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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75839 ***
+
+
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+=======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurde übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.
+
+Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
+
+=======================================================================
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+ Das Königliche Seminartheater
+ Altenroda
+ Grünlein
+
+
+
+
+ Das
+ Königl. Seminartheater
+
+ Altenroda
+ Grünlein
+
+
+ Novellen
+
+ von
+
+ Paul Keller
+
+
+ Bergstadtverlag / Breslau und Leipzig
+
+
+ Einband und Buchschmuck von Prof. Wilh. Poetter
+
+
+ Druck von Wilh. Gottl. Korn, Breslau
+
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
+ ~Copyright 1923 by Bergstadtverlag Breslau~
+
+
+
+
+ Seite
+ Das königliche Seminartheater 3
+ In den Grenzhäusern 37
+ Der Ausflug 75
+ Das Telefon des Bildschnitzers 99
+ Die Briefe der Tochter 117
+ Die letzte Furche 129
+ Bergkrach 143
+ Altenroda 155
+ Vom Musikleben in Altenroda 177
+ Der Schuldturm 247
+ Das traurige Schicksal des Meisters Michael 251
+ Vom törichten Kaspar 265
+ Rauchermärchen 277
+ Die drei Geizhälse 291
+ Der evangelische Geizhals 295
+ Der katholische Geizhals 303
+ Der jüdische Geizhals 317
+ Zwei Idyllen 329
+ Der Briefkasten 329
+ Hero und Leander 335
+ Ansorge 357
+ Grünlein 391
+
+
+
+
+ Das Königliche
+ Seminartheater
+
+ Ein Stück eigener Lebensgeschichte
+
+
+
+
+ ~Buchschmuck von Prof. Wilh. Poetter~
+
+
+ ~55.-74. Auflage~
+
+
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+ Druck von Wilh. Gottl. Korn, Breslau
+
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
+ ~Copyright 1923 by Bergstadtverlag Breslau~
+
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+
+
+Zuweilen ist mir in irgend einer Stadt, in irgend einer Gesellschaft
+ein Kranz mit einer Schleife verehrt worden. Die Kränze sind verdorrt,
+die Schleifen habe ich mir aufgehoben. Unter ihnen befindet sich
+ein verblichenes blaues Band, darauf steht: »Paul Keller zu seinem
+19. Geburtstag. Gewidmet von seinen Freunden Bartsch, Bentzinger,
+Böttcher, Heilgans, Scherwentke.« Der Kranz, der zu dem Band gehörte,
+hat vielleicht einmal schlecht und recht einen Taler gekostet samt
+der Schleife, auf welche die spendenden Freunde die Inschrift mit
+chinesischer Tusche selbst aufgepinselt hatten.
+
+Fünf neunzehnjährige Seminaristen schenkten einem Kameraden zum
+Geburtstag einen Lorbeerkranz für drei Mark. Jeder gab sechzig Pfennig.
+Welch ein Opfer! Für sechzig Pfennig konnte man in jener billigen Zeit
+-- es war 1892 -- in einem Restaurant Breslaus fein zu Mittag speisen;
+für sechzig Pfennig konnte man einen Sitzgalerieplatz im Stadttheater
+haben, den »Lohengrin« hören, den »König Lear« oder die »Haubenlerche«;
+für sechzig Pfennig konnte man selbst »bei ausgesprochenem Pech«
+tagelang Zwanzigstelpfennig-Skat spielen; für sechzig Pfennig konnte
+man sich drei Reklam-Bücher kaufen; für sechzig Pfennig konnte man
+zwölf Tassen heißen Kaffee im Seminar haben; für sechzig Pfennig hätte
+man sich bei einem Ferienkommers in bayerischem Bier um den Verstand
+saufen können.
+
+Und eine solche Summe gab man so hin! Für einen Freund! Für einen
+Kranz!
+
+Ach, ihr fünf treuen guten Kerle, deshalb ist mir ja Euer verblaßtes
+Band, auf das Ihr selbst Eure Namen gepinselt habt, heute noch so eine
+Kostbarkeit.
+
+Dieses Band ist einmal sehr teuer gewesen.
+
+ * * * * *
+
+Ich war auf eine etwas abenteuerliche Art ins Breslauer Seminar
+gekommen. Da ich meine dreijährige Vorbildung in der Grafschaft Glatz
+und zwar in der Königlichen Präparandenanstalt zu Landeck genossen
+hatte, war ich -- wie alle dortigen Schüler -- für das Seminar in
+Habelschwerdt bestimmt. Aber ich wollte nicht nach Habelschwerdt.
+Warum, weiß ich selbst nicht recht. Die Hauptursache war wohl mein
+Freund Oskar Bartsch, der aus Breslau stammte, mir glänzende Bilder
+von dieser Stadt zeichnete und sagte: »Ein Mann wie du gehört nicht
+nach Habelschwerdt, er gehört nach Breslau.« Darauf gingen wir zwei
+zu dem Vorsteher unserer Anstalt, sagten ihm, wir möchten nicht nach
+Habelschwerdt, wir möchten gerne zu der Aufnahmeprüfung ins Seminar
+nach Breslau; aber er -- der prächtige, humorvolle Doktor -- schmiß
+uns ganz gemütlich raus, indem er sagte: »Das Habelschwerdter Seminar
+wird die Riesenehre, euch zwei als Schüler zu haben, bei gesundem
+Leibe überstehen!« Draußen auf der Treppe stopfte Bartsch die Hände
+in die Hosentaschen und sagte: »Das ist eine Gemeinheit!« Ich gab
+ihm recht, und wir gingen in die Osterferien. Dort gelang es mir,
+auf einem Feldspaziergang meinem Vater das Reisegeld nach Breslau
+abzupressen, um daselbst eine große »Aktion« ins Werk zu setzen. Mein
+Freund Bartsch führte mich durch die Wunderstadt, und wir gingen
+direkt ins Lehrerseminar. Der Direktor, dessen äußere Bärbeißigkeit mit
+seinem inneren jovialen Wesen -- wie wir später erfuhren -- in krassem
+Widerspruch stand, saß trotz der Ferien in seinem Amtszimmer. Als ob
+er ausgerechnet auf uns zwei Lebensstürmer gewartet hätte. Als er uns
+so prüfend ansah, die wir an seiner Tür andauernd mit »Dienermachen«
+beschäftigt waren, verloren wir die Sprache.
+
+»Was wünschen Sie?« fragte er dreimal mit seiner tiefen Stimme.
+
+Wir dienerten nur.
+
+»Also wer sind Sie denn eigentlich? Und was wollen Sie?«
+
+Da brachte ich heraus:
+
+»Wir sind zwei Präparanden aus Landeck und möchten gern ins Breslauer
+Seminar eintreten.«
+
+»So? Haben Sie denn bei uns die Aufnahmeprüfung, die vor zwei Wochen
+war, mitgemacht?«
+
+»Nein. Wir durften nicht.«
+
+»Wieso durften Sie nicht?«
+
+»Der Herr Vorsteher unserer Anstalt hat gesagt, wir gehörten nach
+Habelschwerdt; wir hätten in Breslau nichts zu suchen.«
+
+Der Direktor lächelte.
+
+»Na, da hat ja Ihr Herr Vorsteher ganz recht gehabt. Wie kommen Sie
+denn dann hierher?«
+
+»Wir -- wir sind -- so auf eigene Faust ...«
+
+»Aah -- auf eigene Faust! Das ist gut von Präparanden! Und wie denken
+Sie sich das -- eh ...? Sie wissen doch, daß man in einem Königlich
+Preußischen Lehrerseminar nur dann aufgenommen werden kann, wenn
+man die Aufnahmeprüfung bestanden hat. Und Sie wissen auch, daß die
+diesjährige Aufnahmeprüfung für das Breslauer Lehrerseminar vorbei ist.
+Also, wie haben Sie sich die Sache eigentlich gedacht?«
+
+»Wir -- wir hatten gedacht, wir könnten ja extra geprüft werden.«
+
+Da hieb der Direktor mit der Faust auf den Tisch. Aber er erboste sich
+nicht. Er lächelte.
+
+»Also, man wird alt wie ein Haus und lernt nie aus. Vier Tage lang
+haben wir Aufnahmeprüfung gehalten. Zweiunddreißig haben bestanden,
+vierzig sind durchgefallen. Und jetzt kommen zwei aus Landeck daher,
+vierzehn Tage zu spät, gegen den Willen ihres Anstaltsleiters kommen
+sie auf eigene Faust und wünschen eine Extraprüfung. Sie sind gut, Sie
+zwei!«
+
+Mir dämmerte, daß wir eine Frechheit begangen hatten, und ich wollte
+mich mit einer eiligen Verneigung drücken. Mein Freund Bartsch schloß
+sich mir an. Aber als wir schon halb zur Tür hinaus waren, rief der
+Direktor: »Halt, bleiben Sie mal da! Finden Sie sich in Breslau
+zurecht?«
+
+Bartsch nickte. Er sei Breslauer Kind, sagte er.
+
+»So -- dann gehen Sie nach der Schuhbrücke Nummer soundso. Da ist
+ein Haus, an dem außen ein Fries angebracht ist, das einen Hexentanz
+darstellt. In diesem Hause wohnt der Herr Provinzialschulrat Dr. X.;
+dem sagen Sie, Sie seien Präparanden aus Landeck, gehörten eigentlich
+nach dem Seminar in Habelschwerdt, seien aber gegen den Willen Ihres
+Anstaltsleiters auf eigene Faust nach Breslau gefahren und wünschten
+eine Sonderprüfung, da die Breslauer Aufnahmeprüfung schon vorbei sei.
+Und nun gehen Sie. Ich wünsche Ihnen viel Glück!«
+
+In überschwenglichem Gefühl dankten wir dem Direktor, nicht ahnend den
+mörderlichen Hinterhalt, den er uns legte. Dieser Provinzialschulrat
++Dr.+ X. war sein Freund, wohl auch sonst ein tüchtiger Mann, aber
+er war als arger Wüterich verrufen; noch heute fährt bei der Nennung
+seines Namens manchem schlesischen Lehrer eine Gänsehaut über den
+Rücken.
+
+Wir zwei Dummlinge aber torkelten vergnügt drauf los, fanden das Haus
+und standen bald einem Manne gegenüber, der uns aus runden Gläsern
+fixierte wie eine Brillenschlange ihre Opfer.
+
+»Was wollen Sie?«
+
+Ich stotterte mit Todesverachtung die ganze Geschichte heraus.
+
+Iwan der Schreckliche begriff anfangs rein nichts. Dann aber erkundigte
+er sich mit zischenden Fragen, und als ihm die irrsinnige Frechheit
+klar geworden war, daß sich zwei Präparanden erkühnten, eine Königlich
+Preußische Haus- und Prüfungsordnung umstoßen zu wollen, und in ihrem
+Anarchismus bis zu einem Provinzialschulrat kamen, kriegte er das
+Wundfieber.
+
+Er raste, und ich glaubte, mein und meines Freundes Bartsch letztes
+Stündlein zähle nur noch nach Sekunden. Einen Blick nach der Tür wagte
+ich nicht zu werfen. Ich war wie gelähmt.
+
+Plötzlich aber stand der Tobende still, wischte sich die Stirn und
+sagte mit fast stiller Miene:
+
+»Ja, das ist ja menschlich gar nicht erklärlich! Wie kommen Sie
+eigentlich dazu? Wie können Sie das ...«
+
+Die Stimme versagte ihm.
+
+Worauf ich -- fest überzeugt, daß wir so wie so verloren seien --
+erwiderte:
+
+»Herr Provinzialschulrat, wir wären nicht zu Ihnen gekommen. Aber wir
+waren zuerst im Seminar, und der Herr Seminardirektor hat uns gesagt:
+Gehen Sie nur nach der Schuhbrücke, in das Haus, wo der Hexentanz dran
+ist, und da bringen Sie mal Ihr Anliegen vor. Ich wünsche Ihnen Glück
+dazu!«
+
+Seine Furchtbarkeit starrten erst mit den Augen, dann fingen
+hochdieselben an merkwürdig zu grinsen. Zweimal ging der Herr über
+Leben und Tod durch das große Zimmer, dann sagte er mit unglaublicher
+Milde:
+
+»Na, da gehen Sie zum Herrn Seminardirektor zurück und sagen Sie ihm,
+Sie würden wirklich eine Extraprüfung haben. Die Verfügung ans Seminar
+würde kommen. Inzwischen besorgen Sie sich die nötigen Papiere!«
+
+ * * * * *
+
+Das Gesicht des Herrn Direktors, das er machte, als er uns lebendigen
+Leibes wiederkommen sah, ist nicht zu beschreiben. Schließlich fing er
+furchtbar an zu lachen.
+
+Wir bekamen wirklich eine Extraprüfung. Sieben Seminarlehrer samt
+Direktor mußten zwei Präparanden zwei Tage lang prüfen. Bartsch wußte
+nicht, wer der letzte römische Kaiser gewesen sei, und ich zerbrach mir
+über die Kryptogamen, die »Geheimblütler«, so lange den Kopf, bis ich
+zu den Pilzen, die mir einfielen, auch die Kohlköpfe rechnete, da ich
+nie einen Kohlkopf öffentlich hatte blühen sehen.
+
+Das war nun ganz falsch. Aber da Geschichte und Naturkunde nur
+Nebenfächer waren, kamen wir durch.
+
+Unser guter Vorsteher aus Landeck, Herr +Dr.+ Krause, schickte uns
+einen Glückwunschbrief.
+
+ * * * * *
+
+Das war meine erste Prüfung, im Seminar von Breslau heimisch zu
+werden, und sie war wirklich nicht leicht. Der Prüfende in Naturkunde
+hatte mich Siebzehnjährigen zum Beispiel gefragt, was ich über
+Sauerstofffabriken wisse. Natürlich nichts. Fast noch schwerer aber war
+das, was folgte. Provinzialschulrat +Dr.+ X. war als Schultyrann
+eine milde Fee gegen das, was mein neuer Seminarbruder Heilgans als
+Kunsttyrann war. Dieser siebzehnjährige hochgemute Jüngling mit den
+hochgebürsteten Haaren und den rollenden Augen war um mich, den von
+außen Gekommenen, lange wortlos herumgestrichen. Endlich erwischte er
+mich allein. Wir hatten beide zusammen Orgelübungsstunde. Abwechselnd
+mußte einer eine halbe Stunde lang spielen, die andere halbe Stunde
+Bälge treten.
+
+»Spielen Sie zuerst!« sagte Heilgans.
+
+Wir zwei »Neuen« wurden von den anderen gesiezt.
+
+Ich war ein sehr mittelmäßiger Orgelspieler, packte meine »Orgelschule«
+aus, trampelte meine »Pedalübungen« und marterte mich an einem
+F-Moll-Choral verzweiflungsvoll ab. Heilgans »machte Wind«. Er lächelte
+verächtlich über meine Leistungen; dann kam er dran zu spielen. Er
+breitete ein großes Buch vor sich aus, dessen Umfang mich in Erstaunen
+setzte und dessen Titelblatt er mir mit lässiger Handgebärde zeigte:
+
+ ~Die Walküre~,
+ Oper von Richard Wagner.
+
+»Ich spiele jetzt den Walkürenritt!« sagte Heilgans; »das ist die Perle
+vom Ganzen!«
+
+Und er reckte sich in dem alten Überzieher, den er anhatte, und sauste
+mit den Filzschuhen, die er trug, in so wahnsinnigem Tempo über die
+Pedale, brachte solch grauenhaft majestätische Musik bei sämtlichen
+gezogenen Registern zum Vorschein, daß ich völlig außer Atem kam, und
+zwar nicht nur wegen der Bewunderung für die Heilganssche Fertigkeit,
+sondern auch, weil ich für diese Kunststürme den Wind zu liefern hatte.
+
+Gerade waren wir mitten in der Ekstase, da kam der Oberlehrer
+revidieren. Und was neulich der Direktor gesagt hatte, das sagte nach
+Überschauung der Sachlage auch er: »Man wird alt wie ein Haus und
+lernt nie aus! Spielt einer in dieser engen Stube mit voller Orgel den
+Walkürenritt! Noch dazu in Filzschuhen! Ja, Mensch, die Bude fällt uns
+ja über dem Kopf zusammen.«
+
+Nach dieser Abkanzelung spielte Heilgans mit einer einzigen gedeckten
+Flöte »Tauet, Himmel, den Gerechten!« so lange, bis er den Oberlehrer
+außer Hörweite glaubte. Dann aber ging er -- immer mit den Tönen der
+sanften Flöte -- in andere, ganz andere Rhythmen über und fing endlich
+an leise dazu zu singen:
+
+ »~Mein lieber Schwan, ach, diese letzte traurige Fahrt, wie gerne
+ hätt' ich sie dir erspart. Nach einem Jahr, wenn deine Zeit im Dienst
+ zu Ende sollte gehn, dann durch des Grales Macht befreit, wollt' ich
+ dich anders wiedersehn!~«
+
+Der Zauber der süßen Melodie packte mich so, daß ich auf das
+Bälgetreten vergaß und die Orgel stillstand.
+
+»Warum machen Sie keinen Wind, Herr?«
+
+»Ach,« sagte ich ganz selbstvergessen, »das war schön! Was war denn das
+für herrliche Musik?«
+
+»Na, doch dritter Akt, dritte Szene von ›Lohengrin‹.«
+
+»Was ist das: ›Lohengrin‹?«
+
+Heilgans sah mich düster an. Ich glaube, ihm graute vor meiner
+Unwissenheit.
+
+»Sie können so herrlich spielen!« sagte ich in ehrlicher Bewunderung.
+
+Da blickte er etwas freundlicher.
+
+»Waren Sie nie im Theater?« fragte er.
+
+»O ja, im Landecker Badetheater habe ich ›Minna von Barnhelm‹ gesehen,
+und im Salzbrunner Badetheater den ›Veilchenfresser‹.«
+
+»Badetheater sind Mumpitz,« belehrte mich Heilgans. »Die ›Minna‹ von
+Lessing is ja noch 'n ganz leidliches Stück, aber der ›Veilchenfresser‹
+is Kitsch. So was von Schiller, Goethe, Shakespeare oder Theodor Körner
+haben Sie nicht gesehen?«
+
+»Nein,« sagte ich beschämt.
+
+»Auch keine Oper?«
+
+»Keine einzige.«
+
+»Es ist unglaublich,« sagte Heilgans und verfiel in Trübsinn über den
+geistigen Tiefstand mancher seiner Volksgenossen.
+
+»Da wissen Sie wohl überhaupt nichts von Dichtern?«
+
+»O ja, gelesen habe ich sehr viel, und ich -- ich dichte selbst ein
+bissel.«
+
+Heilgans meckerte vor Vergnügen.
+
+»Sie dichten selber? Das is ulkig. Da -- da schießen Sie mal mit was
+los, was Sie gedichtet haben.«
+
+Ich besann mich nicht lange und deklamierte:
+
+ »~O, wie das Herz auch wallt und ringt und wie es liebt und haßt, es
+ kommt der Abend, und er zwingt es bald zu langer Rast. Wenn dann den
+ fernen Westen säumt ein leuchtend' Abendrot, ist wenig wahr, was man
+ geträumt, und manche Hoffnung tot.~«
+
+»Das haben Sie doch nicht alleine gemacht,« unterbrach mich Heilgans.
+
+»O ja. Das ist das letzte Gedicht das von mir gedruckt wurde. Ich hab's
+eingesteckt.«
+
+Ich zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche und zeigte es ihm. Er las es,
+las meinen Namen, aber ich mußte ihm erst noch einen Redaktionsbrief
+zeigen, ehe er an mich glaubte.
+
+»Hm ja,« sagte er dann, »das Ding ist ja gar nicht übel. Es reimt
+sich. Aber wissen Sie, die eigentliche, die richtige Kunst ist bloß
+beim Theater. Wenn das Theater nicht wär', hätte überhaupt das ganze
+Leben keinen Zweck. Ich bin schon siebzehnmal im ›Lohengrin‹ gewesen;
+ich kann jedes Wort und jede Note auswendig; ich habe acht Wagnersche
+Klavierauszüge, da kostet jeder vierzehn Mark. Richard Wagner ist
+überhaupt der Inbegriff von allem, was man wissen muß.«
+
+Er versprach, mich in den »Lohengrin« und in »Tannhäuser« einzuführen.
+
+»Vielleicht auch noch in die ›Meistersinger‹ und in den ›Holländer‹,«
+fügte er hinzu; »denn den ›Ring‹ oder gar ›Tristan und Isolde‹ werden
+Sie nie verstehen.«
+
+Ach Gott, wie war ich dankbar, daß sich dieser hochgebildete
+Großstädter mit so einem Glatzer Waldburschen, wie ich daherkam,
+überhaupt abgab.
+
+Am selben Abend stellte mich Heilgans seinem Freunde Felix Böttger vor,
+der ein fast ebenso kunsterfahrener Mann war wie er.
+
+»Er versteht nichts vom Theater,« sagte Heilgans bei der Vorstellung
+»ich hab' ihn anfangs überhaupt nicht leiden gekonnt; aber ich denke,
+wenn wir uns ein bißchen Mühe geben, wird was aus ihm.«
+
+»Na, nur immer Mut, junger Mann,« sagte Böttger mit tiefer, jovialer
+Stimme und legte mir die Hand auf die Schulter.
+
+ * * * * *
+
+Wir wohnten alle im Internat. Das Seminar war ein uraltes früheres
+Klostergebäude mit vielen hygienischen Unzulänglichkeiten, aber auch
+mit einer kostbaren gemütlichen Romantik.
+
+Unser Kursus hatte zwei Schlafsäle. Der kleinere hieß die »Vorhölle«,
+der größere der »Himmel«. Ich schlief anfangs im »Himmel«, aber
+Heilgans sorgte dafür, daß ich zu ihm in die »Vorhölle« zog. Er sagte,
+dort sei es gemütlicher; im »Himmel« wohnten die Banausen. Für diese
+Bemerkung wurde er von einer Schar himmlischer Geister am Abend
+durchgehauen.
+
+Und diese tätliche Beleidigung erforderte Rache.
+
+»Können Sie Gespenstergeschichten erzählen?« fragte mich Heilgans.
+
+Ob ich das konnte!
+
+Am nächsten Abend, als die Lichter erloschen waren und tiefe
+Dunkelheit in den alten Klosterräumen herrschte, erzählte ich eine
+Gespenstergeschichte nach der anderen. Ich mußte eigens in den Himmel
+kommen und erzählte dort durch die Finsternis.
+
+»Noch eine Geschichte, noch eine,« sagten die Himmelsleute, und ich
+erzählte mit halbverhaltener Stimme. Fast fürchtete ich mich vor den
+eigenen Geschichten.
+
+Dann brachte Heilgans die Rede auf einige Selbstmorde, die früher im
+Seminar passiert waren, und sagte, daß ganz ernsthafte Leute glaubten,
+es spuke. Auf dem angrenzenden Kirchboden solle es oft rumoren.
+
+Die »Himmelianer« taten zwar mutig, aber ganz richtig war keinem ums
+Herz.
+
+Um Mitternacht nun, als alles schlief, läutete plötzlich durch die
+tiefe Stille der bange Ton eines Glöckleins. Es war ein schauriger
+Klang. Nur wimmernd und ganz vereinzelt schlug die Glocke an.
+
+»Bim bim!«
+
+Dann lange Pause.
+
+Dann wieder einmal: »Bimm, bimm, bimm!« Und dann wieder minutenlanges
+Schweigen.
+
+»Bimm!«
+
+Ein verlorener klagender Ton.
+
+Der ganze »Himmel« wachte auf. Wir hörten Zischeln, leises Sprechen.
+Aber es stand keiner auf.
+
+Die Dunkelheit war so tief, der Klang des Glöckleins so sterbensbange,
+daß selbst mir die Haut schauderte, obwohl ich wußte, daß Heilgans
+und mein Landecker Freund Bartsch heimlich an dem Gasrohr des Himmels
+eine kleine Glocke angebracht hatten, von der eine Schnur durch ein
+Fensterchen über der Türe zu uns in die Vorhölle lief.
+
+Eine ganze Stunde lang bimmelte die Geisterglocke, und erst als draußen
+von einem Turm eine Uhr Eins schlug, hörte der Spuk auf.
+
+Ein paar sonst ganz robuste Burschen aus dem Himmel sagten am nächsten
+Morgen, sie hätten kalten Angstschweiß geschwitzt. Das hätte ich mit
+meinen verdammten Gespenstergeschichten zuwege gebracht; das Gebimmel
+sei grausig gewesen.
+
+Die Sonne brachte die Geisterglocke an den Tag, und der darob
+einsetzende Feldzug des uns an Zahl viermal überlegenen Himmels gegen
+uns Vorhöllenleute endete mit unserer schweren Niederlage.
+
+»Aber Banausen sind sie doch!« sagte Heilgans, als er sich seine
+schmerzenden Gliedmaßen rieb. Mit mir machte er Bruderschaft.
+
+ * * * * *
+
+In die Vorhölle siedelten nach und nach lauter der Kunst ergebene
+Leute über, und hier entwickelte Heilgans die große Idee der Gründung
+eines Königlichen Seminartheaters. Er hatte indes sämtliche Mitglieder
+des Kursus auf ihre Theatertalente hin beobachtet und geprüft und
+fand, daß nur sechs absolut talentlos waren. Diese bestimmte er zu
+Kulissenschiebern, Theaterboten, Portiers und Garderobiers. Es wurde
+eine Theaterkommission eingesetzt, und diese ernannte in fulminanten
+Dekreten Herrn Arthur Heilgans zum Direktor, Herrn Felix Böttger zum
+Oberregisseur, Herrn Paul Keller zum Dramaturgen, Herrn Liersch zum
+Kapellmeister, Herrn Eduard Bentzinger zum Theatermaler und technischen
+Leiter. Mein Freund Bartsch wurde »Bonvivant«; ein dicker, frischer
+Junge, der sonst den Spitznamen »Doppelpunkt« führte, wurde erste
+Liebhaberin; Blasel, der damals Meisterschwimmer von Deutschland
+war, wurde Heldentenor, der dicke Wurbs komische Alte, Picha erster
+Operettenheld, und so erhielt jeder sein Fach und seinen Posten. Das
+erste Theaterrequisit, das wir hatten, war ein Kupierrädchen, wie es
+bei der Schneiderei gebraucht wird; Blasel hatte es seiner Mutter
+gestohlen, und es diente dazu, die Theaterbillette zu »lochen«. Es gab
+drei Arten von Plätzen: zu zehn, fünf und zwei Pfennig. Freibillette
+wurden nicht ausgegeben, nicht mal an die Kritiker.
+
+Heilgans hielt nun täglich in allen Pausen Vorträge über dramatische
+Kunst. Einmal wurde er während einer Studierstunde von dem
+revidierenden Lehrer erwischt, als er gerade auf allen Vieren auf dem
+Fußboden herumkroch und wie besessen schrie:
+
+ »Mein schaudernd Gebein deckt kalter Schweiß!
+ Was fürcht' ich denn? Mich selbst? Sonst ist hier niemand. Ist hier
+ ein Mörder? Nein. -- Ja, ich bin hier!«
+
+»Sind Sie verrückt?« fragte der aufs höchste erstaunte Lehrer.
+
+»Entschuldigen -- nein,« stammelte Heilgans; »ich bin bloß
+Richard III.«
+
+Der Lehrer war so grausam, dem edlen Shakespeare-Darsteller eine
+Stunde Arrest zuzudiktieren. Als er gegangen war, bestieg Heilgans das
+Katheder und hielt eine kurze Ansprache:
+
+»Meine Herren! Wer sich der Kunst vermählt hat, wie ich, muß leiden.
+Denken Sie an die Karlsschüler; denken Sie daran, wie Schiller unter
+dem Unverstand seiner Lehrer und Vorgesetzten gelitten hat. Es ist
+immer die alte Geschichte: ›Es liebt die Welt, das Strahlende zu
+schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehn.‹ Sie haben gesehen,
+wie dieser Pauker mich schwärzen und in den Staub ziehen wollte. Aber
+das gelingt ihm nicht. Ich werde meine Stunde Arrest mit Freuden
+absitzen, weil es für die Kunst geschieht. Und Schiller, dem ebenfalls
+Verfolgten, zu Ehren werden wir zur Eröffnung unseres Königlichen
+Seminartheaters ein Schillersches Stück geben, und zwar ›Wallensteins
+Tod‹. Dieses Stück erfordert keine große Ausstattung, da es nur in
+Zimmern spielt. Ich selbst übernehme die Rolle des Wallenstein, Böttger
+spielt den Max Piccolomini, Herr von Schalscha übernimmt die Thekla,
+die anderen Rollen werde ich noch verteilen. Meine Herren, wenn Sie den
+›Wallenstein‹ richtig erfassen wollen, dann ...«
+
+Der revidierende Lehrer kam zurück.
+
+»Warum stehen Sie auf dem Katheder? Warum sitzen Sie nicht auf Ihrem
+Platz und arbeiten?«
+
+»Ich -- ich -- hatte nur einen -- einen kleinen Vortrag über Friedrich
+Schiller gehalten.«
+
+»Zwei Stunden Arrest,« entschied der Gestrenge.
+
+Heilgans schlich auf seinen Platz und »arbeitete«. Als aber jemand kam
+und glaubwürdig berichtete, der Revisor habe nun bestimmt das Seminar
+verlassen, ging Heilgans nach dem Katheder zurück und sagte:
+
+»Meine Herren, entschuldigen Sie die kleine Störung, durch die ich
+vorhin abermals unterbrochen wurde. Also, wenn Sie ›Wallenstein‹
+richtig auffassen wollen, dann ...«
+
+ * * * * *
+
+Mit der »richtigen Auffassung« des »Wallenstein« hatte es seinen Haken.
+Nach etwa vierzehn Tagen sagte mir Heilgans:
+
+»Mit dem ganzen Tode von Wallenstein ist es nichts. Die Kerle wollen
+nicht genug pauken. Und pauken muß nu ein Schauspieler. Ich habe die
+vier ersten Akte gestrichen, und wir geben nur den letzten ...«
+
+Der große Tag nahte. An einem Schornstein unter dem Dach hing ein
+vom Theatermaler Bentzinger entworfener riesiger Zettel, auf dem die
+Eröffnungsvorstellung angezeigt wurde. Die beiden oberen Klassen
+(Ober- und Mittelkursus) waren eingeladen worden. Natürlich gegen
+Entree. Sämtliche Plätze gingen schon im Vorverkauf weg. Das Privileg
+dazu hatte Blasel, weil er das Kopierrädchen geliefert hatte. Die
+Vorstellung fand im geräumigen Himmelssaal statt; die Vorhölle
+diente als »Garderobe« und »Foyer«. Die Theaterdiener geleiteten die
+Herrschaften zu ihren Plätzen. Alles war in gespannter Erwartung.
+
+Die Bühne wurde durch den hintersten Teil des Himmels, den ein
+Rundbogen abschloß gebildet. Ein Kunstwerk an sich war der Vorhang.
+Er war aus Schlafdecken hergestellt, die dem Königlich Preußischen
+Fiskus gehörten und nun »zusammengestückelt«, auch vielfach mit Löchern
+versehen worden waren, damit sich der Vorhang malerisch raffen und
+»ziehen« ließ. Gott habe diese alten Decken selig; sie sind im Dienste
+erhabener Kunst eines ehrenvollen Todes gestorben.
+
+Ober- und Mittelkursus stellten je einen Kritiker, die, mit
+Notizbüchern bewaffnet, in der ersten Reihe saßen. Der Kritiker des
+Mittelkursus, ein Herr Wawrok, galt als ein gestrenger Kunstrichter.
+Ich habe das auch zu fühlen bekommen.
+
+Die Vorstellung war herrlich. Ich selbst spielte die Rolle des alten
+Gordon, aber ich mußte mich sehr zusammennehmen, daß ich meinen Part
+stellte; denn Heilgans als Wallenstein riß mich gänzlich hin. Schon
+sein Äußeres war gut. Er trug als Wams eine ganz neue »Düffeljacke«
+seiner Mutter, einen spitzen Hut, einen richtigen Degen und Stiefel mit
+Sporen und großen flatternden Papiermanschetten.
+
+Und wie er sprach! Als er sagte: »Die Hoffnung nenn' ich meine Göttin
+noch,« und gar, als er die letzten Worte: »Ich denke einen langen
+Schlaf zu tun ...« wie in die Ewigkeit hineinsprach, fühlte ich in
+tiefer Erschütterung die Größe dramatischer Kunst.
+
+Allein wie seine Stimme tremolieren konnte -- hinreißend!
+
+Der Beifall war stark und wohlverdient. Am nächsten Tage waren an
+den Schornsteinen die handschriftlichen Rezensionen der Kritiker
+angeheftet. Herr Wawrok hatte sechs Bogenseiten geschrieben. Er zog
+eine geistvolle Parallele zwischen Arthur Heilgans und Ernst von
+Possart und wies ganz unparteiisch nach, in welchen Stücken Possart
+den Heilgans überrage, aber auch in welchen Punkten Heilgans dem
+Münchener Tragöden zweifellos überlegen sei. Jedenfalls -- das stand
+selbst diesem scharfen Kritikus fest -- wir lebten mit einem der
+größten Tragöden Deutschlands unter einem Dach.
+
+Ich selbst kam schlecht weg. Zunächst bemängelte der Kritiker meine
+Garderobe. Er schrieb: »Herr Keller sah als Gordon einem italienischen
+Räuberhauptmann viel ähnlicher, als dem würdevollen Kommandanten der
+Festung Eger. Überhaupt scheint Herr Keller als Schauspieler nur von
+mittlerer Begabung zu sein, dem man wichtigere Rollen an so einem
+ernstem Kunstinstitut, wie es das Königliche Seminartheater ist,
+nicht anvertrauen sollte. Herr Keller wird gut tun, lieber gar nicht
+aufzutreten, sondern zur Kritik überzugehen.«
+
+Und so geschah es auch. Ich wurde wegen Mangel an Talent -- Kritiker.
+Als solcher habe ich einen riesigen Einfluß gewonnen und mich sogar zum
+Vorsitzenden der Theaterkommission aufgeschwungen, der daran dachte,
+Herrn Wawrok als Kritiker »abzusägen«.
+
+ * * * * *
+
+Etwa vier Wochen später beauftragte mich der Theaterdirektor Heilgans,
+ein eigenes Stück zu dichten.
+
+»Wie lang soll es sein?« fragte ich.
+
+»Drei Akte -- jeder Akt bis fünfzehn Minuten lang.«
+
+»Ernst oder lustig?«
+
+»Beides. Keine Tragödie. Keine Komödie. Ein Schauspiel. Mit
+befriedigendem Ausgang. Damenrollen höchstens eine. Für Böttger eine
+besonders wirkungsvolle Rolle. Ein Intrigant muß auch drin vorkommen.
+In vierzehn Tagen kannst du's wohl machen?«
+
+Ich war in acht Tagen fertig; denn ich hatte es, wie alle jungen
+Dichter, sehr eilig, auf die Bühne zu kommen. »Magdalena. Ein
+ländliches Schauspiel.« Der rührende Abschied eines Handwerksburschen
+von seinem Schatz, einem armen, braven Webermädel. Dann die Not des
+Vaters. Als Bewerber um die Maid tritt ein halbidiotischer reicher
+Bauernsohn auf (Herr Böttger); dessen Vater ist der Gläubiger des
+Webers. Das Mädel mag nicht. Verzweiflungsszenen. Zum Schluß große
+Zwangsauktion. Des Webers Häuschen wird versteigert. Ein Fremder
+erwirbt es. Er ist -- na, wer kann es auch sonst sein? -- der
+heimkehrende besagte Handwerksbursch, der inzwischen reich geworden ist
+und nun den »befriedigenden Ausgang« macht.
+
+Es war ein voller Erfolg. Heilgans umarmte mich unter Freudentränen.
+Herr Wawrok schrieb: »Der Monolog der ›Magdalena‹ am Anfang war zwar zu
+lang, und moderne Dichter sollten überhaupt keine Monologe verwenden,
+aber dieser Monolog war nur ein Sonnenfleck; denn das Ganze war eine
+Sonne.«
+
+Dieser letzte Satz söhnte mich mit Herrn Wawrok für alle Zeiten aus.
+
+ * * * * *
+
+Nach mir und Schiller kam zur Abwechselung mal Theodor Körner dran.
+»Das Fischermädchen« wurde aufgeführt. Ich sehe jetzt noch unseren
+»Naturburschen« Scholz hinter der Szene Donner und Blitz machen. Die
+Blitze machte er mit brennendem Kolophonium, in das er blies. Aber die
+Sache funktionierte nicht, und Scholz verbrannte sich so arg den Mund,
+daß er während der Vorstellung um Hilfe schrie. Ein reines Wunder ist
+es, daß bei unseren künstlerischen Experimenten nicht die ganze morsche
+Seminarbude abgebrannt ist. Die Musen haben uns beschützt.
+
+Aus dem Publikum kamen Anträge an die Theaterkommission, daß man
+nicht immer nur »klassische Stücke«, sondern auch mal gute Schwänke
+und Lustspiele aufführen solle. Heilgans wollte anfangs davon nichts
+wissen; denn er trug sich bereits mit Plänen, zur Oper überzugehen,
+aber schließlich machte er dem Publikum Konzessionen.
+
+»Ein in Gedanken stehen gebliebener Regenschirm« erweckte Lachstürme
+auf den Zweipfennig-Plätzen. Das bessere Publikum auf den
+Zehnpfennig-Plätzen hielt sich reservierter, amüsierte sich heimlich
+aber auch ganz königlich.
+
+Bei einem Stücke dieser Art geschah es, daß der Naturbursche Scholz
+vor der Aufführung vor den Vorhang trat und folgende Rede ans Publikum
+hielt:
+
+»Meine Damen und Herren! (Die Damen existierten nur in Scholzens
+Phantasie.) Dieses Stück, das wir geben wollen, ist ein
+Ausstattungsstück. Wir brauchen dazu ein paar Stiefel, die ganz ganz
+sind. Kann jemand ein paar ganz ganze Stiefel pumpen? Er erhält sie
+nach der Aufführung gewichst zurück; denn es kommt im Stücke vor, daß
+die Stiefel gewichst werden.«
+
+Da sich nicht gleich jemand meldete, zog Scholz mir, der ich als
+Kritiker in der ersten Reihe saß, zwangsweise die Stiefel aus und
+verschwand damit. Ich erhielt das Schuhwerk nach der Aufführung
+teilweise arg mit Wichse bekleistert, aber durchaus in ungewichstem
+Zustande zurück und schrieb daher zornerfüllt in meine Kritik: »Der
+gestrige Theatertag zeigte, daß das Königliche Seminartheater von
+seiner hohen Warte herabsinkt und zu einer Schmiere wird.«
+
+Darauf kehrte Heilgans zu den Klassikern zurück und gab zunächst
+»Wilhelm Tell«. Wie hat Böttger den Tell gespielt! Glänzend! Vor dem
+Apfelschuß, als er Geßler bestürmte, das grausame Gebot zurückzunehmen,
+ja, sein eigenes Leben anbot, zitterte er in seiner Vaterangst so, als
+ob er den Veitstanz hätte. Heilgans (Geßler) aber sagte herrisch und
+hartherzig: »Iche will dein Leben nicht; iche will den Schoß!«
+
+ * * * * *
+
+Da wir unsere Aufführungen zumeist an den freien Nachmittagen hielten,
+waren die Lehrer unserem Theater noch nicht auf die Spur gekommen.
+Einmal aber, als der Oberkursus Examen hatte, dachten wir, die
+Gelegenheit sei günstig, verließen auf den Zehen unsere Studierstube
+und schlichen nach dem Himmelssaal, allwo alsbald »Der Lügner und
+sein Sohn« über die weltbedeutenden Bretter ging. Mitten im Spiel
+erschien ein Warner mit der Schreckenskunde: »Der Oberlehrer kommt
+rauf!« Alles meinte, er komme über die Hinterstiege, und eilte nach
+der Vordertreppe. Und da lief eben alles dem Oberlehrer in die Hände:
+Heilgans als Heldenvater in Schlafrock und Nachtmütze, Böttger als
+Stromer, von Schalscha als junges, reizend gekleidetes Fräulein,
+Bartsch als Sonntagsjäger mit der Flinte.
+
+Der Oberlehrer war starr. Er wußte sich solche Erscheinungen hier in
+den Schlafsälen an einem Unterrichtsvormittag nicht zu erklären und
+murmelte: »Bin ich verrückt oder sind Sie verrückt?« Wir stoben zu
+unseren Büchern zurück. Nach einer halben Stunde sagte einer: »Der
+Blasel hat sich gerade ankleiden wollen und ist in der Angst in den
+Unterhosen in die Orgel oben gekrochen.«
+
+Blau gefroren holten wir den Ärmsten aus der Orgel heraus; denn es war
+ein Wintertag, und die Orgelstube war ungeheizt.
+
+Das erwartete Donnerwetter blieb zunächst aus. Aber es kam später. Auch
+Heilgans hatte ein Stück gedichtet. Es hieß: »Die Axt des Glückes.«
+Alle Proben, sogar die Generalprobe, hatte er in der freien Zeit
+gehalten; nun ritt ihn aber doch einen Tag vor der Aufführung der
+Teufel, noch eine zweite Generalprobe zu halten, und er verschwand
+mit seinen Mannen während der vorgeschriebenen Studierzeit nach dem
+»Himmel«. Dort erwischte ihn der revidierende Lehrer, meldete diesen
+Fall dem Direktor, und dieser sagte am nächsten Tage:
+
+»Ich habe schon lange gewußt, daß Sie Theater spielen; ich weiß, daß
+Heilgans der Direktor, Böttger der Regisseur und Keller der Dramaturg
+ist. Ich habe gedacht: Wenn die jungen Leute nichts Dümmeres treiben
+als sowas, ist's schon gut, und habe nichts gesagt. Ja, ich hab' mich
+gefreut. Ich habe gedacht, da gehen die Leute aus sich heraus; es
+steckt ein idealer Kern drin, und sie lernen auch was dabei. Da Sie
+aber die Arbeitszeit mißbrauchen, verbiete ich das Theaterspielen ein
+für alle mal!«
+
+So fiel ein Reif in unsere Frühlingsnacht. Als der Direktor das Zimmer
+verlassen hatte, bestieg Heilgans das Katheder und sagte:
+
+»Meine Herren! Eingetretener Umstände halber sehe ich mich gezwungen,
+das Amt eines Theaterdirektors, das ich unter Ihnen zu bekleiden so
+lange die Ehre und das Vergnügen hatte, niederzulegen. Allein, es muß
+augenblicklich etwas geschehen, unser getötetes Kunstleben wieder
+lebendig zu machen.«
+
+Wir schickten eine Bittdeputation zum Direktor, die reumütig Abbitte
+tat und alles Gute für die Zukunft versprach. Es war umsonst; das
+Theaterspielen blieb strengstens untersagt. O, diese unglückliche »Axt
+des Glückes«!
+
+ * * * * *
+
+Um diese Zeit geschah es, daß Heilgans in Liebe verfiel. Abends,
+wenn er in seinem Bette, dicht an der Feueresse lag, fing er an zu
+philosophieren, und seine Gedanken bewegten sich immer in demselben
+Zirkel: »Lieben kann man bloß jemanden, den man kennt. Sie kennt mich
+nicht; folglich kann sie mich auch nicht lieben.«
+
+»Sie« hatte Heilgans in der Singakademie gesehen, wo wir unsere Übungen
+hatten. Sie war die Tochter eines Stadtrates, ein schönes, stolzes
+Fräulein von vielleicht fünfundzwanzig Jahren. Heilgans war neunzehn.
+Heilgans entwarf nun einen Plan, wie er sich seiner Holden bekannt
+machen könne, und sagte eines Abends:
+
+»Kinder, ich mach' es einfach so: ich gehe an ihre Entreetür, klingele,
+und wenn sie herauskommt, frage ich sie, ob in dem Hause nicht ein
+Doktor Linke wohne. Na, da gibt dann ein Wort das andere. Aber klappen
+muß es. Wie im Theater. Proben muß man! Wer von Euch spielt mal das
+Fräulein Grete?«
+
+Keiner erbot sich dazu.
+
+»Nun, da probe ich allein,« sagte Heilgans, der das Theaterspielen nun
+mal nicht lassen konnte. Er schleppte ein Tafelgestell in die Nähe
+der Tür, sagte, daß er sich unter diesem Gestell sein Fräulein Grete
+vorstelle, und guckte dann zur Tür herein:
+
+»Ach Verzeihung, gnädiges Fräulein, wohnt in diesem Hause nicht ein
+Doktor Linke?«
+
+Flugs stand er darauf hinter dem Gestell und antwortete mit hoher
+Diskantstimme:
+
+»Nein, mein Herr, ich glaube, in diesem Hause wohnt kein Doktor Linke.«
+
+»Das ist sehr schade, mein gnädiges Fräulein, daß in diesem Hause
+kein Doktor Linke wohnt. Ich hätte mir auch nicht erlaubt zu fragen
+nach diesem Doktor Linke, aber ich kenne das gnädige Fräulein von der
+Singakademie her.«
+
+»Ach, das trifft sich ja gut!«
+
+So wurde der Dialog fortgesetzt, bis sie ihn einlud, »doch mal
+näherzutreten«.
+
+Leider ist die Aufführung dieser Szene anders ausgefallen als die
+Probe. Denn als Heilgans wirklich an der Tür des Stadtrats läutete, kam
+nicht die Tochter, sondern der Vater öffnen. Außerdem aber erschien
+eine riesige Dogge, die dem liebebrennenden Mann mit dem etwas
+schlechten Gewissen Schrecken einjagte. Der Schluß war, daß Heilgans
+dem Stadtrat die auf die Straße entwischte Dogge einfangen helfen
+mußte, das Töchterlein aber nicht sah. Gebrochen kam der Jüngling heim.
+Ernst ist das Leben, heiter allein die Kunst.
+
+ * * * * *
+
+Es war tief in der Nacht. Irgendwo in der Ferne summte wohl noch das
+Lied der Großstadt; im Seminar war Totenstille, selbst die Vorhölle
+»schlief in himmlischer Ruh«.
+
+Ach, was ist der Schlaf in so jungen Jahren tief und süß! Unser
+Theatermaler Bentzinger schlief so gern, daß er uns bat, ihn jedesmal
+zu wecken, wenn mal einer erwache, und ihm dann zu sagen, wie spät es
+sei. »Es ist mir allerhöchste Wonne,« sagte Bentzinger, »wenn mich
+jemand um zwei Uhr in der Nacht weckt und mir sagt: jetzt darfst du
+noch dreieinhalb Stunden schlafen!«
+
+So wurde Bentzinger wirklich fast in jeder Nacht geweckt, oft zwei-
+oder dreimal, und er war immer dankbar für solchen Freundschaftsdienst.
+In dieser Nacht wurde auch ich geweckt. Heilgans saß auf meiner
+Bettkante und seufzte tief und schwer. Ich aber war unwirsch ob der
+Störung und sagte:
+
+»Heilgans, laß mich jetzt bloß mit deiner Stadtratstochter in Ruh'.
+Jetzt will ich schlafen. Du kannst mir doch deinen Kummer bei Tage
+klagen.«
+
+»Es ist nicht die Grete, die mich nicht schlafen läßt,« entgegnete
+Heilgans, »sondern ich habe einen schwereren Kummer. Das Theater! Wir
+müssen wieder Theater spielen.«
+
+»Das geht doch nicht!«
+
+»O ja, es muß gehen. Du mußt ein neues Stück schreiben, und wir führen
+es auf und laden den Direktor dazu ein.«
+
+»Du bist verrückt!«
+
+»Mit nichten! Hör' zu. Der Alte' gibt doch bei uns Psychologie. Du
+mußt nun ein Thema aus der Psychologie nehmen und dem Alten vorreden,
+dieses Thema hätte dich in seinem Unterricht so kolossal interessiert,
+daß du gar nicht hättest anders können, du hättest müssen ein Stück
+machen, und das solle er sich mal ansehen. Es wäre uns gar nicht um das
+Theaterspielen, es wäre uns bloß um die Psychologie zu tun.«
+
+»Denkst wohl, der Alte ist so dumm, daß er das glaubt?«
+
+»Das glaubt er bestimmt; denn er wird sich geschmeichelt fühlen, und
+wenn sich jemand geschmeichelt fühlt, glaubt er alles.«
+
+»Psychologie! Das ist verdammt schwer!«
+
+»Na, du brauchst ja nicht gerade über die Induktion oder die
+Apperzeption oder solches Gemäre zu dichten. Such' dir halt was. Und in
+acht Tagen muß es fertig sein. Da beginnen die Proben. Ich und Böttger
+machen die Hauptrollen. Schalscha muß auch 'ne Rolle kriegen und der
+Schlolaut auch. Den müssen wir jetzt mal öfters herausstellen. 'n ganz
+gutes Talent. Und nu denk' nach! Mich friert. Ich weck' jetzt bloß noch
+den Bentzinger, dann kriech' ich wieder in die Klappe.«
+
+Er schlich davon.
+
+»Bentzinger, wach' auf! Es is dreivierteleins. Fünf Stunden kannst du
+noch schlafen.«
+
+Bentzinger dehnte sich wohlig. Da sagte ihm Heilgans noch: »Der Keller
+macht bis über acht Tage 'n psychologisches Drama. Mit dem schlagen wir
+den Alten breit.«
+
+»Da will ich auch mitspielen,« sagte Bentzinger und schlief
+augenblicklich wieder ein. Ich aber wälzte mich nun schlaflos im Bett.
+Heilgans hatte mir keinen schlechten Wurm in den Kopf gesetzt. Ein
+psychologisches Stück. Für fünf Personen. In acht Tagen. Das war kein
+Pappenstiel. Und ein solches Stück, das den Direktor milde stimmen
+sollte! Aber gerade die Grenze, die meiner künstlerischen Freiheit mit
+den fünf Personen gesteckt war, brachte mich rasch auf einen Gedanken.
+Ich sprang aus dem Bett und rüttelte Heilgansen munter: »Ich hab's! Ich
+hab's schon! Die vier Temperamente! Und der fünfte, der macht einen
+Gemischt-temperamentigen.«
+
+Heilgans rieb sich die Augen.
+
+»Die vier Temperamente? Ja, was -- was hab' ich denn eigentlich für 'n
+Temperament?«
+
+»Du machst den Melancholiker. Das mußt du ja jetzt nach deiner
+verkrachten Liebe tadellos können. Der Böttger macht den Phlegmatiker.«
+
+»Großartig!« schrie Heilgans begeistert, hüpfte aus dem Bett und sprang
+zu Böttgers Lager.
+
+»Böttger, altes Murmeltier, wach' auf; du spielst den Phlegmatiker!«
+
+Böttger begriff nicht, wieso der Phlegmatiker in seine Nachtruhe
+platzte, als er aber alles gehört hatte, gesellte er sich zu uns
+beiden, und wir weckten noch den Schalscha, dem wir klar machten, daß
+er ein tobender Choleriker, sei, und der uns auch wirklich ob der
+Störung mächtig anschnauzte, den Schlolaut, dem wir erklärten, daß
+er »gemischttemperamentig« sei, und den Picha, der den Sanguiniker
+übernehmen sollte. Zuletzt weckten wir den Bentzinger. Der aber hörte
+von allem nichts, fragte nur, wie spät es sei, rechnete aus, wie lange
+er noch schlafen könne, und legte sich selig auf die andere Seite.
+
+ * * * * *
+
+»Herr Direktor! Es ist uns nicht um das Theaterspielen. Es ist
+uns bloß um die Psychologie. Ihr Vortrag über die Temperamente
+hat mich so interessiert, daß es mir keine Ruhe ließ, bis ich ein
+Charakterlustspiel gemacht hatte.«
+
+»Was haben Sie gemacht?«
+
+»Ein Charakterlustspiel in einem Akt.«
+
+Der Direktor blinzelte mich an, was so aussah wie: »Spiegelberg, ich
+kenn dich!« -- aber er sagte:
+
+»Na, was für einen Gedanken haben Sie denn Ihrem Stück zugrunde
+gelegt?«
+
+»Daß reine Temperamente nicht nebeneinander existieren können, daß
+sie zu Zank und Streit kommen müssen, daß der gemischt-temperamentige
+Mensch der glücklichste ist.«
+
+Er brummte befriedigt und sagte: »Na, da legen Sie mir mal Ihr Heft
+vor.«
+
+Ich holte das Heft, und am selben Abend rief mich der Direktor aus dem
+Studierzimmer und sagte:
+
+»Spielen Sie das Stück. Aber nicht oben im Schlafsaal. Unten im großen
+Musiksaal. Ich werde es mir ansehen. Und die Herren Seminarlehrer laden
+Sie auch ein. Jetzt sagen Sie es den anderen; aber machen Sie es mit
+dem Indianertanz, der ja nun doch kommen wird, gelinde!«
+
+Es war wirklich ein prächtiger »Alter«, dieser Seminardirektor Ziron.
+Er wußte, daß wir ihn besiegt hatten, und lud uns zu dem Siegestanze
+selber ein.
+
+Vielleicht würde er die Erlaubnis aber nicht gegeben haben, wenn er
+geahnt hätte, daß Böttger und Heilgans in ihrem Enthusiasmus zu einem
+richtigen »Coiffeur« gingen, sich dort kunstgerecht schminken und
+zurichten ließen und dann -- Böttger als kahlköpfiger, dickbauchiger
+Gastwirt, Heilgans als Dorfpoet mit Vatermördern und wallender
+Haarmähne -- auf den Straßen Breslaus zum Erstaunen des Publikums
+lustwandelten. Die beiden Künstler erreichten glücklich das Seminar,
+ehe sie ein Schutzmann wegen Erregung von Straßenaufläufen und groben
+Unfugs einsperrte. Sie spielten am Abend glänzend. Mir als Autor
+schlug das Herz bis an den Hals vor Freude und Bewunderung. Das ganze
+Seminarlehrerkollegium, der Direktor an der Spitze, war erschienen,
+auch ihre Damen hatten die Herren mitgebracht. Und sämtliche
+Seminaristen waren da; darunter die Kritiker mit heimlich benutzten
+Notizbüchern. Böttger, als Phlegmatiker, klagte während des ganzen
+Stückes über seine »Beene, die ihm so weh täten,« und noch Monate
+später, ehe wir das Seminar überhaupt verließen, sagte der Direktor:
+»Böttger, ich wünsche Ihnen, daß Ihnen auf all Ihren Lebenswegen
+niemals die Beene weh tun mögen.« Aber auch die anderen leisteten
+Vorzügliches. Heilgans als melancholischer Dorfpoet erntete Stürme
+von Beifall. Das Endergebnis war: das Theaterverbot war endgültig
+aufgehoben.
+
+ * * * * *
+
+Heilgansens Geburtstag kam. Wir sagten ihm, daß wir zur Feier des Tages
+ein »Festspiel« geben wollten; er möge einen Wunsch äußern. Da wählte
+sich der Schalk -- die Venusbergszene aus dem »Tannhäuser«. Das ging
+etwas über die Kräfte des Königlichen Seminartheaters. Aber »gegeben«
+wurde der »Tannhäuser« doch. In einem Klavierzimmer, in dem auch
+Kleiderschränke standen. Musikmeister Liersch gab den Orchesterpart
+tadellos; Blasel war ein hellstimmiger Tannhäuser; dagegen rackerte
+sich der dicke Veith, der auf einem Strohsack lag, vergebens ab, eine
+verführerische Venus zu sein. Auch die »Nymphen« im Hintergrund waren
+unter der Kanone; der Naturbursche Scholz, der sich ebenfalls zu einer
+Nymphenrolle gedrängt hatte, hüpfte und sprang wie ein Waldschrat
+umher. Für Heilgans aber, den Gefeierten des Tages, war auf einem
+Kleiderschrank ein »Logenplatz« errichtet, auf dem er thronte. Von da
+oben sah er mit einem Operngucker interessiert auf die Bühne, und in
+der Pause »erging« er sich, indem er von einem Kleiderschrank auf den
+anderen stieg.
+
+Von seiner »Loge« aus hielt er auch eine Rede an die Künstler und das
+Publikum, in der er sagte: »Neunzehnmal habe ich den ›Tannhäuser‹
+gesehen; ganz genossen habe ich ihn aber erst heute.«
+
+ * * * * *
+
+Auch mein Geburtstag kam. An den Feueressen prangten große Zettel:
+»Festvorstellung. ›Magdalenens‹ Premiere in Posemuckel. Festspiel in
+zwei Akten von Arthur Heilgans«. Das Stück, das der alte Freund mir
+zu Ehren gedichtet hatte, spielte bei einer kleinen Theatertruppe in
+Posemuckel, der es erbärmlich schlecht ging und die sich durch eine
+wohlgelungene Aufführung der »Magdalena« (meines Erstlingsstückes)
+finanziell rettete. Am Schluß des Stückes kam der Laternenanzünder zum
+Direktor und sagte: »Herr Direktor, der Dichter ist in unserm Theater!«
+»Holt ihn,« rief der Direktor, »wir müssen ihm danken, daß er unser
+Theater aus schwerer Not errettet hat.«
+
+Und nun wurde ich -- der von allem keine Ahnung hatte -- auf die Bühne
+geholt, und ich erhielt meinen ersten Kranz. »Paul Keller zum 19.
+Geburtstag. Gewidmet von seinen Freunden.«
+
+Wenn ich mein ganzes Leben überschaue, ich weiß nicht viele
+Augenblicke, die so tief an mein Herz rührten wie jener. Ein
+betäubender Duft stieg aus dem Kranz, den ich in Händen hielt, in meine
+junge Seele. Heilgans und Böttger standen in ihren Kostümen neben mir.
+Aber als sie zu mir sprachen fiel alle Theaterei von ihnen ab; die
+ganze Treue ihrer Herzen, der ganze goldene Idealismus ihrer Jugend
+sprach aus ihren Worten.
+
+ * * * * *
+
+Ehe wir aus dem Seminar schieden, beschlossen Heilgans, Böttger und
+ich, uns photographieren zu lassen. Natürlich »in Kostüm«. Ich machte
+Pläne, Böttger auch, aber Heilgans sagte: »Nur der Faust' ist unser
+würdig. Wir werden uns nach dem Vorspiel zum ›Faust‹ photographieren
+lassen als Theaterdirektor, Theaterdichter und Lustige Person.«
+
+So taten wir. Neben dem blauen Bande des Kranzes, den ich damals
+erhielt und das noch heute an der Wand meines Arbeitszimmers hängt,
+bildet das Bild ein Erinnerungszeichen an jene schöne Zeit.
+
+Glückselige Zeit! Vielleicht brummt mancher Philister, wir hätten zu
+viel Zeit »vertändelt«. Er hat unrecht. Vieles, was ich als »unbedingt
+notwendig« in der Schule lernte, ist längst unter toter Asche
+versunken; aber was ich im jungseligen idealen Kunstdienst unseres
+Königlichen Seminartheaters erwarb, besitze ich noch jetzt.
+
+
+
+
+ In den Grenzhäusern
+
+ Erzählung aus den schlesischen Bergen
+
+
+Es war in meinen jungen Jahren. Alle Ferientage war ich oben in den
+Bergen, die ihren gewaltigen Grenzkamm zwischen Preußen und Österreich
+hinstrecken an die vierzig Meilen lang. Das ging immer hinüber und
+herüber in den dunklen Wäldern und langgestreckten Tälern, immer auf
+einsamen, zeigerlosen Wegen, daß man wirklich oft nicht wußte: Bist du
+nun noch im Vaterland oder bist du schon im »Ausland«? Denn das Volk
+ist hüben wie drüben -- derb, treuherzig, von derselben Tracht und
+Sprache und nimmt das Zweimarkstück an Stelle des Guldens diesseits wie
+jenseits.
+
+An einem trüben Sommerabend kam ich in die »Grenzhäuser«. Die
+Grenzhäuser lagen noch auf preußischer Seite an einem waldigen Abhang,
+über dem die Kammlinie aufstieg, an der diesseits das preußische,
+jenseits das österreichische Zollhaus stand. Drüben über dem Berge
+das erste böhmische Dorf hieß auch Grenzhäuser. Es war natürlich eine
+Gemeinde für sich und führte den gleichen Namen nur aus dem einzigen
+Grunde, weil es eben schwer ist und verdrießliches Kopfzerbrechen
+macht, immer neue Ortsnamen zu erfinden. In den preußischen
+Grenzhäusern bestand seit alter Zeit ein Gasthaus, das auf den Namen
+»Der rote Hahn« getauft war; als viel später in den österreichischen
+Grenzhäusern auch ein Wirtshaus entstand, nannte es sein Besitzer »Der
+blaue Hahn«, weil er ein wenig neuerungssüchtig veranlagt war.
+
+Im »Roten Hahn« kehrte ich an jenem Sommerabend ein. Ich war sehr
+durstig und verlangte ein Glas Bier. Der biedere Wirt betrachtete
+mich und meine grüne Jugend, schüttelte den Kopf und sagte: »Trink du
+lieber a Glas Puttermilch, mei Jüngla; Bier ies fer dich zu stork.« Ich
+ärgerte mich sehr über diese Ansprache; denn ich hielt mich bereits für
+einen jungen Herrn, aber ich bekam nichts anderes als Buttermilch. Eine
+Weile darauf kam der Wirt wieder an mich heran und forderte mich auf,
+eine rotscheckige Kuh suchen zu helfen, die sich in den Wäldern verirrt
+habe. Innerlich war ich empört und sagte mir, es sei eine Frechheit,
+einen zahlenden Touristen also zu behandeln; denn was ginge mich die
+rote Kuh des Wirts an; äußerlich machte ich aber nur eine abgespannte
+Miene und sagte: Ach, ich sei so weit gegangen an diesem Tag und sehr
+müde. Da faßte mich der herkulische Mann an der Schulter: »Na marsch,
+marsch, tu ni erscht so stupide und zimperlich!« und schob mich zur
+Tür hinaus. Es nutzte nichts, ich mußte dem barfüßigen Hüterjungen und
+einer Magd die verlorene rote Kuh suchen helfen. Ich tat es mit tiefem
+Ingrimm und beklagte es, in eine so barbarische Gegend geraten zu sein.
+Aber wir hatten Glück. Als wir gerade auf die Suche gingen, und zwar
+nach einem wohlerwogenen Kriegsplan, der Hüterjunge nach Norden, die
+Magd nach Süden und ich nach Westen, kam die Kuh von der Ostseite her
+angetrabt und meldete sich mit einem donnernden Gebrüll zur Stelle.
+
+»Na siehste,« sagte der Wirt belehrend zu mir, »wenn man nur die Arbeit
+nich scheut, bringt se immer ihren Segen.«
+
+Zum Abendbrot bekam ich ein neues Glas Buttermilch, einen Berg von
+Bratkartoffeln, Butter, Brot, Wurst und Käse vorgesetzt.
+
+Das fand ich nun recht anständig, aber ich dachte an die Kostenrechnung
+und sagte, so viel könne ich nicht essen. Da nahm mich der Wirt unter
+die Arme, hob mich ein paarmal in die Höhe und sagte verächtlich:
+
+»Neunzig Pfund hechstens wiegt die Borste. Wie alt bist du denn nu
+schon?«
+
+»Achtzehn Jahre,« sagte ich. »Ich besuche das Breslauer Seminar und bin
+schon im zweiten Kursus.« Ich dachte, das würde dem Mann imponieren,
+aber es war leider nicht der Fall.
+
+»Miserabel siehste aus,« sagte er; »wahrscheinlich haste de
+Schwindsucht.«
+
+Ich sagte dem Gemütsmenschen beklommen, daß ich zwar ein wenig mager,
+aber ganz gesund sei. Das glaubte er aber nicht, sondern meinte:
+
+»Das is ja eben das Gutte bei sulchen Leuten, daß se selber nich
+wissen, wie's um se steht. Meine Schwägerin, die hat's nich geglobt,
+daß se de Schwindsucht hätte, bis se tot war. Die sah grade su aus.«
+
+Mir wurde plötzlich ganz übel, und ich ließ mutlos den Löffel sinken.
+
+»Ich hab' keinen Appetit mehr,« sagte ich leise.
+
+»Das is bluß wegen deinem verknuchten Gelabere,« fuhr nun die rundliche
+Wirtin ihren Mann an; »su einem jungen Blutte su an elendiglichen
+Quatsch vorreden, das is ja a reenes Verbrechen! Junger Herr, hör'n Se
+bloß nich uff den alen Esel, der weeß nich, was a labert.«
+
+»Nanu,« sagte der Wirt betroffen, steckte die Hände in die Hosentaschen
+und sah immer verwundert zwischen mir und seinem Weibe hin und her.
+»Was -- was hab' ich denn etwa verbrochen?«
+
+Die Wirtin stand kirschrot vor ihm.
+
+»Wenn eener wirklich -- nee, nee, du bist ja zu a tummes Luder!«
+
+Sie faßte ihn am Arme und zog ihn hinaus. Ich blieb trübselig hinter
+dem reichbeladenen Abendbrottisch sitzen. Nach etwa zehn Minuten kam
+der Wirt wieder herein. Er kratzte sich hinter den Ohren, machte eine
+sehr verlegene Miene und sagte kopfschüttelnd:
+
+»Meine Ale is zu komisch. Do denkt se nu, Sie könnten denken, ich
+hätt's ernste gemeent. Nu, du müßt ich ju -- do müßt' ich ju wirklich
+a aler Labersack erster Klasse sein, wenn ich ei'm Menschen wie Sie
+sulches Zeug vorredte. 's war doch bluß Spoß. Denn Sie sein ju wie
+Milch und Blutt -- und Gewichte haben Sie -- schwer leck -- ich hab' Se
+kaum erheben können -- und Muskeln ha'n Se und zu a Suldaten werden Se
+komm', a storker Kerl sein Se!«
+
+»Du laberst ja schun wieder,« kam die Wirtin zur Tür hereingefahren;
+»denn das globt a doch jitzt nich. Do merkt a doch, wie der Hase
+leeft.«
+
+»Ich sag' überhaupt nischt meh,« sagte der Wirt und setzte sich
+beleidigt in einen Winkel.
+
+»Das is ooch viel besser,« entgegnete ihm die Gattin. »Und Sie, junger
+Herr, machen Se sich nischt draus. Essen Se immer recht tüchtig und
+sein Se viel ei freier Luft, do kriegen Se im Läben keene
+Schwindsucht.«
+
+»Ganz dasselbe, was ich von Anfang an gesat ha,« brummte der Mann im
+Winkel.
+
+Dann wurde es still.
+
+Nach einer Weile fragte mich die Wirtin, ob ich noch ein Glas
+Buttermilch wünschte. Ich dankte. Der Wirt fuhr höhnisch lachend empor.
+
+»Puttermilch! Nischt wie Puttermilch! Davo kriegt eener freilich keene
+Schwindsucht. Aber die Cholera kriegt a! -- Das is doch kee Junge meh,
+das is doch a Herr. Eener, der schon im zweeten Seminar is. Fer den
+paßt keene Puttermilch, fer den paßt a Seidel Bier!«
+
+Er brachte zwei Gläser Bier und lud mich ein, mit ihm auf der Bank vor
+der Haustür Platz zu nehmen.
+
+Das war der Anfang meiner Freundschaft mit dem Roten Hahnenwirt
+Heinrich Hollmann, einer Freundschaft, die noch heut besteht.
+
+ * * * * *
+
+Der Abend war still und trüb. Es war, als hätten alle Bäume in
+schlaffer Trägheit die Köpfe geneigt. Der Nebel stieg langsam und
+müd vom Tale auf, über dem Kammweg lag ein fahler Schein, gelb wie
+Laternenlicht. Am Waldrand huschte eine Eule, sonst regte sich nichts.
+
+»Das wird eine gute dunkle Nacht,« sagte der Hahnenwirt. Dann fing er
+an, mir Schmugglergeschichten zu erzählen, eigentlich die einzige Art
+von Geschichten, die er in den Grenzhäusern erleben konnte.
+
+»Die die Schmuggler für schlechte Leute halten,« sagte mein neuer
+Freund, »sein alles tumme Kerle. Die wissen eben nich, wie's hier
+zugeht. Das bissel kleener Grenzverkehr rüber und nüber macht keen
+Staat arm oder reich. Da lohnt sich der ganze Sums mit den Grenzjägern
+nich. 's is olles Quatsch.«
+
+»Aber es wird doch manchmal einer erschossen,« wandte ich ein.
+
+»Erschussen? Ja, Schmuggler -- Grenzjäger nich! Da könn' Se lange
+suchen, eh Se een erschuss'nen Grenzjäger finden. Nu ja, 's is mal a
+schlechter Kerl drunter, wie 's halt ieberoll schlechte Kerle gibt;
+aber sunst sein de Schmuggler ehrenwerte Leute. Orme Teifel sein's, die
+sich amal a paar Pfennige schwer genug verdien'. Wovon soll'n se denn
+leben hier in diesen Bergen?«
+
+»Sie sind wohl auch ein Schmuggler?« frage ich harmlos.
+
+Aber da fuhr er auf.
+
+»Jüngla,« sagte er, »nimm dich in acht, sunst hau ich dir eene runter.
+Beleidigen loß ich mich nich!«
+
+Ich erschrak über diesen Entrüstungsausbruch und stammelte eine
+Entschuldigung, setzte auch beschwichtigend hinzu, daß ich selbst schon
+Kleinigkeiten für den eigenen Bedarf geschmuggelt hätte.
+
+Da knurrte er:
+
+»Wer hier in der Gegend nich schmuggelt, is blödsinnig!«
+
+Später, viel später war einmal der Deutsche Kaiser im
+schlesisch-böhmischen Grenzgebirge. Es wurde ihm ein Glas böhmischen
+Weines vorgesetzt. Er trank ihn und sagte: »Na prosit -- geschmuggelt
+ist er ja sicher!« Und lachte.
+
+An jenem Abend aber griff ich in die Tasche, zog einen Papierbeutel
+heraus und bot meinem Gastfreund eine Zigarre an. Der sah mich
+betroffen an.
+
+»Der Junge roocht,« sagte er, »und hat doch de ...«
+
+»Ich hab' nicht die Schwindsucht,« unterbrach ich ihn. »Nehmen Sie
+nur.«
+
+»Österreicher,« sagte er anerkennend, als er die Marke prüfte, »seht
+amal die Borste an! Na, wenn sich das bluß mit dem Biere und der
+vielen Puttermilch verträgt.«
+
+Dann rauchten wir und schwiegen. Ein Mann stieg vom Kammweg herunter,
+den ich nach einiger Zeit als einen Grenzjäger erkannte.
+
+»Da kommt ein Grenzer.«
+
+»Ja,« meinte Hollmann, »eener, der noch Durst hat. Es is Wenzel
+Hollmann von der andern Seite.«
+
+»Ist er verwandt mit Ihnen?«
+
+»Weil er Hollmann heeßt? Ach, keene Spur. Hier heeßen drei Viertel von
+allen Leuten Hollmann oder Liebich. Wu sull'n ooch immer die neuen
+Namen herkummen!«
+
+Wenzel Hollmann, ein geschmeidiger Mann in knapper österreichischer
+Uniform, setzte sich zu uns und trank drei oder vier Gläschen
+Wünschelburger Kornbranntwein. Seine Dienstkappe legte er neben sich
+auf die Bank. Es stak ein winziges Sträußchen daran.
+
+»Immer hat a a Puckettel[1] an der Mütze,« sagte der Hahnenwirt; »'s is
+halt a schneidiger Kerl.«
+
+»Na, du weißt doch, daß mir das immer die Kinder vom Blauen Hahnen
+dranmachen. Und du putzest mich ja selber oft aus,« entgegnete der
+Grenzer.
+
+Der Rote Hahnenwirt lachte aus vollem Halse.
+
+»Ja, denkst du, der Rote steht gegen den Blauen zurücke? Putzt der
+Blaue seine Kunden, putzt der Rote erst recht seine Kunden.«
+
+Er entfernte das Sträußchen, das aus drei Stengelchen Rosmarin
+und einem gelben Hahnenfuß bestand, brach vom Gartenzaun zwei
+Heckenröslein, pflückte vom Beet eine rote Nelke und befestigte sie an
+der Kappe des Grenzers.
+
+»Der Rote Hahn läßt sich von der Konkurrenz nischt vormachen,«
+sagte er.
+
+Der Grenzer lächelte ein wenig geschmeichelt und ging bald darauf
+davon.
+
+Der Hahnenwirt lachte leise hinter ihm her. Dann sagte er:
+
+»Na, Jüngla -- junger Herr -- ich sollt's ja eegentlich nich
+verraten, aber Se werden ja nischt ausmähren -- Se haben ja selbst
+schon geschmuggelt -- na, und da soll'n Se gleich amal a rechtes
+Schmugglerstückel zu sehn kriegen. Wissen Se, was das bedeutet?«
+
+Er nahm die Rosmarinstengel und den Hahnenfuß auf, die der Grenzer
+dagelassen hatte.
+
+»Also passen Sie auf. Das, was ich hier in der Hand hab', is 'ne
+Geschäftsbestellung. Und zwar eene vom Blauen Hahnenwirt drüben. Der
+Hahnenfuß bedeutet a Faß Butter, und die Rosmarinstengel bedeuten drei
+Pfund Schokolade. Die soll ich nu nach drüben liefern.«
+
+»Und das bringt der Grenzer?« rief ich überrascht.
+
+»Jawull, der Grenzer! Der is der zuverlässigste Bote. Der tumme
+Kerl hat natürlich keene Ahnung, daß a unsern Briefträger macht.
+Ich hab', wie Se gesehn haben, gleich meine Gegenbestellung beim
+Blauen Hahn gemacht: eine rote Nelke, das is a Fässel Roter, und zwee
+Heckenröslein, die bedeuten zwee Flaschen gezehrten Oberungar. Das
+trägt a nu wieder rüber; denn a pendelt immer zwischen uns beeden hin
+und her.«
+
+»Das ist großartig ausgedacht!« rief ich begeistert.
+
+»Ja, Kupp muß ma haben,« sagte der Hahnenwirt stolz. »Wir haben
+'ne ganze Liste ausgearbeit'. Klee z. B. bedeutet Slibowitz,
+Jelängerjelieber bedeutet Virginiazigarren, Fette Henne
+versinnbildlicht 'ne Tonne ungarisches Schweineschmalz, Flachs is
+natürlich Leinwand, Männertreu sind Hosenträger, Rosen Stoff für seidne
+Blusen und 'ne kleine Distel is 'n Sack Salz. Eine volle Getreideähre
+heißt: Ich bitte um die Rechnung; eine leere Ähre aber bedeutet: Wart
+noch a bissel, hab' jetzt gerade keen Geld.«
+
+»Es ist genial,« flüsterte ich voll Bewunderung.
+
+»Ja, junger Herr,« sagte der Hahnenwirt, »wenn Se immer hier wären,
+könnten Se noch a ganz gescheiter Kerle werden ...«
+
+»Der Wenzel Hollmann scheint mir grade kein sehr tüchtiger Grenzjäger
+zu sein,« wandte ich nach einer Weile ein.
+
+»Der -- nicht tüchtig? Oho! Ein Satan is a. Unsere Preußen sind viel
+langsamer, se haben zu dicke Bierbäuche, aber der dürre Windhund von
+Österreicher, der geht Tag und Nacht rum und hat beinah schon die ganze
+Gegend erwischt.«
+
+»Hat er Sie auch schon einmal erwischt?« fragte ich.
+
+»Mich? Ich bin keen Schmuggler,« brauste er wieder auf; doch dann
+setzte er hinzu: »Unsere Leute, ich meine die, die so die Ware zwischen
+mir und meinem Blauen Kollegen drüben hin- und herschaffen, die hat a
+freilich schon ziemlich ofte erwischt -- der Lump der!«
+
+Er schnob vor Ingrimm.
+
+»Dreimal mehr Strafe haben wir schon blechen müssen, als der ganze
+Handel einbringt. Aber Geschäft is Geschäft. Blödsinnig müßt' ma
+sein, wenn ma nich schwärzte. Und geleimt wird a doch! Das haben
+Sie ja gesehen, wie a geleimt wird. So a Spaß schwemmt ollen Ärger
+weg. Der größte Hauptkerl aber, den a noch nie erwischt hat, das
+is der Wassermüller Liebich unten in a Talhäusern. Das is so a
+Mordsteufelskerl, der würd' nicht erwischt, und wenn der deutsche und
+der österreichische Kaiser selber uf die Grenzwache zögen.« Nach diesem
+starken rednerischen Trumpf rieb sich Heinrich Hollmann vergnügt die
+Hände.
+
+»Das Dollste is,« fuhr er fort und er lachte mit so tiefem Vergnügen,
+daß man merkte, wie die Freude aus dem untersten Herzen kam; »das
+Dollste is, daß der Liebich dem Wenzel Hollmann die eegne Liebste
+weggeschmuggelt hat. Das verwindet der Windhund sein Lebtag nich.«
+
+»Möchten Sie mir das erzählen?«
+
+Er schielte mich von der Seite her an.
+
+»Für Liebesgeschichten biste noch a bissel zu grün,« sagte er. Aber er
+erzählte, und erzählte zum Teil hochdeutsch.
+
+»Also -- da war a Mädel drüben -- Franziska -- 's hübscheste Mädel
+im ganzen Gebirge. Alle war'n in se verschossen -- alle -- alle ohne
+Ausnahme, hüben wie drüben. Am dollsten aber waren der Grenzjäger
+Wenzel und der Wassermüller Liebich in die Franziska verliebt. Also,
+die beiden waren schon total verrückt um die Köppe. Je mehr se nu
+aber auf das Mädel spannten, desto mehr hatten se natürlich uff
+einander 'ne grenzenlose Wut. Wenn se sich bloß sahen, wurden sie
+grün im Gesichte. Am schlimmsten war's natürlich uff 'm Tanzboden.
+Da wundert man sich noch heute, daß da nich amal a Unglück geschehen
+is. Se überboten sich, wo se konnten. Hatte der Wenzel 'ne neue
+Extrauniform, kaufte sich der Liebich 'n neuen schwarzen Anzug, 'n
+Patent-Gummikragen und bunte Manschetten; wie sich der Wenzel in
+eener Auktion 'n Zwicker gekauft hatte, durch den a zwar nich sehen
+konnte, in dem a aber sehr studiert aussah, schaffte sich der Liebich
+'ne Meerschaumspitze an, obwohl ihm jedesmal schlecht wurde, wenn
+a roochte. Der Wenzel machte Schulden über Schulden und koofte der
+Franziska in eenem Jahre alleine sieben Granatbroschen; der Liebich
+schenkte ihr 'n goldnen Fingerring mit ei'm Garantieschein, daß er
+binnen drei Jahren nich schwarz würde. Und so ging's weiter, es waren
+eben, wie gesagt, ganz verrückte Kavaliere. Da versuchte es der Wenzel
+mit was anderem. A schmiß sich so heftig uff seine Berufsarbeit,
+daß a binnen kurzem neun Schmuggler erwischte und 'ne schriftliche
+Belobigung kriegte. Damit hob a sich nu bei der Franziska ein; denn
+das is wahr: nischt gefällt ei'm Mädel an ei'm Kerl besser, als wenn a
+Schneid hat. Das is, weil die Weiber selber su feiges Gelichter sind.
+Also, der Liebich fängt schon an, mitsamt seiner Meerschaumspitze
+sachte hinten runterzurutschen -- da wird a plötzlich a Schmuggler.
+A bringt der Franziska allerhand feine Geschenke, mal 'ne kleine
+Tonne grüne Heringe, mal 'n Viertelzentner Viehsalz, und a sagt immer
+dazu, daß a am liebsten in Wenzels Amtsstunden schmuggelte, weil das
+der dämlichste Grenzjäger von ganz Österreich wäre. Der Wenzel wurde
+halb verrückt vor Wut. A schlief nich mehr, a lag Tag und Nacht uff
+der Lauer, a saß amal von Mitternacht bis Morgens uff eenem Baume in
+strömendem Regen, und wie's endlich Tag wurde, hatte ihm der Liebich,
+ohne daß er was gemerkt hätte, 'ne Flasche Pain-Expeller unter den
+Baum gestellt, weil Pain-Expeller gutt is gegen Rheumatismus. Das ganze
+Gebirge lachte, und wie der Wenzel mit seinem Belobigungsbriefe und
+eener seidnen Schürze das nächste Mal zur Franziska kam, merkte er, daß
+es Essig war. Sie hatte sich für a preißischen Liebich entschieden.
+Aber ihre Mutter war für a östreichischen Wenzel. Und da setzte es der
+Wenzel durch, daß a, wie ich amal 'ne Entenkirmes mit Ball machte,
+mit der Franziska über die Grenze rüberkommen konnte. A hatte sich
+für schweres Geld 'n geschlossenen Glaswagen gemietet. Weil sich's nu
+aber nich schickte, daß a bei dem Mädel im Wagen saß, setzt a sich
+manierlich neben a Kutscher, und im Wagen saß die böhmische Jungfer.
+Wie se ans deutsche Zollhaus kamen, war's schon dunkel; denn es war im
+späten November. Der Wenzel stieg ab und sagte der Jungfer im Wagen,
+er hätte vier österreichische Zigarren zu verzollen. Damit wollt' a
+zeigen, was für a gewissenhafter Mensch er wär', und sich bei der
+Franziska einheben. Wie er aus 'm Zollhaus wieder rauskommt, setzt'
+a sich gleich wieder auf 'n Bock, und die Fahrt ging weiter. Herr,
+du meine Güte, wie se hier im ›Roten Hahn‹ ankamen, saß in dem Wagen
+'ne Strohpuppe, und die Franziska war verschwunden. Die tanzte drüben
+mit 'm Liebich bei der österreichischen Konkurrenz. Der Kutscher, der
+mit 'm Liebich im Komplott gewesen war, kriegte zwar vom Wenzel a
+paar gesalzene Ohrfeigen, aber -- mit der Franziska war's aus. Sechs
+Wochen drauf heirat' se a Liebich. Kurz vorher hatte se von den sieben
+Granatbroschen zweie an a Wenzel zurückgeschickt. Su sein die Weiber!«
+
+Der Rote Hahnenwirt machte eine Pause in seiner Erzählung, zündete sich
+die Zigarre neu an und lachte leise und philosophisch vor sich hin.
+
+»Su sein die Weiber!« wiederholte er. »Mir is es ooch erst mit der
+Fünften geglückt. Und fünf is für mich 'ne Unglückszahl.«
+
+Er ließ wehmütig den Kopf hängen; aber bald lachte er wieder und
+erzählte weiter.
+
+»Der Liebich trieb's nu ganz toll. Kurz vor seiner Hochzeit erzählte
+er in Wenzels Gegenwart im Gasthause, seine Schwiegermutter müsse
+doch jetzt Kuchen backen, und da wolle er ihr ein Faß Butter aus dem
+Preußischen hinüberschaffen. Das war nu der Gipfel der Frechheit.
+Wenzel, der Grenzjäger, der sowieso mit verglasten Augen und hohlen
+Backen rumlief, lauerte von nun an Tag und Nacht. Zwar mit der
+Franziska war er fertig; aber den Kerl -- den Lump -- den Teufel --
+reinzulegen, das wär' für ihn das Allerhöchste gewesen. Und richtig
+-- a erwischt ihn. In der Silvesternacht -- 's war 'n Hundewetter --
+erwischt der Wenzel a Liebich uff eenem entlegenen Seitenwege mit ei'm
+Faß Butter. Aus einem Graben, direkt aus der Schneejauche heraus,
+springt er ihn an.
+
+»Wo is der Zollschein?« schreit er.
+
+Liebich, der sonst ein starker Kerl is, is so erschrocken, daß a lallt
+und stammelt wie a Kind.
+
+»Ich hab' -- ich hab' -- die Putter -- die Putter -- verzollt ...«
+
+Er sucht in allen Taschen.
+
+»Wo ist der Zollschein?«
+
+Liebich dreht alle Taschen um, immer wieder, immer wieder -- er sucht
+wie verrückt nach 'm Scheine.
+
+»Ich -- ich hab'n verloren ...«
+
+Wenzel lacht hämisch.
+
+»Wenzel, mach' mich nich unglücklich.«
+
+Liebich sinkt geknickt auf seine Karre. »Hab' Erbarmen, Wenzel, laß
+mich laufen ...«
+
+»Marsch, nach dem Zollamt!«
+
+»Hab' Erbarmen, Wenzel ...«
+
+»Nichts da! Vorwärts marsch, oder ...«
+
+»Wenzel, denk' an de Franziska -- mach se nich unglücklich wegen den
+paar Pfund Putter ...«
+
+»Vorwärts! Die Karre aufnehmen und -- marsch vor mir her. Bei
+Fluchtversuch kriegst 'ne blaue Bohne zwischen die Rippen!«
+
+»Erbarm dich, Wenzel -- erbarm dich über mich und de Franziska ...«
+
+Der Grenzer hebt das Gewehr. Da nimmt der Liebich die Karre auf.
+Aber er läßt sie wieder fallen. Es wird ihm schlecht -- er muß sich
+hinsetzen -- alle Glieder zittern ihm -- es würgt ihn ...
+
+»Ich glaub' -- mich hat -- der Schlag gerührt -- mir is so schlecht!«
+
+Liebich is kaum imstande, sich wieder aufzurichten. Den schweren
+Schubkarren zu stoßen, is ihm ganz unmöglich. Er faßt immer nach 'm
+Herzen. So muß der Grenzer schließlich selber zugreifen. Er schiebt
+den Karren, und Liebich muß drei Schritt vor ihm her gehen. Wollte er
+ausreißen, wär's sein Tod. So geht's den steilen Berg hinauf. Der Weg
+is glitschig; das Wetter is schauderhaft -- Wind und Regen schlagen
+den beiden ins Gesicht. Der Grenzer schwitzt und kann's kaum noch
+ermachen. Aber er muß den Karren schieben; denn der Liebich is ganz
+hin. Taumelig geht er vor ihm her. Immer wieder mal sagt er:
+
+»Wenzel, ich bitt' dir alles ab, was ich dir angetan hab' -- aber laß
+mich laufen -- tu's uns nich an!«
+
+Der andere hört nicht darauf.
+
+Und nu kommt's.
+
+Wie sie den Berg rauf sind, bis zur Chaussee und nich mehr weit zum
+Zollhause haben, greift der Liebich uff eenmal in de Westentasche und
+sagt ganz gemütlich: »Na, da hab' ich ihn ja!«
+
+Und a bringt einen richtigen Zollschein raus. A hatte die Putter
+richtig verzollt. Der Grenzer, der kaum noch schnaufen kann, steht wie
+versteinert vor ihm, und Liebich lacht und sagt:
+
+»Ich dank' dir ooch, Wenzel, daß du mir die schwere Karre auf 'n Berg
+geschoben hast. Bist halt doch ein gutter Kerl, Wenzel! Von der Putter
+back' wir nu Hochzeitskuchen. Sollst 'n Stickel davon kriegen.«
+
+Der andere is nu nahe am Ersticken gewest, aber der Liebich hat
+gemeint:
+
+»Ich hab' dir's doch von vornherein gesagt, daß ich die Putter verzollt
+hatte. Und wenn ~ich~ dir was sag', kannste es doch glauben.«
+
+Hat die Achseln gezuckt, is plötzlich wieder ganz bei Kräften gewest
+und hat seinen Karren auf der Chaussee gemütlich weitergefahren. Und
+der Wenzel hat sich an einen Baum anhalten müssen und hat laut geheult
+vor Wut und Scham, wie ihn der andere geäfft hat. A hat mir amal
+erzählt, a hätt' ihn totschießen wollen, aber der liebe Gott hätte ihn
+vor der Sünde bewahrt. Aber er hat 'n tödlichen Haß uff a Liebich, und
+das nehm' ich ihm ooch nich übel.«
+
+Soweit ging die Erzählung des Roten Hahnenwirtes.
+
+ * * * * *
+
+Es war unterdes dunkel geworden, und wir gingen schlafen. Von meiner
+Giebelstube aus sah ich noch ein wenig hinaus auf die dunklen
+Waldberge. Wer weiß, wo der Wenzel jetzt lag mit der Flinte im Arm und
+auf das menschliche Wild lauerte, das sich scheu und verstohlen durch
+die schwarzen Waldgänge schlich und auf jeden Laut lauschte, auf jedes
+Zeichen Obacht gab, das ein nahes Verderben anzeigen konnte. Und wie
+ich noch so hinaussah, passierte ein Schmugglerstück dicht vor meinen
+Augen.
+
+Ein Mann mit einem Schubkarren tauchte aus dem Dunkel auf. Er klopfte
+leise an einen Fensterladen. Der Hahnenwirt kam aus dem Hause, spähte
+erst nach allen Seiten, verhandelte mit dem Mann im Flüsterton und
+belud dann seinen Karren mit einem Faß und einem kleinen Paket.
+
+Der Hahnenfuß und die drei Stengel Rosmarin!
+
+Das ging nun hinüber über die Grenze nach dem »Blauen Hahn«. Ich war
+so aufgeregt, daß ich noch nicht schlief, als die Wirtsstubenuhr unten
+die elfte Stunde klirrte. Nicht lange darauf klopfte es unten an die
+Tür. Ich fuhr rasch in die Kleider; denn wo hätte ich junger Bursch ein
+Geschehnis in dem alten Schmugglerhaus verpassen wollen. Ich schlich
+die Treppe hinab und duckte mich in einen Winkel. Hollmann kam mit
+einer Laterne angeschlürft und fragte, wer draußen sei.
+
+»Liebich -- der Wassermüller Liebich!« antwortete eine tiefe Stimme.
+
+Mir pochte das Herz. Der Müller Liebich, der war ja der berühmte
+Schmuggler, der Gegner Wenzels, des Grenzers. Da öffnete der Wirt die
+Tür. Ein kräftiger Mann stand draußen.
+
+»Nanu, Liebich, willst du was über die Grenze schaffen?«
+
+»Ja,« sagte der andere, und seine Stimme war ganz heiser. »Meine --
+meine Frau will ich rüberschaffen.«
+
+»Deine -- Frau?«
+
+Liebich lehnte sich an den Türpfosten.
+
+»Sie is gestorben,« sagte er tonlos. »Die Leiche will ich
+rüberschaffen. Da liegt sie.«
+
+Er wies auf ein Wägelchen, das draußen im Dunkel stand.
+
+»Liebich,« rief der Hahnenwirt, »du redst wohl irre? Du wirst doch mit
+sowas keen Allotria treiben!«
+
+»Komm raus,« sagte der andere. Der Hahnenwirt ging hinaus, und ich
+folgte, ohne daß mich jemand bemerkte. Liebich hob eine Decke von
+dem Wägelchen auf. Darunter stand ein Sarg. Tiefinnerlicher Schmerz
+schüttelte den Mann so, und er weinte so stoßweise, so bitterlich, daß
+der ganze furchtbare Ernst klar war.
+
+»Wann -- wann is se denn ...«
+
+»Vorgestern. Wir haben das erste Kind gekriegt. Nach sechs Jahren. Das
+Kind lebt -- die Franziska is tot.«
+
+»Und nu willst du sie rüberschaffen? Nach Hause?«
+
+»Ja, sie wollte drüben begraben werden.«
+
+»Und warum bringst du sie denn in der Nacht?«
+
+»'s macht sonst zu viel Schererei, wenn man eine Leiche über die Grenze
+haben will. Is se aber erst amal drüben, wird se ooch drüben begraben.«
+
+Liebich wollte die Leiche seiner Frau über die Grenze schmuggeln. Er
+konnte wohl gar nicht anders; sein ganzes Denken war so eingerichtet,
+daß ihm ein Verhandeln mit Grenzbehörden ganz ausgeschlossen schien.
+Müde setzte er sich auf die Bank, auf der ich vorhin mit Hollmann
+gesessen hatte.
+
+»Ich wollt's alleine schaffen,« sagte er, »aber ich kann nich. Die
+Kräfte verlassen mich.«
+
+Was er dem Feinde gegenüber früher einmal geheuchelt hatte, war jetzt
+bitterster Ernst geworden.
+
+»Du mußt mir helfen, Hollmann; ich ermach's nich alleine.«
+
+Der Gastwirt erholte sich von seiner Bestürzung; dann versprach er, dem
+Freunde zu helfen. Jetzt erblickte er auch mich und schnob mich wohl
+erst zornig an; aber nach einigem Hin und Her erlaubte er mir sogar,
+mich dem kleinen traurigen Zug anzuschließen.
+
+Die Leiche einer jungen Frau und Mutter auf einem kleinen wackeligen
+Wägelchen, vorn an der Deichsel der leise schluchzende Mann, hinten,
+den Karren schiebend, Hollmann und ich, so ging es langsam den Bergweg
+hinauf. Ein müder Nachtwind surrte durch die Bäume, ein feiner Regen
+rieselte vom Himmel. Was war das für eine traurige Fahrt! Und doch
+pochte mir das Herz in ungewohnten Schauern, und die Wangen brannten
+mir viel mehr von der Aufregung als von der Anstrengung.
+
+Bei einer Wegbiegung blieben die Männer halten und lugten nach der
+Höhe. Ein Licht brannte dort oben, wohl in dem Häuslein irgend eines
+Webers oder kleinen Bauern.
+
+»Die Straße ist sicher!« sagte Hollmann; denn das Licht war ein Signal
+für die Schmuggler, daß kein Grenzer auf dem Wege war, es war wie ein
+Leuchtturm für die Gefährdeten unten im dunklen Waldmeer.
+
+Liebich legte sich mit dem ganzen Oberkörper auf den Sarg und fing
+wieder an zu weinen. Er preßte den Kopf an das harte Holz, das sein
+Liebstes umschloß, er küßte den Sarg, er umklammerte ihn mit den Armen.
+
+Es dauerte eine geraume Weile, ehe wir wieder weiterfuhren. Den
+Zollhäusern wichen wir auf einem Nebenwege aus. Als wir aber jenseits
+der böhmischen Station waren, erlosch plötzlich das Licht am Berge.
+
+Die Männer blieben stehen und lauschten.
+
+Wir waren in Gefahr.
+
+»Vorsicht!«
+
+Wir hielten an. Liebich schnaufte tief und grimmig auf. »Nich amal die
+Toten lassen se ihres Weges ziehen!«
+
+Dann legte er den Finger an die Lippen. Das Wägelchen mit dem Sarge
+stand ganz am Rande der Straße. Liebich drückte sich an einen Baum, und
+Hollmann zog mich leise hinter den Sarg. Dort kauerten wir uns nieder.
+
+Minuten vergingen. Sacht und fein rieselte der Regen. Die Berglehne
+stieg schwarz gegen den Nachthimmel empor. Mich fror. Da huschte
+Liebich unhörbar die Straße entlang auf eine Brücke zu. Ich sah, wie er
+darunter verschwand.
+
+»Was macht er?« fragte ich kaum hörbar.
+
+»Ruhig!« brummte der Gastwirt ziemlich laut. »A sucht die Brücke und a
+Graben ab. Da stecken se meist -- und nu nich immerfort reden, sonst
+...«
+
+»Halt!«
+
+Wie aus der Erde herausgeschossen, stand ein Mann vor uns. Wenzel
+Hollmann -- der Grenzjäger war es. Er hatte die Flinte unter dem Arm.
+
+»Halt! -- Wer seid Ihr?«
+
+Er trat näher.
+
+»Der Hahnenwirt,« sagte er betroffen. »Was machen Sie hier? Was ist das
+für ein Sarg?«
+
+Der Wirt war fürchterlich erschrocken, aber er wollte sich's nicht
+merken lassen und sagte in schwerem Mißmut:
+
+»Wenzel, Sie kennen mich! Sie wissen, daß ich der ehrlichste Mann im
+ganzen Gebirge bin, der noch nie daran gedacht hat, das Allergeringste
+zu schmuggeln. Also, lassen Se mich in Ruhe und gehen Se Ihres Weges.«
+
+»Was ist das für ein Sarg?« wiederholte der Grenzjäger statt aller
+Antwort seine Frage. Er trat heran und wollte die Decke, die nur das
+Kopfende des Sarges freiließ, entfernen.
+
+Da kam ein gurgelnder Laut von der Brücke her.
+
+»Laß den Sarg stehen! Geh weg vom Sarg, du verfluchter Spürhund!«
+
+Liebich raste heran.
+
+»Ich schlag' dich tot, wenn du den Sarg anrührst!«
+
+»Was ist in dem Sarge?« fragte der Grenzer mit eiskalter Stimme.
+
+»Das geht dich nichts an!«
+
+»Was ist in dem Sarge?«
+
+Der Grenzer hob die Flinte. Da mengte sich der Gastwirt ein.
+
+»Schieß' nicht, Wenzel -- Liebichs Frau liegt in dem Sarg -- die
+Franziska ...«
+
+Der Grenzer ließ die Flinte sinken.
+
+»Die Franziska?« fragte er betroffen. »Ist sie gestorben?«
+
+»Es geht dich nichts an,« brummte Liebich.
+
+Da fing der Grenzjäger jäh an zu lachen.
+
+»Oho, Brüderlein, es geht mich wohl was an! Es geht mich sehr viel an.
+Ein neuer Sarg ist auch steuerpflichtig und außerdem -- deine Frau
+liegt ~nicht~ in dem Sarg!«
+
+»Nicht in dem Sarg?« wiederholte der Hahnenwirt verwundert. Auch ich
+machte große Augen.
+
+»Es ist einer von den ekelhaftesten Schmugglertricks,« fuhr der Grenzer
+fort, »einen Sarg zu benutzen, um Waren zu schwärzen. Da hat man keinen
+Respekt vor Leben und Tod, keinen Respekt vor dem Kreuze, das auf dem
+Sarg ist. Gotteslästerlich ist das -- pfui, Hollmann, Ihnen hätte ich
+das nicht zugetraut. Alle drei sind meine Arrestanten!«
+
+Mir wurde übel. Als Zögling einer Königlich Preußischen Lehranstalt
+hier unter so abenteuerlichen Verhältnissen verhaftet zu werden, mußte
+von den traurigsten Folgen für mich sein. Auch der Hahnenwirt neben mir
+zitterte.
+
+»Ich hab's nicht gewußt,« sagte er. »Ich hab' ihm geglaubt ...«
+
+Der Grenzer lachte spöttisch.
+
+»Reden Sie nicht -- Sie kennen doch den Liebich -- Sie werden schon
+gewußt haben, daß in dem Sarge wahrscheinlich was ganz anderes steckt,
+als eine Leiche.«
+
+Er trat wieder an den Sarg heran und hob die Decke.
+
+»Rühr' den Sarg nicht an,« brüllte Liebich, »oder ich vergreif' mich an
+dir!«
+
+Die Augen standen ihm heraus.
+
+»Also marsch zum Amt! Da wird sich ja herausstellen, was in dem Sarg
+ist. Angefaßt und vorwärts marsch!«
+
+»Bei unserer alten Freundschaft --« fiel Hollmann in bittendem Tone ein.
+
+»Damit ist's aus,« entgegnete der Grenzer in barschem Tone. »'s ist
+eine gotteslästerliche Schuftigkeit so was!«
+
+Ich gab ihm im stillen recht und bereute aufs bitterste, mich in den
+bösen Handel eingelassen zu haben. Dicke Tränen rollten mir über die
+Backen, während ich das Wägelchen mit dem Sarge schieben half und der
+Grenzjäger mit der scharfgeladenen Flinte hinter uns herschritt. Mühsam
+ging es einen Berg hinauf. Es hatte aufgehört zu regnen, und der späte
+Mond war klar aus den Wolken getreten. Niemand sprach ein Wort; nur das
+schwere Ächzen Liebichs war vernehmbar. Das Wägelchen stieß auf dem
+harten Wege, und der Sarg schwankte hin und her.
+
+So erreichten wir die Anhöhe. Die Straße ging nun ziemlich steil
+bergab. Und plötzlich riß uns Liebich den Wagen aus der Hand und sauste
+mit dem Gefährt wie ein Rasender den Berg hinab.
+
+Ein scharfer Schuß. Wir schrien auf. Liebich brach zusammen. Das
+Wäglein fuhr mit den Vorderrädern schwankend über ihn hinweg und blieb
+stehen. Selbst mehr tot als lebendig rannte ich mit den anderen der
+Unheilstätte zu. Wenzel und der Wirt zogen Liebich unter dem Wagen
+hervor. Er war bewußtlos. Die Kugel war ihm rücklings in die linke
+Schulter gedrungen.
+
+Sie legten ihn an den Wegrand.
+
+»Er hat's nich anders haben gewollt,« sagte der Grenzer.
+
+»Es ist gotteslästerlich so was!«
+
+Still war's -- ganz still. Aber die Herzen hämmerten.
+
+Da trat der Hahnenwirt an das Wäglein und riß die Decke herunter. Ein
+brauner Sarg mit weißen Beschlägen und einem geschnitzten Kreuz wurde
+sichtbar. Vier Schrauben verschlossen ihn. Mit zitternden Fingern
+machte sich der Hahnenwirt daran, die Schrauben zu lösen. Der Grenzer
+sah ihm erst finster zu, dann half er, und die beiden Männer hoben den
+Deckel.
+
+Sie ließen ihn mit einem Schrei zur Erde sinken. In dem Sarge lag eine
+tote Frau. Sie war in einem weißen Kleid, und ein blonder Kopf von
+rührender Schönheit lag auf einem seidenen Kissen.
+
+»Es ist wahr gewest,« stammelte der Hahnenwirt -- »es ist wahr gewest!«
+
+Der Grenzer starrte auf die Leiche, die vom Mondlicht beschienen vor
+ihm lag, ein wehes Lächeln um den blühenden Mund.
+
+»Franziska!«
+
+Der Grenzer stammelte unverständliche Worte und sank plötzlich mit
+einem markerschütternden Weinen neben dem Sarg nieder. Nie wieder habe
+ich einen Mann so laut und weh weinen gehört
+
+Da rührte es sich am Wegrande. Liebich kam zu sich, sah wirr und wild
+um sich, wußte plötzlich alles, was sich zugetragen, sah den geöffneten
+Sarg und hörte den anderen schluchzen.
+
+»Geh weg -- weg -- du Hund -- ich -- ich schlage dich tot!«
+
+Er sank in die Ohnmacht zurück. Der Grenzer kniete immer noch auf der
+Straße. Er preßte den Kopf an das Holz des Sarges und sprach wirre
+Worte durcheinander, Worte, die um Verzeihung flehten, Gebetsworte,
+zärtliche Worte innigster Liebe. Der Hahnenwirt stand mit gefalteten
+Händen da, unfähig, etwas zu tun, und mir jungem Burschen war das Herz
+voll Furcht und Grauen.
+
+Endlich rafften wir uns zusammen, schlossen den Sarg wieder und deckten
+ihn wieder zu. Was wir zuerst hätten tun müssen, darauf kamen wir
+zuletzt -- wir sahen endlich nach dem Verwundeten. Er erwachte und
+schrie furchtbar auf, als wir den Arm an der zerschossenen Schulter
+berührten.
+
+Zum Dorf war es glücklicherweise nicht weit. Wir wollten anfangs
+Liebich mit auf das Wägelchen laden, aber es war zu schmal, er hatte
+neben dem Sarge nicht Platz.
+
+Wenzel, der Grenzjäger, kam wieder heran. In tiefster
+Niedergeschlagenheit sagte er:
+
+»Liebich, verzeih mir's, daß ich dich diesmal in falschem Verdacht
+hatte.«
+
+Da kam etwas von dem alten herben Humor in Liebichs Seele zurück, und
+er sagte:
+
+»Du denkst immer falsch; Du weißt nie, was los is!«
+
+Nach dem Dorfe hinunter mußten wir. Es zeigte sich, daß sich Liebich
+wohl aufrichten, aber nicht allein gehen konnte. Er mußte gestützt
+werden.
+
+»Stützt ihn,« sagte der Grenzer; »ich werde den Wagen ziehen.«
+
+»Geh von der Leiche weg,« befahl da Liebich; »rühr' sie nicht an!«
+
+Noch über den Tod hinaus reichte die glühende Eifersucht. Also kam es
+so, daß der Hahnenwirt und ich das Wäglein zogen und Liebich, auf den
+Todfeind gestützt, hinterher schwanken mußte.
+
+Es war tief in der Nacht, schon gegen Morgen hin, als wir mit unserer
+traurigen Last an Franziskas Heimathaus anlangten und eine alte Frau
+der tot heimkehrenden Tochter unter tausend Tränen die Tür öffnete.
+
+Am übernächsten Tage wurde die Franziska auf dem heimatlichen Kirchhof
+begraben. In aller Herrgottsfrühe war die Beerdigung. Liebich konnte
+ihr nicht beiwohnen; er lag krank zu Bette. Der Schmerz hatte ihn aber
+doch so weich gemacht, daß er sich mit seinem alten Gegner Wenzel
+versöhnt hatte. Trotz dieser Aussöhnung erlaubte er aber nicht, daß
+Wenzel mit der Franziska zu Grabe ging.
+
+Und der war doch dabei. Er stand auf einem Berge, von da man den
+Friedhof übersehen konnte, hörte die Glocken läuten, hörte die Lieder
+klingen und sah, wie auf weißen Grabtüchern etwas Liebes, Liebes in die
+Tiefe sank.
+
+ * * * * *
+
+Damit wäre nun eigentlich diese Erzählung aus. Aber da es sich darin
+nicht bloß um die Liebesgeschichte der schönen Franziska aus dem
+Böhmerland, sondern um das Leben in den Grenzhäusern überhaupt handelt,
+will ich noch erzählen, wie ich in späteren Jahren zu meinem Freunde
+Heinrich Hollmann, Wirt zum Roten Hahnen, zurückgekommen bin.
+
+Er blieb immer der Alte, immer der redselige, etwas großsprecherische
+Mann mit der gleichen Respektlosigkeit vor allen Dingen und Personen
+seiner Umgebung und dem gleichen absoluten Respekt vor seiner Frau.
+Weber und kleine Bauern gingen in seinem Hahnenwirtshaus ein und aus,
+und wenn ich diese wortkargen Leute mit den blauen, leeren Augen
+hinter ihren Branntweingläschen sitzen sah, wußte ich wohl, warum sie
+schmuggelten. Beileibe nicht nur um des bißchen Erwerbes willen, wie ja
+auch der Wildschütz nicht nur um eines lumpigen Talerhasens allein Ehre
+und Freiheit, ja vielleicht Gesundheit und Leben in die Schanze schlägt.
+
+Ihr Herren, die ihr zu Gericht sitzet, denkt nur an die kleinen
+niederen Stuben dieser Armen, an ihre eintönige, langweilige Arbeit,
+die Stunde um Stunde, Jahr um Jahr, ein ganzes langes Menschenleben
+dieselbe trostlose Last ist. Und denkt daran, daß auch diese Menschen
+eine Seele haben, die nach Tat und Abwechselung, Freude und Gefahr
+lechzt, daß auch diese Sehnsucht nach grünen Wegen der Romantik
+sucht. Was tun sie? Sie schmuggeln, sie wildern wohl auch. Und in all
+der langen Zeit, da sie hinter dem Webstuhl im engen Käfig sitzen,
+geht ihre Phantasie auf einsamen Schleichwegen zwischen Gefahr und
+lohnendem Sieg. Kommt nun einer der Ihrigen, erzählt er von irgend
+einer gelungenen Tat, dann tritt Leben in die leeren Augen, dann
+geht das träge Herz mal eine Stunde lang schneller, dann steigt's
+in müden Leibern auf wie Trotz und Kraft. Was bietet ihnen auch der
+Staat? Wieviel vom allgemeinen Erbe läßt er ihnen zukommen, und wie
+groß ist die Schädigung, die sie hinwiederum ihm zufügen? Mögt Ihr es
+entscheiden; ich tue es nicht.
+
+Vom Liebich-Müller erzählte mir der Hahnenwirt, daß er nicht mehr
+schmuggele. Die Fahrt mit dem Sarge war sein letztes unerlaubtes
+Überschreiten der österreichischen Grenze. Es machte dem Müller keinen
+Spaß mehr, zu schmuggeln. Denn die Franziska war tot, vor der er den
+Nebenbuhler lächerlich machen konnte. Mit dem Wenzel vertrug er sich,
+wenn er ihn traf. Er gab jetzt sogar zu, daß der Wenzel gewissermaßen
+auch ein wenig im Rechte sei; denn wenn er, der Liebich, Grenzer wäre,
+gäbe es überhaupt keine Schmuggler mehr, sondern alle säßen auf Nummer
+Sicher. Da stimmte ihm dann der Hahnenwirt biedermännisch bei.
+
+Eines aber brachte dem Müller große Genugtuung. Etwa zwei Jahre nach
+Franziskas Tode heiratete Wenzel ein braves Mädchen aus dem gleichen
+böhmischen Dorf. Da hat Liebich, als Wenzel mit seiner Braut zur Kirche
+ging, bei Franziskas Grab gestanden und hineingesagt:
+
+»Weißte, Franzel, was der Wenzel macht? Hochzeit macht a. Mit der
+Nitsche Hedwig, dem albernen Ding. Da haste den Kerl! Was hab' ich dir
+immer gesagt? A Windhund is a. Ohne eene Spur von Treue. Da wirst du ja
+jetzt froh sein, daß du ~mich~ genommen hast, denn ich hätte nie
+eene andre als dich genommen, nie!«
+
+Liebich nahm wirklich keine zweite Frau. Er widmete sich nur mit
+großer Liebe der Erziehung seines kleinen Sohnes. Über seine eigenen
+Schmugglererfolge wußte der Hahnenwirt nicht viel Erfreuliches zu
+berichten. Eines Abends, als Wenzel wieder einmal bei ihm eingekehrt
+war, steckte er ihm ein Lindenblatt an den Hut.
+
+»Ah, gilt die alte Korrespondenz immer noch?« fragte ich.
+
+»Nu natürlich! Sie roochen doch so gerne +Regalia media+, und
+ich hab' keene im Hause. Nu -- Lindenbaum bedeutet eben +Regalia
+media+.«
+
+Am nächsten Tage wurde wirklich vom Blauen Hahnenwirt drüben eine Kiste
++Regalia media+ über die Grenze geschafft.
+
+Aber Hollmann war trotzdem unzufrieden.
+
+»Wenzel hat meine Leute greulich oft erwischt,« sagte er
+niedergeschlagen. »Ich kann sagen, es kost' mich schon a Vermögen an
+Strafe. A paar von meinen Leuten haben sogar sitzen müssen. Na, das
+kost' dann erst recht viel. Der Kaiser hat nich so teure Hosen an
+wie su a Gebirgsweber, wenn a für unsereinen amal a Paar durchsitzen
+muß. Aber geschmuggelt muß sein; denn wer hier in der Gegend nich
+schmuggelt, is blödsinnig. Und geleimt wird a doch, das haben Sie ja
+geseh'n, wie a geleimt wird.«
+
+ * * * * *
+
+Es vergingen wieder viele, viele Jahre. An mich kam die Vierzig heran,
+und mein Freund Hollmann hatte den Kopf voll weißer Haare, als ich ihn
+wieder traf. Verändert hatte sich aber sonst in den Grenzhäusern so gut
+wie nichts. Es ist mit dem Leben umgekehrt wie mit einer Drehscheibe:
+im Zentrum rast es am schnellsten, an der Peripherie scheint es still
+zu stehen.
+
+Ja, und doch hatte sich Neues und Großes in den Grenzhäusern ereignet.
+Des Wassermüllers Sohn Wilhelm war so herangewachsen, daß er schon
+seine Zeit bei den Hirschberger Jägern abgedient hatte, und der
+österreichische Zollbeamte Wenzel Hollmann hatte ein Töchterlein, das
+eine rechte frische Bergwaldsblume war. Es war die alte Geschichte: die
+beiden Kinder liebten sich, und die beiden Väter wollten von dieser
+Liebe nichts wissen, da sie ihnen ganz gegen das Herz war, wenn sie
+sich auch äußerlich vertrugen. Den Müller schmerzte oft die halblahme
+Schulter, die er dem Grenzer zu verdanken hatte, und dieser hatte
+auch keinen Grund, mit dem Müller recht intim zu werden. So taten die
+beiden Alten das Dümmste, was sie junger, starker Liebe gegenüber
+tun konnten: sie sperrten sich dagegen. Daß das gar keinen Zweck
+hatte, ist unnötig zu erwähnen. Die Grenze hinüber und herüber wurde
+schönes, goldenes Liebesgut geschmuggelt: Briefe und Küsse, Blumen und
+Tränen. Und ging es gar nicht anders, so schlich der Mond, der älteste
+Schmuggler der Welt, hinter Wassermüllers Wald herum, nahm tausend
+Liebesgedanken als unerlaubtes Gut, stieg über die Berge, leuchtete dem
+dummen Grenzer, der unten auf dem Wege stand, dreist ins Flintenrohr
+und lieferte sein süßes Schmugglergut an des Töchterleins Kammerfenster
+ab.
+
+Schon gut; es ging, wie es halt fast immer geht: die beiden Alten
+mußten nachgeben. Und da kam ein Tag, wo in der Wassermühle ein großes,
+echtes Versöhnungsfest gefeiert und alles für die bevorstehende
+Hochzeit besprochen werden sollte. Gerade da war ich wieder einmal auf
+eine Woche im Roten Hahnen einquartiert.
+
+Eines Nachmittags war es, da fuhr ein Glaswagen beim Hahnen vor.
+Diesmal saß keine Strohpuppe darin und auch der Wenzel nicht beim
+Kutscher auf dem Bock, sondern stolz und feierlich neben seinem
+taufrischen Töchterlein. Gott, war das böhmische Mädel ein liebes Ding!
+Und der Wenzel -- der war in Zivil. Hatte einen Zylinderhut aufs Haupt
+gestülpt, trug einen tadellosen Smoking und Lackschuhe mit Gamaschen.
+So fesch kann nur ein Österreicher aussehen. Langsam und feierlich kam
+er auf mich zu und reichte mir gerührt die Hand.
+
+»Schauns -- so kommt's!« sagte er. »Aber das freut mich, daß Sie gerade
+hier sind. Sie gehören ja gewissermaßen dazu.«
+
+Er legte seinen glänzenden Zylinder auf den Tisch und fuhr plötzlich
+zornig zurück.
+
+»Verflucht -- wer hat mir denn an meinen Zylinderhut eine Kornblume
+gesteckt? Ist das eine Frechheit!«
+
+Der Rote Hahnenwirt kam heran, beguckte kopfschüttelnd die Blume und
+ging hinaus, wo er leise ein Fäßchen Wünschelburger Kornbranntwein nach
+dem Blauen Hahnen in Auftrag gab.
+
+Wenzel warf die Blume grimmig auf die Erde. Dann wurde er aber wieder
+feierlich und erzählte mir, als ob er sich entschuldigen müßte,
+warum er nun doch seine Einwilligung zu dieser Hochzeit gäbe. Wäre
+der Liebich noch ein Schmuggler -- niemals, nie! Aber der sei kein
+Schmuggler mehr, der sei nur noch ein alter Esel. Und so fahre er jetzt
+mit der Ursula hin, und es solle ein schönes Familienfest werden. Der
+Hahnenwirt und ich, wir müßten mitmachen, denn wir gehörten dazu. Der
+Blaue Hahnenwirt drüben habe gerade die Gicht; sonst hätte er ihn auch
+mitgebracht. Im Wagen sei Platz für uns.
+
+Hollmann, der Wirt, mußte nun Toilette machen und erschien endlich in
+einem viel zu engen Gehrock, der den Globus seines Bauches nur bis zu
+den Wendekreisen bedeckte. Wir nahmen mit im Wagen Platz, und die Fahrt
+ging hinab nach der Wassermühle.
+
+Es ist für mich als Preußen schmerzlich zu sagen: aber mein Landsmann
+Liebich empfing seinen feierlich ausstaffierten Mit-Schwiegervater in
+Hemdsärmeln! Wenzel bemerkte es schon beizeiten und sagte leise zu mir:
+
+»Nu sagen's, wie konnte die Franziska an solchen Kerl nehmen, der nicht
+im geringsten an Schneid hat?«
+
+Das Fest selbst aber wurde sehr, sehr schön. Junge Liebe und junges
+Glück zu sehen, ist freilich für den, der übers Leben schaut, eine
+wehmütige Freude, aber doch eine Freude voll schweren Erinnerungsduftes
+aus fernen Frühlingstagen.
+
+Liebich war sehr schweigsam. Die Verlobung wurde vollzogen, und
+der Wein, den wir tranken, war alles österreichische Marke und
+wahrscheinlich geschmuggelt; aber Wenzel ließ ihn sich schmecken;
+denn was ging es ihn an, wenn sich preußische Grenzer über den Löffel
+balbieren ließen? Ja, er trank viel und wir andern auch, und die
+Stimmung wurde sehr lustig. Da erhob sich der Müller zu einer Rede.
+
+»Hier sitzen wir nu, und das is sehr schön. Daß die Franziska nich
+dabei is, is freilich sehr schade. Aber ich weiß, wo die is; das weiß
+ich schon durch meine lahme Achsel. Na, das is nu aber ja längst alles
+vollkommen vergessen, und die Kinder, die sich heiraten werden, haben
+das alles nich mit erlebt. Wozu reden wir also erst darüber? Und damit
+du siehst, Wenzel, wie gut ich's mit dir meine, schenk' ich dir hier
+eine echt silberne Tabaksdose, damit du immer an mich denkst, wenn du
+draus schnupfst. Das Brautpaar lebe, hurra -- hoch!«
+
+Aus blauem Florpapier wurde eine ganz prächtige silberne Dose enthüllt,
+die Liebich erst kurz zuvor in Breslau erstanden hatte. Wenzel war
+tiefgerührt. Es ärgerte ihn aber jetzt sehr, daß er kein Gegengeschenk
+hatte und nun in seinem Smoking gegen den Hemdärmelmann unvorteilhaft
+abstach. Als das reiche Abendbrot vorüber war und die Böhmen an die
+Heimkehr dachten, befahl der Müller seinem Sohne, nun auch ihr eigenes
+Wäglein zurechtzumachen; sie würden die lieben Gäste heimbegleiten;
+denn so ein Tag wie heut sei nicht oft.
+
+Fröhlich ging es die Berge hinauf, der Grenze zu. Wir kamen ans
+österreichische Zollhaus. Ein Beamter trat heraus und fragte der Reihe
+nach jeden nach Steuerbarem. Wir verneinten alle, auch Wenzel, der
+Grenzer in Zivil, natürlich. Da sagte der Beamte, der (wie ich später
+erfuhr) auf seinen Kollegen nicht gut zu sprechen war:
+
+»Es tut mir leid, Herr Wenzel Hollmann; aber es ist eine Anzeige
+eingelaufen, Sie brächten eine neue silberne Dose über die Grenze.«
+
+Ein Schrei aus Wenzels Mund. Und schon flog ein Bündel blaues
+Florpapier auf die Straße und aus dem Papier heraus flog eine neue
+silberne Dose.
+
+Wir glaubten alle, nun müsse die Welt untergehen. Wenzel, der
+gefürchtete Grenzer, das Muster von Gewissenhaftigkeit und
+unnachsichtlicher Strenge, war beim Schmuggeln ertappt worden.
+
+Er stieg aus dem Wagen und klappte ganz zusammen. Gebrochen lehnte er
+sich mit seinem schönen Anzug an das sandige Rad, der Zylinder fiel ihm
+vom Kopfe.
+
+»Ich -- ich -- hab' -- nicht drangedacht,« brachte er heiser heraus.
+
+Der Beamte zuckte die Achsel.
+
+»Es war meine Pflicht. Die Anzeige ist schriftlich gekommen.«
+
+Er hob die Dose auf.
+
+»Die muß ich natürlich konfiszieren. Bitt' schön!«
+
+Er wies mit der Hand auf die Tür des Zollhauses. Wie einen armen
+Schächer, der zum Schaffot getragen werden muß, schleppten der
+Hahnenwirt und ich den unglücklichen Wenzel ins Amtslokal.
+
+Da mischte sich Liebich ein.
+
+»Herr Kontrolleur,« sagte er, »Sie wissen doch ganz genau, daß Herr
+Wenzel Hollmann nicht im Traume daran gedacht hat, absichtlich
+zu schmuggeln. Ein Beamter wie er -- ich bitt' Sie! Ich habe ihn
+mit dieser Dose überrascht, hab' sie ihm geschenkt, und nu hat er
+eben nicht dran gedacht. Denken Sie etwa den ganzen Tag an Ihre
+Schnupftabakdose?«
+
+»Es tut mir leid -- die Anzeige ist schriftlich gekommen; vor dem
+Gesetz sind alle gleich.«
+
+Die für Wenzel Hollmann maßlos qualvollen Formalitäten wurden
+vollzogen. Er brachte kaum ein Ja oder Nein heraus. Totenblaß saß er
+da. Der Müller erbot sich, alles zu zahlen, sowohl den Rückkaufspreis
+für die konfiszierte Dose, wie auch die ziemlich hohe Strafsumme.
+
+Endlich konnten wir weiterfahren. Der Müllersohn setzte sich zu seinem
+gänzlich gebrochenen zukünftigen Schwiegervater, und ich bestieg das
+Wäglein Liebichs, der die Zügel führte. Als wir ein Stück gefahren
+waren, sagte der Müller kleinlaut:
+
+»So is es! Erst macht's einem einen Heidenspaß, einen dummen Streich zu
+machen, und nachher kommen die Gewissensbisse.«
+
+»Was haben Sie denn?«
+
+»Was ich hab'? Ich hab' -- ich hab' nämlich die Anzeige selber ins
+Zollamt geschickt.«
+
+»Sie sind wohl nicht gescheit?«
+
+»Nee, wahrscheinlich nicht! Es kommt mir jetzt so vor, als ob ich 'ne
+richtige Tracht Prügel verdiente.«
+
+»Aber um des Himmels willen, warum haben Sie denn das getan?«
+
+»'s hat mir eben keine Ruh gelassen, ich mußt' ihm noch 'n Streich
+spielen, ich mußt' ihm noch was versetzen. Ich dachte, wenn wir erst
+verwandt sind, dann is es nu doch amal auf immer vorbei mit so was, und
+da hatt' ich mir das eben so schön ausgetüftelt und dachte, 's würde a
+Heidenspaß sein. Ich dachte, ich schenk ihm die Dose, und wenn a nach
+Hause fährt, denkt a nich an die Dose und fällt rein, weil a doch eben
+am Zollamt schon geklemmt is. Ein famoser Witz, dacht' ich. Aber jetzt
+-- ob a etwa noch Unannehmlichkeiten bei seinen Vorgesetzten haben
+wird?«
+
+»Wahrscheinlich. Sicher sogar. Eine Strafversetzung wird wohl das
+Mindeste sein.«
+
+»Verdammt noch mal, bin ich ein Lausekerl!«
+
+Liebich kam in arge Gewissensnot.
+
+»Vor allen Dingen sagen Sie sonst niemand, daß Sie die Anzeige
+geschickt haben, sonst wird noch das junge Glück zuschanden, und was
+können die Kinder dafür?«
+
+»Nee, die können nischt dafür, daß sie solch mordsdämliche Väter haben.
+Sie halten mich wohl jetzt für einen großen Esel?«
+
+Ich schwieg, und er nickte trübe vor sich hin. Schließlich versprach
+ich ihm, eine ganz ausführliche Eingabe an die österreichische
+zuständige Behörde aufzusetzen und darin nachzuweisen, daß es sich bei
+der ganzen Angelegenheit um einen derben Schabernack gehandelt hätte,
+an dessen Ausgang der seit Jahrzehnten als goldtreu erprobte Beamte
+ganz unschuldig gewesen sei. Auch wolle ich versuchen, selbst bei den
+maßgebenden Persönlichkeiten vorstellig zu werden und den Sachverhalt
+aufzuklären. Liebich meinte, wenn ich das täte, würde er es mir sein
+Leben lang nicht vergessen; denn die Reue über die elende Geschichte
+nehme ihm reinweg den Atem.
+
+Und so ist es gekommen. Die Eingabe und der Besuch taten ihre Wirkung.
+Wenzel erhielt eine Vorladung und kam mit einer sanften Nase davon. Als
+Liebich den guten Ausgang erfuhr, kicherte er in tiefstem Vergnügen und
+sagte zu mir:
+
+»Ich freu' mich jetzt doch riesig, daß ich mir den schönen Spaß gemacht
+habe.«
+
+ * * * * *
+
+Einer aber aus der edlen Grenzhäuser-Kumpanei erfuhr noch einen großen
+Schmerz, und das war mein Freund, der Hahnenwirt.
+
+Wieder einmal war Wenzel bei ihm eingekehrt und hatte seine Dienstkappe
+auf den Tisch gelegt. Da beschloß der Hahnenwirt seine übliche
+Bestellung beim »Blauen« drüben zu machen und steckte wie spielend
+ein Lindenblatt an die Mütze. Wenzel sah das, nahm das Blatt und
+zerpflückte es langsam.
+
+»Warum zerpflückst du denn das hübsche Blättel?« fragte der Wirt
+verwundert.
+
+Da sah ihn der Hollmann an und sagte langsam:
+
+»'s hat kan Zweck -- der ›Blaue‹ drüben hat jetzt selber kane
++Regalia media+.«
+
+Wie entgeistert saß der Hahnenwirt vor ihm.
+
+»Was -- was meinst du denn damit?« stotterte er.
+
+»Ich meine,« sagte der Grenzer gemütlich, »daß du mich seit mehr als
+zwanzig Jahren für einen dummen Kerl hältst, der Euch die Bestellungen
+hinüber und herüber schafft. Und ich meine, daß ich das seit zwanzig
+Jahren gewußt hab'. Hatt' ich aber ein Sträußerl an der Mütze, da wußt'
+ich: halt, heute is was los. Na, und hab' ich ja auch genug von Euren
+Leuten erwischt.«
+
+Das Gesicht meines Freundes Hollmann spiegelte ins Gelbgrüne. Mit
+schwerem Vorwurf gegen mich sagte er: »Und einem solchen Kerl haben Sie
+aus der Patsche geholfen!«
+
+
+
+
+ Der Ausflug
+
+ Eine Skizze aus meiner Dorfschullehrerzeit
+
+
+Ich bin einmal acht Monate lang Dorfschullehrer gewesen, und daß ich
+es gleich sage: diese stillen, einförmigen acht Monate stehen immer
+noch frisch im Felde meiner Erinnerung, während vieles andere nachher,
+was nach Meinung der Welt größer und bunter war, ausgelöscht ist ...
+verweht ... verloren.
+
+Wenn die jungen Männer nach der ersten Lehrerprüfung das Seminar
+verlassen, kriegt irgendein Regierungsrat die Liste, und aus ihr greift
+er einen beliebigen Kandidaten heraus, wenn irgendwo eine Stelle zu
+besetzen ist. Ohne Wahl zuckt der Strahl! Ich kam unter allen meinen
+Kursusgenossen in das allereinsamste, weltverlorenste Dörflein. Es lag
+ganz im Flachlande; nur aus dämmernder Ferne her schimmerten die blauen
+Schlesierberge, die ich aus meiner Kindheit her kannte und liebte.
+Rings ums Dorf fette Felder und Wiesen, aber ohne alle Romantik, nur
+ein wenig Ufergebüsch war am Bach. Die Bauern waren fromme, stille
+Leute, ohne die Laune und den Schalk, den die Gebirgler haben. Es war
+ein wohlgeordnetes Bauerndorf. Wochentags Arbeit von Sonnenaufgang bis
+zur herandämmernden Nacht; Sonntag Vormittag waren alle Bewohner ohne
+auch nur eine einzige Ausnahme in der Kirche, Sonntag Nachmittag alle
+Männer in der Schenke (auch ohne eine allereinzige Ausnahme). Wenn die
+Abendglocke erklang, flogen alle Kartenblätter hin, und alle Hände
+falteten sich; wenn der letzte Ton eben verstummte, donnerten alle
+höchsten Trümpfe auf die Tische.
+
+»Und ich da mitten still und stumm!« Da sagten die Bauern: Er hat
+wahrscheinlich die Schwindsucht. Schade um ihn!
+
+Das sagte sich auch meine kreuzbrave Frau Hauptlehrerin, und sie
+pflegte und fütterte mich deshalb mit rührender Sorgfalt. Ihr ebenso
+braver Gatte erklärte mich aber für kerngesund und gab mir von seinen
+besten Zigarren. Dieser Hauptlehrer war ein munterer Geist, eigentlich
+auch ein Verschlagener. Der Mann war auf sieben Blätter abonniert,
+das waren die sieben fetten Kühe für ihn und mich am Nilfluß dieser
+Einsamkeit.
+
+Das Dorf lag über zwei deutsche Meilen von der Kreisstadt entfernt.
+Diese Kreisstadt war ja selbst klein und ohne reges Leben. Sie zählt
+etwa siebentausend Bewohner. Aber es war doch eine Stadt. Es gab sogar
+Soldaten dort und einen Bahnhof, auf dem allerdings die Schnellzüge
+nicht hielten, es war vor allen Dingen dort der breite, tiefe Oderfluß.
+Gegen unser Dorf war diese Stadt ein tumultuarisches Großgemeindewesen
+voll Glanz, Abwechslung, Sehenswürdigkeiten, Vergnügungen und Gefahren.
+Man wisperte bei uns von dieser Stadt, wie man anderwärts von Berlin
+oder Hamburg wispert.
+
+Unsere Dorfleute kamen fast niemals nach der Kreisstadt. Es war »zu
+weit«. Selbst für die reichen Bauern, die sechs Pferde im Stall hatten
+und die einen Glaswagen besaßen, war es »zu weit«. Wer einem Bauern
+eine Spazierfahrt zumutet, wenn es nicht gerade ganz offiziellen
+Lustbarkeiten gilt, wie: Hochzeit, Kindtaufen, Begräbnis oder
+Gerichtstermin, der täuscht sich. Nur bei solchen Anlässen »spannt der
+Bauer ein«, sonst nicht. Wie sollten die Leute nach der Kreisstadt
+oder gar darüber hinaus kommen? Es war noch ein näher gelegener
+Marktflecken da; der hatte zwar keine Eisenbahn, und die Bürger
+sprangen dort auf die Straße, wenn ein so modernes Wunder durchkam, wie
+es ein Radler ist, aber unsere Leute konnten in diesem Marktflecken
+alles kaufen, was zum Leben gehörte und was sie nicht unmittelbar
+selbst aus Landwirtschaft und Viehzucht beziehen konnten. Was sollten
+sie in der Kreisstadt? Wie sollten sie dahin gelangen? Zu Fuß gehen,
+drei Stunden hin, drei Stunden her, für nichts und wider nichts, als
+dort Geld auszugeben und sich vielleicht hänseln lassen? Nein! Sie
+brauchten die Kreisstadt nicht! Sie brauchten die Welt nicht! Sie waren
+sich selbst genug, sie waren die unabhängigsten Leute, die ich in
+meinem Leben kennen gelernt habe.
+
+Manchmal kam mir das Große solch wurzelstarken, selbstsicheren Lebens
+schon damals zum Bewußtsein; aber ich war blutjung, eben zwanzig Jahre
+alt, ich kam aus der Großstadt Breslau, wo meine Studiengenossen
+Heilgans und Böttger und ich es unter unserer Würde gehalten hätten,
+in der »Freistunde« von was anderem zu reden, als von Alvary als
+Siegfried, von Possart als Richard III., von d'Andrade als Don
+Juan, ich kam von Breslau, wo schon damals (+anno+ 1893) die
+Pferdebahnen rasselten und die Droschkenkutscher lackierte Zylinder
+hatten.
+
+Oh, und ein Mensch, der den Wagner- und den Shakespearestil inne
+hatte, mußte nun abends vor diesem Schulhaus sitzen und zusehen, wie
+unser Dackel, der von meinem Hauptlehrer auf den Namen des englischen
+Staatsmannes »Pitt« getauft war, der schnurrbärtigen Therese,
+einer alten Schachtel, den Rock zerriß und wie der Hauptlehrer die
+Geschädigte mit den Worten beschwichtigte: »Pitt, der Kerl, kann eben
+wirklich kein hübsches, junges Mädel vorbeigehen lassen.«
+
+»+In minimis natura maxima+« hatte auch mich der alte, große Linné
+gelehrt; aber ich wußte das damals nicht aufs Leben anzuwenden -- ich
+war zu jung, ich hatte Heimweh nach der Welt. Ich sah nach den Bergen,
+über die Berge hinaus in die große bunte Weite ...
+
+Ein Junge zeigte in der Schulpause einem Mädel einen alten Kalender,
+und sagte: »Siehst du, so sieht eine Eisenbahn aus!« Ich besah das
+Bild. Es war eine Darstellung der ersten Eisenbahn, die im Jahre
+1835 von Fürth nach Nürnberg fuhr, mit der bekannten Stephensonschen
+Lokomotive mit dem hohen Schornstein und den Wagen, die wie mit Planen
+überspannte Reisekutschen aussahen.
+
+»Habt ihr wirklich noch keine richtige Eisenbahn gesehen?« fragte
+ich. Aus den erstaunten Augen der Kinder las ich das Überflüssige
+meiner Frage. Am Abend jenes Tages sagte ich zu meinem Hauptlehrer:
+»Wir wollen etwas tun. Wir wollen mit den Schulkindern einen Ausflug
+unternehmen, aber nicht nur bis zur Kreisstadt, nein, bis nach Breslau;
+wir wollen ihnen die Oder zeigen, die Eisenbahn und eine große Stadt.«
+
+Er war ein kluger Mann und sagte: »Ja.«
+
+ * * * * *
+
+Einfach war die Sache durchaus nicht. Auch wenn wir von allen inneren
+Widerständen, die wir in der Gemeinde gegen solch ein Abenteuer finden
+mußten, absahen, machte uns der »Fahrplan« viel Schmerzen. Unser Dorf
+lag von Breslau in der Luftlinie etwa vierzig Kilometer entfernt,
+aber wir durften für den Ausflug nur einen Tag in Anspruch nehmen und
+verzweifelten an der Aufgabe, an einem Tage vierzig Kilometer hin und
+her zu machen und noch einige Stunden Zwischenpause herauszubringen.
+Endlich gelang es. Wenn wir morgens früh zwei Uhr mit der ganzen
+Schar aufbrachen, konnten wir abends zwischen zehn und elf, also nach
+zwanzigstündiger Reise zurück sein und behielten noch einige Stunden
+für die Besichtigung von Breslau. Die »Verbindung« war nicht glänzend;
+heute fährt man in derselben Zeit von Berlin bis nach Serbien.
+
+Der Pfarrer, der Ortsschulinspektor war, stand unserem Plan freundlich
+gegenüber; er sagte, er möchte sich selbst gern beteiligen, wolle aber
+die Messe nicht ausfallen lassen. Schließlich vermeldete er am nächsten
+Sonntag von der Kanzel: »Eines Schülerausflugs wegen ist die heilige
+Messe nächsten Dienstag nachts ein Uhr.« Die Gemeinde horchte auf, und
+die ganze beträchtliche Oppositionspartei, die sich inzwischen gegen
+den Ausflug gebildet hatte, löste sich schon in den Kirchenbänken
+stillschweigend auf.
+
+Der, dem's am meisten zu Herzen ging, war der Schneider Dierschke. Ich
+sah ihn auf seinem Platz sitzen und in tiefer Betrübnis den grauen Kopf
+schütteln. Nach dem Gottesdienst machte ich mich im Kirchgängerstrom an
+Dierschke heran.
+
+»Nu, Meister Dierschke, Sie werden doch ihren Enkelsohn auch mit fahren
+lassen?«
+
+Er schüttelte unwillig den Kopf.
+
+»Wilhelm fährt nicht mit.«
+
+»Warum denn nicht?«
+
+»Es hat keinen Zweck. Ich bin siebzig Jahre alt; ich bin bloß einmal
+im Leben in die Stadt gekommen. Da habe ich eine Eisenbahn gesehen. Es
+saßen vier Männer oben drauf, aber sie hatte sechsundfünfzig Wagen.
+Weiter bin ich nicht gekommen. Ich bin siebzig Jahre alt, der Junge ist
+erst elf Jahre. Er kann noch lange warten.«
+
+»Fahren Sie doch selber auch mit. Es fahren viele Eltern mit.«
+
+»Ich werd' mich schön hüten.«
+
+»Aber warum denn?«
+
+»Das da, da außen, das ist alles bloß Gaukelei.«
+
+Nun schwoll mir aber das Herz. Die »Kulturmission« überkam mich,
+diesem Hinterwäldler, der im Leben nur einen Güterzug gesehen hatte,
+ganz gehörig den Text zu lesen, ihm sein eigenes Leben so erbärmlich
+wie möglich hinzustellen und die Fremde zu preisen, die er mit ihren
+milliardengestaltigen Schönheiten und Reichtümern nicht kannte und
+darum haßte. Er bilde sich ein, ein sehr guter Großvater zu sein, aber
+er sei ein sehr schlechter; denn er verwehre seinem Enkel den Einblick
+in eine Welt, wo dieser einmal ein viel besseres Fortkommen finden
+könne als in diesem entlegenen Dorf.
+
+Dierschke hatte verschiedene Male meinen Redestrom unterbrechen wollen,
+aber es gelang ihm nicht; ich sprach ... ich sprach ... nun etwa im
+Stile Possarts als Richard III.
+
+Am Schluß lachte der Schneider, und ich ärgerte mich schwer über diese
+Wirkung meiner rednerischen Leistung. Nach einem Weilchen aber lächelte
+Dierschke und sagte:
+
+»Herr Lehrer, ich werd' Ihnen was sagen: Wir waren drei Brüder, alle
+drei Schneider. Der Vater war Schneider, was sollten wir anders werden?
+Zwei von meinen Brüdern sind in die Welt gegangen. Einer ist ein Lump
+geworden, der andere hat in Breslau ein schönes Schneidergeschäft
+gehabt; das ist so lange schön gewesen, bis sein Erspartes weg war und
+mein Erspartes, was ich ihm geborgt hatte, auch. Und nun bin ich alt,
+und meine Frau ist tot, und meine einzige Tochter ist auch tot, und ich
+hab' nur noch den Wilhelm. Der soll zu Hause bleiben.«
+
+Da verstummte meine weltmännische Beredsamkeit.
+
+»Nun, Meister Dierschke,« sagte ich, »es zwingt Sie ja natürlich
+niemand; aber ich hätt' halt den Wilhelm gern mitgehabt, weil ich ihm
+gut bin.«
+
+»Ich weiß schon, Herr Lehrer,« nickte der Schneider freundlich.
+
+Da kam der Bauer Puder vorbei.
+
+»Schneider,« sagte er, »ich laß meinen Jungen auch nicht mit; ich denk'
+gar nicht dran! Solche Faxen machen wir nicht mit!«
+
+Der Bauer Puder vertrug sich fast mit niemanden aus der Gemeinde,
+natürlich auch nicht mit der Schule. Der handelte aus purer
+Widerspruchslust, und seine Worte gingen an mir vorbei.
+
+ * * * * *
+
+Draußen lag die warme, dunkle Sommernacht, aber in der Kirche war es,
+als sei Christnachtsfeier. Die Altarkerzen leuchteten in den dunklen
+Raum, große Schatten stiegen an den Wänden hinauf, hie und da war ein
+goldenes oder silbernes Aufblinken von einem Leuchter oder einer
+Figur; die Kirche war bis zum letzten Platz gefüllt, vor jedem Beter
+stand ein Wachsstöcklein, das mit zarter gelber Flamme leuchtete,
+oben auf dem Orgelchor sangen die Schulkinder; zu zweien oder dreien
+standen sie um ein Lichtstümpflein zusammen, die jungen Gesichter
+waren rot beleuchtet, die alten frommen Lieder klangen, diesmal mit
+ein wenig aufgeregten Stimmen, und ich saß auf der Orgelbank und war
+nicht weniger erregt als die Kinder. -- Das ist ein Bild, das in meiner
+Erinnerung blieb und mir auch heute noch den Gedanken nahelegt: mit
+Künstleraugen gesehen, gibt es kaum einen lieberen Beruf als den eines
+Dorfschullehrers; er ist sehr arm an äußeren Genüssen, aber unendlich
+reich an inneren Freuden, und die Freude steht so hoch über dem Genuß
+wie das Gold über dem Kupfer; jede reine Freude, die du genossen,
+ist wie ein goldener Schmuck, den du erworben, bleibt unveränderlich
+und unvergänglich im Wert, setzt keinen Grünspan giftiger Reue an
+und rettet in armen Tagen vor bitterster Not. Wie ich als junger
+Mann da so die Orgel spielte in dem nächtlichen Gottesdienst und die
+frischen Kinder, die einem großen Augenblick, dem Einblick in die
+Welt, entgegensahen, singen hörte, dachte ich: solche Freuden, solche
+Schmuckstücke will ich mir sammeln. Vielleicht, daß ich in Kriegszeiten
+des Lebens manches von ihnen unter die Ackerfurche des Daseins
+vergraben muß -- aber ich weiß, wo alles liegt, und grabe aus, was ich
+brauche.
+
+Die Orgel verstummte, die Lichter wurden eilig ausgepustet, die
+Kinderschar drängte die Chortreppe hinab; draußen auf der Straße,
+zwischen Kirche und Schule, warteten die mit Reisern geschmückten
+Leiterwagen, die uns nach der Kreisstadt, bis an den Oderfluß bringen
+sollten. Wir hatten nämlich -- großzügig, wie wir nun mal waren --
+mit einem Dampfschiff ein Abkommen getroffen, nach dem uns dieses um
+viereinhalb Uhr verladen und auf dem Wasserwege nach Breslau befördern
+wollte. Nun sagte der Schulze: um viereinhalb in der Kreisstadt sein,
+das bedeute, spätestens um zwei Uhr zu Hause wegfahren; denn sechzehn
+Kilometer in zweieinhalb Stunden zurückzulegen, sei keine Kleinigkeit.
+--
+
+Wer diese Rosse vor den Leiterwagen auf der nächtlichen Landstraße
+stehen sah, gab dem Schulzen ohne weiteres Recht. Denn diese Rosse
+rechneten so: wenn man einen Pflug zieht, braucht man zu einer Furche,
+die hundert Schritt lang ist, fünf Minuten. Nun kann man ja einen Wagen
+etwas schneller ziehen, aber wie kommt diese verrückte Gesellschaft
+überhaupt dazu, uns jetzt aus dem Stall zu zerren, wo wir doch gar
+noch nicht ausgeschlafen haben? Die Rosse waren wie der Bauer Puder,
+sie waren nicht für solche »Faxen«. Als aber die Kinder mit einem
+ungeheuren Lärm auf die Wagen drängten, spitzten sie die Ohren, und
+Lehmanns Schimmel schüttelte wild die Mähne, worauf Lehmann dringend
+mahnte, »ganz stille« zu sein; denn sein Schimmel sei ein junges
+feuriges Tier, das ginge leicht durch.
+
+Gerade als wir abfahren wollten, kam der Schneider Dierschke an mich
+heran. Er brachte seinen Enkelsohn und sagte:
+
+»Der Wilhelm soll doch mitfahren.«
+
+»Es ist recht, Meister. Wir passen schon auf ihn auf. Aber wollen Sie
+nicht selbst mitfahren?«
+
+Sein altes kluges Auge glimmte auf.
+
+»Es mag schon sehr schön sein,« sagte er; »aber ich will doch zu Hause
+bleiben.«
+
+Und er sah seinen Enkel noch einmal stumm, aber mit liebender Sorge an,
+als ob er ihn auf eine unendlich weite Reise schicke, und ging seiner
+Wege.
+
+Fort ging die Fahrt zum Dorf hinaus. Die Kinder saßen ganz stumm.
+Schon gleich hinter der Dorftafel spähten sie mit großen Augen, ob
+etwas Neues zu sehen sei. Es waren aber die alten, bekannten Felder
+und Wiesen, umhüllt von den Schleiern der dunklen Nacht. Ein frischer
+Morgenwind blies von Osten her, es war ganz still, nur die Wagen
+knarrten den Weg entlang.
+
+Eine Stunde verging, ein fremdes Dorf tauchte auf. Was mag das sein?
+wisperten die Kinder. Einer nannte den Namen. Nun waren alle in großer
+Erwartung. Ach, es war ein Dorf wie das unsere, aber es wurde sehr
+bewundert.
+
+Auf der Dorfstraße stand der Nachtwächter, sichtlich ein Bild krassen
+Erstaunens. Wie ein Hexenspuk fuhren die buntgeschmückten Wagen an
+ihm vorbei. Ich saß auf dem letzten Wagen, und als ich an dem Wächter
+vorbeikam, brachte er heraus:
+
+»Was .. was .. ist das? Wo fahrt Ihr hin?«
+
+»Wir fahren ins Morgenland,« rief ich ihm zu.
+
+»Ins Morgenland!« schrie er und streckte fassungslos den Spieß in die
+Luft. Der gute Mann hatte noch eine Stunde Dienst und hat gewiß in
+dieser Nacht nicht mehr einschlafen können.
+
+Die Sonne kündigte sich an. Schon wehten ihre königlichen Purpurfahnen
+am Himmelstor. Da sangen die Kinder das freundliche Geibellied:
+
+ »~Wer recht in Freuden wandern will,
+ der geh' der Sonn entgegen.~«
+
+Zwischendurch merkte ich, daß die meisten Kinder ihre Proviantpakete
+ausgepackt und schon in der ersten Reisestunde den größten Teil der
+Vorräte verputzt hatten. Wenn ein gesunder Mensch aufgeregt ist, fängt
+er an zu essen, und diese Kinder waren aufgeregt.
+
+ * * * * *
+
+Wir gingen zu Fuß durch die morgendlich beleuchteten Straßen der
+kleinen Stadt. Die Kinder bestaunten die hohen Häuser und tauschten
+Vermutungen, daß in ihnen lauter Millionäre wohnten. Beim ersten
+Uhrmacherladen kamen wir nicht vorbei, die ganze Klasse machte vor
+dem Schaufenster Halt, drängte sich und reckte die Hälse, starrte
+in ein Wunderland von Reichtum. Beim Bäckerladen kam einer auf den
+Gedanken, sich ein Stück Kuchen zu kaufen, was zur Folge hatte,
+daß die ganze Herde ihm nachlief und der Bäcker seinen Laden wegen
+zu großen Andranges des Publikums zeitweilig schließen mußte. Er
+dienerte dann auch noch lange mit seinem dicken Bauch hinter uns her.
+Dieselbe Szene wiederholte sich vor einer Wurstmacherei, die aus
+irgend einem Grunde schon geöffnet war, und es schmerzte mich, daß
+die Kinder sich so viel mehr für materielle Genüsse begeisterten, als
+für einen prächtigen alten Straßenwinkel, auf den ich ganz vergebens
+aufmerksam machte. Streuselkuchen und Knoblauchwurst, welch ein Genuß
+für lebenshungriges Volk! Von wertvollen Baulichkeiten machte nur
+der Kirchturm wegen seiner Höhe und ein Springbrunnen wegen einiger
+komischer Figuren Eindruck, alles Alte kam den Naturkindern schäbig
+und wertlos vor; dagegen riefen einige kitschige moderne Villen einen
+gewaltigen Eindruck hervor. Und der Oderstrom! Ein paar riefen Ah! und
+Oh!, als sie ihn sahen, den meisten merkte man eine leise Enttäuschung
+an -- sie hatten sich ihn größer vorgestellt. Unübersehbar breit und
+unergründlich tief, schäumend und zischend, von tausend Schiffen
+belebt. O, die Wirklichkeit hat Mühe, der Phantasie von Dorfkindern
+gerecht zu werden. Als aber der kleine Oderdampfer kam, der uns
+aufnehmen sollte, kannte die Verwunderung keine Grenzen. Dem wirklich
+Großen kommt naives Volk nicht nahe, das Kleine, das es versteht und
+für groß hält, ist es, was ihm dient.
+
+Dieser Dampfer war ein merkwürdiges Schiff. Er machte mit seinem
+Triebrad einen Mordslärm, er dampfte, tutete, klingelte, ratterte,
+rasselte mit Ketten, stampfte, er fuhr angeblich sogar, aber er kam
+nicht vorwärts. Ob er das auch nicht beabsichtigte, weiß ich nicht,
+aber es wäre gegen die Verabredung gewesen, da wir doch nach Breslau
+wollten. Jedenfalls torkelte dieses Schiff immer von einem Ufer zum
+anderen, immer hinüber und herüber, und ein Mann, welcher als der
+Kapitän des Schiffes galt, erklärte uns, es seien so viele Haltestellen
+da. Anfangs glaubte ich dem Schiffer nicht, aber nach einer Stunde
+sah ich ein, daß wir uns tatsächlich vorwärts bewegt hatten --
+wahrscheinlich durch die Flußströmung -- denn die Türme der Kreisstadt
+waren nicht mehr zu sehen.
+
+Bei so mäßiger Schiffsbewegung ist es verwunderlich, daß ein paar
+Kinder seekrank wurden. Streuselkuchen, Knoblauchwurst und nun auf dem
+Dampfer eine Himbeerlimonade nach der anderen -- es war schlimm! Der
+Kapitän schüttelte den Kopf und sagte, sein Schiff »schlingere nicht«.
+Ich hätte auch wissen mögen, wie es das fertig gebracht hätte.
+
+Zu sehen war nicht viel Neues. Felder und Wiesen wie daheim. Nur wenn
+einmal ein Stück schöner Eichenwald auftauchte, wurden die Kinder
+still und nachdenklich. Und als sie Flößer sahen, die auf ihrem
+luftigen Fahrzeug eine kleine Strohhütte hatten und davor ein offenes
+Feuerchen brannten, schrien die Jungen: »Indianer! Indianer!« Einer
+von den Slowaken, die da von ihrer Beskidenheimat den langen Oderstrom
+hinunterfuhren gen Stettin, trat an den Rand des Floßes und rief ein
+paar polnische Worte herüber.
+
+»Ein Seeräuber!« sagte ein Junge.
+
+Ein »guter« Lehrer hätte wohl nun augenblicklich einen lehrreichen
+Vortrag über die Flößerei gehalten, über den Holzhandel vom
+karpatischen Waldgebirge nach der Ostsee hin, aber die Kinder sahen mit
+so großen Augen nach den vermeintlichen Indianern und dem Seeräuber,
+daß ich lieber ein schlechter Lehrer war und schwieg, bis das Floß
+mit dem Strohhäuslein und dem flackernden Feuerchen den staunenden
+Kinderaugen entschwand.
+
+Einer mied beständig meine Nähe. Das war Wilhelm Dierschke. Da merkte
+ich auch die Ursache; er war barfuß. »Junge«, sagte ich, »wo hast
+du denn deine Stiefel? Du kannst doch nicht wie ein Gänserich durch
+Breslau latschen!«
+
+»Im Sommer drücken mich die Stiefel,« entgegnete Wilhelm, »da hab' ich
+sie heute früh ausgezogen und an der Oder versteckt.«
+
+»Wo hast du sie versteckt?«
+
+»An der Oder in einen Strauch, ehe wir eingestiegen sind.«
+
+»Und wenn sie jemand sieht und stiehlt?«
+
+Seine Augen zogen Wasser.
+
+»Sie kosten elf Mark,« sagte er voller Angst, »und drei Mark ist der
+Großvater beim Schuster noch schuldig.«
+
+Die Stiefel waren so gut wie verloren. Da wir die Rückfahrt mit der
+Bahn machten, kamen wir gar nicht mehr an die Oder. Und das mußte
+gerade dem Enkel des Weltverächters Dierschke passieren. Aber ich
+tröstete den Jungen. Mitreisende wohlhabende Bauern steckten mir so
+viel Geld für die Kinder zu, daß ich, um nicht alle seekrank zu machen,
+auf Überschüsse sinnen mußte, die ja schließlich dem Stiefelverlust
+gegenüber zu verwenden waren.
+
+Wie es möglich war, weiß ich nicht, aber wir kamen richtig nach Breslau
+und zwar noch am Vormittag desselben Tages, an dem wir früh 2 Uhr
+abgefahren waren.
+
+»Es sind vier Meilen,« sagte der Kapitän mit Wichtigkeit, und die
+Kinder horchten auf und dachten nach, wie weit sie nun von Zuhause
+entfernt seien. Am Zoologischen Garten landeten wir.
+
+Für Kinder gibt es in Zoologischen Gärten nur fünf Arten von Tieren,
+die wirkliches Interesse bieten: erstens die Affen, zweitens der
+Elefant, drittens die Bären, viertens das Nilpferd, fünftens der Löwe.
+Alles andere und seien es auch die größten Seltsamkeiten, wird nur
+nebenher mit halbem Auge betrachtet. Wir standen an jenem Tage volle
+drei Viertelstunden vor dem Affenhause. Das Vergnügen endete mit einem
+groben Scherz. Ein Bauer neckte einen Affen dadurch, daß er ihm statt
+eines Stückes Zucker ein Stück Kreide gab. Als nun der Bauer demselben
+Affen ein rohes Ei durchs Gitter reichte, warf es ihm das erboste
+Tier, in der Meinung abermals gefoppt zu sein, an den Kopf. Dieses
+Attentat löste sowohl bei den Affen als auch bei den Kindern ungeheure
+Heiterkeit aus; der übel zugerichtete Bauer aber knurrte, er mache
+nicht mehr mit, und verließ uns.
+
+Von Käfig zu Käfig ging es. Manchmal hörten die Kinder auf meine
+Erklärung, aber nur, wenn sie ein wenig romantisch oder anekdotenhaft,
+nie, wenn sie lehrhaft trocken war. Immer langsamer lief der Zug,
+die erste Müdigkeit stellte sich ein. In einem Wirtsgarten, wo wir
+einkehrten, stürzten sich die Kinder wieder auf die materiellen
+Genüsse, aber sie naschten mehr, als sie aßen. Einige saßen ganz still
+auf ihren Stühlen, nutschten an grellfarbenen Zuckerstangen und sahen
+stumm vor sich hin, und ein alter Bauer seufzte tief auf und sagte:
+
+»Wie wird nur jetzt alles zu Hause sein?«
+
+Ich glaube, der Alte hatte eine Anwandlung von Heimweh, er sehnte sich
+von den fremden Tieren weg nach dem heimischen Stall. Und ich sagte zu
+ihm:
+
+»Sehen Sie, Vater Schulz, der Löwe, der uns so verachtungsvoll
+angesehen hat, der denkt auch an seine Heimat. Er denkt an das
+Felsengebirge in der Wüste, von dem herab seine Eltern nach Beute
+schauten; er hat nichts vergessen; er hat es im Instinkt; er denkt
+immer: Wie mag nur jetzt alles zu Hause sein? Und er ist in fremdem
+Lande eingesperrt bis an sein Ende.«
+
+»Es kann einem eigentlich leid tun um die Tiere,« sagte der Alte.
+
+»Ja,« sagte ich, »mir tut es auch leid. Es ist unendlich viel Qual,
+ungestillte heiße Sehnsucht nach Heimat und Freiheit in solch einem
+Garten. Man sagt, sie seien der Wissenschaft halber da; aber das ist
+nicht wahr, sie sind nur der Schaulust, der plumpen Unterhaltungslust
+wegen geschaffen.«
+
+So setzte ich mich selbst ins Unrecht. Aber ich konnte nicht anders;
+ich hatte wieder zu viel Trübsinn aus der Tierseele leuchten sehen, und
+ich sagte es ja auch nur zu Vater Schulz.
+
+Das Siegesgewisse meiner Laune sank überhaupt merklich. Was konnte
+ich den Kindern von der großen Stadt zeigen, wieviel Einblick
+ihnen gewähren in einen solchen Riesenorganismus? Straßenverkehr,
+Straßenlärm, ein Vorbeigehen an glitzernden Schauläden, ein kurzes
+Verweilen am Stadtgraben, wo die Schwäne schwammen, das war eigentlich
+alles. Zweiundachtzig weltfremde, ungeschickte Kinder im Gewühl der
+Großstadt zusammenzuhalten, war wahrlich keine Kleinigkeit für uns,
+die wir die Verantwortung hatten. Die Kinder gingen ängstlich und
+gänzlich stumm vor Staunen durch die Stadt. Nur hin und wieder war es
+möglich, ihnen eine Erklärung zuzurufen; aber ihre Gesichter waren
+so unbeweglich, daß man nicht wissen konnte, ob sie etwas besonders
+interessiere oder nicht. Soldaten marschierten vorbei, das war das
+Schönste. Wenn ich aber den Kindern sagte: hier ist das Rathaus,
+eines der schönsten Gebäude der Welt, so verstanden sie nicht, warum
+dies alte Haus so schön sein sollte, und wenn ich sagte, das ist das
+Theater, wußten sie nicht, was das sei. Die Schauläden zogen wie
+Kaleidoskopbilder schnell vorüber; denn wir durften ja nicht stehen
+bleiben, und so entschieden sich die Kinder später bei der Beantwortung
+der Frage, was auf der Hauptstraße von Breslau am schönsten gewesen
+sei, zur Hälfte für die Soldaten, zur anderen Hälfte für einen Mann,
+der bunte Gummiballons zu verkaufen gehabt hatte.
+
+So durften wir ja nicht nach Hause fahren! Ich führte die Kinder
+truppweise auf den Aussichtsturm der Liebichshöhe, von der man das
+Häusermeer Breslaus überschauen kann. Da wurde den Kindern die Größe
+einer solchen Stadt klar. Sie rissen die Augen auf und atmeten
+schwerer. Aber es war doch eben nur ein totes Häusermeer, was sie
+sahen, und es hätte gar keinen Zweck gehabt, ihnen ein Dutzend Namen
+von Kirchen und anderen Baulichkeiten zu nennen. So fing ich an zu
+reden: »Seht ihr dort draußen das große Gebäude? Es ist eine Fabrik.
+Zweitausend Menschen arbeiten jetzt darin im Schweiße ihres Angesichts.
+Das erscheint euch viel. Aber seht euch diese unzähligen Dächer an.
+Unter fast allen wird gearbeitet von hunderttausenden von Menschen.
+Dort oder dort stirbt vielleicht jetzt gerade ein Mensch; denn alle
+Tage sterben in einer solchen Stadt viele Menschen; da oder dort
+freut sich gerade eine Mutter, daß sie ein neues Kind bekommen hat;
+dort steht ein großes Krankenhaus, hunderte von Menschen leiden darin
+Schmerzen; von dorther tönt Musik, da freuen sich lustige Leute. Und
+seht, wie die Lastwagen fahren, jeder nach seinem Ziel, jeder mit
+einem bestimmten Zweck, und wie die Leute unten auf der Straße wimmeln,
+jeder mit anderen Gedanken, jeder mit anderem Zweck und Ziel. Das weite
+Land, das ihr seht, versorgt die Stadt täglich mit Mehl und Fleisch,
+Obst und Gemüse, und die Stadt schickt hinaus Geräte und Kleider und
+Möbel und Uhren. Und dort fährt die Eisenbahn.«
+
+Da starrten die Augen.
+
+»Wo fährt sie hin?«
+
+»Sie fährt wohl nach Berlin; aber mancher, der drin sitzt, reist weiter
+bis an den Rhein oder gar hinüber nach Amerika und kommt niemals
+wieder. Da fährt er hin, und da drüben ist der Bahnhof, und da steht
+jetzt noch eine Frau, die hat das Taschentuch vor den Augen und weint.«
+
+»Es ist viel in der Stadt,« sagte ein Kind.
+
+»Seht ihr das rote Haus dort? Das ist das Gefängnis. Da sitzen
+unglückliche Menschen, die das Gesetz nicht achteten, und zählen die
+Tage, bis sie wieder einmal frei unter anständigen Leuten gehen können.
+Dort ist der Dom, daneben wohnt der Fürstbischof; in jenem Hause wohnt
+der oberste General.«
+
+»Und wo wohnen wir?« fragte ein Kind.
+
+»Dort ist der Zobtenberg, den wir auch zu Hause sehen, nur daß er hier
+etwas anders ausschaut, und wenn ihr links an ihm vorbei in die Ferne
+seht, da liegt hinter der Himmelslinie unser Dorf.«
+
+Die Kinder bohrten die Blicke in den Dämmerdunst der Ferne, und ob sie
+natürlich auch nichts von ihrem Dörflein erspähen konnten, sie schauten
+immer wieder hin und winkten mit den Händen.
+
+»Es ist viel in der Stadt!« hatte ein Kind gesagt. Das war mir genug.
+Die Kinder hatten einen Eindruck empfangen, wir fuhren nicht leer nach
+Hause.
+
+Und ein gewaltiges Neues kam noch: die Kinder fuhren mit der Eisenbahn.
+Auch mancher Erwachsene aus unserer Schar fuhr zum ersten Male mit
+der Bahn. Wer lächelt darüber? Wie lange fliegen heute schon unsere
+Luftschiffe? Wer flog mit? Und wer würde heute nicht mit ebenso
+feierlichem, die Angst schlecht verhehlendem Gesichte im Luftfahrzeug
+sitzen, wie damals diese Kinder im Eisenbahnzuge? Dem Neuen gegenüber
+sind wir alle Kinder.
+
+Der Zug flog donnernd dahin, und als wir schon nach kurzer Zeit auf dem
+Bahnhof der heimischen Kreisstadt anlangten, stiegen alle mit einem
+frohen Lächeln aus:
+
+»Es ist vorbei! Es ist gut gegangen!« Und sie fingen an zu lärmen und
+sahen mutig um sich.
+
+Wir suchten den Gasthof wieder auf, in dem uns die Wagen erwarteten,
+und ich hielt einen Generalappell. Ich zählte die Kinder.
+
+Einundachtzig!
+
+Ich zählte nochmals. Wieder einundachtzig! Da brach mir der Schweiß
+aus, und ich zählte zum dritten Mal einundachtzig. Mit zweiundachtzig
+Schülern waren wir fortgefahren, zweiundachtzig hatten wir noch
+in Breslau in die Eisenbahnwagen hineingezählt, jetzt waren nur
+einundachtzig.
+
+»Es fehlt jemand. Wer fehlt?« fragte ich.
+
+»Ich nicht! Ich nicht!« schrien etwa zwanzig. Da fuhr ich nervös
+dazwischen:
+
+»Ihr Schafsköpfe, ich frage nicht, wer ~nicht~ fehlt, ich frage,
+wer fehlt!«
+
+Der aber, der fehlte, meldete sich nicht. Ich brüllte über den Hof:
+»Es fehlt ein Kind!« Der Hauptlehrer, der Pfarrer, die Bauern eilten
+herbei, regten sich auf und suchten. Vergebens!
+
+»Wer fehlt?«
+
+»Ich nicht!« sagte noch einer; der kriegte ein Kopfstück.
+
+Plötzlich kam mir die Erleuchtung.
+
+»Ist Wilhelm Dierschke da? Wilhelm Dierschke! Wilhelm Dierschke!«
+
+Keine Antwort. Nun wußte ich, wer fehlte. Wilhelm Dierschke hatte
+sich vom Bahnhofe weggeschlichen, um am Oderfluß seine versteckten
+Stiefel zu suchen. Es ward schon dunkel, die Kinder mußten nach Hause;
+es war ja noch ein Weg von 2-1/2 Stunden zurückzulegen. Da ließ ich
+die neunundneunzig in der Wüste, ich ließ sie nach Hause fahren und
+ging das verlorene Schäflein suchen. Als »guter Hirt« kam ich mir
+aber gar nicht vor. Ganz im Gegenteil. Ich wußte, daß der Junge seine
+Stiefel versteckt hatte, ich hätte mir denken müssen, daß er sie suchen
+würde, da er sie doch wiederhaben wollte, und ich hätte am Bahnhof auf
+Wilhelm Dierschke besonders aufpassen sollen. Ich hatte es aber unter
+einundachtzig anderen Sorgen vergessen, und der Junge hatte sich auch
+so heimlich entfernt, daß nicht ein einziger seiner Kameraden darauf
+aufmerksam geworden war.
+
+Ich stürmte durch die Stadt, dem Oderstrom zu. Meine Phantasie malte
+mir gräßliche Bilder. Der täppische Junge ist in der Abenddämmerung
+an den Fluß gekommen, die Böschung ist steil, er hat gesucht, nicht
+gefunden, ist ausgeglitten, schwimmt vielleicht jetzt schon weit den
+Fluß hinunter, und der alte Mann, dessen einziges Lebensglück er ist,
+wartet daheim, und ich habe den Jungen übernommen.
+
+Einmal mußte ich auf dem kurzen Wege stehen bleiben, um Luft zu
+schöpfen. Dann endlich war ich am Oderfluß. Ich erkannte die
+Landungsstelle.
+
+»Wilhelm Dierschke! Wilhelm Dierschke!« rief ich.
+
+Es kam keine Antwort. Ich rief, ich schrie, ich schlängelte mich durch
+das Ufergebüsch.
+
+Ich lugte ins Wasser.
+
+Ruhig floß der Strom; der Wind wehte durch die Bäume. Immer wieder rief
+ich -- den Fluß hinauf und hinunter rannte ich -- es war alles umsonst.
+
+Nach einer langen Zeit fragte eine Stimme:
+
+»Wer ruft denn hier?«
+
+Es war ein Fischer. Er sagte, er sei seit vielen Stunden am Fluß, noch
+lange vor Abend, aber er habe keinen Knaben gesehen. Ob er denn nicht
+den Fluß absuchen könne, fragte ich in meiner Verwirrung. Er schüttelte
+lächelnd den Kopf.
+
+»Wenn er hineingefallen ist,« sagte er mit der rücksichtslose Offenheit
+so einfacher Leute, »dann ist er hin. Denn es ist hier tief und
+reißend.«
+
+Tränen würgten mich. Da schüttelte er wieder den Kopf und sagte:
+
+»Gehn Sie doch mal zur Polizei. Ich werd' Ihnen den Weg zeigen.«
+
+Das war ein Rat, der mir einleuchtete. Ich ging mit dem Schiffer nach
+der Stadt zurück, nicht ohne wiederholt stehen zu bleiben und laut zu
+rufen. Der Schiffer führte mich einen Weg durch enge Gassen. Und in
+der allerengsten Gasse, wohin ich selber niemals gefunden hätte --
+fand ich Wilhelm Dierschke. Er verteidigte heldenmütig sich und seine
+kanonenrohrartigen Stiefel gegen eine Schar von Gassenjungen, die das
+Dorfkind belagerten.
+
+Selig rief ich »Wilhelm! Wilhelm!« und hielt ihn in den Armen samt
+seinen Stiefeln.
+
+Wir gingen dann miteinander durch die Stadt. Ich fand kein Wort des
+Vorwurfs; ich sagte dem Jungen nur, die anderen seien schon nach Hause,
+da es doch bereits spät sei; wir beide würden nun in einem Gasthaus
+übernachten und morgen früh um 3-1/2 Uhr aufbrechen, da seien wir noch
+vor Schulanfang zu Haus. Wilhelm schluckte an seinen Tränen, preßte mit
+jedem Arm einen Stiefel an seine Brust und sagte gar nichts.
+
+Da fiel mir der Großvater ein. Was für ein furchtbarer Jammer, wenn die
+anderen heimkehrten und allein sein Wilhelm fehlte! Eine telegraphische
+Nachricht jetzt während der Nacht zu geben, war ganz ausgeschlossen. Da
+sagte ich: »Wilhelm, wir müssen noch heute Nacht nach Hause gehen; es
+ist wegen deinem Großvater.«
+
+Der Junge nickte gehorsam, aber ich merkte, er war todmüde. Und ich
+war auch müde. Da fragte ich den Schiffer, der noch bei uns war, ob er
+uns wohl eine Fuhre nach dem Dorfe J. besorgen könne. Er fragte, wo J.
+liege; ich beschrieb es ihm.
+
+»Oh, wer wird jetzt in der Nacht so weit über Land fahren,« sagte er
+abweisend.
+
+Ich sagte, es müsse sein, und bot zehn Mark Fuhrlohn. Zehn Mark waren
+damals sehr viel Geld. Da sagte der Schiffer, er habe einen Bruder, der
+Droschkenkutscher und ein sehr gefälliger Mensch sei; wenn es dieser
+nicht täte, täte es keiner. Ehe dieser Bruder gefunden war, ehe er
+eingespannt hatte, vergingen abermals dreiviertel Stunden, viel zu viel
+Zeit für meine Unruhe.
+
+Endlich fuhr das Wäglein die dunkle Landstraße entlang. Das Kind
+schlief ein, der Nachtwind kühlte meine heiße Stirn, und ich war
+glücklich.
+
+Wohl noch eine halbe Meile vor unserem Dorfe hörte ich plötzlich
+eine Stimme durch die Nacht rufen: »Wilhelm! Wilhelm! Großer Gott!
+Barmherziger Gott!«
+
+Es war der alte Großvater, der sein Enkelkind suchte. Ich rief zurück,
+sprang vom Wagen herunter und lief auf ihn zu. Er sah aus wie ein
+Irrsinniger, das lange weiße Haar flatterte um seinen bloßen Kopf.
+
+»Ist er da? Lebt er?«
+
+»Es ist alles gut, Meister. Da auf dem Wagen sitzt der Wilhelm.«
+
+Der Schneider trat heran.
+
+»Junge!«
+
+»Ich hatte meine Stiefel verloren,« sagte der Kleine mit weinerlicher
+Stimme.
+
+Ich setzte den Großvater zu dem Jungen in den Wagen und mich beiden
+gegenüber.
+
+»Ich werd' alles vergelten, Herr Lehrer,« sagte der Schneider mit
+bebender Stimme.
+
+»Davon ist gar keine Rede, Meister! Sie müssen mir nur versprechen, daß
+Sie nicht böse sind auf mich.«
+
+Er schüttelte den Kopf und weinte leise. Nach einer Weile sagte er:
+
+»Es ist alles gut. Der Junge ist da.«
+
+»Und«, sagte der Junge, »wir fahren in einem so schönen Wagen, und die
+Stiefel sind auch da. Ach, Großvater, es war so schön, so sehr schön,
+daß ich mitgefahren bin.«
+
+Der Alte wollte heftig widersprechen, aber er sah mich an, wollte mich
+nicht kränken und sagte:
+
+»Ja, es war wohl schön, daß du mitgefahren bist.«
+
+Im Dorfe waren noch alle Leute munter, alle in Aufregung. Wir wurden
+mit herzlicher Freude empfangen.
+
+ * * * * *
+
+Das war der einzige Ausflug, den ich mit Schulkindern als
+Dorfschullehrer gemacht habe. Schon nach acht Monaten rief mich meine
+Behörde in eine größere Stadt, wo ich an der Lehrervorbildung mithelfen
+mußte. Einmal bekam ich einen anonymen Brief, dessen Poststempel leider
+auch nicht zu entziffern war. In dem Briefe war nichts enthalten als
+ein Zehnmarkschein. Ich habe noch heute den Verdacht, daß der Brief vom
+Schneider Dierschke war.
+
+
+
+
+ Das Telefon des Bildschnitzers
+
+ Eine Bergstadtgeschichte
+
+
+Alle Sommermärchen sind aus: die, die im Kelch der Rose wohnten wie
+in einer rotleuchtenden Stadt; die, die um nackte Füßlein spielender
+Kinder durch den Bach schwammen; die, die auf den tönenden Flügeln des
+Gartenkonzerts dahinhuschten über glühende junge Wangen und sich im
+stillen Walde verloren. Alle sind aus.
+
+Es war einmal -- es ist nicht mehr!
+
+Auch das Sommer- und Lebensmärchen des Bilderschnitzers Klemens ist
+nicht mehr. Sein Junge ist gestorben und begraben worden. Es war ein
+klarer Herbsttag, als sie den kleinen Hermann in die Grube legten; die
+Luft war voll Gebet und Liederklang, voll vom Weinen der Weiber und den
+scheuen Seufzern der Männer; es sangen auch noch ein paar Vögel, mit
+dem Schnabel nach Süden hin, und die roten Blätter wirbelten, und auf
+den Kirchturm, von dem die Glocke klang, schwamm von Norden her eine
+Wolke zu. Ein Weilchen blieb dies Bild stehen mitten im Herbsttag, und
+dann gingen alle nach Hause.
+
+So war des Bilderschnitzers Sommer- und Lebensmärchen zu Ende.
+
+Manchmal lacht Klemens und hält sich für einen Narren. Die ganze Zeit,
+als er das Roß mit dem Araber geschnitzt hat, hat er doch gemeint,
+daß das Roß lebe und der Araber lebe, und hat meist in Hemdsärmeln
+dagesessen, weil ihm die Glut der Wüstenluft allzu arg zusetzte. Wußte
+er nicht genau, daß sein Araber gegen Omar ben Alef ansprang, gegen
+den Prahler, der geschworen hatte, ihn lebend zu fangen und ihm den
+Bart zu scheren, und den er nun in die Hölle schicken würde? War nicht
+deshalb der Ansprung des Pferdes so kühn, das Auge des Reiters so
+erschrecklich, der Arm so wuchtig gehoben, die Beine im Bügel so zum
+Reißen gestrafft, weil eben alles lebendig gewesen war, als Klemens
+die Gruppe schuf? Gewiß war es lebendig und ist's auch noch, denn
+manchmal noch fährt Klemens dem Reiter in die Haare, weil sie ihm nicht
+vom Schweiß der Anstrengung verklebt genug sind, oder er bringt ein
+Fältlein im Mantel, das noch zu ordentlich liegt, in flatternden Wurf.
+
+Alles lebt; alles ist wirklich. Aber eines Tages wird ein reicher Mann
+kommen, von dessen Gunst der arme Klemens leben muß, und ihm den Araber
+abkaufen, um ihn bei sich daheim auf ein langweiliges Wandbrett zu
+stellen oder ihn gar seinen verwöhnten Sprößlingen zum Zerbrechen zu
+geben.
+
+Dann sind Araber und Roß, Omar ben Alef und Wüstenkampf, Palmenwipfel
+und heiße Luft ein Märchen gewesen, und das Märchen ist aus.
+
+Der Pfarrer hat am Grabe des kleinen Hermann ein paar sehr schöne Sätze
+gesprochen. Er hat so gesagt:
+
+»Klemens, manche Leute sagen, du seist halt ein Spielzeugmacher oder
+Bilderschnitzer wie viele in unserer Bergstadt und anderswo. Aber du
+bist ein Künstler; das wissen alle die, die etwas davon verstehen. Da
+kommt es wohl öfters vor, daß du an einer Gruppe, die du mit großer
+Kunst und viel Mühe und Treue geschaffen hast, mit tiefer Liebe hängst.
+Aber eines Tages kommt ein reicher Mann und kauft dir die Gruppe ab,
+und du mußt sie ihm hingeben, denn das Leben zwingt dich dazu. Dann
+bist du wohl traurig in deinem Herzen, aber du tröstest dich in dem
+Gedanken: der reiche Mann wird mein Werk in einen schönen Saal stellen,
+wo andere herrliche Kunstwerke stehen, und kluge Menschen werden ihre
+Freude an dem Werk haben und ganz im geheimen den Mann segnen, der es
+geschaffen hat. Nun siehe, lieber Klemens, das herrlichste Kunstwerk,
+das je ein Menschenauge in deiner Werkstatt sah, war dein Sohn. Nicht
+nur, daß er von dir abstammte; du hast an nichts so viel Sorge, so
+viel Mühe und Verständnis gewandt wie an dies Kind, das leiblich und
+seelisch wuchs und wurde zum wunderbaren Kunstwerk. Zehn Jahre lang
+hast du an ihm gebildet und alle Freuden des schaffenden Künstlers an
+ihm erlebt. Da kam der reiche Mann -- der reichste Mann der Welt und
+begehrte den Knaben für sich und sagte: ›Meister Klemens, ich will
+deinen Hermann für meinen goldenen Himmelssaal. Dort wird er weilen im
+Licht der Ewigkeiten, und Heilige und Weise, Patriarchen und Engel, der
+Chor der Jungfrauen und alle Künstler und Könige, die in die Heimat
+fanden, werden ihn sehen, werden sich seiner Edelgestalt freuen und
+werden den segnen, von dem er stammt. Und ich selbst werde dich lohnen
+mit Gütern, die niemand vergeben kann als ich.‹ Die Not des Lebens
+zwang dich, lieber Meister Klemens, dem reichen Manne dein Kleinod
+zu geben. Aber wenn du auch traurig bist, sieh ohne Verzweiflung dem
+entschwundenen Gute nach und tröste dich mit Gedanken von ewiger
+Schönheit, die über die schmalen Grenzen dieses Lebens hinausgehen und
+denen du folgen kannst!«
+
+Von diesem starken Trostwort lebte der Bilderschnitzer nun seit drei
+Monden. Er sprach es sich alle Tage vor, und es tat ihm immer wieder
+wohl. Aber die trüben, trüben Tage kamen, da die Menschen verdrossen an
+den Fenstern vorbeigingen, der Regen über die Scheiben weinte und der
+Efeu frierend in die Stube sah -- die Tage, da alles so furchtbar leer,
+die Arbeit so zwecklos, das Leben so ohne alle Gnade und Freude war,
+und dann schrie er nach dem Kinde, dann zerraufte er sich das Haar, da
+stieß er einmal mit dem Fuße nach seiner schönsten Gruppe, dem heiligen
+Hubertus, daß dem Jäger die Armbrust brach und der Hirsch mit dem
+weißen Kreuzlein verwundert auf den tobenden Meister sah.
+
+Als Advent kam, wurde es schlimmer mit Klemens. Da nicht Leute genug
+in der Bergstadt wohnten, die teure Holzschnitzereien kauften, erwarb
+der Meister einen Teil seines Lebensunterhaltes dadurch, daß er vor
+Weihnachten künstlerisches Spielzeug schuf. Ein Hanswurst, den er mit
+ein paar kräftigen Schnitten aus Tannenholz formte, hatte größeren
+Kunstwert als viele Goetheköpfe, die aus Marmor sind und in den
+großstädtischen Bazaren stehen. Das war immer die schönste Zeit des
+Jahres gewesen, die stillen Novembertage und der verschneite Advent.
