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Seminartheater + + Altenroda + Grünlein + + + Novellen + + von + + Paul Keller + + + Bergstadtverlag / Breslau und Leipzig + + + Einband und Buchschmuck von Prof. Wilh. Poetter + + + Druck von Wilh. Gottl. Korn, Breslau + + + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten + ~Copyright 1923 by Bergstadtverlag Breslau~ + + + + + Seite + Das königliche Seminartheater 3 + In den Grenzhäusern 37 + Der Ausflug 75 + Das Telefon des Bildschnitzers 99 + Die Briefe der Tochter 117 + Die letzte Furche 129 + Bergkrach 143 + Altenroda 155 + Vom Musikleben in Altenroda 177 + Der Schuldturm 247 + Das traurige Schicksal des Meisters Michael 251 + Vom törichten Kaspar 265 + Rauchermärchen 277 + Die drei Geizhälse 291 + Der evangelische Geizhals 295 + Der katholische Geizhals 303 + Der jüdische Geizhals 317 + Zwei Idyllen 329 + Der Briefkasten 329 + Hero und Leander 335 + Ansorge 357 + Grünlein 391 + + + + + Das Königliche + Seminartheater + + Ein Stück eigener Lebensgeschichte + + + + + ~Buchschmuck von Prof. Wilh. Poetter~ + + + ~55.-74. Auflage~ + + + + + Druck von Wilh. Gottl. Korn, Breslau + + + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten + ~Copyright 1923 by Bergstadtverlag Breslau~ + + + + +Zuweilen ist mir in irgend einer Stadt, in irgend einer Gesellschaft +ein Kranz mit einer Schleife verehrt worden. Die Kränze sind verdorrt, +die Schleifen habe ich mir aufgehoben. Unter ihnen befindet sich +ein verblichenes blaues Band, darauf steht: »Paul Keller zu seinem +19. Geburtstag. Gewidmet von seinen Freunden Bartsch, Bentzinger, +Böttcher, Heilgans, Scherwentke.« Der Kranz, der zu dem Band gehörte, +hat vielleicht einmal schlecht und recht einen Taler gekostet samt +der Schleife, auf welche die spendenden Freunde die Inschrift mit +chinesischer Tusche selbst aufgepinselt hatten. + +Fünf neunzehnjährige Seminaristen schenkten einem Kameraden zum +Geburtstag einen Lorbeerkranz für drei Mark. Jeder gab sechzig Pfennig. +Welch ein Opfer! Für sechzig Pfennig konnte man in jener billigen Zeit +-- es war 1892 -- in einem Restaurant Breslaus fein zu Mittag speisen; +für sechzig Pfennig konnte man einen Sitzgalerieplatz im Stadttheater +haben, den »Lohengrin« hören, den »König Lear« oder die »Haubenlerche«; +für sechzig Pfennig konnte man selbst »bei ausgesprochenem Pech« +tagelang Zwanzigstelpfennig-Skat spielen; für sechzig Pfennig konnte +man sich drei Reklam-Bücher kaufen; für sechzig Pfennig konnte man +zwölf Tassen heißen Kaffee im Seminar haben; für sechzig Pfennig hätte +man sich bei einem Ferienkommers in bayerischem Bier um den Verstand +saufen können. + +Und eine solche Summe gab man so hin! Für einen Freund! Für einen +Kranz! + +Ach, ihr fünf treuen guten Kerle, deshalb ist mir ja Euer verblaßtes +Band, auf das Ihr selbst Eure Namen gepinselt habt, heute noch so eine +Kostbarkeit. + +Dieses Band ist einmal sehr teuer gewesen. + + * * * * * + +Ich war auf eine etwas abenteuerliche Art ins Breslauer Seminar +gekommen. Da ich meine dreijährige Vorbildung in der Grafschaft Glatz +und zwar in der Königlichen Präparandenanstalt zu Landeck genossen +hatte, war ich -- wie alle dortigen Schüler -- für das Seminar in +Habelschwerdt bestimmt. Aber ich wollte nicht nach Habelschwerdt. +Warum, weiß ich selbst nicht recht. Die Hauptursache war wohl mein +Freund Oskar Bartsch, der aus Breslau stammte, mir glänzende Bilder +von dieser Stadt zeichnete und sagte: »Ein Mann wie du gehört nicht +nach Habelschwerdt, er gehört nach Breslau.« Darauf gingen wir zwei +zu dem Vorsteher unserer Anstalt, sagten ihm, wir möchten nicht nach +Habelschwerdt, wir möchten gerne zu der Aufnahmeprüfung ins Seminar +nach Breslau; aber er -- der prächtige, humorvolle Doktor -- schmiß +uns ganz gemütlich raus, indem er sagte: »Das Habelschwerdter Seminar +wird die Riesenehre, euch zwei als Schüler zu haben, bei gesundem +Leibe überstehen!« Draußen auf der Treppe stopfte Bartsch die Hände +in die Hosentaschen und sagte: »Das ist eine Gemeinheit!« Ich gab +ihm recht, und wir gingen in die Osterferien. Dort gelang es mir, +auf einem Feldspaziergang meinem Vater das Reisegeld nach Breslau +abzupressen, um daselbst eine große »Aktion« ins Werk zu setzen. Mein +Freund Bartsch führte mich durch die Wunderstadt, und wir gingen +direkt ins Lehrerseminar. Der Direktor, dessen äußere Bärbeißigkeit mit +seinem inneren jovialen Wesen -- wie wir später erfuhren -- in krassem +Widerspruch stand, saß trotz der Ferien in seinem Amtszimmer. Als ob +er ausgerechnet auf uns zwei Lebensstürmer gewartet hätte. Als er uns +so prüfend ansah, die wir an seiner Tür andauernd mit »Dienermachen« +beschäftigt waren, verloren wir die Sprache. + +»Was wünschen Sie?« fragte er dreimal mit seiner tiefen Stimme. + +Wir dienerten nur. + +»Also wer sind Sie denn eigentlich? Und was wollen Sie?« + +Da brachte ich heraus: + +»Wir sind zwei Präparanden aus Landeck und möchten gern ins Breslauer +Seminar eintreten.« + +»So? Haben Sie denn bei uns die Aufnahmeprüfung, die vor zwei Wochen +war, mitgemacht?« + +»Nein. Wir durften nicht.« + +»Wieso durften Sie nicht?« + +»Der Herr Vorsteher unserer Anstalt hat gesagt, wir gehörten nach +Habelschwerdt; wir hätten in Breslau nichts zu suchen.« + +Der Direktor lächelte. + +»Na, da hat ja Ihr Herr Vorsteher ganz recht gehabt. Wie kommen Sie +denn dann hierher?« + +»Wir -- wir sind -- so auf eigene Faust ...« + +»Aah -- auf eigene Faust! Das ist gut von Präparanden! Und wie denken +Sie sich das -- eh ...? Sie wissen doch, daß man in einem Königlich +Preußischen Lehrerseminar nur dann aufgenommen werden kann, wenn +man die Aufnahmeprüfung bestanden hat. Und Sie wissen auch, daß die +diesjährige Aufnahmeprüfung für das Breslauer Lehrerseminar vorbei ist. +Also, wie haben Sie sich die Sache eigentlich gedacht?« + +»Wir -- wir hatten gedacht, wir könnten ja extra geprüft werden.« + +Da hieb der Direktor mit der Faust auf den Tisch. Aber er erboste sich +nicht. Er lächelte. + +»Also, man wird alt wie ein Haus und lernt nie aus. Vier Tage lang +haben wir Aufnahmeprüfung gehalten. Zweiunddreißig haben bestanden, +vierzig sind durchgefallen. Und jetzt kommen zwei aus Landeck daher, +vierzehn Tage zu spät, gegen den Willen ihres Anstaltsleiters kommen +sie auf eigene Faust und wünschen eine Extraprüfung. Sie sind gut, Sie +zwei!« + +Mir dämmerte, daß wir eine Frechheit begangen hatten, und ich wollte +mich mit einer eiligen Verneigung drücken. Mein Freund Bartsch schloß +sich mir an. Aber als wir schon halb zur Tür hinaus waren, rief der +Direktor: »Halt, bleiben Sie mal da! Finden Sie sich in Breslau +zurecht?« + +Bartsch nickte. Er sei Breslauer Kind, sagte er. + +»So -- dann gehen Sie nach der Schuhbrücke Nummer soundso. Da ist +ein Haus, an dem außen ein Fries angebracht ist, das einen Hexentanz +darstellt. In diesem Hause wohnt der Herr Provinzialschulrat Dr. X.; +dem sagen Sie, Sie seien Präparanden aus Landeck, gehörten eigentlich +nach dem Seminar in Habelschwerdt, seien aber gegen den Willen Ihres +Anstaltsleiters auf eigene Faust nach Breslau gefahren und wünschten +eine Sonderprüfung, da die Breslauer Aufnahmeprüfung schon vorbei sei. +Und nun gehen Sie. Ich wünsche Ihnen viel Glück!« + +In überschwenglichem Gefühl dankten wir dem Direktor, nicht ahnend den +mörderlichen Hinterhalt, den er uns legte. Dieser Provinzialschulrat ++Dr.+ X. war sein Freund, wohl auch sonst ein tüchtiger Mann, aber +er war als arger Wüterich verrufen; noch heute fährt bei der Nennung +seines Namens manchem schlesischen Lehrer eine Gänsehaut über den +Rücken. + +Wir zwei Dummlinge aber torkelten vergnügt drauf los, fanden das Haus +und standen bald einem Manne gegenüber, der uns aus runden Gläsern +fixierte wie eine Brillenschlange ihre Opfer. + +»Was wollen Sie?« + +Ich stotterte mit Todesverachtung die ganze Geschichte heraus. + +Iwan der Schreckliche begriff anfangs rein nichts. Dann aber erkundigte +er sich mit zischenden Fragen, und als ihm die irrsinnige Frechheit +klar geworden war, daß sich zwei Präparanden erkühnten, eine Königlich +Preußische Haus- und Prüfungsordnung umstoßen zu wollen, und in ihrem +Anarchismus bis zu einem Provinzialschulrat kamen, kriegte er das +Wundfieber. + +Er raste, und ich glaubte, mein und meines Freundes Bartsch letztes +Stündlein zähle nur noch nach Sekunden. Einen Blick nach der Tür wagte +ich nicht zu werfen. Ich war wie gelähmt. + +Plötzlich aber stand der Tobende still, wischte sich die Stirn und +sagte mit fast stiller Miene: + +»Ja, das ist ja menschlich gar nicht erklärlich! Wie kommen Sie +eigentlich dazu? Wie können Sie das ...« + +Die Stimme versagte ihm. + +Worauf ich -- fest überzeugt, daß wir so wie so verloren seien -- +erwiderte: + +»Herr Provinzialschulrat, wir wären nicht zu Ihnen gekommen. Aber wir +waren zuerst im Seminar, und der Herr Seminardirektor hat uns gesagt: +Gehen Sie nur nach der Schuhbrücke, in das Haus, wo der Hexentanz dran +ist, und da bringen Sie mal Ihr Anliegen vor. Ich wünsche Ihnen Glück +dazu!« + +Seine Furchtbarkeit starrten erst mit den Augen, dann fingen +hochdieselben an merkwürdig zu grinsen. Zweimal ging der Herr über +Leben und Tod durch das große Zimmer, dann sagte er mit unglaublicher +Milde: + +»Na, da gehen Sie zum Herrn Seminardirektor zurück und sagen Sie ihm, +Sie würden wirklich eine Extraprüfung haben. Die Verfügung ans Seminar +würde kommen. Inzwischen besorgen Sie sich die nötigen Papiere!« + + * * * * * + +Das Gesicht des Herrn Direktors, das er machte, als er uns lebendigen +Leibes wiederkommen sah, ist nicht zu beschreiben. Schließlich fing er +furchtbar an zu lachen. + +Wir bekamen wirklich eine Extraprüfung. Sieben Seminarlehrer samt +Direktor mußten zwei Präparanden zwei Tage lang prüfen. Bartsch wußte +nicht, wer der letzte römische Kaiser gewesen sei, und ich zerbrach mir +über die Kryptogamen, die »Geheimblütler«, so lange den Kopf, bis ich +zu den Pilzen, die mir einfielen, auch die Kohlköpfe rechnete, da ich +nie einen Kohlkopf öffentlich hatte blühen sehen. + +Das war nun ganz falsch. Aber da Geschichte und Naturkunde nur +Nebenfächer waren, kamen wir durch. + +Unser guter Vorsteher aus Landeck, Herr +Dr.+ Krause, schickte uns +einen Glückwunschbrief. + + * * * * * + +Das war meine erste Prüfung, im Seminar von Breslau heimisch zu +werden, und sie war wirklich nicht leicht. Der Prüfende in Naturkunde +hatte mich Siebzehnjährigen zum Beispiel gefragt, was ich über +Sauerstofffabriken wisse. Natürlich nichts. Fast noch schwerer aber war +das, was folgte. Provinzialschulrat +Dr.+ X. war als Schultyrann +eine milde Fee gegen das, was mein neuer Seminarbruder Heilgans als +Kunsttyrann war. Dieser siebzehnjährige hochgemute Jüngling mit den +hochgebürsteten Haaren und den rollenden Augen war um mich, den von +außen Gekommenen, lange wortlos herumgestrichen. Endlich erwischte er +mich allein. Wir hatten beide zusammen Orgelübungsstunde. Abwechselnd +mußte einer eine halbe Stunde lang spielen, die andere halbe Stunde +Bälge treten. + +»Spielen Sie zuerst!« sagte Heilgans. + +Wir zwei »Neuen« wurden von den anderen gesiezt. + +Ich war ein sehr mittelmäßiger Orgelspieler, packte meine »Orgelschule« +aus, trampelte meine »Pedalübungen« und marterte mich an einem +F-Moll-Choral verzweiflungsvoll ab. Heilgans »machte Wind«. Er lächelte +verächtlich über meine Leistungen; dann kam er dran zu spielen. Er +breitete ein großes Buch vor sich aus, dessen Umfang mich in Erstaunen +setzte und dessen Titelblatt er mir mit lässiger Handgebärde zeigte: + + ~Die Walküre~, + Oper von Richard Wagner. + +»Ich spiele jetzt den Walkürenritt!« sagte Heilgans; »das ist die Perle +vom Ganzen!« + +Und er reckte sich in dem alten Überzieher, den er anhatte, und sauste +mit den Filzschuhen, die er trug, in so wahnsinnigem Tempo über die +Pedale, brachte solch grauenhaft majestätische Musik bei sämtlichen +gezogenen Registern zum Vorschein, daß ich völlig außer Atem kam, und +zwar nicht nur wegen der Bewunderung für die Heilganssche Fertigkeit, +sondern auch, weil ich für diese Kunststürme den Wind zu liefern hatte. + +Gerade waren wir mitten in der Ekstase, da kam der Oberlehrer +revidieren. Und was neulich der Direktor gesagt hatte, das sagte nach +Überschauung der Sachlage auch er: »Man wird alt wie ein Haus und +lernt nie aus! Spielt einer in dieser engen Stube mit voller Orgel den +Walkürenritt! Noch dazu in Filzschuhen! Ja, Mensch, die Bude fällt uns +ja über dem Kopf zusammen.« + +Nach dieser Abkanzelung spielte Heilgans mit einer einzigen gedeckten +Flöte »Tauet, Himmel, den Gerechten!« so lange, bis er den Oberlehrer +außer Hörweite glaubte. Dann aber ging er -- immer mit den Tönen der +sanften Flöte -- in andere, ganz andere Rhythmen über und fing endlich +an leise dazu zu singen: + + »~Mein lieber Schwan, ach, diese letzte traurige Fahrt, wie gerne + hätt' ich sie dir erspart. Nach einem Jahr, wenn deine Zeit im Dienst + zu Ende sollte gehn, dann durch des Grales Macht befreit, wollt' ich + dich anders wiedersehn!~« + +Der Zauber der süßen Melodie packte mich so, daß ich auf das +Bälgetreten vergaß und die Orgel stillstand. + +»Warum machen Sie keinen Wind, Herr?« + +»Ach,« sagte ich ganz selbstvergessen, »das war schön! Was war denn das +für herrliche Musik?« + +»Na, doch dritter Akt, dritte Szene von ›Lohengrin‹.« + +»Was ist das: ›Lohengrin‹?« + +Heilgans sah mich düster an. Ich glaube, ihm graute vor meiner +Unwissenheit. + +»Sie können so herrlich spielen!« sagte ich in ehrlicher Bewunderung. + +Da blickte er etwas freundlicher. + +»Waren Sie nie im Theater?« fragte er. + +»O ja, im Landecker Badetheater habe ich ›Minna von Barnhelm‹ gesehen, +und im Salzbrunner Badetheater den ›Veilchenfresser‹.« + +»Badetheater sind Mumpitz,« belehrte mich Heilgans. »Die ›Minna‹ von +Lessing is ja noch 'n ganz leidliches Stück, aber der ›Veilchenfresser‹ +is Kitsch. So was von Schiller, Goethe, Shakespeare oder Theodor Körner +haben Sie nicht gesehen?« + +»Nein,« sagte ich beschämt. + +»Auch keine Oper?« + +»Keine einzige.« + +»Es ist unglaublich,« sagte Heilgans und verfiel in Trübsinn über den +geistigen Tiefstand mancher seiner Volksgenossen. + +»Da wissen Sie wohl überhaupt nichts von Dichtern?« + +»O ja, gelesen habe ich sehr viel, und ich -- ich dichte selbst ein +bissel.« + +Heilgans meckerte vor Vergnügen. + +»Sie dichten selber? Das is ulkig. Da -- da schießen Sie mal mit was +los, was Sie gedichtet haben.« + +Ich besann mich nicht lange und deklamierte: + + »~O, wie das Herz auch wallt und ringt und wie es liebt und haßt, es + kommt der Abend, und er zwingt es bald zu langer Rast. Wenn dann den + fernen Westen säumt ein leuchtend' Abendrot, ist wenig wahr, was man + geträumt, und manche Hoffnung tot.~« + +»Das haben Sie doch nicht alleine gemacht,« unterbrach mich Heilgans. + +»O ja. Das ist das letzte Gedicht das von mir gedruckt wurde. Ich hab's +eingesteckt.« + +Ich zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche und zeigte es ihm. Er las es, +las meinen Namen, aber ich mußte ihm erst noch einen Redaktionsbrief +zeigen, ehe er an mich glaubte. + +»Hm ja,« sagte er dann, »das Ding ist ja gar nicht übel. Es reimt +sich. Aber wissen Sie, die eigentliche, die richtige Kunst ist bloß +beim Theater. Wenn das Theater nicht wär', hätte überhaupt das ganze +Leben keinen Zweck. Ich bin schon siebzehnmal im ›Lohengrin‹ gewesen; +ich kann jedes Wort und jede Note auswendig; ich habe acht Wagnersche +Klavierauszüge, da kostet jeder vierzehn Mark. Richard Wagner ist +überhaupt der Inbegriff von allem, was man wissen muß.« + +Er versprach, mich in den »Lohengrin« und in »Tannhäuser« einzuführen. + +»Vielleicht auch noch in die ›Meistersinger‹ und in den ›Holländer‹,« +fügte er hinzu; »denn den ›Ring‹ oder gar ›Tristan und Isolde‹ werden +Sie nie verstehen.« + +Ach Gott, wie war ich dankbar, daß sich dieser hochgebildete +Großstädter mit so einem Glatzer Waldburschen, wie ich daherkam, +überhaupt abgab. + +Am selben Abend stellte mich Heilgans seinem Freunde Felix Böttger vor, +der ein fast ebenso kunsterfahrener Mann war wie er. + +»Er versteht nichts vom Theater,« sagte Heilgans bei der Vorstellung +»ich hab' ihn anfangs überhaupt nicht leiden gekonnt; aber ich denke, +wenn wir uns ein bißchen Mühe geben, wird was aus ihm.« + +»Na, nur immer Mut, junger Mann,« sagte Böttger mit tiefer, jovialer +Stimme und legte mir die Hand auf die Schulter. + + * * * * * + +Wir wohnten alle im Internat. Das Seminar war ein uraltes früheres +Klostergebäude mit vielen hygienischen Unzulänglichkeiten, aber auch +mit einer kostbaren gemütlichen Romantik. + +Unser Kursus hatte zwei Schlafsäle. Der kleinere hieß die »Vorhölle«, +der größere der »Himmel«. Ich schlief anfangs im »Himmel«, aber +Heilgans sorgte dafür, daß ich zu ihm in die »Vorhölle« zog. Er sagte, +dort sei es gemütlicher; im »Himmel« wohnten die Banausen. Für diese +Bemerkung wurde er von einer Schar himmlischer Geister am Abend +durchgehauen. + +Und diese tätliche Beleidigung erforderte Rache. + +»Können Sie Gespenstergeschichten erzählen?« fragte mich Heilgans. + +Ob ich das konnte! + +Am nächsten Abend, als die Lichter erloschen waren und tiefe +Dunkelheit in den alten Klosterräumen herrschte, erzählte ich eine +Gespenstergeschichte nach der anderen. Ich mußte eigens in den Himmel +kommen und erzählte dort durch die Finsternis. + +»Noch eine Geschichte, noch eine,« sagten die Himmelsleute, und ich +erzählte mit halbverhaltener Stimme. Fast fürchtete ich mich vor den +eigenen Geschichten. + +Dann brachte Heilgans die Rede auf einige Selbstmorde, die früher im +Seminar passiert waren, und sagte, daß ganz ernsthafte Leute glaubten, +es spuke. Auf dem angrenzenden Kirchboden solle es oft rumoren. + +Die »Himmelianer« taten zwar mutig, aber ganz richtig war keinem ums +Herz. + +Um Mitternacht nun, als alles schlief, läutete plötzlich durch die +tiefe Stille der bange Ton eines Glöckleins. Es war ein schauriger +Klang. Nur wimmernd und ganz vereinzelt schlug die Glocke an. + +»Bim bim!« + +Dann lange Pause. + +Dann wieder einmal: »Bimm, bimm, bimm!« Und dann wieder minutenlanges +Schweigen. + +»Bimm!« + +Ein verlorener klagender Ton. + +Der ganze »Himmel« wachte auf. Wir hörten Zischeln, leises Sprechen. +Aber es stand keiner auf. + +Die Dunkelheit war so tief, der Klang des Glöckleins so sterbensbange, +daß selbst mir die Haut schauderte, obwohl ich wußte, daß Heilgans +und mein Landecker Freund Bartsch heimlich an dem Gasrohr des Himmels +eine kleine Glocke angebracht hatten, von der eine Schnur durch ein +Fensterchen über der Türe zu uns in die Vorhölle lief. + +Eine ganze Stunde lang bimmelte die Geisterglocke, und erst als draußen +von einem Turm eine Uhr Eins schlug, hörte der Spuk auf. + +Ein paar sonst ganz robuste Burschen aus dem Himmel sagten am nächsten +Morgen, sie hätten kalten Angstschweiß geschwitzt. Das hätte ich mit +meinen verdammten Gespenstergeschichten zuwege gebracht; das Gebimmel +sei grausig gewesen. + +Die Sonne brachte die Geisterglocke an den Tag, und der darob +einsetzende Feldzug des uns an Zahl viermal überlegenen Himmels gegen +uns Vorhöllenleute endete mit unserer schweren Niederlage. + +»Aber Banausen sind sie doch!« sagte Heilgans, als er sich seine +schmerzenden Gliedmaßen rieb. Mit mir machte er Bruderschaft. + + * * * * * + +In die Vorhölle siedelten nach und nach lauter der Kunst ergebene +Leute über, und hier entwickelte Heilgans die große Idee der Gründung +eines Königlichen Seminartheaters. Er hatte indes sämtliche Mitglieder +des Kursus auf ihre Theatertalente hin beobachtet und geprüft und +fand, daß nur sechs absolut talentlos waren. Diese bestimmte er zu +Kulissenschiebern, Theaterboten, Portiers und Garderobiers. Es wurde +eine Theaterkommission eingesetzt, und diese ernannte in fulminanten +Dekreten Herrn Arthur Heilgans zum Direktor, Herrn Felix Böttger zum +Oberregisseur, Herrn Paul Keller zum Dramaturgen, Herrn Liersch zum +Kapellmeister, Herrn Eduard Bentzinger zum Theatermaler und technischen +Leiter. Mein Freund Bartsch wurde »Bonvivant«; ein dicker, frischer +Junge, der sonst den Spitznamen »Doppelpunkt« führte, wurde erste +Liebhaberin; Blasel, der damals Meisterschwimmer von Deutschland +war, wurde Heldentenor, der dicke Wurbs komische Alte, Picha erster +Operettenheld, und so erhielt jeder sein Fach und seinen Posten. Das +erste Theaterrequisit, das wir hatten, war ein Kupierrädchen, wie es +bei der Schneiderei gebraucht wird; Blasel hatte es seiner Mutter +gestohlen, und es diente dazu, die Theaterbillette zu »lochen«. Es gab +drei Arten von Plätzen: zu zehn, fünf und zwei Pfennig. Freibillette +wurden nicht ausgegeben, nicht mal an die Kritiker. + +Heilgans hielt nun täglich in allen Pausen Vorträge über dramatische +Kunst. Einmal wurde er während einer Studierstunde von dem +revidierenden Lehrer erwischt, als er gerade auf allen Vieren auf dem +Fußboden herumkroch und wie besessen schrie: + + »Mein schaudernd Gebein deckt kalter Schweiß! + Was fürcht' ich denn? Mich selbst? Sonst ist hier niemand. Ist hier + ein Mörder? Nein. -- Ja, ich bin hier!« + +»Sind Sie verrückt?« fragte der aufs höchste erstaunte Lehrer. + +»Entschuldigen -- nein,« stammelte Heilgans; »ich bin bloß +Richard III.« + +Der Lehrer war so grausam, dem edlen Shakespeare-Darsteller eine +Stunde Arrest zuzudiktieren. Als er gegangen war, bestieg Heilgans das +Katheder und hielt eine kurze Ansprache: + +»Meine Herren! Wer sich der Kunst vermählt hat, wie ich, muß leiden. +Denken Sie an die Karlsschüler; denken Sie daran, wie Schiller unter +dem Unverstand seiner Lehrer und Vorgesetzten gelitten hat. Es ist +immer die alte Geschichte: ›Es liebt die Welt, das Strahlende zu +schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehn.‹ Sie haben gesehen, +wie dieser Pauker mich schwärzen und in den Staub ziehen wollte. Aber +das gelingt ihm nicht. Ich werde meine Stunde Arrest mit Freuden +absitzen, weil es für die Kunst geschieht. Und Schiller, dem ebenfalls +Verfolgten, zu Ehren werden wir zur Eröffnung unseres Königlichen +Seminartheaters ein Schillersches Stück geben, und zwar ›Wallensteins +Tod‹. Dieses Stück erfordert keine große Ausstattung, da es nur in +Zimmern spielt. Ich selbst übernehme die Rolle des Wallenstein, Böttger +spielt den Max Piccolomini, Herr von Schalscha übernimmt die Thekla, +die anderen Rollen werde ich noch verteilen. Meine Herren, wenn Sie den +›Wallenstein‹ richtig erfassen wollen, dann ...« + +Der revidierende Lehrer kam zurück. + +»Warum stehen Sie auf dem Katheder? Warum sitzen Sie nicht auf Ihrem +Platz und arbeiten?« + +»Ich -- ich -- hatte nur einen -- einen kleinen Vortrag über Friedrich +Schiller gehalten.« + +»Zwei Stunden Arrest,« entschied der Gestrenge. + +Heilgans schlich auf seinen Platz und »arbeitete«. Als aber jemand kam +und glaubwürdig berichtete, der Revisor habe nun bestimmt das Seminar +verlassen, ging Heilgans nach dem Katheder zurück und sagte: + +»Meine Herren, entschuldigen Sie die kleine Störung, durch die ich +vorhin abermals unterbrochen wurde. Also, wenn Sie ›Wallenstein‹ +richtig auffassen wollen, dann ...« + + * * * * * + +Mit der »richtigen Auffassung« des »Wallenstein« hatte es seinen Haken. +Nach etwa vierzehn Tagen sagte mir Heilgans: + +»Mit dem ganzen Tode von Wallenstein ist es nichts. Die Kerle wollen +nicht genug pauken. Und pauken muß nu ein Schauspieler. Ich habe die +vier ersten Akte gestrichen, und wir geben nur den letzten ...« + +Der große Tag nahte. An einem Schornstein unter dem Dach hing ein +vom Theatermaler Bentzinger entworfener riesiger Zettel, auf dem die +Eröffnungsvorstellung angezeigt wurde. Die beiden oberen Klassen +(Ober- und Mittelkursus) waren eingeladen worden. Natürlich gegen +Entree. Sämtliche Plätze gingen schon im Vorverkauf weg. Das Privileg +dazu hatte Blasel, weil er das Kopierrädchen geliefert hatte. Die +Vorstellung fand im geräumigen Himmelssaal statt; die Vorhölle +diente als »Garderobe« und »Foyer«. Die Theaterdiener geleiteten die +Herrschaften zu ihren Plätzen. Alles war in gespannter Erwartung. + +Die Bühne wurde durch den hintersten Teil des Himmels, den ein +Rundbogen abschloß gebildet. Ein Kunstwerk an sich war der Vorhang. +Er war aus Schlafdecken hergestellt, die dem Königlich Preußischen +Fiskus gehörten und nun »zusammengestückelt«, auch vielfach mit Löchern +versehen worden waren, damit sich der Vorhang malerisch raffen und +»ziehen« ließ. Gott habe diese alten Decken selig; sie sind im Dienste +erhabener Kunst eines ehrenvollen Todes gestorben. + +Ober- und Mittelkursus stellten je einen Kritiker, die, mit +Notizbüchern bewaffnet, in der ersten Reihe saßen. Der Kritiker des +Mittelkursus, ein Herr Wawrok, galt als ein gestrenger Kunstrichter. +Ich habe das auch zu fühlen bekommen. + +Die Vorstellung war herrlich. Ich selbst spielte die Rolle des alten +Gordon, aber ich mußte mich sehr zusammennehmen, daß ich meinen Part +stellte; denn Heilgans als Wallenstein riß mich gänzlich hin. Schon +sein Äußeres war gut. Er trug als Wams eine ganz neue »Düffeljacke« +seiner Mutter, einen spitzen Hut, einen richtigen Degen und Stiefel mit +Sporen und großen flatternden Papiermanschetten. + +Und wie er sprach! Als er sagte: »Die Hoffnung nenn' ich meine Göttin +noch,« und gar, als er die letzten Worte: »Ich denke einen langen +Schlaf zu tun ...« wie in die Ewigkeit hineinsprach, fühlte ich in +tiefer Erschütterung die Größe dramatischer Kunst. + +Allein wie seine Stimme tremolieren konnte -- hinreißend! + +Der Beifall war stark und wohlverdient. Am nächsten Tage waren an +den Schornsteinen die handschriftlichen Rezensionen der Kritiker +angeheftet. Herr Wawrok hatte sechs Bogenseiten geschrieben. Er zog +eine geistvolle Parallele zwischen Arthur Heilgans und Ernst von +Possart und wies ganz unparteiisch nach, in welchen Stücken Possart +den Heilgans überrage, aber auch in welchen Punkten Heilgans dem +Münchener Tragöden zweifellos überlegen sei. Jedenfalls -- das stand +selbst diesem scharfen Kritikus fest -- wir lebten mit einem der +größten Tragöden Deutschlands unter einem Dach. + +Ich selbst kam schlecht weg. Zunächst bemängelte der Kritiker meine +Garderobe. Er schrieb: »Herr Keller sah als Gordon einem italienischen +Räuberhauptmann viel ähnlicher, als dem würdevollen Kommandanten der +Festung Eger. Überhaupt scheint Herr Keller als Schauspieler nur von +mittlerer Begabung zu sein, dem man wichtigere Rollen an so einem +ernstem Kunstinstitut, wie es das Königliche Seminartheater ist, +nicht anvertrauen sollte. Herr Keller wird gut tun, lieber gar nicht +aufzutreten, sondern zur Kritik überzugehen.« + +Und so geschah es auch. Ich wurde wegen Mangel an Talent -- Kritiker. +Als solcher habe ich einen riesigen Einfluß gewonnen und mich sogar zum +Vorsitzenden der Theaterkommission aufgeschwungen, der daran dachte, +Herrn Wawrok als Kritiker »abzusägen«. + + * * * * * + +Etwa vier Wochen später beauftragte mich der Theaterdirektor Heilgans, +ein eigenes Stück zu dichten. + +»Wie lang soll es sein?« fragte ich. + +»Drei Akte -- jeder Akt bis fünfzehn Minuten lang.« + +»Ernst oder lustig?« + +»Beides. Keine Tragödie. Keine Komödie. Ein Schauspiel. Mit +befriedigendem Ausgang. Damenrollen höchstens eine. Für Böttger eine +besonders wirkungsvolle Rolle. Ein Intrigant muß auch drin vorkommen. +In vierzehn Tagen kannst du's wohl machen?« + +Ich war in acht Tagen fertig; denn ich hatte es, wie alle jungen +Dichter, sehr eilig, auf die Bühne zu kommen. »Magdalena. Ein +ländliches Schauspiel.« Der rührende Abschied eines Handwerksburschen +von seinem Schatz, einem armen, braven Webermädel. Dann die Not des +Vaters. Als Bewerber um die Maid tritt ein halbidiotischer reicher +Bauernsohn auf (Herr Böttger); dessen Vater ist der Gläubiger des +Webers. Das Mädel mag nicht. Verzweiflungsszenen. Zum Schluß große +Zwangsauktion. Des Webers Häuschen wird versteigert. Ein Fremder +erwirbt es. Er ist -- na, wer kann es auch sonst sein? -- der +heimkehrende besagte Handwerksbursch, der inzwischen reich geworden ist +und nun den »befriedigenden Ausgang« macht. + +Es war ein voller Erfolg. Heilgans umarmte mich unter Freudentränen. +Herr Wawrok schrieb: »Der Monolog der ›Magdalena‹ am Anfang war zwar zu +lang, und moderne Dichter sollten überhaupt keine Monologe verwenden, +aber dieser Monolog war nur ein Sonnenfleck; denn das Ganze war eine +Sonne.« + +Dieser letzte Satz söhnte mich mit Herrn Wawrok für alle Zeiten aus. + + * * * * * + +Nach mir und Schiller kam zur Abwechselung mal Theodor Körner dran. +»Das Fischermädchen« wurde aufgeführt. Ich sehe jetzt noch unseren +»Naturburschen« Scholz hinter der Szene Donner und Blitz machen. Die +Blitze machte er mit brennendem Kolophonium, in das er blies. Aber die +Sache funktionierte nicht, und Scholz verbrannte sich so arg den Mund, +daß er während der Vorstellung um Hilfe schrie. Ein reines Wunder ist +es, daß bei unseren künstlerischen Experimenten nicht die ganze morsche +Seminarbude abgebrannt ist. Die Musen haben uns beschützt. + +Aus dem Publikum kamen Anträge an die Theaterkommission, daß man +nicht immer nur »klassische Stücke«, sondern auch mal gute Schwänke +und Lustspiele aufführen solle. Heilgans wollte anfangs davon nichts +wissen; denn er trug sich bereits mit Plänen, zur Oper überzugehen, +aber schließlich machte er dem Publikum Konzessionen. + +»Ein in Gedanken stehen gebliebener Regenschirm« erweckte Lachstürme +auf den Zweipfennig-Plätzen. Das bessere Publikum auf den +Zehnpfennig-Plätzen hielt sich reservierter, amüsierte sich heimlich +aber auch ganz königlich. + +Bei einem Stücke dieser Art geschah es, daß der Naturbursche Scholz +vor der Aufführung vor den Vorhang trat und folgende Rede ans Publikum +hielt: + +»Meine Damen und Herren! (Die Damen existierten nur in Scholzens +Phantasie.) Dieses Stück, das wir geben wollen, ist ein +Ausstattungsstück. Wir brauchen dazu ein paar Stiefel, die ganz ganz +sind. Kann jemand ein paar ganz ganze Stiefel pumpen? Er erhält sie +nach der Aufführung gewichst zurück; denn es kommt im Stücke vor, daß +die Stiefel gewichst werden.« + +Da sich nicht gleich jemand meldete, zog Scholz mir, der ich als +Kritiker in der ersten Reihe saß, zwangsweise die Stiefel aus und +verschwand damit. Ich erhielt das Schuhwerk nach der Aufführung +teilweise arg mit Wichse bekleistert, aber durchaus in ungewichstem +Zustande zurück und schrieb daher zornerfüllt in meine Kritik: »Der +gestrige Theatertag zeigte, daß das Königliche Seminartheater von +seiner hohen Warte herabsinkt und zu einer Schmiere wird.« + +Darauf kehrte Heilgans zu den Klassikern zurück und gab zunächst +»Wilhelm Tell«. Wie hat Böttger den Tell gespielt! Glänzend! Vor dem +Apfelschuß, als er Geßler bestürmte, das grausame Gebot zurückzunehmen, +ja, sein eigenes Leben anbot, zitterte er in seiner Vaterangst so, als +ob er den Veitstanz hätte. Heilgans (Geßler) aber sagte herrisch und +hartherzig: »Iche will dein Leben nicht; iche will den Schoß!« + + * * * * * + +Da wir unsere Aufführungen zumeist an den freien Nachmittagen hielten, +waren die Lehrer unserem Theater noch nicht auf die Spur gekommen. +Einmal aber, als der Oberkursus Examen hatte, dachten wir, die +Gelegenheit sei günstig, verließen auf den Zehen unsere Studierstube +und schlichen nach dem Himmelssaal, allwo alsbald »Der Lügner und +sein Sohn« über die weltbedeutenden Bretter ging. Mitten im Spiel +erschien ein Warner mit der Schreckenskunde: »Der Oberlehrer kommt +rauf!« Alles meinte, er komme über die Hinterstiege, und eilte nach +der Vordertreppe. Und da lief eben alles dem Oberlehrer in die Hände: +Heilgans als Heldenvater in Schlafrock und Nachtmütze, Böttger als +Stromer, von Schalscha als junges, reizend gekleidetes Fräulein, +Bartsch als Sonntagsjäger mit der Flinte. + +Der Oberlehrer war starr. Er wußte sich solche Erscheinungen hier in +den Schlafsälen an einem Unterrichtsvormittag nicht zu erklären und +murmelte: »Bin ich verrückt oder sind Sie verrückt?« Wir stoben zu +unseren Büchern zurück. Nach einer halben Stunde sagte einer: »Der +Blasel hat sich gerade ankleiden wollen und ist in der Angst in den +Unterhosen in die Orgel oben gekrochen.« + +Blau gefroren holten wir den Ärmsten aus der Orgel heraus; denn es war +ein Wintertag, und die Orgelstube war ungeheizt. + +Das erwartete Donnerwetter blieb zunächst aus. Aber es kam später. Auch +Heilgans hatte ein Stück gedichtet. Es hieß: »Die Axt des Glückes.« +Alle Proben, sogar die Generalprobe, hatte er in der freien Zeit +gehalten; nun ritt ihn aber doch einen Tag vor der Aufführung der +Teufel, noch eine zweite Generalprobe zu halten, und er verschwand +mit seinen Mannen während der vorgeschriebenen Studierzeit nach dem +»Himmel«. Dort erwischte ihn der revidierende Lehrer, meldete diesen +Fall dem Direktor, und dieser sagte am nächsten Tage: + +»Ich habe schon lange gewußt, daß Sie Theater spielen; ich weiß, daß +Heilgans der Direktor, Böttger der Regisseur und Keller der Dramaturg +ist. Ich habe gedacht: Wenn die jungen Leute nichts Dümmeres treiben +als sowas, ist's schon gut, und habe nichts gesagt. Ja, ich hab' mich +gefreut. Ich habe gedacht, da gehen die Leute aus sich heraus; es +steckt ein idealer Kern drin, und sie lernen auch was dabei. Da Sie +aber die Arbeitszeit mißbrauchen, verbiete ich das Theaterspielen ein +für alle mal!« + +So fiel ein Reif in unsere Frühlingsnacht. Als der Direktor das Zimmer +verlassen hatte, bestieg Heilgans das Katheder und sagte: + +»Meine Herren! Eingetretener Umstände halber sehe ich mich gezwungen, +das Amt eines Theaterdirektors, das ich unter Ihnen zu bekleiden so +lange die Ehre und das Vergnügen hatte, niederzulegen. Allein, es muß +augenblicklich etwas geschehen, unser getötetes Kunstleben wieder +lebendig zu machen.« + +Wir schickten eine Bittdeputation zum Direktor, die reumütig Abbitte +tat und alles Gute für die Zukunft versprach. Es war umsonst; das +Theaterspielen blieb strengstens untersagt. O, diese unglückliche »Axt +des Glückes«! + + * * * * * + +Um diese Zeit geschah es, daß Heilgans in Liebe verfiel. Abends, +wenn er in seinem Bette, dicht an der Feueresse lag, fing er an zu +philosophieren, und seine Gedanken bewegten sich immer in demselben +Zirkel: »Lieben kann man bloß jemanden, den man kennt. Sie kennt mich +nicht; folglich kann sie mich auch nicht lieben.« + +»Sie« hatte Heilgans in der Singakademie gesehen, wo wir unsere Übungen +hatten. Sie war die Tochter eines Stadtrates, ein schönes, stolzes +Fräulein von vielleicht fünfundzwanzig Jahren. Heilgans war neunzehn. +Heilgans entwarf nun einen Plan, wie er sich seiner Holden bekannt +machen könne, und sagte eines Abends: + +»Kinder, ich mach' es einfach so: ich gehe an ihre Entreetür, klingele, +und wenn sie herauskommt, frage ich sie, ob in dem Hause nicht ein +Doktor Linke wohne. Na, da gibt dann ein Wort das andere. Aber klappen +muß es. Wie im Theater. Proben muß man! Wer von Euch spielt mal das +Fräulein Grete?« + +Keiner erbot sich dazu. + +»Nun, da probe ich allein,« sagte Heilgans, der das Theaterspielen nun +mal nicht lassen konnte. Er schleppte ein Tafelgestell in die Nähe +der Tür, sagte, daß er sich unter diesem Gestell sein Fräulein Grete +vorstelle, und guckte dann zur Tür herein: + +»Ach Verzeihung, gnädiges Fräulein, wohnt in diesem Hause nicht ein +Doktor Linke?« + +Flugs stand er darauf hinter dem Gestell und antwortete mit hoher +Diskantstimme: + +»Nein, mein Herr, ich glaube, in diesem Hause wohnt kein Doktor Linke.« + +»Das ist sehr schade, mein gnädiges Fräulein, daß in diesem Hause +kein Doktor Linke wohnt. Ich hätte mir auch nicht erlaubt zu fragen +nach diesem Doktor Linke, aber ich kenne das gnädige Fräulein von der +Singakademie her.« + +»Ach, das trifft sich ja gut!« + +So wurde der Dialog fortgesetzt, bis sie ihn einlud, »doch mal +näherzutreten«. + +Leider ist die Aufführung dieser Szene anders ausgefallen als die +Probe. Denn als Heilgans wirklich an der Tür des Stadtrats läutete, kam +nicht die Tochter, sondern der Vater öffnen. Außerdem aber erschien +eine riesige Dogge, die dem liebebrennenden Mann mit dem etwas +schlechten Gewissen Schrecken einjagte. Der Schluß war, daß Heilgans +dem Stadtrat die auf die Straße entwischte Dogge einfangen helfen +mußte, das Töchterlein aber nicht sah. Gebrochen kam der Jüngling heim. +Ernst ist das Leben, heiter allein die Kunst. + + * * * * * + +Es war tief in der Nacht. Irgendwo in der Ferne summte wohl noch das +Lied der Großstadt; im Seminar war Totenstille, selbst die Vorhölle +»schlief in himmlischer Ruh«. + +Ach, was ist der Schlaf in so jungen Jahren tief und süß! Unser +Theatermaler Bentzinger schlief so gern, daß er uns bat, ihn jedesmal +zu wecken, wenn mal einer erwache, und ihm dann zu sagen, wie spät es +sei. »Es ist mir allerhöchste Wonne,« sagte Bentzinger, »wenn mich +jemand um zwei Uhr in der Nacht weckt und mir sagt: jetzt darfst du +noch dreieinhalb Stunden schlafen!« + +So wurde Bentzinger wirklich fast in jeder Nacht geweckt, oft zwei- +oder dreimal, und er war immer dankbar für solchen Freundschaftsdienst. +In dieser Nacht wurde auch ich geweckt. Heilgans saß auf meiner +Bettkante und seufzte tief und schwer. Ich aber war unwirsch ob der +Störung und sagte: + +»Heilgans, laß mich jetzt bloß mit deiner Stadtratstochter in Ruh'. +Jetzt will ich schlafen. Du kannst mir doch deinen Kummer bei Tage +klagen.« + +»Es ist nicht die Grete, die mich nicht schlafen läßt,« entgegnete +Heilgans, »sondern ich habe einen schwereren Kummer. Das Theater! Wir +müssen wieder Theater spielen.« + +»Das geht doch nicht!« + +»O ja, es muß gehen. Du mußt ein neues Stück schreiben, und wir führen +es auf und laden den Direktor dazu ein.« + +»Du bist verrückt!« + +»Mit nichten! Hör' zu. Der Alte' gibt doch bei uns Psychologie. Du +mußt nun ein Thema aus der Psychologie nehmen und dem Alten vorreden, +dieses Thema hätte dich in seinem Unterricht so kolossal interessiert, +daß du gar nicht hättest anders können, du hättest müssen ein Stück +machen, und das solle er sich mal ansehen. Es wäre uns gar nicht um das +Theaterspielen, es wäre uns bloß um die Psychologie zu tun.« + +»Denkst wohl, der Alte ist so dumm, daß er das glaubt?« + +»Das glaubt er bestimmt; denn er wird sich geschmeichelt fühlen, und +wenn sich jemand geschmeichelt fühlt, glaubt er alles.« + +»Psychologie! Das ist verdammt schwer!« + +»Na, du brauchst ja nicht gerade über die Induktion oder die +Apperzeption oder solches Gemäre zu dichten. Such' dir halt was. Und in +acht Tagen muß es fertig sein. Da beginnen die Proben. Ich und Böttger +machen die Hauptrollen. Schalscha muß auch 'ne Rolle kriegen und der +Schlolaut auch. Den müssen wir jetzt mal öfters herausstellen. 'n ganz +gutes Talent. Und nu denk' nach! Mich friert. Ich weck' jetzt bloß noch +den Bentzinger, dann kriech' ich wieder in die Klappe.« + +Er schlich davon. + +»Bentzinger, wach' auf! Es is dreivierteleins. Fünf Stunden kannst du +noch schlafen.« + +Bentzinger dehnte sich wohlig. Da sagte ihm Heilgans noch: »Der Keller +macht bis über acht Tage 'n psychologisches Drama. Mit dem schlagen wir +den Alten breit.« + +»Da will ich auch mitspielen,« sagte Bentzinger und schlief +augenblicklich wieder ein. Ich aber wälzte mich nun schlaflos im Bett. +Heilgans hatte mir keinen schlechten Wurm in den Kopf gesetzt. Ein +psychologisches Stück. Für fünf Personen. In acht Tagen. Das war kein +Pappenstiel. Und ein solches Stück, das den Direktor milde stimmen +sollte! Aber gerade die Grenze, die meiner künstlerischen Freiheit mit +den fünf Personen gesteckt war, brachte mich rasch auf einen Gedanken. +Ich sprang aus dem Bett und rüttelte Heilgansen munter: »Ich hab's! Ich +hab's schon! Die vier Temperamente! Und der fünfte, der macht einen +Gemischt-temperamentigen.« + +Heilgans rieb sich die Augen. + +»Die vier Temperamente? Ja, was -- was hab' ich denn eigentlich für 'n +Temperament?« + +»Du machst den Melancholiker. Das mußt du ja jetzt nach deiner +verkrachten Liebe tadellos können. Der Böttger macht den Phlegmatiker.« + +»Großartig!« schrie Heilgans begeistert, hüpfte aus dem Bett und sprang +zu Böttgers Lager. + +»Böttger, altes Murmeltier, wach' auf; du spielst den Phlegmatiker!« + +Böttger begriff nicht, wieso der Phlegmatiker in seine Nachtruhe +platzte, als er aber alles gehört hatte, gesellte er sich zu uns +beiden, und wir weckten noch den Schalscha, dem wir klar machten, daß +er ein tobender Choleriker, sei, und der uns auch wirklich ob der +Störung mächtig anschnauzte, den Schlolaut, dem wir erklärten, daß +er »gemischttemperamentig« sei, und den Picha, der den Sanguiniker +übernehmen sollte. Zuletzt weckten wir den Bentzinger. Der aber hörte +von allem nichts, fragte nur, wie spät es sei, rechnete aus, wie lange +er noch schlafen könne, und legte sich selig auf die andere Seite. + + * * * * * + +»Herr Direktor! Es ist uns nicht um das Theaterspielen. Es ist +uns bloß um die Psychologie. Ihr Vortrag über die Temperamente +hat mich so interessiert, daß es mir keine Ruhe ließ, bis ich ein +Charakterlustspiel gemacht hatte.« + +»Was haben Sie gemacht?« + +»Ein Charakterlustspiel in einem Akt.« + +Der Direktor blinzelte mich an, was so aussah wie: »Spiegelberg, ich +kenn dich!« -- aber er sagte: + +»Na, was für einen Gedanken haben Sie denn Ihrem Stück zugrunde +gelegt?« + +»Daß reine Temperamente nicht nebeneinander existieren können, daß +sie zu Zank und Streit kommen müssen, daß der gemischt-temperamentige +Mensch der glücklichste ist.« + +Er brummte befriedigt und sagte: »Na, da legen Sie mir mal Ihr Heft +vor.« + +Ich holte das Heft, und am selben Abend rief mich der Direktor aus dem +Studierzimmer und sagte: + +»Spielen Sie das Stück. Aber nicht oben im Schlafsaal. Unten im großen +Musiksaal. Ich werde es mir ansehen. Und die Herren Seminarlehrer laden +Sie auch ein. Jetzt sagen Sie es den anderen; aber machen Sie es mit +dem Indianertanz, der ja nun doch kommen wird, gelinde!« + +Es war wirklich ein prächtiger »Alter«, dieser Seminardirektor Ziron. +Er wußte, daß wir ihn besiegt hatten, und lud uns zu dem Siegestanze +selber ein. + +Vielleicht würde er die Erlaubnis aber nicht gegeben haben, wenn er +geahnt hätte, daß Böttger und Heilgans in ihrem Enthusiasmus zu einem +richtigen »Coiffeur« gingen, sich dort kunstgerecht schminken und +zurichten ließen und dann -- Böttger als kahlköpfiger, dickbauchiger +Gastwirt, Heilgans als Dorfpoet mit Vatermördern und wallender +Haarmähne -- auf den Straßen Breslaus zum Erstaunen des Publikums +lustwandelten. Die beiden Künstler erreichten glücklich das Seminar, +ehe sie ein Schutzmann wegen Erregung von Straßenaufläufen und groben +Unfugs einsperrte. Sie spielten am Abend glänzend. Mir als Autor +schlug das Herz bis an den Hals vor Freude und Bewunderung. Das ganze +Seminarlehrerkollegium, der Direktor an der Spitze, war erschienen, +auch ihre Damen hatten die Herren mitgebracht. Und sämtliche +Seminaristen waren da; darunter die Kritiker mit heimlich benutzten +Notizbüchern. Böttger, als Phlegmatiker, klagte während des ganzen +Stückes über seine »Beene, die ihm so weh täten,« und noch Monate +später, ehe wir das Seminar überhaupt verließen, sagte der Direktor: +»Böttger, ich wünsche Ihnen, daß Ihnen auf all Ihren Lebenswegen +niemals die Beene weh tun mögen.« Aber auch die anderen leisteten +Vorzügliches. Heilgans als melancholischer Dorfpoet erntete Stürme +von Beifall. Das Endergebnis war: das Theaterverbot war endgültig +aufgehoben. + + * * * * * + +Heilgansens Geburtstag kam. Wir sagten ihm, daß wir zur Feier des Tages +ein »Festspiel« geben wollten; er möge einen Wunsch äußern. Da wählte +sich der Schalk -- die Venusbergszene aus dem »Tannhäuser«. Das ging +etwas über die Kräfte des Königlichen Seminartheaters. Aber »gegeben« +wurde der »Tannhäuser« doch. In einem Klavierzimmer, in dem auch +Kleiderschränke standen. Musikmeister Liersch gab den Orchesterpart +tadellos; Blasel war ein hellstimmiger Tannhäuser; dagegen rackerte +sich der dicke Veith, der auf einem Strohsack lag, vergebens ab, eine +verführerische Venus zu sein. Auch die »Nymphen« im Hintergrund waren +unter der Kanone; der Naturbursche Scholz, der sich ebenfalls zu einer +Nymphenrolle gedrängt hatte, hüpfte und sprang wie ein Waldschrat +umher. Für Heilgans aber, den Gefeierten des Tages, war auf einem +Kleiderschrank ein »Logenplatz« errichtet, auf dem er thronte. Von da +oben sah er mit einem Operngucker interessiert auf die Bühne, und in +der Pause »erging« er sich, indem er von einem Kleiderschrank auf den +anderen stieg. + +Von seiner »Loge« aus hielt er auch eine Rede an die Künstler und das +Publikum, in der er sagte: »Neunzehnmal habe ich den ›Tannhäuser‹ +gesehen; ganz genossen habe ich ihn aber erst heute.« + + * * * * * + +Auch mein Geburtstag kam. An den Feueressen prangten große Zettel: +»Festvorstellung. ›Magdalenens‹ Premiere in Posemuckel. Festspiel in +zwei Akten von Arthur Heilgans«. Das Stück, das der alte Freund mir +zu Ehren gedichtet hatte, spielte bei einer kleinen Theatertruppe in +Posemuckel, der es erbärmlich schlecht ging und die sich durch eine +wohlgelungene Aufführung der »Magdalena« (meines Erstlingsstückes) +finanziell rettete. Am Schluß des Stückes kam der Laternenanzünder zum +Direktor und sagte: »Herr Direktor, der Dichter ist in unserm Theater!« +»Holt ihn,« rief der Direktor, »wir müssen ihm danken, daß er unser +Theater aus schwerer Not errettet hat.« + +Und nun wurde ich -- der von allem keine Ahnung hatte -- auf die Bühne +geholt, und ich erhielt meinen ersten Kranz. »Paul Keller zum 19. +Geburtstag. Gewidmet von seinen Freunden.« + +Wenn ich mein ganzes Leben überschaue, ich weiß nicht viele +Augenblicke, die so tief an mein Herz rührten wie jener. Ein +betäubender Duft stieg aus dem Kranz, den ich in Händen hielt, in meine +junge Seele. Heilgans und Böttger standen in ihren Kostümen neben mir. +Aber als sie zu mir sprachen fiel alle Theaterei von ihnen ab; die +ganze Treue ihrer Herzen, der ganze goldene Idealismus ihrer Jugend +sprach aus ihren Worten. + + * * * * * + +Ehe wir aus dem Seminar schieden, beschlossen Heilgans, Böttger und +ich, uns photographieren zu lassen. Natürlich »in Kostüm«. Ich machte +Pläne, Böttger auch, aber Heilgans sagte: »Nur der Faust' ist unser +würdig. Wir werden uns nach dem Vorspiel zum ›Faust‹ photographieren +lassen als Theaterdirektor, Theaterdichter und Lustige Person.« + +So taten wir. Neben dem blauen Bande des Kranzes, den ich damals +erhielt und das noch heute an der Wand meines Arbeitszimmers hängt, +bildet das Bild ein Erinnerungszeichen an jene schöne Zeit. + +Glückselige Zeit! Vielleicht brummt mancher Philister, wir hätten zu +viel Zeit »vertändelt«. Er hat unrecht. Vieles, was ich als »unbedingt +notwendig« in der Schule lernte, ist längst unter toter Asche +versunken; aber was ich im jungseligen idealen Kunstdienst unseres +Königlichen Seminartheaters erwarb, besitze ich noch jetzt. + + + + + In den Grenzhäusern + + Erzählung aus den schlesischen Bergen + + +Es war in meinen jungen Jahren. Alle Ferientage war ich oben in den +Bergen, die ihren gewaltigen Grenzkamm zwischen Preußen und Österreich +hinstrecken an die vierzig Meilen lang. Das ging immer hinüber und +herüber in den dunklen Wäldern und langgestreckten Tälern, immer auf +einsamen, zeigerlosen Wegen, daß man wirklich oft nicht wußte: Bist du +nun noch im Vaterland oder bist du schon im »Ausland«? Denn das Volk +ist hüben wie drüben -- derb, treuherzig, von derselben Tracht und +Sprache und nimmt das Zweimarkstück an Stelle des Guldens diesseits wie +jenseits. + +An einem trüben Sommerabend kam ich in die »Grenzhäuser«. Die +Grenzhäuser lagen noch auf preußischer Seite an einem waldigen Abhang, +über dem die Kammlinie aufstieg, an der diesseits das preußische, +jenseits das österreichische Zollhaus stand. Drüben über dem Berge +das erste böhmische Dorf hieß auch Grenzhäuser. Es war natürlich eine +Gemeinde für sich und führte den gleichen Namen nur aus dem einzigen +Grunde, weil es eben schwer ist und verdrießliches Kopfzerbrechen +macht, immer neue Ortsnamen zu erfinden. In den preußischen +Grenzhäusern bestand seit alter Zeit ein Gasthaus, das auf den Namen +»Der rote Hahn« getauft war; als viel später in den österreichischen +Grenzhäusern auch ein Wirtshaus entstand, nannte es sein Besitzer »Der +blaue Hahn«, weil er ein wenig neuerungssüchtig veranlagt war. + +Im »Roten Hahn« kehrte ich an jenem Sommerabend ein. Ich war sehr +durstig und verlangte ein Glas Bier. Der biedere Wirt betrachtete +mich und meine grüne Jugend, schüttelte den Kopf und sagte: »Trink du +lieber a Glas Puttermilch, mei Jüngla; Bier ies fer dich zu stork.« Ich +ärgerte mich sehr über diese Ansprache; denn ich hielt mich bereits für +einen jungen Herrn, aber ich bekam nichts anderes als Buttermilch. Eine +Weile darauf kam der Wirt wieder an mich heran und forderte mich auf, +eine rotscheckige Kuh suchen zu helfen, die sich in den Wäldern verirrt +habe. Innerlich war ich empört und sagte mir, es sei eine Frechheit, +einen zahlenden Touristen also zu behandeln; denn was ginge mich die +rote Kuh des Wirts an; äußerlich machte ich aber nur eine abgespannte +Miene und sagte: Ach, ich sei so weit gegangen an diesem Tag und sehr +müde. Da faßte mich der herkulische Mann an der Schulter: »Na marsch, +marsch, tu ni erscht so stupide und zimperlich!« und schob mich zur +Tür hinaus. Es nutzte nichts, ich mußte dem barfüßigen Hüterjungen und +einer Magd die verlorene rote Kuh suchen helfen. Ich tat es mit tiefem +Ingrimm und beklagte es, in eine so barbarische Gegend geraten zu sein. +Aber wir hatten Glück. Als wir gerade auf die Suche gingen, und zwar +nach einem wohlerwogenen Kriegsplan, der Hüterjunge nach Norden, die +Magd nach Süden und ich nach Westen, kam die Kuh von der Ostseite her +angetrabt und meldete sich mit einem donnernden Gebrüll zur Stelle. + +»Na siehste,« sagte der Wirt belehrend zu mir, »wenn man nur die Arbeit +nich scheut, bringt se immer ihren Segen.« + +Zum Abendbrot bekam ich ein neues Glas Buttermilch, einen Berg von +Bratkartoffeln, Butter, Brot, Wurst und Käse vorgesetzt. + +Das fand ich nun recht anständig, aber ich dachte an die Kostenrechnung +und sagte, so viel könne ich nicht essen. Da nahm mich der Wirt unter +die Arme, hob mich ein paarmal in die Höhe und sagte verächtlich: + +»Neunzig Pfund hechstens wiegt die Borste. Wie alt bist du denn nu +schon?« + +»Achtzehn Jahre,« sagte ich. »Ich besuche das Breslauer Seminar und bin +schon im zweiten Kursus.« Ich dachte, das würde dem Mann imponieren, +aber es war leider nicht der Fall. + +»Miserabel siehste aus,« sagte er; »wahrscheinlich haste de +Schwindsucht.« + +Ich sagte dem Gemütsmenschen beklommen, daß ich zwar ein wenig mager, +aber ganz gesund sei. Das glaubte er aber nicht, sondern meinte: + +»Das is ja eben das Gutte bei sulchen Leuten, daß se selber nich +wissen, wie's um se steht. Meine Schwägerin, die hat's nich geglobt, +daß se de Schwindsucht hätte, bis se tot war. Die sah grade su aus.« + +Mir wurde plötzlich ganz übel, und ich ließ mutlos den Löffel sinken. + +»Ich hab' keinen Appetit mehr,« sagte ich leise. + +»Das is bluß wegen deinem verknuchten Gelabere,« fuhr nun die rundliche +Wirtin ihren Mann an; »su einem jungen Blutte su an elendiglichen +Quatsch vorreden, das is ja a reenes Verbrechen! Junger Herr, hör'n Se +bloß nich uff den alen Esel, der weeß nich, was a labert.« + +»Nanu,« sagte der Wirt betroffen, steckte die Hände in die Hosentaschen +und sah immer verwundert zwischen mir und seinem Weibe hin und her. +»Was -- was hab' ich denn etwa verbrochen?« + +Die Wirtin stand kirschrot vor ihm. + +»Wenn eener wirklich -- nee, nee, du bist ja zu a tummes Luder!« + +Sie faßte ihn am Arme und zog ihn hinaus. Ich blieb trübselig hinter +dem reichbeladenen Abendbrottisch sitzen. Nach etwa zehn Minuten kam +der Wirt wieder herein. Er kratzte sich hinter den Ohren, machte eine +sehr verlegene Miene und sagte kopfschüttelnd: + +»Meine Ale is zu komisch. Do denkt se nu, Sie könnten denken, ich +hätt's ernste gemeent. Nu, du müßt ich ju -- do müßt' ich ju wirklich +a aler Labersack erster Klasse sein, wenn ich ei'm Menschen wie Sie +sulches Zeug vorredte. 's war doch bluß Spoß. Denn Sie sein ju wie +Milch und Blutt -- und Gewichte haben Sie -- schwer leck -- ich hab' Se +kaum erheben können -- und Muskeln ha'n Se und zu a Suldaten werden Se +komm', a storker Kerl sein Se!« + +»Du laberst ja schun wieder,« kam die Wirtin zur Tür hereingefahren; +»denn das globt a doch jitzt nich. Do merkt a doch, wie der Hase +leeft.« + +»Ich sag' überhaupt nischt meh,« sagte der Wirt und setzte sich +beleidigt in einen Winkel. + +»Das is ooch viel besser,« entgegnete ihm die Gattin. »Und Sie, junger +Herr, machen Se sich nischt draus. Essen Se immer recht tüchtig und +sein Se viel ei freier Luft, do kriegen Se im Läben keene +Schwindsucht.« + +»Ganz dasselbe, was ich von Anfang an gesat ha,« brummte der Mann im +Winkel. + +Dann wurde es still. + +Nach einer Weile fragte mich die Wirtin, ob ich noch ein Glas +Buttermilch wünschte. Ich dankte. Der Wirt fuhr höhnisch lachend empor. + +»Puttermilch! Nischt wie Puttermilch! Davo kriegt eener freilich keene +Schwindsucht. Aber die Cholera kriegt a! -- Das is doch kee Junge meh, +das is doch a Herr. Eener, der schon im zweeten Seminar is. Fer den +paßt keene Puttermilch, fer den paßt a Seidel Bier!« + +Er brachte zwei Gläser Bier und lud mich ein, mit ihm auf der Bank vor +der Haustür Platz zu nehmen. + +Das war der Anfang meiner Freundschaft mit dem Roten Hahnenwirt +Heinrich Hollmann, einer Freundschaft, die noch heut besteht. + + * * * * * + +Der Abend war still und trüb. Es war, als hätten alle Bäume in +schlaffer Trägheit die Köpfe geneigt. Der Nebel stieg langsam und +müd vom Tale auf, über dem Kammweg lag ein fahler Schein, gelb wie +Laternenlicht. Am Waldrand huschte eine Eule, sonst regte sich nichts. + +»Das wird eine gute dunkle Nacht,« sagte der Hahnenwirt. Dann fing er +an, mir Schmugglergeschichten zu erzählen, eigentlich die einzige Art +von Geschichten, die er in den Grenzhäusern erleben konnte. + +»Die die Schmuggler für schlechte Leute halten,« sagte mein neuer +Freund, »sein alles tumme Kerle. Die wissen eben nich, wie's hier +zugeht. Das bissel kleener Grenzverkehr rüber und nüber macht keen +Staat arm oder reich. Da lohnt sich der ganze Sums mit den Grenzjägern +nich. 's is olles Quatsch.« + +»Aber es wird doch manchmal einer erschossen,« wandte ich ein. + +»Erschussen? Ja, Schmuggler -- Grenzjäger nich! Da könn' Se lange +suchen, eh Se een erschuss'nen Grenzjäger finden. Nu ja, 's is mal a +schlechter Kerl drunter, wie 's halt ieberoll schlechte Kerle gibt; +aber sunst sein de Schmuggler ehrenwerte Leute. Orme Teifel sein's, die +sich amal a paar Pfennige schwer genug verdien'. Wovon soll'n se denn +leben hier in diesen Bergen?« + +»Sie sind wohl auch ein Schmuggler?« frage ich harmlos. + +Aber da fuhr er auf. + +»Jüngla,« sagte er, »nimm dich in acht, sunst hau ich dir eene runter. +Beleidigen loß ich mich nich!« + +Ich erschrak über diesen Entrüstungsausbruch und stammelte eine +Entschuldigung, setzte auch beschwichtigend hinzu, daß ich selbst schon +Kleinigkeiten für den eigenen Bedarf geschmuggelt hätte. + +Da knurrte er: + +»Wer hier in der Gegend nich schmuggelt, is blödsinnig!« + +Später, viel später war einmal der Deutsche Kaiser im +schlesisch-böhmischen Grenzgebirge. Es wurde ihm ein Glas böhmischen +Weines vorgesetzt. Er trank ihn und sagte: »Na prosit -- geschmuggelt +ist er ja sicher!« Und lachte. + +An jenem Abend aber griff ich in die Tasche, zog einen Papierbeutel +heraus und bot meinem Gastfreund eine Zigarre an. Der sah mich +betroffen an. + +»Der Junge roocht,« sagte er, »und hat doch de ...« + +»Ich hab' nicht die Schwindsucht,« unterbrach ich ihn. »Nehmen Sie +nur.« + +»Österreicher,« sagte er anerkennend, als er die Marke prüfte, »seht +amal die Borste an! Na, wenn sich das bluß mit dem Biere und der +vielen Puttermilch verträgt.« + +Dann rauchten wir und schwiegen. Ein Mann stieg vom Kammweg herunter, +den ich nach einiger Zeit als einen Grenzjäger erkannte. + +»Da kommt ein Grenzer.« + +»Ja,« meinte Hollmann, »eener, der noch Durst hat. Es is Wenzel +Hollmann von der andern Seite.« + +»Ist er verwandt mit Ihnen?« + +»Weil er Hollmann heeßt? Ach, keene Spur. Hier heeßen drei Viertel von +allen Leuten Hollmann oder Liebich. Wu sull'n ooch immer die neuen +Namen herkummen!« + +Wenzel Hollmann, ein geschmeidiger Mann in knapper österreichischer +Uniform, setzte sich zu uns und trank drei oder vier Gläschen +Wünschelburger Kornbranntwein. Seine Dienstkappe legte er neben sich +auf die Bank. Es stak ein winziges Sträußchen daran. + +»Immer hat a a Puckettel[1] an der Mütze,« sagte der Hahnenwirt; »'s is +halt a schneidiger Kerl.« + +»Na, du weißt doch, daß mir das immer die Kinder vom Blauen Hahnen +dranmachen. Und du putzest mich ja selber oft aus,« entgegnete der +Grenzer. + +Der Rote Hahnenwirt lachte aus vollem Halse. + +»Ja, denkst du, der Rote steht gegen den Blauen zurücke? Putzt der +Blaue seine Kunden, putzt der Rote erst recht seine Kunden.« + +Er entfernte das Sträußchen, das aus drei Stengelchen Rosmarin +und einem gelben Hahnenfuß bestand, brach vom Gartenzaun zwei +Heckenröslein, pflückte vom Beet eine rote Nelke und befestigte sie an +der Kappe des Grenzers. + +»Der Rote Hahn läßt sich von der Konkurrenz nischt vormachen,« +sagte er. + +Der Grenzer lächelte ein wenig geschmeichelt und ging bald darauf +davon. + +Der Hahnenwirt lachte leise hinter ihm her. Dann sagte er: + +»Na, Jüngla -- junger Herr -- ich sollt's ja eegentlich nich +verraten, aber Se werden ja nischt ausmähren -- Se haben ja selbst +schon geschmuggelt -- na, und da soll'n Se gleich amal a rechtes +Schmugglerstückel zu sehn kriegen. Wissen Se, was das bedeutet?« + +Er nahm die Rosmarinstengel und den Hahnenfuß auf, die der Grenzer +dagelassen hatte. + +»Also passen Sie auf. Das, was ich hier in der Hand hab', is 'ne +Geschäftsbestellung. Und zwar eene vom Blauen Hahnenwirt drüben. Der +Hahnenfuß bedeutet a Faß Butter, und die Rosmarinstengel bedeuten drei +Pfund Schokolade. Die soll ich nu nach drüben liefern.« + +»Und das bringt der Grenzer?« rief ich überrascht. + +»Jawull, der Grenzer! Der is der zuverlässigste Bote. Der tumme +Kerl hat natürlich keene Ahnung, daß a unsern Briefträger macht. +Ich hab', wie Se gesehn haben, gleich meine Gegenbestellung beim +Blauen Hahn gemacht: eine rote Nelke, das is a Fässel Roter, und zwee +Heckenröslein, die bedeuten zwee Flaschen gezehrten Oberungar. Das +trägt a nu wieder rüber; denn a pendelt immer zwischen uns beeden hin +und her.« + +»Das ist großartig ausgedacht!« rief ich begeistert. + +»Ja, Kupp muß ma haben,« sagte der Hahnenwirt stolz. »Wir haben +'ne ganze Liste ausgearbeit'. Klee z. B. bedeutet Slibowitz, +Jelängerjelieber bedeutet Virginiazigarren, Fette Henne +versinnbildlicht 'ne Tonne ungarisches Schweineschmalz, Flachs is +natürlich Leinwand, Männertreu sind Hosenträger, Rosen Stoff für seidne +Blusen und 'ne kleine Distel is 'n Sack Salz. Eine volle Getreideähre +heißt: Ich bitte um die Rechnung; eine leere Ähre aber bedeutet: Wart +noch a bissel, hab' jetzt gerade keen Geld.« + +»Es ist genial,« flüsterte ich voll Bewunderung. + +»Ja, junger Herr,« sagte der Hahnenwirt, »wenn Se immer hier wären, +könnten Se noch a ganz gescheiter Kerle werden ...« + +»Der Wenzel Hollmann scheint mir grade kein sehr tüchtiger Grenzjäger +zu sein,« wandte ich nach einer Weile ein. + +»Der -- nicht tüchtig? Oho! Ein Satan is a. Unsere Preußen sind viel +langsamer, se haben zu dicke Bierbäuche, aber der dürre Windhund von +Österreicher, der geht Tag und Nacht rum und hat beinah schon die ganze +Gegend erwischt.« + +»Hat er Sie auch schon einmal erwischt?« fragte ich. + +»Mich? Ich bin keen Schmuggler,« brauste er wieder auf; doch dann +setzte er hinzu: »Unsere Leute, ich meine die, die so die Ware zwischen +mir und meinem Blauen Kollegen drüben hin- und herschaffen, die hat a +freilich schon ziemlich ofte erwischt -- der Lump der!« + +Er schnob vor Ingrimm. + +»Dreimal mehr Strafe haben wir schon blechen müssen, als der ganze +Handel einbringt. Aber Geschäft is Geschäft. Blödsinnig müßt' ma +sein, wenn ma nich schwärzte. Und geleimt wird a doch! Das haben +Sie ja gesehen, wie a geleimt wird. So a Spaß schwemmt ollen Ärger +weg. Der größte Hauptkerl aber, den a noch nie erwischt hat, das +is der Wassermüller Liebich unten in a Talhäusern. Das is so a +Mordsteufelskerl, der würd' nicht erwischt, und wenn der deutsche und +der österreichische Kaiser selber uf die Grenzwache zögen.« Nach diesem +starken rednerischen Trumpf rieb sich Heinrich Hollmann vergnügt die +Hände. + +»Das Dollste is,« fuhr er fort und er lachte mit so tiefem Vergnügen, +daß man merkte, wie die Freude aus dem untersten Herzen kam; »das +Dollste is, daß der Liebich dem Wenzel Hollmann die eegne Liebste +weggeschmuggelt hat. Das verwindet der Windhund sein Lebtag nich.« + +»Möchten Sie mir das erzählen?« + +Er schielte mich von der Seite her an. + +»Für Liebesgeschichten biste noch a bissel zu grün,« sagte er. Aber er +erzählte, und erzählte zum Teil hochdeutsch. + +»Also -- da war a Mädel drüben -- Franziska -- 's hübscheste Mädel +im ganzen Gebirge. Alle war'n in se verschossen -- alle -- alle ohne +Ausnahme, hüben wie drüben. Am dollsten aber waren der Grenzjäger +Wenzel und der Wassermüller Liebich in die Franziska verliebt. Also, +die beiden waren schon total verrückt um die Köppe. Je mehr se nu +aber auf das Mädel spannten, desto mehr hatten se natürlich uff +einander 'ne grenzenlose Wut. Wenn se sich bloß sahen, wurden sie +grün im Gesichte. Am schlimmsten war's natürlich uff 'm Tanzboden. +Da wundert man sich noch heute, daß da nich amal a Unglück geschehen +is. Se überboten sich, wo se konnten. Hatte der Wenzel 'ne neue +Extrauniform, kaufte sich der Liebich 'n neuen schwarzen Anzug, 'n +Patent-Gummikragen und bunte Manschetten; wie sich der Wenzel in +eener Auktion 'n Zwicker gekauft hatte, durch den a zwar nich sehen +konnte, in dem a aber sehr studiert aussah, schaffte sich der Liebich +'ne Meerschaumspitze an, obwohl ihm jedesmal schlecht wurde, wenn +a roochte. Der Wenzel machte Schulden über Schulden und koofte der +Franziska in eenem Jahre alleine sieben Granatbroschen; der Liebich +schenkte ihr 'n goldnen Fingerring mit ei'm Garantieschein, daß er +binnen drei Jahren nich schwarz würde. Und so ging's weiter, es waren +eben, wie gesagt, ganz verrückte Kavaliere. Da versuchte es der Wenzel +mit was anderem. A schmiß sich so heftig uff seine Berufsarbeit, +daß a binnen kurzem neun Schmuggler erwischte und 'ne schriftliche +Belobigung kriegte. Damit hob a sich nu bei der Franziska ein; denn +das is wahr: nischt gefällt ei'm Mädel an ei'm Kerl besser, als wenn a +Schneid hat. Das is, weil die Weiber selber su feiges Gelichter sind. +Also, der Liebich fängt schon an, mitsamt seiner Meerschaumspitze +sachte hinten runterzurutschen -- da wird a plötzlich a Schmuggler. +A bringt der Franziska allerhand feine Geschenke, mal 'ne kleine +Tonne grüne Heringe, mal 'n Viertelzentner Viehsalz, und a sagt immer +dazu, daß a am liebsten in Wenzels Amtsstunden schmuggelte, weil das +der dämlichste Grenzjäger von ganz Österreich wäre. Der Wenzel wurde +halb verrückt vor Wut. A schlief nich mehr, a lag Tag und Nacht uff +der Lauer, a saß amal von Mitternacht bis Morgens uff eenem Baume in +strömendem Regen, und wie's endlich Tag wurde, hatte ihm der Liebich, +ohne daß er was gemerkt hätte, 'ne Flasche Pain-Expeller unter den +Baum gestellt, weil Pain-Expeller gutt is gegen Rheumatismus. Das ganze +Gebirge lachte, und wie der Wenzel mit seinem Belobigungsbriefe und +eener seidnen Schürze das nächste Mal zur Franziska kam, merkte er, daß +es Essig war. Sie hatte sich für a preißischen Liebich entschieden. +Aber ihre Mutter war für a östreichischen Wenzel. Und da setzte es der +Wenzel durch, daß a, wie ich amal 'ne Entenkirmes mit Ball machte, +mit der Franziska über die Grenze rüberkommen konnte. A hatte sich +für schweres Geld 'n geschlossenen Glaswagen gemietet. Weil sich's nu +aber nich schickte, daß a bei dem Mädel im Wagen saß, setzt a sich +manierlich neben a Kutscher, und im Wagen saß die böhmische Jungfer. +Wie se ans deutsche Zollhaus kamen, war's schon dunkel; denn es war im +späten November. Der Wenzel stieg ab und sagte der Jungfer im Wagen, +er hätte vier österreichische Zigarren zu verzollen. Damit wollt' a +zeigen, was für a gewissenhafter Mensch er wär', und sich bei der +Franziska einheben. Wie er aus 'm Zollhaus wieder rauskommt, setzt' +a sich gleich wieder auf 'n Bock, und die Fahrt ging weiter. Herr, +du meine Güte, wie se hier im ›Roten Hahn‹ ankamen, saß in dem Wagen +'ne Strohpuppe, und die Franziska war verschwunden. Die tanzte drüben +mit 'm Liebich bei der österreichischen Konkurrenz. Der Kutscher, der +mit 'm Liebich im Komplott gewesen war, kriegte zwar vom Wenzel a +paar gesalzene Ohrfeigen, aber -- mit der Franziska war's aus. Sechs +Wochen drauf heirat' se a Liebich. Kurz vorher hatte se von den sieben +Granatbroschen zweie an a Wenzel zurückgeschickt. Su sein die Weiber!« + +Der Rote Hahnenwirt machte eine Pause in seiner Erzählung, zündete sich +die Zigarre neu an und lachte leise und philosophisch vor sich hin. + +»Su sein die Weiber!« wiederholte er. »Mir is es ooch erst mit der +Fünften geglückt. Und fünf is für mich 'ne Unglückszahl.« + +Er ließ wehmütig den Kopf hängen; aber bald lachte er wieder und +erzählte weiter. + +»Der Liebich trieb's nu ganz toll. Kurz vor seiner Hochzeit erzählte +er in Wenzels Gegenwart im Gasthause, seine Schwiegermutter müsse +doch jetzt Kuchen backen, und da wolle er ihr ein Faß Butter aus dem +Preußischen hinüberschaffen. Das war nu der Gipfel der Frechheit. +Wenzel, der Grenzjäger, der sowieso mit verglasten Augen und hohlen +Backen rumlief, lauerte von nun an Tag und Nacht. Zwar mit der +Franziska war er fertig; aber den Kerl -- den Lump -- den Teufel -- +reinzulegen, das wär' für ihn das Allerhöchste gewesen. Und richtig +-- a erwischt ihn. In der Silvesternacht -- 's war 'n Hundewetter -- +erwischt der Wenzel a Liebich uff eenem entlegenen Seitenwege mit ei'm +Faß Butter. Aus einem Graben, direkt aus der Schneejauche heraus, +springt er ihn an. + +»Wo is der Zollschein?« schreit er. + +Liebich, der sonst ein starker Kerl is, is so erschrocken, daß a lallt +und stammelt wie a Kind. + +»Ich hab' -- ich hab' -- die Putter -- die Putter -- verzollt ...« + +Er sucht in allen Taschen. + +»Wo ist der Zollschein?« + +Liebich dreht alle Taschen um, immer wieder, immer wieder -- er sucht +wie verrückt nach 'm Scheine. + +»Ich -- ich hab'n verloren ...« + +Wenzel lacht hämisch. + +»Wenzel, mach' mich nich unglücklich.« + +Liebich sinkt geknickt auf seine Karre. »Hab' Erbarmen, Wenzel, laß +mich laufen ...« + +»Marsch, nach dem Zollamt!« + +»Hab' Erbarmen, Wenzel ...« + +»Nichts da! Vorwärts marsch, oder ...« + +»Wenzel, denk' an de Franziska -- mach se nich unglücklich wegen den +paar Pfund Putter ...« + +»Vorwärts! Die Karre aufnehmen und -- marsch vor mir her. Bei +Fluchtversuch kriegst 'ne blaue Bohne zwischen die Rippen!« + +»Erbarm dich, Wenzel -- erbarm dich über mich und de Franziska ...« + +Der Grenzer hebt das Gewehr. Da nimmt der Liebich die Karre auf. +Aber er läßt sie wieder fallen. Es wird ihm schlecht -- er muß sich +hinsetzen -- alle Glieder zittern ihm -- es würgt ihn ... + +»Ich glaub' -- mich hat -- der Schlag gerührt -- mir is so schlecht!« + +Liebich is kaum imstande, sich wieder aufzurichten. Den schweren +Schubkarren zu stoßen, is ihm ganz unmöglich. Er faßt immer nach 'm +Herzen. So muß der Grenzer schließlich selber zugreifen. Er schiebt +den Karren, und Liebich muß drei Schritt vor ihm her gehen. Wollte er +ausreißen, wär's sein Tod. So geht's den steilen Berg hinauf. Der Weg +is glitschig; das Wetter is schauderhaft -- Wind und Regen schlagen +den beiden ins Gesicht. Der Grenzer schwitzt und kann's kaum noch +ermachen. Aber er muß den Karren schieben; denn der Liebich is ganz +hin. Taumelig geht er vor ihm her. Immer wieder mal sagt er: + +»Wenzel, ich bitt' dir alles ab, was ich dir angetan hab' -- aber laß +mich laufen -- tu's uns nich an!« + +Der andere hört nicht darauf. + +Und nu kommt's. + +Wie sie den Berg rauf sind, bis zur Chaussee und nich mehr weit zum +Zollhause haben, greift der Liebich uff eenmal in de Westentasche und +sagt ganz gemütlich: »Na, da hab' ich ihn ja!« + +Und a bringt einen richtigen Zollschein raus. A hatte die Putter +richtig verzollt. Der Grenzer, der kaum noch schnaufen kann, steht wie +versteinert vor ihm, und Liebich lacht und sagt: + +»Ich dank' dir ooch, Wenzel, daß du mir die schwere Karre auf 'n Berg +geschoben hast. Bist halt doch ein gutter Kerl, Wenzel! Von der Putter +back' wir nu Hochzeitskuchen. Sollst 'n Stickel davon kriegen.« + +Der andere is nu nahe am Ersticken gewest, aber der Liebich hat +gemeint: + +»Ich hab' dir's doch von vornherein gesagt, daß ich die Putter verzollt +hatte. Und wenn ~ich~ dir was sag', kannste es doch glauben.« + +Hat die Achseln gezuckt, is plötzlich wieder ganz bei Kräften gewest +und hat seinen Karren auf der Chaussee gemütlich weitergefahren. Und +der Wenzel hat sich an einen Baum anhalten müssen und hat laut geheult +vor Wut und Scham, wie ihn der andere geäfft hat. A hat mir amal +erzählt, a hätt' ihn totschießen wollen, aber der liebe Gott hätte ihn +vor der Sünde bewahrt. Aber er hat 'n tödlichen Haß uff a Liebich, und +das nehm' ich ihm ooch nich übel.« + +Soweit ging die Erzählung des Roten Hahnenwirtes. + + * * * * * + +Es war unterdes dunkel geworden, und wir gingen schlafen. Von meiner +Giebelstube aus sah ich noch ein wenig hinaus auf die dunklen +Waldberge. Wer weiß, wo der Wenzel jetzt lag mit der Flinte im Arm und +auf das menschliche Wild lauerte, das sich scheu und verstohlen durch +die schwarzen Waldgänge schlich und auf jeden Laut lauschte, auf jedes +Zeichen Obacht gab, das ein nahes Verderben anzeigen konnte. Und wie +ich noch so hinaussah, passierte ein Schmugglerstück dicht vor meinen +Augen. + +Ein Mann mit einem Schubkarren tauchte aus dem Dunkel auf. Er klopfte +leise an einen Fensterladen. Der Hahnenwirt kam aus dem Hause, spähte +erst nach allen Seiten, verhandelte mit dem Mann im Flüsterton und +belud dann seinen Karren mit einem Faß und einem kleinen Paket. + +Der Hahnenfuß und die drei Stengel Rosmarin! + +Das ging nun hinüber über die Grenze nach dem »Blauen Hahn«. Ich war +so aufgeregt, daß ich noch nicht schlief, als die Wirtsstubenuhr unten +die elfte Stunde klirrte. Nicht lange darauf klopfte es unten an die +Tür. Ich fuhr rasch in die Kleider; denn wo hätte ich junger Bursch ein +Geschehnis in dem alten Schmugglerhaus verpassen wollen. Ich schlich +die Treppe hinab und duckte mich in einen Winkel. Hollmann kam mit +einer Laterne angeschlürft und fragte, wer draußen sei. + +»Liebich -- der Wassermüller Liebich!« antwortete eine tiefe Stimme. + +Mir pochte das Herz. Der Müller Liebich, der war ja der berühmte +Schmuggler, der Gegner Wenzels, des Grenzers. Da öffnete der Wirt die +Tür. Ein kräftiger Mann stand draußen. + +»Nanu, Liebich, willst du was über die Grenze schaffen?« + +»Ja,« sagte der andere, und seine Stimme war ganz heiser. »Meine -- +meine Frau will ich rüberschaffen.« + +»Deine -- Frau?« + +Liebich lehnte sich an den Türpfosten. + +»Sie is gestorben,« sagte er tonlos. »Die Leiche will ich +rüberschaffen. Da liegt sie.« + +Er wies auf ein Wägelchen, das draußen im Dunkel stand. + +»Liebich,« rief der Hahnenwirt, »du redst wohl irre? Du wirst doch mit +sowas keen Allotria treiben!« + +»Komm raus,« sagte der andere. Der Hahnenwirt ging hinaus, und ich +folgte, ohne daß mich jemand bemerkte. Liebich hob eine Decke von +dem Wägelchen auf. Darunter stand ein Sarg. Tiefinnerlicher Schmerz +schüttelte den Mann so, und er weinte so stoßweise, so bitterlich, daß +der ganze furchtbare Ernst klar war. + +»Wann -- wann is se denn ...« + +»Vorgestern. Wir haben das erste Kind gekriegt. Nach sechs Jahren. Das +Kind lebt -- die Franziska is tot.« + +»Und nu willst du sie rüberschaffen? Nach Hause?« + +»Ja, sie wollte drüben begraben werden.« + +»Und warum bringst du sie denn in der Nacht?« + +»'s macht sonst zu viel Schererei, wenn man eine Leiche über die Grenze +haben will. Is se aber erst amal drüben, wird se ooch drüben begraben.« + +Liebich wollte die Leiche seiner Frau über die Grenze schmuggeln. Er +konnte wohl gar nicht anders; sein ganzes Denken war so eingerichtet, +daß ihm ein Verhandeln mit Grenzbehörden ganz ausgeschlossen schien. +Müde setzte er sich auf die Bank, auf der ich vorhin mit Hollmann +gesessen hatte. + +»Ich wollt's alleine schaffen,« sagte er, »aber ich kann nich. Die +Kräfte verlassen mich.« + +Was er dem Feinde gegenüber früher einmal geheuchelt hatte, war jetzt +bitterster Ernst geworden. + +»Du mußt mir helfen, Hollmann; ich ermach's nich alleine.« + +Der Gastwirt erholte sich von seiner Bestürzung; dann versprach er, dem +Freunde zu helfen. Jetzt erblickte er auch mich und schnob mich wohl +erst zornig an; aber nach einigem Hin und Her erlaubte er mir sogar, +mich dem kleinen traurigen Zug anzuschließen. + +Die Leiche einer jungen Frau und Mutter auf einem kleinen wackeligen +Wägelchen, vorn an der Deichsel der leise schluchzende Mann, hinten, +den Karren schiebend, Hollmann und ich, so ging es langsam den Bergweg +hinauf. Ein müder Nachtwind surrte durch die Bäume, ein feiner Regen +rieselte vom Himmel. Was war das für eine traurige Fahrt! Und doch +pochte mir das Herz in ungewohnten Schauern, und die Wangen brannten +mir viel mehr von der Aufregung als von der Anstrengung. + +Bei einer Wegbiegung blieben die Männer halten und lugten nach der +Höhe. Ein Licht brannte dort oben, wohl in dem Häuslein irgend eines +Webers oder kleinen Bauern. + +»Die Straße ist sicher!« sagte Hollmann; denn das Licht war ein Signal +für die Schmuggler, daß kein Grenzer auf dem Wege war, es war wie ein +Leuchtturm für die Gefährdeten unten im dunklen Waldmeer. + +Liebich legte sich mit dem ganzen Oberkörper auf den Sarg und fing +wieder an zu weinen. Er preßte den Kopf an das harte Holz, das sein +Liebstes umschloß, er küßte den Sarg, er umklammerte ihn mit den Armen. + +Es dauerte eine geraume Weile, ehe wir wieder weiterfuhren. Den +Zollhäusern wichen wir auf einem Nebenwege aus. Als wir aber jenseits +der böhmischen Station waren, erlosch plötzlich das Licht am Berge. + +Die Männer blieben stehen und lauschten. + +Wir waren in Gefahr. + +»Vorsicht!« + +Wir hielten an. Liebich schnaufte tief und grimmig auf. »Nich amal die +Toten lassen se ihres Weges ziehen!« + +Dann legte er den Finger an die Lippen. Das Wägelchen mit dem Sarge +stand ganz am Rande der Straße. Liebich drückte sich an einen Baum, und +Hollmann zog mich leise hinter den Sarg. Dort kauerten wir uns nieder. + +Minuten vergingen. Sacht und fein rieselte der Regen. Die Berglehne +stieg schwarz gegen den Nachthimmel empor. Mich fror. Da huschte +Liebich unhörbar die Straße entlang auf eine Brücke zu. Ich sah, wie er +darunter verschwand. + +»Was macht er?« fragte ich kaum hörbar. + +»Ruhig!« brummte der Gastwirt ziemlich laut. »A sucht die Brücke und a +Graben ab. Da stecken se meist -- und nu nich immerfort reden, sonst +...« + +»Halt!« + +Wie aus der Erde herausgeschossen, stand ein Mann vor uns. Wenzel +Hollmann -- der Grenzjäger war es. Er hatte die Flinte unter dem Arm. + +»Halt! -- Wer seid Ihr?« + +Er trat näher. + +»Der Hahnenwirt,« sagte er betroffen. »Was machen Sie hier? Was ist das +für ein Sarg?« + +Der Wirt war fürchterlich erschrocken, aber er wollte sich's nicht +merken lassen und sagte in schwerem Mißmut: + +»Wenzel, Sie kennen mich! Sie wissen, daß ich der ehrlichste Mann im +ganzen Gebirge bin, der noch nie daran gedacht hat, das Allergeringste +zu schmuggeln. Also, lassen Se mich in Ruhe und gehen Se Ihres Weges.« + +»Was ist das für ein Sarg?« wiederholte der Grenzjäger statt aller +Antwort seine Frage. Er trat heran und wollte die Decke, die nur das +Kopfende des Sarges freiließ, entfernen. + +Da kam ein gurgelnder Laut von der Brücke her. + +»Laß den Sarg stehen! Geh weg vom Sarg, du verfluchter Spürhund!« + +Liebich raste heran. + +»Ich schlag' dich tot, wenn du den Sarg anrührst!« + +»Was ist in dem Sarge?« fragte der Grenzer mit eiskalter Stimme. + +»Das geht dich nichts an!« + +»Was ist in dem Sarge?« + +Der Grenzer hob die Flinte. Da mengte sich der Gastwirt ein. + +»Schieß' nicht, Wenzel -- Liebichs Frau liegt in dem Sarg -- die +Franziska ...« + +Der Grenzer ließ die Flinte sinken. + +»Die Franziska?« fragte er betroffen. »Ist sie gestorben?« + +»Es geht dich nichts an,« brummte Liebich. + +Da fing der Grenzjäger jäh an zu lachen. + +»Oho, Brüderlein, es geht mich wohl was an! Es geht mich sehr viel an. +Ein neuer Sarg ist auch steuerpflichtig und außerdem -- deine Frau +liegt ~nicht~ in dem Sarg!« + +»Nicht in dem Sarg?« wiederholte der Hahnenwirt verwundert. Auch ich +machte große Augen. + +»Es ist einer von den ekelhaftesten Schmugglertricks,« fuhr der Grenzer +fort, »einen Sarg zu benutzen, um Waren zu schwärzen. Da hat man keinen +Respekt vor Leben und Tod, keinen Respekt vor dem Kreuze, das auf dem +Sarg ist. Gotteslästerlich ist das -- pfui, Hollmann, Ihnen hätte ich +das nicht zugetraut. Alle drei sind meine Arrestanten!« + +Mir wurde übel. Als Zögling einer Königlich Preußischen Lehranstalt +hier unter so abenteuerlichen Verhältnissen verhaftet zu werden, mußte +von den traurigsten Folgen für mich sein. Auch der Hahnenwirt neben mir +zitterte. + +»Ich hab's nicht gewußt,« sagte er. »Ich hab' ihm geglaubt ...« + +Der Grenzer lachte spöttisch. + +»Reden Sie nicht -- Sie kennen doch den Liebich -- Sie werden schon +gewußt haben, daß in dem Sarge wahrscheinlich was ganz anderes steckt, +als eine Leiche.« + +Er trat wieder an den Sarg heran und hob die Decke. + +»Rühr' den Sarg nicht an,« brüllte Liebich, »oder ich vergreif' mich an +dir!« + +Die Augen standen ihm heraus. + +»Also marsch zum Amt! Da wird sich ja herausstellen, was in dem Sarg +ist. Angefaßt und vorwärts marsch!« + +»Bei unserer alten Freundschaft --« fiel Hollmann in bittendem Tone ein. + +»Damit ist's aus,« entgegnete der Grenzer in barschem Tone. »'s ist +eine gotteslästerliche Schuftigkeit so was!« + +Ich gab ihm im stillen recht und bereute aufs bitterste, mich in den +bösen Handel eingelassen zu haben. Dicke Tränen rollten mir über die +Backen, während ich das Wägelchen mit dem Sarge schieben half und der +Grenzjäger mit der scharfgeladenen Flinte hinter uns herschritt. Mühsam +ging es einen Berg hinauf. Es hatte aufgehört zu regnen, und der späte +Mond war klar aus den Wolken getreten. Niemand sprach ein Wort; nur das +schwere Ächzen Liebichs war vernehmbar. Das Wägelchen stieß auf dem +harten Wege, und der Sarg schwankte hin und her. + +So erreichten wir die Anhöhe. Die Straße ging nun ziemlich steil +bergab. Und plötzlich riß uns Liebich den Wagen aus der Hand und sauste +mit dem Gefährt wie ein Rasender den Berg hinab. + +Ein scharfer Schuß. Wir schrien auf. Liebich brach zusammen. Das +Wäglein fuhr mit den Vorderrädern schwankend über ihn hinweg und blieb +stehen. Selbst mehr tot als lebendig rannte ich mit den anderen der +Unheilstätte zu. Wenzel und der Wirt zogen Liebich unter dem Wagen +hervor. Er war bewußtlos. Die Kugel war ihm rücklings in die linke +Schulter gedrungen. + +Sie legten ihn an den Wegrand. + +»Er hat's nich anders haben gewollt,« sagte der Grenzer. + +»Es ist gotteslästerlich so was!« + +Still war's -- ganz still. Aber die Herzen hämmerten. + +Da trat der Hahnenwirt an das Wäglein und riß die Decke herunter. Ein +brauner Sarg mit weißen Beschlägen und einem geschnitzten Kreuz wurde +sichtbar. Vier Schrauben verschlossen ihn. Mit zitternden Fingern +machte sich der Hahnenwirt daran, die Schrauben zu lösen. Der Grenzer +sah ihm erst finster zu, dann half er, und die beiden Männer hoben den +Deckel. + +Sie ließen ihn mit einem Schrei zur Erde sinken. In dem Sarge lag eine +tote Frau. Sie war in einem weißen Kleid, und ein blonder Kopf von +rührender Schönheit lag auf einem seidenen Kissen. + +»Es ist wahr gewest,« stammelte der Hahnenwirt -- »es ist wahr gewest!« + +Der Grenzer starrte auf die Leiche, die vom Mondlicht beschienen vor +ihm lag, ein wehes Lächeln um den blühenden Mund. + +»Franziska!« + +Der Grenzer stammelte unverständliche Worte und sank plötzlich mit +einem markerschütternden Weinen neben dem Sarg nieder. Nie wieder habe +ich einen Mann so laut und weh weinen gehört + +Da rührte es sich am Wegrande. Liebich kam zu sich, sah wirr und wild +um sich, wußte plötzlich alles, was sich zugetragen, sah den geöffneten +Sarg und hörte den anderen schluchzen. + +»Geh weg -- weg -- du Hund -- ich -- ich schlage dich tot!« + +Er sank in die Ohnmacht zurück. Der Grenzer kniete immer noch auf der +Straße. Er preßte den Kopf an das Holz des Sarges und sprach wirre +Worte durcheinander, Worte, die um Verzeihung flehten, Gebetsworte, +zärtliche Worte innigster Liebe. Der Hahnenwirt stand mit gefalteten +Händen da, unfähig, etwas zu tun, und mir jungem Burschen war das Herz +voll Furcht und Grauen. + +Endlich rafften wir uns zusammen, schlossen den Sarg wieder und deckten +ihn wieder zu. Was wir zuerst hätten tun müssen, darauf kamen wir +zuletzt -- wir sahen endlich nach dem Verwundeten. Er erwachte und +schrie furchtbar auf, als wir den Arm an der zerschossenen Schulter +berührten. + +Zum Dorf war es glücklicherweise nicht weit. Wir wollten anfangs +Liebich mit auf das Wägelchen laden, aber es war zu schmal, er hatte +neben dem Sarge nicht Platz. + +Wenzel, der Grenzjäger, kam wieder heran. In tiefster +Niedergeschlagenheit sagte er: + +»Liebich, verzeih mir's, daß ich dich diesmal in falschem Verdacht +hatte.« + +Da kam etwas von dem alten herben Humor in Liebichs Seele zurück, und +er sagte: + +»Du denkst immer falsch; Du weißt nie, was los is!« + +Nach dem Dorfe hinunter mußten wir. Es zeigte sich, daß sich Liebich +wohl aufrichten, aber nicht allein gehen konnte. Er mußte gestützt +werden. + +»Stützt ihn,« sagte der Grenzer; »ich werde den Wagen ziehen.« + +»Geh von der Leiche weg,« befahl da Liebich; »rühr' sie nicht an!« + +Noch über den Tod hinaus reichte die glühende Eifersucht. Also kam es +so, daß der Hahnenwirt und ich das Wäglein zogen und Liebich, auf den +Todfeind gestützt, hinterher schwanken mußte. + +Es war tief in der Nacht, schon gegen Morgen hin, als wir mit unserer +traurigen Last an Franziskas Heimathaus anlangten und eine alte Frau +der tot heimkehrenden Tochter unter tausend Tränen die Tür öffnete. + +Am übernächsten Tage wurde die Franziska auf dem heimatlichen Kirchhof +begraben. In aller Herrgottsfrühe war die Beerdigung. Liebich konnte +ihr nicht beiwohnen; er lag krank zu Bette. Der Schmerz hatte ihn aber +doch so weich gemacht, daß er sich mit seinem alten Gegner Wenzel +versöhnt hatte. Trotz dieser Aussöhnung erlaubte er aber nicht, daß +Wenzel mit der Franziska zu Grabe ging. + +Und der war doch dabei. Er stand auf einem Berge, von da man den +Friedhof übersehen konnte, hörte die Glocken läuten, hörte die Lieder +klingen und sah, wie auf weißen Grabtüchern etwas Liebes, Liebes in die +Tiefe sank. + + * * * * * + +Damit wäre nun eigentlich diese Erzählung aus. Aber da es sich darin +nicht bloß um die Liebesgeschichte der schönen Franziska aus dem +Böhmerland, sondern um das Leben in den Grenzhäusern überhaupt handelt, +will ich noch erzählen, wie ich in späteren Jahren zu meinem Freunde +Heinrich Hollmann, Wirt zum Roten Hahnen, zurückgekommen bin. + +Er blieb immer der Alte, immer der redselige, etwas großsprecherische +Mann mit der gleichen Respektlosigkeit vor allen Dingen und Personen +seiner Umgebung und dem gleichen absoluten Respekt vor seiner Frau. +Weber und kleine Bauern gingen in seinem Hahnenwirtshaus ein und aus, +und wenn ich diese wortkargen Leute mit den blauen, leeren Augen +hinter ihren Branntweingläschen sitzen sah, wußte ich wohl, warum sie +schmuggelten. Beileibe nicht nur um des bißchen Erwerbes willen, wie ja +auch der Wildschütz nicht nur um eines lumpigen Talerhasens allein Ehre +und Freiheit, ja vielleicht Gesundheit und Leben in die Schanze schlägt. + +Ihr Herren, die ihr zu Gericht sitzet, denkt nur an die kleinen +niederen Stuben dieser Armen, an ihre eintönige, langweilige Arbeit, +die Stunde um Stunde, Jahr um Jahr, ein ganzes langes Menschenleben +dieselbe trostlose Last ist. Und denkt daran, daß auch diese Menschen +eine Seele haben, die nach Tat und Abwechselung, Freude und Gefahr +lechzt, daß auch diese Sehnsucht nach grünen Wegen der Romantik +sucht. Was tun sie? Sie schmuggeln, sie wildern wohl auch. Und in all +der langen Zeit, da sie hinter dem Webstuhl im engen Käfig sitzen, +geht ihre Phantasie auf einsamen Schleichwegen zwischen Gefahr und +lohnendem Sieg. Kommt nun einer der Ihrigen, erzählt er von irgend +einer gelungenen Tat, dann tritt Leben in die leeren Augen, dann +geht das träge Herz mal eine Stunde lang schneller, dann steigt's +in müden Leibern auf wie Trotz und Kraft. Was bietet ihnen auch der +Staat? Wieviel vom allgemeinen Erbe läßt er ihnen zukommen, und wie +groß ist die Schädigung, die sie hinwiederum ihm zufügen? Mögt Ihr es +entscheiden; ich tue es nicht. + +Vom Liebich-Müller erzählte mir der Hahnenwirt, daß er nicht mehr +schmuggele. Die Fahrt mit dem Sarge war sein letztes unerlaubtes +Überschreiten der österreichischen Grenze. Es machte dem Müller keinen +Spaß mehr, zu schmuggeln. Denn die Franziska war tot, vor der er den +Nebenbuhler lächerlich machen konnte. Mit dem Wenzel vertrug er sich, +wenn er ihn traf. Er gab jetzt sogar zu, daß der Wenzel gewissermaßen +auch ein wenig im Rechte sei; denn wenn er, der Liebich, Grenzer wäre, +gäbe es überhaupt keine Schmuggler mehr, sondern alle säßen auf Nummer +Sicher. Da stimmte ihm dann der Hahnenwirt biedermännisch bei. + +Eines aber brachte dem Müller große Genugtuung. Etwa zwei Jahre nach +Franziskas Tode heiratete Wenzel ein braves Mädchen aus dem gleichen +böhmischen Dorf. Da hat Liebich, als Wenzel mit seiner Braut zur Kirche +ging, bei Franziskas Grab gestanden und hineingesagt: + +»Weißte, Franzel, was der Wenzel macht? Hochzeit macht a. Mit der +Nitsche Hedwig, dem albernen Ding. Da haste den Kerl! Was hab' ich dir +immer gesagt? A Windhund is a. Ohne eene Spur von Treue. Da wirst du ja +jetzt froh sein, daß du ~mich~ genommen hast, denn ich hätte nie +eene andre als dich genommen, nie!« + +Liebich nahm wirklich keine zweite Frau. Er widmete sich nur mit +großer Liebe der Erziehung seines kleinen Sohnes. Über seine eigenen +Schmugglererfolge wußte der Hahnenwirt nicht viel Erfreuliches zu +berichten. Eines Abends, als Wenzel wieder einmal bei ihm eingekehrt +war, steckte er ihm ein Lindenblatt an den Hut. + +»Ah, gilt die alte Korrespondenz immer noch?« fragte ich. + +»Nu natürlich! Sie roochen doch so gerne +Regalia media+, und +ich hab' keene im Hause. Nu -- Lindenbaum bedeutet eben +Regalia +media+.« + +Am nächsten Tage wurde wirklich vom Blauen Hahnenwirt drüben eine Kiste ++Regalia media+ über die Grenze geschafft. + +Aber Hollmann war trotzdem unzufrieden. + +»Wenzel hat meine Leute greulich oft erwischt,« sagte er +niedergeschlagen. »Ich kann sagen, es kost' mich schon a Vermögen an +Strafe. A paar von meinen Leuten haben sogar sitzen müssen. Na, das +kost' dann erst recht viel. Der Kaiser hat nich so teure Hosen an +wie su a Gebirgsweber, wenn a für unsereinen amal a Paar durchsitzen +muß. Aber geschmuggelt muß sein; denn wer hier in der Gegend nich +schmuggelt, is blödsinnig. Und geleimt wird a doch, das haben Sie ja +geseh'n, wie a geleimt wird.« + + * * * * * + +Es vergingen wieder viele, viele Jahre. An mich kam die Vierzig heran, +und mein Freund Hollmann hatte den Kopf voll weißer Haare, als ich ihn +wieder traf. Verändert hatte sich aber sonst in den Grenzhäusern so gut +wie nichts. Es ist mit dem Leben umgekehrt wie mit einer Drehscheibe: +im Zentrum rast es am schnellsten, an der Peripherie scheint es still +zu stehen. + +Ja, und doch hatte sich Neues und Großes in den Grenzhäusern ereignet. +Des Wassermüllers Sohn Wilhelm war so herangewachsen, daß er schon +seine Zeit bei den Hirschberger Jägern abgedient hatte, und der +österreichische Zollbeamte Wenzel Hollmann hatte ein Töchterlein, das +eine rechte frische Bergwaldsblume war. Es war die alte Geschichte: die +beiden Kinder liebten sich, und die beiden Väter wollten von dieser +Liebe nichts wissen, da sie ihnen ganz gegen das Herz war, wenn sie +sich auch äußerlich vertrugen. Den Müller schmerzte oft die halblahme +Schulter, die er dem Grenzer zu verdanken hatte, und dieser hatte +auch keinen Grund, mit dem Müller recht intim zu werden. So taten die +beiden Alten das Dümmste, was sie junger, starker Liebe gegenüber +tun konnten: sie sperrten sich dagegen. Daß das gar keinen Zweck +hatte, ist unnötig zu erwähnen. Die Grenze hinüber und herüber wurde +schönes, goldenes Liebesgut geschmuggelt: Briefe und Küsse, Blumen und +Tränen. Und ging es gar nicht anders, so schlich der Mond, der älteste +Schmuggler der Welt, hinter Wassermüllers Wald herum, nahm tausend +Liebesgedanken als unerlaubtes Gut, stieg über die Berge, leuchtete dem +dummen Grenzer, der unten auf dem Wege stand, dreist ins Flintenrohr +und lieferte sein süßes Schmugglergut an des Töchterleins Kammerfenster +ab. + +Schon gut; es ging, wie es halt fast immer geht: die beiden Alten +mußten nachgeben. Und da kam ein Tag, wo in der Wassermühle ein großes, +echtes Versöhnungsfest gefeiert und alles für die bevorstehende +Hochzeit besprochen werden sollte. Gerade da war ich wieder einmal auf +eine Woche im Roten Hahnen einquartiert. + +Eines Nachmittags war es, da fuhr ein Glaswagen beim Hahnen vor. +Diesmal saß keine Strohpuppe darin und auch der Wenzel nicht beim +Kutscher auf dem Bock, sondern stolz und feierlich neben seinem +taufrischen Töchterlein. Gott, war das böhmische Mädel ein liebes Ding! +Und der Wenzel -- der war in Zivil. Hatte einen Zylinderhut aufs Haupt +gestülpt, trug einen tadellosen Smoking und Lackschuhe mit Gamaschen. +So fesch kann nur ein Österreicher aussehen. Langsam und feierlich kam +er auf mich zu und reichte mir gerührt die Hand. + +»Schauns -- so kommt's!« sagte er. »Aber das freut mich, daß Sie gerade +hier sind. Sie gehören ja gewissermaßen dazu.« + +Er legte seinen glänzenden Zylinder auf den Tisch und fuhr plötzlich +zornig zurück. + +»Verflucht -- wer hat mir denn an meinen Zylinderhut eine Kornblume +gesteckt? Ist das eine Frechheit!« + +Der Rote Hahnenwirt kam heran, beguckte kopfschüttelnd die Blume und +ging hinaus, wo er leise ein Fäßchen Wünschelburger Kornbranntwein nach +dem Blauen Hahnen in Auftrag gab. + +Wenzel warf die Blume grimmig auf die Erde. Dann wurde er aber wieder +feierlich und erzählte mir, als ob er sich entschuldigen müßte, +warum er nun doch seine Einwilligung zu dieser Hochzeit gäbe. Wäre +der Liebich noch ein Schmuggler -- niemals, nie! Aber der sei kein +Schmuggler mehr, der sei nur noch ein alter Esel. Und so fahre er jetzt +mit der Ursula hin, und es solle ein schönes Familienfest werden. Der +Hahnenwirt und ich, wir müßten mitmachen, denn wir gehörten dazu. Der +Blaue Hahnenwirt drüben habe gerade die Gicht; sonst hätte er ihn auch +mitgebracht. Im Wagen sei Platz für uns. + +Hollmann, der Wirt, mußte nun Toilette machen und erschien endlich in +einem viel zu engen Gehrock, der den Globus seines Bauches nur bis zu +den Wendekreisen bedeckte. Wir nahmen mit im Wagen Platz, und die Fahrt +ging hinab nach der Wassermühle. + +Es ist für mich als Preußen schmerzlich zu sagen: aber mein Landsmann +Liebich empfing seinen feierlich ausstaffierten Mit-Schwiegervater in +Hemdsärmeln! Wenzel bemerkte es schon beizeiten und sagte leise zu mir: + +»Nu sagen's, wie konnte die Franziska an solchen Kerl nehmen, der nicht +im geringsten an Schneid hat?« + +Das Fest selbst aber wurde sehr, sehr schön. Junge Liebe und junges +Glück zu sehen, ist freilich für den, der übers Leben schaut, eine +wehmütige Freude, aber doch eine Freude voll schweren Erinnerungsduftes +aus fernen Frühlingstagen. + +Liebich war sehr schweigsam. Die Verlobung wurde vollzogen, und +der Wein, den wir tranken, war alles österreichische Marke und +wahrscheinlich geschmuggelt; aber Wenzel ließ ihn sich schmecken; +denn was ging es ihn an, wenn sich preußische Grenzer über den Löffel +balbieren ließen? Ja, er trank viel und wir andern auch, und die +Stimmung wurde sehr lustig. Da erhob sich der Müller zu einer Rede. + +»Hier sitzen wir nu, und das is sehr schön. Daß die Franziska nich +dabei is, is freilich sehr schade. Aber ich weiß, wo die is; das weiß +ich schon durch meine lahme Achsel. Na, das is nu aber ja längst alles +vollkommen vergessen, und die Kinder, die sich heiraten werden, haben +das alles nich mit erlebt. Wozu reden wir also erst darüber? Und damit +du siehst, Wenzel, wie gut ich's mit dir meine, schenk' ich dir hier +eine echt silberne Tabaksdose, damit du immer an mich denkst, wenn du +draus schnupfst. Das Brautpaar lebe, hurra -- hoch!« + +Aus blauem Florpapier wurde eine ganz prächtige silberne Dose enthüllt, +die Liebich erst kurz zuvor in Breslau erstanden hatte. Wenzel war +tiefgerührt. Es ärgerte ihn aber jetzt sehr, daß er kein Gegengeschenk +hatte und nun in seinem Smoking gegen den Hemdärmelmann unvorteilhaft +abstach. Als das reiche Abendbrot vorüber war und die Böhmen an die +Heimkehr dachten, befahl der Müller seinem Sohne, nun auch ihr eigenes +Wäglein zurechtzumachen; sie würden die lieben Gäste heimbegleiten; +denn so ein Tag wie heut sei nicht oft. + +Fröhlich ging es die Berge hinauf, der Grenze zu. Wir kamen ans +österreichische Zollhaus. Ein Beamter trat heraus und fragte der Reihe +nach jeden nach Steuerbarem. Wir verneinten alle, auch Wenzel, der +Grenzer in Zivil, natürlich. Da sagte der Beamte, der (wie ich später +erfuhr) auf seinen Kollegen nicht gut zu sprechen war: + +»Es tut mir leid, Herr Wenzel Hollmann; aber es ist eine Anzeige +eingelaufen, Sie brächten eine neue silberne Dose über die Grenze.« + +Ein Schrei aus Wenzels Mund. Und schon flog ein Bündel blaues +Florpapier auf die Straße und aus dem Papier heraus flog eine neue +silberne Dose. + +Wir glaubten alle, nun müsse die Welt untergehen. Wenzel, der +gefürchtete Grenzer, das Muster von Gewissenhaftigkeit und +unnachsichtlicher Strenge, war beim Schmuggeln ertappt worden. + +Er stieg aus dem Wagen und klappte ganz zusammen. Gebrochen lehnte er +sich mit seinem schönen Anzug an das sandige Rad, der Zylinder fiel ihm +vom Kopfe. + +»Ich -- ich -- hab' -- nicht drangedacht,« brachte er heiser heraus. + +Der Beamte zuckte die Achsel. + +»Es war meine Pflicht. Die Anzeige ist schriftlich gekommen.« + +Er hob die Dose auf. + +»Die muß ich natürlich konfiszieren. Bitt' schön!« + +Er wies mit der Hand auf die Tür des Zollhauses. Wie einen armen +Schächer, der zum Schaffot getragen werden muß, schleppten der +Hahnenwirt und ich den unglücklichen Wenzel ins Amtslokal. + +Da mischte sich Liebich ein. + +»Herr Kontrolleur,« sagte er, »Sie wissen doch ganz genau, daß Herr +Wenzel Hollmann nicht im Traume daran gedacht hat, absichtlich +zu schmuggeln. Ein Beamter wie er -- ich bitt' Sie! Ich habe ihn +mit dieser Dose überrascht, hab' sie ihm geschenkt, und nu hat er +eben nicht dran gedacht. Denken Sie etwa den ganzen Tag an Ihre +Schnupftabakdose?« + +»Es tut mir leid -- die Anzeige ist schriftlich gekommen; vor dem +Gesetz sind alle gleich.« + +Die für Wenzel Hollmann maßlos qualvollen Formalitäten wurden +vollzogen. Er brachte kaum ein Ja oder Nein heraus. Totenblaß saß er +da. Der Müller erbot sich, alles zu zahlen, sowohl den Rückkaufspreis +für die konfiszierte Dose, wie auch die ziemlich hohe Strafsumme. + +Endlich konnten wir weiterfahren. Der Müllersohn setzte sich zu seinem +gänzlich gebrochenen zukünftigen Schwiegervater, und ich bestieg das +Wäglein Liebichs, der die Zügel führte. Als wir ein Stück gefahren +waren, sagte der Müller kleinlaut: + +»So is es! Erst macht's einem einen Heidenspaß, einen dummen Streich zu +machen, und nachher kommen die Gewissensbisse.« + +»Was haben Sie denn?« + +»Was ich hab'? Ich hab' -- ich hab' nämlich die Anzeige selber ins +Zollamt geschickt.« + +»Sie sind wohl nicht gescheit?« + +»Nee, wahrscheinlich nicht! Es kommt mir jetzt so vor, als ob ich 'ne +richtige Tracht Prügel verdiente.« + +»Aber um des Himmels willen, warum haben Sie denn das getan?« + +»'s hat mir eben keine Ruh gelassen, ich mußt' ihm noch 'n Streich +spielen, ich mußt' ihm noch was versetzen. Ich dachte, wenn wir erst +verwandt sind, dann is es nu doch amal auf immer vorbei mit so was, und +da hatt' ich mir das eben so schön ausgetüftelt und dachte, 's würde a +Heidenspaß sein. Ich dachte, ich schenk ihm die Dose, und wenn a nach +Hause fährt, denkt a nich an die Dose und fällt rein, weil a doch eben +am Zollamt schon geklemmt is. Ein famoser Witz, dacht' ich. Aber jetzt +-- ob a etwa noch Unannehmlichkeiten bei seinen Vorgesetzten haben +wird?« + +»Wahrscheinlich. Sicher sogar. Eine Strafversetzung wird wohl das +Mindeste sein.« + +»Verdammt noch mal, bin ich ein Lausekerl!« + +Liebich kam in arge Gewissensnot. + +»Vor allen Dingen sagen Sie sonst niemand, daß Sie die Anzeige +geschickt haben, sonst wird noch das junge Glück zuschanden, und was +können die Kinder dafür?« + +»Nee, die können nischt dafür, daß sie solch mordsdämliche Väter haben. +Sie halten mich wohl jetzt für einen großen Esel?« + +Ich schwieg, und er nickte trübe vor sich hin. Schließlich versprach +ich ihm, eine ganz ausführliche Eingabe an die österreichische +zuständige Behörde aufzusetzen und darin nachzuweisen, daß es sich bei +der ganzen Angelegenheit um einen derben Schabernack gehandelt hätte, +an dessen Ausgang der seit Jahrzehnten als goldtreu erprobte Beamte +ganz unschuldig gewesen sei. Auch wolle ich versuchen, selbst bei den +maßgebenden Persönlichkeiten vorstellig zu werden und den Sachverhalt +aufzuklären. Liebich meinte, wenn ich das täte, würde er es mir sein +Leben lang nicht vergessen; denn die Reue über die elende Geschichte +nehme ihm reinweg den Atem. + +Und so ist es gekommen. Die Eingabe und der Besuch taten ihre Wirkung. +Wenzel erhielt eine Vorladung und kam mit einer sanften Nase davon. Als +Liebich den guten Ausgang erfuhr, kicherte er in tiefstem Vergnügen und +sagte zu mir: + +»Ich freu' mich jetzt doch riesig, daß ich mir den schönen Spaß gemacht +habe.« + + * * * * * + +Einer aber aus der edlen Grenzhäuser-Kumpanei erfuhr noch einen großen +Schmerz, und das war mein Freund, der Hahnenwirt. + +Wieder einmal war Wenzel bei ihm eingekehrt und hatte seine Dienstkappe +auf den Tisch gelegt. Da beschloß der Hahnenwirt seine übliche +Bestellung beim »Blauen« drüben zu machen und steckte wie spielend +ein Lindenblatt an die Mütze. Wenzel sah das, nahm das Blatt und +zerpflückte es langsam. + +»Warum zerpflückst du denn das hübsche Blättel?« fragte der Wirt +verwundert. + +Da sah ihn der Hollmann an und sagte langsam: + +»'s hat kan Zweck -- der ›Blaue‹ drüben hat jetzt selber kane ++Regalia media+.« + +Wie entgeistert saß der Hahnenwirt vor ihm. + +»Was -- was meinst du denn damit?« stotterte er. + +»Ich meine,« sagte der Grenzer gemütlich, »daß du mich seit mehr als +zwanzig Jahren für einen dummen Kerl hältst, der Euch die Bestellungen +hinüber und herüber schafft. Und ich meine, daß ich das seit zwanzig +Jahren gewußt hab'. Hatt' ich aber ein Sträußerl an der Mütze, da wußt' +ich: halt, heute is was los. Na, und hab' ich ja auch genug von Euren +Leuten erwischt.« + +Das Gesicht meines Freundes Hollmann spiegelte ins Gelbgrüne. Mit +schwerem Vorwurf gegen mich sagte er: »Und einem solchen Kerl haben Sie +aus der Patsche geholfen!« + + + + + Der Ausflug + + Eine Skizze aus meiner Dorfschullehrerzeit + + +Ich bin einmal acht Monate lang Dorfschullehrer gewesen, und daß ich +es gleich sage: diese stillen, einförmigen acht Monate stehen immer +noch frisch im Felde meiner Erinnerung, während vieles andere nachher, +was nach Meinung der Welt größer und bunter war, ausgelöscht ist ... +verweht ... verloren. + +Wenn die jungen Männer nach der ersten Lehrerprüfung das Seminar +verlassen, kriegt irgendein Regierungsrat die Liste, und aus ihr greift +er einen beliebigen Kandidaten heraus, wenn irgendwo eine Stelle zu +besetzen ist. Ohne Wahl zuckt der Strahl! Ich kam unter allen meinen +Kursusgenossen in das allereinsamste, weltverlorenste Dörflein. Es lag +ganz im Flachlande; nur aus dämmernder Ferne her schimmerten die blauen +Schlesierberge, die ich aus meiner Kindheit her kannte und liebte. +Rings ums Dorf fette Felder und Wiesen, aber ohne alle Romantik, nur +ein wenig Ufergebüsch war am Bach. Die Bauern waren fromme, stille +Leute, ohne die Laune und den Schalk, den die Gebirgler haben. Es war +ein wohlgeordnetes Bauerndorf. Wochentags Arbeit von Sonnenaufgang bis +zur herandämmernden Nacht; Sonntag Vormittag waren alle Bewohner ohne +auch nur eine einzige Ausnahme in der Kirche, Sonntag Nachmittag alle +Männer in der Schenke (auch ohne eine allereinzige Ausnahme). Wenn die +Abendglocke erklang, flogen alle Kartenblätter hin, und alle Hände +falteten sich; wenn der letzte Ton eben verstummte, donnerten alle +höchsten Trümpfe auf die Tische. + +»Und ich da mitten still und stumm!« Da sagten die Bauern: Er hat +wahrscheinlich die Schwindsucht. Schade um ihn! + +Das sagte sich auch meine kreuzbrave Frau Hauptlehrerin, und sie +pflegte und fütterte mich deshalb mit rührender Sorgfalt. Ihr ebenso +braver Gatte erklärte mich aber für kerngesund und gab mir von seinen +besten Zigarren. Dieser Hauptlehrer war ein munterer Geist, eigentlich +auch ein Verschlagener. Der Mann war auf sieben Blätter abonniert, +das waren die sieben fetten Kühe für ihn und mich am Nilfluß dieser +Einsamkeit. + +Das Dorf lag über zwei deutsche Meilen von der Kreisstadt entfernt. +Diese Kreisstadt war ja selbst klein und ohne reges Leben. Sie zählt +etwa siebentausend Bewohner. Aber es war doch eine Stadt. Es gab sogar +Soldaten dort und einen Bahnhof, auf dem allerdings die Schnellzüge +nicht hielten, es war vor allen Dingen dort der breite, tiefe Oderfluß. +Gegen unser Dorf war diese Stadt ein tumultuarisches Großgemeindewesen +voll Glanz, Abwechslung, Sehenswürdigkeiten, Vergnügungen und Gefahren. +Man wisperte bei uns von dieser Stadt, wie man anderwärts von Berlin +oder Hamburg wispert. + +Unsere Dorfleute kamen fast niemals nach der Kreisstadt. Es war »zu +weit«. Selbst für die reichen Bauern, die sechs Pferde im Stall hatten +und die einen Glaswagen besaßen, war es »zu weit«. Wer einem Bauern +eine Spazierfahrt zumutet, wenn es nicht gerade ganz offiziellen +Lustbarkeiten gilt, wie: Hochzeit, Kindtaufen, Begräbnis oder +Gerichtstermin, der täuscht sich. Nur bei solchen Anlässen »spannt der +Bauer ein«, sonst nicht. Wie sollten die Leute nach der Kreisstadt +oder gar darüber hinaus kommen? Es war noch ein näher gelegener +Marktflecken da; der hatte zwar keine Eisenbahn, und die Bürger +sprangen dort auf die Straße, wenn ein so modernes Wunder durchkam, wie +es ein Radler ist, aber unsere Leute konnten in diesem Marktflecken +alles kaufen, was zum Leben gehörte und was sie nicht unmittelbar +selbst aus Landwirtschaft und Viehzucht beziehen konnten. Was sollten +sie in der Kreisstadt? Wie sollten sie dahin gelangen? Zu Fuß gehen, +drei Stunden hin, drei Stunden her, für nichts und wider nichts, als +dort Geld auszugeben und sich vielleicht hänseln lassen? Nein! Sie +brauchten die Kreisstadt nicht! Sie brauchten die Welt nicht! Sie waren +sich selbst genug, sie waren die unabhängigsten Leute, die ich in +meinem Leben kennen gelernt habe. + +Manchmal kam mir das Große solch wurzelstarken, selbstsicheren Lebens +schon damals zum Bewußtsein; aber ich war blutjung, eben zwanzig Jahre +alt, ich kam aus der Großstadt Breslau, wo meine Studiengenossen +Heilgans und Böttger und ich es unter unserer Würde gehalten hätten, +in der »Freistunde« von was anderem zu reden, als von Alvary als +Siegfried, von Possart als Richard III., von d'Andrade als Don +Juan, ich kam von Breslau, wo schon damals (+anno+ 1893) die +Pferdebahnen rasselten und die Droschkenkutscher lackierte Zylinder +hatten. + +Oh, und ein Mensch, der den Wagner- und den Shakespearestil inne +hatte, mußte nun abends vor diesem Schulhaus sitzen und zusehen, wie +unser Dackel, der von meinem Hauptlehrer auf den Namen des englischen +Staatsmannes »Pitt« getauft war, der schnurrbärtigen Therese, +einer alten Schachtel, den Rock zerriß und wie der Hauptlehrer die +Geschädigte mit den Worten beschwichtigte: »Pitt, der Kerl, kann eben +wirklich kein hübsches, junges Mädel vorbeigehen lassen.« + +»+In minimis natura maxima+« hatte auch mich der alte, große Linné +gelehrt; aber ich wußte das damals nicht aufs Leben anzuwenden -- ich +war zu jung, ich hatte Heimweh nach der Welt. Ich sah nach den Bergen, +über die Berge hinaus in die große bunte Weite ... + +Ein Junge zeigte in der Schulpause einem Mädel einen alten Kalender, +und sagte: »Siehst du, so sieht eine Eisenbahn aus!« Ich besah das +Bild. Es war eine Darstellung der ersten Eisenbahn, die im Jahre +1835 von Fürth nach Nürnberg fuhr, mit der bekannten Stephensonschen +Lokomotive mit dem hohen Schornstein und den Wagen, die wie mit Planen +überspannte Reisekutschen aussahen. + +»Habt ihr wirklich noch keine richtige Eisenbahn gesehen?« fragte +ich. Aus den erstaunten Augen der Kinder las ich das Überflüssige +meiner Frage. Am Abend jenes Tages sagte ich zu meinem Hauptlehrer: +»Wir wollen etwas tun. Wir wollen mit den Schulkindern einen Ausflug +unternehmen, aber nicht nur bis zur Kreisstadt, nein, bis nach Breslau; +wir wollen ihnen die Oder zeigen, die Eisenbahn und eine große Stadt.« + +Er war ein kluger Mann und sagte: »Ja.« + + * * * * * + +Einfach war die Sache durchaus nicht. Auch wenn wir von allen inneren +Widerständen, die wir in der Gemeinde gegen solch ein Abenteuer finden +mußten, absahen, machte uns der »Fahrplan« viel Schmerzen. Unser Dorf +lag von Breslau in der Luftlinie etwa vierzig Kilometer entfernt, +aber wir durften für den Ausflug nur einen Tag in Anspruch nehmen und +verzweifelten an der Aufgabe, an einem Tage vierzig Kilometer hin und +her zu machen und noch einige Stunden Zwischenpause herauszubringen. +Endlich gelang es. Wenn wir morgens früh zwei Uhr mit der ganzen +Schar aufbrachen, konnten wir abends zwischen zehn und elf, also nach +zwanzigstündiger Reise zurück sein und behielten noch einige Stunden +für die Besichtigung von Breslau. Die »Verbindung« war nicht glänzend; +heute fährt man in derselben Zeit von Berlin bis nach Serbien. + +Der Pfarrer, der Ortsschulinspektor war, stand unserem Plan freundlich +gegenüber; er sagte, er möchte sich selbst gern beteiligen, wolle aber +die Messe nicht ausfallen lassen. Schließlich vermeldete er am nächsten +Sonntag von der Kanzel: »Eines Schülerausflugs wegen ist die heilige +Messe nächsten Dienstag nachts ein Uhr.« Die Gemeinde horchte auf, und +die ganze beträchtliche Oppositionspartei, die sich inzwischen gegen +den Ausflug gebildet hatte, löste sich schon in den Kirchenbänken +stillschweigend auf. + +Der, dem's am meisten zu Herzen ging, war der Schneider Dierschke. Ich +sah ihn auf seinem Platz sitzen und in tiefer Betrübnis den grauen Kopf +schütteln. Nach dem Gottesdienst machte ich mich im Kirchgängerstrom an +Dierschke heran. + +»Nu, Meister Dierschke, Sie werden doch ihren Enkelsohn auch mit fahren +lassen?« + +Er schüttelte unwillig den Kopf. + +»Wilhelm fährt nicht mit.« + +»Warum denn nicht?« + +»Es hat keinen Zweck. Ich bin siebzig Jahre alt; ich bin bloß einmal +im Leben in die Stadt gekommen. Da habe ich eine Eisenbahn gesehen. Es +saßen vier Männer oben drauf, aber sie hatte sechsundfünfzig Wagen. +Weiter bin ich nicht gekommen. Ich bin siebzig Jahre alt, der Junge ist +erst elf Jahre. Er kann noch lange warten.« + +»Fahren Sie doch selber auch mit. Es fahren viele Eltern mit.« + +»Ich werd' mich schön hüten.« + +»Aber warum denn?« + +»Das da, da außen, das ist alles bloß Gaukelei.« + +Nun schwoll mir aber das Herz. Die »Kulturmission« überkam mich, +diesem Hinterwäldler, der im Leben nur einen Güterzug gesehen hatte, +ganz gehörig den Text zu lesen, ihm sein eigenes Leben so erbärmlich +wie möglich hinzustellen und die Fremde zu preisen, die er mit ihren +milliardengestaltigen Schönheiten und Reichtümern nicht kannte und +darum haßte. Er bilde sich ein, ein sehr guter Großvater zu sein, aber +er sei ein sehr schlechter; denn er verwehre seinem Enkel den Einblick +in eine Welt, wo dieser einmal ein viel besseres Fortkommen finden +könne als in diesem entlegenen Dorf. + +Dierschke hatte verschiedene Male meinen Redestrom unterbrechen wollen, +aber es gelang ihm nicht; ich sprach ... ich sprach ... nun etwa im +Stile Possarts als Richard III. + +Am Schluß lachte der Schneider, und ich ärgerte mich schwer über diese +Wirkung meiner rednerischen Leistung. Nach einem Weilchen aber lächelte +Dierschke und sagte: + +»Herr Lehrer, ich werd' Ihnen was sagen: Wir waren drei Brüder, alle +drei Schneider. Der Vater war Schneider, was sollten wir anders werden? +Zwei von meinen Brüdern sind in die Welt gegangen. Einer ist ein Lump +geworden, der andere hat in Breslau ein schönes Schneidergeschäft +gehabt; das ist so lange schön gewesen, bis sein Erspartes weg war und +mein Erspartes, was ich ihm geborgt hatte, auch. Und nun bin ich alt, +und meine Frau ist tot, und meine einzige Tochter ist auch tot, und ich +hab' nur noch den Wilhelm. Der soll zu Hause bleiben.« + +Da verstummte meine weltmännische Beredsamkeit. + +»Nun, Meister Dierschke,« sagte ich, »es zwingt Sie ja natürlich +niemand; aber ich hätt' halt den Wilhelm gern mitgehabt, weil ich ihm +gut bin.« + +»Ich weiß schon, Herr Lehrer,« nickte der Schneider freundlich. + +Da kam der Bauer Puder vorbei. + +»Schneider,« sagte er, »ich laß meinen Jungen auch nicht mit; ich denk' +gar nicht dran! Solche Faxen machen wir nicht mit!« + +Der Bauer Puder vertrug sich fast mit niemanden aus der Gemeinde, +natürlich auch nicht mit der Schule. Der handelte aus purer +Widerspruchslust, und seine Worte gingen an mir vorbei. + + * * * * * + +Draußen lag die warme, dunkle Sommernacht, aber in der Kirche war es, +als sei Christnachtsfeier. Die Altarkerzen leuchteten in den dunklen +Raum, große Schatten stiegen an den Wänden hinauf, hie und da war ein +goldenes oder silbernes Aufblinken von einem Leuchter oder einer +Figur; die Kirche war bis zum letzten Platz gefüllt, vor jedem Beter +stand ein Wachsstöcklein, das mit zarter gelber Flamme leuchtete, +oben auf dem Orgelchor sangen die Schulkinder; zu zweien oder dreien +standen sie um ein Lichtstümpflein zusammen, die jungen Gesichter +waren rot beleuchtet, die alten frommen Lieder klangen, diesmal mit +ein wenig aufgeregten Stimmen, und ich saß auf der Orgelbank und war +nicht weniger erregt als die Kinder. -- Das ist ein Bild, das in meiner +Erinnerung blieb und mir auch heute noch den Gedanken nahelegt: mit +Künstleraugen gesehen, gibt es kaum einen lieberen Beruf als den eines +Dorfschullehrers; er ist sehr arm an äußeren Genüssen, aber unendlich +reich an inneren Freuden, und die Freude steht so hoch über dem Genuß +wie das Gold über dem Kupfer; jede reine Freude, die du genossen, +ist wie ein goldener Schmuck, den du erworben, bleibt unveränderlich +und unvergänglich im Wert, setzt keinen Grünspan giftiger Reue an +und rettet in armen Tagen vor bitterster Not. Wie ich als junger +Mann da so die Orgel spielte in dem nächtlichen Gottesdienst und die +frischen Kinder, die einem großen Augenblick, dem Einblick in die +Welt, entgegensahen, singen hörte, dachte ich: solche Freuden, solche +Schmuckstücke will ich mir sammeln. Vielleicht, daß ich in Kriegszeiten +des Lebens manches von ihnen unter die Ackerfurche des Daseins +vergraben muß -- aber ich weiß, wo alles liegt, und grabe aus, was ich +brauche. + +Die Orgel verstummte, die Lichter wurden eilig ausgepustet, die +Kinderschar drängte die Chortreppe hinab; draußen auf der Straße, +zwischen Kirche und Schule, warteten die mit Reisern geschmückten +Leiterwagen, die uns nach der Kreisstadt, bis an den Oderfluß bringen +sollten. Wir hatten nämlich -- großzügig, wie wir nun mal waren -- +mit einem Dampfschiff ein Abkommen getroffen, nach dem uns dieses um +viereinhalb Uhr verladen und auf dem Wasserwege nach Breslau befördern +wollte. Nun sagte der Schulze: um viereinhalb in der Kreisstadt sein, +das bedeute, spätestens um zwei Uhr zu Hause wegfahren; denn sechzehn +Kilometer in zweieinhalb Stunden zurückzulegen, sei keine Kleinigkeit. +-- + +Wer diese Rosse vor den Leiterwagen auf der nächtlichen Landstraße +stehen sah, gab dem Schulzen ohne weiteres Recht. Denn diese Rosse +rechneten so: wenn man einen Pflug zieht, braucht man zu einer Furche, +die hundert Schritt lang ist, fünf Minuten. Nun kann man ja einen Wagen +etwas schneller ziehen, aber wie kommt diese verrückte Gesellschaft +überhaupt dazu, uns jetzt aus dem Stall zu zerren, wo wir doch gar +noch nicht ausgeschlafen haben? Die Rosse waren wie der Bauer Puder, +sie waren nicht für solche »Faxen«. Als aber die Kinder mit einem +ungeheuren Lärm auf die Wagen drängten, spitzten sie die Ohren, und +Lehmanns Schimmel schüttelte wild die Mähne, worauf Lehmann dringend +mahnte, »ganz stille« zu sein; denn sein Schimmel sei ein junges +feuriges Tier, das ginge leicht durch. + +Gerade als wir abfahren wollten, kam der Schneider Dierschke an mich +heran. Er brachte seinen Enkelsohn und sagte: + +»Der Wilhelm soll doch mitfahren.« + +»Es ist recht, Meister. Wir passen schon auf ihn auf. Aber wollen Sie +nicht selbst mitfahren?« + +Sein altes kluges Auge glimmte auf. + +»Es mag schon sehr schön sein,« sagte er; »aber ich will doch zu Hause +bleiben.« + +Und er sah seinen Enkel noch einmal stumm, aber mit liebender Sorge an, +als ob er ihn auf eine unendlich weite Reise schicke, und ging seiner +Wege. + +Fort ging die Fahrt zum Dorf hinaus. Die Kinder saßen ganz stumm. +Schon gleich hinter der Dorftafel spähten sie mit großen Augen, ob +etwas Neues zu sehen sei. Es waren aber die alten, bekannten Felder +und Wiesen, umhüllt von den Schleiern der dunklen Nacht. Ein frischer +Morgenwind blies von Osten her, es war ganz still, nur die Wagen +knarrten den Weg entlang. + +Eine Stunde verging, ein fremdes Dorf tauchte auf. Was mag das sein? +wisperten die Kinder. Einer nannte den Namen. Nun waren alle in großer +Erwartung. Ach, es war ein Dorf wie das unsere, aber es wurde sehr +bewundert. + +Auf der Dorfstraße stand der Nachtwächter, sichtlich ein Bild krassen +Erstaunens. Wie ein Hexenspuk fuhren die buntgeschmückten Wagen an +ihm vorbei. Ich saß auf dem letzten Wagen, und als ich an dem Wächter +vorbeikam, brachte er heraus: + +»Was .. was .. ist das? Wo fahrt Ihr hin?« + +»Wir fahren ins Morgenland,« rief ich ihm zu. + +»Ins Morgenland!« schrie er und streckte fassungslos den Spieß in die +Luft. Der gute Mann hatte noch eine Stunde Dienst und hat gewiß in +dieser Nacht nicht mehr einschlafen können. + +Die Sonne kündigte sich an. Schon wehten ihre königlichen Purpurfahnen +am Himmelstor. Da sangen die Kinder das freundliche Geibellied: + + »~Wer recht in Freuden wandern will, + der geh' der Sonn entgegen.~« + +Zwischendurch merkte ich, daß die meisten Kinder ihre Proviantpakete +ausgepackt und schon in der ersten Reisestunde den größten Teil der +Vorräte verputzt hatten. Wenn ein gesunder Mensch aufgeregt ist, fängt +er an zu essen, und diese Kinder waren aufgeregt. + + * * * * * + +Wir gingen zu Fuß durch die morgendlich beleuchteten Straßen der +kleinen Stadt. Die Kinder bestaunten die hohen Häuser und tauschten +Vermutungen, daß in ihnen lauter Millionäre wohnten. Beim ersten +Uhrmacherladen kamen wir nicht vorbei, die ganze Klasse machte vor +dem Schaufenster Halt, drängte sich und reckte die Hälse, starrte +in ein Wunderland von Reichtum. Beim Bäckerladen kam einer auf den +Gedanken, sich ein Stück Kuchen zu kaufen, was zur Folge hatte, +daß die ganze Herde ihm nachlief und der Bäcker seinen Laden wegen +zu großen Andranges des Publikums zeitweilig schließen mußte. Er +dienerte dann auch noch lange mit seinem dicken Bauch hinter uns her. +Dieselbe Szene wiederholte sich vor einer Wurstmacherei, die aus +irgend einem Grunde schon geöffnet war, und es schmerzte mich, daß +die Kinder sich so viel mehr für materielle Genüsse begeisterten, als +für einen prächtigen alten Straßenwinkel, auf den ich ganz vergebens +aufmerksam machte. Streuselkuchen und Knoblauchwurst, welch ein Genuß +für lebenshungriges Volk! Von wertvollen Baulichkeiten machte nur +der Kirchturm wegen seiner Höhe und ein Springbrunnen wegen einiger +komischer Figuren Eindruck, alles Alte kam den Naturkindern schäbig +und wertlos vor; dagegen riefen einige kitschige moderne Villen einen +gewaltigen Eindruck hervor. Und der Oderstrom! Ein paar riefen Ah! und +Oh!, als sie ihn sahen, den meisten merkte man eine leise Enttäuschung +an -- sie hatten sich ihn größer vorgestellt. Unübersehbar breit und +unergründlich tief, schäumend und zischend, von tausend Schiffen +belebt. O, die Wirklichkeit hat Mühe, der Phantasie von Dorfkindern +gerecht zu werden. Als aber der kleine Oderdampfer kam, der uns +aufnehmen sollte, kannte die Verwunderung keine Grenzen. Dem wirklich +Großen kommt naives Volk nicht nahe, das Kleine, das es versteht und +für groß hält, ist es, was ihm dient. + +Dieser Dampfer war ein merkwürdiges Schiff. Er machte mit seinem +Triebrad einen Mordslärm, er dampfte, tutete, klingelte, ratterte, +rasselte mit Ketten, stampfte, er fuhr angeblich sogar, aber er kam +nicht vorwärts. Ob er das auch nicht beabsichtigte, weiß ich nicht, +aber es wäre gegen die Verabredung gewesen, da wir doch nach Breslau +wollten. Jedenfalls torkelte dieses Schiff immer von einem Ufer zum +anderen, immer hinüber und herüber, und ein Mann, welcher als der +Kapitän des Schiffes galt, erklärte uns, es seien so viele Haltestellen +da. Anfangs glaubte ich dem Schiffer nicht, aber nach einer Stunde +sah ich ein, daß wir uns tatsächlich vorwärts bewegt hatten -- +wahrscheinlich durch die Flußströmung -- denn die Türme der Kreisstadt +waren nicht mehr zu sehen. + +Bei so mäßiger Schiffsbewegung ist es verwunderlich, daß ein paar +Kinder seekrank wurden. Streuselkuchen, Knoblauchwurst und nun auf dem +Dampfer eine Himbeerlimonade nach der anderen -- es war schlimm! Der +Kapitän schüttelte den Kopf und sagte, sein Schiff »schlingere nicht«. +Ich hätte auch wissen mögen, wie es das fertig gebracht hätte. + +Zu sehen war nicht viel Neues. Felder und Wiesen wie daheim. Nur wenn +einmal ein Stück schöner Eichenwald auftauchte, wurden die Kinder +still und nachdenklich. Und als sie Flößer sahen, die auf ihrem +luftigen Fahrzeug eine kleine Strohhütte hatten und davor ein offenes +Feuerchen brannten, schrien die Jungen: »Indianer! Indianer!« Einer +von den Slowaken, die da von ihrer Beskidenheimat den langen Oderstrom +hinunterfuhren gen Stettin, trat an den Rand des Floßes und rief ein +paar polnische Worte herüber. + +»Ein Seeräuber!« sagte ein Junge. + +Ein »guter« Lehrer hätte wohl nun augenblicklich einen lehrreichen +Vortrag über die Flößerei gehalten, über den Holzhandel vom +karpatischen Waldgebirge nach der Ostsee hin, aber die Kinder sahen mit +so großen Augen nach den vermeintlichen Indianern und dem Seeräuber, +daß ich lieber ein schlechter Lehrer war und schwieg, bis das Floß +mit dem Strohhäuslein und dem flackernden Feuerchen den staunenden +Kinderaugen entschwand. + +Einer mied beständig meine Nähe. Das war Wilhelm Dierschke. Da merkte +ich auch die Ursache; er war barfuß. »Junge«, sagte ich, »wo hast +du denn deine Stiefel? Du kannst doch nicht wie ein Gänserich durch +Breslau latschen!« + +»Im Sommer drücken mich die Stiefel,« entgegnete Wilhelm, »da hab' ich +sie heute früh ausgezogen und an der Oder versteckt.« + +»Wo hast du sie versteckt?« + +»An der Oder in einen Strauch, ehe wir eingestiegen sind.« + +»Und wenn sie jemand sieht und stiehlt?« + +Seine Augen zogen Wasser. + +»Sie kosten elf Mark,« sagte er voller Angst, »und drei Mark ist der +Großvater beim Schuster noch schuldig.« + +Die Stiefel waren so gut wie verloren. Da wir die Rückfahrt mit der +Bahn machten, kamen wir gar nicht mehr an die Oder. Und das mußte +gerade dem Enkel des Weltverächters Dierschke passieren. Aber ich +tröstete den Jungen. Mitreisende wohlhabende Bauern steckten mir so +viel Geld für die Kinder zu, daß ich, um nicht alle seekrank zu machen, +auf Überschüsse sinnen mußte, die ja schließlich dem Stiefelverlust +gegenüber zu verwenden waren. + +Wie es möglich war, weiß ich nicht, aber wir kamen richtig nach Breslau +und zwar noch am Vormittag desselben Tages, an dem wir früh 2 Uhr +abgefahren waren. + +»Es sind vier Meilen,« sagte der Kapitän mit Wichtigkeit, und die +Kinder horchten auf und dachten nach, wie weit sie nun von Zuhause +entfernt seien. Am Zoologischen Garten landeten wir. + +Für Kinder gibt es in Zoologischen Gärten nur fünf Arten von Tieren, +die wirkliches Interesse bieten: erstens die Affen, zweitens der +Elefant, drittens die Bären, viertens das Nilpferd, fünftens der Löwe. +Alles andere und seien es auch die größten Seltsamkeiten, wird nur +nebenher mit halbem Auge betrachtet. Wir standen an jenem Tage volle +drei Viertelstunden vor dem Affenhause. Das Vergnügen endete mit einem +groben Scherz. Ein Bauer neckte einen Affen dadurch, daß er ihm statt +eines Stückes Zucker ein Stück Kreide gab. Als nun der Bauer demselben +Affen ein rohes Ei durchs Gitter reichte, warf es ihm das erboste +Tier, in der Meinung abermals gefoppt zu sein, an den Kopf. Dieses +Attentat löste sowohl bei den Affen als auch bei den Kindern ungeheure +Heiterkeit aus; der übel zugerichtete Bauer aber knurrte, er mache +nicht mehr mit, und verließ uns. + +Von Käfig zu Käfig ging es. Manchmal hörten die Kinder auf meine +Erklärung, aber nur, wenn sie ein wenig romantisch oder anekdotenhaft, +nie, wenn sie lehrhaft trocken war. Immer langsamer lief der Zug, +die erste Müdigkeit stellte sich ein. In einem Wirtsgarten, wo wir +einkehrten, stürzten sich die Kinder wieder auf die materiellen +Genüsse, aber sie naschten mehr, als sie aßen. Einige saßen ganz still +auf ihren Stühlen, nutschten an grellfarbenen Zuckerstangen und sahen +stumm vor sich hin, und ein alter Bauer seufzte tief auf und sagte: + +»Wie wird nur jetzt alles zu Hause sein?« + +Ich glaube, der Alte hatte eine Anwandlung von Heimweh, er sehnte sich +von den fremden Tieren weg nach dem heimischen Stall. Und ich sagte zu +ihm: + +»Sehen Sie, Vater Schulz, der Löwe, der uns so verachtungsvoll +angesehen hat, der denkt auch an seine Heimat. Er denkt an das +Felsengebirge in der Wüste, von dem herab seine Eltern nach Beute +schauten; er hat nichts vergessen; er hat es im Instinkt; er denkt +immer: Wie mag nur jetzt alles zu Hause sein? Und er ist in fremdem +Lande eingesperrt bis an sein Ende.« + +»Es kann einem eigentlich leid tun um die Tiere,« sagte der Alte. + +»Ja,« sagte ich, »mir tut es auch leid. Es ist unendlich viel Qual, +ungestillte heiße Sehnsucht nach Heimat und Freiheit in solch einem +Garten. Man sagt, sie seien der Wissenschaft halber da; aber das ist +nicht wahr, sie sind nur der Schaulust, der plumpen Unterhaltungslust +wegen geschaffen.« + +So setzte ich mich selbst ins Unrecht. Aber ich konnte nicht anders; +ich hatte wieder zu viel Trübsinn aus der Tierseele leuchten sehen, und +ich sagte es ja auch nur zu Vater Schulz. + +Das Siegesgewisse meiner Laune sank überhaupt merklich. Was konnte +ich den Kindern von der großen Stadt zeigen, wieviel Einblick +ihnen gewähren in einen solchen Riesenorganismus? Straßenverkehr, +Straßenlärm, ein Vorbeigehen an glitzernden Schauläden, ein kurzes +Verweilen am Stadtgraben, wo die Schwäne schwammen, das war eigentlich +alles. Zweiundachtzig weltfremde, ungeschickte Kinder im Gewühl der +Großstadt zusammenzuhalten, war wahrlich keine Kleinigkeit für uns, +die wir die Verantwortung hatten. Die Kinder gingen ängstlich und +gänzlich stumm vor Staunen durch die Stadt. Nur hin und wieder war es +möglich, ihnen eine Erklärung zuzurufen; aber ihre Gesichter waren +so unbeweglich, daß man nicht wissen konnte, ob sie etwas besonders +interessiere oder nicht. Soldaten marschierten vorbei, das war das +Schönste. Wenn ich aber den Kindern sagte: hier ist das Rathaus, +eines der schönsten Gebäude der Welt, so verstanden sie nicht, warum +dies alte Haus so schön sein sollte, und wenn ich sagte, das ist das +Theater, wußten sie nicht, was das sei. Die Schauläden zogen wie +Kaleidoskopbilder schnell vorüber; denn wir durften ja nicht stehen +bleiben, und so entschieden sich die Kinder später bei der Beantwortung +der Frage, was auf der Hauptstraße von Breslau am schönsten gewesen +sei, zur Hälfte für die Soldaten, zur anderen Hälfte für einen Mann, +der bunte Gummiballons zu verkaufen gehabt hatte. + +So durften wir ja nicht nach Hause fahren! Ich führte die Kinder +truppweise auf den Aussichtsturm der Liebichshöhe, von der man das +Häusermeer Breslaus überschauen kann. Da wurde den Kindern die Größe +einer solchen Stadt klar. Sie rissen die Augen auf und atmeten +schwerer. Aber es war doch eben nur ein totes Häusermeer, was sie +sahen, und es hätte gar keinen Zweck gehabt, ihnen ein Dutzend Namen +von Kirchen und anderen Baulichkeiten zu nennen. So fing ich an zu +reden: »Seht ihr dort draußen das große Gebäude? Es ist eine Fabrik. +Zweitausend Menschen arbeiten jetzt darin im Schweiße ihres Angesichts. +Das erscheint euch viel. Aber seht euch diese unzähligen Dächer an. +Unter fast allen wird gearbeitet von hunderttausenden von Menschen. +Dort oder dort stirbt vielleicht jetzt gerade ein Mensch; denn alle +Tage sterben in einer solchen Stadt viele Menschen; da oder dort +freut sich gerade eine Mutter, daß sie ein neues Kind bekommen hat; +dort steht ein großes Krankenhaus, hunderte von Menschen leiden darin +Schmerzen; von dorther tönt Musik, da freuen sich lustige Leute. Und +seht, wie die Lastwagen fahren, jeder nach seinem Ziel, jeder mit +einem bestimmten Zweck, und wie die Leute unten auf der Straße wimmeln, +jeder mit anderen Gedanken, jeder mit anderem Zweck und Ziel. Das weite +Land, das ihr seht, versorgt die Stadt täglich mit Mehl und Fleisch, +Obst und Gemüse, und die Stadt schickt hinaus Geräte und Kleider und +Möbel und Uhren. Und dort fährt die Eisenbahn.« + +Da starrten die Augen. + +»Wo fährt sie hin?« + +»Sie fährt wohl nach Berlin; aber mancher, der drin sitzt, reist weiter +bis an den Rhein oder gar hinüber nach Amerika und kommt niemals +wieder. Da fährt er hin, und da drüben ist der Bahnhof, und da steht +jetzt noch eine Frau, die hat das Taschentuch vor den Augen und weint.« + +»Es ist viel in der Stadt,« sagte ein Kind. + +»Seht ihr das rote Haus dort? Das ist das Gefängnis. Da sitzen +unglückliche Menschen, die das Gesetz nicht achteten, und zählen die +Tage, bis sie wieder einmal frei unter anständigen Leuten gehen können. +Dort ist der Dom, daneben wohnt der Fürstbischof; in jenem Hause wohnt +der oberste General.« + +»Und wo wohnen wir?« fragte ein Kind. + +»Dort ist der Zobtenberg, den wir auch zu Hause sehen, nur daß er hier +etwas anders ausschaut, und wenn ihr links an ihm vorbei in die Ferne +seht, da liegt hinter der Himmelslinie unser Dorf.« + +Die Kinder bohrten die Blicke in den Dämmerdunst der Ferne, und ob sie +natürlich auch nichts von ihrem Dörflein erspähen konnten, sie schauten +immer wieder hin und winkten mit den Händen. + +»Es ist viel in der Stadt!« hatte ein Kind gesagt. Das war mir genug. +Die Kinder hatten einen Eindruck empfangen, wir fuhren nicht leer nach +Hause. + +Und ein gewaltiges Neues kam noch: die Kinder fuhren mit der Eisenbahn. +Auch mancher Erwachsene aus unserer Schar fuhr zum ersten Male mit +der Bahn. Wer lächelt darüber? Wie lange fliegen heute schon unsere +Luftschiffe? Wer flog mit? Und wer würde heute nicht mit ebenso +feierlichem, die Angst schlecht verhehlendem Gesichte im Luftfahrzeug +sitzen, wie damals diese Kinder im Eisenbahnzuge? Dem Neuen gegenüber +sind wir alle Kinder. + +Der Zug flog donnernd dahin, und als wir schon nach kurzer Zeit auf dem +Bahnhof der heimischen Kreisstadt anlangten, stiegen alle mit einem +frohen Lächeln aus: + +»Es ist vorbei! Es ist gut gegangen!« Und sie fingen an zu lärmen und +sahen mutig um sich. + +Wir suchten den Gasthof wieder auf, in dem uns die Wagen erwarteten, +und ich hielt einen Generalappell. Ich zählte die Kinder. + +Einundachtzig! + +Ich zählte nochmals. Wieder einundachtzig! Da brach mir der Schweiß +aus, und ich zählte zum dritten Mal einundachtzig. Mit zweiundachtzig +Schülern waren wir fortgefahren, zweiundachtzig hatten wir noch +in Breslau in die Eisenbahnwagen hineingezählt, jetzt waren nur +einundachtzig. + +»Es fehlt jemand. Wer fehlt?« fragte ich. + +»Ich nicht! Ich nicht!« schrien etwa zwanzig. Da fuhr ich nervös +dazwischen: + +»Ihr Schafsköpfe, ich frage nicht, wer ~nicht~ fehlt, ich frage, +wer fehlt!« + +Der aber, der fehlte, meldete sich nicht. Ich brüllte über den Hof: +»Es fehlt ein Kind!« Der Hauptlehrer, der Pfarrer, die Bauern eilten +herbei, regten sich auf und suchten. Vergebens! + +»Wer fehlt?« + +»Ich nicht!« sagte noch einer; der kriegte ein Kopfstück. + +Plötzlich kam mir die Erleuchtung. + +»Ist Wilhelm Dierschke da? Wilhelm Dierschke! Wilhelm Dierschke!« + +Keine Antwort. Nun wußte ich, wer fehlte. Wilhelm Dierschke hatte +sich vom Bahnhofe weggeschlichen, um am Oderfluß seine versteckten +Stiefel zu suchen. Es ward schon dunkel, die Kinder mußten nach Hause; +es war ja noch ein Weg von 2-1/2 Stunden zurückzulegen. Da ließ ich +die neunundneunzig in der Wüste, ich ließ sie nach Hause fahren und +ging das verlorene Schäflein suchen. Als »guter Hirt« kam ich mir +aber gar nicht vor. Ganz im Gegenteil. Ich wußte, daß der Junge seine +Stiefel versteckt hatte, ich hätte mir denken müssen, daß er sie suchen +würde, da er sie doch wiederhaben wollte, und ich hätte am Bahnhof auf +Wilhelm Dierschke besonders aufpassen sollen. Ich hatte es aber unter +einundachtzig anderen Sorgen vergessen, und der Junge hatte sich auch +so heimlich entfernt, daß nicht ein einziger seiner Kameraden darauf +aufmerksam geworden war. + +Ich stürmte durch die Stadt, dem Oderstrom zu. Meine Phantasie malte +mir gräßliche Bilder. Der täppische Junge ist in der Abenddämmerung +an den Fluß gekommen, die Böschung ist steil, er hat gesucht, nicht +gefunden, ist ausgeglitten, schwimmt vielleicht jetzt schon weit den +Fluß hinunter, und der alte Mann, dessen einziges Lebensglück er ist, +wartet daheim, und ich habe den Jungen übernommen. + +Einmal mußte ich auf dem kurzen Wege stehen bleiben, um Luft zu +schöpfen. Dann endlich war ich am Oderfluß. Ich erkannte die +Landungsstelle. + +»Wilhelm Dierschke! Wilhelm Dierschke!« rief ich. + +Es kam keine Antwort. Ich rief, ich schrie, ich schlängelte mich durch +das Ufergebüsch. + +Ich lugte ins Wasser. + +Ruhig floß der Strom; der Wind wehte durch die Bäume. Immer wieder rief +ich -- den Fluß hinauf und hinunter rannte ich -- es war alles umsonst. + +Nach einer langen Zeit fragte eine Stimme: + +»Wer ruft denn hier?« + +Es war ein Fischer. Er sagte, er sei seit vielen Stunden am Fluß, noch +lange vor Abend, aber er habe keinen Knaben gesehen. Ob er denn nicht +den Fluß absuchen könne, fragte ich in meiner Verwirrung. Er schüttelte +lächelnd den Kopf. + +»Wenn er hineingefallen ist,« sagte er mit der rücksichtslose Offenheit +so einfacher Leute, »dann ist er hin. Denn es ist hier tief und +reißend.« + +Tränen würgten mich. Da schüttelte er wieder den Kopf und sagte: + +»Gehn Sie doch mal zur Polizei. Ich werd' Ihnen den Weg zeigen.« + +Das war ein Rat, der mir einleuchtete. Ich ging mit dem Schiffer nach +der Stadt zurück, nicht ohne wiederholt stehen zu bleiben und laut zu +rufen. Der Schiffer führte mich einen Weg durch enge Gassen. Und in +der allerengsten Gasse, wohin ich selber niemals gefunden hätte -- +fand ich Wilhelm Dierschke. Er verteidigte heldenmütig sich und seine +kanonenrohrartigen Stiefel gegen eine Schar von Gassenjungen, die das +Dorfkind belagerten. + +Selig rief ich »Wilhelm! Wilhelm!« und hielt ihn in den Armen samt +seinen Stiefeln. + +Wir gingen dann miteinander durch die Stadt. Ich fand kein Wort des +Vorwurfs; ich sagte dem Jungen nur, die anderen seien schon nach Hause, +da es doch bereits spät sei; wir beide würden nun in einem Gasthaus +übernachten und morgen früh um 3-1/2 Uhr aufbrechen, da seien wir noch +vor Schulanfang zu Haus. Wilhelm schluckte an seinen Tränen, preßte mit +jedem Arm einen Stiefel an seine Brust und sagte gar nichts. + +Da fiel mir der Großvater ein. Was für ein furchtbarer Jammer, wenn die +anderen heimkehrten und allein sein Wilhelm fehlte! Eine telegraphische +Nachricht jetzt während der Nacht zu geben, war ganz ausgeschlossen. Da +sagte ich: »Wilhelm, wir müssen noch heute Nacht nach Hause gehen; es +ist wegen deinem Großvater.« + +Der Junge nickte gehorsam, aber ich merkte, er war todmüde. Und ich +war auch müde. Da fragte ich den Schiffer, der noch bei uns war, ob er +uns wohl eine Fuhre nach dem Dorfe J. besorgen könne. Er fragte, wo J. +liege; ich beschrieb es ihm. + +»Oh, wer wird jetzt in der Nacht so weit über Land fahren,« sagte er +abweisend. + +Ich sagte, es müsse sein, und bot zehn Mark Fuhrlohn. Zehn Mark waren +damals sehr viel Geld. Da sagte der Schiffer, er habe einen Bruder, der +Droschkenkutscher und ein sehr gefälliger Mensch sei; wenn es dieser +nicht täte, täte es keiner. Ehe dieser Bruder gefunden war, ehe er +eingespannt hatte, vergingen abermals dreiviertel Stunden, viel zu viel +Zeit für meine Unruhe. + +Endlich fuhr das Wäglein die dunkle Landstraße entlang. Das Kind +schlief ein, der Nachtwind kühlte meine heiße Stirn, und ich war +glücklich. + +Wohl noch eine halbe Meile vor unserem Dorfe hörte ich plötzlich +eine Stimme durch die Nacht rufen: »Wilhelm! Wilhelm! Großer Gott! +Barmherziger Gott!« + +Es war der alte Großvater, der sein Enkelkind suchte. Ich rief zurück, +sprang vom Wagen herunter und lief auf ihn zu. Er sah aus wie ein +Irrsinniger, das lange weiße Haar flatterte um seinen bloßen Kopf. + +»Ist er da? Lebt er?« + +»Es ist alles gut, Meister. Da auf dem Wagen sitzt der Wilhelm.« + +Der Schneider trat heran. + +»Junge!« + +»Ich hatte meine Stiefel verloren,« sagte der Kleine mit weinerlicher +Stimme. + +Ich setzte den Großvater zu dem Jungen in den Wagen und mich beiden +gegenüber. + +»Ich werd' alles vergelten, Herr Lehrer,« sagte der Schneider mit +bebender Stimme. + +»Davon ist gar keine Rede, Meister! Sie müssen mir nur versprechen, daß +Sie nicht böse sind auf mich.« + +Er schüttelte den Kopf und weinte leise. Nach einer Weile sagte er: + +»Es ist alles gut. Der Junge ist da.« + +»Und«, sagte der Junge, »wir fahren in einem so schönen Wagen, und die +Stiefel sind auch da. Ach, Großvater, es war so schön, so sehr schön, +daß ich mitgefahren bin.« + +Der Alte wollte heftig widersprechen, aber er sah mich an, wollte mich +nicht kränken und sagte: + +»Ja, es war wohl schön, daß du mitgefahren bist.« + +Im Dorfe waren noch alle Leute munter, alle in Aufregung. Wir wurden +mit herzlicher Freude empfangen. + + * * * * * + +Das war der einzige Ausflug, den ich mit Schulkindern als +Dorfschullehrer gemacht habe. Schon nach acht Monaten rief mich meine +Behörde in eine größere Stadt, wo ich an der Lehrervorbildung mithelfen +mußte. Einmal bekam ich einen anonymen Brief, dessen Poststempel leider +auch nicht zu entziffern war. In dem Briefe war nichts enthalten als +ein Zehnmarkschein. Ich habe noch heute den Verdacht, daß der Brief vom +Schneider Dierschke war. + + + + + Das Telefon des Bildschnitzers + + Eine Bergstadtgeschichte + + +Alle Sommermärchen sind aus: die, die im Kelch der Rose wohnten wie +in einer rotleuchtenden Stadt; die, die um nackte Füßlein spielender +Kinder durch den Bach schwammen; die, die auf den tönenden Flügeln des +Gartenkonzerts dahinhuschten über glühende junge Wangen und sich im +stillen Walde verloren. Alle sind aus. + +Es war einmal -- es ist nicht mehr! + +Auch das Sommer- und Lebensmärchen des Bilderschnitzers Klemens ist +nicht mehr. Sein Junge ist gestorben und begraben worden. Es war ein +klarer Herbsttag, als sie den kleinen Hermann in die Grube legten; die +Luft war voll Gebet und Liederklang, voll vom Weinen der Weiber und den +scheuen Seufzern der Männer; es sangen auch noch ein paar Vögel, mit +dem Schnabel nach Süden hin, und die roten Blätter wirbelten, und auf +den Kirchturm, von dem die Glocke klang, schwamm von Norden her eine +Wolke zu. Ein Weilchen blieb dies Bild stehen mitten im Herbsttag, und +dann gingen alle nach Hause. + +So war des Bilderschnitzers Sommer- und Lebensmärchen zu Ende. + +Manchmal lacht Klemens und hält sich für einen Narren. Die ganze Zeit, +als er das Roß mit dem Araber geschnitzt hat, hat er doch gemeint, +daß das Roß lebe und der Araber lebe, und hat meist in Hemdsärmeln +dagesessen, weil ihm die Glut der Wüstenluft allzu arg zusetzte. Wußte +er nicht genau, daß sein Araber gegen Omar ben Alef ansprang, gegen +den Prahler, der geschworen hatte, ihn lebend zu fangen und ihm den +Bart zu scheren, und den er nun in die Hölle schicken würde? War nicht +deshalb der Ansprung des Pferdes so kühn, das Auge des Reiters so +erschrecklich, der Arm so wuchtig gehoben, die Beine im Bügel so zum +Reißen gestrafft, weil eben alles lebendig gewesen war, als Klemens +die Gruppe schuf? Gewiß war es lebendig und ist's auch noch, denn +manchmal noch fährt Klemens dem Reiter in die Haare, weil sie ihm nicht +vom Schweiß der Anstrengung verklebt genug sind, oder er bringt ein +Fältlein im Mantel, das noch zu ordentlich liegt, in flatternden Wurf. + +Alles lebt; alles ist wirklich. Aber eines Tages wird ein reicher Mann +kommen, von dessen Gunst der arme Klemens leben muß, und ihm den Araber +abkaufen, um ihn bei sich daheim auf ein langweiliges Wandbrett zu +stellen oder ihn gar seinen verwöhnten Sprößlingen zum Zerbrechen zu +geben. + +Dann sind Araber und Roß, Omar ben Alef und Wüstenkampf, Palmenwipfel +und heiße Luft ein Märchen gewesen, und das Märchen ist aus. + +Der Pfarrer hat am Grabe des kleinen Hermann ein paar sehr schöne Sätze +gesprochen. Er hat so gesagt: + +»Klemens, manche Leute sagen, du seist halt ein Spielzeugmacher oder +Bilderschnitzer wie viele in unserer Bergstadt und anderswo. Aber du +bist ein Künstler; das wissen alle die, die etwas davon verstehen. Da +kommt es wohl öfters vor, daß du an einer Gruppe, die du mit großer +Kunst und viel Mühe und Treue geschaffen hast, mit tiefer Liebe hängst. +Aber eines Tages kommt ein reicher Mann und kauft dir die Gruppe ab, +und du mußt sie ihm hingeben, denn das Leben zwingt dich dazu. Dann +bist du wohl traurig in deinem Herzen, aber du tröstest dich in dem +Gedanken: der reiche Mann wird mein Werk in einen schönen Saal stellen, +wo andere herrliche Kunstwerke stehen, und kluge Menschen werden ihre +Freude an dem Werk haben und ganz im geheimen den Mann segnen, der es +geschaffen hat. Nun siehe, lieber Klemens, das herrlichste Kunstwerk, +das je ein Menschenauge in deiner Werkstatt sah, war dein Sohn. Nicht +nur, daß er von dir abstammte; du hast an nichts so viel Sorge, so +viel Mühe und Verständnis gewandt wie an dies Kind, das leiblich und +seelisch wuchs und wurde zum wunderbaren Kunstwerk. Zehn Jahre lang +hast du an ihm gebildet und alle Freuden des schaffenden Künstlers an +ihm erlebt. Da kam der reiche Mann -- der reichste Mann der Welt und +begehrte den Knaben für sich und sagte: ›Meister Klemens, ich will +deinen Hermann für meinen goldenen Himmelssaal. Dort wird er weilen im +Licht der Ewigkeiten, und Heilige und Weise, Patriarchen und Engel, der +Chor der Jungfrauen und alle Künstler und Könige, die in die Heimat +fanden, werden ihn sehen, werden sich seiner Edelgestalt freuen und +werden den segnen, von dem er stammt. Und ich selbst werde dich lohnen +mit Gütern, die niemand vergeben kann als ich.‹ Die Not des Lebens +zwang dich, lieber Meister Klemens, dem reichen Manne dein Kleinod +zu geben. Aber wenn du auch traurig bist, sieh ohne Verzweiflung dem +entschwundenen Gute nach und tröste dich mit Gedanken von ewiger +Schönheit, die über die schmalen Grenzen dieses Lebens hinausgehen und +denen du folgen kannst!« + +Von diesem starken Trostwort lebte der Bilderschnitzer nun seit drei +Monden. Er sprach es sich alle Tage vor, und es tat ihm immer wieder +wohl. Aber die trüben, trüben Tage kamen, da die Menschen verdrossen an +den Fenstern vorbeigingen, der Regen über die Scheiben weinte und der +Efeu frierend in die Stube sah -- die Tage, da alles so furchtbar leer, +die Arbeit so zwecklos, das Leben so ohne alle Gnade und Freude war, +und dann schrie er nach dem Kinde, dann zerraufte er sich das Haar, da +stieß er einmal mit dem Fuße nach seiner schönsten Gruppe, dem heiligen +Hubertus, daß dem Jäger die Armbrust brach und der Hirsch mit dem +weißen Kreuzlein verwundert auf den tobenden Meister sah. + +Als Advent kam, wurde es schlimmer mit Klemens. Da nicht Leute genug +in der Bergstadt wohnten, die teure Holzschnitzereien kauften, erwarb +der Meister einen Teil seines Lebensunterhaltes dadurch, daß er vor +Weihnachten künstlerisches Spielzeug schuf. Ein Hanswurst, den er mit +ein paar kräftigen Schnitten aus Tannenholz formte, hatte größeren +Kunstwert als viele Goetheköpfe, die aus Marmor sind und in den +großstädtischen Bazaren stehen. Das war immer die schönste Zeit des +Jahres gewesen, die stillen Novembertage und der verschneite Advent. +Dann war's am heimlichsten gewesen in Bildschnitzers Stube, dann war +der Junge, der Frühling, Sommer und Herbst auf der Straße war oder über +die Stadtmauer kletterte, daheim beim Vater, und er dichtete mit ihm +Kunstwerk um Kunstwerk. + +»Vater, mach' ein Schiff mit drei Segeln! Ein Mohr und eine schöne +Engländerin müssen darin sitzen, und auf dem Mast sitzt ein Affe, der +frißt eine Nuß. Der Mohr hat die Engländerin geraubt und der Affe die +Nuß.« + +Dann guckte der Bilderschnitzer schief über die Brille auf den +Jungen, in dessen Kopf es so kurios aussah, und fing an, das Schiff zu +schnitzen, den Mohren und den Affen. Der Junge sah zu und war ein so +strenger Regisseur und Kritiker, daß der Alte dachte: »Was wird aus ihm +werden?« -- »Vater, mach' eine kleine Tonne mit einem Schwimm-Männlein +darin, das auf- und abtaucht, und das Schwimm-Männlein muß aussehen +wie der Ratsdiener Mathies, der sich zu Tode trinkt.« -- »Vater, bau' +ein großes Fernrohr, mit dem man in die Erde gucken kann. Man muß die +Bergleute sehen, man muß die Zwergemännchen sehen, wie sie Gold und +Silber aushacken, und man muß den Teufel sehen, wie er brennt.« + +Ein solches »Fernrohr in die Erde« hat Klemens gebaut, ein Rohr mit +auswechselbaren Bildern, und viel Geld damit verdient. + +Einmal sagte der Kleine: »Du müßtest eine Wunderschachtel bauen können, +in die man hineinspricht, und die Worte müssen darin bleiben, und erst, +wenn man den Deckel aufmacht, kommen sie wieder heraus.« + +Das Kind hatte nie etwas von Grammophon und Telephon gehört, und +Meister Klemens zerbrach sich lange den Kopf, ob er es ermöglichen +könne, ein sprechendes Grammophon zu kaufen. Aber es war zu teuer, und +so kam Klemens darauf, sich ein Haustelephon zu bauen. Als der Knabe +einmal einige Tage verreist war, legte er es an. Es führte vom Atelier +des Meisters, das unter dem Dache lag, hinab in die Wohnstube, die zu +ebener Erde war. Unten hauste die Frau. Sie war die zweite Gattin des +Meisters; Hermanns Mutter war bei seiner Geburt gestorben. Die zweite +war ein stilles Weib, hatte selbst keine Kinder, und wenn sie auch für +den Knaben nie stürmische Zärtlichkeiten hatte, so war sie doch immer +von gleichbleibender Fürsorge für ihn. + +Bei der Mutter war Hermann, als ihm das Wunder des Fernsprechers +offenbar wurde. Die Mutter sagte nachmals, sie hätte geglaubt, der +Junge bekäme die Krämpfe. Seine Aufregung und Freude begnügte sich aber +in Zukunft nicht, mit dem Vater durchs Haus zu sprechen, die Leitung +mußte bis ans Ende des Gartens in einen leeren Schuppen verlängert +werden. Nun wollte der Junge stundenlang mit dem Vater sprechen, der +oben im Hause unter dem Dache saß. Der Alte war selbst ein kindischer +Gesell, der solche Dinge liebte, aber mit der Zeit wurde ihm der Spaß +zu zeitraubend, und Hermann bestellte sich Freunde nach dem Schuppen, +die er vom Atelier aus ansprach. Ihm blieb es immer die gleiche Lust, +Worte in die Ferne zu richten. Als er aber einmal einem Kameraden die +ganze Geschichte vom ägyptischen Josef durchs Telephon erzählte und am +Schluß fragte, ob er auch alles verstanden habe, kam keine Antwort. +»Es muß eine Störung in der Leitung sein,« sagte der Vater. Es war +aber keine Störung in der Leitung, sondern dem Zuhörer in dem kalten +Schuppen war die Geschichte zu lang geworden und er war davongelaufen. + +»Er ist ein Esel,« sagte Hermann verächtlich; »ich würde eher erfrieren +als von dem Telephon fortgehen.