dem Andern auf den +Stationen wieder; man kömmt dann schneller fort, und hat manche +Vortheile davon, besonders den, daß man ihrer Grobheit nicht ausgesetzt +ist. + +Wer Bäder besucht, und seine Ruhe, seine Gesundheit und sein Geld nicht +verlieren will, fliehe das Spiel, das eigentlich aus allen Bad- und +Brunnen-Oertern auf ewig verbannt seyn sollte, und überhaupt nur für +die nichtswürdigsten Menschen eine Lieblings-Beschäftigung seyn kann. +In Bädern soll Jeder dazu mitwirken, allen lästigen Zwang, nicht aber +Sittsamkeit und Gefälligkeit, aus den gesellschaftlichen Zirkeln zu +verbannen. Hier muß, besonders wenn der Kreis der Gäste klein ist, +eine Menge Rücksichten und Vorsichtigkeits-Regeln, denen man sich +im bürgerlichen Leben unterwirft, wegfallen, Duldung und Einigkeit +herrschen, und aller Partheigeist bei Seite gesetzt werden. Man lebt da +nur für unschuldigen Genuß und Vergnügen. Nach Ablauf dieser Zeit rückt +Jeder wieder in die Rolle ein, die der Staat ihm anvertrauet hat. + +Deutsche Posthalter, Wagenmeister und Postknechte pflegen in dem Rufe +einer ausgezeichneten Grobheit zu seyn. Es kömmt aber alles auf die Art +an, wie man mit ihnen umgeht; ein ernsthaftes, von einer gewissen Würde +begleitetes Betragen, und, wo es anzubringen ist, ein freundliches +Wort, wird bei diesen Leuten selten ohne gute Wirkung angewandt. + +Wenn man an dem Wagen etwas zerbricht, so sind mehrentheils in den +Städten die Handwerksleute sogleich bei der Hand, verstehen sich auch +wohl mit den Postknechten, den Schaden für viel größer anzugeben, als +er ist, um desto mehr Geld von dem Reisenden zu ziehen. Ich rathe +desfalls, bei solchen Gelegenheiten alles selbst zu untersuchen, oder +durch treue Bediente untersuchen zu lassen, bevor man Befehle zur +Ausbesserung gibt. + +Die Postknechte sind größtentheils von den Gastwirthen bestochen (oder +~ein~ Wirth verabredet sich mit dem andern in der nahe gelegenen +Stadt), um dem Fremden gewisse Gasthöfe zu empfehlen, die darum aber +weder immer die besten, noch die wohlfeilsten sind. Es ist daher +vernünftig, sich hierauf nicht zu verlassen, sondern sich bei andern +sichern Leuten zu erkundigen: wo man am besten und billigsten behandelt +werde. + +Die Bedienten, die man mit sich auf Reisen nimmt, sollen wohl darauf +Acht geben, daß die Postknechte, welche mit den Pferden zurückreiten, +nicht, wie es vielfältig geschieht, Schwengel, Nägel oder andere +Kleinigkeiten, die zum Wagen gehören, mitnehmen. Auch pflegen diese +mit den Chaussee-Aufsehern sich zu verstehen, an den Weghäusern +vorbeizufahren, unter dem Vorwande, uns nicht aufhalten zu wollen, +nachher aber eine Rechnung zu machen, vermöge deren Reisende doppelt +so viel bezahlen müssen, als festgesetzt ist, und sie gegeben haben +würden, wenn sie das Weggeld jedesmal selbst entrichtet hätten. + +Es ist eine Regel der Klugheit, vorher mit Handwerksleuten auf das +genaueste zu dingen, bevor man etwas ausbessern läßt, oder sonst Dinge, +die zur Bequemlichkeit dienen, an fremden Oertern anschafft. + +Kehrt man zum erstenmal in ein Wirthshaus ein, so kann es Vortheil +bringen, wenn man den Wirth hoffen läßt, man werde öfter da ansprechen; +er pflegt dann billiger mit der Zeche zu seyn, um sich zu empfehlen. + +Wenn der Gastwirth übermäßig viel für die Zehrung fordert, und sich +nicht auf einen starken Abzug einlassen will: so thut man doch nicht +wohl, ihm schriftliche Rechnung und genaue Specification jedes +einzelnen Punkts abzufordern, es müßte denn der Mühe werth seyn, ihn +bei der Polizei zu belangen. Fängt er an aufzuschreiben, so rechnet er +immer noch mehr heraus, als er anfangs gefordert hatte; -- und wer kann +dann mit einem solchen Taugenichts über die Preise der Lebensmittel +sich herumzanken? In Wirthshäusern, wo Wein zu haben ist, wird der +Wirth, wenn man Bier fordert, immer versichern: das Bier sey sehr +schlecht. Hier ist der beste Rath, nur gleich Wein zu bestellen, und +das Bier hinterher zu verlangen. + +Die Wirthe fragen gemeiniglich: was der Gast zu essen wünsche? -- +Das ist ein Kunstgriff, durch den man sich nicht fangen lassen muß. +Denn, bestellt man nun etwas, z. B. ein Huhn, einen Pfannekuchen, oder +dergleichen: so muß man das Gericht, und noch obenein eine gewöhnliche +Mahlzeit bezahlen. Man thut da am besten, zu antworten: man verlange +nichts, als was gerade im Hause, oder schon zubereitet sey. Auch +ist es rathsam, keine fremde Weine, sondern nur gemeinen Tischwein +zu begehren. Es kömmt doch alles aus demselben Fasse, nur mit dem +Unterschiede, daß das, was man dem Fremden als alten oder fremden Wein +verkauft, kostbareres Gift ist, als das, womit man ihn am allgemeinen +Wirthstische versorgt. Und selbst an dieser Wirthstafel zu speisen, ist +gewiß für einen einzelnen Reisenden wohlfeiler und unterhaltender, als +auf seinem Zimmer seiner eignen Person gegenüber zu sitzen. + +Manche Postmeister, die zugleich Gastwirthe sind, brauchen folgenden +Kunstgriff zu ihrem ökonomischen Vortheile: Wenn man Pferde wechselt, +und indeß eine kleine Mahlzeit bestellt, so dauert es ungebührlich +lange, ehe diese fertig wird. Indeß werden die Pferde gefüttert und +angeschirrt. Kaum aber steht das Essen auf dem Tische, so meldet schon +der Postillon mit dem Horn, daß er fertig sey und fort wolle. Man soll +also in Eil wenig essen, und dennoch eine ganze Mahlzeit bezahlen. Ich +rathe aber, wenn man nicht sehr eilig ist, sich nicht irre machen zu +lassen, sondern mit voller Muße zu speisen. + +Wenn in Ländern, wo keine gute Post-Ordnung eingeführt ist, Postmeister +dem Reisenden mehr Pferde aufdringen wollen, als billig ist, und zu +Fortschaffung seines Fuhrwerks nöthig sind, sey es nun unter dem +Vorwande von schlechten Wegen, böser Jahrszeit, oder daß die Kutsche zu +schwer sey: so hilft es selten, wenn man sich auf's Bitten legt, oder +sein Recht, auf eben solche Weise weiter befördert zu werden, wie man +gekommen ist, strenge behaupten will; denn jene Leute wissen wohl, daß +einem Fremden mehr daran gelegen ist, nicht aufgehalten zu werden, als +sich zu verweilen, um einen Proceß bei dem Ober-Postamte zu führen. +Da indessen das Vorspannen mehrerer Pferde Folgen für alle übrigen +Stationen hat, so pflegen sich die Posthalter, wenn sie recht höflich +sind, zu erbieten, einen schriftlichen Schein auszustellen, daß dieß +weiter nicht von Folgen seyn solle. Hierauf aber lasse man sich nicht +ein! Dies Papier hat keinen Nutzen. Auf dem nächsten Wechselplatze wird +man, wenn gerade ein Paar Pferde müssig stehen, nichts desto weniger +eben so viele vorspannen, und wiederum einen Schein anbieten, der eben +so unwirksam bleiben würde, wie der erste. Das sicherste Mittel bei +solchen Fällen ist, entweder dem Wagenmeister ein gutes Trinkgeld zu +geben, und den Postillon, welcher fahren soll, auf eben diese Art zu +gewinnen, oder ein Pferd ~mehr~ zu bezahlen, ohne es vorspannen zu +lassen. + +Wenn man Wasser-Reisen auf Strömen macht, oder Hausrath auf diese Weise +fortbringen läßt: so baue man nie auf die Versprechungen der Schiffer, +in Ansehung der Zeit, binnen welcher sie an Ort und Stelle seyn wollen! +Sie halten sich mehrentheils unterwegs auf, um noch mehr Fracht zu +ihrem Vortheile aufzunehmen, oder Schleichhandel zu treiben, wenn sie +heimlich Kaufmannsgüter mit eingeladen haben; es müßte denn über dies +Alles der bündigste schriftliche Contract aufgesetzt seyn. + +Wer zu Pferde reist, sey es nun ~mit~ oder ~ohne~ Reitknecht, der +darf sich nicht auf die Leute in den Wirthshäusern in Ansehung der +Verpflegung seiner Pferde verlassen, sondern muß selbst besorgt seyn, +oder seine Bedienten dazu anhalten, daß die Pferde in einem guten, +reinen und gesunden Stalle, von fremden Gäulen getrennt, gehörig +gewartet und gefüttert werden. + +Wenn ich nicht fürchtete, weitschweifig zu werden, so würde ich hier +noch manche, gewiß nicht unnütze Vorschrift geben, z. B. daß man +fremde Pferde schonen; daß man, wenn man größere Reisen machen will, +langsam ~in~ den Stall, und langsam ~aus~ dem Stalle reiten solle; +daß man nicht wohl thue, in Städten über Kanäle, die mit Brettern +bedeckt sind, zu reiten, und so ferner. Man sage nicht, daß dieß +bekannte Dinge sind, Sehr viel Leute lernen zu Pferde sitzen und Pferde +bändigen! aber praktisch ~reiten~ lernt man nicht auf der Bahn. Allein +ich sehe schon die Herren Krittler die Nase darüber rümpfen, daß so +etwas in einem Buche ~über den Umgang mit Menschen~ Platz finden +sollte. Wer aber überlegt, daß in diesem Buche überhaupt ~Vorschriften +zu einem glücklichen, ruhigen und nützlichen Leben in der Welt und +unter Menschen~ gegeben werden sollen, der wird sich wundern, wenn er +hört, daß ein +deutscher+ Recensent gesagt hat: ich sey in den Fehler +so vieler ~deutscher~ Schriftsteller gefallen, die ihren Werken zu +viel Vollständigkeit geben wollten, und darüber freilich -- weniger +unterhaltend schrieben. + +Das Fußgehen ist gewiß die angenehmste Art zu reisen. Man genießt die +Schönheiten der Natur; man kann sich unerkannt unter allerlei Leute +mischen; beobachten, was man ausserdem nicht erfahren würde; man +ist ungebunden, kann das freundlichste Wetter und den schönsten Weg +wählen, sich aufhalten, einkehren, wann und wo man will; man stärkt +den Körper, wird weniger erhitzt und gerüttelt, hat gute Eßlust und +süßen Schlaf, und ist, wenn Müdigkeit und Hunger der Bewirthung das +Wort reden, leicht mit jeder Kost und jedem Lager zufrieden. Doch ist +diese Art zu reisen in Deutschland mit einiger Schwierigkeit verknüpft. +Zuerst hat man die Ungemächlichkeit, nur wenig Kleidungsstücke, Bücher, +Schriften u. dgl. mit sich führen zu können. Diesem kann man indessen +dadurch einigermaßen abhelfen, daß man, was etwa ein Bote nicht tragen +kann, mit der Post in die Haupt-Oerter schickt, durch welche man +reisen will. Allein eine zweite Unbequemlichkeit besteht darin, daß +diese, in Deutschland für einen Mann von Stande ungewöhnliche Art zu +reisen, zu viel Aufmerksamkeit erregt, und daß die Gasthalter nicht +eigentlich wissen, wie sie uns behandeln sollen. Ist man nämlich besser +gekleidet, als gewöhnliche Fußgänger, so wird man entweder für einen +verdächtigen Menschen, für einen Abentheurer, oder für einen Geizhals +gehalten; man wird beobachtet, ausgefragt, und, mit Einem Worte: man +paßt nicht in den Tarif, nach welchem die Wirthe ihre Fremden zu +taxiren pflegen. Ist man aber schlecht gekleidet, so wird man, wie +ein reisender Handwerksbursche, in Dachstübchen und schmutzige Betten +einquartirt, oder man muß jedesmal weitläuftig erzählen: wer man sey, +und warum man nicht mit Kutschen und Pferden erscheine? Bei Fußreisen +ist die Gesellschaft eines verständigen und muntern Freundes vorzüglich +angenehm. + +Man verlasse sich nicht auf die Bauern, wenn sie uns Fußwege anzeigen, +die näher, als die gewöhnlichen, seyn sollen! So wie überhaupt diese +Menschen voll Vorurtheile und voll Anhänglichkeit an alte Gewohnheiten +sind, so gehen sie auch immer die Wege, die vom Vater auf den Sohn +herab für die nächsten sind anerkannt worden, ohne daß sie Augenmaß +und Ueberlegung gebrauchen, um die Irrthümer ihrer Voreltern zu +berichtigen. Doch kann man hierin auch leicht das Mißtrauen zu weit +treiben. + +Hat man große Tagereisen zu Fuße zu machen, so genieße man früh Morgens +nichts, als ein Glas Wasser! Hat man dann einige Stunden zurückgelegt, +und fühlt sich ermüdet, so ist Kaffee und Brod zur Erquickung heilsam. +Zuweilen ein Glas Wein, kann auch nicht schaden; Branntewein macht müde +und schlaff. + +Macht man den Weg durch einen unbekannten Wald, und denkt binnen +ein- oder zwei Tagen wieder zurückzukehren: so streue man hie und +da abgerissene Zweige auf seinen Pfad, um darnach den Weg wieder zu +finden; man gehe nie ohne Gewehr, wenigstens nie ohne Stock! + +Ueber das Betragen gegen fremde Reisende ist schon im ~neunten Kapitel~ +dieses Theils etwas gesagt worden. Hier füge ich nur noch folgende +Bemerkungen bei: man hat in jetzigen Zeiten Ursache, vorsichtig gegen +solche Leute zu handeln, nicht nur, um von Abentheurern und schlechten +Menschen unbehelligt zu bleiben, sondern auch den sogenannten reisenden +Gelehrten nicht Gelegenheit zu geben, aus unsern vertraulichen +Gesprächen ihre Anekdoten-Sammlungen zu bereichern, und uns nachher, +zum Danke für unsere Gastfreundschaft, gedruckt aufzustellen. Auf der +andern Seite aber sey man auch so billig, Fremde, ~die sich uns nicht +aufdringen~, edel zu behandeln, und sie nicht etwa zur Geschwätzigkeit +zu verleiten, um nachher aus diesen unsichern einzelnen Zügen ein Bild +von ihnen zu entwerfen, und der Welt mitzutheilen. + + + 3. + +Da leider die Nüchternheit in der Welt immer seltener zu werden +anfängt, und der Rum, selbst in Damengesellschaften, an der +Tagesordnung ist, so mag hier auch von dem Umgange mit ~betrunkenen +Leuten~ die Rede seyn, obgleich bei diesem Umgange wenig Vernunft und +Klugheit anzubringen ist. Der Wein erfreuet des Menschen Herz, und +wenn man diese Arzenei nicht wie ein nothwendiges Bedürfniß, ohne +welches man durchaus nicht in frohe Laune zu setzen ist, sondern wie +ein Erweckungsmittel braucht, um in trüben Augenblicken den natürlichen +guten Humor, der nie ganz aus dem Gemüthe eines ehrlichen Biedermannes +weichen darf, unter dem Schutte von häuslichen Sorgen hervorzurufen: +so ist nichts dagegen einzuwenden. Allein kein Anblick ist so widrig +für den verständigen Mann, als der eines Menschen, welcher sich durch +starke Getränke um Sinne und Vernunft gebracht hat. Wenn es aber +auch nicht bis zur völligen Betrunkenheit kommt, sondern nur bei +einem Rausche bleibt, so ist es doch eine etwas unbequeme Lage, der +einzige ganz Kaltblütige in einer Gesellschaft von Leuten zu seyn, die +sich durch ein Gläschen über die Gebühr erhitzt, begeistert, und um +einen Ton höher gestimmt haben; und wenn man den Tag mit ernsthaften +Geschäften hingebracht hat, und dann des Abends in einen Zirkel solcher +Gäste geräth: so ist fast kein anderes Mittel zu finden (oder man müßte +denn ~von Natur~ zu den Lustigmachern gehören), als ein wenig mit zu +zechen, um sich ~denselben~ Schwung zu geben, oder vielmehr: mit den +Wölfen zu heulen. + +Die Wirkungen des Weins auf die Gemüther der Menschen sind aber, nach +ihren natürlichen Temperamenten, sehr verschieden. Manche zeigen sich +äusserst lustig; Andre sehr zärtlich, wohlwollend und offenherzig; +Andre melancholisch, schläfrig, verschlossen; Andre hingegen +geschwätzig, und noch Andre zänkisch, wenn sie berauscht sind. Man thut +wohl, der Gelegenheit auszuweichen, mit Betrunkenen von dieser letztern +Art in Gesellschaft zu gerathen. Ist dieß aber nicht zu vermeiden, so +kann man doch darin mehrentheils mit einem vorsichtigen, nachgebenden +und höflichen Betragen, und dadurch, daß man ihnen nicht widerspricht, +so ziemlich gut fortkommen. Daß man auf das, was ein Mensch im Rausche +verspricht, nicht bauen dürfe; daß man sich wo möglich hüten müsse, +eine Ausschweifung im Trunke zu begehen, wenn man aus warnender +Erfahrung weiß, daß man einen bösen Rausch hat; daß es unedel gehandelt +sey, diesen schwachen Zustand eines Menschen zu nützen, um ihm Zusagen +oder Geheimnisse zu entlocken; und endlich, daß man mit Leuten, die zu +tief in die Flasche geschauet haben, keine ernsthafte Sachen verhandeln +müsse: -- das versteht sich wohl von selbst. + + + + + Allgemeine + Behandlung der Kinder + in den + Jahren der ersten Entwickelung. + + + 1. + +Die in ihrer richtigen und ungestörten Entwickelung begriffene Natur +des Kindes unterstütze man so, daß sie immer sichtbarer und glücklicher +gedeihe. Dazu dient zweckmäßige und abgestufte Beschäftigung -- Uebung +der Denkkraft (man soll nicht abweisen die Fragen der Wißbegier und des +Forschens), und Mittheilung neuer Kenntnisse, welche an die erlangten +geknüpft werden, damit die Seele sie desto leichter aufnehme, und das +Unbekannte durch das Bekannte erläutert werde. -- Eine Hauptsache +hiebei ist die Belebung des Selbstgefühls durch gemäßigtes Lob und +wohlwollende Ermunterung (daher kein Kritteln); Stärkung der Liebe zum +Guten durch Belohnung, doch mit Verhütung des Eigennutzes. + + + 2. + +Man wechsele mit der mehr negativen und mehr positiven Behandlung, so +wie in der Jugend-Entwickelung mehr das eine oder andere vorherrscht. +Nicht zu frühes Antreiben zum Lernen und Arbeiten -- und zum Sprechen +-- kein Erzwingen von Artigkeit, so lange das Kind noch keinen Sinn +für das Anständige haben kann. So soll die früheste Erziehung in dem +Erregen und Einflößen guter Gefühle bestehen, oder vielmehr darin, daß +man das Kind mit freundlichen Eindrücken umgibt, unter welchen sein +Inneres sich still entfaltet. + + + 3. + +Mit dem Alter des Spieles und der wirkenden Phantasie wird die positive +Einwirkung nothwendig; denn überließe man die Kinder sich selbst, +so würden sie auf dieses und jenes, und auf allerlei Thörichtes und +Gefährliches verfallen, oft nicht wissen, wie sie der Langenweile +wehren sollen, schiefe Richtungen annehmen, alles Gesehene und Gehörte +blindlings nachmachen, und schlechte Gewohnheiten sich aneignen. So +geschiehet es auch durch Verspätung und Vernachlässigung des positiven +Einwirkens durch Gebot und Strafe, Ermahnung und Warnung, daß die +Kinder den Eltern über den Kopf wachsen. Je mehr die Kraft sprudelt, +desto mehr muß sie beschäftigt und geleitet werden. Die Kinder wollen +und bedürfen dann viel, besonders körperliche Beschäftigung, und fehlt +diese, so regt sich Unmuth, Widerspenstigkeit, und es erscheint eine +ganze Reihe von Unarten. -- Man verhüte mit Strenge üble Gewohnheiten. +Jedes Ausarten der Lebhaftigkeit und der Freude in Wildheit und +Ausgelassenheit, jeder Ausbruch des Eigensinnes, des Leichtsinnes +und des Muthwillens; jeder entschiedene Ungehorsam, so wie das +Abweichen von der Wahrheit; endlich beharrliche Trägheit und Faulheit +erfordern eine unmittelbare und kräftige Einwirkung der Erziehung, +und hiebei sich leidend verhalten, heißt: sich an den Kindern schwer +versündigen. Denn wird z. B. den eigensinnigen Kindern nicht zu +rechter Zeit der Wille gebrochen, den Trägen der Sporn angesetzt, den +Wilden Einhalt gethan, so werden endlich die Hindernisse der Erziehung +unüberwindlich, und es entsteht eine solche Ausartung des kindlichen +Gemüths, ein solches Uebergewicht der Sinnlichkeit, daß zu gewaltsamen +Mitteln geschritten werden muß. Die weichliche und falsche humane +Erziehung scheuet und vermeidet jedes Verbot, als Eingriff in die +vermeintlich-rechtmäßige Freiheit der Kinder, und verdirbt dadurch +das ganze Werk. Durch Verbote muß man den Kindern, nie durch Strafe, +zu Hülfe kommen, und sie aus Fesseln erlösen, die sie nicht selbst zu +zerbrechen die Kraft haben, so wie man sie eben dadurch aus sinnlicher +Betäubung weckt, in welcher sie zu Grunde gehen müßten. + + + 4. + +Je jünger der Mensch, desto mehr werde von Seiten des Gefühls, je +älter, desto mehr von Seiten des Verstandes auf denselben gewirkt, doch +so, daß er nie von der einen oder andern Seite vernachlässigt, auch daß +er durch Beides zur ~Vernunft~ geführt werde. + +Was im frühsten Alter bloß empfunden wurde, wird späterhin gedacht, +für nützlich und gut erkannt. Man würde also widernatürlich handeln +und verderben, wenn man das frühere Alter mit Vorstellungen, oder das +spätere mit bloßen Gefühls-Eindrücken lenken wollte. -- Bewahrung +der kindlichen Herzens-Reinheit, durch Verhütung alles verführenden +Umgangs und verführerischer Beispiele durch milde Behandlung -- dann +Gewöhnung zum Nachdenken durch fleißiges Fragen: warum willst Du dieß, +hast Du dieß gethan? -- Gewöhnung zur Ordnung und Thätigkeit, das sind +die einfachen und wirksamen Bildungsmittel, welche, zu rechter Zeit +angewandt, ihres Zweckes nicht verfehlen. Es ist also das Moralisiren +bei Kindern von 3 bis 6 Jahren nicht nur vergeblich, sondern auch +verderblich. Bei Kindern von lebhafter Phantasie und lebhaften Gefühlen +muß das Nachdenken früher angeregt, und mehr auf Entwickelung des +Verstandes gewirkt werden. + + + 5. + +Das Gefühl werde von Anfang und immer zart behandelt, doch so, daß es +zur Ertragung des Widrigen erstarke. + +Harte Eindrücke stumpfen ab und erregen zugleich widrig; daher rauh +behandelte Kinder gefühllos, träge, kalt, störrisch, verschlossen, +boshaft und linkisch werden, wie das besonders an Bauernkindern +sichtbar wird. Die Schule kann hier nur wenig entgegen wirken. +Doch muß die Jugend für das Leben erzogen werden, und also auch +Unannehmlichkeiten ertragen lernen; daher hüte man sich vor dem +Bedauern bei geringfügigen Unfällen und Beschwerden, vor dem Entfernen +oder Erleichtern jeder Beschwerde und Anstrengung, vor Verwöhnung durch +Gemächlichkeit, z. B. wenn man die Kinder in geheizten Zimmern sich +auskleiden und schlafen läßt. Doch soll die Jugend jeder Stunde ihres +Lebens froh werden. Sie wird es aber eben dadurch am sichersten, daß +man sie in die Nothwendigkeit setzt, die Freude und den Genuß durch +Beschwerde zu erringen, und daß man sie vor jener Verzärtelung bewahrt, +welche die Quelle der bösen Laune und so vieler peinlichen Zustände +des Körpers und des Gemüths ist, in welchen alle Freude und aller +Genuß untergeht. Der Verwöhnte hat immer etwas zu fürchten oder zu +leiden; überall zeigen sich Störungen seiner Freude -- er begehrt einen +Zustand, welcher in der wirklichen Welt nicht Statt finden kann, und +darum behagt ihm die Wirklichkeit nicht. So ist es auch, und in noch +höherm Grade, mit der Verwöhnung der Empfindung -- Empfindelei ist der +Tod alles Lebensgenusses und aller frohen Gefühle. + + + 6. + +Der Verstand werde von Anfang erweckt, fortgebildet, und auf seine +Sphäre hingewiesen, so daß das heranwachsende Kind immer mehr zur +Einsicht gelange. + +Auf seine ~Sphäre~ oder den ihm von der Natur angewiesenen Kreis, aus +dem also die Erziehung und der Unterricht nicht heraustreten dürfen, +wenn sie mit glücklichem Erfolge begleitet seyn sollen. Das Kind soll +an Selbstthätigkeit und Selbstgefühl gewinnen, damit es die natürliche +Trägheit auf der einen, und den ungeregelten Trieb zur Thätigkeit auf +der andern Seite beherrschen lerne. Jene aber muß ein verderbliches +Uebergewicht erhalten, wenn das Kind zu spät, oder seinen Kräften +nicht angemessen beschäftigt wird, und dieser wird ausarten, wenn +er nicht zu rechter Zeit seine Richtung auf das Nützliche und Gute +erhält. Daher die Erscheinung, daß der Mehrtheil der Kinder entweder +an einer unheilbaren Schwäche des Denkvermögens, oder an einer eben so +verderblichen Schwäche der Einsichten leidet, indem man den Verstand +mit einer Menge von Kenntnissen überladet, die er nicht zu fassen +vermag. Hier wird es sichtbar, wie viel auf richtige und naturgemäße +Methode, auf die ~Geistes-Diät~ ankommt, denn die wahre Methode +entfernt sich nicht von der Natur. Sie verschmäht daher nicht den +Buchstaben, als der den Geist tödte, noch die Erfahrungs-Kenntnisse, +und sämmtliche Hülfsmittel, als unnütz und unwirksam -- noch den Stoff, +als der formalen Bildung nachtheilig. Sie sorgt vorzüglich dafür, daß +alles Gelernte auch ein Verstandenes oder Begriffenes werde, und legt +es daher nicht einseitig auf Bereicherung des Gedächtnisses mit einer +Menge unverarbeiteter Materialien an -- sie läßt das Kind in der Natur +und Kunst beobachten, erkennen, vergleichen und unterscheiden; sie +erneuert und belebt das früher Gelernte und Gedachte, und macht es +dadurch immer mehr zum Eigenthum des kindlichen Geistes. So verhütet +sie alles Scheinwissen, und einen Wahn des Vielwissens, der das ganze +Innere verdirbt. + + + 7. + +Die Kräfte des heranwachsenden jungen Menschen erhöhe man in +ihrer Zunahme, so daß er sie immer freier gebrauche, und zur +~Selbstständigkeit~ gelange. + +Hier scheidet sich die Abrichtung von der Erziehung, oder die +einseitige von der allseitigen oder vollständigen. Wenn Kinder von +selbst ihre Kräfte an etwas versuchen, so störe man sie nicht durch +Tadeln und Kritteln. Dieß gilt von Körper- und Geistes-Kraft. Man +überlasse zuweilen sie ihrem Thätigkeitstriebe, und dämme ihn nicht +durch Vorschriften ein; aber man suche ihm durch Winke eine nützliche +und angemessene Richtung zu geben -- oder -- eine gemeinschaftliche, so +daß die geselligen Triebe in Thätigkeit kommen. Ein bewährter Pädagoge +(Himly) sagt hierüber folgendes beherzigungswerthe Wort: + +»Zuletzt erscheint doch das Wesentliche aller Erziehung darin, daß +der Mensch seine Kräfte frei, zweckmäßig und so umfassend nützlich, +als möglich, gebrauchen lerne, weil dieß seinem Leben einen Werth +gibt, und ihm die Stelle anweiset, wo er als Glied des großen Ganzen +wirksam wird. Jeder soll sich, durch Hülfe derer, die auf seine Bildung +gewirkt haben, an der Stelle befinden, wo er unter harmonischer +Zusammenstimmung seiner Kräfte zu einer ihm selbst befriedigenden, und +sein Bestehen in der Gesellschaft sichernden Thätigkeit gelangt. Aber +ihn selbst befriedigt keine Thätigkeit, die ihn nur bis zum Brod-Erwerb +führt, und keine, die nicht nach Aussen gerichtet ist, nicht irgend +etwas ~hervorbringt~. Denn zum Handeln, das heißt, zum Thun nach +Aussen, zum Wirken in seiner Umgebung, ist der Mensch bestimmt, und +daher ist es das Ziel seiner Bestrebungen und sein innigster Wunsch, +einen ihm angemessenen und also ihn befriedigenden Wirkungs- oder +Thätigkeits-Kreis zu erhalten. Je freier aber, und je harmonischer +und allseitiger sich seine Kräfte entwickelt haben, desto leichter +wird er einen solchen Wirkungskreis finden, der ihn befriedigt, +und seinem Leben einen Werth gibt. Der Mensch wird aus sich selbst +hinausgetrieben, um für Andere zu wirken, und das vereinigte Daseyn +der Menschen gleicht einer Maschine von tausend und abertausend in +einandergreifenden Rädern. Es erfordert so mannigfache und so viel +geartete Verwendung. Darum mußten auch die Einzelnen so vielgeartet +seyn, damit jedes Bedürfniß des Ganzen befriedigt werden möge. Der +unzerstörbare Zusammenhang menschlicher Dinge fordert und gebietet +den wechselseitigen Austausch der Thätigkeit. Die Gesellschaft stößt +denjenigen aus, der nichts für sie thun kann oder will. So geschiehet +es denn, daß die nächsten physischen Bedürfnisse des Menschen, wie +seine feinsten und geistigsten, nur darin befriedigt werden, daß er zu +einer angemessenen Thätigkeit nach Aussen gelange. Der Mensch ist also +nur dann erst mündig, wenn er seine bestimmte, ihm angemessene Stelle +in der Gesellschaft einzunehmen vermag. Er will und bedarf zu seiner +Glückseligkeit das Bewußtseyn, daß er im Kreise einer ihm angemessenen +Thätigkeit Andern nützlich und werth sey.« + + + 8. + +Daher die Regel: Sorge immer für eine ~angemessene~ und ~bestimmte~ +Beschäftigung deines Zöglings, und für eine solche, wodurch die +harmonische Ausbildung seiner gesammten Körper- und Geistes-Kräfte +bewirkt wird, und übereile und versäume dabei nichts. + +Jene unordentliche, von einem zum andern überspringende, bei nichts +aushaltende Thätigkeit, ist nur Versplitterung der Kraft. Sie wird +verhütet durch eingeflößte Liebe für jede Art nützlicher Thätigkeit, +erregten Wetteifer, und Vereinigung der Thätigkeit Mehrerer. Die Liebe +zur Thätigkeit entsteht durch die Bemerkung des Hervorgebrachten und +des Wohlgefallens daran. Der regelmäßigste Gebrauch der Kräfte ist der +freieste. + + + 9. + +~Man gestatte der fortgehenden Bildung immer mehr Freiheit durch eigne +Kraft.~ + +Es ist zweckwidrig, bei dem Unterricht und Lernen den Kindern zu Hülfe +zu kommen, oder auch in leiblichen Angelegenheiten ihnen alles zu +erleichtern. Hat man nicht mehr gefordert, als sie leisten können, so +bestehe man auch darauf, daß sie es durch eigene Kräfte leisten. Neigt +sich die Thätigkeit vorzüglich auf einen Punkt hin, so zwinge man sie +nicht -- man impfe ihnen nicht künstlich und gewaltsam ein, was ihrer +Natur, ihrem Gemüth und ihren Anlagen nicht zusagt -- man gräme sich +nicht, daß sie nicht leisten, was andere Kinder ihres Alters leisten. +Haben sie einmal nicht die Anlage dazu, so würde doch nur eine Manier +oder steifer Zwang herauskommen, oder man würde wenigstens vergeblich +arbeiten. Nur das gehört dem Menschen wahrhaft an, was aus seinem +Innern hervorgeht. + +Bringt ihr es dahin, daß das Kind fragt, so ist es besser, als wenn ihr +ihm vordemonstriret -- erfindet es selbst etwas, so ist es besser, als +wenn ihr es ihm vorsagt -- macht es etwas auf seine Weise, und es ist +Verstand darin, so lasset es dabei. + +So besonders auch bei dem Spielen, wo sich der kindliche Verstand am +meisten thätig erweist, und am glücklichsten entwickelt. Da störe man +Kinder nicht, enge sie nicht zu sehr ein. + +Ein Kind macht Verse, man lasse es. Es zeichnet oft und gern, mögen +es für's erste auch nur Karrikaturen seyn; wenn einiges Talent darin +sichtbar wird, so halte man es nicht ab. Aber freilich hat diese Regel +ihre Grenze. Wenn man sieht, daß ein Kind eine ganz verkehrte Richtung +nimmt, seine Kräfte zersplittert -- so thue man Einhalt. + + + 10. + +Man veranstalte in der Erziehung alles, so viel möglich so, daß mehr +die ganze Umgebung auf den Zögling bildend und erhebend wirkt, als daß +er der eigentlichen und strengen Zurechtweisung bedürfe. + +Von jeher ist in der Erziehung dadurch gefehlt worden, daß man zu +viel ermahnt und zurechtgewiesen hat. Es ist nichts natürlicher, +als daß sich Kinder endlich daran so sehr gewöhnen, daß zuletzt +keine Ermahnung oder Zurechtweisung mehr Eindruck macht. Hier muß +man mehr das Thörichte und Unrechte zu verhüten, und unmöglich zu +machen suchen, auch dadurch schon, daß man Kinder auf Reizungen und +Versuchungen aufmerksam macht, in die sie gerathen werden, oder diese +entfernt und entkräftet. Je liebevoller z. B. die Behandlung ist, +und je mehr Vertrauen man den Kindern eingeflößt hat, desto mehr hat +man sie vor Versuchungen zum Lügen gesichert; je weniger man ihre +Sinnlichkeit durch leckerhafte Speisen reizt, je mehr man sie an +einfache Nahrungsmittel gewöhnt, und dafür sorgt, daß der Hunger ihnen +die Speise würze, desto weniger werden sie naschen; je sorgfältiger +man den Einfluß roher oder unsittlicher Menschen von ihnen entfernt, +desto weniger Unarten werden sie begehen; denn die meisten Unarten +erzeugt der Nachahmungs-Trieb, der bei Kindern eine unwiderstehliche +Kraft hat; je anhaltender und zweckmäßiger man sie beschäftiget, desto +weniger Thorheiten werden erscheinen. Wenn Kinder überall, wo sie sich +befinden, Ordnung und Reinlichkeit, Fleiß und Betriebsamkeit, Einfalt +und Sitten-Reinheit gewahr werden; wenn sie nur gerechte, besonnene +und billige Urtheile hören, nur Worte des Friedens und der Liebe, so +entsteht Sittlichkeit und Rechtlichkeit von selbst. + +In dieser Hinsicht haben Erziehungsanstalten einen bedeutenden Vorzug +vor der häuslichen Erziehung, weil sie alles regelmäßiger einrichten, +Störungen und Versuchungen kräftiger entfernen, eine genauere Aufsicht +anordnen, regelmäßiger beschäftigen und eine feste Tagesordnung +durchführen können; nur daß sie auf der andern Seite durch die strenge +Regelmäßigkeit auch wohl der freien Entwickelung nachtheilig werden. +Und doch ist es so mißlich, von der Regel abzuweichen, und Ausnahmen zu +gestatten. + + + 11. + +Daß Kinder immer heitere Gesichter, willige Arbeiter, einträchtige +Menschen um sich sehen; daß sie einer bestimmten Tagesordnung sich +unterwerfen müssen, und von dieser in keinem Falle abweichen dürfen -- +dieß entscheidet über ihre Sittlichkeit. Jede feigherzige Unterwerfung +unter den Zeitgeist und herrschenden Gesellschaftston, jedes +Anschmiegen an Mode und Sitte, auch da, wo sich Vernunft und Gefühl +dagegen sträuben, ist in der Erziehung unverzeihlich und führt zu den +traurigsten Ausartungen. Die Erziehung darf sich eben so wenig, wie die +Frömmigkeit, dieser Welt gleich stellen, wohl aber muß sie die Welt +überwinden lehren, und daher dem verderblichen Einfluß des Zeitgeistes +die Kraft einer sittlich-reinen Gewohnheit, feste Grundsätze und reine +Gefühle entgegenstellen, und die Gesundheit des Verstandes gegen die +giftigen Dünste des Zeitgeistes und Zeitgeschmacks zu schützen wissen. + + + 12. + +Beschränke die Freiheit Deines Zöglings nicht ohne Noth, und ~bewache~ +ihn nicht, anstatt ihn zu beobachten und zu leiten; versage ihm nicht +eine Freiheit, die seine Natur und seine Entwickelung fordert. Suche +dagegen den Mißbrauch der Freiheit möglichst zu verhüten durch Belebung +sittlicher Gefühle, durch Warnung und Zurechtweisung, und dadurch, daß +Du seinen Kräften eine angemessene Richtung gibst. + +Diejenigen Eltern, welche ihre Kinder aus übergroßer Aengstlichkeit gar +nicht aus den Augen lassen wollen, machen sich und diese zu Sclaven, +und erreichen ihren Zweck nicht. Allemal werden diejenigen Kinder die +ausgelassensten seyn, die zu sehr beschränkt wurden. Man muß erdulden +lernen, was Kinder, weil sie Kinder sind, nicht unterlassen können. +Nur in Ansehung des Umganges und der Zeit dürfte eine vernünftige +Beschränkung der Freiheit sehr nöthig und heilsam seyn, da Kinder +noch nicht beurtheilen können, welcher Umgang ihnen nachtheilig, +und wie wichtig die Benutzung der Zeit sey. Auch will die Freiheit +des Sprechens und Urtheilens bei lebhaften Kindern beschränkt seyn. +Diesen aber kann nichts Unglücklicheres begegnen, als wenn sie in die +Hände alter Erzieher fallen. Wenn Kinder Liebe zu ihren Eltern und +Geschwistern haben, so werden sie sich am meisten im Kreise der Ihrigen +gefallen. Zeigen Kinder eine frühe Gesetztheit und Besonnenheit, so +lasse man ihnen mehr Freiheit. (Jesus zu Jerusalem im zwölften Jahre.) +Besonders verkümmere man ihnen die Spielstunde nicht, lasse aber auch +nicht zu, daß sie sie willkührlich erweitern. + + + 13. + +Nimm dem Kinde nie sein Eigenthum, und laß es nie ungestraft, wenn es +in fremdes Eigenthum greift; halte ihm immer Dein Versprechen, und +sey daher auf Deiner Hut, wenn Du ihm etwas versprichst; verletze +nie sein Recht (z. B. auf Erholung, Nachsicht, Vertheidigung oder +Entschuldigung), und wenn Du etwas der Art thun müßtest, so richte es +so ein, daß das Kind Dein Verfahren nicht als Ungerechtigkeit empfinde: +laß es sich selbst das Urtheil sprechen; zeige ihm, daß es sein Recht +verwirkt habe; beschränke nur den Gebrauch des Rechts, oder die +Verwaltung und den Genuß seines Eigenthums. + + + 14. + +In der Erziehung darf keine ~Willkühr~ herrschen, denn sie erstickt die +edelsten Gefühle, entzieht Vertrauen und Liebe, bringt Verschlossenheit +und tückisches Wesen hervor. Hat z. B. ein Kind sein Spielzeug +verdorben, so verschenke man nicht das andere, sondern entziehe es ihm +nur eine Zeitlang; hat es Geld vertändelt oder vernascht, man nehme ihm +das übrige nicht. Zeigt es Geldgeiz oder Habsucht, so wirke man auf +eine andere Art entgegen, als durch Wegnehmen, indem man z. B. seine +Theilnahme reizt. -- Ist ihm ein unverständiges Geschenk gemacht, so +entziehe es ihm nur so, daß Du es aufzubewahren versprichst. + +Wenn das Kind nachlässig gearbeitet hat, hat es dann sein Recht auf +Erholung verwirkt? Oder wenn es zum zweitenmale fehlt, auf Nachsicht? +Oder soll ihm diese immer schwerer zugestanden werden? Darf sich ein +Kind lebhaft vertheidigen? Wie leicht kann man Kindern Unrecht thun! +Oft wird man durch die Farbe der Handlung irre geführt. + +Haben Kinder auch ein Recht, zu weinen, auf ihrem Willen zu bestehen, +ungeduldig zu werden? + +Besonders hüte man sich, etwas zu versprechen, vor allem Belohnungen, +und hernach, bei bessrer Einsicht, nicht zu halten, wenn man dem Kinde +nicht begreiflich machen kann, daß die Erfüllung des Versprochenen ihm +nachtheilig seyn würde. Es raubt dem Erzieher das Vertrauen und die +Liebe. + + + 15. + +Tadle nie bitter, und strafe nur dann, wenn Du voraussiehst, oder die +Erfahrung gemacht hast, daß gelindere Mittel nicht zum Zweck führen; +laß aber auch das gestrafte Kind weder zu schnell, noch zu spät, +Beweise Deiner Verzeihung und Liebe sehen. Doch unterlaß es nie, ihm +die Fehler seiner Arbeiten und seines Betragens zu zeigen, und sey +karg mit Deinem Lobe, aber freigebig mit Deiner Nachsicht, Schonung +und Ermunterung. Von der Art, wie Kinder getadelt und gestraft werden, +hängt vorzüglich der Erfolg der Erziehung ab. Die Strafe und der Tadel +müsse dem Kinde eben so gut als Erweisungen der Liebe erscheinen, wie +die Belohnung und das Lob. Ironie und Bitterkeit wirken gefährlich. +Das Ehrgefühl muß nicht nur geschont, sondern auch gepflegt werden, +doch so, daß dem Kinde immer Liebe mehr gelte als Lob, und es nach +jener vorzugsweise strebe. Eine gewisse Weichlichkeit hält vom Strafen +und Tadeln zurück, und bringt dadurch viel Böses hervor. Man lasse +sich nicht durch die Empfindlichkeit der Kinder abschrecken. Diese +Seelenschwäche kann nur durch Wohlwollen und wiederholten Tadel geheilt +werden. Eitle Kinder bedürfen vorzüglich als Arznei des Tadels; aber +er muß bei diesen besonders in der Sprache des Wohlwollens ausgedrückt +seyn, wenn er wohlthätig wirken soll. Den bittern Tadel empfinden +sie als eine Ungerechtigkeit, und ihr Herz verschließt sich dagegen. +Den Tadel begleite oft das Wort der Ermunterung, und immer trage er +mehr die Farbe der Betrübniß, als des Unwillens. Er werde nur dann +ausgesprochen, wenn es ungezweifelt ist, daß das Kind etwas Besseres +hätte machen können. + + + 16. + +Soll der Tadel nicht seine ~Wirksamkeit~ verlieren, so muß er nicht zu +oft kommen; nicht seine ~Wohlthätigkeit~, so muß er nicht im Tone der +Verachtung ausgesprochen werden; nicht seine ~Würde~, so muß er kein +ironischer und spottender seyn; nicht seine ~anregende Kraft~, so muß +er mit lebhaftem Gefühl und in der Sprache des Gefühls ausgesprochen +werden. Bei lebhaften Kindern, die in jedem Augenblick fast +Uebereilungen und Thorheiten begehen, muß die Erziehung mehr übersehen, +als rügen, und mehr verhüten, als strafen, mehr abhalten, als verbieten. + +Gelindere Mittel, als Tadel und Strafe, z. B. Entziehung einer +Bequemlichkeit, ernstes Gesicht, Drohung, Zurechtweisung -- ~scheinen~ +oft nur unwirksam, weil die Wirksamkeit nicht gleich sichtbar wird; sie +wirken nach, wie fast alle Erziehungsmittel. Ist der wiederholte und +verstärkte Tadel unwirksam, so folge ihm unmittelbar die Strafe. + + + 17. + +Dem gestraften Kinde gebe man, besonders wenn es zu den lebhaften +gehört, und noch keine Spuren der Besserung sich zeigen, nicht zu +schnell wieder Beweise der Liebe. + +Da die Kinder eher durch Lob, als durch Tadel verdorben werden, so sey +jenes noch sparsamer, als dieser. Dagegen darf man in der Erziehung mit +seiner Nachsicht freigebig seyn, besonders bei Kindern von zartem und +reizbarem Gefühl. In seltenen Fällen nur lobe man, mit Herabsetzung +eines anderen Kindes, -- beides, Lob und Tadel, geschehe mehr unter +vier Augen, als in Gegenwart Anderer, weil es sonst zu stark als +Reizmittel wirkt. + + + 18. + +~Rousseau~ verwarf alle Strafen, und vergaß, daß die vorherrschende +Sinnlichkeit eines Widerstandes bedarf, wenn ihr das Kind nicht +hingegeben werden soll. Es ist eine Art von Ungerechtigkeit, ja es ist +Grausamkeit, wenn man das Kind ungestraft läßt, denn man überliefert +es dadurch der Knechtschaft seiner Sinnlichkeit, und legt den Grund +zu seinem physischen und moralischen Verderben. Der freie Wille muß +dem Kinde eben so folgerecht und unaufhaltsam in seinen Wirkungen +erscheinen, wie die physischen Folgen, damit es eine moralische +Nothwendigkeit erkenne. Wie soll auch das Kind zur Anerkennung der +Güte im Gefühl kommen, wenn es diese nie entbehrt, wenn es bei +pflichtmäßigem und pflichtwidrigem Betragen mit gleicher Güte behandelt +wird? Die weichlichsten, und mit ihrer Güte freigebigsten Eltern +haben die undankbarsten und ungehorsamsten Kinder. Der Mensch und das +Kind weiß nur zu achten, was errungen seyn will, und nicht unverdient +gegeben wird. Das Kind wird und muß sich seinen Eltern gleich setzen, +wenn diese ihm nicht den Abstand fühlbar machen. + + + 19. + +Alles kommt auf die ~Art~ des Strafens, des Tadelns, des Ver- und +Gebietens an. Man kann so strafen, daß die Strafe bessert; aber auch +so, daß sie erbittert, und zum trotzigen Widerstande reizt. Darum sind +folgende Regeln hiebei sorgfältig zu beobachten: + +1. Habt keine Freude am Gebieten und Verbieten, sondern mehr am +kindlichen Freihandeln, und mildert das Verbot nach Zeit und Umständen; +haltet es zurück, wo es unzeitig ist. + +2. Verbietet seltener durch die That, als durch Worte. Reisset also +z. B. dem Kinde das Messer nicht weg, sondern lasset es selber, aufs +freundliche Gebot, dasselbe weglegen, damit es mit Freiheit handeln +lerne. + +3. Greifet nie durch euer Verbot in die Rechte des Kindes, z. B. »Du +sollst nicht springen, rennen, klettern.« + +Das Kind unterscheidet sehr gut den starken und ernsten Ton von dem +zürnenden; die Mutter fällt leicht in diesen, wenn sie jenen dem +Vater nachzumachen gedenkt. Sie nimmt leicht ihr Verbot zurück, oder +beschränkt es, und schwächt es dadurch. So kommt es, daß sich die +Kinder endlich nichts mehr wollen verbieten lassen. -- Das Verbieten +geschehe in kräftiger Kürze, und je jünger das Kind ist, desto nöthiger +ist diese Kürze; ja sie ist nicht einmal nöthig; schüttle den Kopf, +und damit gut. Das wortreiche Verbieten macht die Kinder nur unmuthig +und reizt sie zum Spott. Nur sey das Verbieten kein heftiges; besser +geschieht es zuerst mit leiser Stimme, damit eine ganze Stufenleiter +der Verstärkung freistehe -- und nur einmal, und für den kleinsten +Ungehorsam erfolge augenblickliche Strafe. + + + 20. + +Was das ~Strafen~ betrifft, so ist noch hiebei zu beobachten: +Strafe verhüten, ist besser und weiser, als strafen. Da, wo alle +andere mildere Mittel unwirksam geblieben sind, trete die Strafe +unausbleiblich, und mit voller Strenge ein; doch auch hier beobachte +man eine Stufenleiter, und erwäge, ob das Kind Entschuldigung verdiene, +und ob es seine Schuld zu erkennen im Stande sey, denn Strafe gebührt +nur dem, der sich der Schuld bewußt ist. Wo große und strenge Strafen +nöthig sind, da steht es schlecht um die Erziehung, und die Strafen +werden bald vergeblich seyn. Nicht strenge, aber unausbleibliche und +unerläßliche Strafen sind mächtig. »Unter dem Volke nicht nur, auch +unter den Gebildeten erzeugen die Schläge des Schicksals, welche die +Eltern empfingen, Gegenschläge auf die Kinder.« Wie oft wird nur +gestraft, weil eine üble Laune reizbar macht. Wie oft härter, als recht +ist, weil das Schreien der Kinder zum Unwillen hinreißt. + +»Wer sich gern lässet strafen, der wird klug werden; wer aber +ungestraft seyn will, bleibt ein Narr,« sagt ~Salomo~, und daher sorge +der Erzieher dafür, daß seine Zöglinge nicht ihr Herz der Strafe +verschließen, daß sie ihnen Wohlthat werde, und das wird sie seyn, +wenn sie ohne Unwillen und Heftigkeit geschieht, mit allen Zeichen +des Bedauerns, daß man strafen muß. -- »Wer seiner Ruthen schonet, der +hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, züchtiget ihn bald« (Pred. +Sal. 13, 24.). Die Strafe zu rechter Zeit und auf die rechte Art macht +bald alle Strafe unnöthig und entbehrlich. »Der hat die Ruthe schlecht +angewendet, der sie hernach zum Stock verdichten muß.« Aber ganz +entbehren kann das Kind der Strafe nicht, ob es gleich einige gibt, die +so weiche moralische Anlagen haben, daß schon die leiseste Aeusserung +des Unwillens harte Strafe ist. Kinder von heftiger Gemüthsart werden +unerträglich verwildern, und bringen es bis zur Wuth, wenn sie nicht +gestraft werden. Sir. 30, 9. 12. -- Ein Kind, das schlägt, werde +geschlagen. Aber hütet euch, ein Kind durch Schlagen zu zwingen, daß es +abbitten soll -- oder ihm eine Schand-Strafe aufzulegen. -- »Schande,« +sagt ~Friedrich Richter~, »ist eine geistige Hölle ohne Erlösung, worin +der Verdammte nichts werden kann, als höchstens ein Teufel.« -- Auch +werde nie die kleinste Strafe ~spottend~ auferlegt, sondern ernst, +öfter trauernd. Der elterliche Gram läutert dann den kindlichen, und +macht das Herz für die Ermahnung empfänglich, die die Strafe begleitet. + + + 21. + +Strafe kann nicht so viel verderben, als Lob und entzogene Nachsicht. +Wir haben gewöhnlich einen falschen Maßstab, nach welchem wir das +Betragen, die Aeusserungen und die Unarten der Kinder beurtheilen. Wer +sich am besten in die Kindes-Seele hinein versetzen kann, wird der +beste Erzieher seyn. »So ihr nicht werdet wie die Kinder,« das gilt +auch hier. Liebevolle und freundliche Behandlung sey durchaus in der +Erziehung herrschend; doch fehle auch Strenge und Strafe nicht, so oft +das jugendliche Gemüth durch diese erst jene muß verstehen und schätzen +lernen. Wer nicht hört, soll fühlen. -- Aber ferne sey jenes eben so +unnütze als verderbliche Moralisiren über das Betragen und die Unarten +der Kinder, womit viele Erzieher ihre ganze Pflicht erfüllt zu haben +glauben, und das nur in seltenen Fällen, und als liebreiche Vorstellung +der traurigen Folgen eines Vergehens fruchtet. Je mehr Freiheit, desto +mehr Güte und Wahrheit. »Was also durch einen Wink bewirkt werden kann, +soll nicht durch ein Wort geschehen, und was ein Wort ausrichten kann, +dazu soll nicht eine Ermahnungs-Rede gehalten werden.