+Dann war's am heimlichsten gewesen in Bildschnitzers Stube, dann war
+der Junge, der Frühling, Sommer und Herbst auf der Straße war oder über
+die Stadtmauer kletterte, daheim beim Vater, und er dichtete mit ihm
+Kunstwerk um Kunstwerk.
+
+»Vater, mach' ein Schiff mit drei Segeln! Ein Mohr und eine schöne
+Engländerin müssen darin sitzen, und auf dem Mast sitzt ein Affe, der
+frißt eine Nuß. Der Mohr hat die Engländerin geraubt und der Affe die
+Nuß.«
+
+Dann guckte der Bilderschnitzer schief über die Brille auf den
+Jungen, in dessen Kopf es so kurios aussah, und fing an, das Schiff zu
+schnitzen, den Mohren und den Affen. Der Junge sah zu und war ein so
+strenger Regisseur und Kritiker, daß der Alte dachte: »Was wird aus ihm
+werden?« -- »Vater, mach' eine kleine Tonne mit einem Schwimm-Männlein
+darin, das auf- und abtaucht, und das Schwimm-Männlein muß aussehen
+wie der Ratsdiener Mathies, der sich zu Tode trinkt.« -- »Vater, bau'
+ein großes Fernrohr, mit dem man in die Erde gucken kann. Man muß die
+Bergleute sehen, man muß die Zwergemännchen sehen, wie sie Gold und
+Silber aushacken, und man muß den Teufel sehen, wie er brennt.«
+
+Ein solches »Fernrohr in die Erde« hat Klemens gebaut, ein Rohr mit
+auswechselbaren Bildern, und viel Geld damit verdient.
+
+Einmal sagte der Kleine: »Du müßtest eine Wunderschachtel bauen können,
+in die man hineinspricht, und die Worte müssen darin bleiben, und erst,
+wenn man den Deckel aufmacht, kommen sie wieder heraus.«
+
+Das Kind hatte nie etwas von Grammophon und Telephon gehört, und
+Meister Klemens zerbrach sich lange den Kopf, ob er es ermöglichen
+könne, ein sprechendes Grammophon zu kaufen. Aber es war zu teuer, und
+so kam Klemens darauf, sich ein Haustelephon zu bauen. Als der Knabe
+einmal einige Tage verreist war, legte er es an. Es führte vom Atelier
+des Meisters, das unter dem Dache lag, hinab in die Wohnstube, die zu
+ebener Erde war. Unten hauste die Frau. Sie war die zweite Gattin des
+Meisters; Hermanns Mutter war bei seiner Geburt gestorben. Die zweite
+war ein stilles Weib, hatte selbst keine Kinder, und wenn sie auch für
+den Knaben nie stürmische Zärtlichkeiten hatte, so war sie doch immer
+von gleichbleibender Fürsorge für ihn.
+
+Bei der Mutter war Hermann, als ihm das Wunder des Fernsprechers
+offenbar wurde. Die Mutter sagte nachmals, sie hätte geglaubt, der
+Junge bekäme die Krämpfe. Seine Aufregung und Freude begnügte sich aber
+in Zukunft nicht, mit dem Vater durchs Haus zu sprechen, die Leitung
+mußte bis ans Ende des Gartens in einen leeren Schuppen verlängert
+werden. Nun wollte der Junge stundenlang mit dem Vater sprechen, der
+oben im Hause unter dem Dache saß. Der Alte war selbst ein kindischer
+Gesell, der solche Dinge liebte, aber mit der Zeit wurde ihm der Spaß
+zu zeitraubend, und Hermann bestellte sich Freunde nach dem Schuppen,
+die er vom Atelier aus ansprach. Ihm blieb es immer die gleiche Lust,
+Worte in die Ferne zu richten. Als er aber einmal einem Kameraden die
+ganze Geschichte vom ägyptischen Josef durchs Telephon erzählte und am
+Schluß fragte, ob er auch alles verstanden habe, kam keine Antwort.
+»Es muß eine Störung in der Leitung sein,« sagte der Vater. Es war
+aber keine Störung in der Leitung, sondern dem Zuhörer in dem kalten
+Schuppen war die Geschichte zu lang geworden und er war davongelaufen.
+
+»Er ist ein Esel,« sagte Hermann verächtlich; »ich würde eher erfrieren
+als von dem Telephon fortgehen.«
+
+Niemals hatte der Junge ein Spielzeug gehabt, das ihn so gefesselt
+hätte, wie dieses Telephon. Seine Phantasie spielte den ganzen Tag um
+den Kupferdraht, der das unverstandene Wunder enthielt. Sein Vater
+erzählte ihm, wie weit andere Leute mit dem Telephon sprechen können --
+über Berg und Tal, durch Stadt und Land, ja, übers Meer hinweg. Dann
+wurden die dunklen Augen des Knaben rein starr.
+
+»Telephoniert der Kaiser auch?« fragte er atembenommen.
+
+»Freilich telephoniert er!«
+
+»Aber -- aber wenn er einmal seinen Soldaten telephoniert -- so zum
+Beispiel -- wenn er ein wenig böse ist: ›Stillgestanden! Linksum
+kehrt!‹, und das geht durchs ganze Land, erschrecken da nicht die Leute
+in den Städten und die Rehe im Walde, wo der Draht hindurchgeht?«
+
+Der Bilderschnitzer brummte, das sei ihm ganz egal, ob die Rehe
+erschräken oder nicht, und der Junge träumte weiter. Lange Pause.
+
+»Aber wir können doch mit unserem Telephon nur bis in den Schuppen
+sprechen,« kommt's endlich.
+
+»Wenn der Postmeister drüben über der Straße einen Draht an unser
+Telephon macht, können wir sprechen, soweit wir wollen.«
+
+Wieder lange Pause.
+
+»Aber wie ist's mit dem lieben Gott? Wenn er alles kann, muß er doch
+auch telephonieren können.«
+
+»Freilich kann er!«
+
+»Auch mit Draht?«
+
+Dem Bilderschnitzer, der gerade einem alten Landsknecht die Nase mit
+einer Warze verziert, wird die Fragerei unbequem.
+
+»Ich weiß nicht! Vielleicht knüpft er einen Mondenstrahl an den Draht
+an.«
+
+»Einen Mondenstrahl!«
+
+Der Junge träumte; er sieht die Leitung bis in den Himmel.
+
+So war's meist, wenn der Bilderschnitzer mit seinem Buben zusammensaß.
+
+ * * * * *
+
+Im letzten Advent saßen sie auch so beisammen. Es war schon Abend, das
+Feuer brannte im Ofen, und es war ganz still in der Stube. Auf einmal
+geht die Klingel am Telephon.
+
+Die beiden fahren auf und erschrecken sehr.
+
+»Wer kann das sein? Mutter?«
+
+»Mutter ist doch in Bärsdorf und kommt erst mit dem Abendzug zurück.«
+
+»Wer kann es sein?«
+
+Der Bilderschnitzer nimmt den Hörer.
+
+»Holla! Wer ist dort? -- Was? -- Was? -- Ach -- ach -- ich -- oh -- oh
+Majestät ...«
+
+Er legt bestürzt den Hörer weg.
+
+»Hermann, der Kaiser will dich sprechen.«
+
+»Was? Wer? Mich? -- der Kaiser? O, Vater!«
+
+»Ja -- ja, er ist am Telephon. Komm schnell, du darfst ihn doch nicht
+warten lassen -- denk' doch, der Kaiser ...«
+
+»Ich kann doch nicht -- ich -- ich hab' ja gar nicht den Sonntagsanzug
+an.«
+
+»So bitt' halt um Entschuldigung, und nun mach' rasch!«
+
+Der Vater schiebt den Jungen zum Telephon. Der ist feuerrot im Gesicht
+und zittert mit der Hand, als er den Hörer ans Ohr legt.
+
+»Hier ist der Kaiser!« sagt eine bärentiefe Stimme, »der richtige
+Kaiser in Berlin. Wer ist dort?«
+
+»Hier -- hier« -- meckert ein Stimmchen, »hier ist -- bin ich!«
+
+»Wer ist ›ich‹?« fragt der Brummbaß unwirsch.
+
+»Bildschnitzers Hermann aus der Bergstadt,« piept das Stimmchen.
+
+»So! Na, dich will ich ja eben sprechen.«
+
+»Ich bitte -- bitte -- um Entschuldigung, weil ich nicht den
+Sonntagsanzug anhab' -- aber bei uns ist heut erst Donnerstag.«
+
+»So!« lacht der »Kaiser«; »Ihr seid wohl dort ein bißchen zurück? Bei
+uns in Berlin ist schon Sonnabend.«
+
+»Bitt' um Entschuldigung!« wiederholt das Büblein.
+
+»Geschenkt! Geschenkt!« erwidert der Kaiser. »Dein Anzug ist ja gar
+nicht so schlecht. Bloß der zweite Knopf an der Jacke fehlt und der
+Absatz am linken Schuh.«
+
+»Ja, ja,« stottert erschrocken der Junge; »der Müller Eduard hat ihn
+mir abgerissen.«
+
+»Den Absatz?«
+
+»Nein, den Knopf!«
+
+»So!« sagt der Kaiser; »nun, das wollte ich zuerst wissen. Und nun was
+anderes. Ich habe gehört, du möchtest gern eine Prinzessin heiraten.
+Ist das wahr?«
+
+»Bitt' um Entschuldigung; ich hab' bloß Spaß gemacht.«
+
+»Waaas? Bloß Spaß? Erst redste dicke Worte und dann willste kneifen?«
+
+Der Kaiser ist offenbar böse. Da sagt der Bub mutig: »Wenn ich eine
+kriege, werd' ich sie schon heiraten.«
+
+»Na, das wollt' ich mir auch ausgebeten haben,« sagt der Kaiser. »Ich
+laß meine Prinzessinnen nicht gern in unnützes Gerede kommen. Also, was
+willste für eine -- willste nu eine mit Krone oder eine ohne Krone?«
+
+Der Junge überlegt sich's drei Sekunden lang; dann sagt er:
+
+»Ach, dann bitte eine mit Krone.«
+
+»Hm!« brummt der Kaiser. »Also schön, eine mit Krone! Abgemacht! Grüß
+deinen Vater, und zu Weihnachten ist die Hochzeit!«
+
+Klinglingling -- das Gespräch ist aus.
+
+Der Junge steht noch ein Weilchen wie erstarrt, dann springt er dem
+Vater an den Hals: »Der Kaiser hat mit mir telephoniert -- der richtige
+Kaiser in Berlin -- ich -- ich -- heirat' eine Prinzessin mit einer
+Krone!«
+
+»Donnerwetter!« schreit der Bilderschnitzer und haut den hölzernen
+Landsknecht auf den Tisch, daß er beide Beine bricht. Fünf Minuten
+lang schreien sie beide durcheinander, einer immer aufgeregter als der
+andere. Sie fuchteln mit den Händen, sie sind krebsrot, sie reden immer
+beide zu gleicher Zeit. Da wird der Junge ein wenig stiller und sagt:
+
+»Er hat's gesehen, daß mir da -- da -- ein Knopf fehlt -- und (er hebt
+das Bein) da ein Absatz.«
+
+»Ein scharfes Auge hat der Kaiser!« sagt der Vater bewundernd. »Es ist
+eigentlich peinlich!«
+
+»Ach,« sagt der Junge, »es schad't nichts, er war ja ganz gemütlich.«
+
+»Hm!« brummt der Vater. Sie sprechen dann mancherlei. Es ist schon am
+Anfang Dezember und bis Weihnachten kaum drei Wochen. Wer weiß, ob
+der Stache-Schneider bis dahin noch einen neuen Anzug fertig machen
+kann. Und ein neuer Anzug muß sein, wenn man eine Prinzessin heiratet.
+Und dann -- wenn die Prinzessin kommt mit ihrer langen Schleppe und
+der goldenen Krone und den Hofdamen und Pagen, und drei Automobile
+und sieben Pferde wird sie gewiß auch haben -- wie bringt man soviel
+unter in fünf Stuben und einem kleinen Gartenschuppen? Und wenn sie
+immerfort französisch spricht und den ganzen Tag Champagnerwein trinken
+will, der so teuer ist?
+
+Es geht lange hin und her, und schließlich meinen beide, Vater
+und Sohn, diese überstürzte Heirat mit der Prinzessin mache viel
+Scherereien und allerhand Schwierigkeiten und werde sehr kostspielig
+sein. Am besten wäre es, man wäre die Geschichte wieder los. Aber wie?
+Es ist immer leichter, eine zu bekommen, als eine wieder loszuwerden.
+Und nun gar, wenn es eine Prinzessin ist.
+
+Schließlich sagt der Vater, er wolle einmal in den »Löwen«
+hinübergehen; dort sitze jetzt sicher der Herr Kantor, der Hermanns
+Pate war, mit dem wolle er den schwierigen Fall besprechen.
+
+Der Herr Pate saß wirklich am Stammtisch und lachte Tränen, weil auch
+er gerade der Runde das telephonische Gespräch erzählt hatte. Und als
+Meister Klemens nach einer Stunde wieder heimkam, sagte er zu seinem
+Sohne:
+
+»Die Sache ist gemacht! Wir telephonieren jetzt den Kaiser an. Ich hab'
+mich erkundigt: er hat natürlich Telephonnummer Million. Also du sagst:
+er möchte, bitte, entschuldigen, du könntest die Prinzessin nicht
+heiraten, denn du seist erst neun Jahre alt, und dein Herr Kantor und
+Pate erlaube es nicht!«
+
+Der Junge sträubt sich und will nicht; er sagt, er geniere sich vor dem
+Kaiser; aber endlich kommt das Gespräch zustande. Der Kaiser ist auch
+gleich aufs erste Klingelzeichen am Apparat.
+
+»Waas?« brüllt er. »Du willst nicht? Der Kantor erlaubt's nicht?
+Wer hat mehr zu sagen: der Kaiser oder der Kantor? Ich werde mein
+Kriegsheer schicken und den Kantor totschießen lassen.«
+
+»Nein -- nein -- bitte -- bitte -- nicht,« wimmert das Büblein.
+
+»Der Kantor ist wohl dein Lehrer?«
+
+»Ja, ja!«
+
+»Hast du ihn denn so gern -- den Lehrer?«
+
+»Ja -- ja -- ich hab' ihn -- sehr -- sehr lieb! Er ist sehr gut und
+lustig.«
+
+Da muß sich offenbar der »Kaiser« an der anderen Seite des Drahtes die
+Nase schneuzen. Man hört es deutlich. Und dann sagt er ganz milde:
+
+»Du bist ein guter Junge -- und du kannst bei deinem Vater und deinem
+Lehrer bleiben, und zu Weihnachten kommt eine ganze Kiste Soldaten und
+Kanonen für dich.«
+
+Klinglingling! Das Gespräch war aus.
+
+ * * * * *
+
+Nur ein Jahr war das her. Es war alles wie sonst, das Feuer brannte im
+Ofen, die Arbeit lag auf dem Tische, viele Bestellungen kamen Tag um
+Tag.
+
+Der Bilderschnitzer aber starrte ins Licht der Lampe.
+
+So ein Kind kann sterben -- kann einem genommen werden! So mitten
+heraus aus dem Leben -- gesund und tot. Was war das Leben noch wert?
+Was ging ihn Weihnachten an? Was ging es ihn an, daß fremde Kinder sich
+an seiner Hände Werk erfreuten?
+
+So ein Kind kann sterben!
+
+Er trat ans Fenster, sah hinauf zum kalten Nachthimmel. Wie waren die
+Sterne so nahe! Wenn er von der Stadtmauer bis zum nächsten Ort schaut,
+ist der weiter, als diese Sterne sind. Und er kann sein Kind nicht
+sprechen, sein Kind nicht sehen?
+
+Warum erfindet Ihr denn alles, warum erfindet Ihr denn nicht, daß man
+einmal ein paar Minuten mit einem Toten sprechen kann? O, gäbe das
+einen Frieden ...!
+
+Ein rasendes Verlangen nach dem Jungen packt ihn. Das Telephon hängt
+noch an der Wand. Einmal hat der Junge auch mit dem Himmel gesprochen
+-- mit dem Nikolaus, der dort in der Goldenen Spielzeugstraße Nummero
+1000 wohnt. Er hat ihm seine unschuldigen Wünsche gesagt und beigefügt,
+Schnitzwerk wolle er nicht haben; denn das könne auch im Himmel niemand
+besser machen als sein Vater. Da ist dem »Nikolaus« am anderen Ende des
+Drahtes damals die Stimme ausgegangen.
+
+So ein Kind muß sterben!
+
+Weinend reißt der Bilderschnitzer an der Kurbel, und in verzweifeltem
+Weh spricht er mit seinem toten Knaben ...
+
+Drunten in der Wohnstube sitzt ein blasses, stilles Weib. Dieses hört
+das Klingelzeichen und nimmt den Hörer:
+
+»Hermann, höre mich -- Hermann, ich rufe dich -- ich halt' es nicht
+mehr aus ohne dich -- mein lieber Junge -- ich verzweifle ohne dich --
+o komm wieder -- o komm wieder, lieber Junge!«
+
+ * * * * *
+
+Der Einsame oben erschrickt. Er hat ein leises Weinen vernommen. Dann
+-- dann hat er eine Stimme gehört, die schlicht und klar sagt:
+
+»Gott schickt dir ein neues Kind!«
+
+Da stürzt er die Treppen hinab und reißt die Tür zur Wohnstube auf.
+Seine Frau hat noch den Hörer in der Hand.
+
+»Ist es wahr?« stammelt er.
+
+»Es ist wahr!« antwortet sie und reicht ihm tröstend die Hand hin.
+
+
+
+
+ Die Briefe der Tochter
+
+ Eine Skizze aus dem Leben
+
+
+Es war einige Zeit vor dem Kriege.
+
+Die verwitwete Frau Geheimrat hatte zwei Töchter. Die ältere -- Hedwig
+-- war zu Haus bei der Mutter geblieben: die jüngere -- Irene -- war
+ihrem Gatten tief ins Russenland gefolgt, wo sie mit ihrem Manne ein
+Gut bewirtschaftete. Die Schwestern glichen sich außerordentlich bis in
+viele, ja ganz lächerliche Kleinigkeiten. Beide waren frische, sonnige
+Mädel. Als aber Irene fortgezogen war, wurde es sehr einsam im Hause
+der Mutter; ein Herzleiden legte der alten Dame die größte Schonung
+auf, und als die Jahre an Hedwig vorübergingen und die Hoffnung auf
+Ehe- und Mutterglück ihr langsam zerrann, wurde sie ein stilles Mädchen
+mit dem leisen wehmütigen Lächeln, das diejenigen haben, die auf das
+Schönste verzichteten und denen doch die tiefe Güte des Herzens blieb.
+
+Alle zwei Jahre kam Irene einmal zu Besuch. Dann war die Jugend wieder
+im Haus, dann war alles Sehnen und Bangen fern, dann funkelten die
+Wände und glitzerten die Fensterscheiben. Wenn aber der Abschied
+gekommen war, wenn die Uhr wieder so müde und einförmig tickte und die
+toten Stunden zählte, dann blieb nur die Hoffnung: in zwei Jahren kommt
+sie wieder, dann blieb nur die eine ganz fröhliche Stunde in der Woche,
+wenn Irenes Brief am Sonnabend kam und ihre liebe drollige Art aus den
+Zeilen zu den Vereinsamten sprach. Dann lachten sie oft unter Tränen,
+legten den Brief in ein Mahagonikästlein zu den andern und dachten
+stolz und glücklich an Irene, wie man an einen großen Schatz in der
+Ferne denkt ...
+
+Im fünfzehnten Jahre nach der Verheiratung Irenes erhielt Hedwig
+durch eine Mittelsperson von ihrem Schwager eine heimliche Nachricht,
+die Entsetzliches brachte. Irene war bei einem Aufstand von einem
+betrunkenen Bauern erschlagen worden.
+
+Eine Base war es, die Hedwig zu sich gerufen und ihr den Unglücksbrief
+übermittelt hatte. Erst nach zwei Stunden gelang es dem Hausarzt, einem
+alten Freund der Familie, das zusammengebrochene Mädchen zu sich zu
+bringen. Nach der dritten Stunde schickte die ahnungslose Mutter nach
+ihr. Es wurde eine Ausflucht gefunden, und Hedwig saß noch weitere zwei
+Stunden bei der Base.
+
+»Weinen Sie! Weinen Sie sich aus!« sagte der Arzt.
+
+Aber Hedwig weinte nicht. Sie sprach auch nicht. Sie saß ganz still da.
+Zuletzt erhob sie sich und stand gerade und fest.
+
+»Mich hat's getroffen,« sagte sie, »die Mutter wird's nicht treffen.
+Ich werde es ihr nie sagen -- nie!«
+
+Sie wies jede Begleitung ab und ging allein nach Hause. Und sie belog
+zum erstenmal die Mutter. Während sie das Abendbrot bereitete, war sie
+lebhaft und lachte ein paarmal stoßweise.
+
+»Du bist so komisch!« sagte die Mutter.
+
+»Das Leben ist überhaupt komisch,« entgegnete die Tochter; »du glaubst
+gar nicht, wie komisch.«
+
+Die Mutter schüttelte den Kopf.
+
+Nach dem Abendbrot sagte Hedwig: »Ich habe so Lust, ein paar Briefe von
+Irene zu lesen.«
+
+Damit war die Mutter immer einverstanden. Und Helene suchte aus dem
+Mahagonikasten die lustigsten Briefe heraus, die Irene je geschrieben
+hatte und las sie laut vor. Die Mutter lächelte und nickte glückselig
+mit dem Kopf, und Hedwig kicherte bei jeder drolligen Stelle der Briefe.
+
+»Siehst du,« sagte sie am Schluß, »solche Briefe könnte ich nie
+schreiben, mir fehlt der Humor.«
+
+Die Mutter seufzte.
+
+»Liebes Kind, Irene hat auch viel mehr Grund lustig zu sein, als du in
+deiner Einsamkeit.«
+
+»Ja,« nickte Hedwig versonnen, »Irene hat allen Grund, sich über das
+Leben lustig zu machen. Aber ich werde von jetzt an auch lustig sein,
+Mutter, paß nur auf!«
+
+In der Nacht hatte Hedwig, die bei der Mutter schlief, ihr Taschentuch
+im Mund wie einen Knebel, weil sie sonst laut aufgeschrien hätte. Aber
+am Morgen lächelte sie wieder und pfiff dem Kanarienvogel eine Melodie
+vor.
+
+Am gleichen Morgen wurde Irene in Rußland begraben ...
+
+Nächsten Sonnabend blieb der gewohnte Brief aus Rußland aus. Die Mutter
+betrübte sich; aber Hedwig lachte und sagte:
+
+»Wird sich russisches Postmeister gesagt haben: wozu soll immer schöne
+russische Marke in dreckige Deutschland wandern? Mach' ich Marke los
+von Brief, schmeiß' Brief weg, verkauf' Marke noch einmal, geht auch!«
+
+»Du bist jetzt immer sehr vergnügt, Hedwig.«
+
+»Findest du, Mutter? Ich will noch vergnügter werden.«
+
+Eine Woche verging, der Sonnabend kam wieder; die alte Geheimrätin saß
+schon in früher Morgenstunde am Fenster und wartete auf den Briefträger.
+
+Und er brachte den gewohnten Brief von Irene.
+
+»Diesmal hat Postmeister nicht Marke gemaust,« sagte Hedwig heiter, riß
+den Brief auf und las ihn laut vor. Schon nach dem dritten Satz lachte
+sie laut auf.
+
+»Diese Irene ist ein zu drolliges Ding!«
+
+Die Mutter freute sich auch über den Brief, wunderte sich aber, daß ihn
+Hedwig gar so lustig fand.
+
+»Er ist witzig,« sagte die alte Frau zum Schluß, »aber ich weiß nicht
+-- die andern sind so mehr lieb und drollig.«
+
+»Was du auch hast, Mutter; ein Brief fällt nicht aus wie der andere!«
+
+»Gib mir den Brief.«
+
+»Aber du hast ihn doch schon gehört, Mutter.«
+
+»Na, gib ihn schon,« sagte die Alte ärgerlich; »ich will ihn doch
+selbst lesen; man hat doch die Schrift in den Händen.«
+
+Die Mutter setzte die Brille auf und las.
+
+»Die Schrift ist ein bißchen verändert,« sagte sie; »Irene mag eine
+neue Art Feder gehabt haben.«
+
+»Ja, wahrscheinlich,« stimmte Hedwig bei und tastete sich durch die Tür
+nach der Küche.
+
+Sie und ihre Schwester hatten immer eine Schrift gehabt, die nicht
+zu unterscheiden war. Nun, da Hedwig unter tausend Qualen und Mühen
+einen Irenenbrief an die Mutter geschrieben und ihn dem Schwager zur
+Rücksendung zugestellt hatte, fand sie ihre eigene Schrift verändert
+und konnte es nicht verhüten.
+
+Noch am gleichen Tage mußte sie den »Brief von Irene« beantworten und
+der Mutter das Antwortschreiben geben.
+
+»Aber Hedwig,« sagte diese betroffen, »deine Schrift ist ja auch anders
+geworden, und zwar gerade wie die von Irene.«
+
+Hedwig zuckte die Achseln.
+
+»Das macht wahrscheinlich, weil wir beide älter werden, Mutter. Irene
+und ich werden immer gleich bleiben; ich glaube, wenn die eine mal tot
+ist, ist die andere auch tot.«
+
+»Kind,« sagte die Mutter streng, »ich verbiete dir, daß du so was von
+dir und Irene sagst.«
+
+»Ich werde es nie wieder sagen, liebe Mutter!«
+
+So vergingen fast zwei Jahre. An jedem Sonnabend kam ein Brief
+von Irene. Er enthielt immer viel Lustiges, Schilderungen aus der
+Häuslichkeit, Szenen aus dem russischen Gemeindeleben. Gott weiß, wie
+schwer Hedwig die Abfassung dieser Briefe wurde. Der Schwager mußte
+ihr »Stoff« liefern (immer durch die Base), und Hedwig war glücklich,
+als sie einen Band »Anekdoten aus dem russischen Volksleben« erstehen
+konnte. Den ganzen Band schrieb sie nach und nach in den Briefen »von
+Irene« ab. Der Mutter gegenüber atmeten die Briefe immer die reinste
+Liebe; sie waren immer von zärtlicher Sorge erfüllt, die Mutter
+möge ihres Herzleidens wegen sich vor jeder Aufregung hüten; denn
+die Geschehnisse dieses jämmerlichen Erdendaseins seien gar keiner
+Aufregung würdig.
+
+Manchmal sagte die Mutter: »Findest du nicht auch, Hedwig, daß sich
+Irene verändert haben muß? Es ist eine Schärfe und Härte in ihren Stil
+gekommen, die früher nicht da waren und die mir leid tun. Das Kind muß
+etwas Trübes erfahren haben, was mir verschwiegen wird. Nein, nein,
+widersprich mir nicht, Hedwig; eine Mutter hat feine Ohren.«
+
+Dann entwarf Hedwig den nächsten »Irenenbrief« wohl fünfmal, ehe sie
+ihn abschickte und prüfte jeden Satz immer und immer wieder, ob nicht
+die Note ihrer eigenen tiefen Herzenserbitterung darin mitklinge. Und
+manchmal blickte sie in stummer Qual auf zum Himmel: »Führ' mir die
+Hand, Irene!«
+
+Nach zwei Jahren war die Zeit gekommen, daß Irene ihren Besuch machen
+sollte. In jenen Wochen konnte es Hedwig nicht mehr verbergen, daß
+sie sehr krank war. Der alte Hausarzt kam, sprach von Nerven und
+Bleichsucht und verordnete seine Mittelchen. Und eines Tages kam ein
+kurzer mit Bleistift geschriebener Brief aus Rußland:
+
+»Liebe Mutter, ich war so leichtsinnig, auf eine Leiter zu steigen
+und bin gefallen. Meine Verletzungen sind nicht lebensgefährlich, was
+Du schon daraus sehen kannst, daß ich Dir selber -- wenn auch mühsam
+-- schreibe. Das Schlimmste ist, daß der Arzt sagt, eine anstrengende
+Reise nach Deutschland sei auf absehbare Zeit ausgeschlossen. Arme
+Mutter! Ich liebe Dich und küsse Dich und Hedwig.
+
+ Eure Irene.«
+
+Die alte Frau bekam einen bösen Anfall; ihr Leben war in Gefahr, und
+Hedwig stand im Hausflur vor dem alten Arzte und sagte: »Ich habe den
+Tod betrügen wollen; er läßt sich nicht betrügen!«
+
+Aber die Mutter wurde wieder gesund, hauptsächlich weil der Schwager
+alle Tage telegraphisch gute Nachricht über das Befinden Irenes gab.
+Nach vierzehn Tagen saß die alte Dame wieder im Lehnstuhl am Fenster
+und sagte zu Hedwig:
+
+»Kind, ich traue deinem Schwager nicht, daß er mir Irenes Zustand zu
+günstig schildert. Fahr' hin, Kind, überzeug' dich selbst, wie es Irene
+geht, und gib mir dann Nachricht. Wenn du mir gute Nachricht gibst, ist
+sie wahr; denn du hast mich noch nie im Leben belogen.«
+
+Da wandte sich Hedwig ab und starrte mit gläsernen Augen die Wand an.
+
+Am dritten Tage ließ sie die Mutter in der Obhut der Base und reiste
+nach Rußland. Endlos war die Fahrt durch die nüchterne Ebene. Als sie
+auf der kleinen Station ankam, trat ihr der Schwager entgegen, führte
+sie abseits unter eine Baumgruppe und sagte in tödlicher Verlegenheit:
+
+»Hedwig, noch ehe wir in den Wagen steigen, muß ich dir etwas sagen --
+ich bin -- ich bin wieder verheiratet.«
+
+»Du bist -- du bist ...?«
+
+»Ja, ohne Hausfrau konnte ich das Gut nicht halten.«
+
+»Ah!«
+
+Sie sah sich wie betäubt nach dem Bahnhof um.
+
+»Wann fährt denn der nächste Zug zurück?«
+
+»Hedwig!«
+
+»Ich kann ja nicht -- kann ja nicht ...«
+
+Sie saßen wohl über eine Stunde unter der Baumgruppe auf einer Bank.
+Der Schwager redete viel auf sie ein. Sie aber sagte immer nur mit
+einem irren Ausdruck in der Stimme:
+
+»Die Mutter, die Mutter ...«
+
+Und endlich fuhr sie mit dem Schwager heim und wurde von der neuen
+Gutsherrin freundlich empfangen. Am Abend schickte sie einen Eilbrief
+nach Hause.
+
+»Irene geht es sehr gut. Sie hat einen so zielbewußten, tüchtigen Mann.
+
+ Hedwig.«
+
+Drei Wochen hielt sie es aus. Sie schmückte Irenes Grab mit den wenigen
+schlichten Blumen, die sie in der Landschaft fand, und freute sich des
+Töchterleins, das die Schwester hinterlassen hatte. Die kleine Irene
+war ein zwölfjähriges Mädchen, lebhaft und heiter wie ihre Mutter. Den
+ganzen Nachmittag entwarf und schrieb Hedwig Briefe. Abwechselnd war
+immer einer mit Irene, der andere mit Hedwig unterzeichnet. Nicht nur
+das Briefpapier wechselte, nein, auch der Stil. Während Irenes Briefe
+heiter, liebevoll, romantisch waren, schrieb Hedwig geschäftsmäßig und
+trocken.
+
+Kurz vor ihrer Abreise verlangte Hedwig von ihrem Schwager in
+bestimmtester Form, daß er ihr Irenes Kind überlasse und mitgebe. Er
+sah sie in seiner scheuen, aber milden Weise an und wandte ein:
+
+»Glaubst du, daß das Kind nie verraten wird, daß seine Mutter tot ist?«
+
+Da brach Hedwig in bittere Tränen aus und fuhr allein durch die
+trostlose Steppe Rußlands heim.
+
+Nach einem Jahre neigte sich das Leben der alten Frau Geheimrat zu
+Ende. Der Hausarzt machte schließlich der Tochter gegenüber kein Hehl
+mehr daraus. Und er fand sie gefaßt.
+
+»Drei Jahre habe ich mir das Leben der Mutter noch ertrotzt -- jetzt
+kann ich es wohl nicht mehr,« sagte sie.
+
+Sie saß oft und sann, ob sie nun der Mutter alles offenbaren solle.
+Aber sie kam immer wieder zu dem Schluß: »Sie soll erst erfahren,
+daß sie Irene verloren hat, in dem Augenblick, wo sie ihren Liebling
+wiederfindet. Nicht eine Sekunde soll sie Herzeleid haben um Irenes
+grausamen Tod.«
+
+Dabei blieb es. Die Mutter, die ihr Ende nahen fühlte, ließ Brief
+über Brief an Irene schreiben, und jeden Tag kamen Briefe zurück voll
+innigster Liebe, aber auch voll Klagen, daß gerade jetzt eine Reise
+unmöglich sei. Dazu Vertröstungen auf nahe Zukunft.
+
+So kam die Todesstunde. Da rief die Mutter:
+
+»Telegraphiere an Irene -- sie muß kommen -- muß. -- Besorge selbst das
+Telegramm, Hedwig -- andere besorgen es nicht richtig!«
+
+Hedwig entfernte sich. Als sie nach kurzer Zeit in Mantel und Hut
+zurückkam, rief die Mutter:
+
+»Irene -- Irene -- du bist da -- du bist da!«
+
+Hedwig sank am Bett in die Knie. Der Hut fiel ihr vom Kopf, die
+Sterbende streichelte ihre braunen Haare.
+
+»Irene -- mein Kind -- du bist da -- du warst so lange -- Hedwig und
+ich haben so gewartet -- Hedwig ist ein sehr, sehr gutes Mädchen.«
+
+Dann wurden die Augen weit, die Sterbende hob den Kopf der Knienden,
+starrte ihr ins Gesicht und sagte:
+
+»O, du bist -- nicht Irene -- du -- bist Hedwig ...«
+
+Sie sank zurück in die Kissen, starrte nach der Decke, griff mit den
+Händen in die Luft und rief plötzlich:
+
+»Da steht Irene -- dort oben!«
+
+Und starb ...
+
+Nach Minuten erhob sich Hedwig und drückte der Mutter die Augen zu. Sie
+streichelte die blasse Wange und sprach:
+
+»Nun weißt du es, Mutter. Nun zürne mir nicht und sage auch Irene, daß
+sie der Fälscherin nicht zürne!«
+
+ * * * * *
+
+Am Begräbnismorgen erschien der Schwager aus Rußland. Er führte Irenes
+Kind an der Hand, übergab es Hedwig und sagte:
+
+»Ich bringe dir das Kind, damit du nicht zu allein bist.«
+
+Da schaute Hedwig den Schwager an und sagte:
+
+»Richard, du bist ein treuer Mensch!«
+
+Am Abend, als sie beisammen saßen, sagte Richard:
+
+»Hedwig, achte nur darauf, daß mir die kleine Irene alle Wochen einen
+Brief schreibt -- mir würde sonst die Sonne fehlen.«
+
+Und er sah mit verlorenem Blick in den Abend hinaus.
+
+
+
+
+ Die letzte Furche
+
+ Eine romantische Geschichte von Paul Keller
+
+
+ Der Tod.
+
+Gar viele meinen, das sei immer der Knochenmann mit der Sense auf der
+Schulter.
+
+Aber das ist nicht so.
+
+Der Sensenmann -- der ist nur einer von der großen Kompagnie, die »Tod«
+heißt. Wo die Donner der Schlacht dröhnen und die Blitze der Bajonette
+zucken, da mäht er seine Schwaden; oder wo die Schwüle der Seuchenpest
+lastet, da schwingt er seine Sense; oder wo eine heiße Lokomotive auf
+eine brüchige Dammstelle zusaust, da fällt seine Ernte. Der Sensenmann
+arbeitet nur im großen; einzelne Halme mäht kein Schnitter.
+
+Für die einzelnen sind die kleineren Geschäftsgenossen da. Zum Beispiel
+der Rüpel.
+
+Der zieht dem fleißigen Maurer unvermutet die Leiter unter den Füßen
+weg; der stopft mit flinkem Finger einem gemächlich Schmausenden einen
+Knochen in den Hals; der stößt ein Kind, das nach jungen Enten schaut,
+in den Teich; der schmiert einer Brummfliege Gift an den Stachel und
+hetzt sie auf einen arglosen Wandersmann wie einen tollen Hund.
+
+Oder der Zauderer.
+
+Der ist sentimental. Der ist ein Schwächling. Er hat keine Energie,
+er vermag niemals sein Werk stark und flink zu tun. Wochenlang,
+monatelang, jahrelang sitzt er am Lager seines Opfers und zögert und
+verschiebt's vom Morgen zum Abend, vom Abend zum Morgen. Er weicht
+zurück vor jedem bißchen neuen Lebensmut, er geniert sich vor dem
+Weinen klagender Freunde, er mag das Netz nicht zerreißen, er knüpft
+feig' und heimlich Masche an Masche auf, und wenn ihm ein Tröpflein
+Medizin ins Gesicht gespritzt wird, verkriecht er sich in den Winkel.
+Aber er kommt immer wieder, entknotet mit heimlichem Finger immer
+wieder Masche um Masche und kann es nicht über sich bringen, sein Werk
+zu vollenden, bis der von Schmerzen Gepeinigte mit bettelnder Stimme
+selbst Tag und Nacht nach ihm ruft. Und wenn es dann endlich getan ist,
+wenn die Freunde tiefseufzend sagen: der Tod war eine Erlösung! -- dann
+schleicht der Zauderer davon und lächelt und hält sich für besser und
+gutherziger als seine Genossen.
+
+Um noch einen dritten zu nennen: der Schneider.
+
+Der hat nicht viel gelernt. Er ist ein simpler Bursche. Seine ganze
+Kunst besteht darin, mit einer Schere den Faden, der vom Himmel auf
+jedes Menschen Haupt sich herabstrafft und diesen Menschen aufrecht
+hält, unvermutet durchzuschneiden, worauf der Entfestigte plötzlich
+am Boden liegt und seine Freunde vor Schrecken das Zittern kriegen.
+Der Schneider hält sich für einen Humoristen. Wenn er einem, der in
+guter Weinlaune gerade voller Behagen eine Anekdote erzählt, den
+Faden durchschneidet, glaubt der Schneider, daß es keine wirksamere
+Pointe gäbe. Denn diese Anekdote und ihren Schluß vergißt kein Hörer
+sein Leben lang. Oder wenn einer gerade in puterrotem Zorne schimpft
+und sich aufrichtet gegen seine Widersacher und plötzlich auf der
+Nase liegt, so meint der Schneider, das sei nichts anderes als eine
+Illustration zu der großen Erdenweisheit: »Mensch, ärgere dich
+niemals!« Der Schneider hat viel Ähnlichkeit mit seinem Kameraden, dem
+Rüpel; er faßt rasch zu, überlegt nichts, macht seine Arbeit so aus
+der Laune, so aus dem Handgelenk heraus. Nur ist er weniger brutal als
+der Rüpel. Kinder und einfaches Volk verschont er fast immer, nur unter
+den »besseren« Ständen erlaubt er sich oft seine Streiche.
+
+Manchmal freilich kommt er auch als gütiger Menschenfreund. Da sitzt
+ein alter Gelehrter, der nichts mehr vom Leben erwartet, vor einem
+Lieblingsbuch und sinkt mit dem weisen Antlitz plötzlich auf die
+geliebten Zeilen, wie ein Mondenstrahl fällt ins tiefe Meer; oder
+ein Beter, der mit Gott spricht, hört unvermutet sein »Amen« in der
+Ewigkeit klingen, oder ein Schläfer, der mit grauen Sorgen zur Ruhe
+ging, wacht in goldenem Lichte auf, oder ein Verirrter in der Fremde
+findet sich plötzlich heim. Wundert ihr euch, daß der schlichte Engel,
+der dem Leben des Bauern Tobias beigegeben war, als er vom Herrn
+der Zeit den Wink zum Schlußmachen bekam, zu der Genossenschaft der
+Todesbrüder ging und sich für seinen Schützling den »Schneider« ausbat?
+Der Engel kannte die Rechnung des alten Tobias, die Rechnung mit dem
+Himmel, die Rechnung mit der Erde. Sie stimmten beide. Und so bat er
+sich den Schneider aus.
+
+Am Montagabend, wenn die Lerche zu singen aufhörte, sollte es geschehen.
+
+ * * * * *
+
+Der Bauer Tobias war am Montag nachmittags in ganz besonderer Laune
+aufs Feld hinausgezogen. Im Hof hatte ihn noch sein Lieblingsenkelein,
+die kleine Traute, angehalten und gemahnt:
+
+»Großvater, du bist mir noch immer die Puppe schuldig, die du mir
+versprochen hast und die ich schon vorgestern bekommen sollte.«
+
+Tobias hatte sich hinter den Ohren gekratzt.
+
+Richtig! Seit drei Tagen war er der Traute eine Puppe schuldig. Das war
+nicht in der Ordnung. Und da er Glück hatte, stelzte gerade die dürre
+Botenfrau vorüber, die nach der Stadt ging. Die hielt er an und sagte:
+
+»Kathrine, ich brauch' eine Puppe. Eine, die was aushält.«
+
+»Und mit blauen Augen,« ergänzte Traute.
+
+»Ja, mit blauen Augen,« sagte der Großvater. »Und da sind elf Groschen,
+zehn Groschen für die Puppe und einen Groschen für die Besorgung.«
+
+So war das Geschäft abgeschlossen. Tobias war niemandem auf der Welt
+mehr etwas schuldig, nicht einmal der Traute, der er doch eigentlich
+immer was »schuldig« war. Nun war er auf dem Felde und pflügte ein
+Stoppelfeld mit dem Schälpflug um. Es war eine leichte Arbeit.
+
+Eigentlich hätte er es gar nicht mehr nötig gehabt, tätig zu sein. Seit
+einem Vierteljahr war er im »Auszug«. Und Tobias hatte einen guten
+Sohn. Dem würde es nicht zuviel sein, wenn der alte Vater zwanzig Jahre
+lang und länger im Auszug lebte. Nein, er würde sich freuen. Der liebe
+Gott segne den Wilhelm! Dies kleine Stoßgebetlein war der Refrain
+von allen heimlichen Hymnen der alten Bauernseele, die zum Himmel
+emporstiegen.
+
+Furche um Furche zieht der brave Ackergaul den Pflug auf und ab, und
+Tobias geht hinter dem Pflug, und seine friedvollen Augen sehen mit
+Freude auf das braune fette Ackerland, das unter dem Eisen emporquillt.
+
+Ein Kleefeld grenzt an das Ackerland. Darüber singt eine Lerche ihre
+hellen Triller und schwirrenden Melodien. Tobias blinzelt manchmal zu
+ihr empor in die sonnige Luft. Er hat von jeher die Lerchen gern gehabt.
+
+Näher, immer näher kommt der Pflug dem Kleefeld. Bald ist die Arbeit
+getan.
+
+Am Himmel türmt sich ein Wolkengebirge auf. Es hat mehrere Gipfel,
+einen Kammweg, der sie verbindet, dunkle Täler und schroffe Abhänge.
+Die Sonne nähert sich dem Gebirge, verschwindet hinter ihm und
+versilbert seinen höchsten Gipfel. Dann sinkt sie hinab hinter die
+schwarzen Hänge. Es wird plötzlich dunkler und kühler auf dem Felde.
+Der alte Bauer schaut zum Himmel, ob die Sonne denn schon untergehen
+wolle, aber er sieht das Wolkengebirge, lächelt und sagt: »Es ist noch
+Zeit!«
+
+Hell singt die Lerche über dem Klee.
+
+Furche um Furche -- immer dem Ende zu. Der Wilhelm wetzt am anderen
+Ende des Kleefelds die Sense. Er will das Abendfutter schneiden. Schon
+knarrt der Futterwagen den Feldweg entlang. Jetzt macht Tobias eine
+kurze Rast.
+
+Um den Wiesenbusch, der ihm nahe ist, lugt ein Gesicht. Ein scharfer
+Blick fliegt über die Wiese, so scharf wie der Augenstrahl ist, den
+der Jäger auf ein Wild richtet. Und nun, wie der Tobias dem Busch den
+Rücken kehrt, huscht ein Schatten über die Wiese.
+
+Der Tod ist da -- der Schneider. Aber er hört die Lerche noch singen
+über dem Klee, und die Sonne steht noch über dem Himmelsrande. Er ist
+zu zeitig gekommen. So duckt er sich, von keines Menschen Auge gesehen,
+auf die letzte Ecke des Ackerfeldes. Ein betender Engel kniet neben
+ihm.
+
+Die beiden warten.
+
+Fröhlich fährt Tobias den Acker wieder hinauf. Es ist ihm so wohl; er
+fühlt sich noch gar nicht müde. Wilhelm hat auch einmal herübergewinkt.
+Das hat ihn gefreut wie immer.
+
+Wieder wendet sich der Pflug.
+
+»Die letzte Furche,« sagt der Bauer laut. »Freu' dich, Schimmel, die
+letzte Furche. All Ding nimmt einmal ein Ende!«
+
+Sacht geht's den Acker hinab, auf den Schneider zu, dessen Augen durch
+die Luft glühen. Und der Schneider reckt den Hals. Aber der Engel faßt
+ihn an der Hand. Noch singt die Lerche.
+
+Unter dem Wolkengebirge tritt die Sonne wieder hervor, steht klar am
+Abendhimmel.
+
+Wie der Tobias mitten in der Furche ist, packt ihn plötzlich jemand von
+hinten an der Schulter. Tobias erschrickt ein wenig und läßt den Pflug
+fallen. Das Pferd bleibt stehen und sieht sich um.
+
+Da lacht auch schon der Tobias.
+
+»Der G'steifel ist's. Und ich dummer Kerl erschreck'!«
+
+»Ja,« lacht der G'steifel, »niemand kann schneller und leiser laufen
+wie einer, der ein lahmes Bein hat.«
+
+Tobias begrüßt den alten Freund und Kriegskameraden. Schon anno Siebzig
+hat der »G'steifel« von den Bayern im Feld seinen Namen bekommen. Jetzt
+sieht er bewundernd übers Feld.
+
+»Mensch, Tobias, du wirst wohl gar nicht alt? Hast du nun das ganze
+Feld wieder allein umgewendet?«
+
+»Es ist leichte Arbeit,« sagt Tobias; »der Acker ist mürbe und der
+Schälpflug greift ja nicht tief. Und unter acht Stunden Feldarbeit am
+Tage -- das würd' mir nicht gefallen.«
+
+»Wird halt auch mal kommen, daß die Kräfte abnehmen, Tobias.«
+
+»Ja, ja, aber es wird mir nicht gefallen. Es wird mir gar nicht
+gefallen.«
+
+»Aja, da ist's aber noch lange hin. Vorläufig schnupfen wir mal.«
+
+Der G'steifel zieht eine silberne Tabaksdose aus der Tasche. »Luise«
+ist auf ihrem Deckel eingraviert.
+
+»Ihr seid doch Kerle,« lacht der G'steifel, »dreiundvierzig Jahre lang
+gewöhnt mir nu schon meine Luise das Schnupfen ab, und wie ich siebzig
+Jahr alt bin, schenken mir die Freunde 'ne silberne Luise. Das habt Ihr
+fein ausgediftelt, Tobias! Das ist ein Witz!«
+
+»Ja, ja,« lacht der Tobias fröhlich, und eine Träne tritt ihm dabei ins
+Auge. »Sie hat's doch nicht übel genommen?«
+
+»Die Luise? Nu nee. Ihren Namen in Silber! Geschmeichelt gefühlt hat
+sie sich, hat aber die Dose in den Glasschrank stellen wollen. Na,
+das gibt's nich. Ich will immer an dich erinnert sein, Alte, hab' ich
+gesagt. Na, da schnupf' halt.«
+
+»Die Luise soll leben!« sagt Tobias und schnupft. Gleich hinterher muß
+er an die zehnmal niesen.
+
+»'s is starke Sorte,« sagt der G'steifel. »Meine ausgepichten
+Nasenröhren müssen so was haben. Du aber bist's nich gewöhnt.«
+
+Am Feldende der Schneider reckt abermals den Hals. Und wieder faßt der
+Engel seine Hand. Noch singt die Lerche.
+
+»Gut schaust du aus,« sagt der G'steifel. »Warst halt immer ein
+hübscher Kerl. Ich glaube, damals -- vor dreiundvierzig Jahren -- hätte
+die Luise lieber dich genommen als mich.«
+
+»Nu nein,« protestiert der Tobias, »mit dir hat's nie ein Bursch
+aufnehmen können.«
+
+Der G'steifel klopft wehmütig lächelnd auf sein lahmes Bein.
+
+»Nu ja,« sagt Tobias; »fürs Vaterland! Das ist eine Ehre!«
+
+»Ja, ja,« seufzt der alte Kamerad, und bald darauf erörtern sie zum
+vielhundertsten Male den Fall, wie der G'steifel zu seinem lahmen Beine
+gekommen ist. Die Arbeit ruht, die letzte Furche liegt halb unvollendet
+da, die Sonne rückt tiefer am Himmel.
+
+Da steigt die Lerche aus der Luft herab aufs Kleefeld zu. Der Schneider
+steht auf, geht gebückt den Acker entlang, nimmt die blitzende Schere
+aus dem Rockärmel. Aber die Lerche steigt noch einmal hoch empor und
+singt hell und klar über den beiden alten Kriegskameraden, die in
+Erinnerung schwelgen. Und der Schneider schleicht verdrossen nach
+seinem Platze zurück.
+
+Nun sind die beiden Alten fertig.
+
+»Du fährst wohl auf dem Kleefuder heim?« fragt der G'steifel.
+
+»Ja, es sitzt sich weich und gut auf dem Klee.«
+
+»Ich kann's nicht,« sagt der G'steifel; »mein Reißen leidet es nicht,
+auf Klee zu sitzen.«
+
+Sie geben sich die Hände und scheiden voneinander.
+
+Tobias nimmt den Pflug auf und vollendet die letzte Furche.
+
+Hell singt die Lerche. Der Engel hebt die gefalteten Hände. Der
+Schneider lauert.
+
+Die Furche ist vollendet. Tobias legt den Pflug hin und strängt das
+Pferd ab. Dann schaut er über den Acker.
+
+Langsam schleicht der Schneider hinter ihm und reckt sich hoch empor
+über sein Haupt.
+
+»Das ganze Feld liegt schön da!« sagt Tobias in tiefer Zufriedenheit.
+
+Da bricht die Lerche schrill ihre Weise ab und schießt in den Klee.
+
+Ein leises Blitzen über dem Haupt des Tobias.
+
+Ohne den leisesten Laut sinkt er tot auf die weiche, braune Ackererde.
+
+ * * * * *
+
+Der Wilhelm rast übers Kleefeld, schreiend und oftmals fallend rennt
+der entsetzte alte G'steifel. Sie schlucken, sie ächzen, sie machen
+einige unbeholfene Wiederbelebungsversuche, aber der tote Tobias
+lächelt zu dem fruchtlosen Beginnen.
+
+Da sehen sie ein, daß alles aus ist.
+
+Laut weinend sinkt der junge, starke Wilhelm neben dem Vater ins
+Knie; bis ins Mark erschüttert steht der G'steifel neben dem so jäh
+gefallenen Kameraden. Eben noch stark und froh, und jetzt tot -- wie
+ist das möglich, wie ist das möglich? G'steifel schlägt dreimal an die
+Brust: »Gott sei uns Sündern gnädig!«
+
+Dann packt ihn ein lähmender Gedanke. Er hat den Tobias von seinem
+scharfen Tabak schnupfen lassen, und der hat so sehr niesen müssen, daß
+ihm wohl eine Herzader gesprungen ist. Herrgott -- Herrgott ...
+
+Der G'steifel weint bitterlich und er verwünscht das böse Tabakszeug,
+das er gegen den Willen seiner Frau dreiundvierzig Jahre lang geliebt
+hat. Und er schluchzt: »Ich werd' nimmer froh! Ich werd' nimmer froh!«
+
+Und ist so außer sich vor Schmerz und Verzweiflung, daß er es gar nicht
+merkt, wie seine Finger mechanisch die Dose öffnen und in der Aufregung
+Prise um Prise in die Nase stecken.
+
+Der Kleewagen rumpelt heran.
+
+»Auf dem Kleewagen hat er heimfahren wollen,« schluchzt der G'steifel.
+
+Der Wilhelm nickt, und so betten sie den Vater auf den duftenden Klee.
+Langsam fährt der Wagen über den Sturzacker dem Wege zu. Der G'steifel
+ist außer sich, und die vermeintliche Schuld drückt ihm das Herz ab. Er
+hält es nicht aus, er beichtet dem Wilhelm, klagt sich an und schwört
+dem Tabak ab.
+
+Wilhelm tröstet ihn.
+
+»Der Tabak ist nicht schuld,« sagt er, »Gott hat es so gewollt.«
+
+Da wird auch der G'steifel ruhiger.
+
+Ach, es ist schön, wie der alte Bauer Tobias heimfährt. Die liebsten
+Pferde ziehen ihn, der geliebte Sohn und der treueste Freund begleiten
+ihn. Und sie lieben den Toten in diesem Augenblicke viel, viel mehr,
+als sie sich selbst lieben.
+
+Auf dem Feldhügel bleibt der Wilhelm stehen und deutet nach Westen.
+
+»Da ist Vaters Seele hin!« sagt er ruhig und fromm.
+
+Zwei weiße Gebirge stehen am Himmel mit silbernen Gipfeln und
+leuchtenden Almen, und mitten zwischen ihnen steht der Weg offen in
+ein rotleuchtendes goldenes Land.
+
+Die Sonne zog diese Straße, und nun zieht auf ihr ein schlichter Engel
+mit einer Bauernseele der ewigen Heimat zu.
+
+Was lächelt der Leichnam im kühlen Klee? Ein Bauer zog aus auf ein
+schmales Feld, ein gekrönter König, der über die ganze Welt erhöht ist,
+kehrt heim.
+
+Die Abendglocke singt ihr tiefes, frommes Feierabendlied. Am Hoftor
+sitzt die kleine Traute. Sie hält selig eine neue Puppe auf dem Schoß
+und lugt mit ihren großen Augen den Feldweg entlang.
+
+
+
+
+ Bergkrach
+
+ Humoreske in schlesischer Mundart
+
+
+Ei der letzta Walpurgisnacht hotta amol de schläscha Barge Krach
+mitsomm. Wer hotte dan Krach ongefanga? Nattierlich kee andrer Mensch
+als wie der Zotabarg[2]. A hotte die Schniekuppe 'n ale Gake[3] gehissa.
+
+»Was?« schrie die Schniekuppe. »Du Fatzke! Was unterstiehste dich? Bin
+ich nich eure Keenigin?«
+
+»Nee, du bist 'n ale Gake,« verhorrte der Zotabarg uff sem dicka Kuppe.
+
+»Nu, du niederträchtiger Latschel, du Faffermandla[4], du Ziegequork
+du! Ich bien doch 'n feine, gebild'te Dame.«
+
+»Jawohl ja, Sie sein 'n feine, gebildete Dame,« sate der Huchwald,
+dar sich zu benahma weeß, weil a vo a Salzburner[5] Kurgästa Plüh und
+Bildung gelernt hot.
+
+»Hal ock du die Frasse,« sagte der klobige Zotabarg zum Huchwalde,
+»sunst verrot ich's erst, daß de anne Liebschoft mit der Eule hust. Ich
+sah's schun, wie ihr euch immer pussiert. Und der Sturchbarg stieht ni
+weit vo euch weg.«
+
+»Pfui, pfui, Zotabarg,« schrie der frumme Kreuzbarg bei Striegau, und
+durch olle die viele Foffabarge ei der Schläsing ging a Sturm, und se
+hielta 'm Zotabarge 'n Revermande. Der beleidigte Huchwald schmieß
+augenblicklich dam groba Karle 'n Päpel[6] Wulka on a Kupp, und de
+Eule schamte sich wie 'n ale Jumfer. Der Sturchbarg tat wie tulpe.
+
+»Was ist denn das für ein Skandal?« fragte das Huche Rad[7] ('s war zu
+Kaisers Geburtstag werkliches geheemes huches Rad gewurn). »Wer lärmt
+denn da und stört die Nachtruhe?«
+
+»Ach, Exzellenz,« sate die Schniekuppe, »'s sein nämlich wieder die
+klein' Leute im Paterre, die Spektakel machen.«
+
+»Natürlich der Pöbel,« sate 's werklich huche Rad. »Wo sind denn unsere
+Polizisten, die beiden Sturmhauben?«[8]
+
+Die Sturmhauba schliefa leider. 's huche Rad grief ei seine tiefe
+Hosatosche, ei die gruße Schniegrube, zug an weißa Zädel raus und
+machte sich 'n omtliche Notiz über die schläfriga Pulzisten.
+
+Nu war's a bißla stille. Uff emol pläkte der Pietschaberg[9] bei
+Ingerschdurf wie a Feuerkolb. A behaupte unter vielem Gewinsele, der
+Zotabarg hätt' a mitt'm Fusse geschibbt.
+
+»'s ies gar nie wohr,« striet's der Zotabarg ob, »der ale Lopps, der
+Pietschabarg, is wieder bepietscht. Eene Krohe hot a immer eim Stäppel,
+merstenteels aber 'n ganza Heffa.[10]«
+
+»Ich -- ich -- bien -- ganz -- ganz -- un -- un -- gar -- nie -- be
+-- suffa,« druxte der Pietschabarg, »aber -- Zotabarg, du -- du bist
+-- uffte -- uffte genug -- benabelt.« Olle Barge ei der Schläsing
+lachta, und der Zotabarg kriegt 'n ganz verknuchte Bust. A recht's
+olla mitnandern ei ganz urnara[11] Ausdrücka vür, wie uffte eim Johre,
+daß sie benabelt gewast wär'n. 's war 'n lausige Liternei. Wenn's wohr
+is, was dar Karl sate, do sein de schläs'scha Barge 'n ganz versuffne
+Klicke. Und was das Schlimmste derbeine ies: die hüchsta Spitza, die
+sein am üfftesta eim Nabel, die klen'n Kneppe, die blein viel klorer.
+Aber manchmol erwischt se's oo. Sugar 'm frumma Kreuzbarge sate der
+Zotabarg nach, a hätte monchmal 'n klen'n Stäbrich[12].
+
+»Aber,« so schluß a, »bei a Monnsbildern is ni asu schlimm, wenn se
+sich och manchmol asu recht eihüll'n; wenn sich aber a Froovulk[13]
+ei der Wuche drei, vier, fünf, sechs, sieba Mol benabelt, dos ies ane
+Offaschande. Und a sittes Froovulk ies äben die Schniekuppe.«
+
+Die Schniekuppe kreeschte ver Wutt.
+
+»Zotabarg,« krächzt' se, »du bist ju a ganz gemeener, urnarer,
+geweeniglicher Dingrich. Nu, du tummer Grootsch[14] du! Wos
+verstiehst'n du, wie's ei hucha und hichsta Kreesen hargieht? Do is asu
+viel Wind und eisige Kälde, doß ma sich monchmol a bisserla eisacka
+muß. Muß, du Offe, hierscht es? Aber du warst ju schun immer asu a
+aler Stänkerfritze, dar keene Ruh' gab und sich über olles und jedes
+die Frasse zerriß. Deswägen hot dich ju och ünser Herrgott aus der
+onständiga Sudetenreihe rausgesotzt. Weil du keene Ruhe gibst, do hot a
+dich abseits vo olla ganz alleene gesetzt, wie der Schulmeester anne
+recht biese Range alleene uff eene Uxabanke[15] setzt.«
+
+A schollendes Gelächter vu olla Barga. Do war sugar der Altvater
+ufgewacht, dar schun siehr wacklig und taprig ies und immer eischläft,
+eb wos lus ies oder nich.
+
+»Wos -- wos ies denn eegentlich?« fragt a däsig.
+
+»Ach, alter Herr,« sate die würdige Bischofskuppe bei Ziegenhols, »es
+ist doch heute wieder die sündige Walpurgisnacht, da machen eben die
+Berge Skandal und lästern und führen gemeine Redensarten.«
+
+»Ähähähähä,« dröselte der Altvater. »jajajaja! 's war immer asu -- 's
+war immer asu.«
+
+Und wie a das su leise dudelte und mit eem verschlofna Blicke nach seim
+Lieblingstöchterla, 'm Heidebrünnel, niber liebäugelte, schlief a och
+schunt wieder ei.
+
+Nu zug aber der Schniebarg ei der Grofschaft lus, dar ies nämlich der
+Schniekuppe ihr Stiefbruder. Seit a 'n sehr schienes Aussichtstermla
+uff semm Kuppe hot, spricht a huchdeutsch.
+
+»Meine Herren,« sat a, »wir lassen uns doch von dem erbärmlichen
+Zotenberge nicht produzieren; wir werden ihn einfach aus insem
+Gebergsverein nausschmeißen.«
+
+»Nu, du Glotzer Natzla[16], du,« schrie der Zotabarg, »wie sprichst 'n
+du? Plombier' dich ock nich! 's heeßt ju gar nich produzieren, 's heeßt
+ju profetieren.«
+
+»Provozieren,« ächzte 's gebild'te Huche Rad, »es ist entsetzlich,
+unter solchen Banausen zu leben.«
+
+»Ja, ja, Exzellenz,« seufzte die Schniekuppe, »das sag' ich auch. Und
+Exzellenz wissen doch, ich bin eine gebildete Frau. Ich verkehre mit
+Breslauern, Berlinern, Engländern und sugar Amerrekanern. Und ich
+bin patriotisch. Ein König und eine Königin von Preußen sind auf mir
+gewäst.«
+
+»Prahl dich nich, tumme Gans,« prillte der Zotaberg.
+
+»Kriegst doch keen'n Orden! Du und patriotisch! Vurna biste preiß'sch
+und hinga biste biehmsch[17]. Und die Leute san, deine Hingerseite is
+immer noch scheener wie deine Verderfront.«
+
+»Gott, wie unanständig,« sate der Veilchenstein[18], der beim Huchen
+Rad immer eim Vorzimmer stieht.
+
+»Halt's Maul, Veilchenstein, du bist a Jude!« schrie der Zotaberg.
+
+»Nu werd a gor noh antersemitisch,« klong's wie a Seufzer vu der
+Silberkuppe riber.
+
+»Ja, und du bist och 'ne Judenschickse,« schantierte der Zotabarg uff
+die Silberkuppe.
+
+»Judenschickse -- pfui!« sate der frumme Annaberg bei Strehlitz, und
+nahm 'n Klusterbitter ver Entrüstung.
+
+»Rummel! Rummel! Rummel! Rummel!« quietschte der Rummelsberg bei
+Strählen ver Freede. A ies der reene Kuckuck, a prillt immer sen'n
+eegna Nama.
+
+Nu fiel'n de Walmbriger Barge[19] olle über a Zotabarg har: der
+Huchwald, der Sottelwald, der Schworze Barg, der Gotshibel, die
+Uxaköppe und halt olle. Ar wäre a ganz ormseliger Buschklepper, meenta
+se, ar und sei Bruder, der Geiersberg, wär'n die leibhoftiga Satane,
+und orme Luder wär'n 's, Blobeermichel, während sie, die reicha
+Walmbriger Barge, asu viel Kohle hätta.
+
+»Macht euch nie gruß,« gurgelte der Zotabarg derzwischen, »macht euch
+ock ni mausig, daß ihr die Kolik im Bauche habt!«
+
+Iber da faula Witz ging a tuller Skandal lus. Die Schniekuppe wischte
+sich mit em Wölkla zwanzigmol hingernander die Nase und fächelte sich
+dann domiete, die Uxaköppe drohta mit a Hörnern, der Wulfsberg heulte,
+der Fuchsberg ballte, der Schniebarg schmieß ver Bust mit Lawin'n
+rim, 's Huche Rad machte sich wie verrückt Notizen, die Pferdeköppe
+wieherta, der Veilchenstein jommerte, der Krokonosch schimpfte uff
+biehmsch, der Annaberg tronk immerfurt Klusterbitter, der Rummelsberg
+prüllte wie tälsch: »Rummel, Rummel,« die Eule tat, als wenn se
+sich halbtut schamte, der Huchwald schwur, uff a Summer werd a a
+Zotabarg mit Hagelkörnern tutschissa[20] wie mit eener Matrilljese,
+der Schworze Berg sah aus wie a wütender Näger, der Sturchberg schlug
+mit a Fliegeln, und die hunderttausend Mühlberge ei der Schläsing[21]
+klopperta ver Ufregung.
+
+Do kam uff eemol der liebe Herrgott ei seim himmelblooen Mantel aus
+seim scheenen Paradiese runder ei die liebe Schläsing und sate:
+
+»Bst! Seid stille! Seid hübsch artig, meine lieba Kinderla! Ihr seid
+ju olle su hibsche, schmucke Perschla und Madla[22] ihr mißt euch ni
+händeln. Ich bien euch ju olla asu harzlich gutt. Gieht jitzt hibsch
+schlofa[23], und wenn ihr murne früh wieder ufstieht, do flecht ich
+jedem an lichta, guldna Kranz ei de Hoore. Gieht schlofa, ihr Kinderla,
+gieht schlofa!«
+
+Und der liebe Herrgott zug jedem ane weeche, mollige Nachtmütze über
+die Ohren. Do worn se gut und stille, sanftmittig wie die Lammla.
+Blußig der Knurrkupp vo Zotabarg kunnde sich nich asu plutze beruhigen.
+Wie ihm die Nachthaube schun übers Maul wegrutschte, brummelte a
+drunder no leise ver sich:
+
+»De Schniekuppe ies doch 'n ale Gake!«
+
+
+
+
+ Altenroda
+
+
+ 46.-65. Auflage
+
+
+
+
+ Altenroda
+
+ Ein Rundgang -- Zugleich eine Ouvertüre
+
+
+Liebe Stadt, wenn ich dein gedenke, wird mir die Seele ruhig. Dann bin
+ich auf eine Weile fort aus dem schrecklichen Leben, das wir nun alle
+führen müssen. Wie ein Jüngling erwache ich aus schwerem Schlafe und
+schaue in unschuldiges Frühlingslicht.
+
+Wenn ich dein gedenke, Altenroda, dann ist es mir, als sei alles nicht
+wahr, das von Leid und Angst, von Enttäuschung und Gram, von den
+Toten, die noch leben müßten, vom bösen Kriege und von der Schande des
+Vaterlandes, als sei alles nur ein Traum gewesen, so furchtbar, daß das
+Erwachen desto tröstender ist.
+
+Du bist noch da, liebes Altenroda! Der Eulenwald schirmt dich noch auf
+mit seinen grünen Armen, der Ochsenkopf baut sich noch auf wie eine
+trutzige Feste, die Poststraße läuft durch die bunte Aue und auf dem
+Flüßchen schwimmen die silberweißen Enten.
+
+Altenroda! Wie mich die Sehnsucht quält, dich wiederzusehen, dir zu
+sagen: »Siehe, ich lebe auch noch. Laß mich wieder einmal durch deine
+alten Straßen gehen!«
+
+ * * * * *
+
+Heute wollte ich zu dir hinfahren. Es ist nicht weit. Als ich auf den
+Hauptbahnhof meiner großen Stadt kam, standen Maschinengewehre davor.
+Irgendwo, auf einer entfernten Gasse war wildes Geschrei. Ein Beamter
+kam und sagte, es sei Eisenbahnerstreik; die Züge führen nicht. Traurig
+ging ich heim. Ich durfte nicht nach Altenroda.
+
+ * * * * *
+
+Deine Kinder bekommen alle das Heimweh, wenn sie von dir ferne sein
+müssen -- auch ich habe das Heimweh nach dir. Und wie man nicht nach
+Sünden seines Vaters oder seiner Mutter fragt, sondern ihr Bild heilig
+und unversehrt im Herzen bewahrt, so mag ich nicht fragen, ob auch
+dir, Altenroda, der Krieg die Jugend nahm, ob auch dir die Revolution
+das Glück ermordete. Ich sehe dich im Lichte alter Zeit, friedlich und
+schön, waldfrisch und heimlich.
+
+Ich kann nicht zu dir, weil die Züge nicht fahren. Aber ich will
+mich hinsetzen und alte Erinnerungen an dich aufschreiben. Dann bin
+ich bei dir -- in dir. Ich baue mir rasch ein weißes Luftschiff mit
+silbernem Propeller, darauf fahre ich zu dir hin im Sonnenscheine unter
+dem schweigenden Himmel. Schwalben umzwitschern mich, Störche ziehen
+flügelschlagend vor mir her; vom Bienenstocke meines Vaters steigt die
+Frau Königin mit ihrem Gefolge auf und bringt mir einen Gruß; dort über
+den Bergen des Ostens blinkt schon der frühe Mond.
+
+Es geht über die alte Heimaterde. Der Hahn vom Kirchturme glitzert
+herauf, die Wälder wogen tief unten wie blaue Teiche. Wie Fußschemel
+sind die Berge; aber ich bin ein Kind, meine Beine sind zu kurz, die
+Schemel zu erreichen; sie baumeln in freier Luft. Von unten her singen
+Lerchen wie Kanarienvögel, die am Fußboden sitzen. Die Glocken klingen
+aus der Tiefe. Kinder sehen mein Schiff, zeigen nach oben und jauchzen.
+Sie rufen herauf: »Du! Du! -- Laß mich ein Stückchen mitfahren!«
+
+So fahre ich gen Altenroda.
+
+ * * * * *
+
+Von ungefähr greife ich aus der Weste einen Taschenkalender heraus.
+Welches Datum haben wir? Den 6. Juli 1913. Aha, das ist mein
+vierzigster Geburtstag. Es ist also doch nicht wahr, daß ich nahe der
+»50« bin, es hat auch gar keinen Weltkrieg von 1914 bis 1918 gegeben.
+Das waren nur böse Träume. Es ist erst der 6. Juli 1913. Der Kalender
+muß es wissen.
+
+Gott sei dank! Erst 1913. Nun werde ich in Altenroda mitten in den
+Frieden hineintreffen und keine Trauer- und Angstgesichter, wohl aber
+die alte deutsche Ehre und das alte deutsche Glück finden.
+
+ * * * * *
+
+Da ist schon der Gipfel des Ochsenkopfes. Vom Aussichtsturme der
+Bergbaude weht die schwarzweißrote Fahne. Es muß wohl ein Festtag
+sein, daß sie geflaggt haben. Vom Ochsenkopfe herab hat einmal ein
+Köhler eine ganze Stadt zuschanden geraucht -- huhu! Und dort oben sind
+jetzt immer die Volksfeste. Am Abhang des Berges stand in alter Zeit
+der Galgen; jetzt ist eine lustige Wiese dort. Alle Tyrannen der Welt
+werden am Ende lächerlich; auf dem Schindanger grasen die Gänse.
+
+Nun eine Biegung; ich bin über dem Flusse, über der Poststraße, über
+der bunten Aue. Links vor mir liegt der meilenweite Eulenwald. Auf der
+Straße marschiert junges, buntmütziges Volk. Gymnasiasten sind es, die
+in die Ferien wandern. Sie singen, jubeln und -- rauchen. Aha, daher
+hatte der Ochsenkopf geflaggt. Die großen Ferien beginnen. Da freut
+sich die ganze Stadt mit den Kindern und feiert ein Fest.
+
+Nun der Rathausturm, die Kirchtürme, der Schuldturm, das hohe,
+spitzgiebelige Dach der Kranich-Apotheke -- ich bin da!
+
+ * * * * *
+
+Ich muß zu allererst nach dem »Goldenen Löwen«, muß mich bei Vater
+Speer anmelden. Wie kann er ahnen, daß ich komme?
+
+Er hat es aber doch geahnt, eilt mit entgegen, soweit er mit seinen
+zweihundertfünfzig Pfund eilen kann, schiebt das Käppchen auf dem Kopfe
+hin und her, lacht und sagt:
+
+»Ich dachte mir's schon. Mit Ihnen geht mir's wie mit dem Wetter. Ich
+merke die Ankunft vorher in den Knochen.«
+
+»Wenn's nur kein Reißen ist, Vater Speer.«
+
+»Nö, nö! Das Wetter ist ja sehr schön heute.«
+
+»In Altenroda ist immer schönes Wetter.«
+
+Er lacht sein gutmütiges Meckern.
+
+»Haha, da ist er kaum rein zur Stadt und sagt schon wieder was
+Lächerliches. Immer schönes Wetter! Da hätten Sie mal den Sturm am 17.
+April erleben müssen. Die halbe Stadt abgedeckt. Da war gerade der
+August Stumpe da ...«
+
+»Ach der! Den habe ich neulich den »Tristan« singen hören. Herrlich!«
+
+»Wie er den Christian singt, weiß ich nicht; aber das weiß ich, daß
+er am 18. April nach dem Sturme auf die Häuser rauf ist und Dächer
+geflickt hat vom Morgen bis in die sinkende Nacht.«
+
+»Ein guter Sänger!« sage ich in Erinnerung an einen schönen
+Theaterabend.
+
+»Ein guter Dachdecker,« sagte Vater Speer in Erinnerung an den Sturm.
+
+»Der Stumpe -- so so -- der war da. Ja, die Altenrodaer Kinder hängen
+an ihrer Stadt.«
+
+»Gehört sich auch! Nur der Cyrill ist nicht mehr dagewesen. War
+wohl doch ein bißchen obenhinaus und konfuse. War ja aber kein
+Einheimischer.«
+
+Die Häuser sind mit Fahnen, Girlanden und Tannenreis geschmückt.
+
+»Das ist wohl wegen des Ferienanfangs?«
+
+»Jawohl. Na, es ist doch ein Festtag. Die Schützengilde macht heute
+Umzug und abends ist bei mir ›Sommernachtstraum‹ im ›Löwen‹. Früher
+hieß es ›italienische Nacht‹. Aber das haben wir abgeschafft; wir sind
+ja wohl keine Italiener.«
+
+»Nein, Vater Speer. Sind die Hullah-Araber noch auf dem Gymnasium?«
+
+»Nein, Gott sei dank nicht. Das waren, weiß Gott, die größten
+Vagabunden, die wir hier auf der Schule gehabt hatten. Haben im März
+alle ihr Abitur gemacht, alle bestanden und sind nun fort nach den
+Universitäten.«
+
+»Das freut mich!«
+
+»Mich auch! Und die ganze Stadt freut's! Daß sie fort sind! Das sind,
+darauf nehme ich Gift, die Burschen gewesen, die mir zur Nachtzeit
+immer die leeren Fässer aus dem Hofe nach dem Marktplatz rollten und
+die den Fuhrleuten vor dem ›Löwen‹ die Pferde ausspannten. Und wegen
+der Promenadenesel von damals habe ich auch meinen Verdacht. Sie wissen
+schon -- wegen Hero und Leander!«
+
+Wir gehen ein Stückchen weiter.
+
+»Der gute Vater Ansorge ist also tot?«
+
+»Leider!« sagt der Löwenwirt düster. »Viel zu früh! Erst siebzig! Er
+hat der Stadt sein ganzes Vermögen vermacht.«
+
+»Und +Dr.+ Schicketanz auch?«
+
+»Der auch! Liegen beisammen. Wird sich auch so gehören.«
+
+»O, der Tod!«
+
+»Ja, der Tod!«
+
+Vater Speer spuckt gerade aus, als ob er dem Tod ins Gesicht treffen
+wollte.
+
+Im Sonnenschein liegt die Krumme Straße, die ein wenig bergauf
+führt. An den Häusern sind Söller und Balkone, vor den Türen stehen
+grüngestrichene Bänke. Das Pflaster ist holperig. Selbst Herr
+Ansorge, der große Wohltäter der Stadt, hat nicht haben wollen, daß
+neumodisches, glattes Pflaster käme. »Solches Katzenkopfpflaster«, hat
+er gesagt, »gehört zur kleinen Stadt. Es macht ihm seine Marktmusik.
+Ohne Rumpeln kein fröhlicher Markt.«
+
+In den Hausgärten hängen die Kirschbäume voll goldener Fruchtkugeln. In
+den zahlreichen Starkästen hausen Sperlinge. Speer weist darauf hin und
+brummt:
+
+»Wer in einem Obstgarten Starkästen aufhängt, ist so dumm wie einer,
+der in der Vorratskammer Mäusenester anlegt.«
+
+»Aber, Papa Speer, Sie haben ja wohl in Ihrem Garten auch viele
+Starkästen?«
+
+»Leider! Die Dummen werden nicht alle!«
+
+Die Leute, die in den Türen stehen oder uns begegnen, reichen uns die
+Hände und plaudern mit uns. Man kommt in Altenroda langsam vorwärts.
+Mein Gedächtnis wird bewundert, weil ich noch weiß, daß die kleine
+Friedel zugleich Scharlach und Diphtherie hatte, und daß +Dr.+
+Schicketanz sie rettete, und weil ich mich erkundige, ob der geblumte
+Rock sich gut getragen habe, den die Großmutter nach langem Rechnen und
+Zaudern um eine Mark und zwanzig Pfennige das Meter gekauft hatte.
+
+Wir kommen am »Weißen Roß« vorbei.
+
+»Wie geht es dem Wirt?«
+
+»Schlecht! Hat zu hohe Preise. 1911er Zeltinger verkauft er die Flasche
+für zwei Mark und fünfundzwanzig Pfennige. Das kann kein Mensch zahlen.
+Die Gäste verkrümeln sich. Ich habe diesem Roß von Roßwirt gesagt:
+›Ich verschenke den Zeltinger für zwei Mark; gib du ihn für eine Mark
+und neunzig Pfennige und du hast die Gäste.‹ Er kann's nicht tun, hat
+den Wein selber mit zwei Mark in der Hand. Saure Schnauze gehabt beim
+Einkauf. Kommen Sie, wir wollen die Konkurrenz was verdienen lassen.«
+
+Wir kehren ein und lassen die Konkurrenz was verdienen. Im Lokal sitzt
+ein dürres Männchen mit einer Brille auf der Nase. Es wird von Vater
+Speer auffallend schlecht behandelt.
+
+Draußen frage ich: wer der Dürre sei.
+
+»Ach der,« knurrt Speer; »der ist ein schlechter Kerl. Ein Berliner.
+Früher ist er Archivrat gewesen, und bei seiner Pensionierung ist er
+leider auf den Gedanken verfallen, nach Altenroda zu ziehen. Jetzt
+kriecht er auf den Bodenräumen des Rathauses rum, stöbert in alten
+Pfarr- und Innungsbüchern und schreibt blecherne Artikel. Wütend sind
+wir auf den!«
+
+»Was schreibt er denn?«
+
+»O, der hat zum Beispiel geschrieben, die Stadt Wenighofen sei gar
+nicht von unserem Köhler zuschanden geraucht, sondern im Hussitenkriege
++anno+ Vierzehnhundert so und so viel zerstört worden. Denken
+Sie, wenn das die Kinder lesen! Das ist, als wenn sich ein Kerl zu
+Weihnachten vor die Kleinen hinstellt und ihnen sagt: ›Es gibt gar kein
+Christkind; der ganze Plunder, über den ihr euch so freut, ist aus dem
+Warenhause.‹ Eine Roheit ist so etwas. Auch die Geschichte vom Meister
+Michael und seiner Wunderuhr hat er angezweifelt. Er hat gesagt, das
+hätte sich gar nicht bei uns, sondern in Olmütz zugetragen. Er saß bei
+mir im ›Löwen‹, als er das behauptete.«
+
+»Was haben Sie denn darauf erwidert?«
+
+»Ach, erwidert hab' ich gar nichts; ich hab' ihn bloß rausgeschmissen.«
+
+Aus der Gerbergasse tönt Kinderlärm. Eine ganze Schar ärmlich
+gekleideter Buben und Mädchen tollt dort herum.
+
+»Sehen Sie,« sagte Vater Speer, »drei Viertel von diesen Radaumachern
+sind direkte Nachkommen von Paul Distelfink, Enkel oder Urenkel. Na,
+Sie kennen ja die Geschichte von Ansorge und Distelfink und der dummen
+Emma. Ja, ja, lauter Distelfinken! Wenn das so weiter geht mit dieser
+Familie Distelfink, ist Altenroda in sechzig Jahren eine Großstadt.
+Und ein Mann wie Ansorge muß sein Leben lang einsam bleiben und erhält
+keinen Erben!«
+
+Seit einigen Minuten ertönt Glockengeläute. Nun begegnen wir einem
+Leichenzuge; gerade an der Marktecke zieht er an uns vorüber. Vornweg
+ein mit schwarzen Schleiern geschmücktes Kreuz, dann etwa vierzig
+Schulkinder, die unter Leitung ihres Kantors ein Begräbnislied
+singen, hellstimmig, krähend, fidel, als ob es zu einem Schulausfluge
+ginge; dann ein blasser, junger Geistlicher, der in einem Gebetbuche
+liest, vor ihm rotbäckige Ministranten mit Weihbrunnen und Rauchfaß,
+äußerlich würdig, aber die Augen rechts und links werfend; dann der
+Sarg, von sechs Männern getragen, denen die Zylinderhüte schief
+auf dem Kopfe sitzen und die Zitronen in der Hand tragen; dann
+schwarzgekleidete Leidtragende und zuletzt viel Volk. Die meisten Leute
+des Trauergefolges machen gleichgültige Gesichter; manche schwätzen
+miteinander.
+
+»Der alte Kesselschmied Mentke,« flüstert mir Speer zu. »Dreiundachtzig
+Jahre alt. Der Tod war eine Erlösung.«
+
+Einem Begräbnisteilnehmer ist sein Hund nachgelaufen gekommen, ein
+schöner Dobermann. Umsonst versucht der Mann, durch zischelnde, zornige
+Befehle, durch Drohen mit dem Regenschirme oder scheinbares Aufheben
+eines Steines das Tier zur Rückkehr zu bewegen. Er erreicht nur, daß
+sich der Dobermann als Letzter dem Trauerzuge anschließt.
+
+Vater Speer und ich haben unsere Häupter entblößt, als der Sarg
+vorbeigetragen wird, und gehen nun langsam auf dem Bürgersteige
+mit, begleitet von einer Kinderschar. Eine Arbeiterfrau gibt ihrem
+Sprößling, der seinen Reifen neben dem Sarge hertreibt, eine gewaltige
+Ohrfeige. So geht der Schlingel jetzt bitterlich weinend, die
+schmutzigen Fäustchen in die Augen gebohrt und den Reifen um den Hals
+gehängt neben dem Sarge her als der Betrübteste im Zuge.
+
+Alle Türen öffnen sich. Käufer und Verkäufer treten aus den Läden und
+entbieten dem toten Kesselschmiede einen letzten Gruß. Nur der Barbier
+mit seinem Streichriemen und seinem eben eingeseiften Kunden hätten
+sich lieber nicht in der Türe zeigen sollen.
+
+Von der Berliner Straße her, die am anderen Ende des Marktplatzes
+mündet, tönt schmetternde Musik. Die Schützengilde marschiert an;
+die Kapelle spielt einen wirbelnden Marsch. Plötzlich bricht die
+Musik ab. Der Kapellmeister hat den Begräbniszug erblickt. Er spricht
+leise auf die Musiker ein, und als der Sarg vorbeigetragen wird, läßt
+er, ein Protestant, ob es auch ein katholisches Begräbnis ist, den
+herrlichen Choral spielen: »Meinen Jesum lass' ich nicht; Jesus wird
+mich auch nicht lassen«. In strammer militärischer Haltung steht die
+Schützengilde und die Fahne senkt sich vor dem alten Kesselschmiede.
+
+Als der Zug schon um die nächste Biegung und nichts mehr davon zu sehen
+ist, steht die Gilde immer noch da. Der Kapellmeister überlegt, wie er
+in die so jäh unterbrochene Freudenstimmung musikalisch zurückfinden
+könne. Etwas Lustiges muß es wieder sein; denn dafür ist Schützenfest;
+aber es soll doch an das eben gehabte ernste Erlebnis angeknüpft, etwas
+Schickliches zur Überleitung gefunden werden. So läßt der Kapellmeister
+spielen: »Muß i denn, muß i denn zum Städele hinaus« und dann in die
+Hohe Gasse nach dem »Löwen« einbiegend: »Freut Euch des Lebens, weil
+noch das Lämpchen glüht ...«
+
+Da habe ich wieder ein echt Stück Altenroda erlebt. Es ist nichts,
+was mich an diesem Leichenbegängnis mit seiner Mischung von Wehmut,
+Feierlichkeit und Humor gestört hätte. So ist Altenroda, so ist
+schließlich das ganze Leben -- neben den Särgen der Alten treiben die
+Kinder ihre Reifen, blasen die Musikanten.
+
+Ich denke daran, daß der alte Mentke nun für immer zum Städele hinaus
+muß, in dem er über acht Jahrzehnte lebte. Glückliche Reise in die
+große Ferne! Alter Mentke, gelt, es war schön in Altenroda!
+
+Mein Begleiter Speer räuspert sich.
+
+»Weiß der Himmel,« sagt er, »wenn ich ein Begräbnis gesehen habe, muß
+ich immer was trinken. Es ist mir stets nicht ganz lauter um den Magen.
+Gehn wir mal zum Apotheker.«
+
+Dazu bin ich gern bereit. Der Apotheker ist mein Freund seit langem. Er
+ist einer der angesehensten Bürger, in vielerlei Wissen erfahren, sehr
+musikalisch, als Sänger kunstgerecht ausgebildet, etwas streitsüchtig,
+aber im ganzen eine goldene Seele. Über der Tür seiner Apotheke funkelt
+ein goldener Kranich, das hochgiebelige Haus ragt stattlich in die
+Luft. Hinter dem Geschäftsraume der Apotheke ist eine Trinkstube, die
+der Apotheker, der von Hause aus Oberösterreicher ist, den »Giftgadern«
+nennt. »Gadern« ist ein durch ein »Gatter« abgeschlossener Raum.
+
+Der Apotheker mich sehen, an der Hand fassen und in den Gadern ziehen,
+das geschieht alles in Sekunden.
+
+»Freut mich, Sie zu sehen!« oder auch nur »Guten Tag!« sagt er nicht.
+Er hält das für selbstverständlich und haßt Phrasen, die ja meist doch
+rein gar nichts bedeuten.
+
+Der Giftgadern der Kranich-Apotheke zu Altenroda ist -- glaube ich
+-- eine der verrücktesten Trinkstuben der Welt. Ein Panoptikum.
+Einmal ist einer, der im Gadern auf einem Sofa über Nacht blieb und
+in bleichem Mondlichte aufwachte, in Schreikrämpfe verfallen. In
+einer Ecke steht ein Totengerippe. Daneben hängt auf der einen Seite
+das Bild einer alten Zigeunerin, auf der anderen ein Gemälde, das
+ein hoch talentierter futuristischer Maler gestiftet hat und das die
+»Maul- und Klauenseuche« darstellt. Ich glaube, daß dieses Gemälde das
+Allerschrecklichste im Giftgadern ist; wer es angeschaut hat und bei
+gesunden Nerven geblieben ist, erschrickt vor nichts mehr im Leben.
+In einer anderen Ecke steht ein Ritter in Originalrüstung. Auf seinem
+Schilde ist eingraviert: +Qui bene bibit bene dormit, qui bene dormit
+non peccat, qui non peccat venit in coelum, item qui bene bibit venit
+in coelum.+ (Der Archivar aus Berlin hat diese Inschrift als eine
+nachträgliche Fälschung erklärt und darf daher nicht mehr in den Gadern
+kommen.)
+
+Die Wände sind bis an die Decke mit Bildern, Konsolen, Urnen,
+Kriegstrophäen bedeckt, alles in erstaunlichem Durcheinander, so
+daß eine Karikatur Napoleons I. neben dem Bilde einer neuzeitlichen
+Berliner Theaterdiva hängt und eine (auch vom Archivar angezweifelte,
+aber trotzdem echte) Tabaksdose Friedrichs des Großen auf einer
+Konsole neben einem in ein ganz modernes Glaskästchen eingeschlossenen
+Bleistiftlein liegt, mit dem der Dichter Geibel angeblich das schöne
+Lied: »Der Mai ist gekommen« geschrieben haben soll.
+
+»Ordnung,« sagte der Apotheker, »ist in einem Giftgadern nicht zu
+fordern. Außerdem, wer sollte auch Zeit und Lust genug haben, hier
+Ordnung zu machen? Wem's nicht paßt, der bleibt draußen.«
+
+Der Mann hat recht: die Erde und ihre Zeit und ihr Raum sind winzig wie
+ein Stäublein, das im Winde fliegt. Homer und Geibel sind Zeitgenossen,
+Altenroda und Peking liegen dicht beieinander.
+
+Im Giftgadern sitzen drei Männer, alte Bekannte von mir. Keiner läßt
+sich durch meine Ankunft in der Unterhaltung stören.
+
+Denn das hat der Apotheker heraus: nichts stört in einer Gesellschaft
+mehr, als das ständige »Guten Tag« und »Ade« sagen. Sitzen Leute
+zusammen und unterhalten sich gerade gut, kommt ein neuer hinzu, reicht
+jedem die Hand: »Guten Tag, Herr Schulze!« -- »Guten Tag, Herr Müller!«
+-- »Guten Tag, Herr Lehmann!« -- so hat er mit seinem nichtssagenden
+Grüßen die Unterhaltung gestört, das feine Geflecht der Behaglichkeit
+zerrissen. Und sind die Maschen wieder geschlungen, steht einer auf,
+reicht jedem die Hand und sagt: »Gute Nacht, Herr Müller!« -- »Gute
+Nacht, Herr Schulze!« -- »Gute Nacht, Herr Lehmann!« so ist er allen
+durch die Unterbrechung lästig. Sinn und Zweck hat so etwas nicht.
+Im Giftgadern hängt an einer Strippe eine Hand herab, die in feinem
+Glaceleder steckt. Wer kommt, schüttelt diese Hand (soll für alle
+heißen: »Guten Tag!«), wer geht, schüttelt die Hand (heißt für alle
+»Auf Wiedersehen!«). Oben an der Strippe ist ein Läutewerk, das bimmelt
+leise bei Ankunft und Abgang.
+
+Ich stehe nun da und schüttele die künstliche Hand. Der Apotheker neben
+mir fragt:
+
+»Nun, was ist zuerst gefällig: Mundwasser, Gurgelwasser oder
+Zahntropfen?«
+
+»Zahntropfen!« sagt mein Begleiter Speer. »Hab's Begräbnis mitmachen
+müssen, da ist mir nicht lauter um den Magen.«
+
+»Dreimal Zahntropfen!« ruft der Apotheker in die Apotheke hinaus, und
+es erscheinen drei Gläser Kognak. Hätte er »Gurgelwasser« bestellt, so
+wäre Bier gekommen, bei »Mundwasser« aber Wein. Der Apotheker hat diese
+Decknamen eingeführt, weil er seine Reputation wahren muß. Wenn er eine
+Bestellung aus dem Giftgadern hinausruft in die Apotheke, dann muß das
+einen pharmazeutischen Anstrich haben, damit die Kunden draußen kein
+Ärgernis nehmen.
+
+Allerhand Fallen sind im Giftgadern. Wer so kindisch ist, an dem Seile
+der kleinen Glocke zu ziehen, die an der Wand hängt (und fast jeder
+Neuling ist so kindisch!) der zahlt eine Auflage, ebenso, wer auf
+der Laute klimpert, die daliegt (und fast jeder Neuling klimpert).
+Auch muß der, welcher sich auf einen Hocker setzt, der ein verkapptes
+Musikinstrument ist und »Trink'n wir noch ein Tröpfchen« spielt, diese
+hinterlistig erpreßte Aufforderung wahr machen.
+
+Beileibe keine Nebberei! Einen gastfreundlicheren Wirt als den
+Apotheker gibt es in ganz Europa nicht. So darf zum Beispiel der,
+der das erste Mal in den Giftgadern kommt, für seine Zeche überhaupt
+nichts bezahlen. Niemand hat dieses »Recht des ersten freien Tages«
+mißbraucht, jeder ist wiedergekommen und hat sich »revanchiert«.
+
+Nur einer hat es anders gemacht. Der ist in Abwesenheit des Apothekers
+in den Giftgadern gekommen, hat einmal, zweimal, dreimal gut gegessen,
+siebenmal gut getrunken, feine Zigaretten verlangt, hat dann gesagt:
+»Ich bin das erste Mal hier, also zahle ich nichts, danke bestens!
+Mahlzeit!« ist gegangen und nie wieder gekommen. Das war ein Berliner.
+Selbstverständlich war das ein Berliner!
+
+Sechs Wochen lang hat ganz Altenroda auf diesen »Schmierfink« von
+Berliner geschimpft. In der siebenten Woche kam ein Brief aus Berlin:
+»Nachdem jetzt wohl genug auf den Berliner geschimpft worden ist, zahlt
+er seine Schuldigkeit.« Schickt der Mann den Betrag seiner Zeche und
+ein hochanständiges Trinkgeld dazu für die Bedienung. Ganz Altenroda
+war betroffen. Ganz Altenroda schämte und ärgerte sich und schimpfte
+dann aufs Neue auf den Berliner, der eine angebotene Gastfreundschaft
+bezahlt hatte.
+
+»Das können Sie glauben,« sagte Vater Speer damals zu mir, »Berlin ist
+eine Stadt von lauter Lauseigeln.« Ich wagte nichts zur Verteidigung
+der Berliner zu sagen, dazu bin ich Vater Speeren gegenüber zu
+furchtsam. Und dann hatte ich die ganze Geschichte selbst mit erlebt,
+hatte selber mit geschimpft und war dann ob des Benehmens des Berliners
+auch selbst mit »betroffen« gewesen.
+
+Mein herrlicher, nun verewigter Freund Ansorge sagte damals milde:
+
+»Man soll nie schimpfen; denn erstens hat es keinen Zweck, zweitens
+steht es einem schlecht zu Gesichte, und drittens ärgert man sich
+hinterher immer darüber, daß man sich geärgert hat.«
+
+Ja, ja, lieber, ehrwürdiger Freund, solltest halt noch leben! Solltest
+nicht zu den Toten gegangen sein. Solltest jetzt wie einst mit im
+Giftgadern sitzen. Da würdest du mild auf die Freunde einwirken, die
+auf den Archivar schimpfen, der aus Berlin gekommen ist und sich
+ungehörig um die Geschichte der Stadt Altenroda kümmert.
+
+Sie freuen sich doch, die alten Kumpane, daß ich gekommen bin. Sie
+fragen natürlich nach vielem aus der großen Stadt. An die Großstadt
+denken sie oft mit einem Schauer wie an ein sündiges Babel und haben
+bei diesem Schauer immer eine heftige Sehnsucht, hinzufahren. Das ist
+halt so.
+
+Es werden wirtschaftliche Fragen erörtert. Die Bauern wuchern
+neuerdings furchtbar, wird mir geklagt. Für ein Pfund Butter haben sie
+eine Mark und dreißig Pfennige verlangt, für ein Ei nehmen sie, ohne
+vor Scham in die Erde zu sinken, acht Pfennige. Da kann sich ja auch
+ein begüterter Mann zum Frühstück nicht mehr seine drei Eier gönnen.
+Der Hering kostet zwölf Pfennig, Schweinefleisch ohne Knochen schon
+neunzig! Traurige Zeiten!
+
+Der Zentner Kohle gilt eine Mark und zwanzig Pfennige. Die Bergleute
+werden immer frecher. Ein achtzehnjähriges Dienstmädel verlangt
+mir nichts dir nichts fünfzehn Mark pro Monat und jeden zweiten
+Sonntag frei; die Schullehrer wollen mit eintausendfünfhundert Mark
+Jahreseinkommen nicht mehr zufrieden sein. Ja, wohin soll denn das noch
+führen?
+
+»Ach,« sagt der Apotheker, »wir sitzen in einem Schlaraffenlande; wir
+wissen's bloß nicht!«
+
+»Sie vielleicht,« höhnte der Kaufmann Nerlich, der das größte
+Kolonialwarengeschäft in der Stadt hat. »Wissen Sie, was ich im vorigen
+Jahre für Einkommensteuer hab' zahlen müssen? Vierundachtzig Mark! Wo
+soll man denn das hernehmen?«
+
+»Aus der Kasse!« sagt Vater Speer pomadig.
+
+Nerlich wird wild.
+
+»Ja, Sie haben leicht in die Kasse zu greifen, wo Sie für den Kognak
+fünfzehn Pfennig und für die Zigarre zehn Pfennig nehmen. Was da
+bleibt! Und die Portion Mittagessen fünfundsiebzig Pfennig, hehe, feine
+Sache!«
+
+»Ihnen geb' ich Rabatt,« sagt Vater Speer.
+
+Wenn sich die Stimmung so zuspitzte, schrie der Apotheker allemal in
+die Apotheke hinaus:
+
+»Zahntropfen!«
+
+Die besänftigten nicht nur die Zähne, sondern auch die Gemüter. Aber
+nicht lange. Die Bürger von Altenroda lieben es zu streiten, eine
+Eigentümlichkeit, die man in deutschen Landen des öfteren antreffen
+kann. Es ging bald wieder los. Nerlich erhitzte sich aufs neue.
+
+»Was das jetzt auch für eine Schlamperei mit der Eisenbahn ist! Gestern
+wollte ich meine Schwiegermutter abholen. Muß ich doch geschlagene acht
+Minuten auf dem Bahnhofe warten. Soviel hatte der Zug Verspätung! Ist
+das nicht unerhört?«
+
+»Na,« sagte der Apotheker, »wenn sich die Schwiegermutter um acht
+Minuten verspätet hat, dann schreiben Sie doch an die Bahn einen
+Dankbrief.«
+
+Nerlich trank sein »Gurgelwasser« aus.
+
+»Schwiegermutter hin, Schwiegermutter her. Über solch ernste Sachen
+soll man nicht spotten. Ordnung muß sein im Lande! Ordnung! Und Recht
+und Billigkeit! Und das ist nicht mehr in Deutschland.«
+
+Er stand auf, schüttelte die lederne Hand, die an der Decke hing, und
+verschwand.
+
+Schweigen. Jeder grübelte, ob er nun in einer schlechten oder
+erträglichen Zeit lebe.
+
+Der Apotheker und Vater Speer fanden das Leben anno 1913 »erträglich«.
+
+Der Apotheker sagte zu mir:
+
+»So, was man arme Leute nennt, das mag's bei Ihnen in der Großstadt
+geben, bei uns nicht. Hungern kennt hier keiner, Frieren auch nicht.
+Wär noch schöner! Luxus, na ja, das ist nicht, aber was sein muß,
+ist da! Bei uns kann jeder achtzig Jahre alt werden, wenn's ihm der
+Herrgott von Geburt aus mit in die Knochen gegeben hat, und wenn er
+seinen Lebensbrennstoff nicht selbst verliedert hat.«
+
+Er ging zu einer riesigen Tonurne, die eine Ausgrabung war und die
+Asche eines Menschen enthielt, der vor zweitausend Jahren starb. Neben
+der Urne stand ein Grammophon. Von diesem ließ der Apotheker das
+Deutschlandlied spielen.
+
+ * * * * *
+
+Eine kleine Welt ist Altenroda. Aber die ganze Welt ist klein; Paris
+und Berlin sind Nester wie Altenroda. Die größten Spießer sind unter
+denen, die das Spießertum verachten. Außer der Liebe ist nichts Großes
+auf der Welt. Es gibt keine großen Reiche, keine große Kunst, keine
+großen Männer. An solche Dinge glauben nur Knirpsgehirne. Selbst die
+Sonne ist nur ein Flimmerchen. Über ein paar kleine Differenzen,
+wie etwa zwischen Goethe und einem Stallknecht, sollte sich niemand
+aufregen; beide -- Goethe und der Stallknecht -- sind ganz klein, der
+eine ein bißchen kleiner als der andere.
+
+Groß allein ist die Liebe, die der Odem Gottes ist. Sie läßt uns das
+Winzige groß sehen, so daß wir selbst ein Käferlein im Sonnenlichte mit
+seligem Entzücken zu betrachten vermögen und mit heimlichem Schaudern
+zusehen, wie ein gewaltiger Sperling ein Würmchen auffrißt, oder -- wie
+ein Reich durch ein anderes zugrunde gerichtet wird.
+
+»Sie spintisieren!« sagt Vater Speer, da wir über den Marktplatz gehen.
+»Was ist los?«
+
+Ich sage ihm etliches von dem, was ich eben gedacht habe.
+
+Speer schüttelt den Kopf.
+
+»Wegen der paar Zahntropfen braucht man ja nicht gleich auf solche
+Gedanken zu kommen.«
+
+So sagt er und grüßt gleicherzeit devot nach dem Bürgersteige
+hinüber, wo der Herr Major daherschreitet, der Kommandeur des hier in
+Garnison liegenden zweiten Bataillons des xten Infanterieregiments,
+Feldmarschall Graf von Kunsewitz.
+
+»Haben Sie gesehen, wie freundlich der Major gedankt hat?« fragte Vater
+Speer. Er strahlt. Das Offizier-Kasino ist in seinem »Löwen«. Es bringt
+zwar bei den Vorzugspreisen, die die Herren Offiziere genießen und bei
+den Ansprüchen, die sie machen, nicht viel ein. Aber die Ehre, man
+denke, die Ehre! Der Herr Major hat auf Speers Gruß nicht nur gedankt;
+er hat direkt mit dem Kopfe genickt. Das tut sonst beim Grüßen kein
+Offizier. Beim Militär nickt man nicht mit dem Kopfe. Das sah beinahe
+wie Vertraulichkeit aus. Vater Speer strahlt.
+
+Es sind halt doch große Differenzen zwischen den einzelnen Menschen.
+Meine Gedanken von vorhin ... Nun, lassen wir es!
+
+ * * * * *
+
+Was ist das?
+
+Jemand kommt und sagt: es sei spät in der Nacht; das Schießen auf der
+Straße habe nun aufgehört; es sei Zeit, schlafen zu gehen; auch wäre
+der Ofen kalt geworden.
+
+Schießen?
+
+Ich habe nichts gehört.
+
+Und Feuer im Ofen?
+
+Eben hat sich Vater Speer mit einem bunten Schnupftuch den Schweiß von
+der Stirne gewischt.
+
+Aha -- die täuschen sich; die denken, ich sei in Breslau, es sei Winter
+und Revolte.
+
+Sie täuschen sich. Ich bin in Altenroda; es ist ein friedlicher
+Sommertag -- der 6. Juli 1913 -- mein vierzigster Geburtstag.
+
+
+
+
+ Vom Musikleben in Altenroda
+
+
+In friedlicher Zeit, als die Menschen noch nicht so von politischen
+Ängsten und Leidenschaften zerrüttelt waren, hatten sie Muße, das Leben
+mit Behaglichkeit zu genießen und sich mit allerhand schönem oder
+vergnüglichem Nebenwerk das Dasein zu erheitern. Allenthalben blühten
+Liebhaberkünste, insonderheit wurde gern gesungen, und so war es auch
+in der Stadt Altenroda.
+
+In dieser Stadt gab es drei Gesangvereine: einen vornehmen, einen
+weniger vornehmen und einen gar nicht vornehmen, alles hübsch geordnet
+nach Stand und Einkommen.
+
+Singen konnten alle drei Vereine nicht; aber sie bildeten sich ein, daß
+sie es könnten. Ihr Publikum, das zumeist aus Verwandten und Bekannten
+bestand, klatschte Beifall, wenn sie ein Konzert gaben, und so war
+alles in schöner Ordnung.
+
+Der Apotheker jener Stadt aber, der ein gewaltiger Bassist war und
+den »Schwarzen Walfisch zu Askalon« oder den »Grafen von Rüdesheim«
+so machtvoll vortragen konnte wie kaum ein anderer Mensch, warf
+sich auf die kritische Seite und störte, wie alle Kritiker, die
+künstlerische Ruhe und das Behagen der Sängerwelt. In dem vornehmsten
+Gesangvereine, dem er selbst angehörte, der »Harmonie«, krittelte der
+Apotheker ständig, war bei den Proben nie zufrieden und wollte immer
+alles anders »aufgefaßt« und bis zur Endlosigkeit wiederholt wissen.
+Dadurch machte er sich unbeliebt und wurde bei der Generalversammlung
+nicht mehr in den Vorstand gewählt, weshalb er aus dem Vereine
+ausschied und diesen der mächtigsten Grundsäule des Basses beraubte.
+Aber auch mit dem zweitvornehmsten Vereine, dem »Kirchenchor«,
+verfeindete sich der Apotheker. Als bei dem zwanzigsten Konzert, das
+er in diesem Vereine erlebte, abermals »Der Herr ist mein Hirt« und
+»Hebe deine Augen auf« auf dem Programm standen, gähnte der Apotheker
+bei einer Pianissimostelle so laut und schmerzlich, daß die ganze
+Zuhörerschaft in Lachen ausbrach, wodurch die feierliche Liedwirkung
+sehr beeinträchtigt wurde. Der Dirigent des Kirchenchores war so
+böse auf den Apotheker, daß er, als er sich bald darauf einen Finger
+beschädigte, mit der Eisenbahn nach einer Nachbarstadt fuhr, um dort
+ein Schächtelchen Salbe einzukaufen, da er den Apotheker nichts mehr
+verdienen lassen wollte.
+
+Ganz und gar verschüttet aber hatte es der Apotheker mit dem dritten
+Gesangverein, welcher »Frohsinn« hieß. Er hatte öffentlich behauptet,
+dieser Verein müsse nicht »Frohsinn«, sondern »Verzweiflung«
+genannt werden; seine Mitglieder gehörten samt und sonders in die
+Korrektionsanstalt.
+
+Einige Frohsinnsmänner, die über solche Kritik verdrossen waren,
+brachten darauf dem Apotheker fast allabendlich ein Ständchen, dessen
+Text nur eine einzige Zeile hatte: »Es war einmal ein Apotheker«,
+dessen Musik aber die Textworte fugenartig auseinanderzog, zum
+Beispiel: »A-a-po-po-the-the-ker-ker«. Der Apotheker war rasend über
+diese »Sauerei«, wie er es nannte, konnte es aber nicht hindern, daß
+sich immer wieder einige Mitglieder des »Frohsinns« vor seiner Haustür,
+über der als Firmenbild ein goldener Kranich war, aufstellten und im
+Liede beteuerten, daß einmal ein »A-a-po-po-the-the-ker-ker« war. Die
+Fuge über dieses eine Wort war ungefähr eine Viertelstunde lang, worauf
+die Sänger, wenn sie nach dem endlosen Gestammle das Wort »Apotheker«
+am Schluß doch glücklich und im Zusammenhange herausgebracht hatten,
+sich vor dem goldenen Kranich artig verneigten, gleich als hätte der
+Beifall gespendet, und ihrer Wege gingen.
+
+Solche Dinge können ja einem Biedermanne und Kunstkenner das Leben
+verbittern ...
+
+Seit einigen Wochen lebte in Altenroda ein junger Mann namens Cyrill
+Dietrich. Die Leute hielten ihn für überspannt. Schon seine Eltern
+mußten nicht ganz gescheut gewesen sein, sonst hätten sie ihn doch
+lieber Max oder Kurt oder auf sonst einen vernünftigen Namen, aber
+nicht Cyrill getauft. Cyrill war früher Postsekretär gewesen; aber er
+hatte -- wie sich der Apotheker im Bilde ausdrückte -- die Marken an
+die Wand geklebt, war nach Berlin gegangen, hatte dort Musik studiert
+und schließlich sein Examen glänzend bestanden. Eine Stelle als
+Kapellmeister hatte Cyrill bis dahin aber nicht gefunden, wenigstens
+keine, die er anzunehmen geneigt war; denn er hielt viel von sich
+selbst und schrieb zurzeit an einer Oper, zu der er sich den Text
+selber dichtete. »Ganz wie die beiden Wagner, Vater und Sohn,« sagte
+der Apotheker, der einzige, der den jungen Mann ernst nahm, weil er
+in ihm außer sich selbst den einzigen musikverständigen Menschen von
+Altenroda erblickte.
+
+Cyrill benahm sich sehr hoffärtig. Der Frau Bürgermeister, die ihm
+angeboten hatte, ihrer siebzehnjährigen Else »fortgeschrittenen
+Klavierunterricht« zu erteilen, wofür eine Mark und fünfundzwanzig
+Pfennige die Stunde gezahlt werden sollten, hatte Cyrill einen
+höhnischen Absagebrief geschrieben. Darauf hatte die Frau
+Fabrikbesitzer Strümpel, die mit der Bürgermeisterin verfeindet war,
+Herrn Cyrill Dietrich sechs Mark für die Stunde angeboten, wenn er
+ihre Tochter Thea unterrichten wollte. Cyrill antwortete, wenn er
+kein Geld mehr haben werde, wolle er sich bei Herrn Strümpel um eine
+Stelle als Fabrikarbeiter bemühen, keinesfalls aber dem Fräulein Thea
+Klavierunterricht geben.
+
+Darauf sagten die Leute in Altenroda, Cyrill sei ein Grobian. Nur der
+Apotheker lobte ihn und nannte ihn einen Charakter.
+
+Jedenfalls hatte sich Cyrill, was seine musikalischen Fähigkeiten
+und Kenntnisse anlangte, in Respekt gesetzt. Als die »Harmonie« ihr
+nächstes Konzert gab, räusperte sich ihr Dirigent verlegen, als er
+Herrn Cyrill im Saale auftauchen sah, und alle Vereinsmitglieder sagten
+sich im stillen: Heute heißt es aber sich zusammennehmen und das Beste
+bieten.
+
+Cyrill hörte sich nur die erste Nummer des Konzerts an, dann verließ er
+behutsam und mit betroffenem Gesichte den Saal.
+
+»Der hat genug!« sagte der Apotheker ziemlich laut, was ein Kichern,
+aber auch ein verärgertes »Pst! Pst!« zur Folge hatte. Die Sänger auf
+dem Podium machten erboste Gesichter und es war, als läge ihnen gar
+nichts mehr daran, weiterzusingen.
+
+Am nächsten Tage suchte der Apotheker Herrn Cyrill auf. »Sie haben
+gestern das Konzert der ›Harmonie‹ ostentativ verlassen. Das war nicht
+mehr als recht und billig.«
+
+»Ich wollte die Leute nicht kränken,« erwiderte Cyrill sanft; »ich
+hielt es nur nicht länger aus.«
+
+»Kann ich mir denken, mir denken! Die Leute haben keine Ahnung vom
+Singen.«
+
+»Nein,« sagte Cyrill noch sanfter.
+
+»Keine Ahnung von Tonbildung oder richtiger Atmung oder Dynamik. So zum
+Beispiel singen sie:
+
+ ›~Stüll ruht da Söö,
+ Die Veeglein schlafähn,
+ Ein Flistarn nua, du merkst es kahum.~‹
+
+Und bei ›Flistarn‹ brüllen sie wie die Stiere. Dabei soll man das
+Flüstern kaum merken. Ich danke!«
+
+Cyrill lächelte nur schmerzlich.
+
+»Herr Cyrill Dietrich,« nahm nun der Apotheker einen großen Anlauf,
+»ich bin gekommen, Ihnen einen Vorschlag zu machen, beziehungsweise
+Ihnen eine Bitte zu unterbreiten. Es ist eine Schande, daß das
+Musikleben Altenrodas so trostlos daniederliegt. Altenroda ist
+doch immerhin eine ansehnliche Stadt: Landratsamt, Gymnasium,
+Fabriktätigkeit, neuerdings sogar Garnison. Also da muß etwas
+geschehen. Ich hatte mir nun die Sache so gedacht, daß die vier besten
+Stimmen hier am Ort zu einem Quartett zusammentreten würden: Sopran,
+Alt, Tenor und Baß, daß Sie, Herr Kapellmeister, die Direktion und vor
+allen Dingen die Ausbildung des Quartetts übernehmen. Dann würde den
+Banausen hier endlich einmal klar werden, was singen heißt.«
+
+Der Apotheker machte eine Pause und wartete auf eine Antwort. Er
+wartete vergebens. Cyrill sah ihn nur düster an. So würde Beethoven
+ausgesehen haben, wenn man ihm zugemutet hätte, auf einem Jahrmarkte
+Musik zu machen. Nach einer Weile aber öffnete Cyrill doch die Lippen
+und sagte mit müder, schleppender Stimme:
+
+»Herr Apotheker, ich werde Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Es
+war einmal ein Kanarienvogel, dem ging es ganz gut in seinem Bauer;
+denn er war in der Gefangenschaft geboren. Dann aber kam er in eine
+Stadtwohnung, wo in dem Zimmer über ihm Gesangunterricht erteilt wurde.
+Nach drei Wochen war der Kanari tot. Er war nämlich leider musikalisch
+gewesen. Verstehen Sie, er war musikalisch gewesen, der arme Kanari!
+Es ist ein Unglück, musikalisch zu sein, Herr Apotheker; man leidet
+schrecklich darunter!«
+
+Solch abgrundtiefer Hochmut ging nun dem Apotheker doch über die
+Hutschnur; er erhob sich also von seinem Stuhle und sagte:
+
+»Nun, Herr Kapellmeister, da scheine ich ja mit meinen Bestrebungen bei
+Ihnen kein Glück zu haben. Ich möchte nur das eine wissen, ob Sie nicht
+auch mal Unterricht haben mußten, oder ob Sie schon als Meister vom
+Himmel gefallen sind.«
+
+Cyrill sah ihn ganz verdutzt an und brachte nur zwei Worte heraus:
+
+»Ja -- ich!«
+
+»Ja -- Sie -- Sie!« grollte der Apotheker. »Woher wissen Sie denn, ob
+die vier, von denen ich sprach, nicht ebenso musikalisch sind wie Sie
+und Ihr verstorbener Kanarienvogel?«
+
+Cyrill staunte über den Apotheker. Dann ging ein Lächeln über seine
+Züge, als dächte er bei sich: was für seltsamen Aberglauben gibt es
+doch in der Welt. In Altenroda soll es Leute geben, die so musikalisch
+sind wie ich. Dieser Gedanke erheiterte Cyrills Gemüt so, daß er fragte:
+
+»Ich möchte wohl wissen, wer diese großen Talente sind.«
+
+Der Apotheker kam ein wenig in Verlegenheit.
+
+»Nun, nun,« sagte er, »ich will ja nicht zuviel behaupten; aber was
+das Stimmaterial anlangt, so ist schon alles da, was notwendig ist.
+Da ist zunächst die Tochter von unserem Kirchendirigenten. Hat einen
+prachtvollen Sopran -- lerchenklar! Technik hat sie keine. Sie kann
+nicht piano ansetzen und hat keine Zwerchfellatmung. Atmet einfach
+durch die Lungen. Das ganze Korsett wackelt, wenn sie singt.«
+
+»Sie wissen etwas von Zwerchfellatmung?« fragte Cyrill mit einigem
+Respekt.
+
+»Ach, ich weiß wohl dies und das,« fuhr der Apotheker fort.
+»Also Fräulein Liesel Tilgner wäre der Sopran. Ihr Vater kann
+mich nicht ausstehen und ich ihn nicht. Aber die Kunst steht
+über allem Persönlichen. Dann käme der Tenor. Er ist von Beruf
+nur Dachdeckergehilfe. Aber war nicht der große Wachtel früher
+Droschenkutscher? Und Slezak, wenn ich nicht irre, Schlossergesell?
+Unser Tenor heißt August Stumpe (der wird sich ja wohl ein Pseudonym
+beilegen müssen; denn ›Stumpe‹ klingt nicht). Stumpe hat eine
+strahlende Höhe. Das +H+ mühelos und crescendofähig. Mittellage
+etwas rauh. Schade, daß er ein windiger Hund ist.«
+
+»Tenöre sind immer windige Hunde; das gehört dazu,« sagte Cyrill, den
+die Sache zu interessieren begann.
+
+»Ja, deswegen braucht einer aber noch nicht dem Verein ›Frohsinn‹
+anzugehören und vor meinem ehrsamen Hause Schweinereien zu singen.
+Aber, wie gesagt, die Kunst steht über dem Persönlichen.«
+
+Damit schloß der Apotheker plötzlich seine Rede. Cyrillen interessierte
+nun die Sache wirklich. Durch sein Hirn war der Gedanke geblitzt: Wie
+wäre es, wenn ich hier ein Talent entdeckte, ihm die erste Ausbildung
+gäbe und dann einem Direktor damit unter die Nase führe? Mein Weg als
+Kapellmeister wäre gemacht.
+
+»Wer sind nun die beiden letzten, der Alt und der Baß?« erkundigte er
+sich.
+
+Abermals kam der Apotheker in Verlegenheit.
+
+»Ich spreche nicht gern von mir selbst und meiner Familie, es sieht
+leicht nach Dünkel und Selbstlob aus. Und ich kann es in den Tod nicht
+ausstehen, wenn jemand eingebildet ist. Echte Talente sind bescheiden.«
+
+Cyrill schüttelte den Kopf.
+
+»Nein, nein, nur die Lumpe sind bescheiden. Das wußte schon Goethe! Wer
+was kann, weiß das auch.«
+
+»Also,« atmete der Apotheker schwer auf, »der Alt wäre meine Tochter
+Sabine, und der Baß wäre ich.«
+
+In Cyrills Miene trat eine gewisse Säure. Zwei Talente in einer
+Familie schienen ihm von vornherein verdächtig. Aber da ihn, wie
+schon wiederholt gesagt wurde, die Sache interessierte, forderte er
+den Apotheker auf, ihm doch etwas vorzusingen, und wies mit einer
+Handbewegung nach einem alten gelben Piano, das der Tante Cyrills
+gehörte, bei welcher der junge Künstler wohnte.
+
+Der Apotheker wurde bei der Aufforderung, zu singen, rot wie eine
+Pfirsichblüte. Aber er erhob sich mutig und sagte:
+
+»Wie ich schon auseinandersetzte, Herr Kapellmeister, an Technik
+fehlt's. Man weiß, wie es sein soll, aber man kann's nicht!«
+
+»Das ist so wie bei den Kritikern,« warf Cyrill ein.
+
+»Richtig!« stimmte der Apotheker bei, der ein unsinniges Herzklopfen
+verspürte. Kurz erwog er, ob er den »Schwarzen Walfisch«, den »Grafen
+von Rüdesheim« oder »Es liegt eine Krone im tiefen Rhein« vortragen
+solle. Er entschloß sich für das letzte, hochberühmte Lied, da in
+diesem seine Gefühlswärme und sein schönes Tremolo am besten zur
+Geltung kamen. Als er aber am Klavier saß, wurde das Herzklopfen noch
+ärger, und er spürte ein Würgen in der Kehle, das für ein schönes
+Tremolo keine guten Aussichten bot. Es hätte leicht ein Meckern daraus
+werden können.
+
+Also präludierte der Apotheker auf dem Klavier ein wenig hin und her
+und her und hin, erhob sich dann plötzlich und sagte:
+
+»Entschuldigen Sie, Herr Kapellmeister, aber ich kann hier nicht
+singen, das Klavier ist zu verstimmt.«
+
+Nun wurde Cyrill rot -- nicht wie eine Pfirsichblüte, sondern wie
+reiner Zinnober.
+
+»Verstimmt?« lachte er etwas albern. »Verstimmt sagen Sie? Natürlich
+verstimmt! Greulich! Ich aber -- ich wußte das gar nicht. Die alte
+Kommode gehört meiner Tante. Ich spiele natürlich nie darauf. Nie! Ich
+habe hier kein anderes Instrument als die Orgel meiner Seele.«
+
+Mit der letzten edlen Phrase hatte Cyrill seine Haltung
+wiedergewonnen. Der Apotheker kehrte langsam nach seinem Stuhle zurück.
+Er war ein praktischer Mann, ein Menschenkenner, und so dachte er sich:
+Aha, der arme Kerl hat das Geld für den Klavierstimmer sparen wollen
+und die Sache selbst versucht -- und da ist eben ein solches Resultat
+herausgekommen. Er war boshaft genug, anzufangen vom Klavierstimmen zu
+reden.
+
+Cyrill lehnte sich stolz zurück.
+
+»Wissen Sie, was das erste Erfordernis für einen sogenannten
+berufsmäßigen Klavierstimmer ist? Er darf kein musikalisches Gehör
+haben; sonst taugt er nichts.«
+
+»Nanu!« warf der Apotheker ein.
+
+»Ja,« sagte Cyrill wieder in seinem hochmütigen Tonfall; »ich kann
+das nicht so kurz erläutern. Dazu gehört die ganze Vorkenntnis vom
+wohltemperierten Klavier.«
+
+»Kenne ich!« sagte der Apotheker freudig. »Ein ganzer Ton hat neun
+Grade, +cis+ steht fünf Grade über +c+, des nur vier Grade.
++Cis+ ist höher als +des+. Zwischen dem vierten und fünften
+Grad gehen diese beiden sozusagen Stiefzwillingsschwestern aneinander
+vorbei. Auf dem Klavier aber müssen +cis+ und +des+ gleich
+sein. Beide werden mit der gleichen schwarzen Taste getippt. Das ist
+ein Gehör-Kompromiß.«
+
+»Das ist kein Kompromiß,« sagte Cyrill feierlich, »das ist Sudelei. Für
+musikalische Menschen eine Qual. Klavier ist Roheit!«
+
+»Dann ist die Orgel auch Roheit!« warf der Apotheker ein; »dann ist
+jedes Instrument Roheit, das festliegende Töne hat und Kompromiß
+zwischen +cis+ und +des+ eingehen muß. Dann bestehen nur
+Streichinstrumente und menschliche Stimme, die diese Unterschiede
+machen können.«
+
+Cyrill bekam Respekt vor seinem Gegenüber. Dem Apotheker aber schwoll
+der Kamm.
+
+»Halten Sie Paderewski für einen Künstler?«
+
+»Ja, natürlich!« antwortete Cyrill.
+
+»Paderewski hat mal bei uns ein Konzert gegeben. Seine königliche
+Kunstmajestät verirren sich auch manchmal in eine kleinere Stadt. Also
+unsere ›Harmonie‹-Banausen hatten zwar den Mut gehabt, Paderewski
+ein Heidenhonorar zu garantieren, aber nicht das Geschick, für ihn
+einen anständigen Flügel zu besorgen. Paderewski kommt an -- es war
+ein kalter Wintertag -- badet seine Hände eine Viertelstunde lang in
+warmem Wasser, probiert dann den Konzertflügel und macht ein Gesicht
+wie ein Löwe, der Krautsalat fressen soll. Kurz und gut, ich hatte
+damals gerade meinen neuen Blüthner; Paderewski kommt zu mir, ist
+zufrieden; ich stelle natürlich den Flügel zur Verfügung, und alles
+wurde ausgezeichnet. Damals hat sich Paderewski auch von meiner Sabine
+ein Liedchen vorsingen lassen und sie gelobt.«
+
+Cyrill erkannte, daß er besiegt sei. Mit persönlichen Bekannten von
+Paderewski sich zu entzweien, wäre Wahnsinn.
+
+So bat Cyrill den Apotheker, ihm morgen seinen Gegenbesuch machen und
+den Paderewski-Flügel probieren zu dürfen. Es könnte dann gleich das
+Weitere wegen des neuzubildenden Quartetts besprochen werden.
+
+Hochbefriedigt ging der Apotheker nach Hause. Der goldene Kranich über
+seiner Tür blitzte stolz im Sonnenschein.
+
+ * * * * *
+
+Der Apotheker verbrachte eine unruhige Nacht. Es war durchaus nicht
+leicht, Fräulein Liesel Tilgner und Herrn August Stumpe, die beide
+feindlichen Vereinen angehörten, für ein Quartett zu gewinnen. Zum
+ersten Male im Leben wurde der Apotheker, der sonst von grobkörniger
+Ehrlichkeit war, zum Heuchler. Er schrieb zwei verlogene Briefe, in
+denen er den Adressaten unmäßiges Lob spendete, insonderheit auch
+sagte, daß sie in ihren »geschätzten Vereinen« ja schon eine gute
+Gesangsvorbildung genossen hätten und nun unter der Leitung des Herrn
+Cyrill Dietrich, eines der gefeiertsten und genialsten Dirigenten
+Deutschlands, in einem erlesenen Quartett zur letzten Kunstreife
+geführt werden sollten. Man wollte sie ihren beliebten und geschätzten
+Vereinen natürlich durchaus nicht abtrünnig machen, im Gegenteil würden
+diese gewiß eine Förderung erfahren, wenn sie durch ein Mitglied mit
+dem in Musikkreisen äußerst einflußreichen Herrn Cyrill Dietrich in
+Verbindung kämen. In aufrichtiger vorzüglicher Hochachtung usw.
+
+Um neun Uhr früh wurde der Laufbursche Fritz beauftragt, die beiden
+Briefe zu ihren Empfängern zu tragen. Nach einer Stunde schon war er
+zurück, was für den Laufburschen eine anständige Leistung war, da der
+Weg, den er zurückzulegen hatte, immerhin unter einer Viertelstunde
+nicht zu machen war.
+
+Fritz berichtete, bei Fräulein Tilgner hätte er den Brief einfach
+abgegeben, aber mit dem Dachdecker sei es eine schwere Not gewesen. Der
+hätte gerade auf einem hohen Dache geklebt. Da hätte er hinaufgebrüllt,
+er solle doch mal runter kommen, der Herr Apotheker schicke ihm einen
+Brief.
+
+»Was hat er gesagt?« fragte der Apotheker begierig.
+
+»Ach, gesagt hat er gar nichts,« erwiderte Fritz. »Er hat bloß zu
+singen angefangen: Es war einmal ein A-a-po-po ...«
+
+Fritz bekam eine Ohrfeige.
+
+»Was hast du mit dem Briefe gemacht?« fauchte der Apotheker.
+
+»Ich bin,« heulte Fritz, »ich bin die Leiter hinaufgestiegen und hab'
+den Brief in die Dachrinne gelegt.«
+
+Da bekam er eine zweite Ohrfeige.
+
+»Schuft! In die Dachrinne? Und jetzt regnet's! Schreibe ich dafür
+Briefe?«
+
+Fritz machte, daß er hinauskam. Der Apotheker tobte im Zimmer auf und
+ab. Nach einer Viertelstunde wurde die Tür aufgerissen, Fräulein Liesel
+Tilgner stürmte herein und fiel dem Apotheker jubelnd um den Hals.
+
+»Ich freu' mich -- ich freu' mich -- ich freu' mich ...«
+
+»Also Sie machen mit?« fragte der Apotheker befriedigt. »Was sagt denn
+der Herr Papa?«
+
+»Ach der! Der hat es mir aufs strengste verboten. Also, wann gehen die
+Übungen an? Ich kann es kaum erwarten. In unserem Kirchenchor ist das
+ein greuliches Gequieke.«
+
+»Allerdings!« sagte der Apotheker, indem er auf den Brief vergaß, den
+er erst vor einer Stunde abgeschickt hatte.
+
+Am Nachmittag kam Cyrill. Er vergaß, den Hut abzunehmen, guckte sich
+nur geistesabwesend im Zimmer um, sah den Blüthner-Flügel, ging mit
+zitternden, ausgestreckten Armen auf das schöne Instrument los und
+spielte in seliger Selbstvergessenheit drei Stunden lang, ohne auch
+nur eine Pause zu machen und den Apotheker zu Worte kommen zu lassen.
+In der dritten Stunde wurde es dem langweilig, und er ging in den
+Giftgadern, um einen Schnaps zu trinken. An der Tür traf er seine
+Tochter Sabine. Diese sagte:
+
+»Das ist ja ein greulicher Kerl. Paß auf, der zerhaut uns noch den
+Flügel.«
+
+»Schweig!« sagte der Apotheker. »Musiker sind so!«
+
+»Kopfschmerzen hab' ich schon,« schmollte Sabine. »Wenn der es jedesmal
+so macht, kann's ein schönes Quartett werden.«
+
+»Schweig!« sagte der Vater abermals und trank einen zweiten Schnaps.
+Dann ging er seufzend nach dem Musikzimmer zurück.
+
+Nach drei Stunden brach Cyrill das Spiel jäh ab.
+
+»Haben Sie Notenpapier?« fuhr er den Apotheker an.
+
+Nein, Notenpapier war nicht im Hause. Da suchte Cyrill verstört nach
+seinem Hute, fand ihn aber nicht, weil er ihn immer noch auf dem Kopfe
+hatte, und rannte davon. Der Apotheker sah ihm blöde nach. Vom Quartett
+war nicht die Rede gewesen ...
+
+Am Abend dieses Tages kamen verdächtige Gestalten die Friedrichstraße
+herab, steuerten über den Marktplatz und stellten sich vor der Apotheke
+zum »Goldenen Kranich« auf: August Stumpe, der Tenorist, mit noch acht
+Mann aus dem Verein »Frohsinn«. Dem Apotheker, der sie kommen sah, lief
+es eiskalt über den Rücken. Jetzt kam wieder jener elende Schandgesang
+-- und dann war es mit der Hoffnung, den stimmbegabten Dachdecker für
+das Quartett einzufangen, vorbei. Das war also die hohnvolle Absage
+auf seine liebenswürdige Einladung. Bleich vor Ärger zog sich der
+Apotheker tief ins Zimmer zurück, um wenigstens am Fenster nicht
+gesehen zu werden. Doch, wie sollte er alsbald erstaunen!
+
+ »~Stüll ruht da Söö,
+ Die Veeglein schlafähn ...~«
+
+Mit schmetternden Stimmen und großer Begeisterung wurde das Lied
+gesungen. Und als die Sänger in der letzten Strophe in Donnertönen
+beteuert hatten, daß »auch du, auch du wirst schlafen gehn«, gingen sie
+noch lange nicht schlafen, sondern sangen: »Wenn ich den Wandra frage
+...« und dann: »Ich kenn' ein'n hellen Ödelstein ...«
+
+Man brachte dem Apotheker ein ernstgemeintes Ständchen. Das sah er beim
+dritten Liede ein, freute sich unbändig über das treue deutsche Herz,
+das sich da draußen vor seiner Haustür offenbarte, trat ans Fenster,
+öffnete es und klatschte stürmischen Beifall, als die Sänger geendet
+hatten. Aus jedem Fenster des Marktplatzes hing ein Menschenkopf
+heraus. Manche Leute klatschten, manche kicherten leise und hofften,
+daß doch noch die Apothekerhymne kommen würde. Aber sie kam nicht,
+sondern im Gegenteil:
+
+ »~Unsa Kaisa liebt die Blumen,
+ Denn er hat ein samft Gemiet ...~«
+
+Ein paar Hunde eilten herbei und sangen mit. Sie heulten zum
+Steinerweichen. Darüber faßte einen Bassisten der Zorn. Er ging hin,
+hieb den Bestien sein Liederbuch um die Ohren und vertrieb sie.
+
+Nach dem schönen Waldmannschen Kornblumenliede trat ein Sänger an das
+Fenster heran und hielt folgende Ansprache:
+
+»Geehrter, geschätzter Herr Apotheker! Indem wir ja eigentlich bis
+jetzt einige bedauerliche Differenzen hatten, sind wir gekommen, um Sie
+mit einem kleinen Ständchen zu beehren; denn wir haben uns gefreut,
+daß Sie in einem Briefe an unsern Freund und Ehrenmitglied, Herrn
+Stumpe, unserem geschätzten Vereine Ihre Ehrfurcht ausgesprochen haben.
+Wir werden unseren Freund und Ehrenmitglied, Herrn Stumpe, für Ihr
+Quartett gern zur Verfügung stellen und in Ihren Konzerten vollzählig
+erscheinen. Der Herr Apotheker lebe hoch -- hoch -- hoch!«
+
+Die neun Männer brüllten, aus manchem Fenster wurde auch mitgebrüllt,
+und die Hunde, die sich in eine Seitengasse zurückgezogen hatten,
+bellten und heulten. Es war sehr eindrucksvoll.
+
+Der Herr Apotheker erwiderte, daß er sich über das reizende Ständchen
+außerordentlich gefreut habe, und lud die Herren zu einem Gläschen
+Wein ins Haus. Die tranken nun im Giftgadern so reichlich, wie es der
+Gastfreundschaft des Wirtes und ihrem eigenen Appetite entsprach.
+
+Der Laufbursche Fritz aber erlebte an diesem Abend noch ein
+schmerzliches Abenteuer. Der Apotheker hatte ihn als Eilboten zu
+Herrn Cyrill geschickt mit der Siegesnachricht: »Unser Quartett ist
+komplett!« Fritz kam ganz entgeistert zurück. Er sagte, Herr Cyrill
+hätte ihn erwürgen wollen, weil er ihn beim Komponieren gestört habe.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Abend sollte die Tätigkeit des neuen Quartetts durch den
+ersten Übungsabend eröffnet werden. Cyrill kam eine halbe Stunde zu
+spät, grüßte kurz und setzte sich sofort an den Blüthner-Flügel, allwo
+er mächtig zu präludieren anfing. Der Apotheker saß in Angst und
+Sorge da, weil er der drei Stunden von gestern gedachte. Er machte
+einige Versuche, an Herrn Cyrill heranzukommen, der wies ihn aber mit
+drohender Miene ab und versank immer tiefer in ein Meer von Akkorden,
+Passagen, Trillern, Stakkaten, Arpeggien und kontrapunktischen
+Wogengängen.
+
+Nachdem Cyrill so dreiviertel Stunden lang gespielt hatte, nahm der
+Dachdecker seinen Hut, sagte dem Apotheker ins Ohr: »Ich habe keine
+Zeit mehr!« und drückte sich zur Tür hinaus. Der Apotheker versuchte
+vergebens, den Sänger am Jackenärmel zurückzuhalten. August Stumpe
+hatte »keine Zeit mehr«. Er ging Skat spielen. Der Apotheker war bleich
+vor Ärger.
+
+»Unser Tenor ist fortgegangen!« sagte er laut.
+
+Cyrill machte eine Pause.
+
+»Wer ist fortgegangen?«
+
+»Unser Tenor! Die Übung sollte um acht Uhr beginnen. Jetzt ist es halb
+zehn. Herr Stumpe ist ein fleißiger Handwerker, er muß sich seine Zeit
+genau einteilen; er hatte keine Zeit mehr zu warten.«
+
+»So, so,« sagte Cyrill; »nun, wenn er keine Zeit hat, soll er doch
+ruhig gehen.«
+
+Und er begann wieder zu spielen. Da brach jemand in ein schallendes
+Gelächter aus. Cyrill fuhr herum. Wer wagte es, in seiner Gegenwart
+so unverschämt zu lachen? Ach, er sah in ein blühendes, wonniges
+Mädchengesicht; er sah den Frühling, die Poesie, die Schönheit in
+Menschengestalt vor sich; er sah eine strahlende junge Göttin. Seine
+Blicke verfingen sich, seine Gedanken verwirrten sich, sein Herz
+stockte. Bleich saß er auf seinem Klaviersessel. Wieder einmal war aus
+heiterem Himmel jener Blitz gefallen, den die Menschen »Liebe auf den
+ersten Blick« nennen.
+
+Endlich ermannte sich Cyrill. Er erhob sich und machte eine ganz
+demütige Verneigung.
+
+»Ich habe leider bisher unterlassen, mich vorzustellen, meine Damen.
+Cyrill Dietrich! Ich bitte vielmals um Verzeihung. Wenn ich an die
+Musik komme, geschieht es mir wohl, daß ich Raum und Zeit vergesse.
+Ich durfte aber unmöglich Ihre Gegenwart vergessen. Ich bitte um
+Entschuldigung.«
+
+Der Apotheker stellte die beiden Damen vor; die größere, etwas massige,
+war Liesel Tilgner, die kleine, zierliche, braune war Apothekers
+Sabinchen -- die junge Göttin.
+
+»Schade, daß der Tenor fort ist,« sagte der Apotheker; »wir könnten
+sonst jetzt anfangen.«
+
+»Wo ist er hin?« fragte Cyrill selbstvergessen. »Ist er dachdecken
+gegangen?«
+
+Wieder lachte Sabinchen silbrig auf.
+
+»O, Gott! Dachdecken in so finstrer Nacht!«
+
+Der Apotheker sagte, er würde den Ausreißer schon finden und
+herbeischaffen. Und nun wurde Fritz, der Laufbursche, abermals
+ausgesandt, und zwar nach dem »Bleiernen Hecht« mit der Botschaft, Herr
+Stumpe möge kommen; es habe jetzt angefangen.
+
+Nach einer Stunde kam Fritz mit einem kleinen Rausch, aber nicht mit
+dem Tenor zurück. Der Dachdecker und seine Spielkumpane hatten ihm
+Schnaps zu trinken gegeben und ließen sagen, zum Singen sei es heute zu
+spät.
+
+Fritzen wurde für den nächsten Morgen eine Tracht Prügel in Aussicht
+gestellt, und er ging mit dem bekümmerten Gedanken schlafen, daß es ein
+hartes Ding um den Dienst der Kunst sei
+
+Im Musikzimmer hatte sich Cyrill inzwischen zur »Prüfung der Stimmen«
+von dem Apotheker und Liesel Tilgner je ein Lied, von Sabinchen aber
+vier Lieder vorsingen lassen.
+
+Nach dem vierten Liede sagte Sabinchen:
+
+»Bei mir dauert es wohl am längsten, ehe Sie ein wenig Talent
+entdecken?«
+
+Cyrill sah sie schmerzlich an.
+
+»Mein gnädiges Fräulein, ich werde kein größeres Glück kennen, als Ihre
+goldige Stimme ausbilden zu dürfen. Es wird eine schöne Sache werden um
+unser Quartett. Wenn es den Herrschaften recht ist, beginnen wir morgen
+mit dem Unterricht pünktlich um acht Uhr.«
+
+Der Apotheker staunte, daß Cyrill jetzt bereits eine ganze Reihe
+vernünftiger Sätze gesagt hatte, und freute sich.
+
+»Die größte Überraschung werden Sie an August Stumpe erleben,« sagte
+der Apotheker. »Er ist zwar ein windiger Hund, aber an Stimmaterial ist
+er uns allen über.«
+
+Am nächsten Abend trat Cyrill Schlag acht Uhr in das Musikzimmer. Er
+fand das Quartett vollzählig versammelt vor und ließ sich zunächst
+Herrn August Stumpe vorstellen und prüfte dessen Stimme. Stumpe wählte
+sich: »Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein.« Als er geendet
+hatte, sagte Cyrill:
+
+»Sie singen nicht -- Sie brüllen! Aber Sie brüllen schön! Sie brüllen
+ganz wunderbar!«
+
+Dann begann der Unterricht.
+
+»Zunächst,« sagte Cyrill, »müssen Sie stehen lernen.«
+
+Die Mädchen kicherten.
+
+»Ja, meine Damen,« fuhr Cyrill ernst fort, »stehen lernen! Sehen Sie
+mal, wie Herr Stumpe dasteht, wie er den Bauch vorstreckt.«
+
+»Ich habe gar keinen Bauch; also kann ich ihn wohl auch nicht
+vorstrecken,« knurrte der Dachdecker mißmutig.
+
+»Bitte keinen Widerspruch. Sie haben, wie alle homines sapientes, einen
+Bauch und strecken ihn vor. Außerdem stehen Sie da wie ein Rekrut in
+Grundstellung und präsentieren ihr Notenblatt wie ein Gewehr. Das wirkt
+häßlich und lächerlich. Stellen Sie abwechselnd mal den rechten und
+den linken Fuß etwas vor, haben Sie federnde Leichtigkeit in Füßen und
+Knieen, halten Sie die Arme anmutig und pressen Sie vor allen Dingen
+Ihren Adamsapfel nicht zu weit heraus. Auch lassen Sie sich die Haare
+gut schneiden, den Schnurrbart um drei Viertel verkürzen und putzen Sie
+alle Tage dreimal Ihre Zähne, früh, nach dem Mittagessen und vor allen
+Dingen vor dem Schlafengehen.«
+
+Der Dachdecker sah sich nach seinem Hute um und wollte auf und davon.
+Doch der Apotheker faßte ihn am Arme und sagte:
+
+»Hier muß alles deutlich und ohne Rückhalt zur Sprache kommen. Außerdem
+sind wir unter uns, und Lehrzeit ist keine Herrenzeit. Ich bitte, Herr
+Kapellmeister, mir immer die blanke Wahrheit zu sagen, alle meine
+Fehler rücksichtslos zu rügen.«
+
+Dieser Aufforderung kam Cyrill augenblicklich nach.
+
+»Sie, Herr Apotheker,« sagte er, »sind viel zu dick. Auf der Bühne
+wären Sie höchstens als Falstaff zu gebrauchen; für das Podium sind Sie
+unmöglich. Trachten Sie danach, sechzig Pfund abzunehmen.«
+
+»Aber erlauben Sie,« unterbrach ihn der Apotheker denn doch verärgert.
+»Ich glaubte immer, Bassisten dürften ein gewisses Embonpoint haben.«
+
+»Embonpoint wohl,« erwiderte Cyrill, »aber keinen Speckbauch. Ein
+Sänger hat ästhetisch zu wirken, und Speckbäuche sind unästhetisch.«
+
+Der Dachdecker freute sich über das, was dem Apotheker widerfuhr,
+sah ein, daß der Kapellmeister unter den verschiedenen
+Gesellschaftsschichten, was seine Grobheit anlangte, keinen Unterschied
+machte, und beschloß, sich in Zukunft durch Kritik nicht mehr beleidigt
+zu fühlen.
+
+Mit den Damen verfuhr Cyrill viel höflicher. Er empfahl ihnen, vor
+dem Spiegel ihre angeborene natürliche Anmut bis zur größten Wirkung
+zu steigern und sich möglichst immer individuell zu kleiden und zu
+frisieren, jedenfalls dabei aber auch dem Zeitgeschmack durch eifriges
+Studium der apartesten Modezeitschriften Rechnung zu tragen.
+
+»Und nun, bitte, setzen Sie sich!«
+
+Cyrill musterte die vier vor ihm Sitzenden und sagte: »Es kommt
+vor, daß man auf dem Podium auch mal sitzen muß, z. B. wenn man die
+Einzelnummer eines anderen abzuwarten hat. Wenn Sie, Herr Stumpe, dann
+mit so weit vorgestrecktem Gebein dasäßen wie eben jetzt, würden die
+Konzertbesucher der ersten Reihe befürchten, Sie wollten ihnen ins
+Gesicht treten.«
+
+Der Dachdecker zog erschrocken seine Pedale ein und sah sich wieder
+nach seinem Hute um.
+
+»Sie werden zunächst sprechen lernen,« fuhr Cyrill fort (ohne daß
+jemand lachte). »Erst muß man sprechen können, dann erst kann man
+singen lernen. Von hundert Sängern, die in Deutschland singen, kann
+nicht ein halber richtig sprechen. Ist es Ihnen schon aufgefallen, daß
+ein guter Schauspieler, der etwa bei einer Sterbeszene auf der Bühne im
+leisesten Flüstertone spricht oder singt, im vierten Stock oben auf der
+Galerie richtig verstanden wird, während einen sogenannten Volkssänger,
+der keine Ahnung vom Sprechen hat, oft die Nahesitzenden schon nicht
+verstehen, auch wenn er brüllt, daß ihm beinahe die Lungen platzen? Das
+macht die vorhandene oder fehlende Sprechtechnik. Wir fangen natürlich
+ganz von vorne an, mit der lautreinen Aussprache der Vokale: a, e, i,
+o, u. Herr Apotheker, sagen Sie ›a‹!«
+
+Der Apotheker sagte »a«.
+
+»Sagen Sie wiederholt ›a‹ hintereinander.«
+
+Der Apotheker wurde rot, und auch der Dachdecker dachte sofort an die
+Apothekerhymne, die er ja so oft mitgesungen hatte.
+
+»A--a--a--a--a,« sagte der Apotheker mit Todesverachtung.
+
+»Nun sagen Sie wiederholt ›a‹, Herr Stumpe!«
+
+Stumpe sagte: »A--a« und mußte sehr an sich halten, daß er nicht, wie
+gewohnt: »popo -- thethe -- kerker« dazusetzte.
+
+»Nun, meine Herrschaften,« griff Cyrill wieder ein, »haben Sie ein ›a‹
+gehört? Nicht ein richtiges ›a‹!« Der Herr Apotheker sagt ein Gemisch
+von ›a‹ und ›o‹, weil er die Zunge zu hoch wölbt, Herr Stumpe sagt
+›ä‹, weil er den Mund zu breit macht und zu wenig öffnet. Bei beiden
+kommen die Vokale gequetscht aus der Kehle. O, diese Kehltöne -- dieses
+Gutturale! Wenn es möglich wäre, müßte man allen Gesangsschülern die
+Gurgel abschneiden, damit sie das Kehlsprechen verlieren, das der
+Tod allen Sprechens und Singens ist. Vorn an den Zähnen wird der Ton
+gebildet, nicht hinten, da, wo die Mandeln rötlich blühen.«
+
+Die vier Gesangsschüler sahen beschämt und betroffen vor sich nieder,
+während Cyrill mit dem Fünfzackenkamm der rechten Hand seine Haarmähne
+durchharkte.
+
+»Bitte, Fräulein Tilgner, sagen Sie ›a‹!«
+
+Liesel Tilgner war ganz verängstigt und sagte:
+
+»Ich kann es nicht!«
+
+»Sehen Sie,« triumphierte Cyrill, »bisher haben Sie geglaubt, Sie seien
+eine Sängerin und könnten Gott weiß was für schwere Lieder singen,
+und nu können Sie nicht einmal ›a‹ sagen. Aber die Erkenntnis seiner
+Unzulänglichkeit ist der Kreuzpunkt, von da aus die Straße nach oben
+führt.«
+
+Nach dieser Sokratischen Sentenz machte Cyrill eine Pause, damit alle
+Anwesenden über sein Wort nachdenken könnten. Dann wiederholte er:
+
+»Und nun, Fräulein Tilgner, sagen Sie ›a‹.«
+
+Liesel Tilgner sagte ›a‹.
+
+»Es ist ›ä‹,« urteilte Cyrill düster; »›ä‹ wie bei Herrn Stumpe. --
+Darf ich nun Sie bitten, Fräulein Sabine?«
+
+Sabinchen lachte erst etwas geniert, dann sagte sie klar und deutlich
+›a‹!
+
+Cyrill klatschte in die Hände.
+
+»Herrlich! Kristallklar! Direkt echt! Bühnenecht! O, bitte, Sie müssen
+in diesem Falle unser Vorbild sein. Vielen Dank, Fräulein Sabine! Und
+nun kommt das Experiment. Fräulein Sabine! Sie müssen also sozusagen
+unser Anschauungsmaterial sein. Bitte, stellen Sie sich dicht an den
+Kronleuchter. Und Sie, Herr Apotheker, kommen Sie her und schauen Sie
+Ihrem Fräulein Tochter in den Mund hinein, wenn sie ›a‹ sagt. Es kommt
+ganz auf die Lage der Zunge an und wie der Atem darüber hinweggeht,
+erst in zweiter Linie auf die Öffnung der Lippen. Geben Sie genau
+acht. Wer nicht ›a‹ sagen lernt, dem bleibt das ganze Alphabet der
+Gesangskunst verschlossen.«
+
+Der Apotheker nahm vor seinem Töchterlein Aufstellung, guckte ihr dicht
+mit seinem Brillengläsern auf den Mund und sagte:
+
+»Sprich ›a‹.«
+
+Das Mädel lachte zuerst, dann sagte sie ›a‹.
+
+Der Apotheker guckte und guckte, dann wandte er sich um und sagte:
+
+»Ich seh nichts! Rein nichts! Wissen Sie, Herr Kapellmeister, wenn man
+mit so dickem Kopf vor so kleinem Schnabel steht, dann ist man sich
+selbst im Lichte. Der Kronleuchter nutzt dann gar nichts; es bleibt
+finster in der Höhle.«
+
+»Das ist richtig!« sagte Cyrill und dachte nach.
+
+»Machen Sie's doch!« sagte der Dachdecker dreist zu Cyrill. »Sie haben
+ja einen viel größeren Mund; da sieht man vielleicht eher etwas.«
+
+Cyrill warf ihm als Antwort nur einen verächtlichen Blick zu und
+dachte weiter nach. Endlich verklärte sich seine Miene.
+
+»Man bringe eine elektrische Taschenlampe,« sagte er.
+
+Nach einigem Hin und Her wurde die Lampe herbeischafft. Sie stammte
+von dem Laufburschen Fritz und funktionierte wider alles Erwarten der
+Leute, die über Fritzens sonstige Ordnungsliebe eingeweiht waren.
+
+»So,« sagte Cyrillus Triumphator; »ich möchte die Schwierigkeit sehen,
+die bei festem Willen nicht zu überwinden wäre. Also Fräulein Sabine,
+sagen Sie fortgesetzt ›a‹, und Herr Apotheker, schauen Sie Ihrem
+Fräulein Tochter in den Mund und achten Sie vor allem darauf, wie die
+Zunge liegt.«
+
+Der Apotheker begab sich wieder auf Beobachterposten, Sabinchen sagte
+›a‹, und Cyrill trat mit der elektrischen Taschenlampe heran und
+blitzte plötzlich auf.
+
+Vater und Tochter fuhren zurück und rieben sich die Augen.
+
+»Sie blenden einen ja!« rief der Apotheker und riß sich die Brille ab.
+
+»Gott -- o Gott -- bin ich erschrocken!« seufzte das Sabinchen.
+
+Cyrill stand mit seiner Lampe da als ein geschlagener Held.
+
+Der Dachdecker faßte sich zuerst.
+
+»Es wird nichts nützen,« sagte er, »wenn wir sehen sollen, wie Fräulein
+Sabine ›a‹ sagt, muß sie einige Leuchtkäfer kauen. Oder sie muß ein
+Feuerfresser werden.«
+
+Der Dachdecker war ein dreister Mensch, der es mit der Kunst nicht
+ernst nahm. Das empfanden alle. Nur Sabinchen lachte über seinen
+Scherz.
+
+Es ging noch lange mit dem »a« sagen, dann kamen »e« und »i« an die
+Reihe. Bei letzterem mußte der Mund unnatürlich breit gemacht werden.
+
+»Das ›i‹ muß man sich gewissermaßen mit beiden Mundwinkeln in die
+eigenen Ohren hineinsagen,« lehrte Cyrill.
+
+Die richtige Rundung beim »o« brachte Fräulein Liesel am besten heraus,
+und den Unterkiefer streckte beim »u« der Apotheker am besten vor.
+
+Nach eineinhalb Stunden sagte Cyrill:
+
+»Das wäre der Anfang. Die Übungen im lautreinen Sprechen der Vokale
+werden den Anfang jeder Unterrichtsstunde bilden. Es ist wie das
+Einmaleins beim Rechnen. Heute üben wir nur den flüssigen Konsonanten
+›l‹ noch ein, damit Sie ihn in Verbindung mit den Vokalen auf die
+ersten fünf Töne der Tonleiter zu Hause üben können; also la, le, li,
+lo, lu -- lu, lo, li, le, la und umgekehrt al, el, il, ol, ul -- ul,
+ol, il, el, al.«
+
+Es gab noch greuliche Mühen diesen Abend. Der Konsonant »l« hat es, was
+die Zungenhaltung anlangt, in sich, und daß er zwei Millimeter über der
+oberen Zahnreihe mit der Zungenspitze angesetzt werden muß, ist auch
+nicht so einfach, wenn man es bisher falsch gemacht hat.
+
+Am Schlusse der Unterrichtsstunde sagte Cyrill:
+
+»Nun noch eine kleine Aufgabe. Sprechen Sie: ›Rabe, Rebe, Robe‹ -- oder
+›Aber, Eber, Ober‹! Es handelt sich um das Zungen-R.«
+
+Es stellte sich heraus, daß nur der Dachdecker das Zungen-R hatte, alle
+anderen sprachen Gaumen-R.
+
+»Nun, dieses vermaledeite Gaumen-R wird uns allein monatelang
+aufhalten,« seufzte Cyrill.
+
+Der Apotheker lud alle Teilnehmer an dem Unterricht zum Abendbrot ein.
+
+Der Einladung wurde gern entsprechen. Nur der Dachdecker sagte, er
+hätte keine Zeit mehr, und ging in den »Bleiernen Hecht«.
+
+»Nun, wie war's?« fragten ihn dort seine Freunde.
+
+»Feezig,« antwortete der Sängersmann. »Ich kann beinahe ›a‹ sagen.«
+
+»Was habt ihr denn gesungen?«
+
+»Gesungen? Ihr habt eine Ahnung! Singen werden wir, wenn wir werden
+richtig sprechen können. Und das wird vor Ablauf des fünfzehnten
+Unterrichtsjahres wohl nicht der Fall sein. Wißt ihr, was ihr seid --
+stumm seid ihr! Nicht einen Buchstaben könnt ihr sprechen, geschweige
+ein Wort.«
+
+Sie lachten, daß es dröhnte.
+
+Der Dachdecker ließ sie lachen, war an diesem Abend beim Spiele nicht
+ganz bei der Sache und sang am nächsten Tage, als er das Dach des
+Rathauses ausbesserte, so beharrlich la, le, li, lo, lu und alle
+Umkehrungen dieser schönen Übung, daß das Sabinchen ans Fenster
+trat und ihm lachend zunickte. Alle anderen Leute aber meinten, der
+Dachdecker hätte den Sonnenstich bekommen, und man solle die Feuerwehr
+alarmieren und ihn herunterholen.
+
+ * * * * *
+
+Es war fast jeden Abend Unterricht.
+
+Man mußte es Herrn Cyrill lassen, daß er als Lehrer an Fleiß und
+Hingebung kaum übertroffen werden konnte. Alle vier Schüler erwiesen
+sich als über das Mittelmaß begabt. Der bei weitem Begabteste war der
+Dachdecker; er faßte alles spielend auf, und was ihm einmal korrigiert
+wurde, machte er nie wieder falsch. Er kleidete sich neuerdings gut,
+ging ordentlich frisiert und rasiert, hatte blitzblanke Zähne und
+benahm sich immer tadelloser. Wenn ihn der Apotheker einmal einlud,
+hatte er Zeit dazubleiben. Seine Freunde im »Hecht« freilich waren mit
+ihm höchst unzufrieden.
+
+Die Lautbildungslehre ging weiter; die Schüler erfuhren, daß der schöne
+Name Hedwig nicht wie Het-wick ausgesprochen wird, sondern He-dwich,
+daß es nicht »daas Grapp«, sondern umgekehrt »daß Graab« heiße, nicht
+Entschuldijunk, sondern Entschuldi-gung mit der nasalen Verbindung von
+n und g, nicht selbstvastäntlich, sondern selbstverstän-dlich. Und so
+vieles andere, was damit zusammenhängt. Die Betonungslehre kam daran,
+schließlich die Tonfärbelehre, die schon ins Künstlerische hineinragt,
+und daneben gingen meist unter endlosen Solfeggien: do, re, mi, fa ...
+die eigentlichen Gesangsübungen.
+
+Sämtliche Teilnehmer mußten musikalische Bücher lesen, auch Biographien
+von großen Musikern; es wurden drei Musikzeitschriften mitgehalten
+und vor allen Dingen auch die konzertkritischen Artikel aus den
+Tageszeitungen studiert und erläutert. Es wurde mit Feuereifer
+gearbeitet. Nach drei Monaten sagte Cyrill: »Zur Belohnung für Ihren
+Fleiß und Ihre Ausdauer wollen wir es jetzt mit dem ersten Quartett
+versuchen. Ich habe dafür das Volkslied: ›In einem kühlen Grunde‹
+ausgewählt.«
+
+Cyrill hielt eine Ansprache über dieses Lied. Er sprach mit großer
+Liebe und Verehrung von Eichendorff.
+
+»Ein Heiligtum ist dieses Lied, ein Nationalschatz. Und doch, der
+Schatz wäre beinahe verloren gegangen. Eichendorff hatte das Lied
+aus göttlicher Eingebung heraus geschrieben und es von Königsberg
+nach Schwaben an seinen Freund Justinus Kerner gesandt. Der las das
+Gedicht, erkannte, daß er ein Juwel ohnegleichen in Händen hatte,
+und lief aus seinem Arbeitszimmer hinaus, um alle Hausgenossen
+zusammenzurufen, ihnen dieses Juwel zu zeigen. Als Justinus Kerner an
+seinen Schreibtisch zurückkehrte, war die Eichendorffsche Handschrift,
+die er dort zurückgelassen hatte, spurlos verschwunden. Das Zimmer
+wurde durchsucht. Umsonst. Das Fenster stand offen. Ein Luftzug mußte
+das kostbare Blatt entführt haben. Justinus war in Verzweiflung. Er
+wußte, daß Eichendorff keine Abschriften anfertigen ließ, daß das Juwel
+verloren war, wenn sich das Blättlein Papier, an das es gefesselt war,
+nicht wiederfand. Justinus Kerner ließ fünf Tage lang seinen Garten und
+das angrenzende Gelände absuchen. Das Blatt war verschwunden. Seinem
+Freunde Eichendorff den Verlust zu melden, wagte Kerner nicht.
+
+Und da geschah das Wunder. Ein Händler kam in Kerners Haus, ein
+Mann, der einen Korb mit allerlei ›Kurzsachen‹ feilbot: Tabaksdosen,
+Broschen, Kinderspielzeug. Er bot auch Kerner seine Waren an. Und
+da sieht der -- zum Herzstillbleiben ist es gewesen -- Eichendorffs
+Handschrift um eine Kinderklapper gewickelt.
+
+›In einem kühlen Grunde ...‹
+
+Ein Griff. Justinus Kerner hatte das Lied.
+
+›Wo haben Sie dieses Papier her?‹ fragte er den Händler mit bebender
+Stimme.
+
+Der Händler guckte sich das Blättlein an.
+
+›Ach Gott,‹ sagte er, ›das fand ich auf einem blühenden Flachsfeld. Es
+war gutes Papier, auf einer Seite ganz unbeschrieben, und da brauchte
+ich es zum Einpacken.‹
+
+Weit über eine deutsche Meile weg war das blühende Flachsfeld, auf das
+der Wind Eichendorffs unsterbliches Lied aus Kerners Wohnung getragen
+hatte!
+
+Können Sie sich denken, wie Justinus Kerner vor Weh und Freude
+geweint hat, als er dieses Blättlein Papier wieder hatte? Ahnen Sie,
+was das ist um ein unwiederbringliches Heiligtum aus dem Tempel der
+Menschheit? An diesem einfachen Liede, das doch ein Diamant unsagbaren
+Wertes ist, haben sich arme Prinzessinnen, die an ungeliebte Prinzen
+verkuppelt wurden und einen Leutnant von der Schloßgarde liebten,
+berauscht; dieses Lied ist wie eine Mahnerin zum Ernst in Trinkgelage
+von Schlemmern hineingekommen; dieses Lied hat arme Wäschermädel in
+ganz weite Höhen geführt; einsame alte Junggesellen haben das Lied
+auf frostigen Buden gesungen; versonnene Bauernmädel am Brunnentrog
+haben es angestimmt in stiller Abendstunde; ein einsamer Wanderer
+auf mondbeschienener Landstraße hat es gesummt; ein alter Gelehrter
+nach langer Geistesarbeit ist an seinen Flügel geschlichen und hat
+mit müden Fingern die alte, liebe Weise noch einmal gespielt. Das
+Lied vom deutschen Walde, von der deutschen Mühle, von der Liebe,
+vom zerbrochenen Ringlein, vom Aufbäumen des verwundeten Herzens und
+vom Sterbenwollen. Sehen Sie, meine Zuhörer, der ganz große Geist,
+der Beethoven hieß, der hat seine unsterbliche neunte Symphonie
+geschrieben. Um den ganzen Erdball herum können Sie suchen, über der
+Erde und unter der Erde -- einen so großen Demantklotz finden Sie
+niemals mehr wie diese ›Neunte‹! Was will Beethoven in seiner Neunten
+sagen? Es war ein Mensch, der durch Schuld und Nichtschuld, kurz,
+durch sein Leben an allem verzweifelte. Dann suchte er Erlösung in
+wilder Lust. Er fand sie nicht. Er fand sie endlich erst in der reinen
+Freude Götterfunken. Eichendorffs kleines Lied führt nicht so weit --
+es führt ins Sterbenwollen, aber doch auch durch die ganze Staffel des
+Liebens und Leidens hindurch. Ihnen, meine Zuhörer, will ich nur das
+eine einprägen: Ehrfurcht -- Ehrfurcht vor einem Kunstwerk, ob es eine
+Symphonie ist oder ein Volkslied.«
+
+Als einige Tage später die Stimmen des Quartetts zum ersten Male
+zusammenklangen, hatte Cyrill Tränen der Freude in den Augen.
+
+»So schön,« sagte er, »ist in Altenroda noch niemals gesungen worden
+...«
+
+Und auch hier kam die Liebe und mischte sich ins schöne Spiel. Wenn
+Cyrill seinen Unterricht gab, war er streng sachlich und hütete sich
+wohl, von seinen Gefühlen für das Sabinchen etwas zu verraten. Er
+wußte, daß er anfänglich auf der gefährlichen Bahn gewesen war, sich
+vor der Geliebten lächerlich zu machen, und daß nichts der Erfüllung
+heißer Liebessehnsucht so hinderlich ist, als sich in ein lächerliches
+Licht zu stellen.
+
+So war Cyrill ein gewissenhafter, ja gestrenger Lehrer und sah auch
+dem Sabinchen keinen Fehler nach, wenngleich er bei seinen Korrekturen
+an ihr eine gewisse sanfte Zartheit nicht verbergen konnte, die er ja
+für den Dachdecker, den Apotheker und auch für Fräulein Liesel Tilgner
+nicht übrig hatte.
+
+Zu Hause in seiner armseligen Stube aber litt Cyrill oft die größte
+Liebesnot und hatte Kummer aller Art. Von dem schmalen elterlichen
+Erbteil besaß er noch tausend Mark. Wenn die weg waren, stand er vor
+dem Nichts. Die Tante, seine einzige noch lebende Verwandte, bei der
+er wohnte, war selbst wenig bemittelt und außerdem äußerst geizig. Was
+sollte werden aus Cyrill? Der Dachdecker selbst war reicher als er;
+er hatte ihm einmal anvertraut, daß er ein kleines Erbteil und etwas
+Erspartes von zusammen dreitausend Mark besitze. Er hatte das wohl in
+der gutmütigen und doch für Cyrill demütigenden Absicht gesagt, ihm
+seine Hilfe anzubieten, wenn er mal in finanzieller Verlegenheit wäre.
+So sah wohl jedermann schon von weitem Cyrill den armen Hungerleider an.
+
+Was sollte werden aus Cyrill? Nichts gelang. Er hatte weder eine Stelle
+als Kapellmeister bekommen, noch hatte sich ein Theater gefunden,
+das seine Oper aufführen wollte. Nur einige kurze Liedkompositionen
+hatte er bei Verlegern angebracht, diese aber auch nur gegen winziges
+Honorar. Aber Cyrill freute sich, wenn die vierseitigen Blätter
+herauskamen, die seinen Namen trugen und ein Kindlein seines Geistes
+bargen, und trug sie alle zu Sabine. Einmal gab Cyrill ein neues Lied
+heraus und hatte kühn auf das Titelblatt drucken lassen:
+
+ »~Sabine gewidmet~ ...«
+
+Der Text des Liedes lautete:
+
+ ~Daß ich Dich liebe ...
+ Es wissen es alle Blumen der Au,
+ Es weiß es die Dämmerung, die Nebelfrau,
+ Die Vögel zwitschern's vom hohen Dach,
+ Die Wellen im Bache schwatzen es nach,
+ Der Hahn auf dem Kirchturm möchte es schrei'n
+ Hoch in den blauen Himmel hinein;
+ Im Walde tuschelt es Baum zu Baum,
+ Die Bienen summen's am Wiesensaum;
+ Bald wissen's wohl alle Leute der Stadt,
+ Als ständ' es geschrieben im Wochenblatt;
+ Es weiß es die Nacht und das Morgenlicht --
+ Nur Du weißt es nicht!~
+
+Für dieses Lied hatte Cyrill bei seinem Verleger der »besseren
+Ausstattung« wegen auf jedes Honorar verzichtet, ja selbst zugezahlt.
+Und als nun die ersten Exemplare vor ihm auf dem Tische lagen, auf dem
+Titelblatt sein Name und der des geliebten Mädchens, umrahmt von roten
+Rosen, faßte ihn heiße Angst. Gewiß, Sabine brauchte den Text durchaus
+nicht auf sich zu beziehen; solche Liedtexte sind neutral, können dahin
+oder dorthin oder ganz ins Blaue gezielt sein, aber sie konnte das
+Lied auf sich beziehen und dann konnte sie sich kompromittiert fühlen.
+»Bald wissen es alle Leute der Stadt, als ständ' es geschrieben im
+Wochenblatt ...« dem Mädel mußte ja himmelangst werden, wenn sie das
+las. Und dann war es durch die Schuld seiner aufdringlichen Huldigung
+gewiß aus und vorbei mit aller Hoffnung. Cyrill telegraphierte an
+seinen Verleger, er ziehe das Lied aus dem Musikhandel zurück. Der
+Verleger antwortete: »Nur gegen Übernahme der ganzen Auflage.
+Dreiunddreißigeindrittel Prozent Rabatt vom Originalpreis. Fünf
+Exemplare bereits verkauft.«
+
+So opferte Cyrill einen großen Teil seines bißchen Vermögens und hatte
+bald einige hundert gedruckte Lieder in seiner Wohnung aufgetürmt, für
+die er keine Verwendung besaß.
+
+»Die Nacht wußte es und das Morgenlicht,« was Cyrill um Sabine litt.
+Hoffnungslos. Er, der arme Musiker, sie das einzige Kind eines reichen
+Mannes!
+
+ * * * * *
+
+Und noch ein zweiter litt um Sabine: der Dachdecker. Was ist doch Frau
+Musika für eine arge Kupplerin. Wie geht sie mit leisen Hexenschritten
+um die Menschen herum, kreist sie ein, läßt sie aus überquellenden
+Tonbechern süßes Gift schlürfen, nach fremden Rhythmen atmen, in
+fremden Melodien fühlen. Wie kann sie zwei Menschen in alle Tiefen
+und Höhen führen, Geheimsprache reden vor tausend Ohren, unsichtbare
+Liebeslauben bauen vor tausend Augen. Wie kann sie streicheln und
+quälen, erheben und erniedrigen, werben und verderben.
+
+Der schlichte Sohn des Volkes, der übermütige Bursch, war zum Träumer
+geworden. Wenn er auf einem hohen Dache saß, irrten seine Augen immer
+wieder über das Häusermeer dahin, wo auf dem Marktplatz neben dem
+Rathausturme das Apothekerhaus mit dem goldenen Kranich war. Dieses
+Haus war ihm zur wahren Heimat geworden. Das war licht und schön,
+anders als seine arme Handwerkerstube, und ein Engel von himmlischer
+Anmut lebte darin.
+
+Oft saß der Dachdecker auf einem schwindeligen Platz in tiefen
+Gedanken. Manchmal, wenn die Glocken so feierlich klangen, weinte er.
+So viele Dächer, und keines das seine; aus so vielen Schornsteinen
+weißer Rauch, und sein eigen kein Herd, an den er ein geliebtes Weib
+führen konnte.
+
+Von hohen Dachfirsten sah er über die Stadt hinweg ins freie Land
+hinaus. Straßen führten in weite Fernen. Er könnte wandern, könnte sich
+loslösen von seiner Pein. Aber er würde wohl rückwärts gehen, um immer
+noch die liebe Stadt zu sehen, und wenn ihr letztes Dach verschwände,
+würde er von Sehnsucht überwältigt nach Hause laufen. Was blieb dem
+armen Dachdecker anderes übrig, als eines Tages abzustürzen und »in
+Ausübung seines Berufes« ehrenvoll den Hals zu brechen!
+
+ * * * * *
+
+Cyrill war eines Nachts auf einen Rettungsgedanken verfallen, auf einen
+Gedanken, den er allerdings früher schon einmal gehabt hatte. Er mußte
+August Stumpe ausbilden, mit diesem wirklich ganz außergewöhnlichen
+Gesangstalent eines Tages einem Opernhausdirektor unter die Nase fahren
+und so Stumpe als Sprungbrett für die eigene Kapellmeisterlaufbahn
+benutzen.
+
+Cyrill war immer noch nicht ohne Hochmut. In Marienwerder war ihm eine
+Kapellmeisterstelle angeboten worden. Es war zum Lachen. Als ob er nach
+Marienwerder aussähe! Als ob Sabine je die Frau eines mit dreitausend
+Mark dotierten Kapellmeisters in Marienwerder werden würde. Abgesagt!
+Die Agentur schrieb ihm darauf, daß sie vorläufig für ihn nichts wisse.
+
+Cyrill sagte Stumpe August einmal auf dem Heimwege unter
+ehrenwörtlicher Zusicherung absoluter Verschwiegenheit: er wolle ihn
+zum Opernsänger ausbilden und schon dafür sorgen, daß er im ersten
+Fach unterkomme. August Stumpe lachte erst blöde, dann sagte er, er
+habe nicht recht verstanden. Worauf Cyrill noch einmal seine Absicht
+aussprach. Darauf sagte der Dachdecker, Herr Cyrill möge entschuldigen,
+ihm sei nicht gut, es werde ihm so komisch. Und er ging beiseite und
+lehnte den Kopf an einen Zaun. Eine Hand preßte er aufs Herz und eine
+auf den Magen, und es würgte ihn zum Erbarmen.
+
+»Brechen Sie nur! Brechen Sie nur!« riet Cyrill. »Sie sind der rechte
+Mann. Es packt Sie. Sie nehmen es ernst!«
+
+Es war ein stilles Heldentum, das die beiden von nun an verrichteten.
+Alle Abende, die nicht dem »Quartett« gewidmet waren, saßen sie
+in Cyrills Stube, studierten und übten oft bis tief in die Nacht.
+Alle Sonntage waren dem eifrigsten Studium geweiht. Selbst nach den
+Quartettabenden nahm Cyrill den Dachdecker oft mit in seine Klause. Er
+lieh ihm Bücher. Selten hatte ein eifriger Lehrer einen so eifrigen
+Schüler.
+
+Der ersehnte Preis all dieser Mühen war für beide der gleiche.
+
+Sabine!
+
+Die armen Burschen wußten es nicht und gewannen sich nach und nach lieb.
+
+Hätten sie sich durchschaut, sie hätten sich gehaßt und gegenseitig zu
+verderben gesucht.
+
+So wanderten sie beide dem selben Lichte zu und keiner sah von dem
+andern, daß er die gleiche Straße zog.
+
+ * * * * *
+
+Anfang November wollte das Quartett sein erstes Konzert geben. Wenn
+aber ein Quartett ein Konzert geben will, muß es einen Namen, eine
+Firma haben, schon der Anschlagsäulen und der Zeitungsnotizen wegen.
+
+Es wurde eine Beratung abgehalten. Wer je einer Beratung beigewohnt
+hat, in der ein neuer Name gefunden werden soll, weiß, daß das
+ein schwieriges Geschäft ist, ganz gleich, ob es sich um eine
+Gesangsvereinigung, um eine literarische Zeitschrift, um eine
+Aktiengesellschaft, um ein neues Insektenpulver oder um ein kleines,
+manchmal noch gar nicht geborenes Kind handelt. Namengebung ist immer
+schwer und verantwortlich.
+
+»Ich bitte um Vorschläge,« sagte Cyrill; »ich selbst werde meine
+Meinung zuletzt sagen, um niemand zu beeinflussen. Bitte, Fräulein
+Tilgner!«
+
+»Ich hatte mir gedacht,« sagte Fräulein Tilgner, »da wir doch vier
+sind -- im Quartett sind ja wohl immer vier -- also da könnten wir uns
+›Quartett Jahreszeiten‹ nennen. Der ›Frühling‹ ist natürlich Sabinchen,
+ich selbst bin ja etwas älter und könnte als der ›Sommer‹ gelten; Herr
+Stumpe müßte den ›Herbst‹ darstellen, und der Herr Apotheker, wenn er
+so gut sein wollte, den ›Winter‹.«
+
+»Danke!« sagte der Apotheker verdrossen; »so eisgrau bin ich noch
+nicht! Fünfundfünfzig bin ich! Und dann -- wieso Herr Stumpe mit
+sechsundzwanzig Jahren ›Herbst‹? Und wieso überhaupt vier? Sind
+wir nicht fünf? Zählt der Dirigent nicht mit? Der Name ist einfach
+unmöglich.«
+
+»Bitte um Entschuldigung!« sagte Fräulein Tilgner kleinlaut und setzte
+sich.
+
+»Nun Ihren Vorschlag, Fräulein Sabine,« forderte Cyrill auf.
+
+»Ich hatte,« sagte das Sabinchen, »auch an die Zahl vier gedacht, und
+da wollte ich vorschlagen, wir nennen unser Quartett ›Kleeblatt‹. Es
+gibt ja übrigens auch fünfblättrige Kleeblätter.«
+
+Der Apotheker erhob sich.
+
+»Meine liebe Tochter, erstens sind Kleeblätter in erdrückender
+Majorität dreiblättrig. Vierblättrige sind eine Seltenheit, und es wäre
+arrogant, wenn wir uns als Seltenheit hinstellen wollten. Das würde
+eine boshafte Kritik sofort aufgreifen. Eine boshafte Kritik würde
+aber noch etwas anderes sofort aufgreifen; nämlich sie würde sagen:
+Kleeblatt? Wieso? Es liegt hier eine Beleidigung des Publikums vor.
+Denn wem werden Kleeblätter vorgesetzt? Doch nur Rindviechern! Der Name
+›Kleeblatt‹ ist ganz unmöglich.«
+
+»Nun, dann mache doch selbst einen Vorschlag, Papa!«
+
+»Das will ich,« sagte der Papa. »Ich schlage vor, unser Quartett
+heißt: ›Der Wagen‹. Der Name berührt zunächst befremdend. Aber das
+soll er. Alles, was in der Welt zugkräftig sein soll, muß einen
+auffälligen Namen haben. Das weiß ich aus der Apotheke. Je verrückter
+der Name einer neuen Sache ist, desto besser geht sie. Und dann
+denken Sie doch an die berühmte Düsseldorfer Vereinigung ›Malkasten‹
+oder an die Münchener ›Scharfrichter‹. Ist das nicht auch verrückt?
+Doch nun zur Sache! Ein Wagen hat vier Räder. Alle Räder müssen
+gleichen Takt halten, alle müssen dem gleichen Ziel zusteuern,
+dieselbe Straße ziehen, mal langsam, mal schnell, mal in anfeuerndem
+Tempo, mal nachlassend diminuendo. Und der Fünfte? Kein auch noch so
+verrohter Kritiker wird wagen, in einem blöden Witz zu behaupten,
+daß der Dirigent des ›Wagens‹ das Roß sei, das den Wagen zieht,
+sondern jedermann wird ihn als den Kutscher ansehen, der den Wagen
+lenkt. Das Publikum aber wird der ›Wagen‹ über Berg und Tal in grüne
+Waldeinsamkeit, an alte Burgen und in das Gewühl der Großstadt führen,
+kurz, der ›Wagen‹ wird ihm eine Reise durch alle Poesie des Lebens
+vermitteln.«
+
+»Was sagen Sie zu dem Vorschlag des Herrn Apothekers, Herr Stumpe?«
+
+»Ach,« sagte August Stumpe, »der Vorschlag ist an sich sehr geistreich.
+Nur, wir sind ein Musikverein, und ein Wagen macht keine gute Musik.
+Ein Wagen knarrt, und wenn er singt, quietscht er. Man könnte dann den
+Verein lieber ›Automobil‹ nennen, das hat auch vier Räder, und alles
+andere trifft auch zu, das von der Waldeinsamkeit und den Burgen und
+Städten, zu denen man hinfahren kann. Ein Wagen kann ferner nur wenig
+Leute über Berg und Tal führen; wir wollen aber vielen Menschen die
+›Reise durch die Poesie‹ verschaffen. Darum sollten wir uns lieber
+›Omnibus‹ heißen, der hat auch vier Räder.«
+
+»Herr Stumpe, wollen Sie mich verhöhnen?«
+
+»Gott bewahre, Herr Apotheker, ich sage nur meine Meinung.«
+
+»Er sagt seine Meinung! Und er hat ein Recht dazu!« entschied Cyrill.
+
+»Bitte, Herr Stumpe, was sagen Sie zu den Vorschlägen der beiden Damen?«
+
+»Ja,« meinte Stumpe, »wir kommen ja nur mit der Wahrheit weiter. Es
+tut mir leid, aber die Vorschläge der beiden Damen waren kitschig. Am
+kitschigsten war der von Fräulein Sabine. ›Kleeblatt‹ nennt sich ein
+Backfischkränzchen, aber kein ernster Kunstverein.«
+
+»Sie sind frech,« sagte Sabine gemütlich. »Pah!«
+
+Cyrill war ganz blaß.
+
+»Bitte, Herr Stumpe, nun machen Sie Ihren eigenen Vorschlag.«
+
+»Ich schlage vor,« sagte August Stumpe, »daß wir auf allen Klimbim
+verzichten und unsere Vereinigung nennen: ›Quartett Cyrill Dietrich‹.