« + +Niemals hatte der Junge ein Spielzeug gehabt, das ihn so gefesselt +hätte, wie dieses Telephon. Seine Phantasie spielte den ganzen Tag um +den Kupferdraht, der das unverstandene Wunder enthielt. Sein Vater +erzählte ihm, wie weit andere Leute mit dem Telephon sprechen können -- +über Berg und Tal, durch Stadt und Land, ja, übers Meer hinweg. Dann +wurden die dunklen Augen des Knaben rein starr. + +»Telephoniert der Kaiser auch?« fragte er atembenommen. + +»Freilich telephoniert er!« + +»Aber -- aber wenn er einmal seinen Soldaten telephoniert -- so zum +Beispiel -- wenn er ein wenig böse ist: ›Stillgestanden! Linksum +kehrt!‹, und das geht durchs ganze Land, erschrecken da nicht die Leute +in den Städten und die Rehe im Walde, wo der Draht hindurchgeht?« + +Der Bilderschnitzer brummte, das sei ihm ganz egal, ob die Rehe +erschräken oder nicht, und der Junge träumte weiter. Lange Pause. + +»Aber wir können doch mit unserem Telephon nur bis in den Schuppen +sprechen,« kommt's endlich. + +»Wenn der Postmeister drüben über der Straße einen Draht an unser +Telephon macht, können wir sprechen, soweit wir wollen.« + +Wieder lange Pause. + +»Aber wie ist's mit dem lieben Gott? Wenn er alles kann, muß er doch +auch telephonieren können.« + +»Freilich kann er!« + +»Auch mit Draht?« + +Dem Bilderschnitzer, der gerade einem alten Landsknecht die Nase mit +einer Warze verziert, wird die Fragerei unbequem. + +»Ich weiß nicht! Vielleicht knüpft er einen Mondenstrahl an den Draht +an.« + +»Einen Mondenstrahl!« + +Der Junge träumte; er sieht die Leitung bis in den Himmel. + +So war's meist, wenn der Bilderschnitzer mit seinem Buben zusammensaß. + + * * * * * + +Im letzten Advent saßen sie auch so beisammen. Es war schon Abend, das +Feuer brannte im Ofen, und es war ganz still in der Stube. Auf einmal +geht die Klingel am Telephon. + +Die beiden fahren auf und erschrecken sehr. + +»Wer kann das sein? Mutter?« + +»Mutter ist doch in Bärsdorf und kommt erst mit dem Abendzug zurück.« + +»Wer kann es sein?« + +Der Bilderschnitzer nimmt den Hörer. + +»Holla! Wer ist dort? -- Was? -- Was? -- Ach -- ach -- ich -- oh -- oh +Majestät ...« + +Er legt bestürzt den Hörer weg. + +»Hermann, der Kaiser will dich sprechen.« + +»Was? Wer? Mich? -- der Kaiser? O, Vater!« + +»Ja -- ja, er ist am Telephon. Komm schnell, du darfst ihn doch nicht +warten lassen -- denk' doch, der Kaiser ...« + +»Ich kann doch nicht -- ich -- ich hab' ja gar nicht den Sonntagsanzug +an.« + +»So bitt' halt um Entschuldigung, und nun mach' rasch!« + +Der Vater schiebt den Jungen zum Telephon. Der ist feuerrot im Gesicht +und zittert mit der Hand, als er den Hörer ans Ohr legt. + +»Hier ist der Kaiser!« sagt eine bärentiefe Stimme, »der richtige +Kaiser in Berlin. Wer ist dort?« + +»Hier -- hier« -- meckert ein Stimmchen, »hier ist -- bin ich!« + +»Wer ist ›ich‹?« fragt der Brummbaß unwirsch. + +»Bildschnitzers Hermann aus der Bergstadt,« piept das Stimmchen. + +»So! Na, dich will ich ja eben sprechen.« + +»Ich bitte -- bitte -- um Entschuldigung, weil ich nicht den +Sonntagsanzug anhab' -- aber bei uns ist heut erst Donnerstag.« + +»So!« lacht der »Kaiser«; »Ihr seid wohl dort ein bißchen zurück? Bei +uns in Berlin ist schon Sonnabend.« + +»Bitt' um Entschuldigung!« wiederholt das Büblein. + +»Geschenkt! Geschenkt!« erwidert der Kaiser. »Dein Anzug ist ja gar +nicht so schlecht. Bloß der zweite Knopf an der Jacke fehlt und der +Absatz am linken Schuh.« + +»Ja, ja,« stottert erschrocken der Junge; »der Müller Eduard hat ihn +mir abgerissen.« + +»Den Absatz?« + +»Nein, den Knopf!« + +»So!« sagt der Kaiser; »nun, das wollte ich zuerst wissen. Und nun was +anderes. Ich habe gehört, du möchtest gern eine Prinzessin heiraten. +Ist das wahr?« + +»Bitt' um Entschuldigung; ich hab' bloß Spaß gemacht.« + +»Waaas? Bloß Spaß? Erst redste dicke Worte und dann willste kneifen?« + +Der Kaiser ist offenbar böse. Da sagt der Bub mutig: »Wenn ich eine +kriege, werd' ich sie schon heiraten.« + +»Na, das wollt' ich mir auch ausgebeten haben,« sagt der Kaiser. »Ich +laß meine Prinzessinnen nicht gern in unnützes Gerede kommen. Also, was +willste für eine -- willste nu eine mit Krone oder eine ohne Krone?« + +Der Junge überlegt sich's drei Sekunden lang; dann sagt er: + +»Ach, dann bitte eine mit Krone.« + +»Hm!« brummt der Kaiser. »Also schön, eine mit Krone! Abgemacht! Grüß +deinen Vater, und zu Weihnachten ist die Hochzeit!« + +Klinglingling -- das Gespräch ist aus. + +Der Junge steht noch ein Weilchen wie erstarrt, dann springt er dem +Vater an den Hals: »Der Kaiser hat mit mir telephoniert -- der richtige +Kaiser in Berlin -- ich -- ich -- heirat' eine Prinzessin mit einer +Krone!« + +»Donnerwetter!« schreit der Bilderschnitzer und haut den hölzernen +Landsknecht auf den Tisch, daß er beide Beine bricht. Fünf Minuten +lang schreien sie beide durcheinander, einer immer aufgeregter als der +andere. Sie fuchteln mit den Händen, sie sind krebsrot, sie reden immer +beide zu gleicher Zeit. Da wird der Junge ein wenig stiller und sagt: + +»Er hat's gesehen, daß mir da -- da -- ein Knopf fehlt -- und (er hebt +das Bein) da ein Absatz.« + +»Ein scharfes Auge hat der Kaiser!« sagt der Vater bewundernd. »Es ist +eigentlich peinlich!« + +»Ach,« sagt der Junge, »es schad't nichts, er war ja ganz gemütlich.« + +»Hm!« brummt der Vater. Sie sprechen dann mancherlei. Es ist schon am +Anfang Dezember und bis Weihnachten kaum drei Wochen. Wer weiß, ob +der Stache-Schneider bis dahin noch einen neuen Anzug fertig machen +kann. Und ein neuer Anzug muß sein, wenn man eine Prinzessin heiratet. +Und dann -- wenn die Prinzessin kommt mit ihrer langen Schleppe und +der goldenen Krone und den Hofdamen und Pagen, und drei Automobile +und sieben Pferde wird sie gewiß auch haben -- wie bringt man soviel +unter in fünf Stuben und einem kleinen Gartenschuppen? Und wenn sie +immerfort französisch spricht und den ganzen Tag Champagnerwein trinken +will, der so teuer ist? + +Es geht lange hin und her, und schließlich meinen beide, Vater +und Sohn, diese überstürzte Heirat mit der Prinzessin mache viel +Scherereien und allerhand Schwierigkeiten und werde sehr kostspielig +sein. Am besten wäre es, man wäre die Geschichte wieder los. Aber wie? +Es ist immer leichter, eine zu bekommen, als eine wieder loszuwerden. +Und nun gar, wenn es eine Prinzessin ist. + +Schließlich sagt der Vater, er wolle einmal in den »Löwen« +hinübergehen; dort sitze jetzt sicher der Herr Kantor, der Hermanns +Pate war, mit dem wolle er den schwierigen Fall besprechen. + +Der Herr Pate saß wirklich am Stammtisch und lachte Tränen, weil auch +er gerade der Runde das telephonische Gespräch erzählt hatte. Und als +Meister Klemens nach einer Stunde wieder heimkam, sagte er zu seinem +Sohne: + +»Die Sache ist gemacht! Wir telephonieren jetzt den Kaiser an. Ich hab' +mich erkundigt: er hat natürlich Telephonnummer Million. Also du sagst: +er möchte, bitte, entschuldigen, du könntest die Prinzessin nicht +heiraten, denn du seist erst neun Jahre alt, und dein Herr Kantor und +Pate erlaube es nicht!« + +Der Junge sträubt sich und will nicht; er sagt, er geniere sich vor dem +Kaiser; aber endlich kommt das Gespräch zustande. Der Kaiser ist auch +gleich aufs erste Klingelzeichen am Apparat. + +»Waas?« brüllt er. »Du willst nicht? Der Kantor erlaubt's nicht? +Wer hat mehr zu sagen: der Kaiser oder der Kantor? Ich werde mein +Kriegsheer schicken und den Kantor totschießen lassen.« + +»Nein -- nein -- bitte -- bitte -- nicht,« wimmert das Büblein. + +»Der Kantor ist wohl dein Lehrer?« + +»Ja, ja!« + +»Hast du ihn denn so gern -- den Lehrer?« + +»Ja -- ja -- ich hab' ihn -- sehr -- sehr lieb! Er ist sehr gut und +lustig.« + +Da muß sich offenbar der »Kaiser« an der anderen Seite des Drahtes die +Nase schneuzen. Man hört es deutlich. Und dann sagt er ganz milde: + +»Du bist ein guter Junge -- und du kannst bei deinem Vater und deinem +Lehrer bleiben, und zu Weihnachten kommt eine ganze Kiste Soldaten und +Kanonen für dich.« + +Klinglingling! Das Gespräch war aus. + + * * * * * + +Nur ein Jahr war das her. Es war alles wie sonst, das Feuer brannte im +Ofen, die Arbeit lag auf dem Tische, viele Bestellungen kamen Tag um +Tag. + +Der Bilderschnitzer aber starrte ins Licht der Lampe. + +So ein Kind kann sterben -- kann einem genommen werden! So mitten +heraus aus dem Leben -- gesund und tot. Was war das Leben noch wert? +Was ging ihn Weihnachten an? Was ging es ihn an, daß fremde Kinder sich +an seiner Hände Werk erfreuten? + +So ein Kind kann sterben! + +Er trat ans Fenster, sah hinauf zum kalten Nachthimmel. Wie waren die +Sterne so nahe! Wenn er von der Stadtmauer bis zum nächsten Ort schaut, +ist der weiter, als diese Sterne sind. Und er kann sein Kind nicht +sprechen, sein Kind nicht sehen? + +Warum erfindet Ihr denn alles, warum erfindet Ihr denn nicht, daß man +einmal ein paar Minuten mit einem Toten sprechen kann? O, gäbe das +einen Frieden ...! + +Ein rasendes Verlangen nach dem Jungen packt ihn. Das Telephon hängt +noch an der Wand. Einmal hat der Junge auch mit dem Himmel gesprochen +-- mit dem Nikolaus, der dort in der Goldenen Spielzeugstraße Nummero +1000 wohnt. Er hat ihm seine unschuldigen Wünsche gesagt und beigefügt, +Schnitzwerk wolle er nicht haben; denn das könne auch im Himmel niemand +besser machen als sein Vater. Da ist dem »Nikolaus« am anderen Ende des +Drahtes damals die Stimme ausgegangen. + +So ein Kind muß sterben! + +Weinend reißt der Bilderschnitzer an der Kurbel, und in verzweifeltem +Weh spricht er mit seinem toten Knaben ... + +Drunten in der Wohnstube sitzt ein blasses, stilles Weib. Dieses hört +das Klingelzeichen und nimmt den Hörer: + +»Hermann, höre mich -- Hermann, ich rufe dich -- ich halt' es nicht +mehr aus ohne dich -- mein lieber Junge -- ich verzweifle ohne dich -- +o komm wieder -- o komm wieder, lieber Junge!« + + * * * * * + +Der Einsame oben erschrickt. Er hat ein leises Weinen vernommen. Dann +-- dann hat er eine Stimme gehört, die schlicht und klar sagt: + +»Gott schickt dir ein neues Kind!« + +Da stürzt er die Treppen hinab und reißt die Tür zur Wohnstube auf. +Seine Frau hat noch den Hörer in der Hand. + +»Ist es wahr?« stammelt er. + +»Es ist wahr!« antwortet sie und reicht ihm tröstend die Hand hin. + + + + + Die Briefe der Tochter + + Eine Skizze aus dem Leben + + +Es war einige Zeit vor dem Kriege. + +Die verwitwete Frau Geheimrat hatte zwei Töchter. Die ältere -- Hedwig +-- war zu Haus bei der Mutter geblieben: die jüngere -- Irene -- war +ihrem Gatten tief ins Russenland gefolgt, wo sie mit ihrem Manne ein +Gut bewirtschaftete. Die Schwestern glichen sich außerordentlich bis in +viele, ja ganz lächerliche Kleinigkeiten. Beide waren frische, sonnige +Mädel. Als aber Irene fortgezogen war, wurde es sehr einsam im Hause +der Mutter; ein Herzleiden legte der alten Dame die größte Schonung +auf, und als die Jahre an Hedwig vorübergingen und die Hoffnung auf +Ehe- und Mutterglück ihr langsam zerrann, wurde sie ein stilles Mädchen +mit dem leisen wehmütigen Lächeln, das diejenigen haben, die auf das +Schönste verzichteten und denen doch die tiefe Güte des Herzens blieb. + +Alle zwei Jahre kam Irene einmal zu Besuch. Dann war die Jugend wieder +im Haus, dann war alles Sehnen und Bangen fern, dann funkelten die +Wände und glitzerten die Fensterscheiben. Wenn aber der Abschied +gekommen war, wenn die Uhr wieder so müde und einförmig tickte und die +toten Stunden zählte, dann blieb nur die Hoffnung: in zwei Jahren kommt +sie wieder, dann blieb nur die eine ganz fröhliche Stunde in der Woche, +wenn Irenes Brief am Sonnabend kam und ihre liebe drollige Art aus den +Zeilen zu den Vereinsamten sprach. Dann lachten sie oft unter Tränen, +legten den Brief in ein Mahagonikästlein zu den andern und dachten +stolz und glücklich an Irene, wie man an einen großen Schatz in der +Ferne denkt ... + +Im fünfzehnten Jahre nach der Verheiratung Irenes erhielt Hedwig +durch eine Mittelsperson von ihrem Schwager eine heimliche Nachricht, +die Entsetzliches brachte. Irene war bei einem Aufstand von einem +betrunkenen Bauern erschlagen worden. + +Eine Base war es, die Hedwig zu sich gerufen und ihr den Unglücksbrief +übermittelt hatte. Erst nach zwei Stunden gelang es dem Hausarzt, einem +alten Freund der Familie, das zusammengebrochene Mädchen zu sich zu +bringen. Nach der dritten Stunde schickte die ahnungslose Mutter nach +ihr. Es wurde eine Ausflucht gefunden, und Hedwig saß noch weitere zwei +Stunden bei der Base. + +»Weinen Sie! Weinen Sie sich aus!« sagte der Arzt. + +Aber Hedwig weinte nicht. Sie sprach auch nicht. Sie saß ganz still da. +Zuletzt erhob sie sich und stand gerade und fest. + +»Mich hat's getroffen,« sagte sie, »die Mutter wird's nicht treffen. +Ich werde es ihr nie sagen -- nie!« + +Sie wies jede Begleitung ab und ging allein nach Hause. Und sie belog +zum erstenmal die Mutter. Während sie das Abendbrot bereitete, war sie +lebhaft und lachte ein paarmal stoßweise. + +»Du bist so komisch!« sagte die Mutter. + +»Das Leben ist überhaupt komisch,« entgegnete die Tochter; »du glaubst +gar nicht, wie komisch.« + +Die Mutter schüttelte den Kopf. + +Nach dem Abendbrot sagte Hedwig: »Ich habe so Lust, ein paar Briefe von +Irene zu lesen.« + +Damit war die Mutter immer einverstanden. Und Helene suchte aus dem +Mahagonikasten die lustigsten Briefe heraus, die Irene je geschrieben +hatte und las sie laut vor. Die Mutter lächelte und nickte glückselig +mit dem Kopf, und Hedwig kicherte bei jeder drolligen Stelle der Briefe. + +»Siehst du,« sagte sie am Schluß, »solche Briefe könnte ich nie +schreiben, mir fehlt der Humor.« + +Die Mutter seufzte. + +»Liebes Kind, Irene hat auch viel mehr Grund lustig zu sein, als du in +deiner Einsamkeit.« + +»Ja,« nickte Hedwig versonnen, »Irene hat allen Grund, sich über das +Leben lustig zu machen. Aber ich werde von jetzt an auch lustig sein, +Mutter, paß nur auf!« + +In der Nacht hatte Hedwig, die bei der Mutter schlief, ihr Taschentuch +im Mund wie einen Knebel, weil sie sonst laut aufgeschrien hätte. Aber +am Morgen lächelte sie wieder und pfiff dem Kanarienvogel eine Melodie +vor. + +Am gleichen Morgen wurde Irene in Rußland begraben ... + +Nächsten Sonnabend blieb der gewohnte Brief aus Rußland aus. Die Mutter +betrübte sich; aber Hedwig lachte und sagte: + +»Wird sich russisches Postmeister gesagt haben: wozu soll immer schöne +russische Marke in dreckige Deutschland wandern? Mach' ich Marke los +von Brief, schmeiß' Brief weg, verkauf' Marke noch einmal, geht auch!« + +»Du bist jetzt immer sehr vergnügt, Hedwig.« + +»Findest du, Mutter? Ich will noch vergnügter werden.« + +Eine Woche verging, der Sonnabend kam wieder; die alte Geheimrätin saß +schon in früher Morgenstunde am Fenster und wartete auf den Briefträger. + +Und er brachte den gewohnten Brief von Irene. + +»Diesmal hat Postmeister nicht Marke gemaust,« sagte Hedwig heiter, riß +den Brief auf und las ihn laut vor. Schon nach dem dritten Satz lachte +sie laut auf. + +»Diese Irene ist ein zu drolliges Ding!« + +Die Mutter freute sich auch über den Brief, wunderte sich aber, daß ihn +Hedwig gar so lustig fand. + +»Er ist witzig,« sagte die alte Frau zum Schluß, »aber ich weiß nicht +-- die andern sind so mehr lieb und drollig.« + +»Was du auch hast, Mutter; ein Brief fällt nicht aus wie der andere!« + +»Gib mir den Brief.« + +»Aber du hast ihn doch schon gehört, Mutter.« + +»Na, gib ihn schon,« sagte die Alte ärgerlich; »ich will ihn doch +selbst lesen; man hat doch die Schrift in den Händen.« + +Die Mutter setzte die Brille auf und las. + +»Die Schrift ist ein bißchen verändert,« sagte sie; »Irene mag eine +neue Art Feder gehabt haben.« + +»Ja, wahrscheinlich,« stimmte Hedwig bei und tastete sich durch die Tür +nach der Küche. + +Sie und ihre Schwester hatten immer eine Schrift gehabt, die nicht +zu unterscheiden war. Nun, da Hedwig unter tausend Qualen und Mühen +einen Irenenbrief an die Mutter geschrieben und ihn dem Schwager zur +Rücksendung zugestellt hatte, fand sie ihre eigene Schrift verändert +und konnte es nicht verhüten. + +Noch am gleichen Tage mußte sie den »Brief von Irene« beantworten und +der Mutter das Antwortschreiben geben. + +»Aber Hedwig,« sagte diese betroffen, »deine Schrift ist ja auch anders +geworden, und zwar gerade wie die von Irene.« + +Hedwig zuckte die Achseln. + +»Das macht wahrscheinlich, weil wir beide älter werden, Mutter. Irene +und ich werden immer gleich bleiben; ich glaube, wenn die eine mal tot +ist, ist die andere auch tot.« + +»Kind,« sagte die Mutter streng, »ich verbiete dir, daß du so was von +dir und Irene sagst.« + +»Ich werde es nie wieder sagen, liebe Mutter!« + +So vergingen fast zwei Jahre. An jedem Sonnabend kam ein Brief +von Irene. Er enthielt immer viel Lustiges, Schilderungen aus der +Häuslichkeit, Szenen aus dem russischen Gemeindeleben. Gott weiß, wie +schwer Hedwig die Abfassung dieser Briefe wurde. Der Schwager mußte +ihr »Stoff« liefern (immer durch die Base), und Hedwig war glücklich, +als sie einen Band »Anekdoten aus dem russischen Volksleben« erstehen +konnte. Den ganzen Band schrieb sie nach und nach in den Briefen »von +Irene« ab. Der Mutter gegenüber atmeten die Briefe immer die reinste +Liebe; sie waren immer von zärtlicher Sorge erfüllt, die Mutter +möge ihres Herzleidens wegen sich vor jeder Aufregung hüten; denn +die Geschehnisse dieses jämmerlichen Erdendaseins seien gar keiner +Aufregung würdig. + +Manchmal sagte die Mutter: »Findest du nicht auch, Hedwig, daß sich +Irene verändert haben muß? Es ist eine Schärfe und Härte in ihren Stil +gekommen, die früher nicht da waren und die mir leid tun. Das Kind muß +etwas Trübes erfahren haben, was mir verschwiegen wird. Nein, nein, +widersprich mir nicht, Hedwig; eine Mutter hat feine Ohren.« + +Dann entwarf Hedwig den nächsten »Irenenbrief« wohl fünfmal, ehe sie +ihn abschickte und prüfte jeden Satz immer und immer wieder, ob nicht +die Note ihrer eigenen tiefen Herzenserbitterung darin mitklinge. Und +manchmal blickte sie in stummer Qual auf zum Himmel: »Führ' mir die +Hand, Irene!« + +Nach zwei Jahren war die Zeit gekommen, daß Irene ihren Besuch machen +sollte. In jenen Wochen konnte es Hedwig nicht mehr verbergen, daß +sie sehr krank war. Der alte Hausarzt kam, sprach von Nerven und +Bleichsucht und verordnete seine Mittelchen. Und eines Tages kam ein +kurzer mit Bleistift geschriebener Brief aus Rußland: + +»Liebe Mutter, ich war so leichtsinnig, auf eine Leiter zu steigen +und bin gefallen. Meine Verletzungen sind nicht lebensgefährlich, was +Du schon daraus sehen kannst, daß ich Dir selber -- wenn auch mühsam +-- schreibe. Das Schlimmste ist, daß der Arzt sagt, eine anstrengende +Reise nach Deutschland sei auf absehbare Zeit ausgeschlossen. Arme +Mutter! Ich liebe Dich und küsse Dich und Hedwig. + + Eure Irene.« + +Die alte Frau bekam einen bösen Anfall; ihr Leben war in Gefahr, und +Hedwig stand im Hausflur vor dem alten Arzte und sagte: »Ich habe den +Tod betrügen wollen; er läßt sich nicht betrügen!« + +Aber die Mutter wurde wieder gesund, hauptsächlich weil der Schwager +alle Tage telegraphisch gute Nachricht über das Befinden Irenes gab. +Nach vierzehn Tagen saß die alte Dame wieder im Lehnstuhl am Fenster +und sagte zu Hedwig: + +»Kind, ich traue deinem Schwager nicht, daß er mir Irenes Zustand zu +günstig schildert. Fahr' hin, Kind, überzeug' dich selbst, wie es Irene +geht, und gib mir dann Nachricht. Wenn du mir gute Nachricht gibst, ist +sie wahr; denn du hast mich noch nie im Leben belogen.« + +Da wandte sich Hedwig ab und starrte mit gläsernen Augen die Wand an. + +Am dritten Tage ließ sie die Mutter in der Obhut der Base und reiste +nach Rußland. Endlos war die Fahrt durch die nüchterne Ebene. Als sie +auf der kleinen Station ankam, trat ihr der Schwager entgegen, führte +sie abseits unter eine Baumgruppe und sagte in tödlicher Verlegenheit: + +»Hedwig, noch ehe wir in den Wagen steigen, muß ich dir etwas sagen -- +ich bin -- ich bin wieder verheiratet.« + +»Du bist -- du bist ...?« + +»Ja, ohne Hausfrau konnte ich das Gut nicht halten.« + +»Ah!« + +Sie sah sich wie betäubt nach dem Bahnhof um. + +»Wann fährt denn der nächste Zug zurück?« + +»Hedwig!« + +»Ich kann ja nicht -- kann ja nicht ...« + +Sie saßen wohl über eine Stunde unter der Baumgruppe auf einer Bank. +Der Schwager redete viel auf sie ein. Sie aber sagte immer nur mit +einem irren Ausdruck in der Stimme: + +»Die Mutter, die Mutter ...« + +Und endlich fuhr sie mit dem Schwager heim und wurde von der neuen +Gutsherrin freundlich empfangen. Am Abend schickte sie einen Eilbrief +nach Hause. + +»Irene geht es sehr gut. Sie hat einen so zielbewußten, tüchtigen Mann. + + Hedwig.« + +Drei Wochen hielt sie es aus. Sie schmückte Irenes Grab mit den wenigen +schlichten Blumen, die sie in der Landschaft fand, und freute sich des +Töchterleins, das die Schwester hinterlassen hatte. Die kleine Irene +war ein zwölfjähriges Mädchen, lebhaft und heiter wie ihre Mutter. Den +ganzen Nachmittag entwarf und schrieb Hedwig Briefe. Abwechselnd war +immer einer mit Irene, der andere mit Hedwig unterzeichnet. Nicht nur +das Briefpapier wechselte, nein, auch der Stil. Während Irenes Briefe +heiter, liebevoll, romantisch waren, schrieb Hedwig geschäftsmäßig und +trocken. + +Kurz vor ihrer Abreise verlangte Hedwig von ihrem Schwager in +bestimmtester Form, daß er ihr Irenes Kind überlasse und mitgebe. Er +sah sie in seiner scheuen, aber milden Weise an und wandte ein: + +»Glaubst du, daß das Kind nie verraten wird, daß seine Mutter tot ist?« + +Da brach Hedwig in bittere Tränen aus und fuhr allein durch die +trostlose Steppe Rußlands heim. + +Nach einem Jahre neigte sich das Leben der alten Frau Geheimrat zu +Ende. Der Hausarzt machte schließlich der Tochter gegenüber kein Hehl +mehr daraus. Und er fand sie gefaßt. + +»Drei Jahre habe ich mir das Leben der Mutter noch ertrotzt -- jetzt +kann ich es wohl nicht mehr,« sagte sie. + +Sie saß oft und sann, ob sie nun der Mutter alles offenbaren solle. +Aber sie kam immer wieder zu dem Schluß: »Sie soll erst erfahren, +daß sie Irene verloren hat, in dem Augenblick, wo sie ihren Liebling +wiederfindet. Nicht eine Sekunde soll sie Herzeleid haben um Irenes +grausamen Tod.« + +Dabei blieb es. Die Mutter, die ihr Ende nahen fühlte, ließ Brief +über Brief an Irene schreiben, und jeden Tag kamen Briefe zurück voll +innigster Liebe, aber auch voll Klagen, daß gerade jetzt eine Reise +unmöglich sei. Dazu Vertröstungen auf nahe Zukunft. + +So kam die Todesstunde. Da rief die Mutter: + +»Telegraphiere an Irene -- sie muß kommen -- muß. -- Besorge selbst das +Telegramm, Hedwig -- andere besorgen es nicht richtig!« + +Hedwig entfernte sich. Als sie nach kurzer Zeit in Mantel und Hut +zurückkam, rief die Mutter: + +»Irene -- Irene -- du bist da -- du bist da!« + +Hedwig sank am Bett in die Knie. Der Hut fiel ihr vom Kopf, die +Sterbende streichelte ihre braunen Haare. + +»Irene -- mein Kind -- du bist da -- du warst so lange -- Hedwig und +ich haben so gewartet -- Hedwig ist ein sehr, sehr gutes Mädchen.« + +Dann wurden die Augen weit, die Sterbende hob den Kopf der Knienden, +starrte ihr ins Gesicht und sagte: + +»O, du bist -- nicht Irene -- du -- bist Hedwig ...« + +Sie sank zurück in die Kissen, starrte nach der Decke, griff mit den +Händen in die Luft und rief plötzlich: + +»Da steht Irene -- dort oben!« + +Und starb ... + +Nach Minuten erhob sich Hedwig und drückte der Mutter die Augen zu. Sie +streichelte die blasse Wange und sprach: + +»Nun weißt du es, Mutter. Nun zürne mir nicht und sage auch Irene, daß +sie der Fälscherin nicht zürne!« + + * * * * * + +Am Begräbnismorgen erschien der Schwager aus Rußland. Er führte Irenes +Kind an der Hand, übergab es Hedwig und sagte: + +»Ich bringe dir das Kind, damit du nicht zu allein bist.« + +Da schaute Hedwig den Schwager an und sagte: + +»Richard, du bist ein treuer Mensch!« + +Am Abend, als sie beisammen saßen, sagte Richard: + +»Hedwig, achte nur darauf, daß mir die kleine Irene alle Wochen einen +Brief schreibt -- mir würde sonst die Sonne fehlen.« + +Und er sah mit verlorenem Blick in den Abend hinaus. + + + + + Die letzte Furche + + Eine romantische Geschichte von Paul Keller + + + Der Tod. + +Gar viele meinen, das sei immer der Knochenmann mit der Sense auf der +Schulter. + +Aber das ist nicht so. + +Der Sensenmann -- der ist nur einer von der großen Kompagnie, die »Tod« +heißt. Wo die Donner der Schlacht dröhnen und die Blitze der Bajonette +zucken, da mäht er seine Schwaden; oder wo die Schwüle der Seuchenpest +lastet, da schwingt er seine Sense; oder wo eine heiße Lokomotive auf +eine brüchige Dammstelle zusaust, da fällt seine Ernte. Der Sensenmann +arbeitet nur im großen; einzelne Halme mäht kein Schnitter. + +Für die einzelnen sind die kleineren Geschäftsgenossen da. Zum Beispiel +der Rüpel. + +Der zieht dem fleißigen Maurer unvermutet die Leiter unter den Füßen +weg; der stopft mit flinkem Finger einem gemächlich Schmausenden einen +Knochen in den Hals; der stößt ein Kind, das nach jungen Enten schaut, +in den Teich; der schmiert einer Brummfliege Gift an den Stachel und +hetzt sie auf einen arglosen Wandersmann wie einen tollen Hund. + +Oder der Zauderer. + +Der ist sentimental. Der ist ein Schwächling. Er hat keine Energie, +er vermag niemals sein Werk stark und flink zu tun. Wochenlang, +monatelang, jahrelang sitzt er am Lager seines Opfers und zögert und +verschiebt's vom Morgen zum Abend, vom Abend zum Morgen. Er weicht +zurück vor jedem bißchen neuen Lebensmut, er geniert sich vor dem +Weinen klagender Freunde, er mag das Netz nicht zerreißen, er knüpft +feig' und heimlich Masche an Masche auf, und wenn ihm ein Tröpflein +Medizin ins Gesicht gespritzt wird, verkriecht er sich in den Winkel. +Aber er kommt immer wieder, entknotet mit heimlichem Finger immer +wieder Masche um Masche und kann es nicht über sich bringen, sein Werk +zu vollenden, bis der von Schmerzen Gepeinigte mit bettelnder Stimme +selbst Tag und Nacht nach ihm ruft. Und wenn es dann endlich getan ist, +wenn die Freunde tiefseufzend sagen: der Tod war eine Erlösung! -- dann +schleicht der Zauderer davon und lächelt und hält sich für besser und +gutherziger als seine Genossen. + +Um noch einen dritten zu nennen: der Schneider. + +Der hat nicht viel gelernt. Er ist ein simpler Bursche. Seine ganze +Kunst besteht darin, mit einer Schere den Faden, der vom Himmel auf +jedes Menschen Haupt sich herabstrafft und diesen Menschen aufrecht +hält, unvermutet durchzuschneiden, worauf der Entfestigte plötzlich +am Boden liegt und seine Freunde vor Schrecken das Zittern kriegen. +Der Schneider hält sich für einen Humoristen. Wenn er einem, der in +guter Weinlaune gerade voller Behagen eine Anekdote erzählt, den +Faden durchschneidet, glaubt der Schneider, daß es keine wirksamere +Pointe gäbe. Denn diese Anekdote und ihren Schluß vergißt kein Hörer +sein Leben lang. Oder wenn einer gerade in puterrotem Zorne schimpft +und sich aufrichtet gegen seine Widersacher und plötzlich auf der +Nase liegt, so meint der Schneider, das sei nichts anderes als eine +Illustration zu der großen Erdenweisheit: »Mensch, ärgere dich +niemals!« Der Schneider hat viel Ähnlichkeit mit seinem Kameraden, dem +Rüpel; er faßt rasch zu, überlegt nichts, macht seine Arbeit so aus +der Laune, so aus dem Handgelenk heraus. Nur ist er weniger brutal als +der Rüpel. Kinder und einfaches Volk verschont er fast immer, nur unter +den »besseren« Ständen erlaubt er sich oft seine Streiche. + +Manchmal freilich kommt er auch als gütiger Menschenfreund. Da sitzt +ein alter Gelehrter, der nichts mehr vom Leben erwartet, vor einem +Lieblingsbuch und sinkt mit dem weisen Antlitz plötzlich auf die +geliebten Zeilen, wie ein Mondenstrahl fällt ins tiefe Meer; oder +ein Beter, der mit Gott spricht, hört unvermutet sein »Amen« in der +Ewigkeit klingen, oder ein Schläfer, der mit grauen Sorgen zur Ruhe +ging, wacht in goldenem Lichte auf, oder ein Verirrter in der Fremde +findet sich plötzlich heim. Wundert ihr euch, daß der schlichte Engel, +der dem Leben des Bauern Tobias beigegeben war, als er vom Herrn +der Zeit den Wink zum Schlußmachen bekam, zu der Genossenschaft der +Todesbrüder ging und sich für seinen Schützling den »Schneider« ausbat? +Der Engel kannte die Rechnung des alten Tobias, die Rechnung mit dem +Himmel, die Rechnung mit der Erde. Sie stimmten beide. Und so bat er +sich den Schneider aus. + +Am Montagabend, wenn die Lerche zu singen aufhörte, sollte es geschehen. + + * * * * * + +Der Bauer Tobias war am Montag nachmittags in ganz besonderer Laune +aufs Feld hinausgezogen. Im Hof hatte ihn noch sein Lieblingsenkelein, +die kleine Traute, angehalten und gemahnt: + +»Großvater, du bist mir noch immer die Puppe schuldig, die du mir +versprochen hast und die ich schon vorgestern bekommen sollte.« + +Tobias hatte sich hinter den Ohren gekratzt. + +Richtig! Seit drei Tagen war er der Traute eine Puppe schuldig. Das war +nicht in der Ordnung. Und da er Glück hatte, stelzte gerade die dürre +Botenfrau vorüber, die nach der Stadt ging. Die hielt er an und sagte: + +»Kathrine, ich brauch' eine Puppe. Eine, die was aushält.« + +»Und mit blauen Augen,« ergänzte Traute. + +»Ja, mit blauen Augen,« sagte der Großvater. »Und da sind elf Groschen, +zehn Groschen für die Puppe und einen Groschen für die Besorgung.« + +So war das Geschäft abgeschlossen. Tobias war niemandem auf der Welt +mehr etwas schuldig, nicht einmal der Traute, der er doch eigentlich +immer was »schuldig« war. Nun war er auf dem Felde und pflügte ein +Stoppelfeld mit dem Schälpflug um. Es war eine leichte Arbeit. + +Eigentlich hätte er es gar nicht mehr nötig gehabt, tätig zu sein. Seit +einem Vierteljahr war er im »Auszug«. Und Tobias hatte einen guten +Sohn. Dem würde es nicht zuviel sein, wenn der alte Vater zwanzig Jahre +lang und länger im Auszug lebte. Nein, er würde sich freuen. Der liebe +Gott segne den Wilhelm! Dies kleine Stoßgebetlein war der Refrain +von allen heimlichen Hymnen der alten Bauernseele, die zum Himmel +emporstiegen. + +Furche um Furche zieht der brave Ackergaul den Pflug auf und ab, und +Tobias geht hinter dem Pflug, und seine friedvollen Augen sehen mit +Freude auf das braune fette Ackerland, das unter dem Eisen emporquillt. + +Ein Kleefeld grenzt an das Ackerland. Darüber singt eine Lerche ihre +hellen Triller und schwirrenden Melodien. Tobias blinzelt manchmal zu +ihr empor in die sonnige Luft. Er hat von jeher die Lerchen gern gehabt. + +Näher, immer näher kommt der Pflug dem Kleefeld. Bald ist die Arbeit +getan. + +Am Himmel türmt sich ein Wolkengebirge auf. Es hat mehrere Gipfel, +einen Kammweg, der sie verbindet, dunkle Täler und schroffe Abhänge. +Die Sonne nähert sich dem Gebirge, verschwindet hinter ihm und +versilbert seinen höchsten Gipfel. Dann sinkt sie hinab hinter die +schwarzen Hänge. Es wird plötzlich dunkler und kühler auf dem Felde. +Der alte Bauer schaut zum Himmel, ob die Sonne denn schon untergehen +wolle, aber er sieht das Wolkengebirge, lächelt und sagt: »Es ist noch +Zeit!« + +Hell singt die Lerche über dem Klee. + +Furche um Furche -- immer dem Ende zu. Der Wilhelm wetzt am anderen +Ende des Kleefelds die Sense. Er will das Abendfutter schneiden. Schon +knarrt der Futterwagen den Feldweg entlang. Jetzt macht Tobias eine +kurze Rast. + +Um den Wiesenbusch, der ihm nahe ist, lugt ein Gesicht. Ein scharfer +Blick fliegt über die Wiese, so scharf wie der Augenstrahl ist, den +der Jäger auf ein Wild richtet. Und nun, wie der Tobias dem Busch den +Rücken kehrt, huscht ein Schatten über die Wiese. + +Der Tod ist da -- der Schneider. Aber er hört die Lerche noch singen +über dem Klee, und die Sonne steht noch über dem Himmelsrande. Er ist +zu zeitig gekommen. So duckt er sich, von keines Menschen Auge gesehen, +auf die letzte Ecke des Ackerfeldes. Ein betender Engel kniet neben +ihm. + +Die beiden warten. + +Fröhlich fährt Tobias den Acker wieder hinauf. Es ist ihm so wohl; er +fühlt sich noch gar nicht müde. Wilhelm hat auch einmal herübergewinkt. +Das hat ihn gefreut wie immer. + +Wieder wendet sich der Pflug. + +»Die letzte Furche,« sagt der Bauer laut. »Freu' dich, Schimmel, die +letzte Furche. All Ding nimmt einmal ein Ende!« + +Sacht geht's den Acker hinab, auf den Schneider zu, dessen Augen durch +die Luft glühen. Und der Schneider reckt den Hals. Aber der Engel faßt +ihn an der Hand. Noch singt die Lerche. + +Unter dem Wolkengebirge tritt die Sonne wieder hervor, steht klar am +Abendhimmel. + +Wie der Tobias mitten in der Furche ist, packt ihn plötzlich jemand von +hinten an der Schulter. Tobias erschrickt ein wenig und läßt den Pflug +fallen. Das Pferd bleibt stehen und sieht sich um. + +Da lacht auch schon der Tobias. + +»Der G'steifel ist's. Und ich dummer Kerl erschreck'!« + +»Ja,« lacht der G'steifel, »niemand kann schneller und leiser laufen +wie einer, der ein lahmes Bein hat.« + +Tobias begrüßt den alten Freund und Kriegskameraden. Schon anno Siebzig +hat der »G'steifel« von den Bayern im Feld seinen Namen bekommen. Jetzt +sieht er bewundernd übers Feld. + +»Mensch, Tobias, du wirst wohl gar nicht alt? Hast du nun das ganze +Feld wieder allein umgewendet?« + +»Es ist leichte Arbeit,« sagt Tobias; »der Acker ist mürbe und der +Schälpflug greift ja nicht tief. Und unter acht Stunden Feldarbeit am +Tage -- das würd' mir nicht gefallen.« + +»Wird halt auch mal kommen, daß die Kräfte abnehmen, Tobias.« + +»Ja, ja, aber es wird mir nicht gefallen. Es wird mir gar nicht +gefallen.« + +»Aja, da ist's aber noch lange hin. Vorläufig schnupfen wir mal.« + +Der G'steifel zieht eine silberne Tabaksdose aus der Tasche. »Luise« +ist auf ihrem Deckel eingraviert. + +»Ihr seid doch Kerle,« lacht der G'steifel, »dreiundvierzig Jahre lang +gewöhnt mir nu schon meine Luise das Schnupfen ab, und wie ich siebzig +Jahr alt bin, schenken mir die Freunde 'ne silberne Luise. Das habt Ihr +fein ausgediftelt, Tobias! Das ist ein Witz!« + +»Ja, ja,« lacht der Tobias fröhlich, und eine Träne tritt ihm dabei ins +Auge. »Sie hat's doch nicht übel genommen?« + +»Die Luise? Nu nee. Ihren Namen in Silber! Geschmeichelt gefühlt hat +sie sich, hat aber die Dose in den Glasschrank stellen wollen. Na, +das gibt's nich. Ich will immer an dich erinnert sein, Alte, hab' ich +gesagt. Na, da schnupf' halt.« + +»Die Luise soll leben!« sagt Tobias und schnupft. Gleich hinterher muß +er an die zehnmal niesen. + +»'s is starke Sorte,« sagt der G'steifel. »Meine ausgepichten +Nasenröhren müssen so was haben. Du aber bist's nich gewöhnt.« + +Am Feldende der Schneider reckt abermals den Hals. Und wieder faßt der +Engel seine Hand. Noch singt die Lerche. + +»Gut schaust du aus,« sagt der G'steifel. »Warst halt immer ein +hübscher Kerl. Ich glaube, damals -- vor dreiundvierzig Jahren -- hätte +die Luise lieber dich genommen als mich.« + +»Nu nein,« protestiert der Tobias, »mit dir hat's nie ein Bursch +aufnehmen können.« + +Der G'steifel klopft wehmütig lächelnd auf sein lahmes Bein. + +»Nu ja,« sagt Tobias; »fürs Vaterland! Das ist eine Ehre!« + +»Ja, ja,« seufzt der alte Kamerad, und bald darauf erörtern sie zum +vielhundertsten Male den Fall, wie der G'steifel zu seinem lahmen Beine +gekommen ist. Die Arbeit ruht, die letzte Furche liegt halb unvollendet +da, die Sonne rückt tiefer am Himmel. + +Da steigt die Lerche aus der Luft herab aufs Kleefeld zu. Der Schneider +steht auf, geht gebückt den Acker entlang, nimmt die blitzende Schere +aus dem Rockärmel. Aber die Lerche steigt noch einmal hoch empor und +singt hell und klar über den beiden alten Kriegskameraden, die in +Erinnerung schwelgen. Und der Schneider schleicht verdrossen nach +seinem Platze zurück. + +Nun sind die beiden Alten fertig. + +»Du fährst wohl auf dem Kleefuder heim?« fragt der G'steifel. + +»Ja, es sitzt sich weich und gut auf dem Klee.« + +»Ich kann's nicht,« sagt der G'steifel; »mein Reißen leidet es nicht, +auf Klee zu sitzen.« + +Sie geben sich die Hände und scheiden voneinander. + +Tobias nimmt den Pflug auf und vollendet die letzte Furche. + +Hell singt die Lerche. Der Engel hebt die gefalteten Hände. Der +Schneider lauert. + +Die Furche ist vollendet. Tobias legt den Pflug hin und strängt das +Pferd ab. Dann schaut er über den Acker. + +Langsam schleicht der Schneider hinter ihm und reckt sich hoch empor +über sein Haupt. + +»Das ganze Feld liegt schön da!« sagt Tobias in tiefer Zufriedenheit. + +Da bricht die Lerche schrill ihre Weise ab und schießt in den Klee. + +Ein leises Blitzen über dem Haupt des Tobias. + +Ohne den leisesten Laut sinkt er tot auf die weiche, braune Ackererde. + + * * * * * + +Der Wilhelm rast übers Kleefeld, schreiend und oftmals fallend rennt +der entsetzte alte G'steifel. Sie schlucken, sie ächzen, sie machen +einige unbeholfene Wiederbelebungsversuche, aber der tote Tobias +lächelt zu dem fruchtlosen Beginnen. + +Da sehen sie ein, daß alles aus ist. + +Laut weinend sinkt der junge, starke Wilhelm neben dem Vater ins +Knie; bis ins Mark erschüttert steht der G'steifel neben dem so jäh +gefallenen Kameraden. Eben noch stark und froh, und jetzt tot -- wie +ist das möglich, wie ist das möglich? G'steifel schlägt dreimal an die +Brust: »Gott sei uns Sündern gnädig!« + +Dann packt ihn ein lähmender Gedanke. Er hat den Tobias von seinem +scharfen Tabak schnupfen lassen, und der hat so sehr niesen müssen, daß +ihm wohl eine Herzader gesprungen ist. Herrgott -- Herrgott ... + +Der G'steifel weint bitterlich und er verwünscht das böse Tabakszeug, +das er gegen den Willen seiner Frau dreiundvierzig Jahre lang geliebt +hat. Und er schluchzt: »Ich werd' nimmer froh! Ich werd' nimmer froh!« + +Und ist so außer sich vor Schmerz und Verzweiflung, daß er es gar nicht +merkt, wie seine Finger mechanisch die Dose öffnen und in der Aufregung +Prise um Prise in die Nase stecken. + +Der Kleewagen rumpelt heran. + +»Auf dem Kleewagen hat er heimfahren wollen,« schluchzt der G'steifel. + +Der Wilhelm nickt, und so betten sie den Vater auf den duftenden Klee. +Langsam fährt der Wagen über den Sturzacker dem Wege zu. Der G'steifel +ist außer sich, und die vermeintliche Schuld drückt ihm das Herz ab. Er +hält es nicht aus, er beichtet dem Wilhelm, klagt sich an und schwört +dem Tabak ab. + +Wilhelm tröstet ihn. + +»Der Tabak ist nicht schuld,« sagt er, »Gott hat es so gewollt.« + +Da wird auch der G'steifel ruhiger. + +Ach, es ist schön, wie der alte Bauer Tobias heimfährt. Die liebsten +Pferde ziehen ihn, der geliebte Sohn und der treueste Freund begleiten +ihn. Und sie lieben den Toten in diesem Augenblicke viel, viel mehr, +als sie sich selbst lieben. + +Auf dem Feldhügel bleibt der Wilhelm stehen und deutet nach Westen. + +»Da ist Vaters Seele hin!« sagt er ruhig und fromm. + +Zwei weiße Gebirge stehen am Himmel mit silbernen Gipfeln und +leuchtenden Almen, und mitten zwischen ihnen steht der Weg offen in +ein rotleuchtendes goldenes Land. + +Die Sonne zog diese Straße, und nun zieht auf ihr ein schlichter Engel +mit einer Bauernseele der ewigen Heimat zu. + +Was lächelt der Leichnam im kühlen Klee? Ein Bauer zog aus auf ein +schmales Feld, ein gekrönter König, der über die ganze Welt erhöht ist, +kehrt heim. + +Die Abendglocke singt ihr tiefes, frommes Feierabendlied. Am Hoftor +sitzt die kleine Traute. Sie hält selig eine neue Puppe auf dem Schoß +und lugt mit ihren großen Augen den Feldweg entlang. + + + + + Bergkrach + + Humoreske in schlesischer Mundart + + +Ei der letzta Walpurgisnacht hotta amol de schläscha Barge Krach +mitsomm. Wer hotte dan Krach ongefanga? Nattierlich kee andrer Mensch +als wie der Zotabarg[2]. A hotte die Schniekuppe 'n ale Gake[3] gehissa. + +»Was?« schrie die Schniekuppe. »Du Fatzke! Was unterstiehste dich? Bin +ich nich eure Keenigin?« + +»Nee, du bist 'n ale Gake,« verhorrte der Zotabarg uff sem dicka Kuppe. + +»Nu, du niederträchtiger Latschel, du Faffermandla[4], du Ziegequork +du! Ich bien doch 'n feine, gebild'te Dame.« + +»Jawohl ja, Sie sein 'n feine, gebildete Dame,« sate der Huchwald, +dar sich zu benahma weeß, weil a vo a Salzburner[5] Kurgästa Plüh und +Bildung gelernt hot. + +»Hal ock du die Frasse,« sagte der klobige Zotabarg zum Huchwalde, +»sunst verrot ich's erst, daß de anne Liebschoft mit der Eule hust. Ich +sah's schun, wie ihr euch immer pussiert. Und der Sturchbarg stieht ni +weit vo euch weg.« + +»Pfui, pfui, Zotabarg,« schrie der frumme Kreuzbarg bei Striegau, und +durch olle die viele Foffabarge ei der Schläsing ging a Sturm, und se +hielta 'm Zotabarge 'n Revermande. Der beleidigte Huchwald schmieß +augenblicklich dam groba Karle 'n Päpel[6] Wulka on a Kupp, und de +Eule schamte sich wie 'n ale Jumfer. Der Sturchbarg tat wie tulpe. + +»Was ist denn das für ein Skandal?« fragte das Huche Rad[7] ('s war zu +Kaisers Geburtstag werkliches geheemes huches Rad gewurn). »Wer lärmt +denn da und stört die Nachtruhe?« + +»Ach, Exzellenz,« sate die Schniekuppe, »'s sein nämlich wieder die +klein' Leute im Paterre, die Spektakel machen.« + +»Natürlich der Pöbel,« sate 's werklich huche Rad. »Wo sind denn unsere +Polizisten, die beiden Sturmhauben?«[8] + +Die Sturmhauba schliefa leider. 's huche Rad grief ei seine tiefe +Hosatosche, ei die gruße Schniegrube, zug an weißa Zädel raus und +machte sich 'n omtliche Notiz über die schläfriga Pulzisten. + +Nu war's a bißla stille. Uff emol pläkte der Pietschaberg[9] bei +Ingerschdurf wie a Feuerkolb. A behaupte unter vielem Gewinsele, der +Zotabarg hätt' a mitt'm Fusse geschibbt. + +»'s ies gar nie wohr,« striet's der Zotabarg ob, »der ale Lopps, der +Pietschabarg, is wieder bepietscht. Eene Krohe hot a immer eim Stäppel, +merstenteels aber 'n ganza Heffa.[10]« + +»Ich -- ich -- bien -- ganz -- ganz -- un -- un -- gar -- nie -- be +-- suffa,« druxte der Pietschabarg, »aber -- Zotabarg, du -- du bist +-- uffte -- uffte genug -- benabelt.« Olle Barge ei der Schläsing +lachta, und der Zotabarg kriegt 'n ganz verknuchte Bust. A recht's +olla mitnandern ei ganz urnara[11] Ausdrücka vür, wie uffte eim Johre, +daß sie benabelt gewast wär'n. 's war 'n lausige Liternei. Wenn's wohr +is, was dar Karl sate, do sein de schläs'scha Barge 'n ganz versuffne +Klicke. Und was das Schlimmste derbeine ies: die hüchsta Spitza, die +sein am üfftesta eim Nabel, die klen'n Kneppe, die blein viel klorer. +Aber manchmol erwischt se's oo. Sugar 'm frumma Kreuzbarge sate der +Zotabarg nach, a hätte monchmal 'n klen'n Stäbrich[12]. + +»Aber,« so schluß a, »bei a Monnsbildern is ni asu schlimm, wenn se +sich och manchmol asu recht eihüll'n; wenn sich aber a Froovulk[13] +ei der Wuche drei, vier, fünf, sechs, sieba Mol benabelt, dos ies ane +Offaschande. Und a sittes Froovulk ies äben die Schniekuppe.« + +Die Schniekuppe kreeschte ver Wutt. + +»Zotabarg,« krächzt' se, »du bist ju a ganz gemeener, urnarer, +geweeniglicher Dingrich. Nu, du tummer Grootsch[14] du! Wos +verstiehst'n du, wie's ei hucha und hichsta Kreesen hargieht? Do is asu +viel Wind und eisige Kälde, doß ma sich monchmol a bisserla eisacka +muß. Muß, du Offe, hierscht es? Aber du warst ju schun immer asu a +aler Stänkerfritze, dar keene Ruh' gab und sich über olles und jedes +die Frasse zerriß. Deswägen hot dich ju och ünser Herrgott aus der +onständiga Sudetenreihe rausgesotzt. Weil du keene Ruhe gibst, do hot a +dich abseits vo olla ganz alleene gesetzt, wie der Schulmeester anne +recht biese Range alleene uff eene Uxabanke[15] setzt.« + +A schollendes Gelächter vu olla Barga. Do war sugar der Altvater +ufgewacht, dar schun siehr wacklig und taprig ies und immer eischläft, +eb wos lus ies oder nich. + +»Wos -- wos ies denn eegentlich?« fragt a däsig. + +»Ach, alter Herr,« sate die würdige Bischofskuppe bei Ziegenhols, »es +ist doch heute wieder die sündige Walpurgisnacht, da machen eben die +Berge Skandal und lästern und führen gemeine Redensarten.« + +»Ähähähähä,« dröselte der Altvater. »jajajaja! 's war immer asu -- 's +war immer asu.« + +Und wie a das su leise dudelte und mit eem verschlofna Blicke nach seim +Lieblingstöchterla, 'm Heidebrünnel, niber liebäugelte, schlief a och +schunt wieder ei. + +Nu zug aber der Schniebarg ei der Grofschaft lus, dar ies nämlich der +Schniekuppe ihr Stiefbruder. Seit a 'n sehr schienes Aussichtstermla +uff semm Kuppe hot, spricht a huchdeutsch. + +»Meine Herren,« sat a, »wir lassen uns doch von dem erbärmlichen +Zotenberge nicht produzieren; wir werden ihn einfach aus insem +Gebergsverein nausschmeißen.« + +»Nu, du Glotzer Natzla[16], du,« schrie der Zotabarg, »wie sprichst 'n +du? Plombier' dich ock nich! 's heeßt ju gar nich produzieren, 's heeßt +ju profetieren.« + +»Provozieren,« ächzte 's gebild'te Huche Rad, »es ist entsetzlich, +unter solchen Banausen zu leben.« + +»Ja, ja, Exzellenz,« seufzte die Schniekuppe, »das sag' ich auch. Und +Exzellenz wissen doch, ich bin eine gebildete Frau. Ich verkehre mit +Breslauern, Berlinern, Engländern und sugar Amerrekanern. Und ich +bin patriotisch. Ein König und eine Königin von Preußen sind auf mir +gewäst.« + +»Prahl dich nich, tumme Gans,« prillte der Zotaberg. + +»Kriegst doch keen'n Orden! Du und patriotisch! Vurna biste preiß'sch +und hinga biste biehmsch[17]. Und die Leute san, deine Hingerseite is +immer noch scheener wie deine Verderfront.« + +»Gott, wie unanständig,« sate der Veilchenstein[18], der beim Huchen +Rad immer eim Vorzimmer stieht. + +»Halt's Maul, Veilchenstein, du bist a Jude!« schrie der Zotaberg. + +»Nu werd a gor noh antersemitisch,« klong's wie a Seufzer vu der +Silberkuppe riber. + +»Ja, und du bist och 'ne Judenschickse,« schantierte der Zotabarg uff +die Silberkuppe. + +»Judenschickse -- pfui!« sate der frumme Annaberg bei Strehlitz, und +nahm 'n Klusterbitter ver Entrüstung. + +»Rummel! Rummel! Rummel! Rummel!« quietschte der Rummelsberg bei +Strählen ver Freede. A ies der reene Kuckuck, a prillt immer sen'n +eegna Nama. + +Nu fiel'n de Walmbriger Barge[19] olle über a Zotabarg har: der +Huchwald, der Sottelwald, der Schworze Barg, der Gotshibel, die +Uxaköppe und halt olle. Ar wäre a ganz ormseliger Buschklepper, meenta +se, ar und sei Bruder, der Geiersberg, wär'n die leibhoftiga Satane, +und orme Luder wär'n 's, Blobeermichel, während sie, die reicha +Walmbriger Barge, asu viel Kohle hätta. + +»Macht euch nie gruß,« gurgelte der Zotabarg derzwischen, »macht euch +ock ni mausig, daß ihr die Kolik im Bauche habt!« + +Iber da faula Witz ging a tuller Skandal lus. Die Schniekuppe wischte +sich mit em Wölkla zwanzigmol hingernander die Nase und fächelte sich +dann domiete, die Uxaköppe drohta mit a Hörnern, der Wulfsberg heulte, +der Fuchsberg ballte, der Schniebarg schmieß ver Bust mit Lawin'n +rim, 's Huche Rad machte sich wie verrückt Notizen, die Pferdeköppe +wieherta, der Veilchenstein jommerte, der Krokonosch schimpfte uff +biehmsch, der Annaberg tronk immerfurt Klusterbitter, der Rummelsberg +prüllte wie tälsch: »Rummel, Rummel,« die Eule tat, als wenn se +sich halbtut schamte, der Huchwald schwur, uff a Summer werd a a +Zotabarg mit Hagelkörnern tutschissa[20] wie mit eener Matrilljese, +der Schworze Berg sah aus wie a wütender Näger, der Sturchberg schlug +mit a Fliegeln, und die hunderttausend Mühlberge ei der Schläsing[21] +klopperta ver Ufregung. + +Do kam uff eemol der liebe Herrgott ei seim himmelblooen Mantel aus +seim scheenen Paradiese runder ei die liebe Schläsing und sate: + +»Bst! Seid stille! Seid hübsch artig, meine lieba Kinderla! Ihr seid +ju olle su hibsche, schmucke Perschla und Madla[22] ihr mißt euch ni +händeln. Ich bien euch ju olla asu harzlich gutt. Gieht jitzt hibsch +schlofa[23], und wenn ihr murne früh wieder ufstieht, do flecht ich +jedem an lichta, guldna Kranz ei de Hoore. Gieht schlofa, ihr Kinderla, +gieht schlofa!« + +Und der liebe Herrgott zug jedem ane weeche, mollige Nachtmütze über +die Ohren. Do worn se gut und stille, sanftmittig wie die Lammla. +Blußig der Knurrkupp vo Zotabarg kunnde sich nich asu plutze beruhigen. +Wie ihm die Nachthaube schun übers Maul wegrutschte, brummelte a +drunder no leise ver sich: + +»De Schniekuppe ies doch 'n ale Gake!« + + + + + Altenroda + + + 46.-65. Auflage + + + + + Altenroda + + Ein Rundgang -- Zugleich eine Ouvertüre + + +Liebe Stadt, wenn ich dein gedenke, wird mir die Seele ruhig. Dann bin +ich auf eine Weile fort aus dem schrecklichen Leben, das wir nun alle +führen müssen. Wie ein Jüngling erwache ich aus schwerem Schlafe und +schaue in unschuldiges Frühlingslicht. + +Wenn ich dein gedenke, Altenroda, dann ist es mir, als sei alles nicht +wahr, das von Leid und Angst, von Enttäuschung und Gram, von den +Toten, die noch leben müßten, vom bösen Kriege und von der Schande des +Vaterlandes, als sei alles nur ein Traum gewesen, so furchtbar, daß das +Erwachen desto tröstender ist. + +Du bist noch da, liebes Altenroda! Der Eulenwald schirmt dich noch auf +mit seinen grünen Armen, der Ochsenkopf baut sich noch auf wie eine +trutzige Feste, die Poststraße läuft durch die bunte Aue und auf dem +Flüßchen schwimmen die silberweißen Enten. + +Altenroda! Wie mich die Sehnsucht quält, dich wiederzusehen, dir zu +sagen: »Siehe, ich lebe auch noch. Laß mich wieder einmal durch deine +alten Straßen gehen!« + + * * * * * + +Heute wollte ich zu dir hinfahren. Es ist nicht weit. Als ich auf den +Hauptbahnhof meiner großen Stadt kam, standen Maschinengewehre davor. +Irgendwo, auf einer entfernten Gasse war wildes Geschrei. Ein Beamter +kam und sagte, es sei Eisenbahnerstreik; die Züge führen nicht. Traurig +ging ich heim. Ich durfte nicht nach Altenroda. + + * * * * * + +Deine Kinder bekommen alle das Heimweh, wenn sie von dir ferne sein +müssen -- auch ich habe das Heimweh nach dir. Und wie man nicht nach +Sünden seines Vaters oder seiner Mutter fragt, sondern ihr Bild heilig +und unversehrt im Herzen bewahrt, so mag ich nicht fragen, ob auch +dir, Altenroda, der Krieg die Jugend nahm, ob auch dir die Revolution +das Glück ermordete. Ich sehe dich im Lichte alter Zeit, friedlich und +schön, waldfrisch und heimlich. + +Ich kann nicht zu dir, weil die Züge nicht fahren. Aber ich will +mich hinsetzen und alte Erinnerungen an dich aufschreiben. Dann bin +ich bei dir -- in dir. Ich baue mir rasch ein weißes Luftschiff mit +silbernem Propeller, darauf fahre ich zu dir hin im Sonnenscheine unter +dem schweigenden Himmel. Schwalben umzwitschern mich, Störche ziehen +flügelschlagend vor mir her; vom Bienenstocke meines Vaters steigt die +Frau Königin mit ihrem Gefolge auf und bringt mir einen Gruß; dort über +den Bergen des Ostens blinkt schon der frühe Mond. + +Es geht über die alte Heimaterde. Der Hahn vom Kirchturme glitzert +herauf, die Wälder wogen tief unten wie blaue Teiche. Wie Fußschemel +sind die Berge; aber ich bin ein Kind, meine Beine sind zu kurz, die +Schemel zu erreichen; sie baumeln in freier Luft. Von unten her singen +Lerchen wie Kanarienvögel, die am Fußboden sitzen. Die Glocken klingen +aus der Tiefe. Kinder sehen mein Schiff, zeigen nach oben und jauchzen. +Sie rufen herauf: »Du! Du! -- Laß mich ein Stückchen mitfahren!« + +So fahre ich gen Altenroda. + + * * * * * + +Von ungefähr greife ich aus der Weste einen Taschenkalender heraus. +Welches Datum haben wir? Den 6. Juli 1913. Aha, das ist mein +vierzigster Geburtstag. Es ist also doch nicht wahr, daß ich nahe der +»50« bin, es hat auch gar keinen Weltkrieg von 1914 bis 1918 gegeben. +Das waren nur böse Träume. Es ist erst der 6. Juli 1913. Der Kalender +muß es wissen. + +Gott sei dank! Erst 1913. Nun werde ich in Altenroda mitten in den +Frieden hineintreffen und keine Trauer- und Angstgesichter, wohl aber +die alte deutsche Ehre und das alte deutsche Glück finden. + + * * * * * + +Da ist schon der Gipfel des Ochsenkopfes. Vom Aussichtsturme der +Bergbaude weht die schwarzweißrote Fahne. Es muß wohl ein Festtag +sein, daß sie geflaggt haben. Vom Ochsenkopfe herab hat einmal ein +Köhler eine ganze Stadt zuschanden geraucht -- huhu! Und dort oben sind +jetzt immer die Volksfeste. Am Abhang des Berges stand in alter Zeit +der Galgen; jetzt ist eine lustige Wiese dort. Alle Tyrannen der Welt +werden am Ende lächerlich; auf dem Schindanger grasen die Gänse. + +Nun eine Biegung; ich bin über dem Flusse, über der Poststraße, über +der bunten Aue. Links vor mir liegt der meilenweite Eulenwald. Auf der +Straße marschiert junges, buntmütziges Volk. Gymnasiasten sind es, die +in die Ferien wandern. Sie singen, jubeln und -- rauchen. Aha, daher +hatte der Ochsenkopf geflaggt. Die großen Ferien beginnen. Da freut +sich die ganze Stadt mit den Kindern und feiert ein Fest. + +Nun der Rathausturm, die Kirchtürme, der Schuldturm, das hohe, +spitzgiebelige Dach der Kranich-Apotheke -- ich bin da! + + * * * * * + +Ich muß zu allererst nach dem »Goldenen Löwen«, muß mich bei Vater +Speer anmelden. Wie kann er ahnen, daß ich komme? + +Er hat es aber doch geahnt, eilt mit entgegen, soweit er mit seinen +zweihundertfünfzig Pfund eilen kann, schiebt das Käppchen auf dem Kopfe +hin und her, lacht und sagt: + +»Ich dachte mir's schon. Mit Ihnen geht mir's wie mit dem Wetter. Ich +merke die Ankunft vorher in den Knochen.« + +»Wenn's nur kein Reißen ist, Vater Speer.« + +»Nö, nö! Das Wetter ist ja sehr schön heute.« + +»In Altenroda ist immer schönes Wetter.« + +Er lacht sein gutmütiges Meckern. + +»Haha, da ist er kaum rein zur Stadt und sagt schon wieder was +Lächerliches. Immer schönes Wetter! Da hätten Sie mal den Sturm am 17. +April erleben müssen. Die halbe Stadt abgedeckt. Da war gerade der +August Stumpe da ...« + +»Ach der! Den habe ich neulich den »Tristan« singen hören. Herrlich!« + +»Wie er den Christian singt, weiß ich nicht; aber das weiß ich, daß +er am 18. April nach dem Sturme auf die Häuser rauf ist und Dächer +geflickt hat vom Morgen bis in die sinkende Nacht.« + +»Ein guter Sänger!« sage ich in Erinnerung an einen schönen +Theaterabend. + +»Ein guter Dachdecker,« sagte Vater Speer in Erinnerung an den Sturm. + +»Der Stumpe -- so so -- der war da. Ja, die Altenrodaer Kinder hängen +an ihrer Stadt.« + +»Gehört sich auch! Nur der Cyrill ist nicht mehr dagewesen. War +wohl doch ein bißchen obenhinaus und konfuse. War ja aber kein +Einheimischer.« + +Die Häuser sind mit Fahnen, Girlanden und Tannenreis geschmückt. + +»Das ist wohl wegen des Ferienanfangs?« + +»Jawohl. Na, es ist doch ein Festtag. Die Schützengilde macht heute +Umzug und abends ist bei mir ›Sommernachtstraum‹ im ›Löwen‹. Früher +hieß es ›italienische Nacht‹. Aber das haben wir abgeschafft; wir sind +ja wohl keine Italiener.« + +»Nein, Vater Speer. Sind die Hullah-Araber noch auf dem Gymnasium?« + +»Nein, Gott sei dank nicht. Das waren, weiß Gott, die größten +Vagabunden, die wir hier auf der Schule gehabt hatten. Haben im März +alle ihr Abitur gemacht, alle bestanden und sind nun fort nach den +Universitäten.« + +»Das freut mich!« + +»Mich auch! Und die ganze Stadt freut's! Daß sie fort sind! Das sind, +darauf nehme ich Gift, die Burschen gewesen, die mir zur Nachtzeit +immer die leeren Fässer aus dem Hofe nach dem Marktplatz rollten und +die den Fuhrleuten vor dem ›Löwen‹ die Pferde ausspannten. Und wegen +der Promenadenesel von damals habe ich auch meinen Verdacht. Sie wissen +schon -- wegen Hero und Leander!« + +Wir gehen ein Stückchen weiter. + +»Der gute Vater Ansorge ist also tot?« + +»Leider!« sagt der Löwenwirt düster. »Viel zu früh! Erst siebzig! Er +hat der Stadt sein ganzes Vermögen vermacht.« + +»Und +Dr.+ Schicketanz auch?« + +»Der auch! Liegen beisammen. Wird sich auch so gehören.« + +»O, der Tod!« + +»Ja, der Tod!« + +Vater Speer spuckt gerade aus, als ob er dem Tod ins Gesicht treffen +wollte. + +Im Sonnenschein liegt die Krumme Straße, die ein wenig bergauf +führt. An den Häusern sind Söller und Balkone, vor den Türen stehen +grüngestrichene Bänke. Das Pflaster ist holperig. Selbst Herr +Ansorge, der große Wohltäter der Stadt, hat nicht haben wollen, daß +neumodisches, glattes Pflaster käme. »Solches Katzenkopfpflaster«, hat +er gesagt, »gehört zur kleinen Stadt. Es macht ihm seine Marktmusik. +Ohne Rumpeln kein fröhlicher Markt.« + +In den Hausgärten hängen die Kirschbäume voll goldener Fruchtkugeln. In +den zahlreichen Starkästen hausen Sperlinge. Speer weist darauf hin und +brummt: + +»Wer in einem Obstgarten Starkästen aufhängt, ist so dumm wie einer, +der in der Vorratskammer Mäusenester anlegt.« + +»Aber, Papa Speer, Sie haben ja wohl in Ihrem Garten auch viele +Starkästen?« + +»Leider! Die Dummen werden nicht alle!« + +Die Leute, die in den Türen stehen oder uns begegnen, reichen uns die +Hände und plaudern mit uns. Man kommt in Altenroda langsam vorwärts. +Mein Gedächtnis wird bewundert, weil ich noch weiß, daß die kleine +Friedel zugleich Scharlach und Diphtherie hatte, und daß +Dr.+ +Schicketanz sie rettete, und weil ich mich erkundige, ob der geblumte +Rock sich gut getragen habe, den die Großmutter nach langem Rechnen und +Zaudern um eine Mark und zwanzig Pfennige das Meter gekauft hatte. + +Wir kommen am »Weißen Roß« vorbei. + +»Wie geht es dem Wirt?« + +»Schlecht! Hat zu hohe Preise. 1911er Zeltinger verkauft er die Flasche +für zwei Mark und fünfundzwanzig Pfennige. Das kann kein Mensch zahlen. +Die Gäste verkrümeln sich. Ich habe diesem Roß von Roßwirt gesagt: +›Ich verschenke den Zeltinger für zwei Mark; gib du ihn für eine Mark +und neunzig Pfennige und du hast die Gäste.‹ Er kann's nicht tun, hat +den Wein selber mit zwei Mark in der Hand. Saure Schnauze gehabt beim +Einkauf. Kommen Sie, wir wollen die Konkurrenz was verdienen lassen.« + +Wir kehren ein und lassen die Konkurrenz was verdienen. Im Lokal sitzt +ein dürres Männchen mit einer Brille auf der Nase. Es wird von Vater +Speer auffallend schlecht behandelt. + +Draußen frage ich: wer der Dürre sei. + +»Ach der,« knurrt Speer; »der ist ein schlechter Kerl. Ein Berliner. +Früher ist er Archivrat gewesen, und bei seiner Pensionierung ist er +leider auf den Gedanken verfallen, nach Altenroda zu ziehen. Jetzt +kriecht er auf den Bodenräumen des Rathauses rum, stöbert in alten +Pfarr- und Innungsbüchern und schreibt blecherne Artikel. Wütend sind +wir auf den!« + +»Was schreibt er denn?« + +»O, der hat zum Beispiel geschrieben, die Stadt Wenighofen sei gar +nicht von unserem Köhler zuschanden geraucht, sondern im Hussitenkriege ++anno+ Vierzehnhundert so und so viel zerstört worden. Denken +Sie, wenn das die Kinder lesen! Das ist, als wenn sich ein Kerl zu +Weihnachten vor die Kleinen hinstellt und ihnen sagt: ›Es gibt gar kein +Christkind; der ganze Plunder, über den ihr euch so freut, ist aus dem +Warenhause.‹ Eine Roheit ist so etwas. Auch die Geschichte vom Meister +Michael und seiner Wunderuhr hat er angezweifelt. Er hat gesagt, das +hätte sich gar nicht bei uns, sondern in Olmütz zugetragen. Er saß bei +mir im ›Löwen‹, als er das behauptete.« + +»Was haben Sie denn darauf erwidert?« + +»Ach, erwidert hab' ich gar nichts; ich hab' ihn bloß rausgeschmissen.« + +Aus der Gerbergasse tönt Kinderlärm. Eine ganze Schar ärmlich +gekleideter Buben und Mädchen tollt dort herum. + +»Sehen Sie,« sagte Vater Speer, »drei Viertel von diesen Radaumachern +sind direkte Nachkommen von Paul Distelfink, Enkel oder Urenkel. Na, +Sie kennen ja die Geschichte von Ansorge und Distelfink und der dummen +Emma. Ja, ja, lauter Distelfinken! Wenn das so weiter geht mit dieser +Familie Distelfink, ist Altenroda in sechzig Jahren eine Großstadt. +Und ein Mann wie Ansorge muß sein Leben lang einsam bleiben und erhält +keinen Erben!« + +Seit einigen Minuten ertönt Glockengeläute. Nun begegnen wir einem +Leichenzuge; gerade an der Marktecke zieht er an uns vorüber. Vornweg +ein mit schwarzen Schleiern geschmücktes Kreuz, dann etwa vierzig +Schulkinder, die unter Leitung ihres Kantors ein Begräbnislied +singen, hellstimmig, krähend, fidel, als ob es zu einem Schulausfluge +ginge; dann ein blasser, junger Geistlicher, der in einem Gebetbuche +liest, vor ihm rotbäckige Ministranten mit Weihbrunnen und Rauchfaß, +äußerlich würdig, aber die Augen rechts und links werfend; dann der +Sarg, von sechs Männern getragen, denen die Zylinderhüte schief +auf dem Kopfe sitzen und die Zitronen in der Hand tragen; dann +schwarzgekleidete Leidtragende und zuletzt viel Volk. Die meisten Leute +des Trauergefolges machen gleichgültige Gesichter; manche schwätzen +miteinander. + +»Der alte Kesselschmied Mentke,« flüstert mir Speer zu. »Dreiundachtzig +Jahre alt. Der Tod war eine Erlösung.« + +Einem Begräbnisteilnehmer ist sein Hund nachgelaufen gekommen, ein +schöner Dobermann. Umsonst versucht der Mann, durch zischelnde, zornige +Befehle, durch Drohen mit dem Regenschirme oder scheinbares Aufheben +eines Steines das Tier zur Rückkehr zu bewegen. Er erreicht nur, daß +sich der Dobermann als Letzter dem Trauerzuge anschließt. + +Vater Speer und ich haben unsere Häupter entblößt, als der Sarg +vorbeigetragen wird, und gehen nun langsam auf dem Bürgersteige +mit, begleitet von einer Kinderschar. Eine Arbeiterfrau gibt ihrem +Sprößling, der seinen Reifen neben dem Sarge hertreibt, eine gewaltige +Ohrfeige. So geht der Schlingel jetzt bitterlich weinend, die +schmutzigen Fäustchen in die Augen gebohrt und den Reifen um den Hals +gehängt neben dem Sarge her als der Betrübteste im Zuge. + +Alle Türen öffnen sich. Käufer und Verkäufer treten aus den Läden und +entbieten dem toten Kesselschmiede einen letzten Gruß. Nur der Barbier +mit seinem Streichriemen und seinem eben eingeseiften Kunden hätten +sich lieber nicht in der Türe zeigen sollen. + +Von der Berliner Straße her, die am anderen Ende des Marktplatzes +mündet, tönt schmetternde Musik. Die Schützengilde marschiert an; +die Kapelle spielt einen wirbelnden Marsch. Plötzlich bricht die +Musik ab. Der Kapellmeister hat den Begräbniszug erblickt. Er spricht +leise auf die Musiker ein, und als der Sarg vorbeigetragen wird, läßt +er, ein Protestant, ob es auch ein katholisches Begräbnis ist, den +herrlichen Choral spielen: »Meinen Jesum lass' ich nicht; Jesus wird +mich auch nicht lassen«. In strammer militärischer Haltung steht die +Schützengilde und die Fahne senkt sich vor dem alten Kesselschmiede. + +Als der Zug schon um die nächste Biegung und nichts mehr davon zu sehen +ist, steht die Gilde immer noch da. Der Kapellmeister überlegt, wie er +in die so jäh unterbrochene Freudenstimmung musikalisch zurückfinden +könne. Etwas Lustiges muß es wieder sein; denn dafür ist Schützenfest; +aber es soll doch an das eben gehabte ernste Erlebnis angeknüpft, etwas +Schickliches zur Überleitung gefunden werden. So läßt der Kapellmeister +spielen: »Muß i denn, muß i denn zum Städele hinaus« und dann in die +Hohe Gasse nach dem »Löwen« einbiegend: »Freut Euch des Lebens, weil +noch das Lämpchen glüht ...« + +Da habe ich wieder ein echt Stück Altenroda erlebt. Es ist nichts, +was mich an diesem Leichenbegängnis mit seiner Mischung von Wehmut, +Feierlichkeit und Humor gestört hätte. So ist Altenroda, so ist +schließlich das ganze Leben -- neben den Särgen der Alten treiben die +Kinder ihre Reifen, blasen die Musikanten. + +Ich denke daran, daß der alte Mentke nun für immer zum Städele hinaus +muß, in dem er über acht Jahrzehnte lebte. Glückliche Reise in die +große Ferne! Alter Mentke, gelt, es war schön in Altenroda! + +Mein Begleiter Speer räuspert sich. + +»Weiß der Himmel,« sagt er, »wenn ich ein Begräbnis gesehen habe, muß +ich immer was trinken. Es ist mir stets nicht ganz lauter um den Magen. +Gehn wir mal zum Apotheker.« + +Dazu bin ich gern bereit. Der Apotheker ist mein Freund seit langem. Er +ist einer der angesehensten Bürger, in vielerlei Wissen erfahren, sehr +musikalisch, als Sänger kunstgerecht ausgebildet, etwas streitsüchtig, +aber im ganzen eine goldene Seele. Über der Tür seiner Apotheke funkelt +ein goldener Kranich, das hochgiebelige Haus ragt stattlich in die +Luft. Hinter dem Geschäftsraume der Apotheke ist eine Trinkstube, die +der Apotheker, der von Hause aus Oberösterreicher ist, den »Giftgadern« +nennt. »Gadern« ist ein durch ein »Gatter« abgeschlossener Raum. + +Der Apotheker mich sehen, an der Hand fassen und in den Gadern ziehen, +das geschieht alles in Sekunden. + +»Freut mich, Sie zu sehen!« oder auch nur »Guten Tag!« sagt er nicht. +Er hält das für selbstverständlich und haßt Phrasen, die ja meist doch +rein gar nichts bedeuten. + +Der Giftgadern der Kranich-Apotheke zu Altenroda ist -- glaube ich +-- eine der verrücktesten Trinkstuben der Welt. Ein Panoptikum. +Einmal ist einer, der im Gadern auf einem Sofa über Nacht blieb und +in bleichem Mondlichte aufwachte, in Schreikrämpfe verfallen. In +einer Ecke steht ein Totengerippe. Daneben hängt auf der einen Seite +das Bild einer alten Zigeunerin, auf der anderen ein Gemälde, das +ein hoch talentierter futuristischer Maler gestiftet hat und das die +»Maul- und Klauenseuche« darstellt. Ich glaube, daß dieses Gemälde das +Allerschrecklichste im Giftgadern ist; wer es angeschaut hat und bei +gesunden Nerven geblieben ist, erschrickt vor nichts mehr im Leben. +In einer anderen Ecke steht ein Ritter in Originalrüstung. Auf seinem +Schilde ist eingraviert: +Qui bene bibit bene dormit, qui bene dormit +non peccat, qui non peccat venit in coelum, item qui bene bibit venit +in coelum.+ (Der Archivar aus Berlin hat diese Inschrift als eine +nachträgliche Fälschung erklärt und darf daher nicht mehr in den Gadern +kommen.) + +Die Wände sind bis an die Decke mit Bildern, Konsolen, Urnen, +Kriegstrophäen bedeckt, alles in erstaunlichem Durcheinander, so +daß eine Karikatur Napoleons I. neben dem Bilde einer neuzeitlichen +Berliner Theaterdiva hängt und eine (auch vom Archivar angezweifelte, +aber trotzdem echte) Tabaksdose Friedrichs des Großen auf einer +Konsole neben einem in ein ganz modernes Glaskästchen eingeschlossenen +Bleistiftlein liegt, mit dem der Dichter Geibel angeblich das schöne +Lied: »Der Mai ist gekommen« geschrieben haben soll. + +»Ordnung,« sagte der Apotheker, »ist in einem Giftgadern nicht zu +fordern. Außerdem, wer sollte auch Zeit und Lust genug haben, hier +Ordnung zu machen? Wem's nicht paßt, der bleibt draußen.« + +Der Mann hat recht: die Erde und ihre Zeit und ihr Raum sind winzig wie +ein Stäublein, das im Winde fliegt. Homer und Geibel sind Zeitgenossen, +Altenroda und Peking liegen dicht beieinander. + +Im Giftgadern sitzen drei Männer, alte Bekannte von mir. Keiner läßt +sich durch meine Ankunft in der Unterhaltung stören. + +Denn das hat der Apotheker heraus: nichts stört in einer Gesellschaft +mehr, als das ständige »Guten Tag« und »Ade« sagen. Sitzen Leute +zusammen und unterhalten sich gerade gut, kommt ein neuer hinzu, reicht +jedem die Hand: »Guten Tag, Herr Schulze!« -- »Guten Tag, Herr Müller!« +-- »Guten Tag, Herr Lehmann!« -- so hat er mit seinem nichtssagenden +Grüßen die Unterhaltung gestört, das feine Geflecht der Behaglichkeit +zerrissen. Und sind die Maschen wieder geschlungen, steht einer auf, +reicht jedem die Hand und sagt: »Gute Nacht, Herr Müller!« -- »Gute +Nacht, Herr Schulze!« -- »Gute Nacht, Herr Lehmann!« so ist er allen +durch die Unterbrechung lästig. Sinn und Zweck hat so etwas nicht. +Im Giftgadern hängt an einer Strippe eine Hand herab, die in feinem +Glaceleder steckt. Wer kommt, schüttelt diese Hand (soll für alle +heißen: »Guten Tag!«), wer geht, schüttelt die Hand (heißt für alle +»Auf Wiedersehen!«). Oben an der Strippe ist ein Läutewerk, das bimmelt +leise bei Ankunft und Abgang. + +Ich stehe nun da und schüttele die künstliche Hand. Der Apotheker neben +mir fragt: + +»Nun, was ist zuerst gefällig: Mundwasser, Gurgelwasser oder +Zahntropfen?« + +»Zahntropfen!« sagt mein Begleiter Speer. »Hab's Begräbnis mitmachen +müssen, da ist mir nicht lauter um den Magen.« + +»Dreimal Zahntropfen!« ruft der Apotheker in die Apotheke hinaus, und +es erscheinen drei Gläser Kognak. Hätte er »Gurgelwasser« bestellt, so +wäre Bier gekommen, bei »Mundwasser« aber Wein. Der Apotheker hat diese +Decknamen eingeführt, weil er seine Reputation wahren muß. Wenn er eine +Bestellung aus dem Giftgadern hinausruft in die Apotheke, dann muß das +einen pharmazeutischen Anstrich haben, damit die Kunden draußen kein +Ärgernis nehmen. + +Allerhand Fallen sind im Giftgadern. Wer so kindisch ist, an dem Seile +der kleinen Glocke zu ziehen, die an der Wand hängt (und fast jeder +Neuling ist so kindisch!) der zahlt eine Auflage, ebenso, wer auf +der Laute klimpert, die daliegt (und fast jeder Neuling klimpert). +Auch muß der, welcher sich auf einen Hocker setzt, der ein verkapptes +Musikinstrument ist und »Trink'n wir noch ein Tröpfchen« spielt, diese +hinterlistig erpreßte Aufforderung wahr machen. + +Beileibe keine Nebberei! Einen gastfreundlicheren Wirt als den +Apotheker gibt es in ganz Europa nicht. So darf zum Beispiel der, +der das erste Mal in den Giftgadern kommt, für seine Zeche überhaupt +nichts bezahlen. Niemand hat dieses »Recht des ersten freien Tages« +mißbraucht, jeder ist wiedergekommen und hat sich »revanchiert«. + +Nur einer hat es anders gemacht. Der ist in Abwesenheit des Apothekers +in den Giftgadern gekommen, hat einmal, zweimal, dreimal gut gegessen, +siebenmal gut getrunken, feine Zigaretten verlangt, hat dann gesagt: +»Ich bin das erste Mal hier, also zahle ich nichts, danke bestens! +Mahlzeit!« ist gegangen und nie wieder gekommen. Das war ein Berliner. +Selbstverständlich war das ein Berliner! + +Sechs Wochen lang hat ganz Altenroda auf diesen »Schmierfink« von +Berliner geschimpft. In der siebenten Woche kam ein Brief aus Berlin: +»Nachdem jetzt wohl genug auf den Berliner geschimpft worden ist, zahlt +er seine Schuldigkeit.« Schickt der Mann den Betrag seiner Zeche und +ein hochanständiges Trinkgeld dazu für die Bedienung. Ganz Altenroda +war betroffen. Ganz Altenroda schämte und ärgerte sich und schimpfte +dann aufs Neue auf den Berliner, der eine angebotene Gastfreundschaft +bezahlt hatte. + +»Das können Sie glauben,« sagte Vater Speer damals zu mir, »Berlin ist +eine Stadt von lauter Lauseigeln.« Ich wagte nichts zur Verteidigung +der Berliner zu sagen, dazu bin ich Vater Speeren gegenüber zu +furchtsam. Und dann hatte ich die ganze Geschichte selbst mit erlebt, +hatte selber mit geschimpft und war dann ob des Benehmens des Berliners +auch selbst mit »betroffen« gewesen. + +Mein herrlicher, nun verewigter Freund Ansorge sagte damals milde: + +»Man soll nie schimpfen; denn erstens hat es keinen Zweck, zweitens +steht es einem schlecht zu Gesichte, und drittens ärgert man sich +hinterher immer darüber, daß man sich geärgert hat.« + +Ja, ja, lieber, ehrwürdiger Freund, solltest halt noch leben! Solltest +nicht zu den Toten gegangen sein. Solltest jetzt wie einst mit im +Giftgadern sitzen. Da würdest du mild auf die Freunde einwirken, die +auf den Archivar schimpfen, der aus Berlin gekommen ist und sich +ungehörig um die Geschichte der Stadt Altenroda kümmert. + +Sie freuen sich doch, die alten Kumpane, daß ich gekommen bin. Sie +fragen natürlich nach vielem aus der großen Stadt. An die Großstadt +denken sie oft mit einem Schauer wie an ein sündiges Babel und haben +bei diesem Schauer immer eine heftige Sehnsucht, hinzufahren. Das ist +halt so. + +Es werden wirtschaftliche Fragen erörtert. Die Bauern wuchern +neuerdings furchtbar, wird mir geklagt. Für ein Pfund Butter haben sie +eine Mark und dreißig Pfennige verlangt, für ein Ei nehmen sie, ohne +vor Scham in die Erde zu sinken, acht Pfennige. Da kann sich ja auch +ein begüterter Mann zum Frühstück nicht mehr seine drei Eier gönnen. +Der Hering kostet zwölf Pfennig, Schweinefleisch ohne Knochen schon +neunzig! Traurige Zeiten! + +Der Zentner Kohle gilt eine Mark und zwanzig Pfennige. Die Bergleute +werden immer frecher. Ein achtzehnjähriges Dienstmädel verlangt +mir nichts dir nichts fünfzehn Mark pro Monat und jeden zweiten +Sonntag frei; die Schullehrer wollen mit eintausendfünfhundert Mark +Jahreseinkommen nicht mehr zufrieden sein. Ja, wohin soll denn das noch +führen? + +»Ach,« sagt der Apotheker, »wir sitzen in einem Schlaraffenlande; wir +wissen's bloß nicht!« + +»Sie vielleicht,« höhnte der Kaufmann Nerlich, der das größte +Kolonialwarengeschäft in der Stadt hat. »Wissen Sie, was ich im vorigen +Jahre für Einkommensteuer hab' zahlen müssen? Vierundachtzig Mark! Wo +soll man denn das hernehmen?« + +»Aus der Kasse!« sagt Vater Speer pomadig. + +Nerlich wird wild. + +»Ja, Sie haben leicht in die Kasse zu greifen, wo Sie für den Kognak +fünfzehn Pfennig und für die Zigarre zehn Pfennig nehmen. Was da +bleibt! Und die Portion Mittagessen fünfundsiebzig Pfennig, hehe, feine +Sache!« + +»Ihnen geb' ich Rabatt,« sagt Vater Speer. + +Wenn sich die Stimmung so zuspitzte, schrie der Apotheker allemal in +die Apotheke hinaus: + +»Zahntropfen!« + +Die besänftigten nicht nur die Zähne, sondern auch die Gemüter. Aber +nicht lange. Die Bürger von Altenroda lieben es zu streiten, eine +Eigentümlichkeit, die man in deutschen Landen des öfteren antreffen +kann. Es ging bald wieder los. Nerlich erhitzte sich aufs neue. + +»Was das jetzt auch für eine Schlamperei mit der Eisenbahn ist! Gestern +wollte ich meine Schwiegermutter abholen. Muß ich doch geschlagene acht +Minuten auf dem Bahnhofe warten. Soviel hatte der Zug Verspätung! Ist +das nicht unerhört?« + +»Na,« sagte der Apotheker, »wenn sich die Schwiegermutter um acht +Minuten verspätet hat, dann schreiben Sie doch an die Bahn einen +Dankbrief.« + +Nerlich trank sein »Gurgelwasser« aus. + +»Schwiegermutter hin, Schwiegermutter her. Über solch ernste Sachen +soll man nicht spotten. Ordnung muß sein im Lande! Ordnung! Und Recht +und Billigkeit! Und das ist nicht mehr in Deutschland.« + +Er stand auf, schüttelte die lederne Hand, die an der Decke hing, und +verschwand. + +Schweigen. Jeder grübelte, ob er nun in einer schlechten oder +erträglichen Zeit lebe. + +Der Apotheker und Vater Speer fanden das Leben anno 1913 »erträglich«. + +Der Apotheker sagte zu mir: + +»So, was man arme Leute nennt, das mag's bei Ihnen in der Großstadt +geben, bei uns nicht. Hungern kennt hier keiner, Frieren auch nicht. +Wär noch schöner! Luxus, na ja, das ist nicht, aber was sein muß, +ist da! Bei uns kann jeder achtzig Jahre alt werden, wenn's ihm der +Herrgott von Geburt aus mit in die Knochen gegeben hat, und wenn er +seinen Lebensbrennstoff nicht selbst verliedert hat.« + +Er ging zu einer riesigen Tonurne, die eine Ausgrabung war und die +Asche eines Menschen enthielt, der vor zweitausend Jahren starb. Neben +der Urne stand ein Grammophon. Von diesem ließ der Apotheker das +Deutschlandlied spielen. + + * * * * * + +Eine kleine Welt ist Altenroda. Aber die ganze Welt ist klein; Paris +und Berlin sind Nester wie Altenroda. Die größten Spießer sind unter +denen, die das Spießertum verachten. Außer der Liebe ist nichts Großes +auf der Welt. Es gibt keine großen Reiche, keine große Kunst, keine +großen Männer. An solche Dinge glauben nur Knirpsgehirne. Selbst die +Sonne ist nur ein Flimmerchen. Über ein paar kleine Differenzen, +wie etwa zwischen Goethe und einem Stallknecht, sollte sich niemand +aufregen; beide -- Goethe und der Stallknecht -- sind ganz klein, der +eine ein bißchen kleiner als der andere. + +Groß allein ist die Liebe, die der Odem Gottes ist. Sie läßt uns das +Winzige groß sehen, so daß wir selbst ein Käferlein im Sonnenlichte mit +seligem Entzücken zu betrachten vermögen und mit heimlichem Schaudern +zusehen, wie ein gewaltiger Sperling ein Würmchen auffrißt, oder -- wie +ein Reich durch ein anderes zugrunde gerichtet wird. + +»Sie spintisieren!« sagt Vater Speer, da wir über den Marktplatz gehen. +»Was ist los?« + +Ich sage ihm etliches von dem, was ich eben gedacht habe. + +Speer schüttelt den Kopf. + +»Wegen der paar Zahntropfen braucht man ja nicht gleich auf solche +Gedanken zu kommen.« + +So sagt er und grüßt gleicherzeit devot nach dem Bürgersteige +hinüber, wo der Herr Major daherschreitet, der Kommandeur des hier in +Garnison liegenden zweiten Bataillons des xten Infanterieregiments, +Feldmarschall Graf von Kunsewitz. + +»Haben Sie gesehen, wie freundlich der Major gedankt hat?« fragte Vater +Speer. Er strahlt. Das Offizier-Kasino ist in seinem »Löwen«. Es bringt +zwar bei den Vorzugspreisen, die die Herren Offiziere genießen und bei +den Ansprüchen, die sie machen, nicht viel ein. Aber die Ehre, man +denke, die Ehre! Der Herr Major hat auf Speers Gruß nicht nur gedankt; +er hat direkt mit dem Kopfe genickt. Das tut sonst beim Grüßen kein +Offizier. Beim Militär nickt man nicht mit dem Kopfe. Das sah beinahe +wie Vertraulichkeit aus. Vater Speer strahlt. + +Es sind halt doch große Differenzen zwischen den einzelnen Menschen. +Meine Gedanken von vorhin ... Nun, lassen wir es! + + * * * * * + +Was ist das? + +Jemand kommt und sagt: es sei spät in der Nacht; das Schießen auf der +Straße habe nun aufgehört; es sei Zeit, schlafen zu gehen; auch wäre +der Ofen kalt geworden. + +Schießen? + +Ich habe nichts gehört. + +Und Feuer im Ofen? + +Eben hat sich Vater Speer mit einem bunten Schnupftuch den Schweiß von +der Stirne gewischt. + +Aha -- die täuschen sich; die denken, ich sei in Breslau, es sei Winter +und Revolte. + +Sie täuschen sich. Ich bin in Altenroda; es ist ein friedlicher +Sommertag -- der 6. Juli 1913 -- mein vierzigster Geburtstag. + + + + + Vom Musikleben in Altenroda + + +In friedlicher Zeit, als die Menschen noch nicht so von politischen +Ängsten und Leidenschaften zerrüttelt waren, hatten sie Muße, das Leben +mit Behaglichkeit zu genießen und sich mit allerhand schönem oder +vergnüglichem Nebenwerk das Dasein zu erheitern. Allenthalben blühten +Liebhaberkünste, insonderheit wurde gern gesungen, und so war es auch +in der Stadt Altenroda. + +In dieser Stadt gab es drei Gesangvereine: einen vornehmen, einen +weniger vornehmen und einen gar nicht vornehmen, alles hübsch geordnet +nach Stand und Einkommen. + +Singen konnten alle drei Vereine nicht; aber sie bildeten sich ein, daß +sie es könnten. Ihr Publikum, das zumeist aus Verwandten und Bekannten +bestand, klatschte Beifall, wenn sie ein Konzert gaben, und so war +alles in schöner Ordnung. + +Der Apotheker jener Stadt aber, der ein gewaltiger Bassist war und +den »Schwarzen Walfisch zu Askalon« oder den »Grafen von Rüdesheim« +so machtvoll vortragen konnte wie kaum ein anderer Mensch, warf +sich auf die kritische Seite und störte, wie alle Kritiker, die +künstlerische Ruhe und das Behagen der Sängerwelt. In dem vornehmsten +Gesangvereine, dem er selbst angehörte, der »Harmonie«, krittelte der +Apotheker ständig, war bei den Proben nie zufrieden und wollte immer +alles anders »aufgefaßt« und bis zur Endlosigkeit wiederholt wissen. +Dadurch machte er sich unbeliebt und wurde bei der Generalversammlung +nicht mehr in den Vorstand gewählt, weshalb er aus dem Vereine +ausschied und diesen der mächtigsten Grundsäule des Basses beraubte. +Aber auch mit dem zweitvornehmsten Vereine, dem »Kirchenchor«, +verfeindete sich der Apotheker. Als bei dem zwanzigsten Konzert, das +er in diesem Vereine erlebte, abermals »Der Herr ist mein Hirt« und +»Hebe deine Augen auf« auf dem Programm standen, gähnte der Apotheker +bei einer Pianissimostelle so laut und schmerzlich, daß die ganze +Zuhörerschaft in Lachen ausbrach, wodurch die feierliche Liedwirkung +sehr beeinträchtigt wurde. Der Dirigent des Kirchenchores war so +böse auf den Apotheker, daß er, als er sich bald darauf einen Finger +beschädigte, mit der Eisenbahn nach einer Nachbarstadt fuhr, um dort +ein Schächtelchen Salbe einzukaufen, da er den Apotheker nichts mehr +verdienen lassen wollte. + +Ganz und gar verschüttet aber hatte es der Apotheker mit dem dritten +Gesangverein, welcher »Frohsinn« hieß. Er hatte öffentlich behauptet, +dieser Verein müsse nicht »Frohsinn«, sondern »Verzweiflung« +genannt werden; seine Mitglieder gehörten samt und sonders in die +Korrektionsanstalt. + +Einige Frohsinnsmänner, die über solche Kritik verdrossen waren, +brachten darauf dem Apotheker fast allabendlich ein Ständchen, dessen +Text nur eine einzige Zeile hatte: »Es war einmal ein Apotheker«, +dessen Musik aber die Textworte fugenartig auseinanderzog, zum +Beispiel: »A-a-po-po-the-the-ker-ker«. Der Apotheker war rasend über +diese »Sauerei«, wie er es nannte, konnte es aber nicht hindern, daß +sich immer wieder einige Mitglieder des »Frohsinns« vor seiner Haustür, +über der als Firmenbild ein goldener Kranich war, aufstellten und im +Liede beteuerten, daß einmal ein »A-a-po-po-the-the-ker-ker« war. Die +Fuge über dieses eine Wort war ungefähr eine Viertelstunde lang, worauf +die Sänger, wenn sie nach dem endlosen Gestammle das Wort »Apotheker« +am Schluß doch glücklich und im Zusammenhange herausgebracht hatten, +sich vor dem goldenen Kranich artig verneigten, gleich als hätte der +Beifall gespendet, und ihrer Wege gingen. + +Solche Dinge können ja einem Biedermanne und Kunstkenner das Leben +verbittern ... + +Seit einigen Wochen lebte in Altenroda ein junger Mann namens Cyrill +Dietrich. Die Leute hielten ihn für überspannt. Schon seine Eltern +mußten nicht ganz gescheut gewesen sein, sonst hätten sie ihn doch +lieber Max oder Kurt oder auf sonst einen vernünftigen Namen, aber +nicht Cyrill getauft. Cyrill war früher Postsekretär gewesen; aber er +hatte -- wie sich der Apotheker im Bilde ausdrückte -- die Marken an +die Wand geklebt, war nach Berlin gegangen, hatte dort Musik studiert +und schließlich sein Examen glänzend bestanden. Eine Stelle als +Kapellmeister hatte Cyrill bis dahin aber nicht gefunden, wenigstens +keine, die er anzunehmen geneigt war; denn er hielt viel von sich +selbst und schrieb zurzeit an einer Oper, zu der er sich den Text +selber dichtete. »Ganz wie die beiden Wagner, Vater und Sohn,« sagte +der Apotheker, der einzige, der den jungen Mann ernst nahm, weil er +in ihm außer sich selbst den einzigen musikverständigen Menschen von +Altenroda erblickte. + +Cyrill benahm sich sehr hoffärtig. Der Frau Bürgermeister, die ihm +angeboten hatte, ihrer siebzehnjährigen Else »fortgeschrittenen +Klavierunterricht« zu erteilen, wofür eine Mark und fünfundzwanzig +Pfennige die Stunde gezahlt werden sollten, hatte Cyrill einen +höhnischen Absagebrief geschrieben. Darauf hatte die Frau +Fabrikbesitzer Strümpel, die mit der Bürgermeisterin verfeindet war, +Herrn Cyrill Dietrich sechs Mark für die Stunde angeboten, wenn er +ihre Tochter Thea unterrichten wollte. Cyrill antwortete, wenn er +kein Geld mehr haben werde, wolle er sich bei Herrn Strümpel um eine +Stelle als Fabrikarbeiter bemühen, keinesfalls aber dem Fräulein Thea +Klavierunterricht geben. + +Darauf sagten die Leute in Altenroda, Cyrill sei ein Grobian. Nur der +Apotheker lobte ihn und nannte ihn einen Charakter. + +Jedenfalls hatte sich Cyrill, was seine musikalischen Fähigkeiten +und Kenntnisse anlangte, in Respekt gesetzt. Als die »Harmonie« ihr +nächstes Konzert gab, räusperte sich ihr Dirigent verlegen, als er +Herrn Cyrill im Saale auftauchen sah, und alle Vereinsmitglieder sagten +sich im stillen: Heute heißt es aber sich zusammennehmen und das Beste +bieten. + +Cyrill hörte sich nur die erste Nummer des Konzerts an, dann verließ er +behutsam und mit betroffenem Gesichte den Saal. + +»Der hat genug!« sagte der Apotheker ziemlich laut, was ein Kichern, +aber auch ein verärgertes »Pst! Pst!« zur Folge hatte. Die Sänger auf +dem Podium machten erboste Gesichter und es war, als läge ihnen gar +nichts mehr daran, weiterzusingen. + +Am nächsten Tage suchte der Apotheker Herrn Cyrill auf. »Sie haben +gestern das Konzert der ›Harmonie‹ ostentativ verlassen. Das war nicht +mehr als recht und billig.« + +»Ich wollte die Leute nicht kränken,« erwiderte Cyrill sanft; »ich +hielt es nur nicht länger aus.« + +»Kann ich mir denken, mir denken! Die Leute haben keine Ahnung vom +Singen.« + +»Nein,« sagte Cyrill noch sanfter. + +»Keine Ahnung von Tonbildung oder richtiger Atmung oder Dynamik. So zum +Beispiel singen sie: + + ›~Stüll ruht da Söö, + Die Veeglein schlafähn, + Ein Flistarn nua, du merkst es kahum.~‹ + +Und bei ›Flistarn‹ brüllen sie wie die Stiere. Dabei soll man das +Flüstern kaum merken. Ich danke!« + +Cyrill lächelte nur schmerzlich. + +»Herr Cyrill Dietrich,« nahm nun der Apotheker einen großen Anlauf, +»ich bin gekommen, Ihnen einen Vorschlag zu machen, beziehungsweise +Ihnen eine Bitte zu unterbreiten. Es ist eine Schande, daß das +Musikleben Altenrodas so trostlos daniederliegt. Altenroda ist +doch immerhin eine ansehnliche Stadt: Landratsamt, Gymnasium, +Fabriktätigkeit, neuerdings sogar Garnison. Also da muß etwas +geschehen. Ich hatte mir nun die Sache so gedacht, daß die vier besten +Stimmen hier am Ort zu einem Quartett zusammentreten würden: Sopran, +Alt, Tenor und Baß, daß Sie, Herr Kapellmeister, die Direktion und vor +allen Dingen die Ausbildung des Quartetts übernehmen. Dann würde den +Banausen hier endlich einmal klar werden, was singen heißt.« + +Der Apotheker machte eine Pause und wartete auf eine Antwort. Er +wartete vergebens. Cyrill sah ihn nur düster an. So würde Beethoven +ausgesehen haben, wenn man ihm zugemutet hätte, auf einem Jahrmarkte +Musik zu machen. Nach einer Weile aber öffnete Cyrill doch die Lippen +und sagte mit müder, schleppender Stimme: + +»Herr Apotheker, ich werde Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Es +war einmal ein Kanarienvogel, dem ging es ganz gut in seinem Bauer; +denn er war in der Gefangenschaft geboren. Dann aber kam er in eine +Stadtwohnung, wo in dem Zimmer über ihm Gesangunterricht erteilt wurde. +Nach drei Wochen war der Kanari tot. Er war nämlich leider musikalisch +gewesen. Verstehen Sie, er war musikalisch gewesen, der arme Kanari! +Es ist ein Unglück, musikalisch zu sein, Herr Apotheker; man leidet +schrecklich darunter!« + +Solch abgrundtiefer Hochmut ging nun dem Apotheker doch über die +Hutschnur; er erhob sich also von seinem Stuhle und sagte: + +»Nun, Herr Kapellmeister, da scheine ich ja mit meinen Bestrebungen bei +Ihnen kein Glück zu haben. Ich möchte nur das eine wissen, ob Sie nicht +auch mal Unterricht haben mußten, oder ob Sie schon als Meister vom +Himmel gefallen sind.« + +Cyrill sah ihn ganz verdutzt an und brachte nur zwei Worte heraus: + +»Ja -- ich!« + +»Ja -- Sie -- Sie!« grollte der Apotheker. »Woher wissen Sie denn, ob +die vier, von denen ich sprach, nicht ebenso musikalisch sind wie Sie +und Ihr verstorbener Kanarienvogel?« + +Cyrill staunte über den Apotheker. Dann ging ein Lächeln über seine +Züge, als dächte er bei sich: was für seltsamen Aberglauben gibt es +doch in der Welt. In Altenroda soll es Leute geben, die so musikalisch +sind wie ich. Dieser Gedanke erheiterte Cyrills Gemüt so, daß er fragte: + +»Ich möchte wohl wissen, wer diese großen Talente sind.« + +Der Apotheker kam ein wenig in Verlegenheit. + +»Nun, nun,« sagte er, »ich will ja nicht zuviel behaupten; aber was +das Stimmaterial anlangt, so ist schon alles da, was notwendig ist. +Da ist zunächst die Tochter von unserem Kirchendirigenten. Hat einen +prachtvollen Sopran -- lerchenklar! Technik hat sie keine. Sie kann +nicht piano ansetzen und hat keine Zwerchfellatmung. Atmet einfach +durch die Lungen. Das ganze Korsett wackelt, wenn sie singt.« + +»Sie wissen etwas von Zwerchfellatmung?« fragte Cyrill mit einigem +Respekt. + +»Ach, ich weiß wohl dies und das,« fuhr der Apotheker fort. +»Also Fräulein Liesel Tilgner wäre der Sopran. Ihr Vater kann +mich nicht ausstehen und ich ihn nicht. Aber die Kunst steht +über allem Persönlichen. Dann käme der Tenor. Er ist von Beruf +nur Dachdeckergehilfe. Aber war nicht der große Wachtel früher +Droschenkutscher? Und Slezak, wenn ich nicht irre, Schlossergesell? +Unser Tenor heißt August Stumpe (der wird sich ja wohl ein Pseudonym +beilegen müssen; denn ›Stumpe‹ klingt nicht). Stumpe hat eine +strahlende Höhe. Das +H+ mühelos und crescendofähig. Mittellage +etwas rauh. Schade, daß er ein windiger Hund ist.« + +»Tenöre sind immer windige Hunde; das gehört dazu,« sagte Cyrill, den +die Sache zu interessieren begann. + +»Ja, deswegen braucht einer aber noch nicht dem Verein ›Frohsinn‹ +anzugehören und vor meinem ehrsamen Hause Schweinereien zu singen. +Aber, wie gesagt, die Kunst steht über dem Persönlichen.« + +Damit schloß der Apotheker plötzlich seine Rede. Cyrillen interessierte +nun die Sache wirklich. Durch sein Hirn war der Gedanke geblitzt: Wie +wäre es, wenn ich hier ein Talent entdeckte, ihm die erste Ausbildung +gäbe und dann einem Direktor damit unter die Nase führe? Mein Weg als +Kapellmeister wäre gemacht. + +»Wer sind nun die beiden letzten, der Alt und der Baß?« erkundigte er +sich. + +Abermals kam der Apotheker in Verlegenheit. + +»Ich spreche nicht gern von mir selbst und meiner Familie, es sieht +leicht nach Dünkel und Selbstlob aus. Und ich kann es in den Tod nicht +ausstehen, wenn jemand eingebildet ist. Echte Talente sind bescheiden.« + +Cyrill schüttelte den Kopf. + +»Nein, nein, nur die Lumpe sind bescheiden. Das wußte schon Goethe! Wer +was kann, weiß das auch.« + +»Also,« atmete der Apotheker schwer auf, »der Alt wäre meine Tochter +Sabine, und der Baß wäre ich.« + +In Cyrills Miene trat eine gewisse Säure. Zwei Talente in einer +Familie schienen ihm von vornherein verdächtig. Aber da ihn, wie +schon wiederholt gesagt wurde, die Sache interessierte, forderte er +den Apotheker auf, ihm doch etwas vorzusingen, und wies mit einer +Handbewegung nach einem alten gelben Piano, das der Tante Cyrills +gehörte, bei welcher der junge Künstler wohnte. + +Der Apotheker wurde bei der Aufforderung, zu singen, rot wie eine +Pfirsichblüte. Aber er erhob sich mutig und sagte: + +»Wie ich schon auseinandersetzte, Herr Kapellmeister, an Technik +fehlt's. Man weiß, wie es sein soll, aber man kann's nicht!« + +»Das ist so wie bei den Kritikern,« warf Cyrill ein. + +»Richtig!« stimmte der Apotheker bei, der ein unsinniges Herzklopfen +verspürte. Kurz erwog er, ob er den »Schwarzen Walfisch«, den »Grafen +von Rüdesheim« oder »Es liegt eine Krone im tiefen Rhein« vortragen +solle. Er entschloß sich für das letzte, hochberühmte Lied, da in +diesem seine Gefühlswärme und sein schönes Tremolo am besten zur +Geltung kamen. Als er aber am Klavier saß, wurde das Herzklopfen noch +ärger, und er spürte ein Würgen in der Kehle, das für ein schönes +Tremolo keine guten Aussichten bot. Es hätte leicht ein Meckern daraus +werden können. + +Also präludierte der Apotheker auf dem Klavier ein wenig hin und her +und her und hin, erhob sich dann plötzlich und sagte: + +»Entschuldigen Sie, Herr Kapellmeister, aber ich kann hier nicht +singen, das Klavier ist zu verstimmt.« + +Nun wurde Cyrill rot -- nicht wie eine Pfirsichblüte, sondern wie +reiner Zinnober. + +»Verstimmt?« lachte er etwas albern. »Verstimmt sagen Sie? Natürlich +verstimmt! Greulich! Ich aber -- ich wußte das gar nicht. Die alte +Kommode gehört meiner Tante. Ich spiele natürlich nie darauf. Nie! Ich +habe hier kein anderes Instrument als die Orgel meiner Seele.« + +Mit der letzten edlen Phrase hatte Cyrill seine Haltung +wiedergewonnen. Der Apotheker kehrte langsam nach seinem Stuhle zurück. +Er war ein praktischer Mann, ein Menschenkenner, und so dachte er sich: +Aha, der arme Kerl hat das Geld für den Klavierstimmer sparen wollen +und die Sache selbst versucht -- und da ist eben ein solches Resultat +herausgekommen. Er war boshaft genug, anzufangen vom Klavierstimmen zu +reden. + +Cyrill lehnte sich stolz zurück. + +»Wissen Sie, was das erste Erfordernis für einen sogenannten +berufsmäßigen Klavierstimmer ist? Er darf kein musikalisches Gehör +haben; sonst taugt er nichts.« + +»Nanu!« warf der Apotheker ein. + +»Ja,« sagte Cyrill wieder in seinem hochmütigen Tonfall; »ich kann +das nicht so kurz erläutern. Dazu gehört die ganze Vorkenntnis vom +wohltemperierten Klavier.« + +»Kenne ich!« sagte der Apotheker freudig. »Ein ganzer Ton hat neun +Grade, +cis+ steht fünf Grade über +c+, des nur vier Grade. ++Cis+ ist höher als +des+. Zwischen dem vierten und fünften +Grad gehen diese beiden sozusagen Stiefzwillingsschwestern aneinander +vorbei. Auf dem Klavier aber müssen +cis+ und +des+ gleich +sein. Beide werden mit der gleichen schwarzen Taste getippt. Das ist +ein Gehör-Kompromiß.« + +»Das ist kein Kompromiß,« sagte Cyrill feierlich, »das ist Sudelei. Für +musikalische Menschen eine Qual. Klavier ist Roheit!« + +»Dann ist die Orgel auch Roheit!« warf der Apotheker ein; »dann ist +jedes Instrument Roheit, das festliegende Töne hat und Kompromiß +zwischen +cis+ und +des+ eingehen muß. Dann bestehen nur +Streichinstrumente und menschliche Stimme, die diese Unterschiede +machen können.« + +Cyrill bekam Respekt vor seinem Gegenüber. Dem Apotheker aber schwoll +der Kamm. + +»Halten Sie Paderewski für einen Künstler?« + +»Ja, natürlich!« antwortete Cyrill. + +»Paderewski hat mal bei uns ein Konzert gegeben. Seine königliche +Kunstmajestät verirren sich auch manchmal in eine kleinere Stadt. Also +unsere ›Harmonie‹-Banausen hatten zwar den Mut gehabt, Paderewski +ein Heidenhonorar zu garantieren, aber nicht das Geschick, für ihn +einen anständigen Flügel zu besorgen. Paderewski kommt an -- es war +ein kalter Wintertag -- badet seine Hände eine Viertelstunde lang in +warmem Wasser, probiert dann den Konzertflügel und macht ein Gesicht +wie ein Löwe, der Krautsalat fressen soll. Kurz und gut, ich hatte +damals gerade meinen neuen Blüthner; Paderewski kommt zu mir, ist +zufrieden; ich stelle natürlich den Flügel zur Verfügung, und alles +wurde ausgezeichnet. Damals hat sich Paderewski auch von meiner Sabine +ein Liedchen vorsingen lassen und sie gelobt.« + +Cyrill erkannte, daß er besiegt sei. Mit persönlichen Bekannten von +Paderewski sich zu entzweien, wäre Wahnsinn. + +So bat Cyrill den Apotheker, ihm morgen seinen Gegenbesuch machen und +den Paderewski-Flügel probieren zu dürfen. Es könnte dann gleich das +Weitere wegen des neuzubildenden Quartetts besprochen werden. + +Hochbefriedigt ging der Apotheker nach Hause. Der goldene Kranich über +seiner Tür blitzte stolz im Sonnenschein. + + * * * * * + +Der Apotheker verbrachte eine unruhige Nacht. Es war durchaus nicht +leicht, Fräulein Liesel Tilgner und Herrn August Stumpe, die beide +feindlichen Vereinen angehörten, für ein Quartett zu gewinnen. Zum +ersten Male im Leben wurde der Apotheker, der sonst von grobkörniger +Ehrlichkeit war, zum Heuchler. Er schrieb zwei verlogene Briefe, in +denen er den Adressaten unmäßiges Lob spendete, insonderheit auch +sagte, daß sie in ihren »geschätzten Vereinen« ja schon eine gute +Gesangsvorbildung genossen hätten und nun unter der Leitung des Herrn +Cyrill Dietrich, eines der gefeiertsten und genialsten Dirigenten +Deutschlands, in einem erlesenen Quartett zur letzten Kunstreife +geführt werden sollten. Man wollte sie ihren beliebten und geschätzten +Vereinen natürlich durchaus nicht abtrünnig machen, im Gegenteil würden +diese gewiß eine Förderung erfahren, wenn sie durch ein Mitglied mit +dem in Musikkreisen äußerst einflußreichen Herrn Cyrill Dietrich in +Verbindung kämen. In aufrichtiger vorzüglicher Hochachtung usw. + +Um neun Uhr früh wurde der Laufbursche Fritz beauftragt, die beiden +Briefe zu ihren Empfängern zu tragen. Nach einer Stunde schon war er +zurück, was für den Laufburschen eine anständige Leistung war, da der +Weg, den er zurückzulegen hatte, immerhin unter einer Viertelstunde +nicht zu machen war. + +Fritz berichtete, bei Fräulein Tilgner hätte er den Brief einfach +abgegeben, aber mit dem Dachdecker sei es eine schwere Not gewesen. Der +hätte gerade auf einem hohen Dache geklebt. Da hätte er hinaufgebrüllt, +er solle doch mal runter kommen, der Herr Apotheker schicke ihm einen +Brief. + +»Was hat er gesagt?« fragte der Apotheker begierig. + +»Ach, gesagt hat er gar nichts,« erwiderte Fritz. »Er hat bloß zu +singen angefangen: Es war einmal ein A-a-po-po ...« + +Fritz bekam eine Ohrfeige. + +»Was hast du mit dem Briefe gemacht?« fauchte der Apotheker. + +»Ich bin,« heulte Fritz, »ich bin die Leiter hinaufgestiegen und hab' +den Brief in die Dachrinne gelegt.« + +Da bekam er eine zweite Ohrfeige. + +»Schuft! In die Dachrinne? Und jetzt regnet's! Schreibe ich dafür +Briefe?« + +Fritz machte, daß er hinauskam. Der Apotheker tobte im Zimmer auf und +ab. Nach einer Viertelstunde wurde die Tür aufgerissen, Fräulein Liesel +Tilgner stürmte herein und fiel dem Apotheker jubelnd um den Hals. + +»Ich freu' mich -- ich freu' mich -- ich freu' mich ...« + +»Also Sie machen mit?« fragte der Apotheker befriedigt. »Was sagt denn +der Herr Papa?« + +»Ach der! Der hat es mir aufs strengste verboten. Also, wann gehen die +Übungen an? Ich kann es kaum erwarten. In unserem Kirchenchor ist das +ein greuliches Gequieke.« + +»Allerdings!« sagte der Apotheker, indem er auf den Brief vergaß, den +er erst vor einer Stunde abgeschickt hatte. + +Am Nachmittag kam Cyrill. Er vergaß, den Hut abzunehmen, guckte sich +nur geistesabwesend im Zimmer um, sah den Blüthner-Flügel, ging mit +zitternden, ausgestreckten Armen auf das schöne Instrument los und +spielte in seliger Selbstvergessenheit drei Stunden lang, ohne auch +nur eine Pause zu machen und den Apotheker zu Worte kommen zu lassen. +In der dritten Stunde wurde es dem langweilig, und er ging in den +Giftgadern, um einen Schnaps zu trinken. An der Tür traf er seine +Tochter Sabine. Diese sagte: + +»Das ist ja ein greulicher Kerl. Paß auf, der zerhaut uns noch den +Flügel.« + +»Schweig!« sagte der Apotheker. »Musiker sind so!« + +»Kopfschmerzen hab' ich schon,« schmollte Sabine. »Wenn der es jedesmal +so macht, kann's ein schönes Quartett werden.« + +»Schweig!« sagte der Vater abermals und trank einen zweiten Schnaps. +Dann ging er seufzend nach dem Musikzimmer zurück. + +Nach drei Stunden brach Cyrill das Spiel jäh ab. + +»Haben Sie Notenpapier?« fuhr er den Apotheker an. + +Nein, Notenpapier war nicht im Hause. Da suchte Cyrill verstört nach +seinem Hute, fand ihn aber nicht, weil er ihn immer noch auf dem Kopfe +hatte, und rannte davon. Der Apotheker sah ihm blöde nach. Vom Quartett +war nicht die Rede gewesen ... + +Am Abend dieses Tages kamen verdächtige Gestalten die Friedrichstraße +herab, steuerten über den Marktplatz und stellten sich vor der Apotheke +zum »Goldenen Kranich« auf: August Stumpe, der Tenorist, mit noch acht +Mann aus dem Verein »Frohsinn«. Dem Apotheker, der sie kommen sah, lief +es eiskalt über den Rücken. Jetzt kam wieder jener elende Schandgesang +-- und dann war es mit der Hoffnung, den stimmbegabten Dachdecker für +das Quartett einzufangen, vorbei. Das war also die hohnvolle Absage +auf seine liebenswürdige Einladung. Bleich vor Ärger zog sich der +Apotheker tief ins Zimmer zurück, um wenigstens am Fenster nicht +gesehen zu werden. Doch, wie sollte er alsbald erstaunen! + + »~Stüll ruht da Söö, + Die Veeglein schlafähn ...~« + +Mit schmetternden Stimmen und großer Begeisterung wurde das Lied +gesungen. Und als die Sänger in der letzten Strophe in Donnertönen +beteuert hatten, daß »auch du, auch du wirst schlafen gehn«, gingen sie +noch lange nicht schlafen, sondern sangen: »Wenn ich den Wandra frage +...« und dann: »Ich kenn' ein'n hellen Ödelstein ...« + +Man brachte dem Apotheker ein ernstgemeintes Ständchen. Das sah er beim +dritten Liede ein, freute sich unbändig über das treue deutsche Herz, +das sich da draußen vor seiner Haustür offenbarte, trat ans Fenster, +öffnete es und klatschte stürmischen Beifall, als die Sänger geendet +hatten. Aus jedem Fenster des Marktplatzes hing ein Menschenkopf +heraus. Manche Leute klatschten, manche kicherten leise und hofften, +daß doch noch die Apothekerhymne kommen würde. Aber sie kam nicht, +sondern im Gegenteil: + + »~Unsa Kaisa liebt die Blumen, + Denn er hat ein samft Gemiet ...~« + +Ein paar Hunde eilten herbei und sangen mit. Sie heulten zum +Steinerweichen. Darüber faßte einen Bassisten der Zorn. Er ging hin, +hieb den Bestien sein Liederbuch um die Ohren und vertrieb sie. + +Nach dem schönen Waldmannschen Kornblumenliede trat ein Sänger an das +Fenster heran und hielt folgende Ansprache: + +»Geehrter, geschätzter Herr Apotheker! Indem wir ja eigentlich bis +jetzt einige bedauerliche Differenzen hatten, sind wir gekommen, um Sie +mit einem kleinen Ständchen zu beehren; denn wir haben uns gefreut, +daß Sie in einem Briefe an unsern Freund und Ehrenmitglied, Herrn +Stumpe, unserem geschätzten Vereine Ihre Ehrfurcht ausgesprochen haben. +Wir werden unseren Freund und Ehrenmitglied, Herrn Stumpe, für Ihr +Quartett gern zur Verfügung stellen und in Ihren Konzerten vollzählig +erscheinen. Der Herr Apotheker lebe hoch -- hoch -- hoch!« + +Die neun Männer brüllten, aus manchem Fenster wurde auch mitgebrüllt, +und die Hunde, die sich in eine Seitengasse zurückgezogen hatten, +bellten und heulten. Es war sehr eindrucksvoll. + +Der Herr Apotheker erwiderte, daß er sich über das reizende Ständchen +außerordentlich gefreut habe, und lud die Herren zu einem Gläschen +Wein ins Haus. Die tranken nun im Giftgadern so reichlich, wie es der +Gastfreundschaft des Wirtes und ihrem eigenen Appetite entsprach. + +Der Laufbursche Fritz aber erlebte an diesem Abend noch ein +schmerzliches Abenteuer. Der Apotheker hatte ihn als Eilboten zu +Herrn Cyrill geschickt mit der Siegesnachricht: »Unser Quartett ist +komplett!« Fritz kam ganz entgeistert zurück. Er sagte, Herr Cyrill +hätte ihn erwürgen wollen, weil er ihn beim Komponieren gestört habe. + + * * * * * + +Am nächsten Abend sollte die Tätigkeit des neuen Quartetts durch den +ersten Übungsabend eröffnet werden. Cyrill kam eine halbe Stunde zu +spät, grüßte kurz und setzte sich sofort an den Blüthner-Flügel, allwo +er mächtig zu präludieren anfing. Der Apotheker saß in Angst und +Sorge da, weil er der drei Stunden von gestern gedachte. Er machte +einige Versuche, an Herrn Cyrill heranzukommen, der wies ihn aber mit +drohender Miene ab und versank immer tiefer in ein Meer von Akkorden, +Passagen, Trillern, Stakkaten, Arpeggien und kontrapunktischen +Wogengängen. + +Nachdem Cyrill so dreiviertel Stunden lang gespielt hatte, nahm der +Dachdecker seinen Hut, sagte dem Apotheker ins Ohr: »Ich habe keine +Zeit mehr!« und drückte sich zur Tür hinaus. Der Apotheker versuchte +vergebens, den Sänger am Jackenärmel zurückzuhalten. August Stumpe +hatte »keine Zeit mehr«. Er ging Skat spielen. Der Apotheker war bleich +vor Ärger. + +»Unser Tenor ist fortgegangen!« sagte er laut. + +Cyrill machte eine Pause. + +»Wer ist fortgegangen?« + +»Unser Tenor! Die Übung sollte um acht Uhr beginnen. Jetzt ist es halb +zehn. Herr Stumpe ist ein fleißiger Handwerker, er muß sich seine Zeit +genau einteilen; er hatte keine Zeit mehr zu warten.« + +»So, so,« sagte Cyrill; »nun, wenn er keine Zeit hat, soll er doch +ruhig gehen.« + +Und er begann wieder zu spielen. Da brach jemand in ein schallendes +Gelächter aus. Cyrill fuhr herum. Wer wagte es, in seiner Gegenwart +so unverschämt zu lachen? Ach, er sah in ein blühendes, wonniges +Mädchengesicht; er sah den Frühling, die Poesie, die Schönheit in +Menschengestalt vor sich; er sah eine strahlende junge Göttin. Seine +Blicke verfingen sich, seine Gedanken verwirrten sich, sein Herz +stockte. Bleich saß er auf seinem Klaviersessel. Wieder einmal war aus +heiterem Himmel jener Blitz gefallen, den die Menschen »Liebe auf den +ersten Blick« nennen. + +Endlich ermannte sich Cyrill. Er erhob sich und machte eine ganz +demütige Verneigung. + +»Ich habe leider bisher unterlassen, mich vorzustellen, meine Damen. +Cyrill Dietrich! Ich bitte vielmals um Verzeihung. Wenn ich an die +Musik komme, geschieht es mir wohl, daß ich Raum und Zeit vergesse. +Ich durfte aber unmöglich Ihre Gegenwart vergessen. Ich bitte um +Entschuldigung.« + +Der Apotheker stellte die beiden Damen vor; die größere, etwas massige, +war Liesel Tilgner, die kleine, zierliche, braune war Apothekers +Sabinchen -- die junge Göttin. + +»Schade, daß der Tenor fort ist,« sagte der Apotheker; »wir könnten +sonst jetzt anfangen.« + +»Wo ist er hin?« fragte Cyrill selbstvergessen. »Ist er dachdecken +gegangen?« + +Wieder lachte Sabinchen silbrig auf. + +»O, Gott! Dachdecken in so finstrer Nacht!« + +Der Apotheker sagte, er würde den Ausreißer schon finden und +herbeischaffen. Und nun wurde Fritz, der Laufbursche, abermals +ausgesandt, und zwar nach dem »Bleiernen Hecht« mit der Botschaft, Herr +Stumpe möge kommen; es habe jetzt angefangen. + +Nach einer Stunde kam Fritz mit einem kleinen Rausch, aber nicht mit +dem Tenor zurück. Der Dachdecker und seine Spielkumpane hatten ihm +Schnaps zu trinken gegeben und ließen sagen, zum Singen sei es heute zu +spät. + +Fritzen wurde für den nächsten Morgen eine Tracht Prügel in Aussicht +gestellt, und er ging mit dem bekümmerten Gedanken schlafen, daß es ein +hartes Ding um den Dienst der Kunst sei + +Im Musikzimmer hatte sich Cyrill inzwischen zur »Prüfung der Stimmen« +von dem Apotheker und Liesel Tilgner je ein Lied, von Sabinchen aber +vier Lieder vorsingen lassen. + +Nach dem vierten Liede sagte Sabinchen: + +»Bei mir dauert es wohl am längsten, ehe Sie ein wenig Talent +entdecken?« + +Cyrill sah sie schmerzlich an. + +»Mein gnädiges Fräulein, ich werde kein größeres Glück kennen, als Ihre +goldige Stimme ausbilden zu dürfen. Es wird eine schöne Sache werden um +unser Quartett. Wenn es den Herrschaften recht ist, beginnen wir morgen +mit dem Unterricht pünktlich um acht Uhr.« + +Der Apotheker staunte, daß Cyrill jetzt bereits eine ganze Reihe +vernünftiger Sätze gesagt hatte, und freute sich. + +»Die größte Überraschung werden Sie an August Stumpe erleben,« sagte +der Apotheker. »Er ist zwar ein windiger Hund, aber an Stimmaterial ist +er uns allen über.« + +Am nächsten Abend trat Cyrill Schlag acht Uhr in das Musikzimmer. Er +fand das Quartett vollzählig versammelt vor und ließ sich zunächst +Herrn August Stumpe vorstellen und prüfte dessen Stimme. Stumpe wählte +sich: »Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein.« Als er geendet +hatte, sagte Cyrill: + +»Sie singen nicht -- Sie brüllen! Aber Sie brüllen schön! Sie brüllen +ganz wunderbar!« + +Dann begann der Unterricht. + +»Zunächst,« sagte Cyrill, »müssen Sie stehen lernen.« + +Die Mädchen kicherten. + +»Ja, meine Damen,« fuhr Cyrill ernst fort, »stehen lernen! Sehen Sie +mal, wie Herr Stumpe dasteht, wie er den Bauch vorstreckt.« + +»Ich habe gar keinen Bauch; also kann ich ihn wohl auch nicht +vorstrecken,« knurrte der Dachdecker mißmutig. + +»Bitte keinen Widerspruch. Sie haben, wie alle homines sapientes, einen +Bauch und strecken ihn vor. Außerdem stehen Sie da wie ein Rekrut in +Grundstellung und präsentieren ihr Notenblatt wie ein Gewehr. Das wirkt +häßlich und lächerlich. Stellen Sie abwechselnd mal den rechten und +den linken Fuß etwas vor, haben Sie federnde Leichtigkeit in Füßen und +Knieen, halten Sie die Arme anmutig und pressen Sie vor allen Dingen +Ihren Adamsapfel nicht zu weit heraus. Auch lassen Sie sich die Haare +gut schneiden, den Schnurrbart um drei Viertel verkürzen und putzen Sie +alle Tage dreimal Ihre Zähne, früh, nach dem Mittagessen und vor allen +Dingen vor dem Schlafengehen.« + +Der Dachdecker sah sich nach seinem Hute um und wollte auf und davon. +Doch der Apotheker faßte ihn am Arme und sagte: + +»Hier muß alles deutlich und ohne Rückhalt zur Sprache kommen. Außerdem +sind wir unter uns, und Lehrzeit ist keine Herrenzeit. Ich bitte, Herr +Kapellmeister, mir immer die blanke Wahrheit zu sagen, alle meine +Fehler rücksichtslos zu rügen.« + +Dieser Aufforderung kam Cyrill augenblicklich nach. + +»Sie, Herr Apotheker,« sagte er, »sind viel zu dick. Auf der Bühne +wären Sie höchstens als Falstaff zu gebrauchen; für das Podium sind Sie +unmöglich. Trachten Sie danach, sechzig Pfund abzunehmen.« + +»Aber erlauben Sie,« unterbrach ihn der Apotheker denn doch verärgert. +»Ich glaubte immer, Bassisten dürften ein gewisses Embonpoint haben.« + +»Embonpoint wohl,« erwiderte Cyrill, »aber keinen Speckbauch. Ein +Sänger hat ästhetisch zu wirken, und Speckbäuche sind unästhetisch.« + +Der Dachdecker freute sich über das, was dem Apotheker widerfuhr, +sah ein, daß der Kapellmeister unter den verschiedenen +Gesellschaftsschichten, was seine Grobheit anlangte, keinen Unterschied +machte, und beschloß, sich in Zukunft durch Kritik nicht mehr beleidigt +zu fühlen. + +Mit den Damen verfuhr Cyrill viel höflicher. Er empfahl ihnen, vor +dem Spiegel ihre angeborene natürliche Anmut bis zur größten Wirkung +zu steigern und sich möglichst immer individuell zu kleiden und zu +frisieren, jedenfalls dabei aber auch dem Zeitgeschmack durch eifriges +Studium der apartesten Modezeitschriften Rechnung zu tragen. + +»Und nun, bitte, setzen Sie sich!« + +Cyrill musterte die vier vor ihm Sitzenden und sagte: »Es kommt +vor, daß man auf dem Podium auch mal sitzen muß, z. B. wenn man die +Einzelnummer eines anderen abzuwarten hat. Wenn Sie, Herr Stumpe, dann +mit so weit vorgestrecktem Gebein dasäßen wie eben jetzt, würden die +Konzertbesucher der ersten Reihe befürchten, Sie wollten ihnen ins +Gesicht treten.« + +Der Dachdecker zog erschrocken seine Pedale ein und sah sich wieder +nach seinem Hute um. + +»Sie werden zunächst sprechen lernen,« fuhr Cyrill fort (ohne daß +jemand lachte). »Erst muß man sprechen können, dann erst kann man +singen lernen. Von hundert Sängern, die in Deutschland singen, kann +nicht ein halber richtig sprechen. Ist es Ihnen schon aufgefallen, daß +ein guter Schauspieler, der etwa bei einer Sterbeszene auf der Bühne im +leisesten Flüstertone spricht oder singt, im vierten Stock oben auf der +Galerie richtig verstanden wird, während einen sogenannten Volkssänger, +der keine Ahnung vom Sprechen hat, oft die Nahesitzenden schon nicht +verstehen, auch wenn er brüllt, daß ihm beinahe die Lungen platzen? Das +macht die vorhandene oder fehlende Sprechtechnik. Wir fangen natürlich +ganz von vorne an, mit der lautreinen Aussprache der Vokale: a, e, i, +o, u. Herr Apotheker, sagen Sie ›a‹!« + +Der Apotheker sagte »a«. + +»Sagen Sie wiederholt ›a‹ hintereinander.« + +Der Apotheker wurde rot, und auch der Dachdecker dachte sofort an die +Apothekerhymne, die er ja so oft mitgesungen hatte. + +»A--a--a--a--a,« sagte der Apotheker mit Todesverachtung. + +»Nun sagen Sie wiederholt ›a‹, Herr Stumpe!« + +Stumpe sagte: »A--a« und mußte sehr an sich halten, daß er nicht, wie +gewohnt: »popo -- thethe -- kerker« dazusetzte. + +»Nun, meine Herrschaften,« griff Cyrill wieder ein, »haben Sie ein ›a‹ +gehört? Nicht ein richtiges ›a‹!« Der Herr Apotheker sagt ein Gemisch +von ›a‹ und ›o‹, weil er die Zunge zu hoch wölbt, Herr Stumpe sagt +›ä‹, weil er den Mund zu breit macht und zu wenig öffnet. Bei beiden +kommen die Vokale gequetscht aus der Kehle. O, diese Kehltöne -- dieses +Gutturale! Wenn es möglich wäre, müßte man allen Gesangsschülern die +Gurgel abschneiden, damit sie das Kehlsprechen verlieren, das der +Tod allen Sprechens und Singens ist. Vorn an den Zähnen wird der Ton +gebildet, nicht hinten, da, wo die Mandeln rötlich blühen.« + +Die vier Gesangsschüler sahen beschämt und betroffen vor sich nieder, +während Cyrill mit dem Fünfzackenkamm der rechten Hand seine Haarmähne +durchharkte. + +»Bitte, Fräulein Tilgner, sagen Sie ›a‹!« + +Liesel Tilgner war ganz verängstigt und sagte: + +»Ich kann es nicht!« + +»Sehen Sie,« triumphierte Cyrill, »bisher haben Sie geglaubt, Sie seien +eine Sängerin und könnten Gott weiß was für schwere Lieder singen, +und nu können Sie nicht einmal ›a‹ sagen. Aber die Erkenntnis seiner +Unzulänglichkeit ist der Kreuzpunkt, von da aus die Straße nach oben +führt.« + +Nach dieser Sokratischen Sentenz machte Cyrill eine Pause, damit alle +Anwesenden über sein Wort nachdenken könnten. Dann wiederholte er: + +»Und nun, Fräulein Tilgner, sagen Sie ›a‹.« + +Liesel Tilgner sagte ›a‹. + +»Es ist ›ä‹,« urteilte Cyrill düster; »›ä‹ wie bei Herrn Stumpe. -- +Darf ich nun Sie bitten, Fräulein Sabine?« + +Sabinchen lachte erst etwas geniert, dann sagte sie klar und deutlich +›a‹! + +Cyrill klatschte in die Hände. + +»Herrlich! Kristallklar! Direkt echt! Bühnenecht! O, bitte, Sie müssen +in diesem Falle unser Vorbild sein. Vielen Dank, Fräulein Sabine! Und +nun kommt das Experiment. Fräulein Sabine! Sie müssen also sozusagen +unser Anschauungsmaterial sein. Bitte, stellen Sie sich dicht an den +Kronleuchter. Und Sie, Herr Apotheker, kommen Sie her und schauen Sie +Ihrem Fräulein Tochter in den Mund hinein, wenn sie ›a‹ sagt. Es kommt +ganz auf die Lage der Zunge an und wie der Atem darüber hinweggeht, +erst in zweiter Linie auf die Öffnung der Lippen. Geben Sie genau +acht. Wer nicht ›a‹ sagen lernt, dem bleibt das ganze Alphabet der +Gesangskunst verschlossen.« + +Der Apotheker nahm vor seinem Töchterlein Aufstellung, guckte ihr dicht +mit seinem Brillengläsern auf den Mund und sagte: + +»Sprich ›a‹.« + +Das Mädel lachte zuerst, dann sagte sie ›a‹. + +Der Apotheker guckte und guckte, dann wandte er sich um und sagte: + +»Ich seh nichts! Rein nichts! Wissen Sie, Herr Kapellmeister, wenn man +mit so dickem Kopf vor so kleinem Schnabel steht, dann ist man sich +selbst im Lichte. Der Kronleuchter nutzt dann gar nichts; es bleibt +finster in der Höhle.« + +»Das ist richtig!« sagte Cyrill und dachte nach. + +»Machen Sie's doch!« sagte der Dachdecker dreist zu Cyrill. »Sie haben +ja einen viel größeren Mund; da sieht man vielleicht eher etwas.« + +Cyrill warf ihm als Antwort nur einen verächtlichen Blick zu und +dachte weiter nach. Endlich verklärte sich seine Miene. + +»Man bringe eine elektrische Taschenlampe,« sagte er. + +Nach einigem Hin und Her wurde die Lampe herbeischafft. Sie stammte +von dem Laufburschen Fritz und funktionierte wider alles Erwarten der +Leute, die über Fritzens sonstige Ordnungsliebe eingeweiht waren. + +»So,« sagte Cyrillus Triumphator; »ich möchte die Schwierigkeit sehen, +die bei festem Willen nicht zu überwinden wäre. Also Fräulein Sabine, +sagen Sie fortgesetzt ›a‹, und Herr Apotheker, schauen Sie Ihrem +Fräulein Tochter in den Mund und achten Sie vor allem darauf, wie die +Zunge liegt.« + +Der Apotheker begab sich wieder auf Beobachterposten, Sabinchen sagte +›a‹, und Cyrill trat mit der elektrischen Taschenlampe heran und +blitzte plötzlich auf. + +Vater und Tochter fuhren zurück und rieben sich die Augen. + +»Sie blenden einen ja!« rief der Apotheker und riß sich die Brille ab. + +»Gott -- o Gott -- bin ich erschrocken!« seufzte das Sabinchen. + +Cyrill stand mit seiner Lampe da als ein geschlagener Held. + +Der Dachdecker faßte sich zuerst. + +»Es wird nichts nützen,« sagte er, »wenn wir sehen sollen, wie Fräulein +Sabine ›a‹ sagt, muß sie einige Leuchtkäfer kauen. Oder sie muß ein +Feuerfresser werden.« + +Der Dachdecker war ein dreister Mensch, der es mit der Kunst nicht +ernst nahm. Das empfanden alle. Nur Sabinchen lachte über seinen +Scherz. + +Es ging noch lange mit dem »a« sagen, dann kamen »e« und »i« an die +Reihe. Bei letzterem mußte der Mund unnatürlich breit gemacht werden. + +»Das ›i‹ muß man sich gewissermaßen mit beiden Mundwinkeln in die +eigenen Ohren hineinsagen,« lehrte Cyrill. + +Die richtige Rundung beim »o« brachte Fräulein Liesel am besten heraus, +und den Unterkiefer streckte beim »u« der Apotheker am besten vor. + +Nach eineinhalb Stunden sagte Cyrill: + +»Das wäre der Anfang. Die Übungen im lautreinen Sprechen der Vokale +werden den Anfang jeder Unterrichtsstunde bilden. Es ist wie das +Einmaleins beim Rechnen. Heute üben wir nur den flüssigen Konsonanten +›l‹ noch ein, damit Sie ihn in Verbindung mit den Vokalen auf die +ersten fünf Töne der Tonleiter zu Hause üben können; also la, le, li, +lo, lu -- lu, lo, li, le, la und umgekehrt al, el, il, ol, ul -- ul, +ol, il, el, al.« + +Es gab noch greuliche Mühen diesen Abend. Der Konsonant »l« hat es, was +die Zungenhaltung anlangt, in sich, und daß er zwei Millimeter über der +oberen Zahnreihe mit der Zungenspitze angesetzt werden muß, ist auch +nicht so einfach, wenn man es bisher falsch gemacht hat. + +Am Schlusse der Unterrichtsstunde sagte Cyrill: + +»Nun noch eine kleine Aufgabe. Sprechen Sie: ›Rabe, Rebe, Robe‹ -- oder +›Aber, Eber, Ober‹! Es handelt sich um das Zungen-R.« + +Es stellte sich heraus, daß nur der Dachdecker das Zungen-R hatte, alle +anderen sprachen Gaumen-R. + +»Nun, dieses vermaledeite Gaumen-R wird uns allein monatelang +aufhalten,« seufzte Cyrill. + +Der Apotheker lud alle Teilnehmer an dem Unterricht zum Abendbrot ein. + +Der Einladung wurde gern entsprechen. Nur der Dachdecker sagte, er +hätte keine Zeit mehr, und ging in den »Bleiernen Hecht«. + +»Nun, wie war's?« fragten ihn dort seine Freunde. + +»Feezig,« antwortete der Sängersmann. »Ich kann beinahe ›a‹ sagen.« + +»Was habt ihr denn gesungen?« + +»Gesungen? Ihr habt eine Ahnung! Singen werden wir, wenn wir werden +richtig sprechen können. Und das wird vor Ablauf des fünfzehnten +Unterrichtsjahres wohl nicht der Fall sein. Wißt ihr, was ihr seid -- +stumm seid ihr! Nicht einen Buchstaben könnt ihr sprechen, geschweige +ein Wort.« + +Sie lachten, daß es dröhnte. + +Der Dachdecker ließ sie lachen, war an diesem Abend beim Spiele nicht +ganz bei der Sache und sang am nächsten Tage, als er das Dach des +Rathauses ausbesserte, so beharrlich la, le, li, lo, lu und alle +Umkehrungen dieser schönen Übung, daß das Sabinchen ans Fenster +trat und ihm lachend zunickte. Alle anderen Leute aber meinten, der +Dachdecker hätte den Sonnenstich bekommen, und man solle die Feuerwehr +alarmieren und ihn herunterholen. + + * * * * * + +Es war fast jeden Abend Unterricht. + +Man mußte es Herrn Cyrill lassen, daß er als Lehrer an Fleiß und +Hingebung kaum übertroffen werden konnte. Alle vier Schüler erwiesen +sich als über das Mittelmaß begabt. Der bei weitem Begabteste war der +Dachdecker; er faßte alles spielend auf, und was ihm einmal korrigiert +wurde, machte er nie wieder falsch. Er kleidete sich neuerdings gut, +ging ordentlich frisiert und rasiert, hatte blitzblanke Zähne und +benahm sich immer tadelloser. Wenn ihn der Apotheker einmal einlud, +hatte er Zeit dazubleiben. Seine Freunde im »Hecht« freilich waren mit +ihm höchst unzufrieden. + +Die Lautbildungslehre ging weiter; die Schüler erfuhren, daß der schöne +Name Hedwig nicht wie Het-wick ausgesprochen wird, sondern He-dwich, +daß es nicht »daas Grapp«, sondern umgekehrt »daß Graab« heiße, nicht +Entschuldijunk, sondern Entschuldi-gung mit der nasalen Verbindung von +n und g, nicht selbstvastäntlich, sondern selbstverstän-dlich. Und so +vieles andere, was damit zusammenhängt. Die Betonungslehre kam daran, +schließlich die Tonfärbelehre, die schon ins Künstlerische hineinragt, +und daneben gingen meist unter endlosen Solfeggien: do, re, mi, fa ... +die eigentlichen Gesangsübungen. + +Sämtliche Teilnehmer mußten musikalische Bücher lesen, auch Biographien +von großen Musikern; es wurden drei Musikzeitschriften mitgehalten +und vor allen Dingen auch die konzertkritischen Artikel aus den +Tageszeitungen studiert und erläutert. Es wurde mit Feuereifer +gearbeitet. Nach drei Monaten sagte Cyrill: »Zur Belohnung für Ihren +Fleiß und Ihre Ausdauer wollen wir es jetzt mit dem ersten Quartett +versuchen. Ich habe dafür das Volkslied: ›In einem kühlen Grunde‹ +ausgewählt.« + +Cyrill hielt eine Ansprache über dieses Lied. Er sprach mit großer +Liebe und Verehrung von Eichendorff. + +»Ein Heiligtum ist dieses Lied, ein Nationalschatz. Und doch, der +Schatz wäre beinahe verloren gegangen. Eichendorff hatte das Lied +aus göttlicher Eingebung heraus geschrieben und es von Königsberg +nach Schwaben an seinen Freund Justinus Kerner gesandt. Der las das +Gedicht, erkannte, daß er ein Juwel ohnegleichen in Händen hatte, +und lief aus seinem Arbeitszimmer hinaus, um alle Hausgenossen +zusammenzurufen, ihnen dieses Juwel zu zeigen. Als Justinus Kerner an +seinen Schreibtisch zurückkehrte, war die Eichendorffsche Handschrift, +die er dort zurückgelassen hatte, spurlos verschwunden. Das Zimmer +wurde durchsucht. Umsonst. Das Fenster stand offen. Ein Luftzug mußte +das kostbare Blatt entführt haben. Justinus war in Verzweiflung. Er +wußte, daß Eichendorff keine Abschriften anfertigen ließ, daß das Juwel +verloren war, wenn sich das Blättlein Papier, an das es gefesselt war, +nicht wiederfand. Justinus Kerner ließ fünf Tage lang seinen Garten und +das angrenzende Gelände absuchen. Das Blatt war verschwunden. Seinem +Freunde Eichendorff den Verlust zu melden, wagte Kerner nicht. + +Und da geschah das Wunder. Ein Händler kam in Kerners Haus, ein +Mann, der einen Korb mit allerlei ›Kurzsachen‹ feilbot: Tabaksdosen, +Broschen, Kinderspielzeug. Er bot auch Kerner seine Waren an. Und +da sieht der -- zum Herzstillbleiben ist es gewesen -- Eichendorffs +Handschrift um eine Kinderklapper gewickelt. + +›In einem kühlen Grunde ...‹ + +Ein Griff. Justinus Kerner hatte das Lied. + +›Wo haben Sie dieses Papier her?‹ fragte er den Händler mit bebender +Stimme. + +Der Händler guckte sich das Blättlein an. + +›Ach Gott,‹ sagte er, ›das fand ich auf einem blühenden Flachsfeld. Es +war gutes Papier, auf einer Seite ganz unbeschrieben, und da brauchte +ich es zum Einpacken.‹ + +Weit über eine deutsche Meile weg war das blühende Flachsfeld, auf das +der Wind Eichendorffs unsterbliches Lied aus Kerners Wohnung getragen +hatte! + +Können Sie sich denken, wie Justinus Kerner vor Weh und Freude +geweint hat, als er dieses Blättlein Papier wieder hatte? Ahnen Sie, +was das ist um ein unwiederbringliches Heiligtum aus dem Tempel der +Menschheit? An diesem einfachen Liede, das doch ein Diamant unsagbaren +Wertes ist, haben sich arme Prinzessinnen, die an ungeliebte Prinzen +verkuppelt wurden und einen Leutnant von der Schloßgarde liebten, +berauscht; dieses Lied ist wie eine Mahnerin zum Ernst in Trinkgelage +von Schlemmern hineingekommen; dieses Lied hat arme Wäschermädel in +ganz weite Höhen geführt; einsame alte Junggesellen haben das Lied +auf frostigen Buden gesungen; versonnene Bauernmädel am Brunnentrog +haben es angestimmt in stiller Abendstunde; ein einsamer Wanderer +auf mondbeschienener Landstraße hat es gesummt; ein alter Gelehrter +nach langer Geistesarbeit ist an seinen Flügel geschlichen und hat +mit müden Fingern die alte, liebe Weise noch einmal gespielt. Das +Lied vom deutschen Walde, von der deutschen Mühle, von der Liebe, +vom zerbrochenen Ringlein, vom Aufbäumen des verwundeten Herzens und +vom Sterbenwollen. Sehen Sie, meine Zuhörer, der ganz große Geist, +der Beethoven hieß, der hat seine unsterbliche neunte Symphonie +geschrieben. Um den ganzen Erdball herum können Sie suchen, über der +Erde und unter der Erde -- einen so großen Demantklotz finden Sie +niemals mehr wie diese ›Neunte‹! Was will Beethoven in seiner Neunten +sagen? Es war ein Mensch, der durch Schuld und Nichtschuld, kurz, +durch sein Leben an allem verzweifelte. Dann suchte er Erlösung in +wilder Lust. Er fand sie nicht. Er fand sie endlich erst in der reinen +Freude Götterfunken. Eichendorffs kleines Lied führt nicht so weit -- +es führt ins Sterbenwollen, aber doch auch durch die ganze Staffel des +Liebens und Leidens hindurch. Ihnen, meine Zuhörer, will ich nur das +eine einprägen: Ehrfurcht -- Ehrfurcht vor einem Kunstwerk, ob es eine +Symphonie ist oder ein Volkslied.« + +Als einige Tage später die Stimmen des Quartetts zum ersten Male +zusammenklangen, hatte Cyrill Tränen der Freude in den Augen. + +»So schön,« sagte er, »ist in Altenroda noch niemals gesungen worden +...« + +Und auch hier kam die Liebe und mischte sich ins schöne Spiel. Wenn +Cyrill seinen Unterricht gab, war er streng sachlich und hütete sich +wohl, von seinen Gefühlen für das Sabinchen etwas zu verraten. Er +wußte, daß er anfänglich auf der gefährlichen Bahn gewesen war, sich +vor der Geliebten lächerlich zu machen, und daß nichts der Erfüllung +heißer Liebessehnsucht so hinderlich ist, als sich in ein lächerliches +Licht zu stellen. + +So war Cyrill ein gewissenhafter, ja gestrenger Lehrer und sah auch +dem Sabinchen keinen Fehler nach, wenngleich er bei seinen Korrekturen +an ihr eine gewisse sanfte Zartheit nicht verbergen konnte, die er ja +für den Dachdecker, den Apotheker und auch für Fräulein Liesel Tilgner +nicht übrig hatte. + +Zu Hause in seiner armseligen Stube aber litt Cyrill oft die größte +Liebesnot und hatte Kummer aller Art. Von dem schmalen elterlichen +Erbteil besaß er noch tausend Mark. Wenn die weg waren, stand er vor +dem Nichts. Die Tante, seine einzige noch lebende Verwandte, bei der +er wohnte, war selbst wenig bemittelt und außerdem äußerst geizig. Was +sollte werden aus Cyrill? Der Dachdecker selbst war reicher als er; +er hatte ihm einmal anvertraut, daß er ein kleines Erbteil und etwas +Erspartes von zusammen dreitausend Mark besitze. Er hatte das wohl in +der gutmütigen und doch für Cyrill demütigenden Absicht gesagt, ihm +seine Hilfe anzubieten, wenn er mal in finanzieller Verlegenheit wäre. +So sah wohl jedermann schon von weitem Cyrill den armen Hungerleider an. + +Was sollte werden aus Cyrill? Nichts gelang. Er hatte weder eine Stelle +als Kapellmeister bekommen, noch hatte sich ein Theater gefunden, +das seine Oper aufführen wollte. Nur einige kurze Liedkompositionen +hatte er bei Verlegern angebracht, diese aber auch nur gegen winziges +Honorar. Aber Cyrill freute sich, wenn die vierseitigen Blätter +herauskamen, die seinen Namen trugen und ein Kindlein seines Geistes +bargen, und trug sie alle zu Sabine. Einmal gab Cyrill ein neues Lied +heraus und hatte kühn auf das Titelblatt drucken lassen: + + »~Sabine gewidmet~ ...« + +Der Text des Liedes lautete: + + ~Daß ich Dich liebe ... + Es wissen es alle Blumen der Au, + Es weiß es die Dämmerung, die Nebelfrau, + Die Vögel zwitschern's vom hohen Dach, + Die Wellen im Bache schwatzen es nach, + Der Hahn auf dem Kirchturm möchte es schrei'n + Hoch in den blauen Himmel hinein; + Im Walde tuschelt es Baum zu Baum, + Die Bienen summen's am Wiesensaum; + Bald wissen's wohl alle Leute der Stadt, + Als ständ' es geschrieben im Wochenblatt; + Es weiß es die Nacht und das Morgenlicht -- + Nur Du weißt es nicht!~ + +Für dieses Lied hatte Cyrill bei seinem Verleger der »besseren +Ausstattung« wegen auf jedes Honorar verzichtet, ja selbst zugezahlt. +Und als nun die ersten Exemplare vor ihm auf dem Tische lagen, auf dem +Titelblatt sein Name und der des geliebten Mädchens, umrahmt von roten +Rosen, faßte ihn heiße Angst. Gewiß, Sabine brauchte den Text durchaus +nicht auf sich zu beziehen; solche Liedtexte sind neutral, können dahin +oder dorthin oder ganz ins Blaue gezielt sein, aber sie konnte das +Lied auf sich beziehen und dann konnte sie sich kompromittiert fühlen. +»Bald wissen es alle Leute der Stadt, als ständ' es geschrieben im +Wochenblatt ...« dem Mädel mußte ja himmelangst werden, wenn sie das +las. Und dann war es durch die Schuld seiner aufdringlichen Huldigung +gewiß aus und vorbei mit aller Hoffnung. Cyrill telegraphierte an +seinen Verleger, er ziehe das Lied aus dem Musikhandel zurück. Der +Verleger antwortete: »Nur gegen Übernahme der ganzen Auflage. +Dreiunddreißigeindrittel Prozent Rabatt vom Originalpreis. Fünf +Exemplare bereits verkauft.« + +So opferte Cyrill einen großen Teil seines bißchen Vermögens und hatte +bald einige hundert gedruckte Lieder in seiner Wohnung aufgetürmt, für +die er keine Verwendung besaß. + +»Die Nacht wußte es und das Morgenlicht,« was Cyrill um Sabine litt. +Hoffnungslos. Er, der arme Musiker, sie das einzige Kind eines reichen +Mannes! + + * * * * * + +Und noch ein zweiter litt um Sabine: der Dachdecker. Was ist doch Frau +Musika für eine arge Kupplerin. Wie geht sie mit leisen Hexenschritten +um die Menschen herum, kreist sie ein, läßt sie aus überquellenden +Tonbechern süßes Gift schlürfen, nach fremden Rhythmen atmen, in +fremden Melodien fühlen. Wie kann sie zwei Menschen in alle Tiefen +und Höhen führen, Geheimsprache reden vor tausend Ohren, unsichtbare +Liebeslauben bauen vor tausend Augen. Wie kann sie streicheln und +quälen, erheben und erniedrigen, werben und verderben. + +Der schlichte Sohn des Volkes, der übermütige Bursch, war zum Träumer +geworden. Wenn er auf einem hohen Dache saß, irrten seine Augen immer +wieder über das Häusermeer dahin, wo auf dem Marktplatz neben dem +Rathausturme das Apothekerhaus mit dem goldenen Kranich war. Dieses +Haus war ihm zur wahren Heimat geworden. Das war licht und schön, +anders als seine arme Handwerkerstube, und ein Engel von himmlischer +Anmut lebte darin. + +Oft saß der Dachdecker auf einem schwindeligen Platz in tiefen +Gedanken. Manchmal, wenn die Glocken so feierlich klangen, weinte er. +So viele Dächer, und keines das seine; aus so vielen Schornsteinen +weißer Rauch, und sein eigen kein Herd, an den er ein geliebtes Weib +führen konnte. + +Von hohen Dachfirsten sah er über die Stadt hinweg ins freie Land +hinaus. Straßen führten in weite Fernen. Er könnte wandern, könnte sich +loslösen von seiner Pein. Aber er würde wohl rückwärts gehen, um immer +noch die liebe Stadt zu sehen, und wenn ihr letztes Dach verschwände, +würde er von Sehnsucht überwältigt nach Hause laufen. Was blieb dem +armen Dachdecker anderes übrig, als eines Tages abzustürzen und »in +Ausübung seines Berufes« ehrenvoll den Hals zu brechen! + + * * * * * + +Cyrill war eines Nachts auf einen Rettungsgedanken verfallen, auf einen +Gedanken, den er allerdings früher schon einmal gehabt hatte. Er mußte +August Stumpe ausbilden, mit diesem wirklich ganz außergewöhnlichen +Gesangstalent eines Tages einem Opernhausdirektor unter die Nase fahren +und so Stumpe als Sprungbrett für die eigene Kapellmeisterlaufbahn +benutzen. + +Cyrill war immer noch nicht ohne Hochmut. In Marienwerder war ihm eine +Kapellmeisterstelle angeboten worden. Es war zum Lachen. Als ob er nach +Marienwerder aussähe! Als ob Sabine je die Frau eines mit dreitausend +Mark dotierten Kapellmeisters in Marienwerder werden würde. Abgesagt! +Die Agentur schrieb ihm darauf, daß sie vorläufig für ihn nichts wisse. + +Cyrill sagte Stumpe August einmal auf dem Heimwege unter +ehrenwörtlicher Zusicherung absoluter Verschwiegenheit: er wolle ihn +zum Opernsänger ausbilden und schon dafür sorgen, daß er im ersten +Fach unterkomme. August Stumpe lachte erst blöde, dann sagte er, er +habe nicht recht verstanden. Worauf Cyrill noch einmal seine Absicht +aussprach. Darauf sagte der Dachdecker, Herr Cyrill möge entschuldigen, +ihm sei nicht gut, es werde ihm so komisch. Und er ging beiseite und +lehnte den Kopf an einen Zaun. Eine Hand preßte er aufs Herz und eine +auf den Magen, und es würgte ihn zum Erbarmen. + +»Brechen Sie nur! Brechen Sie nur!« riet Cyrill. »Sie sind der rechte +Mann. Es packt Sie. Sie nehmen es ernst!« + +Es war ein stilles Heldentum, das die beiden von nun an verrichteten. +Alle Abende, die nicht dem »Quartett« gewidmet waren, saßen sie +in Cyrills Stube, studierten und übten oft bis tief in die Nacht. +Alle Sonntage waren dem eifrigsten Studium geweiht. Selbst nach den +Quartettabenden nahm Cyrill den Dachdecker oft mit in seine Klause. Er +lieh ihm Bücher. Selten hatte ein eifriger Lehrer einen so eifrigen +Schüler. + +Der ersehnte Preis all dieser Mühen war für beide der gleiche. + +Sabine! + +Die armen Burschen wußten es nicht und gewannen sich nach und nach lieb. + +Hätten sie sich durchschaut, sie hätten sich gehaßt und gegenseitig zu +verderben gesucht. + +So wanderten sie beide dem selben Lichte zu und keiner sah von dem +andern, daß er die gleiche Straße zog. + + * * * * * + +Anfang November wollte das Quartett sein erstes Konzert geben. Wenn +aber ein Quartett ein Konzert geben will, muß es einen Namen, eine +Firma haben, schon der Anschlagsäulen und der Zeitungsnotizen wegen. + +Es wurde eine Beratung abgehalten. Wer je einer Beratung beigewohnt +hat, in der ein neuer Name gefunden werden soll, weiß, daß das +ein schwieriges Geschäft ist, ganz gleich, ob es sich um eine +Gesangsvereinigung, um eine literarische Zeitschrift, um eine +Aktiengesellschaft, um ein neues Insektenpulver oder um ein kleines, +manchmal noch gar nicht geborenes Kind handelt. Namengebung ist immer +schwer und verantwortlich. + +»Ich bitte um Vorschläge,« sagte Cyrill; »ich selbst werde meine +Meinung zuletzt sagen, um niemand zu beeinflussen. Bitte, Fräulein +Tilgner!« + +»Ich hatte mir gedacht,« sagte Fräulein Tilgner, »da wir doch vier +sind -- im Quartett sind ja wohl immer vier -- also da könnten wir uns +›Quartett Jahreszeiten‹ nennen. Der ›Frühling‹ ist natürlich Sabinchen, +ich selbst bin ja etwas älter und könnte als der ›Sommer‹ gelten; Herr +Stumpe müßte den ›Herbst‹ darstellen, und der Herr Apotheker, wenn er +so gut sein wollte, den ›Winter‹.« + +»Danke!« sagte der Apotheker verdrossen; »so eisgrau bin ich noch +nicht! Fünfundfünfzig bin ich! Und dann -- wieso Herr Stumpe mit +sechsundzwanzig Jahren ›Herbst‹? Und wieso überhaupt vier? Sind +wir nicht fünf? Zählt der Dirigent nicht mit? Der Name ist einfach +unmöglich.« + +»Bitte um Entschuldigung!« sagte Fräulein Tilgner kleinlaut und setzte +sich. + +»Nun Ihren Vorschlag, Fräulein Sabine,« forderte Cyrill auf. + +»Ich hatte,« sagte das Sabinchen, »auch an die Zahl vier gedacht, und +da wollte ich vorschlagen, wir nennen unser Quartett ›Kleeblatt‹. Es +gibt ja übrigens auch fünfblättrige Kleeblätter.« + +Der Apotheker erhob sich. + +»Meine liebe Tochter, erstens sind Kleeblätter in erdrückender +Majorität dreiblättrig. Vierblättrige sind eine Seltenheit, und es wäre +arrogant, wenn wir uns als Seltenheit hinstellen wollten. Das würde +eine boshafte Kritik sofort aufgreifen. Eine boshafte Kritik würde +aber noch etwas anderes sofort aufgreifen; nämlich sie würde sagen: +Kleeblatt? Wieso? Es liegt hier eine Beleidigung des Publikums vor. +Denn wem werden Kleeblätter vorgesetzt? Doch nur Rindviechern! Der Name +›Kleeblatt‹ ist ganz unmöglich.« + +»Nun, dann mache doch selbst einen Vorschlag, Papa!« + +»Das will ich,« sagte der Papa. »Ich schlage vor, unser Quartett +heißt: ›Der Wagen‹. Der Name berührt zunächst befremdend. Aber das +soll er. Alles, was in der Welt zugkräftig sein soll, muß einen +auffälligen Namen haben. Das weiß ich aus der Apotheke. Je verrückter +der Name einer neuen Sache ist, desto besser geht sie. Und dann +denken Sie doch an die berühmte Düsseldorfer Vereinigung ›Malkasten‹ +oder an die Münchener ›Scharfrichter‹. Ist das nicht auch verrückt? +Doch nun zur Sache! Ein Wagen hat vier Räder. Alle Räder müssen +gleichen Takt halten, alle müssen dem gleichen Ziel zusteuern, +dieselbe Straße ziehen, mal langsam, mal schnell, mal in anfeuerndem +Tempo, mal nachlassend diminuendo. Und der Fünfte? Kein auch noch so +verrohter Kritiker wird wagen, in einem blöden Witz zu behaupten, +daß der Dirigent des ›Wagens‹ das Roß sei, das den Wagen zieht, +sondern jedermann wird ihn als den Kutscher ansehen, der den Wagen +lenkt. Das Publikum aber wird der ›Wagen‹ über Berg und Tal in grüne +Waldeinsamkeit, an alte Burgen und in das Gewühl der Großstadt führen, +kurz, der ›Wagen‹ wird ihm eine Reise durch alle Poesie des Lebens +vermitteln.« + +»Was sagen Sie zu dem Vorschlag des Herrn Apothekers, Herr Stumpe?« + +»Ach,« sagte August Stumpe, »der Vorschlag ist an sich sehr geistreich. +Nur, wir sind ein Musikverein, und ein Wagen macht keine gute Musik. +Ein Wagen knarrt, und wenn er singt, quietscht er. Man könnte dann den +Verein lieber ›Automobil‹ nennen, das hat auch vier Räder, und alles +andere trifft auch zu, das von der Waldeinsamkeit und den Burgen und +Städten, zu denen man hinfahren kann. Ein Wagen kann ferner nur wenig +Leute über Berg und Tal führen; wir wollen aber vielen Menschen die +›Reise durch die Poesie‹ verschaffen. Darum sollten wir uns lieber +›Omnibus‹ heißen, der hat auch vier Räder.« + +»Herr Stumpe, wollen Sie mich verhöhnen?« + +»Gott bewahre, Herr Apotheker, ich sage nur meine Meinung.« + +»Er sagt seine Meinung! Und er hat ein Recht dazu!« entschied Cyrill. + +»Bitte, Herr Stumpe, was sagen Sie zu den Vorschlägen der beiden Damen?« + +»Ja,« meinte Stumpe, »wir kommen ja nur mit der Wahrheit weiter. Es +tut mir leid, aber die Vorschläge der beiden Damen waren kitschig. Am +kitschigsten war der von Fräulein Sabine. ›Kleeblatt‹ nennt sich ein +Backfischkränzchen, aber kein ernster Kunstverein.« + +»Sie sind frech,« sagte Sabine gemütlich. »Pah!« + +Cyrill war ganz blaß. + +»Bitte, Herr Stumpe, nun machen Sie Ihren eigenen Vorschlag.« + +»Ich schlage vor,« sagte August Stumpe, »daß wir auf allen Klimbim +verzichten und unsere Vereinigung nennen: ›Quartett Cyrill Dietrich‹. +Herr Cyrill Dietrich ist unser Lehrer, unser Führer; ohne ihn könnten +wir nichts. Cyrill Dietrich ist ein schöner, wohlklingender Name. Der +Name Cyrill Dietrich wird einer Vereinigung immer ein Ansporn sein, +eifrig zu arbeiten, und dem Publikum immer eine Garantie, daß es etwas +Gutes zu erwarten hat.« + +Schweigen. Cyrill saß mit gesenktem Haupte da. Er war in tiefster +Seele glücklich. Er hatte in diesem Augenblicke den Dachdecker August +Stumpe von Herzen lieb. Nicht in der Hauptsache wegen der letzten +über ihn selbst geäußerten Worte, obwohl Cyrill wie alle Künstler für +Anerkennung überaus empfänglich war, sondern des Wahrheitsmutes wegen, +mit dem Stumpe seine Meinung gesagt hatte, und vor allem, weil er sich +so recht als begnadetes Gotteskind offenbarte. Wie kam ein Dachdecker +zu solchem Geschmack, zu solcher Ausdrucksweise? Der Mann war, während +er Cyrills Unterricht genoß, mit Siebenmeilenstiefeln gewandert. Ach, +das naturgeborene Genie vor sich zu haben, was ist das doch für eine +Wonne! + +Nach einer Weile aber lehnte Cyrill den Vorschlag August Stumpes +dennoch ab. + +»Meine Damen und Herren! Bitte, binden Sie sich nicht an meinen Namen. +Einst -- vielleicht sehr bald -- werde ich nicht mehr bei Ihnen sein. +Ich werde dann nichts sein, als der zufällige erste Dirigent Ihres +Quartetts, der noch dazu sehr kurze Zeit bei Ihnen tätig war. Mein Name +ist kein Programm. Genehmigen Sie meinen eigenen Vorschlag: ›Quartett +Altenroda‹. In dem schönen Namen Altenroda haben Sie alles, wofür Ihr +Herz und Ihre Kehle singt, haben Sie die Heimat und alles, was Ihnen +darin lieb und wert ist.« + +Cyrills Vorschlag wurde angenommen. + + * * * * * + +Als August Stumpe nach diesem Abend im Bette lag, dachte er nicht wie +sonst darüber nach, weshalb wohl ein ein Meter und fünfundsiebzig +Zentimeter langer, kräftiger Mann zur Nachtruhe in einem Gestell +zu liegen habe, das nur ein Meter und siebzig Zentimeter lang war, +sondern er klagte sich in leidenschaftlichen Selbstvorwürfen an, daß +er an Fräulein Sabines harmlosem Vorschlag eine so bissige Kritik +verübt, daß er seinen Engel so böse gekränkt hatte. Immer wieder +überdachte er die Situation; immer aufs neue schüttelte es ihn vor dem +»Kleeblatt«-Vorschlag Sabinens, und immer aufs neue brannten dennoch +alle Sehnsuchtsfeuer nach dem lieblichen Mädchen hin. Es war ein auf- +und abwogendes Fieber, ein wildes Auf und Nieder. Ganz zuletzt aber +dachte August Stumpe an Cyrill. Und im Gedanken an Cyrill schlief er +ein. Ein kleiner kluger Gott saß auf der Kante der kleinen Bettstelle +und lächelte. Wieder hatte einer die Liebe zur Kunst über die Liebe zum +Weibe gestellt. + +Auch Cyrill schlief schlecht. Auch er dachte an die Vorgänge des +Abends. Und auch er quälte sich. Daß Sabine den »Kleeblatt«-Vorschlag +gemacht hatte, grämte ihn noch im Bett, verursachte ihm sauren +Geschmack im Munde. Aber was war sie denn? Ein Kind von kaum zwanzig +Jahren. Ein liebes, wonniges Mädel. Was sollte man von ihr verlangen? +Die Sehnsuchtsfeuer loderten. Aber dann glitten Cyrills Gedanken doch +zu dem begnadeten Dachdecker hinüber, und er wurde ganz ruhig und +schlief ein. + +Und derselbe kleine kluge Gott, der auf Stumpes Bettstelle gehockt +hatte, kam auf silberner Mondbahn zu Cyrill gefahren und besah sich +lächelnd auch diesen Getreuen. -- + +Auch Fräulein Liesel Tilgner schlief nicht. Sie hatte sich heute in +August Stumpe, als er so grob wurde, endgültig und rettungslos verliebt. + +Selig schlief nur das Sabinchen, ihr herziges Köpfchen auf den molligen +Arm gelegt. Sabinchen dachte an nichts Böses und an nichts Gutes -- +sie dachte an gar nichts. Völlig ruhelos war der Apotheker. Er saß an +seinem Schreibtisch und entwarf »Statuten« für das »Quartett Altenroda«. + + * * * * * + +Das »Quartett Altenroda« gab sein Konzert. In der Vorankündigung hieß +es, das Programm würde einen Volkslied-Teil und einen Kunstlied-Teil +enthalten, zur Umrahmung des Liederteils zwei Klaviervorträge, +ausgeführt von Herrn Cyrill Dietrich, im ersten Teil Schubert, im +zweiten Beethovens Letzte Sonate (+op.+ 111). Preise der Plätze +drei Mark, zwei Mark, eine Mark; Stehplatz fünfzig Pfennige. + +Bei der Aufführung waren eigentlich nur Stehplätzler anwesend, das +Parkett war fast leer. Nur hie und da hockten mit trübseligem Gesicht +ein paar verirrte Seelen. Sie fühlten sich äußerst unbehaglich in ihrer +Einsamkeit. Die Sänger taten ihnen leid. An den Wänden aber klebte +junges Volk: leise kicherndes hübsches Backfischgesindel und junge +Männer im ehrenvollen Alter von sechzehn bis neunzehn Jahren, die alle +gut gescheitelte Frisuren hatten und feierliche Gesichter machten. + +»Was sollen wir tun?« fragte der Apotheker, als er den leeren Saal sah. +»Diese Bande! O, diese Bande! Was sollen wir tun?« + +»Singen!« antwortete Cyrill, düster und lakonisch. + +»Aber doch nicht allein vor diesem jungen Rabattengemüse?« + +»Doch!« sagte Cyrill noch um eine Silbe lakonischer, und der Fall war +entschieden. + +Schlag acht Uhr (das war der festgesetzte Beginn des Konzerts) machte +Cyrill Dietrich seine Dirigentenverneigung vor dem Publikum und hielt +eine kleine Ansprache: + +»Meine Damen und Herren! Ich freue mich, daß insonderheit die Jugend +Altenrodas unserer Einladung so zahlreich Folge geleistet hat. Ihr +schöner, jung-seliger Idealismus hat Sie hierhergeführt. Nur wer +die Jugend hat, hat die Zukunft. Nur auf die Jugend baue ich meine +Hoffnung, daß in Altenroda eine Besserung des Kunstgeschmacks eintreten +kann. Ich heiße Sie herzlich willkommen und bitte Sie, auf den +leergebliebenen Stühlen des Saales Platz zu nehmen.« + +Hei, flog das hübsche Backfischgesindel in seinem jungseligen +Idealismus auf die leeren Stühle. Die jungen Herren folgten in +gemessenerem Tempo; einige aber blieben »ostentativ« an der Wand +stehen. Sie wollten sich »nichts schenken« lassen; sie hätten ja, +wenn sie es nur gewünscht hätten, sich leicht einen Talerplatz kaufen +können. Sie hatten es aber nicht gewünscht. Sie standen lieber. Sie +standen »prinzipiell«, standen »zum Vergnügen«. Und alle Welt ließ sie +auch ruhig stehen. + +Schlag acht Uhr wurde auf Cyrills Befehl auch die Kasse +geschlossen. Zehn Minuten später aber, als der Kassierer noch +mit den Aufräumungsarbeiten, insonderheit mit dem Verpacken von +dreihundertfünfundsiebzig unverkauft gebliebenen Programmen beschäftigt +war, erschien noch ein Sekretär mit seiner Frau und wünschte zwei +Plätze. + +»Bedaure,« sagte der Kassierer hochmütig; »die Kasse ist geschlossen.« + +»Ist es denn so voll?« fragte der Sekretär verwundert. + +»Das wohl nicht,« erwiderte der Kassierer; »aber was geschlossen ist, +ist geschlossen. Das ist so bei vornehmen Konzerts.« + +Das Konzert des »Quartetts Altenroda« war boykottiert worden. Die +ganze sangesfreudige Stadt Altenroda war nun einmal in drei Lager +eingeteilt, je nach der Zugehörigkeit zu einem der drei Gesangvereine; +jedes Lager war bis zur Lächerlichkeit vereinsmeierisch und hielt auf +strengste Disziplin. Parole war Parole. Wehe dem, der da nicht Stange +hielt! Und hier bei Cyrills Konzert hieß in allen drei Vereinen die +Parole: »Nicht hingehen!