« + +In der Erziehung wird eben so oft und sehr durch Versagung als +Zugestehung der Nachsicht und Schonung gefehlt, und fast alle +Erziehungs-Gebrechen lassen sich hierauf zurückführen. Die Mittelstraße +hier zu entdecken, ist auch eben so schwer, als sie ohne Abweichung zu +gehen, da die meisten Kinder eben so sehr zur Liebe, als zum Unwillen +reizen, und die Geduld so sehr in Anspruch nehmen, als sie der Liebe +bedürfen, und da dem durch Weichlichkeit oder Erziehungs-Vorurtheile +befangenen Erzieher so leicht die nachtheiligen Folgen der Nachsicht +und Strenge entgehen, besonders was die Lüsternheit der Kinder betrifft. + + + 22. + +Bei allem Unterricht und aller sittlichen Bildung durch Ermahnung, +Warnung, Ermunterung, Tadel und Strafe, werde immer mehr dahin +gearbeitet, daß das Kind sich selbst bestimmen, und aus eigenem +Antriebe handeln lerne, damit es früh zur Selbstherrschaft gelange, und +keiner Bewachung oder peinlicher Aufsicht bedürfe. + +Nie muß man den Zweck alles Erziehens aus den Augen verlieren, welcher +ist, daß der Mensch selbstständig werde, sich selbst beherrschen und +leiten lerne, ein ganz freier Mensch werde. Daher stärke die Erziehung +seine Vernunft und seine sittliche Kraft, übe ihn im Ueberlegen, +Nachdenken, Entsagen und Erdulden, belebe seine guten Gefühle, +wecke und nähre Ehrfurcht gegen Gott, und lehre ihn merken auf die +Regungen und Urtheile seines Gewissens, damit so früh als möglich die +eigentliche Aufsicht und Erziehung entbehrlich werde. Aus solchen +Kindern, die immer unter der strengsten Zucht, und unter peinlicher +Aufsicht gehalten werden, können nie recht brauchbare Menschen werden. +Je früher Kinder an feste Grundsätze gewöhnt, und durch ihr Gefühl +und ihre Einsicht gebunden werden, desto früher entwickelt sich der +Charakter. Doch gibt es auch gewisse weiche Naturen, die jeden Eindruck +annehmen, und gewisse lebhafte und sinnliche, die es nie oder sehr +spät erst zu reifer Ueberlegung und Selbstbeherrschung bringen. Diese +bedürfen der längern und sorgsamern Erziehung und Leitung. Aber auch +diese werden endlich sich selbst bestimmen, und sich beherrschen +lernen, wenn sie sorgfältig gebildet, regelmäßig beschäftigt, und in +eine solche Laufbahn gebracht werden, in welcher ihnen wenig Muße +übrig bleibt, oder wenn ihr Ehrtrieb beständig wach erhalten wird. Bei +Mädchen ist es besonders Schamhaftigkeit, und der Trieb zu gefallen, +der bei solchen Naturen die Stelle der sittlichen Kraft vertritt, oder +diese ergänzt. + + + 23. + +Indem man Kindern zuweilen die Verwendung von Zeit und Geld überläßt, +und sie nur von Ferne beobachtet -- indem man sie in Lagen bringt, wo +sie ihrem eigenen Urtheil überlassen sind -- indem man ihnen Aufträge +ertheilt -- indem man endlich gemißbrauchte Freiheit nachdrücklich, +jedoch nicht durch Entziehung aller Freiheit straft -- wird man diesen +Zweck erreichen. + +Je mehr die Erziehung nach festen Grundsätzen geschieht, je mehr sich +Erzieher hüten, mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen, je mehr +weise Güte, mit Ernst gepaart, in der Erziehung herrscht, desto eher +wird die Selbstbestimmung erfolgen. Je mehr dagegen der Erzieher +schwankt, und von der weichlichsten Güte zur härtesten Strenge +übergeht; je mehr er der Sinnlichkeit Nahrung gibt und Laune duldet, +desto schwerer wird es ihm werden, seine Zöglinge in Ordnung zu +erhalten, und zur Selbstherrschaft zu erheben. + +Emilie ist sinnlich und lebhaft -- vergißt sich leicht -- ist leicht +hingerissen; aber wenn man ihr sagt: »wird es Dir wohl heute möglich +seyn, Dich in Deiner Lustigkeit zu mäßigen? Du würdest mir eine +große Freude machen« -- erhält sie eine gewisse Kraft über sich. Ein +treffliches Mittel ist auch der Auftrag, über kleinere Kinder die +Aufsicht zu führen, ihre Spiele zu leiten -- daher Kinder, die junge +Geschwister haben, eher sich ausbilden. + +Härte und übertriebene Strenge in der Erziehung werden bei gut +organisirten Kindern bei weitem nicht so gefährlich wirken, als +übertriebene Weichlichkeit und Nachsicht. Gegen jene ist dem Kinde in +seiner unerschöpflichen Liebe eine Waffe und Gegengewicht gegeben; aber +dieser muß es ohne Rettung und Widerstand unterliegen, weil sie ihm nur +als Wohlthat erscheinen kann. + + + 24. + +Der junge Mensch sey nie von solchen Personen umgeben, von welchen er +Schlechtes sehen und hören könnte; seine Gespielen seyen gut erzogene +Kinder, seine Hausgenossen gut gesittete Menschen. + +Die schwerste, und eine unauflösliche Aufgabe der Erziehung ist die, +Kinder gänzlich vor dem verderblichen Einfluß böser Beispiele zu +verwahren, und sie mit lauter guten Menschen und guten Eindrücken zu +umgeben. Da dieß nicht möglich ist, so muß es die Erziehung dahin +zu bringen suchen, daß das Herz des Kindes dem Einfluß des Bösen +widerstehen könne, und keinen sittlichen Schmutz annehme. Hier wirken +mehr, als andere, die religiösen Gefühle und Gesinnungen. Ist das Kind +mit diesen ausgestattet, so werden ihm böse Beispiele, Versuchungen +und Reizungen nicht nachtheilig werden. Ist das sittliche und das +ästhetische Gefühl der Kinder genährt und veredelt, so werden sie +nur Abscheu und Widerwillen bei dem Bösen, was sie sehen und hören, +empfinden und nichts davon annehmen. Nur das Böse haftet, was sie von +solchen Menschen hören und sehen, welchen sie mit Achtung, Vertrauen +und Liebe ergeben sind. Daher haben sich Eltern und Erzieher sehr +sorgfältig zu hüten, daß sie sich nicht zuweilen vergessen, z. B. in +der lebhaften Freude, oder im Unmuth und in der Heftigkeit; -- daß sie +höchst vorsichtig bei Scherzen und Urtheilen sind. Vergeblich versucht +man, wieder aufzubauen, was man durch unbedachtsamen und unbesonnenen +Scherz und Spott niedergerissen hat; daher sind witzige Menschen keine +gute Erzieher. Da es in jeder Familie Menschen gibt, deren Sitten nicht +rein sind, oder nicht fein genug, so muß man mit Kindern hierüber ganz +offen reden, und sie warnen, aber zugleich auf die guten Eigenschaften +solcher Personen aufmerksam machen. + + + 25. + +Hier ist die dunkle Seite der öffentlichen Schulen und größern +Erziehungs-Anstalten. Doch ist freilich hier auch neben dem Schlimmen +das Gute; denn wo kein Widerstand und kein Hinderniß zu überwinden ist, +da ist auch keine Kraft-Entwickelung möglich. Solche Kinder, die sich +so leicht verführen lassen, sind überhaupt schwach, und würden auch +geringeren Versuchungen unterliegen. Man unterlasse nur nicht, Kinder, +so bald sie es begreifen können, mit den Gefahren bekannt zu machen, +welchen man sie aussetzen muß. + +In Ansehung der Gespielen nur sey die Erziehung höchst vorsichtig, +weil bei dem Spiel das Herz sich ganz hingibt, die innigste +Vertraulichkeit entsteht, und eine wechselseitige sehr starke +Einwirkung Statt findet. Auch tragen gute Gespielen sehr viel zur +Entwickelung der geistigen und sittlichen Anlagen bei. Man bringe +lebhafte Kinder zu lebhaften, phlegmatische zu lebhafteren, aber nicht +zu den lebhaftesten. Das phlegmatische Kind läßt sich von dem lebhaften +alles gefallen, und dies wird herrschsüchtig und eigensinnig. Am besten +ist es, wenn die Gespielen sehr verschiedenen Gemüths sind, ohne gerade +ganz entgegengesetzte Gemüthsart zu haben. Kinder von vornehmeren +und geringeren Ständen zusammen zu bringen, ist selten rathsam; es +müßte denn das Kind geringeren Standes sich durch ausgezeichnete +Fähigkeiten geltend zu machen wissen, und reine Sitten haben. Dagegen +ist es sehr vortheilhaft, gut unterrichtete Kinder zu Lehrmeistern +der Vernachlässigten zu machen. -- Kinder, die sich fortdauernd nicht +vertragen, bringe man ja auseinander. + + + 26. + +Man lasse die Kinder übrigens ihre Gesellschaft frei wählen, so bald +man überzeugt ist, daß sie gut wählen werden, und dann auch ohne +Aufsicht spielen. Am besten ist es, wenn sie immer einige ältere +zu Freunden haben, an welche sie sich durch den Nachahmungstrieb +hinaufbilden; aber auch jüngere, um ihr Selbstgefühl nicht zu +verlieren, und hauptsächlich ihres Gleichen, weil das Gleiche sich am +innigsten vereinigt, und am glücklichsten fortstrebt. + + + 27. + +Nicht zu früh führe man Kinder in die Gesellschaft der Erwachsenen, +nämlich nicht eher, als bis sie Ausbildung und Muth genug haben, sich +in dieser Gesellschaft wohl zu befinden, und aus ihr Nutzen zu ziehen, +und auch dann geschehe es nicht zwangsweise, und nicht zu oft und zu +lange! Es ist bedenklich, Kinder stundenlang in einer erzwungenen +Ernsthaftigkeit und Ruhe zu erhalten, nicht zu gedenken, daß man eine +Grausamkeit an ihnen begeht, oder auch, wenn man sie gütig behandelt, +zu einem gewissen vorlauten Wesen und zu einer unbescheidenen +Dreistigkeit verleitet; oder sie zu Drathpuppen macht, die lauter +Manieren, und keine Natur mehr haben. Je mehr die Gesellschaften +gemischt sind, desto gefährlicher sind sie Kindern, da nur wenig +Erwachsene so viel Achtung und Rücksicht für Kinder haben, als diese +fordern können und bedürfen. Herangewachsenen Kindern, und besonders +Mädchen, ist es freilich vortheilhaft, wenn sie sich in Gesellschaft +geachteter Personen in ihre Gewalt bekommen lernen, aber auch nur +solchen. Mädchen müssen früher die gesellschaftliche Sitte und die +Sprache des Umgangs lernen, früher eine gewisse Dreistigkeit bekommen, +damit sie nicht in kindische Blödigkeit versinken, und dadurch lästig +werden. + + + 28. + +Waren Kinder in gemischter Gesellschaft, so erforsche man, was auf sie +Eindruck gemacht hat, belebe die guten, schwäche die bösen Eindrücke, +mache sie aufmerksam auf den Ton der Gesellschaft, und leite ihr +Urtheil darüber; erlaube ihnen keinen spöttelnden Tadel des Gesehenen +und Gehörten, lehre sie mehr das Unsittliche und Thörichte, als +das Lächerliche auffinden und beurtheilen, und bewahre sie vor der +conventionellen Heuchelei und Abgeschliffenheit. + +Die traurige Kunst, sich mit Anstand und Geduld zu langweilen, müssen +Kinder nie lernen; eben so wenig die Fertigkeit, viel Worte zu machen, +und die, zu schmeicheln. In so fern die Theilnahme an Gesellschaften +Nahrung der Eitelkeit und des Stolzes werden kann, ist sie besonders zu +verhüten, wenn nicht die ganze Frucht der Erziehung verloren gehen soll. + +Dabei darf die gesellschaftliche Bildung nicht vernachlässigt werden. +Bringt man junge Leute zu spät in die Gesellschaft der Erwachsenen, so +leiden sie an unheilbarer Blödigkeit und Ungelenkigkeit, und werden +der Umgangssprache nie mächtig. Aber die Erziehung muß sie zuvor in +den Stand gesetzt haben, an einem gesellschaftlichen Gespräche Antheil +nehmen zu können; ihre Urtheilskraft muß nicht mehr ungebildet, ihre +Sprache gereinigt, ihr Geschmack geläutert seyn. Denn was junge Leute +in Gesellschaft einsylbig, blöde und verlegen macht, das ist nur +Bewußtseyn ihrer Unwissenheit und Mangel an Gedanken und Kenntnissen. + + + 29. + +Viel verdanken wir dem gesellschaftlichen Umgange, und er darf von den +Erziehungsmitteln nicht ausgeschlossen werden. Die Mittheilung von +Gedanken, Urtheilen und Gefühlen befördert sehr die Bildung des Geistes +und des Herzens. Eben so belebt der Umgang alle wohlwollende Gefühle, +und übt in der Selbstverläugnung. Das Mädchen, mit größeren Anlagen zur +Geselligkeit ausgestattet, und durch diese die Seele der Gesellschaft, +soll auch hierin nicht vernachlässigt werden. Aber wenn sie zu früh in +Gesellschaft geführt wird, besonders bei äusserer Annehmlichkeit und +Liebreiz, so erhält sie eine gefährliche Nahrung für ihre Eitelkeit. +Doch auch nicht zu spät, damit sich nicht Blödigkeit festsetze, die so +viel gesellschaftliche Freude verbittert, und so schwer beseitigt wird. +Man führe eben darum das Mädchen nicht eher in die Gesellschaft, als +bis sie in dieser etwas gelten, und zur gesellschaftlichen Unterhaltung +beitragen kann, und präge ihr dann ein, daß auch sie der Gesellschaft +werth sey, wenn sie ihren Beitrag zur Unterhaltung gibt; aber eine Last +für sich und die Gesellschaft, wenn sie ihn aus Blödigkeit zurückhält. +Man bewahre sie vor gemischten Gesellschaften, und solchen, wo sie zu +sehr allein da steht; man lehre sie die Sprache des Umgangs, und übe +sie selbst darin, damit sie es zur Fertigkeit bringe; man gebe ihr +zuweilen Aufträge, die dahin abzwecken, z. B. Bestellungen. + + + 30. + +Alles, was für die Verstandes-Bildung geschieht, werde zugleich +Bildungsmittel für das Herz und den Geschmack, und umgekehrt, damit +alle Einseitigkeit und Halbheit vermieden, und das Kind zum Menschen +gebildet, zur Menschenwürde erhoben werde. + +Unterricht und Erziehung sollten nicht scharf von einander getrennt, +nicht als zwei ganz von einander verschiedene Geschäfte betrieben +werden; denn nur da, wo aller Unterricht erziehend, und alle Erziehung +belehrend wirkt, nur da kommt man zum Zweck. Der Unterricht wirkt aber +dann erziehend, oder auf Gesinnung und Gefühl, wenn er wohlwollend, im +Ton der Liebe und Güte ertheilt wird, wenn man die Kinder immer darauf +hinführt, warum und wozu sie Kenntnisse einsammeln, sie auf ihr Inneres +merken, sie unmittelbar das Gelernte und Begriffene anwenden lehrt; +wenn man sorgt, daß gegenseitige Liebe bei dem Wetteifer sey, wenn man +bei dem Unterricht es nicht bloß auf Anregung des Ehrtriebes, sondern +auch der Frömmigkeit und Sittlichkeit anlegt, und sich hütet, den +Unterricht in einen bloßen Mechanismus ausarten zu lassen, oder gar in +eine Zwangs-Anstalt und Arbeits-Strafe. Je mehr man den Kindern Lust +und Liebe zum Unterricht beizubringen weiß, je besser das Verhältniß +des Lehrenden zu den Lernenden ist, desto wohlthätiger wird er wirken. +Bei dem Unterricht werde nie Anstand und Sittlichkeit verletzt, nie +das Ehrgefühl gemißhandelt, aber auch nie das Kind weichlich geschont; +er sey Anstrengung, aber angemessene und nicht zu anhaltende; es werde +dabei eine Regel befolgt, doch ohne Härte und Zwang. Alles Gelernte und +zu Lernende werde zugleich als Nahrung für Verstand und Gefühl benutzt. +Also sey das Lesen nicht bloß Fertigkeit, sondern auch Ausdruck des +Gefühls, welches der Inhalt anregen oder beleben soll; das Schreiben +auch Bildungs-Mittel für den Schönheits-Sinn; das Rechnen Belebung +des Sinnes für Ordnung, der Sorgfalt und des Fleißes, der Geduld +und Ausdauer; die Musik Belebung frommer Gefühle und des Sinnes für +Harmonie und Wohllaut, Veredlung des Herzens und Besänftigung der +Leidenschaften -- jede Arbeit Ermunterung zur Geduld und Uebung darin, +als Pflicht-Erfüllung, als Sorge für Andere. + + + 31. + +Alles, was die Erziehung thut, werde Beförderungs- und +Befruchtungs-Mittel für den Unterricht, besonders durch Gewöhnung +an Ordnung, Regelmäßigkeit, Aufmerksamkeit, Nachdenken, Fleiß und +Gehorsam. Es komme nie dahin, daß die Kinder, von der übertriebenen +und lieblosen Strenge der Erziehung verleitet, sich dem Gebot zu +entziehen suchen, oder es umgehen, und die Erziehung biete ihnen nie +einen Anlaß dar, und reize sie nie, sich zu widersetzen, oder bemerkte +Schwachheiten zu benutzen. + +Jeder sclavische Gehorsam sey verbannt, damit das Kind sich seiner +Menschenwürde bewußt werde. Jede Unterredung sey belehrend und +ermunternd, so wie der ganze Umgang mit dem Kinde bildend und erhebend. +Das Kind werde nie mit seinen Fragen abgewiesen, nie in seiner +Thätigkeit und seinem Fleiß durch Unordnung und Geräusch gestört, nie +durch Vergnügen von der Erfüllung der Schülerpflicht abgehalten, nie +wegen seiner Anstrengung beklagt. Durch Erziehung lerne das Kind seine +Pflichten kennen, seine Verhältnisse achten, seinen Willen beherrschen; +die Erziehung führe es zu Gott. Besonders sorge die Erziehung, daß +dem Kinde Schätzung seiner Menschenrechte beigebracht, und das Herz +vor Vorurtheilen der Geburt und des Standes bewahrt werde; denn diese +verfinstern den Verstand, und lähmen die sittliche Kraft, zerstören +alle Einwirkung guter Grundsätze, und bringen Willkühr hervor. + +Darum werde das Kind nur wenig, und nur von andern Kindern, besonders +seinen Geschwistern, bedient; darum lerne es ~bitten~, auch Dienstboten +bitten; es werde Lehrer der Kleinern, es thue ihnen Handreichung, +auch beschwerliche Handreichung. Da durch Lehren gelernt wird, so +kann man nicht früh genug die Kinder zu Lehrern der Kinder machen. +Indem sie diesen ihre kleinen Kenntnisse mittheilen, wächst zugleich +Wohlwollen und Liebe, werden sie in der Geduld geübt. Auf gleiche Art +stärke sich Geduld und Kraft der Selbstverleugnung bei dem Lernen +und bei häuslichen Arbeiten, und daher mache man ihnen nicht alles +zu leicht, erspare ihnen nicht jede kleine Beschwerde, fordere sie +zur Selbstverleugnung auf, gebe ihnen Anlaß zur Ueberlegung, und zum +Handeln mit Ueberlegung. + + + 32. + +Die Art, wie der Unterricht ertheilt wird, die Liebe, die Nachsicht +und Geduld, die man dem Kinde beweist, die Art der Ermunterung und +des Tadels, die strenge Ordnung, welche man dabei beobachtet, die +gewissenhafte Treue, mit welcher die festgesetzten Stunden des +Unterrichts gehalten werden; der Eifer des Lehrenden, seine Freude +über bemerkte Fortschritte, seine Traurigkeit über Nachlässigkeit und +Trägheit, das alles müsse den Charakter des Kindes begründen helfen. + + + 33. + +Da es in der Erziehung keinen Stillstand geben darf, indem jeder +Stillstand ein Rückschritt seyn würde, so sey das Streben nach dem +Ziele ein rastloses und eifriges, und dem Zögling stehe dies Ziel, +wie dem Erzieher, immer vor Augen, damit Beider Eifer nie erkalte +und nie ermatte. Der Zögling werde sich der gewonnenen Kraft und +Kenntniß mit Freude bewußt, und diese Freude werde ihm der Sporn zu +neuer Anstrengung. Nie erscheine ihm das Lernen und Gehorchen als ein +mühseliges Tagewerk, sondern als der einzige Weg, an das Ziel zu kommen. + + + 34. + +Je öfter es in der Erziehung scheint, als sey die Kraft und Anstrengung +des Erziehers vergeblich aufgewandt, als sey gar keine Annäherung +zum Ziel, desto nöthiger ist es, daß der Erzieher sich überzeuge, +sein Eifer dürfe, auch bei dem ungünstigsten Erfolge, und bei diesem +gerade am wenigsten, nachlassen, sondern müsse unter allen Umständen +sich gleich bleiben -- und wenn er sich gleich bleibt, so könne auch +der Erfolg nicht ausbleiben. Diese Ueberzeugung erlangt man nur durch +eine sorgsame Erforschung der Natur des menschlichen Geistes, und durch +eine sorgfältige Beobachtung des Zöglings, so wie durch eine gewisse +~Bescheidenheit und Mäßigkeit in seinen Erwartungen und Forderungen~. +Der Erzieher darf eben so wenig, wie der Arzt, an die Untrüglichkeit +der Regeln seiner Wissenschaft glauben, und muß, wie dieser, von der +Natur das Meiste und Beste, von seiner Kunst und Wissenschaft das +Wenigste erwarten, muß nie der Natur entgegen arbeiten, sie nie zwingen +wollen; aber sorgfältig der Natur nachspüren und nachgehen, und ihre +Winke beachten, ihre Rechte heilig halten, ihren Beistand weise und +sorgfältig benutzen, ihre Forderungen ehrerbietig beachten. Wer bei +jedem Zöglinge denselben Erfolg von seinen Erziehungsmitteln und +Maßregeln erwartet, dessen Eifer wird bald erkalten, und dessen Muth +muß sinken, und alles Erziehen muß ihm zuletzt als ein zweckloses und +fruchtloses Werk erscheinen. + + + 35. + +Wenn aber jeder Stillstand soll verhütet werden, so darf auch, +besonders in den eigentlichen Kinderjahren, keine lange Pause in den +Arbeiten, keine öftere Ausnahme von der Ordnung des Tages, keine +eigentliche Zerstreuung des Zöglings, z. B. durch eine Reise, Statt +finden. Man erschwert sich selbst und seinen Zöglingen das Geschäft +der Erziehung unglaublich, so oft man einen längeren Ruhepunkt macht, +und von der gewohnten Ordnung abweicht, so oft man nachläßt oder ein +Nachlassen des Zöglings gestattet und geschehen läßt. Besonders gilt +dieß von einer zu weichlichen Nachsicht und Schonung der Kinder, wenn +sie krank werden, oder kränklich sind -- von den langen Pausen, die +man bei Gelegenheit der Familienfeste und bei Zurüstungen zu diesen +Festen, besonders zu Geburtstagen, macht, auf deren dramatische Feier +nicht selten Wochen verwandt werden bei dem Einstudiren. Dagegen sind +bei dem Unterricht und bei der Erziehung ~solche~ Ruhepunkte sehr +heilsam, welche bestimmt sind, die in einem längern Zeitraum gewonnene +Fähigkeit, Fertigkeit und Kenntniß zu überschauen, und sich in vollen +Besitz derselben zu setzen. Daher gehöre es zu den Familien-Festen, +wenn ein Kind irgend eine Fertigkeit erlangt, eine Bahn des Wissens und +Lernens durchlaufen hat, und man halte über diese Einnahme des Zöglings +ordentlich Buch und Rechnung. Das Kind werde zu einem recht lebendigen +Bewußtseyn seiner erlangten Fertigkeit und Kenntnisse erhoben, und +besonders zum Bewußtseyn seiner erhöhten moralischen Kraft, indem man +es erinnert an ehemalige bange Zustände und Verhältnisse, ehemalige +Schwierigkeiten und Hindernisse, die nun nicht mehr sind. Das Gehorchen +werde erleichtert durch die Billigkeit und Angemessenheit der Gebote, +durch wohlwollende Behandlung, eingeflößtes Vertrauen, erleichterte +Ueberzeugung, daß es so recht und wohlgethan sey. + + + 36. + +Am ersten wird der Eifer erkalten, und der Muth sinken, und also +Stillstand und Hemmung erfolgen bei solchen Erziehern, die sich +das Erziehen zu ~leicht~ gedacht haben, und meinten, man habe nur +zuzusehen, wie sich das Kind selbst erziehe, und ihm hie und da mit +Strafen und Belohnungen zu Hülfe zu kommen; eben so bei solchen, +die nicht Liebe genug zu den Kindern haben, und sich durch die +immer wiederkehrenden Unarten der Kinder zum Unwillen und zu einer +harten Behandlung reizen lassen, dadurch aber nichts weiter, als +einen größeren Widerstand der Kinder gegen ihre Erziehungs-Maßregeln +bewirken. Ferner bei denen, welche den Kindern ~Blößen~ geben, und +sich dadurch in ein ungünstiges Verhältniß gegen ihre Zöglinge +setzen. Endlich auch bei solchen, welche an die Untrüglichkeit +und Unfehlbarkeit ihrer Erziehungs-Grundsätze glauben, und daher +sich nicht zu fassen wissen, wenn der Erfolg nicht ihren hohen und +zuversichtlichen Erwartungen entspricht. Daraus entsteht dann leicht +ein unwilliges und hastiges Wegwerfen aller Grundsätze, und bei einem +solchen Verfahren muß allerdings der Erfolg rein ungünstig seyn, weil +dann gewöhnlich eine ganz verkehrte Behandlung des Zöglings eintritt, +alle Behandlung nach Regeln aufhört. + + + 37. + +Ein Stillstand oder Rückschritt wird ferner da unvermeidlich seyn, +wo man es mit der Bildung und Ausbildung guter Anlagen ~übereilt~ und +~übertrieben~ hat, und Kinder über ihr Vermögen anstrengte, ehe die +wahre Bildungs-Periode eingetreten war. Solche Treibhaus-Erziehung +bringt nur kränkelnde Erzeugnisse hervor. + +Es ist also Stillstand und Rückschritt in der Erziehung unausbleiblich, +wenn es keine feste Tages-Ordnung gibt; wenn nicht nach Grundsätzen +erzogen wird; wenn man in gewissen Perioden der Sinnlichkeit zu viel +Befriedigung verstattet; wenn die Eitelkeit und der Eigendünkel durch +falsch angewandte Ermunterungs-Mittel geweckt und genährt ist; wenn +die Lebens-Ordnung, welche eingeführt, und der Unterrichts-Plan, +welcher befolgt wird, nicht dem Alter und den Anlagen des Zöglings, +und überhaupt der Natur des kindlichen Gemüths und Geistes angemessen +ist, vielmehr ganz davon abweicht; wenn endlich Kindern Vorurtheile des +Standes und der Geburt eingeflößt werden, oder Wohlleben sie träge und +verdrossen macht. + + + 38. + +~Die Lehren und die Eindrücke der Religion~ müssen allen andern Lehren +und Eindrücken Kraft und Wirksamkeit geben. Daher geschehe in der +Erziehung alles mit religiösem Geiste; aber man hüte sich dabei, den +Ton zu verfehlen, der dem jedesmaligen Alter und der Bildungsstufe, +auf welcher der Zögling steht, angemessen ist. Die Erziehung benutze +sorgfältig alle die Mittel, welche ihr zu Gebote stehen, um die +religiösen Eindrücke dem Herzen unauslöschlich einzuprägen, und da +die Liebe des Gesetzes Erfüllung ist, so müsse jedes wohlwollende und +theilnehmende Gefühl sorgsam gepflegt und genährt und schon in dem +Kinde eine lebendige Ahnung seiner Menschenwürde und Bestimmung erweckt +werden. + +Die Erziehung soll vor allem den Menschen zum Menschen bilden; sie soll +die Grundzüge der Menschheit nicht verwischen, sondern ihnen Kraft und +Leben geben; sie soll es auf Selbstständigkeit anlegen, und die Anlagen +zur Sittlichkeit in dem Kinde ausbilden. Diejenigen Erzieher, die dieß +verabsäumen, haben ihre Pflicht nicht halb erfüllt. Denn nie wird es +der Mensch zu wahrer Sittlichkeit bringen, wenn er nicht Ehrfurcht, +Liebe und Vertrauen gegen ein unsichtbares Wesen fühlt, welches er als +Herr seines Schicksals betrachtet. Nur dadurch erhält der Wille Kraft +und Festigkeit, nur dieß gibt den Gefühlen Lebhaftigkeit und Wärme, +der Seele eine Richtung auf das Höhere. Aber ist die religiöse Bildung +verabsäumt, so bleibt die Bildung für das ganze Leben mangelhaft und +unvollständig; nur die Religion kann das Werk des Erziehers fördern und +krönen. Gerade darum aber, weil die Religion Sache des Gefühls werden +muß, wenn sie haften und wirksam seyn soll, müssen die religiösen +Eindrücke schon in der frühesten Kindheit geschehen. + +Dahin gehört die Scheu vor einem unsichtbaren und allwissenden Richter, +der belohnen und bestrafen kann; der Glaube, daß die Regungen des +Gewissens Gottes-Stimme sind; daß alles Gute von Gott kommt, und daß er +Beschützer und Führer der Menschen ist; daß er den Menschen durch seine +Gesandten seinen Willen bekannt gemacht habe -- daß er ihre Gebete +erhöre. + +Dahin gehört ferner Heilighaltung der Bibel, als eines göttlichen +Buches; der Kirche, als Stätte der Andacht und Anbetung; des Sonntags, +als eines dem Herrn und unserer Seele geweihten Tages; der Festtage, +als solcher Tage, die uns an eine große Wohlthat Gottes erinnern -- vor +allen auch der letzte Tag des Jahres. + + + 39. + +Die ~religiöse Bildung~ darf am wenigsten der weiblichen Seele fehlen, +weil diese mehr durch Gefühle, als durch Verstandes-Begriffe und +Grundsätze bestimmt und geleitet wird, und weil vor allem durch die +Mütter religiöse Gesinnungen und Gefühle fortgepflanzt werden sollen. +Das Menschengeschlecht wäre verloren, wenn Religiosität nicht mehr +in weiblichen Herzen gefunden, und durch sie fortgepflanzt würde, +so wie auch alle Erziehung bei Mädchen ihren Zweck nicht erreicht, +wenn sie nicht eine religiöse, und durch Religion geheiligte und +befruchtete ist. Dazu gehört nicht ein frühzeitiger eigentlicher +Religions-Unterricht, oder daß man das lallende Kind schon zum Beten +abrichte; wohl aber, daß man es durch Liebe und Ernst empfänglich mache +für die Eindrücke der Religion; daß man die Schönheiten der Natur, und +ihre furchtbaren Erscheinungen benutze, um des Kindes gerührte oder +erschütterte Seele zur Ahnung Gottes und des Göttlichen zu erheben; +daß man die, das kindliche Gemüth so sehr ansprechenden Erzählungen +und Lehren der Bibel zur Weckung religiöser Gefühle benutze, und die +einfachsten Aussprüche der Bibel seinem Gedächtnisse und Verstande +einpräge; daß man es früh zum Genuß und zum Erkennen dichterischer +Schönheit führe, und dadurch seinen Gefühlen eine höhere Richtung gebe. +Ein schönes Lied, dem Kinde mit Empfindung vorgesprochen, wird gewiß +bei den Meisten von großer Wirkung seyn. Auch das Hinführen in die +Kirche, besonders bei feierlichen Gelegenheiten, wird hiezu mitwirken; +nur verlange man nicht, daß das Kind bei dem ganzen Gottesdienste +aushalten soll. -- Schriften, wie Gumal und Lina -- ~Spiekers~ Emiliens +Stunden der Andacht -- ~Krummachers~ Parabeln und dessen Festbüchlein +-- Allwin und Theodor von ~Jakobs~, und von demselben Rosaliens Nachlaß +-- ~Witschels~ Morgen- und Abendopfer -- ~Glatz~ Andachtsbuch, werden +hiebei gute Dienste leisten, noch besser ein zweckmäßiger Vortrag der +biblischen Geschichte, und eine feierliche Morgen- und Abend-Andacht. + + + 40. + +Man beobachte sorgsam alles, was einen lebhaften und guten +Eindruck auf das Kind gemacht, sein Nachdenken anhaltend beschäftigt, +seine Wißbegierde am meisten angeregt hat, und suche alle diese +Eindrücke und Regungen wieder aufzufrischen, damit die Seele dadurch +gewisse Lichtpunkte erhalte, von wo aus sich Leben, Licht und Wärme +durch das Ganze verbreite. + +Je öfter die Erfahrung lehrt, daß gerade das, wovon man sich den +geringsten Eindruck versprach, die stärksten und bleibendsten bei +den Kindern machte, und das, was Eindruck machen sollte, desselben +verfehlte, desto nöthiger ist es, auf jenes zu merken, und den +Eindruck nicht verlöschen zu lassen. Dieß gilt besonders von dem, +was wohlwollende Gefühle, den Sinn für Gerechtigkeit und Wahrheit +weckt und belebt, was die Ahnung des Göttlichen hervorruft, das +Selbstgefühl stärkt, den Thätigkeitstrieb erhöht, zur Selbstverleugnung +ermuntert und stärkt. Bei dem einen Kinde ist's z. B. eine Aeusserung +des Mißtrauens, wodurch es tief bewegt wird; bei einem andern die +Betrübniß, die man über seine Fehltritte äussert; bei einem dritten der +Anblick eines ausgearteten Kindes; bei einem vierten das Gelingen einer +gefürchteten Arbeit -- bei einem fünften ein Geschenk von Werth -- ein +unerwartetes Lob -- ein empfindlicher oder beschämender Tadel. + + + 41. + +Nothwendig muß hiernach die Erziehung modificirt werden; es bildet +sich hieraus eine ~pädagogische Klugheitslehre~. Kinder von einer +zarten Reizbarkeit, von vorzüglichen sittlichen Anlagen, und solche, +die auf alles merken, alles zu Herzen nehmen, über alles nachdenken, +wollen mit einer vorzüglichen Sorgfalt und Behutsamkeit behandelt seyn. +Lebhafte Kinder bedürfen und ertragen starke Eindrücke, phlegmatische +starke Reizmittel. Mädchen werden leicht durch Anregung der Phantasie +fortgerissen. Eine rührende Geschichte kann sie leicht für ganze +Tage zu einer gewissen Niedergeschlagenheit stimmen, oder doch ihre +Phantasie in Aufruhr bringen -- eine Schmeichelei die Eitelkeit in +furchtbarer Kraft wecken. + + + 42. + +Die Erziehung lege es daher nicht so sehr auf starke und lebhafte, +als auf ~bleibende Eindrücke~ an. Diese werden durch ein sich gleich +bleibendes herzliches Benehmen, durch Erneurung und Belebung sittlicher +Regungen, durch Einflößung religiöser Gesinnungen und Gefühle bewirkt; +aber auch durch Benutzung ausserordentlicher Ereignisse, z. B. +Unglücks- und Todesfälle, Verluste, Krankheiten, durch welche besonders +der Sinn für Religion geweckt und belebt wird. + +Wir hören hierüber die Bekenntnisse eines gewesenen Schulmannes aus +seinen Jugend-Jahren. (S. Neue Bibliothek für Pädagogik von Gutsmuths, +Julius und August 1812.) + +»Ich vergegenwärtige mir noch lebhaft die schönen Abend-Dämmerungen, +in welchen meine Mutter, mich herumtragend, geistliche Lieder sang. +Mit sanfter, süßer Gewalt ergriffen mich diese Lieder. Ich horchte +und horchte, und mag auch wohl die Händlein gefaltet haben. Ein Reich +Gottes that sich mir auf; ich hatte an diesen Abenden, das weiß ich +noch heute, eine milde, fromme, kindliche, ich möchte sagen: heilige +Gesinnung, wie mir denn auch die gute Mutter ihre Zufriedenheit mit +meinem Thun und Treiben nicht versagen konnte, so lange diese Klänge +und Vorstellungen noch wiederhallten. Ich verstand freilich viele +Ausdrücke in diesen Liedern nicht; aber der mir zusammenhängend +verständlichen waren genug. Manches hellte mir die, zwar sehr dürftige, +Belehrung auf, und übrigens fand ich mich instinktartig zurecht. Ich +verstehe mich hier selbst wohl. Bewahre mich Gott, die Erkenntniß des +Verstandes zu verachten! Was kann herrlicher seyn, als das Denken, +welches selbst eine göttliche That ist, auf das Göttliche angewandt. +Ich meine nur, das Uebersinnliche, das im Menschen ursprünglich gesetzt +ist, als: Gott, Gewissen und Rechenschaft, wurde mir in das Bewußtseyn +gebracht durch jene Gesänge, und wenn ich einmal auf diesem heiligen +Boden war, so konnten ein Paar dunkle Vorstellungen ab und an nichts +verschlagen; die Hauptsache, der Grund aller wahren Religion, war +gewonnen. Ich segne meine Eltern, daß sie mir den Gedanken des Heiligen +eher einpflanzten, ehe noch die rechte Sünde kam, und die größere +Zerstreuung. Keine Erkenntniß zu dulden, die nicht durch den Begriff +kommt, das ist spätere Losung gewesen. Wir haben gesehen, wie weit wir +damit im Erkennen, Wollen und Fühlen gekommen sind.« + +»Ich mußte früh und Abends ~beten~, vor und nach Tische, und sah es +die Eltern gleichfalls thun. Oft hatte ich keine Andacht dabei; oft +wurde ich dazu gezwungen. Ein Erzieher meiner spätern Jahre machte +es umgekehrt; er versagte mir das laute regelmäßige Beten, wenn ich +nicht gesammelt war, mit dem Beifügen, daß ich mich Gott in einer +solchen Stimmung nicht nahen dürfe, weil ich ihm mißfällig sey. Das +wirkte mächtig auf mich. Indessen entsinne ich mich keines Schadens, +den das mechanische Geplapper mir gebracht hätte. Doch kann es seyn, +daß die sinnvollere Erziehung, die ich vom neunten Jahre an ausser +dem Hause erhielt, mich vor solchem Schaden bewahrt hat. Dagegen weiß +ich, daß ich auch sehr oft andächtig betete; daß mir der Gedanke an +Gott und die Beschäftigung mit ihm etwas wurde, das sich von selbst +verstände; daß mir bei unerlaubtem Dichten und Trachten eben deshalb +die Erinnerung an Gott schneller in den Weg trat, und mich in manchem +Schlechten aufhielt; daß ich mich gewöhnte, den Tag und die Nacht als +ein Geschenk des liebevollen Gottes, und das Leben, als bedürftig der +Weihe in jedem seiner Theile zu betrachten. Ich kam zeitig unter eine +gewisse Gottesherrschaft, die dem Leben getaufter Menschen erst den +wahren Werth gibt; ich lernte endlich durch eingeimpftes Beten auch +frei beten, und meine religiösen Vorstellungen unaufgefordert an Gott +richten. Es ist in der That die Frage, ob eine allzu ängstliche Scheu +vor dem Mechanismus im Beten im Anfang der religiösen Erziehung nicht +dem höchsten, dem freien Beten selbst, auf Zeitlebens nachtheilig wird. +Mich dünkt, das Beten wolle, wie jede Seelen-Verrichtung, ~geübt~ seyn.« + +»Ich bekam Bibelsprüche zum Auswendiglernen. Viele darunter verstand +ich nicht ganz; mehrere waren in der Auslegung unrichtig; erklärt +wurden mir wenige recht. Die einen habe ich in der Folge verstehen, +die andern recht erklären gelernt. Gesetzt, mir wäre Beides nicht ganz +zu Theil geworden, so hätte ich doch immer, wie geschehen ist, einen +Schatz gesammelt von Lehre, Warnung und Trost in erhaben einfacher +Sprache der Urwelt.« + +»Dem häuslichen Vorlesen und Hören von Predigten habe ich als Kind nie +etwas abgewinnen können. Die Schuld mochte theils daran liegen, daß +Predigten für mein Kindesalter nicht paßten, theils an der schlechten +Declamation. Aber das häusliche Singen an Sonn- und Festtagen erbaute +mich mehr. Da ich ein vortreffliches Gedächtniß habe, so lernte ich +die vornehmsten Lieder unseres Gesangbuchs kennen, viele auswendig. +Wie mancher Vers der Gottbegeisterten Dichter ~Paul~, ~Gerhard~, +~Richter~, ~Luther~, ~Neumann~, und später des sanften ~Gellert~, +hat mich mahnend, warnend, tröstend durch das Leben geleitet! Wo die +heutige Jugend so oft trostlos schwankt, oder in wilder Verworrenheit +dem Abgrund zutaumelt, habt ihr Unsterblichen mich fest und aufrecht +erhalten.« + +»Die Vorstellungen und Gefühle der Religion waren es vorzüglich, die +meine dunkeln, gemeinen, verkümmerten Kinder-Jahre erhellten, adelten +und beseligten. Eine Welt ging mir im Geiste auf, deren Schimmer die +enge sichtbare mir nicht verdüstern konnte. Mit dem Ministerknaben, +der im stolzen Prachtwagen bei mir vorüber fuhr, hatte ich einen Gott, +zu dem ich beten konnte; ich war getauft, wie er; ich erstand einst +aus dem Staube, wie er, nicht mehr gebeugt, sondern verklärt. An den +einfachern Weltverhältnissen, die ich im Evangelienbuche anschaute, +richtete sich meine schüchterne Seele auf; die festlichen Tage der +Christen brachten auch in meiner Eltern Haus einen Schimmer der Freude; +an Abendmahlstagen sah ich die höchste Erhebung an ihnen, und wie sie +da mit besonderer Scheu das Unheilige mieden, so ermannten sie sich +auch, des Lebens Sorgen wegzuwerfen. Mitten unter den Thränen, die ihr +Brod benetzten, sah ich auch oft den vertrauensvollen Blick gen Himmel +gerichtet, und hörte ein Wort wechselseitiger Tröstung gesprochen, +das nicht auf täuschende Erdenhoffnungen gegründet war. So lernte ich +zeitig etwas von der erhabensten aller Künste, zu stehen wie ein Berg +Gottes, den Fuß in Ungewittern, das Haupt in Sonnenstrahlen.« + + + 43. + +~Jean Paul~ sagt in seiner Levana: »Zeiget überall, auch an den +~Grenzen~ des heiligen Landes der Religion, dem Kinde anbetende und +heilige Empfindungen; diese gehen über, und entschleiern ihm zuletzt +den Gegenstand, so wie es mit euch erschrickt, ohne zu wissen, wovor. +Newton, der sein Haupt entblößte, wenn der größte Name genannt wurde, +war ohne Worte ein Religions-Lehrer von Kindern geworden. Nicht ~mit~, +aber ~vor~ ihnen dürft ihr beten, das heißt: Gott laut danken. Eine +verordnete und befohlene Erhebung und Rührung ist eine entweihte. +Kindergebete sind ~leer~ und ~kalt~, und eigentlich nur Ueberreste des +jüdisch-christlichen Opferglaubens, der durch Unschuldige, statt durch +Unschuld, versöhnen und gewinnen will.« Das Wahre an dieser zu stark +ausgedrückten Behauptung ist wohl dieß, daß eine befohlene Andacht gar +keine ist, und daß ein Tischgebet vor dem Essen jedes Kind verfälschen +müsse. + +»Gebt dem Kinde,« heißt es dort weiter, »unser Religions-Buch in die +Hand, aber schickt die Erklärung dem Lesen nicht nach, sondern voraus, +damit in die junge Seele die fremde Form als ein Ganzes dringe. +Warum soll erst der Mißverstand der Vorläufer des Verstandes seyn? +Um die schöne Frühlingszeit der religiösen Aufnahme des Kindes unter +Erwachsene -- eine so wichtige, da es vor dem Altare zum erstenmale +öffentlich und mit allen Rechten eines ~Ichs~ auftritt und forthandelt +-- um diese einzige Zeit, wo plötzlich das dämmernde Leben in ein +Morgenroth aufbricht, und dadurch das Neue der Liebe und der Natur +verkündigt, gibt es keinen schöneren Priester für die junge Seele, als +der Dichter ist, welcher eine sterbliche Welt vernichtet, um auf ihr +eine unsterbliche zu bauen.« Levana 1. 146. + + + 44. + +Verhüte sorgsam alles, wodurch die Freudigkeit Deines Zöglings +geschwächt oder unterdrückt werden könnte, und erhalte ihn daher +in einer ununterbrochenen, seinem Alter und der kindlichen Natur +angemessenen ~Thätigkeit~; flöße ihm keine Furcht, sondern nur +ehrerbietige Scheu, keine Aengstlichkeit und Schüchternheit, sondern +Freimüthigkeit und Bescheidenheit ein; suche selbst da, wo Du einen +Zwang eintreten lassen mußt, seinen Willen zu gewinnen, und benimm ihm +nicht durch übertriebene Strenge und durch Pedanterie die Lust und +Liebe zu dem, was er thun soll. Störe ihn nicht in seinen Spielen; sey +kein Spiel-Verderber. + +»Die Erziehung unserer Väter hatte eine düstere und abschreckende +Gestalt, und noch jetzt ist das Vaterhaus für die armen Kinder ein +Zwinger, in welchem sie, gleich eingefangenem Wild, nur gefüttert und +geschlagen werden.« + +Hierin ist's besser geworden, obgleich man auch hier und da auf +das andere Extrem verfallen ist. Ganz ohne äussern Zwang geht es +freilich in der ersten Erziehung nicht ab, aber es kommt darauf an, +was für eine Farbe dieser Zwang trägt, und wie er eingeleitet wird. +Kinder sträuben sich gegen anhaltende und ernste Thätigkeit, gegen +Gehorsam und Gebot, gegen eine feste Ordnung, gegen Entbehrungen und +Entsagungen. Hier muß oft Zwang eintreten, der Wille ihnen gebrochen +werden, wenn nicht Ausartung erfolgen soll. Aber es gibt doch auch +eine freundliche und wohlwollende Strenge, es gibt Mittel, ihnen +den Zwang zu versüßen und zu erleichtern: Mannigfaltigkeit und +Abwechselung in den Beschäftigungen und Arbeiten, Herablassung und +Herabstimmung, ein freundlicher Scherz, Lob und Ermunterung, Belohnung +und gleichmäßige Thätigkeit, Sinnenlust. Es ist nicht schwer, Kindern, +deren Phantasie so beweglich ist, die Unlust zu benehmen, und dann +werden von selbst alle Kräfte rege. Man darf nur die Sinnlichkeit +der Kinder zu Hülfe rufen, und ihr einige Nahrung geben, so ist der +Wille gewonnen, »besonders da der Schmerz und die Traurigkeit der +Kinder ohne Vergangenheit und Zukunft ist.« Wer allen Forderungen +und Geboten gleich die Drohung hinzufügt, oder in einem rauhen Tone +gebietet, oder fordert, was so schwache Kräfte nicht leisten können; +wer nicht zu Hülfe ruft die Anregungen des Wetteifers, des Lobes, +der Belohnung, oder wohl gar die Arbeit als Strafe dictirt und +verordnet, der mag sich nicht beklagen, wenn ihm überall die ~Unlust~ +entgegentritt. Aber die Heiterkeit und Freudigkeit der Kinder soll +nicht erkauft und erschmeichelt, oder durch dargebotenen Genuß und +durch beständige Reizmittel erzwungen werden, vor allem nicht durch +Nährung und Befriedigung des Ehrtriebes; auf diesem Wege bildet man nur +Selbstsüchtige und eitle Thoren, die keines reinen Beweggrundes mehr +fähig sind. Auch sind diese Mittel so bald erschöpft, und es entsteht +große Verlegenheit. + + + 45. + +»~Heiterkeit~ oder ~Freudigkeit~ ist der Himmel, unter dem alles +gedeiht, Gift ausgenommen.« Aber wiederum die Heiterkeit kann nicht +gedeihen, wo die Sinnlichkeit der Kinder zu freigebig genährt wird; +vielmehr entsteht alsdann ein launichtes und mürrisches Wesen, und die +Kinder wissen nicht, was sie wollen. »Kleine Genüsse dagegen wirken, +wie Riechfläschchen, auf die jungen Seelen, und stärken von Thätigkeit +zu Thätigkeit.« -- Seltene Genüsse sind, nebst einer sich gleich +bleibenden Thätigkeit, die beste Nahrung für Heiterkeit und Frohsinn, +und ihre Bedingung ist Gesundheit des Leibes und der Seele. + +Laß das Kind nicht zu viel und nicht zu wenig, nicht zu lange und +nicht zu kurze Zeit spielen, und überhäufe es nicht mit Spielsachen, +denn das führt nur zum Ueberdruß und zur Laune; »auch verwelkt an +reicher Wirklichkeit und verarmt die Phantasie. Vor den Kindern, deren +Phantasie noch stärker, als im Jünglings-Alter, schafft, spielt Ein +Spielzeug oft alle Rollen, und es schmeckt ihnen gerade so, wie sie es +jedesmal begehren.« + +Eben deswegen bedürfen sie keines schönen Spielzeuges, denn ihre +Phantasie bildet es viel schöner, als die Kunst es vermöchte. »Daher +die Erscheinung, daß sie die häßlichsten Puppen oft am liebsten haben, +z. B. des Vaters alten Stiefelknecht an Kindes- oder Puppen-Statt +annehmen.« Hingegen je älter der Mensch wird, desto mehr bedarf er, daß +ihm eine reiche Wirklichkeit erscheine. + + + 46. + +~Das Spiel ist die eigentliche Heimath der kindlichen Seele, ist sein +Paradies, auch mit dem Baum der Erkenntniß.~ Hütet euch aber, der +flammende Cherub zu seyn, der sie aus diesem Paradiese verjagt; sie +verlassen es von selbst, wenn es aufgehört hat, für sie ein Paradies +zu seyn. Spielt das Kind zu lange, nämlich auch dann noch, wenn es +schon das Bedürfniß, beschäftigt zu seyn, lebhaft fühlt, so ist +ihm das Spiel verderblich; zu wenig, so nimmt es eine unnatürliche +Richtung, und verliert seine Freudigkeit und Heiterkeit. ~Es kommt +viel darauf an, daß der Uebergang vom Spiel zum Lernen mit Vorsicht +und Klugheit geschehe.~ Bilder und bildliche Darstellungen vermitteln +diesen Uebergang am besten; aber auch hiebei beobachte man eine +weise Sparsamkeit, und gebe ihnen nicht zuerst unbekannte Thiere und +Gewächse, die ein gelehrtes Auge fordern, sondern solche Bilder, auf +welchen Menschen oder Thiere handelnd dargestellt werden. »Auch sind +kleine Bilder den Kindern angemessener und angenehmer, als große. Was +für uns fast unsichtbar ist, ist für Kinder nur klein; sie sind nicht +bloß moralisch, sondern auch physisch kurzsichtig, folglich gewachsen +der Nähe; und mit ihren kurzen Ellen, mit ihrem Leibchen, messen sie +ohnehin überall so leicht Riesen heraus, daß wir wohl thun, wenn wir +ihnen die Welt im verjüngten Maßstabe vorführen.« + +Der Spielplatz ist die rechte Uebungsschule für alle moralische +und geistige Anlagen und Kräfte der Kinder; daher die Erscheinung, +daß einsam und einförmig erzogene Kinder sich so langsam und so +einseitig entwickeln, und immer rauhe Ecken behalten, die selbst die +Welt mit ihren Reibungen nicht abschleift. Aber soll der Spielplatz +eine solche Uebungsschule werden, so muß Freiheit herrschen, und die +Erwachsenen müssen nicht weiter, als wenn ein Friede zu schließen, +oder ein Beschluß zu fassen ist, als Mittelspersonen und Rathgeber, +oder höchstens als Redner mit Vorschlägen in dieser Volksversammlung +auftreten. Aber die Vorschläge, und das Abstimmen darüber kann von +gutem Nutzen seyn; nur bleibe es auch, wie in der Volksversammlung, bei +dem, was die Mehrheit beschlossen hat. + +Das schönste und reichste Spiel ist Sprechen, erstlich des Kindes mit +sich, und noch mehr der Eltern mit ihm. Ihr könnt im Spiele und zur +Lust nicht zu viel mit Kindern sprechen, so wie bei Strafe und Lehre +nicht zu wenig. Levana 1r Th. S. 197. + + + 47. + +»Nur Kinder sind kindisch genug für Kinder. Eltern und Lehrer sind +ihnen immer jene fremde Himmelsgötter, welche, nach dem Glauben +vieler Völker, dem neuen Menschen auf der neugebornen Erde lehrend +und helfend erschienen waren; wenigstens sind sie den Kinder-Zwergen +die körperlichen Titanen. Folglich ist ihnen in dieser Theokratie und +Monarchie freies Widerstreben verboten und verderblich, Gehorsam und +Glaube verdienstlich und heilbringend. Wo kann denn nun das Kind seine +Herrscherkräfte, seinen Widerstand, sein Vergeben, sein Geben, seine +Milde, kurz jede Blüthe und Wurzel der Gesellschaft anders zeigen und +zeitigen, als im Freistaate unter seines Gleichen? Schulet Kinder durch +Kinder. Der Eintritt in den Spielplatz ist für sie einer in ihre große +Welt, und ihre geistige Erwerbschule ist im kindlichen Spiel- und +Gesellschafts-Zimmer.« + +»Wie das Schachbrett Kriegs- und Regierungs-Unterricht auftischen soll, +so wächst auf dem Spielplatz der künftige Lorbeer- und Erkenntniß-Baum. +-- Der Schaum des kindlichen Spiels sinkt zu wahrem Wein zusammen, und +ihre Feigenblätter verhüllen nicht Blößen, sondern süße Feigen.« + + + 48. + +~Gesang~ gehört, wie Musik überhaupt, zu den wirksamsten Mitteln, die +Freudigkeit und Heiterkeit der Kinder zu beleben, und gleichsam einen +Fond von Freudigkeit in ihnen anzulegen. »Musik sollte eher, als die +Poesie, die fröhliche Kunst heißen; sie theilt Kindern nur Himmel aus, +denn sie haben noch keinen verloren, und setzen noch keine Erinnerungen +als Dämpfer auf die hellen Töne. Wählet schmelzende Tongänge und weiche +Tonarten, ihr heitert doch damit das Kind nur zu Sprüngen auf. Einige +Jahre kann das Kind weinen über Töne, wie der Vater, aber jenes nur vor +Ueberlust, da bei den Kindern unsere Erinnerung noch nicht den tönenden +Hoffnungen die Rechnungen des Verlustes unterlegt. -- Gibt es etwas +Schöneres, als ein frohsingendes Kind?« + +Wollet ihr, daß das Kind singe, und durch Gesang fröhlich gestimmt +werde, so machet es empfänglich für Einwirkung der Musik, indem ihr +seine Gefühle für's Schöne bildet und nähret, für seine Gesundheit +sorget, es vor übler Laune und Mißmuth durch Gewöhnung zur Genügsamkeit +bewahret. Jene, von Lust und sinnlichem Genuß übersättigte Kinder, +können nie fröhliche Kinder werden, denn die Freude wohnt nicht +bei dem Ueberdruß. So wie die Menschen, welche dem Glücke gleichsam +im Schooße sitzen, nie wahrhaft glücklich, und nichts weniger, als +allezeit fröhlich sind, so noch viel weniger die Kinder, welche nie +eine rauhe Luft anwehte, denen nie ein Wunsch versagt ward. + + + 49. + +Auch eine zu große Anstrengung des kindlichen Geistes ertödtet die +Fröhlichkeit der Kinder; die Seele erliegt unter der Last, die +ihrer Kraft nicht angemessen ist, und der Körper erliegt mit ihr. +Da, wo man mit ängstlicher Eilfertigkeit den Kindern gleich in den +frühesten Jahren des erwachenden Verstandes eine Masse von Kenntnissen +einzupfropfen bemüht ist, entsteht eine unnatürliche Ernsthaftigkeit, +ein verdrießliches und in sich gekehrtes Wesen, und hat das Kind auf +diese Art Schaden an seiner Seele genommen, so wird es nie wieder eine +rechte Heiterkeit gewinnen. + +Vor allem aber ist Herzensreinheit und Unschuld die Quelle der +Freudigkeit und Fröhlichkeit; darum hören die Kinder auf, fröhlich zu +seyn, so bald sie etwas zu verhehlen und zu verbergen haben. Religiöse +Eindrücke und vertrauter Umgang der Eltern werden sie am sichersten +davor bewahren. Kinder, die den Allwissenden und Allgegenwärtigen +scheuen, werden nicht leicht heimlich sündigen, und wenn sie fallen, +bald wieder aufstehen. Aber erfüllet auch gern ihre unschuldigen +Wünsche, gönnet ihnen unschuldige Genüsse, sonst nöthiget ihr +selbst sie zu Heimlichkeiten, und weg ist dann ihre Freudigkeit und +Fröhlichkeit. + + + 50. + +Endlich erhaltet sie im ~Umgange mit der Natur~, und reichet ihnen oft +den Becher der Freude, dadurch, daß ihr sie unter Gottes Himmel führet, +und sie die reine Himmelsluft einathmen lasset. Indem diese durch ihre +Adern strömt, ergreift Freude und Fröhlichkeit ihr ganzes Wesen. Die +Natur ist und bleibt die unversiegbare Quelle der Freude, und wer aus +dieser nicht schöpfen darf, genießt sein Leben nur halb. Aber gebt auch +den Kindern ~Gespielen ihrer Lust~, wenn ihr sie hinausführet; das +Kind, welches sich nicht mit andern Kindern freut, genießt nur halb. +Die Einsamkeit macht Kinder gemüthskrank, so wie der enge Horizont der +Stube und die Stubenluft. Der Geist wird freier, wo das Auge weit und +frei umher blicken kann. Viele Kinder verschmachten körperlich und +geistig, wenn sie nie oder zu selten hinauskommen in's Freie. + +Auch der Veränderlichkeit, welche zur Natur des menschlichen +Geistes gehört, und die so wohlthätig wirkt, gib mit Weisheit nach, +damit des Kindes Freudigkeit erhalten und genährt werde, durch +die Mannigfaltigkeit seiner Beschäftigungen. Wird ein Kind durch +Furcht und Strafe gezwungen, bei einer einförmigen und anstrengenden +Beschäftigung stundenlang, wohl tagelang auszuhalten, so geht leicht +Gesundheit und Freudigkeit verloren. So ist's, wenn z. B. mütterliche +Eitelkeit oder die Charlatanerie der Schule von dem armen Mädchen in +kurzer Zeit eine Arbeit erpreßt, zu welcher die höchste Sorgfalt und +Anstrengung erfordert wird. So werden oft Talente und Freuden-Tage +(z. B. Geburtsfeste) den Kindern zu Folterbänken gemacht, auf welchen +sie ihre besten Gemüthskräfte ausseufzen. Die Veränderlichkeit der +Kinder ist nicht Laune und Uebermuth, »sondern die natürliche Folge +der schnellen Entfaltungsreihe; denn das so eilig reifende Kind sucht +in neuen Ländern neue Früchte, wie ja sogar der Alte in alten neue -- +und vielleicht liegt auch der Grund noch tiefer, nämlich in dem Mangel +an Zukunft und Vergangenheit, wobei ein Kind desto stärker von der +Gegenwart getroffen und erschöpft wird.« + + + 51. + +Die Regel sagt: suche selbst da, wo Du Zwang eintreten lassen mußt, +seinen Willen zu gewinnen, besonders bei anhaltender Beschäftigung und +bei dem Uebergange vom Spiel zur Arbeit -- ferner bei Enthaltsamkeit +und Mäßigkeit im Genuß. Daher werde jeder reine Zwang möglichst +verhütet und vermieden, und der Gehorsam werde dem Kinde nicht +Ertödtung seiner kindlichen Gefühle und Triebe; denn dabei muß +nothwendig alle Freudigkeit verloren gehen, da sich der Erzieher in +einen Zuchtmeister verwandelt, und dem Kinde allen eigenen Willen +nimmt. Muß sich das Kind nicht gedrückt, gemißhandelt und gekränkt +fühlen, da es sich zu den Absichten und Gründen der Erwachsenen nicht +zu erheben vermag? muß es nicht störrisch, mürrisch und trübsinnig +werden, wenn man ihm gar keinen eigenen Willen zugestehen will? + +»Der kindliche Gehorsam kann, an und für sich, ohne Berechnung mit +seinem Motiv, keinen andern Werth haben, als daß den Eltern Vieles +dadurch leichter wird. Oder gälte es auch für Seelenwuchs, wenn +euer Kind nun überall so vor allen Menschen, wie vor euch, seinen +Willen unterordnete, böge und bräche? Welcher gelenkige, geräderte +Gliedermensch, aufs Rad des Glücks (Gehorsam) geflochten, wäre das +Kind! Allein was ihr meint, ist nicht dessen Gehorchen, sondern seine +Antriebe dazu, die Liebe, der Glaube, die Entsagungskraft, die dankende +Verehrung des Besten, nämlich des Eltern-Paars. Und dann habt ihr +Recht. Aber um so mehr ~gebietet~ nirgends, wo euch das höhere Motiv +nicht selber aufruft und gebeut.