+Herr Cyrill Dietrich ist unser Lehrer, unser Führer; ohne ihn könnten
+wir nichts. Cyrill Dietrich ist ein schöner, wohlklingender Name. Der
+Name Cyrill Dietrich wird einer Vereinigung immer ein Ansporn sein,
+eifrig zu arbeiten, und dem Publikum immer eine Garantie, daß es etwas
+Gutes zu erwarten hat.«
+
+Schweigen. Cyrill saß mit gesenktem Haupte da. Er war in tiefster
+Seele glücklich. Er hatte in diesem Augenblicke den Dachdecker August
+Stumpe von Herzen lieb. Nicht in der Hauptsache wegen der letzten
+über ihn selbst geäußerten Worte, obwohl Cyrill wie alle Künstler für
+Anerkennung überaus empfänglich war, sondern des Wahrheitsmutes wegen,
+mit dem Stumpe seine Meinung gesagt hatte, und vor allem, weil er sich
+so recht als begnadetes Gotteskind offenbarte. Wie kam ein Dachdecker
+zu solchem Geschmack, zu solcher Ausdrucksweise? Der Mann war, während
+er Cyrills Unterricht genoß, mit Siebenmeilenstiefeln gewandert. Ach,
+das naturgeborene Genie vor sich zu haben, was ist das doch für eine
+Wonne!
+
+Nach einer Weile aber lehnte Cyrill den Vorschlag August Stumpes
+dennoch ab.
+
+»Meine Damen und Herren! Bitte, binden Sie sich nicht an meinen Namen.
+Einst -- vielleicht sehr bald -- werde ich nicht mehr bei Ihnen sein.
+Ich werde dann nichts sein, als der zufällige erste Dirigent Ihres
+Quartetts, der noch dazu sehr kurze Zeit bei Ihnen tätig war. Mein Name
+ist kein Programm. Genehmigen Sie meinen eigenen Vorschlag: ›Quartett
+Altenroda‹. In dem schönen Namen Altenroda haben Sie alles, wofür Ihr
+Herz und Ihre Kehle singt, haben Sie die Heimat und alles, was Ihnen
+darin lieb und wert ist.«
+
+Cyrills Vorschlag wurde angenommen.
+
+ * * * * *
+
+Als August Stumpe nach diesem Abend im Bette lag, dachte er nicht wie
+sonst darüber nach, weshalb wohl ein ein Meter und fünfundsiebzig
+Zentimeter langer, kräftiger Mann zur Nachtruhe in einem Gestell
+zu liegen habe, das nur ein Meter und siebzig Zentimeter lang war,
+sondern er klagte sich in leidenschaftlichen Selbstvorwürfen an, daß
+er an Fräulein Sabines harmlosem Vorschlag eine so bissige Kritik
+verübt, daß er seinen Engel so böse gekränkt hatte. Immer wieder
+überdachte er die Situation; immer aufs neue schüttelte es ihn vor dem
+»Kleeblatt«-Vorschlag Sabinens, und immer aufs neue brannten dennoch
+alle Sehnsuchtsfeuer nach dem lieblichen Mädchen hin. Es war ein auf-
+und abwogendes Fieber, ein wildes Auf und Nieder. Ganz zuletzt aber
+dachte August Stumpe an Cyrill. Und im Gedanken an Cyrill schlief er
+ein. Ein kleiner kluger Gott saß auf der Kante der kleinen Bettstelle
+und lächelte. Wieder hatte einer die Liebe zur Kunst über die Liebe zum
+Weibe gestellt.
+
+Auch Cyrill schlief schlecht. Auch er dachte an die Vorgänge des
+Abends. Und auch er quälte sich. Daß Sabine den »Kleeblatt«-Vorschlag
+gemacht hatte, grämte ihn noch im Bett, verursachte ihm sauren
+Geschmack im Munde. Aber was war sie denn? Ein Kind von kaum zwanzig
+Jahren. Ein liebes, wonniges Mädel. Was sollte man von ihr verlangen?
+Die Sehnsuchtsfeuer loderten. Aber dann glitten Cyrills Gedanken doch
+zu dem begnadeten Dachdecker hinüber, und er wurde ganz ruhig und
+schlief ein.
+
+Und derselbe kleine kluge Gott, der auf Stumpes Bettstelle gehockt
+hatte, kam auf silberner Mondbahn zu Cyrill gefahren und besah sich
+lächelnd auch diesen Getreuen. --
+
+Auch Fräulein Liesel Tilgner schlief nicht. Sie hatte sich heute in
+August Stumpe, als er so grob wurde, endgültig und rettungslos verliebt.
+
+Selig schlief nur das Sabinchen, ihr herziges Köpfchen auf den molligen
+Arm gelegt. Sabinchen dachte an nichts Böses und an nichts Gutes --
+sie dachte an gar nichts. Völlig ruhelos war der Apotheker. Er saß an
+seinem Schreibtisch und entwarf »Statuten« für das »Quartett Altenroda«.
+
+ * * * * *
+
+Das »Quartett Altenroda« gab sein Konzert. In der Vorankündigung hieß
+es, das Programm würde einen Volkslied-Teil und einen Kunstlied-Teil
+enthalten, zur Umrahmung des Liederteils zwei Klaviervorträge,
+ausgeführt von Herrn Cyrill Dietrich, im ersten Teil Schubert, im
+zweiten Beethovens Letzte Sonate (+op.+ 111). Preise der Plätze
+drei Mark, zwei Mark, eine Mark; Stehplatz fünfzig Pfennige.
+
+Bei der Aufführung waren eigentlich nur Stehplätzler anwesend, das
+Parkett war fast leer. Nur hie und da hockten mit trübseligem Gesicht
+ein paar verirrte Seelen. Sie fühlten sich äußerst unbehaglich in ihrer
+Einsamkeit. Die Sänger taten ihnen leid. An den Wänden aber klebte
+junges Volk: leise kicherndes hübsches Backfischgesindel und junge
+Männer im ehrenvollen Alter von sechzehn bis neunzehn Jahren, die alle
+gut gescheitelte Frisuren hatten und feierliche Gesichter machten.
+
+»Was sollen wir tun?« fragte der Apotheker, als er den leeren Saal sah.
+»Diese Bande! O, diese Bande! Was sollen wir tun?«
+
+»Singen!« antwortete Cyrill, düster und lakonisch.
+
+»Aber doch nicht allein vor diesem jungen Rabattengemüse?«
+
+»Doch!« sagte Cyrill noch um eine Silbe lakonischer, und der Fall war
+entschieden.
+
+Schlag acht Uhr (das war der festgesetzte Beginn des Konzerts) machte
+Cyrill Dietrich seine Dirigentenverneigung vor dem Publikum und hielt
+eine kleine Ansprache:
+
+»Meine Damen und Herren! Ich freue mich, daß insonderheit die Jugend
+Altenrodas unserer Einladung so zahlreich Folge geleistet hat. Ihr
+schöner, jung-seliger Idealismus hat Sie hierhergeführt. Nur wer
+die Jugend hat, hat die Zukunft. Nur auf die Jugend baue ich meine
+Hoffnung, daß in Altenroda eine Besserung des Kunstgeschmacks eintreten
+kann. Ich heiße Sie herzlich willkommen und bitte Sie, auf den
+leergebliebenen Stühlen des Saales Platz zu nehmen.«
+
+Hei, flog das hübsche Backfischgesindel in seinem jungseligen
+Idealismus auf die leeren Stühle. Die jungen Herren folgten in
+gemessenerem Tempo; einige aber blieben »ostentativ« an der Wand
+stehen. Sie wollten sich »nichts schenken« lassen; sie hätten ja,
+wenn sie es nur gewünscht hätten, sich leicht einen Talerplatz kaufen
+können. Sie hatten es aber nicht gewünscht. Sie standen lieber. Sie
+standen »prinzipiell«, standen »zum Vergnügen«. Und alle Welt ließ sie
+auch ruhig stehen.
+
+Schlag acht Uhr wurde auf Cyrills Befehl auch die Kasse
+geschlossen. Zehn Minuten später aber, als der Kassierer noch
+mit den Aufräumungsarbeiten, insonderheit mit dem Verpacken von
+dreihundertfünfundsiebzig unverkauft gebliebenen Programmen beschäftigt
+war, erschien noch ein Sekretär mit seiner Frau und wünschte zwei
+Plätze.
+
+»Bedaure,« sagte der Kassierer hochmütig; »die Kasse ist geschlossen.«
+
+»Ist es denn so voll?« fragte der Sekretär verwundert.
+
+»Das wohl nicht,« erwiderte der Kassierer; »aber was geschlossen ist,
+ist geschlossen. Das ist so bei vornehmen Konzerts.«
+
+Das Konzert des »Quartetts Altenroda« war boykottiert worden. Die
+ganze sangesfreudige Stadt Altenroda war nun einmal in drei Lager
+eingeteilt, je nach der Zugehörigkeit zu einem der drei Gesangvereine;
+jedes Lager war bis zur Lächerlichkeit vereinsmeierisch und hielt auf
+strengste Disziplin. Parole war Parole. Wehe dem, der da nicht Stange
+hielt! Und hier bei Cyrills Konzert hieß in allen drei Vereinen die
+Parole: »Nicht hingehen!« Die »Harmonie« haßte Cyrill wegen seines
+Verhaltens im Harmonie-Konzert. Der Kirchenchor war neidisch auf
+Liesel Tilgner, die »wohl die Einzige sein wollte, die was könnte«. Der
+Verein »Frohsinn« hatte »seinen Freund und Ehrenmitglied« August Stumpe
+wider alle anderslautenden Zusagen eingebüßt; denn August Stumpe hatte
+sich seit langem dem Verein ferngehalten, nicht einmal an dem großen
+Schweineschlachtfest-Wettsingen hatte er sich beteiligt.
+
+Also Parole: »Nicht hingehen!«
+
+Die wenigen, die dennoch gekommen waren, es waren sechsundzwanzig,
+waren Außenseiter. Nur die »unreife Jugend« hatte sich davon, das neue
+Quartett zu hören, nicht abhalten lassen. »Weil es doch ein Feez ist,«
+hatte die blonde Käthe Birke zu dem Primaner Erich Mosemmel auf dem
+Hinwege gesagt.
+
+Als das Konzert aus war, lungerte spazierengehend halb Altenroda in der
+Nähe des Konzertraumes auf Nachrichten, »wie es eigentlich gewesen sei«.
+
+Käthe Birke, die mit dem Primaner Erich Mosemmel nach Hause ging und
+ihren Eltern begegnete, erstattete Bericht.
+
+»Es war himmlisch! Ich habe nie geglaubt, daß es etwas so Schönes gibt.«
+
+Das Kind hatte Mühe, zwei halbe Tränen in die Blauaugen
+zurückzudrängen, als es das sagte.
+
+»Ja,« bestätigte Erich Mosemmel, bedeutend forscher im Ton; »es war
+tadellos!«
+
+Und es ging noch am selben Abend ein Gesumme in der Stadt, das Konzert
+sei herrlich gewesen. Und noch am selben Abend erwogen zwei Männer, ob
+sie nicht am besten Selbstmord verübten: Cyrill und der Dachdecker. Der
+Apotheker nahm es fast ebenso tragisch wie diese beiden; er betrank
+sich im Giftgadern ganz unverünftig. Liesel Tilgner flennte sich
+halbtot, einmal, weil der Tenor in seinem Unglück über das schlecht
+besuchte Konzert fast gar nicht mit ihr gesprochen hatte, und dann,
+weil ihr Vater, der Kirchenchordirigent, der noch immer gegen ihre
+Beteiligung am Quartett war, gesagt hatte, der »Reinfall« wäre eine
+gerechte Strafe für ihren kindlichen Ungehorsam. Ach Gott, es ist auch
+schwer, als »Kind« von einunddreißig Jahren immer noch ganz gehorsam zu
+sein.
+
+Nur Sabinchen aß nach dem Konzert noch einmal tüchtig zu Abend,
+lutschte eine Tüte Bonbons aus und schlief dann selig, das wunderschöne
+Köpfchen auf den molligen Arm geschmiegt.
+
+ * * * * *
+
+In Altenroda gab es eine Sensation.
+
+Das Stadtblatt brachte folgenden Artikel:
+
+»~Kunst im Winkel.~ Ach, ich alter Knabe! Ich habe geglaubt,
+im Musikleben Bescheid zu wissen. Ich habe in Berlin, in Rom, in
+Paris, in München mich bemüht, einen Blick hinter den Schleier der
+Musik der bezauberndsten aller Göttinnen, zu tun, in ihr ewig schönes
+Gesicht zu schauen. Und dann habe ich so ziemlich alles, was auf
+Erden an Bedeutung singt, geigt, orgelt, flötet, klavierspielt,
+opert, operettelt und Laute zupft, gehört. Ich war in einem Jahre bei
+zweihundertundzwei Musikabenden. (Beileidsbesuche und Kranzspenden
+dankend verbeten!) Ich hätte geschworen, daß ich nie, nie mehr ganz
+freiwillig in ein Konzert gehen würde, sondern nur, wenn es höhere
+Pflicht erheischt: Kritikerpflicht oder die Pflicht, einem Großen in
+der Musik zu huldigen, indem man sich demütig zu seinen Füßen setzt.
+Kleinstadtkunst, das war für mich so etwas wie Gurkenbau in Liegnitz,
+Schnupftabakfabrikation in Ratibor, Stoffweberei in Cottbus. Alles sehr
+brav, alles sehr brauchbar, ja unentbehrlich, aber mich ging's nichts
+an, hatte mit ›Kunst‹ nichts zu tun. Kleinstadtkunst ging mich noch
+weniger an als die vielen Dilettantenstümpereien in den Großstädten,
+die nichts sind als Legierungen von Schwärmerei und Eitelkeit und
+vielleicht ein bißchen Sehnsucht.
+
+Ach, ich alter Knabe, ich alter musikalischer Globetrotter! Da bin
+ich in einem entzückenden Erdenwinkel zur Winterfrische, habe wegen
+Talentlosigkeit meiner Bauchmuskeln das Skifahren aufgegeben und mich
+nur auf das Rodeln beschränkt, mußte mal kurz verreisen, las, wie schon
+vorher tausendundeinmal, also zum tausendzweitenmal den Fahrplan falsch
+und blieb also in Altenroda fünf Stunden lang ohne Weiteranschluß
+sitzen. Ein Einheimischer kann sicherlich in Altenroda fünfzig Jahre
+lang zufrieden und selig sein; aber was soll ein großstädtischer
+Fremdling mit fünf Stunden in Altenroda anfangen? Alle Ehre der
+Konditorei unter den Lauben und dem Hotel zum ›Löwen‹, sowie den dort
+ausliegenden Lesezirkelheften -- aber ach, fünf Stunden sind halt
+grausam lang.
+
+Kurz und gut, ich sah ein Plakat: ›Quartett Altenroda. Konzert.‹ Ich
+las das Plakat aus lauter Langerweile. Und ich fiel in einen Abgrund
+von Erstaunen. Das war ein Programm, würdig eines Konzertraums, dessen
+Vorbedingung aparter Geschmack ist. Wo in aller guter und böser
+Geister Namen kam ein Mensch nach Altenroda, der ein solches Programm
+aufstellen konnte? Und wenn nun schon einer war, der solchen Geschmack
+hatte, wie konnte er die Kräfte zusammen bekommen, solch ein Programm
+auszuführen? Es mußte doch greulicher Unfug dabei herauskommen.
+
+Ich ging hin. Das Konzert sollte um acht Uhr beginnen. Ich war --
+pünktlich, wie es sich geziemt -- fünfzehn Minuten vor acht da. Ein
+leerer Raum. Einige Jünglinge und Jungfrauen an den Wänden. Mir wurde
+bange wie einem Einsamen in der Wüste.
+
+Und nun sangen vier Leute; ein blasser junger Mann dirigierte. Zwei
+Damen-, zwei Herrenstimmen. Eine kritische Würdigung des Konzerts
+will ich nicht geben, nicht etwa, wie man mancherorten sagen würde,
+eine ›Rezension‹ schreiben; ich will nur als eines meiner seltsamsten
+Lebensereignisse berichten, daß ich in einer deutschen Kleinstadt eine
+Kunstgabe fand, die mich in Erstaunen setzte. Glückliches Deutschland,
+wenn selbst in deine fernsten Täler solcher Kunsteifer und solche
+Kunstreife gedrungen sind! Der Tenor des Quartetts hat prachtvolles,
+wenn auch noch nicht zu voller Edelreife gediehenes Material. Die
+anderen leisten (auch von strengem Gesichtspunkt aus beurteilt)
+höchst Achtbares. Alle sprechen richtig, alle atmen richtig, alle
+singen richtig. Der Dirigent ist ein famoser Mann, und ich segne mein
+Mißgeschick, das mich in Altenroda fünf Stunden aufhielt.«
+
+Dieser Artikel, der im Altenrodaer Stadtblatt erschien, war von
+einem der gefeiertsten und gefürchtetsten Kritiker der Hauptstadt
+unterzeichnet.
+
+Jedermann, der behauptet, daß Rezensenten gemeingefährliche Subjekte
+sind, hat recht. Cyrill Dietrich kriegte einen Weinkrampf vor Jubel,
+als er den Artikel las. August Stumpe, der ein zerschlätertes
+Winterdach ausbessern sollte, saß mit dem Zeitungsblatt in eisiger
+Höhe, wäre beinahe erfroren und tat gar nichts, weder zur Ausbesserung
+des Daches noch seines Seelenzustandes. Der Apotheker betrank sich drei
+Tage und drei Nächte lang vor Freude, und nur Sabinchen heulte, und
+zwar wegen der plötzlich ausgebrochenen Trunksucht ihres lieben Papas.
+
+Daß aber der Artikel der kritischen Großstadtkoryphäe in dem Altenroder
+Stadtblatt Aufnahme gefunden hatte, erklärte sich einfach daraus, daß
+der Verleger des Stadtblattes die Bedeutung jener Koryphäe kannte.
+Er war auf einige großstädtische Zeitungen abonniert. Und wenn er
+jetzt eine Abonnentenreklame für sein Stadtblatt losließ, vergaß er
+nie zu bemerken: Mitarbeiter u. a. Herr +Dr. X.+, der gefeierte
+Musikkritiker erster Weltblätter.
+
+ * * * * *
+
+Es ging schon auf den Frühling zu. Im Winter blüht das Geschäft
+der Dachdecker nicht. Über ein paar Notaufträge, wenn gerade das
+Schneegestöber schon ins Haus dringt oder sich der Nordwind einen gar
+zu groben Spaß erlaubt hat, kommt es nicht hinaus. So hatte August
+Stumpe viel Zeit zum Studium, und es wurde auch jede freie Stunde
+sorglich genützt. Cyrill war ein unermüdlicher Lehrer. Es war diesem
+durch und durch musikalischen Manne ein Herzensglück, ein so starkes
+Talent, wie das des Dachdeckers war, zu immer größerer Reife zu führen.
+Schon lange waren sie über bescheidene Rollen aus Spielopern wie
+»Freischütz« und »Waffenschmied« hinaus. Schon waren sie bei Wagner
+angelangt. Als Cyrill das erstemal zu seinem Schüler über Wagner
+sprach, stand er vor ihm wie ein begeisterter Priester, und als er ihm
+die Wonnen und Wunder des »Lohengrin« erschloß, seufzte der Dachdecker
+und sagte: »Das ist Musik aus dem Paradiese.«
+
+Eines Tages fuhren die beiden miteinander nach der Hauptstadt. Im
+Wartesaal zu Altenroda trafen sie sich.
+
+»Ich habe einstweilen die beiden Fahrkarten gekauft,« sagte Cyrill.
+
+»Ich auch!« sagte der Dachdecker.
+
+Cyrill hatte dritter, der Dachdecker hatte zweiter Klasse gelöst.
+Schließlich legten sie die vier Karten zusammen, fuhren erster und
+waren schön allein im Abteil. Der Dachdecker schämte sich halb zu
+Tode in dem feinen Raume und wünschte nur, daß keine anderen Menschen
+einsteigen möchten.
+
+Cyrill lächelte wehmütig.
+
+»Sie werden bald immer erster Klasse fahren,« sagte er. »Wenn Sie erst
+ein Bühnenstern sind! Und ich werde immer dritter Klasse fahren. Ich
+glaube, ich bin selbst dritter Klasse.«
+
+Dagegen erhob der Dachdecker leidenschaftlichen Protest; aber Cyrill
+wehrte ab und sagte:
+
+»Lassen Sie es gut sein. Nicht jeder kann ganz vorne stehn. Es genügt
+schon, wenn er dabei ist. Heute abend im Opernhaus nehmen wir uns ganz
+gute Plätze. Wohnen können wir ja in einem kleinen Vorstadthotel.«
+
+Sie saßen in einer Loge des Opernhauses.
+
+Lohengrin.
+
+Das silberne Singen der Geigen mit dem Gralsmotiv setzte ein; die
+Ouvertüre wogte vorüber, der Vorhang hob sich, und ein schönes
+Bühnenbild zeigte König Heinrich mit den Männern von Brabant am Ufer
+der Schelde.
+
+Der Dachdecker preßte seine Hand auf Cyrills Knie, als müsse er sich
+festhalten. So selig erschrocken wie er schaute einst Moses ins Gelobte
+Land.
+
+Als die Lichtgestalt Lohengrins auftauchte, diese Gestalt, die
+aus Glanz und Wonnen kommt, ganz Schönheit, ganz Reinheit, ganz
+Heldenkraft, ganz wundersamste Jugend, rannen dem armen Dachdecker
+unaufhaltsam die Tränen über die Wangen, das Herz pochte ihm in
+Seligkeit; alle Glocken klangen, alle Engel sangen; tausend Melodien
+strömten ihm zu: Du bist glücklich, du bist selig, du bist im Himmel!
+
+Aber als der Vorhang gefallen war, saß der Dachdecker stumm und mit
+bleichem Gesichte auf seinem Stuhle.
+
+Die Leute gingen nach dem Vorraume.
+
+»Wollen wir nicht auch hinausgehen?« fragte Cyrill.
+
+Der Dachdecker schüttelte den Kopf. Wie konnte man aus diesem Himmel
+hinausgehen? Aber er war so todblaß und stierte so eigentümlich mit den
+Augen, daß Cyrill fragte:
+
+»Was ist Ihnen? Ist Ihnen nicht wohl?«
+
+»Ach,« sagte der Dachdecker, »ach, ich erbärmlicher Kerl! So etwas
+werde ich niemals können. Der Lohengrin ist wie ein Gott!«
+
+Cyrill schwieg. Er dachte: Ganz gut, wenn du die Größe und
+Schwierigkeit deiner Aufgabe erfassest. Im übrigen ist noch jeder,
+der wirklich etwas kann, nicht einmal, sondern hundertmal an sich
+verzweifelt. Nur die Stümper sind selbstsicher.
+
+Im zweiten Akte, nach Elsas süßen Nachtgesängen, faßte sich der
+Dachdecker am Hals und flüsterte Cyrill angsterfüllt zu:
+
+»Mir wird übel!«
+
+Cyrill sah mit einem Blick, daß die Sachlage hier bedrohlich wurde,
+faßte August an der Hand und führte ihn hinaus. Unwillige Blicke
+folgten den Störern, und Elsa sang unten auf der Bühne: »Es gibt ein
+Glück, das ohne Reu,« ohne zu ahnen, daß da oben ein kunstbegeisterter
+Naturmensch diese Sentenz +ad absurdum+ führte.
+
+August Stumpe mußte sich erbrechen. Kalter Schweiß perlte ihm auf dem
+Gesichte und auf den Händen.
+
+»Na, hören Sie mal,« sagte Cyrill, der nur unwillig den Samariter
+spielte, »wenn Sie sich immer im Theater so aufregen wollen, dann
+taugen Sie freilich nichts für die Bühne.«
+
+»Nein,« schöpfte August Luft, »nein, ich tauge nichts! Ich tauge rein
+gar nichts! Ich bin eine unnütze Kreatur! Ich bin ein dummer Mensch.
+Für mich gibt's nur eins -- weg von der Welt!«
+
+»Blech!« sagte Cyrill zum Trost und sonst nichts. Dann führte er
+August an ein Büfett und labte ihn mit einer Flasche Selterswasser.
+Von drinnen drangen die Hochzeitshymnen des großen Kirchgangs. August
+strebte wieder hinein.
+
+»Nicht um die Welt!« sagte Cyrill und hielt den Dachdecker zurück.
+
+Da lehnte sich August Stumpe in seinem todjämmerlichen Zustande an
+eine Säule, und Cyrill stand neben ihm in dem leeren Restaurationsraum,
+und beide machten einen unvorteilhaften Eindruck.
+
+Wie sie so dalehnten, kam ein kleiner dicker Herr mit einem Hornzwicker
+auf der Nase vorbei, musterte sie, blieb stehen, ging vorüber, blieb
+wieder stehen, guckte sich um und kam plötzlich heran.
+
+»Also, da möchte ich doch wetten, Sie beide sind aus Altenroda.«
+
+Cyrill und August erschraken, als ob sie entlarvte Verbrecher seien,
+und einer von beiden sagte: »Ja, ja, ja!«
+
+»Habe ich Sie doch erkannt,« schmunzelte der alte Herr vergnügt. »Ja,
+mein Physiognomiengedächtnis! Also die Leute vom Quartett Altenroda.
+Sie der Dirigent, Sie der Tenorist! Weiß alles, weiß alles! War ja in
+Ihrem Konzert. Sind also da mal hergekommen in die Oper -- was? Und da
+ist Ihnen wohl schlecht geworden? Sehen ja ganz verdaddelt aus?«
+
+»Ja,« sagte Cyrill, der den gewaltigen Musikkritiker von dazumal
+inzwischen erkannte oder wenigstens ahnte, »meinem Freunde wurde übel.«
+
+»Er ist doch nicht Sänger von Beruf? Was ist er denn?«
+
+»Dachdecker.«
+
+»Dachdecker? So, so -- Dachdecker! So -- heidi -- ganz oben! Ganz oben,
+direkt am Kirchturmknopf! Dachdecker! Und singt! Und fährt mal in die
+Oper! Opfert Geld! Siebzehn Mark zweiter Klasse hin und her! Weiß
+ich! War ja doch in der Gegend. Siebzehn Mark! Und dann die sonstigen
+Spesen. In die Oper! In den ›Lohengrin‹! Und hört dann hier solches --
+solches -- und wird ihm schlecht.«
+
+Der kleine dicke Herr mit der Hornbrille nahm Cyrill etwas auf die
+Seite.
+
+»Sagen Sie mal -- der Mann hat sich wohl direkt erbrochen? Das sieht
+man ihm doch an!«
+
+»Ja,« sagte Cyrill, »es wurde ihm übel. Schon nach dem ersten Akt wurde
+ihm ganz benommen.«
+
+»Hatte er denn vorher getrunken oder sich den Magen verdorben?«
+
+»Durchaus nicht! An der Übelkeit ist nur die Oper schuld.«
+
+Der Dicke funkelte Cyrill mit den Brillengläsern an.
+
+»Die Oper! War denn -- dieser -- dieser Dachdecker schon öfter in der
+Oper?«
+
+»Nein, es ist die erste, die er hört.«
+
+Der Dicke rieb sich die Glatze.
+
+»Das ist fabelhaft! Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Sehen
+Sie, man müßte doch annehmen, auf eine so naive Haut, wie es ein
+Dachdecker aus Altenroda ist, müßte die erste Oper, die er hört,
+mächtigen Eindruck machen, sie müßte ihn begeistern. Aber nein!
+Wenn er ein musikalisches Talent ist (und das ist Ihr Dachdecker
+in ganz hervorragendem Maße), wenn er ein musikalisches Innenleben
+hat, wird ihm bei einer solch gottserbärmlichen Aufführung, wie die
+heutige ist, einfach schlecht. Er kotzt! Er verachtet die ganze
+Bande. Der ›Lohengrin‹, der heute hier auf Engagement zu singen die
+Verbrecherstirn hat, soll sich auf einen Misthof als Kikerikihahn
+vermieten. Ja, das soll er! Das schreibe ich morgen in meine Kritik.
+Als Kikerikihahn auf einen Misthof vermieten! Selbst ein wirklich
+musikalischer Dachdecker aus Altenroda hat das herausempfunden.«
+
+Auf diese Rede hin sagte Dietrich Cyrill weder »ja« noch »nein«. Er war
+zu erstaunt über diese Wendung der Dinge.
+
+»Also,« fuhr der Dicke fort, »ich habe damals über Ihr Konzert an Ihr
+Stadtblatt einige Zeilen gerichtet. Es machte mir Spaß. Ich wollte auch
+den Spießern aus Altenroda, die Ihrem Konzert ferngeblieben waren,
+eines auswischen. Ich habe mich damals über Ihre Leistungen gewundert.
+Aber noch mehr wundere ich mich heute. Daß einem Naturkinde bei der
+ersten Oper, die es hört, schlecht wird, nur weil schlecht gesungen
+wird -- sehen Sie, das ist ein psychologisch rasend interessanter Fall.
+Das ist ein Testimonium so elementaren Schönheitswillens, daß ich
+erstaunt bin.«
+
+Der Dicke ging nun zu dem Dachdecker, der mit einem weidlich dummen
+Gesicht immer noch an der Säule stand, und sagte:
+
+»Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Übelkeit! Wundern Sie sich nicht, daß
+mir nicht auch übel geworden ist! Verachten Sie mich deswegen nicht!
+Ich bin abgehärtet bis aufs äußerste. Ich kann Seifenlauge vertragen,
+weil ich berufshalber tausendmal habe Seifenlauge schlucken müssen.
+Verstehen Sie das?«
+
+August wußte nicht, was der ›Lohengrin‹ mit Seifenlauge zu tun habe,
+aber er nickte mit dem Kopf. Ihm war alles egal.
+
+Nun war drinnen der zweite Akt zu Ende; die Leute strömten in den
+Restaurationsraum. Der kleine Dicke zog eine Visitenkarte aus der
+Tasche, überreichte sie Cyrill und sagte:
+
+»Da ist meine Adresse! Es würde mich freuen, wenn Sie mich mit Ihrem
+Freunde morgen besuchten. Am besten zwischen elf und zwölf Uhr.«
+
+Dann ging er.
+
+Während des dritten Aktes saß August Stumpe wieder in seligen
+Schauern da. Es wurde ihm nicht mehr übel. Am Schluß nur, bei der
+Gralserzählung, rannen ihm heiße Tränen über die Wangen. Er klatschte
+keinen Beifall. Ganz still saß er noch, als die meisten Leute schon
+gegangen waren, und verließ als einer der letzten das Theater, Leuchten
+in den Augen und einen Schimmer von Verklärung auf dem Gesicht.
+
+In einem kleinen Vorstadthotel hatten Cyrill und August ein gemeinsames
+Zimmer inne. Der Dachdecker saß auf seiner Bettkante und träumte.
+Cyrill störte ihn nicht.
+
+»Wie ein Gott hat er gesungen -- wie ein Gott!«
+
+Da meinte Cyrill:
+
+»Lieber Freund, ich gebe Ihnen einen guten Rat; wenn wir morgen bei
+dem kleinen Doktor sein werden, sagen Sie kein Wort über die heutige
+Aufführung, kein einziges Wort!«
+
+»Warum nicht?« fragte Stumpe.
+
+»Weil es sich nicht ziemt, daß ein Anfänger in Gegenwart einer solch
+anerkannten Größe seine eigene kritische Meinung zum Besten gibt.«
+
+»Das ist richtig!« sagte der Dachdecker. Nach einem Weilchen stand er
+auf.
+
+»So hat er dagestanden!« sagte er in seliger Versunkenheit, »so die
+Augen ganz in die Ferne gerichtet nach Monsalvat, weit über alle Länder
+und Menschen hinweg. Und so hat er gesungen: ›Im fernen Land, unnahbar
+Euren Schritten, steht eine Burg, die Monsalvat genannt ...‹«
+
+Und nun sang August Stumpe erst leise, dann mit immer vollerer Stimme
+die Gralserzählung, und Cyrill hörte ihm glückselig zu. Sein Schüler
+sang die Gralserzählung wirklich viel schöner als der Tenor auf der
+Bühne, und was den Dachdecker heut so begeistert hatte, war ja auch
+nicht die wenig hohe Kunst jenes Bühnentenors gewesen, sondern das
+Theater selbst, in das dieser begnadete Künstler als ein verbannter
+Königssohn zum erstenmal wie in eine Heimat gekommen war, in die er
+gehörte.
+
+»Mein Vater Parsival trägt seine Krone, sein Ritter ich, bin Lohengrin
+genannt ...«
+
+In einer Gloriole glühender Tonfarben sang der Dachdecker den Schluß
+der Gralserzählung.
+
+»Ruhe dort drin! Die Herrschaften schlafen schon!«
+
+Das war der Nachtportier.
+
+»Nein!« brüllte ein Handlungsreisender, der im linken Nebenzimmer
+schlief, »er soll weitersingen. Der Mann singt großartig.«
+
+Die Tür zum rechten Nebenzimmer öffnete sich; die Nachthaube einer
+alten Jungfer erschien, und eine Stimme flötete:
+
+»O, Herr Portier, bitte, lassen Sie ihn weitersingen. Es ist himmlisch!«
+
+»Nein,« sagte der grobe Portier, »es ist nicht himmlisch, sondern es
+ist Nacht. Die Leute wollen schlafen.«
+
+Aus dem oberen Stockwerk rief einer grob die Treppe herunter:
+
+»Was ist denn das für ein Radau da unten? Ruhe will ich!«
+
+Das war August Stumpes erster Erfolg und Mißerfolg in der großen Stadt.
+
+»Publikum!« sagte Cyrill. »Publikum!«
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Vormittag zwischen elf und zwölf Uhr war August Stumpes
+Schicksalsstunde. Der kleine Doktor hatte die beiden mit den Worten
+empfangen:
+
+Ȇber gestern wollen wir nicht mehr reden. Wir wollen in diese Stimmung
+nicht zurückfallen. Ich habe mir den Ärger in meiner Nachtkritik von
+der Leber heruntergeschrieben, und Ihnen ist, wie ich sehe, ja auch
+wieder besser.«
+
+Er führte sie in ein schönes Musikzimmer.
+
+»Sie sollen mir was erzählen,« sagte er; »von dem Musikleben in
+Altenroda sollen Sie mir was erzählen.«
+
+Cyrill erzählte kurz und schlicht von der Gründung und Ausbildung des
+Quartetts.
+
+»Wo und bei wem haben Sie studiert, Herr Dietrich?«
+
+Cyrill gab Auskunft, und der Doktor brummte.
+
+»Und da sitzen Sie in Altenroda? Was machen Sie denn da?«
+
+»Ich warte auf eine Anstellung als Kapellmeister. Ich bin arm und
+muß bei meiner Tante wohnen, die meine einzige Verwandte ist. Einige
+Angebote habe ich gehabt; es waren aber so untergeordnete Institute,
+daß ich lieber in Altenroda weiter darbe. Ich habe auch eine Oper
+geschrieben.«
+
+Der Doktor stand auf und unterbrach Cyrill.
+
+»Oper geschrieben? Als Kapellmeister? Das ist nichts! Kapellmeister
+sollten nie Opern schreiben, Theaterdirektoren und Bühnenleute nie
+Dramen dichten. Wissen Sie, was das ist? Inzucht ist das! Kommen
+meist Wechselbälger heraus! Mache! Technik! Kulissenverwendung!
+Gebrauchsgegenstände +pro loco+! Nein! Ist nichts! Jeder bei
+seinem Fach! Ein General soll nicht zugleich Armeelieferant sein.«
+
+Damit war Cyrill abgefertigt, und August Stumpe kam an die Reihe.
+
+»Singen Sie mir was vor! Die Tonleiter!«
+
+August Stumpe sang die Tonleiter auf do, re, mi ...
+
+»Na weiter! In die zweite Etage! Noch mal von unten an!«
+
+Stumpe sang zwei Tonleitern.
+
+»Also,« sagte der Doktor, »das war in ›a‹. Nun versuchen Sie es mal
+einen halben Ton höher, in ›b‹«.
+
+Als August Stumpe sofort das »b« richtig traf, unterbrach ihn der
+Doktor und sagte:
+
+»Gut! Ich weiß Bescheid! Nun singen Sie mir noch irgend etwas aus einer
+Oper. Was möchten Sie sich wählen?«
+
+»Die Gralserzählung!«
+
+Darüber machte der Doktor ein saures Gesicht. Diese Wahl mißfiel ihm.
+Aber er sagte:
+
+»Meinetwegen. Nach der Seifenlauge gestern ...«
+
+Und er schlug den Klavierauszug zum »Lohengrin« auf. August Stumpe
+sang. Nicht ganz so in Verklärung und Entzückung wie gestern Abend,
+aber doch gut.
+
+Am Schluß sagte der Doktor, dem hinter der Brille die Augen funkelten:
+
+»Also -- das können Sie noch nicht. Selbstverständlich noch nicht. Aber
+in einem Jahre werden Sie es wahrscheinlich können. Nun, mein Lieber,
+das Dachdecken hört jetzt auf, und wenn es allen Bürgern in Altenroda
+in die Bude regnet. Und wenn in der Konditorei unter den Lauben der
+Kaffee verwässert, und wenn alle Journale im ›Löwen‹ verfaulen -- das
+Dachdecken hört auf! Absolut und sofort! In einem Monat sind Sie hier.
+Ich werde für einige Mäzene sorgen, die Ihren Unterhalt bestreiten und
+Ihnen die geeigneten Lehrer verschaffen. Alles andere findet sich dann
+für Sie von selbst.«
+
+Nach einigen Abschiedsworten waren die beiden entlassen.
+
+ * * * * *
+
+Sie saßen in einer kleinen Weinstube. August Stumpe hatte ein
+knallrotes Gesicht. Er hatte Fieber. Seine Lebensstraße war plötzlich
+von glühweißem Sonnenlicht übergossen. Das blendete ihn, der so lange
+im Schatten gelebt hatte. Völlig verwirrt war er. Er tastete nach
+Cyrills Hand; die war eiskalt. Cyrills Aussichten auf eigenes Glück
+waren vernichtet. Der kleine Doktor hatte ihn fallen lassen, und der
+bunte Vogel, den er gezüchtet und gepflegt, auf den er seine Hoffnungen
+gesetzt hatte, flog davon.
+
+August Stumpe versuchte ein Gespräch herbeizuführen, es mißlang.
+
+»Lassen Sie mich!« sagte Cyrill verstört, »ich muß mich erst darein
+finden!«
+
+»In was müssen Sie sich finden?«
+
+Cyrill gab keine Antwort. Er sank in die Sofaecke der kleinen Nische,
+in der sie saßen, und schloß die Augen. Ganz ruhig saß er. Nur die
+Brust zuckte manchmal in innerem Krampf.
+
+Der Kellner legte leise ein paar Zeitungen hin. Der Dachdecker sah
+eine Weile bestürzt und verängstigt auf Cyrill, dann glaubte er,
+der schlafe, und er blätterte vorsichtig, um kein Geknittere zu
+verursachen, in einer Zeitung. Da fand er die Nachtkritik des Doktors
+über die »Lohengrin«-Aufführung.
+
+»In einer kleinen Dingsda-Stadt lebt ein Dachdecker, der musikalisch
+ist und durch einen Zufall zu einer sachgemäßen musikalischen
+Ausbildung gekommen ist. Dieser Mann wandte seinen kargen, auf
+halsbrecherischem Höhengelände erworbenen Lohn an, um mal in unserer
+Oper den ›Lohengrin‹ zu hören. Der Unglückswurm geriet in die
+Aufführung, in der gestern Herr Edmund Tolschmusen auf Engagement
+als Lohengrin debutierte. Und dem musikalischen Dachdecker wurde
+schlecht. Man stelle sich vor: ein Dachdecker, ein reiner Tor, ein Hans
+Kuckindiewelt, einer, der auszog, um das selige Gruseln zu lernen,
+dem wurde schlecht, der mußte sich in die Retirade flüchten, weil
+Herr Edmund Tolschmusen so übererbärmlich sang, daß dem musikalischen
+Naivling die Magenwände rebellierten. Herr Edmund Tolschmusen soll mal
+nach Dingsda fahren und sich ein Konzert anhören, in dem der Dachdecker
+singt, damit er eine Ahnung kriegt, wie gesungen werden muß. Oder wenn
+er so viel Kunsteifer nicht aufbringt, soll er sich kurzerhand als
+Kikerikihahn auf einen Misthof vermieten. Vielleicht zieht unser Herr
+Intendant, der ihn zum Probesingen einlud, als Hühnerwärter gleich mit.
+Fürs Krähen und Gackern interessiert er sich ja sicherlich.«
+
+Großstädter sind an solche deutliche und witzige Kunstkritiken ja
+gewöhnt; aber dem Kleinstadtmann verschlug's den Atem.
+
+Mit entseeltem Gesicht starrte August Stumpe das Zeitungsblatt an. Er
+las die »Kritik« ein zweites und drittes Mal, spuckte, kratzte sich am
+Halse und an den Beinen und wurde nur immer verwirrter. Himmelangst
+wurde ihm; als sei er verhext, so kam er sich vor. Was war denn das?
+Was bedeutete denn das? Der Dachdecker war ja doch wohl er selbst? Aber
+wer war denn der Kikerikihahn?
+
+Cyrill Dietrich erhob sich plötzlich.
+
+»Also, lieber Stumpe, ich bin wieder bei mir. Ich hoffe, ich werde
+darüber hinwegkommen. Stoßen Sie mit mir an. Ich gratuliere Ihnen
+aufrichtig und herzlich. Ich freue mich, daß ich der Kunst einen
+solchen Jünger wie Sie habe zuführen können. Sie werden nun bald ganz
+im Lichten sein, und ich werde in Altenroda Klavierstunden geben
+müssen. Ich sagte es Ihnen schon gestern -- der eine erster, der andere
+dritter Klasse. Das ist nun mal so im Leben.«
+
+Da faßte August Stumpe ein unsinniger Zorn, als ihm klar wurde, daß er
+aufsteigen, sein bisheriger Lehrer aber in der Tiefe bleiben solle. Er
+verschüttete sein Weinglas und sagte:
+
+»Wissen Sie, was der Doktor ist? Ein Schuft! Wissen Sie, was er in
+seiner Zeitung geschrieben hat? Ich bin ein Tor, der Tenorist von
+gestern Abend ist ein Kikerikihahn. Und Sie läßt er sitzen! Und von
+mir sagt er, mir sei schlecht geworden, weil es im Theater so schlecht
+war; dabei ist mir schlecht geworden, weil es überaus herrlich war. Der
+Idiot! Ich gehe jetzt zu ihm und hau ihm eins in die Schnauze.«
+
+Der zarte Cyrill bemühte sich ganz vergebens, den riesigen Dachdecker
+aufzuhalten. Der empörte Mann riß sich los und stürmte davon. Die
+Kellner wunderten sich sehr über diesen Gast.
+
+Cyrill konnte nichts tun, als den Doktor telephonisch auf das
+vorbereiten, was ihm bevorstand. Ein kollerndes Lachen rollte Cyrillen
+durch den Telephonhörer als Antwort ins Ohr.
+
+»Na, also, wenn er aufbricht, um einen Kritiker zu hauen, ist er ja
+doch der geborene Bühnenkünstler! Das ist eine neue Talentprobe. Lassen
+Sie ihn kommen! Und Sie, kommen Sie auch noch mal zu mir, Sie sind ja
+eigentlich der +spiritus rector+ von der ganzen Geschichte. Einer,
+der aus einer Dilettantensache so etwas machte, wie Ihr Quartett, der
+ist ja sicher ein Kapellmeister. Der muß intelligent und vor allem
+sehr fleißig sein. Fleißig -- das ist eine gute Eigenschaft für einen
+Kapellmeister. Nur das eine tun Sie sich selbst zu Gefallen: sagen Sie
+niemand, daß Sie eine Oper komponiert haben.«
+
+Nach einer Stunde saßen Cyrill und August wieder zusammen.
+
+August Stumpe hatte ein friedliches Gesicht.
+
+»Na,« sagte er, »es war ganz nett. Gehauen haben wir uns nicht. Ich
+habe ihm bloß ordentlich meine Meinung gesagt, daß es gestern im
+Theater großartig war, und daß mir so schlecht geworden ist, weil
+es eben so großartig war. Und da hat der Doktor so gelacht, daß ich
+dachte, er erstickt. Aber dann hat er gesagt: ›Stumpe, Irren ist
+menschlich. Ich habe mich in Ihnen geirrt. Wenn Sie mir gestern
+abend das gesagt hätten, was Sie mir jetzt sagen, hätte ich Sie nie
+und nimmer eingeladen. Ich hielt Sie aber für ein psychologisches
+Monstrum. Stumpe, Sie sind kein Monstrum. Doch ein guter Sänger können
+Sie werden; das habe ich inzwischen festgestellt. Und so bleibt alles
+beim alten, und Ihren Meister Cyrill werde ich auch unterbringen. Ich
+hab' schon was für ihn in Aussicht.«
+
+Schön wurde es in der kleinen Weinstube! Nachmittags um vier machten
+Cyrill und August Bruderschaft.
+
+Darauf ging August Stumpe an einen Kellner heran, zerrte ihn am Ärmel
+in eine Ecke und sagte:
+
+»Ach, verzeihen, Sie, Herr Nachbar, können Sie mir sagen, wieviel
+eigentlich so eine Flasche Champagner kostet?«
+
+Der Kellner grinste.
+
+»Das kommt auf die Marke an. Französischer Sekt etwa achtzehn Mark.«
+
+»Warten Sie mal!« sagte August Stumpe, zog sein Portemonnaie heraus,
+zählte sein Geld, rechnete umständlich auf einem Zettel mit Bleistift
+etwas aus und sagte dann:
+
+»Es langt! Bringen Sie eine!«
+
+Der Kellner berichtete am Büfett, daß ein solch ländlicher Blödling,
+wie dieser Gast war, der den Sekt bestellte, noch in keiner Weinstube
+der Welt aufgetaucht sei. August und Cyrill aber saßen sich glückselig
+gegenüber, nannten sich du, hatten miteinander und durcheinander
+gesiegt. Und einmal bückte sich August schnell nieder und küßte dankbar
+Cyrills feine weiße Dirigentenhand.
+
+ * * * * *
+
+Als die beiden nach Altenroda heimkamen, fand jeder auf seiner Stube
+eine gedruckte Mitteilung vor, die niederschmetternd war.
+
+Der Apotheker zeigte die Verlobung seiner einzigen Tochter Sabine mit
+dem Provisor seiner Firma an.
+
+Sie waren mit dem Abendzug spät eingetroffen. Nun kam eine trostlose
+Nacht. Jeder war einsam für sich mit seiner Verzweiflung. Jeder saß vor
+dem schrecklichen kleinen Blatt, das den Verlust des Liebsten auf der
+Welt kundtat; jeder hatte wildes Weh im Herzen; jeder war vom Himmel in
+die Hölle gefallen.
+
+Was war der herrlichste Weg, der sich wie durch ein Wunder erschlossen
+hatte, wenn das selige Ziel, zu dem er führen sollte, für immer
+verschwand?
+
+Das Naturkind, den Dachdecker, packte es am schlimmsten. Er dachte an
+nichts weiter, als daß es aus sei mit aller Lebenshoffnung, daß er nie
+mehr singen würde, daß er sterben müsse.
+
+Gegen Mitternacht hielt es August nicht mehr aus in seiner Einsamkeit.
+Er wußte niemand, dem er sich anvertrauen konnte, als Cyrill. So
+verließ er das Haus, um, wenn es möglich wäre, noch zu Cyrill zu
+gelangen. Und August begegnete Cyrill auf der menschenleeren,
+nächtlichen Straße.
+
+Sie erschraken vor einander.
+
+»Ich wollte zu dir!«
+
+»Und ich zu dir!«
+
+Cyrill erkannte blitzschnell, wie es um den Dachdecker stand; der
+Natursohn ahnte von dem andern auch jetzt noch rein nichts. Er war nur
+von seinem eigenen Herzeleid überwältigt, fiel Cyrill um den Hals und
+begann laut zu schluchzen. Wie weichmütig war doch dieser starke junge
+Mann!
+
+Cyrill stand steif und still. Wie ein Steinbild stand die
+feingliederige Gestalt, an die sich der weinende Riese lehnte.
+
+»Komm mit mir!« sagte er erst nach einer ganzen Weile.
+
+Sie gingen durch den Frühlingssturm. Wolken jagten über ihnen, löschten
+alte Sterne aus und enthüllten neue Sterne.
+
+In Cyrills Stube saß der Dachdecker auf dem kleinen roten Plüschsofa.
+Er saß mit gefalteten Händen und sagte mit ernster Feierlichkeit in der
+Stimme:
+
+»Cyrill, du bist mein Freund geworden. Dir allein kann ich mich
+anvertrauen. Ich kann nicht mehr leben. Ich kann es nicht ertragen, daß
+Sabine einem andern gehört. Ich muß sterben. Aber ich habe noch eine
+alte Mutter. Die ist fromm. Die würde es nicht überleben, wenn der Sohn
+so ein -- ein Selbstmörder wäre. Sie würde glauben, daß mich dann der
+liebe Gott auf ewig verwirft.«
+
+Er machte eine Pause. Cyrill saß ihm schweigend und düster gegenüber.
+
+»Ich habe die Sabine zu sehr geliebt,« fuhr der Dachdecker fort. »Ich
+habe die ganze Sache beim Quartett nur ihretwegen mitgemacht; ich habe
+auch bloß ihretwegen zur Oper gewollt. Das ist nun alles aus. Cyrill,
+du weißt, ich habe einen gefährlichen Beruf. Wenn du nun mal hörst,
+der August Stumpe ist abgestürzt, da weißt du Bescheid. Du sollst es
+wissen, sonst soll es niemand wissen, vor allen Dingen nicht meine
+Mutter. Aber eine soll es noch wissen -- Sabine! Der sollst du es
+einmal heimlich sagen. Sie soll wenigstens einmal eine halbe Stunde um
+mich leiden.«
+
+Cyrill sagte auch jetzt noch nichts. Er setzte sich an sein altes
+Klavier und begann ganz leise zu spielen. Der Dachdecker lag lang auf
+dem Sofa. Was sich bei ihm in naturwüchsiger Heftigkeit entlud, ging
+in stiller Qual auch durch Cyrills Seele. Der spielte wohl eine Stunde
+und länger. Dann stand er auf. Er war sich seiner Dirigentenpflicht
+bewußt geworden. Er durfte nicht dulden, daß jener andere dort die
+schöne Symphonie seines Lebens umwarf und vernichtete. Er war wie jener
+in Irrnis und Wirrnis, aber er war der berufene Führer, der den andern
+befreien mußte.
+
+Cyrill zog eine Schublade auf, nahm ein Notenblatt heraus und legte es
+vor August Stumpe hin.
+
+»Da -- lies das!«
+
+Der starrte erst geistesabwesend auf das Blatt. Als er aber den Namen
+Sabine sah, griff er gierig zu.
+
+»Daß ich dich liebe ...« -- »Sabine gewidmet.«
+
+Und er las den Text. Verwirrt fragte er.
+
+»Was bedeutet das? Ist das Lied von dir?«
+
+»Ja.«
+
+»Und es ist auf Sabine gemacht? Dieses Liebeslied?«
+
+»Ja.«
+
+Der Dachdecker sprang auf.
+
+»Dann hast du ja auch -- du auch ...«
+
+Seine Augen glommen feindselig, seine Fäuste ballten sich. Cyrill stand
+ganz ruhig da.
+
+»Ja, ich habe sie auch geliebt. Ebenso sehr wie du. Und bin nun ebenso
+um mein Glück betrogen wie du.«
+
+»O Gott! -- O Gott!«
+
+Der Dachdecker sank auf das Sofa zurück.
+
+»Und -- und was wirst du tun?«
+
+»Ich werde mir nicht das Leben nehmen. Ich habe eine andere Ansicht
+von dem, was ich noch im Leben zu tun habe, eine andere Ansicht von der
+Kunst als du. Gewiß, ich habe jenes Mädchen geliebt, aber ich liebe
+noch viel mehr die Musik. Der werde ich treu bleiben; die wird jetzt
+meine Braut sein. Die ist jeden Tag schön, jeden Tag lieb, jeden Tag
+tröstlich, jeden Tag die beste Gefährtin. Die wird nie alt.«
+
+»Ja du -- ja du!« rief der Dachdecker leidenschaftlich. »Du bist ein
+großer, gelehrter Künstler. Ich bin ein Stümper, ein Anfänger. Außer
+dem, was ich von dir kann, kann ich nichts. Für mich ist's aus!«
+
+»Für dich ist's nur aus, wenn du ein ganzer Narr bist! Du bist ein
+Anfänger. Aber in zwei Jahren wirst du schon an erster Stelle stehen
+und ich an einer zweiten oder dritten Stelle. Wer weiß, ob ich je eine
+erste Stelle erreiche. Aber selbst das, was ich bin und was ich kann,
+werfe ich nicht weg um das schöne Gesicht eines Mädchens.«
+
+August Stumpe saß ganz still da. Nach einiger Zeit sagte er:
+
+»Cyrill, du bist mein Freund, der einzige wahre Freund, den ich habe.
+Du bist hundertmal klüger als ich. Dir werde ich folgen.«
+
+»Sieh,« sagte Cyrill, »wir sind wirklich Freunde. Als uns heute
+unerwartet dieses Unglück traf, lief einer zum andern in seiner Not.
+Und wir begegneten uns mitten in der stürmischen Frühlingsnacht. Das
+hat was zu bedeuten! Wir sollen beieinander bleiben.«
+
+»Ja, das sollen wir,« rief August Stumpe. »Das sollen wir! Ich werde
+alles tun, was du willst!«
+
+Da hatte die Dirigentenseele Cyrills eine zarte Freude über den
+gefügigen Sänger.
+
+»Ich will ganz aufrichtig zu dir sein,« sagte Cyrill; »du warst mir
+anfangs auch nur ein Mittel zum Zweck. Ich erkannte deine Begabung und
+sagte mir, durch dich könne ich wohl selbst zu etwas kommen. Und so ist
+es ja auch geworden, wenn auch etwas anders, als ich es anfangs dachte.
+Wir sind uns auf dem Lebenswege begegnet, und ich glaube, es war für
+beide ein Glück. Und wenn es nun mit Sabine so ganz anders gekommen
+ist, als wir beide es wünschten -- jeder ganz für sich selbst -- so ist
+doch in dem Unglück das Glück, daß wir beide Freunde bleiben können.«
+
+»Ja, richtig,« rief August Stumpe, »wenn ich die Sabine bekommen hätte,
+dann hätte ich ja dich wohl verloren. Und umgekehrt auch. Und das wäre
+schrecklich gewesen.«
+
+»Ja,« sagte Cyrill, »und nun wollen wir beraten, was zu tun ist.«
+
+ * * * * *
+
+Um vier Uhr früh ging der Dachdecker nach Hause und fing sofort an,
+seine Sachen zusammenzupacken. Um neun Uhr hoben die beiden Freunde
+ihre Sparkassenguthaben ab. Um zehn schickten beide einen Blumenstrauß
+mit einer kurzen Gratulation nach der Apotheke.
+
+Gegen Abend verließen Cyrill Dietrich und August Stumpe Altenroda. Ein
+Bote brachte einen Brief in die Apotheke:
+
+»Sehr geehrter Herr Apotheker!
+
+Mein Freund August Stumpe hat Aussicht, bei der Oper anzukommen; ich
+werde wahrscheinlich eine Kapellmeisterstelle erhalten. Wenn Sie
+diesen Brief lesen, haben wir beide Altenroda bereits verlassen.
+Einen Abschiedsbesuch wollten wir nicht machen, um das Glück der
+jungen Braut nicht zu stören. Wir danken Ihnen für die in Ihrem Hause
+empfangene Gastfreundschaft und wünschen, daß es Ihnen gelingen möge,
+die durch unseren Fortzug im Quartett Altenroda leergewordenen Plätze
+neu zu besetzen.
+
+ Cyrill Dietrich.«
+
+Über diesen Brief war sich der Apotheker noch nicht im klaren, als er
+in Zorn und Schmerz bereits die dritte Flasche Burgunder getrunken
+hatte.
+
+Das Sabinchen lag im Bettchen und flennte. Es waren so nette Leute
+gewesen, der Cyrill und der Dachdecker. Und so schöne Musik hatten sie
+gemacht. Eigentlich waren sie netter als der Provisor, den sie bloß
+nahm, daß die Apotheke später nicht in fremde Hände kommen sollte.
+Jetzt würden die beiden berühmte Künstler werden in der großen Stadt.
+Und sie mußte in Altenroda versauern.
+
+Sabinchen flennte.
+
+Und über allem Flennen schlief sie ein, das herzige Köpfchen auf den
+molligen Arm geschmiegt.
+
+Ein kleiner Gott saß auf dem Bettende. Er lächelte ein wenig spöttisch
+und wunderte sich gar nicht, als auch das Sabinchen im Schlaf plötzlich
+mit dem Flennen aufhörte und zu lächeln begann. Der kleine Gott wußte:
+jetzt träumt sie von dem schönen Brautkleide, das sie haben wird. Das
+ist ihr die Hauptsache. Und das hat sich doch gut gemacht, daß die
+keine Künstlerfrau geworden ist. Inzwischen trug der Schnellzug Cyrill
+Dietrich und den Tenoristen August Stumpe fort aus dem Musikleben
+Altenrodas ins Leben der großen Welt.
+
+
+
+
+ Der Schuldturm
+
+ Drei alte Mären
+
+
+ Es gäbe eine dicke Chronik, wenn einer die Geschichte des
+ Schuldturmes von Altenroda aufzeichnete. Denn ob Altenroda auch
+ immer nur eine geringe Stadt war, seine Bewohner waren allzeit ein
+ helles Völklein: voll Biederkeit, aber manchmal, wenn des Teufels
+ Stern regierte, auch voller Grausamkeit. Drei Stücklein sollen hier
+ erzählt werden: das traurige Schicksal des Meisters Michael, die
+ Geschichte vom törichten Kaspar und die Abenteuer des Köhlers vom
+ Eulenwalde, der ein kurioser Mann war, aber doch auch seine bitteren
+ Erfahrungen mit dem Altenrodaer Turme machte.
+
+
+
+
+ Das traurige Schicksal des Meisters Michael
+
+
+Das war in rotgoldener Herbstzeit, am Tage Michaeli, als ein
+Wandersmann mit leichtem Ränzel den Ochsenkopf, der südlich die Stadt
+Altenroda überragt, herunter stieg und an der Wegbiege, wo das Bild des
+heiligen Michael steht, Halt machte. Von dort aus überschaut man die
+ganze Stadt, samt dem Eulenwalde, der grünen Aue und der Poststraße,
+die in die Ferne führt.
+
+Der Wanderer, der aus dem Dunkel der Bäume trat, und plötzlich das
+schöne Bild vor sich sah, breitete die Arme aus, ein Beben lief über
+seine junge Gestalt, und die braunen Augen wurden feucht. Wohl öffneten
+sich auch die Lippen, sie brachten aber kein Wörtlein hervor. Hätten
+sie sprechen können, es wäre ein einziger Schrei gewesen: »Heimat!
+Liebe Heimat!« So sank der Jüngling ins Herbstgras, lehnte den hübschen
+Kopf an den Sockel des Heiligenbildes und sah in wortloser Seligkeit
+hinunter auf seine Vaterstadt.
+
+Er war lange fort gewesen, über acht Jahre. Als er auszog in die Welt,
+war er ein zweiundzwanzigjähriger Jüngling, und jetzt war er ein
+Mann. Gestern war er dreißig Jahre alt geworden und heute war sein
+Tauf- und Namenstag: Michael. Am längsten war Michael drunten in der
+Stadt Nürnberg gewesen; dort hatte er alle Wunder geschaut, die von
+Malern und Zeichnern, Kupferstechern und Goldschmieden, Baumeistern
+und Gießern verrichtet worden waren. Und nun war Michael selbst ein
+Meister in der Kunst der Uhrmacherei geworden. Sein großes Uhrwerk,
+das er in dreijähriger Arbeit in Nürnberg geschaffen hatte, war von
+den dortigen Meistern mit höchstem Lobe bedacht und von der Volksmenge
+bestaunt worden; der Abt eines reichen Klosters hatte es für gutes Gold
+erworben, und es hatten sich nun allerhand mächtige und reiche Herren
+gefunden, die geneigt waren, den Meister Michael in ihre Dienste zu
+nehmen, sogar des Bayern Kurfürstliche Gnaden und der hochwürdigste
+Herr von Bamberg. Michael aber, dem das Geld des Abtes reich im Beutel
+läutete und dem etwas anderes noch viel schöner im Herzen klang, sagte
+den Herren ehrerbietigsten Dank und begehrte Urlaub, erst einmal in
+seine ferne Heimat zu reisen.
+
+Da saß er nun bei der Bildsäule des Michael und sah hinunter auf die
+liebe Stadt, die ihm draußen in der Ferne tausendmal im Wachen und
+Schlafen erschienen war. Jetzt sah er sie wirklich vor sich, jetzt
+brauchte er nur ein paar hundert Sprünge zu machen, dann war er mitten
+drin in der Heimat.
+
+Aber er blieb sitzen. Es war eine große Scheu in ihm; die Stimme war
+ihm so verschlagen, daß er jetzt denen drunten keinen rechten Gruß
+hätte sagen können.
+
+Auf der Straße fährt der Postwagen mit seinem Gepäck. Das wird eher da
+sein als er; wird ihn wohl unten schon anmelden.
+
+Verspätete Schwalben ziehen nach Süden. Wie können sie fortfliegen von
+Altenroda? Ist es nicht besser, hier zu frieren, als anderwärts in
+Sommer und Sonne zu sein? Eine warme, wonnige Stunde verrinnt noch.
+
+Da -- wer kommt den Berg herauf -- wem geht er entgegen wie ein
+Taumelnder -- welch süßes Traumbild umfängt sein Blick?
+
+»Elisabeth!«
+
+Sie hängt leise weinend an seinem Halse, und er steht da und atmet
+schwer, und er schaut empor und sieht nichts als lauter Himmel.
+
+Als er ihr ins Auge schaut, weiß er: Treue und Reinheit hat sie bewahrt
+durch acht lange Jahre.
+
+»Ist es wahr?« fragt er endlich.
+
+»Ja! Komm heim!«
+
+ * * * * *
+
+Der Ruf von Michaels Meisterschaft war nach Altenroda gedrungen, und
+die Stadt war stolz darauf, daß einer ihrer Söhne sich in der großen
+Welt solchen Ruhm erworben hatte. So wurde nun Michael mit allen Ehren
+aufgenommen; jedermann wollte sein Freund und Gevatter sein, und der
+Tuchkaufmann Degener hörte auf, seiner Tochter Elisabeth zu zürnen,
+daß sie auf den fahrenden Gesellen acht Jahre gewartet hatte. Da des
+Mägdleins Truhe gefüllt und der Hausrat gerichtet war, wurde die
+Hochzeit schon einen Monat später mit viel Feierlichkeit und fröhlichem
+Gepränge und Gespiel begangen.
+
+Eine Bedingung hatte der Schwieger für Einwilligung in so rasche Ehe
+jedoch gestellt. Er war Ratsherr, und also brachte er selbst an Meister
+Michael den Wunsch des Rates der Stadt, welcher folgender war:
+
+»Michael, du bist ein großer Meister der Uhrmacherkunst. Du sollst
+für deine Vaterstadt eine Uhr erbauen, wie sie keine Stadt im ganzen
+Deutschen Reiche besitzt. Der Ruhm Altenrodas soll überall im Lande
+bekannt werden, und viele Fremde sollen kommen und deine Wunderuhr
+anstaunen. Nachdem die Bürger von Altenroda in harten Kämpfen mit den
+Ritter von Runkelstein diesen den Eulenwald und die grüne Aue wieder
+abgenommen haben, erfreut sich die Stadt solchen Wohlstandes, daß sie
+dich für deine Arbeit ebenso reich entlohnen kann, wie ein fürstlicher
+oder geistlicher Herr.«
+
+Da sprach Meister Michael: »Ich hab' ein groß Werk im Kopfe. Wenn ich
+es mit der Gnade Gottes zu gutem Ende führe, wird eine Uhr entstehen,
+wie sie keine Stadt im Deutschen Reiche besitzt, ja nicht einmal der
+König von Spanien oder der Papst zu Rom. Und ich wüßte niemand, dem ich
+die Uhr lieber vergönnen würde, als der ehrenhaften Stadt Altenroda,
+die meine liebe Heimat ist.«
+
+Als diese Worte bekannt wurden, war große Freude in Altenroda, und das
+Lob Meister Michaels war in aller Munde.
+
+Sieben Jahre baute Michael an der Uhr. Er versenkte sich ganz in
+sein Werk, ging sehr selten unter Menschen, was ihm wohl den Ruf
+eines fleißigen Meisters, aber auch eines sonderbaren, wenn nicht gar
+hochmütigen Menschen einbrachte. Frau Elisabeth allein war seine stille
+Genossin. Sie hatte keine Kinder, aber sie war selbst wie ein stilles
+Kind, dessen Gegenwart auch dann den Meister nicht störte, wenn er tief
+im Grübeln war, wenn er rechnete, maß, zirkelte, probierte, wenn er mit
+kunstgeübter Hand Rädchen feilte, geheime Federn spannte oder Wellen
+einsetzte.
+
+Nach sieben Jahren, just wieder am Michaelisfeste, war die Uhr fertig
+und in den Rathausturm eingebaut. Vier breite Abteilungen lagen
+übereinander. Die oberste und größte zeigte die Allmutter, die Sonne.
+Um die Sonne drehte sich die Erde und um die Erde der Mond. Und es
+waren nicht nur die Stunden und Minuten zu sehen, wie bei jeder Uhr,
+sondern auch Tag und Jahr waren verzeichnet und sollte selbst in
+einem Schaltjahr niemals ein Irrtum im Datum vorkommen. Sodann gab
+die Uhr die Mondviertel an und sollte auch in hundert Jahren noch
+alles damit stimmen. An der Umdrehung der Erde um die Sonne waren die
+vier Jahreszeiten zu erkennen und konnte jedermann deutlich sehen, in
+welchem Winkel die Sonnenstrahlen auf die Stadt Altenroda fielen, deren
+Platz auf dem Globus durch einen glitzernden Demantstein bezeichnet war.
+
+In der zweiten Abteilung waren Licht und Nacht verkörpert als die
+Symbole von Gut und Böse. Im linken und rechten Seitenfelde lauerten
+Satanas und andere Geister der Finsternis. Öffnete sich aber am
+Morgen das Mitteltor, dann erschien Michael, der lichte Sieger des
+Himmels. Seine strahlenden Augen waren auf die Stadt gerichtet, deren
+Schutzpatron er war, auf silbernem Schilde standen mit goldener Schrift
+die Worte: »+Quis ut deus?+« Wer ist wie Gott? Sein Schwert war
+ein flammender Blitz. Wenn St. Michael erschien, schön wie der junge
+Tag, dann verkrochen sich Satanas und die andern Geister der Finsternis
+in die tiefsten Schatten. Um Mittag erschienen auf dem dritten Felde
+würdevoll einer nach dem andern die zwölf Apostel: Petrus mit den
+Schlüsseln des Himmelreiches, der greise, gebückte Andreas mit seinem
+Kreuze, Jakobus mit der Keule, der zarte Johannes, der Liebling des
+Herrn, und so die ganze Reihe durch, bis Judas mit dem Geldsack die
+heilige Reihe unheilig abschloß.
+
+Auf dem untersten Felde kamen zur Abendzeit die heiligen drei Könige
+gegangen. Man sah ihnen an, daß ihr Weg ein weiter gewesen war. Müde
+ließen sich die Kamele am Halftergurt ziehen. Aber die drei Männer,
+die das Heil der Welt suchten, schauten gläubig und mutig gerade aus.
+Und siehe, ihr Ziel war nahe. Ein Stern senkte sich auf ein niederes,
+mit Stroh gedecktes Haus und blitzte golden auf. In das Strohhaus
+gingen die Weisen aus dem Morgenlande hinein. Der Stern aber leuchtete
+wie ein ewiges Lämplein die ganze Nacht. Damals sagten die Mütter von
+Altenroda, wenn die Kinder nicht schlafen wollten: »Pst! Am Rathaus hat
+das Christkindlein schon sein Licht angezündet!« Dann huschelten sich
+die Kleinen ins Bettchen und schliefen artig ein.
+
+Zur Mitternacht aber, wenn die Sterne feierlich flimmerten oder auch,
+wenn der Sturmwind die Wolken jagte, erklang vom Turme die Weise eines
+Chorals, der in Altenroda damals gesungen wurde:
+
+ ~Herr über Tag und Nacht,
+ Herr über Schlaf und Wacht,
+ Herr über Glück und Not,
+ Herr über Leben und Tod,
+ Herr über alle Zeit --
+ Preis dir in Ewigkeit!~
+
+ * * * * *
+
+Als dieses Wunderwerk einer Uhr der Stadt übergeben wurde, geriet
+alles vom Bürgermeister und Ratsherrn an bis zum ärmsten Werkelmann
+und bis zum kleinen Jungen in einen Taumel von Freude. Vom frühen
+Morgen, als St. Michael erschien, bis über den Mittag der zwölf Apostel
+hinweg stand die Menge vor dem Rathause; sie stand noch, als die drei
+Weisen am Abend müde Einkehr hielten; sie wich nicht vom Platze, bis um
+Mitternacht der Choral ertönte:
+
+ ~Herr über alle Zeit,
+ Preis dir in Ewigkeit!~
+
+Der Gesang brauste zum sternklaren Himmel, und es zeigte sich, welch
+gewaltiger Prediger ein wahrer Künstler sein kann; denn als die Uhr
+sang und als die Menschen sangen, da ging eine tiefe Erschütterung
+durch alle Seelen; Tränen flossen, Männer schluchzten; alles Niedere
+fiel ab vom Volke; Meister Michael hob die Herzen mit seinen Händen bis
+an den Himmel.
+
+Freudentage folgten. Wie ein König ging Michael durch seine
+Heimatstadt, und neben ihm blühte als schlichte Blume Frau Elisabeth an
+seinem Wege.
+
+ * * * * *
+
+Meister Michael war nach der Menschen Meinung auf dem Gipfel des
+Glückes angelangt. Der Rat der Stadt hatte freiwillig die ausbedungene
+Summe für die Uhr zu des Meisters Ehr und Nutzen weit erhöht; der
+Schwieger war gestorben und hatte der einzigen Tochter sein schönes
+Patrizierhaus und sein stattliches Vermögen hinterlassen. Michael besaß
+alles, was nach der Menschen Meinung erstrebenswert ist: Ruhm, Geld,
+Liebe. Dazu war er gesund und schien wie ein kerniger Baum im Walde.
+
+Ein Jahr lang ruhte der Meister von seiner Riesenarbeit aus. Dann
+aber wurde er unruhig. Zwecklos erschien ihm das Leben; öde und leer
+schleppten sich die Tage dahin. Auch seine Frau vermochte nicht, ihn
+zu trösten. Sie war kein Spielzeug, und er war nicht der Mann, um
+zu spielen. Immer mehr wuchs in ihm der Durst nach Arbeit. Zuletzt
+marterte er ihn Tag und Nacht. Michael saß einsilbig bei seiner Frau,
+er war mißmutig gegen die Freunde, die ihn besuchten; er wurde zornig,
+wenn jemand die Uhr als sein großes Lebenswerk pries. Schließlich griff
+die schlechte Seelenstimmung auch den Körper an. Müde ging Michael
+einher, er hatte keine Freude an Speise und Trank, und selbst in das
+schönste Abendrot sah er mit leeren Augen.
+
+Qualvoll waren die Nächte. »Was schlafe ich denn, da ich doch nichts
+getan habe, da ich doch nicht müde sein, kann?« fragte er sich. Wenn
+der Choral vom Turme klang, hielt er sich die Ohren zu. Schließlich
+haßte er sein eigenes Werk. Er ging nie wieder an der Uhr vorüber,
+sah die Kinderschar nicht, die dort hockte wie vor einem wunderbaren
+Spielzeug.
+
+Spielzeug! Jawohl, das war es: ein kunstvolles, sauber gearbeitetes,
+frommes Spielzeug. Sonst nichts! Eines Mannes, eines Meisters nicht
+würdig. Kein Werk, neben dem die eigene Seele in Dankbarkeit vor Gott,
+der es gegeben hat, niederkniet. Nur ein artiges Spielzeug! Kein
+Meisterwerk!
+
+Der Gram fraß an Meister Michael, und die Quelle all dieses schweren
+Mißbehagens war seine Untätigkeit. Was sollte er tun? Tand fabrizieren
+für Stutzer und eitle Weiber? Kleine Kirchengeräte schaffen, die jeder
+andere auch recht gut machen konnte? Bürgermeisterketten erfinden,
+Krummstäbe ziselieren, Schnallen an Herzogsmäntel machen, Degengriffe
+für Erbgrafen, Wappen für Ritter, die nicht lesen konnten?
+
+Nein! In solchen Kleinkram fand sich Michaels Seele nicht zurück. Sein
+Gedanke war immer und immer nur die Uhr. So hineingreifen ins All, die
+Blicke der Sonne belauschen, aufhorchen, wie sich die Erde langsam
+durch das Universum rollt, und jede Sekunde wissen, wo sie gerade ist,
+die Schrittlein abmessen, die der Mond um die Erde macht, und den alten
+Nachtwandler auch nach Hunderten von Jahren noch genau zur Stunde
+ertappen mit halbem oder ganzem Gesicht -- ja, das alles hatte er schon
+vermocht. Ach, er mußte darüber hinaus! Das Firmament, oder doch ein
+großer sichtbarer Teil! Den Abendstern aufleuchten und als Morgenstern
+wiederkehren lassen, den roten Mars bringen und den königlichen
+Jupiter, den Himmelswagen fahren und den Polarstern als unverrückbaren
+Punkt darüber leuchten lassen, die Plejaden, den Orion auf- und
+untergehen lassen, dem armen Menschen sagen: sieh, so Gewaltiges ist
+über dir und um dich, und du bist so klein, und es ist alles in großer,
+ewiger Ordnung, und nur dein armes kleines Herz kannst du nicht in
+Ordnung bringen. Das war Michaels Traum.
+
+Frau Elisabeth versuchte mit sanfter Hand die Fieber des Mannes zu
+kühlen -- es gelang ihr nicht. Trübsinnig wurde der Meister, zuletzt
+war er krank.
+
+Aber eines Tages, nachdem er vom Morgen bis Abend draußen im Eulenwalde
+ganz einsam gewesen war, kam er lachend zurück, umarmte sein Weib und
+sagte:
+
+»Elisabeth, ich habe es zwar noch nicht, aber ich ahne es. Und da ich
+es ahne, werde ich es eines Tages wissen, und dann wird es sein!«
+
+ * * * * *
+
+Ja, eines Tages wußte er sein neues Werk. Er sprach zu niemand davon,
+nicht einmal zu seiner Frau. Und er ging auf eine weite Reise. Als er
+zurückkam, sagte er:
+
+»Elisabeth, ich war in Wien. In der Kaiserstadt. Ich habe dort gute
+Aufnahme gefunden. Nun wollen wir nach Wien ziehen, und dort werde ich
+mein neues Werk schaffen. Es wird anders sein als das von Altenroda.«
+
+Zu den Vätern der Stadt aber sprach Meister Michael also:
+
+»Ihr Herren, ich habe für unsere Stadt eine Uhr geschaffen, die euer
+Lob gewann. Ich bitte euch, daß ihr mich nun in Frieden entlasset.
+Ich will nach Wien gehen und dort eine neue Uhr schaffen, die mein
+Meisterstück werden soll.«
+
+»Dein Meisterstück?« fragte der Bürgermeister finster; »hast du nicht
+für uns dein Meisterstück geschaffen?«
+
+»Ach, edle Herren, ich habe noch nicht das Höchste getan, das ich
+vermag. Eure Uhr ist -- wenn ich das ohne Überhebung sagen darf --
+meine gute Gesellenarbeit; das Meisterwerk aber steht noch aus. Lasset
+mich nach Wien ziehen, damit ich es dort schaffe.«
+
+Da entließen die Ratsherren den Meister, beriefen ihn aber am nächsten
+Tage aufs neue.
+
+»Meister Michael,« sagte der Bürgermeister, »du hast uns eine Uhr
+geschaffen, die ohnegleichen ist. Wir haben Vertrag mit dir gemacht,
+daß es die schönste Uhr in allen deutschen Landen sein soll. Das ist
+sie bis jetzt; nichts geht über sie. Der Ruhm dieses Kunstwerkes und
+damit dein Ruhm und der Ruhm deiner Vaterstadt geht durch das ganze
+Land. Willst du uns diesen Ruhm nehmen, willst du deinen Vertrag
+brechen?«
+
+Da weinte Meister Michael und sagte:
+
+»Ihr Herren, verachtet mich, hasset mich, nennet mich undankbar,
+ehrvergessen der großen Wohltaten, die ich durch euch empfing --
+ich kann nicht anders, ich muß mein Werk verrichten, ein Werk, das
+Altenroda nicht ertragen könnte. Lasset mich um der Barmherzigkeit
+Gottes und um der Kunst willen in Frieden nach Wien gehen und dort mein
+Werk tun!«
+
+Bürgermeister und Ratsherrn blickten düster, entließen den Meister und
+beriefen ihn auf den nächsten Tag. Sie legten ihm eine Schrift vor und
+begehrten strenge von ihm, daß er sie unterzeichne. Die Schrift lautete:
+
+»Ich, Meister Michael Grünhuber, schwöre bei Gott, bei meiner
+Seligkeit, bei der Ehre meiner Frau, bei der Ehre meiner Mutter und bei
+meiner eigenen Ehre, daß ich, solange ich lebe, niemals ein Uhrwerk
+anfertigen werde, das der Uhr in meiner Vaterstadt Altenroda gleichkäme
+oder sie gar überträfe.«
+
+Der Meister weigerte die Unterschrift. Er bat, er weinte, schrie und
+wurde schließlich in den Turm abgeführt.
+
+Dort saß er drei Jahre. An jedem dritten Tage wurde ihm die Schrift
+wieder vorgelegt und ihm sofortige Freiheit in Aussicht gestellt, wenn
+er sie unterschriebe.
+
+Einmal wurde er der Haft entlassen. Da lag Frau Elisabeth im Sterben.
+Er bettete ihr müdes Köpfchen an seine Brust, sog mit einem langen
+Kusse ihre entfliehende Seele auf und bestattete sie zu Grabe. Dann
+mußte er in den Turm zurückkehren.
+
+Fünf Tage nach Elisabeths Begräbnis unterschrieb Michael das Dokument
+des Rates der Stadt.
+
+So wurde er aus der Haft entlassen und ging, ohne einen Menschen
+anzusehen, nach seinem Hause.
+
+Er lebte still drei Monate dahin und verließ das Haus nur, um Blumen
+auf Elisabeths Grab zu tragen.
+
+Im vierten Monat wollte der Meister nach Wien entfliehen. Unter
+dem Wams trug er den großen Plan zu seinem Meisterwerk, den er in
+drei Kerkerjahren ausgedacht und in drei Monaten seiner Freiheit
+aufgezeichnet hatte.
+
+An der Grenze des Stadtgebietes wurde er gefangen.
+
+Der Rat der Stadt erkannte den Meister Michael Grünhuber schuldig des
+Vertragsbruches, schuldig des Meineides, womit er gefrevelt habe gegen
+Gott, gegen seine Seligkeit, gegen die Ehre seiner Frau, gegen die Ehre
+seiner Mutter wie gegen seine eigene Ehre, erklärte ihn für schimpflich
+und aller bürgerlichen Ehre verlustig und verurteilte ihn zur Strafe
+der Blendung, damit es ihm nie wieder einfalle, seinen Vertrag zu
+brechen und die Stadt Altenroda des Ruhmes zu berauben, die beste Uhr
+in deutschen Landen zu besitzen.
+
+Es geschah.
+
+Meister Michael wurde des Lichtes beider Augen beraubt. Sein Vermögen
+wurde eingezogen.
+
+Als Bettler zog Michael von Tür zu Tür. Manchmal machte er Halt dort,
+wo er wußte, daß im Ratsturme seine Uhr war. Den Lichtengel Michael
+konnte er nicht mehr sehen, die zwölf Apostel nicht mehr, die heiligen
+drei Könige nicht mehr; das ewige Lämplein über dem Stall von
+Bethlehem sah er nicht mehr. Nur in der Nacht sang der Choral in seine
+arme Seele.
+
+Als Michael aber einmal tagelang vor der Uhr stand und gespannt auf
+ihren Schlag lauschte, fragten die Bürger:
+
+»Was hat er? Was ist's um die Uhr?«
+
+Da sagte der Blinde:
+
+»Die Uhr gerät in Unordnung. Führt mich noch einmal hinein.«
+
+Sie taten nach seinem Willen.
+
+Mit blinden Händen tastete sich der Meister in sein Werk.
+
+Als er herauskam, ging die Uhr nicht mehr.
+
+Alles Volk war so erschrocken, daß niemand darauf achtete, wie der
+Blinde entwich.
+
+Kein Mensch hat jemals wieder etwas von ihm gehört. Die Uhr aber geht
+nicht bis auf den heutigen Tag. Kein Künstler späterer Zeit hat sie
+wieder zum Leben zu erwecken vermocht.
+
+
+
+
+ Vom törichten Kaspar
+
+
+Seit Jahrhunderten lebte die Stadt Altenroda in Fehde mit den Rittern
+von Runkelstein. Diese hatten südlich der Stadt, etwa zwei Wegstunden
+entfernt, ihre feste Burg und beunruhigten von da aus nicht nur die
+Kaufleute, die auf der Poststraße gen Altenroda fuhren, sondern fielen
+auch des öfteren keck in städtischen Besitz ein. Da gab es Hader und
+Fehde oft jahrelang, bis beide Parteien den Zank satt hatten. Dann
+wurde Friede geschlossen. Die Ritter brachten ihren Kaplan mit, den
+einzigen, der in ihrem Burgbereich lesen und schreiben konnte, und
+auf dem Rathause zu Altenroda wurde alles verhandelt, genehmigt und
+unterschrieben, von den Rittern durch drei Kreuze mittels eines Pinsels
+und roter Tusche, da sie einen Gänsekiel in ihren Fäusten nicht zu
+erfühlen und zu halten vermochten. Es handelte sich in den meisten
+Fällen um Waffenstillstand auf neun Jahre.
+
+Die Hauptsache bei diesen Friedensschlüssen waren die darauffolgenden
+Trinkgelage, bei denen die Ritter den vortrefflichen Weinen, die im
+Ratskeller von Altenroda lagen, so viele Ehre antaten, daß sie in den
+meisten Nächten in ganz leblosem Zustande nach ihren Herbergen gebracht
+werden mußten. Mit der Zeit kamen diese Friedensfeste die Stadt
+kostspieliger zu stehen als der Krieg, weshalb der ganze Rat immer tief
+aufatmete, wenn die teuren Gäste endlich heimzogen.
+
+Die Ritter hielten den neunjährigen Waffenstillstand selten länger
+als neun Wochen; dann fingen die Ärgernisse von neuem an. Es ist kein
+Wunder, daß die Bürger von Altenroda über solch permanente Bosheit in
+gerechten Zorn gerieten.
+
+Als es ihnen daher einmal gelang, den einzigen Sohn des Ritters, den
+Junker Ottokar, auf einem besonders kecken Raubzuge zu fangen, beschloß
+der Rat der Stadt, dieses Mal mit den Runkelsteinern ein für allemal
+aufzuräumen.
+
+Ottokar wurde vor das Gericht gestellt, mit Leichtigkeit vieler grober
+Taten überführt und einstimmig zum Tode verurteilt.
+
+»Indem wir den Junker fällen,« sagte der Bürgermeister, »vernichten wir
+zugleich das ganze Raubgezücht der Runkelsteiner; denn auf des Junkers
+zwei Augen steht das ganze Geschlecht.«
+
+Die Stadtväter berieten nun lange über die Todesart, durch die
+Junker Ottokar sterben sollte. Enthaupten schien ihnen zu sanft und
+glimpflich, ihn henken oder rädern zu lassen, aber bedenklich, da
+sie dann den Zorn des ganzen Adels auf sich laden würden, der solche
+Todesart für einen ihresgleichen als nicht standesgemäß erachten würde.
+
+So fand ein Ratsherr großen Beifall, als er sagte:
+
+»Wir leben im Anfang des Monats August. Der Tag Sancti Bartholomäi,
+welcher der 24. August ist, steht dicht bevor. St. Bartholomäus ist --
+wie ihr Herren wohl wißt -- dadurch zu Tode gebracht worden, daß er
+geschunden wurde. Wir wollen den Junker am Bartholomäustage zu Ehren
+des Heiligen schinden.«
+
+Niemand fiel das Sonderbare dieser Art Heiligenverehrung auf; denn
+es war eine grobe Zeit. Alle waren vielmehr von dem Vorschlag sehr
+befriedigt.
+
+Der alte Runkelsteiner, der um seinen einzigen Sohn in begreiflicher
+Sorge war, selbst zu schwach zu einem offenen Überfall und zurzeit ohne
+Bundesgenossen, schickte einen Boten an die Stadt und bot dreitausend
+Goldgulden Lösegeld für seinen Junker.
+
+Der Rat der Stadt sagte sich: »Nicht drei Goldgulden hat der alte
+Schlauch im Besitz, geschweige dreitausend,« stellte sich aber, äußerer
+Gerechtigkeit wegen, als ob er dem Vorschlag traue, und ließ sagen,
+wenn binnen drei Tagen die dreitausend Goldgulden da seien, wolle man
+sich die Sache wegen seines Sohnes überlegen.
+
+Abermals kam der Bote des Runkelsteiners. Bares Geld, richtete er
+aus, hätte sein Herr eben nicht bei der Hand, wolle aber gerne einen
+Schuldschein unterpinseln und, wenn es sein müsse, mit zehn, nicht nur
+mit drei Kreuzen.
+
+»Wir wollen mit dem Pinsel nichts mehr zu tun haben,« entschied der
+Bürgermeister.
+
+Der Junker Ottokar saß im Turme, und wenn er an den bevorstehenden
+Bartholomäustag dachte, juckte ihn die Haut, und er kratzte sich lange
+und heftig, dachte aber nicht an seine Sünden, sondern nur daran, wie
+er ausrücken und dabei ein ganzes Fell behalten könne.
+
+Zu jener Zeit lebte in Altenroda ein Mädchen namens Rosmarie. Sie
+war die Tochter eines Herbergsvaters, und da der Junker Ottokar beim
+letzten Friedensfeste in ihres Vaters Haus in Quartier gelegen hatte,
+in den Junker tief und schmerzlich verliebt. Hatte es doch der Edelherr
+nicht verschmäht, sie manchmal in die rosigen Wangen zu kneifen oder
+ihren blühenden Mund zu küssen.
+
+Dieses Mädchen aber wurde von Kaspar, dem Sohne des Turmwächters, bis
+zur Unsinnigkeit geliebt. Kaspar war ein schmucker, starker Bursche,
+aber sein Geist war nur von geringen Gaben.
+
+Als das Mädchen Tag und Nacht lang um den Junker geweint hatte und
+den Gedanken nicht mehr ertragen konnte, daß ihm die junge Haut samt
+dem schwarzen Schnurrbarte vom Kopfe gezogen werden sollte, kam sie
+auf einen Rettungsgedanken. Sie berief den Turmkaspar zu sich und tat
+so schön mit ihm, daß der arme Bursche glaubte, er sei plötzlich ins
+Paradies gekommen. Und dann sprach die Schlange:
+
+»Mein schöner, allerliebster Kaspar! Wie gerne wollt ich deine Frau
+werden, wenn du mir nur ein einziges Mal einen Gefallen tun wolltest.«
+
+Kaspar schwur, daß er ihr alle Gefälligkeiten der Welt erweisen, ja,
+daß er Wunder wirken wolle, wenn es nicht anders ginge.
+
+»Wunder brauchst du nicht zu wirken,« sagte das Mädchen, »bloß
+du sollst dem Junker Ottokar, der im Turme sitzt, etwas von mir
+ausrichten, und du sollst ihn in der morgigen Neumondnacht heimlich aus
+dem Gefängnisse herauslassen.«
+
+»Mädel!« schrie der Kaspar. »Wenn ich das täte, gäbe mir mein Vater
+wahrhaftig eine Ohrfeige.«
+
+»Siehst du,« begann das Mädchen zu weinen, »nicht einmal eine Ohrfeige
+willst du für mich wagen und sprichst doch vom Wunderwirken.«
+
+»Eine Ohrfeige will ich schon hinnehmen,« sagte Kaspar, »auch ein paar
+gebrochene Rippen. Aber, Rosmarie, was liegt dir an dem Junker? Liebst
+du ihn?«
+
+Da merkte Rosmarie, daß Kaspar eifersüchtig wurde. Sie sprach nun mit
+hundertspältigen Worten auf ihn ein; erzählte, wie freundlich und
+herablassend der Junker immer zu ihr gewesen sei, und daß sie den
+Gedanken nicht ertragen könne, ihn so grausam gemartert zu sehen.
+
+Kaspar brummte. Er sagte sich: sie liebt ihn! Die Eifersucht fraß an
+seinem Herzen.
+
+Rosmarie senkte das Köpfchen und faltete die Hände. Mit traurigem
+Seufzen sprach sie:
+
+»Wenn du mir also nicht zu Willen bist, so muß der liebe Junker
+dahingehen, und ich sehe schon, daß du dir aus mir nichts machst. Ich
+werde also sterben und dann gewiß nicht deine Frau werden.«
+
+Da begann auch Kaspar zu weinen; denn er konnte das Mädchen nicht also
+kläglich reden hören. Und ob er gleich den Verdacht nicht los wurde,
+daß Rosmarie den Junker lieb habe, so hörte er doch auch, wie schön
+sie zu ihm selbst sprach, und schließlich sagte er sich: Sie liebt uns
+beide. Wenn sie erst meine Frau ist, werde ich dafür sorgen, daß sie
+mich allein liebt.
+
+Also willigte er in den Handel ein, worüber das Mädchen in Seligkeit
+geriet. Sie gab dem Kaspar drei Küsse auf die Backe.
+
+Es wurde nun alles genau beraten, wie das Abenteuer bewerkstelligt
+werden sollte. Kaspar sollte seinem Vater, dem Turmwächter, sobald
+dieser seinen tiefen Abendtrunk getan hatte, die Turmschlüssel stehlen
+und den Junker durch eine Seitenpforte des Turmes ins Freie lassen.
+Rosmarie wollte schon vor Toresschluß die Stadt verlassen und mit einem
+Pferde, das sie von einem verwandten Bauern entlehnen wollte, in der
+Nähe der Turmtüre warten. Kaspar sollte sie dann durch den Turm in die
+Stadt wieder hinein lassen, und in drei Wochen sollte Hochzeit sein.
+
+Abgemacht!
+
+Als der Junker im Turm hörte, daß seine Rettung bevorstand, freute er
+sich gewaltig, fragte aber, was das für eine Herbergstochter sei, die
+ihm so dienstlich sein wolle.
+
+»Ach Gott, doch die Rosmarie,« sagte Kaspar verwundert, »doch die mit
+den roten Backen und den braunen Haaren.«
+
+Der Ritter schüttelte den Kopf. Er sagte, es gäbe mehrere Herbergen in
+Altenroda und also auch mehrere Herbergstöchter. Rote Wangen hätten
+alle und Haarfarben könne er sich nicht behalten.
+
+Darüber freute sich Kaspar. Er sagte sich, der Ritter kann sich auf
+Rosmarie nicht genau besinnen, also wird er sie auch nicht allzu heftig
+lieben, und ich habe sie allein für mich.
+
+Um Mitternacht öffnete Kaspar das Ausfallpförtlein und ließ den Junker
+frei. Alsbald kam mit leisem Jauchzen Rosmarie aus einem nahen Gebüsch.
+Sie führte ein Pferd am Zügel und sprach leise Worte zu ihrem Ritter.
+Der lachte, schwang sich aufs Roß und zog das Mädel blitzschnell zu
+sich in den Sattel.
+
+Kaspar erschrak furchtbar.
+
+»Halt, halt,« schrie er, »was macht ihr? Das ist ja meine Braut!«
+
+Und er hing sich verzweifelt dem Pferde an den Schweif.
+
+»Du Tölpel,« rief der Ritter, »lauf hinter uns her! Komm auf den
+Runkelstein!« Hieb dem Pferde die Faust auf den Hals, daß es aufbäumte,
+ausschlug, davonraste und den armen Kaspar ins Gras schleuderte.
+
+Der lag erst ohnmächtig, dann richtete er sich auf und befühlte seinen
+Schädel.
+
+»Sie ist fort. Er ist fort. Und ich sitze hier!«
+
+Diese drei Tatsachen stellte Kaspar in tiefer Traurigkeit fest. Er war
+von so einfacher Wesensart, daß er sich erst bei Tagesgrauen ganz klar
+wurde, was eigentlich geschehen war.
+
+Da warf sich Kaspar ins Gras und weinte aus Scham und Herzeleid
+darüber, daß die Rosmarie so schlecht war.
+
+Als die Stadttore geöffnet wurden, ging er nach dem Marktplatze und
+wartete auf die Ratsherrn. Die kamen heute früher als sonst, und viel
+Volk war auch schon vor dem Rathause versammelt; denn es war ruchbar
+geworden, daß der Runkelsteiner aus dem Turme entwichen war.
+
+»Was hast du uns zu sagen?« fragte der Bürgermeister, als Kaspar vor
+dem Rate stand.
+
+»Ich will mich beklagen,« sagte Kaspar, »über den Junker Ottokar und
+über das Mädchen Rosmarie. Denn sie haben mich betrogen, und der Rat
+der Stadt soll sie bestrafen.«
+
+»Was haben sie dir denn getan?«
+
+Nun erzählte der törichte Kaspar alles genau, wie es sich zugetragen
+hatte, wie er mit dem Mädchen und dem Junker einen Vertrag gemacht
+habe, daß er den Junker aus dem Kerker lasse und dafür das Mädchen zur
+Frau kriege, und wie die beiden den Vertrag gebrochen und ihn betrogen
+hätten. So sollte nun die beiden auch die verdiente Strafe treffen.
+
+Der Rat der Stadt entschied:
+
+»Der Junker Ottokar und das Mädchen Rosmarie haben abscheulich an dem
+Kaspar gehandelt. Wegen ihrer verwerflichen Gesinnung sollen beide hart
+bestraft werden, so man ihrer einmal habhaft werden sollte. Der Kaspar
+aber, der den gefährlichsten Feind der Stadt aus dem Kerker befreit
+hat, soll gehenkt werden.«
+
+Als der törichte Kaspar dieses Urteil hörte, fiel er um. Sein Herz war
+so voll Liebe, Zorn und Wehe gewesen, daß er gar nicht daran gedacht
+hatte, ihm selbst könne wegen seiner Tat auch etwas geschehen.
+
+Nach Tagen erst in der kühlen Kerkerluft ging ihm alles richtig auf.
+Jetzt dachte er auch daran, daß der Junker gerufen hatte: »Du Tölpel,
+laufe hinter uns her. Komm auf den Runkelstein!« Das war wegen des
+Henkens gewesen, und müßte er wohl gar noch dem Junker wegen seines
+Rates dankbar sein.
+
+Der älteste der Ratsherrn, ein milder Greis, der weit über das Leben
+sah, rückwärts wie vorwärts, sagte in der nächsten Ratssitzung:
+
+»Kaspar ist eine Einfalt. Die Liebe hat sein armes Gehirn stumpf und
+seine Augen so blind gemacht, daß er seine Schuld nicht erkannte,
+wie er ja auch die Gefahr nicht ersah, in die er hineinlief, da er
+sich selbst bezichtigte. Deshalb, ihr Herren, wollet milde mit ihm
+verfahren, damit Gott euch genädig sei und ihr eurer Feinde doch noch
+Herr werdet. Schenket dem Toren die Strafe des Stranges. Sperrt ihn
+eine Zeitlang in denselben Kerker, aus dem er den Junker entließ, und
+dann verbannt ihn aus Altenroda. Wer aus einer solchen Heimat verbannt
+wird, trägt schwere Strafe genug.«
+
+Diesem weisen Rate folgten die Väter der Stadt. Kaspar mußte drei
+Jahre im Turme sitzen und dann mit einem Stecken aus Haselholz, einem
+schmalen Ränzel und zehn Groschen Münze für immer die Stadt verlassen.
+
+Kaspar ist hin und hergewandert in der Welt und endlich unter die
+Söldner eines Fürsten geraten. Auf einem Kriegszuge fand er in einem
+Straßengraben eine sterbende Soldatendirne. Es war Rosmarie. Der Junker
+hatte sie eine Zeitlang auf der Burg behalten und dann verstoßen.
+
+Rosmaries Gesicht war ganz häßlich geworden; nur die Haare waren von
+brauner Seide wie einst.
+
+Als die Arme entschlafen war, grub der Kriegsknecht Kaspar ein Grab,
+legte Rosmarie hinein und sprach ein Gebet, wobei er sein Gesicht gen
+Osten wandte, wo in weiter Ferne die Heimatstadt Altenroda lag.
+
+
+
+
+ Rauchermärchen
+
+
+Im Eulenwalde lebte vor ungefähr zweihundertdreizehn Jahren ein
+Köhler, der als ein guter Mensch anzusprechen gewesen wäre, wenn er
+nicht so lasterhaft geraucht hätte. Und zwar rauchte er Tabakspfeife.
+Dieses Teufelsding verbreitete im Eulenwalde auf eine Meile im Umkreis
+einen solchen Qualm und Gestank, daß die Rehe und Hasen schwarze
+Felle bekamen, der stickende Brodem den Mäusen verheerend in ihre
+Erdwohnungen drang und den Eulen und allen Singvögeln des Waldes die
+Augen tränten. Die garstige Wirkung kam davon her, daß der Köhler nicht
+nur Tag und Nacht die Pfeife kaum ausgehen ließ, sondern, daß auch sein
+Tabak von übler Sorte war. Ein Zug, gegen den Wind geblasen, genügte,
+einem Wanderer der eine Meile weg arglos und gesund seine Straße
+marschierte, plötzlich den Atem zu verschlagen.
+
+Der Tabak hieß Rippentabak. Er bestand aus in Stücke gebrochenen
+Stangen, welche die Pestilenz in sich hatten. (Die Gegend, wo dieser
+Tabak wuchs, ist im Laufe der Zeiten als Strafe Gottes untergegangen.)
+
+Das Schlimmste war, daß der Köhler diese Pestilenz damals nicht
+etwa hübsch behutsam im engsten Kreise behielt, sondern eitel und
+leichtfertig in alle Winde blies. Der Köhler war Kunstraucher. Hatte er
+sich durch einen abgrundtiefen Zug aus seiner Pfeife die Mund-, Nasen-,
+Ohren- und Stirnhöhlen, die Luftröhre, die Lunge, ja den Magensack
+voll Dampf gesogen, so ließ er diesen inneren Reichtum langsam und in
+kunstvollen Formen wieder an die Außenwelt steigen.
+
+Der Köhler rauchte Ringe: kleine, mittlere, große, auch Ringe, die sich
+ineinander verschlangen, er rauchte aber auch Herzen, manchmal eines,
+manchmal zwei, die sich miteinander vereinigten; er rauchte eine Mandel
+Eier; er rauchte die Rechenaufgabe zwei mal zwei gleich vier in der
+Luft; er rauchte einen Reiter; er rauchte Sonne, Mond und Sterne.
+
+Waldkinder, die auf der Suche nach Pilzen und Beeren waren, sahen dem
+Köhler manchmal bewundernd zu. Dann sagte er, wenn er wollte, könnte er
+das ganze Einmaleins rauchen. Das war aber nicht wahr; rauchen hätte
+er's vielleicht können, aber das Einmaleins selber konnte er nicht. Er
+konnte nur zwei mal zwei gleich vier.
+
+Am Rande dieses Waldes lebte in einer hohlen Eiche die Baumgöttin
+Querka. Sie stand bei den Bürgern von Altenroda in hohem Ansehen;
+denn sie beschützte die Stadt vor Blitz und Hagelschlag. Die
+Göttin hatte eine empfindliche Nase, also daß sie sich durch die
+höllischen Rauchschwaden des Köhlers oft belästigt fühlte. Aus großer
+Gutherzigkeit hatte sie lange geschwiegen. Als aber das jüngste
+ihrer drei Kinder den Husten bekam, sagte die Göttin: »Da muß etwas
+geschehen!« -- machte sich auf und ging zum Köhler. Sie war recht lieb
+und artig mit dem alten Brummbart und fragte ihn nebenher, ob er es
+denn nicht so einrichten könne, daß er den Rauch zum Himmel hinauf
+blase, damit er sich dort zu Wolken zusammenballe und vom Winde auf den
+Großen oder Stillen Ozean getragen werde.
+
+Da sagte der Köhler: »Nein, mein Rauch gehört in den Eulenwald!« -- und
+da war wohl auch nichts dagegen zu tun.
+
+Die Göttin aber half sich durch eine List. Heimlich sprach sie über die
+Tabakspfeife einen Zaubersegen, der bewirken sollte, daß alle Figuren,
+die der Köhler rauchte, in der Luft zu Gold wurden.
+
+Richtig, kaum war die Göttin fort, so begann der Zauber zu wirken. Der
+Köhler hatte eben einen stattlichen Ring geraucht und sah zu, wie er
+langsam davonschwamm -- was zu sehen immer des Köhlers größte Freude
+war -- als der Ring plötzlich in der Luft stehen blieb, zu funkeln
+anfing und auf einmal -- kling, kling -- auf die Erde fiel. Der Köhler
+ging herzu, hob einen riesigen goldenen Ring auf, betrachtete ihn, ließ
+ihn an einem Steine klingen und hing ihn sich endlich um den Hals. Dann
+setzte er sich auf den Holzblock zurück, auf dem er immer saß, dachte
+über das Geschehnis nach und rauchte in Gedanken eine Mandel Eier. Als
+die Eier aber kaum bis an die kleine Birke geschwebt waren, blieben
+sie stehen, wurden zu Gold und regneten auf die Erde. Der Köhler hob
+verwundert die Eier unter der Birke auf und sagte: »Nanu!« Darauf ging
+er wieder nach seinem Holzblock und dachte weiter nach, was zur Folge
+hatte, daß plötzlich zwei goldene Herzen aus der Luft fielen. Jetzt
+sagte der Köhler: »Das scheint mir nicht mit rechten Dingen zuzugehen.«
+Aber an sich machte ihm die Sache Freude. Also paffte er sich einen
+ganzen Berg goldener Ringe, Herzen, Sonnen und Eier zusammen. Nur
+mit der Rechenaufgabe war es ein verhextes Ding. Jedesmal fielen die
+Ziffern in falscher Reihenfolge aus der Luft, so daß immer im Grase
+zu lesen stand: zwei mal vier gleich zwei. Darüber ärgerte sich der
+Köhler, und als die Aufgabe immer aufs neue mißriet, kam der Mann
+in so großen Zorn, daß er seine Tabakspfeife faßte und sagte: »Du
+dummes Ding, wenn du nicht mehr ordentlich rechnen kannst, sollst du
+verbrennen!«
+
+Damit schleuderte er die Pfeife ins Feuer des Meilers. Nun konnte der
+Köhler eine ganze Nacht lang nicht rauchen, was ihn so verdroß, daß er
+nach dem goldenen Berge mit dem Fuße stieß.
+
+Die Göttin drüben am Waldrande aber sagte: »Merkt ihr nicht,
+Kinderchen, was heute für gute Luft ist?« Das Kleinste hörte auf zu
+husten, und viele Bäume, die in dem Qualm am Verdorren gewesen waren,
+schlugen mutig wieder aus.
+
+Am nächsten Morgen, als der Köhler aus seiner Hütte trat, sah er
+einen fremden Rittersmann bei seinem Goldhaufen stehen und diesen mit
+Aufmerksamkeit betrachten.
+
+»Was willst du mit dem vielen Golde?« fragte der Ritter.
+
+»Das weiß ich selber nicht!« sagte der Köhler.
+
+»So will ich dir einen guten Vorschlag machen, lieber Mann. Leihe mir
+das Gold gegen einen Schuldschein. Einen Silbertaler als Zins gebe ich
+dir im voraus.«
+
+Der Köhler dachte nach, ob das wohl ein gutes Geschäft sei, und kam zu
+dem Schluß, ein Silbertaler sei nicht zu verachten, da er sich doch
+eine neue Tabakspfeife kaufen mußte. Also willigte er in den Handel
+ein. Der Fremde schrieb etwas auf ein Papier, was der Köhler nicht
+lesen konnte, gab ihm einen Silbertaler und lud das Gold in großen
+Säcken auf seine Maultiere.
+
+»Leb wohl!« sagte er und stieg auf sein Roß.
+
+»Ach, edler Herr,« sagte der Köhler; »es wäre mir halt lieb, wenn ich
+Eure Adresse wüßte.«
+
+»Meine genaue Adresse kann ich dir nicht geben,« sagte der Ritter; »ich
+reite nämlich gerade in den Krieg nach Persien.«
+
+»Ach so,« sagte der Köhler und ließ ihn mit dem Golde ziehen.
+
+Hinterher aber ärgerte er sich und sagte sich, der Fremde habe ihn
+wohl sicherlich übervorteilt. Doch er tröstete sich, daß er sich ja
+jederzeit einen neuen Haufen Goldes zusammenrauchen könne.
+
+Die Sache kam aber anders. Der Köhler hatte sich um drei Groschen
+in Altenroda eine neue Pfeife erhandelt und wollte dem Händler sein
+goldenes Kunststück vorrauchen. Da kam aber nichts zustande als
+Rauchringel, die davon schwebten und die ganze Stadt verpesteten.
+
+Der Rat der Stadt, als er die Sache übel in die Nase bekam, schickte
+eilends seine Büttel aus und ließ den gottlosen Raucher festnehmen. Es
+war nämlich bei schwerer Strafe verboten, innerhalb von Altenroda bis
+zwei Wegstunden über die Stadt hinaus Rippentabak zu rauchen.
+
+Der Köhler wurde vor Gericht gestellt, und es wurde der herbe Spruch
+gefällt: ein ganzes Jahr solle der Sünder im Turme schmachten, bis
+ein Sommer durch seine Hitze, ein Herbst durch seine Stürme, ein
+Winter durch seinen Frost und ein Frühling durch seine Düfte die Stadt
+Altenroda von seinem Tabaksgestank wieder gereinigt habe. Nach zwei
+Wochen schon kam der Beichtvater des Köhlers zum Rat und bat um Gnade
+für den Eingesperrten, der im Turm ohne Rippentabak verschmachten
+müsse, wie ein Fisch ohne Wasser. Der Rat von Altenroda, der immer
+milde und menschenfreundlich war, bestimmte darauf, man solle dem
+Köhler fünfundzwanzig Stockhiebe auf seinen ledernen Hosenboden
+verabfolgen und ihn dann als verwarnt entlassen.
+
+Solches geschah. Als der Köhler sich von den fünfundzwanzig Hieben
+soweit erholt hatte, daß er wieder laufen konnte, kaufte er sich
+einen Zentner Rippentabak, das Pfund zu zwei Pfennigen, und wanderte
+heimwärts.
+
+Im Walde war unterdes große Freude gewesen. Glückselig saß Querka, die
+Göttin, in ihrem hohlen Baum und atmete köstliche Lüfte, die Mäuse
+freuten sich, daß es nicht mehr durch die Ofenröhren ihrer Wohnung
+rauchte, die Felle der Hasen färbten sich auffallend heller und die
+Augenentzündung der Vögel ließ nach.
+
+»Das habe ich alles mit meinem Zauberspruch getan,« dachte Querka;
+»denn goldene Ringe können nicht fliegen.«
+
+An einem Abend aber -- was roch Querka? Was rochen ihre Kinderlein? Was
+schnüffelten die Hasen? Wovor schüttelten die Eulen ihr Gefieder?
+
+Rippentabak!
+
+Es schwebten wieder Herzen, Ringe, Eier und Rechenaufgaben durch den
+Wald. Die Göttin eilte erschrocken zur Köhlerhütte. Richtig, da saß
+er und rauchte; rauchte aber nicht Gold, sondern rauchte Rauch --
+Rippentabaksrauch.
+
+Die kluge Göttin machte sich nun wieder recht lieb und artig an den
+alten Schlot heran und fragte ihn, wo denn die goldenen Ringe seien.
+
+Hätte er verliehen, sagte der Köhler und besäße ein Testimonium
+darüber. Er holte die Quittung des Ritters aus seiner Hütte und zeigte
+sie der Göttin. Diese las:
+
+»Ich bestätige, daß der Köhler vom Eulenwalde der guten Stadt Altenroda
+der größte Esel der Welt ist.
+
+ Kuno von Bimbim.«
+
+»Das ist die Quittung?« fragte die Göttin, »die Quittung für all' Euer
+Gold?«
+
+»Ja,« sagte der Köhler stolz; »es hat alles seine Richtigkeit.«
+
+Die Göttin ließ ihn bei dieser fröhlichen Auffassung und fragte
+schmeichelnd, ob er sich denn nicht etwas gedacht habe, als er
+plötzlich goldene Ringe rauchen konnte.
+
+»Ja,« nickte der Köhler, »das habt Ihr getan.«
+
+»Und wo ist die verzauberte Tabakspfeife hingekommen?«
+
+Der Köhler wies mit dem Daumen nach dem Meiler.
+
+»Da! Verbrannt! Das dumme Ding konnte nicht mehr rechnen. Es rechnete
+zwei mal vier gleich zwei. Und das ist falsch. Das ärgerte mich!«
+
+Nun redete die Fee in den lieblichsten Worten auf den Köhler ein, er
+möge sich doch auch über seine neue Tabakspfeife einen Segen sprechen
+lassen; aber der Köhler hielt die Pfeife abwehrend beiseite und sagte:
+
+»Nein, ich mag nicht! Meine Ringe und Herzen können fliegen; aber deine
+goldenen Ringe purzeln auf die Erde. Daß sie fliegen können, das ist
+das Schöne bei den Ringen. Was habe ich vom Golde, das mir ja doch
+wieder ein Ritter abborgt, der damit nach Persien reitet.«
+
+Da schlug die Fee trostlos die weißen Hände zusammen.
+
+Nach einiger Zeit fragte sie: »Was ist denn in dem schrecklich großen
+Ballen da?«
+
+»Rippentabak!« sagte der Köhler. »Ein Zentner. Ich hatte bloß noch
+einen kleinen Vorrat. Wenn der aufgeraucht ist, kommt der neue Ballen
+dran.«
+
+Da liefen der Fee heimlich Tränen über das Gesicht. Als aber der Köhler
+einmal nach der Hütte verschwand, weil er sein kostbares »Testimonium«
+dort wieder bergen wollte, erhellte sich das Gesicht der Fee; sie trat
+an den Tabakssack und sprach heimlich und schnell eine Zauberformel,
+wodurch sich der Rippentabak in Tabak so edler Art verwandelte, wie er
+nur in den Gärten des Kalifen gedeiht.
+
+»Müssen wir schon Tabaksrauch schlucken, dann doch edlen!« sagte sich
+die Fee.
+
+Drei Tage später öffnete der Köhler den neuen Tabaksballen. Er
+verwunderte sich über das Aussehen des Tabaks, der ein krümeliges
+braunes Gewuschele darstellte, gar keine starken reellen Rippen,
+stopfte sich aber eine Pfeife, rauchte sie bis zu Ende und spuckte
+während der Zeit seinen ganzen Meiler aus. Nach der zweiten Pfeife
+wurde ihm so übel, daß er die kleine Birke, an der er sich festgehalten
+hatte, umbrach und mit ihr zu Boden fiel. Als er sich erholt hatte,
+erfaßte ihn großer Zorn. Er nahm den wildesten Eichenprügel, den er
+besaß, eilte nach Altenroda hinunter, immer schimpfend: »Zwei Pfennige
+für das Pfund hat mir der Betrüger abgenommen!« kam in den Laden des
+Kaufherrn, der ihm den Tabak verkauft hatte, und prügelte den mit dem
+Eichenknüppel, bis er halbtot am Boden lag. Nur den Bemühungen des
+gelahrten Medikus der Stadt unter Beiziehung des Baders gelang es, den
+schwerverletzten Kaufmann am Leben zu erhalten.
+
+Dieser mißhandelte Kaufmann aber war eine gewichtige Persönlichkeit.
+Er besaß ein Grundstück von siebenhundert Gulden im Wert und hatte
+die Tochter des Bürgermeisters zur Frau. Hauptsächlich aus letzterem
+Grunde verurteilte der Rat der Stadt den missetäterischen Köhler zum
+Tode durch den Strick. Der Beichtvater kam zwar wieder und bemühte sich
+mit ängstlicher Fürsprache, aber das nützte gar nichts; der Köhler
+sollte hängen.
+
+Waldkinder jedoch, die nach Beeren und Pilzen suchten, erzählten sich
+von dem traurigen Schicksal, das dem Köhler bevorstand. Und das hörte
+die Fee. Sie erschrak bis in die Tiefe ihres lichten, lieben Herzens
+und eilte auf ihren goldenen Schuhen nach Altenroda. Dort trat sie vor
+den Rat der Stadt und erzählte alles.
+
+»Ihr Herren, ich allein hab' Schuld, ich allein!«
+
+Da traten die Ratsherrn zusammen und sagten sich nach kurzer Beratung:
+
+»Mit der Göttin Querka können wir es nicht verderben. Wer weiß, was
+sonst, wen das nächste schwere Wetter zwischen Ochsenkopf und Eulenwald
+hereindringt.«
+
+Also gingen sie wieder in den Sitzungssaal und sagten:
+
+»Hohe Göttin, wir haben beschlossen, dir den argen Sünder zu
+überantworten. Du selbst fälle das Urteil. Fälle es aber nicht zu
+milde, fälle es gerecht. Der Rat der Stadt behält sich vor, seine
+Einwände zu machen.«
+
+Die Göttin ließ sich zu dem Gefangenen führen.
+
+Der saß wie ein Verhungerter und Verdursteter auf dem Boden seiner
+Zelle.
+
+»Kennst du mich?«
+
+»Ja.«
+
+»Willst du etwas von mir?«
+
+»Ja.«
+
+»Was?«
+
+»Rippentabak!«
+
+»Das geht nicht. Aber was anderes kann ich dir schenken.«
+
+»Was?«
+
+»Das Leben!«
+
+Der Köhler kratzte sich hinter dem Ohr.
+
+»Was ist das Leben ohne Rippentabak!« sagte er trostlos.
+
+Die Göttin staunte diesen Menschen an. Dann kam ihr ein guter Gedanke.
+
+»Sag mir, Köhler, mußt du durchaus im Eulenwalde wohnen, oder könntest
+du auch anderswo rauchen?«
+
+»Auch anderswo,« sagte der Köhler. »Bloß Rippentabak muß es sein, aber
+nicht solcher, der runterfällt, sondern solcher, der fliegt.«
+
+Die Göttin fällte den Spruch:
+
+»Der Köhler Jakobus aus dem Eulenwalde der würdigen Stadt Altenroda ist
+zur Strafe dafür, daß er den ehrenwerten Bürger Bartholomäus Schnürle
+fast bis zum leiblichen Tode mißhandelt hat, zu lebenslänglicher
+Verbannung verurteilt. Diese Verbannung soll er auf dem mit
+›Ochsenkopf‹ benannten Berge verbüßen, der im Süden der Stadt liegt,
+gerade auf der Gegenseite der Stadt, wo bisher seine Hausung war.
+Der Verbrecher ist berechtigt, jede Woche einmal nach Altenroda
+hinabzusteigen, sich alldorten zehn Pfund Rippentabak sowie sonst zum
+Leben Zubehör zu kaufen.«
+
+Der Rat von Altenroda bestätigte dieses Urteil, tat aber auch seine
+Wünsche kund: »Die Köhlerhütte ist ganz auf dem Gipfel des Ochsenkopfes
+zu errichten, wo der meiste Luftzug ist; auch ist zum Schutze für die
+Gemarkungen Altenrodas eine steinerne Rauchfeste zu errichten, eine
+keilförmige Schanze, durch die jeweils der Rauch aus Jakobi Pfeife
+hinunter nach Wenighofen zieht.«
+
+So geschah es. Wenighofen -- eine feindnachbarliche Stadt von Altenroda
+-- ist ausgestorben. Wer das nicht glaubt, sehe auf der Landkarte nach.
+Er wird Wenighofen nicht finden.
+
+Was aus dem Köhler weiter geworden ist, weiß niemand. Aber wenn er
+nicht gestorben ist, raucht er heute noch.
+
+Rippentabak!
+
+ * * * * *
+
+Anmerkung.
+
+Du bekehrst eher zehn Türken zum Christentum als einen Raucher zur
+Vernunft.
+
+
+
+
+ Die drei Geizhälse
+
+ In Altenroda lebten drei Geizhälse. Es mögen vielleicht noch
+ mehr geizige Leute in der Stadt gewesen sein, werden doch vom
+ sechzigsten Lebensjahre an die meisten Menschen geizig, was zu den
+ Alterserscheinungen oder, gelehrter ausgedrückt, zu den +vicia
+ aetatis+ gehört; aber die drei, von denen hier die Rede sein
+ soll, waren so auffallend gut geratene Exemplare von Geizkragen, daß
+ sie in ganz Altenroda berühmt oder vielmehr berüchtigt waren. Der
+ Religion nach war der erste evangelisch, der zweite katholisch, der
+ dritte Jude. Geizhälse und Wucherer gibt es unter allen Gattungen
+ der Menschheit, da soll nur die eine der andern nichts vorwerfen.
+ Nun soll alles hübsch der Reihe nach erzählt werden.
+
+
+
+
+ Der evangelische Geizhals
+
+
+Der evangelische Geizhals wurde später Dissident, und sein Abfall von
+der ursprünglichen Religion hing mit seinem Geiz zusammen. Er hieß
+Leonhard Fahrig. Fahrig war Kolonialwarenhändler. Solange der Pastor
+der Gemeinde von seinem geringen Einkommen für seine Familie Kaffee,
+Zucker, Mehl und Reis, den bescheidenen Tabaksbedarf, sowie jedes
+Weihnachtsfest eine Flasche Zeltinger bei Leonhard Fahrig kaufte, saß
+der Kaufmann jeden Sonntag in der Predigt. »Leben und leben lassen!«
+sagte er manchmal. Kam ein offener Opferteller, so daß der Nachbar vom
+Nachbar sah, was der auflegte, so warf Fahrig klirrend einen geputzten
+Nickel auf den Teller, kam aber der verschwiegene Klingelbeutel, so
+steckte er einen Hosenknopf hinein. Der Glöckner Krause, der ein
+kluger Mann war, sagte einmal in der Sakristei, als der Ertrag des
+Klingelbeutels ausgezählt wurde:
+
+»Vier Mark, dreizehn Pfennige und ein Knopf. Herr Pastor, der
+Hosenknopf ist vom Kaufmann Fahrig. Der Mann macht immer so fummelige
+Finger, wenn er über den Klingelbeutel greift, und steckt die Hand so
+tief rein, daß ich nie eine Münze sehen kann. Er ist von Fahrig, der
+Knopf, da verlasse sich der Herr Pastor darauf!«
+
+»Ausgeschlossen!« sagte der Pastor. »Denken Sie doch, der wohlhabende
+Mann! Und dann, Hosenknöpfe sind auch etwas Brauchbares. Ich habe zu
+Hause hundertzwanzig Stück liegen. Wenn Sie einmal Bedarf haben, lieber
+Krause ...«
+
+Krause schüttelte den Kopf. Er war wieder einmal unzufrieden mit seinem
+Pastor. Am nächsten Sonntag, als er mit dem Klingelbeutel ging, paßte
+er vor Fahrigs Kirchenstand auf wie ein Detektiv. Aber Fahrig machte
+»fummelige Finger«, steckte die Hand tief in den Klingelbeutel, und der
+Detektiv war geprellt.
+
+Krause, der ein kleine Ackerwirtschaft besaß, dachte während dreier
+Tage, da er mit seinem Kuhgespann pflügte, an nichts anderes als an den
+Hosenknopf im Klingelbeutel. Mittwoch abends gegen halb sechs rief er
+sein »Heureka!« Das hieß diesmal in deutscher Sprache: »Warte, du Lump,
+ich hab' dich!« Krause erschrak über den erleuchteten Gedanken, der ihm
+gekommen war, so, daß er mitten in der Furche den leichten Schälpflug
+wegwarf und sich zitternd vor Aufregung auf den Feldrain setzte. Die
+Kühe guckten sich verwundert nach ihm um, steckten dann die nassen
+Schnauzen zusammen und kamen nach einigem Brummgetuschel überein,
+den Schälpflug hinter sich herzuschleifen und sich an des Nachbars
+Stoppelklee den Bauch vollzufressen. Krause merkte davon nichts. Er
+saß auf dem Feldraine, fuchtelte mit den Händen und strampelte mit den
+Beinen, so daß man solch lebhafte Bewegungen einem würdigen Glöckner
+nimmermehr hätte zutrauen sollen.
+
+Am nächsten Sonntag saß Leonhard Fahrig auf seinem Stand in der Kirche.
+(Nebenbei gesagt, es ist nicht ganz richtig, etwas als »Stand« zu
+bezeichnen, wo man sitzt.) Also Fahrigs »Stand« war in der vierten
+Reihe der erste Platz, dicht unter der Kanzel. Der Pastor predigte, und
+als die Einleitung vorbei war, erschien Krause mit dem Klingelbeutel.
+Leise bimmelte das Glöcklein zu den belehrenden und ermahnenden
+Worten des Predigers. Als Krause drei Bänke abgesammelt hatte und
+Leonhard Fahrig als der Nächste sich nun für seine Opfergabe rüstete,
+hielt der Glöckner plötzlich inne, griff sich an den Kopf, als ob
+er in der Sakristei etwas vergessen habe, und verschwand. Er ging
+leise, auf Zehenspitzen, was aber den Pastor doch so störte, daß er
+einen Bibelvers als aus Galater stammend bezeichnete, während er in
+Wirklichkeit bei Korinther steht. Bald kam Krause mit dem Klingelbeutel
+zurück und heischte Leonhard Fahrigs Gabe. Fahrig machte seine
+»fummeligen Finger«, steckte die Hand tief in den Klingelbeutel und
+ließ seine Gabe in diese Höhle der Mildtätigkeit hineinsinken.
+
+Plötzlich griff sich der Glöckner Krause abermals an den Kopf und
+verschwand wieder nach der Sakristei. Den Pastor auf der Kanzel störte
+das so, daß er in der Predigt stecken blieb, was ihm noch nie passiert
+war. Auch die Gemeinde machte lange Hälse, zumal als Krause zurückkam,
+sich zu Leonhard Fahrig beugte und ihm etwas in die Hand drückte. Dann
+aber ging der Glöckner weiter und sammelte die Gaben der Gemeinde
+ein. Eine richtige Andacht kam während dieser Predigt weder bei dem
+Pastor noch bei der Gemeinde mehr auf, zumal alle sahen, daß der sonst
+so sanfte Glöckner ein feuerrotes Gesicht und wild rollende Augen
+sowie einen zappeligen Gang hatte, auch aus Versehen des öfteren die
+Andächtigen mit dem Klingelbeutel ans Ohr oder an die Nase stieß.
+
+In der Sakristei fragte der Pastor streng:
+
+»Krause, was war das heute während der Predigt für allerhand Störung?«
+
+»Bitte um Verzeihung, Herr Pastor, ich mußte es tun; ich mußte ihn
+entlarven.«
+
+»Entlarven? Wen?«
+
+»Den Geizkragen -- den Fahrig. Er ist der Knopfgeber. Ich hab's
+rausgekriegt. Erst habe ich die drei ersten Bänke abgesammelt, dann bin
+ich in die Sakristei gegangen und habe den Klingelbeutel ausgeschüttet,
+dann bin ich zu Fahrig zurück und habe ihn ganz allein was in den
+leeren Klingelbeutel stecken lassen, dann wieder nach der Sakristei,
+und da war der Knopf. Ich habe dem Fahrig den Knopf zurückgegeben und
+ihm gesagt: Solche Münze nehmen wir nicht an!«
+
+»Ja, Sie haben das ziemlich laut gesprochen. Die Umsitzenden werden es
+verstanden haben.«
+
+»Ich hatte leiser sprechen wollen, Herr Pastor; aber ich war zu
+aufgeregt.«
+
+»Hm,« sagte der Pastor nachdenklich, »eigentlich soll man wegen eines
+Hosenknopfes die Verkündigung des Wortes nicht stören. Aber einen argen
+Geizhals haben Sie entlarvt, das stimmt. Ich werde Herrn Fahrig heute
+noch hundertzwanzig Hosenknöpfe zurückschicken.«
+
+Das geschah und wurde zum Anlaß, daß Leonhard Fahrig aus der
+evangelischen Landeskirche Preußens austrat und Dissident wurde. Sein
+Auge strahlte, als er bedachte, daß er dadurch ja die Kirchensteuer
+spare, die für ihn immerhin drei Mark und fünfundzwanzig Pfennig für
+das Jahr betrug. Außerdem kamen die Nickel für den Opferteller in
+Wegfall; die Hosenknöpfe waren auch nicht ganz umsonst gewesen. Mochte
+der Pastor sein bißchen Kram immerhin bei dem jungen Konkurrenten
+kaufen, diesen Verlust würde die Firma Fahrig verschmerzen.
+
+Es kauften von nun an aber sehr viele bei dem jungen Konkurrenten und
+zwar nicht nur die Angehörigen jener Gemeinde, sondern auch viele Leute
+anderer Konfession, denen der Filz zuwider geworden war.
+
+Umsonst beteuerte Fahrig, daß ihm zufällig ein Hosenknopf losgegangen
+sei, er diesen in sein Portemonnaie gesteckt und aus Versehen für
+den Klingelbeutel ergriffen habe. Niemand glaubte ihm; niemand hörte
+ihm gern zu, wenn er wetterte, die gläubigen Christen würden durch
+die Habgier der Pfaffen aus der Kirche hinausgedrängt. Als aber der
+Zorn über den argen Rückgang seines Geschäftes ihn zu solcher Torheit
+hinriß, daß er eines Tages einen Zettel an sein Schaufenster klebte:
+»Ausverkauf von hundertundzwanzig hochehrwürdigen Hosenknöpfen«, da
+hatte er in Altenroda vollständig verspielt.
+
+Wutschnaubend verkaufte Leonhard Fahrig sein Geschäft und zog in die
+Fremde. Die Altenrodaer Bürger lachten und ließen ihn ziehen. Sie waren
+einen ihrer drei Geizhälse los.
+
+Nutzanwendung: Geiz ist die Wurzel alles Übels! Das wahre Sprichwort,
+das durch diese und die zwei folgenden Geschichten beleuchtet werden
+soll, sei aufs neue allen denen eingeschärft, die geizig sind oder es
+zu werden beabsichtigen.
+
+
+
+
+ Der katholische Geizhals
+
+
+Der katholische Pfarrer von Altenroda predigte einmal:
+
+»Es gibt kein Laster, gegen das so schwer anzukämpfen ist wie gegen
+den Geiz. Wenn ich gegen die Unzucht predige, so wird gar mancher und
+gar manche erröten; denn sie fühlen sich getroffen; den Trunkenbolden
+braucht man kaum erst zu sagen, daß sie Süfflinge sind, sie wissen
+es, und wenn sie einmal das graue Elend kriegen, heulen sie über sich
+selber; dem Hochmütigen, der sonst stolzen Sinnes glaubt, er sei
+überhaupt nicht sündhaft, sondern sich eben nur seines rechten Wertes
+bewußt, wird bei einer Armenseelenpredigt, bei der Schilderung von
+Grab und Vergängnis doch einmal weich und demütig zu Mute werden, wenn
+auch nur vorübergehend -- der Geizige allein bleibt immer unbewegt;
+sein Herz ist von Stein. Jedes göttliche Samenkorn verdorrt auf diesem
+felsigen Ackerlande. Was der Geizige Gutes tut, tut er aus Berechnung;
+niemals ist seine Hand milde im stillen; die Not der Brüder läßt ihn
+ungerührt; das goldene Kalb ist der Götze, den er anbetet; wenn er
+könnte, machte er auf dem Sterbebette noch Geschäfte und feilschte mit
+dem Tischler um den Preis des eigenen Sarges. Er ist so verblendet, daß
+er sein jämmerliches Laster, das ihn zum Sklaven des Geldes erniedrigt,
+nicht erkennt, sondern sich nur für einen Mann hält, der eben sparsamer
+und klüger ist als die anderen. So schreibt er einen Gewinnposten
+zum anderen; der Teufel aber zieht sein Notizbuch und schreibt die
+Gegenrechnung; denn eher wird ein Tau durch ein Nadelöhr gehen, als
+ein Geiziger ins Himmelreich.«
+
+Als der Geistliche so predigte, saß unten im Kirchenschiff Herr
+Birnbaum und dachte: »O, wie predigt er wieder gut; o, wie hat
+er wieder recht!« Daß er selbst der ärgste Geizkragen der ganzen
+Pfarrgemeinde war, daß die Predigt hauptsächlich auf ihn zielte, daran
+dachte er nicht.
+
+Sein Herz war von Stein.
+
+Birnbaum war Beamter, hatte sich durch Streberei und rücksichtsloses
+Vordrängen hochgearbeitet und es trotz seines nicht bedeutenden
+Gehaltes zum Besitzer mehrerer Häuser gebracht. Den Grundstock
+zu seinem Vermögen, das er durch Spekulationen und Wucher eifrig
+vermehrte, hatte die Mitgift seiner Ehefrau gebildet, die ihm in jungen
+Jahren sechsunddreißigtausend Mark zubrachte, die höchste Summe, auf
+die Birnbaums Ehrgeiz damals gerichtet sein konnte. Diese Frau war so
+mordshäßlich, daß der Spiegel erblindete, wenn sie hineinsah, und die
+Vögel davonflogen, wenn sie auf die Straße trat, auch alle Säuglinge
+in den Kinderwagen zu brüllen anfingen, wenn sie vorüber ging. Frau
+Birnbaum hatte eine einzige Tochter, die fast ebenso häßlich war wie
+sie und die zum Unglück Helene hieß, so daß sie in ganz Altenroda »die
+schöne Helena« genannt wurde. Um dieses Mädchen tat es vielen Leuten
+leid; denn sie hatte nicht das harte Herz ihres Vaters und führte ein
+freudloses Dasein. Sie hatte fast nie freie Zeit, mußte Tag für Tag
+Handarbeiten machen, die an ein Geschäft in der Hauptstadt geliefert
+wurden, besaß keine Bücher, durfte nie zum Tanze gehen und trug immer
+unschöne, aber »unverwüstliche« Kleider.
+
+An Sommerabenden, wenn Helene noch über der Handarbeit saß und die
+Mutter im Hause wie eine Magd tätig war, beschäftigte sich Herr
+Birnbaum manchmal damit, Streichhölzer in zwei Teile zu spalten, damit
+von jedem Streichholz zweimal Feuer gewonnen werden könne. Im Winter
+gingen alle der Lichtersparnis wegen mit den Hühnern zu Bett.
+
+Als Helene vierundzwanzig Jahre alt geworden war (das ist gewöhnlich
+der Zeitpunkt, wo unvermählt und unverlobt gebliebene Mädchen anfangen,
+unruhig zu werden), dachte der Vater daran, ihr einen Mann zu besorgen.
+Er ging zunächst nur auf Geld aus, mußte aber bald zu seinem Leid
+erkennen, daß vermögende junge Männer zwar gegen Vermögen auf der
+anderen Seite im allgemeinen nichts einzuwenden haben, daß sie aber
+auf negative Reize der Braut um so weniger Wert legen, auch wenn
+ihnen gesagt wird, daß es sich um ein sehr sparsames, häusliches und
+bescheidenes Mädchen handle. Der junge Windikus Bomüller, der Sohn des
+Bankiers, war sogar so frivol, zu sagen: »Ach was, wenn sie häuslich,
+sind sie scheußlich«. Deswegen brach Herr Birnbaum seine geschäftlichen
+Beziehungen zu dem Bankhause aber doch nicht ab, erstens weil der
+Verkehr mit einer auswärtigen Bank sich kostspieliger gestaltet hätte,
+schon wegen des vielen Portos, und dann, weil bei Bomüller ein junger
+Mann war, der Herrn Birnbaum manchmal wertvolle Tips für An- oder
+Verkauf von Wertpapieren gab.
+
+Es erging Herrn Birnbaum bei seinem Männerfang so wie dem hoffärtigen
+Fischreiher, der am Flußrande saß und es durchaus unter einem Hechte
+nicht tun wollte, die Karpfen, Schleien, Weißfische aber verschmähte.
+Als jedoch alle Karpfen, Schleien, Weißfische davongeschwommen waren,
+blieb dem Fischreiher nur ein Schlammpeizger übrig.
+
+Der Schlammpeizger Herrn Birnbaums hieß Rillmann und war der bewußte
+junge Mann aus dem Bankhause. Der Bengel war hübsch und in seinem Fache
+nicht unbegabt, besaß aber keinerlei Vermögen, offenbar auch keinen
+Sparsamkeitssinn; denn er brauchte nach Birnbaums Erkundungen sein
+Jahresgehalt von zweitausendvierhundert Mark glatt auf.
+
+Birnbaum überlegte, bis die schöne Helena sechsundzwanzig Jahre alt
+geworden war. Dann sagte sich der kluge Vater: Nun ist's hohe Zeit;
+die Verschwendungssucht werde ich dem Rillmann schon abgewöhnen,
+und was ihm an Vermögen fehlt, kann er mir, der Bescheid auf dem
+Geldmarkte weiß, der sogar manches Geheimnis erspüren kann, durch seine
+Fingerzeige ersetzen.
+
+Birnbaum machte sich an Rillmann heran, und als dieser endlich
+merkte, was der Geldmann mit ihm vorhatte, wurde er sehr bedenklich.
+Er kam in Zwiespalt mit sich selbst. Wenn er Birnbaums letzten
+Jahres-Bankabschluß immer und immer wieder las, sagte sich Rillmann
+jedesmal: »Ich nehm' sie!« Sah er aber das Mädchen selbst nur von fern,
+so schwur er bei sich: »Ich nehme sie nie und nimmer!« Als die Zeit
+schon auf Helenas achtundzwanzigsten Geburtstag zu marschierte, kam
+Rillmann zu dem endgültigen Entschlusse, die schöne Helena zu heiraten.
+Ein Freund, dem er sich anvertraute, hatte ihm dazu geraten.
+
+»Aber sie ist so fürchterlich häßlich!« seufzte Rillmann.
+
+»I was, häßlich!« sagte der Freund; »mit den zunehmenden Jahren wirst
+du kurzsichtig, da ist's dann nicht mehr so schlimm.«
+
+So kam die Sache ins Rollen, zum seligen Entzücken Helenas, die den
+hübschen, lustigen Rillmann unsäglich liebte.
+
+Vor dem Sonntag, an dem Rillmann bei Birnbaums einen »offiziellen
+Besuch in persönlicher Angelegenheit« angemeldet hatte, sagte der Mann
+zur Frau:
+
+»Weib, es nützt nichts, wir müssen Wein geben, wenigstens mal zum
+Anstoßen auf das Brautpaar.«
+
+Birnbaum hatte einmal bei einer Zwangsversteigerung, die einen armen
+Vorstadtrestaurateur betraf, zehn halbe Flaschen Moselwein gekauft,
+eine saure Sorte, von der aber Herr Birnbaum behauptete, sie würde
+mit jedem Jahre besser und lasse sich überdies durch einen Zuguß von
+Zuckerwasser veredeln. Nach Neujahr, wenn der Pfarrer, der Kaplan und
+der Küster zur Einsegnung der Wohnung kamen, wurde immer eine halbe
+Flasche geopfert. Die drei Herren nahmen zwar stets eine ablehnende
+Haltung an, aber Herr Birnbaum ließ es sich als der reichste Mann der
+Pfarrei nicht nehmen, die Geistlichkeit samt dem Küster gastfreundlich
+zu bewirten. Die Sache wurde dann so gemacht, daß Frau Birnbaum mit
+einem Tablett erschien, auf dem vier gefüllte Gläser standen, und daß
+sie jedem der drei Herren eines in die Hand gab, das vierte aber dem
+Gatten. Da die halbe Flasche nämlich nur drei Gläser abwarf, wurde
+Herrn Birnbaums Glas mit Wasser gefüllt, was nicht auffiel, da die
+Weingläser von grünlicher Färbung waren. Nach dem ersten Schluck, den
+er aus seinem Glase genommen hatte, schnalzte Herr Birnbaum allemal
+mit der Zunge und sagte:
+
+»Es ist eine bekömmliche Sorte. Ich hab' den Wein von einer guten
+Firma, direkt aus der Originalkellerei. Er heißt ›Edelmarke‹.« Dann
+lächelten die Herren fein und tranken voll Mut und Gottvertrauen
+den Quietscher hinunter. Die Frage, ob noch ein Gläschen gefällig
+sei, verneinten sie eifrig und einstimmig und empfahlen sich. Das
+wiederholte sich in ungefähr derselben Weise zu jedem Neujahr.
+
+»Weib, wir müssen Wein geben,« sagte Birnbaum vor dem Verlobungssonntag
+zu seiner Frau. »Und diesmal trinken wir mit. Man verlobt schließlich
+seine einzige Tochter nicht alle Tage.«
+
+»Aber es sind nur drei Gläser in der Flasche,« warf Frau Birnbaum ein.
+
+»Richtig!« sagte der Mann; »nun, da muß eben doch wieder eines an
+Wasser glauben, und das ist, meine ich, Helena. Wer weiß, wie ihr der
+Wein bekäme, und außerdem gehen wir doch wohl als Eltern vor.«
+
+»Daß es nur kein Unglück bringt, wenn Helena mit Wasser anstößt.«
+
+Da wurde Birnbaum, der wie alle Geizhälse sehr abergläubisch war,
+bedenklich und beschloß heroisch, auch diesmal selber der Wassertrinker
+zu sein. Der Frau wolle er den Vorrang lassen. Sie sollte, wie immer,
+den Wein selber präsentieren, indem sie jedem sein Glas zureichte.
+
+Der Sonntag kam. Der Freier erschien, der in Todesangst seinen
+auswendig gelernten Spruch herunterjagte, wie einer, der fürchtet,
+stecken zu bleiben.
+
+Papa Birnbaum spielte den Gerührten und Überraschten, sprach von den
+Talenten des jungen Mannes, von den Tugenden der Tochter, von eifrigem
+Streben, von weisem, sparsamem Haushalten, von damit verbundener
+gesicherter Zukunft, vom Zusammenarbeiten von Schwiegervater und
+Schwiegersohn und berief sich bei all diesen Ausführungen fleißig auf
+den lieben Gott. Nur von einem, auf das Rillmann am gespanntesten
+wartete, sprach Birnbaum nicht -- von einer Mitgift. Da faßte der
+Freiersmann Mut und sagte:
+
+»Ja, Herr Birnbaum, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich von
+Haus aus ohne Vermögen bin, und von meinem kleinen Gehalte habe ich
+Ersparnisse nicht machen können. Jetzt beziehe ich jährlich im ganzen
+zweitausendsechshundert Mark; davon kann ich natürlich eine Frau und
+eventuell eine Familie nicht standesgemäß ernähren.«
+
+Birnbaum lächelte.
+
+»Mein Lieber,« sagte er, »das Wort ›standesgemäß‹ hat es in sich.
+Manche Leute leben über ihren Stand, die werden pleite; manche Menschen
+leben ihrem Stande gemäß, die machen keine Schulden, kommen aber auch
+zu nichts; manche Leute leben unter ihrem Stande, die werden reich.«
+
+»Das ist wohl richtig,« sagte Rillmann; »aber mit
+zweitausendsechshundert Mark Jahreseinkommen kann ich keinen Haushalt
+gründen.«
+
+»Sie wollen also über Ihren Stand leben?«
+
+Rillmann antwortete nicht; aber sein Gesicht bekam einen verbissenen
+Ausdruck, und er warf einen Blick nach der Tür. Da wurde Birnbaum
+ängstlich. Er erwog blitzschnell, daß er eine jetzt gegebene Zusage
+nach der Hochzeit ja wieder zurücknehmen könne.
+
+»Herr Rillmann, Sie wissen, ich halte das Meinige zusammen. Vermögen
+bekommt Helena jetzt nicht. Das Mädchen will nicht ihres Geldes,
+sondern um ihrer selbst willen geheiratet sein. Schließen meine Frau
+und ich mal unsere müden Augen, wir sind ja immerhin beide schon
+dreiundfünfzig, so ist Helena die einzige Erbin. Das wissen Sie wohl.
+Ich schaffe nur für mein Kind. Immerhin gefällt es mir, daß Sie als
+Geschäftsmann auch an die materielle Seite der Sache denken. Ich will
+Ihnen entgegenkommen und zahle Ihnen monatlich einen Zuschuß von -- nun
+sagen wir -- von fünfundzwanzig Mark.«
+
+Als sich die Gesichtsform des jungen Mannes bei Nennung der Ziffer zu
+einem Grinsen verzerrte, setzte Birnbaum rasch hinzu:
+
+»Oder, wenn Ihnen das erforderlich erscheint, von fünfzig Mark. Sie
+werden sehen, Herr Rillmann, Sie kommen glänzend aus. Helena ist nicht
+umsonst mein Kind. Im übrigen ordnen wir das alles später.«
+
+Damit ging Birnbaum zur Tür, rief Frau und Tochter herein, um dem
+Freier weiter keine Zeit zur Überlegung und zu Einwendungen mehr zu
+lassen, umarmte die Frauensleute und sagte voll tiefer Rührung:
+
+»Denke dir, Helena, Herr Rillmann hat um deine Hand bei mir angehalten.«
+
+Das Mädchen stand mit sanft gerötetem Gesichte da; ein überirdisches
+Strahlen brach aus ihren kleinen, sonst so farblosen Augen, der
+Widerschein tiefinnersten Glückes verschönte sie.
+
+Die Mutter heuchelte auch ihrerseits freudige Überraschung, und Herr
+Rillmann führte nun den Entschluß aus, den er sich in schweren Kämpfen
+einsamer Nachtstunden abgerungen und für den er sich vor der Werbung
+in Gesellschaft seines Freundes bei einer Flasche edlen Weines Mut
+angetrunken hatte: er reichte Helena die Hand und küßte sie flüchtig
+auf den Mund. Über diesen feierlichen Akt vergoß Frau Birnbaum eine
+Menge von Tränen.
+
+Als aber nach dem Kuß eine Pause verlegenen Schweigens eintrat,
+klatschte Birnbaum in die Hände und sagte:
+
+»Nun aber genug des Weinens und der Abküsserei. Hole Wein, liebe Frau!
+Das müssen wir feiern!«
+
+Frau Birnbaum entfernte sich und kam ungeschickterweise schon nach kaum
+einer Minute mit vier Gläsern, die draußen gefüllt bereit gestanden
+hatten, zurück. Herr Birnbaum warf ihr für diese Tölpelei, die alles
+verriet, einen so zornigen Blick zu, daß die Frau verwirrt wurde und
+die Gläser klirrten. Herrn Rillmann aber war die eine Minute in der
+Gesellschaft seiner Braut schon so lang geworden, daß er von dem
+verunglückten Manöver nichts merkte.
+
+Frau Birnbaum reichte jetzt jedem ein Glas, nahm sich das letzte, und
+nun rief Birnbaum aus:
+
+»Wir trinken auf das Wohl des jungen Brautpaares. Wir wünschen euch,
+liebe Kinder, daß eure Ehe so glücklich werden möge, wie die unsere
+immer war. Das Brautpaar lebe hoch -- hoch -- hoch!«
+
+Alle tranken. Aber schon nach dem Ansetzen sah Birnbaum seine Frau
+erschreckt an. Das, was er trank, war nicht Wasser -- es war Wein.
+
+Was war das? Was bedeutete das?
+
+Nun sah Birnbaum auf den Bräutigam. Der stand mit einem so verdatterten
+Gesicht da, blickte so entgeistert in sein Weinglas, daß dem Brautvater
+eine grausige Ahnung aufstieg.
+
+Die Frau hatte die Gläser verwechselt, dem Bräutigam das Glas mit dem
+Wasser gereicht.
+
+Betroffen saßen alle im Kreise. Der Bräutigam stierte immer in sein
+Glas, als ob er einen verhexten Pokal in der Hand halte. Plötzlich
+stand er auf und sagte in Verwirrung:
+
+»Meine Herrschaften, ich muß mich jetzt empfehlen. Ich muß erst mal
+nach Hause.«
+
+Keine Widerrede half. Rillmann ging.
+
+Birnbaum tobte mit seiner Frau wie ein Berserker; die Frau weinte,
+Helena hatte Herzkrämpfe.
+
+Am Nachmittag schon kam Rillmanns Absage.
+
+ * * * * *
+
+Die Geschichte der armen Helena ist sehr traurig ausgegangen. Das
+Mädel, dem ein einziges Mal im Leben die große goldene Sonne des
+Glückes aufgegangen war, konnte es nicht verwinden, daß diese Sonne
+so bald wieder unterging. Im Herbste begann sie zu husten. Als der
+Husten den Hausmitteln, die angewendet wurden, nicht wich, machte
+Frau Birnbaum schüchtern den Vorschlag, man möge doch mal +Dr.+
+Schicketanz befragen. Sie wurde rauh abgewiesen.
+
+»+Dr.+ Schicketanz! Was der für Rechnungen schreibt. Wegen einer
+Erkältung gleich zum Doktor laufen! Ich hab' wohl mein Geld auf der
+Straße gefunden?«
+
+So blieb es. Erst im Frühjahr, als sich ihr Zustand immer mehr
+verschlimmerte, wurde Helena zum Arzte geschickt.
+
++Dr.+ Schicketanz, der ein guter Arzt, aber ein etwas
+rücksichtslos offener Mann war, sagte zu der Mutter:
+
+»Es ist ein Skandal, daß Sie mit dem Mädchen erst jetzt zu mir kommen.
+Nun aber dalli in die Lungenheilanstalt! Ob's noch was helfen kann,
+steht dahin. Ich glaube nicht!«
+
+Nein, es half nicht mehr. Schon nach drei Monaten schickte die Anstalt
+die Kranke nach Hause. Hoffnungslos. In ihren letzten Leidenstagen
+sprach Helena öfters in Traum und Fieber laute Worte, denen Vater und
+Mutter erschüttert lauschten:
+
+»Ich bin nicht mehr häßlich ... ich bin schön ... ich habe große Augen
+und glänzende braune Haare ... ich habe ein gutes seidenes Kleid und
+eine goldene Kette ... ich habe Lackschuhe und ich kann tanzen ... ich
+habe einen Fächer ...«
+
+»O, er kommt, er kommt wieder und sieht, wie schön ich bin. Und er
+liebt mich. Wir trinken den ganzen Abend guten Wein.«
+
+Schmerzlos neigte die arme Schattenblume, der Zeit ihres Lebens Schmelz
+und Glanz versagt geblieben waren, eines Abends das Köpfchen und starb.
+
+Einen Tag nach dem Begräbnis stand Birnbaum vor seinem Geldschrank,
+schlug mit den Fäusten an die stählerne Tür und schrie in Verzweiflung:
+
+»Wofür? -- Wofür?«
+
+
+
+
+ Der jüdische Geizhals
+
+
+Pinkus.
+
+Er stammte aus Brzezany.
+
+Das liegt in Ostgalizien.
+
+Noch hinter Lemberg.
+
+Daran ist nichts auszusetzen; denn selbst hinter Lemberg müssen doch
+Leute wohnen. Auch: warum soll einer nicht Pinkus heißen und aus
+Brzezany stammen? Aber die Altenrodaer Bürger schimpften darüber,
+daß Pinkus aus Brzezany sich in ihrer Stadt niedergelassen und seine
+ostgalizische Kultur in Form einer »Gemischtwarenhandlung« dort hatte
+in Erscheinung treten lassen. Die Bürger von Altenroda waren zum
+großen Teil stramme Antisemiten, sie schimpften auf den Juden, machten
+Witze über seinen Namen, seine Herkunft und sein Aussehen, und wenn
+sie einigen alten unnützen Kram zu verkaufen hatten, bestellten sie
+heimlich den Pinkus und suchten noch so viel von ihm herauszuschinden,
+wie es bei solchem Trödel und solchem Käufer eben möglich war. Auch
+borgten manche bei ihm Geld.
+
+Pinkus stand sich in solcher Gemeinde glänzend. Er kaufte alles
+zusammen, was ihm unter die Finger kam. Der Apotheker hatte einmal
+bei einem Faschingsfeste der »Harmonie« eine alphabetische Aufzählung
+des Pinkusschen Warenbestandes zum Besten gegeben: Armleuchter,
+Abortspapiere, Betschemel, Bartflechtenmittel, Cypernwein,
+Cäsarenwahnsinn (antiquarisch von Quidde), Dörrgemüse, Daunenfedern,
+Emaillegeschirr, Einreibe, Feigen, Fichtes Reden, Heiligenbilder,
+Hosenträger usw.
+
+Acht Tage nach dem Faschingsfeste der »Harmonie« kam Pinkus zu dem
+Apotheker und sagte:
+
+»Herr Doktor Apotheker, ich bedanke mer for den schönen Witz, was der
+Herr Doktor Apotheker gemacht haben mit mir armen Mann. Ich habe in der
+letzten Woche gemacht ausgezeichnete Geschäfte!«
+
+Als Pinkus gegangen war, sagte sich der Apotheker:
+
+»Ich bin ein Esel! Ich habe für den Mann Reklame gemacht.« Niemand
+widersprach, da niemand da war.
+
+Also, halb Altenroda schimpfte auf Pinkus, und ganz Altenroda machte
+gelegentlich Geschäfte mit ihm. Pinkus stand sich gut dabei. Er
+überragte an Geschäftsklugheit sämtliche Bürger der Stadt, und da
+geistige Überlegenheit immer Neid erzeugt, freute sich die gute Stadt
+Altenroda, als es eines Tages gelang, den wirklich geizigen und
+schachersüchtigen Pinkus hineinzulegen. Der Held, dem die Ehre zufiel,
+war ein armer Musiker, der Sonnabends und Sonntags im »Bleiernen Hecht«
+zum Tanze aufspielte, zwischendurch mal in einer Familie zur Hochzeit
+oder beim fünfzigsten Geburtstag und sich sonst durch Privatstunden (zu
+sechzig Pfennigen) sein tägliches Armeleutebrot zusammenfingerte.
+
+Und nun kommt die Geschichte.
+
+Pinkus hatte eine Baßgeige gekauft. Er hatte zwar keine Ahnung von
+Musikinstrumenten, aber warum sollte er auf der Auktion die Baßgeige
+nicht kaufen, wenn er sie billig bekam?
+
+Es hatte aber auf der Auktion auch ein Musikant auf die Baßgeige
+gesetzt. Sechzig Mark hatte der arme Teufel im Beutel, und als Herr
+Pinkus einundsechzig Mark bot, mußte der andere das hübsche Instrument
+im Stich lassen. Traurig erzählte der Musikus im »Bleiernen Hecht«
+sein Mißgeschick den Kameraden.
+
+»Laß mich nur machen,« sagte nach einer Pause tiefen Nachsinnens der
+eine.
+
+Nächsten Tag ging dieser Mann zu Pinkus.
+
+»Herr Pinkus,« sagte er, »ich bin ein Musiker und habe gehört, daß
+sie eine Baßgeige zu verkaufen haben. Ich habe zwar schon eine gute
+Baßgeige, aber ich möchte eine -- sozusagen -- eine zweite Baßgeige als
+Reserve anschaffen.«
+
+»Reserve is gut gesprochen,« sagte Herr Pinkus; »jeder gediegenete
+Musiker hat Baßgeige auf Reserve. Sie soll'n se sehen.« Und er zeigte
+ihm die Baßgeige und sprach dazu: »Ein hochmodernes, ein haltbares und
+elegantes Instrument. Kostet mich auf Ehrenwort selber hundertzwanzig
+Mark ohne die Spesen, aber weil ich sehe, daß Sie sind ein begabter
+junger Musiker, will ich Ihnen verkaufen die Baßgeige mit minimalem
+Profit for hundertdreißig Mark.«
+
+»Für hundertdreißig Mark ist so ein Instrument geschenkt«, sagte der
+Käufer, wobei sich Pinkus erschrocken ins Bein zwickte.
+
+»Aber,« fuhr der Musikus fort, »probieren muß ich die Baßgeige erst.
+Denn die Hauptsache ist der Ton, und den kann man von außen nicht so
+genau beurteilen.«
+
+»Sie soll'n se probieren. So e feine Baßgeige nach der letzten
+Mode, wo Sie selber haben gesagt, ich bin e Dammel, daß ich se for
+hundertdreißig Mark losschlag'! Geigen Se los!«
+
+Der Musiker nahm die Baßgeige und fing an, darauf herumzugeigen. Pinkus
+machte ein verklärtes Gesicht.
+
+»Klingt se nicht lieblich? Klingt se nich schick und adrett? Sitzt nich
+jeder Ton wie angegossen? Meiner Lebtage habe ich noch kei so feine
+Musik gehört.'s Herz im Leibe lacht einem. Na, was zulegen werden Se.
+Sagen wir rund hundertfünfzig Mark; ich seh', Sie sein e anständiger
+Mensch und e gediegener Musikus, Se verlangen nischt umsonst.«
+
+»Für hundertfünfzig Mark ist das Instrument geschenkt,« sagte der
+Musiker und wieder kniff sich Herr Pinkus wütend ins Bein.
+
+»Ausgemacht is noch nischt,« rief er; »ich hab' überhaupt keine festen
+Preise. Geben Se dreihundert und Se sollen de Geige haben!«
+
+Der Musikant nickte nur, ganz in sein Spiel versunken, mit dem Kopfe.
+
+Plötzlich stutzte er ...
+
+Holloh, was ist das ...?
+
+Er spielte die letzte Passage noch einmal -- Nanu? Zum Donnerwetter,
+das ist ja -- Er spielte die Passage zum dritten Male ...
+
+»Alle Hagel!«
+
+»Was is denn? Was tun Se sich denn?«
+
+»Herr Pinkus, ich glaube, ich glaube ...«
+
+»Was glauben Se? Was glauben Se uff eemal von de gute Baßgeig'?«
+
+»Herr Pinkus, Herr Pinkus, mir ahnt was Schreckliches!«
+
+Der Musikant spielte noch einmal -- zweimal, drei-, viermal eine
+fürchterliche Passage, dann sagte er erbleichend:
+
+»Herr Pinkus, es fehlt ein Ton!«
+
+»Was fehlt?«
+
+»Ein Ton! Es ist ein Ton zu wenig auf der Baßgeige! Und gerade der
+wichtigste. Sie ist unvollständig!«
+
+»Sind Se meschugge, Mensch? Uff so eener feinen Baßgeige wird e Ton
+fehlen? Sie, Sie, Sie -- Musikus Sie!«
+
+»Herr Pinkus, ich kann mir nicht helfen -- er fehlt.«
+
+»Nu, zum Deixel, da sehn Se doch erst mal genauer nach.«
+
+»Das will ich gerne tun, Herr Pinkus, gerne!«
+
+Und der Musikant rasselt noch einmal die Passage ab, schüttelt den
+Kopf, steht auf, geht rund um die Baßgeige herum, betrachtet sie von
+allen Seiten, klopft ihr schließlich auf den Rücken und geigt wieder.
+
+»Er fehlt, Herr Pinkus, er fehlt! Aber warten Sie noch! Gedulden Sie
+sich noch!«
+
+Er schraubt an den Wirbeln, geigt, probiert, schraubt wieder, zerrt an
+den Saiten, geigt nochmals ...
+
+»Nichts zu machen, Herr Pinkus, der Ton fehlt!«
+
+»Aber -- aber zum Deixel, was denn fer e Ton? Wieviel Tön' gehören denn
+zu e Baßgeige?«
+
+»Fünfundzwanzig, Herr Pinkus! Fünfundzwanzig! Und da sind bloß
+vierundzwanzig, hören Sie, der fehlt!«
+
+Er geigt langsam vierundzwanzig Töne, dann rutschen seine Finger
+herunter, und er summt nur mit dem Munde was Tiefes, Brummiges.
+
+»So, der fehlt! Der fünfundzwanzigste. Der tiefste und gerade für die
+Baßgeige der wichtigste -- der fehlt! Das ist schrecklich!«
+
+»Aber wieso? Wie kann er fehlen? Wo ich das Instrument aus einer der
+besten, leistungsfähigsten neuzeitlichen Firmen for Musik bezogen
+habe. Wie kann er fehlen?«
+
+»Weiß nicht, Herr Pinkus! Ihnen zuliebe will ich einen letzten Versuch
+machen.«
+
+Der Musikant zieht ein Stück Kolophonium aus der Tasche, wichst wie
+rasend den Bogen, rückt den Steg, schraubt an den Wirbeln, geht um die
+Baßgeige, pocht abermals an ihren Rücken, schüttelt sie heftig hin und
+her und geigt dann und sagt:
+
+»Es ist beim besten Willen nischt zu machen, Herr Pinkus, der Ton
+fehlt. Die Baßgeige sieht äußerlich großartig aus, innerlich is sie ein
+Krüppel!«
+
+»Wieso 'n Krüppel? Wegen den einen Ton?«
+
+»Herr Pinkus, Sie sind ja gewiß sehr musikalisch. Aber haben Sie
+schon mal die Geschichte vom Stradivarius gehört? Nicht? Also, der
+Stradivarius war der größte Baßgeigenkünstler, der auf der Welt gelebt
+hat. Er war ein Spanier. Und er hatte eine Baßgeige, die kostete,
+sage und schreibe, dreißigtausend Mark. Die hatte ihm die Königin von
+Spanien von einem alten Zigeunerprimas gekauft. Was ist passiert? Der
+Zigeuner war ein Lump. Eines Tages stellte sich heraus, daß ein Ton
+fehlt, und Stradivarius und die Königin von Spanien sitzen blamiert und
+mit hängenden Ohren da, und die Baßgeige, die dreißigtausend Mark, sage
+und schreibe dreißigtausend Mark gekostet hat, is keine hundert wert.«
+
+»Aber, das is ja meschugge,« schreit Pinkus. »Das is doch keine reelle
+Rechnung. Wenn auf einer kompletten Baßgeige fünfundzwanzig Töne sein
+sollen und einer fehlt, da können doch abgehen höchstens vier Prozent.«
+
+»Nee, Herr Pinkus, bei Baßgeigen is das anders. Wenn da een Ton fehlt,
+da läßt sich überhaupt keen richtiges Konzert mehr mit machen. Immer,
+wenn der Ton kommen soll, hüppt die Geschichte, wie bei einer kaputen
+Leier, und da pfeift einen ein gebildetes Publikum aus. Nich einmal
+für Tanzmusik auf'm Dorf is so 'ne Baßgeige zu gebrauchen. Die Tänzer
+kommen ja alle aus 'm Tritt.«
+
+Pinkus schwitzte.
+
+»Mein Lieber,« sagte er; »ich sehe, Se woll'n mir bloß was abschachern.
+Also sagen wir hundertfünfzig Mark, wie's am Anfang war.«
+
+»Nee, Herr Pinkus, für ein' Musiker is die Baßgeige total unbrauchbar.
+Ich bin doch nich so dumm wie der Stradivarius! Das Möbel da, das könn'
+Sie höchstens an einen Holzhändler verkaufen.«
+
+Pinkus dampfte.
+
+»Vielleicht -- vielleicht als Wanddekoration,« keuchte er.
+
+»Na, ja, aber die Leute, die sich die Wände mit Baßgeigen dekorieren,
+die geh'n ja dünne.«
+
+»Gibt's schon,« sagte Herr Pinkus schnaufend, »gibt's schon! Also, was
+geben Se freiwillig?«
+
+»Nischt, Herr Pinkus, nischt! Was soll ich mit 'ner kaputen,
+unvollständigen Baßgeige?«
+
+»Also, geben Se mir achtzig Mark; fertig sind wir!«
+
+»Herr Pinkus! Auf Wiedersehen!«
+
+Er ging wirklich. Pinkus wartete ab; als aber der Musikant um die
+nächste Ecke verschwand, eilte er ihm nach.
+
+»Also, wenn schon der tiefste Ton fehlt, Se brauchen doch die Baßgeige
+bloß zur Reserve. Können Se se nich gebrauchen for die höheren Stücke?«
+
+»Höhere Stücke sind bei Baßgeigen sehr selten,« sagte der Musikant
+kühl. »Aber damit Sie nicht ganz um Ihr Geld kommen, will ich Ihnen
+zwanzig Mark zahlen.«
+
+»Sagen Se sechzig Mark!«
+
+Sie redeten hin und her und einigten sich schließlich auf dreißig Mark.
+Der Musikant holte sich die Baßgeige, und Pinkus warf die Tür krachend
+hinter ihm ins Schloß.
+
+
+
+
+ Zwei Idyllen
+
+
+
+
+ Der Briefkasten
+
+
+Hoch am Ochsenkopf und noch dazu abseits vom Hauptwege liegt eine
+weltverlorene Kolonie, die Weberhäuser. Die Leute, die in den neun
+verstreuten Häuslein dort leben, haben nur mit Altenroda etliche
+Verbindung. Was über Altenroda hinausliegt, geht sie nichts an.
+
+Im letzten Jahre aber waren fünf Sommergäste, welche angeblich die
+absolute Einsamkeit, in Wirklichkeit die absolute Billigkeit suchten,
+in den Weberhäusern gewesen. Ende August waren die Gäste abgereist und
+die Weberhäuser waren so einsam wie immer.
+
+Was, dachte der einzige Spatzenmann, der in den Weberhäusern wohnte,
+am Anfang Oktober, ich mach's wie im vorigen Winter, ich niste in dem
+Briefkasten. Der Briefkasten ist ein gutes, festes Häuslein, sicherer
+als diese windigen Starkästen, und ungestört ist man auch. Besprach
+sich also mit seinem Weibe.
+
+»Blech ist zu kalt,« sagte diese.
+
+»Rede kein Blech, Weib,« sprach der Mann unwillig. »Blech ist fest. Das
+ist die Hauptsache. Rin in den Kasten!«
+
+Dann krochen sie durch einen Spalt, über dem »Einwurf« geschrieben
+stand, und sahen sich im Kasten um. Ein reizendes Schlafgemach, von
+schwach bläulichem Lichte erfüllt. Unten war ein kleines Schild
+angebracht, wie ein Transparent, da stand »Sonnabend« darauf zu lesen.
+
+»Mann, hier liegt was,« sagte das Weib. Es war ein dicker Brief, auf
+dem mit roter Schrift stand: »Eilt!«
+
+»Der ist gut,« sagte der Mann, »der ist dick und federt wie eine
+Matratze.«
+
+Dann flogen sie aus, stahlen Stroh, stahlen Heu, zupften Moos und
+sammelten Laub, und bald war die Wohnung ausgestattet. Als der Abend
+kam, und der Wind grimmig pfiff, lachte das Spatzenpaar in seinem
+sicheren Hause und hörte mit Behagen den Regen auf sein Dach tropfen.
+
+Am selben Abend saß der Weber Bieselt, an dessen Hause der Briefkasten
+angebracht war, unten in Altenroda im »Bleiernen Hecht« und der
+Briefträger gab ihm einen Schnaps zum besten und sagte: »Also,
+Bieselt, wenn diesen Winter wirklich jemand mal bei Euch was in den
+Briefkasten stecken sollte, da laßt mich's wissen. Ich komm dann rauf,
+um zu leeren; denn Pflicht ist Pflicht.« Der Briefträger machte ein
+entschlossenes Beamtengesicht, als er das sagte.
+
+ * * * * *
+
+Den Sperlingen ging's gut. Die Kost war schmal, aber das Haus war
+prächtig. Einmal aber in stiller Nacht, als beide geruhsam schliefen,
+hörten sie leise Schritte ... eine Hand tastete nach dem Kasten ... ein
+keuchendes Atmen hörte man ... dann flog ein Brief in den Spalt, flog
+gerade auf das erschrockene Ehepaar.
+
+»So eine Gemeinheit!« schimpfte der Mann, als er sich von dem schweren
+Schlage erholt hatte; »ich muß sehen, wer das war.«
+
+Er flog auf Kundschaft und kam bald zurück.
+
+»Die schwarze Liese, die dumme Gans! Der steckt der Dragoner im Kopfe,
+der auf Ernteurlaub war, und nun schreibt sie ihm. Paßt sich das?«
+
+Nein, nein, schüttelte das Weib ihr Gefieder, das passe sich ganz und
+gar nicht. Darauf trampelte der Mann wütend auf dem Briefe mit den
+Füßen herum und sagte:
+
+»Hilf, Weib! Wir buddeln den Brief unter.« Und sie buddelten ihn unter.
+
+Zehn Tage später flog wieder in tiefer Nacht ein Brief durch die
+Spalte. Der Spatz war rasend, flog auf Kundschaft aus und kam bald
+zurück.
+
+»Die Hubrichen, die alte Schwarte. Die schreibt gewiß an den Pinkus,
+daß sie die Zinsen nicht bezahlen kann! Hilf, Weib, wir buddeln den
+Brief unter!« Und sie buddelten ihn unter.
+
+Am nächsten Freitag, schon vor Aufgang des Mondes, flog abermals ein
+Brief durch die Spalte. Der Spatz hätte mit den Zähnen geknirscht, wenn
+er welche gehabt hätte, flog auf Kundschaft aus und kam bald zurück. Er
+war blaß vor Zorn.
+
+»Die Heinisch Selma, das Schaf, die schreibt auch an den Dragoner,
+der auf Ernteurlaub da war.« Und in höchster Entrüstung buddelten die
+beiden den Brief unter.
+
+Zwei Tage später aber sauste schon wieder in später Stunde ein Brief
+durch die Spalte und eine leise Stimme draußen sagte: »Wenn mich bloß
+niemand sieht!«
+
+»Das Dorf hat die Schreibwut,« schrie der Spatz, flog auf Kundschaft
+und berichtete, daß es die Häuslerin Steinert sei, die ohne Wissen
+ihres Mannes ihrem Jungen Geldbriefe schicke.
+
+Ende November kam ein Kind geschlichen, das einen Brief ans Christkind
+dem Spatzenpaare auf die Köpfe warf. Alles wurde untergebuddelt.
+
+Als aber Mitte Dezember die Hübner Frieda mit einem Briefe an den
+Dragoner, der auf Ernteurlaub gewesen war, angeschlichen kam, wurde der
+Spatz tobsüchtig.
+
+Er riß das Lager auf, Brief um Brief empor und warf unter athletischer
+Anstrengung sämtliche Briefe mit Hilfe seines Weibes zur Spaltöffnung
+hinaus.
+
+Am anderen Morgen trat der Weber aus dem Hause, sah die vielen Briefe
+im Schnee liegen, stieß einen Quieker aus, steckte alle Briefe wieder
+in den Kasten und sandte drei Tage später einen Eilboten an den
+Briefträger nach Altenroda.
+
+Dieser kam schon vor Ablauf der nächsten Woche an, den Kasten zu
+leeren. Die Sperlinge aber waren inzwischen ausgezogen; denn durch die
+Papierlawine, die der Weber in den Kasten geworfen hatte, wären sie
+beinahe zerquetscht worden.
+
+Der Briefträger leerte den Kasten, sah den Haufen Stroh, Heu, Federn,
+Moos und verschiedene andere Andenken der Spatzen und sagte mit einem
+amtlichen Blick auf den Weber: »Das Einwerfen fremder Gegenstände in
+öffentliche Postkästen ist verboten!«
+
+Der Weber entgegnete nichts. Der Spatz aber meinte:
+
+»Heutzutage mag der Geier ein Sperling sein. Nicht mal im Briefkasten
+mehr hat man Ruhe!«
+
+
+
+
+ Hero und Leander
+
+
+Die beiden Esel hießen Hero und Leander. Esel haben oft hochtrabende
+Namen. Der Kutscher von Hero und Leander hieß Dröselmann. Alle drei
+waren städtische Angestellte von Altenroda.
+
+Hero und Leander hatten einen kleinen Wagen durch die Anlagen
+der Stadt zu ziehen, Müll abzufahren, manchmal etwas Gartengerät
+herbeizuschaffen, auch ein Fuderlein Sand oder Dünger zu befördern,
+und sie taten unter Führung ihres Kutschers Dröselmann das alles in
+gemessener, durchaus unüberhasteter Weise. Niemals gingen sie am
+»Bleiernen Hecht« vorüber. Sie blieben vor dem Wirtshause stehen und
+zwangen förmlich ihren Kutscher, einzukehren und seinen Schnaps zu
+trinken. Ein paarmal kam es dann vor, daß die Esel mit dem Wagen allein
+weiterfuhren und den Grünzeughändlern ihre Geschäftsauslagen, wie
+Kohlköpfe und Möhren, die vor der Tür ausgestellt waren, auffraßen, was
+Anlaß zu Geschimpfe und Beschwerden gab. Das alles aber war den Eseln
+egal. Sie hatten wenig Rechtlichkeitssinn.
+
+Auch an der ersten Promenadenbank blieben die Grauen immer halten.
+Diese Bank hieß »Neubergers Ruh«. Professor Neuberger hatte viel
+Verdienste um die städtischen Anlagen von Altenroda, so daß man
+ihn durch Anbringung einer Tafel geehrt hatte, welche der ersten
+Promenadenbank seinen Namen gab.
+
+Seit sich der zerstreute Gelehrte einmal auf ein Butterbrot gesetzt
+hatte, das ein Kind auf der Bank liegen gelassen hatte, versäumten
+humorliebende Gymnasiasten nie, auf dem Schulwege eine Butterstulle
+auf »Neubergers Ruh« als Falle zu deponieren, was den hellen Hosen des
+Professors noch verschiedentlich häßliche Flecken einbrachte.
+
+Die beiden Esel Hero und Leander aber lungerten jeden Morgen auf das,
+was die anderen Esel, die nun in der Schule festsaßen, auf der Bank
+hinterlassen hatten. Lohnte sich der Fund, dann machte Dröselmann
+Halt, kratzte alle Butter mit dem Messer in eine Stullenecke zu einem
+Schlemmerbissen für sich selbst zusammen und verfütterte das Brot an
+seine Getreuen. Als die Gymnasiasten von solchem Tun Wind bekamen,
+ärgerten sie sich und schwuren Dröselmann und seinen Langohren Rache.
+
+An einem wunderschönen Juni-Nachmittage hatte sich Dröselmann, der ein
+bißchen lange im »Hecht« gesessen hatte, unter einem Baume, der an der
+Grenze zwischen Promenade und Eulenwald stand, schlafen gelegt. Die
+beiden Esel versanken in milde Träumereien. Es war alles so friedlich,
+daß niemand an die Nähe eines bösen Feindes geglaubt hätte. Und doch
+schlich er heran, und zwar in Gestalt des Obertertianers Müller III.
+Dieser berühmte Fährtensucher und Krieger, der in seinem Araberstamme
+den Namen »Vater der Stille« führte (wodurch seine Gewandtheit im
+Anschleichen angedeutet werden sollte), hatte vom Eulenwalde aus
+das Gespann und den schlafenden Kutscher erspäht und sich sofort
+angeschlichen, um festzustellen, ob Dröselmann auch wirklich schlafe,
+und ob da irgend etwas zu machen sei.
+
+Der Eselmann Leander öffnete das linke Auge zu einem Blinzeln, stellte
+auch das linke Ohr etwas senkrecht und versuchte mit einem kleinen
+Schnaufer des linken Nasenloches nach der Richtung, wo Müller III
+anschlich, Witterung zu bekommen. Die rechte Hälfte Leanders schlief
+weiter.
+
+»Liebe Frau,« sagte nach einiger Zeit Leander, »ich glaube, es kommt
+jemand.«
+
+»Laß mich in Ruh,« schimpfte die Frau und schlug dem störenden Eheherrn
+die Schwanzquaste auf den Rücken.
+
+»Weib, da drüben ist was nicht recht richtig,« flüsterte der Mann.
+
+»Du sollst mich in Ruhe lassen,« schnaubte die Gattin und stieß mit dem
+Hinterfuße nach dem Manne.
+
+»Aber Herochen,« klagte der Mann, »ich dachte doch nur ...«
+
+»Du sollst nicht denken! Schlaf!«
+
+Und er schlief, sowohl mit der rechten als auch mit der linken Seite;
+denn er war ein Esel und folgte dem Weibe.
+
+Der »Vater der Stille« war jetzt nur zwei Schritte von dem Kopfe
+Dröselmanns und überzeugte sich, daß dieser in tiefem Schlafe lag. Dann
+schlich er zurück und rannte, als er sich sicher glaubte, nach dem
+Eulenwalde, wo unter der Querkaeiche sein Stamm, die Hullah-Araber,
+lagen. (Indianer spielen galt den Tertianern von Altenroda für
+zu albern; so was machten höchsten die Quartaner und die noch
+tieferstehenden Jahrgänge, mit denen man keine Fühlung hatte. Von
+Tertia an war man räuberischer Beduine.)
+
+»Hört mich an,« sagte der ›Vater der Stille‹; »ich, euer Scheich, habe
+erkundet, daß dieser Giaur, welcher sich Dröselmann nennt, schläft.
+Allah versenkte ihn in den Schlaf der Ungerechten, welche sich mit
+giftigen Getränken, die uns Rechtgläubigen verboten sind, berauschen.
+Die Stunde der Rache ist gekommen. Dieser Giaur hat uns wiederholt des
+täglichen Brotes beraubt, womit wir unseren Erzfeind, den Professor
+Neuberger, anlocken wollten. Allah schicke den Hund von Professor, der
+mir erst in der Osterzensur wieder ›mangelhaft‹ in der Naturkunde gab,
+in die tiefste Dschehenna!«
+
+»Allahu ekber,« murmelten die Krieger.
+
+»Was tut ein freier ben Arab?« fuhr der Scheich fort. »Er nimmt
+dem Feinde zunächst seine Rosse. Tapfere Krieger, edle Söhne des
+ruhmbedeckten Stammes der Hullah-Araber, sprecht mit mir die heilige
+Fatha, die erste Sure des Korans, und dann brecht mit mir auf, daß wir
+den Sieg an unsere Fersen heften und den Feind seiner Rosse berauben.«
+
+Da rief der ganze Stamm: »Hamdullilah, Hamdullilah!« und tanzte um das
+Feuer, das entzündet war, in wilder Freude. Hadschi Ali ben Gorah ben
+Akiba aber, ein sehr betagter Stammesgenosse (er war nämlich in jeder
+Gymnasialklasse einmal sitzen geblieben), machte ein sorgenvolles
+Gesicht und sagte:
+
+»Wenn wir, wie unser Scheich sagt, den Sieg an unsere Fersen heften,
+dann wird der Sieg hinter uns sein, das heißt mit anderen Worten, wir
+werden davonlaufen und die Sieger werden uns auf den Fersen sein.«
+
+»Schweig, du Vater des vertrockneten Gehirns und Bruder der
+Kurzsichtigkeit,« zürnte der Scheich, »wie kann Dröselmann, der
+ein lahmes Bein hat, uns verfolgen, zumal wenn er trunken ist?
+Stammesgenossen, ich sage euch, schon nach einer halben Stunde werden
+wir die Sure des Sieges beten!«
+
+»Allah il Allah!« rief der ganze Stamm.
+
+»Laßt uns gehen; denn Asr, die Stunde des Aufbruchs, die beste des
+ganzen Tages, ist gekommen.«
+
+Sie verbeugten sich in der Richtung gen Mekka und dann brachen sie auf,
+einer hinter dem anderen, huschend, gebückt, voran der Scheich. Jetzt
+waren sie vor einer Schonung.
+
+»Gerade aus!« gebot der Scheich leise und kroch in die Pflanzung. Alle
+Hullah-Araber krochen hinterher, als letzter Hadschi Ali ben Gorah ben
+Akiba, der ob seiner Erfahrungen immer das Ehrenamt hatte, den Rückzug
+zu decken, und als Sohn des städtischen Försters auch die genaueste
+Ortskenntnis besaß.
+
+Plötzlich erdröhnte ganz in der Nähe ein Schuß. Sämtliche Araber flogen
+auf die Nasen.
+
+»Wartet, ihr Halunken,« donnerte die Stimme des Försters, »euch werde
+ich lehren, in die Schonung zu kriechen. Ich erschieße die ganze Bande!«
+
+Die Araber fraßen sich vor Angst in den Sandboden ein. Ein zweiter
+Schreckschuß. Dann die Stimme des Scheichs:
+
+»Der Förster! Er schießt mit Hasenpfeffer! Jungens, lauft!«
+
+Alles rannte. Der Förster fluchte. Am meisten fluchte er, als er seinen
+eigenen Sprößling unter den Waldfrevlern entdeckte, den Hadschi Ali ben
+Gorah ben Akiba.
+
+»Na warte, Fritze,« brüllte der Forstmann, »komm du mir nach Hause!«
+
+Im Kastanienwäldchen sammelten sich die Hullahs. Der Scheich fand seine
+Fassung schnell wieder.
+
+»Tapfere Krieger der Hullahs,« rief; »ihr habt einen heimtückischen
+Überfall glorreich überwunden. Laßt uns die Sure des Sieges sprechen.
+Denn der Feind hat trotz seiner Feuerschlünde nichts über uns
+vermocht. Leider wird er durch seine Schüsse den geweckt haben, den
+wir überfallen wollten. Wir müssen also unseren Kriegszug für heute
+abbrechen.«
+
+Er hatte nicht ganz recht. Zwar, als die Schüsse erdröhnten, waren auch
+Hero und Leander in wilder Flucht davongelaufen, hatten zuletzt den
+Wagen umgeworfen, die Geschirre zerrissen und waren von dem Förster
+eingefangen worden. Der Kutscher Dröselmann aber hatte von all diesen
+Ereignissen nichts bemerkt. Er erfreute sich eines gesegneten Schlafes.