« Die »Harmonie« haßte Cyrill wegen seines +Verhaltens im Harmonie-Konzert. Der Kirchenchor war neidisch auf +Liesel Tilgner, die »wohl die Einzige sein wollte, die was könnte«. Der +Verein »Frohsinn« hatte »seinen Freund und Ehrenmitglied« August Stumpe +wider alle anderslautenden Zusagen eingebüßt; denn August Stumpe hatte +sich seit langem dem Verein ferngehalten, nicht einmal an dem großen +Schweineschlachtfest-Wettsingen hatte er sich beteiligt. + +Also Parole: »Nicht hingehen!« + +Die wenigen, die dennoch gekommen waren, es waren sechsundzwanzig, +waren Außenseiter. Nur die »unreife Jugend« hatte sich davon, das neue +Quartett zu hören, nicht abhalten lassen. »Weil es doch ein Feez ist,« +hatte die blonde Käthe Birke zu dem Primaner Erich Mosemmel auf dem +Hinwege gesagt. + +Als das Konzert aus war, lungerte spazierengehend halb Altenroda in der +Nähe des Konzertraumes auf Nachrichten, »wie es eigentlich gewesen sei«. + +Käthe Birke, die mit dem Primaner Erich Mosemmel nach Hause ging und +ihren Eltern begegnete, erstattete Bericht. + +»Es war himmlisch! Ich habe nie geglaubt, daß es etwas so Schönes gibt.« + +Das Kind hatte Mühe, zwei halbe Tränen in die Blauaugen +zurückzudrängen, als es das sagte. + +»Ja,« bestätigte Erich Mosemmel, bedeutend forscher im Ton; »es war +tadellos!« + +Und es ging noch am selben Abend ein Gesumme in der Stadt, das Konzert +sei herrlich gewesen. Und noch am selben Abend erwogen zwei Männer, ob +sie nicht am besten Selbstmord verübten: Cyrill und der Dachdecker. Der +Apotheker nahm es fast ebenso tragisch wie diese beiden; er betrank +sich im Giftgadern ganz unverünftig. Liesel Tilgner flennte sich +halbtot, einmal, weil der Tenor in seinem Unglück über das schlecht +besuchte Konzert fast gar nicht mit ihr gesprochen hatte, und dann, +weil ihr Vater, der Kirchenchordirigent, der noch immer gegen ihre +Beteiligung am Quartett war, gesagt hatte, der »Reinfall« wäre eine +gerechte Strafe für ihren kindlichen Ungehorsam. Ach Gott, es ist auch +schwer, als »Kind« von einunddreißig Jahren immer noch ganz gehorsam zu +sein. + +Nur Sabinchen aß nach dem Konzert noch einmal tüchtig zu Abend, +lutschte eine Tüte Bonbons aus und schlief dann selig, das wunderschöne +Köpfchen auf den molligen Arm geschmiegt. + + * * * * * + +In Altenroda gab es eine Sensation. + +Das Stadtblatt brachte folgenden Artikel: + +»~Kunst im Winkel.~ Ach, ich alter Knabe! Ich habe geglaubt, +im Musikleben Bescheid zu wissen. Ich habe in Berlin, in Rom, in +Paris, in München mich bemüht, einen Blick hinter den Schleier der +Musik der bezauberndsten aller Göttinnen, zu tun, in ihr ewig schönes +Gesicht zu schauen. Und dann habe ich so ziemlich alles, was auf +Erden an Bedeutung singt, geigt, orgelt, flötet, klavierspielt, +opert, operettelt und Laute zupft, gehört. Ich war in einem Jahre bei +zweihundertundzwei Musikabenden. (Beileidsbesuche und Kranzspenden +dankend verbeten!) Ich hätte geschworen, daß ich nie, nie mehr ganz +freiwillig in ein Konzert gehen würde, sondern nur, wenn es höhere +Pflicht erheischt: Kritikerpflicht oder die Pflicht, einem Großen in +der Musik zu huldigen, indem man sich demütig zu seinen Füßen setzt. +Kleinstadtkunst, das war für mich so etwas wie Gurkenbau in Liegnitz, +Schnupftabakfabrikation in Ratibor, Stoffweberei in Cottbus. Alles sehr +brav, alles sehr brauchbar, ja unentbehrlich, aber mich ging's nichts +an, hatte mit ›Kunst‹ nichts zu tun. Kleinstadtkunst ging mich noch +weniger an als die vielen Dilettantenstümpereien in den Großstädten, +die nichts sind als Legierungen von Schwärmerei und Eitelkeit und +vielleicht ein bißchen Sehnsucht. + +Ach, ich alter Knabe, ich alter musikalischer Globetrotter! Da bin +ich in einem entzückenden Erdenwinkel zur Winterfrische, habe wegen +Talentlosigkeit meiner Bauchmuskeln das Skifahren aufgegeben und mich +nur auf das Rodeln beschränkt, mußte mal kurz verreisen, las, wie schon +vorher tausendundeinmal, also zum tausendzweitenmal den Fahrplan falsch +und blieb also in Altenroda fünf Stunden lang ohne Weiteranschluß +sitzen. Ein Einheimischer kann sicherlich in Altenroda fünfzig Jahre +lang zufrieden und selig sein; aber was soll ein großstädtischer +Fremdling mit fünf Stunden in Altenroda anfangen? Alle Ehre der +Konditorei unter den Lauben und dem Hotel zum ›Löwen‹, sowie den dort +ausliegenden Lesezirkelheften -- aber ach, fünf Stunden sind halt +grausam lang. + +Kurz und gut, ich sah ein Plakat: ›Quartett Altenroda. Konzert.‹ Ich +las das Plakat aus lauter Langerweile. Und ich fiel in einen Abgrund +von Erstaunen. Das war ein Programm, würdig eines Konzertraums, dessen +Vorbedingung aparter Geschmack ist. Wo in aller guter und böser +Geister Namen kam ein Mensch nach Altenroda, der ein solches Programm +aufstellen konnte? Und wenn nun schon einer war, der solchen Geschmack +hatte, wie konnte er die Kräfte zusammen bekommen, solch ein Programm +auszuführen? Es mußte doch greulicher Unfug dabei herauskommen. + +Ich ging hin. Das Konzert sollte um acht Uhr beginnen. Ich war -- +pünktlich, wie es sich geziemt -- fünfzehn Minuten vor acht da. Ein +leerer Raum. Einige Jünglinge und Jungfrauen an den Wänden. Mir wurde +bange wie einem Einsamen in der Wüste. + +Und nun sangen vier Leute; ein blasser junger Mann dirigierte. Zwei +Damen-, zwei Herrenstimmen. Eine kritische Würdigung des Konzerts +will ich nicht geben, nicht etwa, wie man mancherorten sagen würde, +eine ›Rezension‹ schreiben; ich will nur als eines meiner seltsamsten +Lebensereignisse berichten, daß ich in einer deutschen Kleinstadt eine +Kunstgabe fand, die mich in Erstaunen setzte. Glückliches Deutschland, +wenn selbst in deine fernsten Täler solcher Kunsteifer und solche +Kunstreife gedrungen sind! Der Tenor des Quartetts hat prachtvolles, +wenn auch noch nicht zu voller Edelreife gediehenes Material. Die +anderen leisten (auch von strengem Gesichtspunkt aus beurteilt) +höchst Achtbares. Alle sprechen richtig, alle atmen richtig, alle +singen richtig. Der Dirigent ist ein famoser Mann, und ich segne mein +Mißgeschick, das mich in Altenroda fünf Stunden aufhielt.« + +Dieser Artikel, der im Altenrodaer Stadtblatt erschien, war von +einem der gefeiertsten und gefürchtetsten Kritiker der Hauptstadt +unterzeichnet. + +Jedermann, der behauptet, daß Rezensenten gemeingefährliche Subjekte +sind, hat recht. Cyrill Dietrich kriegte einen Weinkrampf vor Jubel, +als er den Artikel las. August Stumpe, der ein zerschlätertes +Winterdach ausbessern sollte, saß mit dem Zeitungsblatt in eisiger +Höhe, wäre beinahe erfroren und tat gar nichts, weder zur Ausbesserung +des Daches noch seines Seelenzustandes. Der Apotheker betrank sich drei +Tage und drei Nächte lang vor Freude, und nur Sabinchen heulte, und +zwar wegen der plötzlich ausgebrochenen Trunksucht ihres lieben Papas. + +Daß aber der Artikel der kritischen Großstadtkoryphäe in dem Altenroder +Stadtblatt Aufnahme gefunden hatte, erklärte sich einfach daraus, daß +der Verleger des Stadtblattes die Bedeutung jener Koryphäe kannte. +Er war auf einige großstädtische Zeitungen abonniert. Und wenn er +jetzt eine Abonnentenreklame für sein Stadtblatt losließ, vergaß er +nie zu bemerken: Mitarbeiter u. a. Herr +Dr. X.+, der gefeierte +Musikkritiker erster Weltblätter. + + * * * * * + +Es ging schon auf den Frühling zu. Im Winter blüht das Geschäft +der Dachdecker nicht. Über ein paar Notaufträge, wenn gerade das +Schneegestöber schon ins Haus dringt oder sich der Nordwind einen gar +zu groben Spaß erlaubt hat, kommt es nicht hinaus. So hatte August +Stumpe viel Zeit zum Studium, und es wurde auch jede freie Stunde +sorglich genützt. Cyrill war ein unermüdlicher Lehrer. Es war diesem +durch und durch musikalischen Manne ein Herzensglück, ein so starkes +Talent, wie das des Dachdeckers war, zu immer größerer Reife zu führen. +Schon lange waren sie über bescheidene Rollen aus Spielopern wie +»Freischütz« und »Waffenschmied« hinaus. Schon waren sie bei Wagner +angelangt. Als Cyrill das erstemal zu seinem Schüler über Wagner +sprach, stand er vor ihm wie ein begeisterter Priester, und als er ihm +die Wonnen und Wunder des »Lohengrin« erschloß, seufzte der Dachdecker +und sagte: »Das ist Musik aus dem Paradiese.« + +Eines Tages fuhren die beiden miteinander nach der Hauptstadt. Im +Wartesaal zu Altenroda trafen sie sich. + +»Ich habe einstweilen die beiden Fahrkarten gekauft,« sagte Cyrill. + +»Ich auch!« sagte der Dachdecker. + +Cyrill hatte dritter, der Dachdecker hatte zweiter Klasse gelöst. +Schließlich legten sie die vier Karten zusammen, fuhren erster und +waren schön allein im Abteil. Der Dachdecker schämte sich halb zu +Tode in dem feinen Raume und wünschte nur, daß keine anderen Menschen +einsteigen möchten. + +Cyrill lächelte wehmütig. + +»Sie werden bald immer erster Klasse fahren,« sagte er. »Wenn Sie erst +ein Bühnenstern sind! Und ich werde immer dritter Klasse fahren. Ich +glaube, ich bin selbst dritter Klasse.« + +Dagegen erhob der Dachdecker leidenschaftlichen Protest; aber Cyrill +wehrte ab und sagte: + +»Lassen Sie es gut sein. Nicht jeder kann ganz vorne stehn. Es genügt +schon, wenn er dabei ist. Heute abend im Opernhaus nehmen wir uns ganz +gute Plätze. Wohnen können wir ja in einem kleinen Vorstadthotel.« + +Sie saßen in einer Loge des Opernhauses. + +Lohengrin. + +Das silberne Singen der Geigen mit dem Gralsmotiv setzte ein; die +Ouvertüre wogte vorüber, der Vorhang hob sich, und ein schönes +Bühnenbild zeigte König Heinrich mit den Männern von Brabant am Ufer +der Schelde. + +Der Dachdecker preßte seine Hand auf Cyrills Knie, als müsse er sich +festhalten. So selig erschrocken wie er schaute einst Moses ins Gelobte +Land. + +Als die Lichtgestalt Lohengrins auftauchte, diese Gestalt, die +aus Glanz und Wonnen kommt, ganz Schönheit, ganz Reinheit, ganz +Heldenkraft, ganz wundersamste Jugend, rannen dem armen Dachdecker +unaufhaltsam die Tränen über die Wangen, das Herz pochte ihm in +Seligkeit; alle Glocken klangen, alle Engel sangen; tausend Melodien +strömten ihm zu: Du bist glücklich, du bist selig, du bist im Himmel! + +Aber als der Vorhang gefallen war, saß der Dachdecker stumm und mit +bleichem Gesichte auf seinem Stuhle. + +Die Leute gingen nach dem Vorraume. + +»Wollen wir nicht auch hinausgehen?« fragte Cyrill. + +Der Dachdecker schüttelte den Kopf. Wie konnte man aus diesem Himmel +hinausgehen? Aber er war so todblaß und stierte so eigentümlich mit den +Augen, daß Cyrill fragte: + +»Was ist Ihnen? Ist Ihnen nicht wohl?« + +»Ach,« sagte der Dachdecker, »ach, ich erbärmlicher Kerl! So etwas +werde ich niemals können. Der Lohengrin ist wie ein Gott!« + +Cyrill schwieg. Er dachte: Ganz gut, wenn du die Größe und +Schwierigkeit deiner Aufgabe erfassest. Im übrigen ist noch jeder, +der wirklich etwas kann, nicht einmal, sondern hundertmal an sich +verzweifelt. Nur die Stümper sind selbstsicher. + +Im zweiten Akte, nach Elsas süßen Nachtgesängen, faßte sich der +Dachdecker am Hals und flüsterte Cyrill angsterfüllt zu: + +»Mir wird übel!« + +Cyrill sah mit einem Blick, daß die Sachlage hier bedrohlich wurde, +faßte August an der Hand und führte ihn hinaus. Unwillige Blicke +folgten den Störern, und Elsa sang unten auf der Bühne: »Es gibt ein +Glück, das ohne Reu,« ohne zu ahnen, daß da oben ein kunstbegeisterter +Naturmensch diese Sentenz +ad absurdum+ führte. + +August Stumpe mußte sich erbrechen. Kalter Schweiß perlte ihm auf dem +Gesichte und auf den Händen. + +»Na, hören Sie mal,« sagte Cyrill, der nur unwillig den Samariter +spielte, »wenn Sie sich immer im Theater so aufregen wollen, dann +taugen Sie freilich nichts für die Bühne.« + +»Nein,« schöpfte August Luft, »nein, ich tauge nichts! Ich tauge rein +gar nichts! Ich bin eine unnütze Kreatur! Ich bin ein dummer Mensch. +Für mich gibt's nur eins -- weg von der Welt!« + +»Blech!« sagte Cyrill zum Trost und sonst nichts. Dann führte er +August an ein Büfett und labte ihn mit einer Flasche Selterswasser. +Von drinnen drangen die Hochzeitshymnen des großen Kirchgangs. August +strebte wieder hinein. + +»Nicht um die Welt!« sagte Cyrill und hielt den Dachdecker zurück. + +Da lehnte sich August Stumpe in seinem todjämmerlichen Zustande an +eine Säule, und Cyrill stand neben ihm in dem leeren Restaurationsraum, +und beide machten einen unvorteilhaften Eindruck. + +Wie sie so dalehnten, kam ein kleiner dicker Herr mit einem Hornzwicker +auf der Nase vorbei, musterte sie, blieb stehen, ging vorüber, blieb +wieder stehen, guckte sich um und kam plötzlich heran. + +»Also, da möchte ich doch wetten, Sie beide sind aus Altenroda.« + +Cyrill und August erschraken, als ob sie entlarvte Verbrecher seien, +und einer von beiden sagte: »Ja, ja, ja!« + +»Habe ich Sie doch erkannt,« schmunzelte der alte Herr vergnügt. »Ja, +mein Physiognomiengedächtnis! Also die Leute vom Quartett Altenroda. +Sie der Dirigent, Sie der Tenorist! Weiß alles, weiß alles! War ja in +Ihrem Konzert. Sind also da mal hergekommen in die Oper -- was? Und da +ist Ihnen wohl schlecht geworden? Sehen ja ganz verdaddelt aus?« + +»Ja,« sagte Cyrill, der den gewaltigen Musikkritiker von dazumal +inzwischen erkannte oder wenigstens ahnte, »meinem Freunde wurde übel.« + +»Er ist doch nicht Sänger von Beruf? Was ist er denn?« + +»Dachdecker.« + +»Dachdecker? So, so -- Dachdecker! So -- heidi -- ganz oben! Ganz oben, +direkt am Kirchturmknopf! Dachdecker! Und singt! Und fährt mal in die +Oper! Opfert Geld! Siebzehn Mark zweiter Klasse hin und her! Weiß +ich! War ja doch in der Gegend. Siebzehn Mark! Und dann die sonstigen +Spesen. In die Oper! In den ›Lohengrin‹! Und hört dann hier solches -- +solches -- und wird ihm schlecht.« + +Der kleine dicke Herr mit der Hornbrille nahm Cyrill etwas auf die +Seite. + +»Sagen Sie mal -- der Mann hat sich wohl direkt erbrochen? Das sieht +man ihm doch an!« + +»Ja,« sagte Cyrill, »es wurde ihm übel. Schon nach dem ersten Akt wurde +ihm ganz benommen.« + +»Hatte er denn vorher getrunken oder sich den Magen verdorben?« + +»Durchaus nicht! An der Übelkeit ist nur die Oper schuld.« + +Der Dicke funkelte Cyrill mit den Brillengläsern an. + +»Die Oper! War denn -- dieser -- dieser Dachdecker schon öfter in der +Oper?« + +»Nein, es ist die erste, die er hört.« + +Der Dicke rieb sich die Glatze. + +»Das ist fabelhaft! Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Sehen +Sie, man müßte doch annehmen, auf eine so naive Haut, wie es ein +Dachdecker aus Altenroda ist, müßte die erste Oper, die er hört, +mächtigen Eindruck machen, sie müßte ihn begeistern. Aber nein! +Wenn er ein musikalisches Talent ist (und das ist Ihr Dachdecker +in ganz hervorragendem Maße), wenn er ein musikalisches Innenleben +hat, wird ihm bei einer solch gottserbärmlichen Aufführung, wie die +heutige ist, einfach schlecht. Er kotzt! Er verachtet die ganze +Bande. Der ›Lohengrin‹, der heute hier auf Engagement zu singen die +Verbrecherstirn hat, soll sich auf einen Misthof als Kikerikihahn +vermieten. Ja, das soll er! Das schreibe ich morgen in meine Kritik. +Als Kikerikihahn auf einen Misthof vermieten! Selbst ein wirklich +musikalischer Dachdecker aus Altenroda hat das herausempfunden.« + +Auf diese Rede hin sagte Dietrich Cyrill weder »ja« noch »nein«. Er war +zu erstaunt über diese Wendung der Dinge. + +»Also,« fuhr der Dicke fort, »ich habe damals über Ihr Konzert an Ihr +Stadtblatt einige Zeilen gerichtet. Es machte mir Spaß. Ich wollte auch +den Spießern aus Altenroda, die Ihrem Konzert ferngeblieben waren, +eines auswischen. Ich habe mich damals über Ihre Leistungen gewundert. +Aber noch mehr wundere ich mich heute. Daß einem Naturkinde bei der +ersten Oper, die es hört, schlecht wird, nur weil schlecht gesungen +wird -- sehen Sie, das ist ein psychologisch rasend interessanter Fall. +Das ist ein Testimonium so elementaren Schönheitswillens, daß ich +erstaunt bin.« + +Der Dicke ging nun zu dem Dachdecker, der mit einem weidlich dummen +Gesicht immer noch an der Säule stand, und sagte: + +»Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Übelkeit! Wundern Sie sich nicht, daß +mir nicht auch übel geworden ist! Verachten Sie mich deswegen nicht! +Ich bin abgehärtet bis aufs äußerste. Ich kann Seifenlauge vertragen, +weil ich berufshalber tausendmal habe Seifenlauge schlucken müssen. +Verstehen Sie das?« + +August wußte nicht, was der ›Lohengrin‹ mit Seifenlauge zu tun habe, +aber er nickte mit dem Kopf. Ihm war alles egal. + +Nun war drinnen der zweite Akt zu Ende; die Leute strömten in den +Restaurationsraum. Der kleine Dicke zog eine Visitenkarte aus der +Tasche, überreichte sie Cyrill und sagte: + +»Da ist meine Adresse! Es würde mich freuen, wenn Sie mich mit Ihrem +Freunde morgen besuchten. Am besten zwischen elf und zwölf Uhr.« + +Dann ging er. + +Während des dritten Aktes saß August Stumpe wieder in seligen +Schauern da. Es wurde ihm nicht mehr übel. Am Schluß nur, bei der +Gralserzählung, rannen ihm heiße Tränen über die Wangen. Er klatschte +keinen Beifall. Ganz still saß er noch, als die meisten Leute schon +gegangen waren, und verließ als einer der letzten das Theater, Leuchten +in den Augen und einen Schimmer von Verklärung auf dem Gesicht. + +In einem kleinen Vorstadthotel hatten Cyrill und August ein gemeinsames +Zimmer inne. Der Dachdecker saß auf seiner Bettkante und träumte. +Cyrill störte ihn nicht. + +»Wie ein Gott hat er gesungen -- wie ein Gott!« + +Da meinte Cyrill: + +»Lieber Freund, ich gebe Ihnen einen guten Rat; wenn wir morgen bei +dem kleinen Doktor sein werden, sagen Sie kein Wort über die heutige +Aufführung, kein einziges Wort!« + +»Warum nicht?« fragte Stumpe. + +»Weil es sich nicht ziemt, daß ein Anfänger in Gegenwart einer solch +anerkannten Größe seine eigene kritische Meinung zum Besten gibt.« + +»Das ist richtig!« sagte der Dachdecker. Nach einem Weilchen stand er +auf. + +»So hat er dagestanden!« sagte er in seliger Versunkenheit, »so die +Augen ganz in die Ferne gerichtet nach Monsalvat, weit über alle Länder +und Menschen hinweg. Und so hat er gesungen: ›Im fernen Land, unnahbar +Euren Schritten, steht eine Burg, die Monsalvat genannt ...‹« + +Und nun sang August Stumpe erst leise, dann mit immer vollerer Stimme +die Gralserzählung, und Cyrill hörte ihm glückselig zu. Sein Schüler +sang die Gralserzählung wirklich viel schöner als der Tenor auf der +Bühne, und was den Dachdecker heut so begeistert hatte, war ja auch +nicht die wenig hohe Kunst jenes Bühnentenors gewesen, sondern das +Theater selbst, in das dieser begnadete Künstler als ein verbannter +Königssohn zum erstenmal wie in eine Heimat gekommen war, in die er +gehörte. + +»Mein Vater Parsival trägt seine Krone, sein Ritter ich, bin Lohengrin +genannt ...« + +In einer Gloriole glühender Tonfarben sang der Dachdecker den Schluß +der Gralserzählung. + +»Ruhe dort drin! Die Herrschaften schlafen schon!« + +Das war der Nachtportier. + +»Nein!« brüllte ein Handlungsreisender, der im linken Nebenzimmer +schlief, »er soll weitersingen. Der Mann singt großartig.« + +Die Tür zum rechten Nebenzimmer öffnete sich; die Nachthaube einer +alten Jungfer erschien, und eine Stimme flötete: + +»O, Herr Portier, bitte, lassen Sie ihn weitersingen. Es ist himmlisch!« + +»Nein,« sagte der grobe Portier, »es ist nicht himmlisch, sondern es +ist Nacht. Die Leute wollen schlafen.« + +Aus dem oberen Stockwerk rief einer grob die Treppe herunter: + +»Was ist denn das für ein Radau da unten? Ruhe will ich!« + +Das war August Stumpes erster Erfolg und Mißerfolg in der großen Stadt. + +»Publikum!« sagte Cyrill. »Publikum!« + + * * * * * + +Am nächsten Vormittag zwischen elf und zwölf Uhr war August Stumpes +Schicksalsstunde. Der kleine Doktor hatte die beiden mit den Worten +empfangen: + +»Über gestern wollen wir nicht mehr reden. Wir wollen in diese Stimmung +nicht zurückfallen. Ich habe mir den Ärger in meiner Nachtkritik von +der Leber heruntergeschrieben, und Ihnen ist, wie ich sehe, ja auch +wieder besser.« + +Er führte sie in ein schönes Musikzimmer. + +»Sie sollen mir was erzählen,« sagte er; »von dem Musikleben in +Altenroda sollen Sie mir was erzählen.« + +Cyrill erzählte kurz und schlicht von der Gründung und Ausbildung des +Quartetts. + +»Wo und bei wem haben Sie studiert, Herr Dietrich?« + +Cyrill gab Auskunft, und der Doktor brummte. + +»Und da sitzen Sie in Altenroda? Was machen Sie denn da?« + +»Ich warte auf eine Anstellung als Kapellmeister. Ich bin arm und +muß bei meiner Tante wohnen, die meine einzige Verwandte ist. Einige +Angebote habe ich gehabt; es waren aber so untergeordnete Institute, +daß ich lieber in Altenroda weiter darbe. Ich habe auch eine Oper +geschrieben.« + +Der Doktor stand auf und unterbrach Cyrill. + +»Oper geschrieben? Als Kapellmeister? Das ist nichts! Kapellmeister +sollten nie Opern schreiben, Theaterdirektoren und Bühnenleute nie +Dramen dichten. Wissen Sie, was das ist? Inzucht ist das! Kommen +meist Wechselbälger heraus! Mache! Technik! Kulissenverwendung! +Gebrauchsgegenstände +pro loco+! Nein! Ist nichts! Jeder bei +seinem Fach! Ein General soll nicht zugleich Armeelieferant sein.« + +Damit war Cyrill abgefertigt, und August Stumpe kam an die Reihe. + +»Singen Sie mir was vor! Die Tonleiter!« + +August Stumpe sang die Tonleiter auf do, re, mi ... + +»Na weiter! In die zweite Etage! Noch mal von unten an!« + +Stumpe sang zwei Tonleitern. + +»Also,« sagte der Doktor, »das war in ›a‹. Nun versuchen Sie es mal +einen halben Ton höher, in ›b‹«. + +Als August Stumpe sofort das »b« richtig traf, unterbrach ihn der +Doktor und sagte: + +»Gut! Ich weiß Bescheid! Nun singen Sie mir noch irgend etwas aus einer +Oper. Was möchten Sie sich wählen?« + +»Die Gralserzählung!« + +Darüber machte der Doktor ein saures Gesicht. Diese Wahl mißfiel ihm. +Aber er sagte: + +»Meinetwegen. Nach der Seifenlauge gestern ...« + +Und er schlug den Klavierauszug zum »Lohengrin« auf. August Stumpe +sang. Nicht ganz so in Verklärung und Entzückung wie gestern Abend, +aber doch gut. + +Am Schluß sagte der Doktor, dem hinter der Brille die Augen funkelten: + +»Also -- das können Sie noch nicht. Selbstverständlich noch nicht. Aber +in einem Jahre werden Sie es wahrscheinlich können. Nun, mein Lieber, +das Dachdecken hört jetzt auf, und wenn es allen Bürgern in Altenroda +in die Bude regnet. Und wenn in der Konditorei unter den Lauben der +Kaffee verwässert, und wenn alle Journale im ›Löwen‹ verfaulen -- das +Dachdecken hört auf! Absolut und sofort! In einem Monat sind Sie hier. +Ich werde für einige Mäzene sorgen, die Ihren Unterhalt bestreiten und +Ihnen die geeigneten Lehrer verschaffen. Alles andere findet sich dann +für Sie von selbst.« + +Nach einigen Abschiedsworten waren die beiden entlassen. + + * * * * * + +Sie saßen in einer kleinen Weinstube. August Stumpe hatte ein +knallrotes Gesicht. Er hatte Fieber. Seine Lebensstraße war plötzlich +von glühweißem Sonnenlicht übergossen. Das blendete ihn, der so lange +im Schatten gelebt hatte. Völlig verwirrt war er. Er tastete nach +Cyrills Hand; die war eiskalt. Cyrills Aussichten auf eigenes Glück +waren vernichtet. Der kleine Doktor hatte ihn fallen lassen, und der +bunte Vogel, den er gezüchtet und gepflegt, auf den er seine Hoffnungen +gesetzt hatte, flog davon. + +August Stumpe versuchte ein Gespräch herbeizuführen, es mißlang. + +»Lassen Sie mich!« sagte Cyrill verstört, »ich muß mich erst darein +finden!« + +»In was müssen Sie sich finden?« + +Cyrill gab keine Antwort. Er sank in die Sofaecke der kleinen Nische, +in der sie saßen, und schloß die Augen. Ganz ruhig saß er. Nur die +Brust zuckte manchmal in innerem Krampf. + +Der Kellner legte leise ein paar Zeitungen hin. Der Dachdecker sah +eine Weile bestürzt und verängstigt auf Cyrill, dann glaubte er, +der schlafe, und er blätterte vorsichtig, um kein Geknittere zu +verursachen, in einer Zeitung. Da fand er die Nachtkritik des Doktors +über die »Lohengrin«-Aufführung. + +»In einer kleinen Dingsda-Stadt lebt ein Dachdecker, der musikalisch +ist und durch einen Zufall zu einer sachgemäßen musikalischen +Ausbildung gekommen ist. Dieser Mann wandte seinen kargen, auf +halsbrecherischem Höhengelände erworbenen Lohn an, um mal in unserer +Oper den ›Lohengrin‹ zu hören. Der Unglückswurm geriet in die +Aufführung, in der gestern Herr Edmund Tolschmusen auf Engagement +als Lohengrin debutierte. Und dem musikalischen Dachdecker wurde +schlecht. Man stelle sich vor: ein Dachdecker, ein reiner Tor, ein Hans +Kuckindiewelt, einer, der auszog, um das selige Gruseln zu lernen, +dem wurde schlecht, der mußte sich in die Retirade flüchten, weil +Herr Edmund Tolschmusen so übererbärmlich sang, daß dem musikalischen +Naivling die Magenwände rebellierten. Herr Edmund Tolschmusen soll mal +nach Dingsda fahren und sich ein Konzert anhören, in dem der Dachdecker +singt, damit er eine Ahnung kriegt, wie gesungen werden muß. Oder wenn +er so viel Kunsteifer nicht aufbringt, soll er sich kurzerhand als +Kikerikihahn auf einen Misthof vermieten. Vielleicht zieht unser Herr +Intendant, der ihn zum Probesingen einlud, als Hühnerwärter gleich mit. +Fürs Krähen und Gackern interessiert er sich ja sicherlich.« + +Großstädter sind an solche deutliche und witzige Kunstkritiken ja +gewöhnt; aber dem Kleinstadtmann verschlug's den Atem. + +Mit entseeltem Gesicht starrte August Stumpe das Zeitungsblatt an. Er +las die »Kritik« ein zweites und drittes Mal, spuckte, kratzte sich am +Halse und an den Beinen und wurde nur immer verwirrter. Himmelangst +wurde ihm; als sei er verhext, so kam er sich vor. Was war denn das? +Was bedeutete denn das? Der Dachdecker war ja doch wohl er selbst? Aber +wer war denn der Kikerikihahn? + +Cyrill Dietrich erhob sich plötzlich. + +»Also, lieber Stumpe, ich bin wieder bei mir. Ich hoffe, ich werde +darüber hinwegkommen. Stoßen Sie mit mir an. Ich gratuliere Ihnen +aufrichtig und herzlich. Ich freue mich, daß ich der Kunst einen +solchen Jünger wie Sie habe zuführen können. Sie werden nun bald ganz +im Lichten sein, und ich werde in Altenroda Klavierstunden geben +müssen. Ich sagte es Ihnen schon gestern -- der eine erster, der andere +dritter Klasse. Das ist nun mal so im Leben.« + +Da faßte August Stumpe ein unsinniger Zorn, als ihm klar wurde, daß er +aufsteigen, sein bisheriger Lehrer aber in der Tiefe bleiben solle. Er +verschüttete sein Weinglas und sagte: + +»Wissen Sie, was der Doktor ist? Ein Schuft! Wissen Sie, was er in +seiner Zeitung geschrieben hat? Ich bin ein Tor, der Tenorist von +gestern Abend ist ein Kikerikihahn. Und Sie läßt er sitzen! Und von +mir sagt er, mir sei schlecht geworden, weil es im Theater so schlecht +war; dabei ist mir schlecht geworden, weil es überaus herrlich war. Der +Idiot! Ich gehe jetzt zu ihm und hau ihm eins in die Schnauze.« + +Der zarte Cyrill bemühte sich ganz vergebens, den riesigen Dachdecker +aufzuhalten. Der empörte Mann riß sich los und stürmte davon. Die +Kellner wunderten sich sehr über diesen Gast. + +Cyrill konnte nichts tun, als den Doktor telephonisch auf das +vorbereiten, was ihm bevorstand. Ein kollerndes Lachen rollte Cyrillen +durch den Telephonhörer als Antwort ins Ohr. + +»Na, also, wenn er aufbricht, um einen Kritiker zu hauen, ist er ja +doch der geborene Bühnenkünstler! Das ist eine neue Talentprobe. Lassen +Sie ihn kommen! Und Sie, kommen Sie auch noch mal zu mir, Sie sind ja +eigentlich der +spiritus rector+ von der ganzen Geschichte. Einer, +der aus einer Dilettantensache so etwas machte, wie Ihr Quartett, der +ist ja sicher ein Kapellmeister. Der muß intelligent und vor allem +sehr fleißig sein. Fleißig -- das ist eine gute Eigenschaft für einen +Kapellmeister. Nur das eine tun Sie sich selbst zu Gefallen: sagen Sie +niemand, daß Sie eine Oper komponiert haben.« + +Nach einer Stunde saßen Cyrill und August wieder zusammen. + +August Stumpe hatte ein friedliches Gesicht. + +»Na,« sagte er, »es war ganz nett. Gehauen haben wir uns nicht. Ich +habe ihm bloß ordentlich meine Meinung gesagt, daß es gestern im +Theater großartig war, und daß mir so schlecht geworden ist, weil +es eben so großartig war. Und da hat der Doktor so gelacht, daß ich +dachte, er erstickt. Aber dann hat er gesagt: ›Stumpe, Irren ist +menschlich. Ich habe mich in Ihnen geirrt. Wenn Sie mir gestern +abend das gesagt hätten, was Sie mir jetzt sagen, hätte ich Sie nie +und nimmer eingeladen. Ich hielt Sie aber für ein psychologisches +Monstrum. Stumpe, Sie sind kein Monstrum. Doch ein guter Sänger können +Sie werden; das habe ich inzwischen festgestellt. Und so bleibt alles +beim alten, und Ihren Meister Cyrill werde ich auch unterbringen. Ich +hab' schon was für ihn in Aussicht.« + +Schön wurde es in der kleinen Weinstube! Nachmittags um vier machten +Cyrill und August Bruderschaft. + +Darauf ging August Stumpe an einen Kellner heran, zerrte ihn am Ärmel +in eine Ecke und sagte: + +»Ach, verzeihen, Sie, Herr Nachbar, können Sie mir sagen, wieviel +eigentlich so eine Flasche Champagner kostet?« + +Der Kellner grinste. + +»Das kommt auf die Marke an. Französischer Sekt etwa achtzehn Mark.« + +»Warten Sie mal!« sagte August Stumpe, zog sein Portemonnaie heraus, +zählte sein Geld, rechnete umständlich auf einem Zettel mit Bleistift +etwas aus und sagte dann: + +»Es langt! Bringen Sie eine!« + +Der Kellner berichtete am Büfett, daß ein solch ländlicher Blödling, +wie dieser Gast war, der den Sekt bestellte, noch in keiner Weinstube +der Welt aufgetaucht sei. August und Cyrill aber saßen sich glückselig +gegenüber, nannten sich du, hatten miteinander und durcheinander +gesiegt. Und einmal bückte sich August schnell nieder und küßte dankbar +Cyrills feine weiße Dirigentenhand. + + * * * * * + +Als die beiden nach Altenroda heimkamen, fand jeder auf seiner Stube +eine gedruckte Mitteilung vor, die niederschmetternd war. + +Der Apotheker zeigte die Verlobung seiner einzigen Tochter Sabine mit +dem Provisor seiner Firma an. + +Sie waren mit dem Abendzug spät eingetroffen. Nun kam eine trostlose +Nacht. Jeder war einsam für sich mit seiner Verzweiflung. Jeder saß vor +dem schrecklichen kleinen Blatt, das den Verlust des Liebsten auf der +Welt kundtat; jeder hatte wildes Weh im Herzen; jeder war vom Himmel in +die Hölle gefallen. + +Was war der herrlichste Weg, der sich wie durch ein Wunder erschlossen +hatte, wenn das selige Ziel, zu dem er führen sollte, für immer +verschwand? + +Das Naturkind, den Dachdecker, packte es am schlimmsten. Er dachte an +nichts weiter, als daß es aus sei mit aller Lebenshoffnung, daß er nie +mehr singen würde, daß er sterben müsse. + +Gegen Mitternacht hielt es August nicht mehr aus in seiner Einsamkeit. +Er wußte niemand, dem er sich anvertrauen konnte, als Cyrill. So +verließ er das Haus, um, wenn es möglich wäre, noch zu Cyrill zu +gelangen. Und August begegnete Cyrill auf der menschenleeren, +nächtlichen Straße. + +Sie erschraken vor einander. + +»Ich wollte zu dir!« + +»Und ich zu dir!« + +Cyrill erkannte blitzschnell, wie es um den Dachdecker stand; der +Natursohn ahnte von dem andern auch jetzt noch rein nichts. Er war nur +von seinem eigenen Herzeleid überwältigt, fiel Cyrill um den Hals und +begann laut zu schluchzen. Wie weichmütig war doch dieser starke junge +Mann! + +Cyrill stand steif und still. Wie ein Steinbild stand die +feingliederige Gestalt, an die sich der weinende Riese lehnte. + +»Komm mit mir!« sagte er erst nach einer ganzen Weile. + +Sie gingen durch den Frühlingssturm. Wolken jagten über ihnen, löschten +alte Sterne aus und enthüllten neue Sterne. + +In Cyrills Stube saß der Dachdecker auf dem kleinen roten Plüschsofa. +Er saß mit gefalteten Händen und sagte mit ernster Feierlichkeit in der +Stimme: + +»Cyrill, du bist mein Freund geworden. Dir allein kann ich mich +anvertrauen. Ich kann nicht mehr leben. Ich kann es nicht ertragen, daß +Sabine einem andern gehört. Ich muß sterben. Aber ich habe noch eine +alte Mutter. Die ist fromm. Die würde es nicht überleben, wenn der Sohn +so ein -- ein Selbstmörder wäre. Sie würde glauben, daß mich dann der +liebe Gott auf ewig verwirft.« + +Er machte eine Pause. Cyrill saß ihm schweigend und düster gegenüber. + +»Ich habe die Sabine zu sehr geliebt,« fuhr der Dachdecker fort. »Ich +habe die ganze Sache beim Quartett nur ihretwegen mitgemacht; ich habe +auch bloß ihretwegen zur Oper gewollt. Das ist nun alles aus. Cyrill, +du weißt, ich habe einen gefährlichen Beruf. Wenn du nun mal hörst, +der August Stumpe ist abgestürzt, da weißt du Bescheid. Du sollst es +wissen, sonst soll es niemand wissen, vor allen Dingen nicht meine +Mutter. Aber eine soll es noch wissen -- Sabine! Der sollst du es +einmal heimlich sagen. Sie soll wenigstens einmal eine halbe Stunde um +mich leiden.« + +Cyrill sagte auch jetzt noch nichts. Er setzte sich an sein altes +Klavier und begann ganz leise zu spielen. Der Dachdecker lag lang auf +dem Sofa. Was sich bei ihm in naturwüchsiger Heftigkeit entlud, ging +in stiller Qual auch durch Cyrills Seele. Der spielte wohl eine Stunde +und länger. Dann stand er auf. Er war sich seiner Dirigentenpflicht +bewußt geworden. Er durfte nicht dulden, daß jener andere dort die +schöne Symphonie seines Lebens umwarf und vernichtete. Er war wie jener +in Irrnis und Wirrnis, aber er war der berufene Führer, der den andern +befreien mußte. + +Cyrill zog eine Schublade auf, nahm ein Notenblatt heraus und legte es +vor August Stumpe hin. + +»Da -- lies das!« + +Der starrte erst geistesabwesend auf das Blatt. Als er aber den Namen +Sabine sah, griff er gierig zu. + +»Daß ich dich liebe ...« -- »Sabine gewidmet.« + +Und er las den Text. Verwirrt fragte er. + +»Was bedeutet das? Ist das Lied von dir?« + +»Ja.« + +»Und es ist auf Sabine gemacht? Dieses Liebeslied?« + +»Ja.« + +Der Dachdecker sprang auf. + +»Dann hast du ja auch -- du auch ...« + +Seine Augen glommen feindselig, seine Fäuste ballten sich. Cyrill stand +ganz ruhig da. + +»Ja, ich habe sie auch geliebt. Ebenso sehr wie du. Und bin nun ebenso +um mein Glück betrogen wie du.« + +»O Gott! -- O Gott!« + +Der Dachdecker sank auf das Sofa zurück. + +»Und -- und was wirst du tun?« + +»Ich werde mir nicht das Leben nehmen. Ich habe eine andere Ansicht +von dem, was ich noch im Leben zu tun habe, eine andere Ansicht von der +Kunst als du. Gewiß, ich habe jenes Mädchen geliebt, aber ich liebe +noch viel mehr die Musik. Der werde ich treu bleiben; die wird jetzt +meine Braut sein. Die ist jeden Tag schön, jeden Tag lieb, jeden Tag +tröstlich, jeden Tag die beste Gefährtin. Die wird nie alt.« + +»Ja du -- ja du!« rief der Dachdecker leidenschaftlich. »Du bist ein +großer, gelehrter Künstler. Ich bin ein Stümper, ein Anfänger. Außer +dem, was ich von dir kann, kann ich nichts. Für mich ist's aus!« + +»Für dich ist's nur aus, wenn du ein ganzer Narr bist! Du bist ein +Anfänger. Aber in zwei Jahren wirst du schon an erster Stelle stehen +und ich an einer zweiten oder dritten Stelle. Wer weiß, ob ich je eine +erste Stelle erreiche. Aber selbst das, was ich bin und was ich kann, +werfe ich nicht weg um das schöne Gesicht eines Mädchens.« + +August Stumpe saß ganz still da. Nach einiger Zeit sagte er: + +»Cyrill, du bist mein Freund, der einzige wahre Freund, den ich habe. +Du bist hundertmal klüger als ich. Dir werde ich folgen.« + +»Sieh,« sagte Cyrill, »wir sind wirklich Freunde. Als uns heute +unerwartet dieses Unglück traf, lief einer zum andern in seiner Not. +Und wir begegneten uns mitten in der stürmischen Frühlingsnacht. Das +hat was zu bedeuten! Wir sollen beieinander bleiben.« + +»Ja, das sollen wir,« rief August Stumpe. »Das sollen wir! Ich werde +alles tun, was du willst!« + +Da hatte die Dirigentenseele Cyrills eine zarte Freude über den +gefügigen Sänger. + +»Ich will ganz aufrichtig zu dir sein,« sagte Cyrill; »du warst mir +anfangs auch nur ein Mittel zum Zweck. Ich erkannte deine Begabung und +sagte mir, durch dich könne ich wohl selbst zu etwas kommen. Und so ist +es ja auch geworden, wenn auch etwas anders, als ich es anfangs dachte. +Wir sind uns auf dem Lebenswege begegnet, und ich glaube, es war für +beide ein Glück. Und wenn es nun mit Sabine so ganz anders gekommen +ist, als wir beide es wünschten -- jeder ganz für sich selbst -- so ist +doch in dem Unglück das Glück, daß wir beide Freunde bleiben können.« + +»Ja, richtig,« rief August Stumpe, »wenn ich die Sabine bekommen hätte, +dann hätte ich ja dich wohl verloren. Und umgekehrt auch. Und das wäre +schrecklich gewesen.« + +»Ja,« sagte Cyrill, »und nun wollen wir beraten, was zu tun ist.« + + * * * * * + +Um vier Uhr früh ging der Dachdecker nach Hause und fing sofort an, +seine Sachen zusammenzupacken. Um neun Uhr hoben die beiden Freunde +ihre Sparkassenguthaben ab. Um zehn schickten beide einen Blumenstrauß +mit einer kurzen Gratulation nach der Apotheke. + +Gegen Abend verließen Cyrill Dietrich und August Stumpe Altenroda. Ein +Bote brachte einen Brief in die Apotheke: + +»Sehr geehrter Herr Apotheker! + +Mein Freund August Stumpe hat Aussicht, bei der Oper anzukommen; ich +werde wahrscheinlich eine Kapellmeisterstelle erhalten. Wenn Sie +diesen Brief lesen, haben wir beide Altenroda bereits verlassen. +Einen Abschiedsbesuch wollten wir nicht machen, um das Glück der +jungen Braut nicht zu stören. Wir danken Ihnen für die in Ihrem Hause +empfangene Gastfreundschaft und wünschen, daß es Ihnen gelingen möge, +die durch unseren Fortzug im Quartett Altenroda leergewordenen Plätze +neu zu besetzen. + + Cyrill Dietrich.« + +Über diesen Brief war sich der Apotheker noch nicht im klaren, als er +in Zorn und Schmerz bereits die dritte Flasche Burgunder getrunken +hatte. + +Das Sabinchen lag im Bettchen und flennte. Es waren so nette Leute +gewesen, der Cyrill und der Dachdecker. Und so schöne Musik hatten sie +gemacht. Eigentlich waren sie netter als der Provisor, den sie bloß +nahm, daß die Apotheke später nicht in fremde Hände kommen sollte. +Jetzt würden die beiden berühmte Künstler werden in der großen Stadt. +Und sie mußte in Altenroda versauern. + +Sabinchen flennte. + +Und über allem Flennen schlief sie ein, das herzige Köpfchen auf den +molligen Arm geschmiegt. + +Ein kleiner Gott saß auf dem Bettende. Er lächelte ein wenig spöttisch +und wunderte sich gar nicht, als auch das Sabinchen im Schlaf plötzlich +mit dem Flennen aufhörte und zu lächeln begann. Der kleine Gott wußte: +jetzt träumt sie von dem schönen Brautkleide, das sie haben wird. Das +ist ihr die Hauptsache. Und das hat sich doch gut gemacht, daß die +keine Künstlerfrau geworden ist. Inzwischen trug der Schnellzug Cyrill +Dietrich und den Tenoristen August Stumpe fort aus dem Musikleben +Altenrodas ins Leben der großen Welt. + + + + + Der Schuldturm + + Drei alte Mären + + + Es gäbe eine dicke Chronik, wenn einer die Geschichte des + Schuldturmes von Altenroda aufzeichnete. Denn ob Altenroda auch + immer nur eine geringe Stadt war, seine Bewohner waren allzeit ein + helles Völklein: voll Biederkeit, aber manchmal, wenn des Teufels + Stern regierte, auch voller Grausamkeit. Drei Stücklein sollen hier + erzählt werden: das traurige Schicksal des Meisters Michael, die + Geschichte vom törichten Kaspar und die Abenteuer des Köhlers vom + Eulenwalde, der ein kurioser Mann war, aber doch auch seine bitteren + Erfahrungen mit dem Altenrodaer Turme machte. + + + + + Das traurige Schicksal des Meisters Michael + + +Das war in rotgoldener Herbstzeit, am Tage Michaeli, als ein +Wandersmann mit leichtem Ränzel den Ochsenkopf, der südlich die Stadt +Altenroda überragt, herunter stieg und an der Wegbiege, wo das Bild des +heiligen Michael steht, Halt machte. Von dort aus überschaut man die +ganze Stadt, samt dem Eulenwalde, der grünen Aue und der Poststraße, +die in die Ferne führt. + +Der Wanderer, der aus dem Dunkel der Bäume trat, und plötzlich das +schöne Bild vor sich sah, breitete die Arme aus, ein Beben lief über +seine junge Gestalt, und die braunen Augen wurden feucht. Wohl öffneten +sich auch die Lippen, sie brachten aber kein Wörtlein hervor. Hätten +sie sprechen können, es wäre ein einziger Schrei gewesen: »Heimat! +Liebe Heimat!« So sank der Jüngling ins Herbstgras, lehnte den hübschen +Kopf an den Sockel des Heiligenbildes und sah in wortloser Seligkeit +hinunter auf seine Vaterstadt. + +Er war lange fort gewesen, über acht Jahre. Als er auszog in die Welt, +war er ein zweiundzwanzigjähriger Jüngling, und jetzt war er ein +Mann. Gestern war er dreißig Jahre alt geworden und heute war sein +Tauf- und Namenstag: Michael. Am längsten war Michael drunten in der +Stadt Nürnberg gewesen; dort hatte er alle Wunder geschaut, die von +Malern und Zeichnern, Kupferstechern und Goldschmieden, Baumeistern +und Gießern verrichtet worden waren. Und nun war Michael selbst ein +Meister in der Kunst der Uhrmacherei geworden. Sein großes Uhrwerk, +das er in dreijähriger Arbeit in Nürnberg geschaffen hatte, war von +den dortigen Meistern mit höchstem Lobe bedacht und von der Volksmenge +bestaunt worden; der Abt eines reichen Klosters hatte es für gutes Gold +erworben, und es hatten sich nun allerhand mächtige und reiche Herren +gefunden, die geneigt waren, den Meister Michael in ihre Dienste zu +nehmen, sogar des Bayern Kurfürstliche Gnaden und der hochwürdigste +Herr von Bamberg. Michael aber, dem das Geld des Abtes reich im Beutel +läutete und dem etwas anderes noch viel schöner im Herzen klang, sagte +den Herren ehrerbietigsten Dank und begehrte Urlaub, erst einmal in +seine ferne Heimat zu reisen. + +Da saß er nun bei der Bildsäule des Michael und sah hinunter auf die +liebe Stadt, die ihm draußen in der Ferne tausendmal im Wachen und +Schlafen erschienen war. Jetzt sah er sie wirklich vor sich, jetzt +brauchte er nur ein paar hundert Sprünge zu machen, dann war er mitten +drin in der Heimat. + +Aber er blieb sitzen. Es war eine große Scheu in ihm; die Stimme war +ihm so verschlagen, daß er jetzt denen drunten keinen rechten Gruß +hätte sagen können. + +Auf der Straße fährt der Postwagen mit seinem Gepäck. Das wird eher da +sein als er; wird ihn wohl unten schon anmelden. + +Verspätete Schwalben ziehen nach Süden. Wie können sie fortfliegen von +Altenroda? Ist es nicht besser, hier zu frieren, als anderwärts in +Sommer und Sonne zu sein? Eine warme, wonnige Stunde verrinnt noch. + +Da -- wer kommt den Berg herauf -- wem geht er entgegen wie ein +Taumelnder -- welch süßes Traumbild umfängt sein Blick? + +»Elisabeth!« + +Sie hängt leise weinend an seinem Halse, und er steht da und atmet +schwer, und er schaut empor und sieht nichts als lauter Himmel. + +Als er ihr ins Auge schaut, weiß er: Treue und Reinheit hat sie bewahrt +durch acht lange Jahre. + +»Ist es wahr?« fragt er endlich. + +»Ja! Komm heim!« + + * * * * * + +Der Ruf von Michaels Meisterschaft war nach Altenroda gedrungen, und +die Stadt war stolz darauf, daß einer ihrer Söhne sich in der großen +Welt solchen Ruhm erworben hatte. So wurde nun Michael mit allen Ehren +aufgenommen; jedermann wollte sein Freund und Gevatter sein, und der +Tuchkaufmann Degener hörte auf, seiner Tochter Elisabeth zu zürnen, +daß sie auf den fahrenden Gesellen acht Jahre gewartet hatte. Da des +Mägdleins Truhe gefüllt und der Hausrat gerichtet war, wurde die +Hochzeit schon einen Monat später mit viel Feierlichkeit und fröhlichem +Gepränge und Gespiel begangen. + +Eine Bedingung hatte der Schwieger für Einwilligung in so rasche Ehe +jedoch gestellt. Er war Ratsherr, und also brachte er selbst an Meister +Michael den Wunsch des Rates der Stadt, welcher folgender war: + +»Michael, du bist ein großer Meister der Uhrmacherkunst. Du sollst +für deine Vaterstadt eine Uhr erbauen, wie sie keine Stadt im ganzen +Deutschen Reiche besitzt. Der Ruhm Altenrodas soll überall im Lande +bekannt werden, und viele Fremde sollen kommen und deine Wunderuhr +anstaunen. Nachdem die Bürger von Altenroda in harten Kämpfen mit den +Ritter von Runkelstein diesen den Eulenwald und die grüne Aue wieder +abgenommen haben, erfreut sich die Stadt solchen Wohlstandes, daß sie +dich für deine Arbeit ebenso reich entlohnen kann, wie ein fürstlicher +oder geistlicher Herr.« + +Da sprach Meister Michael: »Ich hab' ein groß Werk im Kopfe. Wenn ich +es mit der Gnade Gottes zu gutem Ende führe, wird eine Uhr entstehen, +wie sie keine Stadt im Deutschen Reiche besitzt, ja nicht einmal der +König von Spanien oder der Papst zu Rom. Und ich wüßte niemand, dem ich +die Uhr lieber vergönnen würde, als der ehrenhaften Stadt Altenroda, +die meine liebe Heimat ist.« + +Als diese Worte bekannt wurden, war große Freude in Altenroda, und das +Lob Meister Michaels war in aller Munde. + +Sieben Jahre baute Michael an der Uhr. Er versenkte sich ganz in +sein Werk, ging sehr selten unter Menschen, was ihm wohl den Ruf +eines fleißigen Meisters, aber auch eines sonderbaren, wenn nicht gar +hochmütigen Menschen einbrachte. Frau Elisabeth allein war seine stille +Genossin. Sie hatte keine Kinder, aber sie war selbst wie ein stilles +Kind, dessen Gegenwart auch dann den Meister nicht störte, wenn er tief +im Grübeln war, wenn er rechnete, maß, zirkelte, probierte, wenn er mit +kunstgeübter Hand Rädchen feilte, geheime Federn spannte oder Wellen +einsetzte. + +Nach sieben Jahren, just wieder am Michaelisfeste, war die Uhr fertig +und in den Rathausturm eingebaut. Vier breite Abteilungen lagen +übereinander. Die oberste und größte zeigte die Allmutter, die Sonne. +Um die Sonne drehte sich die Erde und um die Erde der Mond. Und es +waren nicht nur die Stunden und Minuten zu sehen, wie bei jeder Uhr, +sondern auch Tag und Jahr waren verzeichnet und sollte selbst in +einem Schaltjahr niemals ein Irrtum im Datum vorkommen. Sodann gab +die Uhr die Mondviertel an und sollte auch in hundert Jahren noch +alles damit stimmen. An der Umdrehung der Erde um die Sonne waren die +vier Jahreszeiten zu erkennen und konnte jedermann deutlich sehen, in +welchem Winkel die Sonnenstrahlen auf die Stadt Altenroda fielen, deren +Platz auf dem Globus durch einen glitzernden Demantstein bezeichnet war. + +In der zweiten Abteilung waren Licht und Nacht verkörpert als die +Symbole von Gut und Böse. Im linken und rechten Seitenfelde lauerten +Satanas und andere Geister der Finsternis. Öffnete sich aber am +Morgen das Mitteltor, dann erschien Michael, der lichte Sieger des +Himmels. Seine strahlenden Augen waren auf die Stadt gerichtet, deren +Schutzpatron er war, auf silbernem Schilde standen mit goldener Schrift +die Worte: »+Quis ut deus?+« Wer ist wie Gott? Sein Schwert war +ein flammender Blitz. Wenn St. Michael erschien, schön wie der junge +Tag, dann verkrochen sich Satanas und die andern Geister der Finsternis +in die tiefsten Schatten. Um Mittag erschienen auf dem dritten Felde +würdevoll einer nach dem andern die zwölf Apostel: Petrus mit den +Schlüsseln des Himmelreiches, der greise, gebückte Andreas mit seinem +Kreuze, Jakobus mit der Keule, der zarte Johannes, der Liebling des +Herrn, und so die ganze Reihe durch, bis Judas mit dem Geldsack die +heilige Reihe unheilig abschloß. + +Auf dem untersten Felde kamen zur Abendzeit die heiligen drei Könige +gegangen. Man sah ihnen an, daß ihr Weg ein weiter gewesen war. Müde +ließen sich die Kamele am Halftergurt ziehen. Aber die drei Männer, +die das Heil der Welt suchten, schauten gläubig und mutig gerade aus. +Und siehe, ihr Ziel war nahe. Ein Stern senkte sich auf ein niederes, +mit Stroh gedecktes Haus und blitzte golden auf. In das Strohhaus +gingen die Weisen aus dem Morgenlande hinein. Der Stern aber leuchtete +wie ein ewiges Lämplein die ganze Nacht. Damals sagten die Mütter von +Altenroda, wenn die Kinder nicht schlafen wollten: »Pst! Am Rathaus hat +das Christkindlein schon sein Licht angezündet!« Dann huschelten sich +die Kleinen ins Bettchen und schliefen artig ein. + +Zur Mitternacht aber, wenn die Sterne feierlich flimmerten oder auch, +wenn der Sturmwind die Wolken jagte, erklang vom Turme die Weise eines +Chorals, der in Altenroda damals gesungen wurde: + + ~Herr über Tag und Nacht, + Herr über Schlaf und Wacht, + Herr über Glück und Not, + Herr über Leben und Tod, + Herr über alle Zeit -- + Preis dir in Ewigkeit!~ + + * * * * * + +Als dieses Wunderwerk einer Uhr der Stadt übergeben wurde, geriet +alles vom Bürgermeister und Ratsherrn an bis zum ärmsten Werkelmann +und bis zum kleinen Jungen in einen Taumel von Freude. Vom frühen +Morgen, als St. Michael erschien, bis über den Mittag der zwölf Apostel +hinweg stand die Menge vor dem Rathause; sie stand noch, als die drei +Weisen am Abend müde Einkehr hielten; sie wich nicht vom Platze, bis um +Mitternacht der Choral ertönte: + + ~Herr über alle Zeit, + Preis dir in Ewigkeit!~ + +Der Gesang brauste zum sternklaren Himmel, und es zeigte sich, welch +gewaltiger Prediger ein wahrer Künstler sein kann; denn als die Uhr +sang und als die Menschen sangen, da ging eine tiefe Erschütterung +durch alle Seelen; Tränen flossen, Männer schluchzten; alles Niedere +fiel ab vom Volke; Meister Michael hob die Herzen mit seinen Händen bis +an den Himmel. + +Freudentage folgten. Wie ein König ging Michael durch seine +Heimatstadt, und neben ihm blühte als schlichte Blume Frau Elisabeth an +seinem Wege. + + * * * * * + +Meister Michael war nach der Menschen Meinung auf dem Gipfel des +Glückes angelangt. Der Rat der Stadt hatte freiwillig die ausbedungene +Summe für die Uhr zu des Meisters Ehr und Nutzen weit erhöht; der +Schwieger war gestorben und hatte der einzigen Tochter sein schönes +Patrizierhaus und sein stattliches Vermögen hinterlassen. Michael besaß +alles, was nach der Menschen Meinung erstrebenswert ist: Ruhm, Geld, +Liebe. Dazu war er gesund und schien wie ein kerniger Baum im Walde. + +Ein Jahr lang ruhte der Meister von seiner Riesenarbeit aus. Dann +aber wurde er unruhig. Zwecklos erschien ihm das Leben; öde und leer +schleppten sich die Tage dahin. Auch seine Frau vermochte nicht, ihn +zu trösten. Sie war kein Spielzeug, und er war nicht der Mann, um +zu spielen. Immer mehr wuchs in ihm der Durst nach Arbeit. Zuletzt +marterte er ihn Tag und Nacht. Michael saß einsilbig bei seiner Frau, +er war mißmutig gegen die Freunde, die ihn besuchten; er wurde zornig, +wenn jemand die Uhr als sein großes Lebenswerk pries. Schließlich griff +die schlechte Seelenstimmung auch den Körper an. Müde ging Michael +einher, er hatte keine Freude an Speise und Trank, und selbst in das +schönste Abendrot sah er mit leeren Augen. + +Qualvoll waren die Nächte. »Was schlafe ich denn, da ich doch nichts +getan habe, da ich doch nicht müde sein, kann?« fragte er sich. Wenn +der Choral vom Turme klang, hielt er sich die Ohren zu. Schließlich +haßte er sein eigenes Werk. Er ging nie wieder an der Uhr vorüber, +sah die Kinderschar nicht, die dort hockte wie vor einem wunderbaren +Spielzeug. + +Spielzeug! Jawohl, das war es: ein kunstvolles, sauber gearbeitetes, +frommes Spielzeug. Sonst nichts! Eines Mannes, eines Meisters nicht +würdig. Kein Werk, neben dem die eigene Seele in Dankbarkeit vor Gott, +der es gegeben hat, niederkniet. Nur ein artiges Spielzeug! Kein +Meisterwerk! + +Der Gram fraß an Meister Michael, und die Quelle all dieses schweren +Mißbehagens war seine Untätigkeit. Was sollte er tun? Tand fabrizieren +für Stutzer und eitle Weiber? Kleine Kirchengeräte schaffen, die jeder +andere auch recht gut machen konnte? Bürgermeisterketten erfinden, +Krummstäbe ziselieren, Schnallen an Herzogsmäntel machen, Degengriffe +für Erbgrafen, Wappen für Ritter, die nicht lesen konnten? + +Nein! In solchen Kleinkram fand sich Michaels Seele nicht zurück. Sein +Gedanke war immer und immer nur die Uhr. So hineingreifen ins All, die +Blicke der Sonne belauschen, aufhorchen, wie sich die Erde langsam +durch das Universum rollt, und jede Sekunde wissen, wo sie gerade ist, +die Schrittlein abmessen, die der Mond um die Erde macht, und den alten +Nachtwandler auch nach Hunderten von Jahren noch genau zur Stunde +ertappen mit halbem oder ganzem Gesicht -- ja, das alles hatte er schon +vermocht. Ach, er mußte darüber hinaus! Das Firmament, oder doch ein +großer sichtbarer Teil! Den Abendstern aufleuchten und als Morgenstern +wiederkehren lassen, den roten Mars bringen und den königlichen +Jupiter, den Himmelswagen fahren und den Polarstern als unverrückbaren +Punkt darüber leuchten lassen, die Plejaden, den Orion auf- und +untergehen lassen, dem armen Menschen sagen: sieh, so Gewaltiges ist +über dir und um dich, und du bist so klein, und es ist alles in großer, +ewiger Ordnung, und nur dein armes kleines Herz kannst du nicht in +Ordnung bringen. Das war Michaels Traum. + +Frau Elisabeth versuchte mit sanfter Hand die Fieber des Mannes zu +kühlen -- es gelang ihr nicht. Trübsinnig wurde der Meister, zuletzt +war er krank. + +Aber eines Tages, nachdem er vom Morgen bis Abend draußen im Eulenwalde +ganz einsam gewesen war, kam er lachend zurück, umarmte sein Weib und +sagte: + +»Elisabeth, ich habe es zwar noch nicht, aber ich ahne es. Und da ich +es ahne, werde ich es eines Tages wissen, und dann wird es sein!« + + * * * * * + +Ja, eines Tages wußte er sein neues Werk. Er sprach zu niemand davon, +nicht einmal zu seiner Frau. Und er ging auf eine weite Reise. Als er +zurückkam, sagte er: + +»Elisabeth, ich war in Wien. In der Kaiserstadt. Ich habe dort gute +Aufnahme gefunden. Nun wollen wir nach Wien ziehen, und dort werde ich +mein neues Werk schaffen. Es wird anders sein als das von Altenroda.« + +Zu den Vätern der Stadt aber sprach Meister Michael also: + +»Ihr Herren, ich habe für unsere Stadt eine Uhr geschaffen, die euer +Lob gewann. Ich bitte euch, daß ihr mich nun in Frieden entlasset. +Ich will nach Wien gehen und dort eine neue Uhr schaffen, die mein +Meisterstück werden soll.« + +»Dein Meisterstück?« fragte der Bürgermeister finster; »hast du nicht +für uns dein Meisterstück geschaffen?« + +»Ach, edle Herren, ich habe noch nicht das Höchste getan, das ich +vermag. Eure Uhr ist -- wenn ich das ohne Überhebung sagen darf -- +meine gute Gesellenarbeit; das Meisterwerk aber steht noch aus. Lasset +mich nach Wien ziehen, damit ich es dort schaffe.« + +Da entließen die Ratsherren den Meister, beriefen ihn aber am nächsten +Tage aufs neue. + +»Meister Michael,« sagte der Bürgermeister, »du hast uns eine Uhr +geschaffen, die ohnegleichen ist. Wir haben Vertrag mit dir gemacht, +daß es die schönste Uhr in allen deutschen Landen sein soll. Das ist +sie bis jetzt; nichts geht über sie. Der Ruhm dieses Kunstwerkes und +damit dein Ruhm und der Ruhm deiner Vaterstadt geht durch das ganze +Land. Willst du uns diesen Ruhm nehmen, willst du deinen Vertrag +brechen?« + +Da weinte Meister Michael und sagte: + +»Ihr Herren, verachtet mich, hasset mich, nennet mich undankbar, +ehrvergessen der großen Wohltaten, die ich durch euch empfing -- +ich kann nicht anders, ich muß mein Werk verrichten, ein Werk, das +Altenroda nicht ertragen könnte. Lasset mich um der Barmherzigkeit +Gottes und um der Kunst willen in Frieden nach Wien gehen und dort mein +Werk tun!« + +Bürgermeister und Ratsherrn blickten düster, entließen den Meister und +beriefen ihn auf den nächsten Tag. Sie legten ihm eine Schrift vor und +begehrten strenge von ihm, daß er sie unterzeichne. Die Schrift lautete: + +»Ich, Meister Michael Grünhuber, schwöre bei Gott, bei meiner +Seligkeit, bei der Ehre meiner Frau, bei der Ehre meiner Mutter und bei +meiner eigenen Ehre, daß ich, solange ich lebe, niemals ein Uhrwerk +anfertigen werde, das der Uhr in meiner Vaterstadt Altenroda gleichkäme +oder sie gar überträfe.« + +Der Meister weigerte die Unterschrift. Er bat, er weinte, schrie und +wurde schließlich in den Turm abgeführt. + +Dort saß er drei Jahre. An jedem dritten Tage wurde ihm die Schrift +wieder vorgelegt und ihm sofortige Freiheit in Aussicht gestellt, wenn +er sie unterschriebe. + +Einmal wurde er der Haft entlassen. Da lag Frau Elisabeth im Sterben. +Er bettete ihr müdes Köpfchen an seine Brust, sog mit einem langen +Kusse ihre entfliehende Seele auf und bestattete sie zu Grabe. Dann +mußte er in den Turm zurückkehren. + +Fünf Tage nach Elisabeths Begräbnis unterschrieb Michael das Dokument +des Rates der Stadt. + +So wurde er aus der Haft entlassen und ging, ohne einen Menschen +anzusehen, nach seinem Hause. + +Er lebte still drei Monate dahin und verließ das Haus nur, um Blumen +auf Elisabeths Grab zu tragen. + +Im vierten Monat wollte der Meister nach Wien entfliehen. Unter +dem Wams trug er den großen Plan zu seinem Meisterwerk, den er in +drei Kerkerjahren ausgedacht und in drei Monaten seiner Freiheit +aufgezeichnet hatte. + +An der Grenze des Stadtgebietes wurde er gefangen. + +Der Rat der Stadt erkannte den Meister Michael Grünhuber schuldig des +Vertragsbruches, schuldig des Meineides, womit er gefrevelt habe gegen +Gott, gegen seine Seligkeit, gegen die Ehre seiner Frau, gegen die Ehre +seiner Mutter wie gegen seine eigene Ehre, erklärte ihn für schimpflich +und aller bürgerlichen Ehre verlustig und verurteilte ihn zur Strafe +der Blendung, damit es ihm nie wieder einfalle, seinen Vertrag zu +brechen und die Stadt Altenroda des Ruhmes zu berauben, die beste Uhr +in deutschen Landen zu besitzen. + +Es geschah. + +Meister Michael wurde des Lichtes beider Augen beraubt. Sein Vermögen +wurde eingezogen. + +Als Bettler zog Michael von Tür zu Tür. Manchmal machte er Halt dort, +wo er wußte, daß im Ratsturme seine Uhr war. Den Lichtengel Michael +konnte er nicht mehr sehen, die zwölf Apostel nicht mehr, die heiligen +drei Könige nicht mehr; das ewige Lämplein über dem Stall von +Bethlehem sah er nicht mehr. Nur in der Nacht sang der Choral in seine +arme Seele. + +Als Michael aber einmal tagelang vor der Uhr stand und gespannt auf +ihren Schlag lauschte, fragten die Bürger: + +»Was hat er? Was ist's um die Uhr?« + +Da sagte der Blinde: + +»Die Uhr gerät in Unordnung. Führt mich noch einmal hinein.« + +Sie taten nach seinem Willen. + +Mit blinden Händen tastete sich der Meister in sein Werk. + +Als er herauskam, ging die Uhr nicht mehr. + +Alles Volk war so erschrocken, daß niemand darauf achtete, wie der +Blinde entwich. + +Kein Mensch hat jemals wieder etwas von ihm gehört. Die Uhr aber geht +nicht bis auf den heutigen Tag. Kein Künstler späterer Zeit hat sie +wieder zum Leben zu erwecken vermocht. + + + + + Vom törichten Kaspar + + +Seit Jahrhunderten lebte die Stadt Altenroda in Fehde mit den Rittern +von Runkelstein. Diese hatten südlich der Stadt, etwa zwei Wegstunden +entfernt, ihre feste Burg und beunruhigten von da aus nicht nur die +Kaufleute, die auf der Poststraße gen Altenroda fuhren, sondern fielen +auch des öfteren keck in städtischen Besitz ein. Da gab es Hader und +Fehde oft jahrelang, bis beide Parteien den Zank satt hatten. Dann +wurde Friede geschlossen. Die Ritter brachten ihren Kaplan mit, den +einzigen, der in ihrem Burgbereich lesen und schreiben konnte, und +auf dem Rathause zu Altenroda wurde alles verhandelt, genehmigt und +unterschrieben, von den Rittern durch drei Kreuze mittels eines Pinsels +und roter Tusche, da sie einen Gänsekiel in ihren Fäusten nicht zu +erfühlen und zu halten vermochten. Es handelte sich in den meisten +Fällen um Waffenstillstand auf neun Jahre. + +Die Hauptsache bei diesen Friedensschlüssen waren die darauffolgenden +Trinkgelage, bei denen die Ritter den vortrefflichen Weinen, die im +Ratskeller von Altenroda lagen, so viele Ehre antaten, daß sie in den +meisten Nächten in ganz leblosem Zustande nach ihren Herbergen gebracht +werden mußten. Mit der Zeit kamen diese Friedensfeste die Stadt +kostspieliger zu stehen als der Krieg, weshalb der ganze Rat immer tief +aufatmete, wenn die teuren Gäste endlich heimzogen. + +Die Ritter hielten den neunjährigen Waffenstillstand selten länger +als neun Wochen; dann fingen die Ärgernisse von neuem an. Es ist kein +Wunder, daß die Bürger von Altenroda über solch permanente Bosheit in +gerechten Zorn gerieten. + +Als es ihnen daher einmal gelang, den einzigen Sohn des Ritters, den +Junker Ottokar, auf einem besonders kecken Raubzuge zu fangen, beschloß +der Rat der Stadt, dieses Mal mit den Runkelsteinern ein für allemal +aufzuräumen. + +Ottokar wurde vor das Gericht gestellt, mit Leichtigkeit vieler grober +Taten überführt und einstimmig zum Tode verurteilt. + +»Indem wir den Junker fällen,« sagte der Bürgermeister, »vernichten wir +zugleich das ganze Raubgezücht der Runkelsteiner; denn auf des Junkers +zwei Augen steht das ganze Geschlecht.« + +Die Stadtväter berieten nun lange über die Todesart, durch die +Junker Ottokar sterben sollte. Enthaupten schien ihnen zu sanft und +glimpflich, ihn henken oder rädern zu lassen, aber bedenklich, da +sie dann den Zorn des ganzen Adels auf sich laden würden, der solche +Todesart für einen ihresgleichen als nicht standesgemäß erachten würde. + +So fand ein Ratsherr großen Beifall, als er sagte: + +»Wir leben im Anfang des Monats August. Der Tag Sancti Bartholomäi, +welcher der 24. August ist, steht dicht bevor. St. Bartholomäus ist -- +wie ihr Herren wohl wißt -- dadurch zu Tode gebracht worden, daß er +geschunden wurde. Wir wollen den Junker am Bartholomäustage zu Ehren +des Heiligen schinden.« + +Niemand fiel das Sonderbare dieser Art Heiligenverehrung auf; denn +es war eine grobe Zeit. Alle waren vielmehr von dem Vorschlag sehr +befriedigt. + +Der alte Runkelsteiner, der um seinen einzigen Sohn in begreiflicher +Sorge war, selbst zu schwach zu einem offenen Überfall und zurzeit ohne +Bundesgenossen, schickte einen Boten an die Stadt und bot dreitausend +Goldgulden Lösegeld für seinen Junker. + +Der Rat der Stadt sagte sich: »Nicht drei Goldgulden hat der alte +Schlauch im Besitz, geschweige dreitausend,« stellte sich aber, äußerer +Gerechtigkeit wegen, als ob er dem Vorschlag traue, und ließ sagen, +wenn binnen drei Tagen die dreitausend Goldgulden da seien, wolle man +sich die Sache wegen seines Sohnes überlegen. + +Abermals kam der Bote des Runkelsteiners. Bares Geld, richtete er +aus, hätte sein Herr eben nicht bei der Hand, wolle aber gerne einen +Schuldschein unterpinseln und, wenn es sein müsse, mit zehn, nicht nur +mit drei Kreuzen. + +»Wir wollen mit dem Pinsel nichts mehr zu tun haben,« entschied der +Bürgermeister. + +Der Junker Ottokar saß im Turme, und wenn er an den bevorstehenden +Bartholomäustag dachte, juckte ihn die Haut, und er kratzte sich lange +und heftig, dachte aber nicht an seine Sünden, sondern nur daran, wie +er ausrücken und dabei ein ganzes Fell behalten könne. + +Zu jener Zeit lebte in Altenroda ein Mädchen namens Rosmarie. Sie +war die Tochter eines Herbergsvaters, und da der Junker Ottokar beim +letzten Friedensfeste in ihres Vaters Haus in Quartier gelegen hatte, +in den Junker tief und schmerzlich verliebt. Hatte es doch der Edelherr +nicht verschmäht, sie manchmal in die rosigen Wangen zu kneifen oder +ihren blühenden Mund zu küssen. + +Dieses Mädchen aber wurde von Kaspar, dem Sohne des Turmwächters, bis +zur Unsinnigkeit geliebt. Kaspar war ein schmucker, starker Bursche, +aber sein Geist war nur von geringen Gaben. + +Als das Mädchen Tag und Nacht lang um den Junker geweint hatte und +den Gedanken nicht mehr ertragen konnte, daß ihm die junge Haut samt +dem schwarzen Schnurrbarte vom Kopfe gezogen werden sollte, kam sie +auf einen Rettungsgedanken. Sie berief den Turmkaspar zu sich und tat +so schön mit ihm, daß der arme Bursche glaubte, er sei plötzlich ins +Paradies gekommen. Und dann sprach die Schlange: + +»Mein schöner, allerliebster Kaspar! Wie gerne wollt ich deine Frau +werden, wenn du mir nur ein einziges Mal einen Gefallen tun wolltest.« + +Kaspar schwur, daß er ihr alle Gefälligkeiten der Welt erweisen, ja, +daß er Wunder wirken wolle, wenn es nicht anders ginge. + +»Wunder brauchst du nicht zu wirken,« sagte das Mädchen, »bloß +du sollst dem Junker Ottokar, der im Turme sitzt, etwas von mir +ausrichten, und du sollst ihn in der morgigen Neumondnacht heimlich aus +dem Gefängnisse herauslassen.« + +»Mädel!« schrie der Kaspar. »Wenn ich das täte, gäbe mir mein Vater +wahrhaftig eine Ohrfeige.« + +»Siehst du,« begann das Mädchen zu weinen, »nicht einmal eine Ohrfeige +willst du für mich wagen und sprichst doch vom Wunderwirken.« + +»Eine Ohrfeige will ich schon hinnehmen,« sagte Kaspar, »auch ein paar +gebrochene Rippen. Aber, Rosmarie, was liegt dir an dem Junker? Liebst +du ihn?« + +Da merkte Rosmarie, daß Kaspar eifersüchtig wurde. Sie sprach nun mit +hundertspältigen Worten auf ihn ein; erzählte, wie freundlich und +herablassend der Junker immer zu ihr gewesen sei, und daß sie den +Gedanken nicht ertragen könne, ihn so grausam gemartert zu sehen. + +Kaspar brummte. Er sagte sich: sie liebt ihn! Die Eifersucht fraß an +seinem Herzen. + +Rosmarie senkte das Köpfchen und faltete die Hände. Mit traurigem +Seufzen sprach sie: + +»Wenn du mir also nicht zu Willen bist, so muß der liebe Junker +dahingehen, und ich sehe schon, daß du dir aus mir nichts machst. Ich +werde also sterben und dann gewiß nicht deine Frau werden.« + +Da begann auch Kaspar zu weinen; denn er konnte das Mädchen nicht also +kläglich reden hören. Und ob er gleich den Verdacht nicht los wurde, +daß Rosmarie den Junker lieb habe, so hörte er doch auch, wie schön +sie zu ihm selbst sprach, und schließlich sagte er sich: Sie liebt uns +beide. Wenn sie erst meine Frau ist, werde ich dafür sorgen, daß sie +mich allein liebt. + +Also willigte er in den Handel ein, worüber das Mädchen in Seligkeit +geriet. Sie gab dem Kaspar drei Küsse auf die Backe. + +Es wurde nun alles genau beraten, wie das Abenteuer bewerkstelligt +werden sollte. Kaspar sollte seinem Vater, dem Turmwächter, sobald +dieser seinen tiefen Abendtrunk getan hatte, die Turmschlüssel stehlen +und den Junker durch eine Seitenpforte des Turmes ins Freie lassen. +Rosmarie wollte schon vor Toresschluß die Stadt verlassen und mit einem +Pferde, das sie von einem verwandten Bauern entlehnen wollte, in der +Nähe der Turmtüre warten. Kaspar sollte sie dann durch den Turm in die +Stadt wieder hinein lassen, und in drei Wochen sollte Hochzeit sein. + +Abgemacht! + +Als der Junker im Turm hörte, daß seine Rettung bevorstand, freute er +sich gewaltig, fragte aber, was das für eine Herbergstochter sei, die +ihm so dienstlich sein wolle. + +»Ach Gott, doch die Rosmarie,« sagte Kaspar verwundert, »doch die mit +den roten Backen und den braunen Haaren.« + +Der Ritter schüttelte den Kopf. Er sagte, es gäbe mehrere Herbergen in +Altenroda und also auch mehrere Herbergstöchter. Rote Wangen hätten +alle und Haarfarben könne er sich nicht behalten. + +Darüber freute sich Kaspar. Er sagte sich, der Ritter kann sich auf +Rosmarie nicht genau besinnen, also wird er sie auch nicht allzu heftig +lieben, und ich habe sie allein für mich. + +Um Mitternacht öffnete Kaspar das Ausfallpförtlein und ließ den Junker +frei. Alsbald kam mit leisem Jauchzen Rosmarie aus einem nahen Gebüsch. +Sie führte ein Pferd am Zügel und sprach leise Worte zu ihrem Ritter. +Der lachte, schwang sich aufs Roß und zog das Mädel blitzschnell zu +sich in den Sattel. + +Kaspar erschrak furchtbar. + +»Halt, halt,« schrie er, »was macht ihr? Das ist ja meine Braut!« + +Und er hing sich verzweifelt dem Pferde an den Schweif. + +»Du Tölpel,« rief der Ritter, »lauf hinter uns her! Komm auf den +Runkelstein!« Hieb dem Pferde die Faust auf den Hals, daß es aufbäumte, +ausschlug, davonraste und den armen Kaspar ins Gras schleuderte. + +Der lag erst ohnmächtig, dann richtete er sich auf und befühlte seinen +Schädel. + +»Sie ist fort. Er ist fort. Und ich sitze hier!« + +Diese drei Tatsachen stellte Kaspar in tiefer Traurigkeit fest. Er war +von so einfacher Wesensart, daß er sich erst bei Tagesgrauen ganz klar +wurde, was eigentlich geschehen war. + +Da warf sich Kaspar ins Gras und weinte aus Scham und Herzeleid +darüber, daß die Rosmarie so schlecht war. + +Als die Stadttore geöffnet wurden, ging er nach dem Marktplatze und +wartete auf die Ratsherrn. Die kamen heute früher als sonst, und viel +Volk war auch schon vor dem Rathause versammelt; denn es war ruchbar +geworden, daß der Runkelsteiner aus dem Turme entwichen war. + +»Was hast du uns zu sagen?« fragte der Bürgermeister, als Kaspar vor +dem Rate stand. + +»Ich will mich beklagen,« sagte Kaspar, »über den Junker Ottokar und +über das Mädchen Rosmarie. Denn sie haben mich betrogen, und der Rat +der Stadt soll sie bestrafen.« + +»Was haben sie dir denn getan?« + +Nun erzählte der törichte Kaspar alles genau, wie es sich zugetragen +hatte, wie er mit dem Mädchen und dem Junker einen Vertrag gemacht +habe, daß er den Junker aus dem Kerker lasse und dafür das Mädchen zur +Frau kriege, und wie die beiden den Vertrag gebrochen und ihn betrogen +hätten. So sollte nun die beiden auch die verdiente Strafe treffen. + +Der Rat der Stadt entschied: + +»Der Junker Ottokar und das Mädchen Rosmarie haben abscheulich an dem +Kaspar gehandelt. Wegen ihrer verwerflichen Gesinnung sollen beide hart +bestraft werden, so man ihrer einmal habhaft werden sollte. Der Kaspar +aber, der den gefährlichsten Feind der Stadt aus dem Kerker befreit +hat, soll gehenkt werden.« + +Als der törichte Kaspar dieses Urteil hörte, fiel er um. Sein Herz war +so voll Liebe, Zorn und Wehe gewesen, daß er gar nicht daran gedacht +hatte, ihm selbst könne wegen seiner Tat auch etwas geschehen. + +Nach Tagen erst in der kühlen Kerkerluft ging ihm alles richtig auf. +Jetzt dachte er auch daran, daß der Junker gerufen hatte: »Du Tölpel, +laufe hinter uns her. Komm auf den Runkelstein!« Das war wegen des +Henkens gewesen, und müßte er wohl gar noch dem Junker wegen seines +Rates dankbar sein. + +Der älteste der Ratsherrn, ein milder Greis, der weit über das Leben +sah, rückwärts wie vorwärts, sagte in der nächsten Ratssitzung: + +»Kaspar ist eine Einfalt. Die Liebe hat sein armes Gehirn stumpf und +seine Augen so blind gemacht, daß er seine Schuld nicht erkannte, +wie er ja auch die Gefahr nicht ersah, in die er hineinlief, da er +sich selbst bezichtigte. Deshalb, ihr Herren, wollet milde mit ihm +verfahren, damit Gott euch genädig sei und ihr eurer Feinde doch noch +Herr werdet. Schenket dem Toren die Strafe des Stranges. Sperrt ihn +eine Zeitlang in denselben Kerker, aus dem er den Junker entließ, und +dann verbannt ihn aus Altenroda. Wer aus einer solchen Heimat verbannt +wird, trägt schwere Strafe genug.« + +Diesem weisen Rate folgten die Väter der Stadt. Kaspar mußte drei +Jahre im Turme sitzen und dann mit einem Stecken aus Haselholz, einem +schmalen Ränzel und zehn Groschen Münze für immer die Stadt verlassen. + +Kaspar ist hin und hergewandert in der Welt und endlich unter die +Söldner eines Fürsten geraten. Auf einem Kriegszuge fand er in einem +Straßengraben eine sterbende Soldatendirne. Es war Rosmarie. Der Junker +hatte sie eine Zeitlang auf der Burg behalten und dann verstoßen. + +Rosmaries Gesicht war ganz häßlich geworden; nur die Haare waren von +brauner Seide wie einst. + +Als die Arme entschlafen war, grub der Kriegsknecht Kaspar ein Grab, +legte Rosmarie hinein und sprach ein Gebet, wobei er sein Gesicht gen +Osten wandte, wo in weiter Ferne die Heimatstadt Altenroda lag. + + + + + Rauchermärchen + + +Im Eulenwalde lebte vor ungefähr zweihundertdreizehn Jahren ein +Köhler, der als ein guter Mensch anzusprechen gewesen wäre, wenn er +nicht so lasterhaft geraucht hätte. Und zwar rauchte er Tabakspfeife. +Dieses Teufelsding verbreitete im Eulenwalde auf eine Meile im Umkreis +einen solchen Qualm und Gestank, daß die Rehe und Hasen schwarze +Felle bekamen, der stickende Brodem den Mäusen verheerend in ihre +Erdwohnungen drang und den Eulen und allen Singvögeln des Waldes die +Augen tränten. Die garstige Wirkung kam davon her, daß der Köhler nicht +nur Tag und Nacht die Pfeife kaum ausgehen ließ, sondern, daß auch sein +Tabak von übler Sorte war. Ein Zug, gegen den Wind geblasen, genügte, +einem Wanderer der eine Meile weg arglos und gesund seine Straße +marschierte, plötzlich den Atem zu verschlagen. + +Der Tabak hieß Rippentabak. Er bestand aus in Stücke gebrochenen +Stangen, welche die Pestilenz in sich hatten. (Die Gegend, wo dieser +Tabak wuchs, ist im Laufe der Zeiten als Strafe Gottes untergegangen.) + +Das Schlimmste war, daß der Köhler diese Pestilenz damals nicht +etwa hübsch behutsam im engsten Kreise behielt, sondern eitel und +leichtfertig in alle Winde blies. Der Köhler war Kunstraucher. Hatte er +sich durch einen abgrundtiefen Zug aus seiner Pfeife die Mund-, Nasen-, +Ohren- und Stirnhöhlen, die Luftröhre, die Lunge, ja den Magensack +voll Dampf gesogen, so ließ er diesen inneren Reichtum langsam und in +kunstvollen Formen wieder an die Außenwelt steigen. + +Der Köhler rauchte Ringe: kleine, mittlere, große, auch Ringe, die sich +ineinander verschlangen, er rauchte aber auch Herzen, manchmal eines, +manchmal zwei, die sich miteinander vereinigten; er rauchte eine Mandel +Eier; er rauchte die Rechenaufgabe zwei mal zwei gleich vier in der +Luft; er rauchte einen Reiter; er rauchte Sonne, Mond und Sterne. + +Waldkinder, die auf der Suche nach Pilzen und Beeren waren, sahen dem +Köhler manchmal bewundernd zu. Dann sagte er, wenn er wollte, könnte er +das ganze Einmaleins rauchen. Das war aber nicht wahr; rauchen hätte +er's vielleicht können, aber das Einmaleins selber konnte er nicht. Er +konnte nur zwei mal zwei gleich vier. + +Am Rande dieses Waldes lebte in einer hohlen Eiche die Baumgöttin +Querka. Sie stand bei den Bürgern von Altenroda in hohem Ansehen; +denn sie beschützte die Stadt vor Blitz und Hagelschlag. Die +Göttin hatte eine empfindliche Nase, also daß sie sich durch die +höllischen Rauchschwaden des Köhlers oft belästigt fühlte. Aus großer +Gutherzigkeit hatte sie lange geschwiegen. Als aber das jüngste +ihrer drei Kinder den Husten bekam, sagte die Göttin: »Da muß etwas +geschehen!« -- machte sich auf und ging zum Köhler. Sie war recht lieb +und artig mit dem alten Brummbart und fragte ihn nebenher, ob er es +denn nicht so einrichten könne, daß er den Rauch zum Himmel hinauf +blase, damit er sich dort zu Wolken zusammenballe und vom Winde auf den +Großen oder Stillen Ozean getragen werde. + +Da sagte der Köhler: »Nein, mein Rauch gehört in den Eulenwald!« -- und +da war wohl auch nichts dagegen zu tun. + +Die Göttin aber half sich durch eine List. Heimlich sprach sie über die +Tabakspfeife einen Zaubersegen, der bewirken sollte, daß alle Figuren, +die der Köhler rauchte, in der Luft zu Gold wurden. + +Richtig, kaum war die Göttin fort, so begann der Zauber zu wirken. Der +Köhler hatte eben einen stattlichen Ring geraucht und sah zu, wie er +langsam davonschwamm -- was zu sehen immer des Köhlers größte Freude +war -- als der Ring plötzlich in der Luft stehen blieb, zu funkeln +anfing und auf einmal -- kling, kling -- auf die Erde fiel. Der Köhler +ging herzu, hob einen riesigen goldenen Ring auf, betrachtete ihn, ließ +ihn an einem Steine klingen und hing ihn sich endlich um den Hals. Dann +setzte er sich auf den Holzblock zurück, auf dem er immer saß, dachte +über das Geschehnis nach und rauchte in Gedanken eine Mandel Eier. Als +die Eier aber kaum bis an die kleine Birke geschwebt waren, blieben +sie stehen, wurden zu Gold und regneten auf die Erde. Der Köhler hob +verwundert die Eier unter der Birke auf und sagte: »Nanu!« Darauf ging +er wieder nach seinem Holzblock und dachte weiter nach, was zur Folge +hatte, daß plötzlich zwei goldene Herzen aus der Luft fielen. Jetzt +sagte der Köhler: »Das scheint mir nicht mit rechten Dingen zuzugehen.« +Aber an sich machte ihm die Sache Freude. Also paffte er sich einen +ganzen Berg goldener Ringe, Herzen, Sonnen und Eier zusammen. Nur +mit der Rechenaufgabe war es ein verhextes Ding. Jedesmal fielen die +Ziffern in falscher Reihenfolge aus der Luft, so daß immer im Grase +zu lesen stand: zwei mal vier gleich zwei. Darüber ärgerte sich der +Köhler, und als die Aufgabe immer aufs neue mißriet, kam der Mann +in so großen Zorn, daß er seine Tabakspfeife faßte und sagte: »Du +dummes Ding, wenn du nicht mehr ordentlich rechnen kannst, sollst du +verbrennen!« + +Damit schleuderte er die Pfeife ins Feuer des Meilers. Nun konnte der +Köhler eine ganze Nacht lang nicht rauchen, was ihn so verdroß, daß er +nach dem goldenen Berge mit dem Fuße stieß. + +Die Göttin drüben am Waldrande aber sagte: »Merkt ihr nicht, +Kinderchen, was heute für gute Luft ist?« Das Kleinste hörte auf zu +husten, und viele Bäume, die in dem Qualm am Verdorren gewesen waren, +schlugen mutig wieder aus. + +Am nächsten Morgen, als der Köhler aus seiner Hütte trat, sah er +einen fremden Rittersmann bei seinem Goldhaufen stehen und diesen mit +Aufmerksamkeit betrachten. + +»Was willst du mit dem vielen Golde?« fragte der Ritter. + +»Das weiß ich selber nicht!« sagte der Köhler. + +»So will ich dir einen guten Vorschlag machen, lieber Mann. Leihe mir +das Gold gegen einen Schuldschein. Einen Silbertaler als Zins gebe ich +dir im voraus.« + +Der Köhler dachte nach, ob das wohl ein gutes Geschäft sei, und kam zu +dem Schluß, ein Silbertaler sei nicht zu verachten, da er sich doch +eine neue Tabakspfeife kaufen mußte. Also willigte er in den Handel +ein. Der Fremde schrieb etwas auf ein Papier, was der Köhler nicht +lesen konnte, gab ihm einen Silbertaler und lud das Gold in großen +Säcken auf seine Maultiere. + +»Leb wohl!« sagte er und stieg auf sein Roß. + +»Ach, edler Herr,« sagte der Köhler; »es wäre mir halt lieb, wenn ich +Eure Adresse wüßte.« + +»Meine genaue Adresse kann ich dir nicht geben,« sagte der Ritter; »ich +reite nämlich gerade in den Krieg nach Persien.« + +»Ach so,« sagte der Köhler und ließ ihn mit dem Golde ziehen. + +Hinterher aber ärgerte er sich und sagte sich, der Fremde habe ihn +wohl sicherlich übervorteilt. Doch er tröstete sich, daß er sich ja +jederzeit einen neuen Haufen Goldes zusammenrauchen könne. + +Die Sache kam aber anders. Der Köhler hatte sich um drei Groschen +in Altenroda eine neue Pfeife erhandelt und wollte dem Händler sein +goldenes Kunststück vorrauchen. Da kam aber nichts zustande als +Rauchringel, die davon schwebten und die ganze Stadt verpesteten. + +Der Rat der Stadt, als er die Sache übel in die Nase bekam, schickte +eilends seine Büttel aus und ließ den gottlosen Raucher festnehmen. Es +war nämlich bei schwerer Strafe verboten, innerhalb von Altenroda bis +zwei Wegstunden über die Stadt hinaus Rippentabak zu rauchen. + +Der Köhler wurde vor Gericht gestellt, und es wurde der herbe Spruch +gefällt: ein ganzes Jahr solle der Sünder im Turme schmachten, bis +ein Sommer durch seine Hitze, ein Herbst durch seine Stürme, ein +Winter durch seinen Frost und ein Frühling durch seine Düfte die Stadt +Altenroda von seinem Tabaksgestank wieder gereinigt habe. Nach zwei +Wochen schon kam der Beichtvater des Köhlers zum Rat und bat um Gnade +für den Eingesperrten, der im Turm ohne Rippentabak verschmachten +müsse, wie ein Fisch ohne Wasser. Der Rat von Altenroda, der immer +milde und menschenfreundlich war, bestimmte darauf, man solle dem +Köhler fünfundzwanzig Stockhiebe auf seinen ledernen Hosenboden +verabfolgen und ihn dann als verwarnt entlassen. + +Solches geschah. Als der Köhler sich von den fünfundzwanzig Hieben +soweit erholt hatte, daß er wieder laufen konnte, kaufte er sich +einen Zentner Rippentabak, das Pfund zu zwei Pfennigen, und wanderte +heimwärts. + +Im Walde war unterdes große Freude gewesen. Glückselig saß Querka, die +Göttin, in ihrem hohlen Baum und atmete köstliche Lüfte, die Mäuse +freuten sich, daß es nicht mehr durch die Ofenröhren ihrer Wohnung +rauchte, die Felle der Hasen färbten sich auffallend heller und die +Augenentzündung der Vögel ließ nach. + +»Das habe ich alles mit meinem Zauberspruch getan,« dachte Querka; +»denn goldene Ringe können nicht fliegen.« + +An einem Abend aber -- was roch Querka? Was rochen ihre Kinderlein? Was +schnüffelten die Hasen? Wovor schüttelten die Eulen ihr Gefieder? + +Rippentabak! + +Es schwebten wieder Herzen, Ringe, Eier und Rechenaufgaben durch den +Wald. Die Göttin eilte erschrocken zur Köhlerhütte. Richtig, da saß +er und rauchte; rauchte aber nicht Gold, sondern rauchte Rauch -- +Rippentabaksrauch. + +Die kluge Göttin machte sich nun wieder recht lieb und artig an den +alten Schlot heran und fragte ihn, wo denn die goldenen Ringe seien. + +Hätte er verliehen, sagte der Köhler und besäße ein Testimonium +darüber. Er holte die Quittung des Ritters aus seiner Hütte und zeigte +sie der Göttin. Diese las: + +»Ich bestätige, daß der Köhler vom Eulenwalde der guten Stadt Altenroda +der größte Esel der Welt ist. + + Kuno von Bimbim.« + +»Das ist die Quittung?« fragte die Göttin, »die Quittung für all' Euer +Gold?« + +»Ja,« sagte der Köhler stolz; »es hat alles seine Richtigkeit.« + +Die Göttin ließ ihn bei dieser fröhlichen Auffassung und fragte +schmeichelnd, ob er sich denn nicht etwas gedacht habe, als er +plötzlich goldene Ringe rauchen konnte. + +»Ja,« nickte der Köhler, »das habt Ihr getan.« + +»Und wo ist die verzauberte Tabakspfeife hingekommen?« + +Der Köhler wies mit dem Daumen nach dem Meiler. + +»Da! Verbrannt! Das dumme Ding konnte nicht mehr rechnen. Es rechnete +zwei mal vier gleich zwei. Und das ist falsch. Das ärgerte mich!« + +Nun redete die Fee in den lieblichsten Worten auf den Köhler ein, er +möge sich doch auch über seine neue Tabakspfeife einen Segen sprechen +lassen; aber der Köhler hielt die Pfeife abwehrend beiseite und sagte: + +»Nein, ich mag nicht! Meine Ringe und Herzen können fliegen; aber deine +goldenen Ringe purzeln auf die Erde. Daß sie fliegen können, das ist +das Schöne bei den Ringen. Was habe ich vom Golde, das mir ja doch +wieder ein Ritter abborgt, der damit nach Persien reitet.« + +Da schlug die Fee trostlos die weißen Hände zusammen. + +Nach einiger Zeit fragte sie: »Was ist denn in dem schrecklich großen +Ballen da?« + +»Rippentabak!« sagte der Köhler. »Ein Zentner. Ich hatte bloß noch +einen kleinen Vorrat. Wenn der aufgeraucht ist, kommt der neue Ballen +dran.« + +Da liefen der Fee heimlich Tränen über das Gesicht. Als aber der Köhler +einmal nach der Hütte verschwand, weil er sein kostbares »Testimonium« +dort wieder bergen wollte, erhellte sich das Gesicht der Fee; sie trat +an den Tabakssack und sprach heimlich und schnell eine Zauberformel, +wodurch sich der Rippentabak in Tabak so edler Art verwandelte, wie er +nur in den Gärten des Kalifen gedeiht. + +»Müssen wir schon Tabaksrauch schlucken, dann doch edlen!« sagte sich +die Fee. + +Drei Tage später öffnete der Köhler den neuen Tabaksballen. Er +verwunderte sich über das Aussehen des Tabaks, der ein krümeliges +braunes Gewuschele darstellte, gar keine starken reellen Rippen, +stopfte sich aber eine Pfeife, rauchte sie bis zu Ende und spuckte +während der Zeit seinen ganzen Meiler aus. Nach der zweiten Pfeife +wurde ihm so übel, daß er die kleine Birke, an der er sich festgehalten +hatte, umbrach und mit ihr zu Boden fiel. Als er sich erholt hatte, +erfaßte ihn großer Zorn. Er nahm den wildesten Eichenprügel, den er +besaß, eilte nach Altenroda hinunter, immer schimpfend: »Zwei Pfennige +für das Pfund hat mir der Betrüger abgenommen!« kam in den Laden des +Kaufherrn, der ihm den Tabak verkauft hatte, und prügelte den mit dem +Eichenknüppel, bis er halbtot am Boden lag. Nur den Bemühungen des +gelahrten Medikus der Stadt unter Beiziehung des Baders gelang es, den +schwerverletzten Kaufmann am Leben zu erhalten. + +Dieser mißhandelte Kaufmann aber war eine gewichtige Persönlichkeit. +Er besaß ein Grundstück von siebenhundert Gulden im Wert und hatte +die Tochter des Bürgermeisters zur Frau. Hauptsächlich aus letzterem +Grunde verurteilte der Rat der Stadt den missetäterischen Köhler zum +Tode durch den Strick. Der Beichtvater kam zwar wieder und bemühte sich +mit ängstlicher Fürsprache, aber das nützte gar nichts; der Köhler +sollte hängen. + +Waldkinder jedoch, die nach Beeren und Pilzen suchten, erzählten sich +von dem traurigen Schicksal, das dem Köhler bevorstand. Und das hörte +die Fee. Sie erschrak bis in die Tiefe ihres lichten, lieben Herzens +und eilte auf ihren goldenen Schuhen nach Altenroda. Dort trat sie vor +den Rat der Stadt und erzählte alles. + +»Ihr Herren, ich allein hab' Schuld, ich allein!« + +Da traten die Ratsherrn zusammen und sagten sich nach kurzer Beratung: + +»Mit der Göttin Querka können wir es nicht verderben. Wer weiß, was +sonst, wen das nächste schwere Wetter zwischen Ochsenkopf und Eulenwald +hereindringt.« + +Also gingen sie wieder in den Sitzungssaal und sagten: + +»Hohe Göttin, wir haben beschlossen, dir den argen Sünder zu +überantworten. Du selbst fälle das Urteil. Fälle es aber nicht zu +milde, fälle es gerecht. Der Rat der Stadt behält sich vor, seine +Einwände zu machen.« + +Die Göttin ließ sich zu dem Gefangenen führen. + +Der saß wie ein Verhungerter und Verdursteter auf dem Boden seiner +Zelle. + +»Kennst du mich?« + +»Ja.« + +»Willst du etwas von mir?« + +»Ja.« + +»Was?« + +»Rippentabak!« + +»Das geht nicht. Aber was anderes kann ich dir schenken.« + +»Was?« + +»Das Leben!« + +Der Köhler kratzte sich hinter dem Ohr. + +»Was ist das Leben ohne Rippentabak!« sagte er trostlos. + +Die Göttin staunte diesen Menschen an. Dann kam ihr ein guter Gedanke. + +»Sag mir, Köhler, mußt du durchaus im Eulenwalde wohnen, oder könntest +du auch anderswo rauchen?« + +»Auch anderswo,« sagte der Köhler. »Bloß Rippentabak muß es sein, aber +nicht solcher, der runterfällt, sondern solcher, der fliegt.« + +Die Göttin fällte den Spruch: + +»Der Köhler Jakobus aus dem Eulenwalde der würdigen Stadt Altenroda ist +zur Strafe dafür, daß er den ehrenwerten Bürger Bartholomäus Schnürle +fast bis zum leiblichen Tode mißhandelt hat, zu lebenslänglicher +Verbannung verurteilt. Diese Verbannung soll er auf dem mit +›Ochsenkopf‹ benannten Berge verbüßen, der im Süden der Stadt liegt, +gerade auf der Gegenseite der Stadt, wo bisher seine Hausung war. +Der Verbrecher ist berechtigt, jede Woche einmal nach Altenroda +hinabzusteigen, sich alldorten zehn Pfund Rippentabak sowie sonst zum +Leben Zubehör zu kaufen.« + +Der Rat von Altenroda bestätigte dieses Urteil, tat aber auch seine +Wünsche kund: »Die Köhlerhütte ist ganz auf dem Gipfel des Ochsenkopfes +zu errichten, wo der meiste Luftzug ist; auch ist zum Schutze für die +Gemarkungen Altenrodas eine steinerne Rauchfeste zu errichten, eine +keilförmige Schanze, durch die jeweils der Rauch aus Jakobi Pfeife +hinunter nach Wenighofen zieht.« + +So geschah es. Wenighofen -- eine feindnachbarliche Stadt von Altenroda +-- ist ausgestorben. Wer das nicht glaubt, sehe auf der Landkarte nach. +Er wird Wenighofen nicht finden. + +Was aus dem Köhler weiter geworden ist, weiß niemand. Aber wenn er +nicht gestorben ist, raucht er heute noch. + +Rippentabak! + + * * * * * + +Anmerkung. + +Du bekehrst eher zehn Türken zum Christentum als einen Raucher zur +Vernunft. + + + + + Die drei Geizhälse + + In Altenroda lebten drei Geizhälse. Es mögen vielleicht noch + mehr geizige Leute in der Stadt gewesen sein, werden doch vom + sechzigsten Lebensjahre an die meisten Menschen geizig, was zu den + Alterserscheinungen oder, gelehrter ausgedrückt, zu den +vicia + aetatis+ gehört; aber die drei, von denen hier die Rede sein + soll, waren so auffallend gut geratene Exemplare von Geizkragen, daß + sie in ganz Altenroda berühmt oder vielmehr berüchtigt waren. Der + Religion nach war der erste evangelisch, der zweite katholisch, der + dritte Jude. Geizhälse und Wucherer gibt es unter allen Gattungen + der Menschheit, da soll nur die eine der andern nichts vorwerfen. + Nun soll alles hübsch der Reihe nach erzählt werden. + + + + + Der evangelische Geizhals + + +Der evangelische Geizhals wurde später Dissident, und sein Abfall von +der ursprünglichen Religion hing mit seinem Geiz zusammen. Er hieß +Leonhard Fahrig. Fahrig war Kolonialwarenhändler. Solange der Pastor +der Gemeinde von seinem geringen Einkommen für seine Familie Kaffee, +Zucker, Mehl und Reis, den bescheidenen Tabaksbedarf, sowie jedes +Weihnachtsfest eine Flasche Zeltinger bei Leonhard Fahrig kaufte, saß +der Kaufmann jeden Sonntag in der Predigt. »Leben und leben lassen!« +sagte er manchmal. Kam ein offener Opferteller, so daß der Nachbar vom +Nachbar sah, was der auflegte, so warf Fahrig klirrend einen geputzten +Nickel auf den Teller, kam aber der verschwiegene Klingelbeutel, so +steckte er einen Hosenknopf hinein. Der Glöckner Krause, der ein +kluger Mann war, sagte einmal in der Sakristei, als der Ertrag des +Klingelbeutels ausgezählt wurde: + +»Vier Mark, dreizehn Pfennige und ein Knopf. Herr Pastor, der +Hosenknopf ist vom Kaufmann Fahrig. Der Mann macht immer so fummelige +Finger, wenn er über den Klingelbeutel greift, und steckt die Hand so +tief rein, daß ich nie eine Münze sehen kann. Er ist von Fahrig, der +Knopf, da verlasse sich der Herr Pastor darauf!« + +»Ausgeschlossen!« sagte der Pastor. »Denken Sie doch, der wohlhabende +Mann! Und dann, Hosenknöpfe sind auch etwas Brauchbares. Ich habe zu +Hause hundertzwanzig Stück liegen. Wenn Sie einmal Bedarf haben, lieber +Krause ...« + +Krause schüttelte den Kopf. Er war wieder einmal unzufrieden mit seinem +Pastor. Am nächsten Sonntag, als er mit dem Klingelbeutel ging, paßte +er vor Fahrigs Kirchenstand auf wie ein Detektiv. Aber Fahrig machte +»fummelige Finger«, steckte die Hand tief in den Klingelbeutel, und der +Detektiv war geprellt. + +Krause, der ein kleine Ackerwirtschaft besaß, dachte während dreier +Tage, da er mit seinem Kuhgespann pflügte, an nichts anderes als an den +Hosenknopf im Klingelbeutel. Mittwoch abends gegen halb sechs rief er +sein »Heureka!« Das hieß diesmal in deutscher Sprache: »Warte, du Lump, +ich hab' dich!« Krause erschrak über den erleuchteten Gedanken, der ihm +gekommen war, so, daß er mitten in der Furche den leichten Schälpflug +wegwarf und sich zitternd vor Aufregung auf den Feldrain setzte. Die +Kühe guckten sich verwundert nach ihm um, steckten dann die nassen +Schnauzen zusammen und kamen nach einigem Brummgetuschel überein, +den Schälpflug hinter sich herzuschleifen und sich an des Nachbars +Stoppelklee den Bauch vollzufressen. Krause merkte davon nichts. Er +saß auf dem Feldraine, fuchtelte mit den Händen und strampelte mit den +Beinen, so daß man solch lebhafte Bewegungen einem würdigen Glöckner +nimmermehr hätte zutrauen sollen. + +Am nächsten Sonntag saß Leonhard Fahrig auf seinem Stand in der Kirche. +(Nebenbei gesagt, es ist nicht ganz richtig, etwas als »Stand« zu +bezeichnen, wo man sitzt.) Also Fahrigs »Stand« war in der vierten +Reihe der erste Platz, dicht unter der Kanzel. Der Pastor predigte, und +als die Einleitung vorbei war, erschien Krause mit dem Klingelbeutel. +Leise bimmelte das Glöcklein zu den belehrenden und ermahnenden +Worten des Predigers. Als Krause drei Bänke abgesammelt hatte und +Leonhard Fahrig als der Nächste sich nun für seine Opfergabe rüstete, +hielt der Glöckner plötzlich inne, griff sich an den Kopf, als ob +er in der Sakristei etwas vergessen habe, und verschwand. Er ging +leise, auf Zehenspitzen, was aber den Pastor doch so störte, daß er +einen Bibelvers als aus Galater stammend bezeichnete, während er in +Wirklichkeit bei Korinther steht. Bald kam Krause mit dem Klingelbeutel +zurück und heischte Leonhard Fahrigs Gabe. Fahrig machte seine +»fummeligen Finger«, steckte die Hand tief in den Klingelbeutel und +ließ seine Gabe in diese Höhle der Mildtätigkeit hineinsinken. + +Plötzlich griff sich der Glöckner Krause abermals an den Kopf und +verschwand wieder nach der Sakristei. Den Pastor auf der Kanzel störte +das so, daß er in der Predigt stecken blieb, was ihm noch nie passiert +war. Auch die Gemeinde machte lange Hälse, zumal als Krause zurückkam, +sich zu Leonhard Fahrig beugte und ihm etwas in die Hand drückte. Dann +aber ging der Glöckner weiter und sammelte die Gaben der Gemeinde +ein. Eine richtige Andacht kam während dieser Predigt weder bei dem +Pastor noch bei der Gemeinde mehr auf, zumal alle sahen, daß der sonst +so sanfte Glöckner ein feuerrotes Gesicht und wild rollende Augen +sowie einen zappeligen Gang hatte, auch aus Versehen des öfteren die +Andächtigen mit dem Klingelbeutel ans Ohr oder an die Nase stieß. + +In der Sakristei fragte der Pastor streng: + +»Krause, was war das heute während der Predigt für allerhand Störung?« + +»Bitte um Verzeihung, Herr Pastor, ich mußte es tun; ich mußte ihn +entlarven.« + +»Entlarven? Wen?« + +»Den Geizkragen -- den Fahrig. Er ist der Knopfgeber. Ich hab's +rausgekriegt. Erst habe ich die drei ersten Bänke abgesammelt, dann bin +ich in die Sakristei gegangen und habe den Klingelbeutel ausgeschüttet, +dann bin ich zu Fahrig zurück und habe ihn ganz allein was in den +leeren Klingelbeutel stecken lassen, dann wieder nach der Sakristei, +und da war der Knopf. Ich habe dem Fahrig den Knopf zurückgegeben und +ihm gesagt: Solche Münze nehmen wir nicht an!« + +»Ja, Sie haben das ziemlich laut gesprochen. Die Umsitzenden werden es +verstanden haben.« + +»Ich hatte leiser sprechen wollen, Herr Pastor; aber ich war zu +aufgeregt.« + +»Hm,« sagte der Pastor nachdenklich, »eigentlich soll man wegen eines +Hosenknopfes die Verkündigung des Wortes nicht stören. Aber einen argen +Geizhals haben Sie entlarvt, das stimmt. Ich werde Herrn Fahrig heute +noch hundertzwanzig Hosenknöpfe zurückschicken.« + +Das geschah und wurde zum Anlaß, daß Leonhard Fahrig aus der +evangelischen Landeskirche Preußens austrat und Dissident wurde. Sein +Auge strahlte, als er bedachte, daß er dadurch ja die Kirchensteuer +spare, die für ihn immerhin drei Mark und fünfundzwanzig Pfennig für +das Jahr betrug. Außerdem kamen die Nickel für den Opferteller in +Wegfall; die Hosenknöpfe waren auch nicht ganz umsonst gewesen. Mochte +der Pastor sein bißchen Kram immerhin bei dem jungen Konkurrenten +kaufen, diesen Verlust würde die Firma Fahrig verschmerzen. + +Es kauften von nun an aber sehr viele bei dem jungen Konkurrenten und +zwar nicht nur die Angehörigen jener Gemeinde, sondern auch viele Leute +anderer Konfession, denen der Filz zuwider geworden war. + +Umsonst beteuerte Fahrig, daß ihm zufällig ein Hosenknopf losgegangen +sei, er diesen in sein Portemonnaie gesteckt und aus Versehen für +den Klingelbeutel ergriffen habe. Niemand glaubte ihm; niemand hörte +ihm gern zu, wenn er wetterte, die gläubigen Christen würden durch +die Habgier der Pfaffen aus der Kirche hinausgedrängt. Als aber der +Zorn über den argen Rückgang seines Geschäftes ihn zu solcher Torheit +hinriß, daß er eines Tages einen Zettel an sein Schaufenster klebte: +»Ausverkauf von hundertundzwanzig hochehrwürdigen Hosenknöpfen«, da +hatte er in Altenroda vollständig verspielt. + +Wutschnaubend verkaufte Leonhard Fahrig sein Geschäft und zog in die +Fremde. Die Altenrodaer Bürger lachten und ließen ihn ziehen. Sie waren +einen ihrer drei Geizhälse los. + +Nutzanwendung: Geiz ist die Wurzel alles Übels! Das wahre Sprichwort, +das durch diese und die zwei folgenden Geschichten beleuchtet werden +soll, sei aufs neue allen denen eingeschärft, die geizig sind oder es +zu werden beabsichtigen. + + + + + Der katholische Geizhals + + +Der katholische Pfarrer von Altenroda predigte einmal: + +»Es gibt kein Laster, gegen das so schwer anzukämpfen ist wie gegen +den Geiz. Wenn ich gegen die Unzucht predige, so wird gar mancher und +gar manche erröten; denn sie fühlen sich getroffen; den Trunkenbolden +braucht man kaum erst zu sagen, daß sie Süfflinge sind, sie wissen +es, und wenn sie einmal das graue Elend kriegen, heulen sie über sich +selber; dem Hochmütigen, der sonst stolzen Sinnes glaubt, er sei +überhaupt nicht sündhaft, sondern sich eben nur seines rechten Wertes +bewußt, wird bei einer Armenseelenpredigt, bei der Schilderung von +Grab und Vergängnis doch einmal weich und demütig zu Mute werden, wenn +auch nur vorübergehend -- der Geizige allein bleibt immer unbewegt; +sein Herz ist von Stein. Jedes göttliche Samenkorn verdorrt auf diesem +felsigen Ackerlande. Was der Geizige Gutes tut, tut er aus Berechnung; +niemals ist seine Hand milde im stillen; die Not der Brüder läßt ihn +ungerührt; das goldene Kalb ist der Götze, den er anbetet; wenn er +könnte, machte er auf dem Sterbebette noch Geschäfte und feilschte mit +dem Tischler um den Preis des eigenen Sarges. Er ist so verblendet, daß +er sein jämmerliches Laster, das ihn zum Sklaven des Geldes erniedrigt, +nicht erkennt, sondern sich nur für einen Mann hält, der eben sparsamer +und klüger ist als die anderen. So schreibt er einen Gewinnposten +zum anderen; der Teufel aber zieht sein Notizbuch und schreibt die +Gegenrechnung; denn eher wird ein Tau durch ein Nadelöhr gehen, als +ein Geiziger ins Himmelreich.« + +Als der Geistliche so predigte, saß unten im Kirchenschiff Herr +Birnbaum und dachte: »O, wie predigt er wieder gut; o, wie hat +er wieder recht!« Daß er selbst der ärgste Geizkragen der ganzen +Pfarrgemeinde war, daß die Predigt hauptsächlich auf ihn zielte, daran +dachte er nicht. + +Sein Herz war von Stein. + +Birnbaum war Beamter, hatte sich durch Streberei und rücksichtsloses +Vordrängen hochgearbeitet und es trotz seines nicht bedeutenden +Gehaltes zum Besitzer mehrerer Häuser gebracht. Den Grundstock +zu seinem Vermögen, das er durch Spekulationen und Wucher eifrig +vermehrte, hatte die Mitgift seiner Ehefrau gebildet, die ihm in jungen +Jahren sechsunddreißigtausend Mark zubrachte, die höchste Summe, auf +die Birnbaums Ehrgeiz damals gerichtet sein konnte. Diese Frau war so +mordshäßlich, daß der Spiegel erblindete, wenn sie hineinsah, und die +Vögel davonflogen, wenn sie auf die Straße trat, auch alle Säuglinge +in den Kinderwagen zu brüllen anfingen, wenn sie vorüber ging. Frau +Birnbaum hatte eine einzige Tochter, die fast ebenso häßlich war wie +sie und die zum Unglück Helene hieß, so daß sie in ganz Altenroda »die +schöne Helena« genannt wurde. Um dieses Mädchen tat es vielen Leuten +leid; denn sie hatte nicht das harte Herz ihres Vaters und führte ein +freudloses Dasein. Sie hatte fast nie freie Zeit, mußte Tag für Tag +Handarbeiten machen, die an ein Geschäft in der Hauptstadt geliefert +wurden, besaß keine Bücher, durfte nie zum Tanze gehen und trug immer +unschöne, aber »unverwüstliche« Kleider. + +An Sommerabenden, wenn Helene noch über der Handarbeit saß und die +Mutter im Hause wie eine Magd tätig war, beschäftigte sich Herr +Birnbaum manchmal damit, Streichhölzer in zwei Teile zu spalten, damit +von jedem Streichholz zweimal Feuer gewonnen werden könne. Im Winter +gingen alle der Lichtersparnis wegen mit den Hühnern zu Bett. + +Als Helene vierundzwanzig Jahre alt geworden war (das ist gewöhnlich +der Zeitpunkt, wo unvermählt und unverlobt gebliebene Mädchen anfangen, +unruhig zu werden), dachte der Vater daran, ihr einen Mann zu besorgen. +Er ging zunächst nur auf Geld aus, mußte aber bald zu seinem Leid +erkennen, daß vermögende junge Männer zwar gegen Vermögen auf der +anderen Seite im allgemeinen nichts einzuwenden haben, daß sie aber +auf negative Reize der Braut um so weniger Wert legen, auch wenn +ihnen gesagt wird, daß es sich um ein sehr sparsames, häusliches und +bescheidenes Mädchen handle. Der junge Windikus Bomüller, der Sohn des +Bankiers, war sogar so frivol, zu sagen: »Ach was, wenn sie häuslich, +sind sie scheußlich«. Deswegen brach Herr Birnbaum seine geschäftlichen +Beziehungen zu dem Bankhause aber doch nicht ab, erstens weil der +Verkehr mit einer auswärtigen Bank sich kostspieliger gestaltet hätte, +schon wegen des vielen Portos, und dann, weil bei Bomüller ein junger +Mann war, der Herrn Birnbaum manchmal wertvolle Tips für An- oder +Verkauf von Wertpapieren gab. + +Es erging Herrn Birnbaum bei seinem Männerfang so wie dem hoffärtigen +Fischreiher, der am Flußrande saß und es durchaus unter einem Hechte +nicht tun wollte, die Karpfen, Schleien, Weißfische aber verschmähte. +Als jedoch alle Karpfen, Schleien, Weißfische davongeschwommen waren, +blieb dem Fischreiher nur ein Schlammpeizger übrig. + +Der Schlammpeizger Herrn Birnbaums hieß Rillmann und war der bewußte +junge Mann aus dem Bankhause. Der Bengel war hübsch und in seinem Fache +nicht unbegabt, besaß aber keinerlei Vermögen, offenbar auch keinen +Sparsamkeitssinn; denn er brauchte nach Birnbaums Erkundungen sein +Jahresgehalt von zweitausendvierhundert Mark glatt auf. + +Birnbaum überlegte, bis die schöne Helena sechsundzwanzig Jahre alt +geworden war. Dann sagte sich der kluge Vater: Nun ist's hohe Zeit; +die Verschwendungssucht werde ich dem Rillmann schon abgewöhnen, +und was ihm an Vermögen fehlt, kann er mir, der Bescheid auf dem +Geldmarkte weiß, der sogar manches Geheimnis erspüren kann, durch seine +Fingerzeige ersetzen. + +Birnbaum machte sich an Rillmann heran, und als dieser endlich +merkte, was der Geldmann mit ihm vorhatte, wurde er sehr bedenklich. +Er kam in Zwiespalt mit sich selbst. Wenn er Birnbaums letzten +Jahres-Bankabschluß immer und immer wieder las, sagte sich Rillmann +jedesmal: »Ich nehm' sie!« Sah er aber das Mädchen selbst nur von fern, +so schwur er bei sich: »Ich nehme sie nie und nimmer!« Als die Zeit +schon auf Helenas achtundzwanzigsten Geburtstag zu marschierte, kam +Rillmann zu dem endgültigen Entschlusse, die schöne Helena zu heiraten. +Ein Freund, dem er sich anvertraute, hatte ihm dazu geraten. + +»Aber sie ist so fürchterlich häßlich!« seufzte Rillmann. + +»I was, häßlich!« sagte der Freund; »mit den zunehmenden Jahren wirst +du kurzsichtig, da ist's dann nicht mehr so schlimm.« + +So kam die Sache ins Rollen, zum seligen Entzücken Helenas, die den +hübschen, lustigen Rillmann unsäglich liebte. + +Vor dem Sonntag, an dem Rillmann bei Birnbaums einen »offiziellen +Besuch in persönlicher Angelegenheit« angemeldet hatte, sagte der Mann +zur Frau: + +»Weib, es nützt nichts, wir müssen Wein geben, wenigstens mal zum +Anstoßen auf das Brautpaar.« + +Birnbaum hatte einmal bei einer Zwangsversteigerung, die einen armen +Vorstadtrestaurateur betraf, zehn halbe Flaschen Moselwein gekauft, +eine saure Sorte, von der aber Herr Birnbaum behauptete, sie würde +mit jedem Jahre besser und lasse sich überdies durch einen Zuguß von +Zuckerwasser veredeln. Nach Neujahr, wenn der Pfarrer, der Kaplan und +der Küster zur Einsegnung der Wohnung kamen, wurde immer eine halbe +Flasche geopfert. Die drei Herren nahmen zwar stets eine ablehnende +Haltung an, aber Herr Birnbaum ließ es sich als der reichste Mann der +Pfarrei nicht nehmen, die Geistlichkeit samt dem Küster gastfreundlich +zu bewirten. Die Sache wurde dann so gemacht, daß Frau Birnbaum mit +einem Tablett erschien, auf dem vier gefüllte Gläser standen, und daß +sie jedem der drei Herren eines in die Hand gab, das vierte aber dem +Gatten. Da die halbe Flasche nämlich nur drei Gläser abwarf, wurde +Herrn Birnbaums Glas mit Wasser gefüllt, was nicht auffiel, da die +Weingläser von grünlicher Färbung waren. Nach dem ersten Schluck, den +er aus seinem Glase genommen hatte, schnalzte Herr Birnbaum allemal +mit der Zunge und sagte: + +»Es ist eine bekömmliche Sorte. Ich hab' den Wein von einer guten +Firma, direkt aus der Originalkellerei. Er heißt ›Edelmarke‹.« Dann +lächelten die Herren fein und tranken voll Mut und Gottvertrauen +den Quietscher hinunter. Die Frage, ob noch ein Gläschen gefällig +sei, verneinten sie eifrig und einstimmig und empfahlen sich. Das +wiederholte sich in ungefähr derselben Weise zu jedem Neujahr. + +»Weib, wir müssen Wein geben,« sagte Birnbaum vor dem Verlobungssonntag +zu seiner Frau. »Und diesmal trinken wir mit. Man verlobt schließlich +seine einzige Tochter nicht alle Tage.« + +»Aber es sind nur drei Gläser in der Flasche,« warf Frau Birnbaum ein. + +»Richtig!« sagte der Mann; »nun, da muß eben doch wieder eines an +Wasser glauben, und das ist, meine ich, Helena. Wer weiß, wie ihr der +Wein bekäme, und außerdem gehen wir doch wohl als Eltern vor.« + +»Daß es nur kein Unglück bringt, wenn Helena mit Wasser anstößt.« + +Da wurde Birnbaum, der wie alle Geizhälse sehr abergläubisch war, +bedenklich und beschloß heroisch, auch diesmal selber der Wassertrinker +zu sein. Der Frau wolle er den Vorrang lassen. Sie sollte, wie immer, +den Wein selber präsentieren, indem sie jedem sein Glas zureichte. + +Der Sonntag kam. Der Freier erschien, der in Todesangst seinen +auswendig gelernten Spruch herunterjagte, wie einer, der fürchtet, +stecken zu bleiben. + +Papa Birnbaum spielte den Gerührten und Überraschten, sprach von den +Talenten des jungen Mannes, von den Tugenden der Tochter, von eifrigem +Streben, von weisem, sparsamem Haushalten, von damit verbundener +gesicherter Zukunft, vom Zusammenarbeiten von Schwiegervater und +Schwiegersohn und berief sich bei all diesen Ausführungen fleißig auf +den lieben Gott. Nur von einem, auf das Rillmann am gespanntesten +wartete, sprach Birnbaum nicht -- von einer Mitgift. Da faßte der +Freiersmann Mut und sagte: + +»Ja, Herr Birnbaum, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich von +Haus aus ohne Vermögen bin, und von meinem kleinen Gehalte habe ich +Ersparnisse nicht machen können. Jetzt beziehe ich jährlich im ganzen +zweitausendsechshundert Mark; davon kann ich natürlich eine Frau und +eventuell eine Familie nicht standesgemäß ernähren.« + +Birnbaum lächelte. + +»Mein Lieber,« sagte er, »das Wort ›standesgemäß‹ hat es in sich. +Manche Leute leben über ihren Stand, die werden pleite; manche Menschen +leben ihrem Stande gemäß, die machen keine Schulden, kommen aber auch +zu nichts; manche Leute leben unter ihrem Stande, die werden reich.« + +»Das ist wohl richtig,« sagte Rillmann; »aber mit +zweitausendsechshundert Mark Jahreseinkommen kann ich keinen Haushalt +gründen.« + +»Sie wollen also über Ihren Stand leben?« + +Rillmann antwortete nicht; aber sein Gesicht bekam einen verbissenen +Ausdruck, und er warf einen Blick nach der Tür. Da wurde Birnbaum +ängstlich. Er erwog blitzschnell, daß er eine jetzt gegebene Zusage +nach der Hochzeit ja wieder zurücknehmen könne. + +»Herr Rillmann, Sie wissen, ich halte das Meinige zusammen. Vermögen +bekommt Helena jetzt nicht. Das Mädchen will nicht ihres Geldes, +sondern um ihrer selbst willen geheiratet sein. Schließen meine Frau +und ich mal unsere müden Augen, wir sind ja immerhin beide schon +dreiundfünfzig, so ist Helena die einzige Erbin. Das wissen Sie wohl. +Ich schaffe nur für mein Kind. Immerhin gefällt es mir, daß Sie als +Geschäftsmann auch an die materielle Seite der Sache denken. Ich will +Ihnen entgegenkommen und zahle Ihnen monatlich einen Zuschuß von -- nun +sagen wir -- von fünfundzwanzig Mark.« + +Als sich die Gesichtsform des jungen Mannes bei Nennung der Ziffer zu +einem Grinsen verzerrte, setzte Birnbaum rasch hinzu: + +»Oder, wenn Ihnen das erforderlich erscheint, von fünfzig Mark. Sie +werden sehen, Herr Rillmann, Sie kommen glänzend aus. Helena ist nicht +umsonst mein Kind. Im übrigen ordnen wir das alles später.« + +Damit ging Birnbaum zur Tür, rief Frau und Tochter herein, um dem +Freier weiter keine Zeit zur Überlegung und zu Einwendungen mehr zu +lassen, umarmte die Frauensleute und sagte voll tiefer Rührung: + +»Denke dir, Helena, Herr Rillmann hat um deine Hand bei mir angehalten.« + +Das Mädchen stand mit sanft gerötetem Gesichte da; ein überirdisches +Strahlen brach aus ihren kleinen, sonst so farblosen Augen, der +Widerschein tiefinnersten Glückes verschönte sie. + +Die Mutter heuchelte auch ihrerseits freudige Überraschung, und Herr +Rillmann führte nun den Entschluß aus, den er sich in schweren Kämpfen +einsamer Nachtstunden abgerungen und für den er sich vor der Werbung +in Gesellschaft seines Freundes bei einer Flasche edlen Weines Mut +angetrunken hatte: er reichte Helena die Hand und küßte sie flüchtig +auf den Mund. Über diesen feierlichen Akt vergoß Frau Birnbaum eine +Menge von Tränen. + +Als aber nach dem Kuß eine Pause verlegenen Schweigens eintrat, +klatschte Birnbaum in die Hände und sagte: + +»Nun aber genug des Weinens und der Abküsserei. Hole Wein, liebe Frau! +Das müssen wir feiern!« + +Frau Birnbaum entfernte sich und kam ungeschickterweise schon nach kaum +einer Minute mit vier Gläsern, die draußen gefüllt bereit gestanden +hatten, zurück. Herr Birnbaum warf ihr für diese Tölpelei, die alles +verriet, einen so zornigen Blick zu, daß die Frau verwirrt wurde und +die Gläser klirrten. Herrn Rillmann aber war die eine Minute in der +Gesellschaft seiner Braut schon so lang geworden, daß er von dem +verunglückten Manöver nichts merkte. + +Frau Birnbaum reichte jetzt jedem ein Glas, nahm sich das letzte, und +nun rief Birnbaum aus: + +»Wir trinken auf das Wohl des jungen Brautpaares. Wir wünschen euch, +liebe Kinder, daß eure Ehe so glücklich werden möge, wie die unsere +immer war. Das Brautpaar lebe hoch -- hoch -- hoch!« + +Alle tranken. Aber schon nach dem Ansetzen sah Birnbaum seine Frau +erschreckt an. Das, was er trank, war nicht Wasser -- es war Wein. + +Was war das? Was bedeutete das? + +Nun sah Birnbaum auf den Bräutigam. Der stand mit einem so verdatterten +Gesicht da, blickte so entgeistert in sein Weinglas, daß dem Brautvater +eine grausige Ahnung aufstieg. + +Die Frau hatte die Gläser verwechselt, dem Bräutigam das Glas mit dem +Wasser gereicht. + +Betroffen saßen alle im Kreise. Der Bräutigam stierte immer in sein +Glas, als ob er einen verhexten Pokal in der Hand halte. Plötzlich +stand er auf und sagte in Verwirrung: + +»Meine Herrschaften, ich muß mich jetzt empfehlen. Ich muß erst mal +nach Hause.« + +Keine Widerrede half. Rillmann ging. + +Birnbaum tobte mit seiner Frau wie ein Berserker; die Frau weinte, +Helena hatte Herzkrämpfe. + +Am Nachmittag schon kam Rillmanns Absage. + + * * * * * + +Die Geschichte der armen Helena ist sehr traurig ausgegangen. Das +Mädel, dem ein einziges Mal im Leben die große goldene Sonne des +Glückes aufgegangen war, konnte es nicht verwinden, daß diese Sonne +so bald wieder unterging. Im Herbste begann sie zu husten. Als der +Husten den Hausmitteln, die angewendet wurden, nicht wich, machte +Frau Birnbaum schüchtern den Vorschlag, man möge doch mal +Dr.+ +Schicketanz befragen. Sie wurde rauh abgewiesen. + +»+Dr.+ Schicketanz! Was der für Rechnungen schreibt. Wegen einer +Erkältung gleich zum Doktor laufen! Ich hab' wohl mein Geld auf der +Straße gefunden?« + +So blieb es. Erst im Frühjahr, als sich ihr Zustand immer mehr +verschlimmerte, wurde Helena zum Arzte geschickt. + ++Dr.+ Schicketanz, der ein guter Arzt, aber ein etwas +rücksichtslos offener Mann war, sagte zu der Mutter: + +»Es ist ein Skandal, daß Sie mit dem Mädchen erst jetzt zu mir kommen. +Nun aber dalli in die Lungenheilanstalt! Ob's noch was helfen kann, +steht dahin. Ich glaube nicht!« + +Nein, es half nicht mehr. Schon nach drei Monaten schickte die Anstalt +die Kranke nach Hause. Hoffnungslos. In ihren letzten Leidenstagen +sprach Helena öfters in Traum und Fieber laute Worte, denen Vater und +Mutter erschüttert lauschten: + +»Ich bin nicht mehr häßlich ... ich bin schön ... ich habe große Augen +und glänzende braune Haare ... ich habe ein gutes seidenes Kleid und +eine goldene Kette ... ich habe Lackschuhe und ich kann tanzen ... ich +habe einen Fächer ...« + +»O, er kommt, er kommt wieder und sieht, wie schön ich bin. Und er +liebt mich. Wir trinken den ganzen Abend guten Wein.« + +Schmerzlos neigte die arme Schattenblume, der Zeit ihres Lebens Schmelz +und Glanz versagt geblieben waren, eines Abends das Köpfchen und starb. + +Einen Tag nach dem Begräbnis stand Birnbaum vor seinem Geldschrank, +schlug mit den Fäusten an die stählerne Tür und schrie in Verzweiflung: + +»Wofür? -- Wofür?« + + + + + Der jüdische Geizhals + + +Pinkus. + +Er stammte aus Brzezany. + +Das liegt in Ostgalizien. + +Noch hinter Lemberg. + +Daran ist nichts auszusetzen; denn selbst hinter Lemberg müssen doch +Leute wohnen. Auch: warum soll einer nicht Pinkus heißen und aus +Brzezany stammen? Aber die Altenrodaer Bürger schimpften darüber, +daß Pinkus aus Brzezany sich in ihrer Stadt niedergelassen und seine +ostgalizische Kultur in Form einer »Gemischtwarenhandlung« dort hatte +in Erscheinung treten lassen. Die Bürger von Altenroda waren zum +großen Teil stramme Antisemiten, sie schimpften auf den Juden, machten +Witze über seinen Namen, seine Herkunft und sein Aussehen, und wenn +sie einigen alten unnützen Kram zu verkaufen hatten, bestellten sie +heimlich den Pinkus und suchten noch so viel von ihm herauszuschinden, +wie es bei solchem Trödel und solchem Käufer eben möglich war. Auch +borgten manche bei ihm Geld. + +Pinkus stand sich in solcher Gemeinde glänzend. Er kaufte alles +zusammen, was ihm unter die Finger kam. Der Apotheker hatte einmal +bei einem Faschingsfeste der »Harmonie« eine alphabetische Aufzählung +des Pinkusschen Warenbestandes zum Besten gegeben: Armleuchter, +Abortspapiere, Betschemel, Bartflechtenmittel, Cypernwein, +Cäsarenwahnsinn (antiquarisch von Quidde), Dörrgemüse, Daunenfedern, +Emaillegeschirr, Einreibe, Feigen, Fichtes Reden, Heiligenbilder, +Hosenträger usw. + +Acht Tage nach dem Faschingsfeste der »Harmonie« kam Pinkus zu dem +Apotheker und sagte: + +»Herr Doktor Apotheker, ich bedanke mer for den schönen Witz, was der +Herr Doktor Apotheker gemacht haben mit mir armen Mann. Ich habe in der +letzten Woche gemacht ausgezeichnete Geschäfte!« + +Als Pinkus gegangen war, sagte sich der Apotheker: + +»Ich bin ein Esel! Ich habe für den Mann Reklame gemacht.« Niemand +widersprach, da niemand da war. + +Also, halb Altenroda schimpfte auf Pinkus, und ganz Altenroda machte +gelegentlich Geschäfte mit ihm. Pinkus stand sich gut dabei. Er +überragte an Geschäftsklugheit sämtliche Bürger der Stadt, und da +geistige Überlegenheit immer Neid erzeugt, freute sich die gute Stadt +Altenroda, als es eines Tages gelang, den wirklich geizigen und +schachersüchtigen Pinkus hineinzulegen. Der Held, dem die Ehre zufiel, +war ein armer Musiker, der Sonnabends und Sonntags im »Bleiernen Hecht« +zum Tanze aufspielte, zwischendurch mal in einer Familie zur Hochzeit +oder beim fünfzigsten Geburtstag und sich sonst durch Privatstunden (zu +sechzig Pfennigen) sein tägliches Armeleutebrot zusammenfingerte. + +Und nun kommt die Geschichte. + +Pinkus hatte eine Baßgeige gekauft. Er hatte zwar keine Ahnung von +Musikinstrumenten, aber warum sollte er auf der Auktion die Baßgeige +nicht kaufen, wenn er sie billig bekam? + +Es hatte aber auf der Auktion auch ein Musikant auf die Baßgeige +gesetzt. Sechzig Mark hatte der arme Teufel im Beutel, und als Herr +Pinkus einundsechzig Mark bot, mußte der andere das hübsche Instrument +im Stich lassen. Traurig erzählte der Musikus im »Bleiernen Hecht« +sein Mißgeschick den Kameraden. + +»Laß mich nur machen,« sagte nach einer Pause tiefen Nachsinnens der +eine. + +Nächsten Tag ging dieser Mann zu Pinkus. + +»Herr Pinkus,« sagte er, »ich bin ein Musiker und habe gehört, daß +sie eine Baßgeige zu verkaufen haben. Ich habe zwar schon eine gute +Baßgeige, aber ich möchte eine -- sozusagen -- eine zweite Baßgeige als +Reserve anschaffen.« + +»Reserve is gut gesprochen,« sagte Herr Pinkus; »jeder gediegenete +Musiker hat Baßgeige auf Reserve. Sie soll'n se sehen.« Und er zeigte +ihm die Baßgeige und sprach dazu: »Ein hochmodernes, ein haltbares und +elegantes Instrument. Kostet mich auf Ehrenwort selber hundertzwanzig +Mark ohne die Spesen, aber weil ich sehe, daß Sie sind ein begabter +junger Musiker, will ich Ihnen verkaufen die Baßgeige mit minimalem +Profit for hundertdreißig Mark.« + +»Für hundertdreißig Mark ist so ein Instrument geschenkt«, sagte der +Käufer, wobei sich Pinkus erschrocken ins Bein zwickte. + +»Aber,« fuhr der Musikus fort, »probieren muß ich die Baßgeige erst. +Denn die Hauptsache ist der Ton, und den kann man von außen nicht so +genau beurteilen.« + +»Sie soll'n se probieren. So e feine Baßgeige nach der letzten +Mode, wo Sie selber haben gesagt, ich bin e Dammel, daß ich se for +hundertdreißig Mark losschlag'! Geigen Se los!« + +Der Musiker nahm die Baßgeige und fing an, darauf herumzugeigen. Pinkus +machte ein verklärtes Gesicht. + +»Klingt se nicht lieblich? Klingt se nich schick und adrett? Sitzt nich +jeder Ton wie angegossen? Meiner Lebtage habe ich noch kei so feine +Musik gehört.'s Herz im Leibe lacht einem. Na, was zulegen werden Se. +Sagen wir rund hundertfünfzig Mark; ich seh', Sie sein e anständiger +Mensch und e gediegener Musikus, Se verlangen nischt umsonst.« + +»Für hundertfünfzig Mark ist das Instrument geschenkt,« sagte der +Musiker und wieder kniff sich Herr Pinkus wütend ins Bein. + +»Ausgemacht is noch nischt,« rief er; »ich hab' überhaupt keine festen +Preise. Geben Se dreihundert und Se sollen de Geige haben!« + +Der Musikant nickte nur, ganz in sein Spiel versunken, mit dem Kopfe. + +Plötzlich stutzte er ... + +Holloh, was ist das ...? + +Er spielte die letzte Passage noch einmal -- Nanu? Zum Donnerwetter, +das ist ja -- Er spielte die Passage zum dritten Male ... + +»Alle Hagel!« + +»Was is denn? Was tun Se sich denn?« + +»Herr Pinkus, ich glaube, ich glaube ...« + +»Was glauben Se? Was glauben Se uff eemal von de gute Baßgeig'?« + +»Herr Pinkus, Herr Pinkus, mir ahnt was Schreckliches!« + +Der Musikant spielte noch einmal -- zweimal, drei-, viermal eine +fürchterliche Passage, dann sagte er erbleichend: + +»Herr Pinkus, es fehlt ein Ton!« + +»Was fehlt?« + +»Ein Ton! Es ist ein Ton zu wenig auf der Baßgeige! Und gerade der +wichtigste. Sie ist unvollständig!« + +»Sind Se meschugge, Mensch? Uff so eener feinen Baßgeige wird e Ton +fehlen? Sie, Sie, Sie -- Musikus Sie!« + +»Herr Pinkus, ich kann mir nicht helfen -- er fehlt.« + +»Nu, zum Deixel, da sehn Se doch erst mal genauer nach.« + +»Das will ich gerne tun, Herr Pinkus, gerne!« + +Und der Musikant rasselt noch einmal die Passage ab, schüttelt den +Kopf, steht auf, geht rund um die Baßgeige herum, betrachtet sie von +allen Seiten, klopft ihr schließlich auf den Rücken und geigt wieder. + +»Er fehlt, Herr Pinkus, er fehlt! Aber warten Sie noch! Gedulden Sie +sich noch!« + +Er schraubt an den Wirbeln, geigt, probiert, schraubt wieder, zerrt an +den Saiten, geigt nochmals ... + +»Nichts zu machen, Herr Pinkus, der Ton fehlt!« + +»Aber -- aber zum Deixel, was denn fer e Ton? Wieviel Tön' gehören denn +zu e Baßgeige?« + +»Fünfundzwanzig, Herr Pinkus! Fünfundzwanzig! Und da sind bloß +vierundzwanzig, hören Sie, der fehlt!« + +Er geigt langsam vierundzwanzig Töne, dann rutschen seine Finger +herunter, und er summt nur mit dem Munde was Tiefes, Brummiges. + +»So, der fehlt! Der fünfundzwanzigste. Der tiefste und gerade für die +Baßgeige der wichtigste -- der fehlt! Das ist schrecklich!« + +»Aber wieso? Wie kann er fehlen? Wo ich das Instrument aus einer der +besten, leistungsfähigsten neuzeitlichen Firmen for Musik bezogen +habe. Wie kann er fehlen?« + +»Weiß nicht, Herr Pinkus! Ihnen zuliebe will ich einen letzten Versuch +machen.« + +Der Musikant zieht ein Stück Kolophonium aus der Tasche, wichst wie +rasend den Bogen, rückt den Steg, schraubt an den Wirbeln, geht um die +Baßgeige, pocht abermals an ihren Rücken, schüttelt sie heftig hin und +her und geigt dann und sagt: + +»Es ist beim besten Willen nischt zu machen, Herr Pinkus, der Ton +fehlt. Die Baßgeige sieht äußerlich großartig aus, innerlich is sie ein +Krüppel!« + +»Wieso 'n Krüppel? Wegen den einen Ton?« + +»Herr Pinkus, Sie sind ja gewiß sehr musikalisch. Aber haben Sie +schon mal die Geschichte vom Stradivarius gehört? Nicht? Also, der +Stradivarius war der größte Baßgeigenkünstler, der auf der Welt gelebt +hat. Er war ein Spanier. Und er hatte eine Baßgeige, die kostete, +sage und schreibe, dreißigtausend Mark. Die hatte ihm die Königin von +Spanien von einem alten Zigeunerprimas gekauft. Was ist passiert? Der +Zigeuner war ein Lump. Eines Tages stellte sich heraus, daß ein Ton +fehlt, und Stradivarius und die Königin von Spanien sitzen blamiert und +mit hängenden Ohren da, und die Baßgeige, die dreißigtausend Mark, sage +und schreibe dreißigtausend Mark gekostet hat, is keine hundert wert.« + +»Aber, das is ja meschugge,« schreit Pinkus. »Das is doch keine reelle +Rechnung. Wenn auf einer kompletten Baßgeige fünfundzwanzig Töne sein +sollen und einer fehlt, da können doch abgehen höchstens vier Prozent.« + +»Nee, Herr Pinkus, bei Baßgeigen is das anders. Wenn da een Ton fehlt, +da läßt sich überhaupt keen richtiges Konzert mehr mit machen. Immer, +wenn der Ton kommen soll, hüppt die Geschichte, wie bei einer kaputen +Leier, und da pfeift einen ein gebildetes Publikum aus. Nich einmal +für Tanzmusik auf'm Dorf is so 'ne Baßgeige zu gebrauchen. Die Tänzer +kommen ja alle aus 'm Tritt.« + +Pinkus schwitzte. + +»Mein Lieber,« sagte er; »ich sehe, Se woll'n mir bloß was abschachern. +Also sagen wir hundertfünfzig Mark, wie's am Anfang war.« + +»Nee, Herr Pinkus, für ein' Musiker is die Baßgeige total unbrauchbar. +Ich bin doch nich so dumm wie der Stradivarius! Das Möbel da, das könn' +Sie höchstens an einen Holzhändler verkaufen.« + +Pinkus dampfte. + +»Vielleicht -- vielleicht als Wanddekoration,« keuchte er. + +»Na, ja, aber die Leute, die sich die Wände mit Baßgeigen dekorieren, +die geh'n ja dünne.« + +»Gibt's schon,« sagte Herr Pinkus schnaufend, »gibt's schon! Also, was +geben Se freiwillig?« + +»Nischt, Herr Pinkus, nischt! Was soll ich mit 'ner kaputen, +unvollständigen Baßgeige?« + +»Also, geben Se mir achtzig Mark; fertig sind wir!« + +»Herr Pinkus! Auf Wiedersehen!« + +Er ging wirklich. Pinkus wartete ab; als aber der Musikant um die +nächste Ecke verschwand, eilte er ihm nach. + +»Also, wenn schon der tiefste Ton fehlt, Se brauchen doch die Baßgeige +bloß zur Reserve. Können Se se nich gebrauchen for die höheren Stücke?« + +»Höhere Stücke sind bei Baßgeigen sehr selten,« sagte der Musikant +kühl. »Aber damit Sie nicht ganz um Ihr Geld kommen, will ich Ihnen +zwanzig Mark zahlen.« + +»Sagen Se sechzig Mark!« + +Sie redeten hin und her und einigten sich schließlich auf dreißig Mark. +Der Musikant holte sich die Baßgeige, und Pinkus warf die Tür krachend +hinter ihm ins Schloß. + + + + + Zwei Idyllen + + + + + Der Briefkasten + + +Hoch am Ochsenkopf und noch dazu abseits vom Hauptwege liegt eine +weltverlorene Kolonie, die Weberhäuser. Die Leute, die in den neun +verstreuten Häuslein dort leben, haben nur mit Altenroda etliche +Verbindung. Was über Altenroda hinausliegt, geht sie nichts an. + +Im letzten Jahre aber waren fünf Sommergäste, welche angeblich die +absolute Einsamkeit, in Wirklichkeit die absolute Billigkeit suchten, +in den Weberhäusern gewesen. Ende August waren die Gäste abgereist und +die Weberhäuser waren so einsam wie immer. + +Was, dachte der einzige Spatzenmann, der in den Weberhäusern wohnte, +am Anfang Oktober, ich mach's wie im vorigen Winter, ich niste in dem +Briefkasten. Der Briefkasten ist ein gutes, festes Häuslein, sicherer +als diese windigen Starkästen, und ungestört ist man auch. Besprach +sich also mit seinem Weibe. + +»Blech ist zu kalt,« sagte diese. + +»Rede kein Blech, Weib,« sprach der Mann unwillig. »Blech ist fest. Das +ist die Hauptsache. Rin in den Kasten!« + +Dann krochen sie durch einen Spalt, über dem »Einwurf« geschrieben +stand, und sahen sich im Kasten um. Ein reizendes Schlafgemach, von +schwach bläulichem Lichte erfüllt. Unten war ein kleines Schild +angebracht, wie ein Transparent, da stand »Sonnabend« darauf zu lesen. + +»Mann, hier liegt was,« sagte das Weib. Es war ein dicker Brief, auf +dem mit roter Schrift stand: »Eilt!« + +»Der ist gut,« sagte der Mann, »der ist dick und federt wie eine +Matratze.« + +Dann flogen sie aus, stahlen Stroh, stahlen Heu, zupften Moos und +sammelten Laub, und bald war die Wohnung ausgestattet. Als der Abend +kam, und der Wind grimmig pfiff, lachte das Spatzenpaar in seinem +sicheren Hause und hörte mit Behagen den Regen auf sein Dach tropfen. + +Am selben Abend saß der Weber Bieselt, an dessen Hause der Briefkasten +angebracht war, unten in Altenroda im »Bleiernen Hecht« und der +Briefträger gab ihm einen Schnaps zum besten und sagte: »Also, +Bieselt, wenn diesen Winter wirklich jemand mal bei Euch was in den +Briefkasten stecken sollte, da laßt mich's wissen. Ich komm dann rauf, +um zu leeren; denn Pflicht ist Pflicht.« Der Briefträger machte ein +entschlossenes Beamtengesicht, als er das sagte. + + * * * * * + +Den Sperlingen ging's gut. Die Kost war schmal, aber das Haus war +prächtig. Einmal aber in stiller Nacht, als beide geruhsam schliefen, +hörten sie leise Schritte ... eine Hand tastete nach dem Kasten ... ein +keuchendes Atmen hörte man ... dann flog ein Brief in den Spalt, flog +gerade auf das erschrockene Ehepaar. + +»So eine Gemeinheit!« schimpfte der Mann, als er sich von dem schweren +Schlage erholt hatte; »ich muß sehen, wer das war.« + +Er flog auf Kundschaft und kam bald zurück. + +»Die schwarze Liese, die dumme Gans! Der steckt der Dragoner im Kopfe, +der auf Ernteurlaub war, und nun schreibt sie ihm. Paßt sich das?« + +Nein, nein, schüttelte das Weib ihr Gefieder, das passe sich ganz und +gar nicht. Darauf trampelte der Mann wütend auf dem Briefe mit den +Füßen herum und sagte: + +»Hilf, Weib! Wir buddeln den Brief unter.« Und sie buddelten ihn unter. + +Zehn Tage später flog wieder in tiefer Nacht ein Brief durch die +Spalte. Der Spatz war rasend, flog auf Kundschaft aus und kam bald +zurück. + +»Die Hubrichen, die alte Schwarte. Die schreibt gewiß an den Pinkus, +daß sie die Zinsen nicht bezahlen kann! Hilf, Weib, wir buddeln den +Brief unter!« Und sie buddelten ihn unter. + +Am nächsten Freitag, schon vor Aufgang des Mondes, flog abermals ein +Brief durch die Spalte. Der Spatz hätte mit den Zähnen geknirscht, wenn +er welche gehabt hätte, flog auf Kundschaft aus und kam bald zurück. Er +war blaß vor Zorn. + +»Die Heinisch Selma, das Schaf, die schreibt auch an den Dragoner, +der auf Ernteurlaub da war.« Und in höchster Entrüstung buddelten die +beiden den Brief unter. + +Zwei Tage später aber sauste schon wieder in später Stunde ein Brief +durch die Spalte und eine leise Stimme draußen sagte: »Wenn mich bloß +niemand sieht!« + +»Das Dorf hat die Schreibwut,« schrie der Spatz, flog auf Kundschaft +und berichtete, daß es die Häuslerin Steinert sei, die ohne Wissen +ihres Mannes ihrem Jungen Geldbriefe schicke. + +Ende November kam ein Kind geschlichen, das einen Brief ans Christkind +dem Spatzenpaare auf die Köpfe warf. Alles wurde untergebuddelt. + +Als aber Mitte Dezember die Hübner Frieda mit einem Briefe an den +Dragoner, der auf Ernteurlaub gewesen war, angeschlichen kam, wurde der +Spatz tobsüchtig. + +Er riß das Lager auf, Brief um Brief empor und warf unter athletischer +Anstrengung sämtliche Briefe mit Hilfe seines Weibes zur Spaltöffnung +hinaus. + +Am anderen Morgen trat der Weber aus dem Hause, sah die vielen Briefe +im Schnee liegen, stieß einen Quieker aus, steckte alle Briefe wieder +in den Kasten und sandte drei Tage später einen Eilboten an den +Briefträger nach Altenroda. + +Dieser kam schon vor Ablauf der nächsten Woche an, den Kasten zu +leeren. Die Sperlinge aber waren inzwischen ausgezogen; denn durch die +Papierlawine, die der Weber in den Kasten geworfen hatte, wären sie +beinahe zerquetscht worden. + +Der Briefträger leerte den Kasten, sah den Haufen Stroh, Heu, Federn, +Moos und verschiedene andere Andenken der Spatzen und sagte mit einem +amtlichen Blick auf den Weber: »Das Einwerfen fremder Gegenstände in +öffentliche Postkästen ist verboten!« + +Der Weber entgegnete nichts. Der Spatz aber meinte: + +»Heutzutage mag der Geier ein Sperling sein. Nicht mal im Briefkasten +mehr hat man Ruhe!« + + + + + Hero und Leander + + +Die beiden Esel hießen Hero und Leander. Esel haben oft hochtrabende +Namen. Der Kutscher von Hero und Leander hieß Dröselmann. Alle drei +waren städtische Angestellte von Altenroda. + +Hero und Leander hatten einen kleinen Wagen durch die Anlagen +der Stadt zu ziehen, Müll abzufahren, manchmal etwas Gartengerät +herbeizuschaffen, auch ein Fuderlein Sand oder Dünger zu befördern, +und sie taten unter Führung ihres Kutschers Dröselmann das alles in +gemessener, durchaus unüberhasteter Weise. Niemals gingen sie am +»Bleiernen Hecht« vorüber. Sie blieben vor dem Wirtshause stehen und +zwangen förmlich ihren Kutscher, einzukehren und seinen Schnaps zu +trinken. Ein paarmal kam es dann vor, daß die Esel mit dem Wagen allein +weiterfuhren und den Grünzeughändlern ihre Geschäftsauslagen, wie +Kohlköpfe und Möhren, die vor der Tür ausgestellt waren, auffraßen, was +Anlaß zu Geschimpfe und Beschwerden gab. Das alles aber war den Eseln +egal. Sie hatten wenig Rechtlichkeitssinn. + +Auch an der ersten Promenadenbank blieben die Grauen immer halten. +Diese Bank hieß »Neubergers Ruh«. Professor Neuberger hatte viel +Verdienste um die städtischen Anlagen von Altenroda, so daß man +ihn durch Anbringung einer Tafel geehrt hatte, welche der ersten +Promenadenbank seinen Namen gab. + +Seit sich der zerstreute Gelehrte einmal auf ein Butterbrot gesetzt +hatte, das ein Kind auf der Bank liegen gelassen hatte, versäumten +humorliebende Gymnasiasten nie, auf dem Schulwege eine Butterstulle +auf »Neubergers Ruh« als Falle zu deponieren, was den hellen Hosen des +Professors noch verschiedentlich häßliche Flecken einbrachte. + +Die beiden Esel Hero und Leander aber lungerten jeden Morgen auf das, +was die anderen Esel, die nun in der Schule festsaßen, auf der Bank +hinterlassen hatten. Lohnte sich der Fund, dann machte Dröselmann +Halt, kratzte alle Butter mit dem Messer in eine Stullenecke zu einem +Schlemmerbissen für sich selbst zusammen und verfütterte das Brot an +seine Getreuen. Als die Gymnasiasten von solchem Tun Wind bekamen, +ärgerten sie sich und schwuren Dröselmann und seinen Langohren Rache. + +An einem wunderschönen Juni-Nachmittage hatte sich Dröselmann, der ein +bißchen lange im »Hecht« gesessen hatte, unter einem Baume, der an der +Grenze zwischen Promenade und Eulenwald stand, schlafen gelegt. Die +beiden Esel versanken in milde Träumereien. Es war alles so friedlich, +daß niemand an die Nähe eines bösen Feindes geglaubt hätte. Und doch +schlich er heran, und zwar in Gestalt des Obertertianers Müller III. +Dieser berühmte Fährtensucher und Krieger, der in seinem Araberstamme +den Namen »Vater der Stille« führte (wodurch seine Gewandtheit im +Anschleichen angedeutet werden sollte), hatte vom Eulenwalde aus +das Gespann und den schlafenden Kutscher erspäht und sich sofort +angeschlichen, um festzustellen, ob Dröselmann auch wirklich schlafe, +und ob da irgend etwas zu machen sei. + +Der Eselmann Leander öffnete das linke Auge zu einem Blinzeln, stellte +auch das linke Ohr etwas senkrecht und versuchte mit einem kleinen +Schnaufer des linken Nasenloches nach der Richtung, wo Müller III +anschlich, Witterung zu bekommen. Die rechte Hälfte Leanders schlief +weiter. + +»Liebe Frau,« sagte nach einiger Zeit Leander, »ich glaube, es kommt +jemand.« + +»Laß mich in Ruh,« schimpfte die Frau und schlug dem störenden Eheherrn +die Schwanzquaste auf den Rücken. + +»Weib, da drüben ist was nicht recht richtig,« flüsterte der Mann. + +»Du sollst mich in Ruhe lassen,« schnaubte die Gattin und stieß mit dem +Hinterfuße nach dem Manne. + +»Aber Herochen,« klagte der Mann, »ich dachte doch nur ...« + +»Du sollst nicht denken! Schlaf!« + +Und er schlief, sowohl mit der rechten als auch mit der linken Seite; +denn er war ein Esel und folgte dem Weibe. + +Der »Vater der Stille« war jetzt nur zwei Schritte von dem Kopfe +Dröselmanns und überzeugte sich, daß dieser in tiefem Schlafe lag. Dann +schlich er zurück und rannte, als er sich sicher glaubte, nach dem +Eulenwalde, wo unter der Querkaeiche sein Stamm, die Hullah-Araber, +lagen. (Indianer spielen galt den Tertianern von Altenroda für +zu albern; so was machten höchsten die Quartaner und die noch +tieferstehenden Jahrgänge, mit denen man keine Fühlung hatte. Von +Tertia an war man räuberischer Beduine.) + +»Hört mich an,« sagte der ›Vater der Stille‹; »ich, euer Scheich, habe +erkundet, daß dieser Giaur, welcher sich Dröselmann nennt, schläft. +Allah versenkte ihn in den Schlaf der Ungerechten, welche sich mit +giftigen Getränken, die uns Rechtgläubigen verboten sind, berauschen. +Die Stunde der Rache ist gekommen. Dieser Giaur hat uns wiederholt des +täglichen Brotes beraubt, womit wir unseren Erzfeind, den Professor +Neuberger, anlocken wollten. Allah schicke den Hund von Professor, der +mir erst in der Osterzensur wieder ›mangelhaft‹ in der Naturkunde gab, +in die tiefste Dschehenna!« + +»Allahu ekber,« murmelten die Krieger. + +»Was tut ein freier ben Arab?« fuhr der Scheich fort. »Er nimmt +dem Feinde zunächst seine Rosse. Tapfere Krieger, edle Söhne des +ruhmbedeckten Stammes der Hullah-Araber, sprecht mit mir die heilige +Fatha, die erste Sure des Korans, und dann brecht mit mir auf, daß wir +den Sieg an unsere Fersen heften und den Feind seiner Rosse berauben.« + +Da rief der ganze Stamm: »Hamdullilah, Hamdullilah!« und tanzte um das +Feuer, das entzündet war, in wilder Freude. Hadschi Ali ben Gorah ben +Akiba aber, ein sehr betagter Stammesgenosse (er war nämlich in jeder +Gymnasialklasse einmal sitzen geblieben), machte ein sorgenvolles +Gesicht und sagte: + +»Wenn wir, wie unser Scheich sagt, den Sieg an unsere Fersen heften, +dann wird der Sieg hinter uns sein, das heißt mit anderen Worten, wir +werden davonlaufen und die Sieger werden uns auf den Fersen sein.« + +»Schweig, du Vater des vertrockneten Gehirns und Bruder der +Kurzsichtigkeit,« zürnte der Scheich, »wie kann Dröselmann, der +ein lahmes Bein hat, uns verfolgen, zumal wenn er trunken ist? +Stammesgenossen, ich sage euch, schon nach einer halben Stunde werden +wir die Sure des Sieges beten!« + +»Allah il Allah!« rief der ganze Stamm. + +»Laßt uns gehen; denn Asr, die Stunde des Aufbruchs, die beste des +ganzen Tages, ist gekommen.« + +Sie verbeugten sich in der Richtung gen Mekka und dann brachen sie auf, +einer hinter dem anderen, huschend, gebückt, voran der Scheich. Jetzt +waren sie vor einer Schonung. + +»Gerade aus!« gebot der Scheich leise und kroch in die Pflanzung. Alle +Hullah-Araber krochen hinterher, als letzter Hadschi Ali ben Gorah ben +Akiba, der ob seiner Erfahrungen immer das Ehrenamt hatte, den Rückzug +zu decken, und als Sohn des städtischen Försters auch die genaueste +Ortskenntnis besaß. + +Plötzlich erdröhnte ganz in der Nähe ein Schuß. Sämtliche Araber flogen +auf die Nasen. + +»Wartet, ihr Halunken,« donnerte die Stimme des Försters, »euch werde +ich lehren, in die Schonung zu kriechen. Ich erschieße die ganze Bande!« + +Die Araber fraßen sich vor Angst in den Sandboden ein. Ein zweiter +Schreckschuß. Dann die Stimme des Scheichs: + +»Der Förster! Er schießt mit Hasenpfeffer! Jungens, lauft!« + +Alles rannte. Der Förster fluchte. Am meisten fluchte er, als er seinen +eigenen Sprößling unter den Waldfrevlern entdeckte, den Hadschi Ali ben +Gorah ben Akiba. + +»Na warte, Fritze,« brüllte der Forstmann, »komm du mir nach Hause!« + +Im Kastanienwäldchen sammelten sich die Hullahs. Der Scheich fand seine +Fassung schnell wieder. + +»Tapfere Krieger der Hullahs,« rief; »ihr habt einen heimtückischen +Überfall glorreich überwunden. Laßt uns die Sure des Sieges sprechen. +Denn der Feind hat trotz seiner Feuerschlünde nichts über uns +vermocht. Leider wird er durch seine Schüsse den geweckt haben, den +wir überfallen wollten. Wir müssen also unseren Kriegszug für heute +abbrechen.« + +Er hatte nicht ganz recht. Zwar, als die Schüsse erdröhnten, waren auch +Hero und Leander in wilder Flucht davongelaufen, hatten zuletzt den +Wagen umgeworfen, die Geschirre zerrissen und waren von dem Förster +eingefangen worden. Der Kutscher Dröselmann aber hatte von all diesen +Ereignissen nichts bemerkt. Er erfreute sich eines gesegneten Schlafes. + +Am nächsten Morgen wurde Dröselmann auf das Rathaus zitiert und ihm +daselbst ein wenig freundlicher »Guten Morgen« gesagt. + +Fünf Tage später durcheilte die Stadt das Gerücht: die Esel seien schon +wieder durchgegangen. Diesmal aber waren sie nicht wieder eingebracht +worden, sondern mit Geschirr und Wagen spurlos verschwunden. Das +Gespann war offenbar gestohlen worden. Dröselmann mußte wieder aufs +Rathaus kommen und wußte von dem ganzen Vorfall nichts zu melden, +als daß er ob der ungeheuren Sommerhitze am Wegrande ein wenig +entschlummert sei, und daß bei seinem Erwachen die Esel auf und davon +waren. + +Darauf sagte der Bürgermeister: »Gute Nacht, lieber Dröselmann, wir +brauchen Sie fürderhin nicht mehr. Schlafen Sie weiter recht wohl!« + + * * * * * + +Im Eulenwalde lag ein altes Jagdhaus, das sich ein adliger Herr in +früherer Zeit gebaut hatte, das aber nun ganz in Verfall geraten und +seit Menschengedenken unbewohnt war. Ein grasverwachsener Waldweg +führte zu ihm, der kaum manchmal zu einer Holzfuhre benutzt wurde. + +Nach diesem alten Jagdhause schafften die Hullah-Araber ihre Beute, und +der Zufall wollte es, daß sie ganz unbemerkt blieben. + +Die Hullahs feierten ein großes Siegesfest, und es zeigte sich, daß +jeder seinen Karl May gründlich kannte. + +»Tapfere Krieger,« rief der Scheich, »seht ihr sie leuchten, die Sonne +unseres Ruhmes? Seht ihr sie stehen, die erbeuteten Rosse und Wagen +unseres Feindes? In allen Zelten des Morgenlandes, bei den Wachtfeuern +der Wüste und an den Ufern des Nils wird man von unserer Großtat +sprechen.« + +»Allahu ekber!« riefen die Krieger und entzündeten ihre Pfeifen. + +»Tapfere Krieger,« fuhr der Scheich fort, »ein echter ben Arab liebt +sein Roß; seht, wie ich dem meinen den Kuß des Friedens gebe!« + +Er näherte sich dem Kopfe der Eselin und wollte sie küssen. Hero aber +schnappte nach ihm; auch bespritzte sie ihn aus ihren Nasenlöchern. + +»Dieses Roß,« sagte der Scheich, indes er sich das Gesicht abwischte, +»tut noch etwas fremd zu mir. Ich will ihm zeigen, daß ich sein Freund +bin.« + +Nun brachte er eine Menge Zuckerstücke zum Vorschein, die er den +Vorräten seiner Mutter entnommen hatte, und fütterte die Eselin. + +»Weib,« sagte der Esel Leander; »lasse dich nicht von einem Manne, der +dich hat küssen wollen, mit Zucker speisen.« + +»Ach, du bist wohl eifersüchtig?« fragte die Frau und fraß dann erst +recht. + +Da seufzte der Mann: »So sind die Weiber!« Aber er fügte sich drein; +denn er war ein Esel. Hadschi Ali ben Gorah tröstete ihn mit einem +Bündel Möhren. + +Hadschi Ali stand neuerdings beim Stamme wieder in höchsten Ehren; +denn seine Deutung von der Heftung des Sieges an die Fersen hatte sich +bewahrheitet, und obwohl sich von väterlicher Seite wegen des Betretens +der Schonung der Sieg nachträglich sogar auch noch an Alis Hosenboden +geheftet hatte, war der Edle doch dem Stamme treu geblieben und hatte +sich an der neuen Kriegstat beteiligt. + +Auch die anderen Hullah-Araber hatten für die beiden erbeuteten »Rosse« +allerhand Leckerbissen mitgebracht, sogar Weißbrot und Schokolade, so +daß Leander seine Hero anschmunzelte und sagte: »Die Lauseigel sind +gut. Wir haben unsere Lage verbessert!« + +Hadschi Ali ben Gorah aber legte seine sechzehnjährige erfahrene Stirn +in Falten und sagte: + +»Was fangen wir nun mit den Eseln an?« + +»Zuerst müssen wir furagieren,« sagte Mullah ben Nadir, dessen Vater +beim Train gedient hatte. »Esel brauchen Heu. Ich weiß eine Wiese in +der Nähe, wo Heu zu haben ist. Auch Klee mögen sie.« + +Dieser Vorschlag wurde angenommen; der Scheich und zwei Krieger zogen +aus, um zu erkunden, ob Wiese, Kleefeld und Weg sicher seien, und dann +brach der ganze Stamm auf und schaffte ein Fuder Heu und Klee herbei. +In dem alten Jagdschloß waren noch bedeckte Räume genug, daß das +Eselpaar einen Stall, der Wagen eine Remise fand. + +»Was machen wir nun mit den Eseln?« fragte der weise Ali wieder. »Es +genügt nicht, wenn wir sie bloß immerzu füttern.« + +»Nein,« sagte Ibn Dschisirah, »wir müssen sie reiten. Esel sind +Reittiere.« + +»Wir haben keine Sättel,« warf Ali ein. + +»Sättel,« höhnte der Scheich; »wie oft ist der große Kara ben Nemsi, +den sie im Abendlande Karl May nennen, ohne Sattel geritten! Ich werde +es euch zeigen; denn ich bin euer Scheich.« + +»Hai! Hai! Der Vater der Stille!« jubelten die Krieger. + +Der Scheich schirrte nun die Eselin ab, gab ihr die zärtlichsten +Kosenamen, erinnerte sie an den Zucker, den er ihr verehrt hatte, und +schwang sich mit einem kühnen Schwunge auf den Rücken des Tieres. + +Der Erfolg war ein gewaltiger. Hero drehte erst verwundert den Kopf +um, was bedeuten sollte: »Nanu? Was ist das für eine Frechheit?« Dann +wippte sie ein wenig mit dem Rücken, dann machte das Vieh unvermutet +einen kreuzförmigen Satz, einen wahren Zaubersprung, zugleich +nach vorn, hinten, rechts und links, so daß der Scheich wie eine +abgeschossene Rakete in die Luft flog. + +»Allah kerim!« riefen erschrocken die Krieger. + +Der Scheich, der nach glänzender Kurve gelandet war, erhob sich. Er +hatte sich gewaltig geschlagen, ließ aber nichts merken, sondern sagte +gleichmütig: + +»Dieses Roß scheint falsch zugeritten zu sein. Ich will das andere +probieren.« + +Nun kam Leander an die Reihe. Leander hatte mit Behagen zugesehen, was +für Teufelsmätzchen sein Weib mit dem Araber vollführte. + +»Ja, ja, lasse sich einer mit der ein, mit der wird kein Esel fertig,« +sagte er bei sich. Während sich nun der Scheich mit ihm zu schaffen +machte, dachte sich Leander: + +»Wie wäre es, wenn ich den Schlingel auf mir reiten ließe? Gewiß bekäme +dann das nächste Mal ich den Zucker und das Weib bekäme nichts; das +würde sie sehr kränken.« + +Aus diesen ehelichen Erwägungen heraus ließ Leander den Scheich +aufsteigen und setzte sich in gemütlichen Trab mit ihm. + +Die Hullahs waren außer sich vor Entzücken. + +»Er reitet! Er reitet wirklich! Er fällt nicht herunter!« riefen sie. +Der Scheich aber sagte leuchtenden Auges: + +»So reitet ein ben Arab!« + + * * * * * + +»Was machen wir wegen der Esel?« fragten sich auch die Räte der Stadt +Altenroda. Sie empfanden den Verlust der Tiere als eine Schande. +Das »Stadtblatt« und einige benachbarte Zeitungen machten in Poesie +und Prosa böse Witze über die Affäre. So wurde schließlich auf die +Wiedereinbringung der schamlos gestohlenen Esel eine Belohnung von +dreihundert Mark gesetzt, die auch bald auf fünfhundert erhöht wurde. +Im »Löwen«, im »Roß« und im »Hecht« aber wurde fast von nichts anderem +gesprochen als von dem entschwundenen Stadtmarstall, und es wurden +große Wetten abgeschlossen, ob die Tiere wiederkommen würden oder +nicht. Schließlich erhöhten diejenigen, die auf die Rückkehr der +Esel gewettet hatten, die Prämie von sich aus auf tausend Mark. Der +abgesetzte Eselskutscher Dröselmann hatte der Stadt den Rücken gekehrt +und war nach Berlin gezogen, wo er zwei Brüder hatte, die von ähnlichem +Kaliber waren wie er. Seine Frau hatte Dröselmann in Altenroda +zurückgelassen. + + * * * * * + +Den Eseln erging es indessen im Eulenwalde vorzüglich. Wenn sich der +Stamm der Hullah-Krieger auch nicht täglich vollzählig versammelte, +was wegen verschiedener schwerer Hinderungsgründe nicht immer +möglich war (Klavierstunde, Tante zu Besuch, zum Schneider maßnehmen +gehen, Strafarbeiten machen, Arrest absitzen und so), es waren doch +immer einige der Helden anwesend und vergaßen nie, manches Leckere +mitzubringen. Die Esel waren des Nachts angebunden, wurden aber am +Nachmittag losgelassen und führten ein freies Leben voller Wonne. +Leander, der gutmütige Mann, ließ auf sich reiten, bei Hero, der +störrischen Eselin, aber gelang es nur dem Scheich, einen Rekord von +elf Sekunden aufzustellen, dann flog auch er unweigerlich. + +Manchmal in stiller Nacht, wenn sie allein waren, sagte der Mann: + +»Ach, Frau, in diesem verwunschenen Schlosse ist es schauerlich zur +Nachtzeit. Hörst du, wie das Käuzchen schreit und wie laut der Bach +rauscht? Auch klappert der Wind mit den Dachsparren.« + +»Er klappert nicht! Du klapperst! Und zwar mit den Zähnen. Du bist ein +Feigling!« + +»Ach, Frau, ich wollte gewiß mutig sein wie ein Löwe, wenn ich nur +erst wieder bei Papa Dröselmann im Stalle stände. Da wohnten Menschen +ringsum und zwei Hunde sind im Hofe, ein Boxer und ein Pinscher, der +die ganze Nacht bellt.« + +»Du bist ein Esel, darum bist du dumm; wärst du eine Eselin, so wärst +du klug. Geh nur zu deinem Dröselmann, lasse dich alle Tage an den +Wagen spannen, schleppe Lasten und kriege schlechtes Futter! Geh, geh! +Ich bleibe hier. Und wenn du gehst, wirst du noch etwas Dümmeres sein +als ein Esel.« + +»Nämlich was denn?