« S. Levana 1r Th. S. 221. + +~Verbieten~, besonders wenn es mit Worten der Liebe geschieht, wird das +Kind nicht so mürrisch machen, als ~Gebieten~; es wird ihm leichter, +zu unterlassen, als zu thun, weil es bei dem Unterlassen noch die +Freiheit behält, etwas anders zu thun -- ihr müßtet es denn mit euren +Verboten wie mit Schranken einengen, oder damit auf jedem Schritte +verfolgen, oder verbieten, was das Kind, weil es ein Kind, und dies +Kind ist, nicht lassen kann, z. B. zerbrechen und zerreissen, oder +lärmen und springen, oder albern seyn. -- Gebietet ihr zu viel und zu +oft, so wird das Kind furchtsam und ängstlich; immer steht ihm ein +Gebot schreckend und drohend vor Augen, und es verliert endlich alle +Heiterkeit und Freimüthigkeit: Nichts tödtet so sehr alle Freudigkeit +der Kinder, als ungerechtes Ge- und Verbieten, und nichts lähmt so +sehr ihre Willenskraft. Ein Gebot im Ton der Bitte, der Aufforderung, +wobei Liebe und Ehrtrieb zu Hülfe gerufen, oder ein ~Ableiter~ für die +Begierde aufgerichtet wird, würde anders, und besser wirken. Und der +pädagogischen Klugheit bieten sich überall solche Ableiter dar, durch +welche die Begierde nicht nur von dem Thörichten und Gefährlichen +abgeleitet, sondern auch zugleich auf etwas Gutes und Nützliches +hingeleitet wird, z. B. eine angenehme Beschäftigung, ein Auftrag, eine +Erzählung, ein Reiz für die Neugierde u. dgl. m. Und wie viel liegt +daran, daß Kinder mit Freudigkeit gehorchen lernen! -- fast die ganze +Charakterbildung. Auch ist doch nur das Gehorchen mit Freudigkeit ein +wahres Gehorchen. + +»Nur den Sclaven peitscht man zum Ueberverdienst; aber selbst das +Kameel trabt nicht hinter der Peitsche, sondern nur hinter der Flöte, +schneller.« (Jean Paul.) + + + 52. + +Auch durch ~Belohnungen~ und ~Bestrafungen~ suche die Erziehung auf den +Zögling und seinen Willen zu wirken; denn da die ~natürlichen~ Folgen +nicht gleich sichtbar und fühlbar, oft sogar durch dazwischen tretende +Umstände verzögert oder entfernt werden, und Kinder so erfinderisch +sind in Entschuldigungen und Beschönigungen; so sind ~positive~ +Belohnungen und Bestrafungen in der Erziehung unentbehrlich, um den +Willen der Kinder von Thorheiten und Fehltritten abzulenken, und ihn +für das Gute zu gewinnen; doch müssen sie, wenn sie wohlthätig wirken +sollen, der reinen Sittlichkeit keinen Eintrag thun, und also weder in +unnatürliche Zwangsmittel, noch in Bestechungen des Willens ausarten, +(wie z. B. wenn die Leckerhaftigkeit oder die Eitelkeit, oder wohl gar +der Neid der Kinder angeregt, und als Reizmittel gebraucht wird), noch +jemals einen an sich guten Trieb, wie z. B. den Ehrtrieb unterdrücken, +oder den Muth und die Freudigkeit des kindlichen Gemüths. -- Der +Zögling selbst muß sie als nothwendig und wohlthätig erkennen, und +sie müssen keine Spur von Laune, Eigennutz oder Härte an sich tragen. +Darum ist es z. B. unverantwortlich, wenn Eltern und Erzieher von vier- +und sechsjährigen Kindern ein stundenlanges Stillsitzen bei einem +Bilderbuche oder bei einer Arbeit, bei der Fibel, dem Schreibebuche, +verlangen, und es durch Drohungen oder Versprechungen erzwingen. + +Behutsam und sparsam wollen sie angewandt seyn, gleichsam als Würze der +Erziehung, damit nicht auf der einen Seite Eigennutz und Selbstsucht, +auf der andern Furcht entstehe, und der Zögling auch ~unbelohntes Gute~ +liebe, und ~unbestraftes Böse~ verabscheue. Folgende Regeln sind hiebei +zu beobachten: 1) So lange es noch andere Mittel zum Zweck gibt, trete +keine Belohnung und keine Strafe ein; nur, wenn jedes andere unwirksam +blieb, oder geringe Wirkung that. Aeusserungen der Liebe wirken besser, +als Aeusserungen des Beifalls; Aeusserungen der Unzufriedenheit und +Betrübniß besser, als Verweise und Strafen. Darum sollen diese nur +im Nothfalle eintreten. 2) Kinder, die unverwöhnt, natürlich gut und +gefühlvoll sind, sollen nicht gestraft und nicht belohnt werden, denn +das würde sie nur verderben. Bei Verwöhnten ist Strafe und Belohnung +nothwendig. Eben so bei Kindern von großer Lebhaftigkeit und starker +Sinnlichkeit. 3) Man beobachte das genaueste Verhältniß gegen Verdienst +und Schuld. Wenn ein Kind sich im Memoriren auszeichnet, oder wegen +seines Phlegma's still und folgsam ist, so hat es auf keine Belohnung +Anspruch. Wenn ein Kind von dürftiger Fähigkeit keine Fortschritte +macht, so kann es nicht bestraft und nicht getadelt werden. Da, wo +eine natürliche Weichheit und Gutmüthigkeit die einzige Quelle des +Gehorsams, der Gesetztheit und Lenksamkeit ist, wird der Erziehung +durch unberufene Lobredner und freigebige unbesonnene Lobsprüche sehr +oft ihr Werk verdorben. Wo die Natur oder die Umstände Hindernisse +in den Weg gelegt haben, aber eifriges und anhaltendes Streben sich +zeigt, da werde liebreich belehrt und ermuntert. Man unterscheide +wohl bösen Willen und Schwachheit, und traue jenen den Kindern nicht +leicht zu, versage dieser die verdiente Nachsicht nicht. Daher sind +alle feststehende Strafen und Belohnungen bedenklich; denn wie oft +wird die Schuld zur Unschuld durch die Berücksichtigung der Umstände; +wie oft sinkt das scheinbare Verdienst zur Schwachheit hinab, wenn man +genauer nach seinem Ursprunge forscht. Aber bei feststehenden Strafen +kann keine von den Rücksichten genommen werden, welche Klugheit und +Billigkeit vorschreiben. So ist es besonders mit Ehrenbezeigungen. +4) Man beobachte genau die Wirkungen der Belohnung und Strafe, denn +diese sind oft ganz anders, als man sie erwartet hatte, und bei +verschiedenen Kindern verschieden. Die Furcht, welche abschrecken +sollte, reizt zuweilen, besonders bei Kindern, welche einen festen +Willen haben, und durch ihr Temperament fortgerissen werden. 5) Man +hüte sich ein Straf-Urtheil im Zorn auszusprechen, noch mehr es im +Zorn zu vollziehen. 6) Man beobachte eine gehörige Stufenfolge im +Strafen, und lasse sich durch des Kindes Widerstreben nicht reizen. +7) Sichtbare und innige Reue wende die Strafe ab, oder diese bestehe +doch nur in der Aufgabe, den Fehler wieder gut zu machen. 8) Die +sichtbare Theilnahme des Strafenden erhöhe die Wirksamkeit der Strafe, +die immer als Aeusserung der Liebe erscheinen muß. 9) Man suche die +Strafe den natürlichen Folgen der Handlungen möglichst anzupassen und +gleich zu stellen, und schließe also z. B. das zänkische Kind von der +Spielgesellschaft aus, lasse das unmäßige und leckerhafte entweder +dieselbe Kost häufig nach einander, bis zum Ueberdruß genießen, oder +fasten, oder nur das Einfachste genießen; strafe das träge Kind durch +lange Weile, das flatterhafte durch Anhalten zur Wiederholung und zum +Bessermachen, gönne dem fleißigen vorzugsweise Erholung und Vergnügen, +schließe das geschwätzige und plauderhafte für eine Zeit von allem +Umgange aus, nöthige das ungestüme zur Abbitte, gebe dem sanftmüthigen +Aufsicht über Andere -- lasse die schmutzigen sich zurückziehen -- +die unordentlichen aufräumen. 10) Der Erzieher sorge dafür, daß +sein Mißfallen und seine Mißbilligung die schwerste Strafe sey, und +suche daher seinen Zöglingen Ehrerbietung und Liebe einzuflößen, ihr +sittliches Gefühl zu schärfen, ihr Ehrgefühl zu erhöhen. 11) In solchen +Fällen, wo an der Aufrichtigkeit der Reue zwar nicht zu zweifeln ist, +aber der Wille des Kindes sich noch sehr schwach und wankend zeigt, +erlasse man die Strafe nicht, aber man lasse dem Kinde die Wahl +zwischen zwei Strafen. + +Bei eingewurzelten Fehlern und geringem Ehrgefühl können auch solche +Strafen sehr wohlthätig werden, die beschämen und demüthigen, z. B. +Absonderung und Entfernung, Bekenntniß und Abbitte. + + + 53. + +Die Wirksamkeit der Strafe und Belohnung werde durch die Gesinnung +erhöht und befördert, welche der Erzieher dabei zu erkennen gibt: die +herzliche Betrübniß über die Fehltritte des Zöglings, das Bedauern +seines Wankelmuths, das Trauern über seinen Leichtsinn, die Freude über +seine Besserung und seine Fortschritte im Guten. Er erblicke nie den +Zorn, den eine persönliche Beleidigung entschuldigen oder rechtfertigen +würde, und zürne nur sich selbst, nie seinem strafenden Erzieher. Die +Liebe desselben sey seine höchste Belohnung, die Trauer desselben seine +härteste Strafe. + +~Für Belohnungen besonders~ stehet Folgendes ~als Regel~ fest: + +1. Sie werde nie für das ertheilt, was allein die Natur gab, und also +nicht errungen werden durfte, sondern nur für das, was Anstrengung, +Ueberwindung, Geduld und Beharrlichkeit kostete. + +2. Man lasse sie sich nicht abschmeicheln durch ein gefälliges +Betragen, zarte Aufmerksamkeit, scheinbare Folgsamkeit. Leider +kommen auch in der Kinderwelt schon die Künste der Heuchelei und des +Schmeichelns zum Vorschein. + +3. Nie Geldbelohnungen (aber wohl Geldstrafen unter gewissen +Umständen), und ~selten~, bei eitlen Kindern ~nie~, Ehren-Belohnungen; +vorzüglich dagegen Vergnügen, Befriedigung der Neugier, und einer +unschuldigen oder sogar nützlichen Liebhaberei. + +4. Leckerbissen nur bei kleinen Kindern, und nur sehr sparsam. + +5. Zur pädagogischen Klugheit gehört es, die Belohnung selbst zuweilen +weit hinaus zu setzen, sie nur in der Entfernung zu zeigen, und bei +schlaffen Kindern die Bedingungen zu erschweren, um Anstrengung zu +bewirken. + +6. Wo möglich sey die Belohnung von der Art, daß sie bei +Verschlimmerung oder Rückfall zurückgenommen, oder eine Zeitlang +entzogen werden kann, wie z. B. ein bewilligtes Taschen-Geld, +versprochene Reise u. dgl. + +7. Der Grad der Moralität bestimme den Grad der Belohnung. Daher ist es +nöthig, Kinder erst genauer kennen zu lernen, und bei Uebergängen von +einer mangelhaften Tagesordnung zu einer regelmäßigen und strengen den +Verwöhnten die Macht der Gewohnheit zu Gute zu rechnen. + + + 54. + +Die ganze Behandlung des Zöglings sollte in der Erziehung eine +fortgehende Belohnung und Bestrafung des Zöglings seyn, denn die Kinder +bedürfen fast in jedem Augenblick dieser Antriebe. Daher wird diejenige +Erziehung die wirksamste seyn, wo ein liebevoller Ernst dem Zögling +Hochachtung und Scheu eingeflößt hat, und schon eine mißbilligende +Miene, oder ein einziges Wort des Tadels oder Lobes auf des Zöglings +Willen kräftig wirkt. Dem gutgearteten Kinde ist Mißfallen und +Unzufriedenheit, vor allem ~Trauer~ des Erziehers die höchste Strafe, +der Beifall und die Liebe desselben die höchste Belohnung und das +höchste Ziel seiner Wünsche. + +~Bedenkliche Strafen~ bei lebhaften Kindern sind: Einsperren, +Stehenlassen, langwierige Geduldsprüfungen, Wegnehmen dessen, was sie +sehr hoch halten, Beschämung vor Fremden und vor Respektspersonen. +Dagegen sind oft sehr wohlthätig wirksam: körperliche Strafen, weil sie +der Gewalt des Temperaments ein Gegengewicht geben. + +~Bedenkliche Belohnungen~ sind alle die, welche der Eitelkeit und +Vergnügungsliebe Nahrung geben, oder wobei man dem Eigennutz Vorschub +leistet, und die Kinder zur Geldliebe reizt, oder die Unbelohnten zur +Eifersucht und Mißgunst verleitet. + + + 55. + +Der ~Ehrtrieb~ werde, weil er so leicht ausartet, und dann den +Charakter so sehr entstellt, nur mit der äußersten Vorsicht in der +Erziehung benutzt, und nur bei solchen Kindern, die von Natur wenig +reizbar, und mit einem sehr schwachen Gefühls-Vermögen ausgestattet +sind. Auch hüte man sich, jenes eitle Lauschen auf den Beifall der Welt +zu begünstigen, welches zur Menschenfurcht und Menschengefälligkeit +führt, und der Sittlichkeit höchst gefährlich ist. Der Beifall +achtungswürdiger Menschen erscheine zwar den Kindern als ein hohes +und schätzbares Gut, aber nie als das höchste, und das Urtheil ihres +Gewissens sey ihnen die entscheidende Stimme, der sie unbedingt +gehorchen. Keine Verirrungen sind häufiger und verderblicher, als die +des ausgearteten Ehrtriebes, und keine Vorurtheile wurzeln tiefer, als +die von Ehre und Schande. Da, wo diese Vorurtheile schon durch die +erste Erziehung, gleichsam durch Vererbung, sich festgesetzt haben, +kommt es nie zu einer richtigen und unbefangenen Ansicht der Dinge, +und es entspringen aus diesen Vorurtheilen Ungerechtigkeiten der +gröbsten Art. Hier kann nur durch Verstandesbildung und Berichtigung +der Begriffe, zuweilen durch entgegengesetztes häusliches Verhältniß +entgegengearbeitet werden. Von dieser Seite wird oft den Kindern +vornehmer Eltern die Erziehung in einer öffentlichen Erziehungsanstalt, +mit Kindern von sehr verschiedenen Ständen und Bildungsgraden, sehr +wohlthätig durch den Zwang und die Nöthigung, welche sie herbeiführt. + +Kindern soll das Lob nur als eine Stärkung von Zeit zu Zeit und +sparsam gereicht werden, denn sie können nicht viel davon ertragen. +Bei jeder Gelegenheit den Kindern eine Lobrede halten, alle ihre +kleinen Geschicklichkeiten bewundern und preisen, sie ihre Künste +machen lassen, so oft Fremde erscheinen, heißt: sie methodisch +verderben. Besonders verhüte man das Loben bei talentvollen Kindern, +da diese ohnehin schon sehr bald selbst die Bemerkung machen, daß +sie sich auszeichnen, und Vorzüge haben; man dulde nicht, daß Kinder +viel bedient werden, und entferne solche dienende Personen, die den +Kindern eine Art von Unterwürfigkeit bezeigen, und sie dadurch im +Dünkel bestärken. Man kleide Kinder nicht so kostbar, oder so glänzend, +daß ihr Anzug Aufsehen erregt, und sie den Erwachsenen gleich stellt; +man führe sie nicht zu früh in große Gesellschaften, besonders in +Tanzgesellschaften. + + + 56. + +Eben so bedenklich aber, wie es ist, dem ~Ehrtriebe~ zu viel Nahrung +zu geben, eben so bedenklich ist es, ihn zu ~unterdrücken~, und ihm +Gewalt anzuthun, durch beschämende und herabsetzende Strafen und durch +Demüthigungen. Hiebei sind folgende Regeln die bewährtesten: + +1. Wenn die natürliche Schaam sich stark genug bei Fehltritten äussert, +so verstärke man sie nicht; vielmehr gebe man dem Zöglinge den Wunsch +zu erkennen, ihm Beschämung zu ersparen. + +2. Da, wo Beschämung als Antrieb und Strafe nöthig ist, geschehe sie +doch mit möglichster Schonung, z. B. ohne Nennung des Namens, nicht vor +Dienstboten oder Fremden, ohne irgend eine Beschimpfung. So z. B. bei +wiederholten Lügen im Erzählen, bei Unordnung und Faulheit -- man lasse +dem Zögling noch einen Ausweg, die Beschämung abzuwenden. + +3. Der Erzieher hüte sich, der Ehrliebe Gewalt anzuthun; er würde nur +Haß und Verachtung ernten, und Hartnäckigkeit bewirken. Daher sind +alle solche Beschämungsmittel, welche Leidenschaftlichkeit verrathen, +und der Würde des Erziehers nicht angemessen sind, von der Erziehung +auszuschließen, und es muß in Gesellschaft von Fremden manches +übersehen, und nicht auf der Stelle gerügt werden. Nie werde das +strafbare Kind dem Gespötte Anderer ausgesetzt, nie mit entehrenden +Namen belegt. Eben so unzweckmäßig ist es, Kinder bei Fehltritten +zur Selbstanklage zu zwingen, wenigstens in den meisten Fällen, +besonders wo die Schuld schon durch Aeusserungen der Schaam und Reue +stillschweigend eingestanden ist. + + + 57. + +Nicht genug kann man der Menschenfurcht und Menschen-Gefälligkeit +bei Kindern entgegenarbeiten, weil dadurch so leicht sclavische +Hingebung entsteht. Aber wenn die Kinder den Tadel und die Ungunst der +Menschen als das höchste Uebel, Beifall und Gunst als das höchste +Glück betrachten, so werden sie bald dahin kommen, daß sie immer nur +~eine Rolle spielen~, und nur ~für~ die Gesellschaft und ~in der~ +Gesellschaft gut seyn wollen, oder daß sie Lob ~erschleichen~, anstatt +es zu ~verdienen~, nach dem Munde reden und schmeicheln lernen; eine +Ausartung, welcher das weibliche Herz vorzüglich ausgesetzt ist. + + + 58. + +Weniger ist bei dem Mädchen, als bei dem Knaben, eine ~Ausartung des +Thätigkeitstriebes~ zu fürchten, es sey denn, daß Eitelkeit und Sucht, +sich auszuzeichnen und Aufsehen zu erregen, ihr Herz beherrsche. +Daher werde die Thätigkeit des Mädchens früh, und recht vielfach +angeregt und genährt, also nicht bloß in mechanischen Beschäftigungen +und Fertigkeiten, obgleich diese vorzüglich zur weiblichen Bildung +gehören, sondern auch in geistigen. Aber jede Beschäftigung sey +den eigenthümlichen Anlagen und Bedürfnissen der weiblichen +Seele angemessen, und daher bleibe jede streng-wissenschaftliche +Beschäftigung und Bildung ausgeschlossen, da sie mit der Bestimmung des +Weibes im Widerspruche ist. + +Bis zum sechsten Jahre bedarf das Mädchen noch keiner bestimmten +Richtung des Thätigkeitstriebes; wohl aber hat die Erziehung in den +ersten Jahren zu verhüten, daß er nicht geschwächt werde, und nicht +ein Hang zur Gemächlichkeit entstehe, durch eine weichliche Erziehung, +durch Verwöhnung und Verzärtelung. Auch soll in dieser Zeit der +Thätigkeitstrieb schon ~veredelt~ werden, dadurch, daß man ihn mit den +wohlwollenden Gefühlen in Verbindung bringt, und durch diese erhöht. +Dieß geschieht, indem man die Kinder daran gewöhnt und dazu anhält, +sich unter einander, und den Erwachsenen kleine Dienste zu leisten, +und auf ihre Bedürfnisse zu merken, sich von ihnen helfen, sie etwas +tragen oder bestellen läßt. Auch mit dem Schönheits- und Ordnungssinn +setze man den Thätigkeitstrieb in Verbindung, damit er moralisch und +veredlend wirke, und gebe daher Kindern oft den Auftrag, etwas zu +ordnen und einzurichten, mache sie dabei auf Symmetrie aufmerksam, +fordere sie auf, das flüchtig Geordnete besser zu ordnen, die +Verletzung der Symmetrie anzugeben, und ein Mannigfaltiges schön und +vortheilhaft aufzustellen und anzuordnen. Man gebe ihnen, wo möglich, +Gelegenheit, zur Verschönerung der Natur thätig zu seyn, und sich mit +Garten-Arbeit zu beschäftigen. + + + 59. + +Ausser der Eitelkeit gibt auch der Trieb zu erwerben und zu gewinnen +dem Thätigkeitstriebe leicht eine gefährliche Richtung, oder doch +wenigstens eine ganz einseitige. Manche Mädchen finden an den +Geschäften der Haushaltung, und überhaupt an dem mechanischen und +hervorbringenden ein so großes Wohlgefallen, daß sie darüber die +Bildung ihres Geistes ganz aus den Augen verlieren, oder dagegen völlig +gleichgültig werden. Gegen diese Ausartung des Thätigkeitstriebes +sichert die Erziehung, indem sie den Sinn für das Geistige und für +geistige Beschäftigung weckt und nährt, und da vorzüglich, wo von Natur +kein Trieb dazu sich regt und die Anlagen dürftig sind. Doch auch +eben so sorgfältig sichere sie gegen eine andere verkehrte Richtung +des Thätigkeitstriebes, welche so häufig eine Wirkung der neuern +Erziehungsweise ist, nämlich die entschiedene Vorliebe für geistige und +wissenschaftliche Beschäftigungen, und Abneigung gegen die mechanischen +Arbeiten, welche doch des Weibes Bestimmung fordert. + +Am besten wird jede Ausartung des Thätigkeitstriebes durch ächte +Geistesbildung, religiöse Gewissenhaftigkeit und strenge Gewöhnung an +eine feste Tagesordnung verhütet. Die vollständige Geistesbildung läßt +keine Vernachlässigung des Geistes zu; die Gewissenhaftigkeit treibt zu +einer geordneten und sich gleichbleibenden Thätigkeit, die Gewöhnung +wirkt der Zeitzersplitterung und einer launigen Gemächlichkeit +entgegen. Lieblings-Beschäftigungen wird es zwar immer für jeden +Menschen geben; aber man hüte sich, den Kindern hierin zu sehr +nachzugeben. Besonders dulde man kein Aufschieben, kein Säumen und kein +hastiges und schnelles Arbeiten, da, wo Bedachtsamkeit und Sorgfalt +erfordert wird. Unausbleiblich trete die Strafe des Nocheinmalmachens +ein, wo flüchtig gearbeitet war, und das flüchtige Mädchen werde durch +langwierige und mühsame Arbeiten festgehalten, gebessert und geprüft. +Die Zeit erscheine dem Kinde immer als ein unschätzbares Gut, und +Zeitverschwendung als die strafbarste Undankbarkeit; man lehre es die +Freude des Vollbringens kennen und schätzen, und keine Plage mehr +verabscheuen, als die der langen Weile. + +Da, wo ein entschiedenes und hervorragendes Talent der Thätigkeit und +Kraftanstrengung eine bestimmte und einseitige Richtung gibt, muß +sich zwar die Erziehung mehr leidend verhalten; doch darf sie nicht +versäumen, die harmonische Entwickelung der Kräfte und Anlagen zu +bewirken, worauf doch Werth und Glück des Menschen beruht. + + + 60. + +Die Eigenthümlichkeit der weiblichen Natur macht eine besondere +Behandlung des Mädchens nothwendig. Das Mädchen will mehr negativ +behandelt seyn. Durch viele positive Behandlung wird es leicht irre +gemacht in der Entwickelung seines sichern Gefühls; die Zartheit seines +Herzens geht verloren. Gleich dem zarten Gewächse überlasse man es +seiner eigenen Entfaltung, indem man es pflegt und behütet, und schon +die leiseste Berührung sey ihm warnend oder erinnernd. Daher können +Männer nicht gut Erzieher der Töchter seyn. + +Die Unterhaltungen und Spiele des Mädchens müssen den sanftern +Charakter haben. Man lasse es nicht in das Knabenartige gerathen. Daher +ist auch hier größere Sorgfalt in der Wahl der Gespielen nöthig, deren +es nur wenige bedarf, da es leicht in eine gewisse Zerstreutheit und +Flüchtigkeit hinein geräth, in welcher es an Innigkeit des Gefühls so +sehr verliert, und herzlos wird. Die natürliche Neigung der Mädchen, +sich mit sich selbst und ihrer Puppe zu beschäftigen, will genährt +seyn, weil den Mädchen von der Natur bestimmt ist, mehr in der innern +Welt ihres Herzens, als in der äussern zu leben, und durch Gefühle +stark zu seyn. Bei dem Spiele aber gewöhne man es an Ordnung und an +das zu Rathe halten seiner Sachen, weil dieß, nach seiner Bestimmung, +Grundzug in dem weiblichen Charakter seyn muß. Die Zeit zum Stricken, +Lesen, Erzählen, sey eine fest bestimmte, anfangs kurz, bald (doch +nicht zu bald) bis zu Stunden ausgedehnt; man lasse es kleine +Bestellungen ausrichten, kleine Geschäfte in der Haushaltung besorgen, +sich von ihm an etwas erinnern, denn stille häusliche Geschäfte und +Besonnenheit dabei muß ihm zur andern Natur werden. Aber der früh sich +regende Hang zum häuslichen Fleiße verleite nicht, es zu viel in der +Stube zu erhalten. + +Bei dem siebenjährigen Mädchen muß schon der Sinn für häusliche +Beschäftigung entschieden seyn, und wenn daher eine gewisse +Lebhaftigkeit des Geistes und der Wißbegier das Mädchen davon abzieht, +so arbeite die Erziehung dem entgegen, weil sich sonst die Mädchen in +der Folgezeit unglücklich fühlen. Besonders gilt dieß vom Lesen, worin +es unsere Erziehung so leicht übertreibt, selbst zum Nachtheil der +Gesundheit. Die körperliche freie Bewegung, welche das Gemüth, wie die +Ausbildung des Körpers, fordert, werde ja nicht verabsäumt, besonders +Tanz, damit doch ja nicht der liebliche Frohsinn, diese Sonne seines +Lebens, sinke. Es ist schön, wenn man das Mädchen überall im Hause +herum singen hört. Die Tugenden, welche sich von selbst entfalten: +Schönheitssinn, Reinlichkeit und Sittsamkeit, müssen doch sorgsam +gepflegt werden, und darum wende die Erziehung viel Zeit auf den +Anzug, und entwickele und stärke besonders bei diesem und durch diesen +jene Eigenschaften und Gefühle. Es sey schon dem Kinde unerträglich, +in einem Anzuge zu erscheinen, der auch nur auf die leiseste Art das +Auge oder das Gefühl beleidigt; dieß um so mehr, da vom siebenten oder +achten Jahre an in den meisten Mädchen schon das Bestreben zu gefallen +lebhaft sich regt, welches der Sittlichkeit so leicht gefährlich wird. +Daher ist nichts in diesem Alter gefährlicher und verderblicher, als +wenn Mädchen in Gesellschaften mit einer Kunstfertigkeit oder Talent +sich zu zeigen aufgefordert werden. So besonders das Declamiren und +kleine dramatische Darstellungen. + + + 61. + +Kommt es bei der Erziehung vorzüglich auf Anregung des Sinnes für +das Gute und Schöne, und bei dem Unterricht auf die Anregung und +Entwickelung des Intellectuellen an; soll die Erziehung mehr intensiv +und der Unterricht mehr extensiv wirken, so folgt, daß ein gut +erzogener Mensch sittlich-gut und tugendhaft, ein gut unterrichteter +einsichtsvoll und gelehrt, ein gut gebildeter verständig, klug und +weise sey. In unsern Zeiten hat man die Vernachlässigung der weiblichen +Bildung, deren die Vorfahren sich schuldig machten, erkannt und zu +verhüten gesucht. Aber man ist auf das andere Extrem gerathen. Dem +Weibe ist mehr ~Fertigkeit~, als ~Wissen~ nöthig, mehr sittliche, +als wissenschaftliche Bildung, und es ist theils vergebens, theils +verderblich, daß man es darauf anlegt, dem Mädchen durch einen +streng-wissenschaftlichen Unterricht eine Ausbildung zu geben, +die man wohl ~Verbildung~ nennen mag, und sie zu sehr an den Genuß +der Lectüre zu gewöhnen, durch den sie leicht eine Abneigung gegen +mechanische Beschäftigung erhalten, die dann schwer zu besiegen ist. +Nichts hat man sorgfältiger zu verhüten, als daß das Mädchen sich +nicht unglücklich glaube und fühle, weil es durch seine Bestimmung zu +einförmigen und mechanischen Beschäftigungen verpflichtet ist, und +sich nicht dünken lasse, für diese Beschäftigung zu gut zu seyn. Daher +präge man ihnen die Wichtigkeit dieser Beschäftigung, und ihren Einfluß +auf den Wohlstand des Hauses, und den heitern Genuß des Lebens tief +ein, und gebe nicht zu, daß sie sich unter jeglichem Vorwande davon +lossprechen. Man zeige ihnen, wie viel Besonnenheit, Ueberlegung, +Einsicht und Selbstbeherrschung die Führung der Haushaltung erfordere, +und wie planmäßig dies alles eingerichtet werden könne und müsse. +Schon das zehnjährige Mädchen habe ihren kleinen Antheil an den +Haushaltungsgeschäften, und ihren Wirkungskreis, dabei Anleitung zu +solchen Fertigkeiten, die im Hause nöthig sind. + +Da ferner das Mädchen durch die äusseren und inneren Verhältnisse +des Geschlechts, und durch seine ganze Lage in der Gesellschaft zum +Entsagen und Ertragen bestimmt und verpflichtet ist, so hat die +Erziehung ganz vorzüglich hierauf Rücksicht zu nehmen, und besonders +dem Geselligkeitstriebe und der Neugier entgegen zu arbeiten, denn +beide stellen sich den Forderungen der Pflicht entgegen, und werden am +häufigsten gereizt; sie üben die stärkste Gewalt über das weibliche +Herz aus. Darum ist Eingezogenheit die gedeihliche Witterung, in +welcher sich alle Keime des Guten in dem Mädchen glücklich entfalten, +und ein zerstreutes, geräuschvolles Leben der Tod der ächten +Weiblichkeit. Da der Geselligkeitstrieb wegen des vorherrschenden +Hanges zur Mittheilung in dem weiblichen Herzen so mächtig wirkt, so +muß er nur sehr vorsichtig befriedigt werden. Der Neugier gebe man nur +selten Nahrung; sie wird leicht die ergiebige Quelle vieler Thorheiten, +und läßt keine Liebe zur häuslichen Eingezogenheit und Einförmigkeit +aufkommen; sie gewinnt leicht eine solche Herrschaft über das Herz, daß +alle weibliche Würde dabei verloren geht, besonders wenn der Umgang +mit Dienstboten sie nährt. Je mehr die Wißbegierde belebt und genährt, +das Mädchen in harmonischer Thätigkeit erhalten, sein Sinn auf das +Schöne und Edle gelenkt wird, desto freier wird es von den Fesseln der +Neugierde. + +Desto leichter wird es ihm aber auch werden, zu ~entsagen~, sich selbst +zu verleugnen und zu ~erdulden~, besonders wenn die wohlwollenden +Gefühle durch eine sanfte und liebevolle Behandlung und durch eine +religiöse Erziehung genährt sind. Doch in dem zarten Alter, wo die +Sinnlichkeit noch so mächtig, und die Vernunft noch so ohnmächtig ist, +lege man ihm nicht ausdrückliche Entsagungen und Entbehrungen auf, +wenigstens nicht ohne die sorgfältigste Rücksicht auf seine Kraft, +damit nicht der liebliche und wohlthätige Frohsinn verloren gehe. + +Schamhaftigkeit, Reinlichkeit und Sittsamkeit, so wie alle andere +weibliche Tugenden, werden zwar von selbst in dem Herzen des Mädchens +erwachen, wenn die Behandlung in der Kindheit nicht eine ganz verkehrte +ist; doch müssen auch sie gepflegt und genährt werden, besonders bei +dem achtjährigen Mädchen. + + + 62. + +»Da das Mädchen in der Regel nach dem achten Jahre aus seiner +kindlichen Unbefangenheit heraustritt, so will es von da an sorgsam +beobachtet, regelmäßig und anhaltend beschäftigt, positiver behandelt +seyn, damit durch äussere Einwirkung und Verhältnisse die innere gute +Natur bewacht und gesichert wird, vor allem durch die wohlthätige +Macht guter Gewohnheiten und Beispiele. Doch ist es schwer, hier den +rechten Ton in der Erziehung zu treffen, und dem Mädchen nicht zu viel +von seiner liebenswürdigen Natürlichkeit und Herzenseinfalt zu rauben, +indem man es an äussere Zucht und Sitte, an das Anständige, Ehrbare +und Zarte gewöhnt. Es kommen Fälle vor, in welchen man sich genöthigt +sieht, die äussere gesellschaftliche Bildung fast aufzugeben, um +Mädchen nicht zu verderben durch aufgedrungene Natur. Die Mädchenschule +ist von dieser Seite nicht ohne Nachtheile und selbst nicht ohne +Gefahr. Man denke nur an die fade Geschwätzigkeit und Modesucht, +und wie leicht dadurch, so wie durch das Wohlgefallen am Figuriren, +der reine naive und natürliche Sinn verloren geht; wie leicht eine +Abstumpfung des Gefühls durch unzarte oder schonungslose Behandlung +erfolgen kann.« ~Schwarz Erziehungslehre~ 3. 1. S. 218. + +Ein vortreffliches Bildungsmittel, sowohl für die wohlwollenden +Gefühle, als für die Thätigkeit, ist es, wenn das Mädchen früh mit +kleinen Kindern, besonders mit Geschwistern, sich zu beschäftigen +hat, wenn man ihm zuweilen die Sorge für sie überträgt, besonders in +Krankheit, und die Aufsicht über ihre Spiele. Wunderbar und herrlich +wirkt dann die Liebe, die Gott so tief in die Seele des Mädchens +gepflanzt hat, und sie haben dabei einen Lebensgenuß, der nicht zu +beschreiben ist. Die Uebung in der Geduld, Sanftmuth, Nachgiebigkeit +und Selbstverleugnung bei diesem Geschäft ist höchst wohlthätig. -- +Nur wache man, daß sie es nicht zu weit treiben, nicht die Kinder +verziehen, und lege ihnen keine zu schwere Last auf. + + + 63. + +Mit dem vierzehnten Jahre muß sich alle Sorgfalt und Einwirkung +der Erziehung verdoppeln, weil dann ein Erwachen des Mädchens zum +deutlicheren Bewußtseyn eintritt, und ein höheres Gefühl für die Würde +und für die äussern Vorzüge des Geschlechts, zugleich Ansprüche und +Verlangen, welchen die Erziehung entgegen zu arbeiten, oder vielmehr, +welchen sie den Widerstand der vernünftigen Ueberlegung entgegen +zu stellen hat. Das Mädchen wird nun aufmerksamer auf Menschen und +menschliche Verhältnisse, sieht und hört gleichsam schärfer, fühlt +tiefer, und wird nun leicht von Täuschungen der Eitelkeit und des +Leichtsinns geblendet. Hier ist es nicht genug, daß die Erziehung +höhere Forderungen an das Mädchen mache, von ihm Ueberlegung und +Besonnenheit, Ausdauer und Geduld, sorgfältigere Beobachtung des +Schicklichen und Anständigen verlange; sie muß auch dem Herzen, welches +in dem Kampfe zwischen Vernunft und Sinnlichkeit sich gedrückt und +beängstigt fühlt, mit ihrer ganzen ~Liebe~ zu Hülfe kommen und mit +einer ~weisen Strenge~; denn gerade in diesem Alter ist pünktlicher +Gehorsam eben so nothwendig, als wohlthätig, weil er die Kraft der +Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung übt, und das Mädchen der +Gewalt der Leidenschaft entzieht. Wenn Mädchen in diesem Alter +in Zerstreuungen verwickelt, an den Genuß des gesellschaftlichen +Vergnügens gewöhnt, mit den Eitelkeiten des Lebens bekannt gemacht, +und in seine Täuschungen verstrickt werden, so sind sie in den meisten +Fällen für ihre ganze Bestimmung verloren. Die regelmäßigste und +mannigfaltigste Beschäftigung muß hier, vereint mit der religiösen +Ausbildung, jeder Ausartung entgegenwirken, und besonders auch jede +krankhafte Ueberspannung der Gefühle, so wie die Uebermacht der +Phantasie verhüten. Das weibliche Gemüth mit seiner Reizbarkeit, +Weichheit und Behendigkeit der Empfindung, nimmt so leicht in diesem +Alter eine unglückliche Richtung, und wenn das Gefühlsvermögen des +Weibes einer weit höheren Ausbildung fähig ist, als das männliche, so +ist es auch einer weit größeren Ausartung fähig; und besonders zwei +Klippen sind es, woran die Würde und die Ruhe weiblicher Seelen so +leicht scheitert, Gefallsucht und Vergnügungssucht. Wenn daher die +Erziehung hier nicht zu rechter Zeit entgegen arbeitet, auf der einen +Seite durch die sorgfältigste Bildung des Verstandes und Belebung des +Bewußtseyns menschlicher und weiblicher Würde, auf der andern durch +Gewöhnung an häusliche Stille und Eingezogenheit, und durch Uebung +des Herzens in der Selbstverleugnung: so wird die Ausartung nicht zu +verhüten seyn. Die Meinung, daß junge Mädchen ihres Lebens froh werden +müßten in sinnlichem Genuß, und daß man es hierin nicht zu genau nehmen +dürfe, da doch das Herz sie so mächtig zum Vergnügen hinziehe, und dann +die mütterliche Eitelkeit selbst, die in der Schönheit der Tochter, +und in der Aufmerksamkeit, die sie erregt, Befriedigung findet, +bringen hier die traurigsten Mißgriffe hervor. Vergnügungssüchtige +und gefallsüchtige Mädchen machen die furchtbarsten Fortschritte im +Leichtsinn, der ohnehin diesem Geschlecht so natürlich ist, setzen +sich bald über die stärksten Regungen des Gewissens und sittlichen +Gefühls hinweg, oder betäuben sich dagegen, und bringen es zu einer +höchst verderblichen Abneigung gegen alles Ernsthafte und Anstrengende. +Wie die Eitelkeit die Grundlage der sittlichen Ausbildung, nämlich +die Selbstkenntniß, unmöglich macht, so die Vergnügungssucht allen +Eifer und alle Ausdauer bei dem, was Anstrengung fordert. Diese +Verirrungen des Schönheitssinnes und diese Ausartung der Sinnlichkeit +haben theils in einer mangelhaften Verstandesbildung, theils in der +Einseitigkeit der Erziehung überhaupt, und in der Unbekanntschaft mit +geistigen Freuden, oder in der Unempfänglichkeit für geistige Genüsse +ihren Grund. Daher die Erscheinung, daß viele, für gebildet geltende, +Weiber sich unbeschreiblich langweilen, wenn man ihnen zumuthet, an +geistigen Genüssen Theil zu nehmen, und daß sie alles in ein Spiel +ihrer Eitelkeit und in Genuß verwandeln wollen, und immer Unterhaltung +fordern. + + + 64. + +Das Mädchen soll der Erziehung eine selbstständige Existenz verdanken; +sie soll durch die Erziehung mit all den Kenntnissen und Fertigkeiten +ausgestattet werden, welche die weibliche Bestimmung und der +weibliche Beruf in seiner weitesten Ausdehnung fordert, damit sie +entweder Vorsteherin eines Hauswesens, oder Erzieherin, oder Beides, +oder nur eine Gewerbtreibende seyn könne. Man achte dabei auf die +besondere Richtung ihrer Haupt-Neigung, damit kein eigentliches Talent +unausgebildet bleibe. Zum Zeichnen, zur Musik und zu den wesentlich +nothwendigen Handarbeiten werde es bestimmt angehalten, doch im +richtigen Verhältnisse zur übrigen Ausbildung, und ohne daß irgend ein +Zweig derselben mit Zurücksetzung der übrigen herausgehoben werde. +Denn nichts hält den Erfolg der Erziehung, besonders in so fern sie +Ausbildung des Geistes ist, mehr auf, als das rastlose Hinarbeiten auf +die Entwickelung eines einzigen Talents. Das eigentlich Menschliche, +die Bildung zu einem Vernunftwesen, und das glückliche Gleichgewicht +der Seelenkräfte geht dann ganz verloren, und es entsteht eine +Einseitigkeit und Beschränktheit der Ausbildung, welche das ganze Leben +in einen Mechanismus verwandelt, und es dem Menschen unmöglich macht, +sich zu höhern Ansichten des Lebens zu erheben, und das Edle, das +Erhabene und Göttliche in seine Seele aufzunehmen. + +Die Erziehung hat noch nicht alles gethan, was sie thun soll, wenn +sie nur dafür sorgt, daß das Mädchen für den Beruf, der ihr zunächst +durch die Bestimmung ihres Geschlechts angewiesen ist, sorgfältig +und zweckmäßig gebildet werde; sie hat noch eine wichtige Rücksicht +zu nehmen auf die Verhältnisse des weiblichen Geschlechts in der +bürgerlichen Gesellschaft und auf das, was diese Verhältnisse fordern, +nämlich solche Fertigkeiten, Geschicklichkeiten und Kenntnisse, wodurch +es dem Weibe möglich wird, auch wenn es allein steht, sich seine +Erhaltung und einen Grad von Selbstständigkeit zu sichern. Die immer +größer werdende Seltenheit des Familien-Wohlstandes, und an sich schon +die Unsicherheit dieses Wohlstandes, macht es nothwendig, dem Mädchen +einen Erwerb zu sichern, der es gegen Mangel schützt, und bei dem es +die Würde seines Geschlechts behaupten kann. + +Es gibt gewisse Arten des Erwerbens, die eigentlich nie von Männern, +sondern immer nur von Weibern betrieben werden sollten, und es gehört +zu den Ausartungen, welche Verfeinerung und Luxus herbeiführen, daß die +Männer Erwerbszweige an sich gerissen haben, welche weder männliche +Körperkraft, noch männlichen Geist fordern. Es ist zu erwarten, daß der +Krieg, der so viele Männer hingerafft hat, diese Erwerbszweige wieder +in die rechten Hände bringen werde. Um so mehr muß aber die Erziehung +die Mädchen mit den dazu nöthigen Fertigkeiten ausstatten, aber auch +mit den sittlichen Eigenschaften, die Geschäft und Gewerbe erfordern. +Die Fertigkeiten sind: Nähen, Sticken, Stricken, Zeichnen, Spielen, +Singen, Verfertigung aller Arten von Kleidungsstücken, Schreiben und +Rechnen. Der Kleinhandel sollte nur von Weibern betrieben werden, +weil nur diese dem entehrenden und ausartenden Müßiggange entgehen +können, zu welchem er die Männer, aus Mangel einer anständigen +Hand-Arbeit, verurtheilt. Die Kleider für Frauenzimmer sollten nur von +weiblichen Händen verfertigt werden. In keiner Küche sollten mehr Köche +anzutreffen seyn. + +Die Bildung für den Erwerb sey aber keine einseitige; die bürgerliche +Gesellschaft fordert mehr als ~eine~ Fertigkeit und Geschicklichkeit +zum Bestehen, da sie Verhältnisse herbeiführt, in welchen diese +oder jene Fertigkeit nicht ernährt. Hier achte die Erziehung auf +die natürlichen Anlagen, und bilde sie für diesen Zweck vorzüglich +aus. So werde also z. B. ein musikalisches Talent, eine vorzügliche +Singestimme, eine Anlage zur mechanischen Geschicklichkeit ja nicht +vernachlässigt, weil der Genuß, der Werth und die Ruhe des Lebens +hievon abhängt. Der ~Genuß~, weil es keinen reineren gibt, als den des +Vollbringens und des Bestehens durch eigene Kraft; der ~Werth~, weil +dies den Wirkungskreis des Weibes erweitert, und ihm einen größern +Antheil an der allgemeinen Wohlfahrt, oder auch an dem Wohl einzelner +Menschen, oder der Familie gewährt; die ~Ruhe~, weil das Bewußtseyn +einer solchen Ausbildung und der mannigfaltigsten Brauchbarkeit für +die Welt jede Nahrungssorge und jede Besorgniß wegen der Zukunft +verbannt. Und wie oft wird dadurch das Schicksal einer ganzen Familie +sicher gestellt! Wie manche Tochter ernährte durch ihre Kunst Vater, +Mutter und Geschwister. Wie viele erwerben sich als Lehrerinnen, +Erzieherinnen, Vorsteherinnen einer Beschäftigungs-Anstalt große +Verdienste. Und wie quälend ist die Aussicht in die Zukunft für die, +welche nicht durch sich selbst bestehen können! + + + 65. + +Die sittlichen Eigenschaften, die mit den Fertigkeiten vereint +wirken müssen, sind: Geduld und Ausdauer, Selbstverleugnung und +Enthaltsamkeit, Besonnenheit und Ueberlegung, Erfindungsgabe. Für +die letztere Kraft in ihrer Entwickelung wirkt die Geschichte der +Erfindungen, und die Bekanntmachung mit nützlichen Verbesserungen der +gewöhnlichen häuslichen Geräthschaften. Wie oft gab schon ein einziger +glücklicher Gedanke in dieser Hinsicht einem Leben hohen Werth und +ausgebreitete Wirksamkeit, und begründete den Wohlstand einer ganzen +Familie. + + + Pädagogische Heilkunde. + +Jede Abweichung von dem Gebot, welches dem Menschen durch seine +sittlichen Gefühle und seine Vernunft in's Herz geschrieben ist, +und jede Ausartung der natürlichen Triebe, ist Krankheit der Seele, +und erfordert Heilung. In der Kindheit entstehen diese Krankheiten, +und werden oft nur dem sorgfältigen Beobachter und dem geübtern +Auge sichtbar; bleiben sie unentdeckt, und also in ihren Anfängen +ungehemmt, so gehen sie in den Charakter über. Jede Unart hat in der +Vernachlässigung der Erziehung, oder in einem nachtheiligen Einflusse +des Körpers und der physischen Gewöhnung ihren Grund. + +Jede Unart ist in ihrem tiefsten Grunde Keim des Guten, der aber +verwahrloset, oder unter ungünstigen Einflüssen untergegangen ist, +oder auch eine falsche, gewöhnlich einseitige Richtung, welche irgend +eine Seelenkraft genommen hat. Soll die Heilung gelingen, so muß die +Natur der Krankheit von dem Erzieher richtig erkannt, ihr Zusammenhang +mit andern Uebeln und mit dem Guten erforscht und berücksichtigt, also +ihr Ursprung mit Sicherheit entdeckt, ihr Grad richtig aufgefaßt, das +Heilmittel weise gewählt und mit eben so viel Geduld, als Einsicht +angewandt werden, damit nicht, indem das eine Uebel weggeschafft wird, +ein anderes hervorgebracht oder herbeigeführt werde. Der Erzieher +kann, z. B. die Trägheit des Zöglings überwältigt, aber dadurch, daß +er gewaltsame Mittel anwandte, demselben die Lust und Liebe und die +kindliche Fröhlichkeit genommen haben, oder indem er dem Eigensinnigen +den Willen brach, ihm auch das Herz gebrochen haben, oder indem er den +Leichtsinn bekämpfte, das Kind verstockt, scheu und ängstlich gemacht +haben. + +»Auf zweierlei Art werden Unarten geheilt: entweder durch Ablenkung +der Aufmerksamkeit und Neigung des Kindes, im Ganzen und im Einzelnen, +also negativ, oder auch positiv durch Strafen.« Das erste ist hier +unstreitig das Wohlthätige und Wirksamere, eine gründliche Heilung, +wobei nicht leicht ein neues Uebel sich zeigt, und wird vorzüglich auf +~die~ Art angewandt, daß man entweder das Kind in eine ganz andere, +und zwar in eine solche äussere Lage bringt, in welcher es gar keine +Reizung zu seiner Unart erhält, oder auch, daß man einen Gegenreiz, z. +B. Erregung der Neugierde, des Ehrtriebes, der Furcht, der Hoffnung, +anwendet, um seinen Neigungen eine bessere Richtung zu geben. + +Da die Unarten und die Fehler der Kinder nichts anderes, als +verwahrlosete Keime des Guten sind, so steht der Unart immer eine +Tugend gegenüber, und da jede Unart wiederum, sich verstärkend, andere +nach sich zieht oder erzeugt, so gibt es so viele Reihen von Unarten, +als es Tugenden des Kindes gibt. + +Die ersten beiden Reihen können nichts anderes seyn, als verkehrte +Richtungen der Kraft, oder Mangel an Kraft und Trieb, also Trägheit. +So z. B. wenn Kinder bei einer großen Lebhaftigkeit, und einem +ungewöhnlichen Drange zur Thätigkeit, nicht hinreichende Beschäftigung +finden, und also lange Weile empfinden -- oder wenn man sie in der +Periode, da noch der Spielgeist seine volle Kraft hat, zu angestrengter +Aufmerksamkeit beim Lernen nöthigt, und ihnen dadurch einen Widerwillen +gegen das Lernen beibringt -- oder zu der Zeit, da sie noch nicht +sichtbare Fortschritte in der sittlichen Verbesserung machen können, +unaufhörlich tadelt und krittelt, und dadurch in einen Zustand der +Spannung und des Mißmuths versetzt -- oder ohne Nachsicht straft, wo +erst die Kraft der bessern Gewöhnung eintreten müßte. Ist es nicht +natürlich, daß das Kind muthwillig, oder auch schlaff und träge wird, +weil sein Thätigkeitstrieb keine Befriedigung erhält? Darum soll der +ganze Umgang der Erwachsenen mit Kindern eine fortgehende Befriedigung +ihres Thätigkeitstriebes, und eine Richtung desselben auf das +Nützliche und Gute seyn. Wiederum, wenn Eltern oder Erzieher Lieblinge +haben, denen sie alles verstatten, alle Unarten ungestraft hingehen +lassen; müssen diese nicht eigensinnig, herrschsüchtig, trotzig +und selbstsüchtig, und die um der Lieblinge willen zurückgesetzten +verschlossen, boshaft und verdrossen werden? Bei solchen Kindern ist +es eine verkehrte Behandlung, sie durch Liebkosungen und wohl gar +Schmeicheleien an sich zu ziehen, oder durch anderweitige Reizungen +ablenken zu wollen. Gründlich können sie nur geheilt werden, wenn man +sie aus dem ganzen ungünstigen Verhältnisse heraus und in ein besseres +versetzt, mit liebreichem Ernst und Festigkeit ihnen entgegen tritt, +keine Aeusserung der Bosheit oder Herrschsucht ungerügt läßt, sie +möglichst vor Reizungen bewahrt, jede Regung besserer Gefühle durch +Lob und Ermunterung unterstützt, durch regelmäßige Beschäftigung und +gleichmäßige Behandlung sie an Ordnung und Regelmäßigkeit zu gewöhnen +sucht, die sittlichen Regungen belebt und stärkt. Verzogene Kinder +sind nicht undankbar gegen eine solche Bestrebung, sie zu bessern; +sie fühlen es bald, daß man ihnen wohl thut, wenn nur überall Liebe +und Wohlwollen durchblickt, fühlen besonders das Wohlthätige der +Beschäftigung. Nur werde jede verächtliche Behandlung vermieden, denn +diese erregt Abneigung und Widerwillen; auch Ironie und feiner Spott, +Satyre und Bitterkeit im Tadel thun entgegengesetzte Wirkung. + +Eine eben so schwere Aufgabe für die Erziehung und eben so schwer im +Umgange zu behandeln, sind solche Kinder, die überfüllt sind durch +einen planlosen Unterricht mit unverdautem Wissen, und in welchen +sich Dünkel und Trägheit zugleich festgesetzt haben, weil sie sich +bei dem Unterricht immer nur leidend verhielten, ohne Anregung und +Uebung des Nachdenkens. Verwöhnt durch eine Behandlung, bei welcher +man ihnen alle Anstrengung ersparte, versunken in eine Zerstreuung und +Schlaffheit, die alle Geisteskräfte in Schlummer wiegt, machen sie der +Erziehung durch beständige Unruhe und Unmuth, wohl durch Unbändigkeit +und Ausgelassenheit viel zu schaffen. Das sind die traurigen Folgen +einer planlosen Erziehung in Häusern, wo ein gewisser Wohlstand +herrscht, und es nicht an Zerstreuung fehlt. Dabei kann doch hie und da +Talent hervorblicken, und das Bewußtseyn im Kinde seyn, daß es etwas +vermöge; aber desto mehr macht es dann durch Ansprüche dem Erzieher +zu thun, desto schwieriger ist die Aufgabe, es bei dem Mechanischen +festzuhalten, und es an Regelmäßigkeit und Tagesordnung zu gewöhnen. +Das Ungewohnte erregt ihm widrige und schmerzliche Gefühle. Das +Anhalten zur Ordnung dünkt ihm Gewalt und Bedrückung, und es tritt bald +in ein feindseliges Verhältniß gegen den Erzieher, wenn dieser nicht +Klugheit und Mäßigung genug hat, sich mit dem langsamsten Annähern an +sein Ziel zu begnügen, und in die nothwendige Strenge die Milderung +eines sichtbaren Wohlwollens zu legen. Ein besser gezogenes Kind neben +dem verzogenen und verwöhnten thut hier treffliche Dienste. Ist dies +Mittel nicht vorhanden, so muß man eine Lieblings-Neigung des Zöglings +und den Ehrtrieb zu Hülfe rufen, um ihn für eine regelmäßige und +angestrengte Thätigkeit und für pünktlichen Gehorsam zu gewinnen. In +dem Umgange mit solchen Kindern ist es sehr schwer, den rechten Ton zu +treffen, der sich von zu großer Strenge und Milde gleich weit entfernt. + +Zweierlei Unarten stehen ferner dem Fleiß entgegen, Faulheit und +verkehrte Thätigkeit. Jene ist theils mehr im Körperlichen, theils +mehr im Geistigen, theils in beiden zugleich, und versteckt sich wohl +unter scheinbarer Thätigkeit. Die Weichlichkeit und falsche Güte in +der Erziehung erspart den Kindern jede Anstrengung, und verwöhnt sie +dadurch so sehr, daß jede Art der Thätigkeit ihnen Qual dünkt. Die +Faulheit zieht aber, da sich nun aller Trieb auf den Genuß richtet, +Gefräßigkeit und Leckerhaftigkeit nach sich, macht eben dadurch die +Kinder diebisch, lügenhaft und unreinlich. Nicht genug kann man daher +bei Kindern der Faulheit entgegenwirken, nicht sorgsam genug sie +dem Müßiggange entziehen. Aber die Aufgabe ist schwer, Kinder immer +hinreichend zu beschäftigen, die zum eigentlichen Lernen noch zu jung, +dabei lebhaft, und also veränderlich sind. Wenn man bei den Erwachsenen +die Noth als Antrieb zur Thätigkeit gebraucht, so will das bei Kindern +nicht gelingen, und ist nicht immer anzuwenden. Soll man das Kind +hungern lassen? So wird es mißmüthig, und verliert die Lust und Liebe. +Oder der Plage der langen Weile übergeben? So ist zu fürchten, daß es +auf andere Abwege geräth, oder der Schlaf hilft ihm darüber hinweg. Man +versuche es lieber zuerst mit allerlei ~sinnlichen Beschäftigungen~, +und solchen, die sich dem Spiele nähern. Du sollst mir helfen! sage +man freundlich dem Kinde. Oder: wir wollen mit einander dieß und jenes +thun. Man bringe absichtlich Bücher, Geräthschaften, Geld in Unordnung, +und lasse alles wieder von dem Kinde in Ordnung bringen. Dabei suche +man durch Lob ihr Selbstgefühl und ihre Lust zu erhöhen, sey für's +erste mit jeder Leistung zufrieden, sorge für Mannigfaltigkeit +der Beschäftigung, ohne doch der Neigung zur Veränderung zu viel +nachzugeben. Man lasse Kinder recht früh schreiben, zeichnen, in +Papier ausschneiden, Papparbeiten machen, Bücher heften und einbinden, +schnitzen und ein wenig drechseln lernen, so kann man viel Abwechselung +in ihre Beschäftigung bringen. Haben sie die Buchstaben zusammensetzen +gelernt, so gebe man ihnen ein Buchstabenkästchen, und lasse sie Wörter +zusammensetzen, eine Beschäftigung, die ihnen eben so angenehm, als +nützlich ist. Bei Gedächtniß-Uebungen halte man sie besonders fest, +weniger bei Handarbeiten, welche mehr Ausdauer fordern, als zarte +Kinder haben können. Können sie schon mit einiger Fertigkeit schreiben, +so lasse man sie das Auswendiggelernte oder das, was man ihnen vor +einiger Zeit erzählt hat, aus dem Gedächtniß niederschreiben; man +lasse die, welche ein schwaches Gedächtniß haben, durch Nachsprechen +memoriren -- man ermuntere sie zum Briefschreiben, und Abschreiben, und +lasse sie kleine Verzeichnisse anfertigen, kleine Sammlungen anlegen. + +Der Unreinlichkeit träger Kinder kann nur durch strenge Gewöhnung +und Anregung des Ehrgefühls entgegengearbeitet werden. Dabei sey man +unerbittlich in der Strenge. + +Hat man der Veränderlichkeit der Kinder und ihrer Laune zu viel +nachgegeben, oder sie zu viel sich selbst überlassen, ohne sie +regelmäßig zu beschäftigen, so entsteht die falsche Thätigkeit +(Flatterhaftigkeit). Da gibt es ein unruhiges, bald nach diesem, bald +nach jenem greifendes Wesen, Ueberdruß und Mißmuth, so oft einige +Anstrengung oder Sorgfalt gefordert wird. Das Kind fängt etwas mit +Hitze an, läßt es aber bald wieder liegen, und fängt etwas Neues an, +ohne je zu vollenden; endlich wird es aller Beschäftigung überdrüßig, +und will nur herumlaufen, spielen, amüsirt seyn. Bei Kindern von +lebhaftem Temperament und glücklichen Anlagen entsteht dies unstäte +Wesen wohl aus Mangel an solidem Unterricht und Geistes-Nahrung, aber +auch aus Ueberfüllung mit Realkenntnissen, ohne Uebung und Anstrengung +der Denkkraft. Man muß mit solchen Kindern ganz vorne anfangen, jedoch +ohne daß sie dieß inne werden, muß vor allem Denkübungen mit ihnen +vornehmen, und sie fest zu halten suchen, indem man vom Leichtern zum +Schwerern fortgeht. Man entfernt sorgfältig alles, was sie zerstreuen, +oder sie unmuthig machen könnte; man lobt ihr Wissen, und regt ihre +Wißbegierde an durch solche Aufgaben, die Verstand und Phantasie +beschäftigen; man erlaubt ihnen für's erste keine Fragen, läßt sie aber +viel nachsprechen, um sie im Aufmerken zu üben, rechnet oft mit ihnen +im Kopfe. + +Die Trägheit kündigt sich auf mancherlei Weise, nicht gerade durch +Abneigung gegen alle Beschäftigung, sondern nur gegen die, welche +Anstrengung und Ausdauer erfordert, oder die gerade jetzt gebotene an, +durch ungebehrdiges Wesen, faule und nachlässige Stellungen, Plumpheit, +Lärmen, Zanksucht und grobe Begehrlichkeiten; denn die Trägheit will +nur genießen, nicht erwerben. Mäßige Bestrafungen, kein Schelten und +Beschimpfen, bei Naschhaftigkeit strenge Strafe. + +Dem Frohsinn stehen ~Trübsinn~ und ~Leichtsinn~ entgegen. Das düstere, +verdrießliche und mürrische Wesen wird den Kindern leicht zur Natur, +wenn unfreundliche und harte Behandlung, oder lange Weile ihr Gefühl +aufgeregt haben. »Es gibt,« sagt J. P. sehr richtig, »ungelenke, +verworrene Stunden (Stimmungen?), wo das Kind durchaus gewisse Worte +nicht nachzusprechen, gewisse Befehle nicht zu erfüllen vermag, aber +wohl in der Stunde darauf. Haltet dieß nicht für Starrsinn. Ich kenne +Männer, die auf die Ausrottung einer üblen Angewohnheit Jahre lang +losarbeiteten, ohne besondern Erfolg zu erleben. Wendet dieß auf +Kinder an, welchen gewöhnlich ein paar tausend Gewohnheiten auf einmal +abzulegen befohlen wird, damit ihr nicht sofort da über Ungehorsam +schreiet, wo nur Unvermögen der überlasteten Aufmerksamkeit ist.