+
+Am nächsten Morgen wurde Dröselmann auf das Rathaus zitiert und ihm
+daselbst ein wenig freundlicher »Guten Morgen« gesagt.
+
+Fünf Tage später durcheilte die Stadt das Gerücht: die Esel seien schon
+wieder durchgegangen. Diesmal aber waren sie nicht wieder eingebracht
+worden, sondern mit Geschirr und Wagen spurlos verschwunden. Das
+Gespann war offenbar gestohlen worden. Dröselmann mußte wieder aufs
+Rathaus kommen und wußte von dem ganzen Vorfall nichts zu melden,
+als daß er ob der ungeheuren Sommerhitze am Wegrande ein wenig
+entschlummert sei, und daß bei seinem Erwachen die Esel auf und davon
+waren.
+
+Darauf sagte der Bürgermeister: »Gute Nacht, lieber Dröselmann, wir
+brauchen Sie fürderhin nicht mehr. Schlafen Sie weiter recht wohl!«
+
+ * * * * *
+
+Im Eulenwalde lag ein altes Jagdhaus, das sich ein adliger Herr in
+früherer Zeit gebaut hatte, das aber nun ganz in Verfall geraten und
+seit Menschengedenken unbewohnt war. Ein grasverwachsener Waldweg
+führte zu ihm, der kaum manchmal zu einer Holzfuhre benutzt wurde.
+
+Nach diesem alten Jagdhause schafften die Hullah-Araber ihre Beute, und
+der Zufall wollte es, daß sie ganz unbemerkt blieben.
+
+Die Hullahs feierten ein großes Siegesfest, und es zeigte sich, daß
+jeder seinen Karl May gründlich kannte.
+
+»Tapfere Krieger,« rief der Scheich, »seht ihr sie leuchten, die Sonne
+unseres Ruhmes? Seht ihr sie stehen, die erbeuteten Rosse und Wagen
+unseres Feindes? In allen Zelten des Morgenlandes, bei den Wachtfeuern
+der Wüste und an den Ufern des Nils wird man von unserer Großtat
+sprechen.«
+
+»Allahu ekber!« riefen die Krieger und entzündeten ihre Pfeifen.
+
+»Tapfere Krieger,« fuhr der Scheich fort, »ein echter ben Arab liebt
+sein Roß; seht, wie ich dem meinen den Kuß des Friedens gebe!«
+
+Er näherte sich dem Kopfe der Eselin und wollte sie küssen. Hero aber
+schnappte nach ihm; auch bespritzte sie ihn aus ihren Nasenlöchern.
+
+»Dieses Roß,« sagte der Scheich, indes er sich das Gesicht abwischte,
+»tut noch etwas fremd zu mir. Ich will ihm zeigen, daß ich sein Freund
+bin.«
+
+Nun brachte er eine Menge Zuckerstücke zum Vorschein, die er den
+Vorräten seiner Mutter entnommen hatte, und fütterte die Eselin.
+
+»Weib,« sagte der Esel Leander; »lasse dich nicht von einem Manne, der
+dich hat küssen wollen, mit Zucker speisen.«
+
+»Ach, du bist wohl eifersüchtig?« fragte die Frau und fraß dann erst
+recht.
+
+Da seufzte der Mann: »So sind die Weiber!« Aber er fügte sich drein;
+denn er war ein Esel. Hadschi Ali ben Gorah tröstete ihn mit einem
+Bündel Möhren.
+
+Hadschi Ali stand neuerdings beim Stamme wieder in höchsten Ehren;
+denn seine Deutung von der Heftung des Sieges an die Fersen hatte sich
+bewahrheitet, und obwohl sich von väterlicher Seite wegen des Betretens
+der Schonung der Sieg nachträglich sogar auch noch an Alis Hosenboden
+geheftet hatte, war der Edle doch dem Stamme treu geblieben und hatte
+sich an der neuen Kriegstat beteiligt.
+
+Auch die anderen Hullah-Araber hatten für die beiden erbeuteten »Rosse«
+allerhand Leckerbissen mitgebracht, sogar Weißbrot und Schokolade, so
+daß Leander seine Hero anschmunzelte und sagte: »Die Lauseigel sind
+gut. Wir haben unsere Lage verbessert!«
+
+Hadschi Ali ben Gorah aber legte seine sechzehnjährige erfahrene Stirn
+in Falten und sagte:
+
+»Was fangen wir nun mit den Eseln an?«
+
+»Zuerst müssen wir furagieren,« sagte Mullah ben Nadir, dessen Vater
+beim Train gedient hatte. »Esel brauchen Heu. Ich weiß eine Wiese in
+der Nähe, wo Heu zu haben ist. Auch Klee mögen sie.«
+
+Dieser Vorschlag wurde angenommen; der Scheich und zwei Krieger zogen
+aus, um zu erkunden, ob Wiese, Kleefeld und Weg sicher seien, und dann
+brach der ganze Stamm auf und schaffte ein Fuder Heu und Klee herbei.
+In dem alten Jagdschloß waren noch bedeckte Räume genug, daß das
+Eselpaar einen Stall, der Wagen eine Remise fand.
+
+»Was machen wir nun mit den Eseln?« fragte der weise Ali wieder. »Es
+genügt nicht, wenn wir sie bloß immerzu füttern.«
+
+»Nein,« sagte Ibn Dschisirah, »wir müssen sie reiten. Esel sind
+Reittiere.«
+
+»Wir haben keine Sättel,« warf Ali ein.
+
+»Sättel,« höhnte der Scheich; »wie oft ist der große Kara ben Nemsi,
+den sie im Abendlande Karl May nennen, ohne Sattel geritten! Ich werde
+es euch zeigen; denn ich bin euer Scheich.«
+
+»Hai! Hai! Der Vater der Stille!« jubelten die Krieger.
+
+Der Scheich schirrte nun die Eselin ab, gab ihr die zärtlichsten
+Kosenamen, erinnerte sie an den Zucker, den er ihr verehrt hatte, und
+schwang sich mit einem kühnen Schwunge auf den Rücken des Tieres.
+
+Der Erfolg war ein gewaltiger. Hero drehte erst verwundert den Kopf
+um, was bedeuten sollte: »Nanu? Was ist das für eine Frechheit?« Dann
+wippte sie ein wenig mit dem Rücken, dann machte das Vieh unvermutet
+einen kreuzförmigen Satz, einen wahren Zaubersprung, zugleich
+nach vorn, hinten, rechts und links, so daß der Scheich wie eine
+abgeschossene Rakete in die Luft flog.
+
+»Allah kerim!« riefen erschrocken die Krieger.
+
+Der Scheich, der nach glänzender Kurve gelandet war, erhob sich. Er
+hatte sich gewaltig geschlagen, ließ aber nichts merken, sondern sagte
+gleichmütig:
+
+»Dieses Roß scheint falsch zugeritten zu sein. Ich will das andere
+probieren.«
+
+Nun kam Leander an die Reihe. Leander hatte mit Behagen zugesehen, was
+für Teufelsmätzchen sein Weib mit dem Araber vollführte.
+
+»Ja, ja, lasse sich einer mit der ein, mit der wird kein Esel fertig,«
+sagte er bei sich. Während sich nun der Scheich mit ihm zu schaffen
+machte, dachte sich Leander:
+
+»Wie wäre es, wenn ich den Schlingel auf mir reiten ließe? Gewiß bekäme
+dann das nächste Mal ich den Zucker und das Weib bekäme nichts; das
+würde sie sehr kränken.«
+
+Aus diesen ehelichen Erwägungen heraus ließ Leander den Scheich
+aufsteigen und setzte sich in gemütlichen Trab mit ihm.
+
+Die Hullahs waren außer sich vor Entzücken.
+
+»Er reitet! Er reitet wirklich! Er fällt nicht herunter!« riefen sie.
+Der Scheich aber sagte leuchtenden Auges:
+
+»So reitet ein ben Arab!«
+
+ * * * * *
+
+»Was machen wir wegen der Esel?« fragten sich auch die Räte der Stadt
+Altenroda. Sie empfanden den Verlust der Tiere als eine Schande.
+Das »Stadtblatt« und einige benachbarte Zeitungen machten in Poesie
+und Prosa böse Witze über die Affäre. So wurde schließlich auf die
+Wiedereinbringung der schamlos gestohlenen Esel eine Belohnung von
+dreihundert Mark gesetzt, die auch bald auf fünfhundert erhöht wurde.
+Im »Löwen«, im »Roß« und im »Hecht« aber wurde fast von nichts anderem
+gesprochen als von dem entschwundenen Stadtmarstall, und es wurden
+große Wetten abgeschlossen, ob die Tiere wiederkommen würden oder
+nicht. Schließlich erhöhten diejenigen, die auf die Rückkehr der
+Esel gewettet hatten, die Prämie von sich aus auf tausend Mark. Der
+abgesetzte Eselskutscher Dröselmann hatte der Stadt den Rücken gekehrt
+und war nach Berlin gezogen, wo er zwei Brüder hatte, die von ähnlichem
+Kaliber waren wie er. Seine Frau hatte Dröselmann in Altenroda
+zurückgelassen.
+
+ * * * * *
+
+Den Eseln erging es indessen im Eulenwalde vorzüglich. Wenn sich der
+Stamm der Hullah-Krieger auch nicht täglich vollzählig versammelte,
+was wegen verschiedener schwerer Hinderungsgründe nicht immer
+möglich war (Klavierstunde, Tante zu Besuch, zum Schneider maßnehmen
+gehen, Strafarbeiten machen, Arrest absitzen und so), es waren doch
+immer einige der Helden anwesend und vergaßen nie, manches Leckere
+mitzubringen. Die Esel waren des Nachts angebunden, wurden aber am
+Nachmittag losgelassen und führten ein freies Leben voller Wonne.
+Leander, der gutmütige Mann, ließ auf sich reiten, bei Hero, der
+störrischen Eselin, aber gelang es nur dem Scheich, einen Rekord von
+elf Sekunden aufzustellen, dann flog auch er unweigerlich.
+
+Manchmal in stiller Nacht, wenn sie allein waren, sagte der Mann:
+
+»Ach, Frau, in diesem verwunschenen Schlosse ist es schauerlich zur
+Nachtzeit. Hörst du, wie das Käuzchen schreit und wie laut der Bach
+rauscht? Auch klappert der Wind mit den Dachsparren.«
+
+»Er klappert nicht! Du klapperst! Und zwar mit den Zähnen. Du bist ein
+Feigling!«
+
+»Ach, Frau, ich wollte gewiß mutig sein wie ein Löwe, wenn ich nur
+erst wieder bei Papa Dröselmann im Stalle stände. Da wohnten Menschen
+ringsum und zwei Hunde sind im Hofe, ein Boxer und ein Pinscher, der
+die ganze Nacht bellt.«
+
+»Du bist ein Esel, darum bist du dumm; wärst du eine Eselin, so wärst
+du klug. Geh nur zu deinem Dröselmann, lasse dich alle Tage an den
+Wagen spannen, schleppe Lasten und kriege schlechtes Futter! Geh, geh!
+Ich bleibe hier. Und wenn du gehst, wirst du noch etwas Dümmeres sein
+als ein Esel.«
+
+»Nämlich was denn?«
+
+»Ein Witwer!«
+
+»O weh, ein Witwer will ich nicht sein!«
+
+»So halt's Maul! Männer, die nicht Witwer sind, haben das Maul zu
+halten.«
+
+Das tat denn Leander und fürchtete sich in dem einsamen Waldhause halb
+zu Tode. Erst wenn der Morgen kam, schlief er ein.
+
+ * * * * *
+
+An einem Sonntagnachmittage, als fast der ganze Stamm der Hullah
+versammelt war, sagte der Scheich:
+
+»Tapfere beni Hullah! Es sind zwölf Tage und zwölf Nächte vergangen,
+seit wir auf unserem glorreichen Kriegszuge die Rosse des Giaurs
+Dröselmann erbeuteten. Ihr habt gehört, was diesem Vater der
+Verschlafenheit und Enkelsohne der Kümmelflasche begegnet ist. Sein
+Mudir (Bürgermeister) hat ihn aller seiner Ehrenstellen entsetzt und
+seiner Einkünfte entkleidet. Er hat ihn in die Verbannung gejagt, wo
+ihn die Krokodile der Verzweiflung fressen werden. Allah verbrenne
+seine Seele in Spiritus. Was uns dieser Giaur geschadet hat, ist
+gerächt. Der freie Sohn der freien Wüste aber, der ben Hullah, ist
+großmütig und edel. Wenn seine Rache erfüllt ist, hört er auf, zu
+strafen.
+
+Nun komme ich auf die Stadt zu sprechen, welche Altenroda heißt. Gewiß,
+es wohnen in dieser Stadt vielerlei Bösewichte, wozu insonderheit die
+Professoren der Schule gehören, welche das Gymnasium heißt.«
+
+»Allah! Wallah! Tallah!« knurrten die Krieger.
+
+»Allah,« fuhr der Scheich fort, »wird diese Giaurs samt und sonders an
+einen Spieß stecken, und über dem tiefsten Schlunde der Feuermolche in
+der Dschehennah zappeln lassen.«
+
+»Allah! Wallah! Tallah!« heulten die Krieger in wildem Fanatismus.
+
+»Aber, beni Hullah, mein Ohr hat vernommen, daß einige unter euch
+Verwandte in Altenroda haben, und deswegen wollen wir die Stadt nicht
+vernichten, sondern ihr Gnade zuteil werden lassen.«
+
+Die Männer brummten irgend etwas Arabisches.
+
+»Ich weiß, teure Stammesgenossen, die Milde fällt euch schwer. Zu arg
+und schändlich seid ihr in jener Stadt oft erzürnt worden. Aber der
+Starke sei gnädig dem Schwachen. Um eurer Verwandten willen will ich
+die Stadt begnadigen und ihr die Esel zurückerstatten, um die sie
+jammert.«
+
+Unwilliges, ja drohendes Gemurre.
+
+»Hört mich, edle beni Hullah -- ich habe noch andere Gründe für meine
+Milde. Das größte El Asr des ganzen Jahres, die größte Stunde des
+Aufbruchs steht bevor. (Der Scheich meinte den Beginn der großen
+Ferien.) Die Hullah zerstreuen sich dann auf lange Zeit; der eine
+zieht dorthin, wo auf weiten Steppen die Herden grasen; der andere
+erklimmt die höchsten Felsengipfel der Welt; der dritte stürzt sich in
+das Meer, um Perlen zu suchen; ein vierter sucht seinen ruhmreichen
+Großvater auf. Niemand wird hier bleiben, um unsere Roßherde zu
+bewachen und sie gegen den Überfall von Feinden oder vor wilden Tieren
+zu beschützen. Was soll aus ihnen werden?«
+
+Düster sahen die Männer vor sich hin. Ihre herrliche Beute freizugeben,
+auf den Spaß zu verzichten, alle Tage die Altenrodaer Bürger von den
+verschwundenen Eseln mirakeln zu hören, sich selbst ihres köstlichen
+Geheimnisses zu berauben, keine Reittiere mehr zu haben, das alles
+erschien ihnen Wahnsinn.
+
+»Was du planest, o Scheich,« sagte Omar ben Gandesi zornig, »verhüte
+der Prophet!«
+
+»So möge eure Weisheit entscheiden,« antwortete der Scheich verstimmt,
+»was nach dem großen El Asr mit unseren Viehherden geschehen soll!«
+
+Alle versanken in dumpfes Sinnen. Die Pfeifen dampften. Endlich sagte
+der weise Ali:
+
+»Wenn wir sie schon selbst nicht behalten können, so wollen wir sie
+doch der feindlichen Stadt Altenroda nicht zurückgeben. Möge diese
+Stadt zum Gelächter der ganzen Welt die esellose genannt werden in
+Ewigkeit. Wir werden die Esel aus ihrer schmachvollen Sklaverei
+erlösen, wir werden ihnen die Freiheit geben. Wald, Feld und Flur
+sollen ihre Weide sein, der Sternenhimmel ihr Zelt, und zu Mogreb, der
+Stunde des Frühgebetes, schon möge alltäglich ihr Feierabend beginnen.«
+
+»Wohl gesprochen, edler Ali; auch ich bin für die Freiheit der Esel.
+Aber bedenke, was aus ihnen werden soll, wenn die Regenzeit eintritt
+oder wenn feindliche Stämme ihnen nachstellen.«
+
+So sprach der Scheich. Da sprang Omar ben Gandesi erregt auf und rief:
+
+»Ich hab's! Allah hat mein Herz erleuchtet und meinen Verstand scharf
+gemacht wie die Zähne des Krokodils. Ihr wißt, daß die Obrigkeit von
+Altenroda auf die Wiedereinbringung der Esel einen Preis von tausend
+Silberstücken gesetzt hat. Lasset uns mit den Eseln vor das Rathaus
+ziehen, sagen, wir haben sie im Walde eingefangen, und uns den Preis
+einfordern. Wenn wir ihn teilen, hat bei El Asr, der Stunde des
+Aufbruchs, jeder soviel Geld, daß sein Weg mit Rosen bestreut sein wird
+und sich in allen Herbergen die Diener vor uns reichen Männern neigen
+werden.«
+
+»Hamdullilah!« schrien die Krieger, und sie reichten sich die Hände und
+tanzten vor Freude. Nur der Scheich und der weise Ali blieben sitzen.
+
+Als der Tanz aufhörte, sprach der Scheich:
+
+»O, ihr Kinder des Unverstandes und Väter des Leichtsinnes! Was ihr
+planet, würde unser aller Verderben ein. Man würde euch durchschauen,
+euch nicht die tausend Silberstücke, sondern die Bastonade geben, sowie
+auch elendiglich einkerkern.«
+
+»Der Scheich hat recht,« sagte Ali düster; denn er dachte an seinen
+Vater, den Förster. Da wurden sie alle still, und bleierne Ratlosigkeit
+lag über der Versammlung.
+
+Endlich stand der Scheich auf und hielt eine Rede von solchem
+Bilderreichtum und von so hinreißendem Feuer, wie sie eben nur von
+einem Orientalen gehalten werden kann. Als er geendet hatte, reichten
+ihm seine Krieger die Hände, und in aller Augen lag hoher Stolz und
+fester Entschluß.
+
+ * * * * *
+
+Die Johannisnacht war gekommen. Auf dem Ochsenkopf wurde ein mächtiges
+Johannisfeuer angezündet. Goldig flackerte es auf in der pechschwarzen
+Neumondnacht, und alles Volk aus der Stadt vergnügte sich und hatte
+sich zum Feste hinaus begeben. Selbst die größeren Kinder genossen in
+dieser Nacht Freiheit.
+
+Jenseits vom Ochsenkopf aber, im Eulenwalde, im Lager der Hullahs,
+regte es sich.
+
+»Wir sind vollzählig beisammen,« sagte der Scheich. »Allah hat keinen
+um die Ehre bringen wollen, an der Heldentat, die wir vorhaben,
+teilzunehmen. Betet die heilige Fatha!«
+
+Die Krieger verbeugten sich gegen Mekka, was in der herrschenden
+Finsternis leider nach vier verschiedenen Richtungen geschah, dann
+wurden die Esel aus dem Stalle geführt und an den Wagen gespannt. Der
+Scheich mit zwei Spähern ging voraus, der Wagen mit Begleitung folgte.
+Hadschi Ali ben Gorah kommandierte den Nachschub. Mit allerhöchster
+Vorsicht schob sich die Karawane weiter. Bei einem Gemüsefelde wurde
+Halt gemacht. Der Scheich entlehnte sich von einer Vogelscheuche einen
+alten Frack, einen fürchterlichen Zylinder und ein Halstuch; auch
+band er sich eine Gesichtslarve vor, die er vom letzten Fasching her
+besaß. So ausgerüstet, war er schrecklich anzuschauen. Er entließ nun
+mit einer Handbewegung alle seine Krieger und fuhr ganz allein hinein
+in die feindliche Stadt. Voller Bewunderung sahen die Hullahs dem
+unvergleichlichen Helden nach.
+
+Die Stadt war wie ausgestorben. Was nicht zum Johannisfeuer gegangen
+war, steckte in den Häusern. Nur bei einer Straßenlaterne saßen drei
+alte Frauen auf den Haustürstufen und schwatzten.
+
+Als sie das gespensterhafte Gefährt daherkommen sahen, schrien sie
+gellend auf, stürzten ins Haus und warfen die Tür hinter sich zu. Das
+erste der Weiber wurde ohnmächtig, das zweite schrie in Todesangst
+fortwährend, es hätte den Leibhaftigen gesehen, das dritte nahm
+Baldriantropfen.
+
+Fernerhin unbemerkt gelangte der Scheich bis zum Marktplatz. Dort
+führte er sein Gespann an einen dunklen Straßeneingang, strängte die
+Esel ab, streichelte sie noch einmal zärtlich und verschwand im Dunkeln.
+
+ * * * * *
+
+Vom Ochsenkopf kam mit Marschmusik und Hunderten von Fackeln der
+Festzug vom Johannisfeuer heim. Voran schritt der Bürgermeister. Es
+war in Altenroda nicht Sitte, daß, wie anderwärts, die Obrigkeit die
+Volksfeste nur huldvoll genehmigte, mit Steuern belegte und polizeilich
+überwachen ließ, sondern sie, die Obrigkeit, mußte mitmachen, sich
+persönlich beteiligen. Immer mehr Fackeln erfüllten den Marktplatz, die
+Musik dröhnte, der Bürgermeister erklomm die Freitreppe, um die übliche
+kleine Ansprache zu halten.
+
+»Bürgerinnen und Bürger unserer lieben Stadt! Der Johannisabend ist für
+alle ein Fest der Freude!«
+
+»I--a, i--a!« tönte es von irgendwo her. (Das sind wieder Schulbuben,
+die Unfug treiben, denken alle.)
+
+»Zwar ist es schön und friedlich in den Mauern unserer Stadt, aber
+herrlich ist es doch, in holder Sommerzeit einmal hinauszuschweifen
+nach Wald und Berg ...«
+
+»I--a, i--a!«
+
+Plötzlich ein begeistertes, markerschütterndes Schreien.
+
+Und nun folgt ein Hexensabbath: »Die Esel! Die Esel!«
+
+Fackeln drängen nach einer dunklen Ecke.
+
+»Die Esel! Die Esel!«
+
+»Was ist los? Was gibt es?«
+
+»Die Esel sind da! Unsere Esel sind da! Unsere lieben Esel sind da!
+Unsere Stadtesel sind da!«
+
+Die ganze Menge gerät in Tumult. Der Bürgermeister läßt zwei Trompeter
+blasen.
+
+»Ruhe! Was gibt es?«
+
+Bäckermeister Chibulke schreit mit seiner Löwenstimme über den Platz:
+
+»Unsere Stadtesel sind da! Hero und Leander. Da stehen sie an der
+Eulengasse!«
+
+»Herbringen! Zeigen! Die Esel! Die Esel!«
+
+Über den Marktplatz bewegt sich, von vier Männern und zahlreichen
+Fackeln begleitet, das Eselsgespann. Die Leute staunen sich die Augen
+aus den Köpfen, sie zappeln, schlagen mit den Händen, schreien.
+
+Vor dem Bürgermeister hält das Gespann. Es tritt tiefe Stille ein. Der
+Bürgermeister blickt die Esel entgeistert an.
+
+»Wo kommen die her?« fragt er.
+
+»Ich weiß nicht,« sagt der Bäcker. »Am Eingang der Eulengasse haben sie
+gehalten, ganz ohne Kutscher.«
+
+»Es ist ein Plakat an dem Wagen,« ruft einer.
+
+»Vorlesen! Vorlesen! Ru--uhe!«
+
+Ein Mann liest von der Freitreppe aus das Plakat vor, das an dem
+Eselswagen war:
+
+»Bürger von Altenroda!
+
+Um eurer zahlreichen Sünden und Missetaten willen seid ihr gestraft
+worden, daß ihr euer schönes Eselsgespann verloret und die ganze Welt
+über euch lachte. Diesmal soll Gnade für Recht ergehen, und ihr bekommt
+euer Gespann wieder. Das nächste Mal fällt es strenger aus! Seid also
+gut zu euren Armen und nachsichtig mit eurer Jugend! Sonst wehe euch!
+Die tausend Mark Belohnung soll die Frau Dröselmann bekommen, die durch
+eure Härte des Ernährers beraubt worden ist. Tut ihr das nicht, so
+werdet ihr die Esel nicht lange behalten.
+
+ Gezeichnet: Die Männer des Rechts.«
+
+Ein ungeheures Gelächter ging los. Nur die Hullahs standen still und
+stolz da, und ihr Scheich hüllte sich schweigend in seinen Burnus.
+
+ * * * * *
+
+Die tausend Mark wurden wirklich an die Frau Dröselmann gegeben. In
+Altenroda herrschte viel zu viel Humor und Biedersinn, als daß das
+nicht geschehen wäre. Frau Dröselmann, die ohnehin froh war, daß sie
+ihr altes Trinkhuhn von Mann los war, schlug selig die Hände zusammen,
+als sie das Geld bekam, und sagte:
+
+»Gott sorgt! Der Mann ist fort, und die Esel sind da!«
+
+Darob wurde sie zur städtischen Eselkutscherin ernannt. Sie verrichtete
+ihr Amt ausgezeichnet, hielt vor keinem Wirtshaus, war zuverlässig und
+betreute ihre Tiere mütterlich ...
+
+Nur wenn sie in die Gegend kam, wo die Promenade an den Eulenwald
+grenzt, wollten ihr die Grauschimmel allemal durchgehen. Eine unbändige
+Sehnsucht zog Hero und Leander nach dem alten Jagdhause im Eulenwalde.
+Und wenn sie eine bunte Gymnasiastenmütze sahen, zitterten sie vor
+Freude.
+
+
+
+
+ Ansorge
+
+
+Wie Ansorge mit dem Vornamen hieß, wußte in Altenroda kaum ein Mensch.
+Etwa bis zum vierzehnten Jahre wurde er »Ansorgerle« gerufen; vom
+vierzehnten bis dreißigsten Lebensjahre hieß er »der junge Ansorge«,
+von da an schlechtweg »Ansorge« und über das fünfundfünfzigste
+Lebensjahr hinaus »Vater Ansorge«.
+
+»Ansorge« ist ein unvollkommener Name. Man weiß nicht, ob der Mann, der
+ihn trägt, reich oder arm »an Sorge« ist. Ist er reich daran, dann ist
+er natürlich arm; ist er arm daran, so ist er gewöhnlich reich. Eine
+nur scheinbar verzwickte Geschichte, deren Richtigkeit jeder leicht
+einsehen wird. Vielleicht kann »Ansorge« auch »Ohnesorge« heißen, wie
+kluge Sprachler behaupten, aber das trifft auf unseren Mann nicht zu.
+
+Mit diesem Ansorge war die Sache überhaupt nicht so einfach wie mit den
+Ansorges insgemein; er war nämlich reich an Geldmitteln und trotzdem
+auch reich an Sorgen. Und die Angelegenheit gestaltet sich noch
+seltsamer, wenn man hört, daß Ansorge persönliche Sorgen nur viermal
+im Leben hatte: einmal in seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahre eine
+ungetreue Liebste, einmal im siebenunddreißigsten Lebensjahre eine
+falsch behandelte Zahnfistel, einmal in seinem dreiundvierzigsten
+Lebensjahre die Kündigung seines Prokuristen und einmal im siebzigsten
+Lebensjahre die Sorge um die Gesundheit seines Trauergefolges.
+
+Ansorges Sorgen galten immer anderen Menschen. Weil er sich selber
+nicht wichtig vorkam, hatte er auch um sich selbst keine Sorgen; aber
+weil ihm die Schicksale anderer Menschen am Herzen lagen, kam er sein
+Lebtag aus dem Kummer nicht heraus.
+
+Als Knabe machte sich Ansorgerle Schmerzen darüber, daß Paul Distelfink
+keinen Springkreisel besaß, da er doch wußte, wie sehr sich der Junge
+ein solches Spielzeug wünschte. Da bot er eilig und freundlich dem
+Knaben seinen eigenen Kreisel an. Distelfink aber war ein Ruppsack,
+sagte, er sei kein Betteljunge, und mochte den Kreisel nicht. Darauf
+legte Ansorgerle den Kreisel auf Distelfinks Schulweg und paßte, hinter
+einem Strauche versteckt, auf, ob er ihn finden werde. Distelfink fand
+den Kreisel und schrie: »Den alten Kreisel trag' ich aufs Fundbüro!«
+
+Das war eine der fremden Sorgen, von denen Ansorge sehr früh erkannte,
+es sei gar nicht so leicht, ihnen abzuhelfen.
+
+ * * * * *
+
+Eine schlimme Sache war das mit der verunglückten Liebe. Ansorge hatte
+Emma Rillek von seinem siebzehnten Jahre an geliebt und sich mit ihr in
+seinem zwanzigsten Jahre heimlich verlobt. Emmas Mutter, die Witwe war,
+durfte nichts wissen. Sie ahnte auch wirklich dann noch nichts, diese
+strenge Frau, als der junge Ansorge ihrer Tochter zum Geburtstag eine
+Wäscheaussteuer schenkte, in der allein zwei Schock leinene Handtücher
+waren, und nächste Weihnachten eine Zimmerausstattung und einen
+Silberkasten. Die Witwe Rillek war arm. Wie soll eine arme Frau auch
+gleich auf den Gedanken kommen, ein junger Mann habe mit der Tochter
+etwas vor, wenn er ihr einmal einige Sachen schenkt? Ansorge freute
+sich unbändig, daß die Frau so ahnungslos war, und schenkte Kleider,
+Pelzwaren, Küchengeräte, Halsbänder, eine goldene Uhr und solche Dinge
+mehr. Die Mutter blieb immer gleich ahnungslos.
+
+Am 6. Mai wollte Ansorge um Emma anhalten. Dann war er fast
+dreiundzwanzig und sie eben sechsundzwanzig geworden. Das rechte Alter
+und Verhältnis zum Heiraten.
+
+Am 3. Mai traf sich Ansorge mit Emma im Eulenwalde. Er hatte immer
+Angst, die strenge Mutter könne hinter diese heimlichen Stelldicheine
+kommen. Wie schrecklich, wenn sie ihm dann die paar Geschenke, die er
+Emma gemacht hatte, zurückschickte!
+
+An diesem 3. Mai merkte Ansorge seiner Emma eine gewisse Beklemmung an.
+Er redete ihr liebevoll zu, sich doch ja keine Sorgen zu machen und ihm
+alles anzuvertrauen, was sie drücke. Da brachte Emma endlich heraus:
+
+»Ansorge, du könntest mir einmal einen Gefallen tun.«
+
+Er sagte, daß er sich gern gefällig zeigen werde.
+
+»Aber es ist ein großer, schwerer Gefallen!«
+
+»Das tut nichts,« sagte Ansorge und lachte sie aufmunternd an.
+
+Da schluckte sie ein paarmal, wurde knallrot und sagte dann stockend:
+
+»Ich möchte -- daß du einwilligst -- daß ich den Paul Distelfink
+heirate.«
+
+Erst verstand er sie nicht.
+
+»Wie?« fragte er. »Bitte, sage es noch einmal!«
+
+Da ergoß sich eine Flut von Worten über ihn. Es sei ja bloß deshalb
+so gekommen, weil sie doch eben Nachbarskinder gewesen seien,
+der Distelfink und sie, beide -- wie er ja wohl wisse -- in der
+Gerbergasse aufgewachsen. Da komme halt so was. Und dann, er solle ihr
+doch den Gefallen tun und einwilligen -- es ginge überhaupt nicht mehr
+anders.
+
+Er schritt ganz still neben ihr her. Eine große Sorge, ein schwerer
+Herzenskummer war plötzlich über sein eigenes Leben gekommen. Sie
+redete immer weiter, weinte, sagte, daß sie todunglücklich würde, wenn
+er nicht nachgäbe.
+
+Da gab er nach. Beim Abschiede war er freundlich, er tröstete sie und
+wollte ihr sogar -- wie immer -- ein Goldstück für »kleine Ausgaben«
+schenken. Aber stolz -- wie ehedem der Knabe Distelfink den Kreisel --
+schlug sie das Goldstück aus.
+
+Noch in der Nacht desselben Tages wurde der junge Ansorge sehr krank.
++Dr.+ Schicketanz betreute ihn. Schicketanz hatte in Prima
+gesessen, als Ansorge in der Untertertia sitzen blieb, hatte es aber
+nicht verschmäht, sich von dem reichlichen Taschengelde des so tief
+unter ihm stehenden Mitschülers damals immer das Tabaksgeld zu leihen,
+das er bis heutigen Tags nicht wiedergegeben hatte. Nun war Schicketanz
+Arzt in Altenroda, Ansorge der Besitzer der von seinen frühverstorbenen
+Eltern ererbten Fabrik, und nun saß +Dr.+ Schicketanz an dem
+Krankenlager des Ansorge.
+
+Sie siezten sich. Einer, der schon in Prima war, da der andere in
+Untertertia kleben blieb, kann unmöglich zu ihm »du« sagen, wenn nicht
+etwa das Leben es später so besonders eigentümlich gefügt hat.
+
+»Lieber Herr Ansorge,« sagte +Dr.+ Schicketanz nach achttägiger
+Behandlung, »organisch sind Sie gesund. Ihr ganzes Übelbefinden -- daß
+Sie nicht essen und schlafen können, daß Sie natürlich dadurch abmagern
+und schlaff werden, sich elend fühlen -- beruht auf nervöser Grundlage.
+Zunächst müssen Sie mal erst etwas zu Kräften kommen, dann schicken wir
+Sie auf Reisen.«
+
+Er ist ein guter Arzt, dachte Ansorge. Was der Grund zu den nervösen
+Grundlagen seines Todkrankseins war, erzählte er dem Doktor nicht. Das
+war auch nicht nötig. Ganz Altenroda wußte Bescheid.
+
+In dieser sorgenvollen Zeit seines Lebens quälte sich der junge
+Ansorge besonders mit der einen Frage: Ob sie mir wohl meine Geschenke
+zurückschicken werden?
+
+Die Geschenke kamen nicht zurück. Da freute sich Ansorge und sagte zu
+sich selber: »Es sind doch rücksichtsvolle Menschen. Das tun sie mir
+nicht an.«
+
+Auch an Distelfink dachte er nun freundlicher. Damals mit der Abweisung
+des Kreisels hatte ihn Distelfink gekränkt. Nun nahm er -- was ihm
+gewiß schwer wurde -- die mancherlei Sachen, die er der Emma verehrt
+hatte, an. Das war nett von dem Distelfink. Überhaupt -- alles hätte er
+haben können, nur gerade die Emma hätte er ihm nicht nehmen sollen.
+
+Über die Bitternis dieses Gedankens kam Ansorge wochenlang nicht
+hinweg, und +Dr.+ Schicketanz hatte zu tun, ihn aufrecht zu
+erhalten.
+
+Dann ging der junge Ansorge zwei Jahre auf Reisen.
+
+Als er gesund und kräftig zurückgekommen war, erschien eines Tages Paul
+Distelfink in seinem Privatkontor und sagte:
+
+»Alter Freund, ich komme mit einer Bitte. Emma und ich haben gestern
+das dritte Kind bekommen. Es ist unser erster Junge. Nun wollen wir
+dich herzlich bitten, Pate zu sein. Es soll ja Glück bedeuten und eine
+Ehre sein, wenn man beim ersten Jungen aus einer Ehe Pate ist. Nun,
+Ehre und Glück hast du ja wohl nicht nötig, aber uns nähmst du halt
+eine Sorge ab, wenn du Pate wärst.«
+
+Ansorge sah den Bittsteller mit seinen stillen Augen an. Er überlegte.
+Er überlegte lange. Dann sagte er sich: »Warum soll ein kleiner
+unschuldiger Junge keinen Paten haben?« Und er sagte zu.
+
+Zwei Tage nach der Taufe kam die Mutter Emmas, die Witwe Rillek, ins
+Privatkontor, flennte und sagte:
+
+»Ach, Herr Ansorge, Sie sind gewiß der beste Mensch von der Welt. Meine
+Emma, meine Emma, nein, diese schreckliche Gans. Ich muß mich einmal
+aussprechen zu Ihnen, Herr Ansorge, sonst drückt es mir noch das Herz
+ab. Ich denke immer, Sie könnten eine schlechte Meinung von mir haben.
+Aber ich war unschuldig, Herr Ansorge, ganz unschuldig. Ich habe schon,
+als Sie siebzehn Jahre alt waren und die Emma zwanzig, gemerkt, daß Sie
+wohl dem Mädel gewogen waren, und es war mein Stolz. Aber das dumme
+Ding, das vermaledeit dumme Ding, und der Kerl, der Distelfink, der
+keine drei Taler in der Tasche hat -- o, Herr Ansorge, wenn Sie wüßten,
+wie oft ich das dumme Mädel gehauen und ihr immer gesagt habe: daß du
+ja den Ansorge nimmst, der ein so anständiger Mensch ist und dir so
+noble Geschenke macht! Sie hat's nicht getan!«
+
+Ansorge saß ganz still da. Das war also die gestrenge Mutter, vor der
+er sich gefürchtet hatte!
+
+»Womit könnte ich Ihnen denn dienen, Frau Rillek?«
+
+»Ach Gott, Herr Ansorge, sehen Sie mal, wie halt doch das Leben teuer
+ist, und dann die vielen Krankheiten! Die Älteste von der Emma, die
+Pauline, hat dreimal Zahnkrämpfe gehabt. Die zweite, die Meta, haben
+wir impfen lassen müssen, Distelfink war drei Wochen in Behandlung
+wegen eines Nackengeschwürs, und ich mußte auch ein paarmal zum Arzt
+wegen meines Reißens. So haben sich halt beim +Dr.+ Schicketanz
+-- er verteuert ja die Leute -- hundertzehn Mark angesammelt, und nun,
+wo wir schon wieder das dritte haben -- die Hebamme, das unverschämte
+Weib, hat zwanzig Mark verlangt -- wer soll nun die hundertzehn Mark an
+Schicketanz bezahlen?«
+
+»Die bezahle ich!« sagte Ansorge.
+
+»Ich danke!« sagte Frau Rillek und flennte.
+
+So war die Geschichte von Ansorges Liebe zu Ende und seine erste
+persönliche Sorge vorbei.
+
+ * * * * *
+
+Die zweite persönliche Sorge hatte Ansorge im siebenunddreißigsten
+Lebensjahr durch ein Zahngeschwür. Er hatte einen Freund, der ein guter
+Zahnarzt war. Doktor Neumann hieß er. Als Ansorge aber eines Tages
+heftige Zahnschmerzen bekam, überlegte er tagelang, ob er zu +Dr.+
+Neumann gehen solle. Es wohnte nämlich an der nächsten Straßenecke ein
+Dentist, ein junger Anfänger, mit dem es nicht vorwärts ging und der
+Ansorge auf der Straße immer mit einem demütig bittenden Blick ansah,
+aus dem deutlich zu lesen war: »Sei doch so gut, du reicher Mann,
+kriege einmal Zahnschmerzen und komme dann zu mir!« Also, +Dr.+
+Neumann hatte eine große Praxis und war wohlhabend, der Dentist war
+ein armer Teufel. Vertrauen hatte Ansorge zu dem jungen Manne nicht,
+aber die Menschenliebe gebot ihm, den armen Anfänger zu unterstützen.
+Er ging mit seinen verschleppten Zahnschmerzen zu ihm.
+
+Am dritten Tage, an dem der Dentist den sehr schwierig liegenden Fall
+Ansorges behandelte, geriet der Patient in Lebensgefahr. Es trat
+schwere Blutvergiftung ein. +Dr.+ Neumann und eine eiligst aus
+der Hauptstadt herbeigerufene medizinische Größe hatten Mühe, das
+Leben Ansorges zu erhalten. Furchtbare Qualen hatte der Arme bereits
+ausgestanden; nun wurde ihm durch eine Operation der Kiefer zerstemmt,
+die Wange geschlitzt.
+
+Wochenlang war Ansorge schwer krank. Als er genas und im Spiegel sein
+verunstaltetes Gesicht sah, das bisher immer so hübsch rund und so
+glatt rasiert gewesen war, beschloß er, sich einen Vollbart wachsen
+zu lassen. Er hatte sein Lebtag Vollbärte nicht ausstehen mögen, aber
+nun war es nötig, das Wundmal durch einen Bart zu verdecken, damit die
+Leute nicht immer an den Mißerfolg des Dentisten erinnert wurden und
+der arme Schlucker am Ende seine geringe Praxis ganz einbüßte.
+
+Der Dentist aber war so wie so pleite. Kein Mensch suchte ihn mehr auf;
+denn ganz Altenroda sprach von dem schweren Unfall Ansorges. Da kam der
+Zahnheilkünstler eines Tages zu Ansorge und bat ihn ganz zerknirscht um
+Verzeihung.
+
+»Ich bin selber halb gestorben vor Angst um Sie, Herr Ansorge! Ich habe
+mich zu zeitig selbständig gemacht; daran liegt's. Ich hätte lieber,
+was die Zahnheilkunde betrifft, noch manches dazu lernen sollen.«
+
+»Ja!« sagte Ansorge leise.
+
+»Von Altenroda muß ich weg,« fuhr der Dentist betrübt fort. »Die Leute
+haben das Vertrauen zu mir verloren. In Magdeburg könnte ich eine
+Gehilfenstelle bekommen und vieles lernen; aber ich habe Schulden. Wenn
+ich jetzt meine Instrumente verkaufe, kann ich später nicht mehr neu
+anfangen; denn diese Sachen werden von Tag zu Tag teurer.«
+
+»Wie viel haben Sie denn Schulden?« fragte Ansorge nebenher.
+
+»Tausend Mark,« sagte der Dentist und errötete.
+
+»Und dann brauchen Sie ja wohl noch Geld für die Übersiedelung nach
+Magdeburg?«
+
+Der Dentist nickte und seufzte.
+
+»Ja, das ist schlimm,« sagte Ansorge und stand auf. Er setzte sich aufs
+Sofa, wo, wie immer, sein Dachshund lag, und kraute in Gedanken dem
+Hunde die Kehle. Der knurrte nach dem Dentisten hinüber. Das sollte
+heißen:
+
+»Wenn du willst, beiße ich ihn hinaus!«
+
+Ansorge steckte dem Köter ein Stück Zucker ins Maul, das er für solche
+und ähnliche Fälle immer in der Rocktasche hatte, trat ans Fenster
+und sah auf die Straße. Die Höllenqualen, die er ausgestanden hatte,
+fielen ihm ein, die schwere Operation, die Verunstaltung des Gesichtes,
+der Vollbart, der spitz, lückig und unschön um seinen Mund sproßte,
+schließlich auch die hohe Rechnung, die die medizinische Größe aus der
+Großstadt geschickt hatte. »Lieber Herr Dentist Hornriegel,« wollte er
+sagen, »ich trage Ihnen nichts nach. Für Magdeburg wünsche ich Ihnen
+viel Glück; weiter kann ich aber nichts für Sie tun.«
+
+Als er sich jedoch umwandte und das zerknirschte Gesicht des jungen
+Mannes sah, sagte sich Ansorge, es sei unrecht, in einem solchen
+Falle hartherzig zu sein. So sagte er etwas ganz anderes, als er sich
+vorgenommen hatte:
+
+»Na, in Gottes Namen, Herr Hornriegel, da werde ich Ihnen halt
+tausendfünfhundert Mark leihen; da wird's wohl reichen.«
+
+Aus Hornriegels vielen mit Tränen betauten Dankesworten blieb Ansorge
+nur die ständig wiederkehrende Beteuerung im Sinn:
+
+»Sie werden sehen, Herr Ansorge, ich bin kein Unwürdiger. Ich bin
+strebsam; ich werde noch ein tüchtiger Dentist werden. Und Ihr Geld
+kriegen Sie wieder!«
+
+Als Hornriegel mit den tausendfünfhundert Mark abgezogen war, setzte
+sich Ansorge wieder zu seinem Dackel aufs Sofa. Das Vieh drehte ihm den
+Schwanz hin. Das war das schlimmste Zeichen seiner Verachtung. Nicht
+einmal ein Stück Zucker nahm der erzürnte Vierbeiner an.
+
+ * * * * *
+
+Jahre vergingen. An seinem vierzigsten Geburtstag, als die Festgäste
+alle gegangen waren, saß Ansorge abermals bei seinem Dackel, der
+unterdes eine weiße Schnauze bekommen hatte.
+
+»Dackel,« sagte er; »jetzt sind wir vierzig Jahre alt geworden. Ins
+Schwabenalter sind wir gekommen. Meinst du, daß wir jetzt weise werden?«
+
+Der Hund schüttelte den Kopf, daß ihm die Ohren klatschten. Er will
+sagen, dachte Ansorge: ich war schon immer weise, du wirst es nie. Und
+in diesem Augenblicke fiel ihm der Dentist ein, von dem er nie wieder
+etwas gehört hatte, von dem er gar nicht wußte, ob er überhaupt nach
+Magdeburg gezogen war.
+
+Eine halbe Stunde der Träumerei verging. Der Hund knurrte und bellte
+leise im Schlaf. Vielleicht träumte ihm von dem Dentisten, den er
+einmal hatte hinausbeißen wollen, dieses aber damals nicht gedurft
+hatte ...
+
+Am nächsten Tage bekam Ansorge einen Brief.
+
+»Verehrter Herr Ansorge!
+
+Bitte um Verzeihung, daß ich mich nicht eher gemeldet habe. Mir
+ist es indes sehr unterschiedlich, meist recht schlecht ergangen.
+Aber nun habe ich es geschafft. Ich bin selbständiger Dentist in
+einer hannoverischen Mittelstadt, und mein Kundenkreis wächst von
+Woche zu Woche. Mißerfolge habe ich nicht mehr gehabt; ich habe in
+den Jahren viel gelernt. Seit einem Vierteljahr bin ich glücklich
+verheiratet. Die Neueinrichtung hat viel gekostet, sonst könnte
+ich Ihnen die tausend Mark, mit denen Sie mir aus bitterster Not
+geholfen haben, bald zurückzahlen. So muß ich Sie bitten, heute mit
+der ersten Ratenzahlung von fünfhundert Mark zufrieden zu sein. Das
+andere und die aufgelaufenen Zinsen folgen binnen einem Jahre nach. Im
+»Altenrodaer Stadtblatt«, das ich immer noch mithalte, las ich, daß
+der so hochbeliebte Bürger der Stadt, Herr Ansorge, seinen vierzigsten
+Geburtstag feiert. Bitte, nehmen Sie auch einen herzlichen Glückwunsch
+an von Ihrem fürs ganze Leben dankbaren
+
+ ~Hornriegel~, Dentist.«
+
+Mit diesem Briefe in der Hand stand Ansorge lange still da. Er sagte
+sich:
+
+»Da war nun wieder einmal so etwas wie eine Sorge in mein Leben
+gekommen. Und nun ist sie zu nichts geworden; sie ist durch eine große
+Freude aufgewogen worden.«
+
+Dann schlug er den Dackel, der auf dem Sofa lag, auf den Buckel und
+sagte mit einem glücklichen Lachen:
+
+»Ach, Dackel, was bist du doch für ein dummer Kerl!«
+
+Der Hund brummte.
+
+Er will sagen, dachte sich Ansorge, es hätte ja auch anders kommen
+können. Aber es blieb eine große Freude in ihm. Und seine zweite
+persönliche Sorge war aus.
+
+ * * * * *
+
+Ansorge war ein tüchtiger Kaufmann. Er verstand es, mit seiner
+Arbeiterschaft und seiner Kundschaft ganz ausgezeichnet umzugehen, und
+wenn sich sein Reichtum trotz hoher Einnahmen nicht vermehrte, so lag
+das daran, daß die klugen Stadtväter von Altenroda Herrn Ansorge zum
+Armendirektor gewählt hatten. Die Stadtväter wußten genau, so lange
+Ansorge Direktor war, brauchten sie den Armenetat nicht zu erhöhen;
+denn Ansorge leistete Riesenzuschüsse aus eigener Tasche. Dabei lebte
+er selbst äußerst bescheiden, ja, er schränkte sich ein. Als er aber
+einmal aus irgend einem Anlaß eine gute Flasche Wein für drei Mark
+trank, drohte ihm der Stadtkämmerer mit dem Finger und sagte:
+
+»Direktorchen, Direktorchen, leben Sie nicht über die Verhältnisse der
+Stadt!«
+
+Am meisten kosteten Ansorge die Kinder, zumal zu Weihnachten. Dieses
+liebliche Fest plünderte seine Kasse meist vollständig aus. Vom
+fünfundfünfzigsten Lebensjahre an bekam der Wohltäter den Namen »Vater
+Ansorge«, den er, der nie eigene Kinder gehabt hatte, mit Stolz trug.
+
+Der Apotheker, der manchmal gebildete Reden führte, sagte einmal im
+»Goldenen Löwen«, Ansorge sei der stärkste Altruist, der ihm begegnet
+sei. Alle Stammtischgäste nickten ihm Beifall zu, obwohl keiner wußte,
+was ein Altruist sei. Ansorge schüttelte den Kopf. Er sagte nichts,
+aber er dachte sich: Wenn Ihr nur wüßtet, was ich für ein Egoist bin.
+Wer etwas Gutes unterlassen hat, ist in schlechter Stimmung. Das Essen
+und die Zigarre schmecken ihm nicht, er ist unfroh und fühlt sich
+elend. Wie anders fühlt sich der Mensch nach einer guten Tat. Ganz
+herrlich ist das Hochgefühl, das er hat. Es ist, als ob die Seele ein
+Bad genommen und sich darauf an etwas ganz Gutem satt gegessen und satt
+getrunken hätte. Und dieses Wohlgefühl geht auf den Körper über. Wer
+Gutes tut, tut es in erster Linie sich selber.
+
+Ganz und gar unzufrieden mit Herrn Ansorges Wohltätigkeitssinn war der
+Prokurist seines Geschäfts, Herr Sperlich. Mit Ingrimm sah Sperlich,
+wie die hohen Reinerträgnisse, die er, der langjährige treue Beamte,
+aus dem Unternehmen herauswirtschaftete, aus Ansorges allezeit offenen
+Händen verrannen. Man hätte die Anlage vergrößern, das Geschäft
+verdoppeln können, wenn eben nicht diese unselige Verschwendungssucht
+des Chefs gewesen wäre.
+
+Der Ruf von Ansorges Wohltätigkeitssinn war inzwischen weit über die
+Grenzen von Altenroda hinausgedrungen. Von weither kamen Bittbriefe.
+Einmal kam ein solcher aus Hamburg. »+Dr.+ Meier, Schriftsteller,«
+war er unterzeichnet. Was sich alles unter dem ehrlichen Namen
+»Schriftsteller« verbirgt, ist schauerlich. Aber das wußte Ansorge
+nicht, auch flößte ihm der Doktortitel Vertrauen ein. Der Brief
+erschütterte ihn. Er gab das Bild einer menschlichen Lebenstragödie,
+herzbewegender, unverschuldeter Leiden, und endete in dem Hilferuf:
+
+»Sie, edler Herr, sind meine letzte Hoffnung. An Ihnen liegt es, ob
+ich weiter leben, weiter schaffen kann, oder ob ich untergehen muß.
+Nächsten Freitag abends sechs Uhr schlägt meine Schicksalsstunde.
+Habe ich dann nicht sechshundert Mark in der Hand, so ist es aus mit
+mir. Es bleibt mir dann nichts übrig, als mich noch am selben Abend
+aufzuhängen. Einen Revolver besitze ich nicht, kann auch keinen
+kaufen. Meine arme, unschuldige Familie muß ich dann ihrem Schicksal
+überlassen. Nun entscheiden Sie, was geschehen soll.«
+
+Dieses Schreiben zeigte Ansorge seinem Prokuristen. Sperlich pfiff
+leise durch die Zähne und legte den Brief auf den Schreibtisch.
+
+»Nun?« fragte Ansorge.
+
+Aber Sperlich war schon wieder in seine Arbeit vertieft, und Ansorge
+wollte ihn nicht stören. Also ging er leise hinaus. Er hatte ohnehin zu
+tun. Draußen vor der Stadt lebte eine Witwe, die sich durch Weißnähen
+ernährte. Sie hatte einen einzigen Sohn, einen hübschen, intelligenten
+Bengel, an dem sie in abgöttischer Liebe hing. An was sollte auch das
+arme Weib, das nichts auf der Welt besaß als dieses Kind, sein Herz
+sonst hängen? Ansorge hatte dem Jungen eine gute Lehrlingsstelle bei
+einem Optiker verschafft. Was tat der Lumpazius? Bestahl seinen Chef
+um hundertfünfzig Mark. Da war er denn hinausgeworfen worden, und der
+empörte Optiker drohte außerdem mit Anzeige.
+
+Der Fall hatte Eile. War der Anzeigebrief erst beim Gericht, so war
+nichts mehr zu wollen. Also hin zum Optiker! +Dr.+ Meier in
+Hamburg mußte warten. Es war erst Montag, und Meiers Schicksalsstunde
+schlug erst Freitag abend um sechs. Hier galt es zunächst, dem
+Optiker die hundertfünfzig Mark zu ersetzen, die der schreckliche
+Junge verlumpt hatte. Allein fünfunddreißig Mark für eine Busennadel
+mit Brillanten hatte der Kerl ausgegeben. Ansorge mußte lachen, wenn
+er an dieses Schmuckstück dachte. Am besten wäre es natürlich, der
+Optiker nähme den Jungen, der bittere Reuetränen vergoß, wieder auf.
+Ein deutlicher Denkzettel würde dem Bürschlein genügen. War aber der
+Optiker harthörig, nun, so blieb Ansorge wohl nichts übrig, als den
+jungen Fant zunächst im eigenen Betriebe zu beschäftigen und ihn im
+Auge zu behalten, natürlich, ohne sein ohnehin verletztes Ehrgefühl
+weiter zu kränken.
+
+Gegen elf Uhr kam Ansorge nach Hause. Er war hundertfünfzig Mark los
+geworden und hatte den diebischen Jungen auf dem Halse. Etwas nervös
+trat er ins Büro.
+
+»Wir wollen jetzt den Hamburger Brief erledigen,« sagte er.
+
+»Ist schon erledigt,« brummte der Prokurist Sperlich.
+
+»Ah, Sie haben die sechshundert Mark hingeschickt?«
+
+»Nein, das nicht; ich habe was ganz anderes hingeschickt?«
+
+»Was denn?«
+
+»Einen Strick. Der Mann will sich ja doch aufhängen; da wollte ich ihm
+gefällig sein.«
+
+»Herr Sperlich, Sie erlauben sich einen merkwürdigen Scherz.«
+
+»Es ist kein Scherz, Herr Ansorge. Ich habe tatsächlich einen neuen
+hanfenen Strick an diesen +Dr.+ Meier nach Hamburg geschickt. Und
+zwar als Eilpaket.«
+
+»Herr -- Herr Sperlich -- wenn das wahr ist ...«
+
+»Es ist wahr!«
+
+»Dann -- dann sind Sie entlassen!«
+
+»Wie sagten Herr Ansorge?«
+
+»Wenn das wahr ist, daß Sie nach Hamburg den -- den Strick gesandt
+haben, sind Sie entlassen.«
+
+»Schön!« sagte der Prokurist. Er legte seine Schreibsachen pedantisch
+gerade, wischte die Feder sorgsam am Tintenputzer ab, stand dann
+langsam auf, rückte den Schreibtischstuhl zurecht, nahm seinen Hut vom
+Kleiderhaken, sagte: »Guten Tag, Herr Ansorge,« und ging nach Hause.
+
+Das geschah alles in so großer Gelassenheit, daß Ansorge wie in
+Betäubung dastand. Erst allmählich wachte er auf.
+
+Ungeheuerliches war geschehen. Er hatte jemand gekündigt, nein, nicht
+gekündigt, sondern Knall und Fall entlassen. Sperlich! War denn
+das möglich? Aber der Mann hatte ja ein Verbrechen begangen, hatte
+einem Verzweifelten den letzten Mut genommen, einen mit dem Tode des
+Ertrinkens Ringenden vollends unter Wasser getaucht. Und die Familie,
+die arme Familie des Doktor Meier!
+
+Ein dringendes Telegramm wurde aufgesetzt. Tausend Mark gingen
+telegraphisch nach Hamburg, dazu die Bemerkung: »Eilpaket
+bedauerlichstes Mißverständnis. Fassen Sie Mut, helfe Ihnen weiter.
+Ansorge.«
+
+Als Ansorge dieses Telegramm persönlich abgegeben und seine tausend
+Mark losgeworden war, fühlte er sich wohler. Gegen Sperlich hatte er
+großen Groll. Solche Gemütsroheit hätte er dem Manne nie und nimmer
+zugetraut. Sperlich war Vorsitzender des Tierschutzvereins. Wer konnte
+von einem solchen Manne auch nur eine Unzartheit erwarten? Und dieses
+Benehmen, dieses Absenden eines Strickes an einen Menschen, der in
+Verzweiflung war! Ein Rätsel, ein unerforschbares Rätsel! Außerdem
+war Sperlich ein schlechter Geschäftsmann. Mit sechshundert Mark wäre
+der Fall zu erledigen gewesen, nun, nach der furchtbaren Kränkung,
+die Doktor Meier in Hamburg erlitten hatte, mußte natürlich eine Art
+Sühnegeld gezahlt werden. (Das waren also die vierhundert Mark, die
+Ansorge über die geforderte Summe geschickt hatte.) Diesen Verlust von
+vierhundert Mark hatte er Herrn Sperlich zu verdanken.
+
+Eine unruhige Nacht verging. Am nächsten Morgen Punkt acht war
+Ansorge im Büro. Sperlichs Platz war leer. Sperlich war als der
+Gewissenhafteste aller Angestellten sonst schon immer um drei Viertel
+acht da. Also, da er um drei Viertel acht nicht gekommen war, kam er
+überhaupt nicht. Er hatte die Kündigung ernst genommen.
+
+Herrn Ansorge faßte eine leise Übelkeit an. Vierundzwanzig Jahre war
+Sperlich im Geschäft. Eine Perle von Ehrlichkeit und Tüchtigkeit!
+Dukatengold von Charakter! Nächstes Jahr sollte Sperlich sein
+fünfundzwanzigstes Geschäftsjubiläum feiern, und Ansorge zerbrach sich
+schon wochenlang den Kopf über das Festprogramm. Und nun? Kündigte ihm!
+Nein, warf ihn hinaus!
+
+Ansorge war überzeugt, daß ihn ganz Altenroda als einen rohen,
+undankbaren Patron ansehen würde, wenn dieser Hinauswurf des allgemein
+geschätzten Herrn Sperlich bekannt wurde. Vielleicht würden die
+Arbeiter in einen Proteststreik treten. Dann -- das nahm sich Ansorge
+vor -- würde er unter jeder nur irgend annehmbaren Bedingung seine
+Fabrik verkaufen, seine Vaterstadt verlassen, um irgendwo auf der Welt
+einsam und fremd sein Leben zu beschließen.
+
+So nervös geworden -- schickte Ansorge einen Boten in Sperlichs Wohnung
+mit der Anfrage, ob etwa Herr Sperlich nicht wohl wäre, da er nicht
+im Geschäft sei. Der Bote kam zurück und meldete: »Herr Sperlich ist
+verreist.« Das ganze Personal machte erstaunte Augen. Ansorge las aus
+diesem Erstaunen schweres Mißtrauen und heftige Vorwürfe gegen sich
+selbst.
+
+Zwei Tage später saß Ansorge entgeistert vor einem Briefe.
+
+»Auskunftei Spürvogel, Hamburg.
+
+Auf die von Ihrer Firma an uns gerichtete Anfrage erwidern wir
+ergebenst folgendes:
+
+›Schriftsteller‹ +Dr.+ Meier ist ein sogenanntes verbummeltes
+Genie. Er ist ein total verlumptes Individuum, das wegen
+Eigentumsvergehen und Schwindeleien aller Art schon oft mit dem
+Strafrichter Bekanntschaft gemacht hat. Neuerdings verlegt er sich
+berufsmäßig auf die Herstellung wirksamer Bettelbriefe, die er an
+Personen verschickt, die als besonders wohltätig gelten. Meier erzielt
+durch seine Manipulationen oft größere Beträge. Er sucht in seinen
+Briefen immer besonderes Mitleid mit seiner bedrohten Familie zu
+erwecken. Meier hat aber keine Familie; er ist alter Junggeselle.
+Auch ist ein besonderer Trick Meiers, mit Selbstmord zu drohen, falls
+er bis zu einer gewissen Stunde die geforderte Summe nicht erhält.
+Darüber macht er dann beim Weine seine besonderen Scherze. Wenn er
+einen größeren Erfolg gehabt hat, lädt er seine intimsten Freunde und
+Freundinnen zum Weine und sagt beim ersten Glase: ›Na, prosit auf das
+dumme Luder!‹ Es ist nicht weiter notwendig zu warnen, dem Schwindler
+auch nur die geringste Summe leih- oder geschenkweise zu gewähren.«
+
+ * * * * *
+
+Hab' einer tausend Mark abgeschickt und krieg' einer einen solchen
+Brief!
+
+Ansorge las die »Auskunft«, die ja wohl Herr Sperlich von der Firma aus
+noch veranlaßt hatte, immer aufs neue.
+
+So ein Lump! So ein Lump!
+
+Dem hatte er tausend Mark geschickt!
+
+Und der merkwürdige Toast, der in der »Auskunft« erwähnt war, der war
+ja nun in Hamburg wohl längst auf ihn -- Herrn Ansorge -- ausgebracht
+worden. Vielleicht war er zweimal ausgebracht worden, weil Ansorge ja
+mehr geschickt hatte, als von ihm verlangt worden war.
+
+Ein dummes ...
+
+Danke schön!
+
+Ansorge war kreideweiß. Er stand auf, zerriß den Brief der Auskunftei
+in hundert Fetzen und ging krank nach Hause.
+
+In der Nacht bekam er Schüttelfröste. In einem fiebrigen Traume sah er
+Herrn Sperlich, seinen unersetzlichen Prokuristen, vor einem Hamburger
+Großhandelsherrn stehen, der ihm die Hand reichte und sagte:
+
+»Also, Herr Sperlich, ich engagiere Sie! Wir hier in Hamburg wissen um
++Dr.+ Meier und Konsorten Bescheid.«
+
+ * * * * *
+
+Wie eine weiße, angeschossene Taube war Ansorges Seele. Rund um seine
+reine Menschenliebe sah er die wilden Jäger roher Selbstsucht lauern.
+
+Und da kam ihm ein Gottesgeschenk an Trost.
+
+Ein kleines Mädelchen lebte in der Vorstadt, das Kind eines
+Eisenbahners, der in seinem Beruf zu Tode verunglückt war. Das Kind
+war vier Jahre alt, seine verwitwete Mutter fünfundzwanzig. Das Weib
+sah dem jäh dahingerafften Gatten in verzehrender Trauer nach. Ihr
+einziges Lebensglück war das vierjährige Mädchen. Das fiel beim Spielen
+in den durch Gewitter hochgeschwollenen Fluß. Und es wurde gerettet.
+Durch den einzigen fähigen Kerl gerettet, der zufällig in der Nähe war.
+Und dieser einzige zu einer Lebensrettung fähige Kerl war der Sohn
+der Weißnäherin, der Lumpazius, der seinem Chef hundertfünfzig Mark
+gestohlen hatte und zurzeit nur darum nicht weit weg von Altenroda in
+einer Besserungsanstalt war, weil ihn Ansorge davor bewahrt hatte.
+
+Ansorge ging zu der Mutter des geretteten Kindes. Sie sagte ihm: »Ach,
+Herr Ansorge, wenn Ihr Lehrling, der junge Schmiedecke, nicht gewesen
+wäre, da wäre ja alles, alles dahin! Ich habe ihm meinen goldenen
+Fingerring angeboten, aber er hat ihn nicht gewollt.«
+
+Ansorge ging in sein Geschäft, nahm sich den »Lumpazius« vor und führte
+folgende Unterhaltung mit ihm:
+
+»Schmiedecke, du weißt, daß du einmal ein Lump gewesen bist.«
+
+»Ja,« sagte Schmiedecke beklommen.
+
+»Schmiedecke, ich sage dir, das mit der kleinen Trudel, das war
+eine Edeltat, und daß du den Fingerring nicht angenommen hast, war
+vielleicht noch mehr. Schmiedecke, ich hoffe, du wirst Karriere machen!«
+
+Da fing der Junge so an zu weinen, daß Ansorge flink hinausging.
+
+ * * * * *
+
+Es war abends neun Uhr. Ansorge saß an seinem Schreibtisch, hatte einen
+Briefbogen vor sich und grübelte. Der Prokurist Sperlich!
+
+Ansorge hatte sich überwunden, nochmals zu Frau Sperlich geschickt
+und sich nach ihrem Gatten erkundigen lassen. Er sei in einer
+Sommerfrische, es gehe ihm gut, ließ Frau Sperlich sagen, und sie danke
+für die freundliche Nachfrage.
+
+Was tut der Chef eines Unternehmens mit einem Angestellten, der auf
+eigene Faust ohne Urlaub wochenlang in die Sommerfrische geht, der
+sagen läßt, es ergehe ihm gut da, und er danke für die freundliche
+Nachfrage?
+
+Entläßt ihn! Jawohl, aber das ging hier nicht an; denn Sperlich war
+schon entlassen. War bei Lichte besehen ein Mann, der von der Firma
+Ansorge aus tun und lassen konnte, was er wollte.
+
+Was sollte man so einem Manne schreiben?
+
+Ansorge saß drei Stunden lang vor dem leeren Briefbogen. Es war nicht
+der geschäftliche Verlust, der ihn bewegte. Einen neuen tüchtigen
+Prokuristen, der sich voraussichtlich rasch einarbeiten würde, hatte
+ihm ein Geschäftsfreund empfohlen. Er brauchte nur zuzugreifen. Aber
+er wollte den alten, treuen Menschen, den Dukatencharakter zurückhaben.
+
+Um elf ging Ansorge schlafen. Um eins stand er wieder auf. Er schrieb
+auf den Briefbogen:
+
+»Lieber Herr Sperlich!
+
+Was zwischen uns geschehen ist, geschah von mir aus im Affekt. Ich
+weigere mich nicht, über mein damaliges Verhalten mein Bedauern
+auszusprechen. In der Sache selbst hatten Sie nämlich recht. Wenn Sie
+die Kündigung als nicht geschehen ansehen und die alten für meine
+Firma wertvollen Beziehungen aufrechterhalten wollen, so bitte ich um
+bezüglich Nachricht. Für den Fall Ihres Wiedereintritts in die Firma
+gebe ich Ihnen weitere drei Wochen Urlaub.«
+
+Dieser Brief ging am 3. August von Altenroda ab. Am 5. August, früh
+drei Viertel acht, saß der Prokurist Sperlich in seinem Büro und
+arbeitete, ohne vom Pult aufzusehen.
+
+Drei Tage später sagte Ansorge zu Sperlich:
+
+»Was meine Wohltätigkeitsbestrebungen anlangt, so mögen, Herr Sperlich,
+in Zukunft ~Sie~ die auswärtigen Angelegenheiten erledigen.
+Natürlich immer nach gerechter und wohlwollender Prüfung. Ich
+glaube, daß es in solchen Fällen gut ist, vorher vertrauenswürdige
+Erkundigungen einzuziehen.«
+
+»Jawohl, Herr Ansorge,« sagte Sperlich, »ich werde alles gewissenhaft
+besorgen.«
+
+Ein Mißtrauen aber blieb bei Ansorge doch. Der Strick -- der Strick!
+Das war doch gar zu drastisch. Schließlich schickte Sperlich einem
+armen Mädel, das sich zu vergiften drohte, eine Schachtel »Rattentod«,
+einer anderen, die sich ertränken wollte, eine Badekappe. Zuzumuten
+wäre es ihm -- dem Rauhbein. Und so einer hieß Sperlich. Rabe müßte er
+heißen oder Uhu!
+
+Schön aber war es, daß Sperlich wieder da war. Und seltsam war das
+Folgende.
+
+Sperlich kam eines Tages zu Ansorge und sagte:
+
+»Herr Ansorge! Ich habe ja wohl die Bearbeitung der Fälle für
+auswärtige Wohltätigkeit übertragen bekommen; aber nun ist ein Fall
+da, wo ich Sie doch um Ihr ganz spezielles Einverständnis bitten
+muß. In unserer Nachbarstadt Wilmershofen wird eine Heilanstalt für
+unbemittelte Lungenkranke errichtet. Die Firma ist angegangen worden,
+einen Beitrag zu zeichnen. Wie hoch soll er sein?«
+
+Ansorge trat ans Fenster. Das tat er immer, wenn er tief nachdenken
+wollte, obwohl es -- so fiel ihm einmal ein -- unlogisch ist, bei
+tiefem Nachdenken auf die Straße zu sehen.
+
+Jetzt waren seine Gedankengänge so: Ein junger Mann von
+siebenundzwanzig Jahren kriegt die Schwindsucht -- Frau, zwei kleine
+Kinder -- denkt sich: Hätt' ich Rettung! Hätt' ich Rettung, daß ich
+bei euch bleiben könnte, ihr lieben drei! Hat keine Rettung. Dann eine
+junge Witwe -- Mann an Schwindsucht gestorben -- sie sich angesteckt --
+zwei Kinder -- muß auch hinüber -- die Kinder Waisen -- furchtbar!
+
+Also dreißigtausend Mark müßten es anstandshalber sein. Das letzte Jahr
+war schlechter als die vorigen; dreißigtausend Mark waren viel Geld
+für die Firma. Zudem: der ganze Umkreis, die Provinz, der Staat mußten
+mitwirken an dem unbedingt notwendigen Werke.
+
+Die Hauptsache aber: Sperlich! Was würde Sperlich sagen, wenn er
+dreißigtausend Mark für eine Lungenheilanstalt verlangte, von ihm, der
+ehedem wegen sechshundert Mark einen Strick absandte?
+
+Trotzdem: in so heiliger Liebeshilfe durfte keine Feigheit sein! Mochte
+schließlich selbst Herr Sperlich wieder ins Gebirge gehen.
+
+Ansorge wandte sich am Fenster um. Sein Gesicht war blaß, gefaßt, ja
+bestimmt.
+
+»Herr Sperlich,« sagte er, »bei einem so dringenden Liebeswerk wird
+sich meine Firma mit einem ansehnlichen Betrage beteiligen. Ich werde
+die Zeichnung keinesfalls unter -- unter fünfzehntausend Mark halten.«
+
+Sperlich saß auf seinem Stuhl, den Körper vornüber geneigt, die Hände
+zwischen die Knie geklemmt.
+
+»Nun? Sind Sie mit der Summe einverstanden?«
+
+»Nein!« sagte Sperlich mit rauher Stimme.
+
+Ansorge trat wieder ans Fenster. Was ihm die da unten reifentreibenden
+Kinder und der einen Prellstein beschnubbernde Hund sowie das eine
+Markttasche tragende Weib in seinen Fragen zu offenbaren hatten, wußte
+Ansorge nicht. Aber er sah immer, wenn er tief in Gedanken war, auf die
+Straße.
+
+Also, mit den fünfzehntausend Mark war Sperlich nicht einverstanden.
+Was wollte der Knicker? Wie weit reichte eigentlich seine
+Menschlichkeit?
+
+Abermals wandte sich Ansorge um. Sein Gesicht war noch um einen Schein
+blasser, gefaßter, bestimmter geworden.
+
+»Herr Sperlich, wenn sich unsere Firma an dem Liebeswerk beteiligt,
+dann keineswegs unter zehntausend Mark.«
+
+Sperlich erhob sich.
+
+»Herr Ansorge, Ihrem Willen untersteht ja alles. Ich hätte mir bloß
+erlauben wollen, einen anderen Vorschlag zu machen.«
+
+»Nun?«
+
+»Ich -- ich wollte -- dreißigtausend Mark vorschlagen. Es wird auch
+manchen armen Schlucker aus unserem Betrieb geben, der drüben Zuflucht
+suchen muß.«
+
+Ansorge trat abermals ans Fenster.
+
+Der eine Junge hatte der Grünzeugmuttel den Reifen gegen den Bauch
+gefahren um dafür eine beträchtliche Ohrfeige in Empfang zu nehmen.
+
+Kreiselnde Welt!
+
+Ansorges Gesicht erhellte sich, wie wenn die Sonne aufgeht über einer
+im Nebel schauernden Flur.
+
+Das dritte Mal wandte er sich um.
+
+»Na, Sperlich, ich hatte ja zuerst selber an dreißigtausend gedacht;
+ich hatte es doch nur aus Sorge vor Ihrem Widerspruch nicht aussprechen
+mögen.«
+
+»Die Entscheidung liegt immer bei Ihnen, Herr Ansorge!«
+
+Das war zwar nicht ganz tatrichtig, aber es war schön gesagt von Herrn
+Sperlich.
+
+Ansorge und Sperlich waren für immer treu verbunden. Und so war
+Ansorges dritte persönliche Sorge aus der Welt.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt viele Dichter und Philosophen, die behaupten, das rarste
+Pflänzlein auf der Erde sei die Dankbarkeit. Von Herrn Ansorges Leben
+läßt sich das nicht sagen. Er hat viele, auch ganz rührende Dankbarkeit
+erfahren. Seine weichen Schlapphüte hielten in der Krempe keinen Monat
+die Form; denn ganz Altenroda grüßte ihn. In der Schule hatte eine
+junge Lehrerin einmal gefragt, ob die Kinder ganz schlechte Menschen
+aufzuzählen wüßten. Da war folgende Liste herausgekommen: Kain, Judas,
+Herodes, Kaiser Nero, Napoleon und der Kutscher Nimietz aus Altenroda.
+(Niemitz hatte ein Pferd so mißhandelt, daß er auf die Anzeige Herrn
+Sperlichs, des Vorsitzenden des Tierschutzvereins, einen Monat
+Gefängnis bekam.)
+
+Und nun sollten die Kinder die besten Menschen nennen. Das sagte das
+eine Mädchen:
+
+»Jesus Christus!«
+
+»Vortrefflich!« lobte die Lehrerin; »er war zwar Gottes Sohn, aber er
+war doch auch ein Mensch wie wir! Der Beste von allen Menschen. -- Und
+nun nennt noch einen ganz guten Menschen.«
+
+Da meldete sich die halbe Klasse.
+
+»Herr Ansorge!«
+
+Die Lehrerin war verblüfft. Aber sie war ein kluges Mädchen, und so
+erkannte sie: hier ist von Kindermund erst der Meister und dann ein
+Jünger genannt worden. Sie machte die wehmütige Erfahrung, daß die
+Kinder auf die Frage nach anderen ganz guten Menschen sich mühsam den
+Kopf zerbrechen mußten, und hatte nichts dagegen, als ein kleines Kind
+als dritten in der Reihe der ganz guten Menschen sagte:
+
+»Mein Vatel!«
+
+Diese Schulgeschichte sprach sich herum. Ganz Altenroda freute sich
+-- bis auf einen, dem sie außerordentlich peinlich war. Das war Herr
+Ansorge selbst. Niemand durfte ihm von dieser Geschichte sprechen,
+selbst seine besten Freunde nicht.
+
+Der, der sich am meisten über diese -- so drückte er sich aus --
+Abstimmung über gute und böse Geister aufregte, war +Dr.+
+Schicketanz.
+
+Im »Löwen«, als Ansorge am Stammtisch fehlte, äußerte sich Schicketanz
+also:
+
+»Die Frage nach guten und schlechten Menschen ist im Grunde genommen
+Unsinn. Überhaupt Kindern gegenüber, die keine Lebenserfahrung haben.
+Aber die Sache mit dem Ansorge, die ist doch bedeutsam. Da ist doch
+etwas ins Volksbewußtsein gedrungen, etwas ins Vertrauensvolle,
+Gläubige gewachsen. Ich habe lange den Ansorge für einen Narren
+gehalten; ich weiß jetzt, daß er ein Weiser ist, der viel mehr
+inneres, wahres Glück hat, als wir alle. Und was die Lehrerin anlangt,
+die die an sich unsinnigen Fragen gestellt hat, so will ich in der
+Stadtverordnetenversammlung beantragen, daß sie die Leitung der
+Mädchenschule bekommt. Meine eigenen Enkelkinder lasse ich so wie so
+seit jenem Tage von ihr unterrichten.«
+
+Drei Tage später, bei einer ganz unpassenden Gelegenheit, aber unter
+vier Augen, machte +Dr.+ Schicketanz mit Ansorge Bruderschaft.
+Ansorge, der in Untertertia sitzen geblieben war, als Schicketanz
+schon nach Oberprima kam, fühlte sich aufrichtig geehrt. Er war damals
+dreiundsechzig, Schicketanz achtundsechzig Jahre alt.
+
+Da starb in Altenroda ein betagtes Weib, das eine so einsame Seele
+gewesen war, daß sie keinerlei Verwandte hinterließ.
+
+Die Hinterlassenschaft umfaßte etliches wurmstichiges Möbelzeug, alte
+Weiberkleider, einen geringen Bestand an Wäsche und ein Sparkassenbuch
+über achtzehnhundertsechsundzwanzig Mark fünfundsechzig Pfennige.
+Obwohl nun die Erbschaft ja nicht bedeutend genannt werden konnte,
+hatte die alte Frau ein Testament gemacht. Unter dem Kopfkissen, auf
+dem sie ihre müden Augen geschlossen hatte, wurde ein Zettel gefunden,
+darauf stand handschriftlich:
+
+»Von dem, was ich habe, soll ein ganz einfaches Begräbnis bezahlt
+werden. Was übrig bleibt, vermache ich alles Herrn Ansorge in Altenroda.
+
+ Altenroda, den 23. Mai 1910. Anna Lüdke.«
+
+Es war kein Zweifel, das Testament war rechtsgültig. Ein paar alberne
+Spötter wollten Witze machen; aber sie verstummten bald. Alle Leute
+fühlten, daß hier eine dankbare Seele ihren letzten Willen kundgetan
+hatte. Alle Leute waren aber auch neugierig, wie sich Herr Ansorge zu
+der an ihn gefallenen Erbschaft verhalten werde.
+
+Nun, das Begräbnis der Frau Anna Lüdke wurde wirklich ganz einfach
+gehalten, so wie sie es bestimmt hatte. Es kostete alles in allem
+zweihundertachtzig Mark. Einige Weiber in Altenroda rechneten nun
+damit, daß Ansorge den Rest der Erbschaft unter sie verteilen werde.
+Aber sie verrechneten sich. Ansorge ließ alles Mobilar und alle anderen
+Gegenstände in sein Haus bringen, wo er ein eigenes Zimmer damit
+ausstattete und ein Bild der Anna Lüdke aufhängen ließ. Er saß öfters
+in diesem Zimmer, arbeitete auch manchmal dort. Das Sparkassengeld hob
+er für seine eigene Kasse ab. Er achtete die Erbschaft; er trat sie
+an. Der Anna Lüdke ließ er ein Denkmal setzen. Es war nach Meinung der
+Leute lange nicht das »schönste« auf dem Friedhof von Altenroda; aber
+es war das wertvollste, auch bei weitem das teuerste. Ein wirklicher
+Künstler hatte es geschaffen.
+
+ * * * * *
+
+Auch der reinste Tag geht zu Ende. Als Ansorge siebzig Jahre alt war,
+kam das Sterben an ihn heran. Das Sterben gilt ja für die Menschen alle
+als die letzte Not. Auch an Ansorge trat die letzte Not, die letzte
+Sorge heran.
+
+Es wäre auch alles milde und in Frieden verlaufen, wenn +Dr.+
+Schicketanz nicht gewesen wäre. Der war schuld, daß Ansorge seine
+vierte und letzte Sorge schwer wurde. Nicht nur, daß er mit allen
+medizinischen Künsten und Listen Ansorge das Sterben von Woche zu Woche
+vereitelte, er griff auch zu absonderlichen Mitteln anderer Art.
+
+Da saß der alte Eisbart an Ansorges Krankenlager und sagte:
+
+»Also, sterben möchtest du, Freundchen? Möchte dir wohl passen! So
+gar nichts mehr tun als immerfort auf dem Rücken liegen und die
+Augen zuhaben. Das gibt's aber nicht! Du bist siebzig, ich bin
+fünfundsiebzig. Du bist in Untertertia kleben geblieben, als ich nach
+Oberprima versetzt wurde. Nachtragen will ich dir das ja heute nicht
+mehr; der Fall ist schließlich verjährt, und du hast ja doch die Schule
+durchgemacht. Aber Komment ist Komment! Erst die Prima, dann die
+Tertia! Erst ich, dann du! Ich mache mit meinen fünfundsiebzig Jahren
+noch die Leute gesund, im Hause für zwei Mark und fünfzig Pfennige und
+in der Sprechstunde für eine Mark. Und du willst einfach so losgehen?
+Nein! Erst die Prima, dann die Tertia! Erst wird von mir gestorben,
+dann von dir! Verstanden? Du bist erst fünf Jahre nach mir an der
+Reihe. Vordrängeln gilt nicht!«
+
+Ansorge lächelte auf seinem Krankenlager und dachte: Er ist ein guter
+Arzt. Dann sagte er matt:
+
+»Ja, lieber Freund, der Herrgott hat wohl für seine Versetzungen einen
+anderen Modus als die Oberlehrer. Du wirst es schon nicht ändern
+können, daß ich das große Abitur ~vor~ dir mache.«
+
+»Das werde ich ändern!« zürnte Schicketanz; »das gebe ich nicht zu!«
+
+Am nächsten Tage sah Schicketanz, daß an Ansorges Schicksal kaum noch
+etwas zu ändern sei. Und er pflanzte die vierte, die letzte Sorge in
+Ansorges Leben.
+
+Es war im April, und es herrschte ständig wechselndes, meist böses
+Wetter. Da sagte +Dr.+ Schicketanz zu seinem Patienten:
+
+»Guck zum Fenster hinaus! Kannst du es verantworten, bei solchem Wetter
+zu sterben? Was würde dann geschehen? Ganz Altenroda würde mit dir
+zu Grabe gehen. Du weißt, daß der letzte Teil des Weges zum Friedhof
+ungepflastert ist. Ich habe mir ihn gestern in deinem Interesse
+angesehen. Ein Sumpf -- sage ich dir! Na also, was geschieht, wenn du
+jetzt stirbst? Ganz Altenroda geht mit zu Grabe, und halb Altenroda
+wird krank. Erkältet sich auf den Tod. Wieviel -- glaubst du -- werden
+allein an Lungenentzündung deines Begräbnisses wegen sterben?«
+
+Und Ansorge fiel wirklich auf die Praktik dieses geistigen +Dr.+
+Eisenbart hinein. Er sagte sich: Es ist richtig, wenn ich jetzt sterbe,
+ist es ein Unglück oder doch für viele ein schweres Ungemach und für
+manche eine Gefahr. Wenn ich auch noch letztwillig wünschte, es möge
+niemand mit mir zu Grabe gehen, es würde nichts nützen. Unheil gäbe es
+sicher.
+
+So war Ansorges letzte persönliche Sorge die um die Gesundheit seines
+Leichengefolges.
+
+Doch die Lösung kam.
+
+Schon am nächsten Tage erschien +Dr.+ Schicketanz nicht mehr. Er
+war an einem Herzschlag verschieden.
+
+»Erst die Prima -- dann die Untertertia,« murmelte Ansorge unter
+Tränen. »Komment ist Komment!«
+
+Ansorge lebte noch fünf Tage. Er beobachtete immer das Wetter. Ein
+Barometer wurde auf seinen Befehl an seinem Bette aufgehängt. Er sah
+oft nach dem schwarzen Zeiger, ob er vorrücke. Der Zeiger blieb stehen.
+Endlos spritzte der Regen; hart stieß der Nordwind ans Haus. Vier Tage
+nach +Dr.+ Schicketanz' Tode fing der schwarze Zeiger an Ansorges
+Barometer langsam an, auf »Schön Wetter« zuzugehen. Ansorge sah es mit
+wehmütiger Befriedigung.
+
+Bald stand der schwarze Zeiger auf »Beständig«.
+
+In der Morgenstunde ging die Frühlingssonne auf. Auf der goldenen
+Straße ihrer Strahlen ging Ansorges Seele heim.
+
+Seine letzte persönliche Sorge und alle anderen Sorgen seines Lebens
+waren vorbei.
+
+
+
+
+ Grünlein
+
+
+ 72. -- 91. Auflage
+
+
+Der Soldat und auch der Hund gehören in den Krieg hinein, der
+Schuljunge, die Großmutter und der Gnom eigentlich nicht; aber da auch
+diese letzten drei in dieser Geschichte eine Rolle spielen, so mußten
+sie in der Überschrift mit angeführt werden. Und es wird nachher viele
+in Erstaunen setzen, daß auch der Gnom in den Krieg zog, obwohl er
+wegen seiner geringen Größe dienstuntauglich war; denn er war nur so
+lang, wie eine Ohrfeige und ein Nasenstüber zusammen sind. Und jetzt
+beginnt das Märchen.
+
+Es war einmal ein schöne goldene Zeit, da noch kein Krieg war im Lande,
+da der Vater bei seinen Kindern, der Bräutigam bei seiner Braut und der
+Sohn bei seiner Mutter war. Der König des Landes konnte sich alle Tage,
+wenn er wollte, seine goldene Krone aufsetzen oder auf die Jagd ziehen
+oder auf seinem Prachtschiff spazieren fahren oder seine Hofjungfern
+tanzen lassen; die Bürger lachten, wenn sie Geschäfte machten oder bei
+Bier und Wein saßen, und die Schulbuben hatten alle Hosentaschen voll
+Apfel und Butterstullen. Damals ging es in unserem Vaterlande zu wie
+in Schlaraffenland; wer am Abend zwei Schinkenstullen gegessen und ein
+Hühnerei geschluckt hätte, wäre noch lange nicht als ein Verschwender
+angesehen worden; die Bauern konnten soviel Korn auf dem Boden und so
+viele Schweine im Koben haben, wie sie wollten; die Bäcker buken Tag
+und Nacht Semmeln und Zuckerringe; die braunen Würste waren auf den
+Jahrmärkten zahlreicher als die Eicheln im Walde; aus tausend Hähnen
+floß alle Tage roter und weißer Wein, und jeder Leierkasten spielte zum
+Tanze.
+
+Das war in der schönen, längst vergangenen Friedenszeit. Alle Leute im
+Lande dachten, das müsse so sein, und »sie aßen und tranken und hielten
+Hochzeiten«.
+
+Auf einmal fingen an in den dunklen Hausbalken der Schwarzwaldhäuser
+und Alpenhütten bis hin zu den Fischerkojen am Meer unheimlich viele
+Totenuhren zu ticken, und selbst der arme Bauer in Masurenland hörte,
+wie die schaurige Uhr ging, und fühlte, wie der Wind von Osten her
+leichenkalt durch die Ritzen seiner Hütte drang. Blutregen fiel, als
+die Abendsonne über Deutschland stand; alle Vögel flogen aufgeregt um
+die Spitzen der Kirchtürme; alle Männer hatten sehr blasse oder sehr
+rote Gesichter.
+
+Der Tod wetzte die allergrößte Sense, die in seiner schwarzen Scheune
+hängt.
+
+Es wurde Krieg
+
+Im Riesengebirge klettert ein Dorf die Berghänge hinauf, und abseits
+von ihm liegt eine einsame Mühle. Der Müller wohnte dort mit seiner
+alten Mutter, seinem achtjährigen Sohne Hubert, mit einer Magd und
+einem Mühlknecht. Die Frau war tot, aber es wohnte außer den fünf
+Leuten noch ein kluger Hund namens Wolf in der Mühle, sowie ein kleiner
+Hausgeist, der das Grünlein hieß.
+
+Grünlein hatte seinen Namen von der grünen Mütze her, die er trug,
+und hatte ihn also wohl dem Rotkäppchen nachgemacht. Er war der
+Nachkomme eines uralten deutschen Zwergenvolkes und wohnte schon seit
+sehr langer Zeit in der Mühle. Schon als Großmutter noch ein kleines
+Mädel war, war Grünlein dagewesen, und Großmutter war doch schon alt.
+Bis zu ihrem vierzigsten Jahre hatte sie zweiunddreißig Zähne gehabt.
+Da war ihr der erste ausgegangen, und sie hatte gesagt: »Jetzt lebe
+ich noch einunddreißig Jahre.« Richtig war auch alle Jahre immer ein
+Zahn abhanden gekommen, und jetzt hatte sie noch sieben. Sonntag
+nachmittags, wenn Hubert ein Vergnügen haben sollte, machte Großmutter
+den Mund auf, und der Junge zählte die Zähne.
+
+Bei diesem großen Spaß, wenn berechnet wurde, wie lange Großmutter noch
+zu leben habe, war Grünlein, der Gnom, immer zugegen. Er war überhaupt
+fast immer dabei, wenn Großmutter und der Junge allein waren. Sonst,
+wenn die Magd schlechter Laune war und in der Mühle rumorte, oder
+wenn gar der Knecht fluchte, setzte sich Grünlein seine Tarnkappe auf
+und verschwand. Er kam dann tagelang nicht zum Vorschein. Aber dann
+kam wohl ein Abend, wenn die Dämmerschatten langsam vom Tal nach den
+lichten Höhen krochen, daß der Junge plötzlich zur Großmutter sagte:
+
+»Großmutter, siehst du, daß Grünlein wieder da ist?«
+
+»Ja, ja, ich sehe es schon.«
+
+»Gelt, er sitzt auf dem Fuchsientopf?«
+
+»Ja, ja, und er läutet mit der roten Glocke.«
+
+»Mit der oberen oder mit der unteren?«
+
+»Mit der unteren.«
+
+Da waren sie einig, und Großmutter mußte dem Jungen eine Geschichte
+erzählen. Grünlein hörte mit zu, und Wolf, der Hund, schlich herbei und
+hörte auch zu. Wenn der Müller Zeit hatte, setzte er sich auch mit ans
+Fenster; denn auch er kannte das Grünlein.
+
+Wolf war vielleicht ein richtiger Wolf, er sah nämlich so aus, und
+Herr Scheibel, der Amtsdiener, von dem ihn der Müller gekauft hatte,
+machte bei einer Frage nach der Herkunft des Tieres immer ein so
+geheimnisvolles Gesicht, als ob er sagen wolle, das Tier stamme direkt
+aus dem russischen Urwald. Herr Scheibel hatte den Wolf als Polizeihund
+dressiert. Als aber nach langer Zeit in der Gegend endlich einmal ein
+Mord passiert war und Scheibel seinen Polizeihund auf die Spur des
+Täters setzte, verbellte das dumme Tier schließlich den Herrn Pfarrer,
+während der Mörder inzwischen in der Nachbarschaft erwischt wurde.
+Nach diesem furchtbaren Ärgernis trennte sich der Polizeimann von dem
+dressierten Hunde und verkaufte ihn in die Mühle, wo sich Wolf als
+gefräßiges, aber im allgemeinen ganz friedliches Raubtier erwies.
+
+Feierlich schöne Stunden waren es, wenn der Junge, die Großmutter,
+der Gnom und der Hund so beisammensaßen und die alte Frau Geschichten
+erzählte. Die Berge atmeten ihren Tannenduft zum Fenster herein, und
+die alte Mühle surrte ihr Lied von tiefem Frieden.
+
+So war es auch am ersten Augusttage des lange hinter uns liegenden
+Jahres 1914. Die Großmutter erzählte gerade von einer schönen
+Himmelsinsel, wo niemand hungert und niemand friert, niemand leidet und
+niemand stirbt, da trat der Müller, der drunten in der Stadt Hirschberg
+gewesen war, in die Stube, wischte sich den Schweiß von der Stirn und
+sagte:
+
+»Denkt Euch, es wird Krieg!«
+
+»Um Himmels willen, nein, nein!« rief die Großmutter und schlug die
+Hände zusammen.
+
+»Krieg wird? Krieg?« schrie der Junge. »Hurra! Das ist schön!«
+
+Grünlein wollte ausreißen, aber er kletterte nur höher ins Gezweig des
+Fuchsienstrauches und schaute mit großen Augen durch das Geäst.
+
+Der Hund wedelte mit dem Schwanz, als ob er sich über die Botschaft
+freue.
+
+»Ja,« sagte der Müller, »und in drei Tagen muß ich fort.«
+
+»Karl -- Karl, ist das wahr?« fragte die Großmutter, und ein Weinen
+zitterte durch sie.
+
+Der Junge ging auf den Vater zu und sagte mit jäh durchbrechender Angst:
+
+»Vater ... sie werden dich doch nicht totschießen?«
+
+Der Müller zuckte erst die Achseln, dann schüttelte er dreimal
+hintereinander den Kopf und schlang den Arm um den Jungen.
+
+Der Hund wedelte immer noch mit dem Schwanze, Grünlein guckte mit
+großen Augen aus dem Gezweig des Fuchsienstrauches.
+
+ * * * * *
+
+Als der Müller fortzog, gab es einen schweren Abschied. Der Knecht war
+schon zwei Tage vorher fort, die Mühle mußte stille stehn. Der Junge
+weinte laut, der Hund jaulte, die alte Mutter sagte mit gefalteten
+Händen: »Du bist in Gottes Hand!«
+
+Grünlein aber saß wieder mit großen Augen in den Zweigen des
+Fuchsienstrauches. Und als der Müller sagte: »Es ist Zeit, ich muß
+jetzt gehen!« packte es den Gnomen am Herzen, er zog blitzschnell die
+Tarnkappe über den Kopf, hüpfte auf die Pappschachtel, in der der
+Müller seine geringe Kriegswanderhabe trug und zog mit.
+
+Grünlein wog allerhöchstens ein halbes Pfund. Aber wie er auf der
+rückwärtigen Hälfte der Pappschachtel saß, während der Müller den
+Bergweg hinabstieg, kippte die Schachtel nach hinten, und wie er sich
+auf die vordere Hälfte der Schachtel setzte, kippte sie nach vorn, und
+der Müller kam ins Stolpern.
+
+Noch ehe er eine Stunde gegangen war, setzte er sich an den Wegrand,
+stützte den Kopf in die Hände und dachte, was nun werden solle. Wie war
+der Weg in den Krieg so lang und schwer! Da hinter ihm lag die Heimat
+-- mit ein paar Sprüngen war sie zu erreichen -- da vor ihm waren
+weite, weite Todesstraßen. Ob er die Seinigen wiedersehen würde?
+
+»Vater -- Vater -- ziehe nicht fort!«
+
+Der Junge war ihm nachgelaufen, und der Hund auch.
+
+Nun raffte sich der Müller auf, tröstete den Jungen und verwies es ihm
+mit Milde, daß er ihm nachgekommen sei. Und er sprach vom Vaterland
+und vom König und vom Wiederkommen. Als er aber zuletzt sagte: »Nun,
+Hubert, geh' du mit dem Hunde den Berg hinauf, und ich gehe mit meiner
+Pappschachtel den Berg hinab,« da war der Junge so leichenblaß, daß
+Grünlein, der alles miterlebt hatte, von der Pappschachtel auf den
+Rücken des Hundes sprang und nicht mit in den Krieg zog, sondern zurück
+nach der Mühle.
+
+Als der Vater schon einige Wochen fort war, sagte die Großmutter zu dem
+Jungen:
+
+»Hubert, mir sind auf einmal zwei Zähne ausgefallen.«
+
+Der Junge zählte sofort nach und sagte bestürzt:
+
+»Nur noch fünf! Großmutter, da lebst du ja bloß noch fünf Jahre. Das
+stimmt ja nicht!«
+
+Die Großmutter meinte, Kriegsjahre zählten doppelt, und wenn sie noch
+fünf Jahre lebe, sei das schon genug; bis dahin sei der Vater schon
+längst zurück. Aber der Junge war jetzt viel ängstlicher geworden, als
+er früher war, händigte der Großmutter seinen funkelnden Silbertaler
+aus, den er in der Sparkasse hatte, und sagte, sie solle sich Zähne
+einsetzen lassen -- hundert Stück. Das wollte aber die Großmutter nicht.
+
+Wolf, der Hund, hatte seinen Herrn drei Tage lang ehrlich betrauert;
+am vierten aber hatte er seinen wahrhaften Wolfshunger wieder bekommen
+und damit alle Traurigkeit abgelegt. Er lag nun in der Sonne, schnappte
+nach Fliegen, fraß und bellte, als ob überhaupt kein Krieg sei.
+
+Ganz anders war das Hausgeistlein. Wenn jetzt die Großmutter und der
+Junge beisammen saßen, erzählte die alte Frau keine Märchen mehr; sie
+und der Junge sprachen nur noch vom Krieg. Und je mehr sie sich um den
+Vater kümmerten, ein desto schlechteres Gewissen bekam Grünlein, weil
+er den Müller hatte allein seine schwere Straße wandern lassen.
+
+Gegen Ende des August faßte Grünlein den Entschluß, dem Müller in den
+Krieg nachzuziehen. Die Großmutter las die zwei Briefe, die inzwischen
+angelangt waren, dem Jungen jeden Tag vor, und Grünlein wußte, daß der
+Müller mit den schlesischen Landwehrleuten nach Polen gezogen sei. Wo
+der Weg nach Polen ging, wußte der Gnom. Wenn man ins Dorf kam, mußte
+man bei Korbmachers Haus rechts abbiegen, da ging es dann gleich den
+Berg hinunter nach Polen. Aber wie der arme Schelm mit seinen kurzen
+Beinen drei Tage und drei Nächte gewandert und nach Hirschberg gekommen
+war, sah er dort viele Soldaten, die eben nach Frankreich zogen, und
+meinte, er habe sich gründlich verlaufen; denn über Hirschberg führe
+der Weg nicht nach Polen, sondern nach Frankreich. Er wanderte nun
+wieder nach der Mühle zurück und war sehr traurig, daß er den Weg nicht
+fand; denn es war ihm klar geworden, daß es mit dem Polenland und der
+Welt überhaupt eine weitläufige Sache sei.
+
+Als er wieder zu Hause war und sich etwas ausgeruht hatte, kam ihm ein
+guter Gedanke. Er wußte aus den Briefen, daß Polen und Rußland ganz
+dasselbe ist, und da doch Herr Scheibel, der Amtsdiener, immer gesagt
+hatte, der Hund Wolf sei ein richtiger Wolf und stamme aus Rußland, so
+mußte der Köter doch den Weg dahin wissen.
+
+Im Abenddämmern machte sich Grünlein an den Hund heran. Der hatte eben
+vier Tage und vier Nächte lang mit kurzen Unterbrechungen geschlafen
+und gähnte müde, als ihn Grünlein fragte, ob er denn wirklich ein
+richtiger Wolf sei und aus Rußland stamme.
+
+»Das will ich meinen,« sagte das Vieh.
+
+Und nun bat Grünlein mit bewegten Worten, ihm doch den Weg nach Rußland
+deutlich und bestimmt anzugeben.
+
+Da kratzte sich der Wolf heftig das Fell und sagte dann verlegen:
+
+»Ach, Grünlein, ich will dir im Vertrauen sagen: Rußland ist eine
+ziemlich große Gegend; an allen Orten bin ich nicht gewesen, und
+mancherlei habe ich auch wieder vergessen.«
+
+Nach dieser Auskunft schloß Wolf sofort die Augen und tat, als ob
+er schon wieder ganz fest schlafe. Grünlein aber setzte sich in den
+Fuchsienstrauch und weinte.
+
+Am selben Abend aber geschah noch etwas Besonderes. Die Großmutter
+und der Junge hatten vor, dem Vater eine Wurst zu schicken, und die
+Botenfrau hatte aus der Stadt eine runde Papphülse mitgebracht, in die
+die Wurst genau paßte.
+
+Die Großmutter, der Junge und die Magd saßen um den Tisch und sprachen
+darüber, wie diese Wurst nun eine so weite Reise machen, wie sie zum
+Vater gelangen und ihm gut schmecken werde. Der Wolf sah mit gelb
+schillernden Augen nach dem Tisch, dem Grünlein aber klopfte das Herz.
+Die Wurst wurde mit einer gewissen Feierlichkeit in die Hülse gesteckt,
+die Hülse mit einer Kapsel verschlossen. Die Magd schrieb die Adresse,
+weil sie von den dreien die schönste Schrift hatte. Dann gingen alle
+schlafen.
+
+Grünlein klammerte sich an die Zweige des Fuchsienstrauches und kämpfte
+einen schweren Seelenstreit mit sich aus. Wenn der Hausherr die Wurst
+bekam, war das schön, aber schöner noch, wenn sein gutes Hausgeistlein
+zu ihm kam. Da rief Grünlein durch die Finsternis der Stube:
+
+»Pst, Wolf! Friß die Wurst!«
+
+»Es gibt zu viel Hiebe!« knurrte der Hund.
+
+»Es gibt keine Hiebe; denn ich krieche selbst in die Hülse und reise
+nach Rußland.«
+
+»Du bist nicht gescheit, Grünlein,« sagte der Wolf, kam aber gierig
+näher.
+
+Grünlein turnte nach dem Tisch, löste die Kapsel, zog mit ungeheurer
+Anstrengung die Wurst aus der Hülse, löste sie aus dem Papier, in
+das sie gewickelt war, rollte die Wurst wie einen Baumstamm an die
+Tischkante, von wo sie auf den Fußboden fiel, wickelte sich selbst in
+das Umschlagpapier, kroch in die Hülse und zog die Kapsel von innen
+nach. Grünlein paßte gut in die Umhüllung denn er wog ein halbes Pfund,
+und die Wurst wog auch ein halbes Pfund.
+
+Wolf roch unterdes an der Wurst herum, sagte bei sich: »Ich bin ganz
+unschuldig; denn ich habe sowas ganz und gar nicht gewollt!« und dann
+schlang er die Wurst mit ein paar Bissen hinunter.
+
+Am nächsten Morgen brachte die Botenfrau das Päckchen Bindfaden, das
+sie am Vortage zu besorgen vergessen hatte. Die Hülse wurde nun so oft
+verschnürt, daß man von der Adresse fast nichts mehr sehen konnte, und
+dann setzte sich Hubert mit dem Feldpaket an die Dorfstraße und wartete
+drei Stunden, bis der Gebirgsbriefträger kam und das Paket mitnahm.
+
+Hubert schaute ihm lange nach und bewunderte die schwarze Tasche, von
+der aus solch weite Reisen angetreten werden konnten. Ach, wenn er gar
+gewußt hätte, daß in der Tasche jetzt sein Grünlein steckte, das nach
+Polen reiste!
+
+ * * * * *
+
+Der Briefträger gab die Rolle mit Grünlein auf dem Postamt ab. Als der
+Gnom gerade an der Wand seines Hauses ein wenig horchen wollte, was
+draußen los sei, bekam er einen mächtigen Schlag an den Kopf; denn
+der Beamte stempelte die Rolle. Grünlein kam von dem Postamte nach
+einem Bahnhof, von da ein Stückchen weiter wieder auf einen Bahnhof
+und blieb dort schließlich mit anderen Wurst-, Keks-, Schokolade-
+und Zigarrenpaketen zusammen wochenlang liegen. Endlich ging die
+Reise weiter. Einmal hörte er einen Beamten zu einem anderen sagen:
+»Wir fahren eben über die Rheinbrücke, jetzt werden die Leute bald
+französisch sprechen.« Das alles fiel aber dem Wichtelchen nicht auf;
+es meinte, das müsse so sein, wenn man nach Rußland reise. Erst in
+Brüssel nahm ein Beamter die Rolle in die Hand, schimpfte und sagte:
+die Pakete, die für Regimenter in Polen bestimmt seien, gehörten nicht
+nach Belgien. Grünlein wurde mit vielen anderen Irrgängern umsortiert
+und fuhr in wochenlanger Reise wieder auf Schlesien zu. Unterwegs hatte
+er ein Abenteuer. Auf einer Zwischenstation wollte ein sogenannter
+freiwilliger Helfer, der aber in Wirklichkeit ein Paketmarder war, die
+Rolle ihrer vermeintlichen Wurst berauben, nicht wissend, daß diese
+Wurst längst in den Magen eines Urwaldviehs verschwunden und die Rolle
+höchst geheimnisvollen Inhalts war. Wie nun der schlechte Mensch den
+Deckel öffnete, sprang ihm Grünlein mitten ins Gesicht, zertrampelte
+ihm mit den Füßen die Nase, hieb ihn mit den Fäusten an die Stirn und
+spuckte ihm in die Augen. Da schnürte der Dieb das Paket, nachdem
+Grünlein wieder hineingekrochen war, in großer Überraschung wieder zu.
+
+Sechs Wochen und einen Tag, nachdem Grünlein von Hirschberg abgefahren
+war, landete er auf dem Bahnhof von Tschenstochau, und vier oder fünf
+Tage danach war er bei seinem Herrn.
+
+Es stellte sich heraus, daß für den Müller, der hier als der
+Landwehrmann August Liebert geführt wurde, auf einmal zweiundzwanzig
+Paketchen einliefen. Dem Müller wurden die Augen feucht vor
+Dankbarkeit, und er sagte:
+
+»So haben mich meine Leute doch nicht vergessen; es hat sich nur alles
+ein wenig verspätet.«
+
+Ehe der Müller die Pakete öffnete, las er die eingelaufenen Briefe.
+Und da schrieb ihm sein Bub mit seinen ungefügen, großen Buchstaben
+auch: »Grünlein ist weg. Ich und Großmutter denken, er ist dir nach.
+Vielleicht ist er in ein Paket gekrochen.«
+
+So hatte der Junge alles richtig erraten.
+
+ * * * * *
+
+Es war Abend. Der Müller saß abseits am Rande des polnischen Flusses.
+Seine Kameraden hielten ihn für einen Spintisierer. Aber sie hatten ihn
+doch gern; denn er war ein guter Kamerad und konnte bei Gelegenheit
+auch lustig sein.
+
+Nun aber saß er versonnen an dem lehmgelben Wasser und hörte zu,
+wie der Herbstwind durch die gelben Blätter der Erlen ging. Und wie
+er einmal seufzte und die Augen aufhob, sah er das Grünlein in den
+Erlenzweigen sitzen. Da freute er sich und sagte:
+
+»Ach, Grünlein, da bist du ja! Hubert hat mir geschrieben, daß du mir
+nachgereist bist. Erzähle mir, wie es zu Hause geht.«
+
+Grünlein war so bewegt, daß ihm zunächst nichts anderes zu erzählen
+einfiel, als daß die Großmutter zwei Zähne verloren und der Wolf leider
+eine schöne Wurst gefressen habe. Doch dann besann er sich auf Besseres
+und sagte, die alte Mühle stehe noch, die großen Berge ständen auch
+noch und der Fuchsientopf sei auch noch da. Da wurden dem Müller die
+Augen heiß, und er sagte:
+
+»Es ist schön zu Hause!«
+
+Das Grünlein sah sich in der Gegend um. Es wies nach vorn über den Fluß
+hinüber und fragte:
+
+»Was ist das Schreckliches dort drüben?«
+
+»Das ist ein verbranntes Dorf, liebes Grünlein.«
+
+Das Geistlein schauerte in sich zusammen.
+
+»Es müssen sehr schlechte Menschen sein, die das getan haben!«
+
+»Wir haben es getan!«
+
+»Ihr -- o -- du ...«
+
+Grünleins Augen füllten sich mit Tränen des Entsetzens.
+
+»Ja, liebes Grünlein. Wenn wir es nicht getan hätten, wären die Russen
+gekommen und hätten unsere Mühle verbrannt, deinen Fuchsientopf
+zerschlagen und die alte Großmutter getötet.«
+
+»Mich friert!« hauchte das erschrockene Grünlein. »Wir wollen nach
+Hause gehen.«
+
+»Gehen wir nach Hause,« sagte der Müller mit einem schmalen Lächeln,
+stieg mit dem Grünlein in einen Graben und kroch mit ihm in ein
+finsteres Loch.
+
+Dort lagen einige Männer auf Stroh und schliefen.
+
+»Hier, liebes Grünlein, bin ich jetzt zu Hause.«
+
+Das Grünlein weinte. Es sah, wie sich sein Herr lang aufs Stroh legte
+und bald tief und fest schlief, aber es konnte sich mit allem, was es
+erlebte, nicht zurechtfinden; denn es ging nicht in seine wohlgeordnete
+Gedankenwelt hinein, daß der Müller, der ein so angesehener Mann war
+und keine zweitausend Taler Schulden auf seinem schönen Besitztum
+hatte, nun eine so schäbige Wohnung haben und wie das der Kaiser für
+seine treuen Soldaten zugeben könne.
+
+Grünlein lehnte sich an die Bodenwand. Es war nur gut, daß die
+Großmutter und Hubert nicht wußten, wie der Müller hier hauste.
+Vielleicht würde es sogar den Hund Wolf erbarmt haben.
+
+Plötzlich fühlte Grünlein, daß ihn etwas von hinten anstieß. Er wandte
+sich um und sah den Kopf eines Maulwurfs, der aus der Erde schaute.
+
+»Pst, Kleiner,« sagte der Schwarze, »komm herein in meine schöne
+Wandelhalle; wir wollen uns ein wenig miteinander unterhalten.«
+
+Grünlein kroch dem Maulwurf nach, fand zwar, daß dessen Wandelhalle
+ein dunkles glitschiges Loch sei, fast noch schäbiger als des
+Müllers Unterstand, dachte aber: der Herr im Samtrock ist sicher ein
+Einheimischer und kann dir über mancherlei Auskunft geben.
+
+Das tat der Schwarze auch. Er stieß einen großmächtigen Seufzer aus und
+klagte in erregten Worten, daß die Deutschen den Maulwürfen gegenüber
+die Neutralität schmählich verletzt hätten.
+
+»Wir Maulwürfe lebten mit Deutschland in Frieden,« sagte der Schwarze;
+»wir dachten gar nicht daran, die Deutschen mit Krieg zu überziehen.
+Wir waren absolut neutral. Was haben aber die Njemski gemacht?
+Sie haben rücksichtslos unsere Wohnungen, Wandelhallen und andere
+Kunstbauten zerstört, und durch ihre Granaten sind allein siebzehn
+Männer, zwanzig Frauen, sechs Greise und fünfunddreißig Maulwurfskinder
+aus meiner nächsten Verwandschaft getötet worden. Ist das nicht
+barbarisch?«
+
+»Ihr unterminiert wahrscheinlich manchmal etwas,« wandte das Grünlein
+schüchtern ein.
+
+»Wir unterminieren nie!« rief der Maulwurf erbost. »Das ist eine der
+schamlosen Verleumdungen Deutschlands. Aber wir werden siegen, und dann
+werden wir von Deutschland als Kriegsentschädigung hundert Millionen
+Morgen Gurkenbeete verlangen.«
+
+»Du gehörst wahrscheinlich zur Entente?« fragte Grünlein.
+
+»Alle echten Maulwürfe gehören zur Entente,« entgegnete der Schwarze
+stolz.
+
+»So lasse mich -- bitte -- wieder in den Unterstand zurück!« bat das
+Grünlein, »denn ich bin ein Deutscher.«
+
+»O, nein, mein Guter,« höhnte da der Schwarze, »du bist mein
+Gefangener. Der Rückweg ist dir längst verlegt.«
+
+Nun sah Grünlein eine Menge anderer Maulwürfe herankriechen, und
+es ging ihm eiskalt durch die Glieder, daß er nunmehr ein armer
+Kriegsgefangener sei. Den ersten Tag war Grünlein an der Front, und
+schon hatten ihn die Feinde am Kragen. Darüber schämte sich der Kleine
+fast bis zur Verzweiflung. Aber es nutzte nichts, die Feinde schleppten
+ihn fort, stießen ihn mit ihren Rüsseln und prügelten ihn mit ihren
+Grabfüßen.
+
+Unterwegs machte der Transport Halt.
+
+»Da schau hinunter,« sagte der erste Maulwurf, der sich unterdes
+als der Hauptmann der Horde erwiesen hatte. Er wies in eine große
+Höhle hinein. Da sah Grünlein erschaudernd fünf Totengerippe in
+russischen Uniformen. Drei der Gerippe lagen auf dem Boden, eines saß
+zusammengebeugt da, eines lehnte aufrecht an der Wand.
+
+»Durch eine deutsche Granate verschüttet,« knirschte der Schwarze.
+
+Dem Grünlein schlugen die Zähne aufeinander, aber es sagte:
+
+»Wahrscheinlich gibt es auch Höhlen, in denen arme deutsche Soldaten so
+verschüttet sind.«
+
+»Die gibt es,« erwiderte der Maulwurfshauptmann, »aber das geschieht
+ihnen recht!«
+
+Weiter ging die Fahrt durch die dichten Maulwurfsstollen. Grünlein, der
+zu groß war für diese »Wandelhallen«, mußte vielfach auf allen Vieren
+kriechen.
+
+Da kam wieder etwas Neues. Der Hauptmann hieß Grünlein durch ein
+Guckloch schauen, und Grünlein sah in einen weiten Gang, in dem
+Laternen brannten und beschmutzte Männer mit Hacke und Schaufel
+arbeiteten. Sie trieben den Stollen immer tiefer, und auf großen Karren
+wurde die ausgeschachtete Erde fortgeschafft.
+
+»Weißt du, was diese Russen machen?« fragte der Maulwurf höhnisch
+seinen Gefangenen. Grünlein schüttelte den Kopf.
+
+»Sie graben ihre Stollen bis unter den deutschen Schützengraben, aus
+dem du kommst, und wenn sie am Ziele sind -- das wird sehr bald sein --
+füllen sie die Höhlungen mit Pulver, und der Schützengraben fliegt in
+die Luft.«
+
+»Mein armer Herr,« weinte das Grünlein auf, »er wird verschüttet
+werden.«
+
+»Verschüttet oder in die Luft fliegen,« grinste der Schwarze. »Die Wahl
+hat er nicht. Es kommt darauf an, wie die Mine wirkt.«
+
+Halbtot kroch das Grünlein weiter, bis endlich in einer großen Höhle
+Halt gemacht wurde. Dort wimmelte es von Maulwürfen. Der Hauptmann
+hielt eine Rede.
+
+»Brüderchen und Schwesterchen,« rief er, »jubelt; denn wir haben
+gesiegt! Mit nur zweihundert Mann unseres glorreichen Volkes ist es mir
+gelungen, diesen gefährlichen Deutschen unverwundet in unsere Gewalt
+zu bekommen. Wenn wir sehen (er wies auf das gefangene Grünlein),
+welch' enorme Verluste die Deutschen erleiden, so erkennen wir, daß
+die deutsche Kriegsmacht zerrieben, daß unser und unserer glorreichen
+Verbündeten Endsieg nahe ist!«
+
+Das ganze Volk keuchte vor Begeisterung, legte sich auf den Rücken und
+fuchtelte vor Freude mit den Grabfüßen. Das kriegsgefangene Grünlein
+wurde nun an eine Baumwurzel gebunden, die wie eine Säule in der Höhle
+stand, der Hauptmann übernahm selbst die Wache, und alles andere Volk
+zerstreute sich. Grünlein war in jämmerlicher Stimmung. Er verstand
+wenig oder gar nichts vom Krieg, er kannte die Lüge nicht, und wenn er
+nun daran dachte, daß in einigen Tagen sein guter Herr zerrissen werden
+sollte, und daß durch seine Gefangennahme -- wie es doch der Hauptmann
+gesagte hatte -- das deutsche Vaterland in eine schwere Lage gekommen
+sei, da wünschte sich der arme Schlucker den Tod.
+
+Plötzlich sauste eine große Ratte in den Raum herein, und ehe der
+erschreckte Maulwurfshauptmann noch dreimal schnaufen konnte, biß ihn
+die Ratte tot und fraß ihn zur Hälfte auf. Dann wandte sie sich an
+Grünlein, der eben ohnmächtig werden wollte.
+
+»Warum bist du gebunden?«
+
+»Ich bin ein Deutscher, ich bin kriegsgefangen.«
+
+»Bist du aus Schlesien?«
+
+»Ja -- aus Schlesien.«
+
+»Das ist gut. Ich will gerade nach Tarnowitz hinüber, wo in einer
+Schlächterei gut zu leben ist. Komm mit, zeig' mir den Weg.«
+
+Sie zerbiß die Bande, und Grünlein war froh, befreit zu sein, obwohl
+er keine Ahnung hatte, wo Tarnowitz lag. Das Tier führte Grünlein nun
+durch lange unterirdische Gänge, wo Ratten- und Mäusenester waren; die
+Hamster hatten dort ihre Kornkammern, erstarrte Regenwürmer lagen wie
+leblose Schlangen, und viel Käferlein im Puppenkleid schliefen dem
+nächsten Frühling entgegen.
+
+»Was für seltsame Nachbarschaft hat doch mein Herr,« dachte das
+Grünlein. »Dort drüben bahnen finstere Männer den Schacht des Todes,
+und hier hüten die Hamster ihre Getreidekörner und träumen junge
+Marienkäferchen von Sonne und Leben.«
+
+Die Ratte stieß jetzt hinauf ins Licht. Da knallte ein Schuß übers
+Feld, und das Tier lag in seinem Blut. Ein sibirischer Scharfschütze
+hatte es erschossen. Drüben im deutschen Schützengraben lachte einer:
+
+»Sie haben morgen einen von dem Schock russischer Feiertage; da
+brauchen sie einen Festbraten. Wohl bekomm' es!«
+
+Das arme Grünlein aber, das von Natur aus kein Held war, steckte nun
+mitten zwischen zwei Schützengräben in einem Rattenloche und wußte
+nicht mehr ein noch aus.
+
+ * * * * *
+
+Wochenlang, Tag und Nacht, irrte Grünlein auf den Feldern Polens umher.
+Es fand zu seinem Herrn nicht mehr zurück.
+
+Frierend saß der Kleine unter kahlen Bäumen, schlich durch brausende
+öde Wälder, fuhr manchmal ein Stückchen auf einem Bagagewagen mit,
+nächtigte in den Trümmern zerschossener Häuser, hockte zitternd
+zwischen den armseligen Kleiderballen weinender Flüchtlinge, hörte das
+zornige Rauschen kalter fremder Ströme.
+
+Grambitteres Heimweh packte das deutsche Hausgeistlein. Wie schön war
+es, als noch Friede war. Die Müllerstube war so warm, so dicht, daß
+kein kaltes Lüftlein hineinkonnte, die Menschen, die um den Tisch
+saßen und ins gelbe Licht der Petroleumlampe träumten, waren so gut,
+daß nicht einmal ein feindlicher Gedanke ihr Herz befleckte. Dann kam
+der Krieg. Jetzt mußte der sanftmütige Müller Menschen erschießen
+und verstümmeln, jetzt zündete der Mühlknecht Häuser an und hatte
+doch zu Hause einmal dem Hubert eine Ohrfeige gegeben, weil der mit
+einer leeren Streichholzschachtel gespielt hatte, was der Knecht für
+feuergefährlich ansah.
+
+Wenn Grünlein durch die Lehmjauche der Schützengräben schlich, die
+Männer in hohen Stiefeln darin stehen sah, den Anzug beschmutzt, die
+Hände blaugefroren, die Bärte verklebt und verfilzt und die Augen voll
+finsterer Entschlossenheit nach Osten gerichtet, dann fürchtete sich
+das weichmütige Geistlein eine Frage nach seinem Herrn zu tun.
+
+Einmal aber sah es einen sitzen mit einem feinen, stillen Gesicht.
+Der Mann hatte eine Brille auf und las einen Brief. Unter den blanken
+Gläsern blitzte es feucht und klar, so wie wenn man durch blankes Eis
+in eine Quelle schaut. Zu diesem Manne faßte Grünlein Vertrauen und
+setzte sich ihm aufs Knie. Der Soldat mit der Brille hob die Augen und
+sagte:
+
+»Eh, du kleiner Mann mit der grünen Kappe, du bist wohl ein deutsches
+Hausgeistlein?«
+
+»Ich heiße Grünlein und stamme aus einer Mühle im Riesengebirge,« sagte
+schüchtern der Gnom.
+
+Der Soldat nickte.
+
+»Ja, ich kenne Euch. Ich habe auch so ein Geistlein, es wohnt neben
+meiner Gelehrtenstube im Zimmer meiner jungen Frau und heißt Rapunzel.
+Es ist mir auch schon nachgekommen; jetzt aber ist es wieder zu Hause;
+denn Ihr Hausgeistlein geht ja als Sehnsuchtsboten immer von der Heimat
+ins Feld, vom Feld in die Heimat immer hin und her. O ja, das deutsche
+Gemüt!«
+
+»Ich habe meinen Herrn verloren,« klagte das Grünlein, »weil ich so
+dumm war, einem Maulwurf zu vertrauen. Ich bitte dich, daß du mir den
+Weg zu meinem Herrn sagst. Er heißt August Liebert.«
+
+Der Soldat lächelte.
+
+»Ja, liebes Grünlein, der Name genügt nicht. Wenn du weißt, bei welchem
+Armeekorps, bei welcher Division und Brigade, bei welchem Regiment,
+welcher Kompagnie und Korporalschaft dein Herr ist, kann ich dir wohl
+den Weg weisen.«
+
+Das Grünlein sagte, wenn es sich solche Dinge merken wollte, würde
+ihm sein Kopf mitten entzwei platzen. Und so war auch hier nichts zu
+machen. Doch erlaubte der Soldat mit der Brille dem Grünlein, bei ihm
+zu bleiben und, wenn er Mut habe, abends mit ihm auf Vorposten zu
+ziehen.
+
+Das Grünlein sagte ehrlich, daß es von Haus aus eigentlich gar nicht
+eine Spur von Mut habe, aber da es weder nach Hause noch zu seinem
+Herrn zurückfinde, sei ihm das Leben gleichgültig geworden. So zog es
+mit dem Soldaten auf Wache.
+
+Sie lehnten beide an einem Baum, der Soldat bis zum untersten Ast
+hinauf, das Grünlein bis zur zweiten Runzel im Stamm. Schwarz lag das
+feindliche Land; der Wind ging müde über leere Felder hin zu den fernen
+Föhren. Weit im Osten brannte ein Dorf. Da ging der Vollmond auf und
+lachte herab auf die brennenden Häuser, auf die öden Fluren und auf
+den Soldaten am Baumstamm mit eben demselben vergnügten Gesicht, wie
+er zu Hause im Städtlein gelacht hatte, wenn Studenten die Laternen
+auslöschten. Dem Mond ist es gleichgültig, ob die Menschen Unfug
+treiben oder Krieg führen. Er ist in seiner schönen Höhe und lacht.
+
+»Grünlein,« sagte der Soldat leise; »ich glaube, morgen wird dein
+Bruder Rapunzel da sein. Meine Frau wird ihn schicken. Wenn du meine
+Frau kenntest, würdest du sagen, daß nichts Lieberes ist auf der Welt.
+Immer lustig gewesen, Grünlein, kleine und große Schmerzen verbissen,
+nur um freundlich, um fröhlich zu sein. Und immer ein Kind geblieben,
+Grünlein. Deshalb hat sie auch noch vom Hausgeist Rapunzel gesprochen,
+als sie schon eine Frau war und unseren kleinen süßen Jungen hatte.
+Jetzt aber lacht sie nicht mehr.«
+
+Der Mond versteckte sich hinter den Wolken, und das Dorf im Ost brannte
+heller.
+
+»Grünlein, ich habe ihr heute geschrieben, sie soll nur guten Mutes
+sein. Wir sind nun schon ganz nahe an Warschau, und wenn wir Warschau
+haben, ist der Krieg zu Ende. Dann ziehen wir alle heim.«
+
+Ein heißes Freudengefühl zog dem Grünlein durchs Herz, als es diese
+frohe Botschaft hörte.
+
+»Wirst du mich mit nach Hause nehmen?«
+
+»Ja, Grünlein, und ich werde mit meiner Frau und meinem Jungen in Eure
+Mühle zu Besuch kommen, und das Rapunzel werde ich auch mitbringen. Ihr
+könnt dann zusammen sitzen.«
+
+»Ja,« sagte Grünlein selig, »in dem Fuchsienstrauch, dicht hinter dem
+Rücken der Großmutter. Rapunzel sitzt rechts, und ich sitze links.«
+
+So vergingen die Stunden. Die Beiden träumten vom Glücke nahen
+Friedens. Ein zweites Dorf im Osten brannte auf; der Mond wanderte
+über tiefdunkle Himmelsauen, kletterte in lichte Wolkengebirge hinein,
+verschwand hinter schwarzen Mauern, lugte wieder neugierig um deren
+Ecke, verschwand abermals und legte sich schließlich breit auf die
+Himmelswiese, zugedeckt mit einer durchsichtigen Schleierdecke. Es war
+ganz still, nur zweimal war in weiter Ferne dumpfer Geschützdonner. Der
+Soldat zog vorsichtig die Uhr.
+
+»Fünf Minuten noch, Grünlein, dann werde ich abgelöst.«
+
+In diesem Augenblick fiel aus nächster Nähe ein Schuß, und der deutsche
+Mann fiel durchs Herz getroffen am Baumstamm tot zusammen.
+
+Grünlein lag lange ohnmächtig.
+
+Er erwachte, als noch vor Morgengrauen deutsche Soldaten den Gefallenen
+unter Mühe und Todesgefahr von dannen schleppten.
+
+Unter einem andern Baum, an einem Waldrand, wurde der Soldat mit der
+Brille begraben. Der Tag brach an. Der klare Osthimmel strahlte in
+goldenem Glanz. Da sangen die Soldaten mit leisen Stimmen:
+
+ »~Morgenrot, Morgenrot,
+ Leuchtest mir zum frühen Tod~ ...«
+
+Nach den zwei Zeilen aber schon brachen sie ab; denn sie konnten nicht
+weitersingen. Als sie die kleine Grube mit Erde bedeckt hatten, fing
+noch einmal einer an zu singen, und sie sangen wieder nur zwei Zeilen:
+
+ »~Darum still, darum still
+ Füg' ich mich, wie Gott es will~ ...«
+
+Grünlein wohnte dem Begräbnis bei. In herzbrechendem Schmerz dachte
+er: Was wird mein Brüderlein Rapunzel sagen? Und was wird die liebe
+Frau sagen? Und was wird der kleine Junge sagen, wenn er überhaupt erst
+etwas sagen kann?
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Tage sah das Grünlein, daß die Soldaten aufbrachen und
+nicht mehr weiter nach Ost zogen, wo die Sonne aufgeht, sondern nach
+West, wo die Sonne untergeht. Im Westen aber -- das wußte das Grünlein
+-- lag die deutsche Heimat. So meinte der Gnom, der Krieg sei nun aus,
+und sein erschüttertes Herz schöpfte aus dieser Hoffnung neue Kraft.
+
+Wie schwer war die Enttäuschung, als Grünlein aus den Gesprächen der
+Soldaten erfuhr, daß die Deutschen nicht vermocht hatten, Warschau zu
+nehmen, und der Krieg nicht zu Ende sei, daß jetzt alle Brücken und
+Straßen zerstört werden müßten, damit die nachdringenden Russen nicht
+zu rasch vorwärts kämen, und daß alles daran gesetzt werden müßte, das
+schöne, reiche Schlesierland zu retten. Ein Ostpreuße erzählte, wie
+furchtbar es in seiner Heimat aussähe, nachdem die Russen dort gehaust,
+und Grünlein sah schon die heimische Mühle brennen, die Großmutter
+erschlagen, den Knaben verstümmelt und Wolf, den Hund, hungernd und
+heulend um die Trümmer der zerstörten Heimstätte irren. Er sah, daß aus
+seiner schlesischen Heimat dasselbe werden würde, was aus Ostpreußen
+geworden war.
+
+Da faßte das Grünlein namenlose Todesangst, und nur eines wollte es
+noch: heim, um mit den Lieben zu sterben.
+
+Eines aber wunderte das Grünlein: daß die deutschen Soldaten, die
+zurückgingen, so ganz und gar nicht verzagt waren. Sie mußten ihr
+Leben, ihre Kanonen, ihr Gepäck, ihre Nahrungsmittel retten, sie hatten
+unendliche Mühsal zu ertragen, aber sie sagten mit frohen Mienen:
+
+»Kommt nur, Ihr Russen, es wird Euch schlecht ergehen!«
+
+Grünlein, das von Haus aus, wie wohl schon ein- oder siebenmal gesagt
+wurde, kein Held war, bezweifelte solche Reden aufs stärkste und wollte
+durchaus heim zur Großmutter, ehe ihr der letzte Zahn ausgeschlagen war
+und sie sterben mußte.
+
+Der Knirps konnte auf dem eiligen, wenn auch wohlgeordneten Rückzug
+mit seinen kurzen Beinchen nicht mit und wäre unrettbar in russische
+Gefangenschaft geraten, wenn er sich nicht als eine Art Schmarotzer
+überall angehängt hätte. Zuerst kroch er einem Landwehrmann in den
+Tornister. Der Landwehrmann, der an diesem Tage fünfunddreißig
+Kilometer zu marschieren hatte, legte den schweren Tornister auf einen
+Wagen, und der Wagen fiel bis über die Achsen in so tiefen Schlamm,
+daß ihn vier Pferde nicht flottkriegen konnten. Grünlein kroch nun
+einem der Kutscher, die die Pferde antrieben, in die Tasche. In dieser
+Tasche waren neben einer Wurst und einem Stück Kommißbrot, welches
+die Tagesration bildete, ein Paar schwergetragene Strümpfe, ein
+Liebesbrief und zwei Liebeszigarren. Grünlein wickelte sich frierend
+in die Strumpfüberreste, obwohl sie ihm furchtbar erschienen. An einem
+Straßenstein zog der Soldat bei kurzer Rast das Kommißbrot aus der
+Tasche, aß es mit bestem Appetit auf, las schmunzelnd den Liebesbrief
+und rauchte sich mit dem Behagen eines Schlemmers eine der Zigarren an.
+Die wüst zugerichteten Strümpfe aber warf der Soldat, weil er sagte,
+»er müsse mal Inventur machen,« kurzerhand in den Straßengraben, und
+mit ihm, ohne daß er es wußte, das Grünlein. Grünlein beschloß, sich
+im Bedarfsfall von nun an immer in die Liebesbriefe der Soldaten zu
+wickeln, weil sie diese viel sorgfältiger aufbewahren als Strümpfe.
+
+Während Grünlein noch in dieser größten Erniedrigung und Armseligkeit
+seines Lebens im Straßengraben saß, kam eine Militärkapelle des Weges
+und machte am selben Straßensteine Halt.
+
+Der Kapellmeister hielt eine Rede.
+
+»Kinder,« sagte er »wir konzentrieren uns zwar jetzt rückwärts, weil
+uns das grade mal Spaß macht, wir gehen sozusagen langsam zurücke
+wieder auf heem zu -- aber Warschau wird doch genommen! Habt Ihr schon
+mal gehört, daß ein Königlicher Kapellmeister was umsonst gemacht
+hat? Nischt macht er umsonst! Na, also! Ich habe einen Warschauer
+Einzugsmarsch komponiert, Ihr habt ihn eingeübt, und folglich hat
+Warschau zu fallen, ganz egal, ob wir auch momentan ganz zufällig mal
+ein bißchen auf dem Rückmarsch sind, -- seht Ihr, Kinder, doch nur,
+weil wir unseren Lieben zu Hause wieder mal etwas näher sein wollen.
+Jungens, ich sage Euch, es geht uns famos. Wir sitzen hier gemütlich
+am Wegrande, ruhen uns aus und frühstücken, während die Russen wie
+die gehetzten Wölfe ohne Herz und Atem hinter uns herjagen und uns
+verfolgen müssen. Jeder von uns hat sein gutes Stück Kommißbrot,
+Wasser gibt's von oben und von unten mehr als wir brauchen, die
+Gulaschkanonen können auch nicht aus der Welt sein, folglich denke ich,
+ist es angebracht, wenn wir jetzt mal unseren Warschauer Einzugsmarsch
+loslassen.«
+
+Die zweihundert Kilometer zurückgejagten Musikanten spielten nun den
+Warschauer Einzugsmarsch mit heller Begeisterung. Tadellose Musik war
+es aber nicht. Das empfand auch der Kapellmeister und Komponist des
+Marsches.
+
+»Kinder,« sagte er, »es hätte ja schöner sein können, aber es war
+wunderschön. Daß uns die Lumpen den ersten Trompeter, zwei Hornisten
+und unseren braven Scholz -- o Gott, o Gott, was blies er für einen
+Bariton! -- totgeschossen haben, daß in Ihrer Tuba, lieber Grützner,
+ein Loch und drei Beulen sind, daß Ihnen, Teubner, von ihren zwei
+Becken eines durch einen kunstfeindlichen Granatsplitter aus der Hand
+gerissen worden ist -- na, dafür können wir nicht, vor allen Dingen
+auch nicht dafür, daß Ihnen, Freund Hübner, das eine Fell der großen
+Trommel geplatzt ist und die halbe Hand dazu. Schön war's trotz
+alledem, künstlerisch schön, wie Ihr geblasen habt; das sage ich Euch
+hier in diesem Weiden-, Dreck- und Wasserkonzertsaal, ich, nicht
+nur Euer Kapellmeister, nein, auch der Komponist der eben zu Gehör
+gebrachten Tondichtung!«
+
+Am Grabenrande stand Hübner, der Paukenschläger. Er hatte während des
+Marsches wie toll auf das gesunde Fell seiner Pauke geschlagen.
+
+Grünlein, der inzwischen ein Menschenkenner geworden war, dachte bei
+sich: Ich tue gut, durch dieses Loch im Trommelfell zu kriechen; denn
+dieser Hübner läßt eher sein Leben im Stich als seine Pauke.
+
+Und so tat der Kleine. Hübner hockte sich todmüde die große Trommel
+auf den gekrümmten Buckel und trug sie samt Grünlein von dannen. Als
+sie aber im Notquartier einige Stunden Ruhe fanden, schlief Hübner
+so tief und schön, weil ihm Grünlein heimlich die beiden gutmütigen,
+verstaubten Augen geküßt hatte. Grünlein nahm es dem großen starken
+Trommler nicht einmal übel, als am nächsten Morgen trotz fortgesetzten
+Rückzuges der Kapellmeister abermals den Warschauer Einzugsmarsch
+spielen ließ und Hübner so wüst auf das gesunde Trommelfell einschlug,
+daß Grünlein zu dem Loch der anderen Seite hinausflog.
+
+Zwei Tage später wurden Schützengräben bezogen, und es hieß, mit dem
+Rückzug habe es nun ein Ende; man wolle die Russen erwarten und ihnen
+einen bösen Empfang bereiten.
+
+»Jetzt wird es mit der Schießerei wieder losgehen,« dachte das Grünlein
+traurig; »nach Hause sind wir nicht gekommen, und ich habe es doch so
+satt und will heim.«
+
+Das Kerlchen wußte aber nicht, wie es die Heimreise bewerkstelligen
+sollte, und die Hoffnung, seinen Herrn wiederzufinden, hatte es ganz
+aufgegeben. Da kam dem Grünlein ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Es
+war wieder einmal häßliches Regenwetter, und Grünlein war unter eine
+umgestülpte leere Konservenbüchse gekrochen. In diesem Blechhäuschen
+saß der Gnom zwar trocken, aber der Regen trommelte so laut auf das
+Blechdach, daß Grünlein an Hübners Pauke erinnert wurde. Doch hörte er,
+wie zwei Männer miteinander sprachen, von denen der eine sagte, daß
+er noch heute mit seiner Flugmaschine nach Schlesien fliegen werde.
+Ei, wie da das Grünlein aufhorchte! Es verließ augenblicklich seine
+schützende Behausung und sah sich draußen um. Da erblickte es auch
+alsbald die Flugmaschine, die wie eine riesige Libelle auf der nahen
+Wiese lag. Grünlein machte sich an die Maschine heran, unbekümmert
+darum, daß er kein Pilot war. Wenn aber einer nichts vom Fliegen
+versteht, soll er nicht fliegen, sonst fliegt er. Das alberne Grünlein
+verfiel nämlich auf den Gedanken, sich gerade mitten in den Propeller
+hinein zu setzen. Als nun der Flieger ankurbelte und der Propeller zu
+schnurren und sich zu drehen begann wie ein verrückt gewordenes Rad,
+vergingen dem Gnomen Hören und Sehen; grün und blau wurde ihm vor
+den Augen; der Magen drehte sich ihm um, und nicht eine Minute lang
+vermochte er sich zu halten, da wurde er von dem Teufelsrad hinaus ins
+Weltall geschleudert. Wenn Grünlein auf etwas Hartes gefallen wäre,
+auf einen Granitstein, eine Eisenbetonwand oder gar auf einen Laib
+Kommißbrot, so wäre es mit ihm aus gewesen. So aber fiel er auf etwas
+Weiches, Warmes, Molliges. Ein Hund lag am Boden und schnarchte beim
+Schlafen, und dem Hund fiel Grünlein aufs Fell.
+
+Blitzschnell sprang das Tier auf und schimpfte rasend über die freche
+Störung. Aber schon im dritten Satze schnappte er ab, stutzte und brach
+dann in ein Gebell aus, das wie ein polterndes Lachen klang.
+
+»Grünlein -- Grünlein, wo kommst du her?«
+
+Grünlein erholte sich von seinem Schrecken und sah erstaunt, daß Wolf
+neben ihm stand, Wolf aus der Mühle.
+
+»Wolf -- Wolf, bist du es wirklich? Wie kommen auf einmal wir zwei
+zusammen?«
+
+»Ja, das weiß ich nicht. Ich schlief gerade mal ein bißchen, was in
+diesem schrecklichen Lande selten genug vorkommt, da bist du plötzlich
+wie ein Stein vom Himmel gefallen und hast mich auf den Buckel
+getroffen.«
+
+»Wolf -- geliebter, süßer Wolf!« sagte Grünlein außer sich in der
+Freude des Wiedersehens, küßte den Wolf auf seine dicke, schwarze Nase,
+kraute ihn hinter den Ohren, kraute ihn am Halse, kraute ihn unter den
+Vorderbeinen, wo es der Wolf gern hat, weil er da »schlecht hinkann«,
+und auch Wolf war sehr vergnügt.
+
+»Wie kommst du nur hier nach Polen, lieber Wolf? Suchst du auch unseren
+Herrn?«
+
+Wolf schüttelte den Kopf.
+
+»Nein, ich bin dienstlich hier. Ich bin eingezogen. Als Sanitätshund.
+Herrn Scheibel, der mich doch schon einmal dressiert hatte, hat es
+nicht ruhen lassen, bis wir zwei beim Militär waren. Da bin ich
+umdressiert worden. Und Herr Scheibel ist auch umdressiert worden. Und
+wir haben unsere Sache gut gemacht.«
+
+»Wolf, sag' mir, steht unsere Mühle noch?«
+
+»Nein, sie geht wieder. Wir haben einen neuen Mühlknecht.«
+
+»Ach, so meine ich's nicht; ich frage, ob die Großmutter und der Junge
+gesund sind und ob der Fuchsientopf noch steht.«
+
+»Es war alles in Ordnung, als ich fortzog.«
+
+»Ach, das ist schön! Ich habe sehr das Heimweh. Wie geht es dir, lieber
+Wolf?«
+
+»Hm. So so! Ich habe einem österreichischen Oberst das Leben gerettet;
+dafür hat Herr Scheibel die Tapferkeitsmedaille gekriegt. Mir schickt
+der Oberst aus Dankbarkeit jede Woche eine Liebeswurst. Die Wurst ißt
+Herr Scheibel und ich krieg' die Pelle. Das nennt sich Gerechtigkeit im
+Krieg.«
+
+»Hast du schon viele Soldaten gerettet?«
+
+»O, ganze Regimenter.«
+
+Grünlein sah den Wolf ehrfürchtig an.
+
+»Wie ist das schön für dich, daß du dich so verdienstlich machen
+kannst. Ich kann leider gar nichts tun. Wie fängst du es eigentlich an?«
+
+»Schnüffeln, Grünlein, -- schnüffeln ist die Hauptsache. Auf tausend
+Meter riechen: da liegt einer! Das ist natürlich schwer, da muß einer
+Genie haben. Alles Genie sitzt in der Nase. Und dann einen Mordsmut
+haben und ruhig bleiben! Ich schabe mir das Fell jetzt mit Vorliebe auf
+Feldern, wo Granaten einschlagen, um meine Flöhe furchtsam zu machen.
+Das ist auch so eine Ungerechtigkeit -- Entlausungsanstalten für die
+Menschen haben sie, Entflohungsanstalten für uns nicht. Wir können uns
+ruhig weiter scharren!«
+
+»Wie macht Ihr Sanitätshunde es mit den Verwundeten?«
+
+»O, wir reißen ihnen die Achselklappe ab, tragen sie zu dem Führer und
+sagen so dem Mann: da ist etwas los!«
+
+»Du bist wohl ein sehr berühmter Sanitätshund?«
+
+Wolf hob die Nase hoch.
+
+»Grünlein, ich werd' dir was sagen, was aber nicht in die
+Öffentlichkeit kommen darf. Der Kaiser hat einmal eine große
+Hundeparade abgenommen und an mich eine belobigende Ansprache gehalten
+und den Hindenburg haben einmal die Russen gefangen gehabt; da habe ich
+ihn aus zwei Divisionen ganz allein herausgebissen.«
+
+Jetzt merkte das Grünlein, daß der vierbeinige Kriegsheld anfing
+aufzuschneiden. Es hörte nur mit peinlichen Gefühlen den weiteren
+Berichten des Wolfes zu, unter denen auch die Behauptung war, Wolf habe
+dem Großfürsten Nikolai die Gurgel durchgebissen und dem Zaren den
+Hosenboden zerfetzt.
+
+Darauf sagte der Hund, Grünlein möge nur entschuldigen, er müsse jetzt
+wieder schlafen, und sie könnten ja nachher weiterplaudern. Wolf
+schlief ein, und Grünlein war es zufrieden, setzte sich zu ihm und war
+selig, jemand aus der Heimat getroffen zu haben, und wenn es auch bloß
+der Wolf war.
+
+Ein Feldlazarett war in der Nähe. Sanitätssoldaten trugen bleiche
+Verwundete vorbei, Hunde traben neben den Bahren, und ob es gleich
+todernste Bilder waren, es war immer der Trost dabei: da ist wieder
+einer, den brüderliche Barmherzigkeit dem Tode streitig machen will, da
+kommt wieder einer aus der harten Schlacht in die Pflege weicher Hände.
+
+Ein Schäferhund, der vorbeikam, blieb bei Wolf stehen und sagte
+verächtlich:
+
+»Das Faultier schläft wieder.«
+
+»O bitte,« sagte das Grünlein, »er hat schon ganzen Regimentern das
+Leben gerettet, vom Kaiser und vom Hindenburg gar nicht zu reden.«
+
+Der Schäferhund schüttelte sich vor Vergnügen.
+
+»Kleiner, dummer Junge,« sagte er, »dieser Wolf ist der gefräßigste und
+faulste Kerl aus unserem ganzen Korps. Wenn das so weitergeht, kommt er
+noch in die zweite Klasse des Sanitätshundestandes.«
+
+Darüber betrübte sich Grünlein, aber er hatte schon immer gehört, daß
+die Schäferhunde hochmütig seien und sich für die Elitetruppe unter der
+Hundearmee hielten, und da war die schnarchige Rede erklärlich.
+
+Es wurde Nacht. Vom dunklen Waldrand drüben erscholl heiseres Geheul.
+Da erwachte Wolf und sagte leise:
+
+»Komm, Grünlein, wir wollen hier fortgehen. Dort drüben heult ein Wolf.«
+
+»Du bist ja auch ein Wolf,« sagte Grünlein, »geh' hin, unterhalte dich
+mit ihm, vielleicht kannst du etwas erfahren, was nützlich für uns ist.
+Du mußt doch seine Sprache verstehen. Was singt er eigentlich für ein
+rauhes Lied in die Nacht hinein?«
+
+»Ein Freßlied. Aber ich verstehe ihn nicht recht, er spricht einen
+anderen Dialekt als ich, und ich will mit ihm nichts zu tun haben.«
+
+Daß er von einer gutmütigen Hundemutter in Warmbrunn in Schlesien
+geboren worden war, hat dieser stolze Urwäldler nie zugegeben.
+
+Herr Scheibel kam. Er trug seine Sanitätstracht und schimpfte den Wolf
+aus, der ihm wieder durch die Lappen gegangen sei. Den Gnomen sah er
+nicht. Aber Grünlein erkannte ihn, und sein Herz schlug vor Freude, daß
+er einen Menschen aus der Heimat gefunden habe, und wenn es auch nur
+Herr Scheibel war, der immer ein knurriger Mann gewesen und nichts von
+Grünlein wußte.
+
+Grünlein ritt auf dem Rücken des Hundes, wie er zu Hause, wenn sie mit
+Hubert spielten, unzählige Male getan hatte. So ging es in die Nacht
+hinein. Da sagte Herr Scheibel:
+
+»Sei froh, Wolf, daß ich dich wieder übernommen habe; denn dein Herr,
+der Müller, ist heute gefallen.«
+
+Ein todweher Seufzer stieß durch die Nachtluft wie eine dünne
+schmerzliche Melodie, und Scheibel sah verwundert auf. Der Hund aber
+warf sich auf die Erde, fing an zu heulen und zu winseln und legte den
+Kopf auf die Vorderpfoten. Scheibel klopfte ihn auf den Rücken.
+
+»Na, ja, Wolf, das ist nicht anders. Es ist eben Krieg. Ob der Müller
+tot ist oder ob er den Russen verwundet in die Hände gefallen ist, weiß
+niemand. Vermißt ist er, und man hat ihn fallen sehen.«
+
+War das eine traurige Reise durch die Nacht!
+
+Nun war alles aus; Glück und Freude war gestorben und die Hoffnung
+zunichte. Jetzt würde die Mühle verkauft werden müssen, die alte
+Großmutter und der Junge mußten in die Fremde wandern, und wenn
+Grünlein nach Hause kam, würden wohl die alten Berge noch stehen und
+das Mühlrad würde vom rauschenden Bach gedreht werden wie einst, in der
+Mühle aber würden fremde Leute wohnen, und das Grünlein war heimatlos.
+
+Dunkel lag der Himmel über dem Verbandplatz. Ärzte und Pfleger waren in
+rastloser Tätigkeit. Laternen huschten hin und her. Manchmal schrillte
+ein wilder Wehschrei auf; wunde Menschen stöhnten, klagten und schrien
+nach der Heimat. Ein ganz junger, blasser Feldgeistlicher ging durch
+die Reihen. Seine Augen waren sehend. Er sah mit Rosen und Lorbeer
+bekränzte Seelen hinauf zum Himmel ziehen. Noch krachten die Granaten,
+noch platzten die Schrapnelle in der Luft; aber die Seele, die den
+armen feldgrau gekleideten Leib verlassen hatte, ging das alles nichts
+mehr an. Sie war jenseits von Schmerz und Tod; sie zog zu dem ewigen
+König, der keine einzige Kanone und kein Schlachtmesser hat und doch
+der Herr aller ist. Feuer brannten auf der Erde, stille Feuer, an denen
+Soldaten ihr karges Mahl kochten, wilde Feuer, die die Heimstätten
+armer Menschen verbrannten, grausame Feuer des Todes aus Mörsern und
+Schlünden. Die befreite Seele sah all dieses trübe Erdenlicht nicht
+mehr. Sie schwebte darüber hinaus ewigen Lichtern zu, goldenen Sonnen,
+die ihre funkelnden Flammenleiber im blauen Äther drehten, Sternen,
+die tausendmal größer waren als dieses arme Kügelchen Erde, in das die
+Menschen sich nicht friedlich teilen können, um deren winziger Maße
+willen die für die Ewigkeit Geborenen sich ans Leben gehen.
+
+O, alle, die leben, die weiter kämpfen und streiten, überwinden
+den Feind; aber die, die gestorben sind, denen das Schwert aus der
+erkalteten Hand sinkt, überwanden die Welt.
+
+Gönnt ihnen den Sieg, den einzigen, der nach Millionen Jahren noch
+gelten wird!
+
+So dachte der junge Feldgeistliche, spendete Trost und drückte müde
+Augen zu.
+
+ * * * * *
+
+In der Nacht wurde es still. Hinter einem dichten Wald begruben die
+Russen ihre vielen Toten. Am Tage war um diesen Wald auf schmalen
+Wegen, zwischen verwachsenen Hecken und tiefen Grabenrändern auf Tod
+und Leben gestritten worden.
+
+Ein Pope hob das doppelbalkige Kreuz über die Gräber; eine schwermütige
+Slawenweise summte um die Totenstätten.
+
+Abseits wurde den Deutschen die Grube gescharrt. Wilde Gesellen
+vom Ural und von den Eisküsten des Stillen Ozeans trugen Söhne des
+lieblichen Thüringens, Schlesier und Rheinländer zu Grabe.
+
+Am Waldrande lag der Müller. Der schaute mit der letzten Kraft
+seiner Augen diesem Ende entgegen. Ein paar wüste Kerle näherten
+sich ihm mit eiligen Totengräberschritten. Schon tastete einer nach
+dem leblos liegenden Müller, da sprang ihm ein graues Tier an die
+Gurgel. Mit einem Schrei liefen die Kerle davon. Sie gehörten zu einem
+abergläubischen Stamm, der den Wolf als etwas Göttliches verehrt.
+
+Wolf, der Mühlhund, aber beleckte leise winselnd seinen Herrn, und das
+Grünlein küßte ihm die Augen und war außer sich vor Schmerz und Freude.
+
+Die Russen löschten Feuer und Lichter. Lautlos lag die Waldwiese; nur
+manchmal kroch irgendwo eine dunkle Gestalt.
+
+In gelbem, zornigem Licht schillerten die Augen des Wolfes, der bei
+seinem Herrn Wache hielt. Da gab im Morgengrauen ein Soldat einen
+Schuß auf diese Lichter ab; das Tier brach stöhnend zusammen. Grünlein
+weinte, als es sah, daß nun auch Wolf verwundet war. So saß er zwischen
+dem Herrn und dem Hunde und horchte an der Brust des Müllers und
+horchte am Fell des Tieres, ob die treuen Herzen noch schlügen.
+
+Gegen Sonnenaufgang stürmte deutsche Infanterie durch den Wald; die
+Russen wichen nach kurzem Kampf zurück. Der Müller und der Hund wurden
+gefunden, das Grünlein aber sah niemand.
+
+Als der Müller auf eine Tragbahre gebettet worden war, sah einer nach
+dem Hunde und sagte: »Das rechte Hinterbein ist ihm zerschmettert; am
+besten ist's, er bekommt den Gnadenschuß.«
+
+»Wolf, spring auf! Wolf, lauf fort!« rief das Grünlein in höchster
+Angst.
+
+Da erhob sich Wolf, humpelte auf drei Beinen nach der Bahre hin und
+leckte seinem Herrn die herabhängende Hand zum Abschied für immer.
+
+Der Müller schlug die Augen auf, sah den Hund und sprach:
+
+»Wolf, lieber Wolf, du hast mich gerettet.«
+
+Und zu den anderen sagte er:
+
+»Es ist mein eigener Hund aus der Heimat.«
+
+Da nahm ein starker Soldat Wolf auf den Arm und trug ihn hinter dem
+Müller her zum Verbandsplatz. Grünlein saß mit auf der Bahre und gab
+acht, daß es den beiden Verwundeten gut ergehe. Auf dem Verbandsplatz
+war ein Tierarzt anwesend, der sich des vierbeinigen Patienten annahm,
+und durch den Befehl eines gütigen Vorgesetzten und andere günstige
+Umstände geschah es, daß der Hund mit dem Müller in ein Lazarett kam,
+wo er eine Abteilung für sich bildete, da andere Tiere in diesem
+Lazarett nicht gepflegt wurden.
+
+Daß Grünlein mit in das Lazarett zog, versteht sich von selbst. Er
+schlief immer abwechselnd eine Nacht bei dem Müller im Bett und eine
+Nacht bei Wolf im Hundekorbe.
+
+ * * * * *
+
+Weihnachten kam.
+
+In diesem Jahre, sagte der Tod, sollen meine Kinder eine ordentliche
+Bescherung haben. Im wilden Karpathengebirge stellte er Millionen
+Weihnachtsbäume auf und legte hunderttausend Soldaten darunter:
+Österreicher, Deutsche, Ungarn, Polen und Russen ohne Zahl. Mit diesen
+bunten Soldaten spielten die Kinder des Todes und packten sie in große
+Schachteln.
+
+Um diese Zeit war der Müller im Lazarett. Großmutter und Hubert
+schrieben jammernde Briefe, daß der Müller am heiligen Fest so weit
+weg von ihnen im Hause der Schmerzen sein müsse; aber der Müller
+antwortete: »Klagt nicht, Gott hat uns reich beschenkt; er hat mir das
+Leben beschert. Und ich bin nicht allein; Wolf und das Grünlein sind
+bei mir.«
+
+Da hatte die Großmutter geantwortet, sie sei schon zufrieden, da er
+doch gerettet sei. Einmal habe sie ein Jucken im Munde gehabt, da habe
+Hubert behauptet, jetzt wüchsen ihr ein paar neue Zähne, daß sie noch
+ein bißchen zu leben habe, wenn jetzt die bessere Zeit käme.
+
+ * * * * *
+
+Im Februar stiegen der Müller, der Hund und das Grünlein auf der
+Endstation der Riesengebirgsbahn aus dem Zug. Sie hatten Heimatsurlaub.
+
+Grünlein war immer leicht zum Weinen geneigt; denn er war ein
+weichmütiges Kerlchen; aber so heftig hatte er doch noch nie
+geschluchzt wie jetzt, da er aus dem Kriege kam und die heimatlichen
+Berge wiedersah.
+
+Hoch ragte die weiße Riesenkoppe auf; der diamantene Gebirgskamm zog
+viele Meilen weit in den blauen Himmel hinein, die Wälder standen im
+Silberkleid.
+
+Ein Rößlein klingelte mit dem kleinen Schlitten den Bergweg hinauf. Der
+Kutscher auf dem Bock sprach die traute Sprache der Heimat. Auf dem
+Hintersitz saß links der Müller, rechts auf dem Ehrenplatz der Wolf
+und zwischen beiden das Grünlein, das ein bißchen fror vor Kälte und
+Erregung. Abgeholt waren sie nicht worden; denn sie hatten sich nicht
+angemeldet.
+
+Friedlich läutete das Rößlein, die Häuser lagen hingeduckt in den
+Schnee, blauer Rauch stieg aus den Schornsteinen, tiefe Stille war im
+hohen Wald.
+
+Wer hätte hier ahnen sollen, daß in der Welt Krieg sei? Als sie ins
+Heimatsdorf kamen, ging die Fahrt langsam vonstatten. Fast vor jedem
+Haus mußte der Schlitten halten, weil Leute herausgestürzt kamen, die
+dem Müller die Hand schütteln und ein paar Worte mit ihm sprechen
+wollten.
+
+Ach, was wird nur die Großmutter sagen, was wird nur der kleine Hubert
+sagen?
+
+Sie sagten nicht viel. Als der Schlitten vor der Mühle hielt, sahen
+zwei junge und zwei alte Augen in seligem Erschrecken zum Fenster
+heraus, und als sie herauskamen, warf sich der Junge in den Schnee
+und schlug in leidenschaftlicher Freude mit Armen und Beinen; die
+Großmutter aber faltete die welken Hände über der Brust und fing an zu
+beten.
+
+Der Müller legte die Hand über die Augen. Der Kutscher nahm die Mütze
+ab.
+
+ * * * * *
+
+Dann faßte der Müller seinen Jungen an der Hand und sagte:
+
+»Hubert, es ist schwer draußen; aber die Heimat ist so schön, und was
+drin lebt, ist so lieb, daß es sich lohnt, zu leiden und zu sterben.«
+
+Darauf gingen sie in die große warme Stube. Sie saßen um den Tisch
+und hielten sich an den Händen. Die Heimatsberge schauten zum Fenster
+herein; Wolf schmiegte den Kopf an den Rock der Großmutter; Grünlein
+aber war in den Fuchsienstrauch geklettert und schüttelte ihn, daß alle
+seine roten Glocken läuteten.
+
+
+Fußnoten:
+
+[1] Kleines Bukett.
+
+[2] Zobtenberg, ein in einem großen Teile der Provinz sichtbarer, weil
+aus der Ebene steil emporsteigender Bergkegel zwischen Breslau und dem
+Eulengebirge, der als Wahrzeichen Schlesiens gilt.
+
+[3] Ungefähr »alte Gans«.
+
+[4] Pfeffermännchen; die Schneekoppe ist 1600, der Zobtenberg 700 +m+
+hoch.
+
+[5] Salzbrunner.
+
+[6] Pack.
+
+[7] Hohes Rad, Riesengebirge.
+
+[8] Große und kleine Sturmhaube, Riesengebirge.
+
+[9] Hügel in der Nähe des Zobtens.
+
+[10] Haufen.
+
+[11] ordinären.
+
+[12] Rausch.
+
+[13] Frauenzimmer.
+
+[14] Tölpel.
+
+[15] Ochsen- oder Sünderbank.
+
+[16] Glatzer Nazchen.
+
+[17] Vorn bist du preußisch, hinten böhmisch.
+
+[18] Veilchenstein, Kuppe des Riesengebirgskammes.
+
+[19] Waldenburger Berge.
+
+[20] totschießen.
+
+[21] In Schlesien.
+
+[22] Burschen und Mädchen.
+
+[23] schlafen.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75839 ***
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+ Das Königliche Seminartheater Altenroda Grünlein | Project Gutenberg
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+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75839 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und
+Interpunktion des Originaltextes wurde übernommen; lediglich
+offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt</p>.
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp46" id="cover">
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+</figure>
+
+<hr class="r5">
+
+<h1>Das<br>
+Königl. Seminartheater<br>
+Altenroda<br>
+Grünlein</h1><br>
+
+<p class="center p2 s3 center">Novellen</p><br>
+<p class="s5 center">von</p><br>
+<p class="s2 center"><b>Paul Keller</b></p><br>
+
+<div class="chapter">
+<p class="p4 center">Bergstadtverlag / Breslau und Leipzig</p>
+<p class="center">Einband und Buchschmuck von Prof. Wilh. Poetter</p><br>
+
+<p class="s3 center">*</p>
+<p class="s5 center">Druck von Wilh. Gottl. Korn, Breslau</p>
+<p class="s3 center mbot2">*</p>
+
+<p class="s5 center">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten</p>
+<p class="center mbot2"><em class="gesperrt">Copyright 1923 by Bergstadtverlag Breslau</em></p><br>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak">Inhaltsverzeichnis</h2>
+</div>
+
+<table class="autotable">
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdr">Seite</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Das königliche Seminartheater</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_3">3</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">In den Grenzhäusern</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_37">37</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Der Ausflug</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_75">75</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Das Telefon des Bildschnitzers</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_101">101</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Die Briefe der Tochter</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_117">117</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Die letzte Furche</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_129">129</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Bergkrach</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_143">143</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Altenroda</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_155">155</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Vom Musikleben in Altenroda</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_177">177</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Der Schuldturm</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_247">247</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl mleft">Das traurige Schicksal des Meisters Michael</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_251">251</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">
+<div class="mleft">Vom törichten Kaspar</div>
+</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_267">267</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">
+<div class="mleft">Rauchermärchen</div>
+</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_279">279</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Die drei Geizhälse</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_291">291</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">
+<div class="mleft">Der evangelische Geizhals</div>
+</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_295">295</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">
+<div class="mleft">Der katholische Geizhals</div>
+</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_303">303</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">
+<div class="mleft">Der jüdische Geizhals</div>
+</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_317">317</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Zwei Idyllen</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_324">324</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">
+<div class="mleft">Der Briefkasten</div>
+</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_329">329</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">
+<div class="mleft">Hero und Leander</div>
+</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_335">335</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Ansorge</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_357">357</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Grünlein</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_391">391</a></td>
+</tr>
+</table>
+
+<hr class="r65">
+
+<div class="chapter">
+<h2>Das Königliche Seminartheater<br>
+<span class="s6">Ein Stück eigener Lebensgeschichte</span></h2><br>
+
+<p class="p2 center"><em class="gesperrt">Buchschmuck von Prof. Wilh. Poetter</em></p>
+<p class="s5 center">*</p>
+<p class="center"><em class="gesperrt">55.-74. Auflage</em></p>
+<p class="s5 center">*</p>
+<p class="s5 center">Druck von Wilh. Gottl. Korn, Breslau</p>
+<p class="s5 center">*</p><br>
+
+<p class="center">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten</p>
+<p class="center mbot2"><em class="gesperrt">Copyright 1923 by Bergstadtverlag Breslau</em></p><br>
+</div>
+
+<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-007">
+<img class="w100" src="images/drop-007.jpg" alt=""></figure>uweilen
+ist mir in irgend einer Stadt, in irgend einer Gesellschaft
+ein Kranz mit einer Schleife verehrt worden. Die Kränze sind verdorrt,
+die Schleifen habe ich mir aufgehoben. Unter ihnen befindet sich
+ein verblichenes blaues Band, darauf steht: »Paul Keller zu seinem
+19. Geburtstag. Gewidmet von seinen Freunden Bartsch, Bentzinger,
+Böttcher, Heilgans, Scherwentke.« Der Kranz, der zu dem Band gehörte,
+hat vielleicht einmal schlecht und recht einen Taler gekostet samt
+der Schleife, auf welche die spendenden Freunde die Inschrift mit
+chinesischer Tusche selbst aufgepinselt hatten.
+
+<p>Fünf neunzehnjährige Seminaristen schenkten einem Kameraden zum
+Geburtstag einen Lorbeerkranz für drei Mark. Jeder gab sechzig Pfennig.
+Welch ein Opfer! Für sechzig Pfennig konnte man in jener billigen Zeit
+— es war 1892 — in einem Restaurant Breslaus fein zu Mittag speisen;
+für sechzig Pfennig konnte man einen Sitzgalerieplatz im Stadttheater
+haben, den »Lohengrin« hören, den »König Lear« oder die »Haubenlerche«;
+für sechzig Pfennig konnte man selbst »bei ausgesprochenem Pech«
+tagelang Zwanzigstelpfennig-Skat spielen; für sechzig Pfennig konnte
+man sich drei Reklam-Bücher kaufen; für sechzig Pfennig konnte man
+zwölf Tassen heißen Kaffee im Seminar haben; für sechzig Pfennig hätte
+man sich bei einem Ferienkommers in bayerischem Bier um den Verstand
+saufen können.</p>
+
+<p>Und eine solche Summe gab man so hin! Für einen Freund! Für einen
+Kranz!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span></p>
+
+<p>Ach, ihr fünf treuen guten Kerle, deshalb ist mir ja Euer verblaßtes
+Band, auf das Ihr selbst Eure Namen gepinselt habt, heute noch so eine
+Kostbarkeit.</p>
+
+<p>Dieses Band ist einmal sehr teuer gewesen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ich war auf eine etwas abenteuerliche Art ins Breslauer Seminar
+gekommen. Da ich meine dreijährige Vorbildung in der Grafschaft Glatz
+und zwar in der Königlichen Präparandenanstalt zu Landeck genossen
+hatte, war ich — wie alle dortigen Schüler — für das Seminar in
+Habelschwerdt bestimmt. Aber ich wollte nicht nach Habelschwerdt.
+Warum, weiß ich selbst nicht recht. Die Hauptursache war wohl mein
+Freund Oskar Bartsch, der aus Breslau stammte, mir glänzende Bilder
+von dieser Stadt zeichnete und sagte: »Ein Mann wie du gehört nicht
+nach Habelschwerdt, er gehört nach Breslau.« Darauf gingen wir zwei
+zu dem Vorsteher unserer Anstalt, sagten ihm, wir möchten nicht nach
+Habelschwerdt, wir möchten gerne zu der Aufnahmeprüfung ins Seminar
+nach Breslau; aber er — der prächtige, humorvolle Doktor — schmiß
+uns ganz gemütlich raus, indem er sagte: »Das Habelschwerdter Seminar
+wird die Riesenehre, euch zwei als Schüler zu haben, bei gesundem
+Leibe überstehen!« Draußen auf der Treppe stopfte Bartsch die Hände
+in die Hosentaschen und sagte: »Das ist eine Gemeinheit!« Ich gab
+ihm recht, und wir gingen in die Osterferien. Dort gelang es mir,
+auf einem Feldspaziergang meinem Vater das Reisegeld nach Breslau
+abzupressen, um daselbst eine große »Aktion« ins Werk zu setzen. Mein
+Freund Bartsch führte mich durch die Wunderstadt, und<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> wir gingen
+direkt ins Lehrerseminar. Der Direktor, dessen äußere Bärbeißigkeit mit
+seinem inneren jovialen Wesen — wie wir später erfuhren — in krassem
+Widerspruch stand, saß trotz der Ferien in seinem Amtszimmer. Als ob
+er ausgerechnet auf uns zwei Lebensstürmer gewartet hätte. Als er uns
+so prüfend ansah, die wir an seiner Tür andauernd mit »Dienermachen«
+beschäftigt waren, verloren wir die Sprache.</p>
+
+<p>»Was wünschen Sie?« fragte er dreimal mit seiner tiefen Stimme.</p>
+
+<p>Wir dienerten nur.</p>
+
+<p>»Also wer sind Sie denn eigentlich? Und was wollen Sie?«</p>
+
+<p>Da brachte ich heraus:</p>
+
+<p>»Wir sind zwei Präparanden aus Landeck und möchten gern ins Breslauer
+Seminar eintreten.«</p>
+
+<p>»So? Haben Sie denn bei uns die Aufnahmeprüfung, die vor zwei Wochen
+war, mitgemacht?«</p>
+
+<p>»Nein. Wir durften nicht.«</p>
+
+<p>»Wieso durften Sie nicht?«</p>
+
+<p>»Der Herr Vorsteher unserer Anstalt hat gesagt, wir gehörten nach
+Habelschwerdt; wir hätten in Breslau nichts zu suchen.«</p>
+
+<p>Der Direktor lächelte.</p>
+
+<p>»Na, da hat ja Ihr Herr Vorsteher ganz recht gehabt. Wie kommen Sie
+denn dann hierher?«</p>
+
+<p>»Wir — wir sind — so auf eigene Faust ...«</p>
+
+<p>»Aah — auf eigene Faust! Das ist gut von Präparanden! Und wie denken
+Sie sich das — eh ...? Sie wissen doch, daß man in einem Königlich
+Preußischen Lehrerseminar nur dann aufgenommen werden kann,<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> wenn
+man die Aufnahmeprüfung bestanden hat. Und Sie wissen auch, daß die
+diesjährige Aufnahmeprüfung für das Breslauer Lehrerseminar vorbei ist.
+Also, wie haben Sie sich die Sache eigentlich gedacht?«</p>
+
+<p>»Wir — wir hatten gedacht, wir könnten ja extra geprüft werden.«</p>
+
+<p>Da hieb der Direktor mit der Faust auf den Tisch. Aber er erboste sich
+nicht. Er lächelte.</p>
+
+<p>»Also, man wird alt wie ein Haus und lernt nie aus. Vier Tage lang
+haben wir Aufnahmeprüfung gehalten. Zweiunddreißig haben bestanden,
+vierzig sind durchgefallen. Und jetzt kommen zwei aus Landeck daher,
+vierzehn Tage zu spät, gegen den Willen ihres Anstaltsleiters kommen
+sie auf eigene Faust und wünschen eine Extraprüfung. Sie sind gut, Sie
+zwei!«</p>
+
+<p>Mir dämmerte, daß wir eine Frechheit begangen hatten, und ich wollte
+mich mit einer eiligen Verneigung drücken. Mein Freund Bartsch schloß
+sich mir an. Aber als wir schon halb zur Tür hinaus waren, rief der
+Direktor: »Halt, bleiben Sie mal da! Finden Sie sich in Breslau
+zurecht?«</p>
+
+<p>Bartsch nickte. Er sei Breslauer Kind, sagte er.</p>
+
+<p>»So — dann gehen Sie nach der Schuhbrücke Nummer soundso. Da ist
+ein Haus, an dem außen ein Fries angebracht ist, das einen Hexentanz
+darstellt. In diesem Hause wohnt der Herr Provinzialschulrat Dr. X.;
+dem sagen Sie, Sie seien Präparanden aus Landeck, gehörten eigentlich
+nach dem Seminar in Habelschwerdt, seien aber gegen den Willen Ihres
+Anstaltsleiters auf eigene Faust nach Breslau gefahren und wünschten<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span>
+eine Sonderprüfung, da die Breslauer Aufnahmeprüfung schon vorbei sei.
+Und nun gehen Sie. Ich wünsche Ihnen viel Glück!«</p>
+
+<p>In überschwenglichem Gefühl dankten wir dem Direktor, nicht ahnend den
+mörderlichen Hinterhalt, den er uns legte. Dieser Provinzialschulrat
+<em class="antiqua">Dr.</em> X. war sein Freund, wohl auch sonst ein tüchtiger Mann, aber
+er war als arger Wüterich verrufen; noch heute fährt bei der Nennung
+seines Namens manchem schlesischen Lehrer eine Gänsehaut über den
+Rücken.</p>
+
+<p>Wir zwei Dummlinge aber torkelten vergnügt drauf los, fanden das Haus
+und standen bald einem Manne gegenüber, der uns aus runden Gläsern
+fixierte wie eine Brillenschlange ihre Opfer.</p>
+
+<p>»Was wollen Sie?«</p>
+
+<p>Ich stotterte mit Todesverachtung die ganze Geschichte heraus.</p>
+
+<p>Iwan der Schreckliche begriff anfangs rein nichts. Dann aber erkundigte
+er sich mit zischenden Fragen, und als ihm die irrsinnige Frechheit
+klar geworden war, daß sich zwei Präparanden erkühnten, eine Königlich
+Preußische Haus- und Prüfungsordnung umstoßen zu wollen, und in ihrem
+Anarchismus bis zu einem Provinzialschulrat kamen, kriegte er das
+Wundfieber.</p>
+
+<p>Er raste, und ich glaubte, mein und meines Freundes Bartsch letztes
+Stündlein zähle nur noch nach Sekunden. Einen Blick nach der Tür wagte
+ich nicht zu werfen. Ich war wie gelähmt.</p>
+
+<p>Plötzlich aber stand der Tobende still, wischte sich die Stirn und
+sagte mit fast stiller Miene:</p>
+
+<p>»Ja, das ist ja menschlich gar nicht erklärlich! Wie kommen Sie
+eigentlich dazu? Wie können Sie das ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p>
+
+<p>Die Stimme versagte ihm.</p>
+
+<p>Worauf ich — fest überzeugt, daß wir so wie so verloren seien —
+erwiderte:</p>
+
+<p>»Herr Provinzialschulrat, wir wären nicht zu Ihnen gekommen. Aber wir
+waren zuerst im Seminar, und der Herr Seminardirektor hat uns gesagt:
+Gehen Sie nur nach der Schuhbrücke, in das Haus, wo der Hexentanz dran
+ist, und da bringen Sie mal Ihr Anliegen vor. Ich wünsche Ihnen Glück
+dazu!«</p>
+
+<p>Seine Furchtbarkeit starrten erst mit den Augen, dann fingen
+hochdieselben an merkwürdig zu grinsen. Zweimal ging der Herr über
+Leben und Tod durch das große Zimmer, dann sagte er mit unglaublicher
+Milde:</p>
+
+<p>»Na, da gehen Sie zum Herrn Seminardirektor zurück und sagen Sie ihm,
+Sie würden wirklich eine Extraprüfung haben. Die Verfügung ans Seminar
+würde kommen. Inzwischen besorgen Sie sich die nötigen Papiere!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das Gesicht des Herrn Direktors, das er machte, als er uns lebendigen
+Leibes wiederkommen sah, ist nicht zu beschreiben. Schließlich fing er
+furchtbar an zu lachen.</p>
+
+<p>Wir bekamen wirklich eine Extraprüfung. Sieben Seminarlehrer samt
+Direktor mußten zwei Präparanden zwei Tage lang prüfen. Bartsch wußte
+nicht, wer der letzte römische Kaiser gewesen sei, und ich zerbrach mir
+über die Kryptogamen, die »Geheimblütler«, so lange den Kopf, bis ich
+zu den Pilzen, die mir einfielen, auch die Kohlköpfe rechnete, da ich
+nie einen Kohlkopf öffentlich hatte blühen sehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span></p>
+
+<p>Das war nun ganz falsch. Aber da Geschichte und Naturkunde nur
+Nebenfächer waren, kamen wir durch.</p>
+
+<p>Unser guter Vorsteher aus Landeck, Herr <em class="antiqua">Dr.</em> Krause, schickte uns
+einen Glückwunschbrief.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das war meine erste Prüfung, im Seminar von Breslau heimisch zu
+werden, und sie war wirklich nicht leicht. Der Prüfende in Naturkunde
+hatte mich Siebzehnjährigen zum Beispiel gefragt, was ich über
+Sauerstofffabriken wisse. Natürlich nichts. Fast noch schwerer aber war
+das, was folgte. Provinzialschulrat <em class="antiqua">Dr.</em> X. war als Schultyrann
+eine milde Fee gegen das, was mein neuer Seminarbruder Heilgans als
+Kunsttyrann war. Dieser siebzehnjährige hochgemute Jüngling mit den
+hochgebürsteten Haaren und den rollenden Augen war um mich, den von
+außen Gekommenen, lange wortlos herumgestrichen. Endlich erwischte er
+mich allein. Wir hatten beide zusammen Orgelübungsstunde. Abwechselnd
+mußte einer eine halbe Stunde lang spielen, die andere halbe Stunde
+Bälge treten.</p>
+
+<p>»Spielen Sie zuerst!« sagte Heilgans.</p>
+
+<p>Wir zwei »Neuen« wurden von den anderen gesiezt.</p>
+
+<p>Ich war ein sehr mittelmäßiger Orgelspieler, packte meine »Orgelschule«
+aus, trampelte meine »Pedalübungen« und marterte mich an einem
+F-Moll-Choral verzweiflungsvoll ab. Heilgans »machte Wind«. Er lächelte
+verächtlich über meine Leistungen; dann kam er dran zu spielen. Er
+breitete ein großes Buch vor sich aus, dessen Umfang mich in Erstaunen
+setzte und dessen Titelblatt er mir mit lässiger Handgebärde zeigte:</p><br>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p>
+
+<p class="center"><em class="gesperrt">Die Walküre</em>,</p>
+
+<p class="center">Oper von Richard Wagner.</p>
+
+<p>»Ich spiele jetzt den Walkürenritt!« sagte Heilgans; »das ist die Perle
+vom Ganzen!«</p>
+
+<p>Und er reckte sich in dem alten Überzieher, den er anhatte, und sauste
+mit den Filzschuhen, die er trug, in so wahnsinnigem Tempo über die
+Pedale, brachte solch grauenhaft majestätische Musik bei sämtlichen
+gezogenen Registern zum Vorschein, daß ich völlig außer Atem kam, und
+zwar nicht nur wegen der Bewunderung für die Heilganssche Fertigkeit,
+sondern auch, weil ich für diese Kunststürme den Wind zu liefern hatte.</p>
+
+<p>Gerade waren wir mitten in der Ekstase, da kam der Oberlehrer
+revidieren. Und was neulich der Direktor gesagt hatte, das sagte nach
+Überschauung der Sachlage auch er: »Man wird alt wie ein Haus und
+lernt nie aus! Spielt einer in dieser engen Stube mit voller Orgel den
+Walkürenritt! Noch dazu in Filzschuhen! Ja, Mensch, die Bude fällt uns
+ja über dem Kopf zusammen.«</p>
+
+<p>Nach dieser Abkanzelung spielte Heilgans mit einer einzigen gedeckten
+Flöte »Tauet, Himmel, den Gerechten!« so lange, bis er den Oberlehrer
+außer Hörweite glaubte. Dann aber ging er — immer mit den Tönen der
+sanften Flöte — in andere, ganz andere Rhythmen über und fing endlich
+an leise dazu zu singen:</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>»<em class="gesperrt">Mein lieber Schwan, ach, diese letzte traurige Fahrt, wie gerne
+hätt' ich sie dir erspart. Nach einem Jahr, wenn deine Zeit im Dienst
+zu Ende sollte gehn, dann durch des Grales Macht befreit, wollt' ich
+dich anders wiedersehn!</em>«</p>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p>
+
+<p>Der Zauber der süßen Melodie packte mich so, daß ich auf das
+Bälgetreten vergaß und die Orgel stillstand.</p>
+
+<p>»Warum machen Sie keinen Wind, Herr?«</p>
+
+<p>»Ach,« sagte ich ganz selbstvergessen, »das war schön! Was war denn das
+für herrliche Musik?«</p>
+
+<p>»Na, doch dritter Akt, dritte Szene von ›Lohengrin‹.«</p>
+
+<p>»Was ist das: ›Lohengrin‹?«</p>
+
+<p>Heilgans sah mich düster an. Ich glaube, ihm graute vor meiner
+Unwissenheit.</p>
+
+<p>»Sie können so herrlich spielen!« sagte ich in ehrlicher Bewunderung.</p>
+
+<p>Da blickte er etwas freundlicher.</p>
+
+<p>»Waren Sie nie im Theater?« fragte er.</p>
+
+<p>»O ja, im Landecker Badetheater habe ich ›Minna von Barnhelm‹ gesehen,
+und im Salzbrunner Badetheater den ›Veilchenfresser‹.«</p>
+
+<p>»Badetheater sind Mumpitz,« belehrte mich Heilgans. »Die ›Minna‹ von
+Lessing is ja noch 'n ganz leidliches Stück, aber der ›Veilchenfresser‹
+is Kitsch. So was von Schiller, Goethe, Shakespeare oder Theodor Körner
+haben Sie nicht gesehen?«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte ich beschämt.</p>
+
+<p>»Auch keine Oper?«</p>
+
+<p>»Keine einzige.«</p>
+
+<p>»Es ist unglaublich,« sagte Heilgans und verfiel in Trübsinn über den
+geistigen Tiefstand mancher seiner Volksgenossen.</p>
+
+<p>»Da wissen Sie wohl überhaupt nichts von Dichtern?«</p>
+
+<p>»O ja, gelesen habe ich sehr viel, und ich — ich dichte selbst ein
+bissel.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p>
+
+<p>Heilgans meckerte vor Vergnügen.</p>
+
+<p>»Sie dichten selber? Das is ulkig. Da — da schießen Sie mal mit was
+los, was Sie gedichtet haben.«</p>
+
+<p>Ich besann mich nicht lange und deklamierte:</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>»<em class="gesperrt">O, wie das Herz auch wallt und ringt und wie es liebt und haßt, es
+kommt der Abend, und er zwingt es bald zu langer Rast. Wenn dann den
+fernen Westen säumt ein leuchtend' Abendrot, ist wenig wahr, was man
+geträumt, und manche Hoffnung tot.</em>«</p>
+</div>
+
+<p>»Das haben Sie doch nicht alleine gemacht,« unterbrach mich Heilgans.</p>
+
+<p>»O ja. Das ist das letzte Gedicht das von mir gedruckt wurde. Ich hab's
+eingesteckt.«</p>
+
+<p>Ich zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche und zeigte es ihm. Er las es,
+las meinen Namen, aber ich mußte ihm erst noch einen Redaktionsbrief
+zeigen, ehe er an mich glaubte.</p>
+
+<p>»Hm ja,« sagte er dann, »das Ding ist ja gar nicht übel. Es reimt
+sich. Aber wissen Sie, die eigentliche, die richtige Kunst ist bloß
+beim Theater. Wenn das Theater nicht wär', hätte überhaupt das ganze
+Leben keinen Zweck. Ich bin schon siebzehnmal im ›Lohengrin‹ gewesen;
+ich kann jedes Wort und jede Note auswendig; ich habe acht Wagnersche
+Klavierauszüge, da kostet jeder vierzehn Mark. Richard Wagner ist
+überhaupt der Inbegriff von allem, was man wissen muß.«</p>
+
+<p>Er versprach, mich in den »Lohengrin« und in »Tannhäuser« einzuführen.</p>
+
+<p>»Vielleicht auch noch in die ›Meistersinger‹ und in den ›Holländer‹,«
+fügte er hinzu; »denn den ›Ring‹ oder gar ›Tristan und Isolde‹ werden
+Sie nie verstehen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span></p>
+
+<p>Ach Gott, wie war ich dankbar, daß sich dieser hochgebildete
+Großstädter mit so einem Glatzer Waldburschen, wie ich daherkam,
+überhaupt abgab.</p>
+
+<p>Am selben Abend stellte mich Heilgans seinem Freunde Felix Böttger vor,
+der ein fast ebenso kunsterfahrener Mann war wie er.</p>
+
+<p>»Er versteht nichts vom Theater,« sagte Heilgans bei der Vorstellung
+»ich hab' ihn anfangs überhaupt nicht leiden gekonnt; aber ich denke,
+wenn wir uns ein bißchen Mühe geben, wird was aus ihm.«</p>
+
+<p>»Na, nur immer Mut, junger Mann,« sagte Böttger mit tiefer, jovialer
+Stimme und legte mir die Hand auf die Schulter.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wir wohnten alle im Internat. Das Seminar war ein uraltes früheres
+Klostergebäude mit vielen hygienischen Unzulänglichkeiten, aber auch
+mit einer kostbaren gemütlichen Romantik.</p>
+
+<p>Unser Kursus hatte zwei Schlafsäle. Der kleinere hieß die »Vorhölle«,
+der größere der »Himmel«. Ich schlief anfangs im »Himmel«, aber
+Heilgans sorgte dafür, daß ich zu ihm in die »Vorhölle« zog. Er sagte,
+dort sei es gemütlicher; im »Himmel« wohnten die Banausen. Für diese
+Bemerkung wurde er von einer Schar himmlischer Geister am Abend
+durchgehauen.</p>
+
+<p>Und diese tätliche Beleidigung erforderte Rache.</p>
+
+<p>»Können Sie Gespenstergeschichten erzählen?« fragte mich Heilgans.</p>
+
+<p>Ob ich das konnte!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p>
+
+<p>Am nächsten Abend, als die Lichter erloschen waren und tiefe
+Dunkelheit in den alten Klosterräumen herrschte, erzählte ich eine
+Gespenstergeschichte nach der anderen. Ich mußte eigens in den Himmel
+kommen und erzählte dort durch die Finsternis.</p>
+
+<p>»Noch eine Geschichte, noch eine,« sagten die Himmelsleute, und ich
+erzählte mit halbverhaltener Stimme. Fast fürchtete ich mich vor den
+eigenen Geschichten.</p>
+
+<p>Dann brachte Heilgans die Rede auf einige Selbstmorde, die früher im
+Seminar passiert waren, und sagte, daß ganz ernsthafte Leute glaubten,
+es spuke. Auf dem angrenzenden Kirchboden solle es oft rumoren.</p>
+
+<p>Die »Himmelianer« taten zwar mutig, aber ganz richtig war keinem ums
+Herz.</p>
+
+<p>Um Mitternacht nun, als alles schlief, läutete plötzlich durch die
+tiefe Stille der bange Ton eines Glöckleins. Es war ein schauriger
+Klang. Nur wimmernd und ganz vereinzelt schlug die Glocke an.</p>
+
+<p>»Bim bim!«</p>
+
+<p>Dann lange Pause.</p>
+
+<p>Dann wieder einmal: »Bimm, bimm, bimm!« Und dann wieder minutenlanges
+Schweigen.</p>
+
+<p>»Bimm!«</p>
+
+<p>Ein verlorener klagender Ton.</p>
+
+<p>Der ganze »Himmel« wachte auf. Wir hörten Zischeln, leises Sprechen.