« + +»Ein Witwer!« + +»O weh, ein Witwer will ich nicht sein!« + +»So halt's Maul! Männer, die nicht Witwer sind, haben das Maul zu +halten.« + +Das tat denn Leander und fürchtete sich in dem einsamen Waldhause halb +zu Tode. Erst wenn der Morgen kam, schlief er ein. + + * * * * * + +An einem Sonntagnachmittage, als fast der ganze Stamm der Hullah +versammelt war, sagte der Scheich: + +»Tapfere beni Hullah! Es sind zwölf Tage und zwölf Nächte vergangen, +seit wir auf unserem glorreichen Kriegszuge die Rosse des Giaurs +Dröselmann erbeuteten. Ihr habt gehört, was diesem Vater der +Verschlafenheit und Enkelsohne der Kümmelflasche begegnet ist. Sein +Mudir (Bürgermeister) hat ihn aller seiner Ehrenstellen entsetzt und +seiner Einkünfte entkleidet. Er hat ihn in die Verbannung gejagt, wo +ihn die Krokodile der Verzweiflung fressen werden. Allah verbrenne +seine Seele in Spiritus. Was uns dieser Giaur geschadet hat, ist +gerächt. Der freie Sohn der freien Wüste aber, der ben Hullah, ist +großmütig und edel. Wenn seine Rache erfüllt ist, hört er auf, zu +strafen. + +Nun komme ich auf die Stadt zu sprechen, welche Altenroda heißt. Gewiß, +es wohnen in dieser Stadt vielerlei Bösewichte, wozu insonderheit die +Professoren der Schule gehören, welche das Gymnasium heißt.« + +»Allah! Wallah! Tallah!« knurrten die Krieger. + +»Allah,« fuhr der Scheich fort, »wird diese Giaurs samt und sonders an +einen Spieß stecken, und über dem tiefsten Schlunde der Feuermolche in +der Dschehennah zappeln lassen.« + +»Allah! Wallah! Tallah!« heulten die Krieger in wildem Fanatismus. + +»Aber, beni Hullah, mein Ohr hat vernommen, daß einige unter euch +Verwandte in Altenroda haben, und deswegen wollen wir die Stadt nicht +vernichten, sondern ihr Gnade zuteil werden lassen.« + +Die Männer brummten irgend etwas Arabisches. + +»Ich weiß, teure Stammesgenossen, die Milde fällt euch schwer. Zu arg +und schändlich seid ihr in jener Stadt oft erzürnt worden. Aber der +Starke sei gnädig dem Schwachen. Um eurer Verwandten willen will ich +die Stadt begnadigen und ihr die Esel zurückerstatten, um die sie +jammert.« + +Unwilliges, ja drohendes Gemurre. + +»Hört mich, edle beni Hullah -- ich habe noch andere Gründe für meine +Milde. Das größte El Asr des ganzen Jahres, die größte Stunde des +Aufbruchs steht bevor. (Der Scheich meinte den Beginn der großen +Ferien.) Die Hullah zerstreuen sich dann auf lange Zeit; der eine +zieht dorthin, wo auf weiten Steppen die Herden grasen; der andere +erklimmt die höchsten Felsengipfel der Welt; der dritte stürzt sich in +das Meer, um Perlen zu suchen; ein vierter sucht seinen ruhmreichen +Großvater auf. Niemand wird hier bleiben, um unsere Roßherde zu +bewachen und sie gegen den Überfall von Feinden oder vor wilden Tieren +zu beschützen. Was soll aus ihnen werden?« + +Düster sahen die Männer vor sich hin. Ihre herrliche Beute freizugeben, +auf den Spaß zu verzichten, alle Tage die Altenrodaer Bürger von den +verschwundenen Eseln mirakeln zu hören, sich selbst ihres köstlichen +Geheimnisses zu berauben, keine Reittiere mehr zu haben, das alles +erschien ihnen Wahnsinn. + +»Was du planest, o Scheich,« sagte Omar ben Gandesi zornig, »verhüte +der Prophet!« + +»So möge eure Weisheit entscheiden,« antwortete der Scheich verstimmt, +»was nach dem großen El Asr mit unseren Viehherden geschehen soll!« + +Alle versanken in dumpfes Sinnen. Die Pfeifen dampften. Endlich sagte +der weise Ali: + +»Wenn wir sie schon selbst nicht behalten können, so wollen wir sie +doch der feindlichen Stadt Altenroda nicht zurückgeben. Möge diese +Stadt zum Gelächter der ganzen Welt die esellose genannt werden in +Ewigkeit. Wir werden die Esel aus ihrer schmachvollen Sklaverei +erlösen, wir werden ihnen die Freiheit geben. Wald, Feld und Flur +sollen ihre Weide sein, der Sternenhimmel ihr Zelt, und zu Mogreb, der +Stunde des Frühgebetes, schon möge alltäglich ihr Feierabend beginnen.« + +»Wohl gesprochen, edler Ali; auch ich bin für die Freiheit der Esel. +Aber bedenke, was aus ihnen werden soll, wenn die Regenzeit eintritt +oder wenn feindliche Stämme ihnen nachstellen.« + +So sprach der Scheich. Da sprang Omar ben Gandesi erregt auf und rief: + +»Ich hab's! Allah hat mein Herz erleuchtet und meinen Verstand scharf +gemacht wie die Zähne des Krokodils. Ihr wißt, daß die Obrigkeit von +Altenroda auf die Wiedereinbringung der Esel einen Preis von tausend +Silberstücken gesetzt hat. Lasset uns mit den Eseln vor das Rathaus +ziehen, sagen, wir haben sie im Walde eingefangen, und uns den Preis +einfordern. Wenn wir ihn teilen, hat bei El Asr, der Stunde des +Aufbruchs, jeder soviel Geld, daß sein Weg mit Rosen bestreut sein wird +und sich in allen Herbergen die Diener vor uns reichen Männern neigen +werden.« + +»Hamdullilah!« schrien die Krieger, und sie reichten sich die Hände und +tanzten vor Freude. Nur der Scheich und der weise Ali blieben sitzen. + +Als der Tanz aufhörte, sprach der Scheich: + +»O, ihr Kinder des Unverstandes und Väter des Leichtsinnes! Was ihr +planet, würde unser aller Verderben ein. Man würde euch durchschauen, +euch nicht die tausend Silberstücke, sondern die Bastonade geben, sowie +auch elendiglich einkerkern.« + +»Der Scheich hat recht,« sagte Ali düster; denn er dachte an seinen +Vater, den Förster. Da wurden sie alle still, und bleierne Ratlosigkeit +lag über der Versammlung. + +Endlich stand der Scheich auf und hielt eine Rede von solchem +Bilderreichtum und von so hinreißendem Feuer, wie sie eben nur von +einem Orientalen gehalten werden kann. Als er geendet hatte, reichten +ihm seine Krieger die Hände, und in aller Augen lag hoher Stolz und +fester Entschluß. + + * * * * * + +Die Johannisnacht war gekommen. Auf dem Ochsenkopf wurde ein mächtiges +Johannisfeuer angezündet. Goldig flackerte es auf in der pechschwarzen +Neumondnacht, und alles Volk aus der Stadt vergnügte sich und hatte +sich zum Feste hinaus begeben. Selbst die größeren Kinder genossen in +dieser Nacht Freiheit. + +Jenseits vom Ochsenkopf aber, im Eulenwalde, im Lager der Hullahs, +regte es sich. + +»Wir sind vollzählig beisammen,« sagte der Scheich. »Allah hat keinen +um die Ehre bringen wollen, an der Heldentat, die wir vorhaben, +teilzunehmen. Betet die heilige Fatha!« + +Die Krieger verbeugten sich gegen Mekka, was in der herrschenden +Finsternis leider nach vier verschiedenen Richtungen geschah, dann +wurden die Esel aus dem Stalle geführt und an den Wagen gespannt. Der +Scheich mit zwei Spähern ging voraus, der Wagen mit Begleitung folgte. +Hadschi Ali ben Gorah kommandierte den Nachschub. Mit allerhöchster +Vorsicht schob sich die Karawane weiter. Bei einem Gemüsefelde wurde +Halt gemacht. Der Scheich entlehnte sich von einer Vogelscheuche einen +alten Frack, einen fürchterlichen Zylinder und ein Halstuch; auch +band er sich eine Gesichtslarve vor, die er vom letzten Fasching her +besaß. So ausgerüstet, war er schrecklich anzuschauen. Er entließ nun +mit einer Handbewegung alle seine Krieger und fuhr ganz allein hinein +in die feindliche Stadt. Voller Bewunderung sahen die Hullahs dem +unvergleichlichen Helden nach. + +Die Stadt war wie ausgestorben. Was nicht zum Johannisfeuer gegangen +war, steckte in den Häusern. Nur bei einer Straßenlaterne saßen drei +alte Frauen auf den Haustürstufen und schwatzten. + +Als sie das gespensterhafte Gefährt daherkommen sahen, schrien sie +gellend auf, stürzten ins Haus und warfen die Tür hinter sich zu. Das +erste der Weiber wurde ohnmächtig, das zweite schrie in Todesangst +fortwährend, es hätte den Leibhaftigen gesehen, das dritte nahm +Baldriantropfen. + +Fernerhin unbemerkt gelangte der Scheich bis zum Marktplatz. Dort +führte er sein Gespann an einen dunklen Straßeneingang, strängte die +Esel ab, streichelte sie noch einmal zärtlich und verschwand im Dunkeln. + + * * * * * + +Vom Ochsenkopf kam mit Marschmusik und Hunderten von Fackeln der +Festzug vom Johannisfeuer heim. Voran schritt der Bürgermeister. Es +war in Altenroda nicht Sitte, daß, wie anderwärts, die Obrigkeit die +Volksfeste nur huldvoll genehmigte, mit Steuern belegte und polizeilich +überwachen ließ, sondern sie, die Obrigkeit, mußte mitmachen, sich +persönlich beteiligen. Immer mehr Fackeln erfüllten den Marktplatz, die +Musik dröhnte, der Bürgermeister erklomm die Freitreppe, um die übliche +kleine Ansprache zu halten. + +»Bürgerinnen und Bürger unserer lieben Stadt! Der Johannisabend ist für +alle ein Fest der Freude!« + +»I--a, i--a!« tönte es von irgendwo her. (Das sind wieder Schulbuben, +die Unfug treiben, denken alle.) + +»Zwar ist es schön und friedlich in den Mauern unserer Stadt, aber +herrlich ist es doch, in holder Sommerzeit einmal hinauszuschweifen +nach Wald und Berg ...« + +»I--a, i--a!« + +Plötzlich ein begeistertes, markerschütterndes Schreien. + +Und nun folgt ein Hexensabbath: »Die Esel! Die Esel!« + +Fackeln drängen nach einer dunklen Ecke. + +»Die Esel! Die Esel!« + +»Was ist los? Was gibt es?« + +»Die Esel sind da! Unsere Esel sind da! Unsere lieben Esel sind da! +Unsere Stadtesel sind da!« + +Die ganze Menge gerät in Tumult. Der Bürgermeister läßt zwei Trompeter +blasen. + +»Ruhe! Was gibt es?« + +Bäckermeister Chibulke schreit mit seiner Löwenstimme über den Platz: + +»Unsere Stadtesel sind da! Hero und Leander. Da stehen sie an der +Eulengasse!« + +»Herbringen! Zeigen! Die Esel! Die Esel!« + +Über den Marktplatz bewegt sich, von vier Männern und zahlreichen +Fackeln begleitet, das Eselsgespann. Die Leute staunen sich die Augen +aus den Köpfen, sie zappeln, schlagen mit den Händen, schreien. + +Vor dem Bürgermeister hält das Gespann. Es tritt tiefe Stille ein. Der +Bürgermeister blickt die Esel entgeistert an. + +»Wo kommen die her?« fragt er. + +»Ich weiß nicht,« sagt der Bäcker. »Am Eingang der Eulengasse haben sie +gehalten, ganz ohne Kutscher.« + +»Es ist ein Plakat an dem Wagen,« ruft einer. + +»Vorlesen! Vorlesen! Ru--uhe!« + +Ein Mann liest von der Freitreppe aus das Plakat vor, das an dem +Eselswagen war: + +»Bürger von Altenroda! + +Um eurer zahlreichen Sünden und Missetaten willen seid ihr gestraft +worden, daß ihr euer schönes Eselsgespann verloret und die ganze Welt +über euch lachte. Diesmal soll Gnade für Recht ergehen, und ihr bekommt +euer Gespann wieder. Das nächste Mal fällt es strenger aus! Seid also +gut zu euren Armen und nachsichtig mit eurer Jugend! Sonst wehe euch! +Die tausend Mark Belohnung soll die Frau Dröselmann bekommen, die durch +eure Härte des Ernährers beraubt worden ist. Tut ihr das nicht, so +werdet ihr die Esel nicht lange behalten. + + Gezeichnet: Die Männer des Rechts.« + +Ein ungeheures Gelächter ging los. Nur die Hullahs standen still und +stolz da, und ihr Scheich hüllte sich schweigend in seinen Burnus. + + * * * * * + +Die tausend Mark wurden wirklich an die Frau Dröselmann gegeben. In +Altenroda herrschte viel zu viel Humor und Biedersinn, als daß das +nicht geschehen wäre. Frau Dröselmann, die ohnehin froh war, daß sie +ihr altes Trinkhuhn von Mann los war, schlug selig die Hände zusammen, +als sie das Geld bekam, und sagte: + +»Gott sorgt! Der Mann ist fort, und die Esel sind da!« + +Darob wurde sie zur städtischen Eselkutscherin ernannt. Sie verrichtete +ihr Amt ausgezeichnet, hielt vor keinem Wirtshaus, war zuverlässig und +betreute ihre Tiere mütterlich ... + +Nur wenn sie in die Gegend kam, wo die Promenade an den Eulenwald +grenzt, wollten ihr die Grauschimmel allemal durchgehen. Eine unbändige +Sehnsucht zog Hero und Leander nach dem alten Jagdhause im Eulenwalde. +Und wenn sie eine bunte Gymnasiastenmütze sahen, zitterten sie vor +Freude. + + + + + Ansorge + + +Wie Ansorge mit dem Vornamen hieß, wußte in Altenroda kaum ein Mensch. +Etwa bis zum vierzehnten Jahre wurde er »Ansorgerle« gerufen; vom +vierzehnten bis dreißigsten Lebensjahre hieß er »der junge Ansorge«, +von da an schlechtweg »Ansorge« und über das fünfundfünfzigste +Lebensjahr hinaus »Vater Ansorge«. + +»Ansorge« ist ein unvollkommener Name. Man weiß nicht, ob der Mann, der +ihn trägt, reich oder arm »an Sorge« ist. Ist er reich daran, dann ist +er natürlich arm; ist er arm daran, so ist er gewöhnlich reich. Eine +nur scheinbar verzwickte Geschichte, deren Richtigkeit jeder leicht +einsehen wird. Vielleicht kann »Ansorge« auch »Ohnesorge« heißen, wie +kluge Sprachler behaupten, aber das trifft auf unseren Mann nicht zu. + +Mit diesem Ansorge war die Sache überhaupt nicht so einfach wie mit den +Ansorges insgemein; er war nämlich reich an Geldmitteln und trotzdem +auch reich an Sorgen. Und die Angelegenheit gestaltet sich noch +seltsamer, wenn man hört, daß Ansorge persönliche Sorgen nur viermal +im Leben hatte: einmal in seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahre eine +ungetreue Liebste, einmal im siebenunddreißigsten Lebensjahre eine +falsch behandelte Zahnfistel, einmal in seinem dreiundvierzigsten +Lebensjahre die Kündigung seines Prokuristen und einmal im siebzigsten +Lebensjahre die Sorge um die Gesundheit seines Trauergefolges. + +Ansorges Sorgen galten immer anderen Menschen. Weil er sich selber +nicht wichtig vorkam, hatte er auch um sich selbst keine Sorgen; aber +weil ihm die Schicksale anderer Menschen am Herzen lagen, kam er sein +Lebtag aus dem Kummer nicht heraus. + +Als Knabe machte sich Ansorgerle Schmerzen darüber, daß Paul Distelfink +keinen Springkreisel besaß, da er doch wußte, wie sehr sich der Junge +ein solches Spielzeug wünschte. Da bot er eilig und freundlich dem +Knaben seinen eigenen Kreisel an. Distelfink aber war ein Ruppsack, +sagte, er sei kein Betteljunge, und mochte den Kreisel nicht. Darauf +legte Ansorgerle den Kreisel auf Distelfinks Schulweg und paßte, hinter +einem Strauche versteckt, auf, ob er ihn finden werde. Distelfink fand +den Kreisel und schrie: »Den alten Kreisel trag' ich aufs Fundbüro!« + +Das war eine der fremden Sorgen, von denen Ansorge sehr früh erkannte, +es sei gar nicht so leicht, ihnen abzuhelfen. + + * * * * * + +Eine schlimme Sache war das mit der verunglückten Liebe. Ansorge hatte +Emma Rillek von seinem siebzehnten Jahre an geliebt und sich mit ihr in +seinem zwanzigsten Jahre heimlich verlobt. Emmas Mutter, die Witwe war, +durfte nichts wissen. Sie ahnte auch wirklich dann noch nichts, diese +strenge Frau, als der junge Ansorge ihrer Tochter zum Geburtstag eine +Wäscheaussteuer schenkte, in der allein zwei Schock leinene Handtücher +waren, und nächste Weihnachten eine Zimmerausstattung und einen +Silberkasten. Die Witwe Rillek war arm. Wie soll eine arme Frau auch +gleich auf den Gedanken kommen, ein junger Mann habe mit der Tochter +etwas vor, wenn er ihr einmal einige Sachen schenkt? Ansorge freute +sich unbändig, daß die Frau so ahnungslos war, und schenkte Kleider, +Pelzwaren, Küchengeräte, Halsbänder, eine goldene Uhr und solche Dinge +mehr. Die Mutter blieb immer gleich ahnungslos. + +Am 6. Mai wollte Ansorge um Emma anhalten. Dann war er fast +dreiundzwanzig und sie eben sechsundzwanzig geworden. Das rechte Alter +und Verhältnis zum Heiraten. + +Am 3. Mai traf sich Ansorge mit Emma im Eulenwalde. Er hatte immer +Angst, die strenge Mutter könne hinter diese heimlichen Stelldicheine +kommen. Wie schrecklich, wenn sie ihm dann die paar Geschenke, die er +Emma gemacht hatte, zurückschickte! + +An diesem 3. Mai merkte Ansorge seiner Emma eine gewisse Beklemmung an. +Er redete ihr liebevoll zu, sich doch ja keine Sorgen zu machen und ihm +alles anzuvertrauen, was sie drücke. Da brachte Emma endlich heraus: + +»Ansorge, du könntest mir einmal einen Gefallen tun.« + +Er sagte, daß er sich gern gefällig zeigen werde. + +»Aber es ist ein großer, schwerer Gefallen!« + +»Das tut nichts,« sagte Ansorge und lachte sie aufmunternd an. + +Da schluckte sie ein paarmal, wurde knallrot und sagte dann stockend: + +»Ich möchte -- daß du einwilligst -- daß ich den Paul Distelfink +heirate.« + +Erst verstand er sie nicht. + +»Wie?« fragte er. »Bitte, sage es noch einmal!« + +Da ergoß sich eine Flut von Worten über ihn. Es sei ja bloß deshalb +so gekommen, weil sie doch eben Nachbarskinder gewesen seien, +der Distelfink und sie, beide -- wie er ja wohl wisse -- in der +Gerbergasse aufgewachsen. Da komme halt so was. Und dann, er solle ihr +doch den Gefallen tun und einwilligen -- es ginge überhaupt nicht mehr +anders. + +Er schritt ganz still neben ihr her. Eine große Sorge, ein schwerer +Herzenskummer war plötzlich über sein eigenes Leben gekommen. Sie +redete immer weiter, weinte, sagte, daß sie todunglücklich würde, wenn +er nicht nachgäbe. + +Da gab er nach. Beim Abschiede war er freundlich, er tröstete sie und +wollte ihr sogar -- wie immer -- ein Goldstück für »kleine Ausgaben« +schenken. Aber stolz -- wie ehedem der Knabe Distelfink den Kreisel -- +schlug sie das Goldstück aus. + +Noch in der Nacht desselben Tages wurde der junge Ansorge sehr krank. ++Dr.+ Schicketanz betreute ihn. Schicketanz hatte in Prima +gesessen, als Ansorge in der Untertertia sitzen blieb, hatte es aber +nicht verschmäht, sich von dem reichlichen Taschengelde des so tief +unter ihm stehenden Mitschülers damals immer das Tabaksgeld zu leihen, +das er bis heutigen Tags nicht wiedergegeben hatte. Nun war Schicketanz +Arzt in Altenroda, Ansorge der Besitzer der von seinen frühverstorbenen +Eltern ererbten Fabrik, und nun saß +Dr.+ Schicketanz an dem +Krankenlager des Ansorge. + +Sie siezten sich. Einer, der schon in Prima war, da der andere in +Untertertia kleben blieb, kann unmöglich zu ihm »du« sagen, wenn nicht +etwa das Leben es später so besonders eigentümlich gefügt hat. + +»Lieber Herr Ansorge,« sagte +Dr.+ Schicketanz nach achttägiger +Behandlung, »organisch sind Sie gesund. Ihr ganzes Übelbefinden -- daß +Sie nicht essen und schlafen können, daß Sie natürlich dadurch abmagern +und schlaff werden, sich elend fühlen -- beruht auf nervöser Grundlage. +Zunächst müssen Sie mal erst etwas zu Kräften kommen, dann schicken wir +Sie auf Reisen.« + +Er ist ein guter Arzt, dachte Ansorge. Was der Grund zu den nervösen +Grundlagen seines Todkrankseins war, erzählte er dem Doktor nicht. Das +war auch nicht nötig. Ganz Altenroda wußte Bescheid. + +In dieser sorgenvollen Zeit seines Lebens quälte sich der junge +Ansorge besonders mit der einen Frage: Ob sie mir wohl meine Geschenke +zurückschicken werden? + +Die Geschenke kamen nicht zurück. Da freute sich Ansorge und sagte zu +sich selber: »Es sind doch rücksichtsvolle Menschen. Das tun sie mir +nicht an.« + +Auch an Distelfink dachte er nun freundlicher. Damals mit der Abweisung +des Kreisels hatte ihn Distelfink gekränkt. Nun nahm er -- was ihm +gewiß schwer wurde -- die mancherlei Sachen, die er der Emma verehrt +hatte, an. Das war nett von dem Distelfink. Überhaupt -- alles hätte er +haben können, nur gerade die Emma hätte er ihm nicht nehmen sollen. + +Über die Bitternis dieses Gedankens kam Ansorge wochenlang nicht +hinweg, und +Dr.+ Schicketanz hatte zu tun, ihn aufrecht zu +erhalten. + +Dann ging der junge Ansorge zwei Jahre auf Reisen. + +Als er gesund und kräftig zurückgekommen war, erschien eines Tages Paul +Distelfink in seinem Privatkontor und sagte: + +»Alter Freund, ich komme mit einer Bitte. Emma und ich haben gestern +das dritte Kind bekommen. Es ist unser erster Junge. Nun wollen wir +dich herzlich bitten, Pate zu sein. Es soll ja Glück bedeuten und eine +Ehre sein, wenn man beim ersten Jungen aus einer Ehe Pate ist. Nun, +Ehre und Glück hast du ja wohl nicht nötig, aber uns nähmst du halt +eine Sorge ab, wenn du Pate wärst.« + +Ansorge sah den Bittsteller mit seinen stillen Augen an. Er überlegte. +Er überlegte lange. Dann sagte er sich: »Warum soll ein kleiner +unschuldiger Junge keinen Paten haben?« Und er sagte zu. + +Zwei Tage nach der Taufe kam die Mutter Emmas, die Witwe Rillek, ins +Privatkontor, flennte und sagte: + +»Ach, Herr Ansorge, Sie sind gewiß der beste Mensch von der Welt. Meine +Emma, meine Emma, nein, diese schreckliche Gans. Ich muß mich einmal +aussprechen zu Ihnen, Herr Ansorge, sonst drückt es mir noch das Herz +ab. Ich denke immer, Sie könnten eine schlechte Meinung von mir haben. +Aber ich war unschuldig, Herr Ansorge, ganz unschuldig. Ich habe schon, +als Sie siebzehn Jahre alt waren und die Emma zwanzig, gemerkt, daß Sie +wohl dem Mädel gewogen waren, und es war mein Stolz. Aber das dumme +Ding, das vermaledeit dumme Ding, und der Kerl, der Distelfink, der +keine drei Taler in der Tasche hat -- o, Herr Ansorge, wenn Sie wüßten, +wie oft ich das dumme Mädel gehauen und ihr immer gesagt habe: daß du +ja den Ansorge nimmst, der ein so anständiger Mensch ist und dir so +noble Geschenke macht! Sie hat's nicht getan!« + +Ansorge saß ganz still da. Das war also die gestrenge Mutter, vor der +er sich gefürchtet hatte! + +»Womit könnte ich Ihnen denn dienen, Frau Rillek?« + +»Ach Gott, Herr Ansorge, sehen Sie mal, wie halt doch das Leben teuer +ist, und dann die vielen Krankheiten! Die Älteste von der Emma, die +Pauline, hat dreimal Zahnkrämpfe gehabt. Die zweite, die Meta, haben +wir impfen lassen müssen, Distelfink war drei Wochen in Behandlung +wegen eines Nackengeschwürs, und ich mußte auch ein paarmal zum Arzt +wegen meines Reißens. So haben sich halt beim +Dr.+ Schicketanz +-- er verteuert ja die Leute -- hundertzehn Mark angesammelt, und nun, +wo wir schon wieder das dritte haben -- die Hebamme, das unverschämte +Weib, hat zwanzig Mark verlangt -- wer soll nun die hundertzehn Mark an +Schicketanz bezahlen?« + +»Die bezahle ich!« sagte Ansorge. + +»Ich danke!« sagte Frau Rillek und flennte. + +So war die Geschichte von Ansorges Liebe zu Ende und seine erste +persönliche Sorge vorbei. + + * * * * * + +Die zweite persönliche Sorge hatte Ansorge im siebenunddreißigsten +Lebensjahr durch ein Zahngeschwür. Er hatte einen Freund, der ein guter +Zahnarzt war. Doktor Neumann hieß er. Als Ansorge aber eines Tages +heftige Zahnschmerzen bekam, überlegte er tagelang, ob er zu +Dr.+ +Neumann gehen solle. Es wohnte nämlich an der nächsten Straßenecke ein +Dentist, ein junger Anfänger, mit dem es nicht vorwärts ging und der +Ansorge auf der Straße immer mit einem demütig bittenden Blick ansah, +aus dem deutlich zu lesen war: »Sei doch so gut, du reicher Mann, +kriege einmal Zahnschmerzen und komme dann zu mir!« Also, +Dr.+ +Neumann hatte eine große Praxis und war wohlhabend, der Dentist war +ein armer Teufel. Vertrauen hatte Ansorge zu dem jungen Manne nicht, +aber die Menschenliebe gebot ihm, den armen Anfänger zu unterstützen. +Er ging mit seinen verschleppten Zahnschmerzen zu ihm. + +Am dritten Tage, an dem der Dentist den sehr schwierig liegenden Fall +Ansorges behandelte, geriet der Patient in Lebensgefahr. Es trat +schwere Blutvergiftung ein. +Dr.+ Neumann und eine eiligst aus +der Hauptstadt herbeigerufene medizinische Größe hatten Mühe, das +Leben Ansorges zu erhalten. Furchtbare Qualen hatte der Arme bereits +ausgestanden; nun wurde ihm durch eine Operation der Kiefer zerstemmt, +die Wange geschlitzt. + +Wochenlang war Ansorge schwer krank. Als er genas und im Spiegel sein +verunstaltetes Gesicht sah, das bisher immer so hübsch rund und so +glatt rasiert gewesen war, beschloß er, sich einen Vollbart wachsen +zu lassen. Er hatte sein Lebtag Vollbärte nicht ausstehen mögen, aber +nun war es nötig, das Wundmal durch einen Bart zu verdecken, damit die +Leute nicht immer an den Mißerfolg des Dentisten erinnert wurden und +der arme Schlucker am Ende seine geringe Praxis ganz einbüßte. + +Der Dentist aber war so wie so pleite. Kein Mensch suchte ihn mehr auf; +denn ganz Altenroda sprach von dem schweren Unfall Ansorges. Da kam der +Zahnheilkünstler eines Tages zu Ansorge und bat ihn ganz zerknirscht um +Verzeihung. + +»Ich bin selber halb gestorben vor Angst um Sie, Herr Ansorge! Ich habe +mich zu zeitig selbständig gemacht; daran liegt's. Ich hätte lieber, +was die Zahnheilkunde betrifft, noch manches dazu lernen sollen.« + +»Ja!« sagte Ansorge leise. + +»Von Altenroda muß ich weg,« fuhr der Dentist betrübt fort. »Die Leute +haben das Vertrauen zu mir verloren. In Magdeburg könnte ich eine +Gehilfenstelle bekommen und vieles lernen; aber ich habe Schulden. Wenn +ich jetzt meine Instrumente verkaufe, kann ich später nicht mehr neu +anfangen; denn diese Sachen werden von Tag zu Tag teurer.« + +»Wie viel haben Sie denn Schulden?« fragte Ansorge nebenher. + +»Tausend Mark,« sagte der Dentist und errötete. + +»Und dann brauchen Sie ja wohl noch Geld für die Übersiedelung nach +Magdeburg?« + +Der Dentist nickte und seufzte. + +»Ja, das ist schlimm,« sagte Ansorge und stand auf. Er setzte sich aufs +Sofa, wo, wie immer, sein Dachshund lag, und kraute in Gedanken dem +Hunde die Kehle. Der knurrte nach dem Dentisten hinüber. Das sollte +heißen: + +»Wenn du willst, beiße ich ihn hinaus!« + +Ansorge steckte dem Köter ein Stück Zucker ins Maul, das er für solche +und ähnliche Fälle immer in der Rocktasche hatte, trat ans Fenster +und sah auf die Straße. Die Höllenqualen, die er ausgestanden hatte, +fielen ihm ein, die schwere Operation, die Verunstaltung des Gesichtes, +der Vollbart, der spitz, lückig und unschön um seinen Mund sproßte, +schließlich auch die hohe Rechnung, die die medizinische Größe aus der +Großstadt geschickt hatte. »Lieber Herr Dentist Hornriegel,« wollte er +sagen, »ich trage Ihnen nichts nach. Für Magdeburg wünsche ich Ihnen +viel Glück; weiter kann ich aber nichts für Sie tun.« + +Als er sich jedoch umwandte und das zerknirschte Gesicht des jungen +Mannes sah, sagte sich Ansorge, es sei unrecht, in einem solchen +Falle hartherzig zu sein. So sagte er etwas ganz anderes, als er sich +vorgenommen hatte: + +»Na, in Gottes Namen, Herr Hornriegel, da werde ich Ihnen halt +tausendfünfhundert Mark leihen; da wird's wohl reichen.« + +Aus Hornriegels vielen mit Tränen betauten Dankesworten blieb Ansorge +nur die ständig wiederkehrende Beteuerung im Sinn: + +»Sie werden sehen, Herr Ansorge, ich bin kein Unwürdiger. Ich bin +strebsam; ich werde noch ein tüchtiger Dentist werden. Und Ihr Geld +kriegen Sie wieder!« + +Als Hornriegel mit den tausendfünfhundert Mark abgezogen war, setzte +sich Ansorge wieder zu seinem Dackel aufs Sofa. Das Vieh drehte ihm den +Schwanz hin. Das war das schlimmste Zeichen seiner Verachtung. Nicht +einmal ein Stück Zucker nahm der erzürnte Vierbeiner an. + + * * * * * + +Jahre vergingen. An seinem vierzigsten Geburtstag, als die Festgäste +alle gegangen waren, saß Ansorge abermals bei seinem Dackel, der +unterdes eine weiße Schnauze bekommen hatte. + +»Dackel,« sagte er; »jetzt sind wir vierzig Jahre alt geworden. Ins +Schwabenalter sind wir gekommen. Meinst du, daß wir jetzt weise werden?« + +Der Hund schüttelte den Kopf, daß ihm die Ohren klatschten. Er will +sagen, dachte Ansorge: ich war schon immer weise, du wirst es nie. Und +in diesem Augenblicke fiel ihm der Dentist ein, von dem er nie wieder +etwas gehört hatte, von dem er gar nicht wußte, ob er überhaupt nach +Magdeburg gezogen war. + +Eine halbe Stunde der Träumerei verging. Der Hund knurrte und bellte +leise im Schlaf. Vielleicht träumte ihm von dem Dentisten, den er +einmal hatte hinausbeißen wollen, dieses aber damals nicht gedurft +hatte ... + +Am nächsten Tage bekam Ansorge einen Brief. + +»Verehrter Herr Ansorge! + +Bitte um Verzeihung, daß ich mich nicht eher gemeldet habe. Mir +ist es indes sehr unterschiedlich, meist recht schlecht ergangen. +Aber nun habe ich es geschafft. Ich bin selbständiger Dentist in +einer hannoverischen Mittelstadt, und mein Kundenkreis wächst von +Woche zu Woche. Mißerfolge habe ich nicht mehr gehabt; ich habe in +den Jahren viel gelernt. Seit einem Vierteljahr bin ich glücklich +verheiratet. Die Neueinrichtung hat viel gekostet, sonst könnte +ich Ihnen die tausend Mark, mit denen Sie mir aus bitterster Not +geholfen haben, bald zurückzahlen. So muß ich Sie bitten, heute mit +der ersten Ratenzahlung von fünfhundert Mark zufrieden zu sein. Das +andere und die aufgelaufenen Zinsen folgen binnen einem Jahre nach. Im +»Altenrodaer Stadtblatt«, das ich immer noch mithalte, las ich, daß +der so hochbeliebte Bürger der Stadt, Herr Ansorge, seinen vierzigsten +Geburtstag feiert. Bitte, nehmen Sie auch einen herzlichen Glückwunsch +an von Ihrem fürs ganze Leben dankbaren + + ~Hornriegel~, Dentist.« + +Mit diesem Briefe in der Hand stand Ansorge lange still da. Er sagte +sich: + +»Da war nun wieder einmal so etwas wie eine Sorge in mein Leben +gekommen. Und nun ist sie zu nichts geworden; sie ist durch eine große +Freude aufgewogen worden.« + +Dann schlug er den Dackel, der auf dem Sofa lag, auf den Buckel und +sagte mit einem glücklichen Lachen: + +»Ach, Dackel, was bist du doch für ein dummer Kerl!« + +Der Hund brummte. + +Er will sagen, dachte sich Ansorge, es hätte ja auch anders kommen +können. Aber es blieb eine große Freude in ihm. Und seine zweite +persönliche Sorge war aus. + + * * * * * + +Ansorge war ein tüchtiger Kaufmann. Er verstand es, mit seiner +Arbeiterschaft und seiner Kundschaft ganz ausgezeichnet umzugehen, und +wenn sich sein Reichtum trotz hoher Einnahmen nicht vermehrte, so lag +das daran, daß die klugen Stadtväter von Altenroda Herrn Ansorge zum +Armendirektor gewählt hatten. Die Stadtväter wußten genau, so lange +Ansorge Direktor war, brauchten sie den Armenetat nicht zu erhöhen; +denn Ansorge leistete Riesenzuschüsse aus eigener Tasche. Dabei lebte +er selbst äußerst bescheiden, ja, er schränkte sich ein. Als er aber +einmal aus irgend einem Anlaß eine gute Flasche Wein für drei Mark +trank, drohte ihm der Stadtkämmerer mit dem Finger und sagte: + +»Direktorchen, Direktorchen, leben Sie nicht über die Verhältnisse der +Stadt!« + +Am meisten kosteten Ansorge die Kinder, zumal zu Weihnachten. Dieses +liebliche Fest plünderte seine Kasse meist vollständig aus. Vom +fünfundfünfzigsten Lebensjahre an bekam der Wohltäter den Namen »Vater +Ansorge«, den er, der nie eigene Kinder gehabt hatte, mit Stolz trug. + +Der Apotheker, der manchmal gebildete Reden führte, sagte einmal im +»Goldenen Löwen«, Ansorge sei der stärkste Altruist, der ihm begegnet +sei. Alle Stammtischgäste nickten ihm Beifall zu, obwohl keiner wußte, +was ein Altruist sei. Ansorge schüttelte den Kopf. Er sagte nichts, +aber er dachte sich: Wenn Ihr nur wüßtet, was ich für ein Egoist bin. +Wer etwas Gutes unterlassen hat, ist in schlechter Stimmung. Das Essen +und die Zigarre schmecken ihm nicht, er ist unfroh und fühlt sich +elend. Wie anders fühlt sich der Mensch nach einer guten Tat. Ganz +herrlich ist das Hochgefühl, das er hat. Es ist, als ob die Seele ein +Bad genommen und sich darauf an etwas ganz Gutem satt gegessen und satt +getrunken hätte. Und dieses Wohlgefühl geht auf den Körper über. Wer +Gutes tut, tut es in erster Linie sich selber. + +Ganz und gar unzufrieden mit Herrn Ansorges Wohltätigkeitssinn war der +Prokurist seines Geschäfts, Herr Sperlich. Mit Ingrimm sah Sperlich, +wie die hohen Reinerträgnisse, die er, der langjährige treue Beamte, +aus dem Unternehmen herauswirtschaftete, aus Ansorges allezeit offenen +Händen verrannen. Man hätte die Anlage vergrößern, das Geschäft +verdoppeln können, wenn eben nicht diese unselige Verschwendungssucht +des Chefs gewesen wäre. + +Der Ruf von Ansorges Wohltätigkeitssinn war inzwischen weit über die +Grenzen von Altenroda hinausgedrungen. Von weither kamen Bittbriefe. +Einmal kam ein solcher aus Hamburg. »+Dr.+ Meier, Schriftsteller,« +war er unterzeichnet. Was sich alles unter dem ehrlichen Namen +»Schriftsteller« verbirgt, ist schauerlich. Aber das wußte Ansorge +nicht, auch flößte ihm der Doktortitel Vertrauen ein. Der Brief +erschütterte ihn. Er gab das Bild einer menschlichen Lebenstragödie, +herzbewegender, unverschuldeter Leiden, und endete in dem Hilferuf: + +»Sie, edler Herr, sind meine letzte Hoffnung. An Ihnen liegt es, ob +ich weiter leben, weiter schaffen kann, oder ob ich untergehen muß. +Nächsten Freitag abends sechs Uhr schlägt meine Schicksalsstunde. +Habe ich dann nicht sechshundert Mark in der Hand, so ist es aus mit +mir. Es bleibt mir dann nichts übrig, als mich noch am selben Abend +aufzuhängen. Einen Revolver besitze ich nicht, kann auch keinen +kaufen. Meine arme, unschuldige Familie muß ich dann ihrem Schicksal +überlassen. Nun entscheiden Sie, was geschehen soll.« + +Dieses Schreiben zeigte Ansorge seinem Prokuristen. Sperlich pfiff +leise durch die Zähne und legte den Brief auf den Schreibtisch. + +»Nun?« fragte Ansorge. + +Aber Sperlich war schon wieder in seine Arbeit vertieft, und Ansorge +wollte ihn nicht stören. Also ging er leise hinaus. Er hatte ohnehin zu +tun. Draußen vor der Stadt lebte eine Witwe, die sich durch Weißnähen +ernährte. Sie hatte einen einzigen Sohn, einen hübschen, intelligenten +Bengel, an dem sie in abgöttischer Liebe hing. An was sollte auch das +arme Weib, das nichts auf der Welt besaß als dieses Kind, sein Herz +sonst hängen? Ansorge hatte dem Jungen eine gute Lehrlingsstelle bei +einem Optiker verschafft. Was tat der Lumpazius? Bestahl seinen Chef +um hundertfünfzig Mark. Da war er denn hinausgeworfen worden, und der +empörte Optiker drohte außerdem mit Anzeige. + +Der Fall hatte Eile. War der Anzeigebrief erst beim Gericht, so war +nichts mehr zu wollen. Also hin zum Optiker! +Dr.+ Meier in +Hamburg mußte warten. Es war erst Montag, und Meiers Schicksalsstunde +schlug erst Freitag abend um sechs. Hier galt es zunächst, dem +Optiker die hundertfünfzig Mark zu ersetzen, die der schreckliche +Junge verlumpt hatte. Allein fünfunddreißig Mark für eine Busennadel +mit Brillanten hatte der Kerl ausgegeben. Ansorge mußte lachen, wenn +er an dieses Schmuckstück dachte. Am besten wäre es natürlich, der +Optiker nähme den Jungen, der bittere Reuetränen vergoß, wieder auf. +Ein deutlicher Denkzettel würde dem Bürschlein genügen. War aber der +Optiker harthörig, nun, so blieb Ansorge wohl nichts übrig, als den +jungen Fant zunächst im eigenen Betriebe zu beschäftigen und ihn im +Auge zu behalten, natürlich, ohne sein ohnehin verletztes Ehrgefühl +weiter zu kränken. + +Gegen elf Uhr kam Ansorge nach Hause. Er war hundertfünfzig Mark los +geworden und hatte den diebischen Jungen auf dem Halse. Etwas nervös +trat er ins Büro. + +»Wir wollen jetzt den Hamburger Brief erledigen,« sagte er. + +»Ist schon erledigt,« brummte der Prokurist Sperlich. + +»Ah, Sie haben die sechshundert Mark hingeschickt?« + +»Nein, das nicht; ich habe was ganz anderes hingeschickt?« + +»Was denn?« + +»Einen Strick. Der Mann will sich ja doch aufhängen; da wollte ich ihm +gefällig sein.« + +»Herr Sperlich, Sie erlauben sich einen merkwürdigen Scherz.« + +»Es ist kein Scherz, Herr Ansorge. Ich habe tatsächlich einen neuen +hanfenen Strick an diesen +Dr.+ Meier nach Hamburg geschickt. Und +zwar als Eilpaket.« + +»Herr -- Herr Sperlich -- wenn das wahr ist ...« + +»Es ist wahr!« + +»Dann -- dann sind Sie entlassen!« + +»Wie sagten Herr Ansorge?« + +»Wenn das wahr ist, daß Sie nach Hamburg den -- den Strick gesandt +haben, sind Sie entlassen.« + +»Schön!« sagte der Prokurist. Er legte seine Schreibsachen pedantisch +gerade, wischte die Feder sorgsam am Tintenputzer ab, stand dann +langsam auf, rückte den Schreibtischstuhl zurecht, nahm seinen Hut vom +Kleiderhaken, sagte: »Guten Tag, Herr Ansorge,« und ging nach Hause. + +Das geschah alles in so großer Gelassenheit, daß Ansorge wie in +Betäubung dastand. Erst allmählich wachte er auf. + +Ungeheuerliches war geschehen. Er hatte jemand gekündigt, nein, nicht +gekündigt, sondern Knall und Fall entlassen. Sperlich! War denn +das möglich? Aber der Mann hatte ja ein Verbrechen begangen, hatte +einem Verzweifelten den letzten Mut genommen, einen mit dem Tode des +Ertrinkens Ringenden vollends unter Wasser getaucht. Und die Familie, +die arme Familie des Doktor Meier! + +Ein dringendes Telegramm wurde aufgesetzt. Tausend Mark gingen +telegraphisch nach Hamburg, dazu die Bemerkung: »Eilpaket +bedauerlichstes Mißverständnis. Fassen Sie Mut, helfe Ihnen weiter. +Ansorge.« + +Als Ansorge dieses Telegramm persönlich abgegeben und seine tausend +Mark losgeworden war, fühlte er sich wohler. Gegen Sperlich hatte er +großen Groll. Solche Gemütsroheit hätte er dem Manne nie und nimmer +zugetraut. Sperlich war Vorsitzender des Tierschutzvereins. Wer konnte +von einem solchen Manne auch nur eine Unzartheit erwarten? Und dieses +Benehmen, dieses Absenden eines Strickes an einen Menschen, der in +Verzweiflung war! Ein Rätsel, ein unerforschbares Rätsel! Außerdem +war Sperlich ein schlechter Geschäftsmann. Mit sechshundert Mark wäre +der Fall zu erledigen gewesen, nun, nach der furchtbaren Kränkung, +die Doktor Meier in Hamburg erlitten hatte, mußte natürlich eine Art +Sühnegeld gezahlt werden. (Das waren also die vierhundert Mark, die +Ansorge über die geforderte Summe geschickt hatte.) Diesen Verlust von +vierhundert Mark hatte er Herrn Sperlich zu verdanken. + +Eine unruhige Nacht verging. Am nächsten Morgen Punkt acht war +Ansorge im Büro. Sperlichs Platz war leer. Sperlich war als der +Gewissenhafteste aller Angestellten sonst schon immer um drei Viertel +acht da. Also, da er um drei Viertel acht nicht gekommen war, kam er +überhaupt nicht. Er hatte die Kündigung ernst genommen. + +Herrn Ansorge faßte eine leise Übelkeit an. Vierundzwanzig Jahre war +Sperlich im Geschäft. Eine Perle von Ehrlichkeit und Tüchtigkeit! +Dukatengold von Charakter! Nächstes Jahr sollte Sperlich sein +fünfundzwanzigstes Geschäftsjubiläum feiern, und Ansorge zerbrach sich +schon wochenlang den Kopf über das Festprogramm. Und nun? Kündigte ihm! +Nein, warf ihn hinaus! + +Ansorge war überzeugt, daß ihn ganz Altenroda als einen rohen, +undankbaren Patron ansehen würde, wenn dieser Hinauswurf des allgemein +geschätzten Herrn Sperlich bekannt wurde. Vielleicht würden die +Arbeiter in einen Proteststreik treten. Dann -- das nahm sich Ansorge +vor -- würde er unter jeder nur irgend annehmbaren Bedingung seine +Fabrik verkaufen, seine Vaterstadt verlassen, um irgendwo auf der Welt +einsam und fremd sein Leben zu beschließen. + +So nervös geworden -- schickte Ansorge einen Boten in Sperlichs Wohnung +mit der Anfrage, ob etwa Herr Sperlich nicht wohl wäre, da er nicht +im Geschäft sei. Der Bote kam zurück und meldete: »Herr Sperlich ist +verreist.« Das ganze Personal machte erstaunte Augen. Ansorge las aus +diesem Erstaunen schweres Mißtrauen und heftige Vorwürfe gegen sich +selbst. + +Zwei Tage später saß Ansorge entgeistert vor einem Briefe. + +»Auskunftei Spürvogel, Hamburg. + +Auf die von Ihrer Firma an uns gerichtete Anfrage erwidern wir +ergebenst folgendes: + +›Schriftsteller‹ +Dr.+ Meier ist ein sogenanntes verbummeltes +Genie. Er ist ein total verlumptes Individuum, das wegen +Eigentumsvergehen und Schwindeleien aller Art schon oft mit dem +Strafrichter Bekanntschaft gemacht hat. Neuerdings verlegt er sich +berufsmäßig auf die Herstellung wirksamer Bettelbriefe, die er an +Personen verschickt, die als besonders wohltätig gelten. Meier erzielt +durch seine Manipulationen oft größere Beträge. Er sucht in seinen +Briefen immer besonderes Mitleid mit seiner bedrohten Familie zu +erwecken. Meier hat aber keine Familie; er ist alter Junggeselle. +Auch ist ein besonderer Trick Meiers, mit Selbstmord zu drohen, falls +er bis zu einer gewissen Stunde die geforderte Summe nicht erhält. +Darüber macht er dann beim Weine seine besonderen Scherze. Wenn er +einen größeren Erfolg gehabt hat, lädt er seine intimsten Freunde und +Freundinnen zum Weine und sagt beim ersten Glase: ›Na, prosit auf das +dumme Luder!‹ Es ist nicht weiter notwendig zu warnen, dem Schwindler +auch nur die geringste Summe leih- oder geschenkweise zu gewähren.« + + * * * * * + +Hab' einer tausend Mark abgeschickt und krieg' einer einen solchen +Brief! + +Ansorge las die »Auskunft«, die ja wohl Herr Sperlich von der Firma aus +noch veranlaßt hatte, immer aufs neue. + +So ein Lump! So ein Lump! + +Dem hatte er tausend Mark geschickt! + +Und der merkwürdige Toast, der in der »Auskunft« erwähnt war, der war +ja nun in Hamburg wohl längst auf ihn -- Herrn Ansorge -- ausgebracht +worden. Vielleicht war er zweimal ausgebracht worden, weil Ansorge ja +mehr geschickt hatte, als von ihm verlangt worden war. + +Ein dummes ... + +Danke schön! + +Ansorge war kreideweiß. Er stand auf, zerriß den Brief der Auskunftei +in hundert Fetzen und ging krank nach Hause. + +In der Nacht bekam er Schüttelfröste. In einem fiebrigen Traume sah er +Herrn Sperlich, seinen unersetzlichen Prokuristen, vor einem Hamburger +Großhandelsherrn stehen, der ihm die Hand reichte und sagte: + +»Also, Herr Sperlich, ich engagiere Sie! Wir hier in Hamburg wissen um ++Dr.+ Meier und Konsorten Bescheid.« + + * * * * * + +Wie eine weiße, angeschossene Taube war Ansorges Seele. Rund um seine +reine Menschenliebe sah er die wilden Jäger roher Selbstsucht lauern. + +Und da kam ihm ein Gottesgeschenk an Trost. + +Ein kleines Mädelchen lebte in der Vorstadt, das Kind eines +Eisenbahners, der in seinem Beruf zu Tode verunglückt war. Das Kind +war vier Jahre alt, seine verwitwete Mutter fünfundzwanzig. Das Weib +sah dem jäh dahingerafften Gatten in verzehrender Trauer nach. Ihr +einziges Lebensglück war das vierjährige Mädchen. Das fiel beim Spielen +in den durch Gewitter hochgeschwollenen Fluß. Und es wurde gerettet. +Durch den einzigen fähigen Kerl gerettet, der zufällig in der Nähe war. +Und dieser einzige zu einer Lebensrettung fähige Kerl war der Sohn +der Weißnäherin, der Lumpazius, der seinem Chef hundertfünfzig Mark +gestohlen hatte und zurzeit nur darum nicht weit weg von Altenroda in +einer Besserungsanstalt war, weil ihn Ansorge davor bewahrt hatte. + +Ansorge ging zu der Mutter des geretteten Kindes. Sie sagte ihm: »Ach, +Herr Ansorge, wenn Ihr Lehrling, der junge Schmiedecke, nicht gewesen +wäre, da wäre ja alles, alles dahin! Ich habe ihm meinen goldenen +Fingerring angeboten, aber er hat ihn nicht gewollt.« + +Ansorge ging in sein Geschäft, nahm sich den »Lumpazius« vor und führte +folgende Unterhaltung mit ihm: + +»Schmiedecke, du weißt, daß du einmal ein Lump gewesen bist.« + +»Ja,« sagte Schmiedecke beklommen. + +»Schmiedecke, ich sage dir, das mit der kleinen Trudel, das war +eine Edeltat, und daß du den Fingerring nicht angenommen hast, war +vielleicht noch mehr. Schmiedecke, ich hoffe, du wirst Karriere machen!« + +Da fing der Junge so an zu weinen, daß Ansorge flink hinausging. + + * * * * * + +Es war abends neun Uhr. Ansorge saß an seinem Schreibtisch, hatte einen +Briefbogen vor sich und grübelte. Der Prokurist Sperlich! + +Ansorge hatte sich überwunden, nochmals zu Frau Sperlich geschickt +und sich nach ihrem Gatten erkundigen lassen. Er sei in einer +Sommerfrische, es gehe ihm gut, ließ Frau Sperlich sagen, und sie danke +für die freundliche Nachfrage. + +Was tut der Chef eines Unternehmens mit einem Angestellten, der auf +eigene Faust ohne Urlaub wochenlang in die Sommerfrische geht, der +sagen läßt, es ergehe ihm gut da, und er danke für die freundliche +Nachfrage? + +Entläßt ihn! Jawohl, aber das ging hier nicht an; denn Sperlich war +schon entlassen. War bei Lichte besehen ein Mann, der von der Firma +Ansorge aus tun und lassen konnte, was er wollte. + +Was sollte man so einem Manne schreiben? + +Ansorge saß drei Stunden lang vor dem leeren Briefbogen. Es war nicht +der geschäftliche Verlust, der ihn bewegte. Einen neuen tüchtigen +Prokuristen, der sich voraussichtlich rasch einarbeiten würde, hatte +ihm ein Geschäftsfreund empfohlen. Er brauchte nur zuzugreifen. Aber +er wollte den alten, treuen Menschen, den Dukatencharakter zurückhaben. + +Um elf ging Ansorge schlafen. Um eins stand er wieder auf. Er schrieb +auf den Briefbogen: + +»Lieber Herr Sperlich! + +Was zwischen uns geschehen ist, geschah von mir aus im Affekt. Ich +weigere mich nicht, über mein damaliges Verhalten mein Bedauern +auszusprechen. In der Sache selbst hatten Sie nämlich recht. Wenn Sie +die Kündigung als nicht geschehen ansehen und die alten für meine +Firma wertvollen Beziehungen aufrechterhalten wollen, so bitte ich um +bezüglich Nachricht. Für den Fall Ihres Wiedereintritts in die Firma +gebe ich Ihnen weitere drei Wochen Urlaub.« + +Dieser Brief ging am 3. August von Altenroda ab. Am 5. August, früh +drei Viertel acht, saß der Prokurist Sperlich in seinem Büro und +arbeitete, ohne vom Pult aufzusehen. + +Drei Tage später sagte Ansorge zu Sperlich: + +»Was meine Wohltätigkeitsbestrebungen anlangt, so mögen, Herr Sperlich, +in Zukunft ~Sie~ die auswärtigen Angelegenheiten erledigen. +Natürlich immer nach gerechter und wohlwollender Prüfung. Ich +glaube, daß es in solchen Fällen gut ist, vorher vertrauenswürdige +Erkundigungen einzuziehen.« + +»Jawohl, Herr Ansorge,« sagte Sperlich, »ich werde alles gewissenhaft +besorgen.« + +Ein Mißtrauen aber blieb bei Ansorge doch. Der Strick -- der Strick! +Das war doch gar zu drastisch. Schließlich schickte Sperlich einem +armen Mädel, das sich zu vergiften drohte, eine Schachtel »Rattentod«, +einer anderen, die sich ertränken wollte, eine Badekappe. Zuzumuten +wäre es ihm -- dem Rauhbein. Und so einer hieß Sperlich. Rabe müßte er +heißen oder Uhu! + +Schön aber war es, daß Sperlich wieder da war. Und seltsam war das +Folgende. + +Sperlich kam eines Tages zu Ansorge und sagte: + +»Herr Ansorge! Ich habe ja wohl die Bearbeitung der Fälle für +auswärtige Wohltätigkeit übertragen bekommen; aber nun ist ein Fall +da, wo ich Sie doch um Ihr ganz spezielles Einverständnis bitten +muß. In unserer Nachbarstadt Wilmershofen wird eine Heilanstalt für +unbemittelte Lungenkranke errichtet. Die Firma ist angegangen worden, +einen Beitrag zu zeichnen. Wie hoch soll er sein?« + +Ansorge trat ans Fenster. Das tat er immer, wenn er tief nachdenken +wollte, obwohl es -- so fiel ihm einmal ein -- unlogisch ist, bei +tiefem Nachdenken auf die Straße zu sehen. + +Jetzt waren seine Gedankengänge so: Ein junger Mann von +siebenundzwanzig Jahren kriegt die Schwindsucht -- Frau, zwei kleine +Kinder -- denkt sich: Hätt' ich Rettung! Hätt' ich Rettung, daß ich +bei euch bleiben könnte, ihr lieben drei! Hat keine Rettung. Dann eine +junge Witwe -- Mann an Schwindsucht gestorben -- sie sich angesteckt -- +zwei Kinder -- muß auch hinüber -- die Kinder Waisen -- furchtbar! + +Also dreißigtausend Mark müßten es anstandshalber sein. Das letzte Jahr +war schlechter als die vorigen; dreißigtausend Mark waren viel Geld +für die Firma. Zudem: der ganze Umkreis, die Provinz, der Staat mußten +mitwirken an dem unbedingt notwendigen Werke. + +Die Hauptsache aber: Sperlich! Was würde Sperlich sagen, wenn er +dreißigtausend Mark für eine Lungenheilanstalt verlangte, von ihm, der +ehedem wegen sechshundert Mark einen Strick absandte? + +Trotzdem: in so heiliger Liebeshilfe durfte keine Feigheit sein! Mochte +schließlich selbst Herr Sperlich wieder ins Gebirge gehen. + +Ansorge wandte sich am Fenster um. Sein Gesicht war blaß, gefaßt, ja +bestimmt. + +»Herr Sperlich,« sagte er, »bei einem so dringenden Liebeswerk wird +sich meine Firma mit einem ansehnlichen Betrage beteiligen. Ich werde +die Zeichnung keinesfalls unter -- unter fünfzehntausend Mark halten.« + +Sperlich saß auf seinem Stuhl, den Körper vornüber geneigt, die Hände +zwischen die Knie geklemmt. + +»Nun? Sind Sie mit der Summe einverstanden?« + +»Nein!« sagte Sperlich mit rauher Stimme. + +Ansorge trat wieder ans Fenster. Was ihm die da unten reifentreibenden +Kinder und der einen Prellstein beschnubbernde Hund sowie das eine +Markttasche tragende Weib in seinen Fragen zu offenbaren hatten, wußte +Ansorge nicht. Aber er sah immer, wenn er tief in Gedanken war, auf die +Straße. + +Also, mit den fünfzehntausend Mark war Sperlich nicht einverstanden. +Was wollte der Knicker? Wie weit reichte eigentlich seine +Menschlichkeit? + +Abermals wandte sich Ansorge um. Sein Gesicht war noch um einen Schein +blasser, gefaßter, bestimmter geworden. + +»Herr Sperlich, wenn sich unsere Firma an dem Liebeswerk beteiligt, +dann keineswegs unter zehntausend Mark.« + +Sperlich erhob sich. + +»Herr Ansorge, Ihrem Willen untersteht ja alles. Ich hätte mir bloß +erlauben wollen, einen anderen Vorschlag zu machen.« + +»Nun?« + +»Ich -- ich wollte -- dreißigtausend Mark vorschlagen. Es wird auch +manchen armen Schlucker aus unserem Betrieb geben, der drüben Zuflucht +suchen muß.« + +Ansorge trat abermals ans Fenster. + +Der eine Junge hatte der Grünzeugmuttel den Reifen gegen den Bauch +gefahren um dafür eine beträchtliche Ohrfeige in Empfang zu nehmen. + +Kreiselnde Welt! + +Ansorges Gesicht erhellte sich, wie wenn die Sonne aufgeht über einer +im Nebel schauernden Flur. + +Das dritte Mal wandte er sich um. + +»Na, Sperlich, ich hatte ja zuerst selber an dreißigtausend gedacht; +ich hatte es doch nur aus Sorge vor Ihrem Widerspruch nicht aussprechen +mögen.« + +»Die Entscheidung liegt immer bei Ihnen, Herr Ansorge!« + +Das war zwar nicht ganz tatrichtig, aber es war schön gesagt von Herrn +Sperlich. + +Ansorge und Sperlich waren für immer treu verbunden. Und so war +Ansorges dritte persönliche Sorge aus der Welt. + + * * * * * + +Es gibt viele Dichter und Philosophen, die behaupten, das rarste +Pflänzlein auf der Erde sei die Dankbarkeit. Von Herrn Ansorges Leben +läßt sich das nicht sagen. Er hat viele, auch ganz rührende Dankbarkeit +erfahren. Seine weichen Schlapphüte hielten in der Krempe keinen Monat +die Form; denn ganz Altenroda grüßte ihn. In der Schule hatte eine +junge Lehrerin einmal gefragt, ob die Kinder ganz schlechte Menschen +aufzuzählen wüßten. Da war folgende Liste herausgekommen: Kain, Judas, +Herodes, Kaiser Nero, Napoleon und der Kutscher Nimietz aus Altenroda. +(Niemitz hatte ein Pferd so mißhandelt, daß er auf die Anzeige Herrn +Sperlichs, des Vorsitzenden des Tierschutzvereins, einen Monat +Gefängnis bekam.) + +Und nun sollten die Kinder die besten Menschen nennen. Das sagte das +eine Mädchen: + +»Jesus Christus!« + +»Vortrefflich!« lobte die Lehrerin; »er war zwar Gottes Sohn, aber er +war doch auch ein Mensch wie wir! Der Beste von allen Menschen. -- Und +nun nennt noch einen ganz guten Menschen.« + +Da meldete sich die halbe Klasse. + +»Herr Ansorge!« + +Die Lehrerin war verblüfft. Aber sie war ein kluges Mädchen, und so +erkannte sie: hier ist von Kindermund erst der Meister und dann ein +Jünger genannt worden. Sie machte die wehmütige Erfahrung, daß die +Kinder auf die Frage nach anderen ganz guten Menschen sich mühsam den +Kopf zerbrechen mußten, und hatte nichts dagegen, als ein kleines Kind +als dritten in der Reihe der ganz guten Menschen sagte: + +»Mein Vatel!« + +Diese Schulgeschichte sprach sich herum. Ganz Altenroda freute sich +-- bis auf einen, dem sie außerordentlich peinlich war. Das war Herr +Ansorge selbst. Niemand durfte ihm von dieser Geschichte sprechen, +selbst seine besten Freunde nicht. + +Der, der sich am meisten über diese -- so drückte er sich aus -- +Abstimmung über gute und böse Geister aufregte, war +Dr.+ +Schicketanz. + +Im »Löwen«, als Ansorge am Stammtisch fehlte, äußerte sich Schicketanz +also: + +»Die Frage nach guten und schlechten Menschen ist im Grunde genommen +Unsinn. Überhaupt Kindern gegenüber, die keine Lebenserfahrung haben. +Aber die Sache mit dem Ansorge, die ist doch bedeutsam. Da ist doch +etwas ins Volksbewußtsein gedrungen, etwas ins Vertrauensvolle, +Gläubige gewachsen. Ich habe lange den Ansorge für einen Narren +gehalten; ich weiß jetzt, daß er ein Weiser ist, der viel mehr +inneres, wahres Glück hat, als wir alle. Und was die Lehrerin anlangt, +die die an sich unsinnigen Fragen gestellt hat, so will ich in der +Stadtverordnetenversammlung beantragen, daß sie die Leitung der +Mädchenschule bekommt. Meine eigenen Enkelkinder lasse ich so wie so +seit jenem Tage von ihr unterrichten.« + +Drei Tage später, bei einer ganz unpassenden Gelegenheit, aber unter +vier Augen, machte +Dr.+ Schicketanz mit Ansorge Bruderschaft. +Ansorge, der in Untertertia sitzen geblieben war, als Schicketanz +schon nach Oberprima kam, fühlte sich aufrichtig geehrt. Er war damals +dreiundsechzig, Schicketanz achtundsechzig Jahre alt. + +Da starb in Altenroda ein betagtes Weib, das eine so einsame Seele +gewesen war, daß sie keinerlei Verwandte hinterließ. + +Die Hinterlassenschaft umfaßte etliches wurmstichiges Möbelzeug, alte +Weiberkleider, einen geringen Bestand an Wäsche und ein Sparkassenbuch +über achtzehnhundertsechsundzwanzig Mark fünfundsechzig Pfennige. +Obwohl nun die Erbschaft ja nicht bedeutend genannt werden konnte, +hatte die alte Frau ein Testament gemacht. Unter dem Kopfkissen, auf +dem sie ihre müden Augen geschlossen hatte, wurde ein Zettel gefunden, +darauf stand handschriftlich: + +»Von dem, was ich habe, soll ein ganz einfaches Begräbnis bezahlt +werden. Was übrig bleibt, vermache ich alles Herrn Ansorge in Altenroda. + + Altenroda, den 23. Mai 1910. Anna Lüdke.« + +Es war kein Zweifel, das Testament war rechtsgültig. Ein paar alberne +Spötter wollten Witze machen; aber sie verstummten bald. Alle Leute +fühlten, daß hier eine dankbare Seele ihren letzten Willen kundgetan +hatte. Alle Leute waren aber auch neugierig, wie sich Herr Ansorge zu +der an ihn gefallenen Erbschaft verhalten werde. + +Nun, das Begräbnis der Frau Anna Lüdke wurde wirklich ganz einfach +gehalten, so wie sie es bestimmt hatte. Es kostete alles in allem +zweihundertachtzig Mark. Einige Weiber in Altenroda rechneten nun +damit, daß Ansorge den Rest der Erbschaft unter sie verteilen werde. +Aber sie verrechneten sich. Ansorge ließ alles Mobilar und alle anderen +Gegenstände in sein Haus bringen, wo er ein eigenes Zimmer damit +ausstattete und ein Bild der Anna Lüdke aufhängen ließ. Er saß öfters +in diesem Zimmer, arbeitete auch manchmal dort. Das Sparkassengeld hob +er für seine eigene Kasse ab. Er achtete die Erbschaft; er trat sie +an. Der Anna Lüdke ließ er ein Denkmal setzen. Es war nach Meinung der +Leute lange nicht das »schönste« auf dem Friedhof von Altenroda; aber +es war das wertvollste, auch bei weitem das teuerste. Ein wirklicher +Künstler hatte es geschaffen. + + * * * * * + +Auch der reinste Tag geht zu Ende. Als Ansorge siebzig Jahre alt war, +kam das Sterben an ihn heran. Das Sterben gilt ja für die Menschen alle +als die letzte Not. Auch an Ansorge trat die letzte Not, die letzte +Sorge heran. + +Es wäre auch alles milde und in Frieden verlaufen, wenn +Dr.+ +Schicketanz nicht gewesen wäre. Der war schuld, daß Ansorge seine +vierte und letzte Sorge schwer wurde. Nicht nur, daß er mit allen +medizinischen Künsten und Listen Ansorge das Sterben von Woche zu Woche +vereitelte, er griff auch zu absonderlichen Mitteln anderer Art. + +Da saß der alte Eisbart an Ansorges Krankenlager und sagte: + +»Also, sterben möchtest du, Freundchen? Möchte dir wohl passen! So +gar nichts mehr tun als immerfort auf dem Rücken liegen und die +Augen zuhaben. Das gibt's aber nicht! Du bist siebzig, ich bin +fünfundsiebzig. Du bist in Untertertia kleben geblieben, als ich nach +Oberprima versetzt wurde. Nachtragen will ich dir das ja heute nicht +mehr; der Fall ist schließlich verjährt, und du hast ja doch die Schule +durchgemacht. Aber Komment ist Komment! Erst die Prima, dann die +Tertia! Erst ich, dann du! Ich mache mit meinen fünfundsiebzig Jahren +noch die Leute gesund, im Hause für zwei Mark und fünfzig Pfennige und +in der Sprechstunde für eine Mark. Und du willst einfach so losgehen? +Nein! Erst die Prima, dann die Tertia! Erst wird von mir gestorben, +dann von dir! Verstanden? Du bist erst fünf Jahre nach mir an der +Reihe. Vordrängeln gilt nicht!« + +Ansorge lächelte auf seinem Krankenlager und dachte: Er ist ein guter +Arzt. Dann sagte er matt: + +»Ja, lieber Freund, der Herrgott hat wohl für seine Versetzungen einen +anderen Modus als die Oberlehrer. Du wirst es schon nicht ändern +können, daß ich das große Abitur ~vor~ dir mache.« + +»Das werde ich ändern!« zürnte Schicketanz; »das gebe ich nicht zu!« + +Am nächsten Tage sah Schicketanz, daß an Ansorges Schicksal kaum noch +etwas zu ändern sei. Und er pflanzte die vierte, die letzte Sorge in +Ansorges Leben. + +Es war im April, und es herrschte ständig wechselndes, meist böses +Wetter. Da sagte +Dr.+ Schicketanz zu seinem Patienten: + +»Guck zum Fenster hinaus! Kannst du es verantworten, bei solchem Wetter +zu sterben? Was würde dann geschehen? Ganz Altenroda würde mit dir +zu Grabe gehen. Du weißt, daß der letzte Teil des Weges zum Friedhof +ungepflastert ist. Ich habe mir ihn gestern in deinem Interesse +angesehen. Ein Sumpf -- sage ich dir! Na also, was geschieht, wenn du +jetzt stirbst? Ganz Altenroda geht mit zu Grabe, und halb Altenroda +wird krank. Erkältet sich auf den Tod. Wieviel -- glaubst du -- werden +allein an Lungenentzündung deines Begräbnisses wegen sterben?« + +Und Ansorge fiel wirklich auf die Praktik dieses geistigen +Dr.+ +Eisenbart hinein. Er sagte sich: Es ist richtig, wenn ich jetzt sterbe, +ist es ein Unglück oder doch für viele ein schweres Ungemach und für +manche eine Gefahr. Wenn ich auch noch letztwillig wünschte, es möge +niemand mit mir zu Grabe gehen, es würde nichts nützen. Unheil gäbe es +sicher. + +So war Ansorges letzte persönliche Sorge die um die Gesundheit seines +Leichengefolges. + +Doch die Lösung kam. + +Schon am nächsten Tage erschien +Dr.+ Schicketanz nicht mehr. Er +war an einem Herzschlag verschieden. + +»Erst die Prima -- dann die Untertertia,« murmelte Ansorge unter +Tränen. »Komment ist Komment!« + +Ansorge lebte noch fünf Tage. Er beobachtete immer das Wetter. Ein +Barometer wurde auf seinen Befehl an seinem Bette aufgehängt. Er sah +oft nach dem schwarzen Zeiger, ob er vorrücke. Der Zeiger blieb stehen. +Endlos spritzte der Regen; hart stieß der Nordwind ans Haus. Vier Tage +nach +Dr.+ Schicketanz' Tode fing der schwarze Zeiger an Ansorges +Barometer langsam an, auf »Schön Wetter« zuzugehen. Ansorge sah es mit +wehmütiger Befriedigung. + +Bald stand der schwarze Zeiger auf »Beständig«. + +In der Morgenstunde ging die Frühlingssonne auf. Auf der goldenen +Straße ihrer Strahlen ging Ansorges Seele heim. + +Seine letzte persönliche Sorge und alle anderen Sorgen seines Lebens +waren vorbei. + + + + + Grünlein + + + 72. -- 91. Auflage + + +Der Soldat und auch der Hund gehören in den Krieg hinein, der +Schuljunge, die Großmutter und der Gnom eigentlich nicht; aber da auch +diese letzten drei in dieser Geschichte eine Rolle spielen, so mußten +sie in der Überschrift mit angeführt werden. Und es wird nachher viele +in Erstaunen setzen, daß auch der Gnom in den Krieg zog, obwohl er +wegen seiner geringen Größe dienstuntauglich war; denn er war nur so +lang, wie eine Ohrfeige und ein Nasenstüber zusammen sind. Und jetzt +beginnt das Märchen. + +Es war einmal ein schöne goldene Zeit, da noch kein Krieg war im Lande, +da der Vater bei seinen Kindern, der Bräutigam bei seiner Braut und der +Sohn bei seiner Mutter war. Der König des Landes konnte sich alle Tage, +wenn er wollte, seine goldene Krone aufsetzen oder auf die Jagd ziehen +oder auf seinem Prachtschiff spazieren fahren oder seine Hofjungfern +tanzen lassen; die Bürger lachten, wenn sie Geschäfte machten oder bei +Bier und Wein saßen, und die Schulbuben hatten alle Hosentaschen voll +Apfel und Butterstullen. Damals ging es in unserem Vaterlande zu wie +in Schlaraffenland; wer am Abend zwei Schinkenstullen gegessen und ein +Hühnerei geschluckt hätte, wäre noch lange nicht als ein Verschwender +angesehen worden; die Bauern konnten soviel Korn auf dem Boden und so +viele Schweine im Koben haben, wie sie wollten; die Bäcker buken Tag +und Nacht Semmeln und Zuckerringe; die braunen Würste waren auf den +Jahrmärkten zahlreicher als die Eicheln im Walde; aus tausend Hähnen +floß alle Tage roter und weißer Wein, und jeder Leierkasten spielte zum +Tanze. + +Das war in der schönen, längst vergangenen Friedenszeit. Alle Leute im +Lande dachten, das müsse so sein, und »sie aßen und tranken und hielten +Hochzeiten«. + +Auf einmal fingen an in den dunklen Hausbalken der Schwarzwaldhäuser +und Alpenhütten bis hin zu den Fischerkojen am Meer unheimlich viele +Totenuhren zu ticken, und selbst der arme Bauer in Masurenland hörte, +wie die schaurige Uhr ging, und fühlte, wie der Wind von Osten her +leichenkalt durch die Ritzen seiner Hütte drang. Blutregen fiel, als +die Abendsonne über Deutschland stand; alle Vögel flogen aufgeregt um +die Spitzen der Kirchtürme; alle Männer hatten sehr blasse oder sehr +rote Gesichter. + +Der Tod wetzte die allergrößte Sense, die in seiner schwarzen Scheune +hängt. + +Es wurde Krieg + +Im Riesengebirge klettert ein Dorf die Berghänge hinauf, und abseits +von ihm liegt eine einsame Mühle. Der Müller wohnte dort mit seiner +alten Mutter, seinem achtjährigen Sohne Hubert, mit einer Magd und +einem Mühlknecht. Die Frau war tot, aber es wohnte außer den fünf +Leuten noch ein kluger Hund namens Wolf in der Mühle, sowie ein kleiner +Hausgeist, der das Grünlein hieß. + +Grünlein hatte seinen Namen von der grünen Mütze her, die er trug, +und hatte ihn also wohl dem Rotkäppchen nachgemacht. Er war der +Nachkomme eines uralten deutschen Zwergenvolkes und wohnte schon seit +sehr langer Zeit in der Mühle. Schon als Großmutter noch ein kleines +Mädel war, war Grünlein dagewesen, und Großmutter war doch schon alt. +Bis zu ihrem vierzigsten Jahre hatte sie zweiunddreißig Zähne gehabt. +Da war ihr der erste ausgegangen, und sie hatte gesagt: »Jetzt lebe +ich noch einunddreißig Jahre.« Richtig war auch alle Jahre immer ein +Zahn abhanden gekommen, und jetzt hatte sie noch sieben. Sonntag +nachmittags, wenn Hubert ein Vergnügen haben sollte, machte Großmutter +den Mund auf, und der Junge zählte die Zähne. + +Bei diesem großen Spaß, wenn berechnet wurde, wie lange Großmutter noch +zu leben habe, war Grünlein, der Gnom, immer zugegen. Er war überhaupt +fast immer dabei, wenn Großmutter und der Junge allein waren. Sonst, +wenn die Magd schlechter Laune war und in der Mühle rumorte, oder +wenn gar der Knecht fluchte, setzte sich Grünlein seine Tarnkappe auf +und verschwand. Er kam dann tagelang nicht zum Vorschein. Aber dann +kam wohl ein Abend, wenn die Dämmerschatten langsam vom Tal nach den +lichten Höhen krochen, daß der Junge plötzlich zur Großmutter sagte: + +»Großmutter, siehst du, daß Grünlein wieder da ist?« + +»Ja, ja, ich sehe es schon.« + +»Gelt, er sitzt auf dem Fuchsientopf?« + +»Ja, ja, und er läutet mit der roten Glocke.« + +»Mit der oberen oder mit der unteren?« + +»Mit der unteren.« + +Da waren sie einig, und Großmutter mußte dem Jungen eine Geschichte +erzählen. Grünlein hörte mit zu, und Wolf, der Hund, schlich herbei und +hörte auch zu. Wenn der Müller Zeit hatte, setzte er sich auch mit ans +Fenster; denn auch er kannte das Grünlein. + +Wolf war vielleicht ein richtiger Wolf, er sah nämlich so aus, und +Herr Scheibel, der Amtsdiener, von dem ihn der Müller gekauft hatte, +machte bei einer Frage nach der Herkunft des Tieres immer ein so +geheimnisvolles Gesicht, als ob er sagen wolle, das Tier stamme direkt +aus dem russischen Urwald. Herr Scheibel hatte den Wolf als Polizeihund +dressiert. Als aber nach langer Zeit in der Gegend endlich einmal ein +Mord passiert war und Scheibel seinen Polizeihund auf die Spur des +Täters setzte, verbellte das dumme Tier schließlich den Herrn Pfarrer, +während der Mörder inzwischen in der Nachbarschaft erwischt wurde. +Nach diesem furchtbaren Ärgernis trennte sich der Polizeimann von dem +dressierten Hunde und verkaufte ihn in die Mühle, wo sich Wolf als +gefräßiges, aber im allgemeinen ganz friedliches Raubtier erwies. + +Feierlich schöne Stunden waren es, wenn der Junge, die Großmutter, +der Gnom und der Hund so beisammensaßen und die alte Frau Geschichten +erzählte. Die Berge atmeten ihren Tannenduft zum Fenster herein, und +die alte Mühle surrte ihr Lied von tiefem Frieden. + +So war es auch am ersten Augusttage des lange hinter uns liegenden +Jahres 1914. Die Großmutter erzählte gerade von einer schönen +Himmelsinsel, wo niemand hungert und niemand friert, niemand leidet und +niemand stirbt, da trat der Müller, der drunten in der Stadt Hirschberg +gewesen war, in die Stube, wischte sich den Schweiß von der Stirn und +sagte: + +»Denkt Euch, es wird Krieg!« + +»Um Himmels willen, nein, nein!« rief die Großmutter und schlug die +Hände zusammen. + +»Krieg wird? Krieg?« schrie der Junge. »Hurra! Das ist schön!« + +Grünlein wollte ausreißen, aber er kletterte nur höher ins Gezweig des +Fuchsienstrauches und schaute mit großen Augen durch das Geäst. + +Der Hund wedelte mit dem Schwanz, als ob er sich über die Botschaft +freue. + +»Ja,« sagte der Müller, »und in drei Tagen muß ich fort.« + +»Karl -- Karl, ist das wahr?« fragte die Großmutter, und ein Weinen +zitterte durch sie. + +Der Junge ging auf den Vater zu und sagte mit jäh durchbrechender Angst: + +»Vater ... sie werden dich doch nicht totschießen?« + +Der Müller zuckte erst die Achseln, dann schüttelte er dreimal +hintereinander den Kopf und schlang den Arm um den Jungen. + +Der Hund wedelte immer noch mit dem Schwanze, Grünlein guckte mit +großen Augen aus dem Gezweig des Fuchsienstrauches. + + * * * * * + +Als der Müller fortzog, gab es einen schweren Abschied. Der Knecht war +schon zwei Tage vorher fort, die Mühle mußte stille stehn. Der Junge +weinte laut, der Hund jaulte, die alte Mutter sagte mit gefalteten +Händen: »Du bist in Gottes Hand!« + +Grünlein aber saß wieder mit großen Augen in den Zweigen des +Fuchsienstrauches. Und als der Müller sagte: »Es ist Zeit, ich muß +jetzt gehen!« packte es den Gnomen am Herzen, er zog blitzschnell die +Tarnkappe über den Kopf, hüpfte auf die Pappschachtel, in der der +Müller seine geringe Kriegswanderhabe trug und zog mit. + +Grünlein wog allerhöchstens ein halbes Pfund. Aber wie er auf der +rückwärtigen Hälfte der Pappschachtel saß, während der Müller den +Bergweg hinabstieg, kippte die Schachtel nach hinten, und wie er sich +auf die vordere Hälfte der Schachtel setzte, kippte sie nach vorn, und +der Müller kam ins Stolpern. + +Noch ehe er eine Stunde gegangen war, setzte er sich an den Wegrand, +stützte den Kopf in die Hände und dachte, was nun werden solle. Wie war +der Weg in den Krieg so lang und schwer! Da hinter ihm lag die Heimat +-- mit ein paar Sprüngen war sie zu erreichen -- da vor ihm waren +weite, weite Todesstraßen. Ob er die Seinigen wiedersehen würde? + +»Vater -- Vater -- ziehe nicht fort!« + +Der Junge war ihm nachgelaufen, und der Hund auch. + +Nun raffte sich der Müller auf, tröstete den Jungen und verwies es ihm +mit Milde, daß er ihm nachgekommen sei. Und er sprach vom Vaterland +und vom König und vom Wiederkommen. Als er aber zuletzt sagte: »Nun, +Hubert, geh' du mit dem Hunde den Berg hinauf, und ich gehe mit meiner +Pappschachtel den Berg hinab,« da war der Junge so leichenblaß, daß +Grünlein, der alles miterlebt hatte, von der Pappschachtel auf den +Rücken des Hundes sprang und nicht mit in den Krieg zog, sondern zurück +nach der Mühle. + +Als der Vater schon einige Wochen fort war, sagte die Großmutter zu dem +Jungen: + +»Hubert, mir sind auf einmal zwei Zähne ausgefallen.« + +Der Junge zählte sofort nach und sagte bestürzt: + +»Nur noch fünf! Großmutter, da lebst du ja bloß noch fünf Jahre. Das +stimmt ja nicht!« + +Die Großmutter meinte, Kriegsjahre zählten doppelt, und wenn sie noch +fünf Jahre lebe, sei das schon genug; bis dahin sei der Vater schon +längst zurück. Aber der Junge war jetzt viel ängstlicher geworden, als +er früher war, händigte der Großmutter seinen funkelnden Silbertaler +aus, den er in der Sparkasse hatte, und sagte, sie solle sich Zähne +einsetzen lassen -- hundert Stück. Das wollte aber die Großmutter nicht. + +Wolf, der Hund, hatte seinen Herrn drei Tage lang ehrlich betrauert; +am vierten aber hatte er seinen wahrhaften Wolfshunger wieder bekommen +und damit alle Traurigkeit abgelegt. Er lag nun in der Sonne, schnappte +nach Fliegen, fraß und bellte, als ob überhaupt kein Krieg sei. + +Ganz anders war das Hausgeistlein. Wenn jetzt die Großmutter und der +Junge beisammen saßen, erzählte die alte Frau keine Märchen mehr; sie +und der Junge sprachen nur noch vom Krieg. Und je mehr sie sich um den +Vater kümmerten, ein desto schlechteres Gewissen bekam Grünlein, weil +er den Müller hatte allein seine schwere Straße wandern lassen. + +Gegen Ende des August faßte Grünlein den Entschluß, dem Müller in den +Krieg nachzuziehen. Die Großmutter las die zwei Briefe, die inzwischen +angelangt waren, dem Jungen jeden Tag vor, und Grünlein wußte, daß der +Müller mit den schlesischen Landwehrleuten nach Polen gezogen sei. Wo +der Weg nach Polen ging, wußte der Gnom. Wenn man ins Dorf kam, mußte +man bei Korbmachers Haus rechts abbiegen, da ging es dann gleich den +Berg hinunter nach Polen. Aber wie der arme Schelm mit seinen kurzen +Beinen drei Tage und drei Nächte gewandert und nach Hirschberg gekommen +war, sah er dort viele Soldaten, die eben nach Frankreich zogen, und +meinte, er habe sich gründlich verlaufen; denn über Hirschberg führe +der Weg nicht nach Polen, sondern nach Frankreich. Er wanderte nun +wieder nach der Mühle zurück und war sehr traurig, daß er den Weg nicht +fand; denn es war ihm klar geworden, daß es mit dem Polenland und der +Welt überhaupt eine weitläufige Sache sei. + +Als er wieder zu Hause war und sich etwas ausgeruht hatte, kam ihm ein +guter Gedanke. Er wußte aus den Briefen, daß Polen und Rußland ganz +dasselbe ist, und da doch Herr Scheibel, der Amtsdiener, immer gesagt +hatte, der Hund Wolf sei ein richtiger Wolf und stamme aus Rußland, so +mußte der Köter doch den Weg dahin wissen. + +Im Abenddämmern machte sich Grünlein an den Hund heran. Der hatte eben +vier Tage und vier Nächte lang mit kurzen Unterbrechungen geschlafen +und gähnte müde, als ihn Grünlein fragte, ob er denn wirklich ein +richtiger Wolf sei und aus Rußland stamme. + +»Das will ich meinen,« sagte das Vieh. + +Und nun bat Grünlein mit bewegten Worten, ihm doch den Weg nach Rußland +deutlich und bestimmt anzugeben. + +Da kratzte sich der Wolf heftig das Fell und sagte dann verlegen: + +»Ach, Grünlein, ich will dir im Vertrauen sagen: Rußland ist eine +ziemlich große Gegend; an allen Orten bin ich nicht gewesen, und +mancherlei habe ich auch wieder vergessen.« + +Nach dieser Auskunft schloß Wolf sofort die Augen und tat, als ob +er schon wieder ganz fest schlafe. Grünlein aber setzte sich in den +Fuchsienstrauch und weinte. + +Am selben Abend aber geschah noch etwas Besonderes. Die Großmutter +und der Junge hatten vor, dem Vater eine Wurst zu schicken, und die +Botenfrau hatte aus der Stadt eine runde Papphülse mitgebracht, in die +die Wurst genau paßte. + +Die Großmutter, der Junge und die Magd saßen um den Tisch und sprachen +darüber, wie diese Wurst nun eine so weite Reise machen, wie sie zum +Vater gelangen und ihm gut schmecken werde. Der Wolf sah mit gelb +schillernden Augen nach dem Tisch, dem Grünlein aber klopfte das Herz. +Die Wurst wurde mit einer gewissen Feierlichkeit in die Hülse gesteckt, +die Hülse mit einer Kapsel verschlossen. Die Magd schrieb die Adresse, +weil sie von den dreien die schönste Schrift hatte. Dann gingen alle +schlafen. + +Grünlein klammerte sich an die Zweige des Fuchsienstrauches und kämpfte +einen schweren Seelenstreit mit sich aus. Wenn der Hausherr die Wurst +bekam, war das schön, aber schöner noch, wenn sein gutes Hausgeistlein +zu ihm kam. Da rief Grünlein durch die Finsternis der Stube: + +»Pst, Wolf! Friß die Wurst!« + +»Es gibt zu viel Hiebe!« knurrte der Hund. + +»Es gibt keine Hiebe; denn ich krieche selbst in die Hülse und reise +nach Rußland.« + +»Du bist nicht gescheit, Grünlein,« sagte der Wolf, kam aber gierig +näher. + +Grünlein turnte nach dem Tisch, löste die Kapsel, zog mit ungeheurer +Anstrengung die Wurst aus der Hülse, löste sie aus dem Papier, in +das sie gewickelt war, rollte die Wurst wie einen Baumstamm an die +Tischkante, von wo sie auf den Fußboden fiel, wickelte sich selbst in +das Umschlagpapier, kroch in die Hülse und zog die Kapsel von innen +nach. Grünlein paßte gut in die Umhüllung denn er wog ein halbes Pfund, +und die Wurst wog auch ein halbes Pfund. + +Wolf roch unterdes an der Wurst herum, sagte bei sich: »Ich bin ganz +unschuldig; denn ich habe sowas ganz und gar nicht gewollt!« und dann +schlang er die Wurst mit ein paar Bissen hinunter. + +Am nächsten Morgen brachte die Botenfrau das Päckchen Bindfaden, das +sie am Vortage zu besorgen vergessen hatte. Die Hülse wurde nun so oft +verschnürt, daß man von der Adresse fast nichts mehr sehen konnte, und +dann setzte sich Hubert mit dem Feldpaket an die Dorfstraße und wartete +drei Stunden, bis der Gebirgsbriefträger kam und das Paket mitnahm. + +Hubert schaute ihm lange nach und bewunderte die schwarze Tasche, von +der aus solch weite Reisen angetreten werden konnten. Ach, wenn er gar +gewußt hätte, daß in der Tasche jetzt sein Grünlein steckte, das nach +Polen reiste! + + * * * * * + +Der Briefträger gab die Rolle mit Grünlein auf dem Postamt ab. Als der +Gnom gerade an der Wand seines Hauses ein wenig horchen wollte, was +draußen los sei, bekam er einen mächtigen Schlag an den Kopf; denn +der Beamte stempelte die Rolle. Grünlein kam von dem Postamte nach +einem Bahnhof, von da ein Stückchen weiter wieder auf einen Bahnhof +und blieb dort schließlich mit anderen Wurst-, Keks-, Schokolade- +und Zigarrenpaketen zusammen wochenlang liegen. Endlich ging die +Reise weiter. Einmal hörte er einen Beamten zu einem anderen sagen: +»Wir fahren eben über die Rheinbrücke, jetzt werden die Leute bald +französisch sprechen.« Das alles fiel aber dem Wichtelchen nicht auf; +es meinte, das müsse so sein, wenn man nach Rußland reise. Erst in +Brüssel nahm ein Beamter die Rolle in die Hand, schimpfte und sagte: +die Pakete, die für Regimenter in Polen bestimmt seien, gehörten nicht +nach Belgien. Grünlein wurde mit vielen anderen Irrgängern umsortiert +und fuhr in wochenlanger Reise wieder auf Schlesien zu. Unterwegs hatte +er ein Abenteuer. Auf einer Zwischenstation wollte ein sogenannter +freiwilliger Helfer, der aber in Wirklichkeit ein Paketmarder war, die +Rolle ihrer vermeintlichen Wurst berauben, nicht wissend, daß diese +Wurst längst in den Magen eines Urwaldviehs verschwunden und die Rolle +höchst geheimnisvollen Inhalts war. Wie nun der schlechte Mensch den +Deckel öffnete, sprang ihm Grünlein mitten ins Gesicht, zertrampelte +ihm mit den Füßen die Nase, hieb ihn mit den Fäusten an die Stirn und +spuckte ihm in die Augen. Da schnürte der Dieb das Paket, nachdem +Grünlein wieder hineingekrochen war, in großer Überraschung wieder zu. + +Sechs Wochen und einen Tag, nachdem Grünlein von Hirschberg abgefahren +war, landete er auf dem Bahnhof von Tschenstochau, und vier oder fünf +Tage danach war er bei seinem Herrn. + +Es stellte sich heraus, daß für den Müller, der hier als der +Landwehrmann August Liebert geführt wurde, auf einmal zweiundzwanzig +Paketchen einliefen. Dem Müller wurden die Augen feucht vor +Dankbarkeit, und er sagte: + +»So haben mich meine Leute doch nicht vergessen; es hat sich nur alles +ein wenig verspätet.« + +Ehe der Müller die Pakete öffnete, las er die eingelaufenen Briefe. +Und da schrieb ihm sein Bub mit seinen ungefügen, großen Buchstaben +auch: »Grünlein ist weg. Ich und Großmutter denken, er ist dir nach. +Vielleicht ist er in ein Paket gekrochen.« + +So hatte der Junge alles richtig erraten. + + * * * * * + +Es war Abend. Der Müller saß abseits am Rande des polnischen Flusses. +Seine Kameraden hielten ihn für einen Spintisierer. Aber sie hatten ihn +doch gern; denn er war ein guter Kamerad und konnte bei Gelegenheit +auch lustig sein. + +Nun aber saß er versonnen an dem lehmgelben Wasser und hörte zu, +wie der Herbstwind durch die gelben Blätter der Erlen ging. Und wie +er einmal seufzte und die Augen aufhob, sah er das Grünlein in den +Erlenzweigen sitzen. Da freute er sich und sagte: + +»Ach, Grünlein, da bist du ja! Hubert hat mir geschrieben, daß du mir +nachgereist bist. Erzähle mir, wie es zu Hause geht.« + +Grünlein war so bewegt, daß ihm zunächst nichts anderes zu erzählen +einfiel, als daß die Großmutter zwei Zähne verloren und der Wolf leider +eine schöne Wurst gefressen habe. Doch dann besann er sich auf Besseres +und sagte, die alte Mühle stehe noch, die großen Berge ständen auch +noch und der Fuchsientopf sei auch noch da. Da wurden dem Müller die +Augen heiß, und er sagte: + +»Es ist schön zu Hause!« + +Das Grünlein sah sich in der Gegend um. Es wies nach vorn über den Fluß +hinüber und fragte: + +»Was ist das Schreckliches dort drüben?« + +»Das ist ein verbranntes Dorf, liebes Grünlein.« + +Das Geistlein schauerte in sich zusammen. + +»Es müssen sehr schlechte Menschen sein, die das getan haben!« + +»Wir haben es getan!« + +»Ihr -- o -- du ...« + +Grünleins Augen füllten sich mit Tränen des Entsetzens. + +»Ja, liebes Grünlein. Wenn wir es nicht getan hätten, wären die Russen +gekommen und hätten unsere Mühle verbrannt, deinen Fuchsientopf +zerschlagen und die alte Großmutter getötet.« + +»Mich friert!« hauchte das erschrockene Grünlein. »Wir wollen nach +Hause gehen.« + +»Gehen wir nach Hause,« sagte der Müller mit einem schmalen Lächeln, +stieg mit dem Grünlein in einen Graben und kroch mit ihm in ein +finsteres Loch. + +Dort lagen einige Männer auf Stroh und schliefen. + +»Hier, liebes Grünlein, bin ich jetzt zu Hause.« + +Das Grünlein weinte. Es sah, wie sich sein Herr lang aufs Stroh legte +und bald tief und fest schlief, aber es konnte sich mit allem, was es +erlebte, nicht zurechtfinden; denn es ging nicht in seine wohlgeordnete +Gedankenwelt hinein, daß der Müller, der ein so angesehener Mann war +und keine zweitausend Taler Schulden auf seinem schönen Besitztum +hatte, nun eine so schäbige Wohnung haben und wie das der Kaiser für +seine treuen Soldaten zugeben könne. + +Grünlein lehnte sich an die Bodenwand. Es war nur gut, daß die +Großmutter und Hubert nicht wußten, wie der Müller hier hauste. +Vielleicht würde es sogar den Hund Wolf erbarmt haben. + +Plötzlich fühlte Grünlein, daß ihn etwas von hinten anstieß. Er wandte +sich um und sah den Kopf eines Maulwurfs, der aus der Erde schaute. + +»Pst, Kleiner,« sagte der Schwarze, »komm herein in meine schöne +Wandelhalle; wir wollen uns ein wenig miteinander unterhalten.« + +Grünlein kroch dem Maulwurf nach, fand zwar, daß dessen Wandelhalle +ein dunkles glitschiges Loch sei, fast noch schäbiger als des +Müllers Unterstand, dachte aber: der Herr im Samtrock ist sicher ein +Einheimischer und kann dir über mancherlei Auskunft geben. + +Das tat der Schwarze auch. Er stieß einen großmächtigen Seufzer aus und +klagte in erregten Worten, daß die Deutschen den Maulwürfen gegenüber +die Neutralität schmählich verletzt hätten. + +»Wir Maulwürfe lebten mit Deutschland in Frieden,« sagte der Schwarze; +»wir dachten gar nicht daran, die Deutschen mit Krieg zu überziehen. +Wir waren absolut neutral. Was haben aber die Njemski gemacht? +Sie haben rücksichtslos unsere Wohnungen, Wandelhallen und andere +Kunstbauten zerstört, und durch ihre Granaten sind allein siebzehn +Männer, zwanzig Frauen, sechs Greise und fünfunddreißig Maulwurfskinder +aus meiner nächsten Verwandschaft getötet worden. Ist das nicht +barbarisch?« + +»Ihr unterminiert wahrscheinlich manchmal etwas,« wandte das Grünlein +schüchtern ein. + +»Wir unterminieren nie!« rief der Maulwurf erbost. »Das ist eine der +schamlosen Verleumdungen Deutschlands. Aber wir werden siegen, und dann +werden wir von Deutschland als Kriegsentschädigung hundert Millionen +Morgen Gurkenbeete verlangen.« + +»Du gehörst wahrscheinlich zur Entente?« fragte Grünlein. + +»Alle echten Maulwürfe gehören zur Entente,« entgegnete der Schwarze +stolz. + +»So lasse mich -- bitte -- wieder in den Unterstand zurück!« bat das +Grünlein, »denn ich bin ein Deutscher.« + +»O, nein, mein Guter,« höhnte da der Schwarze, »du bist mein +Gefangener. Der Rückweg ist dir längst verlegt.« + +Nun sah Grünlein eine Menge anderer Maulwürfe herankriechen, und +es ging ihm eiskalt durch die Glieder, daß er nunmehr ein armer +Kriegsgefangener sei. Den ersten Tag war Grünlein an der Front, und +schon hatten ihn die Feinde am Kragen. Darüber schämte sich der Kleine +fast bis zur Verzweiflung. Aber es nutzte nichts, die Feinde schleppten +ihn fort, stießen ihn mit ihren Rüsseln und prügelten ihn mit ihren +Grabfüßen. + +Unterwegs machte der Transport Halt. + +»Da schau hinunter,« sagte der erste Maulwurf, der sich unterdes +als der Hauptmann der Horde erwiesen hatte. Er wies in eine große +Höhle hinein. Da sah Grünlein erschaudernd fünf Totengerippe in +russischen Uniformen. Drei der Gerippe lagen auf dem Boden, eines saß +zusammengebeugt da, eines lehnte aufrecht an der Wand. + +»Durch eine deutsche Granate verschüttet,« knirschte der Schwarze. + +Dem Grünlein schlugen die Zähne aufeinander, aber es sagte: + +»Wahrscheinlich gibt es auch Höhlen, in denen arme deutsche Soldaten so +verschüttet sind.« + +»Die gibt es,« erwiderte der Maulwurfshauptmann, »aber das geschieht +ihnen recht!« + +Weiter ging die Fahrt durch die dichten Maulwurfsstollen. Grünlein, der +zu groß war für diese »Wandelhallen«, mußte vielfach auf allen Vieren +kriechen. + +Da kam wieder etwas Neues. Der Hauptmann hieß Grünlein durch ein +Guckloch schauen, und Grünlein sah in einen weiten Gang, in dem +Laternen brannten und beschmutzte Männer mit Hacke und Schaufel +arbeiteten. Sie trieben den Stollen immer tiefer, und auf großen Karren +wurde die ausgeschachtete Erde fortgeschafft. + +»Weißt du, was diese Russen machen?« fragte der Maulwurf höhnisch +seinen Gefangenen. Grünlein schüttelte den Kopf. + +»Sie graben ihre Stollen bis unter den deutschen Schützengraben, aus +dem du kommst, und wenn sie am Ziele sind -- das wird sehr bald sein -- +füllen sie die Höhlungen mit Pulver, und der Schützengraben fliegt in +die Luft.« + +»Mein armer Herr,« weinte das Grünlein auf, »er wird verschüttet +werden.« + +»Verschüttet oder in die Luft fliegen,« grinste der Schwarze. »Die Wahl +hat er nicht. Es kommt darauf an, wie die Mine wirkt.« + +Halbtot kroch das Grünlein weiter, bis endlich in einer großen Höhle +Halt gemacht wurde. Dort wimmelte es von Maulwürfen. Der Hauptmann +hielt eine Rede. + +»Brüderchen und Schwesterchen,« rief er, »jubelt; denn wir haben +gesiegt! Mit nur zweihundert Mann unseres glorreichen Volkes ist es mir +gelungen, diesen gefährlichen Deutschen unverwundet in unsere Gewalt +zu bekommen. Wenn wir sehen (er wies auf das gefangene Grünlein), +welch' enorme Verluste die Deutschen erleiden, so erkennen wir, daß +die deutsche Kriegsmacht zerrieben, daß unser und unserer glorreichen +Verbündeten Endsieg nahe ist!« + +Das ganze Volk keuchte vor Begeisterung, legte sich auf den Rücken und +fuchtelte vor Freude mit den Grabfüßen. Das kriegsgefangene Grünlein +wurde nun an eine Baumwurzel gebunden, die wie eine Säule in der Höhle +stand, der Hauptmann übernahm selbst die Wache, und alles andere Volk +zerstreute sich. Grünlein war in jämmerlicher Stimmung. Er verstand +wenig oder gar nichts vom Krieg, er kannte die Lüge nicht, und wenn er +nun daran dachte, daß in einigen Tagen sein guter Herr zerrissen werden +sollte, und daß durch seine Gefangennahme -- wie es doch der Hauptmann +gesagte hatte -- das deutsche Vaterland in eine schwere Lage gekommen +sei, da wünschte sich der arme Schlucker den Tod. + +Plötzlich sauste eine große Ratte in den Raum herein, und ehe der +erschreckte Maulwurfshauptmann noch dreimal schnaufen konnte, biß ihn +die Ratte tot und fraß ihn zur Hälfte auf. Dann wandte sie sich an +Grünlein, der eben ohnmächtig werden wollte. + +»Warum bist du gebunden?« + +»Ich bin ein Deutscher, ich bin kriegsgefangen.« + +»Bist du aus Schlesien?« + +»Ja -- aus Schlesien.« + +»Das ist gut. Ich will gerade nach Tarnowitz hinüber, wo in einer +Schlächterei gut zu leben ist. Komm mit, zeig' mir den Weg.« + +Sie zerbiß die Bande, und Grünlein war froh, befreit zu sein, obwohl +er keine Ahnung hatte, wo Tarnowitz lag. Das Tier führte Grünlein nun +durch lange unterirdische Gänge, wo Ratten- und Mäusenester waren; die +Hamster hatten dort ihre Kornkammern, erstarrte Regenwürmer lagen wie +leblose Schlangen, und viel Käferlein im Puppenkleid schliefen dem +nächsten Frühling entgegen. + +»Was für seltsame Nachbarschaft hat doch mein Herr,« dachte das +Grünlein. »Dort drüben bahnen finstere Männer den Schacht des Todes, +und hier hüten die Hamster ihre Getreidekörner und träumen junge +Marienkäferchen von Sonne und Leben.« + +Die Ratte stieß jetzt hinauf ins Licht. Da knallte ein Schuß übers +Feld, und das Tier lag in seinem Blut. Ein sibirischer Scharfschütze +hatte es erschossen. Drüben im deutschen Schützengraben lachte einer: + +»Sie haben morgen einen von dem Schock russischer Feiertage; da +brauchen sie einen Festbraten. Wohl bekomm' es!« + +Das arme Grünlein aber, das von Natur aus kein Held war, steckte nun +mitten zwischen zwei Schützengräben in einem Rattenloche und wußte +nicht mehr ein noch aus. + + * * * * * + +Wochenlang, Tag und Nacht, irrte Grünlein auf den Feldern Polens umher. +Es fand zu seinem Herrn nicht mehr zurück. + +Frierend saß der Kleine unter kahlen Bäumen, schlich durch brausende +öde Wälder, fuhr manchmal ein Stückchen auf einem Bagagewagen mit, +nächtigte in den Trümmern zerschossener Häuser, hockte zitternd +zwischen den armseligen Kleiderballen weinender Flüchtlinge, hörte das +zornige Rauschen kalter fremder Ströme. + +Grambitteres Heimweh packte das deutsche Hausgeistlein. Wie schön war +es, als noch Friede war. Die Müllerstube war so warm, so dicht, daß +kein kaltes Lüftlein hineinkonnte, die Menschen, die um den Tisch +saßen und ins gelbe Licht der Petroleumlampe träumten, waren so gut, +daß nicht einmal ein feindlicher Gedanke ihr Herz befleckte. Dann kam +der Krieg. Jetzt mußte der sanftmütige Müller Menschen erschießen +und verstümmeln, jetzt zündete der Mühlknecht Häuser an und hatte +doch zu Hause einmal dem Hubert eine Ohrfeige gegeben, weil der mit +einer leeren Streichholzschachtel gespielt hatte, was der Knecht für +feuergefährlich ansah. + +Wenn Grünlein durch die Lehmjauche der Schützengräben schlich, die +Männer in hohen Stiefeln darin stehen sah, den Anzug beschmutzt, die +Hände blaugefroren, die Bärte verklebt und verfilzt und die Augen voll +finsterer Entschlossenheit nach Osten gerichtet, dann fürchtete sich +das weichmütige Geistlein eine Frage nach seinem Herrn zu tun. + +Einmal aber sah es einen sitzen mit einem feinen, stillen Gesicht. +Der Mann hatte eine Brille auf und las einen Brief. Unter den blanken +Gläsern blitzte es feucht und klar, so wie wenn man durch blankes Eis +in eine Quelle schaut. Zu diesem Manne faßte Grünlein Vertrauen und +setzte sich ihm aufs Knie. Der Soldat mit der Brille hob die Augen und +sagte: + +»Eh, du kleiner Mann mit der grünen Kappe, du bist wohl ein deutsches +Hausgeistlein?« + +»Ich heiße Grünlein und stamme aus einer Mühle im Riesengebirge,« sagte +schüchtern der Gnom. + +Der Soldat nickte. + +»Ja, ich kenne Euch. Ich habe auch so ein Geistlein, es wohnt neben +meiner Gelehrtenstube im Zimmer meiner jungen Frau und heißt Rapunzel. +Es ist mir auch schon nachgekommen; jetzt aber ist es wieder zu Hause; +denn Ihr Hausgeistlein geht ja als Sehnsuchtsboten immer von der Heimat +ins Feld, vom Feld in die Heimat immer hin und her. O ja, das deutsche +Gemüt!« + +»Ich habe meinen Herrn verloren,« klagte das Grünlein, »weil ich so +dumm war, einem Maulwurf zu vertrauen. Ich bitte dich, daß du mir den +Weg zu meinem Herrn sagst. Er heißt August Liebert.« + +Der Soldat lächelte. + +»Ja, liebes Grünlein, der Name genügt nicht. Wenn du weißt, bei welchem +Armeekorps, bei welcher Division und Brigade, bei welchem Regiment, +welcher Kompagnie und Korporalschaft dein Herr ist, kann ich dir wohl +den Weg weisen.« + +Das Grünlein sagte, wenn es sich solche Dinge merken wollte, würde +ihm sein Kopf mitten entzwei platzen. Und so war auch hier nichts zu +machen. Doch erlaubte der Soldat mit der Brille dem Grünlein, bei ihm +zu bleiben und, wenn er Mut habe, abends mit ihm auf Vorposten zu +ziehen. + +Das Grünlein sagte ehrlich, daß es von Haus aus eigentlich gar nicht +eine Spur von Mut habe, aber da es weder nach Hause noch zu seinem +Herrn zurückfinde, sei ihm das Leben gleichgültig geworden. So zog es +mit dem Soldaten auf Wache. + +Sie lehnten beide an einem Baum, der Soldat bis zum untersten Ast +hinauf, das Grünlein bis zur zweiten Runzel im Stamm. Schwarz lag das +feindliche Land; der Wind ging müde über leere Felder hin zu den fernen +Föhren. Weit im Osten brannte ein Dorf. Da ging der Vollmond auf und +lachte herab auf die brennenden Häuser, auf die öden Fluren und auf +den Soldaten am Baumstamm mit eben demselben vergnügten Gesicht, wie +er zu Hause im Städtlein gelacht hatte, wenn Studenten die Laternen +auslöschten. Dem Mond ist es gleichgültig, ob die Menschen Unfug +treiben oder Krieg führen. Er ist in seiner schönen Höhe und lacht. + +»Grünlein,« sagte der Soldat leise; »ich glaube, morgen wird dein +Bruder Rapunzel da sein. Meine Frau wird ihn schicken. Wenn du meine +Frau kenntest, würdest du sagen, daß nichts Lieberes ist auf der Welt. +Immer lustig gewesen, Grünlein, kleine und große Schmerzen verbissen, +nur um freundlich, um fröhlich zu sein. Und immer ein Kind geblieben, +Grünlein. Deshalb hat sie auch noch vom Hausgeist Rapunzel gesprochen, +als sie schon eine Frau war und unseren kleinen süßen Jungen hatte. +Jetzt aber lacht sie nicht mehr.« + +Der Mond versteckte sich hinter den Wolken, und das Dorf im Ost brannte +heller. + +»Grünlein, ich habe ihr heute geschrieben, sie soll nur guten Mutes +sein. Wir sind nun schon ganz nahe an Warschau, und wenn wir Warschau +haben, ist der Krieg zu Ende. Dann ziehen wir alle heim.« + +Ein heißes Freudengefühl zog dem Grünlein durchs Herz, als es diese +frohe Botschaft hörte. + +»Wirst du mich mit nach Hause nehmen?« + +»Ja, Grünlein, und ich werde mit meiner Frau und meinem Jungen in Eure +Mühle zu Besuch kommen, und das Rapunzel werde ich auch mitbringen. Ihr +könnt dann zusammen sitzen.« + +»Ja,« sagte Grünlein selig, »in dem Fuchsienstrauch, dicht hinter dem +Rücken der Großmutter. Rapunzel sitzt rechts, und ich sitze links.« + +So vergingen die Stunden. Die Beiden träumten vom Glücke nahen +Friedens. Ein zweites Dorf im Osten brannte auf; der Mond wanderte +über tiefdunkle Himmelsauen, kletterte in lichte Wolkengebirge hinein, +verschwand hinter schwarzen Mauern, lugte wieder neugierig um deren +Ecke, verschwand abermals und legte sich schließlich breit auf die +Himmelswiese, zugedeckt mit einer durchsichtigen Schleierdecke. Es war +ganz still, nur zweimal war in weiter Ferne dumpfer Geschützdonner. Der +Soldat zog vorsichtig die Uhr. + +»Fünf Minuten noch, Grünlein, dann werde ich abgelöst.« + +In diesem Augenblick fiel aus nächster Nähe ein Schuß, und der deutsche +Mann fiel durchs Herz getroffen am Baumstamm tot zusammen. + +Grünlein lag lange ohnmächtig. + +Er erwachte, als noch vor Morgengrauen deutsche Soldaten den Gefallenen +unter Mühe und Todesgefahr von dannen schleppten. + +Unter einem andern Baum, an einem Waldrand, wurde der Soldat mit der +Brille begraben. Der Tag brach an. Der klare Osthimmel strahlte in +goldenem Glanz. Da sangen die Soldaten mit leisen Stimmen: + + »~Morgenrot, Morgenrot, + Leuchtest mir zum frühen Tod~ ...« + +Nach den zwei Zeilen aber schon brachen sie ab; denn sie konnten nicht +weitersingen. Als sie die kleine Grube mit Erde bedeckt hatten, fing +noch einmal einer an zu singen, und sie sangen wieder nur zwei Zeilen: + + »~Darum still, darum still + Füg' ich mich, wie Gott es will~ ...« + +Grünlein wohnte dem Begräbnis bei. In herzbrechendem Schmerz dachte +er: Was wird mein Brüderlein Rapunzel sagen? Und was wird die liebe +Frau sagen? Und was wird der kleine Junge sagen, wenn er überhaupt erst +etwas sagen kann? + + * * * * * + +Am nächsten Tage sah das Grünlein, daß die Soldaten aufbrachen und +nicht mehr weiter nach Ost zogen, wo die Sonne aufgeht, sondern nach +West, wo die Sonne untergeht. Im Westen aber -- das wußte das Grünlein +-- lag die deutsche Heimat. So meinte der Gnom, der Krieg sei nun aus, +und sein erschüttertes Herz schöpfte aus dieser Hoffnung neue Kraft. + +Wie schwer war die Enttäuschung, als Grünlein aus den Gesprächen der +Soldaten erfuhr, daß die Deutschen nicht vermocht hatten, Warschau zu +nehmen, und der Krieg nicht zu Ende sei, daß jetzt alle Brücken und +Straßen zerstört werden müßten, damit die nachdringenden Russen nicht +zu rasch vorwärts kämen, und daß alles daran gesetzt werden müßte, das +schöne, reiche Schlesierland zu retten. Ein Ostpreuße erzählte, wie +furchtbar es in seiner Heimat aussähe, nachdem die Russen dort gehaust, +und Grünlein sah schon die heimische Mühle brennen, die Großmutter +erschlagen, den Knaben verstümmelt und Wolf, den Hund, hungernd und +heulend um die Trümmer der zerstörten Heimstätte irren. Er sah, daß aus +seiner schlesischen Heimat dasselbe werden würde, was aus Ostpreußen +geworden war. + +Da faßte das Grünlein namenlose Todesangst, und nur eines wollte es +noch: heim, um mit den Lieben zu sterben. + +Eines aber wunderte das Grünlein: daß die deutschen Soldaten, die +zurückgingen, so ganz und gar nicht verzagt waren. Sie mußten ihr +Leben, ihre Kanonen, ihr Gepäck, ihre Nahrungsmittel retten, sie hatten +unendliche Mühsal zu ertragen, aber sie sagten mit frohen Mienen: + +»Kommt nur, Ihr Russen, es wird Euch schlecht ergehen!« + +Grünlein, das von Haus aus, wie wohl schon ein- oder siebenmal gesagt +wurde, kein Held war, bezweifelte solche Reden aufs stärkste und wollte +durchaus heim zur Großmutter, ehe ihr der letzte Zahn ausgeschlagen war +und sie sterben mußte. + +Der Knirps konnte auf dem eiligen, wenn auch wohlgeordneten Rückzug +mit seinen kurzen Beinchen nicht mit und wäre unrettbar in russische +Gefangenschaft geraten, wenn er sich nicht als eine Art Schmarotzer +überall angehängt hätte. Zuerst kroch er einem Landwehrmann in den +Tornister. Der Landwehrmann, der an diesem Tage fünfunddreißig +Kilometer zu marschieren hatte, legte den schweren Tornister auf einen +Wagen, und der Wagen fiel bis über die Achsen in so tiefen Schlamm, +daß ihn vier Pferde nicht flottkriegen konnten. Grünlein kroch nun +einem der Kutscher, die die Pferde antrieben, in die Tasche. In dieser +Tasche waren neben einer Wurst und einem Stück Kommißbrot, welches +die Tagesration bildete, ein Paar schwergetragene Strümpfe, ein +Liebesbrief und zwei Liebeszigarren. Grünlein wickelte sich frierend +in die Strumpfüberreste, obwohl sie ihm furchtbar erschienen. An einem +Straßenstein zog der Soldat bei kurzer Rast das Kommißbrot aus der +Tasche, aß es mit bestem Appetit auf, las schmunzelnd den Liebesbrief +und rauchte sich mit dem Behagen eines Schlemmers eine der Zigarren an. +Die wüst zugerichteten Strümpfe aber warf der Soldat, weil er sagte, +»er müsse mal Inventur machen,« kurzerhand in den Straßengraben, und +mit ihm, ohne daß er es wußte, das Grünlein. Grünlein beschloß, sich +im Bedarfsfall von nun an immer in die Liebesbriefe der Soldaten zu +wickeln, weil sie diese viel sorgfältiger aufbewahren als Strümpfe. + +Während Grünlein noch in dieser größten Erniedrigung und Armseligkeit +seines Lebens im Straßengraben saß, kam eine Militärkapelle des Weges +und machte am selben Straßensteine Halt. + +Der Kapellmeister hielt eine Rede. + +»Kinder,« sagte er »wir konzentrieren uns zwar jetzt rückwärts, weil +uns das grade mal Spaß macht, wir gehen sozusagen langsam zurücke +wieder auf heem zu -- aber Warschau wird doch genommen! Habt Ihr schon +mal gehört, daß ein Königlicher Kapellmeister was umsonst gemacht +hat? Nischt macht er umsonst! Na, also! Ich habe einen Warschauer +Einzugsmarsch komponiert, Ihr habt ihn eingeübt, und folglich hat +Warschau zu fallen, ganz egal, ob wir auch momentan ganz zufällig mal +ein bißchen auf dem Rückmarsch sind, -- seht Ihr, Kinder, doch nur, +weil wir unseren Lieben zu Hause wieder mal etwas näher sein wollen. +Jungens, ich sage Euch, es geht uns famos. Wir sitzen hier gemütlich +am Wegrande, ruhen uns aus und frühstücken, während die Russen wie +die gehetzten Wölfe ohne Herz und Atem hinter uns herjagen und uns +verfolgen müssen. Jeder von uns hat sein gutes Stück Kommißbrot, +Wasser gibt's von oben und von unten mehr als wir brauchen, die +Gulaschkanonen können auch nicht aus der Welt sein, folglich denke ich, +ist es angebracht, wenn wir jetzt mal unseren Warschauer Einzugsmarsch +loslassen.« + +Die zweihundert Kilometer zurückgejagten Musikanten spielten nun den +Warschauer Einzugsmarsch mit heller Begeisterung. Tadellose Musik war +es aber nicht. Das empfand auch der Kapellmeister und Komponist des +Marsches. + +»Kinder,« sagte er, »es hätte ja schöner sein können, aber es war +wunderschön. Daß uns die Lumpen den ersten Trompeter, zwei Hornisten +und unseren braven Scholz -- o Gott, o Gott, was blies er für einen +Bariton! -- totgeschossen haben, daß in Ihrer Tuba, lieber Grützner, +ein Loch und drei Beulen sind, daß Ihnen, Teubner, von ihren zwei +Becken eines durch einen kunstfeindlichen Granatsplitter aus der Hand +gerissen worden ist -- na, dafür können wir nicht, vor allen Dingen +auch nicht dafür, daß Ihnen, Freund Hübner, das eine Fell der großen +Trommel geplatzt ist und die halbe Hand dazu. Schön war's trotz +alledem, künstlerisch schön, wie Ihr geblasen habt; das sage ich Euch +hier in diesem Weiden-, Dreck- und Wasserkonzertsaal, ich, nicht +nur Euer Kapellmeister, nein, auch der Komponist der eben zu Gehör +gebrachten Tondichtung!« + +Am Grabenrande stand Hübner, der Paukenschläger. Er hatte während des +Marsches wie toll auf das gesunde Fell seiner Pauke geschlagen. + +Grünlein, der inzwischen ein Menschenkenner geworden war, dachte bei +sich: Ich tue gut, durch dieses Loch im Trommelfell zu kriechen; denn +dieser Hübner läßt eher sein Leben im Stich als seine Pauke. + +Und so tat der Kleine. Hübner hockte sich todmüde die große Trommel +auf den gekrümmten Buckel und trug sie samt Grünlein von dannen. Als +sie aber im Notquartier einige Stunden Ruhe fanden, schlief Hübner +so tief und schön, weil ihm Grünlein heimlich die beiden gutmütigen, +verstaubten Augen geküßt hatte. Grünlein nahm es dem großen starken +Trommler nicht einmal übel, als am nächsten Morgen trotz fortgesetzten +Rückzuges der Kapellmeister abermals den Warschauer Einzugsmarsch +spielen ließ und Hübner so wüst auf das gesunde Trommelfell einschlug, +daß Grünlein zu dem Loch der anderen Seite hinausflog. + +Zwei Tage später wurden Schützengräben bezogen, und es hieß, mit dem +Rückzug habe es nun ein Ende; man wolle die Russen erwarten und ihnen +einen bösen Empfang bereiten. + +»Jetzt wird es mit der Schießerei wieder losgehen,« dachte das Grünlein +traurig; »nach Hause sind wir nicht gekommen, und ich habe es doch so +satt und will heim.« + +Das Kerlchen wußte aber nicht, wie es die Heimreise bewerkstelligen +sollte, und die Hoffnung, seinen Herrn wiederzufinden, hatte es ganz +aufgegeben. Da kam dem Grünlein ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Es +war wieder einmal häßliches Regenwetter, und Grünlein war unter eine +umgestülpte leere Konservenbüchse gekrochen. In diesem Blechhäuschen +saß der Gnom zwar trocken, aber der Regen trommelte so laut auf das +Blechdach, daß Grünlein an Hübners Pauke erinnert wurde. Doch hörte er, +wie zwei Männer miteinander sprachen, von denen der eine sagte, daß +er noch heute mit seiner Flugmaschine nach Schlesien fliegen werde. +Ei, wie da das Grünlein aufhorchte! Es verließ augenblicklich seine +schützende Behausung und sah sich draußen um. Da erblickte es auch +alsbald die Flugmaschine, die wie eine riesige Libelle auf der nahen +Wiese lag. Grünlein machte sich an die Maschine heran, unbekümmert +darum, daß er kein Pilot war. Wenn aber einer nichts vom Fliegen +versteht, soll er nicht fliegen, sonst fliegt er. Das alberne Grünlein +verfiel nämlich auf den Gedanken, sich gerade mitten in den Propeller +hinein zu setzen. Als nun der Flieger ankurbelte und der Propeller zu +schnurren und sich zu drehen begann wie ein verrückt gewordenes Rad, +vergingen dem Gnomen Hören und Sehen; grün und blau wurde ihm vor +den Augen; der Magen drehte sich ihm um, und nicht eine Minute lang +vermochte er sich zu halten, da wurde er von dem Teufelsrad hinaus ins +Weltall geschleudert. Wenn Grünlein auf etwas Hartes gefallen wäre, +auf einen Granitstein, eine Eisenbetonwand oder gar auf einen Laib +Kommißbrot, so wäre es mit ihm aus gewesen. So aber fiel er auf etwas +Weiches, Warmes, Molliges. Ein Hund lag am Boden und schnarchte beim +Schlafen, und dem Hund fiel Grünlein aufs Fell. + +Blitzschnell sprang das Tier auf und schimpfte rasend über die freche +Störung. Aber schon im dritten Satze schnappte er ab, stutzte und brach +dann in ein Gebell aus, das wie ein polterndes Lachen klang. + +»Grünlein -- Grünlein, wo kommst du her?« + +Grünlein erholte sich von seinem Schrecken und sah erstaunt, daß Wolf +neben ihm stand, Wolf aus der Mühle. + +»Wolf -- Wolf, bist du es wirklich? Wie kommen auf einmal wir zwei +zusammen?« + +»Ja, das weiß ich nicht. Ich schlief gerade mal ein bißchen, was in +diesem schrecklichen Lande selten genug vorkommt, da bist du plötzlich +wie ein Stein vom Himmel gefallen und hast mich auf den Buckel +getroffen.« + +»Wolf -- geliebter, süßer Wolf!« sagte Grünlein außer sich in der +Freude des Wiedersehens, küßte den Wolf auf seine dicke, schwarze Nase, +kraute ihn hinter den Ohren, kraute ihn am Halse, kraute ihn unter den +Vorderbeinen, wo es der Wolf gern hat, weil er da »schlecht hinkann«, +und auch Wolf war sehr vergnügt. + +»Wie kommst du nur hier nach Polen, lieber Wolf? Suchst du auch unseren +Herrn?« + +Wolf schüttelte den Kopf. + +»Nein, ich bin dienstlich hier. Ich bin eingezogen. Als Sanitätshund. +Herrn Scheibel, der mich doch schon einmal dressiert hatte, hat es +nicht ruhen lassen, bis wir zwei beim Militär waren. Da bin ich +umdressiert worden. Und Herr Scheibel ist auch umdressiert worden. Und +wir haben unsere Sache gut gemacht.« + +»Wolf, sag' mir, steht unsere Mühle noch?« + +»Nein, sie geht wieder. Wir haben einen neuen Mühlknecht.« + +»Ach, so meine ich's nicht; ich frage, ob die Großmutter und der Junge +gesund sind und ob der Fuchsientopf noch steht.« + +»Es war alles in Ordnung, als ich fortzog.« + +»Ach, das ist schön! Ich habe sehr das Heimweh. Wie geht es dir, lieber +Wolf?« + +»Hm. So so! Ich habe einem österreichischen Oberst das Leben gerettet; +dafür hat Herr Scheibel die Tapferkeitsmedaille gekriegt. Mir schickt +der Oberst aus Dankbarkeit jede Woche eine Liebeswurst. Die Wurst ißt +Herr Scheibel und ich krieg' die Pelle. Das nennt sich Gerechtigkeit im +Krieg.« + +»Hast du schon viele Soldaten gerettet?« + +»O, ganze Regimenter.« + +Grünlein sah den Wolf ehrfürchtig an. + +»Wie ist das schön für dich, daß du dich so verdienstlich machen +kannst. Ich kann leider gar nichts tun. Wie fängst du es eigentlich an?« + +»Schnüffeln, Grünlein, -- schnüffeln ist die Hauptsache. Auf tausend +Meter riechen: da liegt einer! Das ist natürlich schwer, da muß einer +Genie haben. Alles Genie sitzt in der Nase. Und dann einen Mordsmut +haben und ruhig bleiben! Ich schabe mir das Fell jetzt mit Vorliebe auf +Feldern, wo Granaten einschlagen, um meine Flöhe furchtsam zu machen. +Das ist auch so eine Ungerechtigkeit -- Entlausungsanstalten für die +Menschen haben sie, Entflohungsanstalten für uns nicht. Wir können uns +ruhig weiter scharren!« + +»Wie macht Ihr Sanitätshunde es mit den Verwundeten?« + +»O, wir reißen ihnen die Achselklappe ab, tragen sie zu dem Führer und +sagen so dem Mann: da ist etwas los!« + +»Du bist wohl ein sehr berühmter Sanitätshund?« + +Wolf hob die Nase hoch. + +»Grünlein, ich werd' dir was sagen, was aber nicht in die +Öffentlichkeit kommen darf. Der Kaiser hat einmal eine große +Hundeparade abgenommen und an mich eine belobigende Ansprache gehalten +und den Hindenburg haben einmal die Russen gefangen gehabt; da habe ich +ihn aus zwei Divisionen ganz allein herausgebissen.« + +Jetzt merkte das Grünlein, daß der vierbeinige Kriegsheld anfing +aufzuschneiden. Es hörte nur mit peinlichen Gefühlen den weiteren +Berichten des Wolfes zu, unter denen auch die Behauptung war, Wolf habe +dem Großfürsten Nikolai die Gurgel durchgebissen und dem Zaren den +Hosenboden zerfetzt. + +Darauf sagte der Hund, Grünlein möge nur entschuldigen, er müsse jetzt +wieder schlafen, und sie könnten ja nachher weiterplaudern. Wolf +schlief ein, und Grünlein war es zufrieden, setzte sich zu ihm und war +selig, jemand aus der Heimat getroffen zu haben, und wenn es auch bloß +der Wolf war. + +Ein Feldlazarett war in der Nähe. Sanitätssoldaten trugen bleiche +Verwundete vorbei, Hunde traben neben den Bahren, und ob es gleich +todernste Bilder waren, es war immer der Trost dabei: da ist wieder +einer, den brüderliche Barmherzigkeit dem Tode streitig machen will, da +kommt wieder einer aus der harten Schlacht in die Pflege weicher Hände. + +Ein Schäferhund, der vorbeikam, blieb bei Wolf stehen und sagte +verächtlich: + +»Das Faultier schläft wieder.« + +»O bitte,« sagte das Grünlein, »er hat schon ganzen Regimentern das +Leben gerettet, vom Kaiser und vom Hindenburg gar nicht zu reden.« + +Der Schäferhund schüttelte sich vor Vergnügen. + +»Kleiner, dummer Junge,« sagte er, »dieser Wolf ist der gefräßigste und +faulste Kerl aus unserem ganzen Korps. Wenn das so weitergeht, kommt er +noch in die zweite Klasse des Sanitätshundestandes.« + +Darüber betrübte sich Grünlein, aber er hatte schon immer gehört, daß +die Schäferhunde hochmütig seien und sich für die Elitetruppe unter der +Hundearmee hielten, und da war die schnarchige Rede erklärlich. + +Es wurde Nacht. Vom dunklen Waldrand drüben erscholl heiseres Geheul. +Da erwachte Wolf und sagte leise: + +»Komm, Grünlein, wir wollen hier fortgehen. Dort drüben heult ein Wolf.« + +»Du bist ja auch ein Wolf,« sagte Grünlein, »geh' hin, unterhalte dich +mit ihm, vielleicht kannst du etwas erfahren, was nützlich für uns ist. +Du mußt doch seine Sprache verstehen. Was singt er eigentlich für ein +rauhes Lied in die Nacht hinein?« + +»Ein Freßlied. Aber ich verstehe ihn nicht recht, er spricht einen +anderen Dialekt als ich, und ich will mit ihm nichts zu tun haben.« + +Daß er von einer gutmütigen Hundemutter in Warmbrunn in Schlesien +geboren worden war, hat dieser stolze Urwäldler nie zugegeben. + +Herr Scheibel kam. Er trug seine Sanitätstracht und schimpfte den Wolf +aus, der ihm wieder durch die Lappen gegangen sei. Den Gnomen sah er +nicht. Aber Grünlein erkannte ihn, und sein Herz schlug vor Freude, daß +er einen Menschen aus der Heimat gefunden habe, und wenn es auch nur +Herr Scheibel war, der immer ein knurriger Mann gewesen und nichts von +Grünlein wußte. + +Grünlein ritt auf dem Rücken des Hundes, wie er zu Hause, wenn sie mit +Hubert spielten, unzählige Male getan hatte. So ging es in die Nacht +hinein. Da sagte Herr Scheibel: + +»Sei froh, Wolf, daß ich dich wieder übernommen habe; denn dein Herr, +der Müller, ist heute gefallen.« + +Ein todweher Seufzer stieß durch die Nachtluft wie eine dünne +schmerzliche Melodie, und Scheibel sah verwundert auf. Der Hund aber +warf sich auf die Erde, fing an zu heulen und zu winseln und legte den +Kopf auf die Vorderpfoten. Scheibel klopfte ihn auf den Rücken. + +»Na, ja, Wolf, das ist nicht anders. Es ist eben Krieg. Ob der Müller +tot ist oder ob er den Russen verwundet in die Hände gefallen ist, weiß +niemand. Vermißt ist er, und man hat ihn fallen sehen.« + +War das eine traurige Reise durch die Nacht! + +Nun war alles aus; Glück und Freude war gestorben und die Hoffnung +zunichte. Jetzt würde die Mühle verkauft werden müssen, die alte +Großmutter und der Junge mußten in die Fremde wandern, und wenn +Grünlein nach Hause kam, würden wohl die alten Berge noch stehen und +das Mühlrad würde vom rauschenden Bach gedreht werden wie einst, in der +Mühle aber würden fremde Leute wohnen, und das Grünlein war heimatlos. + +Dunkel lag der Himmel über dem Verbandplatz. Ärzte und Pfleger waren in +rastloser Tätigkeit. Laternen huschten hin und her. Manchmal schrillte +ein wilder Wehschrei auf; wunde Menschen stöhnten, klagten und schrien +nach der Heimat. Ein ganz junger, blasser Feldgeistlicher ging durch +die Reihen. Seine Augen waren sehend. Er sah mit Rosen und Lorbeer +bekränzte Seelen hinauf zum Himmel ziehen. Noch krachten die Granaten, +noch platzten die Schrapnelle in der Luft; aber die Seele, die den +armen feldgrau gekleideten Leib verlassen hatte, ging das alles nichts +mehr an. Sie war jenseits von Schmerz und Tod; sie zog zu dem ewigen +König, der keine einzige Kanone und kein Schlachtmesser hat und doch +der Herr aller ist. Feuer brannten auf der Erde, stille Feuer, an denen +Soldaten ihr karges Mahl kochten, wilde Feuer, die die Heimstätten +armer Menschen verbrannten, grausame Feuer des Todes aus Mörsern und +Schlünden. Die befreite Seele sah all dieses trübe Erdenlicht nicht +mehr. Sie schwebte darüber hinaus ewigen Lichtern zu, goldenen Sonnen, +die ihre funkelnden Flammenleiber im blauen Äther drehten, Sternen, +die tausendmal größer waren als dieses arme Kügelchen Erde, in das die +Menschen sich nicht friedlich teilen können, um deren winziger Maße +willen die für die Ewigkeit Geborenen sich ans Leben gehen. + +O, alle, die leben, die weiter kämpfen und streiten, überwinden +den Feind; aber die, die gestorben sind, denen das Schwert aus der +erkalteten Hand sinkt, überwanden die Welt. + +Gönnt ihnen den Sieg, den einzigen, der nach Millionen Jahren noch +gelten wird! + +So dachte der junge Feldgeistliche, spendete Trost und drückte müde +Augen zu. + + * * * * * + +In der Nacht wurde es still. Hinter einem dichten Wald begruben die +Russen ihre vielen Toten. Am Tage war um diesen Wald auf schmalen +Wegen, zwischen verwachsenen Hecken und tiefen Grabenrändern auf Tod +und Leben gestritten worden. + +Ein Pope hob das doppelbalkige Kreuz über die Gräber; eine schwermütige +Slawenweise summte um die Totenstätten. + +Abseits wurde den Deutschen die Grube gescharrt. Wilde Gesellen +vom Ural und von den Eisküsten des Stillen Ozeans trugen Söhne des +lieblichen Thüringens, Schlesier und Rheinländer zu Grabe. + +Am Waldrande lag der Müller. Der schaute mit der letzten Kraft +seiner Augen diesem Ende entgegen. Ein paar wüste Kerle näherten +sich ihm mit eiligen Totengräberschritten. Schon tastete einer nach +dem leblos liegenden Müller, da sprang ihm ein graues Tier an die +Gurgel. Mit einem Schrei liefen die Kerle davon. Sie gehörten zu einem +abergläubischen Stamm, der den Wolf als etwas Göttliches verehrt. + +Wolf, der Mühlhund, aber beleckte leise winselnd seinen Herrn, und das +Grünlein küßte ihm die Augen und war außer sich vor Schmerz und Freude. + +Die Russen löschten Feuer und Lichter. Lautlos lag die Waldwiese; nur +manchmal kroch irgendwo eine dunkle Gestalt. + +In gelbem, zornigem Licht schillerten die Augen des Wolfes, der bei +seinem Herrn Wache hielt. Da gab im Morgengrauen ein Soldat einen +Schuß auf diese Lichter ab; das Tier brach stöhnend zusammen. Grünlein +weinte, als es sah, daß nun auch Wolf verwundet war. So saß er zwischen +dem Herrn und dem Hunde und horchte an der Brust des Müllers und +horchte am Fell des Tieres, ob die treuen Herzen noch schlügen. + +Gegen Sonnenaufgang stürmte deutsche Infanterie durch den Wald; die +Russen wichen nach kurzem Kampf zurück. Der Müller und der Hund wurden +gefunden, das Grünlein aber sah niemand. + +Als der Müller auf eine Tragbahre gebettet worden war, sah einer nach +dem Hunde und sagte: »Das rechte Hinterbein ist ihm zerschmettert; am +besten ist's, er bekommt den Gnadenschuß.« + +»Wolf, spring auf! Wolf, lauf fort!« rief das Grünlein in höchster +Angst. + +Da erhob sich Wolf, humpelte auf drei Beinen nach der Bahre hin und +leckte seinem Herrn die herabhängende Hand zum Abschied für immer. + +Der Müller schlug die Augen auf, sah den Hund und sprach: + +»Wolf, lieber Wolf, du hast mich gerettet.« + +Und zu den anderen sagte er: + +»Es ist mein eigener Hund aus der Heimat.« + +Da nahm ein starker Soldat Wolf auf den Arm und trug ihn hinter dem +Müller her zum Verbandsplatz. Grünlein saß mit auf der Bahre und gab +acht, daß es den beiden Verwundeten gut ergehe. Auf dem Verbandsplatz +war ein Tierarzt anwesend, der sich des vierbeinigen Patienten annahm, +und durch den Befehl eines gütigen Vorgesetzten und andere günstige +Umstände geschah es, daß der Hund mit dem Müller in ein Lazarett kam, +wo er eine Abteilung für sich bildete, da andere Tiere in diesem +Lazarett nicht gepflegt wurden. + +Daß Grünlein mit in das Lazarett zog, versteht sich von selbst. Er +schlief immer abwechselnd eine Nacht bei dem Müller im Bett und eine +Nacht bei Wolf im Hundekorbe. + + * * * * * + +Weihnachten kam. + +In diesem Jahre, sagte der Tod, sollen meine Kinder eine ordentliche +Bescherung haben. Im wilden Karpathengebirge stellte er Millionen +Weihnachtsbäume auf und legte hunderttausend Soldaten darunter: +Österreicher, Deutsche, Ungarn, Polen und Russen ohne Zahl. Mit diesen +bunten Soldaten spielten die Kinder des Todes und packten sie in große +Schachteln. + +Um diese Zeit war der Müller im Lazarett. Großmutter und Hubert +schrieben jammernde Briefe, daß der Müller am heiligen Fest so weit +weg von ihnen im Hause der Schmerzen sein müsse; aber der Müller +antwortete: »Klagt nicht, Gott hat uns reich beschenkt; er hat mir das +Leben beschert. Und ich bin nicht allein; Wolf und das Grünlein sind +bei mir.« + +Da hatte die Großmutter geantwortet, sie sei schon zufrieden, da er +doch gerettet sei. Einmal habe sie ein Jucken im Munde gehabt, da habe +Hubert behauptet, jetzt wüchsen ihr ein paar neue Zähne, daß sie noch +ein bißchen zu leben habe, wenn jetzt die bessere Zeit käme. + + * * * * * + +Im Februar stiegen der Müller, der Hund und das Grünlein auf der +Endstation der Riesengebirgsbahn aus dem Zug. Sie hatten Heimatsurlaub. + +Grünlein war immer leicht zum Weinen geneigt; denn er war ein +weichmütiges Kerlchen; aber so heftig hatte er doch noch nie +geschluchzt wie jetzt, da er aus dem Kriege kam und die heimatlichen +Berge wiedersah. + +Hoch ragte die weiße Riesenkoppe auf; der diamantene Gebirgskamm zog +viele Meilen weit in den blauen Himmel hinein, die Wälder standen im +Silberkleid. + +Ein Rößlein klingelte mit dem kleinen Schlitten den Bergweg hinauf. Der +Kutscher auf dem Bock sprach die traute Sprache der Heimat. Auf dem +Hintersitz saß links der Müller, rechts auf dem Ehrenplatz der Wolf +und zwischen beiden das Grünlein, das ein bißchen fror vor Kälte und +Erregung. Abgeholt waren sie nicht worden; denn sie hatten sich nicht +angemeldet. + +Friedlich läutete das Rößlein, die Häuser lagen hingeduckt in den +Schnee, blauer Rauch stieg aus den Schornsteinen, tiefe Stille war im +hohen Wald. + +Wer hätte hier ahnen sollen, daß in der Welt Krieg sei? Als sie ins +Heimatsdorf kamen, ging die Fahrt langsam vonstatten. Fast vor jedem +Haus mußte der Schlitten halten, weil Leute herausgestürzt kamen, die +dem Müller die Hand schütteln und ein paar Worte mit ihm sprechen +wollten. + +Ach, was wird nur die Großmutter sagen, was wird nur der kleine Hubert +sagen? + +Sie sagten nicht viel. Als der Schlitten vor der Mühle hielt, sahen +zwei junge und zwei alte Augen in seligem Erschrecken zum Fenster +heraus, und als sie herauskamen, warf sich der Junge in den Schnee +und schlug in leidenschaftlicher Freude mit Armen und Beinen; die +Großmutter aber faltete die welken Hände über der Brust und fing an zu +beten. + +Der Müller legte die Hand über die Augen. Der Kutscher nahm die Mütze +ab. + + * * * * * + +Dann faßte der Müller seinen Jungen an der Hand und sagte: + +»Hubert, es ist schwer draußen; aber die Heimat ist so schön, und was +drin lebt, ist so lieb, daß es sich lohnt, zu leiden und zu sterben.« + +Darauf gingen sie in die große warme Stube. Sie saßen um den Tisch +und hielten sich an den Händen. Die Heimatsberge schauten zum Fenster +herein; Wolf schmiegte den Kopf an den Rock der Großmutter; Grünlein +aber war in den Fuchsienstrauch geklettert und schüttelte ihn, daß alle +seine roten Glocken läuteten. + + +Fußnoten: + +[1] Kleines Bukett. + +[2] Zobtenberg, ein in einem großen Teile der Provinz sichtbarer, weil +aus der Ebene steil emporsteigender Bergkegel zwischen Breslau und dem +Eulengebirge, der als Wahrzeichen Schlesiens gilt. + +[3] Ungefähr »alte Gans«. + +[4] Pfeffermännchen; die Schneekoppe ist 1600, der Zobtenberg 700 +m+ +hoch. + +[5] Salzbrunner. + +[6] Pack. + +[7] Hohes Rad, Riesengebirge. + +[8] Große und kleine Sturmhaube, Riesengebirge. + +[9] Hügel in der Nähe des Zobtens. + +[10] Haufen. + +[11] ordinären. + +[12] Rausch. + +[13] Frauenzimmer. + +[14] Tölpel. + +[15] Ochsen- oder Sünderbank. + +[16] Glatzer Nazchen. + +[17] Vorn bist du preußisch, hinten böhmisch. + +[18] Veilchenstein, Kuppe des Riesengebirgskammes. + +[19] Waldenburger Berge. + +[20] totschießen. + +[21] In Schlesien. + +[22] Burschen und Mädchen. + +[23] schlafen. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75839 *** diff --git a/75839-h/75839-h.htm b/75839-h/75839-h.htm new file mode 100644 index 0000000..0b8b4ee --- /dev/null +++ b/75839-h/75839-h.htm @@ -0,0 +1,12752 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Das Königliche Seminartheater Altenroda Grünlein | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; 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Schreibweise und +Interpunktion des Originaltextes wurde übernommen; lediglich +offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.</p> +<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt</p>. +</div> + +<figure class="figcenter illowp46" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> +</figure> + +<hr class="r5"> + +<h1>Das<br> +Königl. Seminartheater<br> +Altenroda<br> +Grünlein</h1><br> + +<p class="center p2 s3 center">Novellen</p><br> +<p class="s5 center">von</p><br> +<p class="s2 center"><b>Paul Keller</b></p><br> + +<div class="chapter"> +<p class="p4 center">Bergstadtverlag / Breslau und Leipzig</p> +<p class="center">Einband und Buchschmuck von Prof. Wilh. Poetter</p><br> + +<p class="s3 center">*</p> +<p class="s5 center">Druck von Wilh. Gottl. Korn, Breslau</p> +<p class="s3 center mbot2">*</p> + +<p class="s5 center">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten</p> +<p class="center mbot2"><em class="gesperrt">Copyright 1923 by Bergstadtverlag Breslau</em></p><br> +</div> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak">Inhaltsverzeichnis</h2> +</div> + +<table class="autotable"> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdr">Seite</td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Das königliche Seminartheater</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_3">3</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">In den Grenzhäusern</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_37">37</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Der Ausflug</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_75">75</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Das Telefon des Bildschnitzers</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_101">101</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Die Briefe der Tochter</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_117">117</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Die letzte Furche</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_129">129</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Bergkrach</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_143">143</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Altenroda</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_155">155</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Vom Musikleben in Altenroda</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_177">177</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Der Schuldturm</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_247">247</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl mleft">Das traurige Schicksal des Meisters Michael</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_251">251</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"> +<div class="mleft">Vom törichten Kaspar</div> +</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_267">267</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"> +<div class="mleft">Rauchermärchen</div> +</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_279">279</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Die drei Geizhälse</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_291">291</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"> +<div class="mleft">Der evangelische Geizhals</div> +</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_295">295</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"> +<div class="mleft">Der katholische Geizhals</div> +</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_303">303</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"> +<div class="mleft">Der jüdische Geizhals</div> +</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_317">317</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Zwei Idyllen</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_324">324</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"> +<div class="mleft">Der Briefkasten</div> +</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_329">329</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"> +<div class="mleft">Hero und Leander</div> +</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_335">335</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Ansorge</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_357">357</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Grünlein</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_391">391</a></td> +</tr> +</table> + +<hr class="r65"> + +<div class="chapter"> +<h2>Das Königliche Seminartheater<br> +<span class="s6">Ein Stück eigener Lebensgeschichte</span></h2><br> + +<p class="p2 center"><em class="gesperrt">Buchschmuck von Prof. Wilh. Poetter</em></p> +<p class="s5 center">*</p> +<p class="center"><em class="gesperrt">55.-74. Auflage</em></p> +<p class="s5 center">*</p> +<p class="s5 center">Druck von Wilh. Gottl. Korn, Breslau</p> +<p class="s5 center">*</p><br> + +<p class="center">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten</p> +<p class="center mbot2"><em class="gesperrt">Copyright 1923 by Bergstadtverlag Breslau</em></p><br> +</div> + +<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-007"> +<img class="w100" src="images/drop-007.jpg" alt=""></figure>uweilen +ist mir in irgend einer Stadt, in irgend einer Gesellschaft +ein Kranz mit einer Schleife verehrt worden. Die Kränze sind verdorrt, +die Schleifen habe ich mir aufgehoben. Unter ihnen befindet sich +ein verblichenes blaues Band, darauf steht: »Paul Keller zu seinem +19. Geburtstag. Gewidmet von seinen Freunden Bartsch, Bentzinger, +Böttcher, Heilgans, Scherwentke.« Der Kranz, der zu dem Band gehörte, +hat vielleicht einmal schlecht und recht einen Taler gekostet samt +der Schleife, auf welche die spendenden Freunde die Inschrift mit +chinesischer Tusche selbst aufgepinselt hatten. + +<p>Fünf neunzehnjährige Seminaristen schenkten einem Kameraden zum +Geburtstag einen Lorbeerkranz für drei Mark. Jeder gab sechzig Pfennig. +Welch ein Opfer! Für sechzig Pfennig konnte man in jener billigen Zeit +— es war 1892 — in einem Restaurant Breslaus fein zu Mittag speisen; +für sechzig Pfennig konnte man einen Sitzgalerieplatz im Stadttheater +haben, den »Lohengrin« hören, den »König Lear« oder die »Haubenlerche«; +für sechzig Pfennig konnte man selbst »bei ausgesprochenem Pech« +tagelang Zwanzigstelpfennig-Skat spielen; für sechzig Pfennig konnte +man sich drei Reklam-Bücher kaufen; für sechzig Pfennig konnte man +zwölf Tassen heißen Kaffee im Seminar haben; für sechzig Pfennig hätte +man sich bei einem Ferienkommers in bayerischem Bier um den Verstand +saufen können.</p> + +<p>Und eine solche Summe gab man so hin! Für einen Freund! Für einen +Kranz!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span></p> + +<p>Ach, ihr fünf treuen guten Kerle, deshalb ist mir ja Euer verblaßtes +Band, auf das Ihr selbst Eure Namen gepinselt habt, heute noch so eine +Kostbarkeit.</p> + +<p>Dieses Band ist einmal sehr teuer gewesen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich war auf eine etwas abenteuerliche Art ins Breslauer Seminar +gekommen. Da ich meine dreijährige Vorbildung in der Grafschaft Glatz +und zwar in der Königlichen Präparandenanstalt zu Landeck genossen +hatte, war ich — wie alle dortigen Schüler — für das Seminar in +Habelschwerdt bestimmt. Aber ich wollte nicht nach Habelschwerdt. +Warum, weiß ich selbst nicht recht. Die Hauptursache war wohl mein +Freund Oskar Bartsch, der aus Breslau stammte, mir glänzende Bilder +von dieser Stadt zeichnete und sagte: »Ein Mann wie du gehört nicht +nach Habelschwerdt, er gehört nach Breslau.« Darauf gingen wir zwei +zu dem Vorsteher unserer Anstalt, sagten ihm, wir möchten nicht nach +Habelschwerdt, wir möchten gerne zu der Aufnahmeprüfung ins Seminar +nach Breslau; aber er — der prächtige, humorvolle Doktor — schmiß +uns ganz gemütlich raus, indem er sagte: »Das Habelschwerdter Seminar +wird die Riesenehre, euch zwei als Schüler zu haben, bei gesundem +Leibe überstehen!« Draußen auf der Treppe stopfte Bartsch die Hände +in die Hosentaschen und sagte: »Das ist eine Gemeinheit!« Ich gab +ihm recht, und wir gingen in die Osterferien. Dort gelang es mir, +auf einem Feldspaziergang meinem Vater das Reisegeld nach Breslau +abzupressen, um daselbst eine große »Aktion« ins Werk zu setzen. Mein +Freund Bartsch führte mich durch die Wunderstadt, und<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> wir gingen +direkt ins Lehrerseminar. Der Direktor, dessen äußere Bärbeißigkeit mit +seinem inneren jovialen Wesen — wie wir später erfuhren — in krassem +Widerspruch stand, saß trotz der Ferien in seinem Amtszimmer. Als ob +er ausgerechnet auf uns zwei Lebensstürmer gewartet hätte. Als er uns +so prüfend ansah, die wir an seiner Tür andauernd mit »Dienermachen« +beschäftigt waren, verloren wir die Sprache.</p> + +<p>»Was wünschen Sie?« fragte er dreimal mit seiner tiefen Stimme.</p> + +<p>Wir dienerten nur.</p> + +<p>»Also wer sind Sie denn eigentlich? Und was wollen Sie?«</p> + +<p>Da brachte ich heraus:</p> + +<p>»Wir sind zwei Präparanden aus Landeck und möchten gern ins Breslauer +Seminar eintreten.«</p> + +<p>»So? Haben Sie denn bei uns die Aufnahmeprüfung, die vor zwei Wochen +war, mitgemacht?«</p> + +<p>»Nein. Wir durften nicht.«</p> + +<p>»Wieso durften Sie nicht?«</p> + +<p>»Der Herr Vorsteher unserer Anstalt hat gesagt, wir gehörten nach +Habelschwerdt; wir hätten in Breslau nichts zu suchen.«</p> + +<p>Der Direktor lächelte.</p> + +<p>»Na, da hat ja Ihr Herr Vorsteher ganz recht gehabt. Wie kommen Sie +denn dann hierher?«</p> + +<p>»Wir — wir sind — so auf eigene Faust ...«</p> + +<p>»Aah — auf eigene Faust! Das ist gut von Präparanden! Und wie denken +Sie sich das — eh ...? Sie wissen doch, daß man in einem Königlich +Preußischen Lehrerseminar nur dann aufgenommen werden kann,<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> wenn +man die Aufnahmeprüfung bestanden hat. Und Sie wissen auch, daß die +diesjährige Aufnahmeprüfung für das Breslauer Lehrerseminar vorbei ist. +Also, wie haben Sie sich die Sache eigentlich gedacht?«</p> + +<p>»Wir — wir hatten gedacht, wir könnten ja extra geprüft werden.«</p> + +<p>Da hieb der Direktor mit der Faust auf den Tisch. Aber er erboste sich +nicht. Er lächelte.</p> + +<p>»Also, man wird alt wie ein Haus und lernt nie aus. Vier Tage lang +haben wir Aufnahmeprüfung gehalten. Zweiunddreißig haben bestanden, +vierzig sind durchgefallen. Und jetzt kommen zwei aus Landeck daher, +vierzehn Tage zu spät, gegen den Willen ihres Anstaltsleiters kommen +sie auf eigene Faust und wünschen eine Extraprüfung. Sie sind gut, Sie +zwei!«</p> + +<p>Mir dämmerte, daß wir eine Frechheit begangen hatten, und ich wollte +mich mit einer eiligen Verneigung drücken. Mein Freund Bartsch schloß +sich mir an. Aber als wir schon halb zur Tür hinaus waren, rief der +Direktor: »Halt, bleiben Sie mal da! Finden Sie sich in Breslau +zurecht?«</p> + +<p>Bartsch nickte. Er sei Breslauer Kind, sagte er.</p> + +<p>»So — dann gehen Sie nach der Schuhbrücke Nummer soundso. Da ist +ein Haus, an dem außen ein Fries angebracht ist, das einen Hexentanz +darstellt. In diesem Hause wohnt der Herr Provinzialschulrat Dr. X.; +dem sagen Sie, Sie seien Präparanden aus Landeck, gehörten eigentlich +nach dem Seminar in Habelschwerdt, seien aber gegen den Willen Ihres +Anstaltsleiters auf eigene Faust nach Breslau gefahren und wünschten<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> +eine Sonderprüfung, da die Breslauer Aufnahmeprüfung schon vorbei sei. +Und nun gehen Sie. Ich wünsche Ihnen viel Glück!«</p> + +<p>In überschwenglichem Gefühl dankten wir dem Direktor, nicht ahnend den +mörderlichen Hinterhalt, den er uns legte. Dieser Provinzialschulrat +<em class="antiqua">Dr.</em> X. war sein Freund, wohl auch sonst ein tüchtiger Mann, aber +er war als arger Wüterich verrufen; noch heute fährt bei der Nennung +seines Namens manchem schlesischen Lehrer eine Gänsehaut über den +Rücken.</p> + +<p>Wir zwei Dummlinge aber torkelten vergnügt drauf los, fanden das Haus +und standen bald einem Manne gegenüber, der uns aus runden Gläsern +fixierte wie eine Brillenschlange ihre Opfer.</p> + +<p>»Was wollen Sie?«</p> + +<p>Ich stotterte mit Todesverachtung die ganze Geschichte heraus.</p> + +<p>Iwan der Schreckliche begriff anfangs rein nichts. Dann aber erkundigte +er sich mit zischenden Fragen, und als ihm die irrsinnige Frechheit +klar geworden war, daß sich zwei Präparanden erkühnten, eine Königlich +Preußische Haus- und Prüfungsordnung umstoßen zu wollen, und in ihrem +Anarchismus bis zu einem Provinzialschulrat kamen, kriegte er das +Wundfieber.</p> + +<p>Er raste, und ich glaubte, mein und meines Freundes Bartsch letztes +Stündlein zähle nur noch nach Sekunden. Einen Blick nach der Tür wagte +ich nicht zu werfen. Ich war wie gelähmt.</p> + +<p>Plötzlich aber stand der Tobende still, wischte sich die Stirn und +sagte mit fast stiller Miene:</p> + +<p>»Ja, das ist ja menschlich gar nicht erklärlich! Wie kommen Sie +eigentlich dazu? Wie können Sie das ...«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p> + +<p>Die Stimme versagte ihm.</p> + +<p>Worauf ich — fest überzeugt, daß wir so wie so verloren seien — +erwiderte:</p> + +<p>»Herr Provinzialschulrat, wir wären nicht zu Ihnen gekommen. Aber wir +waren zuerst im Seminar, und der Herr Seminardirektor hat uns gesagt: +Gehen Sie nur nach der Schuhbrücke, in das Haus, wo der Hexentanz dran +ist, und da bringen Sie mal Ihr Anliegen vor. Ich wünsche Ihnen Glück +dazu!«</p> + +<p>Seine Furchtbarkeit starrten erst mit den Augen, dann fingen +hochdieselben an merkwürdig zu grinsen. Zweimal ging der Herr über +Leben und Tod durch das große Zimmer, dann sagte er mit unglaublicher +Milde:</p> + +<p>»Na, da gehen Sie zum Herrn Seminardirektor zurück und sagen Sie ihm, +Sie würden wirklich eine Extraprüfung haben. Die Verfügung ans Seminar +würde kommen. Inzwischen besorgen Sie sich die nötigen Papiere!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das Gesicht des Herrn Direktors, das er machte, als er uns lebendigen +Leibes wiederkommen sah, ist nicht zu beschreiben. Schließlich fing er +furchtbar an zu lachen.</p> + +<p>Wir bekamen wirklich eine Extraprüfung. Sieben Seminarlehrer samt +Direktor mußten zwei Präparanden zwei Tage lang prüfen. Bartsch wußte +nicht, wer der letzte römische Kaiser gewesen sei, und ich zerbrach mir +über die Kryptogamen, die »Geheimblütler«, so lange den Kopf, bis ich +zu den Pilzen, die mir einfielen, auch die Kohlköpfe rechnete, da ich +nie einen Kohlkopf öffentlich hatte blühen sehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span></p> + +<p>Das war nun ganz falsch. Aber da Geschichte und Naturkunde nur +Nebenfächer waren, kamen wir durch.</p> + +<p>Unser guter Vorsteher aus Landeck, Herr <em class="antiqua">Dr.</em> Krause, schickte uns +einen Glückwunschbrief.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das war meine erste Prüfung, im Seminar von Breslau heimisch zu +werden, und sie war wirklich nicht leicht. Der Prüfende in Naturkunde +hatte mich Siebzehnjährigen zum Beispiel gefragt, was ich über +Sauerstofffabriken wisse. Natürlich nichts. Fast noch schwerer aber war +das, was folgte. Provinzialschulrat <em class="antiqua">Dr.</em> X. war als Schultyrann +eine milde Fee gegen das, was mein neuer Seminarbruder Heilgans als +Kunsttyrann war. Dieser siebzehnjährige hochgemute Jüngling mit den +hochgebürsteten Haaren und den rollenden Augen war um mich, den von +außen Gekommenen, lange wortlos herumgestrichen. Endlich erwischte er +mich allein. Wir hatten beide zusammen Orgelübungsstunde. Abwechselnd +mußte einer eine halbe Stunde lang spielen, die andere halbe Stunde +Bälge treten.</p> + +<p>»Spielen Sie zuerst!« sagte Heilgans.</p> + +<p>Wir zwei »Neuen« wurden von den anderen gesiezt.</p> + +<p>Ich war ein sehr mittelmäßiger Orgelspieler, packte meine »Orgelschule« +aus, trampelte meine »Pedalübungen« und marterte mich an einem +F-Moll-Choral verzweiflungsvoll ab. Heilgans »machte Wind«. Er lächelte +verächtlich über meine Leistungen; dann kam er dran zu spielen. Er +breitete ein großes Buch vor sich aus, dessen Umfang mich in Erstaunen +setzte und dessen Titelblatt er mir mit lässiger Handgebärde zeigte:</p><br> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p> + +<p class="center"><em class="gesperrt">Die Walküre</em>,</p> + +<p class="center">Oper von Richard Wagner.</p> + +<p>»Ich spiele jetzt den Walkürenritt!« sagte Heilgans; »das ist die Perle +vom Ganzen!«</p> + +<p>Und er reckte sich in dem alten Überzieher, den er anhatte, und sauste +mit den Filzschuhen, die er trug, in so wahnsinnigem Tempo über die +Pedale, brachte solch grauenhaft majestätische Musik bei sämtlichen +gezogenen Registern zum Vorschein, daß ich völlig außer Atem kam, und +zwar nicht nur wegen der Bewunderung für die Heilganssche Fertigkeit, +sondern auch, weil ich für diese Kunststürme den Wind zu liefern hatte.</p> + +<p>Gerade waren wir mitten in der Ekstase, da kam der Oberlehrer +revidieren. Und was neulich der Direktor gesagt hatte, das sagte nach +Überschauung der Sachlage auch er: »Man wird alt wie ein Haus und +lernt nie aus! Spielt einer in dieser engen Stube mit voller Orgel den +Walkürenritt! Noch dazu in Filzschuhen! Ja, Mensch, die Bude fällt uns +ja über dem Kopf zusammen.«</p> + +<p>Nach dieser Abkanzelung spielte Heilgans mit einer einzigen gedeckten +Flöte »Tauet, Himmel, den Gerechten!« so lange, bis er den Oberlehrer +außer Hörweite glaubte. Dann aber ging er — immer mit den Tönen der +sanften Flöte — in andere, ganz andere Rhythmen über und fing endlich +an leise dazu zu singen:</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>»<em class="gesperrt">Mein lieber Schwan, ach, diese letzte traurige Fahrt, wie gerne +hätt' ich sie dir erspart. Nach einem Jahr, wenn deine Zeit im Dienst +zu Ende sollte gehn, dann durch des Grales Macht befreit, wollt' ich +dich anders wiedersehn!</em>«</p> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p> + +<p>Der Zauber der süßen Melodie packte mich so, daß ich auf das +Bälgetreten vergaß und die Orgel stillstand.</p> + +<p>»Warum machen Sie keinen Wind, Herr?«</p> + +<p>»Ach,« sagte ich ganz selbstvergessen, »das war schön! Was war denn das +für herrliche Musik?«</p> + +<p>»Na, doch dritter Akt, dritte Szene von ›Lohengrin‹.«</p> + +<p>»Was ist das: ›Lohengrin‹?«</p> + +<p>Heilgans sah mich düster an. Ich glaube, ihm graute vor meiner +Unwissenheit.</p> + +<p>»Sie können so herrlich spielen!« sagte ich in ehrlicher Bewunderung.</p> + +<p>Da blickte er etwas freundlicher.</p> + +<p>»Waren Sie nie im Theater?« fragte er.</p> + +<p>»O ja, im Landecker Badetheater habe ich ›Minna von Barnhelm‹ gesehen, +und im Salzbrunner Badetheater den ›Veilchenfresser‹.«</p> + +<p>»Badetheater sind Mumpitz,« belehrte mich Heilgans. »Die ›Minna‹ von +Lessing is ja noch 'n ganz leidliches Stück, aber der ›Veilchenfresser‹ +is Kitsch. So was von Schiller, Goethe, Shakespeare oder Theodor Körner +haben Sie nicht gesehen?«</p> + +<p>»Nein,« sagte ich beschämt.</p> + +<p>»Auch keine Oper?«</p> + +<p>»Keine einzige.«</p> + +<p>»Es ist unglaublich,« sagte Heilgans und verfiel in Trübsinn über den +geistigen Tiefstand mancher seiner Volksgenossen.</p> + +<p>»Da wissen Sie wohl überhaupt nichts von Dichtern?«</p> + +<p>»O ja, gelesen habe ich sehr viel, und ich — ich dichte selbst ein +bissel.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p> + +<p>Heilgans meckerte vor Vergnügen.</p> + +<p>»Sie dichten selber? Das is ulkig. Da — da schießen Sie mal mit was +los, was Sie gedichtet haben.«</p> + +<p>Ich besann mich nicht lange und deklamierte:</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>»<em class="gesperrt">O, wie das Herz auch wallt und ringt und wie es liebt und haßt, es +kommt der Abend, und er zwingt es bald zu langer Rast. Wenn dann den +fernen Westen säumt ein leuchtend' Abendrot, ist wenig wahr, was man +geträumt, und manche Hoffnung tot.</em>«</p> +</div> + +<p>»Das haben Sie doch nicht alleine gemacht,« unterbrach mich Heilgans.</p> + +<p>»O ja. Das ist das letzte Gedicht das von mir gedruckt wurde. Ich hab's +eingesteckt.«</p> + +<p>Ich zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche und zeigte es ihm. Er las es, +las meinen Namen, aber ich mußte ihm erst noch einen Redaktionsbrief +zeigen, ehe er an mich glaubte.</p> + +<p>»Hm ja,« sagte er dann, »das Ding ist ja gar nicht übel. Es reimt +sich. Aber wissen Sie, die eigentliche, die richtige Kunst ist bloß +beim Theater. Wenn das Theater nicht wär', hätte überhaupt das ganze +Leben keinen Zweck. Ich bin schon siebzehnmal im ›Lohengrin‹ gewesen; +ich kann jedes Wort und jede Note auswendig; ich habe acht Wagnersche +Klavierauszüge, da kostet jeder vierzehn Mark. Richard Wagner ist +überhaupt der Inbegriff von allem, was man wissen muß.«</p> + +<p>Er versprach, mich in den »Lohengrin« und in »Tannhäuser« einzuführen.</p> + +<p>»Vielleicht auch noch in die ›Meistersinger‹ und in den ›Holländer‹,« +fügte er hinzu; »denn den ›Ring‹ oder gar ›Tristan und Isolde‹ werden +Sie nie verstehen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span></p> + +<p>Ach Gott, wie war ich dankbar, daß sich dieser hochgebildete +Großstädter mit so einem Glatzer Waldburschen, wie ich daherkam, +überhaupt abgab.</p> + +<p>Am selben Abend stellte mich Heilgans seinem Freunde Felix Böttger vor, +der ein fast ebenso kunsterfahrener Mann war wie er.</p> + +<p>»Er versteht nichts vom Theater,« sagte Heilgans bei der Vorstellung +»ich hab' ihn anfangs überhaupt nicht leiden gekonnt; aber ich denke, +wenn wir uns ein bißchen Mühe geben, wird was aus ihm.«</p> + +<p>»Na, nur immer Mut, junger Mann,« sagte Böttger mit tiefer, jovialer +Stimme und legte mir die Hand auf die Schulter.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wir wohnten alle im Internat. Das Seminar war ein uraltes früheres +Klostergebäude mit vielen hygienischen Unzulänglichkeiten, aber auch +mit einer kostbaren gemütlichen Romantik.</p> + +<p>Unser Kursus hatte zwei Schlafsäle. Der kleinere hieß die »Vorhölle«, +der größere der »Himmel«. Ich schlief anfangs im »Himmel«, aber +Heilgans sorgte dafür, daß ich zu ihm in die »Vorhölle« zog. Er sagte, +dort sei es gemütlicher; im »Himmel« wohnten die Banausen. Für diese +Bemerkung wurde er von einer Schar himmlischer Geister am Abend +durchgehauen.</p> + +<p>Und diese tätliche Beleidigung erforderte Rache.</p> + +<p>»Können Sie Gespenstergeschichten erzählen?« fragte mich Heilgans.</p> + +<p>Ob ich das konnte!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p> + +<p>Am nächsten Abend, als die Lichter erloschen waren und tiefe +Dunkelheit in den alten Klosterräumen herrschte, erzählte ich eine +Gespenstergeschichte nach der anderen. Ich mußte eigens in den Himmel +kommen und erzählte dort durch die Finsternis.</p> + +<p>»Noch eine Geschichte, noch eine,« sagten die Himmelsleute, und ich +erzählte mit halbverhaltener Stimme. Fast fürchtete ich mich vor den +eigenen Geschichten.</p> + +<p>Dann brachte Heilgans die Rede auf einige Selbstmorde, die früher im +Seminar passiert waren, und sagte, daß ganz ernsthafte Leute glaubten, +es spuke. Auf dem angrenzenden Kirchboden solle es oft rumoren.</p> + +<p>Die »Himmelianer« taten zwar mutig, aber ganz richtig war keinem ums +Herz.</p> + +<p>Um Mitternacht nun, als alles schlief, läutete plötzlich durch die +tiefe Stille der bange Ton eines Glöckleins. Es war ein schauriger +Klang. Nur wimmernd und ganz vereinzelt schlug die Glocke an.</p> + +<p>»Bim bim!«</p> + +<p>Dann lange Pause.</p> + +<p>Dann wieder einmal: »Bimm, bimm, bimm!« Und dann wieder minutenlanges +Schweigen.</p> + +<p>»Bimm!«</p> + +<p>Ein verlorener klagender Ton.</p> + +<p>Der ganze »Himmel« wachte auf. Wir hörten Zischeln, leises Sprechen. +Aber es stand keiner auf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span></p> + +<p>Die Dunkelheit war so tief, der Klang des Glöckleins so sterbensbange, +daß selbst mir die Haut schauderte, obwohl ich wußte, daß Heilgans +und mein Landecker Freund Bartsch heimlich an dem Gasrohr des Himmels +eine kleine Glocke angebracht hatten, von der eine Schnur durch ein +Fensterchen über der Türe zu uns in die Vorhölle lief.</p> + +<p>Eine ganze Stunde lang bimmelte die Geisterglocke, und erst als draußen +von einem Turm eine Uhr Eins schlug, hörte der Spuk auf.</p> + +<p>Ein paar sonst ganz robuste Burschen aus dem Himmel sagten am nächsten +Morgen, sie hätten kalten Angstschweiß geschwitzt. Das hätte ich mit +meinen verdammten Gespenstergeschichten zuwege gebracht; das Gebimmel +sei grausig gewesen.</p> + +<p>Die Sonne brachte die Geisterglocke an den Tag, und der darob +einsetzende Feldzug des uns an Zahl viermal überlegenen Himmels gegen +uns Vorhöllenleute endete mit unserer schweren Niederlage.</p> + +<p>»Aber Banausen sind sie doch!« sagte Heilgans, als er sich seine +schmerzenden Gliedmaßen rieb. Mit mir machte er Bruderschaft.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In die Vorhölle siedelten nach und nach lauter der Kunst ergebene +Leute über, und hier entwickelte Heilgans die große Idee der Gründung +eines Königlichen Seminartheaters. Er hatte indes sämtliche Mitglieder +des Kursus auf ihre Theatertalente hin beobachtet und geprüft und +fand, daß nur sechs absolut talentlos waren. Diese bestimmte er zu +Kulissenschiebern, Theaterboten, Portiers und Garderobiers. Es wurde +eine Theaterkommission eingesetzt, und diese ernannte in fulminanten +Dekreten Herrn Arthur Heilgans zum Direktor, Herrn Felix Böttger zum +<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> Oberregisseur, Herrn Paul Keller zum Dramaturgen, Herrn Liersch zum +Kapellmeister, Herrn Eduard Bentzinger zum Theatermaler und technischen +Leiter. Mein Freund Bartsch wurde »Bonvivant«; ein dicker, frischer +Junge, der sonst den Spitznamen »Doppelpunkt« führte, wurde erste +Liebhaberin; Blasel, der damals Meisterschwimmer von Deutschland +war, wurde Heldentenor, der dicke Wurbs komische Alte, Picha erster +Operettenheld, und so erhielt jeder sein Fach und seinen Posten. Das +erste Theaterrequisit, das wir hatten, war ein Kupierrädchen, wie es +bei der Schneiderei gebraucht wird; Blasel hatte es seiner Mutter +gestohlen, und es diente dazu, die Theaterbillette zu »lochen«. Es gab +drei Arten von Plätzen: zu zehn, fünf und zwei Pfennig. Freibillette +wurden nicht ausgegeben, nicht mal an die Kritiker.</p> + +<p>Heilgans hielt nun täglich in allen Pausen Vorträge über dramatische +Kunst. Einmal wurde er während einer Studierstunde von dem +revidierenden Lehrer erwischt, als er gerade auf allen Vieren auf dem +Fußboden herumkroch und wie besessen schrie:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Mein schaudernd Gebein deckt kalter Schweiß!