« +Aber auch ängstliche und zu weichliche Behandlung, ein zu sorgsames +Aufmerken auf alle ihre Bedürfnisse und Wünsche, kann diese Wirkung +hervorbringen. Nur dadurch, daß man solche Kinder durch angemessene +Beschäftigung zu einem wohlthätigen Selbstgefühl erhebt, sie durch +Entbehrung und Strafe zum Nachdenken und zur Selbstbeherrschung bringt, +sie bei jeder Regung mürrischer Laune entfernt, ihnen durch Strafe Noth +verursacht, und dadurch ihren Gedanken eine andere Richtung gibt, bei +wiederkehrender Heiterkeit sie mit besonderer Güte behandelt, aber auch +bei eintretender mürrischer Laune mit unerbittlicher Strenge -- (z. B. +ich esse nicht mit einem mürrischen Kinde!), nur dadurch wird man sie +bessern. + +~Leichtsinn~ zeigt sich noch nicht im frühen Kindesalter, aber der +Keim ist da in Unachtsamkeit, Flatterhaftigkeit und Gedankenlosigkeit, +und in Gleichgültigkeit bei Lob und Tadel, in schnellem Uebergang +von tiefer Betrübniß bei Strafen zur Ausgelassenheit. Kinder, die +sich selbst überlassen sind, oder es zu gut haben, und nicht mit +der den Kindern so nothwendigen Strenge erzogen werden, sondern zu +viel Nachsicht genießen, werden leichtsinnig, und müssen es werden. +Daher ist Leichtsinn ein Uebel der höheren Stände und des weiblichen +Geschlechts. Die gutmüthige und weichliche Mutter wird gar zu leicht +die aufmerksame und willige Dienerin der Tochter; diese, zu sehr +verwöhnt, kann sich zu keiner Art von Anstrengung entschließen. -- +Ist die Unart eingewurzelt, so kann man nicht genug die Achtsamkeit +des Kindes üben, und besonders die Achtsamkeit auf sich selbst, durch +einfachen Zuruf, ohne viele Worte der Erinnerung, durch Zeichen, durch +solche Aufträge, wobei große Sorgfalt und Aufmerksamkeit nöthig ist (z. +B. zerbrechliche Sachen in Ordnung zu bringen), durch Uebung des Gehörs +und Gedächtnisses, durch kluge und kräftige Warnung. Die festeren +und kräftigern Naturen sind am wenigsten zum Leichtsinn geneigt, die +weicheren am wenigsten zum Trübsinn. + +Dem frommen (dankbaren) Sinne stehen entgegen ~Unfolgsamkeit~ und +~Wankelmuth~. In dem Kinde regt sich bald der Trieb zu herrschen, und +zeigt sich als Eigensinn und Eigenwille. Sehr bald entsteht daraus +Gefühllosigkeit und Widerspenstigkeit. Das unzeitige Nachgeben der +Eltern ist die nächste Ursache -- aber auch wohl ihr Eigensinn und +ihre Ungerechtigkeit. Werden die Kinder nur als Mittel des Geldgeizes +oder der Eitelkeit der Eltern gebraucht, stört man sie, um sie +kunstmäßig abzurichten, in ihren kindlichen Freuden, entsteht also +kein liebevolles Verhältniß zwischen Eltern und Kindern, so können +diese nicht dankbar seyn, sondern sie müssen sich, wo sie nur können, +dem Willen der Eltern widersetzen, da sie keinen andern Antrieben, +als den sinnlichen, folgen können. Fehlt nun noch dazu alle Pflege +des religiösen Gefühls, wie können die Kinder vor dieser traurigen +Ausartung bewahrt bleiben? Aber auch zu weichliche Güte, von Eltern +oder Großeltern, ist die Quelle dieser Unart. Finden die Kinder nie +Widerstand bei ihren thörichten Forderungen; zeigt man ihnen durch +unzeitiges und unverständiges Nachgeben und Einwilligen eine gewisse +Schwäche, oder Furcht vor ihrem Trotz und Eigensinn, so machen sie +bald die traurigsten Fortschritte in dem Ungehorsam und in der +mürrischen Widerspenstigkeit. Eine ganze Reihe von Unarten sind im +Gefolge des Ungehorsams, besonders hartes und boshaftes Wesen gegen +Niedere, Dünkel, Zanksucht. Wird dann nicht die ganze Behandlung des +Kindes geändert, und auch wohl seine äussere Lage, so daß es unter +ganz andere Menschen, und in ganz neue Verhältnisse kommt, so ist das +Uebel unheilbar. Muß es in seinen häuslichen Verhältnissen bleiben, so +darf ihm wenigstens von Seiten des Erziehers nie nachgegeben werden; +vielmehr muß ihm dieser mit einem festen Ernst entgegentreten, und ihm +sogar, wenn es schon einige Verstandesbildung hat, förmlich ankündigen, +daß es von nun an nicht mehr seinen Willen haben werde, wobei er ihm +begreiflich zu machen sucht, wie heilsam und nothwendig dieß sey, und +es, so oft es gehorsam ist, mit besonderer Liebe behandelt, überhaupt +aber durchaus herzlich. Eigentliche Strafen treten nur bei offenbarer +und beharrlicher Widersetzlichkeit ein, wobei man ihm aber Zeit zur +Besinnung läßt. Alles werde angewandt, Gefühle der Reue, des Dankes, +des Vertrauens in solchen verwahrloseten Kinder-Herzen zu wecken; man +zeige dem Kinde Bedauern und Theilnahme; man gewähre ihm Vergnügen +und Erholung, so oft es sich besser zeigte -- man erleichtere ihm das +Gehorchen durch die Art des Gebietens, und durch Entfernung der Reizung +zum Ungehorsam -- man suche ihm ein ermunterndes Beispiel vor die Augen +zu bringen; man zeige ihm Vertrauen, und strafe es nie zürnend. Zeigt +es Gefühl, so komme man ihm mit religiösen Vorstellungen zu Hülfe; +faßt es kein Zutrauen, und zeigt es kein Gefühl, so lasse man sich +dadurch nicht zu Bitterkeiten und zu harten Behandlungen reizen, werfe +ihm nicht seine Gefühllosigkeit vor, mache es aber auf Beispiele der +Dankbarkeit und Theilnahme aufmerksam, und freue sich mit ihm, wenn ihm +etwas Angenehmes, klage mit ihm, wenn ihm etwas Unangenehmes begegnet. + +Eine Unart, welche einigermaßen mit dieser verwandt ist, besteht +darin, daß Kinder gewöhnlich gegen jeden, der nicht zu ihrer Familie +gehört, verschlossen und ängstlich, oder finster sind; eine Folge zu +weichlicher Erziehung, und einer falschen Zärtlichkeit, oder auch +der Unvorsichtigkeit, mit welcher man Kinder im zarten Alter mit der +Schlechtigkeit der Menschen bekannt macht, auch wohl die Wirkung des +den Kindern mit der ersten Nahrung eingeflößten Rangstolzes, und +der Thorheit, ihnen eine äussere Haltung und Würde beibringen zu +wollen. Sehen sie, daß sich ihren Eltern alles mit Unterwürfigkeit +nähert, und werden besonders die Dienstboten mit verachtendem Stolz +behandelt, so kann diese Unart nicht ausbleiben. Lieblosigkeit und +Willkühr, Uebermuth und prahlerisches Wesen sind die Folgen, auch +wohl Verstellungskunst, bei einigen Naturen Blödigkeit. Auch hier ist +Veränderung der Lage das beste Heilmittel. -- Die Religion muß zu Hülfe +kommen, und ein Erzieher, der sich ganz des Herzens zu bemächtigen weiß. + +Das schmeichlerische und hingebende Wesen mancher zart organisirten und +mit wohlwollenden Gefühlen reich ausgestatteten Kinder darf man, wenn +sie heranwachsen, nicht dulden, auch geht es leicht in Gleißnerei über; +es ist eine Wirkung jener thörichten Weichlichkeit in der Erziehung, +die alles durch Liebkosung und Belohnung erreichen, und nie strafen, +nie Ernst gebrauchen will. Bei Mädchen entsteht daraus ein Hang zur +Empfindelei, ein geziertes und pretiöses Wesen, und Abneigung gegen +alles, was Anstrengung und Festigkeit fordert. Daher gewöhne man die +also Verwöhnten an ernste Behandlung, doch ohne Kälte und ohne Spott. + +Kinder von einer besondern Liebenswürdigkeit, und glücklich und früh +sich entwickelnden Anlagen, neigen sich leicht zum Hochmuth und Dünkel +hin, weil man sie gewöhnlich vorzieht, viel aus ihnen macht, und sie +unvorsichtig lobt. Dieser Hochmuth zeigt sich im Widersprechen und in +der Rechthaberei, in der Trägheit beim Unterricht, in einem vorlauten +und unbescheidenen Wesen, und verleitet wohl zum Rollenspielen. Aus +solchen Kindern werden Egoisten, und die Welt hat nichts von ihnen zu +erwarten, wo nicht ihr Ehrgeiz Befriedigung findet. Bei Mädchen wird +Eitelkeit daraus, die sich selbst gefällt und Andern gefallen will; das +Natürliche geht ganz verloren; Albernheit, Putzsucht und Koketterie +regen sich, und alles wird nur nach der Aufmerksamkeit beurtheilt und +geschätzt, die es erregt. Der sinnliche Gegenstand des Bestrebens, +fader Zeitvertreib, Tändeln und Scheinen ist an der Tagesordnung. +Solche Kinder wollen zum Gefühl im Bewußtseyn ihres Unrechts gebracht +seyn, zuweilen durch Beschämung -- die aber sehr vorsichtig anzuwenden +ist -- am besten dadurch, daß man ihnen Fragen vorlegt, und Arbeiten +aufgibt, wobei sie ihre Schwäche erkennen und gestehen müssen -- und +endlich dadurch, daß man sie auf dem Felde des Wissens herumführt, +und ihnen zeigt, wie viel noch zu lernen und zu erringen ist, sie +aber auch zugleich mit der Menschenwürde bekannt macht, und ihnen +zuweilen Aufträge gibt, wobei sie, Theilnahme zu zeigen, Aufforderung +und Gelegenheit haben. Mißlich ist es, ihnen Bescheidene zum Muster +aufzustellen, weil dieß oft nur erbittert; besser, sie eine Zeitlang +nicht zu bemerken, und ihnen alle Gelegenheit abzuschneiden, sich +sehen zu lassen, ihnen dabei den Vorzug der Gesinnung vor dem Wissen +bemerklich zu machen. + +Der Eitlen Wunsch und Streben bleibe ganz unbefriedigt, weil dadurch +die Begierde nur verstärkt werden würde, sondern man gebe ihr, was +sie wünscht, Putz und schöne Kleider; aber in ihren schönen Kleidern +lasse man sie fühlen, wie nichtig dieser Vorzug ist, und daß er +keine Ansprüche auf Werthschätzung gibt, wohl aber leicht thöricht +und unsittlich macht. Man sage ihr, doch ohne Bitterkeit, wie viel +hübscher ihr der einfache Anzug stehe, damit sie nach und nach diese +Armseligkeiten würdigen lerne. Die Mutter, die Erzieherin, die +Gespielin oder Mitschülerin gehe ihr mit dem Beispiele der höchsten +Einfachheit und Anspruchlosigkeit voran. + +Alles kommt überhaupt bei der Erziehung und bei dem erziehenden +Umgange mit Kindern auf den Ton an, welcher im Hause herrscht; er ist +gleichsam das gedeihliche oder verderbliche Klima, in welchem diese +zarten Pflanzen sich entwickeln sollen. Das Beispiel der Eltern und der +Erzieher wirkt mit einer unwiderstehlichen Gewalt auf Kinderherzen, +und darum sollten Erzieher in dem Umgange mit Kindern höchst vorsichtig +zu Werke gehen. Sieht der Sohn seinen Vater täglich dem Vergnügen +nachgehen, und seine Berufsgeschäfte mit Verdruß und so schnell und so +flüchtig als möglich abmachen, so nachläßig als möglich betreiben; hört +er ihn leichtsinnig urtheilen, oder lieblos richten; läßt er sogar den +Sohn fast an jedem Vergnügen Theil nehmen, und ohne Umstände Schule und +Unterricht versäumen, wenn ein Vergnügen sich darbietet; gibt er ihm +selbst die Spielkarten in die Hände, und bringt er vor den Augen seiner +Kinder ganze lange Abende, bis in die Nacht hinein, am Spiel-Tische zu +-- er wird einen Müßiggänger, einen Spieler, oder einen Frohnknecht +in seinem Sohne der Welt erziehen, und das schreckliche Erbtheil des +bösen Beispiels wird ihn zu Grunde richten, oder ihm wenigstens alle +Menschenwürde rauben. + +Eben so unglücklich muß der Erfolg einer Erziehung seyn, die es nur +darauf anlegt, den Kindern das Gepräge der conventionellen Bildung +oder des Zeitgeistes zu geben, und ihnen alles das beizubringen und +anzubilden, was in dem gesellschaftlichen Umgange gilt, und gerade +jetzt an der Tagesordnung ist, oder für Bildung ausgegeben wird. +Zwar hat sich, seit dem Freiheitskriege, eine eigene Secte in der +Gesellschaft gebildet, welche der conventionellen Form, weil sie +größtentheils französischen Ursprungs ist, den Krieg angekündigt, +und die freieste Form, welche eigentlich gar keine ist, als die +rechte angenommen hat; aber glücklicher Weise scheint es nicht, daß +die Grundsätze dieser Secte sich weit verbreiten werden, da man die +Bemerkung gemacht hat, daß sie zu einer Derbheit und Unschlachtigkeit +führen, welche endlich allem geselligen Umgange, besonders dem mit dem +anderen Geschlechte, den Untergang bringen müßte. Für die Beförderung +~der~ Selbstverleugnung, Bescheidenheit und Gefälligkeit, welche +die Natur des gesellschaftlichen Umgangs fordert, sind unstreitig +die conventionellen Formen sehr ersprießlich, und eben darum nicht +aufzugeben. Aber es ist eine merkwürdige Erscheinung, und eine für +Erzieher sehr lehrreiche, daß Naturen von einer unüberwindlichen +Unempfänglichkeit für diese Formen unter beiden Geschlechtern +vorkommen, an welchen alle Anstrengungen der Erziehung für diesen +Theil der Bildung völlig scheitern. Man möchte hieraus schließen, +daß es auch für die gesellschaftliche Bildung eigenthümliche Anlagen +gebe, und daß sie daher eben so wenig, wie z. B. die musikalische, zur +allgemeinen menschlichen Ausbildung gezählt werden dürfe, wenigstens +nicht ohne gewisse Modificationen; daß sie am allerwenigsten das +Hauptziel aller Erziehung seyn dürfe, sondern daß diese vor allem das +Reinmenschliche in dem Kinde auszubilden, zu pflegen und zu entwickeln +habe; daß also die Erziehung keinesweges in eine bloße Abrichtung für +den gesellschaftlichen Umgang übergehen dürfe. Diese Wahrheit wird +jetzt zur Freude aller derer, welche keine Sclaven des Zeitgeistes +sind, allgemeiner anerkannt, und sie hat eine Ueberzeugung geweckt, +welche fast ganz in den höheren Ständen verschwunden war, daß die +religiöse Bildung der Schlußstein aller wahren Bildung sey, und daß +man die Veredlung unseres Geschlechts nicht bloß auf dem Wege der +Verstandesbildung, nicht durch das Erkenntnißvermögen allein bewirken +könne. Man erwartet nun nicht mehr alles Heil für die Menschheit von +der Verbreitung wissenschaftlicher Bildung, und überhaupt von dem +Wissen, sondern läßt der Gesinnung, als dem Höchsten im Menschen, +wieder den ihr gebührenden ersten Rang unter den Bildungsstufen der +Menschheit, wobei man aber seit einiger Zeit den Gefühlen einen zu +hohen Werth beilegt, und sie gar zu gern als Surrogat der Gesinnungen +und Grundsätze einschwärzen möchte, weil es so bequem ist, sich +dem Gefühl zu überlassen, und seinem Herzen die Anstrengungen und +Beschwerden des Handelns und der Selbstverleugnung zu ersparen. Daher +möchte es die heutige Erziehung vorzüglich auf eine recht sorgfältige +Bildung der Vernunft, und also auf feste Grundsätze anzulegen haben, +und ihre Zöglinge in einem gewissen Gleichgewicht zu halten suchen, +damit sie nicht lauter Gemüth werden, und in dem Uebermaß ihrer +Gemüthlichkeit sich der Mystik und der Frömmelei in die Arme werfen. + +Drei Klippen dürften die Erzieher besonders bei dem bildenden ~Umgange~ +mit ihren Zöglingen zu vermeiden haben, nämlich: 1) Daß sie es +nicht darauf anlegen, dem Zöglinge eine bestimmte Form anzubilden, +z. B. nicht die des Oberen, des Untergebenen, des Soldaten, des +Rechtsverständigen, des gläubigen Christen, des Rationalisten, sondern +darauf: Menschen zu bilden, also Vernunftwesen, welche die Kraft haben, +sich frei zu erhalten von dem Joch der Gewohnheit, des Zeitgeistes, +der Menschenfurcht und Menschengefälligkeit, und der Leidenschaft. +2) Daß sie nicht jedem Zöglinge ein bestimmtes Maß von Bildungsstoff +zutheilen, und zwar nur von einer einzigen Gattung, z. B. nur +wissenschaftlichen, oder nur Kunst-Stoff, oder nur moralischen, oder +nur philologischen; sondern den ganzen Stoff ihm darreichen, und zwar +ganz unverarbeitet, denn die Verarbeitung ist die Sache der Natur, und +ohne ihm unsere Form und Ansicht aufzudringen. 3) Daß sie es nicht bei +dem Lehren, und also bei dem Wortwesen bewenden lassen; sondern ihm +diesen Stoff mehr durch Handlungen und Total-Eindrücke, als durch Worte +geben, so daß also der Zögling mehr sucht und findet, als nimmt und +empfängt, und alles aus ihm selbst hervorgehe. + + + + + Ueber den + + Umgang mit Menschen. + + + Dritter Theil. + + + + + Einleitung. + + +Nach dem, was ich in der Einleitung zu dem zweiten Theile dieses Buchs, +über die darin beobachtete Ordnung der Gegenstände, gesagt habe, führt +mich mein Plan nun zur Entwickelung der Vorschriften für den Umgang mit +Personen von verschiedenen Ständen und Verhältnissen im bürgerlichen +Leben, da ich denn, wie billig, mit den Großen der Erde den Anfang +mache. + + + + + Erstes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen + und Reichen. + + + 1. + +Man würde ungerecht handeln, wenn man behaupten wollte, alle Fürsten, +alle sehr vornehme und alle sehr reiche Leute hätten die Fehler +mit einander gemein, durch welche viele von ihnen ungesellig, kalt +und unfähig zur wahren Freundschaft und zum Umgange werden. Allein +man versündigt sich wahrlich nicht, wenn man sagt, daß dieß bei +den mehrsten von ihnen der Fall ist. Sie werden in der Erziehung +verwahrloset, von Jugend auf durch Schmeichelei verderbt, durch +Andere und sich selbst verzärtelt. Da ihre Lage sie über Mangel und +Bedürfniß mancher Art hinaussetzt, da sie selten in Verlegenheit +oder Noth gerathen, so lernen sie nicht, wie nöthig ~ein~ Mensch +dem andern, und wie schwer es ist, das Ungemach des Lebens allein +zu tragen, -- wie süß, theilnehmende, mitleidende Seelen zu finden, +und wie wichtig, Andrer zu schonen, damit man einst zu ihnen seine +Zuflucht nehmen könne. Sie lernen sich selbst nicht kennen, weil man +sie, aus Furcht oder Hoffnung, die widrigen Eindrücke, welche ihre +Fehler und Gebrechen machen, nicht empfinden läßt. Sie sehen sich als +Wesen besserer Art an, von der Natur begünstigt, zu herrschen und zu +regieren; die niedern Klassen hingegen bestimmt, ihrem Egoismus, ihrer +Eitelkeit zu huldigen, ihre Launen zu ertragen, und ihren Phantasien +zu schmeicheln. Auf die Voraussetzung, daß die mehrsten Großen und +Reichen größtentheils diesem Bilde gleichen, muß man sein Betragen +im Umgange mit ihnen gründen. Um desto wohlthätiger zwar ist die +Empfindung, wenn man unter ihnen Einen antrifft, der mit einem gewissen +edeln Stolze, mit mehr Feinheit, Großmuth und besserer Ausbildung, alle +Privat-Tugenden verbindet. -- Und, es gibt Deren, selbst unter Fürsten; +-- aber sie sind Seltenheiten, und nicht immer macht der allgemeine Ruf +sie uns bekannt. Auf diesen und auf die Posaunen der Zeitungsschreiber +und Journalisten darf man kein Urtheil gründen. Ich habe oft mit +inniger Betrübniß gesehen, wie der allgemein bewunderte, als Wohlthäter +des Menschengeschlechts und Beförderer alles Edeln, Großen und Schönen +gepriesene Erdengott und Liebling des Volks, in der Nähe so klein, so +erbärmlich war. ~Die besten Fürsten sind nicht selten die, von welchen +am wenigsten geredet wird, sowohl im Guten, als im Bösen.~ + + + 2. + +Der Umgang mit Großen und Reichen muß aber sehr verschieden abgestuft +seyn, je nachdem man ihrer bedarf, oder nicht; von ihnen abhängig, +oder frei ist. Im ersten Falle darf man wohl nicht immer so gänzlich +seinem Herzen folgen, muß zu Manchem schweigen, sich Manches gefallen +lassen, darf nicht so freimüthig und kühn die Wahrheit sagen, obgleich +ein fester, redlicher Mann die Geschmeidigkeit nie bis zu niedriger +Schmeichelei treiben wird. Indessen verändern kleine Umstände, so +wie die feinen Unterschiede der Charaktere das Verhältniß; daher ich +alle Regeln für den Umgang mit den Großen zusammenfassen, und den +Lesern überlassen werde, zu ordnen und auszuwählen, was in jeder Lage +anwendbar ist. + + + 3. + +Ein allgemeiner Satz für alle Fälle ist der: Dringe Dich den Vornehmen +und Reichen nicht auf, wenn Du nicht von ihnen verachtet werden willst! +Ueberlaufe sie nicht mit Bitten für Dich und Andre, wenn sie Deiner +nicht überdrüssig werden, wenn sie Dich nicht fliehen sollen! Laß Dich +vielmehr von ihnen aufsuchen! Mache Dich rar; doch dies alles, ohne daß +Deine Absicht merklich, ohne daß Dein Betragen gezwungen scheine! + + + 4. + +Suche nicht, Dir das Ansehen zu geben, als gehörtest Du zu der +Klasse der Vornehmern, oder lebtest wenigstens mit ihnen in engster +Vertraulichkeit! Rühme Dich nicht ihrer Freundschaft, ihres +Briefwechsels, ihres Zutrauens, noch Deines Uebergewichts über sie! +Wenn eine solche Verbindung Dir ein Glück zu seyn scheint, so erfreue +Dich in der Stille dieses unbequemen Glücks! Es gibt Menschen, die +durchaus dafür angesehen seyn wollen, eine größere Figur in der Welt +zu spielen, und in höherem Ansehen zu stehen, als ihnen wirklich zu +Theil geworden ist. Sie führen, auf Kosten ihres Geldbeutels, den +Luxus der Vornehmen und Reichen in ihre Häuser, oder drängen sich in +deren Cirkel ein, wo sie eine elende Figur spielen, nur hinterher +laufen müssen, und keinen frohen Genuß haben, indeß sie lehrreichern +und genußvolleren Umgang gänzlich vernachlässigen, und treue Freunde +und weise Menschen von sich entfernen. Die geizigsten Leute sparen +zuweilen keine Kosten, wenn sie Gelegenheit finden können, Zutritt in +großen Häusern zu erlangen, und hungern gern Monate hindurch, um einmal +einen Großen bei sich zu bewirthen, der dieses Opfer gar nicht gewahr +wird, oder es doch nicht zu schätzen weiß, vielleicht Langeweile bei +ihnen hat, alles sehr bürgerlich findet, und nach vierzehn Tagen wohl +gar den Namen des thörichten Wirthes vergessen hat. Andre lassen es +sich wenigstens angelegen seyn, die nichtsbedeutenden und verderbten +Sitten der Großen sclavisch nachzuahmen, ihre hochmüthige Herablassung, +ihren geschäftigen Müßiggang, ihre Zerstreuung, ihr Wichtigthun, ihre +leeren Vertröstungen, ihre seelenlosen Gespräche, ihre Zweizüngigkeit, +Windbeutelei, Gefühllosigkeit, Nachahmung der Ausländer, die Verachtung +ihrer Muttersprache, ihre fehlerhafte Schreibart, ja sogar ihre +lächerlichen Gebehrden, Gewohnheiten und Gebrechen, ihr Stammeln, +Lispeln, Achselzucken, ihre Grobheit gegen Niedere, ihre affektirte +Kränklichkeit, ihr Podagra, ihre schlechte Hauswirthschaft, ihre +kindischen Launen, und mehr dergleichen herrliche Vorzüge treulich +anzunehmen und sich einzuverleiben. Ihnen ist der beste Beweis für +die Güte einer Sache ~der~, daß doch jedermann von Stande so und nicht +anders handle und urtheile; -- als ob das in der That eine Narrheit +heiligen könnte! -- Handle selbstständig! Verleugne nicht Deine +Grundsätze, Deinen Stand, Deine Geburt, Deine Erziehung: so werden Hohe +und Niedre Dir ihre Achtung nicht versagen können! + + + 5. + +Man traue nicht zu sehr den freundlichen Gesichtern der meisten +Großen; glaube sich nicht auf dem Gipfel der Glückseligkeit, wenn +der gnädige Herr uns anlächelt, die Hand schüttelt, oder uns umarmt! +Vielleicht bedarf er unserer in diesem Augenblicke, und behandelt +uns mit Verachtung, wenigstens mit Kälte, sobald dieser Augenblick +vorüber ist. Vielleicht fühlt er gar nichts bei seiner Freundlichkeit; +wechselt Mienen, wie Andre Kleider wechseln; ist gerade in der +Verdauungs-Stunde zu unthätigem Wohlwollen gestimmt, oder will einen +andern seiner Sclaven dadurch demüthigen. Man bleibe mit dieser Gattung +Menschen immer in seinen Schranken, mache sich nicht gemein mit ihnen, +und vernachlässige nie die äussere unterscheidende Höflichkeit und +Ehrerbietung, die man ihrem Stande schuldig ist, sollten sie sich auch +noch so sehr herablassen! Früh oder spät fällt es ihnen doch ein, ihr +Haupt wieder empor zu heben, oder sie verabsäumen uns, wenn ein andrer +Schmeichler sie an sich zieht; und dann setzt man sich unangenehmen +Demüthigungen aus, die man mit weiser Vorsicht vermeiden kann. + + + 6. + +Ueberschreite nicht bei Deiner Gefälligkeit gegen die Großen der Erde, +in deren Händen Dein bürgerliches Glück ist, -- die Grenzen der wahren +Ehre! Es ist eine große Versuchung für einen armen oder ehrbegierigen +jungen Menschen, der in dem Dienst eines schwachen Fürsten sich +emporschwingen will, ob er nicht dessen ränkevollem Minister, dem +regierenden Kammerdiener, oder einer tyrannischen Buhlerin huldigen +soll; aber selten nimmt das ein gutes Ende. Solche Lieblinge stürzen +sich früh oder spät selbst, und reissen dann ihre Kreaturen mit in +ihr Verderben; und wäre auch dieß nicht, so werden doch die größten +Vortheile, die man dadurch erlangen könnte, zu theuer erkauft, wenn +man dafür die Achtung weiser und rechtschaffener Männer aufopfern muß; +und das ist gewiß immer der Fall. -- Der gerade Weg hingegen führt +unfehlbar, wo nicht zu einem glänzenden, doch zu einem dauerhaften +Glücke. + + + 7. + +Auch lasse man sich von den Erden-Göttern nicht nur zu keinen +unedeln Geschäften mißbrauchen, sondern sey auch vorsichtig in allen +Diensten, welche man ihnen erweiset. Sie machen leicht aus jeder +Gefälligkeit eine Pflicht, und halten es nachher für Verabsäumung +unsrer Schuldigkeit, wenn wir zu einer andern Zeit uns nicht gerade +aufgelegt zeigen, uns eben so, wie sonst, preiszugeben. Wenigstens +vergessen sie leicht, was man für sie gethan hat. Es bat mich einmal +der *** von ***, der sonst in der That viel gute Eigenschaften hatte, +ihm ein Paar Aufsätze in französischer und deutscher Sprache zu +verfassen, die er bei einer gewissen Gelegenheit öffentlich vorlesen +wollte, um die Gemüther zu lenken. »Es fehlt mir an ~Zeit~, mein +Lieber!« sagte er, »sonst würde ich Sie nicht bemühen; doch, Sie sind +auch in ~dergleichen~ Arbeiten geübter, als ich.« Ich wendete einige +Stunden Fleiß und Anstrengung daran, und als ich ihm das Ganze brachte, +drückte er mich an seine Brust, dankte mir unter vier Augen, in den +zärtlichsten, herablassendsten Ausdrücken dafür, und schwur sehr +übertrieben: meine Arbeit sey ein Meisterstück von Beredsamkeit. Kurz! +er gebehrdete sich, als wenn ich ihm den wichtigsten Dienst geleistet +hätte, bat mich aber, die Sache zu verschweigen, welches ich auch that. +Nach ein Paar Jahren kam ich des Morgens in *** zu ihm. Er erzählte +mir allerlei zu seinem eigenen Lobe. -- Ich hörte demüthig zu. -- »Und +das alles,« fuhr er fort, »habe ich durch ein Paar Memoires bewirkt, +die mir, ohne mich zu rühmen, nicht übel gerathen sind. Sie sollen sie +selbst lesen. Nehmen Sie sie mit sich nach Hause!« Er überreichte mir +darauf meine eigene Geistes-Waare, nur von seiner Hand geschrieben; +ich steckte sie ein, legte aber zu Hause meine Concepte dazu, und +schickte ihm dann die Papiere zurück. Er wurde ein wenig beschämt, und +wir scherzten nachher darüber; -- allein so sind auch die Besten unter +ihnen! + +Vor allen Dingen hüte man sich, von Vornehmen und Mächtigen in +gefährliche Händel gezogen zu werden! Sehr gern pflegen sie das zu +thun, und schieben dann entweder die Schuld auf den, der sich zu ihrem +Werkzeuge gebrauchen ließ, wenn die Unternehmung nicht gelingt, oder +lassen ihn gar darin stecken, und alles Ungemach allein erdulden, +wenn die Sache schief geht. Auch von letzterer Art habe ich in den +Jahren meiner Jugend Erfahrungen gemacht. Kurz! man lasse sich ihre +Geheimnisse nicht mittheilen! Sie schonen des Mannes, der um ihre +Heimlichkeiten weiß, nur so lange, als sie seiner unumgänglich +bedürfen; aber sie fürchten ihn, und suchen sich von ihm loszumachen, +sobald sie können, möchte man ihnen auch noch so deutlich zeigen, daß +man unfähig ist, dies Uebergewicht und ihr Zutrauen zu mißbrauchen! + + + 8. + +Ueberhaupt darf man auf die Dankbarkeit der meisten Vornehmen und +Reichen, so wie auf ihre Versprechungen nicht bauen. Opfere ihnen also +nichts auf! Sie fühlen den Werth davon nicht, glauben, alle andre +Menschen seyen ihnen einen solchen Tribut schuldig für den Schutz, +für die gnädigen Blicke, ja sogar für eine ungestörte Existenz; oder +man wolle dadurch kleine Vortheile erringen. Schenke ihnen also auch +nichts! Das hieße einen Tropfen köstlichen Balsams in einen Eimer +trüben Wassers fallen lassen. Ich besaß ein altes kostbares Gemälde; +ein geschickter Maler schätzte den Werth desselben auf hundert +Pistolen. Die Hälfte dieser Summe, die ich leicht dafür bekommen haben +würde, wäre bei meinen damaligen häuslichen Umständen mir äusserst +nützlich gewesen; meine Gutmüthigkeit aber, oder vielmehr meine +Thorheit, verleitete mich, das Gemälde dem Durchlauchtigsten *** von +*** zu schenken, welcher es auch annahm. Ich dachte dadurch nichts +zu erschleichen; aber theils wollte ich diesem Fürsten hiermit meine +Zuneigung bezeugen, theils hoffte ich, da ich im Begriff stand, ihn +an ein gegebenes Wort zu erinnern, er werde nun um so bereitwilliger +sein Versprechen erfüllen; allein ich betrog mich. Er umarmte mich, +als ich zu ihm kam, und zeigte mir den Ehrenplatz, welchen er meinem +Geschenke angewiesen: doch sein Versprechen erfüllte er nicht; und als +ich mich nach Jahresfrist eines Abends zugleich mit einem Gesandten, +dem er seine Kunstschätze zeigte, in seinem Cabinette befand, sagte er +diesem Fremden in meiner Gegenwart, indem er von meinem theuren Gemälde +redete: »Es ist wahrlich ein schönes Stück, und ich bin ~ziemlich +wohlfeil~ dazu gekommen.« -- Er hatte also vergessen, oder wollte es +nicht gestehen, daß ich es war, der ihm diesen ~sehr wohlfeilen~ Preis +gemacht hatte; -- und ich beseufzte die verschwundene Hoffnung und die +verlorne Summe, von welcher ich mit den Meinigen eine Zeitlang hätte +leben können. + +Eben so wenig rathe ich, den Großen Geld zu leihen, oder von ihnen +zu borgen. Im erstern Falle sehen sie nicht nur ihre Gläubiger als +Wucherer und als solche an, die sich eine Ehre daraus machen müssen, +den gnädigen Herren mit ihrem Vermögen aufzuwarten, sondern auch, +wenn sie saumselig in Wiederbezahlung der Schuld sind, was bei ihrer +unordentlichen Lebensweise in der Regel der Fall ist; so hat man +unerhörte Weitläuftigkeiten, hat zuweilen Mühe, Gerechtigkeit gegen sie +zu erlangen, und macht sich wohl noch obenein eine mächtige Parthei zu +Feinden. Im andern Falle aber, nämlich wenn man von ihnen borgt, wagt +man tausendfältig ihr Sclave zu werden. + + + 9. + +Trage nichts dazu bei, sie und ihre Kinder noch mehr zu verderben, +sie moralisch zu verschlimmern! Schmeichle ihnen nicht! Nähre +nicht ihren Stolz, ihre Ueppigkeit, ihre Eitelkeit, ihren Hang zu +nichtigen und wollüstigen Freuden! Bestärke die Großen nicht in den +Grundsätzen von angebornen Vorzügen, von Herrschers-Rechten, von +Gesalbtheit und dergleichen Grillen! Heuchle nicht! Verleugne nicht +die Wahrheit, selbst die bittre Wahrheit nicht, um ihre Gunst zu +erlangen! Sey freimüthig, aber ohne die Höflichkeit zu verletzen, +und ohne Dich selbst zu Grunde zu richten! Nimm Dich der verkannten +Unschuld, des verläumdeten Edeln, des durch Hof-Ränke verschwärzten +Ehrenmanns an; doch mit kluger Vorsicht, ohne seine Feinde dadurch +noch mehr zu erbittern, und mit bedächtiger Rücksicht auf Deine Lage +und Verhältnisse! Befördere, unterstütze, wo Klugheit es gestattet, +die Wünsche, den guten Ruf und die billigen Gesuche Derer, die zu +schüchtern, zu arm, zu bescheiden, oder zu sehr niedergedrückt, die +verkannt, oder von zu geringem Stande sind, um sich den Palästen zu +nähern! Man sollte es kaum glauben, welchen Einfluß die Reden eines +verständigen, allgemein geschätzten Mannes auf diese Menschen haben +können, sowohl im Guten, als Bösen; wie gern sie alles zum Vortheile +ihres Dünkels auslegen, und wie viel man auf sie wirken kann, wenn auch +diese Wirkungen nicht sichtbar werden. + + + 10. + +Man hüte sich, mit ihnen von Planen und Entwürfen zu reden, von deren +Ausführbarkeit man überzeugt ist, die aber mit Schonung und Vorsicht +ausgeführt seyn wollen, damit sie nicht auf den Einfall kommen, bloß +durch ihre Macht etwas erreichen zu wollen, was nur durch Einsicht und +Behutsamkeit erreicht werden kann; denn sie wissen immer die Schuld von +sich auf Andre zu wälzen, wenn der Erfolg nicht der Erwartung gemäß +ist! Ich erinnere mich (um nur ein ganz kleines Beispiel zu geben), +daß einst ein gewisser Prinz mit mir von einem platten Dache redete, +das er auf sein Gartenhaus hatte legen, aber wieder abnehmen lassen, +weil es zu schwer befunden ward. Mir fiel gerade ein, daß ich von +einem französischen Ingenieur-Officier gehört hatte: man könne ein +wohlfeiles, leichtes und dauerhaftes, plattes, italienisches Dach aus +einer Menge Lagen von blauem Zucker-Papiere, zwischendurch und obenauf +mit Schiff-Theer beschmiert und mit Kies bestreuet, verfertigen. Dieß +erzählte ich dem Prinzen beiläufig, ohne jedoch für die Güte der Sache +einzustehen. Lange nachher erfuhr ich, daß er den Versuch -- wer weiß, +wie? -- gemacht hätte, daß dieser mißlungen war, und daß er nicht +undeutlich zu verstehen gegeben hätte, ich sey ein Mann, auf dessen +Angaben man sich nicht einlassen dürfe. + +Ueberhaupt kann man kaum vorsichtig genug in seinen Reden mit den +Großen der Erde seyn. Man enthalte sich daher in ihrer Gegenwart aller +nachtheiligen Urtheile über andre Leute, aller Ausstellungen! Sie +pflegen dergleichen zwar gern zu hören, aber die Folgen sind oft sehr +unglücklich. Zuerst setzt man dadurch sich und Andre in ihren Augen +herab; denn sie lachen zwar mit, hassen aber doch den Lästerer und +Ausspäher fremder Fehler, bei dem heimlichen Bewußtseyn ihrer eigenen +vielfachen Gebrechen; und da sie ohnehin Geringere verachten, so +wächst diese Verachtung durch Aufdeckung fremder Schwachheiten. Sodann +mißbrauchen sie wohl gelegentlich unsern Namen, verdächtigen uns, indem +sie unsern Einfall nacherzählen, hetzen uns mit Andern zusammen. Auch +kann man ja nicht immer wissen, ob nicht das zeitliche Glück solcher +Menschen, von welchen man nachtheilig urtheilt, in ihren Händen ist; +und hinterher erschrickt man, wenn man erfährt, wie oft ein einziges, +in keiner bösen Absicht hingeworfenes Wort feste Wurzel faßt, und +nach langer Zeit noch die schädlichsten, unglücklichsten Folgen haben +kann. Das Gute gleitet an ihren untheilnehmenden Herzen ab; das Böse +hingegen setzt sich fest, und wird so leicht nicht ausgelöscht. Am +allervorsichtigsten aber soll man in seinen Gesprächen mit Vornehmen +über andre Personen von höherem Stande seyn. Obgleich die Erdengötter +sich unter einander selten lieben, sondern mehrentheils durch allerlei +Leidenschaften getrennt sind; so hören sie doch nicht gern, daß man +die privilegirten Lieblinge des Himmels in ihrer Gegenwart ohne +Ehrerbietung nennt. Uebrigens wollen die Vornehmen und Reichen angenehm +unterhalten, und in fröhliche Laune gesetzt seyn. Thue dieß auf +unschuldige Weise, wenn Dir an ihrer Gunst gelegen ist; aber erniedrige +Dich nicht zu ihrem besoldeten Spaßmacher, der Schwänke liefern muß, so +oft sie winken, und von dem sie kein vernünftiges Wort hören mögen. + + + 11. + +In den Herzen der mehresten Großen wohnt Mißtrauen. Es herrscht bei +ihnen der Gedanke: alle übrigen Menschen hätten einen Bund gegen +sie gemacht. Deswegen sehen sie es ungern, wenn unter denen, welche +ihnen unterworfen sind, enge Freundschaften entstehen. Wer sich um +Fürstengunst und große Verbindungen nicht zu bewerben braucht, der kann +sich hierüber gänzlich hinwegsetzen, kann Verbindungen nach seinem +Herzen schließen; und überhaupt wird kein redlicher Mann, aus niedriger +Gefälligkeit gegen irgend einen Beschützer und Gönner, einen wahren +Freund vernachlässigen, noch einen würdigen Mann, der ihm die Hand +reicht, von sich stoßen. Wer aber an Höfen sein Glück machen will, +der thut doch wohl, wenn er vorsichtig in der Wahl seines Umgangs, +seiner Vertrauten und der Gesellschaften ist, welche er am häufigsten +besucht. Es herrschen da immer Partheien und Kabalen, in welche ein +wohlwollendes, theilnehmendes Herz gar zu leicht hineingezogen wird. +Und wenn nun eine dieser Partheien über die andere siegt, so muß oft +der Unschuldigste, in so fern er nur irgend Mitwisser bei dem, was +vorgefallen, gewesen ist, die Zeche bezahlen helfen. + + + 12. + +Rede nie mit den Großen der Erde ohne Noth von Deinen häuslichen +Umständen, von Dingen, die nur persönlich Dich und Deine Familie +angehen! Klage ihnen nicht Dein Ungemach! Vertraue ihnen nicht den +Kummer Deines Herzens! Sie fühlen ja doch kein warmes Interesse dabei, +haben keinen Sinn für freundschaftliche Theilnahme; es macht ihnen +Langeweile; Deine Geheimnisse sind ihnen nicht wichtig genug, um sie +treu zu bewahren. Immer meinen sie, man wolle bei ihnen betteln, -- +und sie verachten den Mann, der nicht glücklich, nicht frei ist. Von +Jugend auf glauben sie, jedermann mache Plane auf ihren Geldbeutel, auf +ihre Wohlthaten. Ueberhaupt sehen uns die Großen von dem Augenblicke, +da wir etwas zu suchen, Andrer zu bedürfen scheinen, mit ganz andern +Augen an, als vorher. Man läßt uns Gerechtigkeit widerfahren, ja, +man zeigt sich bezaubert von unsern angenehmen Talenten, von unsern +Kenntnissen, von unsrer Herzensgüte, von den glänzenden Vorzügen unsers +Geistes, so lange wir mit allen diesen schönen Eigenschaften nichts als +höfliche Behandlung und Gefälligkeit verdienen wollen, so lange wir +als Fremde, als unabhängige Menschen, niemand im Wege stehen, niemand +verdunkeln; aber viel genauer, strenger und schonungsloser fängt man +an, uns zu richten, wenn wir unsre Vorzüge im Staate geltend machen +und die erlaubten Vortheile damit erringen wollen, worein sich so gern +die vornehmen Dummköpfe und deren Kreaturen theilen. Am besten wird +man von den Vornehmen und Reichen behandelt, wenn sie erkennen, daß +man ihrer gar nicht bedarf, und wenn man ihnen dieß zeigt, ohne sich +dessen laut zu rühmen; wenn ihnen im Gegentheil unsre Hülfe, unsre +Einsicht unentbehrlich ist; wenn wir dabei nie die Bescheidenheit und +äussere Huldigung aus den Augen setzen; wenn unser Scharfsinn, unsre +größere Weisheit, unsre Festigkeit und Geradheit, ihnen Ehrerbietung +einflößen, ohne daß sie uns eigentlich fürchten; wenn wir uns bitten, +uns aufsuchen lassen, nicht aber unsern Beistand aufdringen -- Einen +solchen Mann schonen sie sorgfältig. -- + + + 13. + +Hüte Dich aber, einen Großen, der Ansprüche auf Verstand, Witz, hohe +Tugenden, Gelehrsamkeit oder Kunstgefühl macht, deutlich, oder gar +in Gegenwart Andrer merken zu lassen, daß Du Dir bewußt bist, ihn zu +übertreffen oder zu übersehen. In der Stille darf er das wohl fühlen, +aber er muß es nur ~allein~ zu fühlen glauben. Vor allen Dingen ist +diese Vorsicht nöthig gegen Vorgesetzte, die ungeschickter in ihrem +Fache sind, als Du. Gern mögen sie Dir Deine bessern Einsichten, +gleichsam als prüften sie Dich, abfragen, sich zu eigen machen, Dir +nach Gelegenheit Deine eigne Waare wieder verkaufen; doch wehe Dir, +wenn Du das rügst, wenn Du nur einmal thust, als merktest Du es; +oder gar, wenn Du den Ton der Belehrung gegen sie annimmst! -- Wie +werden sie Dir das Leben sauer machen! Wie viel werden sie von Dir +fordern, das sie selbst nie zu leisten im Stande seyn würden, damit sie +Gelegenheit haben, Dich eines Fehlers zu überführen und herabzusetzen. + + + 14. + +Es gibt aber geringe, unschuldige Gefälligkeiten gegen die Großen +der Erde, die man ihnen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen, +erweisen, und unwichtige Forderungen von ihrer Seite, die man ohne +niedrige Schmeichelei erfüllen kann. Diese verzogenen Schooßkinder +des Glücks sind nämlich von Jugend auf daran gewöhnt, daß man sich in +Kleinigkeiten nach ihren Launen fügt, ihren Geschmack zur Richtschnur +annimmt, ihre Liebhabereien artig findet, und alles vermeidet, was +ihnen aus Vorurtheil oder kindischem Eigensinne zuwider ist. Auch die +Besten unter ihnen sind von solchen Grillen und Einbildungen nicht +ganz frei, und wenn man nun auf einen sonst redlichen, edeln Großen +dadurch zum Guten wirken kann, daß man sich hierzu bequemt, oder wenn +unser und unsrer Familie zeitliches Glück in seinen Händen ist: -- +wer sollte da nicht nachgebend seyn, und sich ein wenig nach seinen +Eigenheiten und seiner Schwachheit richten? So reden z. B. manche +Fürstenkinder sehr geschwind und undeutlich, und sehen es nicht gern, +wenn man noch einmal frägt, sondern wollen gleich verstanden seyn. +Freilich wäre es besser, wenn man ihnen diese Unart in der Kindheit +abgewöhnt hätte: aber es ist nun einmal nicht geschehen. Oder sie +lieben Pferde, Hunde, bunte Soldätchen, Schauspiele, Pfeifenköpfe, +Bilder, Geiger, Fidler; componiren auch wohl selbst; bauen, pflanzen, +errichten Academien, Museen u. dgl. -- Wie unschuldig ist es nicht da, +zuweilen mit einzustimmen, und einige Kennerschaft zu zeigen? Nur muß +man sie in ihren Lieblingsfächern nicht übersehen, nicht übertreffen +wollen, welches leicht zu geschehen pflegt, da sie oft von den Dingen, +womit sie sich am meisten beschäftigen, am wenigsten verstehen -- wie +sich denn über den vorsichtigen Umgang mit vornehmen Componisten +und unwissenden Mäcenaten ein weitläuftiges Kapitel schreiben ließe. +-- Auch was gewisse Kleider-Trachten, Manieren, den Ton der Stimme, +was Styl, Handschrift und mehr solche Dinge betrifft, darüber haben +sie zuweilen gewisse eigne Meinungen, die man schonen muß, wenn man +sich ihnen nicht unangenehm machen will. Uebrigens versteht sich's, +daß diese Gefälligkeit aufhören soll, sobald dieselbe schädlichen +Einfluß auf den Charakter haben kann: wenn sie dadurch im Egoismus +bestärkt, von ernsthaften Beschäftigungen abgezogen, unbillig gegen +Andre, ungerecht gegen wirkliche Verdienste werden, oder wenn ihre +Liebhabereien von solcher Art sind, daß dadurch ihr Herz verwildert, +verhärtet, grausam wird. + +Zu den ~mehrentheils~ schädlichen Liebhabereien großer, besonders +~regierender~ Herren, gehört auch die Lust zu reisen. Ungern möchte +ich einen Fürsten darin bestärken. Sie rennen da gewöhnlich in fremden +Himmelsgegenden herum, bevor sie ihr eigenes Land kennen, in welchem +tausend Gegenstände, mehr als die Carnavals von Venedig und die +Pferderennen in England, ihrer Aufmerksamkeit werth sind; kaufen für +den sauren Erwerb ihrer Unterthanen ausländische Possen, Krankheiten +des Leibes und der Seele, und bringen nicht selten große Forderungen, +Hang zu Verschwendung, Wollust und Ueppigkeit, böse Laune, Müßiggang, +Avanturiers u. dergl. in ihre arme Residenz zurück. + + + 15. + +Fürsten, Vornehme und Reiche pflegen zuweilen sich so weit zu Leuten +von geringerm Stande herabzulassen, daß sie dieselben um Rath fragen, +oder sie um Beurtheilung ihrer Spielwerke, ihrer Schriften, Anlagen, +Plane, Meinungen u. dergl. bitten. Hier ist die größte Behutsamkeit zu +empfehlen, und daß man sich erinnere, wie übel das Rathgeben und Warnen +dem armen Gil Blas von Santillana in dem Hause des Cardinals bekam, +obgleich dieser ihn so dringend aufgefordert hatte, ihm zu erzählen, +was die Leute von seinen Predigten redeten. So wie fast alle übrige +Menschen, so legen besonders die Großen der Erde uns mehrentheils nur +darum solche Dinge zur Beurtheilung vor, damit wir sie loben sollen, +und fragen nicht eher um Rath, als wenn sie schon beschlossen haben, +was sie thun wollen. + + + 16. + +Wenn die Befolgung dieser Klugheits- und Vorsichtsregeln schon wichtig +ist im Umgange mit solchen Personen, die zwar nicht frei von den +Fehlern einer vornehmen Erziehung, aber doch gut geartet, wohlwollend +und verständig sind; so ist sie doppelt wichtig, wenn man es mit +vornehmen Pinseln, mit Menschen zu thun hat, die zugleich hochmüthig, +unwissend, dumm, ohne Grundsätze und Gefühl, kalt und rachsüchtig sind, +-- und ich bedaure jede Christen-Seele, die von dergleichen kleinen und +großen Tyrannen abhängen muß. + + + 17. + +Wenn Du das glänzende Unglück hast, der Liebling eines schwachen +Erden-Götzen zu seyn: so bereite Dich nicht nur selber dazu vor, daß +diese Freude nicht lange dauern, daß ein Schmeichler Dich aus Deinem +Posten verdrängen wird; sondern zeige auch sowohl Deinem Sultane, +daß Du nicht gänzlich von seinen Blicken lebst, als auch dem Volke, +wie wenig Du Dir auf diesen nichtigen Vorzug zu gute thust; wie +unwesentlich zu Deiner Glückseligkeit ein solcher unbedeutender, +zufälliger Glanz ist! Wenn Du dann in tiefe Ungnade fällst, so fliehen +doch wenigstens die Bessern nicht vor Dir, wie vor einem vernichteten, +verweseten Menschen: und der undankbare Despot fühlt, daß es noch +Leute gibt, die seiner entbehren können. Baue überhaupt nicht auf die +Freundschaft, Festigkeit und Anhänglichkeit der Großen! Sie achten +Dich, so lange sie Deiner bedürfen; sie sind wankelmüthig, und mehr +geneigt, das Böse, als das Gute zu glauben, und der Letzte hat bei +ihnen immer Recht. + +Nütze aber die Zeit ihrer Gunst, um sie zur Gerechtigkeit, Treue, +Wahrheit und Menschenliebe zu ermuntern! Stimme ihnen bei, wenn sie +je vergessen wollen: ~daß sie, was sie sind, und was sie haben, nur +durch Uebereinkunft und Zustimmung des Volks sind und haben; daß man +ihnen diese Vorrechte wieder nehmen könne, wenn sie Mißbrauch davon +machen; daß unsre Güter und unsre Existenz nicht ihr Eigenthum, sondern +daß alles, was sie besitzen, unser Eigenthum ist, weil wir dafür alle +ihre und der Ihrigen Bedürfnisse befriedigen, und ihnen noch obenein +Rang, Ehre und Sicherheit geben, und Geiger und Pfeifer bezahlen; +endlich daß in diesen Zeiten der Aufklärung und richtiger Begriffe +von Menschenrechten und Volksrechten bald kein Mensch mehr daran +glauben wird, daß ein Einziger, vielleicht der Schwächste der ganzen +Nation, ein angeerbtes Recht haben könnte, hundert tausend weisern und +bessern Menschen das Fell über die Ohren zu ziehen; daß sie aber ohne +Trabanten und Wachen ruhig schlafen können, wenn das dankbare Volk, +dessen treue Diener sie sind, sie liebt, und für das Wohl der Edeln +Segen vom Himmel erfleht.