+Aber es stand keiner auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span></p>
+
+<p>Die Dunkelheit war so tief, der Klang des Glöckleins so sterbensbange,
+daß selbst mir die Haut schauderte, obwohl ich wußte, daß Heilgans
+und mein Landecker Freund Bartsch heimlich an dem Gasrohr des Himmels
+eine kleine Glocke angebracht hatten, von der eine Schnur durch ein
+Fensterchen über der Türe zu uns in die Vorhölle lief.</p>
+
+<p>Eine ganze Stunde lang bimmelte die Geisterglocke, und erst als draußen
+von einem Turm eine Uhr Eins schlug, hörte der Spuk auf.</p>
+
+<p>Ein paar sonst ganz robuste Burschen aus dem Himmel sagten am nächsten
+Morgen, sie hätten kalten Angstschweiß geschwitzt. Das hätte ich mit
+meinen verdammten Gespenstergeschichten zuwege gebracht; das Gebimmel
+sei grausig gewesen.</p>
+
+<p>Die Sonne brachte die Geisterglocke an den Tag, und der darob
+einsetzende Feldzug des uns an Zahl viermal überlegenen Himmels gegen
+uns Vorhöllenleute endete mit unserer schweren Niederlage.</p>
+
+<p>»Aber Banausen sind sie doch!« sagte Heilgans, als er sich seine
+schmerzenden Gliedmaßen rieb. Mit mir machte er Bruderschaft.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In die Vorhölle siedelten nach und nach lauter der Kunst ergebene
+Leute über, und hier entwickelte Heilgans die große Idee der Gründung
+eines Königlichen Seminartheaters. Er hatte indes sämtliche Mitglieder
+des Kursus auf ihre Theatertalente hin beobachtet und geprüft und
+fand, daß nur sechs absolut talentlos waren. Diese bestimmte er zu
+Kulissenschiebern, Theaterboten, Portiers und Garderobiers. Es wurde
+eine Theaterkommission eingesetzt, und diese ernannte in fulminanten
+Dekreten Herrn Arthur Heilgans zum Direktor, Herrn Felix Böttger zum
+<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> Oberregisseur, Herrn Paul Keller zum Dramaturgen, Herrn Liersch zum
+Kapellmeister, Herrn Eduard Bentzinger zum Theatermaler und technischen
+Leiter. Mein Freund Bartsch wurde »Bonvivant«; ein dicker, frischer
+Junge, der sonst den Spitznamen »Doppelpunkt« führte, wurde erste
+Liebhaberin; Blasel, der damals Meisterschwimmer von Deutschland
+war, wurde Heldentenor, der dicke Wurbs komische Alte, Picha erster
+Operettenheld, und so erhielt jeder sein Fach und seinen Posten. Das
+erste Theaterrequisit, das wir hatten, war ein Kupierrädchen, wie es
+bei der Schneiderei gebraucht wird; Blasel hatte es seiner Mutter
+gestohlen, und es diente dazu, die Theaterbillette zu »lochen«. Es gab
+drei Arten von Plätzen: zu zehn, fünf und zwei Pfennig. Freibillette
+wurden nicht ausgegeben, nicht mal an die Kritiker.</p>
+
+<p>Heilgans hielt nun täglich in allen Pausen Vorträge über dramatische
+Kunst. Einmal wurde er während einer Studierstunde von dem
+revidierenden Lehrer erwischt, als er gerade auf allen Vieren auf dem
+Fußboden herumkroch und wie besessen schrie:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Mein schaudernd Gebein deckt kalter Schweiß!</div>
+ <div class="verse indent0">Was fürcht' ich denn? Mich selbst? Sonst ist hier niemand. Ist hier</div>
+ <div class="verse indent0">ein Mörder? Nein. — Ja, ich bin hier!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>»Sind Sie verrückt?« fragte der aufs höchste erstaunte Lehrer.</p>
+
+<p>»Entschuldigen — nein,« stammelte Heilgans; »ich bin bloß
+Richard III.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p>
+
+<p>Der Lehrer war so grausam, dem edlen Shakespeare-Darsteller eine
+Stunde Arrest zuzudiktieren. Als er gegangen war, bestieg Heilgans das
+Katheder und hielt eine kurze Ansprache:</p>
+
+<p>»Meine Herren! Wer sich der Kunst vermählt hat, wie ich, muß leiden.
+Denken Sie an die Karlsschüler; denken Sie daran, wie Schiller unter
+dem Unverstand seiner Lehrer und Vorgesetzten gelitten hat. Es ist
+immer die alte Geschichte: ›Es liebt die Welt, das Strahlende zu
+schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehn.‹ Sie haben gesehen,
+wie dieser Pauker mich schwärzen und in den Staub ziehen wollte. Aber
+das gelingt ihm nicht. Ich werde meine Stunde Arrest mit Freuden
+absitzen, weil es für die Kunst geschieht. Und Schiller, dem ebenfalls
+Verfolgten, zu Ehren werden wir zur Eröffnung unseres Königlichen
+Seminartheaters ein Schillersches Stück geben, und zwar ›Wallensteins
+Tod‹. Dieses Stück erfordert keine große Ausstattung, da es nur in
+Zimmern spielt. Ich selbst übernehme die Rolle des Wallenstein, Böttger
+spielt den Max Piccolomini, Herr von Schalscha übernimmt die Thekla,
+die anderen Rollen werde ich noch verteilen. Meine Herren, wenn Sie den
+›Wallenstein‹ richtig erfassen wollen, dann ...«</p>
+
+<p>Der revidierende Lehrer kam zurück.</p>
+
+<p>»Warum stehen Sie auf dem Katheder? Warum sitzen Sie nicht auf Ihrem
+Platz und arbeiten?«</p>
+
+<p>»Ich — ich — hatte nur einen — einen kleinen Vortrag über Friedrich
+Schiller gehalten.«</p>
+
+<p>»Zwei Stunden Arrest,« entschied der Gestrenge.</p>
+
+<p>Heilgans schlich auf seinen Platz und »arbeitete«. Als aber jemand kam
+und glaubwürdig berichtete, der Revisor habe nun bestimmt das Seminar
+verlassen, ging Heilgans nach dem Katheder zurück und sagte:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p>
+
+<p>»Meine Herren, entschuldigen Sie die kleine Störung, durch die ich
+vorhin abermals unterbrochen wurde. Also, wenn Sie ›Wallenstein‹
+richtig auffassen wollen, dann ...«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mit der »richtigen Auffassung« des »Wallenstein« hatte es seinen Haken.
+Nach etwa vierzehn Tagen sagte mir Heilgans:</p>
+
+<p>»Mit dem ganzen Tode von Wallenstein ist es nichts. Die Kerle wollen
+nicht genug pauken. Und pauken muß nu ein Schauspieler. Ich habe die
+vier ersten Akte gestrichen, und wir geben nur den letzten ...«</p>
+
+<p>Der große Tag nahte. An einem Schornstein unter dem Dach hing ein
+vom Theatermaler Bentzinger entworfener riesiger Zettel, auf dem die
+Eröffnungsvorstellung angezeigt wurde. Die beiden oberen Klassen
+(Ober- und Mittelkursus) waren eingeladen worden. Natürlich gegen
+Entree. Sämtliche Plätze gingen schon im Vorverkauf weg. Das Privileg
+dazu hatte Blasel, weil er das Kopierrädchen geliefert hatte. Die
+Vorstellung fand im geräumigen Himmelssaal statt; die Vorhölle
+diente als »Garderobe« und »Foyer«. Die Theaterdiener geleiteten die
+Herrschaften zu ihren Plätzen. Alles war in gespannter Erwartung.</p>
+
+<p>Die Bühne wurde durch den hintersten Teil des Himmels, den ein
+Rundbogen abschloß gebildet. Ein Kunstwerk an sich war der Vorhang.
+Er war aus Schlafdecken hergestellt, die dem Königlich Preußischen
+Fiskus gehörten und nun »zusammengestückelt«, auch vielfach mit Löchern
+versehen worden waren, damit sich der Vorhang malerisch raffen und
+»ziehen« ließ. Gott habe diese alten Decken selig; sie sind im Dienste
+erhabener Kunst eines ehrenvollen Todes gestorben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p>
+
+<p>Ober- und Mittelkursus stellten je einen Kritiker, die, mit
+Notizbüchern bewaffnet, in der ersten Reihe saßen. Der Kritiker des
+Mittelkursus, ein Herr Wawrok, galt als ein gestrenger Kunstrichter.
+Ich habe das auch zu fühlen bekommen.</p>
+
+<p>Die Vorstellung war herrlich. Ich selbst spielte die Rolle des alten
+Gordon, aber ich mußte mich sehr zusammennehmen, daß ich meinen Part
+stellte; denn Heilgans als Wallenstein riß mich gänzlich hin. Schon
+sein Äußeres war gut. Er trug als Wams eine ganz neue »Düffeljacke«
+seiner Mutter, einen spitzen Hut, einen richtigen Degen und Stiefel mit
+Sporen und großen flatternden Papiermanschetten.</p>
+
+<p>Und wie er sprach! Als er sagte: »Die Hoffnung nenn' ich meine Göttin
+noch,« und gar, als er die letzten Worte: »Ich denke einen langen
+Schlaf zu tun ...« wie in die Ewigkeit hineinsprach, fühlte ich in
+tiefer Erschütterung die Größe dramatischer Kunst.</p>
+
+<p>Allein wie seine Stimme tremolieren konnte — hinreißend!</p>
+
+<p>Der Beifall war stark und wohlverdient. Am nächsten Tage waren an
+den Schornsteinen die handschriftlichen Rezensionen der Kritiker
+angeheftet. Herr Wawrok hatte sechs Bogenseiten geschrieben. Er zog
+eine geistvolle Parallele zwischen Arthur Heilgans und Ernst von
+Possart und wies ganz unparteiisch nach, in welchen Stücken Possart
+den Heilgans überrage, aber auch in welchen Punkten Heilgans dem
+Münchener Tragöden zweifellos überlegen sei. Jedenfalls — das stand
+selbst diesem scharfen Kritikus fest — wir lebten mit einem der
+größten Tragöden Deutschlands unter einem Dach.</p>
+
+<p>Ich selbst kam schlecht weg. Zunächst bemängelte der Kritiker meine
+Garderobe. Er schrieb: »Herr Keller sah als Gordon einem italienischen
+Räuberhauptmann<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> viel ähnlicher, als dem würdevollen Kommandanten der
+Festung Eger. Überhaupt scheint Herr Keller als Schauspieler nur von
+mittlerer Begabung zu sein, dem man wichtigere Rollen an so einem
+ernstem Kunstinstitut, wie es das Königliche Seminartheater ist,
+nicht anvertrauen sollte. Herr Keller wird gut tun, lieber gar nicht
+aufzutreten, sondern zur Kritik überzugehen.«</p>
+
+<p>Und so geschah es auch. Ich wurde wegen Mangel an Talent — Kritiker.
+Als solcher habe ich einen riesigen Einfluß gewonnen und mich sogar zum
+Vorsitzenden der Theaterkommission aufgeschwungen, der daran dachte,
+Herrn Wawrok als Kritiker »abzusägen«.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Etwa vier Wochen später beauftragte mich der Theaterdirektor Heilgans,
+ein eigenes Stück zu dichten.</p>
+
+<p>»Wie lang soll es sein?« fragte ich.</p>
+
+<p>»Drei Akte — jeder Akt bis fünfzehn Minuten lang.«</p>
+
+<p>»Ernst oder lustig?«</p>
+
+<p>»Beides. Keine Tragödie. Keine Komödie. Ein Schauspiel. Mit
+befriedigendem Ausgang. Damenrollen höchstens eine. Für Böttger eine
+besonders wirkungsvolle Rolle. Ein Intrigant muß auch drin vorkommen.
+In vierzehn Tagen kannst du's wohl machen?«</p>
+
+<p>Ich war in acht Tagen fertig; denn ich hatte es, wie alle jungen
+Dichter, sehr eilig, auf die Bühne zu kommen. »Magdalena. Ein
+<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> ländliches Schauspiel.« Der rührende Abschied eines Handwerksburschen
+von seinem Schatz, einem armen, braven Webermädel. Dann die Not des
+Vaters. Als Bewerber um die Maid tritt ein halbidiotischer reicher
+Bauernsohn auf (Herr Böttger); dessen Vater ist der Gläubiger des
+Webers. Das Mädel mag nicht. Verzweiflungsszenen. Zum Schluß große
+Zwangsauktion. Des Webers Häuschen wird versteigert. Ein Fremder
+erwirbt es. Er ist — na, wer kann es auch sonst sein? — der
+heimkehrende besagte Handwerksbursch, der inzwischen reich geworden ist
+und nun den »befriedigenden Ausgang« macht.</p>
+
+<p>Es war ein voller Erfolg. Heilgans umarmte mich unter Freudentränen.
+Herr Wawrok schrieb: »Der Monolog der ›Magdalena‹ am Anfang war zwar zu
+lang, und moderne Dichter sollten überhaupt keine Monologe verwenden,
+aber dieser Monolog war nur ein Sonnenfleck; denn das Ganze war eine
+Sonne.«</p>
+
+<p>Dieser letzte Satz söhnte mich mit Herrn Wawrok für alle Zeiten aus.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Nach mir und Schiller kam zur Abwechselung mal Theodor Körner dran.
+»Das Fischermädchen« wurde aufgeführt. Ich sehe jetzt noch unseren
+»Naturburschen« Scholz hinter der Szene Donner und Blitz machen. Die
+Blitze machte er mit brennendem Kolophonium, in das er blies. Aber die
+Sache funktionierte nicht, und Scholz verbrannte sich so arg den Mund,
+daß er während der Vorstellung um Hilfe schrie. Ein reines Wunder ist
+es, daß bei unseren künstlerischen Experimenten nicht die ganze morsche
+Seminarbude abgebrannt ist. Die Musen haben uns beschützt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p>
+
+<p>Aus dem Publikum kamen Anträge an die Theaterkommission, daß man
+nicht immer nur »klassische Stücke«, sondern auch mal gute Schwänke
+und Lustspiele aufführen solle. Heilgans wollte anfangs davon nichts
+wissen; denn er trug sich bereits mit Plänen, zur Oper überzugehen,
+aber schließlich machte er dem Publikum Konzessionen.</p>
+
+<p>»Ein in Gedanken stehen gebliebener Regenschirm« erweckte Lachstürme
+auf den Zweipfennig-Plätzen. Das bessere Publikum auf den
+Zehnpfennig-Plätzen hielt sich reservierter, amüsierte sich heimlich
+aber auch ganz königlich.</p>
+
+<p>Bei einem Stücke dieser Art geschah es, daß der Naturbursche Scholz
+vor der Aufführung vor den Vorhang trat und folgende Rede ans Publikum
+hielt:</p>
+
+<p>»Meine Damen und Herren! (Die Damen existierten nur in Scholzens
+Phantasie.) Dieses Stück, das wir geben wollen, ist ein
+Ausstattungsstück. Wir brauchen dazu ein paar Stiefel, die ganz ganz
+sind. Kann jemand ein paar ganz ganze Stiefel pumpen? Er erhält sie
+nach der Aufführung gewichst zurück; denn es kommt im Stücke vor, daß
+die Stiefel gewichst werden.«</p>
+
+<p>Da sich nicht gleich jemand meldete, zog Scholz mir, der ich als
+Kritiker in der ersten Reihe saß, zwangsweise die Stiefel aus und
+verschwand damit. Ich erhielt das Schuhwerk nach der Aufführung
+teilweise arg mit Wichse bekleistert, aber durchaus in ungewichstem
+Zustande zurück und schrieb daher zornerfüllt in meine Kritik: »Der
+gestrige Theatertag zeigte, daß das Königliche Seminartheater von
+seiner hohen Warte herabsinkt und zu einer Schmiere wird.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p>
+
+<p>Darauf kehrte Heilgans zu den Klassikern zurück und gab zunächst
+»Wilhelm Tell«. Wie hat Böttger den Tell gespielt! Glänzend! Vor dem
+Apfelschuß, als er Geßler bestürmte, das grausame Gebot zurückzunehmen,
+ja, sein eigenes Leben anbot, zitterte er in seiner Vaterangst so, als
+ob er den Veitstanz hätte. Heilgans (Geßler) aber sagte herrisch und
+hartherzig: »Iche will dein Leben nicht; iche will den Schoß!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Da wir unsere Aufführungen zumeist an den freien Nachmittagen hielten,
+waren die Lehrer unserem Theater noch nicht auf die Spur gekommen.
+Einmal aber, als der Oberkursus Examen hatte, dachten wir, die
+Gelegenheit sei günstig, verließen auf den Zehen unsere Studierstube
+und schlichen nach dem Himmelssaal, allwo alsbald »Der Lügner und
+sein Sohn« über die weltbedeutenden Bretter ging. Mitten im Spiel
+erschien ein Warner mit der Schreckenskunde: »Der Oberlehrer kommt
+rauf!« Alles meinte, er komme über die Hinterstiege, und eilte nach
+der Vordertreppe. Und da lief eben alles dem Oberlehrer in die Hände:
+Heilgans als Heldenvater in Schlafrock und Nachtmütze, Böttger als
+Stromer, von Schalscha als junges, reizend gekleidetes Fräulein,
+Bartsch als Sonntagsjäger mit der Flinte.</p>
+
+<p>Der Oberlehrer war starr. Er wußte sich solche Erscheinungen hier in
+den Schlafsälen an einem Unterrichtsvormittag nicht zu erklären und
+murmelte: »Bin ich verrückt oder sind Sie verrückt?« Wir stoben zu
+unseren Büchern zurück. Nach einer halben Stunde sagte einer: »Der
+Blasel hat sich gerade ankleiden wollen und ist in der Angst in den
+Unterhosen in die Orgel oben gekrochen.«</p>
+
+<p>Blau gefroren holten wir den Ärmsten aus der Orgel heraus; denn es war
+ein Wintertag, und die Orgelstube war ungeheizt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p>
+
+<p>Das erwartete Donnerwetter blieb zunächst aus. Aber es kam später. Auch
+Heilgans hatte ein Stück gedichtet. Es hieß: »Die Axt des Glückes.«
+Alle Proben, sogar die Generalprobe, hatte er in der freien Zeit
+gehalten; nun ritt ihn aber doch einen Tag vor der Aufführung der
+Teufel, noch eine zweite Generalprobe zu halten, und er verschwand
+mit seinen Mannen während der vorgeschriebenen Studierzeit nach dem
+»Himmel«. Dort erwischte ihn der revidierende Lehrer, meldete diesen
+Fall dem Direktor, und dieser sagte am nächsten Tage:</p>
+
+<p>»Ich habe schon lange gewußt, daß Sie Theater spielen; ich weiß, daß
+Heilgans der Direktor, Böttger der Regisseur und Keller der Dramaturg
+ist. Ich habe gedacht: Wenn die jungen Leute nichts Dümmeres treiben
+als sowas, ist's schon gut, und habe nichts gesagt. Ja, ich hab' mich
+gefreut. Ich habe gedacht, da gehen die Leute aus sich heraus; es
+steckt ein idealer Kern drin, und sie lernen auch was dabei. Da Sie
+aber die Arbeitszeit mißbrauchen, verbiete ich das Theaterspielen ein
+für alle mal!«</p>
+
+<p>So fiel ein Reif in unsere Frühlingsnacht. Als der Direktor das Zimmer
+verlassen hatte, bestieg Heilgans das Katheder und sagte:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p>
+
+<p>»Meine Herren! Eingetretener Umstände halber sehe ich mich gezwungen,
+das Amt eines Theaterdirektors, das ich unter Ihnen zu bekleiden so
+lange die Ehre und das Vergnügen hatte, niederzulegen. Allein, es muß
+augenblicklich etwas geschehen, unser getötetes Kunstleben wieder
+lebendig zu machen.«</p>
+
+<p>Wir schickten eine Bittdeputation zum Direktor, die reumütig Abbitte
+tat und alles Gute für die Zukunft versprach. Es war umsonst; das
+Theaterspielen blieb strengstens untersagt. O, diese unglückliche »Axt
+des Glückes«!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Um diese Zeit geschah es, daß Heilgans in Liebe verfiel. Abends,
+wenn er in seinem Bette, dicht an der Feueresse lag, fing er an zu
+philosophieren, und seine Gedanken bewegten sich immer in demselben
+Zirkel: »Lieben kann man bloß jemanden, den man kennt. Sie kennt mich
+nicht; folglich kann sie mich auch nicht lieben.«</p>
+
+<p>»Sie« hatte Heilgans in der Singakademie gesehen, wo wir unsere Übungen
+hatten. Sie war die Tochter eines Stadtrates, ein schönes, stolzes
+Fräulein von vielleicht fünfundzwanzig Jahren. Heilgans war neunzehn.
+Heilgans entwarf nun einen Plan, wie er sich seiner Holden bekannt
+machen könne, und sagte eines Abends:</p>
+
+<p>»Kinder, ich mach' es einfach so: ich gehe an ihre Entreetür, klingele,
+und wenn sie herauskommt, frage ich sie, ob in dem Hause nicht ein
+Doktor Linke wohne. Na, da gibt dann ein Wort das andere. Aber klappen
+muß es. Wie im Theater. Proben muß man! Wer von Euch spielt mal das
+Fräulein Grete?«</p>
+
+<p>Keiner erbot sich dazu.</p>
+
+<p>»Nun, da probe ich allein,« sagte Heilgans, der das Theaterspielen nun
+mal nicht lassen konnte. Er schleppte ein Tafelgestell in die Nähe
+der Tür, sagte, daß er sich unter diesem Gestell sein Fräulein Grete
+vorstelle, und guckte dann zur Tür herein:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p>
+
+<p>»Ach Verzeihung, gnädiges Fräulein, wohnt in diesem Hause nicht ein
+Doktor Linke?«</p>
+
+<p>Flugs stand er darauf hinter dem Gestell und antwortete mit hoher
+Diskantstimme:</p>
+
+<p>»Nein, mein Herr, ich glaube, in diesem Hause wohnt kein Doktor Linke.«</p>
+
+<p>»Das ist sehr schade, mein gnädiges Fräulein, daß in diesem Hause
+kein Doktor Linke wohnt. Ich hätte mir auch nicht erlaubt zu fragen
+nach diesem Doktor Linke, aber ich kenne das gnädige Fräulein von der
+Singakademie her.«</p>
+
+<p>»Ach, das trifft sich ja gut!«</p>
+
+<p>So wurde der Dialog fortgesetzt, bis sie ihn einlud, »doch mal
+näherzutreten«.</p>
+
+<p>Leider ist die Aufführung dieser Szene anders ausgefallen als die
+Probe. Denn als Heilgans wirklich an der Tür des Stadtrats läutete, kam
+nicht die Tochter, sondern der Vater öffnen. Außerdem aber erschien
+eine riesige Dogge, die dem liebebrennenden Mann mit dem etwas
+schlechten Gewissen Schrecken einjagte. Der Schluß war, daß Heilgans
+dem Stadtrat die auf die Straße entwischte Dogge einfangen helfen
+mußte, das Töchterlein aber nicht sah. Gebrochen kam der Jüngling heim.
+Ernst ist das Leben, heiter allein die Kunst.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war tief in der Nacht. Irgendwo in der Ferne summte wohl noch das
+Lied der Großstadt; im Seminar war Totenstille, selbst die Vorhölle
+»schlief in himmlischer Ruh«.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p>
+
+<p>Ach, was ist der Schlaf in so jungen Jahren tief und süß! Unser
+Theatermaler Bentzinger schlief so gern, daß er uns bat, ihn jedesmal
+zu wecken, wenn mal einer erwache, und ihm dann zu sagen, wie spät es
+sei. »Es ist mir allerhöchste Wonne,« sagte Bentzinger, »wenn mich
+jemand um zwei Uhr in der Nacht weckt und mir sagt: jetzt darfst du
+noch dreieinhalb Stunden schlafen!«</p>
+
+<p>So wurde Bentzinger wirklich fast in jeder Nacht geweckt, oft zwei-
+oder dreimal, und er war immer dankbar für solchen Freundschaftsdienst.
+In dieser Nacht wurde auch ich geweckt. Heilgans saß auf meiner
+Bettkante und seufzte tief und schwer. Ich aber war unwirsch ob der
+Störung und sagte:</p>
+
+<p>»Heilgans, laß mich jetzt bloß mit deiner Stadtratstochter in Ruh'.
+Jetzt will ich schlafen. Du kannst mir doch deinen Kummer bei Tage
+klagen.«</p>
+
+<p>»Es ist nicht die Grete, die mich nicht schlafen läßt,« entgegnete
+Heilgans, »sondern ich habe einen schwereren Kummer. Das Theater! Wir
+müssen wieder Theater spielen.«</p>
+
+<p>»Das geht doch nicht!«</p>
+
+<p>»O ja, es muß gehen. Du mußt ein neues Stück schreiben, und wir führen
+es auf und laden den Direktor dazu ein.«</p>
+
+<p>»Du bist verrückt!«</p>
+
+<p>»Mit nichten! Hör' zu. Der Alte' gibt doch bei uns Psychologie. Du
+mußt nun ein Thema aus der Psychologie nehmen und dem Alten vorreden,
+dieses Thema hätte dich in seinem Unterricht so kolossal interessiert,
+daß du gar nicht hättest anders können, du hättest müssen ein Stück
+machen, und das solle er sich mal ansehen. Es wäre uns gar nicht um das
+Theaterspielen, es wäre uns bloß um die Psychologie zu tun.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p>
+
+<p>»Denkst wohl, der Alte ist so dumm, daß er das glaubt?«</p>
+
+<p>»Das glaubt er bestimmt; denn er wird sich geschmeichelt fühlen, und
+wenn sich jemand geschmeichelt fühlt, glaubt er alles.«</p>
+
+<p>»Psychologie! Das ist verdammt schwer!«</p>
+
+<p>»Na, du brauchst ja nicht gerade über die Induktion oder die
+Apperzeption oder solches Gemäre zu dichten. Such' dir halt was. Und in
+acht Tagen muß es fertig sein. Da beginnen die Proben. Ich und Böttger
+machen die Hauptrollen. Schalscha muß auch 'ne Rolle kriegen und der
+Schlolaut auch. Den müssen wir jetzt mal öfters herausstellen. 'n ganz
+gutes Talent. Und nu denk' nach! Mich friert. Ich weck' jetzt bloß noch
+den Bentzinger, dann kriech' ich wieder in die Klappe.«</p>
+
+<p>Er schlich davon.</p>
+
+<p>»Bentzinger, wach' auf! Es is dreivierteleins. Fünf Stunden kannst du
+noch schlafen.«</p>
+
+<p>Bentzinger dehnte sich wohlig. Da sagte ihm Heilgans noch: »Der Keller
+macht bis über acht Tage 'n psychologisches Drama. Mit dem schlagen wir
+den Alten breit.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p>
+
+<p>»Da will ich auch mitspielen,« sagte Bentzinger und schlief
+augenblicklich wieder ein. Ich aber wälzte mich nun schlaflos im Bett.
+Heilgans hatte mir keinen schlechten Wurm in den Kopf gesetzt. Ein
+psychologisches Stück. Für fünf Personen. In acht Tagen. Das war kein
+Pappenstiel. Und ein solches Stück, das den Direktor milde stimmen
+sollte! Aber gerade die Grenze, die meiner künstlerischen Freiheit mit
+den fünf Personen gesteckt war, brachte mich rasch auf einen Gedanken.
+Ich sprang aus dem Bett und rüttelte Heilgansen munter: »Ich hab's! Ich
+hab's schon! Die vier Temperamente! Und der fünfte, der macht einen
+Gemischt-temperamentigen.«</p>
+
+<p>Heilgans rieb sich die Augen.</p>
+
+<p>»Die vier Temperamente? Ja, was — was hab' ich denn eigentlich für 'n
+Temperament?«</p>
+
+<p>»Du machst den Melancholiker. Das mußt du ja jetzt nach deiner
+verkrachten Liebe tadellos können. Der Böttger macht den Phlegmatiker.«</p>
+
+<p>»Großartig!« schrie Heilgans begeistert, hüpfte aus dem Bett und sprang
+zu Böttgers Lager.</p>
+
+<p>»Böttger, altes Murmeltier, wach' auf; du spielst den Phlegmatiker!«</p>
+
+<p>Böttger begriff nicht, wieso der Phlegmatiker in seine Nachtruhe
+platzte, als er aber alles gehört hatte, gesellte er sich zu uns
+beiden, und wir weckten noch den Schalscha, dem wir klar machten, daß
+er ein tobender Choleriker, sei, und der uns auch wirklich ob der
+Störung mächtig anschnauzte, den Schlolaut, dem wir erklärten, daß
+er »gemischttemperamentig« sei, und den Picha, der den Sanguiniker
+übernehmen sollte. Zuletzt weckten wir den Bentzinger. Der aber hörte
+von allem nichts, fragte nur, wie spät es sei, rechnete aus, wie lange
+er noch schlafen könne, und legte sich selig auf die andere Seite.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Herr Direktor! Es ist uns nicht um das Theaterspielen. Es ist
+uns bloß um die Psychologie. Ihr Vortrag über die Temperamente
+hat mich so interessiert, daß es mir keine Ruhe ließ, bis ich ein
+Charakterlustspiel gemacht hatte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p>
+
+<p>»Was haben Sie gemacht?«</p>
+
+<p>»Ein Charakterlustspiel in einem Akt.«</p>
+
+<p>Der Direktor blinzelte mich an, was so aussah wie: »Spiegelberg, ich
+kenn dich!« — aber er sagte:</p>
+
+<p>»Na, was für einen Gedanken haben Sie denn Ihrem Stück zugrunde gelegt?«</p>
+
+<p>»Daß reine Temperamente nicht nebeneinander existieren können, daß
+sie zu Zank und Streit kommen müssen, daß der gemischt-temperamentige
+Mensch der glücklichste ist.«</p>
+
+<p>Er brummte befriedigt und sagte: »Na, da legen Sie mir mal Ihr Heft
+vor.«</p>
+
+<p>Ich holte das Heft, und am selben Abend rief mich der Direktor aus dem
+Studierzimmer und sagte:</p>
+
+<p>»Spielen Sie das Stück. Aber nicht oben im Schlafsaal. Unten im großen
+Musiksaal. Ich werde es mir ansehen. Und die Herren Seminarlehrer laden
+Sie auch ein. Jetzt sagen Sie es den anderen; aber machen Sie es mit
+dem Indianertanz, der ja nun doch kommen wird, gelinde!«</p>
+
+<p>Es war wirklich ein prächtiger »Alter«, dieser Seminardirektor Ziron.
+Er wußte, daß wir ihn besiegt hatten, und lud uns zu dem Siegestanze
+selber ein.</p>
+
+<p>Vielleicht würde er die Erlaubnis aber nicht gegeben haben, wenn er
+geahnt hätte, daß Böttger und Heilgans in ihrem Enthusiasmus zu einem
+richtigen »Coiffeur« gingen, sich dort kunstgerecht schminken und
+zurichten ließen und dann — Böttger als kahlköpfiger, dickbauchiger
+Gastwirt, Heilgans als Dorfpoet mit Vatermördern und wallender
+Haarmähne — auf den Straßen Breslaus zum Erstaunen des Publikums
+lustwandelten. Die<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> beiden Künstler erreichten glücklich das Seminar,
+ehe sie ein Schutzmann wegen Erregung von Straßenaufläufen und groben
+Unfugs einsperrte. Sie spielten am Abend glänzend. Mir als Autor
+schlug das Herz bis an den Hals vor Freude und Bewunderung. Das ganze
+Seminarlehrerkollegium, der Direktor an der Spitze, war erschienen,
+auch ihre Damen hatten die Herren mitgebracht. Und sämtliche
+Seminaristen waren da; darunter die Kritiker mit heimlich benutzten
+Notizbüchern. Böttger, als Phlegmatiker, klagte während des ganzen
+Stückes über seine »Beene, die ihm so weh täten,« und noch Monate
+später, ehe wir das Seminar überhaupt verließen, sagte der Direktor:
+»Böttger, ich wünsche Ihnen, daß Ihnen auf all Ihren Lebenswegen
+niemals die Beene weh tun mögen.« Aber auch die anderen leisteten
+Vorzügliches. Heilgans als melancholischer Dorfpoet erntete Stürme
+von Beifall. Das Endergebnis war: das Theaterverbot war endgültig
+aufgehoben.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Heilgansens Geburtstag kam. Wir sagten ihm, daß wir zur Feier des Tages
+ein »Festspiel« geben wollten; er möge einen Wunsch äußern. Da wählte
+sich der Schalk — die Venusbergszene aus dem »Tannhäuser«. Das ging
+etwas über die Kräfte des Königlichen Seminartheaters. Aber »gegeben«
+wurde der »Tannhäuser« doch.<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> In einem Klavierzimmer, in dem auch
+Kleiderschränke standen. Musikmeister Liersch gab den Orchesterpart
+tadellos; Blasel war ein hellstimmiger Tannhäuser; dagegen rackerte
+sich der dicke Veith, der auf einem Strohsack lag, vergebens ab, eine
+verführerische Venus zu sein. Auch die »Nymphen« im Hintergrund waren
+unter der Kanone; der Naturbursche Scholz, der sich ebenfalls zu einer
+Nymphenrolle gedrängt hatte, hüpfte und sprang wie ein Waldschrat
+umher. Für Heilgans aber, den Gefeierten des Tages, war auf einem
+Kleiderschrank ein »Logenplatz« errichtet, auf dem er thronte. Von da
+oben sah er mit einem Operngucker interessiert auf die Bühne, und in
+der Pause »erging« er sich, indem er von einem Kleiderschrank auf den
+anderen stieg.</p>
+
+<p>Von seiner »Loge« aus hielt er auch eine Rede an die Künstler und das
+Publikum, in der er sagte: »Neunzehnmal habe ich den ›Tannhäuser‹
+gesehen; ganz genossen habe ich ihn aber erst heute.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Auch mein Geburtstag kam. An den Feueressen prangten große Zettel:
+»Festvorstellung. ›Magdalenens‹ Premiere in Posemuckel. Festspiel in
+zwei Akten von Arthur Heilgans«. Das Stück, das der alte Freund mir
+zu Ehren gedichtet hatte, spielte bei einer kleinen Theatertruppe in
+Posemuckel, der es erbärmlich schlecht ging und die sich durch eine
+wohlgelungene Aufführung der »Magdalena« (meines Erstlingsstückes)
+finanziell rettete. Am Schluß des Stückes kam der Laternenanzünder zum
+Direktor und sagte: »Herr Direktor, der Dichter ist in unserm Theater!«
+»Holt ihn,« rief der Direktor, »wir müssen ihm danken, daß er unser
+Theater aus schwerer Not errettet hat.«</p>
+
+<p>Und nun wurde ich — der von allem keine Ahnung hatte — auf die Bühne
+geholt, und ich erhielt meinen ersten Kranz. »Paul Keller zum 19.
+Geburtstag. Gewidmet von seinen Freunden.«</p>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span></p>
+<p>Wenn ich mein ganzes Leben überschaue, ich weiß nicht viele
+Augenblicke, die so tief an mein Herz rührten wie jener. Ein
+betäubender Duft stieg aus dem Kranz, den ich in Händen hielt, in meine
+junge Seele. Heilgans und Böttger standen in ihren Kostümen neben mir.
+Aber als sie zu mir sprachen fiel alle Theaterei von ihnen ab; die
+ganze Treue ihrer Herzen, der ganze goldene Idealismus ihrer Jugend
+sprach aus ihren Worten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ehe wir aus dem Seminar schieden, beschlossen Heilgans, Böttger und
+ich, uns photographieren zu lassen. Natürlich »in Kostüm«. Ich machte
+Pläne, Böttger auch, aber Heilgans sagte: »Nur der Faust' ist unser
+würdig. Wir werden uns nach dem Vorspiel zum ›Faust‹ photographieren
+lassen als Theaterdirektor, Theaterdichter und Lustige Person.«</p>
+
+<p>So taten wir. Neben dem blauen Bande des Kranzes, den ich damals
+erhielt und das noch heute an der Wand meines Arbeitszimmers hängt,
+bildet das Bild ein Erinnerungszeichen an jene schöne Zeit.</p>
+
+<p>Glückselige Zeit! Vielleicht brummt mancher Philister, wir hätten zu
+viel Zeit »vertändelt«. Er hat unrecht. Vieles, was ich als »unbedingt
+notwendig« in der Schule lernte, ist längst unter toter Asche
+versunken; aber was ich im jungseligen idealen Kunstdienst unseres
+Königlichen Seminartheaters erwarb, besitze ich noch jetzt.</p>
+
+<hr class="r65">
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span></p>
+<h2>In den Grenzhäusern<br>
+<span class="s6">Erzählung aus den schlesischen Bergen</span></h2>
+</div>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-041">
+<img class="w100" src="images/drop-041.jpg" alt=""></figure>s war in
+meinen jungen Jahren. Alle Ferientage war ich oben in den
+Bergen, die ihren gewaltigen Grenzkamm zwischen Preußen und Österreich
+hinstrecken an die vierzig Meilen lang. Das ging immer hinüber und
+herüber in den dunklen Wäldern und langgestreckten Tälern, immer auf
+einsamen, zeigerlosen Wegen, daß man wirklich oft nicht wußte: Bist du
+nun noch im Vaterland oder bist du schon im »Ausland«? Denn das Volk
+ist hüben wie drüben — derb, treuherzig, von derselben Tracht und
+Sprache und nimmt das Zweimarkstück an Stelle des Guldens diesseits wie
+jenseits.
+
+<p>An einem trüben Sommerabend kam ich in die »Grenzhäuser«. Die
+Grenzhäuser lagen noch auf preußischer Seite an einem waldigen Abhang,
+über dem die Kammlinie aufstieg, an der diesseits das preußische,
+jenseits das österreichische Zollhaus stand. Drüben über dem Berge
+das erste böhmische Dorf hieß auch Grenzhäuser. Es war natürlich eine
+Gemeinde für sich und führte den gleichen Namen nur aus dem einzigen
+Grunde, weil es eben schwer ist und verdrießliches Kopfzerbrechen
+macht, immer neue Ortsnamen zu erfinden. In den preußischen
+Grenzhäusern bestand seit alter Zeit ein Gasthaus, das auf den Namen
+»Der rote Hahn« getauft war; als viel später in den österreichischen
+Grenzhäusern auch ein Wirtshaus entstand, nannte es sein Besitzer »Der
+blaue Hahn«, weil er ein wenig neuerungssüchtig veranlagt war.</p>
+
+<p>Im »Roten Hahn« kehrte ich an jenem Sommerabend<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> ein. Ich war sehr
+durstig und verlangte ein Glas Bier. Der biedere Wirt betrachtete
+mich und meine grüne Jugend, schüttelte den Kopf und sagte: »Trink du
+lieber a Glas Puttermilch, mei Jüngla; Bier ies fer dich zu stork.« Ich
+ärgerte mich sehr über diese Ansprache; denn ich hielt mich bereits für
+einen jungen Herrn, aber ich bekam nichts anderes als Buttermilch. Eine
+Weile darauf kam der Wirt wieder an mich heran und forderte mich auf,
+eine rotscheckige Kuh suchen zu helfen, die sich in den Wäldern verirrt
+habe. Innerlich war ich empört und sagte mir, es sei eine Frechheit,
+einen zahlenden Touristen also zu behandeln; denn was ginge mich die
+rote Kuh des Wirts an; äußerlich machte ich aber nur eine abgespannte
+Miene und sagte: Ach, ich sei so weit gegangen an diesem Tag und sehr
+müde. Da faßte mich der herkulische Mann an der Schulter: »Na marsch,
+marsch, tu ni erscht so stupide und zimperlich!« und schob mich zur
+Tür hinaus. Es nutzte nichts, ich mußte dem barfüßigen Hüterjungen und
+einer Magd die verlorene rote Kuh suchen helfen. Ich tat es mit tiefem
+Ingrimm und beklagte es, in eine so barbarische Gegend geraten zu sein.
+Aber wir hatten Glück. Als wir gerade auf die Suche gingen, und zwar
+nach einem wohlerwogenen Kriegsplan, der Hüterjunge nach Norden, die
+Magd nach Süden und ich nach Westen, kam die Kuh von der Ostseite her
+angetrabt und meldete sich mit einem donnernden Gebrüll zur Stelle.</p>
+
+<p>»Na siehste,« sagte der Wirt belehrend zu mir, »wenn man nur die Arbeit
+nich scheut, bringt se immer ihren Segen.«</p>
+
+<p>Zum Abendbrot bekam ich ein neues Glas Buttermilch,<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> einen Berg von
+Bratkartoffeln, Butter, Brot, Wurst und Käse vorgesetzt.</p>
+
+<p>Das fand ich nun recht anständig, aber ich dachte an die Kostenrechnung
+und sagte, so viel könne ich nicht essen. Da nahm mich der Wirt unter
+die Arme, hob mich ein paarmal in die Höhe und sagte verächtlich:</p>
+
+<p>»Neunzig Pfund hechstens wiegt die Borste. Wie alt bist du denn nu
+schon?«</p>
+
+<p>»Achtzehn Jahre,« sagte ich. »Ich besuche das Breslauer Seminar und bin
+schon im zweiten Kursus.« Ich dachte, das würde dem Mann imponieren,
+aber es war leider nicht der Fall.</p>
+
+<p>»Miserabel siehste aus,« sagte er; »wahrscheinlich haste de
+Schwindsucht.«</p>
+
+<p>Ich sagte dem Gemütsmenschen beklommen, daß ich zwar ein wenig mager,
+aber ganz gesund sei. Das glaubte er aber nicht, sondern meinte:</p>
+
+<p>»Das is ja eben das Gutte bei sulchen Leuten, daß se selber nich
+wissen, wie's um se steht. Meine Schwägerin, die hat's nich geglobt,
+daß se de Schwindsucht hätte, bis se tot war. Die sah grade su aus.«</p>
+
+<p>Mir wurde plötzlich ganz übel, und ich ließ mutlos den Löffel sinken.</p>
+
+<p>»Ich hab' keinen Appetit mehr,« sagte ich leise.</p>
+
+<p>»Das is bluß wegen deinem verknuchten Gelabere,« fuhr nun die rundliche
+Wirtin ihren Mann an; »su einem jungen Blutte su an elendiglichen
+Quatsch vorreden, das is ja a reenes Verbrechen! Junger Herr, hör'n Se
+bloß nich uff den alen Esel, der weeß nich, was a labert.«</p>
+
+<p>»Nanu,« sagte der Wirt betroffen, steckte die Hände in die Hosentaschen
+und sah immer verwundert zwischen<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> mir und seinem Weibe hin und her.
+»Was — was hab' ich denn etwa verbrochen?«</p>
+
+<p>Die Wirtin stand kirschrot vor ihm.</p>
+
+<p>»Wenn eener wirklich — nee, nee, du bist ja zu a tummes Luder!«</p>
+
+<p>Sie faßte ihn am Arme und zog ihn hinaus. Ich blieb trübselig hinter
+dem reichbeladenen Abendbrottisch sitzen. Nach etwa zehn Minuten kam
+der Wirt wieder herein. Er kratzte sich hinter den Ohren, machte eine
+sehr verlegene Miene und sagte kopfschüttelnd:</p>
+
+<p>»Meine Ale is zu komisch. Do denkt se nu, Sie könnten denken, ich
+hätt's ernste gemeent. Nu, du müßt ich ju — do müßt' ich ju wirklich
+a aler Labersack erster Klasse sein, wenn ich ei'm Menschen wie Sie
+sulches Zeug vorredte. 's war doch bluß Spoß. Denn Sie sein ju wie
+Milch und Blutt — und Gewichte haben Sie — schwer leck — ich hab' Se
+kaum erheben können — und Muskeln ha'n Se und zu a Suldaten werden Se
+komm', a storker Kerl sein Se!«</p>
+
+<p>»Du laberst ja schun wieder,« kam die Wirtin zur Tür hereingefahren;
+»denn das globt a doch jitzt nich. Do merkt a doch, wie der Hase leeft.«</p>
+
+<p>»Ich sag' überhaupt nischt meh,« sagte der Wirt und setzte sich
+beleidigt in einen Winkel.</p>
+
+<p>»Das is ooch viel besser,« entgegnete ihm die Gattin. »Und Sie, junger
+Herr, machen Se sich nischt draus. Essen Se immer recht tüchtig und
+sein Se viel ei freier Luft, do kriegen Se im Läben keene Schwindsucht.«</p>
+
+<p>»Ganz dasselbe, was ich von Anfang an gesat ha,« brummte der Mann im
+Winkel.</p>
+
+<p>Dann wurde es still.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p>
+
+<p>Nach einer Weile fragte mich die Wirtin, ob ich noch ein Glas
+Buttermilch wünschte. Ich dankte. Der Wirt fuhr höhnisch lachend empor.</p>
+
+<p>»Puttermilch! Nischt wie Puttermilch! Davo kriegt eener freilich keene
+Schwindsucht. Aber die Cholera kriegt a! — Das is doch kee Junge meh,
+das is doch a Herr. Eener, der schon im zweeten Seminar is. Fer den
+paßt keene Puttermilch, fer den paßt a Seidel Bier!«</p>
+
+<p>Er brachte zwei Gläser Bier und lud mich ein, mit ihm auf der Bank vor
+der Haustür Platz zu nehmen.</p>
+
+<p>Das war der Anfang meiner Freundschaft mit dem Roten Hahnenwirt
+Heinrich Hollmann, einer Freundschaft, die noch heut besteht.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Abend war still und trüb. Es war, als hätten alle Bäume in
+schlaffer Trägheit die Köpfe geneigt. Der Nebel stieg langsam und
+müd vom Tale auf, über dem Kammweg lag ein fahler Schein, gelb wie
+Laternenlicht. Am Waldrand huschte eine Eule, sonst regte sich nichts.</p>
+
+<p>»Das wird eine gute dunkle Nacht,« sagte der Hahnenwirt. Dann fing er
+an, mir Schmugglergeschichten zu erzählen, eigentlich die einzige Art
+von Geschichten, die er in den Grenzhäusern erleben konnte.</p>
+
+<p>»Die die Schmuggler für schlechte Leute halten,« sagte mein neuer
+Freund, »sein alles tumme Kerle. Die wissen eben nich, wie's hier
+zugeht. Das bissel kleener Grenzverkehr rüber und nüber macht keen
+Staat arm oder reich. Da lohnt sich der ganze Sums mit den Grenzjägern
+nich. 's is olles Quatsch.«</p>
+
+<p>»Aber es wird doch manchmal einer erschossen,« wandte ich ein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span></p>
+
+<p>»Erschussen? Ja, Schmuggler — Grenzjäger nich! Da könn' Se lange
+suchen, eh Se een erschuss'nen Grenzjäger finden. Nu ja, 's is mal a
+schlechter Kerl drunter, wie 's halt ieberoll schlechte Kerle gibt;
+aber sunst sein de Schmuggler ehrenwerte Leute. Orme Teifel sein's, die
+sich amal a paar Pfennige schwer genug verdien'. Wovon soll'n se denn
+leben hier in diesen Bergen?«</p>
+
+<p>»Sie sind wohl auch ein Schmuggler?« frage ich harmlos.</p>
+
+<p>Aber da fuhr er auf.</p>
+
+<p>»Jüngla,« sagte er, »nimm dich in acht, sunst hau ich dir eene runter.
+Beleidigen loß ich mich nich!«</p>
+
+<p>Ich erschrak über diesen Entrüstungsausbruch und stammelte eine
+Entschuldigung, setzte auch beschwichtigend hinzu, daß ich selbst schon
+Kleinigkeiten für den eigenen Bedarf geschmuggelt hätte.</p>
+
+<p>Da knurrte er:</p>
+
+<p>»Wer hier in der Gegend nich schmuggelt, is blödsinnig!«</p>
+
+<p>Später, viel später war einmal der Deutsche Kaiser im
+schlesisch-böhmischen Grenzgebirge. Es wurde ihm ein Glas böhmischen
+Weines vorgesetzt. Er trank ihn und sagte: »Na prosit — geschmuggelt
+ist er ja sicher!« Und lachte.</p>
+
+<p>An jenem Abend aber griff ich in die Tasche, zog einen Papierbeutel
+heraus und bot meinem Gastfreund eine Zigarre an. Der sah mich
+betroffen an.</p>
+
+<p>»Der Junge roocht,« sagte er, »und hat doch de ...«</p>
+
+<p>»Ich hab' nicht die Schwindsucht,« unterbrach ich ihn. »Nehmen Sie nur.«</p>
+
+<p>»Österreicher,« sagte er anerkennend, als er die Marke prüfte, »seht
+amal die Borste an! Na, wenn sich das<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> bluß mit dem Biere und der
+vielen Puttermilch verträgt.«</p>
+
+<p>Dann rauchten wir und schwiegen. Ein Mann stieg vom Kammweg herunter,
+den ich nach einiger Zeit als einen Grenzjäger erkannte.</p>
+
+<p>»Da kommt ein Grenzer.«</p>
+
+<p>»Ja,« meinte Hollmann, »eener, der noch Durst hat. Es is Wenzel
+Hollmann von der andern Seite.«</p>
+
+<p>»Ist er verwandt mit Ihnen?«</p>
+
+<p>»Weil er Hollmann heeßt? Ach, keene Spur. Hier heeßen drei Viertel von
+allen Leuten Hollmann oder Liebich. Wu sull'n ooch immer die neuen
+Namen herkummen!«</p>
+
+<p>Wenzel Hollmann, ein geschmeidiger Mann in knapper österreichischer
+Uniform, setzte sich zu uns und trank drei oder vier Gläschen
+Wünschelburger Kornbranntwein. Seine Dienstkappe legte er neben sich
+auf die Bank. Es stak ein winziges Sträußchen daran.</p>
+
+<p>»Immer hat a a Puckettel<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> an der Mütze,« sagte der Hahnenwirt; »'s is
+halt a schneidiger Kerl.«</p>
+
+<p>»Na, du weißt doch, daß mir das immer die Kinder vom Blauen Hahnen
+dranmachen. Und du putzest mich ja selber oft aus,« entgegnete der
+Grenzer.</p>
+
+<p>Der Rote Hahnenwirt lachte aus vollem Halse.</p>
+
+<p>»Ja, denkst du, der Rote steht gegen den Blauen zurücke? Putzt der
+Blaue seine Kunden, putzt der Rote erst recht seine Kunden.«</p>
+
+<p>Er entfernte das Sträußchen, das aus drei Stengelchen Rosmarin
+und einem gelben Hahnenfuß bestand, brach<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> vom Gartenzaun zwei
+Heckenröslein, pflückte vom Beet eine rote Nelke und befestigte sie an
+der Kappe des Grenzers.</p>
+
+<p>»Der Rote Hahn läßt sich von der Konkurrenz nischt vormachen,« sagte er.</p>
+
+<p>Der Grenzer lächelte ein wenig geschmeichelt und ging bald darauf davon.</p>
+
+<p>Der Hahnenwirt lachte leise hinter ihm her. Dann sagte er:</p>
+
+<p>»Na, Jüngla — junger Herr — ich sollt's ja eegentlich nich
+verraten, aber Se werden ja nischt ausmähren — Se haben ja selbst
+schon geschmuggelt — na, und da soll'n Se gleich amal a rechtes
+Schmugglerstückel zu sehn kriegen. Wissen Se, was das bedeutet?«</p>
+
+<p>Er nahm die Rosmarinstengel und den Hahnenfuß auf, die der Grenzer
+dagelassen hatte.</p>
+
+<p>»Also passen Sie auf. Das, was ich hier in der Hand hab', is 'ne
+Geschäftsbestellung. Und zwar eene vom Blauen Hahnenwirt drüben. Der
+Hahnenfuß bedeutet a Faß Butter, und die Rosmarinstengel bedeuten drei
+Pfund Schokolade. Die soll ich nu nach drüben liefern.«</p>
+
+<p>»Und das bringt der Grenzer?« rief ich überrascht.</p>
+
+<p>»Jawull, der Grenzer! Der is der zuverlässigste Bote. Der tumme
+Kerl hat natürlich keene Ahnung, daß a unsern Briefträger macht.
+Ich hab', wie Se gesehn haben, gleich meine Gegenbestellung beim
+Blauen Hahn gemacht: eine rote Nelke, das is a Fässel Roter, und zwee
+Heckenröslein, die bedeuten zwee Flaschen gezehrten Oberungar. Das
+trägt a nu wieder rüber; denn a pendelt immer zwischen uns beeden hin
+und her.«</p>
+
+<p>»Das ist großartig ausgedacht!« rief ich begeistert.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p>
+
+<p>»Ja, Kupp muß ma haben,« sagte der Hahnenwirt stolz. »Wir haben
+'ne ganze Liste ausgearbeit'. Klee z. B. bedeutet Slibowitz,
+Jelängerjelieber bedeutet Virginiazigarren, Fette Henne
+versinnbildlicht 'ne Tonne ungarisches Schweineschmalz, Flachs is
+natürlich Leinwand, Männertreu sind Hosenträger, Rosen Stoff für seidne
+Blusen und 'ne kleine Distel is 'n Sack Salz. Eine volle Getreideähre
+heißt: Ich bitte um die Rechnung; eine leere Ähre aber bedeutet: Wart
+noch a bissel, hab' jetzt gerade keen Geld.«</p>
+
+<p>»Es ist genial,« flüsterte ich voll Bewunderung.</p>
+
+<p>»Ja, junger Herr,« sagte der Hahnenwirt, »wenn Se immer hier wären,
+könnten Se noch a ganz gescheiter Kerle werden ...«</p>
+
+<p>»Der Wenzel Hollmann scheint mir grade kein sehr tüchtiger Grenzjäger
+zu sein,« wandte ich nach einer Weile ein.</p>
+
+<p>»Der — nicht tüchtig? Oho! Ein Satan is a. Unsere Preußen sind viel
+langsamer, se haben zu dicke Bierbäuche, aber der dürre Windhund von
+Österreicher, der geht Tag und Nacht rum und hat beinah schon die ganze
+Gegend erwischt.«</p>
+
+<p>»Hat er Sie auch schon einmal erwischt?« fragte ich.</p>
+
+<p>»Mich? Ich bin keen Schmuggler,« brauste er wieder auf; doch dann
+setzte er hinzu: »Unsere Leute, ich meine die, die so die Ware zwischen
+mir und meinem Blauen Kollegen drüben hin- und herschaffen, die hat a
+freilich schon ziemlich ofte erwischt — der Lump der!«</p>
+
+<p>Er schnob vor Ingrimm.</p>
+
+<p>»Dreimal mehr Strafe haben wir schon blechen müssen, als der ganze
+Handel einbringt. Aber Geschäft is Geschäft.<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Blödsinnig müßt' ma
+sein, wenn ma nich schwärzte. Und geleimt wird a doch! Das haben
+Sie ja gesehen, wie a geleimt wird. So a Spaß schwemmt ollen Ärger
+weg. Der größte Hauptkerl aber, den a noch nie erwischt hat, das
+is der Wassermüller Liebich unten in a Talhäusern. Das is so a
+Mordsteufelskerl, der würd' nicht erwischt, und wenn der deutsche und
+der österreichische Kaiser selber uf die Grenzwache zögen.« Nach diesem
+starken rednerischen Trumpf rieb sich Heinrich Hollmann vergnügt die
+Hände.</p>
+
+<p>»Das Dollste is,« fuhr er fort und er lachte mit so tiefem Vergnügen,
+daß man merkte, wie die Freude aus dem untersten Herzen kam; »das
+Dollste is, daß der Liebich dem Wenzel Hollmann die eegne Liebste
+weggeschmuggelt hat. Das verwindet der Windhund sein Lebtag nich.«</p>
+
+<p>»Möchten Sie mir das erzählen?«</p>
+
+<p>Er schielte mich von der Seite her an.</p>
+
+<p>»Für Liebesgeschichten biste noch a bissel zu grün,« sagte er. Aber er
+erzählte, und erzählte zum Teil hochdeutsch.</p>
+
+<p>»Also — da war a Mädel drüben — Franziska — 's hübscheste Mädel
+im ganzen Gebirge. Alle war'n in se verschossen — alle — alle ohne
+Ausnahme, hüben wie drüben. Am dollsten aber waren der Grenzjäger
+Wenzel und der Wassermüller Liebich in die Franziska verliebt. Also,
+die beiden waren schon total verrückt um die Köppe. Je mehr se nu
+aber auf das Mädel spannten, desto mehr hatten se natürlich uff
+einander 'ne grenzenlose Wut. Wenn se sich bloß sahen, wurden sie
+grün im Gesichte. Am schlimmsten war's natürlich uff 'm Tanzboden.
+Da wundert man sich noch heute, daß da nich amal a Unglück geschehen
+is. Se überboten sich, wo se konnten. Hatte<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> der Wenzel 'ne neue
+Extrauniform, kaufte sich der Liebich 'n neuen schwarzen Anzug, 'n
+Patent-Gummikragen und bunte Manschetten; wie sich der Wenzel in
+eener Auktion 'n Zwicker gekauft hatte, durch den a zwar nich sehen
+konnte, in dem a aber sehr studiert aussah, schaffte sich der Liebich
+'ne Meerschaumspitze an, obwohl ihm jedesmal schlecht wurde, wenn
+a roochte. Der Wenzel machte Schulden über Schulden und koofte der
+Franziska in eenem Jahre alleine sieben Granatbroschen; der Liebich
+schenkte ihr 'n goldnen Fingerring mit ei'm Garantieschein, daß er
+binnen drei Jahren nich schwarz würde. Und so ging's weiter, es waren
+eben, wie gesagt, ganz verrückte Kavaliere. Da versuchte es der Wenzel
+mit was anderem. A schmiß sich so heftig uff seine Berufsarbeit,
+daß a binnen kurzem neun Schmuggler erwischte und 'ne schriftliche
+Belobigung kriegte. Damit hob a sich nu bei der Franziska ein; denn
+das is wahr: nischt gefällt ei'm Mädel an ei'm Kerl besser, als wenn a
+Schneid hat. Das is, weil die Weiber selber su feiges Gelichter sind.
+Also, der Liebich fängt schon an, mitsamt seiner Meerschaumspitze
+sachte hinten runterzurutschen — da wird a plötzlich a Schmuggler.
+A bringt der Franziska allerhand feine Geschenke, mal 'ne kleine
+Tonne grüne Heringe, mal 'n Viertelzentner Viehsalz, und a sagt immer
+dazu, daß a am liebsten in Wenzels Amtsstunden schmuggelte, weil das
+der dämlichste Grenzjäger von ganz Österreich wäre. Der Wenzel wurde
+halb verrückt vor Wut. A schlief nich mehr, a lag Tag und Nacht uff
+der Lauer, a saß amal von Mitternacht bis Morgens uff eenem Baume in
+strömendem Regen, und wie's endlich Tag wurde, hatte ihm der Liebich,
+ohne daß er was gemerkt<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> hätte, 'ne Flasche Pain-Expeller unter den
+Baum gestellt, weil Pain-Expeller gutt is gegen Rheumatismus. Das ganze
+Gebirge lachte, und wie der Wenzel mit seinem Belobigungsbriefe und
+eener seidnen Schürze das nächste Mal zur Franziska kam, merkte er, daß
+es Essig war. Sie hatte sich für a preißischen Liebich entschieden.
+Aber ihre Mutter war für a östreichischen Wenzel. Und da setzte es der
+Wenzel durch, daß a, wie ich amal 'ne Entenkirmes mit Ball machte,
+mit der Franziska über die Grenze rüberkommen konnte. A hatte sich
+für schweres Geld 'n geschlossenen Glaswagen gemietet. Weil sich's nu
+aber nich schickte, daß a bei dem Mädel im Wagen saß, setzt a sich
+manierlich neben a Kutscher, und im Wagen saß die böhmische Jungfer.
+Wie se ans deutsche Zollhaus kamen, war's schon dunkel; denn es war im
+späten November. Der Wenzel stieg ab und sagte der Jungfer im Wagen,
+er hätte vier österreichische Zigarren zu verzollen. Damit wollt' a
+zeigen, was für a gewissenhafter Mensch er wär', und sich bei der
+Franziska einheben. Wie er aus 'm Zollhaus wieder rauskommt, setzt'
+a sich gleich wieder auf 'n Bock, und die Fahrt ging weiter. Herr,
+du meine Güte, wie se hier im ›Roten Hahn‹ ankamen, saß in dem Wagen
+'ne Strohpuppe, und die Franziska war verschwunden. Die tanzte drüben
+mit 'm Liebich bei der österreichischen Konkurrenz. Der Kutscher, der
+mit 'm Liebich im Komplott gewesen war, kriegte zwar vom Wenzel a
+paar gesalzene Ohrfeigen, aber — mit der Franziska war's aus. Sechs
+Wochen drauf heirat' se a Liebich. Kurz vorher hatte se von den sieben
+Granatbroschen zweie an a Wenzel zurückgeschickt. Su sein die Weiber!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p>
+
+<p>Der Rote Hahnenwirt machte eine Pause in seiner Erzählung, zündete sich
+die Zigarre neu an und lachte leise und philosophisch vor sich hin.</p>
+
+<p>»Su sein die Weiber!« wiederholte er. »Mir is es ooch erst mit der
+Fünften geglückt. Und fünf is für mich 'ne Unglückszahl.«</p>
+
+<p>Er ließ wehmütig den Kopf hängen; aber bald lachte er wieder und
+erzählte weiter.</p>
+
+<p>»Der Liebich trieb's nu ganz toll. Kurz vor seiner Hochzeit erzählte
+er in Wenzels Gegenwart im Gasthause, seine Schwiegermutter müsse
+doch jetzt Kuchen backen, und da wolle er ihr ein Faß Butter aus dem
+Preußischen hinüberschaffen. Das war nu der Gipfel der Frechheit.
+Wenzel, der Grenzjäger, der sowieso mit verglasten Augen und hohlen
+Backen rumlief, lauerte von nun an Tag und Nacht. Zwar mit der
+Franziska war er fertig; aber den Kerl — den Lump — den Teufel —
+reinzulegen, das wär' für ihn das Allerhöchste gewesen. Und richtig
+— a erwischt ihn. In der Silvesternacht — 's war 'n Hundewetter —
+erwischt der Wenzel a Liebich uff eenem entlegenen Seitenwege mit ei'm
+Faß Butter. Aus einem Graben, direkt aus der Schneejauche heraus,
+springt er ihn an.</p>
+
+<p>»Wo is der Zollschein?« schreit er.</p>
+
+<p>Liebich, der sonst ein starker Kerl is, is so erschrocken, daß a lallt
+und stammelt wie a Kind.</p>
+
+<p>»Ich hab' — ich hab' — die Putter — die Putter — verzollt ...«</p>
+
+<p>Er sucht in allen Taschen.</p>
+
+<p>»Wo ist der Zollschein?«</p>
+
+<p>Liebich dreht alle Taschen um, immer wieder, immer wieder — er sucht
+wie verrückt nach 'm Scheine.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p>
+
+<p>»Ich — ich hab'n verloren ...«</p>
+
+<p>Wenzel lacht hämisch.</p>
+
+<p>»Wenzel, mach' mich nich unglücklich.«</p>
+
+<p>Liebich sinkt geknickt auf seine Karre. »Hab' Erbarmen, Wenzel, laß
+mich laufen ...«</p>
+
+<p>»Marsch, nach dem Zollamt!«</p>
+
+<p>»Hab' Erbarmen, Wenzel ...«</p>
+
+<p>»Nichts da! Vorwärts marsch, oder ...«</p>
+
+<p>»Wenzel, denk' an de Franziska — mach se nich unglücklich wegen den
+paar Pfund Putter ...«</p>
+
+<p>»Vorwärts! Die Karre aufnehmen und — marsch vor mir her. Bei
+Fluchtversuch kriegst 'ne blaue Bohne zwischen die Rippen!«</p>
+
+<p>»Erbarm dich, Wenzel — erbarm dich über mich und de Franziska ...«</p>
+
+<p>Der Grenzer hebt das Gewehr. Da nimmt der Liebich die Karre auf.
+Aber er läßt sie wieder fallen. Es wird ihm schlecht — er muß sich
+hinsetzen — alle Glieder zittern ihm — es würgt ihn ...</p>
+
+<p>»Ich glaub' — mich hat — der Schlag gerührt — mir is so schlecht!«</p>
+
+<p>Liebich is kaum imstande, sich wieder aufzurichten. Den schweren
+Schubkarren zu stoßen, is ihm ganz unmöglich. Er faßt immer nach 'm
+Herzen. So muß der Grenzer schließlich selber zugreifen. Er schiebt
+den Karren, und Liebich muß drei Schritt vor ihm her gehen. Wollte er
+ausreißen, wär's sein Tod. So geht's den steilen Berg hinauf. Der Weg
+is glitschig; das Wetter is schauderhaft — Wind und Regen schlagen
+den beiden ins Gesicht. Der Grenzer schwitzt und kann's kaum noch
+ermachen.<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> Aber er muß den Karren schieben; denn der Liebich is ganz
+hin. Taumelig geht er vor ihm her. Immer wieder mal sagt er:</p>
+
+<p>»Wenzel, ich bitt' dir alles ab, was ich dir angetan hab' — aber laß
+mich laufen — tu's uns nich an!«</p>
+
+<p>Der andere hört nicht darauf.</p>
+
+<p>Und nu kommt's.</p>
+
+<p>Wie sie den Berg rauf sind, bis zur Chaussee und nich mehr weit zum
+Zollhause haben, greift der Liebich uff eenmal in de Westentasche und
+sagt ganz gemütlich: »Na, da hab' ich ihn ja!«</p>
+
+<p>Und a bringt einen richtigen Zollschein raus. A hatte die Putter
+richtig verzollt. Der Grenzer, der kaum noch schnaufen kann, steht wie
+versteinert vor ihm, und Liebich lacht und sagt:</p>
+
+<p>»Ich dank' dir ooch, Wenzel, daß du mir die schwere Karre auf 'n Berg
+geschoben hast. Bist halt doch ein gutter Kerl, Wenzel! Von der Putter
+back' wir nu Hochzeitskuchen. Sollst 'n Stickel davon kriegen.«</p>
+
+<p>Der andere is nu nahe am Ersticken gewest, aber der Liebich hat gemeint:</p>
+
+<p>»Ich hab' dir's doch von vornherein gesagt, daß ich die Putter verzollt
+hatte. Und wenn <em class="gesperrt">ich</em> dir was sag', kannste es doch glauben.«</p>
+
+<p>Hat die Achseln gezuckt, is plötzlich wieder ganz bei Kräften gewest
+und hat seinen Karren auf der Chaussee gemütlich weitergefahren. Und
+der Wenzel hat sich an einen Baum anhalten müssen und hat laut geheult
+vor Wut und Scham, wie ihn der andere geäfft hat. A hat mir amal
+erzählt, a hätt' ihn totschießen wollen, aber der liebe Gott hätte ihn
+vor der Sünde bewahrt. Aber er hat 'n<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> tödlichen Haß uff a Liebich, und
+das nehm' ich ihm ooch nich übel.«</p>
+
+<p>Soweit ging die Erzählung des Roten Hahnenwirtes.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war unterdes dunkel geworden, und wir gingen schlafen. Von meiner
+Giebelstube aus sah ich noch ein wenig hinaus auf die dunklen
+Waldberge. Wer weiß, wo der Wenzel jetzt lag mit der Flinte im Arm und
+auf das menschliche Wild lauerte, das sich scheu und verstohlen durch
+die schwarzen Waldgänge schlich und auf jeden Laut lauschte, auf jedes
+Zeichen Obacht gab, das ein nahes Verderben anzeigen konnte. Und wie
+ich noch so hinaussah, passierte ein Schmugglerstück dicht vor meinen
+Augen.</p>
+
+<p>Ein Mann mit einem Schubkarren tauchte aus dem Dunkel auf. Er klopfte
+leise an einen Fensterladen. Der Hahnenwirt kam aus dem Hause, spähte
+erst nach allen Seiten, verhandelte mit dem Mann im Flüsterton und
+belud dann seinen Karren mit einem Faß und einem kleinen Paket.</p>
+
+<p>Der Hahnenfuß und die drei Stengel Rosmarin!</p>
+
+<p>Das ging nun hinüber über die Grenze nach dem »Blauen Hahn«. Ich war
+so aufgeregt, daß ich noch nicht schlief, als die Wirtsstubenuhr unten
+die elfte Stunde klirrte. Nicht lange darauf klopfte es unten an die
+Tür. Ich fuhr rasch in die Kleider; denn wo hätte ich junger Bursch ein
+Geschehnis in dem alten Schmugglerhaus verpassen wollen. Ich schlich
+die Treppe hinab und duckte mich in einen Winkel. Hollmann kam mit
+einer Laterne angeschlürft und fragte, wer draußen sei.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p>
+
+<p>»Liebich — der Wassermüller Liebich!« antwortete eine tiefe Stimme.</p>
+
+<p>Mir pochte das Herz. Der Müller Liebich, der war ja der berühmte
+Schmuggler, der Gegner Wenzels, des Grenzers. Da öffnete der Wirt die
+Tür. Ein kräftiger Mann stand draußen.</p>
+
+<p>»Nanu, Liebich, willst du was über die Grenze schaffen?«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte der andere, und seine Stimme war ganz heiser. »Meine —
+meine Frau will ich rüberschaffen.«</p>
+
+<p>»Deine — Frau?«</p>
+
+<p>Liebich lehnte sich an den Türpfosten.</p>
+
+<p>»Sie is gestorben,« sagte er tonlos. »Die Leiche will ich
+rüberschaffen. Da liegt sie.«</p>
+
+<p>Er wies auf ein Wägelchen, das draußen im Dunkel stand.</p>
+
+<p>»Liebich,« rief der Hahnenwirt, »du redst wohl irre? Du wirst doch mit
+sowas keen Allotria treiben!«</p>
+
+<p>»Komm raus,« sagte der andere. Der Hahnenwirt ging hinaus, und ich
+folgte, ohne daß mich jemand bemerkte. Liebich hob eine Decke von
+dem Wägelchen auf. Darunter stand ein Sarg. Tiefinnerlicher Schmerz
+schüttelte den Mann so, und er weinte so stoßweise, so bitterlich, daß
+der ganze furchtbare Ernst klar war.</p>
+
+<p>»Wann — wann is se denn ...«</p>
+
+<p>»Vorgestern. Wir haben das erste Kind gekriegt. Nach sechs Jahren. Das
+Kind lebt — die Franziska is tot.«</p>
+
+<p>»Und nu willst du sie rüberschaffen? Nach Hause?«</p>
+
+<p>»Ja, sie wollte drüben begraben werden.«</p>
+
+<p>»Und warum bringst du sie denn in der Nacht?«</p>
+
+<p>»'s macht sonst zu viel Schererei, wenn man eine Leiche über die Grenze
+haben will. Is se aber erst amal drüben, wird se ooch drüben begraben.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p>
+
+<p>Liebich wollte die Leiche seiner Frau über die Grenze schmuggeln. Er
+konnte wohl gar nicht anders; sein ganzes Denken war so eingerichtet,
+daß ihm ein Verhandeln mit Grenzbehörden ganz ausgeschlossen schien.
+Müde setzte er sich auf die Bank, auf der ich vorhin mit Hollmann
+gesessen hatte.</p>
+
+<p>»Ich wollt's alleine schaffen,« sagte er, »aber ich kann nich. Die
+Kräfte verlassen mich.«</p>
+
+<p>Was er dem Feinde gegenüber früher einmal geheuchelt hatte, war jetzt
+bitterster Ernst geworden.</p>
+
+<p>»Du mußt mir helfen, Hollmann; ich ermach's nich alleine.«</p>
+
+<p>Der Gastwirt erholte sich von seiner Bestürzung; dann versprach er, dem
+Freunde zu helfen. Jetzt erblickte er auch mich und schnob mich wohl
+erst zornig an; aber nach einigem Hin und Her erlaubte er mir sogar,
+mich dem kleinen traurigen Zug anzuschließen.</p>
+
+<p>Die Leiche einer jungen Frau und Mutter auf einem kleinen wackeligen
+Wägelchen, vorn an der Deichsel der leise schluchzende Mann, hinten,
+den Karren schiebend, Hollmann und ich, so ging es langsam den Bergweg
+hinauf. Ein müder Nachtwind surrte durch die Bäume, ein feiner Regen
+rieselte vom Himmel. Was war das für eine traurige Fahrt! Und doch
+pochte mir das Herz in ungewohnten Schauern, und die Wangen brannten
+mir viel mehr von der Aufregung als von der Anstrengung.</p>
+
+<p>Bei einer Wegbiegung blieben die Männer halten und lugten nach der
+Höhe. Ein Licht brannte dort oben, wohl in dem Häuslein irgend eines
+Webers oder kleinen Bauern.</p>
+
+<p>»Die Straße ist sicher!« sagte Hollmann; denn das Licht<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> war ein Signal
+für die Schmuggler, daß kein Grenzer auf dem Wege war, es war wie ein
+Leuchtturm für die Gefährdeten unten im dunklen Waldmeer.</p>
+
+<p>Liebich legte sich mit dem ganzen Oberkörper auf den Sarg und fing
+wieder an zu weinen. Er preßte den Kopf an das harte Holz, das sein
+Liebstes umschloß, er küßte den Sarg, er umklammerte ihn mit den Armen.</p>
+
+<p>Es dauerte eine geraume Weile, ehe wir wieder weiterfuhren. Den
+Zollhäusern wichen wir auf einem Nebenwege aus. Als wir aber jenseits
+der böhmischen Station waren, erlosch plötzlich das Licht am Berge.</p>
+
+<p>Die Männer blieben stehen und lauschten.</p>
+
+<p>Wir waren in Gefahr.</p>
+
+<p>»Vorsicht!«</p>
+
+<p>Wir hielten an. Liebich schnaufte tief und grimmig auf. »Nich amal die
+Toten lassen se ihres Weges ziehen!«</p>
+
+<p>Dann legte er den Finger an die Lippen. Das Wägelchen mit dem Sarge
+stand ganz am Rande der Straße. Liebich drückte sich an einen Baum, und
+Hollmann zog mich leise hinter den Sarg. Dort kauerten wir uns nieder.</p>
+
+<p>Minuten vergingen. Sacht und fein rieselte der Regen. Die Berglehne
+stieg schwarz gegen den Nachthimmel empor. Mich fror. Da huschte
+Liebich unhörbar die Straße entlang auf eine Brücke zu. Ich sah, wie er
+darunter verschwand.</p>
+
+<p>»Was macht er?« fragte ich kaum hörbar.</p>
+
+<p>»Ruhig!« brummte der Gastwirt ziemlich laut. »A sucht die Brücke und a
+Graben ab. Da stecken se meist — und nu nich immerfort reden, sonst
+...«</p>
+
+<p>»Halt!«</p>
+
+<p>Wie aus der Erde herausgeschossen, stand ein Mann vor uns.<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> Wenzel
+Hollmann — der Grenzjäger war es. Er hatte die Flinte unter dem Arm.</p>
+
+<p>»Halt! — Wer seid Ihr?«</p>
+
+<p>Er trat näher.</p>
+
+<p>»Der Hahnenwirt,« sagte er betroffen. »Was machen Sie hier? Was ist das
+für ein Sarg?«</p>
+
+<p>Der Wirt war fürchterlich erschrocken, aber er wollte sich's nicht
+merken lassen und sagte in schwerem Mißmut:</p>
+
+<p>»Wenzel, Sie kennen mich! Sie wissen, daß ich der ehrlichste Mann im
+ganzen Gebirge bin, der noch nie daran gedacht hat, das Allergeringste
+zu schmuggeln. Also, lassen Se mich in Ruhe und gehen Se Ihres Weges.«</p>
+
+<p>»Was ist das für ein Sarg?« wiederholte der Grenzjäger statt aller
+Antwort seine Frage. Er trat heran und wollte die Decke, die nur das
+Kopfende des Sarges freiließ, entfernen.</p>
+
+<p>Da kam ein gurgelnder Laut von der Brücke her.</p>
+
+<p>»Laß den Sarg stehen! Geh weg vom Sarg, du verfluchter Spürhund!«</p>
+
+<p>Liebich raste heran.</p>
+
+<p>»Ich schlag' dich tot, wenn du den Sarg anrührst!«</p>
+
+<p>»Was ist in dem Sarge?« fragte der Grenzer mit eiskalter Stimme.</p>
+
+<p>»Das geht dich nichts an!«</p>
+
+<p>»Was ist in dem Sarge?«</p>
+
+<p>Der Grenzer hob die Flinte. Da mengte sich der Gastwirt ein.</p>
+
+<p>»Schieß' nicht, Wenzel — Liebichs Frau liegt in dem Sarg — die
+Franziska ...«</p>
+
+<p>Der Grenzer ließ die Flinte sinken.</p>
+
+<p>»Die Franziska?« fragte er betroffen. »Ist sie gestorben?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p>
+
+<p>»Es geht dich nichts an,« brummte Liebich.</p>
+
+<p>Da fing der Grenzjäger jäh an zu lachen.</p>
+
+<p>»Oho, Brüderlein, es geht mich wohl was an! Es geht mich sehr viel an.
+Ein neuer Sarg ist auch steuerpflichtig und außerdem — deine Frau
+liegt <em class="gesperrt">nicht</em> in dem Sarg!«</p>
+
+<p>»Nicht in dem Sarg?« wiederholte der Hahnenwirt verwundert. Auch ich
+machte große Augen.</p>
+
+<p>»Es ist einer von den ekelhaftesten Schmugglertricks,« fuhr der Grenzer
+fort, »einen Sarg zu benutzen, um Waren zu schwärzen. Da hat man keinen
+Respekt vor Leben und Tod, keinen Respekt vor dem Kreuze, das auf dem
+Sarg ist. Gotteslästerlich ist das — pfui, Hollmann, Ihnen hätte ich
+das nicht zugetraut. Alle drei sind meine Arrestanten!«</p>
+
+<p>Mir wurde übel. Als Zögling einer Königlich Preußischen Lehranstalt
+hier unter so abenteuerlichen Verhältnissen verhaftet zu werden, mußte
+von den traurigsten Folgen für mich sein. Auch der Hahnenwirt neben mir
+zitterte.</p>
+
+<p>»Ich hab's nicht gewußt,« sagte er. »Ich hab' ihm geglaubt ...«</p>
+
+<p>Der Grenzer lachte spöttisch.</p>
+
+<p>»Reden Sie nicht — Sie kennen doch den Liebich — Sie werden schon
+gewußt haben, daß in dem Sarge wahrscheinlich was ganz anderes steckt,
+als eine Leiche.«</p>
+
+<p>Er trat wieder an den Sarg heran und hob die Decke.</p>
+
+<p>»Rühr' den Sarg nicht an,« brüllte Liebich, »oder ich vergreif' mich an
+dir!«</p>
+
+<p>Die Augen standen ihm heraus.</p>
+
+<p>»Also marsch zum Amt! Da wird sich ja herausstellen, was in dem Sarg
+ist. Angefaßt und vorwärts marsch!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p>
+
+<p>»Bei unserer alten Freundschaft —« fiel Hollmann in bittendem Tone ein.</p>
+
+<p>»Damit ist's aus,« entgegnete der Grenzer in barschem Tone. »'s ist
+eine gotteslästerliche Schuftigkeit so was!«</p>
+
+<p>Ich gab ihm im stillen recht und bereute aufs bitterste, mich in den
+bösen Handel eingelassen zu haben. Dicke Tränen rollten mir über die
+Backen, während ich das Wägelchen mit dem Sarge schieben half und der
+Grenzjäger mit der scharfgeladenen Flinte hinter uns herschritt. Mühsam
+ging es einen Berg hinauf. Es hatte aufgehört zu regnen, und der späte
+Mond war klar aus den Wolken getreten. Niemand sprach ein Wort; nur das
+schwere Ächzen Liebichs war vernehmbar. Das Wägelchen stieß auf dem
+harten Wege, und der Sarg schwankte hin und her.</p>
+
+<p>So erreichten wir die Anhöhe. Die Straße ging nun ziemlich steil
+bergab. Und plötzlich riß uns Liebich den Wagen aus der Hand und sauste
+mit dem Gefährt wie ein Rasender den Berg hinab.</p>
+
+<p>Ein scharfer Schuß. Wir schrien auf. Liebich brach zusammen. Das
+Wäglein fuhr mit den Vorderrädern schwankend über ihn hinweg und blieb
+stehen. Selbst mehr tot als lebendig rannte ich mit den anderen der
+Unheilstätte zu. Wenzel und der Wirt zogen Liebich unter dem Wagen
+hervor. Er war bewußtlos. Die Kugel war ihm rücklings in die linke
+Schulter gedrungen.</p>
+
+<p>Sie legten ihn an den Wegrand.</p>
+
+<p>»Er hat's nich anders haben gewollt,« sagte der Grenzer.</p>
+
+<p>»Es ist gotteslästerlich so was!«</p>
+
+<p>Still war's — ganz still. Aber die Herzen hämmerten.</p>
+
+<p>Da trat der Hahnenwirt an das Wäglein und riß die<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> Decke herunter. Ein
+brauner Sarg mit weißen Beschlägen und einem geschnitzten Kreuz wurde
+sichtbar. Vier Schrauben verschlossen ihn. Mit zitternden Fingern
+machte sich der Hahnenwirt daran, die Schrauben zu lösen. Der Grenzer
+sah ihm erst finster zu, dann half er, und die beiden Männer hoben den
+Deckel.</p>
+
+<p>Sie ließen ihn mit einem Schrei zur Erde sinken. In dem Sarge lag eine
+tote Frau. Sie war in einem weißen Kleid, und ein blonder Kopf von
+rührender Schönheit lag auf einem seidenen Kissen.</p>
+
+<p>»Es ist wahr gewest,« stammelte der Hahnenwirt — »es ist wahr gewest!«</p>
+
+<p>Der Grenzer starrte auf die Leiche, die vom Mondlicht beschienen vor
+ihm lag, ein wehes Lächeln um den blühenden Mund.</p>
+
+<p>»Franziska!«</p>
+
+<p>Der Grenzer stammelte unverständliche Worte und sank plötzlich mit
+einem markerschütternden Weinen neben dem Sarg nieder. Nie wieder habe
+ich einen Mann so laut und weh weinen gehört</p>
+
+<p>Da rührte es sich am Wegrande. Liebich kam zu sich, sah wirr und wild
+um sich, wußte plötzlich alles, was sich zugetragen, sah den geöffneten
+Sarg und hörte den anderen schluchzen.</p>
+
+<p>»Geh weg — weg — du Hund — ich — ich schlage dich tot!«</p>
+
+<p>Er sank in die Ohnmacht zurück. Der Grenzer kniete immer noch auf der
+Straße. Er preßte den Kopf an das Holz des Sarges und sprach wirre
+Worte durcheinander, Worte, die um Verzeihung flehten, Gebetsworte,
+zärtliche Worte innigster Liebe. Der Hahnenwirt stand mit gefalteten<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span>
+Händen da, unfähig, etwas zu tun, und mir jungem Burschen war das Herz
+voll Furcht und Grauen.</p>
+
+<p>Endlich rafften wir uns zusammen, schlossen den Sarg wieder und deckten
+ihn wieder zu. Was wir zuerst hätten tun müssen, darauf kamen wir
+zuletzt — wir sahen endlich nach dem Verwundeten. Er erwachte und
+schrie furchtbar auf, als wir den Arm an der zerschossenen Schulter
+berührten.</p>
+
+<p>Zum Dorf war es glücklicherweise nicht weit. Wir wollten anfangs
+Liebich mit auf das Wägelchen laden, aber es war zu schmal, er hatte
+neben dem Sarge nicht Platz.</p>
+
+<p>Wenzel, der Grenzjäger, kam wieder heran. In tiefster
+Niedergeschlagenheit sagte er:</p>
+
+<p>»Liebich, verzeih mir's, daß ich dich diesmal in falschem Verdacht
+hatte.«</p>
+
+<p>Da kam etwas von dem alten herben Humor in Liebichs Seele zurück, und
+er sagte:</p>
+
+<p>»Du denkst immer falsch; Du weißt nie, was los is!«</p>
+
+<p>Nach dem Dorfe hinunter mußten wir. Es zeigte sich, daß sich Liebich
+wohl aufrichten, aber nicht allein gehen konnte. Er mußte gestützt
+werden.</p>
+
+<p>»Stützt ihn,« sagte der Grenzer; »ich werde den Wagen ziehen.«</p>
+
+<p>»Geh von der Leiche weg,« befahl da Liebich; »rühr' sie nicht an!«</p>
+
+<p>Noch über den Tod hinaus reichte die glühende Eifersucht. Also kam es
+so, daß der Hahnenwirt und ich das Wäglein zogen und Liebich, auf den
+Todfeind gestützt, hinterher schwanken mußte.</p>
+
+<p>Es war tief in der Nacht, schon gegen Morgen hin, als<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> wir mit unserer
+traurigen Last an Franziskas Heimathaus anlangten und eine alte Frau
+der tot heimkehrenden Tochter unter tausend Tränen die Tür öffnete.</p>
+
+<p>Am übernächsten Tage wurde die Franziska auf dem heimatlichen Kirchhof
+begraben. In aller Herrgottsfrühe war die Beerdigung. Liebich konnte
+ihr nicht beiwohnen; er lag krank zu Bette. Der Schmerz hatte ihn aber
+doch so weich gemacht, daß er sich mit seinem alten Gegner Wenzel
+versöhnt hatte. Trotz dieser Aussöhnung erlaubte er aber nicht, daß
+Wenzel mit der Franziska zu Grabe ging.</p>
+
+<p>Und der war doch dabei. Er stand auf einem Berge, von da man den
+Friedhof übersehen konnte, hörte die Glocken läuten, hörte die Lieder
+klingen und sah, wie auf weißen Grabtüchern etwas Liebes, Liebes in die
+Tiefe sank.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Damit wäre nun eigentlich diese Erzählung aus. Aber da es sich darin
+nicht bloß um die Liebesgeschichte der schönen Franziska aus dem
+Böhmerland, sondern um das Leben in den Grenzhäusern überhaupt handelt,
+will ich noch erzählen, wie ich in späteren Jahren zu meinem Freunde
+Heinrich Hollmann, Wirt zum Roten Hahnen, zurückgekommen bin.</p>
+
+<p>Er blieb immer der Alte, immer der redselige, etwas großsprecherische
+Mann mit der gleichen Respektlosigkeit vor allen Dingen und Personen
+seiner Umgebung und dem gleichen absoluten Respekt vor seiner Frau.
+Weber und kleine Bauern gingen in seinem Hahnenwirtshaus ein und aus,
+und wenn ich diese wortkargen Leute mit den blauen, leeren Augen
+hinter ihren Branntweingläschen<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> sitzen sah, wußte ich wohl, warum sie
+schmuggelten. Beileibe nicht nur um des bißchen Erwerbes willen, wie ja
+auch der Wildschütz nicht nur um eines lumpigen Talerhasens allein Ehre
+und Freiheit, ja vielleicht Gesundheit und Leben in die Schanze schlägt.</p>
+
+<p>Ihr Herren, die ihr zu Gericht sitzet, denkt nur an die kleinen
+niederen Stuben dieser Armen, an ihre eintönige, langweilige Arbeit,
+die Stunde um Stunde, Jahr um Jahr, ein ganzes langes Menschenleben
+dieselbe trostlose Last ist. Und denkt daran, daß auch diese Menschen
+eine Seele haben, die nach Tat und Abwechselung, Freude und Gefahr
+lechzt, daß auch diese Sehnsucht nach grünen Wegen der Romantik
+sucht. Was tun sie? Sie schmuggeln, sie wildern wohl auch. Und in all
+der langen Zeit, da sie hinter dem Webstuhl im engen Käfig sitzen,
+geht ihre Phantasie auf einsamen Schleichwegen zwischen Gefahr und
+lohnendem Sieg. Kommt nun einer der Ihrigen, erzählt er von irgend
+einer gelungenen Tat, dann tritt Leben in die leeren Augen, dann
+geht das träge Herz mal eine Stunde lang schneller, dann steigt's
+in müden Leibern auf wie Trotz und Kraft. Was bietet ihnen auch der
+Staat? Wieviel vom allgemeinen Erbe läßt er ihnen zukommen, und wie
+groß ist die Schädigung, die sie hinwiederum ihm zufügen? Mögt Ihr es
+entscheiden; ich tue es nicht.</p>
+
+<p>Vom Liebich-Müller erzählte mir der Hahnenwirt, daß er nicht mehr
+schmuggele. Die Fahrt mit dem Sarge war sein letztes unerlaubtes
+Überschreiten der österreichischen Grenze. Es machte dem Müller keinen
+Spaß mehr, zu schmuggeln. Denn die Franziska war tot, vor der er den
+Nebenbuhler lächerlich machen konnte. Mit dem Wenzel<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> vertrug er sich,
+wenn er ihn traf. Er gab jetzt sogar zu, daß der Wenzel gewissermaßen
+auch ein wenig im Rechte sei; denn wenn er, der Liebich, Grenzer wäre,
+gäbe es überhaupt keine Schmuggler mehr, sondern alle säßen auf Nummer
+Sicher. Da stimmte ihm dann der Hahnenwirt biedermännisch bei.</p>
+
+<p>Eines aber brachte dem Müller große Genugtuung. Etwa zwei Jahre nach
+Franziskas Tode heiratete Wenzel ein braves Mädchen aus dem gleichen
+böhmischen Dorf. Da hat Liebich, als Wenzel mit seiner Braut zur Kirche
+ging, bei Franziskas Grab gestanden und hineingesagt:</p>
+
+<p>»Weißte, Franzel, was der Wenzel macht? Hochzeit macht a. Mit der
+Nitsche Hedwig, dem albernen Ding. Da haste den Kerl! Was hab' ich dir
+immer gesagt? A Windhund is a. Ohne eene Spur von Treue. Da wirst du ja
+jetzt froh sein, daß du <em class="gesperrt">mich</em> genommen hast, denn ich hätte nie
+eene andre als dich genommen, nie!«</p>
+
+<p>Liebich nahm wirklich keine zweite Frau. Er widmete sich nur mit
+großer Liebe der Erziehung seines kleinen Sohnes. Über seine eigenen
+Schmugglererfolge wußte der Hahnenwirt nicht viel Erfreuliches zu
+berichten. Eines Abends, als Wenzel wieder einmal bei ihm eingekehrt
+war, steckte er ihm ein Lindenblatt an den Hut.</p>
+
+<p>»Ah, gilt die alte Korrespondenz immer noch?« fragte ich.</p>
+
+<p>»Nu natürlich! Sie roochen doch so gerne <em class="antiqua">Regalia media</em>, und
+ich hab' keene im Hause. Nu — Lindenbaum bedeutet eben <em class="antiqua">Regalia
+media</em>.«</p>
+
+<p>Am nächsten Tage wurde wirklich vom Blauen Hahnenwirt drüben eine Kiste
+<em class="antiqua">Regalia media</em> über die Grenze geschafft.</p>
+
+<p>Aber Hollmann war trotzdem unzufrieden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p>
+
+<p>»Wenzel hat meine Leute greulich oft erwischt,« sagte er
+niedergeschlagen. »Ich kann sagen, es kost' mich schon a Vermögen an
+Strafe. A paar von meinen Leuten haben sogar sitzen müssen. Na, das
+kost' dann erst recht viel. Der Kaiser hat nich so teure Hosen an
+wie su a Gebirgsweber, wenn a für unsereinen amal a Paar durchsitzen
+muß. Aber geschmuggelt muß sein; denn wer hier in der Gegend nich
+schmuggelt, is blödsinnig. Und geleimt wird a doch, das haben Sie ja
+geseh'n, wie a geleimt wird.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es vergingen wieder viele, viele Jahre. An mich kam die Vierzig heran,
+und mein Freund Hollmann hatte den Kopf voll weißer Haare, als ich ihn
+wieder traf. Verändert hatte sich aber sonst in den Grenzhäusern so gut
+wie nichts. Es ist mit dem Leben umgekehrt wie mit einer Drehscheibe:
+im Zentrum rast es am schnellsten, an der Peripherie scheint es still
+zu stehen.</p>
+
+<p>Ja, und doch hatte sich Neues und Großes in den Grenzhäusern ereignet.
+Des Wassermüllers Sohn Wilhelm war so herangewachsen, daß er schon
+seine Zeit bei den Hirschberger Jägern abgedient hatte, und der
+österreichische Zollbeamte Wenzel Hollmann hatte ein Töchterlein, das
+eine rechte frische Bergwaldsblume war. Es war die alte Geschichte: die
+beiden Kinder liebten sich, und die beiden Väter wollten von dieser
+Liebe nichts wissen, da sie ihnen ganz gegen das Herz war, wenn sie
+sich auch äußerlich vertrugen. Den Müller schmerzte oft die halblahme
+Schulter, die er dem Grenzer zu verdanken hatte, und dieser hatte
+auch keinen Grund, mit dem Müller recht intim zu werden. So taten die
+beiden Alten das Dümmste, was<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> sie junger, starker Liebe gegenüber
+tun konnten: sie sperrten sich dagegen. Daß das gar keinen Zweck
+hatte, ist unnötig zu erwähnen. Die Grenze hinüber und herüber wurde
+schönes, goldenes Liebesgut geschmuggelt: Briefe und Küsse, Blumen und
+Tränen. Und ging es gar nicht anders, so schlich der Mond, der älteste
+Schmuggler der Welt, hinter Wassermüllers Wald herum, nahm tausend
+Liebesgedanken als unerlaubtes Gut, stieg über die Berge, leuchtete dem
+dummen Grenzer, der unten auf dem Wege stand, dreist ins Flintenrohr
+und lieferte sein süßes Schmugglergut an des Töchterleins Kammerfenster
+ab.</p>
+
+<p>Schon gut; es ging, wie es halt fast immer geht: die beiden Alten
+mußten nachgeben. Und da kam ein Tag, wo in der Wassermühle ein großes,
+echtes Versöhnungsfest gefeiert und alles für die bevorstehende
+Hochzeit besprochen werden sollte. Gerade da war ich wieder einmal auf
+eine Woche im Roten Hahnen einquartiert.</p>
+
+<p>Eines Nachmittags war es, da fuhr ein Glaswagen beim Hahnen vor.
+Diesmal saß keine Strohpuppe darin und auch der Wenzel nicht beim
+Kutscher auf dem Bock, sondern stolz und feierlich neben seinem
+taufrischen Töchterlein. Gott, war das böhmische Mädel ein liebes Ding!
+Und der Wenzel — der war in Zivil. Hatte einen Zylinderhut aufs Haupt
+gestülpt, trug einen tadellosen Smoking und Lackschuhe mit Gamaschen.
+So fesch kann nur ein Österreicher aussehen. Langsam und feierlich kam
+er auf mich zu und reichte mir gerührt die Hand.</p>
+
+<p>»Schauns — so kommt's!« sagte er. »Aber das freut mich, daß Sie gerade
+hier sind. Sie gehören ja gewissermaßen dazu.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span></p>
+
+<p>Er legte seinen glänzenden Zylinder auf den Tisch und fuhr plötzlich
+zornig zurück.</p>
+
+<p>»Verflucht — wer hat mir denn an meinen Zylinderhut eine Kornblume
+gesteckt? Ist das eine Frechheit!«</p>
+
+<p>Der Rote Hahnenwirt kam heran, beguckte kopfschüttelnd die Blume und
+ging hinaus, wo er leise ein Fäßchen Wünschelburger Kornbranntwein nach
+dem Blauen Hahnen in Auftrag gab.</p>
+
+<p>Wenzel warf die Blume grimmig auf die Erde. Dann wurde er aber wieder
+feierlich und erzählte mir, als ob er sich entschuldigen müßte,
+warum er nun doch seine Einwilligung zu dieser Hochzeit gäbe. Wäre
+der Liebich noch ein Schmuggler — niemals, nie! Aber der sei kein
+Schmuggler mehr, der sei nur noch ein alter Esel. Und so fahre er jetzt
+mit der Ursula hin, und es solle ein schönes Familienfest werden. Der
+Hahnenwirt und ich, wir müßten mitmachen, denn wir gehörten dazu. Der
+Blaue Hahnenwirt drüben habe gerade die Gicht; sonst hätte er ihn auch
+mitgebracht. Im Wagen sei Platz für uns.</p>
+
+<p>Hollmann, der Wirt, mußte nun Toilette machen und erschien endlich in
+einem viel zu engen Gehrock, der den Globus seines Bauches nur bis zu
+den Wendekreisen bedeckte. Wir nahmen mit im Wagen Platz, und die Fahrt
+ging hinab nach der Wassermühle.</p>
+
+<p>Es ist für mich als Preußen schmerzlich zu sagen: aber mein Landsmann
+Liebich empfing seinen feierlich ausstaffierten Mit-Schwiegervater in
+Hemdsärmeln! Wenzel bemerkte es schon beizeiten und sagte leise zu mir:</p>
+
+<p>»Nu sagen's, wie konnte die Franziska an solchen Kerl nehmen, der nicht
+im geringsten an Schneid hat?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p>
+
+<p>Das Fest selbst aber wurde sehr, sehr schön. Junge Liebe und junges
+Glück zu sehen, ist freilich für den, der übers Leben schaut, eine
+wehmütige Freude, aber doch eine Freude voll schweren Erinnerungsduftes
+aus fernen Frühlingstagen.</p>
+
+<p>Liebich war sehr schweigsam. Die Verlobung wurde vollzogen, und
+der Wein, den wir tranken, war alles österreichische Marke und
+wahrscheinlich geschmuggelt; aber Wenzel ließ ihn sich schmecken;
+denn was ging es ihn an, wenn sich preußische Grenzer über den Löffel
+balbieren ließen? Ja, er trank viel und wir andern auch, und die
+Stimmung wurde sehr lustig. Da erhob sich der Müller zu einer Rede.</p>
+
+<p>»Hier sitzen wir nu, und das is sehr schön. Daß die Franziska nich
+dabei is, is freilich sehr schade. Aber ich weiß, wo die is; das weiß
+ich schon durch meine lahme Achsel. Na, das is nu aber ja längst alles
+vollkommen vergessen, und die Kinder, die sich heiraten werden, haben
+das alles nich mit erlebt. Wozu reden wir also erst darüber? Und damit
+du siehst, Wenzel, wie gut ich's mit dir meine, schenk' ich dir hier
+eine echt silberne Tabaksdose, damit du immer an mich denkst, wenn du
+draus schnupfst. Das Brautpaar lebe, hurra — hoch!«</p>
+
+<p>Aus blauem Florpapier wurde eine ganz prächtige silberne Dose enthüllt,
+die Liebich erst kurz zuvor in Breslau erstanden hatte. Wenzel war
+tiefgerührt. Es ärgerte ihn aber jetzt sehr, daß er kein Gegengeschenk
+hatte und nun in seinem Smoking gegen den Hemdärmelmann unvorteilhaft
+abstach. Als das reiche Abendbrot vorüber war und die Böhmen an die
+Heimkehr dachten, befahl der Müller seinem Sohne, nun auch ihr eigenes
+Wäglein zurechtzumachen;<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> sie würden die lieben Gäste heimbegleiten;
+denn so ein Tag wie heut sei nicht oft.</p>
+
+<p>Fröhlich ging es die Berge hinauf, der Grenze zu. Wir kamen ans
+österreichische Zollhaus. Ein Beamter trat heraus und fragte der Reihe
+nach jeden nach Steuerbarem. Wir verneinten alle, auch Wenzel, der
+Grenzer in Zivil, natürlich. Da sagte der Beamte, der (wie ich später
+erfuhr) auf seinen Kollegen nicht gut zu sprechen war:</p>
+
+<p>»Es tut mir leid, Herr Wenzel Hollmann; aber es ist eine Anzeige
+eingelaufen, Sie brächten eine neue silberne Dose über die Grenze.«</p>
+
+<p>Ein Schrei aus Wenzels Mund. Und schon flog ein Bündel blaues
+Florpapier auf die Straße und aus dem Papier heraus flog eine neue
+silberne Dose.</p>
+
+<p>Wir glaubten alle, nun müsse die Welt untergehen. Wenzel, der
+gefürchtete Grenzer, das Muster von Gewissenhaftigkeit und
+unnachsichtlicher Strenge, war beim Schmuggeln ertappt worden.</p>
+
+<p>Er stieg aus dem Wagen und klappte ganz zusammen. Gebrochen lehnte er
+sich mit seinem schönen Anzug an das sandige Rad, der Zylinder fiel ihm
+vom Kopfe.</p>
+
+<p>»Ich — ich — hab' — nicht drangedacht,« brachte er heiser heraus.</p>
+
+<p>Der Beamte zuckte die Achsel.</p>
+
+<p>»Es war meine Pflicht. Die Anzeige ist schriftlich gekommen.«</p>
+
+<p>Er hob die Dose auf.</p>
+
+<p>»Die muß ich natürlich konfiszieren. Bitt' schön!«</p>
+
+<p>Er wies mit der Hand auf die Tür des Zollhauses. Wie einen armen
+Schächer, der zum Schaffot getragen werden<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> muß, schleppten der
+Hahnenwirt und ich den unglücklichen Wenzel ins Amtslokal.</p>
+
+<p>Da mischte sich Liebich ein.</p>
+
+<p>»Herr Kontrolleur,« sagte er, »Sie wissen doch ganz genau, daß Herr
+Wenzel Hollmann nicht im Traume daran gedacht hat, absichtlich
+zu schmuggeln. Ein Beamter wie er — ich bitt' Sie! Ich habe ihn
+mit dieser Dose überrascht, hab' sie ihm geschenkt, und nu hat er
+eben nicht dran gedacht. Denken Sie etwa den ganzen Tag an Ihre
+Schnupftabakdose?«</p>
+
+<p>»Es tut mir leid — die Anzeige ist schriftlich gekommen; vor dem
+Gesetz sind alle gleich.«</p>
+
+<p>Die für Wenzel Hollmann maßlos qualvollen Formalitäten wurden
+vollzogen. Er brachte kaum ein Ja oder Nein heraus. Totenblaß saß er
+da. Der Müller erbot sich, alles zu zahlen, sowohl den Rückkaufspreis
+für die konfiszierte Dose, wie auch die ziemlich hohe Strafsumme.</p>
+
+<p>Endlich konnten wir weiterfahren. Der Müllersohn setzte sich zu seinem
+gänzlich gebrochenen zukünftigen Schwiegervater, und ich bestieg das
+Wäglein Liebichs, der die Zügel führte. Als wir ein Stück gefahren
+waren, sagte der Müller kleinlaut:</p>
+
+<p>»So is es! Erst macht's einem einen Heidenspaß, einen dummen Streich zu
+machen, und nachher kommen die Gewissensbisse.«</p>
+
+<p>»Was haben Sie denn?«</p>
+
+<p>»Was ich hab'? Ich hab' — ich hab' nämlich die Anzeige selber ins
+Zollamt geschickt.«</p>
+
+<p>»Sie sind wohl nicht gescheit?«</p>
+
+<p>»Nee, wahrscheinlich nicht! Es kommt mir jetzt so vor, als ob ich 'ne
+richtige Tracht Prügel verdiente.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p>
+
+<p>»Aber um des Himmels willen, warum haben Sie denn das getan?«</p>
+
+<p>»'s hat mir eben keine Ruh gelassen, ich mußt' ihm noch 'n Streich
+spielen, ich mußt' ihm noch was versetzen. Ich dachte, wenn wir erst
+verwandt sind, dann is es nu doch amal auf immer vorbei mit so was, und
+da hatt' ich mir das eben so schön ausgetüftelt und dachte, 's würde a
+Heidenspaß sein. Ich dachte, ich schenk ihm die Dose, und wenn a nach
+Hause fährt, denkt a nich an die Dose und fällt rein, weil a doch eben
+am Zollamt schon geklemmt is. Ein famoser Witz, dacht' ich. Aber jetzt
+— ob a etwa noch Unannehmlichkeiten bei seinen Vorgesetzten haben
+wird?«</p>
+
+<p>»Wahrscheinlich. Sicher sogar. Eine Strafversetzung wird wohl das
+Mindeste sein.«</p>
+
+<p>»Verdammt noch mal, bin ich ein Lausekerl!«</p>
+
+<p>Liebich kam in arge Gewissensnot.</p>
+
+<p>»Vor allen Dingen sagen Sie sonst niemand, daß Sie die Anzeige
+geschickt haben, sonst wird noch das junge Glück zuschanden, und was
+können die Kinder dafür?«</p>
+
+<p>»Nee, die können nischt dafür, daß sie solch mordsdämliche Väter haben.
+Sie halten mich wohl jetzt für einen großen Esel?«</p>
+
+<p>Ich schwieg, und er nickte trübe vor sich hin. Schließlich versprach
+ich ihm, eine ganz ausführliche Eingabe an die österreichische
+zuständige Behörde aufzusetzen und darin nachzuweisen, daß es sich bei
+der ganzen Angelegenheit um einen derben Schabernack gehandelt hätte,
+an dessen Ausgang der seit Jahrzehnten als goldtreu erprobte Beamte
+ganz unschuldig gewesen sei. Auch wolle ich versuchen, selbst bei den
+maßgebenden Persönlichkeiten vorstellig zu<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> werden und den Sachverhalt
+aufzuklären. Liebich meinte, wenn ich das täte, würde er es mir sein
+Leben lang nicht vergessen; denn die Reue über die elende Geschichte
+nehme ihm reinweg den Atem.</p>
+
+<p>Und so ist es gekommen. Die Eingabe und der Besuch taten ihre Wirkung.
+Wenzel erhielt eine Vorladung und kam mit einer sanften Nase davon. Als
+Liebich den guten Ausgang erfuhr, kicherte er in tiefstem Vergnügen und
+sagte zu mir:</p>
+
+<p>»Ich freu' mich jetzt doch riesig, daß ich mir den schönen Spaß gemacht
+habe.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Einer aber aus der edlen Grenzhäuser-Kumpanei erfuhr noch einen großen
+Schmerz, und das war mein Freund, der Hahnenwirt.</p>
+
+<p>Wieder einmal war Wenzel bei ihm eingekehrt und hatte seine Dienstkappe
+auf den Tisch gelegt. Da beschloß der Hahnenwirt seine übliche
+Bestellung beim »Blauen« drüben zu machen und steckte wie spielend
+ein Lindenblatt an die Mütze. Wenzel sah das, nahm das Blatt und
+zerpflückte es langsam.</p>
+
+<p>»Warum zerpflückst du denn das hübsche Blättel?« fragte der Wirt
+verwundert.</p>
+
+<p>Da sah ihn der Hollmann an und sagte langsam:</p>
+
+<p>»'s hat kan Zweck — der ›Blaue‹ drüben hat jetzt selber kane
+<em class="antiqua">Regalia media</em>.«</p>
+
+<p>Wie entgeistert saß der Hahnenwirt vor ihm.</p>
+
+<p>»Was — was meinst du denn damit?« stotterte er.</p>
+
+<p>»Ich meine,« sagte der Grenzer gemütlich, »daß du mich seit mehr als
+zwanzig Jahren für einen dummen Kerl<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> hältst, der Euch die Bestellungen
+hinüber und herüber schafft. Und ich meine, daß ich das seit zwanzig
+Jahren gewußt hab'. Hatt' ich aber ein Sträußerl an der Mütze, da wußt'
+ich: halt, heute is was los. Na, und hab' ich ja auch genug von Euren
+Leuten erwischt.«</p>
+
+<p>Das Gesicht meines Freundes Hollmann spiegelte ins Gelbgrüne. Mit
+schwerem Vorwurf gegen mich sagte er: »Und einem solchen Kerl haben Sie
+aus der Patsche geholfen!«</p>
+
+<hr class="r65">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p>
+<h2>Der Ausflug<br>
+<span class="s6">Eine Skizze aus meiner Dorfschullehrerzeit</span></h2>
+</div>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-079">
+<img class="w100" src="images/drop-079.jpg" alt=""></figure>ch bin
+einmal acht Monate lang Dorfschullehrer gewesen, und daß ich
+es gleich sage: diese stillen, einförmigen acht Monate stehen immer
+noch frisch im Felde meiner Erinnerung, während vieles andere nachher,
+was nach Meinung der Welt größer und bunter war, ausgelöscht ist ...
+verweht ... verloren.
+
+<p>Wenn die jungen Männer nach der ersten Lehrerprüfung das Seminar
+verlassen, kriegt irgendein Regierungsrat die Liste, und aus ihr greift
+er einen beliebigen Kandidaten heraus, wenn irgendwo eine Stelle zu
+besetzen ist. Ohne Wahl zuckt der Strahl! Ich kam unter allen meinen
+Kursusgenossen in das allereinsamste, weltverlorenste Dörflein. Es lag
+ganz im Flachlande; nur aus dämmernder Ferne her schimmerten die blauen
+Schlesierberge, die ich aus meiner Kindheit her kannte und liebte.
+Rings ums Dorf fette Felder und Wiesen, aber ohne alle Romantik, nur
+ein wenig Ufergebüsch war am Bach. Die Bauern waren fromme, stille
+Leute, ohne die Laune und den Schalk, den die Gebirgler haben. Es war
+ein wohlgeordnetes Bauerndorf. Wochentags Arbeit von Sonnenaufgang bis
+zur herandämmernden Nacht; Sonntag Vormittag waren alle Bewohner ohne
+auch nur eine einzige Ausnahme in der Kirche, Sonntag Nachmittag alle
+Männer in der Schenke (auch ohne eine allereinzige Ausnahme). Wenn die
+Abendglocke erklang, flogen alle Kartenblätter hin, und alle Hände
+falteten sich; wenn der letzte Ton eben verstummte, donnerten alle
+höchsten Trümpfe auf die Tische.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span></p>
+
+<p>»Und ich da mitten still und stumm!« Da sagten die Bauern: Er hat
+wahrscheinlich die Schwindsucht. Schade um ihn!</p>
+
+<p>Das sagte sich auch meine kreuzbrave Frau Hauptlehrerin, und sie
+pflegte und fütterte mich deshalb mit rührender Sorgfalt. Ihr ebenso
+braver Gatte erklärte mich aber für kerngesund und gab mir von seinen
+besten Zigarren. Dieser Hauptlehrer war ein munterer Geist, eigentlich
+auch ein Verschlagener. Der Mann war auf sieben Blätter abonniert,
+das waren die sieben fetten Kühe für ihn und mich am Nilfluß dieser
+Einsamkeit.</p>
+
+<p>Das Dorf lag über zwei deutsche Meilen von der Kreisstadt entfernt.
+Diese Kreisstadt war ja selbst klein und ohne reges Leben. Sie zählt
+etwa siebentausend Bewohner. Aber es war doch eine Stadt. Es gab sogar
+Soldaten dort und einen Bahnhof, auf dem allerdings die Schnellzüge
+nicht hielten, es war vor allen Dingen dort der breite, tiefe Oderfluß.
+Gegen unser Dorf war diese Stadt ein tumultuarisches Großgemeindewesen
+voll Glanz, Abwechslung, Sehenswürdigkeiten, Vergnügungen und Gefahren.
+Man wisperte bei uns von dieser Stadt, wie man anderwärts von Berlin
+oder Hamburg wispert.</p>
+
+<p>Unsere Dorfleute kamen fast niemals nach der Kreisstadt. Es war »zu
+weit«. Selbst für die reichen Bauern, die sechs Pferde im Stall hatten
+und die einen Glaswagen besaßen, war es »zu weit«. Wer einem Bauern
+eine Spazierfahrt zumutet, wenn es nicht gerade ganz offiziellen
+Lustbarkeiten gilt, wie: Hochzeit, Kindtaufen, Begräbnis oder
+Gerichtstermin, der täuscht sich. Nur bei solchen Anlässen »spannt der
+Bauer ein«, sonst nicht.<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> Wie sollten die Leute nach der Kreisstadt
+oder gar darüber hinaus kommen? Es war noch ein näher gelegener
+Marktflecken da; der hatte zwar keine Eisenbahn, und die Bürger
+sprangen dort auf die Straße, wenn ein so modernes Wunder durchkam, wie
+es ein Radler ist, aber unsere Leute konnten in diesem Marktflecken
+alles kaufen, was zum Leben gehörte und was sie nicht unmittelbar
+selbst aus Landwirtschaft und Viehzucht beziehen konnten. Was sollten
+sie in der Kreisstadt? Wie sollten sie dahin gelangen? Zu Fuß gehen,
+drei Stunden hin, drei Stunden her, für nichts und wider nichts, als
+dort Geld auszugeben und sich vielleicht hänseln lassen? Nein! Sie
+brauchten die Kreisstadt nicht! Sie brauchten die Welt nicht! Sie waren
+sich selbst genug, sie waren die unabhängigsten Leute, die ich in
+meinem Leben kennen gelernt habe.</p>
+
+<p>Manchmal kam mir das Große solch wurzelstarken, selbstsicheren Lebens
+schon damals zum Bewußtsein; aber ich war blutjung, eben zwanzig Jahre
+alt, ich kam aus der Großstadt Breslau, wo meine Studiengenossen
+Heilgans und Böttger und ich es unter unserer Würde gehalten hätten,
+in der »Freistunde« von was anderem zu reden, als von Alvary als
+Siegfried, von Possart als Richard III., von d'Andrade als Don
+Juan, ich kam von Breslau, wo schon damals (<em class="antiqua">anno</em> 1893) die
+Pferdebahnen rasselten und die Droschkenkutscher lackierte Zylinder
+hatten.</p>
+
+<p>Oh, und ein Mensch, der den Wagner- und den Shakespearestil inne
+hatte, mußte nun abends vor diesem Schulhaus sitzen und zusehen, wie
+unser Dackel, der von meinem Hauptlehrer auf den Namen des englischen<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span>
+Staatsmannes »Pitt« getauft war, der schnurrbärtigen Therese,
+einer alten Schachtel, den Rock zerriß und wie der Hauptlehrer die
+Geschädigte mit den Worten beschwichtigte: »Pitt, der Kerl, kann eben
+wirklich kein hübsches, junges Mädel vorbeigehen lassen.«</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">In minimis natura maxima</em>« hatte auch mich der alte, große Linné
+gelehrt; aber ich wußte das damals nicht aufs Leben anzuwenden — ich
+war zu jung, ich hatte Heimweh nach der Welt. Ich sah nach den Bergen,
+über die Berge hinaus in die große bunte Weite ...</p>
+
+<p>Ein Junge zeigte in der Schulpause einem Mädel einen alten Kalender,
+und sagte: »Siehst du, so sieht eine Eisenbahn aus!« Ich besah das
+Bild. Es war eine Darstellung der ersten Eisenbahn, die im Jahre
+1835 von Fürth nach Nürnberg fuhr, mit der bekannten Stephensonschen
+Lokomotive mit dem hohen Schornstein und den Wagen, die wie mit Planen
+überspannte Reisekutschen aussahen.</p>
+
+<p>»Habt ihr wirklich noch keine richtige Eisenbahn gesehen?« fragte
+ich. Aus den erstaunten Augen der Kinder las ich das Überflüssige
+meiner Frage. Am Abend jenes Tages sagte ich zu meinem Hauptlehrer:
+»Wir wollen etwas tun. Wir wollen mit den Schulkindern einen Ausflug
+unternehmen, aber nicht nur bis zur Kreisstadt, nein, bis nach Breslau;
+wir wollen ihnen die Oder zeigen, die Eisenbahn und eine große Stadt.«</p>
+
+<p>Er war ein kluger Mann und sagte: »Ja.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Einfach war die Sache durchaus nicht. Auch wenn wir von allen inneren
+Widerständen, die wir in der Gemeinde gegen solch ein Abenteuer finden
+mußten, absahen,<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> machte uns der »Fahrplan« viel Schmerzen. Unser Dorf
+lag von Breslau in der Luftlinie etwa vierzig Kilometer entfernt,
+aber wir durften für den Ausflug nur einen Tag in Anspruch nehmen und
+verzweifelten an der Aufgabe, an einem Tage vierzig Kilometer hin und
+her zu machen und noch einige Stunden Zwischenpause herauszubringen.
+Endlich gelang es. Wenn wir morgens früh zwei Uhr mit der ganzen
+Schar aufbrachen, konnten wir abends zwischen zehn und elf, also nach
+zwanzigstündiger Reise zurück sein und behielten noch einige Stunden
+für die Besichtigung von Breslau. Die »Verbindung« war nicht glänzend;
+heute fährt man in derselben Zeit von Berlin bis nach Serbien.</p>
+
+<p>Der Pfarrer, der Ortsschulinspektor war, stand unserem Plan freundlich
+gegenüber; er sagte, er möchte sich selbst gern beteiligen, wolle aber
+die Messe nicht ausfallen lassen. Schließlich vermeldete er am nächsten
+Sonntag von der Kanzel: »Eines Schülerausflugs wegen ist die heilige
+Messe nächsten Dienstag nachts ein Uhr.« Die Gemeinde horchte auf, und
+die ganze beträchtliche Oppositionspartei, die sich inzwischen gegen
+den Ausflug gebildet hatte, löste sich schon in den Kirchenbänken
+stillschweigend auf.</p>
+
+<p>Der, dem's am meisten zu Herzen ging, war der Schneider Dierschke. Ich
+sah ihn auf seinem Platz sitzen und in tiefer Betrübnis den grauen Kopf
+schütteln. Nach dem Gottesdienst machte ich mich im Kirchgängerstrom an
+Dierschke heran.</p>
+
+<p>»Nu, Meister Dierschke, Sie werden doch ihren Enkelsohn auch mit fahren
+lassen?«</p>
+
+<p>Er schüttelte unwillig den Kopf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p>
+
+<p>»Wilhelm fährt nicht mit.«</p>
+
+<p>»Warum denn nicht?«</p>
+
+<p>»Es hat keinen Zweck. Ich bin siebzig Jahre alt; ich bin bloß einmal
+im Leben in die Stadt gekommen. Da habe ich eine Eisenbahn gesehen. Es
+saßen vier Männer oben drauf, aber sie hatte sechsundfünfzig Wagen.
+Weiter bin ich nicht gekommen. Ich bin siebzig Jahre alt, der Junge ist
+erst elf Jahre. Er kann noch lange warten.«</p>
+
+<p>»Fahren Sie doch selber auch mit. Es fahren viele Eltern mit.«</p>
+
+<p>»Ich werd' mich schön hüten.«</p>
+
+<p>»Aber warum denn?«</p>
+
+<p>»Das da, da außen, das ist alles bloß Gaukelei.«</p>
+
+<p>Nun schwoll mir aber das Herz. Die »Kulturmission« überkam mich,
+diesem Hinterwäldler, der im Leben nur einen Güterzug gesehen hatte,
+ganz gehörig den Text zu lesen, ihm sein eigenes Leben so erbärmlich
+wie möglich hinzustellen und die Fremde zu preisen, die er mit ihren
+milliardengestaltigen Schönheiten und Reichtümern nicht kannte und
+darum haßte. Er bilde sich ein, ein sehr guter Großvater zu sein, aber
+er sei ein sehr schlechter; denn er verwehre seinem Enkel den Einblick
+in eine Welt, wo dieser einmal ein viel besseres Fortkommen finden
+könne als in diesem entlegenen Dorf.</p>
+
+<p>Dierschke hatte verschiedene Male meinen Redestrom unterbrechen wollen,
+aber es gelang ihm nicht; ich sprach ... ich sprach ... nun etwa im
+Stile Possarts als Richard III.</p>
+
+<p>Am Schluß lachte der Schneider, und ich ärgerte mich schwer über diese
+Wirkung meiner rednerischen Leistung. Nach einem Weilchen aber lächelte
+Dierschke und sagte:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p>
+
+<p>»Herr Lehrer, ich werd' Ihnen was sagen: Wir waren drei Brüder, alle
+drei Schneider. Der Vater war Schneider, was sollten wir anders werden?
+Zwei von meinen Brüdern sind in die Welt gegangen. Einer ist ein Lump
+geworden, der andere hat in Breslau ein schönes Schneidergeschäft
+gehabt; das ist so lange schön gewesen, bis sein Erspartes weg war und
+mein Erspartes, was ich ihm geborgt hatte, auch. Und nun bin ich alt,
+und meine Frau ist tot, und meine einzige Tochter ist auch tot, und ich
+hab' nur noch den Wilhelm. Der soll zu Hause bleiben.«</p>
+
+<p>Da verstummte meine weltmännische Beredsamkeit.</p>
+
+<p>»Nun, Meister Dierschke,« sagte ich, »es zwingt Sie ja natürlich
+niemand; aber ich hätt' halt den Wilhelm gern mitgehabt, weil ich ihm
+gut bin.«</p>
+
+<p>»Ich weiß schon, Herr Lehrer,« nickte der Schneider freundlich.</p>
+
+<p>Da kam der Bauer Puder vorbei.</p>
+
+<p>»Schneider,« sagte er, »ich laß meinen Jungen auch nicht mit; ich denk'
+gar nicht dran! Solche Faxen machen wir nicht mit!«</p>
+
+<p>Der Bauer Puder vertrug sich fast mit niemanden aus der Gemeinde,
+natürlich auch nicht mit der Schule. Der handelte aus purer
+Widerspruchslust, und seine Worte gingen an mir vorbei.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Draußen lag die warme, dunkle Sommernacht, aber in der Kirche war es,
+als sei Christnachtsfeier. Die Altarkerzen leuchteten in den dunklen
+Raum, große Schatten stiegen an den Wänden hinauf, hie und da war ein
+goldenes<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> oder silbernes Aufblinken von einem Leuchter oder einer
+Figur; die Kirche war bis zum letzten Platz gefüllt, vor jedem Beter
+stand ein Wachsstöcklein, das mit zarter gelber Flamme leuchtete,
+oben auf dem Orgelchor sangen die Schulkinder; zu zweien oder dreien
+standen sie um ein Lichtstümpflein zusammen, die jungen Gesichter
+waren rot beleuchtet, die alten frommen Lieder klangen, diesmal mit
+ein wenig aufgeregten Stimmen, und ich saß auf der Orgelbank und war
+nicht weniger erregt als die Kinder. — Das ist ein Bild, das in meiner
+Erinnerung blieb und mir auch heute noch den Gedanken nahelegt: mit
+Künstleraugen gesehen, gibt es kaum einen lieberen Beruf als den eines
+Dorfschullehrers; er ist sehr arm an äußeren Genüssen, aber unendlich
+reich an inneren Freuden, und die Freude steht so hoch über dem Genuß
+wie das Gold über dem Kupfer; jede reine Freude, die du genossen,
+ist wie ein goldener Schmuck, den du erworben, bleibt unveränderlich
+und unvergänglich im Wert, setzt keinen Grünspan giftiger Reue an
+und rettet in armen Tagen vor bitterster Not. Wie ich als junger
+Mann da so die Orgel spielte in dem nächtlichen Gottesdienst und die
+frischen Kinder, die einem großen Augenblick, dem Einblick in die
+Welt, entgegensahen, singen hörte, dachte ich: solche Freuden, solche
+Schmuckstücke will ich mir sammeln. Vielleicht, daß ich in Kriegszeiten
+des Lebens manches von ihnen unter die Ackerfurche des Daseins
+vergraben muß — aber ich weiß, wo alles liegt, und grabe aus, was ich
+brauche.</p>
+
+<p>Die Orgel verstummte, die Lichter wurden eilig ausgepustet, die
+Kinderschar drängte die Chortreppe hinab; draußen auf der Straße,
+zwischen Kirche und Schule,<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> warteten die mit Reisern geschmückten
+Leiterwagen, die uns nach der Kreisstadt, bis an den Oderfluß bringen
+sollten. Wir hatten nämlich — großzügig, wie wir nun mal waren —
+mit einem Dampfschiff ein Abkommen getroffen, nach dem uns dieses um
+viereinhalb Uhr verladen und auf dem Wasserwege nach Breslau befördern
+wollte. Nun sagte der Schulze: um viereinhalb in der Kreisstadt sein,
+das bedeute, spätestens um zwei Uhr zu Hause wegfahren; denn sechzehn
+Kilometer in zweieinhalb Stunden zurückzulegen, sei keine Kleinigkeit.
+—</p>
+
+<p>Wer diese Rosse vor den Leiterwagen auf der nächtlichen Landstraße
+stehen sah, gab dem Schulzen ohne weiteres Recht. Denn diese Rosse
+rechneten so: wenn man einen Pflug zieht, braucht man zu einer Furche,
+die hundert Schritt lang ist, fünf Minuten. Nun kann man ja einen Wagen
+etwas schneller ziehen, aber wie kommt diese verrückte Gesellschaft
+überhaupt dazu, uns jetzt aus dem Stall zu zerren, wo wir doch gar
+noch nicht ausgeschlafen haben? Die Rosse waren wie der Bauer Puder,
+sie waren nicht für solche »Faxen«. Als aber die Kinder mit einem
+ungeheuren Lärm auf die Wagen drängten, spitzten sie die Ohren, und
+Lehmanns Schimmel schüttelte wild die Mähne, worauf Lehmann dringend
+mahnte, »ganz stille« zu sein; denn sein Schimmel sei ein junges
+feuriges Tier, das ginge leicht durch.</p>
+
+<p>Gerade als wir abfahren wollten, kam der Schneider Dierschke an mich
+heran. Er brachte seinen Enkelsohn und sagte:</p>
+
+<p>»Der Wilhelm soll doch mitfahren.«</p>
+
+<p>»Es ist recht, Meister. Wir passen schon auf ihn auf. Aber wollen Sie
+nicht selbst mitfahren?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p>
+
+<p>Sein altes kluges Auge glimmte auf.</p>
+
+<p>»Es mag schon sehr schön sein,« sagte er; »aber ich will doch zu Hause
+bleiben.«</p>
+
+<p>Und er sah seinen Enkel noch einmal stumm, aber mit liebender Sorge an,
+als ob er ihn auf eine unendlich weite Reise schicke, und ging seiner
+Wege.</p>
+
+<p>Fort ging die Fahrt zum Dorf hinaus. Die Kinder saßen ganz stumm.
+Schon gleich hinter der Dorftafel spähten sie mit großen Augen, ob
+etwas Neues zu sehen sei. Es waren aber die alten, bekannten Felder
+und Wiesen, umhüllt von den Schleiern der dunklen Nacht. Ein frischer
+Morgenwind blies von Osten her, es war ganz still, nur die Wagen
+knarrten den Weg entlang.</p>
+
+<p>Eine Stunde verging, ein fremdes Dorf tauchte auf. Was mag das sein?
+wisperten die Kinder. Einer nannte den Namen. Nun waren alle in großer
+Erwartung. Ach, es war ein Dorf wie das unsere, aber es wurde sehr
+bewundert.</p>
+
+<p>Auf der Dorfstraße stand der Nachtwächter, sichtlich ein Bild krassen
+Erstaunens. Wie ein Hexenspuk fuhren die buntgeschmückten Wagen an
+ihm vorbei. Ich saß auf dem letzten Wagen, und als ich an dem Wächter
+vorbeikam, brachte er heraus:</p>
+
+<p>»Was .. was .. ist das? Wo fahrt Ihr hin?«</p>
+
+<p>»Wir fahren ins Morgenland,« rief ich ihm zu.</p>
+
+<p>»Ins Morgenland!« schrie er und streckte fassungslos den Spieß in die
+Luft. Der gute Mann hatte noch eine Stunde Dienst und hat gewiß in
+dieser Nacht nicht mehr einschlafen können.</p>
+
+<p>Die Sonne kündigte sich an. Schon wehten ihre königlichen<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Purpurfahnen
+am Himmelstor. Da sangen die Kinder das freundliche Geibellied:</p>
+
+<p class="center">»<em class="gesperrt">Wer recht in Freuden wandern will,<br>
+der geh' der Sonn entgegen.</em>«</p>
+
+<p>Zwischendurch merkte ich, daß die meisten Kinder ihre Proviantpakete
+ausgepackt und schon in der ersten Reisestunde den größten Teil der
+Vorräte verputzt hatten. Wenn ein gesunder Mensch aufgeregt ist, fängt
+er an zu essen, und diese Kinder waren aufgeregt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wir gingen zu Fuß durch die morgendlich beleuchteten Straßen der
+kleinen Stadt. Die Kinder bestaunten die hohen Häuser und tauschten
+Vermutungen, daß in ihnen lauter Millionäre wohnten. Beim ersten
+Uhrmacherladen kamen wir nicht vorbei, die ganze Klasse machte vor
+dem Schaufenster Halt, drängte sich und reckte die Hälse, starrte
+in ein Wunderland von Reichtum. Beim Bäckerladen kam einer auf den
+Gedanken, sich ein Stück Kuchen zu kaufen, was zur Folge hatte,
+daß die ganze Herde ihm nachlief und der Bäcker seinen Laden wegen
+zu großen Andranges des Publikums zeitweilig schließen mußte. Er
+dienerte dann auch noch lange mit seinem dicken Bauch hinter uns her.
+Dieselbe Szene wiederholte sich vor einer Wurstmacherei, die aus
+irgend einem Grunde schon geöffnet war, und es schmerzte mich, daß
+die Kinder sich so viel mehr für materielle Genüsse begeisterten, als
+für einen prächtigen alten Straßenwinkel, auf den ich ganz vergebens
+aufmerksam machte. Streuselkuchen und Knoblauchwurst, welch ein Genuß
+für lebenshungriges Volk! Von<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> wertvollen Baulichkeiten machte nur
+der Kirchturm wegen seiner Höhe und ein Springbrunnen wegen einiger
+komischer Figuren Eindruck, alles Alte kam den Naturkindern schäbig
+und wertlos vor; dagegen riefen einige kitschige moderne Villen einen
+gewaltigen Eindruck hervor. Und der Oderstrom! Ein paar riefen Ah! und
+Oh!, als sie ihn sahen, den meisten merkte man eine leise Enttäuschung
+an — sie hatten sich ihn größer vorgestellt. Unübersehbar breit und
+unergründlich tief, schäumend und zischend, von tausend Schiffen
+belebt. O, die Wirklichkeit hat Mühe, der Phantasie von Dorfkindern
+gerecht zu werden. Als aber der kleine Oderdampfer kam, der uns
+aufnehmen sollte, kannte die Verwunderung keine Grenzen. Dem wirklich
+Großen kommt naives Volk nicht nahe, das Kleine, das es versteht und
+für groß hält, ist es, was ihm dient.</p>
+
+<p>Dieser Dampfer war ein merkwürdiges Schiff. Er machte mit seinem
+Triebrad einen Mordslärm, er dampfte, tutete, klingelte, ratterte,
+rasselte mit Ketten, stampfte, er fuhr angeblich sogar, aber er kam
+nicht vorwärts. Ob er das auch nicht beabsichtigte, weiß ich nicht,
+aber es wäre gegen die Verabredung gewesen, da wir doch nach Breslau
+wollten. Jedenfalls torkelte dieses Schiff immer von einem Ufer zum
+anderen, immer hinüber und herüber, und ein Mann, welcher als der
+Kapitän des Schiffes galt, erklärte uns, es seien so viele Haltestellen
+da. Anfangs glaubte ich dem Schiffer nicht, aber nach einer Stunde
+sah ich ein, daß wir uns tatsächlich vorwärts bewegt hatten —
+wahrscheinlich durch die Flußströmung — denn die Türme der Kreisstadt
+waren nicht mehr zu sehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p>
+
+<p>Bei so mäßiger Schiffsbewegung ist es verwunderlich, daß ein paar
+Kinder seekrank wurden. Streuselkuchen, Knoblauchwurst und nun auf dem
+Dampfer eine Himbeerlimonade nach der anderen — es war schlimm! Der
+Kapitän schüttelte den Kopf und sagte, sein Schiff »schlingere nicht«.
+Ich hätte auch wissen mögen, wie es das fertig gebracht hätte.</p>
+
+<p>Zu sehen war nicht viel Neues. Felder und Wiesen wie daheim. Nur wenn
+einmal ein Stück schöner Eichenwald auftauchte, wurden die Kinder
+still und nachdenklich. Und als sie Flößer sahen, die auf ihrem
+luftigen Fahrzeug eine kleine Strohhütte hatten und davor ein offenes
+Feuerchen brannten, schrien die Jungen: »Indianer! Indianer!« Einer
+von den Slowaken, die da von ihrer Beskidenheimat den langen Oderstrom
+hinunterfuhren gen Stettin, trat an den Rand des Floßes und rief ein
+paar polnische Worte herüber.</p>
+
+<p>»Ein Seeräuber!« sagte ein Junge.</p>
+
+<p>Ein »guter« Lehrer hätte wohl nun augenblicklich einen lehrreichen
+Vortrag über die Flößerei gehalten, über den Holzhandel vom
+karpatischen Waldgebirge nach der Ostsee hin, aber die Kinder sahen mit
+so großen Augen nach den vermeintlichen Indianern und dem Seeräuber,
+daß ich lieber ein schlechter Lehrer war und schwieg, bis das Floß
+mit dem Strohhäuslein und dem flackernden Feuerchen den staunenden
+Kinderaugen entschwand.</p>
+
+<p>Einer mied beständig meine Nähe. Das war Wilhelm Dierschke. Da merkte
+ich auch die Ursache; er war barfuß. »Junge«, sagte ich, »wo hast
+du denn deine Stiefel? Du kannst doch nicht wie ein Gänserich durch
+Breslau latschen!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span></p>
+
+<p>»Im Sommer drücken mich die Stiefel,« entgegnete Wilhelm, »da hab' ich
+sie heute früh ausgezogen und an der Oder versteckt.«</p>
+
+<p>»Wo hast du sie versteckt?«</p>
+
+<p>»An der Oder in einen Strauch, ehe wir eingestiegen sind.«</p>
+
+<p>»Und wenn sie jemand sieht und stiehlt?«</p>
+
+<p>Seine Augen zogen Wasser.</p>
+
+<p>»Sie kosten elf Mark,« sagte er voller Angst, »und drei Mark ist der
+Großvater beim Schuster noch schuldig.«</p>
+
+<p>Die Stiefel waren so gut wie verloren. Da wir die Rückfahrt mit der
+Bahn machten, kamen wir gar nicht mehr an die Oder. Und das mußte
+gerade dem Enkel des Weltverächters Dierschke passieren. Aber ich
+tröstete den Jungen. Mitreisende wohlhabende Bauern steckten mir so
+viel Geld für die Kinder zu, daß ich, um nicht alle seekrank zu machen,
+auf Überschüsse sinnen mußte, die ja schließlich dem Stiefelverlust
+gegenüber zu verwenden waren.</p>
+
+<p>Wie es möglich war, weiß ich nicht, aber wir kamen richtig nach Breslau
+und zwar noch am Vormittag desselben Tages, an dem wir früh 2 Uhr
+abgefahren waren.</p>
+
+<p>»Es sind vier Meilen,« sagte der Kapitän mit Wichtigkeit, und die
+Kinder horchten auf und dachten nach, wie weit sie nun von Zuhause
+entfernt seien. Am Zoologischen Garten landeten wir.</p>
+
+<p>Für Kinder gibt es in Zoologischen Gärten nur fünf Arten von Tieren,
+die wirkliches Interesse bieten: erstens die Affen, zweitens der
+Elefant, drittens die Bären, viertens das Nilpferd, fünftens der Löwe.
+Alles andere<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> und seien es auch die größten Seltsamkeiten, wird nur
+nebenher mit halbem Auge betrachtet. Wir standen an jenem Tage volle
+drei Viertelstunden vor dem Affenhause. Das Vergnügen endete mit einem
+groben Scherz. Ein Bauer neckte einen Affen dadurch, daß er ihm statt
+eines Stückes Zucker ein Stück Kreide gab. Als nun der Bauer demselben
+Affen ein rohes Ei durchs Gitter reichte, warf es ihm das erboste
+Tier, in der Meinung abermals gefoppt zu sein, an den Kopf. Dieses
+Attentat löste sowohl bei den Affen als auch bei den Kindern ungeheure
+Heiterkeit aus; der übel zugerichtete Bauer aber knurrte, er mache
+nicht mehr mit, und verließ uns.</p>
+
+<p>Von Käfig zu Käfig ging es. Manchmal hörten die Kinder auf meine
+Erklärung, aber nur, wenn sie ein wenig romantisch oder anekdotenhaft,
+nie, wenn sie lehrhaft trocken war. Immer langsamer lief der Zug,
+die erste Müdigkeit stellte sich ein. In einem Wirtsgarten, wo wir
+einkehrten, stürzten sich die Kinder wieder auf die materiellen
+Genüsse, aber sie naschten mehr, als sie aßen. Einige saßen ganz still
+auf ihren Stühlen, nutschten an grellfarbenen Zuckerstangen und sahen
+stumm vor sich hin, und ein alter Bauer seufzte tief auf und sagte:</p>
+
+<p>»Wie wird nur jetzt alles zu Hause sein?«</p>
+
+<p>Ich glaube, der Alte hatte eine Anwandlung von Heimweh, er sehnte sich
+von den fremden Tieren weg nach dem heimischen Stall. Und ich sagte zu
+ihm:</p>
+
+<p>»Sehen Sie, Vater Schulz, der Löwe, der uns so verachtungsvoll
+angesehen hat, der denkt auch an seine Heimat. Er denkt an das
+Felsengebirge in der Wüste, von dem herab seine Eltern nach Beute
+schauten; er hat nichts vergessen; er hat es im Instinkt; er denkt
+immer: Wie<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> mag nur jetzt alles zu Hause sein? Und er ist in fremdem
+Lande eingesperrt bis an sein Ende.«</p>
+
+<p>»Es kann einem eigentlich leid tun um die Tiere,« sagte der Alte.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte ich, »mir tut es auch leid. Es ist unendlich viel Qual,
+ungestillte heiße Sehnsucht nach Heimat und Freiheit in solch einem
+Garten. Man sagt, sie seien der Wissenschaft halber da; aber das ist
+nicht wahr, sie sind nur der Schaulust, der plumpen Unterhaltungslust
+wegen geschaffen.«</p>
+
+<p>So setzte ich mich selbst ins Unrecht. Aber ich konnte nicht anders;
+ich hatte wieder zu viel Trübsinn aus der Tierseele leuchten sehen, und
+ich sagte es ja auch nur zu Vater Schulz.</p>
+
+<p>Das Siegesgewisse meiner Laune sank überhaupt merklich. Was konnte
+ich den Kindern von der großen Stadt zeigen, wieviel Einblick
+ihnen gewähren in einen solchen Riesenorganismus? Straßenverkehr,
+Straßenlärm, ein Vorbeigehen an glitzernden Schauläden, ein kurzes
+Verweilen am Stadtgraben, wo die Schwäne schwammen, das war eigentlich
+alles. Zweiundachtzig weltfremde, ungeschickte Kinder im Gewühl der
+Großstadt zusammenzuhalten, war wahrlich keine Kleinigkeit für uns,
+die wir die Verantwortung hatten. Die Kinder gingen ängstlich und
+gänzlich stumm vor Staunen durch die Stadt. Nur hin und wieder war es
+möglich, ihnen eine Erklärung zuzurufen; aber ihre Gesichter waren
+so unbeweglich, daß man nicht wissen konnte, ob sie etwas besonders
+interessiere oder nicht. Soldaten marschierten vorbei, das war das
+Schönste. Wenn ich aber den Kindern sagte: hier ist das Rathaus,
+eines der schönsten Gebäude der Welt, so<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> verstanden sie nicht, warum
+dies alte Haus so schön sein sollte, und wenn ich sagte, das ist das
+Theater, wußten sie nicht, was das sei. Die Schauläden zogen wie
+Kaleidoskopbilder schnell vorüber; denn wir durften ja nicht stehen
+bleiben, und so entschieden sich die Kinder später bei der Beantwortung
+der Frage, was auf der Hauptstraße von Breslau am schönsten gewesen
+sei, zur Hälfte für die Soldaten, zur anderen Hälfte für einen Mann,
+der bunte Gummiballons zu verkaufen gehabt hatte.</p>
+
+<p>So durften wir ja nicht nach Hause fahren! Ich führte die Kinder
+truppweise auf den Aussichtsturm der Liebichshöhe, von der man das
+Häusermeer Breslaus überschauen kann. Da wurde den Kindern die Größe
+einer solchen Stadt klar. Sie rissen die Augen auf und atmeten
+schwerer. Aber es war doch eben nur ein totes Häusermeer, was sie
+sahen, und es hätte gar keinen Zweck gehabt, ihnen ein Dutzend Namen
+von Kirchen und anderen Baulichkeiten zu nennen. So fing ich an zu
+reden: »Seht ihr dort draußen das große Gebäude? Es ist eine Fabrik.
+Zweitausend Menschen arbeiten jetzt darin im Schweiße ihres Angesichts.
+Das erscheint euch viel. Aber seht euch diese unzähligen Dächer an.
+Unter fast allen wird gearbeitet von hunderttausenden von Menschen.
+Dort oder dort stirbt vielleicht jetzt gerade ein Mensch; denn alle
+Tage sterben in einer solchen Stadt viele Menschen; da oder dort
+freut sich gerade eine Mutter, daß sie ein neues Kind bekommen hat;
+dort steht ein großes Krankenhaus, hunderte von Menschen leiden darin
+Schmerzen; von dorther tönt Musik, da freuen sich lustige Leute. Und
+seht, wie die Lastwagen fahren, jeder nach seinem Ziel, jeder mit<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span>
+einem bestimmten Zweck, und wie die Leute unten auf der Straße wimmeln,
+jeder mit anderen Gedanken, jeder mit anderem Zweck und Ziel. Das weite
+Land, das ihr seht, versorgt die Stadt täglich mit Mehl und Fleisch,
+Obst und Gemüse, und die Stadt schickt hinaus Geräte und Kleider und
+Möbel und Uhren. Und dort fährt die Eisenbahn.«</p>
+
+<p>Da starrten die Augen.</p>
+
+<p>»Wo fährt sie hin?«</p>
+
+<p>»Sie fährt wohl nach Berlin; aber mancher, der drin sitzt, reist weiter
+bis an den Rhein oder gar hinüber nach Amerika und kommt niemals
+wieder. Da fährt er hin, und da drüben ist der Bahnhof, und da steht
+jetzt noch eine Frau, die hat das Taschentuch vor den Augen und weint.«</p>
+
+<p>»Es ist viel in der Stadt,« sagte ein Kind.</p>
+
+<p>»Seht ihr das rote Haus dort? Das ist das Gefängnis. Da sitzen
+unglückliche Menschen, die das Gesetz nicht achteten, und zählen die
+Tage, bis sie wieder einmal frei unter anständigen Leuten gehen können.
+Dort ist der Dom, daneben wohnt der Fürstbischof; in jenem Hause wohnt
+der oberste General.«</p>
+
+<p>»Und wo wohnen wir?« fragte ein Kind.</p>
+
+<p>»Dort ist der Zobtenberg, den wir auch zu Hause sehen, nur daß er hier
+etwas anders ausschaut, und wenn ihr links an ihm vorbei in die Ferne
+seht, da liegt hinter der Himmelslinie unser Dorf.«</p>
+
+<p>Die Kinder bohrten die Blicke in den Dämmerdunst der Ferne, und ob sie
+natürlich auch nichts von ihrem Dörflein erspähen konnten, sie schauten
+immer wieder hin und winkten mit den Händen.</p>
+
+<p>»Es ist viel in der Stadt!« hatte ein Kind gesagt. Das<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> war mir genug.
+Die Kinder hatten einen Eindruck empfangen, wir fuhren nicht leer nach
+Hause.</p>
+
+<p>Und ein gewaltiges Neues kam noch: die Kinder fuhren mit der Eisenbahn.
+Auch mancher Erwachsene aus unserer Schar fuhr zum ersten Male mit
+der Bahn. Wer lächelt darüber? Wie lange fliegen heute schon unsere
+Luftschiffe? Wer flog mit? Und wer würde heute nicht mit ebenso
+feierlichem, die Angst schlecht verhehlendem Gesichte im Luftfahrzeug
+sitzen, wie damals diese Kinder im Eisenbahnzuge? Dem Neuen gegenüber
+sind wir alle Kinder.</p>
+
+<p>Der Zug flog donnernd dahin, und als wir schon nach kurzer Zeit auf dem
+Bahnhof der heimischen Kreisstadt anlangten, stiegen alle mit einem
+frohen Lächeln aus:</p>
+
+<p>»Es ist vorbei! Es ist gut gegangen!« Und sie fingen an zu lärmen und
+sahen mutig um sich.</p>
+
+<p>Wir suchten den Gasthof wieder auf, in dem uns die Wagen erwarteten,
+und ich hielt einen Generalappell. Ich zählte die Kinder.</p>
+
+<p>Einundachtzig!</p>
+
+<p>Ich zählte nochmals. Wieder einundachtzig! Da brach mir der Schweiß
+aus, und ich zählte zum dritten Mal einundachtzig. Mit zweiundachtzig
+Schülern waren wir fortgefahren, zweiundachtzig hatten wir noch
+in Breslau in die Eisenbahnwagen hineingezählt, jetzt waren nur
+einundachtzig.</p>
+
+<p>»Es fehlt jemand. Wer fehlt?« fragte ich.</p>
+
+<p>»Ich nicht! Ich nicht!« schrien etwa zwanzig. Da fuhr ich nervös
+dazwischen:</p>
+
+<p>»Ihr Schafsköpfe, ich frage nicht, wer <em class="gesperrt">nicht</em> fehlt, ich frage,
+wer fehlt!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p>
+
+<p>Der aber, der fehlte, meldete sich nicht. Ich brüllte über den Hof:
+»Es fehlt ein Kind!« Der Hauptlehrer, der Pfarrer, die Bauern eilten
+herbei, regten sich auf und suchten. Vergebens!</p>
+
+<p>»Wer fehlt?«</p>
+
+<p>»Ich nicht!« sagte noch einer; der kriegte ein Kopfstück.</p>
+
+<p>Plötzlich kam mir die Erleuchtung.</p>
+
+<p>»Ist Wilhelm Dierschke da? Wilhelm Dierschke! Wilhelm Dierschke!«</p>
+
+<p>Keine Antwort. Nun wußte ich, wer fehlte. Wilhelm Dierschke hatte
+sich vom Bahnhofe weggeschlichen, um am Oderfluß seine versteckten
+Stiefel zu suchen. Es ward schon dunkel, die Kinder mußten nach Hause;
+es war ja noch ein Weg von 2-1/2 Stunden zurückzulegen. Da ließ ich
+die neunundneunzig in der Wüste, ich ließ sie nach Hause fahren und
+ging das verlorene Schäflein suchen. Als »guter Hirt« kam ich mir
+aber gar nicht vor. Ganz im Gegenteil. Ich wußte, daß der Junge seine
+Stiefel versteckt hatte, ich hätte mir denken müssen, daß er sie suchen
+würde, da er sie doch wiederhaben wollte, und ich hätte am Bahnhof auf
+Wilhelm Dierschke besonders aufpassen sollen. Ich hatte es aber unter
+einundachtzig anderen Sorgen vergessen, und der Junge hatte sich auch
+so heimlich entfernt, daß nicht ein einziger seiner Kameraden darauf
+aufmerksam geworden war.</p>
+
+<p>Ich stürmte durch die Stadt, dem Oderstrom zu. Meine Phantasie malte
+mir gräßliche Bilder. Der täppische Junge ist in der Abenddämmerung
+an den Fluß gekommen, die Böschung ist steil, er hat gesucht, nicht
+gefunden, ist ausgeglitten, schwimmt vielleicht jetzt schon weit den
+Fluß hinunter, und der alte Mann, dessen<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> einziges Lebensglück er ist,
+wartet daheim, und ich habe den Jungen übernommen.</p>
+
+<p>Einmal mußte ich auf dem kurzen Wege stehen bleiben, um Luft zu
+schöpfen. Dann endlich war ich am Oderfluß. Ich erkannte die
+Landungsstelle.</p>
+
+<p>»Wilhelm Dierschke! Wilhelm Dierschke!« rief ich.</p>
+
+<p>Es kam keine Antwort. Ich rief, ich schrie, ich schlängelte mich durch
+das Ufergebüsch.</p>
+
+<p>Ich lugte ins Wasser.</p>
+
+<p>Ruhig floß der Strom; der Wind wehte durch die Bäume. Immer wieder rief
+ich — den Fluß hinauf und hinunter rannte ich — es war alles umsonst.</p>
+
+<p>Nach einer langen Zeit fragte eine Stimme:</p>
+
+<p>»Wer ruft denn hier?«</p>
+
+<p>Es war ein Fischer. Er sagte, er sei seit vielen Stunden am Fluß, noch
+lange vor Abend, aber er habe keinen Knaben gesehen. Ob er denn nicht
+den Fluß absuchen könne, fragte ich in meiner Verwirrung. Er schüttelte
+lächelnd den Kopf.</p>
+
+<p>»Wenn er hineingefallen ist,« sagte er mit der rücksichtslose Offenheit
+so einfacher Leute, »dann ist er hin. Denn es ist hier tief und
+reißend.«</p>
+
+<p>Tränen würgten mich. Da schüttelte er wieder den Kopf und sagte:</p>
+
+<p>»Gehn Sie doch mal zur Polizei. Ich werd' Ihnen den Weg zeigen.«</p>
+
+<p>Das war ein Rat, der mir einleuchtete. Ich ging mit dem Schiffer nach
+der Stadt zurück, nicht ohne wiederholt stehen zu bleiben und laut zu
+rufen. Der Schiffer führte mich einen Weg durch enge Gassen. Und in
+der allerengsten Gasse, wohin ich selber niemals gefunden hätte —<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span>
+fand ich Wilhelm Dierschke. Er verteidigte heldenmütig sich und seine
+kanonenrohrartigen Stiefel gegen eine Schar von Gassenjungen, die das
+Dorfkind belagerten.</p>
+
+<p>Selig rief ich »Wilhelm! Wilhelm!« und hielt ihn in den Armen samt
+seinen Stiefeln.</p>
+
+<p>Wir gingen dann miteinander durch die Stadt. Ich fand kein Wort des
+Vorwurfs; ich sagte dem Jungen nur, die anderen seien schon nach Hause,
+da es doch bereits spät sei; wir beide würden nun in einem Gasthaus
+übernachten und morgen früh um 3-1/2 Uhr aufbrechen, da seien wir noch
+vor Schulanfang zu Haus. Wilhelm schluckte an seinen Tränen, preßte mit
+jedem Arm einen Stiefel an seine Brust und sagte gar nichts.</p>
+
+<p>Da fiel mir der Großvater ein. Was für ein furchtbarer Jammer, wenn die
+anderen heimkehrten und allein sein Wilhelm fehlte! Eine telegraphische
+Nachricht jetzt während der Nacht zu geben, war ganz ausgeschlossen. Da
+sagte ich: »Wilhelm, wir müssen noch heute Nacht nach Hause gehen; es
+ist wegen deinem Großvater.«</p>
+
+<p>Der Junge nickte gehorsam, aber ich merkte, er war todmüde. Und ich
+war auch müde. Da fragte ich den Schiffer, der noch bei uns war, ob er
+uns wohl eine Fuhre nach dem Dorfe J. besorgen könne. Er fragte, wo J.
+liege; ich beschrieb es ihm.</p>
+
+<p>»Oh, wer wird jetzt in der Nacht so weit über Land fahren,« sagte er
+abweisend.</p>
+
+<p>Ich sagte, es müsse sein, und bot zehn Mark Fuhrlohn. Zehn Mark waren
+damals sehr viel Geld. Da sagte der Schiffer, er habe einen Bruder, der
+Droschkenkutscher und ein sehr gefälliger Mensch sei; wenn es dieser
+nicht täte, täte es keiner. Ehe dieser Bruder gefunden war, ehe er<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span>
+eingespannt hatte, vergingen abermals dreiviertel Stunden, viel zu viel
+Zeit für meine Unruhe.</p>
+
+<p>Endlich fuhr das Wäglein die dunkle Landstraße entlang. Das Kind
+schlief ein, der Nachtwind kühlte meine heiße Stirn, und ich war
+glücklich.</p>
+
+<p>Wohl noch eine halbe Meile vor unserem Dorfe hörte ich plötzlich
+eine Stimme durch die Nacht rufen: »Wilhelm! Wilhelm! Großer Gott!
+Barmherziger Gott!«</p>
+
+<p>Es war der alte Großvater, der sein Enkelkind suchte. Ich rief zurück,
+sprang vom Wagen herunter und lief auf ihn zu. Er sah aus wie ein
+Irrsinniger, das lange weiße Haar flatterte um seinen bloßen Kopf.</p>
+
+<p>»Ist er da? Lebt er?«</p>
+
+<p>»Es ist alles gut, Meister. Da auf dem Wagen sitzt der Wilhelm.«</p>
+
+<p>Der Schneider trat heran.</p>
+
+<p>»Junge!«</p>
+
+<p>»Ich hatte meine Stiefel verloren,« sagte der Kleine mit weinerlicher
+Stimme.</p>
+
+<p>Ich setzte den Großvater zu dem Jungen in den Wagen und mich beiden
+gegenüber.</p>
+
+<p>»Ich werd' alles vergelten, Herr Lehrer,« sagte der Schneider mit
+bebender Stimme.</p>
+
+<p>»Davon ist gar keine Rede, Meister! Sie müssen mir nur versprechen, daß
+Sie nicht böse sind auf mich.«</p>
+
+<p>Er schüttelte den Kopf und weinte leise. Nach einer Weile sagte er:</p>
+
+<p>»Es ist alles gut. Der Junge ist da.«</p>
+
+<p>»Und«, sagte der Junge, »wir fahren in einem so schönen Wagen, und die
+Stiefel sind auch da. Ach, Großvater, es war so schön, so sehr schön,
+daß ich mitgefahren bin.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p>
+
+<p>Der Alte wollte heftig widersprechen, aber er sah mich an, wollte mich
+nicht kränken und sagte:</p>
+
+<p>»Ja, es war wohl schön, daß du mitgefahren bist.«</p>
+
+<p>Im Dorfe waren noch alle Leute munter, alle in Aufregung. Wir wurden
+mit herzlicher Freude empfangen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<div class="avoid-break">
+
+<p>Das war der einzige Ausflug, den ich mit Schulkindern als
+Dorfschullehrer gemacht habe. Schon nach acht Monaten rief mich meine
+Behörde in eine größere Stadt, wo ich an der Lehrervorbildung mithelfen
+mußte. Einmal bekam ich einen anonymen Brief, dessen Poststempel leider
+auch nicht zu entziffern war. In dem Briefe war nichts enthalten als
+ein Zehnmarkschein. Ich habe noch heute den Verdacht, daß der Brief vom
+Schneider Dierschke war.</p>
+
+<hr class="r65">
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p>
+<h2>Das Telefon des Bildschnitzers<br>
+<span class="s6">Eine Bergstadtgeschichte</span></h2>
+</div>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-105">
+<img class="w100" src="images/drop-105.jpg" alt=""></figure>lle
+Sommermärchen sind aus: die, die im Kelch der Rose wohnten wie
+in einer rotleuchtenden Stadt; die, die um nackte Füßlein spielender
+Kinder durch den Bach schwammen; die, die auf den tönenden Flügeln des
+Gartenkonzerts dahinhuschten über glühende junge Wangen und sich im
+stillen Walde verloren. Alle sind aus.
+
+<p>Es war einmal — es ist nicht mehr!</p>
+
+<p>Auch das Sommer- und Lebensmärchen des Bilderschnitzers Klemens ist
+nicht mehr. Sein Junge ist gestorben und begraben worden. Es war ein
+klarer Herbsttag, als sie den kleinen Hermann in die Grube legten; die
+Luft war voll Gebet und Liederklang, voll vom Weinen der Weiber und den
+scheuen Seufzern der Männer; es sangen auch noch ein paar Vögel, mit
+dem Schnabel nach Süden hin, und die roten Blätter wirbelten, und auf
+den Kirchturm, von dem die Glocke klang, schwamm von Norden her eine
+Wolke zu. Ein Weilchen blieb dies Bild stehen mitten im Herbsttag, und
+dann gingen alle nach Hause.</p>
+
+<p>So war des Bilderschnitzers Sommer- und Lebensmärchen zu Ende.</p>
+
+<p>Manchmal lacht Klemens und hält sich für einen Narren. Die ganze Zeit,
+als er das Roß mit dem Araber geschnitzt hat, hat er doch gemeint,
+daß das Roß lebe und der Araber lebe, und hat meist in Hemdsärmeln
+dagesessen, weil ihm die Glut der Wüstenluft allzu arg zusetzte. Wußte
+er nicht<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> genau, daß sein Araber gegen Omar ben Alef ansprang, gegen
+den Prahler, der geschworen hatte, ihn lebend zu fangen und ihm den
+Bart zu scheren, und den er nun in die Hölle schicken würde? War nicht
+deshalb der Ansprung des Pferdes so kühn, das Auge des Reiters so
+erschrecklich, der Arm so wuchtig gehoben, die Beine im Bügel so zum
+Reißen gestrafft, weil eben alles lebendig gewesen war, als Klemens
+die Gruppe schuf? Gewiß war es lebendig und ist's auch noch, denn
+manchmal noch fährt Klemens dem Reiter in die Haare, weil sie ihm nicht
+vom Schweiß der Anstrengung verklebt genug sind, oder er bringt ein
+Fältlein im Mantel, das noch zu ordentlich liegt, in flatternden Wurf.</p>
+
+<p>Alles lebt; alles ist wirklich. Aber eines Tages wird ein reicher Mann
+kommen, von dessen Gunst der arme Klemens leben muß, und ihm den Araber
+abkaufen, um ihn bei sich daheim auf ein langweiliges Wandbrett zu
+stellen oder ihn gar seinen verwöhnten Sprößlingen zum Zerbrechen zu
+geben.</p>
+
+<p>Dann sind Araber und Roß, Omar ben Alef und Wüstenkampf, Palmenwipfel
+und heiße Luft ein Märchen gewesen, und das Märchen ist aus.</p>
+
+<p>Der Pfarrer hat am Grabe des kleinen Hermann ein paar sehr schöne Sätze
+gesprochen. Er hat so gesagt:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span></p>
+
+<p>»Klemens, manche Leute sagen, du seist halt ein Spielzeugmacher oder
+Bilderschnitzer wie viele in unserer Bergstadt und anderswo. Aber du
+bist ein Künstler; das wissen alle die, die etwas davon verstehen. Da
+kommt es wohl öfters vor, daß du an einer Gruppe, die du mit großer
+Kunst und viel Mühe und Treue geschaffen hast, mit tiefer Liebe hängst.
+Aber eines Tages kommt ein reicher Mann und kauft dir die Gruppe ab,
+und du mußt sie ihm hingeben, denn das Leben zwingt dich dazu. Dann
+bist du wohl traurig in deinem Herzen, aber du tröstest dich in dem
+Gedanken: der reiche Mann wird mein Werk in einen schönen Saal stellen,
+wo andere herrliche Kunstwerke stehen, und kluge Menschen werden ihre
+Freude an dem Werk haben und ganz im geheimen den Mann segnen, der es
+geschaffen hat. Nun siehe, lieber Klemens, das herrlichste Kunstwerk,
+das je ein Menschenauge in deiner Werkstatt sah, war dein Sohn. Nicht
+nur, daß er von dir abstammte; du hast an nichts so viel Sorge, so
+viel Mühe und Verständnis gewandt wie an dies Kind, das leiblich und
+seelisch wuchs und wurde zum wunderbaren Kunstwerk. Zehn Jahre lang
+hast du an ihm gebildet und alle Freuden des schaffenden Künstlers an
+ihm erlebt. Da kam der reiche Mann — der reichste Mann der Welt und
+begehrte den Knaben für sich und sagte: ›Meister Klemens, ich will
+deinen Hermann für meinen goldenen Himmelssaal. Dort wird er weilen im
+Licht der Ewigkeiten, und Heilige und Weise, Patriarchen und Engel, der
+Chor der Jungfrauen und alle Künstler und Könige, die in die Heimat
+fanden, werden ihn sehen, werden sich seiner Edelgestalt freuen und
+werden den segnen, von dem er stammt. Und ich selbst werde dich lohnen
+mit Gütern, die<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> niemand vergeben kann als ich.‹ Die Not des Lebens
+zwang dich, lieber Meister Klemens, dem reichen Manne dein Kleinod
+zu geben. Aber wenn du auch traurig bist, sieh ohne Verzweiflung dem
+entschwundenen Gute nach und tröste dich mit Gedanken von ewiger
+Schönheit, die über die schmalen Grenzen dieses Lebens hinausgehen und
+denen du folgen kannst!«</p>
+
+<p>Von diesem starken Trostwort lebte der Bilderschnitzer nun seit drei
+Monden. Er sprach es sich alle Tage vor, und es tat ihm immer wieder
+wohl. Aber die trüben, trüben Tage kamen, da die Menschen verdrossen an
+den Fenstern vorbeigingen, der Regen über die Scheiben weinte und der
+Efeu frierend in die Stube sah — die Tage, da alles so furchtbar leer,
+die Arbeit so zwecklos, das Leben so ohne alle Gnade und Freude war,
+und dann schrie er nach dem Kinde, dann zerraufte er sich das Haar, da
+stieß er einmal mit dem Fuße nach seiner schönsten Gruppe, dem heiligen
+Hubertus, daß dem Jäger die Armbrust brach und der Hirsch mit dem
+weißen Kreuzlein verwundert auf den tobenden Meister sah.</p>
+
+<p>Als Advent kam, wurde es schlimmer mit Klemens. Da nicht Leute genug
+in der Bergstadt wohnten, die teure Holzschnitzereien kauften, erwarb
+der Meister einen Teil seines Lebensunterhaltes dadurch, daß er vor
+Weihnachten künstlerisches Spielzeug schuf. Ein Hanswurst, den er mit
+ein<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> paar kräftigen Schnitten aus Tannenholz formte, hatte größeren
+Kunstwert als viele Goetheköpfe, die aus Marmor sind und in den
+großstädtischen Bazaren stehen. Das war immer die schönste Zeit des
+Jahres gewesen, die stillen Novembertage und der verschneite Advent.
+Dann war's am heimlichsten gewesen in Bildschnitzers Stube, dann war
+der Junge, der Frühling, Sommer und Herbst auf der Straße war oder über
+die Stadtmauer kletterte, daheim beim Vater, und er dichtete mit ihm
+Kunstwerk um Kunstwerk.</p>
+
+<p>»Vater, mach' ein Schiff mit drei Segeln! Ein Mohr und eine schöne
+Engländerin müssen darin sitzen, und auf dem Mast sitzt ein Affe, der
+frißt eine Nuß. Der Mohr hat die Engländerin geraubt und der Affe die
+Nuß.«</p>
+
+<p>Dann guckte der Bilderschnitzer schief über die Brille auf den
+Jungen, in dessen Kopf es so kurios aussah, und fing an, das Schiff zu
+schnitzen, den Mohren und den Affen. Der Junge sah zu und war ein so
+strenger Regisseur und Kritiker, daß der Alte dachte: »Was wird aus ihm
+werden?« — »Vater, mach' eine kleine Tonne mit einem Schwimm-Männlein
+darin, das auf- und abtaucht, und das Schwimm-Männlein muß aussehen
+wie der Ratsdiener Mathies, der sich zu Tode trinkt.« — »Vater, bau'
+ein großes Fernrohr, mit dem man in die Erde gucken kann. Man muß die
+Bergleute sehen, man muß die Zwergemännchen sehen, wie sie Gold und
+Silber aushacken, und man muß den Teufel sehen, wie er brennt.«</p>
+
+<p>Ein solches »Fernrohr in die Erde« hat Klemens gebaut, ein Rohr mit
+auswechselbaren Bildern, und viel Geld damit verdient.</p>
+
+<p>Einmal sagte der Kleine: »Du müßtest eine Wunderschachtel bauen können,
+in die man hineinspricht, und die Worte müssen darin bleiben, und erst,
+wenn man den Deckel aufmacht, kommen sie wieder heraus.«</p>
+
+<p>Das Kind hatte nie etwas von Grammophon und Telephon gehört, und
+Meister Klemens zerbrach sich lange den Kopf, ob er es ermöglichen
+könne, ein sprechendes Grammophon zu kaufen. Aber es war zu teuer, und
+so kam Klemens darauf, sich ein Haustelephon zu bauen. Als der Knabe
+einmal<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> einige Tage verreist war, legte er es an. Es führte vom Atelier
+des Meisters, das unter dem Dache lag, hinab in die Wohnstube, die zu
+ebener Erde war. Unten hauste die Frau. Sie war die zweite Gattin des
+Meisters; Hermanns Mutter war bei seiner Geburt gestorben. Die zweite
+war ein stilles Weib, hatte selbst keine Kinder, und wenn sie auch für
+den Knaben nie stürmische Zärtlichkeiten hatte, so war sie doch immer
+von gleichbleibender Fürsorge für ihn.</p>
+
+<p>Bei der Mutter war Hermann, als ihm das Wunder des Fernsprechers
+offenbar wurde. Die Mutter sagte nachmals, sie hätte geglaubt, der
+Junge bekäme die Krämpfe. Seine Aufregung und Freude begnügte sich aber
+in Zukunft nicht, mit dem Vater durchs Haus zu sprechen, die Leitung
+mußte bis ans Ende des Gartens in einen leeren Schuppen verlängert
+werden. Nun wollte der Junge stundenlang mit dem Vater sprechen, der
+oben im Hause unter dem Dache saß. Der Alte war selbst ein kindischer
+Gesell, der solche Dinge liebte, aber mit der Zeit wurde ihm der Spaß
+zu zeitraubend, und Hermann bestellte sich Freunde nach dem Schuppen,
+die er vom Atelier aus ansprach. Ihm blieb es immer die gleiche Lust,
+Worte in die Ferne zu richten. Als er aber einmal einem Kameraden die
+ganze Geschichte vom ägyptischen Josef durchs Telephon erzählte und am
+Schluß fragte, ob er auch alles verstanden habe, kam keine Antwort.
+»Es muß eine Störung in der Leitung sein,« sagte der Vater. Es war
+aber keine Störung in der Leitung, sondern dem Zuhörer in dem kalten
+Schuppen war die Geschichte zu lang geworden und er war davongelaufen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span></p>
+
+<p>»Er ist ein Esel,« sagte Hermann verächtlich; »ich würde eher erfrieren
+als von dem Telephon fortgehen.«</p>
+
+<p>Niemals hatte der Junge ein Spielzeug gehabt, das ihn so gefesselt
+hätte, wie dieses Telephon. Seine Phantasie spielte den ganzen Tag um
+den Kupferdraht, der das unverstandene Wunder enthielt. Sein Vater
+erzählte ihm, wie weit andere Leute mit dem Telephon sprechen können —
+über Berg und Tal, durch Stadt und Land, ja, übers Meer hinweg. Dann
+wurden die dunklen Augen des Knaben rein starr.</p>
+
+<p>»Telephoniert der Kaiser auch?« fragte er atembenommen.</p>
+
+<p>»Freilich telephoniert er!«</p>
+
+<p>»Aber — aber wenn er einmal seinen Soldaten telephoniert — so zum
+Beispiel — wenn er ein wenig böse ist: ›Stillgestanden! Linksum
+kehrt!‹, und das geht durchs ganze Land, erschrecken da nicht die Leute
+in den Städten und die Rehe im Walde, wo der Draht hindurchgeht?«</p>
+
+<p>Der Bilderschnitzer brummte, das sei ihm ganz egal, ob die Rehe
+erschräken oder nicht, und der Junge träumte weiter. Lange Pause.</p>
+
+<p>»Aber wir können doch mit unserem Telephon nur bis in den Schuppen
+sprechen,« kommt's endlich.</p>
+
+<p>»Wenn der Postmeister drüben über der Straße einen Draht an unser
+Telephon macht, können wir sprechen, soweit wir wollen.«</p>
+
+<p>Wieder lange Pause.</p>
+
+<p>»Aber wie ist's mit dem lieben Gott? Wenn er alles kann, muß er doch
+auch telephonieren können.«</p>
+
+<p>»Freilich kann er!«</p>
+
+<p>»Auch mit Draht?«</p>
+
+<p>Dem Bilderschnitzer, der gerade einem alten Landsknecht die Nase mit
+einer Warze verziert, wird die Fragerei unbequem.</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht! Vielleicht knüpft er einen Mondenstrahl an den Draht
+an.«</p>
+
+<p>»Einen Mondenstrahl!«</p>
+
+<p>Der Junge träumte; er sieht die Leitung bis in den Himmel.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p>
+
+<p>So war's meist, wenn der Bilderschnitzer mit seinem Buben zusammensaß.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Im letzten Advent saßen sie auch so beisammen. Es war schon Abend, das
+Feuer brannte im Ofen, und es war ganz still in der Stube. Auf einmal
+geht die Klingel am Telephon.</p>
+
+<p>Die beiden fahren auf und erschrecken sehr.</p>
+
+<p>»Wer kann das sein? Mutter?«</p>
+
+<p>»Mutter ist doch in Bärsdorf und kommt erst mit dem Abendzug zurück.«</p>
+
+<p>»Wer kann es sein?«</p>
+
+<p>Der Bilderschnitzer nimmt den Hörer.</p>
+
+<p>»Holla! Wer ist dort? — Was? — Was? — Ach — ach — ich — oh — oh
+Majestät ...«</p>
+
+<p>Er legt bestürzt den Hörer weg.</p>
+
+<p>»Hermann, der Kaiser will dich sprechen.«</p>
+
+<p>»Was? Wer? Mich? — der Kaiser? O, Vater!«</p>
+
+<p>»Ja — ja, er ist am Telephon. Komm schnell, du darfst ihn doch nicht
+warten lassen — denk' doch, der Kaiser ...«</p>
+
+<p>»Ich kann doch nicht — ich — ich hab' ja gar nicht den Sonntagsanzug
+an.«</p>
+
+<p>»So bitt' halt um Entschuldigung, und nun mach' rasch!«</p>
+
+<p>Der Vater schiebt den Jungen zum Telephon. Der ist feuerrot im Gesicht
+und zittert mit der Hand, als er den Hörer ans Ohr legt.</p>
+
+<p>»Hier ist der Kaiser!« sagt eine bärentiefe Stimme, »der richtige
+Kaiser in Berlin. Wer ist dort?«</p>
+
+<p>»Hier — hier« — meckert ein Stimmchen, »hier ist — bin ich!«</p>
+
+<p>»Wer ist ›ich‹?« fragt der Brummbaß unwirsch.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span></p>
+
+<p>»Bildschnitzers Hermann aus der Bergstadt,« piept das Stimmchen.</p>
+
+<p>»So! Na, dich will ich ja eben sprechen.«</p>
+
+<p>»Ich bitte — bitte — um Entschuldigung, weil ich nicht den
+Sonntagsanzug anhab' — aber bei uns ist heut erst Donnerstag.«</p>
+
+<p>»So!« lacht der »Kaiser«; »Ihr seid wohl dort ein bißchen zurück? Bei
+uns in Berlin ist schon Sonnabend.«</p>
+
+<p>»Bitt' um Entschuldigung!« wiederholt das Büblein.</p>
+
+<p>»Geschenkt! Geschenkt!« erwidert der Kaiser. »Dein Anzug ist ja gar
+nicht so schlecht. Bloß der zweite Knopf an der Jacke fehlt und der
+Absatz am linken Schuh.«</p>
+
+<p>»Ja, ja,« stottert erschrocken der Junge; »der Müller Eduard hat ihn
+mir abgerissen.«</p>
+
+<p>»Den Absatz?«</p>
+
+<p>»Nein, den Knopf!«</p>
+
+<p>»So!« sagt der Kaiser; »nun, das wollte ich zuerst wissen. Und nun was
+anderes. Ich habe gehört, du möchtest gern eine Prinzessin heiraten.