</div> + <div class="verse indent0">Was fürcht' ich denn? Mich selbst? Sonst ist hier niemand. Ist hier</div> + <div class="verse indent0">ein Mörder? Nein. — Ja, ich bin hier!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>»Sind Sie verrückt?« fragte der aufs höchste erstaunte Lehrer.</p> + +<p>»Entschuldigen — nein,« stammelte Heilgans; »ich bin bloß +Richard III.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p> + +<p>Der Lehrer war so grausam, dem edlen Shakespeare-Darsteller eine +Stunde Arrest zuzudiktieren. Als er gegangen war, bestieg Heilgans das +Katheder und hielt eine kurze Ansprache:</p> + +<p>»Meine Herren! Wer sich der Kunst vermählt hat, wie ich, muß leiden. +Denken Sie an die Karlsschüler; denken Sie daran, wie Schiller unter +dem Unverstand seiner Lehrer und Vorgesetzten gelitten hat. Es ist +immer die alte Geschichte: ›Es liebt die Welt, das Strahlende zu +schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehn.‹ Sie haben gesehen, +wie dieser Pauker mich schwärzen und in den Staub ziehen wollte. Aber +das gelingt ihm nicht. Ich werde meine Stunde Arrest mit Freuden +absitzen, weil es für die Kunst geschieht. Und Schiller, dem ebenfalls +Verfolgten, zu Ehren werden wir zur Eröffnung unseres Königlichen +Seminartheaters ein Schillersches Stück geben, und zwar ›Wallensteins +Tod‹. Dieses Stück erfordert keine große Ausstattung, da es nur in +Zimmern spielt. Ich selbst übernehme die Rolle des Wallenstein, Böttger +spielt den Max Piccolomini, Herr von Schalscha übernimmt die Thekla, +die anderen Rollen werde ich noch verteilen. Meine Herren, wenn Sie den +›Wallenstein‹ richtig erfassen wollen, dann ...«</p> + +<p>Der revidierende Lehrer kam zurück.</p> + +<p>»Warum stehen Sie auf dem Katheder? Warum sitzen Sie nicht auf Ihrem +Platz und arbeiten?«</p> + +<p>»Ich — ich — hatte nur einen — einen kleinen Vortrag über Friedrich +Schiller gehalten.«</p> + +<p>»Zwei Stunden Arrest,« entschied der Gestrenge.</p> + +<p>Heilgans schlich auf seinen Platz und »arbeitete«. Als aber jemand kam +und glaubwürdig berichtete, der Revisor habe nun bestimmt das Seminar +verlassen, ging Heilgans nach dem Katheder zurück und sagte:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p> + +<p>»Meine Herren, entschuldigen Sie die kleine Störung, durch die ich +vorhin abermals unterbrochen wurde. Also, wenn Sie ›Wallenstein‹ +richtig auffassen wollen, dann ...«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mit der »richtigen Auffassung« des »Wallenstein« hatte es seinen Haken. +Nach etwa vierzehn Tagen sagte mir Heilgans:</p> + +<p>»Mit dem ganzen Tode von Wallenstein ist es nichts. Die Kerle wollen +nicht genug pauken. Und pauken muß nu ein Schauspieler. Ich habe die +vier ersten Akte gestrichen, und wir geben nur den letzten ...«</p> + +<p>Der große Tag nahte. An einem Schornstein unter dem Dach hing ein +vom Theatermaler Bentzinger entworfener riesiger Zettel, auf dem die +Eröffnungsvorstellung angezeigt wurde. Die beiden oberen Klassen +(Ober- und Mittelkursus) waren eingeladen worden. Natürlich gegen +Entree. Sämtliche Plätze gingen schon im Vorverkauf weg. Das Privileg +dazu hatte Blasel, weil er das Kopierrädchen geliefert hatte. Die +Vorstellung fand im geräumigen Himmelssaal statt; die Vorhölle +diente als »Garderobe« und »Foyer«. Die Theaterdiener geleiteten die +Herrschaften zu ihren Plätzen. Alles war in gespannter Erwartung.</p> + +<p>Die Bühne wurde durch den hintersten Teil des Himmels, den ein +Rundbogen abschloß gebildet. Ein Kunstwerk an sich war der Vorhang. +Er war aus Schlafdecken hergestellt, die dem Königlich Preußischen +Fiskus gehörten und nun »zusammengestückelt«, auch vielfach mit Löchern +versehen worden waren, damit sich der Vorhang malerisch raffen und +»ziehen« ließ. Gott habe diese alten Decken selig; sie sind im Dienste +erhabener Kunst eines ehrenvollen Todes gestorben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p> + +<p>Ober- und Mittelkursus stellten je einen Kritiker, die, mit +Notizbüchern bewaffnet, in der ersten Reihe saßen. Der Kritiker des +Mittelkursus, ein Herr Wawrok, galt als ein gestrenger Kunstrichter. +Ich habe das auch zu fühlen bekommen.</p> + +<p>Die Vorstellung war herrlich. Ich selbst spielte die Rolle des alten +Gordon, aber ich mußte mich sehr zusammennehmen, daß ich meinen Part +stellte; denn Heilgans als Wallenstein riß mich gänzlich hin. Schon +sein Äußeres war gut. Er trug als Wams eine ganz neue »Düffeljacke« +seiner Mutter, einen spitzen Hut, einen richtigen Degen und Stiefel mit +Sporen und großen flatternden Papiermanschetten.</p> + +<p>Und wie er sprach! Als er sagte: »Die Hoffnung nenn' ich meine Göttin +noch,« und gar, als er die letzten Worte: »Ich denke einen langen +Schlaf zu tun ...« wie in die Ewigkeit hineinsprach, fühlte ich in +tiefer Erschütterung die Größe dramatischer Kunst.</p> + +<p>Allein wie seine Stimme tremolieren konnte — hinreißend!</p> + +<p>Der Beifall war stark und wohlverdient. Am nächsten Tage waren an +den Schornsteinen die handschriftlichen Rezensionen der Kritiker +angeheftet. Herr Wawrok hatte sechs Bogenseiten geschrieben. Er zog +eine geistvolle Parallele zwischen Arthur Heilgans und Ernst von +Possart und wies ganz unparteiisch nach, in welchen Stücken Possart +den Heilgans überrage, aber auch in welchen Punkten Heilgans dem +Münchener Tragöden zweifellos überlegen sei. Jedenfalls — das stand +selbst diesem scharfen Kritikus fest — wir lebten mit einem der +größten Tragöden Deutschlands unter einem Dach.</p> + +<p>Ich selbst kam schlecht weg. Zunächst bemängelte der Kritiker meine +Garderobe. Er schrieb: »Herr Keller sah als Gordon einem italienischen +Räuberhauptmann<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> viel ähnlicher, als dem würdevollen Kommandanten der +Festung Eger. Überhaupt scheint Herr Keller als Schauspieler nur von +mittlerer Begabung zu sein, dem man wichtigere Rollen an so einem +ernstem Kunstinstitut, wie es das Königliche Seminartheater ist, +nicht anvertrauen sollte. Herr Keller wird gut tun, lieber gar nicht +aufzutreten, sondern zur Kritik überzugehen.«</p> + +<p>Und so geschah es auch. Ich wurde wegen Mangel an Talent — Kritiker. +Als solcher habe ich einen riesigen Einfluß gewonnen und mich sogar zum +Vorsitzenden der Theaterkommission aufgeschwungen, der daran dachte, +Herrn Wawrok als Kritiker »abzusägen«.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Etwa vier Wochen später beauftragte mich der Theaterdirektor Heilgans, +ein eigenes Stück zu dichten.</p> + +<p>»Wie lang soll es sein?« fragte ich.</p> + +<p>»Drei Akte — jeder Akt bis fünfzehn Minuten lang.«</p> + +<p>»Ernst oder lustig?«</p> + +<p>»Beides. Keine Tragödie. Keine Komödie. Ein Schauspiel. Mit +befriedigendem Ausgang. Damenrollen höchstens eine. Für Böttger eine +besonders wirkungsvolle Rolle. Ein Intrigant muß auch drin vorkommen. +In vierzehn Tagen kannst du's wohl machen?«</p> + +<p>Ich war in acht Tagen fertig; denn ich hatte es, wie alle jungen +Dichter, sehr eilig, auf die Bühne zu kommen. »Magdalena. Ein +<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> ländliches Schauspiel.« Der rührende Abschied eines Handwerksburschen +von seinem Schatz, einem armen, braven Webermädel. Dann die Not des +Vaters. Als Bewerber um die Maid tritt ein halbidiotischer reicher +Bauernsohn auf (Herr Böttger); dessen Vater ist der Gläubiger des +Webers. Das Mädel mag nicht. Verzweiflungsszenen. Zum Schluß große +Zwangsauktion. Des Webers Häuschen wird versteigert. Ein Fremder +erwirbt es. Er ist — na, wer kann es auch sonst sein? — der +heimkehrende besagte Handwerksbursch, der inzwischen reich geworden ist +und nun den »befriedigenden Ausgang« macht.</p> + +<p>Es war ein voller Erfolg. Heilgans umarmte mich unter Freudentränen. +Herr Wawrok schrieb: »Der Monolog der ›Magdalena‹ am Anfang war zwar zu +lang, und moderne Dichter sollten überhaupt keine Monologe verwenden, +aber dieser Monolog war nur ein Sonnenfleck; denn das Ganze war eine +Sonne.«</p> + +<p>Dieser letzte Satz söhnte mich mit Herrn Wawrok für alle Zeiten aus.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Nach mir und Schiller kam zur Abwechselung mal Theodor Körner dran. +»Das Fischermädchen« wurde aufgeführt. Ich sehe jetzt noch unseren +»Naturburschen« Scholz hinter der Szene Donner und Blitz machen. Die +Blitze machte er mit brennendem Kolophonium, in das er blies. Aber die +Sache funktionierte nicht, und Scholz verbrannte sich so arg den Mund, +daß er während der Vorstellung um Hilfe schrie. Ein reines Wunder ist +es, daß bei unseren künstlerischen Experimenten nicht die ganze morsche +Seminarbude abgebrannt ist. Die Musen haben uns beschützt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p> + +<p>Aus dem Publikum kamen Anträge an die Theaterkommission, daß man +nicht immer nur »klassische Stücke«, sondern auch mal gute Schwänke +und Lustspiele aufführen solle. Heilgans wollte anfangs davon nichts +wissen; denn er trug sich bereits mit Plänen, zur Oper überzugehen, +aber schließlich machte er dem Publikum Konzessionen.</p> + +<p>»Ein in Gedanken stehen gebliebener Regenschirm« erweckte Lachstürme +auf den Zweipfennig-Plätzen. Das bessere Publikum auf den +Zehnpfennig-Plätzen hielt sich reservierter, amüsierte sich heimlich +aber auch ganz königlich.</p> + +<p>Bei einem Stücke dieser Art geschah es, daß der Naturbursche Scholz +vor der Aufführung vor den Vorhang trat und folgende Rede ans Publikum +hielt:</p> + +<p>»Meine Damen und Herren! (Die Damen existierten nur in Scholzens +Phantasie.) Dieses Stück, das wir geben wollen, ist ein +Ausstattungsstück. Wir brauchen dazu ein paar Stiefel, die ganz ganz +sind. Kann jemand ein paar ganz ganze Stiefel pumpen? Er erhält sie +nach der Aufführung gewichst zurück; denn es kommt im Stücke vor, daß +die Stiefel gewichst werden.«</p> + +<p>Da sich nicht gleich jemand meldete, zog Scholz mir, der ich als +Kritiker in der ersten Reihe saß, zwangsweise die Stiefel aus und +verschwand damit. Ich erhielt das Schuhwerk nach der Aufführung +teilweise arg mit Wichse bekleistert, aber durchaus in ungewichstem +Zustande zurück und schrieb daher zornerfüllt in meine Kritik: »Der +gestrige Theatertag zeigte, daß das Königliche Seminartheater von +seiner hohen Warte herabsinkt und zu einer Schmiere wird.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p> + +<p>Darauf kehrte Heilgans zu den Klassikern zurück und gab zunächst +»Wilhelm Tell«. Wie hat Böttger den Tell gespielt! Glänzend! Vor dem +Apfelschuß, als er Geßler bestürmte, das grausame Gebot zurückzunehmen, +ja, sein eigenes Leben anbot, zitterte er in seiner Vaterangst so, als +ob er den Veitstanz hätte. Heilgans (Geßler) aber sagte herrisch und +hartherzig: »Iche will dein Leben nicht; iche will den Schoß!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Da wir unsere Aufführungen zumeist an den freien Nachmittagen hielten, +waren die Lehrer unserem Theater noch nicht auf die Spur gekommen. +Einmal aber, als der Oberkursus Examen hatte, dachten wir, die +Gelegenheit sei günstig, verließen auf den Zehen unsere Studierstube +und schlichen nach dem Himmelssaal, allwo alsbald »Der Lügner und +sein Sohn« über die weltbedeutenden Bretter ging. Mitten im Spiel +erschien ein Warner mit der Schreckenskunde: »Der Oberlehrer kommt +rauf!« Alles meinte, er komme über die Hinterstiege, und eilte nach +der Vordertreppe. Und da lief eben alles dem Oberlehrer in die Hände: +Heilgans als Heldenvater in Schlafrock und Nachtmütze, Böttger als +Stromer, von Schalscha als junges, reizend gekleidetes Fräulein, +Bartsch als Sonntagsjäger mit der Flinte.</p> + +<p>Der Oberlehrer war starr. Er wußte sich solche Erscheinungen hier in +den Schlafsälen an einem Unterrichtsvormittag nicht zu erklären und +murmelte: »Bin ich verrückt oder sind Sie verrückt?« Wir stoben zu +unseren Büchern zurück. Nach einer halben Stunde sagte einer: »Der +Blasel hat sich gerade ankleiden wollen und ist in der Angst in den +Unterhosen in die Orgel oben gekrochen.«</p> + +<p>Blau gefroren holten wir den Ärmsten aus der Orgel heraus; denn es war +ein Wintertag, und die Orgelstube war ungeheizt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p> + +<p>Das erwartete Donnerwetter blieb zunächst aus. Aber es kam später. Auch +Heilgans hatte ein Stück gedichtet. Es hieß: »Die Axt des Glückes.« +Alle Proben, sogar die Generalprobe, hatte er in der freien Zeit +gehalten; nun ritt ihn aber doch einen Tag vor der Aufführung der +Teufel, noch eine zweite Generalprobe zu halten, und er verschwand +mit seinen Mannen während der vorgeschriebenen Studierzeit nach dem +»Himmel«. Dort erwischte ihn der revidierende Lehrer, meldete diesen +Fall dem Direktor, und dieser sagte am nächsten Tage:</p> + +<p>»Ich habe schon lange gewußt, daß Sie Theater spielen; ich weiß, daß +Heilgans der Direktor, Böttger der Regisseur und Keller der Dramaturg +ist. Ich habe gedacht: Wenn die jungen Leute nichts Dümmeres treiben +als sowas, ist's schon gut, und habe nichts gesagt. Ja, ich hab' mich +gefreut. Ich habe gedacht, da gehen die Leute aus sich heraus; es +steckt ein idealer Kern drin, und sie lernen auch was dabei. Da Sie +aber die Arbeitszeit mißbrauchen, verbiete ich das Theaterspielen ein +für alle mal!«</p> + +<p>So fiel ein Reif in unsere Frühlingsnacht. Als der Direktor das Zimmer +verlassen hatte, bestieg Heilgans das Katheder und sagte:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p> + +<p>»Meine Herren! Eingetretener Umstände halber sehe ich mich gezwungen, +das Amt eines Theaterdirektors, das ich unter Ihnen zu bekleiden so +lange die Ehre und das Vergnügen hatte, niederzulegen. Allein, es muß +augenblicklich etwas geschehen, unser getötetes Kunstleben wieder +lebendig zu machen.«</p> + +<p>Wir schickten eine Bittdeputation zum Direktor, die reumütig Abbitte +tat und alles Gute für die Zukunft versprach. Es war umsonst; das +Theaterspielen blieb strengstens untersagt. O, diese unglückliche »Axt +des Glückes«!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Um diese Zeit geschah es, daß Heilgans in Liebe verfiel. Abends, +wenn er in seinem Bette, dicht an der Feueresse lag, fing er an zu +philosophieren, und seine Gedanken bewegten sich immer in demselben +Zirkel: »Lieben kann man bloß jemanden, den man kennt. Sie kennt mich +nicht; folglich kann sie mich auch nicht lieben.«</p> + +<p>»Sie« hatte Heilgans in der Singakademie gesehen, wo wir unsere Übungen +hatten. Sie war die Tochter eines Stadtrates, ein schönes, stolzes +Fräulein von vielleicht fünfundzwanzig Jahren. Heilgans war neunzehn. +Heilgans entwarf nun einen Plan, wie er sich seiner Holden bekannt +machen könne, und sagte eines Abends:</p> + +<p>»Kinder, ich mach' es einfach so: ich gehe an ihre Entreetür, klingele, +und wenn sie herauskommt, frage ich sie, ob in dem Hause nicht ein +Doktor Linke wohne. Na, da gibt dann ein Wort das andere. Aber klappen +muß es. Wie im Theater. Proben muß man! Wer von Euch spielt mal das +Fräulein Grete?«</p> + +<p>Keiner erbot sich dazu.</p> + +<p>»Nun, da probe ich allein,« sagte Heilgans, der das Theaterspielen nun +mal nicht lassen konnte. Er schleppte ein Tafelgestell in die Nähe +der Tür, sagte, daß er sich unter diesem Gestell sein Fräulein Grete +vorstelle, und guckte dann zur Tür herein:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p> + +<p>»Ach Verzeihung, gnädiges Fräulein, wohnt in diesem Hause nicht ein +Doktor Linke?«</p> + +<p>Flugs stand er darauf hinter dem Gestell und antwortete mit hoher +Diskantstimme:</p> + +<p>»Nein, mein Herr, ich glaube, in diesem Hause wohnt kein Doktor Linke.«</p> + +<p>»Das ist sehr schade, mein gnädiges Fräulein, daß in diesem Hause +kein Doktor Linke wohnt. Ich hätte mir auch nicht erlaubt zu fragen +nach diesem Doktor Linke, aber ich kenne das gnädige Fräulein von der +Singakademie her.«</p> + +<p>»Ach, das trifft sich ja gut!«</p> + +<p>So wurde der Dialog fortgesetzt, bis sie ihn einlud, »doch mal +näherzutreten«.</p> + +<p>Leider ist die Aufführung dieser Szene anders ausgefallen als die +Probe. Denn als Heilgans wirklich an der Tür des Stadtrats läutete, kam +nicht die Tochter, sondern der Vater öffnen. Außerdem aber erschien +eine riesige Dogge, die dem liebebrennenden Mann mit dem etwas +schlechten Gewissen Schrecken einjagte. Der Schluß war, daß Heilgans +dem Stadtrat die auf die Straße entwischte Dogge einfangen helfen +mußte, das Töchterlein aber nicht sah. Gebrochen kam der Jüngling heim. +Ernst ist das Leben, heiter allein die Kunst.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war tief in der Nacht. Irgendwo in der Ferne summte wohl noch das +Lied der Großstadt; im Seminar war Totenstille, selbst die Vorhölle +»schlief in himmlischer Ruh«.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p> + +<p>Ach, was ist der Schlaf in so jungen Jahren tief und süß! Unser +Theatermaler Bentzinger schlief so gern, daß er uns bat, ihn jedesmal +zu wecken, wenn mal einer erwache, und ihm dann zu sagen, wie spät es +sei. »Es ist mir allerhöchste Wonne,« sagte Bentzinger, »wenn mich +jemand um zwei Uhr in der Nacht weckt und mir sagt: jetzt darfst du +noch dreieinhalb Stunden schlafen!«</p> + +<p>So wurde Bentzinger wirklich fast in jeder Nacht geweckt, oft zwei- +oder dreimal, und er war immer dankbar für solchen Freundschaftsdienst. +In dieser Nacht wurde auch ich geweckt. Heilgans saß auf meiner +Bettkante und seufzte tief und schwer. Ich aber war unwirsch ob der +Störung und sagte:</p> + +<p>»Heilgans, laß mich jetzt bloß mit deiner Stadtratstochter in Ruh'. +Jetzt will ich schlafen. Du kannst mir doch deinen Kummer bei Tage +klagen.«</p> + +<p>»Es ist nicht die Grete, die mich nicht schlafen läßt,« entgegnete +Heilgans, »sondern ich habe einen schwereren Kummer. Das Theater! Wir +müssen wieder Theater spielen.«</p> + +<p>»Das geht doch nicht!«</p> + +<p>»O ja, es muß gehen. Du mußt ein neues Stück schreiben, und wir führen +es auf und laden den Direktor dazu ein.«</p> + +<p>»Du bist verrückt!«</p> + +<p>»Mit nichten! Hör' zu. Der Alte' gibt doch bei uns Psychologie. Du +mußt nun ein Thema aus der Psychologie nehmen und dem Alten vorreden, +dieses Thema hätte dich in seinem Unterricht so kolossal interessiert, +daß du gar nicht hättest anders können, du hättest müssen ein Stück +machen, und das solle er sich mal ansehen. Es wäre uns gar nicht um das +Theaterspielen, es wäre uns bloß um die Psychologie zu tun.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p> + +<p>»Denkst wohl, der Alte ist so dumm, daß er das glaubt?«</p> + +<p>»Das glaubt er bestimmt; denn er wird sich geschmeichelt fühlen, und +wenn sich jemand geschmeichelt fühlt, glaubt er alles.«</p> + +<p>»Psychologie! Das ist verdammt schwer!«</p> + +<p>»Na, du brauchst ja nicht gerade über die Induktion oder die +Apperzeption oder solches Gemäre zu dichten. Such' dir halt was. Und in +acht Tagen muß es fertig sein. Da beginnen die Proben. Ich und Böttger +machen die Hauptrollen. Schalscha muß auch 'ne Rolle kriegen und der +Schlolaut auch. Den müssen wir jetzt mal öfters herausstellen. 'n ganz +gutes Talent. Und nu denk' nach! Mich friert. Ich weck' jetzt bloß noch +den Bentzinger, dann kriech' ich wieder in die Klappe.«</p> + +<p>Er schlich davon.</p> + +<p>»Bentzinger, wach' auf! Es is dreivierteleins. Fünf Stunden kannst du +noch schlafen.«</p> + +<p>Bentzinger dehnte sich wohlig. Da sagte ihm Heilgans noch: »Der Keller +macht bis über acht Tage 'n psychologisches Drama. Mit dem schlagen wir +den Alten breit.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p> + +<p>»Da will ich auch mitspielen,« sagte Bentzinger und schlief +augenblicklich wieder ein. Ich aber wälzte mich nun schlaflos im Bett. +Heilgans hatte mir keinen schlechten Wurm in den Kopf gesetzt. Ein +psychologisches Stück. Für fünf Personen. In acht Tagen. Das war kein +Pappenstiel. Und ein solches Stück, das den Direktor milde stimmen +sollte! Aber gerade die Grenze, die meiner künstlerischen Freiheit mit +den fünf Personen gesteckt war, brachte mich rasch auf einen Gedanken. +Ich sprang aus dem Bett und rüttelte Heilgansen munter: »Ich hab's! Ich +hab's schon! Die vier Temperamente! Und der fünfte, der macht einen +Gemischt-temperamentigen.«</p> + +<p>Heilgans rieb sich die Augen.</p> + +<p>»Die vier Temperamente? Ja, was — was hab' ich denn eigentlich für 'n +Temperament?«</p> + +<p>»Du machst den Melancholiker. Das mußt du ja jetzt nach deiner +verkrachten Liebe tadellos können. Der Böttger macht den Phlegmatiker.«</p> + +<p>»Großartig!« schrie Heilgans begeistert, hüpfte aus dem Bett und sprang +zu Böttgers Lager.</p> + +<p>»Böttger, altes Murmeltier, wach' auf; du spielst den Phlegmatiker!«</p> + +<p>Böttger begriff nicht, wieso der Phlegmatiker in seine Nachtruhe +platzte, als er aber alles gehört hatte, gesellte er sich zu uns +beiden, und wir weckten noch den Schalscha, dem wir klar machten, daß +er ein tobender Choleriker, sei, und der uns auch wirklich ob der +Störung mächtig anschnauzte, den Schlolaut, dem wir erklärten, daß +er »gemischttemperamentig« sei, und den Picha, der den Sanguiniker +übernehmen sollte. Zuletzt weckten wir den Bentzinger. Der aber hörte +von allem nichts, fragte nur, wie spät es sei, rechnete aus, wie lange +er noch schlafen könne, und legte sich selig auf die andere Seite.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Herr Direktor! Es ist uns nicht um das Theaterspielen. Es ist +uns bloß um die Psychologie. Ihr Vortrag über die Temperamente +hat mich so interessiert, daß es mir keine Ruhe ließ, bis ich ein +Charakterlustspiel gemacht hatte.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p> + +<p>»Was haben Sie gemacht?«</p> + +<p>»Ein Charakterlustspiel in einem Akt.«</p> + +<p>Der Direktor blinzelte mich an, was so aussah wie: »Spiegelberg, ich +kenn dich!« — aber er sagte:</p> + +<p>»Na, was für einen Gedanken haben Sie denn Ihrem Stück zugrunde gelegt?«</p> + +<p>»Daß reine Temperamente nicht nebeneinander existieren können, daß +sie zu Zank und Streit kommen müssen, daß der gemischt-temperamentige +Mensch der glücklichste ist.«</p> + +<p>Er brummte befriedigt und sagte: »Na, da legen Sie mir mal Ihr Heft +vor.«</p> + +<p>Ich holte das Heft, und am selben Abend rief mich der Direktor aus dem +Studierzimmer und sagte:</p> + +<p>»Spielen Sie das Stück. Aber nicht oben im Schlafsaal. Unten im großen +Musiksaal. Ich werde es mir ansehen. Und die Herren Seminarlehrer laden +Sie auch ein. Jetzt sagen Sie es den anderen; aber machen Sie es mit +dem Indianertanz, der ja nun doch kommen wird, gelinde!«</p> + +<p>Es war wirklich ein prächtiger »Alter«, dieser Seminardirektor Ziron. +Er wußte, daß wir ihn besiegt hatten, und lud uns zu dem Siegestanze +selber ein.</p> + +<p>Vielleicht würde er die Erlaubnis aber nicht gegeben haben, wenn er +geahnt hätte, daß Böttger und Heilgans in ihrem Enthusiasmus zu einem +richtigen »Coiffeur« gingen, sich dort kunstgerecht schminken und +zurichten ließen und dann — Böttger als kahlköpfiger, dickbauchiger +Gastwirt, Heilgans als Dorfpoet mit Vatermördern und wallender +Haarmähne — auf den Straßen Breslaus zum Erstaunen des Publikums +lustwandelten. Die<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> beiden Künstler erreichten glücklich das Seminar, +ehe sie ein Schutzmann wegen Erregung von Straßenaufläufen und groben +Unfugs einsperrte. Sie spielten am Abend glänzend. Mir als Autor +schlug das Herz bis an den Hals vor Freude und Bewunderung. Das ganze +Seminarlehrerkollegium, der Direktor an der Spitze, war erschienen, +auch ihre Damen hatten die Herren mitgebracht. Und sämtliche +Seminaristen waren da; darunter die Kritiker mit heimlich benutzten +Notizbüchern. Böttger, als Phlegmatiker, klagte während des ganzen +Stückes über seine »Beene, die ihm so weh täten,« und noch Monate +später, ehe wir das Seminar überhaupt verließen, sagte der Direktor: +»Böttger, ich wünsche Ihnen, daß Ihnen auf all Ihren Lebenswegen +niemals die Beene weh tun mögen.« Aber auch die anderen leisteten +Vorzügliches. Heilgans als melancholischer Dorfpoet erntete Stürme +von Beifall. Das Endergebnis war: das Theaterverbot war endgültig +aufgehoben.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Heilgansens Geburtstag kam. Wir sagten ihm, daß wir zur Feier des Tages +ein »Festspiel« geben wollten; er möge einen Wunsch äußern. Da wählte +sich der Schalk — die Venusbergszene aus dem »Tannhäuser«. Das ging +etwas über die Kräfte des Königlichen Seminartheaters. Aber »gegeben« +wurde der »Tannhäuser« doch.<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> In einem Klavierzimmer, in dem auch +Kleiderschränke standen. Musikmeister Liersch gab den Orchesterpart +tadellos; Blasel war ein hellstimmiger Tannhäuser; dagegen rackerte +sich der dicke Veith, der auf einem Strohsack lag, vergebens ab, eine +verführerische Venus zu sein. Auch die »Nymphen« im Hintergrund waren +unter der Kanone; der Naturbursche Scholz, der sich ebenfalls zu einer +Nymphenrolle gedrängt hatte, hüpfte und sprang wie ein Waldschrat +umher. Für Heilgans aber, den Gefeierten des Tages, war auf einem +Kleiderschrank ein »Logenplatz« errichtet, auf dem er thronte. Von da +oben sah er mit einem Operngucker interessiert auf die Bühne, und in +der Pause »erging« er sich, indem er von einem Kleiderschrank auf den +anderen stieg.</p> + +<p>Von seiner »Loge« aus hielt er auch eine Rede an die Künstler und das +Publikum, in der er sagte: »Neunzehnmal habe ich den ›Tannhäuser‹ +gesehen; ganz genossen habe ich ihn aber erst heute.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Auch mein Geburtstag kam. An den Feueressen prangten große Zettel: +»Festvorstellung. ›Magdalenens‹ Premiere in Posemuckel. Festspiel in +zwei Akten von Arthur Heilgans«. Das Stück, das der alte Freund mir +zu Ehren gedichtet hatte, spielte bei einer kleinen Theatertruppe in +Posemuckel, der es erbärmlich schlecht ging und die sich durch eine +wohlgelungene Aufführung der »Magdalena« (meines Erstlingsstückes) +finanziell rettete. Am Schluß des Stückes kam der Laternenanzünder zum +Direktor und sagte: »Herr Direktor, der Dichter ist in unserm Theater!« +»Holt ihn,« rief der Direktor, »wir müssen ihm danken, daß er unser +Theater aus schwerer Not errettet hat.«</p> + +<p>Und nun wurde ich — der von allem keine Ahnung hatte — auf die Bühne +geholt, und ich erhielt meinen ersten Kranz. »Paul Keller zum 19. +Geburtstag. Gewidmet von seinen Freunden.«</p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span></p> +<p>Wenn ich mein ganzes Leben überschaue, ich weiß nicht viele +Augenblicke, die so tief an mein Herz rührten wie jener. Ein +betäubender Duft stieg aus dem Kranz, den ich in Händen hielt, in meine +junge Seele. Heilgans und Böttger standen in ihren Kostümen neben mir. +Aber als sie zu mir sprachen fiel alle Theaterei von ihnen ab; die +ganze Treue ihrer Herzen, der ganze goldene Idealismus ihrer Jugend +sprach aus ihren Worten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ehe wir aus dem Seminar schieden, beschlossen Heilgans, Böttger und +ich, uns photographieren zu lassen. Natürlich »in Kostüm«. Ich machte +Pläne, Böttger auch, aber Heilgans sagte: »Nur der Faust' ist unser +würdig. Wir werden uns nach dem Vorspiel zum ›Faust‹ photographieren +lassen als Theaterdirektor, Theaterdichter und Lustige Person.«</p> + +<p>So taten wir. Neben dem blauen Bande des Kranzes, den ich damals +erhielt und das noch heute an der Wand meines Arbeitszimmers hängt, +bildet das Bild ein Erinnerungszeichen an jene schöne Zeit.</p> + +<p>Glückselige Zeit! Vielleicht brummt mancher Philister, wir hätten zu +viel Zeit »vertändelt«. Er hat unrecht. Vieles, was ich als »unbedingt +notwendig« in der Schule lernte, ist längst unter toter Asche +versunken; aber was ich im jungseligen idealen Kunstdienst unseres +Königlichen Seminartheaters erwarb, besitze ich noch jetzt.</p> + +<hr class="r65"> +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span></p> +<h2>In den Grenzhäusern<br> +<span class="s6">Erzählung aus den schlesischen Bergen</span></h2> +</div> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-041"> +<img class="w100" src="images/drop-041.jpg" alt=""></figure>s war in +meinen jungen Jahren. Alle Ferientage war ich oben in den +Bergen, die ihren gewaltigen Grenzkamm zwischen Preußen und Österreich +hinstrecken an die vierzig Meilen lang. Das ging immer hinüber und +herüber in den dunklen Wäldern und langgestreckten Tälern, immer auf +einsamen, zeigerlosen Wegen, daß man wirklich oft nicht wußte: Bist du +nun noch im Vaterland oder bist du schon im »Ausland«? Denn das Volk +ist hüben wie drüben — derb, treuherzig, von derselben Tracht und +Sprache und nimmt das Zweimarkstück an Stelle des Guldens diesseits wie +jenseits. + +<p>An einem trüben Sommerabend kam ich in die »Grenzhäuser«. Die +Grenzhäuser lagen noch auf preußischer Seite an einem waldigen Abhang, +über dem die Kammlinie aufstieg, an der diesseits das preußische, +jenseits das österreichische Zollhaus stand. Drüben über dem Berge +das erste böhmische Dorf hieß auch Grenzhäuser. Es war natürlich eine +Gemeinde für sich und führte den gleichen Namen nur aus dem einzigen +Grunde, weil es eben schwer ist und verdrießliches Kopfzerbrechen +macht, immer neue Ortsnamen zu erfinden. In den preußischen +Grenzhäusern bestand seit alter Zeit ein Gasthaus, das auf den Namen +»Der rote Hahn« getauft war; als viel später in den österreichischen +Grenzhäusern auch ein Wirtshaus entstand, nannte es sein Besitzer »Der +blaue Hahn«, weil er ein wenig neuerungssüchtig veranlagt war.</p> + +<p>Im »Roten Hahn« kehrte ich an jenem Sommerabend<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> ein. Ich war sehr +durstig und verlangte ein Glas Bier. Der biedere Wirt betrachtete +mich und meine grüne Jugend, schüttelte den Kopf und sagte: »Trink du +lieber a Glas Puttermilch, mei Jüngla; Bier ies fer dich zu stork.« Ich +ärgerte mich sehr über diese Ansprache; denn ich hielt mich bereits für +einen jungen Herrn, aber ich bekam nichts anderes als Buttermilch. Eine +Weile darauf kam der Wirt wieder an mich heran und forderte mich auf, +eine rotscheckige Kuh suchen zu helfen, die sich in den Wäldern verirrt +habe. Innerlich war ich empört und sagte mir, es sei eine Frechheit, +einen zahlenden Touristen also zu behandeln; denn was ginge mich die +rote Kuh des Wirts an; äußerlich machte ich aber nur eine abgespannte +Miene und sagte: Ach, ich sei so weit gegangen an diesem Tag und sehr +müde. Da faßte mich der herkulische Mann an der Schulter: »Na marsch, +marsch, tu ni erscht so stupide und zimperlich!« und schob mich zur +Tür hinaus. Es nutzte nichts, ich mußte dem barfüßigen Hüterjungen und +einer Magd die verlorene rote Kuh suchen helfen. Ich tat es mit tiefem +Ingrimm und beklagte es, in eine so barbarische Gegend geraten zu sein. +Aber wir hatten Glück. Als wir gerade auf die Suche gingen, und zwar +nach einem wohlerwogenen Kriegsplan, der Hüterjunge nach Norden, die +Magd nach Süden und ich nach Westen, kam die Kuh von der Ostseite her +angetrabt und meldete sich mit einem donnernden Gebrüll zur Stelle.</p> + +<p>»Na siehste,« sagte der Wirt belehrend zu mir, »wenn man nur die Arbeit +nich scheut, bringt se immer ihren Segen.«</p> + +<p>Zum Abendbrot bekam ich ein neues Glas Buttermilch,<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> einen Berg von +Bratkartoffeln, Butter, Brot, Wurst und Käse vorgesetzt.</p> + +<p>Das fand ich nun recht anständig, aber ich dachte an die Kostenrechnung +und sagte, so viel könne ich nicht essen. Da nahm mich der Wirt unter +die Arme, hob mich ein paarmal in die Höhe und sagte verächtlich:</p> + +<p>»Neunzig Pfund hechstens wiegt die Borste. Wie alt bist du denn nu +schon?«</p> + +<p>»Achtzehn Jahre,« sagte ich. »Ich besuche das Breslauer Seminar und bin +schon im zweiten Kursus.« Ich dachte, das würde dem Mann imponieren, +aber es war leider nicht der Fall.</p> + +<p>»Miserabel siehste aus,« sagte er; »wahrscheinlich haste de +Schwindsucht.«</p> + +<p>Ich sagte dem Gemütsmenschen beklommen, daß ich zwar ein wenig mager, +aber ganz gesund sei. Das glaubte er aber nicht, sondern meinte:</p> + +<p>»Das is ja eben das Gutte bei sulchen Leuten, daß se selber nich +wissen, wie's um se steht. Meine Schwägerin, die hat's nich geglobt, +daß se de Schwindsucht hätte, bis se tot war. Die sah grade su aus.«</p> + +<p>Mir wurde plötzlich ganz übel, und ich ließ mutlos den Löffel sinken.</p> + +<p>»Ich hab' keinen Appetit mehr,« sagte ich leise.</p> + +<p>»Das is bluß wegen deinem verknuchten Gelabere,« fuhr nun die rundliche +Wirtin ihren Mann an; »su einem jungen Blutte su an elendiglichen +Quatsch vorreden, das is ja a reenes Verbrechen! Junger Herr, hör'n Se +bloß nich uff den alen Esel, der weeß nich, was a labert.«</p> + +<p>»Nanu,« sagte der Wirt betroffen, steckte die Hände in die Hosentaschen +und sah immer verwundert zwischen<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> mir und seinem Weibe hin und her. +»Was — was hab' ich denn etwa verbrochen?«</p> + +<p>Die Wirtin stand kirschrot vor ihm.</p> + +<p>»Wenn eener wirklich — nee, nee, du bist ja zu a tummes Luder!«</p> + +<p>Sie faßte ihn am Arme und zog ihn hinaus. Ich blieb trübselig hinter +dem reichbeladenen Abendbrottisch sitzen. Nach etwa zehn Minuten kam +der Wirt wieder herein. Er kratzte sich hinter den Ohren, machte eine +sehr verlegene Miene und sagte kopfschüttelnd:</p> + +<p>»Meine Ale is zu komisch. Do denkt se nu, Sie könnten denken, ich +hätt's ernste gemeent. Nu, du müßt ich ju — do müßt' ich ju wirklich +a aler Labersack erster Klasse sein, wenn ich ei'm Menschen wie Sie +sulches Zeug vorredte. 's war doch bluß Spoß. Denn Sie sein ju wie +Milch und Blutt — und Gewichte haben Sie — schwer leck — ich hab' Se +kaum erheben können — und Muskeln ha'n Se und zu a Suldaten werden Se +komm', a storker Kerl sein Se!«</p> + +<p>»Du laberst ja schun wieder,« kam die Wirtin zur Tür hereingefahren; +»denn das globt a doch jitzt nich. Do merkt a doch, wie der Hase leeft.«</p> + +<p>»Ich sag' überhaupt nischt meh,« sagte der Wirt und setzte sich +beleidigt in einen Winkel.</p> + +<p>»Das is ooch viel besser,« entgegnete ihm die Gattin. »Und Sie, junger +Herr, machen Se sich nischt draus. Essen Se immer recht tüchtig und +sein Se viel ei freier Luft, do kriegen Se im Läben keene Schwindsucht.«</p> + +<p>»Ganz dasselbe, was ich von Anfang an gesat ha,« brummte der Mann im +Winkel.</p> + +<p>Dann wurde es still.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p> + +<p>Nach einer Weile fragte mich die Wirtin, ob ich noch ein Glas +Buttermilch wünschte. Ich dankte. Der Wirt fuhr höhnisch lachend empor.</p> + +<p>»Puttermilch! Nischt wie Puttermilch! Davo kriegt eener freilich keene +Schwindsucht. Aber die Cholera kriegt a! — Das is doch kee Junge meh, +das is doch a Herr. Eener, der schon im zweeten Seminar is. Fer den +paßt keene Puttermilch, fer den paßt a Seidel Bier!«</p> + +<p>Er brachte zwei Gläser Bier und lud mich ein, mit ihm auf der Bank vor +der Haustür Platz zu nehmen.</p> + +<p>Das war der Anfang meiner Freundschaft mit dem Roten Hahnenwirt +Heinrich Hollmann, einer Freundschaft, die noch heut besteht.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Abend war still und trüb. Es war, als hätten alle Bäume in +schlaffer Trägheit die Köpfe geneigt. Der Nebel stieg langsam und +müd vom Tale auf, über dem Kammweg lag ein fahler Schein, gelb wie +Laternenlicht. Am Waldrand huschte eine Eule, sonst regte sich nichts.</p> + +<p>»Das wird eine gute dunkle Nacht,« sagte der Hahnenwirt. Dann fing er +an, mir Schmugglergeschichten zu erzählen, eigentlich die einzige Art +von Geschichten, die er in den Grenzhäusern erleben konnte.</p> + +<p>»Die die Schmuggler für schlechte Leute halten,« sagte mein neuer +Freund, »sein alles tumme Kerle. Die wissen eben nich, wie's hier +zugeht. Das bissel kleener Grenzverkehr rüber und nüber macht keen +Staat arm oder reich. Da lohnt sich der ganze Sums mit den Grenzjägern +nich. 's is olles Quatsch.«</p> + +<p>»Aber es wird doch manchmal einer erschossen,« wandte ich ein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span></p> + +<p>»Erschussen? Ja, Schmuggler — Grenzjäger nich! Da könn' Se lange +suchen, eh Se een erschuss'nen Grenzjäger finden. Nu ja, 's is mal a +schlechter Kerl drunter, wie 's halt ieberoll schlechte Kerle gibt; +aber sunst sein de Schmuggler ehrenwerte Leute. Orme Teifel sein's, die +sich amal a paar Pfennige schwer genug verdien'. Wovon soll'n se denn +leben hier in diesen Bergen?«</p> + +<p>»Sie sind wohl auch ein Schmuggler?« frage ich harmlos.</p> + +<p>Aber da fuhr er auf.</p> + +<p>»Jüngla,« sagte er, »nimm dich in acht, sunst hau ich dir eene runter. +Beleidigen loß ich mich nich!«</p> + +<p>Ich erschrak über diesen Entrüstungsausbruch und stammelte eine +Entschuldigung, setzte auch beschwichtigend hinzu, daß ich selbst schon +Kleinigkeiten für den eigenen Bedarf geschmuggelt hätte.</p> + +<p>Da knurrte er:</p> + +<p>»Wer hier in der Gegend nich schmuggelt, is blödsinnig!«</p> + +<p>Später, viel später war einmal der Deutsche Kaiser im +schlesisch-böhmischen Grenzgebirge. Es wurde ihm ein Glas böhmischen +Weines vorgesetzt. Er trank ihn und sagte: »Na prosit — geschmuggelt +ist er ja sicher!« Und lachte.</p> + +<p>An jenem Abend aber griff ich in die Tasche, zog einen Papierbeutel +heraus und bot meinem Gastfreund eine Zigarre an. Der sah mich +betroffen an.</p> + +<p>»Der Junge roocht,« sagte er, »und hat doch de ...«</p> + +<p>»Ich hab' nicht die Schwindsucht,« unterbrach ich ihn. »Nehmen Sie nur.«</p> + +<p>»Österreicher,« sagte er anerkennend, als er die Marke prüfte, »seht +amal die Borste an! Na, wenn sich das<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> bluß mit dem Biere und der +vielen Puttermilch verträgt.«</p> + +<p>Dann rauchten wir und schwiegen. Ein Mann stieg vom Kammweg herunter, +den ich nach einiger Zeit als einen Grenzjäger erkannte.</p> + +<p>»Da kommt ein Grenzer.«</p> + +<p>»Ja,« meinte Hollmann, »eener, der noch Durst hat. Es is Wenzel +Hollmann von der andern Seite.«</p> + +<p>»Ist er verwandt mit Ihnen?«</p> + +<p>»Weil er Hollmann heeßt? Ach, keene Spur. Hier heeßen drei Viertel von +allen Leuten Hollmann oder Liebich. Wu sull'n ooch immer die neuen +Namen herkummen!«</p> + +<p>Wenzel Hollmann, ein geschmeidiger Mann in knapper österreichischer +Uniform, setzte sich zu uns und trank drei oder vier Gläschen +Wünschelburger Kornbranntwein. Seine Dienstkappe legte er neben sich +auf die Bank. Es stak ein winziges Sträußchen daran.</p> + +<p>»Immer hat a a Puckettel<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> an der Mütze,« sagte der Hahnenwirt; »'s is +halt a schneidiger Kerl.«</p> + +<p>»Na, du weißt doch, daß mir das immer die Kinder vom Blauen Hahnen +dranmachen. Und du putzest mich ja selber oft aus,« entgegnete der +Grenzer.</p> + +<p>Der Rote Hahnenwirt lachte aus vollem Halse.</p> + +<p>»Ja, denkst du, der Rote steht gegen den Blauen zurücke? Putzt der +Blaue seine Kunden, putzt der Rote erst recht seine Kunden.«</p> + +<p>Er entfernte das Sträußchen, das aus drei Stengelchen Rosmarin +und einem gelben Hahnenfuß bestand, brach<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> vom Gartenzaun zwei +Heckenröslein, pflückte vom Beet eine rote Nelke und befestigte sie an +der Kappe des Grenzers.</p> + +<p>»Der Rote Hahn läßt sich von der Konkurrenz nischt vormachen,« sagte er.</p> + +<p>Der Grenzer lächelte ein wenig geschmeichelt und ging bald darauf davon.</p> + +<p>Der Hahnenwirt lachte leise hinter ihm her. Dann sagte er:</p> + +<p>»Na, Jüngla — junger Herr — ich sollt's ja eegentlich nich +verraten, aber Se werden ja nischt ausmähren — Se haben ja selbst +schon geschmuggelt — na, und da soll'n Se gleich amal a rechtes +Schmugglerstückel zu sehn kriegen. Wissen Se, was das bedeutet?«</p> + +<p>Er nahm die Rosmarinstengel und den Hahnenfuß auf, die der Grenzer +dagelassen hatte.</p> + +<p>»Also passen Sie auf. Das, was ich hier in der Hand hab', is 'ne +Geschäftsbestellung. Und zwar eene vom Blauen Hahnenwirt drüben. Der +Hahnenfuß bedeutet a Faß Butter, und die Rosmarinstengel bedeuten drei +Pfund Schokolade. Die soll ich nu nach drüben liefern.«</p> + +<p>»Und das bringt der Grenzer?« rief ich überrascht.</p> + +<p>»Jawull, der Grenzer! Der is der zuverlässigste Bote. Der tumme +Kerl hat natürlich keene Ahnung, daß a unsern Briefträger macht. +Ich hab', wie Se gesehn haben, gleich meine Gegenbestellung beim +Blauen Hahn gemacht: eine rote Nelke, das is a Fässel Roter, und zwee +Heckenröslein, die bedeuten zwee Flaschen gezehrten Oberungar. Das +trägt a nu wieder rüber; denn a pendelt immer zwischen uns beeden hin +und her.«</p> + +<p>»Das ist großartig ausgedacht!« rief ich begeistert.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> + +<p>»Ja, Kupp muß ma haben,« sagte der Hahnenwirt stolz. »Wir haben +'ne ganze Liste ausgearbeit'. Klee z. B. bedeutet Slibowitz, +Jelängerjelieber bedeutet Virginiazigarren, Fette Henne +versinnbildlicht 'ne Tonne ungarisches Schweineschmalz, Flachs is +natürlich Leinwand, Männertreu sind Hosenträger, Rosen Stoff für seidne +Blusen und 'ne kleine Distel is 'n Sack Salz. Eine volle Getreideähre +heißt: Ich bitte um die Rechnung; eine leere Ähre aber bedeutet: Wart +noch a bissel, hab' jetzt gerade keen Geld.«</p> + +<p>»Es ist genial,« flüsterte ich voll Bewunderung.</p> + +<p>»Ja, junger Herr,« sagte der Hahnenwirt, »wenn Se immer hier wären, +könnten Se noch a ganz gescheiter Kerle werden ...«</p> + +<p>»Der Wenzel Hollmann scheint mir grade kein sehr tüchtiger Grenzjäger +zu sein,« wandte ich nach einer Weile ein.</p> + +<p>»Der — nicht tüchtig? Oho! Ein Satan is a. Unsere Preußen sind viel +langsamer, se haben zu dicke Bierbäuche, aber der dürre Windhund von +Österreicher, der geht Tag und Nacht rum und hat beinah schon die ganze +Gegend erwischt.«</p> + +<p>»Hat er Sie auch schon einmal erwischt?« fragte ich.</p> + +<p>»Mich? Ich bin keen Schmuggler,« brauste er wieder auf; doch dann +setzte er hinzu: »Unsere Leute, ich meine die, die so die Ware zwischen +mir und meinem Blauen Kollegen drüben hin- und herschaffen, die hat a +freilich schon ziemlich ofte erwischt — der Lump der!«</p> + +<p>Er schnob vor Ingrimm.</p> + +<p>»Dreimal mehr Strafe haben wir schon blechen müssen, als der ganze +Handel einbringt. Aber Geschäft is Geschäft.<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Blödsinnig müßt' ma +sein, wenn ma nich schwärzte. Und geleimt wird a doch! Das haben +Sie ja gesehen, wie a geleimt wird. So a Spaß schwemmt ollen Ärger +weg. Der größte Hauptkerl aber, den a noch nie erwischt hat, das +is der Wassermüller Liebich unten in a Talhäusern. Das is so a +Mordsteufelskerl, der würd' nicht erwischt, und wenn der deutsche und +der österreichische Kaiser selber uf die Grenzwache zögen.« Nach diesem +starken rednerischen Trumpf rieb sich Heinrich Hollmann vergnügt die +Hände.</p> + +<p>»Das Dollste is,« fuhr er fort und er lachte mit so tiefem Vergnügen, +daß man merkte, wie die Freude aus dem untersten Herzen kam; »das +Dollste is, daß der Liebich dem Wenzel Hollmann die eegne Liebste +weggeschmuggelt hat. Das verwindet der Windhund sein Lebtag nich.«</p> + +<p>»Möchten Sie mir das erzählen?«</p> + +<p>Er schielte mich von der Seite her an.</p> + +<p>»Für Liebesgeschichten biste noch a bissel zu grün,« sagte er. Aber er +erzählte, und erzählte zum Teil hochdeutsch.</p> + +<p>»Also — da war a Mädel drüben — Franziska — 's hübscheste Mädel +im ganzen Gebirge. Alle war'n in se verschossen — alle — alle ohne +Ausnahme, hüben wie drüben. Am dollsten aber waren der Grenzjäger +Wenzel und der Wassermüller Liebich in die Franziska verliebt. Also, +die beiden waren schon total verrückt um die Köppe. Je mehr se nu +aber auf das Mädel spannten, desto mehr hatten se natürlich uff +einander 'ne grenzenlose Wut. Wenn se sich bloß sahen, wurden sie +grün im Gesichte. Am schlimmsten war's natürlich uff 'm Tanzboden. +Da wundert man sich noch heute, daß da nich amal a Unglück geschehen +is. Se überboten sich, wo se konnten. Hatte<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> der Wenzel 'ne neue +Extrauniform, kaufte sich der Liebich 'n neuen schwarzen Anzug, 'n +Patent-Gummikragen und bunte Manschetten; wie sich der Wenzel in +eener Auktion 'n Zwicker gekauft hatte, durch den a zwar nich sehen +konnte, in dem a aber sehr studiert aussah, schaffte sich der Liebich +'ne Meerschaumspitze an, obwohl ihm jedesmal schlecht wurde, wenn +a roochte. Der Wenzel machte Schulden über Schulden und koofte der +Franziska in eenem Jahre alleine sieben Granatbroschen; der Liebich +schenkte ihr 'n goldnen Fingerring mit ei'm Garantieschein, daß er +binnen drei Jahren nich schwarz würde. Und so ging's weiter, es waren +eben, wie gesagt, ganz verrückte Kavaliere. Da versuchte es der Wenzel +mit was anderem. A schmiß sich so heftig uff seine Berufsarbeit, +daß a binnen kurzem neun Schmuggler erwischte und 'ne schriftliche +Belobigung kriegte. Damit hob a sich nu bei der Franziska ein; denn +das is wahr: nischt gefällt ei'm Mädel an ei'm Kerl besser, als wenn a +Schneid hat. Das is, weil die Weiber selber su feiges Gelichter sind. +Also, der Liebich fängt schon an, mitsamt seiner Meerschaumspitze +sachte hinten runterzurutschen — da wird a plötzlich a Schmuggler. +A bringt der Franziska allerhand feine Geschenke, mal 'ne kleine +Tonne grüne Heringe, mal 'n Viertelzentner Viehsalz, und a sagt immer +dazu, daß a am liebsten in Wenzels Amtsstunden schmuggelte, weil das +der dämlichste Grenzjäger von ganz Österreich wäre. Der Wenzel wurde +halb verrückt vor Wut. A schlief nich mehr, a lag Tag und Nacht uff +der Lauer, a saß amal von Mitternacht bis Morgens uff eenem Baume in +strömendem Regen, und wie's endlich Tag wurde, hatte ihm der Liebich, +ohne daß er was gemerkt<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> hätte, 'ne Flasche Pain-Expeller unter den +Baum gestellt, weil Pain-Expeller gutt is gegen Rheumatismus. Das ganze +Gebirge lachte, und wie der Wenzel mit seinem Belobigungsbriefe und +eener seidnen Schürze das nächste Mal zur Franziska kam, merkte er, daß +es Essig war. Sie hatte sich für a preißischen Liebich entschieden. +Aber ihre Mutter war für a östreichischen Wenzel. Und da setzte es der +Wenzel durch, daß a, wie ich amal 'ne Entenkirmes mit Ball machte, +mit der Franziska über die Grenze rüberkommen konnte. A hatte sich +für schweres Geld 'n geschlossenen Glaswagen gemietet. Weil sich's nu +aber nich schickte, daß a bei dem Mädel im Wagen saß, setzt a sich +manierlich neben a Kutscher, und im Wagen saß die böhmische Jungfer. +Wie se ans deutsche Zollhaus kamen, war's schon dunkel; denn es war im +späten November. Der Wenzel stieg ab und sagte der Jungfer im Wagen, +er hätte vier österreichische Zigarren zu verzollen. Damit wollt' a +zeigen, was für a gewissenhafter Mensch er wär', und sich bei der +Franziska einheben. Wie er aus 'm Zollhaus wieder rauskommt, setzt' +a sich gleich wieder auf 'n Bock, und die Fahrt ging weiter. Herr, +du meine Güte, wie se hier im ›Roten Hahn‹ ankamen, saß in dem Wagen +'ne Strohpuppe, und die Franziska war verschwunden. Die tanzte drüben +mit 'm Liebich bei der österreichischen Konkurrenz. Der Kutscher, der +mit 'm Liebich im Komplott gewesen war, kriegte zwar vom Wenzel a +paar gesalzene Ohrfeigen, aber — mit der Franziska war's aus. Sechs +Wochen drauf heirat' se a Liebich. Kurz vorher hatte se von den sieben +Granatbroschen zweie an a Wenzel zurückgeschickt. Su sein die Weiber!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p> + +<p>Der Rote Hahnenwirt machte eine Pause in seiner Erzählung, zündete sich +die Zigarre neu an und lachte leise und philosophisch vor sich hin.</p> + +<p>»Su sein die Weiber!« wiederholte er. »Mir is es ooch erst mit der +Fünften geglückt. Und fünf is für mich 'ne Unglückszahl.«</p> + +<p>Er ließ wehmütig den Kopf hängen; aber bald lachte er wieder und +erzählte weiter.</p> + +<p>»Der Liebich trieb's nu ganz toll. Kurz vor seiner Hochzeit erzählte +er in Wenzels Gegenwart im Gasthause, seine Schwiegermutter müsse +doch jetzt Kuchen backen, und da wolle er ihr ein Faß Butter aus dem +Preußischen hinüberschaffen. Das war nu der Gipfel der Frechheit. +Wenzel, der Grenzjäger, der sowieso mit verglasten Augen und hohlen +Backen rumlief, lauerte von nun an Tag und Nacht. Zwar mit der +Franziska war er fertig; aber den Kerl — den Lump — den Teufel — +reinzulegen, das wär' für ihn das Allerhöchste gewesen. Und richtig +— a erwischt ihn. In der Silvesternacht — 's war 'n Hundewetter — +erwischt der Wenzel a Liebich uff eenem entlegenen Seitenwege mit ei'm +Faß Butter. Aus einem Graben, direkt aus der Schneejauche heraus, +springt er ihn an.</p> + +<p>»Wo is der Zollschein?« schreit er.</p> + +<p>Liebich, der sonst ein starker Kerl is, is so erschrocken, daß a lallt +und stammelt wie a Kind.</p> + +<p>»Ich hab' — ich hab' — die Putter — die Putter — verzollt ...«</p> + +<p>Er sucht in allen Taschen.</p> + +<p>»Wo ist der Zollschein?«</p> + +<p>Liebich dreht alle Taschen um, immer wieder, immer wieder — er sucht +wie verrückt nach 'm Scheine.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> + +<p>»Ich — ich hab'n verloren ...«</p> + +<p>Wenzel lacht hämisch.</p> + +<p>»Wenzel, mach' mich nich unglücklich.«</p> + +<p>Liebich sinkt geknickt auf seine Karre. »Hab' Erbarmen, Wenzel, laß +mich laufen ...«</p> + +<p>»Marsch, nach dem Zollamt!«</p> + +<p>»Hab' Erbarmen, Wenzel ...«</p> + +<p>»Nichts da! Vorwärts marsch, oder ...«</p> + +<p>»Wenzel, denk' an de Franziska — mach se nich unglücklich wegen den +paar Pfund Putter ...«</p> + +<p>»Vorwärts! Die Karre aufnehmen und — marsch vor mir her. Bei +Fluchtversuch kriegst 'ne blaue Bohne zwischen die Rippen!«</p> + +<p>»Erbarm dich, Wenzel — erbarm dich über mich und de Franziska ...«</p> + +<p>Der Grenzer hebt das Gewehr. Da nimmt der Liebich die Karre auf. +Aber er läßt sie wieder fallen. Es wird ihm schlecht — er muß sich +hinsetzen — alle Glieder zittern ihm — es würgt ihn ...</p> + +<p>»Ich glaub' — mich hat — der Schlag gerührt — mir is so schlecht!«</p> + +<p>Liebich is kaum imstande, sich wieder aufzurichten. Den schweren +Schubkarren zu stoßen, is ihm ganz unmöglich. Er faßt immer nach 'm +Herzen. So muß der Grenzer schließlich selber zugreifen. Er schiebt +den Karren, und Liebich muß drei Schritt vor ihm her gehen. Wollte er +ausreißen, wär's sein Tod. So geht's den steilen Berg hinauf. Der Weg +is glitschig; das Wetter is schauderhaft — Wind und Regen schlagen +den beiden ins Gesicht. Der Grenzer schwitzt und kann's kaum noch +ermachen.<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> Aber er muß den Karren schieben; denn der Liebich is ganz +hin. Taumelig geht er vor ihm her. Immer wieder mal sagt er:</p> + +<p>»Wenzel, ich bitt' dir alles ab, was ich dir angetan hab' — aber laß +mich laufen — tu's uns nich an!«</p> + +<p>Der andere hört nicht darauf.</p> + +<p>Und nu kommt's.</p> + +<p>Wie sie den Berg rauf sind, bis zur Chaussee und nich mehr weit zum +Zollhause haben, greift der Liebich uff eenmal in de Westentasche und +sagt ganz gemütlich: »Na, da hab' ich ihn ja!«</p> + +<p>Und a bringt einen richtigen Zollschein raus. A hatte die Putter +richtig verzollt. Der Grenzer, der kaum noch schnaufen kann, steht wie +versteinert vor ihm, und Liebich lacht und sagt:</p> + +<p>»Ich dank' dir ooch, Wenzel, daß du mir die schwere Karre auf 'n Berg +geschoben hast. Bist halt doch ein gutter Kerl, Wenzel! Von der Putter +back' wir nu Hochzeitskuchen. Sollst 'n Stickel davon kriegen.«</p> + +<p>Der andere is nu nahe am Ersticken gewest, aber der Liebich hat gemeint:</p> + +<p>»Ich hab' dir's doch von vornherein gesagt, daß ich die Putter verzollt +hatte. Und wenn <em class="gesperrt">ich</em> dir was sag', kannste es doch glauben.«</p> + +<p>Hat die Achseln gezuckt, is plötzlich wieder ganz bei Kräften gewest +und hat seinen Karren auf der Chaussee gemütlich weitergefahren. Und +der Wenzel hat sich an einen Baum anhalten müssen und hat laut geheult +vor Wut und Scham, wie ihn der andere geäfft hat. A hat mir amal +erzählt, a hätt' ihn totschießen wollen, aber der liebe Gott hätte ihn +vor der Sünde bewahrt. Aber er hat 'n<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> tödlichen Haß uff a Liebich, und +das nehm' ich ihm ooch nich übel.«</p> + +<p>Soweit ging die Erzählung des Roten Hahnenwirtes.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war unterdes dunkel geworden, und wir gingen schlafen. Von meiner +Giebelstube aus sah ich noch ein wenig hinaus auf die dunklen +Waldberge. Wer weiß, wo der Wenzel jetzt lag mit der Flinte im Arm und +auf das menschliche Wild lauerte, das sich scheu und verstohlen durch +die schwarzen Waldgänge schlich und auf jeden Laut lauschte, auf jedes +Zeichen Obacht gab, das ein nahes Verderben anzeigen konnte. Und wie +ich noch so hinaussah, passierte ein Schmugglerstück dicht vor meinen +Augen.</p> + +<p>Ein Mann mit einem Schubkarren tauchte aus dem Dunkel auf. Er klopfte +leise an einen Fensterladen. Der Hahnenwirt kam aus dem Hause, spähte +erst nach allen Seiten, verhandelte mit dem Mann im Flüsterton und +belud dann seinen Karren mit einem Faß und einem kleinen Paket.</p> + +<p>Der Hahnenfuß und die drei Stengel Rosmarin!</p> + +<p>Das ging nun hinüber über die Grenze nach dem »Blauen Hahn«. Ich war +so aufgeregt, daß ich noch nicht schlief, als die Wirtsstubenuhr unten +die elfte Stunde klirrte. Nicht lange darauf klopfte es unten an die +Tür. Ich fuhr rasch in die Kleider; denn wo hätte ich junger Bursch ein +Geschehnis in dem alten Schmugglerhaus verpassen wollen. Ich schlich +die Treppe hinab und duckte mich in einen Winkel. Hollmann kam mit +einer Laterne angeschlürft und fragte, wer draußen sei.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p> + +<p>»Liebich — der Wassermüller Liebich!« antwortete eine tiefe Stimme.</p> + +<p>Mir pochte das Herz. Der Müller Liebich, der war ja der berühmte +Schmuggler, der Gegner Wenzels, des Grenzers. Da öffnete der Wirt die +Tür. Ein kräftiger Mann stand draußen.</p> + +<p>»Nanu, Liebich, willst du was über die Grenze schaffen?«</p> + +<p>»Ja,« sagte der andere, und seine Stimme war ganz heiser. »Meine — +meine Frau will ich rüberschaffen.«</p> + +<p>»Deine — Frau?«</p> + +<p>Liebich lehnte sich an den Türpfosten.</p> + +<p>»Sie is gestorben,« sagte er tonlos. »Die Leiche will ich +rüberschaffen. Da liegt sie.«</p> + +<p>Er wies auf ein Wägelchen, das draußen im Dunkel stand.</p> + +<p>»Liebich,« rief der Hahnenwirt, »du redst wohl irre? Du wirst doch mit +sowas keen Allotria treiben!«</p> + +<p>»Komm raus,« sagte der andere. Der Hahnenwirt ging hinaus, und ich +folgte, ohne daß mich jemand bemerkte. Liebich hob eine Decke von +dem Wägelchen auf. Darunter stand ein Sarg. Tiefinnerlicher Schmerz +schüttelte den Mann so, und er weinte so stoßweise, so bitterlich, daß +der ganze furchtbare Ernst klar war.</p> + +<p>»Wann — wann is se denn ...«</p> + +<p>»Vorgestern. Wir haben das erste Kind gekriegt. Nach sechs Jahren. Das +Kind lebt — die Franziska is tot.«</p> + +<p>»Und nu willst du sie rüberschaffen? Nach Hause?«</p> + +<p>»Ja, sie wollte drüben begraben werden.«</p> + +<p>»Und warum bringst du sie denn in der Nacht?«</p> + +<p>»'s macht sonst zu viel Schererei, wenn man eine Leiche über die Grenze +haben will. Is se aber erst amal drüben, wird se ooch drüben begraben.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p> + +<p>Liebich wollte die Leiche seiner Frau über die Grenze schmuggeln. Er +konnte wohl gar nicht anders; sein ganzes Denken war so eingerichtet, +daß ihm ein Verhandeln mit Grenzbehörden ganz ausgeschlossen schien. +Müde setzte er sich auf die Bank, auf der ich vorhin mit Hollmann +gesessen hatte.</p> + +<p>»Ich wollt's alleine schaffen,« sagte er, »aber ich kann nich. Die +Kräfte verlassen mich.«</p> + +<p>Was er dem Feinde gegenüber früher einmal geheuchelt hatte, war jetzt +bitterster Ernst geworden.</p> + +<p>»Du mußt mir helfen, Hollmann; ich ermach's nich alleine.«</p> + +<p>Der Gastwirt erholte sich von seiner Bestürzung; dann versprach er, dem +Freunde zu helfen. Jetzt erblickte er auch mich und schnob mich wohl +erst zornig an; aber nach einigem Hin und Her erlaubte er mir sogar, +mich dem kleinen traurigen Zug anzuschließen.</p> + +<p>Die Leiche einer jungen Frau und Mutter auf einem kleinen wackeligen +Wägelchen, vorn an der Deichsel der leise schluchzende Mann, hinten, +den Karren schiebend, Hollmann und ich, so ging es langsam den Bergweg +hinauf. Ein müder Nachtwind surrte durch die Bäume, ein feiner Regen +rieselte vom Himmel. Was war das für eine traurige Fahrt! Und doch +pochte mir das Herz in ungewohnten Schauern, und die Wangen brannten +mir viel mehr von der Aufregung als von der Anstrengung.</p> + +<p>Bei einer Wegbiegung blieben die Männer halten und lugten nach der +Höhe. Ein Licht brannte dort oben, wohl in dem Häuslein irgend eines +Webers oder kleinen Bauern.</p> + +<p>»Die Straße ist sicher!« sagte Hollmann; denn das Licht<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> war ein Signal +für die Schmuggler, daß kein Grenzer auf dem Wege war, es war wie ein +Leuchtturm für die Gefährdeten unten im dunklen Waldmeer.</p> + +<p>Liebich legte sich mit dem ganzen Oberkörper auf den Sarg und fing +wieder an zu weinen. Er preßte den Kopf an das harte Holz, das sein +Liebstes umschloß, er küßte den Sarg, er umklammerte ihn mit den Armen.</p> + +<p>Es dauerte eine geraume Weile, ehe wir wieder weiterfuhren. Den +Zollhäusern wichen wir auf einem Nebenwege aus. Als wir aber jenseits +der böhmischen Station waren, erlosch plötzlich das Licht am Berge.</p> + +<p>Die Männer blieben stehen und lauschten.</p> + +<p>Wir waren in Gefahr.</p> + +<p>»Vorsicht!«</p> + +<p>Wir hielten an. Liebich schnaufte tief und grimmig auf. »Nich amal die +Toten lassen se ihres Weges ziehen!«</p> + +<p>Dann legte er den Finger an die Lippen. Das Wägelchen mit dem Sarge +stand ganz am Rande der Straße. Liebich drückte sich an einen Baum, und +Hollmann zog mich leise hinter den Sarg. Dort kauerten wir uns nieder.</p> + +<p>Minuten vergingen. Sacht und fein rieselte der Regen. Die Berglehne +stieg schwarz gegen den Nachthimmel empor. Mich fror. Da huschte +Liebich unhörbar die Straße entlang auf eine Brücke zu. Ich sah, wie er +darunter verschwand.</p> + +<p>»Was macht er?« fragte ich kaum hörbar.</p> + +<p>»Ruhig!« brummte der Gastwirt ziemlich laut. »A sucht die Brücke und a +Graben ab. Da stecken se meist — und nu nich immerfort reden, sonst +...«</p> + +<p>»Halt!«</p> + +<p>Wie aus der Erde herausgeschossen, stand ein Mann vor uns.<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> Wenzel +Hollmann — der Grenzjäger war es. Er hatte die Flinte unter dem Arm.</p> + +<p>»Halt! — Wer seid Ihr?«</p> + +<p>Er trat näher.</p> + +<p>»Der Hahnenwirt,« sagte er betroffen. »Was machen Sie hier? Was ist das +für ein Sarg?«</p> + +<p>Der Wirt war fürchterlich erschrocken, aber er wollte sich's nicht +merken lassen und sagte in schwerem Mißmut:</p> + +<p>»Wenzel, Sie kennen mich! Sie wissen, daß ich der ehrlichste Mann im +ganzen Gebirge bin, der noch nie daran gedacht hat, das Allergeringste +zu schmuggeln. Also, lassen Se mich in Ruhe und gehen Se Ihres Weges.«</p> + +<p>»Was ist das für ein Sarg?« wiederholte der Grenzjäger statt aller +Antwort seine Frage. Er trat heran und wollte die Decke, die nur das +Kopfende des Sarges freiließ, entfernen.</p> + +<p>Da kam ein gurgelnder Laut von der Brücke her.</p> + +<p>»Laß den Sarg stehen! Geh weg vom Sarg, du verfluchter Spürhund!«</p> + +<p>Liebich raste heran.</p> + +<p>»Ich schlag' dich tot, wenn du den Sarg anrührst!«</p> + +<p>»Was ist in dem Sarge?« fragte der Grenzer mit eiskalter Stimme.</p> + +<p>»Das geht dich nichts an!«</p> + +<p>»Was ist in dem Sarge?«</p> + +<p>Der Grenzer hob die Flinte. Da mengte sich der Gastwirt ein.</p> + +<p>»Schieß' nicht, Wenzel — Liebichs Frau liegt in dem Sarg — die +Franziska ...«</p> + +<p>Der Grenzer ließ die Flinte sinken.</p> + +<p>»Die Franziska?« fragte er betroffen. »Ist sie gestorben?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p> + +<p>»Es geht dich nichts an,« brummte Liebich.</p> + +<p>Da fing der Grenzjäger jäh an zu lachen.</p> + +<p>»Oho, Brüderlein, es geht mich wohl was an! Es geht mich sehr viel an. +Ein neuer Sarg ist auch steuerpflichtig und außerdem — deine Frau +liegt <em class="gesperrt">nicht</em> in dem Sarg!«</p> + +<p>»Nicht in dem Sarg?« wiederholte der Hahnenwirt verwundert. Auch ich +machte große Augen.</p> + +<p>»Es ist einer von den ekelhaftesten Schmugglertricks,« fuhr der Grenzer +fort, »einen Sarg zu benutzen, um Waren zu schwärzen. Da hat man keinen +Respekt vor Leben und Tod, keinen Respekt vor dem Kreuze, das auf dem +Sarg ist. Gotteslästerlich ist das — pfui, Hollmann, Ihnen hätte ich +das nicht zugetraut. Alle drei sind meine Arrestanten!«</p> + +<p>Mir wurde übel. Als Zögling einer Königlich Preußischen Lehranstalt +hier unter so abenteuerlichen Verhältnissen verhaftet zu werden, mußte +von den traurigsten Folgen für mich sein. Auch der Hahnenwirt neben mir +zitterte.</p> + +<p>»Ich hab's nicht gewußt,« sagte er. »Ich hab' ihm geglaubt ...«</p> + +<p>Der Grenzer lachte spöttisch.</p> + +<p>»Reden Sie nicht — Sie kennen doch den Liebich — Sie werden schon +gewußt haben, daß in dem Sarge wahrscheinlich was ganz anderes steckt, +als eine Leiche.«</p> + +<p>Er trat wieder an den Sarg heran und hob die Decke.</p> + +<p>»Rühr' den Sarg nicht an,« brüllte Liebich, »oder ich vergreif' mich an +dir!«</p> + +<p>Die Augen standen ihm heraus.</p> + +<p>»Also marsch zum Amt! Da wird sich ja herausstellen, was in dem Sarg +ist. Angefaßt und vorwärts marsch!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p> + +<p>»Bei unserer alten Freundschaft —« fiel Hollmann in bittendem Tone ein.</p> + +<p>»Damit ist's aus,« entgegnete der Grenzer in barschem Tone. »'s ist +eine gotteslästerliche Schuftigkeit so was!«</p> + +<p>Ich gab ihm im stillen recht und bereute aufs bitterste, mich in den +bösen Handel eingelassen zu haben. Dicke Tränen rollten mir über die +Backen, während ich das Wägelchen mit dem Sarge schieben half und der +Grenzjäger mit der scharfgeladenen Flinte hinter uns herschritt. Mühsam +ging es einen Berg hinauf. Es hatte aufgehört zu regnen, und der späte +Mond war klar aus den Wolken getreten. Niemand sprach ein Wort; nur das +schwere Ächzen Liebichs war vernehmbar. Das Wägelchen stieß auf dem +harten Wege, und der Sarg schwankte hin und her.</p> + +<p>So erreichten wir die Anhöhe. Die Straße ging nun ziemlich steil +bergab. Und plötzlich riß uns Liebich den Wagen aus der Hand und sauste +mit dem Gefährt wie ein Rasender den Berg hinab.</p> + +<p>Ein scharfer Schuß. Wir schrien auf. Liebich brach zusammen. Das +Wäglein fuhr mit den Vorderrädern schwankend über ihn hinweg und blieb +stehen. Selbst mehr tot als lebendig rannte ich mit den anderen der +Unheilstätte zu. Wenzel und der Wirt zogen Liebich unter dem Wagen +hervor. Er war bewußtlos. Die Kugel war ihm rücklings in die linke +Schulter gedrungen.</p> + +<p>Sie legten ihn an den Wegrand.</p> + +<p>»Er hat's nich anders haben gewollt,« sagte der Grenzer.</p> + +<p>»Es ist gotteslästerlich so was!«</p> + +<p>Still war's — ganz still. Aber die Herzen hämmerten.</p> + +<p>Da trat der Hahnenwirt an das Wäglein und riß die<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> Decke herunter. Ein +brauner Sarg mit weißen Beschlägen und einem geschnitzten Kreuz wurde +sichtbar. Vier Schrauben verschlossen ihn. Mit zitternden Fingern +machte sich der Hahnenwirt daran, die Schrauben zu lösen. Der Grenzer +sah ihm erst finster zu, dann half er, und die beiden Männer hoben den +Deckel.</p> + +<p>Sie ließen ihn mit einem Schrei zur Erde sinken. In dem Sarge lag eine +tote Frau. Sie war in einem weißen Kleid, und ein blonder Kopf von +rührender Schönheit lag auf einem seidenen Kissen.</p> + +<p>»Es ist wahr gewest,« stammelte der Hahnenwirt — »es ist wahr gewest!«</p> + +<p>Der Grenzer starrte auf die Leiche, die vom Mondlicht beschienen vor +ihm lag, ein wehes Lächeln um den blühenden Mund.</p> + +<p>»Franziska!«</p> + +<p>Der Grenzer stammelte unverständliche Worte und sank plötzlich mit +einem markerschütternden Weinen neben dem Sarg nieder. Nie wieder habe +ich einen Mann so laut und weh weinen gehört</p> + +<p>Da rührte es sich am Wegrande. Liebich kam zu sich, sah wirr und wild +um sich, wußte plötzlich alles, was sich zugetragen, sah den geöffneten +Sarg und hörte den anderen schluchzen.</p> + +<p>»Geh weg — weg — du Hund — ich — ich schlage dich tot!«</p> + +<p>Er sank in die Ohnmacht zurück. Der Grenzer kniete immer noch auf der +Straße. Er preßte den Kopf an das Holz des Sarges und sprach wirre +Worte durcheinander, Worte, die um Verzeihung flehten, Gebetsworte, +zärtliche Worte innigster Liebe. Der Hahnenwirt stand mit gefalteten<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> +Händen da, unfähig, etwas zu tun, und mir jungem Burschen war das Herz +voll Furcht und Grauen.</p> + +<p>Endlich rafften wir uns zusammen, schlossen den Sarg wieder und deckten +ihn wieder zu. Was wir zuerst hätten tun müssen, darauf kamen wir +zuletzt — wir sahen endlich nach dem Verwundeten. Er erwachte und +schrie furchtbar auf, als wir den Arm an der zerschossenen Schulter +berührten.</p> + +<p>Zum Dorf war es glücklicherweise nicht weit. Wir wollten anfangs +Liebich mit auf das Wägelchen laden, aber es war zu schmal, er hatte +neben dem Sarge nicht Platz.</p> + +<p>Wenzel, der Grenzjäger, kam wieder heran. In tiefster +Niedergeschlagenheit sagte er:</p> + +<p>»Liebich, verzeih mir's, daß ich dich diesmal in falschem Verdacht +hatte.«</p> + +<p>Da kam etwas von dem alten herben Humor in Liebichs Seele zurück, und +er sagte:</p> + +<p>»Du denkst immer falsch; Du weißt nie, was los is!«</p> + +<p>Nach dem Dorfe hinunter mußten wir. Es zeigte sich, daß sich Liebich +wohl aufrichten, aber nicht allein gehen konnte. Er mußte gestützt +werden.</p> + +<p>»Stützt ihn,« sagte der Grenzer; »ich werde den Wagen ziehen.«</p> + +<p>»Geh von der Leiche weg,« befahl da Liebich; »rühr' sie nicht an!«</p> + +<p>Noch über den Tod hinaus reichte die glühende Eifersucht. Also kam es +so, daß der Hahnenwirt und ich das Wäglein zogen und Liebich, auf den +Todfeind gestützt, hinterher schwanken mußte.</p> + +<p>Es war tief in der Nacht, schon gegen Morgen hin, als<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> wir mit unserer +traurigen Last an Franziskas Heimathaus anlangten und eine alte Frau +der tot heimkehrenden Tochter unter tausend Tränen die Tür öffnete.</p> + +<p>Am übernächsten Tage wurde die Franziska auf dem heimatlichen Kirchhof +begraben. In aller Herrgottsfrühe war die Beerdigung. Liebich konnte +ihr nicht beiwohnen; er lag krank zu Bette. Der Schmerz hatte ihn aber +doch so weich gemacht, daß er sich mit seinem alten Gegner Wenzel +versöhnt hatte. Trotz dieser Aussöhnung erlaubte er aber nicht, daß +Wenzel mit der Franziska zu Grabe ging.</p> + +<p>Und der war doch dabei. Er stand auf einem Berge, von da man den +Friedhof übersehen konnte, hörte die Glocken läuten, hörte die Lieder +klingen und sah, wie auf weißen Grabtüchern etwas Liebes, Liebes in die +Tiefe sank.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Damit wäre nun eigentlich diese Erzählung aus. Aber da es sich darin +nicht bloß um die Liebesgeschichte der schönen Franziska aus dem +Böhmerland, sondern um das Leben in den Grenzhäusern überhaupt handelt, +will ich noch erzählen, wie ich in späteren Jahren zu meinem Freunde +Heinrich Hollmann, Wirt zum Roten Hahnen, zurückgekommen bin.</p> + +<p>Er blieb immer der Alte, immer der redselige, etwas großsprecherische +Mann mit der gleichen Respektlosigkeit vor allen Dingen und Personen +seiner Umgebung und dem gleichen absoluten Respekt vor seiner Frau. +Weber und kleine Bauern gingen in seinem Hahnenwirtshaus ein und aus, +und wenn ich diese wortkargen Leute mit den blauen, leeren Augen +hinter ihren Branntweingläschen<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> sitzen sah, wußte ich wohl, warum sie +schmuggelten. Beileibe nicht nur um des bißchen Erwerbes willen, wie ja +auch der Wildschütz nicht nur um eines lumpigen Talerhasens allein Ehre +und Freiheit, ja vielleicht Gesundheit und Leben in die Schanze schlägt.</p> + +<p>Ihr Herren, die ihr zu Gericht sitzet, denkt nur an die kleinen +niederen Stuben dieser Armen, an ihre eintönige, langweilige Arbeit, +die Stunde um Stunde, Jahr um Jahr, ein ganzes langes Menschenleben +dieselbe trostlose Last ist. Und denkt daran, daß auch diese Menschen +eine Seele haben, die nach Tat und Abwechselung, Freude und Gefahr +lechzt, daß auch diese Sehnsucht nach grünen Wegen der Romantik +sucht. Was tun sie? Sie schmuggeln, sie wildern wohl auch. Und in all +der langen Zeit, da sie hinter dem Webstuhl im engen Käfig sitzen, +geht ihre Phantasie auf einsamen Schleichwegen zwischen Gefahr und +lohnendem Sieg. Kommt nun einer der Ihrigen, erzählt er von irgend +einer gelungenen Tat, dann tritt Leben in die leeren Augen, dann +geht das träge Herz mal eine Stunde lang schneller, dann steigt's +in müden Leibern auf wie Trotz und Kraft. Was bietet ihnen auch der +Staat? Wieviel vom allgemeinen Erbe läßt er ihnen zukommen, und wie +groß ist die Schädigung, die sie hinwiederum ihm zufügen? Mögt Ihr es +entscheiden; ich tue es nicht.</p> + +<p>Vom Liebich-Müller erzählte mir der Hahnenwirt, daß er nicht mehr +schmuggele. Die Fahrt mit dem Sarge war sein letztes unerlaubtes +Überschreiten der österreichischen Grenze. Es machte dem Müller keinen +Spaß mehr, zu schmuggeln. Denn die Franziska war tot, vor der er den +Nebenbuhler lächerlich machen konnte. Mit dem Wenzel<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> vertrug er sich, +wenn er ihn traf. Er gab jetzt sogar zu, daß der Wenzel gewissermaßen +auch ein wenig im Rechte sei; denn wenn er, der Liebich, Grenzer wäre, +gäbe es überhaupt keine Schmuggler mehr, sondern alle säßen auf Nummer +Sicher. Da stimmte ihm dann der Hahnenwirt biedermännisch bei.</p> + +<p>Eines aber brachte dem Müller große Genugtuung. Etwa zwei Jahre nach +Franziskas Tode heiratete Wenzel ein braves Mädchen aus dem gleichen +böhmischen Dorf. Da hat Liebich, als Wenzel mit seiner Braut zur Kirche +ging, bei Franziskas Grab gestanden und hineingesagt:</p> + +<p>»Weißte, Franzel, was der Wenzel macht? Hochzeit macht a. Mit der +Nitsche Hedwig, dem albernen Ding. Da haste den Kerl! Was hab' ich dir +immer gesagt? A Windhund is a. Ohne eene Spur von Treue. Da wirst du ja +jetzt froh sein, daß du <em class="gesperrt">mich</em> genommen hast, denn ich hätte nie +eene andre als dich genommen, nie!«</p> + +<p>Liebich nahm wirklich keine zweite Frau. Er widmete sich nur mit +großer Liebe der Erziehung seines kleinen Sohnes. Über seine eigenen +Schmugglererfolge wußte der Hahnenwirt nicht viel Erfreuliches zu +berichten. Eines Abends, als Wenzel wieder einmal bei ihm eingekehrt +war, steckte er ihm ein Lindenblatt an den Hut.</p> + +<p>»Ah, gilt die alte Korrespondenz immer noch?« fragte ich.</p> + +<p>»Nu natürlich! Sie roochen doch so gerne <em class="antiqua">Regalia media</em>, und +ich hab' keene im Hause. Nu — Lindenbaum bedeutet eben <em class="antiqua">Regalia +media</em>.«</p> + +<p>Am nächsten Tage wurde wirklich vom Blauen Hahnenwirt drüben eine Kiste +<em class="antiqua">Regalia media</em> über die Grenze geschafft.</p> + +<p>Aber Hollmann war trotzdem unzufrieden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p> + +<p>»Wenzel hat meine Leute greulich oft erwischt,« sagte er +niedergeschlagen. »Ich kann sagen, es kost' mich schon a Vermögen an +Strafe. A paar von meinen Leuten haben sogar sitzen müssen. Na, das +kost' dann erst recht viel. Der Kaiser hat nich so teure Hosen an +wie su a Gebirgsweber, wenn a für unsereinen amal a Paar durchsitzen +muß. Aber geschmuggelt muß sein; denn wer hier in der Gegend nich +schmuggelt, is blödsinnig. Und geleimt wird a doch, das haben Sie ja +geseh'n, wie a geleimt wird.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es vergingen wieder viele, viele Jahre. An mich kam die Vierzig heran, +und mein Freund Hollmann hatte den Kopf voll weißer Haare, als ich ihn +wieder traf. Verändert hatte sich aber sonst in den Grenzhäusern so gut +wie nichts. Es ist mit dem Leben umgekehrt wie mit einer Drehscheibe: +im Zentrum rast es am schnellsten, an der Peripherie scheint es still +zu stehen.</p> + +<p>Ja, und doch hatte sich Neues und Großes in den Grenzhäusern ereignet. +Des Wassermüllers Sohn Wilhelm war so herangewachsen, daß er schon +seine Zeit bei den Hirschberger Jägern abgedient hatte, und der +österreichische Zollbeamte Wenzel Hollmann hatte ein Töchterlein, das +eine rechte frische Bergwaldsblume war. Es war die alte Geschichte: die +beiden Kinder liebten sich, und die beiden Väter wollten von dieser +Liebe nichts wissen, da sie ihnen ganz gegen das Herz war, wenn sie +sich auch äußerlich vertrugen. Den Müller schmerzte oft die halblahme +Schulter, die er dem Grenzer zu verdanken hatte, und dieser hatte +auch keinen Grund, mit dem Müller recht intim zu werden. So taten die +beiden Alten das Dümmste, was<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> sie junger, starker Liebe gegenüber +tun konnten: sie sperrten sich dagegen. Daß das gar keinen Zweck +hatte, ist unnötig zu erwähnen. Die Grenze hinüber und herüber wurde +schönes, goldenes Liebesgut geschmuggelt: Briefe und Küsse, Blumen und +Tränen. Und ging es gar nicht anders, so schlich der Mond, der älteste +Schmuggler der Welt, hinter Wassermüllers Wald herum, nahm tausend +Liebesgedanken als unerlaubtes Gut, stieg über die Berge, leuchtete dem +dummen Grenzer, der unten auf dem Wege stand, dreist ins Flintenrohr +und lieferte sein süßes Schmugglergut an des Töchterleins Kammerfenster +ab.</p> + +<p>Schon gut; es ging, wie es halt fast immer geht: die beiden Alten +mußten nachgeben. Und da kam ein Tag, wo in der Wassermühle ein großes, +echtes Versöhnungsfest gefeiert und alles für die bevorstehende +Hochzeit besprochen werden sollte. Gerade da war ich wieder einmal auf +eine Woche im Roten Hahnen einquartiert.</p> + +<p>Eines Nachmittags war es, da fuhr ein Glaswagen beim Hahnen vor. +Diesmal saß keine Strohpuppe darin und auch der Wenzel nicht beim +Kutscher auf dem Bock, sondern stolz und feierlich neben seinem +taufrischen Töchterlein. Gott, war das böhmische Mädel ein liebes Ding! +Und der Wenzel — der war in Zivil. Hatte einen Zylinderhut aufs Haupt +gestülpt, trug einen tadellosen Smoking und Lackschuhe mit Gamaschen. +So fesch kann nur ein Österreicher aussehen. Langsam und feierlich kam +er auf mich zu und reichte mir gerührt die Hand.</p> + +<p>»Schauns — so kommt's!« sagte er. »Aber das freut mich, daß Sie gerade +hier sind. Sie gehören ja gewissermaßen dazu.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span></p> + +<p>Er legte seinen glänzenden Zylinder auf den Tisch und fuhr plötzlich +zornig zurück.</p> + +<p>»Verflucht — wer hat mir denn an meinen Zylinderhut eine Kornblume +gesteckt? Ist das eine Frechheit!«</p> + +<p>Der Rote Hahnenwirt kam heran, beguckte kopfschüttelnd die Blume und +ging hinaus, wo er leise ein Fäßchen Wünschelburger Kornbranntwein nach +dem Blauen Hahnen in Auftrag gab.</p> + +<p>Wenzel warf die Blume grimmig auf die Erde. Dann wurde er aber wieder +feierlich und erzählte mir, als ob er sich entschuldigen müßte, +warum er nun doch seine Einwilligung zu dieser Hochzeit gäbe. Wäre +der Liebich noch ein Schmuggler — niemals, nie! Aber der sei kein +Schmuggler mehr, der sei nur noch ein alter Esel. Und so fahre er jetzt +mit der Ursula hin, und es solle ein schönes Familienfest werden. Der +Hahnenwirt und ich, wir müßten mitmachen, denn wir gehörten dazu. Der +Blaue Hahnenwirt drüben habe gerade die Gicht; sonst hätte er ihn auch +mitgebracht. Im Wagen sei Platz für uns.</p> + +<p>Hollmann, der Wirt, mußte nun Toilette machen und erschien endlich in +einem viel zu engen Gehrock, der den Globus seines Bauches nur bis zu +den Wendekreisen bedeckte. Wir nahmen mit im Wagen Platz, und die Fahrt +ging hinab nach der Wassermühle.</p> + +<p>Es ist für mich als Preußen schmerzlich zu sagen: aber mein Landsmann +Liebich empfing seinen feierlich ausstaffierten Mit-Schwiegervater in +Hemdsärmeln! Wenzel bemerkte es schon beizeiten und sagte leise zu mir:</p> + +<p>»Nu sagen's, wie konnte die Franziska an solchen Kerl nehmen, der nicht +im geringsten an Schneid hat?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p> + +<p>Das Fest selbst aber wurde sehr, sehr schön. Junge Liebe und junges +Glück zu sehen, ist freilich für den, der übers Leben schaut, eine +wehmütige Freude, aber doch eine Freude voll schweren Erinnerungsduftes +aus fernen Frühlingstagen.</p> + +<p>Liebich war sehr schweigsam. Die Verlobung wurde vollzogen, und +der Wein, den wir tranken, war alles österreichische Marke und +wahrscheinlich geschmuggelt; aber Wenzel ließ ihn sich schmecken; +denn was ging es ihn an, wenn sich preußische Grenzer über den Löffel +balbieren ließen? Ja, er trank viel und wir andern auch, und die +Stimmung wurde sehr lustig. Da erhob sich der Müller zu einer Rede.</p> + +<p>»Hier sitzen wir nu, und das is sehr schön. Daß die Franziska nich +dabei is, is freilich sehr schade. Aber ich weiß, wo die is; das weiß +ich schon durch meine lahme Achsel. Na, das is nu aber ja längst alles +vollkommen vergessen, und die Kinder, die sich heiraten werden, haben +das alles nich mit erlebt. Wozu reden wir also erst darüber? Und damit +du siehst, Wenzel, wie gut ich's mit dir meine, schenk' ich dir hier +eine echt silberne Tabaksdose, damit du immer an mich denkst, wenn du +draus schnupfst. Das Brautpaar lebe, hurra — hoch!«</p> + +<p>Aus blauem Florpapier wurde eine ganz prächtige silberne Dose enthüllt, +die Liebich erst kurz zuvor in Breslau erstanden hatte. Wenzel war +tiefgerührt. Es ärgerte ihn aber jetzt sehr, daß er kein Gegengeschenk +hatte und nun in seinem Smoking gegen den Hemdärmelmann unvorteilhaft +abstach. Als das reiche Abendbrot vorüber war und die Böhmen an die +Heimkehr dachten, befahl der Müller seinem Sohne, nun auch ihr eigenes +Wäglein zurechtzumachen;<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> sie würden die lieben Gäste heimbegleiten; +denn so ein Tag wie heut sei nicht oft.</p> + +<p>Fröhlich ging es die Berge hinauf, der Grenze zu. Wir kamen ans +österreichische Zollhaus. Ein Beamter trat heraus und fragte der Reihe +nach jeden nach Steuerbarem. Wir verneinten alle, auch Wenzel, der +Grenzer in Zivil, natürlich. Da sagte der Beamte, der (wie ich später +erfuhr) auf seinen Kollegen nicht gut zu sprechen war:</p> + +<p>»Es tut mir leid, Herr Wenzel Hollmann; aber es ist eine Anzeige +eingelaufen, Sie brächten eine neue silberne Dose über die Grenze.«</p> + +<p>Ein Schrei aus Wenzels Mund. Und schon flog ein Bündel blaues +Florpapier auf die Straße und aus dem Papier heraus flog eine neue +silberne Dose.</p> + +<p>Wir glaubten alle, nun müsse die Welt untergehen. Wenzel, der +gefürchtete Grenzer, das Muster von Gewissenhaftigkeit und +unnachsichtlicher Strenge, war beim Schmuggeln ertappt worden.</p> + +<p>Er stieg aus dem Wagen und klappte ganz zusammen. Gebrochen lehnte er +sich mit seinem schönen Anzug an das sandige Rad, der Zylinder fiel ihm +vom Kopfe.</p> + +<p>»Ich — ich — hab' — nicht drangedacht,« brachte er heiser heraus.</p> + +<p>Der Beamte zuckte die Achsel.</p> + +<p>»Es war meine Pflicht. Die Anzeige ist schriftlich gekommen.«</p> + +<p>Er hob die Dose auf.</p> + +<p>»Die muß ich natürlich konfiszieren. Bitt' schön!«</p> + +<p>Er wies mit der Hand auf die Tür des Zollhauses. Wie einen armen +Schächer, der zum Schaffot getragen werden<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> muß, schleppten der +Hahnenwirt und ich den unglücklichen Wenzel ins Amtslokal.</p> + +<p>Da mischte sich Liebich ein.</p> + +<p>»Herr Kontrolleur,« sagte er, »Sie wissen doch ganz genau, daß Herr +Wenzel Hollmann nicht im Traume daran gedacht hat, absichtlich +zu schmuggeln. Ein Beamter wie er — ich bitt' Sie! Ich habe ihn +mit dieser Dose überrascht, hab' sie ihm geschenkt, und nu hat er +eben nicht dran gedacht. Denken Sie etwa den ganzen Tag an Ihre +Schnupftabakdose?«</p> + +<p>»Es tut mir leid — die Anzeige ist schriftlich gekommen; vor dem +Gesetz sind alle gleich.«</p> + +<p>Die für Wenzel Hollmann maßlos qualvollen Formalitäten wurden +vollzogen. Er brachte kaum ein Ja oder Nein heraus. Totenblaß saß er +da. Der Müller erbot sich, alles zu zahlen, sowohl den Rückkaufspreis +für die konfiszierte Dose, wie auch die ziemlich hohe Strafsumme.</p> + +<p>Endlich konnten wir weiterfahren. Der Müllersohn setzte sich zu seinem +gänzlich gebrochenen zukünftigen Schwiegervater, und ich bestieg das +Wäglein Liebichs, der die Zügel führte. Als wir ein Stück gefahren +waren, sagte der Müller kleinlaut:</p> + +<p>»So is es! Erst macht's einem einen Heidenspaß, einen dummen Streich zu +machen, und nachher kommen die Gewissensbisse.«</p> + +<p>»Was haben Sie denn?«</p> + +<p>»Was ich hab'? Ich hab' — ich hab' nämlich die Anzeige selber ins +Zollamt geschickt.«</p> + +<p>»Sie sind wohl nicht gescheit?«</p> + +<p>»Nee, wahrscheinlich nicht! Es kommt mir jetzt so vor, als ob ich 'ne +richtige Tracht Prügel verdiente.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p> + +<p>»Aber um des Himmels willen, warum haben Sie denn das getan?«</p> + +<p>»'s hat mir eben keine Ruh gelassen, ich mußt' ihm noch 'n Streich +spielen, ich mußt' ihm noch was versetzen. Ich dachte, wenn wir erst +verwandt sind, dann is es nu doch amal auf immer vorbei mit so was, und +da hatt' ich mir das eben so schön ausgetüftelt und dachte, 's würde a +Heidenspaß sein. Ich dachte, ich schenk ihm die Dose, und wenn a nach +Hause fährt, denkt a nich an die Dose und fällt rein, weil a doch eben +am Zollamt schon geklemmt is. Ein famoser Witz, dacht' ich. Aber jetzt +— ob a etwa noch Unannehmlichkeiten bei seinen Vorgesetzten haben +wird?«</p> + +<p>»Wahrscheinlich. Sicher sogar. Eine Strafversetzung wird wohl das +Mindeste sein.«</p> + +<p>»Verdammt noch mal, bin ich ein Lausekerl!«</p> + +<p>Liebich kam in arge Gewissensnot.</p> + +<p>»Vor allen Dingen sagen Sie sonst niemand, daß Sie die Anzeige +geschickt haben, sonst wird noch das junge Glück zuschanden, und was +können die Kinder dafür?«</p> + +<p>»Nee, die können nischt dafür, daß sie solch mordsdämliche Väter haben. +Sie halten mich wohl jetzt für einen großen Esel?«</p> + +<p>Ich schwieg, und er nickte trübe vor sich hin. Schließlich versprach +ich ihm, eine ganz ausführliche Eingabe an die österreichische +zuständige Behörde aufzusetzen und darin nachzuweisen, daß es sich bei +der ganzen Angelegenheit um einen derben Schabernack gehandelt hätte, +an dessen Ausgang der seit Jahrzehnten als goldtreu erprobte Beamte +ganz unschuldig gewesen sei. Auch wolle ich versuchen, selbst bei den +maßgebenden Persönlichkeiten vorstellig zu<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> werden und den Sachverhalt +aufzuklären. Liebich meinte, wenn ich das täte, würde er es mir sein +Leben lang nicht vergessen; denn die Reue über die elende Geschichte +nehme ihm reinweg den Atem.</p> + +<p>Und so ist es gekommen. Die Eingabe und der Besuch taten ihre Wirkung. +Wenzel erhielt eine Vorladung und kam mit einer sanften Nase davon. Als +Liebich den guten Ausgang erfuhr, kicherte er in tiefstem Vergnügen und +sagte zu mir:</p> + +<p>»Ich freu' mich jetzt doch riesig, daß ich mir den schönen Spaß gemacht +habe.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Einer aber aus der edlen Grenzhäuser-Kumpanei erfuhr noch einen großen +Schmerz, und das war mein Freund, der Hahnenwirt.</p> + +<p>Wieder einmal war Wenzel bei ihm eingekehrt und hatte seine Dienstkappe +auf den Tisch gelegt. Da beschloß der Hahnenwirt seine übliche +Bestellung beim »Blauen« drüben zu machen und steckte wie spielend +ein Lindenblatt an die Mütze. Wenzel sah das, nahm das Blatt und +zerpflückte es langsam.</p> + +<p>»Warum zerpflückst du denn das hübsche Blättel?« fragte der Wirt +verwundert.</p> + +<p>Da sah ihn der Hollmann an und sagte langsam:</p> + +<p>»'s hat kan Zweck — der ›Blaue‹ drüben hat jetzt selber kane +<em class="antiqua">Regalia media</em>.«</p> + +<p>Wie entgeistert saß der Hahnenwirt vor ihm.</p> + +<p>»Was — was meinst du denn damit?« stotterte er.</p> + +<p>»Ich meine,« sagte der Grenzer gemütlich, »daß du mich seit mehr als +zwanzig Jahren für einen dummen Kerl<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> hältst, der Euch die Bestellungen +hinüber und herüber schafft. Und ich meine, daß ich das seit zwanzig +Jahren gewußt hab'. Hatt' ich aber ein Sträußerl an der Mütze, da wußt' +ich: halt, heute is was los. Na, und hab' ich ja auch genug von Euren +Leuten erwischt.«</p> + +<p>Das Gesicht meines Freundes Hollmann spiegelte ins Gelbgrüne. Mit +schwerem Vorwurf gegen mich sagte er: »Und einem solchen Kerl haben Sie +aus der Patsche geholfen!«</p> + +<hr class="r65"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p> +<h2>Der Ausflug<br> +<span class="s6">Eine Skizze aus meiner Dorfschullehrerzeit</span></h2> +</div> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-079"> +<img class="w100" src="images/drop-079.jpg" alt=""></figure>ch bin +einmal acht Monate lang Dorfschullehrer gewesen, und daß ich +es gleich sage: diese stillen, einförmigen acht Monate stehen immer +noch frisch im Felde meiner Erinnerung, während vieles andere nachher, +was nach Meinung der Welt größer und bunter war, ausgelöscht ist ... +verweht ... verloren. + +<p>Wenn die jungen Männer nach der ersten Lehrerprüfung das Seminar +verlassen, kriegt irgendein Regierungsrat die Liste, und aus ihr greift +er einen beliebigen Kandidaten heraus, wenn irgendwo eine Stelle zu +besetzen ist. Ohne Wahl zuckt der Strahl! Ich kam unter allen meinen +Kursusgenossen in das allereinsamste, weltverlorenste Dörflein. Es lag +ganz im Flachlande; nur aus dämmernder Ferne her schimmerten die blauen +Schlesierberge, die ich aus meiner Kindheit her kannte und liebte. +Rings ums Dorf fette Felder und Wiesen, aber ohne alle Romantik, nur +ein wenig Ufergebüsch war am Bach. Die Bauern waren fromme, stille +Leute, ohne die Laune und den Schalk, den die Gebirgler haben. Es war +ein wohlgeordnetes Bauerndorf. Wochentags Arbeit von Sonnenaufgang bis +zur herandämmernden Nacht; Sonntag Vormittag waren alle Bewohner ohne +auch nur eine einzige Ausnahme in der Kirche, Sonntag Nachmittag alle +Männer in der Schenke (auch ohne eine allereinzige Ausnahme). Wenn die +Abendglocke erklang, flogen alle Kartenblätter hin, und alle Hände +falteten sich; wenn der letzte Ton eben verstummte, donnerten alle +höchsten Trümpfe auf die Tische.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span></p> + +<p>»Und ich da mitten still und stumm!« Da sagten die Bauern: Er hat +wahrscheinlich die Schwindsucht. Schade um ihn!</p> + +<p>Das sagte sich auch meine kreuzbrave Frau Hauptlehrerin, und sie +pflegte und fütterte mich deshalb mit rührender Sorgfalt. Ihr ebenso +braver Gatte erklärte mich aber für kerngesund und gab mir von seinen +besten Zigarren. Dieser Hauptlehrer war ein munterer Geist, eigentlich +auch ein Verschlagener. Der Mann war auf sieben Blätter abonniert, +das waren die sieben fetten Kühe für ihn und mich am Nilfluß dieser +Einsamkeit.</p> + +<p>Das Dorf lag über zwei deutsche Meilen von der Kreisstadt entfernt. +Diese Kreisstadt war ja selbst klein und ohne reges Leben. Sie zählt +etwa siebentausend Bewohner. Aber es war doch eine Stadt. Es gab sogar +Soldaten dort und einen Bahnhof, auf dem allerdings die Schnellzüge +nicht hielten, es war vor allen Dingen dort der breite, tiefe Oderfluß. +Gegen unser Dorf war diese Stadt ein tumultuarisches Großgemeindewesen +voll Glanz, Abwechslung, Sehenswürdigkeiten, Vergnügungen und Gefahren. +Man wisperte bei uns von dieser Stadt, wie man anderwärts von Berlin +oder Hamburg wispert.</p> + +<p>Unsere Dorfleute kamen fast niemals nach der Kreisstadt. Es war »zu +weit«. Selbst für die reichen Bauern, die sechs Pferde im Stall hatten +und die einen Glaswagen besaßen, war es »zu weit«. Wer einem Bauern +eine Spazierfahrt zumutet, wenn es nicht gerade ganz offiziellen +Lustbarkeiten gilt, wie: Hochzeit, Kindtaufen, Begräbnis oder +Gerichtstermin, der täuscht sich. Nur bei solchen Anlässen »spannt der +Bauer ein«, sonst nicht.<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> Wie sollten die Leute nach der Kreisstadt +oder gar darüber hinaus kommen? Es war noch ein näher gelegener +Marktflecken da; der hatte zwar keine Eisenbahn, und die Bürger +sprangen dort auf die Straße, wenn ein so modernes Wunder durchkam, wie +es ein Radler ist, aber unsere Leute konnten in diesem Marktflecken +alles kaufen, was zum Leben gehörte und was sie nicht unmittelbar +selbst aus Landwirtschaft und Viehzucht beziehen konnten. Was sollten +sie in der Kreisstadt? Wie sollten sie dahin gelangen? Zu Fuß gehen, +drei Stunden hin, drei Stunden her, für nichts und wider nichts, als +dort Geld auszugeben und sich vielleicht hänseln lassen? Nein! Sie +brauchten die Kreisstadt nicht! Sie brauchten die Welt nicht! Sie waren +sich selbst genug, sie waren die unabhängigsten Leute, die ich in +meinem Leben kennen gelernt habe.</p> + +<p>Manchmal kam mir das Große solch wurzelstarken, selbstsicheren Lebens +schon damals zum Bewußtsein; aber ich war blutjung, eben zwanzig Jahre +alt, ich kam aus der Großstadt Breslau, wo meine Studiengenossen +Heilgans und Böttger und ich es unter unserer Würde gehalten hätten, +in der »Freistunde« von was anderem zu reden, als von Alvary als +Siegfried, von Possart als Richard III., von d'Andrade als Don +Juan, ich kam von Breslau, wo schon damals (<em class="antiqua">anno</em> 1893) die +Pferdebahnen rasselten und die Droschkenkutscher lackierte Zylinder +hatten.</p> + +<p>Oh, und ein Mensch, der den Wagner- und den Shakespearestil inne +hatte, mußte nun abends vor diesem Schulhaus sitzen und zusehen, wie +unser Dackel, der von meinem Hauptlehrer auf den Namen des englischen<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> +Staatsmannes »Pitt« getauft war, der schnurrbärtigen Therese, +einer alten Schachtel, den Rock zerriß und wie der Hauptlehrer die +Geschädigte mit den Worten beschwichtigte: »Pitt, der Kerl, kann eben +wirklich kein hübsches, junges Mädel vorbeigehen lassen.«</p> + +<p>»<em class="antiqua">In minimis natura maxima</em>« hatte auch mich der alte, große Linné +gelehrt; aber ich wußte das damals nicht aufs Leben anzuwenden — ich +war zu jung, ich hatte Heimweh nach der Welt. Ich sah nach den Bergen, +über die Berge hinaus in die große bunte Weite ...</p> + +<p>Ein Junge zeigte in der Schulpause einem Mädel einen alten Kalender, +und sagte: »Siehst du, so sieht eine Eisenbahn aus!« Ich besah das +Bild. Es war eine Darstellung der ersten Eisenbahn, die im Jahre +1835 von Fürth nach Nürnberg fuhr, mit der bekannten Stephensonschen +Lokomotive mit dem hohen Schornstein und den Wagen, die wie mit Planen +überspannte Reisekutschen aussahen.</p> + +<p>»Habt ihr wirklich noch keine richtige Eisenbahn gesehen?« fragte +ich. Aus den erstaunten Augen der Kinder las ich das Überflüssige +meiner Frage. Am Abend jenes Tages sagte ich zu meinem Hauptlehrer: +»Wir wollen etwas tun. Wir wollen mit den Schulkindern einen Ausflug +unternehmen, aber nicht nur bis zur Kreisstadt, nein, bis nach Breslau; +wir wollen ihnen die Oder zeigen, die Eisenbahn und eine große Stadt.«</p> + +<p>Er war ein kluger Mann und sagte: »Ja.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Einfach war die Sache durchaus nicht. Auch wenn wir von allen inneren +Widerständen, die wir in der Gemeinde gegen solch ein Abenteuer finden +mußten, absahen,<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> machte uns der »Fahrplan« viel Schmerzen. Unser Dorf +lag von Breslau in der Luftlinie etwa vierzig Kilometer entfernt, +aber wir durften für den Ausflug nur einen Tag in Anspruch nehmen und +verzweifelten an der Aufgabe, an einem Tage vierzig Kilometer hin und +her zu machen und noch einige Stunden Zwischenpause herauszubringen. +Endlich gelang es. Wenn wir morgens früh zwei Uhr mit der ganzen +Schar aufbrachen, konnten wir abends zwischen zehn und elf, also nach +zwanzigstündiger Reise zurück sein und behielten noch einige Stunden +für die Besichtigung von Breslau. Die »Verbindung« war nicht glänzend; +heute fährt man in derselben Zeit von Berlin bis nach Serbien.</p> + +<p>Der Pfarrer, der Ortsschulinspektor war, stand unserem Plan freundlich +gegenüber; er sagte, er möchte sich selbst gern beteiligen, wolle aber +die Messe nicht ausfallen lassen. Schließlich vermeldete er am nächsten +Sonntag von der Kanzel: »Eines Schülerausflugs wegen ist die heilige +Messe nächsten Dienstag nachts ein Uhr.« Die Gemeinde horchte auf, und +die ganze beträchtliche Oppositionspartei, die sich inzwischen gegen +den Ausflug gebildet hatte, löste sich schon in den Kirchenbänken +stillschweigend auf.</p> + +<p>Der, dem's am meisten zu Herzen ging, war der Schneider Dierschke. Ich +sah ihn auf seinem Platz sitzen und in tiefer Betrübnis den grauen Kopf +schütteln. Nach dem Gottesdienst machte ich mich im Kirchgängerstrom an +Dierschke heran.</p> + +<p>»Nu, Meister Dierschke, Sie werden doch ihren Enkelsohn auch mit fahren +lassen?«</p> + +<p>Er schüttelte unwillig den Kopf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p> + +<p>»Wilhelm fährt nicht mit.«</p> + +<p>»Warum denn nicht?«</p> + +<p>»Es hat keinen Zweck. Ich bin siebzig Jahre alt; ich bin bloß einmal +im Leben in die Stadt gekommen. Da habe ich eine Eisenbahn gesehen. Es +saßen vier Männer oben drauf, aber sie hatte sechsundfünfzig Wagen. +Weiter bin ich nicht gekommen. Ich bin siebzig Jahre alt, der Junge ist +erst elf Jahre. Er kann noch lange warten.«</p> + +<p>»Fahren Sie doch selber auch mit. Es fahren viele Eltern mit.«</p> + +<p>»Ich werd' mich schön hüten.«</p> + +<p>»Aber warum denn?«</p> + +<p>»Das da, da außen, das ist alles bloß Gaukelei.«</p> + +<p>Nun schwoll mir aber das Herz. Die »Kulturmission« überkam mich, +diesem Hinterwäldler, der im Leben nur einen Güterzug gesehen hatte, +ganz gehörig den Text zu lesen, ihm sein eigenes Leben so erbärmlich +wie möglich hinzustellen und die Fremde zu preisen, die er mit ihren +milliardengestaltigen Schönheiten und Reichtümern nicht kannte und +darum haßte. Er bilde sich ein, ein sehr guter Großvater zu sein, aber +er sei ein sehr schlechter; denn er verwehre seinem Enkel den Einblick +in eine Welt, wo dieser einmal ein viel besseres Fortkommen finden +könne als in diesem entlegenen Dorf.</p> + +<p>Dierschke hatte verschiedene Male meinen Redestrom unterbrechen wollen, +aber es gelang ihm nicht; ich sprach ... ich sprach ... nun etwa im +Stile Possarts als Richard III.</p> + +<p>Am Schluß lachte der Schneider, und ich ärgerte mich schwer über diese +Wirkung meiner rednerischen Leistung. Nach einem Weilchen aber lächelte +Dierschke und sagte:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p> + +<p>»Herr Lehrer, ich werd' Ihnen was sagen: Wir waren drei Brüder, alle +drei Schneider. Der Vater war Schneider, was sollten wir anders werden? +Zwei von meinen Brüdern sind in die Welt gegangen. Einer ist ein Lump +geworden, der andere hat in Breslau ein schönes Schneidergeschäft +gehabt; das ist so lange schön gewesen, bis sein Erspartes weg war und +mein Erspartes, was ich ihm geborgt hatte, auch. Und nun bin ich alt, +und meine Frau ist tot, und meine einzige Tochter ist auch tot, und ich +hab' nur noch den Wilhelm. Der soll zu Hause bleiben.«</p> + +<p>Da verstummte meine weltmännische Beredsamkeit.</p> + +<p>»Nun, Meister Dierschke,« sagte ich, »es zwingt Sie ja natürlich +niemand; aber ich hätt' halt den Wilhelm gern mitgehabt, weil ich ihm +gut bin.«</p> + +<p>»Ich weiß schon, Herr Lehrer,« nickte der Schneider freundlich.</p> + +<p>Da kam der Bauer Puder vorbei.</p> + +<p>»Schneider,« sagte er, »ich laß meinen Jungen auch nicht mit; ich denk' +gar nicht dran! Solche Faxen machen wir nicht mit!«</p> + +<p>Der Bauer Puder vertrug sich fast mit niemanden aus der Gemeinde, +natürlich auch nicht mit der Schule. Der handelte aus purer +Widerspruchslust, und seine Worte gingen an mir vorbei.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Draußen lag die warme, dunkle Sommernacht, aber in der Kirche war es, +als sei Christnachtsfeier. Die Altarkerzen leuchteten in den dunklen +Raum, große Schatten stiegen an den Wänden hinauf, hie und da war ein +goldenes<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> oder silbernes Aufblinken von einem Leuchter oder einer +Figur; die Kirche war bis zum letzten Platz gefüllt, vor jedem Beter +stand ein Wachsstöcklein, das mit zarter gelber Flamme leuchtete, +oben auf dem Orgelchor sangen die Schulkinder; zu zweien oder dreien +standen sie um ein Lichtstümpflein zusammen, die jungen Gesichter +waren rot beleuchtet, die alten frommen Lieder klangen, diesmal mit +ein wenig aufgeregten Stimmen, und ich saß auf der Orgelbank und war +nicht weniger erregt als die Kinder. — Das ist ein Bild, das in meiner +Erinnerung blieb und mir auch heute noch den Gedanken nahelegt: mit +Künstleraugen gesehen, gibt es kaum einen lieberen Beruf als den eines +Dorfschullehrers; er ist sehr arm an äußeren Genüssen, aber unendlich +reich an inneren Freuden, und die Freude steht so hoch über dem Genuß +wie das Gold über dem Kupfer; jede reine Freude, die du genossen, +ist wie ein goldener Schmuck, den du erworben, bleibt unveränderlich +und unvergänglich im Wert, setzt keinen Grünspan giftiger Reue an +und rettet in armen Tagen vor bitterster Not. Wie ich als junger +Mann da so die Orgel spielte in dem nächtlichen Gottesdienst und die +frischen Kinder, die einem großen Augenblick, dem Einblick in die +Welt, entgegensahen, singen hörte, dachte ich: solche Freuden, solche +Schmuckstücke will ich mir sammeln. Vielleicht, daß ich in Kriegszeiten +des Lebens manches von ihnen unter die Ackerfurche des Daseins +vergraben muß — aber ich weiß, wo alles liegt, und grabe aus, was ich +brauche.</p> + +<p>Die Orgel verstummte, die Lichter wurden eilig ausgepustet, die +Kinderschar drängte die Chortreppe hinab; draußen auf der Straße, +zwischen Kirche und Schule,<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> warteten die mit Reisern geschmückten +Leiterwagen, die uns nach der Kreisstadt, bis an den Oderfluß bringen +sollten. Wir hatten nämlich — großzügig, wie wir nun mal waren — +mit einem Dampfschiff ein Abkommen getroffen, nach dem uns dieses um +viereinhalb Uhr verladen und auf dem Wasserwege nach Breslau befördern +wollte. Nun sagte der Schulze: um viereinhalb in der Kreisstadt sein, +das bedeute, spätestens um zwei Uhr zu Hause wegfahren; denn sechzehn +Kilometer in zweieinhalb Stunden zurückzulegen, sei keine Kleinigkeit. +—</p> + +<p>Wer diese Rosse vor den Leiterwagen auf der nächtlichen Landstraße +stehen sah, gab dem Schulzen ohne weiteres Recht. Denn diese Rosse +rechneten so: wenn man einen Pflug zieht, braucht man zu einer Furche, +die hundert Schritt lang ist, fünf Minuten. Nun kann man ja einen Wagen +etwas schneller ziehen, aber wie kommt diese verrückte Gesellschaft +überhaupt dazu, uns jetzt aus dem Stall zu zerren, wo wir doch gar +noch nicht ausgeschlafen haben? Die Rosse waren wie der Bauer Puder, +sie waren nicht für solche »Faxen«. Als aber die Kinder mit einem +ungeheuren Lärm auf die Wagen drängten, spitzten sie die Ohren, und +Lehmanns Schimmel schüttelte wild die Mähne, worauf Lehmann dringend +mahnte, »ganz stille« zu sein; denn sein Schimmel sei ein junges +feuriges Tier, das ginge leicht durch.</p> + +<p>Gerade als wir abfahren wollten, kam der Schneider Dierschke an mich +heran. Er brachte seinen Enkelsohn und sagte:</p> + +<p>»Der Wilhelm soll doch mitfahren.«</p> + +<p>»Es ist recht, Meister. Wir passen schon auf ihn auf. Aber wollen Sie +nicht selbst mitfahren?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p> + +<p>Sein altes kluges Auge glimmte auf.</p> + +<p>»Es mag schon sehr schön sein,« sagte er; »aber ich will doch zu Hause +bleiben.«</p> + +<p>Und er sah seinen Enkel noch einmal stumm, aber mit liebender Sorge an, +als ob er ihn auf eine unendlich weite Reise schicke, und ging seiner +Wege.</p> + +<p>Fort ging die Fahrt zum Dorf hinaus. Die Kinder saßen ganz stumm. +Schon gleich hinter der Dorftafel spähten sie mit großen Augen, ob +etwas Neues zu sehen sei. Es waren aber die alten, bekannten Felder +und Wiesen, umhüllt von den Schleiern der dunklen Nacht. Ein frischer +Morgenwind blies von Osten her, es war ganz still, nur die Wagen +knarrten den Weg entlang.</p> + +<p>Eine Stunde verging, ein fremdes Dorf tauchte auf. Was mag das sein? +wisperten die Kinder. Einer nannte den Namen. Nun waren alle in großer +Erwartung. Ach, es war ein Dorf wie das unsere, aber es wurde sehr +bewundert.</p> + +<p>Auf der Dorfstraße stand der Nachtwächter, sichtlich ein Bild krassen +Erstaunens. Wie ein Hexenspuk fuhren die buntgeschmückten Wagen an +ihm vorbei. Ich saß auf dem letzten Wagen, und als ich an dem Wächter +vorbeikam, brachte er heraus:</p> + +<p>»Was .. was .. ist das? Wo fahrt Ihr hin?«</p> + +<p>»Wir fahren ins Morgenland,« rief ich ihm zu.</p> + +<p>»Ins Morgenland!« schrie er und streckte fassungslos den Spieß in die +Luft. Der gute Mann hatte noch eine Stunde Dienst und hat gewiß in +dieser Nacht nicht mehr einschlafen können.</p> + +<p>Die Sonne kündigte sich an. Schon wehten ihre königlichen<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Purpurfahnen +am Himmelstor. Da sangen die Kinder das freundliche Geibellied:</p> + +<p class="center">»<em class="gesperrt">Wer recht in Freuden wandern will,<br> +der geh' der Sonn entgegen.</em>«</p> + +<p>Zwischendurch merkte ich, daß die meisten Kinder ihre Proviantpakete +ausgepackt und schon in der ersten Reisestunde den größten Teil der +Vorräte verputzt hatten. Wenn ein gesunder Mensch aufgeregt ist, fängt +er an zu essen, und diese Kinder waren aufgeregt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wir gingen zu Fuß durch die morgendlich beleuchteten Straßen der +kleinen Stadt. Die Kinder bestaunten die hohen Häuser und tauschten +Vermutungen, daß in ihnen lauter Millionäre wohnten. Beim ersten +Uhrmacherladen kamen wir nicht vorbei, die ganze Klasse machte vor +dem Schaufenster Halt, drängte sich und reckte die Hälse, starrte +in ein Wunderland von Reichtum. Beim Bäckerladen kam einer auf den +Gedanken, sich ein Stück Kuchen zu kaufen, was zur Folge hatte, +daß die ganze Herde ihm nachlief und der Bäcker seinen Laden wegen +zu großen Andranges des Publikums zeitweilig schließen mußte. Er +dienerte dann auch noch lange mit seinem dicken Bauch hinter uns her. +Dieselbe Szene wiederholte sich vor einer Wurstmacherei, die aus +irgend einem Grunde schon geöffnet war, und es schmerzte mich, daß +die Kinder sich so viel mehr für materielle Genüsse begeisterten, als +für einen prächtigen alten Straßenwinkel, auf den ich ganz vergebens +aufmerksam machte. Streuselkuchen und Knoblauchwurst, welch ein Genuß +für lebenshungriges Volk! Von<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> wertvollen Baulichkeiten machte nur +der Kirchturm wegen seiner Höhe und ein Springbrunnen wegen einiger +komischer Figuren Eindruck, alles Alte kam den Naturkindern schäbig +und wertlos vor; dagegen riefen einige kitschige moderne Villen einen +gewaltigen Eindruck hervor. Und der Oderstrom! Ein paar riefen Ah! und +Oh!, als sie ihn sahen, den meisten merkte man eine leise Enttäuschung +an — sie hatten sich ihn größer vorgestellt. Unübersehbar breit und +unergründlich tief, schäumend und zischend, von tausend Schiffen +belebt. O, die Wirklichkeit hat Mühe, der Phantasie von Dorfkindern +gerecht zu werden. Als aber der kleine Oderdampfer kam, der uns +aufnehmen sollte, kannte die Verwunderung keine Grenzen. Dem wirklich +Großen kommt naives Volk nicht nahe, das Kleine, das es versteht und +für groß hält, ist es, was ihm dient.</p> + +<p>Dieser Dampfer war ein merkwürdiges Schiff. Er machte mit seinem +Triebrad einen Mordslärm, er dampfte, tutete, klingelte, ratterte, +rasselte mit Ketten, stampfte, er fuhr angeblich sogar, aber er kam +nicht vorwärts. Ob er das auch nicht beabsichtigte, weiß ich nicht, +aber es wäre gegen die Verabredung gewesen, da wir doch nach Breslau +wollten. Jedenfalls torkelte dieses Schiff immer von einem Ufer zum +anderen, immer hinüber und herüber, und ein Mann, welcher als der +Kapitän des Schiffes galt, erklärte uns, es seien so viele Haltestellen +da. Anfangs glaubte ich dem Schiffer nicht, aber nach einer Stunde +sah ich ein, daß wir uns tatsächlich vorwärts bewegt hatten — +wahrscheinlich durch die Flußströmung — denn die Türme der Kreisstadt +waren nicht mehr zu sehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p> + +<p>Bei so mäßiger Schiffsbewegung ist es verwunderlich, daß ein paar +Kinder seekrank wurden. Streuselkuchen, Knoblauchwurst und nun auf dem +Dampfer eine Himbeerlimonade nach der anderen — es war schlimm! Der +Kapitän schüttelte den Kopf und sagte, sein Schiff »schlingere nicht«. +Ich hätte auch wissen mögen, wie es das fertig gebracht hätte.</p> + +<p>Zu sehen war nicht viel Neues. Felder und Wiesen wie daheim. Nur wenn +einmal ein Stück schöner Eichenwald auftauchte, wurden die Kinder +still und nachdenklich. Und als sie Flößer sahen, die auf ihrem +luftigen Fahrzeug eine kleine Strohhütte hatten und davor ein offenes +Feuerchen brannten, schrien die Jungen: »Indianer! Indianer!« Einer +von den Slowaken, die da von ihrer Beskidenheimat den langen Oderstrom +hinunterfuhren gen Stettin, trat an den Rand des Floßes und rief ein +paar polnische Worte herüber.</p> + +<p>»Ein Seeräuber!« sagte ein Junge.</p> + +<p>Ein »guter« Lehrer hätte wohl nun augenblicklich einen lehrreichen +Vortrag über die Flößerei gehalten, über den Holzhandel vom +karpatischen Waldgebirge nach der Ostsee hin, aber die Kinder sahen mit +so großen Augen nach den vermeintlichen Indianern und dem Seeräuber, +daß ich lieber ein schlechter Lehrer war und schwieg, bis das Floß +mit dem Strohhäuslein und dem flackernden Feuerchen den staunenden +Kinderaugen entschwand.</p> + +<p>Einer mied beständig meine Nähe. Das war Wilhelm Dierschke. Da merkte +ich auch die Ursache; er war barfuß. »Junge«, sagte ich, »wo hast +du denn deine Stiefel? Du kannst doch nicht wie ein Gänserich durch +Breslau latschen!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span></p> + +<p>»Im Sommer drücken mich die Stiefel,« entgegnete Wilhelm, »da hab' ich +sie heute früh ausgezogen und an der Oder versteckt.«</p> + +<p>»Wo hast du sie versteckt?«</p> + +<p>»An der Oder in einen Strauch, ehe wir eingestiegen sind.«</p> + +<p>»Und wenn sie jemand sieht und stiehlt?«</p> + +<p>Seine Augen zogen Wasser.</p> + +<p>»Sie kosten elf Mark,« sagte er voller Angst, »und drei Mark ist der +Großvater beim Schuster noch schuldig.«</p> + +<p>Die Stiefel waren so gut wie verloren. Da wir die Rückfahrt mit der +Bahn machten, kamen wir gar nicht mehr an die Oder. Und das mußte +gerade dem Enkel des Weltverächters Dierschke passieren. Aber ich +tröstete den Jungen. Mitreisende wohlhabende Bauern steckten mir so +viel Geld für die Kinder zu, daß ich, um nicht alle seekrank zu machen, +auf Überschüsse sinnen mußte, die ja schließlich dem Stiefelverlust +gegenüber zu verwenden waren.</p> + +<p>Wie es möglich war, weiß ich nicht, aber wir kamen richtig nach Breslau +und zwar noch am Vormittag desselben Tages, an dem wir früh 2 Uhr +abgefahren waren.</p> + +<p>»Es sind vier Meilen,« sagte der Kapitän mit Wichtigkeit, und die +Kinder horchten auf und dachten nach, wie weit sie nun von Zuhause +entfernt seien. Am Zoologischen Garten landeten wir.</p> + +<p>Für Kinder gibt es in Zoologischen Gärten nur fünf Arten von Tieren, +die wirkliches Interesse bieten: erstens die Affen, zweitens der +Elefant, drittens die Bären, viertens das Nilpferd, fünftens der Löwe. +Alles andere<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> und seien es auch die größten Seltsamkeiten, wird nur +nebenher mit halbem Auge betrachtet. Wir standen an jenem Tage volle +drei Viertelstunden vor dem Affenhause. Das Vergnügen endete mit einem +groben Scherz. Ein Bauer neckte einen Affen dadurch, daß er ihm statt +eines Stückes Zucker ein Stück Kreide gab. Als nun der Bauer demselben +Affen ein rohes Ei durchs Gitter reichte, warf es ihm das erboste +Tier, in der Meinung abermals gefoppt zu sein, an den Kopf. Dieses +Attentat löste sowohl bei den Affen als auch bei den Kindern ungeheure +Heiterkeit aus; der übel zugerichtete Bauer aber knurrte, er mache +nicht mehr mit, und verließ uns.</p> + +<p>Von Käfig zu Käfig ging es. Manchmal hörten die Kinder auf meine +Erklärung, aber nur, wenn sie ein wenig romantisch oder anekdotenhaft, +nie, wenn sie lehrhaft trocken war. Immer langsamer lief der Zug, +die erste Müdigkeit stellte sich ein. In einem Wirtsgarten, wo wir +einkehrten, stürzten sich die Kinder wieder auf die materiellen +Genüsse, aber sie naschten mehr, als sie aßen. Einige saßen ganz still +auf ihren Stühlen, nutschten an grellfarbenen Zuckerstangen und sahen +stumm vor sich hin, und ein alter Bauer seufzte tief auf und sagte:</p> + +<p>»Wie wird nur jetzt alles zu Hause sein?«</p> + +<p>Ich glaube, der Alte hatte eine Anwandlung von Heimweh, er sehnte sich +von den fremden Tieren weg nach dem heimischen Stall. Und ich sagte zu +ihm:</p> + +<p>»Sehen Sie, Vater Schulz, der Löwe, der uns so verachtungsvoll +angesehen hat, der denkt auch an seine Heimat. Er denkt an das +Felsengebirge in der Wüste, von dem herab seine Eltern nach Beute +schauten; er hat nichts vergessen; er hat es im Instinkt; er denkt +immer: Wie<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> mag nur jetzt alles zu Hause sein? Und er ist in fremdem +Lande eingesperrt bis an sein Ende.«</p> + +<p>»Es kann einem eigentlich leid tun um die Tiere,« sagte der Alte.</p> + +<p>»Ja,« sagte ich, »mir tut es auch leid. Es ist unendlich viel Qual, +ungestillte heiße Sehnsucht nach Heimat und Freiheit in solch einem +Garten. Man sagt, sie seien der Wissenschaft halber da; aber das ist +nicht wahr, sie sind nur der Schaulust, der plumpen Unterhaltungslust +wegen geschaffen.«</p> + +<p>So setzte ich mich selbst ins Unrecht. Aber ich konnte nicht anders; +ich hatte wieder zu viel Trübsinn aus der Tierseele leuchten sehen, und +ich sagte es ja auch nur zu Vater Schulz.</p> + +<p>Das Siegesgewisse meiner Laune sank überhaupt merklich. Was konnte +ich den Kindern von der großen Stadt zeigen, wieviel Einblick +ihnen gewähren in einen solchen Riesenorganismus? Straßenverkehr, +Straßenlärm, ein Vorbeigehen an glitzernden Schauläden, ein kurzes +Verweilen am Stadtgraben, wo die Schwäne schwammen, das war eigentlich +alles. Zweiundachtzig weltfremde, ungeschickte Kinder im Gewühl der +Großstadt zusammenzuhalten, war wahrlich keine Kleinigkeit für uns, +die wir die Verantwortung hatten. Die Kinder gingen ängstlich und +gänzlich stumm vor Staunen durch die Stadt. Nur hin und wieder war es +möglich, ihnen eine Erklärung zuzurufen; aber ihre Gesichter waren +so unbeweglich, daß man nicht wissen konnte, ob sie etwas besonders +interessiere oder nicht. Soldaten marschierten vorbei, das war das +Schönste. Wenn ich aber den Kindern sagte: hier ist das Rathaus, +eines der schönsten Gebäude der Welt, so<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> verstanden sie nicht, warum +dies alte Haus so schön sein sollte, und wenn ich sagte, das ist das +Theater, wußten sie nicht, was das sei. Die Schauläden zogen wie +Kaleidoskopbilder schnell vorüber; denn wir durften ja nicht stehen +bleiben, und so entschieden sich die Kinder später bei der Beantwortung +der Frage, was auf der Hauptstraße von Breslau am schönsten gewesen +sei, zur Hälfte für die Soldaten, zur anderen Hälfte für einen Mann, +der bunte Gummiballons zu verkaufen gehabt hatte.</p> + +<p>So durften wir ja nicht nach Hause fahren! Ich führte die Kinder +truppweise auf den Aussichtsturm der Liebichshöhe, von der man das +Häusermeer Breslaus überschauen kann. Da wurde den Kindern die Größe +einer solchen Stadt klar. Sie rissen die Augen auf und atmeten +schwerer. Aber es war doch eben nur ein totes Häusermeer, was sie +sahen, und es hätte gar keinen Zweck gehabt, ihnen ein Dutzend Namen +von Kirchen und anderen Baulichkeiten zu nennen. So fing ich an zu +reden: »Seht ihr dort draußen das große Gebäude? Es ist eine Fabrik. +Zweitausend Menschen arbeiten jetzt darin im Schweiße ihres Angesichts. +Das erscheint euch viel. Aber seht euch diese unzähligen Dächer an. +Unter fast allen wird gearbeitet von hunderttausenden von Menschen. +Dort oder dort stirbt vielleicht jetzt gerade ein Mensch; denn alle +Tage sterben in einer solchen Stadt viele Menschen; da oder dort +freut sich gerade eine Mutter, daß sie ein neues Kind bekommen hat; +dort steht ein großes Krankenhaus, hunderte von Menschen leiden darin +Schmerzen; von dorther tönt Musik, da freuen sich lustige Leute. Und +seht, wie die Lastwagen fahren, jeder nach seinem Ziel, jeder mit<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> +einem bestimmten Zweck, und wie die Leute unten auf der Straße wimmeln, +jeder mit anderen Gedanken, jeder mit anderem Zweck und Ziel. Das weite +Land, das ihr seht, versorgt die Stadt täglich mit Mehl und Fleisch, +Obst und Gemüse, und die Stadt schickt hinaus Geräte und Kleider und +Möbel und Uhren. Und dort fährt die Eisenbahn.«</p> + +<p>Da starrten die Augen.</p> + +<p>»Wo fährt sie hin?«</p> + +<p>»Sie fährt wohl nach Berlin; aber mancher, der drin sitzt, reist weiter +bis an den Rhein oder gar hinüber nach Amerika und kommt niemals +wieder. Da fährt er hin, und da drüben ist der Bahnhof, und da steht +jetzt noch eine Frau, die hat das Taschentuch vor den Augen und weint.«</p> + +<p>»Es ist viel in der Stadt,« sagte ein Kind.</p> + +<p>»Seht ihr das rote Haus dort? Das ist das Gefängnis. Da sitzen +unglückliche Menschen, die das Gesetz nicht achteten, und zählen die +Tage, bis sie wieder einmal frei unter anständigen Leuten gehen können. +Dort ist der Dom, daneben wohnt der Fürstbischof; in jenem Hause wohnt +der oberste General.«</p> + +<p>»Und wo wohnen wir?« fragte ein Kind.</p> + +<p>»Dort ist der Zobtenberg, den wir auch zu Hause sehen, nur daß er hier +etwas anders ausschaut, und wenn ihr links an ihm vorbei in die Ferne +seht, da liegt hinter der Himmelslinie unser Dorf.«</p> + +<p>Die Kinder bohrten die Blicke in den Dämmerdunst der Ferne, und ob sie +natürlich auch nichts von ihrem Dörflein erspähen konnten, sie schauten +immer wieder hin und winkten mit den Händen.</p> + +<p>»Es ist viel in der Stadt!« hatte ein Kind gesagt. Das<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> war mir genug. +Die Kinder hatten einen Eindruck empfangen, wir fuhren nicht leer nach +Hause.</p> + +<p>Und ein gewaltiges Neues kam noch: die Kinder fuhren mit der Eisenbahn. +Auch mancher Erwachsene aus unserer Schar fuhr zum ersten Male mit +der Bahn. Wer lächelt darüber? Wie lange fliegen heute schon unsere +Luftschiffe? Wer flog mit? Und wer würde heute nicht mit ebenso +feierlichem, die Angst schlecht verhehlendem Gesichte im Luftfahrzeug +sitzen, wie damals diese Kinder im Eisenbahnzuge? Dem Neuen gegenüber +sind wir alle Kinder.</p> + +<p>Der Zug flog donnernd dahin, und als wir schon nach kurzer Zeit auf dem +Bahnhof der heimischen Kreisstadt anlangten, stiegen alle mit einem +frohen Lächeln aus:</p> + +<p>»Es ist vorbei! Es ist gut gegangen!« Und sie fingen an zu lärmen und +sahen mutig um sich.</p> + +<p>Wir suchten den Gasthof wieder auf, in dem uns die Wagen erwarteten, +und ich hielt einen Generalappell. Ich zählte die Kinder.</p> + +<p>Einundachtzig!</p> + +<p>Ich zählte nochmals. Wieder einundachtzig! Da brach mir der Schweiß +aus, und ich zählte zum dritten Mal einundachtzig. Mit zweiundachtzig +Schülern waren wir fortgefahren, zweiundachtzig hatten wir noch +in Breslau in die Eisenbahnwagen hineingezählt, jetzt waren nur +einundachtzig.</p> + +<p>»Es fehlt jemand. Wer fehlt?« fragte ich.</p> + +<p>»Ich nicht! Ich nicht!« schrien etwa zwanzig. Da fuhr ich nervös +dazwischen:</p> + +<p>»Ihr Schafsköpfe, ich frage nicht, wer <em class="gesperrt">nicht</em> fehlt, ich frage, +wer fehlt!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p> + +<p>Der aber, der fehlte, meldete sich nicht. Ich brüllte über den Hof: +»Es fehlt ein Kind!« Der Hauptlehrer, der Pfarrer, die Bauern eilten +herbei, regten sich auf und suchten. Vergebens!</p> + +<p>»Wer fehlt?«</p> + +<p>»Ich nicht!« sagte noch einer; der kriegte ein Kopfstück.</p> + +<p>Plötzlich kam mir die Erleuchtung.</p> + +<p>»Ist Wilhelm Dierschke da? Wilhelm Dierschke! Wilhelm Dierschke!«</p> + +<p>Keine Antwort. Nun wußte ich, wer fehlte. Wilhelm Dierschke hatte +sich vom Bahnhofe weggeschlichen, um am Oderfluß seine versteckten +Stiefel zu suchen. Es ward schon dunkel, die Kinder mußten nach Hause; +es war ja noch ein Weg von 2-1/2 Stunden zurückzulegen. Da ließ ich +die neunundneunzig in der Wüste, ich ließ sie nach Hause fahren und +ging das verlorene Schäflein suchen. Als »guter Hirt« kam ich mir +aber gar nicht vor. Ganz im Gegenteil. Ich wußte, daß der Junge seine +Stiefel versteckt hatte, ich hätte mir denken müssen, daß er sie suchen +würde, da er sie doch wiederhaben wollte, und ich hätte am Bahnhof auf +Wilhelm Dierschke besonders aufpassen sollen. Ich hatte es aber unter +einundachtzig anderen Sorgen vergessen, und der Junge hatte sich auch +so heimlich entfernt, daß nicht ein einziger seiner Kameraden darauf +aufmerksam geworden war.</p> + +<p>Ich stürmte durch die Stadt, dem Oderstrom zu. Meine Phantasie malte +mir gräßliche Bilder. Der täppische Junge ist in der Abenddämmerung +an den Fluß gekommen, die Böschung ist steil, er hat gesucht, nicht +gefunden, ist ausgeglitten, schwimmt vielleicht jetzt schon weit den +Fluß hinunter, und der alte Mann, dessen<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> einziges Lebensglück er ist, +wartet daheim, und ich habe den Jungen übernommen.</p> + +<p>Einmal mußte ich auf dem kurzen Wege stehen bleiben, um Luft zu +schöpfen. Dann endlich war ich am Oderfluß. Ich erkannte die +Landungsstelle.</p> + +<p>»Wilhelm Dierschke! Wilhelm Dierschke!« rief ich.</p> + +<p>Es kam keine Antwort. Ich rief, ich schrie, ich schlängelte mich durch +das Ufergebüsch.</p> + +<p>Ich lugte ins Wasser.</p> + +<p>Ruhig floß der Strom; der Wind wehte durch die Bäume. Immer wieder rief +ich — den Fluß hinauf und hinunter rannte ich — es war alles umsonst.</p> + +<p>Nach einer langen Zeit fragte eine Stimme:</p> + +<p>»Wer ruft denn hier?«</p> + +<p>Es war ein Fischer. Er sagte, er sei seit vielen Stunden am Fluß, noch +lange vor Abend, aber er habe keinen Knaben gesehen. Ob er denn nicht +den Fluß absuchen könne, fragte ich in meiner Verwirrung. Er schüttelte +lächelnd den Kopf.</p> + +<p>»Wenn er hineingefallen ist,« sagte er mit der rücksichtslose Offenheit +so einfacher Leute, »dann ist er hin. Denn es ist hier tief und +reißend.«</p> + +<p>Tränen würgten mich. Da schüttelte er wieder den Kopf und sagte:</p> + +<p>»Gehn Sie doch mal zur Polizei. Ich werd' Ihnen den Weg zeigen.«</p> + +<p>Das war ein Rat, der mir einleuchtete. Ich ging mit dem Schiffer nach +der Stadt zurück, nicht ohne wiederholt stehen zu bleiben und laut zu +rufen. Der Schiffer führte mich einen Weg durch enge Gassen. Und in +der allerengsten Gasse, wohin ich selber niemals gefunden hätte —<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> +fand ich Wilhelm Dierschke. Er verteidigte heldenmütig sich und seine +kanonenrohrartigen Stiefel gegen eine Schar von Gassenjungen, die das +Dorfkind belagerten.</p> + +<p>Selig rief ich »Wilhelm! Wilhelm!« und hielt ihn in den Armen samt +seinen Stiefeln.</p> + +<p>Wir gingen dann miteinander durch die Stadt. Ich fand kein Wort des +Vorwurfs; ich sagte dem Jungen nur, die anderen seien schon nach Hause, +da es doch bereits spät sei; wir beide würden nun in einem Gasthaus +übernachten und morgen früh um 3-1/2 Uhr aufbrechen, da seien wir noch +vor Schulanfang zu Haus. Wilhelm schluckte an seinen Tränen, preßte mit +jedem Arm einen Stiefel an seine Brust und sagte gar nichts.</p> + +<p>Da fiel mir der Großvater ein. Was für ein furchtbarer Jammer, wenn die +anderen heimkehrten und allein sein Wilhelm fehlte! Eine telegraphische +Nachricht jetzt während der Nacht zu geben, war ganz ausgeschlossen. Da +sagte ich: »Wilhelm, wir müssen noch heute Nacht nach Hause gehen; es +ist wegen deinem Großvater.«</p> + +<p>Der Junge nickte gehorsam, aber ich merkte, er war todmüde. Und ich +war auch müde. Da fragte ich den Schiffer, der noch bei uns war, ob er +uns wohl eine Fuhre nach dem Dorfe J. besorgen könne. Er fragte, wo J. +liege; ich beschrieb es ihm.</p> + +<p>»Oh, wer wird jetzt in der Nacht so weit über Land fahren,« sagte er +abweisend.</p> + +<p>Ich sagte, es müsse sein, und bot zehn Mark Fuhrlohn. Zehn Mark waren +damals sehr viel Geld. Da sagte der Schiffer, er habe einen Bruder, der +Droschkenkutscher und ein sehr gefälliger Mensch sei; wenn es dieser +nicht täte, täte es keiner. Ehe dieser Bruder gefunden war, ehe er<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> +eingespannt hatte, vergingen abermals dreiviertel Stunden, viel zu viel +Zeit für meine Unruhe.</p> + +<p>Endlich fuhr das Wäglein die dunkle Landstraße entlang. Das Kind +schlief ein, der Nachtwind kühlte meine heiße Stirn, und ich war +glücklich.</p> + +<p>Wohl noch eine halbe Meile vor unserem Dorfe hörte ich plötzlich +eine Stimme durch die Nacht rufen: »Wilhelm! Wilhelm! Großer Gott! +Barmherziger Gott!«</p> + +<p>Es war der alte Großvater, der sein Enkelkind suchte. Ich rief zurück, +sprang vom Wagen herunter und lief auf ihn zu. Er sah aus wie ein +Irrsinniger, das lange weiße Haar flatterte um seinen bloßen Kopf.</p> + +<p>»Ist er da? Lebt er?«</p> + +<p>»Es ist alles gut, Meister. Da auf dem Wagen sitzt der Wilhelm.«</p> + +<p>Der Schneider trat heran.</p> + +<p>»Junge!«</p> + +<p>»Ich hatte meine Stiefel verloren,« sagte der Kleine mit weinerlicher +Stimme.</p> + +<p>Ich setzte den Großvater zu dem Jungen in den Wagen und mich beiden +gegenüber.</p> + +<p>»Ich werd' alles vergelten, Herr Lehrer,« sagte der Schneider mit +bebender Stimme.</p> + +<p>»Davon ist gar keine Rede, Meister! Sie müssen mir nur versprechen, daß +Sie nicht böse sind auf mich.«</p> + +<p>Er schüttelte den Kopf und weinte leise. Nach einer Weile sagte er:</p> + +<p>»Es ist alles gut. Der Junge ist da.«</p> + +<p>»Und«, sagte der Junge, »wir fahren in einem so schönen Wagen, und die +Stiefel sind auch da. Ach, Großvater, es war so schön, so sehr schön, +daß ich mitgefahren bin.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p> + +<p>Der Alte wollte heftig widersprechen, aber er sah mich an, wollte mich +nicht kränken und sagte:</p> + +<p>»Ja, es war wohl schön, daß du mitgefahren bist.«</p> + +<p>Im Dorfe waren noch alle Leute munter, alle in Aufregung. Wir wurden +mit herzlicher Freude empfangen.</p> + +<hr class="tb"> + +<div class="avoid-break"> + +<p>Das war der einzige Ausflug, den ich mit Schulkindern als +Dorfschullehrer gemacht habe. Schon nach acht Monaten rief mich meine +Behörde in eine größere Stadt, wo ich an der Lehrervorbildung mithelfen +mußte. Einmal bekam ich einen anonymen Brief, dessen Poststempel leider +auch nicht zu entziffern war. In dem Briefe war nichts enthalten als +ein Zehnmarkschein. Ich habe noch heute den Verdacht, daß der Brief vom +Schneider Dierschke war.</p> + +<hr class="r65"> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p> +<h2>Das Telefon des Bildschnitzers<br> +<span class="s6">Eine Bergstadtgeschichte</span></h2> +</div> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-105"> +<img class="w100" src="images/drop-105.jpg" alt=""></figure>lle +Sommermärchen sind aus: die, die im Kelch der Rose wohnten wie +in einer rotleuchtenden Stadt; die, die um nackte Füßlein spielender +Kinder durch den Bach schwammen; die, die auf den tönenden Flügeln des +Gartenkonzerts dahinhuschten über glühende junge Wangen und sich im +stillen Walde verloren. Alle sind aus. + +<p>Es war einmal — es ist nicht mehr!</p> + +<p>Auch das Sommer- und Lebensmärchen des Bilderschnitzers Klemens ist +nicht mehr. Sein Junge ist gestorben und begraben worden. Es war ein +klarer Herbsttag, als sie den kleinen Hermann in die Grube legten; die +Luft war voll Gebet und Liederklang, voll vom Weinen der Weiber und den +scheuen Seufzern der Männer; es sangen auch noch ein paar Vögel, mit +dem Schnabel nach Süden hin, und die roten Blätter wirbelten, und auf +den Kirchturm, von dem die Glocke klang, schwamm von Norden her eine +Wolke zu. Ein Weilchen blieb dies Bild stehen mitten im Herbsttag, und +dann gingen alle nach Hause.</p> + +<p>So war des Bilderschnitzers Sommer- und Lebensmärchen zu Ende.</p> + +<p>Manchmal lacht Klemens und hält sich für einen Narren. Die ganze Zeit, +als er das Roß mit dem Araber geschnitzt hat, hat er doch gemeint, +daß das Roß lebe und der Araber lebe, und hat meist in Hemdsärmeln +dagesessen, weil ihm die Glut der Wüstenluft allzu arg zusetzte. Wußte +er nicht<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> genau, daß sein Araber gegen Omar ben Alef ansprang, gegen +den Prahler, der geschworen hatte, ihn lebend zu fangen und ihm den +Bart zu scheren, und den er nun in die Hölle schicken würde? War nicht +deshalb der Ansprung des Pferdes so kühn, das Auge des Reiters so +erschrecklich, der Arm so wuchtig gehoben, die Beine im Bügel so zum +Reißen gestrafft, weil eben alles lebendig gewesen war, als Klemens +die Gruppe schuf? Gewiß war es lebendig und ist's auch noch, denn +manchmal noch fährt Klemens dem Reiter in die Haare, weil sie ihm nicht +vom Schweiß der Anstrengung verklebt genug sind, oder er bringt ein +Fältlein im Mantel, das noch zu ordentlich liegt, in flatternden Wurf.</p> + +<p>Alles lebt; alles ist wirklich. Aber eines Tages wird ein reicher Mann +kommen, von dessen Gunst der arme Klemens leben muß, und ihm den Araber +abkaufen, um ihn bei sich daheim auf ein langweiliges Wandbrett zu +stellen oder ihn gar seinen verwöhnten Sprößlingen zum Zerbrechen zu +geben.</p> + +<p>Dann sind Araber und Roß, Omar ben Alef und Wüstenkampf, Palmenwipfel +und heiße Luft ein Märchen gewesen, und das Märchen ist aus.</p> + +<p>Der Pfarrer hat am Grabe des kleinen Hermann ein paar sehr schöne Sätze +gesprochen. Er hat so gesagt:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span></p> + +<p>»Klemens, manche Leute sagen, du seist halt ein Spielzeugmacher oder +Bilderschnitzer wie viele in unserer Bergstadt und anderswo. Aber du +bist ein Künstler; das wissen alle die, die etwas davon verstehen. Da +kommt es wohl öfters vor, daß du an einer Gruppe, die du mit großer +Kunst und viel Mühe und Treue geschaffen hast, mit tiefer Liebe hängst. +Aber eines Tages kommt ein reicher Mann und kauft dir die Gruppe ab, +und du mußt sie ihm hingeben, denn das Leben zwingt dich dazu. Dann +bist du wohl traurig in deinem Herzen, aber du tröstest dich in dem +Gedanken: der reiche Mann wird mein Werk in einen schönen Saal stellen, +wo andere herrliche Kunstwerke stehen, und kluge Menschen werden ihre +Freude an dem Werk haben und ganz im geheimen den Mann segnen, der es +geschaffen hat. Nun siehe, lieber Klemens, das herrlichste Kunstwerk, +das je ein Menschenauge in deiner Werkstatt sah, war dein Sohn. Nicht +nur, daß er von dir abstammte; du hast an nichts so viel Sorge, so +viel Mühe und Verständnis gewandt wie an dies Kind, das leiblich und +seelisch wuchs und wurde zum wunderbaren Kunstwerk. Zehn Jahre lang +hast du an ihm gebildet und alle Freuden des schaffenden Künstlers an +ihm erlebt. Da kam der reiche Mann — der reichste Mann der Welt und +begehrte den Knaben für sich und sagte: ›Meister Klemens, ich will +deinen Hermann für meinen goldenen Himmelssaal. Dort wird er weilen im +Licht der Ewigkeiten, und Heilige und Weise, Patriarchen und Engel, der +Chor der Jungfrauen und alle Künstler und Könige, die in die Heimat +fanden, werden ihn sehen, werden sich seiner Edelgestalt freuen und +werden den segnen, von dem er stammt. Und ich selbst werde dich lohnen +mit Gütern, die<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> niemand vergeben kann als ich.‹ Die Not des Lebens +zwang dich, lieber Meister Klemens, dem reichen Manne dein Kleinod +zu geben. Aber wenn du auch traurig bist, sieh ohne Verzweiflung dem +entschwundenen Gute nach und tröste dich mit Gedanken von ewiger +Schönheit, die über die schmalen Grenzen dieses Lebens hinausgehen und +denen du folgen kannst!«</p> + +<p>Von diesem starken Trostwort lebte der Bilderschnitzer nun seit drei +Monden. Er sprach es sich alle Tage vor, und es tat ihm immer wieder +wohl. Aber die trüben, trüben Tage kamen, da die Menschen verdrossen an +den Fenstern vorbeigingen, der Regen über die Scheiben weinte und der +Efeu frierend in die Stube sah — die Tage, da alles so furchtbar leer, +die Arbeit so zwecklos, das Leben so ohne alle Gnade und Freude war, +und dann schrie er nach dem Kinde, dann zerraufte er sich das Haar, da +stieß er einmal mit dem Fuße nach seiner schönsten Gruppe, dem heiligen +Hubertus, daß dem Jäger die Armbrust brach und der Hirsch mit dem +weißen Kreuzlein verwundert auf den tobenden Meister sah.</p> + +<p>Als Advent kam, wurde es schlimmer mit Klemens. Da nicht Leute genug +in der Bergstadt wohnten, die teure Holzschnitzereien kauften, erwarb +der Meister einen Teil seines Lebensunterhaltes dadurch, daß er vor +Weihnachten künstlerisches Spielzeug schuf. Ein Hanswurst, den er mit +ein<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> paar kräftigen Schnitten aus Tannenholz formte, hatte größeren +Kunstwert als viele Goetheköpfe, die aus Marmor sind und in den +großstädtischen Bazaren stehen. Das war immer die schönste Zeit des +Jahres gewesen, die stillen Novembertage und der verschneite Advent. +Dann war's am heimlichsten gewesen in Bildschnitzers Stube, dann war +der Junge, der Frühling, Sommer und Herbst auf der Straße war oder über +die Stadtmauer kletterte, daheim beim Vater, und er dichtete mit ihm +Kunstwerk um Kunstwerk.</p> + +<p>»Vater, mach' ein Schiff mit drei Segeln! Ein Mohr und eine schöne +Engländerin müssen darin sitzen, und auf dem Mast sitzt ein Affe, der +frißt eine Nuß. Der Mohr hat die Engländerin geraubt und der Affe die +Nuß.«</p> + +<p>Dann guckte der Bilderschnitzer schief über die Brille auf den +Jungen, in dessen Kopf es so kurios aussah, und fing an, das Schiff zu +schnitzen, den Mohren und den Affen. Der Junge sah zu und war ein so +strenger Regisseur und Kritiker, daß der Alte dachte: »Was wird aus ihm +werden?« — »Vater, mach' eine kleine Tonne mit einem Schwimm-Männlein +darin, das auf- und abtaucht, und das Schwimm-Männlein muß aussehen +wie der Ratsdiener Mathies, der sich zu Tode trinkt.« — »Vater, bau' +ein großes Fernrohr, mit dem man in die Erde gucken kann. Man muß die +Bergleute sehen, man muß die Zwergemännchen sehen, wie sie Gold und +Silber aushacken, und man muß den Teufel sehen, wie er brennt.«</p> + +<p>Ein solches »Fernrohr in die Erde« hat Klemens gebaut, ein Rohr mit +auswechselbaren Bildern, und viel Geld damit verdient.</p> + +<p>Einmal sagte der Kleine: »Du müßtest eine Wunderschachtel bauen können, +in die man hineinspricht, und die Worte müssen darin bleiben, und erst, +wenn man den Deckel aufmacht, kommen sie wieder heraus.«</p> + +<p>Das Kind hatte nie etwas von Grammophon und Telephon gehört, und +Meister Klemens zerbrach sich lange den Kopf, ob er es ermöglichen +könne, ein sprechendes Grammophon zu kaufen. Aber es war zu teuer, und +so kam Klemens darauf, sich ein Haustelephon zu bauen. Als der Knabe +einmal<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> einige Tage verreist war, legte er es an. Es führte vom Atelier +des Meisters, das unter dem Dache lag, hinab in die Wohnstube, die zu +ebener Erde war. Unten hauste die Frau. Sie war die zweite Gattin des +Meisters; Hermanns Mutter war bei seiner Geburt gestorben. Die zweite +war ein stilles Weib, hatte selbst keine Kinder, und wenn sie auch für +den Knaben nie stürmische Zärtlichkeiten hatte, so war sie doch immer +von gleichbleibender Fürsorge für ihn.</p> + +<p>Bei der Mutter war Hermann, als ihm das Wunder des Fernsprechers +offenbar wurde. Die Mutter sagte nachmals, sie hätte geglaubt, der +Junge bekäme die Krämpfe. Seine Aufregung und Freude begnügte sich aber +in Zukunft nicht, mit dem Vater durchs Haus zu sprechen, die Leitung +mußte bis ans Ende des Gartens in einen leeren Schuppen verlängert +werden. Nun wollte der Junge stundenlang mit dem Vater sprechen, der +oben im Hause unter dem Dache saß. Der Alte war selbst ein kindischer +Gesell, der solche Dinge liebte, aber mit der Zeit wurde ihm der Spaß +zu zeitraubend, und Hermann bestellte sich Freunde nach dem Schuppen, +die er vom Atelier aus ansprach. Ihm blieb es immer die gleiche Lust, +Worte in die Ferne zu richten. Als er aber einmal einem Kameraden die +ganze Geschichte vom ägyptischen Josef durchs Telephon erzählte und am +Schluß fragte, ob er auch alles verstanden habe, kam keine Antwort. +»Es muß eine Störung in der Leitung sein,« sagte der Vater. Es war +aber keine Störung in der Leitung, sondern dem Zuhörer in dem kalten +Schuppen war die Geschichte zu lang geworden und er war davongelaufen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span></p> + +<p>»Er ist ein Esel,« sagte Hermann verächtlich; »ich würde eher erfrieren +als von dem Telephon fortgehen.«</p> + +<p>Niemals hatte der Junge ein Spielzeug gehabt, das ihn so gefesselt +hätte, wie dieses Telephon. Seine Phantasie spielte den ganzen Tag um +den Kupferdraht, der das unverstandene Wunder enthielt. Sein Vater +erzählte ihm, wie weit andere Leute mit dem Telephon sprechen können — +über Berg und Tal, durch Stadt und Land, ja, übers Meer hinweg. Dann +wurden die dunklen Augen des Knaben rein starr.</p> + +<p>»Telephoniert der Kaiser auch?« fragte er atembenommen.</p> + +<p>»Freilich telephoniert er!«</p> + +<p>»Aber — aber wenn er einmal seinen Soldaten telephoniert — so zum +Beispiel — wenn er ein wenig böse ist: ›Stillgestanden! Linksum +kehrt!‹, und das geht durchs ganze Land, erschrecken da nicht die Leute +in den Städten und die Rehe im Walde, wo der Draht hindurchgeht?«</p> + +<p>Der Bilderschnitzer brummte, das sei ihm ganz egal, ob die Rehe +erschräken oder nicht, und der Junge träumte weiter. Lange Pause.</p> + +<p>»Aber wir können doch mit unserem Telephon nur bis in den Schuppen +sprechen,« kommt's endlich.</p> + +<p>»Wenn der Postmeister drüben über der Straße einen Draht an unser +Telephon macht, können wir sprechen, soweit wir wollen.«</p> + +<p>Wieder lange Pause.</p> + +<p>»Aber wie ist's mit dem lieben Gott? Wenn er alles kann, muß er doch +auch telephonieren können.«</p> + +<p>»Freilich kann er!«</p> + +<p>»Auch mit Draht?«</p> + +<p>Dem Bilderschnitzer, der gerade einem alten Landsknecht die Nase mit +einer Warze verziert, wird die Fragerei unbequem.</p> + +<p>»Ich weiß nicht! Vielleicht knüpft er einen Mondenstrahl an den Draht +an.«</p> + +<p>»Einen Mondenstrahl!«</p> + +<p>Der Junge träumte; er sieht die Leitung bis in den Himmel.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p> + +<p>So war's meist, wenn der Bilderschnitzer mit seinem Buben zusammensaß.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Im letzten Advent saßen sie auch so beisammen. Es war schon Abend, das +Feuer brannte im Ofen, und es war ganz still in der Stube. Auf einmal +geht die Klingel am Telephon.</p> + +<p>Die beiden fahren auf und erschrecken sehr.</p> + +<p>»Wer kann das sein? Mutter?«</p> + +<p>»Mutter ist doch in Bärsdorf und kommt erst mit dem Abendzug zurück.«</p> + +<p>»Wer kann es sein?«</p> + +<p>Der Bilderschnitzer nimmt den Hörer.</p> + +<p>»Holla! Wer ist dort? — Was? — Was? — Ach — ach — ich — oh — oh +Majestät ...«</p> + +<p>Er legt bestürzt den Hörer weg.</p> + +<p>»Hermann, der Kaiser will dich sprechen.«</p> + +<p>»Was? Wer? Mich? — der Kaiser? O, Vater!«</p> + +<p>»Ja — ja, er ist am Telephon. Komm schnell, du darfst ihn doch nicht +warten lassen — denk' doch, der Kaiser ...«</p> + +<p>»Ich kann doch nicht — ich — ich hab' ja gar nicht den Sonntagsanzug +an.«</p> + +<p>»So bitt' halt um Entschuldigung, und nun mach' rasch!«</p> + +<p>Der Vater schiebt den Jungen zum Telephon. Der ist feuerrot im Gesicht +und zittert mit der Hand, als er den Hörer ans Ohr legt.</p> + +<p>»Hier ist der Kaiser!« sagt eine bärentiefe Stimme, »der richtige +Kaiser in Berlin. Wer ist dort?«</p> + +<p>»Hier — hier« — meckert ein Stimmchen, »hier ist — bin ich!«</p> + +<p>»Wer ist ›ich‹?« fragt der Brummbaß unwirsch.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span></p> + +<p>»Bildschnitzers Hermann aus der Bergstadt,« piept das Stimmchen.</p> + +<p>»So! Na, dich will ich ja eben sprechen.«</p> + +<p>»Ich bitte — bitte — um Entschuldigung, weil ich nicht den +Sonntagsanzug anhab' — aber bei uns ist heut erst Donnerstag.«</p> + +<p>»So!« lacht der »Kaiser«; »Ihr seid wohl dort ein bißchen zurück? Bei +uns in Berlin ist schon Sonnabend.«</p> + +<p>»Bitt' um Entschuldigung!« wiederholt das Büblein.</p> + +<p>»Geschenkt! Geschenkt!« erwidert der Kaiser. »Dein Anzug ist ja gar +nicht so schlecht. Bloß der zweite Knopf an der Jacke fehlt und der +Absatz am linken Schuh.«</p> + +<p>»Ja, ja,« stottert erschrocken der Junge; »der Müller Eduard hat ihn +mir abgerissen.«</p> + +<p>»Den Absatz?«</p> + +<p>»Nein, den Knopf!«</p> + +<p>»So!« sagt der Kaiser; »nun, das wollte ich zuerst wissen. Und nun was +anderes. Ich habe gehört, du möchtest gern eine Prinzessin heiraten. +Ist das wahr?«</p> + +<p>»Bitt' um Entschuldigung; ich hab' bloß Spaß gemacht.«</p> + +<p>»Waaas? Bloß Spaß? Erst redste dicke Worte und dann willste kneifen?«</p> + +<p>Der Kaiser ist offenbar böse. Da sagt der Bub mutig: »Wenn ich eine +kriege, werd' ich sie schon heiraten.«</p> + +<p>»Na, das wollt' ich mir auch ausgebeten haben,« sagt der Kaiser. »Ich +laß meine Prinzessinnen nicht gern in unnützes Gerede kommen. Also, was +willste für eine — willste nu eine mit Krone oder eine ohne Krone?«</p> + +<p>Der Junge überlegt sich's drei Sekunden lang; dann sagt er:</p> + +<p>»Ach, dann bitte eine mit Krone.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p> + +<p>»Hm!« brummt der Kaiser. »Also schön, eine mit Krone! Abgemacht! Grüß +deinen Vater, und zu Weihnachten ist die Hochzeit!«</p> + +<p>Klinglingling — das Gespräch ist aus.</p> + +<p>Der Junge steht noch ein Weilchen wie erstarrt, dann springt er dem +Vater an den Hals: »Der Kaiser hat mit mir telephoniert — der richtige +Kaiser in Berlin — ich — ich — heirat' eine Prinzessin mit einer +Krone!«</p> + +<p>»Donnerwetter!« schreit der Bilderschnitzer und haut den hölzernen +Landsknecht auf den Tisch, daß er beide Beine bricht. Fünf Minuten +lang schreien sie beide durcheinander, einer immer aufgeregter als der +andere. Sie fuchteln mit den Händen, sie sind krebsrot, sie reden immer +beide zu gleicher Zeit. Da wird der Junge ein wenig stiller und sagt:</p> + +<p>»Er hat's gesehen, daß mir da — da — ein Knopf fehlt — und (er hebt +das Bein) da ein Absatz.«</p> + +<p>»Ein scharfes Auge hat der Kaiser!« sagt der Vater bewundernd. »Es ist +eigentlich peinlich!«</p> + +<p>»Ach,« sagt der Junge, »es schad't nichts, er war ja ganz gemütlich.«</p> + +<p>»Hm!« brummt der Vater. Sie sprechen dann mancherlei. Es ist schon am +Anfang Dezember und bis Weihnachten kaum drei Wochen. Wer weiß, ob +der Stache-Schneider bis dahin noch einen neuen Anzug fertig machen +kann. Und ein neuer Anzug muß sein, wenn man eine Prinzessin heiratet. +Und dann — wenn die Prinzessin kommt mit ihrer langen Schleppe und +der goldenen Krone und den Hofdamen und Pagen, und drei Automobile +und sieben Pferde wird sie gewiß auch haben — wie bringt man soviel +unter in fünf Stuben und einem kleinen<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> Gartenschuppen? Und wenn sie +immerfort französisch spricht und den ganzen Tag Champagnerwein trinken +will, der so teuer ist?</p> + +<p>Es geht lange hin und her, und schließlich meinen beide, Vater +und Sohn, diese überstürzte Heirat mit der Prinzessin mache viel +Scherereien und allerhand Schwierigkeiten und werde sehr kostspielig +sein. Am besten wäre es, man wäre die Geschichte wieder los. Aber wie? +Es ist immer leichter, eine zu bekommen, als eine wieder loszuwerden. +Und nun gar, wenn es eine Prinzessin ist.</p> + +<p>Schließlich sagt der Vater, er wolle einmal in den »Löwen« +hinübergehen; dort sitze jetzt sicher der Herr Kantor, der Hermanns +Pate war, mit dem wolle er den schwierigen Fall besprechen.</p> + +<p>Der Herr Pate saß wirklich am Stammtisch und lachte Tränen, weil auch +er gerade der Runde das telephonische Gespräch erzählt hatte. Und als +Meister Klemens nach einer Stunde wieder heimkam, sagte er zu seinem +Sohne:</p> + +<p>»Die Sache ist gemacht! Wir telephonieren jetzt den Kaiser an. Ich hab' +mich erkundigt: er hat natürlich Telephonnummer Million. Also du sagst: +er möchte, bitte, entschuldigen, du könntest die Prinzessin nicht +heiraten, denn du seist erst neun Jahre alt, und dein Herr Kantor und +Pate erlaube es nicht!«</p> + +<p>Der Junge sträubt sich und will nicht; er sagt, er geniere sich vor dem +Kaiser; aber endlich kommt das Gespräch zustande. Der Kaiser ist auch +gleich aufs erste Klingelzeichen am Apparat.</p> + +<p>»Waas?« brüllt er. »Du willst nicht? Der Kantor erlaubt's nicht? +Wer hat mehr zu sagen: der Kaiser oder<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> der Kantor? Ich werde mein +Kriegsheer schicken und den Kantor totschießen lassen.«</p> + +<p>»Nein — nein — bitte — bitte — nicht,« wimmert das Büblein.</p> + +<p>»Der Kantor ist wohl dein Lehrer?«</p> + +<p>»Ja, ja!«</p> + +<p>»Hast du ihn denn so gern — den Lehrer?«</p> + +<p>»Ja — ja — ich hab' ihn — sehr — sehr lieb! Er ist sehr gut und +lustig.«</p> + +<p>Da muß sich offenbar der »Kaiser« an der anderen Seite des Drahtes die +Nase schneuzen. Man hört es deutlich. Und dann sagt er ganz milde:</p> + +<p>»Du bist ein guter Junge — und du kannst bei deinem Vater und deinem +Lehrer bleiben, und zu Weihnachten kommt eine ganze Kiste Soldaten und +Kanonen für dich.«</p> + +<p>Klinglingling! Das Gespräch war aus.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Nur ein Jahr war das her. Es war alles wie sonst, das Feuer brannte im +Ofen, die Arbeit lag auf dem Tische, viele Bestellungen kamen Tag um +Tag.</p> + +<p>Der Bilderschnitzer aber starrte ins Licht der Lampe.</p> + +<p>So ein Kind kann sterben — kann einem genommen werden! So mitten +heraus aus dem Leben — gesund und tot. Was war das Leben noch wert? +Was ging ihn Weihnachten an? Was ging es ihn an, daß fremde Kinder sich +an seiner Hände Werk erfreuten?</p> + +<p>So ein Kind kann sterben!</p> + +<p>Er trat ans Fenster, sah hinauf zum kalten Nachthimmel. Wie waren die +Sterne so nahe! Wenn er von der Stadtmauer bis zum nächsten Ort schaut, +ist der weiter, als<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> diese Sterne sind. Und er kann sein Kind nicht +sprechen, sein Kind nicht sehen?</p> + +<p>Warum erfindet Ihr denn alles, warum erfindet Ihr denn nicht, daß man +einmal ein paar Minuten mit einem Toten sprechen kann? O, gäbe das +einen Frieden ...!</p> + +<p>Ein rasendes Verlangen nach dem Jungen packt ihn. Das Telephon hängt +noch an der Wand. Einmal hat der Junge auch mit dem Himmel gesprochen +— mit dem Nikolaus, der dort in der Goldenen Spielzeugstraße Nummero +1000 wohnt. Er hat ihm seine unschuldigen Wünsche gesagt und beigefügt, +Schnitzwerk wolle er nicht haben; denn das könne auch im Himmel niemand +besser machen als sein Vater. Da ist dem »Nikolaus« am anderen Ende des +Drahtes damals die Stimme ausgegangen.</p> + +<p>So ein Kind muß sterben!</p> + +<p>Weinend reißt der Bilderschnitzer an der Kurbel, und in verzweifeltem +Weh spricht er mit seinem toten Knaben ...