~. -- Es versteht sich, daß diese Wahrheiten +einiger Einkleidung bedürfen, wenn sie den verwöhnten Ohren der Großen +harmonisch klingen sollen. + +Willst Du Dich in Gunst erhalten: so mache, daß nie der eitle Große +merke, daß Du Dich Deiner Gewalt über ihn freuest, noch daß Du gern +Deine Meinung gegen die seinige durchsetzen wollest! Zeige ihm, daß +wirklich Achtung und Liebe zu seiner Person und das Verlangen, nützlich +zu seyn, Deine Schritte leiten, nicht aber Eigennutz und kindische +Eitelkeit! Aber sey auch nicht so närrisch, billige Vortheile, oder +wohlerworbene Belohnungen Deiner Dienste zurückzuweisen, Dein Vermögen +aufzuopfern, und nachher vielleicht, wenn man Deiner müde ist, Dich mit +einem weißen Stabe fortschicken zu lassen! + +Ueber alle Geschäfte, die Dir von Fürsten aufgetragen werden, führe +so genaue pünktliche Rechnung und Controlle, daß Du zu jeder Zeit die +Rechtmäßigkeit Deiner Schritte gegen Verläumder und Ankläger beweisen +könnest! + +Ungebeten übernimm kein Geschäft, das nicht zu Deinem Amte gehört! + +Vermeide es, ihnen durch trocknen, langweiligen Vortrag die Geschäfte +noch unangenehmer zu machen, als sie ihnen schon gewöhnlich sind! + +Bist Du des Fürsten Günstling: so fehlt Dir's nicht an Neidern und +Ausspähern; sey daher dann doppelt vorsichtig in Deinem sittlichen +Betragen! + +Es gibt immer an Höfen Leute, denen daran gelegen ist, genau zu wissen, +wie groß Dein Einfluß auf den Kopf und das Herz des Fürsten ist. Um +diese nie in Deine Karte blicken zu lassen, und damit sie nicht wissen +mögen, von welcher Seite etwa der Herr gegen dich gewonnen werden +könnte: so vermeide alle Gelegenheit, in Andrer Gegenwart mit ihm von +Geschäften, oder sonst von Gegenständen, über welche Du vielleicht mit +ihm nicht gleicher Meinung bist, zu reden! + +Sey vorsichtig, höchst vorsichtig, in bestimmter Anempfehlung andrer +Leute, zum Dienste des Fürsten! + +Baue nie auf die Anhänglichkeit Deiner sogenannten Kreaturen, d. h. +solcher Menschen, die Dir ihr Glück zu verdanken haben! + +Versprich nicht Dein Fürwort, wenn Du des Erfolges nicht gewiß bist! + +Begünstige die Gesuche der Kreaturen Deiner präsumtiven Feinde in +billigen Dingen! + + + 18. + +Wenn Dein Beschützer, wenn ein Großer, dem Du in der Zeit seines +äussern Glücks, aus Noth, Höflichkeit, Politik oder gutem Willen, +gehuldigt hast, von seiner Höhe herabstürzt; wenn er Stand, Vermögen, +Einfluß oder Glanz verliert: so schlage Dich nicht zu der Parthei der +Niederträchtigen, die dem Unglücklichen, der ihnen zu nichts mehr +helfen kann, den Rücken zukehren! Verdient er Deine Hochachtung, so +zeige ihm nun mit doppeltem Eifer, daß Dein Herz nicht von der Stimme +des Pöbels abhängt; ist er aber Deiner Zuneigung unwerth, so schone +seiner wenigstens darum, weil er von jedermann verlassen ist, und also +zu Mißhandlungen schweigen muß! Räche Dich auch eben deswegen nie an +dem, von welchem Du verfolgt, gedrückt worden bist, so lange er Gewicht +hatte! Sammle vielmehr feurige Kohlen auf sein Haupt (beschäme ihn +durch sanftmüthige, liebreiche Behandlung), damit er in sich gehe, und, +wo möglich, durch Großmuth gebessert werde! + + + 19. + +Sammle nicht leicht für Arme bei Vornehmen und andern Leuten von der +großen Welt! Sie geben mehrentheils nur aus Prahlerei, und behandeln +Dich, als wäre es ein Almosen für Dich. -- Ueberhaupt hilf ~selbst~, +wo Du kannst! Gib nicht Assignationen auf fremde Hülfe! Tadle aber +auch nicht sogleich den Reichen, wenn er Dir eine Wohlthat für einen +Dürftigen versagt, die ein Aermerer Dir gewährt! Denke immer, daß seine +größern Bedürfnisse (ob wahrhafte, oder eingebildete, ist gleichviel) +und die größern Anforderungen Andrer auf seine Wohlthätigkeit ihn mit +dem, der weniger hat, in ~eine~ Klasse setzen, und daß man, wenn man +gegen Alle freigebig seyn will, gegen Einige nicht ~wohlthätig~ seyn +kann. + + + 20. + +Und nun noch einmal! Wenn ich hier sehr viel zum Nachtheile des +Charakters der meisten Großen und Reichen gesagt habe, so bin ich doch +weit entfernt, dieß ohne Unterschied auf alle Personen der höhern +Klassen ausdehnen zu wollen. Es ist mir äusserst zuwider gewesen, +zu sehen, wie manche unsrer armseligen neuern Schriftsteller es +sich zum Geschäft machen, auf die höhern Stände zu schimpfen. Viele +von ihnen sind so wenig mit den erhabenern Menschenklassen bekannt, +daß es die höchste Ungereimtheit verräth, wenn sie über Sitten und +Denkungsart derselben ein Urtheil wagen. Von ihren Dachstübchen +schielen sie neidisch und hämisch nach den Palästen der Glücklichen +hinunter. Wenn, bei grober Kost und dem traurigen Wasserkruge, die +süßen Düfte aus den Küchen und Kellern derer, die im Ueberflusse +leben, zu ihnen hinaufsteigen, so reizt das ihre Nerven, erregt ihre +Galle; es ärgert sie, daß ihre Glücksumstände ihnen nicht, wie jenen, +erlauben, ihre Leidenschaften zu befriedigen; sie verwünschen den Mann +im vergoldeten Wagen, den sie zu Fuße nicht einholen können, schimpfen +auf den hartherzigen Mäcen, der nicht eben so überzeugt scheint von +ihren großen Verdiensten, als sie selbst es sind, und fluchen auf das +Geschick, welches die Güter der Erde so ungleich ausgetheilt hat. Da +müssen es dann die armen Fürsten, Minister, Edelleute und Reichen +entgelten, die sie als Tyrannen, Bösewichter, Thoren und hartherzige +Unterdrücker alles dessen, was edel und gut ist, abschildern. Ein so +fanatischer Eifer kann wohl nie ein gesundes Gehirn ergreifen. Selbst +im Ueberflusse und mit großen Erwartungen aufgewachsen, kenne ich +recht gut die Vortheile und Nachtheile einer reichen und vornehmen +Erziehung. Meine nachherigen Schicksale aber, mein Aufenthalt an +Höfen, und der Umgang mit Menschen aller Art, das alles hat mich +gelehrt, wie nöthig es sey, denen, die nicht durch widrige Erfahrungen +gründlich ausgebildet werden, und die so selten reine, lautre, +unpartheiische Wahrheit hören, ohne Leidenschaft zu sagen, was ihnen +so nöthig ist, zu hören. Viele von ihnen sind wahrlich herzlich +gut; selbst die Schwächern haben oft manche Temperaments-Tugend, +deren Wirkungen für die Welt viel wohlthätiger werden können, als die +sanften Aufwallungen ärmerer und unmächtigerer Sterblichen. Sie haben +von ihrer ersten Jugend an alle Muße und Gelegenheit, ihren Geist zu +bilden, sich Talente zu erwerben, Welt und Menschen kennen zu lernen; +haben Veranlassungen in Menge, Gutes zu thun, und die Freuden der +Wohlthätigkeit zu schmecken. Ihr Charakter wird nicht niedergedrückt, +auch nicht verschoben durch Unglück und Mangel, oder durch die +Nothwendigkeit, sich zu schmiegen und zu beugen. Und wenn von einer +Seite Schmeichelei sie leicht verderben kann, so ist von der andern +der Gedanke, daß jede ihrer edeln Handlungen bemerkt wird, und ihre +Verirrungen oft noch der späten Nachwelt vorerzählt werden, ein Sporn +mehr, groß und vortrefflich zu werden. Auch nützen Viele von ihnen alle +diese Triebfedern; und es ist ein Glück, an der Seite eines Fürsten zu +leben und Einfluß auf ihn zu haben, der die Würde seines Standes kennt, +und sich seines hohen Berufs werth zeigt. Ich kenne deren Einige, die +es auch gewiß nicht übel aufnehmen, wenn man ihnen die Klippen zeigt, +an welchen so viele von ihnen scheitern. + + + 21. + +Zum Schlusse noch ein Paar Worte über den Umgang der Großen und Reichen +unter sich! Sie verderben sich größtentheils Einer den Andern. Die +Kleinern beeifern sich, es den Größern nach-, ja, es ihnen an Aufwand +und übelverstandener Erhabenheit zuvorzuthun: und so verewigen sie ihre +Thorheiten, welche von noch kleinern Magnaten bis auf den geringsten, +der nur einen Schuhputzer in seiner Livree herumlaufen hat, nach +möglichsten Kräften nachgeahmt werden. Lustige Beispiele von dieser Art +sieht man an den kleinen teutschen Höfen: wie sie einander aufpassen, +sich wechselseitig controlliren, beneiden, zu übertreffen suchen; wie, +wenn der durchlauchtige Herr in Y*** an seinem Geburtstage einen Ball +und zugleich eine Illumination von sieben Pfund Talglichtern gegeben +hat, der Fürst in V*** an seinem Feste ein Feuerwerk von acht Pfund +Pulver hinzuthut; wie, wenn der Eine sich einen Ober-Hof-Marschall +für drei hundert Gulden Gage und zwölf Scheffel Hafer hält; der Andre +dem Chef seines Hofes noch obenein ein breites Ordensband über den +hungrigen Magen hängt. Indeß der eine regierende Graf sich eine +Meute Jagdhunde verschreibt, wie sie kein Potentat in Europa hat, +besoldet sein Nachbar eine Meute Hof-Musici, die wenigstens eben so +viel Lärm macht; der Dritte, voll Verzweiflung darüber, daß er es +seinen Nachbarn nicht zuvorthun kann, verzehrt lieber den sauern +Erwerb seiner geplünderten Unterthanen in Paris, spielt lieber dort +eine höchst elende Rolle, als daß er in seiner Residenz den guten, +treuen Landesvater vorstellen sollte. Und so geht das weiter hinunter. +Man fange nur in Städten an, ein Concert oder dergleichen zu geben, +welches abwechselnd von einer geschlossenen Gesellschaft gehalten wird, +und womit etwa ein Abendessen verknüpft ist. Der Erste, bei welchem +sich die Gesellschaft versammelt, wird ein Paar Flaschen Wein und +kalte Küche hergeben; der Andre fügt einen Punsch hinzu; und ehe ein +Vierteljahr vergeht, ist die Anstalt in eine kostspielige Fresserei +ausgeartet. Das sollte nun unter verständigen, vornehmen und reichen +Leuten nicht also seyn. Sie sollten den Niedern Beispiele geben von +Ordnung, Einfalt, Hinwegsetzung über steife Etikette, von Mäßigkeit in +Speise, Kleidung, Pracht, Bedienung, Hausrath und allen solchen Dingen. +Sie sollten das Vorurtheil vernichten, daß die Herzen der Großen zu +keinen dauerhaften Freundschaften fähig seyen -- mit Einem Worte: sie +sollten nicht vergessen, daß die Augen so Vieler auf sie gerichtet sind. + + + 22. + +Spöttle nicht über die Kleinlichkeiten an ~kleinen~ Höfen! Besser so, +als wenn ein Herr über vier Quadrat-Meilen Landes Garden zu Fuß und +zu Pferde, Minister, Hof-Cavaliere in Menge hält, und Schulden über +Schulden macht! Es ist nur alles relativ klein, und ist immer gut, wenn +es nur nicht zwecklos und voll abgeschmackter Forderungen ist. Dreißig +Mann, die abwechselnd Ordnung in der Stadt halten, sind mehr werth, als +dreißigtausend, die man von nützlicher Arbeit abzieht, um auf Kosten +des fleißigen armen Unterthanen Spielwerk mit ihnen zu treiben. + + + + + Zweites Kapitel. + + Ueber den Umgang mit Geringern. + + + 1. + +Im siebenten Kapitel des zweiten Theils dieses Werks habe ich +von dem Betragen des Herrn gegen den Diener und von den +Pflichten geredet, welche der Vornehmere vor Augen haben soll, +damit er denen, die vom Schicksale bestimmt sind, in Unterwürfigkeit +zu leben, ihr Daseyn erleichtere und versüße. Ich verweise +also zuerst die Leser dahin, und füge nur noch einige Regeln +für den Umgang mit solchen Personen hinzu, die zwar +nicht in unsern Diensten, aber doch, der Geburt, dem Vermögen, +oder andern bürgerlichen Verhältnissen nach, tiefer, als +wir, stehen. + + + 2. + +Man sey höflich und freundlich gegen solche Menschen, denen +das Glück nicht gerade eine so reichliche Summe nichtiger +zeitlicher Vortheile zugeworfen hat, als uns, und ehre das wahre +Verdienst, den ächten Werth des Menschen, auch im niedern +Stande! Man sey nicht, wie die meisten Vornehmen und Reichen, +etwa nur dann herablassend gegen Leute von geringerm +Stande, wenn man ihrer bedarf; da man sie hingegen verabsäumt, +oder ihnen übermüthig begegnet, sobald man ihrer entbehren +kann! Man vernachlässige nicht, sobald ein Größerer +gegenwärtig ist, den Mann, den man unter vier Augen mit +Freundschaft und Vertraulichkeit behandelt, schäme sich nicht, +öffentlich den Mann vor der Welt zu ehren, der Achtung verdient, +möchte er auch weder Rang, noch Geld, noch Titel führen! +Man ziehe aber nicht die niedern Klassen bloß aus Eigennutz +und Eitelkeit vor, um die Stimme des Volks für sich zu +gewinnen, um als ein lieber, leutseliger Herr gepriesen und über +Andere erhoben zu werden! Man wähle nicht vorzüglich den +Umgang mit Leuten von gemeiner Erziehung, um etwa in diesen +Cirkeln mehr geehrt, mehr geschmeichelt zu werden, und +glaube nicht, daß man populär und natürlich sey, wenn man +die Sitten des Pöbels nachahmt! Man sey nicht lediglich darum +freundlich gegen die Geringern, um irgend einen Höhern im +Range zu demüthigen; nicht aus Stolz herablassend, um desto +mehr geehrt zu werden, sondern überall aus reiner, redlicher Absicht, +aus richtigen Begriffen von dem Adel der Menschheit, und +aus Gefühl von Gerechtigkeit, die, über alle zufällige Verhältnisse +hinaus, in dem Menschen nur ~den~ Werth schätzt, den +er als Mensch hat! + + + 3. + +Aber diese Höflichkeit sey auch wohl geordnet; sie sey nicht +übertrieben! Sobald der Geringere fühlt, daß ihm die Ehre, +welche wir ihm erweisen, unmöglich zukommen kann, so schreibt +er dieß entweder einem Mangel an Verstande zu, oder hält es +für Spott, oder gar für Falschheit; argwöhnt, es stecke etwas +dahinter, wir wollten ihn mißbrauchen. Sodann gibt es auch +eine Art von Herablassung, die wahrhaftig kränkend ist, wobei +der leidende Theil offenbar fühlt, daß man ihm nur ein mildthätiges +Almosen der Höflichkeit darreicht. Endlich gibt es eine +abgeschmackte Art von Höflichkeit, wenn man nämlich mit Leuten +von geringerm Stande eine Sprache redet, die sie gar nicht +verstehen, die unter Personen von der Klasse gar nicht üblich +ist; wenn man das conventionelle Gewäsche von Unterthänigkeit, +Gnade, Ehre, Entzücken u. s. f. bei Personen anbringt, +die an solche starke Gewürze gar nicht gewöhnt sind. Dieß ist +der gemeine Fehler der Hofleute. Sie halten ihren Jargon für +die einzige allgemeine Sprache, und machen sich dadurch oft bei +dem besten Willen lächerlich oder verdächtig. Die große Kunst +des Umgangs ist, den Ton jeder Gesellschaft zu studiren, und +nach Gelegenheit annehmen zu können. + + + 4. + +Man hüte sich aber vor grenzenloser Vertraulichkeit gegen +solche Menschen, die keine feine Erziehung haben! Sie mißbrauchen +leicht unsre Gutwilligkeit, fordern immer mehr, und +werden unbescheiden. Man gebe Jedem, so viel er zu ertragen +vermag! + + + 5. + +Sey großmüthig und billig, und laß es daher den Geringern +in Deinen glänzenden Umständen nicht entgelten, wenn er Dich, +so lange Dich das Glück nicht anlächelte, verabsäumt, wenn er +Deinen mächtigen Feinden gehuldigt hat, wenn er sich, wie die +großen gelben Blumen, nach der Sonne dreht! Denke, daß +solche Menschen oft in die Nothwendigkeit versetzt werden, wenn +sie mit den Ihrigen leben und essen wollen, sich zu krümmen +und zu schmiegen; daß wenige unter ihnen so erzogen sind, daß +sie Sinn für feinere Gefühle und Aufopferungen haben, und +daß alle Menschen mehr oder weniger aus Eigennutz handeln, +den die Geschliffenern nur künstlicher verbergen. + + + 6. + +Täusche nicht den Niedern, der Dich um Schutz, Fürsprache, +oder Hülfe bittet, mit falschen Hoffnungen, leeren Versprechungen +und nichtigen Vertröstungen, wie es die Weise der Vornehmen +ist, die, um die Klienten sich vom Halse zu schaffen, oder +in den Ruf von Leutseligkeit zu kommen, oder aus Schwäche, +aus Mangel an Festigkeit, jeden Bittenden mit süßen Worten +und Verheissungen überschütten, sobald er aber den Rücken gewendet +hat, nicht mehr an sein Anliegen denken! Der Arme +geht indeß voll Hoffnung nach Hause, glaubt seine Angelegenheit +den besten Händen anvertrauet zu haben, versäumt alle andere +Wege, die er zu Erlangung seines Zwecks einschlagen könnte, +und fühlt sich nachher doppelt unglücklich, wenn er sieht, wie +sehr er sich betrogen hat. + + + 7. + +Hilf dem, der dessen bedarf! Befördere und schütze die, welche +Dich um Hülfe, Wohlthat und Schutz ansprechen, in so fern +die Gerechtigkeit es gestattet! Aber hüte Dich, so schwach zu +seyn, daß Du durchaus nichts abschlagen könnest! Daraus entstehen +zweierlei nachtheilige Folgen: zuerst, daß Leute von niedriger +Denkungsart Deine Schwäche mißbrauchen, und Dir eine +Last von Verbindlichkeiten, Arbeiten und Sorgen auflegen, die +für Dein Herz, für Deine Kräfte, oder für Deinen Geldbeutel +zu schwer ist, oder wodurch Du gezwungen wirst, ungerecht gegen +Andre zu handeln, die weniger zudringlich sind. Und dann +der zweite Schaden: wer zu viel verspricht, der wird wider Willen +zuweilen sein Wort zu brechen genöthigt. Ein fester Mann +muß auch den Muth haben, eine abschlägige Antwort geben zu +können; und wenn er dieß auf edle, nicht beleidigende Weise, +aus wichtigen Gründen thut, und sonst dafür bekannt ist, daß +er gerecht handelt und gerne hilft: so wird er sich dadurch keine +Feinde erwecken. Allen Menschen kann man es freilich nicht +recht machen; aber wenn man immer folgerecht und weise handelt, +so werden uns wenigstens die Bessern nicht verkennen. +Schwäche ist nicht Güte; und verweigern, was man vernünftiger +Weise nicht zugestehen kann, heißt nicht hartherzig seyn. + + + 8. + +Verlange nicht einen übermäßigen Grad von Kultur und +Aufklärung von Leuten, die bestimmt sind, im niedern Stande +zu leben! Trage auch nichts dazu bei, ihre intellectuellen Kräfte +zu überspannen, und sie mit Kenntnissen zu bereichern, die ihnen +ihren Zustand widrig machen, und den Geschmack an solchen +Arbeiten verbittern, wozu Stand und Bedürfniß sie aufrufen! +Das Wort Aufklärung wird in unsern Zeiten oft sehr +gemißbraucht, und bedeutet nicht sowohl Veredelung des Geistes, +als Richtung desselben auf grillenhafte, speculative und +phantastische Spielwerke. Die beste Aufklärung des Verstandes +ist die, welche uns lehrt, mit unsrer Lage zufrieden und in unsern +Verhältnissen brauchbar, nützlich und gewissenhaft thätig +zu seyn. Alles Uebrige ist Thorheit, und führt zum Verderben. + + + 9. + +Begegne Deinen Untergebenen liebreich, ohne Deinem Ansehen bei ihnen +etwas zu vergeben. Es taugt nie, wenn die Subalternen sich ihren +Vorgesetzten unentbehrlich machen; und verächtlich wird der Chef eines +Departements, der, weil er nicht selbst arbeiten will, oder nicht +arbeiten kann, sich auf die Untergebenen verlassen muß; da er dann +nicht Ansehen und nicht Muth genug behält, einen nachlässigen oder +eigensinnigen Secretair an seine Pflicht zu erinnern, sondern sich +alles muß gefallen lassen, was Dieser gut findet vorzunehmen, oder +zurückzulegen. + + + + + Drittes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen. + + + 1. + +Ich fasse hier die Bemerkungen über den Umgang mit Hofleuten +und mit solchen Personen überhaupt, die in der sogenannten +großen Welt leben, und den Ton derselben angenommen haben, +zusammen. Leider wird dieser Ton, den Fürsten und Vornehme +von solcher Art, wie ich sie im ersten Kapitel dieses Theils beschrieben +habe, angeben und verbreiten, von allen Ständen, die +einigen Anspruch auf feine Lebensart machen, nachgeäfft. Entfernung +von der Natur; Gleichgültigkeit gegen die ersten und +süßesten Bande der Menschheit; Verspottung der Einfalt, Unschuld +und Reinigkeit, und der heiligsten Gefühle; Falschheit; +Vertilgung und Abschleifung jeder charakteristischen Eigenheit +und Originalität; Mangel an gründlichen, wahrhaftig nützlichen +Kenntnissen; an deren Stelle hingegen Unverschämtheit, +Persifflage, Impertinenz, Geschwätzigkeit, Inconsequenz, Nachlallen; +Kälte gegen alles, was gut, edel und groß ist; Ueppigkeit, +Unmäßigkeit, Unkeuschheit, Weichlichkeit, Ziererei, Wankelmuth, +Leichtsinn; abgeschmackter Hochmuth; Flitterpracht, +als Maske der Bettelei; schlechte Hauswirthschaft; Rang- und +Titelsucht; Vorurtheile aller Art; Abhängigkeit von den Blicken +der Despoten und Mäcenaten; sclavisches Kriechen, um etwas +zu erringen; Schmeichelei gegen Den, dessen Hülfe man bedarf, +aber Vernachlässigung auch des Würdigsten, der nicht helfen +kann; Aufopferung auch des Heiligsten, um seinen Zweck zu +erlangen; Falschheit, Untreue, Verstellung, Eidbrüchigkeit, +Klatscherei, Kabale; Schadenfreude, Lästerung, Anekdoten-Jagd; +lächerliche Manieren, Gebräuche und Gewohnheiten -- +das sind zum Theil die herrlichen Dinge, welche unsre Männer +und Weiber, unsre Söhne und Töchter, von dem liebenswürdigen +Hofgesinde lernen; -- das sind die Studien, nach welchen +sich die Leute von feinem Tone bilden! Da, wo dieser Ton +herrscht, wird das wahre Verdienst nicht bloß übersehen, sondern, +so viel möglich, mit Füßen getreten, unterdrückt, von +leeren Köpfen zurückgedrängt, verdunkelt, verspottet. Kein größerer +Triumph für einen faden Hofschranzen, als wenn er den +Mann von entschiedenem Werthe, dessen Uebergewicht er heimlich +fühlt, demüthigen, ihn auf einem Mangel an conventioneller +feinen Lebensart ertappen, und, durch die Art, wie er dieß +zu erkennen gibt, oder dadurch, daß er mit ihm in einer Sprache +oder über Gegenstände redet, wovon er nichts versteht, es dahin +bringen kann, daß Jener verwirrt wird, und sich in schiefem +Lichte zeigt! Kein größerer Triumph für die Petite-Maitresse, +als wenn sie eine redliche Frau, voll wahrer innerer und +äusserer Vorzüge und Würde, in einer Gesellschaft von Welt-Leuten +von einer lächerlichen Seite darstellen kann! Das alles +muß man erwarten, wenn man sich unter Menschen von dieser +Klasse mischt. Man muß sich dann nicht beunruhigen, wenn +uns dergleichen widerfährt, und hinterher sich kein graues Haar +darum wachsen lassen. Man hat sonst keinen friedlichen Augenblick, +wird unaufhörlich von tausend Leidenschaften, besonders +von Ehrgeiz und Eitelkeit, in Aufruhr gebracht. Es gibt aber +drei Mittel, allen diesen Ungemächlichkeiten auszuweichen, indem +man nämlich ~entweder~ sich von der großen Welt ganz +zurückzieht, ~oder~ in derselben seinen graden Gang fortgeht, ohne +sich alle diese Thorheiten anfechten zu lassen, ~oder~ endlich, daß +man den Ton derselben studirt, und, so viel es ohne Verleugnung +des Charakters geschehen kann, mit den Wölfen heult. + + + 2. + +Wer seiner Lage nach nicht schlechterdings dazu verdammt +ist, an Höfen, oder sonst in der großen Welt zu leben, der bleibe +fern von diesem Schauplatze des glänzenden Elends: bleibe fern +vom Getümmel, das Geist und Herz betäubt, verstimmt und +zu Grunde richtet! In friedlicher häuslicher Eingezogenheit, im +Umgange mit einigen edeln, verständigen und muntern Freunden +ein Leben führen, das unsrer Bestimmung, unsern Pflichten, +den Wissenschaften und unschuldigen Freuden gewidmet ist, +und dann zuweilen mit Nüchternheit an öffentlichen Vergnügungen, +an großen, gemischten Gesellschaften Theil nehmen, +um für die Phantasie, die doch auch nicht leer ausgehen will, +neue Bilder zu sammeln, und die kleinen, widrigen Gefühle der +Einförmigkeit zu verlöschen: -- das ist ein Leben, das eines +weisen Mannes werth ist! Und in Wahrheit! es steht öfter in +unsrer Macht, als man gemeiniglich denkt, sich der großen Welt +zu entziehen. Menschenfurcht, elende Gefälligkeit gegen mittelmäßige +Leute, Eitelkeit, Schwäche, Nachahmungssucht -- das +ist es, was so manchen sonst nicht schlechten Mann bewegt, +seine schönsten Stunden da zu verschleudern, wo er im Grunde +nicht zu Hause ist, wo so oft Ekel und Langeweile ihn anwandeln, +und allerlei unedle Leidenschaften ihr Spielwerk mit ihm +treiben. Freilich aber muß man, um sich diesem zu entziehen, +nicht nur, seinen Verhältnissen nach, unabhängig seyn, sondern +auch nach festen Grundsätzen zu handeln und sich über das Geschwätz +der Leute hinwegzusetzen den Muth haben, -- mag auch +davon gesprochen werden, was da will. + + + 3. + +Muß oder will man aber in der großen Welt leben, und ist man nicht +ganz sicher, daß es gelingen werde den Ton derselben anzunehmen: so +bleibe man lieber der Art von Stimmung und Wendung treu, die uns Natur +und Erziehung gegeben haben. Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn +man jene Sitten halb und unvollständig copirt, -- wenn der ehrliche +Landmann, der schlichte Bürger, der gerade, teutsche Biedermann, +den französischen Petit-Maitre, den Hofmann, den Politiker spielen +will, -- wenn Leute, die einer ausländischen Sprache nicht mächtig +sind, alle Gelegenheit aufsuchen, mit fremden Zungen zu reden, oder, +wenn sie auch in ihrer Jugend an Höfen gelebt haben, nicht merken, +daß die galante Sprache aus Ludwigs des Vierzehnten Zeiten jetzt +gar nicht mehr im Umlaufe ist, und eine Stutzer-Garderobe jetzt nur +noch auf den komischen Theatern Wirkung thut. Solche Menschen machen +sich muthwilliger Weise zum Gespötte, da man hingegen mit einem +ungezwungenen, natürlichen und verständigen Betragen, Anstande und +Anzuge, wenn dies alles auch nicht nach dem feinsten Hofschnitte ist, +sich mitten unter dem leichtfertigen Gesindel Achtung, und, wo nicht +ein angenehmes, doch ein ruhiges, ungekränktes Leben verschaffen kann. +Sey also einfach in Deiner Kleidung und in Deinen Manieren, ehrlicher +Biedermann! Sey ernsthaft, bescheiden, höflich, ruhig, wahrhaftig! +Rede nicht zu viel und nie von Dingen, wovon Du nichts weißt, noch in +einer Sprache, die Dir nicht geläufig ist, in so fern der, welcher mit +Dir spricht, Deine Muttersprache versteht! Betrage Dich mit Würde und +Geradheit, ohne grob zu seyn, ohne Ungeschliffenheit! so wird man Dich +ungeneckt lassen. Freilich wirst Du dabei auch nicht sehr vorgezogen: +Dein Gesicht wird kein Modegesicht werden. Hierüber aber beruhige Dich! +Zeige Dich nicht verlegen, ängstlich, wenn in einer großen Gesellschaft +kein Mensch mit Dir redet; Du verlierst nichts dabei, kannst für Dich +an allerlei gute Dinge denken, auch manche nützliche Bemerkung machen, +und man wird Dich nicht verachten, sondern vielleicht gar ~fürchten~, +ohne Dich zu hassen, und das ist denn doch zuweilen so übel nicht. + +Leute, die in der Jugend an Höfen und in großen Städten keine +unbeträchtliche Rolle gespielt, die vielmehr dort geglänzt, nachher +aber sich zurückgezogen, sich einer einfachern Lebensart gewidmet +haben, vergessen gar zu leicht, daß man, um hier immer ein Modegesicht +zu bleiben, nie den Faden der herrschenden Conversation aus der Hand +verlieren, nie versäumen darf, der Kultur -- wenn man das Kultur +nennen muß -- auch in den kleinsten Fortschritten nachzufolgen. Das +ist aber, bei der unbeschreiblichen Veränderlichkeit des Geschmacks +und der Phantasie, unmöglich, sobald man nicht immer mit dem ganzen +Geschwader auf dem großen Weltmeere umherschwimmen, und sich dem Winde +und Wetter preisgeben will. Ist's anders möglich, als daß denjenigen +eine sehr böse Laune anwandelt, der sich vernachlässigt, und unbärtigen +Männchen nachgesetzt sieht? O! es ist unglaublich, wie so etwas die +Fassung auch des klugen Mannes (denn selbst die klugen Leute sind +nicht immer ganz von Eitelkeit frei) erschüttern, wie es verstimmen +und bewirken kann, daß der, welcher sich in dem besten Lichte zeigen +wollte, weil er etwas zu suchen hat, in dem ungünstigsten erscheint, +und die Frucht einer weiten Reise und große Unkosten einbüßt, weil er +sich mit Geringschätzung behandelt sieht, und die Fassung verliert. +Wer sich viele Jahre hindurch an großen und kleinen Höfen und sonst in +der großen Welt hat umher treiben müssen, der wird nie in Verlegenheit +von jener Art kommen können. Er wird die Fertigkeit erlangt haben, +sich geschwind zu orientiren, schnell zu fassen, und zu beurtheilen, +welche Sprache hier anwendbar ist; die guten Leute hingegen, die nicht +Gelegenheit gefunden haben, diesen Grad von Verfeinerung zu erlangen, +sollen wohl beherzigen, was zu Anfange dieses Abschnitts ist gesagt +worden. + + + 4. + +Wer aber viel und immer in der großen Welt lebt, der thut +doch wohl, den herrschenden Ton zu studiren, und die äussern +Gebräuche derselben anzunehmen. Ersteres ist so schwer nicht, +und Letzteres kann ohne schädlichen Einfluß auf den Charakter +geschehen. Zeichne Dich also nicht durch altväterische Kleidung +oder Manieren aus! aber vergiß nicht, dabei Dein Alter, Deinen +Stand und Dein Vermögen zu berücksichtigen, und copire +nicht die Lächerlichkeiten einzelner Thoren, noch die ephemerische +Mode des Augenblicks! Mache Dich mit der Sprache der Hofleute, +mit ihrer Art, sich gegen einander zu betragen, mit den +Conventionen im Umgange bekannt; aber verleugne nicht innere +Würde, Charakter und Wahrheit! + + + 5. + +Es lassen sich unmöglich allgemeine Regeln geben, wie weit +man in der Nachahmung der Hofsitte gehen dürfe. Ein verständiger +und redlicher Mann wird das am besten selbst nach seiner +Lage, Gemüthsart und nach seinem Gewissen abmessen können. +Doch nur so viel: Wer es nicht über sich erlangen kann, unschädliche +Thorheiten nachzuahmen, der glaube wenigstens nicht, +den Beruf zu haben, sie zu bekämpfen; denn gleichgültige Gewohnheiten +und Sitten, die weiter keinen Einfluß auf den Charakter +haben, kann man, ja! muß man zuweilen auf kurze Zeit +annehmen, und darf um so weniger ein Bedenken tragen, dieß +zu thun, je mehr man dadurch manches größere Gute zu bewirken +in den Stand gesetzt wird. + +Es gibt auch Moden in der Literatur und Kunst, im Geschmacke, +in gewissen Vergnügungen und Schauspielen, und der Beifall, den +eine Sängerin, ein Tonkünstler, Schriftsteller, Prediger, Maler, +Geisterseher, Putzhändler oder Schauspieler, oft ganz gegen Verdienst +und Würdigkeit, vom vornehmen großen Haufen einerntet, hat nur in der +Mode seinen Grund, d. h. darin, daß einer dem andern nachschwatzt, +und es ist verlorne Mühe, diesem Mode-Geschmacke sich widersetzen zu +wollen. Am besten ist es da, ruhig abzuwarten, daß eine neue Narrheit +die alte verdränge. Es gibt sogar Moden im Gebrauche von Arzeneien, +denen sich die Vornehmern unterwerfen zu müssen glauben, -- sey es, +daß sie sich täglich clystiren, oder in ein gewisses Bad und in kein +anderes reisen, oder sich mit den Pillen oder Pulvern irgend eines +Marktschreiers langsam vergiften! Lächle in der Stille darüber! +clystire oder magnetisire Dich unmaßgeblich auch ein wenig, und mache +mit, was sich ohne Gefahr und Tollheit mitmachen läßt! Wenigstens mache +Dich mit diesen Modethorheiten bekannt, um nicht in Deinen Gesprächen +dagegen anzustoßen! Du wirst übel anlaufen, wenn Du nach Deiner +Empfindung eine Theater-Nymphe tadelst, deren Zwitschern grade zu der +Zeit in der feinen Welt für Götter-Stimme gilt, oder wenn Du ein Buch +erbärmlich nennst, dessen Verfasser als ein Original-Genie anerkannt +wird. Du wirst übel anlaufen, wenn Du eine Dame, die gerade in der +Periode ist, in welcher sie nach der Mode freigeisterische Grundsätze +haben muß, von religiösen Gegenständen unterhältst. Denn auch das hat +seine Gesetze, die von der Mode bestimmt werden. Jünglinge fangen +schon im fünf und zwanzigsten Jahre an, alt zu werden, nicht mehr zu +tanzen, sich den Cirkeln der Greise zuzugesellen, ein feierliches, +philosophisches, ein Geschäfts-Gesicht mit in die Gesellschaft zu +bringen; kommen sie aber nahe an die Vierzige, dann werden sie wieder +jung, hüpfen herum, spielen um Pfänder mit jungen Mädchen: -- das alles +muß man beobachten, und seine Maßregeln darnach nehmen. + + + 6. + +Uebrigens gestehe ich -- es bleibt aber unter uns -- daß der +Ton, welcher jetzt unter unsern ganz jungen Leuten ziemlich allgemein +an Höfen und in der feinen Welt eingeschlichen ist, mir +gar nicht so gefallen will, wie der, welcher vor etwa zwanzig +Jahren herrschte. Viele von ihnen kommen mir äusserst ungeschliffen +und plump vor; es scheint mir, als suchten sie etwas +darin, Bescheidenheit, Höflichkeit und Delicatesse zu beleidigen, +stumm, ungefällig gegen Damen und Fremde zu seyn, selbst +ihren Körper zu vernachlässigen, ohne alle Grazie beim Tanze +herumzuspringen, krumm und schief und gebückt zu gehen, keine +Kunst, keine Wissenschaft gründlich zu lernen, ungeachtet aller +Mühe, welche die neuern Pädagogen anwenden, und ungeachtet +des vortrefflichen Beispiels, das sie der Jugend in Höflichkeit, +Bescheidenheit und Gründlichkeit geben. Es gibt freilich +einen Bocksbeutel, einen Rang und eine Steifigkeit im Umgange, +die in vorigen Zeiten in Teutschland herrschend war; und +es ist ein Glück, daß wir anfangen, sie abzulegen; aber edler +Anstand ist nicht Steifigkeit, -- verbindliche Höflichkeit und +Aufmerksamkeit nicht Kriecherei, Grazie nicht Zwang -- und +ächtes Talent, wahre Geschicklichkeit nicht Pedanterie. Und man +sehe auch die papiernen Männchen an, wie Ueberdruß und Langeweile +auf ihrer früh sich runzelnden Stirne wohnen; wie sie +unfähig sind, von ganzem Herzen froh zu werden; wie sie in +den schönsten Jahren des Lebens schon, bei den unschuldigen +Freuden der Jugend, Ueberdruß empfinden. -- Doch, ich habe +Hoffnung, daß es bald wieder besser damit werden soll, und +ohne Stolz auf unsre Vaterstadt kann ich es wohl sagen: Wir +haben hier eine liebenswürdige wohlerzogene Jugend in allen +Klassen und Ständen aufzuweisen[6]. + + + 7. + +Verachte nicht alles, was bloß conventionellen (übereinkünftlichen) +Werth hat, wenn Du mit Annehmlichkeit in der großen Welt leben +willst! Verachte nicht so ganz und gar Titel, Orden, Glanz, äussere +Auszeichnungen und Zierden; aber setze auch keinen innern Werth +darauf! ringe nicht ängstlich darnach! Es gibt doch wohl Fälle, wo +ein solcher an sich nichtiger Stempel Dir und den Deinigen, wo nicht +reelle Vortheile, doch Annehmlichkeiten zuwege bringen kann. Heimlich +in Deinem Kämmerlein darfst Du herzlich über alle diese Thorheiten +lachen; aber thue das nicht laut! ~Mit einem Worte~: zeichne Dich unter +den Weltleuten, mit denen Du leben mußt, nicht zu sehr durch eine +gewisse Strenge in Deinen Sitten und Urtheilen aus! Dieß ist nicht nur +Regel der Klugheit! nein, es ist auch Pflicht, die Sitten des Standes +anzunehmen, den man wählt; ganz zu seyn, was man ist, - doch wie sich +das versteht, nie auf Kosten des Charakters[7]. Erwarte übrigens auf +diesem Schauplatze nicht, daß man in Dir den edlen, weisen, geschickten +Mann schätze, sondern nur, daß man von Dir sage: +Par Dieu! il a de +l'esprit, comme nous autres!+ + + + 8. + +Und willst Du auch nur dies eitle Lob davon tragen, so darfst +Du selbst nicht einmal merken lassen, daß Du von besserm +Stoffe bist, als der große Haufe jener hirnlosen Müßiggänger. +Der klügere und edlere Mann -- bequemte er sich auch noch so +pünktlich nach den Sitten der feinen Societät -- wird dennoch +dem Neide, der Verleumdung und den unaufhörlichen Neckereien +und Klatschereien, welche hier herrschen, nicht ausweichen: +denn um schaalen Köpfen zu gefallen, muß man selbst ein schaaler +Kopf seyn. Ich rathe denn, sich das gar nicht anfechten zu +lassen; vor allen Dingen aber keinen Verdruß, keine ~Unruhe +zu äussern~, sonst bekömmt man nie Frieden. Man gehe also +seinen Gang fort, folge seinem Systeme, und lasse die Thoren +schwatzen, bis sie müde werden! Hier sind auch alle Erläuterungen, +alle Entschuldigungen übel angebracht, und wenn Du +mit Widerlegung ~einer~ Verleumdung fertig bist, so wird man +schon eine andere in Bereitschaft haben. + + + 9. + +In der großen Welt ist der oben entwickelte Grundsatz vorzüglich nicht +aus den Augen zu lassen, nämlich, daß jedermann nur so viel gilt, +als sein eigenes Bewußtseyn nach dem Urtheile seines Gewissens ihn +gelten läßt, und wer dies Urtheil für sich hat, der wird sich frei, +zuversichtlich und edelstolz zeigen, und sein Publikum nöthigen, ihm +Achtung und Vertrauen zu beweisen, wird selbst denjenigen, die ihre +Aufmerksamkeit nach dem Range oder Vermögen eines Menschen abzumessen +gewohnt sind, eine gewisse Scheu einflößen, so daß sie es nicht +wagen, ihn geringschätzig zu behandeln, weil er weder zu den hohen +Standespersonen, noch zu den Reichen gehört. + + + 10. + +Jeder durch Bildung oder Verdienste ausgezeichnete Mann messe sein +Betragen gegen Hofleute pünktlich nach dem ihrigen gegen ihn ab, und +gehe ihnen keinen Schritt entgegen! Diese Menschen-Gattung nimmt eine +Hand breit, wo man ihnen Finger breit einräumt. Er erwiedere Stolz mit +Stolz, Kälte mit Kälte, Freundlichkeit mit Freundlichkeit; gebe aber +nicht mehr und nicht weniger, als er empfängt! Die Befolgung dieser +Vorsicht hat mannigfaltigen Nutzen. Die feinen Weltleute sind wie ein +Rohr, das vom Winde bewegt wird. Da sie selbst so wenig Bewußtseyn +innerer Würde haben, so beruht ihre ganze Existenz auf ihrem äussern +Rufe. Sie werden sich an Dich schließen, sobald sie sehen, daß Du +im guten Lichte erscheinst. Aber wenn Du nicht durch die niedrigste +Schmeichelei und Preisgebung alle alten Weiber beiderlei Geschlechts +auf Deine Seite ziehst, so wird bald einmal eine Lästerzunge etwas Dir +Nachtheiliges aussprengen. Kaum wird ein solches Gerücht herumlaufen, +so werden jene Sclaven lauern, welche Wirkung dieß auf das Publikum +macht; und faßt es Wurzel, so werden sie den Kopf um ein paar Zoll +höher gegen Dich tragen. Macht Dich das unruhig, ängstlich, -- +behandelst Du sie nach Deinem Herzen wie Leute, deren Freundschaft Du +gern halten mögtest: so werden sie immer unverschämter, und helfen +eifrigst die elende Klatscherei verbreiten, woraus Dir denn, so geringe +auch die Sache scheinen mag, mancherlei Verdruß erwachsen kann. Wirf +aber auf den Ersten, der Dir kalt begegnet, einen verächtlichen +Blick, so wird er zurückspringen, vor seinem eigenen Rufe beben, kein +nachtheiliges Wort von Dir über seine Zunge kommen lassen, und sich vor +dem Manne beugen, von dem er glaubt, er müsse geheimen Schutz haben, +weil er so fest steht, so gleichgültig gegen die seligmachende Stimme +des hohen Pöbels ist. Ja, gib ihm doppelt wieder, was er wagt, Dir zu +bieten! Laß Dich durch kein freundliches Wörtchen wieder heranlocken, +bis er gänzlich zu Kreuze kriecht! Am besten ist es gewiß, über +dergleichen und über Klatschereien aller Art wenigstens nicht die +geringste Unruhe zu ~zeigen~, mit niemand weiter darüber zu reden, und +sich auf keine Erläuterung einzulassen. Dann ist in acht Tagen das +Mährchen vergessen, da auf jede andere Art hingegen die Sache ärger +gemacht wird. + + + 11. + +Sey höflich und geschliffen im Aeussern! Man muß an Höfen und im +Umgange in großen Städten manchen Menschen sehen, ertragen und +freundlich behandeln, den man nicht schätzt; auch sucht man ja in +diesem Getümmel keine Freunde, sondern nur Gesellschafter. Allein wo +es Nutzen stiften, oder wenigstens unser Ansehen befestigen, wo es +wirken kann, daß der Dich fürchte, der nicht anders als durch Furcht +im Zaume zu halten ist, da laß ihn Dein Ansehen fühlen! Nimm gegen den +Hofschranzen eine Art von Würde, von edelm Stolze und von Hoheit an, +damit nie der Gedanke in ihm aufkeimen könne, Dich zu foppen, oder +zu mißbrauchen! Diese Sclaven-Seelen zittern vor dem Uebergewicht +des verständigen, consequenten Mannes; allein das muß weder in +Aufgeblasenheit, noch in Bauernstolz ausarten. Sage diesen Leuten +zuweilen einmal, doch ohne Hitze und Grobheit, die Wahrheit! Schlage +ihre flachen, schiefen Urtheile kaltblütig mit Gründen nieder, wo es +nach den Umständen die Klugheit erlaubt! Bringe sie durch kaltblütigen +Widerspruch zum Schweigen, wenn sie den Redlichen lästern! Setze ihren +Kriegslisten Muth, Thätigkeit und wahre Kraft entgegen! Scherze nicht +vertraulich mit ihnen! Laß ächter Laune nicht den Lauf, -- aus Furcht, +ein Wort zu sprechen, das man mißbrauchen, verdrehen könnte! + + + 12. + +Ueberhaupt rede in der großen Welt nie eine warme Herzens-Sprache! +Die ist dort eine fremde Mundart. Rede nicht von +den reinen, süßen, einfachen, häuslichen Freuden! Das sind +Mysterien für solche Profane. Habe Dein Gesicht in Deiner +Gewalt, daß man nichts darauf geschrieben finde, weder Verwunderung, +noch Freude, noch Widerwillen, noch Verdruß! +Die Hofleute lesen besser Mienen, als Buchstaben: das ist fast +ihr einziges Studium. Vertraue Deine Angelegenheiten niemand! +Sey vorsichtig, nicht nur im Reden, sondern sogar im +Hören! sonst wird Dein Name leicht gefährdet. + + + 13. + +Ich habe schon vorhin gesagt, daß das Betragen in der großen Welt nach +eines Jeden besondrer Lage sich richten müsse, und daß, was dem Einen +darin zu beobachten wichtig und nöthig ist, für den Andern vielleicht +von gar keinem Belange seyn könne. Wer nicht bloß in derselben leben +und geachtet werden, sondern auch wirken, sich empor arbeiten, regieren +will, der muß das Ding freilich noch viel feiner studiren. Da kann es +äusserst wichtig werden, entweder zu der herrschenden Parthei, oder +(wobei man größtentheils am sichersten geht, wenn man sonst kein ganz +unwichtiger Mann ist) zu gar keiner zu gehören, um von allen aufgesucht +zu werden, und nach Gelegenheit unmerklich Anführer einer eigenen zu +werden. Da muß oft die Politik uns lehren, wo wir des sichern Vortheils +nicht gewiß sind, -- wo nicht zu helfen, vielleicht die Hülfe sogar +nachtheilig ist, und Uebel ärger macht, unsre verfolgten Freunde +allein kämpfen zu lassen, und uns ihrer nicht öffentlich anzunehmen. +Da kann es nöthig seyn, anfangs ganz unscheinbar dazustehen, um +nicht beobachtet, in seinen Planen nicht gestört, vielmehr als ein +unbedeutender Mensch (weil ein solcher immer mehr Stimmen auf seiner +Seite hat, als der von besserer Art) befördert zu werden. Zu allen +Geschäften aber, die man in der großen Welt führen muß, ist nichts so +dringend anzuempfehlen, als -- ~Kaltblütigkeit~, das heißt: sich nie +zu vergessen; nie sich zu übereilen; den Verstand nie dem Herzen, dem +Temperamente, der Phantasie preiszugeben; Vorsicht, Verschlossenheit, +Wachsamkeit, Gegenwart des Geistes, Unterdrückung willkührlicher +Aufwallungen und Gewalt über Regungen des Gefühls und Launen. Mit +Kaltblütigkeit und den dahin gehörigen Eigenschaften sieht man Personen +von den mittelmäßigsten natürlichen Gaben über den lebhaftesten, +feinsten Feuer-Kopf herrschen. Aber diese schwere Kunst -- wenn sie +sich je erlernen läßt, wenn sie nicht ausschließlich ein Geschenk der +Natur ist -- erlangt man nur nach vieljähriger Arbeit und Erfahrung. + + + 14. + + Und nun zum Schlusse dieses Kapitels auch etwas über den Nutzen, + den uns der Umgang mit Menschen in der großen Welt gewährt! Er ist + wahrlich nicht unbeträchtlich, aber er muß auch oft theuer genug + erkauft werden. Vorschriften, welche uns auf die erlaubten Sitten der + feinern Gesellschaft verweisen, sind freilich keine Grundsätze der + Moral, sondern nur der Uebereinkunft; allein eben diese Uebereinkunft + beruht doch darauf, daß man suche, sich und Andern in einer + zwangvollen Lage, deren Ungemächlichkeit man nun einmal nicht ganz aus + dem Wege räumen kann, den Zustand so leidlich als möglich zu machen, + ohne dazu solche Mittel zu ergreifen, die unsern innern Werth auf das + Spiel setzen. Dieser innere Werth aber, der, wie ein Schatz unter der + Erde, immer, auch verborgen, Gold bleibt, kann doch Wittwen und Waisen + nähren, und Monarchen und Reiche zum Wohl der Welt in Wirksamkeit + setzen, wenn er hervorgeholt und durch den Stempel der Convention in + Umlauf gebracht, wenn er allgemein anerkannt wird, -- anerkannt von + Denen, die sich auf reines Gold verstehen, und anerkannt von Denen, + die nur auf das Gepräge achten. -- Darum sollte man nicht so unbedingt + und so heftig gegen den wahren feinen Weltton eifern, ihn nicht ganz + verdammen. Er lehrt uns, die kleinen Gefälligkeiten nicht ausser Acht + zu lassen, die das Leben süß und leicht machen. Er erweckt in uns + Aufmerksamkeit auf den Gang des menschlichen Herzens, schärft unsern + Beobachtungs-Geist, gewöhnt uns, ohne zu kränken und ohne gekränkt + zu werden, mit Menschen aller Art leben zu können. Der ächte und + zugleich redliche alte Hofmann verdient wahrlich Verehrung; und man + braucht nicht in die Wüsten zu fliehen, noch sich in Studirzimmern + zu vergraben, um auf den Titel eines Philosophen Anspruch machen + zu dürfen. Ja, ohne einige Kenntniß der großen Welt hilft uns alle + Stuben-Gelehrsamkeit, alle Menschenkunde aus Büchern sehr wenig. Ich + rathe also jedem jungen Manne, der edeln Ehrgeiz, Durst nach Welt- + und Menschen-Kenntniß, und Lust hat, nützlich und thätig zu seyn, + wenigstens auf einige Zeit den größern Schauplatz zu betreten, wäre + es auch nur, um zu Beobachtungen Stoff zu sammeln, die einst im Alter + seinen Geist beschäftigen, und ihn in den Stand setzen, seinen Kindern + und Enkeln, die vielleicht bestimmt sind, an Höfen und in großen + Städten ihr Glück zu suchen, weise Lehren zu geben. + + + + + Viertes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit Geistlichen. + + + 1. + +Ich mache, da ich nun auf den Umgang mit Leuten von andern Ständen +und Verhältnissen komme, billiger Weise in einem eigenen Kapitel +mit der Geistlichkeit den Anfang. Lehrreich und wohlthätig ist der +Umgang mit einem solchen Geistlichen, der sich aus ganzer Seele seinem +heiligen Berufe widmet, seinen Verstand und Willen durch den sanften +Einfluß der Religion Jesu geläutert, und sich eben dadurch Würde und +Weisheit erworben hat, -- der als ein unerschrockener Verkündiger +und Diener der Wahrheit allen Guten und selbst den Feinden des Guten +Hochachtung einflößt, und die Kraft des Worts durch eigenes Beispiel +bestätigt, -- der seiner Gemeine Bruder, Freund, Wohlthäter und +Rathgeber, in seinem Vortrage populär, warm und herzlich ist, -- durch +Bescheidenheit, Einfalt der Sitten, Mäßigkeit und Uneigennützigkeit +sich als einen würdigen Nachfolger der Apostel auszeichnet, -- duldsam +und billig gegen fremde Religions-Verwandte, väterlich nachsichtig +gegen Verirrte, kein Feind unschuldiger Fröhlichkeit, und dabei in +seinem häuslichen Kreise ein guter, zärtlicher und weiser Hausvater +ist. Allein nicht alle und nicht die meisten Diener der Kirche sehen +diesem Bilde ähnlich. Menschen ohne Erziehung und Sitten, aus dem +niedrigsten Pöbel entsprossen, ohne gesunde Vernunft und ohne andre +Kenntnisse, als die dazu gehören, sich nach einem elenden Schlendrian +examiniren zu lassen, drängen sich in diesen Stand ein, haschen +nach reichen Pfründen und Pfarren, und erlauben sich, um dahin zu +gelangen, alle Arten von Schleichwegen und Niederträchtigkeiten. Haben +sie nun ihren Zweck erreicht, dann fährt der rechte Pfaffen-Geist +in sie. Geizig, habsüchtig, träge und kriechend, Schmeichler der +Großen und Reichen, übermüthig und stolz gegen Niedre, voll Neid +und Scheelsucht gegen ihres Gleichen, sind sie größtentheils daran +Schuld, wenn Verachtung der heiligsten Religion und ihrer Diener so +allgemein einreißt. Diese Religion behandeln sie als eine trockne +Wissenschaft, und ihr Amt als ein einträgliches Gewerbe. Auf dem Lande +verbauern sie, ergeben sich dem Müßiggange und der Bequemlichkeit, +und klagen über ungeheure Arbeit, wenn sie alle acht Tage einmal von +der Kanzel herunter die Zuhörer mit ihren dogmatischen, armseligen +Spitzfindigkeiten einschläfern. Sie angeln nach Geschenken, Erbschaften +und Vermächtnissen, wie der Teufel nach ihrer Seele. Ihr Ehrgeiz ist +unermeßlich; ihr geistlicher Stolz, ihr Despotismus, ihre kirchliche +Herrschsucht ohne Gränzen. Den Eifer für die Religion brauchen sie zum +Deckmantel ihrer Leidenschaften. Orthodoxie ist die Parole; blinder +Glaube und Ehre Gottes das Feldgeschrei, wenn sie den unschuldigen +ruhigen Bürger, der einen Unterschied unter Religion und Theologie +macht, den Pfaffen nicht schmeichelt, und ihnen nicht opfert, bis +in den Tod verfolgen wollen. Ihre Feindschaft ist unversöhnlich -- +ich rede aus Erfahrung -- gegen Den, der sich ihrem eisernen Scepter +nicht unterwerfen, oder zu ihren Gewissenlosigkeiten nicht schweigen +will. Ihre Eitelkeit ist größer, als die eines Weibes. Aus Vorwitz +und kindischer Neugier schleichen sie sich in die Häuser und Familien +ein, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts angehen; um Ränke zu +schmieden, Zwietracht zu stiften, und im Trüben zu fischen. Niemand +versteht besser, als sie, die Kunst, ein Vorhaben, mit Ueberwindung +aller Schwierigkeiten, listig durchzusetzen, ohne das Ansehen zu haben, +als hätten sie die Hände im Spiele. Geht es auf die eine Weise nicht, +so greifen sie die Sache am entgegengesetzten Ende an, drehen, wenden, +bemänteln, verrücken den Gesichtspunkt, und ruhen nicht eher, als +bis sie, zur Befriedigung ihrer Herrschsucht, ihrer Rache, oder ihrer +Habsucht, den vorgesetzten Zweck erreicht haben. + +Ihre Predigten, ihre Gespräche und Mienen sind Bann-Strahlen, +Verdammungs-Urtheile und Drohungen gegen andre Religions-Verwandte +und gegen Jeden, der das Unglück hat, nicht glauben zu können, was +sie -- oft selbst nicht glauben, sondern -- nur lehren, weil es Geld +einbringt. Sie lauschen auf die Fehler ihrer Nebenmenschen, schreien +dieselben vergrößert aus, oder wo sie das alles nicht öffentlich thun +dürfen, da wirken sie durch Andere im Verborgenen, oder hängen die +Maske der Demuth, der Heuchelei, des Eifers für Gottseligkeit und +gute Sitten vor, um mit sanfter Stimme, mit Klagen und Winseln, die +Schwachen auf ihre Seite zu bringen, und den Weisern und Bessern bei +dem Volke verdächtig zu machen. -- Ja, solche Ungeheuer gibt es leider! +unter den Dienern der Kirchen, und nicht etwa nur unter Mönchskutten +und Jesuitenmänteln, -- nein! mancher protestantische Pfaffe würde ein +zweiter Hildebrand seyn, wenn ihm nicht die Flügel beschnitten wären. + + + 2. + +Da nun aber hie und da, auch unter den weniger boshaften, ja, unter +den redlichen Geistlichen, Einige