+Ist das wahr?«</p>
+
+<p>»Bitt' um Entschuldigung; ich hab' bloß Spaß gemacht.«</p>
+
+<p>»Waaas? Bloß Spaß? Erst redste dicke Worte und dann willste kneifen?«</p>
+
+<p>Der Kaiser ist offenbar böse. Da sagt der Bub mutig: »Wenn ich eine
+kriege, werd' ich sie schon heiraten.«</p>
+
+<p>»Na, das wollt' ich mir auch ausgebeten haben,« sagt der Kaiser. »Ich
+laß meine Prinzessinnen nicht gern in unnützes Gerede kommen. Also, was
+willste für eine — willste nu eine mit Krone oder eine ohne Krone?«</p>
+
+<p>Der Junge überlegt sich's drei Sekunden lang; dann sagt er:</p>
+
+<p>»Ach, dann bitte eine mit Krone.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p>
+
+<p>»Hm!« brummt der Kaiser. »Also schön, eine mit Krone! Abgemacht! Grüß
+deinen Vater, und zu Weihnachten ist die Hochzeit!«</p>
+
+<p>Klinglingling — das Gespräch ist aus.</p>
+
+<p>Der Junge steht noch ein Weilchen wie erstarrt, dann springt er dem
+Vater an den Hals: »Der Kaiser hat mit mir telephoniert — der richtige
+Kaiser in Berlin — ich — ich — heirat' eine Prinzessin mit einer
+Krone!«</p>
+
+<p>»Donnerwetter!« schreit der Bilderschnitzer und haut den hölzernen
+Landsknecht auf den Tisch, daß er beide Beine bricht. Fünf Minuten
+lang schreien sie beide durcheinander, einer immer aufgeregter als der
+andere. Sie fuchteln mit den Händen, sie sind krebsrot, sie reden immer
+beide zu gleicher Zeit. Da wird der Junge ein wenig stiller und sagt:</p>
+
+<p>»Er hat's gesehen, daß mir da — da — ein Knopf fehlt — und (er hebt
+das Bein) da ein Absatz.«</p>
+
+<p>»Ein scharfes Auge hat der Kaiser!« sagt der Vater bewundernd. »Es ist
+eigentlich peinlich!«</p>
+
+<p>»Ach,« sagt der Junge, »es schad't nichts, er war ja ganz gemütlich.«</p>
+
+<p>»Hm!« brummt der Vater. Sie sprechen dann mancherlei. Es ist schon am
+Anfang Dezember und bis Weihnachten kaum drei Wochen. Wer weiß, ob
+der Stache-Schneider bis dahin noch einen neuen Anzug fertig machen
+kann. Und ein neuer Anzug muß sein, wenn man eine Prinzessin heiratet.
+Und dann — wenn die Prinzessin kommt mit ihrer langen Schleppe und
+der goldenen Krone und den Hofdamen und Pagen, und drei Automobile
+und sieben Pferde wird sie gewiß auch haben — wie bringt man soviel
+unter in fünf Stuben und einem kleinen<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> Gartenschuppen? Und wenn sie
+immerfort französisch spricht und den ganzen Tag Champagnerwein trinken
+will, der so teuer ist?</p>
+
+<p>Es geht lange hin und her, und schließlich meinen beide, Vater
+und Sohn, diese überstürzte Heirat mit der Prinzessin mache viel
+Scherereien und allerhand Schwierigkeiten und werde sehr kostspielig
+sein. Am besten wäre es, man wäre die Geschichte wieder los. Aber wie?
+Es ist immer leichter, eine zu bekommen, als eine wieder loszuwerden.
+Und nun gar, wenn es eine Prinzessin ist.</p>
+
+<p>Schließlich sagt der Vater, er wolle einmal in den »Löwen«
+hinübergehen; dort sitze jetzt sicher der Herr Kantor, der Hermanns
+Pate war, mit dem wolle er den schwierigen Fall besprechen.</p>
+
+<p>Der Herr Pate saß wirklich am Stammtisch und lachte Tränen, weil auch
+er gerade der Runde das telephonische Gespräch erzählt hatte. Und als
+Meister Klemens nach einer Stunde wieder heimkam, sagte er zu seinem
+Sohne:</p>
+
+<p>»Die Sache ist gemacht! Wir telephonieren jetzt den Kaiser an. Ich hab'
+mich erkundigt: er hat natürlich Telephonnummer Million. Also du sagst:
+er möchte, bitte, entschuldigen, du könntest die Prinzessin nicht
+heiraten, denn du seist erst neun Jahre alt, und dein Herr Kantor und
+Pate erlaube es nicht!«</p>
+
+<p>Der Junge sträubt sich und will nicht; er sagt, er geniere sich vor dem
+Kaiser; aber endlich kommt das Gespräch zustande. Der Kaiser ist auch
+gleich aufs erste Klingelzeichen am Apparat.</p>
+
+<p>»Waas?« brüllt er. »Du willst nicht? Der Kantor erlaubt's nicht?
+Wer hat mehr zu sagen: der Kaiser oder<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> der Kantor? Ich werde mein
+Kriegsheer schicken und den Kantor totschießen lassen.«</p>
+
+<p>»Nein — nein — bitte — bitte — nicht,« wimmert das Büblein.</p>
+
+<p>»Der Kantor ist wohl dein Lehrer?«</p>
+
+<p>»Ja, ja!«</p>
+
+<p>»Hast du ihn denn so gern — den Lehrer?«</p>
+
+<p>»Ja — ja — ich hab' ihn — sehr — sehr lieb! Er ist sehr gut und
+lustig.«</p>
+
+<p>Da muß sich offenbar der »Kaiser« an der anderen Seite des Drahtes die
+Nase schneuzen. Man hört es deutlich. Und dann sagt er ganz milde:</p>
+
+<p>»Du bist ein guter Junge — und du kannst bei deinem Vater und deinem
+Lehrer bleiben, und zu Weihnachten kommt eine ganze Kiste Soldaten und
+Kanonen für dich.«</p>
+
+<p>Klinglingling! Das Gespräch war aus.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Nur ein Jahr war das her. Es war alles wie sonst, das Feuer brannte im
+Ofen, die Arbeit lag auf dem Tische, viele Bestellungen kamen Tag um
+Tag.</p>
+
+<p>Der Bilderschnitzer aber starrte ins Licht der Lampe.</p>
+
+<p>So ein Kind kann sterben — kann einem genommen werden! So mitten
+heraus aus dem Leben — gesund und tot. Was war das Leben noch wert?
+Was ging ihn Weihnachten an? Was ging es ihn an, daß fremde Kinder sich
+an seiner Hände Werk erfreuten?</p>
+
+<p>So ein Kind kann sterben!</p>
+
+<p>Er trat ans Fenster, sah hinauf zum kalten Nachthimmel. Wie waren die
+Sterne so nahe! Wenn er von der Stadtmauer bis zum nächsten Ort schaut,
+ist der weiter, als<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> diese Sterne sind. Und er kann sein Kind nicht
+sprechen, sein Kind nicht sehen?</p>
+
+<p>Warum erfindet Ihr denn alles, warum erfindet Ihr denn nicht, daß man
+einmal ein paar Minuten mit einem Toten sprechen kann? O, gäbe das
+einen Frieden ...!</p>
+
+<p>Ein rasendes Verlangen nach dem Jungen packt ihn. Das Telephon hängt
+noch an der Wand. Einmal hat der Junge auch mit dem Himmel gesprochen
+— mit dem Nikolaus, der dort in der Goldenen Spielzeugstraße Nummero
+1000 wohnt. Er hat ihm seine unschuldigen Wünsche gesagt und beigefügt,
+Schnitzwerk wolle er nicht haben; denn das könne auch im Himmel niemand
+besser machen als sein Vater. Da ist dem »Nikolaus« am anderen Ende des
+Drahtes damals die Stimme ausgegangen.</p>
+
+<p>So ein Kind muß sterben!</p>
+
+<p>Weinend reißt der Bilderschnitzer an der Kurbel, und in verzweifeltem
+Weh spricht er mit seinem toten Knaben ...</p>
+
+<p>Drunten in der Wohnstube sitzt ein blasses, stilles Weib. Dieses hört
+das Klingelzeichen und nimmt den Hörer:</p>
+
+<p>»Hermann, höre mich — Hermann, ich rufe dich — ich halt' es nicht
+mehr aus ohne dich — mein lieber Junge — ich verzweifle ohne dich —
+o komm wieder — o komm wieder, lieber Junge!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Einsame oben erschrickt. Er hat ein leises Weinen vernommen. Dann
+— dann hat er eine Stimme gehört, die schlicht und klar sagt:</p>
+
+<p>»Gott schickt dir ein neues Kind!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p>
+
+<p>Da stürzt er die Treppen hinab und reißt die Tür zur Wohnstube auf.
+Seine Frau hat noch den Hörer in der Hand.</p>
+
+<p>»Ist es wahr?« stammelt er.</p>
+
+<p>»Es ist wahr!« antwortet sie und reicht ihm tröstend die Hand hin.</p>
+
+<hr class="r65">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span></p>
+<h2>Die Briefe der Tochter<br>
+<span class="s6">Eine Skizze aus dem Leben</span></h2>
+</div>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-121">
+<img class="w100" src="images/drop-121.jpg" alt=""></figure>s war
+einige Zeit vor dem Kriege.
+
+<p>Die verwitwete Frau Geheimrat hatte zwei Töchter. Die ältere — Hedwig
+— war zu Haus bei der Mutter geblieben: die jüngere — Irene — war
+ihrem Gatten tief ins Russenland gefolgt, wo sie mit ihrem Manne ein
+Gut bewirtschaftete. Die Schwestern glichen sich außerordentlich bis in
+viele, ja ganz lächerliche Kleinigkeiten. Beide waren frische, sonnige
+Mädel. Als aber Irene fortgezogen war, wurde es sehr einsam im Hause
+der Mutter; ein Herzleiden legte der alten Dame die größte Schonung
+auf, und als die Jahre an Hedwig vorübergingen und die Hoffnung auf
+Ehe- und Mutterglück ihr langsam zerrann, wurde sie ein stilles Mädchen
+mit dem leisen wehmütigen Lächeln, das diejenigen haben, die auf das
+Schönste verzichteten und denen doch die tiefe Güte des Herzens blieb.</p>
+
+<p>Alle zwei Jahre kam Irene einmal zu Besuch. Dann war die Jugend wieder
+im Haus, dann war alles Sehnen und Bangen fern, dann funkelten die
+Wände und glitzerten die Fensterscheiben. Wenn aber der Abschied
+gekommen war, wenn die Uhr wieder so müde und einförmig tickte und die
+toten Stunden zählte, dann blieb nur die Hoffnung: in zwei Jahren kommt
+sie wieder, dann blieb nur die eine ganz fröhliche Stunde in der Woche,
+wenn Irenes Brief am Sonnabend kam und ihre liebe drollige Art aus den
+Zeilen zu den Vereinsamten sprach. Dann lachten sie oft unter Tränen,
+legten den Brief in ein Mahagonikästlein zu den andern und<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> dachten
+stolz und glücklich an Irene, wie man an einen großen Schatz in der
+Ferne denkt ...</p>
+
+<p>Im fünfzehnten Jahre nach der Verheiratung Irenes erhielt Hedwig
+durch eine Mittelsperson von ihrem Schwager eine heimliche Nachricht,
+die Entsetzliches brachte. Irene war bei einem Aufstand von einem
+betrunkenen Bauern erschlagen worden.</p>
+
+<p>Eine Base war es, die Hedwig zu sich gerufen und ihr den Unglücksbrief
+übermittelt hatte. Erst nach zwei Stunden gelang es dem Hausarzt, einem
+alten Freund der Familie, das zusammengebrochene Mädchen zu sich zu
+bringen. Nach der dritten Stunde schickte die ahnungslose Mutter nach
+ihr. Es wurde eine Ausflucht gefunden, und Hedwig saß noch weitere zwei
+Stunden bei der Base.</p>
+
+<p>»Weinen Sie! Weinen Sie sich aus!« sagte der Arzt.</p>
+
+<p>Aber Hedwig weinte nicht. Sie sprach auch nicht. Sie saß ganz still da.
+Zuletzt erhob sie sich und stand gerade und fest.</p>
+
+<p>»Mich hat's getroffen,« sagte sie, »die Mutter wird's nicht treffen.
+Ich werde es ihr nie sagen — nie!«</p>
+
+<p>Sie wies jede Begleitung ab und ging allein nach Hause. Und sie belog
+zum erstenmal die Mutter. Während sie das Abendbrot bereitete, war sie
+lebhaft und lachte ein paarmal stoßweise.</p>
+
+<p>»Du bist so komisch!« sagte die Mutter.</p>
+
+<p>»Das Leben ist überhaupt komisch,« entgegnete die Tochter; »du glaubst
+gar nicht, wie komisch.«</p>
+
+<p>Die Mutter schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>Nach dem Abendbrot sagte Hedwig: »Ich habe so Lust, ein paar Briefe von
+Irene zu lesen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span></p>
+
+<p>Damit war die Mutter immer einverstanden. Und Helene suchte aus dem
+Mahagonikasten die lustigsten Briefe heraus, die Irene je geschrieben
+hatte und las sie laut vor. Die Mutter lächelte und nickte glückselig
+mit dem Kopf, und Hedwig kicherte bei jeder drolligen Stelle der Briefe.</p>
+
+<p>»Siehst du,« sagte sie am Schluß, »solche Briefe könnte ich nie
+schreiben, mir fehlt der Humor.«</p>
+
+<p>Die Mutter seufzte.</p>
+
+<p>»Liebes Kind, Irene hat auch viel mehr Grund lustig zu sein, als du in
+deiner Einsamkeit.«</p>
+
+<p>»Ja,« nickte Hedwig versonnen, »Irene hat allen Grund, sich über das
+Leben lustig zu machen. Aber ich werde von jetzt an auch lustig sein,
+Mutter, paß nur auf!«</p>
+
+<p>In der Nacht hatte Hedwig, die bei der Mutter schlief, ihr Taschentuch
+im Mund wie einen Knebel, weil sie sonst laut aufgeschrien hätte. Aber
+am Morgen lächelte sie wieder und pfiff dem Kanarienvogel eine Melodie
+vor.</p>
+
+<p>Am gleichen Morgen wurde Irene in Rußland begraben ...</p>
+
+<p>Nächsten Sonnabend blieb der gewohnte Brief aus Rußland aus. Die Mutter
+betrübte sich; aber Hedwig lachte und sagte:</p>
+
+<p>»Wird sich russisches Postmeister gesagt haben: wozu soll immer schöne
+russische Marke in dreckige Deutschland wandern? Mach' ich Marke los
+von Brief, schmeiß' Brief weg, verkauf' Marke noch einmal, geht auch!«</p>
+
+<p>»Du bist jetzt immer sehr vergnügt, Hedwig.«</p>
+
+<p>»Findest du, Mutter? Ich will noch vergnügter werden.«</p>
+
+<p>Eine Woche verging, der Sonnabend kam wieder; die<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> alte Geheimrätin saß
+schon in früher Morgenstunde am Fenster und wartete auf den Briefträger.</p>
+
+<p>Und er brachte den gewohnten Brief von Irene.</p>
+
+<p>»Diesmal hat Postmeister nicht Marke gemaust,« sagte Hedwig heiter, riß
+den Brief auf und las ihn laut vor. Schon nach dem dritten Satz lachte
+sie laut auf.</p>
+
+<p>»Diese Irene ist ein zu drolliges Ding!«</p>
+
+<p>Die Mutter freute sich auch über den Brief, wunderte sich aber, daß ihn
+Hedwig gar so lustig fand.</p>
+
+<p>»Er ist witzig,« sagte die alte Frau zum Schluß, »aber ich weiß nicht
+— die andern sind so mehr lieb und drollig.«</p>
+
+<p>»Was du auch hast, Mutter; ein Brief fällt nicht aus wie der andere!«</p>
+
+<p>»Gib mir den Brief.«</p>
+
+<p>»Aber du hast ihn doch schon gehört, Mutter.«</p>
+
+<p>»Na, gib ihn schon,« sagte die Alte ärgerlich; »ich will ihn doch
+selbst lesen; man hat doch die Schrift in den Händen.«</p>
+
+<p>Die Mutter setzte die Brille auf und las.</p>
+
+<p>»Die Schrift ist ein bißchen verändert,« sagte sie; »Irene mag eine
+neue Art Feder gehabt haben.«</p>
+
+<p>»Ja, wahrscheinlich,« stimmte Hedwig bei und tastete sich durch die Tür
+nach der Küche.</p>
+
+<p>Sie und ihre Schwester hatten immer eine Schrift gehabt, die nicht
+zu unterscheiden war. Nun, da Hedwig unter tausend Qualen und Mühen
+einen Irenenbrief an die Mutter geschrieben und ihn dem Schwager zur
+Rücksendung zugestellt hatte, fand sie ihre eigene Schrift verändert
+und konnte es nicht verhüten.</p>
+
+<p>Noch am gleichen Tage mußte sie den »Brief von Irene«<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> beantworten und
+der Mutter das Antwortschreiben geben.</p>
+
+<p>»Aber Hedwig,« sagte diese betroffen, »deine Schrift ist ja auch anders
+geworden, und zwar gerade wie die von Irene.«</p>
+
+<p>Hedwig zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>»Das macht wahrscheinlich, weil wir beide älter werden, Mutter. Irene
+und ich werden immer gleich bleiben; ich glaube, wenn die eine mal tot
+ist, ist die andere auch tot.«</p>
+
+<p>»Kind,« sagte die Mutter streng, »ich verbiete dir, daß du so was von
+dir und Irene sagst.«</p>
+
+<p>»Ich werde es nie wieder sagen, liebe Mutter!«</p>
+
+<p>So vergingen fast zwei Jahre. An jedem Sonnabend kam ein Brief
+von Irene. Er enthielt immer viel Lustiges, Schilderungen aus der
+Häuslichkeit, Szenen aus dem russischen Gemeindeleben. Gott weiß, wie
+schwer Hedwig die Abfassung dieser Briefe wurde. Der Schwager mußte
+ihr »Stoff« liefern (immer durch die Base), und Hedwig war glücklich,
+als sie einen Band »Anekdoten aus dem russischen Volksleben« erstehen
+konnte. Den ganzen Band schrieb sie nach und nach in den Briefen »von
+Irene« ab. Der Mutter gegenüber atmeten die Briefe immer die reinste
+Liebe; sie waren immer von zärtlicher Sorge erfüllt, die Mutter
+möge ihres Herzleidens wegen sich vor jeder Aufregung hüten; denn
+die Geschehnisse dieses jämmerlichen Erdendaseins seien gar keiner
+Aufregung würdig.</p>
+
+<p>Manchmal sagte die Mutter: »Findest du nicht auch, Hedwig, daß sich
+Irene verändert haben muß? Es ist eine Schärfe und Härte in ihren Stil
+gekommen, die<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> früher nicht da waren und die mir leid tun. Das Kind muß
+etwas Trübes erfahren haben, was mir verschwiegen wird. Nein, nein,
+widersprich mir nicht, Hedwig; eine Mutter hat feine Ohren.«</p>
+
+<p>Dann entwarf Hedwig den nächsten »Irenenbrief« wohl fünfmal, ehe sie
+ihn abschickte und prüfte jeden Satz immer und immer wieder, ob nicht
+die Note ihrer eigenen tiefen Herzenserbitterung darin mitklinge. Und
+manchmal blickte sie in stummer Qual auf zum Himmel: »Führ' mir die
+Hand, Irene!«</p>
+
+<p>Nach zwei Jahren war die Zeit gekommen, daß Irene ihren Besuch machen
+sollte. In jenen Wochen konnte es Hedwig nicht mehr verbergen, daß
+sie sehr krank war. Der alte Hausarzt kam, sprach von Nerven und
+Bleichsucht und verordnete seine Mittelchen. Und eines Tages kam ein
+kurzer mit Bleistift geschriebener Brief aus Rußland:</p>
+
+<p>»Liebe Mutter, ich war so leichtsinnig, auf eine Leiter zu steigen
+und bin gefallen. Meine Verletzungen sind nicht lebensgefährlich, was
+Du schon daraus sehen kannst, daß ich Dir selber — wenn auch mühsam
+— schreibe. Das Schlimmste ist, daß der Arzt sagt, eine anstrengende
+Reise nach Deutschland sei auf absehbare Zeit ausgeschlossen. Arme
+Mutter! Ich liebe Dich und küsse Dich und Hedwig.</p>
+
+<p class="mright5">Eure Irene.</p><br>
+
+<p>Die alte Frau bekam einen bösen Anfall; ihr Leben war in Gefahr, und
+Hedwig stand im Hausflur vor dem alten Arzte und sagte: »Ich habe den
+Tod betrügen wollen; er läßt sich nicht betrügen!«</p>
+
+<p>Aber die Mutter wurde wieder gesund, hauptsächlich weil der Schwager
+alle Tage telegraphisch gute Nachricht über<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> das Befinden Irenes gab.
+Nach vierzehn Tagen saß die alte Dame wieder im Lehnstuhl am Fenster
+und sagte zu Hedwig:</p>
+
+<p>»Kind, ich traue deinem Schwager nicht, daß er mir Irenes Zustand zu
+günstig schildert. Fahr' hin, Kind, überzeug' dich selbst, wie es Irene
+geht, und gib mir dann Nachricht. Wenn du mir gute Nachricht gibst, ist
+sie wahr; denn du hast mich noch nie im Leben belogen.«</p>
+
+<p>Da wandte sich Hedwig ab und starrte mit gläsernen Augen die Wand an.</p>
+
+<p>Am dritten Tage ließ sie die Mutter in der Obhut der Base und reiste
+nach Rußland. Endlos war die Fahrt durch die nüchterne Ebene. Als sie
+auf der kleinen Station ankam, trat ihr der Schwager entgegen, führte
+sie abseits unter eine Baumgruppe und sagte in tödlicher Verlegenheit:</p>
+
+<p>»Hedwig, noch ehe wir in den Wagen steigen, muß ich dir etwas sagen —
+ich bin — ich bin wieder verheiratet.«</p>
+
+<p>»Du bist — du bist ...?«</p>
+
+<p>»Ja, ohne Hausfrau konnte ich das Gut nicht halten.«</p>
+
+<p>»Ah!«</p>
+
+<p>Sie sah sich wie betäubt nach dem Bahnhof um.</p>
+
+<p>»Wann fährt denn der nächste Zug zurück?«</p>
+
+<p>»Hedwig!«</p>
+
+<p>»Ich kann ja nicht — kann ja nicht ...«</p>
+
+<p>Sie saßen wohl über eine Stunde unter der Baumgruppe auf einer Bank.
+Der Schwager redete viel auf sie ein. Sie aber sagte immer nur mit
+einem irren Ausdruck in der Stimme:</p>
+
+<p>»Die Mutter, die Mutter ...«</p>
+
+<p>Und endlich fuhr sie mit dem Schwager heim und wurde<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> von der neuen
+Gutsherrin freundlich empfangen. Am Abend schickte sie einen Eilbrief
+nach Hause.</p>
+
+<p>»Irene geht es sehr gut. Sie hat einen so zielbewußten, tüchtigen Mann.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Hedwig.«</span><br>
+</p>
+
+<p>Drei Wochen hielt sie es aus. Sie schmückte Irenes Grab mit den wenigen
+schlichten Blumen, die sie in der Landschaft fand, und freute sich des
+Töchterleins, das die Schwester hinterlassen hatte. Die kleine Irene
+war ein zwölfjähriges Mädchen, lebhaft und heiter wie ihre Mutter. Den
+ganzen Nachmittag entwarf und schrieb Hedwig Briefe. Abwechselnd war
+immer einer mit Irene, der andere mit Hedwig unterzeichnet. Nicht nur
+das Briefpapier wechselte, nein, auch der Stil. Während Irenes Briefe
+heiter, liebevoll, romantisch waren, schrieb Hedwig geschäftsmäßig und
+trocken.</p>
+
+<p>Kurz vor ihrer Abreise verlangte Hedwig von ihrem Schwager in
+bestimmtester Form, daß er ihr Irenes Kind überlasse und mitgebe. Er
+sah sie in seiner scheuen, aber milden Weise an und wandte ein:</p>
+
+<p>»Glaubst du, daß das Kind nie verraten wird, daß seine Mutter tot ist?«</p>
+
+<p>Da brach Hedwig in bittere Tränen aus und fuhr allein durch die
+trostlose Steppe Rußlands heim.</p>
+
+<p>Nach einem Jahre neigte sich das Leben der alten Frau Geheimrat zu
+Ende. Der Hausarzt machte schließlich der Tochter gegenüber kein Hehl
+mehr daraus. Und er fand sie gefaßt.</p>
+
+<p>»Drei Jahre habe ich mir das Leben der Mutter noch ertrotzt — jetzt
+kann ich es wohl nicht mehr,« sagte sie.</p>
+
+<p>Sie saß oft und sann, ob sie nun der Mutter alles offenbaren solle.
+Aber sie kam immer wieder zu dem Schluß:<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> »Sie soll erst erfahren,
+daß sie Irene verloren hat, in dem Augenblick, wo sie ihren Liebling
+wiederfindet. Nicht eine Sekunde soll sie Herzeleid haben um Irenes
+grausamen Tod.«</p>
+
+<p>Dabei blieb es. Die Mutter, die ihr Ende nahen fühlte, ließ Brief
+über Brief an Irene schreiben, und jeden Tag kamen Briefe zurück voll
+innigster Liebe, aber auch voll Klagen, daß gerade jetzt eine Reise
+unmöglich sei. Dazu Vertröstungen auf nahe Zukunft.</p>
+
+<p>So kam die Todesstunde. Da rief die Mutter:</p>
+
+<p>»Telegraphiere an Irene — sie muß kommen — muß. — Besorge selbst das
+Telegramm, Hedwig — andere besorgen es nicht richtig!«</p>
+
+<p>Hedwig entfernte sich. Als sie nach kurzer Zeit in Mantel und Hut
+zurückkam, rief die Mutter:</p>
+
+<p>»Irene — Irene — du bist da — du bist da!«</p>
+
+<p>Hedwig sank am Bett in die Knie. Der Hut fiel ihr vom Kopf, die
+Sterbende streichelte ihre braunen Haare.</p>
+
+<p>»Irene — mein Kind — du bist da — du warst so lange — Hedwig und
+ich haben so gewartet — Hedwig ist ein sehr, sehr gutes Mädchen.«</p>
+
+<p>Dann wurden die Augen weit, die Sterbende hob den Kopf der Knienden,
+starrte ihr ins Gesicht und sagte:</p>
+
+<p>»O, du bist — nicht Irene — du — bist Hedwig ...«</p>
+
+<p>Sie sank zurück in die Kissen, starrte nach der Decke, griff mit den
+Händen in die Luft und rief plötzlich:</p>
+
+<p>»Da steht Irene — dort oben!«</p>
+
+<p>Und starb ...</p>
+
+<p>Nach Minuten erhob sich Hedwig und drückte der Mutter die Augen zu. Sie
+streichelte die blasse Wange und sprach:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span></p>
+
+<p>»Nun weißt du es, Mutter. Nun zürne mir nicht und sage auch Irene, daß
+sie der Fälscherin nicht zürne!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Am Begräbnismorgen erschien der Schwager aus Rußland. Er führte Irenes
+Kind an der Hand, übergab es Hedwig und sagte:</p>
+
+<p>»Ich bringe dir das Kind, damit du nicht zu allein bist.«</p>
+
+<p>Da schaute Hedwig den Schwager an und sagte:</p>
+
+<p>»Richard, du bist ein treuer Mensch!«</p>
+
+<p>Am Abend, als sie beisammen saßen, sagte Richard:</p>
+
+<p>»Hedwig, achte nur darauf, daß mir die kleine Irene alle Wochen einen
+Brief schreibt — mir würde sonst die Sonne fehlen.«</p>
+
+<p>Und er sah mit verlorenem Blick in den Abend hinaus.</p>
+
+ <hr class="r65">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<h2>Die letzte Furche<br>
+<span class="s6">Eine romantische Geschichte von Paul Keller</span></h2>
+</div>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-133">
+<img class="w100" src="images/drop-133.jpg" alt=""></figure>er Tod.
+
+<p>Gar viele meinen, das sei immer der Knochenmann mit der Sense auf der
+Schulter.</p>
+
+<p>Aber das ist nicht so.</p>
+
+<p>Der Sensenmann — der ist nur einer von der großen Kompagnie, die »Tod«
+heißt. Wo die Donner der Schlacht dröhnen und die Blitze der Bajonette
+zucken, da mäht er seine Schwaden; oder wo die Schwüle der Seuchenpest
+lastet, da schwingt er seine Sense; oder wo eine heiße Lokomotive auf
+eine brüchige Dammstelle zusaust, da fällt seine Ernte. Der Sensenmann
+arbeitet nur im großen; einzelne Halme mäht kein Schnitter.</p>
+
+<p>Für die einzelnen sind die kleineren Geschäftsgenossen da. Zum Beispiel
+der Rüpel.</p>
+
+<p>Der zieht dem fleißigen Maurer unvermutet die Leiter unter den Füßen
+weg; der stopft mit flinkem Finger einem gemächlich Schmausenden einen
+Knochen in den Hals; der stößt ein Kind, das nach jungen Enten schaut,
+in den Teich; der schmiert einer Brummfliege Gift an den Stachel und
+hetzt sie auf einen arglosen Wandersmann wie einen tollen Hund.</p>
+
+<p>Oder der Zauderer.</p>
+
+<p>Der ist sentimental. Der ist ein Schwächling. Er hat keine Energie,
+er vermag niemals sein Werk stark und flink zu tun. Wochenlang,
+monatelang, jahrelang sitzt er am Lager seines Opfers und zögert und
+verschiebt's vom Morgen zum Abend, vom Abend zum Morgen. Er weicht
+zurück vor jedem bißchen neuen Lebensmut, er geniert sich vor dem
+Weinen klagender Freunde, er mag<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> das Netz nicht zerreißen, er knüpft
+feig' und heimlich Masche an Masche auf, und wenn ihm ein Tröpflein
+Medizin ins Gesicht gespritzt wird, verkriecht er sich in den Winkel.
+Aber er kommt immer wieder, entknotet mit heimlichem Finger immer
+wieder Masche um Masche und kann es nicht über sich bringen, sein Werk
+zu vollenden, bis der von Schmerzen Gepeinigte mit bettelnder Stimme
+selbst Tag und Nacht nach ihm ruft. Und wenn es dann endlich getan ist,
+wenn die Freunde tiefseufzend sagen: der Tod war eine Erlösung! — dann
+schleicht der Zauderer davon und lächelt und hält sich für besser und
+gutherziger als seine Genossen.</p>
+
+<p>Um noch einen dritten zu nennen: der Schneider.</p>
+
+<p>Der hat nicht viel gelernt. Er ist ein simpler Bursche. Seine ganze
+Kunst besteht darin, mit einer Schere den Faden, der vom Himmel auf
+jedes Menschen Haupt sich herabstrafft und diesen Menschen aufrecht
+hält, unvermutet durchzuschneiden, worauf der Entfestigte plötzlich
+am Boden liegt und seine Freunde vor Schrecken das Zittern kriegen.
+Der Schneider hält sich für einen Humoristen. Wenn er einem, der in
+guter Weinlaune gerade voller Behagen eine Anekdote erzählt, den
+Faden durchschneidet, glaubt der Schneider, daß es keine wirksamere
+Pointe gäbe. Denn diese Anekdote und ihren Schluß vergißt kein Hörer
+sein Leben lang. Oder wenn einer gerade in puterrotem Zorne schimpft
+und sich aufrichtet gegen seine Widersacher und plötzlich auf der
+Nase liegt, so meint der Schneider, das sei nichts anderes als eine
+Illustration zu der großen Erdenweisheit: »Mensch, ärgere dich
+niemals!« Der Schneider hat viel Ähnlichkeit mit seinem Kameraden, dem
+Rüpel; er faßt rasch zu, überlegt<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> nichts, macht seine Arbeit so aus
+der Laune, so aus dem Handgelenk heraus. Nur ist er weniger brutal als
+der Rüpel. Kinder und einfaches Volk verschont er fast immer, nur unter
+den »besseren« Ständen erlaubt er sich oft seine Streiche.</p>
+
+<p>Manchmal freilich kommt er auch als gütiger Menschenfreund. Da sitzt
+ein alter Gelehrter, der nichts mehr vom Leben erwartet, vor einem
+Lieblingsbuch und sinkt mit dem weisen Antlitz plötzlich auf die
+geliebten Zeilen, wie ein Mondenstrahl fällt ins tiefe Meer; oder
+ein Beter, der mit Gott spricht, hört unvermutet sein »Amen« in der
+Ewigkeit klingen, oder ein Schläfer, der mit grauen Sorgen zur Ruhe
+ging, wacht in goldenem Lichte auf, oder ein Verirrter in der Fremde
+findet sich plötzlich heim. Wundert ihr euch, daß der schlichte Engel,
+der dem Leben des Bauern Tobias beigegeben war, als er vom Herrn
+der Zeit den Wink zum Schlußmachen bekam, zu der Genossenschaft der
+Todesbrüder ging und sich für seinen Schützling den »Schneider« ausbat?
+Der Engel kannte die Rechnung des alten Tobias, die Rechnung mit dem
+Himmel, die Rechnung mit der Erde. Sie stimmten beide. Und so bat er
+sich den Schneider aus.</p>
+
+<p>Am Montagabend, wenn die Lerche zu singen aufhörte, sollte es geschehen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Bauer Tobias war am Montag nachmittags in ganz besonderer Laune
+aufs Feld hinausgezogen. Im Hof hatte ihn noch sein Lieblingsenkelein,
+die kleine Traute, angehalten und gemahnt:</p>
+
+<p>»Großvater, du bist mir noch immer die Puppe schuldig,<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> die du mir
+versprochen hast und die ich schon vorgestern bekommen sollte.«</p>
+
+<p>Tobias hatte sich hinter den Ohren gekratzt.</p>
+
+<p>Richtig! Seit drei Tagen war er der Traute eine Puppe schuldig. Das war
+nicht in der Ordnung. Und da er Glück hatte, stelzte gerade die dürre
+Botenfrau vorüber, die nach der Stadt ging. Die hielt er an und sagte:</p>
+
+<p>»Kathrine, ich brauch' eine Puppe. Eine, die was aushält.«</p>
+
+<p>»Und mit blauen Augen,« ergänzte Traute.</p>
+
+<p>»Ja, mit blauen Augen,« sagte der Großvater. »Und da sind elf Groschen,
+zehn Groschen für die Puppe und einen Groschen für die Besorgung.«</p>
+
+<p>So war das Geschäft abgeschlossen. Tobias war niemandem auf der Welt
+mehr etwas schuldig, nicht einmal der Traute, der er doch eigentlich
+immer was »schuldig« war. Nun war er auf dem Felde und pflügte ein
+Stoppelfeld mit dem Schälpflug um. Es war eine leichte Arbeit.</p>
+
+<p>Eigentlich hätte er es gar nicht mehr nötig gehabt, tätig zu sein. Seit
+einem Vierteljahr war er im »Auszug«. Und Tobias hatte einen guten
+Sohn. Dem würde es nicht zuviel sein, wenn der alte Vater zwanzig Jahre
+lang und länger im Auszug lebte. Nein, er würde sich freuen. Der liebe
+Gott segne den Wilhelm! Dies kleine Stoßgebetlein war der Refrain
+von allen heimlichen Hymnen der alten Bauernseele, die zum Himmel
+emporstiegen.</p>
+
+<p>Furche um Furche zieht der brave Ackergaul den Pflug auf und ab, und
+Tobias geht hinter dem Pflug, und seine friedvollen Augen sehen mit
+Freude auf das braune fette Ackerland, das unter dem Eisen emporquillt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p>
+
+<p>Ein Kleefeld grenzt an das Ackerland. Darüber singt eine Lerche ihre
+hellen Triller und schwirrenden Melodien. Tobias blinzelt manchmal zu
+ihr empor in die sonnige Luft. Er hat von jeher die Lerchen gern gehabt.</p>
+
+<p>Näher, immer näher kommt der Pflug dem Kleefeld. Bald ist die Arbeit
+getan.</p>
+
+<p>Am Himmel türmt sich ein Wolkengebirge auf. Es hat mehrere Gipfel,
+einen Kammweg, der sie verbindet, dunkle Täler und schroffe Abhänge.
+Die Sonne nähert sich dem Gebirge, verschwindet hinter ihm und
+versilbert seinen höchsten Gipfel. Dann sinkt sie hinab hinter die
+schwarzen Hänge. Es wird plötzlich dunkler und kühler auf dem Felde.
+Der alte Bauer schaut zum Himmel, ob die Sonne denn schon untergehen
+wolle, aber er sieht das Wolkengebirge, lächelt und sagt: »Es ist noch
+Zeit!«</p>
+
+<p>Hell singt die Lerche über dem Klee.</p>
+
+<p>Furche um Furche — immer dem Ende zu. Der Wilhelm wetzt am anderen
+Ende des Kleefelds die Sense. Er will das Abendfutter schneiden. Schon
+knarrt der Futterwagen den Feldweg entlang. Jetzt macht Tobias eine
+kurze Rast.</p>
+
+<p>Um den Wiesenbusch, der ihm nahe ist, lugt ein Gesicht. Ein scharfer
+Blick fliegt über die Wiese, so scharf wie der Augenstrahl ist, den
+der Jäger auf ein Wild richtet. Und nun, wie der Tobias dem Busch den
+Rücken kehrt, huscht ein Schatten über die Wiese.</p>
+
+<p>Der Tod ist da — der Schneider. Aber er hört die Lerche noch singen
+über dem Klee, und die Sonne steht noch über dem Himmelsrande. Er ist
+zu zeitig gekommen. So duckt er sich, von keines Menschen Auge gesehen,
+auf die letzte Ecke des Ackerfeldes. Ein betender Engel kniet neben
+ihm.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p>
+
+<p>Die beiden warten.</p>
+
+<p>Fröhlich fährt Tobias den Acker wieder hinauf. Es ist ihm so wohl; er
+fühlt sich noch gar nicht müde. Wilhelm hat auch einmal herübergewinkt.
+Das hat ihn gefreut wie immer.</p>
+
+<p>Wieder wendet sich der Pflug.</p>
+
+<p>»Die letzte Furche,« sagt der Bauer laut. »Freu' dich, Schimmel, die
+letzte Furche. All Ding nimmt einmal ein Ende!«</p>
+
+<p>Sacht geht's den Acker hinab, auf den Schneider zu, dessen Augen durch
+die Luft glühen. Und der Schneider reckt den Hals. Aber der Engel faßt
+ihn an der Hand. Noch singt die Lerche.</p>
+
+<p>Unter dem Wolkengebirge tritt die Sonne wieder hervor, steht klar am
+Abendhimmel.</p>
+
+<p>Wie der Tobias mitten in der Furche ist, packt ihn plötzlich jemand von
+hinten an der Schulter. Tobias erschrickt ein wenig und läßt den Pflug
+fallen. Das Pferd bleibt stehen und sieht sich um.</p>
+
+<p>Da lacht auch schon der Tobias.</p>
+
+<p>»Der G'steifel ist's. Und ich dummer Kerl erschreck'!«</p>
+
+<p>»Ja,« lacht der G'steifel, »niemand kann schneller und leiser laufen
+wie einer, der ein lahmes Bein hat.«</p>
+
+<p>Tobias begrüßt den alten Freund und Kriegskameraden. Schon anno Siebzig
+hat der »G'steifel« von den Bayern im Feld seinen Namen bekommen. Jetzt
+sieht er bewundernd übers Feld.</p>
+
+<p>»Mensch, Tobias, du wirst wohl gar nicht alt? Hast du nun das ganze
+Feld wieder allein umgewendet?«</p>
+
+<p>»Es ist leichte Arbeit,« sagt Tobias; »der Acker ist mürbe und der
+Schälpflug greift ja nicht tief. Und unter acht<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> Stunden Feldarbeit am
+Tage — das würd' mir nicht gefallen.«</p>
+
+<p>»Wird halt auch mal kommen, daß die Kräfte abnehmen, Tobias.«</p>
+
+<p>»Ja, ja, aber es wird mir nicht gefallen. Es wird mir gar nicht
+gefallen.«</p>
+
+<p>»Aja, da ist's aber noch lange hin. Vorläufig schnupfen wir mal.«</p>
+
+<p>Der G'steifel zieht eine silberne Tabaksdose aus der Tasche. »Luise«
+ist auf ihrem Deckel eingraviert.</p>
+
+<p>»Ihr seid doch Kerle,« lacht der G'steifel, »dreiundvierzig Jahre lang
+gewöhnt mir nu schon meine Luise das Schnupfen ab, und wie ich siebzig
+Jahr alt bin, schenken mir die Freunde 'ne silberne Luise. Das habt Ihr
+fein ausgediftelt, Tobias! Das ist ein Witz!«</p>
+
+<p>»Ja, ja,« lacht der Tobias fröhlich, und eine Träne tritt ihm dabei ins
+Auge. »Sie hat's doch nicht übel genommen?«</p>
+
+<p>»Die Luise? Nu nee. Ihren Namen in Silber! Geschmeichelt gefühlt hat
+sie sich, hat aber die Dose in den Glasschrank stellen wollen. Na,
+das gibt's nich. Ich will immer an dich erinnert sein, Alte, hab' ich
+gesagt. Na, da schnupf' halt.«</p>
+
+<p>»Die Luise soll leben!« sagt Tobias und schnupft. Gleich hinterher muß
+er an die zehnmal niesen.</p>
+
+<p>»'s is starke Sorte,« sagt der G'steifel. »Meine ausgepichten
+Nasenröhren müssen so was haben. Du aber bist's nich gewöhnt.«</p>
+
+<p>Am Feldende der Schneider reckt abermals den Hals. Und wieder faßt der
+Engel seine Hand. Noch singt die Lerche.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span></p>
+
+<p>»Gut schaust du aus,« sagt der G'steifel. »Warst halt immer ein
+hübscher Kerl. Ich glaube, damals — vor dreiundvierzig Jahren — hätte
+die Luise lieber dich genommen als mich.«</p>
+
+<p>»Nu nein,« protestiert der Tobias, »mit dir hat's nie ein Bursch
+aufnehmen können.«</p>
+
+<p>Der G'steifel klopft wehmütig lächelnd auf sein lahmes Bein.</p>
+
+<p>»Nu ja,« sagt Tobias; »fürs Vaterland! Das ist eine Ehre!«</p>
+
+<p>»Ja, ja,« seufzt der alte Kamerad, und bald darauf erörtern sie zum
+vielhundertsten Male den Fall, wie der G'steifel zu seinem lahmen Beine
+gekommen ist. Die Arbeit ruht, die letzte Furche liegt halb unvollendet
+da, die Sonne rückt tiefer am Himmel.</p>
+
+<p>Da steigt die Lerche aus der Luft herab aufs Kleefeld zu. Der Schneider
+steht auf, geht gebückt den Acker entlang, nimmt die blitzende Schere
+aus dem Rockärmel. Aber die Lerche steigt noch einmal hoch empor und
+singt hell und klar über den beiden alten Kriegskameraden, die in
+Erinnerung schwelgen. Und der Schneider schleicht verdrossen nach
+seinem Platze zurück.</p>
+
+<p>Nun sind die beiden Alten fertig.</p>
+
+<p>»Du fährst wohl auf dem Kleefuder heim?« fragt der G'steifel.</p>
+
+<p>»Ja, es sitzt sich weich und gut auf dem Klee.«</p>
+
+<p>»Ich kann's nicht,« sagt der G'steifel; »mein Reißen leidet es nicht,
+auf Klee zu sitzen.«</p>
+
+<p>Sie geben sich die Hände und scheiden voneinander.</p>
+
+<p>Tobias nimmt den Pflug auf und vollendet die letzte Furche.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span></p>
+
+<p>Hell singt die Lerche. Der Engel hebt die gefalteten Hände. Der
+Schneider lauert.</p>
+
+<p>Die Furche ist vollendet. Tobias legt den Pflug hin und strängt das
+Pferd ab. Dann schaut er über den Acker.</p>
+
+<p>Langsam schleicht der Schneider hinter ihm und reckt sich hoch empor
+über sein Haupt.</p>
+
+<p>»Das ganze Feld liegt schön da!« sagt Tobias in tiefer Zufriedenheit.</p>
+
+<p>Da bricht die Lerche schrill ihre Weise ab und schießt in den Klee.</p>
+
+<p>Ein leises Blitzen über dem Haupt des Tobias.</p>
+
+<p>Ohne den leisesten Laut sinkt er tot auf die weiche, braune Ackererde.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Wilhelm rast übers Kleefeld, schreiend und oftmals fallend rennt
+der entsetzte alte G'steifel. Sie schlucken, sie ächzen, sie machen
+einige unbeholfene Wiederbelebungsversuche, aber der tote Tobias
+lächelt zu dem fruchtlosen Beginnen.</p>
+
+<p>Da sehen sie ein, daß alles aus ist.</p>
+
+<p>Laut weinend sinkt der junge, starke Wilhelm neben dem Vater ins
+Knie; bis ins Mark erschüttert steht der G'steifel neben dem so jäh
+gefallenen Kameraden. Eben noch stark und froh, und jetzt tot — wie
+ist das möglich, wie ist das möglich? G'steifel schlägt dreimal an die
+Brust: »Gott sei uns Sündern gnädig!«</p>
+
+<p>Dann packt ihn ein lähmender Gedanke. Er hat den Tobias von seinem
+scharfen Tabak schnupfen lassen, und der hat so sehr niesen müssen, daß
+ihm wohl eine Herzader gesprungen ist. Herrgott — Herrgott ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p>
+
+<p>Der G'steifel weint bitterlich und er verwünscht das böse Tabakszeug,
+das er gegen den Willen seiner Frau dreiundvierzig Jahre lang geliebt
+hat. Und er schluchzt: »Ich werd' nimmer froh! Ich werd' nimmer froh!«</p>
+
+<p>Und ist so außer sich vor Schmerz und Verzweiflung, daß er es gar nicht
+merkt, wie seine Finger mechanisch die Dose öffnen und in der Aufregung
+Prise um Prise in die Nase stecken.</p>
+
+<p>Der Kleewagen rumpelt heran.</p>
+
+<p>»Auf dem Kleewagen hat er heimfahren wollen,« schluchzt der G'steifel.</p>
+
+<p>Der Wilhelm nickt, und so betten sie den Vater auf den duftenden Klee.
+Langsam fährt der Wagen über den Sturzacker dem Wege zu. Der G'steifel
+ist außer sich, und die vermeintliche Schuld drückt ihm das Herz ab. Er
+hält es nicht aus, er beichtet dem Wilhelm, klagt sich an und schwört
+dem Tabak ab.</p>
+
+<p>Wilhelm tröstet ihn.</p>
+
+<p>»Der Tabak ist nicht schuld,« sagt er, »Gott hat es so gewollt.«</p>
+
+<p>Da wird auch der G'steifel ruhiger.</p>
+
+<p>Ach, es ist schön, wie der alte Bauer Tobias heimfährt. Die liebsten
+Pferde ziehen ihn, der geliebte Sohn und der treueste Freund begleiten
+ihn. Und sie lieben den Toten in diesem Augenblicke viel, viel mehr,
+als sie sich selbst lieben.</p>
+
+<p>Auf dem Feldhügel bleibt der Wilhelm stehen und deutet nach Westen.</p>
+
+<p>»Da ist Vaters Seele hin!« sagt er ruhig und fromm.</p>
+
+<p>Zwei weiße Gebirge stehen am Himmel mit silbernen Gipfeln und
+leuchtenden Almen, und mitten zwischen<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> ihnen steht der Weg offen in
+ein rotleuchtendes goldenes Land.</p>
+
+<p>Die Sonne zog diese Straße, und nun zieht auf ihr ein schlichter Engel
+mit einer Bauernseele der ewigen Heimat zu.</p>
+
+<p>Was lächelt der Leichnam im kühlen Klee? Ein Bauer zog aus auf ein
+schmales Feld, ein gekrönter König, der über die ganze Welt erhöht ist,
+kehrt heim.</p>
+
+<p>Die Abendglocke singt ihr tiefes, frommes Feierabendlied. Am Hoftor
+sitzt die kleine Traute. Sie hält selig eine neue Puppe auf dem Schoß
+und lugt mit ihren großen Augen den Feldweg entlang.</p>
+
+<hr class="r65">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p>
+<h2>Bergkrach<br>
+<span class="s6">Humoreske in schlesischer Mundart</span></h2>
+</div>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-147">
+<img class="w100" src="images/drop-147.jpg" alt=""></figure>i der letzta
+Walpurgisnacht hotta amol de schläscha Barge Krach mitsomm.
+Wer hotte dan Krach ongefanga? Nattierlich kee andrer Mensch
+als wie der Zotabarg<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>.
+A hotte die Schniekuppe 'n ale Gake<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> gehissa.
+
+<p>»Was?« schrie die Schniekuppe. »Du Fatzke! Was unterstiehste dich? Bin
+ich nich eure Keenigin?«</p>
+
+<p>»Nee, du bist 'n ale Gake,« verhorrte der Zotabarg uff sem dicka Kuppe.</p>
+
+<p>»Nu, du niederträchtiger Latschel, du Faffermandla<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a>, du Ziegequork
+du! Ich bien doch 'n feine, gebild'te Dame.«</p>
+
+<p>»Jawohl ja, Sie sein 'n feine, gebildete Dame,« sate der Huchwald,
+dar sich zu benahma weeß, weil a vo a Salzburner<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> Kurgästa Plüh und
+Bildung gelernt hot.</p>
+
+<p>»Hal ock du die Frasse,« sagte der klobige Zotabarg zum Huchwalde,
+»sunst verrot ich's erst, daß de anne Liebschoft mit der Eule hust. Ich
+sah's schun, wie ihr euch immer pussiert. Und der Sturchbarg stieht ni
+weit vo euch weg.«</p>
+
+<p>»Pfui, pfui, Zotabarg,« schrie der frumme Kreuzbarg bei Striegau, und
+durch olle die viele Foffabarge ei der Schläsing ging a Sturm, und se
+hielta 'm Zotabarge 'n Revermande. Der beleidigte Huchwald schmieß
+augenblicklich<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> dam groba Karle 'n Päpel<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> Wulka on a Kupp, und de
+Eule schamte sich wie 'n ale Jumfer. Der Sturchbarg tat wie tulpe.</p>
+
+<p>»Was ist denn das für ein Skandal?« fragte das Huche Rad<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> ('s war zu
+Kaisers Geburtstag werkliches geheemes huches Rad gewurn). »Wer lärmt
+denn da und stört die Nachtruhe?«</p>
+
+<p>»Ach, Exzellenz,« sate die Schniekuppe, »'s sein nämlich wieder die
+klein' Leute im Paterre, die Spektakel machen.«</p>
+
+<p>»Natürlich der Pöbel,« sate 's werklich huche Rad. »Wo sind denn unsere
+Polizisten, die beiden Sturmhauben?«<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a></p>
+
+<p>Die Sturmhauba schliefa leider. 's huche Rad grief ei seine tiefe
+Hosatosche, ei die gruße Schniegrube, zug an weißa Zädel raus und
+machte sich 'n omtliche Notiz über die schläfriga Pulzisten.</p>
+
+<p>Nu war's a bißla stille. Uff emol pläkte der Pietschaberg<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> bei
+Ingerschdurf wie a Feuerkolb. A behaupte unter vielem Gewinsele, der
+Zotabarg hätt' a mitt'm Fusse geschibbt.</p>
+
+<p>»'s ies gar nie wohr,« striet's der Zotabarg ob, »der ale Lopps, der
+Pietschabarg, is wieder bepietscht. Eene Krohe hot a immer eim Stäppel,
+merstenteels aber 'n ganza Heffa.<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a>«</p>
+
+<p>»Ich — ich — bien — ganz — ganz — un — un — gar — nie — be
+— suffa,« druxte der Pietschabarg, »aber — Zotabarg, du — du bist
+— uffte — uffte genug — benabelt.«<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> Olle Barge ei der Schläsing
+lachta, und der Zotabarg kriegt 'n ganz verknuchte Bust. A recht's
+olla mitnandern ei ganz urnara<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a> Ausdrücka vür, wie uffte eim Johre,
+daß sie benabelt gewast wär'n. 's war 'n lausige Liternei. Wenn's wohr
+is, was dar Karl sate, do sein de schläs'scha Barge 'n ganz versuffne
+Klicke. Und was das Schlimmste derbeine ies: die hüchsta Spitza, die
+sein am üfftesta eim Nabel, die klen'n Kneppe, die blein viel klorer.
+Aber manchmol erwischt se's oo. Sugar 'm frumma Kreuzbarge sate der
+Zotabarg nach, a hätte monchmal 'n klen'n Stäbrich<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a>.</p>
+
+<p>»Aber,« so schluß a, »bei a Monnsbildern is ni asu schlimm, wenn se
+sich och manchmol asu recht eihüll'n; wenn sich aber a Froovulk<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a>
+ei der Wuche drei, vier, fünf, sechs, sieba Mol benabelt, dos ies ane
+Offaschande. Und a sittes Froovulk ies äben die Schniekuppe.«</p>
+
+<p>Die Schniekuppe kreeschte ver Wutt.</p>
+
+<p>»Zotabarg,« krächzt' se, »du bist ju a ganz gemeener, urnarer,
+geweeniglicher Dingrich. Nu, du tummer Grootsch<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a> du! Wos
+verstiehst'n du, wie's ei hucha und hichsta Kreesen hargieht? Do is asu
+viel Wind und eisige Kälde, doß ma sich monchmol a bisserla eisacka
+muß. Muß, du Offe, hierscht es? Aber du warst ju schun immer asu a
+aler Stänkerfritze, dar keene Ruh' gab und sich über olles und jedes
+die Frasse zerriß. Deswägen hot dich ju och ünser Herrgott aus der
+onständiga Sudetenreihe rausgesotzt. Weil du keene Ruhe gibst, do hot a
+dich abseits vo olla ganz alleene gesetzt, wie der<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> Schulmeester anne
+recht biese Range alleene uff eene Uxabanke<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a> setzt.«</p>
+
+<p>A schollendes Gelächter vu olla Barga. Do war sugar der Altvater
+ufgewacht, dar schun siehr wacklig und taprig ies und immer eischläft,
+eb wos lus ies oder nich.</p>
+
+<p>»Wos — wos ies denn eegentlich?« fragt a däsig.</p>
+
+<p>»Ach, alter Herr,« sate die würdige Bischofskuppe bei Ziegenhols, »es
+ist doch heute wieder die sündige Walpurgisnacht, da machen eben die
+Berge Skandal und lästern und führen gemeine Redensarten.«</p>
+
+<p>»Ähähähähä,« dröselte der Altvater. »jajajaja! 's war immer asu — 's
+war immer asu.«</p>
+
+<p>Und wie a das su leise dudelte und mit eem verschlofna Blicke nach seim
+Lieblingstöchterla, 'm Heidebrünnel, niber liebäugelte, schlief a och
+schunt wieder ei.</p>
+
+<p>Nu zug aber der Schniebarg ei der Grofschaft lus, dar ies nämlich der
+Schniekuppe ihr Stiefbruder. Seit a 'n sehr schienes Aussichtstermla
+uff semm Kuppe hot, spricht a huchdeutsch.</p>
+
+<p>»Meine Herren,« sat a, »wir lassen uns doch von dem erbärmlichen
+Zotenberge nicht produzieren; wir werden ihn einfach aus insem
+Gebergsverein nausschmeißen.«</p>
+
+<p>»Nu, du Glotzer Natzla<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a>, du,« schrie der Zotabarg, »wie sprichst 'n
+du? Plombier' dich ock nich! 's heeßt ju gar nich produzieren, 's heeßt
+ju profetieren.«</p>
+
+<p>»Provozieren,« ächzte 's gebild'te Huche Rad, »es ist entsetzlich,
+unter solchen Banausen zu leben.«</p>
+
+<p>»Ja, ja, Exzellenz,« seufzte die Schniekuppe, »das sag' ich auch. Und
+Exzellenz wissen doch, ich bin eine gebildete<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Frau. Ich verkehre mit
+Breslauern, Berlinern, Engländern und sugar Amerrekanern. Und ich
+bin patriotisch. Ein König und eine Königin von Preußen sind auf mir
+gewäst.«</p>
+
+<p>»Prahl dich nich, tumme Gans,« prillte der Zotaberg.</p>
+
+<p>»Kriegst doch keen'n Orden! Du und patriotisch! Vurna biste preiß'sch
+und hinga biste biehmsch<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a>. Und die Leute san, deine Hingerseite is
+immer noch scheener wie deine Verderfront.«</p>
+
+<p>»Gott, wie unanständig,« sate der Veilchenstein<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a>, der beim Huchen
+Rad immer eim Vorzimmer stieht.</p>
+
+<p>»Halt's Maul, Veilchenstein, du bist a Jude!« schrie der Zotaberg.</p>
+
+<p>»Nu werd a gor noh antersemitisch,« klong's wie a Seufzer vu der
+Silberkuppe riber.</p>
+
+<p>»Ja, und du bist och 'ne Judenschickse,« schantierte der Zotabarg uff
+die Silberkuppe.</p>
+
+<p>»Judenschickse — pfui!« sate der frumme Annaberg bei Strehlitz, und
+nahm 'n Klusterbitter ver Entrüstung.</p>
+
+<p>»Rummel! Rummel! Rummel! Rummel!« quietschte der Rummelsberg bei
+Strählen ver Freede. A ies der reene Kuckuck, a prillt immer sen'n
+eegna Nama.</p>
+
+<p>Nu fiel'n de Walmbriger Barge<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a> olle über a Zotabarg har: der
+Huchwald, der Sottelwald, der Schworze Barg, der Gotshibel, die
+Uxaköppe und halt olle. Ar wäre a ganz ormseliger Buschklepper, meenta
+se, ar und sei Bruder, der Geiersberg, wär'n die leibhoftiga Satane,
+und<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> orme Luder wär'n 's, Blobeermichel, während sie, die reicha
+Walmbriger Barge, asu viel Kohle hätta.</p>
+
+<p>»Macht euch nie gruß,« gurgelte der Zotabarg derzwischen, »macht euch
+ock ni mausig, daß ihr die Kolik im Bauche habt!«</p>
+
+<p>Iber da faula Witz ging a tuller Skandal lus. Die Schniekuppe wischte
+sich mit em Wölkla zwanzigmol hingernander die Nase und fächelte sich
+dann domiete, die Uxaköppe drohta mit a Hörnern, der Wulfsberg heulte,
+der Fuchsberg ballte, der Schniebarg schmieß ver Bust mit Lawin'n
+rim, 's Huche Rad machte sich wie verrückt Notizen, die Pferdeköppe
+wieherta, der Veilchenstein jommerte, der Krokonosch schimpfte uff
+biehmsch, der Annaberg tronk immerfurt Klusterbitter, der Rummelsberg
+prüllte wie tälsch: »Rummel, Rummel,« die Eule tat, als wenn se
+sich halbtut schamte, der Huchwald schwur, uff a Summer werd a a
+Zotabarg mit Hagelkörnern tutschissa<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a> wie mit eener Matrilljese,
+der Schworze Berg sah aus wie a wütender Näger, der Sturchberg schlug
+mit a Fliegeln, und die hunderttausend Mühlberge ei der Schläsing<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a>
+klopperta ver Ufregung.</p>
+
+<p>Do kam uff eemol der liebe Herrgott ei seim himmelblooen Mantel aus
+seim scheenen Paradiese runder ei die liebe Schläsing und sate:</p>
+
+<p>»Bst! Seid stille! Seid hübsch artig, meine lieba Kinderla! Ihr seid
+ju olle su hibsche, schmucke Perschla und Madla<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a> ihr mißt euch ni
+händeln. Ich bien euch ju olla asu harzlich gutt. Gieht jitzt hibsch
+schlofa<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a>, und<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> wenn ihr murne früh wieder ufstieht, do flecht ich
+jedem an lichta, guldna Kranz ei de Hoore. Gieht schlofa, ihr Kinderla,
+gieht schlofa!«</p>
+
+<p>Und der liebe Herrgott zug jedem ane weeche, mollige Nachtmütze über
+die Ohren. Do worn se gut und stille, sanftmittig wie die Lammla.
+Blußig der Knurrkupp vo Zotabarg kunnde sich nich asu plutze beruhigen.
+Wie ihm die Nachthaube schun übers Maul wegrutschte, brummelte a
+drunder no leise ver sich:</p>
+
+<p>»De Schniekuppe ies doch 'n ale Gake!«</p>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="r65">
+<h2 class="nobreak" id="Altenroda"><b>Altenroda</b></h2>
+</div>
+
+<p class="s3 center">*</p>
+<p class="center">46.-65. Auflage</p><br>
+<p class="s3 center">*</p>
+
+<hr class="r65">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p><br>
+<h2> Altenroda<br>
+<span class="s6">Ein Rundgang — Zugleich eine Ouvertüre</span></h2>
+</div>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-159">
+<img class="w100" src="images/drop-159.jpg" alt=""></figure>iebe Stadt,
+wenn ich dein gedenke, wird mir die Seele ruhig. Dann bin
+ich auf eine Weile fort aus dem schrecklichen Leben, das wir nun alle
+führen müssen. Wie ein Jüngling erwache ich aus schwerem Schlafe und
+schaue in unschuldiges Frühlingslicht.
+
+<p>Wenn ich dein gedenke, Altenroda, dann ist es mir, als sei alles nicht
+wahr, das von Leid und Angst, von Enttäuschung und Gram, von den
+Toten, die noch leben müßten, vom bösen Kriege und von der Schande des
+Vaterlandes, als sei alles nur ein Traum gewesen, so furchtbar, daß das
+Erwachen desto tröstender ist.</p>
+
+<p>Du bist noch da, liebes Altenroda! Der Eulenwald schirmt dich noch auf
+mit seinen grünen Armen, der Ochsenkopf baut sich noch auf wie eine
+trutzige Feste, die Poststraße läuft durch die bunte Aue und auf dem
+Flüßchen schwimmen die silberweißen Enten.</p>
+
+<p>Altenroda! Wie mich die Sehnsucht quält, dich wiederzusehen, dir zu
+sagen: »Siehe, ich lebe auch noch. Laß mich wieder einmal durch deine
+alten Straßen gehen!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Heute wollte ich zu dir hinfahren. Es ist nicht weit. Als ich auf den
+Hauptbahnhof meiner großen Stadt kam, standen Maschinengewehre davor.
+Irgendwo, auf einer entfernten Gasse war wildes Geschrei. Ein Beamter
+kam und sagte, es sei Eisenbahnerstreik; die Züge führen nicht. Traurig
+ging ich heim. Ich durfte nicht nach Altenroda.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Deine Kinder bekommen alle das Heimweh, wenn sie von dir ferne sein
+müssen — auch ich habe das Heimweh nach dir. Und wie man nicht nach
+Sünden seines Vaters oder seiner Mutter fragt, sondern ihr Bild heilig
+und unversehrt im Herzen bewahrt, so mag ich nicht fragen, ob auch
+dir, Altenroda, der Krieg die Jugend nahm, ob auch dir die Revolution
+das Glück ermordete. Ich sehe dich im Lichte alter Zeit, friedlich und
+schön, waldfrisch und heimlich.</p>
+
+<p>Ich kann nicht zu dir, weil die Züge nicht fahren. Aber ich will
+mich hinsetzen und alte Erinnerungen an dich aufschreiben. Dann bin
+ich bei dir — in dir. Ich baue mir rasch ein weißes Luftschiff mit
+silbernem Propeller, darauf fahre ich zu dir hin im Sonnenscheine unter
+dem schweigenden Himmel. Schwalben umzwitschern mich, Störche ziehen
+flügelschlagend vor mir her; vom Bienenstocke meines Vaters steigt die
+Frau Königin mit ihrem Gefolge auf und bringt mir einen Gruß; dort über
+den Bergen des Ostens blinkt schon der frühe Mond.</p>
+
+<p>Es geht über die alte Heimaterde. Der Hahn vom Kirchturme glitzert
+herauf, die Wälder wogen tief unten wie blaue Teiche. Wie Fußschemel
+sind die Berge; aber ich bin ein Kind, meine Beine sind zu kurz, die
+Schemel zu erreichen; sie baumeln in freier Luft. Von unten her singen
+Lerchen wie Kanarienvögel, die am Fußboden sitzen. Die Glocken klingen
+aus der Tiefe. Kinder sehen mein Schiff, zeigen nach oben und jauchzen.
+Sie rufen herauf: »Du! Du! — Laß mich ein Stückchen mitfahren!«</p>
+
+<p>So fahre ich gen Altenroda.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Von ungefähr greife ich aus der Weste einen Taschenkalender heraus.
+Welches Datum haben wir? Den 6. Juli 1913. Aha, das ist mein
+vierzigster Geburtstag. Es ist also doch nicht wahr, daß ich nahe der
+»50« bin, es hat auch gar keinen Weltkrieg von 1914 bis 1918 gegeben.
+Das waren nur böse Träume. Es ist erst der 6. Juli 1913. Der Kalender
+muß es wissen.</p>
+
+<p>Gott sei dank! Erst 1913. Nun werde ich in Altenroda mitten in den
+Frieden hineintreffen und keine Trauer- und Angstgesichter, wohl aber
+die alte deutsche Ehre und das alte deutsche Glück finden.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Da ist schon der Gipfel des Ochsenkopfes. Vom Aussichtsturme der
+Bergbaude weht die schwarzweißrote Fahne. Es muß wohl ein Festtag
+sein, daß sie geflaggt haben. Vom Ochsenkopfe herab hat einmal ein
+Köhler eine ganze Stadt zuschanden geraucht — huhu! Und dort oben sind
+jetzt immer die Volksfeste. Am Abhang des Berges stand in alter Zeit
+der Galgen; jetzt ist eine lustige Wiese dort. Alle Tyrannen der Welt
+werden am Ende lächerlich; auf dem Schindanger grasen die Gänse.</p>
+
+<p>Nun eine Biegung; ich bin über dem Flusse, über der Poststraße, über
+der bunten Aue. Links vor mir liegt der meilenweite Eulenwald. Auf der
+Straße marschiert junges, buntmütziges Volk. Gymnasiasten sind es, die
+in die Ferien wandern. Sie singen, jubeln und — rauchen. Aha, daher
+hatte der Ochsenkopf geflaggt. Die großen Ferien beginnen. Da freut
+sich die ganze Stadt mit den Kindern und feiert ein Fest.</p>
+
+<p>Nun der Rathausturm, die Kirchtürme, der Schuldturm,<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> das hohe,
+spitzgiebelige Dach der Kranich-Apotheke — ich bin da!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ich muß zu allererst nach dem »Goldenen Löwen«, muß mich bei Vater
+Speer anmelden. Wie kann er ahnen, daß ich komme?</p>
+
+<p>Er hat es aber doch geahnt, eilt mit entgegen, soweit er mit seinen
+zweihundertfünfzig Pfund eilen kann, schiebt das Käppchen auf dem Kopfe
+hin und her, lacht und sagt:</p>
+
+<p>»Ich dachte mir's schon. Mit Ihnen geht mir's wie mit dem Wetter. Ich
+merke die Ankunft vorher in den Knochen.«</p>
+
+<p>»Wenn's nur kein Reißen ist, Vater Speer.«</p>
+
+<p>»Nö, nö! Das Wetter ist ja sehr schön heute.«</p>
+
+<p>»In Altenroda ist immer schönes Wetter.«</p>
+
+<p>Er lacht sein gutmütiges Meckern.</p>
+
+<p>»Haha, da ist er kaum rein zur Stadt und sagt schon wieder was
+Lächerliches. Immer schönes Wetter! Da hätten Sie mal den Sturm am 17.
+April erleben müssen. Die halbe Stadt abgedeckt. Da war gerade der
+August Stumpe da ...«</p>
+
+<p>»Ach der! Den habe ich neulich den »Tristan« singen hören. Herrlich!«</p>
+
+<p>»Wie er den Christian singt, weiß ich nicht; aber das weiß ich, daß
+er am 18. April nach dem Sturme auf die Häuser rauf ist und Dächer
+geflickt hat vom Morgen bis in die sinkende Nacht.«</p>
+
+<p>»Ein guter Sänger!« sage ich in Erinnerung an einen schönen
+Theaterabend.</p>
+
+<p>»Ein guter Dachdecker,« sagte Vater Speer in Erinnerung an den Sturm.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span></p>
+
+<p>»Der Stumpe — so so — der war da. Ja, die Altenrodaer Kinder hängen
+an ihrer Stadt.«</p>
+
+<p>»Gehört sich auch! Nur der Cyrill ist nicht mehr dagewesen. War
+wohl doch ein bißchen obenhinaus und konfuse. War ja aber kein
+Einheimischer.«</p>
+
+<p>Die Häuser sind mit Fahnen, Girlanden und Tannenreis geschmückt.</p>
+
+<p>»Das ist wohl wegen des Ferienanfangs?«</p>
+
+<p>»Jawohl. Na, es ist doch ein Festtag. Die Schützengilde macht heute
+Umzug und abends ist bei mir ›Sommernachtstraum‹ im ›Löwen‹. Früher
+hieß es ›italienische Nacht‹. Aber das haben wir abgeschafft; wir sind
+ja wohl keine Italiener.«</p>
+
+<p>»Nein, Vater Speer. Sind die Hullah-Araber noch auf dem Gymnasium?«</p>
+
+<p>»Nein, Gott sei dank nicht. Das waren, weiß Gott, die größten
+Vagabunden, die wir hier auf der Schule gehabt hatten. Haben im März
+alle ihr Abitur gemacht, alle bestanden und sind nun fort nach den
+Universitäten.«</p>
+
+<p>»Das freut mich!«</p>
+
+<p>»Mich auch! Und die ganze Stadt freut's! Daß sie fort sind! Das sind,
+darauf nehme ich Gift, die Burschen gewesen, die mir zur Nachtzeit
+immer die leeren Fässer aus dem Hofe nach dem Marktplatz rollten und
+die den Fuhrleuten vor dem ›Löwen‹ die Pferde ausspannten. Und wegen
+der Promenadenesel von damals habe ich auch meinen Verdacht. Sie wissen
+schon — wegen Hero und Leander!«</p>
+
+<p>Wir gehen ein Stückchen weiter.</p>
+
+<p>»Der gute Vater Ansorge ist also tot?«</p>
+
+<p>»Leider!« sagt der Löwenwirt düster. »Viel zu früh!<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> Erst siebzig! Er
+hat der Stadt sein ganzes Vermögen vermacht.«</p>
+
+<p>»Und <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz auch?«</p>
+
+<p>»Der auch! Liegen beisammen. Wird sich auch so gehören.«</p>
+
+<p>»O, der Tod!«</p>
+
+<p>»Ja, der Tod!«</p>
+
+<p>Vater Speer spuckt gerade aus, als ob er dem Tod ins Gesicht treffen
+wollte.</p>
+
+<p>Im Sonnenschein liegt die Krumme Straße, die ein wenig bergauf
+führt. An den Häusern sind Söller und Balkone, vor den Türen stehen
+grüngestrichene Bänke. Das Pflaster ist holperig. Selbst Herr
+Ansorge, der große Wohltäter der Stadt, hat nicht haben wollen, daß
+neumodisches, glattes Pflaster käme. »Solches Katzenkopfpflaster«, hat
+er gesagt, »gehört zur kleinen Stadt. Es macht ihm seine Marktmusik.
+Ohne Rumpeln kein fröhlicher Markt.«</p>
+
+<p>In den Hausgärten hängen die Kirschbäume voll goldener Fruchtkugeln. In
+den zahlreichen Starkästen hausen Sperlinge. Speer weist darauf hin und
+brummt:</p>
+
+<p>»Wer in einem Obstgarten Starkästen aufhängt, ist so dumm wie einer,
+der in der Vorratskammer Mäusenester anlegt.«</p>
+
+<p>»Aber, Papa Speer, Sie haben ja wohl in Ihrem Garten auch viele
+Starkästen?«</p>
+
+<p>»Leider! Die Dummen werden nicht alle!«</p>
+
+<p>Die Leute, die in den Türen stehen oder uns begegnen, reichen uns die
+Hände und plaudern mit uns. Man kommt in Altenroda langsam vorwärts.
+Mein Gedächtnis wird bewundert, weil ich noch weiß, daß die kleine<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span>
+Friedel zugleich Scharlach und Diphtherie hatte, und daß <em class="antiqua">Dr.</em>
+Schicketanz sie rettete, und weil ich mich erkundige, ob der geblumte
+Rock sich gut getragen habe, den die Großmutter nach langem Rechnen und
+Zaudern um eine Mark und zwanzig Pfennige das Meter gekauft hatte.</p>
+
+<p>Wir kommen am »Weißen Roß« vorbei.</p>
+
+<p>»Wie geht es dem Wirt?«</p>
+
+<p>»Schlecht! Hat zu hohe Preise. 1911er Zeltinger verkauft er die Flasche
+für zwei Mark und fünfundzwanzig Pfennige. Das kann kein Mensch zahlen.
+Die Gäste verkrümeln sich. Ich habe diesem Roß von Roßwirt gesagt:
+›Ich verschenke den Zeltinger für zwei Mark; gib du ihn für eine Mark
+und neunzig Pfennige und du hast die Gäste.‹ Er kann's nicht tun, hat
+den Wein selber mit zwei Mark in der Hand. Saure Schnauze gehabt beim
+Einkauf. Kommen Sie, wir wollen die Konkurrenz was verdienen lassen.«</p>
+
+<p>Wir kehren ein und lassen die Konkurrenz was verdienen. Im Lokal sitzt
+ein dürres Männchen mit einer Brille auf der Nase. Es wird von Vater
+Speer auffallend schlecht behandelt.</p>
+
+<p>Draußen frage ich: wer der Dürre sei.</p>
+
+<p>»Ach der,« knurrt Speer; »der ist ein schlechter Kerl. Ein Berliner.
+Früher ist er Archivrat gewesen, und bei seiner Pensionierung ist er
+leider auf den Gedanken verfallen, nach Altenroda zu ziehen. Jetzt
+kriecht er auf den Bodenräumen des Rathauses rum, stöbert in alten
+Pfarr- und Innungsbüchern und schreibt blecherne Artikel. Wütend sind
+wir auf den!«</p>
+
+<p>»Was schreibt er denn?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></p>
+
+<p>»O, der hat zum Beispiel geschrieben, die Stadt Wenighofen sei gar
+nicht von unserem Köhler zuschanden geraucht, sondern im Hussitenkriege
+<em class="antiqua">anno</em> Vierzehnhundert so und so viel zerstört worden. Denken
+Sie, wenn das die Kinder lesen! Das ist, als wenn sich ein Kerl zu
+Weihnachten vor die Kleinen hinstellt und ihnen sagt: ›Es gibt gar kein
+Christkind; der ganze Plunder, über den ihr euch so freut, ist aus dem
+Warenhause.‹ Eine Roheit ist so etwas. Auch die Geschichte vom Meister
+Michael und seiner Wunderuhr hat er angezweifelt. Er hat gesagt, das
+hätte sich gar nicht bei uns, sondern in Olmütz zugetragen. Er saß bei
+mir im ›Löwen‹, als er das behauptete.«</p>
+
+<p>»Was haben Sie denn darauf erwidert?«</p>
+
+<p>»Ach, erwidert hab' ich gar nichts; ich hab' ihn bloß rausgeschmissen.«</p>
+
+<p>Aus der Gerbergasse tönt Kinderlärm. Eine ganze Schar ärmlich
+gekleideter Buben und Mädchen tollt dort herum.</p>
+
+<p>»Sehen Sie,« sagte Vater Speer, »drei Viertel von diesen Radaumachern
+sind direkte Nachkommen von Paul Distelfink, Enkel oder Urenkel. Na,
+Sie kennen ja die Geschichte von Ansorge und Distelfink und der dummen
+Emma. Ja, ja, lauter Distelfinken! Wenn das so weiter geht mit dieser
+Familie Distelfink, ist Altenroda in sechzig Jahren eine Großstadt.
+Und ein Mann wie Ansorge muß sein Leben lang einsam bleiben und erhält
+keinen Erben!«</p>
+
+<p>Seit einigen Minuten ertönt Glockengeläute. Nun begegnen wir einem
+Leichenzuge; gerade an der Marktecke zieht er an uns vorüber. Vornweg
+ein mit schwarzen Schleiern geschmücktes Kreuz, dann etwa vierzig
+Schulkinder,<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> die unter Leitung ihres Kantors ein Begräbnislied
+singen, hellstimmig, krähend, fidel, als ob es zu einem Schulausfluge
+ginge; dann ein blasser, junger Geistlicher, der in einem Gebetbuche
+liest, vor ihm rotbäckige Ministranten mit Weihbrunnen und Rauchfaß,
+äußerlich würdig, aber die Augen rechts und links werfend; dann der
+Sarg, von sechs Männern getragen, denen die Zylinderhüte schief
+auf dem Kopfe sitzen und die Zitronen in der Hand tragen; dann
+schwarzgekleidete Leidtragende und zuletzt viel Volk. Die meisten Leute
+des Trauergefolges machen gleichgültige Gesichter; manche schwätzen
+miteinander.</p>
+
+<p>»Der alte Kesselschmied Mentke,« flüstert mir Speer zu. »Dreiundachtzig
+Jahre alt. Der Tod war eine Erlösung.«</p>
+
+<p>Einem Begräbnisteilnehmer ist sein Hund nachgelaufen gekommen, ein
+schöner Dobermann. Umsonst versucht der Mann, durch zischelnde, zornige
+Befehle, durch Drohen mit dem Regenschirme oder scheinbares Aufheben
+eines Steines das Tier zur Rückkehr zu bewegen. Er erreicht nur, daß
+sich der Dobermann als Letzter dem Trauerzuge anschließt.</p>
+
+<p>Vater Speer und ich haben unsere Häupter entblößt, als der Sarg
+vorbeigetragen wird, und gehen nun langsam auf dem Bürgersteige
+mit, begleitet von einer Kinderschar. Eine Arbeiterfrau gibt ihrem
+Sprößling, der seinen Reifen neben dem Sarge hertreibt, eine gewaltige
+Ohrfeige. So geht der Schlingel jetzt bitterlich weinend, die
+schmutzigen Fäustchen in die Augen gebohrt und den Reifen um den Hals
+gehängt neben dem Sarge her als der Betrübteste im Zuge.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span></p>
+
+<p>Alle Türen öffnen sich. Käufer und Verkäufer treten aus den Läden und
+entbieten dem toten Kesselschmiede einen letzten Gruß. Nur der Barbier
+mit seinem Streichriemen und seinem eben eingeseiften Kunden hätten
+sich lieber nicht in der Türe zeigen sollen.</p>
+
+<p>Von der Berliner Straße her, die am anderen Ende des Marktplatzes
+mündet, tönt schmetternde Musik. Die Schützengilde marschiert an;
+die Kapelle spielt einen wirbelnden Marsch. Plötzlich bricht die
+Musik ab. Der Kapellmeister hat den Begräbniszug erblickt. Er spricht
+leise auf die Musiker ein, und als der Sarg vorbeigetragen wird, läßt
+er, ein Protestant, ob es auch ein katholisches Begräbnis ist, den
+herrlichen Choral spielen: »Meinen Jesum lass' ich nicht; Jesus wird
+mich auch nicht lassen«. In strammer militärischer Haltung steht die
+Schützengilde und die Fahne senkt sich vor dem alten Kesselschmiede.</p>
+
+<p>Als der Zug schon um die nächste Biegung und nichts mehr davon zu sehen
+ist, steht die Gilde immer noch da. Der Kapellmeister überlegt, wie er
+in die so jäh unterbrochene Freudenstimmung musikalisch zurückfinden
+könne. Etwas Lustiges muß es wieder sein; denn dafür ist Schützenfest;
+aber es soll doch an das eben gehabte ernste Erlebnis angeknüpft, etwas
+Schickliches zur Überleitung gefunden werden. So läßt der Kapellmeister
+spielen: »Muß i denn, muß i denn zum Städele hinaus« und dann in die
+Hohe Gasse nach dem »Löwen« einbiegend: »Freut Euch des Lebens, weil
+noch das Lämpchen glüht ...«</p>
+
+<p>Da habe ich wieder ein echt Stück Altenroda erlebt. Es ist nichts,
+was mich an diesem Leichenbegängnis mit<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> seiner Mischung von Wehmut,
+Feierlichkeit und Humor gestört hätte. So ist Altenroda, so ist
+schließlich das ganze Leben — neben den Särgen der Alten treiben die
+Kinder ihre Reifen, blasen die Musikanten.</p>
+
+<p>Ich denke daran, daß der alte Mentke nun für immer zum Städele hinaus
+muß, in dem er über acht Jahrzehnte lebte. Glückliche Reise in die
+große Ferne! Alter Mentke, gelt, es war schön in Altenroda!</p>
+
+<p>Mein Begleiter Speer räuspert sich.</p>
+
+<p>»Weiß der Himmel,« sagt er, »wenn ich ein Begräbnis gesehen habe, muß
+ich immer was trinken. Es ist mir stets nicht ganz lauter um den Magen.
+Gehn wir mal zum Apotheker.«</p>
+
+<p>Dazu bin ich gern bereit. Der Apotheker ist mein Freund seit langem. Er
+ist einer der angesehensten Bürger, in vielerlei Wissen erfahren, sehr
+musikalisch, als Sänger kunstgerecht ausgebildet, etwas streitsüchtig,
+aber im ganzen eine goldene Seele. Über der Tür seiner Apotheke funkelt
+ein goldener Kranich, das hochgiebelige Haus ragt stattlich in die
+Luft. Hinter dem Geschäftsraume der Apotheke ist eine Trinkstube, die
+der Apotheker, der von Hause aus Oberösterreicher ist, den »Giftgadern«
+nennt. »Gadern« ist ein durch ein »Gatter« abgeschlossener Raum.</p>
+
+<p>Der Apotheker mich sehen, an der Hand fassen und in den Gadern ziehen,
+das geschieht alles in Sekunden.</p>
+
+<p>»Freut mich, Sie zu sehen!« oder auch nur »Guten Tag!« sagt er nicht.
+Er hält das für selbstverständlich und haßt Phrasen, die ja meist doch
+rein gar nichts bedeuten.</p>
+
+<p>Der Giftgadern der Kranich-Apotheke zu Altenroda ist<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> — glaube ich
+— eine der verrücktesten Trinkstuben der Welt. Ein Panoptikum.
+Einmal ist einer, der im Gadern auf einem Sofa über Nacht blieb und
+in bleichem Mondlichte aufwachte, in Schreikrämpfe verfallen. In
+einer Ecke steht ein Totengerippe. Daneben hängt auf der einen Seite
+das Bild einer alten Zigeunerin, auf der anderen ein Gemälde, das
+ein hoch talentierter futuristischer Maler gestiftet hat und das die
+»Maul- und Klauenseuche« darstellt. Ich glaube, daß dieses Gemälde das
+Allerschrecklichste im Giftgadern ist; wer es angeschaut hat und bei
+gesunden Nerven geblieben ist, erschrickt vor nichts mehr im Leben.
+In einer anderen Ecke steht ein Ritter in Originalrüstung. Auf seinem
+Schilde ist eingraviert: <em class="antiqua">Qui bene bibit bene dormit, qui bene dormit
+non peccat, qui non peccat venit in coelum, item qui bene bibit venit
+in coelum.</em> (Der Archivar aus Berlin hat diese Inschrift als eine
+nachträgliche Fälschung erklärt und darf daher nicht mehr in den Gadern
+kommen.)</p>
+
+<p>Die Wände sind bis an die Decke mit Bildern, Konsolen, Urnen,
+Kriegstrophäen bedeckt, alles in erstaunlichem Durcheinander, so
+daß eine Karikatur Napoleons I. neben dem Bilde einer neuzeitlichen
+Berliner Theaterdiva hängt und eine (auch vom Archivar angezweifelte,
+aber trotzdem echte) Tabaksdose Friedrichs des Großen auf einer
+Konsole neben einem in ein ganz modernes Glaskästchen eingeschlossenen
+Bleistiftlein liegt, mit dem der Dichter Geibel angeblich das schöne
+Lied: »Der Mai ist gekommen« geschrieben haben soll.</p>
+
+<p>»Ordnung,« sagte der Apotheker, »ist in einem Giftgadern nicht zu
+fordern. Außerdem, wer sollte auch Zeit<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> und Lust genug haben, hier
+Ordnung zu machen? Wem's nicht paßt, der bleibt draußen.«</p>
+
+<p>Der Mann hat recht: die Erde und ihre Zeit und ihr Raum sind winzig wie
+ein Stäublein, das im Winde fliegt. Homer und Geibel sind Zeitgenossen,
+Altenroda und Peking liegen dicht beieinander.</p>
+
+<p>Im Giftgadern sitzen drei Männer, alte Bekannte von mir. Keiner läßt
+sich durch meine Ankunft in der Unterhaltung stören.</p>
+
+<p>Denn das hat der Apotheker heraus: nichts stört in einer Gesellschaft
+mehr, als das ständige »Guten Tag« und »Ade« sagen. Sitzen Leute
+zusammen und unterhalten sich gerade gut, kommt ein neuer hinzu, reicht
+jedem die Hand: »Guten Tag, Herr Schulze!« — »Guten Tag, Herr Müller!«
+— »Guten Tag, Herr Lehmann!« — so hat er mit seinem nichtssagenden
+Grüßen die Unterhaltung gestört, das feine Geflecht der Behaglichkeit
+zerrissen. Und sind die Maschen wieder geschlungen, steht einer auf,
+reicht jedem die Hand und sagt: »Gute Nacht, Herr Müller!« — »Gute
+Nacht, Herr Schulze!« — »Gute Nacht, Herr Lehmann!« so ist er allen
+durch die Unterbrechung lästig. Sinn und Zweck hat so etwas nicht.
+Im Giftgadern hängt an einer Strippe eine Hand herab, die in feinem
+Glaceleder steckt. Wer kommt, schüttelt diese Hand (soll für alle
+heißen: »Guten Tag!«), wer geht, schüttelt die Hand (heißt für alle
+»Auf Wiedersehen!«). Oben an der Strippe ist ein Läutewerk, das bimmelt
+leise bei Ankunft und Abgang.</p>
+
+<p>Ich stehe nun da und schüttele die künstliche Hand. Der Apotheker neben
+mir fragt:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p>
+
+<p>»Nun, was ist zuerst gefällig: Mundwasser, Gurgelwasser oder
+Zahntropfen?«</p>
+
+<p>»Zahntropfen!« sagt mein Begleiter Speer. »Hab's Begräbnis mitmachen
+müssen, da ist mir nicht lauter um den Magen.«</p>
+
+<p>»Dreimal Zahntropfen!« ruft der Apotheker in die Apotheke hinaus, und
+es erscheinen drei Gläser Kognak. Hätte er »Gurgelwasser« bestellt, so
+wäre Bier gekommen, bei »Mundwasser« aber Wein. Der Apotheker hat diese
+Decknamen eingeführt, weil er seine Reputation wahren muß. Wenn er eine
+Bestellung aus dem Giftgadern hinausruft in die Apotheke, dann muß das
+einen pharmazeutischen Anstrich haben, damit die Kunden draußen kein
+Ärgernis nehmen.</p>
+
+<p>Allerhand Fallen sind im Giftgadern. Wer so kindisch ist, an dem Seile
+der kleinen Glocke zu ziehen, die an der Wand hängt (und fast jeder
+Neuling ist so kindisch!) der zahlt eine Auflage, ebenso, wer auf
+der Laute klimpert, die daliegt (und fast jeder Neuling klimpert).
+Auch muß der, welcher sich auf einen Hocker setzt, der ein verkapptes
+Musikinstrument ist und »Trink'n wir noch ein Tröpfchen« spielt, diese
+hinterlistig erpreßte Aufforderung wahr machen.</p>
+
+<p>Beileibe keine Nebberei! Einen gastfreundlicheren Wirt als den
+Apotheker gibt es in ganz Europa nicht. So darf zum Beispiel der,
+der das erste Mal in den Giftgadern kommt, für seine Zeche überhaupt
+nichts bezahlen. Niemand hat dieses »Recht des ersten freien Tages«
+mißbraucht, jeder ist wiedergekommen und hat sich »revanchiert«.</p>
+
+<p>Nur einer hat es anders gemacht. Der ist in Abwesenheit<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> des Apothekers
+in den Giftgadern gekommen, hat einmal, zweimal, dreimal gut gegessen,
+siebenmal gut getrunken, feine Zigaretten verlangt, hat dann gesagt:
+»Ich bin das erste Mal hier, also zahle ich nichts, danke bestens!
+Mahlzeit!« ist gegangen und nie wieder gekommen. Das war ein Berliner.
+Selbstverständlich war das ein Berliner!</p>
+
+<p>Sechs Wochen lang hat ganz Altenroda auf diesen »Schmierfink« von
+Berliner geschimpft. In der siebenten Woche kam ein Brief aus Berlin:
+»Nachdem jetzt wohl genug auf den Berliner geschimpft worden ist, zahlt
+er seine Schuldigkeit.« Schickt der Mann den Betrag seiner Zeche und
+ein hochanständiges Trinkgeld dazu für die Bedienung. Ganz Altenroda
+war betroffen. Ganz Altenroda schämte und ärgerte sich und schimpfte
+dann aufs Neue auf den Berliner, der eine angebotene Gastfreundschaft
+bezahlt hatte.</p>
+
+<p>»Das können Sie glauben,« sagte Vater Speer damals zu mir, »Berlin ist
+eine Stadt von lauter Lauseigeln.« Ich wagte nichts zur Verteidigung
+der Berliner zu sagen, dazu bin ich Vater Speeren gegenüber zu
+furchtsam. Und dann hatte ich die ganze Geschichte selbst mit erlebt,
+hatte selber mit geschimpft und war dann ob des Benehmens des Berliners
+auch selbst mit »betroffen« gewesen.</p>
+
+<p>Mein herrlicher, nun verewigter Freund Ansorge sagte damals milde:</p>
+
+<p>»Man soll nie schimpfen; denn erstens hat es keinen Zweck, zweitens
+steht es einem schlecht zu Gesichte, und drittens ärgert man sich
+hinterher immer darüber, daß man sich geärgert hat.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p>
+
+<p>Ja, ja, lieber, ehrwürdiger Freund, solltest halt noch leben! Solltest
+nicht zu den Toten gegangen sein. Solltest jetzt wie einst mit im
+Giftgadern sitzen. Da würdest du mild auf die Freunde einwirken, die
+auf den Archivar schimpfen, der aus Berlin gekommen ist und sich
+ungehörig um die Geschichte der Stadt Altenroda kümmert.</p>
+
+<p>Sie freuen sich doch, die alten Kumpane, daß ich gekommen bin. Sie
+fragen natürlich nach vielem aus der großen Stadt. An die Großstadt
+denken sie oft mit einem Schauer wie an ein sündiges Babel und haben
+bei diesem Schauer immer eine heftige Sehnsucht, hinzufahren. Das ist
+halt so.</p>
+
+<p>Es werden wirtschaftliche Fragen erörtert. Die Bauern wuchern
+neuerdings furchtbar, wird mir geklagt. Für ein Pfund Butter haben sie
+eine Mark und dreißig Pfennige verlangt, für ein Ei nehmen sie, ohne
+vor Scham in die Erde zu sinken, acht Pfennige. Da kann sich ja auch
+ein begüterter Mann zum Frühstück nicht mehr seine drei Eier gönnen.
+Der Hering kostet zwölf Pfennig, Schweinefleisch ohne Knochen schon
+neunzig! Traurige Zeiten!</p>
+
+<p>Der Zentner Kohle gilt eine Mark und zwanzig Pfennige. Die Bergleute
+werden immer frecher. Ein achtzehnjähriges Dienstmädel verlangt
+mir nichts dir nichts fünfzehn Mark pro Monat und jeden zweiten
+Sonntag frei; die Schullehrer wollen mit eintausendfünfhundert Mark
+Jahreseinkommen nicht mehr zufrieden sein. Ja, wohin soll denn das noch
+führen?</p>
+
+<p>»Ach,« sagt der Apotheker, »wir sitzen in einem Schlaraffenlande; wir
+wissen's bloß nicht!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p>
+
+<p>»Sie vielleicht,« höhnte der Kaufmann Nerlich, der das größte
+Kolonialwarengeschäft in der Stadt hat. »Wissen Sie, was ich im vorigen
+Jahre für Einkommensteuer hab' zahlen müssen? Vierundachtzig Mark! Wo
+soll man denn das hernehmen?«</p>
+
+<p>»Aus der Kasse!« sagt Vater Speer pomadig.</p>
+
+<p>Nerlich wird wild.</p>
+
+<p>»Ja, Sie haben leicht in die Kasse zu greifen, wo Sie für den Kognak
+fünfzehn Pfennig und für die Zigarre zehn Pfennig nehmen. Was da
+bleibt! Und die Portion Mittagessen fünfundsiebzig Pfennig, hehe, feine
+Sache!«</p>
+
+<p>»Ihnen geb' ich Rabatt,« sagt Vater Speer.</p>
+
+<p>Wenn sich die Stimmung so zuspitzte, schrie der Apotheker allemal in
+die Apotheke hinaus:</p>
+
+<p>»Zahntropfen!«</p>
+
+<p>Die besänftigten nicht nur die Zähne, sondern auch die Gemüter. Aber
+nicht lange. Die Bürger von Altenroda lieben es zu streiten, eine
+Eigentümlichkeit, die man in deutschen Landen des öfteren antreffen
+kann. Es ging bald wieder los. Nerlich erhitzte sich aufs neue.</p>
+
+<p>»Was das jetzt auch für eine Schlamperei mit der Eisenbahn ist! Gestern
+wollte ich meine Schwiegermutter abholen. Muß ich doch geschlagene acht
+Minuten auf dem Bahnhofe warten. Soviel hatte der Zug Verspätung! Ist
+das nicht unerhört?«</p>
+
+<p>»Na,« sagte der Apotheker, »wenn sich die Schwiegermutter um acht
+Minuten verspätet hat, dann schreiben Sie doch an die Bahn einen
+Dankbrief.«</p>
+
+<p>Nerlich trank sein »Gurgelwasser« aus.</p>
+
+<p>»Schwiegermutter hin, Schwiegermutter her. Über<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> solch ernste Sachen
+soll man nicht spotten. Ordnung muß sein im Lande! Ordnung! Und Recht
+und Billigkeit! Und das ist nicht mehr in Deutschland.«</p>
+
+<p>Er stand auf, schüttelte die lederne Hand, die an der Decke hing, und
+verschwand.</p>
+
+<p>Schweigen. Jeder grübelte, ob er nun in einer schlechten oder
+erträglichen Zeit lebe.</p>
+
+<p>Der Apotheker und Vater Speer fanden das Leben anno 1913 »erträglich«.</p>
+
+<p>Der Apotheker sagte zu mir:</p>
+
+<p>»So, was man arme Leute nennt, das mag's bei Ihnen in der Großstadt
+geben, bei uns nicht. Hungern kennt hier keiner, Frieren auch nicht.
+Wär noch schöner! Luxus, na ja, das ist nicht, aber was sein muß,
+ist da! Bei uns kann jeder achtzig Jahre alt werden, wenn's ihm der
+Herrgott von Geburt aus mit in die Knochen gegeben hat, und wenn er
+seinen Lebensbrennstoff nicht selbst verliedert hat.«</p>
+
+<p>Er ging zu einer riesigen Tonurne, die eine Ausgrabung war und die
+Asche eines Menschen enthielt, der vor zweitausend Jahren starb. Neben
+der Urne stand ein Grammophon. Von diesem ließ der Apotheker das
+Deutschlandlied spielen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Eine kleine Welt ist Altenroda. Aber die ganze Welt ist klein; Paris
+und Berlin sind Nester wie Altenroda. Die größten Spießer sind unter
+denen, die das Spießertum verachten. Außer der Liebe ist nichts Großes
+auf der Welt. Es gibt keine großen Reiche, keine große Kunst, keine
+großen Männer. An solche Dinge glauben nur Knirpsgehirne. Selbst die
+Sonne ist nur ein Flimmerchen.<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> Über ein paar kleine Differenzen,
+wie etwa zwischen Goethe und einem Stallknecht, sollte sich niemand
+aufregen; beide — Goethe und der Stallknecht — sind ganz klein, der
+eine ein bißchen kleiner als der andere.</p>
+
+<p>Groß allein ist die Liebe, die der Odem Gottes ist. Sie läßt uns das
+Winzige groß sehen, so daß wir selbst ein Käferlein im Sonnenlichte mit
+seligem Entzücken zu betrachten vermögen und mit heimlichem Schaudern
+zusehen, wie ein gewaltiger Sperling ein Würmchen auffrißt, oder — wie
+ein Reich durch ein anderes zugrunde gerichtet wird.</p>
+
+<p>»Sie spintisieren!« sagt Vater Speer, da wir über den Marktplatz gehen.
+»Was ist los?«</p>
+
+<p>Ich sage ihm etliches von dem, was ich eben gedacht habe.</p>
+
+<p>Speer schüttelt den Kopf.</p>
+
+<p>»Wegen der paar Zahntropfen braucht man ja nicht gleich auf solche
+Gedanken zu kommen.«</p>
+
+<p>So sagt er und grüßt gleicherzeit devot nach dem Bürgersteige
+hinüber, wo der Herr Major daherschreitet, der Kommandeur des hier in
+Garnison liegenden zweiten Bataillons des xten Infanterieregiments,
+Feldmarschall Graf von Kunsewitz.</p>
+
+<p>»Haben Sie gesehen, wie freundlich der Major gedankt hat?« fragte Vater
+Speer. Er strahlt. Das Offizier-Kasino ist in seinem »Löwen«. Es bringt
+zwar bei den Vorzugspreisen, die die Herren Offiziere genießen und bei
+den Ansprüchen, die sie machen, nicht viel ein. Aber die Ehre, man
+denke, die Ehre! Der Herr Major hat auf Speers Gruß nicht nur gedankt;
+er hat direkt mit<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> dem Kopfe genickt. Das tut sonst beim Grüßen kein
+Offizier. Beim Militär nickt man nicht mit dem Kopfe. Das sah beinahe
+wie Vertraulichkeit aus. Vater Speer strahlt.</p>
+
+<p>Es sind halt doch große Differenzen zwischen den einzelnen Menschen.
+Meine Gedanken von vorhin ... Nun, lassen wir es!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Was ist das?</p>
+
+<p>Jemand kommt und sagt: es sei spät in der Nacht; das Schießen auf der
+Straße habe nun aufgehört; es sei Zeit, schlafen zu gehen; auch wäre
+der Ofen kalt geworden.</p>
+
+<p>Schießen?</p>
+
+<p>Ich habe nichts gehört.</p>
+
+<p>Und Feuer im Ofen?</p>
+
+<p>Eben hat sich Vater Speer mit einem bunten Schnupftuch den Schweiß von
+der Stirne gewischt.</p>
+
+<p>Aha — die täuschen sich; die denken, ich sei in Breslau, es sei Winter
+und Revolte.</p>
+
+<p>Sie täuschen sich. Ich bin in Altenroda; es ist ein friedlicher
+Sommertag — der 6. Juli 1913 — mein vierzigster Geburtstag.</p>
+
+<hr class="r65">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p>
+<h2>Vom Musikleben in Altenroda</h2>
+</div>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-181">
+<img class="w100" src="images/drop-181.jpg" alt=""></figure>n friedlicher
+Zeit, als die Menschen noch nicht so von politischen
+Ängsten und Leidenschaften zerrüttelt waren, hatten sie Muße, das Leben
+mit Behaglichkeit zu genießen und sich mit allerhand schönem oder
+vergnüglichem Nebenwerk das Dasein zu erheitern. Allenthalben blühten
+Liebhaberkünste, insonderheit wurde gern gesungen, und so war es auch
+in der Stadt Altenroda.
+
+<p>In dieser Stadt gab es drei Gesangvereine: einen vornehmen, einen
+weniger vornehmen und einen gar nicht vornehmen, alles hübsch geordnet
+nach Stand und Einkommen.</p>
+
+<p>Singen konnten alle drei Vereine nicht; aber sie bildeten sich ein, daß
+sie es könnten. Ihr Publikum, das zumeist aus Verwandten und Bekannten
+bestand, klatschte Beifall, wenn sie ein Konzert gaben, und so war
+alles in schöner Ordnung.</p>
+
+<p>Der Apotheker jener Stadt aber, der ein gewaltiger Bassist war und
+den »Schwarzen Walfisch zu Askalon« oder den »Grafen von Rüdesheim«
+so machtvoll vortragen konnte wie kaum ein anderer Mensch, warf
+sich auf die kritische Seite und störte, wie alle Kritiker, die
+künstlerische Ruhe und das Behagen der Sängerwelt. In dem vornehmsten
+Gesangvereine, dem er selbst angehörte, der »Harmonie«, krittelte der
+Apotheker ständig, war bei den Proben nie zufrieden und wollte immer
+alles anders »aufgefaßt« und bis zur Endlosigkeit wiederholt wissen.
+Dadurch machte er sich unbeliebt und wurde bei der Generalversammlung
+nicht mehr in den Vorstand<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> gewählt, weshalb er aus dem Vereine
+ausschied und diesen der mächtigsten Grundsäule des Basses beraubte.
+Aber auch mit dem zweitvornehmsten Vereine, dem »Kirchenchor«,
+verfeindete sich der Apotheker. Als bei dem zwanzigsten Konzert, das
+er in diesem Vereine erlebte, abermals »Der Herr ist mein Hirt« und
+»Hebe deine Augen auf« auf dem Programm standen, gähnte der Apotheker
+bei einer Pianissimostelle so laut und schmerzlich, daß die ganze
+Zuhörerschaft in Lachen ausbrach, wodurch die feierliche Liedwirkung
+sehr beeinträchtigt wurde. Der Dirigent des Kirchenchores war so
+böse auf den Apotheker, daß er, als er sich bald darauf einen Finger
+beschädigte, mit der Eisenbahn nach einer Nachbarstadt fuhr, um dort
+ein Schächtelchen Salbe einzukaufen, da er den Apotheker nichts mehr
+verdienen lassen wollte.</p>
+
+<p>Ganz und gar verschüttet aber hatte es der Apotheker mit dem dritten
+Gesangverein, welcher »Frohsinn« hieß. Er hatte öffentlich behauptet,
+dieser Verein müsse nicht »Frohsinn«, sondern »Verzweiflung«
+genannt werden; seine Mitglieder gehörten samt und sonders in die
+Korrektionsanstalt.</p>
+
+<p>Einige Frohsinnsmänner, die über solche Kritik verdrossen waren,
+brachten darauf dem Apotheker fast allabendlich ein Ständchen, dessen
+Text nur eine einzige Zeile hatte: »Es war einmal ein Apotheker«,
+dessen Musik aber die Textworte fugenartig auseinanderzog, zum
+Beispiel: »A-a-po-po-the-the-ker-ker«. Der Apotheker war rasend über
+diese »Sauerei«, wie er es nannte, konnte es aber nicht hindern, daß
+sich immer wieder einige Mitglieder des »Frohsinns« vor seiner Haustür,
+über der als<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> Firmenbild ein goldener Kranich war, aufstellten und im
+Liede beteuerten, daß einmal ein »A-a-po-po-the-the-ker-ker« war. Die
+Fuge über dieses eine Wort war ungefähr eine Viertelstunde lang, worauf
+die Sänger, wenn sie nach dem endlosen Gestammle das Wort »Apotheker«
+am Schluß doch glücklich und im Zusammenhange herausgebracht hatten,
+sich vor dem goldenen Kranich artig verneigten, gleich als hätte der
+Beifall gespendet, und ihrer Wege gingen.</p>
+
+<p>Solche Dinge können ja einem Biedermanne und Kunstkenner das Leben
+verbittern ...</p>
+
+<p>Seit einigen Wochen lebte in Altenroda ein junger Mann namens Cyrill
+Dietrich. Die Leute hielten ihn für überspannt. Schon seine Eltern
+mußten nicht ganz gescheut gewesen sein, sonst hätten sie ihn doch
+lieber Max oder Kurt oder auf sonst einen vernünftigen Namen, aber
+nicht Cyrill getauft. Cyrill war früher Postsekretär gewesen; aber er
+hatte — wie sich der Apotheker im Bilde ausdrückte — die Marken an
+die Wand geklebt, war nach Berlin gegangen, hatte dort Musik studiert
+und schließlich sein Examen glänzend bestanden. Eine Stelle als
+Kapellmeister hatte Cyrill bis dahin aber nicht gefunden, wenigstens
+keine, die er anzunehmen geneigt war; denn er hielt viel von sich
+selbst und schrieb zurzeit an einer Oper, zu der er sich den Text
+selber dichtete. »Ganz wie die beiden Wagner, Vater und Sohn,« sagte
+der Apotheker, der einzige, der den jungen Mann ernst nahm, weil er
+in ihm außer sich selbst den einzigen musikverständigen Menschen von
+Altenroda erblickte.</p>
+
+<p>Cyrill benahm sich sehr hoffärtig. Der Frau Bürgermeister, die ihm
+angeboten hatte, ihrer siebzehnjährigen<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> Else »fortgeschrittenen
+Klavierunterricht« zu erteilen, wofür eine Mark und fünfundzwanzig
+Pfennige die Stunde gezahlt werden sollten, hatte Cyrill einen
+höhnischen Absagebrief geschrieben. Darauf hatte die Frau
+Fabrikbesitzer Strümpel, die mit der Bürgermeisterin verfeindet war,
+Herrn Cyrill Dietrich sechs Mark für die Stunde angeboten, wenn er
+ihre Tochter Thea unterrichten wollte. Cyrill antwortete, wenn er
+kein Geld mehr haben werde, wolle er sich bei Herrn Strümpel um eine
+Stelle als Fabrikarbeiter bemühen, keinesfalls aber dem Fräulein Thea
+Klavierunterricht geben.</p>
+
+<p>Darauf sagten die Leute in Altenroda, Cyrill sei ein Grobian. Nur der
+Apotheker lobte ihn und nannte ihn einen Charakter.</p>
+
+<p>Jedenfalls hatte sich Cyrill, was seine musikalischen Fähigkeiten
+und Kenntnisse anlangte, in Respekt gesetzt. Als die »Harmonie« ihr
+nächstes Konzert gab, räusperte sich ihr Dirigent verlegen, als er
+Herrn Cyrill im Saale auftauchen sah, und alle Vereinsmitglieder sagten
+sich im stillen: Heute heißt es aber sich zusammennehmen und das Beste
+bieten.</p>
+
+<p>Cyrill hörte sich nur die erste Nummer des Konzerts an, dann verließ er
+behutsam und mit betroffenem Gesichte den Saal.</p>
+
+<p>»Der hat genug!« sagte der Apotheker ziemlich laut, was ein Kichern,
+aber auch ein verärgertes »Pst! Pst!« zur Folge hatte. Die Sänger auf
+dem Podium machten erboste Gesichter und es war, als läge ihnen gar
+nichts mehr daran, weiterzusingen.</p>
+
+<p>Am nächsten Tage suchte der Apotheker Herrn Cyrill auf. »Sie haben
+gestern das Konzert der ›Harmonie‹ ostentativ<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> verlassen. Das war nicht
+mehr als recht und billig.«</p>
+
+<p>»Ich wollte die Leute nicht kränken,« erwiderte Cyrill sanft; »ich
+hielt es nur nicht länger aus.«</p>
+
+<p>»Kann ich mir denken, mir denken! Die Leute haben keine Ahnung vom
+Singen.«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Cyrill noch sanfter.</p>
+
+<p>»Keine Ahnung von Tonbildung oder richtiger Atmung oder Dynamik. So zum
+Beispiel singen sie:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›<em class="gesperrt">Stüll ruht da Söö</em>,</div>
+ <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">Die Veeglein schlafähn</em>,</div>
+ <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">Ein Flistarn nua, du merkst es kahum</em>.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Und bei ›Flistarn‹ brüllen sie wie die Stiere. Dabei soll man das
+Flüstern kaum merken. Ich danke!«</p>
+
+<p>Cyrill lächelte nur schmerzlich.</p>
+
+<p>»Herr Cyrill Dietrich,« nahm nun der Apotheker einen großen Anlauf,
+»ich bin gekommen, Ihnen einen Vorschlag zu machen, beziehungsweise
+Ihnen eine Bitte zu unterbreiten. Es ist eine Schande, daß das
+Musikleben Altenrodas so trostlos daniederliegt. Altenroda ist
+doch immerhin eine ansehnliche Stadt: Landratsamt, Gymnasium,
+Fabriktätigkeit, neuerdings sogar Garnison. Also da muß etwas
+geschehen. Ich hatte mir nun die Sache so gedacht, daß die vier besten
+Stimmen hier am Ort zu einem Quartett zusammentreten würden: Sopran,
+Alt, Tenor und Baß, daß Sie, Herr Kapellmeister, die Direktion und vor
+allen Dingen die Ausbildung des Quartetts übernehmen. Dann würde den
+Banausen hier endlich einmal klar werden, was singen heißt.«</p>
+
+<p>Der Apotheker machte eine Pause und wartete auf eine Antwort. Er
+wartete vergebens. Cyrill sah ihn nur<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> düster an. So würde Beethoven
+ausgesehen haben, wenn man ihm zugemutet hätte, auf einem Jahrmarkte
+Musik zu machen. Nach einer Weile aber öffnete Cyrill doch die Lippen
+und sagte mit müder, schleppender Stimme:</p>
+
+<p>»Herr Apotheker, ich werde Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Es
+war einmal ein Kanarienvogel, dem ging es ganz gut in seinem Bauer;
+denn er war in der Gefangenschaft geboren. Dann aber kam er in eine
+Stadtwohnung, wo in dem Zimmer über ihm Gesangunterricht erteilt wurde.
+Nach drei Wochen war der Kanari tot. Er war nämlich leider musikalisch
+gewesen. Verstehen Sie, er war musikalisch gewesen, der arme Kanari!
+Es ist ein Unglück, musikalisch zu sein, Herr Apotheker; man leidet
+schrecklich darunter!«</p>
+
+<p>Solch abgrundtiefer Hochmut ging nun dem Apotheker doch über die
+Hutschnur; er erhob sich also von seinem Stuhle und sagte:</p>
+
+<p>»Nun, Herr Kapellmeister, da scheine ich ja mit meinen Bestrebungen bei
+Ihnen kein Glück zu haben. Ich möchte nur das eine wissen, ob Sie nicht
+auch mal Unterricht haben mußten, oder ob Sie schon als Meister vom
+Himmel gefallen sind.«</p>
+
+<p>Cyrill sah ihn ganz verdutzt an und brachte nur zwei Worte heraus:</p>
+
+<p>»Ja — ich!«</p>
+
+<p>»Ja — Sie — Sie!« grollte der Apotheker. »Woher wissen Sie denn, ob
+die vier, von denen ich sprach, nicht ebenso musikalisch sind wie Sie
+und Ihr verstorbener Kanarienvogel?«</p>
+
+<p>Cyrill staunte über den Apotheker. Dann ging ein Lächeln über seine
+Züge, als dächte er bei sich: was für<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> seltsamen Aberglauben gibt es
+doch in der Welt. In Altenroda soll es Leute geben, die so musikalisch
+sind wie ich. Dieser Gedanke erheiterte Cyrills Gemüt so, daß er fragte:</p>
+
+<p>»Ich möchte wohl wissen, wer diese großen Talente sind.«</p>
+
+<p>Der Apotheker kam ein wenig in Verlegenheit.</p>
+
+<p>»Nun, nun,« sagte er, »ich will ja nicht zuviel behaupten; aber was
+das Stimmaterial anlangt, so ist schon alles da, was notwendig ist.
+Da ist zunächst die Tochter von unserem Kirchendirigenten. Hat einen
+prachtvollen Sopran — lerchenklar! Technik hat sie keine. Sie kann
+nicht piano ansetzen und hat keine Zwerchfellatmung. Atmet einfach
+durch die Lungen. Das ganze Korsett wackelt, wenn sie singt.«</p>
+
+<p>»Sie wissen etwas von Zwerchfellatmung?« fragte Cyrill mit einigem
+Respekt.</p>
+
+<p>»Ach, ich weiß wohl dies und das,« fuhr der Apotheker fort.
+»Also Fräulein Liesel Tilgner wäre der Sopran. Ihr Vater kann
+mich nicht ausstehen und ich ihn nicht. Aber die Kunst steht
+über allem Persönlichen. Dann käme der Tenor. Er ist von Beruf
+nur Dachdeckergehilfe. Aber war nicht der große Wachtel früher
+Droschenkutscher? Und Slezak, wenn ich nicht irre, Schlossergesell?
+Unser Tenor heißt August Stumpe (der wird sich ja wohl ein Pseudonym
+beilegen müssen; denn ›Stumpe‹ klingt nicht). Stumpe hat eine
+strahlende Höhe. Das <em class="antiqua">H</em> mühelos und crescendofähig. Mittellage
+etwas rauh. Schade, daß er ein windiger Hund ist.«</p>
+
+<p>»Tenöre sind immer windige Hunde; das gehört dazu,« sagte Cyrill, den
+die Sache zu interessieren begann.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p>
+
+<p>»Ja, deswegen braucht einer aber noch nicht dem Verein ›Frohsinn‹
+anzugehören und vor meinem ehrsamen Hause Schweinereien zu singen.
+Aber, wie gesagt, die Kunst steht über dem Persönlichen.«</p>
+
+<p>Damit schloß der Apotheker plötzlich seine Rede. Cyrillen interessierte
+nun die Sache wirklich. Durch sein Hirn war der Gedanke geblitzt: Wie
+wäre es, wenn ich hier ein Talent entdeckte, ihm die erste Ausbildung
+gäbe und dann einem Direktor damit unter die Nase führe? Mein Weg als
+Kapellmeister wäre gemacht.</p>
+
+<p>»Wer sind nun die beiden letzten, der Alt und der Baß?« erkundigte er
+sich.</p>
+
+<p>Abermals kam der Apotheker in Verlegenheit.</p>
+
+<p>»Ich spreche nicht gern von mir selbst und meiner Familie, es sieht
+leicht nach Dünkel und Selbstlob aus. Und ich kann es in den Tod nicht
+ausstehen, wenn jemand eingebildet ist. Echte Talente sind bescheiden.«</p>
+
+<p>Cyrill schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Nein, nein, nur die Lumpe sind bescheiden. Das wußte schon Goethe! Wer
+was kann, weiß das auch.«</p>
+
+<p>»Also,« atmete der Apotheker schwer auf, »der Alt wäre meine Tochter
+Sabine, und der Baß wäre ich.«</p>
+
+<p>In Cyrills Miene trat eine gewisse Säure. Zwei Talente in einer
+Familie schienen ihm von vornherein verdächtig. Aber da ihn, wie
+schon wiederholt gesagt wurde, die Sache interessierte, forderte er
+den Apotheker auf, ihm doch etwas vorzusingen, und wies mit einer
+Handbewegung nach einem alten gelben Piano, das der Tante Cyrills
+gehörte, bei welcher der junge Künstler wohnte.</p>
+
+<p>Der Apotheker wurde bei der Aufforderung, zu singen,<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> rot wie eine
+Pfirsichblüte. Aber er erhob sich mutig und sagte:</p>
+
+<p>»Wie ich schon auseinandersetzte, Herr Kapellmeister, an Technik
+fehlt's. Man weiß, wie es sein soll, aber man kann's nicht!«</p>
+
+<p>»Das ist so wie bei den Kritikern,« warf Cyrill ein.</p>
+
+<p>»Richtig!« stimmte der Apotheker bei, der ein unsinniges Herzklopfen
+verspürte. Kurz erwog er, ob er den »Schwarzen Walfisch«, den »Grafen
+von Rüdesheim« oder »Es liegt eine Krone im tiefen Rhein« vortragen
+solle. Er entschloß sich für das letzte, hochberühmte Lied, da in
+diesem seine Gefühlswärme und sein schönes Tremolo am besten zur
+Geltung kamen. Als er aber am Klavier saß, wurde das Herzklopfen noch
+ärger, und er spürte ein Würgen in der Kehle, das für ein schönes
+Tremolo keine guten Aussichten bot. Es hätte leicht ein Meckern daraus
+werden können.</p>
+
+<p>Also präludierte der Apotheker auf dem Klavier ein wenig hin und her
+und her und hin, erhob sich dann plötzlich und sagte:</p>
+
+<p>»Entschuldigen Sie, Herr Kapellmeister, aber ich kann hier nicht
+singen, das Klavier ist zu verstimmt.«</p>
+
+<p>Nun wurde Cyrill rot — nicht wie eine Pfirsichblüte, sondern wie
+reiner Zinnober.</p>
+
+<p>»Verstimmt?« lachte er etwas albern. »Verstimmt sagen Sie? Natürlich
+verstimmt! Greulich! Ich aber — ich wußte das gar nicht. Die alte
+Kommode gehört meiner Tante. Ich spiele natürlich nie darauf. Nie! Ich
+habe hier kein anderes Instrument als die Orgel meiner Seele.«</p>
+
+<p>Mit der letzten edlen Phrase hatte Cyrill seine Haltung<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span>
+wiedergewonnen. Der Apotheker kehrte langsam nach seinem Stuhle zurück.
+Er war ein praktischer Mann, ein Menschenkenner, und so dachte er sich:
+Aha, der arme Kerl hat das Geld für den Klavierstimmer sparen wollen
+und die Sache selbst versucht — und da ist eben ein solches Resultat
+herausgekommen. Er war boshaft genug, anzufangen vom Klavierstimmen zu
+reden.</p>
+
+<p>Cyrill lehnte sich stolz zurück.</p>
+
+<p>»Wissen Sie, was das erste Erfordernis für einen sogenannten
+berufsmäßigen Klavierstimmer ist? Er darf kein musikalisches Gehör
+haben; sonst taugt er nichts.«</p>
+
+<p>»Nanu!« warf der Apotheker ein.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Cyrill wieder in seinem hochmütigen Tonfall; »ich kann
+das nicht so kurz erläutern. Dazu gehört die ganze Vorkenntnis vom
+wohltemperierten Klavier.«</p>
+
+<p>»Kenne ich!« sagte der Apotheker freudig. »Ein ganzer Ton hat neun
+Grade, <em class="antiqua">cis</em> steht fünf Grade über <em class="antiqua">c</em>, des nur vier Grade.
+<em class="antiqua">Cis</em> ist höher als <em class="antiqua">des</em>. Zwischen dem vierten und fünften
+Grad gehen diese beiden sozusagen Stiefzwillingsschwestern aneinander
+vorbei. Auf dem Klavier aber müssen <em class="antiqua">cis</em> und <em class="antiqua">des</em> gleich
+sein. Beide werden mit der gleichen schwarzen Taste getippt. Das ist
+ein Gehör-Kompromiß.«</p>
+
+<p>»Das ist kein Kompromiß,« sagte Cyrill feierlich, »das ist Sudelei. Für
+musikalische Menschen eine Qual. Klavier ist Roheit!«</p>
+
+<p>»Dann ist die Orgel auch Roheit!« warf der Apotheker ein; »dann ist
+jedes Instrument Roheit, das festliegende Töne hat und Kompromiß
+zwischen <em class="antiqua">cis</em> und <em class="antiqua">des</em> eingehen muß. Dann bestehen nur
+Streichinstrumente und menschliche Stimme, die diese Unterschiede
+machen können.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p>
+
+<p>Cyrill bekam Respekt vor seinem Gegenüber. Dem Apotheker aber schwoll
+der Kamm.</p>
+
+<p>»Halten Sie Paderewski für einen Künstler?«</p>
+
+<p>»Ja, natürlich!« antwortete Cyrill.</p>
+
+<p>»Paderewski hat mal bei uns ein Konzert gegeben. Seine königliche
+Kunstmajestät verirren sich auch manchmal in eine kleinere Stadt. Also
+unsere ›Harmonie‹-Banausen hatten zwar den Mut gehabt, Paderewski
+ein Heidenhonorar zu garantieren, aber nicht das Geschick, für ihn
+einen anständigen Flügel zu besorgen. Paderewski kommt an — es war
+ein kalter Wintertag — badet seine Hände eine Viertelstunde lang in
+warmem Wasser, probiert dann den Konzertflügel und macht ein Gesicht
+wie ein Löwe, der Krautsalat fressen soll. Kurz und gut, ich hatte
+damals gerade meinen neuen Blüthner; Paderewski kommt zu mir, ist
+zufrieden; ich stelle natürlich den Flügel zur Verfügung, und alles
+wurde ausgezeichnet. Damals hat sich Paderewski auch von meiner Sabine
+ein Liedchen vorsingen lassen und sie gelobt.«</p>
+
+<p>Cyrill erkannte, daß er besiegt sei. Mit persönlichen Bekannten von
+Paderewski sich zu entzweien, wäre Wahnsinn.</p>
+
+<p>So bat Cyrill den Apotheker, ihm morgen seinen Gegenbesuch machen und
+den Paderewski-Flügel probieren zu dürfen. Es könnte dann gleich das
+Weitere wegen des neuzubildenden Quartetts besprochen werden.</p>
+
+<p>Hochbefriedigt ging der Apotheker nach Hause. Der goldene Kranich über
+seiner Tür blitzte stolz im Sonnenschein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Apotheker verbrachte eine unruhige Nacht. Es war durchaus nicht
+leicht, Fräulein Liesel Tilgner und Herrn August Stumpe, die beide
+feindlichen Vereinen angehörten, für ein Quartett zu gewinnen. Zum
+ersten Male im Leben wurde der Apotheker, der sonst von grobkörniger
+Ehrlichkeit war, zum Heuchler. Er schrieb zwei verlogene Briefe, in
+denen er den Adressaten unmäßiges Lob spendete, insonderheit auch
+sagte, daß sie in ihren »geschätzten Vereinen« ja schon eine gute
+Gesangsvorbildung genossen hätten und nun unter der Leitung des Herrn
+Cyrill Dietrich, eines der gefeiertsten und genialsten Dirigenten
+Deutschlands, in einem erlesenen Quartett zur letzten Kunstreife
+geführt werden sollten. Man wollte sie ihren beliebten und geschätzten
+Vereinen natürlich durchaus nicht abtrünnig machen, im Gegenteil würden
+diese gewiß eine Förderung erfahren, wenn sie durch ein Mitglied mit
+dem in Musikkreisen äußerst einflußreichen Herrn Cyrill Dietrich in
+Verbindung kämen. In aufrichtiger vorzüglicher Hochachtung usw.</p>
+
+<p>Um neun Uhr früh wurde der Laufbursche Fritz beauftragt, die beiden
+Briefe zu ihren Empfängern zu tragen. Nach einer Stunde schon war er
+zurück, was für den Laufburschen eine anständige Leistung war, da der
+Weg, den er zurückzulegen hatte, immerhin unter einer Viertelstunde
+nicht zu machen war.</p>
+
+<p>Fritz berichtete, bei Fräulein Tilgner hätte er den Brief einfach
+abgegeben, aber mit dem Dachdecker sei es eine schwere Not gewesen. Der
+hätte gerade auf einem hohen Dache geklebt. Da hätte er hinaufgebrüllt,
+er solle doch mal runter kommen, der Herr Apotheker schicke ihm einen
+Brief.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p>
+
+<p>»Was hat er gesagt?« fragte der Apotheker begierig.</p>
+
+<p>»Ach, gesagt hat er gar nichts,« erwiderte Fritz. »Er hat bloß zu
+singen angefangen: Es war einmal ein A-a-po-po ...«</p>
+
+<p>Fritz bekam eine Ohrfeige.</p>
+
+<p>»Was hast du mit dem Briefe gemacht?« fauchte der Apotheker.</p>
+
+<p>»Ich bin,« heulte Fritz, »ich bin die Leiter hinaufgestiegen und hab'
+den Brief in die Dachrinne gelegt.«</p>
+
+<p>Da bekam er eine zweite Ohrfeige.</p>
+
+<p>»Schuft! In die Dachrinne? Und jetzt regnet's! Schreibe ich dafür
+Briefe?«</p>
+
+<p>Fritz machte, daß er hinauskam. Der Apotheker tobte im Zimmer auf und
+ab. Nach einer Viertelstunde wurde die Tür aufgerissen, Fräulein Liesel
+Tilgner stürmte herein und fiel dem Apotheker jubelnd um den Hals.</p>
+
+<p>»Ich freu' mich — ich freu' mich — ich freu' mich ...«</p>
+
+<p>»Also Sie machen mit?« fragte der Apotheker befriedigt. »Was sagt denn
+der Herr Papa?«</p>
+
+<p>»Ach der! Der hat es mir aufs strengste verboten. Also, wann gehen die
+Übungen an? Ich kann es kaum erwarten. In unserem Kirchenchor ist das
+ein greuliches Gequieke.«</p>
+
+<p>»Allerdings!« sagte der Apotheker, indem er auf den Brief vergaß, den
+er erst vor einer Stunde abgeschickt hatte.</p>
+
+<p>Am Nachmittag kam Cyrill. Er vergaß, den Hut abzunehmen, guckte sich
+nur geistesabwesend im Zimmer um, sah den Blüthner-Flügel, ging mit
+zitternden, ausgestreckten Armen auf das schöne Instrument los und
+spielte in seliger Selbstvergessenheit drei Stunden lang, ohne auch<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span>
+nur eine Pause zu machen und den Apotheker zu Worte kommen zu lassen.
+In der dritten Stunde wurde es dem langweilig, und er ging in den
+Giftgadern, um einen Schnaps zu trinken. An der Tür traf er seine
+Tochter Sabine. Diese sagte:</p>
+
+<p>»Das ist ja ein greulicher Kerl. Paß auf, der zerhaut uns noch den
+Flügel.«</p>
+
+<p>»Schweig!« sagte der Apotheker. »Musiker sind so!«</p>
+
+<p>»Kopfschmerzen hab' ich schon,« schmollte Sabine. »Wenn der es jedesmal
+so macht, kann's ein schönes Quartett werden.«</p>
+
+<p>»Schweig!« sagte der Vater abermals und trank einen zweiten Schnaps.
+Dann ging er seufzend nach dem Musikzimmer zurück.</p>
+
+<p>Nach drei Stunden brach Cyrill das Spiel jäh ab.</p>
+
+<p>»Haben Sie Notenpapier?« fuhr er den Apotheker an.</p>
+
+<p>Nein, Notenpapier war nicht im Hause. Da suchte Cyrill verstört nach
+seinem Hute, fand ihn aber nicht, weil er ihn immer noch auf dem Kopfe
+hatte, und rannte davon. Der Apotheker sah ihm blöde nach. Vom Quartett
+war nicht die Rede gewesen ...</p>
+
+<p>Am Abend dieses Tages kamen verdächtige Gestalten die Friedrichstraße
+herab, steuerten über den Marktplatz und stellten sich vor der Apotheke
+zum »Goldenen Kranich« auf: August Stumpe, der Tenorist, mit noch acht
+Mann aus dem Verein »Frohsinn«. Dem Apotheker, der sie kommen sah, lief
+es eiskalt über den Rücken. Jetzt kam wieder jener elende Schandgesang
+— und dann war es mit der Hoffnung, den stimmbegabten Dachdecker für
+das Quartett einzufangen, vorbei. Das war also die hohnvolle Absage
+auf seine liebenswürdige Einladung. Bleich<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> vor Ärger zog sich der
+Apotheker tief ins Zimmer zurück, um wenigstens am Fenster nicht
+gesehen zu werden. Doch, wie sollte er alsbald erstaunen!</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Stüll ruht da Söö,<br>
+Die Veeglein schlafähn ...</em>«</p>
+
+<p>Mit schmetternden Stimmen und großer Begeisterung wurde das Lied
+gesungen. Und als die Sänger in der letzten Strophe in Donnertönen
+beteuert hatten, daß »auch du, auch du wirst schlafen gehn«, gingen sie
+noch lange nicht schlafen, sondern sangen: »Wenn ich den Wandra frage
+...« und dann: »Ich kenn' ein'n hellen Ödelstein ...«</p>
+
+<p>Man brachte dem Apotheker ein ernstgemeintes Ständchen. Das sah er beim
+dritten Liede ein, freute sich unbändig über das treue deutsche Herz,
+das sich da draußen vor seiner Haustür offenbarte, trat ans Fenster,
+öffnete es und klatschte stürmischen Beifall, als die Sänger geendet
+hatten. Aus jedem Fenster des Marktplatzes hing ein Menschenkopf
+heraus. Manche Leute klatschten, manche kicherten leise und hofften,
+daß doch noch die Apothekerhymne kommen würde. Aber sie kam nicht,
+sondern im Gegenteil:</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Unsa Kaisa liebt die Blumen,<br>
+Denn er hat ein samft Gemiet ...</em>«</p>
+
+<p>Ein paar Hunde eilten herbei und sangen mit. Sie heulten zum
+Steinerweichen. Darüber faßte einen Bassisten der Zorn. Er ging hin,
+hieb den Bestien sein Liederbuch um die Ohren und vertrieb sie.</p>
+
+<p>Nach dem schönen Waldmannschen Kornblumenliede trat<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> ein Sänger an das
+Fenster heran und hielt folgende Ansprache:</p>
+
+<p>»Geehrter, geschätzter Herr Apotheker! Indem wir ja eigentlich bis
+jetzt einige bedauerliche Differenzen hatten, sind wir gekommen, um Sie
+mit einem kleinen Ständchen zu beehren; denn wir haben uns gefreut,
+daß Sie in einem Briefe an unsern Freund und Ehrenmitglied, Herrn
+Stumpe, unserem geschätzten Vereine Ihre Ehrfurcht ausgesprochen haben.
+Wir werden unseren Freund und Ehrenmitglied, Herrn Stumpe, für Ihr
+Quartett gern zur Verfügung stellen und in Ihren Konzerten vollzählig
+erscheinen. Der Herr Apotheker lebe hoch — hoch — hoch!«</p>
+
+<p>Die neun Männer brüllten, aus manchem Fenster wurde auch mitgebrüllt,
+und die Hunde, die sich in eine Seitengasse zurückgezogen hatten,
+bellten und heulten. Es war sehr eindrucksvoll.</p>
+
+<p>Der Herr Apotheker erwiderte, daß er sich über das reizende Ständchen
+außerordentlich gefreut habe, und lud die Herren zu einem Gläschen
+Wein ins Haus. Die tranken nun im Giftgadern so reichlich, wie es der
+Gastfreundschaft des Wirtes und ihrem eigenen Appetite entsprach.</p>
+
+<p>Der Laufbursche Fritz aber erlebte an diesem Abend noch ein
+schmerzliches Abenteuer. Der Apotheker hatte ihn als Eilboten zu
+Herrn Cyrill geschickt mit der Siegesnachricht: »Unser Quartett ist
+komplett!« Fritz kam ganz entgeistert zurück. Er sagte, Herr Cyrill
+hätte ihn erwürgen wollen, weil er ihn beim Komponieren gestört habe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Am nächsten Abend sollte die Tätigkeit des neuen Quartetts durch den
+ersten Übungsabend eröffnet werden. Cyrill kam eine halbe Stunde zu
+spät, grüßte kurz und setzte sich sofort an den Blüthner-Flügel, allwo
+er mächtig zu präludieren anfing. Der Apotheker saß in Angst und
+Sorge da, weil er der drei Stunden von gestern gedachte. Er machte
+einige Versuche, an Herrn Cyrill heranzukommen, der wies ihn aber mit
+drohender Miene ab und versank immer tiefer in ein Meer von Akkorden,
+Passagen, Trillern, Stakkaten, Arpeggien und kontrapunktischen
+Wogengängen.</p>
+
+<p>Nachdem Cyrill so dreiviertel Stunden lang gespielt hatte, nahm der
+Dachdecker seinen Hut, sagte dem Apotheker ins Ohr: »Ich habe keine
+Zeit mehr!« und drückte sich zur Tür hinaus. Der Apotheker versuchte
+vergebens, den Sänger am Jackenärmel zurückzuhalten. August Stumpe
+hatte »keine Zeit mehr«. Er ging Skat spielen. Der Apotheker war bleich
+vor Ärger.</p>
+
+<p>»Unser Tenor ist fortgegangen!« sagte er laut.</p>
+
+<p>Cyrill machte eine Pause.</p>
+
+<p>»Wer ist fortgegangen?«</p>
+
+<p>»Unser Tenor! Die Übung sollte um acht Uhr beginnen. Jetzt ist es halb
+zehn. Herr Stumpe ist ein fleißiger Handwerker, er muß sich seine Zeit
+genau einteilen; er hatte keine Zeit mehr zu warten.«</p>
+
+<p>»So, so,« sagte Cyrill; »nun, wenn er keine Zeit hat, soll er doch
+ruhig gehen.«</p>
+
+<p>Und er begann wieder zu spielen. Da brach jemand in ein schallendes
+Gelächter aus. Cyrill fuhr herum. Wer wagte es, in seiner Gegenwart
+so unverschämt zu lachen? Ach, er sah in ein blühendes, wonniges
+Mädchengesicht;<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> er sah den Frühling, die Poesie, die Schönheit in
+Menschengestalt vor sich; er sah eine strahlende junge Göttin. Seine
+Blicke verfingen sich, seine Gedanken verwirrten sich, sein Herz
+stockte. Bleich saß er auf seinem Klaviersessel. Wieder einmal war aus
+heiterem Himmel jener Blitz gefallen, den die Menschen »Liebe auf den
+ersten Blick« nennen.</p>
+
+<p>Endlich ermannte sich Cyrill. Er erhob sich und machte eine ganz
+demütige Verneigung.</p>
+
+<p>»Ich habe leider bisher unterlassen, mich vorzustellen, meine Damen.
+Cyrill Dietrich! Ich bitte vielmals um Verzeihung. Wenn ich an die
+Musik komme, geschieht es mir wohl, daß ich Raum und Zeit vergesse.
+Ich durfte aber unmöglich Ihre Gegenwart vergessen. Ich bitte um
+Entschuldigung.«</p>
+
+<p>Der Apotheker stellte die beiden Damen vor; die größere, etwas massige,
+war Liesel Tilgner, die kleine, zierliche, braune war Apothekers
+Sabinchen — die junge Göttin.</p>
+
+<p>»Schade, daß der Tenor fort ist,« sagte der Apotheker; »wir könnten
+sonst jetzt anfangen.«</p>
+
+<p>»Wo ist er hin?« fragte Cyrill selbstvergessen. »Ist er dachdecken
+gegangen?«</p>
+
+<p>Wieder lachte Sabinchen silbrig auf.</p>
+
+<p>»O, Gott! Dachdecken in so finstrer Nacht!«</p>
+
+<p>Der Apotheker sagte, er würde den Ausreißer schon finden und
+herbeischaffen. Und nun wurde Fritz, der Laufbursche, abermals
+ausgesandt, und zwar nach dem »Bleiernen Hecht« mit der Botschaft, Herr
+Stumpe möge kommen; es habe jetzt angefangen.</p>
+
+<p>Nach einer Stunde kam Fritz mit einem kleinen Rausch, aber nicht mit
+dem Tenor zurück. Der Dachdecker und<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> seine Spielkumpane hatten ihm
+Schnaps zu trinken gegeben und ließen sagen, zum Singen sei es heute zu
+spät.</p>
+
+<p>Fritzen wurde für den nächsten Morgen eine Tracht Prügel in Aussicht
+gestellt, und er ging mit dem bekümmerten Gedanken schlafen, daß es ein
+hartes Ding um den Dienst der Kunst sei</p>
+
+<p>Im Musikzimmer hatte sich Cyrill inzwischen zur »Prüfung der Stimmen«
+von dem Apotheker und Liesel Tilgner je ein Lied, von Sabinchen aber
+vier Lieder vorsingen lassen.</p>
+
+<p>Nach dem vierten Liede sagte Sabinchen:</p>
+
+<p>»Bei mir dauert es wohl am längsten, ehe Sie ein wenig Talent
+entdecken?«</p>
+
+<p>Cyrill sah sie schmerzlich an.</p>
+
+<p>»Mein gnädiges Fräulein, ich werde kein größeres Glück kennen, als Ihre
+goldige Stimme ausbilden zu dürfen. Es wird eine schöne Sache werden um
+unser Quartett. Wenn es den Herrschaften recht ist, beginnen wir morgen
+mit dem Unterricht pünktlich um acht Uhr.«</p>
+
+<p>Der Apotheker staunte, daß Cyrill jetzt bereits eine ganze Reihe
+vernünftiger Sätze gesagt hatte, und freute sich.</p>
+
+<p>»Die größte Überraschung werden Sie an August Stumpe erleben,« sagte
+der Apotheker. »Er ist zwar ein windiger Hund, aber an Stimmaterial ist
+er uns allen über.«</p>
+
+<p>Am nächsten Abend trat Cyrill Schlag acht Uhr in das Musikzimmer. Er
+fand das Quartett vollzählig versammelt vor und ließ sich zunächst
+Herrn August Stumpe vorstellen und prüfte dessen Stimme. Stumpe wählte
+sich: »Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein.« Als er geendet
+hatte, sagte Cyrill:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span></p>
+
+<p>»Sie singen nicht — Sie brüllen! Aber Sie brüllen schön! Sie brüllen
+ganz wunderbar!«</p>
+
+<p>Dann begann der Unterricht.</p>
+
+<p>»Zunächst,« sagte Cyrill, »müssen Sie stehen lernen.«</p>
+
+<p>Die Mädchen kicherten.</p>
+
+<p>»Ja, meine Damen,« fuhr Cyrill ernst fort, »stehen lernen! Sehen Sie
+mal, wie Herr Stumpe dasteht, wie er den Bauch vorstreckt.«</p>
+
+<p>»Ich habe gar keinen Bauch; also kann ich ihn wohl auch nicht
+vorstrecken,« knurrte der Dachdecker mißmutig.</p>
+
+<p>»Bitte keinen Widerspruch. Sie haben, wie alle homines sapientes, einen
+Bauch und strecken ihn vor. Außerdem stehen Sie da wie ein Rekrut in
+Grundstellung und präsentieren ihr Notenblatt wie ein Gewehr. Das wirkt
+häßlich und lächerlich. Stellen Sie abwechselnd mal den rechten und
+den linken Fuß etwas vor, haben Sie federnde Leichtigkeit in Füßen und
+Knieen, halten Sie die Arme anmutig und pressen Sie vor allen Dingen
+Ihren Adamsapfel nicht zu weit heraus. Auch lassen Sie sich die Haare
+gut schneiden, den Schnurrbart um drei Viertel verkürzen und putzen Sie
+alle Tage dreimal Ihre Zähne, früh, nach dem Mittagessen und vor allen
+Dingen vor dem Schlafengehen.«</p>
+
+<p>Der Dachdecker sah sich nach seinem Hute um und wollte auf und davon.
+Doch der Apotheker faßte ihn am Arme und sagte:</p>
+
+<p>»Hier muß alles deutlich und ohne Rückhalt zur Sprache kommen. Außerdem
+sind wir unter uns, und Lehrzeit ist keine Herrenzeit. Ich bitte, Herr
+Kapellmeister, mir immer die blanke Wahrheit zu sagen, alle meine
+Fehler rücksichtslos zu rügen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p>
+
+<p>Dieser Aufforderung kam Cyrill augenblicklich nach.</p>
+
+<p>»Sie, Herr Apotheker,« sagte er, »sind viel zu dick. Auf der Bühne
+wären Sie höchstens als Falstaff zu gebrauchen; für das Podium sind Sie
+unmöglich. Trachten Sie danach, sechzig Pfund abzunehmen.«</p>
+
+<p>»Aber erlauben Sie,« unterbrach ihn der Apotheker denn doch verärgert.
+»Ich glaubte immer, Bassisten dürften ein gewisses Embonpoint haben.«</p>
+
+<p>»Embonpoint wohl,« erwiderte Cyrill, »aber keinen Speckbauch. Ein
+Sänger hat ästhetisch zu wirken, und Speckbäuche sind unästhetisch.«</p>
+
+<p>Der Dachdecker freute sich über das, was dem Apotheker widerfuhr,
+sah ein, daß der Kapellmeister unter den verschiedenen
+Gesellschaftsschichten, was seine Grobheit anlangte, keinen Unterschied
+machte, und beschloß, sich in Zukunft durch Kritik nicht mehr beleidigt
+zu fühlen.</p>
+
+<p>Mit den Damen verfuhr Cyrill viel höflicher. Er empfahl ihnen, vor
+dem Spiegel ihre angeborene natürliche Anmut bis zur größten Wirkung
+zu steigern und sich möglichst immer individuell zu kleiden und zu
+frisieren, jedenfalls dabei aber auch dem Zeitgeschmack durch eifriges
+Studium der apartesten Modezeitschriften Rechnung zu tragen.</p>
+
+<p>»Und nun, bitte, setzen Sie sich!«</p>
+
+<p>Cyrill musterte die vier vor ihm Sitzenden und sagte: »Es kommt
+vor, daß man auf dem Podium auch mal sitzen muß, z. B. wenn man die
+Einzelnummer eines anderen abzuwarten hat. Wenn Sie, Herr Stumpe, dann
+mit so weit vorgestrecktem Gebein dasäßen wie eben jetzt, würden die
+Konzertbesucher der ersten Reihe befürchten, Sie wollten ihnen ins
+Gesicht treten.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span></p>
+
+<p>Der Dachdecker zog erschrocken seine Pedale ein und sah sich wieder
+nach seinem Hute um.</p>
+
+<p>»Sie werden zunächst sprechen lernen,« fuhr Cyrill fort (ohne daß
+jemand lachte). »Erst muß man sprechen können, dann erst kann man
+singen lernen. Von hundert Sängern, die in Deutschland singen, kann
+nicht ein halber richtig sprechen. Ist es Ihnen schon aufgefallen, daß
+ein guter Schauspieler, der etwa bei einer Sterbeszene auf der Bühne im
+leisesten Flüstertone spricht oder singt, im vierten Stock oben auf der
+Galerie richtig verstanden wird, während einen sogenannten Volkssänger,
+der keine Ahnung vom Sprechen hat, oft die Nahesitzenden schon nicht
+verstehen, auch wenn er brüllt, daß ihm beinahe die Lungen platzen? Das
+macht die vorhandene oder fehlende Sprechtechnik. Wir fangen natürlich
+ganz von vorne an, mit der lautreinen Aussprache der Vokale: a, e, i,
+o, u. Herr Apotheker, sagen Sie ›a‹!«</p>
+
+<p>Der Apotheker sagte »a«.</p>
+
+<p>»Sagen Sie wiederholt ›a‹ hintereinander.«</p>
+
+<p>Der Apotheker wurde rot, und auch der Dachdecker dachte sofort an die
+Apothekerhymne, die er ja so oft mitgesungen hatte.</p>
+
+<p>»A—a—a—a—a,« sagte der Apotheker mit Todesverachtung.</p>
+
+<p>»Nun sagen Sie wiederholt ›a‹, Herr Stumpe!«</p>
+
+<p>Stumpe sagte: »A—a« und mußte sehr an sich halten, daß er nicht, wie
+gewohnt: »popo — thethe — kerker« dazusetzte.</p>
+
+<p>»Nun, meine Herrschaften,« griff Cyrill wieder ein, »haben Sie ein ›a‹
+gehört? Nicht ein richtiges ›a‹!« Der Herr Apotheker sagt ein Gemisch
+von ›a‹ und ›o‹, weil<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> er die Zunge zu hoch wölbt, Herr Stumpe sagt
+›ä‹, weil er den Mund zu breit macht und zu wenig öffnet. Bei beiden
+kommen die Vokale gequetscht aus der Kehle. O, diese Kehltöne — dieses
+Gutturale! Wenn es möglich wäre, müßte man allen Gesangsschülern die
+Gurgel abschneiden, damit sie das Kehlsprechen verlieren, das der
+Tod allen Sprechens und Singens ist. Vorn an den Zähnen wird der Ton
+gebildet, nicht hinten, da, wo die Mandeln rötlich blühen.«</p>
+
+<p>Die vier Gesangsschüler sahen beschämt und betroffen vor sich nieder,
+während Cyrill mit dem Fünfzackenkamm der rechten Hand seine Haarmähne
+durchharkte.</p>
+
+<p>»Bitte, Fräulein Tilgner, sagen Sie ›a‹!«</p>
+
+<p>Liesel Tilgner war ganz verängstigt und sagte:</p>
+
+<p>»Ich kann es nicht!«</p>
+
+<p>»Sehen Sie,« triumphierte Cyrill, »bisher haben Sie geglaubt, Sie seien
+eine Sängerin und könnten Gott weiß was für schwere Lieder singen,
+und nu können Sie nicht einmal ›a‹ sagen. Aber die Erkenntnis seiner
+Unzulänglichkeit ist der Kreuzpunkt, von da aus die Straße nach oben
+führt.«</p>
+
+<p>Nach dieser Sokratischen Sentenz machte Cyrill eine Pause, damit alle
+Anwesenden über sein Wort nachdenken könnten. Dann wiederholte er:</p>
+
+<p>»Und nun, Fräulein Tilgner, sagen Sie ›a‹.«</p>
+
+<p>Liesel Tilgner sagte ›a‹.</p>
+
+<p>»Es ist ›ä‹,« urteilte Cyrill düster; »›ä‹ wie bei Herrn Stumpe. —
+Darf ich nun Sie bitten, Fräulein Sabine?«</p>
+
+<p>Sabinchen lachte erst etwas geniert, dann sagte sie klar und deutlich
+›a‹!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span></p>
+
+<p>Cyrill klatschte in die Hände.</p>
+
+<p>»Herrlich! Kristallklar! Direkt echt! Bühnenecht! O, bitte, Sie müssen
+in diesem Falle unser Vorbild sein. Vielen Dank, Fräulein Sabine! Und
+nun kommt das Experiment. Fräulein Sabine! Sie müssen also sozusagen
+unser Anschauungsmaterial sein. Bitte, stellen Sie sich dicht an den
+Kronleuchter. Und Sie, Herr Apotheker, kommen Sie her und schauen Sie
+Ihrem Fräulein Tochter in den Mund hinein, wenn sie ›a‹ sagt. Es kommt
+ganz auf die Lage der Zunge an und wie der Atem darüber hinweggeht,
+erst in zweiter Linie auf die Öffnung der Lippen. Geben Sie genau
+acht. Wer nicht ›a‹ sagen lernt, dem bleibt das ganze Alphabet der
+Gesangskunst verschlossen.«</p>
+
+<p>Der Apotheker nahm vor seinem Töchterlein Aufstellung, guckte ihr dicht
+mit seinem Brillengläsern auf den Mund und sagte:</p>
+
+<p>»Sprich ›a‹.«</p>
+
+<p>Das Mädel lachte zuerst, dann sagte sie ›a‹.</p>
+
+<p>Der Apotheker guckte und guckte, dann wandte er sich um und sagte:</p>
+
+<p>»Ich seh nichts! Rein nichts! Wissen Sie, Herr Kapellmeister, wenn man
+mit so dickem Kopf vor so kleinem Schnabel steht, dann ist man sich
+selbst im Lichte. Der Kronleuchter nutzt dann gar nichts; es bleibt
+finster in der Höhle.«</p>
+
+<p>»Das ist richtig!« sagte Cyrill und dachte nach.</p>
+
+<p>»Machen Sie's doch!« sagte der Dachdecker dreist zu Cyrill. »Sie haben
+ja einen viel größeren Mund; da sieht man vielleicht eher etwas.«</p>
+
+<p>Cyrill warf ihm als Antwort nur einen verächtlichen<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> Blick zu und
+dachte weiter nach. Endlich verklärte sich seine Miene.</p>
+
+<p>»Man bringe eine elektrische Taschenlampe,« sagte er.</p>
+
+<p>Nach einigem Hin und Her wurde die Lampe herbeischafft. Sie stammte
+von dem Laufburschen Fritz und funktionierte wider alles Erwarten der
+Leute, die über Fritzens sonstige Ordnungsliebe eingeweiht waren.</p>
+
+<p>»So,« sagte Cyrillus Triumphator; »ich möchte die Schwierigkeit sehen,
+die bei festem Willen nicht zu überwinden wäre. Also Fräulein Sabine,
+sagen Sie fortgesetzt ›a‹, und Herr Apotheker, schauen Sie Ihrem
+Fräulein Tochter in den Mund und achten Sie vor allem darauf, wie die
+Zunge liegt.«</p>
+
+<p>Der Apotheker begab sich wieder auf Beobachterposten, Sabinchen sagte
+›a‹, und Cyrill trat mit der elektrischen Taschenlampe heran und
+blitzte plötzlich auf.</p>
+
+<p>Vater und Tochter fuhren zurück und rieben sich die Augen.</p>
+
+<p>»Sie blenden einen ja!« rief der Apotheker und riß sich die Brille ab.</p>
+
+<p>»Gott — o Gott — bin ich erschrocken!« seufzte das Sabinchen.</p>
+
+<p>Cyrill stand mit seiner Lampe da als ein geschlagener Held.</p>
+
+<p>Der Dachdecker faßte sich zuerst.</p>
+
+<p>»Es wird nichts nützen,« sagte er, »wenn wir sehen sollen, wie Fräulein
+Sabine ›a‹ sagt, muß sie einige Leuchtkäfer kauen. Oder sie muß ein
+Feuerfresser werden.«</p>
+
+<p>Der Dachdecker war ein dreister Mensch, der es mit der Kunst nicht
+ernst nahm. Das empfanden alle. Nur Sabinchen lachte über seinen
+Scherz.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span></p>
+
+<p>Es ging noch lange mit dem »a« sagen, dann kamen »e« und »i« an die
+Reihe. Bei letzterem mußte der Mund unnatürlich breit gemacht werden.</p>
+
+<p>»Das ›i‹ muß man sich gewissermaßen mit beiden Mundwinkeln in die
+eigenen Ohren hineinsagen,« lehrte Cyrill.</p>
+
+<p>Die richtige Rundung beim »o« brachte Fräulein Liesel am besten heraus,
+und den Unterkiefer streckte beim »u« der Apotheker am besten vor.</p>
+
+<p>Nach eineinhalb Stunden sagte Cyrill:</p>
+
+<p>»Das wäre der Anfang. Die Übungen im lautreinen Sprechen der Vokale
+werden den Anfang jeder Unterrichtsstunde bilden. Es ist wie das
+Einmaleins beim Rechnen. Heute üben wir nur den flüssigen Konsonanten
+›l‹ noch ein, damit Sie ihn in Verbindung mit den Vokalen auf die
+ersten fünf Töne der Tonleiter zu Hause üben können; also la, le, li,
+lo, lu — lu, lo, li, le, la und umgekehrt al, el, il, ol, ul — ul,
+ol, il, el, al.«</p>
+
+<p>Es gab noch greuliche Mühen diesen Abend. Der Konsonant »l« hat es, was
+die Zungenhaltung anlangt, in sich, und daß er zwei Millimeter über der
+oberen Zahnreihe mit der Zungenspitze angesetzt werden muß, ist auch
+nicht so einfach, wenn man es bisher falsch gemacht hat.</p>
+
+<p>Am Schlusse der Unterrichtsstunde sagte Cyrill:</p>
+
+<p>»Nun noch eine kleine Aufgabe. Sprechen Sie: ›Rabe, Rebe, Robe‹ — oder
+›Aber, Eber, Ober‹! Es handelt sich um das Zungen-R.«</p>
+
+<p>Es stellte sich heraus, daß nur der Dachdecker das Zungen-R hatte, alle
+anderen sprachen Gaumen-R.</p>
+
+<p>»Nun, dieses vermaledeite Gaumen-R wird uns allein monatelang
+aufhalten,« seufzte Cyrill.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span></p>
+
+<p>Der Apotheker lud alle Teilnehmer an dem Unterricht zum Abendbrot ein.</p>
+
+<p>Der Einladung wurde gern entsprechen. Nur der Dachdecker sagte, er
+hätte keine Zeit mehr, und ging in den »Bleiernen Hecht«.</p>
+
+<p>»Nun, wie war's?« fragten ihn dort seine Freunde.</p>
+
+<p>»Feezig,« antwortete der Sängersmann. »Ich kann beinahe ›a‹ sagen.«</p>
+
+<p>»Was habt ihr denn gesungen?«</p>
+
+<p>»Gesungen? Ihr habt eine Ahnung! Singen werden wir, wenn wir werden
+richtig sprechen können. Und das wird vor Ablauf des fünfzehnten
+Unterrichtsjahres wohl nicht der Fall sein. Wißt ihr, was ihr seid —
+stumm seid ihr! Nicht einen Buchstaben könnt ihr sprechen, geschweige
+ein Wort.«</p>
+
+<p>Sie lachten, daß es dröhnte.</p>
+
+<p>Der Dachdecker ließ sie lachen, war an diesem Abend beim Spiele nicht
+ganz bei der Sache und sang am nächsten Tage, als er das Dach des
+Rathauses ausbesserte, so beharrlich la, le, li, lo, lu und alle
+Umkehrungen dieser schönen Übung, daß das Sabinchen ans Fenster
+trat und ihm lachend zunickte. Alle anderen Leute aber meinten, der
+Dachdecker hätte den Sonnenstich bekommen, und man solle die Feuerwehr
+alarmieren und ihn herunterholen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war fast jeden Abend Unterricht.</p>
+
+<p>Man mußte es Herrn Cyrill lassen, daß er als Lehrer an Fleiß und
+Hingebung kaum übertroffen werden konnte. Alle vier Schüler erwiesen
+sich als über das Mittelmaß begabt. Der bei weitem Begabteste war der
+Dachdecker; er faßte alles spielend auf, und was ihm<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> einmal korrigiert
+wurde, machte er nie wieder falsch. Er kleidete sich neuerdings gut,
+ging ordentlich frisiert und rasiert, hatte blitzblanke Zähne und
+benahm sich immer tadelloser. Wenn ihn der Apotheker einmal einlud,
+hatte er Zeit dazubleiben. Seine Freunde im »Hecht« freilich waren mit
+ihm höchst unzufrieden.</p>
+
+<p>Die Lautbildungslehre ging weiter; die Schüler erfuhren, daß der schöne
+Name Hedwig nicht wie Het-wick ausgesprochen wird, sondern He-dwich,
+daß es nicht »daas Grapp«, sondern umgekehrt »daß Graab« heiße, nicht
+Entschuldijunk, sondern Entschuldi-gung mit der nasalen Verbindung von
+n und g, nicht selbstvastäntlich, sondern selbstverstän-dlich. Und so
+vieles andere, was damit zusammenhängt. Die Betonungslehre kam daran,
+schließlich die Tonfärbelehre, die schon ins Künstlerische hineinragt,
+und daneben gingen meist unter endlosen Solfeggien: do, re, mi, fa ...
+die eigentlichen Gesangsübungen.</p>
+
+<p>Sämtliche Teilnehmer mußten musikalische Bücher lesen, auch Biographien
+von großen Musikern; es wurden drei Musikzeitschriften mitgehalten
+und vor allen Dingen auch die konzertkritischen Artikel aus den
+Tageszeitungen studiert und erläutert. Es wurde mit Feuereifer
+gearbeitet. Nach drei Monaten sagte Cyrill: »Zur Belohnung für Ihren
+Fleiß und Ihre Ausdauer wollen wir es jetzt mit dem ersten Quartett
+versuchen. Ich habe dafür das Volkslied: ›In einem kühlen Grunde‹
+ausgewählt.«</p>
+
+<p>Cyrill hielt eine Ansprache über dieses Lied. Er sprach mit großer
+Liebe und Verehrung von Eichendorff.</p>
+
+<p>»Ein Heiligtum ist dieses Lied, ein Nationalschatz. Und doch, der
+Schatz wäre beinahe verloren gegangen. Eichendorff<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> hatte das Lied
+aus göttlicher Eingebung heraus geschrieben und es von Königsberg
+nach Schwaben an seinen Freund Justinus Kerner gesandt. Der las das
+Gedicht, erkannte, daß er ein Juwel ohnegleichen in Händen hatte,
+und lief aus seinem Arbeitszimmer hinaus, um alle Hausgenossen
+zusammenzurufen, ihnen dieses Juwel zu zeigen. Als Justinus Kerner an
+seinen Schreibtisch zurückkehrte, war die Eichendorffsche Handschrift,
+die er dort zurückgelassen hatte, spurlos verschwunden. Das Zimmer
+wurde durchsucht. Umsonst. Das Fenster stand offen. Ein Luftzug mußte
+das kostbare Blatt entführt haben. Justinus war in Verzweiflung. Er
+wußte, daß Eichendorff keine Abschriften anfertigen ließ, daß das Juwel
+verloren war, wenn sich das Blättlein Papier, an das es gefesselt war,
+nicht wiederfand. Justinus Kerner ließ fünf Tage lang seinen Garten und
+das angrenzende Gelände absuchen. Das Blatt war verschwunden. Seinem
+Freunde Eichendorff den Verlust zu melden, wagte Kerner nicht.</p>
+
+<p>Und da geschah das Wunder. Ein Händler kam in Kerners Haus, ein
+Mann, der einen Korb mit allerlei ›Kurzsachen‹ feilbot: Tabaksdosen,
+Broschen, Kinderspielzeug. Er bot auch Kerner seine Waren an. Und
+da sieht der — zum Herzstillbleiben ist es gewesen — Eichendorffs
+Handschrift um eine Kinderklapper gewickelt.</p>
+
+<p>›In einem kühlen Grunde ...‹</p>
+
+<p>Ein Griff. Justinus Kerner hatte das Lied.</p>
+
+<p>›Wo haben Sie dieses Papier her?‹ fragte er den Händler mit bebender
+Stimme.</p>
+
+<p>Der Händler guckte sich das Blättlein an.</p>
+
+<p>›Ach Gott,‹ sagte er, ›das fand ich auf einem blühenden<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> Flachsfeld. Es
+war gutes Papier, auf einer Seite ganz unbeschrieben, und da brauchte
+ich es zum Einpacken.‹</p>
+
+<p>Weit über eine deutsche Meile weg war das blühende Flachsfeld, auf das
+der Wind Eichendorffs unsterbliches Lied aus Kerners Wohnung getragen
+hatte!</p>
+
+<p>Können Sie sich denken, wie Justinus Kerner vor Weh und Freude
+geweint hat, als er dieses Blättlein Papier wieder hatte? Ahnen Sie,
+was das ist um ein unwiederbringliches Heiligtum aus dem Tempel der
+Menschheit? An diesem einfachen Liede, das doch ein Diamant unsagbaren
+Wertes ist, haben sich arme Prinzessinnen, die an ungeliebte Prinzen
+verkuppelt wurden und einen Leutnant von der Schloßgarde liebten,
+berauscht; dieses Lied ist wie eine Mahnerin zum Ernst in Trinkgelage
+von Schlemmern hineingekommen; dieses Lied hat arme Wäschermädel in
+ganz weite Höhen geführt; einsame alte Junggesellen haben das Lied
+auf frostigen Buden gesungen; versonnene Bauernmädel am Brunnentrog
+haben es angestimmt in stiller Abendstunde; ein einsamer Wanderer
+auf mondbeschienener Landstraße hat es gesummt; ein alter Gelehrter
+nach langer Geistesarbeit ist an seinen Flügel geschlichen und hat
+mit müden Fingern die alte, liebe Weise noch einmal gespielt. Das
+Lied vom deutschen Walde, von der deutschen Mühle, von der Liebe,
+vom zerbrochenen Ringlein, vom Aufbäumen des verwundeten Herzens und
+vom Sterbenwollen. Sehen Sie, meine Zuhörer, der ganz große Geist,
+der Beethoven hieß, der hat seine unsterbliche neunte Symphonie
+geschrieben. Um den ganzen Erdball herum können Sie suchen, über der
+Erde und unter der Erde — einen so großen Demantklotz finden Sie
+niemals mehr wie diese<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> ›Neunte‹! Was will Beethoven in seiner Neunten
+sagen? Es war ein Mensch, der durch Schuld und Nichtschuld, kurz,
+durch sein Leben an allem verzweifelte. Dann suchte er Erlösung in
+wilder Lust. Er fand sie nicht. Er fand sie endlich erst in der reinen
+Freude Götterfunken. Eichendorffs kleines Lied führt nicht so weit —
+es führt ins Sterbenwollen, aber doch auch durch die ganze Staffel des
+Liebens und Leidens hindurch. Ihnen, meine Zuhörer, will ich nur das
+eine einprägen: Ehrfurcht — Ehrfurcht vor einem Kunstwerk, ob es eine
+Symphonie ist oder ein Volkslied.«</p>
+
+<p>Als einige Tage später die Stimmen des Quartetts zum ersten Male
+zusammenklangen, hatte Cyrill Tränen der Freude in den Augen.</p>
+
+<p>»So schön,« sagte er, »ist in Altenroda noch niemals gesungen worden
+...«</p>
+
+<p>Und auch hier kam die Liebe und mischte sich ins schöne Spiel. Wenn
+Cyrill seinen Unterricht gab, war er streng sachlich und hütete sich
+wohl, von seinen Gefühlen für das Sabinchen etwas zu verraten. Er
+wußte, daß er anfänglich auf der gefährlichen Bahn gewesen war, sich
+vor der Geliebten lächerlich zu machen, und daß nichts der Erfüllung
+heißer Liebessehnsucht so hinderlich ist, als sich in ein lächerliches
+Licht zu stellen.</p>
+
+<p>So war Cyrill ein gewissenhafter, ja gestrenger Lehrer und sah auch
+dem Sabinchen keinen Fehler nach, wenngleich er bei seinen Korrekturen
+an ihr eine gewisse sanfte Zartheit nicht verbergen konnte, die er ja
+für den Dachdecker, den Apotheker und auch für Fräulein Liesel Tilgner
+nicht übrig hatte.</p>
+
+<p>Zu Hause in seiner armseligen Stube aber litt Cyrill<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> oft die größte
+Liebesnot und hatte Kummer aller Art. Von dem schmalen elterlichen
+Erbteil besaß er noch tausend Mark. Wenn die weg waren, stand er vor
+dem Nichts. Die Tante, seine einzige noch lebende Verwandte, bei der
+er wohnte, war selbst wenig bemittelt und außerdem äußerst geizig. Was
+sollte werden aus Cyrill? Der Dachdecker selbst war reicher als er;
+er hatte ihm einmal anvertraut, daß er ein kleines Erbteil und etwas
+Erspartes von zusammen dreitausend Mark besitze. Er hatte das wohl in
+der gutmütigen und doch für Cyrill demütigenden Absicht gesagt, ihm
+seine Hilfe anzubieten, wenn er mal in finanzieller Verlegenheit wäre.
+So sah wohl jedermann schon von weitem Cyrill den armen Hungerleider an.</p>
+
+<p>Was sollte werden aus Cyrill? Nichts gelang. Er hatte weder eine Stelle
+als Kapellmeister bekommen, noch hatte sich ein Theater gefunden,
+das seine Oper aufführen wollte. Nur einige kurze Liedkompositionen
+hatte er bei Verlegern angebracht, diese aber auch nur gegen winziges
+Honorar. Aber Cyrill freute sich, wenn die vierseitigen Blätter
+herauskamen, die seinen Namen trugen und ein Kindlein seines Geistes
+bargen, und trug sie alle zu Sabine. Einmal gab Cyrill ein neues Lied
+heraus und hatte kühn auf das Titelblatt drucken lassen:</p>
+
+<p>
+»<em class="gesperrt">Sabine gewidmet</em> ...«<br>
+</p>
+
+<p>Der Text des Liedes lautete:</p>
+<p>
+<em class="gesperrt">Daß ich Dich liebe ...<br>
+Es wissen es alle Blumen der Au,<br>
+Es weiß es die Dämmerung, die Nebelfrau,<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span><br>
+Die Vögel zwitschern's vom hohen Dach,<br>
+Die Wellen im Bache schwatzen es nach,<br>
+Der Hahn auf dem Kirchturm möchte es schrei'n<br>
+Hoch in den blauen Himmel hinein;<br>
+Im Walde tuschelt es Baum zu Baum,<br>
+Die Bienen summen's am Wiesensaum;<br>
+Bald wissen's wohl alle Leute der Stadt,<br>
+Als ständ' es geschrieben im Wochenblatt;<br>
+Es weiß es die Nacht und das Morgenlicht —<br>
+Nur Du weißt es nicht!</em><br>
+</p>
+
+<p>Für dieses Lied hatte Cyrill bei seinem Verleger der »besseren
+Ausstattung« wegen auf jedes Honorar verzichtet, ja selbst zugezahlt.
+Und als nun die ersten Exemplare vor ihm auf dem Tische lagen, auf dem
+Titelblatt sein Name und der des geliebten Mädchens, umrahmt von roten
+Rosen, faßte ihn heiße Angst. Gewiß, Sabine brauchte den Text durchaus
+nicht auf sich zu beziehen; solche Liedtexte sind neutral, können dahin
+oder dorthin oder ganz ins Blaue gezielt sein, aber sie konnte das
+Lied auf sich beziehen und dann konnte sie sich kompromittiert fühlen.
+»Bald wissen es alle Leute der Stadt, als ständ' es geschrieben im
+Wochenblatt ...« dem Mädel mußte ja himmelangst werden, wenn sie das
+las. Und dann war es durch die Schuld seiner aufdringlichen Huldigung
+gewiß aus und vorbei mit aller Hoffnung. Cyrill telegraphierte an
+seinen Verleger, er ziehe das Lied aus dem Musikhandel zurück. Der
+Verleger antwortete: »Nur gegen Übernahme der ganzen Auflage.<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span>
+Dreiunddreißigeindrittel Prozent Rabatt vom Originalpreis. Fünf
+Exemplare bereits verkauft.«</p>
+
+<p>So opferte Cyrill einen großen Teil seines bißchen Vermögens und hatte
+bald einige hundert gedruckte Lieder in seiner Wohnung aufgetürmt, für
+die er keine Verwendung besaß.</p>
+
+<p>»Die Nacht wußte es und das Morgenlicht,« was Cyrill um Sabine litt.
+Hoffnungslos. Er, der arme Musiker, sie das einzige Kind eines reichen
+Mannes!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Und noch ein zweiter litt um Sabine: der Dachdecker. Was ist doch Frau
+Musika für eine arge Kupplerin. Wie geht sie mit leisen Hexenschritten
+um die Menschen herum, kreist sie ein, läßt sie aus überquellenden
+Tonbechern süßes Gift schlürfen, nach fremden Rhythmen atmen, in
+fremden Melodien fühlen. Wie kann sie zwei Menschen in alle Tiefen
+und Höhen führen, Geheimsprache reden vor tausend Ohren, unsichtbare
+Liebeslauben bauen vor tausend Augen. Wie kann sie streicheln und
+quälen, erheben und erniedrigen, werben und verderben.</p>
+
+<p>Der schlichte Sohn des Volkes, der übermütige Bursch, war zum Träumer
+geworden. Wenn er auf einem hohen Dache saß, irrten seine Augen immer
+wieder über das Häusermeer dahin, wo auf dem Marktplatz neben dem
+Rathausturme das Apothekerhaus mit dem goldenen Kranich war. Dieses
+Haus war ihm zur wahren Heimat geworden. Das war licht und schön,
+anders als seine arme Handwerkerstube, und ein Engel von himmlischer
+Anmut lebte darin.</p>
+
+<p>Oft saß der Dachdecker auf einem schwindeligen Platz in tiefen
+Gedanken. Manchmal, wenn die Glocken so feierlich<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> klangen, weinte er.
+So viele Dächer, und keines das seine; aus so vielen Schornsteinen
+weißer Rauch, und sein eigen kein Herd, an den er ein geliebtes Weib
+führen konnte.</p>
+
+<p>Von hohen Dachfirsten sah er über die Stadt hinweg ins freie Land
+hinaus. Straßen führten in weite Fernen. Er könnte wandern, könnte sich
+loslösen von seiner Pein. Aber er würde wohl rückwärts gehen, um immer
+noch die liebe Stadt zu sehen, und wenn ihr letztes Dach verschwände,
+würde er von Sehnsucht überwältigt nach Hause laufen. Was blieb dem
+armen Dachdecker anderes übrig, als eines Tages abzustürzen und »in
+Ausübung seines Berufes« ehrenvoll den Hals zu brechen!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Cyrill war eines Nachts auf einen Rettungsgedanken verfallen, auf einen
+Gedanken, den er allerdings früher schon einmal gehabt hatte. Er mußte
+August Stumpe ausbilden, mit diesem wirklich ganz außergewöhnlichen
+Gesangstalent eines Tages einem Opernhausdirektor unter die Nase fahren
+und so Stumpe als Sprungbrett für die eigene Kapellmeisterlaufbahn
+benutzen.</p>
+
+<p>Cyrill war immer noch nicht ohne Hochmut. In Marienwerder war ihm eine
+Kapellmeisterstelle angeboten worden. Es war zum Lachen. Als ob er nach
+Marienwerder aussähe! Als ob Sabine je die Frau eines mit dreitausend
+Mark dotierten Kapellmeisters in Marienwerder werden würde. Abgesagt!
+Die Agentur schrieb ihm darauf, daß sie vorläufig für ihn nichts wisse.</p>
+
+<p>Cyrill sagte Stumpe August einmal auf dem Heimwege unter
+ehrenwörtlicher Zusicherung absoluter Verschwiegenheit: er wolle ihn
+zum Opernsänger ausbilden und schon<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> dafür sorgen, daß er im ersten
+Fach unterkomme. August Stumpe lachte erst blöde, dann sagte er, er
+habe nicht recht verstanden. Worauf Cyrill noch einmal seine Absicht
+aussprach. Darauf sagte der Dachdecker, Herr Cyrill möge entschuldigen,
+ihm sei nicht gut, es werde ihm so komisch. Und er ging beiseite und
+lehnte den Kopf an einen Zaun. Eine Hand preßte er aufs Herz und eine
+auf den Magen, und es würgte ihn zum Erbarmen.</p>
+
+<p>»Brechen Sie nur! Brechen Sie nur!« riet Cyrill. »Sie sind der rechte
+Mann. Es packt Sie. Sie nehmen es ernst!«</p>
+
+<p>Es war ein stilles Heldentum, das die beiden von nun an verrichteten.
+Alle Abende, die nicht dem »Quartett« gewidmet waren, saßen sie
+in Cyrills Stube, studierten und übten oft bis tief in die Nacht.
+Alle Sonntage waren dem eifrigsten Studium geweiht. Selbst nach den
+Quartettabenden nahm Cyrill den Dachdecker oft mit in seine Klause. Er
+lieh ihm Bücher. Selten hatte ein eifriger Lehrer einen so eifrigen
+Schüler.</p>
+
+<p>Der ersehnte Preis all dieser Mühen war für beide der gleiche.</p>
+
+<p>Sabine!</p>
+
+<p>Die armen Burschen wußten es nicht und gewannen sich nach und nach lieb.</p>
+
+<p>Hätten sie sich durchschaut, sie hätten sich gehaßt und gegenseitig zu
+verderben gesucht.</p>
+
+<p>So wanderten sie beide dem selben Lichte zu und keiner sah von dem
+andern, daß er die gleiche Straße zog.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Anfang November wollte das Quartett sein erstes Konzert geben. Wenn
+aber ein Quartett ein Konzert geben<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> will, muß es einen Namen, eine
+Firma haben, schon der Anschlagsäulen und der Zeitungsnotizen wegen.</p>
+
+<p>Es wurde eine Beratung abgehalten. Wer je einer Beratung beigewohnt
+hat, in der ein neuer Name gefunden werden soll, weiß, daß das
+ein schwieriges Geschäft ist, ganz gleich, ob es sich um eine
+Gesangsvereinigung, um eine literarische Zeitschrift, um eine
+Aktiengesellschaft, um ein neues Insektenpulver oder um ein kleines,
+manchmal noch gar nicht geborenes Kind handelt. Namengebung ist immer
+schwer und verantwortlich.</p>
+
+<p>»Ich bitte um Vorschläge,« sagte Cyrill; »ich selbst werde meine
+Meinung zuletzt sagen, um niemand zu beeinflussen. Bitte, Fräulein
+Tilgner!«</p>
+
+<p>»Ich hatte mir gedacht,« sagte Fräulein Tilgner, »da wir doch vier
+sind — im Quartett sind ja wohl immer vier — also da könnten wir uns
+›Quartett Jahreszeiten‹ nennen. Der ›Frühling‹ ist natürlich Sabinchen,
+ich selbst bin ja etwas älter und könnte als der ›Sommer‹ gelten; Herr
+Stumpe müßte den ›Herbst‹ darstellen, und der Herr Apotheker, wenn er
+so gut sein wollte, den ›Winter‹.«</p>
+
+<p>»Danke!« sagte der Apotheker verdrossen; »so eisgrau bin ich noch
+nicht! Fünfundfünfzig bin ich! Und dann — wieso Herr Stumpe mit
+sechsundzwanzig Jahren ›Herbst‹? Und wieso überhaupt vier? Sind
+wir nicht fünf? Zählt der Dirigent nicht mit? Der Name ist einfach
+unmöglich.«</p>
+
+<p>»Bitte um Entschuldigung!« sagte Fräulein Tilgner kleinlaut und setzte
+sich.</p>
+
+<p>»Nun Ihren Vorschlag, Fräulein Sabine,« forderte Cyrill auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span></p>
+
+<p>»Ich hatte,« sagte das Sabinchen, »auch an die Zahl vier gedacht, und
+da wollte ich vorschlagen, wir nennen unser Quartett ›Kleeblatt‹. Es
+gibt ja übrigens auch fünfblättrige Kleeblätter.«</p>
+
+<p>Der Apotheker erhob sich.</p>
+
+<p>»Meine liebe Tochter, erstens sind Kleeblätter in erdrückender
+Majorität dreiblättrig. Vierblättrige sind eine Seltenheit, und es wäre
+arrogant, wenn wir uns als Seltenheit hinstellen wollten. Das würde
+eine boshafte Kritik sofort aufgreifen. Eine boshafte Kritik würde
+aber noch etwas anderes sofort aufgreifen; nämlich sie würde sagen:
+Kleeblatt? Wieso? Es liegt hier eine Beleidigung des Publikums vor.
+Denn wem werden Kleeblätter vorgesetzt? Doch nur Rindviechern! Der Name
+›Kleeblatt‹ ist ganz unmöglich.«</p>
+
+<p>»Nun, dann mache doch selbst einen Vorschlag, Papa!«</p>
+
+<p>»Das will ich,« sagte der Papa. »Ich schlage vor, unser Quartett
+heißt: ›Der Wagen‹. Der Name berührt zunächst befremdend. Aber das
+soll er. Alles, was in der Welt zugkräftig sein soll, muß einen
+auffälligen Namen haben. Das weiß ich aus der Apotheke. Je verrückter
+der Name einer neuen Sache ist, desto besser geht sie. Und dann
+denken Sie doch an die berühmte Düsseldorfer Vereinigung ›Malkasten‹
+oder an die Münchener ›Scharfrichter‹. Ist das nicht auch verrückt?
+Doch nun zur Sache! Ein Wagen hat vier Räder. Alle Räder müssen
+gleichen Takt halten, alle müssen dem gleichen Ziel zusteuern,
+dieselbe Straße ziehen, mal langsam, mal schnell, mal in anfeuerndem
+Tempo, mal nachlassend diminuendo. Und der Fünfte? Kein auch noch so
+verrohter Kritiker wird wagen, in einem blöden Witz zu behaupten,
+daß<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> der Dirigent des ›Wagens‹ das Roß sei, das den Wagen zieht,
+sondern jedermann wird ihn als den Kutscher ansehen, der den Wagen
+lenkt. Das Publikum aber wird der ›Wagen‹ über Berg und Tal in grüne
+Waldeinsamkeit, an alte Burgen und in das Gewühl der Großstadt führen,
+kurz, der ›Wagen‹ wird ihm eine Reise durch alle Poesie des Lebens
+vermitteln.«</p>
+
+<p>»Was sagen Sie zu dem Vorschlag des Herrn Apothekers, Herr Stumpe?«</p>
+
+<p>»Ach,« sagte August Stumpe, »der Vorschlag ist an sich sehr geistreich.
+Nur, wir sind ein Musikverein, und ein Wagen macht keine gute Musik.
+Ein Wagen knarrt, und wenn er singt, quietscht er. Man könnte dann den
+Verein lieber ›Automobil‹ nennen, das hat auch vier Räder, und alles
+andere trifft auch zu, das von der Waldeinsamkeit und den Burgen und
+Städten, zu denen man hinfahren kann. Ein Wagen kann ferner nur wenig
+Leute über Berg und Tal führen; wir wollen aber vielen Menschen die
+›Reise durch die Poesie‹ verschaffen. Darum sollten wir uns lieber
+›Omnibus‹ heißen, der hat auch vier Räder.«</p>
+
+<p>»Herr Stumpe, wollen Sie mich verhöhnen?«</p>
+
+<p>»Gott bewahre, Herr Apotheker, ich sage nur meine Meinung.«</p>
+
+<p>»Er sagt seine Meinung! Und er hat ein Recht dazu!« entschied Cyrill.</p>
+
+<p>»Bitte, Herr Stumpe, was sagen Sie zu den Vorschlägen der beiden Damen?«</p>
+
+<p>»Ja,« meinte Stumpe, »wir kommen ja nur mit der Wahrheit weiter. Es
+tut mir leid, aber die Vorschläge der beiden Damen waren kitschig. Am
+kitschigsten war<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> der von Fräulein Sabine. ›Kleeblatt‹ nennt sich ein
+Backfischkränzchen, aber kein ernster Kunstverein.«</p>
+
+<p>»Sie sind frech,« sagte Sabine gemütlich. »Pah!«</p>
+
+<p>Cyrill war ganz blaß.</p>
+
+<p>»Bitte, Herr Stumpe, nun machen Sie Ihren eigenen Vorschlag.«</p>
+
+<p>»Ich schlage vor,« sagte August Stumpe, »daß wir auf allen Klimbim
+verzichten und unsere Vereinigung nennen: ›Quartett Cyrill Dietrich‹.