</p> + +<p>Drunten in der Wohnstube sitzt ein blasses, stilles Weib. Dieses hört +das Klingelzeichen und nimmt den Hörer:</p> + +<p>»Hermann, höre mich — Hermann, ich rufe dich — ich halt' es nicht +mehr aus ohne dich — mein lieber Junge — ich verzweifle ohne dich — +o komm wieder — o komm wieder, lieber Junge!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Einsame oben erschrickt. Er hat ein leises Weinen vernommen. Dann +— dann hat er eine Stimme gehört, die schlicht und klar sagt:</p> + +<p>»Gott schickt dir ein neues Kind!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p> + +<p>Da stürzt er die Treppen hinab und reißt die Tür zur Wohnstube auf. +Seine Frau hat noch den Hörer in der Hand.</p> + +<p>»Ist es wahr?« stammelt er.</p> + +<p>»Es ist wahr!« antwortet sie und reicht ihm tröstend die Hand hin.</p> + +<hr class="r65"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span></p> +<h2>Die Briefe der Tochter<br> +<span class="s6">Eine Skizze aus dem Leben</span></h2> +</div> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-121"> +<img class="w100" src="images/drop-121.jpg" alt=""></figure>s war +einige Zeit vor dem Kriege. + +<p>Die verwitwete Frau Geheimrat hatte zwei Töchter. Die ältere — Hedwig +— war zu Haus bei der Mutter geblieben: die jüngere — Irene — war +ihrem Gatten tief ins Russenland gefolgt, wo sie mit ihrem Manne ein +Gut bewirtschaftete. Die Schwestern glichen sich außerordentlich bis in +viele, ja ganz lächerliche Kleinigkeiten. Beide waren frische, sonnige +Mädel. Als aber Irene fortgezogen war, wurde es sehr einsam im Hause +der Mutter; ein Herzleiden legte der alten Dame die größte Schonung +auf, und als die Jahre an Hedwig vorübergingen und die Hoffnung auf +Ehe- und Mutterglück ihr langsam zerrann, wurde sie ein stilles Mädchen +mit dem leisen wehmütigen Lächeln, das diejenigen haben, die auf das +Schönste verzichteten und denen doch die tiefe Güte des Herzens blieb.</p> + +<p>Alle zwei Jahre kam Irene einmal zu Besuch. Dann war die Jugend wieder +im Haus, dann war alles Sehnen und Bangen fern, dann funkelten die +Wände und glitzerten die Fensterscheiben. Wenn aber der Abschied +gekommen war, wenn die Uhr wieder so müde und einförmig tickte und die +toten Stunden zählte, dann blieb nur die Hoffnung: in zwei Jahren kommt +sie wieder, dann blieb nur die eine ganz fröhliche Stunde in der Woche, +wenn Irenes Brief am Sonnabend kam und ihre liebe drollige Art aus den +Zeilen zu den Vereinsamten sprach. Dann lachten sie oft unter Tränen, +legten den Brief in ein Mahagonikästlein zu den andern und<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> dachten +stolz und glücklich an Irene, wie man an einen großen Schatz in der +Ferne denkt ...</p> + +<p>Im fünfzehnten Jahre nach der Verheiratung Irenes erhielt Hedwig +durch eine Mittelsperson von ihrem Schwager eine heimliche Nachricht, +die Entsetzliches brachte. Irene war bei einem Aufstand von einem +betrunkenen Bauern erschlagen worden.</p> + +<p>Eine Base war es, die Hedwig zu sich gerufen und ihr den Unglücksbrief +übermittelt hatte. Erst nach zwei Stunden gelang es dem Hausarzt, einem +alten Freund der Familie, das zusammengebrochene Mädchen zu sich zu +bringen. Nach der dritten Stunde schickte die ahnungslose Mutter nach +ihr. Es wurde eine Ausflucht gefunden, und Hedwig saß noch weitere zwei +Stunden bei der Base.</p> + +<p>»Weinen Sie! Weinen Sie sich aus!« sagte der Arzt.</p> + +<p>Aber Hedwig weinte nicht. Sie sprach auch nicht. Sie saß ganz still da. +Zuletzt erhob sie sich und stand gerade und fest.</p> + +<p>»Mich hat's getroffen,« sagte sie, »die Mutter wird's nicht treffen. +Ich werde es ihr nie sagen — nie!«</p> + +<p>Sie wies jede Begleitung ab und ging allein nach Hause. Und sie belog +zum erstenmal die Mutter. Während sie das Abendbrot bereitete, war sie +lebhaft und lachte ein paarmal stoßweise.</p> + +<p>»Du bist so komisch!« sagte die Mutter.</p> + +<p>»Das Leben ist überhaupt komisch,« entgegnete die Tochter; »du glaubst +gar nicht, wie komisch.«</p> + +<p>Die Mutter schüttelte den Kopf.</p> + +<p>Nach dem Abendbrot sagte Hedwig: »Ich habe so Lust, ein paar Briefe von +Irene zu lesen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span></p> + +<p>Damit war die Mutter immer einverstanden. Und Helene suchte aus dem +Mahagonikasten die lustigsten Briefe heraus, die Irene je geschrieben +hatte und las sie laut vor. Die Mutter lächelte und nickte glückselig +mit dem Kopf, und Hedwig kicherte bei jeder drolligen Stelle der Briefe.</p> + +<p>»Siehst du,« sagte sie am Schluß, »solche Briefe könnte ich nie +schreiben, mir fehlt der Humor.«</p> + +<p>Die Mutter seufzte.</p> + +<p>»Liebes Kind, Irene hat auch viel mehr Grund lustig zu sein, als du in +deiner Einsamkeit.«</p> + +<p>»Ja,« nickte Hedwig versonnen, »Irene hat allen Grund, sich über das +Leben lustig zu machen. Aber ich werde von jetzt an auch lustig sein, +Mutter, paß nur auf!«</p> + +<p>In der Nacht hatte Hedwig, die bei der Mutter schlief, ihr Taschentuch +im Mund wie einen Knebel, weil sie sonst laut aufgeschrien hätte. Aber +am Morgen lächelte sie wieder und pfiff dem Kanarienvogel eine Melodie +vor.</p> + +<p>Am gleichen Morgen wurde Irene in Rußland begraben ...</p> + +<p>Nächsten Sonnabend blieb der gewohnte Brief aus Rußland aus. Die Mutter +betrübte sich; aber Hedwig lachte und sagte:</p> + +<p>»Wird sich russisches Postmeister gesagt haben: wozu soll immer schöne +russische Marke in dreckige Deutschland wandern? Mach' ich Marke los +von Brief, schmeiß' Brief weg, verkauf' Marke noch einmal, geht auch!«</p> + +<p>»Du bist jetzt immer sehr vergnügt, Hedwig.«</p> + +<p>»Findest du, Mutter? Ich will noch vergnügter werden.«</p> + +<p>Eine Woche verging, der Sonnabend kam wieder; die<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> alte Geheimrätin saß +schon in früher Morgenstunde am Fenster und wartete auf den Briefträger.</p> + +<p>Und er brachte den gewohnten Brief von Irene.</p> + +<p>»Diesmal hat Postmeister nicht Marke gemaust,« sagte Hedwig heiter, riß +den Brief auf und las ihn laut vor. Schon nach dem dritten Satz lachte +sie laut auf.</p> + +<p>»Diese Irene ist ein zu drolliges Ding!«</p> + +<p>Die Mutter freute sich auch über den Brief, wunderte sich aber, daß ihn +Hedwig gar so lustig fand.</p> + +<p>»Er ist witzig,« sagte die alte Frau zum Schluß, »aber ich weiß nicht +— die andern sind so mehr lieb und drollig.«</p> + +<p>»Was du auch hast, Mutter; ein Brief fällt nicht aus wie der andere!«</p> + +<p>»Gib mir den Brief.«</p> + +<p>»Aber du hast ihn doch schon gehört, Mutter.«</p> + +<p>»Na, gib ihn schon,« sagte die Alte ärgerlich; »ich will ihn doch +selbst lesen; man hat doch die Schrift in den Händen.«</p> + +<p>Die Mutter setzte die Brille auf und las.</p> + +<p>»Die Schrift ist ein bißchen verändert,« sagte sie; »Irene mag eine +neue Art Feder gehabt haben.«</p> + +<p>»Ja, wahrscheinlich,« stimmte Hedwig bei und tastete sich durch die Tür +nach der Küche.</p> + +<p>Sie und ihre Schwester hatten immer eine Schrift gehabt, die nicht +zu unterscheiden war. Nun, da Hedwig unter tausend Qualen und Mühen +einen Irenenbrief an die Mutter geschrieben und ihn dem Schwager zur +Rücksendung zugestellt hatte, fand sie ihre eigene Schrift verändert +und konnte es nicht verhüten.</p> + +<p>Noch am gleichen Tage mußte sie den »Brief von Irene«<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> beantworten und +der Mutter das Antwortschreiben geben.</p> + +<p>»Aber Hedwig,« sagte diese betroffen, »deine Schrift ist ja auch anders +geworden, und zwar gerade wie die von Irene.«</p> + +<p>Hedwig zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Das macht wahrscheinlich, weil wir beide älter werden, Mutter. Irene +und ich werden immer gleich bleiben; ich glaube, wenn die eine mal tot +ist, ist die andere auch tot.«</p> + +<p>»Kind,« sagte die Mutter streng, »ich verbiete dir, daß du so was von +dir und Irene sagst.«</p> + +<p>»Ich werde es nie wieder sagen, liebe Mutter!«</p> + +<p>So vergingen fast zwei Jahre. An jedem Sonnabend kam ein Brief +von Irene. Er enthielt immer viel Lustiges, Schilderungen aus der +Häuslichkeit, Szenen aus dem russischen Gemeindeleben. Gott weiß, wie +schwer Hedwig die Abfassung dieser Briefe wurde. Der Schwager mußte +ihr »Stoff« liefern (immer durch die Base), und Hedwig war glücklich, +als sie einen Band »Anekdoten aus dem russischen Volksleben« erstehen +konnte. Den ganzen Band schrieb sie nach und nach in den Briefen »von +Irene« ab. Der Mutter gegenüber atmeten die Briefe immer die reinste +Liebe; sie waren immer von zärtlicher Sorge erfüllt, die Mutter +möge ihres Herzleidens wegen sich vor jeder Aufregung hüten; denn +die Geschehnisse dieses jämmerlichen Erdendaseins seien gar keiner +Aufregung würdig.</p> + +<p>Manchmal sagte die Mutter: »Findest du nicht auch, Hedwig, daß sich +Irene verändert haben muß? Es ist eine Schärfe und Härte in ihren Stil +gekommen, die<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> früher nicht da waren und die mir leid tun. Das Kind muß +etwas Trübes erfahren haben, was mir verschwiegen wird. Nein, nein, +widersprich mir nicht, Hedwig; eine Mutter hat feine Ohren.«</p> + +<p>Dann entwarf Hedwig den nächsten »Irenenbrief« wohl fünfmal, ehe sie +ihn abschickte und prüfte jeden Satz immer und immer wieder, ob nicht +die Note ihrer eigenen tiefen Herzenserbitterung darin mitklinge. Und +manchmal blickte sie in stummer Qual auf zum Himmel: »Führ' mir die +Hand, Irene!«</p> + +<p>Nach zwei Jahren war die Zeit gekommen, daß Irene ihren Besuch machen +sollte. In jenen Wochen konnte es Hedwig nicht mehr verbergen, daß +sie sehr krank war. Der alte Hausarzt kam, sprach von Nerven und +Bleichsucht und verordnete seine Mittelchen. Und eines Tages kam ein +kurzer mit Bleistift geschriebener Brief aus Rußland:</p> + +<p>»Liebe Mutter, ich war so leichtsinnig, auf eine Leiter zu steigen +und bin gefallen. Meine Verletzungen sind nicht lebensgefährlich, was +Du schon daraus sehen kannst, daß ich Dir selber — wenn auch mühsam +— schreibe. Das Schlimmste ist, daß der Arzt sagt, eine anstrengende +Reise nach Deutschland sei auf absehbare Zeit ausgeschlossen. Arme +Mutter! Ich liebe Dich und küsse Dich und Hedwig.</p> + +<p class="mright5">Eure Irene.</p><br> + +<p>Die alte Frau bekam einen bösen Anfall; ihr Leben war in Gefahr, und +Hedwig stand im Hausflur vor dem alten Arzte und sagte: »Ich habe den +Tod betrügen wollen; er läßt sich nicht betrügen!«</p> + +<p>Aber die Mutter wurde wieder gesund, hauptsächlich weil der Schwager +alle Tage telegraphisch gute Nachricht über<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> das Befinden Irenes gab. +Nach vierzehn Tagen saß die alte Dame wieder im Lehnstuhl am Fenster +und sagte zu Hedwig:</p> + +<p>»Kind, ich traue deinem Schwager nicht, daß er mir Irenes Zustand zu +günstig schildert. Fahr' hin, Kind, überzeug' dich selbst, wie es Irene +geht, und gib mir dann Nachricht. Wenn du mir gute Nachricht gibst, ist +sie wahr; denn du hast mich noch nie im Leben belogen.«</p> + +<p>Da wandte sich Hedwig ab und starrte mit gläsernen Augen die Wand an.</p> + +<p>Am dritten Tage ließ sie die Mutter in der Obhut der Base und reiste +nach Rußland. Endlos war die Fahrt durch die nüchterne Ebene. Als sie +auf der kleinen Station ankam, trat ihr der Schwager entgegen, führte +sie abseits unter eine Baumgruppe und sagte in tödlicher Verlegenheit:</p> + +<p>»Hedwig, noch ehe wir in den Wagen steigen, muß ich dir etwas sagen — +ich bin — ich bin wieder verheiratet.«</p> + +<p>»Du bist — du bist ...?«</p> + +<p>»Ja, ohne Hausfrau konnte ich das Gut nicht halten.«</p> + +<p>»Ah!«</p> + +<p>Sie sah sich wie betäubt nach dem Bahnhof um.</p> + +<p>»Wann fährt denn der nächste Zug zurück?«</p> + +<p>»Hedwig!«</p> + +<p>»Ich kann ja nicht — kann ja nicht ...«</p> + +<p>Sie saßen wohl über eine Stunde unter der Baumgruppe auf einer Bank. +Der Schwager redete viel auf sie ein. Sie aber sagte immer nur mit +einem irren Ausdruck in der Stimme:</p> + +<p>»Die Mutter, die Mutter ...«</p> + +<p>Und endlich fuhr sie mit dem Schwager heim und wurde<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> von der neuen +Gutsherrin freundlich empfangen. Am Abend schickte sie einen Eilbrief +nach Hause.</p> + +<p>»Irene geht es sehr gut. Sie hat einen so zielbewußten, tüchtigen Mann.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Hedwig.«</span><br> +</p> + +<p>Drei Wochen hielt sie es aus. Sie schmückte Irenes Grab mit den wenigen +schlichten Blumen, die sie in der Landschaft fand, und freute sich des +Töchterleins, das die Schwester hinterlassen hatte. Die kleine Irene +war ein zwölfjähriges Mädchen, lebhaft und heiter wie ihre Mutter. Den +ganzen Nachmittag entwarf und schrieb Hedwig Briefe. Abwechselnd war +immer einer mit Irene, der andere mit Hedwig unterzeichnet. Nicht nur +das Briefpapier wechselte, nein, auch der Stil. Während Irenes Briefe +heiter, liebevoll, romantisch waren, schrieb Hedwig geschäftsmäßig und +trocken.</p> + +<p>Kurz vor ihrer Abreise verlangte Hedwig von ihrem Schwager in +bestimmtester Form, daß er ihr Irenes Kind überlasse und mitgebe. Er +sah sie in seiner scheuen, aber milden Weise an und wandte ein:</p> + +<p>»Glaubst du, daß das Kind nie verraten wird, daß seine Mutter tot ist?«</p> + +<p>Da brach Hedwig in bittere Tränen aus und fuhr allein durch die +trostlose Steppe Rußlands heim.</p> + +<p>Nach einem Jahre neigte sich das Leben der alten Frau Geheimrat zu +Ende. Der Hausarzt machte schließlich der Tochter gegenüber kein Hehl +mehr daraus. Und er fand sie gefaßt.</p> + +<p>»Drei Jahre habe ich mir das Leben der Mutter noch ertrotzt — jetzt +kann ich es wohl nicht mehr,« sagte sie.</p> + +<p>Sie saß oft und sann, ob sie nun der Mutter alles offenbaren solle. +Aber sie kam immer wieder zu dem Schluß:<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> »Sie soll erst erfahren, +daß sie Irene verloren hat, in dem Augenblick, wo sie ihren Liebling +wiederfindet. Nicht eine Sekunde soll sie Herzeleid haben um Irenes +grausamen Tod.«</p> + +<p>Dabei blieb es. Die Mutter, die ihr Ende nahen fühlte, ließ Brief +über Brief an Irene schreiben, und jeden Tag kamen Briefe zurück voll +innigster Liebe, aber auch voll Klagen, daß gerade jetzt eine Reise +unmöglich sei. Dazu Vertröstungen auf nahe Zukunft.</p> + +<p>So kam die Todesstunde. Da rief die Mutter:</p> + +<p>»Telegraphiere an Irene — sie muß kommen — muß. — Besorge selbst das +Telegramm, Hedwig — andere besorgen es nicht richtig!«</p> + +<p>Hedwig entfernte sich. Als sie nach kurzer Zeit in Mantel und Hut +zurückkam, rief die Mutter:</p> + +<p>»Irene — Irene — du bist da — du bist da!«</p> + +<p>Hedwig sank am Bett in die Knie. Der Hut fiel ihr vom Kopf, die +Sterbende streichelte ihre braunen Haare.</p> + +<p>»Irene — mein Kind — du bist da — du warst so lange — Hedwig und +ich haben so gewartet — Hedwig ist ein sehr, sehr gutes Mädchen.«</p> + +<p>Dann wurden die Augen weit, die Sterbende hob den Kopf der Knienden, +starrte ihr ins Gesicht und sagte:</p> + +<p>»O, du bist — nicht Irene — du — bist Hedwig ...«</p> + +<p>Sie sank zurück in die Kissen, starrte nach der Decke, griff mit den +Händen in die Luft und rief plötzlich:</p> + +<p>»Da steht Irene — dort oben!«</p> + +<p>Und starb ...</p> + +<p>Nach Minuten erhob sich Hedwig und drückte der Mutter die Augen zu. Sie +streichelte die blasse Wange und sprach:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span></p> + +<p>»Nun weißt du es, Mutter. Nun zürne mir nicht und sage auch Irene, daß +sie der Fälscherin nicht zürne!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am Begräbnismorgen erschien der Schwager aus Rußland. Er führte Irenes +Kind an der Hand, übergab es Hedwig und sagte:</p> + +<p>»Ich bringe dir das Kind, damit du nicht zu allein bist.«</p> + +<p>Da schaute Hedwig den Schwager an und sagte:</p> + +<p>»Richard, du bist ein treuer Mensch!«</p> + +<p>Am Abend, als sie beisammen saßen, sagte Richard:</p> + +<p>»Hedwig, achte nur darauf, daß mir die kleine Irene alle Wochen einen +Brief schreibt — mir würde sonst die Sonne fehlen.«</p> + +<p>Und er sah mit verlorenem Blick in den Abend hinaus.</p> + + <hr class="r65"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span></p> + +<div class="chapter"> +<h2>Die letzte Furche<br> +<span class="s6">Eine romantische Geschichte von Paul Keller</span></h2> +</div> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-133"> +<img class="w100" src="images/drop-133.jpg" alt=""></figure>er Tod. + +<p>Gar viele meinen, das sei immer der Knochenmann mit der Sense auf der +Schulter.</p> + +<p>Aber das ist nicht so.</p> + +<p>Der Sensenmann — der ist nur einer von der großen Kompagnie, die »Tod« +heißt. Wo die Donner der Schlacht dröhnen und die Blitze der Bajonette +zucken, da mäht er seine Schwaden; oder wo die Schwüle der Seuchenpest +lastet, da schwingt er seine Sense; oder wo eine heiße Lokomotive auf +eine brüchige Dammstelle zusaust, da fällt seine Ernte. Der Sensenmann +arbeitet nur im großen; einzelne Halme mäht kein Schnitter.</p> + +<p>Für die einzelnen sind die kleineren Geschäftsgenossen da. Zum Beispiel +der Rüpel.</p> + +<p>Der zieht dem fleißigen Maurer unvermutet die Leiter unter den Füßen +weg; der stopft mit flinkem Finger einem gemächlich Schmausenden einen +Knochen in den Hals; der stößt ein Kind, das nach jungen Enten schaut, +in den Teich; der schmiert einer Brummfliege Gift an den Stachel und +hetzt sie auf einen arglosen Wandersmann wie einen tollen Hund.</p> + +<p>Oder der Zauderer.</p> + +<p>Der ist sentimental. Der ist ein Schwächling. Er hat keine Energie, +er vermag niemals sein Werk stark und flink zu tun. Wochenlang, +monatelang, jahrelang sitzt er am Lager seines Opfers und zögert und +verschiebt's vom Morgen zum Abend, vom Abend zum Morgen. Er weicht +zurück vor jedem bißchen neuen Lebensmut, er geniert sich vor dem +Weinen klagender Freunde, er mag<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> das Netz nicht zerreißen, er knüpft +feig' und heimlich Masche an Masche auf, und wenn ihm ein Tröpflein +Medizin ins Gesicht gespritzt wird, verkriecht er sich in den Winkel. +Aber er kommt immer wieder, entknotet mit heimlichem Finger immer +wieder Masche um Masche und kann es nicht über sich bringen, sein Werk +zu vollenden, bis der von Schmerzen Gepeinigte mit bettelnder Stimme +selbst Tag und Nacht nach ihm ruft. Und wenn es dann endlich getan ist, +wenn die Freunde tiefseufzend sagen: der Tod war eine Erlösung! — dann +schleicht der Zauderer davon und lächelt und hält sich für besser und +gutherziger als seine Genossen.</p> + +<p>Um noch einen dritten zu nennen: der Schneider.</p> + +<p>Der hat nicht viel gelernt. Er ist ein simpler Bursche. Seine ganze +Kunst besteht darin, mit einer Schere den Faden, der vom Himmel auf +jedes Menschen Haupt sich herabstrafft und diesen Menschen aufrecht +hält, unvermutet durchzuschneiden, worauf der Entfestigte plötzlich +am Boden liegt und seine Freunde vor Schrecken das Zittern kriegen. +Der Schneider hält sich für einen Humoristen. Wenn er einem, der in +guter Weinlaune gerade voller Behagen eine Anekdote erzählt, den +Faden durchschneidet, glaubt der Schneider, daß es keine wirksamere +Pointe gäbe. Denn diese Anekdote und ihren Schluß vergißt kein Hörer +sein Leben lang. Oder wenn einer gerade in puterrotem Zorne schimpft +und sich aufrichtet gegen seine Widersacher und plötzlich auf der +Nase liegt, so meint der Schneider, das sei nichts anderes als eine +Illustration zu der großen Erdenweisheit: »Mensch, ärgere dich +niemals!« Der Schneider hat viel Ähnlichkeit mit seinem Kameraden, dem +Rüpel; er faßt rasch zu, überlegt<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> nichts, macht seine Arbeit so aus +der Laune, so aus dem Handgelenk heraus. Nur ist er weniger brutal als +der Rüpel. Kinder und einfaches Volk verschont er fast immer, nur unter +den »besseren« Ständen erlaubt er sich oft seine Streiche.</p> + +<p>Manchmal freilich kommt er auch als gütiger Menschenfreund. Da sitzt +ein alter Gelehrter, der nichts mehr vom Leben erwartet, vor einem +Lieblingsbuch und sinkt mit dem weisen Antlitz plötzlich auf die +geliebten Zeilen, wie ein Mondenstrahl fällt ins tiefe Meer; oder +ein Beter, der mit Gott spricht, hört unvermutet sein »Amen« in der +Ewigkeit klingen, oder ein Schläfer, der mit grauen Sorgen zur Ruhe +ging, wacht in goldenem Lichte auf, oder ein Verirrter in der Fremde +findet sich plötzlich heim. Wundert ihr euch, daß der schlichte Engel, +der dem Leben des Bauern Tobias beigegeben war, als er vom Herrn +der Zeit den Wink zum Schlußmachen bekam, zu der Genossenschaft der +Todesbrüder ging und sich für seinen Schützling den »Schneider« ausbat? +Der Engel kannte die Rechnung des alten Tobias, die Rechnung mit dem +Himmel, die Rechnung mit der Erde. Sie stimmten beide. Und so bat er +sich den Schneider aus.</p> + +<p>Am Montagabend, wenn die Lerche zu singen aufhörte, sollte es geschehen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Bauer Tobias war am Montag nachmittags in ganz besonderer Laune +aufs Feld hinausgezogen. Im Hof hatte ihn noch sein Lieblingsenkelein, +die kleine Traute, angehalten und gemahnt:</p> + +<p>»Großvater, du bist mir noch immer die Puppe schuldig,<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> die du mir +versprochen hast und die ich schon vorgestern bekommen sollte.«</p> + +<p>Tobias hatte sich hinter den Ohren gekratzt.</p> + +<p>Richtig! Seit drei Tagen war er der Traute eine Puppe schuldig. Das war +nicht in der Ordnung. Und da er Glück hatte, stelzte gerade die dürre +Botenfrau vorüber, die nach der Stadt ging. Die hielt er an und sagte:</p> + +<p>»Kathrine, ich brauch' eine Puppe. Eine, die was aushält.«</p> + +<p>»Und mit blauen Augen,« ergänzte Traute.</p> + +<p>»Ja, mit blauen Augen,« sagte der Großvater. »Und da sind elf Groschen, +zehn Groschen für die Puppe und einen Groschen für die Besorgung.«</p> + +<p>So war das Geschäft abgeschlossen. Tobias war niemandem auf der Welt +mehr etwas schuldig, nicht einmal der Traute, der er doch eigentlich +immer was »schuldig« war. Nun war er auf dem Felde und pflügte ein +Stoppelfeld mit dem Schälpflug um. Es war eine leichte Arbeit.</p> + +<p>Eigentlich hätte er es gar nicht mehr nötig gehabt, tätig zu sein. Seit +einem Vierteljahr war er im »Auszug«. Und Tobias hatte einen guten +Sohn. Dem würde es nicht zuviel sein, wenn der alte Vater zwanzig Jahre +lang und länger im Auszug lebte. Nein, er würde sich freuen. Der liebe +Gott segne den Wilhelm! Dies kleine Stoßgebetlein war der Refrain +von allen heimlichen Hymnen der alten Bauernseele, die zum Himmel +emporstiegen.</p> + +<p>Furche um Furche zieht der brave Ackergaul den Pflug auf und ab, und +Tobias geht hinter dem Pflug, und seine friedvollen Augen sehen mit +Freude auf das braune fette Ackerland, das unter dem Eisen emporquillt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p> + +<p>Ein Kleefeld grenzt an das Ackerland. Darüber singt eine Lerche ihre +hellen Triller und schwirrenden Melodien. Tobias blinzelt manchmal zu +ihr empor in die sonnige Luft. Er hat von jeher die Lerchen gern gehabt.</p> + +<p>Näher, immer näher kommt der Pflug dem Kleefeld. Bald ist die Arbeit +getan.</p> + +<p>Am Himmel türmt sich ein Wolkengebirge auf. Es hat mehrere Gipfel, +einen Kammweg, der sie verbindet, dunkle Täler und schroffe Abhänge. +Die Sonne nähert sich dem Gebirge, verschwindet hinter ihm und +versilbert seinen höchsten Gipfel. Dann sinkt sie hinab hinter die +schwarzen Hänge. Es wird plötzlich dunkler und kühler auf dem Felde. +Der alte Bauer schaut zum Himmel, ob die Sonne denn schon untergehen +wolle, aber er sieht das Wolkengebirge, lächelt und sagt: »Es ist noch +Zeit!«</p> + +<p>Hell singt die Lerche über dem Klee.</p> + +<p>Furche um Furche — immer dem Ende zu. Der Wilhelm wetzt am anderen +Ende des Kleefelds die Sense. Er will das Abendfutter schneiden. Schon +knarrt der Futterwagen den Feldweg entlang. Jetzt macht Tobias eine +kurze Rast.</p> + +<p>Um den Wiesenbusch, der ihm nahe ist, lugt ein Gesicht. Ein scharfer +Blick fliegt über die Wiese, so scharf wie der Augenstrahl ist, den +der Jäger auf ein Wild richtet. Und nun, wie der Tobias dem Busch den +Rücken kehrt, huscht ein Schatten über die Wiese.</p> + +<p>Der Tod ist da — der Schneider. Aber er hört die Lerche noch singen +über dem Klee, und die Sonne steht noch über dem Himmelsrande. Er ist +zu zeitig gekommen. So duckt er sich, von keines Menschen Auge gesehen, +auf die letzte Ecke des Ackerfeldes. Ein betender Engel kniet neben +ihm.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p> + +<p>Die beiden warten.</p> + +<p>Fröhlich fährt Tobias den Acker wieder hinauf. Es ist ihm so wohl; er +fühlt sich noch gar nicht müde. Wilhelm hat auch einmal herübergewinkt. +Das hat ihn gefreut wie immer.</p> + +<p>Wieder wendet sich der Pflug.</p> + +<p>»Die letzte Furche,« sagt der Bauer laut. »Freu' dich, Schimmel, die +letzte Furche. All Ding nimmt einmal ein Ende!«</p> + +<p>Sacht geht's den Acker hinab, auf den Schneider zu, dessen Augen durch +die Luft glühen. Und der Schneider reckt den Hals. Aber der Engel faßt +ihn an der Hand. Noch singt die Lerche.</p> + +<p>Unter dem Wolkengebirge tritt die Sonne wieder hervor, steht klar am +Abendhimmel.</p> + +<p>Wie der Tobias mitten in der Furche ist, packt ihn plötzlich jemand von +hinten an der Schulter. Tobias erschrickt ein wenig und läßt den Pflug +fallen. Das Pferd bleibt stehen und sieht sich um.</p> + +<p>Da lacht auch schon der Tobias.</p> + +<p>»Der G'steifel ist's. Und ich dummer Kerl erschreck'!«</p> + +<p>»Ja,« lacht der G'steifel, »niemand kann schneller und leiser laufen +wie einer, der ein lahmes Bein hat.«</p> + +<p>Tobias begrüßt den alten Freund und Kriegskameraden. Schon anno Siebzig +hat der »G'steifel« von den Bayern im Feld seinen Namen bekommen. Jetzt +sieht er bewundernd übers Feld.</p> + +<p>»Mensch, Tobias, du wirst wohl gar nicht alt? Hast du nun das ganze +Feld wieder allein umgewendet?«</p> + +<p>»Es ist leichte Arbeit,« sagt Tobias; »der Acker ist mürbe und der +Schälpflug greift ja nicht tief. Und unter acht<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> Stunden Feldarbeit am +Tage — das würd' mir nicht gefallen.«</p> + +<p>»Wird halt auch mal kommen, daß die Kräfte abnehmen, Tobias.«</p> + +<p>»Ja, ja, aber es wird mir nicht gefallen. Es wird mir gar nicht +gefallen.«</p> + +<p>»Aja, da ist's aber noch lange hin. Vorläufig schnupfen wir mal.«</p> + +<p>Der G'steifel zieht eine silberne Tabaksdose aus der Tasche. »Luise« +ist auf ihrem Deckel eingraviert.</p> + +<p>»Ihr seid doch Kerle,« lacht der G'steifel, »dreiundvierzig Jahre lang +gewöhnt mir nu schon meine Luise das Schnupfen ab, und wie ich siebzig +Jahr alt bin, schenken mir die Freunde 'ne silberne Luise. Das habt Ihr +fein ausgediftelt, Tobias! Das ist ein Witz!«</p> + +<p>»Ja, ja,« lacht der Tobias fröhlich, und eine Träne tritt ihm dabei ins +Auge. »Sie hat's doch nicht übel genommen?«</p> + +<p>»Die Luise? Nu nee. Ihren Namen in Silber! Geschmeichelt gefühlt hat +sie sich, hat aber die Dose in den Glasschrank stellen wollen. Na, +das gibt's nich. Ich will immer an dich erinnert sein, Alte, hab' ich +gesagt. Na, da schnupf' halt.«</p> + +<p>»Die Luise soll leben!« sagt Tobias und schnupft. Gleich hinterher muß +er an die zehnmal niesen.</p> + +<p>»'s is starke Sorte,« sagt der G'steifel. »Meine ausgepichten +Nasenröhren müssen so was haben. Du aber bist's nich gewöhnt.«</p> + +<p>Am Feldende der Schneider reckt abermals den Hals. Und wieder faßt der +Engel seine Hand. Noch singt die Lerche.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span></p> + +<p>»Gut schaust du aus,« sagt der G'steifel. »Warst halt immer ein +hübscher Kerl. Ich glaube, damals — vor dreiundvierzig Jahren — hätte +die Luise lieber dich genommen als mich.«</p> + +<p>»Nu nein,« protestiert der Tobias, »mit dir hat's nie ein Bursch +aufnehmen können.«</p> + +<p>Der G'steifel klopft wehmütig lächelnd auf sein lahmes Bein.</p> + +<p>»Nu ja,« sagt Tobias; »fürs Vaterland! Das ist eine Ehre!«</p> + +<p>»Ja, ja,« seufzt der alte Kamerad, und bald darauf erörtern sie zum +vielhundertsten Male den Fall, wie der G'steifel zu seinem lahmen Beine +gekommen ist. Die Arbeit ruht, die letzte Furche liegt halb unvollendet +da, die Sonne rückt tiefer am Himmel.</p> + +<p>Da steigt die Lerche aus der Luft herab aufs Kleefeld zu. Der Schneider +steht auf, geht gebückt den Acker entlang, nimmt die blitzende Schere +aus dem Rockärmel. Aber die Lerche steigt noch einmal hoch empor und +singt hell und klar über den beiden alten Kriegskameraden, die in +Erinnerung schwelgen. Und der Schneider schleicht verdrossen nach +seinem Platze zurück.</p> + +<p>Nun sind die beiden Alten fertig.</p> + +<p>»Du fährst wohl auf dem Kleefuder heim?« fragt der G'steifel.</p> + +<p>»Ja, es sitzt sich weich und gut auf dem Klee.«</p> + +<p>»Ich kann's nicht,« sagt der G'steifel; »mein Reißen leidet es nicht, +auf Klee zu sitzen.«</p> + +<p>Sie geben sich die Hände und scheiden voneinander.</p> + +<p>Tobias nimmt den Pflug auf und vollendet die letzte Furche.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span></p> + +<p>Hell singt die Lerche. Der Engel hebt die gefalteten Hände. Der +Schneider lauert.</p> + +<p>Die Furche ist vollendet. Tobias legt den Pflug hin und strängt das +Pferd ab. Dann schaut er über den Acker.</p> + +<p>Langsam schleicht der Schneider hinter ihm und reckt sich hoch empor +über sein Haupt.</p> + +<p>»Das ganze Feld liegt schön da!« sagt Tobias in tiefer Zufriedenheit.</p> + +<p>Da bricht die Lerche schrill ihre Weise ab und schießt in den Klee.</p> + +<p>Ein leises Blitzen über dem Haupt des Tobias.</p> + +<p>Ohne den leisesten Laut sinkt er tot auf die weiche, braune Ackererde.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Wilhelm rast übers Kleefeld, schreiend und oftmals fallend rennt +der entsetzte alte G'steifel. Sie schlucken, sie ächzen, sie machen +einige unbeholfene Wiederbelebungsversuche, aber der tote Tobias +lächelt zu dem fruchtlosen Beginnen.</p> + +<p>Da sehen sie ein, daß alles aus ist.</p> + +<p>Laut weinend sinkt der junge, starke Wilhelm neben dem Vater ins +Knie; bis ins Mark erschüttert steht der G'steifel neben dem so jäh +gefallenen Kameraden. Eben noch stark und froh, und jetzt tot — wie +ist das möglich, wie ist das möglich? G'steifel schlägt dreimal an die +Brust: »Gott sei uns Sündern gnädig!«</p> + +<p>Dann packt ihn ein lähmender Gedanke. Er hat den Tobias von seinem +scharfen Tabak schnupfen lassen, und der hat so sehr niesen müssen, daß +ihm wohl eine Herzader gesprungen ist. Herrgott — Herrgott ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p> + +<p>Der G'steifel weint bitterlich und er verwünscht das böse Tabakszeug, +das er gegen den Willen seiner Frau dreiundvierzig Jahre lang geliebt +hat. Und er schluchzt: »Ich werd' nimmer froh! Ich werd' nimmer froh!«</p> + +<p>Und ist so außer sich vor Schmerz und Verzweiflung, daß er es gar nicht +merkt, wie seine Finger mechanisch die Dose öffnen und in der Aufregung +Prise um Prise in die Nase stecken.</p> + +<p>Der Kleewagen rumpelt heran.</p> + +<p>»Auf dem Kleewagen hat er heimfahren wollen,« schluchzt der G'steifel.</p> + +<p>Der Wilhelm nickt, und so betten sie den Vater auf den duftenden Klee. +Langsam fährt der Wagen über den Sturzacker dem Wege zu. Der G'steifel +ist außer sich, und die vermeintliche Schuld drückt ihm das Herz ab. Er +hält es nicht aus, er beichtet dem Wilhelm, klagt sich an und schwört +dem Tabak ab.</p> + +<p>Wilhelm tröstet ihn.</p> + +<p>»Der Tabak ist nicht schuld,« sagt er, »Gott hat es so gewollt.«</p> + +<p>Da wird auch der G'steifel ruhiger.</p> + +<p>Ach, es ist schön, wie der alte Bauer Tobias heimfährt. Die liebsten +Pferde ziehen ihn, der geliebte Sohn und der treueste Freund begleiten +ihn. Und sie lieben den Toten in diesem Augenblicke viel, viel mehr, +als sie sich selbst lieben.</p> + +<p>Auf dem Feldhügel bleibt der Wilhelm stehen und deutet nach Westen.</p> + +<p>»Da ist Vaters Seele hin!« sagt er ruhig und fromm.</p> + +<p>Zwei weiße Gebirge stehen am Himmel mit silbernen Gipfeln und +leuchtenden Almen, und mitten zwischen<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> ihnen steht der Weg offen in +ein rotleuchtendes goldenes Land.</p> + +<p>Die Sonne zog diese Straße, und nun zieht auf ihr ein schlichter Engel +mit einer Bauernseele der ewigen Heimat zu.</p> + +<p>Was lächelt der Leichnam im kühlen Klee? Ein Bauer zog aus auf ein +schmales Feld, ein gekrönter König, der über die ganze Welt erhöht ist, +kehrt heim.</p> + +<p>Die Abendglocke singt ihr tiefes, frommes Feierabendlied. Am Hoftor +sitzt die kleine Traute. Sie hält selig eine neue Puppe auf dem Schoß +und lugt mit ihren großen Augen den Feldweg entlang.</p> + +<hr class="r65"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p> +<h2>Bergkrach<br> +<span class="s6">Humoreske in schlesischer Mundart</span></h2> +</div> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-147"> +<img class="w100" src="images/drop-147.jpg" alt=""></figure>i der letzta +Walpurgisnacht hotta amol de schläscha Barge Krach mitsomm. +Wer hotte dan Krach ongefanga? Nattierlich kee andrer Mensch +als wie der Zotabarg<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>. +A hotte die Schniekuppe 'n ale Gake<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> gehissa. + +<p>»Was?« schrie die Schniekuppe. »Du Fatzke! Was unterstiehste dich? Bin +ich nich eure Keenigin?«</p> + +<p>»Nee, du bist 'n ale Gake,« verhorrte der Zotabarg uff sem dicka Kuppe.</p> + +<p>»Nu, du niederträchtiger Latschel, du Faffermandla<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a>, du Ziegequork +du! Ich bien doch 'n feine, gebild'te Dame.«</p> + +<p>»Jawohl ja, Sie sein 'n feine, gebildete Dame,« sate der Huchwald, +dar sich zu benahma weeß, weil a vo a Salzburner<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> Kurgästa Plüh und +Bildung gelernt hot.</p> + +<p>»Hal ock du die Frasse,« sagte der klobige Zotabarg zum Huchwalde, +»sunst verrot ich's erst, daß de anne Liebschoft mit der Eule hust. Ich +sah's schun, wie ihr euch immer pussiert. Und der Sturchbarg stieht ni +weit vo euch weg.«</p> + +<p>»Pfui, pfui, Zotabarg,« schrie der frumme Kreuzbarg bei Striegau, und +durch olle die viele Foffabarge ei der Schläsing ging a Sturm, und se +hielta 'm Zotabarge 'n Revermande. Der beleidigte Huchwald schmieß +augenblicklich<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> dam groba Karle 'n Päpel<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> Wulka on a Kupp, und de +Eule schamte sich wie 'n ale Jumfer. Der Sturchbarg tat wie tulpe.</p> + +<p>»Was ist denn das für ein Skandal?« fragte das Huche Rad<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> ('s war zu +Kaisers Geburtstag werkliches geheemes huches Rad gewurn). »Wer lärmt +denn da und stört die Nachtruhe?«</p> + +<p>»Ach, Exzellenz,« sate die Schniekuppe, »'s sein nämlich wieder die +klein' Leute im Paterre, die Spektakel machen.«</p> + +<p>»Natürlich der Pöbel,« sate 's werklich huche Rad. »Wo sind denn unsere +Polizisten, die beiden Sturmhauben?«<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a></p> + +<p>Die Sturmhauba schliefa leider. 's huche Rad grief ei seine tiefe +Hosatosche, ei die gruße Schniegrube, zug an weißa Zädel raus und +machte sich 'n omtliche Notiz über die schläfriga Pulzisten.</p> + +<p>Nu war's a bißla stille. Uff emol pläkte der Pietschaberg<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> bei +Ingerschdurf wie a Feuerkolb. A behaupte unter vielem Gewinsele, der +Zotabarg hätt' a mitt'm Fusse geschibbt.</p> + +<p>»'s ies gar nie wohr,« striet's der Zotabarg ob, »der ale Lopps, der +Pietschabarg, is wieder bepietscht. Eene Krohe hot a immer eim Stäppel, +merstenteels aber 'n ganza Heffa.<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a>«</p> + +<p>»Ich — ich — bien — ganz — ganz — un — un — gar — nie — be +— suffa,« druxte der Pietschabarg, »aber — Zotabarg, du — du bist +— uffte — uffte genug — benabelt.«<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> Olle Barge ei der Schläsing +lachta, und der Zotabarg kriegt 'n ganz verknuchte Bust. A recht's +olla mitnandern ei ganz urnara<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a> Ausdrücka vür, wie uffte eim Johre, +daß sie benabelt gewast wär'n. 's war 'n lausige Liternei. Wenn's wohr +is, was dar Karl sate, do sein de schläs'scha Barge 'n ganz versuffne +Klicke. Und was das Schlimmste derbeine ies: die hüchsta Spitza, die +sein am üfftesta eim Nabel, die klen'n Kneppe, die blein viel klorer. +Aber manchmol erwischt se's oo. Sugar 'm frumma Kreuzbarge sate der +Zotabarg nach, a hätte monchmal 'n klen'n Stäbrich<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a>.</p> + +<p>»Aber,« so schluß a, »bei a Monnsbildern is ni asu schlimm, wenn se +sich och manchmol asu recht eihüll'n; wenn sich aber a Froovulk<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a> +ei der Wuche drei, vier, fünf, sechs, sieba Mol benabelt, dos ies ane +Offaschande. Und a sittes Froovulk ies äben die Schniekuppe.«</p> + +<p>Die Schniekuppe kreeschte ver Wutt.</p> + +<p>»Zotabarg,« krächzt' se, »du bist ju a ganz gemeener, urnarer, +geweeniglicher Dingrich. Nu, du tummer Grootsch<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a> du! Wos +verstiehst'n du, wie's ei hucha und hichsta Kreesen hargieht? Do is asu +viel Wind und eisige Kälde, doß ma sich monchmol a bisserla eisacka +muß. Muß, du Offe, hierscht es? Aber du warst ju schun immer asu a +aler Stänkerfritze, dar keene Ruh' gab und sich über olles und jedes +die Frasse zerriß. Deswägen hot dich ju och ünser Herrgott aus der +onständiga Sudetenreihe rausgesotzt. Weil du keene Ruhe gibst, do hot a +dich abseits vo olla ganz alleene gesetzt, wie der<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> Schulmeester anne +recht biese Range alleene uff eene Uxabanke<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a> setzt.«</p> + +<p>A schollendes Gelächter vu olla Barga. Do war sugar der Altvater +ufgewacht, dar schun siehr wacklig und taprig ies und immer eischläft, +eb wos lus ies oder nich.</p> + +<p>»Wos — wos ies denn eegentlich?« fragt a däsig.</p> + +<p>»Ach, alter Herr,« sate die würdige Bischofskuppe bei Ziegenhols, »es +ist doch heute wieder die sündige Walpurgisnacht, da machen eben die +Berge Skandal und lästern und führen gemeine Redensarten.«</p> + +<p>»Ähähähähä,« dröselte der Altvater. »jajajaja! 's war immer asu — 's +war immer asu.«</p> + +<p>Und wie a das su leise dudelte und mit eem verschlofna Blicke nach seim +Lieblingstöchterla, 'm Heidebrünnel, niber liebäugelte, schlief a och +schunt wieder ei.</p> + +<p>Nu zug aber der Schniebarg ei der Grofschaft lus, dar ies nämlich der +Schniekuppe ihr Stiefbruder. Seit a 'n sehr schienes Aussichtstermla +uff semm Kuppe hot, spricht a huchdeutsch.</p> + +<p>»Meine Herren,« sat a, »wir lassen uns doch von dem erbärmlichen +Zotenberge nicht produzieren; wir werden ihn einfach aus insem +Gebergsverein nausschmeißen.«</p> + +<p>»Nu, du Glotzer Natzla<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a>, du,« schrie der Zotabarg, »wie sprichst 'n +du? Plombier' dich ock nich! 's heeßt ju gar nich produzieren, 's heeßt +ju profetieren.«</p> + +<p>»Provozieren,« ächzte 's gebild'te Huche Rad, »es ist entsetzlich, +unter solchen Banausen zu leben.«</p> + +<p>»Ja, ja, Exzellenz,« seufzte die Schniekuppe, »das sag' ich auch. Und +Exzellenz wissen doch, ich bin eine gebildete<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Frau. Ich verkehre mit +Breslauern, Berlinern, Engländern und sugar Amerrekanern. Und ich +bin patriotisch. Ein König und eine Königin von Preußen sind auf mir +gewäst.«</p> + +<p>»Prahl dich nich, tumme Gans,« prillte der Zotaberg.</p> + +<p>»Kriegst doch keen'n Orden! Du und patriotisch! Vurna biste preiß'sch +und hinga biste biehmsch<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a>. Und die Leute san, deine Hingerseite is +immer noch scheener wie deine Verderfront.«</p> + +<p>»Gott, wie unanständig,« sate der Veilchenstein<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a>, der beim Huchen +Rad immer eim Vorzimmer stieht.</p> + +<p>»Halt's Maul, Veilchenstein, du bist a Jude!« schrie der Zotaberg.</p> + +<p>»Nu werd a gor noh antersemitisch,« klong's wie a Seufzer vu der +Silberkuppe riber.</p> + +<p>»Ja, und du bist och 'ne Judenschickse,« schantierte der Zotabarg uff +die Silberkuppe.</p> + +<p>»Judenschickse — pfui!« sate der frumme Annaberg bei Strehlitz, und +nahm 'n Klusterbitter ver Entrüstung.</p> + +<p>»Rummel! Rummel! Rummel! Rummel!« quietschte der Rummelsberg bei +Strählen ver Freede. A ies der reene Kuckuck, a prillt immer sen'n +eegna Nama.</p> + +<p>Nu fiel'n de Walmbriger Barge<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a> olle über a Zotabarg har: der +Huchwald, der Sottelwald, der Schworze Barg, der Gotshibel, die +Uxaköppe und halt olle. Ar wäre a ganz ormseliger Buschklepper, meenta +se, ar und sei Bruder, der Geiersberg, wär'n die leibhoftiga Satane, +und<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> orme Luder wär'n 's, Blobeermichel, während sie, die reicha +Walmbriger Barge, asu viel Kohle hätta.</p> + +<p>»Macht euch nie gruß,« gurgelte der Zotabarg derzwischen, »macht euch +ock ni mausig, daß ihr die Kolik im Bauche habt!«</p> + +<p>Iber da faula Witz ging a tuller Skandal lus. Die Schniekuppe wischte +sich mit em Wölkla zwanzigmol hingernander die Nase und fächelte sich +dann domiete, die Uxaköppe drohta mit a Hörnern, der Wulfsberg heulte, +der Fuchsberg ballte, der Schniebarg schmieß ver Bust mit Lawin'n +rim, 's Huche Rad machte sich wie verrückt Notizen, die Pferdeköppe +wieherta, der Veilchenstein jommerte, der Krokonosch schimpfte uff +biehmsch, der Annaberg tronk immerfurt Klusterbitter, der Rummelsberg +prüllte wie tälsch: »Rummel, Rummel,« die Eule tat, als wenn se +sich halbtut schamte, der Huchwald schwur, uff a Summer werd a a +Zotabarg mit Hagelkörnern tutschissa<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a> wie mit eener Matrilljese, +der Schworze Berg sah aus wie a wütender Näger, der Sturchberg schlug +mit a Fliegeln, und die hunderttausend Mühlberge ei der Schläsing<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a> +klopperta ver Ufregung.</p> + +<p>Do kam uff eemol der liebe Herrgott ei seim himmelblooen Mantel aus +seim scheenen Paradiese runder ei die liebe Schläsing und sate:</p> + +<p>»Bst! Seid stille! Seid hübsch artig, meine lieba Kinderla! Ihr seid +ju olle su hibsche, schmucke Perschla und Madla<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a> ihr mißt euch ni +händeln. Ich bien euch ju olla asu harzlich gutt. Gieht jitzt hibsch +schlofa<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a>, und<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> wenn ihr murne früh wieder ufstieht, do flecht ich +jedem an lichta, guldna Kranz ei de Hoore. Gieht schlofa, ihr Kinderla, +gieht schlofa!«</p> + +<p>Und der liebe Herrgott zug jedem ane weeche, mollige Nachtmütze über +die Ohren. Do worn se gut und stille, sanftmittig wie die Lammla. +Blußig der Knurrkupp vo Zotabarg kunnde sich nich asu plutze beruhigen. +Wie ihm die Nachthaube schun übers Maul wegrutschte, brummelte a +drunder no leise ver sich:</p> + +<p>»De Schniekuppe ies doch 'n ale Gake!«</p> + +<div class="chapter"> +<hr class="r65"> +<h2 class="nobreak" id="Altenroda"><b>Altenroda</b></h2> +</div> + +<p class="s3 center">*</p> +<p class="center">46.-65. Auflage</p><br> +<p class="s3 center">*</p> + +<hr class="r65"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p><br> +<h2> Altenroda<br> +<span class="s6">Ein Rundgang — Zugleich eine Ouvertüre</span></h2> +</div> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-159"> +<img class="w100" src="images/drop-159.jpg" alt=""></figure>iebe Stadt, +wenn ich dein gedenke, wird mir die Seele ruhig. Dann bin +ich auf eine Weile fort aus dem schrecklichen Leben, das wir nun alle +führen müssen. Wie ein Jüngling erwache ich aus schwerem Schlafe und +schaue in unschuldiges Frühlingslicht. + +<p>Wenn ich dein gedenke, Altenroda, dann ist es mir, als sei alles nicht +wahr, das von Leid und Angst, von Enttäuschung und Gram, von den +Toten, die noch leben müßten, vom bösen Kriege und von der Schande des +Vaterlandes, als sei alles nur ein Traum gewesen, so furchtbar, daß das +Erwachen desto tröstender ist.</p> + +<p>Du bist noch da, liebes Altenroda! Der Eulenwald schirmt dich noch auf +mit seinen grünen Armen, der Ochsenkopf baut sich noch auf wie eine +trutzige Feste, die Poststraße läuft durch die bunte Aue und auf dem +Flüßchen schwimmen die silberweißen Enten.</p> + +<p>Altenroda! Wie mich die Sehnsucht quält, dich wiederzusehen, dir zu +sagen: »Siehe, ich lebe auch noch. Laß mich wieder einmal durch deine +alten Straßen gehen!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Heute wollte ich zu dir hinfahren. Es ist nicht weit. Als ich auf den +Hauptbahnhof meiner großen Stadt kam, standen Maschinengewehre davor. +Irgendwo, auf einer entfernten Gasse war wildes Geschrei. Ein Beamter +kam und sagte, es sei Eisenbahnerstreik; die Züge führen nicht. Traurig +ging ich heim. Ich durfte nicht nach Altenroda.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Deine Kinder bekommen alle das Heimweh, wenn sie von dir ferne sein +müssen — auch ich habe das Heimweh nach dir. Und wie man nicht nach +Sünden seines Vaters oder seiner Mutter fragt, sondern ihr Bild heilig +und unversehrt im Herzen bewahrt, so mag ich nicht fragen, ob auch +dir, Altenroda, der Krieg die Jugend nahm, ob auch dir die Revolution +das Glück ermordete. Ich sehe dich im Lichte alter Zeit, friedlich und +schön, waldfrisch und heimlich.</p> + +<p>Ich kann nicht zu dir, weil die Züge nicht fahren. Aber ich will +mich hinsetzen und alte Erinnerungen an dich aufschreiben. Dann bin +ich bei dir — in dir. Ich baue mir rasch ein weißes Luftschiff mit +silbernem Propeller, darauf fahre ich zu dir hin im Sonnenscheine unter +dem schweigenden Himmel. Schwalben umzwitschern mich, Störche ziehen +flügelschlagend vor mir her; vom Bienenstocke meines Vaters steigt die +Frau Königin mit ihrem Gefolge auf und bringt mir einen Gruß; dort über +den Bergen des Ostens blinkt schon der frühe Mond.</p> + +<p>Es geht über die alte Heimaterde. Der Hahn vom Kirchturme glitzert +herauf, die Wälder wogen tief unten wie blaue Teiche. Wie Fußschemel +sind die Berge; aber ich bin ein Kind, meine Beine sind zu kurz, die +Schemel zu erreichen; sie baumeln in freier Luft. Von unten her singen +Lerchen wie Kanarienvögel, die am Fußboden sitzen. Die Glocken klingen +aus der Tiefe. Kinder sehen mein Schiff, zeigen nach oben und jauchzen. +Sie rufen herauf: »Du! Du! — Laß mich ein Stückchen mitfahren!«</p> + +<p>So fahre ich gen Altenroda.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Von ungefähr greife ich aus der Weste einen Taschenkalender heraus. +Welches Datum haben wir? Den 6. Juli 1913. Aha, das ist mein +vierzigster Geburtstag. Es ist also doch nicht wahr, daß ich nahe der +»50« bin, es hat auch gar keinen Weltkrieg von 1914 bis 1918 gegeben. +Das waren nur böse Träume. Es ist erst der 6. Juli 1913. Der Kalender +muß es wissen.</p> + +<p>Gott sei dank! Erst 1913. Nun werde ich in Altenroda mitten in den +Frieden hineintreffen und keine Trauer- und Angstgesichter, wohl aber +die alte deutsche Ehre und das alte deutsche Glück finden.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Da ist schon der Gipfel des Ochsenkopfes. Vom Aussichtsturme der +Bergbaude weht die schwarzweißrote Fahne. Es muß wohl ein Festtag +sein, daß sie geflaggt haben. Vom Ochsenkopfe herab hat einmal ein +Köhler eine ganze Stadt zuschanden geraucht — huhu! Und dort oben sind +jetzt immer die Volksfeste. Am Abhang des Berges stand in alter Zeit +der Galgen; jetzt ist eine lustige Wiese dort. Alle Tyrannen der Welt +werden am Ende lächerlich; auf dem Schindanger grasen die Gänse.</p> + +<p>Nun eine Biegung; ich bin über dem Flusse, über der Poststraße, über +der bunten Aue. Links vor mir liegt der meilenweite Eulenwald. Auf der +Straße marschiert junges, buntmütziges Volk. Gymnasiasten sind es, die +in die Ferien wandern. Sie singen, jubeln und — rauchen. Aha, daher +hatte der Ochsenkopf geflaggt. Die großen Ferien beginnen. Da freut +sich die ganze Stadt mit den Kindern und feiert ein Fest.</p> + +<p>Nun der Rathausturm, die Kirchtürme, der Schuldturm,<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> das hohe, +spitzgiebelige Dach der Kranich-Apotheke — ich bin da!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich muß zu allererst nach dem »Goldenen Löwen«, muß mich bei Vater +Speer anmelden. Wie kann er ahnen, daß ich komme?</p> + +<p>Er hat es aber doch geahnt, eilt mit entgegen, soweit er mit seinen +zweihundertfünfzig Pfund eilen kann, schiebt das Käppchen auf dem Kopfe +hin und her, lacht und sagt:</p> + +<p>»Ich dachte mir's schon. Mit Ihnen geht mir's wie mit dem Wetter. Ich +merke die Ankunft vorher in den Knochen.«</p> + +<p>»Wenn's nur kein Reißen ist, Vater Speer.«</p> + +<p>»Nö, nö! Das Wetter ist ja sehr schön heute.«</p> + +<p>»In Altenroda ist immer schönes Wetter.«</p> + +<p>Er lacht sein gutmütiges Meckern.</p> + +<p>»Haha, da ist er kaum rein zur Stadt und sagt schon wieder was +Lächerliches. Immer schönes Wetter! Da hätten Sie mal den Sturm am 17. +April erleben müssen. Die halbe Stadt abgedeckt. Da war gerade der +August Stumpe da ...«</p> + +<p>»Ach der! Den habe ich neulich den »Tristan« singen hören. Herrlich!«</p> + +<p>»Wie er den Christian singt, weiß ich nicht; aber das weiß ich, daß +er am 18. April nach dem Sturme auf die Häuser rauf ist und Dächer +geflickt hat vom Morgen bis in die sinkende Nacht.«</p> + +<p>»Ein guter Sänger!« sage ich in Erinnerung an einen schönen +Theaterabend.</p> + +<p>»Ein guter Dachdecker,« sagte Vater Speer in Erinnerung an den Sturm.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span></p> + +<p>»Der Stumpe — so so — der war da. Ja, die Altenrodaer Kinder hängen +an ihrer Stadt.«</p> + +<p>»Gehört sich auch! Nur der Cyrill ist nicht mehr dagewesen. War +wohl doch ein bißchen obenhinaus und konfuse. War ja aber kein +Einheimischer.«</p> + +<p>Die Häuser sind mit Fahnen, Girlanden und Tannenreis geschmückt.</p> + +<p>»Das ist wohl wegen des Ferienanfangs?«</p> + +<p>»Jawohl. Na, es ist doch ein Festtag. Die Schützengilde macht heute +Umzug und abends ist bei mir ›Sommernachtstraum‹ im ›Löwen‹. Früher +hieß es ›italienische Nacht‹. Aber das haben wir abgeschafft; wir sind +ja wohl keine Italiener.«</p> + +<p>»Nein, Vater Speer. Sind die Hullah-Araber noch auf dem Gymnasium?«</p> + +<p>»Nein, Gott sei dank nicht. Das waren, weiß Gott, die größten +Vagabunden, die wir hier auf der Schule gehabt hatten. Haben im März +alle ihr Abitur gemacht, alle bestanden und sind nun fort nach den +Universitäten.«</p> + +<p>»Das freut mich!«</p> + +<p>»Mich auch! Und die ganze Stadt freut's! Daß sie fort sind! Das sind, +darauf nehme ich Gift, die Burschen gewesen, die mir zur Nachtzeit +immer die leeren Fässer aus dem Hofe nach dem Marktplatz rollten und +die den Fuhrleuten vor dem ›Löwen‹ die Pferde ausspannten. Und wegen +der Promenadenesel von damals habe ich auch meinen Verdacht. Sie wissen +schon — wegen Hero und Leander!«</p> + +<p>Wir gehen ein Stückchen weiter.</p> + +<p>»Der gute Vater Ansorge ist also tot?«</p> + +<p>»Leider!« sagt der Löwenwirt düster. »Viel zu früh!<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> Erst siebzig! Er +hat der Stadt sein ganzes Vermögen vermacht.«</p> + +<p>»Und <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz auch?«</p> + +<p>»Der auch! Liegen beisammen. Wird sich auch so gehören.«</p> + +<p>»O, der Tod!«</p> + +<p>»Ja, der Tod!«</p> + +<p>Vater Speer spuckt gerade aus, als ob er dem Tod ins Gesicht treffen +wollte.</p> + +<p>Im Sonnenschein liegt die Krumme Straße, die ein wenig bergauf +führt. An den Häusern sind Söller und Balkone, vor den Türen stehen +grüngestrichene Bänke. Das Pflaster ist holperig. Selbst Herr +Ansorge, der große Wohltäter der Stadt, hat nicht haben wollen, daß +neumodisches, glattes Pflaster käme. »Solches Katzenkopfpflaster«, hat +er gesagt, »gehört zur kleinen Stadt. Es macht ihm seine Marktmusik. +Ohne Rumpeln kein fröhlicher Markt.«</p> + +<p>In den Hausgärten hängen die Kirschbäume voll goldener Fruchtkugeln. In +den zahlreichen Starkästen hausen Sperlinge. Speer weist darauf hin und +brummt:</p> + +<p>»Wer in einem Obstgarten Starkästen aufhängt, ist so dumm wie einer, +der in der Vorratskammer Mäusenester anlegt.«</p> + +<p>»Aber, Papa Speer, Sie haben ja wohl in Ihrem Garten auch viele +Starkästen?«</p> + +<p>»Leider! Die Dummen werden nicht alle!«</p> + +<p>Die Leute, die in den Türen stehen oder uns begegnen, reichen uns die +Hände und plaudern mit uns. Man kommt in Altenroda langsam vorwärts. +Mein Gedächtnis wird bewundert, weil ich noch weiß, daß die kleine<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> +Friedel zugleich Scharlach und Diphtherie hatte, und daß <em class="antiqua">Dr.</em> +Schicketanz sie rettete, und weil ich mich erkundige, ob der geblumte +Rock sich gut getragen habe, den die Großmutter nach langem Rechnen und +Zaudern um eine Mark und zwanzig Pfennige das Meter gekauft hatte.</p> + +<p>Wir kommen am »Weißen Roß« vorbei.</p> + +<p>»Wie geht es dem Wirt?«</p> + +<p>»Schlecht! Hat zu hohe Preise. 1911er Zeltinger verkauft er die Flasche +für zwei Mark und fünfundzwanzig Pfennige. Das kann kein Mensch zahlen. +Die Gäste verkrümeln sich. Ich habe diesem Roß von Roßwirt gesagt: +›Ich verschenke den Zeltinger für zwei Mark; gib du ihn für eine Mark +und neunzig Pfennige und du hast die Gäste.‹ Er kann's nicht tun, hat +den Wein selber mit zwei Mark in der Hand. Saure Schnauze gehabt beim +Einkauf. Kommen Sie, wir wollen die Konkurrenz was verdienen lassen.«</p> + +<p>Wir kehren ein und lassen die Konkurrenz was verdienen. Im Lokal sitzt +ein dürres Männchen mit einer Brille auf der Nase. Es wird von Vater +Speer auffallend schlecht behandelt.</p> + +<p>Draußen frage ich: wer der Dürre sei.</p> + +<p>»Ach der,« knurrt Speer; »der ist ein schlechter Kerl. Ein Berliner. +Früher ist er Archivrat gewesen, und bei seiner Pensionierung ist er +leider auf den Gedanken verfallen, nach Altenroda zu ziehen. Jetzt +kriecht er auf den Bodenräumen des Rathauses rum, stöbert in alten +Pfarr- und Innungsbüchern und schreibt blecherne Artikel. Wütend sind +wir auf den!«</p> + +<p>»Was schreibt er denn?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></p> + +<p>»O, der hat zum Beispiel geschrieben, die Stadt Wenighofen sei gar +nicht von unserem Köhler zuschanden geraucht, sondern im Hussitenkriege +<em class="antiqua">anno</em> Vierzehnhundert so und so viel zerstört worden. Denken +Sie, wenn das die Kinder lesen! Das ist, als wenn sich ein Kerl zu +Weihnachten vor die Kleinen hinstellt und ihnen sagt: ›Es gibt gar kein +Christkind; der ganze Plunder, über den ihr euch so freut, ist aus dem +Warenhause.‹ Eine Roheit ist so etwas. Auch die Geschichte vom Meister +Michael und seiner Wunderuhr hat er angezweifelt. Er hat gesagt, das +hätte sich gar nicht bei uns, sondern in Olmütz zugetragen. Er saß bei +mir im ›Löwen‹, als er das behauptete.«</p> + +<p>»Was haben Sie denn darauf erwidert?«</p> + +<p>»Ach, erwidert hab' ich gar nichts; ich hab' ihn bloß rausgeschmissen.«</p> + +<p>Aus der Gerbergasse tönt Kinderlärm. Eine ganze Schar ärmlich +gekleideter Buben und Mädchen tollt dort herum.</p> + +<p>»Sehen Sie,« sagte Vater Speer, »drei Viertel von diesen Radaumachern +sind direkte Nachkommen von Paul Distelfink, Enkel oder Urenkel. Na, +Sie kennen ja die Geschichte von Ansorge und Distelfink und der dummen +Emma. Ja, ja, lauter Distelfinken! Wenn das so weiter geht mit dieser +Familie Distelfink, ist Altenroda in sechzig Jahren eine Großstadt. +Und ein Mann wie Ansorge muß sein Leben lang einsam bleiben und erhält +keinen Erben!«</p> + +<p>Seit einigen Minuten ertönt Glockengeläute. Nun begegnen wir einem +Leichenzuge; gerade an der Marktecke zieht er an uns vorüber. Vornweg +ein mit schwarzen Schleiern geschmücktes Kreuz, dann etwa vierzig +Schulkinder,<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> die unter Leitung ihres Kantors ein Begräbnislied +singen, hellstimmig, krähend, fidel, als ob es zu einem Schulausfluge +ginge; dann ein blasser, junger Geistlicher, der in einem Gebetbuche +liest, vor ihm rotbäckige Ministranten mit Weihbrunnen und Rauchfaß, +äußerlich würdig, aber die Augen rechts und links werfend; dann der +Sarg, von sechs Männern getragen, denen die Zylinderhüte schief +auf dem Kopfe sitzen und die Zitronen in der Hand tragen; dann +schwarzgekleidete Leidtragende und zuletzt viel Volk. Die meisten Leute +des Trauergefolges machen gleichgültige Gesichter; manche schwätzen +miteinander.</p> + +<p>»Der alte Kesselschmied Mentke,« flüstert mir Speer zu. »Dreiundachtzig +Jahre alt. Der Tod war eine Erlösung.«</p> + +<p>Einem Begräbnisteilnehmer ist sein Hund nachgelaufen gekommen, ein +schöner Dobermann. Umsonst versucht der Mann, durch zischelnde, zornige +Befehle, durch Drohen mit dem Regenschirme oder scheinbares Aufheben +eines Steines das Tier zur Rückkehr zu bewegen. Er erreicht nur, daß +sich der Dobermann als Letzter dem Trauerzuge anschließt.</p> + +<p>Vater Speer und ich haben unsere Häupter entblößt, als der Sarg +vorbeigetragen wird, und gehen nun langsam auf dem Bürgersteige +mit, begleitet von einer Kinderschar. Eine Arbeiterfrau gibt ihrem +Sprößling, der seinen Reifen neben dem Sarge hertreibt, eine gewaltige +Ohrfeige. So geht der Schlingel jetzt bitterlich weinend, die +schmutzigen Fäustchen in die Augen gebohrt und den Reifen um den Hals +gehängt neben dem Sarge her als der Betrübteste im Zuge.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span></p> + +<p>Alle Türen öffnen sich. Käufer und Verkäufer treten aus den Läden und +entbieten dem toten Kesselschmiede einen letzten Gruß. Nur der Barbier +mit seinem Streichriemen und seinem eben eingeseiften Kunden hätten +sich lieber nicht in der Türe zeigen sollen.</p> + +<p>Von der Berliner Straße her, die am anderen Ende des Marktplatzes +mündet, tönt schmetternde Musik. Die Schützengilde marschiert an; +die Kapelle spielt einen wirbelnden Marsch. Plötzlich bricht die +Musik ab. Der Kapellmeister hat den Begräbniszug erblickt. Er spricht +leise auf die Musiker ein, und als der Sarg vorbeigetragen wird, läßt +er, ein Protestant, ob es auch ein katholisches Begräbnis ist, den +herrlichen Choral spielen: »Meinen Jesum lass' ich nicht; Jesus wird +mich auch nicht lassen«. In strammer militärischer Haltung steht die +Schützengilde und die Fahne senkt sich vor dem alten Kesselschmiede.</p> + +<p>Als der Zug schon um die nächste Biegung und nichts mehr davon zu sehen +ist, steht die Gilde immer noch da. Der Kapellmeister überlegt, wie er +in die so jäh unterbrochene Freudenstimmung musikalisch zurückfinden +könne. Etwas Lustiges muß es wieder sein; denn dafür ist Schützenfest; +aber es soll doch an das eben gehabte ernste Erlebnis angeknüpft, etwas +Schickliches zur Überleitung gefunden werden. So läßt der Kapellmeister +spielen: »Muß i denn, muß i denn zum Städele hinaus« und dann in die +Hohe Gasse nach dem »Löwen« einbiegend: »Freut Euch des Lebens, weil +noch das Lämpchen glüht ...«</p> + +<p>Da habe ich wieder ein echt Stück Altenroda erlebt. Es ist nichts, +was mich an diesem Leichenbegängnis mit<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> seiner Mischung von Wehmut, +Feierlichkeit und Humor gestört hätte. So ist Altenroda, so ist +schließlich das ganze Leben — neben den Särgen der Alten treiben die +Kinder ihre Reifen, blasen die Musikanten.</p> + +<p>Ich denke daran, daß der alte Mentke nun für immer zum Städele hinaus +muß, in dem er über acht Jahrzehnte lebte. Glückliche Reise in die +große Ferne! Alter Mentke, gelt, es war schön in Altenroda!</p> + +<p>Mein Begleiter Speer räuspert sich.</p> + +<p>»Weiß der Himmel,« sagt er, »wenn ich ein Begräbnis gesehen habe, muß +ich immer was trinken. Es ist mir stets nicht ganz lauter um den Magen. +Gehn wir mal zum Apotheker.«</p> + +<p>Dazu bin ich gern bereit. Der Apotheker ist mein Freund seit langem. Er +ist einer der angesehensten Bürger, in vielerlei Wissen erfahren, sehr +musikalisch, als Sänger kunstgerecht ausgebildet, etwas streitsüchtig, +aber im ganzen eine goldene Seele. Über der Tür seiner Apotheke funkelt +ein goldener Kranich, das hochgiebelige Haus ragt stattlich in die +Luft. Hinter dem Geschäftsraume der Apotheke ist eine Trinkstube, die +der Apotheker, der von Hause aus Oberösterreicher ist, den »Giftgadern« +nennt. »Gadern« ist ein durch ein »Gatter« abgeschlossener Raum.</p> + +<p>Der Apotheker mich sehen, an der Hand fassen und in den Gadern ziehen, +das geschieht alles in Sekunden.</p> + +<p>»Freut mich, Sie zu sehen!« oder auch nur »Guten Tag!« sagt er nicht. +Er hält das für selbstverständlich und haßt Phrasen, die ja meist doch +rein gar nichts bedeuten.</p> + +<p>Der Giftgadern der Kranich-Apotheke zu Altenroda ist<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> — glaube ich +— eine der verrücktesten Trinkstuben der Welt. Ein Panoptikum. +Einmal ist einer, der im Gadern auf einem Sofa über Nacht blieb und +in bleichem Mondlichte aufwachte, in Schreikrämpfe verfallen. In +einer Ecke steht ein Totengerippe. Daneben hängt auf der einen Seite +das Bild einer alten Zigeunerin, auf der anderen ein Gemälde, das +ein hoch talentierter futuristischer Maler gestiftet hat und das die +»Maul- und Klauenseuche« darstellt. Ich glaube, daß dieses Gemälde das +Allerschrecklichste im Giftgadern ist; wer es angeschaut hat und bei +gesunden Nerven geblieben ist, erschrickt vor nichts mehr im Leben. +In einer anderen Ecke steht ein Ritter in Originalrüstung. Auf seinem +Schilde ist eingraviert: <em class="antiqua">Qui bene bibit bene dormit, qui bene dormit +non peccat, qui non peccat venit in coelum, item qui bene bibit venit +in coelum.</em> (Der Archivar aus Berlin hat diese Inschrift als eine +nachträgliche Fälschung erklärt und darf daher nicht mehr in den Gadern +kommen.)</p> + +<p>Die Wände sind bis an die Decke mit Bildern, Konsolen, Urnen, +Kriegstrophäen bedeckt, alles in erstaunlichem Durcheinander, so +daß eine Karikatur Napoleons I. neben dem Bilde einer neuzeitlichen +Berliner Theaterdiva hängt und eine (auch vom Archivar angezweifelte, +aber trotzdem echte) Tabaksdose Friedrichs des Großen auf einer +Konsole neben einem in ein ganz modernes Glaskästchen eingeschlossenen +Bleistiftlein liegt, mit dem der Dichter Geibel angeblich das schöne +Lied: »Der Mai ist gekommen« geschrieben haben soll.</p> + +<p>»Ordnung,« sagte der Apotheker, »ist in einem Giftgadern nicht zu +fordern. Außerdem, wer sollte auch Zeit<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> und Lust genug haben, hier +Ordnung zu machen? Wem's nicht paßt, der bleibt draußen.«</p> + +<p>Der Mann hat recht: die Erde und ihre Zeit und ihr Raum sind winzig wie +ein Stäublein, das im Winde fliegt. Homer und Geibel sind Zeitgenossen, +Altenroda und Peking liegen dicht beieinander.</p> + +<p>Im Giftgadern sitzen drei Männer, alte Bekannte von mir. Keiner läßt +sich durch meine Ankunft in der Unterhaltung stören.</p> + +<p>Denn das hat der Apotheker heraus: nichts stört in einer Gesellschaft +mehr, als das ständige »Guten Tag« und »Ade« sagen. Sitzen Leute +zusammen und unterhalten sich gerade gut, kommt ein neuer hinzu, reicht +jedem die Hand: »Guten Tag, Herr Schulze!« — »Guten Tag, Herr Müller!« +— »Guten Tag, Herr Lehmann!« — so hat er mit seinem nichtssagenden +Grüßen die Unterhaltung gestört, das feine Geflecht der Behaglichkeit +zerrissen. Und sind die Maschen wieder geschlungen, steht einer auf, +reicht jedem die Hand und sagt: »Gute Nacht, Herr Müller!« — »Gute +Nacht, Herr Schulze!« — »Gute Nacht, Herr Lehmann!« so ist er allen +durch die Unterbrechung lästig. Sinn und Zweck hat so etwas nicht. +Im Giftgadern hängt an einer Strippe eine Hand herab, die in feinem +Glaceleder steckt. Wer kommt, schüttelt diese Hand (soll für alle +heißen: »Guten Tag!«), wer geht, schüttelt die Hand (heißt für alle +»Auf Wiedersehen!«). Oben an der Strippe ist ein Läutewerk, das bimmelt +leise bei Ankunft und Abgang.</p> + +<p>Ich stehe nun da und schüttele die künstliche Hand. Der Apotheker neben +mir fragt:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p> + +<p>»Nun, was ist zuerst gefällig: Mundwasser, Gurgelwasser oder +Zahntropfen?«</p> + +<p>»Zahntropfen!« sagt mein Begleiter Speer. »Hab's Begräbnis mitmachen +müssen, da ist mir nicht lauter um den Magen.«</p> + +<p>»Dreimal Zahntropfen!« ruft der Apotheker in die Apotheke hinaus, und +es erscheinen drei Gläser Kognak. Hätte er »Gurgelwasser« bestellt, so +wäre Bier gekommen, bei »Mundwasser« aber Wein. Der Apotheker hat diese +Decknamen eingeführt, weil er seine Reputation wahren muß. Wenn er eine +Bestellung aus dem Giftgadern hinausruft in die Apotheke, dann muß das +einen pharmazeutischen Anstrich haben, damit die Kunden draußen kein +Ärgernis nehmen.</p> + +<p>Allerhand Fallen sind im Giftgadern. Wer so kindisch ist, an dem Seile +der kleinen Glocke zu ziehen, die an der Wand hängt (und fast jeder +Neuling ist so kindisch!) der zahlt eine Auflage, ebenso, wer auf +der Laute klimpert, die daliegt (und fast jeder Neuling klimpert). +Auch muß der, welcher sich auf einen Hocker setzt, der ein verkapptes +Musikinstrument ist und »Trink'n wir noch ein Tröpfchen« spielt, diese +hinterlistig erpreßte Aufforderung wahr machen.</p> + +<p>Beileibe keine Nebberei! Einen gastfreundlicheren Wirt als den +Apotheker gibt es in ganz Europa nicht. So darf zum Beispiel der, +der das erste Mal in den Giftgadern kommt, für seine Zeche überhaupt +nichts bezahlen. Niemand hat dieses »Recht des ersten freien Tages« +mißbraucht, jeder ist wiedergekommen und hat sich »revanchiert«.</p> + +<p>Nur einer hat es anders gemacht. Der ist in Abwesenheit<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> des Apothekers +in den Giftgadern gekommen, hat einmal, zweimal, dreimal gut gegessen, +siebenmal gut getrunken, feine Zigaretten verlangt, hat dann gesagt: +»Ich bin das erste Mal hier, also zahle ich nichts, danke bestens! +Mahlzeit!« ist gegangen und nie wieder gekommen. Das war ein Berliner. +Selbstverständlich war das ein Berliner!</p> + +<p>Sechs Wochen lang hat ganz Altenroda auf diesen »Schmierfink« von +Berliner geschimpft. In der siebenten Woche kam ein Brief aus Berlin: +»Nachdem jetzt wohl genug auf den Berliner geschimpft worden ist, zahlt +er seine Schuldigkeit.« Schickt der Mann den Betrag seiner Zeche und +ein hochanständiges Trinkgeld dazu für die Bedienung. Ganz Altenroda +war betroffen. Ganz Altenroda schämte und ärgerte sich und schimpfte +dann aufs Neue auf den Berliner, der eine angebotene Gastfreundschaft +bezahlt hatte.</p> + +<p>»Das können Sie glauben,« sagte Vater Speer damals zu mir, »Berlin ist +eine Stadt von lauter Lauseigeln.« Ich wagte nichts zur Verteidigung +der Berliner zu sagen, dazu bin ich Vater Speeren gegenüber zu +furchtsam. Und dann hatte ich die ganze Geschichte selbst mit erlebt, +hatte selber mit geschimpft und war dann ob des Benehmens des Berliners +auch selbst mit »betroffen« gewesen.</p> + +<p>Mein herrlicher, nun verewigter Freund Ansorge sagte damals milde:</p> + +<p>»Man soll nie schimpfen; denn erstens hat es keinen Zweck, zweitens +steht es einem schlecht zu Gesichte, und drittens ärgert man sich +hinterher immer darüber, daß man sich geärgert hat.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p> + +<p>Ja, ja, lieber, ehrwürdiger Freund, solltest halt noch leben! Solltest +nicht zu den Toten gegangen sein. Solltest jetzt wie einst mit im +Giftgadern sitzen. Da würdest du mild auf die Freunde einwirken, die +auf den Archivar schimpfen, der aus Berlin gekommen ist und sich +ungehörig um die Geschichte der Stadt Altenroda kümmert.</p> + +<p>Sie freuen sich doch, die alten Kumpane, daß ich gekommen bin. Sie +fragen natürlich nach vielem aus der großen Stadt. An die Großstadt +denken sie oft mit einem Schauer wie an ein sündiges Babel und haben +bei diesem Schauer immer eine heftige Sehnsucht, hinzufahren. Das ist +halt so.</p> + +<p>Es werden wirtschaftliche Fragen erörtert. Die Bauern wuchern +neuerdings furchtbar, wird mir geklagt. Für ein Pfund Butter haben sie +eine Mark und dreißig Pfennige verlangt, für ein Ei nehmen sie, ohne +vor Scham in die Erde zu sinken, acht Pfennige. Da kann sich ja auch +ein begüterter Mann zum Frühstück nicht mehr seine drei Eier gönnen. +Der Hering kostet zwölf Pfennig, Schweinefleisch ohne Knochen schon +neunzig! Traurige Zeiten!</p> + +<p>Der Zentner Kohle gilt eine Mark und zwanzig Pfennige. Die Bergleute +werden immer frecher. Ein achtzehnjähriges Dienstmädel verlangt +mir nichts dir nichts fünfzehn Mark pro Monat und jeden zweiten +Sonntag frei; die Schullehrer wollen mit eintausendfünfhundert Mark +Jahreseinkommen nicht mehr zufrieden sein. Ja, wohin soll denn das noch +führen?</p> + +<p>»Ach,« sagt der Apotheker, »wir sitzen in einem Schlaraffenlande; wir +wissen's bloß nicht!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p> + +<p>»Sie vielleicht,« höhnte der Kaufmann Nerlich, der das größte +Kolonialwarengeschäft in der Stadt hat. »Wissen Sie, was ich im vorigen +Jahre für Einkommensteuer hab' zahlen müssen? Vierundachtzig Mark! Wo +soll man denn das hernehmen?«</p> + +<p>»Aus der Kasse!« sagt Vater Speer pomadig.</p> + +<p>Nerlich wird wild.</p> + +<p>»Ja, Sie haben leicht in die Kasse zu greifen, wo Sie für den Kognak +fünfzehn Pfennig und für die Zigarre zehn Pfennig nehmen. Was da +bleibt! Und die Portion Mittagessen fünfundsiebzig Pfennig, hehe, feine +Sache!«</p> + +<p>»Ihnen geb' ich Rabatt,« sagt Vater Speer.</p> + +<p>Wenn sich die Stimmung so zuspitzte, schrie der Apotheker allemal in +die Apotheke hinaus:</p> + +<p>»Zahntropfen!«</p> + +<p>Die besänftigten nicht nur die Zähne, sondern auch die Gemüter. Aber +nicht lange. Die Bürger von Altenroda lieben es zu streiten, eine +Eigentümlichkeit, die man in deutschen Landen des öfteren antreffen +kann. Es ging bald wieder los. Nerlich erhitzte sich aufs neue.</p> + +<p>»Was das jetzt auch für eine Schlamperei mit der Eisenbahn ist! Gestern +wollte ich meine Schwiegermutter abholen. Muß ich doch geschlagene acht +Minuten auf dem Bahnhofe warten. Soviel hatte der Zug Verspätung! Ist +das nicht unerhört?«</p> + +<p>»Na,« sagte der Apotheker, »wenn sich die Schwiegermutter um acht +Minuten verspätet hat, dann schreiben Sie doch an die Bahn einen +Dankbrief.«</p> + +<p>Nerlich trank sein »Gurgelwasser« aus.</p> + +<p>»Schwiegermutter hin, Schwiegermutter her. Über<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> solch ernste Sachen +soll man nicht spotten. Ordnung muß sein im Lande! Ordnung! Und Recht +und Billigkeit! Und das ist nicht mehr in Deutschland.«</p> + +<p>Er stand auf, schüttelte die lederne Hand, die an der Decke hing, und +verschwand.</p> + +<p>Schweigen. Jeder grübelte, ob er nun in einer schlechten oder +erträglichen Zeit lebe.</p> + +<p>Der Apotheker und Vater Speer fanden das Leben anno 1913 »erträglich«.</p> + +<p>Der Apotheker sagte zu mir:</p> + +<p>»So, was man arme Leute nennt, das mag's bei Ihnen in der Großstadt +geben, bei uns nicht. Hungern kennt hier keiner, Frieren auch nicht. +Wär noch schöner! Luxus, na ja, das ist nicht, aber was sein muß, +ist da! Bei uns kann jeder achtzig Jahre alt werden, wenn's ihm der +Herrgott von Geburt aus mit in die Knochen gegeben hat, und wenn er +seinen Lebensbrennstoff nicht selbst verliedert hat.«</p> + +<p>Er ging zu einer riesigen Tonurne, die eine Ausgrabung war und die +Asche eines Menschen enthielt, der vor zweitausend Jahren starb. Neben +der Urne stand ein Grammophon. Von diesem ließ der Apotheker das +Deutschlandlied spielen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Eine kleine Welt ist Altenroda. Aber die ganze Welt ist klein; Paris +und Berlin sind Nester wie Altenroda. Die größten Spießer sind unter +denen, die das Spießertum verachten. Außer der Liebe ist nichts Großes +auf der Welt. Es gibt keine großen Reiche, keine große Kunst, keine +großen Männer. An solche Dinge glauben nur Knirpsgehirne. Selbst die +Sonne ist nur ein Flimmerchen.<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> Über ein paar kleine Differenzen, +wie etwa zwischen Goethe und einem Stallknecht, sollte sich niemand +aufregen; beide — Goethe und der Stallknecht — sind ganz klein, der +eine ein bißchen kleiner als der andere.</p> + +<p>Groß allein ist die Liebe, die der Odem Gottes ist. Sie läßt uns das +Winzige groß sehen, so daß wir selbst ein Käferlein im Sonnenlichte mit +seligem Entzücken zu betrachten vermögen und mit heimlichem Schaudern +zusehen, wie ein gewaltiger Sperling ein Würmchen auffrißt, oder — wie +ein Reich durch ein anderes zugrunde gerichtet wird.</p> + +<p>»Sie spintisieren!« sagt Vater Speer, da wir über den Marktplatz gehen. +»Was ist los?«</p> + +<p>Ich sage ihm etliches von dem, was ich eben gedacht habe.</p> + +<p>Speer schüttelt den Kopf.</p> + +<p>»Wegen der paar Zahntropfen braucht man ja nicht gleich auf solche +Gedanken zu kommen.«</p> + +<p>So sagt er und grüßt gleicherzeit devot nach dem Bürgersteige +hinüber, wo der Herr Major daherschreitet, der Kommandeur des hier in +Garnison liegenden zweiten Bataillons des xten Infanterieregiments, +Feldmarschall Graf von Kunsewitz.</p> + +<p>»Haben Sie gesehen, wie freundlich der Major gedankt hat?« fragte Vater +Speer. Er strahlt. Das Offizier-Kasino ist in seinem »Löwen«. Es bringt +zwar bei den Vorzugspreisen, die die Herren Offiziere genießen und bei +den Ansprüchen, die sie machen, nicht viel ein. Aber die Ehre, man +denke, die Ehre! Der Herr Major hat auf Speers Gruß nicht nur gedankt; +er hat direkt mit<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> dem Kopfe genickt. Das tut sonst beim Grüßen kein +Offizier. Beim Militär nickt man nicht mit dem Kopfe. Das sah beinahe +wie Vertraulichkeit aus. Vater Speer strahlt.</p> + +<p>Es sind halt doch große Differenzen zwischen den einzelnen Menschen. +Meine Gedanken von vorhin ... Nun, lassen wir es!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Was ist das?</p> + +<p>Jemand kommt und sagt: es sei spät in der Nacht; das Schießen auf der +Straße habe nun aufgehört; es sei Zeit, schlafen zu gehen; auch wäre +der Ofen kalt geworden.</p> + +<p>Schießen?</p> + +<p>Ich habe nichts gehört.</p> + +<p>Und Feuer im Ofen?</p> + +<p>Eben hat sich Vater Speer mit einem bunten Schnupftuch den Schweiß von +der Stirne gewischt.</p> + +<p>Aha — die täuschen sich; die denken, ich sei in Breslau, es sei Winter +und Revolte.</p> + +<p>Sie täuschen sich. Ich bin in Altenroda; es ist ein friedlicher +Sommertag — der 6. Juli 1913 — mein vierzigster Geburtstag.</p> + +<hr class="r65"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p> +<h2>Vom Musikleben in Altenroda</h2> +</div> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-181"> +<img class="w100" src="images/drop-181.jpg" alt=""></figure>n friedlicher +Zeit, als die Menschen noch nicht so von politischen +Ängsten und Leidenschaften zerrüttelt waren, hatten sie Muße, das Leben +mit Behaglichkeit zu genießen und sich mit allerhand schönem oder +vergnüglichem Nebenwerk das Dasein zu erheitern. Allenthalben blühten +Liebhaberkünste, insonderheit wurde gern gesungen, und so war es auch +in der Stadt Altenroda. + +<p>In dieser Stadt gab es drei Gesangvereine: einen vornehmen, einen +weniger vornehmen und einen gar nicht vornehmen, alles hübsch geordnet +nach Stand und Einkommen.</p> + +<p>Singen konnten alle drei Vereine nicht; aber sie bildeten sich ein, daß +sie es könnten. Ihr Publikum, das zumeist aus Verwandten und Bekannten +bestand, klatschte Beifall, wenn sie ein Konzert gaben, und so war +alles in schöner Ordnung.</p> + +<p>Der Apotheker jener Stadt aber, der ein gewaltiger Bassist war und +den »Schwarzen Walfisch zu Askalon« oder den »Grafen von Rüdesheim« +so machtvoll vortragen konnte wie kaum ein anderer Mensch, warf +sich auf die kritische Seite und störte, wie alle Kritiker, die +künstlerische Ruhe und das Behagen der Sängerwelt. In dem vornehmsten +Gesangvereine, dem er selbst angehörte, der »Harmonie«, krittelte der +Apotheker ständig, war bei den Proben nie zufrieden und wollte immer +alles anders »aufgefaßt« und bis zur Endlosigkeit wiederholt wissen. +Dadurch machte er sich unbeliebt und wurde bei der Generalversammlung +nicht mehr in den Vorstand<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> gewählt, weshalb er aus dem Vereine +ausschied und diesen der mächtigsten Grundsäule des Basses beraubte. +Aber auch mit dem zweitvornehmsten Vereine, dem »Kirchenchor«, +verfeindete sich der Apotheker. Als bei dem zwanzigsten Konzert, das +er in diesem Vereine erlebte, abermals »Der Herr ist mein Hirt« und +»Hebe deine Augen auf« auf dem Programm standen, gähnte der Apotheker +bei einer Pianissimostelle so laut und schmerzlich, daß die ganze +Zuhörerschaft in Lachen ausbrach, wodurch die feierliche Liedwirkung +sehr beeinträchtigt wurde. Der Dirigent des Kirchenchores war so +böse auf den Apotheker, daß er, als er sich bald darauf einen Finger +beschädigte, mit der Eisenbahn nach einer Nachbarstadt fuhr, um dort +ein Schächtelchen Salbe einzukaufen, da er den Apotheker nichts mehr +verdienen lassen wollte.</p> + +<p>Ganz und gar verschüttet aber hatte es der Apotheker mit dem dritten +Gesangverein, welcher »Frohsinn« hieß. Er hatte öffentlich behauptet, +dieser Verein müsse nicht »Frohsinn«, sondern »Verzweiflung« +genannt werden; seine Mitglieder gehörten samt und sonders in die +Korrektionsanstalt.</p> + +<p>Einige Frohsinnsmänner, die über solche Kritik verdrossen waren, +brachten darauf dem Apotheker fast allabendlich ein Ständchen, dessen +Text nur eine einzige Zeile hatte: »Es war einmal ein Apotheker«, +dessen Musik aber die Textworte fugenartig auseinanderzog, zum +Beispiel: »A-a-po-po-the-the-ker-ker«. Der Apotheker war rasend über +diese »Sauerei«, wie er es nannte, konnte es aber nicht hindern, daß +sich immer wieder einige Mitglieder des »Frohsinns« vor seiner Haustür, +über der als<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> Firmenbild ein goldener Kranich war, aufstellten und im +Liede beteuerten, daß einmal ein »A-a-po-po-the-the-ker-ker« war. Die +Fuge über dieses eine Wort war ungefähr eine Viertelstunde lang, worauf +die Sänger, wenn sie nach dem endlosen Gestammle das Wort »Apotheker« +am Schluß doch glücklich und im Zusammenhange herausgebracht hatten, +sich vor dem goldenen Kranich artig verneigten, gleich als hätte der +Beifall gespendet, und ihrer Wege gingen.</p> + +<p>Solche Dinge können ja einem Biedermanne und Kunstkenner das Leben +verbittern ...</p> + +<p>Seit einigen Wochen lebte in Altenroda ein junger Mann namens Cyrill +Dietrich. Die Leute hielten ihn für überspannt. Schon seine Eltern +mußten nicht ganz gescheut gewesen sein, sonst hätten sie ihn doch +lieber Max oder Kurt oder auf sonst einen vernünftigen Namen, aber +nicht Cyrill getauft. Cyrill war früher Postsekretär gewesen; aber er +hatte — wie sich der Apotheker im Bilde ausdrückte — die Marken an +die Wand geklebt, war nach Berlin gegangen, hatte dort Musik studiert +und schließlich sein Examen glänzend bestanden. Eine Stelle als +Kapellmeister hatte Cyrill bis dahin aber nicht gefunden, wenigstens +keine, die er anzunehmen geneigt war; denn er hielt viel von sich +selbst und schrieb zurzeit an einer Oper, zu der er sich den Text +selber dichtete. »Ganz wie die beiden Wagner, Vater und Sohn,« sagte +der Apotheker, der einzige, der den jungen Mann ernst nahm, weil er +in ihm außer sich selbst den einzigen musikverständigen Menschen von +Altenroda erblickte.</p> + +<p>Cyrill benahm sich sehr hoffärtig. Der Frau Bürgermeister, die ihm +angeboten hatte, ihrer siebzehnjährigen<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> Else »fortgeschrittenen +Klavierunterricht« zu erteilen, wofür eine Mark und fünfundzwanzig +Pfennige die Stunde gezahlt werden sollten, hatte Cyrill einen +höhnischen Absagebrief geschrieben. Darauf hatte die Frau +Fabrikbesitzer Strümpel, die mit der Bürgermeisterin verfeindet war, +Herrn Cyrill Dietrich sechs Mark für die Stunde angeboten, wenn er +ihre Tochter Thea unterrichten wollte. Cyrill antwortete, wenn er +kein Geld mehr haben werde, wolle er sich bei Herrn Strümpel um eine +Stelle als Fabrikarbeiter bemühen, keinesfalls aber dem Fräulein Thea +Klavierunterricht geben.</p> + +<p>Darauf sagten die Leute in Altenroda, Cyrill sei ein Grobian. Nur der +Apotheker lobte ihn und nannte ihn einen Charakter.</p> + +<p>Jedenfalls hatte sich Cyrill, was seine musikalischen Fähigkeiten +und Kenntnisse anlangte, in Respekt gesetzt. Als die »Harmonie« ihr +nächstes Konzert gab, räusperte sich ihr Dirigent verlegen, als er +Herrn Cyrill im Saale auftauchen sah, und alle Vereinsmitglieder sagten +sich im stillen: Heute heißt es aber sich zusammennehmen und das Beste +bieten.</p> + +<p>Cyrill hörte sich nur die erste Nummer des Konzerts an, dann verließ er +behutsam und mit betroffenem Gesichte den Saal.</p> + +<p>»Der hat genug!« sagte der Apotheker ziemlich laut, was ein Kichern, +aber auch ein verärgertes »Pst! Pst!« zur Folge hatte. Die Sänger auf +dem Podium machten erboste Gesichter und es war, als läge ihnen gar +nichts mehr daran, weiterzusingen.</p> + +<p>Am nächsten Tage suchte der Apotheker Herrn Cyrill auf. »Sie haben +gestern das Konzert der ›Harmonie‹ ostentativ<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> verlassen. Das war nicht +mehr als recht und billig.«</p> + +<p>»Ich wollte die Leute nicht kränken,« erwiderte Cyrill sanft; »ich +hielt es nur nicht länger aus.«</p> + +<p>»Kann ich mir denken, mir denken! Die Leute haben keine Ahnung vom +Singen.«</p> + +<p>»Nein,« sagte Cyrill noch sanfter.</p> + +<p>»Keine Ahnung von Tonbildung oder richtiger Atmung oder Dynamik. So zum +Beispiel singen sie:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›<em class="gesperrt">Stüll ruht da Söö</em>,</div> + <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">Die Veeglein schlafähn</em>,</div> + <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">Ein Flistarn nua, du merkst es kahum</em>.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Und bei ›Flistarn‹ brüllen sie wie die Stiere. Dabei soll man das +Flüstern kaum merken. Ich danke!«</p> + +<p>Cyrill lächelte nur schmerzlich.</p> + +<p>»Herr Cyrill Dietrich,« nahm nun der Apotheker einen großen Anlauf, +»ich bin gekommen, Ihnen einen Vorschlag zu machen, beziehungsweise +Ihnen eine Bitte zu unterbreiten. Es ist eine Schande, daß das +Musikleben Altenrodas so trostlos daniederliegt. Altenroda ist +doch immerhin eine ansehnliche Stadt: Landratsamt, Gymnasium, +Fabriktätigkeit, neuerdings sogar Garnison. Also da muß etwas +geschehen. Ich hatte mir nun die Sache so gedacht, daß die vier besten +Stimmen hier am Ort zu einem Quartett zusammentreten würden: Sopran, +Alt, Tenor und Baß, daß Sie, Herr Kapellmeister, die Direktion und vor +allen Dingen die Ausbildung des Quartetts übernehmen. Dann würde den +Banausen hier endlich einmal klar werden, was singen heißt.«</p> + +<p>Der Apotheker machte eine Pause und wartete auf eine Antwort. Er +wartete vergebens. Cyrill sah ihn nur<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> düster an. So würde Beethoven +ausgesehen haben, wenn man ihm zugemutet hätte, auf einem Jahrmarkte +Musik zu machen. Nach einer Weile aber öffnete Cyrill doch die Lippen +und sagte mit müder, schleppender Stimme:</p> + +<p>»Herr Apotheker, ich werde Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Es +war einmal ein Kanarienvogel, dem ging es ganz gut in seinem Bauer; +denn er war in der Gefangenschaft geboren. Dann aber kam er in eine +Stadtwohnung, wo in dem Zimmer über ihm Gesangunterricht erteilt wurde. +Nach drei Wochen war der Kanari tot. Er war nämlich leider musikalisch +gewesen. Verstehen Sie, er war musikalisch gewesen, der arme Kanari! +Es ist ein Unglück, musikalisch zu sein, Herr Apotheker; man leidet +schrecklich darunter!«</p> + +<p>Solch abgrundtiefer Hochmut ging nun dem Apotheker doch über die +Hutschnur; er erhob sich also von seinem Stuhle und sagte:</p> + +<p>»Nun, Herr Kapellmeister, da scheine ich ja mit meinen Bestrebungen bei +Ihnen kein Glück zu haben. Ich möchte nur das eine wissen, ob Sie nicht +auch mal Unterricht haben mußten, oder ob Sie schon als Meister vom +Himmel gefallen sind.«</p> + +<p>Cyrill sah ihn ganz verdutzt an und brachte nur zwei Worte heraus:</p> + +<p>»Ja — ich!«</p> + +<p>»Ja — Sie — Sie!« grollte der Apotheker. »Woher wissen Sie denn, ob +die vier, von denen ich sprach, nicht ebenso musikalisch sind wie Sie +und Ihr verstorbener Kanarienvogel?«</p> + +<p>Cyrill staunte über den Apotheker. Dann ging ein Lächeln über seine +Züge, als dächte er bei sich: was für<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> seltsamen Aberglauben gibt es +doch in der Welt. In Altenroda soll es Leute geben, die so musikalisch +sind wie ich. Dieser Gedanke erheiterte Cyrills Gemüt so, daß er fragte:</p> + +<p>»Ich möchte wohl wissen, wer diese großen Talente sind.«</p> + +<p>Der Apotheker kam ein wenig in Verlegenheit.</p> + +<p>»Nun, nun,« sagte er, »ich will ja nicht zuviel behaupten; aber was +das Stimmaterial anlangt, so ist schon alles da, was notwendig ist. +Da ist zunächst die Tochter von unserem Kirchendirigenten. Hat einen +prachtvollen Sopran — lerchenklar! Technik hat sie keine. Sie kann +nicht piano ansetzen und hat keine Zwerchfellatmung. Atmet einfach +durch die Lungen. Das ganze Korsett wackelt, wenn sie singt.«</p> + +<p>»Sie wissen etwas von Zwerchfellatmung?« fragte Cyrill mit einigem +Respekt.</p> + +<p>»Ach, ich weiß wohl dies und das,« fuhr der Apotheker fort. +»Also Fräulein Liesel Tilgner wäre der Sopran. Ihr Vater kann +mich nicht ausstehen und ich ihn nicht. Aber die Kunst steht +über allem Persönlichen. Dann käme der Tenor. Er ist von Beruf +nur Dachdeckergehilfe. Aber war nicht der große Wachtel früher +Droschenkutscher? Und Slezak, wenn ich nicht irre, Schlossergesell? +Unser Tenor heißt August Stumpe (der wird sich ja wohl ein Pseudonym +beilegen müssen; denn ›Stumpe‹ klingt nicht). Stumpe hat eine +strahlende Höhe. Das <em class="antiqua">H</em> mühelos und crescendofähig. Mittellage +etwas rauh. Schade, daß er ein windiger Hund ist.«</p> + +<p>»Tenöre sind immer windige Hunde; das gehört dazu,« sagte Cyrill, den +die Sache zu interessieren begann.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p> + +<p>»Ja, deswegen braucht einer aber noch nicht dem Verein ›Frohsinn‹ +anzugehören und vor meinem ehrsamen Hause Schweinereien zu singen. +Aber, wie gesagt, die Kunst steht über dem Persönlichen.«</p> + +<p>Damit schloß der Apotheker plötzlich seine Rede. Cyrillen interessierte +nun die Sache wirklich. Durch sein Hirn war der Gedanke geblitzt: Wie +wäre es, wenn ich hier ein Talent entdeckte, ihm die erste Ausbildung +gäbe und dann einem Direktor damit unter die Nase führe? Mein Weg als +Kapellmeister wäre gemacht.</p> + +<p>»Wer sind nun die beiden letzten, der Alt und der Baß?« erkundigte er +sich.</p> + +<p>Abermals kam der Apotheker in Verlegenheit.</p> + +<p>»Ich spreche nicht gern von mir selbst und meiner Familie, es sieht +leicht nach Dünkel und Selbstlob aus. Und ich kann es in den Tod nicht +ausstehen, wenn jemand eingebildet ist. Echte Talente sind bescheiden.«</p> + +<p>Cyrill schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Nein, nein, nur die Lumpe sind bescheiden. Das wußte schon Goethe! Wer +was kann, weiß das auch.«</p> + +<p>»Also,« atmete der Apotheker schwer auf, »der Alt wäre meine Tochter +Sabine, und der Baß wäre ich.«</p> + +<p>In Cyrills Miene trat eine gewisse Säure. Zwei Talente in einer +Familie schienen ihm von vornherein verdächtig. Aber da ihn, wie +schon wiederholt gesagt wurde, die Sache interessierte, forderte er +den Apotheker auf, ihm doch etwas vorzusingen, und wies mit einer +Handbewegung nach einem alten gelben Piano, das der Tante Cyrills +gehörte, bei welcher der junge Künstler wohnte.</p> + +<p>Der Apotheker wurde bei der Aufforderung, zu singen,<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> rot wie eine +Pfirsichblüte. Aber er erhob sich mutig und sagte:</p> + +<p>»Wie ich schon auseinandersetzte, Herr Kapellmeister, an Technik +fehlt's. Man weiß, wie es sein soll, aber man kann's nicht!«</p> + +<p>»Das ist so wie bei den Kritikern,« warf Cyrill ein.</p> + +<p>»Richtig!« stimmte der Apotheker bei, der ein unsinniges Herzklopfen +verspürte. Kurz erwog er, ob er den »Schwarzen Walfisch«, den »Grafen +von Rüdesheim« oder »Es liegt eine Krone im tiefen Rhein« vortragen +solle. Er entschloß sich für das letzte, hochberühmte Lied, da in +diesem seine Gefühlswärme und sein schönes Tremolo am besten zur +Geltung kamen. Als er aber am Klavier saß, wurde das Herzklopfen noch +ärger, und er spürte ein Würgen in der Kehle, das für ein schönes +Tremolo keine guten Aussichten bot. Es hätte leicht ein Meckern daraus +werden können.</p> + +<p>Also präludierte der Apotheker auf dem Klavier ein wenig hin und her +und her und hin, erhob sich dann plötzlich und sagte:</p> + +<p>»Entschuldigen Sie, Herr Kapellmeister, aber ich kann hier nicht +singen, das Klavier ist zu verstimmt.«</p> + +<p>Nun wurde Cyrill rot — nicht wie eine Pfirsichblüte, sondern wie +reiner Zinnober.</p> + +<p>»Verstimmt?« lachte er etwas albern. »Verstimmt sagen Sie? Natürlich +verstimmt! Greulich! Ich aber — ich wußte das gar nicht. Die alte +Kommode gehört meiner Tante. Ich spiele natürlich nie darauf. Nie! Ich +habe hier kein anderes Instrument als die Orgel meiner Seele.«</p> + +<p>Mit der letzten edlen Phrase hatte Cyrill seine Haltung<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> +wiedergewonnen. Der Apotheker kehrte langsam nach seinem Stuhle zurück. +Er war ein praktischer Mann, ein Menschenkenner, und so dachte er sich: +Aha, der arme Kerl hat das Geld für den Klavierstimmer sparen wollen +und die Sache selbst versucht — und da ist eben ein solches Resultat +herausgekommen. Er war boshaft genug, anzufangen vom Klavierstimmen zu +reden.</p> + +<p>Cyrill lehnte sich stolz zurück.</p> + +<p>»Wissen Sie, was das erste Erfordernis für einen sogenannten +berufsmäßigen Klavierstimmer ist? Er darf kein musikalisches Gehör +haben; sonst taugt er nichts.«</p> + +<p>»Nanu!« warf der Apotheker ein.</p> + +<p>»Ja,« sagte Cyrill wieder in seinem hochmütigen Tonfall; »ich kann +das nicht so kurz erläutern. Dazu gehört die ganze Vorkenntnis vom +wohltemperierten Klavier.«</p> + +<p>»Kenne ich!« sagte der Apotheker freudig. »Ein ganzer Ton hat neun +Grade, <em class="antiqua">cis</em> steht fünf Grade über <em class="antiqua">c</em>, des nur vier Grade. +<em class="antiqua">Cis</em> ist höher als <em class="antiqua">des</em>. Zwischen dem vierten und fünften +Grad gehen diese beiden sozusagen Stiefzwillingsschwestern aneinander +vorbei. Auf dem Klavier aber müssen <em class="antiqua">cis</em> und <em class="antiqua">des</em> gleich +sein. Beide werden mit der gleichen schwarzen Taste getippt. Das ist +ein Gehör-Kompromiß.«</p> + +<p>»Das ist kein Kompromiß,« sagte Cyrill feierlich, »das ist Sudelei. Für +musikalische Menschen eine Qual. Klavier ist Roheit!«</p> + +<p>»Dann ist die Orgel auch Roheit!« warf der Apotheker ein; »dann ist +jedes Instrument Roheit, das festliegende Töne hat und Kompromiß +zwischen <em class="antiqua">cis</em> und <em class="antiqua">des</em> eingehen muß. Dann bestehen nur +Streichinstrumente und menschliche Stimme, die diese Unterschiede +machen können.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p> + +<p>Cyrill bekam Respekt vor seinem Gegenüber. Dem Apotheker aber schwoll +der Kamm.</p> + +<p>»Halten Sie Paderewski für einen Künstler?«</p> + +<p>»Ja, natürlich!« antwortete Cyrill.</p> + +<p>»Paderewski hat mal bei uns ein Konzert gegeben. Seine königliche +Kunstmajestät verirren sich auch manchmal in eine kleinere Stadt. Also +unsere ›Harmonie‹-Banausen hatten zwar den Mut gehabt, Paderewski +ein Heidenhonorar zu garantieren, aber nicht das Geschick, für ihn +einen anständigen Flügel zu besorgen. Paderewski kommt an — es war +ein kalter Wintertag — badet seine Hände eine Viertelstunde lang in +warmem Wasser, probiert dann den Konzertflügel und macht ein Gesicht +wie ein Löwe, der Krautsalat fressen soll. Kurz und gut, ich hatte +damals gerade meinen neuen Blüthner; Paderewski kommt zu mir, ist +zufrieden; ich stelle natürlich den Flügel zur Verfügung, und alles +wurde ausgezeichnet. Damals hat sich Paderewski auch von meiner Sabine +ein Liedchen vorsingen lassen und sie gelobt.«</p> + +<p>Cyrill erkannte, daß er besiegt sei. Mit persönlichen Bekannten von +Paderewski sich zu entzweien, wäre Wahnsinn.</p> + +<p>So bat Cyrill den Apotheker, ihm morgen seinen Gegenbesuch machen und +den Paderewski-Flügel probieren zu dürfen. Es könnte dann gleich das +Weitere wegen des neuzubildenden Quartetts besprochen werden.</p> + +<p>Hochbefriedigt ging der Apotheker nach Hause. Der goldene Kranich über +seiner Tür blitzte stolz im Sonnenschein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Apotheker verbrachte eine unruhige Nacht. Es war durchaus nicht +leicht, Fräulein Liesel Tilgner und Herrn August Stumpe, die beide +feindlichen Vereinen angehörten, für ein Quartett zu gewinnen. Zum +ersten Male im Leben wurde der Apotheker, der sonst von grobkörniger +Ehrlichkeit war, zum Heuchler. Er schrieb zwei verlogene Briefe, in +denen er den Adressaten unmäßiges Lob spendete, insonderheit auch +sagte, daß sie in ihren »geschätzten Vereinen« ja schon eine gute +Gesangsvorbildung genossen hätten und nun unter der Leitung des Herrn +Cyrill Dietrich, eines der gefeiertsten und genialsten Dirigenten +Deutschlands, in einem erlesenen Quartett zur letzten Kunstreife +geführt werden sollten. Man wollte sie ihren beliebten und geschätzten +Vereinen natürlich durchaus nicht abtrünnig machen, im Gegenteil würden +diese gewiß eine Förderung erfahren, wenn sie durch ein Mitglied mit +dem in Musikkreisen äußerst einflußreichen Herrn Cyrill Dietrich in +Verbindung kämen. In aufrichtiger vorzüglicher Hochachtung usw.</p> + +<p>Um neun Uhr früh wurde der Laufbursche Fritz beauftragt, die beiden +Briefe zu ihren Empfängern zu tragen. Nach einer Stunde schon war er +zurück, was für den Laufburschen eine anständige Leistung war, da der +Weg, den er zurückzulegen hatte, immerhin unter einer Viertelstunde +nicht zu machen war.</p> + +<p>Fritz berichtete, bei Fräulein Tilgner hätte er den Brief einfach +abgegeben, aber mit dem Dachdecker sei es eine schwere Not gewesen. Der +hätte gerade auf einem hohen Dache geklebt. Da hätte er hinaufgebrüllt, +er solle doch mal runter kommen, der Herr Apotheker schicke ihm einen +Brief.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p> + +<p>»Was hat er gesagt?« fragte der Apotheker begierig.</p> + +<p>»Ach, gesagt hat er gar nichts,« erwiderte Fritz. »Er hat bloß zu +singen angefangen: Es war einmal ein A-a-po-po ...«</p> + +<p>Fritz bekam eine Ohrfeige.</p> + +<p>»Was hast du mit dem Briefe gemacht?« fauchte der Apotheker.</p> + +<p>»Ich bin,« heulte Fritz, »ich bin die Leiter hinaufgestiegen und hab' +den Brief in die Dachrinne gelegt.«</p> + +<p>Da bekam er eine zweite Ohrfeige.</p> + +<p>»Schuft! In die Dachrinne? Und jetzt regnet's! Schreibe ich dafür +Briefe?«</p> + +<p>Fritz machte, daß er hinauskam. Der Apotheker tobte im Zimmer auf und +ab. Nach einer Viertelstunde wurde die Tür aufgerissen, Fräulein Liesel +Tilgner stürmte herein und fiel dem Apotheker jubelnd um den Hals.</p> + +<p>»Ich freu' mich — ich freu' mich — ich freu' mich ...«</p> + +<p>»Also Sie machen mit?« fragte der Apotheker befriedigt. »Was sagt denn +der Herr Papa?«</p> + +<p>»Ach der! Der hat es mir aufs strengste verboten. Also, wann gehen die +Übungen an? Ich kann es kaum erwarten. In unserem Kirchenchor ist das +ein greuliches Gequieke.«</p> + +<p>»Allerdings!« sagte der Apotheker, indem er auf den Brief vergaß, den +er erst vor einer Stunde abgeschickt hatte.</p> + +<p>Am Nachmittag kam Cyrill. Er vergaß, den Hut abzunehmen, guckte sich +nur geistesabwesend im Zimmer um, sah den Blüthner-Flügel, ging mit +zitternden, ausgestreckten Armen auf das schöne Instrument los und +spielte in seliger Selbstvergessenheit drei Stunden lang, ohne auch<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> +nur eine Pause zu machen und den Apotheker zu Worte kommen zu lassen. +In der dritten Stunde wurde es dem langweilig, und er ging in den +Giftgadern, um einen Schnaps zu trinken. An der Tür traf er seine +Tochter Sabine. Diese sagte:</p> + +<p>»Das ist ja ein greulicher Kerl. Paß auf, der zerhaut uns noch den +Flügel.«</p> + +<p>»Schweig!« sagte der Apotheker. »Musiker sind so!«</p> + +<p>»Kopfschmerzen hab' ich schon,« schmollte Sabine. »Wenn der es jedesmal +so macht, kann's ein schönes Quartett werden.«</p> + +<p>»Schweig!« sagte der Vater abermals und trank einen zweiten Schnaps. +Dann ging er seufzend nach dem Musikzimmer zurück.</p> + +<p>Nach drei Stunden brach Cyrill das Spiel jäh ab.</p> + +<p>»Haben Sie Notenpapier?« fuhr er den Apotheker an.</p> + +<p>Nein, Notenpapier war nicht im Hause. Da suchte Cyrill verstört nach +seinem Hute, fand ihn aber nicht, weil er ihn immer noch auf dem Kopfe +hatte, und rannte davon. Der Apotheker sah ihm blöde nach. Vom Quartett +war nicht die Rede gewesen ...</p> + +<p>Am Abend dieses Tages kamen verdächtige Gestalten die Friedrichstraße +herab, steuerten über den Marktplatz und stellten sich vor der Apotheke +zum »Goldenen Kranich« auf: August Stumpe, der Tenorist, mit noch acht +Mann aus dem Verein »Frohsinn«. Dem Apotheker, der sie kommen sah, lief +es eiskalt über den Rücken. Jetzt kam wieder jener elende Schandgesang +— und dann war es mit der Hoffnung, den stimmbegabten Dachdecker für +das Quartett einzufangen, vorbei. Das war also die hohnvolle Absage +auf seine liebenswürdige Einladung. Bleich<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> vor Ärger zog sich der +Apotheker tief ins Zimmer zurück, um wenigstens am Fenster nicht +gesehen zu werden. Doch, wie sollte er alsbald erstaunen!</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Stüll ruht da Söö,<br> +Die Veeglein schlafähn ...</em>«</p> + +<p>Mit schmetternden Stimmen und großer Begeisterung wurde das Lied +gesungen. Und als die Sänger in der letzten Strophe in Donnertönen +beteuert hatten, daß »auch du, auch du wirst schlafen gehn«, gingen sie +noch lange nicht schlafen, sondern sangen: »Wenn ich den Wandra frage +...« und dann: »Ich kenn' ein'n hellen Ödelstein ...«</p> + +<p>Man brachte dem Apotheker ein ernstgemeintes Ständchen. Das sah er beim +dritten Liede ein, freute sich unbändig über das treue deutsche Herz, +das sich da draußen vor seiner Haustür offenbarte, trat ans Fenster, +öffnete es und klatschte stürmischen Beifall, als die Sänger geendet +hatten. Aus jedem Fenster des Marktplatzes hing ein Menschenkopf +heraus. Manche Leute klatschten, manche kicherten leise und hofften, +daß doch noch die Apothekerhymne kommen würde. Aber sie kam nicht, +sondern im Gegenteil:</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Unsa Kaisa liebt die Blumen,<br> +Denn er hat ein samft Gemiet ...</em>«</p> + +<p>Ein paar Hunde eilten herbei und sangen mit. Sie heulten zum +Steinerweichen. Darüber faßte einen Bassisten der Zorn. Er ging hin, +hieb den Bestien sein Liederbuch um die Ohren und vertrieb sie.</p> + +<p>Nach dem schönen Waldmannschen Kornblumenliede trat<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> ein Sänger an das +Fenster heran und hielt folgende Ansprache:</p> + +<p>»Geehrter, geschätzter Herr Apotheker! Indem wir ja eigentlich bis +jetzt einige bedauerliche Differenzen hatten, sind wir gekommen, um Sie +mit einem kleinen Ständchen zu beehren; denn wir haben uns gefreut, +daß Sie in einem Briefe an unsern Freund und Ehrenmitglied, Herrn +Stumpe, unserem geschätzten Vereine Ihre Ehrfurcht ausgesprochen haben. +Wir werden unseren Freund und Ehrenmitglied, Herrn Stumpe, für Ihr +Quartett gern zur Verfügung stellen und in Ihren Konzerten vollzählig +erscheinen. Der Herr Apotheker lebe hoch — hoch — hoch!«</p> + +<p>Die neun Männer brüllten, aus manchem Fenster wurde auch mitgebrüllt, +und die Hunde, die sich in eine Seitengasse zurückgezogen hatten, +bellten und heulten. Es war sehr eindrucksvoll.</p> + +<p>Der Herr Apotheker erwiderte, daß er sich über das reizende Ständchen +außerordentlich gefreut habe, und lud die Herren zu einem Gläschen +Wein ins Haus. Die tranken nun im Giftgadern so reichlich, wie es der +Gastfreundschaft des Wirtes und ihrem eigenen Appetite entsprach.</p> + +<p>Der Laufbursche Fritz aber erlebte an diesem Abend noch ein +schmerzliches Abenteuer. Der Apotheker hatte ihn als Eilboten zu +Herrn Cyrill geschickt mit der Siegesnachricht: »Unser Quartett ist +komplett!« Fritz kam ganz entgeistert zurück. Er sagte, Herr Cyrill +hätte ihn erwürgen wollen, weil er ihn beim Komponieren gestört habe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am nächsten Abend sollte die Tätigkeit des neuen Quartetts durch den +ersten Übungsabend eröffnet werden. Cyrill kam eine halbe Stunde zu +spät, grüßte kurz und setzte sich sofort an den Blüthner-Flügel, allwo +er mächtig zu präludieren anfing. Der Apotheker saß in Angst und +Sorge da, weil er der drei Stunden von gestern gedachte. Er machte +einige Versuche, an Herrn Cyrill heranzukommen, der wies ihn aber mit +drohender Miene ab und versank immer tiefer in ein Meer von Akkorden, +Passagen, Trillern, Stakkaten, Arpeggien und kontrapunktischen +Wogengängen.</p> + +<p>Nachdem Cyrill so dreiviertel Stunden lang gespielt hatte, nahm der +Dachdecker seinen Hut, sagte dem Apotheker ins Ohr: »Ich habe keine +Zeit mehr!« und drückte sich zur Tür hinaus. Der Apotheker versuchte +vergebens, den Sänger am Jackenärmel zurückzuhalten. August Stumpe +hatte »keine Zeit mehr«. Er ging Skat spielen. Der Apotheker war bleich +vor Ärger.</p> + +<p>»Unser Tenor ist fortgegangen!« sagte er laut.</p> + +<p>Cyrill machte eine Pause.</p> + +<p>»Wer ist fortgegangen?«</p> + +<p>»Unser Tenor! Die Übung sollte um acht Uhr beginnen. Jetzt ist es halb +zehn. Herr Stumpe ist ein fleißiger Handwerker, er muß sich seine Zeit +genau einteilen; er hatte keine Zeit mehr zu warten.«</p> + +<p>»So, so,« sagte Cyrill; »nun, wenn er keine Zeit hat, soll er doch +ruhig gehen.«</p> + +<p>Und er begann wieder zu spielen. Da brach jemand in ein schallendes +Gelächter aus. Cyrill fuhr herum. Wer wagte es, in seiner Gegenwart +so unverschämt zu lachen? Ach, er sah in ein blühendes, wonniges +Mädchengesicht;<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> er sah den Frühling, die Poesie, die Schönheit in +Menschengestalt vor sich; er sah eine strahlende junge Göttin. Seine +Blicke verfingen sich, seine Gedanken verwirrten sich, sein Herz +stockte. Bleich saß er auf seinem Klaviersessel. Wieder einmal war aus +heiterem Himmel jener Blitz gefallen, den die Menschen »Liebe auf den +ersten Blick« nennen.</p> + +<p>Endlich ermannte sich Cyrill. Er erhob sich und machte eine ganz +demütige Verneigung.</p> + +<p>»Ich habe leider bisher unterlassen, mich vorzustellen, meine Damen. +Cyrill Dietrich! Ich bitte vielmals um Verzeihung. Wenn ich an die +Musik komme, geschieht es mir wohl, daß ich Raum und Zeit vergesse. +Ich durfte aber unmöglich Ihre Gegenwart vergessen. Ich bitte um +Entschuldigung.«</p> + +<p>Der Apotheker stellte die beiden Damen vor; die größere, etwas massige, +war Liesel Tilgner, die kleine, zierliche, braune war Apothekers +Sabinchen — die junge Göttin.</p> + +<p>»Schade, daß der Tenor fort ist,« sagte der Apotheker; »wir könnten +sonst jetzt anfangen.«</p> + +<p>»Wo ist er hin?« fragte Cyrill selbstvergessen. »Ist er dachdecken +gegangen?«</p> + +<p>Wieder lachte Sabinchen silbrig auf.</p> + +<p>»O, Gott! Dachdecken in so finstrer Nacht!«</p> + +<p>Der Apotheker sagte, er würde den Ausreißer schon finden und +herbeischaffen. Und nun wurde Fritz, der Laufbursche, abermals +ausgesandt, und zwar nach dem »Bleiernen Hecht« mit der Botschaft, Herr +Stumpe möge kommen; es habe jetzt angefangen.</p> + +<p>Nach einer Stunde kam Fritz mit einem kleinen Rausch, aber nicht mit +dem Tenor zurück. Der Dachdecker und<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> seine Spielkumpane hatten ihm +Schnaps zu trinken gegeben und ließen sagen, zum Singen sei es heute zu +spät.</p> + +<p>Fritzen wurde für den nächsten Morgen eine Tracht Prügel in Aussicht +gestellt, und er ging mit dem bekümmerten Gedanken schlafen, daß es ein +hartes Ding um den Dienst der Kunst sei</p> + +<p>Im Musikzimmer hatte sich Cyrill inzwischen zur »Prüfung der Stimmen« +von dem Apotheker und Liesel Tilgner je ein Lied, von Sabinchen aber +vier Lieder vorsingen lassen.</p> + +<p>Nach dem vierten Liede sagte Sabinchen:</p> + +<p>»Bei mir dauert es wohl am längsten, ehe Sie ein wenig Talent +entdecken?«</p> + +<p>Cyrill sah sie schmerzlich an.</p> + +<p>»Mein gnädiges Fräulein, ich werde kein größeres Glück kennen, als Ihre +goldige Stimme ausbilden zu dürfen. Es wird eine schöne Sache werden um +unser Quartett. Wenn es den Herrschaften recht ist, beginnen wir morgen +mit dem Unterricht pünktlich um acht Uhr.«</p> + +<p>Der Apotheker staunte, daß Cyrill jetzt bereits eine ganze Reihe +vernünftiger Sätze gesagt hatte, und freute sich.</p> + +<p>»Die größte Überraschung werden Sie an August Stumpe erleben,« sagte +der Apotheker. »Er ist zwar ein windiger Hund, aber an Stimmaterial ist +er uns allen über.«</p> + +<p>Am nächsten Abend trat Cyrill Schlag acht Uhr in das Musikzimmer. Er +fand das Quartett vollzählig versammelt vor und ließ sich zunächst +Herrn August Stumpe vorstellen und prüfte dessen Stimme. Stumpe wählte +sich: »Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein.« Als er geendet +hatte, sagte Cyrill:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span></p> + +<p>»Sie singen nicht — Sie brüllen! Aber Sie brüllen schön! Sie brüllen +ganz wunderbar!«</p> + +<p>Dann begann der Unterricht.</p> + +<p>»Zunächst,« sagte Cyrill, »müssen Sie stehen lernen.«</p> + +<p>Die Mädchen kicherten.</p> + +<p>»Ja, meine Damen,« fuhr Cyrill ernst fort, »stehen lernen! Sehen Sie +mal, wie Herr Stumpe dasteht, wie er den Bauch vorstreckt.«</p> + +<p>»Ich habe gar keinen Bauch; also kann ich ihn wohl auch nicht +vorstrecken,« knurrte der Dachdecker mißmutig.</p> + +<p>»Bitte keinen Widerspruch. Sie haben, wie alle homines sapientes, einen +Bauch und strecken ihn vor. Außerdem stehen Sie da wie ein Rekrut in +Grundstellung und präsentieren ihr Notenblatt wie ein Gewehr. Das wirkt +häßlich und lächerlich. Stellen Sie abwechselnd mal den rechten und +den linken Fuß etwas vor, haben Sie federnde Leichtigkeit in Füßen und +Knieen, halten Sie die Arme anmutig und pressen Sie vor allen Dingen +Ihren Adamsapfel nicht zu weit heraus. Auch lassen Sie sich die Haare +gut schneiden, den Schnurrbart um drei Viertel verkürzen und putzen Sie +alle Tage dreimal Ihre Zähne, früh, nach dem Mittagessen und vor allen +Dingen vor dem Schlafengehen.«</p> + +<p>Der Dachdecker sah sich nach seinem Hute um und wollte auf und davon. +Doch der Apotheker faßte ihn am Arme und sagte:</p> + +<p>»Hier muß alles deutlich und ohne Rückhalt zur Sprache kommen. Außerdem +sind wir unter uns, und Lehrzeit ist keine Herrenzeit. Ich bitte, Herr +Kapellmeister, mir immer die blanke Wahrheit zu sagen, alle meine +Fehler rücksichtslos zu rügen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p> + +<p>Dieser Aufforderung kam Cyrill augenblicklich nach.</p> + +<p>»Sie, Herr Apotheker,« sagte er, »sind viel zu dick. Auf der Bühne +wären Sie höchstens als Falstaff zu gebrauchen; für das Podium sind Sie +unmöglich. Trachten Sie danach, sechzig Pfund abzunehmen.«</p> + +<p>»Aber erlauben Sie,« unterbrach ihn der Apotheker denn doch verärgert. +»Ich glaubte immer, Bassisten dürften ein gewisses Embonpoint haben.«</p> + +<p>»Embonpoint wohl,« erwiderte Cyrill, »aber keinen Speckbauch. Ein +Sänger hat ästhetisch zu wirken, und Speckbäuche sind unästhetisch.«</p> + +<p>Der Dachdecker freute sich über das, was dem Apotheker widerfuhr, +sah ein, daß der Kapellmeister unter den verschiedenen +Gesellschaftsschichten, was seine Grobheit anlangte, keinen Unterschied +machte, und beschloß, sich in Zukunft durch Kritik nicht mehr beleidigt +zu fühlen.</p> + +<p>Mit den Damen verfuhr Cyrill viel höflicher. Er empfahl ihnen, vor +dem Spiegel ihre angeborene natürliche Anmut bis zur größten Wirkung +zu steigern und sich möglichst immer individuell zu kleiden und zu +frisieren, jedenfalls dabei aber auch dem Zeitgeschmack durch eifriges +Studium der apartesten Modezeitschriften Rechnung zu tragen.</p> + +<p>»Und nun, bitte, setzen Sie sich!«</p> + +<p>Cyrill musterte die vier vor ihm Sitzenden und sagte: »Es kommt +vor, daß man auf dem Podium auch mal sitzen muß, z. B. wenn man die +Einzelnummer eines anderen abzuwarten hat. Wenn Sie, Herr Stumpe, dann +mit so weit vorgestrecktem Gebein dasäßen wie eben jetzt, würden die +Konzertbesucher der ersten Reihe befürchten, Sie wollten ihnen ins +Gesicht treten.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span></p> + +<p>Der Dachdecker zog erschrocken seine Pedale ein und sah sich wieder +nach seinem Hute um.</p> + +<p>»Sie werden zunächst sprechen lernen,« fuhr Cyrill fort (ohne daß +jemand lachte). »Erst muß man sprechen können, dann erst kann man +singen lernen. Von hundert Sängern, die in Deutschland singen, kann +nicht ein halber richtig sprechen. Ist es Ihnen schon aufgefallen, daß +ein guter Schauspieler, der etwa bei einer Sterbeszene auf der Bühne im +leisesten Flüstertone spricht oder singt, im vierten Stock oben auf der +Galerie richtig verstanden wird, während einen sogenannten Volkssänger, +der keine Ahnung vom Sprechen hat, oft die Nahesitzenden schon nicht +verstehen, auch wenn er brüllt, daß ihm beinahe die Lungen platzen? Das +macht die vorhandene oder fehlende Sprechtechnik. Wir fangen natürlich +ganz von vorne an, mit der lautreinen Aussprache der Vokale: a, e, i, +o, u. Herr Apotheker, sagen Sie ›a‹!«</p> + +<p>Der Apotheker sagte »a«.</p> + +<p>»Sagen Sie wiederholt ›a‹ hintereinander.«</p> + +<p>Der Apotheker wurde rot, und auch der Dachdecker dachte sofort an die +Apothekerhymne, die er ja so oft mitgesungen hatte.</p> + +<p>»A—a—a—a—a,« sagte der Apotheker mit Todesverachtung.</p> + +<p>»Nun sagen Sie wiederholt ›a‹, Herr Stumpe!«</p> + +<p>Stumpe sagte: »A—a« und mußte sehr an sich halten, daß er nicht, wie +gewohnt: »popo — thethe — kerker« dazusetzte.</p> + +<p>»Nun, meine Herrschaften,« griff Cyrill wieder ein, »haben Sie ein ›a‹ +gehört? Nicht ein richtiges ›a‹!« Der Herr Apotheker sagt ein Gemisch +von ›a‹ und ›o‹, weil<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> er die Zunge zu hoch wölbt, Herr Stumpe sagt +›ä‹, weil er den Mund zu breit macht und zu wenig öffnet. Bei beiden +kommen die Vokale gequetscht aus der Kehle. O, diese Kehltöne — dieses +Gutturale! Wenn es möglich wäre, müßte man allen Gesangsschülern die +Gurgel abschneiden, damit sie das Kehlsprechen verlieren, das der +Tod allen Sprechens und Singens ist. Vorn an den Zähnen wird der Ton +gebildet, nicht hinten, da, wo die Mandeln rötlich blühen.«</p> + +<p>Die vier Gesangsschüler sahen beschämt und betroffen vor sich nieder, +während Cyrill mit dem Fünfzackenkamm der rechten Hand seine Haarmähne +durchharkte.</p> + +<p>»Bitte, Fräulein Tilgner, sagen Sie ›a‹!«</p> + +<p>Liesel Tilgner war ganz verängstigt und sagte:</p> + +<p>»Ich kann es nicht!«</p> + +<p>»Sehen Sie,« triumphierte Cyrill, »bisher haben Sie geglaubt, Sie seien +eine Sängerin und könnten Gott weiß was für schwere Lieder singen, +und nu können Sie nicht einmal ›a‹ sagen. Aber die Erkenntnis seiner +Unzulänglichkeit ist der Kreuzpunkt, von da aus die Straße nach oben +führt.«</p> + +<p>Nach dieser Sokratischen Sentenz machte Cyrill eine Pause, damit alle +Anwesenden über sein Wort nachdenken könnten. Dann wiederholte er:</p> + +<p>»Und nun, Fräulein Tilgner, sagen Sie ›a‹.«</p> + +<p>Liesel Tilgner sagte ›a‹.</p> + +<p>»Es ist ›ä‹,« urteilte Cyrill düster; »›ä‹ wie bei Herrn Stumpe. — +Darf ich nun Sie bitten, Fräulein Sabine?«</p> + +<p>Sabinchen lachte erst etwas geniert, dann sagte sie klar und deutlich +›a‹!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span></p> + +<p>Cyrill klatschte in die Hände.</p> + +<p>»Herrlich! Kristallklar! Direkt echt! Bühnenecht! O, bitte, Sie müssen +in diesem Falle unser Vorbild sein. Vielen Dank, Fräulein Sabine! Und +nun kommt das Experiment. Fräulein Sabine! Sie müssen also sozusagen +unser Anschauungsmaterial sein. Bitte, stellen Sie sich dicht an den +Kronleuchter. Und Sie, Herr Apotheker, kommen Sie her und schauen Sie +Ihrem Fräulein Tochter in den Mund hinein, wenn sie ›a‹ sagt. Es kommt +ganz auf die Lage der Zunge an und wie der Atem darüber hinweggeht, +erst in zweiter Linie auf die Öffnung der Lippen. Geben Sie genau +acht. Wer nicht ›a‹ sagen lernt, dem bleibt das ganze Alphabet der +Gesangskunst verschlossen.«</p> + +<p>Der Apotheker nahm vor seinem Töchterlein Aufstellung, guckte ihr dicht +mit seinem Brillengläsern auf den Mund und sagte:</p> + +<p>»Sprich ›a‹.«</p> + +<p>Das Mädel lachte zuerst, dann sagte sie ›a‹.</p> + +<p>Der Apotheker guckte und guckte, dann wandte er sich um und sagte:</p> + +<p>»Ich seh nichts! Rein nichts! Wissen Sie, Herr Kapellmeister, wenn man +mit so dickem Kopf vor so kleinem Schnabel steht, dann ist man sich +selbst im Lichte. Der Kronleuchter nutzt dann gar nichts; es bleibt +finster in der Höhle.«</p> + +<p>»Das ist richtig!« sagte Cyrill und dachte nach.</p> + +<p>»Machen Sie's doch!« sagte der Dachdecker dreist zu Cyrill. »Sie haben +ja einen viel größeren Mund; da sieht man vielleicht eher etwas.«</p> + +<p>Cyrill warf ihm als Antwort nur einen verächtlichen<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> Blick zu und +dachte weiter nach. Endlich verklärte sich seine Miene.</p> + +<p>»Man bringe eine elektrische Taschenlampe,« sagte er.</p> + +<p>Nach einigem Hin und Her wurde die Lampe herbeischafft. Sie stammte +von dem Laufburschen Fritz und funktionierte wider alles Erwarten der +Leute, die über Fritzens sonstige Ordnungsliebe eingeweiht waren.</p> + +<p>»So,« sagte Cyrillus Triumphator; »ich möchte die Schwierigkeit sehen, +die bei festem Willen nicht zu überwinden wäre. Also Fräulein Sabine, +sagen Sie fortgesetzt ›a‹, und Herr Apotheker, schauen Sie Ihrem +Fräulein Tochter in den Mund und achten Sie vor allem darauf, wie die +Zunge liegt.«</p> + +<p>Der Apotheker begab sich wieder auf Beobachterposten, Sabinchen sagte +›a‹, und Cyrill trat mit der elektrischen Taschenlampe heran und +blitzte plötzlich auf.</p> + +<p>Vater und Tochter fuhren zurück und rieben sich die Augen.</p> + +<p>»Sie blenden einen ja!« rief der Apotheker und riß sich die Brille ab.</p> + +<p>»Gott — o Gott — bin ich erschrocken!« seufzte das Sabinchen.</p> + +<p>Cyrill stand mit seiner Lampe da als ein geschlagener Held.</p> + +<p>Der Dachdecker faßte sich zuerst.</p> + +<p>»Es wird nichts nützen,« sagte er, »wenn wir sehen sollen, wie Fräulein +Sabine ›a‹ sagt, muß sie einige Leuchtkäfer kauen. Oder sie muß ein +Feuerfresser werden.«</p> + +<p>Der Dachdecker war ein dreister Mensch, der es mit der Kunst nicht +ernst nahm. Das empfanden alle. Nur Sabinchen lachte über seinen +Scherz.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span></p> + +<p>Es ging noch lange mit dem »a« sagen, dann kamen »e« und »i« an die +Reihe. Bei letzterem mußte der Mund unnatürlich breit gemacht werden.</p> + +<p>»Das ›i‹ muß man sich gewissermaßen mit beiden Mundwinkeln in die +eigenen Ohren hineinsagen,« lehrte Cyrill.</p> + +<p>Die richtige Rundung beim »o« brachte Fräulein Liesel am besten heraus, +und den Unterkiefer streckte beim »u« der Apotheker am besten vor.</p> + +<p>Nach eineinhalb Stunden sagte Cyrill:</p> + +<p>»Das wäre der Anfang. Die Übungen im lautreinen Sprechen der Vokale +werden den Anfang jeder Unterrichtsstunde bilden. Es ist wie das +Einmaleins beim Rechnen. Heute üben wir nur den flüssigen Konsonanten +›l‹ noch ein, damit Sie ihn in Verbindung mit den Vokalen auf die +ersten fünf Töne der Tonleiter zu Hause üben können; also la, le, li, +lo, lu — lu, lo, li, le, la und umgekehrt al, el, il, ol, ul — ul, +ol, il, el, al.«</p> + +<p>Es gab noch greuliche Mühen diesen Abend. Der Konsonant »l« hat es, was +die Zungenhaltung anlangt, in sich, und daß er zwei Millimeter über der +oberen Zahnreihe mit der Zungenspitze angesetzt werden muß, ist auch +nicht so einfach, wenn man es bisher falsch gemacht hat.</p> + +<p>Am Schlusse der Unterrichtsstunde sagte Cyrill:</p> + +<p>»Nun noch eine kleine Aufgabe. Sprechen Sie: ›Rabe, Rebe, Robe‹ — oder +›Aber, Eber, Ober‹! Es handelt sich um das Zungen-R.«</p> + +<p>Es stellte sich heraus, daß nur der Dachdecker das Zungen-R hatte, alle +anderen sprachen Gaumen-R.</p> + +<p>»Nun, dieses vermaledeite Gaumen-R wird uns allein monatelang +aufhalten,« seufzte Cyrill.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span></p> + +<p>Der Apotheker lud alle Teilnehmer an dem Unterricht zum Abendbrot ein.</p> + +<p>Der Einladung wurde gern entsprechen. Nur der Dachdecker sagte, er +hätte keine Zeit mehr, und ging in den »Bleiernen Hecht«.</p> + +<p>»Nun, wie war's?« fragten ihn dort seine Freunde.</p> + +<p>»Feezig,« antwortete der Sängersmann. »Ich kann beinahe ›a‹ sagen.«</p> + +<p>»Was habt ihr denn gesungen?«</p> + +<p>»Gesungen? Ihr habt eine Ahnung! Singen werden wir, wenn wir werden +richtig sprechen können. Und das wird vor Ablauf des fünfzehnten +Unterrichtsjahres wohl nicht der Fall sein. Wißt ihr, was ihr seid — +stumm seid ihr! Nicht einen Buchstaben könnt ihr sprechen, geschweige +ein Wort.«</p> + +<p>Sie lachten, daß es dröhnte.</p> + +<p>Der Dachdecker ließ sie lachen, war an diesem Abend beim Spiele nicht +ganz bei der Sache und sang am nächsten Tage, als er das Dach des +Rathauses ausbesserte, so beharrlich la, le, li, lo, lu und alle +Umkehrungen dieser schönen Übung, daß das Sabinchen ans Fenster +trat und ihm lachend zunickte. Alle anderen Leute aber meinten, der +Dachdecker hätte den Sonnenstich bekommen, und man solle die Feuerwehr +alarmieren und ihn herunterholen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war fast jeden Abend Unterricht.</p> + +<p>Man mußte es Herrn Cyrill lassen, daß er als Lehrer an Fleiß und +Hingebung kaum übertroffen werden konnte. Alle vier Schüler erwiesen +sich als über das Mittelmaß begabt. Der bei weitem Begabteste war der +Dachdecker; er faßte alles spielend auf, und was ihm<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> einmal korrigiert +wurde, machte er nie wieder falsch. Er kleidete sich neuerdings gut, +ging ordentlich frisiert und rasiert, hatte blitzblanke Zähne und +benahm sich immer tadelloser. Wenn ihn der Apotheker einmal einlud, +hatte er Zeit dazubleiben. Seine Freunde im »Hecht« freilich waren mit +ihm höchst unzufrieden.</p> + +<p>Die Lautbildungslehre ging weiter; die Schüler erfuhren, daß der schöne +Name Hedwig nicht wie Het-wick ausgesprochen wird, sondern He-dwich, +daß es nicht »daas Grapp«, sondern umgekehrt »daß Graab« heiße, nicht +Entschuldijunk, sondern Entschuldi-gung mit der nasalen Verbindung von +n und g, nicht selbstvastäntlich, sondern selbstverstän-dlich. Und so +vieles andere, was damit zusammenhängt. Die Betonungslehre kam daran, +schließlich die Tonfärbelehre, die schon ins Künstlerische hineinragt, +und daneben gingen meist unter endlosen Solfeggien: do, re, mi, fa ... +die eigentlichen Gesangsübungen.</p> + +<p>Sämtliche Teilnehmer mußten musikalische Bücher lesen, auch Biographien +von großen Musikern; es wurden drei Musikzeitschriften mitgehalten +und vor allen Dingen auch die konzertkritischen Artikel aus den +Tageszeitungen studiert und erläutert. Es wurde mit Feuereifer +gearbeitet. Nach drei Monaten sagte Cyrill: »Zur Belohnung für Ihren +Fleiß und Ihre Ausdauer wollen wir es jetzt mit dem ersten Quartett +versuchen. Ich habe dafür das Volkslied: ›In einem kühlen Grunde‹ +ausgewählt.«</p> + +<p>Cyrill hielt eine Ansprache über dieses Lied. Er sprach mit großer +Liebe und Verehrung von Eichendorff.</p> + +<p>»Ein Heiligtum ist dieses Lied, ein Nationalschatz. Und doch, der +Schatz wäre beinahe verloren gegangen. Eichendorff<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> hatte das Lied +aus göttlicher Eingebung heraus geschrieben und es von Königsberg +nach Schwaben an seinen Freund Justinus Kerner gesandt. Der las das +Gedicht, erkannte, daß er ein Juwel ohnegleichen in Händen hatte, +und lief aus seinem Arbeitszimmer hinaus, um alle Hausgenossen +zusammenzurufen, ihnen dieses Juwel zu zeigen. Als Justinus Kerner an +seinen Schreibtisch zurückkehrte, war die Eichendorffsche Handschrift, +die er dort zurückgelassen hatte, spurlos verschwunden. Das Zimmer +wurde durchsucht. Umsonst. Das Fenster stand offen. Ein Luftzug mußte +das kostbare Blatt entführt haben. Justinus war in Verzweiflung. Er +wußte, daß Eichendorff keine Abschriften anfertigen ließ, daß das Juwel +verloren war, wenn sich das Blättlein Papier, an das es gefesselt war, +nicht wiederfand. Justinus Kerner ließ fünf Tage lang seinen Garten und +das angrenzende Gelände absuchen. Das Blatt war verschwunden. Seinem +Freunde Eichendorff den Verlust zu melden, wagte Kerner nicht.</p> + +<p>Und da geschah das Wunder. Ein Händler kam in Kerners Haus, ein +Mann, der einen Korb mit allerlei ›Kurzsachen‹ feilbot: Tabaksdosen, +Broschen, Kinderspielzeug. Er bot auch Kerner seine Waren an. Und +da sieht der — zum Herzstillbleiben ist es gewesen — Eichendorffs +Handschrift um eine Kinderklapper gewickelt.</p> + +<p>›In einem kühlen Grunde ...‹</p> + +<p>Ein Griff. Justinus Kerner hatte das Lied.</p> + +<p>›Wo haben Sie dieses Papier her?‹ fragte er den Händler mit bebender +Stimme.</p> + +<p>Der Händler guckte sich das Blättlein an.</p> + +<p>›Ach Gott,‹ sagte er, ›das fand ich auf einem blühenden<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> Flachsfeld. Es +war gutes Papier, auf einer Seite ganz unbeschrieben, und da brauchte +ich es zum Einpacken.‹</p> + +<p>Weit über eine deutsche Meile weg war das blühende Flachsfeld, auf das +der Wind Eichendorffs unsterbliches Lied aus Kerners Wohnung getragen +hatte!</p> + +<p>Können Sie sich denken, wie Justinus Kerner vor Weh und Freude +geweint hat, als er dieses Blättlein Papier wieder hatte? Ahnen Sie, +was das ist um ein unwiederbringliches Heiligtum aus dem Tempel der +Menschheit? An diesem einfachen Liede, das doch ein Diamant unsagbaren +Wertes ist, haben sich arme Prinzessinnen, die an ungeliebte Prinzen +verkuppelt wurden und einen Leutnant von der Schloßgarde liebten, +berauscht; dieses Lied ist wie eine Mahnerin zum Ernst in Trinkgelage +von Schlemmern hineingekommen; dieses Lied hat arme Wäschermädel in +ganz weite Höhen geführt; einsame alte Junggesellen haben das Lied +auf frostigen Buden gesungen; versonnene Bauernmädel am Brunnentrog +haben es angestimmt in stiller Abendstunde; ein einsamer Wanderer +auf mondbeschienener Landstraße hat es gesummt; ein alter Gelehrter +nach langer Geistesarbeit ist an seinen Flügel geschlichen und hat +mit müden Fingern die alte, liebe Weise noch einmal gespielt. Das +Lied vom deutschen Walde, von der deutschen Mühle, von der Liebe, +vom zerbrochenen Ringlein, vom Aufbäumen des verwundeten Herzens und +vom Sterbenwollen. Sehen Sie, meine Zuhörer, der ganz große Geist, +der Beethoven hieß, der hat seine unsterbliche neunte Symphonie +geschrieben. Um den ganzen Erdball herum können Sie suchen, über der +Erde und unter der Erde — einen so großen Demantklotz finden Sie +niemals mehr wie diese<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> ›Neunte‹! Was will Beethoven in seiner Neunten +sagen? Es war ein Mensch, der durch Schuld und Nichtschuld, kurz, +durch sein Leben an allem verzweifelte. Dann suchte er Erlösung in +wilder Lust. Er fand sie nicht. Er fand sie endlich erst in der reinen +Freude Götterfunken. Eichendorffs kleines Lied führt nicht so weit — +es führt ins Sterbenwollen, aber doch auch durch die ganze Staffel des +Liebens und Leidens hindurch. Ihnen, meine Zuhörer, will ich nur das +eine einprägen: Ehrfurcht — Ehrfurcht vor einem Kunstwerk, ob es eine +Symphonie ist oder ein Volkslied.«</p> + +<p>Als einige Tage später die Stimmen des Quartetts zum ersten Male +zusammenklangen, hatte Cyrill Tränen der Freude in den Augen.</p> + +<p>»So schön,« sagte er, »ist in Altenroda noch niemals gesungen worden +...«</p> + +<p>Und auch hier kam die Liebe und mischte sich ins schöne Spiel. Wenn +Cyrill seinen Unterricht gab, war er streng sachlich und hütete sich +wohl, von seinen Gefühlen für das Sabinchen etwas zu verraten. Er +wußte, daß er anfänglich auf der gefährlichen Bahn gewesen war, sich +vor der Geliebten lächerlich zu machen, und daß nichts der Erfüllung +heißer Liebessehnsucht so hinderlich ist, als sich in ein lächerliches +Licht zu stellen.</p> + +<p>So war Cyrill ein gewissenhafter, ja gestrenger Lehrer und sah auch +dem Sabinchen keinen Fehler nach, wenngleich er bei seinen Korrekturen +an ihr eine gewisse sanfte Zartheit nicht verbergen konnte, die er ja +für den Dachdecker, den Apotheker und auch für Fräulein Liesel Tilgner +nicht übrig hatte.</p> + +<p>Zu Hause in seiner armseligen Stube aber litt Cyrill<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> oft die größte +Liebesnot und hatte Kummer aller Art. Von dem schmalen elterlichen +Erbteil besaß er noch tausend Mark. Wenn die weg waren, stand er vor +dem Nichts. Die Tante, seine einzige noch lebende Verwandte, bei der +er wohnte, war selbst wenig bemittelt und außerdem äußerst geizig. Was +sollte werden aus Cyrill? Der Dachdecker selbst war reicher als er; +er hatte ihm einmal anvertraut, daß er ein kleines Erbteil und etwas +Erspartes von zusammen dreitausend Mark besitze. Er hatte das wohl in +der gutmütigen und doch für Cyrill demütigenden Absicht gesagt, ihm +seine Hilfe anzubieten, wenn er mal in finanzieller Verlegenheit wäre. +So sah wohl jedermann schon von weitem Cyrill den armen Hungerleider an.</p> + +<p>Was sollte werden aus Cyrill? Nichts gelang. Er hatte weder eine Stelle +als Kapellmeister bekommen, noch hatte sich ein Theater gefunden, +das seine Oper aufführen wollte. Nur einige kurze Liedkompositionen +hatte er bei Verlegern angebracht, diese aber auch nur gegen winziges +Honorar. Aber Cyrill freute sich, wenn die vierseitigen Blätter +herauskamen, die seinen Namen trugen und ein Kindlein seines Geistes +bargen, und trug sie alle zu Sabine. Einmal gab Cyrill ein neues Lied +heraus und hatte kühn auf das Titelblatt drucken lassen:</p> + +<p> +»<em class="gesperrt">Sabine gewidmet</em> ...«<br> +</p> + +<p>Der Text des Liedes lautete:</p> +<p> +<em class="gesperrt">Daß ich Dich liebe ...<br> +Es wissen es alle Blumen der Au,<br> +Es weiß es die Dämmerung, die Nebelfrau,<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span><br> +Die Vögel zwitschern's vom hohen Dach,<br> +Die Wellen im Bache schwatzen es nach,<br> +Der Hahn auf dem Kirchturm möchte es schrei'n<br> +Hoch in den blauen Himmel hinein;<br> +Im Walde tuschelt es Baum zu Baum,<br> +Die Bienen summen's am Wiesensaum;<br> +Bald wissen's wohl alle Leute der Stadt,<br> +Als ständ' es geschrieben im Wochenblatt;<br> +Es weiß es die Nacht und das Morgenlicht —<br> +Nur Du weißt es nicht!</em><br> +</p> + +<p>Für dieses Lied hatte Cyrill bei seinem Verleger der »besseren +Ausstattung« wegen auf jedes Honorar verzichtet, ja selbst zugezahlt. +Und als nun die ersten Exemplare vor ihm auf dem Tische lagen, auf dem +Titelblatt sein Name und der des geliebten Mädchens, umrahmt von roten +Rosen, faßte ihn heiße Angst. Gewiß, Sabine brauchte den Text durchaus +nicht auf sich zu beziehen; solche Liedtexte sind neutral, können dahin +oder dorthin oder ganz ins Blaue gezielt sein, aber sie konnte das +Lied auf sich beziehen und dann konnte sie sich kompromittiert fühlen. +»Bald wissen es alle Leute der Stadt, als ständ' es geschrieben im +Wochenblatt ...« dem Mädel mußte ja himmelangst werden, wenn sie das +las. Und dann war es durch die Schuld seiner aufdringlichen Huldigung +gewiß aus und vorbei mit aller Hoffnung. Cyrill telegraphierte an +seinen Verleger, er ziehe das Lied aus dem Musikhandel zurück. Der +Verleger antwortete: »Nur gegen Übernahme der ganzen Auflage.<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> +Dreiunddreißigeindrittel Prozent Rabatt vom Originalpreis. Fünf +Exemplare bereits verkauft.«</p> + +<p>So opferte Cyrill einen großen Teil seines bißchen Vermögens und hatte +bald einige hundert gedruckte Lieder in seiner Wohnung aufgetürmt, für +die er keine Verwendung besaß.</p> + +<p>»Die Nacht wußte es und das Morgenlicht,« was Cyrill um Sabine litt. +Hoffnungslos. Er, der arme Musiker, sie das einzige Kind eines reichen +Mannes!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Und noch ein zweiter litt um Sabine: der Dachdecker. Was ist doch Frau +Musika für eine arge Kupplerin. Wie geht sie mit leisen Hexenschritten +um die Menschen herum, kreist sie ein, läßt sie aus überquellenden +Tonbechern süßes Gift schlürfen, nach fremden Rhythmen atmen, in +fremden Melodien fühlen. Wie kann sie zwei Menschen in alle Tiefen +und Höhen führen, Geheimsprache reden vor tausend Ohren, unsichtbare +Liebeslauben bauen vor tausend Augen. Wie kann sie streicheln und +quälen, erheben und erniedrigen, werben und verderben.</p> + +<p>Der schlichte Sohn des Volkes, der übermütige Bursch, war zum Träumer +geworden. Wenn er auf einem hohen Dache saß, irrten seine Augen immer +wieder über das Häusermeer dahin, wo auf dem Marktplatz neben dem +Rathausturme das Apothekerhaus mit dem goldenen Kranich war. Dieses +Haus war ihm zur wahren Heimat geworden. Das war licht und schön, +anders als seine arme Handwerkerstube, und ein Engel von himmlischer +Anmut lebte darin.</p> + +<p>Oft saß der Dachdecker auf einem schwindeligen Platz in tiefen +Gedanken. Manchmal, wenn die Glocken so feierlich<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> klangen, weinte er. +So viele Dächer, und keines das seine; aus so vielen Schornsteinen +weißer Rauch, und sein eigen kein Herd, an den er ein geliebtes Weib +führen konnte.</p> + +<p>Von hohen Dachfirsten sah er über die Stadt hinweg ins freie Land +hinaus. Straßen führten in weite Fernen. Er könnte wandern, könnte sich +loslösen von seiner Pein. Aber er würde wohl rückwärts gehen, um immer +noch die liebe Stadt zu sehen, und wenn ihr letztes Dach verschwände, +würde er von Sehnsucht überwältigt nach Hause laufen. Was blieb dem +armen Dachdecker anderes übrig, als eines Tages abzustürzen und »in +Ausübung seines Berufes« ehrenvoll den Hals zu brechen!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Cyrill war eines Nachts auf einen Rettungsgedanken verfallen, auf einen +Gedanken, den er allerdings früher schon einmal gehabt hatte. Er mußte +August Stumpe ausbilden, mit diesem wirklich ganz außergewöhnlichen +Gesangstalent eines Tages einem Opernhausdirektor unter die Nase fahren +und so Stumpe als Sprungbrett für die eigene Kapellmeisterlaufbahn +benutzen.</p> + +<p>Cyrill war immer noch nicht ohne Hochmut. In Marienwerder war ihm eine +Kapellmeisterstelle angeboten worden. Es war zum Lachen. Als ob er nach +Marienwerder aussähe! Als ob Sabine je die Frau eines mit dreitausend +Mark dotierten Kapellmeisters in Marienwerder werden würde. Abgesagt! +Die Agentur schrieb ihm darauf, daß sie vorläufig für ihn nichts wisse.</p> + +<p>Cyrill sagte Stumpe August einmal auf dem Heimwege unter +ehrenwörtlicher Zusicherung absoluter Verschwiegenheit: er wolle ihn +zum Opernsänger ausbilden und schon<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> dafür sorgen, daß er im ersten +Fach unterkomme. August Stumpe lachte erst blöde, dann sagte er, er +habe nicht recht verstanden. Worauf Cyrill noch einmal seine Absicht +aussprach. Darauf sagte der Dachdecker, Herr Cyrill möge entschuldigen, +ihm sei nicht gut, es werde ihm so komisch. Und er ging beiseite und +lehnte den Kopf an einen Zaun. Eine Hand preßte er aufs Herz und eine +auf den Magen, und es würgte ihn zum Erbarmen.</p> + +<p>»Brechen Sie nur! Brechen Sie nur!« riet Cyrill. »Sie sind der rechte +Mann. Es packt Sie. Sie nehmen es ernst!«</p> + +<p>Es war ein stilles Heldentum, das die beiden von nun an verrichteten. +Alle Abende, die nicht dem »Quartett« gewidmet waren, saßen sie +in Cyrills Stube, studierten und übten oft bis tief in die Nacht. +Alle Sonntage waren dem eifrigsten Studium geweiht. Selbst nach den +Quartettabenden nahm Cyrill den Dachdecker oft mit in seine Klause. Er +lieh ihm Bücher. Selten hatte ein eifriger Lehrer einen so eifrigen +Schüler.</p> + +<p>Der ersehnte Preis all dieser Mühen war für beide der gleiche.</p> + +<p>Sabine!</p> + +<p>Die armen Burschen wußten es nicht und gewannen sich nach und nach lieb.</p> + +<p>Hätten sie sich durchschaut, sie hätten sich gehaßt und gegenseitig zu +verderben gesucht.</p> + +<p>So wanderten sie beide dem selben Lichte zu und keiner sah von dem +andern, daß er die gleiche Straße zog.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Anfang November wollte das Quartett sein erstes Konzert geben. Wenn +aber ein Quartett ein Konzert geben<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> will, muß es einen Namen, eine +Firma haben, schon der Anschlagsäulen und der Zeitungsnotizen wegen.</p> + +<p>Es wurde eine Beratung abgehalten. Wer je einer Beratung beigewohnt +hat, in der ein neuer Name gefunden werden soll, weiß, daß das +ein schwieriges Geschäft ist, ganz gleich, ob es sich um eine +Gesangsvereinigung, um eine literarische Zeitschrift, um eine +Aktiengesellschaft, um ein neues Insektenpulver oder um ein kleines, +manchmal noch gar nicht geborenes Kind handelt. Namengebung ist immer +schwer und verantwortlich.</p> + +<p>»Ich bitte um Vorschläge,« sagte Cyrill; »ich selbst werde meine +Meinung zuletzt sagen, um niemand zu beeinflussen. Bitte, Fräulein +Tilgner!«</p> + +<p>»Ich hatte mir gedacht,« sagte Fräulein Tilgner, »da wir doch vier +sind — im Quartett sind ja wohl immer vier — also da könnten wir uns +›Quartett Jahreszeiten‹ nennen. Der ›Frühling‹ ist natürlich Sabinchen, +ich selbst bin ja etwas älter und könnte als der ›Sommer‹ gelten; Herr +Stumpe müßte den ›Herbst‹ darstellen, und der Herr Apotheker, wenn er +so gut sein wollte, den ›Winter‹.«</p> + +<p>»Danke!« sagte der Apotheker verdrossen; »so eisgrau bin ich noch +nicht! Fünfundfünfzig bin ich! Und dann — wieso Herr Stumpe mit +sechsundzwanzig Jahren ›Herbst‹? Und wieso überhaupt vier? Sind +wir nicht fünf? Zählt der Dirigent nicht mit? Der Name ist einfach +unmöglich.«</p> + +<p>»Bitte um Entschuldigung!« sagte Fräulein Tilgner kleinlaut und setzte +sich.</p> + +<p>»Nun Ihren Vorschlag, Fräulein Sabine,« forderte Cyrill auf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span></p> + +<p>»Ich hatte,« sagte das Sabinchen, »auch an die Zahl vier gedacht, und +da wollte ich vorschlagen, wir nennen unser Quartett ›Kleeblatt‹. Es +gibt ja übrigens auch fünfblättrige Kleeblätter.«</p> + +<p>Der Apotheker erhob sich.</p> + +<p>»Meine liebe Tochter, erstens sind Kleeblätter in erdrückender +Majorität dreiblättrig. Vierblättrige sind eine Seltenheit, und es wäre +arrogant, wenn wir uns als Seltenheit hinstellen wollten. Das würde +eine boshafte Kritik sofort aufgreifen. Eine boshafte Kritik würde +aber noch etwas anderes sofort aufgreifen; nämlich sie würde sagen: +Kleeblatt? Wieso? Es liegt hier eine Beleidigung des Publikums vor. +Denn wem werden Kleeblätter vorgesetzt? Doch nur Rindviechern! Der Name +›Kleeblatt‹ ist ganz unmöglich.«</p> + +<p>»Nun, dann mache doch selbst einen Vorschlag, Papa!«</p> + +<p>»Das will ich,« sagte der Papa. »Ich schlage vor, unser Quartett +heißt: ›Der Wagen‹. Der Name berührt zunächst befremdend. Aber das +soll er. Alles, was in der Welt zugkräftig sein soll, muß einen +auffälligen Namen haben. Das weiß ich aus der Apotheke. Je verrückter +der Name einer neuen Sache ist, desto besser geht sie. Und dann +denken Sie doch an die berühmte Düsseldorfer Vereinigung ›Malkasten‹ +oder an die Münchener ›Scharfrichter‹. Ist das nicht auch verrückt? +Doch nun zur Sache! Ein Wagen hat vier Räder. Alle Räder müssen +gleichen Takt halten, alle müssen dem gleichen Ziel zusteuern, +dieselbe Straße ziehen, mal langsam, mal schnell, mal in anfeuerndem +Tempo, mal nachlassend diminuendo. Und der Fünfte? Kein auch noch so +verrohter Kritiker wird wagen, in einem blöden Witz zu behaupten, +daß<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> der Dirigent des ›Wagens‹ das Roß sei, das den Wagen zieht, +sondern jedermann wird ihn als den Kutscher ansehen, der den Wagen +lenkt. Das Publikum aber wird der ›Wagen‹ über Berg und Tal in grüne +Waldeinsamkeit, an alte Burgen und in das Gewühl der Großstadt führen, +kurz, der ›Wagen‹ wird ihm eine Reise durch alle Poesie des Lebens +vermitteln.«</p> + +<p>»Was sagen Sie zu dem Vorschlag des Herrn Apothekers, Herr Stumpe?«</p> + +<p>»Ach,« sagte August Stumpe, »der Vorschlag ist an sich sehr geistreich. +Nur, wir sind ein Musikverein, und ein Wagen macht keine gute Musik. +Ein Wagen knarrt, und wenn er singt, quietscht er. Man könnte dann den +Verein lieber ›Automobil‹ nennen, das hat auch vier Räder, und alles +andere trifft auch zu, das von der Waldeinsamkeit und den Burgen und +Städten, zu denen man hinfahren kann. Ein Wagen kann ferner nur wenig +Leute über Berg und Tal führen; wir wollen aber vielen Menschen die +›Reise durch die Poesie‹ verschaffen. Darum sollten wir uns lieber +›Omnibus‹ heißen, der hat auch vier Räder.«</p> + +<p>»Herr Stumpe, wollen Sie mich verhöhnen?«</p> + +<p>»Gott bewahre, Herr Apotheker, ich sage nur meine Meinung.«</p> + +<p>»Er sagt seine Meinung! Und er hat ein Recht dazu!« entschied Cyrill.</p> + +<p>»Bitte, Herr Stumpe, was sagen Sie zu den Vorschlägen der beiden Damen?«</p> + +<p>»Ja,« meinte Stumpe, »wir kommen ja nur mit der Wahrheit weiter. Es +tut mir leid, aber die Vorschläge der beiden Damen waren kitschig. Am +kitschigsten war<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> der von Fräulein Sabine. ›Kleeblatt‹ nennt sich ein +Backfischkränzchen, aber kein ernster Kunstverein.«</p> + +<p>»Sie sind frech,« sagte Sabine gemütlich. »Pah!«</p> + +<p>Cyrill war ganz blaß.</p> + +<p>»Bitte, Herr Stumpe, nun machen Sie Ihren eigenen Vorschlag.«</p> + +<p>»Ich schlage vor,« sagte August Stumpe, »daß wir auf allen Klimbim +verzichten und unsere Vereinigung nennen: ›Quartett Cyrill Dietrich‹. +Herr Cyrill Dietrich ist unser Lehrer, unser Führer; ohne ihn könnten +wir nichts. Cyrill Dietrich ist ein schöner, wohlklingender Name. Der +Name Cyrill Dietrich wird einer Vereinigung immer ein Ansporn sein, +eifrig zu arbeiten, und dem Publikum immer eine Garantie, daß es etwas +Gutes zu erwarten hat.«</p> + +<p>Schweigen. Cyrill saß mit gesenktem Haupte da. Er war in tiefster +Seele glücklich. Er hatte in diesem Augenblicke den Dachdecker August +Stumpe von Herzen lieb. Nicht in der Hauptsache wegen der letzten +über ihn selbst geäußerten Worte, obwohl Cyrill wie alle Künstler für +Anerkennung überaus empfänglich war, sondern des Wahrheitsmutes wegen, +mit dem Stumpe seine Meinung gesagt hatte, und vor allem, weil er sich +so recht als begnadetes Gotteskind offenbarte. Wie kam ein Dachdecker +zu solchem Geschmack, zu solcher Ausdrucksweise? Der Mann war, während +er Cyrills Unterricht genoß, mit Siebenmeilenstiefeln gewandert. Ach, +das naturgeborene Genie vor sich zu haben, was ist das doch für eine +Wonne!</p> + +<p>Nach einer Weile aber lehnte Cyrill den Vorschlag August Stumpes +dennoch ab.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span></p> + +<p>»Meine Damen und Herren! Bitte, binden Sie sich nicht an meinen Namen. +Einst — vielleicht sehr bald — werde ich nicht mehr bei Ihnen sein. +Ich werde dann nichts sein, als der zufällige erste Dirigent Ihres +Quartetts, der noch dazu sehr kurze Zeit bei Ihnen tätig war. Mein Name +ist kein Programm. Genehmigen Sie meinen eigenen Vorschlag: ›Quartett +Altenroda‹. In dem schönen Namen Altenroda haben Sie alles, wofür Ihr +Herz und Ihre Kehle singt, haben Sie die Heimat und alles, was Ihnen +darin lieb und wert ist.«</p> + +<p>Cyrills Vorschlag wurde angenommen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als August Stumpe nach diesem Abend im Bette lag, dachte er nicht wie +sonst darüber nach, weshalb wohl ein ein Meter und fünfundsiebzig +Zentimeter langer, kräftiger Mann zur Nachtruhe in einem Gestell +zu liegen habe, das nur ein Meter und siebzig Zentimeter lang war, +sondern er klagte sich in leidenschaftlichen Selbstvorwürfen an, daß +er an Fräulein Sabines harmlosem Vorschlag eine so bissige Kritik +verübt, daß er seinen Engel so böse gekränkt hatte. Immer wieder +überdachte er die Situation; immer aufs neue schüttelte es ihn vor dem +»Kleeblatt«-Vorschlag Sabinens, und immer aufs neue brannten dennoch +alle Sehnsuchtsfeuer nach dem lieblichen Mädchen hin. Es war ein auf- +und abwogendes Fieber, ein wildes Auf und Nieder. Ganz zuletzt aber +dachte August Stumpe an Cyrill. Und im Gedanken an Cyrill schlief er +ein. Ein kleiner kluger Gott saß auf der Kante der kleinen Bettstelle +und lächelte. Wieder hatte einer die Liebe zur Kunst über die Liebe zum +Weibe gestellt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span></p> + +<p>Auch Cyrill schlief schlecht. Auch er dachte an die Vorgänge des +Abends. Und auch er quälte sich. Daß Sabine den »Kleeblatt«-Vorschlag +gemacht hatte, grämte ihn noch im Bett, verursachte ihm sauren +Geschmack im Munde. Aber was war sie denn? Ein Kind von kaum zwanzig +Jahren. Ein liebes, wonniges Mädel. Was sollte man von ihr verlangen? +Die Sehnsuchtsfeuer loderten. Aber dann glitten Cyrills Gedanken doch +zu dem begnadeten Dachdecker hinüber, und er wurde ganz ruhig und +schlief ein.</p> + +<p>Und derselbe kleine kluge Gott, der auf Stumpes Bettstelle gehockt +hatte, kam auf silberner Mondbahn zu Cyrill gefahren und besah sich +lächelnd auch diesen Getreuen. —</p> + +<p>Auch Fräulein Liesel Tilgner schlief nicht. Sie hatte sich heute in +August Stumpe, als er so grob wurde, endgültig und rettungslos verliebt.</p> + +<p>Selig schlief nur das Sabinchen, ihr herziges Köpfchen auf den molligen +Arm gelegt. Sabinchen dachte an nichts Böses und an nichts Gutes — +sie dachte an gar nichts. Völlig ruhelos war der Apotheker. Er saß an +seinem Schreibtisch und entwarf »Statuten« für das »Quartett Altenroda«.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das »Quartett Altenroda« gab sein Konzert. In der Vorankündigung hieß +es, das Programm würde einen Volkslied-Teil und einen Kunstlied-Teil +enthalten, zur Umrahmung des Liederteils zwei Klaviervorträge, +ausgeführt von Herrn Cyrill Dietrich, im ersten Teil Schubert, im +zweiten Beethovens Letzte Sonate (<em class="antiqua">op.</em> 111). Preise der Plätze +drei Mark, zwei Mark, eine Mark; Stehplatz fünfzig Pfennige.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p> + +<p>Bei der Aufführung waren eigentlich nur Stehplätzler anwesend, das +Parkett war fast leer. Nur hie und da hockten mit trübseligem Gesicht +ein paar verirrte Seelen. Sie fühlten sich äußerst unbehaglich in ihrer +Einsamkeit. Die Sänger taten ihnen leid. An den Wänden aber klebte +junges Volk: leise kicherndes hübsches Backfischgesindel und junge +Männer im ehrenvollen Alter von sechzehn bis neunzehn Jahren, die alle +gut gescheitelte Frisuren hatten und feierliche Gesichter machten.</p> + +<p>»Was sollen wir tun?« fragte der Apotheker, als er den leeren Saal sah. +»Diese Bande! O, diese Bande! Was sollen wir tun?«</p> + +<p>»Singen!« antwortete Cyrill, düster und lakonisch.</p> + +<p>»Aber doch nicht allein vor diesem jungen Rabattengemüse?«</p> + +<p>»Doch!« sagte Cyrill noch um eine Silbe lakonischer, und der Fall war +entschieden.