doch einen kleinen Anstrich von +manchem dieser Fehler, z. B. von geistlichem Stolze, von Unduldsamkeit, +von Anhänglichkeit an Systemgeist, von falschem Priestergeist, von +Habsucht, oder von Rachsucht haben: so kann es wohl nicht schaden, +wenn man gewisse Vorsichtigkeits-Regeln beobachtet, die im Umgange mit +~allen~ Personen dieses Standes ohne Unterschied nicht überflüßig sind. + +Man hüte sich also, ihnen Gelegenheit zu Verketzerungen zu geben! Und +so wie überhaupt ein verständiger Mann sich enthält, über religiöse +Gegenstände in Gesellschaften zu plaudern: so soll man in Gegenwart +eines Geistlichen vorzüglich Acht haben, nie ein Wort fallen zu lassen, +das übel ausgelegt, und als ein Ausfall gegen irgend ein Kirchensystem +oder einen Religionsgebrauch angesehen werden könnte! Auch besuche man +die Kirchen, selbst wenn die Art des Gottesdienstes und der Vortrag des +Predigers unsre Andacht nicht sehr befördern, des Beispiels wegen, und +um nicht Gelegenheit zu geben, daß man uns Gleichgültigkeit gegen die +Religion aufbürde. + +Man mache in Gesellschaft nie einen Geistlichen lächerlich, möchte er +auch noch so viel Veranlassung dazu geben! Auch rede man mit Vorsicht +von ihnen! Theils machen diese Herren gar zu gern ihre eigene Sache zur +Sache Gottes; theils verdient dieser ehrwürdige Stand auf alle Weise +eine Schonung, die man wegen der Unwürdigkeit einzelner Mitglieder +nicht aus den Augen setzen darf; theils kann man durch das Gegentheil +die verderbliche Verachtung der Religion, die leider so sehr einreißt, +wider Willen befördern. + +Man bezeige hingegen den Geistlichen alle äussere Ehrerbietung, die +sie nur irgend billiger Weise fordern können, und beleidige nicht nur +keinen derselben, sondern mache sich auch keines Mangels an Höflichkeit +gegen sie schuldig! + +Man lasse, bei der Entrichtung der ihnen zukommenden Gebühren und +Abgaben, sich keine Abkürzung, noch Saumseligkeit zu Schulden kommen; +gebe aber auch, bei Fällen, die öfter eintreten können, nicht zu viel! +denn die Habsüchtigen unter ihnen schreiben gern alles auf, und machen, +was die Freigebigkeit oder Dankbarkeit that, zum Gesetz, zu einem +Recht, das sie sogar auf ihre Nachfolger zu vererben trachten. + +Man hüte sich, bevor man den Mann nicht recht genau kennt, einen +Geistlichen von der alltäglichen Art zum Vertrauten in häuslichen +Angelegenheiten und andern Dingen von Wichtigkeit zu machen, und halte +ihn entfernt, wenn er sich unberufen in dergleichen mischen will! + +Man verhindere die zu große Vertraulichkeit der Weiber und Töchter mit +gewissen Beichtvätern und geistlichen Rathgebern! + + + 3. + +In Prälaturen und Klöstern muß man den Ton der Herren Patrum +anzunehmen verstehen, wenn man ihnen willkommen seyn will. Ein guter +gesunder Appetit, nach Verhältniß eben so viel Durst, und die Gabe, +ein Gläschen mit Geschmack und oft genug ausleeren zu können; ein +kurzweiliger Humor; ein Witz, der nicht zu fein, sondern ein wenig +grobartig seyn muß; zuweilen ein Wortspielchen, ein lateinisches +Räthsel, eine Anspielung auf eine scholastische Spitzfindigkeit, -- +einige Bekanntschaft mit Legenden und Kirchenvätern, -- Beifall, durch +baucherschütterndes Lachen an den Tag gelegt, wenn der Pater Spaßmacher +(dies Amt pflegt selten unbesetzt zu seyn) einen Schwank hervorbringt, +-- viel Ehrerbietung gegen den hochwürdigen Herrn Prälaten, Guardian, +oder Prior, -- Bewunderung der Kostbarkeiten, Reliquien, Gebäude und +Anstalten, -- kein Gespräch über Aufklärung und Literatur, aber desto +mehr über Politik, Krieg und Frieden, -- Zeitungs-Nachrichten, -- +Befriedigung der Neugier, wenn nach Familien-Umständen und Anekdoten +geforscht wird, -- Vorsichtigkeit, wenn von andern geistlichen Orden, +besonders von Jesuiten, die Rede ist, -- Rang, Ansehen, Reichthum, +Pracht, Titel, Orden, und mehr als dies alles, wo es nöthig ist, +Geschenke: -- das sind ungefähr die Mittel, dort gut aufgenommen zu +werden, und sich Achtung zu erwerben. + +Zu Domherren braucht man größtentheils nur Appetit zum Essen +und Trinken, muthwillige, ein wenig faunische Laune, und tiefes +Stillschweigen über gelehrte Gegenstände mitzubringen, um ihnen +gefällig zu werden. + +In Nonnenklöstern, so wie in katholischen und protestantischen +weiblichen Stiftern, kann man mit einer hübschen, stämmigen Figur, mit +treuherziger, doch äusserlich anständiger Vertraulichkeit, mit einem +Sacke voll Mährchen, Neuigkeiten und Späßchen auch ziemlich weit kommen. + +Von dem Umgange der Religiosen unter sich rede ich nicht; darüber ist +in den Briefen aus dem Noviciate und in unzähligen andern Schriften +schon sehr viel Gutes und Treffendes gesagt worden. + + + + + Fünftes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern. + + + 1. + +Wenn der Titel eines Gelehrten nicht heut zu Tage so gemein würde, wie +der eines +Gentleman+ in England; wenn man sich unter einem Gelehrten +immer nur einen Mann denken dürfte, der seinen Geist durch wahrhaftig +nützliche Kenntnisse ausgebildet, und diese Kenntnisse zu Veredlung +seines Herzens angewendet hätte; -- kurz einen Mann, den Wissenschaften +und Künste zu einem weisern, bessern und für das Wohl seiner Mitbürger +thätigern Menschen gemacht haben; dann brauchte ich hier kein Kapitel +über den Umgang mit Gelehrten zu schreiben. Bedarf es einer Vorschrift, +wie man mit dem Weisen und Edeln umgehen soll? An seiner Seite auf +die Lehren zu horchen, die von seinen Lippen strömen; seine Augen +auf ihn gerichtet zu haben, um sein Beispiel zur Richtschnur unserer +Handlungen zu machen; die Wahrheit von ihm zu vernehmen, und dieser +Wahrheit zu folgen -- dieß ist ein Glück, dessen Genuß nicht nach +Regeln gelernt zu werden braucht. Wenn aber heut zu Tage jeder elende +Verseschmidt, Compilator, Journalist, Anekdoten-Jäger, Uebersetzer, +Plündrer fremder literarischer Güter, und überhaupt Jeder, der die +unbegreifliche Nachsicht unsers Publikums zu mißbrauchen, sich nicht +schämt, um ganze Bände voll Unsinn, Thorheit und Wiederholung längst +besser gesagter Dinge drucken zu lassen, sich selber einen Gelehrten +nennt; wenn die Wissenschaften nicht nach dem Grade ihrer Nützlichkeit +für die Welt, sondern nach dem veränderlichen leichtfertigen Geschmacke +des lesenden Pöbels geschätzt, und spekulative Grillen Weisheit genannt +werden, fieberhafte Phantasie für Schwung und Begeisterung gilt; wenn +ein Knabe, der sein sinnloses Gewäsch in abwechselnd kurzen und langen +Zeilen in einen Musen-Almanach einrücken läßt, ein Dichter heißt; wenn +der Mensch, der mit seinen Fingern ein Gewühl von falschen Tönen, ohne +Verbindung und Ausdruck, den Saiten entlockt, ein Tonkünstler; der, +welcher schwarze Punkte, in Abschnitte eingetheilt, auf Papier setzen +kann, ein Componist; der, welcher auf Brettern herumspringt, ein Tänzer +genannt wird: dann muß man wohl ein Paar Worte darüber sagen, wie man +sich im Umgange mit solchen Menschen zu betragen hat, wenn man nicht +für einen Mann ohne Geschmack und Kenntniß angesehen seyn, und Jedem +das Seinige geben will. + + + 2. + +Beurtheile nicht den moralischen Charakter des Gelehrten nach dem +Inhalte seiner Schriften! Auf dem Papiere sieht der Mann oft ganz +anders aus, als in Natura. Auch ist das nicht so übel zu nehmen. Am +Schreibtische, wo man die ruhigste Gemüthsverfassung wählen kann, +wenn keine stürmische Leidenschaften unsern Geist aus seiner Fassung +bringen: da lassen sich herrliche Vorschriften geben, die nachher in +der wirklichen Welt, wo Reizung, Ueberraschung und Verführung von +Seiten der berüchtigten drei geistlichen Feinde uns hin und her +treiben, nicht so leicht zu befolgen sind. Also soll man freilich ~den~ +Mann, der Tugend predigt, darum nicht immer für ein Muster von Tugend +halten, sondern auch bedenken, daß er ein Mensch bleibt; ihm wenigstens +dafür danken, daß er vor Fehlern warnt, wenn er selbst auch nicht stark +genug ist, diese Fehler zu vermeiden; und es würde unbillig seyn, ihn +deswegen für einen Heuchler zu halten (obgleich es eben so unbillig +wäre, ohne Beweis vorauszusetzen, er thue das Gegentheil von dem, was +er lehrt, oder man müsse seine Worte anders auslegen, als sie lauten). +Von der andern Seite soll man auch nicht die Grundsätze, die ein +Schriftsteller den Personen seiner eigenen Schöpfung in den Mund legt, +als seine eignen ansehen, noch einen Mann deswegen für einen Bösewicht, +oder Faun, oder Menschenhasser halten, weil seine üppige Phantasie, +sein feuriges Blut ihn verleitet, irgend einen boshaften Charakter von +einer glänzenden Seite darzustellen, oder eine wollüstige Scene mit +lebhaften Farben zu schildern, oder mit Bitterkeit über Thorheiten zu +spotten. Er thäte wohl besser, wenn er das unterließe, aber er ist +darum noch kein schlechter Mann; und so wie man bei hungrigem Magen +Götter-Mahlzeiten schildern kann, so kenne ich Dichter, die den Wein +und die sinnliche Liebe mit allem Feuer besingen, und dennoch die +mäßigsten, keuschesten Menschen sind; kenne Schriftsteller, die Greuel +von Schandthaten mit der treffendsten Wahrheit dargestellt haben, und +dennoch Rechtschaffenheit und Sanftmuth in ihren Handlungen zeigen; +kenne endlich Satyriker, voll Menschenliebe und Wohlwollen. + +Eine andre Art von Ungerechtigkeit gegen Schriftsteller und +Künstler begeht man, wenn man von ihnen erwartet, sie sollen auch +im gemeinen Leben nichts als Kernsprüche reden, nichts als Weisheit +und Gelehrsamkeit predigen. Der Mann, der am glänzendsten von einer +Kunst schwatzt, ist darum nicht immer der, welcher die gründlichsten +Kenntnisse davon besitzt. Es ist nicht einmal angenehm, und schmeckt +nach Pedanterei, wenn wir Jeden ohne Unterlaß von unsern eignen +Lieblings-Beschäftigungen unterhalten. Man geht in Gesellschaften, um +sich zu zerstreuen, um auch einmal Andre, nicht sich selbst, zu hören. +Nicht Jeder hat so viel Gegenwart des Geistes, um mitten im Getümmel, +und wenn er durch Fragen und Vorwitz überrascht wird, mit Würde und +Bestimmtheit von Gegenständen zu reden, die er vielleicht zu Hause +in seinem einsamen Zimmer mit der größten Klarheit durchschauet. Und +dann gibt es auch Gesellschaften, in welchen die Leute so gänzlich +anders, als wir, gestimmt sind; die Dinge von so durchaus andern Seiten +ansehen, daß es nicht möglich ist, in dem ersten Augenblicke sich so +zu fassen, daß man etwas Gescheidtes auf das antworte, was sie uns +vortragen. Auch hat ja ein Gelehrter, so gut wie ein anderer Erdensohn, +seine Launen, ist nicht stets gleich aufgelegt zu wissenschaftlichen +und überhaupt zu solchen Gesprächen, die Nachdenken erfordern; oder die +Menschen, die er um sich sieht, behagen ihm nicht, scheinen ihm keines +Aufwandes von Verstand und Witz würdig. + +Es ist ein recht garstiger Zug in dem Charakter unsers lesenden +Publikums (wenn es anders erlaubt ist, einem Publikum einen Charakter +zuzuschreiben), daß man so gern von guten Schriftstellern und überhaupt +von Männern, die sich Ruf erworben haben, ärgerliche Anekdoten +aufsammelt, um ihnen einen Grad der öffentlichen Achtung zu entziehen, +wenn ihre Schriften ihnen Bewundrer gewonnen, wenn ihre Talente die +Aufmerksamkeit verständiger Menschen mehr auf sie, als auf Männer +gleiches Standes, gezogen haben; ja, es gibt sogar eine gewisse Art von +Kleinstädterei, welche darin besteht, daß man sich den Schein gibt, auf +den Mann mit Verachtung zu blicken, dem es gelungen ist, durch gute +literarische Produkte, auswärts, d. h. ausser dem Kreise der Herren +Vettern und Frauen Basen seinen Namen bekannt zu machen. Daß man einen +Solchen im Vaterlande nicht aufkommen, auch allenfalls darben lasse, +das finde ich ganz in der Ordnung der menschlichen Dinge; aber seinen +moralischen Charakter aus Neid verdächtig machen, und ihn, wenn er auch +noch so demüthig, noch so anspruchslos seinen stillen Gang fortgeht, +durch Verachtung mißhandeln: das ist doch zu hart, aber es geschieht +hie und da, besonders in einigen minder großen Städten. + +Spricht aber ein Gelehrter, ein Künstler gern und viel von seinem +Fache, so nimm ihm auch das nicht übel auf! Die unglückliche +Polyhistorei, die Wuth, auf allen Zweigen der Wissenschaften und +Künste herumzuhüpfen und über alles abzuurtheilen, ist nicht eben +das, was unserm Zeitalter am meisten Ehre macht; und wenn es +langweilig ist, einem Manne zuzuhören, der alle Gespräche auf seinen +Lieblings-Gegenstand zu lenken sucht, und sich unaufhörlich auf +seinem Steckenpferde herumtummelt, so ist es mehr als langweilig, es +ist empörend, wenn ein Schwätzer entscheidende Urtheile über Dinge +ausspricht, die gänzlich ausser seinem Gesichtskreise liegen; wenn +der Priester über Politik, der Jurist über das Theater, der Arzt über +Malerei, die Kokette über philosophische oder religiöse Gegenstände, +der süße Herr über Strategie sich hören läßt. Erlaube dem Manne, der +etwas Gründliches gelernt hat, mit Leidenschaft von seiner Kunst, +von seiner Wissenschaft zu reden; ja, gib ihm Gelegenheit dazu! Man +ist wahrlich recht viel werth in der Welt, wenn man -- doch übrigens +bei gesundem Hausverstande -- ~ein~ Fach aus dem Grunde versteht; +und mir ekelt vor den grassirenden encyclopädischen Wörterbüchern; +mir ekelt vor den allwissenden, aburtheilnden jungen Herren, die den +bescheidenen, zweifelnden Forscher mit Machtsprüchen zu Boden schlagen, +und die besonders von liebenswürdigen gelehrten Damen unterhaltend +gefunden, und eben dadurch ganz unausstehlich werden. + + + 3. + +Haben die Gelehrten weniger Vorurtheile, als andere Menschen; so +hängen sie dagegen um desto fester an denjenigen, welche ihnen einmal +eigen sind. Man muß daher sehr behutsam mit ihnen umgehen. Nichts wird +leichter gekränkt, als die Eitelkeit eines Gelehrten. Man muß sogar +alle Zweideutigkeiten in den Lobeserhebungen vermeiden, die man an sie +ausspendet. + +Die mehrsten Schriftsteller verzeihen es uns leichter, wenn wir +ihren sittlichen Charakter, als wenn wir ihren Ruf in der gelehrten +Welt antasten. Willst Du daher in Frieden leben, so sey vorsichtig +in Beurtheilung ihrer Produkte! Selbst dann, wenn sie Dich um Deine +Meinung darüber fragen, so hast Du dieß klüglich und demüthiglich +so auszulegen, als bäten sie Dich um einen Lobspruch und eine +Schmeichelei. Den Fall ausgenommen, wenn Freundschaft Dich zu völliger +Offenherzigkeit verpflichtet, rathe ich wohlmeinend da, wo Du nicht +ohne Niederträchtigkeit loben kannst, wenigstens etwas zu sagen, was +die beleidigte Eitelkeit nicht als einen Tadel auslegen kann. + +Fast noch ungnädiger pflegen es die gelehrten oder vielmehr +schreibenden Herren aufzunehmen, wenn man gar nichts von ihrer +Autorschaft weiß, gar nichts von ihnen gelesen, oder wenn man sie im +gemeinen Leben nicht anders, als Jeden behandelt, der auf andre Weise +der Welt nützlich wird; endlich, wenn man Grundsätze äussert, die nicht +in ihr System passen, die mit denen streiten, zu deren Behauptung +sie so manchen Bogen Papier mit Buchstaben versehen haben. Hüte Dich +vor diesem allen, wenn Du einen Schriftsteller nicht beleidigen +willst! Allein unterscheide auch wohl, welchen Mann Du vor Dir hast: +groß, klein oder mittelmäßig! Alle riechen den Weihrauch gern, der +ihnen gestreuet wird; aber nicht jeden darf man auf gleich grobe Art +einräuchern. Der Eine nimmt fürlieb, wenn Du es ihm grade in's Gesicht +sagst: er sey ein großer Mann; der Andre ist zufrieden, wenn Du nur +ohne Widerspruch erlaubst, daß er dieß selbst von sich sage; der Dritte +verlangt nichts von Dir, als Hiobs Geduld, wenn er Dir seine elenden +Produkte vorlieset; den Vierten kitzelt eine kleine vortheilhafte +Anspielung auf irgend eine Stelle aus seinen Schriften; dem Fünften +behagt äussere ausgezeichnete Ehrerbietung, wenn auch von seiner +Autorschaft nicht ausdrücklich Erwähnung geschieht; und ein Sechster +endlich -- es sey mir erlaubt, neben Diesem mein Plätzchen zu nehmen -- +begnügt sich, wenn die wenigen Edeln ihm die Gerechtigkeit widerfahren +lassen, zu glauben, daß es ihm wenigstens um Wahrheit und Tugend zu +thun sey, daß er nichts geschrieben habe, dessen sein Herz sich zu +schämen braucht, und daß, wenn seine Werke keine Meisterstücke sind, +sie doch nicht ausschließlich zu Makulatur sich eignen. + + + 4. + +Lustig anzusehen aber ist es, wenn zwei Schriftsteller sich einander +mündlich oder schriftlich loben und preisen, vortheilhafte Recensionen +gegenseitig erschleichen, sich bei lebendigem Leibe einbalsamiren, +und einander eine glänzende Ewigkeit zusichern. Auch mag ich wohl +ein ruhiger Zuschauer seyn, wenn ein paar Leute zusammenkommen, die +gern von einander bewundert werden möchten, oder die sehr viel Gutes +von einander gehört haben. Wie sie sich drehen und wenden, um sich +wechselsweise die schwache Seite abzujagen! Wenn sie nun aus einander +gehen, zeigt sich immer, daß der Eine den Andern vortrefflich findet, +wenn dieser ihm entweder Gelegenheit gegeben hat, seine Talente +auszukramen, oder wenn beide Narren sich auf ähnlichen sympathetischen +Thorheiten ertappt haben. + +Nicht so lustig aber ist der Anblick des Unwesens, das man so oft unter +Gelehrten wahrnimmt, die entweder, wegen der Verschiedenheit ihrer +Meinungen und Systeme, sich vor dem ehrsamen Volke der geneigten Leser +wie Bettelbuben herumzanken, oder, wenn sie an demselben Orte leben, +und in demselben Fache auf Ruhm Anspruch machen, einander verfolgen, +hassen, sich gegenseitig auch nicht die mindeste Gerechtigkeit +widerfahren lassen; wie Einer den Andern zu verkleinern und bei dem +Publikum herabzusetzen sucht. -- Pfui der Niederträchtigkeit! Ist +denn die Quelle der Wahrheit nicht reich genug, um zugleich den +Durst vieler Tausende zu stillen? und dürfen Neid, Scheelsucht und +pöbelhafte Erbitterung auch solche Geister herabwürdigen, die der +Weisheit geweiht sind? -- Doch hierüber ist schon oft so vieles gesagt +worden, daß ich es für besser halte, einen Vorhang vor solche gelehrte +Selbstbeschimpfungen zu ziehen, die leider in unsern Zeiten nicht +selten gesehen werden.[8] + + + 5. + +Es gibt Leute, die sich dadurch ein Gewicht zu geben suchen, +daß sie sich ihrer Verbindung, ihrer Verwandtschaft, Freundschaft, +oder ihres Briefwechsels mit Gelehrten rühmen. Das ist +eine Thorheit, der man sich enthalten sollte, weil sie sich dem +Spotte preisgibt. Ein Mann kann große Verdienste als Schriftsteller +haben, ohne daß uns desfalls eine genaue Verbindung +mit seiner Person Ehre macht. Man ist auch darum nicht gleich +weise und gut, wenn Weise und Edle uns mit Nachsicht und +Freundlichkeit behandeln.[9] Auch kann ich das unmäßige und +luxuriöse Citiren und Berufen auf fremde Autoritäten, wie überhaupt +alles Prahlen und Schmücken mit fremden Federn nicht +leiden. Das mittelmäßigste selbst Gedachte und mit Ueberzeugung +Gefühlte ist für uns mehr werth, als das Vortrefflichste, +was wir bloß nachlallen. + + + 6. + +Unter den heutigen sogenannten Gelehrten muß man billig einigen unsrer +Journalisten und Anekdoten-Sammler einen gewissen Rang einräumen, weil +sie nun einmal die erklärten Lieblinge des leselustigen Publikums sind, +und dieses gutmüthig oder verblendet genug ist, ihnen alles aufs Wort +zu glauben. Mit diesen Leuten aber ist eine ganz besondere Vorsicht +im Umgange nöthig. Sie stehen gemeiniglich, bei geringem Vorrathe +von eigner Gelehrsamkeit, im Solde irgend einer herrschsüchtigen +Parthei oder eines Anführers derselben, sey es nun von politischen +Ketzermachern, Orthodoxen, Schwärmern, Vernunft-Feinden, Mystikern, +oder wovon es immer sey. Dann ziehen sie durch's Land, um Mährchen +zu sammeln, die sie nach Gelegenheit Dokumente nennen, oder mit dem +Schwerte der Verleumdung Jeden zu verfolgen, der nicht zu ihrer Fahne +schwören will; Jedem den Mund zu stopfen, der es wagt, an ihrer +Unfehlbarkeit zu zweifeln. Ein einziges Wörtchen, das nicht in ihr +System paßt, und das sie irgendwo auffangen, gibt ihnen reichen Stoff +zu Verketzerungen, zu unwürdigen Neckereien, zu Verfolgungen der +besten, sorglosesten und arglosesten Menschen. Sey behutsam im Reden, +wenn ein Solcher Dich freundlich besucht, und denke beständig und +klüglich daran, daß er Dich abhört, um bei Gelegenheit dem Publikum +haarklein alles zu berichten, was er bei Dir gesehen und gehört hat! +Der Mann, der dies Handwerk in Deutschland am ärgsten und ärgerlichsten +treibt, und gegen den alle Art von rechtlicher und handfester Hülfe +vergebens angewendet wird; dieser Mann heißt -- ich muß ihn hier +öffentlich nennen -- heißt -- Anonymus, auch Redacteur, und ist ein +gar sonderbarer Mann. Da er sich, wie Cartouche, in so vielfache +Gestalten umzuformen weiß, daß kein Steckbrief auf ihn paßt: so rathe +ich, jeden Unbekannten, der gewisse Mode-Wörter, wie z. B. gefährliche +und schädliche Aufklärung, Publicität, Denkfreiheit, Toleranz, oder +Gefahr für den einzig seligmachenden Glauben, höhere Wissenschaften, +Magnetismus, oder dergleichen gar zu oft im Munde führt, fürerst für +jenen Herrn Anonymus zu halten, der ein garstiger, schadenfroher +Spitzbube ist, und umhergeht, wie ein brüllender Löwe, um zu suchen, +wen er verschlingen mögte. + + + 7. + +Mit Tonkünstlern, einer gewissen nicht sehr anziehenden Gattung von +Dichtern, Componisten, Tänzern, Schauspielern, Malern und Bildhauern +ist der Fall ein ganz anderer. Diese sind -- es versteht sich auch +hier, daß ich in jeder Klasse die Bessern ausnehme -- wohl keine +gefährliche, aber desto eitlere und oft sehr zudringliche und +unzuverlässige Leute. Weit entfernt, zu fühlen, daß die schönen Künste, +obgleich man ihnen nicht den Einfluß auf Herz und Sitten absprechen +kann, doch am Ende zum Hauptzwecke nur das ~Vergnügen~ haben, folglich, +in Ansehung ihres Einflusses auf das Glück der Welt, den höhern, +wichtigern, ernsthaftern Wissenschaften nachstehen müssen; weit +entfernt, zu fühlen, daß man, um wahrhaftig den Titel eines großen +Mannes zu verdienen, mehr verstehen und mehr müsse bewirken können, +als Augen zu vergnügen, Ohren zu kitzeln, Phantasien zu erhitzen, und +Herzchen in Aufruhr zu bringen, sehen sie ihre Kunst als das Einzige +an, was des Bestrebens eines vernünftigen Menschen werth wäre; und +es muß uns nicht befremden, wenn ein Tänzer, der höher besoldet +wird, als ein Staatsminister, herzlich bedauert, daß dieser nichts +Besseres gelernt habe. Der philosophischen Künstler, so wie Georg +Benda einer war; der bescheidnen Virtuosen, wie der edle Fränzl in +Mannheim und sein liebenswürdiger Sohn; der verständigen, mit allen +Privat-Tugenden geschmückten Maler, wie Tischbein; der Schauspieler, +bei denen Kopf, Herz und Sitten gleich viel Hochachtung verdienen, +wie der unnachahmliche Schröder, -- solcher Männer gibt es nicht so +gar viele unter ihnen. Ich rathe desfalls, einen äusserst vertrauten +Umgang mit dieser Menschen-Klasse nur nach der strengsten Auswahl zu +suchen. +Cantores amant humores+, das heißt: auf ein Liedchen schmeckt +ein Schlückchen. Sänger, Dichter u. dergl. lieben das Wohlleben, und +das kann uns nicht wundern. Es gibt wohl eine Art von Begeisterung, zu +der sich die Seele bei der einfachsten, mäßigsten Lebensart erheben +kann; und, die Wahrheit zu gestehen, das ist wohl die einzige, deren +Früchte auf Unsterblichkeit Anspruch machen dürfen. Hoher Schwung +des Genius hinauf zu der heiligen, reinen Quelle, aus welcher er +entsprungen, ist freilich von ganz anderer Art, als Spannung der +Nerven, Erhitzung der Phantasie durch Reizung der Sinne; und man sieht +es solchen Werken, wie Klopstocks Messias und Schillers Don Carlos +sind, bald an, daß ihr Feuer nicht aus der Champagner-Flasche ist +gezogen worden. Allein wie wenig Künstler werden von jener bessern +Glut entzündet! Ihre, durch unordentliche Aufführung und unglückliche +äussere Verhältnisse geschwächte Maschine fordert, wenn sie den Geist +nicht ganz niederdrücken soll, gewaltsame Stärkungs-, oder vielmehr +Berauschungs-Mittel. Dieß treibt sie zuerst zu einem, den sinnlichen +Freuden gewidmeten Leben. Dazu kömmt, daß Der, welcher einmal die +schönen Künste zu seinem einzigen Berufe gemacht hat, selten noch +Geschmack an ernsthaften Geschäften findet, -- daß diese ihm äusserst +trocken scheinen; und da man doch nicht immer singen, geigen, pfeifen +und pinseln kann, so bleiben viel Stunden des Tages auszufüllen, +welche dann dem Wohlleben geopfert werden. An weise Vertheilung und +Anwendung der Zeit, an Aufsuchung eines lehrreichen und vernünftigen +Umgangs denken also diese Herren selten; und sie schätzen den Mann, +der ihnen sinnlichen Genuß in reichem Maaße gewährt, und ihnen dabei +schmeichelt, höher, als den Weisen, der sie auf den Weg der Wahrheit +und Ordnung führt. Jenem drängen sie sich auf; Diesen fliehen sie. +Bei dem allgemein einreissenden faden Geschmacke unseres Zeitalters, +bei der Vernachlässigung nützlicher Wissenschaften, ist dieß, wie +ich glaube, ein Wort zu seiner Zeit geredet, möchte man mich auch +deswegen für einen Pedanten halten! Jeder seichte Kopf, der nur ein +weiches Herz hat, und der den edlen Müßiggang und ein lüderliches Leben +liebt, legt sich heut zu Tage auf die schönen Wissenschaften, glaubt +Beruf zum Künstler zu haben, macht Verse, schreibt für das Theater, +spielt ein Instrument, componirt, pinselt; -- und so muß denn am Ende +der Geschmack ausarten, und die Kunst verächtlich werden. Deswegen +sehen wir auch ganze Heerden solcher Künstler herumlaufen, die nicht +einmal mit den ersten theoretischen Grundsätzen ihrer Kunst bekannt +sind: Musiker, die nicht wissen, aus welcher Tonart sie spielen; die +nichts vorzutragen verstehen, als was sie auf ihrer Geige oder Pfeife +auswendig gelernt haben; Künstler ohne philosophischen Geist, ohne +gesunde Vernunft, ohne Studium, ohne wahres Natur-Gefühl, aber dagegen +mit desto mehr Selbstgenügsamkeit und edler Dreistigkeit ausgerüstet; +unter sich von Brodneid entbrannt; neidisch auf einen Liebhaber, der +ihr Hauptstudium nur als Nebensache treibt, und dennoch mehr davon +weiß, als sie, die weiter nichts gelernt haben. Hat ein solcher aber +Anhang unter den Leuten nach der Mode, genießt er den Schutz der +anmaßlichen Kenner, so wage man es ja nicht, laut zu sagen, daß er ein +Stümper sey, wenn man nicht für einen unwissenden Menschen gelten, und +alle Dilettanten gegen sich aufbringen will! Allein wem ekelt nicht +vor der Menge solcher vornehmen und geringen Dilettanten, vor ihren +schiefen Urtheilen, vor ihrem albernen Gewäsche? Willst Du Dich bei +diesem wilden Haufen beliebt machen, so mußt Du die Geduld haben, +ihren Unsinn anzuhören, oder gar die Niederträchtigkeit begehen, ihn +zu loben, und ihren Machtsprüchen beizupflichten. Willst Du Dich aber +bei ihnen in Ansehen setzen, so sey ja nicht bescheiden, sondern eben +so unverschämt, wie sie! Entscheide mit Kühnheit! Tritt mit Zuversicht +mitten unter die größten Männer! Dränge Dich hervor! Thu, als seyest +Du äusserst ekel in Deinem Geschmacke; als sey es schwer, den Beifall +Deines verwöhnten Auges und Ohrs zu gewinnen! Rede von dem allgemeinen +Rufe, in welchem Deine Kenntnisse stünden! Verachte, was Dir zu hoch +ist! Schüttle bedeutend mit dem Kopfe, wenn Du nichts Passendes +zu sagen weißt! Begegne dem Anfänger mit Uebermuthe! Schmeichle +vornehmen, reichen, mächtigen Dilettanten und Mäcenaten! Befördre +die Lust an Spielwerken und Kleinigkeiten, an niedlichen Rondo's, an +Bierhaus-Menuetten, mitten in ernsthaften Stücken; an buntschäckigtem +Colorit, an Sinn-Gedichtchen, an Bombast und leerer Phraseologie, +an Schauspielen voll Gräuel, Verwickelung und Uebertreibung! -- So +kannst Du Dein Schärflein zum allgemeinen Verderbnisse des Geschmacks +redlich beitragen! Fühlst Du aber Kraft in Dir, und hast nicht Ursache, +Menschen zu scheuen, so widersetze Dich dem Unwesen! Eifre gegen diese +Erbärmlichkeiten, aber eifre mit Gründen, und rücke den ~Midassen~ +unserer Zeit die großen Perücken und Narren-Kappen zurück, damit +man ihre langen Ohren sehe, und sich nicht durch ihre Amtsgesichter +täuschen lasse! Traurig ist es indessen, daß auch der wahrhaftig +große Künstler heut zu Tage zum Theil diese Wege einschlagen muß, +wenn er nicht dem Marktschreier das Feld räumen will; daß er oft +Natur, Bescheidenheit, Einfalt und Würde, der Mode und dem Vorurtheile +aufzuopfern, sich mit falschem Glanze auszurüsten, sich zum Windbeutel +und Spaßmacher zu erniedrigen gezwungen ist, um zu gefallen und Brod zu +finden. Uebel ist auch oft der Künstler, besonders der Musiker, daran, +wenn er in eine Gesellschaft von Leuten geräth, die ihn bewundern +wollen, die ihn bitten, sich vor ihnen hören zu lassen, und die denn +doch weder Aufmerksamkeit, noch Kenntniß der Kunst haben. Abschlagen +darf er es nicht, wenn er nicht will für eigensinnig gehalten werden, +und doch fühlt er, daß er seine Perlen den Säuen vorwirft. Er setzt +sich an das Klavier, spielt das sanfteste Adagio, und nun brüllen die +zuhörenden Liebhaber mitten in der rührendsten Stelle überlaut: »O! das +ist gar schön! vortrefflich!« -- und darüber geht die Stelle verloren. +-- Merke dir's, liebes Publikum, daß du dir solche Unarten abgewöhnen, +und nicht bloß ein geehrtes, sondern auch ein ehrenwerthes Publikum +seyn sollst. + + + 8. + +Nun noch ein Wort zur Warnung für den Jüngling, in Betracht der +Künstler, besonders der Schauspieler, nämlich derjenigen von gemeiner +Art! Ich habe vorhin gesagt, daß der vertraute Umgang mit den mehrsten +derselben, von Seiten ihrer Kenntnisse, ihres sittlichen Lebens und +ihrer ökonomischen Umstände, für Kopf, Herz und Geldbeutel nicht +sehr vortheilhaft seyn könne; allein noch in andern Rücksichten +ist hier Vorsicht zu empfehlen. -- Wenn man weiß, welch ein warmer +Verehrer der schönen Künste ich selbst bin: so wird man mir wohl +nicht Schuld geben, daß es aus Vorurtheil oder Kälte geschehe, wenn +ich dem Jünglinge rathe, mäßig im Genuß der schönen Künste, mäßig im +Genusse des Umgangs mit den gefälligen Musen und deren Priestern zu +seyn. -- Musik, Poesie, Schauspielkunst, Tanz und Malerei, wirken +freilich wohlthätig auf das Herz. Sie machen es weich und empfänglich +für manche edle Gefühle: sie erheben und bereichern die Phantasie, +schärfen den Witz, erwecken Fröhlichkeit und Laune, mildern die Sitten +und befördern die geselligen Tugenden. Allein eben diese herrlichen +Wirkungen können, wenn sie übertrieben werden, manchfaltiges Elend +veranlassen. Ein zu weiches, weibisches, bei wahren und eingebildeten, +eignen und fremden Leiden sogleich in Aufruhr gerathendes Gemüth ist +wahrlich ein trauriges Geschenk. Ein Herz, das, empfänglich für jeden +Eindruck, wie ein Rohr, von manchfaltigen Leidenschaften hin und her +bewegt, jeden Augenblick von andern sich durchkreuzenden Empfindungen +hingerissen wird; ein Nerven-System, auf welchem jeder Betrüger, der +nur den rechten Ton zu treffen weiß, nach Gefallen spielen kann: -- das +alles wird uns da, wo es auf Festigkeit, unerschütterlichen Muth, auf +Ausdauern und Beharrlichkeit ankömmt, sehr zur Last. Eine zu warme, zu +hochfliegende Phantasie, die allen unsern geistigen Anstrengungen einen +romanhaften Schwung gibt, und uns in eine Ideen-Welt versetzt, kann +uns in der wirklichen Welt theils sehr unglücklich, theils zu gänzlich +unbrauchbaren Menschen machen. Sie spannt uns zu Erwartungen, erregt +Forderungen, die wir nicht befriedigen können, und erfüllt uns mit +Ekel gegen alles, was den Idealen nicht entspricht, nach welchen wir +in der Bezauberung wie nach Schatten greifen. Ein üppiger Witz, eine +schalkhafte Laune, die nicht unter der Vormundschaft einer keuschen +Vernunft stehen, können nicht nur leicht auf Kosten des Herzens +ausarten, sondern würdigen uns auch herab, verleiten zu Spielwerken, +so daß wir, statt der höhern Weisheit und nüchternen Wahrheit +nachzustreben, und unsre Denkkraft auf wahrhaftig nützliche Gegenstände +zu verwenden, nur den Genuß des Augenblicks suchen, und statt, mitten +durch die Vorurtheile hindurch, in das Wesen der Dinge einzudringen, +uns bei den glänzenden Aussenseiten verweilen. Fröhlichkeit kann in +Zügellosigkeit, in Streben nach immerwährendem Taumel übergehen. Milde +Sitten verwandeln sich nicht selten in Weichlichkeit, in übertriebene +Geschmeidigkeit, in niedre, unverantwortliche Gefälligkeit, die alles +Gepräge vom männlichen Charakter abschleifen; und ein Leben, das bloß +den geselligen Freuden und dem sinnlichen Vergnügen gewidmet ist, +verleidet uns jede ernsthafte Beschäftigung, und entreißt uns den edlen +und dauernden Genuß, der durch Ueberwindung großer Schwierigkeiten +und durch anhaltende Anstrengung gewiß nicht zu theuer erkauft werden +muß; es macht uns die für Geist und Herz so wohlthätige Einsamkeit +unerträglich, raubt uns die glückselige Empfänglichkeit für ein stilles +häusliches, den Familien- und bürgerlichen Pflichten gewidmetes Daseyn +-- mit ~einem~ Worte: wer sich gänzlich den schönen Künsten widmet, +und mit den Priestern ihrer Gottheiten sein ganzes Leben verschwelgt, +der läuft Gefahr, sein wahres dauerhaftes Wohl zu verscherzen, und +seinem Leben jeden Werth und jede Würze, seinem Bewußtseyn jede +Seligkeit, seinem Lebensmuthe jede Nahrung zu entreissen, und in den +späteren Jahren des Lebens im Ueberdruß zu verschmachten. Alles, was +ich hier gesagt habe, trifft vorzüglich bei dem Theater und bei dem +Umgange mit Schauspielern ein. Wenn unsere Schauspiele das wären, +wofür man sie so gern ausgeben mag, eine Schule der Sitten, wo uns auf +eine gefällige und treffende Weise unsre Verirrungen und Thorheiten +dargestellt und an das Herz gelegt würden; ja, dann könnte es rathsam +seyn, die Bühne oft zu besuchen, und den Umgang mit Männern zu wählen, +welche man als Wohlthäter ihres Zeitalters ansehen müßte. Man darf +aber nicht das Theater nach demjenigen beurtheilen, was es ~seyn +könnte~, sondern nach dem, ~was es ist~. Wenn in unsern Lustspielen +die komischen Züge der Narrheit so übertrieben geschildert sind, +daß niemand das Bild seiner eignen Schwachheiten darin erkennt; +wenn romanhafte Liebe darin begünstigt wird; wenn junge Phantasten +und verliebte Mädchen daraus lernen, wie man die alten vernünftigen +Väter und Mütter betrügen und überlisten soll, die zur ehelichen +Glückseligkeit ein wenig mehr, als eingebildete Sympathie und +vorübergehenden Liebes-Rausch fordern; wenn in unsern Schauspielen der +Leichtsinn im gefälligen Gewande erscheint, vornehmes Laster in Glanz +und Hoheit auftritt, und, durch einen Anstrich von Größe und Kraft, +Bewundrung erzwingt; wenn im Trauerspiele unser Auge mit dem Anblick +der ärgsten Greuel vertraut; wenn unsere Einbildungskraft an Erwartung +wunderbarer, feenmäßiger Entwickelungen und Auflösungen gewöhnt +wird; wenn man uns in den Opern dahin bringt, auf alle Täuschung +Verzicht zu leisten, und Vernunft und Geschmack unter den Glauben an +die Göttlichkeit der Tonkunst gefangen zu nehmen; wenn der elendeste +Fratzen-Schneider, die ungeschickteste Dirne, in so fern sie Anhang +unter dem Volke haben, allgemeine Bewunderung einernten; wenn endlich, +um alle diese nichtigen Zwecke zu erlangen, unsre Theater-Dichter +sich über Wahrscheinlichkeit, ächte Natur, weise Kunst und Anordnung +hinwegsetzen, und sich folglich der Zuschauer in dem Falle befindet, +im Schauspielhause keine Nahrung für den Geist, sondern nur +Zeitverkürzung und sinnlichen Genuß zu suchen: -- wer wird sich's +da nicht zur Pflicht machen, Jünglingen und Mädchen den sparsamsten +Genuß dieser Vergnügungen zu empfehlen? Und nun, was die Schauspieler +betrifft: ihr Stand hat sehr viel Blendendes. Freiheit, Unabhängigkeit +von dem Zwange des bürgerlichen Lebens, gute Bezahlung, Beifall, +Vorliebe des Publikums, Gunst und die schöne Gelegenheit, einem +glänzenden Publikum Talente zu zeigen, die sonst vielleicht auf immer +versteckt geblieben wären; Schmeichelei; die Freuden der Tafel bei +reichen und gastfreien Liebhabern der Kunst; viel Muße; Gelegenheit, +Städte und Menschen kennen zu lernen: -- das alles kann wohl einen +Jüngling, der mit einer unangenehmen Lage, oder mit einem zerrütteten +Gemüthe, mit übel geordneten Leidenschaften und Begierden kämpft, +in Versuchung führen, diesen Stand zu wählen, besonders, wenn er in +vertrauten Umgang mit Schauspielern und Schauspielerinnen geräth. Aber +nun die Sache näher betrachtet! Was für Menschen sind gewöhnlich diese +Theater-Helden und Heldinnen? Leute ohne Sitten, ohne Erziehung, ohne +Grundsätze, ohne Kenntnisse; Abentheurer; Menschen aus den niedrigsten +Ständen; freche Buhlerinnen; -- mit diesen lebt man, wenn man sich +demselben Stande gewidmet hat, in täglicher Gemeinschaft. Es ist +schwer, da nicht mit dem Strome fortgerissen zu werden, nicht zu Grunde +zu gehen. Eifersucht, Feindschaft und Kabale vollenden dies glänzende +Elend, und da diese Künstler fast ganz ausser dem Staate leben, so +fällt bei ihnen ein starker Bewegungsgrund zum Gutseyn weg, nämlich +die Rücksicht auf ihren Ruf unter den Mitbürgern. Kömmt noch etwa die +Verachtung, mit welcher, freilich unbilliger Weise, manche ernsthafte +Leute auf sie herabsehen, hinzu: so wird das Herz erbittert und +verhärtet. Die tägliche Abwechselung von Rollen benimmt dem Charakter +alle Eigenthümlichkeit und Festigkeit; man wird zuletzt aus Gewohnheit, +was man so oft vorstellen muß; man darf dabei nicht Rücksicht auf seine +Gemüths-Stimmung nehmen, muß oft den Spaßmacher spielen, wenn das Herz +trauert, und umgekehrt. Dies leitet zur Verstellung. Das Publikum wird +des Mannes und seines Spiels überdrüssig; seine Manier gefällt nicht +mehr nach zehn Jahren; leicht gewonnenes Geld geht eben so leicht +wieder fort; -- und so ist denn ein armseliges, dürftiges, kränkliches +Alter nicht selten der letzte Auftritt des Schauspieler-Lebens. + + + 9. + +Wer Schauspieler und Tonkünstler unter seiner Aufsicht und Leitung hat, +dem rathe ich, sich gleich anfangs auf einen ernsten und gemessenen +Fuß mit ihnen zu setzen, wenn er nicht von ihrem Eigensinne und ihren +Grillen abhängen will. Die Hauptpunkte, worauf es dabei ankömmt, +sind: ihnen zu zeigen, daß man dem Geschäfte gewachsen sey; daß man +einen Künstler zu beurtheilen und zurechtzuweisen verstehe; sie an +Pünktlichkeit und Ordnung zu gewöhnen, und bei der ersten Uebertretung, +Naseweisigkeit oder Zügellosigkeit Strenge fühlen zu lassen; sie +übrigens aber, nach Verhältniß der Talente und der sittlichen +Aufführung eines Jeden, mit Höflichkeit und Auszeichnung zu behandeln, +ohne sich je gemein mit ihnen zu machen. + + + 10. + +Ermuntre durch bescheidnes Lob, aber schmeichle nicht, erhebe nicht +zur Ungebühr den jungen angehenden Schriftsteller und Künstler! Durch +gar zu freigebiges Lob ist schon Mancher auf immer verdorben worden. +Das übertriebne Beklatschen und Lobpreisen macht sie schwindlich, +aufgeblasen, hochmüthig. Sie beeifern sich dann nicht weiter, der +Vollkommenheit nachzustreben, und hören auf, ein Publikum zu achten, +das so leicht zu befriedigen scheint. Leider aber zwingt uns der +Zustand unsrer Literatur, alles zu loben, was nicht offenbar Unsinn +ist, weil in dem Fache der schönen Wissenschaften so selten etwas unter +uns erscheint, was sich über das Mittelmäßige erhebt, oder im Pulte des +Verfassers seine volle Reife erlangt hat. + +Laß Dich dadurch nicht verderben, junger Mann von Talenten! Bewahre +auch Dein Herz vor Eifersucht! Laß fremdem Verdienste Gerechtigkeit +widerfahren! Suche immer die Gesellschaft solcher Männer, durch deren +Umgang Du, zum Vortheile Deiner Kunst, weiser und besser werden kannst, +nicht aber den Schwarm niedriger Schmeichler oder blinder Enthusiasten! + + + 11. + +So wenig Vortheil der vertrauliche Umgang mit Künstlern von gemeinem +Schlage gewährt, so lehrreich und unterhaltend ist der Umgang mit +Männern, die philosophischen Geist, Gelehrsamkeit und Witz mit +Kunst und Talent verbinden. Es ist ein Glück, an der Seite eines +ächten Künstlers zu leben, dessen Geist durch Kenntnisse gebildet, +dessen Blick durch Studium der Natur und der Menschen geschärft, bei +dem, durch die milden Einwirkungen der Musen, das Herz zu Liebe, +Freundschaft und Wohlwollen gestimmt und die Sitten geläutert und +veredelt sind. Seine freundliche Beredsamkeit ist aufheiternd und +belebend, sein Umgang söhnt mit der Welt und ihren Beschwerden +aus, gewährt Erholung von verdrießlichen, mühsamen und trocknen +Berufs-Geschäften, und gibt demjenigen neue Federkraft, der durch +lange Anstrengung abgespannt ist; erhöht die mäßigste Kost zu einem +Göttermahle, unsere Hütte zu einem Heiligthume, unsern Heerd zu einem +Altare der Musen. + + + 12. + +Man pflegt viel zum Lobe gesellschaftlicher Bühnen und ihres +wohlthätigen Einflusses auf die Bildung junger Leute zu sagen. Es +würde mich zu weit führen, wenn ich hier alles aus einander setzen +wollte, was sich für und gegen die Sache sagen läßt, und was ich +selbst vielfach darüber zu beobachten und zu erfahren Gelegenheit +gehabt habe. Hier nur so viel: Ein großer Theil dessen, was über das +Theaterwesen überhaupt in diesem Kapitel gesagt worden, ist auch auf +die gesellschaftlichen Bühnen anwendbar. Welche besondre Vorsicht aber +noch bei der Wahl der Stücke und der Rollen-Vertheilung zu beobachten +ist, wenn gesittete junge Leute Schauspiele aufführen sollen, das +fällt leicht in die Augen. Allein ich würde den Eltern noch ausserdem +vorzüglich eine weise Rücksicht auf das Alter, auf die Gemüthsart, +auf die Temperamente ihrer Kinder, auf den Grad der Ausbildung und +Bestimmtheit des Charakters, den sie schon erlangt, oder noch nicht +erlangt hätten, dringend empfehlen, wenn ich um Rath gefragt würde. + + + + + Sechstes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im + bürgerlichen Leben. + + + 1. + +Machen wir den Anfang mit den ~Aerzten~! Kein Stand ist für das +Menschengeschlecht wohlthätiger, als dieser, wenn er seine Bestimmung +erfüllt. Der Mann, welcher alle Schätze der Natur durchwühlt, und +ihre Kräfte erforscht, um Mittel aufzusuchen, das Meisterstück der +Schöpfung, den Menschen, von den Plagen zu befreien, von welchen sein +sichtbarer, materieller Theil befallen wird, die seinen Geist zu Boden +drücken, und oft schon seine Maschine zerstören, ehe noch einmal +sich jede Kraft in ihm entwickelt hat: der Mann, der sich vor dem +Anblicke des Elendes, Jammers und Schmerzens nicht scheuet, der seine +Gemächlichkeit, seine Ruhe, selbst seine eigne Gesundheit und sein +Leben daran wagt, um den leidenden Brüdern beizustehen; dieser Mann +verdient Verehrung und warmen Dank. Er gibt einer zahlreichen Familie +ihren Beschützer, ihren Erhalter, ihren Wohlthäter wieder, rettet +unmündigen Kindern ihren Vater, Ernährer und Erzieher, führt vom Rande +des Grabes den edeln Gatten zurück in die Arme seines treuen Weibes. -- +Mit Einem Worte: kein Stand hat so unmittelbar segenvollen Einfluß auf +das Wohl der Welt, auf das Glück, auf die Ruhe, auf die Zufriedenheit +der Mitbürger, wie der eines Arztes. Und wenn man bedenkt, welch +ein Umfang von Kenntnissen, welch eine Besonnenheit und Ausdauer, +welch eine Geistesgegenwart und Reife des Urtheils dazu gehört: so +erscheint der Arzt, wenn er ganz ist, was sein Beruf fordert, in einer +Würde, die beinahe jede andere überstrahlt, und ihm die stärksten +Ansprüche auf Dank und Verehrung seiner Mitbürger gibt. -- Man wird +es ohne Genie in keinem Stande recht weit bringen; doch gibt es +Wissenschaften, in welchen ein schlichter gesunder Hausverstand, +und wohl noch etwas weniger, recht gute Dienste thut! große Aerzte +hingegen können durchaus nur die feinsten Köpfe seyn. Doch das Genie +macht es nicht allein aus; es gehört das ämsigste und mühseligste +Studium dazu, um es in diesem Fache weit zu bringen. Endlich, wenn man +überlegt, daß diese Kenntnisse, mit allen Hülfswissenschaften, welche +die Arzneikunde voraussetzt, gerade die erhabensten, natürlichsten, +ersten Grundkenntnisse des Menschen sind -- Studium der Natur in +allen ihren Reichen, in allen ihren möglichen Wirkungen, in allen +ihren Bestandtheilen; Studium des Menschen, an Leib und Seele, in +seinen festen und flüssigen Theilen, in seiner ganzen Zusammensetzung, +in seinen Gemüthsbewegungen und Leidenschaften -- was kann denn +lehrreicher, tröstender, erquickender seyn, als der Umgang und die +Hülfe eines solchen Mannes? Es gibt aber unter den Söhnen Aesculaps +auch unzählige von ganz andrer Art; ungerathene Söhne des berühmten und +erhabenen Vaters, denen der Doctorhut das Privilegium gibt, an armen +Kranken Versuche ihrer Unwissenheit zu machen; Leute, die den Körper +des Patienten wie ihr Eigenthum, wie ein Gefäß ansehen, in welches sie +nach Willkühr allerlei flüssige und trockene Materie schütten dürfen, +um wahrzunehmen, welche Wirkung durch den Streit dieser salzartigen, +sauren und geistigen Dinge hervorgebracht wird, und wobei sie nichts +wagen, als höchstens, daß das Gefäß zu Grunde geht. Andern fehlt es, +bei der gründlichsten Kenntniß, an Beobachtungsgeist. Sie verwechseln +die Zeichen der Krankheiten, lassen sich durch falsche Berichte der +Kranken täuschen, forschen nicht kaltblütig, nicht tief, nicht fleißig +genug, und verordnen dann Mittel, die gewiß helfen würden -- wenn der +Kranke in der That die Krankheit hätte, mit welcher sie ihn behaftet +glauben. Wieder Andre kleben an Systemgeist, an Autorität, an Mode, und +schieben nie auf ihre Blindheit, sondern auf die Natur die Schuld, wenn +ihre Arzneimittel andre Wirkungen hervorbringen, als die erwarteten; +endlich noch Andre halten aus Gewinnsucht die Genesung der Leidenden +auf, um desto länger, nebst dem Apotheker und Wundarzte, den Vortheil +davon zu ziehen. Fällt man in die Hände eines solchen Afterarztes, +so ist man in der größten Gefahr, das Opfer der Unwissenheit, der +Sorglosigkeit, des Eigensinns oder der Bosheit zu werden. + +Nun ist es freilich, selbst einem Laien, der sonst einen geraden Blick +mit einiger Menschenkenntniß, Erfahrung und Gelehrsamkeit verbindet, +nicht so schwer, den ~groben~ Charlatan von dem geschickten Manne, +an seinem Vortrage, an der Art seiner Fragen und Verordnungen, zu +unterscheiden; unter ~den Bessern~ aber Den auszuzeichnen, dem man +am sichersten seinen Körper anvertrauen kann, das ist viel schwerer. +Folgende Vorschriften würde ich daher, in Rücksicht auf den Umgang mit +Aerzten, empfehlen: + +Lebe mäßig in allem Betracht, so wirst Du so glücklich seyn, den Arzt +nur als Freund bei Dir zu sehen; aber Du wirst seiner Hülfe selten +bedürfen! + +Gib wohl Acht auf das, was Deiner besondern Leibesbeschaffenheit +schädlich oder dienlich ist, was Dir wohl, und was Dir übel bekömmt! +Richte darnach strenge Deine Lebensart ein, so wirst Du nicht oft in +den Fall kommen, Dein Geld in die Apotheke schicken zu müssen! + +Wenn man nicht ganz fremd in der Physik, dabei ein wenig bewandert +in medicinischen Büchern ist, sein Temperament kennt, und weiß, zu +welchen Krankheiten man Anlage hat, und was Wirkung auf uns macht: so +kann man auch oft, bei wirklichen Krankheiten, sein eigner Arzt seyn. +Jeder Mensch ist ~einer~ Art von Gebrechen mehr ausgesetzt, als einer +~andern~, in so fern er einförmig lebt. Studirt er nun mit Ernst diesen +einzigen Zweig der Heilkunde, so müßte es sonderbar zugehen, wenn er +davon nicht vielleicht mehr, wenigstens eben so viel Einsicht erlangen +sollte, als ein Mann, der das ganze Heer von Krankheiten übersehen muß. + +Fordert aber die Noth, daß Du Dich an einen Arzt wendest, und Du +willst Dir einen unter dem Haufen aussuchen: so gib zuerst Acht, +ob der Mann gesunde Vernunft hat; ob er über andre Gegenstände mit +Klarheit, unpartheiisch, ohne Vorurtheil raisonnirt; ob er bescheiden, +verschwiegen, fleißig und seiner Kunst ganz ergeben ist; ob er ein +gefühlvolles, menschenliebendes Herz zeigt; ob er seine Kranken mit +einer Menge verschiedner Arzneien zu bestürmen, oder sich einfacher +Mittel zu bedienen, der Natur wo möglich ihren Lauf zu lassen pflegt; +ob er eine Diät empfiehlt, die nach seinen Begierden abgemessen, ob er +verbietet, was ~ihm~ selbst zuwider ist; nur anräth, wozu er selbst +geneigt ist; ob er sich in Reden zuweilen widerspricht; ob er fest in +seinem Systeme ist, oder sich irre machen läßt, und von einer Heilart +zur andern übergehet; ob er einzelnen Kennzeichen entgegen arbeitet, +oder immer die Hauptsache vor Augen hat; ob er Brodneid gegen seine +Kunstverwandten, sich eben so bereitwillig zeigt, den Großen und +Reichen, als den Niedern und Armen beizustehen? Bist Du über diese +Punkte befriedigt und beruhigt, so vertraue Dich ihm an. + +Vertraue Dich aber ihm allein, gänzlich und ohne Zurückhaltung! +Verschweige auch nicht den kleinsten Umstand, der dazu dienen mag, ihn +mit dem Zustande und dem Sitze Deines Uebels bekannt zu machen! Doch +mische keine nichtsbedeutende