+Herr Cyrill Dietrich ist unser Lehrer, unser Führer; ohne ihn könnten
+wir nichts. Cyrill Dietrich ist ein schöner, wohlklingender Name. Der
+Name Cyrill Dietrich wird einer Vereinigung immer ein Ansporn sein,
+eifrig zu arbeiten, und dem Publikum immer eine Garantie, daß es etwas
+Gutes zu erwarten hat.«</p>
+
+<p>Schweigen. Cyrill saß mit gesenktem Haupte da. Er war in tiefster
+Seele glücklich. Er hatte in diesem Augenblicke den Dachdecker August
+Stumpe von Herzen lieb. Nicht in der Hauptsache wegen der letzten
+über ihn selbst geäußerten Worte, obwohl Cyrill wie alle Künstler für
+Anerkennung überaus empfänglich war, sondern des Wahrheitsmutes wegen,
+mit dem Stumpe seine Meinung gesagt hatte, und vor allem, weil er sich
+so recht als begnadetes Gotteskind offenbarte. Wie kam ein Dachdecker
+zu solchem Geschmack, zu solcher Ausdrucksweise? Der Mann war, während
+er Cyrills Unterricht genoß, mit Siebenmeilenstiefeln gewandert. Ach,
+das naturgeborene Genie vor sich zu haben, was ist das doch für eine
+Wonne!</p>
+
+<p>Nach einer Weile aber lehnte Cyrill den Vorschlag August Stumpes
+dennoch ab.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span></p>
+
+<p>»Meine Damen und Herren! Bitte, binden Sie sich nicht an meinen Namen.
+Einst — vielleicht sehr bald — werde ich nicht mehr bei Ihnen sein.
+Ich werde dann nichts sein, als der zufällige erste Dirigent Ihres
+Quartetts, der noch dazu sehr kurze Zeit bei Ihnen tätig war. Mein Name
+ist kein Programm. Genehmigen Sie meinen eigenen Vorschlag: ›Quartett
+Altenroda‹. In dem schönen Namen Altenroda haben Sie alles, wofür Ihr
+Herz und Ihre Kehle singt, haben Sie die Heimat und alles, was Ihnen
+darin lieb und wert ist.«</p>
+
+<p>Cyrills Vorschlag wurde angenommen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als August Stumpe nach diesem Abend im Bette lag, dachte er nicht wie
+sonst darüber nach, weshalb wohl ein ein Meter und fünfundsiebzig
+Zentimeter langer, kräftiger Mann zur Nachtruhe in einem Gestell
+zu liegen habe, das nur ein Meter und siebzig Zentimeter lang war,
+sondern er klagte sich in leidenschaftlichen Selbstvorwürfen an, daß
+er an Fräulein Sabines harmlosem Vorschlag eine so bissige Kritik
+verübt, daß er seinen Engel so böse gekränkt hatte. Immer wieder
+überdachte er die Situation; immer aufs neue schüttelte es ihn vor dem
+»Kleeblatt«-Vorschlag Sabinens, und immer aufs neue brannten dennoch
+alle Sehnsuchtsfeuer nach dem lieblichen Mädchen hin. Es war ein auf-
+und abwogendes Fieber, ein wildes Auf und Nieder. Ganz zuletzt aber
+dachte August Stumpe an Cyrill. Und im Gedanken an Cyrill schlief er
+ein. Ein kleiner kluger Gott saß auf der Kante der kleinen Bettstelle
+und lächelte. Wieder hatte einer die Liebe zur Kunst über die Liebe zum
+Weibe gestellt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span></p>
+
+<p>Auch Cyrill schlief schlecht. Auch er dachte an die Vorgänge des
+Abends. Und auch er quälte sich. Daß Sabine den »Kleeblatt«-Vorschlag
+gemacht hatte, grämte ihn noch im Bett, verursachte ihm sauren
+Geschmack im Munde. Aber was war sie denn? Ein Kind von kaum zwanzig
+Jahren. Ein liebes, wonniges Mädel. Was sollte man von ihr verlangen?
+Die Sehnsuchtsfeuer loderten. Aber dann glitten Cyrills Gedanken doch
+zu dem begnadeten Dachdecker hinüber, und er wurde ganz ruhig und
+schlief ein.</p>
+
+<p>Und derselbe kleine kluge Gott, der auf Stumpes Bettstelle gehockt
+hatte, kam auf silberner Mondbahn zu Cyrill gefahren und besah sich
+lächelnd auch diesen Getreuen. —</p>
+
+<p>Auch Fräulein Liesel Tilgner schlief nicht. Sie hatte sich heute in
+August Stumpe, als er so grob wurde, endgültig und rettungslos verliebt.</p>
+
+<p>Selig schlief nur das Sabinchen, ihr herziges Köpfchen auf den molligen
+Arm gelegt. Sabinchen dachte an nichts Böses und an nichts Gutes —
+sie dachte an gar nichts. Völlig ruhelos war der Apotheker. Er saß an
+seinem Schreibtisch und entwarf »Statuten« für das »Quartett Altenroda«.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das »Quartett Altenroda« gab sein Konzert. In der Vorankündigung hieß
+es, das Programm würde einen Volkslied-Teil und einen Kunstlied-Teil
+enthalten, zur Umrahmung des Liederteils zwei Klaviervorträge,
+ausgeführt von Herrn Cyrill Dietrich, im ersten Teil Schubert, im
+zweiten Beethovens Letzte Sonate (<em class="antiqua">op.</em> 111). Preise der Plätze
+drei Mark, zwei Mark, eine Mark; Stehplatz fünfzig Pfennige.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p>
+
+<p>Bei der Aufführung waren eigentlich nur Stehplätzler anwesend, das
+Parkett war fast leer. Nur hie und da hockten mit trübseligem Gesicht
+ein paar verirrte Seelen. Sie fühlten sich äußerst unbehaglich in ihrer
+Einsamkeit. Die Sänger taten ihnen leid. An den Wänden aber klebte
+junges Volk: leise kicherndes hübsches Backfischgesindel und junge
+Männer im ehrenvollen Alter von sechzehn bis neunzehn Jahren, die alle
+gut gescheitelte Frisuren hatten und feierliche Gesichter machten.</p>
+
+<p>»Was sollen wir tun?« fragte der Apotheker, als er den leeren Saal sah.
+»Diese Bande! O, diese Bande! Was sollen wir tun?«</p>
+
+<p>»Singen!« antwortete Cyrill, düster und lakonisch.</p>
+
+<p>»Aber doch nicht allein vor diesem jungen Rabattengemüse?«</p>
+
+<p>»Doch!« sagte Cyrill noch um eine Silbe lakonischer, und der Fall war
+entschieden.</p>
+
+<p>Schlag acht Uhr (das war der festgesetzte Beginn des Konzerts) machte
+Cyrill Dietrich seine Dirigentenverneigung vor dem Publikum und hielt
+eine kleine Ansprache:</p>
+
+<p>»Meine Damen und Herren! Ich freue mich, daß insonderheit die Jugend
+Altenrodas unserer Einladung so zahlreich Folge geleistet hat. Ihr
+schöner, jung-seliger Idealismus hat Sie hierhergeführt. Nur wer
+die Jugend hat, hat die Zukunft. Nur auf die Jugend baue ich meine
+Hoffnung, daß in Altenroda eine Besserung des Kunstgeschmacks eintreten
+kann. Ich heiße Sie herzlich willkommen und bitte Sie, auf den
+leergebliebenen Stühlen des Saales Platz zu nehmen.«</p>
+
+<p>Hei, flog das hübsche Backfischgesindel in seinem jungseligen<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span>
+Idealismus auf die leeren Stühle. Die jungen Herren folgten in
+gemessenerem Tempo; einige aber blieben »ostentativ« an der Wand
+stehen. Sie wollten sich »nichts schenken« lassen; sie hätten ja,
+wenn sie es nur gewünscht hätten, sich leicht einen Talerplatz kaufen
+können. Sie hatten es aber nicht gewünscht. Sie standen lieber. Sie
+standen »prinzipiell«, standen »zum Vergnügen«. Und alle Welt ließ sie
+auch ruhig stehen.</p>
+
+<p>Schlag acht Uhr wurde auf Cyrills Befehl auch die Kasse
+geschlossen. Zehn Minuten später aber, als der Kassierer noch
+mit den Aufräumungsarbeiten, insonderheit mit dem Verpacken von
+dreihundertfünfundsiebzig unverkauft gebliebenen Programmen beschäftigt
+war, erschien noch ein Sekretär mit seiner Frau und wünschte zwei
+Plätze.</p>
+
+<p>»Bedaure,« sagte der Kassierer hochmütig; »die Kasse ist geschlossen.«</p>
+
+<p>»Ist es denn so voll?« fragte der Sekretär verwundert.</p>
+
+<p>»Das wohl nicht,« erwiderte der Kassierer; »aber was geschlossen ist,
+ist geschlossen. Das ist so bei vornehmen Konzerts.«</p>
+
+<p>Das Konzert des »Quartetts Altenroda« war boykottiert worden. Die
+ganze sangesfreudige Stadt Altenroda war nun einmal in drei Lager
+eingeteilt, je nach der Zugehörigkeit zu einem der drei Gesangvereine;
+jedes Lager war bis zur Lächerlichkeit vereinsmeierisch und hielt auf
+strengste Disziplin. Parole war Parole. Wehe dem, der da nicht Stange
+hielt! Und hier bei Cyrills Konzert hieß in allen drei Vereinen die
+Parole: »Nicht hingehen!« Die »Harmonie« haßte Cyrill wegen seines
+Verhaltens im Harmonie-Konzert. Der Kirchenchor war<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> neidisch auf
+Liesel Tilgner, die »wohl die Einzige sein wollte, die was könnte«. Der
+Verein »Frohsinn« hatte »seinen Freund und Ehrenmitglied« August Stumpe
+wider alle anderslautenden Zusagen eingebüßt; denn August Stumpe hatte
+sich seit langem dem Verein ferngehalten, nicht einmal an dem großen
+Schweineschlachtfest-Wettsingen hatte er sich beteiligt.</p>
+
+<p>Also Parole: »Nicht hingehen!«</p>
+
+<p>Die wenigen, die dennoch gekommen waren, es waren sechsundzwanzig,
+waren Außenseiter. Nur die »unreife Jugend« hatte sich davon, das neue
+Quartett zu hören, nicht abhalten lassen. »Weil es doch ein Feez ist,«
+hatte die blonde Käthe Birke zu dem Primaner Erich Mosemmel auf dem
+Hinwege gesagt.</p>
+
+<p>Als das Konzert aus war, lungerte spazierengehend halb Altenroda in der
+Nähe des Konzertraumes auf Nachrichten, »wie es eigentlich gewesen sei«.</p>
+
+<p>Käthe Birke, die mit dem Primaner Erich Mosemmel nach Hause ging und
+ihren Eltern begegnete, erstattete Bericht.</p>
+
+<p>»Es war himmlisch! Ich habe nie geglaubt, daß es etwas so Schönes gibt.«</p>
+
+<p>Das Kind hatte Mühe, zwei halbe Tränen in die Blauaugen
+zurückzudrängen, als es das sagte.</p>
+
+<p>»Ja,« bestätigte Erich Mosemmel, bedeutend forscher im Ton; »es war
+tadellos!«</p>
+
+<p>Und es ging noch am selben Abend ein Gesumme in der Stadt, das Konzert
+sei herrlich gewesen. Und noch am selben Abend erwogen zwei Männer, ob
+sie nicht am besten Selbstmord verübten: Cyrill und der Dachdecker. Der
+Apotheker nahm es fast ebenso tragisch wie diese<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> beiden; er betrank
+sich im Giftgadern ganz unverünftig. Liesel Tilgner flennte sich
+halbtot, einmal, weil der Tenor in seinem Unglück über das schlecht
+besuchte Konzert fast gar nicht mit ihr gesprochen hatte, und dann,
+weil ihr Vater, der Kirchenchordirigent, der noch immer gegen ihre
+Beteiligung am Quartett war, gesagt hatte, der »Reinfall« wäre eine
+gerechte Strafe für ihren kindlichen Ungehorsam. Ach Gott, es ist auch
+schwer, als »Kind« von einunddreißig Jahren immer noch ganz gehorsam zu
+sein.</p>
+
+<p>Nur Sabinchen aß nach dem Konzert noch einmal tüchtig zu Abend,
+lutschte eine Tüte Bonbons aus und schlief dann selig, das wunderschöne
+Köpfchen auf den molligen Arm geschmiegt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In Altenroda gab es eine Sensation.</p>
+
+<p>Das Stadtblatt brachte folgenden Artikel:</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Kunst im Winkel.</em> Ach, ich alter Knabe! Ich habe geglaubt,
+im Musikleben Bescheid zu wissen. Ich habe in Berlin, in Rom, in
+Paris, in München mich bemüht, einen Blick hinter den Schleier der
+Musik der bezauberndsten aller Göttinnen, zu tun, in ihr ewig schönes
+Gesicht zu schauen. Und dann habe ich so ziemlich alles, was auf
+Erden an Bedeutung singt, geigt, orgelt, flötet, klavierspielt,
+opert, operettelt und Laute zupft, gehört. Ich war in einem Jahre bei
+zweihundertundzwei Musikabenden. (Beileidsbesuche und Kranzspenden
+dankend verbeten!) Ich hätte geschworen, daß ich nie, nie mehr ganz
+freiwillig in ein Konzert gehen würde, sondern nur, wenn es höhere
+Pflicht erheischt: Kritikerpflicht oder die Pflicht, einem Großen in
+der Musik zu huldigen,<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> indem man sich demütig zu seinen Füßen setzt.
+Kleinstadtkunst, das war für mich so etwas wie Gurkenbau in Liegnitz,
+Schnupftabakfabrikation in Ratibor, Stoffweberei in Cottbus. Alles sehr
+brav, alles sehr brauchbar, ja unentbehrlich, aber mich ging's nichts
+an, hatte mit ›Kunst‹ nichts zu tun. Kleinstadtkunst ging mich noch
+weniger an als die vielen Dilettantenstümpereien in den Großstädten,
+die nichts sind als Legierungen von Schwärmerei und Eitelkeit und
+vielleicht ein bißchen Sehnsucht.</p>
+
+<p>Ach, ich alter Knabe, ich alter musikalischer Globetrotter! Da bin
+ich in einem entzückenden Erdenwinkel zur Winterfrische, habe wegen
+Talentlosigkeit meiner Bauchmuskeln das Skifahren aufgegeben und mich
+nur auf das Rodeln beschränkt, mußte mal kurz verreisen, las, wie schon
+vorher tausendundeinmal, also zum tausendzweitenmal den Fahrplan falsch
+und blieb also in Altenroda fünf Stunden lang ohne Weiteranschluß
+sitzen. Ein Einheimischer kann sicherlich in Altenroda fünfzig Jahre
+lang zufrieden und selig sein; aber was soll ein großstädtischer
+Fremdling mit fünf Stunden in Altenroda anfangen? Alle Ehre der
+Konditorei unter den Lauben und dem Hotel zum ›Löwen‹, sowie den dort
+ausliegenden Lesezirkelheften — aber ach, fünf Stunden sind halt
+grausam lang.</p>
+
+<p>Kurz und gut, ich sah ein Plakat: ›Quartett Altenroda. Konzert.‹ Ich
+las das Plakat aus lauter Langerweile. Und ich fiel in einen Abgrund
+von Erstaunen. Das war ein Programm, würdig eines Konzertraums, dessen
+Vorbedingung aparter Geschmack ist. Wo in aller guter und böser
+Geister Namen kam ein Mensch nach Altenroda,<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> der ein solches Programm
+aufstellen konnte? Und wenn nun schon einer war, der solchen Geschmack
+hatte, wie konnte er die Kräfte zusammen bekommen, solch ein Programm
+auszuführen? Es mußte doch greulicher Unfug dabei herauskommen.</p>
+
+<p>Ich ging hin. Das Konzert sollte um acht Uhr beginnen. Ich war —
+pünktlich, wie es sich geziemt — fünfzehn Minuten vor acht da. Ein
+leerer Raum. Einige Jünglinge und Jungfrauen an den Wänden. Mir wurde
+bange wie einem Einsamen in der Wüste.</p>
+
+<p>Und nun sangen vier Leute; ein blasser junger Mann dirigierte. Zwei
+Damen-, zwei Herrenstimmen. Eine kritische Würdigung des Konzerts
+will ich nicht geben, nicht etwa, wie man mancherorten sagen würde,
+eine ›Rezension‹ schreiben; ich will nur als eines meiner seltsamsten
+Lebensereignisse berichten, daß ich in einer deutschen Kleinstadt eine
+Kunstgabe fand, die mich in Erstaunen setzte. Glückliches Deutschland,
+wenn selbst in deine fernsten Täler solcher Kunsteifer und solche
+Kunstreife gedrungen sind! Der Tenor des Quartetts hat prachtvolles,
+wenn auch noch nicht zu voller Edelreife gediehenes Material. Die
+anderen leisten (auch von strengem Gesichtspunkt aus beurteilt)
+höchst Achtbares. Alle sprechen richtig, alle atmen richtig, alle
+singen richtig. Der Dirigent ist ein famoser Mann, und ich segne mein
+Mißgeschick, das mich in Altenroda fünf Stunden aufhielt.«</p>
+
+<p>Dieser Artikel, der im Altenrodaer Stadtblatt erschien, war von
+einem der gefeiertsten und gefürchtetsten Kritiker der Hauptstadt
+unterzeichnet.</p>
+
+<p>Jedermann, der behauptet, daß Rezensenten gemeingefährliche<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> Subjekte
+sind, hat recht. Cyrill Dietrich kriegte einen Weinkrampf vor Jubel,
+als er den Artikel las. August Stumpe, der ein zerschlätertes
+Winterdach ausbessern sollte, saß mit dem Zeitungsblatt in eisiger
+Höhe, wäre beinahe erfroren und tat gar nichts, weder zur Ausbesserung
+des Daches noch seines Seelenzustandes. Der Apotheker betrank sich drei
+Tage und drei Nächte lang vor Freude, und nur Sabinchen heulte, und
+zwar wegen der plötzlich ausgebrochenen Trunksucht ihres lieben Papas.</p>
+
+<p>Daß aber der Artikel der kritischen Großstadtkoryphäe in dem Altenroder
+Stadtblatt Aufnahme gefunden hatte, erklärte sich einfach daraus, daß
+der Verleger des Stadtblattes die Bedeutung jener Koryphäe kannte.
+Er war auf einige großstädtische Zeitungen abonniert. Und wenn er
+jetzt eine Abonnentenreklame für sein Stadtblatt losließ, vergaß er
+nie zu bemerken: Mitarbeiter u. a. Herr <em class="antiqua">Dr. X.</em>, der gefeierte
+Musikkritiker erster Weltblätter.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es ging schon auf den Frühling zu. Im Winter blüht das Geschäft
+der Dachdecker nicht. Über ein paar Notaufträge, wenn gerade das
+Schneegestöber schon ins Haus dringt oder sich der Nordwind einen gar
+zu groben Spaß erlaubt hat, kommt es nicht hinaus. So hatte August
+Stumpe viel Zeit zum Studium, und es wurde auch jede freie Stunde
+sorglich genützt. Cyrill war ein unermüdlicher Lehrer. Es war diesem
+durch und durch musikalischen Manne ein Herzensglück, ein so starkes
+Talent, wie das des Dachdeckers war, zu immer größerer Reife zu führen.
+Schon lange waren sie über bescheidene Rollen<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> aus Spielopern wie
+»Freischütz« und »Waffenschmied« hinaus. Schon waren sie bei Wagner
+angelangt. Als Cyrill das erstemal zu seinem Schüler über Wagner
+sprach, stand er vor ihm wie ein begeisterter Priester, und als er ihm
+die Wonnen und Wunder des »Lohengrin« erschloß, seufzte der Dachdecker
+und sagte: »Das ist Musik aus dem Paradiese.«</p>
+
+<p>Eines Tages fuhren die beiden miteinander nach der Hauptstadt. Im
+Wartesaal zu Altenroda trafen sie sich.</p>
+
+<p>»Ich habe einstweilen die beiden Fahrkarten gekauft,« sagte Cyrill.</p>
+
+<p>»Ich auch!« sagte der Dachdecker.</p>
+
+<p>Cyrill hatte dritter, der Dachdecker hatte zweiter Klasse gelöst.
+Schließlich legten sie die vier Karten zusammen, fuhren erster und
+waren schön allein im Abteil. Der Dachdecker schämte sich halb zu
+Tode in dem feinen Raume und wünschte nur, daß keine anderen Menschen
+einsteigen möchten.</p>
+
+<p>Cyrill lächelte wehmütig.</p>
+
+<p>»Sie werden bald immer erster Klasse fahren,« sagte er. »Wenn Sie erst
+ein Bühnenstern sind! Und ich werde immer dritter Klasse fahren. Ich
+glaube, ich bin selbst dritter Klasse.«</p>
+
+<p>Dagegen erhob der Dachdecker leidenschaftlichen Protest; aber Cyrill
+wehrte ab und sagte:</p>
+
+<p>»Lassen Sie es gut sein. Nicht jeder kann ganz vorne stehn. Es genügt
+schon, wenn er dabei ist. Heute abend im Opernhaus nehmen wir uns ganz
+gute Plätze. Wohnen können wir ja in einem kleinen Vorstadthotel.«</p>
+
+<p>Sie saßen in einer Loge des Opernhauses.</p>
+
+<p>Lohengrin.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p>
+
+<p>Das silberne Singen der Geigen mit dem Gralsmotiv setzte ein; die
+Ouvertüre wogte vorüber, der Vorhang hob sich, und ein schönes
+Bühnenbild zeigte König Heinrich mit den Männern von Brabant am Ufer
+der Schelde.</p>
+
+<p>Der Dachdecker preßte seine Hand auf Cyrills Knie, als müsse er sich
+festhalten. So selig erschrocken wie er schaute einst Moses ins Gelobte
+Land.</p>
+
+<p>Als die Lichtgestalt Lohengrins auftauchte, diese Gestalt, die
+aus Glanz und Wonnen kommt, ganz Schönheit, ganz Reinheit, ganz
+Heldenkraft, ganz wundersamste Jugend, rannen dem armen Dachdecker
+unaufhaltsam die Tränen über die Wangen, das Herz pochte ihm in
+Seligkeit; alle Glocken klangen, alle Engel sangen; tausend Melodien
+strömten ihm zu: Du bist glücklich, du bist selig, du bist im Himmel!</p>
+
+<p>Aber als der Vorhang gefallen war, saß der Dachdecker stumm und mit
+bleichem Gesichte auf seinem Stuhle.</p>
+
+<p>Die Leute gingen nach dem Vorraume.</p>
+
+<p>»Wollen wir nicht auch hinausgehen?« fragte Cyrill.</p>
+
+<p>Der Dachdecker schüttelte den Kopf. Wie konnte man aus diesem Himmel
+hinausgehen? Aber er war so todblaß und stierte so eigentümlich mit den
+Augen, daß Cyrill fragte:</p>
+
+<p>»Was ist Ihnen? Ist Ihnen nicht wohl?«</p>
+
+<p>»Ach,« sagte der Dachdecker, »ach, ich erbärmlicher Kerl! So etwas
+werde ich niemals können. Der Lohengrin ist wie ein Gott!«</p>
+
+<p>Cyrill schwieg. Er dachte: Ganz gut, wenn du die Größe und
+Schwierigkeit deiner Aufgabe erfassest. Im übrigen ist noch jeder,
+der wirklich etwas kann, nicht einmal,<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> sondern hundertmal an sich
+verzweifelt. Nur die Stümper sind selbstsicher.</p>
+
+<p>Im zweiten Akte, nach Elsas süßen Nachtgesängen, faßte sich der
+Dachdecker am Hals und flüsterte Cyrill angsterfüllt zu:</p>
+
+<p>»Mir wird übel!«</p>
+
+<p>Cyrill sah mit einem Blick, daß die Sachlage hier bedrohlich wurde,
+faßte August an der Hand und führte ihn hinaus. Unwillige Blicke
+folgten den Störern, und Elsa sang unten auf der Bühne: »Es gibt ein
+Glück, das ohne Reu,« ohne zu ahnen, daß da oben ein kunstbegeisterter
+Naturmensch diese Sentenz <em class="antiqua">ad absurdum</em> führte.</p>
+
+<p>August Stumpe mußte sich erbrechen. Kalter Schweiß perlte ihm auf dem
+Gesichte und auf den Händen.</p>
+
+<p>»Na, hören Sie mal,« sagte Cyrill, der nur unwillig den Samariter
+spielte, »wenn Sie sich immer im Theater so aufregen wollen, dann
+taugen Sie freilich nichts für die Bühne.«</p>
+
+<p>»Nein,« schöpfte August Luft, »nein, ich tauge nichts! Ich tauge rein
+gar nichts! Ich bin eine unnütze Kreatur! Ich bin ein dummer Mensch.
+Für mich gibt's nur eins — weg von der Welt!«</p>
+
+<p>»Blech!« sagte Cyrill zum Trost und sonst nichts. Dann führte er
+August an ein Büfett und labte ihn mit einer Flasche Selterswasser.
+Von drinnen drangen die Hochzeitshymnen des großen Kirchgangs. August
+strebte wieder hinein.</p>
+
+<p>»Nicht um die Welt!« sagte Cyrill und hielt den Dachdecker zurück.</p>
+
+<p>Da lehnte sich August Stumpe in seinem todjämmerlichen<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> Zustande an
+eine Säule, und Cyrill stand neben ihm in dem leeren Restaurationsraum,
+und beide machten einen unvorteilhaften Eindruck.</p>
+
+<p>Wie sie so dalehnten, kam ein kleiner dicker Herr mit einem Hornzwicker
+auf der Nase vorbei, musterte sie, blieb stehen, ging vorüber, blieb
+wieder stehen, guckte sich um und kam plötzlich heran.</p>
+
+<p>»Also, da möchte ich doch wetten, Sie beide sind aus Altenroda.«</p>
+
+<p>Cyrill und August erschraken, als ob sie entlarvte Verbrecher seien,
+und einer von beiden sagte: »Ja, ja, ja!«</p>
+
+<p>»Habe ich Sie doch erkannt,« schmunzelte der alte Herr vergnügt. »Ja,
+mein Physiognomiengedächtnis! Also die Leute vom Quartett Altenroda.
+Sie der Dirigent, Sie der Tenorist! Weiß alles, weiß alles! War ja in
+Ihrem Konzert. Sind also da mal hergekommen in die Oper — was? Und da
+ist Ihnen wohl schlecht geworden? Sehen ja ganz verdaddelt aus?«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Cyrill, der den gewaltigen Musikkritiker von dazumal
+inzwischen erkannte oder wenigstens ahnte, »meinem Freunde wurde übel.«</p>
+
+<p>»Er ist doch nicht Sänger von Beruf? Was ist er denn?«</p>
+
+<p>»Dachdecker.«</p>
+
+<p>»Dachdecker? So, so — Dachdecker! So — heidi — ganz oben! Ganz oben,
+direkt am Kirchturmknopf! Dachdecker! Und singt! Und fährt mal in die
+Oper! Opfert Geld! Siebzehn Mark zweiter Klasse hin und her! Weiß
+ich! War ja doch in der Gegend. Siebzehn Mark! Und dann die sonstigen
+Spesen. In die Oper! In den ›Lohengrin‹! Und hört dann hier solches —
+solches — und wird ihm schlecht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span></p>
+
+<p>Der kleine dicke Herr mit der Hornbrille nahm Cyrill etwas auf die
+Seite.</p>
+
+<p>»Sagen Sie mal — der Mann hat sich wohl direkt erbrochen? Das sieht
+man ihm doch an!«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Cyrill, »es wurde ihm übel. Schon nach dem ersten Akt wurde
+ihm ganz benommen.«</p>
+
+<p>»Hatte er denn vorher getrunken oder sich den Magen verdorben?«</p>
+
+<p>»Durchaus nicht! An der Übelkeit ist nur die Oper schuld.«</p>
+
+<p>Der Dicke funkelte Cyrill mit den Brillengläsern an.</p>
+
+<p>»Die Oper! War denn — dieser — dieser Dachdecker schon öfter in der
+Oper?«</p>
+
+<p>»Nein, es ist die erste, die er hört.«</p>
+
+<p>Der Dicke rieb sich die Glatze.</p>
+
+<p>»Das ist fabelhaft! Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Sehen
+Sie, man müßte doch annehmen, auf eine so naive Haut, wie es ein
+Dachdecker aus Altenroda ist, müßte die erste Oper, die er hört,
+mächtigen Eindruck machen, sie müßte ihn begeistern. Aber nein!
+Wenn er ein musikalisches Talent ist (und das ist Ihr Dachdecker
+in ganz hervorragendem Maße), wenn er ein musikalisches Innenleben
+hat, wird ihm bei einer solch gottserbärmlichen Aufführung, wie die
+heutige ist, einfach schlecht. Er kotzt! Er verachtet die ganze
+Bande. Der ›Lohengrin‹, der heute hier auf Engagement zu singen die
+Verbrecherstirn hat, soll sich auf einen Misthof als Kikerikihahn
+vermieten. Ja, das soll er! Das schreibe ich morgen in meine Kritik.
+Als Kikerikihahn auf einen Misthof vermieten! Selbst ein wirklich
+musikalischer Dachdecker aus Altenroda hat das herausempfunden.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span></p>
+
+<p>Auf diese Rede hin sagte Dietrich Cyrill weder »ja« noch »nein«. Er war
+zu erstaunt über diese Wendung der Dinge.</p>
+
+<p>»Also,« fuhr der Dicke fort, »ich habe damals über Ihr Konzert an Ihr
+Stadtblatt einige Zeilen gerichtet. Es machte mir Spaß. Ich wollte auch
+den Spießern aus Altenroda, die Ihrem Konzert ferngeblieben waren,
+eines auswischen. Ich habe mich damals über Ihre Leistungen gewundert.
+Aber noch mehr wundere ich mich heute. Daß einem Naturkinde bei der
+ersten Oper, die es hört, schlecht wird, nur weil schlecht gesungen
+wird — sehen Sie, das ist ein psychologisch rasend interessanter Fall.
+Das ist ein Testimonium so elementaren Schönheitswillens, daß ich
+erstaunt bin.«</p>
+
+<p>Der Dicke ging nun zu dem Dachdecker, der mit einem weidlich dummen
+Gesicht immer noch an der Säule stand, und sagte:</p>
+
+<p>»Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Übelkeit! Wundern Sie sich nicht, daß
+mir nicht auch übel geworden ist! Verachten Sie mich deswegen nicht!
+Ich bin abgehärtet bis aufs äußerste. Ich kann Seifenlauge vertragen,
+weil ich berufshalber tausendmal habe Seifenlauge schlucken müssen.
+Verstehen Sie das?«</p>
+
+<p>August wußte nicht, was der ›Lohengrin‹ mit Seifenlauge zu tun habe,
+aber er nickte mit dem Kopf. Ihm war alles egal.</p>
+
+<p>Nun war drinnen der zweite Akt zu Ende; die Leute strömten in den
+Restaurationsraum. Der kleine Dicke zog eine Visitenkarte aus der
+Tasche, überreichte sie Cyrill und sagte:</p>
+
+<p>»Da ist meine Adresse! Es würde mich freuen, wenn<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> Sie mich mit Ihrem
+Freunde morgen besuchten. Am besten zwischen elf und zwölf Uhr.«</p>
+
+<p>Dann ging er.</p>
+
+<p>Während des dritten Aktes saß August Stumpe wieder in seligen
+Schauern da. Es wurde ihm nicht mehr übel. Am Schluß nur, bei der
+Gralserzählung, rannen ihm heiße Tränen über die Wangen. Er klatschte
+keinen Beifall. Ganz still saß er noch, als die meisten Leute schon
+gegangen waren, und verließ als einer der letzten das Theater, Leuchten
+in den Augen und einen Schimmer von Verklärung auf dem Gesicht.</p>
+
+<p>In einem kleinen Vorstadthotel hatten Cyrill und August ein gemeinsames
+Zimmer inne. Der Dachdecker saß auf seiner Bettkante und träumte.
+Cyrill störte ihn nicht.</p>
+
+<p>»Wie ein Gott hat er gesungen — wie ein Gott!«</p>
+
+<p>Da meinte Cyrill:</p>
+
+<p>»Lieber Freund, ich gebe Ihnen einen guten Rat; wenn wir morgen bei
+dem kleinen Doktor sein werden, sagen Sie kein Wort über die heutige
+Aufführung, kein einziges Wort!«</p>
+
+<p>»Warum nicht?« fragte Stumpe.</p>
+
+<p>»Weil es sich nicht ziemt, daß ein Anfänger in Gegenwart einer solch
+anerkannten Größe seine eigene kritische Meinung zum Besten gibt.«</p>
+
+<p>»Das ist richtig!« sagte der Dachdecker. Nach einem Weilchen stand er
+auf.</p>
+
+<p>»So hat er dagestanden!« sagte er in seliger Versunkenheit, »so die
+Augen ganz in die Ferne gerichtet nach Monsalvat, weit über alle Länder
+und Menschen hinweg. Und so hat er gesungen: ›Im fernen Land, unnahbar
+Euren Schritten, steht eine Burg, die Monsalvat genannt ...‹«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span></p>
+
+<p>Und nun sang August Stumpe erst leise, dann mit immer vollerer Stimme
+die Gralserzählung, und Cyrill hörte ihm glückselig zu. Sein Schüler
+sang die Gralserzählung wirklich viel schöner als der Tenor auf der
+Bühne, und was den Dachdecker heut so begeistert hatte, war ja auch
+nicht die wenig hohe Kunst jenes Bühnentenors gewesen, sondern das
+Theater selbst, in das dieser begnadete Künstler als ein verbannter
+Königssohn zum erstenmal wie in eine Heimat gekommen war, in die er
+gehörte.</p>
+
+<p>»Mein Vater Parsival trägt seine Krone, sein Ritter ich, bin Lohengrin
+genannt ...«</p>
+
+<p>In einer Gloriole glühender Tonfarben sang der Dachdecker den Schluß
+der Gralserzählung.</p>
+
+<p>»Ruhe dort drin! Die Herrschaften schlafen schon!«</p>
+
+<p>Das war der Nachtportier.</p>
+
+<p>»Nein!« brüllte ein Handlungsreisender, der im linken Nebenzimmer
+schlief, »er soll weitersingen. Der Mann singt großartig.«</p>
+
+<p>Die Tür zum rechten Nebenzimmer öffnete sich; die Nachthaube einer
+alten Jungfer erschien, und eine Stimme flötete:</p>
+
+<p>»O, Herr Portier, bitte, lassen Sie ihn weitersingen. Es ist himmlisch!«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte der grobe Portier, »es ist nicht himmlisch, sondern es
+ist Nacht. Die Leute wollen schlafen.«</p>
+
+<p>Aus dem oberen Stockwerk rief einer grob die Treppe herunter:</p>
+
+<p>»Was ist denn das für ein Radau da unten? Ruhe will ich!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p>
+
+<p>Das war August Stumpes erster Erfolg und Mißerfolg in der großen Stadt.</p>
+
+<p>»Publikum!« sagte Cyrill. »Publikum!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Am nächsten Vormittag zwischen elf und zwölf Uhr war August Stumpes
+Schicksalsstunde. Der kleine Doktor hatte die beiden mit den Worten
+empfangen:</p>
+
+<p>Ȇber gestern wollen wir nicht mehr reden. Wir wollen in diese Stimmung
+nicht zurückfallen. Ich habe mir den Ärger in meiner Nachtkritik von
+der Leber heruntergeschrieben, und Ihnen ist, wie ich sehe, ja auch
+wieder besser.«</p>
+
+<p>Er führte sie in ein schönes Musikzimmer.</p>
+
+<p>»Sie sollen mir was erzählen,« sagte er; »von dem Musikleben in
+Altenroda sollen Sie mir was erzählen.«</p>
+
+<p>Cyrill erzählte kurz und schlicht von der Gründung und Ausbildung des
+Quartetts.</p>
+
+<p>»Wo und bei wem haben Sie studiert, Herr Dietrich?«</p>
+
+<p>Cyrill gab Auskunft, und der Doktor brummte.</p>
+
+<p>»Und da sitzen Sie in Altenroda? Was machen Sie denn da?«</p>
+
+<p>»Ich warte auf eine Anstellung als Kapellmeister. Ich bin arm und
+muß bei meiner Tante wohnen, die meine einzige Verwandte ist. Einige
+Angebote habe ich gehabt; es waren aber so untergeordnete Institute,
+daß ich lieber in Altenroda weiter darbe. Ich habe auch eine Oper
+geschrieben.«</p>
+
+<p>Der Doktor stand auf und unterbrach Cyrill.</p>
+
+<p>»Oper geschrieben? Als Kapellmeister? Das ist nichts! Kapellmeister
+sollten nie Opern schreiben, Theaterdirektoren und Bühnenleute nie
+Dramen dichten. Wissen<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> Sie, was das ist? Inzucht ist das! Kommen
+meist Wechselbälger heraus! Mache! Technik! Kulissenverwendung!
+Gebrauchsgegenstände <em class="antiqua">pro loco</em>! Nein! Ist nichts! Jeder bei
+seinem Fach! Ein General soll nicht zugleich Armeelieferant sein.«</p>
+
+<p>Damit war Cyrill abgefertigt, und August Stumpe kam an die Reihe.</p>
+
+<p>»Singen Sie mir was vor! Die Tonleiter!«</p>
+
+<p>August Stumpe sang die Tonleiter auf do, re, mi ...</p>
+
+<p>»Na weiter! In die zweite Etage! Noch mal von unten an!«</p>
+
+<p>Stumpe sang zwei Tonleitern.</p>
+
+<p>»Also,« sagte der Doktor, »das war in ›a‹. Nun versuchen Sie es mal
+einen halben Ton höher, in ›b‹«.</p>
+
+<p>Als August Stumpe sofort das »b« richtig traf, unterbrach ihn der
+Doktor und sagte:</p>
+
+<p>»Gut! Ich weiß Bescheid! Nun singen Sie mir noch irgend etwas aus einer
+Oper. Was möchten Sie sich wählen?«</p>
+
+<p>»Die Gralserzählung!«</p>
+
+<p>Darüber machte der Doktor ein saures Gesicht. Diese Wahl mißfiel ihm.
+Aber er sagte:</p>
+
+<p>»Meinetwegen. Nach der Seifenlauge gestern ...«</p>
+
+<p>Und er schlug den Klavierauszug zum »Lohengrin« auf. August Stumpe
+sang. Nicht ganz so in Verklärung und Entzückung wie gestern Abend,
+aber doch gut.</p>
+
+<p>Am Schluß sagte der Doktor, dem hinter der Brille die Augen funkelten:</p>
+
+<p>»Also — das können Sie noch nicht. Selbstverständlich noch nicht. Aber
+in einem Jahre werden Sie es wahrscheinlich können. Nun, mein Lieber,
+das Dachdecken hört<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> jetzt auf, und wenn es allen Bürgern in Altenroda
+in die Bude regnet. Und wenn in der Konditorei unter den Lauben der
+Kaffee verwässert, und wenn alle Journale im ›Löwen‹ verfaulen — das
+Dachdecken hört auf! Absolut und sofort! In einem Monat sind Sie hier.
+Ich werde für einige Mäzene sorgen, die Ihren Unterhalt bestreiten und
+Ihnen die geeigneten Lehrer verschaffen. Alles andere findet sich dann
+für Sie von selbst.«</p>
+
+<p>Nach einigen Abschiedsworten waren die beiden entlassen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Sie saßen in einer kleinen Weinstube. August Stumpe hatte ein
+knallrotes Gesicht. Er hatte Fieber. Seine Lebensstraße war plötzlich
+von glühweißem Sonnenlicht übergossen. Das blendete ihn, der so lange
+im Schatten gelebt hatte. Völlig verwirrt war er. Er tastete nach
+Cyrills Hand; die war eiskalt. Cyrills Aussichten auf eigenes Glück
+waren vernichtet. Der kleine Doktor hatte ihn fallen lassen, und der
+bunte Vogel, den er gezüchtet und gepflegt, auf den er seine Hoffnungen
+gesetzt hatte, flog davon.</p>
+
+<p>August Stumpe versuchte ein Gespräch herbeizuführen, es mißlang.</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich!« sagte Cyrill verstört, »ich muß mich erst darein
+finden!«</p>
+
+<p>»In was müssen Sie sich finden?«</p>
+
+<p>Cyrill gab keine Antwort. Er sank in die Sofaecke der kleinen Nische,
+in der sie saßen, und schloß die Augen. Ganz ruhig saß er. Nur die
+Brust zuckte manchmal in innerem Krampf.</p>
+
+<p>Der Kellner legte leise ein paar Zeitungen hin. Der<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> Dachdecker sah
+eine Weile bestürzt und verängstigt auf Cyrill, dann glaubte er,
+der schlafe, und er blätterte vorsichtig, um kein Geknittere zu
+verursachen, in einer Zeitung. Da fand er die Nachtkritik des Doktors
+über die »Lohengrin«-Aufführung.</p>
+
+<p>»In einer kleinen Dingsda-Stadt lebt ein Dachdecker, der musikalisch
+ist und durch einen Zufall zu einer sachgemäßen musikalischen
+Ausbildung gekommen ist. Dieser Mann wandte seinen kargen, auf
+halsbrecherischem Höhengelände erworbenen Lohn an, um mal in unserer
+Oper den ›Lohengrin‹ zu hören. Der Unglückswurm geriet in die
+Aufführung, in der gestern Herr Edmund Tolschmusen auf Engagement
+als Lohengrin debutierte. Und dem musikalischen Dachdecker wurde
+schlecht. Man stelle sich vor: ein Dachdecker, ein reiner Tor, ein Hans
+Kuckindiewelt, einer, der auszog, um das selige Gruseln zu lernen,
+dem wurde schlecht, der mußte sich in die Retirade flüchten, weil
+Herr Edmund Tolschmusen so übererbärmlich sang, daß dem musikalischen
+Naivling die Magenwände rebellierten. Herr Edmund Tolschmusen soll mal
+nach Dingsda fahren und sich ein Konzert anhören, in dem der Dachdecker
+singt, damit er eine Ahnung kriegt, wie gesungen werden muß. Oder wenn
+er so viel Kunsteifer nicht aufbringt, soll er sich kurzerhand als
+Kikerikihahn auf einen Misthof vermieten. Vielleicht zieht unser Herr
+Intendant, der ihn zum Probesingen einlud, als Hühnerwärter gleich mit.
+Fürs Krähen und Gackern interessiert er sich ja sicherlich.«</p>
+
+<p>Großstädter sind an solche deutliche und witzige Kunstkritiken ja
+gewöhnt; aber dem Kleinstadtmann verschlug's den Atem.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span></p>
+
+<p>Mit entseeltem Gesicht starrte August Stumpe das Zeitungsblatt an. Er
+las die »Kritik« ein zweites und drittes Mal, spuckte, kratzte sich am
+Halse und an den Beinen und wurde nur immer verwirrter. Himmelangst
+wurde ihm; als sei er verhext, so kam er sich vor. Was war denn das?
+Was bedeutete denn das? Der Dachdecker war ja doch wohl er selbst? Aber
+wer war denn der Kikerikihahn?</p>
+
+<p>Cyrill Dietrich erhob sich plötzlich.</p>
+
+<p>»Also, lieber Stumpe, ich bin wieder bei mir. Ich hoffe, ich werde
+darüber hinwegkommen. Stoßen Sie mit mir an. Ich gratuliere Ihnen
+aufrichtig und herzlich. Ich freue mich, daß ich der Kunst einen
+solchen Jünger wie Sie habe zuführen können. Sie werden nun bald ganz
+im Lichten sein, und ich werde in Altenroda Klavierstunden geben
+müssen. Ich sagte es Ihnen schon gestern — der eine erster, der andere
+dritter Klasse. Das ist nun mal so im Leben.«</p>
+
+<p>Da faßte August Stumpe ein unsinniger Zorn, als ihm klar wurde, daß er
+aufsteigen, sein bisheriger Lehrer aber in der Tiefe bleiben solle. Er
+verschüttete sein Weinglas und sagte:</p>
+
+<p>»Wissen Sie, was der Doktor ist? Ein Schuft! Wissen Sie, was er in
+seiner Zeitung geschrieben hat? Ich bin ein Tor, der Tenorist von
+gestern Abend ist ein Kikerikihahn. Und Sie läßt er sitzen! Und von
+mir sagt er, mir sei schlecht geworden, weil es im Theater so schlecht
+war; dabei ist mir schlecht geworden, weil es überaus herrlich war. Der
+Idiot! Ich gehe jetzt zu ihm und hau ihm eins in die Schnauze.«</p>
+
+<p>Der zarte Cyrill bemühte sich ganz vergebens, den riesigen<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> Dachdecker
+aufzuhalten. Der empörte Mann riß sich los und stürmte davon. Die
+Kellner wunderten sich sehr über diesen Gast.</p>
+
+<p>Cyrill konnte nichts tun, als den Doktor telephonisch auf das
+vorbereiten, was ihm bevorstand. Ein kollerndes Lachen rollte Cyrillen
+durch den Telephonhörer als Antwort ins Ohr.</p>
+
+<p>»Na, also, wenn er aufbricht, um einen Kritiker zu hauen, ist er ja
+doch der geborene Bühnenkünstler! Das ist eine neue Talentprobe. Lassen
+Sie ihn kommen! Und Sie, kommen Sie auch noch mal zu mir, Sie sind ja
+eigentlich der <em class="antiqua">spiritus rector</em> von der ganzen Geschichte. Einer,
+der aus einer Dilettantensache so etwas machte, wie Ihr Quartett, der
+ist ja sicher ein Kapellmeister. Der muß intelligent und vor allem
+sehr fleißig sein. Fleißig — das ist eine gute Eigenschaft für einen
+Kapellmeister. Nur das eine tun Sie sich selbst zu Gefallen: sagen Sie
+niemand, daß Sie eine Oper komponiert haben.«</p>
+
+<p>Nach einer Stunde saßen Cyrill und August wieder zusammen.</p>
+
+<p>August Stumpe hatte ein friedliches Gesicht.</p>
+
+<p>»Na,« sagte er, »es war ganz nett. Gehauen haben wir uns nicht. Ich
+habe ihm bloß ordentlich meine Meinung gesagt, daß es gestern im
+Theater großartig war, und daß mir so schlecht geworden ist, weil
+es eben so großartig war. Und da hat der Doktor so gelacht, daß ich
+dachte, er erstickt. Aber dann hat er gesagt: ›Stumpe, Irren ist
+menschlich. Ich habe mich in Ihnen geirrt. Wenn Sie mir gestern
+abend das gesagt hätten, was Sie mir jetzt sagen, hätte ich Sie nie
+und nimmer eingeladen. Ich hielt Sie aber für ein psychologisches
+Monstrum.<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> Stumpe, Sie sind kein Monstrum. Doch ein guter Sänger können
+Sie werden; das habe ich inzwischen festgestellt. Und so bleibt alles
+beim alten, und Ihren Meister Cyrill werde ich auch unterbringen. Ich
+hab' schon was für ihn in Aussicht.‹</p>
+
+<p>Schön wurde es in der kleinen Weinstube! Nachmittags um vier machten
+Cyrill und August Bruderschaft.</p>
+
+<p>Darauf ging August Stumpe an einen Kellner heran, zerrte ihn am Ärmel
+in eine Ecke und sagte:</p>
+
+<p>»Ach, verzeihen, Sie, Herr Nachbar, können Sie mir sagen, wieviel
+eigentlich so eine Flasche Champagner kostet?«</p>
+
+<p>Der Kellner grinste.</p>
+
+<p>»Das kommt auf die Marke an. Französischer Sekt etwa achtzehn Mark.«</p>
+
+<p>»Warten Sie mal!« sagte August Stumpe, zog sein Portemonnaie heraus,
+zählte sein Geld, rechnete umständlich auf einem Zettel mit Bleistift
+etwas aus und sagte dann:</p>
+
+<p>»Es langt! Bringen Sie eine!«</p>
+
+<p>Der Kellner berichtete am Büfett, daß ein solch ländlicher Blödling,
+wie dieser Gast war, der den Sekt bestellte, noch in keiner Weinstube
+der Welt aufgetaucht sei. August und Cyrill aber saßen sich glückselig
+gegenüber, nannten sich du, hatten miteinander und durcheinander
+gesiegt. Und einmal bückte sich August schnell nieder und küßte dankbar
+Cyrills feine weiße Dirigentenhand.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als die beiden nach Altenroda heimkamen, fand jeder auf seiner Stube
+eine gedruckte Mitteilung vor, die niederschmetternd war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span></p>
+
+<p>Der Apotheker zeigte die Verlobung seiner einzigen Tochter Sabine mit
+dem Provisor seiner Firma an.</p>
+
+<p>Sie waren mit dem Abendzug spät eingetroffen. Nun kam eine trostlose
+Nacht. Jeder war einsam für sich mit seiner Verzweiflung. Jeder saß vor
+dem schrecklichen kleinen Blatt, das den Verlust des Liebsten auf der
+Welt kundtat; jeder hatte wildes Weh im Herzen; jeder war vom Himmel in
+die Hölle gefallen.</p>
+
+<p>Was war der herrlichste Weg, der sich wie durch ein Wunder erschlossen
+hatte, wenn das selige Ziel, zu dem er führen sollte, für immer
+verschwand?</p>
+
+<p>Das Naturkind, den Dachdecker, packte es am schlimmsten. Er dachte an
+nichts weiter, als daß es aus sei mit aller Lebenshoffnung, daß er nie
+mehr singen würde, daß er sterben müsse.</p>
+
+<p>Gegen Mitternacht hielt es August nicht mehr aus in seiner Einsamkeit.
+Er wußte niemand, dem er sich anvertrauen konnte, als Cyrill. So
+verließ er das Haus, um, wenn es möglich wäre, noch zu Cyrill zu
+gelangen. Und August begegnete Cyrill auf der menschenleeren,
+nächtlichen Straße.</p>
+
+<p>Sie erschraken vor einander.</p>
+
+<p>»Ich wollte zu dir!«</p>
+
+<p>»Und ich zu dir!«</p>
+
+<p>Cyrill erkannte blitzschnell, wie es um den Dachdecker stand; der
+Natursohn ahnte von dem andern auch jetzt noch rein nichts. Er war nur
+von seinem eigenen Herzeleid überwältigt, fiel Cyrill um den Hals und
+begann laut zu schluchzen. Wie weichmütig war doch dieser starke junge
+Mann!</p>
+
+<p>Cyrill stand steif und still. Wie ein Steinbild stand die<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span>
+feingliederige Gestalt, an die sich der weinende Riese lehnte.</p>
+
+<p>»Komm mit mir!« sagte er erst nach einer ganzen Weile.</p>
+
+<p>Sie gingen durch den Frühlingssturm. Wolken jagten über ihnen, löschten
+alte Sterne aus und enthüllten neue Sterne.</p>
+
+<p>In Cyrills Stube saß der Dachdecker auf dem kleinen roten Plüschsofa.
+Er saß mit gefalteten Händen und sagte mit ernster Feierlichkeit in der
+Stimme:</p>
+
+<p>»Cyrill, du bist mein Freund geworden. Dir allein kann ich mich
+anvertrauen. Ich kann nicht mehr leben. Ich kann es nicht ertragen, daß
+Sabine einem andern gehört. Ich muß sterben. Aber ich habe noch eine
+alte Mutter. Die ist fromm. Die würde es nicht überleben, wenn der Sohn
+so ein — ein Selbstmörder wäre. Sie würde glauben, daß mich dann der
+liebe Gott auf ewig verwirft.«</p>
+
+<p>Er machte eine Pause. Cyrill saß ihm schweigend und düster gegenüber.</p>
+
+<p>»Ich habe die Sabine zu sehr geliebt,« fuhr der Dachdecker fort. »Ich
+habe die ganze Sache beim Quartett nur ihretwegen mitgemacht; ich habe
+auch bloß ihretwegen zur Oper gewollt. Das ist nun alles aus. Cyrill,
+du weißt, ich habe einen gefährlichen Beruf. Wenn du nun mal hörst,
+der August Stumpe ist abgestürzt, da weißt du Bescheid. Du sollst es
+wissen, sonst soll es niemand wissen, vor allen Dingen nicht meine
+Mutter. Aber eine soll es noch wissen — Sabine! Der sollst du es
+einmal heimlich sagen. Sie soll wenigstens einmal eine halbe Stunde um
+mich leiden.«</p>
+
+<p>Cyrill sagte auch jetzt noch nichts. Er setzte sich an sein<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> altes
+Klavier und begann ganz leise zu spielen. Der Dachdecker lag lang auf
+dem Sofa. Was sich bei ihm in naturwüchsiger Heftigkeit entlud, ging
+in stiller Qual auch durch Cyrills Seele. Der spielte wohl eine Stunde
+und länger. Dann stand er auf. Er war sich seiner Dirigentenpflicht
+bewußt geworden. Er durfte nicht dulden, daß jener andere dort die
+schöne Symphonie seines Lebens umwarf und vernichtete. Er war wie jener
+in Irrnis und Wirrnis, aber er war der berufene Führer, der den andern
+befreien mußte.</p>
+
+<p>Cyrill zog eine Schublade auf, nahm ein Notenblatt heraus und legte es
+vor August Stumpe hin.</p>
+
+<p>»Da — lies das!«</p>
+
+<p>Der starrte erst geistesabwesend auf das Blatt. Als er aber den Namen
+Sabine sah, griff er gierig zu.</p>
+
+<p>»Daß ich dich liebe ...« — »Sabine gewidmet.«</p>
+
+<p>Und er las den Text. Verwirrt fragte er.</p>
+
+<p>»Was bedeutet das? Ist das Lied von dir?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Und es ist auf Sabine gemacht? Dieses Liebeslied?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Der Dachdecker sprang auf.</p>
+
+<p>»Dann hast du ja auch — du auch ...«</p>
+
+<p>Seine Augen glommen feindselig, seine Fäuste ballten sich. Cyrill stand
+ganz ruhig da.</p>
+
+<p>»Ja, ich habe sie auch geliebt. Ebenso sehr wie du. Und bin nun ebenso
+um mein Glück betrogen wie du.«</p>
+
+<p>»O Gott! — O Gott!«</p>
+
+<p>Der Dachdecker sank auf das Sofa zurück.</p>
+
+<p>»Und — und was wirst du tun?«</p>
+
+<p>»Ich werde mir nicht das Leben nehmen. Ich habe eine<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> andere Ansicht
+von dem, was ich noch im Leben zu tun habe, eine andere Ansicht von der
+Kunst als du. Gewiß, ich habe jenes Mädchen geliebt, aber ich liebe
+noch viel mehr die Musik. Der werde ich treu bleiben; die wird jetzt
+meine Braut sein. Die ist jeden Tag schön, jeden Tag lieb, jeden Tag
+tröstlich, jeden Tag die beste Gefährtin. Die wird nie alt.«</p>
+
+<p>»Ja du — ja du!« rief der Dachdecker leidenschaftlich. »Du bist ein
+großer, gelehrter Künstler. Ich bin ein Stümper, ein Anfänger. Außer
+dem, was ich von dir kann, kann ich nichts. Für mich ist's aus!«</p>
+
+<p>»Für dich ist's nur aus, wenn du ein ganzer Narr bist! Du bist ein
+Anfänger. Aber in zwei Jahren wirst du schon an erster Stelle stehen
+und ich an einer zweiten oder dritten Stelle. Wer weiß, ob ich je eine
+erste Stelle erreiche. Aber selbst das, was ich bin und was ich kann,
+werfe ich nicht weg um das schöne Gesicht eines Mädchens.«</p>
+
+<p>August Stumpe saß ganz still da. Nach einiger Zeit sagte er:</p>
+
+<p>»Cyrill, du bist mein Freund, der einzige wahre Freund, den ich habe.
+Du bist hundertmal klüger als ich. Dir werde ich folgen.«</p>
+
+<p>»Sieh,« sagte Cyrill, »wir sind wirklich Freunde. Als uns heute
+unerwartet dieses Unglück traf, lief einer zum andern in seiner Not.
+Und wir begegneten uns mitten in der stürmischen Frühlingsnacht. Das
+hat was zu bedeuten! Wir sollen beieinander bleiben.«</p>
+
+<p>»Ja, das sollen wir,« rief August Stumpe. »Das sollen wir! Ich werde
+alles tun, was du willst!«</p>
+
+<p>Da hatte die Dirigentenseele Cyrills eine zarte Freude über den
+gefügigen Sänger.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span></p>
+
+<p>»Ich will ganz aufrichtig zu dir sein,« sagte Cyrill; »du warst mir
+anfangs auch nur ein Mittel zum Zweck. Ich erkannte deine Begabung und
+sagte mir, durch dich könne ich wohl selbst zu etwas kommen. Und so ist
+es ja auch geworden, wenn auch etwas anders, als ich es anfangs dachte.
+Wir sind uns auf dem Lebenswege begegnet, und ich glaube, es war für
+beide ein Glück. Und wenn es nun mit Sabine so ganz anders gekommen
+ist, als wir beide es wünschten — jeder ganz für sich selbst — so ist
+doch in dem Unglück das Glück, daß wir beide Freunde bleiben können.«</p>
+
+<p>»Ja, richtig,« rief August Stumpe, »wenn ich die Sabine bekommen hätte,
+dann hätte ich ja dich wohl verloren. Und umgekehrt auch. Und das wäre
+schrecklich gewesen.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Cyrill, »und nun wollen wir beraten, was zu tun ist.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Um vier Uhr früh ging der Dachdecker nach Hause und fing sofort an,
+seine Sachen zusammenzupacken. Um neun Uhr hoben die beiden Freunde
+ihre Sparkassenguthaben ab. Um zehn schickten beide einen Blumenstrauß
+mit einer kurzen Gratulation nach der Apotheke.</p>
+
+<p>Gegen Abend verließen Cyrill Dietrich und August Stumpe Altenroda. Ein
+Bote brachte einen Brief in die Apotheke:</p>
+
+<p>»Sehr geehrter Herr Apotheker!</p>
+
+<p>Mein Freund August Stumpe hat Aussicht, bei der Oper anzukommen; ich
+werde wahrscheinlich eine Kapellmeisterstelle erhalten. Wenn Sie
+diesen Brief lesen, haben wir beide Altenroda bereits verlassen.
+Einen Abschiedsbesuch wollten wir nicht machen, um das Glück der
+jungen<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> Braut nicht zu stören. Wir danken Ihnen für die in Ihrem Hause
+empfangene Gastfreundschaft und wünschen, daß es Ihnen gelingen möge,
+die durch unseren Fortzug im Quartett Altenroda leergewordenen Plätze
+neu zu besetzen.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Cyrill Dietrich.«</span><br>
+</p>
+
+<p>Über diesen Brief war sich der Apotheker noch nicht im klaren, als er
+in Zorn und Schmerz bereits die dritte Flasche Burgunder getrunken
+hatte.</p>
+
+<p>Das Sabinchen lag im Bettchen und flennte. Es waren so nette Leute
+gewesen, der Cyrill und der Dachdecker. Und so schöne Musik hatten sie
+gemacht. Eigentlich waren sie netter als der Provisor, den sie bloß
+nahm, daß die Apotheke später nicht in fremde Hände kommen sollte.
+Jetzt würden die beiden berühmte Künstler werden in der großen Stadt.
+Und sie mußte in Altenroda versauern.</p>
+
+<p>Sabinchen flennte.</p>
+
+<p>Und über allem Flennen schlief sie ein, das herzige Köpfchen auf den
+molligen Arm geschmiegt.</p>
+
+<p>Ein kleiner Gott saß auf dem Bettende. Er lächelte ein wenig spöttisch
+und wunderte sich gar nicht, als auch das Sabinchen im Schlaf plötzlich
+mit dem Flennen aufhörte und zu lächeln begann. Der kleine Gott wußte:
+jetzt träumt sie von dem schönen Brautkleide, das sie haben wird. Das
+ist ihr die Hauptsache. Und das hat sich doch gut gemacht, daß die
+keine Künstlerfrau geworden ist. Inzwischen trug der Schnellzug Cyrill
+Dietrich und den Tenoristen August Stumpe fort aus dem Musikleben
+Altenrodas ins Leben der großen Welt.</p>
+
+<hr class="r65">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span></p>
+<h2>Der Schuldturm<br>
+<span class="s6">Drei alte Mären</span></h2>
+</div>
+
+<div class="blockquot">
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-251">
+<img class="w100" src="images/drop-251.jpg" alt=""></figure>s gäbe
+eine dicke Chronik, wenn einer die Geschichte des Schuldturmes
+von Altenroda aufzeichnete. Denn ob Altenroda auch immer nur eine
+geringe Stadt war, seine Bewohner waren allzeit ein helles Völklein:
+voll Biederkeit, aber manchmal, wenn des Teufels Stern regierte,
+auch voller Grausamkeit. Drei Stücklein sollen hier erzählt werden:
+das traurige Schicksal des Meisters Michael, die Geschichte vom
+törichten Kaspar und die Abenteuer des Köhlers vom Eulenwalde, der ein
+kurioser Mann war, aber doch auch seine bitteren Erfahrungen mit dem
+Altenrodaer Turme machte.<br>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span></p>
+<h3>Das traurige Schicksal des Meisters Michael</h3>
+</div>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-255">
+<img class="w100" src="images/drop-255.jpg" alt=""></figure>as war
+in rotgoldener Herbstzeit, am Tage Michaeli, als ein
+Wandersmann mit leichtem Ränzel den Ochsenkopf, der südlich die Stadt
+Altenroda überragt, herunter stieg und an der Wegbiege, wo das Bild des
+heiligen Michael steht, Halt machte. Von dort aus überschaut man die
+ganze Stadt, samt dem Eulenwalde, der grünen Aue und der Poststraße,
+die in die Ferne führt.
+
+<p>Der Wanderer, der aus dem Dunkel der Bäume trat, und plötzlich das
+schöne Bild vor sich sah, breitete die Arme aus, ein Beben lief über
+seine junge Gestalt, und die braunen Augen wurden feucht. Wohl öffneten
+sich auch die Lippen, sie brachten aber kein Wörtlein hervor. Hätten
+sie sprechen können, es wäre ein einziger Schrei gewesen: »Heimat!
+Liebe Heimat!« So sank der Jüngling ins Herbstgras, lehnte den hübschen
+Kopf an den Sockel des Heiligenbildes und sah in wortloser Seligkeit
+hinunter auf seine Vaterstadt.</p>
+
+<p>Er war lange fort gewesen, über acht Jahre. Als er auszog in die Welt,
+war er ein zweiundzwanzigjähriger Jüngling, und jetzt war er ein
+Mann. Gestern war er dreißig Jahre alt geworden und heute war sein
+Tauf- und Namenstag: Michael. Am längsten war Michael drunten in der
+Stadt Nürnberg gewesen; dort hatte er alle Wunder geschaut, die von
+Malern und Zeichnern, Kupferstechern und Goldschmieden, Baumeistern
+und Gießern verrichtet worden waren. Und nun war Michael selbst ein
+Meister in der Kunst der Uhrmacherei geworden. Sein großes Uhrwerk,
+das er in dreijähriger<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> Arbeit in Nürnberg geschaffen hatte, war von
+den dortigen Meistern mit höchstem Lobe bedacht und von der Volksmenge
+bestaunt worden; der Abt eines reichen Klosters hatte es für gutes Gold
+erworben, und es hatten sich nun allerhand mächtige und reiche Herren
+gefunden, die geneigt waren, den Meister Michael in ihre Dienste zu
+nehmen, sogar des Bayern Kurfürstliche Gnaden und der hochwürdigste
+Herr von Bamberg. Michael aber, dem das Geld des Abtes reich im Beutel
+läutete und dem etwas anderes noch viel schöner im Herzen klang, sagte
+den Herren ehrerbietigsten Dank und begehrte Urlaub, erst einmal in
+seine ferne Heimat zu reisen.</p>
+
+<p>Da saß er nun bei der Bildsäule des Michael und sah hinunter auf die
+liebe Stadt, die ihm draußen in der Ferne tausendmal im Wachen und
+Schlafen erschienen war. Jetzt sah er sie wirklich vor sich, jetzt
+brauchte er nur ein paar hundert Sprünge zu machen, dann war er mitten
+drin in der Heimat.</p>
+
+<p>Aber er blieb sitzen. Es war eine große Scheu in ihm; die Stimme war
+ihm so verschlagen, daß er jetzt denen drunten keinen rechten Gruß
+hätte sagen können.</p>
+
+<p>Auf der Straße fährt der Postwagen mit seinem Gepäck. Das wird eher da
+sein als er; wird ihn wohl unten schon anmelden.</p>
+
+<p>Verspätete Schwalben ziehen nach Süden. Wie können sie fortfliegen von
+Altenroda? Ist es nicht besser, hier zu frieren, als anderwärts in
+Sommer und Sonne zu sein? Eine warme, wonnige Stunde verrinnt noch.</p>
+
+<p>Da — wer kommt den Berg herauf — wem geht er entgegen wie ein
+Taumelnder — welch süßes Traumbild umfängt sein Blick?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span></p>
+
+<p>»Elisabeth!«</p>
+
+<p>Sie hängt leise weinend an seinem Halse, und er steht da und atmet
+schwer, und er schaut empor und sieht nichts als lauter Himmel.</p>
+
+<p>Als er ihr ins Auge schaut, weiß er: Treue und Reinheit hat sie bewahrt
+durch acht lange Jahre.</p>
+
+<p>»Ist es wahr?« fragt er endlich.</p>
+
+<p>»Ja! Komm heim!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Ruf von Michaels Meisterschaft war nach Altenroda gedrungen, und
+die Stadt war stolz darauf, daß einer ihrer Söhne sich in der großen
+Welt solchen Ruhm erworben hatte. So wurde nun Michael mit allen Ehren
+aufgenommen; jedermann wollte sein Freund und Gevatter sein, und der
+Tuchkaufmann Degener hörte auf, seiner Tochter Elisabeth zu zürnen,
+daß sie auf den fahrenden Gesellen acht Jahre gewartet hatte. Da des
+Mägdleins Truhe gefüllt und der Hausrat gerichtet war, wurde die
+Hochzeit schon einen Monat später mit viel Feierlichkeit und fröhlichem
+Gepränge und Gespiel begangen.</p>
+
+<p>Eine Bedingung hatte der Schwieger für Einwilligung in so rasche Ehe
+jedoch gestellt. Er war Ratsherr, und also brachte er selbst an Meister
+Michael den Wunsch des Rates der Stadt, welcher folgender war:</p>
+
+<p>»Michael, du bist ein großer Meister der Uhrmacherkunst. Du sollst
+für deine Vaterstadt eine Uhr erbauen, wie sie keine Stadt im ganzen
+Deutschen Reiche besitzt. Der Ruhm Altenrodas soll überall im Lande
+bekannt werden, und viele Fremde sollen kommen und deine Wunderuhr
+anstaunen. Nachdem die Bürger von Altenroda in harten<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> Kämpfen mit den
+Ritter von Runkelstein diesen den Eulenwald und die grüne Aue wieder
+abgenommen haben, erfreut sich die Stadt solchen Wohlstandes, daß sie
+dich für deine Arbeit ebenso reich entlohnen kann, wie ein fürstlicher
+oder geistlicher Herr.«</p>
+
+<p>Da sprach Meister Michael: »Ich hab' ein groß Werk im Kopfe. Wenn ich
+es mit der Gnade Gottes zu gutem Ende führe, wird eine Uhr entstehen,
+wie sie keine Stadt im Deutschen Reiche besitzt, ja nicht einmal der
+König von Spanien oder der Papst zu Rom. Und ich wüßte niemand, dem ich
+die Uhr lieber vergönnen würde, als der ehrenhaften Stadt Altenroda,
+die meine liebe Heimat ist.«</p>
+
+<p>Als diese Worte bekannt wurden, war große Freude in Altenroda, und das
+Lob Meister Michaels war in aller Munde.</p>
+
+<p>Sieben Jahre baute Michael an der Uhr. Er versenkte sich ganz in
+sein Werk, ging sehr selten unter Menschen, was ihm wohl den Ruf
+eines fleißigen Meisters, aber auch eines sonderbaren, wenn nicht gar
+hochmütigen Menschen einbrachte. Frau Elisabeth allein war seine stille
+Genossin. Sie hatte keine Kinder, aber sie war selbst wie ein stilles
+Kind, dessen Gegenwart auch dann den Meister nicht störte, wenn er tief
+im Grübeln war, wenn er rechnete, maß, zirkelte, probierte, wenn er mit
+kunstgeübter Hand Rädchen feilte, geheime Federn spannte oder Wellen
+einsetzte.</p>
+
+<p>Nach sieben Jahren, just wieder am Michaelisfeste, war die Uhr fertig
+und in den Rathausturm eingebaut. Vier breite Abteilungen lagen
+übereinander. Die oberste und größte zeigte die Allmutter, die Sonne.
+Um die Sonne<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> drehte sich die Erde und um die Erde der Mond. Und es
+waren nicht nur die Stunden und Minuten zu sehen, wie bei jeder Uhr,
+sondern auch Tag und Jahr waren verzeichnet und sollte selbst in
+einem Schaltjahr niemals ein Irrtum im Datum vorkommen. Sodann gab
+die Uhr die Mondviertel an und sollte auch in hundert Jahren noch
+alles damit stimmen. An der Umdrehung der Erde um die Sonne waren die
+vier Jahreszeiten zu erkennen und konnte jedermann deutlich sehen, in
+welchem Winkel die Sonnenstrahlen auf die Stadt Altenroda fielen, deren
+Platz auf dem Globus durch einen glitzernden Demantstein bezeichnet war.</p>
+
+<p>In der zweiten Abteilung waren Licht und Nacht verkörpert als die
+Symbole von Gut und Böse. Im linken und rechten Seitenfelde lauerten
+Satanas und andere Geister der Finsternis. Öffnete sich aber am
+Morgen das Mitteltor, dann erschien Michael, der lichte Sieger des
+Himmels. Seine strahlenden Augen waren auf die Stadt gerichtet, deren
+Schutzpatron er war, auf silbernem Schilde standen mit goldener Schrift
+die Worte: »<em class="antiqua">Quis ut deus?</em>« Wer ist wie Gott? Sein Schwert war
+ein flammender Blitz. Wenn St. Michael erschien, schön wie der junge
+Tag, dann verkrochen sich Satanas und die andern Geister der Finsternis
+in die tiefsten Schatten. Um Mittag erschienen auf dem dritten Felde
+würdevoll einer nach dem andern die zwölf Apostel: Petrus mit den
+Schlüsseln des Himmelreiches, der greise, gebückte Andreas mit seinem
+Kreuze, Jakobus mit der Keule, der zarte Johannes, der Liebling des
+Herrn, und so die ganze Reihe durch, bis Judas mit dem Geldsack die
+heilige Reihe unheilig abschloß.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span></p>
+
+<p>Auf dem untersten Felde kamen zur Abendzeit die heiligen drei Könige
+gegangen. Man sah ihnen an, daß ihr Weg ein weiter gewesen war. Müde
+ließen sich die Kamele am Halftergurt ziehen. Aber die drei Männer,
+die das Heil der Welt suchten, schauten gläubig und mutig gerade aus.
+Und siehe, ihr Ziel war nahe. Ein Stern senkte sich auf ein niederes,
+mit Stroh gedecktes Haus und blitzte golden auf. In das Strohhaus
+gingen die Weisen aus dem Morgenlande hinein. Der Stern aber leuchtete
+wie ein ewiges Lämplein die ganze Nacht. Damals sagten die Mütter von
+Altenroda, wenn die Kinder nicht schlafen wollten: »Pst! Am Rathaus hat
+das Christkindlein schon sein Licht angezündet!« Dann huschelten sich
+die Kleinen ins Bettchen und schliefen artig ein.</p>
+
+<p>Zur Mitternacht aber, wenn die Sterne feierlich flimmerten oder auch,
+wenn der Sturmwind die Wolken jagte, erklang vom Turme die Weise eines
+Chorals, der in Altenroda damals gesungen wurde:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;"><em class="gesperrt">Herr über Tag und Nacht,</em></span><br>
+<span style="margin-left: 8em;"><em class="gesperrt">Herr über Schlaf und Wacht,</em></span><br>
+<span style="margin-left: 1em;"><em class="gesperrt">Herr über Glück und Not,</em></span><br>
+<span style="margin-left: 8em;"><em class="gesperrt">Herr über Leben und Tod,</em></span><br>
+<span style="margin-left: 1em;"><em class="gesperrt">Herr über alle Zeit —</em></span><br>
+<span style="margin-left: 9em;"><em class="gesperrt">Preis dir in Ewigkeit!</em></span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als dieses Wunderwerk einer Uhr der Stadt übergeben wurde, geriet
+alles vom Bürgermeister und Ratsherrn an bis zum ärmsten Werkelmann
+und bis zum kleinen Jungen in einen Taumel von Freude. Vom frühen<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span>
+Morgen, als St. Michael erschien, bis über den Mittag der zwölf Apostel
+hinweg stand die Menge vor dem Rathause; sie stand noch, als die drei
+Weisen am Abend müde Einkehr hielten; sie wich nicht vom Platze, bis um
+Mitternacht der Choral ertönte:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;"><em class="gesperrt">Herr über alle Zeit,</em></span><br>
+<span style="margin-left: 9em;"><em class="gesperrt">Preis dir in Ewigkeit!</em></span><br>
+</p>
+
+<p>Der Gesang brauste zum sternklaren Himmel, und es zeigte sich, welch
+gewaltiger Prediger ein wahrer Künstler sein kann; denn als die Uhr
+sang und als die Menschen sangen, da ging eine tiefe Erschütterung
+durch alle Seelen; Tränen flossen, Männer schluchzten; alles Niedere
+fiel ab vom Volke; Meister Michael hob die Herzen mit seinen Händen bis
+an den Himmel.</p>
+
+<p>Freudentage folgten. Wie ein König ging Michael durch seine
+Heimatstadt, und neben ihm blühte als schlichte Blume Frau Elisabeth an
+seinem Wege.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Meister Michael war nach der Menschen Meinung auf dem Gipfel des
+Glückes angelangt. Der Rat der Stadt hatte freiwillig die ausbedungene
+Summe für die Uhr zu des Meisters Ehr und Nutzen weit erhöht; der
+Schwieger war gestorben und hatte der einzigen Tochter sein schönes
+Patrizierhaus und sein stattliches Vermögen hinterlassen. Michael besaß
+alles, was nach der Menschen Meinung erstrebenswert ist: Ruhm, Geld,
+Liebe. Dazu war er gesund und schien wie ein kerniger Baum im Walde.</p>
+
+<p>Ein Jahr lang ruhte der Meister von seiner Riesenarbeit<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> aus. Dann
+aber wurde er unruhig. Zwecklos erschien ihm das Leben; öde und leer
+schleppten sich die Tage dahin. Auch seine Frau vermochte nicht, ihn
+zu trösten. Sie war kein Spielzeug, und er war nicht der Mann, um
+zu spielen. Immer mehr wuchs in ihm der Durst nach Arbeit. Zuletzt
+marterte er ihn Tag und Nacht. Michael saß einsilbig bei seiner Frau,
+er war mißmutig gegen die Freunde, die ihn besuchten; er wurde zornig,
+wenn jemand die Uhr als sein großes Lebenswerk pries. Schließlich griff
+die schlechte Seelenstimmung auch den Körper an. Müde ging Michael
+einher, er hatte keine Freude an Speise und Trank, und selbst in das
+schönste Abendrot sah er mit leeren Augen.</p>
+
+<p>Qualvoll waren die Nächte. »Was schlafe ich denn, da ich doch nichts
+getan habe, da ich doch nicht müde sein, kann?« fragte er sich. Wenn
+der Choral vom Turme klang, hielt er sich die Ohren zu. Schließlich
+haßte er sein eigenes Werk. Er ging nie wieder an der Uhr vorüber,
+sah die Kinderschar nicht, die dort hockte wie vor einem wunderbaren
+Spielzeug.</p>
+
+<p>Spielzeug! Jawohl, das war es: ein kunstvolles, sauber gearbeitetes,
+frommes Spielzeug. Sonst nichts! Eines Mannes, eines Meisters nicht
+würdig. Kein Werk, neben dem die eigene Seele in Dankbarkeit vor Gott,
+der es gegeben hat, niederkniet. Nur ein artiges Spielzeug! Kein
+Meisterwerk!</p>
+
+<p>Der Gram fraß an Meister Michael, und die Quelle all dieses schweren
+Mißbehagens war seine Untätigkeit. Was sollte er tun? Tand fabrizieren
+für Stutzer und eitle Weiber? Kleine Kirchengeräte schaffen, die jeder
+andere auch recht gut machen konnte? Bürgermeisterketten<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> erfinden,
+Krummstäbe ziselieren, Schnallen an Herzogsmäntel machen, Degengriffe
+für Erbgrafen, Wappen für Ritter, die nicht lesen konnten?</p>
+
+<p>Nein! In solchen Kleinkram fand sich Michaels Seele nicht zurück. Sein
+Gedanke war immer und immer nur die Uhr. So hineingreifen ins All, die
+Blicke der Sonne belauschen, aufhorchen, wie sich die Erde langsam
+durch das Universum rollt, und jede Sekunde wissen, wo sie gerade ist,
+die Schrittlein abmessen, die der Mond um die Erde macht, und den alten
+Nachtwandler auch nach Hunderten von Jahren noch genau zur Stunde
+ertappen mit halbem oder ganzem Gesicht — ja, das alles hatte er schon
+vermocht. Ach, er mußte darüber hinaus! Das Firmament, oder doch ein
+großer sichtbarer Teil! Den Abendstern aufleuchten und als Morgenstern
+wiederkehren lassen, den roten Mars bringen und den königlichen
+Jupiter, den Himmelswagen fahren und den Polarstern als unverrückbaren
+Punkt darüber leuchten lassen, die Plejaden, den Orion auf- und
+untergehen lassen, dem armen Menschen sagen: sieh, so Gewaltiges ist
+über dir und um dich, und du bist so klein, und es ist alles in großer,
+ewiger Ordnung, und nur dein armes kleines Herz kannst du nicht in
+Ordnung bringen. Das war Michaels Traum.</p>
+
+<p>Frau Elisabeth versuchte mit sanfter Hand die Fieber des Mannes zu
+kühlen — es gelang ihr nicht. Trübsinnig wurde der Meister, zuletzt
+war er krank.</p>
+
+<p>Aber eines Tages, nachdem er vom Morgen bis Abend draußen im Eulenwalde
+ganz einsam gewesen war, kam er lachend zurück, umarmte sein Weib und
+sagte:</p>
+
+<p>»Elisabeth, ich habe es zwar noch nicht, aber ich ahne es.<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> Und da ich
+es ahne, werde ich es eines Tages wissen, und dann wird es sein!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ja, eines Tages wußte er sein neues Werk. Er sprach zu niemand davon,
+nicht einmal zu seiner Frau. Und er ging auf eine weite Reise. Als er
+zurückkam, sagte er:</p>
+
+<p>»Elisabeth, ich war in Wien. In der Kaiserstadt. Ich habe dort gute
+Aufnahme gefunden. Nun wollen wir nach Wien ziehen, und dort werde ich
+mein neues Werk schaffen. Es wird anders sein als das von Altenroda.«</p>
+
+<p>Zu den Vätern der Stadt aber sprach Meister Michael also:</p>
+
+<p>»Ihr Herren, ich habe für unsere Stadt eine Uhr geschaffen, die euer
+Lob gewann. Ich bitte euch, daß ihr mich nun in Frieden entlasset.
+Ich will nach Wien gehen und dort eine neue Uhr schaffen, die mein
+Meisterstück werden soll.«</p>
+
+<p>»Dein Meisterstück?« fragte der Bürgermeister finster; »hast du nicht
+für uns dein Meisterstück geschaffen?«</p>
+
+<p>»Ach, edle Herren, ich habe noch nicht das Höchste getan, das ich
+vermag. Eure Uhr ist — wenn ich das ohne Überhebung sagen darf —
+meine gute Gesellenarbeit; das Meisterwerk aber steht noch aus. Lasset
+mich nach Wien ziehen, damit ich es dort schaffe.«</p>
+
+<p>Da entließen die Ratsherren den Meister, beriefen ihn aber am nächsten
+Tage aufs neue.</p>
+
+<p>»Meister Michael,« sagte der Bürgermeister, »du hast uns eine Uhr
+geschaffen, die ohnegleichen ist. Wir haben Vertrag mit dir gemacht,
+daß es die schönste Uhr in allen deutschen Landen sein soll. Das ist
+sie bis jetzt; nichts geht über sie. Der Ruhm dieses Kunstwerkes und
+damit<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> dein Ruhm und der Ruhm deiner Vaterstadt geht durch das ganze
+Land. Willst du uns diesen Ruhm nehmen, willst du deinen Vertrag
+brechen?«</p>
+
+<p>Da weinte Meister Michael und sagte:</p>
+
+<p>»Ihr Herren, verachtet mich, hasset mich, nennet mich undankbar,
+ehrvergessen der großen Wohltaten, die ich durch euch empfing —
+ich kann nicht anders, ich muß mein Werk verrichten, ein Werk, das
+Altenroda nicht ertragen könnte. Lasset mich um der Barmherzigkeit
+Gottes und um der Kunst willen in Frieden nach Wien gehen und dort mein
+Werk tun!«</p>
+
+<p>Bürgermeister und Ratsherrn blickten düster, entließen den Meister und
+beriefen ihn auf den nächsten Tag. Sie legten ihm eine Schrift vor und
+begehrten strenge von ihm, daß er sie unterzeichne. Die Schrift lautete:</p>
+
+<p>»Ich, Meister Michael Grünhuber, schwöre bei Gott, bei meiner
+Seligkeit, bei der Ehre meiner Frau, bei der Ehre meiner Mutter und bei
+meiner eigenen Ehre, daß ich, solange ich lebe, niemals ein Uhrwerk
+anfertigen werde, das der Uhr in meiner Vaterstadt Altenroda gleichkäme
+oder sie gar überträfe.«</p>
+
+<p>Der Meister weigerte die Unterschrift. Er bat, er weinte, schrie und
+wurde schließlich in den Turm abgeführt.</p>
+
+<p>Dort saß er drei Jahre. An jedem dritten Tage wurde ihm die Schrift
+wieder vorgelegt und ihm sofortige Freiheit in Aussicht gestellt, wenn
+er sie unterschriebe.</p>
+
+<p>Einmal wurde er der Haft entlassen. Da lag Frau Elisabeth im Sterben.
+Er bettete ihr müdes Köpfchen an seine Brust, sog mit einem langen
+Kusse ihre entfliehende Seele auf und bestattete sie zu Grabe. Dann
+mußte er in den Turm zurückkehren.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span></p>
+
+<p>Fünf Tage nach Elisabeths Begräbnis unterschrieb Michael das Dokument
+des Rates der Stadt.</p>
+
+<p>So wurde er aus der Haft entlassen und ging, ohne einen Menschen
+anzusehen, nach seinem Hause.</p>
+
+<p>Er lebte still drei Monate dahin und verließ das Haus nur, um Blumen
+auf Elisabeths Grab zu tragen.</p>
+
+<p>Im vierten Monat wollte der Meister nach Wien entfliehen. Unter
+dem Wams trug er den großen Plan zu seinem Meisterwerk, den er in
+drei Kerkerjahren ausgedacht und in drei Monaten seiner Freiheit
+aufgezeichnet hatte.</p>
+
+<p>An der Grenze des Stadtgebietes wurde er gefangen.</p>
+
+<p>Der Rat der Stadt erkannte den Meister Michael Grünhuber schuldig des
+Vertragsbruches, schuldig des Meineides, womit er gefrevelt habe gegen
+Gott, gegen seine Seligkeit, gegen die Ehre seiner Frau, gegen die Ehre
+seiner Mutter wie gegen seine eigene Ehre, erklärte ihn für schimpflich
+und aller bürgerlichen Ehre verlustig und verurteilte ihn zur Strafe
+der Blendung, damit es ihm nie wieder einfalle, seinen Vertrag zu
+brechen und die Stadt Altenroda des Ruhmes zu berauben, die beste Uhr
+in deutschen Landen zu besitzen.</p>
+
+<p>Es geschah.</p>
+
+<p>Meister Michael wurde des Lichtes beider Augen beraubt. Sein Vermögen
+wurde eingezogen.</p>
+
+<p>Als Bettler zog Michael von Tür zu Tür. Manchmal machte er Halt dort,
+wo er wußte, daß im Ratsturme seine Uhr war. Den Lichtengel Michael
+konnte er nicht mehr sehen, die zwölf Apostel nicht mehr, die heiligen
+drei Könige nicht mehr; das ewige Lämplein über dem<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> Stall von
+Bethlehem sah er nicht mehr. Nur in der Nacht sang der Choral in seine
+arme Seele.</p>
+
+<p>Als Michael aber einmal tagelang vor der Uhr stand und gespannt auf
+ihren Schlag lauschte, fragten die Bürger:</p>
+
+<p>»Was hat er? Was ist's um die Uhr?«</p>
+
+<p>Da sagte der Blinde:</p>
+
+<p>»Die Uhr gerät in Unordnung. Führt mich noch einmal hinein.«</p>
+
+<p>Sie taten nach seinem Willen.</p>
+
+<p>Mit blinden Händen tastete sich der Meister in sein Werk.</p>
+
+<p>Als er herauskam, ging die Uhr nicht mehr.</p>
+
+<p>Alles Volk war so erschrocken, daß niemand darauf achtete, wie der
+Blinde entwich.</p>
+
+<p>Kein Mensch hat jemals wieder etwas von ihm gehört. Die Uhr aber geht
+nicht bis auf den heutigen Tag. Kein Künstler späterer Zeit hat sie
+wieder zum Leben zu erwecken vermocht.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span></p>
+<div class="chapter">
+<h3>Vom törichten Kaspar</h3>
+</div>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-271">
+<img class="w100" src="images/drop-271.jpg" alt=""></figure>eit Jahrhunderten
+lebte die Stadt Altenroda in Fehde mit den Rittern
+von Runkelstein. Diese hatten südlich der Stadt, etwa zwei Wegstunden
+entfernt, ihre feste Burg und beunruhigten von da aus nicht nur die
+Kaufleute, die auf der Poststraße gen Altenroda fuhren, sondern fielen
+auch des öfteren keck in städtischen Besitz ein. Da gab es Hader und
+Fehde oft jahrelang, bis beide Parteien den Zank satt hatten. Dann
+wurde Friede geschlossen. Die Ritter brachten ihren Kaplan mit, den
+einzigen, der in ihrem Burgbereich lesen und schreiben konnte, und
+auf dem Rathause zu Altenroda wurde alles verhandelt, genehmigt und
+unterschrieben, von den Rittern durch drei Kreuze mittels eines Pinsels
+und roter Tusche, da sie einen Gänsekiel in ihren Fäusten nicht zu
+erfühlen und zu halten vermochten. Es handelte sich in den meisten
+Fällen um Waffenstillstand auf neun Jahre.
+
+<p>Die Hauptsache bei diesen Friedensschlüssen waren die darauffolgenden
+Trinkgelage, bei denen die Ritter den vortrefflichen Weinen, die im
+Ratskeller von Altenroda lagen, so viele Ehre antaten, daß sie in den
+meisten Nächten in ganz leblosem Zustande nach ihren Herbergen gebracht
+werden mußten. Mit der Zeit kamen diese Friedensfeste die Stadt
+kostspieliger zu stehen als der Krieg, weshalb der ganze Rat immer tief
+aufatmete, wenn die teuren Gäste endlich heimzogen.</p>
+
+<p>Die Ritter hielten den neunjährigen Waffenstillstand selten länger
+als neun Wochen; dann fingen die Ärgernisse von neuem an. Es ist kein
+Wunder, daß die Bürger<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> von Altenroda über solch permanente Bosheit in
+gerechten Zorn gerieten.</p>
+
+<p>Als es ihnen daher einmal gelang, den einzigen Sohn des Ritters, den
+Junker Ottokar, auf einem besonders kecken Raubzuge zu fangen, beschloß
+der Rat der Stadt, dieses Mal mit den Runkelsteinern ein für allemal
+aufzuräumen.</p>
+
+<p>Ottokar wurde vor das Gericht gestellt, mit Leichtigkeit vieler grober
+Taten überführt und einstimmig zum Tode verurteilt.</p>
+
+<p>»Indem wir den Junker fällen,« sagte der Bürgermeister, »vernichten wir
+zugleich das ganze Raubgezücht der Runkelsteiner; denn auf des Junkers
+zwei Augen steht das ganze Geschlecht.«</p>
+
+<p>Die Stadtväter berieten nun lange über die Todesart, durch die
+Junker Ottokar sterben sollte. Enthaupten schien ihnen zu sanft und
+glimpflich, ihn henken oder rädern zu lassen, aber bedenklich, da
+sie dann den Zorn des ganzen Adels auf sich laden würden, der solche
+Todesart für einen ihresgleichen als nicht standesgemäß erachten würde.</p>
+
+<p>So fand ein Ratsherr großen Beifall, als er sagte:</p>
+
+<p>»Wir leben im Anfang des Monats August. Der Tag Sancti Bartholomäi,
+welcher der 24. August ist, steht dicht bevor. St. Bartholomäus ist —
+wie ihr Herren wohl wißt — dadurch zu Tode gebracht worden, daß er
+geschunden wurde. Wir wollen den Junker am Bartholomäustage zu Ehren
+des Heiligen schinden.«</p>
+
+<p>Niemand fiel das Sonderbare dieser Art Heiligenverehrung auf; denn
+es war eine grobe Zeit. Alle waren vielmehr von dem Vorschlag sehr
+befriedigt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span></p>
+
+<p>Der alte Runkelsteiner, der um seinen einzigen Sohn in begreiflicher
+Sorge war, selbst zu schwach zu einem offenen Überfall und zurzeit ohne
+Bundesgenossen, schickte einen Boten an die Stadt und bot dreitausend
+Goldgulden Lösegeld für seinen Junker.</p>
+
+<p>Der Rat der Stadt sagte sich: »Nicht drei Goldgulden hat der alte
+Schlauch im Besitz, geschweige dreitausend,« stellte sich aber, äußerer
+Gerechtigkeit wegen, als ob er dem Vorschlag traue, und ließ sagen,
+wenn binnen drei Tagen die dreitausend Goldgulden da seien, wolle man
+sich die Sache wegen seines Sohnes überlegen.</p>
+
+<p>Abermals kam der Bote des Runkelsteiners. Bares Geld, richtete er
+aus, hätte sein Herr eben nicht bei der Hand, wolle aber gerne einen
+Schuldschein unterpinseln und, wenn es sein müsse, mit zehn, nicht nur
+mit drei Kreuzen.</p>
+
+<p>»Wir wollen mit dem Pinsel nichts mehr zu tun haben,« entschied der
+Bürgermeister.</p>
+
+<p>Der Junker Ottokar saß im Turme, und wenn er an den bevorstehenden
+Bartholomäustag dachte, juckte ihn die Haut, und er kratzte sich lange
+und heftig, dachte aber nicht an seine Sünden, sondern nur daran, wie
+er ausrücken und dabei ein ganzes Fell behalten könne.</p>
+
+<p>Zu jener Zeit lebte in Altenroda ein Mädchen namens Rosmarie. Sie
+war die Tochter eines Herbergsvaters, und da der Junker Ottokar beim
+letzten Friedensfeste in ihres Vaters Haus in Quartier gelegen hatte,
+in den Junker tief und schmerzlich verliebt. Hatte es doch der Edelherr
+nicht verschmäht, sie manchmal in die rosigen Wangen zu kneifen oder
+ihren blühenden Mund zu küssen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span></p>
+
+<p>Dieses Mädchen aber wurde von Kaspar, dem Sohne des Turmwächters, bis
+zur Unsinnigkeit geliebt. Kaspar war ein schmucker, starker Bursche,
+aber sein Geist war nur von geringen Gaben.</p>
+
+<p>Als das Mädchen Tag und Nacht lang um den Junker geweint hatte und
+den Gedanken nicht mehr ertragen konnte, daß ihm die junge Haut samt
+dem schwarzen Schnurrbarte vom Kopfe gezogen werden sollte, kam sie
+auf einen Rettungsgedanken. Sie berief den Turmkaspar zu sich und tat
+so schön mit ihm, daß der arme Bursche glaubte, er sei plötzlich ins
+Paradies gekommen. Und dann sprach die Schlange:</p>
+
+<p>»Mein schöner, allerliebster Kaspar! Wie gerne wollt ich deine Frau
+werden, wenn du mir nur ein einziges Mal einen Gefallen tun wolltest.«</p>
+
+<p>Kaspar schwur, daß er ihr alle Gefälligkeiten der Welt erweisen, ja,
+daß er Wunder wirken wolle, wenn es nicht anders ginge.</p>
+
+<p>»Wunder brauchst du nicht zu wirken,« sagte das Mädchen, »bloß
+du sollst dem Junker Ottokar, der im Turme sitzt, etwas von mir
+ausrichten, und du sollst ihn in der morgigen Neumondnacht heimlich aus
+dem Gefängnisse herauslassen.«</p>
+
+<p>»Mädel!« schrie der Kaspar. »Wenn ich das täte, gäbe mir mein Vater
+wahrhaftig eine Ohrfeige.«</p>
+
+<p>»Siehst du,« begann das Mädchen zu weinen, »nicht einmal eine Ohrfeige
+willst du für mich wagen und sprichst doch vom Wunderwirken.«</p>
+
+<p>»Eine Ohrfeige will ich schon hinnehmen,« sagte Kaspar, »auch ein paar
+gebrochene Rippen. Aber, Rosmarie, was liegt dir an dem Junker? Liebst
+du ihn?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span></p>
+
+<p>Da merkte Rosmarie, daß Kaspar eifersüchtig wurde. Sie sprach nun mit
+hundertspältigen Worten auf ihn ein; erzählte, wie freundlich und
+herablassend der Junker immer zu ihr gewesen sei, und daß sie den
+Gedanken nicht ertragen könne, ihn so grausam gemartert zu sehen.</p>
+
+<p>Kaspar brummte. Er sagte sich: sie liebt ihn! Die Eifersucht fraß an
+seinem Herzen.</p>
+
+<p>Rosmarie senkte das Köpfchen und faltete die Hände. Mit traurigem
+Seufzen sprach sie:</p>
+
+<p>»Wenn du mir also nicht zu Willen bist, so muß der liebe Junker
+dahingehen, und ich sehe schon, daß du dir aus mir nichts machst. Ich
+werde also sterben und dann gewiß nicht deine Frau werden.«</p>
+
+<p>Da begann auch Kaspar zu weinen; denn er konnte das Mädchen nicht also
+kläglich reden hören. Und ob er gleich den Verdacht nicht los wurde,
+daß Rosmarie den Junker lieb habe, so hörte er doch auch, wie schön
+sie zu ihm selbst sprach, und schließlich sagte er sich: Sie liebt uns
+beide. Wenn sie erst meine Frau ist, werde ich dafür sorgen, daß sie
+mich allein liebt.</p>
+
+<p>Also willigte er in den Handel ein, worüber das Mädchen in Seligkeit
+geriet. Sie gab dem Kaspar drei Küsse auf die Backe.</p>
+
+<p>Es wurde nun alles genau beraten, wie das Abenteuer bewerkstelligt
+werden sollte. Kaspar sollte seinem Vater, dem Turmwächter, sobald
+dieser seinen tiefen Abendtrunk getan hatte, die Turmschlüssel stehlen
+und den Junker durch eine Seitenpforte des Turmes ins Freie lassen.
+Rosmarie wollte schon vor Toresschluß die Stadt verlassen und mit einem
+Pferde, das sie von einem verwandten<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> Bauern entlehnen wollte, in der
+Nähe der Turmtüre warten. Kaspar sollte sie dann durch den Turm in die
+Stadt wieder hinein lassen, und in drei Wochen sollte Hochzeit sein.</p>
+
+<p>Abgemacht!</p>
+
+<p>Als der Junker im Turm hörte, daß seine Rettung bevorstand, freute er
+sich gewaltig, fragte aber, was das für eine Herbergstochter sei, die
+ihm so dienstlich sein wolle.</p>
+
+<p>»Ach Gott, doch die Rosmarie,« sagte Kaspar verwundert, »doch die mit
+den roten Backen und den braunen Haaren.«</p>
+
+<p>Der Ritter schüttelte den Kopf. Er sagte, es gäbe mehrere Herbergen in
+Altenroda und also auch mehrere Herbergstöchter. Rote Wangen hätten
+alle und Haarfarben könne er sich nicht behalten.</p>
+
+<p>Darüber freute sich Kaspar. Er sagte sich, der Ritter kann sich auf
+Rosmarie nicht genau besinnen, also wird er sie auch nicht allzu heftig
+lieben, und ich habe sie allein für mich.</p>
+
+<p>Um Mitternacht öffnete Kaspar das Ausfallpförtlein und ließ den Junker
+frei. Alsbald kam mit leisem Jauchzen Rosmarie aus einem nahen Gebüsch.
+Sie führte ein Pferd am Zügel und sprach leise Worte zu ihrem Ritter.
+Der lachte, schwang sich aufs Roß und zog das Mädel blitzschnell zu
+sich in den Sattel.</p>
+
+<p>Kaspar erschrak furchtbar.</p>
+
+<p>»Halt, halt,« schrie er, »was macht ihr? Das ist ja meine Braut!«</p>
+
+<p>Und er hing sich verzweifelt dem Pferde an den Schweif.</p>
+
+<p>»Du Tölpel,« rief der Ritter, »lauf hinter uns her!<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> Komm auf den
+Runkelstein!« Hieb dem Pferde die Faust auf den Hals, daß es aufbäumte,
+ausschlug, davonraste und den armen Kaspar ins Gras schleuderte.</p>
+
+<p>Der lag erst ohnmächtig, dann richtete er sich auf und befühlte seinen
+Schädel.</p>
+
+<p>»Sie ist fort. Er ist fort. Und ich sitze hier!«</p>
+
+<p>Diese drei Tatsachen stellte Kaspar in tiefer Traurigkeit fest. Er war
+von so einfacher Wesensart, daß er sich erst bei Tagesgrauen ganz klar
+wurde, was eigentlich geschehen war.</p>
+
+<p>Da warf sich Kaspar ins Gras und weinte aus Scham und Herzeleid
+darüber, daß die Rosmarie so schlecht war.</p>
+
+<p>Als die Stadttore geöffnet wurden, ging er nach dem Marktplatze und
+wartete auf die Ratsherrn. Die kamen heute früher als sonst, und viel
+Volk war auch schon vor dem Rathause versammelt; denn es war ruchbar
+geworden, daß der Runkelsteiner aus dem Turme entwichen war.</p>
+
+<p>»Was hast du uns zu sagen?« fragte der Bürgermeister, als Kaspar vor
+dem Rate stand.</p>
+
+<p>»Ich will mich beklagen,« sagte Kaspar, »über den Junker Ottokar und
+über das Mädchen Rosmarie. Denn sie haben mich betrogen, und der Rat
+der Stadt soll sie bestrafen.«</p>
+
+<p>»Was haben sie dir denn getan?«</p>
+
+<p>Nun erzählte der törichte Kaspar alles genau, wie es sich zugetragen
+hatte, wie er mit dem Mädchen und dem Junker einen Vertrag gemacht
+habe, daß er den Junker aus dem Kerker lasse und dafür das Mädchen zur
+Frau kriege, und wie die beiden den Vertrag gebrochen und ihn<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> betrogen
+hätten. So sollte nun die beiden auch die verdiente Strafe treffen.</p>
+
+<p>Der Rat der Stadt entschied:</p>
+
+<p>»Der Junker Ottokar und das Mädchen Rosmarie haben abscheulich an dem
+Kaspar gehandelt. Wegen ihrer verwerflichen Gesinnung sollen beide hart
+bestraft werden, so man ihrer einmal habhaft werden sollte. Der Kaspar
+aber, der den gefährlichsten Feind der Stadt aus dem Kerker befreit
+hat, soll gehenkt werden.«</p>
+
+<p>Als der törichte Kaspar dieses Urteil hörte, fiel er um. Sein Herz war
+so voll Liebe, Zorn und Wehe gewesen, daß er gar nicht daran gedacht
+hatte, ihm selbst könne wegen seiner Tat auch etwas geschehen.</p>
+
+<p>Nach Tagen erst in der kühlen Kerkerluft ging ihm alles richtig auf.
+Jetzt dachte er auch daran, daß der Junker gerufen hatte: »Du Tölpel,
+laufe hinter uns her. Komm auf den Runkelstein!« Das war wegen des
+Henkens gewesen, und müßte er wohl gar noch dem Junker wegen seines
+Rates dankbar sein.</p>
+
+<p>Der älteste der Ratsherrn, ein milder Greis, der weit über das Leben
+sah, rückwärts wie vorwärts, sagte in der nächsten Ratssitzung:</p>
+
+<p>»Kaspar ist eine Einfalt. Die Liebe hat sein armes Gehirn stumpf und
+seine Augen so blind gemacht, daß er seine Schuld nicht erkannte,
+wie er ja auch die Gefahr nicht ersah, in die er hineinlief, da er
+sich selbst bezichtigte. Deshalb, ihr Herren, wollet milde mit ihm
+verfahren, damit Gott euch genädig sei und ihr eurer Feinde doch noch
+Herr werdet. Schenket dem Toren die Strafe des Stranges. Sperrt ihn
+eine Zeitlang in denselben Kerker, aus dem er den Junker entließ, und
+dann verbannt ihn<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> aus Altenroda. Wer aus einer solchen Heimat verbannt
+wird, trägt schwere Strafe genug.«</p>
+
+<p>Diesem weisen Rate folgten die Väter der Stadt. Kaspar mußte drei
+Jahre im Turme sitzen und dann mit einem Stecken aus Haselholz, einem
+schmalen Ränzel und zehn Groschen Münze für immer die Stadt verlassen.</p>
+
+<p>Kaspar ist hin und hergewandert in der Welt und endlich unter die
+Söldner eines Fürsten geraten. Auf einem Kriegszuge fand er in einem
+Straßengraben eine sterbende Soldatendirne. Es war Rosmarie. Der Junker
+hatte sie eine Zeitlang auf der Burg behalten und dann verstoßen.</p>
+
+<p>Rosmaries Gesicht war ganz häßlich geworden; nur die Haare waren von
+brauner Seide wie einst.</p>
+
+<p>Als die Arme entschlafen war, grub der Kriegsknecht Kaspar ein Grab,
+legte Rosmarie hinein und sprach ein Gebet, wobei er sein Gesicht gen
+Osten wandte, wo in weiter Ferne die Heimatstadt Altenroda lag.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span></p>
+<h3>Rauchermärchen</h3>
+</div>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-283">
+<img class="w100" src="images/drop-283.jpg" alt=""></figure>m
+Eulenwalde lebte vor ungefähr zweihundertdreizehn Jahren ein
+Köhler, der als ein guter Mensch anzusprechen gewesen wäre, wenn er
+nicht so lasterhaft geraucht hätte. Und zwar rauchte er Tabakspfeife.
+Dieses Teufelsding verbreitete im Eulenwalde auf eine Meile im Umkreis
+einen solchen Qualm und Gestank, daß die Rehe und Hasen schwarze
+Felle bekamen, der stickende Brodem den Mäusen verheerend in ihre
+Erdwohnungen drang und den Eulen und allen Singvögeln des Waldes die
+Augen tränten. Die garstige Wirkung kam davon her, daß der Köhler nicht
+nur Tag und Nacht die Pfeife kaum ausgehen ließ, sondern, daß auch sein
+Tabak von übler Sorte war. Ein Zug, gegen den Wind geblasen, genügte,
+einem Wanderer der eine Meile weg arglos und gesund seine Straße
+marschierte, plötzlich den Atem zu verschlagen.
+
+<p>Der Tabak hieß Rippentabak. Er bestand aus in Stücke gebrochenen
+Stangen, welche die Pestilenz in sich hatten. (Die Gegend, wo dieser
+Tabak wuchs, ist im Laufe der Zeiten als Strafe Gottes untergegangen.)</p>
+
+<p>Das Schlimmste war, daß der Köhler diese Pestilenz damals nicht
+etwa hübsch behutsam im engsten Kreise behielt, sondern eitel und
+leichtfertig in alle Winde blies. Der Köhler war Kunstraucher. Hatte er
+sich durch einen abgrundtiefen Zug aus seiner Pfeife die Mund-, Nasen-,
+Ohren- und Stirnhöhlen, die Luftröhre, die Lunge, ja den Magensack
+voll Dampf gesogen, so ließ er diesen inneren Reichtum langsam und in
+kunstvollen Formen wieder an die Außenwelt steigen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span></p>
+
+<p>Der Köhler rauchte Ringe: kleine, mittlere, große, auch Ringe, die sich
+ineinander verschlangen, er rauchte aber auch Herzen, manchmal eines,
+manchmal zwei, die sich miteinander vereinigten; er rauchte eine Mandel
+Eier; er rauchte die Rechenaufgabe zwei mal zwei gleich vier in der
+Luft; er rauchte einen Reiter; er rauchte Sonne, Mond und Sterne.</p>
+
+<p>Waldkinder, die auf der Suche nach Pilzen und Beeren waren, sahen dem
+Köhler manchmal bewundernd zu. Dann sagte er, wenn er wollte, könnte er
+das ganze Einmaleins rauchen. Das war aber nicht wahr; rauchen hätte
+er's vielleicht können, aber das Einmaleins selber konnte er nicht. Er
+konnte nur zwei mal zwei gleich vier.</p>
+
+<p>Am Rande dieses Waldes lebte in einer hohlen Eiche die Baumgöttin
+Querka. Sie stand bei den Bürgern von Altenroda in hohem Ansehen;
+denn sie beschützte die Stadt vor Blitz und Hagelschlag. Die
+Göttin hatte eine empfindliche Nase, also daß sie sich durch die
+höllischen Rauchschwaden des Köhlers oft belästigt fühlte. Aus großer
+Gutherzigkeit hatte sie lange geschwiegen. Als aber das jüngste
+ihrer drei Kinder den Husten bekam, sagte die Göttin: »Da muß etwas
+geschehen!« — machte sich auf und ging zum Köhler. Sie war recht lieb
+und artig mit dem alten Brummbart und fragte ihn nebenher, ob er es
+denn nicht so einrichten könne, daß er den Rauch zum Himmel hinauf
+blase, damit er sich dort zu Wolken zusammenballe und vom Winde auf den
+Großen oder Stillen Ozean getragen werde.</p>
+
+<p>Da sagte der Köhler: »Nein, mein Rauch gehört in den Eulenwald!« — und
+da war wohl auch nichts dagegen zu tun.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span></p>
+
+<p>Die Göttin aber half sich durch eine List. Heimlich sprach sie über die
+Tabakspfeife einen Zaubersegen, der bewirken sollte, daß alle Figuren,
+die der Köhler rauchte, in der Luft zu Gold wurden.</p>
+
+<p>Richtig, kaum war die Göttin fort, so begann der Zauber zu wirken. Der
+Köhler hatte eben einen stattlichen Ring geraucht und sah zu, wie er
+langsam davonschwamm — was zu sehen immer des Köhlers größte Freude
+war — als der Ring plötzlich in der Luft stehen blieb, zu funkeln
+anfing und auf einmal — kling, kling — auf die Erde fiel. Der Köhler
+ging herzu, hob einen riesigen goldenen Ring auf, betrachtete ihn, ließ
+ihn an einem Steine klingen und hing ihn sich endlich um den Hals. Dann
+setzte er sich auf den Holzblock zurück, auf dem er immer saß, dachte
+über das Geschehnis nach und rauchte in Gedanken eine Mandel Eier. Als
+die Eier aber kaum bis an die kleine Birke geschwebt waren, blieben
+sie stehen, wurden zu Gold und regneten auf die Erde. Der Köhler hob
+verwundert die Eier unter der Birke auf und sagte: »Nanu!« Darauf ging
+er wieder nach seinem Holzblock und dachte weiter nach, was zur Folge
+hatte, daß plötzlich zwei goldene Herzen aus der Luft fielen. Jetzt
+sagte der Köhler: »Das scheint mir nicht mit rechten Dingen zuzugehen.«
+Aber an sich machte ihm die Sache Freude. Also paffte er sich einen
+ganzen Berg goldener Ringe, Herzen, Sonnen und Eier zusammen. Nur
+mit der Rechenaufgabe war es ein verhextes Ding. Jedesmal fielen die
+Ziffern in falscher Reihenfolge aus der Luft, so daß immer im Grase
+zu lesen stand: zwei mal vier gleich zwei. Darüber ärgerte sich der
+Köhler, und als die Aufgabe immer aufs neue mißriet, kam der<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> Mann
+in so großen Zorn, daß er seine Tabakspfeife faßte und sagte: »Du
+dummes Ding, wenn du nicht mehr ordentlich rechnen kannst, sollst du
+verbrennen!«</p>
+
+<p>Damit schleuderte er die Pfeife ins Feuer des Meilers. Nun konnte der
+Köhler eine ganze Nacht lang nicht rauchen, was ihn so verdroß, daß er
+nach dem goldenen Berge mit dem Fuße stieß.</p>
+
+<p>Die Göttin drüben am Waldrande aber sagte: »Merkt ihr nicht,
+Kinderchen, was heute für gute Luft ist?« Das Kleinste hörte auf zu
+husten, und viele Bäume, die in dem Qualm am Verdorren gewesen waren,
+schlugen mutig wieder aus.</p>
+
+<p>Am nächsten Morgen, als der Köhler aus seiner Hütte trat, sah er
+einen fremden Rittersmann bei seinem Goldhaufen stehen und diesen mit
+Aufmerksamkeit betrachten.</p>
+
+<p>»Was willst du mit dem vielen Golde?« fragte der Ritter.</p>
+
+<p>»Das weiß ich selber nicht!« sagte der Köhler.</p>
+
+<p>»So will ich dir einen guten Vorschlag machen, lieber Mann. Leihe mir
+das Gold gegen einen Schuldschein. Einen Silbertaler als Zins gebe ich
+dir im voraus.«</p>
+
+<p>Der Köhler dachte nach, ob das wohl ein gutes Geschäft sei, und kam zu
+dem Schluß, ein Silbertaler sei nicht zu verachten, da er sich doch
+eine neue Tabakspfeife kaufen mußte. Also willigte er in den Handel
+ein. Der Fremde schrieb etwas auf ein Papier, was der Köhler nicht
+lesen konnte, gab ihm einen Silbertaler und lud das Gold in großen
+Säcken auf seine Maultiere.</p>
+
+<p>»Leb wohl!« sagte er und stieg auf sein Roß.</p>
+
+<p>»Ach, edler Herr,« sagte der Köhler; »es wäre mir halt lieb, wenn ich
+Eure Adresse wüßte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span></p>
+
+<p>»Meine genaue Adresse kann ich dir nicht geben,« sagte der Ritter; »ich
+reite nämlich gerade in den Krieg nach Persien.«</p>
+
+<p>»Ach so,« sagte der Köhler und ließ ihn mit dem Golde ziehen.</p>
+
+<p>Hinterher aber ärgerte er sich und sagte sich, der Fremde habe ihn
+wohl sicherlich übervorteilt. Doch er tröstete sich, daß er sich ja
+jederzeit einen neuen Haufen Goldes zusammenrauchen könne.</p>
+
+<p>Die Sache kam aber anders. Der Köhler hatte sich um drei Groschen
+in Altenroda eine neue Pfeife erhandelt und wollte dem Händler sein
+goldenes Kunststück vorrauchen. Da kam aber nichts zustande als
+Rauchringel, die davon schwebten und die ganze Stadt verpesteten.</p>
+
+<p>Der Rat der Stadt, als er die Sache übel in die Nase bekam, schickte
+eilends seine Büttel aus und ließ den gottlosen Raucher festnehmen. Es
+war nämlich bei schwerer Strafe verboten, innerhalb von Altenroda bis
+zwei Wegstunden über die Stadt hinaus Rippentabak zu rauchen.</p>
+
+<p>Der Köhler wurde vor Gericht gestellt, und es wurde der herbe Spruch
+gefällt: ein ganzes Jahr solle der Sünder im Turme schmachten, bis
+ein Sommer durch seine Hitze, ein Herbst durch seine Stürme, ein
+Winter durch seinen Frost und ein Frühling durch seine Düfte die Stadt
+Altenroda von seinem Tabaksgestank wieder gereinigt habe. Nach zwei
+Wochen schon kam der Beichtvater des Köhlers zum Rat und bat um Gnade
+für den Eingesperrten, der im Turm ohne Rippentabak verschmachten
+müsse, wie ein Fisch ohne Wasser. Der Rat von Altenroda, der immer
+milde und menschenfreundlich war, bestimmte darauf,<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> man solle dem
+Köhler fünfundzwanzig Stockhiebe auf seinen ledernen Hosenboden
+verabfolgen und ihn dann als verwarnt entlassen.</p>
+
+<p>Solches geschah. Als der Köhler sich von den fünfundzwanzig Hieben
+soweit erholt hatte, daß er wieder laufen konnte, kaufte er sich
+einen Zentner Rippentabak, das Pfund zu zwei Pfennigen, und wanderte
+heimwärts.</p>
+
+<p>Im Walde war unterdes große Freude gewesen. Glückselig saß Querka, die
+Göttin, in ihrem hohlen Baum und atmete köstliche Lüfte, die Mäuse
+freuten sich, daß es nicht mehr durch die Ofenröhren ihrer Wohnung
+rauchte, die Felle der Hasen färbten sich auffallend heller und die
+Augenentzündung der Vögel ließ nach.</p>
+
+<p>»Das habe ich alles mit meinem Zauberspruch getan,« dachte Querka;
+»denn goldene Ringe können nicht fliegen.«</p>
+
+<p>An einem Abend aber — was roch Querka? Was rochen ihre Kinderlein? Was
+schnüffelten die Hasen? Wovor schüttelten die Eulen ihr Gefieder?</p>
+
+<p>Rippentabak!</p>
+
+<p>Es schwebten wieder Herzen, Ringe, Eier und Rechenaufgaben durch den
+Wald. Die Göttin eilte erschrocken zur Köhlerhütte. Richtig, da saß
+er und rauchte; rauchte aber nicht Gold, sondern rauchte Rauch —
+Rippentabaksrauch.</p>
+
+<p>Die kluge Göttin machte sich nun wieder recht lieb und artig an den
+alten Schlot heran und fragte ihn, wo denn die goldenen Ringe seien.</p>
+
+<p>Hätte er verliehen, sagte der Köhler und besäße ein Testimonium
+darüber. Er holte die Quittung des Ritters aus seiner Hütte und zeigte
+sie der Göttin. Diese las:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p>
+
+<p>»Ich bestätige, daß der Köhler vom Eulenwalde der guten Stadt Altenroda
+der größte Esel der Welt ist.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Kuno von Bimbim.«</span><br>
+</p>
+
+<p>»Das ist die Quittung?« fragte die Göttin, »die Quittung für all' Euer
+Gold?«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte der Köhler stolz; »es hat alles seine Richtigkeit.«</p>
+
+<p>Die Göttin ließ ihn bei dieser fröhlichen Auffassung und fragte
+schmeichelnd, ob er sich denn nicht etwas gedacht habe, als er
+plötzlich goldene Ringe rauchen konnte.</p>
+
+<p>»Ja,« nickte der Köhler, »das habt Ihr getan.«</p>
+
+<p>»Und wo ist die verzauberte Tabakspfeife hingekommen?«</p>
+
+<p>Der Köhler wies mit dem Daumen nach dem Meiler.</p>
+
+<p>»Da! Verbrannt! Das dumme Ding konnte nicht mehr rechnen. Es rechnete
+zwei mal vier gleich zwei. Und das ist falsch. Das ärgerte mich!«</p>
+
+<p>Nun redete die Fee in den lieblichsten Worten auf den Köhler ein, er
+möge sich doch auch über seine neue Tabakspfeife einen Segen sprechen
+lassen; aber der Köhler hielt die Pfeife abwehrend beiseite und sagte:</p>
+
+<p>»Nein, ich mag nicht! Meine Ringe und Herzen können fliegen; aber deine
+goldenen Ringe purzeln auf die Erde. Daß sie fliegen können, das ist
+das Schöne bei den Ringen. Was habe ich vom Golde, das mir ja doch
+wieder ein Ritter abborgt, der damit nach Persien reitet.«</p>
+
+<p>Da schlug die Fee trostlos die weißen Hände zusammen.</p>
+
+<p>Nach einiger Zeit fragte sie: »Was ist denn in dem schrecklich großen
+Ballen da?«</p>
+
+<p>»Rippentabak!« sagte der Köhler. »Ein Zentner. Ich hatte bloß noch
+einen kleinen Vorrat. Wenn der aufgeraucht ist, kommt der neue Ballen
+dran.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span></p>
+
+<p>Da liefen der Fee heimlich Tränen über das Gesicht. Als aber der Köhler
+einmal nach der Hütte verschwand, weil er sein kostbares »Testimonium«
+dort wieder bergen wollte, erhellte sich das Gesicht der Fee; sie trat
+an den Tabakssack und sprach heimlich und schnell eine Zauberformel,
+wodurch sich der Rippentabak in Tabak so edler Art verwandelte, wie er
+nur in den Gärten des Kalifen gedeiht.</p>
+
+<p>»Müssen wir schon Tabaksrauch schlucken, dann doch edlen!« sagte sich
+die Fee.</p>
+
+<p>Drei Tage später öffnete der Köhler den neuen Tabaksballen. Er
+verwunderte sich über das Aussehen des Tabaks, der ein krümeliges
+braunes Gewuschele darstellte, gar keine starken reellen Rippen,
+stopfte sich aber eine Pfeife, rauchte sie bis zu Ende und spuckte
+während der Zeit seinen ganzen Meiler aus. Nach der zweiten Pfeife
+wurde ihm so übel, daß er die kleine Birke, an der er sich festgehalten
+hatte, umbrach und mit ihr zu Boden fiel. Als er sich erholt hatte,
+erfaßte ihn großer Zorn. Er nahm den wildesten Eichenprügel, den er
+besaß, eilte nach Altenroda hinunter, immer schimpfend: »Zwei Pfennige
+für das Pfund hat mir der Betrüger abgenommen!« kam in den Laden des
+Kaufherrn, der ihm den Tabak verkauft hatte, und prügelte den mit dem
+Eichenknüppel, bis er halbtot am Boden lag. Nur den Bemühungen des
+gelahrten Medikus der Stadt unter Beiziehung des Baders gelang es, den
+schwerverletzten Kaufmann am Leben zu erhalten.</p>
+
+<p>Dieser mißhandelte Kaufmann aber war eine gewichtige Persönlichkeit.
+Er besaß ein Grundstück von siebenhundert Gulden im Wert und hatte
+die Tochter des<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> Bürgermeisters zur Frau. Hauptsächlich aus letzterem
+Grunde verurteilte der Rat der Stadt den missetäterischen Köhler zum
+Tode durch den Strick. Der Beichtvater kam zwar wieder und bemühte sich
+mit ängstlicher Fürsprache, aber das nützte gar nichts; der Köhler
+sollte hängen.</p>
+
+<p>Waldkinder jedoch, die nach Beeren und Pilzen suchten, erzählten sich
+von dem traurigen Schicksal, das dem Köhler bevorstand. Und das hörte
+die Fee. Sie erschrak bis in die Tiefe ihres lichten, lieben Herzens
+und eilte auf ihren goldenen Schuhen nach Altenroda. Dort trat sie vor
+den Rat der Stadt und erzählte alles.</p>
+
+<p>»Ihr Herren, ich allein hab' Schuld, ich allein!«</p>
+
+<p>Da traten die Ratsherrn zusammen und sagten sich nach kurzer Beratung:</p>
+
+<p>»Mit der Göttin Querka können wir es nicht verderben. Wer weiß, was
+sonst, wen das nächste schwere Wetter zwischen Ochsenkopf und Eulenwald
+hereindringt.«</p>
+
+<p>Also gingen sie wieder in den Sitzungssaal und sagten:</p>
+
+<p>»Hohe Göttin, wir haben beschlossen, dir den argen Sünder zu
+überantworten. Du selbst fälle das Urteil. Fälle es aber nicht zu
+milde, fälle es gerecht. Der Rat der Stadt behält sich vor, seine
+Einwände zu machen.«</p>
+
+<p>Die Göttin ließ sich zu dem Gefangenen führen.</p>
+
+<p>Der saß wie ein Verhungerter und Verdursteter auf dem Boden seiner
+Zelle.</p>
+
+<p>»Kennst du mich?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Willst du etwas von mir?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Was?«</p>
+
+<p>»Rippentabak!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span></p>
+
+<p>»Das geht nicht. Aber was anderes kann ich dir schenken.«</p>
+
+<p>»Was?«</p>
+
+<p>»Das Leben!«</p>
+
+<p>Der Köhler kratzte sich hinter dem Ohr.</p>
+
+<p>»Was ist das Leben ohne Rippentabak!« sagte er trostlos.</p>
+
+<p>Die Göttin staunte diesen Menschen an. Dann kam ihr ein guter Gedanke.</p>
+
+<p>»Sag mir, Köhler, mußt du durchaus im Eulenwalde wohnen, oder könntest
+du auch anderswo rauchen?«</p>
+
+<p>»Auch anderswo,« sagte der Köhler. »Bloß Rippentabak muß es sein, aber
+nicht solcher, der runterfällt, sondern solcher, der fliegt.«</p>
+
+<p>Die Göttin fällte den Spruch:</p>
+
+<p>»Der Köhler Jakobus aus dem Eulenwalde der würdigen Stadt Altenroda ist
+zur Strafe dafür, daß er den ehrenwerten Bürger Bartholomäus Schnürle
+fast bis zum leiblichen Tode mißhandelt hat, zu lebenslänglicher
+Verbannung verurteilt. Diese Verbannung soll er auf dem mit
+›Ochsenkopf‹ benannten Berge verbüßen, der im Süden der Stadt liegt,
+gerade auf der Gegenseite der Stadt, wo bisher seine Hausung war.
+Der Verbrecher ist berechtigt, jede Woche einmal nach Altenroda
+hinabzusteigen, sich alldorten zehn Pfund Rippentabak sowie sonst zum
+Leben Zubehör zu kaufen.«</p>
+
+<p>Der Rat von Altenroda bestätigte dieses Urteil, tat aber auch seine
+Wünsche kund: »Die Köhlerhütte ist ganz auf dem Gipfel des Ochsenkopfes
+zu errichten, wo der meiste Luftzug ist; auch ist zum Schutze für die
+Gemarkungen Altenrodas eine steinerne Rauchfeste zu errichten, eine<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span>
+keilförmige Schanze, durch die jeweils der Rauch aus Jakobi Pfeife
+hinunter nach Wenighofen zieht.«</p>
+
+<p>So geschah es. Wenighofen — eine feindnachbarliche Stadt von Altenroda
+— ist ausgestorben. Wer das nicht glaubt, sehe auf der Landkarte nach.
+Er wird Wenighofen nicht finden.</p>
+
+<p>Was aus dem Köhler weiter geworden ist, weiß niemand. Aber wenn er
+nicht gestorben ist, raucht er heute noch.</p>
+
+<p>Rippentabak!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Anmerkung.</p>
+
+<p>Du bekehrst eher zehn Türken zum Christentum als einen Raucher zur
+Vernunft.</p>
+
+
+<hr class="r65">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span></p>
+<h2>Die drei Geizhälse</h2>
+</div>
+
+<div class="blockquot">
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-295">
+<img class="w100" src="images/drop-295.jpg" alt=""></figure>n Altenroda
+lebten drei Geizhälse. Es mögen vielleicht noch
+mehr geizige Leute in der Stadt gewesen sein, werden doch vom
+sechzigsten Lebensjahre an die meisten Menschen geizig, was zu den
+Alterserscheinungen oder, gelehrter ausgedrückt, zu den <em class="antiqua">vicia
+aetatis</em> gehört; aber die drei, von denen hier die Rede sein
+soll, waren so auffallend gut geratene Exemplare von Geizkragen, daß
+sie in ganz Altenroda berühmt oder vielmehr berüchtigt waren. Der
+Religion nach war der erste evangelisch, der zweite katholisch, der
+dritte Jude. Geizhälse und Wucherer gibt es unter allen Gattungen der
+Menschheit, da soll nur die eine der andern nichts vorwerfen. Nun soll
+alles hübsch der Reihe nach erzählt werden.
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span></p>
+<h3>Der evangelische Geizhals</h3>
+</div>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-299">
+<img class="w100" src="images/drop-299.jpg" alt=""></figure>er evangelische
+Geizhals wurde später Dissident, und sein Abfall von
+der ursprünglichen Religion hing mit seinem Geiz zusammen. Er hieß
+Leonhard Fahrig. Fahrig war Kolonialwarenhändler. Solange der Pastor
+der Gemeinde von seinem geringen Einkommen für seine Familie Kaffee,
+Zucker, Mehl und Reis, den bescheidenen Tabaksbedarf, sowie jedes
+Weihnachtsfest eine Flasche Zeltinger bei Leonhard Fahrig kaufte, saß
+der Kaufmann jeden Sonntag in der Predigt. »Leben und leben lassen!«
+sagte er manchmal. Kam ein offener Opferteller, so daß der Nachbar vom
+Nachbar sah, was der auflegte, so warf Fahrig klirrend einen geputzten
+Nickel auf den Teller, kam aber der verschwiegene Klingelbeutel, so
+steckte er einen Hosenknopf hinein. Der Glöckner Krause, der ein
+kluger Mann war, sagte einmal in der Sakristei, als der Ertrag des
+Klingelbeutels ausgezählt wurde:
+
+<p>»Vier Mark, dreizehn Pfennige und ein Knopf. Herr Pastor, der
+Hosenknopf ist vom Kaufmann Fahrig. Der Mann macht immer so fummelige
+Finger, wenn er über den Klingelbeutel greift, und steckt die Hand so
+tief rein, daß ich nie eine Münze sehen kann. Er ist von Fahrig, der
+Knopf, da verlasse sich der Herr Pastor darauf!«</p>
+
+<p>»Ausgeschlossen!« sagte der Pastor. »Denken Sie doch, der wohlhabende
+Mann! Und dann, Hosenknöpfe sind auch etwas Brauchbares. Ich habe zu
+Hause hundertzwanzig Stück liegen. Wenn Sie einmal Bedarf haben, lieber
+Krause ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span></p>
+
+<p>Krause schüttelte den Kopf. Er war wieder einmal unzufrieden mit seinem
+Pastor. Am nächsten Sonntag, als er mit dem Klingelbeutel ging, paßte
+er vor Fahrigs Kirchenstand auf wie ein Detektiv. Aber Fahrig machte
+»fummelige Finger«, steckte die Hand tief in den Klingelbeutel, und der
+Detektiv war geprellt.</p>
+
+<p>Krause, der ein kleine Ackerwirtschaft besaß, dachte während dreier
+Tage, da er mit seinem Kuhgespann pflügte, an nichts anderes als an den
+Hosenknopf im Klingelbeutel. Mittwoch abends gegen halb sechs rief er
+sein »Heureka!« Das hieß diesmal in deutscher Sprache: »Warte, du Lump,
+ich hab' dich!« Krause erschrak über den erleuchteten Gedanken, der ihm
+gekommen war, so, daß er mitten in der Furche den leichten Schälpflug
+wegwarf und sich zitternd vor Aufregung auf den Feldrain setzte. Die
+Kühe guckten sich verwundert nach ihm um, steckten dann die nassen
+Schnauzen zusammen und kamen nach einigem Brummgetuschel überein,
+den Schälpflug hinter sich herzuschleifen und sich an des Nachbars
+Stoppelklee den Bauch vollzufressen. Krause merkte davon nichts. Er
+saß auf dem Feldraine, fuchtelte mit den Händen und strampelte mit den
+Beinen, so daß man solch lebhafte Bewegungen einem würdigen Glöckner
+nimmermehr hätte zutrauen sollen.</p>
+
+<p>Am nächsten Sonntag saß Leonhard Fahrig auf seinem Stand in der Kirche.
+(Nebenbei gesagt, es ist nicht ganz richtig, etwas als »Stand« zu
+bezeichnen, wo man sitzt.) Also Fahrigs »Stand« war in der vierten
+Reihe der erste Platz, dicht unter der Kanzel. Der Pastor predigte, und
+als die Einleitung vorbei war, erschien Krause mit dem Klingelbeutel.
+Leise bimmelte das Glöcklein zu den belehrenden<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> und ermahnenden
+Worten des Predigers. Als Krause drei Bänke abgesammelt hatte und
+Leonhard Fahrig als der Nächste sich nun für seine Opfergabe rüstete,
+hielt der Glöckner plötzlich inne, griff sich an den Kopf, als ob
+er in der Sakristei etwas vergessen habe, und verschwand. Er ging
+leise, auf Zehenspitzen, was aber den Pastor doch so störte, daß er
+einen Bibelvers als aus Galater stammend bezeichnete, während er in
+Wirklichkeit bei Korinther steht. Bald kam Krause mit dem Klingelbeutel
+zurück und heischte Leonhard Fahrigs Gabe. Fahrig machte seine
+»fummeligen Finger«, steckte die Hand tief in den Klingelbeutel und
+ließ seine Gabe in diese Höhle der Mildtätigkeit hineinsinken.</p>
+
+<p>Plötzlich griff sich der Glöckner Krause abermals an den Kopf und
+verschwand wieder nach der Sakristei. Den Pastor auf der Kanzel störte
+das so, daß er in der Predigt stecken blieb, was ihm noch nie passiert
+war. Auch die Gemeinde machte lange Hälse, zumal als Krause zurückkam,
+sich zu Leonhard Fahrig beugte und ihm etwas in die Hand drückte. Dann
+aber ging der Glöckner weiter und sammelte die Gaben der Gemeinde
+ein. Eine richtige Andacht kam während dieser Predigt weder bei dem
+Pastor noch bei der Gemeinde mehr auf, zumal alle sahen, daß der sonst
+so sanfte Glöckner ein feuerrotes Gesicht und wild rollende Augen
+sowie einen zappeligen Gang hatte, auch aus Versehen des öfteren die
+Andächtigen mit dem Klingelbeutel ans Ohr oder an die Nase stieß.</p>
+
+<p>In der Sakristei fragte der Pastor streng:</p>
+
+<p>»Krause, was war das heute während der Predigt für allerhand Störung?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span></p>
+
+<p>»Bitte um Verzeihung, Herr Pastor, ich mußte es tun; ich mußte ihn
+entlarven.«</p>
+
+<p>»Entlarven? Wen?«</p>
+
+<p>»Den Geizkragen — den Fahrig. Er ist der Knopfgeber. Ich hab's
+rausgekriegt. Erst habe ich die drei ersten Bänke abgesammelt, dann bin
+ich in die Sakristei gegangen und habe den Klingelbeutel ausgeschüttet,
+dann bin ich zu Fahrig zurück und habe ihn ganz allein was in den
+leeren Klingelbeutel stecken lassen, dann wieder nach der Sakristei,
+und da war der Knopf. Ich habe dem Fahrig den Knopf zurückgegeben und
+ihm gesagt: Solche Münze nehmen wir nicht an!«</p>
+
+<p>»Ja, Sie haben das ziemlich laut gesprochen. Die Umsitzenden werden es
+verstanden haben.«</p>
+
+<p>»Ich hatte leiser sprechen wollen, Herr Pastor; aber ich war zu
+aufgeregt.«</p>
+
+<p>»Hm,« sagte der Pastor nachdenklich, »eigentlich soll man wegen eines
+Hosenknopfes die Verkündigung des Wortes nicht stören. Aber einen argen
+Geizhals haben Sie entlarvt, das stimmt. Ich werde Herrn Fahrig heute
+noch hundertzwanzig Hosenknöpfe zurückschicken.«</p>
+
+<p>Das geschah und wurde zum Anlaß, daß Leonhard Fahrig aus der
+evangelischen Landeskirche Preußens austrat und Dissident wurde. Sein
+Auge strahlte, als er bedachte, daß er dadurch ja die Kirchensteuer
+spare, die für ihn immerhin drei Mark und fünfundzwanzig Pfennig für
+das Jahr betrug. Außerdem kamen die Nickel für den Opferteller in
+Wegfall; die Hosenknöpfe waren auch nicht ganz umsonst gewesen. Mochte
+der Pastor sein bißchen Kram immerhin bei dem jungen Konkurrenten
+kaufen, diesen Verlust würde die Firma Fahrig verschmerzen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span></p>
+
+<p>Es kauften von nun an aber sehr viele bei dem jungen Konkurrenten und
+zwar nicht nur die Angehörigen jener Gemeinde, sondern auch viele Leute
+anderer Konfession, denen der Filz zuwider geworden war.</p>
+
+<p>Umsonst beteuerte Fahrig, daß ihm zufällig ein Hosenknopf losgegangen
+sei, er diesen in sein Portemonnaie gesteckt und aus Versehen für
+den Klingelbeutel ergriffen habe. Niemand glaubte ihm; niemand hörte
+ihm gern zu, wenn er wetterte, die gläubigen Christen würden durch
+die Habgier der Pfaffen aus der Kirche hinausgedrängt. Als aber der
+Zorn über den argen Rückgang seines Geschäftes ihn zu solcher Torheit
+hinriß, daß er eines Tages einen Zettel an sein Schaufenster klebte:
+»Ausverkauf von hundertundzwanzig hochehrwürdigen Hosenknöpfen«, da
+hatte er in Altenroda vollständig verspielt.</p>
+
+<p>Wutschnaubend verkaufte Leonhard Fahrig sein Geschäft und zog in die
+Fremde. Die Altenrodaer Bürger lachten und ließen ihn ziehen. Sie waren
+einen ihrer drei Geizhälse los.</p>
+
+<p>Nutzanwendung: Geiz ist die Wurzel alles Übels! Das wahre Sprichwort,
+das durch diese und die zwei folgenden Geschichten beleuchtet werden
+soll, sei aufs neue allen denen eingeschärft, die geizig sind oder es
+zu werden beabsichtigen.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span></p>
+<h3>Der katholische Geizhals</h3>
+</div>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-307">
+<img class="w100" src="images/drop-307.jpg" alt=""></figure>er katholische
+Pfarrer von Altenroda predigte einmal:
+<p>»Es gibt kein Laster, gegen das so schwer anzukämpfen ist wie gegen
+den Geiz. Wenn ich gegen die Unzucht predige, so wird gar mancher und
+gar manche erröten; denn sie fühlen sich getroffen; den Trunkenbolden
+braucht man kaum erst zu sagen, daß sie Süfflinge sind, sie wissen
+es, und wenn sie einmal das graue Elend kriegen, heulen sie über sich
+selber; dem Hochmütigen, der sonst stolzen Sinnes glaubt, er sei
+überhaupt nicht sündhaft, sondern sich eben nur seines rechten Wertes
+bewußt, wird bei einer Armenseelenpredigt, bei der Schilderung von
+Grab und Vergängnis doch einmal weich und demütig zu Mute werden, wenn
+auch nur vorübergehend — der Geizige allein bleibt immer unbewegt;
+sein Herz ist von Stein. Jedes göttliche Samenkorn verdorrt auf diesem
+felsigen Ackerlande. Was der Geizige Gutes tut, tut er aus Berechnung;
+niemals ist seine Hand milde im stillen; die Not der Brüder läßt ihn
+ungerührt; das goldene Kalb ist der Götze, den er anbetet; wenn er
+könnte, machte er auf dem Sterbebette noch Geschäfte und feilschte mit
+dem Tischler um den Preis des eigenen Sarges. Er ist so verblendet, daß
+er sein jämmerliches Laster, das ihn zum Sklaven des Geldes erniedrigt,
+nicht erkennt, sondern sich nur für einen Mann hält, der eben sparsamer
+und klüger ist als die anderen. So schreibt er einen Gewinnposten
+zum anderen; der Teufel aber zieht sein Notizbuch und schreibt die
+Gegenrechnung; denn eher wird ein Tau<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span>
+durch ein Nadelöhr gehen, als ein Geiziger ins Himmelreich.«</p>
+
+<p>Als der Geistliche so predigte, saß unten im Kirchenschiff Herr
+Birnbaum und dachte: »O, wie predigt er wieder gut; o, wie hat
+er wieder recht!« Daß er selbst der ärgste Geizkragen der ganzen
+Pfarrgemeinde war, daß die Predigt hauptsächlich auf ihn zielte, daran
+dachte er nicht.</p>
+
+<p>Sein Herz war von Stein.</p>
+
+<p>Birnbaum war Beamter, hatte sich durch Streberei und rücksichtsloses
+Vordrängen hochgearbeitet und es trotz seines nicht bedeutenden
+Gehaltes zum Besitzer mehrerer Häuser gebracht. Den Grundstock
+zu seinem Vermögen, das er durch Spekulationen und Wucher eifrig
+vermehrte, hatte die Mitgift seiner Ehefrau gebildet, die ihm in jungen
+Jahren sechsunddreißigtausend Mark zubrachte, die höchste Summe, auf
+die Birnbaums Ehrgeiz damals gerichtet sein konnte. Diese Frau war so
+mordshäßlich, daß der Spiegel erblindete, wenn sie hineinsah, und die
+Vögel davonflogen, wenn sie auf die Straße trat, auch alle Säuglinge
+in den Kinderwagen zu brüllen anfingen, wenn sie vorüber ging. Frau
+Birnbaum hatte eine einzige Tochter, die fast ebenso häßlich war wie
+sie und die zum Unglück Helene hieß, so daß sie in ganz Altenroda »die
+schöne Helena« genannt wurde. Um dieses Mädchen tat es vielen Leuten
+leid; denn sie hatte nicht das harte Herz ihres Vaters und führte ein
+freudloses Dasein. Sie hatte fast nie freie Zeit, mußte Tag für Tag
+Handarbeiten machen, die an ein Geschäft in der Hauptstadt geliefert
+wurden, besaß keine Bücher, durfte nie zum Tanze gehen und trug immer
+unschöne, aber »unverwüstliche« Kleider.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span></p>
+
+<p>An Sommerabenden, wenn Helene noch über der Handarbeit saß und die
+Mutter im Hause wie eine Magd tätig war, beschäftigte sich Herr
+Birnbaum manchmal damit, Streichhölzer in zwei Teile zu spalten, damit
+von jedem Streichholz zweimal Feuer gewonnen werden könne. Im Winter
+gingen alle der Lichtersparnis wegen mit den Hühnern zu Bett.</p>
+
+<p>Als Helene vierundzwanzig Jahre alt geworden war (das ist gewöhnlich
+der Zeitpunkt, wo unvermählt und unverlobt gebliebene Mädchen anfangen,
+unruhig zu werden), dachte der Vater daran, ihr einen Mann zu besorgen.
+Er ging zunächst nur auf Geld aus, mußte aber bald zu seinem Leid
+erkennen, daß vermögende junge Männer zwar gegen Vermögen auf der
+anderen Seite im allgemeinen nichts einzuwenden haben, daß sie aber
+auf negative Reize der Braut um so weniger Wert legen, auch wenn
+ihnen gesagt wird, daß es sich um ein sehr sparsames, häusliches und
+bescheidenes Mädchen handle. Der junge Windikus Bomüller, der Sohn des
+Bankiers, war sogar so frivol, zu sagen: »Ach was, wenn sie häuslich,
+sind sie scheußlich«. Deswegen brach Herr Birnbaum seine geschäftlichen
+Beziehungen zu dem Bankhause aber doch nicht ab, erstens weil der
+Verkehr mit einer auswärtigen Bank sich kostspieliger gestaltet hätte,
+schon wegen des vielen Portos, und dann, weil bei Bomüller ein junger
+Mann war, der Herrn Birnbaum manchmal wertvolle Tips für An- oder
+Verkauf von Wertpapieren gab.</p>
+
+<p>Es erging Herrn Birnbaum bei seinem Männerfang so wie dem hoffärtigen
+Fischreiher, der am Flußrande saß und es durchaus unter einem Hechte
+nicht tun wollte,<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> die Karpfen, Schleien, Weißfische aber verschmähte.
+Als jedoch alle Karpfen, Schleien, Weißfische davongeschwommen waren,
+blieb dem Fischreiher nur ein Schlammpeizger übrig.</p>
+
+<p>Der Schlammpeizger Herrn Birnbaums hieß Rillmann und war der bewußte
+junge Mann aus dem Bankhause. Der Bengel war hübsch und in seinem Fache
+nicht unbegabt, besaß aber keinerlei Vermögen, offenbar auch keinen
+Sparsamkeitssinn; denn er brauchte nach Birnbaums Erkundungen sein
+Jahresgehalt von zweitausendvierhundert Mark glatt auf.</p>
+
+<p>Birnbaum überlegte, bis die schöne Helena sechsundzwanzig Jahre alt
+geworden war. Dann sagte sich der kluge Vater: Nun ist's hohe Zeit;
+die Verschwendungssucht werde ich dem Rillmann schon abgewöhnen,
+und was ihm an Vermögen fehlt, kann er mir, der Bescheid auf dem
+Geldmarkte weiß, der sogar manches Geheimnis erspüren kann, durch seine
+Fingerzeige ersetzen.</p>
+
+<p>Birnbaum machte sich an Rillmann heran, und als dieser endlich
+merkte, was der Geldmann mit ihm vorhatte, wurde er sehr bedenklich.
+Er kam in Zwiespalt mit sich selbst. Wenn er Birnbaums letzten
+Jahres-Bankabschluß immer und immer wieder las, sagte sich Rillmann
+jedesmal: »Ich nehm' sie!« Sah er aber das Mädchen selbst nur von fern,
+so schwur er bei sich: »Ich nehme sie nie und nimmer!« Als die Zeit
+schon auf Helenas achtundzwanzigsten Geburtstag zu marschierte, kam
+Rillmann zu dem endgültigen Entschlusse, die schöne Helena zu heiraten.
+Ein Freund, dem er sich anvertraute, hatte ihm dazu geraten.</p>
+
+<p>»Aber sie ist so fürchterlich häßlich!« seufzte Rillmann.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span></p>
+
+<p>»I was, häßlich!« sagte der Freund; »mit den zunehmenden Jahren wirst
+du kurzsichtig, da ist's dann nicht mehr so schlimm.«</p>
+
+<p>So kam die Sache ins Rollen, zum seligen Entzücken Helenas, die den
+hübschen, lustigen Rillmann unsäglich liebte.</p>
+
+<p>Vor dem Sonntag, an dem Rillmann bei Birnbaums einen »offiziellen
+Besuch in persönlicher Angelegenheit« angemeldet hatte, sagte der Mann
+zur Frau:</p>
+
+<p>»Weib, es nützt nichts, wir müssen Wein geben, wenigstens mal zum
+Anstoßen auf das Brautpaar.«</p>
+
+<p>Birnbaum hatte einmal bei einer Zwangsversteigerung, die einen armen
+Vorstadtrestaurateur betraf, zehn halbe Flaschen Moselwein gekauft,
+eine saure Sorte, von der aber Herr Birnbaum behauptete, sie würde
+mit jedem Jahre besser und lasse sich überdies durch einen Zuguß von
+Zuckerwasser veredeln. Nach Neujahr, wenn der Pfarrer, der Kaplan und
+der Küster zur Einsegnung der Wohnung kamen, wurde immer eine halbe
+Flasche geopfert. Die drei Herren nahmen zwar stets eine ablehnende
+Haltung an, aber Herr Birnbaum ließ es sich als der reichste Mann der
+Pfarrei nicht nehmen, die Geistlichkeit samt dem Küster gastfreundlich
+zu bewirten. Die Sache wurde dann so gemacht, daß Frau Birnbaum mit
+einem Tablett erschien, auf dem vier gefüllte Gläser standen, und daß
+sie jedem der drei Herren eines in die Hand gab, das vierte aber dem
+Gatten. Da die halbe Flasche nämlich nur drei Gläser abwarf, wurde
+Herrn Birnbaums Glas mit Wasser gefüllt, was nicht auffiel, da die
+Weingläser von grünlicher Färbung waren. Nach dem ersten Schluck, den
+er aus seinem Glase genommen<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> hatte, schnalzte Herr Birnbaum allemal
+mit der Zunge und sagte:</p>
+
+<p>»Es ist eine bekömmliche Sorte. Ich hab' den Wein von einer guten
+Firma, direkt aus der Originalkellerei. Er heißt ›Edelmarke‹.« Dann
+lächelten die Herren fein und tranken voll Mut und Gottvertrauen
+den Quietscher hinunter. Die Frage, ob noch ein Gläschen gefällig
+sei, verneinten sie eifrig und einstimmig und empfahlen sich. Das
+wiederholte sich in ungefähr derselben Weise zu jedem Neujahr.</p>
+
+<p>»Weib, wir müssen Wein geben,« sagte Birnbaum vor dem Verlobungssonntag
+zu seiner Frau. »Und diesmal trinken wir mit. Man verlobt schließlich
+seine einzige Tochter nicht alle Tage.«</p>
+
+<p>»Aber es sind nur drei Gläser in der Flasche,« warf Frau Birnbaum ein.</p>
+
+<p>»Richtig!« sagte der Mann; »nun, da muß eben doch wieder eines an
+Wasser glauben, und das ist, meine ich, Helena. Wer weiß, wie ihr der
+Wein bekäme, und außerdem gehen wir doch wohl als Eltern vor.«</p>
+
+<p>»Daß es nur kein Unglück bringt, wenn Helena mit Wasser anstößt.«</p>
+
+<p>Da wurde Birnbaum, der wie alle Geizhälse sehr abergläubisch war,
+bedenklich und beschloß heroisch, auch diesmal selber der Wassertrinker
+zu sein. Der Frau wolle er den Vorrang lassen. Sie sollte, wie immer,
+den Wein selber präsentieren, indem sie jedem sein Glas zureichte.</p>
+
+<p>Der Sonntag kam. Der Freier erschien, der in Todesangst seinen
+auswendig gelernten Spruch herunterjagte, wie einer, der fürchtet,
+stecken zu bleiben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span></p>
+
+<p>Papa Birnbaum spielte den Gerührten und Überraschten, sprach von den
+Talenten des jungen Mannes, von den Tugenden der Tochter, von eifrigem
+Streben, von weisem, sparsamem Haushalten, von damit verbundener
+gesicherter Zukunft, vom Zusammenarbeiten von Schwiegervater und
+Schwiegersohn und berief sich bei all diesen Ausführungen fleißig auf
+den lieben Gott. Nur von einem, auf das Rillmann am gespanntesten
+wartete, sprach Birnbaum nicht — von einer Mitgift. Da faßte der
+Freiersmann Mut und sagte:</p>
+
+<p>»Ja, Herr Birnbaum, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich von
+Haus aus ohne Vermögen bin, und von meinem kleinen Gehalte habe ich
+Ersparnisse nicht machen können. Jetzt beziehe ich jährlich im ganzen
+zweitausendsechshundert Mark; davon kann ich natürlich eine Frau und
+eventuell eine Familie nicht standesgemäß ernähren.«</p>
+
+<p>Birnbaum lächelte.</p>
+
+<p>»Mein Lieber,« sagte er, »das Wort ›standesgemäß‹ hat es in sich.
+Manche Leute leben über ihren Stand, die werden pleite; manche Menschen
+leben ihrem Stande gemäß, die machen keine Schulden, kommen aber auch
+zu nichts; manche Leute leben unter ihrem Stande, die werden reich.«</p>
+
+<p>»Das ist wohl richtig,« sagte Rillmann; »aber mit
+zweitausendsechshundert Mark Jahreseinkommen kann ich keinen Haushalt
+gründen.«</p>
+
+<p>»Sie wollen also über Ihren Stand leben?«</p>
+
+<p>Rillmann antwortete nicht; aber sein Gesicht bekam einen verbissenen
+Ausdruck, und er warf einen Blick nach der Tür. Da wurde Birnbaum
+ängstlich. Er erwog blitzschnell,<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> daß er eine jetzt gegebene Zusage
+nach der Hochzeit ja wieder zurücknehmen könne.</p>
+
+<p>»Herr Rillmann, Sie wissen, ich halte das Meinige zusammen. Vermögen
+bekommt Helena jetzt nicht. Das Mädchen will nicht ihres Geldes,
+sondern um ihrer selbst willen geheiratet sein. Schließen meine Frau
+und ich mal unsere müden Augen, wir sind ja immerhin beide schon
+dreiundfünfzig, so ist Helena die einzige Erbin. Das wissen Sie wohl.
+Ich schaffe nur für mein Kind. Immerhin gefällt es mir, daß Sie als
+Geschäftsmann auch an die materielle Seite der Sache denken. Ich will
+Ihnen entgegenkommen und zahle Ihnen monatlich einen Zuschuß von — nun
+sagen wir — von fünfundzwanzig Mark.«</p>
+
+<p>Als sich die Gesichtsform des jungen Mannes bei Nennung der Ziffer zu
+einem Grinsen verzerrte, setzte Birnbaum rasch hinzu:</p>
+
+<p>»Oder, wenn Ihnen das erforderlich erscheint, von fünfzig Mark. Sie
+werden sehen, Herr Rillmann, Sie kommen glänzend aus. Helena ist nicht
+umsonst mein Kind. Im übrigen ordnen wir das alles später.«</p>
+
+<p>Damit ging Birnbaum zur Tür, rief Frau und Tochter herein, um dem
+Freier weiter keine Zeit zur Überlegung und zu Einwendungen mehr zu
+lassen, umarmte die Frauensleute und sagte voll tiefer Rührung:</p>
+
+<p>»Denke dir, Helena, Herr Rillmann hat um deine Hand bei mir angehalten.«</p>
+
+<p>Das Mädchen stand mit sanft gerötetem Gesichte da; ein überirdisches
+Strahlen brach aus ihren kleinen, sonst so farblosen Augen, der
+Widerschein tiefinnersten Glückes verschönte sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span></p>
+
+<p>Die Mutter heuchelte auch ihrerseits freudige Überraschung, und Herr
+Rillmann führte nun den Entschluß aus, den er sich in schweren Kämpfen
+einsamer Nachtstunden abgerungen und für den er sich vor der Werbung
+in Gesellschaft seines Freundes bei einer Flasche edlen Weines Mut
+angetrunken hatte: er reichte Helena die Hand und küßte sie flüchtig
+auf den Mund. Über diesen feierlichen Akt vergoß Frau Birnbaum eine
+Menge von Tränen.</p>
+
+<p>Als aber nach dem Kuß eine Pause verlegenen Schweigens eintrat,
+klatschte Birnbaum in die Hände und sagte:</p>
+
+<p>»Nun aber genug des Weinens und der Abküsserei. Hole Wein, liebe Frau!
+Das müssen wir feiern!«</p>
+
+<p>Frau Birnbaum entfernte sich und kam ungeschickterweise schon nach kaum
+einer Minute mit vier Gläsern, die draußen gefüllt bereit gestanden
+hatten, zurück. Herr Birnbaum warf ihr für diese Tölpelei, die alles
+verriet, einen so zornigen Blick zu, daß die Frau verwirrt wurde und
+die Gläser klirrten. Herrn Rillmann aber war die eine Minute in der
+Gesellschaft seiner Braut schon so lang geworden, daß er von dem
+verunglückten Manöver nichts merkte.</p>
+
+<p>Frau Birnbaum reichte jetzt jedem ein Glas, nahm sich das letzte, und
+nun rief Birnbaum aus:</p>
+
+<p>»Wir trinken auf das Wohl des jungen Brautpaares. Wir wünschen euch,
+liebe Kinder, daß eure Ehe so glücklich werden möge, wie die unsere
+immer war. Das Brautpaar lebe hoch — hoch — hoch!«</p>
+
+<p>Alle tranken. Aber schon nach dem Ansetzen sah Birnbaum seine Frau
+erschreckt an. Das, was er trank, war nicht Wasser — es war Wein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p>
+
+<p>Was war das? Was bedeutete das?</p>
+
+<p>Nun sah Birnbaum auf den Bräutigam. Der stand mit einem so verdatterten
+Gesicht da, blickte so entgeistert in sein Weinglas, daß dem Brautvater
+eine grausige Ahnung aufstieg.</p>
+
+<p>Die Frau hatte die Gläser verwechselt, dem Bräutigam das Glas mit dem
+Wasser gereicht.</p>
+
+<p>Betroffen saßen alle im Kreise. Der Bräutigam stierte immer in sein
+Glas, als ob er einen verhexten Pokal in der Hand halte. Plötzlich
+stand er auf und sagte in Verwirrung:</p>
+
+<p>»Meine Herrschaften, ich muß mich jetzt empfehlen. Ich muß erst mal
+nach Hause.«</p>
+
+<p>Keine Widerrede half. Rillmann ging.</p>
+
+<p>Birnbaum tobte mit seiner Frau wie ein Berserker; die Frau weinte,
+Helena hatte Herzkrämpfe.</p>
+
+<p>Am Nachmittag schon kam Rillmanns Absage.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Geschichte der armen Helena ist sehr traurig ausgegangen. Das
+Mädel, dem ein einziges Mal im Leben die große goldene Sonne des
+Glückes aufgegangen war, konnte es nicht verwinden, daß diese Sonne
+so bald wieder unterging. Im Herbste begann sie zu husten. Als der
+Husten den Hausmitteln, die angewendet wurden, nicht wich, machte
+Frau Birnbaum schüchtern den Vorschlag, man möge doch mal <em class="antiqua">Dr.</em>
+Schicketanz befragen. Sie wurde rauh abgewiesen.</p>
+
+<p>»<em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz! Was der für Rechnungen schreibt. Wegen einer
+Erkältung gleich zum Doktor laufen! Ich hab' wohl mein Geld auf der
+Straße gefunden?«</p>
+
+
+<p>So<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 3153]</span> blieb es. Erst im Frühjahr, als sich ihr Zustand immer mehr
+verschlimmerte, wurde Helena zum Arzte geschickt.</p>
+
+<p><em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz, der ein guter Arzt, aber ein etwas
+rücksichtslos offener Mann war, sagte zu der Mutter:</p>
+
+<p>»Es ist ein Skandal, daß Sie mit dem Mädchen erst jetzt zu mir kommen.
+Nun aber dalli in die Lungenheilanstalt! Ob's noch was helfen kann,
+steht dahin. Ich glaube nicht!«</p>
+
+<p>Nein, es half nicht mehr. Schon nach drei Monaten schickte die Anstalt
+die Kranke nach Hause. Hoffnungslos. In ihren letzten Leidenstagen
+sprach Helena öfters in Traum und Fieber laute Worte, denen Vater und
+Mutter erschüttert lauschten:</p>
+
+<p>»Ich bin nicht mehr häßlich ... ich bin schön ... ich habe große Augen
+und glänzende braune Haare ... ich habe ein gutes seidenes Kleid und
+eine goldene Kette ... ich habe Lackschuhe und ich kann tanzen ... ich
+habe einen Fächer ...«</p>
+
+<p>»O, er kommt, er kommt wieder und sieht, wie schön ich bin. Und er
+liebt mich. Wir trinken den ganzen Abend guten Wein.«</p>
+
+<p>Schmerzlos neigte die arme Schattenblume, der Zeit ihres Lebens Schmelz
+und Glanz versagt geblieben waren, eines Abends das Köpfchen und starb.</p>
+
+<p>Einen Tag nach dem Begräbnis stand Birnbaum vor seinem Geldschrank,
+schlug mit den Fäusten an die stählerne Tür und schrie in Verzweiflung:</p>
+
+<p>»Wofür? — Wofür?«</p>
+
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span></p>
+<h3>Der jüdische Geizhals</h3>
+</div>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-321">
+<img class="w100" src="images/drop-321.jpg" alt=""></figure>inkus.
+
+<p>Er stammte aus Brzezany.</p>
+
+<p>Das liegt in Ostgalizien.</p>
+
+<p>Noch hinter Lemberg.</p>
+
+<p>Daran ist nichts auszusetzen; denn selbst hinter Lemberg müssen doch
+Leute wohnen. Auch: warum soll einer nicht Pinkus heißen und aus
+Brzezany stammen? Aber die Altenrodaer Bürger schimpften darüber,
+daß Pinkus aus Brzezany sich in ihrer Stadt niedergelassen und seine
+ostgalizische Kultur in Form einer »Gemischtwarenhandlung« dort hatte
+in Erscheinung treten lassen. Die Bürger von Altenroda waren zum
+großen Teil stramme Antisemiten, sie schimpften auf den Juden, machten
+Witze über seinen Namen, seine Herkunft und sein Aussehen, und wenn
+sie einigen alten unnützen Kram zu verkaufen hatten, bestellten sie
+heimlich den Pinkus und suchten noch so viel von ihm herauszuschinden,
+wie es bei solchem Trödel und solchem Käufer eben möglich war. Auch
+borgten manche bei ihm Geld.</p>
+
+<p>Pinkus stand sich in solcher Gemeinde glänzend. Er kaufte alles
+zusammen, was ihm unter die Finger kam. Der Apotheker hatte einmal
+bei einem Faschingsfeste der »Harmonie« eine alphabetische Aufzählung
+des Pinkusschen Warenbestandes zum Besten gegeben: Armleuchter,
+Abortspapiere, Betschemel, Bartflechtenmittel, Cypernwein,
+Cäsarenwahnsinn (antiquarisch von Quidde), Dörrgemüse, Daunenfedern,
+Emaillegeschirr, Einreibe, Feigen, Fichtes Reden, Heiligenbilder,
+Hosenträger usw.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span></p>
+
+<p>Acht Tage nach dem Faschingsfeste der »Harmonie« kam Pinkus zu dem
+Apotheker und sagte:</p>
+
+<p>»Herr Doktor Apotheker, ich bedanke mer for den schönen Witz, was der
+Herr Doktor Apotheker gemacht haben mit mir armen Mann. Ich habe in der
+letzten Woche gemacht ausgezeichnete Geschäfte!«</p>
+
+<p>Als Pinkus gegangen war, sagte sich der Apotheker:</p>
+
+<p>»Ich bin ein Esel! Ich habe für den Mann Reklame gemacht.« Niemand
+widersprach, da niemand da war.</p>
+
+<p>Also, halb Altenroda schimpfte auf Pinkus, und ganz Altenroda machte
+gelegentlich Geschäfte mit ihm. Pinkus stand sich gut dabei. Er
+überragte an Geschäftsklugheit sämtliche Bürger der Stadt, und da
+geistige Überlegenheit immer Neid erzeugt, freute sich die gute Stadt
+Altenroda, als es eines Tages gelang, den wirklich geizigen und
+schachersüchtigen Pinkus hineinzulegen. Der Held, dem die Ehre zufiel,
+war ein armer Musiker, der Sonnabends und Sonntags im »Bleiernen Hecht«
+zum Tanze aufspielte, zwischendurch mal in einer Familie zur Hochzeit
+oder beim fünfzigsten Geburtstag und sich sonst durch Privatstunden (zu
+sechzig Pfennigen) sein tägliches Armeleutebrot zusammenfingerte.</p>
+
+<p>Und nun kommt die Geschichte.</p>
+
+<p>Pinkus hatte eine Baßgeige gekauft. Er hatte zwar keine Ahnung von
+Musikinstrumenten, aber warum sollte er auf der Auktion die Baßgeige
+nicht kaufen, wenn er sie billig bekam?</p>
+
+<p>Es hatte aber auf der Auktion auch ein Musikant auf die Baßgeige
+gesetzt. Sechzig Mark hatte der arme Teufel im Beutel, und als Herr
+Pinkus einundsechzig Mark bot, mußte der andere das hübsche Instrument
+im Stich lassen.<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> Traurig erzählte der Musikus im »Bleiernen Hecht«
+sein Mißgeschick den Kameraden.</p>
+
+<p>»Laß mich nur machen,« sagte nach einer Pause tiefen Nachsinnens der
+eine.</p>
+
+<p>Nächsten Tag ging dieser Mann zu Pinkus.</p>
+
+<p>»Herr Pinkus,« sagte er, »ich bin ein Musiker und habe gehört, daß
+sie eine Baßgeige zu verkaufen haben. Ich habe zwar schon eine gute
+Baßgeige, aber ich möchte eine — sozusagen — eine zweite Baßgeige als
+Reserve anschaffen.«</p>
+
+<p>»Reserve is gut gesprochen,« sagte Herr Pinkus; »jeder gediegenete
+Musiker hat Baßgeige auf Reserve. Sie soll'n se sehen.« Und er zeigte
+ihm die Baßgeige und sprach dazu: »Ein hochmodernes, ein haltbares und
+elegantes Instrument. Kostet mich auf Ehrenwort selber hundertzwanzig
+Mark ohne die Spesen, aber weil ich sehe, daß Sie sind ein begabter
+junger Musiker, will ich Ihnen verkaufen die Baßgeige mit minimalem
+Profit for hundertdreißig Mark.«</p>
+
+<p>»Für hundertdreißig Mark ist so ein Instrument geschenkt«, sagte der
+Käufer, wobei sich Pinkus erschrocken ins Bein zwickte.</p>
+
+<p>»Aber,« fuhr der Musikus fort, »probieren muß ich die Baßgeige erst.
+Denn die Hauptsache ist der Ton, und den kann man von außen nicht so
+genau beurteilen.«</p>
+
+<p>»Sie soll'n se probieren. So e feine Baßgeige nach der letzten
+Mode, wo Sie selber haben gesagt, ich bin e Dammel, daß ich se for
+hundertdreißig Mark losschlag'! Geigen Se los!«</p>
+
+<p>Der Musiker nahm die Baßgeige und fing an, darauf herumzugeigen. Pinkus
+machte ein verklärtes Gesicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span></p>
+
+<p>»Klingt se nicht lieblich? Klingt se nich schick und adrett? Sitzt nich
+jeder Ton wie angegossen? Meiner Lebtage habe ich noch kei so feine
+Musik gehört.'s Herz im Leibe lacht einem. Na, was zulegen werden Se.
+Sagen wir rund hundertfünfzig Mark; ich seh', Sie sein e anständiger
+Mensch und e gediegener Musikus, Se verlangen nischt umsonst.«</p>
+
+<p>»Für hundertfünfzig Mark ist das Instrument geschenkt,« sagte der
+Musiker und wieder kniff sich Herr Pinkus wütend ins Bein.</p>
+
+<p>»Ausgemacht is noch nischt,« rief er; »ich hab' überhaupt keine festen
+Preise. Geben Se dreihundert und Se sollen de Geige haben!«</p>
+
+<p>Der Musikant nickte nur, ganz in sein Spiel versunken, mit dem Kopfe.</p>
+
+<p>Plötzlich stutzte er ...</p>
+
+<p>Holloh, was ist das ...?</p>
+
+<p>Er spielte die letzte Passage noch einmal — Nanu? Zum Donnerwetter,
+das ist ja — Er spielte die Passage zum dritten Male ...</p>
+
+<p>»Alle Hagel!«</p>
+
+<p>»Was is denn? Was tun Se sich denn?«</p>
+
+<p>»Herr Pinkus, ich glaube, ich glaube ...«</p>
+
+<p>»Was glauben Se? Was glauben Se uff eemal von de gute Baßgeig'?«</p>
+
+<p>»Herr Pinkus, Herr Pinkus, mir ahnt was Schreckliches!«</p>
+
+<p>Der Musikant spielte noch einmal — zweimal, drei-, viermal eine
+fürchterliche Passage, dann sagte er erbleichend:</p>
+
+<p>»Herr Pinkus, es fehlt ein Ton!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span></p>
+
+<p>»Was fehlt?«</p>
+
+<p>»Ein Ton! Es ist ein Ton zu wenig auf der Baßgeige! Und gerade der
+wichtigste. Sie ist unvollständig!«</p>
+
+<p>»Sind Se meschugge, Mensch? Uff so eener feinen Baßgeige wird e Ton
+fehlen? Sie, Sie, Sie — Musikus Sie!«</p>
+
+<p>»Herr Pinkus, ich kann mir nicht helfen — er fehlt.«</p>
+
+<p>»Nu, zum Deixel, da sehn Se doch erst mal genauer nach.«</p>
+
+<p>»Das will ich gerne tun, Herr Pinkus, gerne!«</p>
+
+<p>Und der Musikant rasselt noch einmal die Passage ab, schüttelt den
+Kopf, steht auf, geht rund um die Baßgeige herum, betrachtet sie von
+allen Seiten, klopft ihr schließlich auf den Rücken und geigt wieder.</p>
+
+<p>»Er fehlt, Herr Pinkus, er fehlt! Aber warten Sie noch! Gedulden Sie
+sich noch!«</p>
+
+<p>Er schraubt an den Wirbeln, geigt, probiert, schraubt wieder, zerrt an
+den Saiten, geigt nochmals ...</p>
+
+<p>»Nichts zu machen, Herr Pinkus, der Ton fehlt!«</p>
+
+<p>»Aber — aber zum Deixel, was denn fer e Ton? Wieviel Tön' gehören denn
+zu e Baßgeige?«</p>
+
+<p>»Fünfundzwanzig, Herr Pinkus! Fünfundzwanzig! Und da sind bloß
+vierundzwanzig, hören Sie, der fehlt!«</p>
+
+<p>Er geigt langsam vierundzwanzig Töne, dann rutschen seine Finger
+herunter, und er summt nur mit dem Munde was Tiefes, Brummiges.</p>
+
+<p>»So, der fehlt! Der fünfundzwanzigste. Der tiefste und gerade für die
+Baßgeige der wichtigste — der fehlt! Das ist schrecklich!«</p>
+
+<p>»Aber wieso? Wie kann er fehlen? Wo ich das Instrument aus einer der
+besten, leistungsfähigsten neuzeitlichen<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> Firmen for Musik bezogen
+habe. Wie kann er fehlen?«</p>
+
+<p>»Weiß nicht, Herr Pinkus! Ihnen zuliebe will ich einen letzten Versuch
+machen.«</p>
+
+<p>Der Musikant zieht ein Stück Kolophonium aus der Tasche, wichst wie
+rasend den Bogen, rückt den Steg, schraubt an den Wirbeln, geht um die
+Baßgeige, pocht abermals an ihren Rücken, schüttelt sie heftig hin und
+her und geigt dann und sagt:</p>
+
+<p>»Es ist beim besten Willen nischt zu machen, Herr Pinkus, der Ton
+fehlt. Die Baßgeige sieht äußerlich großartig aus, innerlich is sie ein
+Krüppel!«</p>
+
+<p>»Wieso 'n Krüppel? Wegen den einen Ton?«</p>
+
+<p>»Herr Pinkus, Sie sind ja gewiß sehr musikalisch. Aber haben Sie
+schon mal die Geschichte vom Stradivarius gehört? Nicht? Also, der
+Stradivarius war der größte Baßgeigenkünstler, der auf der Welt gelebt
+hat. Er war ein Spanier. Und er hatte eine Baßgeige, die kostete,
+sage und schreibe, dreißigtausend Mark. Die hatte ihm die Königin von
+Spanien von einem alten Zigeunerprimas gekauft. Was ist passiert? Der
+Zigeuner war ein Lump. Eines Tages stellte sich heraus, daß ein Ton
+fehlt, und Stradivarius und die Königin von Spanien sitzen blamiert und
+mit hängenden Ohren da, und die Baßgeige, die dreißigtausend Mark, sage
+und schreibe dreißigtausend Mark gekostet hat, is keine hundert wert.«</p>
+
+<p>»Aber, das is ja meschugge,« schreit Pinkus. »Das is doch keine reelle
+Rechnung. Wenn auf einer kompletten Baßgeige fünfundzwanzig Töne sein
+sollen und einer fehlt, da können doch abgehen höchstens vier Prozent.«</p>
+
+<p>»Nee, Herr Pinkus, bei Baßgeigen is das anders. Wenn<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> da een Ton fehlt,
+da läßt sich überhaupt keen richtiges Konzert mehr mit machen. Immer,
+wenn der Ton kommen soll, hüppt die Geschichte, wie bei einer kaputen
+Leier, und da pfeift einen ein gebildetes Publikum aus. Nich einmal
+für Tanzmusik auf'm Dorf is so 'ne Baßgeige zu gebrauchen. Die Tänzer
+kommen ja alle aus 'm Tritt.«</p>
+
+<p>Pinkus schwitzte.</p>
+
+<p>»Mein Lieber,« sagte er; »ich sehe, Se woll'n mir bloß was abschachern.
+Also sagen wir hundertfünfzig Mark, wie's am Anfang war.«</p>
+
+<p>»Nee, Herr Pinkus, für ein' Musiker is die Baßgeige total unbrauchbar.
+Ich bin doch nich so dumm wie der Stradivarius! Das Möbel da, das könn'
+Sie höchstens an einen Holzhändler verkaufen.«</p>
+
+<p>Pinkus dampfte.</p>
+
+<p>»Vielleicht — vielleicht als Wanddekoration,« keuchte er.</p>
+
+<p>»Na, ja, aber die Leute, die sich die Wände mit Baßgeigen dekorieren,
+die geh'n ja dünne.«</p>
+
+<p>»Gibt's schon,« sagte Herr Pinkus schnaufend, »gibt's schon! Also, was
+geben Se freiwillig?«</p>
+
+<p>»Nischt, Herr Pinkus, nischt! Was soll ich mit 'ner kaputen,
+unvollständigen Baßgeige?«</p>
+
+<p>»Also, geben Se mir achtzig Mark; fertig sind wir!«</p>
+
+<p>»Herr Pinkus! Auf Wiedersehen!«</p>
+
+<p>Er ging wirklich. Pinkus wartete ab; als aber der Musikant um die
+nächste Ecke verschwand, eilte er ihm nach.</p>
+
+<p>»Also, wenn schon der tiefste Ton fehlt, Se brauchen doch die Baßgeige
+bloß zur Reserve. Können Se se nich gebrauchen for die höheren Stücke?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span></p>
+
+<p>»Höhere Stücke sind bei Baßgeigen sehr selten,« sagte der Musikant
+kühl. »Aber damit Sie nicht ganz um Ihr Geld kommen, will ich Ihnen
+zwanzig Mark zahlen.«</p>
+
+<p>»Sagen Se sechzig Mark!«</p>
+
+<p>Sie redeten hin und her und einigten sich schließlich auf dreißig Mark.
+Der Musikant holte sich die Baßgeige, und Pinkus warf die Tür krachend
+hinter ihm ins Schloß.</p>
+
+
+<hr class="r65">
+
+<div class="chapter">
+<h2>Zwei Idyllen</h2>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h3 class="nobreak" id="Der_Briefkasten">Der Briefkasten</h3>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span></p>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-333">
+<img class="w100" src="images/drop-333.jpg" alt=""></figure>och am
+Ochsenkopf und noch dazu abseits vom Hauptwege liegt eine
+weltverlorene Kolonie, die Weberhäuser. Die Leute, die in den neun
+verstreuten Häuslein dort leben, haben nur mit Altenroda etliche
+Verbindung. Was über Altenroda hinausliegt, geht sie nichts an.
+
+<p>Im letzten Jahre aber waren fünf Sommergäste, welche angeblich die
+absolute Einsamkeit, in Wirklichkeit die absolute Billigkeit suchten,
+in den Weberhäusern gewesen. Ende August waren die Gäste abgereist und
+die Weberhäuser waren so einsam wie immer.</p>
+
+<p>Was, dachte der einzige Spatzenmann, der in den Weberhäusern wohnte,
+am Anfang Oktober, ich mach's wie im vorigen Winter, ich niste in dem
+Briefkasten. Der Briefkasten ist ein gutes, festes Häuslein, sicherer
+als diese windigen Starkästen, und ungestört ist man auch. Besprach
+sich also mit seinem Weibe.</p>
+
+<p>»Blech ist zu kalt,« sagte diese.</p>
+
+<p>»Rede kein Blech, Weib,« sprach der Mann unwillig. »Blech ist fest. Das
+ist die Hauptsache. Rin in den Kasten!«</p>
+
+<p>Dann krochen sie durch einen Spalt, über dem »Einwurf« geschrieben
+stand, und sahen sich im Kasten um. Ein reizendes Schlafgemach, von
+schwach bläulichem Lichte erfüllt. Unten war ein kleines Schild
+angebracht, wie ein Transparent, da stand »Sonnabend« darauf zu lesen.</p>
+
+<p>»Mann, hier liegt was,« sagte das Weib. Es war ein dicker Brief, auf
+dem mit roter Schrift stand: »Eilt!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span></p>
+
+<p>»Der ist gut,« sagte der Mann, »der ist dick und federt wie eine
+Matratze.«</p>
+
+<p>Dann flogen sie aus, stahlen Stroh, stahlen Heu, zupften Moos und
+sammelten Laub, und bald war die Wohnung ausgestattet. Als der Abend
+kam, und der Wind grimmig pfiff, lachte das Spatzenpaar in seinem
+sicheren Hause und hörte mit Behagen den Regen auf sein Dach tropfen.</p>
+
+<p>Am selben Abend saß der Weber Bieselt, an dessen Hause der Briefkasten
+angebracht war, unten in Altenroda im »Bleiernen Hecht« und der
+Briefträger gab ihm einen Schnaps zum besten und sagte: »Also,
+Bieselt, wenn diesen Winter wirklich jemand mal bei Euch was in den
+Briefkasten stecken sollte, da laßt mich's wissen. Ich komm dann rauf,
+um zu leeren; denn Pflicht ist Pflicht.« Der Briefträger machte ein
+entschlossenes Beamtengesicht, als er das sagte.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Den Sperlingen ging's gut. Die Kost war schmal, aber das Haus war
+prächtig. Einmal aber in stiller Nacht, als beide geruhsam schliefen,
+hörten sie leise Schritte ... eine Hand tastete nach dem Kasten ... ein
+keuchendes Atmen hörte man ... dann flog ein Brief in den Spalt, flog
+gerade auf das erschrockene Ehepaar.</p>
+
+<p>»So eine Gemeinheit!« schimpfte der Mann, als er sich von dem schweren
+Schlage erholt hatte; »ich muß sehen, wer das war.«</p>
+
+<p>Er flog auf Kundschaft und kam bald zurück.</p>
+
+<p>»Die schwarze Liese, die dumme Gans! Der steckt der Dragoner im Kopfe,
+der auf Ernteurlaub war, und nun schreibt sie ihm. Paßt sich das?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span></p>
+
+<p>Nein, nein, schüttelte das Weib ihr Gefieder, das passe sich ganz und
+gar nicht. Darauf trampelte der Mann wütend auf dem Briefe mit den
+Füßen herum und sagte:</p>
+
+<p>»Hilf, Weib! Wir buddeln den Brief unter.« Und sie buddelten ihn unter.</p>
+
+<p>Zehn Tage später flog wieder in tiefer Nacht ein Brief durch die
+Spalte. Der Spatz war rasend, flog auf Kundschaft aus und kam bald
+zurück.</p>
+
+<p>»Die Hubrichen, die alte Schwarte. Die schreibt gewiß an den Pinkus,
+daß sie die Zinsen nicht bezahlen kann! Hilf, Weib, wir buddeln den
+Brief unter!« Und sie buddelten ihn unter.</p>
+
+<p>Am nächsten Freitag, schon vor Aufgang des Mondes, flog abermals ein
+Brief durch die Spalte. Der Spatz hätte mit den Zähnen geknirscht, wenn
+er welche gehabt hätte, flog auf Kundschaft aus und kam bald zurück. Er
+war blaß vor Zorn.</p>
+
+<p>»Die Heinisch Selma, das Schaf, die schreibt auch an den Dragoner,
+der auf Ernteurlaub da war.« Und in höchster Entrüstung buddelten die
+beiden den Brief unter.</p>
+
+<p>Zwei Tage später aber sauste schon wieder in später Stunde ein Brief
+durch die Spalte und eine leise Stimme draußen sagte: »Wenn mich bloß
+niemand sieht!«</p>
+
+<p>»Das Dorf hat die Schreibwut,« schrie der Spatz, flog auf Kundschaft
+und berichtete, daß es die Häuslerin Steinert sei, die ohne Wissen
+ihres Mannes ihrem Jungen Geldbriefe schicke.</p>
+
+<p>Ende November kam ein Kind geschlichen, das einen Brief ans Christkind
+dem Spatzenpaare auf die Köpfe warf. Alles wurde untergebuddelt.</p>
+
+<p>Als aber Mitte Dezember die Hübner Frieda mit einem<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> Briefe an den
+Dragoner, der auf Ernteurlaub gewesen war, angeschlichen kam, wurde der
+Spatz tobsüchtig.</p>
+
+<p>Er riß das Lager auf, Brief um Brief empor und warf unter athletischer
+Anstrengung sämtliche Briefe mit Hilfe seines Weibes zur Spaltöffnung
+hinaus.</p>
+
+<p>Am anderen Morgen trat der Weber aus dem Hause, sah die vielen Briefe
+im Schnee liegen, stieß einen Quieker aus, steckte alle Briefe wieder
+in den Kasten und sandte drei Tage später einen Eilboten an den
+Briefträger nach Altenroda.</p>
+
+<p>Dieser kam schon vor Ablauf der nächsten Woche an, den Kasten zu
+leeren. Die Sperlinge aber waren inzwischen ausgezogen; denn durch die
+Papierlawine, die der Weber in den Kasten geworfen hatte, wären sie
+beinahe zerquetscht worden.</p>
+
+<p>Der Briefträger leerte den Kasten, sah den Haufen Stroh, Heu, Federn,
+Moos und verschiedene andere Andenken der Spatzen und sagte mit einem
+amtlichen Blick auf den Weber: »Das Einwerfen fremder Gegenstände in
+öffentliche Postkästen ist verboten!«</p>
+
+<p>Der Weber entgegnete nichts. Der Spatz aber meinte:</p>
+
+<p>»Heutzutage mag der Geier ein Sperling sein. Nicht mal im Briefkasten
+mehr hat man Ruhe!«</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span></p>
+<h3>Hero und Leander</h3>
+</div>
+
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-339">
+<img class="w100" src="images/drop-339.jpg" alt=""></figure>ie beiden
+Esel hießen Hero und Leander. Esel haben oft hochtrabende
+Namen. Der Kutscher von Hero und Leander hieß Dröselmann. Alle drei
+waren städtische Angestellte von Altenroda.