</p> + +<p>Schlag acht Uhr (das war der festgesetzte Beginn des Konzerts) machte +Cyrill Dietrich seine Dirigentenverneigung vor dem Publikum und hielt +eine kleine Ansprache:</p> + +<p>»Meine Damen und Herren! Ich freue mich, daß insonderheit die Jugend +Altenrodas unserer Einladung so zahlreich Folge geleistet hat. Ihr +schöner, jung-seliger Idealismus hat Sie hierhergeführt. Nur wer +die Jugend hat, hat die Zukunft. Nur auf die Jugend baue ich meine +Hoffnung, daß in Altenroda eine Besserung des Kunstgeschmacks eintreten +kann. Ich heiße Sie herzlich willkommen und bitte Sie, auf den +leergebliebenen Stühlen des Saales Platz zu nehmen.«</p> + +<p>Hei, flog das hübsche Backfischgesindel in seinem jungseligen<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> +Idealismus auf die leeren Stühle. Die jungen Herren folgten in +gemessenerem Tempo; einige aber blieben »ostentativ« an der Wand +stehen. Sie wollten sich »nichts schenken« lassen; sie hätten ja, +wenn sie es nur gewünscht hätten, sich leicht einen Talerplatz kaufen +können. Sie hatten es aber nicht gewünscht. Sie standen lieber. Sie +standen »prinzipiell«, standen »zum Vergnügen«. Und alle Welt ließ sie +auch ruhig stehen.</p> + +<p>Schlag acht Uhr wurde auf Cyrills Befehl auch die Kasse +geschlossen. Zehn Minuten später aber, als der Kassierer noch +mit den Aufräumungsarbeiten, insonderheit mit dem Verpacken von +dreihundertfünfundsiebzig unverkauft gebliebenen Programmen beschäftigt +war, erschien noch ein Sekretär mit seiner Frau und wünschte zwei +Plätze.</p> + +<p>»Bedaure,« sagte der Kassierer hochmütig; »die Kasse ist geschlossen.«</p> + +<p>»Ist es denn so voll?« fragte der Sekretär verwundert.</p> + +<p>»Das wohl nicht,« erwiderte der Kassierer; »aber was geschlossen ist, +ist geschlossen. Das ist so bei vornehmen Konzerts.«</p> + +<p>Das Konzert des »Quartetts Altenroda« war boykottiert worden. Die +ganze sangesfreudige Stadt Altenroda war nun einmal in drei Lager +eingeteilt, je nach der Zugehörigkeit zu einem der drei Gesangvereine; +jedes Lager war bis zur Lächerlichkeit vereinsmeierisch und hielt auf +strengste Disziplin. Parole war Parole. Wehe dem, der da nicht Stange +hielt! Und hier bei Cyrills Konzert hieß in allen drei Vereinen die +Parole: »Nicht hingehen!« Die »Harmonie« haßte Cyrill wegen seines +Verhaltens im Harmonie-Konzert. Der Kirchenchor war<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> neidisch auf +Liesel Tilgner, die »wohl die Einzige sein wollte, die was könnte«. Der +Verein »Frohsinn« hatte »seinen Freund und Ehrenmitglied« August Stumpe +wider alle anderslautenden Zusagen eingebüßt; denn August Stumpe hatte +sich seit langem dem Verein ferngehalten, nicht einmal an dem großen +Schweineschlachtfest-Wettsingen hatte er sich beteiligt.</p> + +<p>Also Parole: »Nicht hingehen!«</p> + +<p>Die wenigen, die dennoch gekommen waren, es waren sechsundzwanzig, +waren Außenseiter. Nur die »unreife Jugend« hatte sich davon, das neue +Quartett zu hören, nicht abhalten lassen. »Weil es doch ein Feez ist,« +hatte die blonde Käthe Birke zu dem Primaner Erich Mosemmel auf dem +Hinwege gesagt.</p> + +<p>Als das Konzert aus war, lungerte spazierengehend halb Altenroda in der +Nähe des Konzertraumes auf Nachrichten, »wie es eigentlich gewesen sei«.</p> + +<p>Käthe Birke, die mit dem Primaner Erich Mosemmel nach Hause ging und +ihren Eltern begegnete, erstattete Bericht.</p> + +<p>»Es war himmlisch! Ich habe nie geglaubt, daß es etwas so Schönes gibt.«</p> + +<p>Das Kind hatte Mühe, zwei halbe Tränen in die Blauaugen +zurückzudrängen, als es das sagte.</p> + +<p>»Ja,« bestätigte Erich Mosemmel, bedeutend forscher im Ton; »es war +tadellos!«</p> + +<p>Und es ging noch am selben Abend ein Gesumme in der Stadt, das Konzert +sei herrlich gewesen. Und noch am selben Abend erwogen zwei Männer, ob +sie nicht am besten Selbstmord verübten: Cyrill und der Dachdecker. Der +Apotheker nahm es fast ebenso tragisch wie diese<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> beiden; er betrank +sich im Giftgadern ganz unverünftig. Liesel Tilgner flennte sich +halbtot, einmal, weil der Tenor in seinem Unglück über das schlecht +besuchte Konzert fast gar nicht mit ihr gesprochen hatte, und dann, +weil ihr Vater, der Kirchenchordirigent, der noch immer gegen ihre +Beteiligung am Quartett war, gesagt hatte, der »Reinfall« wäre eine +gerechte Strafe für ihren kindlichen Ungehorsam. Ach Gott, es ist auch +schwer, als »Kind« von einunddreißig Jahren immer noch ganz gehorsam zu +sein.</p> + +<p>Nur Sabinchen aß nach dem Konzert noch einmal tüchtig zu Abend, +lutschte eine Tüte Bonbons aus und schlief dann selig, das wunderschöne +Köpfchen auf den molligen Arm geschmiegt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In Altenroda gab es eine Sensation.</p> + +<p>Das Stadtblatt brachte folgenden Artikel:</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Kunst im Winkel.</em> Ach, ich alter Knabe! Ich habe geglaubt, +im Musikleben Bescheid zu wissen. Ich habe in Berlin, in Rom, in +Paris, in München mich bemüht, einen Blick hinter den Schleier der +Musik der bezauberndsten aller Göttinnen, zu tun, in ihr ewig schönes +Gesicht zu schauen. Und dann habe ich so ziemlich alles, was auf +Erden an Bedeutung singt, geigt, orgelt, flötet, klavierspielt, +opert, operettelt und Laute zupft, gehört. Ich war in einem Jahre bei +zweihundertundzwei Musikabenden. (Beileidsbesuche und Kranzspenden +dankend verbeten!) Ich hätte geschworen, daß ich nie, nie mehr ganz +freiwillig in ein Konzert gehen würde, sondern nur, wenn es höhere +Pflicht erheischt: Kritikerpflicht oder die Pflicht, einem Großen in +der Musik zu huldigen,<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> indem man sich demütig zu seinen Füßen setzt. +Kleinstadtkunst, das war für mich so etwas wie Gurkenbau in Liegnitz, +Schnupftabakfabrikation in Ratibor, Stoffweberei in Cottbus. Alles sehr +brav, alles sehr brauchbar, ja unentbehrlich, aber mich ging's nichts +an, hatte mit ›Kunst‹ nichts zu tun. Kleinstadtkunst ging mich noch +weniger an als die vielen Dilettantenstümpereien in den Großstädten, +die nichts sind als Legierungen von Schwärmerei und Eitelkeit und +vielleicht ein bißchen Sehnsucht.</p> + +<p>Ach, ich alter Knabe, ich alter musikalischer Globetrotter! Da bin +ich in einem entzückenden Erdenwinkel zur Winterfrische, habe wegen +Talentlosigkeit meiner Bauchmuskeln das Skifahren aufgegeben und mich +nur auf das Rodeln beschränkt, mußte mal kurz verreisen, las, wie schon +vorher tausendundeinmal, also zum tausendzweitenmal den Fahrplan falsch +und blieb also in Altenroda fünf Stunden lang ohne Weiteranschluß +sitzen. Ein Einheimischer kann sicherlich in Altenroda fünfzig Jahre +lang zufrieden und selig sein; aber was soll ein großstädtischer +Fremdling mit fünf Stunden in Altenroda anfangen? Alle Ehre der +Konditorei unter den Lauben und dem Hotel zum ›Löwen‹, sowie den dort +ausliegenden Lesezirkelheften — aber ach, fünf Stunden sind halt +grausam lang.</p> + +<p>Kurz und gut, ich sah ein Plakat: ›Quartett Altenroda. Konzert.‹ Ich +las das Plakat aus lauter Langerweile. Und ich fiel in einen Abgrund +von Erstaunen. Das war ein Programm, würdig eines Konzertraums, dessen +Vorbedingung aparter Geschmack ist. Wo in aller guter und böser +Geister Namen kam ein Mensch nach Altenroda,<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> der ein solches Programm +aufstellen konnte? Und wenn nun schon einer war, der solchen Geschmack +hatte, wie konnte er die Kräfte zusammen bekommen, solch ein Programm +auszuführen? Es mußte doch greulicher Unfug dabei herauskommen.</p> + +<p>Ich ging hin. Das Konzert sollte um acht Uhr beginnen. Ich war — +pünktlich, wie es sich geziemt — fünfzehn Minuten vor acht da. Ein +leerer Raum. Einige Jünglinge und Jungfrauen an den Wänden. Mir wurde +bange wie einem Einsamen in der Wüste.</p> + +<p>Und nun sangen vier Leute; ein blasser junger Mann dirigierte. Zwei +Damen-, zwei Herrenstimmen. Eine kritische Würdigung des Konzerts +will ich nicht geben, nicht etwa, wie man mancherorten sagen würde, +eine ›Rezension‹ schreiben; ich will nur als eines meiner seltsamsten +Lebensereignisse berichten, daß ich in einer deutschen Kleinstadt eine +Kunstgabe fand, die mich in Erstaunen setzte. Glückliches Deutschland, +wenn selbst in deine fernsten Täler solcher Kunsteifer und solche +Kunstreife gedrungen sind! Der Tenor des Quartetts hat prachtvolles, +wenn auch noch nicht zu voller Edelreife gediehenes Material. Die +anderen leisten (auch von strengem Gesichtspunkt aus beurteilt) +höchst Achtbares. Alle sprechen richtig, alle atmen richtig, alle +singen richtig. Der Dirigent ist ein famoser Mann, und ich segne mein +Mißgeschick, das mich in Altenroda fünf Stunden aufhielt.«</p> + +<p>Dieser Artikel, der im Altenrodaer Stadtblatt erschien, war von +einem der gefeiertsten und gefürchtetsten Kritiker der Hauptstadt +unterzeichnet.</p> + +<p>Jedermann, der behauptet, daß Rezensenten gemeingefährliche<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> Subjekte +sind, hat recht. Cyrill Dietrich kriegte einen Weinkrampf vor Jubel, +als er den Artikel las. August Stumpe, der ein zerschlätertes +Winterdach ausbessern sollte, saß mit dem Zeitungsblatt in eisiger +Höhe, wäre beinahe erfroren und tat gar nichts, weder zur Ausbesserung +des Daches noch seines Seelenzustandes. Der Apotheker betrank sich drei +Tage und drei Nächte lang vor Freude, und nur Sabinchen heulte, und +zwar wegen der plötzlich ausgebrochenen Trunksucht ihres lieben Papas.</p> + +<p>Daß aber der Artikel der kritischen Großstadtkoryphäe in dem Altenroder +Stadtblatt Aufnahme gefunden hatte, erklärte sich einfach daraus, daß +der Verleger des Stadtblattes die Bedeutung jener Koryphäe kannte. +Er war auf einige großstädtische Zeitungen abonniert. Und wenn er +jetzt eine Abonnentenreklame für sein Stadtblatt losließ, vergaß er +nie zu bemerken: Mitarbeiter u. a. Herr <em class="antiqua">Dr. X.</em>, der gefeierte +Musikkritiker erster Weltblätter.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es ging schon auf den Frühling zu. Im Winter blüht das Geschäft +der Dachdecker nicht. Über ein paar Notaufträge, wenn gerade das +Schneegestöber schon ins Haus dringt oder sich der Nordwind einen gar +zu groben Spaß erlaubt hat, kommt es nicht hinaus. So hatte August +Stumpe viel Zeit zum Studium, und es wurde auch jede freie Stunde +sorglich genützt. Cyrill war ein unermüdlicher Lehrer. Es war diesem +durch und durch musikalischen Manne ein Herzensglück, ein so starkes +Talent, wie das des Dachdeckers war, zu immer größerer Reife zu führen. +Schon lange waren sie über bescheidene Rollen<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> aus Spielopern wie +»Freischütz« und »Waffenschmied« hinaus. Schon waren sie bei Wagner +angelangt. Als Cyrill das erstemal zu seinem Schüler über Wagner +sprach, stand er vor ihm wie ein begeisterter Priester, und als er ihm +die Wonnen und Wunder des »Lohengrin« erschloß, seufzte der Dachdecker +und sagte: »Das ist Musik aus dem Paradiese.«</p> + +<p>Eines Tages fuhren die beiden miteinander nach der Hauptstadt. Im +Wartesaal zu Altenroda trafen sie sich.</p> + +<p>»Ich habe einstweilen die beiden Fahrkarten gekauft,« sagte Cyrill.</p> + +<p>»Ich auch!« sagte der Dachdecker.</p> + +<p>Cyrill hatte dritter, der Dachdecker hatte zweiter Klasse gelöst. +Schließlich legten sie die vier Karten zusammen, fuhren erster und +waren schön allein im Abteil. Der Dachdecker schämte sich halb zu +Tode in dem feinen Raume und wünschte nur, daß keine anderen Menschen +einsteigen möchten.</p> + +<p>Cyrill lächelte wehmütig.</p> + +<p>»Sie werden bald immer erster Klasse fahren,« sagte er. »Wenn Sie erst +ein Bühnenstern sind! Und ich werde immer dritter Klasse fahren. Ich +glaube, ich bin selbst dritter Klasse.«</p> + +<p>Dagegen erhob der Dachdecker leidenschaftlichen Protest; aber Cyrill +wehrte ab und sagte:</p> + +<p>»Lassen Sie es gut sein. Nicht jeder kann ganz vorne stehn. Es genügt +schon, wenn er dabei ist. Heute abend im Opernhaus nehmen wir uns ganz +gute Plätze. Wohnen können wir ja in einem kleinen Vorstadthotel.«</p> + +<p>Sie saßen in einer Loge des Opernhauses.</p> + +<p>Lohengrin.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p> + +<p>Das silberne Singen der Geigen mit dem Gralsmotiv setzte ein; die +Ouvertüre wogte vorüber, der Vorhang hob sich, und ein schönes +Bühnenbild zeigte König Heinrich mit den Männern von Brabant am Ufer +der Schelde.</p> + +<p>Der Dachdecker preßte seine Hand auf Cyrills Knie, als müsse er sich +festhalten. So selig erschrocken wie er schaute einst Moses ins Gelobte +Land.</p> + +<p>Als die Lichtgestalt Lohengrins auftauchte, diese Gestalt, die +aus Glanz und Wonnen kommt, ganz Schönheit, ganz Reinheit, ganz +Heldenkraft, ganz wundersamste Jugend, rannen dem armen Dachdecker +unaufhaltsam die Tränen über die Wangen, das Herz pochte ihm in +Seligkeit; alle Glocken klangen, alle Engel sangen; tausend Melodien +strömten ihm zu: Du bist glücklich, du bist selig, du bist im Himmel!</p> + +<p>Aber als der Vorhang gefallen war, saß der Dachdecker stumm und mit +bleichem Gesichte auf seinem Stuhle.</p> + +<p>Die Leute gingen nach dem Vorraume.</p> + +<p>»Wollen wir nicht auch hinausgehen?« fragte Cyrill.</p> + +<p>Der Dachdecker schüttelte den Kopf. Wie konnte man aus diesem Himmel +hinausgehen? Aber er war so todblaß und stierte so eigentümlich mit den +Augen, daß Cyrill fragte:</p> + +<p>»Was ist Ihnen? Ist Ihnen nicht wohl?«</p> + +<p>»Ach,« sagte der Dachdecker, »ach, ich erbärmlicher Kerl! So etwas +werde ich niemals können. Der Lohengrin ist wie ein Gott!«</p> + +<p>Cyrill schwieg. Er dachte: Ganz gut, wenn du die Größe und +Schwierigkeit deiner Aufgabe erfassest. Im übrigen ist noch jeder, +der wirklich etwas kann, nicht einmal,<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> sondern hundertmal an sich +verzweifelt. Nur die Stümper sind selbstsicher.</p> + +<p>Im zweiten Akte, nach Elsas süßen Nachtgesängen, faßte sich der +Dachdecker am Hals und flüsterte Cyrill angsterfüllt zu:</p> + +<p>»Mir wird übel!«</p> + +<p>Cyrill sah mit einem Blick, daß die Sachlage hier bedrohlich wurde, +faßte August an der Hand und führte ihn hinaus. Unwillige Blicke +folgten den Störern, und Elsa sang unten auf der Bühne: »Es gibt ein +Glück, das ohne Reu,« ohne zu ahnen, daß da oben ein kunstbegeisterter +Naturmensch diese Sentenz <em class="antiqua">ad absurdum</em> führte.</p> + +<p>August Stumpe mußte sich erbrechen. Kalter Schweiß perlte ihm auf dem +Gesichte und auf den Händen.</p> + +<p>»Na, hören Sie mal,« sagte Cyrill, der nur unwillig den Samariter +spielte, »wenn Sie sich immer im Theater so aufregen wollen, dann +taugen Sie freilich nichts für die Bühne.«</p> + +<p>»Nein,« schöpfte August Luft, »nein, ich tauge nichts! Ich tauge rein +gar nichts! Ich bin eine unnütze Kreatur! Ich bin ein dummer Mensch. +Für mich gibt's nur eins — weg von der Welt!«</p> + +<p>»Blech!« sagte Cyrill zum Trost und sonst nichts. Dann führte er +August an ein Büfett und labte ihn mit einer Flasche Selterswasser. +Von drinnen drangen die Hochzeitshymnen des großen Kirchgangs. August +strebte wieder hinein.</p> + +<p>»Nicht um die Welt!« sagte Cyrill und hielt den Dachdecker zurück.</p> + +<p>Da lehnte sich August Stumpe in seinem todjämmerlichen<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> Zustande an +eine Säule, und Cyrill stand neben ihm in dem leeren Restaurationsraum, +und beide machten einen unvorteilhaften Eindruck.</p> + +<p>Wie sie so dalehnten, kam ein kleiner dicker Herr mit einem Hornzwicker +auf der Nase vorbei, musterte sie, blieb stehen, ging vorüber, blieb +wieder stehen, guckte sich um und kam plötzlich heran.</p> + +<p>»Also, da möchte ich doch wetten, Sie beide sind aus Altenroda.«</p> + +<p>Cyrill und August erschraken, als ob sie entlarvte Verbrecher seien, +und einer von beiden sagte: »Ja, ja, ja!«</p> + +<p>»Habe ich Sie doch erkannt,« schmunzelte der alte Herr vergnügt. »Ja, +mein Physiognomiengedächtnis! Also die Leute vom Quartett Altenroda. +Sie der Dirigent, Sie der Tenorist! Weiß alles, weiß alles! War ja in +Ihrem Konzert. Sind also da mal hergekommen in die Oper — was? Und da +ist Ihnen wohl schlecht geworden? Sehen ja ganz verdaddelt aus?«</p> + +<p>»Ja,« sagte Cyrill, der den gewaltigen Musikkritiker von dazumal +inzwischen erkannte oder wenigstens ahnte, »meinem Freunde wurde übel.«</p> + +<p>»Er ist doch nicht Sänger von Beruf? Was ist er denn?«</p> + +<p>»Dachdecker.«</p> + +<p>»Dachdecker? So, so — Dachdecker! So — heidi — ganz oben! Ganz oben, +direkt am Kirchturmknopf! Dachdecker! Und singt! Und fährt mal in die +Oper! Opfert Geld! Siebzehn Mark zweiter Klasse hin und her! Weiß +ich! War ja doch in der Gegend. Siebzehn Mark! Und dann die sonstigen +Spesen. In die Oper! In den ›Lohengrin‹! Und hört dann hier solches — +solches — und wird ihm schlecht.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span></p> + +<p>Der kleine dicke Herr mit der Hornbrille nahm Cyrill etwas auf die +Seite.</p> + +<p>»Sagen Sie mal — der Mann hat sich wohl direkt erbrochen? Das sieht +man ihm doch an!«</p> + +<p>»Ja,« sagte Cyrill, »es wurde ihm übel. Schon nach dem ersten Akt wurde +ihm ganz benommen.«</p> + +<p>»Hatte er denn vorher getrunken oder sich den Magen verdorben?«</p> + +<p>»Durchaus nicht! An der Übelkeit ist nur die Oper schuld.«</p> + +<p>Der Dicke funkelte Cyrill mit den Brillengläsern an.</p> + +<p>»Die Oper! War denn — dieser — dieser Dachdecker schon öfter in der +Oper?«</p> + +<p>»Nein, es ist die erste, die er hört.«</p> + +<p>Der Dicke rieb sich die Glatze.</p> + +<p>»Das ist fabelhaft! Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Sehen +Sie, man müßte doch annehmen, auf eine so naive Haut, wie es ein +Dachdecker aus Altenroda ist, müßte die erste Oper, die er hört, +mächtigen Eindruck machen, sie müßte ihn begeistern. Aber nein! +Wenn er ein musikalisches Talent ist (und das ist Ihr Dachdecker +in ganz hervorragendem Maße), wenn er ein musikalisches Innenleben +hat, wird ihm bei einer solch gottserbärmlichen Aufführung, wie die +heutige ist, einfach schlecht. Er kotzt! Er verachtet die ganze +Bande. Der ›Lohengrin‹, der heute hier auf Engagement zu singen die +Verbrecherstirn hat, soll sich auf einen Misthof als Kikerikihahn +vermieten. Ja, das soll er! Das schreibe ich morgen in meine Kritik. +Als Kikerikihahn auf einen Misthof vermieten! Selbst ein wirklich +musikalischer Dachdecker aus Altenroda hat das herausempfunden.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span></p> + +<p>Auf diese Rede hin sagte Dietrich Cyrill weder »ja« noch »nein«. Er war +zu erstaunt über diese Wendung der Dinge.</p> + +<p>»Also,« fuhr der Dicke fort, »ich habe damals über Ihr Konzert an Ihr +Stadtblatt einige Zeilen gerichtet. Es machte mir Spaß. Ich wollte auch +den Spießern aus Altenroda, die Ihrem Konzert ferngeblieben waren, +eines auswischen. Ich habe mich damals über Ihre Leistungen gewundert. +Aber noch mehr wundere ich mich heute. Daß einem Naturkinde bei der +ersten Oper, die es hört, schlecht wird, nur weil schlecht gesungen +wird — sehen Sie, das ist ein psychologisch rasend interessanter Fall. +Das ist ein Testimonium so elementaren Schönheitswillens, daß ich +erstaunt bin.«</p> + +<p>Der Dicke ging nun zu dem Dachdecker, der mit einem weidlich dummen +Gesicht immer noch an der Säule stand, und sagte:</p> + +<p>»Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Übelkeit! Wundern Sie sich nicht, daß +mir nicht auch übel geworden ist! Verachten Sie mich deswegen nicht! +Ich bin abgehärtet bis aufs äußerste. Ich kann Seifenlauge vertragen, +weil ich berufshalber tausendmal habe Seifenlauge schlucken müssen. +Verstehen Sie das?«</p> + +<p>August wußte nicht, was der ›Lohengrin‹ mit Seifenlauge zu tun habe, +aber er nickte mit dem Kopf. Ihm war alles egal.</p> + +<p>Nun war drinnen der zweite Akt zu Ende; die Leute strömten in den +Restaurationsraum. Der kleine Dicke zog eine Visitenkarte aus der +Tasche, überreichte sie Cyrill und sagte:</p> + +<p>»Da ist meine Adresse! Es würde mich freuen, wenn<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> Sie mich mit Ihrem +Freunde morgen besuchten. Am besten zwischen elf und zwölf Uhr.«</p> + +<p>Dann ging er.</p> + +<p>Während des dritten Aktes saß August Stumpe wieder in seligen +Schauern da. Es wurde ihm nicht mehr übel. Am Schluß nur, bei der +Gralserzählung, rannen ihm heiße Tränen über die Wangen. Er klatschte +keinen Beifall. Ganz still saß er noch, als die meisten Leute schon +gegangen waren, und verließ als einer der letzten das Theater, Leuchten +in den Augen und einen Schimmer von Verklärung auf dem Gesicht.</p> + +<p>In einem kleinen Vorstadthotel hatten Cyrill und August ein gemeinsames +Zimmer inne. Der Dachdecker saß auf seiner Bettkante und träumte. +Cyrill störte ihn nicht.</p> + +<p>»Wie ein Gott hat er gesungen — wie ein Gott!«</p> + +<p>Da meinte Cyrill:</p> + +<p>»Lieber Freund, ich gebe Ihnen einen guten Rat; wenn wir morgen bei +dem kleinen Doktor sein werden, sagen Sie kein Wort über die heutige +Aufführung, kein einziges Wort!«</p> + +<p>»Warum nicht?« fragte Stumpe.</p> + +<p>»Weil es sich nicht ziemt, daß ein Anfänger in Gegenwart einer solch +anerkannten Größe seine eigene kritische Meinung zum Besten gibt.«</p> + +<p>»Das ist richtig!« sagte der Dachdecker. Nach einem Weilchen stand er +auf.</p> + +<p>»So hat er dagestanden!« sagte er in seliger Versunkenheit, »so die +Augen ganz in die Ferne gerichtet nach Monsalvat, weit über alle Länder +und Menschen hinweg. Und so hat er gesungen: ›Im fernen Land, unnahbar +Euren Schritten, steht eine Burg, die Monsalvat genannt ...‹«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span></p> + +<p>Und nun sang August Stumpe erst leise, dann mit immer vollerer Stimme +die Gralserzählung, und Cyrill hörte ihm glückselig zu. Sein Schüler +sang die Gralserzählung wirklich viel schöner als der Tenor auf der +Bühne, und was den Dachdecker heut so begeistert hatte, war ja auch +nicht die wenig hohe Kunst jenes Bühnentenors gewesen, sondern das +Theater selbst, in das dieser begnadete Künstler als ein verbannter +Königssohn zum erstenmal wie in eine Heimat gekommen war, in die er +gehörte.</p> + +<p>»Mein Vater Parsival trägt seine Krone, sein Ritter ich, bin Lohengrin +genannt ...«</p> + +<p>In einer Gloriole glühender Tonfarben sang der Dachdecker den Schluß +der Gralserzählung.</p> + +<p>»Ruhe dort drin! Die Herrschaften schlafen schon!«</p> + +<p>Das war der Nachtportier.</p> + +<p>»Nein!« brüllte ein Handlungsreisender, der im linken Nebenzimmer +schlief, »er soll weitersingen. Der Mann singt großartig.«</p> + +<p>Die Tür zum rechten Nebenzimmer öffnete sich; die Nachthaube einer +alten Jungfer erschien, und eine Stimme flötete:</p> + +<p>»O, Herr Portier, bitte, lassen Sie ihn weitersingen. Es ist himmlisch!«</p> + +<p>»Nein,« sagte der grobe Portier, »es ist nicht himmlisch, sondern es +ist Nacht. Die Leute wollen schlafen.«</p> + +<p>Aus dem oberen Stockwerk rief einer grob die Treppe herunter:</p> + +<p>»Was ist denn das für ein Radau da unten? Ruhe will ich!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p> + +<p>Das war August Stumpes erster Erfolg und Mißerfolg in der großen Stadt.</p> + +<p>»Publikum!« sagte Cyrill. »Publikum!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am nächsten Vormittag zwischen elf und zwölf Uhr war August Stumpes +Schicksalsstunde. Der kleine Doktor hatte die beiden mit den Worten +empfangen:</p> + +<p>»Über gestern wollen wir nicht mehr reden. Wir wollen in diese Stimmung +nicht zurückfallen. Ich habe mir den Ärger in meiner Nachtkritik von +der Leber heruntergeschrieben, und Ihnen ist, wie ich sehe, ja auch +wieder besser.«</p> + +<p>Er führte sie in ein schönes Musikzimmer.</p> + +<p>»Sie sollen mir was erzählen,« sagte er; »von dem Musikleben in +Altenroda sollen Sie mir was erzählen.«</p> + +<p>Cyrill erzählte kurz und schlicht von der Gründung und Ausbildung des +Quartetts.</p> + +<p>»Wo und bei wem haben Sie studiert, Herr Dietrich?«</p> + +<p>Cyrill gab Auskunft, und der Doktor brummte.</p> + +<p>»Und da sitzen Sie in Altenroda? Was machen Sie denn da?«</p> + +<p>»Ich warte auf eine Anstellung als Kapellmeister. Ich bin arm und +muß bei meiner Tante wohnen, die meine einzige Verwandte ist. Einige +Angebote habe ich gehabt; es waren aber so untergeordnete Institute, +daß ich lieber in Altenroda weiter darbe. Ich habe auch eine Oper +geschrieben.«</p> + +<p>Der Doktor stand auf und unterbrach Cyrill.</p> + +<p>»Oper geschrieben? Als Kapellmeister? Das ist nichts! Kapellmeister +sollten nie Opern schreiben, Theaterdirektoren und Bühnenleute nie +Dramen dichten. Wissen<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> Sie, was das ist? Inzucht ist das! Kommen +meist Wechselbälger heraus! Mache! Technik! Kulissenverwendung! +Gebrauchsgegenstände <em class="antiqua">pro loco</em>! Nein! Ist nichts! Jeder bei +seinem Fach! Ein General soll nicht zugleich Armeelieferant sein.«</p> + +<p>Damit war Cyrill abgefertigt, und August Stumpe kam an die Reihe.</p> + +<p>»Singen Sie mir was vor! Die Tonleiter!«</p> + +<p>August Stumpe sang die Tonleiter auf do, re, mi ...</p> + +<p>»Na weiter! In die zweite Etage! Noch mal von unten an!«</p> + +<p>Stumpe sang zwei Tonleitern.</p> + +<p>»Also,« sagte der Doktor, »das war in ›a‹. Nun versuchen Sie es mal +einen halben Ton höher, in ›b‹«.</p> + +<p>Als August Stumpe sofort das »b« richtig traf, unterbrach ihn der +Doktor und sagte:</p> + +<p>»Gut! Ich weiß Bescheid! Nun singen Sie mir noch irgend etwas aus einer +Oper. Was möchten Sie sich wählen?«</p> + +<p>»Die Gralserzählung!«</p> + +<p>Darüber machte der Doktor ein saures Gesicht. Diese Wahl mißfiel ihm. +Aber er sagte:</p> + +<p>»Meinetwegen. Nach der Seifenlauge gestern ...«</p> + +<p>Und er schlug den Klavierauszug zum »Lohengrin« auf. August Stumpe +sang. Nicht ganz so in Verklärung und Entzückung wie gestern Abend, +aber doch gut.</p> + +<p>Am Schluß sagte der Doktor, dem hinter der Brille die Augen funkelten:</p> + +<p>»Also — das können Sie noch nicht. Selbstverständlich noch nicht. Aber +in einem Jahre werden Sie es wahrscheinlich können. Nun, mein Lieber, +das Dachdecken hört<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> jetzt auf, und wenn es allen Bürgern in Altenroda +in die Bude regnet. Und wenn in der Konditorei unter den Lauben der +Kaffee verwässert, und wenn alle Journale im ›Löwen‹ verfaulen — das +Dachdecken hört auf! Absolut und sofort! In einem Monat sind Sie hier. +Ich werde für einige Mäzene sorgen, die Ihren Unterhalt bestreiten und +Ihnen die geeigneten Lehrer verschaffen. Alles andere findet sich dann +für Sie von selbst.«</p> + +<p>Nach einigen Abschiedsworten waren die beiden entlassen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Sie saßen in einer kleinen Weinstube. August Stumpe hatte ein +knallrotes Gesicht. Er hatte Fieber. Seine Lebensstraße war plötzlich +von glühweißem Sonnenlicht übergossen. Das blendete ihn, der so lange +im Schatten gelebt hatte. Völlig verwirrt war er. Er tastete nach +Cyrills Hand; die war eiskalt. Cyrills Aussichten auf eigenes Glück +waren vernichtet. Der kleine Doktor hatte ihn fallen lassen, und der +bunte Vogel, den er gezüchtet und gepflegt, auf den er seine Hoffnungen +gesetzt hatte, flog davon.</p> + +<p>August Stumpe versuchte ein Gespräch herbeizuführen, es mißlang.</p> + +<p>»Lassen Sie mich!« sagte Cyrill verstört, »ich muß mich erst darein +finden!«</p> + +<p>»In was müssen Sie sich finden?«</p> + +<p>Cyrill gab keine Antwort. Er sank in die Sofaecke der kleinen Nische, +in der sie saßen, und schloß die Augen. Ganz ruhig saß er. Nur die +Brust zuckte manchmal in innerem Krampf.</p> + +<p>Der Kellner legte leise ein paar Zeitungen hin. Der<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> Dachdecker sah +eine Weile bestürzt und verängstigt auf Cyrill, dann glaubte er, +der schlafe, und er blätterte vorsichtig, um kein Geknittere zu +verursachen, in einer Zeitung. Da fand er die Nachtkritik des Doktors +über die »Lohengrin«-Aufführung.</p> + +<p>»In einer kleinen Dingsda-Stadt lebt ein Dachdecker, der musikalisch +ist und durch einen Zufall zu einer sachgemäßen musikalischen +Ausbildung gekommen ist. Dieser Mann wandte seinen kargen, auf +halsbrecherischem Höhengelände erworbenen Lohn an, um mal in unserer +Oper den ›Lohengrin‹ zu hören. Der Unglückswurm geriet in die +Aufführung, in der gestern Herr Edmund Tolschmusen auf Engagement +als Lohengrin debutierte. Und dem musikalischen Dachdecker wurde +schlecht. Man stelle sich vor: ein Dachdecker, ein reiner Tor, ein Hans +Kuckindiewelt, einer, der auszog, um das selige Gruseln zu lernen, +dem wurde schlecht, der mußte sich in die Retirade flüchten, weil +Herr Edmund Tolschmusen so übererbärmlich sang, daß dem musikalischen +Naivling die Magenwände rebellierten. Herr Edmund Tolschmusen soll mal +nach Dingsda fahren und sich ein Konzert anhören, in dem der Dachdecker +singt, damit er eine Ahnung kriegt, wie gesungen werden muß. Oder wenn +er so viel Kunsteifer nicht aufbringt, soll er sich kurzerhand als +Kikerikihahn auf einen Misthof vermieten. Vielleicht zieht unser Herr +Intendant, der ihn zum Probesingen einlud, als Hühnerwärter gleich mit. +Fürs Krähen und Gackern interessiert er sich ja sicherlich.«</p> + +<p>Großstädter sind an solche deutliche und witzige Kunstkritiken ja +gewöhnt; aber dem Kleinstadtmann verschlug's den Atem.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span></p> + +<p>Mit entseeltem Gesicht starrte August Stumpe das Zeitungsblatt an. Er +las die »Kritik« ein zweites und drittes Mal, spuckte, kratzte sich am +Halse und an den Beinen und wurde nur immer verwirrter. Himmelangst +wurde ihm; als sei er verhext, so kam er sich vor. Was war denn das? +Was bedeutete denn das? Der Dachdecker war ja doch wohl er selbst? Aber +wer war denn der Kikerikihahn?</p> + +<p>Cyrill Dietrich erhob sich plötzlich.</p> + +<p>»Also, lieber Stumpe, ich bin wieder bei mir. Ich hoffe, ich werde +darüber hinwegkommen. Stoßen Sie mit mir an. Ich gratuliere Ihnen +aufrichtig und herzlich. Ich freue mich, daß ich der Kunst einen +solchen Jünger wie Sie habe zuführen können. Sie werden nun bald ganz +im Lichten sein, und ich werde in Altenroda Klavierstunden geben +müssen. Ich sagte es Ihnen schon gestern — der eine erster, der andere +dritter Klasse. Das ist nun mal so im Leben.«</p> + +<p>Da faßte August Stumpe ein unsinniger Zorn, als ihm klar wurde, daß er +aufsteigen, sein bisheriger Lehrer aber in der Tiefe bleiben solle. Er +verschüttete sein Weinglas und sagte:</p> + +<p>»Wissen Sie, was der Doktor ist? Ein Schuft! Wissen Sie, was er in +seiner Zeitung geschrieben hat? Ich bin ein Tor, der Tenorist von +gestern Abend ist ein Kikerikihahn. Und Sie läßt er sitzen! Und von +mir sagt er, mir sei schlecht geworden, weil es im Theater so schlecht +war; dabei ist mir schlecht geworden, weil es überaus herrlich war. Der +Idiot! Ich gehe jetzt zu ihm und hau ihm eins in die Schnauze.«</p> + +<p>Der zarte Cyrill bemühte sich ganz vergebens, den riesigen<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> Dachdecker +aufzuhalten. Der empörte Mann riß sich los und stürmte davon. Die +Kellner wunderten sich sehr über diesen Gast.</p> + +<p>Cyrill konnte nichts tun, als den Doktor telephonisch auf das +vorbereiten, was ihm bevorstand. Ein kollerndes Lachen rollte Cyrillen +durch den Telephonhörer als Antwort ins Ohr.</p> + +<p>»Na, also, wenn er aufbricht, um einen Kritiker zu hauen, ist er ja +doch der geborene Bühnenkünstler! Das ist eine neue Talentprobe. Lassen +Sie ihn kommen! Und Sie, kommen Sie auch noch mal zu mir, Sie sind ja +eigentlich der <em class="antiqua">spiritus rector</em> von der ganzen Geschichte. Einer, +der aus einer Dilettantensache so etwas machte, wie Ihr Quartett, der +ist ja sicher ein Kapellmeister. Der muß intelligent und vor allem +sehr fleißig sein. Fleißig — das ist eine gute Eigenschaft für einen +Kapellmeister. Nur das eine tun Sie sich selbst zu Gefallen: sagen Sie +niemand, daß Sie eine Oper komponiert haben.«</p> + +<p>Nach einer Stunde saßen Cyrill und August wieder zusammen.</p> + +<p>August Stumpe hatte ein friedliches Gesicht.</p> + +<p>»Na,« sagte er, »es war ganz nett. Gehauen haben wir uns nicht. Ich +habe ihm bloß ordentlich meine Meinung gesagt, daß es gestern im +Theater großartig war, und daß mir so schlecht geworden ist, weil +es eben so großartig war. Und da hat der Doktor so gelacht, daß ich +dachte, er erstickt. Aber dann hat er gesagt: ›Stumpe, Irren ist +menschlich. Ich habe mich in Ihnen geirrt. Wenn Sie mir gestern +abend das gesagt hätten, was Sie mir jetzt sagen, hätte ich Sie nie +und nimmer eingeladen. Ich hielt Sie aber für ein psychologisches +Monstrum.<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> Stumpe, Sie sind kein Monstrum. Doch ein guter Sänger können +Sie werden; das habe ich inzwischen festgestellt. Und so bleibt alles +beim alten, und Ihren Meister Cyrill werde ich auch unterbringen. Ich +hab' schon was für ihn in Aussicht.‹</p> + +<p>Schön wurde es in der kleinen Weinstube! Nachmittags um vier machten +Cyrill und August Bruderschaft.</p> + +<p>Darauf ging August Stumpe an einen Kellner heran, zerrte ihn am Ärmel +in eine Ecke und sagte:</p> + +<p>»Ach, verzeihen, Sie, Herr Nachbar, können Sie mir sagen, wieviel +eigentlich so eine Flasche Champagner kostet?«</p> + +<p>Der Kellner grinste.</p> + +<p>»Das kommt auf die Marke an. Französischer Sekt etwa achtzehn Mark.«</p> + +<p>»Warten Sie mal!« sagte August Stumpe, zog sein Portemonnaie heraus, +zählte sein Geld, rechnete umständlich auf einem Zettel mit Bleistift +etwas aus und sagte dann:</p> + +<p>»Es langt! Bringen Sie eine!«</p> + +<p>Der Kellner berichtete am Büfett, daß ein solch ländlicher Blödling, +wie dieser Gast war, der den Sekt bestellte, noch in keiner Weinstube +der Welt aufgetaucht sei. August und Cyrill aber saßen sich glückselig +gegenüber, nannten sich du, hatten miteinander und durcheinander +gesiegt. Und einmal bückte sich August schnell nieder und küßte dankbar +Cyrills feine weiße Dirigentenhand.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als die beiden nach Altenroda heimkamen, fand jeder auf seiner Stube +eine gedruckte Mitteilung vor, die niederschmetternd war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span></p> + +<p>Der Apotheker zeigte die Verlobung seiner einzigen Tochter Sabine mit +dem Provisor seiner Firma an.</p> + +<p>Sie waren mit dem Abendzug spät eingetroffen. Nun kam eine trostlose +Nacht. Jeder war einsam für sich mit seiner Verzweiflung. Jeder saß vor +dem schrecklichen kleinen Blatt, das den Verlust des Liebsten auf der +Welt kundtat; jeder hatte wildes Weh im Herzen; jeder war vom Himmel in +die Hölle gefallen.</p> + +<p>Was war der herrlichste Weg, der sich wie durch ein Wunder erschlossen +hatte, wenn das selige Ziel, zu dem er führen sollte, für immer +verschwand?</p> + +<p>Das Naturkind, den Dachdecker, packte es am schlimmsten. Er dachte an +nichts weiter, als daß es aus sei mit aller Lebenshoffnung, daß er nie +mehr singen würde, daß er sterben müsse.</p> + +<p>Gegen Mitternacht hielt es August nicht mehr aus in seiner Einsamkeit. +Er wußte niemand, dem er sich anvertrauen konnte, als Cyrill. So +verließ er das Haus, um, wenn es möglich wäre, noch zu Cyrill zu +gelangen. Und August begegnete Cyrill auf der menschenleeren, +nächtlichen Straße.</p> + +<p>Sie erschraken vor einander.</p> + +<p>»Ich wollte zu dir!«</p> + +<p>»Und ich zu dir!«</p> + +<p>Cyrill erkannte blitzschnell, wie es um den Dachdecker stand; der +Natursohn ahnte von dem andern auch jetzt noch rein nichts. Er war nur +von seinem eigenen Herzeleid überwältigt, fiel Cyrill um den Hals und +begann laut zu schluchzen. Wie weichmütig war doch dieser starke junge +Mann!</p> + +<p>Cyrill stand steif und still. Wie ein Steinbild stand die<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> +feingliederige Gestalt, an die sich der weinende Riese lehnte.</p> + +<p>»Komm mit mir!« sagte er erst nach einer ganzen Weile.</p> + +<p>Sie gingen durch den Frühlingssturm. Wolken jagten über ihnen, löschten +alte Sterne aus und enthüllten neue Sterne.</p> + +<p>In Cyrills Stube saß der Dachdecker auf dem kleinen roten Plüschsofa. +Er saß mit gefalteten Händen und sagte mit ernster Feierlichkeit in der +Stimme:</p> + +<p>»Cyrill, du bist mein Freund geworden. Dir allein kann ich mich +anvertrauen. Ich kann nicht mehr leben. Ich kann es nicht ertragen, daß +Sabine einem andern gehört. Ich muß sterben. Aber ich habe noch eine +alte Mutter. Die ist fromm. Die würde es nicht überleben, wenn der Sohn +so ein — ein Selbstmörder wäre. Sie würde glauben, daß mich dann der +liebe Gott auf ewig verwirft.«</p> + +<p>Er machte eine Pause. Cyrill saß ihm schweigend und düster gegenüber.</p> + +<p>»Ich habe die Sabine zu sehr geliebt,« fuhr der Dachdecker fort. »Ich +habe die ganze Sache beim Quartett nur ihretwegen mitgemacht; ich habe +auch bloß ihretwegen zur Oper gewollt. Das ist nun alles aus. Cyrill, +du weißt, ich habe einen gefährlichen Beruf. Wenn du nun mal hörst, +der August Stumpe ist abgestürzt, da weißt du Bescheid. Du sollst es +wissen, sonst soll es niemand wissen, vor allen Dingen nicht meine +Mutter. Aber eine soll es noch wissen — Sabine! Der sollst du es +einmal heimlich sagen. Sie soll wenigstens einmal eine halbe Stunde um +mich leiden.«</p> + +<p>Cyrill sagte auch jetzt noch nichts. Er setzte sich an sein<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> altes +Klavier und begann ganz leise zu spielen. Der Dachdecker lag lang auf +dem Sofa. Was sich bei ihm in naturwüchsiger Heftigkeit entlud, ging +in stiller Qual auch durch Cyrills Seele. Der spielte wohl eine Stunde +und länger. Dann stand er auf. Er war sich seiner Dirigentenpflicht +bewußt geworden. Er durfte nicht dulden, daß jener andere dort die +schöne Symphonie seines Lebens umwarf und vernichtete. Er war wie jener +in Irrnis und Wirrnis, aber er war der berufene Führer, der den andern +befreien mußte.</p> + +<p>Cyrill zog eine Schublade auf, nahm ein Notenblatt heraus und legte es +vor August Stumpe hin.</p> + +<p>»Da — lies das!«</p> + +<p>Der starrte erst geistesabwesend auf das Blatt. Als er aber den Namen +Sabine sah, griff er gierig zu.</p> + +<p>»Daß ich dich liebe ...« — »Sabine gewidmet.«</p> + +<p>Und er las den Text. Verwirrt fragte er.</p> + +<p>»Was bedeutet das? Ist das Lied von dir?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Und es ist auf Sabine gemacht? Dieses Liebeslied?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>Der Dachdecker sprang auf.</p> + +<p>»Dann hast du ja auch — du auch ...«</p> + +<p>Seine Augen glommen feindselig, seine Fäuste ballten sich. Cyrill stand +ganz ruhig da.</p> + +<p>»Ja, ich habe sie auch geliebt. Ebenso sehr wie du. Und bin nun ebenso +um mein Glück betrogen wie du.«</p> + +<p>»O Gott! — O Gott!«</p> + +<p>Der Dachdecker sank auf das Sofa zurück.</p> + +<p>»Und — und was wirst du tun?«</p> + +<p>»Ich werde mir nicht das Leben nehmen. Ich habe eine<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> andere Ansicht +von dem, was ich noch im Leben zu tun habe, eine andere Ansicht von der +Kunst als du. Gewiß, ich habe jenes Mädchen geliebt, aber ich liebe +noch viel mehr die Musik. Der werde ich treu bleiben; die wird jetzt +meine Braut sein. Die ist jeden Tag schön, jeden Tag lieb, jeden Tag +tröstlich, jeden Tag die beste Gefährtin. Die wird nie alt.«</p> + +<p>»Ja du — ja du!« rief der Dachdecker leidenschaftlich. »Du bist ein +großer, gelehrter Künstler. Ich bin ein Stümper, ein Anfänger. Außer +dem, was ich von dir kann, kann ich nichts. Für mich ist's aus!«</p> + +<p>»Für dich ist's nur aus, wenn du ein ganzer Narr bist! Du bist ein +Anfänger. Aber in zwei Jahren wirst du schon an erster Stelle stehen +und ich an einer zweiten oder dritten Stelle. Wer weiß, ob ich je eine +erste Stelle erreiche. Aber selbst das, was ich bin und was ich kann, +werfe ich nicht weg um das schöne Gesicht eines Mädchens.«</p> + +<p>August Stumpe saß ganz still da. Nach einiger Zeit sagte er:</p> + +<p>»Cyrill, du bist mein Freund, der einzige wahre Freund, den ich habe. +Du bist hundertmal klüger als ich. Dir werde ich folgen.«</p> + +<p>»Sieh,« sagte Cyrill, »wir sind wirklich Freunde. Als uns heute +unerwartet dieses Unglück traf, lief einer zum andern in seiner Not. +Und wir begegneten uns mitten in der stürmischen Frühlingsnacht. Das +hat was zu bedeuten! Wir sollen beieinander bleiben.«</p> + +<p>»Ja, das sollen wir,« rief August Stumpe. »Das sollen wir! Ich werde +alles tun, was du willst!«</p> + +<p>Da hatte die Dirigentenseele Cyrills eine zarte Freude über den +gefügigen Sänger.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span></p> + +<p>»Ich will ganz aufrichtig zu dir sein,« sagte Cyrill; »du warst mir +anfangs auch nur ein Mittel zum Zweck. Ich erkannte deine Begabung und +sagte mir, durch dich könne ich wohl selbst zu etwas kommen. Und so ist +es ja auch geworden, wenn auch etwas anders, als ich es anfangs dachte. +Wir sind uns auf dem Lebenswege begegnet, und ich glaube, es war für +beide ein Glück. Und wenn es nun mit Sabine so ganz anders gekommen +ist, als wir beide es wünschten — jeder ganz für sich selbst — so ist +doch in dem Unglück das Glück, daß wir beide Freunde bleiben können.«</p> + +<p>»Ja, richtig,« rief August Stumpe, »wenn ich die Sabine bekommen hätte, +dann hätte ich ja dich wohl verloren. Und umgekehrt auch. Und das wäre +schrecklich gewesen.«</p> + +<p>»Ja,« sagte Cyrill, »und nun wollen wir beraten, was zu tun ist.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Um vier Uhr früh ging der Dachdecker nach Hause und fing sofort an, +seine Sachen zusammenzupacken. Um neun Uhr hoben die beiden Freunde +ihre Sparkassenguthaben ab. Um zehn schickten beide einen Blumenstrauß +mit einer kurzen Gratulation nach der Apotheke.</p> + +<p>Gegen Abend verließen Cyrill Dietrich und August Stumpe Altenroda. Ein +Bote brachte einen Brief in die Apotheke:</p> + +<p>»Sehr geehrter Herr Apotheker!</p> + +<p>Mein Freund August Stumpe hat Aussicht, bei der Oper anzukommen; ich +werde wahrscheinlich eine Kapellmeisterstelle erhalten. Wenn Sie +diesen Brief lesen, haben wir beide Altenroda bereits verlassen. +Einen Abschiedsbesuch wollten wir nicht machen, um das Glück der +jungen<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> Braut nicht zu stören. Wir danken Ihnen für die in Ihrem Hause +empfangene Gastfreundschaft und wünschen, daß es Ihnen gelingen möge, +die durch unseren Fortzug im Quartett Altenroda leergewordenen Plätze +neu zu besetzen.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Cyrill Dietrich.«</span><br> +</p> + +<p>Über diesen Brief war sich der Apotheker noch nicht im klaren, als er +in Zorn und Schmerz bereits die dritte Flasche Burgunder getrunken +hatte.</p> + +<p>Das Sabinchen lag im Bettchen und flennte. Es waren so nette Leute +gewesen, der Cyrill und der Dachdecker. Und so schöne Musik hatten sie +gemacht. Eigentlich waren sie netter als der Provisor, den sie bloß +nahm, daß die Apotheke später nicht in fremde Hände kommen sollte. +Jetzt würden die beiden berühmte Künstler werden in der großen Stadt. +Und sie mußte in Altenroda versauern.</p> + +<p>Sabinchen flennte.</p> + +<p>Und über allem Flennen schlief sie ein, das herzige Köpfchen auf den +molligen Arm geschmiegt.</p> + +<p>Ein kleiner Gott saß auf dem Bettende. Er lächelte ein wenig spöttisch +und wunderte sich gar nicht, als auch das Sabinchen im Schlaf plötzlich +mit dem Flennen aufhörte und zu lächeln begann. Der kleine Gott wußte: +jetzt träumt sie von dem schönen Brautkleide, das sie haben wird. Das +ist ihr die Hauptsache. Und das hat sich doch gut gemacht, daß die +keine Künstlerfrau geworden ist. Inzwischen trug der Schnellzug Cyrill +Dietrich und den Tenoristen August Stumpe fort aus dem Musikleben +Altenrodas ins Leben der großen Welt.</p> + +<hr class="r65"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span></p> +<h2>Der Schuldturm<br> +<span class="s6">Drei alte Mären</span></h2> +</div> + +<div class="blockquot"> +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-251"> +<img class="w100" src="images/drop-251.jpg" alt=""></figure>s gäbe +eine dicke Chronik, wenn einer die Geschichte des Schuldturmes +von Altenroda aufzeichnete. Denn ob Altenroda auch immer nur eine +geringe Stadt war, seine Bewohner waren allzeit ein helles Völklein: +voll Biederkeit, aber manchmal, wenn des Teufels Stern regierte, +auch voller Grausamkeit. Drei Stücklein sollen hier erzählt werden: +das traurige Schicksal des Meisters Michael, die Geschichte vom +törichten Kaspar und die Abenteuer des Köhlers vom Eulenwalde, der ein +kurioser Mann war, aber doch auch seine bitteren Erfahrungen mit dem +Altenrodaer Turme machte.<br> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span></p> +<h3>Das traurige Schicksal des Meisters Michael</h3> +</div> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-255"> +<img class="w100" src="images/drop-255.jpg" alt=""></figure>as war +in rotgoldener Herbstzeit, am Tage Michaeli, als ein +Wandersmann mit leichtem Ränzel den Ochsenkopf, der südlich die Stadt +Altenroda überragt, herunter stieg und an der Wegbiege, wo das Bild des +heiligen Michael steht, Halt machte. Von dort aus überschaut man die +ganze Stadt, samt dem Eulenwalde, der grünen Aue und der Poststraße, +die in die Ferne führt. + +<p>Der Wanderer, der aus dem Dunkel der Bäume trat, und plötzlich das +schöne Bild vor sich sah, breitete die Arme aus, ein Beben lief über +seine junge Gestalt, und die braunen Augen wurden feucht. Wohl öffneten +sich auch die Lippen, sie brachten aber kein Wörtlein hervor. Hätten +sie sprechen können, es wäre ein einziger Schrei gewesen: »Heimat! +Liebe Heimat!« So sank der Jüngling ins Herbstgras, lehnte den hübschen +Kopf an den Sockel des Heiligenbildes und sah in wortloser Seligkeit +hinunter auf seine Vaterstadt.</p> + +<p>Er war lange fort gewesen, über acht Jahre. Als er auszog in die Welt, +war er ein zweiundzwanzigjähriger Jüngling, und jetzt war er ein +Mann. Gestern war er dreißig Jahre alt geworden und heute war sein +Tauf- und Namenstag: Michael. Am längsten war Michael drunten in der +Stadt Nürnberg gewesen; dort hatte er alle Wunder geschaut, die von +Malern und Zeichnern, Kupferstechern und Goldschmieden, Baumeistern +und Gießern verrichtet worden waren. Und nun war Michael selbst ein +Meister in der Kunst der Uhrmacherei geworden. Sein großes Uhrwerk, +das er in dreijähriger<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> Arbeit in Nürnberg geschaffen hatte, war von +den dortigen Meistern mit höchstem Lobe bedacht und von der Volksmenge +bestaunt worden; der Abt eines reichen Klosters hatte es für gutes Gold +erworben, und es hatten sich nun allerhand mächtige und reiche Herren +gefunden, die geneigt waren, den Meister Michael in ihre Dienste zu +nehmen, sogar des Bayern Kurfürstliche Gnaden und der hochwürdigste +Herr von Bamberg. Michael aber, dem das Geld des Abtes reich im Beutel +läutete und dem etwas anderes noch viel schöner im Herzen klang, sagte +den Herren ehrerbietigsten Dank und begehrte Urlaub, erst einmal in +seine ferne Heimat zu reisen.</p> + +<p>Da saß er nun bei der Bildsäule des Michael und sah hinunter auf die +liebe Stadt, die ihm draußen in der Ferne tausendmal im Wachen und +Schlafen erschienen war. Jetzt sah er sie wirklich vor sich, jetzt +brauchte er nur ein paar hundert Sprünge zu machen, dann war er mitten +drin in der Heimat.</p> + +<p>Aber er blieb sitzen. Es war eine große Scheu in ihm; die Stimme war +ihm so verschlagen, daß er jetzt denen drunten keinen rechten Gruß +hätte sagen können.</p> + +<p>Auf der Straße fährt der Postwagen mit seinem Gepäck. Das wird eher da +sein als er; wird ihn wohl unten schon anmelden.</p> + +<p>Verspätete Schwalben ziehen nach Süden. Wie können sie fortfliegen von +Altenroda? Ist es nicht besser, hier zu frieren, als anderwärts in +Sommer und Sonne zu sein? Eine warme, wonnige Stunde verrinnt noch.</p> + +<p>Da — wer kommt den Berg herauf — wem geht er entgegen wie ein +Taumelnder — welch süßes Traumbild umfängt sein Blick?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span></p> + +<p>»Elisabeth!«</p> + +<p>Sie hängt leise weinend an seinem Halse, und er steht da und atmet +schwer, und er schaut empor und sieht nichts als lauter Himmel.</p> + +<p>Als er ihr ins Auge schaut, weiß er: Treue und Reinheit hat sie bewahrt +durch acht lange Jahre.</p> + +<p>»Ist es wahr?« fragt er endlich.</p> + +<p>»Ja! Komm heim!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Ruf von Michaels Meisterschaft war nach Altenroda gedrungen, und +die Stadt war stolz darauf, daß einer ihrer Söhne sich in der großen +Welt solchen Ruhm erworben hatte. So wurde nun Michael mit allen Ehren +aufgenommen; jedermann wollte sein Freund und Gevatter sein, und der +Tuchkaufmann Degener hörte auf, seiner Tochter Elisabeth zu zürnen, +daß sie auf den fahrenden Gesellen acht Jahre gewartet hatte. Da des +Mägdleins Truhe gefüllt und der Hausrat gerichtet war, wurde die +Hochzeit schon einen Monat später mit viel Feierlichkeit und fröhlichem +Gepränge und Gespiel begangen.</p> + +<p>Eine Bedingung hatte der Schwieger für Einwilligung in so rasche Ehe +jedoch gestellt. Er war Ratsherr, und also brachte er selbst an Meister +Michael den Wunsch des Rates der Stadt, welcher folgender war:</p> + +<p>»Michael, du bist ein großer Meister der Uhrmacherkunst. Du sollst +für deine Vaterstadt eine Uhr erbauen, wie sie keine Stadt im ganzen +Deutschen Reiche besitzt. Der Ruhm Altenrodas soll überall im Lande +bekannt werden, und viele Fremde sollen kommen und deine Wunderuhr +anstaunen. Nachdem die Bürger von Altenroda in harten<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> Kämpfen mit den +Ritter von Runkelstein diesen den Eulenwald und die grüne Aue wieder +abgenommen haben, erfreut sich die Stadt solchen Wohlstandes, daß sie +dich für deine Arbeit ebenso reich entlohnen kann, wie ein fürstlicher +oder geistlicher Herr.«</p> + +<p>Da sprach Meister Michael: »Ich hab' ein groß Werk im Kopfe. Wenn ich +es mit der Gnade Gottes zu gutem Ende führe, wird eine Uhr entstehen, +wie sie keine Stadt im Deutschen Reiche besitzt, ja nicht einmal der +König von Spanien oder der Papst zu Rom. Und ich wüßte niemand, dem ich +die Uhr lieber vergönnen würde, als der ehrenhaften Stadt Altenroda, +die meine liebe Heimat ist.«</p> + +<p>Als diese Worte bekannt wurden, war große Freude in Altenroda, und das +Lob Meister Michaels war in aller Munde.</p> + +<p>Sieben Jahre baute Michael an der Uhr. Er versenkte sich ganz in +sein Werk, ging sehr selten unter Menschen, was ihm wohl den Ruf +eines fleißigen Meisters, aber auch eines sonderbaren, wenn nicht gar +hochmütigen Menschen einbrachte. Frau Elisabeth allein war seine stille +Genossin. Sie hatte keine Kinder, aber sie war selbst wie ein stilles +Kind, dessen Gegenwart auch dann den Meister nicht störte, wenn er tief +im Grübeln war, wenn er rechnete, maß, zirkelte, probierte, wenn er mit +kunstgeübter Hand Rädchen feilte, geheime Federn spannte oder Wellen +einsetzte.</p> + +<p>Nach sieben Jahren, just wieder am Michaelisfeste, war die Uhr fertig +und in den Rathausturm eingebaut. Vier breite Abteilungen lagen +übereinander. Die oberste und größte zeigte die Allmutter, die Sonne. +Um die Sonne<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> drehte sich die Erde und um die Erde der Mond. Und es +waren nicht nur die Stunden und Minuten zu sehen, wie bei jeder Uhr, +sondern auch Tag und Jahr waren verzeichnet und sollte selbst in +einem Schaltjahr niemals ein Irrtum im Datum vorkommen. Sodann gab +die Uhr die Mondviertel an und sollte auch in hundert Jahren noch +alles damit stimmen. An der Umdrehung der Erde um die Sonne waren die +vier Jahreszeiten zu erkennen und konnte jedermann deutlich sehen, in +welchem Winkel die Sonnenstrahlen auf die Stadt Altenroda fielen, deren +Platz auf dem Globus durch einen glitzernden Demantstein bezeichnet war.</p> + +<p>In der zweiten Abteilung waren Licht und Nacht verkörpert als die +Symbole von Gut und Böse. Im linken und rechten Seitenfelde lauerten +Satanas und andere Geister der Finsternis. Öffnete sich aber am +Morgen das Mitteltor, dann erschien Michael, der lichte Sieger des +Himmels. Seine strahlenden Augen waren auf die Stadt gerichtet, deren +Schutzpatron er war, auf silbernem Schilde standen mit goldener Schrift +die Worte: »<em class="antiqua">Quis ut deus?</em>« Wer ist wie Gott? Sein Schwert war +ein flammender Blitz. Wenn St. Michael erschien, schön wie der junge +Tag, dann verkrochen sich Satanas und die andern Geister der Finsternis +in die tiefsten Schatten. Um Mittag erschienen auf dem dritten Felde +würdevoll einer nach dem andern die zwölf Apostel: Petrus mit den +Schlüsseln des Himmelreiches, der greise, gebückte Andreas mit seinem +Kreuze, Jakobus mit der Keule, der zarte Johannes, der Liebling des +Herrn, und so die ganze Reihe durch, bis Judas mit dem Geldsack die +heilige Reihe unheilig abschloß.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span></p> + +<p>Auf dem untersten Felde kamen zur Abendzeit die heiligen drei Könige +gegangen. Man sah ihnen an, daß ihr Weg ein weiter gewesen war. Müde +ließen sich die Kamele am Halftergurt ziehen. Aber die drei Männer, +die das Heil der Welt suchten, schauten gläubig und mutig gerade aus. +Und siehe, ihr Ziel war nahe. Ein Stern senkte sich auf ein niederes, +mit Stroh gedecktes Haus und blitzte golden auf. In das Strohhaus +gingen die Weisen aus dem Morgenlande hinein. Der Stern aber leuchtete +wie ein ewiges Lämplein die ganze Nacht. Damals sagten die Mütter von +Altenroda, wenn die Kinder nicht schlafen wollten: »Pst! Am Rathaus hat +das Christkindlein schon sein Licht angezündet!« Dann huschelten sich +die Kleinen ins Bettchen und schliefen artig ein.</p> + +<p>Zur Mitternacht aber, wenn die Sterne feierlich flimmerten oder auch, +wenn der Sturmwind die Wolken jagte, erklang vom Turme die Weise eines +Chorals, der in Altenroda damals gesungen wurde:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;"><em class="gesperrt">Herr über Tag und Nacht,</em></span><br> +<span style="margin-left: 8em;"><em class="gesperrt">Herr über Schlaf und Wacht,</em></span><br> +<span style="margin-left: 1em;"><em class="gesperrt">Herr über Glück und Not,</em></span><br> +<span style="margin-left: 8em;"><em class="gesperrt">Herr über Leben und Tod,</em></span><br> +<span style="margin-left: 1em;"><em class="gesperrt">Herr über alle Zeit —</em></span><br> +<span style="margin-left: 9em;"><em class="gesperrt">Preis dir in Ewigkeit!</em></span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als dieses Wunderwerk einer Uhr der Stadt übergeben wurde, geriet +alles vom Bürgermeister und Ratsherrn an bis zum ärmsten Werkelmann +und bis zum kleinen Jungen in einen Taumel von Freude. Vom frühen<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> +Morgen, als St. Michael erschien, bis über den Mittag der zwölf Apostel +hinweg stand die Menge vor dem Rathause; sie stand noch, als die drei +Weisen am Abend müde Einkehr hielten; sie wich nicht vom Platze, bis um +Mitternacht der Choral ertönte:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;"><em class="gesperrt">Herr über alle Zeit,</em></span><br> +<span style="margin-left: 9em;"><em class="gesperrt">Preis dir in Ewigkeit!</em></span><br> +</p> + +<p>Der Gesang brauste zum sternklaren Himmel, und es zeigte sich, welch +gewaltiger Prediger ein wahrer Künstler sein kann; denn als die Uhr +sang und als die Menschen sangen, da ging eine tiefe Erschütterung +durch alle Seelen; Tränen flossen, Männer schluchzten; alles Niedere +fiel ab vom Volke; Meister Michael hob die Herzen mit seinen Händen bis +an den Himmel.</p> + +<p>Freudentage folgten. Wie ein König ging Michael durch seine +Heimatstadt, und neben ihm blühte als schlichte Blume Frau Elisabeth an +seinem Wege.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Meister Michael war nach der Menschen Meinung auf dem Gipfel des +Glückes angelangt. Der Rat der Stadt hatte freiwillig die ausbedungene +Summe für die Uhr zu des Meisters Ehr und Nutzen weit erhöht; der +Schwieger war gestorben und hatte der einzigen Tochter sein schönes +Patrizierhaus und sein stattliches Vermögen hinterlassen. Michael besaß +alles, was nach der Menschen Meinung erstrebenswert ist: Ruhm, Geld, +Liebe. Dazu war er gesund und schien wie ein kerniger Baum im Walde.</p> + +<p>Ein Jahr lang ruhte der Meister von seiner Riesenarbeit<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> aus. Dann +aber wurde er unruhig. Zwecklos erschien ihm das Leben; öde und leer +schleppten sich die Tage dahin. Auch seine Frau vermochte nicht, ihn +zu trösten. Sie war kein Spielzeug, und er war nicht der Mann, um +zu spielen. Immer mehr wuchs in ihm der Durst nach Arbeit. Zuletzt +marterte er ihn Tag und Nacht. Michael saß einsilbig bei seiner Frau, +er war mißmutig gegen die Freunde, die ihn besuchten; er wurde zornig, +wenn jemand die Uhr als sein großes Lebenswerk pries. Schließlich griff +die schlechte Seelenstimmung auch den Körper an. Müde ging Michael +einher, er hatte keine Freude an Speise und Trank, und selbst in das +schönste Abendrot sah er mit leeren Augen.</p> + +<p>Qualvoll waren die Nächte. »Was schlafe ich denn, da ich doch nichts +getan habe, da ich doch nicht müde sein, kann?« fragte er sich. Wenn +der Choral vom Turme klang, hielt er sich die Ohren zu. Schließlich +haßte er sein eigenes Werk. Er ging nie wieder an der Uhr vorüber, +sah die Kinderschar nicht, die dort hockte wie vor einem wunderbaren +Spielzeug.</p> + +<p>Spielzeug! Jawohl, das war es: ein kunstvolles, sauber gearbeitetes, +frommes Spielzeug. Sonst nichts! Eines Mannes, eines Meisters nicht +würdig. Kein Werk, neben dem die eigene Seele in Dankbarkeit vor Gott, +der es gegeben hat, niederkniet. Nur ein artiges Spielzeug! Kein +Meisterwerk!</p> + +<p>Der Gram fraß an Meister Michael, und die Quelle all dieses schweren +Mißbehagens war seine Untätigkeit. Was sollte er tun? Tand fabrizieren +für Stutzer und eitle Weiber? Kleine Kirchengeräte schaffen, die jeder +andere auch recht gut machen konnte? Bürgermeisterketten<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> erfinden, +Krummstäbe ziselieren, Schnallen an Herzogsmäntel machen, Degengriffe +für Erbgrafen, Wappen für Ritter, die nicht lesen konnten?</p> + +<p>Nein! In solchen Kleinkram fand sich Michaels Seele nicht zurück. Sein +Gedanke war immer und immer nur die Uhr. So hineingreifen ins All, die +Blicke der Sonne belauschen, aufhorchen, wie sich die Erde langsam +durch das Universum rollt, und jede Sekunde wissen, wo sie gerade ist, +die Schrittlein abmessen, die der Mond um die Erde macht, und den alten +Nachtwandler auch nach Hunderten von Jahren noch genau zur Stunde +ertappen mit halbem oder ganzem Gesicht — ja, das alles hatte er schon +vermocht. Ach, er mußte darüber hinaus! Das Firmament, oder doch ein +großer sichtbarer Teil! Den Abendstern aufleuchten und als Morgenstern +wiederkehren lassen, den roten Mars bringen und den königlichen +Jupiter, den Himmelswagen fahren und den Polarstern als unverrückbaren +Punkt darüber leuchten lassen, die Plejaden, den Orion auf- und +untergehen lassen, dem armen Menschen sagen: sieh, so Gewaltiges ist +über dir und um dich, und du bist so klein, und es ist alles in großer, +ewiger Ordnung, und nur dein armes kleines Herz kannst du nicht in +Ordnung bringen. Das war Michaels Traum.</p> + +<p>Frau Elisabeth versuchte mit sanfter Hand die Fieber des Mannes zu +kühlen — es gelang ihr nicht. Trübsinnig wurde der Meister, zuletzt +war er krank.</p> + +<p>Aber eines Tages, nachdem er vom Morgen bis Abend draußen im Eulenwalde +ganz einsam gewesen war, kam er lachend zurück, umarmte sein Weib und +sagte:</p> + +<p>»Elisabeth, ich habe es zwar noch nicht, aber ich ahne es.<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> Und da ich +es ahne, werde ich es eines Tages wissen, und dann wird es sein!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ja, eines Tages wußte er sein neues Werk. Er sprach zu niemand davon, +nicht einmal zu seiner Frau. Und er ging auf eine weite Reise. Als er +zurückkam, sagte er:</p> + +<p>»Elisabeth, ich war in Wien. In der Kaiserstadt. Ich habe dort gute +Aufnahme gefunden. Nun wollen wir nach Wien ziehen, und dort werde ich +mein neues Werk schaffen. Es wird anders sein als das von Altenroda.«</p> + +<p>Zu den Vätern der Stadt aber sprach Meister Michael also:</p> + +<p>»Ihr Herren, ich habe für unsere Stadt eine Uhr geschaffen, die euer +Lob gewann. Ich bitte euch, daß ihr mich nun in Frieden entlasset. +Ich will nach Wien gehen und dort eine neue Uhr schaffen, die mein +Meisterstück werden soll.«</p> + +<p>»Dein Meisterstück?« fragte der Bürgermeister finster; »hast du nicht +für uns dein Meisterstück geschaffen?«</p> + +<p>»Ach, edle Herren, ich habe noch nicht das Höchste getan, das ich +vermag. Eure Uhr ist — wenn ich das ohne Überhebung sagen darf — +meine gute Gesellenarbeit; das Meisterwerk aber steht noch aus. Lasset +mich nach Wien ziehen, damit ich es dort schaffe.«</p> + +<p>Da entließen die Ratsherren den Meister, beriefen ihn aber am nächsten +Tage aufs neue.</p> + +<p>»Meister Michael,« sagte der Bürgermeister, »du hast uns eine Uhr +geschaffen, die ohnegleichen ist. Wir haben Vertrag mit dir gemacht, +daß es die schönste Uhr in allen deutschen Landen sein soll. Das ist +sie bis jetzt; nichts geht über sie. Der Ruhm dieses Kunstwerkes und +damit<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> dein Ruhm und der Ruhm deiner Vaterstadt geht durch das ganze +Land. Willst du uns diesen Ruhm nehmen, willst du deinen Vertrag +brechen?«</p> + +<p>Da weinte Meister Michael und sagte:</p> + +<p>»Ihr Herren, verachtet mich, hasset mich, nennet mich undankbar, +ehrvergessen der großen Wohltaten, die ich durch euch empfing — +ich kann nicht anders, ich muß mein Werk verrichten, ein Werk, das +Altenroda nicht ertragen könnte. Lasset mich um der Barmherzigkeit +Gottes und um der Kunst willen in Frieden nach Wien gehen und dort mein +Werk tun!«</p> + +<p>Bürgermeister und Ratsherrn blickten düster, entließen den Meister und +beriefen ihn auf den nächsten Tag. Sie legten ihm eine Schrift vor und +begehrten strenge von ihm, daß er sie unterzeichne. Die Schrift lautete:</p> + +<p>»Ich, Meister Michael Grünhuber, schwöre bei Gott, bei meiner +Seligkeit, bei der Ehre meiner Frau, bei der Ehre meiner Mutter und bei +meiner eigenen Ehre, daß ich, solange ich lebe, niemals ein Uhrwerk +anfertigen werde, das der Uhr in meiner Vaterstadt Altenroda gleichkäme +oder sie gar überträfe.«</p> + +<p>Der Meister weigerte die Unterschrift. Er bat, er weinte, schrie und +wurde schließlich in den Turm abgeführt.</p> + +<p>Dort saß er drei Jahre. An jedem dritten Tage wurde ihm die Schrift +wieder vorgelegt und ihm sofortige Freiheit in Aussicht gestellt, wenn +er sie unterschriebe.</p> + +<p>Einmal wurde er der Haft entlassen. Da lag Frau Elisabeth im Sterben. +Er bettete ihr müdes Köpfchen an seine Brust, sog mit einem langen +Kusse ihre entfliehende Seele auf und bestattete sie zu Grabe. Dann +mußte er in den Turm zurückkehren.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span></p> + +<p>Fünf Tage nach Elisabeths Begräbnis unterschrieb Michael das Dokument +des Rates der Stadt.</p> + +<p>So wurde er aus der Haft entlassen und ging, ohne einen Menschen +anzusehen, nach seinem Hause.</p> + +<p>Er lebte still drei Monate dahin und verließ das Haus nur, um Blumen +auf Elisabeths Grab zu tragen.</p> + +<p>Im vierten Monat wollte der Meister nach Wien entfliehen. Unter +dem Wams trug er den großen Plan zu seinem Meisterwerk, den er in +drei Kerkerjahren ausgedacht und in drei Monaten seiner Freiheit +aufgezeichnet hatte.</p> + +<p>An der Grenze des Stadtgebietes wurde er gefangen.</p> + +<p>Der Rat der Stadt erkannte den Meister Michael Grünhuber schuldig des +Vertragsbruches, schuldig des Meineides, womit er gefrevelt habe gegen +Gott, gegen seine Seligkeit, gegen die Ehre seiner Frau, gegen die Ehre +seiner Mutter wie gegen seine eigene Ehre, erklärte ihn für schimpflich +und aller bürgerlichen Ehre verlustig und verurteilte ihn zur Strafe +der Blendung, damit es ihm nie wieder einfalle, seinen Vertrag zu +brechen und die Stadt Altenroda des Ruhmes zu berauben, die beste Uhr +in deutschen Landen zu besitzen.</p> + +<p>Es geschah.</p> + +<p>Meister Michael wurde des Lichtes beider Augen beraubt. Sein Vermögen +wurde eingezogen.</p> + +<p>Als Bettler zog Michael von Tür zu Tür. Manchmal machte er Halt dort, +wo er wußte, daß im Ratsturme seine Uhr war. Den Lichtengel Michael +konnte er nicht mehr sehen, die zwölf Apostel nicht mehr, die heiligen +drei Könige nicht mehr; das ewige Lämplein über dem<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> Stall von +Bethlehem sah er nicht mehr. Nur in der Nacht sang der Choral in seine +arme Seele.</p> + +<p>Als Michael aber einmal tagelang vor der Uhr stand und gespannt auf +ihren Schlag lauschte, fragten die Bürger:</p> + +<p>»Was hat er? Was ist's um die Uhr?«</p> + +<p>Da sagte der Blinde:</p> + +<p>»Die Uhr gerät in Unordnung. Führt mich noch einmal hinein.«</p> + +<p>Sie taten nach seinem Willen.</p> + +<p>Mit blinden Händen tastete sich der Meister in sein Werk.</p> + +<p>Als er herauskam, ging die Uhr nicht mehr.</p> + +<p>Alles Volk war so erschrocken, daß niemand darauf achtete, wie der +Blinde entwich.</p> + +<p>Kein Mensch hat jemals wieder etwas von ihm gehört. Die Uhr aber geht +nicht bis auf den heutigen Tag. Kein Künstler späterer Zeit hat sie +wieder zum Leben zu erwecken vermocht.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span></p> +<div class="chapter"> +<h3>Vom törichten Kaspar</h3> +</div> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-271"> +<img class="w100" src="images/drop-271.jpg" alt=""></figure>eit Jahrhunderten +lebte die Stadt Altenroda in Fehde mit den Rittern +von Runkelstein. Diese hatten südlich der Stadt, etwa zwei Wegstunden +entfernt, ihre feste Burg und beunruhigten von da aus nicht nur die +Kaufleute, die auf der Poststraße gen Altenroda fuhren, sondern fielen +auch des öfteren keck in städtischen Besitz ein. Da gab es Hader und +Fehde oft jahrelang, bis beide Parteien den Zank satt hatten. Dann +wurde Friede geschlossen. Die Ritter brachten ihren Kaplan mit, den +einzigen, der in ihrem Burgbereich lesen und schreiben konnte, und +auf dem Rathause zu Altenroda wurde alles verhandelt, genehmigt und +unterschrieben, von den Rittern durch drei Kreuze mittels eines Pinsels +und roter Tusche, da sie einen Gänsekiel in ihren Fäusten nicht zu +erfühlen und zu halten vermochten. Es handelte sich in den meisten +Fällen um Waffenstillstand auf neun Jahre. + +<p>Die Hauptsache bei diesen Friedensschlüssen waren die darauffolgenden +Trinkgelage, bei denen die Ritter den vortrefflichen Weinen, die im +Ratskeller von Altenroda lagen, so viele Ehre antaten, daß sie in den +meisten Nächten in ganz leblosem Zustande nach ihren Herbergen gebracht +werden mußten. Mit der Zeit kamen diese Friedensfeste die Stadt +kostspieliger zu stehen als der Krieg, weshalb der ganze Rat immer tief +aufatmete, wenn die teuren Gäste endlich heimzogen.</p> + +<p>Die Ritter hielten den neunjährigen Waffenstillstand selten länger +als neun Wochen; dann fingen die Ärgernisse von neuem an. Es ist kein +Wunder, daß die Bürger<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> von Altenroda über solch permanente Bosheit in +gerechten Zorn gerieten.</p> + +<p>Als es ihnen daher einmal gelang, den einzigen Sohn des Ritters, den +Junker Ottokar, auf einem besonders kecken Raubzuge zu fangen, beschloß +der Rat der Stadt, dieses Mal mit den Runkelsteinern ein für allemal +aufzuräumen.</p> + +<p>Ottokar wurde vor das Gericht gestellt, mit Leichtigkeit vieler grober +Taten überführt und einstimmig zum Tode verurteilt.</p> + +<p>»Indem wir den Junker fällen,« sagte der Bürgermeister, »vernichten wir +zugleich das ganze Raubgezücht der Runkelsteiner; denn auf des Junkers +zwei Augen steht das ganze Geschlecht.«</p> + +<p>Die Stadtväter berieten nun lange über die Todesart, durch die +Junker Ottokar sterben sollte. Enthaupten schien ihnen zu sanft und +glimpflich, ihn henken oder rädern zu lassen, aber bedenklich, da +sie dann den Zorn des ganzen Adels auf sich laden würden, der solche +Todesart für einen ihresgleichen als nicht standesgemäß erachten würde.</p> + +<p>So fand ein Ratsherr großen Beifall, als er sagte:</p> + +<p>»Wir leben im Anfang des Monats August. Der Tag Sancti Bartholomäi, +welcher der 24. August ist, steht dicht bevor. St. Bartholomäus ist — +wie ihr Herren wohl wißt — dadurch zu Tode gebracht worden, daß er +geschunden wurde. Wir wollen den Junker am Bartholomäustage zu Ehren +des Heiligen schinden.«</p> + +<p>Niemand fiel das Sonderbare dieser Art Heiligenverehrung auf; denn +es war eine grobe Zeit. Alle waren vielmehr von dem Vorschlag sehr +befriedigt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span></p> + +<p>Der alte Runkelsteiner, der um seinen einzigen Sohn in begreiflicher +Sorge war, selbst zu schwach zu einem offenen Überfall und zurzeit ohne +Bundesgenossen, schickte einen Boten an die Stadt und bot dreitausend +Goldgulden Lösegeld für seinen Junker.</p> + +<p>Der Rat der Stadt sagte sich: »Nicht drei Goldgulden hat der alte +Schlauch im Besitz, geschweige dreitausend,« stellte sich aber, äußerer +Gerechtigkeit wegen, als ob er dem Vorschlag traue, und ließ sagen, +wenn binnen drei Tagen die dreitausend Goldgulden da seien, wolle man +sich die Sache wegen seines Sohnes überlegen.</p> + +<p>Abermals kam der Bote des Runkelsteiners. Bares Geld, richtete er +aus, hätte sein Herr eben nicht bei der Hand, wolle aber gerne einen +Schuldschein unterpinseln und, wenn es sein müsse, mit zehn, nicht nur +mit drei Kreuzen.</p> + +<p>»Wir wollen mit dem Pinsel nichts mehr zu tun haben,« entschied der +Bürgermeister.</p> + +<p>Der Junker Ottokar saß im Turme, und wenn er an den bevorstehenden +Bartholomäustag dachte, juckte ihn die Haut, und er kratzte sich lange +und heftig, dachte aber nicht an seine Sünden, sondern nur daran, wie +er ausrücken und dabei ein ganzes Fell behalten könne.</p> + +<p>Zu jener Zeit lebte in Altenroda ein Mädchen namens Rosmarie. Sie +war die Tochter eines Herbergsvaters, und da der Junker Ottokar beim +letzten Friedensfeste in ihres Vaters Haus in Quartier gelegen hatte, +in den Junker tief und schmerzlich verliebt. Hatte es doch der Edelherr +nicht verschmäht, sie manchmal in die rosigen Wangen zu kneifen oder +ihren blühenden Mund zu küssen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span></p> + +<p>Dieses Mädchen aber wurde von Kaspar, dem Sohne des Turmwächters, bis +zur Unsinnigkeit geliebt. Kaspar war ein schmucker, starker Bursche, +aber sein Geist war nur von geringen Gaben.</p> + +<p>Als das Mädchen Tag und Nacht lang um den Junker geweint hatte und +den Gedanken nicht mehr ertragen konnte, daß ihm die junge Haut samt +dem schwarzen Schnurrbarte vom Kopfe gezogen werden sollte, kam sie +auf einen Rettungsgedanken. Sie berief den Turmkaspar zu sich und tat +so schön mit ihm, daß der arme Bursche glaubte, er sei plötzlich ins +Paradies gekommen. Und dann sprach die Schlange:</p> + +<p>»Mein schöner, allerliebster Kaspar! Wie gerne wollt ich deine Frau +werden, wenn du mir nur ein einziges Mal einen Gefallen tun wolltest.«</p> + +<p>Kaspar schwur, daß er ihr alle Gefälligkeiten der Welt erweisen, ja, +daß er Wunder wirken wolle, wenn es nicht anders ginge.</p> + +<p>»Wunder brauchst du nicht zu wirken,« sagte das Mädchen, »bloß +du sollst dem Junker Ottokar, der im Turme sitzt, etwas von mir +ausrichten, und du sollst ihn in der morgigen Neumondnacht heimlich aus +dem Gefängnisse herauslassen.«</p> + +<p>»Mädel!« schrie der Kaspar. »Wenn ich das täte, gäbe mir mein Vater +wahrhaftig eine Ohrfeige.«</p> + +<p>»Siehst du,« begann das Mädchen zu weinen, »nicht einmal eine Ohrfeige +willst du für mich wagen und sprichst doch vom Wunderwirken.«</p> + +<p>»Eine Ohrfeige will ich schon hinnehmen,« sagte Kaspar, »auch ein paar +gebrochene Rippen. Aber, Rosmarie, was liegt dir an dem Junker? Liebst +du ihn?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span></p> + +<p>Da merkte Rosmarie, daß Kaspar eifersüchtig wurde. Sie sprach nun mit +hundertspältigen Worten auf ihn ein; erzählte, wie freundlich und +herablassend der Junker immer zu ihr gewesen sei, und daß sie den +Gedanken nicht ertragen könne, ihn so grausam gemartert zu sehen.</p> + +<p>Kaspar brummte. Er sagte sich: sie liebt ihn! Die Eifersucht fraß an +seinem Herzen.</p> + +<p>Rosmarie senkte das Köpfchen und faltete die Hände. Mit traurigem +Seufzen sprach sie:</p> + +<p>»Wenn du mir also nicht zu Willen bist, so muß der liebe Junker +dahingehen, und ich sehe schon, daß du dir aus mir nichts machst. Ich +werde also sterben und dann gewiß nicht deine Frau werden.«</p> + +<p>Da begann auch Kaspar zu weinen; denn er konnte das Mädchen nicht also +kläglich reden hören. Und ob er gleich den Verdacht nicht los wurde, +daß Rosmarie den Junker lieb habe, so hörte er doch auch, wie schön +sie zu ihm selbst sprach, und schließlich sagte er sich: Sie liebt uns +beide. Wenn sie erst meine Frau ist, werde ich dafür sorgen, daß sie +mich allein liebt.</p> + +<p>Also willigte er in den Handel ein, worüber das Mädchen in Seligkeit +geriet. Sie gab dem Kaspar drei Küsse auf die Backe.</p> + +<p>Es wurde nun alles genau beraten, wie das Abenteuer bewerkstelligt +werden sollte. Kaspar sollte seinem Vater, dem Turmwächter, sobald +dieser seinen tiefen Abendtrunk getan hatte, die Turmschlüssel stehlen +und den Junker durch eine Seitenpforte des Turmes ins Freie lassen. +Rosmarie wollte schon vor Toresschluß die Stadt verlassen und mit einem +Pferde, das sie von einem verwandten<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> Bauern entlehnen wollte, in der +Nähe der Turmtüre warten. Kaspar sollte sie dann durch den Turm in die +Stadt wieder hinein lassen, und in drei Wochen sollte Hochzeit sein.</p> + +<p>Abgemacht!</p> + +<p>Als der Junker im Turm hörte, daß seine Rettung bevorstand, freute er +sich gewaltig, fragte aber, was das für eine Herbergstochter sei, die +ihm so dienstlich sein wolle.</p> + +<p>»Ach Gott, doch die Rosmarie,« sagte Kaspar verwundert, »doch die mit +den roten Backen und den braunen Haaren.«</p> + +<p>Der Ritter schüttelte den Kopf. Er sagte, es gäbe mehrere Herbergen in +Altenroda und also auch mehrere Herbergstöchter. Rote Wangen hätten +alle und Haarfarben könne er sich nicht behalten.</p> + +<p>Darüber freute sich Kaspar. Er sagte sich, der Ritter kann sich auf +Rosmarie nicht genau besinnen, also wird er sie auch nicht allzu heftig +lieben, und ich habe sie allein für mich.</p> + +<p>Um Mitternacht öffnete Kaspar das Ausfallpförtlein und ließ den Junker +frei. Alsbald kam mit leisem Jauchzen Rosmarie aus einem nahen Gebüsch. +Sie führte ein Pferd am Zügel und sprach leise Worte zu ihrem Ritter. +Der lachte, schwang sich aufs Roß und zog das Mädel blitzschnell zu +sich in den Sattel.</p> + +<p>Kaspar erschrak furchtbar.</p> + +<p>»Halt, halt,« schrie er, »was macht ihr? Das ist ja meine Braut!«</p> + +<p>Und er hing sich verzweifelt dem Pferde an den Schweif.</p> + +<p>»Du Tölpel,« rief der Ritter, »lauf hinter uns her!<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> Komm auf den +Runkelstein!« Hieb dem Pferde die Faust auf den Hals, daß es aufbäumte, +ausschlug, davonraste und den armen Kaspar ins Gras schleuderte.</p> + +<p>Der lag erst ohnmächtig, dann richtete er sich auf und befühlte seinen +Schädel.</p> + +<p>»Sie ist fort. Er ist fort. Und ich sitze hier!«</p> + +<p>Diese drei Tatsachen stellte Kaspar in tiefer Traurigkeit fest. Er war +von so einfacher Wesensart, daß er sich erst bei Tagesgrauen ganz klar +wurde, was eigentlich geschehen war.</p> + +<p>Da warf sich Kaspar ins Gras und weinte aus Scham und Herzeleid +darüber, daß die Rosmarie so schlecht war.</p> + +<p>Als die Stadttore geöffnet wurden, ging er nach dem Marktplatze und +wartete auf die Ratsherrn. Die kamen heute früher als sonst, und viel +Volk war auch schon vor dem Rathause versammelt; denn es war ruchbar +geworden, daß der Runkelsteiner aus dem Turme entwichen war.</p> + +<p>»Was hast du uns zu sagen?« fragte der Bürgermeister, als Kaspar vor +dem Rate stand.</p> + +<p>»Ich will mich beklagen,« sagte Kaspar, »über den Junker Ottokar und +über das Mädchen Rosmarie. Denn sie haben mich betrogen, und der Rat +der Stadt soll sie bestrafen.«</p> + +<p>»Was haben sie dir denn getan?«</p> + +<p>Nun erzählte der törichte Kaspar alles genau, wie es sich zugetragen +hatte, wie er mit dem Mädchen und dem Junker einen Vertrag gemacht +habe, daß er den Junker aus dem Kerker lasse und dafür das Mädchen zur +Frau kriege, und wie die beiden den Vertrag gebrochen und ihn<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> betrogen +hätten. So sollte nun die beiden auch die verdiente Strafe treffen.</p> + +<p>Der Rat der Stadt entschied:</p> + +<p>»Der Junker Ottokar und das Mädchen Rosmarie haben abscheulich an dem +Kaspar gehandelt. Wegen ihrer verwerflichen Gesinnung sollen beide hart +bestraft werden, so man ihrer einmal habhaft werden sollte. Der Kaspar +aber, der den gefährlichsten Feind der Stadt aus dem Kerker befreit +hat, soll gehenkt werden.«</p> + +<p>Als der törichte Kaspar dieses Urteil hörte, fiel er um. Sein Herz war +so voll Liebe, Zorn und Wehe gewesen, daß er gar nicht daran gedacht +hatte, ihm selbst könne wegen seiner Tat auch etwas geschehen.</p> + +<p>Nach Tagen erst in der kühlen Kerkerluft ging ihm alles richtig auf. +Jetzt dachte er auch daran, daß der Junker gerufen hatte: »Du Tölpel, +laufe hinter uns her. Komm auf den Runkelstein!« Das war wegen des +Henkens gewesen, und müßte er wohl gar noch dem Junker wegen seines +Rates dankbar sein.</p> + +<p>Der älteste der Ratsherrn, ein milder Greis, der weit über das Leben +sah, rückwärts wie vorwärts, sagte in der nächsten Ratssitzung:</p> + +<p>»Kaspar ist eine Einfalt. Die Liebe hat sein armes Gehirn stumpf und +seine Augen so blind gemacht, daß er seine Schuld nicht erkannte, +wie er ja auch die Gefahr nicht ersah, in die er hineinlief, da er +sich selbst bezichtigte. Deshalb, ihr Herren, wollet milde mit ihm +verfahren, damit Gott euch genädig sei und ihr eurer Feinde doch noch +Herr werdet. Schenket dem Toren die Strafe des Stranges. Sperrt ihn +eine Zeitlang in denselben Kerker, aus dem er den Junker entließ, und +dann verbannt ihn<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> aus Altenroda. Wer aus einer solchen Heimat verbannt +wird, trägt schwere Strafe genug.«</p> + +<p>Diesem weisen Rate folgten die Väter der Stadt. Kaspar mußte drei +Jahre im Turme sitzen und dann mit einem Stecken aus Haselholz, einem +schmalen Ränzel und zehn Groschen Münze für immer die Stadt verlassen.</p> + +<p>Kaspar ist hin und hergewandert in der Welt und endlich unter die +Söldner eines Fürsten geraten. Auf einem Kriegszuge fand er in einem +Straßengraben eine sterbende Soldatendirne. Es war Rosmarie. Der Junker +hatte sie eine Zeitlang auf der Burg behalten und dann verstoßen.</p> + +<p>Rosmaries Gesicht war ganz häßlich geworden; nur die Haare waren von +brauner Seide wie einst.</p> + +<p>Als die Arme entschlafen war, grub der Kriegsknecht Kaspar ein Grab, +legte Rosmarie hinein und sprach ein Gebet, wobei er sein Gesicht gen +Osten wandte, wo in weiter Ferne die Heimatstadt Altenroda lag.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span></p> +<h3>Rauchermärchen</h3> +</div> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-283"> +<img class="w100" src="images/drop-283.jpg" alt=""></figure>m +Eulenwalde lebte vor ungefähr zweihundertdreizehn Jahren ein +Köhler, der als ein guter Mensch anzusprechen gewesen wäre, wenn er +nicht so lasterhaft geraucht hätte. Und zwar rauchte er Tabakspfeife. +Dieses Teufelsding verbreitete im Eulenwalde auf eine Meile im Umkreis +einen solchen Qualm und Gestank, daß die Rehe und Hasen schwarze +Felle bekamen, der stickende Brodem den Mäusen verheerend in ihre +Erdwohnungen drang und den Eulen und allen Singvögeln des Waldes die +Augen tränten. Die garstige Wirkung kam davon her, daß der Köhler nicht +nur Tag und Nacht die Pfeife kaum ausgehen ließ, sondern, daß auch sein +Tabak von übler Sorte war. Ein Zug, gegen den Wind geblasen, genügte, +einem Wanderer der eine Meile weg arglos und gesund seine Straße +marschierte, plötzlich den Atem zu verschlagen. + +<p>Der Tabak hieß Rippentabak. Er bestand aus in Stücke gebrochenen +Stangen, welche die Pestilenz in sich hatten. (Die Gegend, wo dieser +Tabak wuchs, ist im Laufe der Zeiten als Strafe Gottes untergegangen.)</p> + +<p>Das Schlimmste war, daß der Köhler diese Pestilenz damals nicht +etwa hübsch behutsam im engsten Kreise behielt, sondern eitel und +leichtfertig in alle Winde blies. Der Köhler war Kunstraucher. Hatte er +sich durch einen abgrundtiefen Zug aus seiner Pfeife die Mund-, Nasen-, +Ohren- und Stirnhöhlen, die Luftröhre, die Lunge, ja den Magensack +voll Dampf gesogen, so ließ er diesen inneren Reichtum langsam und in +kunstvollen Formen wieder an die Außenwelt steigen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span></p> + +<p>Der Köhler rauchte Ringe: kleine, mittlere, große, auch Ringe, die sich +ineinander verschlangen, er rauchte aber auch Herzen, manchmal eines, +manchmal zwei, die sich miteinander vereinigten; er rauchte eine Mandel +Eier; er rauchte die Rechenaufgabe zwei mal zwei gleich vier in der +Luft; er rauchte einen Reiter; er rauchte Sonne, Mond und Sterne.</p> + +<p>Waldkinder, die auf der Suche nach Pilzen und Beeren waren, sahen dem +Köhler manchmal bewundernd zu. Dann sagte er, wenn er wollte, könnte er +das ganze Einmaleins rauchen. Das war aber nicht wahr; rauchen hätte +er's vielleicht können, aber das Einmaleins selber konnte er nicht. Er +konnte nur zwei mal zwei gleich vier.</p> + +<p>Am Rande dieses Waldes lebte in einer hohlen Eiche die Baumgöttin +Querka. Sie stand bei den Bürgern von Altenroda in hohem Ansehen; +denn sie beschützte die Stadt vor Blitz und Hagelschlag. Die +Göttin hatte eine empfindliche Nase, also daß sie sich durch die +höllischen Rauchschwaden des Köhlers oft belästigt fühlte. Aus großer +Gutherzigkeit hatte sie lange geschwiegen. Als aber das jüngste +ihrer drei Kinder den Husten bekam, sagte die Göttin: »Da muß etwas +geschehen!« — machte sich auf und ging zum Köhler. Sie war recht lieb +und artig mit dem alten Brummbart und fragte ihn nebenher, ob er es +denn nicht so einrichten könne, daß er den Rauch zum Himmel hinauf +blase, damit er sich dort zu Wolken zusammenballe und vom Winde auf den +Großen oder Stillen Ozean getragen werde.</p> + +<p>Da sagte der Köhler: »Nein, mein Rauch gehört in den Eulenwald!« — und +da war wohl auch nichts dagegen zu tun.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span></p> + +<p>Die Göttin aber half sich durch eine List. Heimlich sprach sie über die +Tabakspfeife einen Zaubersegen, der bewirken sollte, daß alle Figuren, +die der Köhler rauchte, in der Luft zu Gold wurden.</p> + +<p>Richtig, kaum war die Göttin fort, so begann der Zauber zu wirken. Der +Köhler hatte eben einen stattlichen Ring geraucht und sah zu, wie er +langsam davonschwamm — was zu sehen immer des Köhlers größte Freude +war — als der Ring plötzlich in der Luft stehen blieb, zu funkeln +anfing und auf einmal — kling, kling — auf die Erde fiel. Der Köhler +ging herzu, hob einen riesigen goldenen Ring auf, betrachtete ihn, ließ +ihn an einem Steine klingen und hing ihn sich endlich um den Hals. Dann +setzte er sich auf den Holzblock zurück, auf dem er immer saß, dachte +über das Geschehnis nach und rauchte in Gedanken eine Mandel Eier. Als +die Eier aber kaum bis an die kleine Birke geschwebt waren, blieben +sie stehen, wurden zu Gold und regneten auf die Erde. Der Köhler hob +verwundert die Eier unter der Birke auf und sagte: »Nanu!« Darauf ging +er wieder nach seinem Holzblock und dachte weiter nach, was zur Folge +hatte, daß plötzlich zwei goldene Herzen aus der Luft fielen. Jetzt +sagte der Köhler: »Das scheint mir nicht mit rechten Dingen zuzugehen.« +Aber an sich machte ihm die Sache Freude. Also paffte er sich einen +ganzen Berg goldener Ringe, Herzen, Sonnen und Eier zusammen. Nur +mit der Rechenaufgabe war es ein verhextes Ding. Jedesmal fielen die +Ziffern in falscher Reihenfolge aus der Luft, so daß immer im Grase +zu lesen stand: zwei mal vier gleich zwei. Darüber ärgerte sich der +Köhler, und als die Aufgabe immer aufs neue mißriet, kam der<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> Mann +in so großen Zorn, daß er seine Tabakspfeife faßte und sagte: »Du +dummes Ding, wenn du nicht mehr ordentlich rechnen kannst, sollst du +verbrennen!«</p> + +<p>Damit schleuderte er die Pfeife ins Feuer des Meilers. Nun konnte der +Köhler eine ganze Nacht lang nicht rauchen, was ihn so verdroß, daß er +nach dem goldenen Berge mit dem Fuße stieß.</p> + +<p>Die Göttin drüben am Waldrande aber sagte: »Merkt ihr nicht, +Kinderchen, was heute für gute Luft ist?« Das Kleinste hörte auf zu +husten, und viele Bäume, die in dem Qualm am Verdorren gewesen waren, +schlugen mutig wieder aus.</p> + +<p>Am nächsten Morgen, als der Köhler aus seiner Hütte trat, sah er +einen fremden Rittersmann bei seinem Goldhaufen stehen und diesen mit +Aufmerksamkeit betrachten.</p> + +<p>»Was willst du mit dem vielen Golde?« fragte der Ritter.</p> + +<p>»Das weiß ich selber nicht!« sagte der Köhler.</p> + +<p>»So will ich dir einen guten Vorschlag machen, lieber Mann. Leihe mir +das Gold gegen einen Schuldschein. Einen Silbertaler als Zins gebe ich +dir im voraus.«</p> + +<p>Der Köhler dachte nach, ob das wohl ein gutes Geschäft sei, und kam zu +dem Schluß, ein Silbertaler sei nicht zu verachten, da er sich doch +eine neue Tabakspfeife kaufen mußte. Also willigte er in den Handel +ein. Der Fremde schrieb etwas auf ein Papier, was der Köhler nicht +lesen konnte, gab ihm einen Silbertaler und lud das Gold in großen +Säcken auf seine Maultiere.</p> + +<p>»Leb wohl!« sagte er und stieg auf sein Roß.</p> + +<p>»Ach, edler Herr,« sagte der Köhler; »es wäre mir halt lieb, wenn ich +Eure Adresse wüßte.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span></p> + +<p>»Meine genaue Adresse kann ich dir nicht geben,« sagte der Ritter; »ich +reite nämlich gerade in den Krieg nach Persien.«</p> + +<p>»Ach so,« sagte der Köhler und ließ ihn mit dem Golde ziehen.</p> + +<p>Hinterher aber ärgerte er sich und sagte sich, der Fremde habe ihn +wohl sicherlich übervorteilt. Doch er tröstete sich, daß er sich ja +jederzeit einen neuen Haufen Goldes zusammenrauchen könne.</p> + +<p>Die Sache kam aber anders. Der Köhler hatte sich um drei Groschen +in Altenroda eine neue Pfeife erhandelt und wollte dem Händler sein +goldenes Kunststück vorrauchen. Da kam aber nichts zustande als +Rauchringel, die davon schwebten und die ganze Stadt verpesteten.</p> + +<p>Der Rat der Stadt, als er die Sache übel in die Nase bekam, schickte +eilends seine Büttel aus und ließ den gottlosen Raucher festnehmen. Es +war nämlich bei schwerer Strafe verboten, innerhalb von Altenroda bis +zwei Wegstunden über die Stadt hinaus Rippentabak zu rauchen.</p> + +<p>Der Köhler wurde vor Gericht gestellt, und es wurde der herbe Spruch +gefällt: ein ganzes Jahr solle der Sünder im Turme schmachten, bis +ein Sommer durch seine Hitze, ein Herbst durch seine Stürme, ein +Winter durch seinen Frost und ein Frühling durch seine Düfte die Stadt +Altenroda von seinem Tabaksgestank wieder gereinigt habe. Nach zwei +Wochen schon kam der Beichtvater des Köhlers zum Rat und bat um Gnade +für den Eingesperrten, der im Turm ohne Rippentabak verschmachten +müsse, wie ein Fisch ohne Wasser. Der Rat von Altenroda, der immer +milde und menschenfreundlich war, bestimmte darauf,<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> man solle dem +Köhler fünfundzwanzig Stockhiebe auf seinen ledernen Hosenboden +verabfolgen und ihn dann als verwarnt entlassen.</p> + +<p>Solches geschah. Als der Köhler sich von den fünfundzwanzig Hieben +soweit erholt hatte, daß er wieder laufen konnte, kaufte er sich +einen Zentner Rippentabak, das Pfund zu zwei Pfennigen, und wanderte +heimwärts.</p> + +<p>Im Walde war unterdes große Freude gewesen. Glückselig saß Querka, die +Göttin, in ihrem hohlen Baum und atmete köstliche Lüfte, die Mäuse +freuten sich, daß es nicht mehr durch die Ofenröhren ihrer Wohnung +rauchte, die Felle der Hasen färbten sich auffallend heller und die +Augenentzündung der Vögel ließ nach.</p> + +<p>»Das habe ich alles mit meinem Zauberspruch getan,« dachte Querka; +»denn goldene Ringe können nicht fliegen.«</p> + +<p>An einem Abend aber — was roch Querka? Was rochen ihre Kinderlein? Was +schnüffelten die Hasen? Wovor schüttelten die Eulen ihr Gefieder?</p> + +<p>Rippentabak!</p> + +<p>Es schwebten wieder Herzen, Ringe, Eier und Rechenaufgaben durch den +Wald. Die Göttin eilte erschrocken zur Köhlerhütte. Richtig, da saß +er und rauchte; rauchte aber nicht Gold, sondern rauchte Rauch — +Rippentabaksrauch.</p> + +<p>Die kluge Göttin machte sich nun wieder recht lieb und artig an den +alten Schlot heran und fragte ihn, wo denn die goldenen Ringe seien.</p> + +<p>Hätte er verliehen, sagte der Köhler und besäße ein Testimonium +darüber. Er holte die Quittung des Ritters aus seiner Hütte und zeigte +sie der Göttin. Diese las:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p> + +<p>»Ich bestätige, daß der Köhler vom Eulenwalde der guten Stadt Altenroda +der größte Esel der Welt ist.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Kuno von Bimbim.«</span><br> +</p> + +<p>»Das ist die Quittung?« fragte die Göttin, »die Quittung für all' Euer +Gold?«</p> + +<p>»Ja,« sagte der Köhler stolz; »es hat alles seine Richtigkeit.«</p> + +<p>Die Göttin ließ ihn bei dieser fröhlichen Auffassung und fragte +schmeichelnd, ob er sich denn nicht etwas gedacht habe, als er +plötzlich goldene Ringe rauchen konnte.</p> + +<p>»Ja,« nickte der Köhler, »das habt Ihr getan.«</p> + +<p>»Und wo ist die verzauberte Tabakspfeife hingekommen?«</p> + +<p>Der Köhler wies mit dem Daumen nach dem Meiler.</p> + +<p>»Da! Verbrannt! Das dumme Ding konnte nicht mehr rechnen. Es rechnete +zwei mal vier gleich zwei. Und das ist falsch. Das ärgerte mich!«</p> + +<p>Nun redete die Fee in den lieblichsten Worten auf den Köhler ein, er +möge sich doch auch über seine neue Tabakspfeife einen Segen sprechen +lassen; aber der Köhler hielt die Pfeife abwehrend beiseite und sagte:</p> + +<p>»Nein, ich mag nicht! Meine Ringe und Herzen können fliegen; aber deine +goldenen Ringe purzeln auf die Erde. Daß sie fliegen können, das ist +das Schöne bei den Ringen. Was habe ich vom Golde, das mir ja doch +wieder ein Ritter abborgt, der damit nach Persien reitet.«</p> + +<p>Da schlug die Fee trostlos die weißen Hände zusammen.</p> + +<p>Nach einiger Zeit fragte sie: »Was ist denn in dem schrecklich großen +Ballen da?«</p> + +<p>»Rippentabak!« sagte der Köhler. »Ein Zentner. Ich hatte bloß noch +einen kleinen Vorrat. Wenn der aufgeraucht ist, kommt der neue Ballen +dran.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span></p> + +<p>Da liefen der Fee heimlich Tränen über das Gesicht. Als aber der Köhler +einmal nach der Hütte verschwand, weil er sein kostbares »Testimonium« +dort wieder bergen wollte, erhellte sich das Gesicht der Fee; sie trat +an den Tabakssack und sprach heimlich und schnell eine Zauberformel, +wodurch sich der Rippentabak in Tabak so edler Art verwandelte, wie er +nur in den Gärten des Kalifen gedeiht.</p> + +<p>»Müssen wir schon Tabaksrauch schlucken, dann doch edlen!« sagte sich +die Fee.</p> + +<p>Drei Tage später öffnete der Köhler den neuen Tabaksballen. Er +verwunderte sich über das Aussehen des Tabaks, der ein krümeliges +braunes Gewuschele darstellte, gar keine starken reellen Rippen, +stopfte sich aber eine Pfeife, rauchte sie bis zu Ende und spuckte +während der Zeit seinen ganzen Meiler aus. Nach der zweiten Pfeife +wurde ihm so übel, daß er die kleine Birke, an der er sich festgehalten +hatte, umbrach und mit ihr zu Boden fiel. Als er sich erholt hatte, +erfaßte ihn großer Zorn. Er nahm den wildesten Eichenprügel, den er +besaß, eilte nach Altenroda hinunter, immer schimpfend: »Zwei Pfennige +für das Pfund hat mir der Betrüger abgenommen!« kam in den Laden des +Kaufherrn, der ihm den Tabak verkauft hatte, und prügelte den mit dem +Eichenknüppel, bis er halbtot am Boden lag. Nur den Bemühungen des +gelahrten Medikus der Stadt unter Beiziehung des Baders gelang es, den +schwerverletzten Kaufmann am Leben zu erhalten.</p> + +<p>Dieser mißhandelte Kaufmann aber war eine gewichtige Persönlichkeit. +Er besaß ein Grundstück von siebenhundert Gulden im Wert und hatte +die Tochter des<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> Bürgermeisters zur Frau. Hauptsächlich aus letzterem +Grunde verurteilte der Rat der Stadt den missetäterischen Köhler zum +Tode durch den Strick. Der Beichtvater kam zwar wieder und bemühte sich +mit ängstlicher Fürsprache, aber das nützte gar nichts; der Köhler +sollte hängen.</p> + +<p>Waldkinder jedoch, die nach Beeren und Pilzen suchten, erzählten sich +von dem traurigen Schicksal, das dem Köhler bevorstand. Und das hörte +die Fee. Sie erschrak bis in die Tiefe ihres lichten, lieben Herzens +und eilte auf ihren goldenen Schuhen nach Altenroda. Dort trat sie vor +den Rat der Stadt und erzählte alles.</p> + +<p>»Ihr Herren, ich allein hab' Schuld, ich allein!«</p> + +<p>Da traten die Ratsherrn zusammen und sagten sich nach kurzer Beratung:</p> + +<p>»Mit der Göttin Querka können wir es nicht verderben. Wer weiß, was +sonst, wen das nächste schwere Wetter zwischen Ochsenkopf und Eulenwald +hereindringt.«</p> + +<p>Also gingen sie wieder in den Sitzungssaal und sagten:</p> + +<p>»Hohe Göttin, wir haben beschlossen, dir den argen Sünder zu +überantworten. Du selbst fälle das Urteil. Fälle es aber nicht zu +milde, fälle es gerecht. Der Rat der Stadt behält sich vor, seine +Einwände zu machen.«</p> + +<p>Die Göttin ließ sich zu dem Gefangenen führen.</p> + +<p>Der saß wie ein Verhungerter und Verdursteter auf dem Boden seiner +Zelle.</p> + +<p>»Kennst du mich?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Willst du etwas von mir?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Was?«</p> + +<p>»Rippentabak!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span></p> + +<p>»Das geht nicht. Aber was anderes kann ich dir schenken.«</p> + +<p>»Was?«</p> + +<p>»Das Leben!«</p> + +<p>Der Köhler kratzte sich hinter dem Ohr.</p> + +<p>»Was ist das Leben ohne Rippentabak!« sagte er trostlos.</p> + +<p>Die Göttin staunte diesen Menschen an. Dann kam ihr ein guter Gedanke.</p> + +<p>»Sag mir, Köhler, mußt du durchaus im Eulenwalde wohnen, oder könntest +du auch anderswo rauchen?«</p> + +<p>»Auch anderswo,« sagte der Köhler. »Bloß Rippentabak muß es sein, aber +nicht solcher, der runterfällt, sondern solcher, der fliegt.«</p> + +<p>Die Göttin fällte den Spruch:</p> + +<p>»Der Köhler Jakobus aus dem Eulenwalde der würdigen Stadt Altenroda ist +zur Strafe dafür, daß er den ehrenwerten Bürger Bartholomäus Schnürle +fast bis zum leiblichen Tode mißhandelt hat, zu lebenslänglicher +Verbannung verurteilt. Diese Verbannung soll er auf dem mit +›Ochsenkopf‹ benannten Berge verbüßen, der im Süden der Stadt liegt, +gerade auf der Gegenseite der Stadt, wo bisher seine Hausung war. +Der Verbrecher ist berechtigt, jede Woche einmal nach Altenroda +hinabzusteigen, sich alldorten zehn Pfund Rippentabak sowie sonst zum +Leben Zubehör zu kaufen.«</p> + +<p>Der Rat von Altenroda bestätigte dieses Urteil, tat aber auch seine +Wünsche kund: »Die Köhlerhütte ist ganz auf dem Gipfel des Ochsenkopfes +zu errichten, wo der meiste Luftzug ist; auch ist zum Schutze für die +Gemarkungen Altenrodas eine steinerne Rauchfeste zu errichten, eine<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> +keilförmige Schanze, durch die jeweils der Rauch aus Jakobi Pfeife +hinunter nach Wenighofen zieht.«</p> + +<p>So geschah es. Wenighofen — eine feindnachbarliche Stadt von Altenroda +— ist ausgestorben. Wer das nicht glaubt, sehe auf der Landkarte nach. +Er wird Wenighofen nicht finden.</p> + +<p>Was aus dem Köhler weiter geworden ist, weiß niemand. Aber wenn er +nicht gestorben ist, raucht er heute noch.</p> + +<p>Rippentabak!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Anmerkung.</p> + +<p>Du bekehrst eher zehn Türken zum Christentum als einen Raucher zur +Vernunft.</p> + + +<hr class="r65"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span></p> +<h2>Die drei Geizhälse</h2> +</div> + +<div class="blockquot"> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-295"> +<img class="w100" src="images/drop-295.jpg" alt=""></figure>n Altenroda +lebten drei Geizhälse. Es mögen vielleicht noch +mehr geizige Leute in der Stadt gewesen sein, werden doch vom +sechzigsten Lebensjahre an die meisten Menschen geizig, was zu den +Alterserscheinungen oder, gelehrter ausgedrückt, zu den <em class="antiqua">vicia +aetatis</em> gehört; aber die drei, von denen hier die Rede sein +soll, waren so auffallend gut geratene Exemplare von Geizkragen, daß +sie in ganz Altenroda berühmt oder vielmehr berüchtigt waren. Der +Religion nach war der erste evangelisch, der zweite katholisch, der +dritte Jude. Geizhälse und Wucherer gibt es unter allen Gattungen der +Menschheit, da soll nur die eine der andern nichts vorwerfen. Nun soll +alles hübsch der Reihe nach erzählt werden. +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span></p> +<h3>Der evangelische Geizhals</h3> +</div> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-299"> +<img class="w100" src="images/drop-299.jpg" alt=""></figure>er evangelische +Geizhals wurde später Dissident, und sein Abfall von +der ursprünglichen Religion hing mit seinem Geiz zusammen. Er hieß +Leonhard Fahrig. Fahrig war Kolonialwarenhändler. Solange der Pastor +der Gemeinde von seinem geringen Einkommen für seine Familie Kaffee, +Zucker, Mehl und Reis, den bescheidenen Tabaksbedarf, sowie jedes +Weihnachtsfest eine Flasche Zeltinger bei Leonhard Fahrig kaufte, saß +der Kaufmann jeden Sonntag in der Predigt. »Leben und leben lassen!« +sagte er manchmal. Kam ein offener Opferteller, so daß der Nachbar vom +Nachbar sah, was der auflegte, so warf Fahrig klirrend einen geputzten +Nickel auf den Teller, kam aber der verschwiegene Klingelbeutel, so +steckte er einen Hosenknopf hinein. Der Glöckner Krause, der ein +kluger Mann war, sagte einmal in der Sakristei, als der Ertrag des +Klingelbeutels ausgezählt wurde: + +<p>»Vier Mark, dreizehn Pfennige und ein Knopf. Herr Pastor, der +Hosenknopf ist vom Kaufmann Fahrig. Der Mann macht immer so fummelige +Finger, wenn er über den Klingelbeutel greift, und steckt die Hand so +tief rein, daß ich nie eine Münze sehen kann. Er ist von Fahrig, der +Knopf, da verlasse sich der Herr Pastor darauf!«</p> + +<p>»Ausgeschlossen!« sagte der Pastor. »Denken Sie doch, der wohlhabende +Mann! Und dann, Hosenknöpfe sind auch etwas Brauchbares. Ich habe zu +Hause hundertzwanzig Stück liegen. Wenn Sie einmal Bedarf haben, lieber +Krause ...«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span></p> + +<p>Krause schüttelte den Kopf. Er war wieder einmal unzufrieden mit seinem +Pastor. Am nächsten Sonntag, als er mit dem Klingelbeutel ging, paßte +er vor Fahrigs Kirchenstand auf wie ein Detektiv. Aber Fahrig machte +»fummelige Finger«, steckte die Hand tief in den Klingelbeutel, und der +Detektiv war geprellt.</p> + +<p>Krause, der ein kleine Ackerwirtschaft besaß, dachte während dreier +Tage, da er mit seinem Kuhgespann pflügte, an nichts anderes als an den +Hosenknopf im Klingelbeutel. Mittwoch abends gegen halb sechs rief er +sein »Heureka!« Das hieß diesmal in deutscher Sprache: »Warte, du Lump, +ich hab' dich!« Krause erschrak über den erleuchteten Gedanken, der ihm +gekommen war, so, daß er mitten in der Furche den leichten Schälpflug +wegwarf und sich zitternd vor Aufregung auf den Feldrain setzte. Die +Kühe guckten sich verwundert nach ihm um, steckten dann die nassen +Schnauzen zusammen und kamen nach einigem Brummgetuschel überein, +den Schälpflug hinter sich herzuschleifen und sich an des Nachbars +Stoppelklee den Bauch vollzufressen. Krause merkte davon nichts. Er +saß auf dem Feldraine, fuchtelte mit den Händen und strampelte mit den +Beinen, so daß man solch lebhafte Bewegungen einem würdigen Glöckner +nimmermehr hätte zutrauen sollen.</p> + +<p>Am nächsten Sonntag saß Leonhard Fahrig auf seinem Stand in der Kirche. +(Nebenbei gesagt, es ist nicht ganz richtig, etwas als »Stand« zu +bezeichnen, wo man sitzt.) Also Fahrigs »Stand« war in der vierten +Reihe der erste Platz, dicht unter der Kanzel. Der Pastor predigte, und +als die Einleitung vorbei war, erschien Krause mit dem Klingelbeutel. +Leise bimmelte das Glöcklein zu den belehrenden<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> und ermahnenden +Worten des Predigers. Als Krause drei Bänke abgesammelt hatte und +Leonhard Fahrig als der Nächste sich nun für seine Opfergabe rüstete, +hielt der Glöckner plötzlich inne, griff sich an den Kopf, als ob +er in der Sakristei etwas vergessen habe, und verschwand. Er ging +leise, auf Zehenspitzen, was aber den Pastor doch so störte, daß er +einen Bibelvers als aus Galater stammend bezeichnete, während er in +Wirklichkeit bei Korinther steht. Bald kam Krause mit dem Klingelbeutel +zurück und heischte Leonhard Fahrigs Gabe. Fahrig machte seine +»fummeligen Finger«, steckte die Hand tief in den Klingelbeutel und +ließ seine Gabe in diese Höhle der Mildtätigkeit hineinsinken.</p> + +<p>Plötzlich griff sich der Glöckner Krause abermals an den Kopf und +verschwand wieder nach der Sakristei. Den Pastor auf der Kanzel störte +das so, daß er in der Predigt stecken blieb, was ihm noch nie passiert +war. Auch die Gemeinde machte lange Hälse, zumal als Krause zurückkam, +sich zu Leonhard Fahrig beugte und ihm etwas in die Hand drückte. Dann +aber ging der Glöckner weiter und sammelte die Gaben der Gemeinde +ein. Eine richtige Andacht kam während dieser Predigt weder bei dem +Pastor noch bei der Gemeinde mehr auf, zumal alle sahen, daß der sonst +so sanfte Glöckner ein feuerrotes Gesicht und wild rollende Augen +sowie einen zappeligen Gang hatte, auch aus Versehen des öfteren die +Andächtigen mit dem Klingelbeutel ans Ohr oder an die Nase stieß.</p> + +<p>In der Sakristei fragte der Pastor streng:</p> + +<p>»Krause, was war das heute während der Predigt für allerhand Störung?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span></p> + +<p>»Bitte um Verzeihung, Herr Pastor, ich mußte es tun; ich mußte ihn +entlarven.«</p> + +<p>»Entlarven? Wen?«</p> + +<p>»Den Geizkragen — den Fahrig. Er ist der Knopfgeber. Ich hab's +rausgekriegt. Erst habe ich die drei ersten Bänke abgesammelt, dann bin +ich in die Sakristei gegangen und habe den Klingelbeutel ausgeschüttet, +dann bin ich zu Fahrig zurück und habe ihn ganz allein was in den +leeren Klingelbeutel stecken lassen, dann wieder nach der Sakristei, +und da war der Knopf. Ich habe dem Fahrig den Knopf zurückgegeben und +ihm gesagt: Solche Münze nehmen wir nicht an!«</p> + +<p>»Ja, Sie haben das ziemlich laut gesprochen. Die Umsitzenden werden es +verstanden haben.«</p> + +<p>»Ich hatte leiser sprechen wollen, Herr Pastor; aber ich war zu +aufgeregt.«</p> + +<p>»Hm,« sagte der Pastor nachdenklich, »eigentlich soll man wegen eines +Hosenknopfes die Verkündigung des Wortes nicht stören. Aber einen argen +Geizhals haben Sie entlarvt, das stimmt. Ich werde Herrn Fahrig heute +noch hundertzwanzig Hosenknöpfe zurückschicken.«</p> + +<p>Das geschah und wurde zum Anlaß, daß Leonhard Fahrig aus der +evangelischen Landeskirche Preußens austrat und Dissident wurde. Sein +Auge strahlte, als er bedachte, daß er dadurch ja die Kirchensteuer +spare, die für ihn immerhin drei Mark und fünfundzwanzig Pfennig für +das Jahr betrug. Außerdem kamen die Nickel für den Opferteller in +Wegfall; die Hosenknöpfe waren auch nicht ganz umsonst gewesen. Mochte +der Pastor sein bißchen Kram immerhin bei dem jungen Konkurrenten +kaufen, diesen Verlust würde die Firma Fahrig verschmerzen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span></p> + +<p>Es kauften von nun an aber sehr viele bei dem jungen Konkurrenten und +zwar nicht nur die Angehörigen jener Gemeinde, sondern auch viele Leute +anderer Konfession, denen der Filz zuwider geworden war.</p> + +<p>Umsonst beteuerte Fahrig, daß ihm zufällig ein Hosenknopf losgegangen +sei, er diesen in sein Portemonnaie gesteckt und aus Versehen für +den Klingelbeutel ergriffen habe. Niemand glaubte ihm; niemand hörte +ihm gern zu, wenn er wetterte, die gläubigen Christen würden durch +die Habgier der Pfaffen aus der Kirche hinausgedrängt. Als aber der +Zorn über den argen Rückgang seines Geschäftes ihn zu solcher Torheit +hinriß, daß er eines Tages einen Zettel an sein Schaufenster klebte: +»Ausverkauf von hundertundzwanzig hochehrwürdigen Hosenknöpfen«, da +hatte er in Altenroda vollständig verspielt.</p> + +<p>Wutschnaubend verkaufte Leonhard Fahrig sein Geschäft und zog in die +Fremde. Die Altenrodaer Bürger lachten und ließen ihn ziehen. Sie waren +einen ihrer drei Geizhälse los.</p> + +<p>Nutzanwendung: Geiz ist die Wurzel alles Übels! Das wahre Sprichwort, +das durch diese und die zwei folgenden Geschichten beleuchtet werden +soll, sei aufs neue allen denen eingeschärft, die geizig sind oder es +zu werden beabsichtigen.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span></p> +<h3>Der katholische Geizhals</h3> +</div> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-307"> +<img class="w100" src="images/drop-307.jpg" alt=""></figure>er katholische +Pfarrer von Altenroda predigte einmal: +<p>»Es gibt kein Laster, gegen das so schwer anzukämpfen ist wie gegen +den Geiz. Wenn ich gegen die Unzucht predige, so wird gar mancher und +gar manche erröten; denn sie fühlen sich getroffen; den Trunkenbolden +braucht man kaum erst zu sagen, daß sie Süfflinge sind, sie wissen +es, und wenn sie einmal das graue Elend kriegen, heulen sie über sich +selber; dem Hochmütigen, der sonst stolzen Sinnes glaubt, er sei +überhaupt nicht sündhaft, sondern sich eben nur seines rechten Wertes +bewußt, wird bei einer Armenseelenpredigt, bei der Schilderung von +Grab und Vergängnis doch einmal weich und demütig zu Mute werden, wenn +auch nur vorübergehend — der Geizige allein bleibt immer unbewegt; +sein Herz ist von Stein. Jedes göttliche Samenkorn verdorrt auf diesem +felsigen Ackerlande. Was der Geizige Gutes tut, tut er aus Berechnung; +niemals ist seine Hand milde im stillen; die Not der Brüder läßt ihn +ungerührt; das goldene Kalb ist der Götze, den er anbetet; wenn er +könnte, machte er auf dem Sterbebette noch Geschäfte und feilschte mit +dem Tischler um den Preis des eigenen Sarges. Er ist so verblendet, daß +er sein jämmerliches Laster, das ihn zum Sklaven des Geldes erniedrigt, +nicht erkennt, sondern sich nur für einen Mann hält, der eben sparsamer +und klüger ist als die anderen. So schreibt er einen Gewinnposten +zum anderen; der Teufel aber zieht sein Notizbuch und schreibt die +Gegenrechnung; denn eher wird ein Tau<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> +durch ein Nadelöhr gehen, als ein Geiziger ins Himmelreich.«</p> + +<p>Als der Geistliche so predigte, saß unten im Kirchenschiff Herr +Birnbaum und dachte: »O, wie predigt er wieder gut; o, wie hat +er wieder recht!« Daß er selbst der ärgste Geizkragen der ganzen +Pfarrgemeinde war, daß die Predigt hauptsächlich auf ihn zielte, daran +dachte er nicht.</p> + +<p>Sein Herz war von Stein.</p> + +<p>Birnbaum war Beamter, hatte sich durch Streberei und rücksichtsloses +Vordrängen hochgearbeitet und es trotz seines nicht bedeutenden +Gehaltes zum Besitzer mehrerer Häuser gebracht. Den Grundstock +zu seinem Vermögen, das er durch Spekulationen und Wucher eifrig +vermehrte, hatte die Mitgift seiner Ehefrau gebildet, die ihm in jungen +Jahren sechsunddreißigtausend Mark zubrachte, die höchste Summe, auf +die Birnbaums Ehrgeiz damals gerichtet sein konnte. Diese Frau war so +mordshäßlich, daß der Spiegel erblindete, wenn sie hineinsah, und die +Vögel davonflogen, wenn sie auf die Straße trat, auch alle Säuglinge +in den Kinderwagen zu brüllen anfingen, wenn sie vorüber ging. Frau +Birnbaum hatte eine einzige Tochter, die fast ebenso häßlich war wie +sie und die zum Unglück Helene hieß, so daß sie in ganz Altenroda »die +schöne Helena« genannt wurde. Um dieses Mädchen tat es vielen Leuten +leid; denn sie hatte nicht das harte Herz ihres Vaters und führte ein +freudloses Dasein. Sie hatte fast nie freie Zeit, mußte Tag für Tag +Handarbeiten machen, die an ein Geschäft in der Hauptstadt geliefert +wurden, besaß keine Bücher, durfte nie zum Tanze gehen und trug immer +unschöne, aber »unverwüstliche« Kleider.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span></p> + +<p>An Sommerabenden, wenn Helene noch über der Handarbeit saß und die +Mutter im Hause wie eine Magd tätig war, beschäftigte sich Herr +Birnbaum manchmal damit, Streichhölzer in zwei Teile zu spalten, damit +von jedem Streichholz zweimal Feuer gewonnen werden könne. Im Winter +gingen alle der Lichtersparnis wegen mit den Hühnern zu Bett.</p> + +<p>Als Helene vierundzwanzig Jahre alt geworden war (das ist gewöhnlich +der Zeitpunkt, wo unvermählt und unverlobt gebliebene Mädchen anfangen, +unruhig zu werden), dachte der Vater daran, ihr einen Mann zu besorgen. +Er ging zunächst nur auf Geld aus, mußte aber bald zu seinem Leid +erkennen, daß vermögende junge Männer zwar gegen Vermögen auf der +anderen Seite im allgemeinen nichts einzuwenden haben, daß sie aber +auf negative Reize der Braut um so weniger Wert legen, auch wenn +ihnen gesagt wird, daß es sich um ein sehr sparsames, häusliches und +bescheidenes Mädchen handle. Der junge Windikus Bomüller, der Sohn des +Bankiers, war sogar so frivol, zu sagen: »Ach was, wenn sie häuslich, +sind sie scheußlich«. Deswegen brach Herr Birnbaum seine geschäftlichen +Beziehungen zu dem Bankhause aber doch nicht ab, erstens weil der +Verkehr mit einer auswärtigen Bank sich kostspieliger gestaltet hätte, +schon wegen des vielen Portos, und dann, weil bei Bomüller ein junger +Mann war, der Herrn Birnbaum manchmal wertvolle Tips für An- oder +Verkauf von Wertpapieren gab.</p> + +<p>Es erging Herrn Birnbaum bei seinem Männerfang so wie dem hoffärtigen +Fischreiher, der am Flußrande saß und es durchaus unter einem Hechte +nicht tun wollte,<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> die Karpfen, Schleien, Weißfische aber verschmähte. +Als jedoch alle Karpfen, Schleien, Weißfische davongeschwommen waren, +blieb dem Fischreiher nur ein Schlammpeizger übrig.</p> + +<p>Der Schlammpeizger Herrn Birnbaums hieß Rillmann und war der bewußte +junge Mann aus dem Bankhause. Der Bengel war hübsch und in seinem Fache +nicht unbegabt, besaß aber keinerlei Vermögen, offenbar auch keinen +Sparsamkeitssinn; denn er brauchte nach Birnbaums Erkundungen sein +Jahresgehalt von zweitausendvierhundert Mark glatt auf.</p> + +<p>Birnbaum überlegte, bis die schöne Helena sechsundzwanzig Jahre alt +geworden war. Dann sagte sich der kluge Vater: Nun ist's hohe Zeit; +die Verschwendungssucht werde ich dem Rillmann schon abgewöhnen, +und was ihm an Vermögen fehlt, kann er mir, der Bescheid auf dem +Geldmarkte weiß, der sogar manches Geheimnis erspüren kann, durch seine +Fingerzeige ersetzen.</p> + +<p>Birnbaum machte sich an Rillmann heran, und als dieser endlich +merkte, was der Geldmann mit ihm vorhatte, wurde er sehr bedenklich. +Er kam in Zwiespalt mit sich selbst. Wenn er Birnbaums letzten +Jahres-Bankabschluß immer und immer wieder las, sagte sich Rillmann +jedesmal: »Ich nehm' sie!« Sah er aber das Mädchen selbst nur von fern, +so schwur er bei sich: »Ich nehme sie nie und nimmer!« Als die Zeit +schon auf Helenas achtundzwanzigsten Geburtstag zu marschierte, kam +Rillmann zu dem endgültigen Entschlusse, die schöne Helena zu heiraten. +Ein Freund, dem er sich anvertraute, hatte ihm dazu geraten.</p> + +<p>»Aber sie ist so fürchterlich häßlich!« seufzte Rillmann.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span></p> + +<p>»I was, häßlich!« sagte der Freund; »mit den zunehmenden Jahren wirst +du kurzsichtig, da ist's dann nicht mehr so schlimm.«</p> + +<p>So kam die Sache ins Rollen, zum seligen Entzücken Helenas, die den +hübschen, lustigen Rillmann unsäglich liebte.</p> + +<p>Vor dem Sonntag, an dem Rillmann bei Birnbaums einen »offiziellen +Besuch in persönlicher Angelegenheit« angemeldet hatte, sagte der Mann +zur Frau:</p> + +<p>»Weib, es nützt nichts, wir müssen Wein geben, wenigstens mal zum +Anstoßen auf das Brautpaar.«</p> + +<p>Birnbaum hatte einmal bei einer Zwangsversteigerung, die einen armen +Vorstadtrestaurateur betraf, zehn halbe Flaschen Moselwein gekauft, +eine saure Sorte, von der aber Herr Birnbaum behauptete, sie würde +mit jedem Jahre besser und lasse sich überdies durch einen Zuguß von +Zuckerwasser veredeln. Nach Neujahr, wenn der Pfarrer, der Kaplan und +der Küster zur Einsegnung der Wohnung kamen, wurde immer eine halbe +Flasche geopfert. Die drei Herren nahmen zwar stets eine ablehnende +Haltung an, aber Herr Birnbaum ließ es sich als der reichste Mann der +Pfarrei nicht nehmen, die Geistlichkeit samt dem Küster gastfreundlich +zu bewirten. Die Sache wurde dann so gemacht, daß Frau Birnbaum mit +einem Tablett erschien, auf dem vier gefüllte Gläser standen, und daß +sie jedem der drei Herren eines in die Hand gab, das vierte aber dem +Gatten. Da die halbe Flasche nämlich nur drei Gläser abwarf, wurde +Herrn Birnbaums Glas mit Wasser gefüllt, was nicht auffiel, da die +Weingläser von grünlicher Färbung waren. Nach dem ersten Schluck, den +er aus seinem Glase genommen<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> hatte, schnalzte Herr Birnbaum allemal +mit der Zunge und sagte:</p> + +<p>»Es ist eine bekömmliche Sorte. Ich hab' den Wein von einer guten +Firma, direkt aus der Originalkellerei. Er heißt ›Edelmarke‹.« Dann +lächelten die Herren fein und tranken voll Mut und Gottvertrauen +den Quietscher hinunter. Die Frage, ob noch ein Gläschen gefällig +sei, verneinten sie eifrig und einstimmig und empfahlen sich. Das +wiederholte sich in ungefähr derselben Weise zu jedem Neujahr.</p> + +<p>»Weib, wir müssen Wein geben,« sagte Birnbaum vor dem Verlobungssonntag +zu seiner Frau. »Und diesmal trinken wir mit. Man verlobt schließlich +seine einzige Tochter nicht alle Tage.«</p> + +<p>»Aber es sind nur drei Gläser in der Flasche,« warf Frau Birnbaum ein.</p> + +<p>»Richtig!« sagte der Mann; »nun, da muß eben doch wieder eines an +Wasser glauben, und das ist, meine ich, Helena. Wer weiß, wie ihr der +Wein bekäme, und außerdem gehen wir doch wohl als Eltern vor.«</p> + +<p>»Daß es nur kein Unglück bringt, wenn Helena mit Wasser anstößt.«</p> + +<p>Da wurde Birnbaum, der wie alle Geizhälse sehr abergläubisch war, +bedenklich und beschloß heroisch, auch diesmal selber der Wassertrinker +zu sein. Der Frau wolle er den Vorrang lassen. Sie sollte, wie immer, +den Wein selber präsentieren, indem sie jedem sein Glas zureichte.</p> + +<p>Der Sonntag kam. Der Freier erschien, der in Todesangst seinen +auswendig gelernten Spruch herunterjagte, wie einer, der fürchtet, +stecken zu bleiben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span></p> + +<p>Papa Birnbaum spielte den Gerührten und Überraschten, sprach von den +Talenten des jungen Mannes, von den Tugenden der Tochter, von eifrigem +Streben, von weisem, sparsamem Haushalten, von damit verbundener +gesicherter Zukunft, vom Zusammenarbeiten von Schwiegervater und +Schwiegersohn und berief sich bei all diesen Ausführungen fleißig auf +den lieben Gott. Nur von einem, auf das Rillmann am gespanntesten +wartete, sprach Birnbaum nicht — von einer Mitgift. Da faßte der +Freiersmann Mut und sagte:</p> + +<p>»Ja, Herr Birnbaum, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich von +Haus aus ohne Vermögen bin, und von meinem kleinen Gehalte habe ich +Ersparnisse nicht machen können. Jetzt beziehe ich jährlich im ganzen +zweitausendsechshundert Mark; davon kann ich natürlich eine Frau und +eventuell eine Familie nicht standesgemäß ernähren.«</p> + +<p>Birnbaum lächelte.</p> + +<p>»Mein Lieber,« sagte er, »das Wort ›standesgemäß‹ hat es in sich. +Manche Leute leben über ihren Stand, die werden pleite; manche Menschen +leben ihrem Stande gemäß, die machen keine Schulden, kommen aber auch +zu nichts; manche Leute leben unter ihrem Stande, die werden reich.«</p> + +<p>»Das ist wohl richtig,« sagte Rillmann; »aber mit +zweitausendsechshundert Mark Jahreseinkommen kann ich keinen Haushalt +gründen.«</p> + +<p>»Sie wollen also über Ihren Stand leben?«</p> + +<p>Rillmann antwortete nicht; aber sein Gesicht bekam einen verbissenen +Ausdruck, und er warf einen Blick nach der Tür. Da wurde Birnbaum +ängstlich. Er erwog blitzschnell,<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> daß er eine jetzt gegebene Zusage +nach der Hochzeit ja wieder zurücknehmen könne.</p> + +<p>»Herr Rillmann, Sie wissen, ich halte das Meinige zusammen. Vermögen +bekommt Helena jetzt nicht. Das Mädchen will nicht ihres Geldes, +sondern um ihrer selbst willen geheiratet sein. Schließen meine Frau +und ich mal unsere müden Augen, wir sind ja immerhin beide schon +dreiundfünfzig, so ist Helena die einzige Erbin. Das wissen Sie wohl. +Ich schaffe nur für mein Kind. Immerhin gefällt es mir, daß Sie als +Geschäftsmann auch an die materielle Seite der Sache denken. Ich will +Ihnen entgegenkommen und zahle Ihnen monatlich einen Zuschuß von — nun +sagen wir — von fünfundzwanzig Mark.«</p> + +<p>Als sich die Gesichtsform des jungen Mannes bei Nennung der Ziffer zu +einem Grinsen verzerrte, setzte Birnbaum rasch hinzu:</p> + +<p>»Oder, wenn Ihnen das erforderlich erscheint, von fünfzig Mark. Sie +werden sehen, Herr Rillmann, Sie kommen glänzend aus. Helena ist nicht +umsonst mein Kind. Im übrigen ordnen wir das alles später.«</p> + +<p>Damit ging Birnbaum zur Tür, rief Frau und Tochter herein, um dem +Freier weiter keine Zeit zur Überlegung und zu Einwendungen mehr zu +lassen, umarmte die Frauensleute und sagte voll tiefer Rührung:</p> + +<p>»Denke dir, Helena, Herr Rillmann hat um deine Hand bei mir angehalten.«</p> + +<p>Das Mädchen stand mit sanft gerötetem Gesichte da; ein überirdisches +Strahlen brach aus ihren kleinen, sonst so farblosen Augen, der +Widerschein tiefinnersten Glückes verschönte sie.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span></p> + +<p>Die Mutter heuchelte auch ihrerseits freudige Überraschung, und Herr +Rillmann führte nun den Entschluß aus, den er sich in schweren Kämpfen +einsamer Nachtstunden abgerungen und für den er sich vor der Werbung +in Gesellschaft seines Freundes bei einer Flasche edlen Weines Mut +angetrunken hatte: er reichte Helena die Hand und küßte sie flüchtig +auf den Mund. Über diesen feierlichen Akt vergoß Frau Birnbaum eine +Menge von Tränen.</p> + +<p>Als aber nach dem Kuß eine Pause verlegenen Schweigens eintrat, +klatschte Birnbaum in die Hände und sagte:</p> + +<p>»Nun aber genug des Weinens und der Abküsserei. Hole Wein, liebe Frau! +Das müssen wir feiern!«</p> + +<p>Frau Birnbaum entfernte sich und kam ungeschickterweise schon nach kaum +einer Minute mit vier Gläsern, die draußen gefüllt bereit gestanden +hatten, zurück. Herr Birnbaum warf ihr für diese Tölpelei, die alles +verriet, einen so zornigen Blick zu, daß die Frau verwirrt wurde und +die Gläser klirrten. Herrn Rillmann aber war die eine Minute in der +Gesellschaft seiner Braut schon so lang geworden, daß er von dem +verunglückten Manöver nichts merkte.</p> + +<p>Frau Birnbaum reichte jetzt jedem ein Glas, nahm sich das letzte, und +nun rief Birnbaum aus:</p> + +<p>»Wir trinken auf das Wohl des jungen Brautpaares. Wir wünschen euch, +liebe Kinder, daß eure Ehe so glücklich werden möge, wie die unsere +immer war. Das Brautpaar lebe hoch — hoch — hoch!«</p> + +<p>Alle tranken. Aber schon nach dem Ansetzen sah Birnbaum seine Frau +erschreckt an. Das, was er trank, war nicht Wasser — es war Wein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p> + +<p>Was war das? Was bedeutete das?</p> + +<p>Nun sah Birnbaum auf den Bräutigam. Der stand mit einem so verdatterten +Gesicht da, blickte so entgeistert in sein Weinglas, daß dem Brautvater +eine grausige Ahnung aufstieg.</p> + +<p>Die Frau hatte die Gläser verwechselt, dem Bräutigam das Glas mit dem +Wasser gereicht.</p> + +<p>Betroffen saßen alle im Kreise. Der Bräutigam stierte immer in sein +Glas, als ob er einen verhexten Pokal in der Hand halte. Plötzlich +stand er auf und sagte in Verwirrung:</p> + +<p>»Meine Herrschaften, ich muß mich jetzt empfehlen. Ich muß erst mal +nach Hause.«</p> + +<p>Keine Widerrede half. Rillmann ging.</p> + +<p>Birnbaum tobte mit seiner Frau wie ein Berserker; die Frau weinte, +Helena hatte Herzkrämpfe.</p> + +<p>Am Nachmittag schon kam Rillmanns Absage.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Geschichte der armen Helena ist sehr traurig ausgegangen. Das +Mädel, dem ein einziges Mal im Leben die große goldene Sonne des +Glückes aufgegangen war, konnte es nicht verwinden, daß diese Sonne +so bald wieder unterging. Im Herbste begann sie zu husten. Als der +Husten den Hausmitteln, die angewendet wurden, nicht wich, machte +Frau Birnbaum schüchtern den Vorschlag, man möge doch mal <em class="antiqua">Dr.</em> +Schicketanz befragen. Sie wurde rauh abgewiesen.</p> + +<p>»<em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz! Was der für Rechnungen schreibt. Wegen einer +Erkältung gleich zum Doktor laufen! Ich hab' wohl mein Geld auf der +Straße gefunden?«</p> + + +<p>So<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 3153]</span> blieb es. Erst im Frühjahr, als sich ihr Zustand immer mehr +verschlimmerte, wurde Helena zum Arzte geschickt.</p> + +<p><em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz, der ein guter Arzt, aber ein etwas +rücksichtslos offener Mann war, sagte zu der Mutter:</p> + +<p>»Es ist ein Skandal, daß Sie mit dem Mädchen erst jetzt zu mir kommen. +Nun aber dalli in die Lungenheilanstalt! Ob's noch was helfen kann, +steht dahin. Ich glaube nicht!«</p> + +<p>Nein, es half nicht mehr. Schon nach drei Monaten schickte die Anstalt +die Kranke nach Hause. Hoffnungslos. In ihren letzten Leidenstagen +sprach Helena öfters in Traum und Fieber laute Worte, denen Vater und +Mutter erschüttert lauschten:</p> + +<p>»Ich bin nicht mehr häßlich ... ich bin schön ... ich habe große Augen +und glänzende braune Haare ... ich habe ein gutes seidenes Kleid und +eine goldene Kette ... ich habe Lackschuhe und ich kann tanzen ... ich +habe einen Fächer ...«</p> + +<p>»O, er kommt, er kommt wieder und sieht, wie schön ich bin. Und er +liebt mich. Wir trinken den ganzen Abend guten Wein.«</p> + +<p>Schmerzlos neigte die arme Schattenblume, der Zeit ihres Lebens Schmelz +und Glanz versagt geblieben waren, eines Abends das Köpfchen und starb.</p> + +<p>Einen Tag nach dem Begräbnis stand Birnbaum vor seinem Geldschrank, +schlug mit den Fäusten an die stählerne Tür und schrie in Verzweiflung:</p> + +<p>»Wofür? — Wofür?«</p> + + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span></p> +<h3>Der jüdische Geizhals</h3> +</div> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-321"> +<img class="w100" src="images/drop-321.jpg" alt=""></figure>inkus. + +<p>Er stammte aus Brzezany.</p> + +<p>Das liegt in Ostgalizien.</p> + +<p>Noch hinter Lemberg.</p> + +<p>Daran ist nichts auszusetzen; denn selbst hinter Lemberg müssen doch +Leute wohnen. Auch: warum soll einer nicht Pinkus heißen und aus +Brzezany stammen? Aber die Altenrodaer Bürger schimpften darüber, +daß Pinkus aus Brzezany sich in ihrer Stadt niedergelassen und seine +ostgalizische Kultur in Form einer »Gemischtwarenhandlung« dort hatte +in Erscheinung treten lassen. Die Bürger von Altenroda waren zum +großen Teil stramme Antisemiten, sie schimpften auf den Juden, machten +Witze über seinen Namen, seine Herkunft und sein Aussehen, und wenn +sie einigen alten unnützen Kram zu verkaufen hatten, bestellten sie +heimlich den Pinkus und suchten noch so viel von ihm herauszuschinden, +wie es bei solchem Trödel und solchem Käufer eben möglich war. Auch +borgten manche bei ihm Geld.</p> + +<p>Pinkus stand sich in solcher Gemeinde glänzend. Er kaufte alles +zusammen, was ihm unter die Finger kam. Der Apotheker hatte einmal +bei einem Faschingsfeste der »Harmonie« eine alphabetische Aufzählung +des Pinkusschen Warenbestandes zum Besten gegeben: Armleuchter, +Abortspapiere, Betschemel, Bartflechtenmittel, Cypernwein, +Cäsarenwahnsinn (antiquarisch von Quidde), Dörrgemüse, Daunenfedern, +Emaillegeschirr, Einreibe, Feigen, Fichtes Reden, Heiligenbilder, +Hosenträger usw.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span></p> + +<p>Acht Tage nach dem Faschingsfeste der »Harmonie« kam Pinkus zu dem +Apotheker und sagte:</p> + +<p>»Herr Doktor Apotheker, ich bedanke mer for den schönen Witz, was der +Herr Doktor Apotheker gemacht haben mit mir armen Mann. Ich habe in der +letzten Woche gemacht ausgezeichnete Geschäfte!«</p> + +<p>Als Pinkus gegangen war, sagte sich der Apotheker:</p> + +<p>»Ich bin ein Esel! Ich habe für den Mann Reklame gemacht.« Niemand +widersprach, da niemand da war.</p> + +<p>Also, halb Altenroda schimpfte auf Pinkus, und ganz Altenroda machte +gelegentlich Geschäfte mit ihm. Pinkus stand sich gut dabei. Er +überragte an Geschäftsklugheit sämtliche Bürger der Stadt, und da +geistige Überlegenheit immer Neid erzeugt, freute sich die gute Stadt +Altenroda, als es eines Tages gelang, den wirklich geizigen und +schachersüchtigen Pinkus hineinzulegen. Der Held, dem die Ehre zufiel, +war ein armer Musiker, der Sonnabends und Sonntags im »Bleiernen Hecht« +zum Tanze aufspielte, zwischendurch mal in einer Familie zur Hochzeit +oder beim fünfzigsten Geburtstag und sich sonst durch Privatstunden (zu +sechzig Pfennigen) sein tägliches Armeleutebrot zusammenfingerte.</p> + +<p>Und nun kommt die Geschichte.</p> + +<p>Pinkus hatte eine Baßgeige gekauft. Er hatte zwar keine Ahnung von +Musikinstrumenten, aber warum sollte er auf der Auktion die Baßgeige +nicht kaufen, wenn er sie billig bekam?</p> + +<p>Es hatte aber auf der Auktion auch ein Musikant auf die Baßgeige +gesetzt. Sechzig Mark hatte der arme Teufel im Beutel, und als Herr +Pinkus einundsechzig Mark bot, mußte der andere das hübsche Instrument +im Stich lassen.<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> Traurig erzählte der Musikus im »Bleiernen Hecht« +sein Mißgeschick den Kameraden.</p> + +<p>»Laß mich nur machen,« sagte nach einer Pause tiefen Nachsinnens der +eine.</p> + +<p>Nächsten Tag ging dieser Mann zu Pinkus.</p> + +<p>»Herr Pinkus,« sagte er, »ich bin ein Musiker und habe gehört, daß +sie eine Baßgeige zu verkaufen haben. Ich habe zwar schon eine gute +Baßgeige, aber ich möchte eine — sozusagen — eine zweite Baßgeige als +Reserve anschaffen.«</p> + +<p>»Reserve is gut gesprochen,« sagte Herr Pinkus; »jeder gediegenete +Musiker hat Baßgeige auf Reserve. Sie soll'n se sehen.« Und er zeigte +ihm die Baßgeige und sprach dazu: »Ein hochmodernes, ein haltbares und +elegantes Instrument. Kostet mich auf Ehrenwort selber hundertzwanzig +Mark ohne die Spesen, aber weil ich sehe, daß Sie sind ein begabter +junger Musiker, will ich Ihnen verkaufen die Baßgeige mit minimalem +Profit for hundertdreißig Mark.«</p> + +<p>»Für hundertdreißig Mark ist so ein Instrument geschenkt«, sagte der +Käufer, wobei sich Pinkus erschrocken ins Bein zwickte.</p> + +<p>»Aber,« fuhr der Musikus fort, »probieren muß ich die Baßgeige erst. +Denn die Hauptsache ist der Ton, und den kann man von außen nicht so +genau beurteilen.«</p> + +<p>»Sie soll'n se probieren. So e feine Baßgeige nach der letzten +Mode, wo Sie selber haben gesagt, ich bin e Dammel, daß ich se for +hundertdreißig Mark losschlag'! Geigen Se los!«</p> + +<p>Der Musiker nahm die Baßgeige und fing an, darauf herumzugeigen. Pinkus +machte ein verklärtes Gesicht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span></p> + +<p>»Klingt se nicht lieblich? Klingt se nich schick und adrett? Sitzt nich +jeder Ton wie angegossen? Meiner Lebtage habe ich noch kei so feine +Musik gehört.'s Herz im Leibe lacht einem. Na, was zulegen werden Se. +Sagen wir rund hundertfünfzig Mark; ich seh', Sie sein e anständiger +Mensch und e gediegener Musikus, Se verlangen nischt umsonst.«</p> + +<p>»Für hundertfünfzig Mark ist das Instrument geschenkt,« sagte der +Musiker und wieder kniff sich Herr Pinkus wütend ins Bein.</p> + +<p>»Ausgemacht is noch nischt,« rief er; »ich hab' überhaupt keine festen +Preise. Geben Se dreihundert und Se sollen de Geige haben!«</p> + +<p>Der Musikant nickte nur, ganz in sein Spiel versunken, mit dem Kopfe.</p> + +<p>Plötzlich stutzte er ...</p> + +<p>Holloh, was ist das ...?</p> + +<p>Er spielte die letzte Passage noch einmal — Nanu? Zum Donnerwetter, +das ist ja — Er spielte die Passage zum dritten Male ...</p> + +<p>»Alle Hagel!«</p> + +<p>»Was is denn? Was tun Se sich denn?«</p> + +<p>»Herr Pinkus, ich glaube, ich glaube ...«</p> + +<p>»Was glauben Se? Was glauben Se uff eemal von de gute Baßgeig'?«</p> + +<p>»Herr Pinkus, Herr Pinkus, mir ahnt was Schreckliches!«</p> + +<p>Der Musikant spielte noch einmal — zweimal, drei-, viermal eine +fürchterliche Passage, dann sagte er erbleichend:</p> + +<p>»Herr Pinkus, es fehlt ein Ton!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span></p> + +<p>»Was fehlt?«</p> + +<p>»Ein Ton! Es ist ein Ton zu wenig auf der Baßgeige! Und gerade der +wichtigste. Sie ist unvollständig!«</p> + +<p>»Sind Se meschugge, Mensch? Uff so eener feinen Baßgeige wird e Ton +fehlen? Sie, Sie, Sie — Musikus Sie!«</p> + +<p>»Herr Pinkus, ich kann mir nicht helfen — er fehlt.«</p> + +<p>»Nu, zum Deixel, da sehn Se doch erst mal genauer nach.«</p> + +<p>»Das will ich gerne tun, Herr Pinkus, gerne!«</p> + +<p>Und der Musikant rasselt noch einmal die Passage ab, schüttelt den +Kopf, steht auf, geht rund um die Baßgeige herum, betrachtet sie von +allen Seiten, klopft ihr schließlich auf den Rücken und geigt wieder.</p> + +<p>»Er fehlt, Herr Pinkus, er fehlt! Aber warten Sie noch! Gedulden Sie +sich noch!«</p> + +<p>Er schraubt an den Wirbeln, geigt, probiert, schraubt wieder, zerrt an +den Saiten, geigt nochmals ...</p> + +<p>»Nichts zu machen, Herr Pinkus, der Ton fehlt!«</p> + +<p>»Aber — aber zum Deixel, was denn fer e Ton? Wieviel Tön' gehören denn +zu e Baßgeige?«</p> + +<p>»Fünfundzwanzig, Herr Pinkus! Fünfundzwanzig! Und da sind bloß +vierundzwanzig, hören Sie, der fehlt!«</p> + +<p>Er geigt langsam vierundzwanzig Töne, dann rutschen seine Finger +herunter, und er summt nur mit dem Munde was Tiefes, Brummiges.</p> + +<p>»So, der fehlt! Der fünfundzwanzigste. Der tiefste und gerade für die +Baßgeige der wichtigste — der fehlt! Das ist schrecklich!«</p> + +<p>»Aber wieso? Wie kann er fehlen? Wo ich das Instrument aus einer der +besten, leistungsfähigsten neuzeitlichen<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> Firmen for Musik bezogen +habe. Wie kann er fehlen?«</p> + +<p>»Weiß nicht, Herr Pinkus! Ihnen zuliebe will ich einen letzten Versuch +machen.«</p> + +<p>Der Musikant zieht ein Stück Kolophonium aus der Tasche, wichst wie +rasend den Bogen, rückt den Steg, schraubt an den Wirbeln, geht um die +Baßgeige, pocht abermals an ihren Rücken, schüttelt sie heftig hin und +her und geigt dann und sagt:</p> + +<p>»Es ist beim besten Willen nischt zu machen, Herr Pinkus, der Ton +fehlt. Die Baßgeige sieht äußerlich großartig aus, innerlich is sie ein +Krüppel!«</p> + +<p>»Wieso 'n Krüppel? Wegen den einen Ton?«</p> + +<p>»Herr Pinkus, Sie sind ja gewiß sehr musikalisch. Aber haben Sie +schon mal die Geschichte vom Stradivarius gehört? Nicht? Also, der +Stradivarius war der größte Baßgeigenkünstler, der auf der Welt gelebt +hat. Er war ein Spanier. Und er hatte eine Baßgeige, die kostete, +sage und schreibe, dreißigtausend Mark. Die hatte ihm die Königin von +Spanien von einem alten Zigeunerprimas gekauft. Was ist passiert? Der +Zigeuner war ein Lump. Eines Tages stellte sich heraus, daß ein Ton +fehlt, und Stradivarius und die Königin von Spanien sitzen blamiert und +mit hängenden Ohren da, und die Baßgeige, die dreißigtausend Mark, sage +und schreibe dreißigtausend Mark gekostet hat, is keine hundert wert.«</p> + +<p>»Aber, das is ja meschugge,« schreit Pinkus. »Das is doch keine reelle +Rechnung. Wenn auf einer kompletten Baßgeige fünfundzwanzig Töne sein +sollen und einer fehlt, da können doch abgehen höchstens vier Prozent.«</p> + +<p>»Nee, Herr Pinkus, bei Baßgeigen is das anders. Wenn<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> da een Ton fehlt, +da läßt sich überhaupt keen richtiges Konzert mehr mit machen. Immer, +wenn der Ton kommen soll, hüppt die Geschichte, wie bei einer kaputen +Leier, und da pfeift einen ein gebildetes Publikum aus. Nich einmal +für Tanzmusik auf'm Dorf is so 'ne Baßgeige zu gebrauchen. Die Tänzer +kommen ja alle aus 'm Tritt.«</p> + +<p>Pinkus schwitzte.</p> + +<p>»Mein Lieber,« sagte er; »ich sehe, Se woll'n mir bloß was abschachern. +Also sagen wir hundertfünfzig Mark, wie's am Anfang war.«</p> + +<p>»Nee, Herr Pinkus, für ein' Musiker is die Baßgeige total unbrauchbar. +Ich bin doch nich so dumm wie der Stradivarius! Das Möbel da, das könn' +Sie höchstens an einen Holzhändler verkaufen.«</p> + +<p>Pinkus dampfte.</p> + +<p>»Vielleicht — vielleicht als Wanddekoration,« keuchte er.</p> + +<p>»Na, ja, aber die Leute, die sich die Wände mit Baßgeigen dekorieren, +die geh'n ja dünne.«</p> + +<p>»Gibt's schon,« sagte Herr Pinkus schnaufend, »gibt's schon! Also, was +geben Se freiwillig?«</p> + +<p>»Nischt, Herr Pinkus, nischt! Was soll ich mit 'ner kaputen, +unvollständigen Baßgeige?«</p> + +<p>»Also, geben Se mir achtzig Mark; fertig sind wir!«</p> + +<p>»Herr Pinkus! Auf Wiedersehen!«</p> + +<p>Er ging wirklich. Pinkus wartete ab; als aber der Musikant um die +nächste Ecke verschwand, eilte er ihm nach.</p> + +<p>»Also, wenn schon der tiefste Ton fehlt, Se brauchen doch die Baßgeige +bloß zur Reserve. Können Se se nich gebrauchen for die höheren Stücke?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span></p> + +<p>»Höhere Stücke sind bei Baßgeigen sehr selten,« sagte der Musikant +kühl. »Aber damit Sie nicht ganz um Ihr Geld kommen, will ich Ihnen +zwanzig Mark zahlen.«</p> + +<p>»Sagen Se sechzig Mark!«</p> + +<p>Sie redeten hin und her und einigten sich schließlich auf dreißig Mark. +Der Musikant holte sich die Baßgeige, und Pinkus warf die Tür krachend +hinter ihm ins Schloß.</p> + + +<hr class="r65"> + +<div class="chapter"> +<h2>Zwei Idyllen</h2> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h3 class="nobreak" id="Der_Briefkasten">Der Briefkasten</h3> + +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span></p> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-333"> +<img class="w100" src="images/drop-333.jpg" alt=""></figure>och am +Ochsenkopf und noch dazu abseits vom Hauptwege liegt eine +weltverlorene Kolonie, die Weberhäuser. Die Leute, die in den neun +verstreuten Häuslein dort leben, haben nur mit Altenroda etliche +Verbindung. Was über Altenroda hinausliegt, geht sie nichts an. + +<p>Im letzten Jahre aber waren fünf Sommergäste, welche angeblich die +absolute Einsamkeit, in Wirklichkeit die absolute Billigkeit suchten, +in den Weberhäusern gewesen. Ende August waren die Gäste abgereist und +die Weberhäuser waren so einsam wie immer.</p> + +<p>Was, dachte der einzige Spatzenmann, der in den Weberhäusern wohnte, +am Anfang Oktober, ich mach's wie im vorigen Winter, ich niste in dem +Briefkasten. Der Briefkasten ist ein gutes, festes Häuslein, sicherer +als diese windigen Starkästen, und ungestört ist man auch. Besprach +sich also mit seinem Weibe.</p> + +<p>»Blech ist zu kalt,« sagte diese.</p> + +<p>»Rede kein Blech, Weib,« sprach der Mann unwillig. »Blech ist fest. Das +ist die Hauptsache. Rin in den Kasten!«</p> + +<p>Dann krochen sie durch einen Spalt, über dem »Einwurf« geschrieben +stand, und sahen sich im Kasten um. Ein reizendes Schlafgemach, von +schwach bläulichem Lichte erfüllt. Unten war ein kleines Schild +angebracht, wie ein Transparent, da stand »Sonnabend« darauf zu lesen.</p> + +<p>»Mann, hier liegt was,« sagte das Weib. Es war ein dicker Brief, auf +dem mit roter Schrift stand: »Eilt!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span></p> + +<p>»Der ist gut,« sagte der Mann, »der ist dick und federt wie eine +Matratze.«</p> + +<p>Dann flogen sie aus, stahlen Stroh, stahlen Heu, zupften Moos und +sammelten Laub, und bald war die Wohnung ausgestattet. Als der Abend +kam, und der Wind grimmig pfiff, lachte das Spatzenpaar in seinem +sicheren Hause und hörte mit Behagen den Regen auf sein Dach tropfen.</p> + +<p>Am selben Abend saß der Weber Bieselt, an dessen Hause der Briefkasten +angebracht war, unten in Altenroda im »Bleiernen Hecht« und der +Briefträger gab ihm einen Schnaps zum besten und sagte: »Also, +Bieselt, wenn diesen Winter wirklich jemand mal bei Euch was in den +Briefkasten stecken sollte, da laßt mich's wissen. Ich komm dann rauf, +um zu leeren; denn Pflicht ist Pflicht.« Der Briefträger machte ein +entschlossenes Beamtengesicht, als er das sagte.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Den Sperlingen ging's gut. Die Kost war schmal, aber das Haus war +prächtig. Einmal aber in stiller Nacht, als beide geruhsam schliefen, +hörten sie leise Schritte ... eine Hand tastete nach dem Kasten ... ein +keuchendes Atmen hörte man ... dann flog ein Brief in den Spalt, flog +gerade auf das erschrockene Ehepaar.</p> + +<p>»So eine Gemeinheit!« schimpfte der Mann, als er sich von dem schweren +Schlage erholt hatte; »ich muß sehen, wer das war.«</p> + +<p>Er flog auf Kundschaft und kam bald zurück.</p> + +<p>»Die schwarze Liese, die dumme Gans! Der steckt der Dragoner im Kopfe, +der auf Ernteurlaub war, und nun schreibt sie ihm. Paßt sich das?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span></p> + +<p>Nein, nein, schüttelte das Weib ihr Gefieder, das passe sich ganz und +gar nicht. Darauf trampelte der Mann wütend auf dem Briefe mit den +Füßen herum und sagte:</p> + +<p>»Hilf, Weib! Wir buddeln den Brief unter.« Und sie buddelten ihn unter.</p> + +<p>Zehn Tage später flog wieder in tiefer Nacht ein Brief durch die +Spalte. Der Spatz war rasend, flog auf Kundschaft aus und kam bald +zurück.</p> + +<p>»Die Hubrichen, die alte Schwarte. Die schreibt gewiß an den Pinkus, +daß sie die Zinsen nicht bezahlen kann! Hilf, Weib, wir buddeln den +Brief unter!« Und sie buddelten ihn unter.</p> + +<p>Am nächsten Freitag, schon vor Aufgang des Mondes, flog abermals ein +Brief durch die Spalte. Der Spatz hätte mit den Zähnen geknirscht, wenn +er welche gehabt hätte, flog auf Kundschaft aus und kam bald zurück. Er +war blaß vor Zorn.</p> + +<p>»Die Heinisch Selma, das Schaf, die schreibt auch an den Dragoner, +der auf Ernteurlaub da war.« Und in höchster Entrüstung buddelten die +beiden den Brief unter.</p> + +<p>Zwei Tage später aber sauste schon wieder in später Stunde ein Brief +durch die Spalte und eine leise Stimme draußen sagte: »Wenn mich bloß +niemand sieht!«</p> + +<p>»Das Dorf hat die Schreibwut,« schrie der Spatz, flog auf Kundschaft +und berichtete, daß es die Häuslerin Steinert sei, die ohne Wissen +ihres Mannes ihrem Jungen Geldbriefe schicke.</p> + +<p>Ende November kam ein Kind geschlichen, das einen Brief ans Christkind +dem Spatzenpaare auf die Köpfe warf. Alles wurde untergebuddelt.</p> + +<p>Als aber Mitte Dezember die Hübner Frieda mit einem<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> Briefe an den +Dragoner, der auf Ernteurlaub gewesen war, angeschlichen kam, wurde der +Spatz tobsüchtig.</p> + +<p>Er riß das Lager auf, Brief um Brief empor und warf unter athletischer +Anstrengung sämtliche Briefe mit Hilfe seines Weibes zur Spaltöffnung +hinaus.</p> + +<p>Am anderen Morgen trat der Weber aus dem Hause, sah die vielen Briefe +im Schnee liegen, stieß einen Quieker aus, steckte alle Briefe wieder +in den Kasten und sandte drei Tage später einen Eilboten an den +Briefträger nach Altenroda.</p> + +<p>Dieser kam schon vor Ablauf der nächsten Woche an, den Kasten zu +leeren. Die Sperlinge aber waren inzwischen ausgezogen; denn durch die +Papierlawine, die der Weber in den Kasten geworfen hatte, wären sie +beinahe zerquetscht worden.</p> + +<p>Der Briefträger leerte den Kasten, sah den Haufen Stroh, Heu, Federn, +Moos und verschiedene andere Andenken der Spatzen und sagte mit einem +amtlichen Blick auf den Weber: »Das Einwerfen fremder Gegenstände in +öffentliche Postkästen ist verboten!«</p> + +<p>Der Weber entgegnete nichts. Der Spatz aber meinte:</p> + +<p>»Heutzutage mag der Geier ein Sperling sein. Nicht mal im Briefkasten +mehr hat man Ruhe!«</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span></p> +<h3>Hero und Leander</h3> +</div> + + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-339"> +<img class="w100" src="images/drop-339.jpg" alt=""></figure>ie beiden +Esel hießen Hero und Leander. Esel haben oft hochtrabende +Namen. Der Kutscher von Hero und Leander hieß Dröselmann. Alle drei +waren städtische Angestellte von Altenroda. + +<p>Hero und Leander hatten einen kleinen Wagen durch die Anlagen +der Stadt zu ziehen, Müll abzufahren, manchmal etwas Gartengerät +herbeizuschaffen, auch ein Fuderlein Sand oder Dünger zu befördern, +und sie taten unter Führung ihres Kutschers Dröselmann das alles in +gemessener, durchaus unüberhasteter Weise. Niemals gingen sie am +»Bleiernen Hecht« vorüber. Sie blieben vor dem Wirtshause stehen und +zwangen förmlich ihren Kutscher, einzukehren und seinen Schnaps zu +trinken. Ein paarmal kam es dann vor, daß die Esel mit dem Wagen allein +weiterfuhren und den Grünzeughändlern ihre Geschäftsauslagen, wie +Kohlköpfe und Möhren, die vor der Tür ausgestellt waren, auffraßen, was +Anlaß zu Geschimpfe und Beschwerden gab. Das alles aber war den Eseln +egal. Sie hatten wenig Rechtlichkeitssinn.</p> + +<p>Auch an der ersten Promenadenbank blieben die Grauen immer halten. +Diese Bank hieß »Neubergers Ruh«. Professor Neuberger hatte viel +Verdienste um die städtischen Anlagen von Altenroda, so daß man +ihn durch Anbringung einer Tafel geehrt hatte, welche der ersten +Promenadenbank seinen Namen gab.</p> + +<p>Seit sich der zerstreute Gelehrte einmal auf ein Butterbrot gesetzt +hatte, das ein Kind auf der Bank liegen gelassen hatte, versäumten +humorliebende Gymnasiasten<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> nie, auf dem Schulwege eine Butterstulle +auf »Neubergers Ruh« als Falle zu deponieren, was den hellen Hosen des +Professors noch verschiedentlich häßliche Flecken einbrachte.</p> + +<p>Die beiden Esel Hero und Leander aber lungerten jeden Morgen auf das, +was die anderen Esel, die nun in der Schule festsaßen, auf der Bank +hinterlassen hatten. Lohnte sich der Fund, dann machte Dröselmann +Halt, kratzte alle Butter mit dem Messer in eine Stullenecke zu einem +Schlemmerbissen für sich selbst zusammen und verfütterte das Brot an +seine Getreuen. Als die Gymnasiasten von solchem Tun Wind bekamen, +ärgerten sie sich und schwuren Dröselmann und seinen Langohren Rache.</p> + +<p>An einem wunderschönen Juni-Nachmittage hatte sich Dröselmann, der ein +bißchen lange im »Hecht« gesessen hatte, unter einem Baume, der an der +Grenze zwischen Promenade und Eulenwald stand, schlafen gelegt. Die +beiden Esel versanken in milde Träumereien. Es war alles so friedlich, +daß niemand an die Nähe eines bösen Feindes geglaubt hätte. Und doch +schlich er heran, und zwar in Gestalt des Obertertianers Müller III. +Dieser berühmte Fährtensucher und Krieger, der in seinem Araberstamme +den Namen »Vater der Stille« führte (wodurch seine Gewandtheit im +Anschleichen angedeutet werden sollte), hatte vom Eulenwalde aus +das Gespann und den schlafenden Kutscher erspäht und sich sofort +angeschlichen, um festzustellen, ob Dröselmann auch wirklich schlafe, +und ob da irgend etwas zu machen sei.