Kleinigkeiten, keine Thorheiten, keine +Grillen, keine Einbildungen hinein, die ihn irre machen könnten! Folge +strenge und pünktlich seinen Vorschriften, damit er sicher seyn dürfe, +ob das, was Du nachher empfindest, die Folge seiner angewendeten Mittel +sey! Laß Dich daher auch nicht verleiten, nebenher allerlei Hausmittel, +möchten sie auch noch so unschuldig scheinen, zu gebrauchen, noch +heimlich einen zweiten Arzt um Rath zu fragen! Vor allen Dingen nimm +nicht etwa zu gleicher Zeit zwei solcher Herren öffentlich an! Die +Resultate ihrer Berathungen werden eben so viel Todesurtheile für Dich +seyn; Keinem von Beiden wird Deine Genesung am Herzen liegen; sie +werden Deinen Körper zu dem Kampfplatze ihrer verschiedenen Meinungen +gebrauchen; sie werden Einer dem Andern die Ehre mißgönnen, Dich gesund +zu machen, und Dich also lieber gemeinschaftlich dem Tode überliefern, +um nachher wechselseitig die Schuld auf einander schieben zu können. + +Den Mann, der alles anwendet, was in seinen Kräften steht, Deine +Gesundheit herzustellen, belohne nicht sparsam, sondern reichlich, nach +Deinem Vermögen! Hast Du aber Ursache, zu glauben, daß er eigennützig +sey, so setze Dich auf den Fuß, ihm jährlich etwas Festgesetztes zu +zahlen, Du mögest krank oder gesund seyn, damit er kein Interesse dabei +habe, Dich mit allerlei Krankheiten zu versehen, oder Deine Herstellung +aufzuhalten. + + + 2. + +Wenden wir uns nun zu den Juristen! Nächst den natürlichen Gütern, +nächst der Wohlfahrt des Geistes, der Seele und des Leibes, ist +in der bürgerlichen Gesellschaft der sichre Besitz des Eigenthums +das Heiligste und Theuerste. Wer dazu beiträgt, uns diesen Besitz +zuzusichern; wer sich weder durch Freundschaft, noch Partheilichkeit, +noch Weichlichkeit, noch Leidenschaft, noch Schmeichelei, noch +Eigennutz, noch Menschen-Furcht bewegen läßt, auch nur einen einzelnen +kleinen Schritt von dem geraden Wege der Gerechtigkeit abzuweichen; wer +durch alle Künste der List und Ueberredung, durch die Unbestimmtheit, +Zweideutigkeit und Verwirrung der geschriebenen Gesetze hindurch, +klar zu schauen, und den Punkt, den Vernunft, Wahrheit, Redlichkeit +und Billigkeit bestimmen, zu treffen weiß; wer der Beschützer der +Aermern, des Schwächern und Unterdrückten gegen den Stärkern, Reichern +und Unterdrücker; wer der Waisen Vater, der Unschuldigen Retter und +Vertheidiger ist -- der ist gewiß unsrer ganzen Verehrung werth. + +Was ich hier gesagt habe, beweist aber auch zugleich, wie sehr viel +dazu gehöre, auf den Titel eines würdigen Richters und auf den +eines edlen Sachwalters Anspruch machen zu dürfen; und es ist, am +gelindesten gesprochen, sehr übereilt geurtheilt, wenn man behauptet, +es werde, um ein guter Jurist zu seyn, wenig gesunde Vernunft, +sondern nur Gedächtniß, ein wenig Schlauheit und ein wenig Phlegma, +Vorliebe für den Schlendrian und ein hartes Herz erfordert; oder die +Rechtsgelehrsamkeit sey nichts anders, als die Kunst, die Leute auf +eine rechtsbeständige Art um Geld und Gut zu bringen. Freilich, wenn +man unter einem Juristen einen Mann versteht, der nur sein römisches +Recht im Kopfe hat, die Kunstgriffe der Auslegung und Anwendung der +Gesetze kennt, und die spitzfindigen Distinctionen der Rabulisten +studirt hat, so mag man Recht haben; aber ein solcher entheiligt auch +sein ehrwürdiges Amt. + +Doch ist es in der That traurig -- um auch das Böse nicht zu +verschweigen -- daß die Handlungen so vieler Richter und Advocaten, +so wie die Justiz-Verfassung in den mehrsten Ländern, so viel Grund +und Anlaß zu jenen harten Beschuldigungen geben. So geschieht es, daß +sich Menschen ohne Grundsätze, verschrobene und alltägliche Köpfe, +dem Studium der Rechtsgelehrsamkeit widmen, und mit der Kenntniß der +Gesetze keine andre feine Kenntnisse verbinden, dennoch aber so stolz +auf diesen Wust von alten römischen, auf unsre Zeiten wenig passenden +Gesetzen sind, daß sie von dem Manne, der die edlen Pandecten nicht am +Schnürchen hat, glauben, er könne gar nichts gelernt haben. Ihre ganze +Gedanken-Reihe knüpft sich nur an ihre heilige Schrift, an das Corpus +Juris an, und ein steifer Civilist ist daher im gesellschaftlichen +Leben das langweiligste Geschöpf, das man sich denken mag. In allen +übrigen menschlichen Dingen, in allen andern, den Geist aufklärenden, +das Herz bildenden Kenntnissen unerfahren, tritt ein solcher Jurist +in ein öffentliches Amt, und wird vielleicht für eine ganze Stadt der +einzige Verwalter der Gerechtigkeit. Sein barbarischer Styl, seine +bogenlangen Perioden, die unglückselige Fertigkeit, die einfachste +deutlichste Sache zu verwickeln, zu verdunkeln, und unverständlich +zu machen, erfüllt Jeden, der Geschmack und Sinn für Klarheit hat, +mit Ekel und Ungeduld. Wenn Du auch nicht das Unglück erlebst, daß +Deine Angelegenheit einem eigennützigen, partheiischen, faulen, +oder schwachköpfigen Richter in die Hände fällt; so ist es schon +genug, daß Dein oder Deines Gegners Anwald ein Mensch ohne Gefühl, +ein gewinnsüchtiger Gauner, ein Pinsel, oder ein Ränkeschmidt ist, um +bei einem Rechtsstreite, den jeder unbefangene gesunde Kopf in einer +Stunde schlichten könnte, viele Jahre lang hingehalten zu werden, ganze +Ballen voll Acten zusammengeschrieben zu sehen, und dreimal so viel +Unkosten zu bezahlen, als der Gegenstand des ganzen Streits werth ist, +ja am Ende die gerechteste Sache zu verlieren, und Dein offenbares +Eigenthum fremden Händen preiszugeben. Und wäre auch beides nicht +der Fall; wären auch Richter und Sachwalter geschickte und redliche +Männer, so ist der Gang der Justiz in manchen Ländern von der Art, +daß man Methusalems Alter erreichen muß, um das Ende eines Prozesses +zu erleben. Da schmachten dann ganze Familien im Elende und Jammer, +indeß sich Schelme und hungrige Scribler in ihr Vermögen theilen. +Da wird die gegründeteste Forderung wegen eines kleinen Mangels an +elenden Formalitäten für nichtig erklärt. Da muß der Aermere sich's +gefallen lassen, daß sein reicherer Nachbar ihm sein väterliches Erbe +wegreißt, wenn der Anwald des Gegners Mittel findet, den Sinn irgend +eines alten Documents zu verdrehen, oder wenn der Unterdrückte nicht +Vermögen genug hat, die ungeheuren Kosten zur Führung des Prozesses +aufzubringen. Da müssen Söhne und Enkel geduldig zusehen, wie die Güter +ihrer Voreltern, unter dem Vorwande, die darauf haftenden Schulden +zu bezahlen, Jahrhunderte hindurch in den Händen privilegirter Diebe +bleiben, indeß weder sie noch die Gläubiger Genuß davon haben. Da muß +mancher Unschuldige sein Leben auf dem Blutgerüste hingeben, weil die +Richter mit der Sprache der Unschuld weniger bekannt sind, als mit den +Wendungen einer falschen Beredsamkeit. Da lassen Professoren Urtheile +über Gut und Blut durch ihre unbärtigen Schüler verfassen, und geben +demjenigen Recht, der das Responsum bezahlt. -- Doch was helfen hier +alle Declamationen, und wer kennt nicht diese Greuel der Verwüstung? + +Darum bleibt es wahr, daß ein magerer Vergleich besser sey, als ein +fetter Prozeß. Darum sey es Regel: Man halte seine Geschäfte in solcher +Ordnung, mache alles darin bei Lebzeiten so klar, daß man seinen Erben +nicht die geringste Wahrscheinlichkeit eines gerichtlichen Zwistes +hinterlasse! + +Hat uns aber der böse Feind zu einem Prozesse verholfen, so suche man +sich einen redlichen, uneigennützigen, geschickten Advocaten -- man +wird oft ein wenig lange suchen müssen -- und bemühe sich, mit ihm also +einig zu werden, daß man ihm, ausser seinen Gebühren, noch reichere +Bezahlung verspreche, nach Verhältniß der Kürze der Zeit, binnen +welcher er die Sache zu Ende bringen wird! + +Man mache sich gefaßt, nie wieder in den Besitz seiner Güter zu kommen, +wenn diese einmal in Advocaten- und Administratoren-Hände gerathen +sind, besonders in Ländern, wo alter Schlendrian, Schläfrigkeit und +Inconsequenz in Geschäften herrschen! + +Man erlaube sich keine Art von Bestechung der Richter! Wer dergleichen +anwendet, der ist beinahe ein eben so arger Schelm, wie Der, welcher +nimmt. + +Man waffne sich mit Geduld in allen Angelegenheiten, die man mit +Juristen von gemeinem Schlage vorhat. + +Man bediene sich auch keines Solchen zu Dingen, die schleunig und +einfach behandelt werden sollen! + +Man sey äusserst vorsichtig im Schreiben, Reden, Versprechen und +Behaupten gegen Rechtsgelehrte! Sie kleben am Buchstaben. Ein +juristischer Beweis ist nicht immer ein Beweis der gesunden Vernunft; +juristische Wahrheit zuweilen etwas mehr, zuweilen etwas weniger, als +gemeine Wahrheit; juristischer Ausdruck ist nicht selten einer andern +Auslegung fähig, als gewöhnlicher Ausdruck, und juristischer Wille oft +das Gegentheil von dem, was man im gemeinen Leben Willen nennt. + + + 3. + +Ich komme jetzt zu dem ~Wehrstande~. Wenn in unsern heutigen Kriegen +noch Mann gegen Mann föchte, und die Kunst, Menschen zu vertilgen, +nicht so methodisch und kunstmäßig getrieben würde; wenn allein +persönliche Tapferkeit das Glück des Kriegers entschiede, und der +Soldat nur für sein Vaterland, zur Vertheidigung seines Eigenthums +und seiner Freiheit stritte: so würde auch kein solcher Ton unter den +Kriegsleuten herrschen, wie jetzt, da zu einem geschickten Militär ganz +andre Arten von Kenntnissen gehören, da ein Paar neue Ressorts, nämlich +Subordination und ein conventioneller Begriff von Ehre, auf gewisse +Weise an die Stelle des kühnen Muths getreten sind, und diese die +Menschen zwingen müssen, auf ihrem Platze unbeweglich stehen zu bleiben +und aus der Ferne in völliger Ruhe auf sich schießen zu lassen, weil +die Leidenschaften der Fürsten, ihr Ehrgeitz und ihre Eroberungssucht +es so wollen, und die Völker nur um der Fürsten willen da sind. +Dennoch war eine gewisse Rohigkeit, Zügellosigkeit und ein trotziges +Hinwegsetzen über alle Regeln der Moral und bürgerlichen Uebereinkunft +-- gleich als wären diese Gesetze nur Kinder des Friedens -- noch in +der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts fast der allgemeine +Charakter eines Soldaten von hohem und niederm Range. In unsern Tagen +aber sieht es damit ganz anders aus. Fast in allen europäischen +Staaten, besonders in Frankreich, findet man im Soldatenstande +Personen, die durch Kenntnisse in allen Fächern der Wissenschaften und +Künste, besonders in solchen, die zu ihrem Handwerke gehören, durch ein +gefälliges, geschmeidiges und kluges Betragen, äussere Sittlichkeit, +Sanftmuth des Charakters und Bildung des Geistes und Herzens, sich +der allgemeinen Achtung und Liebe werth machen. Ich würde also keine +besondre Vorschriften über den Umgang mit Militärs zu geben haben, +wenn nicht theils, so wie in allen Ständen, also auch hier, Ausnahmen +Statt fänden, theils einige andre Rücksichten nicht mit Stillschweigen +übergangen werden dürfen; doch kann ich mich dabei kurz fassen. + +Wer seinem Stande, seinem Alter, oder seinen Grundsätzen nach, sich +weder necken und beleidigen zu lassen, noch eine Beleidigung durch +den Zweikampf auszutilgen Lust haben kann, der thut wohl, wenn er die +Gelegenheit vermeidet, bei Spiel, Trunk oder andern dergleichen Fällen, +mit ~rohen~ Leuten vom Soldatenstande in Gemeinschaft zu kommen, +oder, wenn er solchen Gelegenheiten nicht ausweichen kann, sich so +behutsam, höflich und ernsthaft, als möglich, aufzuführen. Indessen +kömmt hiebei auch sehr viel auf den Ruf an, in welchem man steht; und +ein gerader, fester, redlicher und verständiger Mann pflegt, selbst von +ausschweifenden, ungesitteten Leuten, geachtet und geschont zu werden. + +Ueberhaupt aber rathe ich, im Reden und Handeln gegen Offiziere +vorsichtig zu seyn. Das Vorurtheil von übel verstandner Ehre, das in +den mehrsten Armeen, vorzüglich in der französischen, herrschend ist, +und das von mancher andern Seite einen Nutzen stiften kann, der hier zu +weitläuftig zu entwickeln seyn würde, befiehlt dem Offizier, auch nicht +das kleinste zweideutige Wörtchen, das ihm gesagt wird, hinzunehmen, +ohne Genugthuung durch die Waffen zu fordern; und da hat denn nicht +selten ein Ausdruck, den man sich im gemeinen Leben unbedenklich +erlauben dürfte, für ihn einen beleidigenden Sinn. Man darf z. B. +wohl sagen: »Das war doch ~nicht gut~,« aber keinesweges: »Das war +~schlecht~ von Ihnen;« -- und doch muß das, was ~nicht gut~ ist, +nothwendig ~schlecht~ seyn. Mit dieser Sprache der Uebereinkunft soll +man sich also ~bekannt~ machen, wenn man mit Personen, denen dieselbe +Gesetze auflegt, umgehen will. + +Daß man in Gegenwart eines Offiziers nie, auch nicht das Mindeste, +zum Nachtheile dieses Standes vorbringen dürfe, versteht sich wohl +um so mehr von selbst, da es in der That nöthig ist, daß der Soldat +seinen Stand für den ersten und wichtigsten in der Welt halte. -- Denn +was soll ihn bewegen, sich einer so beschwerlichen und gefährlichen +Lebensart zu widmen, wenn es nicht die Ansprüche auf Ruhm und Ehre sind? + +Endlich erwirbt man sich bei dem Soldatenstande durch ein offenes, +treuherziges, ungezwungenes und fröhliches Wesen, durch freien und +muntern Scherz, Gunst und Beifall; man muß also mit ihrer Weise bekannt +seyn, wenn man mit dieser Klasse leben will. Doch sind vielleicht die +Zeiten nicht mehr fern, wo jede dieser Vorschriften unnütz werden, und +der Stand eines Soldaten nicht länger von dem eines Bürgers getrennt +bleiben wird. + + + 4. + +Kein Stand hat vielleicht so viel Annehmlichkeit, wie der eines +~Kaufmanns~, wenn dieser nicht ganz mit leerer Hand anfängt, wenn das +Glück ihm nicht entschieden zuwider ist, wenn er ein wenig vor sich +gebracht hat, wenn er seine Unternehmungen mit gehöriger Klugheit +treibt, nicht zu viel wagt und auf das Spiel setzt. Kein Stand genießt +einer so glücklichen Freiheit, wie dieser. Kein Stand hat von je her +so unmittelbar thätigen, wichtigen Einfluß auf Moralität, Kultur +und Lebensweise gehabt, wie die Kaufmannschaft. Wenn durch sie und +durch die Verbindung, welche der Handel zwischen den entferntesten +und ungleichartigsten Völkern stiftet, der Ton ganzer Nationen +umgestimmt, und Menschen mit geistigen und körperlichen Bedürfnissen, +mit Wissenschaften, Wünschen, Krankheiten, Schätzen und Sitten bekannt +gemacht werden, die ausserdem vielleicht nie, wenigstens sehr viel +später, bis dahin gedrungen seyn würden, so läßt sich wohl nicht +zweifeln, daß eine Vereinigung der feinsten Köpfe dieses Standes sich +die Gewalt erwerben könnte, dem Geschmack, der Lebensweise und selbst +dem Urtheil eines ganzen Volks jede beliebige Richtung zu geben, und +der Gesellschaft Gesetze vorzuschreiben, die sie nicht übertreten +könnte. Zum Glück für unsere Freiheit aber gibt es theils nur sehr +wenige so weitsehende, planvolle Köpfe unter Leuten dieses Standes +in der Welt, theils sind sie durch ein sehr verschiedenes Interesse +so getrennt, daß sie sich nicht zu einer solchen Machthaberschaft +vereinigen können; und so fällt zwar die Wirkung nicht weg, welche der +Handel auf Sitten und Aufklärung hat; aber es geht doch damit nicht +methodisch zu, sondern alles rückt seinen Gang unter dem Einfluß der +Zeit fort. Indessen begreift man leicht, daß eben das Ideal, welches +ich von einem großen Handelsmanne aufgestellt habe, einen Mann von +feinem, vorausschauenden, weit umfassenden Geiste, und, wenn es ihm +um das Wohl der Welt zu thun ist, einen Mann von edeln, erhabenen +Gesinnungen bezeichnet. Auch gibt es solche Männer in diesem Stande, +und ich habe, besonders während meines Aufenthalts in Hamburg, Bremen +und andern großen Handelsplätzen, deren einige kennen gelernt, die +wahrlich, wenn sie auf einem andern Platze gestanden hätten, unter den +größten Männern ihrer Zeit genannt worden wären. + +Da man nun aber keiner Vorschriften bedarf, um zu lernen, wie man mit +weisen und guten Menschen umgehen soll, so will ich hier nur von dem +Betragen im Umgange mit Kaufleuten von gemeinem Schlage reden. Diese +werden von ihrer ersten Jugend an gewöhnlich so mit Leib und Seele nur +dahin gerichtet, auf Geld und Gut ihr Augenmerk, und für nichts anders, +als für Reichthum und Erwerb Sinn zu haben, daß sie den Werth eines +Menschen fast immer nach der Schwere seines Geldkastens beurtheilen, +und bei ihnen: ~der Mann ist gut~, so viel heißt, als: ~der Mann ist +reich~. Hierzu gesellet sich wohl noch, besonders in Reichsstädten, +eine Art von Prahlerei, eine Begierde, es Andern ihres Gleichen da, wo +es Aufsehen macht, an Pracht zuvorzuthun, um zu zeigen, daß ihre Sachen +fest stehen. Da sie aber mit dieser Neigung immer noch Sparsamkeit +und Habsucht verbinden, und da, wo sie nicht bemerkt werden, äusserst +eingeschränkt und sparsam leben, und sich sehr viel versagen: so +bemerkt man da einen Kontrast von Kleinlichkeit und Glanz, von Geitz +und Verschwendung, von Niederträchtigkeit und Stolz, von Unwissenheit +und Ansprüchen, der Mitleiden erregt; und so industriös auch sonst die +Kaufleute sind, so fehlt es ihnen doch mehrentheils an der Gabe, ein +kleines Fest durch geschmackvolle Anordnungen glänzend, und mit wenigen +Kosten einen anständigen Aufwand zu machen. Ausser Hamburg ist dieß +wohl in allen deutschen Handelsstädten mehr oder weniger der Fall. + +Willst Du bei diesen Leuten geachtet seyn, so mußt Du wenigstens in +dem Rufe stehen, daß Deine Vermögens-Umstände nicht zerrüttet seyen: +Wohlstand macht auf sie den besten Eindruck. Sey es durch Deine Schuld, +oder durch Unglück, so wirst Du, auch bei den herrlichsten Vorzügen +des Verstandes und Herzens, von ihnen verachtet werden, wenn Du Mangel +leidest. + +Willst Du einen Solchen zu einer milden Gabe, oder sonst zu einer +großmüthigen Handlung bewegen, so mußt Du entweder seine Eitelkeit mit +in das Spiel bringen, daß es bekannt werde, wie viel dies große Haus +an Arme gibt; oder der Mann muß glauben, daß der Himmel ihm die Gabe +hundertfältig vergelten werde: dann wird es andächtiger Wucher. + +Große Kaufleute spielen, wenn sie spielen, gewöhnlich um hohes Geld. +Sie betrachten das wie jeden andern Speculations-Handel; aber sie +spielen dann auch mit aller Kunst und Aufmerksamkeit. Man hüte sich +daher, wenn man das Spiel nicht versteht, und es nachlässig, bloß als +einen Zeitvertreib ansieht, sich mit solchen Männern einzulassen! + +Laß es Dir unter Kaufleuten ja nicht einfallen, Deinen Stand oder Rang, +oder Deine Geburt geltend machen zu wollen, besonders wenn Du nicht +reich bist! oder Du wirst Dich kränkenden Demüthigungen aussetzen. + +Doch pflegt in manchen Kaufmannshäusern einem Manne mit Stern, Orden +und Titel geschmeichelt zu werden: das geschieht dann aus Prahlerei, um +zu zeigen, daß auch Vornehme da Gastfreundschaft genießen, oder daß man +mit Höfen und großen Familien in Verhältnissen stehe. + +Auch der Gelehrte und Künstler wird hier übersehen, oder nur aus +Eitelkeit vorgezogen. Er erwarte nicht, daß sein wahrer Werth erkannt +werde! + +Da die Sicherheit des Handels auf Pünktlichkeit im Bezahlen und auf +Treue und Glauben beruht, so setze Dich bei den Kaufleuten in den Ruf, +strenge Wort zu halten und ordentlich zu bezahlen: so werden sie Dich +höher achten, als manchen viel reichern Mann. + +Man hüte sich, wenn man nicht selbst den Handel aus dem Grunde +versteht, sich von Kaufleuten zu gemeinschaftlichen Unternehmungen +und Speculationen verleiten zu lassen. Ist bei der Sache ein sicherer +Gewinn wahrscheinlich zu erwarten, so hütet sich der Kaufmann wohl, +einem Laien, und wäre er sein bester Freund, davon Eröffnung zu +thun, um ihn Theil nehmen zu lassen. Solche Anträge sind also immer +verdächtig. Daß man noch ausserdem, wenn auch der Erfolg glücklich +ausfällt, bei der Berechnung und Theilung verkürzt wird, versteht sich +von selbst. + +Wer wohlfeil kaufen will, der kaufe für baares Geld! -- das ist +eine sehr bekannte Lehre. Man hat dann die Wahl von Kaufleuten und +von Waaren, und man kann es niemand übel auslegen, wenn er, bei der +Ungewißheit, ob und wie bald er bezahlt werde, für seine Waare einen +übertriebenen Preis fordert, oder das Schlechteste hingibt, was er hat. + +Hat man Ursache, mit dem Betragen des Mannes, mit welchem man +Handlungsgeschäfte getrieben hat, zufrieden zu seyn: so wechsele +man nicht ohne Noth, laufe nicht von einem Kaufmanne zu dem andern! +Man wird von Leuten, die uns kennen, denen an der Erhaltung unsrer +Kundschaft gelegen ist, treuer bedient, und sie geben uns auch, wenn +es ja unsere Umstände erforderten, leichter Credit, ohne deswegen den +Preis der Waaren zu erhöhen. + +Man enthalte sich, einem Krämer für den geringen Vortheil, der ihm +aus einem kleinen Handel mit uns zuwächst, viel Mühe, Zeitverlust und +Wege zu machen! Diese Unart ist besonders den Frauenzimmern eigen, +die zuweilen sich für tausend Thaler Waare auspacken lassen, um, nach +zweistündiger Beäuglung und Betastung, für einen Gulden zu kaufen, oder +gar alles Gesehene zu schlecht und theuer zu finden. + +Bei kleinen Kaufleuten, und in Städten, wo eigentlich nur Krämer +wohnen, ist die unartige Gewohnheit eingerissen, daß diese oft sehr +viel mehr für ihre Waaren forden, als wofür sie dieselben hingeben +wollen. Andre geben mit angenommener Treuherzigkeit und Biederkeit vor, +daß sie den äussersten Preis setzen, und lassen sich keinen Heller +abdingen; und so muß man oft doppelt so viel bezahlen, als die Sache +werth ist. Erstern würde man ihre kleinen Künste leicht abgewöhnen +können, wenn die Angesehensten in einer Stadt sich vereinigten, solchen +Gaunern gar nichts abzukaufen. Es ist aber das jüdische Verfahren +dieser beiden Arten von christlichen Krämern eben so unredlich, als +unklug. Sie betrügen damit höchstens nur einige Fremde und Solche, +die von dem Werthe der Waaren nichts verstehen; bei Andern hingegen +verlieren sie allen Glauben; und wenn man erst ihre Weise kennt, so +bietet man ihnen nur die Hälfte von dem, was sie fordern. Uebrigens +soll der, welcher kaufen will, die Augen aufthun: es ist unvernünftig, +einen Handel von einiger Wichtigkeit zu schließen, ohne vorher sich +Kenntniß von dem wahren Werthe der Sache erworben zu haben, die man +kaufen will. + +Welch eine große Vorsicht man im Pferde-Handel zu beobachten habe, +das ist eine bekannte Sache. Bei diesem hat sich das Vorurtheil +eingeschlichen, daß Eltern und Kinder, Geschwister und Freunde, Herren +und Diener sich keinen Gewissensvorwurf machen zu dürfen glauben, wenn +sie einander betrügen. + + + 5. + +Die Herren ~Buchhändler~ verdienten wohl ein eigenes Kapitel. In +demselben könnte man sehr viel Wahres zum Lobe derjenigen unter ihnen +sagen, die diesen Handel nicht als einen jüdischen Erwerb treiben, so +daß sie etwa wenig darum bekümmert wären, was ~für~ Bücher bei ihnen +verlegt und verkauft werden, in so fern nur Geld daraus gelöset wird, +-- denen es nicht gleichgültig ist, ob man sie zu Hebammen von kleinen +Krüppeln und Mißgeburten braucht, ob sie zu Werkzeugen der Ausbreitung +eines elenden, seichten, falschen Geschmacks und schlechter Grundsätze +dienen, -- sondern denen, wie unserm Nicolai, Wahrheit, Kultur und +Aufklärung am Herzen liegen, -- die das verkannte, im Dunkeln lebende +Talent ermuntern, aus dem Staube hervorziehen, in Thätigkeit setzen und +großmüthig unterstützen, -- die den täglichen Umgang und das Verkehr +mit Gelehrten und Büchern dazu anwenden, sich selbst Kenntnisse zu +sammeln, ihren Geist zu bilden, und bessere Menschen zu werden. Und +dann würde, des Kontrastes wegen, das Gegenbild keine üble Wirkung +machen -- das Bild eines Mannes, der, nachdem ein halbes Jahrhundert +hindurch die vortrefflichsten Werke durch seine schmutzigen, +geldgierigen Finger gegangen sind, noch immer eben so unwissend +und dumm geblieben ist -- ausgenommen die kleinen Wucher-Künste, +-- wie ein zehnjähriger Knabe, -- der Manuscripte und neue Bücher +nach der Dicke, nach dem Titel und nach dem herrschenden Geschmack +und Ungeschmack des Publikums schätzt und kauft, -- der, um diesen +falschen Geschmack zu unterhalten, durch unbärtige Knaben jämmerliche +Broschüren, Romänchen und Mährchen schreiben, und unter seiner Firma +(Namen) in die Welt gehen läßt, -- der die erbärmlichste Schmiererei, +deren Nichtswürdigkeit er selbst fühlt, durch einen viel versprechenden +Mode-Titel, oder durch saubere Bilderchen aufgestutzt, nach Frankfurt +und Leipzig schleppt, und für diese Lumpereien ein schändendes Lob +von feilen Recensenten erkauft, -- den Mann von Talenten wie einen +Tagelöhner behandelt und bezahlt, von der eingeschränkten häuslichen +Lage eines armen Schriftstellers Vortheil zieht, um ein Werk, +das Anstrengung aller Kräfte, Nachtwachen und Aufwand von wahrer +Geistesgröße erfordert hat, und womit er Tausende gewinnen kann, wie +Maculatur zu erhandeln, -- der, so oft ihm ein Werk angeboten wird, +verächtlich die Nase rümpft und den Kopf schüttelt, um desto wohlfeiler +daran zu kommen, -- der, wie unter andern unsere Carlsruher und +Frankenthaler Freunde, durch Nachdruck ein Dieb an fremdem Eigenthume +wird. Endlich könnte ich Vorschriften geben, wie die Schriftsteller +mit Buchhändlern von dieser Art umgehen sollen, um nicht ihre Sclaven +zu werden, -- wie man sich bei ihnen ein Gewicht geben könne, und in +welche Form man seine Geistes-Produkte gießen müsse, damit sie von den +Sosiern unsrer Zeit in Verlag genommen werden. -- Das aber sind zum +Theil Zunft-Geheimnisse, die unter uns großen Gelehrten nur mündlich +fortgepflanzt werden, und die man also nicht jedem, der bloß Leser ist, +verrathen darf. + +Bei der ersten flüchtigen Uebersicht sollte man glauben, alle +Buchhändler, die nur irgend einigen Verlag hätten, müßten reich +werden. Wenn man in Deutschland vier und zwanzig Millionen Einwohner +annimmt, und dann rechnet, daß jedes Buch tausendmal abgedruckt +würde, so beträgt das auf 24,000 Menschen nur ein Exemplar. -- Und +welches Buch könnte so schlecht seyn, daß nicht unter 24,000 Menschen +wenigstens Einer Lust bekäme, es zu kaufen? Allein man wird bald +anderer Meinung, wenn man die Schuldbücher der Herren Buchhändler +durchsieht; wenn man erfährt, daß sie von ihren Amtsbrüdern nicht mit +Gelde, sondern mit Maculatur und Ladenhütern, von andern Käufern aber +oft mit Vertröstungen bezahlt werden; daß man von der Summe jener +24 Millionen beinahe den ganzen Bauernstand und die Einwohner der +kleinsten Städte abrechnen muß, und daß die häufigen Leih-Bibliotheken +und Nachdruck-Fabriken ihnen beträchtlichen Schaden zufügen. + +Doch noch ~eine~ Bemerkung: Wer sich bei Buchhändlern, besonders in +minder großen Städten, beliebt machen will, der leihe und verleihe +nicht viel Bücher, und errichte keine Lese-Gesellschaften! Man kann +es sonst wahrlich den armen Handelsmännern nicht übel nehmen, daß +sie sich durch Nachdruck, kleine Künste und sparsames Honorarium an +ihren Collegen, am Publiko und an den Autoren zu erholen suchen, wenn +unter zwanzig Personen kaum einer ein Buch kauft, die übrigen aber +unentgeldlich mitlesen. + + + 6. + +Ich habe im ersten Theile dieses Buchs bei der Gelegenheit, da ich +Bemerkungen über den Umgang mit Wohlthätern machte, zugleich von dem +Betragen gegen Lehrer und Erzieher geredet. Unter dieser Klasse habe +ich aber die sogenannten +Maîtres+, d. h. die stundenweise bedungenen +Unterweiser ~in Sprachen und Künsten~, nicht mit begriffen. Von diesen +muß ich daher hier noch ein Paar Worte sagen. + +Wirklich ist es eine recht lästige Beschäftigung, zu Erringung seines +Unterhalts den ganzen Tag durch, in Wind und Wetter, von einem Hause +in das andere zu laufen, und ohne freie Wahl der Schüler dieselben +Anfangsgründe einer Kunst oder Sprache unzähligemal wiederholen zu +müssen. Findet man nun unter diesen Meistern dennoch einen Mann, den, +trotz dieser abschreckenden Schwierigkeiten, die Fortschritte, welche +seine Schüler machen, mehr reizen als der Gewinn, dem es ernstlich +darum zu thun ist, seine Kunst leicht, gründlich, lebhaft und deutlich +vorzutragen; so ehre man diesen, wie jeden Andern, der etwas zu +unsrer Bildung beiträgt! Oft aber trifft man unter diesen Herren sehr +schlechte Subjecte an: Menschen ohne Erziehung und Sitten, die von +dem, was sie Andern beibringen wollen, selbst keine klare Begriffe, +am wenigsten aber die Gabe haben, in Andern dergleichen zu erwecken, +-- Menschen, die, besonders wenn sie mit Kindern zu thun haben, es +bloß auf Gedächtniß-Kenntnisse anlegen, womit sie gelegentlich die +unwissenden Eltern täuschen können, welche sich nun überreden, daß +ihre Kinder große Fortschritte gemacht haben, indeß der Meister froh +ist, wenn er die Stunde überstanden hat, -- Menschen, die, um nur die +Lehrstunde auszufüllen, Stadt-Mährchen erzählen, aus ~einem~ Hause +in das andre tragen, oder gar das unedle Handwerk von Kupplern und +Liebesbriefträgern verwalten. Ich kann jeden sorgsamen Vater, und +wem sonst junge Leute anvertrauet sind, nicht genug vor dieser bösen +Gattung von Unterweisern warnen, und rathe, so viel möglich, bei +den Lehrstunden solcher Meister, die man nicht recht genau kennt, +gegenwärtig zu seyn. Ich kann mich nicht enthalten, diese Vorsicht +besonders gegen Musik- und Sprach-Meister zu empfehlen. Die größere +Anzahl der Tonkünstler und französischen Sprachmeister besteht aus sehr +leichtsinnigen, üppigen, sinnlichen Menschen. Die Musik erregt Gefühle, +aber dunkle Gefühle, die öfter für Wollust, als für hohe Tugenden +empfänglich machen, mehr die Phantasie, als die Vernunft beschäftigen. +Deswegen gibt es unter den Virtuosen so viel verderbte und gefährliche +Menschen. Ganz anders verhält es sich mit großen Componisten; ich rede +nur von ausübenden Musikern. Eben so gefährlich ist eine gewisse Klasse +von Sprachmeistern. Die französische Sprache, die so reich ist an +glatten Worten und feinen Wendungen, wird von diesen Menschen benutzt, +um unschuldigen Herzen das Gift der Eitelkeit beizubringen. + + + 7. + +Ein redlicher, arbeitsamer und geschickter ~Handwerksmann~ oder +~Künstler~ ist eine der nützlichsten Personen im Staate, und es macht +unsern Sitten wenig Ehre, daß wir diesen Stand so gering schätzen. Was +hat ein müssiger Hofschranze, was hat ein reicher Tagedieb, der um sein +baares Geld sich Titel und Rang erkauft hat, vor dem fleißigen Bürger +voraus, der seinen Unterhalt auf erlaubte Weise durch seiner Hände +Arbeit erwirbt? Dieser Stand befriedigt unsre ersten und natürlichsten +Bedürfnisse. Ohne ihn würden wir für unsre Nahrung und Kleidung und +für alle Gemächlichkeiten des Lebens mit eigenen hohen Händen sorgen +müssen; und erhebt sich nun gar der Handwerker oder Künstler (wie es +sehr oft der Fall ist) durch Erfindungskraft und Verfeinerung seiner +Kunst über das Mechanische, so verdient er doppelte Achtung. Dazu +kömmt, daß man wirklich unter diesen Leuten, die bei ihren Geschäften +Zeit genug haben, an andre nützliche Dinge zu denken, zuweilen die +hellsten Köpfe, und Männer antrifft, die freier von Vorurtheilen sind, +als Viele, die durch Studiren und Systemgeist ihre gesunde Vernunft +verschroben haben. + +Wie pflichtmäßig ist es also, einen rechtschaffenen und fleißigen +Handwerksmann zu ehren und sich höflich gegen ihn zu betragen! Und +wie unedel ist es, ohne Noth von ihm abzugehen, ob man gleich keine +Ursache hat mit seiner Arbeit, mit seinem Fleiße und seinen Preisen +unzufrieden zu seyn. Man mache nicht den Handwerksneid unter diesen +Leuten rege! Man ziehe, bei gleichen Umständen, ~den~ Handwerksmann, +der unser Nachbar ist, dem entfernter wohnenden vor! Man bezahle +ordentlich, pünktlich, baar, und dinge ihm nicht über die Gränzen +der Billigkeit ab! Unverantwortlich ist das Verfahren so vieler +Vornehmen und selbst Reichen, die, bei allem Aufwande, den sie machen, +zuletzt daran denken, die Handwerksleute, welche für sie arbeiten, zu +befriedigen. Eben die Verschwender, welche vielleicht in ~einem~ Abende +Tausende im Spiele verlieren, und es für eine Ehrensache halten, diese +Schuld ohne Aufschub zu tilgen, lassen den armen Handwerksmann um eine +Rechnung von zehn Thalern, worunter mehr als die Hälfte in baaren +Auslagen von seiner Armuth besteht, unbarmherziger Weise Jahre lang +warten, und manchen sauren Weg vergebens thun, lassen ihn wohl gar +von einem groben Haushofmeister auf eine kränkende Weise abfertigen. +Diese Ungerechtigkeit und Härte stürzt so manchen ehrlichen, sonst +wohlhabenden Bürger in Mangel, oder verleitet ihn, ein Betrüger zu +werden. + +Es herrscht aber unter den Handwerksleuten die unartige Gewohnheit +des Lügens. Sie versprechen, was sie weder halten können, noch halten +wollen, und übernehmen mehr Arbeit, als sie in der bestimmten Frist zu +liefern im Stande sind. Es würde der Mühe werth seyn, daß sich, wie +ich schon oben in Ansehung der übertheuernden Krämer vorgeschlagen +habe, die angesehensten Leute einer Stadt dahin vereinigten, bei einem +solchen Windbeutel nicht mehr arbeiten zu lassen. Daher mache ich mit +den Handwerksleuten, welche für mich arbeiten, den Vertrag, daß ich +augenblicklich von ihnen abgehe, sobald sie mir ihre Zusage nicht +halten. Dadurch nun, und wenn man jedesmal bei Ablieferung der Arbeit +baar bezahlt, erlangt man, daß man seltner belogen wird, als Andre. + + + 8. + +Ein Blick zurück auf das, was ich von dem Umgange mit +Kaufleuten gesagt habe, erinnert mich, daß ich bei dieser Gelegenheit +auch von den ~Juden~, als gebornen Handelsmännern, hätte reden +sollen. Ich will aber das Wenige, was ich etwa über diesen Gegenstand +vorzutragen habe, hier nachholen. + +In Amerika trifft man sehr viel Juden an, die durchaus in allen ihren +Sitten mit den Christen übereinstimmen, auch sogar mit christlichen +Familien durch wechselseitige Heirathen sich verbinden. In Holland +und in einigen Städten von Deutschland, besonders in Berlin, ist +die Lebensart mancher jüdischen Familien von der Weise anderer +Religions-Verwandten auch fast gar nicht verschieden. In diesen Fällen +nun ist eine von den Ursachen gehoben, weswegen der Charakter dieses +Volks so viel widrige Eigenheiten hat. Freilich bringen es leider +die mehrsten Juden in der höhern Kultur nicht weiter, als daß sie +die Einfalt und Strenge ihrer Sitten gegen christliche Laster und +Thorheiten vertauschen. Ein jüdischer Stutzer, Wüstling oder Freigeist +spielt dann mehrentheils eine sehr unwürdige Rolle. Daß übrigens +die höchst unverantwortliche Verachtung, mit welcher wir den Juden +begegnen, -- der Druck, unter welchem sie in den mehrsten Ländern +leben, und die Unmöglichkeit, auf andre Weise, als durch Wucher, ihren +Lebens-Unterhalt zu gewinnen, -- daß diese unsere Ungerechtigkeit +nicht wenig dazu beiträgt, sie moralisch schlecht zu machen, und +zur Niederträchtigkeit und zum Betruge zu reizen, -- endlich daß +es, ungeachtet aller dieser Umstände, dennoch edle, wohlwollende, +großmüthige Menschen unter ihnen gibt: -- das sind bekannte, oft +gesagte Dinge. Laßt uns aber hier die Juden, nicht wie sie unter andern +Umständen seyn ~könnten~, noch wie einzelne Subjecte unter ihnen sind, +sondern so, wie wir jetzt ihren Volks-Charakter nach der größern Anzahl +beurtheilen müssen, betrachten! + +Sie zeigen sich rastlos und von einer unerschöpflichen Geduld und +Ausdauer, wo etwas zu gewinnen ist; sie verschmähen auch den kleinsten +Gewinn bei ihrem Gewerbe nicht, und machen, durch ihren Zusammenhang in +allen Ländern und dadurch, daß sie sich durch keine Art von Bedrückung +und Zurückweisung abschrecken lassen, fast unmögliche Dinge möglich. +Man kann sie daher zu den wichtigsten Verhandlungen brauchen, und auf +ihre Klugheit eben so sehr, wie auf ihre Ausdauer rechnen; nur muß man +ihre Dienste gut bezahlen. + +Sie sind verschwiegen, wo sie Interesse dabei finden; vorsichtig; +zuweilen zu furchtsam, doch für's Geld bereit, das Aergste zu wagen; +verschlagen; witzig; scharfsinnig in ihren Einfällen; Schmeichler im +höchsten Grade, und finden dadurch Mittel, sich ohne Aufsehen in den +größten Häusern Einfluß zu verschaffen, und durchzusetzen, was man ohne +sie schwerlich bewirken würde. + +Sie sind mißtrauisch. Sind sie aber ~einmal~ überzeugt, daß sie +pünktliche Bezahlung erhalten werden, und mit einem ehrlichen Manne +zu thun haben, so kann man auch bei ihnen Hülfe finden, wenn alle +christlichen Wucherer sich zurückziehen. + +Bist Du aber ein schlechter Wirth, oder sind Deine Vermögens-Umstände +in einer zweideutigen Lage: so wird niemand dieß leichter gewahr +werden, als der Jude. Rechne dann nicht darauf, daß er Dir Geld +vorschießen werde, oder mache Dich gefaßt, ihm, wenn er es auf +Speculation daran wagt, Dich zu so übertriebenen Procenten und zu +solchen Bedingungen verbindlich machen zu müssen, daß dadurch Deine +Lage gewiß noch unglücklicher wird! + +Es wird den Juden gewaltig schwer, sich vom Gelde zu trennen, weil +es ihr höchstes Gut, und die Bedingung ihres Daseyns ist. Darum gehen +sie in Geld-Angelegenheiten mit der größten Vorsicht zu Werke, und +lassen sich dabei keine Mühe verdrießen. Wenn Jemand, den sie nicht +recht genau kennen, sie um ein Darlehn anspricht, so werden sie +denselben auf einen andern Tag wieder bestellen. Unterdessen forschen +sie bei Handwerkern, Nachbaren, Bedienten u. dgl. nach den kleinsten +Umständen des künftigen Schuldners. Kömmt dieser zur bestimmten Zeit +wieder, so läßt sich der Jude verleugnen, oder verschiebt die Zahlung +noch um einige Wochen, Tage oder Stunden. Und ist auf Deinem Gesichte +nur irgend eine Spur von Verlegenheit über Deine Umstände, oder von +zu großer Freude über die zu hoffende Hülfe zu lesen, so wird der +Jude sich nicht von seinem Mammon trennen, und hätte er auch schon +angefangen, das Geld hinzuzählen. Daß er Dir immer das leichteste Gold +geben wird, versteht sich von selbst. Auf dies alles muß man sich +gefaßt machen, wenn man in solche Fälle kömmt. + +Bei dem Handel mit Hebräern gemeiner Art ist es rathsam, die Augen oder +den Beutel zu öffnen. Es ist sehr natürlich, daß ein Christ sich auf +ihre Gewissenhaftigkeit, auf ihre Betheuerungen nicht verlassen darf. +Sie werden Euch Kupfer für Gold, drei Ellen für vier, alte Sachen für +neue verkaufen, falsche Münze für ächte geben, wenn Ihr es nicht besser +verstehet. + +Wenn man alte Kleider oder andre Sachen an Juden verhandeln will, +so suche man mit dem ersten, der ein irgend leidliches Gebot thut, +sogleich einig zu werden! Lässest Du ihn fortgehen, ohne sein Gebot +anzunehmen, so wird die Nachricht, daß bei Dir etwas zu schachern sey, +und daß man Mendeln oder Joseph den Handel nicht verderben dürfe, wie +ein Lauf-Feuer durch die ganze Judenschaft gehen, und in der Synagoge +publicirt werden: in solchen Fällen halten sie treulich zusammen. Es +werden dann haufenweise die Israeliten, fremde und einheimische, Dein +Haus bestürmen; aber jeder später kommende wird immer etwas weniger +bieten, als der vorhergehende, bis Du endlich entweder den ersten +wieder aufsuchst, der aber dann die gleich anfangs gebotene Summe +noch vermindert, oder bis Deine Waare Dir so zuwider wird, daß Du sie +für die Hälfte des Werths einem Andern hingibst, der sie treulich dem +Ersten einhändigt. Wenn auch ein Jude von gemeiner Art Dir im Handel +so viel bietet, wie Du etwa fordern zu dürfen glaubst, so schlage doch +nicht gleich zu; er wird sonst zurückziehen, entweder weil er nun +denkt, er hätte noch wohlfeiler dazu kommen können, oder es stecke +Betrug dahinter. + +Ist man seines Kaufs mit einem Trödel-Juden völlig einig, so wird er +doch noch versuchen, den Verkäufer zu hintergehen. Er wird gewöhnlich +sagen: »er habe kein baares Geld bei sich, wolle aber die Uhr oder +sonst etwas zum Unterpfande lassen.« Er weiß wohl, daß man das selten +annimmt. Gibt man ihm nun Credit und das Gekaufte mit, so schleppt er +dies in der ganzen Stadt herum, bietet es feil, und bringt es wieder, +mit dem Bedeuten: »man solle etwas schwinden lassen; er habe sich +übereilt.« Oder er kömmt gar nicht wieder, und man muß lange hinter +der Bezahlung herlaufen. Auch wollen sie gar zu gerne Waare statt +Geld geben, denn die baare Münze ist ihnen gar zu sehr an's Herz +gewachsen. -- Auf dies alles darf man sich nicht einlassen. Etwas ganz +Charakteristisches hat diese Nation übrigens in Allem. -- Ich rede von +dem großen Haufen derselben, nicht von denen, die sich (vielleicht +nicht zu ihrem Glücke) nach den Sitten der Christen umgebildet haben. +-- Man höre die Musik in ihren Tempeln, und die ganz eigene Art, +wie sie dieselbe vortragen! Man sehe sie tanzen! Man gebe Acht auf +die Verzierungen, welche auch die reichsten alten Juden in ihren +Häusern anbringen, ob nicht immer etwas von den Knäufen an dem Tempel +Salomons, von den Verzierungen der Bundeslade, Scharlach, Rosenroth und +gezwirnter weißer Seide mit unterläuft. + + + 9. + +In den mehrsten Provinzen von Deutschland lebt der ~Bauer~ +in einer Art von Druck und Sclaverei, die wahrlich oft härter ist, +als die Leibeigenschaft desselben in andern Ländern. Mit Abgaben +überhäuft, zu schweren Diensten verurtheilt, unter dem Joche grausamer, +habsüchtiger Beamten seufzend, werden sie des Lebens nie froh, haben +keinen Schatten von Freiheit, kein sichres Eigenthum, und arbeiten +nicht für sich und die Ihrigen, sondern nur für ihre Tyrannen. + +Wen nun die Vorsehung in die glückliche Lage gesetzt hat, zu +Erleichterung dieser so sehr gedrückten und doch so wichtigen, +zahlreichen und nützlichen Menschen-Klasse etwas beitragen zu können: +o! der schaffe sich doch die süße Wonne, in den ländlichen Hütten +Freude zu verbreiten, und seinen Namen von Kindern und Enkeln mit Segen +nennen zu hören! + +Freilich wohl sind die Bauern zum Theil so hartnäckige, zänkische, +widerspenstige und unverschämte Geschöpfe, daß sie aus der geringsten +Wohlthat eine Schuldigkeit machen, -- daß sie nie zufrieden sind, +immer klagen, immer mehr haben wollen, als man ihnen zugestehen kann; +allein sind wir nicht selbst durch lange fortgesetzte unedle Behandlung +und Vernachlässigung ihrer Bildung daran Schuld, daß niederträchtige +Gesinnungen bei ihnen herrschend werden? und gibt es nicht einen +Mittelweg zwischen übertriebener Nachsicht und despotischer Strenge +und Grausamkeit? Ich verlange nicht, daß ein Landes- oder Guts-Herr +sich, so lange die jetzige Ordnung der Dinge noch Statt hat, des Rechts +begeben solle, seine Unterthanen zu schuldigen Diensten zu gebrauchen; +allein, kann es erlaubt seyn, diese Dienste auch dann zu verlangen, +wenn nur von dem edlen Vergnügen einer Hirsch- oder Schweine-Metzelei +die Rede ist? ist es menschlich, den Bauer zu einer Zeit, wo seine +Gegenwart zu Hause dringend nothwendig ist, mehrere Tage hinter +einander in strenger Kälte mit leerem Magen herumlaufen, und Ohren und +Nase erfrieren zu lassen? Der Gutsherr kann und soll ihm die schuldigen +Abgaben nicht schenken; aber er soll Nachsicht mit seinen Umständen +haben, Rücksicht auf erlittene Unglücksfälle nehmen, und darauf halten, +daß die Beamten die Gelder in einer Zeit eintreiben, wo es dem armen +Landmanne weniger schwer wird, baare Münze aufzutreiben, ohne sich mit +Leib und Seele dem Juden oder dem bösen Feinde zu verschreiben. + +Man schwatzt so viel von Verbesserung der Dorfschulen und Aufklärung +des Landvolks; allein überlegt man auch wohl immer genau genug, +welch ein Grad von Aufklärung für den Landmann, besonders für den +von niedrigem Stande, taugt? Daß man den Bauer nach und nach, mehr +durch Beispiele als durch Abhandlungen, zu bewegen sucht, von manchen +ererbten Vorurtheilen, in der Art des Feldbaues und überhaupt in der +Führung des Haushalts, zurückzukommen, -- daß man durch zweckmäßigen +Schul-Unterricht die thörichten Grillen, den dummen Aberglauben, +den Glauben an Gespenster, Hexen u. dergl. zu zerstören trachte, +-- daß man die Bauern gut schreiben, lesen und rechnen lehre: das +ist löblich und nützlich. Ihnen aber allerlei Bücher, Geschichten +und Fabeln in die Hände zu spielen; sie zu gewöhnen, sich in eine +Ideen-Welt zu versetzen; ihnen die Augen über ihren armseligen Zustand +zu öffnen, so lange man nicht die ernstliche Absicht hat, diesen zu +verbessern; sie durch zu viel Aufklärung unzufrieden mit ihrer Lage, +und aufgelegt zu machen, über die ungleiche Austheilung der Glücksgüter +zu declamiren; ihren Sitten Geschmeidigkeit und den Anstrich der +feinen Höflichkeit zu geben -- das taugt wahrlich nicht, obgleich es +auch grausam und ungerecht ist, die natürlichen Fortschritte einer +solchen Aufklärung vorsätzlich ~hindern~ zu wollen. Ohne alle diese +künstlichen Hülfsmittel trifft man unter alten Landleuten Menschen +von so unverfälschtem Sinne, von so hellem, heiterm Kopfe, und von so +festem Charakter an, die manchen hochstudirten Herrn beschämen könnten. +Es scheint also rathsam, hier mit großer Mäßigung und Sparsamkeit zu +Werke zu gehen. Im Ganzen betrage man sich gegen den Bauer treuherzig, +gerade, offen, ernsthaft, wohlwollend, nicht geschwätzig, dem +Verhältnisse gemäß, und bleibe sich gleich: und man wird sich seine +Achtung, sein Zutrauen erwerben, und viel über ihn vermögen. + +Von ~Land-Edelleuten~ und andern Personen höhern Standes, die in den +Dörfern leben, gilt zum Theil dasselbe. Man nehme keinen Residenz-Ton +im Umgange mit ihnen an, hüte sich vor leeren Complimenten, nehme Theil +an ihren ländlichen Freuden, Sorgen und Geschäften, und verbanne allen +Zwang, ohne doch den Ton zu tief herabzustimmen: so wird man ihnen als +Gast, Nachbar, Freund und Rathgeber willkommen seyn. + + + + + Siebentes Kapitel. + + Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart und Gewerbe. + + + 1. + +Zuerst von den sogenannten Abentheurern und Pflastertretern. Ich rede +hier nicht von den eigentlichen Betrügern und Gaunern -- von diesen +soll gleich nachher gehandelt werden! -- sondern von der unschädlichen +Art der Abentheurer, die, wenn sie sich mit der Glücksgöttin gar +zu oft überworfen haben, zuletzt an die kleinen Neckereien dieses +launigten Weibes so gewöhnt sind, daß sie immer aufs Neue blindlings +in den Glückstopf hineingreifen, und es wagen, entweder auf die Finger +geklopft zu werden, oder einmal einen fetten Brocken zu erhaschen. +Sie leben, ohne festen Plan für den folgenden Tag, auf gute Hoffnung +los, und unternehmen sorglos und leichtsinnig alles, was ihnen für den +Augenblick eine Aussicht zu einigem Unterhalte zu eröffnen scheint. +Wo eine reiche Wittwe zu heirathen, eine Pension, eine Bedienung an +irgend einem Hofe, oder dergleichen zu erschleichen ist, da sind sie +nicht saumselig. Sie verändern den Namen, adeln sich, schaffen sich um, +so oft es ihnen beliebt, und es die Sache erleichtern kann. Was sich +als Edelmann nicht durchsetzen läßt, das versuchen sie als Marquis, +als Abbé, als Offizier. Zwischen Himmel und Erde ist kein Fach, kein +Departement, in welchem sie nicht bereit wären, sich an die Spitze +der Geschäfte stellen zu lassen, keine Wissenschaft, über welche +sie nicht mit einer Zuversicht schwatzten, die sogar den Gelehrten +zuweilen stutzen macht. Mit einer bewundernswürdigen Gewandtheit, +mit einem +savoir faire+, das selbst der bessere Mann zum Theil von +ihnen lernen sollte, gelangen sie zu Dingen, die der Rechtschaffenste +und Verständigste nicht einmal zu wünschen den Muth hat. Ohne tiefe +Menschenkenntniß haben sie gerade das, womit man in dieser Welt über +wahre Weisheit den Meister spielt -- +esprit de conduite+. Gelingt +das nicht, was sie unternehmen, so werden sie doch dadurch nicht in +ihrem guten Humor gestört; die ganze Welt ist ihr Vaterland, und als +blinde Passagiers sind sie auf dem Postwagen eben so zu Hause, wie +in einer prächtigen Karosse. -- Ein gutmüthiges Völkchen, durch das +Nomaden-Leben gewöhnt, Freuden und Leiden geduldig zu ertragen und zu +theilen! Haben sie irgendwo ihre Rolle ausgespielt, so schnüren sie ihr +Bündelchen, und gehen aus ihren Palästen so leichtfüßig davon, wie ein +flüchtiger Morgen-Traum. + +Als Gesellschafter mag man diese Leute nicht verachten! Sie haben so +Manches gesehen und erfahren, daß dem Menschen-Kenner ihr Umgang nicht +ganz uninteressant seyn kann. Ja, wenn sie sonst nicht bösartig sind, +so findet man bei ihnen Theilnehmung, Dienstfertigkeit und Gefälligkeit +in hohem Grade. Dagegen ist zu einer genauen freundschaftlichen +Verbindung mit ihnen gar nicht zu rathen. Man sey nicht zu vertraulich +gegen sie, und bediene sich nicht ihrer Hülfe zu wichtigen Geschäften! +Theils leidet dadurch unser eigner Ruf, theils kann man sich von ihrem +Leichtsinne und ihrer Charakterlosigkeit wenig wahre Hülfe versprechen; +auch pflegen sie nicht eben sehr ekel in der Wahl der Mittel zu seyn, +welche sie anwenden, um zu einem Zwecke zu gelangen. + + + 2. + +Beschäme nicht leicht den Abentheurer, auch den von schlechter +Art nicht, wenn Du ihn irgendwo in einer erborgten Gestalt, unter +falschem Namen, oder mit