+
+<p>Hero und Leander hatten einen kleinen Wagen durch die Anlagen
+der Stadt zu ziehen, Müll abzufahren, manchmal etwas Gartengerät
+herbeizuschaffen, auch ein Fuderlein Sand oder Dünger zu befördern,
+und sie taten unter Führung ihres Kutschers Dröselmann das alles in
+gemessener, durchaus unüberhasteter Weise. Niemals gingen sie am
+»Bleiernen Hecht« vorüber. Sie blieben vor dem Wirtshause stehen und
+zwangen förmlich ihren Kutscher, einzukehren und seinen Schnaps zu
+trinken. Ein paarmal kam es dann vor, daß die Esel mit dem Wagen allein
+weiterfuhren und den Grünzeughändlern ihre Geschäftsauslagen, wie
+Kohlköpfe und Möhren, die vor der Tür ausgestellt waren, auffraßen, was
+Anlaß zu Geschimpfe und Beschwerden gab. Das alles aber war den Eseln
+egal. Sie hatten wenig Rechtlichkeitssinn.</p>
+
+<p>Auch an der ersten Promenadenbank blieben die Grauen immer halten.
+Diese Bank hieß »Neubergers Ruh«. Professor Neuberger hatte viel
+Verdienste um die städtischen Anlagen von Altenroda, so daß man
+ihn durch Anbringung einer Tafel geehrt hatte, welche der ersten
+Promenadenbank seinen Namen gab.</p>
+
+<p>Seit sich der zerstreute Gelehrte einmal auf ein Butterbrot gesetzt
+hatte, das ein Kind auf der Bank liegen gelassen hatte, versäumten
+humorliebende Gymnasiasten<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> nie, auf dem Schulwege eine Butterstulle
+auf »Neubergers Ruh« als Falle zu deponieren, was den hellen Hosen des
+Professors noch verschiedentlich häßliche Flecken einbrachte.</p>
+
+<p>Die beiden Esel Hero und Leander aber lungerten jeden Morgen auf das,
+was die anderen Esel, die nun in der Schule festsaßen, auf der Bank
+hinterlassen hatten. Lohnte sich der Fund, dann machte Dröselmann
+Halt, kratzte alle Butter mit dem Messer in eine Stullenecke zu einem
+Schlemmerbissen für sich selbst zusammen und verfütterte das Brot an
+seine Getreuen. Als die Gymnasiasten von solchem Tun Wind bekamen,
+ärgerten sie sich und schwuren Dröselmann und seinen Langohren Rache.</p>
+
+<p>An einem wunderschönen Juni-Nachmittage hatte sich Dröselmann, der ein
+bißchen lange im »Hecht« gesessen hatte, unter einem Baume, der an der
+Grenze zwischen Promenade und Eulenwald stand, schlafen gelegt. Die
+beiden Esel versanken in milde Träumereien. Es war alles so friedlich,
+daß niemand an die Nähe eines bösen Feindes geglaubt hätte. Und doch
+schlich er heran, und zwar in Gestalt des Obertertianers Müller III.
+Dieser berühmte Fährtensucher und Krieger, der in seinem Araberstamme
+den Namen »Vater der Stille« führte (wodurch seine Gewandtheit im
+Anschleichen angedeutet werden sollte), hatte vom Eulenwalde aus
+das Gespann und den schlafenden Kutscher erspäht und sich sofort
+angeschlichen, um festzustellen, ob Dröselmann auch wirklich schlafe,
+und ob da irgend etwas zu machen sei.</p>
+
+<p>Der Eselmann Leander öffnete das linke Auge zu einem Blinzeln, stellte
+auch das linke Ohr etwas senkrecht und versuchte mit einem kleinen
+Schnaufer des linken Nasenloches<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> nach der Richtung, wo Müller III
+anschlich, Witterung zu bekommen. Die rechte Hälfte Leanders schlief
+weiter.</p>
+
+<p>»Liebe Frau,« sagte nach einiger Zeit Leander, »ich glaube, es kommt
+jemand.«</p>
+
+<p>»Laß mich in Ruh,« schimpfte die Frau und schlug dem störenden Eheherrn
+die Schwanzquaste auf den Rücken.</p>
+
+<p>»Weib, da drüben ist was nicht recht richtig,« flüsterte der Mann.</p>
+
+<p>»Du sollst mich in Ruhe lassen,« schnaubte die Gattin und stieß mit dem
+Hinterfuße nach dem Manne.</p>
+
+<p>»Aber Herochen,« klagte der Mann, »ich dachte doch nur ...«</p>
+
+<p>»Du sollst nicht denken! Schlaf!«</p>
+
+<p>Und er schlief, sowohl mit der rechten als auch mit der linken Seite;
+denn er war ein Esel und folgte dem Weibe.</p>
+
+<p>Der »Vater der Stille« war jetzt nur zwei Schritte von dem Kopfe
+Dröselmanns und überzeugte sich, daß dieser in tiefem Schlafe lag. Dann
+schlich er zurück und rannte, als er sich sicher glaubte, nach dem
+Eulenwalde, wo unter der Querkaeiche sein Stamm, die Hullah-Araber,
+lagen. (Indianer spielen galt den Tertianern von Altenroda für
+zu albern; so was machten höchsten die Quartaner und die noch
+tieferstehenden Jahrgänge, mit denen man keine Fühlung hatte. Von
+Tertia an war man räuberischer Beduine.)</p>
+
+<p>»Hört mich an,« sagte der ›Vater der Stille‹; ich, euer Scheich, habe
+erkundet, daß dieser Giaur, welcher sich Dröselmann nennt, schläft.
+Allah versenkte ihn in den Schlaf der Ungerechten, welche sich mit
+giftigen Getränken,<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> die uns Rechtgläubigen verboten sind, berauschen.
+Die Stunde der Rache ist gekommen. Dieser Giaur hat uns wiederholt des
+täglichen Brotes beraubt, womit wir unseren Erzfeind, den Professor
+Neuberger, anlocken wollten. Allah schicke den Hund von Professor, der
+mir erst in der Osterzensur wieder ›mangelhaft‹ in der Naturkunde gab,
+in die tiefste Dschehenna!«</p>
+
+<p>»Allahu ekber,« murmelten die Krieger.</p>
+
+<p>»Was tut ein freier ben Arab?« fuhr der Scheich fort. »Er nimmt
+dem Feinde zunächst seine Rosse. Tapfere Krieger, edle Söhne des
+ruhmbedeckten Stammes der Hullah-Araber, sprecht mit mir die heilige
+Fatha, die erste Sure des Korans, und dann brecht mit mir auf, daß wir
+den Sieg an unsere Fersen heften und den Feind seiner Rosse berauben.«</p>
+
+<p>Da rief der ganze Stamm: »Hamdullilah, Hamdullilah!« und tanzte um das
+Feuer, das entzündet war, in wilder Freude. Hadschi Ali ben Gorah ben
+Akiba aber, ein sehr betagter Stammesgenosse (er war nämlich in jeder
+Gymnasialklasse einmal sitzen geblieben), machte ein sorgenvolles
+Gesicht und sagte:</p>
+
+<p>»Wenn wir, wie unser Scheich sagt, den Sieg an unsere Fersen heften,
+dann wird der Sieg hinter uns sein, das heißt mit anderen Worten, wir
+werden davonlaufen und die Sieger werden uns auf den Fersen sein.«</p>
+
+<p>»Schweig, du Vater des vertrockneten Gehirns und Bruder der
+Kurzsichtigkeit,« zürnte der Scheich, »wie kann Dröselmann, der
+ein lahmes Bein hat, uns verfolgen, zumal wenn er trunken ist?
+Stammesgenossen, ich sage euch, schon nach einer halben Stunde werden
+wir die Sure des Sieges beten!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span></p>
+
+<p>»Allah il Allah!« rief der ganze Stamm.</p>
+
+<p>»Laßt uns gehen; denn Asr, die Stunde des Aufbruchs, die beste des
+ganzen Tages, ist gekommen.«</p>
+
+<p>Sie verbeugten sich in der Richtung gen Mekka und dann brachen sie auf,
+einer hinter dem anderen, huschend, gebückt, voran der Scheich. Jetzt
+waren sie vor einer Schonung.</p>
+
+<p>»Gerade aus!« gebot der Scheich leise und kroch in die Pflanzung. Alle
+Hullah-Araber krochen hinterher, als letzter Hadschi Ali ben Gorah ben
+Akiba, der ob seiner Erfahrungen immer das Ehrenamt hatte, den Rückzug
+zu decken, und als Sohn des städtischen Försters auch die genaueste
+Ortskenntnis besaß.</p>
+
+<p>Plötzlich erdröhnte ganz in der Nähe ein Schuß. Sämtliche Araber flogen
+auf die Nasen.</p>
+
+<p>»Wartet, ihr Halunken,« donnerte die Stimme des Försters, »euch werde
+ich lehren, in die Schonung zu kriechen. Ich erschieße die ganze Bande!«</p>
+
+<p>Die Araber fraßen sich vor Angst in den Sandboden ein. Ein zweiter
+Schreckschuß. Dann die Stimme des Scheichs:</p>
+
+<p>»Der Förster! Er schießt mit Hasenpfeffer! Jungens, lauft!«</p>
+
+<p>Alles rannte. Der Förster fluchte. Am meisten fluchte er, als er seinen
+eigenen Sprößling unter den Waldfrevlern entdeckte, den Hadschi Ali ben
+Gorah ben Akiba.</p>
+
+<p>»Na warte, Fritze,« brüllte der Forstmann, »komm du mir nach Hause!«</p>
+
+<p>Im Kastanienwäldchen sammelten sich die Hullahs. Der Scheich fand seine
+Fassung schnell wieder.</p>
+
+<p>»Tapfere Krieger der Hullahs,« rief; »ihr habt einen heimtückischen
+Überfall glorreich überwunden. Laßt uns<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> die Sure des Sieges sprechen.
+Denn der Feind hat trotz seiner Feuerschlünde nichts über uns
+vermocht. Leider wird er durch seine Schüsse den geweckt haben, den
+wir überfallen wollten. Wir müssen also unseren Kriegszug für heute
+abbrechen.«</p>
+
+<p>Er hatte nicht ganz recht. Zwar, als die Schüsse erdröhnten, waren auch
+Hero und Leander in wilder Flucht davongelaufen, hatten zuletzt den
+Wagen umgeworfen, die Geschirre zerrissen und waren von dem Förster
+eingefangen worden. Der Kutscher Dröselmann aber hatte von all diesen
+Ereignissen nichts bemerkt. Er erfreute sich eines gesegneten Schlafes.</p>
+
+<p>Am nächsten Morgen wurde Dröselmann auf das Rathaus zitiert und ihm
+daselbst ein wenig freundlicher »Guten Morgen« gesagt.</p>
+
+<p>Fünf Tage später durcheilte die Stadt das Gerücht: die Esel seien schon
+wieder durchgegangen. Diesmal aber waren sie nicht wieder eingebracht
+worden, sondern mit Geschirr und Wagen spurlos verschwunden. Das
+Gespann war offenbar gestohlen worden. Dröselmann mußte wieder aufs
+Rathaus kommen und wußte von dem ganzen Vorfall nichts zu melden,
+als daß er ob der ungeheuren Sommerhitze am Wegrande ein wenig
+entschlummert sei, und daß bei seinem Erwachen die Esel auf und davon
+waren.</p>
+
+<p>Darauf sagte der Bürgermeister: »Gute Nacht, lieber Dröselmann, wir
+brauchen Sie fürderhin nicht mehr. Schlafen Sie weiter recht wohl!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Im Eulenwalde lag ein altes Jagdhaus, das sich ein adliger Herr in
+früherer Zeit gebaut hatte, das aber nun ganz in Verfall geraten und
+seit Menschengedenken unbewohnt war. Ein grasverwachsener Waldweg
+führte zu ihm, der kaum manchmal zu einer Holzfuhre benutzt wurde.</p>
+
+<p>Nach diesem alten Jagdhause schafften die Hullah-Araber ihre Beute, und
+der Zufall wollte es, daß sie ganz unbemerkt blieben.</p>
+
+<p>Die Hullahs feierten ein großes Siegesfest, und es zeigte sich, daß
+jeder seinen Karl May gründlich kannte.</p>
+
+<p>»Tapfere Krieger,« rief der Scheich, »seht ihr sie leuchten, die Sonne
+unseres Ruhmes? Seht ihr sie stehen, die erbeuteten Rosse und Wagen
+unseres Feindes? In allen Zelten des Morgenlandes, bei den Wachtfeuern
+der Wüste und an den Ufern des Nils wird man von unserer Großtat
+sprechen.«</p>
+
+<p>»Allahu ekber!« riefen die Krieger und entzündeten ihre Pfeifen.</p>
+
+<p>»Tapfere Krieger,« fuhr der Scheich fort, »ein echter ben Arab liebt
+sein Roß; seht, wie ich dem meinen den Kuß des Friedens gebe!«</p>
+
+<p>Er näherte sich dem Kopfe der Eselin und wollte sie küssen. Hero aber
+schnappte nach ihm; auch bespritzte sie ihn aus ihren Nasenlöchern.</p>
+
+<p>»Dieses Roß,« sagte der Scheich, indes er sich das Gesicht abwischte,
+»tut noch etwas fremd zu mir. Ich will ihm zeigen, daß ich sein Freund
+bin.«</p>
+
+<p>Nun brachte er eine Menge Zuckerstücke zum Vorschein, die er den
+Vorräten seiner Mutter entnommen hatte, und fütterte die Eselin.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span></p>
+
+<p>»Weib,« sagte der Esel Leander; »lasse dich nicht von einem Manne, der
+dich hat küssen wollen, mit Zucker speisen.«</p>
+
+<p>»Ach, du bist wohl eifersüchtig?« fragte die Frau und fraß dann erst
+recht.</p>
+
+<p>Da seufzte der Mann: »So sind die Weiber!« Aber er fügte sich drein;
+denn er war ein Esel. Hadschi Ali ben Gorah tröstete ihn mit einem
+Bündel Möhren.</p>
+
+<p>Hadschi Ali stand neuerdings beim Stamme wieder in höchsten Ehren;
+denn seine Deutung von der Heftung des Sieges an die Fersen hatte sich
+bewahrheitet, und obwohl sich von väterlicher Seite wegen des Betretens
+der Schonung der Sieg nachträglich sogar auch noch an Alis Hosenboden
+geheftet hatte, war der Edle doch dem Stamme treu geblieben und hatte
+sich an der neuen Kriegstat beteiligt.</p>
+
+<p>Auch die anderen Hullah-Araber hatten für die beiden erbeuteten »Rosse«
+allerhand Leckerbissen mitgebracht, sogar Weißbrot und Schokolade, so
+daß Leander seine Hero anschmunzelte und sagte: »Die Lauseigel sind
+gut. Wir haben unsere Lage verbessert!«</p>
+
+<p>Hadschi Ali ben Gorah aber legte seine sechzehnjährige erfahrene Stirn
+in Falten und sagte:</p>
+
+<p>»Was fangen wir nun mit den Eseln an?«</p>
+
+<p>»Zuerst müssen wir furagieren,« sagte Mullah ben Nadir, dessen Vater
+beim Train gedient hatte. »Esel brauchen Heu. Ich weiß eine Wiese in
+der Nähe, wo Heu zu haben ist. Auch Klee mögen sie.«</p>
+
+<p>Dieser Vorschlag wurde angenommen; der Scheich und zwei Krieger zogen
+aus, um zu erkunden, ob Wiese, Kleefeld und Weg sicher seien, und dann
+brach der ganze<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> Stamm auf und schaffte ein Fuder Heu und Klee herbei.
+In dem alten Jagdschloß waren noch bedeckte Räume genug, daß das
+Eselpaar einen Stall, der Wagen eine Remise fand.</p>
+
+<p>»Was machen wir nun mit den Eseln?« fragte der weise Ali wieder. »Es
+genügt nicht, wenn wir sie bloß immerzu füttern.«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Ibn Dschisirah, »wir müssen sie reiten. Esel sind
+Reittiere.«</p>
+
+<p>»Wir haben keine Sättel,« warf Ali ein.</p>
+
+<p>»Sättel,« höhnte der Scheich; »wie oft ist der große Kara ben Nemsi,
+den sie im Abendlande Karl May nennen, ohne Sattel geritten! Ich werde
+es euch zeigen; denn ich bin euer Scheich.«</p>
+
+<p>»Hai! Hai! Der Vater der Stille!« jubelten die Krieger.</p>
+
+<p>Der Scheich schirrte nun die Eselin ab, gab ihr die zärtlichsten
+Kosenamen, erinnerte sie an den Zucker, den er ihr verehrt hatte, und
+schwang sich mit einem kühnen Schwunge auf den Rücken des Tieres.</p>
+
+<p>Der Erfolg war ein gewaltiger. Hero drehte erst verwundert den Kopf
+um, was bedeuten sollte: »Nanu? Was ist das für eine Frechheit?« Dann
+wippte sie ein wenig mit dem Rücken, dann machte das Vieh unvermutet
+einen kreuzförmigen Satz, einen wahren Zaubersprung, zugleich
+nach vorn, hinten, rechts und links, so daß der Scheich wie eine
+abgeschossene Rakete in die Luft flog.</p>
+
+<p>»Allah kerim!« riefen erschrocken die Krieger.</p>
+
+<p>Der Scheich, der nach glänzender Kurve gelandet war, erhob sich. Er
+hatte sich gewaltig geschlagen, ließ aber nichts merken, sondern sagte
+gleichmütig:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span></p>
+
+<p>»Dieses Roß scheint falsch zugeritten zu sein. Ich will das andere
+probieren.«</p>
+
+<p>Nun kam Leander an die Reihe. Leander hatte mit Behagen zugesehen, was
+für Teufelsmätzchen sein Weib mit dem Araber vollführte.</p>
+
+<p>»Ja, ja, lasse sich einer mit der ein, mit der wird kein Esel fertig,«
+sagte er bei sich. Während sich nun der Scheich mit ihm zu schaffen
+machte, dachte sich Leander:</p>
+
+<p>»Wie wäre es, wenn ich den Schlingel auf mir reiten ließe? Gewiß bekäme
+dann das nächste Mal ich den Zucker und das Weib bekäme nichts; das
+würde sie sehr kränken.«</p>
+
+<p>Aus diesen ehelichen Erwägungen heraus ließ Leander den Scheich
+aufsteigen und setzte sich in gemütlichen Trab mit ihm.</p>
+
+<p>Die Hullahs waren außer sich vor Entzücken.</p>
+
+<p>»Er reitet! Er reitet wirklich! Er fällt nicht herunter!« riefen sie.
+Der Scheich aber sagte leuchtenden Auges:</p>
+
+<p>»So reitet ein ben Arab!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Was machen wir wegen der Esel?« fragten sich auch die Räte der Stadt
+Altenroda. Sie empfanden den Verlust der Tiere als eine Schande.
+Das »Stadtblatt« und einige benachbarte Zeitungen machten in Poesie
+und Prosa böse Witze über die Affäre. So wurde schließlich auf die
+Wiedereinbringung der schamlos gestohlenen Esel eine Belohnung von
+dreihundert Mark gesetzt, die auch bald auf fünfhundert erhöht wurde.
+Im »Löwen«, im »Roß« und im »Hecht« aber wurde fast von nichts anderem
+gesprochen als von dem entschwundenen Stadtmarstall, und es wurden
+große Wetten abgeschlossen, ob die Tiere wiederkommen<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> würden oder
+nicht. Schließlich erhöhten diejenigen, die auf die Rückkehr der
+Esel gewettet hatten, die Prämie von sich aus auf tausend Mark. Der
+abgesetzte Eselskutscher Dröselmann hatte der Stadt den Rücken gekehrt
+und war nach Berlin gezogen, wo er zwei Brüder hatte, die von ähnlichem
+Kaliber waren wie er. Seine Frau hatte Dröselmann in Altenroda
+zurückgelassen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Den Eseln erging es indessen im Eulenwalde vorzüglich. Wenn sich der
+Stamm der Hullah-Krieger auch nicht täglich vollzählig versammelte,
+was wegen verschiedener schwerer Hinderungsgründe nicht immer
+möglich war (Klavierstunde, Tante zu Besuch, zum Schneider maßnehmen
+gehen, Strafarbeiten machen, Arrest absitzen und so), es waren doch
+immer einige der Helden anwesend und vergaßen nie, manches Leckere
+mitzubringen. Die Esel waren des Nachts angebunden, wurden aber am
+Nachmittag losgelassen und führten ein freies Leben voller Wonne.
+Leander, der gutmütige Mann, ließ auf sich reiten, bei Hero, der
+störrischen Eselin, aber gelang es nur dem Scheich, einen Rekord von
+elf Sekunden aufzustellen, dann flog auch er unweigerlich.</p>
+
+<p>Manchmal in stiller Nacht, wenn sie allein waren, sagte der Mann:</p>
+
+<p>»Ach, Frau, in diesem verwunschenen Schlosse ist es schauerlich zur
+Nachtzeit. Hörst du, wie das Käuzchen schreit und wie laut der Bach
+rauscht? Auch klappert der Wind mit den Dachsparren.«</p>
+
+<p>»Er klappert nicht! Du klapperst! Und zwar mit den Zähnen. Du bist ein
+Feigling!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span></p>
+
+<p>»Ach, Frau, ich wollte gewiß mutig sein wie ein Löwe, wenn ich nur
+erst wieder bei Papa Dröselmann im Stalle stände. Da wohnten Menschen
+ringsum und zwei Hunde sind im Hofe, ein Boxer und ein Pinscher, der
+die ganze Nacht bellt.«</p>
+
+<p>»Du bist ein Esel, darum bist du dumm; wärst du eine Eselin, so wärst
+du klug. Geh nur zu deinem Dröselmann, lasse dich alle Tage an den
+Wagen spannen, schleppe Lasten und kriege schlechtes Futter! Geh, geh!
+Ich bleibe hier. Und wenn du gehst, wirst du noch etwas Dümmeres sein
+als ein Esel.«</p>
+
+<p>»Nämlich was denn?«</p>
+
+<p>»Ein Witwer!«</p>
+
+<p>»O weh, ein Witwer will ich nicht sein!«</p>
+
+<p>»So halt's Maul! Männer, die nicht Witwer sind, haben das Maul zu
+halten.«</p>
+
+<p>Das tat denn Leander und fürchtete sich in dem einsamen Waldhause halb
+zu Tode. Erst wenn der Morgen kam, schlief er ein.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>An einem Sonntagnachmittage, als fast der ganze Stamm der Hullah
+versammelt war, sagte der Scheich:</p>
+
+<p>»Tapfere beni Hullah! Es sind zwölf Tage und zwölf Nächte vergangen,
+seit wir auf unserem glorreichen Kriegszuge die Rosse des Giaurs
+Dröselmann erbeuteten. Ihr habt gehört, was diesem Vater der
+Verschlafenheit und Enkelsohne der Kümmelflasche begegnet ist. Sein
+Mudir (Bürgermeister) hat ihn aller seiner Ehrenstellen entsetzt und
+seiner Einkünfte entkleidet. Er hat ihn in die Verbannung gejagt, wo
+ihn die Krokodile der Verzweiflung fressen werden. Allah verbrenne
+seine Seele in<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> Spiritus. Was uns dieser Giaur geschadet hat, ist
+gerächt. Der freie Sohn der freien Wüste aber, der ben Hullah, ist
+großmütig und edel. Wenn seine Rache erfüllt ist, hört er auf, zu
+strafen.</p>
+
+<p>Nun komme ich auf die Stadt zu sprechen, welche Altenroda heißt. Gewiß,
+es wohnen in dieser Stadt vielerlei Bösewichte, wozu insonderheit die
+Professoren der Schule gehören, welche das Gymnasium heißt.«</p>
+
+<p>»Allah! Wallah! Tallah!« knurrten die Krieger.</p>
+
+<p>»Allah,« fuhr der Scheich fort, »wird diese Giaurs samt und sonders an
+einen Spieß stecken, und über dem tiefsten Schlunde der Feuermolche in
+der Dschehennah zappeln lassen.«</p>
+
+<p>»Allah! Wallah! Tallah!« heulten die Krieger in wildem Fanatismus.</p>
+
+<p>»Aber, beni Hullah, mein Ohr hat vernommen, daß einige unter euch
+Verwandte in Altenroda haben, und deswegen wollen wir die Stadt nicht
+vernichten, sondern ihr Gnade zuteil werden lassen.«</p>
+
+<p>Die Männer brummten irgend etwas Arabisches.</p>
+
+<p>»Ich weiß, teure Stammesgenossen, die Milde fällt euch schwer. Zu arg
+und schändlich seid ihr in jener Stadt oft erzürnt worden. Aber der
+Starke sei gnädig dem Schwachen. Um eurer Verwandten willen will ich
+die Stadt begnadigen und ihr die Esel zurückerstatten, um die sie
+jammert.«</p>
+
+<p>Unwilliges, ja drohendes Gemurre.</p>
+
+<p>»Hört mich, edle beni Hullah — ich habe noch andere Gründe für meine
+Milde. Das größte El Asr des ganzen Jahres, die größte Stunde des
+Aufbruchs steht bevor. (Der Scheich meinte den Beginn der großen
+Ferien.)<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> Die Hullah zerstreuen sich dann auf lange Zeit; der eine
+zieht dorthin, wo auf weiten Steppen die Herden grasen; der andere
+erklimmt die höchsten Felsengipfel der Welt; der dritte stürzt sich in
+das Meer, um Perlen zu suchen; ein vierter sucht seinen ruhmreichen
+Großvater auf. Niemand wird hier bleiben, um unsere Roßherde zu
+bewachen und sie gegen den Überfall von Feinden oder vor wilden Tieren
+zu beschützen. Was soll aus ihnen werden?«</p>
+
+<p>Düster sahen die Männer vor sich hin. Ihre herrliche Beute freizugeben,
+auf den Spaß zu verzichten, alle Tage die Altenrodaer Bürger von den
+verschwundenen Eseln mirakeln zu hören, sich selbst ihres köstlichen
+Geheimnisses zu berauben, keine Reittiere mehr zu haben, das alles
+erschien ihnen Wahnsinn.</p>
+
+<p>»Was du planest, o Scheich,« sagte Omar ben Gandesi zornig, »verhüte
+der Prophet!«</p>
+
+<p>»So möge eure Weisheit entscheiden,« antwortete der Scheich verstimmt,
+»was nach dem großen El Asr mit unseren Viehherden geschehen soll!«</p>
+
+<p>Alle versanken in dumpfes Sinnen. Die Pfeifen dampften. Endlich sagte
+der weise Ali:</p>
+
+<p>»Wenn wir sie schon selbst nicht behalten können, so wollen wir sie
+doch der feindlichen Stadt Altenroda nicht zurückgeben. Möge diese
+Stadt zum Gelächter der ganzen Welt die esellose genannt werden in
+Ewigkeit. Wir werden die Esel aus ihrer schmachvollen Sklaverei
+erlösen, wir werden ihnen die Freiheit geben. Wald, Feld und Flur
+sollen ihre Weide sein, der Sternenhimmel ihr Zelt, und zu Mogreb, der
+Stunde des Frühgebetes, schon möge alltäglich ihr Feierabend beginnen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span></p>
+
+<p>»Wohl gesprochen, edler Ali; auch ich bin für die Freiheit der Esel.
+Aber bedenke, was aus ihnen werden soll, wenn die Regenzeit eintritt
+oder wenn feindliche Stämme ihnen nachstellen.«</p>
+
+<p>So sprach der Scheich. Da sprang Omar ben Gandesi erregt auf und rief:</p>
+
+<p>»Ich hab's! Allah hat mein Herz erleuchtet und meinen Verstand scharf
+gemacht wie die Zähne des Krokodils. Ihr wißt, daß die Obrigkeit von
+Altenroda auf die Wiedereinbringung der Esel einen Preis von tausend
+Silberstücken gesetzt hat. Lasset uns mit den Eseln vor das Rathaus
+ziehen, sagen, wir haben sie im Walde eingefangen, und uns den Preis
+einfordern. Wenn wir ihn teilen, hat bei El Asr, der Stunde des
+Aufbruchs, jeder soviel Geld, daß sein Weg mit Rosen bestreut sein wird
+und sich in allen Herbergen die Diener vor uns reichen Männern neigen
+werden.«</p>
+
+<p>»Hamdullilah!« schrien die Krieger, und sie reichten sich die Hände und
+tanzten vor Freude. Nur der Scheich und der weise Ali blieben sitzen.</p>
+
+<p>Als der Tanz aufhörte, sprach der Scheich:</p>
+
+<p>»O, ihr Kinder des Unverstandes und Väter des Leichtsinnes! Was ihr
+planet, würde unser aller Verderben ein. Man würde euch durchschauen,
+euch nicht die tausend Silberstücke, sondern die Bastonade geben, sowie
+auch elendiglich einkerkern.«</p>
+
+<p>»Der Scheich hat recht,« sagte Ali düster; denn er dachte an seinen
+Vater, den Förster. Da wurden sie alle still, und bleierne Ratlosigkeit
+lag über der Versammlung.</p>
+
+<p>Endlich stand der Scheich auf und hielt eine Rede von solchem
+Bilderreichtum und von so hinreißendem Feuer,<span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span> wie sie eben nur von
+einem Orientalen gehalten werden kann. Als er geendet hatte, reichten
+ihm seine Krieger die Hände, und in aller Augen lag hoher Stolz und
+fester Entschluß.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Johannisnacht war gekommen. Auf dem Ochsenkopf wurde ein mächtiges
+Johannisfeuer angezündet. Goldig flackerte es auf in der pechschwarzen
+Neumondnacht, und alles Volk aus der Stadt vergnügte sich und hatte
+sich zum Feste hinaus begeben. Selbst die größeren Kinder genossen in
+dieser Nacht Freiheit.</p>
+
+<p>Jenseits vom Ochsenkopf aber, im Eulenwalde, im Lager der Hullahs,
+regte es sich.</p>
+
+<p>»Wir sind vollzählig beisammen,« sagte der Scheich. »Allah hat keinen
+um die Ehre bringen wollen, an der Heldentat, die wir vorhaben,
+teilzunehmen. Betet die heilige Fatha!«</p>
+
+<p>Die Krieger verbeugten sich gegen Mekka, was in der herrschenden
+Finsternis leider nach vier verschiedenen Richtungen geschah, dann
+wurden die Esel aus dem Stalle geführt und an den Wagen gespannt. Der
+Scheich mit zwei Spähern ging voraus, der Wagen mit Begleitung folgte.
+Hadschi Ali ben Gorah kommandierte den Nachschub. Mit allerhöchster
+Vorsicht schob sich die Karawane weiter. Bei einem Gemüsefelde wurde
+Halt gemacht. Der Scheich entlehnte sich von einer Vogelscheuche einen
+alten Frack, einen fürchterlichen Zylinder und ein Halstuch; auch
+band er sich eine Gesichtslarve vor, die er vom letzten Fasching her
+besaß. So ausgerüstet, war er schrecklich anzuschauen. Er entließ nun
+mit einer Handbewegung alle seine Krieger und fuhr<span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span> ganz allein hinein
+in die feindliche Stadt. Voller Bewunderung sahen die Hullahs dem
+unvergleichlichen Helden nach.</p>
+
+<p>Die Stadt war wie ausgestorben. Was nicht zum Johannisfeuer gegangen
+war, steckte in den Häusern. Nur bei einer Straßenlaterne saßen drei
+alte Frauen auf den Haustürstufen und schwatzten.</p>
+
+<p>Als sie das gespensterhafte Gefährt daherkommen sahen, schrien sie
+gellend auf, stürzten ins Haus und warfen die Tür hinter sich zu. Das
+erste der Weiber wurde ohnmächtig, das zweite schrie in Todesangst
+fortwährend, es hätte den Leibhaftigen gesehen, das dritte nahm
+Baldriantropfen.</p>
+
+<p>Fernerhin unbemerkt gelangte der Scheich bis zum Marktplatz. Dort
+führte er sein Gespann an einen dunklen Straßeneingang, strängte die
+Esel ab, streichelte sie noch einmal zärtlich und verschwand im Dunkeln.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Vom Ochsenkopf kam mit Marschmusik und Hunderten von Fackeln der
+Festzug vom Johannisfeuer heim. Voran schritt der Bürgermeister. Es
+war in Altenroda nicht Sitte, daß, wie anderwärts, die Obrigkeit die
+Volksfeste nur huldvoll genehmigte, mit Steuern belegte und polizeilich
+überwachen ließ, sondern sie, die Obrigkeit, mußte mitmachen, sich
+persönlich beteiligen. Immer mehr Fackeln erfüllten den Marktplatz, die
+Musik dröhnte, der Bürgermeister erklomm die Freitreppe, um die übliche
+kleine Ansprache zu halten.</p>
+
+<p>»Bürgerinnen und Bürger unserer lieben Stadt! Der Johannisabend ist für
+alle ein Fest der Freude!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span></p>
+
+<p>»I—a, i—a!« tönte es von irgendwo her. (Das sind wieder Schulbuben,
+die Unfug treiben, denken alle.)</p>
+
+<p>»Zwar ist es schön und friedlich in den Mauern unserer Stadt, aber
+herrlich ist es doch, in holder Sommerzeit einmal hinauszuschweifen
+nach Wald und Berg ...«</p>
+
+<p>»I—a, i—a!«</p>
+
+<p>Plötzlich ein begeistertes, markerschütterndes Schreien.</p>
+
+<p>Und nun folgt ein Hexensabbath: »Die Esel! Die Esel!«</p>
+
+<p>Fackeln drängen nach einer dunklen Ecke.</p>
+
+<p>»Die Esel! Die Esel!«</p>
+
+<p>»Was ist los? Was gibt es?«</p>
+
+<p>»Die Esel sind da! Unsere Esel sind da! Unsere lieben Esel sind da!
+Unsere Stadtesel sind da!«</p>
+
+<p>Die ganze Menge gerät in Tumult. Der Bürgermeister läßt zwei Trompeter
+blasen.</p>
+
+<p>»Ruhe! Was gibt es?«</p>
+
+<p>Bäckermeister Chibulke schreit mit seiner Löwenstimme über den Platz:</p>
+
+<p>»Unsere Stadtesel sind da! Hero und Leander. Da stehen sie an der
+Eulengasse!«</p>
+
+<p>»Herbringen! Zeigen! Die Esel! Die Esel!«</p>
+
+<p>Über den Marktplatz bewegt sich, von vier Männern und zahlreichen
+Fackeln begleitet, das Eselsgespann. Die Leute staunen sich die Augen
+aus den Köpfen, sie zappeln, schlagen mit den Händen, schreien.</p>
+
+<p>Vor dem Bürgermeister hält das Gespann. Es tritt tiefe Stille ein. Der
+Bürgermeister blickt die Esel entgeistert an.</p>
+
+<p>»Wo kommen die her?« fragt er.</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht,« sagt der Bäcker. »Am Eingang der Eulengasse haben sie
+gehalten, ganz ohne Kutscher.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span></p>
+
+<p>»Es ist ein Plakat an dem Wagen,« ruft einer.</p>
+
+<p>»Vorlesen! Vorlesen! Ru—uhe!«</p>
+
+<p>Ein Mann liest von der Freitreppe aus das Plakat vor, das an dem
+Eselswagen war:</p>
+
+<p>»Bürger von Altenroda!</p>
+
+<p>Um eurer zahlreichen Sünden und Missetaten willen seid ihr gestraft
+worden, daß ihr euer schönes Eselsgespann verloret und die ganze Welt
+über euch lachte. Diesmal soll Gnade für Recht ergehen, und ihr bekommt
+euer Gespann wieder. Das nächste Mal fällt es strenger aus! Seid also
+gut zu euren Armen und nachsichtig mit eurer Jugend! Sonst wehe euch!
+Die tausend Mark Belohnung soll die Frau Dröselmann bekommen, die durch
+eure Härte des Ernährers beraubt worden ist. Tut ihr das nicht, so
+werdet ihr die Esel nicht lange behalten.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Gezeichnet: Die Männer des Rechts.«</span><br>
+</p>
+
+<p>Ein ungeheures Gelächter ging los. Nur die Hullahs standen still und
+stolz da, und ihr Scheich hüllte sich schweigend in seinen Burnus.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die tausend Mark wurden wirklich an die Frau Dröselmann gegeben. In
+Altenroda herrschte viel zu viel Humor und Biedersinn, als daß das
+nicht geschehen wäre. Frau Dröselmann, die ohnehin froh war, daß sie
+ihr altes Trinkhuhn von Mann los war, schlug selig die Hände zusammen,
+als sie das Geld bekam, und sagte:</p>
+
+<p>»Gott sorgt! Der Mann ist fort, und die Esel sind da!«</p>
+
+<p>Darob wurde sie zur städtischen Eselkutscherin ernannt. Sie verrichtete
+ihr Amt ausgezeichnet, hielt vor keinem<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span> Wirtshaus, war zuverlässig und
+betreute ihre Tiere mütterlich ...</p>
+
+<p>Nur wenn sie in die Gegend kam, wo die Promenade an den Eulenwald
+grenzt, wollten ihr die Grauschimmel allemal durchgehen. Eine unbändige
+Sehnsucht zog Hero und Leander nach dem alten Jagdhause im Eulenwalde.
+Und wenn sie eine bunte Gymnasiastenmütze sahen, zitterten sie vor
+Freude.</p>
+
+<hr class="r65">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span></p>
+<h2>Ansorge</h2>
+</div>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-361">
+<img class="w100" src="images/drop-361.jpg" alt=""></figure>ie Ansorge
+mit dem Vornamen hieß, wußte in Altenroda kaum ein Mensch.
+Etwa bis zum vierzehnten Jahre wurde er »Ansorgerle« gerufen; vom
+vierzehnten bis dreißigsten Lebensjahre hieß er »der junge Ansorge«,
+von da an schlechtweg »Ansorge« und über das fünfundfünfzigste
+Lebensjahr hinaus »Vater Ansorge«.
+
+<p>»Ansorge« ist ein unvollkommener Name. Man weiß nicht, ob der Mann, der
+ihn trägt, reich oder arm »an Sorge« ist. Ist er reich daran, dann ist
+er natürlich arm; ist er arm daran, so ist er gewöhnlich reich. Eine
+nur scheinbar verzwickte Geschichte, deren Richtigkeit jeder leicht
+einsehen wird. Vielleicht kann »Ansorge« auch »Ohnesorge« heißen, wie
+kluge Sprachler behaupten, aber das trifft auf unseren Mann nicht zu.</p>
+
+<p>Mit diesem Ansorge war die Sache überhaupt nicht so einfach wie mit den
+Ansorges insgemein; er war nämlich reich an Geldmitteln und trotzdem
+auch reich an Sorgen. Und die Angelegenheit gestaltet sich noch
+seltsamer, wenn man hört, daß Ansorge persönliche Sorgen nur viermal
+im Leben hatte: einmal in seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahre eine
+ungetreue Liebste, einmal im siebenunddreißigsten Lebensjahre eine
+falsch behandelte Zahnfistel, einmal in seinem dreiundvierzigsten
+Lebensjahre die Kündigung seines Prokuristen und einmal im siebzigsten
+Lebensjahre die Sorge um die Gesundheit seines Trauergefolges.</p>
+
+<p>Ansorges Sorgen galten immer anderen Menschen. Weil er sich selber
+nicht wichtig vorkam, hatte er auch um sich<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span> selbst keine Sorgen; aber
+weil ihm die Schicksale anderer Menschen am Herzen lagen, kam er sein
+Lebtag aus dem Kummer nicht heraus.</p>
+
+<p>Als Knabe machte sich Ansorgerle Schmerzen darüber, daß Paul Distelfink
+keinen Springkreisel besaß, da er doch wußte, wie sehr sich der Junge
+ein solches Spielzeug wünschte. Da bot er eilig und freundlich dem
+Knaben seinen eigenen Kreisel an. Distelfink aber war ein Ruppsack,
+sagte, er sei kein Betteljunge, und mochte den Kreisel nicht. Darauf
+legte Ansorgerle den Kreisel auf Distelfinks Schulweg und paßte, hinter
+einem Strauche versteckt, auf, ob er ihn finden werde. Distelfink fand
+den Kreisel und schrie: »Den alten Kreisel trag' ich aufs Fundbüro!«</p>
+
+<p>Das war eine der fremden Sorgen, von denen Ansorge sehr früh erkannte,
+es sei gar nicht so leicht, ihnen abzuhelfen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Eine schlimme Sache war das mit der verunglückten Liebe. Ansorge hatte
+Emma Rillek von seinem siebzehnten Jahre an geliebt und sich mit ihr in
+seinem zwanzigsten Jahre heimlich verlobt. Emmas Mutter, die Witwe war,
+durfte nichts wissen. Sie ahnte auch wirklich dann noch nichts, diese
+strenge Frau, als der junge Ansorge ihrer Tochter zum Geburtstag eine
+Wäscheaussteuer schenkte, in der allein zwei Schock leinene Handtücher
+waren, und nächste Weihnachten eine Zimmerausstattung und einen
+Silberkasten. Die Witwe Rillek war arm. Wie soll eine arme Frau auch
+gleich auf den Gedanken kommen, ein junger Mann habe mit der Tochter
+etwas vor, wenn er ihr einmal einige Sachen schenkt? Ansorge<span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span> freute
+sich unbändig, daß die Frau so ahnungslos war, und schenkte Kleider,
+Pelzwaren, Küchengeräte, Halsbänder, eine goldene Uhr und solche Dinge
+mehr. Die Mutter blieb immer gleich ahnungslos.</p>
+
+<p>Am 6. Mai wollte Ansorge um Emma anhalten. Dann war er fast
+dreiundzwanzig und sie eben sechsundzwanzig geworden. Das rechte Alter
+und Verhältnis zum Heiraten.</p>
+
+<p>Am 3. Mai traf sich Ansorge mit Emma im Eulenwalde. Er hatte immer
+Angst, die strenge Mutter könne hinter diese heimlichen Stelldicheine
+kommen. Wie schrecklich, wenn sie ihm dann die paar Geschenke, die er
+Emma gemacht hatte, zurückschickte!</p>
+
+<p>An diesem 3. Mai merkte Ansorge seiner Emma eine gewisse Beklemmung an.
+Er redete ihr liebevoll zu, sich doch ja keine Sorgen zu machen und ihm
+alles anzuvertrauen, was sie drücke. Da brachte Emma endlich heraus:</p>
+
+<p>»Ansorge, du könntest mir einmal einen Gefallen tun.«</p>
+
+<p>Er sagte, daß er sich gern gefällig zeigen werde.</p>
+
+<p>»Aber es ist ein großer, schwerer Gefallen!«</p>
+
+<p>»Das tut nichts,« sagte Ansorge und lachte sie aufmunternd an.</p>
+
+<p>Da schluckte sie ein paarmal, wurde knallrot und sagte dann stockend:</p>
+
+<p>»Ich möchte — daß du einwilligst — daß ich den Paul Distelfink
+heirate.«</p>
+
+<p>Erst verstand er sie nicht.</p>
+
+<p>»Wie?« fragte er. »Bitte, sage es noch einmal!«</p>
+
+<p>Da ergoß sich eine Flut von Worten über ihn. Es sei ja bloß deshalb
+so gekommen, weil sie doch eben Nachbarskinder gewesen seien,
+der Distelfink und sie, beide —<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> wie er ja wohl wisse — in der
+Gerbergasse aufgewachsen. Da komme halt so was. Und dann, er solle ihr
+doch den Gefallen tun und einwilligen — es ginge überhaupt nicht mehr
+anders.</p>
+
+<p>Er schritt ganz still neben ihr her. Eine große Sorge, ein schwerer
+Herzenskummer war plötzlich über sein eigenes Leben gekommen. Sie
+redete immer weiter, weinte, sagte, daß sie todunglücklich würde, wenn
+er nicht nachgäbe.</p>
+
+<p>Da gab er nach. Beim Abschiede war er freundlich, er tröstete sie und
+wollte ihr sogar — wie immer — ein Goldstück für »kleine Ausgaben«
+schenken. Aber stolz — wie ehedem der Knabe Distelfink den Kreisel —
+schlug sie das Goldstück aus.</p>
+
+<p>Noch in der Nacht desselben Tages wurde der junge Ansorge sehr krank.
+<em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz betreute ihn. Schicketanz hatte in Prima
+gesessen, als Ansorge in der Untertertia sitzen blieb, hatte es aber
+nicht verschmäht, sich von dem reichlichen Taschengelde des so tief
+unter ihm stehenden Mitschülers damals immer das Tabaksgeld zu leihen,
+das er bis heutigen Tags nicht wiedergegeben hatte. Nun war Schicketanz
+Arzt in Altenroda, Ansorge der Besitzer der von seinen frühverstorbenen
+Eltern ererbten Fabrik, und nun saß <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz an dem
+Krankenlager des Ansorge.</p>
+
+<p>Sie siezten sich. Einer, der schon in Prima war, da der andere in
+Untertertia kleben blieb, kann unmöglich zu ihm »du« sagen, wenn nicht
+etwa das Leben es später so besonders eigentümlich gefügt hat.</p>
+
+<p>»Lieber Herr Ansorge,« sagte <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz nach achttägiger
+Behandlung, »organisch sind Sie gesund. Ihr<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> ganzes Übelbefinden — daß
+Sie nicht essen und schlafen können, daß Sie natürlich dadurch abmagern
+und schlaff werden, sich elend fühlen — beruht auf nervöser Grundlage.
+Zunächst müssen Sie mal erst etwas zu Kräften kommen, dann schicken wir
+Sie auf Reisen.«</p>
+
+<p>Er ist ein guter Arzt, dachte Ansorge. Was der Grund zu den nervösen
+Grundlagen seines Todkrankseins war, erzählte er dem Doktor nicht. Das
+war auch nicht nötig. Ganz Altenroda wußte Bescheid.</p>
+
+<p>In dieser sorgenvollen Zeit seines Lebens quälte sich der junge
+Ansorge besonders mit der einen Frage: Ob sie mir wohl meine Geschenke
+zurückschicken werden?</p>
+
+<p>Die Geschenke kamen nicht zurück. Da freute sich Ansorge und sagte zu
+sich selber: »Es sind doch rücksichtsvolle Menschen. Das tun sie mir
+nicht an.«</p>
+
+<p>Auch an Distelfink dachte er nun freundlicher. Damals mit der Abweisung
+des Kreisels hatte ihn Distelfink gekränkt. Nun nahm er — was ihm
+gewiß schwer wurde — die mancherlei Sachen, die er der Emma verehrt
+hatte, an. Das war nett von dem Distelfink. Überhaupt — alles hätte er
+haben können, nur gerade die Emma hätte er ihm nicht nehmen sollen.</p>
+
+<p>Über die Bitternis dieses Gedankens kam Ansorge wochenlang nicht
+hinweg, und <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz hatte zu tun, ihn aufrecht zu
+erhalten.</p>
+
+<p>Dann ging der junge Ansorge zwei Jahre auf Reisen.</p>
+
+<p>Als er gesund und kräftig zurückgekommen war, erschien eines Tages Paul
+Distelfink in seinem Privatkontor und sagte:</p>
+
+<p>»Alter Freund, ich komme mit einer Bitte. Emma und ich haben gestern
+das dritte Kind bekommen. Es ist unser<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> erster Junge. Nun wollen wir
+dich herzlich bitten, Pate zu sein. Es soll ja Glück bedeuten und eine
+Ehre sein, wenn man beim ersten Jungen aus einer Ehe Pate ist. Nun,
+Ehre und Glück hast du ja wohl nicht nötig, aber uns nähmst du halt
+eine Sorge ab, wenn du Pate wärst.«</p>
+
+<p>Ansorge sah den Bittsteller mit seinen stillen Augen an. Er überlegte.
+Er überlegte lange. Dann sagte er sich: »Warum soll ein kleiner
+unschuldiger Junge keinen Paten haben?« Und er sagte zu.</p>
+
+<p>Zwei Tage nach der Taufe kam die Mutter Emmas, die Witwe Rillek, ins
+Privatkontor, flennte und sagte:</p>
+
+<p>»Ach, Herr Ansorge, Sie sind gewiß der beste Mensch von der Welt. Meine
+Emma, meine Emma, nein, diese schreckliche Gans. Ich muß mich einmal
+aussprechen zu Ihnen, Herr Ansorge, sonst drückt es mir noch das Herz
+ab. Ich denke immer, Sie könnten eine schlechte Meinung von mir haben.
+Aber ich war unschuldig, Herr Ansorge, ganz unschuldig. Ich habe schon,
+als Sie siebzehn Jahre alt waren und die Emma zwanzig, gemerkt, daß Sie
+wohl dem Mädel gewogen waren, und es war mein Stolz. Aber das dumme
+Ding, das vermaledeit dumme Ding, und der Kerl, der Distelfink, der
+keine drei Taler in der Tasche hat — o, Herr Ansorge, wenn Sie wüßten,
+wie oft ich das dumme Mädel gehauen und ihr immer gesagt habe: daß du
+ja den Ansorge nimmst, der ein so anständiger Mensch ist und dir so
+noble Geschenke macht! Sie hat's nicht getan!«</p>
+
+<p>Ansorge saß ganz still da. Das war also die gestrenge Mutter, vor der
+er sich gefürchtet hatte!</p>
+
+<p>»Womit könnte ich Ihnen denn dienen, Frau Rillek?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span></p>
+
+<p>»Ach Gott, Herr Ansorge, sehen Sie mal, wie halt doch das Leben teuer
+ist, und dann die vielen Krankheiten! Die Älteste von der Emma, die
+Pauline, hat dreimal Zahnkrämpfe gehabt. Die zweite, die Meta, haben
+wir impfen lassen müssen, Distelfink war drei Wochen in Behandlung
+wegen eines Nackengeschwürs, und ich mußte auch ein paarmal zum Arzt
+wegen meines Reißens. So haben sich halt beim <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz
+— er verteuert ja die Leute — hundertzehn Mark angesammelt, und nun,
+wo wir schon wieder das dritte haben — die Hebamme, das unverschämte
+Weib, hat zwanzig Mark verlangt — wer soll nun die hundertzehn Mark an
+Schicketanz bezahlen?«</p>
+
+<p>»Die bezahle ich!« sagte Ansorge.</p>
+
+<p>»Ich danke!« sagte Frau Rillek und flennte.</p>
+
+<p>So war die Geschichte von Ansorges Liebe zu Ende und seine erste
+persönliche Sorge vorbei.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die zweite persönliche Sorge hatte Ansorge im siebenunddreißigsten
+Lebensjahr durch ein Zahngeschwür. Er hatte einen Freund, der ein guter
+Zahnarzt war. Doktor Neumann hieß er. Als Ansorge aber eines Tages
+heftige Zahnschmerzen bekam, überlegte er tagelang, ob er zu <em class="antiqua">Dr.</em>
+Neumann gehen solle. Es wohnte nämlich an der nächsten Straßenecke ein
+Dentist, ein junger Anfänger, mit dem es nicht vorwärts ging und der
+Ansorge auf der Straße immer mit einem demütig bittenden Blick ansah,
+aus dem deutlich zu lesen war: »Sei doch so gut, du reicher Mann,
+kriege einmal Zahnschmerzen und komme dann zu mir!« Also, <em class="antiqua">Dr.</em>
+Neumann hatte eine große Praxis und war wohlhabend, der Dentist war<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span>
+ein armer Teufel. Vertrauen hatte Ansorge zu dem jungen Manne nicht,
+aber die Menschenliebe gebot ihm, den armen Anfänger zu unterstützen.
+Er ging mit seinen verschleppten Zahnschmerzen zu ihm.</p>
+
+<p>Am dritten Tage, an dem der Dentist den sehr schwierig liegenden Fall
+Ansorges behandelte, geriet der Patient in Lebensgefahr. Es trat
+schwere Blutvergiftung ein. <em class="antiqua">Dr.</em> Neumann und eine eiligst aus
+der Hauptstadt herbeigerufene medizinische Größe hatten Mühe, das
+Leben Ansorges zu erhalten. Furchtbare Qualen hatte der Arme bereits
+ausgestanden; nun wurde ihm durch eine Operation der Kiefer zerstemmt,
+die Wange geschlitzt.</p>
+
+<p>Wochenlang war Ansorge schwer krank. Als er genas und im Spiegel sein
+verunstaltetes Gesicht sah, das bisher immer so hübsch rund und so
+glatt rasiert gewesen war, beschloß er, sich einen Vollbart wachsen
+zu lassen. Er hatte sein Lebtag Vollbärte nicht ausstehen mögen, aber
+nun war es nötig, das Wundmal durch einen Bart zu verdecken, damit die
+Leute nicht immer an den Mißerfolg des Dentisten erinnert wurden und
+der arme Schlucker am Ende seine geringe Praxis ganz einbüßte.</p>
+
+<p>Der Dentist aber war so wie so pleite. Kein Mensch suchte ihn mehr auf;
+denn ganz Altenroda sprach von dem schweren Unfall Ansorges. Da kam der
+Zahnheilkünstler eines Tages zu Ansorge und bat ihn ganz zerknirscht um
+Verzeihung.</p>
+
+<p>»Ich bin selber halb gestorben vor Angst um Sie, Herr Ansorge! Ich habe
+mich zu zeitig selbständig gemacht; daran liegt's. Ich hätte lieber,
+was die Zahnheilkunde betrifft, noch manches dazu lernen sollen.«</p>
+
+<p>»Ja!« sagte Ansorge leise.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span></p>
+
+<p>»Von Altenroda muß ich weg,« fuhr der Dentist betrübt fort. »Die Leute
+haben das Vertrauen zu mir verloren. In Magdeburg könnte ich eine
+Gehilfenstelle bekommen und vieles lernen; aber ich habe Schulden. Wenn
+ich jetzt meine Instrumente verkaufe, kann ich später nicht mehr neu
+anfangen; denn diese Sachen werden von Tag zu Tag teurer.«</p>
+
+<p>»Wie viel haben Sie denn Schulden?« fragte Ansorge nebenher.</p>
+
+<p>»Tausend Mark,« sagte der Dentist und errötete.</p>
+
+<p>»Und dann brauchen Sie ja wohl noch Geld für die Übersiedelung nach
+Magdeburg?«</p>
+
+<p>Der Dentist nickte und seufzte.</p>
+
+<p>»Ja, das ist schlimm,« sagte Ansorge und stand auf. Er setzte sich aufs
+Sofa, wo, wie immer, sein Dachshund lag, und kraute in Gedanken dem
+Hunde die Kehle. Der knurrte nach dem Dentisten hinüber. Das sollte
+heißen:</p>
+
+<p>»Wenn du willst, beiße ich ihn hinaus!«</p>
+
+<p>Ansorge steckte dem Köter ein Stück Zucker ins Maul, das er für solche
+und ähnliche Fälle immer in der Rocktasche hatte, trat ans Fenster
+und sah auf die Straße. Die Höllenqualen, die er ausgestanden hatte,
+fielen ihm ein, die schwere Operation, die Verunstaltung des Gesichtes,
+der Vollbart, der spitz, lückig und unschön um seinen Mund sproßte,
+schließlich auch die hohe Rechnung, die die medizinische Größe aus der
+Großstadt geschickt hatte. »Lieber Herr Dentist Hornriegel,« wollte er
+sagen, »ich trage Ihnen nichts nach. Für Magdeburg wünsche ich Ihnen
+viel Glück; weiter kann ich aber nichts für Sie tun.«</p>
+
+<p>Als er sich jedoch umwandte und das zerknirschte Gesicht<span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span> des jungen
+Mannes sah, sagte sich Ansorge, es sei unrecht, in einem solchen
+Falle hartherzig zu sein. So sagte er etwas ganz anderes, als er sich
+vorgenommen hatte:</p>
+
+<p>»Na, in Gottes Namen, Herr Hornriegel, da werde ich Ihnen halt
+tausendfünfhundert Mark leihen; da wird's wohl reichen.«</p>
+
+<p>Aus Hornriegels vielen mit Tränen betauten Dankesworten blieb Ansorge
+nur die ständig wiederkehrende Beteuerung im Sinn:</p>
+
+<p>»Sie werden sehen, Herr Ansorge, ich bin kein Unwürdiger. Ich bin
+strebsam; ich werde noch ein tüchtiger Dentist werden. Und Ihr Geld
+kriegen Sie wieder!«</p>
+
+<p>Als Hornriegel mit den tausendfünfhundert Mark abgezogen war, setzte
+sich Ansorge wieder zu seinem Dackel aufs Sofa. Das Vieh drehte ihm den
+Schwanz hin. Das war das schlimmste Zeichen seiner Verachtung. Nicht
+einmal ein Stück Zucker nahm der erzürnte Vierbeiner an.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Jahre vergingen. An seinem vierzigsten Geburtstag, als die Festgäste
+alle gegangen waren, saß Ansorge abermals bei seinem Dackel, der
+unterdes eine weiße Schnauze bekommen hatte.</p>
+
+<p>»Dackel,« sagte er; »jetzt sind wir vierzig Jahre alt geworden. Ins
+Schwabenalter sind wir gekommen. Meinst du, daß wir jetzt weise werden?«</p>
+
+<p>Der Hund schüttelte den Kopf, daß ihm die Ohren klatschten. Er will
+sagen, dachte Ansorge: ich war schon immer weise, du wirst es nie. Und
+in diesem Augenblicke fiel ihm der Dentist ein, von dem er nie wieder
+etwas gehört hatte, von dem er gar nicht wußte, ob er überhaupt nach
+Magdeburg gezogen war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span></p>
+
+<p>Eine halbe Stunde der Träumerei verging. Der Hund knurrte und bellte
+leise im Schlaf. Vielleicht träumte ihm von dem Dentisten, den er
+einmal hatte hinausbeißen wollen, dieses aber damals nicht gedurft
+hatte ...</p>
+
+<p>Am nächsten Tage bekam Ansorge einen Brief.</p>
+
+<p>»Verehrter Herr Ansorge!</p>
+
+<p>Bitte um Verzeihung, daß ich mich nicht eher gemeldet habe. Mir
+ist es indes sehr unterschiedlich, meist recht schlecht ergangen.
+Aber nun habe ich es geschafft. Ich bin selbständiger Dentist in
+einer hannoverischen Mittelstadt, und mein Kundenkreis wächst von
+Woche zu Woche. Mißerfolge habe ich nicht mehr gehabt; ich habe in
+den Jahren viel gelernt. Seit einem Vierteljahr bin ich glücklich
+verheiratet. Die Neueinrichtung hat viel gekostet, sonst könnte
+ich Ihnen die tausend Mark, mit denen Sie mir aus bitterster Not
+geholfen haben, bald zurückzahlen. So muß ich Sie bitten, heute mit
+der ersten Ratenzahlung von fünfhundert Mark zufrieden zu sein. Das
+andere und die aufgelaufenen Zinsen folgen binnen einem Jahre nach. Im
+»Altenrodaer Stadtblatt«, das ich immer noch mithalte, las ich, daß
+der so hochbeliebte Bürger der Stadt, Herr Ansorge, seinen vierzigsten
+Geburtstag feiert. Bitte, nehmen Sie auch einen herzlichen Glückwunsch
+an von Ihrem fürs ganze Leben dankbaren</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;"><em class="gesperrt">Hornriegel</em>, Dentist.«</span><br>
+</p>
+
+<p>Mit diesem Briefe in der Hand stand Ansorge lange still da. Er sagte
+sich:</p>
+
+<p>»Da war nun wieder einmal so etwas wie eine Sorge in mein Leben
+gekommen. Und nun ist sie zu nichts geworden; sie ist durch eine große
+Freude aufgewogen worden.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span></p>
+
+<p>Dann schlug er den Dackel, der auf dem Sofa lag, auf den Buckel und
+sagte mit einem glücklichen Lachen:</p>
+
+<p>»Ach, Dackel, was bist du doch für ein dummer Kerl!«</p>
+
+<p>Der Hund brummte.</p>
+
+<p>Er will sagen, dachte sich Ansorge, es hätte ja auch anders kommen
+können. Aber es blieb eine große Freude in ihm. Und seine zweite
+persönliche Sorge war aus.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ansorge war ein tüchtiger Kaufmann. Er verstand es, mit seiner
+Arbeiterschaft und seiner Kundschaft ganz ausgezeichnet umzugehen, und
+wenn sich sein Reichtum trotz hoher Einnahmen nicht vermehrte, so lag
+das daran, daß die klugen Stadtväter von Altenroda Herrn Ansorge zum
+Armendirektor gewählt hatten. Die Stadtväter wußten genau, so lange
+Ansorge Direktor war, brauchten sie den Armenetat nicht zu erhöhen;
+denn Ansorge leistete Riesenzuschüsse aus eigener Tasche. Dabei lebte
+er selbst äußerst bescheiden, ja, er schränkte sich ein. Als er aber
+einmal aus irgend einem Anlaß eine gute Flasche Wein für drei Mark
+trank, drohte ihm der Stadtkämmerer mit dem Finger und sagte:</p>
+
+<p>»Direktorchen, Direktorchen, leben Sie nicht über die Verhältnisse der
+Stadt!«</p>
+
+<p>Am meisten kosteten Ansorge die Kinder, zumal zu Weihnachten. Dieses
+liebliche Fest plünderte seine Kasse meist vollständig aus. Vom
+fünfundfünfzigsten Lebensjahre an bekam der Wohltäter den Namen »Vater
+Ansorge«, den er, der nie eigene Kinder gehabt hatte, mit Stolz trug.</p>
+
+<p>Der Apotheker, der manchmal gebildete Reden führte, sagte einmal im
+»Goldenen Löwen«, Ansorge sei der<span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span> stärkste Altruist, der ihm begegnet
+sei. Alle Stammtischgäste nickten ihm Beifall zu, obwohl keiner wußte,
+was ein Altruist sei. Ansorge schüttelte den Kopf. Er sagte nichts,
+aber er dachte sich: Wenn Ihr nur wüßtet, was ich für ein Egoist bin.
+Wer etwas Gutes unterlassen hat, ist in schlechter Stimmung. Das Essen
+und die Zigarre schmecken ihm nicht, er ist unfroh und fühlt sich
+elend. Wie anders fühlt sich der Mensch nach einer guten Tat. Ganz
+herrlich ist das Hochgefühl, das er hat. Es ist, als ob die Seele ein
+Bad genommen und sich darauf an etwas ganz Gutem satt gegessen und satt
+getrunken hätte. Und dieses Wohlgefühl geht auf den Körper über. Wer
+Gutes tut, tut es in erster Linie sich selber.</p>
+
+<p>Ganz und gar unzufrieden mit Herrn Ansorges Wohltätigkeitssinn war der
+Prokurist seines Geschäfts, Herr Sperlich. Mit Ingrimm sah Sperlich,
+wie die hohen Reinerträgnisse, die er, der langjährige treue Beamte,
+aus dem Unternehmen herauswirtschaftete, aus Ansorges allezeit offenen
+Händen verrannen. Man hätte die Anlage vergrößern, das Geschäft
+verdoppeln können, wenn eben nicht diese unselige Verschwendungssucht
+des Chefs gewesen wäre.</p>
+
+<p>Der Ruf von Ansorges Wohltätigkeitssinn war inzwischen weit über die
+Grenzen von Altenroda hinausgedrungen. Von weither kamen Bittbriefe.
+Einmal kam ein solcher aus Hamburg. »<em class="antiqua">Dr.</em> Meier, Schriftsteller,«
+war er unterzeichnet. Was sich alles unter dem ehrlichen Namen
+»Schriftsteller« verbirgt, ist schauerlich. Aber das wußte Ansorge
+nicht, auch flößte ihm der Doktortitel Vertrauen ein. Der Brief
+erschütterte ihn. Er gab das Bild einer menschlichen Lebenstragödie,
+herzbewegender,<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span> unverschuldeter Leiden, und endete in dem Hilferuf:</p>
+
+<p>»Sie, edler Herr, sind meine letzte Hoffnung. An Ihnen liegt es, ob
+ich weiter leben, weiter schaffen kann, oder ob ich untergehen muß.
+Nächsten Freitag abends sechs Uhr schlägt meine Schicksalsstunde.
+Habe ich dann nicht sechshundert Mark in der Hand, so ist es aus mit
+mir. Es bleibt mir dann nichts übrig, als mich noch am selben Abend
+aufzuhängen. Einen Revolver besitze ich nicht, kann auch keinen
+kaufen. Meine arme, unschuldige Familie muß ich dann ihrem Schicksal
+überlassen. Nun entscheiden Sie, was geschehen soll.«</p>
+
+<p>Dieses Schreiben zeigte Ansorge seinem Prokuristen. Sperlich pfiff
+leise durch die Zähne und legte den Brief auf den Schreibtisch.</p>
+
+<p>»Nun?« fragte Ansorge.</p>
+
+<p>Aber Sperlich war schon wieder in seine Arbeit vertieft, und Ansorge
+wollte ihn nicht stören. Also ging er leise hinaus. Er hatte ohnehin zu
+tun. Draußen vor der Stadt lebte eine Witwe, die sich durch Weißnähen
+ernährte. Sie hatte einen einzigen Sohn, einen hübschen, intelligenten
+Bengel, an dem sie in abgöttischer Liebe hing. An was sollte auch das
+arme Weib, das nichts auf der Welt besaß als dieses Kind, sein Herz
+sonst hängen? Ansorge hatte dem Jungen eine gute Lehrlingsstelle bei
+einem Optiker verschafft. Was tat der Lumpazius? Bestahl seinen Chef
+um hundertfünfzig Mark. Da war er denn hinausgeworfen worden, und der
+empörte Optiker drohte außerdem mit Anzeige.</p>
+
+<p>Der Fall hatte Eile. War der Anzeigebrief erst beim Gericht, so war
+nichts mehr zu wollen. Also hin zum Optiker! <em class="antiqua">Dr.</em> Meier in
+Hamburg mußte warten. Es<span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span> war erst Montag, und Meiers Schicksalsstunde
+schlug erst Freitag abend um sechs. Hier galt es zunächst, dem
+Optiker die hundertfünfzig Mark zu ersetzen, die der schreckliche
+Junge verlumpt hatte. Allein fünfunddreißig Mark für eine Busennadel
+mit Brillanten hatte der Kerl ausgegeben. Ansorge mußte lachen, wenn
+er an dieses Schmuckstück dachte. Am besten wäre es natürlich, der
+Optiker nähme den Jungen, der bittere Reuetränen vergoß, wieder auf.
+Ein deutlicher Denkzettel würde dem Bürschlein genügen. War aber der
+Optiker harthörig, nun, so blieb Ansorge wohl nichts übrig, als den
+jungen Fant zunächst im eigenen Betriebe zu beschäftigen und ihn im
+Auge zu behalten, natürlich, ohne sein ohnehin verletztes Ehrgefühl
+weiter zu kränken.</p>
+
+<p>Gegen elf Uhr kam Ansorge nach Hause. Er war hundertfünfzig Mark los
+geworden und hatte den diebischen Jungen auf dem Halse. Etwas nervös
+trat er ins Büro.</p>
+
+<p>»Wir wollen jetzt den Hamburger Brief erledigen,« sagte er.</p>
+
+<p>»Ist schon erledigt,« brummte der Prokurist Sperlich.</p>
+
+<p>»Ah, Sie haben die sechshundert Mark hingeschickt?«</p>
+
+<p>»Nein, das nicht; ich habe was ganz anderes hingeschickt?«</p>
+
+<p>»Was denn?«</p>
+
+<p>»Einen Strick. Der Mann will sich ja doch aufhängen; da wollte ich ihm
+gefällig sein.«</p>
+
+<p>»Herr Sperlich, Sie erlauben sich einen merkwürdigen Scherz.«</p>
+
+<p>»Es ist kein Scherz, Herr Ansorge. Ich habe tatsächlich einen neuen
+hanfenen Strick an diesen <em class="antiqua">Dr.</em> Meier nach Hamburg geschickt. Und
+zwar als Eilpaket.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span></p>
+
+<p>»Herr — Herr Sperlich — wenn das wahr ist ...«</p>
+
+<p>»Es ist wahr!«</p>
+
+<p>»Dann — dann sind Sie entlassen!«</p>
+
+<p>»Wie sagten Herr Ansorge?«</p>
+
+<p>»Wenn das wahr ist, daß Sie nach Hamburg den — den Strick gesandt
+haben, sind Sie entlassen.«</p>
+
+<p>»Schön!« sagte der Prokurist. Er legte seine Schreibsachen pedantisch
+gerade, wischte die Feder sorgsam am Tintenputzer ab, stand dann
+langsam auf, rückte den Schreibtischstuhl zurecht, nahm seinen Hut vom
+Kleiderhaken, sagte: »Guten Tag, Herr Ansorge,« und ging nach Hause.</p>
+
+<p>Das geschah alles in so großer Gelassenheit, daß Ansorge wie in
+Betäubung dastand. Erst allmählich wachte er auf.</p>
+
+<p>Ungeheuerliches war geschehen. Er hatte jemand gekündigt, nein, nicht
+gekündigt, sondern Knall und Fall entlassen. Sperlich! War denn
+das möglich? Aber der Mann hatte ja ein Verbrechen begangen, hatte
+einem Verzweifelten den letzten Mut genommen, einen mit dem Tode des
+Ertrinkens Ringenden vollends unter Wasser getaucht. Und die Familie,
+die arme Familie des Doktor Meier!</p>
+
+<p>Ein dringendes Telegramm wurde aufgesetzt. Tausend Mark gingen
+telegraphisch nach Hamburg, dazu die Bemerkung: »Eilpaket
+bedauerlichstes Mißverständnis. Fassen Sie Mut, helfe Ihnen weiter.
+Ansorge.«</p>
+
+<p>Als Ansorge dieses Telegramm persönlich abgegeben und seine tausend
+Mark losgeworden war, fühlte er sich wohler. Gegen Sperlich hatte er
+großen Groll. Solche Gemütsroheit hätte er dem Manne nie und nimmer
+zugetraut.<span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span> Sperlich war Vorsitzender des Tierschutzvereins. Wer konnte
+von einem solchen Manne auch nur eine Unzartheit erwarten? Und dieses
+Benehmen, dieses Absenden eines Strickes an einen Menschen, der in
+Verzweiflung war! Ein Rätsel, ein unerforschbares Rätsel! Außerdem
+war Sperlich ein schlechter Geschäftsmann. Mit sechshundert Mark wäre
+der Fall zu erledigen gewesen, nun, nach der furchtbaren Kränkung,
+die Doktor Meier in Hamburg erlitten hatte, mußte natürlich eine Art
+Sühnegeld gezahlt werden. (Das waren also die vierhundert Mark, die
+Ansorge über die geforderte Summe geschickt hatte.) Diesen Verlust von
+vierhundert Mark hatte er Herrn Sperlich zu verdanken.</p>
+
+<p>Eine unruhige Nacht verging. Am nächsten Morgen Punkt acht war
+Ansorge im Büro. Sperlichs Platz war leer. Sperlich war als der
+Gewissenhafteste aller Angestellten sonst schon immer um drei Viertel
+acht da. Also, da er um drei Viertel acht nicht gekommen war, kam er
+überhaupt nicht. Er hatte die Kündigung ernst genommen.</p>
+
+<p>Herrn Ansorge faßte eine leise Übelkeit an. Vierundzwanzig Jahre war
+Sperlich im Geschäft. Eine Perle von Ehrlichkeit und Tüchtigkeit!
+Dukatengold von Charakter! Nächstes Jahr sollte Sperlich sein
+fünfundzwanzigstes Geschäftsjubiläum feiern, und Ansorge zerbrach sich
+schon wochenlang den Kopf über das Festprogramm. Und nun? Kündigte ihm!
+Nein, warf ihn hinaus!</p>
+
+<p>Ansorge war überzeugt, daß ihn ganz Altenroda als einen rohen,
+undankbaren Patron ansehen würde, wenn dieser Hinauswurf des allgemein
+geschätzten Herrn Sperlich<span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span> bekannt wurde. Vielleicht würden die
+Arbeiter in einen Proteststreik treten. Dann — das nahm sich Ansorge
+vor — würde er unter jeder nur irgend annehmbaren Bedingung seine
+Fabrik verkaufen, seine Vaterstadt verlassen, um irgendwo auf der Welt
+einsam und fremd sein Leben zu beschließen.</p>
+
+<p>So nervös geworden — schickte Ansorge einen Boten in Sperlichs Wohnung
+mit der Anfrage, ob etwa Herr Sperlich nicht wohl wäre, da er nicht
+im Geschäft sei. Der Bote kam zurück und meldete: »Herr Sperlich ist
+verreist.« Das ganze Personal machte erstaunte Augen. Ansorge las aus
+diesem Erstaunen schweres Mißtrauen und heftige Vorwürfe gegen sich
+selbst.</p>
+
+<p>Zwei Tage später saß Ansorge entgeistert vor einem Briefe.</p>
+
+<p>»Auskunftei Spürvogel, Hamburg.</p>
+
+<p>Auf die von Ihrer Firma an uns gerichtete Anfrage erwidern wir
+ergebenst folgendes:</p>
+
+<p>›Schriftsteller‹ <em class="antiqua">Dr.</em> Meier ist ein sogenanntes verbummeltes
+Genie. Er ist ein total verlumptes Individuum, das wegen
+Eigentumsvergehen und Schwindeleien aller Art schon oft mit dem
+Strafrichter Bekanntschaft gemacht hat. Neuerdings verlegt er sich
+berufsmäßig auf die Herstellung wirksamer Bettelbriefe, die er an
+Personen verschickt, die als besonders wohltätig gelten. Meier erzielt
+durch seine Manipulationen oft größere Beträge. Er sucht in seinen
+Briefen immer besonderes Mitleid mit seiner bedrohten Familie zu
+erwecken. Meier hat aber keine Familie; er ist alter Junggeselle.
+Auch ist ein besonderer Trick Meiers, mit Selbstmord zu drohen, falls
+er bis zu einer gewissen Stunde die geforderte Summe<span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span> nicht erhält.
+Darüber macht er dann beim Weine seine besonderen Scherze. Wenn er
+einen größeren Erfolg gehabt hat, lädt er seine intimsten Freunde und
+Freundinnen zum Weine und sagt beim ersten Glase: ›Na, prosit auf das
+dumme Luder!‹ Es ist nicht weiter notwendig zu warnen, dem Schwindler
+auch nur die geringste Summe leih- oder geschenkweise zu gewähren.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Hab' einer tausend Mark abgeschickt und krieg' einer einen solchen
+Brief!</p>
+
+<p>Ansorge las die »Auskunft«, die ja wohl Herr Sperlich von der Firma aus
+noch veranlaßt hatte, immer aufs neue.</p>
+
+<p>So ein Lump! So ein Lump!</p>
+
+<p>Dem hatte er tausend Mark geschickt!</p>
+
+<p>Und der merkwürdige Toast, der in der »Auskunft« erwähnt war, der war
+ja nun in Hamburg wohl längst auf ihn — Herrn Ansorge — ausgebracht
+worden. Vielleicht war er zweimal ausgebracht worden, weil Ansorge ja
+mehr geschickt hatte, als von ihm verlangt worden war.</p>
+
+<p>Ein dummes ...</p>
+
+<p>Danke schön!</p>
+
+<p>Ansorge war kreideweiß. Er stand auf, zerriß den Brief der Auskunftei
+in hundert Fetzen und ging krank nach Hause.</p>
+
+<p>In der Nacht bekam er Schüttelfröste. In einem fiebrigen Traume sah er
+Herrn Sperlich, seinen unersetzlichen Prokuristen, vor einem Hamburger
+Großhandelsherrn stehen, der ihm die Hand reichte und sagte:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span></p>
+
+<p>»Also, Herr Sperlich, ich engagiere Sie! Wir hier in Hamburg wissen um
+<em class="antiqua">Dr.</em> Meier und Konsorten Bescheid.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wie eine weiße, angeschossene Taube war Ansorges Seele. Rund um seine
+reine Menschenliebe sah er die wilden Jäger roher Selbstsucht lauern.</p>
+
+<p>Und da kam ihm ein Gottesgeschenk an Trost.</p>
+
+<p>Ein kleines Mädelchen lebte in der Vorstadt, das Kind eines
+Eisenbahners, der in seinem Beruf zu Tode verunglückt war. Das Kind
+war vier Jahre alt, seine verwitwete Mutter fünfundzwanzig. Das Weib
+sah dem jäh dahingerafften Gatten in verzehrender Trauer nach. Ihr
+einziges Lebensglück war das vierjährige Mädchen. Das fiel beim Spielen
+in den durch Gewitter hochgeschwollenen Fluß. Und es wurde gerettet.
+Durch den einzigen fähigen Kerl gerettet, der zufällig in der Nähe war.
+Und dieser einzige zu einer Lebensrettung fähige Kerl war der Sohn
+der Weißnäherin, der Lumpazius, der seinem Chef hundertfünfzig Mark
+gestohlen hatte und zurzeit nur darum nicht weit weg von Altenroda in
+einer Besserungsanstalt war, weil ihn Ansorge davor bewahrt hatte.</p>
+
+<p>Ansorge ging zu der Mutter des geretteten Kindes. Sie sagte ihm: »Ach,
+Herr Ansorge, wenn Ihr Lehrling, der junge Schmiedecke, nicht gewesen
+wäre, da wäre ja alles, alles dahin! Ich habe ihm meinen goldenen
+Fingerring angeboten, aber er hat ihn nicht gewollt.«</p>
+
+<p>Ansorge ging in sein Geschäft, nahm sich den »Lumpazius« vor und führte
+folgende Unterhaltung mit ihm:</p>
+
+<p>»Schmiedecke, du weißt, daß du einmal ein Lump gewesen bist.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span></p>
+
+<p>»Ja,« sagte Schmiedecke beklommen.</p>
+
+<p>»Schmiedecke, ich sage dir, das mit der kleinen Trudel, das war
+eine Edeltat, und daß du den Fingerring nicht angenommen hast, war
+vielleicht noch mehr. Schmiedecke, ich hoffe, du wirst Karriere machen!«</p>
+
+<p>Da fing der Junge so an zu weinen, daß Ansorge flink hinausging.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war abends neun Uhr. Ansorge saß an seinem Schreibtisch, hatte einen
+Briefbogen vor sich und grübelte. Der Prokurist Sperlich!</p>
+
+<p>Ansorge hatte sich überwunden, nochmals zu Frau Sperlich geschickt
+und sich nach ihrem Gatten erkundigen lassen. Er sei in einer
+Sommerfrische, es gehe ihm gut, ließ Frau Sperlich sagen, und sie danke
+für die freundliche Nachfrage.</p>
+
+<p>Was tut der Chef eines Unternehmens mit einem Angestellten, der auf
+eigene Faust ohne Urlaub wochenlang in die Sommerfrische geht, der
+sagen läßt, es ergehe ihm gut da, und er danke für die freundliche
+Nachfrage?</p>
+
+<p>Entläßt ihn! Jawohl, aber das ging hier nicht an; denn Sperlich war
+schon entlassen. War bei Lichte besehen ein Mann, der von der Firma
+Ansorge aus tun und lassen konnte, was er wollte.</p>
+
+<p>Was sollte man so einem Manne schreiben?</p>
+
+<p>Ansorge saß drei Stunden lang vor dem leeren Briefbogen. Es war nicht
+der geschäftliche Verlust, der ihn bewegte. Einen neuen tüchtigen
+Prokuristen, der sich voraussichtlich rasch einarbeiten würde, hatte
+ihm ein Geschäftsfreund empfohlen. Er brauchte nur zuzugreifen.<span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span> Aber
+er wollte den alten, treuen Menschen, den Dukatencharakter zurückhaben.</p>
+
+<p>Um elf ging Ansorge schlafen. Um eins stand er wieder auf. Er schrieb
+auf den Briefbogen:</p>
+
+<p>»Lieber Herr Sperlich!</p>
+
+<p>Was zwischen uns geschehen ist, geschah von mir aus im Affekt. Ich
+weigere mich nicht, über mein damaliges Verhalten mein Bedauern
+auszusprechen. In der Sache selbst hatten Sie nämlich recht. Wenn Sie
+die Kündigung als nicht geschehen ansehen und die alten für meine
+Firma wertvollen Beziehungen aufrechterhalten wollen, so bitte ich um
+bezüglich Nachricht. Für den Fall Ihres Wiedereintritts in die Firma
+gebe ich Ihnen weitere drei Wochen Urlaub.«</p>
+
+<p>Dieser Brief ging am 3. August von Altenroda ab. Am 5. August, früh
+drei Viertel acht, saß der Prokurist Sperlich in seinem Büro und
+arbeitete, ohne vom Pult aufzusehen.</p>
+
+<p>Drei Tage später sagte Ansorge zu Sperlich:</p>
+
+<p>»Was meine Wohltätigkeitsbestrebungen anlangt, so mögen, Herr Sperlich,
+in Zukunft <em class="gesperrt">Sie</em> die auswärtigen Angelegenheiten erledigen.
+Natürlich immer nach gerechter und wohlwollender Prüfung. Ich
+glaube, daß es in solchen Fällen gut ist, vorher vertrauenswürdige
+Erkundigungen einzuziehen.«</p>
+
+<p>»Jawohl, Herr Ansorge,« sagte Sperlich, »ich werde alles gewissenhaft
+besorgen.«</p>
+
+<p>Ein Mißtrauen aber blieb bei Ansorge doch. Der Strick — der Strick!
+Das war doch gar zu drastisch. Schließlich schickte Sperlich einem
+armen Mädel, das sich zu vergiften drohte, eine Schachtel »Rattentod«,
+einer anderen,<span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span> die sich ertränken wollte, eine Badekappe. Zuzumuten
+wäre es ihm — dem Rauhbein. Und so einer hieß Sperlich. Rabe müßte er
+heißen oder Uhu!</p>
+
+<p>Schön aber war es, daß Sperlich wieder da war. Und seltsam war das
+Folgende.</p>
+
+<p>Sperlich kam eines Tages zu Ansorge und sagte:</p>
+
+<p>»Herr Ansorge! Ich habe ja wohl die Bearbeitung der Fälle für
+auswärtige Wohltätigkeit übertragen bekommen; aber nun ist ein Fall
+da, wo ich Sie doch um Ihr ganz spezielles Einverständnis bitten
+muß. In unserer Nachbarstadt Wilmershofen wird eine Heilanstalt für
+unbemittelte Lungenkranke errichtet. Die Firma ist angegangen worden,
+einen Beitrag zu zeichnen. Wie hoch soll er sein?«</p>
+
+<p>Ansorge trat ans Fenster. Das tat er immer, wenn er tief nachdenken
+wollte, obwohl es — so fiel ihm einmal ein — unlogisch ist, bei
+tiefem Nachdenken auf die Straße zu sehen.</p>
+
+<p>Jetzt waren seine Gedankengänge so: Ein junger Mann von
+siebenundzwanzig Jahren kriegt die Schwindsucht — Frau, zwei kleine
+Kinder — denkt sich: Hätt' ich Rettung! Hätt' ich Rettung, daß ich
+bei euch bleiben könnte, ihr lieben drei! Hat keine Rettung. Dann eine
+junge Witwe — Mann an Schwindsucht gestorben — sie sich angesteckt —
+zwei Kinder — muß auch hinüber — die Kinder Waisen — furchtbar!</p>
+
+<p>Also dreißigtausend Mark müßten es anstandshalber sein. Das letzte Jahr
+war schlechter als die vorigen; dreißigtausend Mark waren viel Geld
+für die Firma. Zudem: der ganze Umkreis, die Provinz, der Staat mußten
+mitwirken an dem unbedingt notwendigen Werke.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_380">[S. 380]</span></p>
+
+<p>Die Hauptsache aber: Sperlich! Was würde Sperlich sagen, wenn er
+dreißigtausend Mark für eine Lungenheilanstalt verlangte, von ihm, der
+ehedem wegen sechshundert Mark einen Strick absandte?</p>
+
+<p>Trotzdem: in so heiliger Liebeshilfe durfte keine Feigheit sein! Mochte
+schließlich selbst Herr Sperlich wieder ins Gebirge gehen.</p>
+
+<p>Ansorge wandte sich am Fenster um. Sein Gesicht war blaß, gefaßt, ja
+bestimmt.</p>
+
+<p>»Herr Sperlich,« sagte er, »bei einem so dringenden Liebeswerk wird
+sich meine Firma mit einem ansehnlichen Betrage beteiligen. Ich werde
+die Zeichnung keinesfalls unter — unter fünfzehntausend Mark halten.«</p>
+
+<p>Sperlich saß auf seinem Stuhl, den Körper vornüber geneigt, die Hände
+zwischen die Knie geklemmt.</p>
+
+<p>»Nun? Sind Sie mit der Summe einverstanden?«</p>
+
+<p>»Nein!« sagte Sperlich mit rauher Stimme.</p>
+
+<p>Ansorge trat wieder ans Fenster. Was ihm die da unten reifentreibenden
+Kinder und der einen Prellstein beschnubbernde Hund sowie das eine
+Markttasche tragende Weib in seinen Fragen zu offenbaren hatten, wußte
+Ansorge nicht. Aber er sah immer, wenn er tief in Gedanken war, auf die
+Straße.</p>
+
+<p>Also, mit den fünfzehntausend Mark war Sperlich nicht einverstanden.
+Was wollte der Knicker? Wie weit reichte eigentlich seine
+Menschlichkeit?</p>
+
+<p>Abermals wandte sich Ansorge um. Sein Gesicht war noch um einen Schein
+blasser, gefaßter, bestimmter geworden.</p>
+
+<p>»Herr Sperlich, wenn sich unsere Firma an dem Liebeswerk beteiligt,
+dann keineswegs unter zehntausend Mark.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_381">[S. 381]</span></p>
+
+<p>Sperlich erhob sich.</p>
+
+<p>»Herr Ansorge, Ihrem Willen untersteht ja alles. Ich hätte mir bloß
+erlauben wollen, einen anderen Vorschlag zu machen.«</p>
+
+<p>»Nun?«</p>
+
+<p>»Ich — ich wollte — dreißigtausend Mark vorschlagen. Es wird auch
+manchen armen Schlucker aus unserem Betrieb geben, der drüben Zuflucht
+suchen muß.«</p>
+
+<p>Ansorge trat abermals ans Fenster.</p>
+
+<p>Der eine Junge hatte der Grünzeugmuttel den Reifen gegen den Bauch
+gefahren um dafür eine beträchtliche Ohrfeige in Empfang zu nehmen.</p>
+
+<p>Kreiselnde Welt!</p>
+
+<p>Ansorges Gesicht erhellte sich, wie wenn die Sonne aufgeht über einer
+im Nebel schauernden Flur.</p>
+
+<p>Das dritte Mal wandte er sich um.</p>
+
+<p>»Na, Sperlich, ich hatte ja zuerst selber an dreißigtausend gedacht;
+ich hatte es doch nur aus Sorge vor Ihrem Widerspruch nicht aussprechen
+mögen.«</p>
+
+<p>»Die Entscheidung liegt immer bei Ihnen, Herr Ansorge!«</p>
+
+<p>Das war zwar nicht ganz tatrichtig, aber es war schön gesagt von Herrn
+Sperlich.</p>
+
+<p>Ansorge und Sperlich waren für immer treu verbunden. Und so war
+Ansorges dritte persönliche Sorge aus der Welt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es gibt viele Dichter und Philosophen, die behaupten, das rarste
+Pflänzlein auf der Erde sei die Dankbarkeit. Von Herrn Ansorges Leben
+läßt sich das nicht sagen. Er hat viele, auch ganz rührende Dankbarkeit
+erfahren. Seine<span class="pagenum" id="Seite_382">[S. 382]</span> weichen Schlapphüte hielten in der Krempe keinen Monat
+die Form; denn ganz Altenroda grüßte ihn. In der Schule hatte eine
+junge Lehrerin einmal gefragt, ob die Kinder ganz schlechte Menschen
+aufzuzählen wüßten. Da war folgende Liste herausgekommen: Kain, Judas,
+Herodes, Kaiser Nero, Napoleon und der Kutscher Nimietz aus Altenroda.
+(Niemitz hatte ein Pferd so mißhandelt, daß er auf die Anzeige Herrn
+Sperlichs, des Vorsitzenden des Tierschutzvereins, einen Monat
+Gefängnis bekam.)</p>
+
+<p>Und nun sollten die Kinder die besten Menschen nennen. Das sagte das
+eine Mädchen:</p>
+
+<p>»Jesus Christus!«</p>
+
+<p>»Vortrefflich!« lobte die Lehrerin; »er war zwar Gottes Sohn, aber er
+war doch auch ein Mensch wie wir! Der Beste von allen Menschen. — Und
+nun nennt noch einen ganz guten Menschen.«</p>
+
+<p>Da meldete sich die halbe Klasse.</p>
+
+<p>»Herr Ansorge!«</p>
+
+<p>Die Lehrerin war verblüfft. Aber sie war ein kluges Mädchen, und so
+erkannte sie: hier ist von Kindermund erst der Meister und dann ein
+Jünger genannt worden. Sie machte die wehmütige Erfahrung, daß die
+Kinder auf die Frage nach anderen ganz guten Menschen sich mühsam den
+Kopf zerbrechen mußten, und hatte nichts dagegen, als ein kleines Kind
+als dritten in der Reihe der ganz guten Menschen sagte:</p>
+
+<p>»Mein Vatel!«</p>
+
+<p>Diese Schulgeschichte sprach sich herum. Ganz Altenroda freute sich
+— bis auf einen, dem sie außerordentlich peinlich war. Das war Herr
+Ansorge selbst. Niemand durfte<span class="pagenum" id="Seite_383">[S. 383]</span> ihm von dieser Geschichte sprechen,
+selbst seine besten Freunde nicht.</p>
+
+<p>Der, der sich am meisten über diese — so drückte er sich aus —
+Abstimmung über gute und böse Geister aufregte, war <em class="antiqua">Dr.</em>
+Schicketanz.</p>
+
+<p>Im »Löwen«, als Ansorge am Stammtisch fehlte, äußerte sich Schicketanz
+also:</p>
+
+<p>»Die Frage nach guten und schlechten Menschen ist im Grunde genommen
+Unsinn. Überhaupt Kindern gegenüber, die keine Lebenserfahrung haben.
+Aber die Sache mit dem Ansorge, die ist doch bedeutsam. Da ist doch
+etwas ins Volksbewußtsein gedrungen, etwas ins Vertrauensvolle,
+Gläubige gewachsen. Ich habe lange den Ansorge für einen Narren
+gehalten; ich weiß jetzt, daß er ein Weiser ist, der viel mehr
+inneres, wahres Glück hat, als wir alle. Und was die Lehrerin anlangt,
+die die an sich unsinnigen Fragen gestellt hat, so will ich in der
+Stadtverordnetenversammlung beantragen, daß sie die Leitung der
+Mädchenschule bekommt. Meine eigenen Enkelkinder lasse ich so wie so
+seit jenem Tage von ihr unterrichten.«</p>
+
+<p>Drei Tage später, bei einer ganz unpassenden Gelegenheit, aber unter
+vier Augen, machte <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz mit Ansorge Bruderschaft.
+Ansorge, der in Untertertia sitzen geblieben war, als Schicketanz
+schon nach Oberprima kam, fühlte sich aufrichtig geehrt. Er war damals
+dreiundsechzig, Schicketanz achtundsechzig Jahre alt.</p>
+
+<p>Da starb in Altenroda ein betagtes Weib, das eine so einsame Seele
+gewesen war, daß sie keinerlei Verwandte hinterließ.</p>
+
+<p>Die Hinterlassenschaft umfaßte etliches wurmstichiges<span class="pagenum" id="Seite_384">[S. 384]</span> Möbelzeug, alte
+Weiberkleider, einen geringen Bestand an Wäsche und ein Sparkassenbuch
+über achtzehnhundertsechsundzwanzig Mark fünfundsechzig Pfennige.
+Obwohl nun die Erbschaft ja nicht bedeutend genannt werden konnte,
+hatte die alte Frau ein Testament gemacht. Unter dem Kopfkissen, auf
+dem sie ihre müden Augen geschlossen hatte, wurde ein Zettel gefunden,
+darauf stand handschriftlich:</p>
+
+<p>»Von dem, was ich habe, soll ein ganz einfaches Begräbnis bezahlt
+werden. Was übrig bleibt, vermache ich alles Herrn Ansorge in Altenroda.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Altenroda, den 23. Mai 1910.&nbsp; &nbsp; &nbsp; Anna Lüdke.«</span><br>
+</p>
+
+<p>Es war kein Zweifel, das Testament war rechtsgültig. Ein paar alberne
+Spötter wollten Witze machen; aber sie verstummten bald. Alle Leute
+fühlten, daß hier eine dankbare Seele ihren letzten Willen kundgetan
+hatte. Alle Leute waren aber auch neugierig, wie sich Herr Ansorge zu
+der an ihn gefallenen Erbschaft verhalten werde.</p>
+
+<p>Nun, das Begräbnis der Frau Anna Lüdke wurde wirklich ganz einfach
+gehalten, so wie sie es bestimmt hatte. Es kostete alles in allem
+zweihundertachtzig Mark. Einige Weiber in Altenroda rechneten nun
+damit, daß Ansorge den Rest der Erbschaft unter sie verteilen werde.
+Aber sie verrechneten sich. Ansorge ließ alles Mobilar und alle anderen
+Gegenstände in sein Haus bringen, wo er ein eigenes Zimmer damit
+ausstattete und ein Bild der Anna Lüdke aufhängen ließ. Er saß öfters
+in diesem Zimmer, arbeitete auch manchmal dort. Das Sparkassengeld hob
+er für seine eigene Kasse ab. Er achtete die Erbschaft; er trat sie
+an. Der Anna Lüdke ließ er ein Denkmal setzen. Es war nach Meinung der
+Leute lange nicht das<span class="pagenum" id="Seite_385">[S. 385]</span> »schönste« auf dem Friedhof von Altenroda; aber
+es war das wertvollste, auch bei weitem das teuerste. Ein wirklicher
+Künstler hatte es geschaffen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Auch der reinste Tag geht zu Ende. Als Ansorge siebzig Jahre alt war,
+kam das Sterben an ihn heran. Das Sterben gilt ja für die Menschen alle
+als die letzte Not. Auch an Ansorge trat die letzte Not, die letzte
+Sorge heran.</p>
+
+<p>Es wäre auch alles milde und in Frieden verlaufen, wenn <em class="antiqua">Dr.</em>
+Schicketanz nicht gewesen wäre. Der war schuld, daß Ansorge seine
+vierte und letzte Sorge schwer wurde. Nicht nur, daß er mit allen
+medizinischen Künsten und Listen Ansorge das Sterben von Woche zu Woche
+vereitelte, er griff auch zu absonderlichen Mitteln anderer Art.</p>
+
+<p>Da saß der alte Eisbart an Ansorges Krankenlager und sagte:</p>
+
+<p>»Also, sterben möchtest du, Freundchen? Möchte dir wohl passen! So
+gar nichts mehr tun als immerfort auf dem Rücken liegen und die
+Augen zuhaben. Das gibt's aber nicht! Du bist siebzig, ich bin
+fünfundsiebzig. Du bist in Untertertia kleben geblieben, als ich nach
+Oberprima versetzt wurde. Nachtragen will ich dir das ja heute nicht
+mehr; der Fall ist schließlich verjährt, und du hast ja doch die Schule
+durchgemacht. Aber Komment ist Komment! Erst die Prima, dann die
+Tertia! Erst ich, dann du! Ich mache mit meinen fünfundsiebzig Jahren
+noch die Leute gesund, im Hause für zwei Mark und fünfzig Pfennige und
+in der Sprechstunde für eine Mark. Und du willst einfach so losgehen?
+Nein! Erst die Prima,<span class="pagenum" id="Seite_386">[S. 386]</span> dann die Tertia! Erst wird von mir gestorben,
+dann von dir! Verstanden? Du bist erst fünf Jahre nach mir an der
+Reihe. Vordrängeln gilt nicht!«</p>
+
+<p>Ansorge lächelte auf seinem Krankenlager und dachte: Er ist ein guter
+Arzt. Dann sagte er matt:</p>
+
+<p>»Ja, lieber Freund, der Herrgott hat wohl für seine Versetzungen einen
+anderen Modus als die Oberlehrer. Du wirst es schon nicht ändern
+können, daß ich das große Abitur <em class="gesperrt">vor</em> dir mache.«</p>
+
+<p>»Das werde ich ändern!« zürnte Schicketanz; »das gebe ich nicht zu!«</p>
+
+<p>Am nächsten Tage sah Schicketanz, daß an Ansorges Schicksal kaum noch
+etwas zu ändern sei. Und er pflanzte die vierte, die letzte Sorge in
+Ansorges Leben.</p>
+
+<p>Es war im April, und es herrschte ständig wechselndes, meist böses
+Wetter. Da sagte <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz zu seinem Patienten:</p>
+
+<p>»Guck zum Fenster hinaus! Kannst du es verantworten, bei solchem Wetter
+zu sterben? Was würde dann geschehen? Ganz Altenroda würde mit dir
+zu Grabe gehen. Du weißt, daß der letzte Teil des Weges zum Friedhof
+ungepflastert ist. Ich habe mir ihn gestern in deinem Interesse
+angesehen. Ein Sumpf — sage ich dir! Na also, was geschieht, wenn du
+jetzt stirbst? Ganz Altenroda geht mit zu Grabe, und halb Altenroda
+wird krank. Erkältet sich auf den Tod. Wieviel — glaubst du — werden
+allein an Lungenentzündung deines Begräbnisses wegen sterben?«</p>
+
+<p>Und Ansorge fiel wirklich auf die Praktik dieses geistigen <em class="antiqua">Dr.</em>
+Eisenbart hinein. Er sagte sich: Es ist richtig, wenn ich jetzt sterbe,
+ist es ein Unglück oder doch für viele ein<span class="pagenum" id="Seite_387">[S. 387]</span> schweres Ungemach und für
+manche eine Gefahr. Wenn ich auch noch letztwillig wünschte, es möge
+niemand mit mir zu Grabe gehen, es würde nichts nützen. Unheil gäbe es
+sicher.</p>
+
+<p>So war Ansorges letzte persönliche Sorge die um die Gesundheit seines
+Leichengefolges.</p>
+
+<p>Doch die Lösung kam.</p>
+
+<p>Schon am nächsten Tage erschien <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz nicht mehr. Er
+war an einem Herzschlag verschieden.</p>
+
+<p>»Erst die Prima — dann die Untertertia,« murmelte Ansorge unter
+Tränen. »Komment ist Komment!«</p>
+
+<p>Ansorge lebte noch fünf Tage. Er beobachtete immer das Wetter. Ein
+Barometer wurde auf seinen Befehl an seinem Bette aufgehängt. Er sah
+oft nach dem schwarzen Zeiger, ob er vorrücke. Der Zeiger blieb stehen.
+Endlos spritzte der Regen; hart stieß der Nordwind ans Haus. Vier Tage
+nach <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz' Tode fing der schwarze Zeiger an Ansorges
+Barometer langsam an, auf »Schön Wetter« zuzugehen. Ansorge sah es mit
+wehmütiger Befriedigung.</p>
+
+<p>Bald stand der schwarze Zeiger auf »Beständig«.</p>
+
+<p>In der Morgenstunde ging die Frühlingssonne auf. Auf der goldenen
+Straße ihrer Strahlen ging Ansorges Seele heim.</p>
+
+<p>Seine letzte persönliche Sorge und alle anderen Sorgen seines Lebens
+waren vorbei.</p>
+
+<hr class="r65">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_391">[S. 391]</span></p>
+<h2>Grünlein</h2>
+</div>
+
+<p class="center">72. — 91. Auflage</p><br>
+
+<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-395">
+<img class="w100" src="images/drop-395.jpg" alt=""></figure>er Soldat
+und auch der Hund gehören in den Krieg hinein, der
+Schuljunge, die Großmutter und der Gnom eigentlich nicht; aber da auch
+diese letzten drei in dieser Geschichte eine Rolle spielen, so mußten
+sie in der Überschrift mit angeführt werden. Und es wird nachher viele
+in Erstaunen setzen, daß auch der Gnom in den Krieg zog, obwohl er
+wegen seiner geringen Größe dienstuntauglich war; denn er war nur so
+lang, wie eine Ohrfeige und ein Nasenstüber zusammen sind. Und jetzt
+beginnt das Märchen.
+
+<p>Es war einmal ein schöne goldene Zeit, da noch kein Krieg war im Lande,
+da der Vater bei seinen Kindern, der Bräutigam bei seiner Braut und der
+Sohn bei seiner Mutter war. Der König des Landes konnte sich alle Tage,
+wenn er wollte, seine goldene Krone aufsetzen oder auf die Jagd ziehen
+oder auf seinem Prachtschiff spazieren fahren oder seine Hofjungfern
+tanzen lassen; die Bürger lachten, wenn sie Geschäfte machten oder bei
+Bier und Wein saßen, und die Schulbuben hatten alle Hosentaschen voll
+Apfel und Butterstullen. Damals ging es in unserem Vaterlande zu wie
+in Schlaraffenland; wer am Abend zwei Schinkenstullen gegessen und ein
+Hühnerei geschluckt hätte, wäre noch lange nicht als ein Verschwender
+angesehen worden; die Bauern konnten soviel Korn auf dem Boden und so
+viele Schweine im Koben haben, wie sie wollten; die Bäcker buken Tag
+und Nacht Semmeln und Zuckerringe; die braunen Würste waren auf den
+Jahrmärkten zahlreicher als die Eicheln im Walde; aus<span class="pagenum" id="Seite_392">[S. 392]</span> tausend Hähnen
+floß alle Tage roter und weißer Wein, und jeder Leierkasten spielte zum
+Tanze.</p>
+
+<p>Das war in der schönen, längst vergangenen Friedenszeit. Alle Leute im
+Lande dachten, das müsse so sein, und »sie aßen und tranken und hielten
+Hochzeiten«.</p>
+
+<p>Auf einmal fingen an in den dunklen Hausbalken der Schwarzwaldhäuser
+und Alpenhütten bis hin zu den Fischerkojen am Meer unheimlich viele
+Totenuhren zu ticken, und selbst der arme Bauer in Masurenland hörte,
+wie die schaurige Uhr ging, und fühlte, wie der Wind von Osten her
+leichenkalt durch die Ritzen seiner Hütte drang. Blutregen fiel, als
+die Abendsonne über Deutschland stand; alle Vögel flogen aufgeregt um
+die Spitzen der Kirchtürme; alle Männer hatten sehr blasse oder sehr
+rote Gesichter.</p>
+
+<p>Der Tod wetzte die allergrößte Sense, die in seiner schwarzen Scheune
+hängt.</p>
+
+<p>Es wurde Krieg</p>
+
+<p>Im Riesengebirge klettert ein Dorf die Berghänge hinauf, und abseits
+von ihm liegt eine einsame Mühle. Der Müller wohnte dort mit seiner
+alten Mutter, seinem achtjährigen Sohne Hubert, mit einer Magd und
+einem Mühlknecht. Die Frau war tot, aber es wohnte außer den fünf
+Leuten noch ein kluger Hund namens Wolf in der Mühle, sowie ein kleiner
+Hausgeist, der das Grünlein hieß.</p>
+
+<p>Grünlein hatte seinen Namen von der grünen Mütze her, die er trug,
+und hatte ihn also wohl dem Rotkäppchen nachgemacht. Er war der
+Nachkomme eines uralten deutschen Zwergenvolkes und wohnte schon seit
+sehr langer Zeit in der Mühle. Schon als Großmutter noch ein<span class="pagenum" id="Seite_393">[S. 393]</span> kleines
+Mädel war, war Grünlein dagewesen, und Großmutter war doch schon alt.
+Bis zu ihrem vierzigsten Jahre hatte sie zweiunddreißig Zähne gehabt.
+Da war ihr der erste ausgegangen, und sie hatte gesagt: »Jetzt lebe
+ich noch einunddreißig Jahre.« Richtig war auch alle Jahre immer ein
+Zahn abhanden gekommen, und jetzt hatte sie noch sieben. Sonntag
+nachmittags, wenn Hubert ein Vergnügen haben sollte, machte Großmutter
+den Mund auf, und der Junge zählte die Zähne.</p>
+
+<p>Bei diesem großen Spaß, wenn berechnet wurde, wie lange Großmutter noch
+zu leben habe, war Grünlein, der Gnom, immer zugegen. Er war überhaupt
+fast immer dabei, wenn Großmutter und der Junge allein waren. Sonst,
+wenn die Magd schlechter Laune war und in der Mühle rumorte, oder
+wenn gar der Knecht fluchte, setzte sich Grünlein seine Tarnkappe auf
+und verschwand. Er kam dann tagelang nicht zum Vorschein. Aber dann
+kam wohl ein Abend, wenn die Dämmerschatten langsam vom Tal nach den
+lichten Höhen krochen, daß der Junge plötzlich zur Großmutter sagte:</p>
+
+<p>»Großmutter, siehst du, daß Grünlein wieder da ist?«</p>
+
+<p>»Ja, ja, ich sehe es schon.«</p>
+
+<p>»Gelt, er sitzt auf dem Fuchsientopf?«</p>
+
+<p>»Ja, ja, und er läutet mit der roten Glocke.«</p>
+
+<p>»Mit der oberen oder mit der unteren?«</p>
+
+<p>»Mit der unteren.«</p>
+
+<p>Da waren sie einig, und Großmutter mußte dem Jungen eine Geschichte
+erzählen. Grünlein hörte mit zu, und Wolf, der Hund, schlich herbei und
+hörte auch zu. Wenn der Müller Zeit hatte, setzte er sich auch mit ans
+Fenster; denn auch er kannte das Grünlein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_394">[S. 394]</span></p>
+
+<p>Wolf war vielleicht ein richtiger Wolf, er sah nämlich so aus, und
+Herr Scheibel, der Amtsdiener, von dem ihn der Müller gekauft hatte,
+machte bei einer Frage nach der Herkunft des Tieres immer ein so
+geheimnisvolles Gesicht, als ob er sagen wolle, das Tier stamme direkt
+aus dem russischen Urwald. Herr Scheibel hatte den Wolf als Polizeihund
+dressiert. Als aber nach langer Zeit in der Gegend endlich einmal ein
+Mord passiert war und Scheibel seinen Polizeihund auf die Spur des
+Täters setzte, verbellte das dumme Tier schließlich den Herrn Pfarrer,
+während der Mörder inzwischen in der Nachbarschaft erwischt wurde.
+Nach diesem furchtbaren Ärgernis trennte sich der Polizeimann von dem
+dressierten Hunde und verkaufte ihn in die Mühle, wo sich Wolf als
+gefräßiges, aber im allgemeinen ganz friedliches Raubtier erwies.</p>
+
+<p>Feierlich schöne Stunden waren es, wenn der Junge, die Großmutter,
+der Gnom und der Hund so beisammensaßen und die alte Frau Geschichten
+erzählte. Die Berge atmeten ihren Tannenduft zum Fenster herein, und
+die alte Mühle surrte ihr Lied von tiefem Frieden.</p>
+
+<p>So war es auch am ersten Augusttage des lange hinter uns liegenden
+Jahres 1914. Die Großmutter erzählte gerade von einer schönen
+Himmelsinsel, wo niemand hungert und niemand friert, niemand leidet und
+niemand stirbt, da trat der Müller, der drunten in der Stadt Hirschberg
+gewesen war, in die Stube, wischte sich den Schweiß von der Stirn und
+sagte:</p>
+
+<p>»Denkt Euch, es wird Krieg!«</p>
+
+<p>»Um Himmels willen, nein, nein!« rief die Großmutter und schlug die
+Hände zusammen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_395">[S. 395]</span></p>
+
+<p>»Krieg wird? Krieg?« schrie der Junge. »Hurra! Das ist schön!«</p>
+
+<p>Grünlein wollte ausreißen, aber er kletterte nur höher ins Gezweig des
+Fuchsienstrauches und schaute mit großen Augen durch das Geäst.</p>
+
+<p>Der Hund wedelte mit dem Schwanz, als ob er sich über die Botschaft
+freue.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte der Müller, »und in drei Tagen muß ich fort.«</p>
+
+<p>»Karl — Karl, ist das wahr?« fragte die Großmutter, und ein Weinen
+zitterte durch sie.</p>
+
+<p>Der Junge ging auf den Vater zu und sagte mit jäh durchbrechender Angst:</p>
+
+<p>»Vater ... sie werden dich doch nicht totschießen?«</p>
+
+<p>Der Müller zuckte erst die Achseln, dann schüttelte er dreimal
+hintereinander den Kopf und schlang den Arm um den Jungen.</p>
+
+<p>Der Hund wedelte immer noch mit dem Schwanze, Grünlein guckte mit
+großen Augen aus dem Gezweig des Fuchsienstrauches.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als der Müller fortzog, gab es einen schweren Abschied. Der Knecht war
+schon zwei Tage vorher fort, die Mühle mußte stille stehn. Der Junge
+weinte laut, der Hund jaulte, die alte Mutter sagte mit gefalteten
+Händen: »Du bist in Gottes Hand!«</p>
+
+<p>Grünlein aber saß wieder mit großen Augen in den Zweigen des
+Fuchsienstrauches. Und als der Müller sagte: »Es ist Zeit, ich muß
+jetzt gehen!« packte es den Gnomen am Herzen, er zog blitzschnell die
+Tarnkappe über den Kopf, hüpfte auf die Pappschachtel, in der der<span class="pagenum" id="Seite_396">[S. 396]</span>
+Müller seine geringe Kriegswanderhabe trug und zog mit.</p>
+
+<p>Grünlein wog allerhöchstens ein halbes Pfund. Aber wie er auf der
+rückwärtigen Hälfte der Pappschachtel saß, während der Müller den
+Bergweg hinabstieg, kippte die Schachtel nach hinten, und wie er sich
+auf die vordere Hälfte der Schachtel setzte, kippte sie nach vorn, und
+der Müller kam ins Stolpern.</p>
+
+<p>Noch ehe er eine Stunde gegangen war, setzte er sich an den Wegrand,
+stützte den Kopf in die Hände und dachte, was nun werden solle. Wie war
+der Weg in den Krieg so lang und schwer! Da hinter ihm lag die Heimat
+— mit ein paar Sprüngen war sie zu erreichen — da vor ihm waren
+weite, weite Todesstraßen. Ob er die Seinigen wiedersehen würde?</p>
+
+<p>»Vater — Vater — ziehe nicht fort!«</p>
+
+<p>Der Junge war ihm nachgelaufen, und der Hund auch.</p>
+
+<p>Nun raffte sich der Müller auf, tröstete den Jungen und verwies es ihm
+mit Milde, daß er ihm nachgekommen sei. Und er sprach vom Vaterland
+und vom König und vom Wiederkommen. Als er aber zuletzt sagte: »Nun,
+Hubert, geh' du mit dem Hunde den Berg hinauf, und ich gehe mit meiner
+Pappschachtel den Berg hinab,« da war der Junge so leichenblaß, daß
+Grünlein, der alles miterlebt hatte, von der Pappschachtel auf den
+Rücken des Hundes sprang und nicht mit in den Krieg zog, sondern zurück
+nach der Mühle.</p>
+
+<p>Als der Vater schon einige Wochen fort war, sagte die Großmutter zu dem
+Jungen:</p>
+
+<p>»Hubert, mir sind auf einmal zwei Zähne ausgefallen.«</p>
+
+<p>Der Junge zählte sofort nach und sagte bestürzt:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_397">[S. 397]</span></p>
+
+<p>»Nur noch fünf! Großmutter, da lebst du ja bloß noch fünf Jahre. Das
+stimmt ja nicht!«</p>
+
+<p>Die Großmutter meinte, Kriegsjahre zählten doppelt, und wenn sie noch
+fünf Jahre lebe, sei das schon genug; bis dahin sei der Vater schon
+längst zurück. Aber der Junge war jetzt viel ängstlicher geworden, als
+er früher war, händigte der Großmutter seinen funkelnden Silbertaler
+aus, den er in der Sparkasse hatte, und sagte, sie solle sich Zähne
+einsetzen lassen — hundert Stück. Das wollte aber die Großmutter nicht.</p>
+
+<p>Wolf, der Hund, hatte seinen Herrn drei Tage lang ehrlich betrauert;
+am vierten aber hatte er seinen wahrhaften Wolfshunger wieder bekommen
+und damit alle Traurigkeit abgelegt. Er lag nun in der Sonne, schnappte
+nach Fliegen, fraß und bellte, als ob überhaupt kein Krieg sei.</p>
+
+<p>Ganz anders war das Hausgeistlein. Wenn jetzt die Großmutter und der
+Junge beisammen saßen, erzählte die alte Frau keine Märchen mehr; sie
+und der Junge sprachen nur noch vom Krieg. Und je mehr sie sich um den
+Vater kümmerten, ein desto schlechteres Gewissen bekam Grünlein, weil
+er den Müller hatte allein seine schwere Straße wandern lassen.</p>
+
+<p>Gegen Ende des August faßte Grünlein den Entschluß, dem Müller in den
+Krieg nachzuziehen. Die Großmutter las die zwei Briefe, die inzwischen
+angelangt waren, dem Jungen jeden Tag vor, und Grünlein wußte, daß der
+Müller mit den schlesischen Landwehrleuten nach Polen gezogen sei. Wo
+der Weg nach Polen ging, wußte der Gnom. Wenn man ins Dorf kam, mußte
+man bei Korbmachers Haus rechts abbiegen, da ging es dann<span class="pagenum" id="Seite_398">[S. 398]</span> gleich den
+Berg hinunter nach Polen. Aber wie der arme Schelm mit seinen kurzen
+Beinen drei Tage und drei Nächte gewandert und nach Hirschberg gekommen
+war, sah er dort viele Soldaten, die eben nach Frankreich zogen, und
+meinte, er habe sich gründlich verlaufen; denn über Hirschberg führe
+der Weg nicht nach Polen, sondern nach Frankreich. Er wanderte nun
+wieder nach der Mühle zurück und war sehr traurig, daß er den Weg nicht
+fand; denn es war ihm klar geworden, daß es mit dem Polenland und der
+Welt überhaupt eine weitläufige Sache sei.</p>
+
+<p>Als er wieder zu Hause war und sich etwas ausgeruht hatte, kam ihm ein
+guter Gedanke. Er wußte aus den Briefen, daß Polen und Rußland ganz
+dasselbe ist, und da doch Herr Scheibel, der Amtsdiener, immer gesagt
+hatte, der Hund Wolf sei ein richtiger Wolf und stamme aus Rußland, so
+mußte der Köter doch den Weg dahin wissen.</p>
+
+<p>Im Abenddämmern machte sich Grünlein an den Hund heran. Der hatte eben
+vier Tage und vier Nächte lang mit kurzen Unterbrechungen geschlafen
+und gähnte müde, als ihn Grünlein fragte, ob er denn wirklich ein
+richtiger Wolf sei und aus Rußland stamme.</p>
+
+<p>»Das will ich meinen,« sagte das Vieh.</p>
+
+<p>Und nun bat Grünlein mit bewegten Worten, ihm doch den Weg nach Rußland
+deutlich und bestimmt anzugeben.</p>
+
+<p>Da kratzte sich der Wolf heftig das Fell und sagte dann verlegen:</p>
+
+<p>»Ach, Grünlein, ich will dir im Vertrauen sagen: Rußland ist eine
+ziemlich große Gegend; an allen Orten bin<span class="pagenum" id="Seite_399">[S. 399]</span> ich nicht gewesen, und
+mancherlei habe ich auch wieder vergessen.«</p>
+
+<p>Nach dieser Auskunft schloß Wolf sofort die Augen und tat, als ob
+er schon wieder ganz fest schlafe. Grünlein aber setzte sich in den
+Fuchsienstrauch und weinte.</p>
+
+<p>Am selben Abend aber geschah noch etwas Besonderes. Die Großmutter
+und der Junge hatten vor, dem Vater eine Wurst zu schicken, und die
+Botenfrau hatte aus der Stadt eine runde Papphülse mitgebracht, in die
+die Wurst genau paßte.</p>
+
+<p>Die Großmutter, der Junge und die Magd saßen um den Tisch und sprachen
+darüber, wie diese Wurst nun eine so weite Reise machen, wie sie zum
+Vater gelangen und ihm gut schmecken werde. Der Wolf sah mit gelb
+schillernden Augen nach dem Tisch, dem Grünlein aber klopfte das Herz.
+Die Wurst wurde mit einer gewissen Feierlichkeit in die Hülse gesteckt,
+die Hülse mit einer Kapsel verschlossen. Die Magd schrieb die Adresse,
+weil sie von den dreien die schönste Schrift hatte. Dann gingen alle
+schlafen.</p>
+
+<p>Grünlein klammerte sich an die Zweige des Fuchsienstrauches und kämpfte
+einen schweren Seelenstreit mit sich aus. Wenn der Hausherr die Wurst
+bekam, war das schön, aber schöner noch, wenn sein gutes Hausgeistlein
+zu ihm kam. Da rief Grünlein durch die Finsternis der Stube:</p>
+
+<p>»Pst, Wolf! Friß die Wurst!«</p>
+
+<p>»Es gibt zu viel Hiebe!« knurrte der Hund.</p>
+
+<p>»Es gibt keine Hiebe; denn ich krieche selbst in die Hülse und reise
+nach Rußland.«</p>
+
+<p>»Du bist nicht gescheit, Grünlein,« sagte der Wolf, kam aber gierig
+näher.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_400">[S. 400]</span></p>
+
+<p>Grünlein turnte nach dem Tisch, löste die Kapsel, zog mit ungeheurer
+Anstrengung die Wurst aus der Hülse, löste sie aus dem Papier, in
+das sie gewickelt war, rollte die Wurst wie einen Baumstamm an die
+Tischkante, von wo sie auf den Fußboden fiel, wickelte sich selbst in
+das Umschlagpapier, kroch in die Hülse und zog die Kapsel von innen
+nach. Grünlein paßte gut in die Umhüllung denn er wog ein halbes Pfund,
+und die Wurst wog auch ein halbes Pfund.</p>
+
+<p>Wolf roch unterdes an der Wurst herum, sagte bei sich: »Ich bin ganz
+unschuldig; denn ich habe sowas ganz und gar nicht gewollt!« und dann
+schlang er die Wurst mit ein paar Bissen hinunter.</p>
+
+<p>Am nächsten Morgen brachte die Botenfrau das Päckchen Bindfaden, das
+sie am Vortage zu besorgen vergessen hatte. Die Hülse wurde nun so oft
+verschnürt, daß man von der Adresse fast nichts mehr sehen konnte, und
+dann setzte sich Hubert mit dem Feldpaket an die Dorfstraße und wartete
+drei Stunden, bis der Gebirgsbriefträger kam und das Paket mitnahm.</p>
+
+<p>Hubert schaute ihm lange nach und bewunderte die schwarze Tasche, von
+der aus solch weite Reisen angetreten werden konnten. Ach, wenn er gar
+gewußt hätte, daß in der Tasche jetzt sein Grünlein steckte, das nach
+Polen reiste!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Briefträger gab die Rolle mit Grünlein auf dem Postamt ab. Als der
+Gnom gerade an der Wand seines Hauses ein wenig horchen wollte, was
+draußen los sei, bekam er einen mächtigen Schlag an den Kopf; denn
+der Beamte stempelte die Rolle. Grünlein kam von dem Postamte<span class="pagenum" id="Seite_401">[S. 401]</span> nach
+einem Bahnhof, von da ein Stückchen weiter wieder auf einen Bahnhof
+und blieb dort schließlich mit anderen Wurst-, Keks-, Schokolade-
+und Zigarrenpaketen zusammen wochenlang liegen. Endlich ging die
+Reise weiter. Einmal hörte er einen Beamten zu einem anderen sagen:
+»Wir fahren eben über die Rheinbrücke, jetzt werden die Leute bald
+französisch sprechen.« Das alles fiel aber dem Wichtelchen nicht auf;
+es meinte, das müsse so sein, wenn man nach Rußland reise. Erst in
+Brüssel nahm ein Beamter die Rolle in die Hand, schimpfte und sagte:
+die Pakete, die für Regimenter in Polen bestimmt seien, gehörten nicht
+nach Belgien. Grünlein wurde mit vielen anderen Irrgängern umsortiert
+und fuhr in wochenlanger Reise wieder auf Schlesien zu. Unterwegs hatte
+er ein Abenteuer. Auf einer Zwischenstation wollte ein sogenannter
+freiwilliger Helfer, der aber in Wirklichkeit ein Paketmarder war, die
+Rolle ihrer vermeintlichen Wurst berauben, nicht wissend, daß diese
+Wurst längst in den Magen eines Urwaldviehs verschwunden und die Rolle
+höchst geheimnisvollen Inhalts war. Wie nun der schlechte Mensch den
+Deckel öffnete, sprang ihm Grünlein mitten ins Gesicht, zertrampelte
+ihm mit den Füßen die Nase, hieb ihn mit den Fäusten an die Stirn und
+spuckte ihm in die Augen. Da schnürte der Dieb das Paket, nachdem
+Grünlein wieder hineingekrochen war, in großer Überraschung wieder zu.</p>
+
+<p>Sechs Wochen und einen Tag, nachdem Grünlein von Hirschberg abgefahren
+war, landete er auf dem Bahnhof von Tschenstochau, und vier oder fünf
+Tage danach war er bei seinem Herrn.</p>
+
+<p>Es stellte sich heraus, daß für den Müller, der hier als<span class="pagenum" id="Seite_402">[S. 402]</span> der
+Landwehrmann August Liebert geführt wurde, auf einmal zweiundzwanzig
+Paketchen einliefen. Dem Müller wurden die Augen feucht vor
+Dankbarkeit, und er sagte:</p>
+
+<p>»So haben mich meine Leute doch nicht vergessen; es hat sich nur alles
+ein wenig verspätet.«</p>
+
+<p>Ehe der Müller die Pakete öffnete, las er die eingelaufenen Briefe.
+Und da schrieb ihm sein Bub mit seinen ungefügen, großen Buchstaben
+auch: »Grünlein ist weg. Ich und Großmutter denken, er ist dir nach.
+Vielleicht ist er in ein Paket gekrochen.«</p>
+
+<p>So hatte der Junge alles richtig erraten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war Abend. Der Müller saß abseits am Rande des polnischen Flusses.
+Seine Kameraden hielten ihn für einen Spintisierer. Aber sie hatten ihn
+doch gern; denn er war ein guter Kamerad und konnte bei Gelegenheit
+auch lustig sein.</p>
+
+<p>Nun aber saß er versonnen an dem lehmgelben Wasser und hörte zu,
+wie der Herbstwind durch die gelben Blätter der Erlen ging. Und wie
+er einmal seufzte und die Augen aufhob, sah er das Grünlein in den
+Erlenzweigen sitzen. Da freute er sich und sagte:</p>
+
+<p>»Ach, Grünlein, da bist du ja! Hubert hat mir geschrieben, daß du mir
+nachgereist bist. Erzähle mir, wie es zu Hause geht.«</p>
+
+<p>Grünlein war so bewegt, daß ihm zunächst nichts anderes zu erzählen
+einfiel, als daß die Großmutter zwei Zähne verloren und der Wolf leider
+eine schöne Wurst gefressen habe. Doch dann besann er sich auf Besseres
+und sagte, die alte Mühle stehe noch, die großen Berge ständen auch<span class="pagenum" id="Seite_403">[S. 403]</span>
+noch und der Fuchsientopf sei auch noch da. Da wurden dem Müller die
+Augen heiß, und er sagte:</p>
+
+<p>»Es ist schön zu Hause!«</p>
+
+<p>Das Grünlein sah sich in der Gegend um. Es wies nach vorn über den Fluß
+hinüber und fragte:</p>
+
+<p>»Was ist das Schreckliches dort drüben?«</p>
+
+<p>»Das ist ein verbranntes Dorf, liebes Grünlein.«</p>
+
+<p>Das Geistlein schauerte in sich zusammen.</p>
+
+<p>»Es müssen sehr schlechte Menschen sein, die das getan haben!«</p>
+
+<p>»Wir haben es getan!«</p>
+
+<p>»Ihr — o — du ...«</p>
+
+<p>Grünleins Augen füllten sich mit Tränen des Entsetzens.</p>
+
+<p>»Ja, liebes Grünlein. Wenn wir es nicht getan hätten, wären die Russen
+gekommen und hätten unsere Mühle verbrannt, deinen Fuchsientopf
+zerschlagen und die alte Großmutter getötet.«</p>
+
+<p>»Mich friert!« hauchte das erschrockene Grünlein. »Wir wollen nach
+Hause gehen.«</p>
+
+<p>»Gehen wir nach Hause,« sagte der Müller mit einem schmalen Lächeln,
+stieg mit dem Grünlein in einen Graben und kroch mit ihm in ein
+finsteres Loch.</p>
+
+<p>Dort lagen einige Männer auf Stroh und schliefen.</p>
+
+<p>»Hier, liebes Grünlein, bin ich jetzt zu Hause.«</p>
+
+<p>Das Grünlein weinte. Es sah, wie sich sein Herr lang aufs Stroh legte
+und bald tief und fest schlief, aber es konnte sich mit allem, was es
+erlebte, nicht zurechtfinden; denn es ging nicht in seine wohlgeordnete
+Gedankenwelt hinein, daß der Müller, der ein so angesehener Mann war
+und keine zweitausend Taler Schulden auf seinem schönen Besitztum
+hatte, nun eine so schäbige Wohnung<span class="pagenum" id="Seite_404">[S. 404]</span> haben und wie das der Kaiser für
+seine treuen Soldaten zugeben könne.</p>
+
+<p>Grünlein lehnte sich an die Bodenwand. Es war nur gut, daß die
+Großmutter und Hubert nicht wußten, wie der Müller hier hauste.
+Vielleicht würde es sogar den Hund Wolf erbarmt haben.</p>
+
+<p>Plötzlich fühlte Grünlein, daß ihn etwas von hinten anstieß. Er wandte
+sich um und sah den Kopf eines Maulwurfs, der aus der Erde schaute.</p>
+
+<p>»Pst, Kleiner,« sagte der Schwarze, »komm herein in meine schöne
+Wandelhalle; wir wollen uns ein wenig miteinander unterhalten.«</p>
+
+<p>Grünlein kroch dem Maulwurf nach, fand zwar, daß dessen Wandelhalle
+ein dunkles glitschiges Loch sei, fast noch schäbiger als des
+Müllers Unterstand, dachte aber: der Herr im Samtrock ist sicher ein
+Einheimischer und kann dir über mancherlei Auskunft geben.</p>
+
+<p>Das tat der Schwarze auch. Er stieß einen großmächtigen Seufzer aus und
+klagte in erregten Worten, daß die Deutschen den Maulwürfen gegenüber
+die Neutralität schmählich verletzt hätten.</p>
+
+<p>»Wir Maulwürfe lebten mit Deutschland in Frieden,« sagte der Schwarze;
+»wir dachten gar nicht daran, die Deutschen mit Krieg zu überziehen.
+Wir waren absolut neutral. Was haben aber die Njemski gemacht?
+Sie haben rücksichtslos unsere Wohnungen, Wandelhallen und andere
+Kunstbauten zerstört, und durch ihre Granaten sind allein siebzehn
+Männer, zwanzig Frauen, sechs Greise und fünfunddreißig Maulwurfskinder
+aus meiner nächsten Verwandschaft getötet worden. Ist das nicht
+barbarisch?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_405">[S. 405]</span></p>
+
+<p>»Ihr unterminiert wahrscheinlich manchmal etwas,« wandte das Grünlein
+schüchtern ein.</p>
+
+<p>»Wir unterminieren nie!« rief der Maulwurf erbost. »Das ist eine der
+schamlosen Verleumdungen Deutschlands. Aber wir werden siegen, und dann
+werden wir von Deutschland als Kriegsentschädigung hundert Millionen
+Morgen Gurkenbeete verlangen.«</p>
+
+<p>»Du gehörst wahrscheinlich zur Entente?« fragte Grünlein.</p>
+
+<p>»Alle echten Maulwürfe gehören zur Entente,« entgegnete der Schwarze
+stolz.</p>
+
+<p>»So lasse mich — bitte — wieder in den Unterstand zurück!« bat das
+Grünlein, »denn ich bin ein Deutscher.«</p>
+
+<p>»O, nein, mein Guter,« höhnte da der Schwarze, »du bist mein
+Gefangener. Der Rückweg ist dir längst verlegt.«</p>
+
+<p>Nun sah Grünlein eine Menge anderer Maulwürfe herankriechen, und
+es ging ihm eiskalt durch die Glieder, daß er nunmehr ein armer
+Kriegsgefangener sei. Den ersten Tag war Grünlein an der Front, und
+schon hatten ihn die Feinde am Kragen. Darüber schämte sich der Kleine
+fast bis zur Verzweiflung. Aber es nutzte nichts, die Feinde schleppten
+ihn fort, stießen ihn mit ihren Rüsseln und prügelten ihn mit ihren
+Grabfüßen.</p>
+
+<p>Unterwegs machte der Transport Halt.</p>
+
+<p>»Da schau hinunter,« sagte der erste Maulwurf, der sich unterdes
+als der Hauptmann der Horde erwiesen hatte. Er wies in eine große
+Höhle hinein. Da sah Grünlein erschaudernd fünf Totengerippe in
+russischen Uniformen. Drei der Gerippe lagen auf dem Boden, eines saß
+zusammengebeugt da, eines lehnte aufrecht an der Wand.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_406">[S. 406]</span></p>
+
+<p>»Durch eine deutsche Granate verschüttet,« knirschte der Schwarze.</p>
+
+<p>Dem Grünlein schlugen die Zähne aufeinander, aber es sagte:</p>
+
+<p>»Wahrscheinlich gibt es auch Höhlen, in denen arme deutsche Soldaten so
+verschüttet sind.«</p>
+
+<p>»Die gibt es,« erwiderte der Maulwurfshauptmann, »aber das geschieht
+ihnen recht!«</p>
+
+<p>Weiter ging die Fahrt durch die dichten Maulwurfsstollen. Grünlein, der
+zu groß war für diese »Wandelhallen«, mußte vielfach auf allen Vieren
+kriechen.</p>
+
+<p>Da kam wieder etwas Neues. Der Hauptmann hieß Grünlein durch ein
+Guckloch schauen, und Grünlein sah in einen weiten Gang, in dem
+Laternen brannten und beschmutzte Männer mit Hacke und Schaufel
+arbeiteten. Sie trieben den Stollen immer tiefer, und auf großen Karren
+wurde die ausgeschachtete Erde fortgeschafft.</p>
+
+<p>»Weißt du, was diese Russen machen?« fragte der Maulwurf höhnisch
+seinen Gefangenen. Grünlein schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Sie graben ihre Stollen bis unter den deutschen Schützengraben, aus
+dem du kommst, und wenn sie am Ziele sind — das wird sehr bald sein —
+füllen sie die Höhlungen mit Pulver, und der Schützengraben fliegt in
+die Luft.«</p>
+
+<p>»Mein armer Herr,« weinte das Grünlein auf, »er wird verschüttet
+werden.«</p>
+
+<p>»Verschüttet oder in die Luft fliegen,« grinste der Schwarze. »Die Wahl
+hat er nicht. Es kommt darauf an, wie die Mine wirkt.«</p>
+
+<p>Halbtot kroch das Grünlein weiter, bis endlich in einer<span class="pagenum" id="Seite_407">[S. 407]</span> großen Höhle
+Halt gemacht wurde. Dort wimmelte es von Maulwürfen. Der Hauptmann
+hielt eine Rede.</p>
+
+<p>»Brüderchen und Schwesterchen,« rief er, »jubelt; denn wir haben
+gesiegt! Mit nur zweihundert Mann unseres glorreichen Volkes ist es mir
+gelungen, diesen gefährlichen Deutschen unverwundet in unsere Gewalt
+zu bekommen. Wenn wir sehen (er wies auf das gefangene Grünlein),
+welch' enorme Verluste die Deutschen erleiden, so erkennen wir, daß
+die deutsche Kriegsmacht zerrieben, daß unser und unserer glorreichen
+Verbündeten Endsieg nahe ist!«</p>
+
+<p>Das ganze Volk keuchte vor Begeisterung, legte sich auf den Rücken und
+fuchtelte vor Freude mit den Grabfüßen. Das kriegsgefangene Grünlein
+wurde nun an eine Baumwurzel gebunden, die wie eine Säule in der Höhle
+stand, der Hauptmann übernahm selbst die Wache, und alles andere Volk
+zerstreute sich. Grünlein war in jämmerlicher Stimmung. Er verstand
+wenig oder gar nichts vom Krieg, er kannte die Lüge nicht, und wenn er
+nun daran dachte, daß in einigen Tagen sein guter Herr zerrissen werden
+sollte, und daß durch seine Gefangennahme — wie es doch der Hauptmann
+gesagte hatte — das deutsche Vaterland in eine schwere Lage gekommen
+sei, da wünschte sich der arme Schlucker den Tod.</p>
+
+<p>Plötzlich sauste eine große Ratte in den Raum herein, und ehe der
+erschreckte Maulwurfshauptmann noch dreimal schnaufen konnte, biß ihn
+die Ratte tot und fraß ihn zur Hälfte auf. Dann wandte sie sich an
+Grünlein, der eben ohnmächtig werden wollte.</p>
+
+<p>»Warum bist du gebunden?«</p>
+
+<p>»Ich bin ein Deutscher, ich bin kriegsgefangen.«</p>
+
+<p>»Bist du aus Schlesien?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_408">[S. 408]</span></p>
+
+<p>»Ja — aus Schlesien.«</p>
+
+<p>»Das ist gut. Ich will gerade nach Tarnowitz hinüber, wo in einer
+Schlächterei gut zu leben ist. Komm mit, zeig' mir den Weg.«</p>
+
+<p>Sie zerbiß die Bande, und Grünlein war froh, befreit zu sein, obwohl
+er keine Ahnung hatte, wo Tarnowitz lag. Das Tier führte Grünlein nun
+durch lange unterirdische Gänge, wo Ratten- und Mäusenester waren; die
+Hamster hatten dort ihre Kornkammern, erstarrte Regenwürmer lagen wie
+leblose Schlangen, und viel Käferlein im Puppenkleid schliefen dem
+nächsten Frühling entgegen.</p>
+
+<p>»Was für seltsame Nachbarschaft hat doch mein Herr,« dachte das
+Grünlein. »Dort drüben bahnen finstere Männer den Schacht des Todes,
+und hier hüten die Hamster ihre Getreidekörner und träumen junge
+Marienkäferchen von Sonne und Leben.«</p>
+
+<p>Die Ratte stieß jetzt hinauf ins Licht. Da knallte ein Schuß übers
+Feld, und das Tier lag in seinem Blut. Ein sibirischer Scharfschütze
+hatte es erschossen. Drüben im deutschen Schützengraben lachte einer:</p>
+
+<p>»Sie haben morgen einen von dem Schock russischer Feiertage; da
+brauchen sie einen Festbraten. Wohl bekomm' es!«</p>
+
+<p>Das arme Grünlein aber, das von Natur aus kein Held war, steckte nun
+mitten zwischen zwei Schützengräben in einem Rattenloche und wußte
+nicht mehr ein noch aus.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wochenlang, Tag und Nacht, irrte Grünlein auf den Feldern Polens umher.
+Es fand zu seinem Herrn nicht mehr zurück.</p>
+
+<p>Frierend saß der Kleine unter kahlen Bäumen, schlich<span class="pagenum" id="Seite_409">[S. 409]</span> durch brausende
+öde Wälder, fuhr manchmal ein Stückchen auf einem Bagagewagen mit,
+nächtigte in den Trümmern zerschossener Häuser, hockte zitternd
+zwischen den armseligen Kleiderballen weinender Flüchtlinge, hörte das
+zornige Rauschen kalter fremder Ströme.</p>
+
+<p>Grambitteres Heimweh packte das deutsche Hausgeistlein. Wie schön war
+es, als noch Friede war. Die Müllerstube war so warm, so dicht, daß
+kein kaltes Lüftlein hineinkonnte, die Menschen, die um den Tisch
+saßen und ins gelbe Licht der Petroleumlampe träumten, waren so gut,
+daß nicht einmal ein feindlicher Gedanke ihr Herz befleckte. Dann kam
+der Krieg. Jetzt mußte der sanftmütige Müller Menschen erschießen
+und verstümmeln, jetzt zündete der Mühlknecht Häuser an und hatte
+doch zu Hause einmal dem Hubert eine Ohrfeige gegeben, weil der mit
+einer leeren Streichholzschachtel gespielt hatte, was der Knecht für
+feuergefährlich ansah.</p>
+
+<p>Wenn Grünlein durch die Lehmjauche der Schützengräben schlich, die
+Männer in hohen Stiefeln darin stehen sah, den Anzug beschmutzt, die
+Hände blaugefroren, die Bärte verklebt und verfilzt und die Augen voll
+finsterer Entschlossenheit nach Osten gerichtet, dann fürchtete sich
+das weichmütige Geistlein eine Frage nach seinem Herrn zu tun.</p>
+
+<p>Einmal aber sah es einen sitzen mit einem feinen, stillen Gesicht.
+Der Mann hatte eine Brille auf und las einen Brief. Unter den blanken
+Gläsern blitzte es feucht und klar, so wie wenn man durch blankes Eis
+in eine Quelle schaut. Zu diesem Manne faßte Grünlein Vertrauen und
+setzte sich ihm aufs Knie. Der Soldat mit der Brille hob die Augen und
+sagte:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_410">[S. 410]</span></p>
+
+<p>»Eh, du kleiner Mann mit der grünen Kappe, du bist wohl ein deutsches
+Hausgeistlein?«</p>
+
+<p>»Ich heiße Grünlein und stamme aus einer Mühle im Riesengebirge,« sagte
+schüchtern der Gnom.</p>
+
+<p>Der Soldat nickte.</p>
+
+<p>»Ja, ich kenne Euch. Ich habe auch so ein Geistlein, es wohnt neben
+meiner Gelehrtenstube im Zimmer meiner jungen Frau und heißt Rapunzel.
+Es ist mir auch schon nachgekommen; jetzt aber ist es wieder zu Hause;
+denn Ihr Hausgeistlein geht ja als Sehnsuchtsboten immer von der Heimat
+ins Feld, vom Feld in die Heimat immer hin und her. O ja, das deutsche
+Gemüt!«</p>
+
+<p>»Ich habe meinen Herrn verloren,« klagte das Grünlein, »weil ich so
+dumm war, einem Maulwurf zu vertrauen. Ich bitte dich, daß du mir den
+Weg zu meinem Herrn sagst. Er heißt August Liebert.«</p>
+
+<p>Der Soldat lächelte.</p>
+
+<p>»Ja, liebes Grünlein, der Name genügt nicht. Wenn du weißt, bei welchem
+Armeekorps, bei welcher Division und Brigade, bei welchem Regiment,
+welcher Kompagnie und Korporalschaft dein Herr ist, kann ich dir wohl
+den Weg weisen.«</p>
+
+<p>Das Grünlein sagte, wenn es sich solche Dinge merken wollte, würde
+ihm sein Kopf mitten entzwei platzen. Und so war auch hier nichts zu
+machen. Doch erlaubte der Soldat mit der Brille dem Grünlein, bei ihm
+zu bleiben und, wenn er Mut habe, abends mit ihm auf Vorposten zu
+ziehen.</p>
+
+<p>Das Grünlein sagte ehrlich, daß es von Haus aus eigentlich gar nicht
+eine Spur von Mut habe, aber da es weder<span class="pagenum" id="Seite_411">[S. 411]</span> nach Hause noch zu seinem
+Herrn zurückfinde, sei ihm das Leben gleichgültig geworden. So zog es
+mit dem Soldaten auf Wache.</p>
+
+<p>Sie lehnten beide an einem Baum, der Soldat bis zum untersten Ast
+hinauf, das Grünlein bis zur zweiten Runzel im Stamm. Schwarz lag das
+feindliche Land; der Wind ging müde über leere Felder hin zu den fernen
+Föhren. Weit im Osten brannte ein Dorf. Da ging der Vollmond auf und
+lachte herab auf die brennenden Häuser, auf die öden Fluren und auf
+den Soldaten am Baumstamm mit eben demselben vergnügten Gesicht, wie
+er zu Hause im Städtlein gelacht hatte, wenn Studenten die Laternen
+auslöschten. Dem Mond ist es gleichgültig, ob die Menschen Unfug
+treiben oder Krieg führen. Er ist in seiner schönen Höhe und lacht.</p>
+
+<p>»Grünlein,« sagte der Soldat leise; »ich glaube, morgen wird dein
+Bruder Rapunzel da sein. Meine Frau wird ihn schicken. Wenn du meine
+Frau kenntest, würdest du sagen, daß nichts Lieberes ist auf der Welt.
+Immer lustig gewesen, Grünlein, kleine und große Schmerzen verbissen,
+nur um freundlich, um fröhlich zu sein. Und immer ein Kind geblieben,
+Grünlein. Deshalb hat sie auch noch vom Hausgeist Rapunzel gesprochen,
+als sie schon eine Frau war und unseren kleinen süßen Jungen hatte.
+Jetzt aber lacht sie nicht mehr.«</p>
+
+<p>Der Mond versteckte sich hinter den Wolken, und das Dorf im Ost brannte
+heller.</p>
+
+<p>»Grünlein, ich habe ihr heute geschrieben, sie soll nur guten Mutes
+sein. Wir sind nun schon ganz nahe an Warschau, und wenn wir Warschau
+haben, ist der Krieg zu Ende. Dann ziehen wir alle heim.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_412">[S. 412]</span></p>
+
+<p>Ein heißes Freudengefühl zog dem Grünlein durchs Herz, als es diese
+frohe Botschaft hörte.</p>
+
+<p>»Wirst du mich mit nach Hause nehmen?«</p>
+
+<p>»Ja, Grünlein, und ich werde mit meiner Frau und meinem Jungen in Eure
+Mühle zu Besuch kommen, und das Rapunzel werde ich auch mitbringen. Ihr
+könnt dann zusammen sitzen.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Grünlein selig, »in dem Fuchsienstrauch, dicht hinter dem
+Rücken der Großmutter. Rapunzel sitzt rechts, und ich sitze links.«</p>
+
+<p>So vergingen die Stunden. Die Beiden träumten vom Glücke nahen
+Friedens. Ein zweites Dorf im Osten brannte auf; der Mond wanderte
+über tiefdunkle Himmelsauen, kletterte in lichte Wolkengebirge hinein,
+verschwand hinter schwarzen Mauern, lugte wieder neugierig um deren
+Ecke, verschwand abermals und legte sich schließlich breit auf die
+Himmelswiese, zugedeckt mit einer durchsichtigen Schleierdecke. Es war
+ganz still, nur zweimal war in weiter Ferne dumpfer Geschützdonner. Der
+Soldat zog vorsichtig die Uhr.</p>
+
+<p>»Fünf Minuten noch, Grünlein, dann werde ich abgelöst.«</p>
+
+<p>In diesem Augenblick fiel aus nächster Nähe ein Schuß, und der deutsche
+Mann fiel durchs Herz getroffen am Baumstamm tot zusammen.</p>
+
+<p>Grünlein lag lange ohnmächtig.</p>
+
+<p>Er erwachte, als noch vor Morgengrauen deutsche Soldaten den Gefallenen
+unter Mühe und Todesgefahr von dannen schleppten.</p>
+
+<p>Unter einem andern Baum, an einem Waldrand, wurde der Soldat mit der
+Brille begraben. Der Tag brach an.<span class="pagenum" id="Seite_413">[S. 413]</span> Der klare Osthimmel strahlte in
+goldenem Glanz. Da sangen die Soldaten mit leisen Stimmen:</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Morgenrot, Morgenrot,<br>
+Leuchtest mir zum frühen Tod</em> ...«</p>
+
+<p>Nach den zwei Zeilen aber schon brachen sie ab; denn sie konnten nicht
+weitersingen. Als sie die kleine Grube mit Erde bedeckt hatten, fing
+noch einmal einer an zu singen, und sie sangen wieder nur zwei Zeilen:</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Darum still, darum still<br>
+Füg' ich mich, wie Gott es will</em> ...«</p>
+
+<p>Grünlein wohnte dem Begräbnis bei. In herzbrechendem Schmerz dachte
+er: Was wird mein Brüderlein Rapunzel sagen? Und was wird die liebe
+Frau sagen? Und was wird der kleine Junge sagen, wenn er überhaupt erst
+etwas sagen kann?</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Am nächsten Tage sah das Grünlein, daß die Soldaten aufbrachen und
+nicht mehr weiter nach Ost zogen, wo die Sonne aufgeht, sondern nach
+West, wo die Sonne untergeht. Im Westen aber — das wußte das Grünlein
+— lag die deutsche Heimat. So meinte der Gnom, der Krieg sei nun aus,
+und sein erschüttertes Herz schöpfte aus dieser Hoffnung neue Kraft.</p>
+
+<p>Wie schwer war die Enttäuschung, als Grünlein aus den Gesprächen der
+Soldaten erfuhr, daß die Deutschen nicht vermocht hatten, Warschau zu
+nehmen, und der Krieg nicht zu Ende sei, daß jetzt alle Brücken und
+Straßen zerstört werden müßten, damit die nachdringenden Russen nicht
+zu rasch vorwärts kämen, und daß alles daran gesetzt<span class="pagenum" id="Seite_414">[S. 414]</span> werden müßte, das
+schöne, reiche Schlesierland zu retten. Ein Ostpreuße erzählte, wie
+furchtbar es in seiner Heimat aussähe, nachdem die Russen dort gehaust,
+und Grünlein sah schon die heimische Mühle brennen, die Großmutter
+erschlagen, den Knaben verstümmelt und Wolf, den Hund, hungernd und
+heulend um die Trümmer der zerstörten Heimstätte irren. Er sah, daß aus
+seiner schlesischen Heimat dasselbe werden würde, was aus Ostpreußen
+geworden war.</p>
+
+<p>Da faßte das Grünlein namenlose Todesangst, und nur eines wollte es
+noch: heim, um mit den Lieben zu sterben.</p>
+
+<p>Eines aber wunderte das Grünlein: daß die deutschen Soldaten, die
+zurückgingen, so ganz und gar nicht verzagt waren. Sie mußten ihr
+Leben, ihre Kanonen, ihr Gepäck, ihre Nahrungsmittel retten, sie hatten
+unendliche Mühsal zu ertragen, aber sie sagten mit frohen Mienen:</p>
+
+<p>»Kommt nur, Ihr Russen, es wird Euch schlecht ergehen!«</p>
+
+<p>Grünlein, das von Haus aus, wie wohl schon ein- oder siebenmal gesagt
+wurde, kein Held war, bezweifelte solche Reden aufs stärkste und wollte
+durchaus heim zur Großmutter, ehe ihr der letzte Zahn ausgeschlagen war
+und sie sterben mußte.</p>
+
+<p>Der Knirps konnte auf dem eiligen, wenn auch wohlgeordneten Rückzug
+mit seinen kurzen Beinchen nicht mit und wäre unrettbar in russische
+Gefangenschaft geraten, wenn er sich nicht als eine Art Schmarotzer
+überall angehängt hätte. Zuerst kroch er einem Landwehrmann in den
+Tornister. Der Landwehrmann, der an diesem Tage fünfunddreißig
+Kilometer zu marschieren hatte, legte den<span class="pagenum" id="Seite_415">[S. 415]</span> schweren Tornister auf einen
+Wagen, und der Wagen fiel bis über die Achsen in so tiefen Schlamm,
+daß ihn vier Pferde nicht flottkriegen konnten. Grünlein kroch nun
+einem der Kutscher, die die Pferde antrieben, in die Tasche. In dieser
+Tasche waren neben einer Wurst und einem Stück Kommißbrot, welches
+die Tagesration bildete, ein Paar schwergetragene Strümpfe, ein
+Liebesbrief und zwei Liebeszigarren. Grünlein wickelte sich frierend
+in die Strumpfüberreste, obwohl sie ihm furchtbar erschienen. An einem
+Straßenstein zog der Soldat bei kurzer Rast das Kommißbrot aus der
+Tasche, aß es mit bestem Appetit auf, las schmunzelnd den Liebesbrief
+und rauchte sich mit dem Behagen eines Schlemmers eine der Zigarren an.
+Die wüst zugerichteten Strümpfe aber warf der Soldat, weil er sagte,
+»er müsse mal Inventur machen,« kurzerhand in den Straßengraben, und
+mit ihm, ohne daß er es wußte, das Grünlein. Grünlein beschloß, sich
+im Bedarfsfall von nun an immer in die Liebesbriefe der Soldaten zu
+wickeln, weil sie diese viel sorgfältiger aufbewahren als Strümpfe.</p>
+
+<p>Während Grünlein noch in dieser größten Erniedrigung und Armseligkeit
+seines Lebens im Straßengraben saß, kam eine Militärkapelle des Weges
+und machte am selben Straßensteine Halt.</p>
+
+<p>Der Kapellmeister hielt eine Rede.</p>
+
+<p>»Kinder,« sagte er »wir konzentrieren uns zwar jetzt rückwärts, weil
+uns das grade mal Spaß macht, wir gehen sozusagen langsam zurücke
+wieder auf heem zu — aber Warschau wird doch genommen! Habt Ihr schon
+mal gehört, daß ein Königlicher Kapellmeister was umsonst gemacht
+hat? Nischt macht er umsonst! Na, also!<span class="pagenum" id="Seite_416">[S. 416]</span> Ich habe einen Warschauer
+Einzugsmarsch komponiert, Ihr habt ihn eingeübt, und folglich hat
+Warschau zu fallen, ganz egal, ob wir auch momentan ganz zufällig mal
+ein bißchen auf dem Rückmarsch sind, — seht Ihr, Kinder, doch nur,
+weil wir unseren Lieben zu Hause wieder mal etwas näher sein wollen.
+Jungens, ich sage Euch, es geht uns famos. Wir sitzen hier gemütlich
+am Wegrande, ruhen uns aus und frühstücken, während die Russen wie
+die gehetzten Wölfe ohne Herz und Atem hinter uns herjagen und uns
+verfolgen müssen. Jeder von uns hat sein gutes Stück Kommißbrot,
+Wasser gibt's von oben und von unten mehr als wir brauchen, die
+Gulaschkanonen können auch nicht aus der Welt sein, folglich denke ich,
+ist es angebracht, wenn wir jetzt mal unseren Warschauer Einzugsmarsch
+loslassen.«</p>
+
+<p>Die zweihundert Kilometer zurückgejagten Musikanten spielten nun den
+Warschauer Einzugsmarsch mit heller Begeisterung. Tadellose Musik war
+es aber nicht. Das empfand auch der Kapellmeister und Komponist des
+Marsches.</p>
+
+<p>»Kinder,« sagte er, »es hätte ja schöner sein können, aber es war
+wunderschön. Daß uns die Lumpen den ersten Trompeter, zwei Hornisten
+und unseren braven Scholz — o Gott, o Gott, was blies er für einen
+Bariton! — totgeschossen haben, daß in Ihrer Tuba, lieber Grützner,
+ein Loch und drei Beulen sind, daß Ihnen, Teubner, von ihren zwei
+Becken eines durch einen kunstfeindlichen Granatsplitter aus der Hand
+gerissen worden ist — na, dafür können wir nicht, vor allen Dingen
+auch nicht dafür, daß Ihnen, Freund Hübner, das eine Fell der großen
+Trommel geplatzt ist und die halbe Hand dazu.<span class="pagenum" id="Seite_417">[S. 417]</span> Schön war's trotz
+alledem, künstlerisch schön, wie Ihr geblasen habt; das sage ich Euch
+hier in diesem Weiden-, Dreck- und Wasserkonzertsaal, ich, nicht
+nur Euer Kapellmeister, nein, auch der Komponist der eben zu Gehör
+gebrachten Tondichtung!«</p>
+
+<p>Am Grabenrande stand Hübner, der Paukenschläger. Er hatte während des
+Marsches wie toll auf das gesunde Fell seiner Pauke geschlagen.</p>
+
+<p>Grünlein, der inzwischen ein Menschenkenner geworden war, dachte bei
+sich: Ich tue gut, durch dieses Loch im Trommelfell zu kriechen; denn
+dieser Hübner läßt eher sein Leben im Stich als seine Pauke.</p>
+
+<p>Und so tat der Kleine. Hübner hockte sich todmüde die große Trommel
+auf den gekrümmten Buckel und trug sie samt Grünlein von dannen. Als
+sie aber im Notquartier einige Stunden Ruhe fanden, schlief Hübner
+so tief und schön, weil ihm Grünlein heimlich die beiden gutmütigen,
+verstaubten Augen geküßt hatte. Grünlein nahm es dem großen starken
+Trommler nicht einmal übel, als am nächsten Morgen trotz fortgesetzten
+Rückzuges der Kapellmeister abermals den Warschauer Einzugsmarsch
+spielen ließ und Hübner so wüst auf das gesunde Trommelfell einschlug,
+daß Grünlein zu dem Loch der anderen Seite hinausflog.</p>
+
+<p>Zwei Tage später wurden Schützengräben bezogen, und es hieß, mit dem
+Rückzug habe es nun ein Ende; man wolle die Russen erwarten und ihnen
+einen bösen Empfang bereiten.</p>
+
+<p>»Jetzt wird es mit der Schießerei wieder losgehen,« dachte das Grünlein
+traurig; »nach Hause sind wir nicht gekommen, und ich habe es doch so
+satt und will heim.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_418">[S. 418]</span></p>
+
+<p>Das Kerlchen wußte aber nicht, wie es die Heimreise bewerkstelligen
+sollte, und die Hoffnung, seinen Herrn wiederzufinden, hatte es ganz
+aufgegeben. Da kam dem Grünlein ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Es
+war wieder einmal häßliches Regenwetter, und Grünlein war unter eine
+umgestülpte leere Konservenbüchse gekrochen. In diesem Blechhäuschen
+saß der Gnom zwar trocken, aber der Regen trommelte so laut auf das
+Blechdach, daß Grünlein an Hübners Pauke erinnert wurde. Doch hörte er,
+wie zwei Männer miteinander sprachen, von denen der eine sagte, daß
+er noch heute mit seiner Flugmaschine nach Schlesien fliegen werde.
+Ei, wie da das Grünlein aufhorchte! Es verließ augenblicklich seine
+schützende Behausung und sah sich draußen um. Da erblickte es auch
+alsbald die Flugmaschine, die wie eine riesige Libelle auf der nahen
+Wiese lag. Grünlein machte sich an die Maschine heran, unbekümmert
+darum, daß er kein Pilot war. Wenn aber einer nichts vom Fliegen
+versteht, soll er nicht fliegen, sonst fliegt er. Das alberne Grünlein
+verfiel nämlich auf den Gedanken, sich gerade mitten in den Propeller
+hinein zu setzen. Als nun der Flieger ankurbelte und der Propeller zu
+schnurren und sich zu drehen begann wie ein verrückt gewordenes Rad,
+vergingen dem Gnomen Hören und Sehen; grün und blau wurde ihm vor
+den Augen; der Magen drehte sich ihm um, und nicht eine Minute lang
+vermochte er sich zu halten, da wurde er von dem Teufelsrad hinaus ins
+Weltall geschleudert. Wenn Grünlein auf etwas Hartes gefallen wäre,
+auf einen Granitstein, eine Eisenbetonwand oder gar auf einen Laib
+Kommißbrot, so wäre es mit ihm aus gewesen. So aber fiel er auf etwas<span class="pagenum" id="Seite_419">[S. 419]</span>
+Weiches, Warmes, Molliges. Ein Hund lag am Boden und schnarchte beim
+Schlafen, und dem Hund fiel Grünlein aufs Fell.</p>
+
+<p>Blitzschnell sprang das Tier auf und schimpfte rasend über die freche
+Störung. Aber schon im dritten Satze schnappte er ab, stutzte und brach
+dann in ein Gebell aus, das wie ein polterndes Lachen klang.</p>
+
+<p>»Grünlein — Grünlein, wo kommst du her?«</p>
+
+<p>Grünlein erholte sich von seinem Schrecken und sah erstaunt, daß Wolf
+neben ihm stand, Wolf aus der Mühle.</p>
+
+<p>»Wolf — Wolf, bist du es wirklich? Wie kommen auf einmal wir zwei
+zusammen?«</p>
+
+<p>»Ja, das weiß ich nicht. Ich schlief gerade mal ein bißchen, was in
+diesem schrecklichen Lande selten genug vorkommt, da bist du plötzlich
+wie ein Stein vom Himmel gefallen und hast mich auf den Buckel
+getroffen.«</p>
+
+<p>»Wolf — geliebter, süßer Wolf!« sagte Grünlein außer sich in der
+Freude des Wiedersehens, küßte den Wolf auf seine dicke, schwarze Nase,
+kraute ihn hinter den Ohren, kraute ihn am Halse, kraute ihn unter den
+Vorderbeinen, wo es der Wolf gern hat, weil er da »schlecht hinkann«,
+und auch Wolf war sehr vergnügt.</p>
+
+<p>»Wie kommst du nur hier nach Polen, lieber Wolf? Suchst du auch unseren
+Herrn?«</p>
+
+<p>Wolf schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Nein, ich bin dienstlich hier. Ich bin eingezogen. Als Sanitätshund.
+Herrn Scheibel, der mich doch schon einmal dressiert hatte, hat es
+nicht ruhen lassen, bis wir zwei beim Militär waren. Da bin ich
+umdressiert worden. Und Herr Scheibel ist auch umdressiert worden. Und
+wir haben unsere Sache gut gemacht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_420">[S. 420]</span></p>
+
+<p>»Wolf, sag' mir, steht unsere Mühle noch?«</p>
+
+<p>»Nein, sie geht wieder. Wir haben einen neuen Mühlknecht.«</p>
+
+<p>»Ach, so meine ich's nicht; ich frage, ob die Großmutter und der Junge
+gesund sind und ob der Fuchsientopf noch steht.«</p>
+
+<p>»Es war alles in Ordnung, als ich fortzog.«</p>
+
+<p>»Ach, das ist schön! Ich habe sehr das Heimweh. Wie geht es dir, lieber
+Wolf?«</p>
+
+<p>»Hm. So so! Ich habe einem österreichischen Oberst das Leben gerettet;
+dafür hat Herr Scheibel die Tapferkeitsmedaille gekriegt. Mir schickt
+der Oberst aus Dankbarkeit jede Woche eine Liebeswurst. Die Wurst ißt
+Herr Scheibel und ich krieg' die Pelle. Das nennt sich Gerechtigkeit im
+Krieg.«</p>
+
+<p>»Hast du schon viele Soldaten gerettet?«</p>
+
+<p>»O, ganze Regimenter.«</p>
+
+<p>Grünlein sah den Wolf ehrfürchtig an.</p>
+
+<p>»Wie ist das schön für dich, daß du dich so verdienstlich machen
+kannst. Ich kann leider gar nichts tun. Wie fängst du es eigentlich an?«</p>
+
+<p>»Schnüffeln, Grünlein, — schnüffeln ist die Hauptsache. Auf tausend
+Meter riechen: da liegt einer! Das ist natürlich schwer, da muß einer
+Genie haben. Alles Genie sitzt in der Nase. Und dann einen Mordsmut
+haben und ruhig bleiben! Ich schabe mir das Fell jetzt mit Vorliebe auf
+Feldern, wo Granaten einschlagen, um meine Flöhe furchtsam zu machen.
+Das ist auch so eine Ungerechtigkeit — Entlausungsanstalten für die
+Menschen haben sie, Entflohungsanstalten für uns nicht. Wir können uns
+ruhig weiter scharren!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_421">[S. 421]</span></p>
+
+<p>»Wie macht Ihr Sanitätshunde es mit den Verwundeten?«</p>
+
+<p>»O, wir reißen ihnen die Achselklappe ab, tragen sie zu dem Führer und
+sagen so dem Mann: da ist etwas los!«</p>
+
+<p>»Du bist wohl ein sehr berühmter Sanitätshund?«</p>
+
+<p>Wolf hob die Nase hoch.</p>
+
+<p>»Grünlein, ich werd' dir was sagen, was aber nicht in die
+Öffentlichkeit kommen darf. Der Kaiser hat einmal eine große
+Hundeparade abgenommen und an mich eine belobigende Ansprache gehalten
+und den Hindenburg haben einmal die Russen gefangen gehabt; da habe ich
+ihn aus zwei Divisionen ganz allein herausgebissen.«</p>
+
+<p>Jetzt merkte das Grünlein, daß der vierbeinige Kriegsheld anfing
+aufzuschneiden. Es hörte nur mit peinlichen Gefühlen den weiteren
+Berichten des Wolfes zu, unter denen auch die Behauptung war, Wolf habe
+dem Großfürsten Nikolai die Gurgel durchgebissen und dem Zaren den
+Hosenboden zerfetzt.</p>
+
+<p>Darauf sagte der Hund, Grünlein möge nur entschuldigen, er müsse jetzt
+wieder schlafen, und sie könnten ja nachher weiterplaudern. Wolf
+schlief ein, und Grünlein war es zufrieden, setzte sich zu ihm und war
+selig, jemand aus der Heimat getroffen zu haben, und wenn es auch bloß
+der Wolf war.</p>
+
+<p>Ein Feldlazarett war in der Nähe. Sanitätssoldaten trugen bleiche
+Verwundete vorbei, Hunde traben neben den Bahren, und ob es gleich
+todernste Bilder waren, es war immer der Trost dabei: da ist wieder
+einer, den brüderliche Barmherzigkeit dem Tode streitig machen will, da
+kommt wieder einer aus der harten Schlacht in die Pflege weicher Hände.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_422">[S. 422]</span></p>
+
+<p>Ein Schäferhund, der vorbeikam, blieb bei Wolf stehen und sagte
+verächtlich:</p>
+
+<p>»Das Faultier schläft wieder.«</p>
+
+<p>»O bitte,« sagte das Grünlein, »er hat schon ganzen Regimentern das
+Leben gerettet, vom Kaiser und vom Hindenburg gar nicht zu reden.«</p>
+
+<p>Der Schäferhund schüttelte sich vor Vergnügen.</p>
+
+<p>»Kleiner, dummer Junge,« sagte er, »dieser Wolf ist der gefräßigste und
+faulste Kerl aus unserem ganzen Korps. Wenn das so weitergeht, kommt er
+noch in die zweite Klasse des Sanitätshundestandes.«</p>
+
+<p>Darüber betrübte sich Grünlein, aber er hatte schon immer gehört, daß
+die Schäferhunde hochmütig seien und sich für die Elitetruppe unter der
+Hundearmee hielten, und da war die schnarchige Rede erklärlich.</p>
+
+<p>Es wurde Nacht. Vom dunklen Waldrand drüben erscholl heiseres Geheul.
+Da erwachte Wolf und sagte leise:</p>
+
+<p>»Komm, Grünlein, wir wollen hier fortgehen. Dort drüben heult ein Wolf.«</p>
+
+<p>»Du bist ja auch ein Wolf,« sagte Grünlein, »geh' hin, unterhalte dich
+mit ihm, vielleicht kannst du etwas erfahren, was nützlich für uns ist.
+Du mußt doch seine Sprache verstehen. Was singt er eigentlich für ein
+rauhes Lied in die Nacht hinein?«</p>
+
+<p>»Ein Freßlied. Aber ich verstehe ihn nicht recht, er spricht einen
+anderen Dialekt als ich, und ich will mit ihm nichts zu tun haben.«</p>
+
+<p>Daß er von einer gutmütigen Hundemutter in Warmbrunn in Schlesien
+geboren worden war, hat dieser stolze Urwäldler nie zugegeben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_423">[S. 423]</span></p>
+
+<p>Herr Scheibel kam. Er trug seine Sanitätstracht und schimpfte den Wolf
+aus, der ihm wieder durch die Lappen gegangen sei. Den Gnomen sah er
+nicht. Aber Grünlein erkannte ihn, und sein Herz schlug vor Freude, daß
+er einen Menschen aus der Heimat gefunden habe, und wenn es auch nur
+Herr Scheibel war, der immer ein knurriger Mann gewesen und nichts von
+Grünlein wußte.</p>
+
+<p>Grünlein ritt auf dem Rücken des Hundes, wie er zu Hause, wenn sie mit
+Hubert spielten, unzählige Male getan hatte. So ging es in die Nacht
+hinein. Da sagte Herr Scheibel:</p>
+
+<p>»Sei froh, Wolf, daß ich dich wieder übernommen habe; denn dein Herr,
+der Müller, ist heute gefallen.«</p>
+
+<p>Ein todweher Seufzer stieß durch die Nachtluft wie eine dünne
+schmerzliche Melodie, und Scheibel sah verwundert auf. Der Hund aber
+warf sich auf die Erde, fing an zu heulen und zu winseln und legte den
+Kopf auf die Vorderpfoten. Scheibel klopfte ihn auf den Rücken.</p>
+
+<p>»Na, ja, Wolf, das ist nicht anders. Es ist eben Krieg. Ob der Müller
+tot ist oder ob er den Russen verwundet in die Hände gefallen ist, weiß
+niemand. Vermißt ist er, und man hat ihn fallen sehen.«</p>
+
+<p>War das eine traurige Reise durch die Nacht!</p>
+
+<p>Nun war alles aus; Glück und Freude war gestorben und die Hoffnung
+zunichte. Jetzt würde die Mühle verkauft werden müssen, die alte
+Großmutter und der Junge mußten in die Fremde wandern, und wenn
+Grünlein nach Hause kam, würden wohl die alten Berge noch stehen und
+das Mühlrad würde vom rauschenden Bach gedreht werden wie einst, in der
+Mühle aber würden<span class="pagenum" id="Seite_424">[S. 424]</span> fremde Leute wohnen, und das Grünlein war heimatlos.</p>
+
+<p>Dunkel lag der Himmel über dem Verbandplatz. Ärzte und Pfleger waren in
+rastloser Tätigkeit. Laternen huschten hin und her. Manchmal schrillte
+ein wilder Wehschrei auf; wunde Menschen stöhnten, klagten und schrien
+nach der Heimat. Ein ganz junger, blasser Feldgeistlicher ging durch
+die Reihen. Seine Augen waren sehend. Er sah mit Rosen und Lorbeer
+bekränzte Seelen hinauf zum Himmel ziehen. Noch krachten die Granaten,
+noch platzten die Schrapnelle in der Luft; aber die Seele, die den
+armen feldgrau gekleideten Leib verlassen hatte, ging das alles nichts
+mehr an. Sie war jenseits von Schmerz und Tod; sie zog zu dem ewigen
+König, der keine einzige Kanone und kein Schlachtmesser hat und doch
+der Herr aller ist. Feuer brannten auf der Erde, stille Feuer, an denen
+Soldaten ihr karges Mahl kochten, wilde Feuer, die die Heimstätten
+armer Menschen verbrannten, grausame Feuer des Todes aus Mörsern und
+Schlünden. Die befreite Seele sah all dieses trübe Erdenlicht nicht
+mehr. Sie schwebte darüber hinaus ewigen Lichtern zu, goldenen Sonnen,
+die ihre funkelnden Flammenleiber im blauen Äther drehten, Sternen,
+die tausendmal größer waren als dieses arme Kügelchen Erde, in das die
+Menschen sich nicht friedlich teilen können, um deren winziger Maße
+willen die für die Ewigkeit Geborenen sich ans Leben gehen.</p>
+
+<p>O, alle, die leben, die weiter kämpfen und streiten, überwinden
+den Feind; aber die, die gestorben sind, denen das Schwert aus der
+erkalteten Hand sinkt, überwanden die Welt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_425">[S. 425]</span></p>
+
+<p>Gönnt ihnen den Sieg, den einzigen, der nach Millionen Jahren noch
+gelten wird!</p>
+
+<p>So dachte der junge Feldgeistliche, spendete Trost und drückte müde
+Augen zu.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In der Nacht wurde es still. Hinter einem dichten Wald begruben die
+Russen ihre vielen Toten. Am Tage war um diesen Wald auf schmalen
+Wegen, zwischen verwachsenen Hecken und tiefen Grabenrändern auf Tod
+und Leben gestritten worden.</p>
+
+<p>Ein Pope hob das doppelbalkige Kreuz über die Gräber; eine schwermütige
+Slawenweise summte um die Totenstätten.</p>
+
+<p>Abseits wurde den Deutschen die Grube gescharrt. Wilde Gesellen
+vom Ural und von den Eisküsten des Stillen Ozeans trugen Söhne des
+lieblichen Thüringens, Schlesier und Rheinländer zu Grabe.</p>
+
+<p>Am Waldrande lag der Müller. Der schaute mit der letzten Kraft
+seiner Augen diesem Ende entgegen. Ein paar wüste Kerle näherten
+sich ihm mit eiligen Totengräberschritten. Schon tastete einer nach
+dem leblos liegenden Müller, da sprang ihm ein graues Tier an die
+Gurgel. Mit einem Schrei liefen die Kerle davon. Sie gehörten zu einem
+abergläubischen Stamm, der den Wolf als etwas Göttliches verehrt.</p>
+
+<p>Wolf, der Mühlhund, aber beleckte leise winselnd seinen Herrn, und das
+Grünlein küßte ihm die Augen und war außer sich vor Schmerz und Freude.</p>
+
+<p>Die Russen löschten Feuer und Lichter. Lautlos lag die Waldwiese; nur
+manchmal kroch irgendwo eine dunkle Gestalt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_426">[S. 426]</span></p>
+
+<p>In gelbem, zornigem Licht schillerten die Augen des Wolfes, der bei
+seinem Herrn Wache hielt. Da gab im Morgengrauen ein Soldat einen
+Schuß auf diese Lichter ab; das Tier brach stöhnend zusammen. Grünlein
+weinte, als es sah, daß nun auch Wolf verwundet war. So saß er zwischen
+dem Herrn und dem Hunde und horchte an der Brust des Müllers und
+horchte am Fell des Tieres, ob die treuen Herzen noch schlügen.</p>
+
+<p>Gegen Sonnenaufgang stürmte deutsche Infanterie durch den Wald; die
+Russen wichen nach kurzem Kampf zurück. Der Müller und der Hund wurden
+gefunden, das Grünlein aber sah niemand.</p>
+
+<p>Als der Müller auf eine Tragbahre gebettet worden war, sah einer nach
+dem Hunde und sagte: »Das rechte Hinterbein ist ihm zerschmettert; am
+besten ist's, er bekommt den Gnadenschuß.«</p>
+
+<p>»Wolf, spring auf! Wolf, lauf fort!« rief das Grünlein in höchster
+Angst.</p>
+
+<p>Da erhob sich Wolf, humpelte auf drei Beinen nach der Bahre hin und
+leckte seinem Herrn die herabhängende Hand zum Abschied für immer.</p>
+
+<p>Der Müller schlug die Augen auf, sah den Hund und sprach:</p>
+
+<p>»Wolf, lieber Wolf, du hast mich gerettet.«</p>
+
+<p>Und zu den anderen sagte er:</p>
+
+<p>»Es ist mein eigener Hund aus der Heimat.«</p>
+
+<p>Da nahm ein starker Soldat Wolf auf den Arm und trug ihn hinter dem
+Müller her zum Verbandsplatz. Grünlein saß mit auf der Bahre und gab
+acht, daß es den beiden Verwundeten gut ergehe. Auf dem Verbandsplatz
+war ein Tierarzt anwesend, der sich des vierbeinigen<span class="pagenum" id="Seite_427">[S. 427]</span> Patienten annahm,
+und durch den Befehl eines gütigen Vorgesetzten und andere günstige
+Umstände geschah es, daß der Hund mit dem Müller in ein Lazarett kam,
+wo er eine Abteilung für sich bildete, da andere Tiere in diesem
+Lazarett nicht gepflegt wurden.</p>
+
+<p>Daß Grünlein mit in das Lazarett zog, versteht sich von selbst. Er
+schlief immer abwechselnd eine Nacht bei dem Müller im Bett und eine
+Nacht bei Wolf im Hundekorbe.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Weihnachten kam.</p>
+
+<p>In diesem Jahre, sagte der Tod, sollen meine Kinder eine ordentliche
+Bescherung haben. Im wilden Karpathengebirge stellte er Millionen
+Weihnachtsbäume auf und legte hunderttausend Soldaten darunter:
+Österreicher, Deutsche, Ungarn, Polen und Russen ohne Zahl. Mit diesen
+bunten Soldaten spielten die Kinder des Todes und packten sie in große
+Schachteln.</p>
+
+<p>Um diese Zeit war der Müller im Lazarett. Großmutter und Hubert
+schrieben jammernde Briefe, daß der Müller am heiligen Fest so weit
+weg von ihnen im Hause der Schmerzen sein müsse; aber der Müller
+antwortete: »Klagt nicht, Gott hat uns reich beschenkt; er hat mir das
+Leben beschert. Und ich bin nicht allein; Wolf und das Grünlein sind
+bei mir.«</p>
+
+<p>Da hatte die Großmutter geantwortet, sie sei schon zufrieden, da er
+doch gerettet sei. Einmal habe sie ein Jucken im Munde gehabt, da habe
+Hubert behauptet, jetzt wüchsen ihr ein paar neue Zähne, daß sie noch
+ein bißchen zu leben habe, wenn jetzt die bessere Zeit käme.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_428">[S. 428]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Im Februar stiegen der Müller, der Hund und das Grünlein auf der
+Endstation der Riesengebirgsbahn aus dem Zug. Sie hatten Heimatsurlaub.</p>
+
+<p>Grünlein war immer leicht zum Weinen geneigt; denn er war ein
+weichmütiges Kerlchen; aber so heftig hatte er doch noch nie
+geschluchzt wie jetzt, da er aus dem Kriege kam und die heimatlichen
+Berge wiedersah.</p>
+
+<p>Hoch ragte die weiße Riesenkoppe auf; der diamantene Gebirgskamm zog
+viele Meilen weit in den blauen Himmel hinein, die Wälder standen im
+Silberkleid.</p>
+
+<p>Ein Rößlein klingelte mit dem kleinen Schlitten den Bergweg hinauf. Der
+Kutscher auf dem Bock sprach die traute Sprache der Heimat. Auf dem
+Hintersitz saß links der Müller, rechts auf dem Ehrenplatz der Wolf
+und zwischen beiden das Grünlein, das ein bißchen fror vor Kälte und
+Erregung. Abgeholt waren sie nicht worden; denn sie hatten sich nicht
+angemeldet.</p>
+
+<p>Friedlich läutete das Rößlein, die Häuser lagen hingeduckt in den
+Schnee, blauer Rauch stieg aus den Schornsteinen, tiefe Stille war im
+hohen Wald.</p>
+
+<p>Wer hätte hier ahnen sollen, daß in der Welt Krieg sei? Als sie ins
+Heimatsdorf kamen, ging die Fahrt langsam vonstatten. Fast vor jedem
+Haus mußte der Schlitten halten, weil Leute herausgestürzt kamen, die
+dem Müller die Hand schütteln und ein paar Worte mit ihm sprechen
+wollten.</p>
+
+<p>Ach, was wird nur die Großmutter sagen, was wird nur der kleine Hubert
+sagen?</p>
+
+<p>Sie sagten nicht viel. Als der Schlitten vor der Mühle hielt, sahen
+zwei junge und zwei alte Augen in seligem Erschrecken zum Fenster
+heraus, und als sie herauskamen,<span class="pagenum" id="Seite_429">[S. 429]</span> warf sich der Junge in den Schnee
+und schlug in leidenschaftlicher Freude mit Armen und Beinen; die
+Großmutter aber faltete die welken Hände über der Brust und fing an zu
+beten.</p>
+
+<p>Der Müller legte die Hand über die Augen. Der Kutscher nahm die Mütze
+ab.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Dann faßte der Müller seinen Jungen an der Hand und sagte:</p>
+
+<p>»Hubert, es ist schwer draußen; aber die Heimat ist so schön, und was
+drin lebt, ist so lieb, daß es sich lohnt, zu leiden und zu sterben.«</p>
+
+<p>Darauf gingen sie in die große warme Stube. Sie saßen um den Tisch
+und hielten sich an den Händen. Die Heimatsberge schauten zum Fenster
+herein; Wolf schmiegte den Kopf an den Rock der Großmutter; Grünlein
+aber war in den Fuchsienstrauch geklettert und schüttelte ihn, daß alle
+seine roten Glocken läuteten.</p><br>
+
+
+<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Kleines Bukett.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Zobtenberg, ein in einem großen Teile der Provinz
+sichtbarer, weil aus der Ebene steil emporsteigender Bergkegel zwischen
+Breslau und dem Eulengebirge, der als Wahrzeichen Schlesiens gilt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Ungefähr »alte Gans«.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Pfeffermännchen; die Schneekoppe ist 1600, der Zobtenberg
+700 <em class="antiqua">m</em> hoch.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Salzbrunner.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Pack.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Hohes Rad, Riesengebirge.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Große und kleine Sturmhaube, Riesengebirge.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Hügel in der Nähe des Zobtens.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Haufen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> ordinären.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Rausch.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Frauenzimmer.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Tölpel.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Ochsen- oder Sünderbank.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Glatzer Nazchen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Vorn bist du preußisch, hinten böhmisch.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Veilchenstein, Kuppe des Riesengebirgskammes.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Waldenburger Berge.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> totschießen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> In Schlesien.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Burschen und Mädchen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> schlafen.</p>
+
+</div>
+</div>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75839 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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+This book, including all associated images, markup, improvements,
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+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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