</p> + +<p>Der Eselmann Leander öffnete das linke Auge zu einem Blinzeln, stellte +auch das linke Ohr etwas senkrecht und versuchte mit einem kleinen +Schnaufer des linken Nasenloches<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> nach der Richtung, wo Müller III +anschlich, Witterung zu bekommen. Die rechte Hälfte Leanders schlief +weiter.</p> + +<p>»Liebe Frau,« sagte nach einiger Zeit Leander, »ich glaube, es kommt +jemand.«</p> + +<p>»Laß mich in Ruh,« schimpfte die Frau und schlug dem störenden Eheherrn +die Schwanzquaste auf den Rücken.</p> + +<p>»Weib, da drüben ist was nicht recht richtig,« flüsterte der Mann.</p> + +<p>»Du sollst mich in Ruhe lassen,« schnaubte die Gattin und stieß mit dem +Hinterfuße nach dem Manne.</p> + +<p>»Aber Herochen,« klagte der Mann, »ich dachte doch nur ...«</p> + +<p>»Du sollst nicht denken! Schlaf!«</p> + +<p>Und er schlief, sowohl mit der rechten als auch mit der linken Seite; +denn er war ein Esel und folgte dem Weibe.</p> + +<p>Der »Vater der Stille« war jetzt nur zwei Schritte von dem Kopfe +Dröselmanns und überzeugte sich, daß dieser in tiefem Schlafe lag. Dann +schlich er zurück und rannte, als er sich sicher glaubte, nach dem +Eulenwalde, wo unter der Querkaeiche sein Stamm, die Hullah-Araber, +lagen. (Indianer spielen galt den Tertianern von Altenroda für +zu albern; so was machten höchsten die Quartaner und die noch +tieferstehenden Jahrgänge, mit denen man keine Fühlung hatte. Von +Tertia an war man räuberischer Beduine.)</p> + +<p>»Hört mich an,« sagte der ›Vater der Stille‹; ich, euer Scheich, habe +erkundet, daß dieser Giaur, welcher sich Dröselmann nennt, schläft. +Allah versenkte ihn in den Schlaf der Ungerechten, welche sich mit +giftigen Getränken,<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> die uns Rechtgläubigen verboten sind, berauschen. +Die Stunde der Rache ist gekommen. Dieser Giaur hat uns wiederholt des +täglichen Brotes beraubt, womit wir unseren Erzfeind, den Professor +Neuberger, anlocken wollten. Allah schicke den Hund von Professor, der +mir erst in der Osterzensur wieder ›mangelhaft‹ in der Naturkunde gab, +in die tiefste Dschehenna!«</p> + +<p>»Allahu ekber,« murmelten die Krieger.</p> + +<p>»Was tut ein freier ben Arab?« fuhr der Scheich fort. »Er nimmt +dem Feinde zunächst seine Rosse. Tapfere Krieger, edle Söhne des +ruhmbedeckten Stammes der Hullah-Araber, sprecht mit mir die heilige +Fatha, die erste Sure des Korans, und dann brecht mit mir auf, daß wir +den Sieg an unsere Fersen heften und den Feind seiner Rosse berauben.«</p> + +<p>Da rief der ganze Stamm: »Hamdullilah, Hamdullilah!« und tanzte um das +Feuer, das entzündet war, in wilder Freude. Hadschi Ali ben Gorah ben +Akiba aber, ein sehr betagter Stammesgenosse (er war nämlich in jeder +Gymnasialklasse einmal sitzen geblieben), machte ein sorgenvolles +Gesicht und sagte:</p> + +<p>»Wenn wir, wie unser Scheich sagt, den Sieg an unsere Fersen heften, +dann wird der Sieg hinter uns sein, das heißt mit anderen Worten, wir +werden davonlaufen und die Sieger werden uns auf den Fersen sein.«</p> + +<p>»Schweig, du Vater des vertrockneten Gehirns und Bruder der +Kurzsichtigkeit,« zürnte der Scheich, »wie kann Dröselmann, der +ein lahmes Bein hat, uns verfolgen, zumal wenn er trunken ist? +Stammesgenossen, ich sage euch, schon nach einer halben Stunde werden +wir die Sure des Sieges beten!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span></p> + +<p>»Allah il Allah!« rief der ganze Stamm.</p> + +<p>»Laßt uns gehen; denn Asr, die Stunde des Aufbruchs, die beste des +ganzen Tages, ist gekommen.«</p> + +<p>Sie verbeugten sich in der Richtung gen Mekka und dann brachen sie auf, +einer hinter dem anderen, huschend, gebückt, voran der Scheich. Jetzt +waren sie vor einer Schonung.</p> + +<p>»Gerade aus!« gebot der Scheich leise und kroch in die Pflanzung. Alle +Hullah-Araber krochen hinterher, als letzter Hadschi Ali ben Gorah ben +Akiba, der ob seiner Erfahrungen immer das Ehrenamt hatte, den Rückzug +zu decken, und als Sohn des städtischen Försters auch die genaueste +Ortskenntnis besaß.</p> + +<p>Plötzlich erdröhnte ganz in der Nähe ein Schuß. Sämtliche Araber flogen +auf die Nasen.</p> + +<p>»Wartet, ihr Halunken,« donnerte die Stimme des Försters, »euch werde +ich lehren, in die Schonung zu kriechen. Ich erschieße die ganze Bande!«</p> + +<p>Die Araber fraßen sich vor Angst in den Sandboden ein. Ein zweiter +Schreckschuß. Dann die Stimme des Scheichs:</p> + +<p>»Der Förster! Er schießt mit Hasenpfeffer! Jungens, lauft!«</p> + +<p>Alles rannte. Der Förster fluchte. Am meisten fluchte er, als er seinen +eigenen Sprößling unter den Waldfrevlern entdeckte, den Hadschi Ali ben +Gorah ben Akiba.</p> + +<p>»Na warte, Fritze,« brüllte der Forstmann, »komm du mir nach Hause!«</p> + +<p>Im Kastanienwäldchen sammelten sich die Hullahs. Der Scheich fand seine +Fassung schnell wieder.</p> + +<p>»Tapfere Krieger der Hullahs,« rief; »ihr habt einen heimtückischen +Überfall glorreich überwunden. Laßt uns<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> die Sure des Sieges sprechen. +Denn der Feind hat trotz seiner Feuerschlünde nichts über uns +vermocht. Leider wird er durch seine Schüsse den geweckt haben, den +wir überfallen wollten. Wir müssen also unseren Kriegszug für heute +abbrechen.«</p> + +<p>Er hatte nicht ganz recht. Zwar, als die Schüsse erdröhnten, waren auch +Hero und Leander in wilder Flucht davongelaufen, hatten zuletzt den +Wagen umgeworfen, die Geschirre zerrissen und waren von dem Förster +eingefangen worden. Der Kutscher Dröselmann aber hatte von all diesen +Ereignissen nichts bemerkt. Er erfreute sich eines gesegneten Schlafes.</p> + +<p>Am nächsten Morgen wurde Dröselmann auf das Rathaus zitiert und ihm +daselbst ein wenig freundlicher »Guten Morgen« gesagt.</p> + +<p>Fünf Tage später durcheilte die Stadt das Gerücht: die Esel seien schon +wieder durchgegangen. Diesmal aber waren sie nicht wieder eingebracht +worden, sondern mit Geschirr und Wagen spurlos verschwunden. Das +Gespann war offenbar gestohlen worden. Dröselmann mußte wieder aufs +Rathaus kommen und wußte von dem ganzen Vorfall nichts zu melden, +als daß er ob der ungeheuren Sommerhitze am Wegrande ein wenig +entschlummert sei, und daß bei seinem Erwachen die Esel auf und davon +waren.</p> + +<p>Darauf sagte der Bürgermeister: »Gute Nacht, lieber Dröselmann, wir +brauchen Sie fürderhin nicht mehr. Schlafen Sie weiter recht wohl!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Im Eulenwalde lag ein altes Jagdhaus, das sich ein adliger Herr in +früherer Zeit gebaut hatte, das aber nun ganz in Verfall geraten und +seit Menschengedenken unbewohnt war. Ein grasverwachsener Waldweg +führte zu ihm, der kaum manchmal zu einer Holzfuhre benutzt wurde.</p> + +<p>Nach diesem alten Jagdhause schafften die Hullah-Araber ihre Beute, und +der Zufall wollte es, daß sie ganz unbemerkt blieben.</p> + +<p>Die Hullahs feierten ein großes Siegesfest, und es zeigte sich, daß +jeder seinen Karl May gründlich kannte.</p> + +<p>»Tapfere Krieger,« rief der Scheich, »seht ihr sie leuchten, die Sonne +unseres Ruhmes? Seht ihr sie stehen, die erbeuteten Rosse und Wagen +unseres Feindes? In allen Zelten des Morgenlandes, bei den Wachtfeuern +der Wüste und an den Ufern des Nils wird man von unserer Großtat +sprechen.«</p> + +<p>»Allahu ekber!« riefen die Krieger und entzündeten ihre Pfeifen.</p> + +<p>»Tapfere Krieger,« fuhr der Scheich fort, »ein echter ben Arab liebt +sein Roß; seht, wie ich dem meinen den Kuß des Friedens gebe!«</p> + +<p>Er näherte sich dem Kopfe der Eselin und wollte sie küssen. Hero aber +schnappte nach ihm; auch bespritzte sie ihn aus ihren Nasenlöchern.</p> + +<p>»Dieses Roß,« sagte der Scheich, indes er sich das Gesicht abwischte, +»tut noch etwas fremd zu mir. Ich will ihm zeigen, daß ich sein Freund +bin.«</p> + +<p>Nun brachte er eine Menge Zuckerstücke zum Vorschein, die er den +Vorräten seiner Mutter entnommen hatte, und fütterte die Eselin.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span></p> + +<p>»Weib,« sagte der Esel Leander; »lasse dich nicht von einem Manne, der +dich hat küssen wollen, mit Zucker speisen.«</p> + +<p>»Ach, du bist wohl eifersüchtig?« fragte die Frau und fraß dann erst +recht.</p> + +<p>Da seufzte der Mann: »So sind die Weiber!« Aber er fügte sich drein; +denn er war ein Esel. Hadschi Ali ben Gorah tröstete ihn mit einem +Bündel Möhren.</p> + +<p>Hadschi Ali stand neuerdings beim Stamme wieder in höchsten Ehren; +denn seine Deutung von der Heftung des Sieges an die Fersen hatte sich +bewahrheitet, und obwohl sich von väterlicher Seite wegen des Betretens +der Schonung der Sieg nachträglich sogar auch noch an Alis Hosenboden +geheftet hatte, war der Edle doch dem Stamme treu geblieben und hatte +sich an der neuen Kriegstat beteiligt.</p> + +<p>Auch die anderen Hullah-Araber hatten für die beiden erbeuteten »Rosse« +allerhand Leckerbissen mitgebracht, sogar Weißbrot und Schokolade, so +daß Leander seine Hero anschmunzelte und sagte: »Die Lauseigel sind +gut. Wir haben unsere Lage verbessert!«</p> + +<p>Hadschi Ali ben Gorah aber legte seine sechzehnjährige erfahrene Stirn +in Falten und sagte:</p> + +<p>»Was fangen wir nun mit den Eseln an?«</p> + +<p>»Zuerst müssen wir furagieren,« sagte Mullah ben Nadir, dessen Vater +beim Train gedient hatte. »Esel brauchen Heu. Ich weiß eine Wiese in +der Nähe, wo Heu zu haben ist. Auch Klee mögen sie.«</p> + +<p>Dieser Vorschlag wurde angenommen; der Scheich und zwei Krieger zogen +aus, um zu erkunden, ob Wiese, Kleefeld und Weg sicher seien, und dann +brach der ganze<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> Stamm auf und schaffte ein Fuder Heu und Klee herbei. +In dem alten Jagdschloß waren noch bedeckte Räume genug, daß das +Eselpaar einen Stall, der Wagen eine Remise fand.</p> + +<p>»Was machen wir nun mit den Eseln?« fragte der weise Ali wieder. »Es +genügt nicht, wenn wir sie bloß immerzu füttern.«</p> + +<p>»Nein,« sagte Ibn Dschisirah, »wir müssen sie reiten. Esel sind +Reittiere.«</p> + +<p>»Wir haben keine Sättel,« warf Ali ein.</p> + +<p>»Sättel,« höhnte der Scheich; »wie oft ist der große Kara ben Nemsi, +den sie im Abendlande Karl May nennen, ohne Sattel geritten! Ich werde +es euch zeigen; denn ich bin euer Scheich.«</p> + +<p>»Hai! Hai! Der Vater der Stille!« jubelten die Krieger.</p> + +<p>Der Scheich schirrte nun die Eselin ab, gab ihr die zärtlichsten +Kosenamen, erinnerte sie an den Zucker, den er ihr verehrt hatte, und +schwang sich mit einem kühnen Schwunge auf den Rücken des Tieres.</p> + +<p>Der Erfolg war ein gewaltiger. Hero drehte erst verwundert den Kopf +um, was bedeuten sollte: »Nanu? Was ist das für eine Frechheit?« Dann +wippte sie ein wenig mit dem Rücken, dann machte das Vieh unvermutet +einen kreuzförmigen Satz, einen wahren Zaubersprung, zugleich +nach vorn, hinten, rechts und links, so daß der Scheich wie eine +abgeschossene Rakete in die Luft flog.</p> + +<p>»Allah kerim!« riefen erschrocken die Krieger.</p> + +<p>Der Scheich, der nach glänzender Kurve gelandet war, erhob sich. Er +hatte sich gewaltig geschlagen, ließ aber nichts merken, sondern sagte +gleichmütig:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span></p> + +<p>»Dieses Roß scheint falsch zugeritten zu sein. Ich will das andere +probieren.«</p> + +<p>Nun kam Leander an die Reihe. Leander hatte mit Behagen zugesehen, was +für Teufelsmätzchen sein Weib mit dem Araber vollführte.</p> + +<p>»Ja, ja, lasse sich einer mit der ein, mit der wird kein Esel fertig,« +sagte er bei sich. Während sich nun der Scheich mit ihm zu schaffen +machte, dachte sich Leander:</p> + +<p>»Wie wäre es, wenn ich den Schlingel auf mir reiten ließe? Gewiß bekäme +dann das nächste Mal ich den Zucker und das Weib bekäme nichts; das +würde sie sehr kränken.«</p> + +<p>Aus diesen ehelichen Erwägungen heraus ließ Leander den Scheich +aufsteigen und setzte sich in gemütlichen Trab mit ihm.</p> + +<p>Die Hullahs waren außer sich vor Entzücken.</p> + +<p>»Er reitet! Er reitet wirklich! Er fällt nicht herunter!« riefen sie. +Der Scheich aber sagte leuchtenden Auges:</p> + +<p>»So reitet ein ben Arab!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Was machen wir wegen der Esel?« fragten sich auch die Räte der Stadt +Altenroda. Sie empfanden den Verlust der Tiere als eine Schande. +Das »Stadtblatt« und einige benachbarte Zeitungen machten in Poesie +und Prosa böse Witze über die Affäre. So wurde schließlich auf die +Wiedereinbringung der schamlos gestohlenen Esel eine Belohnung von +dreihundert Mark gesetzt, die auch bald auf fünfhundert erhöht wurde. +Im »Löwen«, im »Roß« und im »Hecht« aber wurde fast von nichts anderem +gesprochen als von dem entschwundenen Stadtmarstall, und es wurden +große Wetten abgeschlossen, ob die Tiere wiederkommen<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> würden oder +nicht. Schließlich erhöhten diejenigen, die auf die Rückkehr der +Esel gewettet hatten, die Prämie von sich aus auf tausend Mark. Der +abgesetzte Eselskutscher Dröselmann hatte der Stadt den Rücken gekehrt +und war nach Berlin gezogen, wo er zwei Brüder hatte, die von ähnlichem +Kaliber waren wie er. Seine Frau hatte Dröselmann in Altenroda +zurückgelassen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Den Eseln erging es indessen im Eulenwalde vorzüglich. Wenn sich der +Stamm der Hullah-Krieger auch nicht täglich vollzählig versammelte, +was wegen verschiedener schwerer Hinderungsgründe nicht immer +möglich war (Klavierstunde, Tante zu Besuch, zum Schneider maßnehmen +gehen, Strafarbeiten machen, Arrest absitzen und so), es waren doch +immer einige der Helden anwesend und vergaßen nie, manches Leckere +mitzubringen. Die Esel waren des Nachts angebunden, wurden aber am +Nachmittag losgelassen und führten ein freies Leben voller Wonne. +Leander, der gutmütige Mann, ließ auf sich reiten, bei Hero, der +störrischen Eselin, aber gelang es nur dem Scheich, einen Rekord von +elf Sekunden aufzustellen, dann flog auch er unweigerlich.</p> + +<p>Manchmal in stiller Nacht, wenn sie allein waren, sagte der Mann:</p> + +<p>»Ach, Frau, in diesem verwunschenen Schlosse ist es schauerlich zur +Nachtzeit. Hörst du, wie das Käuzchen schreit und wie laut der Bach +rauscht? Auch klappert der Wind mit den Dachsparren.«</p> + +<p>»Er klappert nicht! Du klapperst! Und zwar mit den Zähnen. Du bist ein +Feigling!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span></p> + +<p>»Ach, Frau, ich wollte gewiß mutig sein wie ein Löwe, wenn ich nur +erst wieder bei Papa Dröselmann im Stalle stände. Da wohnten Menschen +ringsum und zwei Hunde sind im Hofe, ein Boxer und ein Pinscher, der +die ganze Nacht bellt.«</p> + +<p>»Du bist ein Esel, darum bist du dumm; wärst du eine Eselin, so wärst +du klug. Geh nur zu deinem Dröselmann, lasse dich alle Tage an den +Wagen spannen, schleppe Lasten und kriege schlechtes Futter! Geh, geh! +Ich bleibe hier. Und wenn du gehst, wirst du noch etwas Dümmeres sein +als ein Esel.«</p> + +<p>»Nämlich was denn?«</p> + +<p>»Ein Witwer!«</p> + +<p>»O weh, ein Witwer will ich nicht sein!«</p> + +<p>»So halt's Maul! Männer, die nicht Witwer sind, haben das Maul zu +halten.«</p> + +<p>Das tat denn Leander und fürchtete sich in dem einsamen Waldhause halb +zu Tode. Erst wenn der Morgen kam, schlief er ein.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>An einem Sonntagnachmittage, als fast der ganze Stamm der Hullah +versammelt war, sagte der Scheich:</p> + +<p>»Tapfere beni Hullah! Es sind zwölf Tage und zwölf Nächte vergangen, +seit wir auf unserem glorreichen Kriegszuge die Rosse des Giaurs +Dröselmann erbeuteten. Ihr habt gehört, was diesem Vater der +Verschlafenheit und Enkelsohne der Kümmelflasche begegnet ist. Sein +Mudir (Bürgermeister) hat ihn aller seiner Ehrenstellen entsetzt und +seiner Einkünfte entkleidet. Er hat ihn in die Verbannung gejagt, wo +ihn die Krokodile der Verzweiflung fressen werden. Allah verbrenne +seine Seele in<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> Spiritus. Was uns dieser Giaur geschadet hat, ist +gerächt. Der freie Sohn der freien Wüste aber, der ben Hullah, ist +großmütig und edel. Wenn seine Rache erfüllt ist, hört er auf, zu +strafen.</p> + +<p>Nun komme ich auf die Stadt zu sprechen, welche Altenroda heißt. Gewiß, +es wohnen in dieser Stadt vielerlei Bösewichte, wozu insonderheit die +Professoren der Schule gehören, welche das Gymnasium heißt.«</p> + +<p>»Allah! Wallah! Tallah!« knurrten die Krieger.</p> + +<p>»Allah,« fuhr der Scheich fort, »wird diese Giaurs samt und sonders an +einen Spieß stecken, und über dem tiefsten Schlunde der Feuermolche in +der Dschehennah zappeln lassen.«</p> + +<p>»Allah! Wallah! Tallah!« heulten die Krieger in wildem Fanatismus.</p> + +<p>»Aber, beni Hullah, mein Ohr hat vernommen, daß einige unter euch +Verwandte in Altenroda haben, und deswegen wollen wir die Stadt nicht +vernichten, sondern ihr Gnade zuteil werden lassen.«</p> + +<p>Die Männer brummten irgend etwas Arabisches.</p> + +<p>»Ich weiß, teure Stammesgenossen, die Milde fällt euch schwer. Zu arg +und schändlich seid ihr in jener Stadt oft erzürnt worden. Aber der +Starke sei gnädig dem Schwachen. Um eurer Verwandten willen will ich +die Stadt begnadigen und ihr die Esel zurückerstatten, um die sie +jammert.«</p> + +<p>Unwilliges, ja drohendes Gemurre.</p> + +<p>»Hört mich, edle beni Hullah — ich habe noch andere Gründe für meine +Milde. Das größte El Asr des ganzen Jahres, die größte Stunde des +Aufbruchs steht bevor. (Der Scheich meinte den Beginn der großen +Ferien.)<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> Die Hullah zerstreuen sich dann auf lange Zeit; der eine +zieht dorthin, wo auf weiten Steppen die Herden grasen; der andere +erklimmt die höchsten Felsengipfel der Welt; der dritte stürzt sich in +das Meer, um Perlen zu suchen; ein vierter sucht seinen ruhmreichen +Großvater auf. Niemand wird hier bleiben, um unsere Roßherde zu +bewachen und sie gegen den Überfall von Feinden oder vor wilden Tieren +zu beschützen. Was soll aus ihnen werden?«</p> + +<p>Düster sahen die Männer vor sich hin. Ihre herrliche Beute freizugeben, +auf den Spaß zu verzichten, alle Tage die Altenrodaer Bürger von den +verschwundenen Eseln mirakeln zu hören, sich selbst ihres köstlichen +Geheimnisses zu berauben, keine Reittiere mehr zu haben, das alles +erschien ihnen Wahnsinn.</p> + +<p>»Was du planest, o Scheich,« sagte Omar ben Gandesi zornig, »verhüte +der Prophet!«</p> + +<p>»So möge eure Weisheit entscheiden,« antwortete der Scheich verstimmt, +»was nach dem großen El Asr mit unseren Viehherden geschehen soll!«</p> + +<p>Alle versanken in dumpfes Sinnen. Die Pfeifen dampften. Endlich sagte +der weise Ali:</p> + +<p>»Wenn wir sie schon selbst nicht behalten können, so wollen wir sie +doch der feindlichen Stadt Altenroda nicht zurückgeben. Möge diese +Stadt zum Gelächter der ganzen Welt die esellose genannt werden in +Ewigkeit. Wir werden die Esel aus ihrer schmachvollen Sklaverei +erlösen, wir werden ihnen die Freiheit geben. Wald, Feld und Flur +sollen ihre Weide sein, der Sternenhimmel ihr Zelt, und zu Mogreb, der +Stunde des Frühgebetes, schon möge alltäglich ihr Feierabend beginnen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span></p> + +<p>»Wohl gesprochen, edler Ali; auch ich bin für die Freiheit der Esel. +Aber bedenke, was aus ihnen werden soll, wenn die Regenzeit eintritt +oder wenn feindliche Stämme ihnen nachstellen.«</p> + +<p>So sprach der Scheich. Da sprang Omar ben Gandesi erregt auf und rief:</p> + +<p>»Ich hab's! Allah hat mein Herz erleuchtet und meinen Verstand scharf +gemacht wie die Zähne des Krokodils. Ihr wißt, daß die Obrigkeit von +Altenroda auf die Wiedereinbringung der Esel einen Preis von tausend +Silberstücken gesetzt hat. Lasset uns mit den Eseln vor das Rathaus +ziehen, sagen, wir haben sie im Walde eingefangen, und uns den Preis +einfordern. Wenn wir ihn teilen, hat bei El Asr, der Stunde des +Aufbruchs, jeder soviel Geld, daß sein Weg mit Rosen bestreut sein wird +und sich in allen Herbergen die Diener vor uns reichen Männern neigen +werden.«</p> + +<p>»Hamdullilah!« schrien die Krieger, und sie reichten sich die Hände und +tanzten vor Freude. Nur der Scheich und der weise Ali blieben sitzen.</p> + +<p>Als der Tanz aufhörte, sprach der Scheich:</p> + +<p>»O, ihr Kinder des Unverstandes und Väter des Leichtsinnes! Was ihr +planet, würde unser aller Verderben ein. Man würde euch durchschauen, +euch nicht die tausend Silberstücke, sondern die Bastonade geben, sowie +auch elendiglich einkerkern.«</p> + +<p>»Der Scheich hat recht,« sagte Ali düster; denn er dachte an seinen +Vater, den Förster. Da wurden sie alle still, und bleierne Ratlosigkeit +lag über der Versammlung.</p> + +<p>Endlich stand der Scheich auf und hielt eine Rede von solchem +Bilderreichtum und von so hinreißendem Feuer,<span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span> wie sie eben nur von +einem Orientalen gehalten werden kann. Als er geendet hatte, reichten +ihm seine Krieger die Hände, und in aller Augen lag hoher Stolz und +fester Entschluß.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Johannisnacht war gekommen. Auf dem Ochsenkopf wurde ein mächtiges +Johannisfeuer angezündet. Goldig flackerte es auf in der pechschwarzen +Neumondnacht, und alles Volk aus der Stadt vergnügte sich und hatte +sich zum Feste hinaus begeben. Selbst die größeren Kinder genossen in +dieser Nacht Freiheit.</p> + +<p>Jenseits vom Ochsenkopf aber, im Eulenwalde, im Lager der Hullahs, +regte es sich.</p> + +<p>»Wir sind vollzählig beisammen,« sagte der Scheich. »Allah hat keinen +um die Ehre bringen wollen, an der Heldentat, die wir vorhaben, +teilzunehmen. Betet die heilige Fatha!«</p> + +<p>Die Krieger verbeugten sich gegen Mekka, was in der herrschenden +Finsternis leider nach vier verschiedenen Richtungen geschah, dann +wurden die Esel aus dem Stalle geführt und an den Wagen gespannt. Der +Scheich mit zwei Spähern ging voraus, der Wagen mit Begleitung folgte. +Hadschi Ali ben Gorah kommandierte den Nachschub. Mit allerhöchster +Vorsicht schob sich die Karawane weiter. Bei einem Gemüsefelde wurde +Halt gemacht. Der Scheich entlehnte sich von einer Vogelscheuche einen +alten Frack, einen fürchterlichen Zylinder und ein Halstuch; auch +band er sich eine Gesichtslarve vor, die er vom letzten Fasching her +besaß. So ausgerüstet, war er schrecklich anzuschauen. Er entließ nun +mit einer Handbewegung alle seine Krieger und fuhr<span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span> ganz allein hinein +in die feindliche Stadt. Voller Bewunderung sahen die Hullahs dem +unvergleichlichen Helden nach.</p> + +<p>Die Stadt war wie ausgestorben. Was nicht zum Johannisfeuer gegangen +war, steckte in den Häusern. Nur bei einer Straßenlaterne saßen drei +alte Frauen auf den Haustürstufen und schwatzten.</p> + +<p>Als sie das gespensterhafte Gefährt daherkommen sahen, schrien sie +gellend auf, stürzten ins Haus und warfen die Tür hinter sich zu. Das +erste der Weiber wurde ohnmächtig, das zweite schrie in Todesangst +fortwährend, es hätte den Leibhaftigen gesehen, das dritte nahm +Baldriantropfen.</p> + +<p>Fernerhin unbemerkt gelangte der Scheich bis zum Marktplatz. Dort +führte er sein Gespann an einen dunklen Straßeneingang, strängte die +Esel ab, streichelte sie noch einmal zärtlich und verschwand im Dunkeln.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Vom Ochsenkopf kam mit Marschmusik und Hunderten von Fackeln der +Festzug vom Johannisfeuer heim. Voran schritt der Bürgermeister. Es +war in Altenroda nicht Sitte, daß, wie anderwärts, die Obrigkeit die +Volksfeste nur huldvoll genehmigte, mit Steuern belegte und polizeilich +überwachen ließ, sondern sie, die Obrigkeit, mußte mitmachen, sich +persönlich beteiligen. Immer mehr Fackeln erfüllten den Marktplatz, die +Musik dröhnte, der Bürgermeister erklomm die Freitreppe, um die übliche +kleine Ansprache zu halten.</p> + +<p>»Bürgerinnen und Bürger unserer lieben Stadt! Der Johannisabend ist für +alle ein Fest der Freude!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span></p> + +<p>»I—a, i—a!« tönte es von irgendwo her. (Das sind wieder Schulbuben, +die Unfug treiben, denken alle.)</p> + +<p>»Zwar ist es schön und friedlich in den Mauern unserer Stadt, aber +herrlich ist es doch, in holder Sommerzeit einmal hinauszuschweifen +nach Wald und Berg ...«</p> + +<p>»I—a, i—a!«</p> + +<p>Plötzlich ein begeistertes, markerschütterndes Schreien.</p> + +<p>Und nun folgt ein Hexensabbath: »Die Esel! Die Esel!«</p> + +<p>Fackeln drängen nach einer dunklen Ecke.</p> + +<p>»Die Esel! Die Esel!«</p> + +<p>»Was ist los? Was gibt es?«</p> + +<p>»Die Esel sind da! Unsere Esel sind da! Unsere lieben Esel sind da! +Unsere Stadtesel sind da!«</p> + +<p>Die ganze Menge gerät in Tumult. Der Bürgermeister läßt zwei Trompeter +blasen.</p> + +<p>»Ruhe! Was gibt es?«</p> + +<p>Bäckermeister Chibulke schreit mit seiner Löwenstimme über den Platz:</p> + +<p>»Unsere Stadtesel sind da! Hero und Leander. Da stehen sie an der +Eulengasse!«</p> + +<p>»Herbringen! Zeigen! Die Esel! Die Esel!«</p> + +<p>Über den Marktplatz bewegt sich, von vier Männern und zahlreichen +Fackeln begleitet, das Eselsgespann. Die Leute staunen sich die Augen +aus den Köpfen, sie zappeln, schlagen mit den Händen, schreien.</p> + +<p>Vor dem Bürgermeister hält das Gespann. Es tritt tiefe Stille ein. Der +Bürgermeister blickt die Esel entgeistert an.</p> + +<p>»Wo kommen die her?« fragt er.</p> + +<p>»Ich weiß nicht,« sagt der Bäcker. »Am Eingang der Eulengasse haben sie +gehalten, ganz ohne Kutscher.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span></p> + +<p>»Es ist ein Plakat an dem Wagen,« ruft einer.</p> + +<p>»Vorlesen! Vorlesen! Ru—uhe!«</p> + +<p>Ein Mann liest von der Freitreppe aus das Plakat vor, das an dem +Eselswagen war:</p> + +<p>»Bürger von Altenroda!</p> + +<p>Um eurer zahlreichen Sünden und Missetaten willen seid ihr gestraft +worden, daß ihr euer schönes Eselsgespann verloret und die ganze Welt +über euch lachte. Diesmal soll Gnade für Recht ergehen, und ihr bekommt +euer Gespann wieder. Das nächste Mal fällt es strenger aus! Seid also +gut zu euren Armen und nachsichtig mit eurer Jugend! Sonst wehe euch! +Die tausend Mark Belohnung soll die Frau Dröselmann bekommen, die durch +eure Härte des Ernährers beraubt worden ist. Tut ihr das nicht, so +werdet ihr die Esel nicht lange behalten.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Gezeichnet: Die Männer des Rechts.«</span><br> +</p> + +<p>Ein ungeheures Gelächter ging los. Nur die Hullahs standen still und +stolz da, und ihr Scheich hüllte sich schweigend in seinen Burnus.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die tausend Mark wurden wirklich an die Frau Dröselmann gegeben. In +Altenroda herrschte viel zu viel Humor und Biedersinn, als daß das +nicht geschehen wäre. Frau Dröselmann, die ohnehin froh war, daß sie +ihr altes Trinkhuhn von Mann los war, schlug selig die Hände zusammen, +als sie das Geld bekam, und sagte:</p> + +<p>»Gott sorgt! Der Mann ist fort, und die Esel sind da!«</p> + +<p>Darob wurde sie zur städtischen Eselkutscherin ernannt. Sie verrichtete +ihr Amt ausgezeichnet, hielt vor keinem<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span> Wirtshaus, war zuverlässig und +betreute ihre Tiere mütterlich ...</p> + +<p>Nur wenn sie in die Gegend kam, wo die Promenade an den Eulenwald +grenzt, wollten ihr die Grauschimmel allemal durchgehen. Eine unbändige +Sehnsucht zog Hero und Leander nach dem alten Jagdhause im Eulenwalde. +Und wenn sie eine bunte Gymnasiastenmütze sahen, zitterten sie vor +Freude.</p> + +<hr class="r65"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span></p> +<h2>Ansorge</h2> +</div> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-361"> +<img class="w100" src="images/drop-361.jpg" alt=""></figure>ie Ansorge +mit dem Vornamen hieß, wußte in Altenroda kaum ein Mensch. +Etwa bis zum vierzehnten Jahre wurde er »Ansorgerle« gerufen; vom +vierzehnten bis dreißigsten Lebensjahre hieß er »der junge Ansorge«, +von da an schlechtweg »Ansorge« und über das fünfundfünfzigste +Lebensjahr hinaus »Vater Ansorge«. + +<p>»Ansorge« ist ein unvollkommener Name. Man weiß nicht, ob der Mann, der +ihn trägt, reich oder arm »an Sorge« ist. Ist er reich daran, dann ist +er natürlich arm; ist er arm daran, so ist er gewöhnlich reich. Eine +nur scheinbar verzwickte Geschichte, deren Richtigkeit jeder leicht +einsehen wird. Vielleicht kann »Ansorge« auch »Ohnesorge« heißen, wie +kluge Sprachler behaupten, aber das trifft auf unseren Mann nicht zu.</p> + +<p>Mit diesem Ansorge war die Sache überhaupt nicht so einfach wie mit den +Ansorges insgemein; er war nämlich reich an Geldmitteln und trotzdem +auch reich an Sorgen. Und die Angelegenheit gestaltet sich noch +seltsamer, wenn man hört, daß Ansorge persönliche Sorgen nur viermal +im Leben hatte: einmal in seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahre eine +ungetreue Liebste, einmal im siebenunddreißigsten Lebensjahre eine +falsch behandelte Zahnfistel, einmal in seinem dreiundvierzigsten +Lebensjahre die Kündigung seines Prokuristen und einmal im siebzigsten +Lebensjahre die Sorge um die Gesundheit seines Trauergefolges.</p> + +<p>Ansorges Sorgen galten immer anderen Menschen. Weil er sich selber +nicht wichtig vorkam, hatte er auch um sich<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span> selbst keine Sorgen; aber +weil ihm die Schicksale anderer Menschen am Herzen lagen, kam er sein +Lebtag aus dem Kummer nicht heraus.</p> + +<p>Als Knabe machte sich Ansorgerle Schmerzen darüber, daß Paul Distelfink +keinen Springkreisel besaß, da er doch wußte, wie sehr sich der Junge +ein solches Spielzeug wünschte. Da bot er eilig und freundlich dem +Knaben seinen eigenen Kreisel an. Distelfink aber war ein Ruppsack, +sagte, er sei kein Betteljunge, und mochte den Kreisel nicht. Darauf +legte Ansorgerle den Kreisel auf Distelfinks Schulweg und paßte, hinter +einem Strauche versteckt, auf, ob er ihn finden werde. Distelfink fand +den Kreisel und schrie: »Den alten Kreisel trag' ich aufs Fundbüro!«</p> + +<p>Das war eine der fremden Sorgen, von denen Ansorge sehr früh erkannte, +es sei gar nicht so leicht, ihnen abzuhelfen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Eine schlimme Sache war das mit der verunglückten Liebe. Ansorge hatte +Emma Rillek von seinem siebzehnten Jahre an geliebt und sich mit ihr in +seinem zwanzigsten Jahre heimlich verlobt. Emmas Mutter, die Witwe war, +durfte nichts wissen. Sie ahnte auch wirklich dann noch nichts, diese +strenge Frau, als der junge Ansorge ihrer Tochter zum Geburtstag eine +Wäscheaussteuer schenkte, in der allein zwei Schock leinene Handtücher +waren, und nächste Weihnachten eine Zimmerausstattung und einen +Silberkasten. Die Witwe Rillek war arm. Wie soll eine arme Frau auch +gleich auf den Gedanken kommen, ein junger Mann habe mit der Tochter +etwas vor, wenn er ihr einmal einige Sachen schenkt? Ansorge<span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span> freute +sich unbändig, daß die Frau so ahnungslos war, und schenkte Kleider, +Pelzwaren, Küchengeräte, Halsbänder, eine goldene Uhr und solche Dinge +mehr. Die Mutter blieb immer gleich ahnungslos.</p> + +<p>Am 6. Mai wollte Ansorge um Emma anhalten. Dann war er fast +dreiundzwanzig und sie eben sechsundzwanzig geworden. Das rechte Alter +und Verhältnis zum Heiraten.</p> + +<p>Am 3. Mai traf sich Ansorge mit Emma im Eulenwalde. Er hatte immer +Angst, die strenge Mutter könne hinter diese heimlichen Stelldicheine +kommen. Wie schrecklich, wenn sie ihm dann die paar Geschenke, die er +Emma gemacht hatte, zurückschickte!</p> + +<p>An diesem 3. Mai merkte Ansorge seiner Emma eine gewisse Beklemmung an. +Er redete ihr liebevoll zu, sich doch ja keine Sorgen zu machen und ihm +alles anzuvertrauen, was sie drücke. Da brachte Emma endlich heraus:</p> + +<p>»Ansorge, du könntest mir einmal einen Gefallen tun.«</p> + +<p>Er sagte, daß er sich gern gefällig zeigen werde.</p> + +<p>»Aber es ist ein großer, schwerer Gefallen!«</p> + +<p>»Das tut nichts,« sagte Ansorge und lachte sie aufmunternd an.</p> + +<p>Da schluckte sie ein paarmal, wurde knallrot und sagte dann stockend:</p> + +<p>»Ich möchte — daß du einwilligst — daß ich den Paul Distelfink +heirate.«</p> + +<p>Erst verstand er sie nicht.</p> + +<p>»Wie?« fragte er. »Bitte, sage es noch einmal!«</p> + +<p>Da ergoß sich eine Flut von Worten über ihn. Es sei ja bloß deshalb +so gekommen, weil sie doch eben Nachbarskinder gewesen seien, +der Distelfink und sie, beide —<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> wie er ja wohl wisse — in der +Gerbergasse aufgewachsen. Da komme halt so was. Und dann, er solle ihr +doch den Gefallen tun und einwilligen — es ginge überhaupt nicht mehr +anders.</p> + +<p>Er schritt ganz still neben ihr her. Eine große Sorge, ein schwerer +Herzenskummer war plötzlich über sein eigenes Leben gekommen. Sie +redete immer weiter, weinte, sagte, daß sie todunglücklich würde, wenn +er nicht nachgäbe.</p> + +<p>Da gab er nach. Beim Abschiede war er freundlich, er tröstete sie und +wollte ihr sogar — wie immer — ein Goldstück für »kleine Ausgaben« +schenken. Aber stolz — wie ehedem der Knabe Distelfink den Kreisel — +schlug sie das Goldstück aus.</p> + +<p>Noch in der Nacht desselben Tages wurde der junge Ansorge sehr krank. +<em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz betreute ihn. Schicketanz hatte in Prima +gesessen, als Ansorge in der Untertertia sitzen blieb, hatte es aber +nicht verschmäht, sich von dem reichlichen Taschengelde des so tief +unter ihm stehenden Mitschülers damals immer das Tabaksgeld zu leihen, +das er bis heutigen Tags nicht wiedergegeben hatte. Nun war Schicketanz +Arzt in Altenroda, Ansorge der Besitzer der von seinen frühverstorbenen +Eltern ererbten Fabrik, und nun saß <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz an dem +Krankenlager des Ansorge.</p> + +<p>Sie siezten sich. Einer, der schon in Prima war, da der andere in +Untertertia kleben blieb, kann unmöglich zu ihm »du« sagen, wenn nicht +etwa das Leben es später so besonders eigentümlich gefügt hat.</p> + +<p>»Lieber Herr Ansorge,« sagte <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz nach achttägiger +Behandlung, »organisch sind Sie gesund. Ihr<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> ganzes Übelbefinden — daß +Sie nicht essen und schlafen können, daß Sie natürlich dadurch abmagern +und schlaff werden, sich elend fühlen — beruht auf nervöser Grundlage. +Zunächst müssen Sie mal erst etwas zu Kräften kommen, dann schicken wir +Sie auf Reisen.«</p> + +<p>Er ist ein guter Arzt, dachte Ansorge. Was der Grund zu den nervösen +Grundlagen seines Todkrankseins war, erzählte er dem Doktor nicht. Das +war auch nicht nötig. Ganz Altenroda wußte Bescheid.</p> + +<p>In dieser sorgenvollen Zeit seines Lebens quälte sich der junge +Ansorge besonders mit der einen Frage: Ob sie mir wohl meine Geschenke +zurückschicken werden?</p> + +<p>Die Geschenke kamen nicht zurück. Da freute sich Ansorge und sagte zu +sich selber: »Es sind doch rücksichtsvolle Menschen. Das tun sie mir +nicht an.«</p> + +<p>Auch an Distelfink dachte er nun freundlicher. Damals mit der Abweisung +des Kreisels hatte ihn Distelfink gekränkt. Nun nahm er — was ihm +gewiß schwer wurde — die mancherlei Sachen, die er der Emma verehrt +hatte, an. Das war nett von dem Distelfink. Überhaupt — alles hätte er +haben können, nur gerade die Emma hätte er ihm nicht nehmen sollen.</p> + +<p>Über die Bitternis dieses Gedankens kam Ansorge wochenlang nicht +hinweg, und <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz hatte zu tun, ihn aufrecht zu +erhalten.</p> + +<p>Dann ging der junge Ansorge zwei Jahre auf Reisen.</p> + +<p>Als er gesund und kräftig zurückgekommen war, erschien eines Tages Paul +Distelfink in seinem Privatkontor und sagte:</p> + +<p>»Alter Freund, ich komme mit einer Bitte. Emma und ich haben gestern +das dritte Kind bekommen. Es ist unser<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> erster Junge. Nun wollen wir +dich herzlich bitten, Pate zu sein. Es soll ja Glück bedeuten und eine +Ehre sein, wenn man beim ersten Jungen aus einer Ehe Pate ist. Nun, +Ehre und Glück hast du ja wohl nicht nötig, aber uns nähmst du halt +eine Sorge ab, wenn du Pate wärst.«</p> + +<p>Ansorge sah den Bittsteller mit seinen stillen Augen an. Er überlegte. +Er überlegte lange. Dann sagte er sich: »Warum soll ein kleiner +unschuldiger Junge keinen Paten haben?« Und er sagte zu.</p> + +<p>Zwei Tage nach der Taufe kam die Mutter Emmas, die Witwe Rillek, ins +Privatkontor, flennte und sagte:</p> + +<p>»Ach, Herr Ansorge, Sie sind gewiß der beste Mensch von der Welt. Meine +Emma, meine Emma, nein, diese schreckliche Gans. Ich muß mich einmal +aussprechen zu Ihnen, Herr Ansorge, sonst drückt es mir noch das Herz +ab. Ich denke immer, Sie könnten eine schlechte Meinung von mir haben. +Aber ich war unschuldig, Herr Ansorge, ganz unschuldig. Ich habe schon, +als Sie siebzehn Jahre alt waren und die Emma zwanzig, gemerkt, daß Sie +wohl dem Mädel gewogen waren, und es war mein Stolz. Aber das dumme +Ding, das vermaledeit dumme Ding, und der Kerl, der Distelfink, der +keine drei Taler in der Tasche hat — o, Herr Ansorge, wenn Sie wüßten, +wie oft ich das dumme Mädel gehauen und ihr immer gesagt habe: daß du +ja den Ansorge nimmst, der ein so anständiger Mensch ist und dir so +noble Geschenke macht! Sie hat's nicht getan!«</p> + +<p>Ansorge saß ganz still da. Das war also die gestrenge Mutter, vor der +er sich gefürchtet hatte!</p> + +<p>»Womit könnte ich Ihnen denn dienen, Frau Rillek?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span></p> + +<p>»Ach Gott, Herr Ansorge, sehen Sie mal, wie halt doch das Leben teuer +ist, und dann die vielen Krankheiten! Die Älteste von der Emma, die +Pauline, hat dreimal Zahnkrämpfe gehabt. Die zweite, die Meta, haben +wir impfen lassen müssen, Distelfink war drei Wochen in Behandlung +wegen eines Nackengeschwürs, und ich mußte auch ein paarmal zum Arzt +wegen meines Reißens. So haben sich halt beim <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz +— er verteuert ja die Leute — hundertzehn Mark angesammelt, und nun, +wo wir schon wieder das dritte haben — die Hebamme, das unverschämte +Weib, hat zwanzig Mark verlangt — wer soll nun die hundertzehn Mark an +Schicketanz bezahlen?«</p> + +<p>»Die bezahle ich!« sagte Ansorge.</p> + +<p>»Ich danke!« sagte Frau Rillek und flennte.</p> + +<p>So war die Geschichte von Ansorges Liebe zu Ende und seine erste +persönliche Sorge vorbei.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die zweite persönliche Sorge hatte Ansorge im siebenunddreißigsten +Lebensjahr durch ein Zahngeschwür. Er hatte einen Freund, der ein guter +Zahnarzt war. Doktor Neumann hieß er. Als Ansorge aber eines Tages +heftige Zahnschmerzen bekam, überlegte er tagelang, ob er zu <em class="antiqua">Dr.</em> +Neumann gehen solle. Es wohnte nämlich an der nächsten Straßenecke ein +Dentist, ein junger Anfänger, mit dem es nicht vorwärts ging und der +Ansorge auf der Straße immer mit einem demütig bittenden Blick ansah, +aus dem deutlich zu lesen war: »Sei doch so gut, du reicher Mann, +kriege einmal Zahnschmerzen und komme dann zu mir!« Also, <em class="antiqua">Dr.</em> +Neumann hatte eine große Praxis und war wohlhabend, der Dentist war<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span> +ein armer Teufel. Vertrauen hatte Ansorge zu dem jungen Manne nicht, +aber die Menschenliebe gebot ihm, den armen Anfänger zu unterstützen. +Er ging mit seinen verschleppten Zahnschmerzen zu ihm.</p> + +<p>Am dritten Tage, an dem der Dentist den sehr schwierig liegenden Fall +Ansorges behandelte, geriet der Patient in Lebensgefahr. Es trat +schwere Blutvergiftung ein. <em class="antiqua">Dr.</em> Neumann und eine eiligst aus +der Hauptstadt herbeigerufene medizinische Größe hatten Mühe, das +Leben Ansorges zu erhalten. Furchtbare Qualen hatte der Arme bereits +ausgestanden; nun wurde ihm durch eine Operation der Kiefer zerstemmt, +die Wange geschlitzt.</p> + +<p>Wochenlang war Ansorge schwer krank. Als er genas und im Spiegel sein +verunstaltetes Gesicht sah, das bisher immer so hübsch rund und so +glatt rasiert gewesen war, beschloß er, sich einen Vollbart wachsen +zu lassen. Er hatte sein Lebtag Vollbärte nicht ausstehen mögen, aber +nun war es nötig, das Wundmal durch einen Bart zu verdecken, damit die +Leute nicht immer an den Mißerfolg des Dentisten erinnert wurden und +der arme Schlucker am Ende seine geringe Praxis ganz einbüßte.</p> + +<p>Der Dentist aber war so wie so pleite. Kein Mensch suchte ihn mehr auf; +denn ganz Altenroda sprach von dem schweren Unfall Ansorges. Da kam der +Zahnheilkünstler eines Tages zu Ansorge und bat ihn ganz zerknirscht um +Verzeihung.</p> + +<p>»Ich bin selber halb gestorben vor Angst um Sie, Herr Ansorge! Ich habe +mich zu zeitig selbständig gemacht; daran liegt's. Ich hätte lieber, +was die Zahnheilkunde betrifft, noch manches dazu lernen sollen.«</p> + +<p>»Ja!« sagte Ansorge leise.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span></p> + +<p>»Von Altenroda muß ich weg,« fuhr der Dentist betrübt fort. »Die Leute +haben das Vertrauen zu mir verloren. In Magdeburg könnte ich eine +Gehilfenstelle bekommen und vieles lernen; aber ich habe Schulden. Wenn +ich jetzt meine Instrumente verkaufe, kann ich später nicht mehr neu +anfangen; denn diese Sachen werden von Tag zu Tag teurer.«</p> + +<p>»Wie viel haben Sie denn Schulden?« fragte Ansorge nebenher.</p> + +<p>»Tausend Mark,« sagte der Dentist und errötete.</p> + +<p>»Und dann brauchen Sie ja wohl noch Geld für die Übersiedelung nach +Magdeburg?«</p> + +<p>Der Dentist nickte und seufzte.</p> + +<p>»Ja, das ist schlimm,« sagte Ansorge und stand auf. Er setzte sich aufs +Sofa, wo, wie immer, sein Dachshund lag, und kraute in Gedanken dem +Hunde die Kehle. Der knurrte nach dem Dentisten hinüber. Das sollte +heißen:</p> + +<p>»Wenn du willst, beiße ich ihn hinaus!«</p> + +<p>Ansorge steckte dem Köter ein Stück Zucker ins Maul, das er für solche +und ähnliche Fälle immer in der Rocktasche hatte, trat ans Fenster +und sah auf die Straße. Die Höllenqualen, die er ausgestanden hatte, +fielen ihm ein, die schwere Operation, die Verunstaltung des Gesichtes, +der Vollbart, der spitz, lückig und unschön um seinen Mund sproßte, +schließlich auch die hohe Rechnung, die die medizinische Größe aus der +Großstadt geschickt hatte. »Lieber Herr Dentist Hornriegel,« wollte er +sagen, »ich trage Ihnen nichts nach. Für Magdeburg wünsche ich Ihnen +viel Glück; weiter kann ich aber nichts für Sie tun.«</p> + +<p>Als er sich jedoch umwandte und das zerknirschte Gesicht<span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span> des jungen +Mannes sah, sagte sich Ansorge, es sei unrecht, in einem solchen +Falle hartherzig zu sein. So sagte er etwas ganz anderes, als er sich +vorgenommen hatte:</p> + +<p>»Na, in Gottes Namen, Herr Hornriegel, da werde ich Ihnen halt +tausendfünfhundert Mark leihen; da wird's wohl reichen.«</p> + +<p>Aus Hornriegels vielen mit Tränen betauten Dankesworten blieb Ansorge +nur die ständig wiederkehrende Beteuerung im Sinn:</p> + +<p>»Sie werden sehen, Herr Ansorge, ich bin kein Unwürdiger. Ich bin +strebsam; ich werde noch ein tüchtiger Dentist werden. Und Ihr Geld +kriegen Sie wieder!«</p> + +<p>Als Hornriegel mit den tausendfünfhundert Mark abgezogen war, setzte +sich Ansorge wieder zu seinem Dackel aufs Sofa. Das Vieh drehte ihm den +Schwanz hin. Das war das schlimmste Zeichen seiner Verachtung. Nicht +einmal ein Stück Zucker nahm der erzürnte Vierbeiner an.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Jahre vergingen. An seinem vierzigsten Geburtstag, als die Festgäste +alle gegangen waren, saß Ansorge abermals bei seinem Dackel, der +unterdes eine weiße Schnauze bekommen hatte.</p> + +<p>»Dackel,« sagte er; »jetzt sind wir vierzig Jahre alt geworden. Ins +Schwabenalter sind wir gekommen. Meinst du, daß wir jetzt weise werden?«</p> + +<p>Der Hund schüttelte den Kopf, daß ihm die Ohren klatschten. Er will +sagen, dachte Ansorge: ich war schon immer weise, du wirst es nie. Und +in diesem Augenblicke fiel ihm der Dentist ein, von dem er nie wieder +etwas gehört hatte, von dem er gar nicht wußte, ob er überhaupt nach +Magdeburg gezogen war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span></p> + +<p>Eine halbe Stunde der Träumerei verging. Der Hund knurrte und bellte +leise im Schlaf. Vielleicht träumte ihm von dem Dentisten, den er +einmal hatte hinausbeißen wollen, dieses aber damals nicht gedurft +hatte ...</p> + +<p>Am nächsten Tage bekam Ansorge einen Brief.</p> + +<p>»Verehrter Herr Ansorge!</p> + +<p>Bitte um Verzeihung, daß ich mich nicht eher gemeldet habe. Mir +ist es indes sehr unterschiedlich, meist recht schlecht ergangen. +Aber nun habe ich es geschafft. Ich bin selbständiger Dentist in +einer hannoverischen Mittelstadt, und mein Kundenkreis wächst von +Woche zu Woche. Mißerfolge habe ich nicht mehr gehabt; ich habe in +den Jahren viel gelernt. Seit einem Vierteljahr bin ich glücklich +verheiratet. Die Neueinrichtung hat viel gekostet, sonst könnte +ich Ihnen die tausend Mark, mit denen Sie mir aus bitterster Not +geholfen haben, bald zurückzahlen. So muß ich Sie bitten, heute mit +der ersten Ratenzahlung von fünfhundert Mark zufrieden zu sein. Das +andere und die aufgelaufenen Zinsen folgen binnen einem Jahre nach. Im +»Altenrodaer Stadtblatt«, das ich immer noch mithalte, las ich, daß +der so hochbeliebte Bürger der Stadt, Herr Ansorge, seinen vierzigsten +Geburtstag feiert. Bitte, nehmen Sie auch einen herzlichen Glückwunsch +an von Ihrem fürs ganze Leben dankbaren</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;"><em class="gesperrt">Hornriegel</em>, Dentist.«</span><br> +</p> + +<p>Mit diesem Briefe in der Hand stand Ansorge lange still da. Er sagte +sich:</p> + +<p>»Da war nun wieder einmal so etwas wie eine Sorge in mein Leben +gekommen. Und nun ist sie zu nichts geworden; sie ist durch eine große +Freude aufgewogen worden.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span></p> + +<p>Dann schlug er den Dackel, der auf dem Sofa lag, auf den Buckel und +sagte mit einem glücklichen Lachen:</p> + +<p>»Ach, Dackel, was bist du doch für ein dummer Kerl!«</p> + +<p>Der Hund brummte.</p> + +<p>Er will sagen, dachte sich Ansorge, es hätte ja auch anders kommen +können. Aber es blieb eine große Freude in ihm. Und seine zweite +persönliche Sorge war aus.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ansorge war ein tüchtiger Kaufmann. Er verstand es, mit seiner +Arbeiterschaft und seiner Kundschaft ganz ausgezeichnet umzugehen, und +wenn sich sein Reichtum trotz hoher Einnahmen nicht vermehrte, so lag +das daran, daß die klugen Stadtväter von Altenroda Herrn Ansorge zum +Armendirektor gewählt hatten. Die Stadtväter wußten genau, so lange +Ansorge Direktor war, brauchten sie den Armenetat nicht zu erhöhen; +denn Ansorge leistete Riesenzuschüsse aus eigener Tasche. Dabei lebte +er selbst äußerst bescheiden, ja, er schränkte sich ein. Als er aber +einmal aus irgend einem Anlaß eine gute Flasche Wein für drei Mark +trank, drohte ihm der Stadtkämmerer mit dem Finger und sagte:</p> + +<p>»Direktorchen, Direktorchen, leben Sie nicht über die Verhältnisse der +Stadt!«</p> + +<p>Am meisten kosteten Ansorge die Kinder, zumal zu Weihnachten. Dieses +liebliche Fest plünderte seine Kasse meist vollständig aus. Vom +fünfundfünfzigsten Lebensjahre an bekam der Wohltäter den Namen »Vater +Ansorge«, den er, der nie eigene Kinder gehabt hatte, mit Stolz trug.</p> + +<p>Der Apotheker, der manchmal gebildete Reden führte, sagte einmal im +»Goldenen Löwen«, Ansorge sei der<span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span> stärkste Altruist, der ihm begegnet +sei. Alle Stammtischgäste nickten ihm Beifall zu, obwohl keiner wußte, +was ein Altruist sei. Ansorge schüttelte den Kopf. Er sagte nichts, +aber er dachte sich: Wenn Ihr nur wüßtet, was ich für ein Egoist bin. +Wer etwas Gutes unterlassen hat, ist in schlechter Stimmung. Das Essen +und die Zigarre schmecken ihm nicht, er ist unfroh und fühlt sich +elend. Wie anders fühlt sich der Mensch nach einer guten Tat. Ganz +herrlich ist das Hochgefühl, das er hat. Es ist, als ob die Seele ein +Bad genommen und sich darauf an etwas ganz Gutem satt gegessen und satt +getrunken hätte. Und dieses Wohlgefühl geht auf den Körper über. Wer +Gutes tut, tut es in erster Linie sich selber.</p> + +<p>Ganz und gar unzufrieden mit Herrn Ansorges Wohltätigkeitssinn war der +Prokurist seines Geschäfts, Herr Sperlich. Mit Ingrimm sah Sperlich, +wie die hohen Reinerträgnisse, die er, der langjährige treue Beamte, +aus dem Unternehmen herauswirtschaftete, aus Ansorges allezeit offenen +Händen verrannen. Man hätte die Anlage vergrößern, das Geschäft +verdoppeln können, wenn eben nicht diese unselige Verschwendungssucht +des Chefs gewesen wäre.</p> + +<p>Der Ruf von Ansorges Wohltätigkeitssinn war inzwischen weit über die +Grenzen von Altenroda hinausgedrungen. Von weither kamen Bittbriefe. +Einmal kam ein solcher aus Hamburg. »<em class="antiqua">Dr.</em> Meier, Schriftsteller,« +war er unterzeichnet. Was sich alles unter dem ehrlichen Namen +»Schriftsteller« verbirgt, ist schauerlich. Aber das wußte Ansorge +nicht, auch flößte ihm der Doktortitel Vertrauen ein. Der Brief +erschütterte ihn. Er gab das Bild einer menschlichen Lebenstragödie, +herzbewegender,<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span> unverschuldeter Leiden, und endete in dem Hilferuf:</p> + +<p>»Sie, edler Herr, sind meine letzte Hoffnung. An Ihnen liegt es, ob +ich weiter leben, weiter schaffen kann, oder ob ich untergehen muß. +Nächsten Freitag abends sechs Uhr schlägt meine Schicksalsstunde. +Habe ich dann nicht sechshundert Mark in der Hand, so ist es aus mit +mir. Es bleibt mir dann nichts übrig, als mich noch am selben Abend +aufzuhängen. Einen Revolver besitze ich nicht, kann auch keinen +kaufen. Meine arme, unschuldige Familie muß ich dann ihrem Schicksal +überlassen. Nun entscheiden Sie, was geschehen soll.«</p> + +<p>Dieses Schreiben zeigte Ansorge seinem Prokuristen. Sperlich pfiff +leise durch die Zähne und legte den Brief auf den Schreibtisch.</p> + +<p>»Nun?« fragte Ansorge.</p> + +<p>Aber Sperlich war schon wieder in seine Arbeit vertieft, und Ansorge +wollte ihn nicht stören. Also ging er leise hinaus. Er hatte ohnehin zu +tun. Draußen vor der Stadt lebte eine Witwe, die sich durch Weißnähen +ernährte. Sie hatte einen einzigen Sohn, einen hübschen, intelligenten +Bengel, an dem sie in abgöttischer Liebe hing. An was sollte auch das +arme Weib, das nichts auf der Welt besaß als dieses Kind, sein Herz +sonst hängen? Ansorge hatte dem Jungen eine gute Lehrlingsstelle bei +einem Optiker verschafft. Was tat der Lumpazius? Bestahl seinen Chef +um hundertfünfzig Mark. Da war er denn hinausgeworfen worden, und der +empörte Optiker drohte außerdem mit Anzeige.</p> + +<p>Der Fall hatte Eile. War der Anzeigebrief erst beim Gericht, so war +nichts mehr zu wollen. Also hin zum Optiker! <em class="antiqua">Dr.</em> Meier in +Hamburg mußte warten. Es<span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span> war erst Montag, und Meiers Schicksalsstunde +schlug erst Freitag abend um sechs. Hier galt es zunächst, dem +Optiker die hundertfünfzig Mark zu ersetzen, die der schreckliche +Junge verlumpt hatte. Allein fünfunddreißig Mark für eine Busennadel +mit Brillanten hatte der Kerl ausgegeben. Ansorge mußte lachen, wenn +er an dieses Schmuckstück dachte. Am besten wäre es natürlich, der +Optiker nähme den Jungen, der bittere Reuetränen vergoß, wieder auf. +Ein deutlicher Denkzettel würde dem Bürschlein genügen. War aber der +Optiker harthörig, nun, so blieb Ansorge wohl nichts übrig, als den +jungen Fant zunächst im eigenen Betriebe zu beschäftigen und ihn im +Auge zu behalten, natürlich, ohne sein ohnehin verletztes Ehrgefühl +weiter zu kränken.</p> + +<p>Gegen elf Uhr kam Ansorge nach Hause. Er war hundertfünfzig Mark los +geworden und hatte den diebischen Jungen auf dem Halse. Etwas nervös +trat er ins Büro.</p> + +<p>»Wir wollen jetzt den Hamburger Brief erledigen,« sagte er.</p> + +<p>»Ist schon erledigt,« brummte der Prokurist Sperlich.</p> + +<p>»Ah, Sie haben die sechshundert Mark hingeschickt?«</p> + +<p>»Nein, das nicht; ich habe was ganz anderes hingeschickt?«</p> + +<p>»Was denn?«</p> + +<p>»Einen Strick. Der Mann will sich ja doch aufhängen; da wollte ich ihm +gefällig sein.«</p> + +<p>»Herr Sperlich, Sie erlauben sich einen merkwürdigen Scherz.«</p> + +<p>»Es ist kein Scherz, Herr Ansorge. Ich habe tatsächlich einen neuen +hanfenen Strick an diesen <em class="antiqua">Dr.</em> Meier nach Hamburg geschickt. Und +zwar als Eilpaket.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span></p> + +<p>»Herr — Herr Sperlich — wenn das wahr ist ...«</p> + +<p>»Es ist wahr!«</p> + +<p>»Dann — dann sind Sie entlassen!«</p> + +<p>»Wie sagten Herr Ansorge?«</p> + +<p>»Wenn das wahr ist, daß Sie nach Hamburg den — den Strick gesandt +haben, sind Sie entlassen.«</p> + +<p>»Schön!« sagte der Prokurist. Er legte seine Schreibsachen pedantisch +gerade, wischte die Feder sorgsam am Tintenputzer ab, stand dann +langsam auf, rückte den Schreibtischstuhl zurecht, nahm seinen Hut vom +Kleiderhaken, sagte: »Guten Tag, Herr Ansorge,« und ging nach Hause.</p> + +<p>Das geschah alles in so großer Gelassenheit, daß Ansorge wie in +Betäubung dastand. Erst allmählich wachte er auf.</p> + +<p>Ungeheuerliches war geschehen. Er hatte jemand gekündigt, nein, nicht +gekündigt, sondern Knall und Fall entlassen. Sperlich! War denn +das möglich? Aber der Mann hatte ja ein Verbrechen begangen, hatte +einem Verzweifelten den letzten Mut genommen, einen mit dem Tode des +Ertrinkens Ringenden vollends unter Wasser getaucht. Und die Familie, +die arme Familie des Doktor Meier!</p> + +<p>Ein dringendes Telegramm wurde aufgesetzt. Tausend Mark gingen +telegraphisch nach Hamburg, dazu die Bemerkung: »Eilpaket +bedauerlichstes Mißverständnis. Fassen Sie Mut, helfe Ihnen weiter. +Ansorge.«</p> + +<p>Als Ansorge dieses Telegramm persönlich abgegeben und seine tausend +Mark losgeworden war, fühlte er sich wohler. Gegen Sperlich hatte er +großen Groll. Solche Gemütsroheit hätte er dem Manne nie und nimmer +zugetraut.<span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span> Sperlich war Vorsitzender des Tierschutzvereins. Wer konnte +von einem solchen Manne auch nur eine Unzartheit erwarten? Und dieses +Benehmen, dieses Absenden eines Strickes an einen Menschen, der in +Verzweiflung war! Ein Rätsel, ein unerforschbares Rätsel! Außerdem +war Sperlich ein schlechter Geschäftsmann. Mit sechshundert Mark wäre +der Fall zu erledigen gewesen, nun, nach der furchtbaren Kränkung, +die Doktor Meier in Hamburg erlitten hatte, mußte natürlich eine Art +Sühnegeld gezahlt werden. (Das waren also die vierhundert Mark, die +Ansorge über die geforderte Summe geschickt hatte.) Diesen Verlust von +vierhundert Mark hatte er Herrn Sperlich zu verdanken.</p> + +<p>Eine unruhige Nacht verging. Am nächsten Morgen Punkt acht war +Ansorge im Büro. Sperlichs Platz war leer. Sperlich war als der +Gewissenhafteste aller Angestellten sonst schon immer um drei Viertel +acht da. Also, da er um drei Viertel acht nicht gekommen war, kam er +überhaupt nicht. Er hatte die Kündigung ernst genommen.</p> + +<p>Herrn Ansorge faßte eine leise Übelkeit an. Vierundzwanzig Jahre war +Sperlich im Geschäft. Eine Perle von Ehrlichkeit und Tüchtigkeit! +Dukatengold von Charakter! Nächstes Jahr sollte Sperlich sein +fünfundzwanzigstes Geschäftsjubiläum feiern, und Ansorge zerbrach sich +schon wochenlang den Kopf über das Festprogramm. Und nun? Kündigte ihm! +Nein, warf ihn hinaus!</p> + +<p>Ansorge war überzeugt, daß ihn ganz Altenroda als einen rohen, +undankbaren Patron ansehen würde, wenn dieser Hinauswurf des allgemein +geschätzten Herrn Sperlich<span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span> bekannt wurde. Vielleicht würden die +Arbeiter in einen Proteststreik treten. Dann — das nahm sich Ansorge +vor — würde er unter jeder nur irgend annehmbaren Bedingung seine +Fabrik verkaufen, seine Vaterstadt verlassen, um irgendwo auf der Welt +einsam und fremd sein Leben zu beschließen.</p> + +<p>So nervös geworden — schickte Ansorge einen Boten in Sperlichs Wohnung +mit der Anfrage, ob etwa Herr Sperlich nicht wohl wäre, da er nicht +im Geschäft sei. Der Bote kam zurück und meldete: »Herr Sperlich ist +verreist.« Das ganze Personal machte erstaunte Augen. Ansorge las aus +diesem Erstaunen schweres Mißtrauen und heftige Vorwürfe gegen sich +selbst.</p> + +<p>Zwei Tage später saß Ansorge entgeistert vor einem Briefe.</p> + +<p>»Auskunftei Spürvogel, Hamburg.</p> + +<p>Auf die von Ihrer Firma an uns gerichtete Anfrage erwidern wir +ergebenst folgendes:</p> + +<p>›Schriftsteller‹ <em class="antiqua">Dr.</em> Meier ist ein sogenanntes verbummeltes +Genie. Er ist ein total verlumptes Individuum, das wegen +Eigentumsvergehen und Schwindeleien aller Art schon oft mit dem +Strafrichter Bekanntschaft gemacht hat. Neuerdings verlegt er sich +berufsmäßig auf die Herstellung wirksamer Bettelbriefe, die er an +Personen verschickt, die als besonders wohltätig gelten. Meier erzielt +durch seine Manipulationen oft größere Beträge. Er sucht in seinen +Briefen immer besonderes Mitleid mit seiner bedrohten Familie zu +erwecken. Meier hat aber keine Familie; er ist alter Junggeselle. +Auch ist ein besonderer Trick Meiers, mit Selbstmord zu drohen, falls +er bis zu einer gewissen Stunde die geforderte Summe<span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span> nicht erhält. +Darüber macht er dann beim Weine seine besonderen Scherze. Wenn er +einen größeren Erfolg gehabt hat, lädt er seine intimsten Freunde und +Freundinnen zum Weine und sagt beim ersten Glase: ›Na, prosit auf das +dumme Luder!‹ Es ist nicht weiter notwendig zu warnen, dem Schwindler +auch nur die geringste Summe leih- oder geschenkweise zu gewähren.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Hab' einer tausend Mark abgeschickt und krieg' einer einen solchen +Brief!</p> + +<p>Ansorge las die »Auskunft«, die ja wohl Herr Sperlich von der Firma aus +noch veranlaßt hatte, immer aufs neue.</p> + +<p>So ein Lump! So ein Lump!</p> + +<p>Dem hatte er tausend Mark geschickt!</p> + +<p>Und der merkwürdige Toast, der in der »Auskunft« erwähnt war, der war +ja nun in Hamburg wohl längst auf ihn — Herrn Ansorge — ausgebracht +worden. Vielleicht war er zweimal ausgebracht worden, weil Ansorge ja +mehr geschickt hatte, als von ihm verlangt worden war.</p> + +<p>Ein dummes ...</p> + +<p>Danke schön!</p> + +<p>Ansorge war kreideweiß. Er stand auf, zerriß den Brief der Auskunftei +in hundert Fetzen und ging krank nach Hause.</p> + +<p>In der Nacht bekam er Schüttelfröste. In einem fiebrigen Traume sah er +Herrn Sperlich, seinen unersetzlichen Prokuristen, vor einem Hamburger +Großhandelsherrn stehen, der ihm die Hand reichte und sagte:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span></p> + +<p>»Also, Herr Sperlich, ich engagiere Sie! Wir hier in Hamburg wissen um +<em class="antiqua">Dr.</em> Meier und Konsorten Bescheid.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wie eine weiße, angeschossene Taube war Ansorges Seele. Rund um seine +reine Menschenliebe sah er die wilden Jäger roher Selbstsucht lauern.</p> + +<p>Und da kam ihm ein Gottesgeschenk an Trost.</p> + +<p>Ein kleines Mädelchen lebte in der Vorstadt, das Kind eines +Eisenbahners, der in seinem Beruf zu Tode verunglückt war. Das Kind +war vier Jahre alt, seine verwitwete Mutter fünfundzwanzig. Das Weib +sah dem jäh dahingerafften Gatten in verzehrender Trauer nach. Ihr +einziges Lebensglück war das vierjährige Mädchen. Das fiel beim Spielen +in den durch Gewitter hochgeschwollenen Fluß. Und es wurde gerettet. +Durch den einzigen fähigen Kerl gerettet, der zufällig in der Nähe war. +Und dieser einzige zu einer Lebensrettung fähige Kerl war der Sohn +der Weißnäherin, der Lumpazius, der seinem Chef hundertfünfzig Mark +gestohlen hatte und zurzeit nur darum nicht weit weg von Altenroda in +einer Besserungsanstalt war, weil ihn Ansorge davor bewahrt hatte.</p> + +<p>Ansorge ging zu der Mutter des geretteten Kindes. Sie sagte ihm: »Ach, +Herr Ansorge, wenn Ihr Lehrling, der junge Schmiedecke, nicht gewesen +wäre, da wäre ja alles, alles dahin! Ich habe ihm meinen goldenen +Fingerring angeboten, aber er hat ihn nicht gewollt.«</p> + +<p>Ansorge ging in sein Geschäft, nahm sich den »Lumpazius« vor und führte +folgende Unterhaltung mit ihm:</p> + +<p>»Schmiedecke, du weißt, daß du einmal ein Lump gewesen bist.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span></p> + +<p>»Ja,« sagte Schmiedecke beklommen.</p> + +<p>»Schmiedecke, ich sage dir, das mit der kleinen Trudel, das war +eine Edeltat, und daß du den Fingerring nicht angenommen hast, war +vielleicht noch mehr. Schmiedecke, ich hoffe, du wirst Karriere machen!«</p> + +<p>Da fing der Junge so an zu weinen, daß Ansorge flink hinausging.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war abends neun Uhr. Ansorge saß an seinem Schreibtisch, hatte einen +Briefbogen vor sich und grübelte. Der Prokurist Sperlich!</p> + +<p>Ansorge hatte sich überwunden, nochmals zu Frau Sperlich geschickt +und sich nach ihrem Gatten erkundigen lassen. Er sei in einer +Sommerfrische, es gehe ihm gut, ließ Frau Sperlich sagen, und sie danke +für die freundliche Nachfrage.</p> + +<p>Was tut der Chef eines Unternehmens mit einem Angestellten, der auf +eigene Faust ohne Urlaub wochenlang in die Sommerfrische geht, der +sagen läßt, es ergehe ihm gut da, und er danke für die freundliche +Nachfrage?</p> + +<p>Entläßt ihn! Jawohl, aber das ging hier nicht an; denn Sperlich war +schon entlassen. War bei Lichte besehen ein Mann, der von der Firma +Ansorge aus tun und lassen konnte, was er wollte.</p> + +<p>Was sollte man so einem Manne schreiben?</p> + +<p>Ansorge saß drei Stunden lang vor dem leeren Briefbogen. Es war nicht +der geschäftliche Verlust, der ihn bewegte. Einen neuen tüchtigen +Prokuristen, der sich voraussichtlich rasch einarbeiten würde, hatte +ihm ein Geschäftsfreund empfohlen. Er brauchte nur zuzugreifen.<span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span> Aber +er wollte den alten, treuen Menschen, den Dukatencharakter zurückhaben.</p> + +<p>Um elf ging Ansorge schlafen. Um eins stand er wieder auf. Er schrieb +auf den Briefbogen:</p> + +<p>»Lieber Herr Sperlich!</p> + +<p>Was zwischen uns geschehen ist, geschah von mir aus im Affekt. Ich +weigere mich nicht, über mein damaliges Verhalten mein Bedauern +auszusprechen. In der Sache selbst hatten Sie nämlich recht. Wenn Sie +die Kündigung als nicht geschehen ansehen und die alten für meine +Firma wertvollen Beziehungen aufrechterhalten wollen, so bitte ich um +bezüglich Nachricht. Für den Fall Ihres Wiedereintritts in die Firma +gebe ich Ihnen weitere drei Wochen Urlaub.«</p> + +<p>Dieser Brief ging am 3. August von Altenroda ab. Am 5. August, früh +drei Viertel acht, saß der Prokurist Sperlich in seinem Büro und +arbeitete, ohne vom Pult aufzusehen.</p> + +<p>Drei Tage später sagte Ansorge zu Sperlich:</p> + +<p>»Was meine Wohltätigkeitsbestrebungen anlangt, so mögen, Herr Sperlich, +in Zukunft <em class="gesperrt">Sie</em> die auswärtigen Angelegenheiten erledigen. +Natürlich immer nach gerechter und wohlwollender Prüfung. Ich +glaube, daß es in solchen Fällen gut ist, vorher vertrauenswürdige +Erkundigungen einzuziehen.«</p> + +<p>»Jawohl, Herr Ansorge,« sagte Sperlich, »ich werde alles gewissenhaft +besorgen.«</p> + +<p>Ein Mißtrauen aber blieb bei Ansorge doch. Der Strick — der Strick! +Das war doch gar zu drastisch. Schließlich schickte Sperlich einem +armen Mädel, das sich zu vergiften drohte, eine Schachtel »Rattentod«, +einer anderen,<span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span> die sich ertränken wollte, eine Badekappe. Zuzumuten +wäre es ihm — dem Rauhbein. Und so einer hieß Sperlich. Rabe müßte er +heißen oder Uhu!</p> + +<p>Schön aber war es, daß Sperlich wieder da war. Und seltsam war das +Folgende.</p> + +<p>Sperlich kam eines Tages zu Ansorge und sagte:</p> + +<p>»Herr Ansorge! Ich habe ja wohl die Bearbeitung der Fälle für +auswärtige Wohltätigkeit übertragen bekommen; aber nun ist ein Fall +da, wo ich Sie doch um Ihr ganz spezielles Einverständnis bitten +muß. In unserer Nachbarstadt Wilmershofen wird eine Heilanstalt für +unbemittelte Lungenkranke errichtet. Die Firma ist angegangen worden, +einen Beitrag zu zeichnen. Wie hoch soll er sein?«</p> + +<p>Ansorge trat ans Fenster. Das tat er immer, wenn er tief nachdenken +wollte, obwohl es — so fiel ihm einmal ein — unlogisch ist, bei +tiefem Nachdenken auf die Straße zu sehen.</p> + +<p>Jetzt waren seine Gedankengänge so: Ein junger Mann von +siebenundzwanzig Jahren kriegt die Schwindsucht — Frau, zwei kleine +Kinder — denkt sich: Hätt' ich Rettung! Hätt' ich Rettung, daß ich +bei euch bleiben könnte, ihr lieben drei! Hat keine Rettung. Dann eine +junge Witwe — Mann an Schwindsucht gestorben — sie sich angesteckt — +zwei Kinder — muß auch hinüber — die Kinder Waisen — furchtbar!</p> + +<p>Also dreißigtausend Mark müßten es anstandshalber sein. Das letzte Jahr +war schlechter als die vorigen; dreißigtausend Mark waren viel Geld +für die Firma. Zudem: der ganze Umkreis, die Provinz, der Staat mußten +mitwirken an dem unbedingt notwendigen Werke.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_380">[S. 380]</span></p> + +<p>Die Hauptsache aber: Sperlich! Was würde Sperlich sagen, wenn er +dreißigtausend Mark für eine Lungenheilanstalt verlangte, von ihm, der +ehedem wegen sechshundert Mark einen Strick absandte?</p> + +<p>Trotzdem: in so heiliger Liebeshilfe durfte keine Feigheit sein! Mochte +schließlich selbst Herr Sperlich wieder ins Gebirge gehen.</p> + +<p>Ansorge wandte sich am Fenster um. Sein Gesicht war blaß, gefaßt, ja +bestimmt.</p> + +<p>»Herr Sperlich,« sagte er, »bei einem so dringenden Liebeswerk wird +sich meine Firma mit einem ansehnlichen Betrage beteiligen. Ich werde +die Zeichnung keinesfalls unter — unter fünfzehntausend Mark halten.«</p> + +<p>Sperlich saß auf seinem Stuhl, den Körper vornüber geneigt, die Hände +zwischen die Knie geklemmt.</p> + +<p>»Nun? Sind Sie mit der Summe einverstanden?«</p> + +<p>»Nein!« sagte Sperlich mit rauher Stimme.</p> + +<p>Ansorge trat wieder ans Fenster. Was ihm die da unten reifentreibenden +Kinder und der einen Prellstein beschnubbernde Hund sowie das eine +Markttasche tragende Weib in seinen Fragen zu offenbaren hatten, wußte +Ansorge nicht. Aber er sah immer, wenn er tief in Gedanken war, auf die +Straße.</p> + +<p>Also, mit den fünfzehntausend Mark war Sperlich nicht einverstanden. +Was wollte der Knicker? Wie weit reichte eigentlich seine +Menschlichkeit?</p> + +<p>Abermals wandte sich Ansorge um. Sein Gesicht war noch um einen Schein +blasser, gefaßter, bestimmter geworden.</p> + +<p>»Herr Sperlich, wenn sich unsere Firma an dem Liebeswerk beteiligt, +dann keineswegs unter zehntausend Mark.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_381">[S. 381]</span></p> + +<p>Sperlich erhob sich.</p> + +<p>»Herr Ansorge, Ihrem Willen untersteht ja alles. Ich hätte mir bloß +erlauben wollen, einen anderen Vorschlag zu machen.«</p> + +<p>»Nun?«</p> + +<p>»Ich — ich wollte — dreißigtausend Mark vorschlagen. Es wird auch +manchen armen Schlucker aus unserem Betrieb geben, der drüben Zuflucht +suchen muß.«</p> + +<p>Ansorge trat abermals ans Fenster.</p> + +<p>Der eine Junge hatte der Grünzeugmuttel den Reifen gegen den Bauch +gefahren um dafür eine beträchtliche Ohrfeige in Empfang zu nehmen.</p> + +<p>Kreiselnde Welt!</p> + +<p>Ansorges Gesicht erhellte sich, wie wenn die Sonne aufgeht über einer +im Nebel schauernden Flur.</p> + +<p>Das dritte Mal wandte er sich um.</p> + +<p>»Na, Sperlich, ich hatte ja zuerst selber an dreißigtausend gedacht; +ich hatte es doch nur aus Sorge vor Ihrem Widerspruch nicht aussprechen +mögen.«</p> + +<p>»Die Entscheidung liegt immer bei Ihnen, Herr Ansorge!«</p> + +<p>Das war zwar nicht ganz tatrichtig, aber es war schön gesagt von Herrn +Sperlich.</p> + +<p>Ansorge und Sperlich waren für immer treu verbunden. Und so war +Ansorges dritte persönliche Sorge aus der Welt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es gibt viele Dichter und Philosophen, die behaupten, das rarste +Pflänzlein auf der Erde sei die Dankbarkeit. Von Herrn Ansorges Leben +läßt sich das nicht sagen. Er hat viele, auch ganz rührende Dankbarkeit +erfahren. Seine<span class="pagenum" id="Seite_382">[S. 382]</span> weichen Schlapphüte hielten in der Krempe keinen Monat +die Form; denn ganz Altenroda grüßte ihn. In der Schule hatte eine +junge Lehrerin einmal gefragt, ob die Kinder ganz schlechte Menschen +aufzuzählen wüßten. Da war folgende Liste herausgekommen: Kain, Judas, +Herodes, Kaiser Nero, Napoleon und der Kutscher Nimietz aus Altenroda. +(Niemitz hatte ein Pferd so mißhandelt, daß er auf die Anzeige Herrn +Sperlichs, des Vorsitzenden des Tierschutzvereins, einen Monat +Gefängnis bekam.)</p> + +<p>Und nun sollten die Kinder die besten Menschen nennen. Das sagte das +eine Mädchen:</p> + +<p>»Jesus Christus!«</p> + +<p>»Vortrefflich!« lobte die Lehrerin; »er war zwar Gottes Sohn, aber er +war doch auch ein Mensch wie wir! Der Beste von allen Menschen. — Und +nun nennt noch einen ganz guten Menschen.«</p> + +<p>Da meldete sich die halbe Klasse.</p> + +<p>»Herr Ansorge!«</p> + +<p>Die Lehrerin war verblüfft. Aber sie war ein kluges Mädchen, und so +erkannte sie: hier ist von Kindermund erst der Meister und dann ein +Jünger genannt worden. Sie machte die wehmütige Erfahrung, daß die +Kinder auf die Frage nach anderen ganz guten Menschen sich mühsam den +Kopf zerbrechen mußten, und hatte nichts dagegen, als ein kleines Kind +als dritten in der Reihe der ganz guten Menschen sagte:</p> + +<p>»Mein Vatel!«</p> + +<p>Diese Schulgeschichte sprach sich herum. Ganz Altenroda freute sich +— bis auf einen, dem sie außerordentlich peinlich war. Das war Herr +Ansorge selbst. Niemand durfte<span class="pagenum" id="Seite_383">[S. 383]</span> ihm von dieser Geschichte sprechen, +selbst seine besten Freunde nicht.</p> + +<p>Der, der sich am meisten über diese — so drückte er sich aus — +Abstimmung über gute und böse Geister aufregte, war <em class="antiqua">Dr.</em> +Schicketanz.</p> + +<p>Im »Löwen«, als Ansorge am Stammtisch fehlte, äußerte sich Schicketanz +also:</p> + +<p>»Die Frage nach guten und schlechten Menschen ist im Grunde genommen +Unsinn. Überhaupt Kindern gegenüber, die keine Lebenserfahrung haben. +Aber die Sache mit dem Ansorge, die ist doch bedeutsam. Da ist doch +etwas ins Volksbewußtsein gedrungen, etwas ins Vertrauensvolle, +Gläubige gewachsen. Ich habe lange den Ansorge für einen Narren +gehalten; ich weiß jetzt, daß er ein Weiser ist, der viel mehr +inneres, wahres Glück hat, als wir alle. Und was die Lehrerin anlangt, +die die an sich unsinnigen Fragen gestellt hat, so will ich in der +Stadtverordnetenversammlung beantragen, daß sie die Leitung der +Mädchenschule bekommt. Meine eigenen Enkelkinder lasse ich so wie so +seit jenem Tage von ihr unterrichten.«</p> + +<p>Drei Tage später, bei einer ganz unpassenden Gelegenheit, aber unter +vier Augen, machte <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz mit Ansorge Bruderschaft. +Ansorge, der in Untertertia sitzen geblieben war, als Schicketanz +schon nach Oberprima kam, fühlte sich aufrichtig geehrt. Er war damals +dreiundsechzig, Schicketanz achtundsechzig Jahre alt.</p> + +<p>Da starb in Altenroda ein betagtes Weib, das eine so einsame Seele +gewesen war, daß sie keinerlei Verwandte hinterließ.</p> + +<p>Die Hinterlassenschaft umfaßte etliches wurmstichiges<span class="pagenum" id="Seite_384">[S. 384]</span> Möbelzeug, alte +Weiberkleider, einen geringen Bestand an Wäsche und ein Sparkassenbuch +über achtzehnhundertsechsundzwanzig Mark fünfundsechzig Pfennige. +Obwohl nun die Erbschaft ja nicht bedeutend genannt werden konnte, +hatte die alte Frau ein Testament gemacht. Unter dem Kopfkissen, auf +dem sie ihre müden Augen geschlossen hatte, wurde ein Zettel gefunden, +darauf stand handschriftlich:</p> + +<p>»Von dem, was ich habe, soll ein ganz einfaches Begräbnis bezahlt +werden. Was übrig bleibt, vermache ich alles Herrn Ansorge in Altenroda.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Altenroda, den 23. Mai 1910. Anna Lüdke.«</span><br> +</p> + +<p>Es war kein Zweifel, das Testament war rechtsgültig. Ein paar alberne +Spötter wollten Witze machen; aber sie verstummten bald. Alle Leute +fühlten, daß hier eine dankbare Seele ihren letzten Willen kundgetan +hatte. Alle Leute waren aber auch neugierig, wie sich Herr Ansorge zu +der an ihn gefallenen Erbschaft verhalten werde.</p> + +<p>Nun, das Begräbnis der Frau Anna Lüdke wurde wirklich ganz einfach +gehalten, so wie sie es bestimmt hatte. Es kostete alles in allem +zweihundertachtzig Mark. Einige Weiber in Altenroda rechneten nun +damit, daß Ansorge den Rest der Erbschaft unter sie verteilen werde. +Aber sie verrechneten sich. Ansorge ließ alles Mobilar und alle anderen +Gegenstände in sein Haus bringen, wo er ein eigenes Zimmer damit +ausstattete und ein Bild der Anna Lüdke aufhängen ließ. Er saß öfters +in diesem Zimmer, arbeitete auch manchmal dort. Das Sparkassengeld hob +er für seine eigene Kasse ab. Er achtete die Erbschaft; er trat sie +an. Der Anna Lüdke ließ er ein Denkmal setzen. Es war nach Meinung der +Leute lange nicht das<span class="pagenum" id="Seite_385">[S. 385]</span> »schönste« auf dem Friedhof von Altenroda; aber +es war das wertvollste, auch bei weitem das teuerste. Ein wirklicher +Künstler hatte es geschaffen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Auch der reinste Tag geht zu Ende. Als Ansorge siebzig Jahre alt war, +kam das Sterben an ihn heran. Das Sterben gilt ja für die Menschen alle +als die letzte Not. Auch an Ansorge trat die letzte Not, die letzte +Sorge heran.</p> + +<p>Es wäre auch alles milde und in Frieden verlaufen, wenn <em class="antiqua">Dr.</em> +Schicketanz nicht gewesen wäre. Der war schuld, daß Ansorge seine +vierte und letzte Sorge schwer wurde. Nicht nur, daß er mit allen +medizinischen Künsten und Listen Ansorge das Sterben von Woche zu Woche +vereitelte, er griff auch zu absonderlichen Mitteln anderer Art.</p> + +<p>Da saß der alte Eisbart an Ansorges Krankenlager und sagte:</p> + +<p>»Also, sterben möchtest du, Freundchen? Möchte dir wohl passen! So +gar nichts mehr tun als immerfort auf dem Rücken liegen und die +Augen zuhaben. Das gibt's aber nicht! Du bist siebzig, ich bin +fünfundsiebzig. Du bist in Untertertia kleben geblieben, als ich nach +Oberprima versetzt wurde. Nachtragen will ich dir das ja heute nicht +mehr; der Fall ist schließlich verjährt, und du hast ja doch die Schule +durchgemacht. Aber Komment ist Komment! Erst die Prima, dann die +Tertia! Erst ich, dann du! Ich mache mit meinen fünfundsiebzig Jahren +noch die Leute gesund, im Hause für zwei Mark und fünfzig Pfennige und +in der Sprechstunde für eine Mark. Und du willst einfach so losgehen? +Nein! Erst die Prima,<span class="pagenum" id="Seite_386">[S. 386]</span> dann die Tertia! Erst wird von mir gestorben, +dann von dir! Verstanden? Du bist erst fünf Jahre nach mir an der +Reihe. Vordrängeln gilt nicht!«</p> + +<p>Ansorge lächelte auf seinem Krankenlager und dachte: Er ist ein guter +Arzt. Dann sagte er matt:</p> + +<p>»Ja, lieber Freund, der Herrgott hat wohl für seine Versetzungen einen +anderen Modus als die Oberlehrer. Du wirst es schon nicht ändern +können, daß ich das große Abitur <em class="gesperrt">vor</em> dir mache.«</p> + +<p>»Das werde ich ändern!« zürnte Schicketanz; »das gebe ich nicht zu!«</p> + +<p>Am nächsten Tage sah Schicketanz, daß an Ansorges Schicksal kaum noch +etwas zu ändern sei. Und er pflanzte die vierte, die letzte Sorge in +Ansorges Leben.</p> + +<p>Es war im April, und es herrschte ständig wechselndes, meist böses +Wetter. Da sagte <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz zu seinem Patienten:</p> + +<p>»Guck zum Fenster hinaus! Kannst du es verantworten, bei solchem Wetter +zu sterben? Was würde dann geschehen? Ganz Altenroda würde mit dir +zu Grabe gehen. Du weißt, daß der letzte Teil des Weges zum Friedhof +ungepflastert ist. Ich habe mir ihn gestern in deinem Interesse +angesehen. Ein Sumpf — sage ich dir! Na also, was geschieht, wenn du +jetzt stirbst? Ganz Altenroda geht mit zu Grabe, und halb Altenroda +wird krank. Erkältet sich auf den Tod. Wieviel — glaubst du — werden +allein an Lungenentzündung deines Begräbnisses wegen sterben?«</p> + +<p>Und Ansorge fiel wirklich auf die Praktik dieses geistigen <em class="antiqua">Dr.</em> +Eisenbart hinein. Er sagte sich: Es ist richtig, wenn ich jetzt sterbe, +ist es ein Unglück oder doch für viele ein<span class="pagenum" id="Seite_387">[S. 387]</span> schweres Ungemach und für +manche eine Gefahr. Wenn ich auch noch letztwillig wünschte, es möge +niemand mit mir zu Grabe gehen, es würde nichts nützen. Unheil gäbe es +sicher.</p> + +<p>So war Ansorges letzte persönliche Sorge die um die Gesundheit seines +Leichengefolges.</p> + +<p>Doch die Lösung kam.</p> + +<p>Schon am nächsten Tage erschien <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz nicht mehr. Er +war an einem Herzschlag verschieden.</p> + +<p>»Erst die Prima — dann die Untertertia,« murmelte Ansorge unter +Tränen. »Komment ist Komment!«</p> + +<p>Ansorge lebte noch fünf Tage. Er beobachtete immer das Wetter. Ein +Barometer wurde auf seinen Befehl an seinem Bette aufgehängt. Er sah +oft nach dem schwarzen Zeiger, ob er vorrücke. Der Zeiger blieb stehen. +Endlos spritzte der Regen; hart stieß der Nordwind ans Haus. Vier Tage +nach <em class="antiqua">Dr.</em> Schicketanz' Tode fing der schwarze Zeiger an Ansorges +Barometer langsam an, auf »Schön Wetter« zuzugehen. Ansorge sah es mit +wehmütiger Befriedigung.</p> + +<p>Bald stand der schwarze Zeiger auf »Beständig«.</p> + +<p>In der Morgenstunde ging die Frühlingssonne auf. Auf der goldenen +Straße ihrer Strahlen ging Ansorges Seele heim.</p> + +<p>Seine letzte persönliche Sorge und alle anderen Sorgen seines Lebens +waren vorbei.</p> + +<hr class="r65"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_391">[S. 391]</span></p> +<h2>Grünlein</h2> +</div> + +<p class="center">72. — 91. Auflage</p><br> + +<figure class="figleft illowe5_625" id="drop-395"> +<img class="w100" src="images/drop-395.jpg" alt=""></figure>er Soldat +und auch der Hund gehören in den Krieg hinein, der +Schuljunge, die Großmutter und der Gnom eigentlich nicht; aber da auch +diese letzten drei in dieser Geschichte eine Rolle spielen, so mußten +sie in der Überschrift mit angeführt werden. Und es wird nachher viele +in Erstaunen setzen, daß auch der Gnom in den Krieg zog, obwohl er +wegen seiner geringen Größe dienstuntauglich war; denn er war nur so +lang, wie eine Ohrfeige und ein Nasenstüber zusammen sind. Und jetzt +beginnt das Märchen. + +<p>Es war einmal ein schöne goldene Zeit, da noch kein Krieg war im Lande, +da der Vater bei seinen Kindern, der Bräutigam bei seiner Braut und der +Sohn bei seiner Mutter war. Der König des Landes konnte sich alle Tage, +wenn er wollte, seine goldene Krone aufsetzen oder auf die Jagd ziehen +oder auf seinem Prachtschiff spazieren fahren oder seine Hofjungfern +tanzen lassen; die Bürger lachten, wenn sie Geschäfte machten oder bei +Bier und Wein saßen, und die Schulbuben hatten alle Hosentaschen voll +Apfel und Butterstullen. Damals ging es in unserem Vaterlande zu wie +in Schlaraffenland; wer am Abend zwei Schinkenstullen gegessen und ein +Hühnerei geschluckt hätte, wäre noch lange nicht als ein Verschwender +angesehen worden; die Bauern konnten soviel Korn auf dem Boden und so +viele Schweine im Koben haben, wie sie wollten; die Bäcker buken Tag +und Nacht Semmeln und Zuckerringe; die braunen Würste waren auf den +Jahrmärkten zahlreicher als die Eicheln im Walde; aus<span class="pagenum" id="Seite_392">[S. 392]</span> tausend Hähnen +floß alle Tage roter und weißer Wein, und jeder Leierkasten spielte zum +Tanze.</p> + +<p>Das war in der schönen, längst vergangenen Friedenszeit. Alle Leute im +Lande dachten, das müsse so sein, und »sie aßen und tranken und hielten +Hochzeiten«.</p> + +<p>Auf einmal fingen an in den dunklen Hausbalken der Schwarzwaldhäuser +und Alpenhütten bis hin zu den Fischerkojen am Meer unheimlich viele +Totenuhren zu ticken, und selbst der arme Bauer in Masurenland hörte, +wie die schaurige Uhr ging, und fühlte, wie der Wind von Osten her +leichenkalt durch die Ritzen seiner Hütte drang. Blutregen fiel, als +die Abendsonne über Deutschland stand; alle Vögel flogen aufgeregt um +die Spitzen der Kirchtürme; alle Männer hatten sehr blasse oder sehr +rote Gesichter.</p> + +<p>Der Tod wetzte die allergrößte Sense, die in seiner schwarzen Scheune +hängt.</p> + +<p>Es wurde Krieg</p> + +<p>Im Riesengebirge klettert ein Dorf die Berghänge hinauf, und abseits +von ihm liegt eine einsame Mühle. Der Müller wohnte dort mit seiner +alten Mutter, seinem achtjährigen Sohne Hubert, mit einer Magd und +einem Mühlknecht. Die Frau war tot, aber es wohnte außer den fünf +Leuten noch ein kluger Hund namens Wolf in der Mühle, sowie ein kleiner +Hausgeist, der das Grünlein hieß.</p> + +<p>Grünlein hatte seinen Namen von der grünen Mütze her, die er trug, +und hatte ihn also wohl dem Rotkäppchen nachgemacht. Er war der +Nachkomme eines uralten deutschen Zwergenvolkes und wohnte schon seit +sehr langer Zeit in der Mühle. Schon als Großmutter noch ein<span class="pagenum" id="Seite_393">[S. 393]</span> kleines +Mädel war, war Grünlein dagewesen, und Großmutter war doch schon alt. +Bis zu ihrem vierzigsten Jahre hatte sie zweiunddreißig Zähne gehabt. +Da war ihr der erste ausgegangen, und sie hatte gesagt: »Jetzt lebe +ich noch einunddreißig Jahre.« Richtig war auch alle Jahre immer ein +Zahn abhanden gekommen, und jetzt hatte sie noch sieben. Sonntag +nachmittags, wenn Hubert ein Vergnügen haben sollte, machte Großmutter +den Mund auf, und der Junge zählte die Zähne.</p> + +<p>Bei diesem großen Spaß, wenn berechnet wurde, wie lange Großmutter noch +zu leben habe, war Grünlein, der Gnom, immer zugegen. Er war überhaupt +fast immer dabei, wenn Großmutter und der Junge allein waren. Sonst, +wenn die Magd schlechter Laune war und in der Mühle rumorte, oder +wenn gar der Knecht fluchte, setzte sich Grünlein seine Tarnkappe auf +und verschwand. Er kam dann tagelang nicht zum Vorschein. Aber dann +kam wohl ein Abend, wenn die Dämmerschatten langsam vom Tal nach den +lichten Höhen krochen, daß der Junge plötzlich zur Großmutter sagte:</p> + +<p>»Großmutter, siehst du, daß Grünlein wieder da ist?«</p> + +<p>»Ja, ja, ich sehe es schon.«</p> + +<p>»Gelt, er sitzt auf dem Fuchsientopf?«</p> + +<p>»Ja, ja, und er läutet mit der roten Glocke.«</p> + +<p>»Mit der oberen oder mit der unteren?«</p> + +<p>»Mit der unteren.«</p> + +<p>Da waren sie einig, und Großmutter mußte dem Jungen eine Geschichte +erzählen. Grünlein hörte mit zu, und Wolf, der Hund, schlich herbei und +hörte auch zu. Wenn der Müller Zeit hatte, setzte er sich auch mit ans +Fenster; denn auch er kannte das Grünlein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_394">[S. 394]</span></p> + +<p>Wolf war vielleicht ein richtiger Wolf, er sah nämlich so aus, und +Herr Scheibel, der Amtsdiener, von dem ihn der Müller gekauft hatte, +machte bei einer Frage nach der Herkunft des Tieres immer ein so +geheimnisvolles Gesicht, als ob er sagen wolle, das Tier stamme direkt +aus dem russischen Urwald. Herr Scheibel hatte den Wolf als Polizeihund +dressiert. Als aber nach langer Zeit in der Gegend endlich einmal ein +Mord passiert war und Scheibel seinen Polizeihund auf die Spur des +Täters setzte, verbellte das dumme Tier schließlich den Herrn Pfarrer, +während der Mörder inzwischen in der Nachbarschaft erwischt wurde. +Nach diesem furchtbaren Ärgernis trennte sich der Polizeimann von dem +dressierten Hunde und verkaufte ihn in die Mühle, wo sich Wolf als +gefräßiges, aber im allgemeinen ganz friedliches Raubtier erwies.</p> + +<p>Feierlich schöne Stunden waren es, wenn der Junge, die Großmutter, +der Gnom und der Hund so beisammensaßen und die alte Frau Geschichten +erzählte. Die Berge atmeten ihren Tannenduft zum Fenster herein, und +die alte Mühle surrte ihr Lied von tiefem Frieden.</p> + +<p>So war es auch am ersten Augusttage des lange hinter uns liegenden +Jahres 1914. Die Großmutter erzählte gerade von einer schönen +Himmelsinsel, wo niemand hungert und niemand friert, niemand leidet und +niemand stirbt, da trat der Müller, der drunten in der Stadt Hirschberg +gewesen war, in die Stube, wischte sich den Schweiß von der Stirn und +sagte:</p> + +<p>»Denkt Euch, es wird Krieg!«</p> + +<p>»Um Himmels willen, nein, nein!« rief die Großmutter und schlug die +Hände zusammen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_395">[S. 395]</span></p> + +<p>»Krieg wird? Krieg?« schrie der Junge. »Hurra! Das ist schön!«</p> + +<p>Grünlein wollte ausreißen, aber er kletterte nur höher ins Gezweig des +Fuchsienstrauches und schaute mit großen Augen durch das Geäst.</p> + +<p>Der Hund wedelte mit dem Schwanz, als ob er sich über die Botschaft +freue.</p> + +<p>»Ja,« sagte der Müller, »und in drei Tagen muß ich fort.«</p> + +<p>»Karl — Karl, ist das wahr?« fragte die Großmutter, und ein Weinen +zitterte durch sie.</p> + +<p>Der Junge ging auf den Vater zu und sagte mit jäh durchbrechender Angst:</p> + +<p>»Vater ... sie werden dich doch nicht totschießen?«</p> + +<p>Der Müller zuckte erst die Achseln, dann schüttelte er dreimal +hintereinander den Kopf und schlang den Arm um den Jungen.</p> + +<p>Der Hund wedelte immer noch mit dem Schwanze, Grünlein guckte mit +großen Augen aus dem Gezweig des Fuchsienstrauches.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als der Müller fortzog, gab es einen schweren Abschied. Der Knecht war +schon zwei Tage vorher fort, die Mühle mußte stille stehn. Der Junge +weinte laut, der Hund jaulte, die alte Mutter sagte mit gefalteten +Händen: »Du bist in Gottes Hand!«</p> + +<p>Grünlein aber saß wieder mit großen Augen in den Zweigen des +Fuchsienstrauches. Und als der Müller sagte: »Es ist Zeit, ich muß +jetzt gehen!« packte es den Gnomen am Herzen, er zog blitzschnell die +Tarnkappe über den Kopf, hüpfte auf die Pappschachtel, in der der<span class="pagenum" id="Seite_396">[S. 396]</span> +Müller seine geringe Kriegswanderhabe trug und zog mit.</p> + +<p>Grünlein wog allerhöchstens ein halbes Pfund. Aber wie er auf der +rückwärtigen Hälfte der Pappschachtel saß, während der Müller den +Bergweg hinabstieg, kippte die Schachtel nach hinten, und wie er sich +auf die vordere Hälfte der Schachtel setzte, kippte sie nach vorn, und +der Müller kam ins Stolpern.</p> + +<p>Noch ehe er eine Stunde gegangen war, setzte er sich an den Wegrand, +stützte den Kopf in die Hände und dachte, was nun werden solle. Wie war +der Weg in den Krieg so lang und schwer! Da hinter ihm lag die Heimat +— mit ein paar Sprüngen war sie zu erreichen — da vor ihm waren +weite, weite Todesstraßen. Ob er die Seinigen wiedersehen würde?</p> + +<p>»Vater — Vater — ziehe nicht fort!«</p> + +<p>Der Junge war ihm nachgelaufen, und der Hund auch.</p> + +<p>Nun raffte sich der Müller auf, tröstete den Jungen und verwies es ihm +mit Milde, daß er ihm nachgekommen sei. Und er sprach vom Vaterland +und vom König und vom Wiederkommen. Als er aber zuletzt sagte: »Nun, +Hubert, geh' du mit dem Hunde den Berg hinauf, und ich gehe mit meiner +Pappschachtel den Berg hinab,« da war der Junge so leichenblaß, daß +Grünlein, der alles miterlebt hatte, von der Pappschachtel auf den +Rücken des Hundes sprang und nicht mit in den Krieg zog, sondern zurück +nach der Mühle.</p> + +<p>Als der Vater schon einige Wochen fort war, sagte die Großmutter zu dem +Jungen:</p> + +<p>»Hubert, mir sind auf einmal zwei Zähne ausgefallen.«</p> + +<p>Der Junge zählte sofort nach und sagte bestürzt:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_397">[S. 397]</span></p> + +<p>»Nur noch fünf! Großmutter, da lebst du ja bloß noch fünf Jahre. Das +stimmt ja nicht!«</p> + +<p>Die Großmutter meinte, Kriegsjahre zählten doppelt, und wenn sie noch +fünf Jahre lebe, sei das schon genug; bis dahin sei der Vater schon +längst zurück. Aber der Junge war jetzt viel ängstlicher geworden, als +er früher war, händigte der Großmutter seinen funkelnden Silbertaler +aus, den er in der Sparkasse hatte, und sagte, sie solle sich Zähne +einsetzen lassen — hundert Stück. Das wollte aber die Großmutter nicht.</p> + +<p>Wolf, der Hund, hatte seinen Herrn drei Tage lang ehrlich betrauert; +am vierten aber hatte er seinen wahrhaften Wolfshunger wieder bekommen +und damit alle Traurigkeit abgelegt. Er lag nun in der Sonne, schnappte +nach Fliegen, fraß und bellte, als ob überhaupt kein Krieg sei.</p> + +<p>Ganz anders war das Hausgeistlein. Wenn jetzt die Großmutter und der +Junge beisammen saßen, erzählte die alte Frau keine Märchen mehr; sie +und der Junge sprachen nur noch vom Krieg. Und je mehr sie sich um den +Vater kümmerten, ein desto schlechteres Gewissen bekam Grünlein, weil +er den Müller hatte allein seine schwere Straße wandern lassen.</p> + +<p>Gegen Ende des August faßte Grünlein den Entschluß, dem Müller in den +Krieg nachzuziehen. Die Großmutter las die zwei Briefe, die inzwischen +angelangt waren, dem Jungen jeden Tag vor, und Grünlein wußte, daß der +Müller mit den schlesischen Landwehrleuten nach Polen gezogen sei. Wo +der Weg nach Polen ging, wußte der Gnom. Wenn man ins Dorf kam, mußte +man bei Korbmachers Haus rechts abbiegen, da ging es dann<span class="pagenum" id="Seite_398">[S. 398]</span> gleich den +Berg hinunter nach Polen. Aber wie der arme Schelm mit seinen kurzen +Beinen drei Tage und drei Nächte gewandert und nach Hirschberg gekommen +war, sah er dort viele Soldaten, die eben nach Frankreich zogen, und +meinte, er habe sich gründlich verlaufen; denn über Hirschberg führe +der Weg nicht nach Polen, sondern nach Frankreich. Er wanderte nun +wieder nach der Mühle zurück und war sehr traurig, daß er den Weg nicht +fand; denn es war ihm klar geworden, daß es mit dem Polenland und der +Welt überhaupt eine weitläufige Sache sei.</p> + +<p>Als er wieder zu Hause war und sich etwas ausgeruht hatte, kam ihm ein +guter Gedanke. Er wußte aus den Briefen, daß Polen und Rußland ganz +dasselbe ist, und da doch Herr Scheibel, der Amtsdiener, immer gesagt +hatte, der Hund Wolf sei ein richtiger Wolf und stamme aus Rußland, so +mußte der Köter doch den Weg dahin wissen.</p> + +<p>Im Abenddämmern machte sich Grünlein an den Hund heran. Der hatte eben +vier Tage und vier Nächte lang mit kurzen Unterbrechungen geschlafen +und gähnte müde, als ihn Grünlein fragte, ob er denn wirklich ein +richtiger Wolf sei und aus Rußland stamme.</p> + +<p>»Das will ich meinen,« sagte das Vieh.</p> + +<p>Und nun bat Grünlein mit bewegten Worten, ihm doch den Weg nach Rußland +deutlich und bestimmt anzugeben.</p> + +<p>Da kratzte sich der Wolf heftig das Fell und sagte dann verlegen:</p> + +<p>»Ach, Grünlein, ich will dir im Vertrauen sagen: Rußland ist eine +ziemlich große Gegend; an allen Orten bin<span class="pagenum" id="Seite_399">[S. 399]</span> ich nicht gewesen, und +mancherlei habe ich auch wieder vergessen.«</p> + +<p>Nach dieser Auskunft schloß Wolf sofort die Augen und tat, als ob +er schon wieder ganz fest schlafe. Grünlein aber setzte sich in den +Fuchsienstrauch und weinte.</p> + +<p>Am selben Abend aber geschah noch etwas Besonderes. Die Großmutter +und der Junge hatten vor, dem Vater eine Wurst zu schicken, und die +Botenfrau hatte aus der Stadt eine runde Papphülse mitgebracht, in die +die Wurst genau paßte.</p> + +<p>Die Großmutter, der Junge und die Magd saßen um den Tisch und sprachen +darüber, wie diese Wurst nun eine so weite Reise machen, wie sie zum +Vater gelangen und ihm gut schmecken werde. Der Wolf sah mit gelb +schillernden Augen nach dem Tisch, dem Grünlein aber klopfte das Herz. +Die Wurst wurde mit einer gewissen Feierlichkeit in die Hülse gesteckt, +die Hülse mit einer Kapsel verschlossen. Die Magd schrieb die Adresse, +weil sie von den dreien die schönste Schrift hatte. Dann gingen alle +schlafen.</p> + +<p>Grünlein klammerte sich an die Zweige des Fuchsienstrauches und kämpfte +einen schweren Seelenstreit mit sich aus. Wenn der Hausherr die Wurst +bekam, war das schön, aber schöner noch, wenn sein gutes Hausgeistlein +zu ihm kam. Da rief Grünlein durch die Finsternis der Stube:</p> + +<p>»Pst, Wolf! Friß die Wurst!«</p> + +<p>»Es gibt zu viel Hiebe!« knurrte der Hund.</p> + +<p>»Es gibt keine Hiebe; denn ich krieche selbst in die Hülse und reise +nach Rußland.«</p> + +<p>»Du bist nicht gescheit, Grünlein,« sagte der Wolf, kam aber gierig +näher.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_400">[S. 400]</span></p> + +<p>Grünlein turnte nach dem Tisch, löste die Kapsel, zog mit ungeheurer +Anstrengung die Wurst aus der Hülse, löste sie aus dem Papier, in +das sie gewickelt war, rollte die Wurst wie einen Baumstamm an die +Tischkante, von wo sie auf den Fußboden fiel, wickelte sich selbst in +das Umschlagpapier, kroch in die Hülse und zog die Kapsel von innen +nach. Grünlein paßte gut in die Umhüllung denn er wog ein halbes Pfund, +und die Wurst wog auch ein halbes Pfund.</p> + +<p>Wolf roch unterdes an der Wurst herum, sagte bei sich: »Ich bin ganz +unschuldig; denn ich habe sowas ganz und gar nicht gewollt!« und dann +schlang er die Wurst mit ein paar Bissen hinunter.</p> + +<p>Am nächsten Morgen brachte die Botenfrau das Päckchen Bindfaden, das +sie am Vortage zu besorgen vergessen hatte. Die Hülse wurde nun so oft +verschnürt, daß man von der Adresse fast nichts mehr sehen konnte, und +dann setzte sich Hubert mit dem Feldpaket an die Dorfstraße und wartete +drei Stunden, bis der Gebirgsbriefträger kam und das Paket mitnahm.</p> + +<p>Hubert schaute ihm lange nach und bewunderte die schwarze Tasche, von +der aus solch weite Reisen angetreten werden konnten. Ach, wenn er gar +gewußt hätte, daß in der Tasche jetzt sein Grünlein steckte, das nach +Polen reiste!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Briefträger gab die Rolle mit Grünlein auf dem Postamt ab. Als der +Gnom gerade an der Wand seines Hauses ein wenig horchen wollte, was +draußen los sei, bekam er einen mächtigen Schlag an den Kopf; denn +der Beamte stempelte die Rolle. Grünlein kam von dem Postamte<span class="pagenum" id="Seite_401">[S. 401]</span> nach +einem Bahnhof, von da ein Stückchen weiter wieder auf einen Bahnhof +und blieb dort schließlich mit anderen Wurst-, Keks-, Schokolade- +und Zigarrenpaketen zusammen wochenlang liegen. Endlich ging die +Reise weiter. Einmal hörte er einen Beamten zu einem anderen sagen: +»Wir fahren eben über die Rheinbrücke, jetzt werden die Leute bald +französisch sprechen.« Das alles fiel aber dem Wichtelchen nicht auf; +es meinte, das müsse so sein, wenn man nach Rußland reise. Erst in +Brüssel nahm ein Beamter die Rolle in die Hand, schimpfte und sagte: +die Pakete, die für Regimenter in Polen bestimmt seien, gehörten nicht +nach Belgien. Grünlein wurde mit vielen anderen Irrgängern umsortiert +und fuhr in wochenlanger Reise wieder auf Schlesien zu. Unterwegs hatte +er ein Abenteuer. Auf einer Zwischenstation wollte ein sogenannter +freiwilliger Helfer, der aber in Wirklichkeit ein Paketmarder war, die +Rolle ihrer vermeintlichen Wurst berauben, nicht wissend, daß diese +Wurst längst in den Magen eines Urwaldviehs verschwunden und die Rolle +höchst geheimnisvollen Inhalts war. Wie nun der schlechte Mensch den +Deckel öffnete, sprang ihm Grünlein mitten ins Gesicht, zertrampelte +ihm mit den Füßen die Nase, hieb ihn mit den Fäusten an die Stirn und +spuckte ihm in die Augen. Da schnürte der Dieb das Paket, nachdem +Grünlein wieder hineingekrochen war, in großer Überraschung wieder zu.</p> + +<p>Sechs Wochen und einen Tag, nachdem Grünlein von Hirschberg abgefahren +war, landete er auf dem Bahnhof von Tschenstochau, und vier oder fünf +Tage danach war er bei seinem Herrn.</p> + +<p>Es stellte sich heraus, daß für den Müller, der hier als<span class="pagenum" id="Seite_402">[S. 402]</span> der +Landwehrmann August Liebert geführt wurde, auf einmal zweiundzwanzig +Paketchen einliefen. Dem Müller wurden die Augen feucht vor +Dankbarkeit, und er sagte:</p> + +<p>»So haben mich meine Leute doch nicht vergessen; es hat sich nur alles +ein wenig verspätet.«</p> + +<p>Ehe der Müller die Pakete öffnete, las er die eingelaufenen Briefe. +Und da schrieb ihm sein Bub mit seinen ungefügen, großen Buchstaben +auch: »Grünlein ist weg. Ich und Großmutter denken, er ist dir nach. +Vielleicht ist er in ein Paket gekrochen.«</p> + +<p>So hatte der Junge alles richtig erraten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war Abend. Der Müller saß abseits am Rande des polnischen Flusses. +Seine Kameraden hielten ihn für einen Spintisierer. Aber sie hatten ihn +doch gern; denn er war ein guter Kamerad und konnte bei Gelegenheit +auch lustig sein.</p> + +<p>Nun aber saß er versonnen an dem lehmgelben Wasser und hörte zu, +wie der Herbstwind durch die gelben Blätter der Erlen ging. Und wie +er einmal seufzte und die Augen aufhob, sah er das Grünlein in den +Erlenzweigen sitzen. Da freute er sich und sagte:</p> + +<p>»Ach, Grünlein, da bist du ja! Hubert hat mir geschrieben, daß du mir +nachgereist bist. Erzähle mir, wie es zu Hause geht.«</p> + +<p>Grünlein war so bewegt, daß ihm zunächst nichts anderes zu erzählen +einfiel, als daß die Großmutter zwei Zähne verloren und der Wolf leider +eine schöne Wurst gefressen habe. Doch dann besann er sich auf Besseres +und sagte, die alte Mühle stehe noch, die großen Berge ständen auch<span class="pagenum" id="Seite_403">[S. 403]</span> +noch und der Fuchsientopf sei auch noch da. Da wurden dem Müller die +Augen heiß, und er sagte:</p> + +<p>»Es ist schön zu Hause!«</p> + +<p>Das Grünlein sah sich in der Gegend um. Es wies nach vorn über den Fluß +hinüber und fragte:</p> + +<p>»Was ist das Schreckliches dort drüben?«</p> + +<p>»Das ist ein verbranntes Dorf, liebes Grünlein.«</p> + +<p>Das Geistlein schauerte in sich zusammen.</p> + +<p>»Es müssen sehr schlechte Menschen sein, die das getan haben!«</p> + +<p>»Wir haben es getan!«</p> + +<p>»Ihr — o — du ...«</p> + +<p>Grünleins Augen füllten sich mit Tränen des Entsetzens.</p> + +<p>»Ja, liebes Grünlein. Wenn wir es nicht getan hätten, wären die Russen +gekommen und hätten unsere Mühle verbrannt, deinen Fuchsientopf +zerschlagen und die alte Großmutter getötet.«</p> + +<p>»Mich friert!« hauchte das erschrockene Grünlein. »Wir wollen nach +Hause gehen.«</p> + +<p>»Gehen wir nach Hause,« sagte der Müller mit einem schmalen Lächeln, +stieg mit dem Grünlein in einen Graben und kroch mit ihm in ein +finsteres Loch.</p> + +<p>Dort lagen einige Männer auf Stroh und schliefen.</p> + +<p>»Hier, liebes Grünlein, bin ich jetzt zu Hause.«</p> + +<p>Das Grünlein weinte. Es sah, wie sich sein Herr lang aufs Stroh legte +und bald tief und fest schlief, aber es konnte sich mit allem, was es +erlebte, nicht zurechtfinden; denn es ging nicht in seine wohlgeordnete +Gedankenwelt hinein, daß der Müller, der ein so angesehener Mann war +und keine zweitausend Taler Schulden auf seinem schönen Besitztum +hatte, nun eine so schäbige Wohnung<span class="pagenum" id="Seite_404">[S. 404]</span> haben und wie das der Kaiser für +seine treuen Soldaten zugeben könne.</p> + +<p>Grünlein lehnte sich an die Bodenwand. Es war nur gut, daß die +Großmutter und Hubert nicht wußten, wie der Müller hier hauste. +Vielleicht würde es sogar den Hund Wolf erbarmt haben.</p> + +<p>Plötzlich fühlte Grünlein, daß ihn etwas von hinten anstieß. Er wandte +sich um und sah den Kopf eines Maulwurfs, der aus der Erde schaute.</p> + +<p>»Pst, Kleiner,« sagte der Schwarze, »komm herein in meine schöne +Wandelhalle; wir wollen uns ein wenig miteinander unterhalten.«</p> + +<p>Grünlein kroch dem Maulwurf nach, fand zwar, daß dessen Wandelhalle +ein dunkles glitschiges Loch sei, fast noch schäbiger als des +Müllers Unterstand, dachte aber: der Herr im Samtrock ist sicher ein +Einheimischer und kann dir über mancherlei Auskunft geben.</p> + +<p>Das tat der Schwarze auch. Er stieß einen großmächtigen Seufzer aus und +klagte in erregten Worten, daß die Deutschen den Maulwürfen gegenüber +die Neutralität schmählich verletzt hätten.</p> + +<p>»Wir Maulwürfe lebten mit Deutschland in Frieden,« sagte der Schwarze; +»wir dachten gar nicht daran, die Deutschen mit Krieg zu überziehen. +Wir waren absolut neutral. Was haben aber die Njemski gemacht? +Sie haben rücksichtslos unsere Wohnungen, Wandelhallen und andere +Kunstbauten zerstört, und durch ihre Granaten sind allein siebzehn +Männer, zwanzig Frauen, sechs Greise und fünfunddreißig Maulwurfskinder +aus meiner nächsten Verwandschaft getötet worden. Ist das nicht +barbarisch?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_405">[S. 405]</span></p> + +<p>»Ihr unterminiert wahrscheinlich manchmal etwas,« wandte das Grünlein +schüchtern ein.</p> + +<p>»Wir unterminieren nie!« rief der Maulwurf erbost. »Das ist eine der +schamlosen Verleumdungen Deutschlands. Aber wir werden siegen, und dann +werden wir von Deutschland als Kriegsentschädigung hundert Millionen +Morgen Gurkenbeete verlangen.«</p> + +<p>»Du gehörst wahrscheinlich zur Entente?« fragte Grünlein.</p> + +<p>»Alle echten Maulwürfe gehören zur Entente,« entgegnete der Schwarze +stolz.</p> + +<p>»So lasse mich — bitte — wieder in den Unterstand zurück!« bat das +Grünlein, »denn ich bin ein Deutscher.«</p> + +<p>»O, nein, mein Guter,« höhnte da der Schwarze, »du bist mein +Gefangener. Der Rückweg ist dir längst verlegt.«</p> + +<p>Nun sah Grünlein eine Menge anderer Maulwürfe herankriechen, und +es ging ihm eiskalt durch die Glieder, daß er nunmehr ein armer +Kriegsgefangener sei. Den ersten Tag war Grünlein an der Front, und +schon hatten ihn die Feinde am Kragen. Darüber schämte sich der Kleine +fast bis zur Verzweiflung. Aber es nutzte nichts, die Feinde schleppten +ihn fort, stießen ihn mit ihren Rüsseln und prügelten ihn mit ihren +Grabfüßen.</p> + +<p>Unterwegs machte der Transport Halt.</p> + +<p>»Da schau hinunter,« sagte der erste Maulwurf, der sich unterdes +als der Hauptmann der Horde erwiesen hatte. Er wies in eine große +Höhle hinein. Da sah Grünlein erschaudernd fünf Totengerippe in +russischen Uniformen. Drei der Gerippe lagen auf dem Boden, eines saß +zusammengebeugt da, eines lehnte aufrecht an der Wand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_406">[S. 406]</span></p> + +<p>»Durch eine deutsche Granate verschüttet,« knirschte der Schwarze.</p> + +<p>Dem Grünlein schlugen die Zähne aufeinander, aber es sagte:</p> + +<p>»Wahrscheinlich gibt es auch Höhlen, in denen arme deutsche Soldaten so +verschüttet sind.«</p> + +<p>»Die gibt es,« erwiderte der Maulwurfshauptmann, »aber das geschieht +ihnen recht!«</p> + +<p>Weiter ging die Fahrt durch die dichten Maulwurfsstollen. Grünlein, der +zu groß war für diese »Wandelhallen«, mußte vielfach auf allen Vieren +kriechen.</p> + +<p>Da kam wieder etwas Neues. Der Hauptmann hieß Grünlein durch ein +Guckloch schauen, und Grünlein sah in einen weiten Gang, in dem +Laternen brannten und beschmutzte Männer mit Hacke und Schaufel +arbeiteten. Sie trieben den Stollen immer tiefer, und auf großen Karren +wurde die ausgeschachtete Erde fortgeschafft.</p> + +<p>»Weißt du, was diese Russen machen?« fragte der Maulwurf höhnisch +seinen Gefangenen. Grünlein schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Sie graben ihre Stollen bis unter den deutschen Schützengraben, aus +dem du kommst, und wenn sie am Ziele sind — das wird sehr bald sein — +füllen sie die Höhlungen mit Pulver, und der Schützengraben fliegt in +die Luft.«</p> + +<p>»Mein armer Herr,« weinte das Grünlein auf, »er wird verschüttet +werden.«</p> + +<p>»Verschüttet oder in die Luft fliegen,« grinste der Schwarze. »Die Wahl +hat er nicht. Es kommt darauf an, wie die Mine wirkt.«</p> + +<p>Halbtot kroch das Grünlein weiter, bis endlich in einer<span class="pagenum" id="Seite_407">[S. 407]</span> großen Höhle +Halt gemacht wurde. Dort wimmelte es von Maulwürfen. Der Hauptmann +hielt eine Rede.</p> + +<p>»Brüderchen und Schwesterchen,« rief er, »jubelt; denn wir haben +gesiegt! Mit nur zweihundert Mann unseres glorreichen Volkes ist es mir +gelungen, diesen gefährlichen Deutschen unverwundet in unsere Gewalt +zu bekommen. Wenn wir sehen (er wies auf das gefangene Grünlein), +welch' enorme Verluste die Deutschen erleiden, so erkennen wir, daß +die deutsche Kriegsmacht zerrieben, daß unser und unserer glorreichen +Verbündeten Endsieg nahe ist!«</p> + +<p>Das ganze Volk keuchte vor Begeisterung, legte sich auf den Rücken und +fuchtelte vor Freude mit den Grabfüßen. Das kriegsgefangene Grünlein +wurde nun an eine Baumwurzel gebunden, die wie eine Säule in der Höhle +stand, der Hauptmann übernahm selbst die Wache, und alles andere Volk +zerstreute sich. Grünlein war in jämmerlicher Stimmung. Er verstand +wenig oder gar nichts vom Krieg, er kannte die Lüge nicht, und wenn er +nun daran dachte, daß in einigen Tagen sein guter Herr zerrissen werden +sollte, und daß durch seine Gefangennahme — wie es doch der Hauptmann +gesagte hatte — das deutsche Vaterland in eine schwere Lage gekommen +sei, da wünschte sich der arme Schlucker den Tod.</p> + +<p>Plötzlich sauste eine große Ratte in den Raum herein, und ehe der +erschreckte Maulwurfshauptmann noch dreimal schnaufen konnte, biß ihn +die Ratte tot und fraß ihn zur Hälfte auf. Dann wandte sie sich an +Grünlein, der eben ohnmächtig werden wollte.</p> + +<p>»Warum bist du gebunden?«</p> + +<p>»Ich bin ein Deutscher, ich bin kriegsgefangen.«</p> + +<p>»Bist du aus Schlesien?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_408">[S. 408]</span></p> + +<p>»Ja — aus Schlesien.«</p> + +<p>»Das ist gut. Ich will gerade nach Tarnowitz hinüber, wo in einer +Schlächterei gut zu leben ist. Komm mit, zeig' mir den Weg.«</p> + +<p>Sie zerbiß die Bande, und Grünlein war froh, befreit zu sein, obwohl +er keine Ahnung hatte, wo Tarnowitz lag. Das Tier führte Grünlein nun +durch lange unterirdische Gänge, wo Ratten- und Mäusenester waren; die +Hamster hatten dort ihre Kornkammern, erstarrte Regenwürmer lagen wie +leblose Schlangen, und viel Käferlein im Puppenkleid schliefen dem +nächsten Frühling entgegen.</p> + +<p>»Was für seltsame Nachbarschaft hat doch mein Herr,« dachte das +Grünlein. »Dort drüben bahnen finstere Männer den Schacht des Todes, +und hier hüten die Hamster ihre Getreidekörner und träumen junge +Marienkäferchen von Sonne und Leben.«</p> + +<p>Die Ratte stieß jetzt hinauf ins Licht. Da knallte ein Schuß übers +Feld, und das Tier lag in seinem Blut. Ein sibirischer Scharfschütze +hatte es erschossen. Drüben im deutschen Schützengraben lachte einer:</p> + +<p>»Sie haben morgen einen von dem Schock russischer Feiertage; da +brauchen sie einen Festbraten. Wohl bekomm' es!«</p> + +<p>Das arme Grünlein aber, das von Natur aus kein Held war, steckte nun +mitten zwischen zwei Schützengräben in einem Rattenloche und wußte +nicht mehr ein noch aus.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wochenlang, Tag und Nacht, irrte Grünlein auf den Feldern Polens umher. +Es fand zu seinem Herrn nicht mehr zurück.</p> + +<p>Frierend saß der Kleine unter kahlen Bäumen, schlich<span class="pagenum" id="Seite_409">[S. 409]</span> durch brausende +öde Wälder, fuhr manchmal ein Stückchen auf einem Bagagewagen mit, +nächtigte in den Trümmern zerschossener Häuser, hockte zitternd +zwischen den armseligen Kleiderballen weinender Flüchtlinge, hörte das +zornige Rauschen kalter fremder Ströme.</p> + +<p>Grambitteres Heimweh packte das deutsche Hausgeistlein. Wie schön war +es, als noch Friede war. Die Müllerstube war so warm, so dicht, daß +kein kaltes Lüftlein hineinkonnte, die Menschen, die um den Tisch +saßen und ins gelbe Licht der Petroleumlampe träumten, waren so gut, +daß nicht einmal ein feindlicher Gedanke ihr Herz befleckte. Dann kam +der Krieg. Jetzt mußte der sanftmütige Müller Menschen erschießen +und verstümmeln, jetzt zündete der Mühlknecht Häuser an und hatte +doch zu Hause einmal dem Hubert eine Ohrfeige gegeben, weil der mit +einer leeren Streichholzschachtel gespielt hatte, was der Knecht für +feuergefährlich ansah.</p> + +<p>Wenn Grünlein durch die Lehmjauche der Schützengräben schlich, die +Männer in hohen Stiefeln darin stehen sah, den Anzug beschmutzt, die +Hände blaugefroren, die Bärte verklebt und verfilzt und die Augen voll +finsterer Entschlossenheit nach Osten gerichtet, dann fürchtete sich +das weichmütige Geistlein eine Frage nach seinem Herrn zu tun.</p> + +<p>Einmal aber sah es einen sitzen mit einem feinen, stillen Gesicht. +Der Mann hatte eine Brille auf und las einen Brief. Unter den blanken +Gläsern blitzte es feucht und klar, so wie wenn man durch blankes Eis +in eine Quelle schaut. Zu diesem Manne faßte Grünlein Vertrauen und +setzte sich ihm aufs Knie. Der Soldat mit der Brille hob die Augen und +sagte:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_410">[S. 410]</span></p> + +<p>»Eh, du kleiner Mann mit der grünen Kappe, du bist wohl ein deutsches +Hausgeistlein?«</p> + +<p>»Ich heiße Grünlein und stamme aus einer Mühle im Riesengebirge,« sagte +schüchtern der Gnom.</p> + +<p>Der Soldat nickte.</p> + +<p>»Ja, ich kenne Euch. Ich habe auch so ein Geistlein, es wohnt neben +meiner Gelehrtenstube im Zimmer meiner jungen Frau und heißt Rapunzel. +Es ist mir auch schon nachgekommen; jetzt aber ist es wieder zu Hause; +denn Ihr Hausgeistlein geht ja als Sehnsuchtsboten immer von der Heimat +ins Feld, vom Feld in die Heimat immer hin und her. O ja, das deutsche +Gemüt!«</p> + +<p>»Ich habe meinen Herrn verloren,« klagte das Grünlein, »weil ich so +dumm war, einem Maulwurf zu vertrauen. Ich bitte dich, daß du mir den +Weg zu meinem Herrn sagst. Er heißt August Liebert.«</p> + +<p>Der Soldat lächelte.</p> + +<p>»Ja, liebes Grünlein, der Name genügt nicht. Wenn du weißt, bei welchem +Armeekorps, bei welcher Division und Brigade, bei welchem Regiment, +welcher Kompagnie und Korporalschaft dein Herr ist, kann ich dir wohl +den Weg weisen.«</p> + +<p>Das Grünlein sagte, wenn es sich solche Dinge merken wollte, würde +ihm sein Kopf mitten entzwei platzen. Und so war auch hier nichts zu +machen. Doch erlaubte der Soldat mit der Brille dem Grünlein, bei ihm +zu bleiben und, wenn er Mut habe, abends mit ihm auf Vorposten zu +ziehen.</p> + +<p>Das Grünlein sagte ehrlich, daß es von Haus aus eigentlich gar nicht +eine Spur von Mut habe, aber da es weder<span class="pagenum" id="Seite_411">[S. 411]</span> nach Hause noch zu seinem +Herrn zurückfinde, sei ihm das Leben gleichgültig geworden. So zog es +mit dem Soldaten auf Wache.</p> + +<p>Sie lehnten beide an einem Baum, der Soldat bis zum untersten Ast +hinauf, das Grünlein bis zur zweiten Runzel im Stamm. Schwarz lag das +feindliche Land; der Wind ging müde über leere Felder hin zu den fernen +Föhren. Weit im Osten brannte ein Dorf. Da ging der Vollmond auf und +lachte herab auf die brennenden Häuser, auf die öden Fluren und auf +den Soldaten am Baumstamm mit eben demselben vergnügten Gesicht, wie +er zu Hause im Städtlein gelacht hatte, wenn Studenten die Laternen +auslöschten. Dem Mond ist es gleichgültig, ob die Menschen Unfug +treiben oder Krieg führen. Er ist in seiner schönen Höhe und lacht.</p> + +<p>»Grünlein,« sagte der Soldat leise; »ich glaube, morgen wird dein +Bruder Rapunzel da sein. Meine Frau wird ihn schicken. Wenn du meine +Frau kenntest, würdest du sagen, daß nichts Lieberes ist auf der Welt. +Immer lustig gewesen, Grünlein, kleine und große Schmerzen verbissen, +nur um freundlich, um fröhlich zu sein. Und immer ein Kind geblieben, +Grünlein. Deshalb hat sie auch noch vom Hausgeist Rapunzel gesprochen, +als sie schon eine Frau war und unseren kleinen süßen Jungen hatte. +Jetzt aber lacht sie nicht mehr.«</p> + +<p>Der Mond versteckte sich hinter den Wolken, und das Dorf im Ost brannte +heller.</p> + +<p>»Grünlein, ich habe ihr heute geschrieben, sie soll nur guten Mutes +sein. Wir sind nun schon ganz nahe an Warschau, und wenn wir Warschau +haben, ist der Krieg zu Ende. Dann ziehen wir alle heim.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_412">[S. 412]</span></p> + +<p>Ein heißes Freudengefühl zog dem Grünlein durchs Herz, als es diese +frohe Botschaft hörte.</p> + +<p>»Wirst du mich mit nach Hause nehmen?«</p> + +<p>»Ja, Grünlein, und ich werde mit meiner Frau und meinem Jungen in Eure +Mühle zu Besuch kommen, und das Rapunzel werde ich auch mitbringen. Ihr +könnt dann zusammen sitzen.«</p> + +<p>»Ja,« sagte Grünlein selig, »in dem Fuchsienstrauch, dicht hinter dem +Rücken der Großmutter. Rapunzel sitzt rechts, und ich sitze links.«</p> + +<p>So vergingen die Stunden. Die Beiden träumten vom Glücke nahen +Friedens. Ein zweites Dorf im Osten brannte auf; der Mond wanderte +über tiefdunkle Himmelsauen, kletterte in lichte Wolkengebirge hinein, +verschwand hinter schwarzen Mauern, lugte wieder neugierig um deren +Ecke, verschwand abermals und legte sich schließlich breit auf die +Himmelswiese, zugedeckt mit einer durchsichtigen Schleierdecke. Es war +ganz still, nur zweimal war in weiter Ferne dumpfer Geschützdonner. Der +Soldat zog vorsichtig die Uhr.</p> + +<p>»Fünf Minuten noch, Grünlein, dann werde ich abgelöst.«</p> + +<p>In diesem Augenblick fiel aus nächster Nähe ein Schuß, und der deutsche +Mann fiel durchs Herz getroffen am Baumstamm tot zusammen.</p> + +<p>Grünlein lag lange ohnmächtig.</p> + +<p>Er erwachte, als noch vor Morgengrauen deutsche Soldaten den Gefallenen +unter Mühe und Todesgefahr von dannen schleppten.</p> + +<p>Unter einem andern Baum, an einem Waldrand, wurde der Soldat mit der +Brille begraben. Der Tag brach an.<span class="pagenum" id="Seite_413">[S. 413]</span> Der klare Osthimmel strahlte in +goldenem Glanz. Da sangen die Soldaten mit leisen Stimmen:</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Morgenrot, Morgenrot,<br> +Leuchtest mir zum frühen Tod</em> ...«</p> + +<p>Nach den zwei Zeilen aber schon brachen sie ab; denn sie konnten nicht +weitersingen. Als sie die kleine Grube mit Erde bedeckt hatten, fing +noch einmal einer an zu singen, und sie sangen wieder nur zwei Zeilen:</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Darum still, darum still<br> +Füg' ich mich, wie Gott es will</em> ...«</p> + +<p>Grünlein wohnte dem Begräbnis bei. In herzbrechendem Schmerz dachte +er: Was wird mein Brüderlein Rapunzel sagen? Und was wird die liebe +Frau sagen? Und was wird der kleine Junge sagen, wenn er überhaupt erst +etwas sagen kann?</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am nächsten Tage sah das Grünlein, daß die Soldaten aufbrachen und +nicht mehr weiter nach Ost zogen, wo die Sonne aufgeht, sondern nach +West, wo die Sonne untergeht. Im Westen aber — das wußte das Grünlein +— lag die deutsche Heimat. So meinte der Gnom, der Krieg sei nun aus, +und sein erschüttertes Herz schöpfte aus dieser Hoffnung neue Kraft.</p> + +<p>Wie schwer war die Enttäuschung, als Grünlein aus den Gesprächen der +Soldaten erfuhr, daß die Deutschen nicht vermocht hatten, Warschau zu +nehmen, und der Krieg nicht zu Ende sei, daß jetzt alle Brücken und +Straßen zerstört werden müßten, damit die nachdringenden Russen nicht +zu rasch vorwärts kämen, und daß alles daran gesetzt<span class="pagenum" id="Seite_414">[S. 414]</span> werden müßte, das +schöne, reiche Schlesierland zu retten. Ein Ostpreuße erzählte, wie +furchtbar es in seiner Heimat aussähe, nachdem die Russen dort gehaust, +und Grünlein sah schon die heimische Mühle brennen, die Großmutter +erschlagen, den Knaben verstümmelt und Wolf, den Hund, hungernd und +heulend um die Trümmer der zerstörten Heimstätte irren. Er sah, daß aus +seiner schlesischen Heimat dasselbe werden würde, was aus Ostpreußen +geworden war.</p> + +<p>Da faßte das Grünlein namenlose Todesangst, und nur eines wollte es +noch: heim, um mit den Lieben zu sterben.</p> + +<p>Eines aber wunderte das Grünlein: daß die deutschen Soldaten, die +zurückgingen, so ganz und gar nicht verzagt waren. Sie mußten ihr +Leben, ihre Kanonen, ihr Gepäck, ihre Nahrungsmittel retten, sie hatten +unendliche Mühsal zu ertragen, aber sie sagten mit frohen Mienen:</p> + +<p>»Kommt nur, Ihr Russen, es wird Euch schlecht ergehen!«</p> + +<p>Grünlein, das von Haus aus, wie wohl schon ein- oder siebenmal gesagt +wurde, kein Held war, bezweifelte solche Reden aufs stärkste und wollte +durchaus heim zur Großmutter, ehe ihr der letzte Zahn ausgeschlagen war +und sie sterben mußte.</p> + +<p>Der Knirps konnte auf dem eiligen, wenn auch wohlgeordneten Rückzug +mit seinen kurzen Beinchen nicht mit und wäre unrettbar in russische +Gefangenschaft geraten, wenn er sich nicht als eine Art Schmarotzer +überall angehängt hätte. Zuerst kroch er einem Landwehrmann in den +Tornister. Der Landwehrmann, der an diesem Tage fünfunddreißig +Kilometer zu marschieren hatte, legte den<span class="pagenum" id="Seite_415">[S. 415]</span> schweren Tornister auf einen +Wagen, und der Wagen fiel bis über die Achsen in so tiefen Schlamm, +daß ihn vier Pferde nicht flottkriegen konnten. Grünlein kroch nun +einem der Kutscher, die die Pferde antrieben, in die Tasche. In dieser +Tasche waren neben einer Wurst und einem Stück Kommißbrot, welches +die Tagesration bildete, ein Paar schwergetragene Strümpfe, ein +Liebesbrief und zwei Liebeszigarren. Grünlein wickelte sich frierend +in die Strumpfüberreste, obwohl sie ihm furchtbar erschienen. An einem +Straßenstein zog der Soldat bei kurzer Rast das Kommißbrot aus der +Tasche, aß es mit bestem Appetit auf, las schmunzelnd den Liebesbrief +und rauchte sich mit dem Behagen eines Schlemmers eine der Zigarren an. +Die wüst zugerichteten Strümpfe aber warf der Soldat, weil er sagte, +»er müsse mal Inventur machen,« kurzerhand in den Straßengraben, und +mit ihm, ohne daß er es wußte, das Grünlein. Grünlein beschloß, sich +im Bedarfsfall von nun an immer in die Liebesbriefe der Soldaten zu +wickeln, weil sie diese viel sorgfältiger aufbewahren als Strümpfe.</p> + +<p>Während Grünlein noch in dieser größten Erniedrigung und Armseligkeit +seines Lebens im Straßengraben saß, kam eine Militärkapelle des Weges +und machte am selben Straßensteine Halt.</p> + +<p>Der Kapellmeister hielt eine Rede.</p> + +<p>»Kinder,« sagte er »wir konzentrieren uns zwar jetzt rückwärts, weil +uns das grade mal Spaß macht, wir gehen sozusagen langsam zurücke +wieder auf heem zu — aber Warschau wird doch genommen! Habt Ihr schon +mal gehört, daß ein Königlicher Kapellmeister was umsonst gemacht +hat? Nischt macht er umsonst! Na, also!<span class="pagenum" id="Seite_416">[S. 416]</span> Ich habe einen Warschauer +Einzugsmarsch komponiert, Ihr habt ihn eingeübt, und folglich hat +Warschau zu fallen, ganz egal, ob wir auch momentan ganz zufällig mal +ein bißchen auf dem Rückmarsch sind, — seht Ihr, Kinder, doch nur, +weil wir unseren Lieben zu Hause wieder mal etwas näher sein wollen. +Jungens, ich sage Euch, es geht uns famos. Wir sitzen hier gemütlich +am Wegrande, ruhen uns aus und frühstücken, während die Russen wie +die gehetzten Wölfe ohne Herz und Atem hinter uns herjagen und uns +verfolgen müssen. Jeder von uns hat sein gutes Stück Kommißbrot, +Wasser gibt's von oben und von unten mehr als wir brauchen, die +Gulaschkanonen können auch nicht aus der Welt sein, folglich denke ich, +ist es angebracht, wenn wir jetzt mal unseren Warschauer Einzugsmarsch +loslassen.«</p> + +<p>Die zweihundert Kilometer zurückgejagten Musikanten spielten nun den +Warschauer Einzugsmarsch mit heller Begeisterung. Tadellose Musik war +es aber nicht. Das empfand auch der Kapellmeister und Komponist des +Marsches.</p> + +<p>»Kinder,« sagte er, »es hätte ja schöner sein können, aber es war +wunderschön. Daß uns die Lumpen den ersten Trompeter, zwei Hornisten +und unseren braven Scholz — o Gott, o Gott, was blies er für einen +Bariton! — totgeschossen haben, daß in Ihrer Tuba, lieber Grützner, +ein Loch und drei Beulen sind, daß Ihnen, Teubner, von ihren zwei +Becken eines durch einen kunstfeindlichen Granatsplitter aus der Hand +gerissen worden ist — na, dafür können wir nicht, vor allen Dingen +auch nicht dafür, daß Ihnen, Freund Hübner, das eine Fell der großen +Trommel geplatzt ist und die halbe Hand dazu.<span class="pagenum" id="Seite_417">[S. 417]</span> Schön war's trotz +alledem, künstlerisch schön, wie Ihr geblasen habt; das sage ich Euch +hier in diesem Weiden-, Dreck- und Wasserkonzertsaal, ich, nicht +nur Euer Kapellmeister, nein, auch der Komponist der eben zu Gehör +gebrachten Tondichtung!«</p> + +<p>Am Grabenrande stand Hübner, der Paukenschläger. Er hatte während des +Marsches wie toll auf das gesunde Fell seiner Pauke geschlagen.</p> + +<p>Grünlein, der inzwischen ein Menschenkenner geworden war, dachte bei +sich: Ich tue gut, durch dieses Loch im Trommelfell zu kriechen; denn +dieser Hübner läßt eher sein Leben im Stich als seine Pauke.</p> + +<p>Und so tat der Kleine. Hübner hockte sich todmüde die große Trommel +auf den gekrümmten Buckel und trug sie samt Grünlein von dannen. Als +sie aber im Notquartier einige Stunden Ruhe fanden, schlief Hübner +so tief und schön, weil ihm Grünlein heimlich die beiden gutmütigen, +verstaubten Augen geküßt hatte. Grünlein nahm es dem großen starken +Trommler nicht einmal übel, als am nächsten Morgen trotz fortgesetzten +Rückzuges der Kapellmeister abermals den Warschauer Einzugsmarsch +spielen ließ und Hübner so wüst auf das gesunde Trommelfell einschlug, +daß Grünlein zu dem Loch der anderen Seite hinausflog.</p> + +<p>Zwei Tage später wurden Schützengräben bezogen, und es hieß, mit dem +Rückzug habe es nun ein Ende; man wolle die Russen erwarten und ihnen +einen bösen Empfang bereiten.</p> + +<p>»Jetzt wird es mit der Schießerei wieder losgehen,« dachte das Grünlein +traurig; »nach Hause sind wir nicht gekommen, und ich habe es doch so +satt und will heim.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_418">[S. 418]</span></p> + +<p>Das Kerlchen wußte aber nicht, wie es die Heimreise bewerkstelligen +sollte, und die Hoffnung, seinen Herrn wiederzufinden, hatte es ganz +aufgegeben. Da kam dem Grünlein ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Es +war wieder einmal häßliches Regenwetter, und Grünlein war unter eine +umgestülpte leere Konservenbüchse gekrochen. In diesem Blechhäuschen +saß der Gnom zwar trocken, aber der Regen trommelte so laut auf das +Blechdach, daß Grünlein an Hübners Pauke erinnert wurde. Doch hörte er, +wie zwei Männer miteinander sprachen, von denen der eine sagte, daß +er noch heute mit seiner Flugmaschine nach Schlesien fliegen werde. +Ei, wie da das Grünlein aufhorchte! Es verließ augenblicklich seine +schützende Behausung und sah sich draußen um. Da erblickte es auch +alsbald die Flugmaschine, die wie eine riesige Libelle auf der nahen +Wiese lag. Grünlein machte sich an die Maschine heran, unbekümmert +darum, daß er kein Pilot war. Wenn aber einer nichts vom Fliegen +versteht, soll er nicht fliegen, sonst fliegt er. Das alberne Grünlein +verfiel nämlich auf den Gedanken, sich gerade mitten in den Propeller +hinein zu setzen. Als nun der Flieger ankurbelte und der Propeller zu +schnurren und sich zu drehen begann wie ein verrückt gewordenes Rad, +vergingen dem Gnomen Hören und Sehen; grün und blau wurde ihm vor +den Augen; der Magen drehte sich ihm um, und nicht eine Minute lang +vermochte er sich zu halten, da wurde er von dem Teufelsrad hinaus ins +Weltall geschleudert. Wenn Grünlein auf etwas Hartes gefallen wäre, +auf einen Granitstein, eine Eisenbetonwand oder gar auf einen Laib +Kommißbrot, so wäre es mit ihm aus gewesen. So aber fiel er auf etwas<span class="pagenum" id="Seite_419">[S. 419]</span> +Weiches, Warmes, Molliges. Ein Hund lag am Boden und schnarchte beim +Schlafen, und dem Hund fiel Grünlein aufs Fell.</p> + +<p>Blitzschnell sprang das Tier auf und schimpfte rasend über die freche +Störung. Aber schon im dritten Satze schnappte er ab, stutzte und brach +dann in ein Gebell aus, das wie ein polterndes Lachen klang.</p> + +<p>»Grünlein — Grünlein, wo kommst du her?«</p> + +<p>Grünlein erholte sich von seinem Schrecken und sah erstaunt, daß Wolf +neben ihm stand, Wolf aus der Mühle.</p> + +<p>»Wolf — Wolf, bist du es wirklich? Wie kommen auf einmal wir zwei +zusammen?«</p> + +<p>»Ja, das weiß ich nicht. Ich schlief gerade mal ein bißchen, was in +diesem schrecklichen Lande selten genug vorkommt, da bist du plötzlich +wie ein Stein vom Himmel gefallen und hast mich auf den Buckel +getroffen.«</p> + +<p>»Wolf — geliebter, süßer Wolf!« sagte Grünlein außer sich in der +Freude des Wiedersehens, küßte den Wolf auf seine dicke, schwarze Nase, +kraute ihn hinter den Ohren, kraute ihn am Halse, kraute ihn unter den +Vorderbeinen, wo es der Wolf gern hat, weil er da »schlecht hinkann«, +und auch Wolf war sehr vergnügt.</p> + +<p>»Wie kommst du nur hier nach Polen, lieber Wolf? Suchst du auch unseren +Herrn?«</p> + +<p>Wolf schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Nein, ich bin dienstlich hier. Ich bin eingezogen. Als Sanitätshund. +Herrn Scheibel, der mich doch schon einmal dressiert hatte, hat es +nicht ruhen lassen, bis wir zwei beim Militär waren. Da bin ich +umdressiert worden. Und Herr Scheibel ist auch umdressiert worden. Und +wir haben unsere Sache gut gemacht.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_420">[S. 420]</span></p> + +<p>»Wolf, sag' mir, steht unsere Mühle noch?«</p> + +<p>»Nein, sie geht wieder. Wir haben einen neuen Mühlknecht.«</p> + +<p>»Ach, so meine ich's nicht; ich frage, ob die Großmutter und der Junge +gesund sind und ob der Fuchsientopf noch steht.«</p> + +<p>»Es war alles in Ordnung, als ich fortzog.«</p> + +<p>»Ach, das ist schön! Ich habe sehr das Heimweh. Wie geht es dir, lieber +Wolf?«</p> + +<p>»Hm. So so! Ich habe einem österreichischen Oberst das Leben gerettet; +dafür hat Herr Scheibel die Tapferkeitsmedaille gekriegt. Mir schickt +der Oberst aus Dankbarkeit jede Woche eine Liebeswurst. Die Wurst ißt +Herr Scheibel und ich krieg' die Pelle. Das nennt sich Gerechtigkeit im +Krieg.«</p> + +<p>»Hast du schon viele Soldaten gerettet?«</p> + +<p>»O, ganze Regimenter.«</p> + +<p>Grünlein sah den Wolf ehrfürchtig an.</p> + +<p>»Wie ist das schön für dich, daß du dich so verdienstlich machen +kannst. Ich kann leider gar nichts tun. Wie fängst du es eigentlich an?«</p> + +<p>»Schnüffeln, Grünlein, — schnüffeln ist die Hauptsache. Auf tausend +Meter riechen: da liegt einer! Das ist natürlich schwer, da muß einer +Genie haben. Alles Genie sitzt in der Nase. Und dann einen Mordsmut +haben und ruhig bleiben! Ich schabe mir das Fell jetzt mit Vorliebe auf +Feldern, wo Granaten einschlagen, um meine Flöhe furchtsam zu machen. +Das ist auch so eine Ungerechtigkeit — Entlausungsanstalten für die +Menschen haben sie, Entflohungsanstalten für uns nicht. Wir können uns +ruhig weiter scharren!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_421">[S. 421]</span></p> + +<p>»Wie macht Ihr Sanitätshunde es mit den Verwundeten?«</p> + +<p>»O, wir reißen ihnen die Achselklappe ab, tragen sie zu dem Führer und +sagen so dem Mann: da ist etwas los!«</p> + +<p>»Du bist wohl ein sehr berühmter Sanitätshund?«</p> + +<p>Wolf hob die Nase hoch.</p> + +<p>»Grünlein, ich werd' dir was sagen, was aber nicht in die +Öffentlichkeit kommen darf. Der Kaiser hat einmal eine große +Hundeparade abgenommen und an mich eine belobigende Ansprache gehalten +und den Hindenburg haben einmal die Russen gefangen gehabt; da habe ich +ihn aus zwei Divisionen ganz allein herausgebissen.«</p> + +<p>Jetzt merkte das Grünlein, daß der vierbeinige Kriegsheld anfing +aufzuschneiden. Es hörte nur mit peinlichen Gefühlen den weiteren +Berichten des Wolfes zu, unter denen auch die Behauptung war, Wolf habe +dem Großfürsten Nikolai die Gurgel durchgebissen und dem Zaren den +Hosenboden zerfetzt.</p> + +<p>Darauf sagte der Hund, Grünlein möge nur entschuldigen, er müsse jetzt +wieder schlafen, und sie könnten ja nachher weiterplaudern. Wolf +schlief ein, und Grünlein war es zufrieden, setzte sich zu ihm und war +selig, jemand aus der Heimat getroffen zu haben, und wenn es auch bloß +der Wolf war.</p> + +<p>Ein Feldlazarett war in der Nähe. Sanitätssoldaten trugen bleiche +Verwundete vorbei, Hunde traben neben den Bahren, und ob es gleich +todernste Bilder waren, es war immer der Trost dabei: da ist wieder +einer, den brüderliche Barmherzigkeit dem Tode streitig machen will, da +kommt wieder einer aus der harten Schlacht in die Pflege weicher Hände.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_422">[S. 422]</span></p> + +<p>Ein Schäferhund, der vorbeikam, blieb bei Wolf stehen und sagte +verächtlich:</p> + +<p>»Das Faultier schläft wieder.«</p> + +<p>»O bitte,« sagte das Grünlein, »er hat schon ganzen Regimentern das +Leben gerettet, vom Kaiser und vom Hindenburg gar nicht zu reden.«</p> + +<p>Der Schäferhund schüttelte sich vor Vergnügen.</p> + +<p>»Kleiner, dummer Junge,« sagte er, »dieser Wolf ist der gefräßigste und +faulste Kerl aus unserem ganzen Korps. Wenn das so weitergeht, kommt er +noch in die zweite Klasse des Sanitätshundestandes.«</p> + +<p>Darüber betrübte sich Grünlein, aber er hatte schon immer gehört, daß +die Schäferhunde hochmütig seien und sich für die Elitetruppe unter der +Hundearmee hielten, und da war die schnarchige Rede erklärlich.</p> + +<p>Es wurde Nacht. Vom dunklen Waldrand drüben erscholl heiseres Geheul. +Da erwachte Wolf und sagte leise:</p> + +<p>»Komm, Grünlein, wir wollen hier fortgehen. Dort drüben heult ein Wolf.«</p> + +<p>»Du bist ja auch ein Wolf,« sagte Grünlein, »geh' hin, unterhalte dich +mit ihm, vielleicht kannst du etwas erfahren, was nützlich für uns ist. +Du mußt doch seine Sprache verstehen. Was singt er eigentlich für ein +rauhes Lied in die Nacht hinein?«</p> + +<p>»Ein Freßlied. Aber ich verstehe ihn nicht recht, er spricht einen +anderen Dialekt als ich, und ich will mit ihm nichts zu tun haben.«</p> + +<p>Daß er von einer gutmütigen Hundemutter in Warmbrunn in Schlesien +geboren worden war, hat dieser stolze Urwäldler nie zugegeben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_423">[S. 423]</span></p> + +<p>Herr Scheibel kam. Er trug seine Sanitätstracht und schimpfte den Wolf +aus, der ihm wieder durch die Lappen gegangen sei. Den Gnomen sah er +nicht. Aber Grünlein erkannte ihn, und sein Herz schlug vor Freude, daß +er einen Menschen aus der Heimat gefunden habe, und wenn es auch nur +Herr Scheibel war, der immer ein knurriger Mann gewesen und nichts von +Grünlein wußte.</p> + +<p>Grünlein ritt auf dem Rücken des Hundes, wie er zu Hause, wenn sie mit +Hubert spielten, unzählige Male getan hatte. So ging es in die Nacht +hinein. Da sagte Herr Scheibel:</p> + +<p>»Sei froh, Wolf, daß ich dich wieder übernommen habe; denn dein Herr, +der Müller, ist heute gefallen.«</p> + +<p>Ein todweher Seufzer stieß durch die Nachtluft wie eine dünne +schmerzliche Melodie, und Scheibel sah verwundert auf. Der Hund aber +warf sich auf die Erde, fing an zu heulen und zu winseln und legte den +Kopf auf die Vorderpfoten. Scheibel klopfte ihn auf den Rücken.</p> + +<p>»Na, ja, Wolf, das ist nicht anders. Es ist eben Krieg. Ob der Müller +tot ist oder ob er den Russen verwundet in die Hände gefallen ist, weiß +niemand. Vermißt ist er, und man hat ihn fallen sehen.«</p> + +<p>War das eine traurige Reise durch die Nacht!</p> + +<p>Nun war alles aus; Glück und Freude war gestorben und die Hoffnung +zunichte. Jetzt würde die Mühle verkauft werden müssen, die alte +Großmutter und der Junge mußten in die Fremde wandern, und wenn +Grünlein nach Hause kam, würden wohl die alten Berge noch stehen und +das Mühlrad würde vom rauschenden Bach gedreht werden wie einst, in der +Mühle aber würden<span class="pagenum" id="Seite_424">[S. 424]</span> fremde Leute wohnen, und das Grünlein war heimatlos.</p> + +<p>Dunkel lag der Himmel über dem Verbandplatz. Ärzte und Pfleger waren in +rastloser Tätigkeit. Laternen huschten hin und her. Manchmal schrillte +ein wilder Wehschrei auf; wunde Menschen stöhnten, klagten und schrien +nach der Heimat. Ein ganz junger, blasser Feldgeistlicher ging durch +die Reihen. Seine Augen waren sehend. Er sah mit Rosen und Lorbeer +bekränzte Seelen hinauf zum Himmel ziehen. Noch krachten die Granaten, +noch platzten die Schrapnelle in der Luft; aber die Seele, die den +armen feldgrau gekleideten Leib verlassen hatte, ging das alles nichts +mehr an. Sie war jenseits von Schmerz und Tod; sie zog zu dem ewigen +König, der keine einzige Kanone und kein Schlachtmesser hat und doch +der Herr aller ist. Feuer brannten auf der Erde, stille Feuer, an denen +Soldaten ihr karges Mahl kochten, wilde Feuer, die die Heimstätten +armer Menschen verbrannten, grausame Feuer des Todes aus Mörsern und +Schlünden. Die befreite Seele sah all dieses trübe Erdenlicht nicht +mehr. Sie schwebte darüber hinaus ewigen Lichtern zu, goldenen Sonnen, +die ihre funkelnden Flammenleiber im blauen Äther drehten, Sternen, +die tausendmal größer waren als dieses arme Kügelchen Erde, in das die +Menschen sich nicht friedlich teilen können, um deren winziger Maße +willen die für die Ewigkeit Geborenen sich ans Leben gehen.</p> + +<p>O, alle, die leben, die weiter kämpfen und streiten, überwinden +den Feind; aber die, die gestorben sind, denen das Schwert aus der +erkalteten Hand sinkt, überwanden die Welt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_425">[S. 425]</span></p> + +<p>Gönnt ihnen den Sieg, den einzigen, der nach Millionen Jahren noch +gelten wird!</p> + +<p>So dachte der junge Feldgeistliche, spendete Trost und drückte müde +Augen zu.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In der Nacht wurde es still. Hinter einem dichten Wald begruben die +Russen ihre vielen Toten. Am Tage war um diesen Wald auf schmalen +Wegen, zwischen verwachsenen Hecken und tiefen Grabenrändern auf Tod +und Leben gestritten worden.</p> + +<p>Ein Pope hob das doppelbalkige Kreuz über die Gräber; eine schwermütige +Slawenweise summte um die Totenstätten.</p> + +<p>Abseits wurde den Deutschen die Grube gescharrt. Wilde Gesellen +vom Ural und von den Eisküsten des Stillen Ozeans trugen Söhne des +lieblichen Thüringens, Schlesier und Rheinländer zu Grabe.</p> + +<p>Am Waldrande lag der Müller. Der schaute mit der letzten Kraft +seiner Augen diesem Ende entgegen. Ein paar wüste Kerle näherten +sich ihm mit eiligen Totengräberschritten. Schon tastete einer nach +dem leblos liegenden Müller, da sprang ihm ein graues Tier an die +Gurgel. Mit einem Schrei liefen die Kerle davon. Sie gehörten zu einem +abergläubischen Stamm, der den Wolf als etwas Göttliches verehrt.</p> + +<p>Wolf, der Mühlhund, aber beleckte leise winselnd seinen Herrn, und das +Grünlein küßte ihm die Augen und war außer sich vor Schmerz und Freude.</p> + +<p>Die Russen löschten Feuer und Lichter. Lautlos lag die Waldwiese; nur +manchmal kroch irgendwo eine dunkle Gestalt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_426">[S. 426]</span></p> + +<p>In gelbem, zornigem Licht schillerten die Augen des Wolfes, der bei +seinem Herrn Wache hielt. Da gab im Morgengrauen ein Soldat einen +Schuß auf diese Lichter ab; das Tier brach stöhnend zusammen. Grünlein +weinte, als es sah, daß nun auch Wolf verwundet war. So saß er zwischen +dem Herrn und dem Hunde und horchte an der Brust des Müllers und +horchte am Fell des Tieres, ob die treuen Herzen noch schlügen.</p> + +<p>Gegen Sonnenaufgang stürmte deutsche Infanterie durch den Wald; die +Russen wichen nach kurzem Kampf zurück. Der Müller und der Hund wurden +gefunden, das Grünlein aber sah niemand.</p> + +<p>Als der Müller auf eine Tragbahre gebettet worden war, sah einer nach +dem Hunde und sagte: »Das rechte Hinterbein ist ihm zerschmettert; am +besten ist's, er bekommt den Gnadenschuß.«</p> + +<p>»Wolf, spring auf! Wolf, lauf fort!« rief das Grünlein in höchster +Angst.</p> + +<p>Da erhob sich Wolf, humpelte auf drei Beinen nach der Bahre hin und +leckte seinem Herrn die herabhängende Hand zum Abschied für immer.</p> + +<p>Der Müller schlug die Augen auf, sah den Hund und sprach:</p> + +<p>»Wolf, lieber Wolf, du hast mich gerettet.«</p> + +<p>Und zu den anderen sagte er:</p> + +<p>»Es ist mein eigener Hund aus der Heimat.«</p> + +<p>Da nahm ein starker Soldat Wolf auf den Arm und trug ihn hinter dem +Müller her zum Verbandsplatz. Grünlein saß mit auf der Bahre und gab +acht, daß es den beiden Verwundeten gut ergehe. Auf dem Verbandsplatz +war ein Tierarzt anwesend, der sich des vierbeinigen<span class="pagenum" id="Seite_427">[S. 427]</span> Patienten annahm, +und durch den Befehl eines gütigen Vorgesetzten und andere günstige +Umstände geschah es, daß der Hund mit dem Müller in ein Lazarett kam, +wo er eine Abteilung für sich bildete, da andere Tiere in diesem +Lazarett nicht gepflegt wurden.</p> + +<p>Daß Grünlein mit in das Lazarett zog, versteht sich von selbst. Er +schlief immer abwechselnd eine Nacht bei dem Müller im Bett und eine +Nacht bei Wolf im Hundekorbe.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Weihnachten kam.</p> + +<p>In diesem Jahre, sagte der Tod, sollen meine Kinder eine ordentliche +Bescherung haben. Im wilden Karpathengebirge stellte er Millionen +Weihnachtsbäume auf und legte hunderttausend Soldaten darunter: +Österreicher, Deutsche, Ungarn, Polen und Russen ohne Zahl. Mit diesen +bunten Soldaten spielten die Kinder des Todes und packten sie in große +Schachteln.</p> + +<p>Um diese Zeit war der Müller im Lazarett. Großmutter und Hubert +schrieben jammernde Briefe, daß der Müller am heiligen Fest so weit +weg von ihnen im Hause der Schmerzen sein müsse; aber der Müller +antwortete: »Klagt nicht, Gott hat uns reich beschenkt; er hat mir das +Leben beschert. Und ich bin nicht allein; Wolf und das Grünlein sind +bei mir.«</p> + +<p>Da hatte die Großmutter geantwortet, sie sei schon zufrieden, da er +doch gerettet sei. Einmal habe sie ein Jucken im Munde gehabt, da habe +Hubert behauptet, jetzt wüchsen ihr ein paar neue Zähne, daß sie noch +ein bißchen zu leben habe, wenn jetzt die bessere Zeit käme.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_428">[S. 428]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Im Februar stiegen der Müller, der Hund und das Grünlein auf der +Endstation der Riesengebirgsbahn aus dem Zug. Sie hatten Heimatsurlaub.</p> + +<p>Grünlein war immer leicht zum Weinen geneigt; denn er war ein +weichmütiges Kerlchen; aber so heftig hatte er doch noch nie +geschluchzt wie jetzt, da er aus dem Kriege kam und die heimatlichen +Berge wiedersah.</p> + +<p>Hoch ragte die weiße Riesenkoppe auf; der diamantene Gebirgskamm zog +viele Meilen weit in den blauen Himmel hinein, die Wälder standen im +Silberkleid.</p> + +<p>Ein Rößlein klingelte mit dem kleinen Schlitten den Bergweg hinauf. Der +Kutscher auf dem Bock sprach die traute Sprache der Heimat. Auf dem +Hintersitz saß links der Müller, rechts auf dem Ehrenplatz der Wolf +und zwischen beiden das Grünlein, das ein bißchen fror vor Kälte und +Erregung. Abgeholt waren sie nicht worden; denn sie hatten sich nicht +angemeldet.</p> + +<p>Friedlich läutete das Rößlein, die Häuser lagen hingeduckt in den +Schnee, blauer Rauch stieg aus den Schornsteinen, tiefe Stille war im +hohen Wald.</p> + +<p>Wer hätte hier ahnen sollen, daß in der Welt Krieg sei? Als sie ins +Heimatsdorf kamen, ging die Fahrt langsam vonstatten. Fast vor jedem +Haus mußte der Schlitten halten, weil Leute herausgestürzt kamen, die +dem Müller die Hand schütteln und ein paar Worte mit ihm sprechen +wollten.</p> + +<p>Ach, was wird nur die Großmutter sagen, was wird nur der kleine Hubert +sagen?</p> + +<p>Sie sagten nicht viel. Als der Schlitten vor der Mühle hielt, sahen +zwei junge und zwei alte Augen in seligem Erschrecken zum Fenster +heraus, und als sie herauskamen,<span class="pagenum" id="Seite_429">[S. 429]</span> warf sich der Junge in den Schnee +und schlug in leidenschaftlicher Freude mit Armen und Beinen; die +Großmutter aber faltete die welken Hände über der Brust und fing an zu +beten.</p> + +<p>Der Müller legte die Hand über die Augen. Der Kutscher nahm die Mütze +ab.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Dann faßte der Müller seinen Jungen an der Hand und sagte:</p> + +<p>»Hubert, es ist schwer draußen; aber die Heimat ist so schön, und was +drin lebt, ist so lieb, daß es sich lohnt, zu leiden und zu sterben.«</p> + +<p>Darauf gingen sie in die große warme Stube. Sie saßen um den Tisch +und hielten sich an den Händen. Die Heimatsberge schauten zum Fenster +herein; Wolf schmiegte den Kopf an den Rock der Großmutter; Grünlein +aber war in den Fuchsienstrauch geklettert und schüttelte ihn, daß alle +seine roten Glocken läuteten.</p><br> + + +<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Kleines Bukett.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Zobtenberg, ein in einem großen Teile der Provinz +sichtbarer, weil aus der Ebene steil emporsteigender Bergkegel zwischen +Breslau und dem Eulengebirge, der als Wahrzeichen Schlesiens gilt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Ungefähr »alte Gans«.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Pfeffermännchen; die Schneekoppe ist 1600, der Zobtenberg +700 <em class="antiqua">m</em> hoch.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Salzbrunner.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Pack.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Hohes Rad, Riesengebirge.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Große und kleine Sturmhaube, Riesengebirge.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Hügel in der Nähe des Zobtens.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Haufen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> ordinären.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Rausch.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Frauenzimmer.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Tölpel.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Ochsen- oder Sünderbank.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Glatzer Nazchen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Vorn bist du preußisch, hinten böhmisch.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Veilchenstein, Kuppe des Riesengebirgskammes.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Waldenburger Berge.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> totschießen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> In Schlesien.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Burschen und Mädchen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> schlafen.</p> + +</div> +</div> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75839 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75839-h/images/cover.jpg b/75839-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..356fac8 --- /dev/null +++ b/75839-h/images/cover.jpg diff --git a/75839-h/images/drop-007.jpg b/75839-h/images/drop-007.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..60ee8fd --- /dev/null +++ b/75839-h/images/drop-007.jpg diff --git a/75839-h/images/drop-041.jpg b/75839-h/images/drop-041.jpg Binary files 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