selbstgeschaffnen Titeln und Ehrenzeichen +geschmückt antriffst, in so fern nicht wichtige Gründe eintreten, +oder Du besondern Beruf dazu hast! Auch würde Dir das nicht immer +gelingen; denn seine Unverschämtheit möchte vielleicht Wege finden, +das Unangenehme einer solchen Scene auf Dich selbst fallen zu machen. +Doch kann es zuweilen nützlich seyn, so einem Herrn unter vier Augen +merken zu lassen, daß man ihn kenne, und daß es in unsrer Macht stehen +würde, ihn zu entlarven, daß man aber seiner schonen wolle. Dann +wird ihn vielleicht die Furcht vor der Entdeckung zurückhalten, böse +Streiche zu spielen. Es gibt aber unter diesen Landläufern äusserst +gefährliche Menschen, Ausspäher, Verführer, Verleumder, Diebe und +Schelme aller Art. Nicht nur sollte diesen die Thür jedes ehrlichen +Mannes sorgfältig verschlossen werden, sondern die kleinern deutschen +Fürsten würden auch wohl thun, wenn sie sich weniger mit solchem +Gesindel einließen, welches gewöhnlich mit einer Tasche voll Pläne +und Entwürfe zum Besten des Landes, zur Beförderung des Handels, zum +Flor und zur Verschönerung der Residenzen, angezogen kömmt, redliche +Diener aus ihren Aemtern verdrängt und verdächtig macht, seinen Beutel +zum Ruin des Landes spickt, freilich seine Rolle selten lange spielt; +aber wenn es auch, mit Schimpf und Schande beladen, davon gehen muß, +mehrentheils viel gestiftetes Unglück zurückläßt, was es nie wieder gut +machen kann, und irgend einen andern schwachen Herrn findet, mit dem es +seine Operationen aufs Neue versucht. In diesen Fällen ist es Pflicht, +dem Bösewichte öffentlich die Larve abzuziehen; doch thue man das +nicht eher, als bis man die deutlichsten Beweise gegen ihn in Händen +hat! denn dergleichen Menschen haben die Gabe, ihre Sache von solchen +Seiten vorzustellen, daß man sehr viel wagt, wenn man sie mit unsichern +Waffen angreift. + + + 3. + +Unter allen Abentheurern sind, nach meiner Empfindung, die ~Spieler~ +vom Handwerk die verächtlichsten. Indem ich nun von ihnen rede, werde +ich auch Gelegenheit nehmen, über das Spiel im Allgemeinen und über das +Betragen bei demselben etwas zu sagen. + +Keine Leidenschaft kann so weit führen, keine kann den Jüngling, den +Mann und ganze Familien in ein grenzenloseres Elend stürzen, keine +den Menschen in eine solche Kettenreihe von Verbrechen und Lastern +verwickeln, als die unglückselige Spielsucht. Sie erzeugt und nährt +alle nur ersinnlichen unedeln Empfindungen: Habsucht, Neid, Haß, Zorn, +Schadenfreude, Verstellung, Falschheit und Vertrauen auf blindes Glück; +sie kann zu Betrug, Zank, Mord, Niederträchtigkeit und Verzweiflung +führen, und tödtet auf die schändlichste Weise die goldne Zeit. Wer +reich ist, begeht eine unverzeihliche Thorheit, wenn er sein Geld auf +so ungewisse Speculation anlegt; und wer nicht viel zu wagen hat, muß +furchtsam spielen, kann die Launen des Glücks nicht abwarten, sondern +muß bei dem ersten widrigen Schlage das Feld räumen, oder er wagt +es darauf, aus einem Dürftigen ein Bettler zu werden. Doch ist die +Thorheit der Erstern noch weit größer, als die der Letztern. Selten +stirbt der Spieler als ein reicher Mann; wer daher auf diesem elenden +Wege Vermögen erworben hat, und dann nicht aufhört zu spielen, den +möchte man einen Wahnsinnigen nennen. + +Die, welche Tage und Nächte dem Spiel opfern, bedenken gewiß nicht, +daß, wenn sie täglich spielen, sie sich eine jährliche ~gewisse~ +Ausgabe von wenigstens sechzig Thalern aufladen, die sie von dem +möglichen ~ungewissen~ Gewinne abrechnen müssen; nämlich das +Kartengeld. Sie bedenken noch weniger, daß sie die unwürdigsten +Zeitverschwender, und allen Guten und Edlen verächtlich, daß sie früher +oder später der Verzweiflung preisgegeben sind. + +Hüte Dich, mit Leuten vom Handwerke Dich auf ein Spiel einzulassen, +wenn Dir Dein Geld und Deine Ehre lieb ist! + +Traue Keinem von ihnen! in keiner Sache! -- Die wenigen Ausnahmen, +wo diese Regel einem ehrlichen Spieler von Profession Unrecht thun +könnte, verdienen nicht in Anschlag gebracht zu werden; und wer sich +dieser verächtlichen Lebensart widmet, mag es nicht übel nehmen, daß +man ihm den Geist der bösen Zunft zutraut, zu welcher er sich bekennt. + +Laß Dich auf keine bloße Hazard-Spiele ein! Um geringen Preis +gespielt, sind sie äusserst langweilig, und hohes Geld dem Ungefähr +preisgeben, ist Narrheit. Ein verständiger Mann verachtet ohnehin jede +Beschäftigung, bei welcher Kopf und Herz schlummern müssen, und man +darf nur ein mittelmäßiger Rechner seyn, um sich zu überzeugen, daß +bei solchen Glücksspielen die Wahrscheinlichkeit immer gegen uns ist. +Wollen wir aber gar keine Wahrscheinlichkeit annehmen, so bleibt der +Erfolg ein Werk des Zufalls: -- und wer wird denn vom Zufalle abhängen +wollen? + +Auf die sogenannten Commerenz-Spiele thue gänzlich Verzicht, oder lerne +sie vorher recht, und spiele mit gleicher Aufmerksamkeit, es mag um +hohen Preis, oder um eine Kleinigkeit gelten! Lerne Dich aber auch im +Spiele beherrschen, und wage nicht mit Unverstand! Mache nicht, durch +gehäufte Fehler der Aufmerksamkeit und Kunst, Dich selbst arm, und +Deinen Mitspielern Ungeduld und Langeweile! + +Zeige keine böse Laune, wenn Du schlechte Karten bekömmst, und wenn Du +verlierst! Wer nie Geld im Spiele verlieren will, der muß sich auf die +Blindekuh einschränken. + +Manche Leute geben immer vor, gewonnen zu haben; andere klagen stets +über Verlust. Die Erstern belügen nur ihren eigenen Geldbeutel; die +Andern aber sprechen sich selbst ein böses Urtheil. Denn wer ohne +Unterlaß verliert, ist ein Narr, wenn er nicht endlich das Spielen +aufgibt. + +Spiele nicht so unerträglich langsam und bedächtig, daß Deinen +Gesellschaftern alle Geduld vergehen muß. Zanke nicht, wenn Deine +Mitspieler Fehler machen! + +Zeige keine laute Freude, wenn Du gewinnst! das pflegt Dem, welcher +verloren hat, empfindlicher zu seyn, als der Verlust selbst. + +Nöthige niemand zum Spiele, wenn Du weißt, daß er ungern oder +unglücklich spielt! Dieß geschieht vielfältig von Leuten, denen es eine +wichtige Angelegenheit ist, ihre Parthieen vollzählig zu haben. + +-- Doch diese Materie ist wohl kaum der so langen Abhandlung werth. -- +Wenden wir uns zu andern Gegenständen! + + + 4. + +Unter den Abentheurern unsrer Zeit spielen die ~Geisterseher~, +~Goldmacher~ und andre ~mystische Betrüger~ keine unbeträchtliche +Rolle. Diese Art von Schwärmerei, nämlich der Glaube an übernatürliche +Wirkungen und Erscheinungen, ist sehr ansteckend. Bei dem Gefühle, wie +manche Lücke in unsern philosophischen Systemen und Theorien übrig +bleibt, so lange unser Geist in den Grenzen irdischer Ausdehnung +eingeschränkt ist, und bei der Begierde, dennoch, über die Grenzen +dieser Eingeschränktheit hinaus, Blicke zu thun, scheint es dem +Menschen ganz natürlich, die unerklärbaren Sachen +a posteriori+ zu +erläutern, wenn es mit den Beweisen +a priori+ nicht recht gehen +will; d. h. aus den gesammelten Thatsachen Resultate zu ziehen, die +ihm angenehm sind; Resultate, die theoretisch, durch Schlüsse, nicht +vollständig herauskommen. Da geschieht es dann, daß, um eine Menge +solcher Thatsachen zu gewinnen, man geneigt ist, jedes Mährchen für +wahr, jede Täuschung für Realität zu halten, damit man seinem Glauben +Gewicht gebe. Je aufgeklärter aber die Zeiten werden, je emsiger man +sich bestrebt, der Wahrheit auf den Grund zu kommen, desto sichtbarer +wird es uns, daß wir auf Erden diesen Grund nicht finden; um desto +leichter also gerathen wir auf jenen Weg, den wir vorher verachtet +haben, so lange noch auf dem hellen Wege der Theorie neue Entdeckungen +zu machen waren. Ich glaube, daß dieß eine ungezwungene Erklärung +des Phänomens ist, das so Manchem höchst wunderbar scheint, -- des +Phänomens, daß in den Zeiten der größten Aufklärung ein blinder Glaube +an Ammen-Mährchen grade am stärksten einreißt. + +Diese Stimmung des Publikums nun machen sich eine Menge Betrüger zu +Nutze, die theils planmäßig verbunden, uns zu unterjochen, theils +einzeln, nach Zeit und Gelegenheit darauf ausgehen, die Augen der +Schwachen zu blenden. + +Sey es nun dabei auf unsre Geldbeutel, oder auf Tyrannei über unsern +Willen, oder auf irgend einen andern moralischen, intellectuellen oder +politischen Mißbrauch angesehen: so ist es immer sehr wichtig, dagegen +auf seiner Hut zu seyn. + +Obgleich ich mich nicht fest überzeugen kann, daß alle Abentheurer +solcher Art, daß die Cagliostro's, Saint Germain's, Schröpfer und +Consorten, bis auf den armen Masius hinunter, sämmtlich von einer +einzigen Triebfeder regiert werden, und daß jeder solcher Wundermann +seine Unternehmungen auf denselben Zweck zu leiten die Absicht haben +sollte: so sind wir doch denen allen Dank schuldig, die uns vor +solchen Abentheurern warnen, und uns wenigstens zeigen, ~wohin das +führen~ könnte. Um aber nicht zu wiederholen, was so vielfältig ist +gesagt worden, und noch immer gesagt wird, will ich hier, bei dem +Betragen gegen Leute von der Art, nur folgende Vorsichtigkeits-Regeln +vorschlagen. + +Laß es an seinen Ort gestellt seyn, ob man Geister sehen und Gold +machen könne, oder nicht! Leugne nicht das, wovon Du nicht das +Gegentheil so klar beweisen kannst, daß es nicht möglich ist, dagegen +etwas einzuwenden! -- denn Beweise, die auf Vordersätzen beruhen, +welche nur willkührlich angenommen sind, können bloß den überzeugen, +der Lust hat, davon überzeugt zu werden. -- Aber baue nicht, bei +der Möglichkeit einer Sache, den Schluß auf ihre Wirklichkeit, noch +auf metaphysische Grillen moralische Handlungen! Sollte auch jemand +durch Schlüsse überführt werden können, daß wohl sehr wahrscheinlich +jedes sichtbare Wesen von einer Menge unsichtbarer umgeben ist: so +bleibt es doch immer thöricht gehandelt, wenn dies sichtbare Wesen +seine sichtbaren Handlungen mehr nach der vermuthlichen unsichtbaren +Gesellschaft, die ihn umgibt, einrichtet, als nach den Sitten der +wackern wirklichen Personen, unter denen es umherwandelt. + +Man zeige also in Worten und Handlungen mehr Wärme für thätige, +nützliche Wirksamkeit, als für Speculation; so werden sich die Herren +Mystiker nicht leicht zu uns gesellen! + +Geräthst Du aber an einen solchen Wundermann, und ist Dir daran +gelegen, ihn und sein System genauer kennen zu lernen: so hüte Dich, +vorher Unglauben und Vorwitz zu offenbaren! Er wird sonst bald merken, +daß mit Dir, als einem Ungläubigen, nicht viel anzufangen ist; er wird +Dich nicht einweihen in seine Geheimnisse, nicht zulassen zu seinem +esoterischen Unterrichte, und Du wirst den Vortheil entbehren, Dich +und Deine Freunde von dem wahren Zusammenhange zu unterrichten, -- +ungerechnet, daß es sich wirklich für einen vernünftigen Mann nicht +schickt, sich früher für oder gegen eine Sache einnehmen zu lassen, +bevor er dieselbe kaltblütig untersucht hat, wäre auch aller Anschein +dagegen; besonders wenn es Dinge betrifft, in welchen selbst der +Weiseste lebenslang im Finstern tappt. + +Glaubt man zuversichtlich, einen Betrug entdeckt zu haben; so ist +Spott, so ist Hohnlächeln nicht das Mittel, Schwärmer zu bekehren. Man +gehe also Schritt vor Schritt, und da die Sinne leichter getäuscht +werden können, als die Vernunft, so fordre man, bevor man sich auf +Erscheinungen, Proben und Processe einläßt, daß vor allen Dingen +zuerst die Theorie, auf welcher das alles beruht, recht deutlich +erklärt werde! und hier lasse man sich nicht etwa auf eine bildliche +Sprache ein, sondern auf bestimmte, verständliche deutsche Worte, und +auf den Ideen-Gang und Sprach-Gebrauch, der einmal unter Gelehrten +üblich ist. Es mag vielleicht sehr viel Weisheit in dem Dunkel der +Mystiker stecken; aber für ~uns~ kann nur ~das~ Werth haben, was ~wir~ +verstehen. Man gönne einem Jeden die Freude, einen schmutzigen Kiesel +für einen Diamant zu halten; aber wenn man kein eben so großer Kenner +von Edelsteinen ist, so sage man gutmüthig, ohne Scheu, frei heraus: +»daß man diesen Stein für nichts anders, als für einen schmutzigen +Kiesel halten könne!« Es ist keine Schande, etwas nicht einzusehen; +aber es ist mehr als Schande, es ist Betrug, das Ansehen haben zu +wollen, als verstünde man, -- was man nicht versteht. + +Hat Dich indessen ein Landstreicher, ein Goldmacher, oder Geisterseher, +bei Deiner schwachen Seite gefaßt, eine Zeitlang sein Spielwerk mit +Dir getrieben -- o! wer ist mehr in dieser Leute Händen gewesen, +als ich? -- und Du entlarvst endlich den Schurken: dann scheue Dich +nicht, nein! denke, daß es Pflicht ist, zur Warnung andrer ehrlicher, +leichtgläubiger Leute, öffentlich den Betrug bekannt zu machen, -- +möchtest Du auch dabei in keinem sehr vortheilhaften Lichte erscheinen! + + + + + Achtes Kapitel. + + Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern + derselben. + + + 1. + +Unter die mancherlei schädlichen und unschädlichen Spielwerke, mit +welchen sich unser philosophisches Jahrhundert beschäftigt, gehört auch +die Menge geheimer Verbindungen und Orden verschiedener Art. Man wird +heut zu Tage in allen Ständen wenig Menschen antreffen, die nicht von +Wißbegierde, Thätigkeitstrieb, Geselligkeit, oder Vorwitz geleitet, +wenigstens eine Zeitlang Mitglieder einer solchen geheimen Verbrüderung +gewesen wären. Und doch möchte es wohl nun endlich einmal Zeit seyn, +diese theils zwecklosen und thörichten, theils dem gesellschaftlichen +Leben gefährlichen Bündnisse aufzugeben. Ich habe mich lange genug +mit diesen Dingen beschäftigt, um aus Erfahrung reden, und jedem +jungen Manne, dem seine Zeit lieb ist, mit Zuversicht den Rath geben +zu können, sich in keine geheime Gesellschaft, sie möge Namen haben, +wie sie wolle, aufnehmen zu lassen. Sie sind alle, freilich nicht in +gleichem Grade, aber doch alle ohne Unterschied, zugleich unnütz und +gefährlich. Unnütz sind sie zuerst, weil man in unserm Zeitalter keine +Art von wichtigem Unterrichte in Geheimnisse einzuhüllen braucht. Die +christliche Religion ist so klar und befriedigend, daß sie nicht, wie +diese Volks-Religionen der alten Heiden, einer geheimen Auslegung, +einer doppelten Lehrart bedarf; und in den Wissenschaften werden die +neuesten Entdeckungen zum Wohl der Welt öffentlich bekannt gemacht, +müssen und sollen öffentlich bekannt gemacht werden, damit sie jeder +Sachverständige prüfen und bewahrheiten könne. In den einzelnen Ländern +hingegen, wo noch Finsterniß und Aberglauben herrschen, muß man den +kommenden Tag erwarten. Man darf da nichts übereilen; man verdirbt +oft mehr, als man gut macht, wenn man die Zwischenstufen überspringen +will; es hat gar keinen Nutzen, daß einzelne Menschen die Periode der +Aufklärung zu beschleunigen trachten; auch können sie das nicht; +und wenn sie es können, so ist es Pflicht, dieß öffentlich zu thun, +um desto mehr Pflicht, damit andre vernünftige Männer, in demselben +Lande und in andern Gegenden, über den Beruf der Aufklärer, über den +Werth der geistigen Waare, welche sie feil bieten, und darüber mögen +urtheilen können, ob das, was sie lehren, auch wirklich Aufklärung sey, +oder ob sie nicht vielleicht schlechtere Münzen ausprägen, als die ist, +welche sie verrufen. Unnütz sind solche Verbindungen ferner, von Seiten +ihrer Wirksamkeit, weil sie mehrentheils sich mit elenden Kleinigkeiten +und abgeschmackten Ceremonien beschäftigen, eine Bilder-Sprache reden, +die alle mögliche Auslegung leidet, nach schlecht durchgedachten Planen +handeln, unvorsichtig in der Wahl ihrer Mitglieder sind, folglich bald +ausarten, und, wenn sie auch anfangs in ihrer Einrichtung Vorzüge vor +öffentlichen Gesellschaften haben könnten, nachher dieselben und noch +mehr solcher Gebrechen bei ihnen einreißen, als die, über welche man in +der Welt klagt. Wer Lust hat, etwas Großes und Nützliches zu thun, der +findet dazu im bürgerlichen und häuslichen Leben sehr viel Gelegenheit, +die fast kein Einziger ganz so eifrig und freudig ergreift, wie er +sollte, um seinem Leben einen Werth, und seinem Herzen Befriedigung +und Freude zu geben. Es müßte erst bewiesen werden, daß auf diesem +öffentlich privilegirten Wege nichts mehr zu thun übrig bliebe, oder +daß dem warmen Beförderer des Guten unübersteigliche Hindernisse in +den Weg gelegt wären, bevor man das Recht haben dürfte, sich einen +vom Staate nicht sanctionirten, geheimen, besondern Wirkungskreis zu +schaffen. Wohlthätigkeit bedarf keiner mysteriösen Hülle; Freundschaft +muß auf freier Wahl beruhen, und Geselligkeit braucht nicht durch +geheime Wege befördert zu werden. + +Allein diese geheimen Verbindungen sind auch schädlich für die +Welt, und gewissermaßen unvereinbar mit unsern Pflichten gegen die +bürgerliche Gesellschaft. Schädlich, weil alles, was im Verborgenen +geschieht, mit Recht in Verdacht gezogen werden kann; unvereinbar mit +unsern Pflichten gegen den Staat, weil die Vorsteher der bürgerlichen +Gesellschaft die Befugniß haben, von dem Zwecke jeder Thätigkeit, zu +welcher sich Mehrere vereinigen, Kenntniß zu verlangen, indem sonst, +unter dem Schleier der Verborgenheit, eben sowohl gefährliche Plane +und schädliche Lehren, als edle Absichten und weise Kenntnisse, +versteckt seyn können; weil sogar nicht einmal alle Mitglieder +von solchen verderblichen Absichten, die man zuweilen hinter der +schönsten Aussenseite zu verhüllen pflegt, unterrichtet sind; weil +nur Alltagsseelen sich in diesen Schraubestock einzwängen lassen, die +bessern hingegen entweder bald zurücktreten, oder zu Grunde gehen, +ausarten und eine schiefe Richtung bekommen, oder auf Kosten der +Andern herrschen; weil mehrentheils unbekannte Obere im Hinterhalte +stehen, und es eines verständigen Mannes unwerth ist, nach einem +Plane zu arbeiten, den er nicht übersieht, für dessen Wichtigkeit +und Güte ihm Leute einstehen, -- die er nicht kennt, denen er sich +verbindlich machen muß, ohne daß ~sie~ sich ~ihm~ verbindlich +machen, ohne daß er weiß, an wen er sich zu halten hat, wenn man +ihm dafür gar nichts leistet; weil schiefe Köpfe und Schurken sich +dieß zu Nutze machen, sich zu unbekannten Obern aufwerfen, und die +übrigen Mitglieder zu ihren Privat-Absichten mißbrauchen; weil jeder +Erdensohn Leidenschaften hat, und diese Leidenschaften also mit in die +Gesellschaft bringt, wo sie dann im Dunkeln der Verborgenheit freiern +Spielraum haben, als am Tageslichte; weil solche Verbindungen einen +unverhältnißmäßigen Aufwand von Geld und Zeit kosten; weil sie von +ernsthaften bürgerlichen Geschäften ab- und zum Müßiggange oder zu +zweckloser Beschäftigung hinleiten; weil sie bald der Sammelplatz von +Abentheurern und Tagedieben werden; weil sie allerlei Gattungen von +politischer, religiöser und philosophischer Schwärmerei begünstigen; +weil mönchischer Partheigeist bei ihnen einreißt, und viel Unheil +stiftet; endlich, weil sie Gelegenheit zu Kabalen, Zwist, Verfolgung, +Intoleranz und Ungerechtigkeiten gegen brave Männer geben, die nur +deswegen verwerflich sind, weil sie nicht Mitglieder eines solchen, +oder wenigstens nicht desselben Ordens seyn wollen. + +Dieß ist mein Glaubensbekenntniß über geheime Verbindungen! Gibt es +eine unter ihnen, die manche dieser Gebrechen nicht hat -- ei nun! +so mag sie dann als Ausnahme gelten! -- ich kenne keine, die nicht +wenigstens an einigen derselben krank läge. + + + 2. + +Gehört nun die Geheimnißkrämerei zu den Auswüchsen der Zeit und zu +den Modethorheiten, die kein Vernünftiger mitmachen soll, weil er +dabei seine Vernunft verleugnen, und seine sittliche Freiheit mehr +oder weniger aufgeben muß; ist sie Zeit- und Geldverschwendung, und +gewährt sie durchaus keine Befriedigung, so folgt daraus, daß der, +welcher seine Freiheit und Ruhe liebt, sich so wenig als möglich um die +Systeme, um das Personale und um die Schritte geheimer Verbindungen +bekümmern, seine Zeit nicht mit Lesung ihrer Streitschriften +verschwenden, und vorsichtig im Reden über diesen Gegenstand seyn +müsse, um sich Verdruß zu ersparen, und weder ein gutes noch böses +Urtheil über solche Systeme zu wagen, weil der Grund derselben oft sehr +tief verborgen liegt; daß er vor allem jeder Versuchung und Anreizung, +sich einweihen zu lassen, muthigen Widerstand leisten müsse. + + + 3. + +Haben aber Vorwitz, übel geordnete Begierde thätig zu seyn, Neugier, +Ueberredung, Eitelkeit oder andre Bewegungsgründe Dich verleitet, +in eine solche Verbindung zu treten: so laß Dich wenigstens von den +Thorheiten und Schwärmereien und von dem Secten-Geiste, die in Deinem +Orden herrschen, nicht ganz hinreißen, sondern suche Dich immer noch +im Besitz und Gebrauch Deiner Vernunft zu behaupten. Hüte Dich, das +Spielwerk, die Maschine verkappter Bösewichter zu werden! Dringe, +wenn Du kein Knabe mehr bist, auf deutliche Entwickelung des ganzen +Systems! Laß Dich nicht durch räthselhafte Vorspiegelungen, durch +große Verheissungen, durch blendende Plane zum Besten der Menschheit, +durch den Anschein von Uneigennützigkeit, Heiligkeit und Reinigkeit +der Absicht blenden; sondern fordre Beweise von Thaten und gänzliche +Uebersicht! Wirft man Dir dann Deinen Mangel an Empfänglichkeit, Deine +Unwürdigkeit vor, so laß Dir erzählen, welche Eigenschaften die hohen +Obern fordern, und beleuchte sie, diese Obern, selbst, nach ihrem +Maaßstabe, um ihren Werth, alle Eitelkeit bei Seite gesetzt, gegen +den Deinigen zu halten! Laß Dich aber durchaus nicht darauf ein, +~unbekannten~ Obern zu huldigen, möchte man auch noch so einleuchtend +scheinende Gründe dafür anführen! Sey vorsichtig in jedem Worte, das +Du in Ordensgeschäften schreibst, und noch mehr in Uebernehmung irgend +einer eidlichen oder andern Verbindlichkeit! Fordre Rechenschaft von +der Anwendung der Beiträge, die man Dich bezahlen läßt! -- Und wenn, +bei dieser vielfachen Vorsicht, Du der Verbindung müde wirst, oder +die Verbindung Deiner überdrüßig wird, so trenne Dich ohne Geräusch +und Zank von ihr, und rede nachher nie wieder von der Sache, damit Du +allen Verfolgungen ausweichest! Sollte man Dich aber dennoch nicht in +Ruhe lassen, so tritt öffentlich auf, und scheue Dich nicht, Betrug, +Narrheit und Bosheit vor den Augen des ganzen Publikums, Andern zur +Warnung, bekannt zu machen! + +Uebrigens hat man weder Verbindlichkeit, noch Beruf, alles zu +zerstören, was man nicht gut findet. Man kann theoretisch gegen manche +Dinge in der Welt eifern, ohne deswegen sich als Verfolger zu zeigen, +wodurch ohnehin das Uebel fast immer ärger gemacht wird. Man kann +sogar Ordens-Versammlungen von der unschädlichsten Art besuchen, wenn +man einmal ein Mitglied ist; sie sind, wie andere Zusammenkünfte, +Beförderungsmittel der Geselligkeit; -- ja, es kann Pflicht werden, +sich nicht von ihnen loszusagen, um das größere Uebel zu hindern, +gefährlichen Einwirkungen entgegen zu arbeiten, und Ausartung zu +verhindern. + + + + + Neuntes Kapitel. + + Ueber die Art, mit Thieren umzugehen. + + + 1. + +In einem Buche über den Umgang mit Menschen scheint wohl freilich ein +Kapitel über die Art, mit Thieren umzugehen, nicht an seinem Platze. +Allein was ich hierüber zu sagen habe, ist so wenig, und hat doch im +Ganzen so viel Bezug auf das gesellschaftliche Leben überhaupt, daß ich +hoffen darf, man werde mir diese kleine Ausschweifung gütigst verzeihen. + + + 2. + +Der Gerechte erbarmet sich auch seines Viehes. -- Das ist ein +vortrefflicher Spruch! Ja! der edle, der gerechte Mann martert kein +lebendiges Wesen. Wenn doch die hartherzigen, grausamen, oder, um +billiger zu urtheilen, zum Theil nur leichtsinnigen, verwilderten +Menschen, deren Augen sich an der Qual eines rastlos umhergetriebenen +Hirsches, oder an der Todesangst eines in dem Schauplatze der Barbarei +auf den Tod gehetzten Thiers weiden können; wenn sie doch bedenken +wollten, was es heiße, ~ein Mensch seyn~, und welch eine Bedeutung +dieser Titel habe! wenn die Unbesonnenen, die mit dem Leben eines +armen Geschöpfs, das in ihre kindischen Hände fällt, wie mit einem +Balle spielen, Fliegen und Käfern Beine ausreissen, oder sie spießen, +um zu sehen, wie lange ein also leidendes Thier in convulsivischer +Pein fortleben könne; wenn die vornehmen Müßiggänger, die, um die +Ehre zu haben, am schnellsten der lieben Langenweile in den Rachen +zu reiten oder zu fahren, ihre armen Pferde auf den Tod jagen; wenn +Diese doch einen Augenblick erwägen wollten, wie tief sich der Mensch +herabwürdigt, wenn er, als das grausamste unter allen Raubthieren, +mit kaltem Blute, nicht aus Hunger, sondern aus Muthwillen nur, ein +Geschöpf Gottes, das auch fühlen kann, langsam zu Tode martert, und +wie furchtbar die Strafe des ewigen Richters seyn müsse, der in dem +Winseln seines gemarterten Geschöpfes die freche Uebertretung des +Gebotes vernimmt, das er dem Menschen in's Herz geschrieben hat; wenn +sie sich doch überzeugen wollten, daß ein Thier eben so schmerzhaft +jede Mißhandlung, und den barbarischen Mißbrauch größerer Stärke fühlt, +wie wir, und vielleicht noch lebhafter, da sein ganzes Daseyn auf +sinnlichen Empfindungen beruht; daß die Art seines Daseyns vielleicht +die niedrigste der Stufen ist, die es zu ersteigen hat, um auf der +Leiter der Schöpfung da anzulangen, wo ~wir~ jetzt stehen; und daß die +Grausamkeit gegen vernunftlose Geschöpfe unmerklich und unausbleiblich +zur Härte und Grausamkeit gegen unsere vernünftigen Nebengeschöpfe +führt. -- Wenn sie doch das alles fühlen und erwägen, und ihr Herz dem +sanften Mitleiden gegen alle lebendige Geschöpfe öffnen wollten! + + + 3. + +Wer diese Betrachtungen und Aufforderungen für thörichte und +schwachsinnige Empfindelei zu erklären, oder damit zu verwechseln +fähig ist, dem habe ich nichts zu sagen, als daß ich ihn bedaure, und +jene Empfindelei mit ihm von ganzem Herzen verachte. Ich weiß, es gibt +leider unter uns so zarte Männlein und Weiblein, die gar kein Blut +sehen können; die zwar mit großem Appetit ihr Rebhühnchen verzehren, +aber ohnmächtig werden würden, wenn sie eine Taube abschlachten +sehen müßten! Leute, deren Federn und Zungen mit moralischem Gifte +und Dolche den Freund und Bruder verfolgen, aber mitleidig einer +matten Fliege das Fenster öffnen, damit sie fern von ihren Augen -- +zertreten werden könne; die ihre Bedienten in dem rauhesten Wetter +ohne Noth stundenlang umherjagen, aber dagegen herzlich den armen +Sperling bedauren, der, wenn es regnet, ohne Regenschirm und Ueberrock +herumfliegen muß. Zu diesen süßen Seelchen gehöre ich nicht, halte auch +nicht alle Jäger für grausame Menschen. -- Es muß ja dergleichen Leute +geben; so wie wir, wenn keine Schlächter in der Welt wären, bloß von +Speisen aus dem Pflanzenreiche leben müßten. -- Aber ich verlange nur, +daß man nicht ohne Zweck und Nutzen Thiere martern, noch ein vornehmes +Vergnügen darin suchen solle, mit wehrlosen Geschöpfen einen ungleichen +Krieg zu führen. + + + 4. + +Ich habe immer nicht begreifen können, welche Freude man daran haben +könne, Thiere in Käfige oder Kasten einzusperren. Der Anblick eines +lebendigen Wesens, das ausser Stand gesetzt ist, seine natürlichen +Kräfte anzuwenden und zu entwickeln, darf keinem verständigen Menschen +Freude gewähren. Wer mir daher einen schönen Vogel in einem Bauer +schenken will, dem kann ich vorhersagen, daß das einzige Vergnügen, +welches er mir dadurch verschaffen kann, das seyn wird, das Gefängniß +zu öffnen, und das arme Thier aus der Sclaverei in Gottes freie Luft +hinausfliegen zu lassen; auch ist eine Menagerie, in welcher wilde +Thiere mit großen Kosten in kleinen Verschlägen aufbewahrt werden, +meiner Meinung nach, ein sehr ärmlicher Gegenstand der Unterhaltung, +und vielleicht nur von der Seite zu vertheidigen, daß sie dem +Naturforscher Gelegenheit und Mittel gibt, genaue und lehrreiche +Beobachtungen anzustellen. + + + 5. + +Noch abgeschmackter aber scheint es mir, wenn man sich an einem Vogel +ergötzt, der seinen schönen Natur-Gesang hat vergessen müssen, um vom +Morgen bis zum Abende die Melodie einer elenden Polonaise zu pfeifen, +oder wenn man Geld ausgibt, um einen Hund zu sehen, den man abgerichtet +hat, einen Reverenz wie ein Tanzmeister zu machen, und auf den Wink +seines Meisters anzudeuten, wie viel schöne Junggesellen in der +Versammlung sind. + + + 6. + +Habe ich aber diejenigen getadelt, die grausam gegen Thiere +verfahren; so muß ich doch auch diejenigen anklagen, welche in die +entgegengesetzte Uebertreibung fallen, indem sie mit dem Viehe eben +so, wie mit Menschen umgehen, und dem vernunftlosen Geschöpfe die +Rechte des vernünftigen zugestehen. Ich kenne Damen, die ihre Katzen +zärtlicher umarmen, als ihre Ehegatten; junge Herren, die ihren Pferden +sorgsamer aufwarten, als ihren Oheimen und Basen; und Männer, die +gegen ihre Hunde mehr Zärtlichkeit, Schonung und Nachsicht beweisen, +als gegen ihre Freunde, mit welchen sie sich nie anders, als unter dem +obligaten Schnarchen ihres feisten Mopses oder Pudels unterhalten. +Indessen scheinen manche Thiere in besserm Rufe zu stehen, als andere. +Niemand schämt sich, zu bekennen, daß er Flöhe habe; gewisse andere +kleine Insekten hingegen darf kein Mensch von Erziehung mit sich +führen, obgleich beides Ungeziefer ist; und an Geselligkeit geben die +letztern den erstern nichts nach. + +Es scheint manchen Leuten, besonders Frauenzimmern, eine natürliche +Furcht vor gewissen Thieren, als Mäusen, Spinnen &c. angeboren zu seyn. +Sollte sich auch dergleichen Widerwillen, wie ich doch glaube, nicht +nach und nach überwinden lassen: so vermag man es doch gewiß, in so +fern Meister über sich zu werden, daß man in Gesellschaft, bei dem +Anblicke dieser Feinde, sich nicht so kindisch betrage und gebehrde, +wie es vielfältig geschieht. + +Inniges Mitleiden, nicht Spott, verdienen die Unglücklichen, mit denen +die Menschen so übel gespielt haben, daß sie (mißtrauisch gegen alle +vernünftige Wesen, die so oft ihre Verstandeskräfte nur zum Schaden +ihrer Brüder anwenden) in dem liebevollen Drange des Herzens, das +sich gern ein Geschöpf zugesellen und irgend etwas in der Natur zum +Gegenstande seiner Theilnahme machen will, einen treuen Hund wie +ihren einzigen Freund behandeln, oder, wie einst Quatremère zu Namur, +in dem öden Kerker durch den Anblick und die Beobachtung eines so +bewundernswürdigen Kunsttriebes, wie der ist, den die Spinnen zeigen, +die Schmerzen und Qualen ihrer Verbannung zu lindern, und das bittere +Gefühl ihrer Verlassenheit zu mildern suchen. + + + + + Zehntes Kapitel. + + Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser. + + + 1. + +Ich halte es für billig, bevor ich dies Werk über den Umgang mit +Menschen schließe, mit meinen Lesern auch ein paar Worte über unsre +wechselseitigen Verhältnisse gegen einander zu reden. Zuerst also +einige Bemerkungen über den Beruf, ein Buch zu schreiben! + +Ich habe bei andern Gelegenheiten geäußert, daß ich die +Schriftstellerei in unsern Zeiten für nichts mehr, als für einen Zweig +oder eine Unterart des Umgangs, und also für schriftliche Unterredung +mit der Lesewelt halte, und daß man es daher im freundschaftlichen +Gespräche so genau nicht nehmen dürfe, wenn auch einmal ein unnützes +Wort mit unterliefe. Man soll es daher dem Schriftsteller nicht +übel ausdeuten, wenn er, ein wenig von seiner Lebhaftigkeit und +Mittheilungslust verführt, von der Begierde, über irgend einen +Gegenstand allerlei Arten von Menschen seine Gedanken mitzutheilen, +etwas drucken läßt, das nicht gerade die Quintessenz von Weisheit, +Witz, Scharfsinn und Gelehrsamkeit enthält. Es behält ja ein Jeder +die Freiheit, dem Schwätzer zuzuhören, oder nicht, -- und kann sich, +bevor er ein Buch kauft, erst bei Andern nach dem Manne erkundigen, +mit dem er sich unterhalten will, -- hat aber, denke ich, auf keinen +Fall das Recht, ihm allein deswegen Grobheiten zu sagen, weil ihm die +gedruckte Unterhaltung desselben nicht gefällt, in so fern er ihn +nicht vorher mit unverschämten Prahlereien und großen Versprechungen +getäuscht hat. Es ist überhaupt sehr viel schwerer, als man glauben +sollte, seine eignen Produkte zu beurtheilen; nicht nur, weil unsre +Eitelkeit da in das Spiel kömmt, sondern auch, weil die Gegenstände, +über deren Beobachtung wir lange gebrütet, für uns, eben durch das +Nachdenken, welches wir darauf verwenden, einen solchen Werth bekommen +haben, daß wir unsre Gedanken darüber für äusserst wichtig halten, +indeß einem Andern, was wir auch davon sagen mögen, unwichtig und +gemein vorkommt. Und haben wir etwa gar Sprache und Beredsamkeit nicht +in unsrer Gewalt, oder sind verstimmt zu der Zeit, wenn wir jene +Gedanken zu Papier bringen wollen, oder vergessen, daß der Gegenstand, +über welchen wir schreiben, nur durch kleine besondre Beziehungen auf +unsre damalige Lage, die sich nicht mit übertragen lassen, uns am +Herzen liegt; oder dies Herz ist zu voll, um, was es empfindet, in +einer gefälligen Ordnung hererzählen zu können: so geschieht es, daß +wir etwas schreiben, welches uns, die wir alle Nebenbegriffe daran +knüpfen, wodurch das Bild Ausdruck und Farbe gewinnt, sehr unterhaltend +scheint, jenen Andern aber gähnen macht und mit Unwillen gegen uns +erfüllt. Indem es nun auf solche Weise leicht geschehen kann, daß +selbst ein verständiger Mann, der das Unglück hat, von Eitelkeit +geblendet, oder von starken Gefühlen hingerissen zu seyn, ein Buch +schreibt, das andre Menschen für ein unnützes und langweiliges Buch +halten, weil es eine reine Herzensergießung ist; so kann und darf es +doch einem verständigen Manne nie begegnen, etwas öffentlich vor dem +Publikum zu reden, das gegen Moralität und gesunde Vernunft stritte, +oder wodurch er einem seiner Mitmenschen muthwillig Schaden zufügte. +Denn wenn gleich Schriftstellerei nur dargebotene Unterhaltung und +Unterredung ist, so ist sie doch eine solche Unterredung, bei der man +hinreichende Zeit hat, zu bedenken, was man spricht, und um so mehr +also die Verpflichtung übernimmt, jeden unsittlichen, ganz schiefen +und boshaften Gedanken zu unterdrücken. Ich meine daher, alles, was +das Publikum von einem Schriftsteller, der ohne zu weit getriebene +Ansprüche auftritt, mit Recht fordern kann, ist, daß er durch seine +Werke weder Sitten-Verderbniß, noch Vorurtheil und Unduldsamkeit +verbreite, und das, was Allen heilig seyn soll, unangetastet und +unentweiht lasse. Alles Uebrige: Beruf zu schreiben; Wahl des +Gegenstandes; Einkleidung; Ansprüche auf Ruhm, Beifall und Lob; zu +stiftender Nutzen; einzunehmender Gewinn; Hoffnung auf Unsterblichkeit +-- das alles ist ~seine Sache~, und es geht auf seine Gefahr, wenn er +sich dem Schimpfe aussetzt, entweder in der Stille zu Fuß vom Parnasse +wieder herunterschleichen zu müssen, oder von der Meute der Recensenten +zu Tode gejagt zu werden. + + + 2. + +Wenn also ein Autor nichts Schädliches und Unsinniges sagt, so muß +man ihm erlauben, seine Gedanken drucken zu lassen; wenn er etwas +Nützliches sagt, so erwirbt er sich ein Verdienst um das Publikum, +und wenn er Wahrheiten an's Licht zieht, die lange schon verkannt +oder vergessen sind, so soll er gehört, und seine Schrift von allen +Guten ausgezeichnet und verbreitet werden. -- Aber wird deswegen +sein Buch auch gewiß Beifall finden? Das ist wieder eine ganz andere +Frage. -- Allgemeiner Beifall von Guten und Bösen, von Weisen und +Thoren, von Hohen und Niedern? -- Ei nun! wer wird so eitel seyn, +darauf Anspruch zu machen? Aber um auch nur dem größten Theile +der Lesewelt zu gefallen, welche niedrige Mittel wählt da nicht +mancher Schriftsteller? -- Wer sich nicht, in Ansehung der Form, der +Einkleidung, des Titels seines Buchs, nach dem Zeitgeschmacke, d. h. +nach dem Geschmacke, nicht dieses Jahrzehends, sondern dieses Jahres +richtet; wer keine Anekdötchen mit einmischt; wer nicht dafür sorgt, +daß sein Werkchen hübsch fein gedruckt und mit Bilderchen ausgeziert +werde; wer herrschende Vorurtheile, Mode-Systeme, glänzende Thorheiten, +politischen, kirchlichen, gelehrten und moralischen Despotismus +angreift oder lächerlich macht; wer sich einen Verleger wählt, auf den +die andern Buchhändler neidisch, dem sie feind sind; wer sich nicht +demüthig unter den Schutz irgend eines gelehrten Posaunen-Blasers +begibt; wer nicht die Schreier im Publikum, und Die, welche in der +feinen Welt den Ton angeben, zu gewinnen sucht; wer zu bescheiden +auftritt; wer sein Buch einem Manne widmet, oder in demselben einem +Manne Gerechtigkeit widerfahren läßt, dessen Verdienste beneidet, +verfolgt werden; wer das Unglück hat, durch seine Geistes-Produkte mehr +Aufmerksamkeit zu erregen, als gewisse Schriftsteller des Tages, welche +bei dem Publikum die Lieblingsschaft zu erringen wußten; wer dadurch +auswärts sich einen Namen macht, den ihm seine Landsleute nicht gönnen; +-- der wird, wenigstens in dieser Generation, vielleicht sein Glück als +Schriftsteller nicht machen, und auch sein nützlichstes Werk bald als +Maculatur behandelt sehen. Ich rathe daher, die unschuldigsten unter +diesen kleinen Autorkünsten nicht eben gänzlich zu vernachlässigen. +Viele davon sind aber eines edeln, verständigen Mannes unwerth. + +In prahlerischen Vorreden sich für den bisher erhaltenen allgemeinen +Beifall zu bedanken; an feile Recensenten Beurtheilungen seiner +Werke einzusenden, die man selbst, oder die ein gefälliger Freund +aufgesetzt hat, und in welchen man dem Publikum dazu Glück wünscht, +daß der ~Lieblings-Schriftsteller~ der Nation die Welt abermals mit +einem schönen Buche beschenkt habe, und dergleichen elende Künste +mehr, helfen doch nur auf kurze Zeit. Sicherer, als die Recensionen, +obgleich nicht unfehlbar für den bleibenden innern Werth eines Buchs +entscheidend, ist die allgemeine Stimme des Publikums. Wenigstens ist +es einem Schriftsteller zu verzeihen, wenn er ein Werk nicht für ganz +schlecht, sondern dem Bedürfnisse des Zeitalters angemessen hält, das +eine Reihe von Jahren hindurch häufig gekauft, gelesen, neu aufgelegt +und übersetzt wird, wenn er dann auf den einzelnen Tadel unberufener +Kunstrichter wenig achtet, und fortfährt, die Lesewelt zu unterhalten, +so lange diese Stimmung dauert; aber wenn sie nachläßt -- dann ist es +freilich Zeit, aufzuhören. + + + 3. + +Reden wir jetzt auch von dem Betragen und von den Pflichten des Lesers +gegen den Schriftsteller! Zuerst soll, denke ich, jener nie vergessen, +daß dieser sich nicht nach dem Geschmacke jedes Einzelnen richten kann. +Was für Dich, in Deiner Lage, in Deiner Stimmung, höchst interessant +ist, das scheint einem Andern vielleicht äusserst langweilig und +unbedeutend, und wahrlich! ~der~ Mann müßte ein Hexenmeister seyn, +der ein Buch verfassen könnte, in welchem Jeder fände, was er suchte. +Es gibt Bücher, die man durchaus nur dann lesen muß, wenn man eben so +gestimmt ist, wie der Mann war, der sie schrieb, so wie es auch andere +gibt, deren Sinn und Schönheit man ~immer~, in jeder Laune, fassen und +sich eigen machen kann. Nicht immer sind darum ~jene~ geistvoll, groß +und erhaben nach ihrem Inhalte, noch im Gegentheil immer schwärmerisch +und fieberhaft. Nicht immer enthalten darum ~diese~ lauter bestimmte, +ewige Wahrheiten, auf kalte, unwiderlegbare, allein des vollkommnen +Mannes würdige, unerschütterliche Philosophie gegründet, oder im +Gegentheile, nicht immer gemeine, ohne Mühe leicht zu verdauende +Seelen-Speise. Sey also nicht zu strenge, geehrter und erleuchteter +Leser, in Deiner Beurtheilung eines sonst nicht schlecht geschriebenen +Buches, oder wenn Du es nun einmal nicht lassen kannst, zu richten, so +behalte wenigstens Deine Meinung darüber in Deinem Kopfe, in welchem +oft viel leerer Raum ist, und verschreie das Buch nicht! Am wenigsten +aber laß Dich verleiten, den moralischen Charakter des Schriftstellers +auf bloße Muthmaßung hin bei dieser Gelegenheit anzugreifen, ihm +gefährliche Absichten beizumessen, seinen Worten einen erzwungenen Sinn +zu geben, und seine Winke hämisch auszudeuten! Beurtheile nicht ein +Buch, wenn Du nur einzelne Stellen daraus gelesen hast, und bete nicht +das Lob und den Tadel unwissender, boshafter oder feiler Recensenten +nach! + + + 4. + +Bei der Menge unnützer Schriften thut man übrigens wohl, eben so +vorsichtig im Umgange mit Büchern, wie mit Menschen zu seyn. Um nicht +zu viel Zeit mit Lesung unnützen Papiers zu verschwenden, das heißt: um +nicht von Schwätzern mir die Zeit verderben zu lassen, suche ich auch +von ~dieser~ Seite nicht viel neue Bekanntschaft eher zu machen, als +bis der allgemeine Ruf mich auf ein gutes, oder besonders musterhaftes +Buch aufmerksam macht. Ich bin mit einem kleinen Cirkel alter guter +Freunde zufrieden, die ich oft, und immer mit neuem Vergnügen, +schriftlich mit mir reden lasse. + +Hier wäre denn wohl der Ort, einen eignen, nicht unbedeutenden +Abschnitt den Bemerkungen über den ~Umgang mit verstorbenen großen +und edeln Männern~ zu widmen; allein das würde mich zu weit führen; +wichtig ist aber gewiß der Einfluß, den das Studium der Geschichte, +des Charakters und der Schriften der berühmtesten Helden und Weisen +verflossener Jahrhunderte auf die Ausbildung eines gutbegabten +Geistes hat. Man träumt sich in jene Zeiten hinein, wird beseelt von +dem Geiste, der aus den Thaten und Reden jener erhabenen Menschen +hervorgeht; und in diesem Sinne hat der Umgang mit Verstorbenen sehr +oft größere Wirkung auf Köpfe und Herzen, und durch diese auf große +Weltbegebenheiten geäussert, als der Umgang mit den Zeitgenossen. + + + + + Eilftes Kapitel. + + Schluß. + + + 1. + +Und nun, wertheste Leser! eile ich zum Schlusse dieses Werks über den +Umgang mit Menschen. Finden Sie etwas darin, das Ihrer Aufmerksamkeit +werth ist, -- wird dies Buch vom Publiko gütig aufgenommen und billig +beurtheilt: so wird mir das mehr Freude machen, als mir bis jetzt +selbst der beste Erfolg irgend einer meiner Schriften gewährt hat. +Wenigstens hoffe ich, Sie werden hier keine Grundsätze antreffen, +deren sich ein rechtschaffener und verständiger Mann schämen dürfte, +und, wenn es sonst kein anderes Verdienst hat, ihm doch das der +Vollständigkeit nicht absprechen; denn ich glaube, daß doch nicht +leicht irgend ein Verhältniß im geselligen Leben gefunden werden könne, +über welches ich nicht etwas gesagt hätte. -- Ob gut, oder schlecht, +oder beides vermischt, oder mittelmäßig von Anfang bis zu Ende: -- das +darf ich nicht entscheiden. + + + 2. + +Daß ein solches Buch aber, vorausgesetzt nämlich, daß der Gegenstand +mit gehöriger Einsicht, Erfahrung und Menschenkenntniß behandelt wäre, +nicht nur Jünglingen, sondern selbst Männern Nutzen gewähren könnte: +~das~ darf ich wohl behaupten. Man verlangt von feinen, hellsehenden +Leuten immer auch feine Lebensart; aber man hat darin Unrecht. Dieser +Geist des Umgangs erfordert Kaltblütigkeit, Achtsamkeit auf geringe +Dinge, auf Kleinigkeiten, die man bei feurigen Genies selten antrifft. +Ein Wink hingegen aus einem solchen Buche kann Manchen aufmerksam +machen auf Fehler, welche er bisher, ohne es zu wissen, in Behandlung +der Menschen beging, -- auf Fehler, die er an sich selbst aus zu großer +Lebhaftigkeit bis jetzt übersehen hatte, ohne ihn deswegen abzuhalten, +die fremden Erfahrungen auf ~seine~ Weise zu nützen, und dennoch +selbstständig zu handeln. + + + 3. + +Ich habe aber in diesem Werke nicht die Kunst lehren wollen, die +Menschen zu unsern Endzwecken zu mißbrauchen, über alle nach Gefallen +zu herrschen, Jeden nach Belieben für unsre eigennützigen Absichten in +Bewegung zu setzen. Ich verachte den Satz: »daß man aus den Menschen +machen könne, was man wolle, wenn man sie bei ihren schwachen Seiten +zu fassen verstünde.« Nur ein ~Schurke~ kann das, und will das, weil +nur ~ihm~ die Mittel, zu seinem Zwecke zu gelangen, gleichgültig sind; +der ~ehrliche~ Mann kann nicht aus allen Menschen alles machen, und +will das auch nicht; und der Mann von festen Grundsätzen ~läßt~ auch +nicht alles aus sich machen. Aber ~das~ wünscht, und ~das~ kann jeder +Rechtschaffene und Weise bewirken, daß wenigstens die Bessern ihm +Gerechtigkeit widerfahren lassen: daß niemand ihn verachte; daß er +Frieden von aussen her habe; daß man ihn in Ruhe lasse; daß er Genuß +und Gewinn aus dem Umgange mit allen Klassen von Menschen schöpfe; daß +Andere ihn nicht mißbrauchen, oder durch Verstellung täuschen. Und wenn +er ausdauert, immer folgerecht, edel, vorsichtig und gerade handelt: +so kann er sich allgemeine Achtung erzwingen, kann auch, wenn er die +Menschen studirt hat, und sich durch keine Schwierigkeiten abschrecken +läßt, fast jede ~gute~ Sache am Ende durchsetzen. Hierzu nun die Mittel +zu erleichtern, und Vorschriften zu geben, die dahin einschlagen, -- +das ist der Zweck dieses Buchs. + +Wer aber sein ganzes Leben hindurch, bei jeder willkührlichen Handlung, +bei jedem kleinen Schritte, den er zu unternehmen hat, erst nachsehen +wollte, ob er dazu in diesem Buche kein Recept, keine Vorschrift fände, +der würde freilich alle Eigenthümlichkeit des Charakters verleugnen. +-- Doch, wie kann das auch meine Absicht seyn? Kaum bedürfte es dieser +Erinnerung, wenn es weniger schiefe Köpfe und boshafte Ausleger in der +Welt gäbe. + + + 4. + +Daß ich bei dieser Gelegenheit die Schwachheiten mancher Klassen +von Menschen habe aufdecken müssen, ohne jedoch auf Einzelne unedel +anzuspielen, das war wohl sehr natürlich. Aber o! was hätte ich sagen +können, wenn ich mein Buch mit wirklichen Anekdoten hätte auszieren, +und besondere Erfahrungen aus meinem Leben erzählen wollen! -- +Schmeichle ich mir zu viel, wenn ich hoffe, daß man mir dergleichen +nicht Schuld geben, und mir wenigstens von ~dieser~ Seite Gerechtigkeit +widerfahren lassen werde? + + +Fußnoten: + +[1] Die Teutschen haben von allen Völkern das meiste Lächerliche für +die große Welt an sich; vielleicht, weil sie noch gar zu ehrlich +sind, und die große Welt allzusehr verehren und bewundern. Wer +nichts anstaunt, steht mehr auf seinem Gleichgewicht. Der Engländer +glaubt, ihm kleide alles, er habe zu allem Recht; er verachtet, was +er nicht besitzt, und nicht mehr erwerben kann, tritt keck, auch wohl +bengelhaft auf. Der gutmüthige Teutsche will wenigstens zeigen, daß +er sein Möglichstes thue, Andern zu gefallen, und in diesem ehrlichen +Eifer merkt er kaum, wie schlecht es ihm oft gelingt. Der Franzose +und der Russe haben den sichersten, feinsten, und für alle in der +Gesellschaft Auftretende gefährlichsten Takt, das Lächerliche auf den +ersten Blick aufzufinden. Wer sich vor ihnen auf seinen Sprach- oder +Tanzmeister allein verläßt, den werden sie bald seinen Irrthum fühlen +lassen, vorausgesetzt, er habe Sinn genug, zu erkennen, daß eben das, +was man an ihm am meisten bewundert, sein Lächerliches sey. ~Klinger +Betrachtungen und Gedanken~ 1r Thl. S. 316. + +[2] Man muß so viel Menschenkenntniß oder so viel Urtheilskraft haben, +um die Wirkung solcher theilnehmenden Fragen voraussehen zu können, +oder das Fragen ganz unterlassen, und lieber erwarten, daß nicht das +Gespräch sich von selbst auf diesen Gegenstand wenden wird. Denjenigen, +welche sich nicht taktfest in der Unterhaltung fühlen, sollten sich +überhaupt vor Fragen hüten, denn Fragen werden oft, wie Blicke, unsere +Verräther. + +A. d. H. + +[3] Ich entlehne diese Stelle, welche durch ihre treffende und +sinnreiche Darstellung sich auszeichnet, aus der Zeitschrift: ~Ernst +und Scherz~, oder der alte Freimüthige, Nro. 128. des Jahrgangs 1817, +und füge nur die Anweisung zum Betragen gegen diese Menschen hinzu. + +d. H. + +[4] Und das sind die Grundsätze eines Mannes, den Georg Zimmermann, +Aloisius Hoffmann und Consorten als einen Volks-Aufwiegler verketzerten! + +[5] Die Verirrungen des Philosophen, oder Geschichte Ludwigs von +Seelberg, Theil 1. Seite 108. + +[6] Vielleicht würde der Verf., wenn er die heutige Jugend sähe, in +ihr die Erfüllung seiner Hoffnung finden; wenigstens eine gewisse +männliche Gesetztheit, deutsche Geradheit und Festigkeit und +offene Freimüthigkeit wird man ihr nicht absprechen können. Aber +Bescheidenheit würde er sehr vermissen. + +A. d. H. + +[7] Hier, und an andern Orten ist der Verf. seinen Lesern die Lösung +dieser schweren Aufgabe schuldig geblieben, und man muß glauben, daß +er verzweifelte, sie zu lösen. Auch wird man wohl denen beipflichten +müssen, die es nicht der Mühe werth halten, sie zu lösen. + +A. d. H. + +[8] Wir haben in den neuesten Tagen dergleichen ärgerliche Auftritte +in großer Zahl gesehen, und die Klage des Verf. gilt also leider +noch immer, doch glücklicher Weise nur von den leichtfertigen +Schriftstellern des Tages und einigen Philologen. + +D. H. + + +[9] Wer denkt hier nicht an Wielands und Johann v. Müllers gutherziges +Loben, und an des Letzteren übergroße Nachsicht gegen überlästige +Correspondenten? + +D. H. + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77701 *** |
